Skip to main content

Full text of "Die modernen Weltanschauungen und ihre praktischen Konsequenzen Vorträge über Fragen der Gegenwart aus Kirche, Schule, Staat und Gesellschaft"

See other formats


v^ 



r 



Apologie lies öt^rt|lentl)ttm0. 



©rfter 2;^eir. 



'^0-^3 f#^'^c. 



fipolDgEtift^ß Burfrägß 



über bte 






im Wxxiltx 1864 ju Ictpitg gBfjalfBit 



oon 



D. oriir, ^rnü Xirfftarbf, 



(Slpe BtrbtfTerte ;Äufltt8t. 



* 1889. 



^ 



•^^9i 



aUe Weckte »orBefjalten. 



anfd^auung, btefe aU bie alletn befriebigenbe Söfung be§ 
^ tßrobIcmS he§ gefommten S)afein§, beä SWenfci^enrebenS unb 



^^ jur «rjlBn lauflags. 

1, " — , 

^ Wir leben in einem Qpotogetifd^en Seitö^ci^- BttJci SBelt* 
-st önfc^auungen [teilen einanber gegenüber unb finb im Äam^jfc 

'^^ mit einanber begriffen um bie |>errfd^oft über ben mobernett 
V ^eift. @5 ift bie Slufgabe ber SSertreter ber d^riftlid^en SBett* 

*> feiner Siätl^f^, be§ SKeufd^enl^eräeng unb feiner fragen, öor 

io t)cm mobemen ©enlen unb mit ben SJlitteln ber mobernen 

' ^eifteSbilbung nad^jumeifen; bamit man erfenne, ba^ l>a§ 

"^ ^^^riftent^um bie aUejeit junge unb ftets neue, für olle Reiten 

in nnb S'ufturjuftänbe gteid^ angemeffette unb befriebigenbe Sßal^r» 

l^cit, toeil bie uniöerfeffe SSa^rl^eit ift. @in äl^nlid^er mor ber 

\. ^ebonfe Sßa§taV§ in feinen Pens6es. SSa§ er mit großen ©trtd^en 

\^ cntnjorfen unb unöoffenbetgelaffen, bo§ §oben toir Späteren au§« 

!P 3ufü^ren mit ben SD'iitteln unb nac^ ben 95ebürfniffen unferer 

\, Seit- 3JJan toirb leidet erfennen, bo§ bie folgenben SSortröge 

aug ben Pensees '^aätaVä l^erau^geroo^fen finb. 

SBeruf mip SfJeigung l^aben mid^ bereits feit langem §ur 93e= 
fd^öftigung mit ben opologetifd^en trogen geführt; bei meiner 
Seftüre tnie meinen ©tubien ^ahe id^ biefen @efid^t§|)unft nie 
unä ben 5Iugen üerloren. Stfabemifc^e SBorlefungen, bie i(^ über 



^ 



r^TI Sßorttort. 

jene fragen ^idt, gaben bie SSeronlaffung ju öffentlichen SSor* 
trägen für einen hjetteren Qn^öxexlteiä, meldte eine unerhjartete 
X^eilm^mt fanben unb bie Stufforberung unb Sßerpflic^t'ung 
ber "SSeröffentlid^ung burc^ ben 5DrucE jur Solge l^atten. ®ie 
3t&enbftunben, toelcfte jenen Sßortrögen gctoibntet loaren, tt)erben 
..inir eine fietS t^eure (£rinnerung bleiben. 2)ie SSorträge folgen 
^ier foft ebenfo tt)ie fie gehalten würben, ^Jur fonnte ic^ fi«- 
^ier, \)a bie S3efc^ränfung be§ 3eitma|e§ wegfiel, t^eilg mel^r 
noc§ bem ©toff öon einanber abgrenzen, t^eilä aud^ l^ie unb 
ha erweitern, ^n ben Slnmerfungen om ©c^Iuffc fügte i(^ @r« 
länterungen unb literarifcbe Sfiod^weife l^inju, wetd^e t^eilweife 
für einen engeren Seferhrei^ beregnet, fowol^t ha§ ©efagte red^t» 
fertigen ober erflären, aU auä) gu eigener weiterer ©rwdgung 
bel^ülflid^ fein follen. 

(&§ ift nid^t bie Slufgabe folc^er SSorträge, bIo§ eigene (Sc* 
banfen ju geben. S^lid^t fowol^I neue wiffenfd^aftlic^e iJorfc^ungen 
foIIen fie bieten, aiä oielme^r SSerwert^ung be§ SSorf)anbenen. 
S)ie Stnmerfungen Werben erfennen laffen, weld^cn ©^riftftellcrtt 
id^ am nteiften oerbanfe. 2)ie ©infieit be§ ©anjcn liegt in bem 
©runbgebanfen ber eö be^errfd^t, unb biefer ©runbgebanfc ift 
ber ©ebanfe meinet ßeben§. @o öielfa^ i^ ben Stoff Slnberen 
entnommen — in ber <Bai^t felbft gebe ic^ ein (Stürf, oiettcic^t 
ba§ S3efte meinet ©igenften; benn ^erfönlii^e Drganc ber SSJa^r* 
:^eit wiU ©Ott ^aben. 

■ ©0 fei benn ^^m i>a§ SSort ouc^ in biefer ® cftalt befohlen l 
©ein ©egen begleite e§ ouf bem ©onge ben eö onjutreten im 
Söegriffe fielet, auf welkem e§ bie alten greunbe ber (^rif^Iid^en 
SGSatirl^eit grüj^en unb neue gewinnen möge. 

2eipm, ben 25. ^^üi 1864. 



«orttjort. -Vn 

3ur iivieit^n unJ» örltiBu Auflage. 

Saunt hjor bo§ S3u(^ ausgegeben, oI§ bie ^Jotl^hjenbigfeit 
einer ättieiten 2(uflage fid^ l^erou^fteUte. S)ie ^eit toar gu fur^ 
aU bofe id^ toefentlirfie 9?eränberungen ober SSerBefferungen 
"i^attc onBringen fönnen: id^ begnügte ntid^ nur bie S)rudfeI)Ier 
unb öl^nlid^e ÄIeinig!eiten gu forrigiren. ©o möge benn ba§ 
Sud^ in feiner erften ©eftalt, in weld^er c§ fid^ fo rafc^ greunbe 
genjonnen, begleitet üon bem Segen ®otte§, oon 3^euent feinen 
@ong ontreten! 

Seipäig, ben 28. SJ^ai u. 13. Dftober 1864-. 



3ur iitErlctt BuflagB. 

®ie überaus freunblic^e Slufna^me, ttietc^e meine „5t^oIogeti= 
fd^en SSorträge" in leiten Reifen, aud^ über bie ©rensen 
^eutfc^tanbS l^inauS gefunben ^aben — fie finb meinet 2Biffen§ 
bereite in fünf frembe <Spxaä)en überfe^t ttjorben — , legte mir 
bie ^pic^t auf, bie neue Stuflage genau burd^jufel^en unb wo 
el nöt^ig ttjor ju öerbeffern. 2)ie SInorbnung be§ 93ud^e§ felbft 
jÖ .^icfelbe geblieben: fie ift ha§ notl^wenbige örgebniB be§ 
©runbgebonfenö. Slber im Sinselnen ()abe id^ giemlid^ biet 
gebeffert unb gemehrt. SefonberS erful^r ber Slbfd^nitt über 
ben ERenfc^en eine Srmcitcrung, meiere burd^ bie gegenUjärtigen 
Jßer^anblungen geforbcrt crfd^ien, unb bie S)QrfteIIung be§ Reiben* 
t^umg glaubte ic^ umarbeiten ju foHen, \>a fie in ber erften 
©eftolt 3U menig genügenb war. 

2Bie lange ber Uamp^ in bem ttjir fte^en no^ ttjä^ren unb 
ttefd^e» fein 2Iu§garfg fein mirb, öermog SfJiemanb ju fagen. 



Vm SSortoott 

Slber ha^ er für bie Bu'^unft unfereä SSoIfcä üon entfc^eibenber 
SBebeutung ift, ha^ ift getüife. gür bie SSo^rl^cit felbft bie wir 
vertreten hvauäft un§ nid^t bange ju fein, unb auci§ an 
greunben loirb e§ i^r nie fehlen auf ©rben. Slber ob fid^ ba3 
öffentüd^e Seben ber SiJotionen aud^ femer unter bie ©in* 
tüirfung jenev SBa^r^eit ftellen hjerbe, bo§ ift bamit nid^t ol^nc 
SBeitereg getoi^. X^un icir tuenigftenS unfere ©c^ulbigfeit unb 
erfüllen unfere ^ftic^t gegen unfer ©efc^Ied^t unb unfer SSoIf! 
^d) bin gelDi§, ba§ bei SSielen ber ^ampf ber ©cgenroart bie 
?^rud^t ber 6r!enntni| tragen loirb, ha'$ e§ haB (J^riftent^um 
ift ttJeld^eä baä S)en!en unb Seben ber iKenfd^en unb SSöIfer 
t)Ott feiner Uniüol^rleit befreit unb jur SSa^r^eit ergebt» Unb 
ic^ barf njo^l oud^ ^offeu, ha^ &oü auc^ fernerhin meinem 
Süd^tein fd^enfen toerbe, noc^ mand^en ©ud^enben jur ®e» 
tüinnung biefer ©rfenntni^ einen S)ienft leiften ju bürfen. ©o 
fei e§ benn bon Steuern ^^m befohlen! 

Sei^jjig, ben 2. Df tober 1865. 



3nv fünften Huflage. 

2Jtit S)on! gegen ®ott laffe id^ baä S8uc^ jum fünften TlaU 
f)ittou^ge^en. ^ie^mal aU erften X^eil einer Sl^jotogie beS 
©f)riftent!^um§. 2)enn id^ l^offe noc^ im Saufe biefeä ^a^vtd 
ben fd^on lange gehegten SSorfa^ ou^fü^ren ju fönnen, ouf 
biefe SSortröge über bie ©runbnjal^r^eiten be§ ®t|riftent!^umg 
eine gtoeite 9iei^e folgen ju taffen, welche bie eigenttid^en ^eil3= 
tüa^r^eiten beffelben be^anbeln foH, tuie fie fic^ um <Sünbc unb 
<55nabe l^erum gruppiren. — — 



SSorroort. ' TS 

SJiögcn biefe S3orträge benn and) ferner baju bteneti, 
tJragenbe ju befc^eiben, ^fi^enbe jured^tjutüeifen, (Staubenbe 
3U ftärfen! 

Setpjig, ben 16. Sonuar 1867. 



3ur fcrfillßn ^Kuflagc. 

Unmittelbar noc^bem ber 2. Xfiett biefer SSortröge, weld^er 
1)te ^eilöttja^rl^eiten be§ S^riftent^um^ be^onbelt, in jtoei ro|d^ 
auf einanber folgenben Sluflagen erfd^ienen \oax, hjurbc eine 
neue Sluflage be§ 1. %i)eii§ nöt^ig. S)ieB ift mir ein ^^id^en, 
bQ§ ©Ott meine Sirbeit nod^ broud^en fann im 5)ienft feine§ 
tReid^eg. ^m Seib beS Sebenä, mie e§ feinem SJJenfc^en er= 
fpart bleibt, ift oud^ biefe ein Xroft, mit bem un§ bie emige 
®nobe tröftet, boB toir @ott bienen bürfen mit bem SScrf 
nnfrer ^önbe. ©o möge benn ®ott bie^ S3ud^ ouc^ ferner in 
feinem 2;ienft gebroud^en, fo lange e§ i^m gefaßt. 

Seipjig, ben 16. 3Jtärä 1868. 



^ur Xithtnttn Auflage. 

S)ie opologetifc^e Siteratur l§at ihjtetfc^en burd^ S)eIi|fdEi'^ 
<5t)ftem ber d^riftl. Stpologetif 1869 eine Sereid^erutig er^^ren, 
lüeld^e olle greuttbe ber d^riftlid^en SBal^rl^eit bem t^euren SSer* 
faffer ju größtem S)anfe öer^flid^tet. @o öerfül^rerifd^ e§ mar, 
t)ie§ SBer! für mein 93ud^ ju bermert^en, fo gtoubte id^ bod^ 
«n biefem nid^tä me^r änbern unb mid^ nur auf etlid^c -^S^od^* 
träge in ben 9lnmer!ungen befd^rönfen ju foflen. 

Seipäig, ben 1. S^oöember 1869. 



X SSorttJort. 

(£g toaren ooriüiegenb bie naturn)iffenf(^aftlic|en ^ortien^ 
tüelc^e einer erneuten 5)urc{)fi(^t unb öerfd)iebener Sfiad^trägc 
fieburften, bie ic^ äumcift ber ©iite eineä befreunbeten S^iotur» 
forfd^erS öerbanfe. %vx Uebrigen ift biefe Sluflage im SBefent» 
liefen unüeränbert geblieben. Unter ben oerfrfiiebenen lieber* 
fe^ungen ft)ar mir befonber^ bie öon Dr. aJJ^riont^eui in 
Serufafem öeröffentlic^te, in ber S^rurferei be§ ^eil. ®rabe0 
gebrurfte griec^ifc^e Ueberfe^ung (1869), beren ©ubffribenten« 
oergeidlniB fo äiemli(^ bie ganje ^ierard^ie ber grie^ifd^en 
Äirc^e aufzeigt, eine gro^e greube. @o t^ue benn bie§ SBuc^ 
boä SBerf \>g§> if)m befc^ieben ift au^ in fremben ßungen! 

Sei^jjig, ben 17. 9JJai 1873. 



5ur ntunicn unJ» jrlinlEn Buflagr. 

2luc!^ bie§mat ttjieber finb e§ befonber^ bie naturaiffen« 
fd^aftlic^en Partien, loeli^e üon funbiger ^anb bur^gefe^en, 
torrigirt unb ergänzt Warben. 93ci biefer ©elegenl^eit toill id^ 
nic^t unterloffen auf ^rof. 3öcfter'§ umfaffenbeö unb gelehrtes 
SBerf über bie „@efd)ic^te ber Se^iel^ungcn gmif^en X^eologic 
unb Dkturroiffenfc^aft" (©ütergtof), S3ertetem3hn 1877) nac^« 
brütflic^ oufmerffam gu machen, in toetc^em ein überaus rcid^er 
(Stoff in \Itd^tboflfter unb bete^renbftcr SBeife betianbclt ift. 3" 
ben ja^Iret^en Ucberfc^ungen meiner SSorträge ift bie italienifd^e 
beg SSalbenfer ^rofeffdr ©omba in Ö^orenj (Dieci lezioni sopra 
le verita fondamentali del cristianismo etc. 1876. Firence etc.) 

l^inäugcfommeu, tuelc^e im Unterricht bei* SSalbenfer t^eologifc^cn 



SJoriDort. ' 33 

> k 

2tnftalt Benu^t lüirb. (5§ ift mir bie^ ein©^ bej'onbere greube 

unb i^ barf c§ hjol^l ofö llnter:pfonb nefimen, bo^ mein 93ud^ 

feinen SBeg noc^ ni^t öoKenbet l^ot. 

Seipätg, ben 14. Cftober 1878 u. 15. Suli 1883. 



3ur Elften Auflag«. 

günfunbänjonäig 3ot|re finb »ergangen, feit \6) biefe SSor* 
träge ge'^alten unb jum erften mal öeröffcntlt^t l^ahe. S^iur 
ju freubigem 5Janf gegen @ott fann e§ mid) betoegen, ju 
fe()en, ba^ i^rc 3cit woc^ ni(^t abgeloufen i[t, fonbern fie nod^ 
ferner t^rcn ®ienft ttiun f ollen. ^ 

-S)ie opologetifd^e X^ätigfeit ift fo alt aU bie ^ir^e unb 
fie mirb bauern bx§ jum ©nbe berfelben. SDenn ftetg h)irb el- 
nötf)ig fein, fottjo^l Sfled^enfd^aft ju geben öon bem guten ©runbe 
unfrei ®Iauben§ aU auä) ben ioanfenben (Stauben gu ftärfen untv ^ 
i^m ju geigen, ha^ er nicfit nötf)ig f^ahe an fid^ felbft irre gu 
toerben. S5ic le^te ©ntfc^eibung ift immer eine fittlicfie; fie 
liegt im SBitten, nic^t im Sßerftanbe; in ber ©eUjiffen^über* 
fül^rung unb ber SSiUen^beftimmung, nic^t in ber SSerflanbeä* 
überfü!^rung unb ber intetteftu eilen Sfiöt^igung. SSenn matt 
biefe SSortröge neuerbingS l^ie unb ba in anberem Sinne öer* v 
ftanben l^ot, fo finb fie felbft on biefem iDii^üerftanb uni> 
biefer SKifebeutung unfc^utbig; benn beutti^ genug unb ttjieber^ 
l^olt fpred^en fie fic^ l^ierüber ouö unb oud^ i^re gange ^altunj 
Bcgcugt ha§. ©arouS aber folgt ntrf)t, bofe bie göttlid^e SBotiv^^ 
^eit ftcf) nic^t ouc^ bor unfrer örfenntniB red^tfertige ol^ bie 
fiöfung ber SBiberfprüc^e beö ®afein§, bie un§ bebrüden,, 
loenn fic^ bie ©rfenntniB nur ben 2Beg füfiren kffen niill beit 



Xn SSomort. 

jie ju ge^en f)at SBenn Seffing einmal e§ aU ein ttjürbige^ 
jT^un bejeid^net, aud^ nur ben ©taub bon ben (Stufen ju 
fe^ren, meiere junt ^eiligt^um führen: Warum fott el nid^t 
oud^ ein rid^tige^ unb hjürbige^ 3^^un fein, bie ©teine ou§ 
bem SBege ju räumen, bie man fetbft ober anbere o^ne Siot^ 
bem (Stauben öor bie f?üBe Werfen unb i^m bamit ben 2Bcg 
511m ^eiligf^um ju öerfperren bro^en? £)h er ben 2Scg hjir!- 
liti) ge^t, ha^ bleibt bann immer nod^ @a(^e be§ eigenen 
1!Siffen§, beffen ©ntfd^tu^ i^m Weber crfpart noä) oon SPfieufd^en 
obgenöt^igt werben fann. ©enug Wenn man il^m ^eigt, ha^ er 
burd§ jene öermeintlitf)en §inberniffe ft(^ nid^t abfiolten ju laffen 
braucht. S)iefen ^ienft füllten meine SSortröge leiften, unb 
id) barf mit t^reuben fagen, l^aben fie gar SJiand^em geteiftet. 
(So mögen fie benn ferner i^ren SBeruf erfüllen, bi§ fie burd^ 
€twa0 SSolIfommenere^ abgelöft werben! 

Seipjig, ben 10. Stuguft 1889. 



3tt§a(t§berjeii4tti^. 



ßrfter SSortrag. 

^er ©rgc nfa^ ttt ffitltanf^ttuungfn in feiner gefc^i^tlid^en dntwicf tung. 

©. 1-20. 

■S)te STufgabe <B. 1—3. ^te neue SSettonfc^auung be§ ©^riftent^ffm* 
©. 4—7. %ic otte tirc^e £. 7. <S)a§ aRittelalter @. 8-10. ®ie 9Je= 
formation ©. 10. 3?ie ©utttJtcffung beS negatiüen ®eifte§: ber ©o= 
ctnianigmu§ S. 11, ber engti|(^e 3?ei§muä ©. 12, ber '^atvixaüSmn§ in 
gronfrci^ ©. 13, bie Stufflärung in 3^eutfc^Ionb @. 14, ber 9fJatiD= 
noIi^muS @. 16, ber «ßant^ei^mug ©. 17, ber 3Jtatex\aü§mü§ ®. 18,. 
bie ^errfc^enbc S)enfn)eife ©. 19, ber ©egenfo^ ber t^eiftifd^en unb ber 
fogmif(^en 9BeItanfd|auung ©. 19. 20. \ 

Sfotitex SSortrog. 
I)ic aSiberf^rüc^e bc« ^afein«. ©. 21—33. 

3)o§ «Problem ©. 21. 22. S)o3 SBer^ältnife be§ Sßenfc^en jur SBelt 
©. 23. ^ie SSiberfprüc^e ber erfenntnife ©. 24. 25, be§ ®cfü^r§ 
©.. 25. 26, beä SBiüenS ©. 26. 27, be§ gefontmten S^ajcinS @. 27. 28; 
ber Sob ©. 29. ®ie fittlit^e S^at ber SBa^r^ett3er!enntni6 ©. 30. dU 
®ie SlntttJort be§ e^riflent^umg @. 32. 33. 

$)r{tter SSortrag. 

Der perf online @ott. ©. 34-58. 

3)ie 93ebeutung ber Srogc öon ®ott S. 34, ®ic unmittelbare ®otte§==^ 
gett)i6:^etr ©. 35. 36. S^re arilgemetnl^eit ©. 36. 37. S)er Stt^eiltnuS^ 
©. 37. ®ie SSetoeije für bag 3)ofein ©ottel: au§ ber 9?atur ©. 38. 39,. 
au§ bem SJajein ber SBelt ©. 40-42, au§ i^rer Bwedmögigfcit ©. 42. 43; 
ou8 ber ©efd^ic^tc ©.44. 45; aug unfrer ®otte§ibee ©. 45. 46; an§ bent 
©eiBiffen ©. 46-48; 9te[uItQt @. 49. 50. ®a8 SSefen ©otteS ©. 50. 51. 
®er ?ßant^ei§mu§ ©. 51—53. Äritif beffelben: feine ^iraftifc^en Äon- 
fequcn5en <B. 54, fein SKiberjprut^ mit ber Vernunft ©. 55. 56, mit bent 
©cteiffen ©. 56, mit ber gorberung unfrei ^erjenS @. 57. 58. 



XIV Sn^oItlücrseic^niB. 

SSierter SSortrag. 
2)ie fficltf^öpfung. ©. 59-88. 

®er S'onflift stotf^en ben SJaturmiffcnf^often unb bcr religiöfcn 
tJBeltbetrac^tung im SlQgemetnen ®. 59—62. ®er ©^öpfungSbegrtff 
©. 62-64. S)er $ant^et§mu§ unb bcr SWaterioIt^muS @. 64—67. 
Äritif bc§ 2RatenaIt§mu§ <B. 67—71. S)te Slftronomtc unb tf)r angeb* 
lieber SSiberjpruc^.mit bem (J^nj'tentöuni @. 71. 72; bic Stellung ber 
<£rbe @. 73—77. ®ie ©eologte unb i^r iBefunb 8. 78-80. ®tc (Geo- 
logie unb bis 5BibeI S. 80. 81. %ie llnmer^eiten in ber geologifcfien 
SBtffenfd^aft S. 82—84. ®er ®efi(^t§punft bcr 99curt^cttung unb bic 
Itcbcreinftimmung im SScfentlid^cn ©. 84 — 87. 2)ic rcligiöfe $Bc« 
tw(^tunglttjcife bcr SBcIt @. 87. 88. 

fünfter Sßortrag. 
Xet aRenf*. @. 89-120. 

®ie btblifdie Slnf^ouung im 9lIIgemeinen O. 89. 1) ®ag Sllter ie^ 
meni^enQe]diUä)t§ ©. 89—92. 2) S)ie SrqnSmutotiong^^pot^efe ^ar« 
Ujin'l @. 92- 95. 3) ®ie ©in^ett bc§ 9!Renf(fiengefd)Icdöt§, i^re gorberung 
aug rcligi5|cn unb allgemein menfc^li^cn ®rünben <B. 96. 97. S>ie 

JRaffenücrfc^tcbcn^eitcn @. 97—102. 4) 3)er ?Kcnf(§ aU ©in^cit öon 
Seib unb Seele. S)er 2etb ©. 102. 103. 5) 3)ie ©eelc ©. 104. 5)er 

pf^^ologifc^e «WoterioItlmuS ©. 105-107. ftritif beffelbcn @. 107—111. 
6) ®ie bibtift^e 9tnf(^auung übet SScfen unb ©eftfcnmung be§ 3Ren\ä)en. 

®er SUienfc^ aB I)ö^ere SJefapitufotton feiner 9Belt <B. 111-113. 3)ic 
*Uerf5nIi^feit be§ «Kenf^en @. 113. ®a§ beWuBte ©enfen ©. 113. 114, 
®a§ freie SBotten @. 115. 116. 3)ie SSettftenung bei aRenfc^cn 6. 117. 
118. S;ie ^ö^ere Seftimmung be§ SKenfc^en ©. 119. 120. 

©ed^fter SSortrag. 
Die OteUglfln. ®. 121-143. 

3)ie Stögemein^eit unb SZot^mcnbigfeit ber fRcRgion ©. 121. Qffv 
-©runb im SBcfcn be§ SRcnfc^cn @. 121—124. 3^re ^eimot im inncrftcn 
©celcnleben bei SÄcnfc^en ©. 124. 125. ®ie ^Religion ali @(au6e unb 
J)o§ SBcfcn bei ®Iaubcn§ @. 125-128. 3^re SeBcnääuBcrung im ®cbct 
@. 128—135. ®ie ©tellung bcr ^Religion im geben @. 135. 136. 3)cr 
-gcfc^id^tlic^e ^ufammcn^ong bcr geiftigcn S3ilbung mit bcr Slcligion 
<B. 137. 138. ®ic «Religion unb ba§ aSoIf§Iebcn @. 138—140. 3){e Sic- 
ligion unb ba§ ftaatlic^e Seben ©. 140. 141. Q^re 83cbcutung für bic 
Äulturperiobe bcr ©egenlüart ©. 141 - 143. 



Siebenter SSortrog. 
Die Offfnborung. ©. 144-179. 

1) 3)ic 9?ot^njenbiflfeit ber Cffejtbarung: boit (Seiten unfrcr Sr- 
Tenntnife ©. 144—148, öon ©eüen unfrei SBiUenä ©. 148, 2) 5)te' 
eünbe. %aS 3eugni§ für i^re SlDgemein^eit ©. 149—152, ®er biblifc^e 
Beridit oon i^rer entfte^mig @. 153, 154, g^re folgen: bie. [ittlid^e 
entjttjeiung unfreS ganj^en 3)Qfeing unb iinfrc Utifä^igfcit fic burd) 
eigene Äraft oufsu^eben @ 155—157, 3) ®tc SKöglic^fett ber Dffen« 
borung ©. 158 159. 4) 3)qS SBunber unb hie SfJaturgeje^e 6. 159— 
162. S)ie ®ettJi6^eit bc§ 9Bunber§ S. 163. 164. ©eine SBebeutung für 
bie Cffenfcarung ©, 165. 5) ®ie SBirflic^feit unb SBa^rl^eit ber iDffen« 
borung. ®o§ Bcugntg ber 9IpofteI S. 166. ®ie Sbotfäc^Iid^fett ber 
Sfuferfte^ung ^efu (Jbrifti ©. 166—168. 2)o3 ^eugnig ber gefomnttcn 
Sirene 8, 169. 3)o§ 3f"9ni& unfrei eignen Innern: ber ©elbftbetoeig 
ber SBa^rbeit S. 169—171. 6) ®aä SSerbörtnig ber Offenbarung jur 
^Sernunft: inwiefern fie über bie Scbronfen ber Vernunft binau§ge!^e 
@. 171 — 175; inwiefern fie ttJtbet bie trrenbe SSernunft fei @, 175 — 178; 

inwiefern fie ber innerftcn SBo^rl^ett ber SSernunft gemäß fei @. 178. 
5j!ic SSernnnft aiS Organ für bie Offenbarung @, 178, 179, 

5l(j^ter SSortrag. 
■Cie @ff*i(ftte bet Offenbarung, ^eibent^um u. ^[ubcnt^um. ©. 180—210. 

^ie ®efc^i^tlt(^feit ber Offenbarung ®. ISO. 181. ®er SBeruf ber 

SBöIfer S. 181. 3)ie «ölfer ber Kultur unb bo§ Sßolf ber ^Religion 

S. 182. ®te l^eibnifd^c JReltgion unb ?ReIigiofität ©. 182^190. S;ie 
bcibnifd^e Sittli^feit: bie p^ilofop^ifd^e SJioroI be^ ^eibent^umg <B. 191 
— 195, bie ftttlicbe SBtrffi^fett beffelben ©. 195. 196. 3)ie ©timmen ber -* 
SBeiffogung unter ben SSöIfern ©, 196—200. 5)oS fu^enbe §cibcnt:^um 
6.200-202. 35o§ Subentbum unb ber religiöfe Seruf SfraelS ©, 202 
—204. ®ie großen religiöfen ©runbgebonren Sfroelä ©. 204. 205. , 
^ie Söeiffogung unb i^rc ©efc^icbte ©.205-207. ^efuS tn Sfroel ©. 208. 
3;ag @ex\ä)t übet Sfrael ©. 208. 209. 2)og ©^riftentbum ©. 209. 210. 

SIeunter SSortrog. 
Da« e^rifitnt^um in ber ©efdjit^te. ©. 211—230. 

■ 2>ie gefc^icbtli(bc ©ituotion beim eintritt bei S^riftcntbumg in bie 
SBelt© 211. ®ic SQBeItrei(be: bo3 bob^Ionifdöe unb perfifd^e, bo§ griec^ifcbe 
unb römifcbe ©. 212—215. Sie geiftige entwicflung ©. 215—217. 3efu# 
e^riftug oll bog ^icl ber alten unb oI8 ber 9lnfang unb \>ie 'SRaä)t 



s 

ber neuen Qtit ©. 217 — ^219. 35er fiegrei(ftc Oang be§ S^tiftent^um* 
burt^ bie SBeltgefc^ic^te ®. 219—225. ®ie SWac^t beg c^rifllic^en ®eifte* 
©. 225—228. Ser uniücrfeHe K^arafter be§ ©^riftent^umS unb fem 
58e»ei§ für 3efu§ d^riftuS 8. 228-230. ; 

3e^nter SSortrog. 

I5tc *<3erfon 3ffu 6^tijH. ©. 231—271. 

®ie ^xüQt ber ©egenwort ©. 23^^ 3)ie ©egenfä^e, in ber alten Qext 
8. 231. 232, in ber neuen ^eit S. 232. ©traug unb 9tenan @. 233. 234. 
®te (Sbangelien (5. 235-238. ®a8 ^eugnife ber alten Äirc^c (S. 238. 
239. ®a§ «SelbftseugnxB ber ©oongelien, baS 93ilb 3efu <B. 339—242. 

®ie S?erlöffigfeit i^rcr ^eric^te ®. 242-244. 3)ic Angriffe auf bie 

©öangelten @. 244-247. S5ie ebangelifc^e ©c^ilberung ber ?|3erfon 
Sefu, feiner ^ugenb ©.247-249, feinet öffentlichen SBirfenS ®. 249 
— 551. Sag ^eifanb^Ieben eine jTffenborung ber göttlichen Siebe big jum 
Jobe ©. 251—253 ®o§ SBunber ber ^erfon ^efu ©. 253. ©eine 
^eiligfeit, feine ^orntonie, bo§ 33ett)u6tfein feiner ®otte§genteinfc^aft 
©. 253—255. ©eine SSunber ©. 255 257. ©ein SBort ©. 257-259. 
©ein ©elbftjeugnife ©. 259. 260. ®er SKenfc^enfo^n ©. 260. 261. ©eine 
uniöerfeüe ©FeÜung gur SBelt ©. 261 — 263. ©ein geugnife öon feiner 
Bufunft ©. 263. 264. S)er ©oftn ©otte^ unb feine abfolutc ©ottel- 
gemeinfd^aft ©. 264—268. 2)o§ 3eu9ni6 i»er beiben ^[nftitutionen 3[efu: 
Saufe unb Slbenbma^I ©. 268. 269. SJüdblicf ©. 269—271. 

Slntnerfungen. 

Sunt erften SSortrag ©.272- 278. ^um sroeiten SSortrag ©.278—283. 
3um brüten SBortrog ©. 283—290. ^unt ötertcn SBortrag @. 290-307. 
3unt fünften Vortrag S. 307— 325. 3um fed^ften aSortrag ©. 326—329. 
3um fiebenten 5ßortrag ©. 329—339. ^um achten SSortrag @. 339—346. 
3um neunten SSortrag ©. 346—350. Qum je^nten SSortrag ©. 351—356. 

mp^abdi^äxi 3n^a(tS»erjeid)ni§ ©. 357-370. 



dxfltx IDortrag* 



©er ®egenfo|j bet SBertonfj^ttuungett in feinet gef^ieptlicpett 

@ntn){(f(ung. 

S)ie SBortrögc njctcfie id^ bpr S'^nen ju :^atten im ^Begriff 

fte^e, oere^rte 2(ntDe[enbe, ^oöen bie ^lufgobe, bie allgemeinen 

•®runbtt)afrr'^etten be§ ef)rtftent:^unt§ S^nen borjulegen unb fte 

bemjmobcrnen ^cnfcn gegenüber ju rechtfertigen. 5)er c^rift* 

lid^en SBettanfd^ouung ftcl^t gegenhjörttg eine ni(^td^riftlic^e ent= 
gegen, unb immer mel^r bro()t fic^ eine ©d^eibung ber ge= 
fammtcn Siid^tung ber ®eban!en in ber mobernen SBett 5U 
öolläie^en, meldte ein Srud^ mit ber ©efd^id^te unb borum 
oer]^ängni§öoH für bie ^w^u^f* toave. ^n folc^en Qdten ift 
eäbie ^flicöt Slffer, ttjetd^e bie (^rifttic^e SSSal^rl^eit öertreten 
unb meldte miffen toa§ unfer Sßolf i^r oerbonft unb an i§r 
befi^t, haS S^re ju tl^un, um ben 3"fQmmenl^ong be§ geifligen 
Seben§ ju magren. 

3mar ift ber d^riftti^e ©eift in ber ©egenmort bon einer 
^lar^eit unb @tQr!e mic nur fetten öorbem. 3Kon barf nur 
ben @rnft ber t^eotogifd^en Slrbeit betrauten, ober bie ^re« 
bigten ber ©egenmort mit benen ber Sßergongenl^eit, ober bie 
gro§e 9lü^rigfeit auf bem ^raftifd^en ©ebiete unb bie. Opfer« i 
öollen Slrbeiten ber äu|ern unb innern 9Kiffion mit hm { 
früheren Seiten öergleid|en, um ju erfcnnen, ha% ber d^rifttic^e 
Oeift eine SKod^t ift. Slber ber nid^tc^riftlic^e Öieift ift ouc^ 
eine 9J?ac^t mie nie juijor. SBir ^aben jmar früher bereite 
Seiten ber fd^ärfften SSerneinung be§ S^riftent^umS gehabt. 
SSottaire be^errfdöte bie löilbung feiner Seit. 6r fonnte I)offen, 
\>a^ e§ in menigen ^a^v^e^nten mit bem ®^riftent:^um au§ 
fein merbe. «Solche .^»Öffnungen fonn je^t fein Jßerftönbiger 

Sut^otbt, SSorträge l. 11. »ufl. 1 



2 1. Vortrag, ^er ©egenfa^ ber SSeltanfc^auunge«. 

liegen. Unb boc^ ift ber nic^tc^riftüc^e Oetfl jc^t eine größere 
fSJla^t a\§ bamalö. STu^ sluci ©rünben. ^amatg bilbetc bic 
3Rod^t ber fird^Iid^en ©itte nod^ einen ®antm gegen bic ©eifter 
ber SSerneinung unb rettete ba§ S^riftent^um bur^ bic Seiten 
be§ Ungloi^benä ^inburd§. Slbcr öor bem Strom ber neuen 
3eit bre(^eit biefe 'Stamme ber feften formen ber Ueberüeferung 
immer me|r jufommen. ©obann morcn bic Singriffe frül^er 
me^r fprung^aft, je^t finb fie f^ftcmatifd^. 5£)er franjöfifd^e 
@cift ^atetmaä @türmif(^eä unb 2;umu(tuarifc^e§, aber er ift 
tiic^t fo gefö^rlic^ alä ber beutfc^e. SBcnn ein fRenan ein 
Seben 3efu fc^reibt — e^ ift geiftreit^, ^jifant, in Sitter ^änben; 
aber eä ift ein 9loman. @0 ift ein intcreffanter 9loman. ^er 
Sloman ift ber Siebling unfrer ßcit; nnb toaä fann intcreffanter 
fein alä ein fRomon, beffen §elb ScfuS (S^riftuö ift, ein liebenS* 
lüürbiger 9tcöotutionär, ein ibealif^er (Sc^toörmcr unb 5üno= 
tüer, umgeben bon grauen bie feine ^erfon me^r lieben aiä 
fein SSerf, öon Sln^ängern bic i^m bie iRotte cine§ SBunber=« 
t^äterö aufnöt^igen u. f. n?.? Slber maä gilt e§? — in menigen 
^o^ren ift bo^ 93uc^ öergeffen, mä^rcnb boä fc^merc ®cf(^ü^, 
meld^cä bor me^r ate brei|ig Igal^ren 2^abib @trau§ unb bie 
©enoffcn feiner 9li^tung feitbcm gegen bcn ©laubcn ber Äird^c 
aufgefahren, im Sager ber ©laubigen bicl größere 93emjirrung 
angerid^tet |at aU jene fronäöfifd^en ^länfler. ©ett jenen 2ln= 
griffen be§ franjöfifc^en @cifte§ in bcn Xagen Jßoltaire'ö ^at 
bte SSerneinung be§ ß^riftent^um^ eine 6(^ule burc^gemac^t, 
bie p^ilofopl^ifc^c ©c^ule be§ beutfd^en ©eifte^, nnb ift ju einem 
©^ftem jufammen^angcnber SSeltanfc^auung gemorben, melc^e^ 
fid^ an bie ©teffe beä S^riftent^umä ju fe^cn bcn crnft^often 
SSerfu(^ mac^t. Unb na^bem fie ha^ p^ilofop^ifc^e ©etoanb 
abgeftrcift, ift biefe SBcltanfd^auung in \>ie ottgcmeine ®enf= 
hjcifc ber 3eit übergegangen, nid^t blo§ ber ©cbilbetcn, fonbem, 
menn ouc^ in etroa^ maffiber unb ro^cr ©eftalt, big hinunter 
in bie Slrbeiterflaffen, mit anberen Siiid^tungcn ber 3cit fic^ 
öerbinbcnb. 

(S§ ift ^flic^t eine§ Seben, fic^ über bic'^gro§en ©egenfä^c 



i . 



2)te «ufgabe. . 3 

flax ju njerben, um feine «Stellung ^u benfelöcn mit 93enjuBt* 

fein ju ne!§mcn. 3li^t§ ift unhjürbiger- aU mit Untoiffenl^eit 

cb^uurt^eilen. Unb boc^ ift auf religiöfent Oebietc ni(^t^ 

]^äufiger. ©onft gilt überall, ha^ man bie Slften eine§ ^ro* 

^effeS f ernten muffe, um ein Urtl^eil barüber abgeben ju 

fönncn. ÜKan ^at bem S^riftentl^um ben ^rojel gcmad^t, 

man fprid^t \)a^ Urt^eil; aber mic öiele öon benen, ttjeld^c 

mit bem Urt^eil fo fd^nett bei ber ^anb finb, lennen bie 2lften? 

^ie ©ibel. unb bie Se^rfd^riftcn ber ^rd^e finb bie ^anpU 

<i!tenftü(fe. 5)ie retigiöfe 3rage ift öon allen fragen bie eine 

^eit bcmegen bod^ immer bie tteffte unb bie ung am nöd^ften 

berührt. @§ ift nicfit rid^tig, in einer folc^en Srage auf blofee 

Slutorität ^in ju urt^eilen unb feine (Stellung fi^ burc^ Sfnbere 

ünwcifen ju loffcn. Unb e§ ift nid^t red^t, gleid^giltig §u 

bleiben, ^n feiner Srrage ift ®Ieid§gittig!eit fo wenig öer* 

ftattet unb eines 9Kanne§ fo mentg toürbig aU in ber ?5rogc 

ber großen religiöfen ©cgenfä^e. Silirgcnbä aber ift e§ aud^ 

fo wenig möglich, über ben Parteien ftel^en unb in ber SDiitte 

bleiben ju tooUcn. S)enn eg ^onbelt fid^ ^ier um au§fd^tieBenbe 

©egenfä^e. (Sonft mag e§ oftmatö ha^ JRid^tige fein bie S33a^r= 

^cit in. ber SWittc ju fud^en; ^ier gilt nur ©nttoebcr — Ober. 

tj)er @ine fagt: e§ gibt einen ®ott, ber 2lnbei;e fagt: e§ gibt 

feinen ©ott; mill nun ber dritte fagen: bie SJal^rl^eit liegt 

in ber äRittc — ? ©rötere ©egenfä^e gibt eö nic^t afö bie 

ber d^riftlic^en unb ber nid^td^rifttid^en SBeltanfd^auung. ©oet^e 

fagt einmal in feinem tt)eftöftlid|en ®iöan — unb biefeS SBort 

ift fcitbem oft mieber^ott morben — : ba^ eigentlid^e, einjige 

unb tieffte X^ema ber SBelt» unb 3Kenfc^engefc^ic^te, bem aÖe 

übrigen untergeorbnet finb, bleibt ber ^onftüt beS Unglauben^ 

unb ©taubenSJ @§ finb gonj öerfd^iebenortige ^rinji^ien 

»Deiche bie gefammte Slnfd^auung beftimmen. ©er ©injelne 

muB ein beftimmteS SSer^ättni§ ju einem tj.on beiben ein* 

nel^mcn. 2)q8 ^rinjip aber, ju iucld^em er fid^ belennl, ift 

cntf^eibenb für ben ganscn 3D'lcnf(ten unb fein ganjeS Seben. 

^©g liegt 2lIIcä baran, in meld^em ^rin^ip ein 9Rcnfc^ fte^t: 

1* 



. ) 



4 1. SSortrag. ®er ®egenfo^ ber SBeltanfc^ouungen. 

benn nod^ biefem hübet fic^ fein ganjcä tl^eoretifc^c^ lote pxaU 
tifc^eö SSerl^alten." ^ $8ergegentDÖrtigen wir unS benn ben gro§eit 
©egenfa^ in [einer gefc^ic^ttic^en ©nthjirflung, um un§ jum 
SSettJu^tfein ju bringen, um rt)elrf)e S^^ogc e§ fic^ eigentlich tianble 
in bem großen ^am^fe ber ©elfter, in melc^em toir gegcn^ 
ttjörtig fte^en unb bei n}e^em toir Stile mit bet^eiligt finb! 



Sll§ ha§ e|riftent()um in bie SBett eintrat, ift e§ aU eine 
neue SBeltanf cfiouung in biefelbe eingetreten. Qunai^^t 
5tt)or ttjar t§ bie ^rebigt b^m ^euje, ha§ 2Bort öon ber SSer» 
fö^nung, ha§ (Sbongdium öon ber ©nabe ©otteS in ®^rifti> 
Sefu, bie Se^re öon 83u§e unb ©laubc ai§ bem SBege jum 
^eil be§ HJJenf^en unb jur enjtgen ©eligfeit; ba§ ©firiftentl^um. 
ift ^unäd^ft ^eit^Ie^re. Slber biefer ^exUU^xe liegt eine um* 
faffenbe SBettanfrfiauung ju ©runbe, unb biefe SBeltanfc^auun j 
toax eine böllig neue. 

©ie l^atte SSorbereitungeu, fie ^atte SInlnüpfungen in ber 
bi^^erigen @ntn)icEIung be§ ©eifte^, in ber ^f)iIofop^ie, nod^ 
met)r im unmittelbaren SBa^rtieit^finne ber 2J?enf(i)en unb in 
i^rem ©etoiffen; aber ifirem SBefen na^ h)or fie borf) etttja^ 
fc^lec^t^in 9teue§. 

@(f)on bie allererften j^unbamentalfö^e bon ber ©in^eit 
©otteg unb ber ©in^eit be§ 9Jienfc^engef^Iecf)t^ mußten eine 
öoflftänbige 9teöoIution ber ©eifter herbeiführen. 2)enn ba^ 
toax eine ganj neue 2)enfn)eife. SBie fo onberä mußte man 
bie SBett aufe^en, wenn man fie nun aU ba§ SBer! eine^ 
Sd^öpfer^, aU bie freie SiebeSttjot be§ Sßaterä erfannte, ber 
olte S)inge trägt unb regiert mit ber SJJac^t feiner SBeiS^cit 
unb Siebe, bem oud^ bog fjernfte nidE)t ju fern unb t>a§ ^(cinfte 
nii^t äu flein ift, ber nidEit bIo§ eingetne ßiebünge unter ben. 
SJienfrfien l^at, fonbern bem fie alle gleic^erhjeife am ^erjett 
liegen, ber nicf)t bloß für i^r än|ere§ ßeben biä in'ä ©inselne 
forgt, fonbern ber öor 2lttem ba^ §eil i^rer (Seele fuc^t unb 
bie Siebe i^re§ ^erjenä begehrt. SsaS hjoren lauter neue ©c« 
banfen, öon benen bie alte S33elt nichts tt)ußte. Unb boß in 



SCie neue 2Seftanfc^ouung be§ S^riftentl^umi. 5 

i»en Slbcrn otter aJlenfcfien ©in 83Iut fliege, boB fie 3ttte Sörüber 
feien unb öon einem SBonbc ber Siebe umfo^t fein fotten, ta^ 
bcr grembe fein fjetnb jonbern un[er Sfläc^fter fei, bafe wir 
iti^t boS Hnfere fonbern i>a§ be§ Slnbern ift fui^en JoKen, 
boB un[er Jge^en ein Seben be§ ^ienfteg unb ber 5Iufopferung 
für bie Suibepn fein fott, ha^ ©elbftfud^t bie (Srunbfünbe be§ 
UJienfc^citr^ingebung, 2\ebe bie ©runbtngenb fei — wem 
luöre bag öor!^er in ben ©inn gefommen? Unb nun üoHenbö, 
bafe Sin ©ebanle bie ®e[d^icEe ber S3ölfer unh ©taoten wie 
ber Sinäelnen regiere, ha^ e§ eine Oef^id^te ber ganzen 
^enfc^^eit gebe öon (Sinem Stnfang an auf (Sin S^d l^in, auf 
bog 3iel bcg ^e\ä)e§ ©otteS; baB e§ ein D^eid^ ®otte§ auf 
€rben geben foll, 5U bem S(ffe gefammelt werben fotten, weld^eS 
5lfle in fic^ üereinigen wotte, unb i>a^ biefeö 0teidö ®otte§ be= 
reitS begrünbet fei in ®em, welcher bie SJiitte ber (Sefd^id^te, 
ber Slbf^Iu^ ber olten, ber Stnfang ber neuen Qtit, nid^t blo| 
ber Sßerlünbiger, fonbern aud^ ber SSegrünber beffelben-fei, bie 
Offenbarung ®otte§ felbft, bie Dffenborung be§ Seben§, be^ 
Jßic^tg unb ber Siebe ®otte§ in ber ©efd^i^te, in ber 9Kenfd§= 
^eit: Sefug ©^riftuS, in welchem atte Sinien ber bisherigen 
^efd^ic^te jufammenlaufen, öon meld^em aüe Sinien ber neuen 
(^efc^ic^te au§ge!|en. Welcher baS Qiei and) ieber einjetnen 
©eele fei, in welchem jeber ©inselne feine Söeftimmung erreid^e, 
fo gut wie bie @efammtt)eit ber SKeufd^en, um fo oudö ein 
©lieb biefeä großen 9?eid^e§ ©otteg ju werben, welches auf 
©ered^tigJeit unb (Snabe, auf bie tieffte unb wal^rfte fttttid^e 
©runblage gegrünbet fei — : roeld^' einen SlidE eröffnete ha$ 
über bie gonjc ©efc^id^te, über bie gü^rungen ber SWcnfc^^eit 
loic über bie Sebenifül^rung ber einjetnen (Seele, unb fd^Io§ 
bcibeS, \)aS @rö|te unb haä Eteinfte, bo§ ©anje unb bo§ 
^injelne in eine wunbcrbore ©inl^eit jufammen!3 Stud^ nid^t 
ber größte ^^ilofop!^, aud^ ntd^t ber umfaffenbfte unb l^od^* 
fliegenbfte @eift l^attc öorbem ©olc^e? geahnt, gefc^weige gc« 
bad§t, er!annt, auggefprod^en, öottenbS eö jur attgemeinen 2ltt= 
fc^ouung beg SJoIfeö, jur populären ©ac^e, jur SKac^t ber 



6 1. SSortrog. ®er ©egenfa^ ber SBcItanf^ouungen. 

©emütl^er unb bei SebetiS ju mod^cn ocrtnod^t.^ ^rj: bo^ 
6^rtftent!^um trot aU eine neue SBeltanfd^ouung in bic SBett. 

Un§ finb ba§ ofleS je^t gclöufige ®eban!en; e§ gel^ört je^t 
§u bcn 6tementorfä|en ber d^riftlid^en ^enftoeife too§ bamol^ 
neu, überrafd^enb, unerl^ört toax. S)ie ®ebon!en l^aben nic^ti 
öon i!^rer ©röjse öerloren: fie finb biefelben ie^t tuie jubor^ 
ebenfo tool^r, ebenfo ergaben, ebenfo erleu^tenb unb ertoarmenb ; 
nur toir l^oben bie leb^ofte ©mpfinbung i^rer ®rö§c, ^o^cit 
unb 'Bä)'6xif)dt öerloren, toir finb i^rer ju gelool^nt — fo finb 
fie un§ ju geh)ö^nlic^ getoorben. S)aö ift ba^ Soo§ oller 
großen S33a^r^eiten. 

da ttjor notürlic^, ta^ biefe neue SBeltonft^auung beS- 
e^rtftent^umS nicfjt atöbalb burc^brang. @ie 'ntu^te erft einen 
f)ortnädigen SBiberftanb übertoinben, bi§ fie ben <$ieg errungen 
^atte. Stoav ftanb i^r feine ein^eitlid^e ©enfio.eife entgegen. 
®ie S33elt ber ontifen ®eban!cn l^atte jl(^ aufgelöft. 
S)iefer ^erfe^ung^proje^ ^atte fd^on lange begonnen, fc^on feit 
beut Sluffommen ber $t|iIofop!^ic, feit beut 6. So'^rl^unbcrt 
ö. 6^r. 2>enn bie ^^ilofo^l^ie arbeitete an ben überlieferten 
religiöfen Slnf(^auungen unb fe^te an bie ©teUe ber geiftigen 
SOlöc^te,- toeld^e bi§ bal^in ta^ fieben ber ©emeinfd^aft bel^errfc^t 
l^atten, bie SBelt ber eigenen ®eban!en. 3^)0^ tuoflte bie alte 
^^ilofopbie felbft bie ©teile ber ^Religion erfe^en. ©ic war 
nid^t blojä eine fpefulatioe 2;^eorie, fie l^atte praftifc^e Statur 
unb ^lenbenj.^ ®ie grojäen ©taatlniänner machten i^rc ©t^ule 
burd^, unt fid^ öorjubereiten für i^re ^iraftift^e X^ätigleit. @ie 
be^onbelte bie fittli^en unb politifd^en fragen eben fo gut ioie 
bie naturtoiffenfd^oftlid^en. Slber fie »urbc leine ^o^juläre 
3Ra(^t. ©ie blieb immer ettoaS 2triftofratifd)eS unb auf engere 
^cifc befd^ränft. ©ie öcrmod^tc nic^t an bie ^teUe ber S^leli* 
gion §u treten. 2)enn fie tou^te an bic ©teile ber X^atfac^en, loie 
fie bie 9ieIigion forbert, nur felbfterfonncne ®ebanfen in fe^cn, * 
Unb fie felbft löfte fid^ ouf in bie öerf c^iebenften 9Jic^tungen. 3^^ 
^aut)tergebniB toar fc^IieBKc^ bie ^errfc^aft beä Qtoei^eU on aller 
SBa^r^cit, bic ©rfd^üttcrung oller Ucbcr5cugung unb ®ctoi|^cit. 



®ie Qlte tird^e. 7 

Unb bod^ föniten bie aJienfd^en ®en)i|^eit tiid^t entbcl^rett. 
%ev ^^ilofop^te jur ©eite traten be^^alb allerlei ©el^eimle^ren, 
je gel^eitnni^üoßer um fo erioünfc^ter. SKon beutete bie atte 
^Religion uub i^re iöl^t^en aHegorifd^ um unb maä)te fie ju 
(Symbolen ber SBei^^eit unb ber Sittenlehre. 6ine gonje 
SSelt oon Slnfc^ouungen unb ®eban!en l^otte fid^ aufgel^äuft 
aU bog Slefultat ber bor{)?rgel^enben ©nttoidlung. 9i6er e§ 
toax eine SBelt öon 9luinen. 93ebeutenbe ©eifter fammetten 
biefe S3rud^flücfe ber öorigen Seiten unb fud^ten einen neuen 
JBau bamit aufzuführen, ©ine ongeftr engte ©eifteSorbeit würbe 
auf biefe IRcftouration ber l^eibnifd^en ©enftoeife öerwenbet. 
2)er Sfieu^IotoniSmuä 2lIejonbrien§ war biefer SSerfuc^, ^^an« 
tafie unb Xieffinn öereinigten fid^ l^ier, ein ^ebäube ^erjuftellen, 
toel^eg an Sülle ber ©ebanfen \>a^ d^riftli^e weit übertreffen 
unb burd^l bcn ^^iIofot)^if(^en Xieffinn bie armfelige Seigre 
biefer „SBotBgren", wie mon bie ©Triften nonnte, überwinben 
fottt^. ©Swar freilid^ ein wunberli(^e§ ©emifd^. Sitte fReii' 
gionen unb SfJationen Ratten i^ren ^Beitrag baju liefern muffen. 
Slber e§ wer bod§ immer ein ftattlid^er Jßerfud^, oon beben* 
tenben ©eiftern, unb nid^t oon ben unebelften, oertreten. Unb 
bie attgemelne SJilbung, mit weld^er bie l^eibnifc^e ®en!weife 
ouf \>a$ ©ngfte oerfloc^ten war, ftanb i^m jur ©eite. Unb 
bod^ mu§te biefer S3erfuc^ mifilingen. 2)ie ^eibnifd^e SBelt« 
onfd^auung würbe befiegt oon ber d^riftlid^en. ©eitbem bel^errfdfjt 
biefe bie S^lturwelt. 

3war rodeten fid^ bie überWunbenen geiftigen SKod^te be§ 
Subent^umS unb ^eibent!^um§, inbem fie in ©eftalt ber ^w 
lel^re innerhalb ber ^ird^e felbft unb auf bem Sobcn be§ 
6^riftent^um§ fid^ geltenb ju mad^en fud^ten. SSor Slttem Wor 
cS bie Se|re oon ber ^erfon Sff« ©^rifti, auf Weld^e fie fic^ 
warfen, um fie entweber im jübifc^en ober im l^eibnif^en 
©innc umjubeuten. 9Jian bcfd^ränfte — im ©eiftc be§ SubcUs 
t^umS — bie Sebcutung S^rifti auf bie SBürbe eines bloßen 
^rop^eten, wenn au^ beg ^öd^ften, ober ipan berflüc^tigte — 
im ®eifte beg ^eibent^umS — feine gefd^i^tlid^e SBirflic^feit jur 



8 1. SSortrag. S;er ©egenfa^ ber SBeltonfc^auungen. 

bfofeen S^ee; man leugnete bic SBa^r^eit feiner göttlichen, ober 
man beeintiä^igte bie SBa^rl^eit feiner menfc^Ii^en üilotur; 
mon Iie§ entweber ber ©in^eit beiber S^iaturen ober bcm Unter* 
fc^ieb berfelben nicf)t ba§ gebü^renbe SRc^t njiberfa^rcn. ^n 
bem offen ^anbelte e§ fi^ nid^t blofe nnt einen einzelnen ßcl^r* 
fo^, fonbern um iia§ SBefen be§ ©^riftent^um^ felbft. ®enn 
biefeS tft in ber ^erfon Sefu S^rifti befd^Ioffen. ^inmer ober 
war c§ ber jübifrfie ober ber fieibnifc^e ©eift, njetd^er au§ , ber 
Qufeerc|riftlici^en SBelt in bie cbriftlic^e eingebrungen mar unb 
^ier nun in c^riftlid^er ©eftalt feinen alten Äampf fortfe^te. 
SIber auö) biefer innerfirrfilic^e öJegcnfa^ gegen bie ooffe SBol^r» 
l^eit ber d^riftli^en Slnfc^auung marb übermunben unb biefe 
gur ou^fd^Iiefelic^en ^errfd^aft gebrod^t. 

S)a§ SDiitteloIter ift bie 3eit biefer au§f^tie§(i(^en^^err= 
fd^aft. 2Bie fid^ bie äußere SBelt ber G^riften^eit im (Statt" 
Iialter S^rifti unb im beutfc^en ^aifer äufommenfo|te, biefen 
beiben oberften 3Jiäd^ten ber ganjen @rbe, ber @onne unb bem 
SKonb, meldte bem gefammten irbifd^en Seben fein Si^t ücr= 
leiten, fo btfbete aud^ bie SBett beä ©eifteö eine gefc^toffenc 
Gin^eit. 3toar ipraftifd^ mad^te fic^ ber ^eibnifc^e ®eift immer 
mieber geltenb; aber er mußte fid^ bod^ öor ber Slutoritöt ber 
Äiri^e unb ber !ir(^Itc§en Betrachtung unb Se^anblung offer 
Singe beugen. ®a§ HJiittelalter ift bie 3eit ber |)errfd^aft 
einer ein^eitlid)en SBeltonfc^ouung, 2)o§ ift feine ©röße unb 
fein fRei^. ^n ben großen 2)ic6tmerfen biefer 3ci^ in ben 
großen ©r^eugniffen i^rer ^unft tritt un^ biefe ein^eitlid^e 
2BeItanf(^ouung entgegen, ©o ift e§ nie mieber gemefen. S)ie 
SSernunft biente bem ©tauben, \>ie ^^itofop^ie ber X^eotogie. 
^n bem großen tl^eologifd^en Se^rgeböube, ber „©ummo" be§ 
2;|oma§ Stquinog, be§ größten Se^rerS be§ 9KitteIaIter§, treten 
bie Reiben 2triftoteIe§ unb ^loto oB Beugen für bie c^riftlid^c 
SBol^rl^eit auf, ö^nlid^ mie in ben großen S)omen, biefen ent= 
fpred^enbften 0tepröfentanten jener ^eit, Slffeg, ouc^ bog jj^emb« 
artigftc, fctbft bie SSelt ber Ungct^üme unb S)ämonen, bem 
großen einl^eitlic^en 93au bienftbor fein muß. Unb bo§ aUe^ 



'S)ie ffafftfc^en ©tubien. ®a3 WiMaÜet. 9 

^ur SBerJ^errlid^ung ber Äird^e, biefer l^öc^ften Sßac^t auf @rben, 
roetd^e bie gange Drbtiung ber menfd^Iid^en ©efeüfdiaft etn^eit« 
li(^ jufammen^It. 

®aS tüar bag HRittetalter, bie glänäenbfte ^errfd^aft be§ 
©§riftent^um§ über bie SBelt unb feiner S)enlroeife über ben 
^eltgeift. Slllein ber l^eibnifd^e (Seift mar shJar gebunben, aber 
nic^t innerlich übernjunben. 93alb trat er nur um fo ftärfer 
unb nacfter l^erüor. 

(£ä ipor baä SBiebcrauftebcn ber outifcn SSelt in ben üaffi« 
•fc^en ©tubicn, trie fie in S^olien om 2(u§gong be§ 3Jiittct« 
olterS fo leibenfd^aftlic^ getrieben würben, n)etd^e§ aud^ ben 
^eift beg ^eibentl^umS erttiecfte, in 9tom fetbft unb auf bem 
römifd^en S3if(^of§ftu^Ie l^eimifd^ mad^te unb bie SBelt mit einem 
neuen |>eibent^um bebro^te, hjcnn nid^t bie 9?eformation bie 
(Sefa^r biefer ^eibent^um^ in ber S^riftenl^eit abgewel^rt {|ätte. 
15)a§ ift eineä ber größten, tüenn aud^ ber toenigft betannten 
unb anerfannten SSerbienfle ber beutfc^en Steformation für bie 
flbenblänbif^e ©l^riftenl^eit überl^aupt. 

SBir finb genjol^nt bie 3eit ber ftaffifd^en ©tubien in Staliett 
itur im (Slanje l^ö^erer Sßerflärung ju fetien. 9lber bei naiverer 
IBetrad^tung geiüinnt fie öielfad^ eine anbere ©eftatt. 2111er* 
t)ing§ blü'^ten im mebiceifd^en ^^itatter bie SBiffenfdtioften unb 
fünfte in Italien tt)ie nie njeber borl^er nod^ nad^^er, unb 
f^müdften ba§ Seben mit einer fettenen geinl^eit ber ©itte 
unb Silbung. 2lber eö fehlte bem ©anjen bie re^te fittlid^e 
Hnttrlage. S)ic flaffifd^en ©tubien Ratten eine für un§ un« 
erhörte unfitttid^e Seid^tfertigfeit beg SebeitS unb Xreiben§ jur 
tjolge. 3^or ber @raf ^icu§ bon SWiranbota mad^t eine 
glänäenbe Sluinal^me. ©ein Siiftum: „bie ^^ilofo^jl^ie fuc^t 
t)ie SBa^rl^eit, bie 2;^eoIogie finbet, bie fReligion beft^t fie" — 
ift faft bie ©cfc^id^te feine§ Seben§ ju nennen. Slber er ftebt 
einfam ba. S)ie bebeutenbften SSertreter ber flaffifd^en Silbung 
lücrfcn einonber ©ünben bor bie mon nic|t auSfpred^ra fann. 
tßoggiug fd^rieb „©^ä^e" (faeetiae) toelc^e an ©emeinl^eit unb 
Httfittlic^feit !aum i^reS ©teic^en l^aben unb boc^ in breifeig 



10 1. SSortrag. ®er ©egenfo^ ber SBeltanfd^QUungen. 

Sauren gtooitäig 2tuftagen erfebten. 2tm SKebiceer^ofe tjcrrfc^te 
Öcibntfcficr (Seift in bfn Sormcn feiner ©ilbung unb toiffen* 
f^aftlid^en 5i«te^cf[e§. ^ie ^tatonifcfie 5lfabemie in iJIorenj 
fe^te btc ^jlotontfd^e ^l^ifofo^^te an bte ©teile be§ ©^rtften= 

t^um§. (ööDonoroIa förnpftc mit allem gcucrcifcr gegen bie 

l^eibnifd^e ©tttenloftgfeit unb bcn l^eibnifd^en Unglauben, tt)ie 
fie Quc§ unter ben ^o^cn ^räloten bcrtretcn ttjorcn. „®a fagt 
(Siner jum Slnbern" — fo füfirt er fie rebenb ein — : „WaS' 

bünfet bid^ öon unferm d^rifilid^en ©lauben? SSofür l^ältft bu 
i^n?" Unb biefer antwortet: ;,„9'Jun bu fommft mir bocft ciU 
ein reci^ter Xropf oor : ber ©taube ift nur ein Xraum, eine ©ac^e 
für bie empfinbfamen SBeiber unb fDlöix^e." " Unb nic^t S8u§* 
^irebiger bIo§ urt^eilten fo, aurfi ein SKacci^iaüelli fprid^t e^ 
offen auä: ja, wir Italiener finb üorjugSiüeifc irreligiös unt> 
Böfe. @r fe^t f)in§u : weil bie S'ird^e in i^ren SSertrctcrn ba^ 
übelfte Seifpiel gibt. SDiiit ber Silbung beS SUtert^umS er* 
neuertc mon auc^ feinen Unglauben unb feine ©ünben. SSie 
e§ im ^Uvu§ au^fa^, ge§t über aUe ©efd^reibung. 2lu(f| päpft* 
lid^e Seomte njte ©uicciarbini fäflen ba§ fc^orfftc Urteil 
barüber. 9tm römifrfien |)ofe toar biet ©inn unb Siebe für 
bie fc^önen fünfte ^errfc^enb, aber hienig 2;^eoIogie unb 
ß^riftent^um. SDiJan fonnte bem Dber^aupte ber S^riften^eit 
ha§ SBort in ben 3JJunb legen: „3Bie biet unö bag ÜKärc^en 
öon ©l^rifto genu^, ift Sitten genugfam befannt", unb nid^t 
minbcr bie anbete 5leuBcrung, bo§ man fic^ beffcr babei be* 
finbc, menn man bie Unfterblid^feit ber ©eele nidit glaube. 
®ie 2)inge ftonben fo, bofe mon e§ für nöt^ig ^ielt, auf bem 
Sateronfonäil be§ ^a^xe^ 1513 ben ©tauben an bie Un= 
fterblid^feit ber ©eete im Sfiamen ber ^irc^e bon iReuem ein* 
jufc^örfen. ^ 

@S mar ein ©egen für bie ganjc Äir^e, ba§ im ©egenfa^ 
ju jenem gebilbeten ^eibent^um StfltienS in ber beutfd^en 
^Deformation ber fitttic^et.@rnft beg ©emiffenS unb beS d^rift«^ 
ticken ©toubenä mit fotd^em SRa^brud feine ©timme cr^ob in 
Sut^er, unb bie ftaffif^e Sitbung, mit bem S^riftent^um eine« 



sSiie beutf(^e SReformation. S)er ®ocxniani5mu§. II 

JBunb fc^Io^ in 2JleIanc^t^on. ^a§ wirfte au(j^ aöf ^itoKen 
«nb erfüllte bie D^j^ofttion gegen bte @ird^e mit rcttgiöfem 

unb ftttlic^em @rnft. 5)ie 9lefonnatton ^Qt ben ®eift ber SSer* 

iteinuttg toett äurücfgetoorfen unb i^n genötl^igt ein onerfennen» 
bc§ Sßcr^altni§ jum rcligiöfen ©louben einjune^men. ÜRel^r 
al§ brci^unbert ^al^re braud^te er, um tüieber ba anjutangen, 
tt)o er jenes Tlal geftonben — nun freiließ bereid^ert mit bem 
©rtrog bcr @nttt)irf(ung bie er injtüifc^en burd^gemod^t 

Setrad^ten toir biefe S3etDegung be§ negatioen ®eifte§ ou§ 
ber me^r ^)ofitit)en religiöfen ©tellung, in bie er äurüdgeworfen 
njor, jur au^gefproc^enen SSerneinung im mobemen Reiben* 
t^um! 

2)ic nöd^fte ©rfc^einung, bie un§ l^ier entgegentritt, unb 
mit Jüctc^er biefe Semeguug beginnt, ift ber fogenonnte @o= 
cinianiömuS. 

Um bie Sleformation^jeit trat nämlich eine 3tei^e unruhiger 
©elfter auf, weld^e bie firc^Iid^e Xrinität§Ie!^re befäm^ften. 
2)iefe ontitrinitarift^e Setoegung erl^ielt in bem StoHener 
gauftug ©ocinuä i^ren flarften, jufammenfaffenbften unb ein- 
flu^reic^ften 5lu§brucf. @r gab (1574) feine auf e^nüc^e unb 
bc^oglic^e Stellung am mebiceifc^en ^ofe öon f^torenj auf unb 
njanbte fic^ nac^ S)eutfd§tanb unb ^olen, loo er ber 9JlitteI* 
^junft ber fogenonnten Unitarier (Seugner ber göttlid^en 5Dret« 
einigfeit) würbe, bie in ^olen unb Siebenbürgen eine focinioni« 
frfie ©emeinf^aft bilbeten unb bon bo il^ren ©inftufe »eiter 
nac^ Seften erfirerften. . , 

2)er ©ocinianiömuS leugnet bie Offenbarung unb bie S33elt 
hti Ucbernatürlic^en nit^t; er ^ält an ber Slutoritöt ber (Schrift 
feft, aber er mod^t fein eigene^ S)enfen jum SJlaMtab aller 
religiöfen SBa^r^eil. Sag SBefen be§ ©|riftent^umg beftefit 
i^m in ber Se^re öon ber Unfterblic^Ieit. 3« biefem 93ei)ufe 
ift S^riftuS erfc^ienen unb auferftonben. Slber S^riftu^ ift 
nic^t göttlicher 9latur. ®ie ©c^rift toiffe nichts babon. ©§ fei 
Icii^ter, fagt bcr ©ocinianer SQSoIIjogen, bafe ber SDlenfd^ ein 
efel otg bo| ©Ott äRenfc^ fei. S)od^ ift (S^riftuS nic^t ein 



12 ' 1. SSortrag;* Ser ©egenfafe ber 38eftanft^auungen. 

öelDö^nlld^er 9Kenj'^. Sr ift ber ©o^n ber Su^öf^Qu, uitb 
ev ift boHfommen fettig unb gerecht unb gottä^nli^, baritm 
«uc^ §um ^errfd^er ber SBett erhoben utib göttlich ju öcrcl^ren. 
tIDaä SBefentlid^e oit i^nt ift alfo fein prop^etifc^eö unb fein 
föttiglid^eä Slmt; fein ^o^enpriefterlidje^ Stmt n)urbc gcftric^cn« 
<5^rifti %ob bient nur jur S3eftätigung feiner Se^re, nic^t jur 
18erfö^nung. 

^er (SocinianiSmu^ ift eine Sßerbinbung fupranaturolcr 
(übernatürli^er) ©lemente mit rotionoliftiftfier 5)en!tt)eife. 

©inen «Sd^ritt hjeiter ouf ber Sol^n ber SSerneinung t^ot 
ter englifc^e SDei^mu^ int 17. unb 18. Sfl^i^^u"i>crt. @r 
ift ein SSerfud^ an bie ©teile be§ pofitiöen ©^riftent^umä bic 
fogenannte notürlic^e 9tetigion ju fe^en. S)en Slnfong tnod^tc 
Sorb Herbert üon ß^erburt) (f 1648); üielc §lnbere wie Siolanb, 
^inbal, SSooIfton, S3oIingbrofe u. f. tu. folgten i§m nod^. (5S 

' toav md)t ein friöoler, fonbern ein ernft fittlic^er @eift au^ 
bem biefe Sfii^tung junäc^ft ^eroorging. (5ö foflte nur eben 
taS 6^riftentf)um auf bie affgemeinen religiö^*fittli^en ©runb« 
lagen be§ Sebenl jurücfgefütjrt Werben. ®ie ©jiftenj ©otteg, 
bie ^ipftid^t feiner SScre^rung, STugenb unb grömmigfeit al§ ber 
loa'^re ®otte§btenft, bie ^f(i(f)t bie ©ünbe ju bereueu unb ju 
laffen, unb ber ©loube an bie göttücöe SSergeltung t^eil^ in 
biefem tfieifä in jenem Seben : biefe fünf ©ö^e finb nac^ ^er* 
bert bie „(Srunbföulen ber reinen Sieligion". SBa§ borüber 
ift, ha§ ift üom Uebet. 

21I§ |)erbert feine ©d^rift „^on ber SGSo^rl^eit unb i!^rem 
Unterfd^ieb bon ber Offenbarung, 1624" öoffenbet l^atte, tüor 

' et ooff 3*öcifel ob i^re Jßeröffentlid^ung gur SSer:§errIid§ung 
Lottes gcreid^en toerbe. 2)a roorf er fic^ ouf bie ^niee, ®ott 
um feine ©rleud^tung barüber anäufle^en : „®ib mir ein ^^it^cw 
tom ^immel; mo nic^t, fo merbe id^ mein 93u(^ unlerbrüden!" 
„^ä) ^aite faum biefe SSorte auggerebet — fo erjä^It er — 
üU ein lauteä unb bo^ jugleic^ fünftel ©etöfe öom |)immel 
lam, feinem ©c^offc auf 6rben glcic^. ®ic^ rirf)tetc mid^ ber* 
mo^en auf unb gab mir eine foIcf)e Sefriebigung, ha^ i^ mein 



@cbct für crf)ört l^ielt.'' SBunberforn! Qüv ^eqianUQunQ einet 
©d^rift tüetc^e atte unmittelbare Offenbarung leugnete, fottte 
©Ott ein unmittelbares 3ei<^cn gegeben ^aben! Unb bofe ®ott 
in S^rifto fic^ geoffenbart \)ahe follen njtr nid^t glauben, hjeit 
roir glauben foIIen ba§ fid^ ®ott bem Sorb Herbert öon ®^er« 
bur^ geoffenbort l^ahel 

©olb ober ging man njeiter unb erflärte allen Offen* 
barungSin^alt ber ©d^rift für felbftfüd^tige @rfinbung ber 
^riefterf^aft unb mi^^anbelte ben fittlid^en ©fiarafter ber bibli* 
frfien ^erfönlic^feiten. SBelc^' eine große ©rregung ber .®e= 
mutier biefe Singriffe l^eröorricfen, erfie^t man aug ber SKenge 
ber Entgegnungen, ©egen Xinbal'S SBerf allein „®a§ ©firiften- 
t^um fo alt aU bie SBelt" finb me^r aU fiunbert ©egenfc^riften 
erfc^ienen. S3alb aber bröngten anbere religiöfe Semegungen 
©ngtanbS, befonberä bo§ Stuftreten be§ ÜJJet^obiSmuä, biefe 
fRiditung in ben ^intergrunb. 

§ier ^abcn roir atfo eine SSerneinung ber Offenbarung; 
ober fie läßt noc^ @ott, Xugenb unb Unfterbli(f)!eit fielen. 

. ©anj anbere ©eftalt na^m bie noturoliftifd^e S^iic^tung in: 
gronfreic^ an. ^itv maxb fie friool, unfittlid^ unb gotteS* 
leugnerifc^. 9luf bem Söoben eines ©pifureiSmuS, roeldEier ba^ 
fittlic^e SGBo^Ifein jum oberften ®efe| beS SebenS madE)te, bitbete 
fid^ "^ier eine freigeifterifc^e 2!en!tt)eife auS, bie, t}on einer 
großen Qaf)l cinftußreid^er ©c^riftfteffer oertreten, bie fReooIution 
borbereiten ^alf. SRouffeau ^ottc jroar religiöfeS ®efüt)f, ber= 
trat ben ©tauben an ©ott, unb f)at roieberljott bie ^of)ett be^ 
ß^riftent^uttiS, ber Zeitigen ©d^rift unb S^fu S^rifti anerfannt; 
ober er jerftörte ben ©inn für boS gef(f|i(^tlic^ ©enjorbene 
burc^ feinen SIraum bon einem Sflotur^uftanbe, in roeld^em er 
atlein bie .^eilung für bie ©c^äben ber menfc^Iid^en ©efellfc^aft 
fo^, unb roel^er bo^ roeber je roirlti^ geroefen noc^ auc^ je 
mögtid^ ift. SSoItoire, beffen SSi^ fein geitatter be^errfd^te iini> 
an tbel(^cn griebric^ ber ©roße f^rieb: „@S gibt nur ©inen 
©Ott unb nur ©inen SSoItoire", miß^onbette mit feiner ©ot^re 
©^riftent^um unb Äirc^e — fein oft roieber^otteS 2Bort war: 



14 1. SSortrag. %ex ©egenfa^ ber SSeltanfc^aüungen. 

„ecrasez rinfame!" — unb ^Q§tc ßl^riftum, beffcn ©turj oom 
^^ron feiner ^errfc^oft über btc ©ciftcr er für bie näc^ften 
Söl^rje^ntc ^irop^ejeten ju föntten glaubte. ®ic fransöftf^e 
(Sitc^flopäbie ^iberots unb b'2ltembertg, bcren ©inftufe ein un« 
gentein großer toax, ni^^te auf bem Soben einer orbinären 
©innlid^feit^t^eorie unb öertrot eine entfprec^enbe orbinäre ®e= 
finnung. Unb um ben beutfc^cn 93aron ^otbad) fontntclte fid^ 
ein ^ei§' öon (SourmanbS, qu§ toetd^em unter onbern matcria« 
liftifd^en ©d^riften \>a§ berüchtigte 93ud^ Systeme de la nature, 
1770, 2 93bc. ^ertiorging, Ujeld^eä bie Slu^fd^Iießlid^feit ber 
3Jioterie prebigt. „'5)er äJlenf^ ift nur aJlatette, ®en!en unb 
SSoffen finb S8ett)egungen be§ ®e^irn§; ber Olaube an @ott 

tüte bie 2[nna^nte ber ©eelenfubftonj beruht ouf einer SSer* 

boppelung ber Statur, auf einer falfc^en Unterfd^eibung jUJtfc^en 
iSeift unb ÜKoteric; öon einer grei^eit bei HRen^d^en !ann fo 
wenig bie iRebe fein aU öon einer Unfterblic^feit ; bie @elbft=> 
Ikhe, bog Sntereffe ift \>a^ einjige ^rinjip be§ ^anbelnS, unb 
bie menf^Iid^e ©efeßfcfiaft bcrut)t auf einem Softem gegen« 
feitiger ^tttereffen!* 

SBeiter abtoärtä fonnte bie negatiöe 9fiid^tung nid^t gelten. 
SSon ber Seugnung ber ©ott^eit ß^rifti mar fie ausgegangen, 
bei ber Seugnung be§ ©eifteS über^oupt mar fie angefommen. 
®ie betoegenbe Wlad)t in i^rcn legten ©rfc^einungcn war nic^t 
ber ©ebanfe, fonbem bie ©efinnung. ®iefe ift ber Soben ber 
(Sebonfen. 

Sn S)eutfd^Ianb tjolljog fid^ biefelbe Setoegung, nur lang» 
fomer, aber grünbli(^er, unb barum au(^ öiet bebenflid^er. 

§ier tpar unglei^ me^r fittli^er Srnft aU in ^ranfrcic^ 
borl^anben; beß^alb leiftete ber pofitiüc @eift auc^ einen öiet 
nachhaltigeren SSiberftanb. 

Qtoax öer^jflonjte ber |)omburger fReftor fReimaruä in ben 
tjon Seffing herausgegebenen fogenonnten SBoIfenbüttler 5rag« 
menten ben englifc^en 55ei§muS in feiner ganjen ©c^ärfc unb 
93itterfeit auf beutf^en S3oben. @einc ^olemif richtete ficö 
jiic^t nur gegen bie ©d^rift unb ben fittlic^en d^orofter ber 



®ie Slufffärung in ®eut)c^Ianb, 15 

biblifc^eu ^erfonen, fonbem oud^ gegen bie ^erfon Sefu felbft. 
^efu $Ian War nur ein ^)ofttifc^er, fein Sßort am ^cuj: mein 
<3ott, mein &ott, hjarum ^oft bu mic^ öerloffen! fprid^t feine 
tjcrjtüeifernbc ^loge über bo§ aKifelingen beffetbcn ou3. 5lber 
bie jünger ^aben nod^ in ber jttjölften ©tunbe ben ijolitifc^en 
^lon in einen religiöfen umgcttjonbelt unb ou§ Sefu^ einen 
religiöfen SW^fiaS gemacht. SlHein t>a§ toax bod^ noc^ ju ftorfe 
^peife; jene Singriffe riefen einen oHgemetnen SBiberfprucf) 
^eroor. Qtoax ttjor am ^ofe gricbri^S n. fronjöfifc^cr Un= 
glaube ^eimifd^ unb tl^eilte fic^ ben l^ö^eren ©tonben mit. 
Slber er befc|rön!te fic^ auf biefe; im ©rofeen unb ©anjen 
vluar no(^ ju öiel alte (S^rcnfeftigfeit üorl^anben. ®em ©eift 

bcr 3eit entfprac^ me^r bie 5luffIorung§rici^tung aU bie bire!te 
iBemcinung bc§ (J^riftcntl^umS. ^ie fc^UjerfäUige fjorm mot^c* 
matifd^er ^emonftration, momit bie SBoIffifc^e ^^ilofopl^ie ben 
<|rifHic^en ©tauben l^atte ftu^en, balb aber erfe^en mollen,, 
öertauf^te man mit bem leiteten ©emanbe beS 9täfonnement^ 
in ber ^opufarp^ilofopl^ie, unb bie ße^re ber ^'ird^e rebu^irte 
man auf öernunftige religiöfe 2lttgemeinl^eiten. SOlan njolltc 
^Religion unb ©ittlid^feit, aber ni(^t haS Sffltifterium. Sflur bag 
Älare ift \>aS SBa^re, Har ift aber nur njaS auf ber §anb 
liegt unb nid^t in ber Xicfe; baS mar ber ^errfd^enbe ®runb= 
fa^ jener 3clt. SD^enbetefo^n benjie^ bog 2)ofein ®otte§ unb 
bie Unfterblic^feit ber ©eelc. S^iarauö boute man fid^ \>a§ ©e* 
böube beä religiöfen ©loubenS auf. 9Rit biefem ©eifte ber Qeit 
fc^Io§ bie Xl^eologie einen S3unb unb proflamirte bie lieber* 
«inftimmung üon Offenbarung unb SSemunft. 

liefen gonjcn bogmatifc§en 93au toarf gmar ^ant, ber 
Äönigsbcrger ^^itofop^, über ben §oufen, inbem er in feiner 
^^tif ber reinen SSemunft" bemie§, ha^ atteS ®en!en nur 
fubjeftiö fei, mir bemnad^ öon ©ott unb bem Ueberftnnlid^en 
überhaupt mit objeftioer ©enji^^eit nid^t§ miffen, fo benn aud^ 
Ootteö 25afein u, f. m. nid^t |)l^itofop]^ifc^ bemeifen !$nnen. 
IRur eine fittlid^e ©ett)i§^eit — jeigte er in feiner „^itif ber 
4)raflifd^en SScrnunfl" — gebe c§ im ©ehjiffen unb feinen 



16 1. SSortrag. S}er ©cgenfo^ ber 3BeItanf(^auungen. 

gorberungen. ®ott, UnfferMid^fett, SScrgeltung finb gorbcrungcn 
be§ ®ctoiffeit§. 2(uf btcfer ©runblage baute er feine ftttlid^ 
SBelt auf. Sern ©ittengefe| ju ge^orc^cn ift unbcbingte ^fli(^t 
für einen Sei>en. ^er fategorifd^e Swipc^a^ö: hu foHft! l^ot 
haä ©äepter gu führen. ®a§ ift bic @ittlic^!eit beS 3Kenf(i^en. 
?5reiü^ toie ©c^iHer i^m entgegen{)ö(t, eine SKorat für ^ecfttc, 
nic^t für bie freien ^inber be§ ^aufeS. "^ Stile SJcIigion 
aber — fä^rt ^ant fort — f)at SBert]^ nur fofern fie biefer 
SDloral be§ ®efe^e§ bient. S)ie ^Religion ift nur eine |)anb« 
\)dbe für bie SKoroI — bie d^riftlic^e Sfteligion ottcrbingS bie 
befte, S^riftuä, roie i^n bie ^ird^e Ic^rt, ba§ ^hcai ber ©ittlid^« 
feit, SBie »eit er felbft, ber SefuS ber ©efd^ic^te, biefeä Sbeat 
üertoirflid^t ^at, fönnen tt)ir nid^t entfc^eiben. ©d^toerlid^ hjar 
er mit bemfelben ganj übereinftimmenb. Slber wir fiaben un§ 
nirfit on ben gef(f)i(^tlic|en ©^riftu§ ju Rotten, fonbem on ben 
ibealen b, f|. on feie ^bee ber fittlid^en SSottfommen^eit. S)iefc 
foflen mir ju bertttir flicken fuc^en im Seben. 

2lu§ biefen (SIementen ift ber 0iotionaIi§mu§ erh)od^fcn, 
metc^er ba§ S^riftent^um auf ha§ 3KaB beä gefunben 3D^enfc^en= 
berftanbeä jurüdffüfirt. ©eraume 3eit ^at er bie Sel^rftü^Ic 
unb ^an^eln bel^errfc^t, unb behauptet nod^ je^t öielfoc^ feinen 
$(a^ in ber allgemeinen refigiöfen ©enfweife. @r l^at eth)a§ 
fittlic^ ©^ren^afte^, aber in ^o^em ©robe 93efc^ränftc§, h)enn 
td^ biefen SluSbrud gebraud^en barf: etn»a§ ^f|ilifter^afteg. 
®r le^rt ©ott, aber einen ®ott ber, öon ber SBelt gefd^ieben, 
nur t)a§ ^ufei^en |at, niie bie SBelt, nac^bem er fie einmal 
georbnet, nac^ i^ren ©efe^en abläuft, äßunber unb SQSeiffogung 
unb unmittelbare Offenbarung überhaupt gibt e§ nic^t unb 
!ann eä nid§t geben, ©ott fann nic^t unmittelbar eingreifen. 
2luc§ ba§ ß^riftent^um ift feine Offenbarung im eigentlid^en 
©inn, :3efu0 (S^riftuö fein SBunber, fonbern nur ber njeifefte 
unb tugenb^aftefte SKenfc^ ber je gelebt, burd^ feine Se^re, 
bie er mit bem 5^obe befiegelt ^at, ber SSo^It^äter ber 
«Wenfc^^eit. 

|)ot ber ©ocinianilmug nod^ ettoa^ Uebernatürlid§e§ in 



ber ^erfon S^fu übrig gelöffelt, fo ftreid^t ta§ ber fRattona« 
liSmuö unb befd^rönft Sllleg auf bic 9JioroI. Slber er lö^t boc^ 
ben perfönlic^en ®ott, bic fittlic^e ^vd^eit unb bie Unfterbtic^* 
feit ber @eele. 

Slber biefc brei ©runbloo^rl^eiten be§ religiö§=fittlt^en S3e* 
hJu^tfcinS ^ebt ber ^antl^eiSinuS auf. Sluf bie ?ßeriobe be§ 
StationaliämuS folgt bie beS ^antl^ei^ntug. SKit -9^ot^mcnbig= 
feit. 'SRan fonnte ni^t bei einem Oott fte^en bleiben ber bie 
2Be(t nur üon außen bettjegt. 

9Bog ttJör' ein ®ott, ber nur üon aufeen fliege, 
3m ftreig bo8 M am Ringer laufen liege: 
3^m|jiemt§, bie SBelt im QEnnern ju bewegen, 
9?atur in <Bxd), <Biä) in 9Zatur ju liegen, 
©0 ba^, »oä in 3^m lebt unb webt unb ift, 
9?ie Seine ^aft, nie Seinen (Seift bermifet.* 

(Sott ift bog fo^mifc^e (SBett*) ßeben felbft, ober bie ott« 
gemeine SSernunft in ben fingen, üon ber SSett ni^t toefen^s 
oerf (Rieben; ®ott unb SBett fiitb nur jmei Slu§brüdEe für bie= 
felbc Soc^e, jtoei Seiten berfetben SBcIt, bie S«itenfeite unb 
bic 2tu|cnfeite berfelben. 2)omit ift freitid^ alle S^ietigion auf* 
gehoben. ®eiin ju biefem (Sott gibt e§ fein perfönftd^e§ SSer= 
^öltniß, ttjcil er felbyt nid^t perfönlid^ ift unb fein ^erfiJnti^e§ 
SSer^öttnil ju un§ l^at. (Si fann eine genjiffe religiöfe @tim= 
mung geben, in »clever ber (Sinjetne oufge^t im Sittgemeinen, 
aber feinen ©touben, feine Siebe, feine Hoffnung, fein ©ebet 
ju biefem ®ott. ^omit ift im ©runbe oud^ bie ©ittli^feit 
oufgef)oben. ®enn e§ gibt feinen freien SBitten. SlffcS üott= 
jie^t fic^ mit innerer SfJotl^toenbigfeit. 2)en Firmen berfelben 
fonn fi(^ fein SRcnfc^ entrei|en. ($r glaubt nur frei ju fein; 
„man gloubt ju f(^icb€n unb man »irb gcf droben", ^e fd^arf* 
finniger (£tncr ift, um fo mel^r erfcnut er h>ie ottc ^onblungen 
burc^ bie Umftänbc bcbingt finb. ®emnad| gibt e^ oud^ feine 
fittli^e SSerontwortU^feit, feine SSergeltung, fein Seben nac^ 
bem Xobe, fonbern nur ein Untergel^en be§ ©injetleben^ im 
ottgemeinen Seben. 

Sutfjorbt, SBorträge I. ll. arufl. 2 



18 1. SSortrag. SJec ®egenfa^ ber SBeltanfc^ouungen. 

®ieje ©ebanfen l^otte Spinoja (ein p&rtugieftfci^er ^nbe 
in ^ollonb, f 1677) ju[ammcnf)ängenb auägef^rod^en; in un* 
ferm ^o^r^unbcrt finb fic burd^ bic ^^itofop^ic bon 9ieucm 
in 93eh)egung gefegt ttjorben. ©ie l^oben ein UmBitbung burd^ 
§egel erführen ; aber hie ©runbtage ift bicfelbe. 5)ic Sofge* 
rungen beraub für Sleligion unb X^eotogic l^at S)Qöib ©trauB 
gebogen. S)urd^ feine fogenonnte ©raubenSle^re ge^t bie Seng* 
nung alle§ Uebernatürlic^en be^arrtic^ ^iuburd^. „^a§ ^en* 
feitg ift ättjor in allen ber ©ine, in feiner (Seftalt als ju« 
fünftigeS aber ber le^te '^einh, nieteten bie fpehilatiüe ^ti! 
äu befämpfen unb njomöglic^ ju- übernjinben f^at" — bamit 
fd^Iießt er. ©eitbem ober ift er nocfi üiel bitterer geworben. 

Stn bie ©teile be§ ^ont^ci§mu3 trot ber 9Kateriati§mug. 
SDen Uebergang be^eid^net 8ubtt)ig j^euerbad^. „®ott hjar mein 
erfler, bie SSernunft mein jttjeiter, ber 9Jlenf^ mein j)ritter 
unb (e^ter ©ebanfe" : in biefen SBorten fprid^t gcuerbad^ fetbft 
furj unb bejeid^enb bie . obfteigenbe S3eft)egung feinet p^üo' 
fop^ifd^en Sen!enS ou§. 5)en SKenfc^en ober meint er in 
feiner empirifc^en finnlid^en SBir!tid^!eit. 2)ie ^l^ilofopl^ie hjirb 
ifim §ur SSiffenfd^oft bon biefem finntid^en 9Jienf(^cn, njtrb 
Slnt^ropotogie. 5(tte ^Religion ift ©elbfttöufc^ung , eine 58er« 
irrung beS menfd^Iid^en ©eifteS. S)ic ^b^e ®otte§ ift nur bie 
Sbee beS $0lenfd)en bie ber 2Jienfd^ fi^ gegenftönblid^ mod^t 
unb jur S3orfteIIung eines befonberen SGBefenS berbid^tet, auf 
toeld^cS er bann bie ©igenf^oftcn feiner eigenen SJotur in 
bergrö^ertem SKo^ftobe I)öuft. @id^ fetbft bemnoc^ benft er 
inbem er ®ott ben!t. „SDer SJienf^ f^uf (Sott nad^ feinem 
^ilbe." 2lm 3Jienfc^en ober finb bie ©inne SltteS; fie finb 
alle S33irfli^feit unb SBa^r^cit. 2(uf biefen ))(|iIofop'^ifc^cn 
©ö^en rut)t ber äliaterialiSmuS; unb er gtaubt fie burc^ bie 
%^at\ad)en begrünbcn ju !önnen. da gibt feinen (Seift, feine 
©ee(e, olleS ift nur 5^^ätigfeit beS ©toffeS: bo§ ift feine SBeiS^eit. 

®ie^ ift boS (Snte ber (Sntttjidlung. darüber ^inauS» 
^ugetien ift ntc^t mögtid^. aO^on ift im ©umpf ber ilRatcric 
flngefommen. 



Sie l^errfc^enbc ©enfweifc. ®er ©egenfa^. 



19 



S)ie !^err|d^enbe ®cn!tt)eij'e nun ift ein ^robuft aller 
i)iefer öerfd^iebenen ©leöiente, tueld^e gefc^td^ttid^ nad^einanber 
aufgetreten finb unb im ©eifte be§ gegenttjörtigen ©ef^teö^tS 
ft^ abgelagert unb ©puren i^rel S)ofein§ jurüdEgelaffen ^aben. 
iBalb tritt ta^ eine, balb tritt baS anbere ©tement ftär!er 
l^eröor. @o oielgeftoltig bie l^errfc^enbe 2)enfroeife aber oud^ 
ift — , fie f)at hod) dtoa§ ©emeinfonteS in i^rer 9li^tung unb 
i^at ein gemeinfomeg ^rinsip. SBorin befielt biefe§? ©uijot 
iejeic^net e§ aU bie Seugnung beö Uebematürlid^en.» Unb 
«Herbingg, bie grage beä' Uebernotürlid^en ift bie^grage ber 
^egenhjort. SRenan fagt einmal: man mu^ fid^ gar nid^t ein* 
Xaffen mit bem Uebernatürltd^en ; bamit mu^^man fertig fein. 
SJian fd^Iie^t ah mit ber natürtid^en Drbnung ber ^Jinge. SBir 
tonnen fagen: haS ©emeinfame jener ©enfroeife'^ft, ba§ man 
t)ie SBelt, ben ^o§mo§ jum ^rinjip mac^t. Sie SBelt aber ift 
^meifeitig: ©eift unb aJlatcrie. 93atb mirb bal^er mel§r ber 
©eift, balb mel^r bie 3Jiaterie betont; bie fßi^tung ift batb 
me^r ibealiftifd^, batb me^r realiftifd^, Balb ebter, balb orbi* 
itSrcr. 5lber immer ift bod^ ber ^o§mo§ ha^ ^rinjip. S)a§ 
fteÖt fid^ in ber< gef d^id^tlic^en ©ntmidftung immer entfd^iebener 
^erauö. 2)er S)ei§muö l^at ©ott nod^ ftel^en laffen, aber er 
l^at i^n in ben ^lu^eftanb öerfe^t; ber ^ant^ei§mu§ l^at il^n 
tnit ber SBelt oermengt, ber 3KateriaIi5mu§ 'i)at i^n böttig öer= 
Ttcint. 2ßa§ man bagegen geltenb mad^t, ift bie SBett, ber 
^cttgeift, haS SSettleben, bie SBeltmaterie. »" 

hierin li^t ber ©egenfa^ gegen bie d^riftlic^e SBelt« 
öufd^auung. tiefer ift ©&tt boö ^rinjip atter 2)inge, ha^ 
^rinjip ber SSelt, be§ aJienfd^en, feines ©eifteS unb feiner 
Wiaterie. ^ie c^rift(i(^e SSeltanf^ouung ift entfd^ieben t^eiftifd^. 
^arum l^anbett e§ fic§ alfo, ob ©ott ober bie SSett ta§ ^rinjip 
unb ha§ 3cntmm aller S)inge unb fomit auc^ unfrer ®e= 
bahfen fein fotl. Unb barin liegt bie eminent prattifc^e 93e= 
beutung biefeS ©egenfo^eS. @r ift beftimmenb für bie gonjc 
Oebanfenrid^tung. S)ie SSorauSfe^ung aber unb ber befttmmcnbc 
iBetneggrunb ber öerfc^iebencn ^enftueife ift nic^t junöc^ft eine 

2* 



20 1. SSortrog. 3)er ©egenfo^ ber SBcItonf(^ouungen. 

öerfd^iebenc ^^itofo|)f|te, ein berfd^iebcneä S)enfcn, fonbent 
eine öerfd^iebene @inne§njei[c. dB ift öie ©efiunung unb bie 
fRid^tung ber @eele unb beg ^ersen^, toelc^e im legten Omitbe 
beftimmenb ift für bie 9iic§tung ber ©ebanfcn unfereS ©eifteg. 
S)enn c§ ift ein ©egenfa^ ber Sebcn^rid^tungen, ob nton bte 
SSelt für ha§ ^ält toaä un§ ein ©enüge t^ut, ober bcn leben» 
bigen :perfönlicf)en @ott. 



-Bitleiter Öuttrag. 



3tüet gro^c SBettanfc^auungen ftc^en einonbcr gegenüöer. 
^eht SSeltanfi^auiittg tft ber SSerfuc^, bo§ gro^e 9fldt^fel be3 
"SafeinS gu löfen unb bie Slntnjort auf bie t^i^age otter S^agert 
^u geben. 2)tefe§ fRöttifel ift bie SBelt, ber SJlenfc^ felbft. 
55)Qg ^a[cin f eiber baS uǤ umgibt unb ba^ toir leben, ift bie 
groge. SBir fe^en ein ©ebiet be§ ®eifte§, hjir fe^en ein ®e« 
tiet ber 3lotur. SSo^er ift bie SBelt be§ ©eifteä unb ber 
Ißatur? SBol^er finb bie ©efe^e bie in i^r walten? Unb 
too^n, ttjarum ift biefe SSelt? ®iefe§ fo§mif(^e ^afein ift eine 
t^roge bie an un^ ^erontritt unb ber njir un§ lüd^t entjiel^en 
fönnen. 

aJJon ontiDortet: ®ie SBelt bie un§ umgibt ift eine Stufen« 
rei^c auf ben SWenfc^en l^in. ©o tft ber SOlenfd^ bie Stnttoort 
ouf bie Sroge, meiere bie SSelt ift? 9lber ift ber 9Kenfc^ nid^t 
felbft bie größte aUer fragen? ^ft er nid^t haS njiberfprud^ä* 
Dofffle atter SBefen? ©ein Sßer^Itnil jur SBelt ift ein SBiber* 
fpruc^, fein SSerl^ältniB ju M felbft ift njiberfprud^StjoII, er ift 
«in geborener Söiberfprud^. \ Unb mä)t blog fein natürlid^cä 
^Qfcin, no(§ me^r feilt fittliie^ ©ein ift boUer SBiberfprüd^e. 
^iefe t^roge lö^t un§ nii^t rul^en. SBir fönnen nid^t uml^in 
no^ ber Sintttjort ju fud^en. H^on jel^er ^ot man barnod^ ge« 
fuc^t. Sitte ^^ilofopl^ien, otte ^Religionen finb ein Jßerfuc^ ber 
iBeantttJortung. %aS ^nttve^e ift nid^t bIo§ ein intetteftuctteS, 
<§ ift ein fittlid^eä, nid^t bIo| be§ SBiffenS fonbern be3 @e« 
lüiffenS. ©g ift ba§ innerfte 93ebürfniB be§ ^erjenö borüber 
in'ä fReine ju fommen. 



22 2. SSortrog. S)ie 2Btberfprü(^e bei %a\eini. 

Setrad^ten Juir ha§ Problem, um ju fe^en tüo bie Stntttjort 
liegt! SSir fielen in ber 2BeIt. 2)ie ejiftenä ber SBcIt ift 
eine S^age bie fid^ unfrem ©eifte aufbrängt. SBo^er ift fie? 
Äein benfenber SWenfc^ !ann [lä) biefer S^age entjie^en. ®cr 
^Qnt^ei^mug ontttjortet: fie ift öBtt fic^ felbft; bie ©ubftanj ift 
emig, fie ^ot fic§ aU SSelt gefegt; boS ©ein felbft ift ber ®runb 
biefe^ S)afein#. SIber wo^er ift 6iefc§ ©ein? S)er ^ant^ciS» 
mnä antnjortet: e§ ift eben. %ev ®mnb ber (Sfiftenj ifl bir 
©jiftenj felbft. 5)a§ ^eigt: ber ^ont^eiSntu^ tt)et| feine Slnt* 
njort §u geben. Slber follen toir aufhören ju frogen, ioeit ber 
^ant^eiömuä aufhören ntu^ ju antworten? 

Stber nic^t bIo§ ber Urfpmng ber SBelt ift ein Problem;: 
nid^t minber ift baä gan§e »irflid^e ^ afein ber SBelt unb^ 
ber aSerlauf i^rer ©efc^ic^te öotte'r 9flät^fel. ^errfc^t bd§ ®e* 
fe^ ber 9Jot^n)enbigfeit in berfelben ober bie grei^eit? S33oIten 
©efe^e, fittlic^e ©efe^e barin ober SBiöfür? Salb erfc^eint c^ 
unö fo, balb roieber onber^. SBer fonn gleic^giltig biefent 
»ed^feloollen ©etricbe be§ S)afein§ gegenüberfte^en ? Slber tocr 
toill bie Slnthjort geben? 

Unb ooflenb0: SBarum ift bie^ SlHeS? S)ie grage nac^ bent 
SBaram ift bie l^ödifte aller fragen, bie fid^ bem menfd^Ii(^en 
©eift am meiften aufbröngt, beren fic^ ber SJienfc^ am hjenig»^ 
jien entfrf)Iagen fann, bie feiner ou^ am mürbigften ift, unb 
bie er bod^ jugleic^ am toenigften ju beantmorten öermag. 
SBantm ift über^oupt (£ttt)o§? toarum ift nic^t 3lid)t§? ^at 
ia^ ©ein einen S^^^r ^iit 3icl, eine 93eftimmung? 2)er^on* 
t^ei^muä !ennt nur eine Urfac^e, einen Urfprung, aber fein 
3iel unb feinen Qmeä. 2Ibcr biefe Srage nac^ bem SQSarum 
Iä|t fi(^ nic^t jum ©(^toeigen bringen, ©ie ift bie Srage beg 
geijtigen ^ntereffeä^ fie ift bie ^öc^fte Slufgabe be^ gorfc^en^^. 
fie ift ber eigentliche 2(u§brucE be§ 2)enfen§. ®er aJZenfc^ mu^ 
aufhören ju benfen, »cnn er ouf^örcn foll nac^ bem S33arum 
au fragen. 

©0 ift bie SBctt nad^ Urfprung, S)afein unb S^^^ ""^ 
grage bie bem menfc^üc^en ©eifte gefteHt ift. 



Sag fRät^fel bed Sa|eing. 23 

SKon fann anttoorten: ber SWenf^ ift bie Slntioort. — 3f* 
ber 2Kenf(^ tüirÜic^ bie Slntiport? aSiellei^t auf bie i^xa^e 
Txaä) bent SBarum. StBer Qud^ auf biegroge: SBo'^er? ©trau§ 
meinte jtüar, ber SWenfc^engeift l^obe „at§ betDufetlojer Sf^atur* 
geift" bie SBelt „ge[d^affen, bie SSert)äItniffe ber ©eftirne ge= 
orbnet, bie @rben unb aJJetaHe geformt, ben organifd^en Söou 
ber ^flonjen unb 2:^iere eingerid^tet". ' Stber ein jeber SSer« 
ftänbige mirb jagen : ba§ ift SBofinfinn. 

Unb wenn ber 9J?enfd^ aud^ bie Stntloort ift ouf bie Silage 
nad^ bem SBarum — ift er ni^t felbft bie groge aller fragen? 

©d^on boS SSerl^öItnife beä SD'ienfc^cn jur SBelt ift 
ein innerer SBiberfpruc^. ®er 8. ^falm fc^ilbcrt biefen SBiber« 
fpruc^. — ^SSBenn icf; anfe^e ben ^immel, S:;einer ginger 
Serf, ben SRonb unb bie ©terne, bie 2)u bereitet — too§ ift 
ber SD'Zenfc^ bo§ 2)u fein gebenfeft, unb ha§ 3Jlenf^en!inb ba^ 
2)u S)i(^ fein annimmft?" (5§ ift ber ©egenfa^ ätuifc^en D^n- 
mad^t unb @rö|e, jttjifc^en .§o^eit unb S^ebrigfeit, beffen 
©mpfinbung ber ©önger au§f|)ric^t. 2)em Unioerfum gegen* 
Über ift ber äRenfc^ ein Sttom, ein oerfc^toinbenber ^unft, 
ein ?iid^tg. Unb boc^ ^at er bog ftörffte ©efü^t ber ©el^^— -— 
ftänbigfeit unb ^o^eit gegenüber ber SBelt. @r mufe jeben 
Slugenblitf fürchten oom Uniöerfum öerfc^Iungen ju ttjerben, 
in biefem großen ^eex njogenber Gräfte unb aJiaffen unter« 
jugel^n. Unb boc^ erl^ebt er fid^ in feinem 93ett»UBtfein ftolj. 
über \>ai Uniöerfum.- SBBie o^nmäc^tig ift ber SJlenfc^! „da 
ift nid^t fflotf) — fogt ^a^tal^ — ha^ ha§ ganje Uniöerfum fi^ 
njoffne um i^n ju oernic^ten; ein §aud^, ein Xropfen SBaffer 
genügt um i^n ju tobten. Slber menn autf) bo§ Uniöerfum 
i^n öernid^tete, märe ber 9Kenfd^ bod^ größer; benn er tt)ci§ 
bo^ er ftirbt, aber ba§ Uniöerfum meife nid^t ha^ eS i^n öer* 
nid^let." La pens^e fait la grandeur de l'homme. „5)er @e= 
bonle ift eg, ber bie ®röBe beä SOlenfc^en ausmacht.'' Slber 
ift biefer Oebanfe aud^ eine SIRac^t gegenüber .ber Seit? ^er 
SWenft^ ^ot ein ©efü^l ber grei^eit, uttb boc^ fie^t er pc^ 
überofl bebingt, ob^dngig, gebunben öon ben geringften unb 



24 2. SSortrag, S)te 2Biber}p-ü£^e be3 ^Jafein?. 

materieaften aj?äcf)ten. ©r ift einer 3^ot^tt)enbigfeit untertuorfen, 
uitb boc^ mit bem ©efü^t ber fVrei^cit begabt. 9Bie töft fid^ 
bicfer SSibcrfpruc^? S)og SScr^öttni^ be§ aj^cnfc^cn jur SBeft 
ift ein innerer SSiberfpruc^, 

216er ber 9Kenfc^ ift felbft ein folc^er. SSelc^eä 3Keer bon 
SSiberfprüc^en ift ^ier bereinigt! ®ie S33iberfprüc^e ber 6r« 
fenntni^, beä ®efü^I§, beg SBitten^, beä ganzen ®afein§. 

Sm ^UJenfc^en ift ein |>unger nad) Srfenntnife, nad^ 
SSa'^rl^eit, nad) ®ert)i§§eit. Unb boeI| nid^t^ aU UngelöiB^cit. 
SSa^ @oet{)e im ^^auft gebid^tet ^at, ift nit^t eine abenteuer* 
li^c Uebertreibung. ©§ ift in unä Sitten ettt)a§ bon jenem 
xinerfättric^en junger naä) ©rfenntni^: 

^afe ic^ erfenne toaS tie Söelt 

^tn 3n"crften jufammen^äU, 

Sc^au' oOe äBtrfungifroft unb Samen 

Unb t^u' ni^t me^r in SBorten framen — 
ober nur um l^injujufügen : 

Sag tüiH mir fixier ba§ §erj üerbrenncn, 

5)a§ toix ntc^tg Sle^teä roiffen fönnen. 
„SBir taften ettjig an Problemen — fagt ®oet£|e einmal — , 
ber äJienfd^ ift ein bun!(eg SBefen, er toei^ menig üon ber 
SSctt unb am wenigften öon fic^ felbft.'' 3 ^n un§ Sitten ift 
t>a^ SSerlangen ju njiffen. 2)iefe§ SSerlangen greift über bic 
©renjen beffen, lüo§ für biefe§ irbifd^c unb leibliche ©afein 
not^wenbig ift, toeit t)inou§. 2Bir tootten rtiffcn — nid^t 
bli^ um ber praftifd^en ©rgebniffe mitten bie wir Oerttjertl^cn 
fönnen. (S^ h)äre eine Grniebrigung unferer 9totur, bcn S^rieb 
ber ©rfenntni^ barauf einfctiränfen ju ttjotten. „Songc e^c 
man ein SBort öon ^^t)ft! wu^te, lange e^e bie S^emie 
entftanben iror, fragten bie SBeifen attcr Seiten nad^ bem 
Urfprung atter 2)inge, nad§ bem legten Qkl be§ SScltottS."* 
.^aben fie bie Slntnjort barauf gefunben? Unb ttjiebcr:^olt ftd^ 
nic^t biefe ©efc^ic^te be^ men[cf|lic^en ©cifte^ noc^ tagtogtid^? 
2Sie nun? (Sott baä Soo§ be^ aOflenfc^en fein: na(^ ber 
^a^r^cif frogen muffen unb fie nid^t finben fönnen? immer« 
tar lernen unb nic^t jur ©rfenntni^ ber SSa^r^eit fommcn? 



3)te SBtberfprücöe ber @rfennlni§. 



25 



Dber fott eri fid^ mit jenem leibigen Xrofte begnügen, mit 

toelc^em ^ep^i^io ben ^au\t ju beruhigen fud^t: 

D| glaube mir, ber manche taufenb ^aljve 

?lh biefer l^orten ©peife fout, 

®ö6 Don ber SBtege biä jur 93a^re 

Ätin SKciifc^ ben ölten Sauerteig oerbout — ? 

i 

Unb bod^ fonn e3 ber 3Jlcnfd^ nic^t (äffen baran ju nagen, 
«nb mü^tc er ftc^ atte Qai)ne boran Qu§bei^en. 

Slber hai ift eä nid^t ottein, 

®er 9Jlcnf(^ !^at ein SSerlangen naä) 8eligleit. (Et be« 
geirrt ein l^öc^fteS ®ut, ttjeld^eS i^m öoHe (Senüge gäbe unb 
fein l^öc^fteä innere^ SöebürfniB ftitite. @r fudit e§ in aUen 
Gütern bte biefe (£rbe i^m bietet, unb finbet e§ nid^t. @r 
ftrebt nad) ®(üd, unb füf)It fi^ hod) elenb.^ 9^ur ber SJlenfdö 
ftrcbt nad^ ®(üdE, unb nur ber^aJlcuf^ ift uuglüdflid^. SSir 
fud^en ettoaä §ö^ere§ ai€ föir felbft ftnb; unb weit njtr bit^ 
nid^t finben, finb tt»ir unglüdEIii^. SSir beMeiben Sä§ @nblid§e 
mit bem ©d^ein be§ llnenblidEien ; aber ber @(f)ein verrinnt 
üor unfern klugen. SBir fpred^en bon einer ewigen Siebe, 
tjon einem unenblid^en ©d^mers, tjon einem unfterblicficn 
fHü^m — aber finb bo0 mel^r aU SBorte? 2Bir finben bte 
Unenblic^!eit nid^t in ber ©nblid^feit. SSir fielen in ber SSelt 
l)e§ 6nblid^en> aber mir fragen nod^ bem Unenblii^en. SBir 
-ge^en über bie 2Be(t be§ S^itli^en unb ^rbifc^en ^inau§ unb 
ftrebcn mit unferer ©e^nfu^t in bie emigen fernen. SBir 
fud^en ©Ott al§ unfer ^ö(^fte§ ®ut — "benn ttiir finb für 

©Ott gefcöoffcn; biefer 3u9 itt un§ ift unou^tilgbar. Unb 
l)oc^ — mo ift ©Ott ju finben? ©r öerüert ftd^ in'ä 'Sunfet. 
Unb mieberum, jenem 3nge ju ®ott miberftreitet in unS ein 
anberer, ber un§ tJon ®ott abjie^t. SBir tragen Sitte in un^ 
«in ge^eimeä SSSiberftreben gegen ®ott, Unb bod^ ftnb h)ir 
für ©Ott! Si Thomme n'est fait pour dieu, pourquoi n'est-il 
heureux' qu'en dieu? Si rhomme est fait pour dieu, pourquoi 
«st-il si contraire ä dieu? „gft ber ajienfd^ nid;t gefd^offen 
für ©Ott, jparom ift er nur glütflic^ in ©ott? Sft er ober 




26 2. SkrtTog. %it 2Btbery))rü(^e bei %a\ein§. 

ge^dEioffen für ©ott, lüarum ift er fo boH SBiberftreben gegeit 
©Ott?" „58ergeBen§ fuc^ft bu, o f£fltn\äi, in bir [elber bie- 
Teilung für bein @Ienb. Stile beine Einfielt fonn nic^t tueiter 
aU bi§ ju ber 6rfenntni§ gelangen, t>a^ bu «t bir felber 
Toeber bie SBa^r^eit noc^ bo^ mo^re ©ute finbeff. S)ie ^^ilo* 
fopfien ^aben e§ bir öerfprorficn, ober i^r SSerfpred^en nic^t 
Italien fönnen." ^ Unb bo(^ fönncn tt)ir e§ mrf)t loffen bar* 
nad^ SU üerlangeu. „SJZein gan§e§ ^erj brennt barnac^, jit 
wiffen, njo- ba§ loal^re @ut ^u finben ift. Stic^t^ fottte mir 
ju ttieuer fein für bie ©wigfeit," " „2Bir fernen un§ nad^ 
SBa^r^cit, unb finben in ung nic^t§ aU Ungemife^eit. S33ir 
fuc^en nad^ ©lüdf, unb finben nur ßtenb unb 2ob. SSir finb- 
unfäl)ig unä nidjt na^ SSa^r^eit unb ©lücf ju fefinen, unb- 
finb ho6) ju beibem unfähig. 2!a§ SSerlangen ift un§ geloffcn 
nur um un§ gu ftrafen, um uu§ füllen ju laffen moöon mir 
t,iifallen finb." '^ ^ilber eben barin, "ba^ ber SRcnfd^ ein ®e» 
fü^t feines ©lenbS ^at, befte^t feine ©rö^e.'^ La grandeur de 
rhomme est grande en ce qu'il se connait miserable; il est donc 
miserable puisqu'il Test; mais il est bien grand puisqu'il l» 
connait. „5)ie ©rö^e be^ 3Jienfc^en befielt in ber @rfenntni§ 

feinet (BUnbi; er ift alfo elenb, meti er e§ ift; aber er ifi 
gro§, meil er eS meijs." „Stiemanb ift ungtürflid^ barüber 
ba% er fein Sönig ift, aU ein entthronter Äönig." ^ ©o ift 
in un^ ein SBibcrfpruc^ ä^ifc^en Scgc^rcn unb ©rreic^cn. S5q* 
S3ege^ren felbft ift eä mo§ unö unglücfUc^ mac^t, unb bodE) ift 
gerabe biefe^ baä Seiä)en unfrer ®rö§e, aber einer gefoIIeneÄ 
©röBe. 2Bo liegt bie Söfung biefeä mtf)]eU? ^^ 

Slber e§ ift nic^t bIo§ bie ©rfenntnife unb bie ©mpfinbung^ 
cö ift auc^ ber SSille, mcld^er fic^ in einem folc^en SBibcr» 
fprut^ mit fid^ felbft befinbet. 2)enn mic boS SSerlangen nac^ 
ber SSal^r^eit im SKenf^en ift, fo aud^ ein ©trebcn nac^ 
bem magren ©uten, ein 3u9 ä"^ ©ittlicöen unb ein SSer» 
langen nad^ fittlic^er greitjeit. Unb boc^ liebt ber SD'ienfd^ ta^^ 
Unfittüc^e. ©ein SSille ergebt firf) jnm ©bleu im Stuffc^ronng 
über ha^ Unfittlid^e unb ©emeinc, unb boc^ »ieber Iö§t er 



%ie Stbcrfprüc^e beä Ocfül^II unb be§ SBitfenö. 2T 

fid^ üon ber äJlad^t beffeI6en ^erabjie^en. 3^^^ rü^mt ©oet^e 
oon ©(Ritter: | 

Unb l^tnter i^m, im tnefenlofen ©c^einc 
Sag toaS 9(Qe bänbigt, haS ©eineine. 

Unb getüi^, ©exilier wax oott ^o'^en, eblen Strebend. 2l6er fpßte- 
er oHein frei gettefen fein t)on bem Soo§ oller ©terbfid^en, 
über bie ©c^wa^^eit unfrer fittlii^en S^lotur flogen ju muffen? 
Unb gerobe biejenigen, ttjeld^e om meiften üorongefc^ritten finb 
auf bem SBege ber ©ittlid^fcit unb |)eiligung, flogen- am 
meiften über bie Entfernung, bie fie nod^ öon i^rem Qkie 
trennt. @in ^eber mu§ einftimmen in biefe ^loge. 2Bir 
muffen ?llle bie Tlad)t ber Seibenfd^oft erfahren. Sßie fie ben 
SSerftonb überrebet unb betrügt, fo ouc^ unfern SBillen. 2)er 
SBille ift baä Xieffte unb ^öc^fte im SJlenfd^cn, eine unoer» 
glei^Iic^e 2JZac^t, möditig genug eine SGBelt in 93ronb gu 
ftcrfen — unb bod^ njieber, toie o{)nmäc^tig ift er! 2Bie gering 
ift oft bie S8erfu(f)ung , bie i^n in einer fc^roodien ©tunbe gu 
gaü bringt! SG3ie o^nmäd^tig ift er gegenüber bem eigenen 
^crjen ! icie gebunben bon ben Sfieigungen, ©ewo^n^eiten, ©e* 
lüften, ©c^roac^^eiten ber 3fiatur! da ift bo§ ^öc^fte ttjoä ber 

iUienfcfi fogen fann: id^ mifl! 9l6er mie feiten ift e§, ba§ er 
njirflid^ roill ! @r mö^te »ollen, unb bod^ fommt t§ nid^t jum 
ttjirf liefen SSJoIIen. (£in f (einer @ott ift ber SDlenfd^ burd^ feinen 
SBillen, unb boc^ njiebcrum ift er ein ß*ned^t oflcr 2)inge unb 
feiner eigenen Statur. „@rfenne ba^er, bu ©toljer, melc^eg 
^arobojon bu bir f eiber bift!"i' 

$)aö ©efü^I biefer SBiberfprüc^e unb b^a§ Unöermögen 
fie ju löfen ift e§ voa§ ju allen ß^iten fo biete fd^merjli^e 
S'Iogen über ben Jammer be§ Seben§ ber Sruft ber 9Jienfd^en, 
i^rcr ^ic^ter unb Genfer, er^refet l^ot. S)enn ha§ eine 'SRai 
greift ber ÜKenfc^ im ftolgen ©elbftbemu^tfein ober im tro|igen 
Uebcrmut^ noc^ ben ©ternen unb möd^te ben ^immet ftürmcn, 
ba§ onbere SRoI liegt er im ©taube, unb mie oft im ©d^mu^et 

Xie Xidfiter oller ßcitcn flogen borüber. 2)ie Äloge ift 
nic^t etJoa bloB bog @räeugni| einer ungefunben Kultur, ml6)e 



"28 2. SSortrog. ®te SBiberfprüc^e be§ S^afeinä. 

IBebürfniffe unb SSünfd^e ^eröorruft, bic "fie ni(^t ju befric» 
^igen im Stonbe ift. SSietme^r gerobe burc^ \)a^ SSoMicb, 
biefe unmittelbarfte Sleu^erung be§ natürti^cn S8oIf«geifte§, 
^e^t ber Xon ber fd^roennütl^igen ^lage ^tnburd^. Unb eben 
f)ierin liegt baä ©rgreifenbe biefer Sieber unb SBeifen. »^ Unb 
nic^t allein bei SSöIfern, toeld)e etwa üon ^Ratur jur ©d^njer« 
mut^ geneigt finb, finben toir e§ fo; aud^ bei bcn SSöIfcrn, 
lüelc^e ben ^eüften ©lid unb bie üoafie empfängtic^fcit für 
ha§ Seben unb feine ©üter unb greuben l^atten, bei ben 
<5)riec|en üoran. 

©d^on ber alte ^omer flogt: 

^enn ni^t§ STnbereä ja ift jammerbotler auf (Srben, 

m§ ber «Wenf^, üon ?lllem tra§ Seben ^aud^t unb [ic^ reget." 

Unb be§ 2:^eogn{§ SSort, ha% bo§ iBefte für un^ fei, nie ge* 

fioren ju lüerben ober luentgften^ fo bolb aU möglich nac^ 

t)er ©eburt gu fterben, toieber^olt ftc^ in immer neuen SBen» 
bungen. Um bie Sßette fc^ilbern bie 2)ic|ter bie Uebel be3 
SebenS in ben öerfd^iebenen ©tobten beffelben, öon ben X^or» 
l^eiten ber i^ugenb an bi^ jum traurigen*StItcr, „aller Uebel 
©ammelort", fo bo^ benn fein SSemünftiger begehre biefc^ , 
Seben nod^ einmol ^u leben. Unb felbft ein ^liniuä, fonft 
furj unb gebrungeit in feiner 9tebe, Ujirb berebt, wenn er ba3 
menf^Iid^e ©lenb fc^ilbet. UnglürfUdjer aU alle anberen ®e= 
fd)öpfe ift i^m ber OKenfd^. S)enn ollen onbern gettwi^rt bie 
IJJotur h)Q§ fie braud^en. 5lber beim 9Kenfd^en „fonn man 
nic^t fi^er entfdieiben, ob bie ^atux für i^n eine beffere 9Kutter 
ober eine böfere Stiefmutter getoefen". Stl§ boö ptflofefte 
t)on ollen ©efc^ö^jfen tritt er in bie SBelt, mit X^ronen he» 
^rült er ben Xog feiner ©eburt, ju oHen mögttc^cn Seiben 
luirb er geboren. „(&§ gibt nid^tS (glenbere§ unb boc^ jugleid^ 
^o(^müt§igcre§ a\§ ben 2Jienf(^en. — Unter fo t)iclen unb fo 
großen Uebeln ift e§ noc^ boä 93efte, ba§ er fid^ baä Seben 
nehmen fann." '■* 

©ollte ba§ ttjirflid^ bie fiöd^fte SBei^^eit fein — ber ©elbft» 
morb? Unb fottte bo§ bie Söfung oller 9lätl^fel fein — ber 



Unb boc^ ift 
S)enn er ift 



^a§ fRät^fel bei 2eben§. ^aB fRfitl^fel bei %obeS. 29 

Xob? SBie fonn baSienigc unfer 25enfen befriebigen, tüa§ bod^ 
öon unfrcm fittlic^en Settju^tfein oerbammt toirb? Unb ttJie 
fonn baSjenige boS fRätl^fel löfen lüoflen, tuaS fetbft ba§ größte 
9iät^fel ift! igügt boc^ ber Xob su ollen ben 9lot^feIn, ttjeld^e 
ber SRenfd^ in fic^ trägt unb n)e((f)e fein ßeben in fic^ fc^Iie^t,. 
im ©runbe nur nod^ bo§ größte ^inju. ®enn toit ber Xoty 
bQ§ ©ettjiffeftc ift, fo ift er auc^ bo§ Ungeloiffefte. S)enn — 
um mit ^a§far§ SBorten ju rebcn — „Sltteä h)a§ id^ mei^, ift 
bafe ic^ bolb ftcrben muB ; ober bo^ tuag ic^ om toenigften luei^, 
ift biefer Xob felbft, bem irf) boc^ nid^t ju entge'^en mei^." '^ 
er jugleirf) bo^ ©rnftefte toa§ e§ für un§ gibt, 
ber Slnfang einer ©luigfeit — fei el ber ^er« 
ntd&tung ober einc§ anbern Seben§. @§ liegt bod^ ein ex^ 

fc^ütternber ©rnft in ber @ett)i§l^eit: bu mufet fterben! — 

Seben mir fort ober ntc£)t? SSir muffen e§ miffen. Unb nfenn 
mir fortleben — mic leben mir fort? glüdüdl ober unglüdEIid^ ? 
SSir muffen e§ miffen, benn e§ ^onbett fid^ um eine (groigfeit. 
S5iefe Sroge ift bon fold^em ©emid^t unb ge^t un§ fo no^e 
an, boB man olleg ©efü^I öerloren ^oben mu% um bogegea 
gtcid^gittig fein §u fönnen. Se nad^bem mir ein emige§ Seben 
ju hoffen l^aben ober ni^t, nimmt unfer 5)enfen unb X^uu 
not^menbig eine gonj öerfd^iebene 9iid^tung on, fo ha^ t§> ganj 
unmögtid^ ift, ba§ S[^er:^alten feinet Seben§ mit Ueberlegung 
5U beftimmen, oBine e§ na(^ biefem legten ®efid^t§^un!te ju 
beftimmen. '»^ * 

^ur^: biefe§ ganje S)Qfein ift ein fRät^fel, melc^e^ feine 
Söfung forbert SBir fönnen unö biefer grage nic^t entjie^en,. 
benn eg ift bie grage unfrei Seben§. (£§ mufe eine 3lnfmort 
barauf geben, unb mir muffen bie Slntmort finben fönnen. 
SBir muffen biefer Slntmort gemife fein, menn mir ru^ig unb 
fidler fein fotten. ®ie SSett fann nid^t bie Stntmort fein. %it 
SBeltanfc^auung, welche bie SBelt jum ^rin^ip moc^t, fonn nic^t 
bie richtige fein. ®enn bie SBelt ift eben ba§ 5Rät^feI felbft. 
3ft ber aJlenfc^ bie Slntwort ouf "t^a^ üiät^fet ber ©p^inj? 
Slbcr ber SWenfc| ioirb felbft jur @))^inj. 2Ber löft bann. 



30 2. SSortrog. 3)ie SBibetf^tüc^e Deg S^aJeinS. 

5)iefe§ Siät^fel? S)ie c^riftlici§c SBeltanfc^auung oerfid^ert ha^ 
löfenbe S33ort ju beft^cn, inbent fte un§ an ©ott unb bett 
SSiUett feiner etoigen Siebe öerroeift. ^inben wir ^ier bie SBo^r= 
l^eit bie hjir fud^en? 

Um fte ju finben, niu| man fte fud^cn. Unb um rcci^t ju 
fud^en, mü% man fte finben to ollen. 

' <S§ ift unhJürbig unb foHte ung auc^ unmöglich fein, ba§ 
lüir für olle möglid^en fragen unb (Srf^einungen ein Sntereffe 
:^aben, unb für bie f)öc^fie aller g^agen feines. S)enn tuir 
finb gefd&offen für bie SSa^r^cit unb „bie S33a^r^it ift bie 
<S^eife ber ©eifter".!' (Serabe ba§ ift unfere @rö§e. Unb 
Äenn mir auc^ i^re 2;^üre berfc^Ioffen bliebe, lieber loottte i^ 
in ber Xraurigfeit meinet ^erjenä mic^ oor ber oerfc^Ioffenen 
3:{)ürf nieberfe^en, „bamit njenigftenS biefe 3lraurigfeit ein 
^eugnife abtege, \)a'^ icf) micfi gefc^affen füt)Ie für bie SBal^rl^eit", i» 
aU ha^ \6), gleid^gittig gegen fie, \emaU barouf üerjid^tete 
nad§ i:^r ju fragen. Slber ha§ ;^ei|t nic^t ein ^[ntereffe ^ahen 
für bie SBo^r^eit, nur flüchtig nofc^en an ber Dberfläc^e ber 
-örfenntniB unb nid^t in i^re 2;iefe bringen. SBaä SSoco öon 
het ^^ilofo^j^ie fagt, ha^ fie, nur leife gefoftet, öon ®ott ob= 
fü^re, in ber 2;iefe erfaßt ober ju ©ott l^infü^rc, bog gilt öon 
<iffer S33ot|rf)eit§erfenntniB. ®enn bie 833a^rl^eit mo^nt in ber 
Siefe: benn ©ott tüol^nt in ber Xiefe; er fte^t l^inter hen 
®ingen. ®er SSege ber gprfd^nng finb öielc, ober haS 3ict 
ift eines ; ha^ ift ©ott, ber bie SSo^r^eit ift. 5lber man mufe 
-ou^ öorbringen bi§ jum 3ict. SBorum foHten toir'S nid^t? 
SBeil e§ S)unfel§eiten auf bem SBege gibt? 28o finb fie nic^t? 
Seben mir nic^t unter lauter ©e^eimniffen? Sft unS bod^ ba§ 
Seben felbft, ber Segriff be§ SebcnS ein bunHcS ©e^eimniS! 
SSenn bie SBirÜi^feit öoll ®unfet ift, tüie foU eS für unfer 
-©rfennen feine S)unfcl^eiten geben? SSo :^at man iemols in 
ber SBelt ein ©tiftem öon SBo^r^eitcn oufgeftcHt, in tüelc^em 
iein 2)unfet märe? „^e toeiter mon in ber ©rfo^rung fortrüdft, 
t)efto nö^er fommt man bem Uncrforfd^Iic^en", fagt ©oet^e. i** 
SJie^ren fic^ nid^t bie ©ef)eimniffe, je toeiter ber forfc^enbe ©eift 



%\t ^ragc nac^ ber SBafir^eit. 



31 



in. bie 2^icfc bringt? 2Bir muffen nur ben fingen unb Silagen 
jptrflid^ fttttc l^alten unb fie auf un§ hJtrIen laffen unb ntc^t 
t)on @inem ^um 3lnbern jagen, ol^ne in irgenb etloaä un^ toir!« 
lic^ ju öcrfen!en. Unb fobann: tt)ir muffen bie S33a^rl^eit 
ber @ad|e finben tüotlen, unb e§ mu§ un§ nic^t um unferc 
•eigenen ®eban!en bobei ju t^un fein. 55ie @r!enntniB ber 
S33a^r^eit beginnt nac^ ^^tl^agoraS mit ©d^meigen, baS l^ei^t 
mit ber ftillen innerlid^en ^ingobe on fie, ni^t mit bem Siäfonne« 
inent ober mit ber Suft beS Stoex^dä. 6§ gibt jnjor einen 
fuc^enben 3weifel, melc^er hie SSer^eifeung fi^ oneigncn barf, 
ha^ ®ott e§ bem Slufrid^tigen gelingen lä^t; aber e§ gibt auc^ 
eine Suft am 3*0^1?^. mel^e „immerbor lernt unb bod^ nic^t 
^ur ©rfenntnife ber SBatirl^eit lommt". 2)a§ ift nid|t bloB ein 
Sel^ter beS 2)cnfen§, fonbern im legten ©runbe ein ge'^tcr be§ 
SSineni. HJian be^njeifelt bie ©ö^e ber SJiat^ematif nid^t. 
SBarum nic^t? SBeil mon fein Si^tei^effe :^at fie ju beäweifetn.^o 
Slbcr bie ©jiftcnj ©otteä §u bezweifeln — baran fann man 
«0^1 ein Sntereffe t)aben. Unfre ©ebanfen l^ongen biet me^r 
anit unfern S^leigungen unb SBünfc^en, furj mit unferm gangen 
fittlic^en 3uftönb äufammen aU man glaubt. „5)a§ $erj l^at 
feine ©rünbe, öon benen ber Sßerftanb nid^tS mei^", fagt ^a§fal. 
Unb ein ftDljer ^^ilofo^^, f^i^te, f)at betannt; „Unfer ^enf« 
l^ftem ift oft nur bie (Sefd^i^te unfrei ^ergenS. 9tIIe meine 
Ueberjeugung fommt au§ ber ©efinnung, ni^t au§ bem SSer* 
ftanbe; unb bie SSerbeffcrung be§ ^erjenä fü^rt jur wal^ren 
UBeiS^eit." 21 sgjir leben nic^t toie hjir beulen, fonbern toir 
benfen luic wir leben. 22 Unfer SSerl^öttniB sur SSal^rl^eit ift 
nid^t ;ßto§ ein intetteftueffeä, fonbern oor Slllem ein fiftü(^e§. 
Sie tuir fittlid^ ju i^r fte^en, haä ift entfd^eibenb oud^ für unfre 
•iSebanfen. SBie oft gefc^iet)t e§, ba§ (Siner fittlid^ l^erunter 
fommt, unb bann auc^ in feinen ©ebanfen. ®er SSerftanb ift 
fäuftic^; er bient mit ottcriei ©rünben ben SSünfc^en be§ 
^erjenä. ®ie S23a^r:^eit ift eine ernfte grofee ^ad)e. ©§ ift 
triebt leidet i^ren 93ücf auszurotten. Snn^t bringt er unä 
ftrofenb unb ric^tenb in'ä |>er3; bann erft erteud^tenb unb 



32 ,. 2. SSortrog. S)te 3Siber|prü(i^c be§ Safein^. 

er^eBenb. SpfZaii mu§ jene^ fic^ juerft gefollen laffen, tocnir 
nion biefe SBirfung erführen toill. ^rj: bie ©rfenntni^ 
ber SBa!^r^ett ift eine fittlt^e %i)at] jte liegt im SBtttctt, 
nirf)t §unäd|ft im SSerftanbe. S)enn toenn mon aud^ olle SWife* 
öerftänbiriffe unb ^toeifel befeitigt ^at, fd^Iie^tid^ ift e§ boc^ bcr 
SBiUe, ber über bie 2lnna^me ober ^Rid^tonnal^nic cntfd^eibet.. 
ffflan mn^ bie SBa^r^eit erfennen lüotlen.^a j 

S)a0 S^riftent^um erllärt fi(^ nun für bie SCBal^rl^eit^ 
9Kon mu§ ein SSerl^ältniB p i^m einnehmen ; man !ann ni^t 
um boffelbe ^erum fommen. Tlan fann eS beftreiten, mon fonn 
e§ Raffen, ober rtton !ann eg nic^t ignoriren; benn e§ tritt 
'einem ^eben in ben SQßeg unb nöt^igt i^n, eine Slntluort auf 
bie i^roge ju geben, bie e§ an i^n rid^tet. 

ajlan fagt un§ freilid^ oftmals: bai S^riftent^um ift eine 
fc^öne 2:^eorie: aber e§ ift eben eine X^eorie. @§ ift ju ibeal, 
e§ pQ^t ni(|t in unfere Sßer^ältniffe. Unfere öffentli^en 5tn* 
gelegen^eiten, \)a§ ftaatlic^e Seben mit feinen Stufgaben unb 
SSerönberungen, bie großen Slufgaben ber iüienfd^^cit, SBiffen*- 
fc^aft unb ^unft, .^anbel unb Snbuftrie u. f. m., bo§ Slffe^ 
»erträgt fid^ nid^t mit bem ß^riftent^um. S)a§ S^riftentl^um 
fügt fi^ nic^t mirflid^ ein in biefe realen SSer^ältniffc. @0 
fte|t bem gefammten mirftid^en ßeben ju frembartig gegenüber.' 
@§ ift ein ©ebid^t, ober bo§ Seben ift ^rofo. @g ift »ie eine 
©rfd^einung au§ einer onbem SBelt; aber wir leben eben in 
biefer SSelt. (£§ richtet unfere ®eban!en ouf jene onbere SSelt;, 
aber mir gehören mit offen unfern Höften eben in biefe SBelt 
(S^ fte^t im SGSiberfprui^ mit unfern notürlid^en ©efül^Ien unb- 
(Sebonlen. ©^ ift bie SSemeinung be§ üKenfd^Iid^en. (£§ bringt 
ouc^ leine mirflid^en , gongen unb einl^eitlid^en SWenfi^en ju» 
tt)cge. S)er ©l^rift ift im beften goffe „ein ©ngel ber auf 
einem 2;bier reitet". 55a§ ß^riftent^um ift nic^t menfd^Ii^ 
genug. SBo^ cf offen mir bomit anfangen? SBir !önnen eä-nic^t 
broud^en. (5^ !onn ni^t bie SBo^r^eit fein bie mir fu(^en unb 
nöt^ig {)oben. 

SBo§ merben mir borouf antworten ? Sir antworten öor 



^ie SlnttDort bei ß^rij'tent^umsi. 



33 



Slffem mit bem iBeluei^ ber %i}at\aä)eni hJtr rufen ha§ 3eugni§ 
ber ©efc^ic^te an. ^\t «g nic^t X^atfac^e, bQ§ ba^ S^riften^- 
t^um bie f|ö(^j"te unb frudfitbarfte geifttge üJiad^t ber ®efcf)td^te 
getüoj^en ift? 3(ud^ bte 93efämpfer be§ ©firiftentl^umä muffen 
bieB jugefte^en. Sie tüürben feine SBo^r^eit nid^t (o |efttg 
beftreiten, müßten fie nid^t bie SBir!Ii{^feit feiner SiJiüd^t unb 
feinet ©influffeä onerfennen unb felbft auä) bei jebem (^d^rttt 
ben fie tl)un, im ©ebiete be§ äußern wie bei geiftigen Seben§, 
fül)len. Sllfo ift bol S^riftent^um nid^t blofe eine X^eorie unb 
ein @ebic|t: e§ ift eine 9JJad^t ber 2Sir!(id^!eit, unb jUjar bie 
größte 9Jia(^t berfelben. Unb fielet bte nac^d^rifttid^e 3eit ntdf)t 
unenbli^ ^ö^er oI§ bie öorc^riftlid^e? (5rft mit bem ©Eiriften* 
t^um ^at haS Zeitalter ber Humanität begonnen. 2(Ifo mu§ 
e§ bod^ hjol^l ber menfdE)Iidf)en Statur angemeffen fein. Stuf 
ollen (Gebieten ber SBiffenfd^aft unb ^unft i)at c§ neue 2;iefen 
bei menfd^üd^en @emütf|e§ unb ©eiftel erfd^Ioffen; imSöereid^e 
bei gefeUfc^aftli^en Sebenl ^at e§ eine unöergteic^Iid^ größere 
Snnigfeit unb 3art^eit bei menfd^Iid^en ©efü^tl unb bei ^3er= 
fönüd^en SSer^ältniffel erzeugt. 5lIfo muß el bod^ tt)o|I nidfit 
bie SSerneinung he§ 9Jlenf(^en, fonbern bie SBa^r^eit feinel 
Sebenl fein. 2!te ©efd^id^te legt ^eugniß ab, ta^ ta^ ^^riften* 
tf)um 2Baf)r£)eit ift. Stber feine 2Ba6r|eit muß fidE) felbft be* 
jeugen. S)a§ ift: e§ tDa§ un§ obliegt: ju jeigen, boß bi^ @runb= 
nja|r^eiten ht§ (S^riftent^uml bie SSal^rl^eit unfrei 'S)enfen^ 
finb. ^a§ ift aud^ bie Slufgabe ber fotgenben SSorträge. @§ 
grünbet ober bog ßfiriftentl^um fein gonjel ©Aftern öon SSol^r* 
Reiten auf bie ©enjiß^eit oon ®ott. ®ol erjle Sßort be§ 
e^riftent^uml tautet: (Sott! S)ie Söfung he§ fßätfifell biefel 
S)afeinl liegt in ®ott. 2)ie SBo^r^eit bie tt)ir broud^en unt^ 
fuc^en, ift (Sott, ber "lebenbige, perfönltd^e (Sott. 2)a'l ift bol 
gnnbament ber gonjen c^riftlid^en SBeltanfd^auung. 



Sut^arbt, SBorträgt I, 11. 2lufl. 



Dritter Öortrag* 

Scr pcrfönfit^c ©oft. 

(S§ gibt feine {[ö^ere ?^rage aU bie %taQe naä) ©ott. (Sic 
entfdieibet über alle anbern fragen. Sie entfc^eibet ouc^ über 
unfer gonje^ Seben. 2lIIe§ pngt üon ber Slntiüort auf bie 
grage ab: ©ibt e§ einen (Sott ober nic^t? 2)ornac^ beftimmt 
fic^ bie ganje 2BeItanfi(i)t, barna^ au6) bie gefammte Sebenä'^ 
rid^tung. (Sie ift aI)D bie üorberfte ober oberfte bon ollen 
fragen unb i^r Sn^ereffe bo§ I)öc^fte ba^ e§ gibt. (J§ ift un» 
begreifli^, bo^ man allen' mögtid^en gragen ha§ ^ntereffe 
feinet ©eifte^ äulrenbet unb an biefer gleic^giftig borüberge^cn 
!ann. Unb tPären e§ ouc^ bie ^ödjften fragen ber SBiffenfd^aft 
unb ^unft ober bie föürbigften Slufgaben be§ ®eiftc§ unb 93e« 
ruf§, lüelcfien man fein Seben mibmet — ma^ ift alle§ SInbere 
gegen biefe i^rage unb gegen biefe§ ^ntereffe? Unb me fann 
man über jenen biefe§ |)öc^fte öergeffen? ^iä)t§ 2Inbere§ f)at 
ein fold^eä 2(nrec|t über un§ aU biefe grage, unb mit allen 
anbern ift. fie fo enge öerfd)Iungen, ba^ fie im ©runbe e§ ift, 
bie in allen fragen un§ entgegentritt, meiere ha^ SDlenfd^cn« 
leben bemegen. (Sie ift bie S^age ni(^t beä ©ele^rten ober 
be§ (Staatsbürger^ fonbern be§ äRenf^en, unb ^war t>e§ gangen 
SJJenfc^en, feine§ ganzen geiftigen unb fittlicfien Seben§. 

Sft e§ eine grage be§ gangen 2JJenf(^en, fo ift auc^ bie 
^ntmort ©ad^e be§ gangen 3Jlenf^en. S^Zic^t bloß unfer S)enf* 
tiermögen unb feine ©rfenntnifet^ätigfeit entfc^eibet barüber. 
55)a§ ift nic^t ber gange SJlenfcfi. @l gehört bagu aud^ eine 
innere fittlic^e (Sntfd^eibung. Sflic^t ber Äopf allein, auc^ ta^ 
<Semiffen unb baS' §erg muffen I)ier mitfpredjen. 2)enn ©ott 



$ite unmittelBare ®otte§gett)ifel^eit. 35 

1 

ift bem ©clüiffen unb betn ^erjen füf)I6arer itod^ al§ ber SSer* 
-nunft. Sft ®ott ha§ unterfte ^rinsip, fo ift bie @ett)i§^ett 
t)on t^m itid^t erft 8ac§e ber Ütefiejion, foiibern bereite be§ 
unmittelbaren ©efü^Ig. S)enn bie ©runb^ringipien ru^en auf 
unmittelbarer ®en?i|^eit be§ ©efu^Ig, bie Se^rfä^e auf f^otge* 
rungen. Unb öon nichts f)at ber 9Jienfc^ eine fold^e unmittel* 
iave ®emi§^eit mie öon ®ott. 

S)ie ©otteSleugnung ift Seugnung einer ©erti^iieit bie wir 
in unferm ©eifte tragen, be§^aI6 aud^ eine SSerirrung be» 
©eifteö bie unmöglid^ fein foEte. S)er geiftreid^e unb fd§arf= 
finnige ©öttinger ^^^fifer Sic^tenberg ^eid^net biefe SSerirrung 
in jener befannten SBeiffogung: „Unfere SBelt mirb nod^ fo 
fein werben, bofe e§ ebenfo Iäcf)erlic^ fein wirb @ott ju glauben 
üi§ l^eutjutage (Sefpenfter, Unb bann", fä^rt er fortj, „wirb 
bie SBelt nod^ feiner werben: bann werben wir nur nod^ an 
©efpenfter glauben. SBir felbft Werben fein Wie ©ott." ' S)te 
€djrift aber fagt ^f. 14: S)ie X^oren fpreci^en in i^rem ^er§en, 
€§ ift fein ®ott. 

Q§ wo^nt eine unmittelbare ®otte§gewi§^eit ini unferm 
©eifte. SSir fönnen un§ be§ ®otte§geban!en§ gar :|i(^t ent= 
fd)Iagen. SBir fönnen bie SBelt, wir tonnen un§ fetbft nidf)t 
benten, o^ne ba% unwillfürlic^ bamit ber Gebaute @otte§ fidb 
nerbinbet. Ueber alle§ ©id^tbar« unb @nblid)e t)inou§ eilen 
unfre ©ebanfen nac^ einem §öd)ften, Unfic^tboren, Unenb= 
li^cn; unb nidEit e§er fommt i^re iSewegung jur fRul^e, al^ 
bi§ fie an i^rem Qxäe angelangt finb. 2Bir muffen ®ott 
benfen. 2)a§ ©ottegbewufetfein ift ein ebenfo wefentlid^e§ 
Glement unfrei ©eifte^ tüie ha^ SSeltbewufetfein unb bo§ ©elbft* 
bewu^tfein. S)er ®otte§geban!e ift eine innere 9Jot^wenbigfeit 
be§ ®eifte§. „25er fid^ erl^ebenbe ®eift, fagt Sid^tenberg, wirft 
ben Seib auf bie Äniee/' Unb hex ^eibnifc^e SJioralp^ilofop^ 
(Stiftet fprid^t: „SBenn id^ eine ^lad^tigol wäre, fo wollte ic^ 
ba§ ©efc^äft einer S^iac^tigal Derricf)ten ; wäre id^ ein ©d^won, 
taä @efd§äft eine§ ©c^Waneä, %a \6) aber: ein bernünftigeö 
SBefen bin, fo ift ha^ meine: ®ott ju toben; e^ ift mein 93e= 

3* 



36 3. SSortrog. S;er perfönlic^e ®ott. 

ruf, iä) tuill i^n erfüllen." - ©§ ift ber größte ®ebanfe, beit 
ber äKeni'd^ benfen fonn, @ott ju benfen, iinb e§ ift ein not^* 
njenbiger ©ebonfe. @oüten Wir üon ber inneren 9?ot|n)enbig- 
feit beffelben an§ nic^t auf bie SBirHid)feit feinet ^n^att^ 
nuBer un0 frf)Iie§en bürfen? 2Bir fönnen gar nii^t anbcr^. 
©Ott benfen Reifet ©otte^ geh)i§ fein. 2Bir fönnen nic^t umfjin 
©Ott äu benfen, unb tuir fönnen i^n ni(^t anber^ benn al^ 
niirflic^ benfen: taä ift eine SfJot^ttjenbigfeit unfrer Sßernunft, 
2IIIerbing§ ntu§ bicfe^ ©otteSbenju^tfein in un^ entmicfelt tt)er* 
ben — ober nur tüie alle unmittelbaren SBa^r^eiten unb ®e- 
ttji§!^eiten, bie tt)ir in un§ tragen. Sluc^ bai (Setbftbetüufetfciit 
muB entttjidelt werben, ^ft e§ barum etipa angefernt ober 
fonft üon QuBen angenommen? @o ift e^ aucö mit jenem,, 
tüelcfie^ oon öornf)erein unferm ©eifteSleben aU ein not^njen- 
biger 93eftanbt{)eil beffelben eintnofint. 

2:epalb ift i§ au<i) allgemein. 5Jiur ber aJienfc^ ^at 
9teIigion, ober olle SJJenfc^en. „^ein SSoIf ift fo ro^ unb 
lüilb, boB e§ nicf)t' ben ©(auben an einen ©Ott f)ätte, roenn e^ 
gfeid^ fein SSefen nirfjt fennt" — fagtßicero.^ ^iefei? flaffifc^e 
2Bort fpridjt nic^t» aU eine unleugbare Xfiatfodfie au^. ®ie 
©rfofirung ber Qo^rtoufenbe f)at e§ beftötigt. (Seit ßicero'^ 
5!agen fiot man me^r oI» eine ^olbe SS^elt entbedt, unb überall 
f)at man ©otte^oeretjrung unb 9teIigion gefunben; fein 83oIf 
ift of)ne ein S8ett)u§tfein oon ©ott. ®ic 5(t^eiften l^oben ein 
^ntereffe baron gehabt ein 5?oIf öon ?lt^eiften ju finben, ober 
i^re iBemü^ungen finb bergeblic^ geh)efen. Xie 9?eger 3Ifrifa§, 
bie fditDorseu 9?euf)oIIänber, bie SBilben 5tmerifa^ — fie aUe 
fennen ein ^öi^eveS SSefen. SSo man SUtenfc^en fanb, \>a ^ot 
man ourf) 9ReItgio« gefunben. SSo bo^ ©egentl^eit ber Satt 
ju fein fc^ien, ha mar e^ nur bie golge einer oberpc^Iic^en 
Söeoboc^tnng. Unenbli^ üerf^ieben atlerbingS erfc^eint bie ©e= 
ftolt ber Steligion, unb jutoeilen finb üon if|r nur nod§ bürftige 
©puren öorfionben, ober fie ejiflirt nur noc| im groufigen 
^errbilb. Stber oud^ in biefer Sntftettung erfennen mir i^re 
urfprüngli(f)en Büge. Unb wenn ouc^ ein SSoIf ober ein 



3)ic unmittelbare ©otteägetrifel^eit. 37 

<ötanim bi§ ju einer faft tt)ieri[c^en Sßertuilberung unb (Stumpf* 
finuigfeit bc^ ®eifte§ gefutifen ift, fo bafe e§ ben Slbel ber 
tnenf^It^en 9^otur gänjtid^ auggejogen ju l^oben fd^eint — 
oitd^ bann erlifd^t bie Erinnerung an ®ott nicfit ööllig. 

SSoä ober [o allgemein ift, tüorin Sitte übereinftimmen, ta§ 
!ann nid^t falfd^ fein — ift» bereits ©icero'ö be!annte§ 5trgu= 
ment.^ 2^enn bie^ muß im SBefen be§ HJJenfd^en felbft be= 
griinbet fein. ®o§ toax bie SSal^rl^eit, welche bie Slpologeten 
ber erften ^o'^'^^unberte ben Reiben immer mieber entgegen^ 
l^ielten: SSir trogen "oa^ ^^UQ^iB öon @ott in unfrer @eele, 
Jrir fönnen gar ni(i)t umt)in ©ott ju fennen unb feiner gelüi^ 
3U fein,^ 

SD^an fonn fi^ smor ableugnen biefe ©ottelgemiB^eit ju 
j^aben, beren man fic^ bod^ nidf)t entfdfitagen fann. 216er man 
überrebet fid^ bann nur, ha^ nid^t ju miffen, ha§ ju miffen 
man boc^ nic^t um^in !ann. ^er 2tt^ei§mu« ift nid&t eine 
Siot^menbigfeit beä ®ebon!en§, fonbern eine %^at be§ 9Bitten§, 
iinb gmar eine miUfürlidie XJiat beffelben. ®ie ©rünbe, bie 
mon für if)n aufftettt, bienen in ber ülegel nur ben eigent* 
liefen ®runb ju öerberfen. Unb mie oft fommen fie nic|t 
über \)a§ Slrgument jenes öinbu |inau§, ber einem SOliffionar 
ba§ ^afein ®otteS beftritt, meil er benfelben nid^t fe^e, morauf 
i^m bicfer entgegnete, er, ber SOliffionar, fe^e oud^ feinen, 
beS ^inbu, SSerftanb nidEit. ^ ^tvat mo'^nt in un§"~^^en bie 
@emi§^eit öon ®ott; aber man mu§ biefe innere ©emi^^eit 
oud^ gelten laffen motten, ©ie ift ntd^t. ein Sßiffen ou§ S8e« 
tüeifen, bie ben SSerftanb jur Seiftimmung nöt^tgen, fonbern 
ein SSiffen au§ innerer Ueberfü^rung , melc^er ber SBiHe ftd^ 
beugt. 2)er ©taube on (Sott ift nid^t eine 2Biffcttfd^aft 
fonbern eine Xugenb. ©eine ©ehH^^eit ermäd^ft ntd^t 
aus fHefIejion, fonbern ift bor afler fReftejion. @S ift nid^t 
ber SSerftanb, ber unfer ^erj überzeugt, fonbern e§ ift unfet 
^erj, meld^e^ ben SSerftanb überjeugt, äfinlid^ mie bei ben 
moralifd^en SBa^rl^eiten nic^t bie 35emeife beS SSerftonbeS ha§ 
<Semiffen überzeugen, fonbern baS ©emiffen ben ißerftanb 



38 3. SSortrag. ^er pet)öntic^c ®ott. 

überjeiigt. S)ie ®otte§gclüt§^eit luo^nt in unfrem ^erjen unb 
barum auc| in ben ©ebanfen unfrei 2?er[tanbe§. ^enn „®ott 
f)at genjollt — fagt ^a§fal — ■"; ba% bie göttlid^en 2Sa^r£)eitctt 
nicE)t burc^ ben SSerftanb in i)a§ ^erj, fonbern bur^ ha§ ^ev^ 
in ben SSerftanb eingel^en. ^enn bie nten[(i)Ii(^en SDinge mu^ 
man !ennen um fie gu lieben, bie göttlidjen mu§ man lieben 
um fie ju feunen," Unb Sic^tenberg meint: „e§ lüäre bit 
grage, ob bie blo^e SSernunft o^ne ha§ ^erj je auf einen (SJott 
gefallen tüäre. 9^ac^bem i^n ^a§ ^er^ erfonnt ^atte, fuc^t i^n 
bie S3ernunft auc^." " SlHent^alben fucf)! fie if)n unb feine 
(Spuren, in ber 9?atur, in ber ©efi^ic^te, in unfrem eignen 
©eifte. S)a§ ift bie er^abenfte 53efd^äftigung be^ menfd^Iic^en 
@eifte§ unb bo§ größte 3ci'^cit feiner SSürbe, ba§ er ben 
Spuren ©otteS na(^gef)t, um auc^ ben!enb beffen getüiB ju 
loerben, beffen er innerüd^ unmittelbar getüiB ift — mit einer 
©emi^^eit, beren (Sic^erf)eit unabhängig ift öon ber ©emi^^eit, 
tt)elcf)e bie ©ebanfen erlangen; benn nic{)t empfängt fie i^re 
(Sic^er^eit erft öom S^enfen, fonbern fie t^eilt öietme^r biefem 
i^re @ic§erf)eit mit. 

SSon jefjer ^at man Selreife für ba^ S^afein ©otte^ 
aufgefteHt. ©c^on in ber üorc^riftlic^en ^f)itofopt)ie, bei ^Iati> 
unb 2IriftoteIe§ unb bei (Sicero, finb fie ^eimifc^. ®ie rfjrift« 

Itc^e X^eologie unb ©pefulatton ^at fie bann nur herüber* 

genommen unb Leiter au^gebilbet. (Sie moCfen nirf)t ba§ be= 
toeifen roa^ man noc^ nid^t tt)ei§, fonbern nur bie unmittelbore 
©emiBtieit auc^ oor bem benfenben SSerftanbe ret^tfertigen^. 
inbem fie bie ©puren be§ ©otte§, ben mir bereite miffen unb 
fennen in unfrem |>eräen, ollentfialben nac^toeifen. 

Xie Sfia tu r ring^ um un§ bemeift ©ott. „'i£ie §immet 
erjä^Ien bie (£t)re ©otte§ unb bie SSefte oerfünbigt feiner 
^änbe 22erf; ein ^ag fagt'g bem anbern unb eine 9iac^t 
tf)ut'g funb ber anbern: e§ ift feine ©pracfie nod^ 9?ebe ba 
man nirf)t i^re ©timrae ^cre'' ^f. 19 — : biefer ©ebanfe gef|t 
bur^ bie ganje 8(^rift f)inburd^, unb in unfrem $5nnern finbet 
er ein (Sdjo. Xie Statur ertoedt unlüillÜirlic^ in un§ bie 



3^ie 93etDeife für ®otte§ Sajein: au§ ber 5Ratur. 39 

2l^nung be§ Unenbticfien. „Dh unb iooS ein ®ott fei — fo 
lä^t ßlaiibtug in feiner „ß^ria" einen 2tuftIärung§pf|i(ofop]^en 
bociren — , ba§ U^ve allein bie ^^ilofop'^ie unb ofine fic 
!önne man feinen ©ebonfen üon ®ott ^oBen. ^ieB nun fagt 
ber StRagifter hJof)I aber nur fo. SDlir fann fein äRenfd^ mit 
®runb ber SBal^r^eit nad)fagen bafe icf) ein ^f)iIofo^3^ fei; 
aber icf) ge|e niemals burd^ ben SKalb, ta^ mir nid)t einfiele,' 
mer bod^ bie 93äume tt)of)I marfifen mac^e, unb bonn olinbet 
mid^ öon ferne unb leife etma§ üon einem UnBefonnten, unb 
ic^ XDOÜte njetten, ba^ iä) bann an @ott benfe, fo eljrerbietig 
unb freubift fc^auert mic^ babei." '^ UeberaU umtüefit un§ ber 
Cbem @otte§. „^n i^m leben, Jüeben unb finb mir." 2Ser 
fann if)m entfliel^en? „9So fotl id^ f)inge^en bor beinern ®eift, 
mo fott i^ f)inf(ie^en öor beinem 2lngefidE)t?" SSie auf bem 
2(ngefirf)te be§ SJienfd^en bie unfirf)tbare Seele fic^ einen un* 
ficf)tbaren 2lu§brudf gibt, fo oerrätt) un§ bie Sfiatur — gtei^^ 
fam bo^ 3(ngefid^t @otte§ — ben üerborgenen Öieift ber ta= 
I)inter mo^nt. Slber freüirf), mon muB bie ©otteSibee mit:= 
bringen. @rft burc§ biefe mirb bie Statur rebeub. S)ie ^Ratur 
ift mie eine ©d^rift bie au§ lauter ^onfononten befielt. 2Bir 
muffen bie Sßofale in un§ fetber tragen, um biefe @dE)rift lefen 
gu fönnen, 2tber ber Saut in unfrem Snnern forbert aud^ 
ben ajiillauter ber 3'tatur, um jum artifutirten SSort ju mer= 
ben, 2(tterbing§, bie ^atur offenbart ®ott nid^t o^ne 2Sei= 
tereö. @ott öerbirgt fic^ f)inter bem ®efe^ ber 3^otfimenbigfeit, 
ta§ in ber ?iatur ^errfd^t.'-* S!ie 9?atur üer^üUt @ott eben 
fo gut al§ fie i^n offenbart, ©ie ift ein ©d^Ieier, aber ein 
burc^fic^tiger. Stile S)inge üerbergen ein @ef)eimniB. @ie 
reijen un^ ha§ ©e^eimni^ ju entf)üllen. 55a§ le^te @e^eim= 
nife ift ©Ott. 2lber man mufe ©ott fuc^en um if)n ju finben, 
man mu§ i^n fennen um i^n ju fuc^en, man mu§ i|n lieben 
um i^n gu fennen. 2)ie nic^tä öon ©ott miffen motten, bie 
finben ifm auc^ nidjt in ber Statur, bencn mirb fie öielme^r 
ein Stniojs ju Smeifeln. „2Bie äße S)inge öon ©ott reben 
gu benen bie i^n fennen, unb i^n entlüden benen bie if)n 



40 3. SBortrag. 5er perfönlicfie (Sott. • 

lieben, fo oerbergen fie i§n auä) ollen benen bic i^n nic^t 
fennen." ^^ 

(S§ ift üor 5(IIem i>a§ ® afein ber 2BeIt felbfi, loelc^e^ 
i^n un§ öerfünbigt unb 6en)eift. ®ie SSelt ift, aI)o ift ouc^ ein 
Urheber ber 5SeIt. S^iefer @d^tu§ brängt fi(^ einem Seben 
untoitttürli^ auf. Unb fo unoerfennbar tritt un§ in ber SBett 
©otteä nnfic^tbare» SSefen, feine enjige iWai^t unb ©ott^cit 
entgegen, ha^ ber Stpoftel ^aulu§ Seben für unentfd^ulbbar 
erftärt, ber @ott nic^t in feinen SBerfen erfenne (9iöm. 1, 
19. 20). Unb toie er, fo ^oben oud^ bie ^eibnifcöen ^^i(o« 
foppen ®rierf)enlanb^ unb 'Storni gefprod^en. ' ^ 9Kit 9?ecl^t; 
benn e§ ift eine not^roenbige ©£^Iu§foIgerung. 2)ie SSett ift 
geworben. SBoburc^ ift fie getporben? Surc^ fic6 felbft? S)ie 
ni(^t^ |)ö^ere§ fennen aU bie SSelt muffen fie ju i^rem eigenen 
Schöpfer machen. Slber n)ie fann fie i|r eigner ©d^öpfer fein? 
2So ift hk fcf)ijpferifd^e ßraft? ^ehe ^raft hie mv finben ift 
eine enblicfie ßraft; feine einjelne alfo ift fcf)öpferifc^. @o ift 
e» bie Summe ber Slräfte? Stber bie ©umme öon ©üblichem 
gibt no(f) fein Unenbli^e^. ^che Äraft ift bebingt burd^ an« 
bere ^äfte. 2}ie Summe öon bebingten Gräften gibt feine 
^raft bie fd^ted^t^in bebingenb unb ni(^t bebingt wäre. Sitte 
Urfac^en bie Wir wirffam fefien finb 2Jlitteturfad^en; feine 
einjetne ift le^te, oberfte ©runburfadfie. 2)ie ©umme öon 
SKittelurfad^en gibt aber feine abfolute Urfad^e. 2Sir muffen 
olfo jenfeitg ber cnblid^en 2;inge, ^äfte unb Urfac^en eine 
oberfte, te^te, abfolute SJtad^t unb Urfacf)e forbern, bur^ 
welche biefe SSelt ber enblid^en S^inge unb Gräfte geworben 
ift. ©0 forbert e§ ber ©ebanfe, fo forbert e§ ha^ unmittel« 
bare ®efüf)I unb 93ewu^tfein. Sitte S)inge bte un§ umgeben 
weifen un^ über fic^ {)inau^; feinet lö^t unä bei fic^ fte^en 
bleiben; Sltteä ift nur ein SSegweifer ber un^ Weiter Weift, 
über bie Statur ^inaul ju einem Ueber natürlichen. Unb biefe§ 
Uebernatürtic^e, ba§ Wir fuc^en jenfeitg ber SBelt, Wo^in Wir 
gewiefen werben öon ber SSett, ift ®ott, ber perfönlic^e @ott, 
bie |jerfönlic^e 2Jiad^t ber SBelt. '2 ^^c^ \)aht bie @rbe gc« 



S>ie S3ett)ei)e für ©ottcS Slofein: ani bem ^afetn her 9Beft. 41 

fragt — fagt Sluguftin einmal in einer gtänjenben ©teile in 
feinen iBe!enntniffen (X, 6) — , fie ^ot gefagt: ic^ bin e§ nid^t; 
unb Stiles toa§ in if)r ift ^at baffelbe befannt. ^ä) f)abe ba§ 
3Jieer unb bie Xiefen gefragt unb 5tIIe§ tt)o§ ba friedet unb 
lebt, unb e§ l^at geantnjortet: wir finb nid^t bein ®ott, fud^e 
flö^er. Sd^ f)Qbe bie mel^enben SBinbe gefrogt, unb bie ganje 
Suft ^ot geantnjortet mit otlen itiren 93emof)nern : i^ bin nid^t 
@ott. ^ä) f)ahe ben ^immel gefragt, ©onne, 2Jlonb unb ©terne, 
unb fie ^aben gefogt: aud^ niir finb ber ©ott nid^t ben bu 
fud^eft. Unb id^ 'i^ahe gefprod^en gu i^nen äffen bie mid^ um« 
geben: i^r l^abt mir gefagt öon meinem (Sott, ha^ i^r e§ nic^t 
feib, fo rebet mir öon i^m: unb fie riefen äffe mit lauter 
<3timme: @r i)at un§ gemad^t". 5Iffe S)inge l^oben eine ©prad^c 
für uni, n)ir fönnen fie öcrfte^n. ^^xe ©prad^e ift ba§ Senq^ 
ni§ bon @ott bem ©d^öpfer. 

iKRan l^at biefen 93emei§, ber öom 2)afein ber SSelt l^er^ 
genommen mirb, t)erfc^ieben formulirt. S^ie 93ett»egung in ber 
^elt forbert eine oberfte, bemegenbe ^aft, bie SBir!ungen in 
ber SBelt einen testen Url^eber, ba§ bIo§ mögtid^e ©ein, ba§ 
cu^ nid^t fein fann unb einft nid^t ttjar, forbert eine not!^= 
tnenbige Urfad^e: ba§ finb bie SSege, auf benen bon ie'^er, 
fc^on in ber tjord^riftlid^en Seit, ber pf)iIofop^ifd^e ®ebon!e 
tom ®afein ber SBelt au§ ba§ S)ofejn ®otte§ erfd^toffen unb 
geforbert ^at. Wlan 'i^at bie Steife biefer ©(^lüffc in ber 
neuen Qeit forlgefe^t unb gefagt: ba§ gefd^id^tlid^ gemorbene 
Seben meift über fic^ jurüdf auf ein emigeS Seben. S)a0 
organifc^e Seben ^at einen SInfang genommen auf Srben, 
forbert alfo @inen, ber i^m biefem 2Infang geh)ir!t ^at. 
IJerner: bie 3lbeit^eitigfeit ber 2BeIt, mie fie au§ ©eift unb 
SJiaterie befielt, forbert ®ott. 2)enn ta beibe, ©eift unb 
3)laterie bon einanber loefenSberfd^ieben unb jebeS ber ®egen== 
fa^ unb bie ©d^ranfe beS anbern ift, fo ift bemnac§ jebeS ^ 
bon beiben enblid^: feinet !ann ba^ anhexe auä fi^ l^erauS 
fe^en. 2)ie materieffe Statur !ann nid^t ben perföntid^en ®eift, 
ber ©eift be§ SJlenfd^en !ann nid^t bie materieffe 9Zatur ou§ 



42 3. 5ßortrag. Set perjönlic^e ®ott. 

fic^ erzeugen. (£§ ijt eine 2;^orf|eit, \)a^ S3ett)iiBt[eiu auä bent 

©toff entfte:^en laffen gu toollen; e§ ift SSa^n|inn, bie ftofftic^e 
2öelt öom SJZenf^engeift gebilbet [ein ju (äffen, ^ur^: ba^ 
^afein ber SSett forbert @ott. 

SBa§ foffte ba§ aud) für ein Sefcen fein, meiere» aufginge 
in biefem (Strome ber ©nblic^feit? ©^ mu^ über bem SBec^fet 
ber 3fitf über bem (Strom ber ©efc^id^te ein Steiget fein, ha^ 
ber ©runb unb Urfprimg aller S)inge ift. Unfer ^erj wie 
unfer Xcnfen forbert ein Se^teg, |)öcf)ftc», @tt)ige» — @ott. 

2Bte ba§ S^afein ber SSelt, fo ift ni(i)t minber i^re Qtoed' 
mä^igfeit ein Seioei^ für @ott. (Scf)on bie alte SBelt ^ot 
e§ geliebt, (Sott aU ben orbnenben ^ßerftanb ber fSelt, ai^ 
ben ^ünftfer be§ Äo^mo^ ju benfen unb ju bejet^nen. >* 
Unb getoils, bie SBelt ift ein So§mo§, ein ^armonifd)e§ ©anje^ 
ein ttjunb erbarer .San oon innerer /^ufammenftimmung. Xa^ 
^leinfte ^öngt mit bem ©rösten, \)a§ @rö§te mit bem Äteinften: 
äufammen; auc^ ba§ ©ntlegenfte ift ein notfjmenbigeS @Iiet> 
be§ (San5en, unb in ujunberbarem ^ufonimenmirfen muß 6ine§- 
bem 2(nbern bienen. ©§ ift ni^t^ überftüffig, e^ ift ni^t^ 
groecfroibrig. Tlan fann biefe ^ttJerforbnung ber SBelt in'^ 
Äleinli(^e tierabjie^en unb gufäflige Sejie^ungen fierftetten, unb 
f)at e§ §un:)eilen getrau unb baburc^ bie befannte fpöttifc^e 
©ntgegnung öeranlafet, ba§^ ®ott nac^ biefer S3etrac^tung§* 
lüeife bie ^orfbäume in Slfrifa road)'\en (äffe, bamit mir unfre 
Stopfet barauä fc^neiben fönnen. 5(ber aller jener 9Jii§brau^ 
toie biefer (Spott mad^t un§ hod} nirfit irre in ber unmittel* 
baren ©ettjijsbeit biefer 3"fanimenftimmung unb 5(ufeinanber- 
bejietiung be§ ©anjen unb ©inselnen. Unb je rae^r ficf) ber 
men)d)iid)e @eift in bie 3tt'ctforbnung ber (Scf)öpfung oertieft, 
je me^r er fein C^r f^ärft für ben ©intlang be5 ©anjen, um 
fo ootter tönt i^m au§ ben unenbtic^ oieten einzelnen ©timraen 
ber 5)inge ^immeliS unb ber ©rbe bie munberbare Harmonie 
be§ Unioerfum» entgegen. 

SSie ift biefe Harmonie geworben? S5urc^ Sn\aü? S)a0 
|)ei|t eine ^^atfacf)e burc^ ein leeret SSort ertlären trollen. 



1u SSeiretfe für ®otte§ ^afetn: auf ^atnx unb (SJefd)t(^tc. 4^ 

^er Swfött faitn mit ben ^^ingen fpiefett unb üBerrafc^enbe 
SSerfnüpfungen ^eroorbringen. ^ber er ^at feine 58ernnnft unb 
probugirt leinen Sßernunftäufammen^ong. ©§ !^errf(f)t aber in 

ben Xingen ein objeftitie ^ßernunft; *eine unöerfenubore ^n* 
tettigenj. 2Sir glauben fie nicf)t bIo§ — unb ujir fönnen nid^t 
um^in fie ^u glauben — , fonbern ber ®Iaube empfängt feine 
Seftätigung burd^ bie Xfiatfac^en ber @rfaf)rung. 5)iefer ©lanbe- 
ift ber «Sporn ber gorfd^ung, unb bie ?5orf(f)ung ift bie S3e= 
mäl^rung be§ ©lauben^. ^uv ber ©laube boB SSernunft in 
unferem ©onnenft)ftem fei, §at ^eppler feine großen (BnU 
becfungen machen taffen. Unb bon feiner SBelt ber S3otanif 
bcfannte Sinne, er ^ahe bie ©puren (55otte§ barin gefe^en. 
@§ gehört ^^teüigenj ba^u, ben 3ufammenf)ang ber 9Sett ju 
crfennen — : fottte feine intelligent ba^u get)ört ^aben if)n ju 
fc^offen?'* 

©§ ift unmöglich an bie ©teile ®otte§ bie 9^aturfräfte unb 
3'iaturgefe^e ju fe^en. ®ie Sfiaturfraft ift eine S[Racf)t, eine bünb= 
mirfenbe SJlacfit, bie ein ^robuft erzeugt, aber fie ift ni^t eine 
Sntefligenj, welche freimaltenb einen 3ufommen^ang fierftelTt. 
S^aä S^taturgefe^ ift bie 9tegel, meldte ben SSerlauf ber ©odfie 
beftimmt, ober nirfjt bie SBei^^eit, mel(^e Drbnung unb Biet 
fe^t. @§ ift unmöglich eine berouBttofe ^nteHigenj anäunefjmen^ 
benn ha^ ift ein SSiberfprud^ in fid) felbft; o6er Don ben)uBt=^ 
lofen Sbeen gu reben, benn Sbeen forbern ein bewu^te^ unb 
öernünftigeS ^rinsip tt)eld^e§ fie erjeugt. i^ 

SBenn ein ©d^iffbrüc^iger auf einer einfamen Snfet eine 
geometrifc^e gigur in ben @anb gejeit^net fänbe, mürbe er 
nic^t ouf bie ©jiftenä eine^ SJJenfc^en frf)üeBen unb feine ©eele 
baburc^ mit lebhafter greube unb 5)anf gegen ®ott erfüllt 
merben?!** Slber bie SSelt ift met)r aU eine geometrifc^e gigu^^- 
Unb unfere ©eele fottte nic^t üon greube unb Xanfbarfeit er^ 
füllt merben, ia^ mir eine t)ö^ere, eine göttlid^e; Sutettigenj 
öoa SBei^^eit unb ®ütc in itir malten fe^en? 2;iefe ^nteßigenä 
5U leugnen ift nidt)t ein 3i^rtt)um be^ SSerftanbe^, fonbern ein 
%d){n bei ^erjeng. 



44 3. SSortrag. SJer t)eriönlic^e ®ott. 

S)te 3we(forbnung ber '?flat\iv fonnte fc^on bie alte öor« 
x^rtftlid^e SSelt finben; aber ba§ göttüd^e SSatten in ber ©e* 
jc^trf)te §u erf ernten unb feinen ©puren mit freubiger S9e« 
iDunberung unb freubtger (gr^ebung nad^ge^en ju lönnen, ift 
ein SSorjug^ ber c^riftlicften B^i^« ®enn biefe ^at überhaupt 
€rft mit bem ®eban!en ber @inen 3Jlenfd^f|eit unb be§ ©inen 
■@otte§ auc^ ben ©ebanfen einer einheitlichen, jufammen^ngen* 
ben unb fortf^reitenben @efcf)t(^tc ber SKenfc^fieit gchjonnen. 
5£;iefer ©ebanle n^ar ber öorc^riftlid^en 3fit ein unbefanntcr, 
un§ ift er ein geläufiger genjorben. Unb bor attem bem obenb= 
länbifd^en ©eifte ift er na^eliegenb. (Sr ge{)ört ju ben fc^önfteit 
©r'^jebungen be§ menfdEiIid^en @eifte§; e§ gibt faum eine er* 
l^ebenbere S3etrarf)tung aU biefe. fBa§ ift üerfc^Iungener, mon* 
ntgfaltiger itnb lüiberfprec^enber at^ bie ®efcf)ic^te ber S3ölfer? 
"Stuf ben erften 2tnbücE fc^eint fte ein unentmirrbarer ^nöuel 
t}on 3Jlenfd^en unb X^aten ju fein. 93eim jn^eiten 93Itcf er« 
fc^eint fie mie eine ftete SSieber^oIung : @rf)ebung unb ©infen, 
iBIüt^e unb S?erfaII, immer mieber baffelbe in onberen formen. 
Stber ber tieferen S3etrac6tung iüirb bie ©ef^id^te ju einem 
wunberbaren ©emebe, au§ allen jenen öielfad^en ^Jäben gebilbct, 
an melc^em immerfort gemoben mirb, meld^e^ immer meitcr 
ooranftfireitet, nadj beftimmten fittlid^en @efe|en. (Sine ijo^e 
@ered^tig!eit maltet barin, ein fitttirfje S5?eItorbnung be^errfd^t 
^a§ ©anje, unb Schritt Dor (Sd^ritt gef)t e§ öormörtä, einem 
^ufünftigen 3icle entgegen. S)ie ©d^rift, ber Sfpoftel ^auIuS 
öor Tillen, l^at bie erften Sinien ju biefer uniberfalen 93e= 
trad^tnng ber ©efi^id^te ber 9Jtenf(^^eit gebogen. Stber e§ gc« 
l^ört nic^t öiel S^riftent^um baju, um fic^ biefe iBetrod^tung 
anzueignen unb i^r meiter nad^juge^en. STuc^ ein Seffing ^at' 
bie @efd^icf)te ai§ (grjie^ung be^ SJienfc^engefc^ted^teä öerftanben 
unb öerfte^en gelet)rt. Unb me^r aU einer unferer großen 
.^iftorifer ^at Sefum öon 3l%axet^ aU bie gro§e SBenbe ber 
Reiten erfannt, auf mel^e olle öor^erge^enben Sinien ^in» 
laufen unb öon metd^er alle folgenben Sinien au§ge|n — aU 
ien ©c^lüffcl be§ 9?ät^fel§ ber SSeltgefd^id^te. SSor 5(nbern mar 



^tc 33en)etfe für ®otte§ 2;ofetn: ou§ unferer (Sotte^ibee. 45- 

el So^onneö o. üKüIIer ber e§ au^fproc^, ba§ i^m üott l^ier 
ou^ erft bo§ Sßerftänbni^ ber @efc^irf)te aufgegangen fei.i" SJlag. 
man öon S^fu (J^rifto galten xoa§> man tuifl — biefe gentrale 
Stellung in ber @efc^icf)te mu^ man i^m juerfennen. Unb aud^ 
^^ilofop^en bie feinen perfönlic^en ®ott fannten, tüie %\6)it^ 
felbft @trou§, bie[er bemühte unb entfd^iebene 9ti(f|trf|rtft, er= 
fannten eine moralifd^e 5Seltorbnung an. Slber "Qa^ ift nur ein 
onbereS SEBort für ©ott. SJenn toie tann e§ ein un6enwt§te§ 
SSalten nad^ fittlid^en ®e[e^en geben? ©§ ift unmöglid^. 

2I6er jpir braud^en un§ nic^t in 'üa^ SOleer ber ©eftfiid^te' 
ju oerfenfen unb i^ren 9tät{)feln nac^jugetjn, um ©ott gu 
finben — in feinem eigenen Seben fann ein ^eber ©otte^ 
ttjaltenbe, leitenbe, fürforgenbe ^anb finben, wenn wir nur bie 
5(ugen auft^un, tuenn mir nur glauben iDoHen roa^ lüir fefien 
unb erführen, unb tt)ie oft ju unfrer tiefften 93efd^ämung er= 
fof)ren! Senn ba^ ift bie ©rfa^rung bie tt)ir Sitte machen 
fönnen, "Qo.^ ©ott einen ^eben einzeln nimmt unb if)n fo fü^rt 
mie er eS gerabe brandet. 

SBir finben ©ott in ber SSelt, in i^rem S)afein, i^rer Drb» 
nung, it)rer ®efd^icf)te — mir finben ©ott in unfrem eigne« 
©eifte. 

SBir finben in unä bie ^bee ©otte^, tüie 'mix bie onbereit 
I)öd^ften SSa^r^^n i^ un§ finben. SBir erjeugen nid^t biefe- 
Sbeen be^ 2Bof)ren unb ©uten unb ©d^önen u. f. h). in unfrem 
©eifte — ttjir benfen fie blo^. Sie finb nictjt unfer Sßerf^ 
fonbern fie finb 'ba^ SSerf ber SBa^r^eit felbft. S)ie objeftiöe 
SSernunft erzeugt fie. @ie felbft ift e§, W fid^ miberfpiegett 
in unferem ©eift, bie i^r göttlicf)e§ ßi(^t mannigfottig in bem 
Spiegel unfrei ^ntuenbigen brid^t. SBetc^e^ ift ober bie ob:= 
jeftioe SBa!^r^eit unb xoo ift fie? ^ie ^öc|fte S^ee bie \o\v 
fiaben ift bie S^ee ©otteg. 3« i^r bereinigen fic^ atte anbern 
Sbeen. @ie ift bie SSa^ri^eit ber SBa^r^eiten. Sfiid^t tt)ir er* 
äeugen fie, fonbern bie objeftioe SSernunft erzeugt i^rc S^ee 
in unfrer SSernunft. SIBir benfen ©ott nur toeit er ift. ©ott 
ift ber Schöpfer unfrer ©otte^ibee. S)ie X^atfad^e unfrer- 



46 - 3. Vortrag. ®er ^jerfönlidie ®ott. 

<5Jotte§ibee ifl ber S3elt)ei§ für ®otte§ ©ein. ©o teerte ber 
ip^iIo[o^^ ©artefiuS, Unb loir toerben ntd^t anber^ fagen !önnen. 
Unb tüie bte X^atfad^e, fo auä) bie 93ef c^offen^eit ber* 
felben. ,2)enn tüa§ irir ben!en, ift nid^t eine bloBe S^cc, foit*. 
bertt ber tütrfltd^e ©ott. SBir fönnen t^n gar nid^t anberS 

beiifen. ©§ ift eine 25ernunftnot^iüenbig!ett i^n fo gii benfen. 
^f)n itic^t alä Sßirflid^feit benfen, tuürbe l^ei^en i^n überhaupt 
nid^t benfett. S[>on unferem ©otte^gebanfen fdE)Iie§en mir ha^ 
^er mit ^yiot^ttjenbigfeit auf ba§ ®otte§bafein. 2)ag ift ber hc- 
Türmte ontoIogifcEie i8eh)ei§ be§ großen 2;f)eotogen 2lnfelmii§. »^ 

3it)ar !^at ^ant eingetoanbt, e§ gebe feinen ©d^Iuß oom 
15)enfen auf ba§ ©ein, e§ fü^re feine S3rücfe au§ ber SSelt ber 
<55ebanfen in bie ber Stealitäten. ©o wenig bie SSorfteHung 
oon f)unbert %i)aUvn hie ©jiftenj berfelben benjeife unb i^ren 
S3efi^ einftfiliefee, fo wenig bie Sbee öon ©ott bie Sjiftenj 
beffelben. 2l6er e§ ift ein Unterfc^ieb gwifdien wiHfürlid^en 
18orfteIIungen unb ^^antafien unb einer not^wenbigen SSer= 
nunftibee. Sie not^tüenbigen ^been finb 2lu^brudE einer SBirf* 
Iidf)feit. gurrte üon biefent Senfen jum ©ein feine Srüdfe, 
bann blieben wir mit unfrem Senfen allemege ou^er bem ©ein; 
objeftiöe ©emi§{)eit unb SSa'^r^eit be§ ©ebanfen^ gäbe e§ bonn 
überfiaupt nicfit. STöufc^t un§ biefe 9iot^menbigfeit unfreS 
S)enfen§, bann ift alle§ unfer Xenfen S^äuf^ung unb unfer 
^eift barf fic^ jur 9?u^e begeben, benn fein S)enfen ift eitet. 
SIber ©Ott Sob! bem ift ni^t fo. B^'if'^en ber 9f?ot^menbig= 
feit ber 83ernunft unb ber 2BirfIid)feit be§ ©ein§ ift ein Qu- 
fammen^ang. Senn e§ ift eben ba§ ©ein h)etdf)e§ mir benfen, 
unb e§ finb eben bie ©ebanfen ber SSernunft meldte in ber 
IBirflic^feit finb. 

^ont ^at biefen ©cE)IuB geleugnet; ober er |at menigftenS 
ben anbern jugelaffen unb felbft behjiefen: ben ©cfitufe öu§ 
bem fittlic^en i8eh)u§tfein be§ 9Jienfc|en. ®ott ift ein 
Ißoftutat be§ fittlic^en ©eiftesi, ©ott ift eine gorberung be§ 
(Semiffenä. / 

9Zic^t§ ift un§ geroiffer aU ha§ ©emiffen. 2)iefe S^atfac^e 



®ie Semetfe für ®otte§ Safein: an§ bem ©etüiffen. 47 

leugnen ^ei§t tav gunbament aller ®ert)t|^eit urnfto^en. 2)0= 
mit aber tüürbe ber ganje fittlicf)e S8au ber SEßelt öernid^tet. 
S)enn biefer ruf)t im legten ©runbe ouf bem ©etüiffen. (S§ 
i[t t^öric^t unb el i[t üergeblic^, au§ bem ©elüiffen eine on« 

erjogene Hebung be§ XenUnä mad^en gu moHett. (S§ fanit ftc^ 
üerirren unb ^at firf) oftmals tjerirrt. 5I6er folgt barau§ ha^ 
ei überhaupt ein ^rrt^um unb eine Xäufd^ung ift? @erobe 
bte pd^ften SQ3a!^r£)eiten finb am metfteu bem Slli^brauci^ au§= 
gefegt. @§ mu§ entwicfelt werben — folgt barau§ ba'ß e§ über= 
Ijaupt ntd^t üorlianben fonbern nur angebilbet ift? 9Jlu^ nid^t 
ber ®eift ■ überhaupt entttJidfelt ttjerben? Äann man barum 
fagen ba§ er nic^t/fei? SBenn tüir i^n leugnen ujottten — bie 
X^atfad^e feines SafeinS hjürbe un§ n)iberlegen. @o njenn 
mir ba§ ©ertiffen leugnen sollten — bte X^atfacfie feines 2)a= 
fein§ föürbe un§ wiberlegen. 2öir fönnen bai ©eroiffen ntc^t 
mit gutem ®ett)iffen leugnen, ©ben inbem toir e§ ju leugnen 
t3erfu(f)en, gibt eS ft(^ unS gu erfahren, inbem e§ unS inner» 
lid^ ftraft. 2Sir fönnen e§ uidEit leugnen ofine un§ felbft ju 
belügen. SaS ®ett)iffen ift eine Stfiatfad^e. 

XaS ©eUjiffen ift eine SDtajeftöt. SSor feiner Slutorität 
Ijeugen \\6) 2Ifle. SJJan tann feinen S8efef)I miBQ($ten, aber 
man mu^ bann feine ftrafenbe «Stimme f)ören. SDJan fann fi^ 
gegen biefeS (Strafäeugni§ tjerijärten, aber man fann ni(^t er= 
reichen boB e§ überljaupt nicf)t fei. ^aS ©elüiffen ift nic^t 
abhängig öon unferm SBillen. 2Sir fönnen nic^t über baffelbe 
üerfügen. SSir fönnen nid^t il^m befehlen, fonbern e§ befiehlt 
uns. SBir fönnen nic^t eS forrigiren unb gured^ttoeifen, fon= 
bem eS forrigirt unb ftraft unS, SSir fte^en nid^t über fonbern 
unter i^m. (£S ftef)t nid^t unter fonbern über unS. S)arauS 
folgt: eS ftammt nic^t auS unfrem SBiffen unb unfrem S)enfen. 
(SS ift fein ©rjeugni^ unfreS eigenen ©eifteS. @S ift baS @r* 
5eugni§ eineS fittlic^en (SJeifteS au|er unb über unS: beffen 
©timme fpric^t ju unS burd^ baS ©eujtffen. S)aS ©ewiffen 
ift baS fiepte, $ö(^fte, an baS mir appefliren, baS l^öd^fte ent* 
fc^eibenbe fittlic^e ®efe^ in ollen S)ingen. Sdfo ift eS boS @r= 



48 3. SSortrog. Ser perfönHc^e ®ott. 

geugniB be§ ^öcfiften ®eifte§, be§ oberftcn ©eje^geber^, bc§ ab* 
foluten fittlic^en SBiaeng. S)ie 2:^atfac^e be0 ©etoiffcng ift 
ber S3en)ei§ @otte§. 

Unb ber Sn^alt be§ ©ehJiffeng ift ein B^UßniB öon 
®ott. S)enn jum Sn^^W i)e^ ®etüiffen§äeugniffe§ gehört bie§, 
ba§ eä un§ bo§ fittIicE)e ®efe^ qI^ ben SBillen @otte§ bejeugt 
unb untren SBitten an ben SBillen ®otte§ binbet. S)arum fagt 
fcfion ©tcero: „Xaä toax immer bie Ueberjeugung aller ttja^r^aft 
h)eifen SJJänner, ba§ ©ittengefe^ fei nid^t ettrag üon 3Jlen]^en 
(£rbac|te§ ober üon ben SSöIfern (Singefü^rtel, Jonbern ein 
©ttJige^, nac^ bem bie ganje SSelt [ic^ regeln mu^. !5)er le^te 
@runb ru^t ba^er in &ott, ber gebietet unb »erbietet. Unb^ 
bie[eä @e[e^ ift fo alt ol^ ber (Seift ®otte§ felbft. 2)orum ift 
ha§ ®efe^, auf bem alle SSerpfCic^tung ru^t, in 2Bat)r§eit unb 
cor 2iaem ber ©eift ber oberften ©ott^eit." i^ 

Äant |at ®ott au§ ber Stot^njenbigfeit beriefen, ba§ eä 
äh)ifrf)en ber $fli(i)t unb ber SfJeigung, ^ftif^en ber 5!ugeni> 
unb bem ©lud, welche gegenttjörtig fo oft in SBiberftreit mit 
einonber fte^en, eine 2lu§gtei(^ung, atfo auc^ eine oberfte aug* 
gleic^enbe 3D'ia^t geben muffe. 2JZan ^at in biefem Slrgument 
ben 'äüähxüd einer niebrigftefienben fittlid^en 93etraci^tunggtt)eife 
gefunben; eä fei ein ^ö^erer fittlidier ©tanbpunft, in ber Xugenb 
felbft ben So^n berfelben gu fe^en unb ju fu^en unb nic^t 
einen befonberen ßofin für fie ju ern)orten ober ju oertongen.^» 
Slber bie SSa^r^eit bie bem ^antifc^en ©ebanfen ju ©runbe 
liegt ift bie S^ee ber ©ered^ttgfeit. (£^ gibt eine ©erec^tigfeit: 
fo gibt e0 ouc^ eine SSergeltung. Ober foU \)a§ bie ^öcfifte 
SBat)rJ)eit fein: 

C^ne S5?Q^I öert:^ei(t bie ©oben, 
Cf)ne Sinigfeit t)a§ ®Iücf — ? 

(S§ ift unmöglich. Unfer innerfte^ fittlic^e^ iöemufetfein h)iber=- 
fprid^t bem. S)a^ ift bod^ \)a§ ^öi^fte S)ofein, in njelc^em bie 
innere Sßa^r^eit unb bie äußere SSirftid^feit in Harmonie mit 
einanber ftefien. 2)iefe§ irbifc^e 2)afein ift öott üon SBiberfprüc^en 
ättjifc^en 2ßa|t^eit unb SSirflid^feit. SBir forbern ba| biefc SBiber* 



2;te ©ottelgelüife^ett. 49 

fprüd^e, welche unfcr fittli(f|e§ Söeinufetfein fo oft fd^merjfidö 
Berühren, eine Söfung finben in einem J^ormonifc^en fittlid^en 
unfein. ©oS ift unfer ©loube unb «nfre Hoffnung, beren tüir 
un§ nid^t erwehren fönnen. 

So fommen toir auf atten SBegen ju ®ott. SBir luerben 
olfo fagen muffen: unfer ganjeS ßeben forbert ®ott aU bie 
SSa^r^eit unb bo§ S\d unfrei @eini. S« feinem irbifc^en SSer^i 
^ältniffe fönnen toit au§ru!§en unb unfere üolle S3efriebigung 
finben; ®ott ift unfre ?Ru{)e. ^n feinem ©ebanfen fönnen hjir 
einen (gtiUftanb unfreS ^enfenS mod^en; ber ©ebünfe ©otteä 
ift bie njQ^re 93efriebigung unfre§ benfenben ®eifte§. £etn ^iet 
be§ fittlic^en @trcben§ befriebigt unfern SBitten; bie ®emein= 
fd^oft ©otteä QUein genügt ber ijotberung unfrer fitttic^en ^Jotur. 
©Ott ift bie SBa^rl^eit unb ha^ Qid unfre§ ganjen <Sein§. Unb 
ebenfo be§ ©ein§ aufeer unä. ^n ollem ©ein ou^er un§ fe'^en 
hjir ein 2l66itb ®otte§, einen ©pieget in bem fid^ fein einf|eit= 
lid^e^ SSefen in monnigfoltig jert^eilten ©trotilen Brid^t. ©ie 
toeifen un§ oHe ouf il^r Urbilb. ^n allen SSerl^ältmffen biefe^ 
2eben§ fe^en ttjir Slnfä^e ^u einem ^ö^eren aU fie felbft ftnb. 
^luä) bie ^öd^ften 93ilbungen be§ menfd^Iid^en ßebenl weifen 
über fid^ l^inau^ ju einem ^öd^ften. ©ie »offen un§ al§ 
©tufcn bienen, ha^ tüir über fie l^intüeg ju ©ott emporfteigen. 
©Ott ift bie SBal^r^eit ünb ha§ Ski be§ gefommten ©ein§. 
5)a§ gibt crft bem Seben in ber SSelt feine SSol^rl^eit unb 
^ö^ere SSei^e, \}a^ h»ir in i^r bie ©egenttart ©otteS miffen 
unb baö Slbbilb ©otte§ befi^en. ®q§ ift unfcr eigentüd^er 
Söefi^ im SBeltbefi^. 2!arum ift ©Ott ju leugnen nid^t nur ein 
SSiberfprud^ gegen unfre Sßernunft — benn ©ott ift eine 9^otf|= 
trenbigfeit ber SSernunft — fonbern ou^ bie größte Slrmutf), 
benn e§ mad^t bie SBelt folt, tobt unb teer unb nimmt S(ffem' 
feine ©eele unb feine SBa^r^eit. ^urj: ©ott ift, xodi er fein 
mufe, hjeil offe§ Slnbere fonft nid^t tnäre, unb lüeif e§, and) 
tt)enn eä märe, ol^ne ©e^olt unb SSol^r^eit märe. (Sä ift unfere 
innerfte ©cmiB^eit, bafe ©ott ift. 

Xaä ift bQ§ unmittelbare SeiüuBtfein taS lüir in un§ tragen. 

fiut^orbt, aSorträge I. 11. 2IufI. 4 



50 3. SSortrag. Ser perjönltc^e ®ott. 

^tefeä iöetüujstfein ift eine affgemeine %f)at\a(^e, eine X^atfad^c 
beä ntenfc^Iic^en @eifte§ üBer'^oupt. 

SffferbingS ^at erft bo^ S^riftcnt^um biefen SntiQtt unfrc§ 
@ei[te§ ber 3Jien[dE)^eit h)ieber jum Setüufetfein gebro^t. S)a§ 
@otte§beh)u|tfein hjor toie ein berfd^ütteter SBrunnen, ben \>a^ 
©^riftent^nm h)ieber aufgegroBen f^at Stber e§ l^ot bod^ nur 
aufgegraben, toaS fd^on bo njor. ©§ toar tt)ie eine ©rtnnerung 
Ott eine gro^e ober öergeffene unb mi^öerftanbene SBol^rl^eit 
be§ @eifte§. ^n biefem @inn ^ot ^aulu§ auf bem Slreopog 
9l^.=®efd^. 17, 23 ben unbefannten @ott geprebigt, bem bic 
Slt^ener unwiffenb ©otteöbienft tl^oten, ben fie im ©runb i^rer 
(Seele furf)ten unb meinten o^ne eä ju tüiffen, ben bie |)eiben» 
toelt nod^ immer eigentlich meint unb fu^t o^ne e§ ju miffen. 
^n biefem Sinne ^aben bie Slpologeten ber erften ^Q^i^^unberte 
on ba§ unmittelbare ®otte§ben)u§tfein erinnert unb bie Reiben 
öon i|rem unbetou^ten ©lauben an ®ott überführt, tt)ie er in 
SDlomenten innerer Setoegung, in bet^euernben Slnrufungen 
©ottel ober bergt. !^erborbred^e. „0 SJienfi^enfeete, ruft Xer» 
tuffion an§, bie bu öon S^iotur eine S^riftin bift!" 
- e^ ift gett)i§, bo^ ©ott ift. Slber \va§ ift ®ott? 

2Ber h)iff itjn befc^reiben? ®ott ift ein „9Keer' o^n ©runb. 
xinb @nbe" — tt)er triff feine Unenbüd^feit in SSorte faffen? 
<5)ott ift ein ®e^eimni§ — wer Ujiff fein berborgeneS SSefen 
ou^fpred^en? 9lber @ott bezeugt fid^ innertic^ bem 93en)u§tfein 
be§ HJienfc^en, fo ba^ biefer menigftenS eine o^nenbe ©rfennt» 
ni§ üon bem üerborgenen ®ott ^at ©ein innerfte^ SQSefen ober 
i)at er in Sefu ß^rifto oufgefd^Ioffen, fo ha^ xoit if)m ^ier 
glei(^fam in fein ^erj fc^ouen unb i^n erfennen lönnen hjie 
er für un§ ift. 

©Ott ift bie SJtac^t offe§ ©ein^, benn er ift bo§ etoige 
Seben bog ben ®runb unb ha§ Qid feiner felbft in fic^ ^ot; 
er ift feine eigene eh)ige X^at, borum oudE) ber @runb unb 
"ba^ S\d offe^ ©efd^affenen unb ber $err ber SBelt, ber in 
Ziffern unb über ?lffem toaltet. ®ott ift ber § eilige, ber 
feinen SBiberfprud^ in fic^ trägt; er ift ein ßic^t o^ne Xrübung 



®oä SSefen ®otte§. ®er ^ant^eiSmüS. 51 

unb ber bollfommen ®ute, barum Qud^ ber @runb oller fttt= 
liefen Drbnung, ber ©d^öpfer unfrei eignen fittlid^en Senju^t* 
fetn§ unb ollein ba§ ®ut, boS unfer fittlid^e§ SBefen 6efrtebtgt. 
<Sott ift enbli^ bie Siebe, bie un§ etoig gettJoHt ^at, bofe 
tütr fein eigen fein fotten unb in i^m triebe l^aben für unfre 
Seelen. S)ie ©d^öpfung le^rt unö ©otteö SWod^t, unfv @e« 
toiffen bezeugt unä feine ^eiligfeit; ober bie S,kh^ ift njo|r^aft 
«rft in Sefw S^rifto offenbar genjorben. S)ie ^eibenroelt l^ot 
«ine a^nenbe ©rfenntni^ öon ber äRod^t ®otte§, tourn eine 
^^nung oon ber §eiligfeit @otte§, aber leine Sl^nung öon 
t)er Siebe ®otte§. S)iefe ©rfenntniß öerbanfen wir erft bem 
(J^riftent^nm. Unb bo^ ift ha§ bie ®rfenntni§, bie hjir oor 
Gittern braud^en. ®enn fo lange njir @ott bfo^ aU bie ajlad^t 
unb aU bie ^eiligleit fennen, bleibt bie ^luft jioifd^en un§ 
unb i^m nnau^gefüHt. ©eine 3D^ad^t jeigt mx§ nur unfre 
Ol^nnto^t, feine ^eiligfeit unfre ©ünbe. S)iefe ©rJenntnife 
unfrer felbft l^ält un§ ferne bon ®ott, fie bemüt^igt un§ Dor 
i^m, aber fie lö^t un§ il^m nid^t naiven, „^n ß^rifto l^aben 
mir einen @ott bem h)ir un§ naiven o'^ne ©tolj, unb unter 
ben njir un§ bemütl^igen o!^ne SSerättjeiftung'', fagt ^a^fal. 
Unb ein anbere§ 9KaI: „®ie @r!enntni& ©otteä oline bie unfrei 
fölenb^ mac^t l^oc^müt^ig; bie @r!enntni§ unfre§ @tenb§ ol^ne 
bie @r!enntni§ ®otteg fül^rt jur Sßerjttjeiflung ; bie ©rfenntni^ 
^^rifti ift bag- SSermitteInbe: benn in i^m finben wir ®ott 
unb unfer 6(enb''2i^ lüeil bie Siebe bie un§ mit @ott mieber 
bereinigt f)at. 2)a3 ift bie ©rfenntniB, mie fie bie Dffen» 
barung un§ lel^rt. Unb unfer |)erä unb ©emiffen fogt Qa unb 
^men baju. 

Slbcr ber ^antl^eiSmu^ fagt 3^ein. S)er ^ant^ei§mu§ 
leugnet ben ©ott be§ S^riftent^um^ unb fe^t etmo§ SInbereä 
on feine ©teile. 

Sie ?frage be§ ^ont^eiSmuö ift gmor eine )):^ifof{)p^ifc^e 
Srage, unb meine Slufgabe ift nid^t in biefen SSortrögen 
ipi^ilofop^ie äu treiben. Stber e§ ift eine groge öon ^öd^fter 
4)raltifrf)er 83ebeutung, unb mir fönnen ni^t an il^r oorüber* 

4* 



52 3. SSortrag. ' Ser perfönlic^e ®ott. 

ge§en. ^ä) lüerbe fie fo einfadf) unb fo furj al§ mögtid^ be* 

S)er ^Qnt^ei^muä ^at tierfd^iebene formen, ober einen gc= 
meinfamen ©runbgebanfen; unb biefer ©runbgebanfe öon bem 
er au^ge^t ift ber: ber SJianntgfalttgfeit biefer SBelt unb i^rert 
einjelnen ©rfd^einungen liegt ettoaä 2IIIgenieine§ ju @runbe, 
tt)eld^e§ bie (Sin^eit biefer SSelt bilbet; unb biefe^ Slllgemeine 
ift ©Ott. ®Q^ ift fein ben)u§ter perfönlic^er ®ott, e§ ift nur 
ha§ allgemeine Seben ha§ in SlHem lebt, ta^ ollgenteine ©ein 
\)aä in SlHem ift, ober bie ißemunft in allen S)ingen. SSir 
nennen e§ nur ®ott. ©iefer @ott ejiftirt nid^t felbftänbig für 
fic^, er ift nur in ler SBelt, bie SBelt ift feine SBirflic^feit unb 
er nur i^re Sßa^r^eit. 

tiefer $antf)eilniu§ ift fc|on in ber üord^riftlic^en Qeit öor* 
Rauben gettjefen. @r liegt ben ^eibnifc^en Sfieligionen gu Orunbe, 
biefen 9?eIigionen eineä trunfenen ^Roturgefü^t^; er ^at bie 
p^ilofo^^if^e SBeltanfc^auung ^nbienä erzeugt, biefe SSeltan« 
f(^ouung ber Iräumenben ^^ontafie; er ^at ouc^ in ©riechen« 
lanb eine pt)iIofop^ifd^e SSertretung in üerf^iebenen Schulen 
gehabt unb auc§ ber fc^einbare BJionot^ei^mu^ am STu^gang 
ber alten SSelt ^at fic^ öon i^m nid^t frei ju machen öermoc^t. 

gür bie c^riftlic^e SSelt hjurbe ©pinoja fein einftu^reirfifter 
Vertreter. Unb nacEjbem er löngft begraben fc^ien, ^at Seffing 
ujieber auf i^n aufmerffam gemad^t in einem berul^mt gemorbenen 
©efpröc^ mit Sacobi;-^ unb oor Willem f)at i^n bann ©d^eHing 

erneuert unb ^egel lüeitergefüfirt, unb öon ha qu§ ift er öicl* 

fac^ in bie allgemeine Xenfroeife übergegangen, oft me^r at^ 
mon felber mei§ unb glaubt. 

SlHem toa§ ift — fo le^rt ©pinojo — liegt ju @runbe 
bie eine, etoige ©ubftanj, welche in ber boppelten SEßelt be§ ®e= 

banfeu^ unb be§ raumerfüllenben ©toffeä jur tüirüic^en @r« 
fcöeinung !ommt. 2tuä bem 3Jlutterfd^oo^e ber ©ubftanj, oB 
ber emig gebärenben Statur, tauchen bie einzelnen ©ebilbe auf, 
um öon bem ©trome be§ £eben§ immer toieber öerftfilungen 
ju toerben. SSie bie SBetten be§ 2Weere0 fic^ erfieben unb 



^er ^antl^eigmu?. 53 

fenfen, fo ergebt fid^ baä ©injelfeben um jurürfäufinfen in jcneS 
üttgemetne Sebeu, ba§ ber %o\> oller einjetnen (£jiften§ ift. 

®ag ettjige absolute ©ein — te^rt ©c^elling in feiner frütieren 
3cit — gcl^t ftct§ Qu^einanber in bie 3)oppettt)eIt bei ®eifte§ 
nnb ber Statur. (5§ ift ©in ßeben ba§ burd^ bie gange 9latur 
l^inbnrd^ge^t unb im ÜJienfc^en münbet. (£§ ift boffelbe Sebcn 
t)a^ in Saum unb SBotb, im SJieer unb im f^el^geftein webt, 
hai in ben getoaltigen Säften unb 9Jläd^ten be§ SflaturlebenS 
orbeitet unb fd^afft, unb ba§, im 9)ienf(^enleibc einge[d^toffen, 
j^ier bie ©ebanten be^ ®etfte§ erzeugt. 2* 

S^a^ 2Ib[oIute, le^rt |)egel, ift bie allgemeine SSernunft, 
toeld^e juerft in bie ^atux öerfenft, ^ier gteid^fam fid^ felber 
ab^anbeu gefommen, bann im SIRenfct)en fic^ finbet aU fclbft» 
beftju^ter ©eift, in »el^em ha§ Slbfolute, om ©d^Iuffe feinet 
großen ^rojeffeä, ttjieber ju fic^ felbft fommt unb fid^ in ber 
ein^eit mit fid^ felbft erfaßt. S)iefer ^rojefe be§ ®eifte§, ba§ 
ift ©Ott; ber ©ebanfe beä 9Jlenfc^en öon ®ott ift ba§ ©ofein 
©otte§. (Sott :^at fein ©ein unb fein S)afein für fi(^; er ift 
nur in un§. ®ott meiß nid^t bon fid^; nur mir miffen öon 
i§m. Snbem ber SD^enfc^ ©ott benft unb weiß, benft unb hjeiß 
©Ott fic§ felbft unb ift er. ©ott ift bie SSa'^r^eit be§ 9Kenfc^en, 

unb ber 9Ken[c^ ift btc SBirKic^feit ©otte^. 

©0 ift fc^Iießlic^ ber SWenfc^ ju ©ott gemadE)t. 

üJian fann mäit Teugnen ba| bem ^ant^ei^muS ein großer 
©ebanfe' unb ein erl^abeneä ©efü^I ju ©runbe liegt — unb in_ 
biefem ©ebanfen unb biefem ©efü^I ift eine ^Ba^r^^eit — : ber 
©ebonfe unb ba§ ©cfü^I nämlic^ oon ber @in^eit bei ©ein§ 
unb öon bem 3ufß™nxen^ang unfrei £eben§ mit bem Seben 
bol unl ringl umgibt. ®al Seben ber 9Jatur berührt unl f^m= 
^attjifc^ unb ruft in unl eine entfpred^enbe ©timmung l^erüor, 
h)elc^e ein S^ugniß für bie Sßerhjanbtfd^aft ift^ bie ätoifd^en 
®eift unb 9?atur ftotlfinbet. ©eine eigenen ©efe^e finb t§, bie 
unfer ©eift miebcrerfennt in ber SBelt ber 9'iatur unb be§ 
©eifteg, unb mir ftnben in biefer eine objettiöe SSernunft bie 
fileid^ortig ift mit unferer fubjeftiöen SSernunft. Stber ift biefeS 



54 X 3. SJortrog. ®er perjöuli(^e ®ott. 

©efammtleBen bog unä umgibt iinb t>a§ ©ebiet beö oDgcmehicit 
©eifte^, ber in uitfrem ©eift fic^ toiebcrfpicgcU, baS Se^te unb 
|>öc^fte, ©Ott fdbft? S)Q§ ift ber Srrtium be§ ^ant^ei^mug, 
ba% fein ®enfen unb ©ntpfinben gebunben ift burc^ biefei üRit» 
telgebiet unb boron ^aftet, ftott buri^ boffelbe tjinburc^äubringen 
§um legten Urfpmng aller 5)ingc unb jur abfoluten SSemunft, 
äu ©Ott. 

®ie SBiberlegung be§ ^ant^eiäntuS liegt fc^on in feinen 
praftifc^en ^onf equenjen. 

®er ^anl^ei§mu§ oerni^tet bic 9?eügion. Xenn fein ®ott 
ift !ein ^erfönlic^er ®ott ju bera ic^ in ein perfönlic^e§ S8er* 
^öttniB treten, ben icf) lieben, auf ben ic^ oertrauen, ju hem 
xd) beten lönnte; e» ift nur bie 9Ka^t ber Sfiot^wenbigfeit unter 
bie ic^ midi beugen, ha§ allgemeine Seben an ba§ ic^ mi^ öer* 
lieren fann; aber ic^ fann ni^t ©ott gegenübertreten unb ju 
i^m f^rec^en: S)u! — S)er ^ant^ei^muä {)ebt bie SSorauä» 
fe|ungen ber ©ittlic^feit auf; bcnn oHe ©egenfä^e öon gut unb 
bog finb i^m ©rfc^einungen be§ (Sinen Slbfoluten. 2)amit ^ören 
fie folgerichtig auf, toirflid^e fittlid^c ©egenfo^e §u fein; ba^ 
tt)ag wir böfe nennen ift im ©runbe fo not^ttjenbig mie bo0 
©Ute: — mie fönnen n)ir öerurt^cilen tt)a§ bod^ not^menbig 
ift?25 _ 5)er ^ant^ei§mu§ jerftört bic |)offnung. S)enn wie 
bie S3Iume ba^inftirbt im |)erbft, um nit^t mieber aufzuleben, 
fo öerftnft ber 3Jienfd§ im Strome be^ Seben§, um fk^^nic^t 
toieberjufinben — e§ ift au§ mit i^m.'" Tlan fann bie Slume 
in'g Herbarium legen; fo fonn man einen SOZcnf^en im ©e* 
böc^tniB belDo^ren — aber e§ ift ou§ mit i^m. ©§ ift nur 
euer froffer (Sgoi^mu^, fagen un§ bie ^ant^eiften, ha% i^r 
burd^auS nic^t ju ©runbe ge^en tooüt. — 9lur bo§ eben ©ott 
felbft un§ biefen „@goi§mu§" in'§ ^erj gegeben ^at: — fo 
mu§ er boc^ mo^I SSa^r^eit fein. 

S)iefc Äonfequcnsen felbft f^on finb eine SBiberlegung be^ 
^ont^eiSmug. 2lber man fann utiS ertuibcrn: ®aS ift eine 
plumpe SBiberlegung; nic^t nac^ ben folgen muB man urt^cilen, 

fonbcm nad^ ber Sac^c felbft. Q^ax ift e§ bie Soc^e bie in 



®er $Qnt^ci§mu§. 55 

ben f^olgen erft^eint. 9(ber feigen toir q6 üon ifinen! 5)te 
(Ba6)e felbft ift bie gleid^e SBiberlegung.^ ®enn ber ^ant^eiS* 
mug ift ein brcifad^er SBiberf^ru^: jur Jßernunft, gum ©enjiffen 
«nb äu «nferm ^erjen. 

dx ift ein SBiberfpruc^ jur SSernunft. ®enn er rebet 
öon ©Ott unb öerneint i^n bo6). ®er ©ott be§ ^antf)ei§mu§ 
ift ha§ Unenblic^e, ober biefe Unenblic^e ift nur im (Snblid^en 
njirfUc^; ta^ ^ei^t: e§ felbft, boSUnenbli^e ift nirfit hjirfti^. 
2)enn h)ie foU ba§ Unenblid^e gteid^ fein bem ©nblid^en? Sft 
baä ©nblic^e feine SBirftic^feit, fo ift e^ nic§t bie SSirftid^feit 
feine? SBefenS, otfo nic^t bog Unenblid^e felbft. Sllfo öerneint 
ber ^ant^et^mug ta^ Unenblic^e, inbem er e§ fe^t. Unb ^in= 
njieberum: rtie fott ba§ (Snblid)e gfeid^ fein bem llnenblitfien? 
9}ian fagt unl: inbem e§ ftirbt, ^ebt e§ fidj at§ @nblid^e§ ouf. 
Slber nur um einem anbern (5nblirf)en ju lueid^en. @o !om= 
men h)ir qu§ ber (Snblidifeit nic^t I)inau§ in bie SBelt be? Un:= 
enblic^en. S)a§ Unenbti^e ift nirgenb? gu finben. — ®er (Sott 
be^ ^ant^ei§mu§ ift ha§ SlUgemeine, njeld^e? ftetä übergef)t in 
ba? Sefonbere unb ©injelne. 9^ac^ »elc^em ©efe|? ©pinoga 
antttjortet: „nac^ göttlicher ^Zot^roenbigJeit". S)a§ ift ein SBort. 
2)ie allgemeine <Subftan§ an ficE) erzeugt feine befonberen 93il= 
bungen. S)enn bie allgemeine @ubftanj toirft nod^ bem (8efe§ 
ber ^Rot^hjenbigfeit, bie ©injelbitbung aber berulit jugleic^ auf 
bem ®efe^ ber ^reü^eit. @o mu| man biefe mit jener oer= 
binben, um bie S33irflic^!eit 5U öerfte^en. ^'J — ©er ©ott be§ 
^ant^ei^muä ift entnjcber bie Statur au§ melc^er ber ©eift l^er» 
öorgc^t, ober ber ©eift ber au? ber S^otur tierüorge^t. S)ie 
«Rotur ober ift bog S3enjuBtIofe, ber ©eift ha§ »enjufete. S33ic 
fann ba? ©emufetlofe au? fid^ S8ett)ufetfein erzeugen ? 6? ift eine 
alte 9legel ber Sogif, ha^ bie SBirfung ni^t? enthalten fann 
toaS nid^t juöor in ber Urfad^e gelegen. 5)a§ SBett)u|tfeitt ift 
bem SeiüuBtIofcn gegenüber ettoo? fc^tec^t^in SfJeueS unb 

Slnbereg. SBie !ann eö alfo öon biefem erjcugt fein? — S)er 
©Ott be? ^Jant^eiämu? ift nac^ ^egel ber abfolute Scgriff. Sn= 
bem ber 3Jltn\^ \)a§ ?lbfoIute b. t|. ©ott mi^ unb bentt, n?ei§ 



56 3. SSortrag. 2)er ^jeriönlic^e ©Ott. 

unb benft ®ott fic^ felbft. 2t6er luie ^oll mein i8etou§t[ein boii 
©Ott bog ©elbftbettjugtfein @otte§ felbft fein? 3ft aber bog 
@otte^beh3uBt)ein be^ SJJenfc^en nid^t bie ent[prec^ent>e SBirflic^* 
feit be§ Slbfotuten, unb foll biefe^ bod^, lüie |)cgel forbert, @ub» 
jeft fein: nun fo muB e§ eine ^ö^ere SBirftic^feit |aben aU im 
ntenfc^Iic^en ©eift, ein :^ö^ere§ ©ubjeft fein aU t>aä menf^Iic^c 
(Subjeft, e^ mu§ ein übermettlid^e^ ©ubjeft fein, ein übermenfd^« 
lid^eä ©elbftbemuBtfein, ein felbftbenju^ter perfönlid^er ©eift über 
aller SBeltnjirflic^feit. — S)ur(^ bie gange SBelt get)t ber Q\xq 
gur ^erfönlid^feit. SSon ber unterflen Stufe be^ ^ofein^ an 
ftrebt baä Seben fic^ jum perfönlic^en ju ergeben. S^2Renfc^en 
tüirb e^ ^erfon. SBo^er biefer perfönlic^e Q\iq_ beiS Seben^, 
toenn er nid^t ha§ ©efe^ ber SSelt ift; unb mo^er biefe^ ©efe^, 
ttjenn i>a§ ^rinjip ber SSelt ein un^erfönlicfieä ift? ^ie 9Jienf(^= 
{)eit aber fc|Iie§t fid^ jufammen jum einfieitlid^en £)rgani!§mu§ 
be§ fliei<i)e§ ©otteä, ber aud^ mieber feine ^erfönlic^feit fuc^t, 
um an i^r feine (Spi|e ju ^aben — in ber abfoluten ^erfön* 
lic^feit, ©Ott, in Welker Sltteä gipfelt, ^s @o forbert olfo bog 
SDenfen bie ^erföntic^fät be3 Stbfoluten; ber ^ant^ei^mu^ ift 
ein SBiberfprucf) jur Vernunft. 

3ti^t minber ein SSSiberfprud^ jum ©emiffen. — Unfer 
©etoiffen forbert bie ^errfc^aft be§ ©ittengefe^e§; bie ^errfc^aft 
be§ ©ittengefe^eS aber forbert ben perfönlic^en ©ott. 2)enn 
nur @r !ann ber oberfte ©efe^geber, nur (£r fann ber oberftc 
9iic^ter fein. ©5 ift ein allgemeine^ 93emu§tfein, bo§ ha^ Sit« 
tengefe^ auf einer me^r aU menfc^üd^en, ta% e§ auf ber ^öd^ften, 
götttüd^en Slutorität ru^en mn§. ßwax \)a§ bürgerlicfie 9?erf)t 
fann ^robuft be^ menfc^Iic^en SBtßenö, be§ med^felnben S33itten§ 
fein. S)a§ ©ittengefe| aber ift emig, ha§ ^at einen emigen 
©runb, einen übermenf^Ii^en Urheber. 9^ur barauf beruht 
feine unüerbrüc^Iic^e Stutorität. 'Slüx ©Ott fann olfo ber oberfte 
©efe^geber fein. Unb nur ©ott ber oberfte Siid^ter. SSir forbern 
eine oberfte ©erec^tigfeit, bie fid^ nic^t irren fann mie bie menfc^* 
lic^e, ber fic^ ber (Sc^ulbige nic^t entjie^en fann mic ber menfc^« 
li^en. @^ muB eine oberfte Siiftons geben, an meldte ber Un« 



S)er ^ant^ellmuä. 57 

fd^utbige appeüiren, luetc^er ber ©c^ulbigc nid^t entrinnen !ann. 
ajian fagt etttjo: bo§ ©ehjiffen ift ber ©efe^geber unb ber Stic^ter. 
Slber hjcnn e§ nid^t ber ©efe^geber, wenn eä nic^t ber 9lid^ter 
ift? Q§ fann getrübt, gefdiwäd^t, abgestumpft fein, e§ faun 
fd^meigen, man fonn fid^ bagegen üerfd^IieBen. 2öo bleibt bann 
bie ©ered^tigfeit, welche bod§ baS ©runbgefe^ be§ irbifd^en 
Sebeng ift? SSofilan, eä fei nicE)t§ aU ba§ ©ertiffen. ®ut, fo 
forbern mir ein untrüglid^e^, ein unerbittli^e?, ein nnentrinn* 
bare^ ©ettjiffen, b. t). ein obfolute^ ©emiffen — ha§ ift ©ott: 
€V ift iia§ oberfte ©eluiffen ber SBelt. 

©Ott ift eine gorberung unfrei ©emiffeng unb eine gor* 
berung unfrei ^erjenl. SJBir fiub gefd^affen pr Eingebung, 
5um ©tauben, jur Siebe, jur Hoffnung, jur ©eligfeit. @ott 
bie SäJelt ber ©egenftanb unfrei ©laubenl, unfrer Siebe u. f. tt). 
fein? S)ie SBelt ift eine ftete 93ergängtic^feit — toie fotten mir 
ha jum grieben fommen? ©laube unb Siebe finb ein perfön= 
lid^el 2?er!^ältni§ ; mir finb für ein perföntid^el 93er^öltni§ ge= 
fd^affen. 80II ber 9Jlenfd^ ber prfiftc ©egenftanb unfrer Siebe 
fein? 2)ie ©d^mefter ^alfatl erjö^It öon einem Rapier, ha^ 
i^v ©ruber beftänbig bei fi^ getrogen, morauf bie SBorte gc= 
frfirieben moren: „@l ift unrecht, t>a^ man Stn^ängüd^feit ju 
mir l^at, fo gern unb freimiflig e§ aud^ gefd^el^e; id) mürbe 
bie nur töufc^eu, in benen i(^ ein fol^^el 5?erlangen l^eröor« 
riefe: benn ic^ bin S^iiemanbel 3i^'f ""b ^ahe nid^tl ba§ i^n 
befriebigen fönnte. 53in id^ nid^t bereit ju fterben? Unb bann 
mürbe aud^ ber ©egenftanb i^rer 2(nt|ängtirf)feit tobt fein." 
Unb in ben Pensees brüdft er bal fo oul: „@l ift falfd^ \)a^ 
mir mertl^ feien öon Stnbern geliebt ju merben, unb el ift 
unre^t ba^ mir e§ motten.'' 29 3n)ar ift e§ t)a§ ^öd^fte unb 
iBefte unter ben 9KenfdEien, ba^ fie einanber lieben. Slfer bte§ 
^öc^fte unb S3efte ift nur bie SBeiffagung einel ^ö^mn unb 
^efferen. Unb mo bie Siebe maf)r ift, lieben mir im 3Jlenfd)en 
me^r aU ben äRenfc^en. 2ßal |)efoife in Slbälarb tiebte, mal 
ifire ©eete Utbetc, üerfd^önte unb if)r glügel gab — el mar 
nic|t Slbatorb ; el mar me^r oll er. 3lIIe irbifc^e Siebe meift 



58 3. 9Sortrog. ^er ^jerfönlici^e ®ott. 

iifcer ficj fiiitöul. Srfi bie fitete gu ®ott ift be^ üOJenfc^en ganj. 
jüürbig unb füllt i^n ganj au§. ©o f}otS) fte^t ber 3Jieii|d^. 

9l6er bte Q'iebe iff ein ^jerfönltc^cä Sßer^ältni^. 35ie Ste6e gu 

©Ott forbert ben perjönlic^en @ott. ©treic|en tüir bie ^erfön« 

Itc^fett ®otte§, fo flreic^en toir haS 93efte, ©cfiönfte unb ^öc^fte 
n)a§ in un§ ift: ©laube, Siebe, Hoffnung, unb toa§ on i^re- 
©teHe tritt ift bie JRefignQtion — nic^t tie ftille frieblid^e @r* 
gebung in ©ottel SSitten, fonbern bie falte ftuntme fReftgnation,. 
bie fic^ beugt roeil fie ntu|, bie fic^ nic^t ber Siebe beugt fonbern 
ber SJJad^t, bie, inbem fie bie 2(ugen fd^tiefet, öerfinft in beit 
ett)igen Xob, in h)elc^em e^ ou^ ift mit un^, mit unfrem Seften,. 
mit unfrem ^erfönlid^en ©ein. ®er -i^ant^eiSmuä öernid^tet 
unfre ^erfönli(f)feit, meil er bie ^erfönlidjteit ®otte§ oernic^tett 
©ein ©Ott ift ein ©ott ber Siebten unb nic^t ber Sebenbigen,. 
benn er ift felbft nid)t bo^ ma^rf)afte unb mefentlic^c Seben.^* 
Ünxy. ber ^ant^ei^mu^ ift ber abfolute SSiberfpruc^ jtt 
unfrem innerften SBefen, ju unfrer innerften SSo^r^eit, ju 
unfrem innerften SebürfniB, ein SBiberfpruc^ ber Sßemunft,. 
be§ ©emiffeu^, beä .^erjen^. 2Ber SJJenfc^ fogt, ber mu| auc^ 
©Ott fagen, unb mer ©ott fogt, ber mu§ aurf) ben perfönlic^en 
©Ott befennen; mer fagt: ^<i) bin, ber mu§ aud) fogcn: ®u 
bift. SSon ba au§ beftimmt firf) bann bie gange Süc^tunj 
unferer ©ebanfen. 



Nieder Dodrag. 

Ibie 9Scrtf(|Bpfung. 

3e nocfibem man bte grage über ®ott beanttüortet, entfd^eibet 
fic^ aud) bie grogc über bie SBett. Sft ®ott ein lebenbiger 
^)erjönlic^er @ott, bann ift bie SBelt öon i^m gefcfiaffen nni^ 
btefc ©d^öpfung eine freie %^at feiner SKad^t, Sßei^fieit itnb- 
Siebe. 2)ag ift bie ©runblage ber d^riftlid^en SSßeltbetrad^tung. 
©obalb tt)ir aber biefeä (Sebiet betreten, begegnen unä aße bie 
©intoenbungen, tüelc^c bie SfJoturmiffenfrfiQften unb eine natür* 
lic^e i8etra(^tung ber S)inge gegen bie religiöfe SBeltbetra^tung: 
unb fpe^iell gegen bie biblifc^c ^arfteHung erl^eben. S)aburc^ 
ift eine 9leit|e öon {fragen unb 93ebenten l^eröorgerufen worben^ 
toeirfie in ttjeiten Reifen bie ©emüt^er bef(f)äftigen unb oft 
über bog 9Jioö ^inauö beunrul^igen. 

5Jer ^onftitt jtüifc^en ben 9?oturhjiffenfd^aften: 
unb ber religiöfen SBeltbetrad^tung ift ein ©rjeugni^ 
erft ber neueren Seiten. @r ftefit im 3ufflnimen^ang mit hen 
großen ^^ortfc^rittcn, ttjelc^e ^^^fif unb (J^emie, Slftronomie- 
unb ©cologie in ber neuen 3cit gemacht l^aben. (Seitbem ba§^ 
Xeleffop unb SJtihroffop ganj neue SGßelten aufgef^Ioffen fiaben^ 
feitbem S^ioffeg ^^eleffop bie öon ^erfcf)e( entbedften fernen 
9iebelf[ecfe jum X^eil in @ternenft)fteme aufgetöft, jum 2!^ei( 
unterftü^t burc^ bie ©jperimente ber ©peÜral^Slnal^fe fie al^ 
\üivU\d)e IRebelmaffen oon !ometenä^ntid^er 93efc^affen^eit er* 
lüiefen, feitbem (S^renberg bie SSelt ber S^fufoneit entbecft 
unb j. 93. in einem ^bifjott Siliner «|5oIierfc^iefer 40,000 ajiiff. 
fiefelartiger ^anjer ber (SalioneHen gefunben — feitbem i)at 
ein neueä SSerftänbni§ biefer fi(^tbaren 25elt \xä) ju bilben be* 



•60 4. SSortrag. S'ie 3Bettj(^öpfung. 

gönnen unb ein Ictd^t6egreiflic^e§ f)öf)ere§ ©etbftgefü^t be3 
■menfcEitid^en ®eifte§ fid^ bentä^igt, ber nun feine gerne be§ 
1Raume§, !ein S)untel ber Seiten fic^ me^r öerfd^Iotfen glaubt. 
15)te auf btefem SSege getuonnenen ©rfenntniffe ^oben ju einem 
iSanjen natürlicher SBeltbetra^tung fic^ 3ufammcnju[c^Iie§en 
-angefangen, hjeld^e fic^ auf X^atfac^en beruft unb ^oubgreiftid^e 
^ett)i§f)eit für fi^ in 9lnfpruc!^ nimmt unb baburc^ imponirt; 
benn alle§ ^anbgreiflic^e mad^t ber Statur ber ©ad^e na^ 
immer einen großen (SinbrucE auf unfren ©eift. Stuf ber on= 
t)ern ©eite ift e§ bie Strt be§ religiöfen (Staubend, baB er fi^ 
titd^t bIo§ auf eine einzelne ^roöinj bc§ inneren ©eifte^Iebenö 
ibefc^ränten laffen, fonbern ba§ gefammte 2)en!en be5 SJZenfd^en 
1)ur(i)bringen unb e§ in Sin^eit mit fid^ fe^en hHÖ. 9Biber= 
fpred^enbc Söetroi^tungSlneifen aber in fid^ ju butben, »iber« 
ftrebt ber 9ktur be^ menfc^Iid^en ®eifte§. S)aburc^ ift benn 
t)ielfadö ein B^i'iffl'ölt in ha§ moberne ©eifteSleben gefommen, 
unb borou^ ein ©efü^I eine§ unbe^agttrfien ©c^hjanlen§ unb 
■einer bänglid^en Unficöer^eit entftanben, toelc^e nic^t ttjci§ ob 
unb in h)et(^em &xabe fie 3"9eftanbniffe mad^en unb bur(^ 
"biefelben ettca bie geftörte |)ormonie ber inneren ©ebanfenhielt 
irieber geminnen foll. ©c^on ©d^teiermad^er fürditete öon ben 
■©rgebniffen ber 9'?aturtt)iffenfd^oft nic^t bIo§ für bie Xf)Cotogie, 
fonbern für ha§ eöangelifc^e (I^riftentf)um überhaupt. „3Jiir 
-ofinbet, — fcf)reibt er an SücEe 1829 (2;^eoI. ©tubien unb 
^rititen II, 489 f.) — ha^ Wir merben lernen muffen unS 
flfine SSiele^ ju bereifen, tt)a§ SSiele noc^ genjo^nt finb aU mit 
t)em SSefen beg 6;^riftent^um§ unäertrennlid^ öerbunben ju 
"benfen. ^^ toiU gar nid^t üom ©ec^^tageftjerf reben; aber ber 
©dE)öpfung§begriff, wie lange Wirb er fi^ no^ galten Bnnen 
•gegen bie ©ewalt einer au§ wiffenf^afttid^en ^ombinotionen, 
t)enen ficJ) S^iiemanb ent^iefien fann, gebitbeten SSeltanfc^auung?" 
„Unb unfere neuteftamentli(^en SBunber — benn öon ben alt* 
-. leftamentlid^en will ic^ gar nic^t crft reben — wie lange wirb 
■€§ nod) währen, fo faKen fie auf'§ 9^cue, aber oon würbigeren 
unb weit beffer begrünbeten SBorau^fe^ungen au§ aU frü^erl^in 



®ie religiöfe SBeltanfc^ouiing unb bie SJaturtütffenfd^often. 6t 

ju ben Bebten ber töinbigen ©nc^flopäbie. 2Ba§ foll bantr 
werben, mein lieber iJrcunb? ^ä) njerbe biefe 3eit nid^t me'^r 
erleben, fonbem fann micö ru^ig fd^Iofen legen. Slber ©ie^ 
mein ^i^eunb, unb 3|re 2lIter§genoffen, \üa§ gebenfen ©ie §» 
t^un? S33ottt ^^x @ud^ bennotf) I)inter biegen ?lu§enn3erfen 
oerfd^anjen unb @ud^ üon ber SSiffenfd^aft blofiren laffen? 
2)0^ Somborbement be§ Spottet iuirb @ud^ toenig fd^aben. 
Slber bie SÖIofabe! ^ic gänjltcfie 2lu§!^ungerung öon aller 

SBiffenfd^aft, bie bonn not^gebrungen öon (Bud), eben loeit 
3^r (£uc^ fo tier[d^an§t, bie jjol^ne be§ Unglaubens aufftedEen; 
mu§! ©oH ber knoten ber (Sefd^ic^te fo au§einanberge|ettr 
haä e^riftentl^um mit ber Barbarei unb bie SBiffenfc^aft mit 
bem Unglauben?" @o ©d^Ieiermad^er. — Sflun, er I)at fid^ 
fd)Iafen gelegt unb Sude, an ben er f^rieb, aud^, unb nun: 
finb mir ha unb l^oben bie Slrbeit ju t^un, bie jene unS un* 
getban jurücfgeloffen ^aben. 9Ba§ foffen hjir nun fagen? ©ollte 
e^ luirüic^ fo gefä^rlic^ fte^en aU e§ ©c^Ieiermac^er fc^ilbert 
unb aU t§ Sßiele ttjofjt auc^ je|t noi^ benfen mögen? 

5Uä bie Sfi^aelitcn bor bem öerfieiBenen Sanbe ftanben, ia 
fanbten fie ^unbfc^ofter üorau^, raetd^e Sanb unb Seute er= 
funben unb borüber ©erid^t erftatten foHten. S!)ie famen jurürf" 
mit einem öerjagtcn §erjen unb ^aben burd^ i^ren 93erid^t 
aud^ bem übrigen §eer ba§ ^erj bange gemad)t. ^Ivit jtoei, 
3ofua unb ßaleb, behielten getroften aJiut^ unb forberten in. 
gutem SSertrauen gu (Sott unb i^rer ©ad^e auf üorauäuge^en,. 
unb feiner Qtit ^at @ott \xd) ju ben 9Jiut^igen befonnt unb 
bie 5lengftlid^en ju ©d^anben gemad^t. ©o ^ot auc| ©c^Ieier* 
marfier einen flüchtigen ©treifjug in ha^ Sanb ber S^loturnjiffen* 
fd^often gemacht unb ein üerjagteS ^erj mit §urüdfgebrQd^t. * 
©ollen toir un§ nun boburc^ oud^ bo§ ^erj bange mad^en^ 
laffen? S^ glaube, fo bebenllic^ fielen bie ®inge nic^t. 

®er meiftc ©treit auf @rben entfte^t burc^ SSerrüdfung ber- 
©renjen, unb SSieIe§ fann gefd^tid^tet merben nja§ fid^ üernjirrt 
I)at, tüenn nur bie ©renken eingel^atten hjerben. „©d^ieblid^,, 
friebüd^." ®o§ ift benn oud^ ^ier -boS ©rfte unb Siiöt^igfte,. 



^2 4. SSortrag. Sie SSeItfd)öpfung. 

"bo^ bie ®rcn§en jtütfc^en ben beibcn ©ebieten, um bic fid^*^ 
(lanbelt, rein gehalten unb betoa^rt toerben. 3)amit ift bereite 
l)ie §auptfad^e gewonnen. S)ie 9?eIigion unb XJieoIogie l^aben 
lESa^rfietten, über toeld^e bie SfJaturhjiffenfc^aft nic^t^ tüei§, bic 
fie balier §u üerneinen fein SfJed^t t)at; unb njieberum bie 9^atur= 
iDiffenf^iaft |at eine 9?ei^e öon ©rfenntniffen, mit njeld^en bie 
Religion nichts ju t^un I)at unb über welche bie S^eologic 
itid^tä 5U fagen tt)ei§. Unb quc^ hjenn beibe bon berjelben 
©ac^e Rubeln, fo finb e§ hod) ganj beryd^iebene ©eiten ber* 
felben. ®ie ^Religion fagt un§ ba§ ®ott un^ unfer tögltd^eS 
18rob gebe; bie 9^aturn)iffen|c^aft le^rt un§ njie ha^ ©etreibe 
fluf bem gelbe brausen 'maä)'\e. ^ann man nun fagen, meit 
i)a§ eine ftattfinbet, fo finbet \)a§ 2lnbere nit^t ftatt? Seibeä 
ift in feinem a^tec^te, ober beibe^ an feinem Drte. S)ie Sr« 
tenntniB ber ©renken ift ber SSeg be^ griebenS. Qroav fann 
§un)ei(en Unfictier^eit über bie ©renken ftattfinben unb baburd^ 
^onflift entfte^en. ^ilber um bf^roillen brauet man nic^t gtei(^ 
i^rieg ansufangen, fonbern man fu(^t bie richtigen ©renken auf« 
^ufinben unb feftäufteUen. 5)a§ mag ßeit foften unb ©ebulb 
unb Slrbeit erforbern. Unb fo fann e§ ft)O^I gefc^e^en, ba§ 
tüir ung hJerben beft^eiben muffen ni(^t al^batb atte i^ogen 
je^t f^on entf^eiben ju fönnen. Slber toa§ mir je^t no^ nic^t 
vermögen, ha§ bürfen toir Don ber Su'fiii^ft erwarten. 

©ine folc^e %xaQt nun, »o e^ öor 5(IIem auf bie ©d^eibung 
l)er beiben ©ebiete anfommt, ift gleic^ bie erfte öon ben fragen 
t)ie un§ ^ier ^u befc^äftigen ^aben, bie üon ber ©^öpfung 
fetbft. Unb bie§ ift im ©runbe bie entfd^eibenbe grage. S)icfe 
über liegt bieffeit§ ber ©renken im ©ebiete ber 9fieIigion. 
®enn ber (Sd^öpfung^begriff gehört, ber Slcligion an unb 
nic^t ber SfJaturmiffenf^aft. 2)iefe mag unä über ben äußeren 
^ergong belehren ; bie X^atfod^e felbft ober, bo^ ®ott bie SSett 
^efc^affen, leiert itnä nid^t bie Sfiaturnjiffenfd^oft fonbern bie 

IReligion. |)ierüber fonn bie Sfiaturtüiffcnfc^oft qu^ eigenen 
lölitteln nicf)t§ fagen. <Bo toeit fie au(^ in i^rer gorfd^ung 
^ucücfge^en unb ha^ SSerben ber fo^mif^en 93ilbungen ber« 



fotgett mag — jule^t muß fte bod^ bei einem ©toff unb bei 
einem Seben unb bei ©efe^en fielen bleiben. SBo^er btefer 
©toff, mo^er fein Seben unb bie in U)m maltenben ®efe|e 
feien, barüber mei§ bie Siaturmiffenfd^oft nic^tä. S)enn fic tiat 
immer bie 2Jiaterie jur SßorauSfe^ung unb beginnt erft mit ber= 
felben. 5)ie 5wge nad^ ber @ntfte!^ung ber SJioterie öerläßt 
ben ©oben ber finnlid^en SBirfIi(^feit unb ge{)t in bQ§ ©ebiet 
ber ©pefulation ober be§ &hubm§. S5o prt olfo bie 9iotur* 
miffenf^aft auf Sfiaturmiffenfc^aft §u fein unb mirb-^^ifofop^ie 
ober fReligion. Db man bie 2Katerie üon Q^ott gefc^offen fein 
laffe, ober fie aU enjig ober öon fid^ fetbft feienb benfe, ober 
ob man gor nid^tg barüber benfe — ^für bie Sfiaturmiffeufd^aft 
felbft ift \)Q§ ööüig gleid^; benn fie fängt erft an mit ber @ji= 
ftenj be§ materiellen @ein§. ^n biefer Silage alfo ift smifd^en 
S^Zaturmiffenfcfioft unb ©laube fein ^onflift unb fann feiner fein, 
ginbet |ier boc^ ein tonflift ftatt, fo ift e§ ein ^onflift üer= 
fd^iebener SSeltanfc^auungen, bie beibe (So^e beö @Iauben§ 
— meil einer ©runbanna^me — finb, fei e§ nun eine^ ptiilo* 
fop^ifc^en ober be§ religiöfen. SBa§ ein ^onftift mit ber ^atnv^ 
loiffenfctiaft fc^eint, ift üielme^r ein Äonflift mit1)er ^l^ito^ 
fop^ic ber jünger ber SfJaturmiffenfd^aft.^ / 

SBetd^el ift nun biefer (Segenfa^? 

5)ie SBelt ift eine X^atfac^e. SBoIier ift fie? ©ntmeber 
öon fic^ felber ober ha§ SBerf eine^ «Sd^öpferl. S)iefe§ Se^tere 
ift bie Se^re ber ©c^rift. SfiirgenbS in ber alten SBelt au§er= 
l^alb \)e§ Dffenbarung§gebiet§ unb ber ©d^rift ift ber reine 
©d^öpfungSbegriff üor^onben. '3Ran liefe bie S33elt entmeber 
Qü^ einer etoigen 3D'laterie entftanben fein, mie bie ^f)iIofop^ie 
beö Slbenblanbö e§ badete unb nur ettoa nod^ einen götttid^en 
SSerftanb ^inäufügte, beffen ©efd^öft mar ben oor^nbenen ©toff 
ju bitben, ober mon liefe fie aü§ ber ©ott^eit gleid^fam au§* 
gefloffen fein, mie bie ^^antafie beä SWorgentanbeS träumte. ^ 
3lber beibeö fte^t im SSiberfprurf) mit bem reinen ®otte§bcgriff. 
S)iefer forbert mit Sfiot^mcnbtgfeit bie SSelt oI§ eine %i)at ber 
flöttli^eu Srei^eit. Sfi bie SSelt ober eine fold^e freie %f)at 



64 4. SSortrag. 2)ie SBeltfc^öpfung. 

be§ allmächtigen SBiUeng @otte^, bann ift fie „aü§ ^l'i^i^" ge- 
fc^affen b, ^. fie \)at feinen ©toff jur 9Sorau§fefeung, fonbcrir 
ber (Stoff ber mit ift felBft erft eine Schöpfung ©otte§. gret* 
lic^ gilt fonft, \)a% au§ SJ^id^tS Slic^tg ftjirb ; benn aUeS SBerben 
^at ein ©ein pr Sßorau^fe^ung; aber \)a§ ©ein felbft ^at int 
legten @runbe nur ®otteg SSillen jur SSoraugfe^ung. Sic- 
@ntfte|ung biefeö ©ein§ aber entjie^t fic^ aflcr SßorfteHung, 
2luc§ ie|t no^ ift un^ bie ©ntftel^ung be§ SebenS ein unburd^* 
bringlic^eg ©e^eintni^. 9Bie dtoa§ h)irb, üemtag fein 9Kenfd^ 
ju fagen, unb n)ir werben auc^ nie baf)inter fommen. SBie 
tt)itt man fic^ üollenbö üorfteHen, mie ba^ onfänglit^e ©ein 
überl^aupt gemorben ift?^ 5lber mir foHen unä aud^, fagt ber 
^ebräerbrief 11,3, be§ SBeItanfang§ nic^t auf finnenföfligem 
SSegc Oergemiffern fönnen, fonbern er fofl unö ein ©egenftonb 
beä ®Iauben§ fein: eben befe^olb fei bie Söelt burc^ bie 
©eifteSmad^t be§ SBorteS @otte§ gemorben. ©o ift benn bie- 
©c^ö|)fung ber 2BeIt ein ©lauben^fa^ ber IReligion. Unb ein 
©a| öon burd^greifenber religiöfer Sebeutung. ®enn eben meil 
mir ©efc^öpfe ®otte§ finb, finb mir auc^ beftimmt unb fä^ig. 
mit ©Ott in einem SSer^Itniffe ju fielen — mit onbent 2Sor* 
ten: bie Steligion beruht auf bem Se^rfa^ öon ber ©d^öpfung. 
§at bie SG3eIt einen 2lnfong genommen, fo f)at fie oud^ ein 
3iel ber SSoHenbung unb eine aJiitte i^rer ®cf^i(fite — in: 
Sefu S^rifto; alleä ma'^re unb mefentlid^e SSerftänbni^ ber ge= 
fc^ic^tlic^en @ntmi(flung olfo beruht auf bem ©a^ öon ber 
©c^öpfung. SBir fe^en: biefer @a^ ift üon burd^greifenber 
:proftifd^er S3ebeutung. 

3m SSiberf^jrud^ §u i^m aber ftel^t hie Se^re beä ^ant^eilmu^- 
unb be§ 9JiateriaIi^mu§. 

S^er ^antl^eiömuä letirt einen emig fi(^ öolljie^enbett 
Uebergong be§ 5lbfo(uten ober ber Sbee in bie SBirfli^feit^ 
Slber ha§ finb blo^e SBorte. Äein ^ant^eift. üermag un§ ju. 
fagen, auf meld^em SBege bie Sbee jur SBirflid^feit gelange. 
SSon ber einen gur anbem fül^rt feine Srudfe, fonbern nur 
ein ©prung, unb jmar ein unmöglid^er ©prung, Bei melc^ent 



^et 9KateriaIi§mu#. 65 

biefe pont^eiftifc^c ^^ilofop^ie (ber |)egerfc^cu Sdfiute) btit 
^aU brid^t. 

2)ie ^onfequenj beä ^ant^ei§mu§ ift ber 9JtateriaU§mu§ 
b. ^. bie Se^re nad^ welcher bie materieße Scotur @in unb 
2lüe^ unb ba§ eigentlich ©eienbe ift. 5)er 9Jlateriati§mu§ leugnet 
ben ®eift, ben abfoluten, göttlichen, tüie ben freotürüd^en, 
nienfc^Iic^en; oug ber ÜKaterie atle\n — unb ber mit i^r öer= 
bunbenen ^aft ber Seloegung — toitt er hie SSelt unb ben 
aJienfc^en ertlären. ^enen fann man ben pfi^j'ifatij'c^en 9Jla= 
teriali^muö nennen, bie[en nennt mon ben pft)d^oIogif(^en. SBir 
feaben e§ t)ier junäd^ft mit bem erfteren ju tt)un. 2)iefer 
SJiaterialilmug ift alt; fc^on in ber griect)ifrf)en ^t)i(ofopt)ie 
rvax er ju ^au[e, obmot)I t)ier noc^ in naioer ©eftalt. SSon 
je^er reifte bog 9?ät^fel ber ^atnx ben gorf^ungltrieb be^ 
men[d^Iid)en @eifte§. fUlan fragte nad^ bem Urgrunb ber ®inge 
unb fuc^te i^n — fo bie jonifdfiert S^iatur^tiitofo^j^en — itt 
ber 9Jatur fetbft unb i^ren ©tementeu, im 5E3affer unb in ber' 
Suft ober in einem d^aotifd^cn Urftoff. 5lnbere ober, bie fo« 
genannten 2(tomiften, raie ^emofrit, festen an bie ©teile ber 
Urftoffe bie Sltome, b f). au^gebe^nte aber unf^eilbare ©toff= 
t^eile, bie an fi^ siüor unöeränberlid^ finb, aber burd^ i^re 
Berf(^tebene SJerbinbung unb S8ert!^eirung im leeren 3iaume bie 
9JiannigfaItig!eit ber ©rfc^einungen l^erüorrufen. Stagte mon 
ober mag biefe Sttome fo in Söemegung fe^e unb üerbinbe ober 
trenne, fo mar bie Stntmort: bie 9totf)menbigfeit ober ber Qn^ 
faU. Qrüax erfannte ber tiefere p^ilofop{)ifc^e (Seift ©ried^en* 
Ianb§, ba§, um bie SSernunft in ber SBelt ju erflören, eine 
^öc^fte SSernunft angenommen merben muffe, tüeld^e, ttjenn Qud^ 
nirf)t meltfd^öpferifc^ , bod^ menigften§ meltbitbenb fei. Sßon 
2Inajagorag an l^aben bie groBen ^^ilofop^en ©ried^enlanb^ 
biefen ©ebanten öertreten. 2lber Qpitüv fe^rte jur otomifti« 
fd^en fie^re äurücf. Siurc^ bie äufättige SSerbinbung ber Sltome 
ift bie SBelt mit i^ren ©ebilben entftanben, lehrte @^ifur. 
$)araug folgerte er bann, ba| ta^ ri^tige unb fid^erfte SSert- 
ä€ug ber @r!enntni§ bie ©inne feien, unb ha§ Siel he§ Seben0 

fiiit^arbt, SBortröge I. 11. 9tufl. 5 



€6 4. SSortrag. 3^ie SBertfc^öpfung. 

nic^t bie SSertüirflic^ung einer fittlic^en 5(ufga6c fonbern bte 
@lü(f[eligfeit, b. ^. bie Suft, trenn auc^ eine eblere unb 9Jio§ 
l)altenbe Suft. ^n biefen (Sä^en finb bereite, alle tuefentli^cn 
Elemente and) be^ mobernen 'HWaterialilmu^ enthalten. 91(5 
iiaä ß^riftent^unt unb feine SBeltanfc^auung bie ©ebanfenloett 
be§ menfd^Iic^en (Seiftet eroberte unb bef)errfrf)te, njar bie 
ntatertaliftifc^e Senfweife auf fange f)inau§ befeitigt, bi§ erft 
in neuerer 3^^^ fic^ biefelbe föieber geltenb mad^te unb gro^e 
(Srfolge errang. Sie Dppofition gegen affeä gefc^id^tlid^ @e= 
toorbene unb befonberiS gegen aUel ^irc^Iic^e, wie fie im üorigen 
^a^r^unbert in gronfreic^ ^errfc^te, ging au§ in ben Ion* 
fequenten 9}iaterian§mu§ eineä So ÜJiettrie unb be§ S^-steme 
de la nature. @§ gibt ni(f)t^ aU SJiaterie, feinen öon ber 
SJZaterie unterfc^iebenen ®eift — ha§ ift fein ^unbamentalfo^. 
Sie Stic^tung unferer 3eit, luelcfie ber ^ffege ber ntoterieffen 
Sntereffen einfeitig jugetoanbt ift, fam biefer Senfrocife ju 
§ütfe. <Bo ^at fie in unferen Sagen an S. geuerbocf), ^. SSogt, 
lD2oIe|c^ott, iBiw^ner, ^ärfel u. f. It». sa^Ireic^e unb rücfftd^t§= 
lofe, an öielen anbern 9^aturforfrf)ern borfi^tigerc unb rücf* 
fic^t^öoHere SSertreter gefunben. ©g Rubelt fic^ bei i^r, tro§ 
ber p^i(ofopf)if4en SBegrünbung, Welche i^r ^euerbad^ gegeben 
f^at, nicf)t um eine iriffenfd^aftlic^e S^eorie, fonbern um eine 
cntfcf)ieben praftifc^e Senbcnj. ^Dian Witt — wenigften^ bie 
cntfc^iebenen unb bewußten 5IJtateriatiften woffen e» — bie 
geiftigen unb befonber^ bie religiöä^fittlic^en ©runbtagen he^ 
feitigen, auf benen ber gegenwärtige Seftanb unferer ©efeff» 
f<^aft ruf)t. SSor attem ift e^ bie ©jiftenj ber Äirc^e, weld^er 
man \>a§ 9?ed)t abfprid)t unb burc^ bie materialiftifrfie Se^rc 
ben S3obcn unter ben %ü^en ju entjie^en fudE)t, wie g. 58. 
Ä. SSogt feiner 3cit ^^ '^^^ ^aul^firc^e mit ber rücf^altlofen 
Cffen^eit, bie wir on i^m gewohnt finb, au^gefprocfjcn !^at: 
e§ muffe nod) eine 3eit fommen, in welcher ba§ j^ing, ba» 
man £ird^e nenne, öom ©rbboben üerfc^wunben fein werbe. 
Siefe 9Jlateriatiften nun lehren: Sie äRaterie ift 9ttteö unb 
iau§er if)r ift nicf)t»; fie ift ewig unb unöergängtic^, „ber Ur« 



^er aRatcrtali^mu^. 67 

■grunb Qtte§ <&em§" ; alleä Seben unb oüe iBilbung tft nur 
©toffiued^fel; nur bie gorm ift ha^ S3eränbertid§e unb SSer- 
gänglic^e; Balb ge^en bie SItome btefc, bolb ge^en fie jene 
18erbinbung ein, unb bilben fo einen etöigen ?5IuB unb SBed^fet 
l^er unää^Iig öerftf)tebenen ©eftalten, in benen ber Stoff unfren 
«Sinnen erfi^eint. „®erfeI6e ^ofilenftoff unb ©tidfftoff, hjeld^c 
"bie ^ftanjen ber Äo^Ienfäure, ber ^ammfäure unb bem Slm* 
ntoniaf entnel^men, finb nodfieinanber &ta§, ^lee unb 2Bei§en, 
linier unb iDlenfc^, um jule^t tüteber ju verfallen in 2)amm» 
fäure unb STmntonia!. hierin liegt ha§ SSunber be§ ^rei§Iauf6" : 
fo belehrt un§ SJJoIefd^ott in feinem ^ei^Iauf be§ Seben§ 8. 84, 
b. f). er ^ölt e§ für feine ^ödfifte SBeftimmung einmal ju Jünger . 
3u merben.^ 

^ad) biefer Se'^re ift alfo ber ©toff baS ©rfte. Slber tüofier 
ift biefer «Stoff? SJian fagt un§: er ift eben. Slber bog l^eiBt 
bie %vaQe nid^t beontmorten, fonbern öerbieten. 9Jlan fagt: 
ber ©toff ift eroig. SBo^er tt)ei§ man ha^? 'Sflan geftefitju: 
biefe SBorauSfe^ung ift nottinjenbig ; benn fonft mü^te man 
einen ©cfiö^fer annehmen, unb ba§ miti man ntc^t. Slber 
mie fann bie (Sigenfc^aft ber ©migfeit an fid^ im SBefen ber 
SJZaterie liegen? SDlit bem ©toff öerbinbet man bie ^raft. 
Bo^er ift biefe? ©§ fann treber ber ©toff ou§ ber ^aft, 
noc^ bie ^raft au# bem ©toffe fein; benn häht finb ganj 
öerfrf)iebener 9Zatur. 2Iu§ fid^ felbft aber fann hie ^raft aud^ 
nirf)t fein; benn fie ift nt^t für fidEi felbft, fonbern fie ift an 
ben ©toff gebunben. ®er 9JJateriati§mu§ mill ha§ 9?ätf)fel beä 
2)afein§ erflären unb beginnt mit jtuei rätf)felf|aften, unerflär^ 
licf)en ®rö|en. — 5)er ©toff foff ou§ einer unenbüd^en 3^^! 
t)on Atomen b. ^. unt^eilbaren ©tofftl^eilen befte'^en. SSo^er 
f)at ber S!KateriaIi§mu§ feine ^tome? 5(u§ ber ©rfa^rung? 
9iein, benn fie finb nic^t ma^rne^mbar. SJZan l^at nie ein 
?Itom gefefien unb fann feinet fe^en. „9Jiit ber ©renje ber 
finntidt)en @rfaf)rung — fagt aber SSogt, Sötjlerglaube unb 
Siffenfc^aft ©. 105 — ift auc^ bie ©renje be§ 5)enfen§ ge= 
Seben." Unb boc^ liegen bie 5ttome jenfeil^ ber ®ren§e ber 



€8 4. SBortrog. S;ie SSeÜfdiöpfung. 

©rfa^rung! — SDtefe 2ltonie treten jufammen in oerjd^iebeneit 
SSitbungen — fäf)rt man fort. 9^od^ ttielc^em @efe|? 9iad^ 
bem ®efe^ ber SSo^lDernjanbtfc^Qft. Stber fönnen biefe eigen»« 
fcfiaftMofen Sltome 2Saf)toernjanbty(^aft ^aben? Unb wenn ftc 
QU(^ ttjeltfie f)aben — " njoburc^ entfte^t bie SBemegüng biefcr 
Sltome? S)enn bie SRaterie ift taä an fic^ 93en)egung§tofe unb 
jebe SSeränberung berfelben forbert eine äußere Urfoc^e, njie 
^ont nnä gelehrt ^at. 3(u§ bem @e[e^ ber Slnjie^ung? ?lber 
n)of)er ftommt biefe? Unb rt)o^er ftammt ba§ Drbnung^mä^ige 
ber 93eh)egung, öermöge beffen in fic^ äufammenftimmenbe 
regelmäßige unb fic| gleicftbleibenbe 93itbungen entfielen? SBir 
muffen eine f)ö^ere ^raft forbern, meiere bie Körper in ba^ 
9?erf)äÜnT^ ber Slnjie^ung ju einanber fe^t, unb einen intel* 
ligenten SSitten, ber bie S3ilbung be^ ©toff^ nacf) @efe^ unb 
Drbnung regelt.*^ 

9SoIIenb§ ober fc^eitert bie materialiftifdie Slnfc^Quung an 
ber 2J)Qtfad^e be§ Drgani^muö. 

®äbe e§ bto^ äufeerlidie mec^anifcfie Sßerbinbungen , fa 
fönnte man mit ber 5{nna^me einer bIo§ mec^anifrf)en Äroft 
fic^ begnügen. Stber mofier ftammt ber Organismus? SSer* 
gebend f)at man oerfudit ii)n auf einen blojs pf)t)fifatif(f)en SSor* 
gang äurüdsufü^ren. ' 9Jian mag fic^ bie 2ttome benfen mie 
man mitt, fie reidjen nid)t auS um ben DrganiSmuS ju er« 
ftären. ^^if^f" "^^^ ^rt)ftaflbilbung unb ber organifc^e« 
SBilbung ift ein mefentlic^er Unterfd)ieb. 2öaS ben CrganiSmu^ 
auSäeid)net, ift bie lebenbige 2Berf)feImirtung feiner inneren 
Xfieile unb bie medifelfeitige iöe^ie^ung, in melcfie er mit ben 
i^n umgebenben Körpern tritt, moburc^ jugleidE) eine ftete 9Ser* 
änberung feineS 3uftanbe§ gefegt ift. 2)amit eröffnet ]id) ber 
Setrad^tung eine Sßelt ni^t bIo§ ber Urfac^en fonbern ber 
QtDede. ©S ift bie pdifte ^Betrachtung ber S^Jatur, ha§ ®cfe^ 
ber 3^edbe§ie^ungen in i^r ju erfennen. 2)ie§ fü^rt aber 
ouf eine l^ödifte S^^ettigenj. ®er ^antöeiSmuS ©pinoja'S uni> 
bie moberne SfJaturmiffenfc^oft l^aben einen Äampf gegen biefe 
Sbee ber „'ileleotogie" begonnen: e§ fei ein „SSa^nfinn" beS 



Ser 93kteriQli§mu^. 69 

„üeinen 9Jienf(^Iein§, biefer ©intagS^Iiege", bie uneubüd^e ^atuv 
Txad} QtoedbcQxi^en beurtfieiren ju ttiollen. S)te „®t)§teIeoIogie", 
bie prinjipielle Seugnung jeber B^e^'^öfeiö'feit ber SRatnt* 
orbnung, tft ju einem §auptIo[ung§iDorte ber l^eutigen SyJatur* 
for[df)erfd^uIe, bie fid^ mit (Stolj bie „ejofte" nennt, gemorben.^ 
?lber ta^ ®e[c^ be§ 3tt5ecEc§ ift ei« ©efe^ unfrer geiftigen 
Siatur, unb barum fud^en unb finben mir e§ auc^ auBer un§. 
tmienttjolben tritt e§ un§ entgegen, im ©injelnften tüie im 
©anjen. Gebern Organi^muä liegt ein @eban!e ju ©runbe. 
^'ie^er ©ebanfe ift früf)er qI^ feine S8ermir!ti(^ung, unb feine 
3bee be^errfdE)t ba^ ©anje. ©uoier beftimmte ben 93au fogar 
urmeltlid^er Xfjiere qu§ einjetnen ^nocften. ©o fef)r befierrfd^t 
bie Sbee be§ ©anjen oud^ ba§ ©inäelne. SDiefe Qbee arbeitet 
für bie 3u!unft. S)a§ Singe ift für boS Sidjt, ba§ Dt)r ift für 
ben ©rfiatt u. f. tu, Slber \)a§ 2luge tüirb in ber 9^oc|t, ba§ 
Ot)r in ber @tille gebilbet. 9loc^bem fie jebod^ gemorben, 
treten fie aUhaVö in Sejiel^ung jn ßirf)t unb ©c^qII. 5Bir 
fe^en, e§ finbet !^ier eine ämecEfe^enbe SBirffamteit ftott, metdEie 
iin!§ über olle änderen Urfad)en jurüdroeift auf ben bilbenben, 
jmerffe^enben ©ebanfen. Unb biefe ^errfd^aft be§ ®eban!en§ 
mie fie un§ im ©injetnften entgegentritt, erftredt fie fid^ nid^t 
gteidfierlueife über ba§ ©onje? SDer ganjen SSelt liegt ein ©e« 
bonfe äu ©runbe, ein ^lan unb eine fortfd^reitenbe SSertDir!= 
lic^iing beffelben, öon ben nieberen ©tufen ju immer p^eren, 
biiä an ein l^öc^fteä Qie\, fo ba§ bie ganje (Sntmicflung bon ber 
^bee ber tjö^ften ©tufe bel^errfd^t ift. ®a§ ßc^te ift bor bem 
(Srften, ta^ ©onje ift bor bem (Sinselnen — nämlid^ in ber 
Sbee. 60 be^errfc^t olfo eine ibeale Wlad^t bie ©ntmicffung 
beä ©onjen unb otteö ©inäelnen. SBiH man biefe 2;§atfad^e 
erflören, toenn man nur @toff unb ^raft ober bemu§tIo§ 
tpirfenbe Statur fennt unb nid^t bie fdE)ö^3ferif(^e SJiadöt einer 
toeltbilbenben ^^teHigenj? 

Unb menn man aud^ öerfuc^en moHte mit jener Stnnal^me 
für bie gegentoörtige SBirlfamfeit ber Statur ou^äureid^en — 
toie mitt man bie erfte ©ntfte^ung be§ organifc^en Seben^ 



70 4. S8ortrag. ®ie 2öeltfc^ö<)fung. 

ü6erf)oupt erflären? Sann organifd^eS Seben aü§ unorganifc^ent 
unb Sebeitbigel au§ Seblofem tüerben? ©trauB f)Qt gmar, um 
ber 5(nna!^nie einer aJicnfiienfc^öpfung gu entgegen, bie aJlen» 
f(^en entftef)en laffen lüoHen wie iiaä) fetner 3Jleinung ber 
Sanblüurm entfielt, „ber ni(^t feiten etlirfie 20 guB lang'*- 
fei, nämlic^ burdE) bie fogenannte generatio aequivoca b. ^. 
bmäj felbftänbige @ntfte{)ung au§ bIo§en ©toff^n of)ne SSer* 
mittlung eine§ lebenbigen SSefeng. Slber bie ; egafte S'Zatur* 
n)iffenfdjaft toei^ nicf)t§ öon biefem „5lberglaubeh'' einer gene- 
ratio aequivoca. |)örf)ften§ für \)a§ Sereict) ber Inieberften Dr» 
ganilmen, ber tuinsigen ^ufguBt^ierd^en ober fogenannten 
^rotoäoen, gefte{)t fie bie 3JiögIic|teit einer fclbftänbigen (5nt* 
ftef)ung orgonifd^en Sebenö ju; borf) ift e§ if)r aucb |ier noc^ 
fe£)r 5tt)eifelt)aft ob fid) foId)e £eben§entftet)ungen aurf) njirflic^ 
auf bem SSege be§ Sjperimente^ nadt)iüeifen laffen. '>* 2)ie be= 
fonneneren gorfc^er öerlegen bie 2(u§naf)men Don ber je^t 
aUgemeingüttigen $Reget, i>a^ SebenbigeS nur au§ Sebenbigem 
entftef)t, lebiglic^ in bie Urjeit. S)o \)ahe bie SD^aterie bie ber* 
moten gänjIicE) erfct)öpfte freie 3fU9"W9^f^flft ^orf) befeffen^ 
ober — fo meinen öoHenbä Sinige, bie nod) ängftlicf)er jebioebe 
Snfonfequenj äu üermeiben bebad^t finb — \)a finb ber (Srbc 
bie frül)eften Slnfänge be^ 2eben§ in ©eftalt oon gj^fuforien 
ober bon Seimen !rt)ptogamer ^flanjen, g 33. öligen, SRoofe 2C., 
auf SOieteorfteinen, ben S^rümmern gu @runbe gegangener 
frember SSelten, jugetragen Sorben. '" Slber ba§ Reifet bie- 
grage nur äurüctfrf)ieben. 2)enn too^er ift "oa^ Seben auf jenen 
fernen SEelten entftanben? Xa§ affeg finb nid^tä aU pf)antaftifd)t 
Siräume ober 2lu§flücf)te ber SSergmeiflung , um ber Stnno^me 
einer übernatürlicfien erften Urfac^e be§ Seben§ gu entgegen. 
SJiag man ficö immert)in auf bie d)emifd)cn unb pf)QfifaIifc|en 
Sräfte berufen unb bie 5Uatur fict) aB ein gro^c^ c^emifd^e^ 
Saboratorium oorfteüen — tro^ atter gortfrf)ritte meldte bie 
(SI)emie feit ben Ie|ten Sa^irjelinten gemacht, f)at fie noc| feine 
belebte ^eüe Iiergefteüt unb n)irb e^ aud^ nie fönnen, i' uni> 
gauft'^ SBogner loartet fieute nod^ barauf, ba§ au§ ber c^emifc^eit 



2ie Slftronomie unb ba^ ß^riftent^um. 71 

SRetorte bcr hornunculus !^ert)orgef)en foHe. Unb — e§ fei, bie 
JWatur fei bog grofee cfiemtfc^e fioborotoriunt, tü§ oudf) Seben= 
bige§ gu erjeugen öermog: ober lüo ift ber G^cmifer, ber in 
biefem Laboratorium orbeitet?'^ 

Äurj: biefer SRaterioIigmuS ift tüie eine bünne ©i§berfe, 
bie bei jebem ©d^ritt ben man tt)ut einbricf)t. SBie mü man 
borouf feine SSSeltanfd^auung aufbauen? 

SIber — njenbet man ein — luenn e§ aud^ mit biefem 
9Kateriaü#mu^ nid^t§ ift, bennod^ fällt bie c^riftlid^e 5ESeIt= 
onfd^auung bat)in oor ben 2:^atfa(^eu ber Slftronomie unb ber 
©eotogie. 

SD^ian fagt \\n§ immer toieber: bie Slftronomie ift bie 
SBiberlegung be§ 6f)riftent^um§. S)a§ fopernifanifd^e (St)ftem 
Ijat bie ^riftlic^e SSeItanfrf)auung f^Ietf)terbing§ unmögli(f) ge- 
mad^t, nnb bie neueren ©ntberfungen I)aben biefeS ®ericf)t nur 
üoHenbet. 9Zad) ber ^riftlid^en SSJeItanf(^auung ift bie Srbe 
ber iüiittefpunft be§ 2BeItaa§. ' S}enn t)ier ift ber SJienfc^, ber 
ia§ Qki ber gangen (Sdjöpfung ift; f)ier ift @otte§ ©ofin 
SWenfd^ genjorben jum Sel^uf einer ©rtöfung, bereu Söirlung 
fic^ auf ha§ ganje Uniöerfum erftrecEt, unb mit bem gufünftigen 
©efrf)id be§ 3Jienfc^en unb feiner ©rbe ^ängt ba§ gutünftige 
©efc^idE ber gangen SSelt jufommen. Slber ta§ fopernifanifd^e 
©t)ftem le^rt un§, ha^ bie @rbe ein üerfcfiminbenber ^unft 
im SQSeltaH ift, jpiner ber fleinften ^Irabanten öon einer ber 
unbebeutenbften ©onnen. ®er unenbli^e fRoum ift erfüllt öon 
<5onnenft)ftemen, gegen föelc^e ta§ unfere ein ?iict)t§ ift. ^n 
unferm 2Jiird^ftra§enft)ftem allein finb me^r al§ 20 Söiitlionen 
©onnen! Unb unfer 9}li(cf)ftra^enf9ftem ift nur n)ie eine 2ßelt= 
infel im großen SSeltocean! Qn ben toeiteften t^ernen ift alle§ 
tooß SBelten. Unb \üa§ finb ha§ für f^ernen! £)bgteid^ ha^ 
2\<i)t gegen 42,000 ao^eilen in ber ©etunbe burd^fliegt, broud^t 
baö be§ näd^ften i^\^^tevn§ (a be§ ©entouren, 4'/2 Millionen 
3Keifen entfernt) bo^ gegen 4 ^a^ve um gu un§ gu gelangen, 
bie enticgenften Partien ber 9JiiIct)ftra§e 8000 3of)re, unb bie 
fernften un§ noc^ fid^tbaren. 9ZebeIf(edEen menigftenS 20 SIJiiQionen 



72 4. SSortrog. Sie Söeltjc^öpfung. 

^Q^re. @o üerfic^ert man im§ Jüenigften^. SBenn toir mit 
emem ©ifenbaljnäug 6 SDieilen in ber ©tunbc jurürffegten unb 
STag unb 9Zad^t führen, mürben ftir bod^ 400 Sa^re braud^cn 
lim big jur ©onue, unb ba ber näd§fte gijftern 269,420 mal 
weiter entfernt ift, 108 äJfiinionen ^a^xe um biä ju biefem ju 
gelangen. SSie fann man aI[o bic @rbe aU ben ajiittclpunft 
be§ SSeltaH» anfefien — biefeö ©tauberen im SKeere be§ SSelt* 
aü§? Tlan mu§ bie Unenblirf)feit ber SSett be!ennen, tuie 
<Scf)iIIer in [einem ©ebic^te „'^k &xö^e ber SBett": 

„2te^! bu fegelft iimjonft — bor btr llnenblicf)feit!" 
„„6te^! bu fegelft umfonft — 'ü^it^ev aü6) hinter mir: 

SeitTe nieber, 

9lblerg&banf, bei» ©efteber! 
Äü^iie Scgterin! ^^ontafie! 
SBirf ein niut^rofeg 2Infer ^ie."" ■ 

5)a§ G^riftent^nm ftefit unb fällt mit bem alten ptotemäis 
fc^en Stjftem. ®iefel ober ift gefallen öor bem fopernifonifc^en. 
©inen üieltoufcnbiä^rigen SSa^n l^at biefeä über ben Raufen 
geworfen — ein glänjenber S^riump^ be§ menfd)Iic§en (Seiftet 
unb ein er^ebenber Seroei» ha^ bie SSo^r^eit enblit^ fiegcn 
mu§. S)ie alten X^eologen laben tüo^t gewußt, warum fic 
fiel bagegen mehrten; bie rijmifc^e Sirene |at mit richtiger 
^onfequenä ©alilei'g ©ä^e öerbammt unb i{)n jum SBiberruf 
gezwungen. Slber öergeblic|. 

S5?a§ werben wir baju fagen? 9XtIerbing§, ha§ foperni« 
!anif(|e ©pftem ift SSa|r|eit unb ein 'Jriumpl be§ ®eifte§. 
^ber ift e§ mit bem SIriftentlum unoerträglid^? 2Benigften3 
Äopernifu§ war nid|t biefer SJteinung. SDtit ben gorfd^ungctt 
be§ Slftronomen f)at er bie frommen ^fIicE)ten be§ ©eiftlic^en 
vereinigt, unb feine religiöfe ©efinnung war e§ welche i|n ju 
feiner großen ©ntbedung führte; feine ^eitgenoffen aber glaubten 
tJ|n mit ber ^nfi^rift ju e|ren, welche auf feinem 93itbni§ in 
ber 3o|anni§firct)e ju Xi)Oxn firf) befinbet unb in Ueberfe^ung 
etwa fo lautet: 



2te Steflung ber (5rbe. 73 

dUd)t bie ®nabe bie $aulu§ empfangen begehr' ic^, 
9?o^ bie ^ulb mit ber bu bem ^etvü§ üerjie^en, 
^ie nur, bie bu am itreuje bem Sc^äc^er getüä^rt ija\t, 
3)tc nur erfle^' ic^. 

%ie beiben ^eroen aber im ©ebiete biefer SBiffenjc^aft, teplet 
unb SfielDton, luaren bcmüt^tge uiib eifrige (Jf)riften. i^ 

''Aber man fann fagen: biefe großen ©egrünber ber neuen 
Slftronomie Ijoben bie J^onfequen^en i^rer forgenreic^en 6nt« 
bedungen nocf) nid;t überfe^en. 2Bir muffen fad^üd^e ©rünbc 
geltenb ma^en. 

SBa§ mir ju ermibern f^abtn ift üor Willem biefe§: bie 
Quantität ift nic^t ber 3Jloßftab für tie Dualität. 
S3irgt nic^t oft ber fleinfte 9?aum bie größten SBunber? SSenn 
nn§ haä STeleffop geigt, ha^ unfere Sßelt im Unioerfum mie 
ein ©anbforn fei, fo jeigt un§ ba§ 9Jli!.roffop faft in jebem 
(Sanbtorn eine neue SSelt. ^^ SSon ber äußern 2luäbef)nung 
f)ängt nic^t bie Sebeutung einer @ad^e ab; Ouantitöt unb 
Ouolität ftefien oft gerabe^u im ©egenfa^ ju einanber. ©d^on 
ier 8. ^falm ^at biefen ©ebanfen au^gefprod^en, menn er 
tjeroor^ebt, mie ber 9J?enfc^ gegenüber ben mädE)tigen SSeIt= 
fördern ein oerfcEiroinbenbe^ ^^tom fei unb bod^ ba§ Slbbitb 
@otte§. Xer fleinfte Drgani^mug fteJ)t ijö^ev aU bie gröJBte 
nnorganifd^e SJiaffe, bie 9tofe im %\)al ^ö^et aU ta^ ragenbc 
fat)Ie gel^geftein, unb ber ©eift ift me|r mert^ at§ bie ganje 
aWaterie, unb fo benn aud^ bie Stätte, in meli^er ber @eift 
ju feiner @ntmicf(ung fommt, me!^r aU ber au^gebel^nteftc 
9taum, ber nur bie SSorftufe biefer ®eifte§entmidE(ung bilbet. 
llnfere @rbe enthält hierfür bie fd^tagenbften ^Belege, ^ie (5rbc 
ift bocf) mol^t beftimmt bie ^eimat be§ 9Jlenf(^en §u fein nnb 
nid^t ber SBalfifd^e. Unb bod^ ift i^re Dberfläd^e ju jmei ®ritt« 
ttieilen mit SSaffer bebecft. Unb üon bem einen S)ritt{)eil ift mieber 
ein großer S^aum burc^ ^älte, ^i^e, ©anb unb 9!}?oraft unbemo^n* 
bar gemacht ober bocb menigften§ fo befcfiaffen, ta^ e§ fc^eint 
aU ob bie 9^atur nur eine ^robe f^abe aufteilen motten, mie 
ipeit mo^l ber SOlenfc^ unter ben ungünftigften SSer^ältniffen. 



74 4. a>ortrag. %k SKeltjd^öpfung. 

hex (SntlDidfung fä^ig fei, hJte |)erber öon ben ©sfimo^ fagt^ 
Hnb toarum muß er biefen feinen Stntf)eil an ber (5rbe nod^ 
mit allen ben 9taubt{)ieren unb bem @ett)ürme tfieilen, bie if|m 
ben ^ta^ ftreitig macfien? äRan mufe atfo ni^t ben äußer* 
lid^en Spfiafeftab ber Quantität anlegen. „5)ie Ouantttöt be§ 
fRoume^ ift nbfolut gleidigültig für bie Offenbarungen be^ 
@eifte§, ber fid^ oft gefönt in ben fkinften 9fiaum bie größten 
SSunber ein§ufrf)Iießen." @o menig ber f leine 9JJenfcf)enIei6- 
be§ ©eifteg unnjürbig ift, ber bod) bie SSelt umfpannt, fo 
Joenig hie üeine Grbe ®otte§, um fic^ barauf ju offenbaren, 
Dber, „ttjie öiele Guabratmeilen müßte tuo^I ein planet t)aben, 
um einer ^nfarnation be§ Smigen ben get)örigen 2(nftanb ju 
öerlei^en?" '^ 

Slber mir fönnen aud^ erfennen — fo meit menigften» mir 
gu urt{)eitcn ocrmögen — , ha% unfre ©rbe in unfrent 
©onnenft)ftem, jmar nid)t äußerlich matl^ematifcf), aber farf)* 
lief) unb in i^rer S3efc{)affen^eit eine jentrale (Stellung ein_* 
nimmt, fo baß fie nirf)t ber finnlirfie, ober mof)t ber geiftige- 
SKittetpunft beffelben ift. S}enn fein anbrer Körper unfrei 
<Sonncnft)ftem§ ift fo mie bie (5rbe geeignet bie (Stätte orga* 
nifrfien Seben§ ju fein. (Sine folc^e SSergteic^ung ber Srbe mit 
jenen onbern Körpern bürfen mir aber aufteilen, meil nicf)t 
bloß biefelben ©efe^e auf if)r f)errfd)en mie auf jenen, fonbern 
jene aucE), mie. bie 5(ftronomie unb bie ^^t)fif teuren, au§ @runb* 
ftoffen bcftef)en, bie benen unferer Srbe ä^nlic^ finb. '^ 2(nberer- 
feitg ober forbert ha^ orgonifd)e Seben, mie ba§ be0 @eifte§- 
unb ©emütf)^, äußere SSorou^fe^ungen, mie fie auf ben onbern 
Körpern unfrei @onnenft)ftem§ entweber gar nicf)t ober nid^t 
in berfelben SSoüfommen^eit öor^onben finb mie ouf unfrcr 
Grbe. Soor Slüem ift bei ber Sonne bo^ ®en)i(i)t if)rer äKoffe 
*fo groß unb bie S3anbe ber SJioterie finb beß^alb bort fo üiel« 
mol (28^2 nml) ftärfer aU bei un§, boß, mie SJiäbler fogt,. 
„unfere |)erMeffe, auf bie Sonne oerfe^t, fid) aU güeberlo^me, 
bejommern^mürbige Srf)mäd)Iinge ^jrobu^iren mürben", i' mcnn 
ber glutl)flüffige3uftanb ber Sonne nicf)t Don t)ornf)erein aUeüJlög- 



^ie Stellung hex ©rbe. 7^ 

Iirf)feit ber iöetuo^nung unb be» organifc^en 5eben§ überl^aupt 
au^fdllöffe. ^e loeiter tt)ir aber un§ öon ber ©onne entfernen^, 
um fo ungeeigneter finb bie gefammten materiellen SSerl^ättniffe 
für eine menfrf)enäf)nlic{)e ©jiftens. '* Um ben entfernteften 
Planeten, ben Si^eptun, bei ©eite ju laffen, tüeit bei biedern bie 
SSer^ältniffe om ungünftigften finb, fo ift bereite auf bem 
Uranus, in einer Entfernung öon 386 SRiüionen Steilen öon 
ber ©onne, ha§ Sicf)t beffelben fo fd^njat^, ba§ ba^ 2luge faft 
Ujie bag einer 3^ad^teute fonftruirt fein mü^te, wenn e§ in biefer 
traurigen 2;ämmerung ettoa§ foüte erfennen fönnen. 91ber e§ 
fönnte ja (Sott gefallen t)aben bie Singen bort fo gu fonftruiren^ 
Slüein bie 6onne erfd)eint bort fo flein — faum breimal fo gro§ 
ol^ unä Jupiter erfcfjeint — , bag fie fic^ unter ben übrigen 
©ternen faft öerliert. Unb ba boä Sonnenlid^t bort nur =*/iooo 
öon ber Sraft unb ^efle unfrei» irbifd)en ©onnenüd)te§ ^ot, fo 
finbet foum ein mat)rnef)mbarer Unterfd^ieb öon Xag unb ^aä)t^ 
öon 2(benb unb 2Jiorgen Statt, fonbern Sitte» ift ftet§' in ein* 
förmige^ ©ran gef)üttt. ^a ift bann ober auc^ feine ^oefie 
möglirf), unb bamit auc| fein tratire» ©emütpleben. Sa ferner 
bie Slje be§ Uranug in bie (Sbene feiner S3at)n fällt, fo ftef)t 
bie (Sonne immer bo^ i)a\be ^a^r (= 42 Srbenjaliren) über 
ber nörblic^en, t)a§ f)albe ^a^x über ber füblic^en ^älfte! S)a^ 
ißerf)ättni§ ber ^a\)ve§ieikn ift jiöar auf bem «Saturn bei 
einer Stfenneigung öon 40 ©raben beffer, aud) erfdEieint auf 
if)m bie Sonne bereits größer; aber f)ö^ft lüal^rfc^einlicf) bietet: 
bie Sefrf)affenf)eit feiner Cberf(äd)e feinen 9taum für irgenb eine 
menfc^enä^nlicf)e ©jiften^; obenbrein beträgt feine Sid)tigfett 
nur Viu berS)ic^tigfeit berSrbe, faum olfo bie bel£orft)oIäe§, fein 
onbere '»planet t)at eine fo locfere QJiaffe. Xer Siing aber, ober 
üielme^r ber ^omplej bon (3—4) Stingen iüelrf)er i§n umgibt, 
n)irft feinen etliche* 9Jiiflionen aJieilen laugen Scfiatten 15 ®rbeu= 
jafire auf bie minterüd)e ^älfte, fo ba§ bie Semo^ner aflelö^o^re 
manbern müßten. Xer Jupiter, ber„9liefe be» Sonnenf^ftemS", 
Ijot eine gerabeftef)enbe Stje, alfo gar feinen SBed^fet ber ^ai)xe^= 
Seiten, unb feine 9totationlbauer beträgt nidjt gang 10 Stunben, 



76 4. SSortrag. ®ie SBeltjc^öpfung. 

jo ha'ß ber Sag aI|o nur etira 5 ©tunben umfoBt, eine ^ürjc 
ber ^^ageilänge mit tveldjex h)ir ben @eban!en eineS I)ö^eren 
Tnenfd)Ii(f)en ^utturlebenä nirfit tt)o{)( ju oerbinben üermögen. 
Unb tt)enn man in ber ©eioegung ber «Streifen bie if)n um* 
geben mit 9?ec^t Jßeränberungen ber SBoIfen gefefien ^at — 
lra§ freiließ nic^t feftftet)t — , fo mürbe t)on ha au§ auf ©türme 
5u fd)tieJ3en fein, tt)e(c^e in einer Sefunbe 7—11,000 5u§ ju» 
rüdlegen, mäfirenb bie ftärfften ©türme auf ber @rbe nur eine 
@ef(^roinbig!eit t)on 60 f^u^ in ber ©efunbe §aben — fo ha% 
atfo frf)Iect)terbing§ nirf)t§ auf biefem fturmgepeitfc^ten 93oben 
ejiftiren fönnte. ®ie 2lfteroiben bürfen mir mot)! übergeben, 
ia fie t)ieHei(f)tnur öerfprengteSTrümmer eine§ größeren Planeten 
nnb iebenfaUg öon fo geringer SlnjiefiungSfraft finb, ba§ bie 
SJlugfelbemegung, mit ber mir einen guB aufgeben, un§ bort 
i)ai\§^oä) in bie Suft fctiuellen mürbe. 3tuf bem üKar^, bem 
„9Jiiniatur=5tbbiIb ber ©rbe", rtäre bie ©jifteuj noc^ am er^ 
träglidiften, aber bocf) nur meil er ber ©rbe ät)nli(f| ift, ol^ne 
fie jeboc^ ju erreichen. 5)ie SSenu§ fommt in i^rer 93cfd)af* 
fen^eit ber (Srbe fe^r naf)e, aber bei einer Sljenneigung t>on 
72 ©roben f)at fie einen ^u grellen 2Sed)feI ber ^a\)xe^t\ter^. 
iHüd) f)at man au§ ber SBoIfenloftgfeit i^rer 5ltmofp^äre fc^Iießen 
iDoIIen, ha^ fie lüofferlo^, alfo für organifrfje^ fieben ungeeignet 
fei. 2)er 9J?erfur aber, beffen £)berfläd)e nur ben neunten 
U^eil bon ber £)berf(ä(f)e ber (5rbe betrögt, ift borfj gar ju 
flein für ben 3J?enf(^en: „fein SSaterlonb muB größer fein". 
Cbenbrein ift ouf biefem ©tern bie 9Jlenge ber SBärme unb 
t)el -Sid^t^ 4'/4 mal größer al§ auf ber Srbe — für un§, wenn 
trir an bie ©ommermonate beuten, ein unerträglicher @eban!e. 
llBir fe^en, nur in ber ©rbe ift bie $5bee be^ Planeten ber* 
ipirtlic^t. ®ie onbern Planeten finb nur ©tufenanfö^e baju; 
t)ie ©rbe ift ber planet fc^tecf)t^tn, ba§ 3icl ""^ ^^^ (Central* 
:pun!t be§ ^lanetenf^ftem^, — fomeit tüenigftenS tpir ju urt^ei* 
len öermögen — ber einjige Sörper in unfrem ©onnenftiftem, 
i)er für bie Entfaltung eine^ Rotieren organifc^en Seben^ bon 
t»er Strt be§ menfc^Iictjen geeignet ift. 



^ie Stellung ber Srbe, 77 

lieber bie f^iEfterntuett ober, toelc^e jenfeit^ unfrei ©onneu- 
fjjftemä liegt, hjiffen wir fo gut tt)ie nid^tg. SSir tüerben an* 
nehmen bürfen, bo§ unfre SBelt ein in ficE) gefd)Io|fene§ ©Aftern, 
bilbet, eingefaßt öon ben £i(^tmauern ber 9Jiit(^ftra^e, mit: 
einem Bentrum ttjeld^e^ 9Jiäbter (1846) in ber ^lejabengrup^e 
(eth)o im ©lern Sllf^one, loätirenb Steuere freiließ bie^ für toenij 
nja^rfc^einlic^ erflären) gefunben gu l^oben glaubte, ^n btefer 
gijfternnjelt liegt unfer ©onnenf^ftem in ber fternenärmften- 
S^tegion, h)ie eine S^^f^t im Djean, gnjör ni(f)t in ber aJiitte, aber 
ber SJiitte na^e, ,,gteid)fam nocfi auf bem geräumigen 9Jiar!t* 
p\a^" ber großen SSeltenftabt, '*> äfinlid) tt)of)I tt)ie unfre ®rbe 
im (Sonnenjt)ftem. Unb menn jenfeit^ unfrei i^ijfternf^fiemS nocf> 
neue SBelten lägen — iuer wollte fie erfunben nnb mer würbe i§re 
©renjen meffen? Bir t)aben nur 9Sermutt)ungen, nid^t§ weiter. 

SJJan !^at in neuerer Qüt ben unget)euren 9loum, ben bie 
Slftronomie aufgefdiloffen, mit ber ungeheuren B^it, Weld^e bie 
©eologie forbert, paratleüfirt.20 5lber abgefet)en öon ben fe{)r 
wefentlic^en ©infd^ränfungen, wc(cf)e bie früheren oftronomifd^en 
Slnnofimen über bie ©ntfernung ber gtEfterne neuerbingS burd^ 
bie iöered^nungen ©truöe'^ erfahren fiaben, unb jene parallele 
aU berecfitigt angenommen, fo fönnen wir fagen: fo gut bie 
unget)eure B^it ber ©rbbilbungen i^r eigentliche^ Qid bod^ im 
aJienfc^en finbet — fottte nid)t ä^nlicf) ber ungeheure 9taum 
ber SBelt in SSejiel^ung jur ©tätte be§ 9Kenf(^en ftefien? SOBie 
fid^ ber aJienfd) jur B^it öer^ält, fo wirb fic^ bie Stätte be§- 
ÜJJenfd^en jum fHaum Derf)alten. SSarum. fott ficf) nicf)t auf 
biefer ©tätte eine @efd)idE)te öolljietien fönnen, weld)e öon ent* 
fc^eibenber 93ebeutung für "ba^ Uniöerfum ift? SBar ^ier bie 
©uöerönität @otte§ in grage gefteflt, fo mufete fie eben f)ier 
feftgefteUt Werben, unb war ^ier eine Offenbarung ber ©nabe 
nöt^ig, fo mufetc fie eben l^ier erfolgen. Unb toa§ I)ier ge* 
fc^a^, ha§ gef^Q^ für bie SBelt unb war für biefe entfd^eibenb^ 
weit e§ eine X^ot @otte§ öon funbamentaler iBebeutung war^ 
aJian muS bie innere iBebeutung beffen toa§ gefc^a^ wägen,, 
unb nidEit ben äußern Umfang be§ ^iaumeS auf bem eä gc* 



78 4. 35ortrag. ®te SSeltfc^öpfung. 

fd^a^ meffen. SSon biefer SBetrad^tung tueiö bic 2l)'tronomic 
«ul eignen ÜJiitteln nic^t§, aber fte öerrte^rt )te auc^ nicf)t, 
fonbern öerftattet fie unb gibt aud) bie entfprec^enben S5orau§= 
fe^ungen bofur. 

SBenben toir uit;? §ur Silage ber ©eologie! 

SBir muffen suerft bie 2!f)atfacben feftfteHen. 

2)ie @rbe ift ni(^t fogleic^ in ifjrer je^igen ©eftatt unb mit 
ben je^t auf i^r lebenben S5?efen gefc^affen föorben, fonbern 
■fie bilbete ficE) aümäfilig. ®ie§ ift bie gemiffefte 'S^atfad^e 
ber (Geologie. @ei e§ nun ba§ man — nac^ plutoniftifc^er 
•^beorie — bie (Srbe juerft ol^ eine glü^enb gef^mofjene ^uget 
i)enft, beren £)berf[äc|e fict) in affmäbliger 2tbfüf)fung öerbif^tetc 
unb mit SBaffer bebecfte, ober ha^ man — nac^ neptuniftifcfier 
'2;beorie — öon öorfierein ben gefammten @toff in mäfferigem 
3uftanbe onnimmt, au§ meinem er ftcb bann erft ju frt)ftafli« 
■firen unb öon bem SSoffer ju fonbern begonn — : immer ift 
t)ie (Srbe junöcbft eine (^aotifcbe 9)?affe, xoelä^e nur allmäbüg fid^ 
^lieberte unb belebte, unb Don ben nieberen Drgoniämen ber / 
iPftanjen^ unb ^^biermelt ju immer böseren fortfc^ritt, bi§ biefe 
18ilbung§tbötigteit mit bem 5luftreten be§ 9Jienfc|en abfcblo^.^^ 

SJian beftimmt bie 3citfoIge ber öerfcbiebenen Formationen 
"ber ©ebirge unb @rbf(f)i(i)ten t^eils nac^ ber Sage, in roeli^er 
fie über einonber gefifiicbtet finb, t^eil^ nad^ ben SSerfteinerungen, 
bie fie entbalten unb bie einen gortf(f)ritt ber ©ntmicEelung beut« 
lid) erfennen loffen. S)q§ Urgebirge entbätt nocb feine ©er* 
fteinerungen. S)iefe beginnen erft mit bem fogenannten lieber* 
Qang§gebirge ober ber fogenannten ftlurifi^en unb beöonifcben 
:5ormation. |)ier finben fi^ bie erften SSerfuc^e öon Dr« 
goniSmen in ben pftansenäbnlii^en ©trablt^ieren, ifreb^arti* 
^en Sirilobiten, SJlufd^eln, ©c^necfen unb Sifd^en. S)ie 
bann junädjft narf) oben ju folgenbe (Steinfoblenformation 
iirgt in fid) bie 9tefte einer ouBerorbentlic^ reid^ unb 
iippiQ entmidetten SSegetation. (Sine mächtige ^ffanjen» 
tüelt ift !^ier begraben, bie ou3 riefigen ©c^ad^tel^atmen, 
ibaum^o^en t^o^nfräutern , befonber§ aber au§ toloffaleit 



S^te ©eologie. 79 

Särtoppgelüöc^yen ober S^fopobiaceen (ben f. g. Sepibobett= 
breit 2C.) beftonb, tuelc^e üppig hjud^ernb ben fumpfigen Söobeit 
ficbe(ften.22 SS3ie gro§ btefelben gelöefen, [ie^t man au§ ber 
jnäd^ttgen Slusibefinung ber ©teinto^fenloger, lt)etc|e aug jener 
Sßegetatüjn entftanben finb. S)ie Dfttüfte @ngtanb§ allein ent« 
^ält 338,500 miü. ©tr. (Stein!ot)ren. Unb nun noc^ bie 
großen to^Ienbiftritte an ber- ©aar unb fftu^v unb in Slmerifa! 
Unb bie nod^ größeren bie man neuerbing§ in SluBfanb ge* 
funben f)ot! SBelc^' eine ^flanjentoelt muß \>a§ olfo getoefen 
fein, bie ^ier begraben ift! dagegen treten in i^r bie tf)ieri= 
frf^n Ueberrefte öerf)äItniBmö§ig jurüdf. — Sluf biefe @tein=^ 
foljtenjeit folgt nac^ ber nur wenig mäditigen Söilbung ber 
3e^fteinformation bie Xriaäformotion (ber bunte ©hnbftein, 
üJiujc^elfalt unb Äeuper), bie Juraformation unb bie treibe« 
formation: biefe alle äufammengefafet unter bem 9'iomen ber 
fefunbären Formationen. Sluc^ ^ier finben fid^ ^ftansenüber* 
refte, aber bie tbierif(^en treten bereite ftörfcr f)eröor. Unb 
äftiar finb e§ sunäd^ft SSaffert£)iere unb 2lmpf)ibien, bereu 9?efte 
fic^ finben: SD^ottu^fen, Sif<^e, fReptilien, befonberS ©aurier, 
bie ungefd^tad^ten Sßorgänger unb SSorbilber unferer fieutigen 
iJSale einerfeitä unb ^rofobile anbererfeit§ ; aui^ einzelne SSögef. 
(5rfl fpäter treten ©äuget^iere auf. 2)iefe gehören — menn 
lüir üon ben ©puren berfelben abfegen, bie in ber Jura» 
formation^ gefunben njurben — ber fogenannten Xertiärperiobe 
an, fo ähjar ha^ fie fid^, öon ben au^geftorbenen Slrten ber 
untern Slbtl^eilungen an, je ttjeiter na(^ oben immer me^r ben 
gegennjörtigen lebenben Gattungen nähern, befonberS in ben 
Sären, ^t)önen, ^irfc^en, (Sfep^anten, SfJ^inoceroffen unb ä^n= 
Ii(^en tertreten. 'änä) erft^einen bereits bie erften 2Iffen 
in biefer ^eriobe, Don njelct)er ^ugteid^ bie ju i8raun!ot)tett 
geworbenen SSätber ein in ber @rbe begrabene^ ®en!mat 
finb. 2)ie STertiärseit ge|t in bie S)i(uöial* unb Slttuüialjeit 
au§, mit welcher bie gegenwärtige (Seftalt ber (5rbe unb 
i^rer (Srjeugniffc fid^ bilbete. tiefer legten B^it erft geprt 
ber 9J?enf(^ an. * 



ßO 4. SBortrag. S^ic SSeltjc^öpfung. 

S;a§ ift — im allgemetnften Umn§ — ber S3cfunb, loelc^cn 
bie ©eologie gu Sage geförbcrt i)at. 2Ran mu§ nid^t nur ben 
SIeiB, bie 2(u§bauer unb ben ©c^arffinn ber geofogifc^cn 
gorfd^ungen onerfcnncn, fonbern h)irb auc^ jugcjic^en muffen, 
ha% bie Don ber ©eologie feftgefteffte ©ilbungSgefc^i^tc unfrer 
©rbrinbe in ben Jpauptfac^en aU gefiebert on^ufe^en ift. §ie» 
mit fte^t nun ober, fagt man, ber biblifd&e 93eri(^t in ^anb« 
greiftic^em SSiberfpruc^. S^er biblifc^e 93eric^t ift Slu^brucf 
einer finblic^en Slnfc^Quung ber Urseit, nac^ melc^er ®ott mic 
ein irbifrfier SBerfmeifter ßinö noc^ bem Stnbern mac^t unb 
5;f)eil 5U Sfjeil fügt, bi§ ba§ ©anje fertig ift. 55ie 9?atur:= 
tüiffenfc^aft gibt un^ ein anbetet S3ilb. 2Iuö bem ©c^o&e ber 
9iatur erzeugen fic^ burc^ bie Tlad)t ber einroo^nenben ^äftc 
unb @efe|e immer neue unb ^ö^ere ©Übungen; unenbüc^ lange 
Reiten, öiele SDtiüionen oon Sa^^^n »ergingen, bi§ bie @rbe 
bie @tufei\^^er..gegentt)ärtigen SSoIIfommen^eit erreid^te. fSon 
oUen biefen großen S?eränberungen ber ©rbperioben mit ifiren 
»ec^felnben ^flanjen^ unb S^iermelten lefen mir in ber ©c^rift 
nic^t^. S:ie)er SSiberfpruc^ mu§ olfo anerfannt njerben. SBenn 
aber — folgert man bann njeiter — fc^on ba§ erfte 93Iott 
ber Sibel einen fo augenfc|einIidE)en ^i^rt^unt enthält, mirb 
e^ bonn ber 3Jiü^e mert^ fein bie folgenben 83Iätter oufju» 
f erlagen? 

©inb beibe, ©ibel unb ©eologie, mirflic^ einanber fo njiber« 
fprec^enb unb unoeretnbar? 

SSenn mir an einem alten öielerprobten greunbe etma^ 
tDo^me§men ober über i^n ^ören, toaä lüir nic^t tjerfte^en 
fönnen, merben mir nun gleic^ irre an t^m merben ober über 
t^n oburt^eilen, unb nid^t lieber mit unfrem Urt^eil jurüd* 
Ratten, hi§ un§ eine fpätere Qeit etwa bie nöt^ige Stufüörung, 
bringt? (Sin fol^er alter üielerprobter greunb ift un§ Sitten 
bie S3ibe(. Xreten un^ ha 0iät^fcl unb SSiberfprüd^e entgegen, 
bie toir nic^t ju löfen miffen, fo merben mir lieber un§ he» 
f(f)eiben unb bie Slufflärung öon ber 3"^"!* crtüarten, af§ . 
ba^ mir fc^nettfertig über fie aburt^eilen. 5)enn finb mit 



®te ©eologie unb bie 58t6el. 81 

getüiB, ba§ tüir [ie audj rirf)tig öerfte^en, fo tüte lüir ettoa 
glauben fie üerfte^en 511 muffen? ^ann un§ nt(fit noc^ ein 
anbereS 58erftänbni§ oufge^en? 5lt§ ^opernifu^ fein Stiftern 
oorlegtc, glaubte man im ^ntereffe ber Sibet it)m wiberfpred^en 
ju muffen. 2)iefer SBiberfprud^ ift öerftumrfit, unb bie SBibet 
ift ben ©löubigen feit ^opernifu§ fo gemi^ h)ie öor i^m. Sie 
l^aben erfannt, bo§ fie nid^t boju ba ift Slftronomie ju tel^ren, 
fonbern ben SBeg jur ©eligfeit, unb bol fie bon ben 93e= 
hjegungen ber ^immel§förper eben in ber po:pu(ären SSeife 
be§ ?tugenfc^ein§ rebet, lüie e§ bie 3Jienfc^en allein öerfte|en 
fonnten unb h)ie hjir alle tieutäutoge noc^ reben. ©0 fönnte 
«n§ tt)ot)I nod^ ein ober ber onbere 9Jli§öerftanb in ber 2Iuf= 
faffung ber Sibet anhaften unb mit ter ^eit fid^ ^eben, o'i^m 
bo§ fie an it)rem SSert^e für un§ irgenb ettt)a§ berlöre. Unb 
mie mir fo un§ nirfit einneljmen §u laffen broud^en gegen" unfre 
S3ibel, fo braud^en toir ouc^ nid^t ol^ne 9^ot^ ängftlid^e§ SD'iiB* 
trauen ju liegen gegen bie e^orfrf^ungcn be§ menfd^Iid^en SSer- 
ftanbe^ unb ju meinen, mir müßten biefe gteid^ burd^ bie 
äußere Slutorität be§ ©d^riftmort§ nieberfrf)tagen. @ä ift eine 
$Rot^menbig!eit be^ menfd^tidfien ©eiftel unb aud^ ©ottel SBille, 
ba^ ber SJienfdf) forfd^e. ®ie (Sefd)ic^te jeigt, ta^ er e§ gar 
nicE)t laffen fönnte, aud^ roenn mon e§ i^m »erbieten ttiottte. 
Unb nidE)t minber, \)a^ e§ einen mirftid^en ^^ortfd^ritt in ber 
(5r!enntniB gibt. SSenn nur bie ^^o^fd^ung im (Seifte ernfteu' 
bemüt{)igen SSal^rl^eit^finn^ gef^iefit, bann tüirb i^r aud^ ®otte§ 
©egen nic^t festen. ®en ?lufridE)tigen tä^t e§ ®ott gelingen, 
greilic^ ge^t ber 2Seg menfc|(ic^er SBol^rfieitSforfd^ung burd^ 
Srrt^um fiinburc^. S)iefer !ann unb foll nun einmot nic^t 
erfpart trerben. Unb gerabe bie grünbtid^ften f^orf^er auf bem 
©ebiete ber S'taturmiffenfd^oft werben am bereitnjiUigften ^u» 
geftet)en, ba§ gar 3J?and^e§, voa§ je^t nod| für fidler gilt, fi^ 
über fur^ ober lang o{§ Qrrtl^um au^meifen fann. @§ ift nur 
bie Dberf(ä(^ttd;feit, treidle bie öorüberge^enben SJJeinungen 
gteid^ für au^gemad^tc iSSal^rl^eiten ausgibt. Unb e0 ift nur 
ein fitttic^ oermerfllid^er 9JZi|broud^ ber SBiffenfd^aft, menn 

Sitt^arbt, aSorträge I. 11. Slufl. 6 



82 4. SSortrag. 3)ic SBeltfcftöpfunq. 

man fic^ beeilt au§ i^ren toirüi^en ober üermeintltc^ett @r* 
gebniffen SBaffen ju fc^mieben, um bamit bett religiösen ©touben 
gu befämpfen. SJJit biefem SD'Ziöbraud^ ^at bte S33iffen[(^aft fetbft 
nid^tg 5U t^un, unb i^re ttio^ren unb h)ürbigcn Sßertreter auc^ 
nid^t^. 2)a§ ift nur ^adie ber SG3egeIagerer. 

^e mel^r ftiir un§ umfe^en im (Sebiete ber geologifc^cn 
gorf^ungen, um fo mel^r fto§en toir auf |)5pot^efen, ungelöftc 
Probleme unb 9Serfc^teben§eit ber 2ln[id)ten. ©§ ift ^roav njotjl 
übertrieben, hjenn Sid^tenberg öon neun Qe^nteln ber 50 .&t)pos 
tiefen, bie er über bie Srbbitbung aufjät)It, urt^eilt, bafe ftc 
me^r jur ©efd^ic^te be§ menf(^tic^en ©eifteä aU jur ©efd^id^tc 
ber ©rbe gehören ;23 aber bie rafd^e Site, mit ber ein @r=» 
flärung§öerfud^ f(f)on nad^ wenigen Sa^^eit ^ew onbcrn öer« 
brängt, bie gro^e Unfic^er^eit unb SSerfc^iebenfieit ber 3lnfi(^ten, 
bie aud) in gunbamentolfragen nodEi ^errfc^t, njerben Stile ju« 
gefielen muffen, ^(i) toill nur etliche ber hjid^tigften l^eröor* 
lieben. SSä^renb (Suöier hie Silbung ber (Srbrinbe — bte 
SSerfc^iebungen ber ©efteinfc^ic^ten, bie Hebungen unb @en!» 
ungen, bie |)ö^en unb S^iefen ber (Srboberfläc^e — nur burc^ 
bie 2;f)eorie ber getoaltfamen ©rbumttjäljungen erüären ju 
fönnen glaubte, welche burd^ anbere aU bie gegennjörtigen 
^öfte ^eröorgerufen fein müßten, bereu Stufeinantjerfolgc ahev 
eine planmäßig rtirfenbe (Sc^öpferfianb nic^t üerfennen laffe — 
eine 2;^eorie bie rteite ^Verbreitung gefunben unb befonber^ 
burd^ Stgoffiä tüeiter auggebilbet unb begrünbet ttjorben — ; 
letirt bagegen bie <B6)üU Sijell^, beffen SlutOrität gegenttjörtig 
bie meiflen folgen, ha^ öon Slnfang on biefelben ©cfe^e in 
berfelben SSeife t{)ötig gewefen feien wie gegenwärtig, unb 
forbert be^^alb ungeheure ßeiträume, um 9Jaum ju gewinnen, 
bamit "ök ftill unb langfam wirfenben Gräfte jene öielen unb 
großen SSeränberungen ^erüorrufen fonnten, bereu ®en!mate 
wir im @d)oo^ ber @rbe finben; wogegen bann wieber Stn« 
tere in biefer unabfefibaren Sangwierigfeit unb ^ufättigfeit 
jtic^tä ©ro^artige^ ju finben oermögen, fonbern rafc^e unb 
heftige Äataftro|)^en unb geniale ©ntwirffungen f orbern. 



®te SSerfc^iebcnl^eiten ber geologtfd^en ?lnftc^ten. 83 

ü^nlid^ Jüie Qud^ in ber @nttt)id(ung be3 etnjetnen SJienfd^ett 
bie erften üJionate oor unb nad^ ber ©eburt gortf^ritte be* 
joirfen, tote fpäter ganse ^Q^re, ja ©ejennten fie ntc^t '^eröor^ 
bringen. 24 SSä^renb bie ©inen, mie ^artoin unb feine 9fiid|= 
tung bie gange 2KanntgfQÜigIeit ber Drgoniänten ou§ einer* 
ijber einigen wenigen Orunbformen burd^ allmöf)lige tlmänbes * 
Tung in unabfe^baren ßeiträumen fid^ entwidfetn loffen burd^ bie 
tjerfi^iebenen ©tufen I)inburd^ bi§ äum SDlenfd^en, fefien Stnbere 
hierin nur eine „wiHfürlid^e" unb „unwiffenfc^afttid^e" ^'i^pO' 
t^efe, äu ber bie au§reirf)enbe 93egrünbung burdE) bie Xl^atfad^en 
fe^Ie, unb lehren bagegen, ha^ im ©ebiete be§ organif(^en 
2eben§ 9?eubilbungen ftattgefunben l^aben.^s SBö^renb man 
no(^ bor wenigen S^^li^cn für auSgemacfit erfläfte, bie grofee 
IJIutf), weld^e noc^ bem @rgebni^ ber geoIogif(^en go^fd^ung 
ber gegenwärtigen ©eftatt ber @rbe öoranging, ^a^e öor bem 
^afein ber 9Jlenfc^en ftattgefunben unb ^ahe mit ber großen 
t^tut^, öon Welker bie Ueberlieferungen ber SSöIfer unb bie 
©c^rift berid^ten, nic^tg gemein, biefe finbe tiielmefir in ber 
tßaturwiffenfc^aft feine Seftätigung, fo gtaubt man fid^ je^t 
burd^ bie gunbe in ben ^ie^betten oou Slbbeöitte u. f. m. ober 
bie ^Ttoc^enfunbe bei Slurignac u. bgL^« genöt^igt, jur 3^it 
jener glut^ SOJenf^en auf @rben anjune^men, fo ha^ jene Heber* 
lieferungen eine Seftätigung fänben unb nur ber 3eit nad^ weiter 
l^inaufjurürfen wären, lieber biefe 3eit be§ ®afein§ ber SOlenfc^en 
aber ^errfd^t bann nod^ foId^e§ ©c^wanfen, bafewätirenb %xaa§, 
^faff,ö.S3aer :c. fic^ mit einer über bie bibüfd^e^eitred^nung nidf)t 
wefentlfd^ ^tnau^gel^enben ©d^ä^ung t»on ungefähr 7000 Satli^en 
begnügen, 93. ö. (Sotta bagegen minbeften^ 80,000 S^^re feit bem 
erften Stuftreten bon 9Kenfd^en berftreid^en läßt, Slnbere (wie 
SSibian ic.) bt^ ju minbeften§ 250,000 S^'^i^^n f)inauf greifen 
unb nod^ anbere (wie gran! ©albert ic.) 9Jiittionen bon ^af)" 
ren für baS Sllter unfrei ©efd^te^tS forbern! S)iefe SBeifpiete 
lehren wo^I jur Genüge, wie biet no^ fe^It, ha^ man in ber 
<SeoIogie unb Paläontologie ju oüfeitig gefi^erten 9?efuItoten 
gerabe in ben ?5ragen, in benen fie fi^ mit ber SBibel berühren, 

6* 



84 4. aSortrog. ^ie ^eltf^öpfung. 

ge!omtnen roäxe. Seöor oBer biefc getüonneit ftnb, fann oud^ 
eine obyd^tießenbe Jßergteic^ung gtoi^c^eit SfJaturhjiffenfc^oft unb 
©d^rift gar md)t angefteHt toerben, unb jeber ooreitige SSerfud^ 
ber 2lu§g(etd^ung fann leitet nur mef)r ftören al§ förbern. S8e» 
fc^ronfen toir iin§ olfo auf ba^, rt)a§ nod^ bem gegeniuärtigen. 
©taube ber 2)tnge möglich ift! 

®a fommt e§ benn oor allem barauf an, ben redeten 
@efid^t§punft ju gett)innen. @§ fann nic^t oft genug wieber* 
^olt föerben, ba§ bie Sibel fein Se^rbud^ ber Slftronomie ober 
©eologie ift, fonbern eine Urfunbe ber 9?eIigion, ta% ftc nirf)t 
boju bo ift, bie gi^agen ber SJaturforfc^er ju beantworten ober 
bie Unterfurf)ung berfelben ju erfparen ober auc^ nur\^u er* 
leidstem, fonbern "oa^ religiöfe S^tereffe ju befriebigen. \ ^ 
ift alfo auc^ tüa§ fie bon ber (S(^öpfung ber SSelt fagt nic^t 
ein naturlüiffenfc^aftlic^er Serii^t, fonbern ein religiöfer. (So 
muB man atfo aud^ nirf)t bogjenige barin fud^en, toaä nid^t 
barin fte^en foÜ. 

S)a ift nun ba§ ©rfte bal, \)a^ bie SSelt üon ®ott ge* 
fd^affen ift, S)te ©eotogic beginnt mit bem ß^ao^, bem mögen* 
ben unb gätjrenben. SSo^er biefe^ S^ao» fei, meiB bie Oeo* 
logie ni(f)t. 2;ie (Scf)rift ge{)t über ba§ ß^ao^ ber ©eologie 
gurücE unb fagt, ®ott fiabe ben erften @toff fetbft gefd^offen, 
au§ roelc^cm aömäfiltc^ biefe mof)Igeorbnete unb bilbung§reic^e 
Sßelt geh)orbeu fei. '^a§ ift ein 8a| ber bie ©eologie gar 
ni^t berührt, ben fie au§ ifjren SJJitteln njeber begrünben nocf> 
öerneinen fann, er liegt jenfeit^ i^rer SSiffenfc^oft; tt)p|I ober 
ift c§ ein <Ba^ Don religiöfem igntereffe unb l^iefür oon funba* 

mentaler SSirf)tigfeit. 

3um Slnbern fagt un§ bie «S^rift, ba§ t>a§ Seben auf 
©rben, hie SBelt ber ^flanjen unb ber Xfiiere einen Slnfon^ 
genommen, unb jmar burc^ t)a§ Qn^ammenmtten ber S^Jatur» 
fröfte unb ber fc^öpferifc^en 2;f)ätigfeit ©otte^. &ott fprod^: 
„®ie @rbe bringe ^eroor", „ba§ SBaffer errege [lä)", unb „®ott 
f^uf". Unb bon einem Slnföng be§ organifd^en Seben^ fagt 
un§ oud^ bie SfJaturmiffenfd^aft, unb fie oerji^tet barauf -^- 



'S)a§ Sec^§togeh)erf. 85 

luenigftcnä bie 6e[onnene — bie ©ntj'te^ung beffelBeit anberS 
crflären ju tonnen al§ burd^ bie Slnna'^me einer p^eren, 
fc^öpfcrifc^en ^raft. 

3um dritten jagt bie ©d^rift, ^a^ bie @rbe geiüorben fei 
in affmä^ügcr Steigerung öom Sittgemeinen jum SBefonberen, 
öom Unooflfommcnen jum Sßottfomntenen, öom Unfreien junt 
freien, immer me'^r bem SJlenfc^en fid^ annö^ernb, bi§ fie in 
biefem bie ^one unb \>a^ 3iel i^rer iöilbungen fanb. S)ie§ 
nun ift öon religiöfer Sebeutung, weit borau§ erl^ettt, \)a^ ber 
aJienfc^ aU ba§ 3^^^ ber Schöpfung ®otte§ au^ ©otteS eigent« 
lieber unb le^ter, barum fein erfter ®ebon!e war, bo§ e§ ®ott 
auf ben SJlenfc^en unb fein Scrl^ältnife ju bemfelben abgefe^en 
l^atte. 5)Qöon tüeiß bie S^taturforfc^ung nic^t^ unb l^ot nichts 
baöon ju tüiffen, ®enn ba§ ift eine grage ber üleügion. 3l6er 
bie SSorauSfe^ung l^ieöon, bie attmä^Iigen Stufenfortfi^ritte ber 
irbifd^en Silbungen bi§ jum 3Jienfc^en, beftötigt fie auf ha§ 
<3d)(ogenbfte, unb jeber ifortfd^ritt i^rer gorfd^ungen ift ein 
gortfc^ritt biefer Söeftotigung. 2Senn bie ©d^rift bie @rbe juerft 
mit SBaffer bebedt fein, bann ©ebirge unb geftlanb fic^ empor* 
^eben, biefeg mit Sßegetation fic^ fc^müdfen, bo§ SSaffer mit 
gifc^cn, bie Suft mit SSögeln fic^ erfütten, barauf bie Sanb* 
t^iere folgen unb ha§ ©anje mit bem SKenfc^en f^tie§en lä^t, 
fo ift hai — nur eben in großen 3ügen unb ottgemeinen Um= 
riffen, toobei nur bie §ouptgtieber l^eroorge^obeti unb hk kleben* 
glieber Bei ©eile gelaffcn loerben — berfelbc enttoidtungSgang, 

ben bie gcologifc^c gorf^ung un§ oufgefc^foffen ^at.^^ 

f£flan ^at jWar SlnftoB baran genommen, ba§ bo§ Sid^t 

öor ber ©onnc unb bie ©onne jünger aU bie Srbc fein fott. 
^Ibcr toaä bie Sßoturmiffenfc^aft überl^aupt über biefc Srage 
toeife — unb im ©runbe fann fie borüber nur SSermutl^ungen 
oufftetten — bog mu§ ttjenigftenö bie SKöglid^feit ber ©c^rift» 
au^fogcn oner!ennen. ^e^t jmor ifl ha§ Sid^t utt§ nur burd§ 
bie ©onne öcrmittdt. 3lber eg ift be!annt, ha% bie S^örper 
unter tjerfd^iebenen Umftönben leud^tenb fein fönnen: fo bei 
intenfiöen unb rofc^en c^emifc^cn SSerbinbungen jmeicr ©toffe 



86 4. SBortrog. 2)te aBeltjc^öpfung. 

ober beim Sreitoerben üon (5Ie!tricität. SBeli^er 2lrt nun jene^ 
erfte Sic^t toav, loiffen toir ntd^t; aber ha^ Sid^t mögli^ ift 
o^ne bie ©onne, hjiffen wiv. lieber bie 93ilbung ber ^immel§=^ 
!öri)er ober gibt e§ in ber .fiauptfa^e nur eine X^eorie, bic^ 
nad§ ^ant§ 35organg (1755) ber gro^e 2ß. |>er|d^el aufgeftellt 
unb 2apiace (1796) inSbefonbere für unfer @onnenft)ftent nä^er 
aulgefü^rt l^at, bie fogenannte 3'JebuIart^eorie, nad^ toelc^er au^ 
einem großen gasartigen ^^fuibum, ba§ im näc^tli^en 9?aume- 
ausgebreitet ttjar, ]iä) einzelne unge'^eure ^unft!ugeln bilbeteU;. 
bie liä) bann äu SBeltförpern geftalteten, unb ha^ aü6) unfer 
©onnenftjftem eine folc^e 2)unftfuget toax, innerhalb beren fi(^ 
guerft bie öufeerften, bann bie inneren Planeten unb jule^t bie 
@onne in ifirer bermatigen feurigen ^ugetgeftott bilbete, fj> 
ba^ bie ©onne aU befonberer ^ör|)er allerbingS in gemiffem 
(Sinne jünger tüöre ol^ bie @rbe. Sßon ben ?fiffternen aber 
unb i^rer 93ttbung läßt fidE) !^ö(f)ften§ mut^maßen, baß o^nli^e 
©nttDtrflungen au§ rotirenbcn 9?ebeSmaffen i^nen ju ©runbe 
liegen. <Bo boß alfo, bie ^attbarfeit biefer foSmogonifcben 
|)^pot^efe öorauSgefe^t, bieß alle§ fid^ trto^I miteinanber ber» 
tragen mürbe. 

9^ur @ine§ ift maS bie üiaturmiffenfd^aft fid^ auSbittet, näm* 
lic^ baß mir i^r große Qeitt&virm jugeftefien unb fie nidE)t etma 
in fed^§ 24ftünbige Xage einfpannen motten; benn bo§ fei 
fc^Ied^terbingS unmöglich. ©S genüge ^iefür 5. 93. auf bie 
großen (Stein!o{)IenIager gu oermeifen, bie aü§ einer mächtigen 
^ftanjenmelt fic^ gebilbet unb 5. 93. in 9?. = 21. attein nad^ 
§. 9toger§ einen 9?aum öon 6250 DiOIeilen einnehmen ober 
im ©aarbrüder ©ebiet t^eiltüeife 19 — 20,000 guß unter beit 
HKeereSfpiegel ^inabrcid^en;^» ober auf bie einer fpätcren 3ctt 
onge^örigen mä(^tigen 93raunfo^Ientager (mie benn j. 93. ^artiy 
ba§ StKter eineS foloffalen foffilen S^preffenftammeS im Sieben* 
gebirge ouf 3100v ^a^xe beftimmt — unb nun liegen bort int 
©iebengebirge nic^t meniger aU 13 93raunfo]^Ienf(ö^e überein* 
anber29 — ): unb man lönne unb bürfe boc^ nid^t anne^men^ 
t>a^ (Sott etttjo atteS ba§ plö^Iirf) werben laffen unb i^m nur 



Tte SBelt unb ber 2«enfd^. 87 

bcn ©c^etn be§ aHmä^tig ©ehjorbcnen aufgebrüdt ^abe, \o 
\>a^ unfer gorfd^en baburd) getäu[d^t unb irre geführt »ürbe, 
tüic h)ir un§ ja oucf) öon ber Slttniö^Iigfeit ber @ntftef|ung bieder 
SBilbungen überzeugen fönnen. Unb allerbing§, »enn ttJtr ha§ 
oUeä unb fo öiet 9(nbere0 erhjägen, fo brauchen hjir, menn 
axid) ötelleirf)t nirf)t bie SSillionen u. f. tn., mit benen bie ©d^ule 
£i)en^ rerfinet, bo^ immerl^in [ef)r gro§e Zeiträume. 5!)a§ alfo 
ift cl, tDa§ bie ©eologie fid^ öon un§ erbittet. — SSie e^ fid^ 
nun mit ben Siagen öerfialte, barüber finb bie 3;^eotogen, ou(^ 
bie fd^riftgläubigen, felbft nid()t einig, — ha ja ourf) bon ^agen 
bie 9lebe ift öor ber ©onne. £)'b man nun barunter gro^e 
^erioben üerfte^cn möge, ha \a toufenb ^a^xe öor @ott finb 
tuie ein 2;ag, fo ha^ barunter nic^t 3Jlenfc^entage fonbern gro|e 
SSelttage gemeint mären; ober ob man bie Xage nur aU eine 
gorm ber ©infteibung oufetie, in meld^er bie @ad^e felbft ber 
menfrfilic^en SSorftellung naf)e gebracht merben foüe, bie jene 
2;^otfad^en ber ©c^öpfung§gef(i)ic^te anber§ nirf)t ju faffen öer» 
mocfite — mie man bie& aud^ öerfte^en mag, ha§ ift gemi^: 
c§ ^anbelt fi^ in ben Xagemerfen nid^t fomolil um bie Sage aU 
um bie 3Berfe. S)enn nic^t bie 3fit ift ba§ Sn^^^^ffc ber ?Re= 
ligion, fonbern bie 8o(^e. ^a§ aber ift bie <3ac^e, um bie 
fi(f)'ö ^anbelt, ha^ (Sott bie SBelt gefc^affen burc^ bie 9Jlarf)t 
feines 2Biffen§ in freier Siebe, in aUmä^Iigem tJortfc^ritte ber 
einzelnen S3ilbungen auf ben 2JZenfc^en gu, um in i^m ha^ 
3iel feiner ©cf)ö^fung§merfe ^u finben unb mit i!^m ein 93anb 
ber ©emeinfd^aft im (Seifte ju Inüpfen. 

Sft aber bie Söelt eine ©d^öpfung ®otte§, bann ift un§ 
ou^ gemi| ba^. mir in il|r einen ©piegel göttlid^er SKad^t, 
SSeiS^eit unb ©üte l^aben. 2)ie Slaturmiffenfc^aft fiet)t in i^r 
einen SBirfung§pIa| öon iRaturfräften unb SfJaturgefe^en. 3Jiit 
?Red^t. SIber haS ift fie nid^t allein. Sn ben er^eugniffen 
biefcr Stöfte unb ©efe^e l^oben in^Uxii) göttli(^e ©igenf^often 
fic^ öcrfi^tbart unb göttlit^e ©ebanlen öermirflic^t. S>iefe re« 
ligiöfe Setrod^tung^meife !^at i^r innere^ Sfled^t unb i^ren guten 
©runb — nic^t bIo§ eine fubjeftioe Sered^tigung fonbern eine 



88 4. SBortrog. Sie SBeltfdjöpfutig. 

'\aä)i\ä)e — unb fommt mit jener naturtüiffenfc^oftlic^ett 95c* 
trad^timggtoeife fo luenig in ^onftift luie ber @a^ oon ®ott 
bent (Sd^ö|)fer mit ber naturmiffenfdÖQftlii^en Unterfu^ung ber 
etnäelnen 93itbungen. S)ng ift eine SBctrac^tung^hJeife welcher 
tcr 9JJenfcEi fid§ aud^ gar nid^t entfc^Iagen !ann, nnb o^ne luclc^e 
t^m bie SBelt arm nnb talt h)ürbe. ®a§ ift bielme^r bie ijreube 
tt)ie un[re§ ^erjen^ fo aud^ unfrei @eifte§, ba§ ttjir allenthalben 
@otte§ ®eban!en berförpert finben. S)ie Statur ift eine SSett 
ber @t)mboIif, eine reid^e Silberfc^rift, hk lüir entziffern unb 
lefen foHen unb fönnen. 2ltte§ «Sid^tbare birgt ein ®e^eimni§, 
ein unfic^tbore^ (5ie^eimni§; \)a§ le^te ®e^eimni§ öon Stttem 
ober ift ®ott. 

Sft bie SBelt auf ben 3)lenfrf)en l^in gefd^affen, fo ift fie 
nic^t etnja^ un§ grembe^, fonbern ein un§ öernjanbteö ßeben 
tritt unä in i^r entgegen unb berührt un§ f^mpat^ifc^. S33tr 
füllen e0: f)ier h)ogt ein Seben n)el(f|e§ uni meint; wir finb 
\)a§ SBort feinet 9iät^fel§; barum Hingen alle bie «Stimmen 
ter Statur in ber 3?lenf(^enbruft h)ieber unb ber SWenfc^ ift bie 
^unge ber (Schöpfung, ^rt feinem ©eifte fptegelt fic^ haS Uni» 
öerfum unb er fprid^t bo§ ®e{)eimni§ beffelben au^. 'S)a§ SBort 
ber ©rfenntniB feinet ©eifteä aber fott in feinem ÜJlunbe jum 
Sobpreil loerben, ttjeld^er ben ©d^öpfer biefer SBelt öer^errlic^t. 



iFünfter Öortrag. 

©et aWenft^. 

S)ie ©c^rift le^rt un§ ha^ bie SSelt bon ©ott gefc^affen, 
bofe fte eine freie S^ot [einer Tlad^t, 2Bei§f)eit unb Siebe fei, , 
oinb ha^ ®ott bei ber ©d^öpfung ber 2!öett ben SJienfd^en im 
Sinne gehabt. S)enn niciit um bie ^flanjen unb Xfiiere toav 
e§ ©Ott 5U t^un, fonbern um ben SKenfc^en. 2)iefer tft ber 
eigentli^e ©ebanfe ®otU§, bie götttid^e ^bee, ttjetd^e bie gan^e 
(Schöpfung biefer SiBelt bel^errfd^t, hie SSerttjirflid^ung be§ njefent= 
lid^en SBittenö ®otte§. S)iefen ©eboTifen brücft bie ©d^rift fo 
au0, bQ§ fie ©Ott njie in einer öerat^ung mit \id) felbft be= 
griffen barftettt, beren Siefultat bie iöilbung be§ 3D^enfc^en ift. 
^arin liegt benn ha^ mit bem iUlenfd^en etroag 9Jeue§ beginnt, 
ha^ er hjefentli^ öerfc^ieben ift öon ber übrigen förderlichen 
©d^öpfung bie if)n umgibt, bo^ biefe nur eine S3orftufe Quf t£)n 
ift, ha^ er ba§ Qid unb bie ^rone ber ©d^öpfung, fomit au^ 
i)Q§ (Snbe berfelben ift. ©o erfd^eint ber 3D'Jenfd^ in ber ©c^rift. 
S)ie neuere Sfiaturforfd^ung f)at l^iegegen öielfad) SBiberfprud^ 
erhoben. Um bret gragen fionbelt e§ fic^ l^iebet junäc^ft, um 
bie noc^ bem 2(Iter, bem Urfprung unb ber ©in^eit be^ aJien« 
jd^engefd^Ied^tS. 

1. S)ie tJrage nad) bem Sitter be^ mcnfd^tic^en &e^ä}Uä)t§ 
nimmt in neuerer Seit ha§ leb^aftefte Sntereffe in Slnfpru^.i 
'iRaä) ber S3ibel ^at man \>a§ SJIter be§ menfd^üd^en ©efc^Iec^tä 
auf etxoa 6000 Sa^^e üeranf erlagt; bie moberne SfJaturforfd^ung 
aber red^net — rechnete tt)enigften§ bi§ no^ üor ^urjem — 
mit ^unberttaufenben, ober bod^ mit 3e^ntaufenben öon ^o^ren. 
Unb notürlid^, trenn S^eH 9?ed;t l^at, bafe bie gegenttjärtige 
^eftalt ber (£rbe nur öon ben je^t mirfenben Gräften auf un« 
«nbli^ langfamem S33ege l^erbeigefüfirt fei, ber üJlenfc^ aber 
f c^on frütieren ^erioben ber ©rbbilbung angel^örte, ober 2)arnjin 
bo§ ber 3Renfd^ nur burd^ ^öc^ft aHmöfitige SeröoHfommnung 



90 5. SSortrag. S;er 23len)d). 

niebrigerer iBilbungen ^u ©tanbe gefommen fei, fo toerben toir 
mit bem Urfprung unfere^ ©ejc^Iec^tä loo^I in unöorbenllid^c^ 
Reiten l^inouf toanbern muffen, ^iefc Folgerung glaubt mait 
burd^ eine 9iei^e neuerer gunbe beftätigen p fönnen. Wlart 
fie^t e§ gegenhjärtig für ou^gemad^t on, ta% ber SOfienfc^ gteic^* 
geitig mit folrfien 2;^ieren — ^ö^ten^t)änen, |)ö^(enbären;. 
SJlommut^t^ieren u. f. tu. — bereite auf unfrer @rbe lebte^ 
toelc|e bie gorfc^er frf)on fcer öüeften S)iIuöiaIperiobe jumeifen, 
einer ^eriobe bie ber gegenioärtigen ©eftalt ber ©rbc ooran*^ 
ging. S3efonber§ ift u. a. ber gunb ju Sturignac, am 9?orb* 
oblong ber ^Qrenäen, ^iefür bebeutungSooII gemorben. SDZait 
Ijat J|ier nämli(^ eine S3egräbniBftätte aufgegraben mit 17 menfd)*^ 
li^en ©fetetten, rot)en SSaffen unb @cf)mu(ffadjen, unb ben: 
©puren eine^ uralten Xobtenmaf)Ie§ ta§ man bort ge^atten^ 

Sn SSerbinbung ^iemit aber ^aben fi{^ 9Jefte bon ^noc^en jener 
«rtüettlic^en 5;^iere gefunben, fo \)a^ loir baburc^ in eine 3eit 
gurüdgefü^rt hjerben, in ttjelc^er ber 9Jienfc^ bie ©rbe noc§ mit 
biefen Sfiaubt^ieren tfieilte. Sle^nlic^e J^unbe ^aben fic^ feitbent 

on Dielen anbern Orten, feit 1869 aud^ ^ie unb ha im füb==- 
li^en S)eHtf(^Ianb (Sc^uffenrieb, 2;^Qt)ngen) njieber^olt. 5)ie 
i^rage märe aber immer no(^: f)aben mir ha^ ^afein be* 
SD'ienfc^en weiter f)inauf=, ober bie (Sfiftenj jener 5;^iere roeiter 
l^erobjurücEen? ^ft "öaä 9Jienf(f)engefcf)(ed)t älter, ober finb jene- 
S;^iergattungen jünger olä man ^(f)te? S)ie befonnene SiJatur* 
forfc^ung ^at fi(^ benn auc^ neuerbing§ öon ber grage ber 
^eitbeftimmung mebr gurüdEgejogen auf i^r ©ebict ber geft* 
fteHung ber gegenfeitigen Sagerung^oer^öUniffe. • 

SBie leidet man üerfud^t fein fann, in ben 3eitbeftimmungen 
ju !^oc^ §u ge^en, f)at firf) in ben Erörterungen über bie ^fa^l« 
bauten gegeigt. 

©citbem mon im SSinter 1853/54 im ^üric^erfee jum erften 
SKale bie tiefte uralter SSo^nungen, bie auf ^fäf)Ien in ba* 
SBoffer Iiineingebaut maren, gefunben, ^at jebe^ ^ai^x neue- 
©ntbecfungcn fotc^er 2ltt gebraut. «Sie eröffnen un§ einen 
SßM in bie öltcften ^uüuräuftänbe unfrei @rbtf|eil§ öon beneit 



■3)er SKenfc^. 91 

tuir tpiffen. ©tein unb ^nodEien tüaren ha§ SD'ioteriat au^ hem 
jene crften "Seroo^ner ©uropa'g i^re SSoffen unb ©erät^^d^afteit 
üerferttgten. 25ann crft fcfieinen anbere SSöIfer, bie S'elten, 
gelommen ju fein, hjeld^e burc^ i^re eisernen SBaffen über jene- 
UrbetDofiner ^err tüurben. SBofin fiaben jene 93eh)ot)ner ber 
Pfahlbauten gelebt? 3« neuerer 3eit mehrten fid^ bie jjunbc- 
ton @r^ unb fogar öon ©ifen in biefen Sauten. 5lIfo beftan* 
ben biefe nod^ jur 3cit ber fRömer. ©er grietfiifd^e @e[^irf)t*^ 
fi^reiber ^erobot berid^tet un§ öon Pfahlbauten in S^rocieit 
nod^ um 500 t). 6^r., in S^^Ionb waren fold^e nod^ im 9Jlittet= 
alter benjol^nt, unb auf SBorneo, am ©upfirat, in 3cntral=^ 
afrifa u. f. tu. ift ha§ nod} ^eut ju 2;age ber %aU. S)er ®e* 
brauch ber ©tcinhjaffen aber reicfjt tt)eit in bie 3eit be§ SJletaH- 
gebrouc^g ^erob. 9loc^ in ber (5rf)Iacf)t bei |)afting§ 1066 n. S^r.. 

l^atten bie Slngelfad^fen fteinerne ©peer= unb ^feitf^it^en. SBenn 

man ober auc^ in ben älteften ^fotilbauten qu^ ber fogenonnten 
©teinjeit ©puren eine§ SBerfe^rS mit ber Dftfee (SBernfteinjr 
unb bielletc^t mit 5Ifien gefunben ^ot, fo njerben föir qu§ bent 
allen fcfilie^en bürfen, bafe tt)ir bie fogenannte ©teinperiobe 
nid^t über ein bi§ ^ttiei 2!aufenb S^^re ö. S^r. ^inau» qu§=^ 
jube^nen l^aben. Sllfo erft nad^ jener 3eit, in meiere bie SBibef 
bie grofec S^utl^ berfe^t, merben jene erften 95ett)ot)ner @uropa'§ 
ai\^ Slfien eingemanbert fein. S)a§ fie ober oon Slfien ^er- 
famen, fd^eint au§ öerfc^iebenen 5tnäeirf)en ju erretten. ®enn: 
ttjenn au^ ber in jenen Souten gefunbenc ^Jiepfirit öietteiclit 
nic^t mel^r aU iöemeiö mirb gelten bürfen, bo man biefen f)ar* 
ten ©tein neuerbingä ourf) bei un§ gefunben ^at, fo ift bod^ 
j. fö. \)a§ SroncemetaH ber bort öorfommenben ®erött)frf)afteit 
lua^rfc^einüc^ afiotifd^en Urfprungä. 

3^od^ auf anbercm SBege ämar fui^te man jene ^unbert* 
taufenbe öon Salären für ha§ Stiter bc^ 9JJenf^engefd^Iec^t§ 3» 
gewinnen: au§ ber IBcred^nung ber ^eit nömlic^, metd^e ge= 
toiffe 9(nf(^ttjemmungen be§ SöobenS noc^ ben gegenhjörtigeit 
SSer^Itniffen erforbertcn, fc^Io^ man ouf ba§ Slfter ber menfc^= 
liefen Ueberrefte, bie man in biefem 55oben fanb. ©o ^ot mait 



•92 5. Vortrag. ®er ajienfc^. 

<tn ber aj^iffifippimünbung eine K^preffen^oljfc^id^t unb in S3cr» 
Jbinbung bamit einen ©c^äbet gefunben, bem man na^ geo* 
logifrfjer ©d^ä^ung ein Sllter Don 57,000 Sa^^en äufpri^t. 
Ulber nid}tö ift unfidierer ol^ bie[e geoIogi[c^en ©c^ä^ungen. 
5Sor einiger 3fit tüurbe an ber Dftfüftc ©c^Ieäroigg in einem 
Uorfmoor be» ©unbettjitt ein gatir^eug mit öieten ^tltert^ümem 
entbedt. 9tacf| geologischer ©c^ä^ung mü§tc boffelbe öielc ^a^t» 
taufenbe olt fein; aber na^ ben aJiünjen, bie fic^ im ©c^iffc 
tjorfanben, ift e§ frü^eften^ 3—400 n. 6f)r. oerfunfen. 2)ic 
■Stnfc^njentmungen [inb fo ttje^felnb, ba§ fic aller folc^er 93e» 
rec^nung fpotten. @o lange man feine befferen 93emeife für 
jene 2lnna§me l}at, ift fie nur eine unberoiefene |)^pot^efe. 
1Sof)I aber ift e§ öon JBebeutung, ba§ bie gefc^id^tlid^e Uebcr= 
lieferung ber ißölter, foioeit fie Don trübenben unb Derjerrenben 
m^t^ifc^en (Slementen frei erfc^eint, nic^t njefenttid^ über äWci 
unb brei ^a^i^taufenbe D. ß^r, gurüdfü^rt. SQ3äre bieä benibar, 
ioenn bie SJlenfdh^eit l^unberttanfenb ober auc^ nur je^ntaufenbc 
t)on Sfl^i^en alt tväxe? Xiefe ttjar fc^on ßuDier'ö SIrgnment; 
iinb man f)at e§ big je^t nic^t miberlegt. SDogegen ^at man 
gerabe im Greife ber ©eologen in ber neueften ßeit angefangen 
ettoaä ^au§^älterifcf)er mit ben großen Sa\)Un umjugc^cn unb 
iiic^t me^r mit ^unberttnufenben Don Sauren um fic^ ju ttjerfcn; 
faum Don ^e^^taufenben magt man noc^ ju fprec^en, Wenn e3 
^ic§ um bog 9IIter beä 3JJenfc^cn ^anbclt. Unb fo mirb c3 
benn mit ben 6000 ^af)xtn, njelc^e bie SBibel bem SWenf^en 
gufd^reibt, nii^t fo ganj Derätueifelt befteüt fein, toie bieg nod^ 
t)or furjem Don 2Jionc^en behauptet würbe. 

Sie gorfd^ungen beftötigen ba§ ber SKenfd^ bo§ iüngftc 
«Her ©efc^öpfe ift. Stbcr er ift nid^t bIo§ ber Stbfc^Iufe feiner 
"SBelt, er ift jugleic^ ber Slnfang einer neuen SGSelt. üKit i^m 
beginnt bie SBett bc§ ©eifteö unb be§ SetDuBtfeinä. 2)a« 
toeifl bem SD'ienfc^en gegenüber ben anbern ©efd^öpfen eine 
<5tellung an, toel^e i^n Don biefen oHen toef entließ unter* 
jc^eibet. 

2. |>icgcgen ift in neuerer Seit über ben Urfprung bc3 



®ag Alfter be3 aKenfif)engeid)(ed)t§. 95 

SJienfd^en eine 3:^eoric Qufgefiefft itjorben — bie fogenQnnte^ 
%xanämütation§l)t)pot^e\e ©artüin'g unb feiner Schute- 
V- welche ben 3Jlenfd)en in einen fo unmittelbaren öerhjanbt= 
f^ftlid^en ^ufa^n^cn^ang mit ben it)m junäd^ft tjorangel^enben: 
®cf(^öpfen, ben Iiöi^ften ^I)ierarten, [teilt, bQ§ ber Unterfdöieb 
5mi[d^en bem fDlcn^i^tn unb bem Xt)iere aufhört ein ttjefent- 
lirfier äu fein unb ein ffie^enber ftjirb. ®cnn, le'^rt ^armin^ 
a\i§ einer ober einigen menigen ©runbformen ^ot fid^ aU= 
mäklig in unobfe^bar langen ^^iti^äumen, burd^ fortfcfirei- 
tenbe SSeränberungen bie ganj lange ©tufenreilie öon organi= 
fc^en ©Übungen ber $ffan§en= unb SEtiiermelt entmicfett bi§^ 
jum SD^enfd^en, melier bie ^öd)fte @ntmi(ftung§ftufe ouf ber 
Seiter ber organifdEien ©Übungen repräfentirt. tiefer (Stamm* 
bäum unfrei ®efrf)(erf)t§, ber fo burd^ bie %{)iernjelt ^inburd^* 
ge{)t bis jur einfoc^ften ^ftansenbilbung, unb etma ben Slffen 
aU ben nöd^ften Uraf)n beS menfcl)lic^en ®ef(^Ied^tä ää^It,. 
mirb öielleic^t nidf)t ganj nad^ unfrem ©ef^macfe fein. Stber 
man !ann un§ entgegenhalten, bo^ fotrf)e gragen nic^t nadf. 
bem ©efdfimadfe ju beurt^eilen feien; benn aud^ je^t norf) iftr 
man(^e§ in unfrer Drganifation, \üa§ biellei^t nidEit ganj nac^- 
unfrem ®ef(^macfe ift. SDian oerfid^ert un§, e§ laffc ficf) in ber 
förperlid}en SBilbung be§ üJienf($en, felbft in ber ®ef)irnorgani= 
fation, fein Wefentlirfier Unterfd^ieb öon bem t^ierifdf)en Drga* 
ni§mu§ finben; audfi bie ^unfttriebe 'i)aiie ber SDlenfcf) mit ben 
2;^ieren gemein; ber gonje Unterfc^ieb befte^e in einer getüiffen 
f)öf)eren ©ntnjitflungSfäbigfeit be§ ®ef)irn§, öermöge beren ber 
SJJenfcfi fic^ felbft bemüht föerben unb fo fic^ gleic^fam in S3eft^. 
ne'^men fönne.^ 

©inb njir tüirflit^ fo njeit ge!ommen , oIIe§ @rnfte§ bie 
j^rage be^anbeln gu follen, ob gmifd^en bem aD^lenf^en unb 
bem X^icre ein mefentlid^er Unterfc^ieb ftottfinbet? Sf* nic^^t 
biefe X^atfadöe felbft, ba^ mon biefe grage nur aufwerfen 
fonn, ber fc^tagenbftc S3ett)ei§ für biefen Unterfcfiieb? ©iefe- 
gro|e Sßerirrung be§ ntenfd^tid^en @eifte§ märe nid^t möglid^^ 
menn nic^t ber ijienfc^Iid^e ®eift fo i)od) geftellt unb fo frei in. 



-91 5. aSortrag. 3)er fflienfc^. 

feinem ©eboufenleben toäre, ba% er bi§ ju einer folc^en ^^or« 
^eit fierabfinfen fonnte. 

S)ie naturtDiffen[d^aftIi(^e S^age ift bie ^rage bet SScr« 
fd^tebenl^elt ber Slrten b. ^. ob stüifc^en ben öerfc^iebenen S3il» 
bungen ber ^ftanjen* unb X^iertoett ttiefentli^e itnb fejit» 
Meibenbe SSerfc^iebenl^eiten itattfinben. 2)ie 93ibel fteHt btefen 
^ebanlen an bie(5pi|e i^rerßrjäfilung, wenn fie im @c^"6pfung3s 
berid^t ge^nmal fagt, ba^ @ott „ein jeglid^e^ nad^ feiner Slrt" 
l^abc ttierben loffen. S)ie S^artuin'fd^e ^^potfjefe mu§ biefen 
@a^ ber Strtenberfc^ieben^eit leugnen. S)enn fonft fönnte nic^t 
<iu§ einem ober ganj loenigen Äeimen bie gan^e Stufenleiter 
ier öerf^iebenften ^ftanjen unb X^iere nac^einanber werben. 
2lber olle gro|en gorfd)ungen ber neueren 9taturtt)iffenfclöaft 
ru^en auf biefer 5ßorau§fe|ung bort ber wefentlic^en S8er= 
frf)ieben{)eit ber Wirten, unb bie Beobachtung jeigt ha^ bie 
^atüv eiferfücf)tig über ber 9?eilt^altung berfelben Wac^t. Sie 
I)at burc^ bie Unfrud)tbarfeit ber 93aftarbe bie urfprünglic^eit 
■Slrten bor 2Iu§artung ficfiergefteöt. So weit unfre ^enntni§ 
Treibt, finb bie 5(rten ftetö biefelben. S)ie ^^^iermumien ber 
<igt)ptif(^en ©räber, bie 2lbbilbungen ouf ben älteften ®enf» 
:nälern feigen nid^t bie geringfte ?tbn)eirf)ung öon ben je^igcn 
formen. 2)ie ^ameele unb ©romebare auf ben fJJuinen oon 
S^linioe finb aU wären fie erft fieute gejeid^net. Setbft jenfeitig 
i)er @i§periobe finben wir Säuget^iere unb t)ö^ere ©ewäc^fc, 
lüie j. 33. bog 9tent^ier, fRef), SBoIf, Sö^re, Spanne u, a., 
loeldje mit ben je^igen Slrten ooHfommen übereinftimmen. ®ic 
Sunbe aber in ben ©rbfc^id^ten geben nic^t ben geringften 
^2ln^alt für bie attmö^Iigen Uebergänge unb SSerjweigungen 
bev Slrten, wie fie SDarwin für feine 2;^corie nöt^ig I)at. Unb 
■fo l^aben benn audE) Slnl^önger 2)arwin'0 felbft, wie S3ronn, 
S3roca, 9^ägeli, S)ecanbotte, SGSaHace 2C., ba§ me^rfac^ Un^« 
^enügenbe feiner Beweisführung onjuerfennen nid^t um^in ge* . 
-fonnt. S)o^ abgefe^en öon aUen fragen ber SfJaturwiffenfc^aft, 
loeldie bie SJiänner öora 5qi^ entfc^eiben mögen — wie fott 
€§ auc^ nur ben benfenben ©eift befriebigen fönnen anjune^men. 



S)ie ^i^pot^efe 2orlt)in5. 95 

1)a§ burc^ rein öufeere Urfad^en «nb beit Minben 3ufatt auS 
t)er gebuchten Urteile ^erauS bie ganje @umme öon organifd^en 
tBilbungen entftanben fei? Unb tüte fott öoti einettt fol^ett 
^rin^ip ouä bie ®efe^ittö§igfeit unb SfJotl^ttjettbtgfeit erüärt 
toerben, ttjetc^e itt biefer ©tufenrei^e ber orgattifd^ctt SBelt 
i)tvv^d)t? 2(6er trid^tiger ttod^ aU biefe ©rttjöguttg ift bie fitt« 
lic^e Setrac^tungStoeife. S5ie§ ift t)or alletn ber ®e[ic^t§puttft, 
«ttter ben itiir bie Srage ju ftellcti ^aben. Unb l^ier tiutt 
möchte 16) ftatt meiner ein ^inb antttjorten laffen. ©§ ift S^ttett 
öielleic^t jette ^^nefbote t)om preu^ijd^en Könige griebrid^ 
SSil^elm IV. ni^t unbefannt, toie er bei einem Slufent^att auf 
fRügen ttjie er gerne t^at fic^ mit ^inbern untert)ielt uttb fie ejami« 
nirte, inbem er i^nen allerlei ©egenfiänbe tuie ©teine «nb 
Dbft t)or^ieIt unb fie fragte: in tt)eld)e fReic^e (3D'lineroIreic^, 
^ftan^enreid^ u. f. tu.) bie einjelnen ©egenftänbe gef)örten, bi§ 
er bann enbli(^ auf fid^ fetbft beutete unb fragte: in toeld^eä 
3?eid^ gehöre aber id^? tüorauf ha^ gefragte Äinb anttportete: 
in baä ^immelreid^. — ®a§ ift e§. ®er fÖleufdEi gehört in 
t)a§ §imme(reic^, haä X^ier nid^t. S)ag mo(^t einen fpejififd^en 
Unterfc^ieb. S)er SJienfc^ ^at ^Religion, unb fein ®enfeu unb 
SSoIIen foll ®ott gelüei^t, fein ßeben ein Sienft ®otte§ fein. 
Xaä 2)afein be§ X^iereä ift nur finnlic^, ber Sölenf^ lebt ein 
Seben beä ©eifte^ obtnol^I im Seibe, fte^t in ber ©toigfeit, ob= 
tüof^l in ber ßeit, unb foII auf (Srben frf)on feinen SSanbet im 
^immel ^aben. 

Sene Slnfc^auung tjertritt eine SSa^r^eit: ben 3u[ommen 
^ang atte^ ©efc^affenen, baä Softem be^ ©ein§. ?lber eben 
t>a^ ift aud^ ber ©ebanfe ber ©c^rift unb i^rer Slnfc^auung: 
alle^ bem aJienfd^en SSorange^enbe ift nur eine 9?ei^e üon 9Sor* 
ftufen ouf i^n; ber SJlenfc^ ift nic^t e^er gefd^affen aU biä 
biefe ÜBorftufen bei i^m angelangt maren; baburt^ fd^tie^t fi(^ 
bog ©anjc ber irbif^cn ©^öpfung jur ©inl^eit jufammen. 
tRur fielet bie ©d^rift in biefem gortfd^ritt jum 3)Zenf^en nid^t 
bto§ eine natürliche ©nttüidflung, fonbern eine f(^öpferifd^e %f)at 
<3otte^. 



96 5. gSortrog. ®er SWenfc^. 

3. ^er 9}?en[d^ ift no^ ber @cf|rift al§ eine ©tn^eit gc* 
f^Qffen, um öon bo au^ jur SSiel^eit ju tüerben. S)er bibli* 
f^en Slnyd^auung liegt ber ©ebanfe öon ber ©in^eit be^ 
Tlen\ä)eTXQe'\6)U6)t§ ju ©runbe. ^iegegcn ^at man feit 
ber 3^it i'f^ engli[c^en ®ei§mu§ allerlei SSebenfen aufgestellt 
unb in neuerer B^it Oerfd)iebene ©d^öpfungimittel^unftc on« 
genommen. 

e§ finb bie tiefften S^tereffen meiere bie ©in'^eit be^ 
QJienf^engef^Iec^t^ f orbern. S^erft religio fe ©rünbe. 2)er 
2«enfc^ ift ber (5Jebanfe ©otieä. 2l6cr nic^t 3Kenfc^en über« 
fjaupt mü ©Ott, mie er ^flanjen unb Xtjierc mitt, ni^t eine 
SSiel^eit einzelner 3JJenf^eninbiöibuen, fonbern ben 9JJenf(^en, 
hie 9Jienfrf)^eit aU einen ein{)eitlief)en Drgani§mu§. S)ie große 
ein{)eitlic|e SOfJenf^enfamilie — \>a§ ift boä Siel ber SWenfcfi^eit 
unb it)rer ®e|cf)id^te; aber nur bonn, toenn oud^ if)r Urfprung. 
eine @in{)eit ift. llnb nur bann aucf) fjot bie ®efrf)ic^te ber 
SJienfc^^eit eine einf)eitti(^e SJlitte. SBir fogep Don S^fu ß^riftj> 
ba'B er ber ©ine SJJittler be§ ganzen menfc^Ii^en ®efc^(ed^t§^ 
ba^ er ber 3Jlenf(^enfof)n ift, ber hie ganje 2)'lenf(^^eit in fic^ 
gufammenfafet unb repräfentirt, ha^ er bie SBenbe ber ©efd^id^te 
ift, inbem bie alte @ef^i(f)te mit if)m abfd^Iießt unb eine neue 
in i^m beginnt, ©r ift nur bann ber (Sine SJJittler unb 9ie* 
präfentant, unb feine ^erfon unb fein SBerf nur bonn ba§ 
©ine §eit für Sitte, mie auc^ bie ©ünbe nur bann ein fic^ 
burd^ Sitte öererbenbe^ Un^^eil fein fann, hjenn bie SKenfrfi^eit 
eine ©in^eit ift. 

Slbcr aud) üon rein menfd^tid^en ©rmägungen utti> 
©rünben ift bieß geforbert. ©^ ift ein unmittelbare^ ©efü^t 
ha§ un§ einmo^nt, hü^ atte 9Jienfd^en miteinanber öertüanbt,. 
boß fie ©ruber feien; bie ©timme be§ 93lute§ mad^t fic^ in 
nn§ geltenb. ^wai ift biefe ©rfenntniß unb biefcS ®efü|l erft 
burrf) ha§ ©l)riftent^um jum lebenbigen i8emu|tfein gebracht 
tüorben; aber bo^ tuar bo^ nur tüie eine ©rinncrung on 
ettoa§, bog mon im ©runbe fd|on hjufete, nur ober eben fic^ 
nic|t mit Söemußtfein fagte. 2luf biefem 53emuBtfcin ber öer«- 



®ie (gin^eit beS 9Kenf^enge|c^Ie(^t^. 97 

hJaubtftfiaftlic^eu 3"fflwtmengeprigfeit ru^t ta§ ^ietätsoerl^ält* 
itife bcr SJicnfc^cn ju einanber, ru^t olle tua^re |)umanttät^ 
tüelc^e feinen Unterfc^ieb ma6)t jnjt^^en SOf^enfc^ unb SDflenfcfi, 
fonbern in jebem ben S3ruber anerfennt. Unb aurf) ein toofire^ 
ißerftänbniB ber ®e[c^ic^te ber 3Jienfcf)J)eit ift erft babuicfj 
möglich, ba§ ttir bie SDflenfrfifieit a(§ eine @int)eit h)iffen, bie 
bantm aucfi eine einheitliche @ej(^irf)te t)at, 3^ fe^e nicfit lüie 
bie§ afleg — unb e§ finb ' Jrejentlic^e S^tei^effen unfere§ 
geiftigen unb fittlid^en fiebenä — ju befielen öermag, wenn 
man j. 93., mit Slgaffij eine SSiel^eit üon menfdblitfien @^öpfung§* 
jentren annimmt: on öerfc^iebenen Drten ber @rbe feien gtetc^- 
jeiti^ ober nadöeinanber ÜKenfd^en entftanben, „gleirfitüie gid^ten 
in SBälbern, ©räfer in SBiefen, Söienen in ©tödfen, ^öringe 
in Saufen, Süffel in |)eerben." ■• 'äU ob e§ ficf) mit bem 
SJZent^en ebenfo »erhielte wie mit ^flaujen ober Xf)ieren! 
S)iefe gange Se^re öon Stgoffis ift im ©runbe nur ein SJücf« 
faß in bie antife §lnfc^auung oon ben Slutod^t^onen b. ^. ber 
urfprüngtid^en ©ntfte^ung ber einzelnen 93ölfer in i^ren fiän= 
bem, eine Slnfd^ouung , bereu natürü^e ?^oIge bie fd^roffe 
(Sc^eibung ber 93ölfer mar, mdd^e ba§ (£^riftentf|um eben ta=' 
burrf) aufhob, ha^ e^ einen einheitlichen Urfprung unb Slnfong 
ber SJZenfd^^eit lehrte. @§ ift alfo nic^t eine gtei^gittige grage 
um bie fi(^'§ !^ier l^anbelt, fonbern fie betrifft ba§ S^tereffe 
ber |)umanität ebenfo toie ba^ ber ^tcligion. 

3tDar ift in neuefter 3eit biefe grage burc^ t>a§ ^ntereffe 
ber anbern trogen nad^ bem ?llter unb bem Urfprung be§ 
menfc^Iid5en ®efd^Ied^t§ in ben |>intergruub gebrängt ttjorben; 
ober fie l^at i^re Sebeutung nod^ nic^t öerloren, äumol ba 
ein 2:^cil ber ie^t :^errf(^enben fogcn. eöotutioniftifd^en ©d^ulc 
(S)ortt)in felbft, §ädel, ©d^aaff^aufen, da^paxi, ö. .^ettmalb zc.) 
beibeä mit einanber ju bc^ouptcn geneigt ift: ben ^ol^geniSmu^ 
unb ha§ ^efcenbenjprinäip, ober ben öiel^eitlid^en Urfprung 
unb bie ©ntioidtung ou§ t^ierifd^en Urformen. 

(£§ ifi bie 0laffenoerfd^iebeTt:^eit, meldte man befonber^ 
feit ber 3eit beS engtifd^en 2)ei8mu§ aU Strgument bagegen 

Sut^arbt, SSorträge I. 11. »ufl. ■ ^ 



98 5. SBortrag. ^er menidf. 

aufgeftettt l)at ^auptfäc^tic^ ^at man bie SSerf^teben^cit ber 
©c^äbelbilbung unb bes @e[{(i)t§töinfelä, ber bei manchen 
nteberen 3f?offen üon 90 ober 80*^ U§ auf 70° ^ernbfteige, 
betont. 5 2)amit f)ängeit aud) bie übrigen SSerfc^iebentieiten 
äufammen. @ie finb nic^t zufällige einjet^eiten, bto& au3 ju» 
fälligen äußeren Urfac^en hjie §i|e u. bgt. entftanben, fonbern 
fie ^aben einen gemeinfamen 3ufammen^ong mit einanber; 
boburc^ bilben bie einzelnen Pfaffen oon ©igentliümtic^feiten je 
eine föin^eit unter fic^ unb erzeugen boburc^ öerfd^iebene 
2Äenfc^^eit§tt)pen. ®ie grage ift bemnac§ : Silben bie 2JJenfc^en 
(Sine Strt (ßpe^ieä) ober oerfrf)iebene Strten? mit anberen 
SSorten: öer^alten fid^ bie oerfd^iebenen 9taffen ber 9Jienfc^en 
nur etroa njte bie oerfc^iebenen ^ferberaffen ju einanber, ober 
unterfc^eiben fie fic^ mie ^ferb unb @fel? 9)ian ^at oom 
naturmiffenfc^aftlii^en ©tanbpunft felbft Strgumente für bie 
Sfrtein^eit be§ 9Jtenfd)engefc^tec^t§ geltenb gemacht, meiere 
burc^fd^tagcnb finb. ®a^ mid^tigfte ift biefe»: roenn fic^ X^iere, 
Juelc^e oerfc^iebenen 2(rten ober Spe^ie^ angehören, mie §. 95. 
-^3ferb unb Sfel, mit einanber öermifd^cn, fo finb bie baburc^ 
entfte^enben äJJifc^Iingäraffen nic^t frurfitbar — bie 9JiauIcfeI 
^jffonjen fic^ nid^t fort — ; mo^t aber gilt bie| in unbef^ränfter 
SSeifc üon bcn 9Jiif^Iing§raffen ber ÜJienfd^cn. Sllfo bilbcn 
bie oerfd)iebenen 9?affen ber SJ^enfi^en nic^t öerfc^iebcnc @<jc» 
jie^, mie etma ^^ferb unb ®fel, fonbern nur üerfd)iebene SSarie* 
täten, mie etroa bie üerfc^iebenen 9laffen ber ^ferbe, bie man 
naä) 93elteben freuten fann.»* 5)ie SSerfc^ieben^eiten biefer 
Varietäten ber ©inen 9Jienfd^^eit§fpejie§ aber fmb nur äußerlicher 
^ilrt. Sie bejie^en fic^ nur auf bie ^aare, ^outfarbe unb 
©d)äbeIform. S)a§ finb aber lauter Sleußerlic^feiten, meiere fic^ 
unter Umftänben beränbern fönnen. 9Jlan tann eä gefc^ic^tlidj 
nac^meifen ha^ b\e§ gefi^e^en ift. ßttJifc^en ben je^igcn unb 
ben aften btonb^aärigen 2)eutf^en ift in ber äußern @rfc^einung 
ein großer Unterfc^ieb. S)ic heutigen ÜJiag^orcn finb ^immel» 
meit oerfd^ieben oon ifiren mut^imaßlic^en Sinnen, ben otten 
§unnen, bie un§ fo abf(^p«^nb gefc^ilbert merben, ha^ bie 



5)te ©tn^eit bei SKcnfc^engef^re^ts!. 99 

^egentüärtigeti ajlogtjaren fo gut lüie gar feine Stel^nlid^teit 
me^x mit benfelben l^aben. Stur „in abgelegenen ©egenben 
Ungarn^ trifft man no(| big je^t bie abfd^redenbe ^ö^Ud^fcit, 
njelc^e bert ^unnen eigen mar".'' @§ ift 5;^atfa^e, ha^ bie 
Jliltur au^ ben leiblichen Drgani^mu^ öeränbert. S)ie geiftigc 
SSereblung ^ot auö^ eine lörperlic^e Sßereblung jur Sotge, ft)ie 
anbererfeitä bie SJienfd^en niie geiftig fo aud^ in t^rem leiblichen 
Organt^muö entarten unb finfen fönnen. Unb nic|t minber 
ift bo§ Mima öon einem ä^nlid^en @iufCuB auf ben 3Jienfc^en 
me auf bie ^au^t^iere. ^ 2)amit f)ängt ha§ Slnbere jufammen, 
bo^ fein SDfJerfmal einer einjetnen 9?affe auSfd^IieBtic^ eigen 
unb mefentlic^ ift, fonbern bie Uebergänge ftie^enb unb bie 
©egenfä^e burcft SKittelftufen »ermittelt finb. „3Beber eine be* 
ftimmte @^äbel= unb SBccfenform, nod^ bie Hautfarbe, nod^ 
bie garbe ber ^aare unb ber Slugen, noc^ anbere f^^ejififc^e 
G^araftere" fommen einer einjetnen 9?affe allein ju. Unb in 
einer unb berfelben fRoffe, in einem unb bemfelben SSoIfe 
finben bie größten. SSerfd^ieben^eiten ftatt. „^er beutfd^e männ= 
lic^e ©d^äbel njetd^t öon bem meibüd^en burc^ feine ®rö§e 
(100 : 97 im ^orijontalumfange unb 100 : 90 in ber ®rö|e 
ber |>irnp^re unb bei $irngenjidf)t§), nod^ me^r aber burd^ 
feine tt)pifd^e SSerfd^ieben^eit ob, unb jnjar in ^ö^erem ©rabe 
üB oiele 9iaffenfc^öbel unter fid^."^ Sitte biefe fließenben 
Unterfd^iebc aber finb üiel geringer aU biejenigen, meiere firf) 
unter 2:^ieren berfelben SIrt, g. 93. bei ^ferben ober bei ^un= 
ben u. f. m. finben. 2)er innere 93ou be§ leiblichen Organii» 
mu§ üottenbö ift überaff berfelbc. (So üerfc^ieben fonft SBeifee 
unb Sieger bon einanber finb, hierin seigen fie bie größte 
Uebereinftimmung. Unb enblid^ bie geiftige Drganifation ift 
aflent^alben gleid^. Ueberatt finben mir biefetben ®emütf)§= 
anlagen, bicfelben geiftigen @igent^ümlid^feiten, bie gleichen 
Seibenfd^aften ; attc SJlenfd^en üerfte^en einanber. ^" greilic^ 
fielen nit^t atte Staffen auf berfelben geiftigen (Stufe. Slber 
njöl^renb „itoi\6)en ben 2:i^ieren unb ben 9Kenfd^en in pW^' 
f(^er 3flü(ffic^t quolitatiöe, fpejififc^e Unterf triebe befte^en, fo 

7* 



100 5. SBortrag. 5Jer SRenfc^. 

fittb biefe jtrtfc^en ben 3J?enfc^eiirof[eH nur quaittttatioer Slrt." '* 
S)a^ aber fol^e SSerfc^ieben^eiten befielen, bo§ cinjelue 9?affeit 
iöxperlidi unb geiftig f)ö^er fte^ett aU anbere, ift natürli^^ 
ba bic 5D?enfd)^eit eben ein Drgani^muä ift, welcher ÜJiannig* 
faltigfeit ber ^Begabung unb beS gefc^itfitüc^en 93erufö forbert. 
Unb auc^ biefe llnterfd)iebe finb flie^enb. 'S)a§ Seifpiel eine*- 
Xouffoint I'ouoerture ober ba§ beö 93ifc^of^ (Samuel Srotot^er 
genügt um bie geiftige Begabung auc^ bcr 9teger §u bemcifcn; 
unb h)er ^ölt ben 8t)ofefpearifd^en Dtfieüo für eine unmögliche 
©eftatt? @o mu| man alfo üom naturtuiffenfc^aftlic^en ©tonb* 
:punft an§ rtJenigften§ bie 9)iögli(^teit ber ©in^cit be§^ 
9[Renfc§engefrf)Iec^t§ jugeben, unb eine 9?ei^e ber bebeutenbften. 
^Raturforfi^er, h)ie ^aüer, Sinne, ©üffon, ©uöier, Slumenbac^^ 
Stub. SSagner, Slnbr. SBagner, 2t. b. ^umbolbt i^at fie onerfannt. 
Stuc^ foldje, n)el(f)e bie SSirflic^feit nidE)t §ugefte^en, mie §. 33. 
SSai^, ^ert^, S)ecanboC(e, leugnen menigftenö bie 3JiögIic^feit 
nii^t. ®er ©intüanb , ben man ettoa gegen bie SBSirftic^feit 
geltenb mac^t, ha% bann bie (Sjiftenj beö menf(i)(ii^en ®e» 
\d)U6)t§ an bem bünnen gaben @ineä SD?enfc|enIeben§ t)ing, 
eine UnsttJectmäfeigfeit mie roir fie bie S^iatur fonft nirgenb^ 
begefien fe^en, ^'^ t)at für biejenigen fein ©etüic^t, tüelcöe an 
eine göttliche S?orfet)ung glauben, bie für i^r f)öc^fte§ @efcf)öpf 
mo^I ©orge getragen I)oben hjirb. 9JJe^r alä ba^ 3ugeftänbni§ 
ber 3JlögIic§feit ift aber üon ber Sfiaturtüiffenfc^aft nicf)t ju 
oerlangen. j?)ie SBirflic^feit ju behjetfen ift fie oufeer ©tanbe. 
S)a§ ift bie <Sac^e ber ©prac^forfc^ung. Unb bie üerg(cirf)cnbe 
©pra(^forfcf)uug näi)ext fiif) toenigftenS biefem ©rgebnife. @» 
ift, um nur an biefeä eine aber gro§e 93eifpiel ju erinnern, 
für bie inbogermanifc^en SSöIfer burc^ bie ©emeinfamfeit bc* 
©prod)bau§ unb bie gro^e 3JZenge gemeinfamer SBurjelnjörtcr 
bie (£int)eit i^re§ Urfprungä au|er ^l^eifel gefegt. ^^ 5)ic ge« 
fc^ic^tlic^e gorfc^ung aber geigt unä eine merlmürbige Ucber» 
einftimmung ber Sagen unter ben entfernteft loo^nenben 9la« 
tionen. 2)ie Ueberlieferungen ber ©c^rift üon ber Urjcit 
ttingen tuieber in ben ©agen ber S^bianer 9fiorbamertta'*. ** 



Sie einl^eit be§ Wenfc^engefc^Iec^tg. 101 

"^fferbing^ macficn Slmertla unb bie ©übfeeinfeln geograpfiifc^c 
©c^Juiertgfetten in ^Betreff ber Sluäbreitung. §l6er gerabe ba, 
tro bie ©c^ftiertgteit am größten, auf ben ©übfeem^eln, ftnben 
tt)ir bagegen unätoeifel^oftc fpra^Ii^e unb pfi^fif^e JßerttJanbt* 
fc^aft. Unb toa^ Slmerifa anlongt, fo ift noc^ je^t ein Üb" 
J^after Sßcrfe^r jhjif^en ben Sorben 9^orbofien§ unb 9?orb= 
omerifa'g über bie Slleuten f)in, biefe Snfetbrüdfe jwifd^en beiben 
■kontinenten. 

SKan f^at ba§ fittlid^e 93ebenfen ber ©efd^wiftere'^en auf» 
gefteHt: hie @efd)i^te ber 9Jlenfc^!^eit beginne bann in S3Iut* 
fc^anbe. Slber man überfielt, ha^ bie ?JaniiIie be§ Slnfangg 
nid^t bto| bie ganiilie repröfentirt fonbern auc^ bie ©attung. 
@ie ift ba^er nid^t blofe ber Ä'rei^ ber SSgioanbtfc^aft, fonbern 
fd^Iie^tjuglcii^bie ganäe^üHe berSSerfc^iebentieiten bereite in ftd^, 
welche no^^er im Saufe ber @nttt)irf(ung fid^ auSeinanber ge- 
breitet i^aben unb bie SSorau^fe^ung ber redeten @^e finb, , ba 
€ben ha§ SSerfc^iebenc fic^ §ufammenfrf)tie§en fotl. 2)a^er ^aben 
tüir un§ auc^ bie ©mpfinbung bei ben ©liebern ber erften 
j^antilie nid^t auf bie ©mpfinbung ber gefd^ftifterlic^en ßießc 
befc^ränft ju benfen. 9?epräfentirte jene ganiilic bie 3Kenfd^= 
fieit, fo trug fie in i^rem ©d^ofee auc^ bie ganje Sütte ber 
^mpfinbungen , n)eld;e jnjifrfien ben SKeufd^en bie mannig= 
-faltigen SSerbinbungen ber 9?äc^ftenliebe , ber greunbeSliebe 
unb ber c^elic^cn Siebe fnüpft. ©ic öUe finb oon öorn^erein 
Dom ©d^öpfcr in bie menfd|IidE|e 93ruft gelegt unb fottten aU= 
mollig jur @ntfottung fommen. SSlwx in bem 9)laB aU bie 
gamitie fic^ jur aJienfc^l^eit entmidfelte, f onnten fie in il^rer 
SKannigfaltigteit auSeinanbertreten. 6rft feitbem aud^ !onnte 
ätoifc^en ber gefc^tuifterlic^en unb ber el^elic^en Siebe bie@d^eibung 
eintreten, beren ^luft nun nid^t mc^r überfprungcn merben 
fann o^ne ein ®cfe^ ber S'Jatur ju öcrle^en. 

SBcnn man aber ben ©inmanb erl^ob, ha^ in fo furjer 
^eit, mie bie ©c^rift t)orau§fe^t, bie SJlenfd^^eit fid^ ni(^t fo 
tueit l^abe ausbreiten fönnen — mie alfo §mifd^en Slbom unb 
fftoaf), ober jmifc^en SRoa^ unb Slbra^am — , fo ift biefeS 53e« 



102 5. SSortrag. S)er SWenfdj. 

benfen erftenS ein oer^Ititi^mäBig untergeorbnete^, ha c§ nur 
eine cfironologifi^c i^rage betrifft, fo bofe e^ für ba^ njcfent* 
lic^e Sntereffe üon geringer 93ebeutung ift ob man taufcnb- 
ober ge^ntaufcnb ^a^v^ Smx^^enxaum forbert; unb fann man 
gtüeiteng biefen ©inhjanb burc^ mat^ematifc^e Sered^nung ber 
SSermef)rang§mögIicf)feit tt)iberlegen. Tlan ^at nömlic^ berechnet, 
ta^ oon ©inem ^aar nac^ 1600 So^ren bereite eine SSillion 
SDfienfc^en abftammen fönnenJ^ (5§ überfteigt aber bie Summe 
oller SOf^enfc^en auf ©rben gegeuroärtig fcf|tt)erlic^ bie Qa^t öon 
1500 SJJiHionen. |)aben fic^ bo^ aud^ bie nac^ Slmerifa im« 
portirteu ^au^ti^iere öon einem ober einigen njenigen urfprüng« 
liefen ©jemplaren in'§ Ungeheure oerme^rt. '^ 

4. 5?ac^ biblifc^er Stnfd^ouung ift ber aJZenfcf) bie ©in'^eit 
Don£eibunb@eeIe. 2)er Scib gehört mef entließ ju feinem 58oII* 
beftonb: ber aJlenfc^ ift ein geiftleiblic^e^ SBefen. ®a§ lüir leib* 
lic^e SBefen finb, ift eine X^atfac^e ber unmittelbaren ©rfa^rung; 
ba§ n)ir eine (Seele in un§ t)oben, eine ©eifte^moc^t unfrei- 
£eben§, ift eine <Sa^e unmittelbarer ©mpfinbung. S)ie ©c^rift 
bejeid^net ben Seib aU ha§ ©rfte, aU bie ©runblage. Unb- 
fo ift e§ immer nod^ bei jeber 9JJenfcf)enentfte^ung. 31I§ fotc^cg- 
leiblic^eö SBefen getjört ber SJienfc^ mit ber förderlichen SBelt 
gufammen, aU ber 5tbfct)(uß berfelben. ©ein Seib ift bie 9fle= 
fapitulation ber materiellen 9iatur. S^rc oerfc^iebcnen ©ebiete- 
mieber^olen fi^ bier auf ^öfierer ©tufe unb oereinigt ju einem 
funftrcid^en lel&enbigen Drgani§mu§. @§ ift ^arafteriftifc^ für 
bie biblifcbe Stnfc^auung , ^toat nic^t ba§ SBefen beg 9Jienfc^cn: 
in ben Seib ju fe^en, ober boc^ ben Seib aU einen mefent* 
li^en Seftonbt^eil be§ ÜJienfc^en onjufe^en, ber jum SSott» 
beftonbe beffelben gehört. 25oburcö ftel)t fie in ber SJiitte 
gtoifc^en jener Slnfrfiauung, toelc^e ben Seib für @in unb 2lfle^ 
erachtet, fo ba^ ta§ Seben noc^ bem Xobe ju einem traurigen 
©d^ottenbafein ^erabfinft, toie bei §omer, '^ moöon bann bie 
not^rocnbige golge jene 9JJoraI ift, bie aufget)t in ber SBeiä= 
l^eit: loffet unä effen unb trinfen, benn morgen finb mir tobt,'* 
unb jener onbcrn fpirituoliftifrfien 2(nf(^auung ^loto'ö, toetc^er 



Seib unb (Eeete. 103 

ber £eib ein ©efängniß imb eine Süffel ift, bon tüeld^er ent- 
lebigt unb in bie reine ©eifteSejiftenä öerfe^t gu werben, je 
e^er befto lieber, bie ©eligfeit be§ 9JienfcE)en ifl, n)ot>on bann 
bie nn^eliegenbe i^olge bie ftoifd^e SBei^tieit be§ SelbftmorbS 
ift. 'ülaii biblifc^er Stnfd^auung ifl ber Seib bent 9Jienfc!^en 
ttjefentlic^ jum SSoHbeftanbe, olfo aud) jum üotten SBot)tfein, 
tt)ie je^t fo bemnad) oud^ gufünftig. SBie bie Störung be§ 
leiblichen ®afein§ ober bie Sorferung be§ 93anbe§ üon Seib 
unb ©eete in geujiffen ^uf^önben ettoaS ßronf^afteä ift unb 
eine Störung be§ njo^ren SBot)Ifein§ be§ SRenfd^en, fo bürfen 
tt)ir bielleid^t fagen, ba% bie böllige Söfung beiber unb bie 
Stebugirung auf bie rein geiftige ©jiftens im 2:obe in gemiffein 
©inne bie :^öd^fte ^antt)eit be^ ^en'\d)en ift, unb tt)at)rf)Qft 
gefunb er crft lüieber lüirb, iuenn toieber bie ttjafjre Harmonie 
öon Seib unb Seele ^crgefteHt toirb. 

9lber nirfjt bto§ toefentltd) ift ber £eib bem SD'lenfc^en, 
fonbern üon funbomentoler Sebeutung. 2)q§ gefammte geiftige 
Seben murmelt in biefem Seibe§boben unb vermittelt ficf) burc^ 
biefeS Drgon be§ leiblid^en DrganiSmu^. 2Iffe £eben§t|ätigteit 
be§ ©eifteä ejiftirt nicf|t für fid^, fonbern nur in unb burd^ 
ben Seib. ©eine 5leufeerungen finb an biefen gebunben. S)er 
Seib ift ba§ not^menbige ^nftrument be§ @eifte§. 2)arau§ 
folgt, bafe jebe Störung be§ Seibe^ eine ftörenbe fRücEroirfung 
übt auf bie SleuBerung^meife be§ ®eifte§. SSa^ mir @eifte§= 
franf^eit nennen, meil bie Sleufeerung^meife be§ ®eifte§ geftört 
crfc^eint, ba§ ift im ©runbe eine leiblicfie ^ranf^eit. @§ ift 
bie Störung be§ leiblidjen ^nf^i^uwe^t^/ ttjeld^e ba§ geiftige 
Seben geftört erfc^einen lä^t. SBenn bie Soiten be§ S^ift^U' 
mentö oerftimmt finb, !ommt \)a§ aJinfüftücf falfd^ jum 9Sor= 
trog. S)ag SWufifftücf an fic^ bleibt baffelbe unb ber Spieler 
fann ganj richtig fpielen, aber ba§ Qnftrument ift tjerftimmt. 
So l^aben mir aud^ ba^ geiftige Stumpfmerben im 2llter ju 
öerfte^en. ®er leibliche Organismus oerfagt feinen S)ienft. 
So fommt ber @eift nur fe^r gebrochen jur ©rfc^einung. ®r 
äic^t firf) in ba§ innere jurüdf, in feine oerborgene SBelt, mon 



104 5, S3ortrag. Ser 3)?enic^. 

tnerft burd^ ben 2ei6 ^inburd^ nur wenig oon i^m. ©r fetbfl 
ift nic^t tuenigcr gehjorben, nid)t cingcfdirumpft u. f. tt). (SS 
fäHt 2lIIe§ auf bie Seite ber SSermittelung unb @rf(^einung im 
leiblid^cn Drganiämu^. 

<SoId§e S3ebeutung alfo ^at nad^ ber bibtif^en Stnfc^auung 
ber Setb. @ie ift nic^t [pirituatiftifc^. (Sie erfcnnt bie SSa^t* 
Iieit ber materialiftifc^en Setracfitunggroeife an. 

5. 2I6er nic^t minber aüerbingg tt)ei§ fie öon einer ©eetc 
im 3Jienfc^en, tüelddc ein jelbftänbige^ geiftigeä ^rinjip in i'^m 
ift, nic^t bie blo^e gunftion ber leiblichen Organe, unb njorin 
bie ©otteäöermonbtft^aft be§ SJienfcfien unb fein S^^(^^^^^' 
^ang mit @ott fte^t. ?Iuf biefen @o^ führte öon je^er bie 
einfai^fte ^Beobachtung. 2)enn ber SKenfc^ bietet jmei üer* 
fc^iebene ©eiten ber S3etradE)tung bar: bie eine ift bie äußere, 
finnlic^e, voeid^e in bie ©rfc^einung fällt, bie anbere ift hit 
innere SBelt ber @mpfinbungen unb ©ebanfen, meiere über 
ta^ ffieiä) ber ©inne ^inauSfü^rt unb ben 3ufammen^ang be3 
SD^enfc^cn mit einer über fi unlieben SG3eIt be§ @eifte§ erfennen 
Iä§t, beren Zentrum @ott ift. Xer 8a| öon ber (Sfiftenj ber 
@eete ift eine jiot^menbige Sßorouäfe^ung aller üteligion, aber 
auc^ aller Sittlic^feit, ja überhaupt affer ^ö^eren geiftigen ^Se» 
trac^tung be§ menfd^Iid^en Sebcn§. |)at ber SPflenf^ feine Seele, 
fo fe{)It auc^ bem Seben ber ÜJlenfd^^eit bie «Seele — bie Seele 
ber $oefie, bie Seele affer ^ö^eren (Smpfinbung, bie Seele ber 
<5Jemeinfc6aft ber ^er^en, be§ böseren fittlidEien 95ett)u§tfein^ 
unb Strebend unb enblic^ be^ Seben^ für @ott unb in ®ott 
^ie SSelt mirb ju einem grünenben Seid^enfelbe. Slber mir 
^oben eine unmittelbare ©mpfinbungägemife^eit baoon, ba^ mir 
eine Seele ^aben b. i. ein felbftänbigeS ^rinjip geiftigen Sebenä, 
meld^eS jmar auf ba§ Snnigftc mit bem leiblichen öerflod^ten, 
aber barum bod^ nic^t ein§ mit bemfelben ober bie blo^e ©r* 
f et) einung beffetbcn ift. 

Sölon fagt un§ aber, ha^ fei Xäufc^ung, e§ fei 2lffe^ nur 
Seben be§ Stoffe. Sie erinnern fidj öiefleic^t noc§ be§ leb» 
J^aftcn Streite, welcher öor einer 9iei^e öon ^a^ten über bicfc 



%ev pf^djolojifc^c SKotertoIi^mul. 105 

t^rogc, burc^ 9lub. SBagner'ä Singriff auf bie matcrtaliftifc^c 
®en!ttjeife unb bie ©ntgcgnung Äarl Sßogt'ä l^erborgerufeit, ge* 
fü^rt lourbc unb big auf bie ©egcntoort l^erob bie ©eraüt^er 
lebhaft bettjegt unb bie gebern öielfad^ in X^öttgfett fe|t. '^ 
SSertDcilen mir bei ber Betrachtung biefeä pf^c^otogifc^en 
3JioteriaIigntu§. 

S)ie ^hte ber @eele ift eine attgemeine. 93ei allen Sölfern, 
auf jeber ©tufe ber diöilifation finben Ujir fie. @ie, ift otfo 
eine not^Ujenbige, nic^t eine sufättige ^bee, SSo^cr ftammt 
fie, »enn fie nic^t SluSbrud einer entfprec^enben SSirftic^feit, 
ülfo SBa^rJöeit ift? (S§ gibt nichts woöon wir eine größere 
(Senji§^eit Rotten aU bie ©eele. (So geh)i§ rtir ®otte§ finb, 
fo gewiß finb wir ber (Seele. Sßergeblic^ ift ber SSerfuc^ fie 
ju leugnen. @erabe mein B^^eifel unb meine Seugnung bemeift 
bie 9Kad^t beö ©ebanfenS in mir, alfo ha§ geiftige ^rinjip 
toelc^eS benft. 2lber wie man öon jel^er öerfui^t l^at ©ott 
ju leugnen, ben man bod^ nid^t umt)in fann gu wiffen, fo 
auc^ bie ©eele. Unb biefe Seugnung !^at mon benn §um 
^u§gang5pun!t einer öoQftänbigen materialiftifc^en SBeltanfid^t 
gemadf)t. 

<Bä)on bie alte SBelt fannte biefe 'Senfweife unb ha§ 6nbc 
be§ üortgen Qo'^r^unbertS t)at fie erneuert, ^fire SSurjcIn 
liegen im (Senfuali^mug b, 1§. in berjenigen pl^itofop^ifd^en 
?tnfd^ouung, weld^e alle SBat)r^eit auf bie @innenwa§rne^mung 
grünbet. S)a§ l^at jur SSorau^fe^ung ben allgemeinen @a^, 
i>a^ nur baä ©innli^e SBirHic^feit unb SBa^r^eit, alfo nur 
tie ftuntid^e SSo^rnetimung bie Oueffe ber ©rfenntni^ ber 
SSa^r^eit fei. Subwig geuerbad^ l^at biefer ©enfroeife eine 
fonfequente ^^ilofop^ifc^e ©eftolt gegeben. S)ie SSertreter be§ 
^ateriatiömug auf bem ©ebiete ber Sitaturwiffenfc^aft ^aben 
tJeuerbad^'S ©ä^e nur nadbgefprod^en; mon wirb in ben 
©c^riften jener ©ete^rten faum einen einzigen @a^ finben, 
ben %eüevha^ nid^t fc^on auSgefjjroc^en ^ätte. ®er affgemeinc 
(Srunbfal biefer S)en!roeife ift bie Seugnung alle^ Ueberfinn» 
ticken, wie 5. 83. SSirc^ow i^n befennt (9(rc^iö f. pot^ol. ©tu« 



106 5. 5ßortrag. 2;er SKenfcf). 

bien 2. @. 9): „®er 9?aturfunbige fennt nur Körper un\> 
©igenfc^aften ber ß'örper; roa^ barüber ift nennt er ixanä= 
cenbent, unb bie Xran^cenbens (b. t). ha^ Ueberfinnlid^e) be= 
trarf)tet er aU eine Sßerirrung be^ men^c^Iidien ©eifte^,"" 
®QrQu§ folgert man weiter: atteö bemnac^, XDa§ wir ©eift 
nennen, ift nur eine Xfjätigfeit ber SJJaterie, bie fogenonnte- 
©eele ift nur ein ^oßeftioname für eine Summe Don 9iert)en= 
^jrojeffen, „ein ^ef)ri(f)tt)aufen", wie ein ^^^fiologe fie genannt 
^at, „ber ebenfo au^einanberftäubt wie er äufammengefe^rt 
werben", im ©runbe felbft materiell unb fterbüc^, wie bie 
Drgane beren gunftion fie ift. ®ie ©ebanfen finb ein Sr=« 
geugni^ be§ ©e^irn^, benn bie 58efc|affenf)eit be§ ©e^irnS ift 
beftimmenb für bie Sefc^affentieit ber ©eban!en. S;er S^ieger 
l^at ein weniger au^gebilbete^ ©e^irn, barum aud) weniger 
Sntelligenä; bei bem ^inbe ift ha^ ©efjirn noc^ wenig ent= 
wirfeit, barum aud; fein S)enfen; beim ©reife jufammen^ 
gef(i)rumpft, barum aud) fein 2;enfen; bei ben grauen oon 
geringerem Umfang unb ©ewid)t, barum fommt auc^ tt)r 
S)enfen bem männlidien nid)t gleid^. ©in fran!^eit, bie ha^ 
©et)irn affijirt, affi^irt aud} ba§ 5)enfen. ©e^irnlciben ift 
geiftige Äranff)eit. 'SRaii i)at bei ^^ieren einzelne X^eile bc^ 
©e^irnä weggenommen, bamit auc^ X^eite i^rer geiftigen 5ä^ig= 
feiten, alfo i^rer ©eele, gleic^fam ftüdweife weggefc^nitten. '^^ 
Sllfo toaä wir teufen, ©eele, ©eift nennen ift nur eine 
gunftion be^ ©e^irn§ — fo gut wie bie ©afle ein ©räeugni^ 
ber Seber u, f. w. ^a§ ©e^irn fd)Wi^t bie ©ebanfen au§, ber 
^^o^p^or im |)irn ift e§ ber benft: „o^ne ^^o^p^or fein 
©ebanfe". 2lIfo fommt SHÜe§ auf bie S3efc^affen^cit, alfo auf 
bie @rnüf)rung bei ©e^irn^, überhaupt auf bie ©mä^rung: 
be§ äJJenfc^en an. „SSa^ ber aJienfc^ ifet, ba§ ift er." „®cr 
SJienfc^ ift bie ©ummc oon Steltern unb Stmme, oon Drt unb^ 
3eit, oon Suft unb SSstoffcr, öon O^oII unb Sic^t, öon ^oft 
unb Meibung; fein 2Bifle\ift bie not^wenbige Solge aller biefer 
llrfad^en, gebunben an em S^ioturgefel . . . S)er ©ebanfe ift 
eine Bewegung be^ ©toff^, eine SSerfe^ung be§ ^irnftoffä — 



öud^ bQ§ 99ett)u|tfein ift nid^t^ aU eine ©igenfcfiaft be§ ©top. 
igm Unnotürlic^en liegt bie ©üube, nid^t im SBiflen ©öfe^ gu 
t^un", Ie|rt a)ioIef(|ott. @§ gibt eigentlich feine ©ünbe, qI)i> 
au(^ fein 9fled)t ber ©träfe. „3ine§ begreifen l^ei^t aHe§ üer= 
jeitien." — 5^a ^ört benn olle ©ittlid^feit auf unb bie ©itten* 
Ief)re öerwanbelt fi^ in eine ©peifetarte. -^ ^ 

(£§ gibt ättjor einzelne SSertreter^ be§ 2J?ateriati§mu§, Welcfie 
bie legten Sonfequensen beffelben jurücf njeifen ; S^länner n)ie 
SSir^ott), 93urnteifter, Xijnbofl, 2116. Sänge, Säger n. f. ttj^ 
glauben bie fittlid^e greit)eit unb SSeranltoortlidjfeit mit iencr 
Sefjre öereinigen §u lönnen. 2Ittein biefe ^nfonfequenj macf)t 
jnjar i^rem ^erjen aUe @^re, t)ört aber bamit bod^ ni(f)t auf 
eine ^^fonfeguenj ju fein, ©o lange man in ber Slnnafimc 
be^ Ueberfinnlitf)en nur eine SSerirrung be§ menfd^tic^en (Seiftet 
fie^t, ift jeber SSerfurf) ben ^onfequenjen be^ materialiftifdjen^ 
^rinjip^ ju entgelten ein üergeblic^er. 22 

2)ie ^enfroeife be^ SJlateriali^mu^ ift weiter öerbreitet al^ 
man glaubt, ©ie l^ängt mit ber ©tnnelmeife unfrer Qdt §u= 
fammen. ©3 ift unleugbor, ha^ in ber ©egenwart eine materia^ 
liftifrfie iliüllidtifeitgriditung !^errf(f)t, beren treibenbe 9Karf)t ber 
@goi^mu§ ift. Sser 3JJateriaIi^mu§ aber ift bie fc^einbar lütffen= 
fc^aftlic^e 9ied^tfertigung biefer 9tic|tung. ®arum finb beibe 
fo gut greunb mit einanber. 

S)er 3KateriaIi^muö ge^t au§ üon ben gnjei ®runb= 
gebauten : alle (SrfenntniB ftammt au§ finnlid^er 2Baf)r^ 
ne^mung, unb aüeö wa§ mir (Seift u. bgt. nennen ift eine- 
5:^ötigfeit ber 3Jiaterie.23 SIber beibe ©ä^e finb nur leicht- 
fertige SBe^auptungen. 

SBenn alle ©ebanten nur ein ©rjeugnifi ber^Sinnen- 
einbrücfe fein foflen, bann gibt e^ übertiaupt feine ©ebanfen,. 
fonbern nur SBorfieHungen. Sfiun aber ^aben mir boc^ @e* 
bonfen, ouc^ öom Unfinnlid^en, mir l^aben reine ^Begriffe, bie- 
nicf)tg mit bem SKaterieHen ju t^un fiaben, bie rein geiftiger 
SfJatur finb, ja mir ^aben ben ©ebanfen beg Slbfoluten, mit 
bem mir bie SBelt ber 5)inge unb ©inne ganj öerlaffen. 2Bir 



108 5. SBortrag. 5^er 9Kenfc^. 

Ibilben Urt^eife unb ©c^Iüffc, bte ein felbftänbigcS ®eiftc3« 
tjermögen erfennen laffeu: ja toir üben Äriti! an bem ftnn« 
lid^en 2lugenfd^ein, tragen alfo ©eroi^^eiten in un§ toelc^e bem 
finnlic^en ©inbrud entgegengefe^t finb; unb h)ir bcn!en nl^t 
iIo§ über ha§ ©innüc^e, fonbern ouc^ über unfer Renten felbft, 
iüelc^eg hod) etma§ gonj Unfinnlic^eä ift. Sltfo: bte@ebanfen 
finb ntd^t blofe Ütefultat ber ©innenetnbrürfe, fonbern äuglcic^ 
auc§ eine§ felbftänbigen geiftigen ^rtnjips: 

3um Slnbern fagt ber 3JlaterioIi§mu§: SSag tüir Oeift, 
©eele, ©ebanfe u. f. nj. nennen, ift ein (£rjeugni§ beS 
^el^irn^; nac^ ber Jöefc^affen^eit bc^ ®e^irn§ rtd^tct fic^ 
ou(^ bie Söej'rfiaffenl^ett beö ®ebanfen§; bie Seele ift nur bic 
-gunftion be§ leiblichen Drgani^muä. ^un hjo^t — ^at man 
mit fRed^t ermibert^^ — bann ift alle§ 2)enfen etmag SfJot^* 
tüenbige^; benn fo hjenig ic^ mein ©e^irn önbern fann, fo 
tuenig mein SJenfen. 5)ann ober mu§ man e^ aufgeben einen 
IDJenfc^en onberer 3Jieinung machen unb auf onbcre ©ebanfen 
bringen ju moUen, benn er fann [a nic^t anber§ bcnfen diu 
-eben biefer ®ef)imftoff in feinem Äopfe benft. ®ann ift aber 
nic^t einjufeiien, marum bie üRaterialiften i^re Sudler fc^reibcn, 
um un§ iJire Slnfid^ten auf§ureben: benn mir fönnen ja boc^ 
nid^t miber unfer ®et)irn. @ie mü§ten auf ganj anberem SBege 
un§ auf beffere ©ebanfen ju bringen fuc^en. §lber ift nid^t 
bie Sogif biefelbe für alle SKenfd^en unb alle SSer^ältniffe, für 
alle ^limate unb äße Seben^meifen u. f. m.? atfo ein teufen, 
tüel(^e§ unabf)ängig ift öon ber Sefc^affen^eit be§ ©e^irnS? 
Qft nic^t bie SSafir^eit unb i^rc ©rfenntnife unabhängig bom 
^Iter unb ber ©ntroirflung ober ©infd^rumpfung beS ©e^irnä? 
Sft nid^t bie retigiöfe unb fiitlid^c SSa^r^eit biefelbe für aüe 
Seben§alter, unb bie ÜJiögti^feit i^rer mefentlic^en @rfenntni§ 
für alle bie gleite? ^a mir miffen, ha% im ^öd^ften Sllter, 
oft gerabe im Sterben, mo ba§ ©e^irn alfo ganj eingefc^rumpft 
ift unb bereite feinen 5)ienft ju öerfogen beginnt, bie auf« 

foflenbften ©r^ebungen be^ ©eifteö ftattfinben fönnen;-^ unb 
ten legten SSorten ©tcrbenber {)abcn oUc Seiten eine bcfonbere 



3^er ^jf^c^ologifc^e 3RateriaIigmu#. 109- 

Scbeutung Beigelegt. S)ag betoeift augenfd^einü^, baß hie ©eele 
nic^t eines unb boffelbe ift mit ber gunftion be§ ©el^irnS. 

SlHerbingS ij't ba§ ©e^irn ba§ Organ be§ S)enfen§, ba^ 
Snftrument be§ ®eifieS. 2l6er jebeS S^ftruntent forbert einen 
ber er e§ fpielt, fonft ift eä ftumm, obgleich in feinen ©oiten: 
üüe Xöne befc^Ioffen finb unb alle mufifnlifcfien ©ebanfen bur^ 
fie einen SluSbrud getoinnen fönnen. ®er 9KateriaIi§mu§ öer* 
njcrfifelt bie not^wenbige iöebingung ber X^ätigfeit mit ber 
Urfoc^e berfelben. SJaS ©e^irn ift bie notl^wenbige 93ebingun^ 
ber geiftigen S)cnft^ätigf eit , aber nid^t tie Urfat^e berfelbea 
unb nic^t bo§ ^rinjip be§ ©eiftcS felbft. 5>a§ ift bie ©r« 
fc^Ieic^ung meldte biefer Se^re ju ©runbe liegt, ta^ bie Cr» 
gone ber geiftigen £eben§t^ätig!eit jur Urfac^e be§ geiftigett 
SebenS felbft gemacht werben. SBeil niir nur bur^ ba§ ®e* 
^irn beuten, folgert man ba§ ba§ ©e^irn felbft e§ ift ha» 
benft — ein „^^rugfc^Iufe'', auf welchen nameutlid^ ßiebig iu 
feinen ß^emifc^en ©riefen unb ^elm^ol^ in feinen ^J^^fio* 
logifc^en Sßortrögen ^ingetriefen ^oben. ^e 5lber Sogt ruft un^ 
ju: man geige un§ bie «Seele! SBo^Ian, er jeige un§ feineu 
S^erftanb! SBeil mau mit bem 3Kifroffop feineu ©eift finbet, 
foll e§ feinen geben. SBol^er miffeu ttjir benu, ba^ bie SBelt 
beS 9Jiifroffop§ bie ganjc SBett ift? 3Jiu§ benu gerabe ba§^ 
aJiifroffop ha§ erfennungSmittel für ben ©eift fein? ©ibt e^ 
be^megen feine 2tu^ängli(^feit, Treue, ^iube§Iiebe, greuube^= 
liebe unter ben 3Kenf(^en, fein ©emüt^ u. f. tt)., U)eit ber 
Sluatom mit feinem Sejirmeffer üon biefen uufiuutirfien: 
©rö§en nichts finbet im SKenfc^euIeibe? SBelcfieg fRed)t {)at 
man, bie finnlic^e SBafirne'^mung jum 2Jio§ atter S)iuge gu 
mad^en?27 

@§ ift ein bered^tigteä Streben unferer 3cit; ö^e X^corieu 
ouf X^atfoc^en ju grünben; e§ ift barau§ eine eigene ^l^ilo* 
fopl^ie, ber fogeuanu^e ^ofitiöilmnS 2lug. ©omteS in ?5ranf* 
rci(^ entftanben.28 2)iefe 9it^tung jöl^It i^re Schüler quc^ 

ol^ne biefen Sflamen attcntl^alBen: man erfennt nur uod^ bie 

S^atfod^en on; man tüill nic^t^ tne|r öon ben bloßen Xleorieit 



110 ö. SSortrag. ®er SKenfc^. 

unb Qbftroften ©pefulationen einer früheren ^eriobe luiffert. 
?t6er ba§ ©ebiet be§ 2;^atfä(f|ü(^en ge^t nic^t bto§ in bem 
be§ ©innticfien auf. @§ gibt ouc^ anbere X^atfod^en, toetdie 
mä)t minber genji§ finb aU bie ber finnli(^en ©rfafirung. 
Unb ^mar finb eä brei X^atfa^en, rtelc^e jenem Slnfpruc^ ber 
niaterialiftifc^en 2)en!n)ei[e öernid^tenb entgegenfte^n. S)a^ finb 
bie 2;^atfac^en be§ geiftigen, be§ fittüc^en unb bcö reügiöfen 
58en)u§tfein§. 

S)ie erfte 2;f)Qtfa(^e ift bie be§ @eban!en§ unb ju^örfift beS 
@elbft6ett)u§tfein§. ^ft 2t(Ie§ nur fclbfteigne^ ©rjeugniB 
be§ ©e^irng — mie fomntt e§ auf biefem S33ege. junt ©e» 
ban!en? S^aä ®ef)irn ift boc^ nur Organ — ttier fe^t biefc3 
Organ in SBemegung? ©ap gehört eine ßraft, welche nic^t 
felbft ttiieber finulidier 5lrt ift. S)iefe bettjegenbe ^raft mu§ 
«ntfprec^enb fein it)rer SBirfung b. ^. geiftiger Slrt. ^ie ^öc^fte 
SSirfung aber biefer geiftigen i^raft be§ @ebanfen§ ift baS 
<geI6ftben)u§tfein. 3Bie fann man biefe§ aU einen bloßen @e* 
i)irnaft begeic^nen, ha e§ öielme^r eine geiftige 3;^at be§ 
SJienfcfien ift, bie in ber ganzen übrigen irbifc^en ©c^öpfung 
nid^t i^re§ ©leieren f)at? Wlan mag etmaä bem ©ebanfen 
ober bem Urt^eil @ntfprec^enbe§ auc^ bei ben X^ieren finben; 
ober ba§ @elbftbett)u§tfein ift etmoä ©pegififd^e^, ein fd^Iect)t^itt 
iteueö ^rinji)), n)etrf)e§ ben 9}?enfrf)en weit über bo§ ©ebiet 
be§ übrigen irbifcf)en Seben^ f)inau§^ebt — biefe§ ©eiftigftc 
tüa§ eä gibt, in hjeld^em ber SD^Jenfc^ fic^ felbft löft öon allem 
\üa§ er on fi(^ ^at, unb fic^ in feiner reinen föin^cit mit fic| 
felbft erfo^t unb benft. Unb biefeä ©elbftbemufetfeitt — eg 
bleibt baffelbe bei allem SSedfifel, ber fonft mit bem 3}ienfd^en 
toorge^^en mag, öu^erü(^ ober innerücö. @§ ift läc^erlid^ bie§ 
ein ^robuft beg Stoffe nennen ju lüotten, bo cö bie Slbftraftion 
öon allem ©toff ift. 

S)ie anbere 2;f|otfad^e ift bie be§ fittlid^en ©etouBt» 
feing. S;enn ba§ fittlic^ S8ettm§tfcin, baä ©ehjiffen, ift eine 
3;^atfa^c fo gut ftie unfer Seib. @3 ift nid^t dtüa^ Sluf- 
gerebeteS, Stnerjogene^ , (SingebilbeteS, fonbern aKer fittli^crt 



Ser p\t)d)oloQi'id)e fflcatenali^mul. 111 

:S3e5eugung öon äugen antwortet bie innere fittüd^e Stimme 
ntit einem öerneiimücfien @d)o. (3o meit SQienfd^en finb ift 
iiefeS fittlic^e iöettju^tfein oor^anben. @§ mag getrübt, üerfe^rt 
fein — e§ felbft ift bocf) ba unb bleibt bie ©runbtage auc^ hei 
Ziffer SSerle^rung. 

Unb nic^t minber ift ta^ religiöfe Settjugtfein eine 
^^atfac^e, biefe innere Sejogentieit be§ SJtenfc^en ju einer 
^ö^eren aJlad^t, toelc^e fic^ in feinem 93elüu§tfein loieberfpiegelt 
unb bezeugt — überall bejeugt, Iüo Menfc^en finb, unabmeiä» 
bar, unentrinnbar: eine ^^atfac^e be^ geiftigen Seben§ fo gut 
Jüie iebe anbere. Unb fetbft roenn mort fie aU ^rrt^um ht' 
^eicfinet, mu§ man hoä) bie X^atfoc^e if)rer (Sjiftenj onerfennen 
unb if)re QJZöglic^feit ju erflären föiffen. @ie ift ober unmög« 
lief), menn Sitten nur Srjeugnig be§ Stoffe ift. 

?Iuf biefen brei XJiatfac^en aber rul^t ba§ ganje l^ö^erc 
Seben ber 9JJenfc^en. 5)iefe§ tt)irft ber 9)Jateriali§mu§ über 
ben Raufen. SSa^ er bafür gibt, ift fc^üefeüc^ bie Sßert^ierung 
ber 9Jlenfc^t)eit. @§ ift ja nur ^ocbmüt^ige !Corne^m!^eit be§ 
SDienfc^en, bag er fid^ fo ^oc^ über bie Xü)ierhjelt ^inau^fe^t, 
meint ber ÜRaterialiSmuS ; gerabe al§ X^iergeborene finb wir 
^ö^eren unb ebleren Urfprung^ benn ai§ ©taubgeborene, lehren 
Xarmin, §äcfel, ®uboiä=9tel)monb u. S(. im ^inblirf auf i^rc 
3lffenurfprung§Ie§re einerfeit^ unb auf l9Jlof. 3, 19 anbrerfeit«.^^ 

6. SBie fo t}iel anber^ ift bk Slnfc^auung be: ©c^rift über 
ha§ SSefen unb bie S3eftimmung be§ SJJenfc^en! 

2)ie ©c^rift fie^t im SWenfc^en bie l^ö^ere Siefapitu» 
latinn feiner, ber irbifd^en, SSelt. SSon je^er f)at man 
i^n einen SUJürofo^muS genannt. 5)iefe§ gilt fc^on im p^^fi* 
fc^en ©inue öon if)m , nod^ me^r im geiftigen. , (S§ ge^t 
©in Sebcn burc^ bie gon^e Statur I)inburd^; im 9Jleufc^ett 
erreid^t eä feine ^öc^fte ©tufe ber SSoHenbung. S)er SKenfc^ 
erfc^eint aU ba§ Qid aller bor^erge^enben ©tufen unb 
barum au6) aU ta^ beftimmenbe @efe| berfelben. @r ift 
bie ^hee, bie ^ffem üon oornfierein ju ©runbe liegt um fic^ 
in auffteigcnbcr 9fiei^enforge i^m onäunä^crn unb sulefet in i^nt 



112 5. SSortrog. a)er a)ienf(^. 

ju bertoirÜtc^en. (So tücrben olle nicbcren ©tufcn in i^m ouf«^ 
gehoben. 

2)ie erfte |)älfte ber göttlid^en ©c^öpfunggtucrfe fd^Io§ na^ 
bcm Senate ber ©c^rift mit ber Pflanzenwelt, ^n i^r 
fommt bd^ Seben ber 9^atur juerft ju orgonifc^er ©itbung 
unb ©nttpidlung. 2)er ^flonje am @rf)Iufe ber erften |)älfte 
entfprid^t ber SWenfc^ am ©c^tu^ berjhjeitcn: fein ßeib, biefcr 
l^ö^fte finnlid^e Orgoni^mu^, ift ha§ ^ö^ere ©egenbilb be* 
erften mac^^t^ümlic^en Organismus ber ^ffan^e. ©c^on ber 
ßcib beS ajienfc^en Iä§t feine ^ö^ere Seftimmung ernennen. 
S)iefer SBunberbau jeigt überall feine 93eftimmung für ta^ 
l^öc^fte irbifd^c Seben, für ein fieben beä ©eifteS. Unb bie 
©egenmart beS (SeifteS ift i^m ollent^alben aufgeprägt, ©tolj 
oufgerirf)tet frf)rettet er h)ie ein ^errfc^er über bie @rbe ^in, 
©eine Sü§e rufien auf bem 93oben, aber baS |>aupt ift ^oc^ 
emporgerichtet unb fein 93Iid fc^meift meit^in in bie ^exue, 

Über bie r^läö^en ber Srbe ^in ju ben eilcnben SGSoIfen. 2(uf 
feinem 21ntli| rul)t unfic^tbar ber ©eift, ber if)m feinen mec^* 

feinben Slu^brud öerlei^t: ber ®eban!c thront auf ber ge* 
ttJöIbten ©tirn unb bie ©mpfinbung fpielt um ben bemeglic^en 
SKunb, aus ben Stugen aber fprid^t boS ®e^eimni§ cineS tjer* 
borgenen SebenS. J8is in bie einjelnften ©lieber beS SeibciJ 
l^inauS gibt fid^ bie^ Seben beS ©eifteS funb, unb. mit 9le^t 
l^at man gefagt, ba§ f(^on bie ^anb beS 9Kenfcf|en ben ^önig 
ber (Srbe öerrat^e. SSon allen lörperlid^en ©ebilben, meiere 
bie @rbe ]§at, ift nichts maS an S33unberbarfeit unb Sebeutfam* 
feit ber S3ilbung auc^ nur entfernt fic^ bem 2eibe beS üJienfc^it 
öergleid^en Iie§e. 3o ®r ift mit bem Seben, haä in i^m toir!» 
fam ift unb bie mannigfaltige X^ätigfeit beS leiblichen ©afeinS 
bebingt, bie f)ö^ere 9Je!apitutotion aßeS mac^Stpmlid^en leib* 
liefen SebenS. 

S« ber SSelt ber X^iere tritt eine neue SBelt, bie ber 
©inne unb triebe unb beS finnlic^en ©mpfinbenS unb S3e» 
ge^renS auf. Slber in fc^önfter Harmonie ift biefe SBelt b^r 
©inne unb beS finnlic|en ©m^jfinbungS:» unb 5^riebIebenS im 



Ser SD?en)^ aU bie ^ö^ere JRefopitufation feiner SSelt. 113 

SRenfc^en borfianben. SSa§ in ber X^iertoelt in einfeitiger 
SSereinjelung öertf)eilt ift auf bie ©inäelnen, ba§ ift f)ier im 
9JZenf(^en bereinigt ju einem ©an^en. (Sr ift ba§ ^ö^ere 
©cgenbilb be§ X^iereö — aber erf)oben in bie ©pfiäre ber 
geiftigen grei^eit. Slffe feine ©inne, feine triebe unb @m* 
pfinbungen, fo finnlid^er 9fiatur fie oucfi finb, fie finb burc^« 
geiftct, geabelt, nid^t ber älüingenben Sfiotfituenbigfeit, nid^t ber 
bltnben Seibenf(^aft untermorfen, fonbern in bie @^!^äre ber 
grei^eit erhoben, ©ie ^aben nic^t§ üon i^rer ©törfe imb 
Sebenbig!eit eingebüßt, wnb f)aben tod) aufgef|ört ba§ 93e= 
l^errfc^cnbe ju fein unb finb jum Setierrfd^ten gemorben. ®iefe 
geiftige 9Kad^t ber ^errfd^aft über fie ift e§, bie fie abelt unb 
poetifc^ öerflärt. 

Ter ajJenfd^ ift nur barum ta§ ^ö^ere ©egenbilb be§ 
%i)ieve§, meil in i^m 5uglei(^ ein anbere§ ^rinjip ift, meld^e§ 
if)n meit über ba§ ©ebiet au^ be§ ^ö(f)ften t{)ierifc^ett 2eben§ 
()inau§!^ebt: ber SJienfd^ l^at eine öernünftige ©eete b. 'i). er 

ift ^erfönlic^feit.3» ^ag ift etiüa^ fpegififc^ 9leue§ im 

gongen Umfang be§ organifd&en Se6en§. ©ine SBett öon ®aben 
unb Gräften geiftiger 3lrt ift im 9J?enfc^en bereinigt, ttjelc|e 
auf ber einen ©eite in einem finnli^en Drgani§mu§ murjetn, 
ouf ber anbern ©eite fic^ jufammenf^IieBen in einem inneren 
fünfte, in mel(f)em bie^ gefammte Seben eine innere @int)eit 
mit fid^ felbft bilbet: im ^d). Sene ^üffe öon ©aben unb 
Gräften, meirfie fid^ um biefe^ ^d^ gleid^fam ^crumlegen, bilbet 
ben ®efammtorgani§mu§ beffelben, ba^ öielgliebrige ^nftru* 
ment, melc^e^ üom 3^ geJianb^abt mirb. 2)iefe§ ^d) bogegett 
ift ber §err, ber in freier 9J2ad^tüoUfommenl^eit unb ©elbft« 
]§errlid^!eit barüber öerfügt. S« i^w if* ber SJlenfd^ bei fid^ 
felbft unb öon ^ier au§ t^ut er fid^ !unb. ®ie mefentlic^en 
Steu^erungen biefe^ S<^ finb ha§ bemühte Xenfen unb bo^ 
freie SEotten. 

S)er 3«enfc^ ^ot ©ebaufen. 2)a§ ift etttjaä ©öttttc^e^ om 
aJienfd^en bo| er ©ebanfen ^at. S)a§ 2;^ier ^at ©m^finbungett,. 
SSorftellungen, Xriebe u. f. tt). ; ©ebanfen im eigentlichen ©inne 

Sut^arbt, a?orträfle I. 11. »ufT. 8 



114 5. SSortrag. ®et SRcnfc^. 

I^at nur ber äKen^c^. ®er ©ebanfe ift e§ ber attcm ©ein ju 
©runbe liegt. 5)enn ©otte» etnige ©ebonfen finb eg bie in 
ber SBelt i^re (Selbftüernjirfli^ung gefunben ^obcn. ®a§ ift 
bemnoc^ ettoa§ ®otte§Q6biIbIic^e§ im SKenfcfien, ha% er ©ebanfeit 
l^at benen er eine S8ertt)irfli(^ung §u geben oermag. SJarum 
^ot ber 3Kenfd^ auä) eine ©prad^e. 2)enn bQ§ er f^iric^t, ift 
bie äußere ©rfd^einung baüon ba% er benft. 2)enn ba§ 2)en!cn 
ift ein innerlichem ©pre^en be§ ®eifte§, rtelc^e^ im SBorte fic^ 
üerleibli(i)t, S)ie 2:^iere fpred^en nic^t, föeil fie nid^t benfen. 
S^re ©prac|e ift nur allgemeiner (Smpfinbung^au^brucf, tocit 
t^r ©eelenleben nicfit über hie ©mpfinbung ^inauäge^t, »ä^renb 
ber SDtenfc^ benft, ©ein dienten aber l^at nidjt blo% inbioibuellc 
S3ebeutung, fonbern er trägt in feinen ®eban!en öligem eine 
SSal^r^eiten in fic^. S)ie logifc^en SBa^r^eiten finb öon all* 
gemeiner ©iltigfeit. S)arin ergebt fic^ ber 3Jlenfc^ über fein 
©inselleben jum ©efammtleben be» (Seiftet, lebt biefeö mit in 
feinem ©eifte^Ieben, benft e§ unb fpri(^t feine njefentlid^en 
©efe^e in ben logifc^en SSa^r^eiten au§. Slber nic^t bIo§ bicfc 
formalen ©efe^e be§ allgemeinen ®eifte§teben§, auc^ bie motc» 
riellen SBafir^eiten beffelben benft ber 9JZenfc^, bie allgemeinen 
^been be§ SBa^ren unb ©uten unb ©c^önen. S)ie SBelt ber 
^been, beren Urfprung in @ott felbft liegt unb bie fic^ in 
biefer finnlii^en SBelt öermirflic^t ^aben, erfennt unb benft ber 
SJJenfd^ — ^um Qei(i)en ta^ feine ^eimat ni^t blo^ biefe SGSelt 
fonbern jene t)ö^ere ifi. 6r benft bie ©migfeit, er t)enft ®ott, 
ben ^öd^ften ©ebanfen — jum 3"<^cn bafe er für bie ©mig» 
feit, ba^ er für ®ott ift. @o ge^t haS S)enfen be§ ÜJienf^en 
ton ber unterften ©tufe big jur l^ö^ftmögli^en unb bleibt bod^ 
in allem bem jugleic^ hd \\6) felbft, fc^Iiefet fic^ mit fic^ felbft 
5ur ©in^eit gufammen: ber SJienfd^ benft fic^ felbft unb üott» 
5ie^t bamit fein eigene^ ©ein at§ jT^at feinet SBemufetfeinä, 
^n biefem SBettJu^tfein fe^t ber üJienfc^ fic^ frftift; eä ift eine 
itai^fd^öpferifd^e %^at — barin gibt fic^ bie ©otte^obbilblic^feit 
bei üKenfc^en jn erfennen. 

®er 3Jienfc^ ^at ©ebanfen, ©ebanfcn bei |)öc^ften unb ben 



S)er 9!Kcnfc^ aU betoufete unb freie ^erfönlic^feit. 115 

<Scbanfen feiner felbft. ^a§ ift bie eine ©ette feiner (SotteS* 
«bbilblid^lfeit. ®ic anbere ift bie, bo^ er einen freien SBillen 
f)at. 53a§ 5:^ier ^at %vkU, ber 9Rcnfd^ !^at einen SSitten 
b. ^. e§ ift nic^t etroag grembcS, nic^t blo^e ©innjirfung öon 
üü^en ober öon feiner eigenen S^otur roa^ i^n beftimmt, fon* 
bern fein ^nbeln nimmt feinen testen ^u§gang§punft in il^m 
felbft. (£r trägt in firf) einen ^unft ber gtei^eit tno^in feine 
©inmirfung öon au§en, feine ©rregung feiner eigenen Statur, 
unb lüörc e§ ouc^ bie ftörfftc unb leibenfc^oftliclfte, feine 
^irfung feiner inbiöibuetten @igentf)ümlic^feit, feine SRad^t ber 
©ehJO^n'^eit l^ineingreift unb ben 9Kenf(^en beftimmt fo ober 
jo ju njoHen unb ju ^anbeln, fo bo^ er nid^t anber§ fönnte; 
■fonbern fo fe^r aud§ au|ere Umftänbe ober innere (Erregungen 
ober beujegenbe ©rünbe auf ben SDZenfc^en einnjirfen mögen — 
f^IieBIid^ ift e§ boc^ ber eigene ©ntfc^Iufe be§ aJienfd^en ber 
t>en ?Iu§fd^Iag gibt. Sd^on bafe er njiüfürli^ ^anbeln fann 
bettjeift feine grei^eit — meldte biefelbe bleibt aud^ bann, njenn 
€r fid^ bur^ ®runbe unb Umftänbe iff feinem ^anbeln leiten 
unb beftimmen läfet. 2)enn nid^t biefe Umftänbe unb Urfac^en 
njollen für i^n, fo 'oa^ fein SBoHen unb %^\m nur bie ?5orm 
Ujärc, in hjelc^er fid^ ba§ ©efe^ ber S^iottinjenbigfeit ooüjöge, 
fonbern e§ ift eine X^at eigener freier ©elbftbeftimmung, ha^ 
er fein 3BoIIen ben Umftänben anpaßt unb ni^t benfelben ent^ 
jie^t. 2)oä ift bod^ immer ha§ Se^te, ba| er fid^ entfc^Iießt, 
entfd^eibet: er mu§ nid^t, fonbern er mill, unb e§ gibt fein 
SBoIIenmüffen, @r fann im einzelnen gaU auc^ ni(^t motten, 
er fann anbcr§ motten aU er mitt, er fann mähten. SBotten 
Reifet frei fein in feiner ©ntfc^eibung , unb biefe ^^i^ei^eit ift 
ha§ SSermögen oud^ anber§ ju fönnen, ba§ SBermögen ber ^df)l. 
S)arouf berul^t attc SSeratitmortlii^feit unb fittlid^e 3"red^nung. 
®enn id^ fann anä) laffcn ttja§ id^ tl^ue, ic^ fann tl^un hja0 
\6) loffe; meine %^at ift meine eigene freie ®ntfc^eibung. ®arin 
ift ber SKenf^ ®ott ä^nlid^. 2)enn ba§ ^öc^fte tt»a§ man Oon ®ott 
fagctt fann ift, ba^ er fein eigener ^err ift. <So ift au^ ber SD'ienfc^ 
in abbilblid^er SBeife fein eigener $err burd^ feinen SBitten. 



116 5. SSortrog. ®er «OJenfc^. 

5)a^ ßrfte nun aber in biefem freien SBiffen ift bie ^roft 
be§ SSotten§.^- ©ai ift aucf) ba§ SSorberfte roaö wir nöt^ij 
I)aben. ®§ ift nic^t genug, ©ebanfen ju ^aben, reic^ an ©eift" 
gu fein: man mu§ auc^ SBillen ^aben, ftarf im SBitten fein. 
2Sinen§f(^h)äc^e ift ein Unglüd, unb menn fie c^ara!teriftif(^- 
für eine 3fit/ für ein ©efc^tedit ift, ein öffentliche! Unglücf, 
„gfiur im 2Biaen ift 9?at^/' Xenn SBiüe ift ÜÄac^t ber 2;^at; 
unb nur ha§ ift in SSa^r^eit ein Seben, njelc^e! X^at ift. 
ÜKon muJ3 bie Staft he§ SBitten! eräiefjen unb enttoicfetn. ^o§^ 
ift bo^j^elt nöt^ig in Seiten mie bie unfrigen, Wo „be§ ®e=» 
bonfenS 93Iäffe" bem fieben ongefränfelt ift unb bie fortttjö^renbe 
fritifc^e 9lef[ejion fic^ tt»ie ein freffenber 9?oft an bag, 9Jietatt 
be§ 2öiIIen§ anfe^t unb bem SBiöen ofle ©c^ärfe unb (Snergte 
nimmt; ober bie Unftetigteit ber geiftigen ®enuBfud)t i^n 5er* 
fafiren macf)t unb if)m bie Sommlung roubt, bie er ju fräftigem 
^onbeln braud)t. — 9Iber e§ ift nid^t genug, bIo| ^aft be^ 
SSilleng gu ^aben; man mufe felbfteigenen SSillen ^aben, einen 
SSillen ber fic^ nirf)t njiberftanbloS ben Sinrt)irfungen tjon au§en 
ober Don innen, ben 9ticf)tungen ber Qeit, ben SJJeinungen be^ 
2;oge§ ober ouc^ ben SJZorfiten feiner eigenen 9tatur f)ingibt 
unb preisgibt; fonbern man mufe fein felbft fein unb fic^ felbft 
gleich unb getreu bleiben in feinem SBoffen b. i). ein S^arotter 
fein, ^enn ßf)aratter ift bie bcftimmte, feft aulgeprägte ©elbft« 
gleicfibeit im SöoUen unb |)anbeln. — Slber bie |)auptfac|e ift 
bie recfjte fittlicfie S3ef(^offenI)eit bei ߧarafter§: ha^ in 
i^m bie gottgemä§e SBa^r^eit bei ÜJienfc^en jur ©rfd^einung 
unb jum Sluäbrurf fommt. S)aä erft mac^t hen ß^arafter jum 
n)af)r{)aft fittlid)en unb auc§ jum gottgemöfeen. @§ tann ®^a« 
rafter im Söfen geben fo gut n)ie im ©uten. SBir tüerben 
jenen bemunbern, aber nur biefen lieben unb i^m öertrauen. 
@ä foll eine ^"Det in ber fittli(^en ^erfönlic^feit unb im ®§a* 
rafter fid) üeriDirflid^en. Xie ^öc^fte 2bee bie ber 3Kenfc^ 0er* 
tt)irfli^en fann ift bie göttlid^e ^hee oon i|m. S)iefe ®ott« 
gemä^^eit ift bie 2Sa{)rI)eit bei ß|arafter§. Slarin öollenbet 
fic^ bie menfc^Iic^e ^erfönlid^teit. 



S)ie SBeltfteaung bei 9)Jenfd^en. 117 

tiefer SWenfdj nun, tüie er au§ ßeib unb (Seele befielet, 
«in geiftleiblirf)er Orgoni^mu^ unb eine freie ^erföntt(^feit ift, 
tiimmt eine boppelte Stellung ein: er ftet)t in SSer^ältnife gur 
^elt unb in S3erf)ä(tni6 ju ®ott; er fte^t ber SBelt gegenüber 
als if)x |)err, ®ott gegenüber qI§ fein 2lbbilb. 

(Sr fte^t in ber SDlitte ätüifcfien beiben, al§ ha^ öerbinbenbe 
93anb gtoeier SSelten, biefer finnlicfien unb ber überfinnlid^en 
^ö^eren SBelt. > 

(£r ift W 9tefapituIation ber SBelt, ein 3Jlifro!o§mu§, eine 
fleine SBelt für fic^, aber bie t)ö^ere Bufammenfoffung ber SBelt 
in einer ^erföntic^teit, unb borum ber freie |)err berfelben. 
@^on feine ©rfi^einung fünbigt ben ^errn an. greiüc^ in 
'SBirtlicfifeil erf(^eint un§ ber SDienfcft oft in Häglic^er Sßer* 
■fümmerung; aber crud^ in ber (Sntftettung finb bie gu ©runbe 
liegenben Qüqc nod^ ju erfennen, unb biefe 3üge öerrottiett 
einen ^önig. Qxoax finb xviv abhängig öon ben SDfläc^ten be§ 
9iaturreben§ — fc^luac^, ol^nmödötig gegenüber bicfen mädEitigen 
tRaturgeroalten ; aber in aller ©c^tnac^tieit unb ^übJiängigfeit 
^aben tüir boc^ ha§ 53en)u§tfein ber inneren ^^rei^eit: über* 
ipunben triump^iren toir im ©eifte; unb auc^ in ben ©taub 
niebergetüorfen fcfiiuingen mir un§ im ©cifte über alle Sterne. 
"S)er 3Jienfd^ ift ein |>err aller 2;inge. @r ift ein |)err fd^on 
t)urrf) bie (£rfenntni§. ®enn ©rfenntni^ ift B^ic^en unb 
Uebung ber |)errf(f)aft. ®urd^ bie Srfenntnife einer @ad)e tuerbe 
id^ berfelben innerlid^ mächtig unb modie fie mir untert^an unb 
ju eigen. 'S)üvd) feine ©rfenntnife nimmt ber SJienfd^ eine pvo' 
:p^etif(f)e Stellung in ber SBelt ein. Sein ®eift bringt in bo§ 
lEßefen ber S)inge unb forfcE)t nad^ ben legten ©rünben ber* 
felben ; er überfe^t bie 5)inge ber finnenföCligen 2Bett in innere 
©eifte^bilber, in benen bie SBa^rl^eit, bie ber finntid^en §ülle ju 
XSrunbe liegt, fidf) t)erau§fc^ält; er ge^t über ^ie ©renjen be§ 
Sinnlichen hinüber in bie SSelt ber geiftigen ^hetn, ireld^e bie 
^runbt^pen alle§ Sinnenfäüigen finb, unb erfaßt fo alle§ J8er= 
gängtirf)e in feiner einigen 2Ba^rI)eit. ®iefe @rfenntni§ ift je^t 
getrübt unb bleibt jeitleben^ Stüdfmer!; aber aud^ im Sruc^ftüdE 



118- 5. SSortrag. S;er SDlenfc^. 

erfd^eint ber prop^etifd^e ©eift, ber rafr^er aU haä rafc^c Sid^t 
bie Söa^nen ber SBelt auf ben glügeln be§ ©ebanfenö burd^cilt 
unb au§ ber 3eit fic^ in bie ©roigfeit fd^ioingt. (Sä ift nic^tS- 
nja§ feiner ©rfenntniB uitnaf)bar tt)äre, unb e§ foH auä) nic^t^ 
bon Ü^r au^gefc^Ioffeu fein. (£§ toäre eine mi^oerftanbene ©orge^ 
ettoa um bie S^riftlii^feit unb bo§ ©eelen^eil, bem (£rfenntni§= 
triebe ©(^raufen unb feinem SBiffen ©renjen fe|en ju ftoüen. 
2)a§ SSjffen felbft blä^t nic^t auf, nur baä SSiffen nielrfiem ber 
ttja^re bemüt{)ige felbfttofe SBa^r^eitöfinn fe^It. @ä ift bie ganje^ 
SSelt bem OJienfc^en gegeben, ha% er fie bef)errfd^e. Unb bie 
näd)fte Sleu^erung unferer ^errfc^aft ift ba§ n)ir fie erfennen. 
S)ie anbere gorm jener ^errfc^aft aber ift, ba§ er fic^ 
feine SBcIt tf)atfärf)Iic^ untert^an moc^t. 23iit bem SBiffen Der« 
btnbet fi^ ha§ können. ®ie @rfenntni&- feinet ©eifteä mirb- 
§um |)errfc^erftab feiner |)anb, ber auc^ ben üerborgenften 
ÖJeiftern ber Statur gebietet, boB fie feinem 2Bitten ficf) fügen 
unb aU gebulbige 9ioffe öor feinen SBagen fic^ fpannen, auf 
bem er feinen Xriump^jug über bie (£rbe I)in ^ält unb nic^t 
e^er ru^t no^ raftet, aU bi§ er ouc^ bie enttegenften Steppen 
burcfiäogen unb auc^ bie miberftrebenbften ©emalten be§ SfJatur* 
lebend gebönbigt f)at. «So fierrfc^t fein ®?banfe unb fein Söiffe- 
über bie SBett, unb mad}t fein SBiffen unb fein können fic^ 
biefelbe untert^on. Unb bicfe SBelt, bie er fo erfenntni§mä(^tig. 
unb mittenäfräftig fic^ untermirft, fie jie^t jugteicti ein in fein 
Snnere^, fpiegrft fic^ t)ier ah in feiner ^^antafie unb flingt 
mieber in feiner Smpfinbung. 2tlä eine SBelt ber Silber, aiä- 
eine SSelt ber %öne, aU eine SBelt ber ©mpfinbungen unb> 
©efü^Ie trägt er fie in fic^ felbft. S)ie ganje äußere SBelt 
finbet in biefer Keinen SBelt be§ Snnern im ajienf(^en einen 
SSieber^all unb tritt bann in ben mannigfaltigen ©eftaltcn 
!ünftlerif(^er ©arftellung in S3ilb unb 2:on unb SSort 
^eraug, unb legt firf) aU ta§ geiftige ©piegelbilb biefer SBelt 
üerflärenb, üergeiftigenb , oerfd^önernb , ermärmenb über bie 
äußere SSirfti^feit i^rer ©rfc^einung. ^n biefem abbilb« 
lid^en ©ebilbe atimt ber SJlenfd^ bem Schöpfer noc^ unb baut 



®ie Stellung be§ 2Ken|(^en jur SBelt unb 5U ®ott. 119 

bie SSelt im Slbbilb jpieber, bie ber gro^e SEßeltbaum elfter i§m 
§uoor gefrf)offen. 

Sn bicfer mannigfaltigen Xtiätigfeit be§ SBiffenS unb ^ön= 
nen^, burc^ toelc^e ber 9Jienfc^ bie SBctt beJierrfc^t, ooffäief)t fid^ 
fein irbifrfier 99eruf. 

2t6er ber 2Jienfc^ gel^ört nic^t bto^ biefer SBelt on. ^3 (Sein 
@eift fte^t an ben ©renjen einer f)öl)eren SSelt, biefe rogt 
lierein in biefeS Ceben. S^re ©efe^e finb anbere aU bie ®e= 
fe^e biefeö natürlichen SebenS. Unfere 93eftimmung gef)t nid^t 
auf in biefem natürlichen Seben, ge^t nic^t auf in ber Kultur 
unb i|rem gortfc^ritt. SSir l^aben no^ eine f)ö|ere S3e' 
ftimmung; biefe ift erft bie roafire Sefriebigung unfere§ 
@eifte§, unb biefe nieift un§ über Qtit unb fRaum in bie SBelt 
ber (£tt)igteit, weift un§ ju ®ott. 9Jlan fann fagen, taS ift 
bie S^age ber ©egennjort: bie ^i^age ber ^ö^eren SBett, bie 
grage be^ UebernotürIi(ien. S^ie Steigung ber ©egenmart g"ef|t 
barauf fie ju öerneineu. SSir I)aben fo reiche ©ebiete biefer 
fic^tbaren SBelt aufgefc^Ioffen, ha^ tt)ir baburd^ öerfüfirt tt)erben 
5u meinen, ta§ fei nun alle§ ttjog ift, unb fei aUeg tt)o§ toir 
braud^en. Slber bie SSerneinung ber t|öf)eren SBelt ift eine @nt- 
njürbigung bei aJienfc^en. SBir rauben if)m babur^ feine Srone. 
®enn ha^ ift feine ^one, t>a'^ er in eine SBelt ber ©eifter 
l^ineinragt, beren §err ®ott ift unb bereu Offenbarung SefuS 
e^riftuä. Sene SSerneinung ift eine Söerfennung be§ innerften 
SBefeni be§ SKenfi^en. S)enn ta§ ift unfer innerftei SBefen, 
ha^ loir eine ©loigfeit in un§ tragen unb gefc^affen finb für 
bie ©ujigfeit. S)iefe ©teigfeit ift e§', bie mir in biefe Oergäng= 
lic^e SBelt l^ineintragen unb i§r einbitben follen, bamit fie mit 
eujigem ©e^alt erfüüt werbe. S)a§ ift unfere f)öd^fte SBürbe, 
ba^ wir, in biefer öergänglid^en SBelt fte^enb, beftimmt finb 
für bie ewige b. i). für ®ott. ^rop^eten unb Könige 
biefer fid^tbaren SBelt finb wir jugleid^ ^riefter ber 
ewigen. 5)enn ha§ ift ba§ |)öc^fte unb ©c^önfte, bafe Wir 
Wag wir pxop^eü^ä) er!ennen unb föniglic^ bel^errfd^en, toa^ 
Wir in unferer Innenwelt geiftiger Silber unb ©mpfinbungen 



120 5. Vortrag. S^er SJJenfd). 

tragen, unb in fd^öpfung^abbüblic^er 2;^ättg!eit fc^ön gestalten 
in SBitb unb Xon unb SBort, ba^ n)ir ha§ 2ltte§ priefterlit^ 
bem weisen, naä) bem unb ju bent toit gef(^affen finb. ^a§ 
Sßer^öItniB beö 3D'ien[cf)en jur SSelt finbet feine SSa^r» 
l^eit im SSer^öItnife ju @ott. Neffen 3ügc tragen tt)ir an 
un§, beffen ®ef(^te(^teä ju fein rühmen wir un^: eine Keine 
SSelt finb mx jugleic^ ein fleiner ®ott, &otte§ Stettbertretct 
auf ©rben, um un§ unb bie SSett ©ott barjubringen unb boS 
lebenbige 93anb ätoif^en ber SBelt unb ©ott ju fein. 2)o8 
l^eiBt: bie p(^fte 33eftimmung be§ 3J?enf^en unb bie SQ3a^r^cit 
feineiö Seben^ ift bie ^Religion. 2>ie Seftimmung ber ^Religion 
über ift: bie (Seele biefeg irbif(^en Sebenä ^u fein. 



Sed))lec Öortrag. 

®ic flcltgion. 

S)te ^Religion ift eine allgemeine Xf)atfatf)e. Unter aöen 
IBöItern ift Steligion. @ei [ie auc^ norf) fo öerfommen, oer« 
<iu§ernd^t, entftefft: überall ift bocf) ein allgemeiner 3u9 u^b 
Xrieb, ber feine ©efriebigung fud^t, ber fid^ eine äußere @e« 
ftalt gibt in religiöfen f^ormen unb Drbnungen be§ £eben§. 
^5)u fonnft Staaten fet)en — fagt ^lutarc^ — of)ne Sdauern, 
of)ne ®efe|e, ofine äRünjen, ofjne (Srf)rift, aber ein SSoIf o^ne 
(Sott, of)ne (Sebet, ol^ne religiöfe Hebungen unb Dpfer {)at nod) 
feiner gcfe^en." ' SDenn überalt ift ein ©emu^tfein bou ®ott, 
nnb ber aWenfi^ fann ®ott nid^t benfen, oI)ne fid^ ein Sßer- 
I)ältni^ ju i^m gu geben, unb ba§ ift eben bie 9leIigion. S)ie 
Allgemeinheit ber Sfteligion ift ein 93emei» öon ber in* 
neren S^lotfUüenbigfeit berfelben. Sie ift nic^t ein ©infott 
ber ^Dlenfdfien, ben fie ^aben, ben fie aud^ nic^t f)aben fönnten. 
<Sie fönnen nid^t anberä aU ^Religion t)aben. Sie ift nid^t 
eine (Srfinbung (Sin^elner, bie fid^ bie anbern t)ätten aufreben 
laffen. (Sie ift fo menig erfunben me offen unb Xrinfen unb 
©c^Iofen ober Sieben u. f. m. @ie ift eth)o§ 9^atürli(^e§, inner« 
lief) giot^joenbigeg, im SSefen be§ 3Jlenfc^en felbff iöe* 
grünbete§. (So gut njte im SBefen be§ 9)ienfc^en fetbft bie 
^bee ®otte0 begrünbet ift, fo ift bamit auc^ ba§ innere ^Jer« 
i)öltnife ju biefem ®ott, ben ber 9J?enfd^ n)et§ unb üon bem 
unb ju bem er fic^ n)ei§, ben er aU feineu ®runb unb o(^ 
fein Sid wei^, gefegt, b. ^. Sieligion. Sieti^ion tft ein un- 
t)erQU§erIid^er innerlicher 93efi^ be§ SDienfd^en. 9Jiit bem 



122 6. Vortrag. 2!ie ^Religion. 

SJJenfd^en felbfl ift ha§ religiöfe S3ebürfni|, i[t ha§ ©ud^ett 
@otte§ gefegt. 

©Ott unb 3J?en[c^ fönnen nid^t aufeer einanber bleiben, 
lönnen einanber nic^t gleic^giltig geg^nü^h>-:^^en bleiben; 
mit innerer Sf^ot^tnenbigfeit ftreben fie ju einanber ^in, fie. 
finb beibe für einanber ; benn ®ott tt)itt ber ®ott ber SJ'lenfc^en, 
ber 3Kenfc^ foa ein üKenfd) ©otteä fein. 3n (Sott ift eine 
innere Setoegung äum 3Jienf(f|en ^in ; benn er ^at ben SKenf^en. 
getooHt, ber SJlenf^ ift ber erfte unb Ic^te ©ebanfe @ottc^^ 
ber S3efd)IuB feinet SBiUenö, bie Siebe feinet ^tx^m§. ^rtt 
9Jtenf{i)en ift eine innere ©eroegung ju @ott öin; benn er ift 
auä bem SBitten @otte§ l^erüorgegangen, er ift burc^ ®ott unb 
ju ©Ott gefc^affen, ®otte§ SSifle ift wie fein ©runb, fo ta^ 
@efe^ feinet Seben§ unb fein Qid. ®ott ift ba§ innerfte 
(Streben unb SSerlangen be§ SDienfc^en, fein t)öc^fte§ ©treben^ 
2)er SJZenfdb mu§ ftreben. Seben ift ftreben. SSer nid^t ftrebt 
l^at oufge{)ört gu leben. 5^er Süienfct) mu^ ftreben; er mu§' 
nacf) bem |)öcf)ften ftreben, ba§ er benfen fann. ^n ber ©rö^e 
be§ S\d§, ta§ er fic§ ftedt, befielt auc^ bie ®rö§e be§ SJienfc^en 
felbft. 9^ur ta^ l^öcöfte 3if^ feine§ Strebend, nur ber ^öc^fte 
©egenftanb feiner ©ebonfen, feinet SBitten^, feinet ^erjenö ift 
beö 3JZenfdf)en ganj toürbig unb befriebigt it)n. ®aä -Ööc^fte 
ober ift ©ott. 5ttte unfere ^äfte be^ ®eifte§, "Oaä ganje Seben 
unferer ©eefe finben i^r Qiei, if)re SBafirtieit erft in ©ott, ba§^ 
®efül)l feine ©eligfeit, haä S)enfen feine SSa^r^eit, ber SBiUe 
feine ujofire grei^eit in ©ott. Saä ^erj ift unruhig allcjcit 
in ber SBelt; e^ fonn nic^t au^ru^en in biefen oergängüc^en 
S)ingen; nur an einem großen ^erjen ru^t eä ou^, in ©ott. 
Unfer ®enfen fteigt oom ©in^clnen ju einem Slllgcmeincn 
auf, äum Slbfoluten, jum ^öd^ftcn ©ebanfen, jur ^ö^ften SSal^r* 
!^eit. ®iefe^ ^ödjfte bo^ mir öenfen, haä mir benfenb fud^en, 
e§ muB bem benfenben ©eifte analog fein, nic^t eine ©ac^e 
unb nic^t eine ^ilbftraftion, fonbern ein benfenber ©eift, ein 
obfoluteö ^ä), ©ptt. „®ebt mir einen großen ©ebanfen — 
rief ^erber in feiner legten ^ranf^eit aui — bamit id^ tatJOXi 



$te Scgrünbung ber SReligion im SBefen be§ SQienjcftcn, 125 

lebe!" 2 $)er größte (Sebonfe unb ber, öou bem tüir in SBa^r* 
l^eit leben, ift ©Ott. ®er SBille firebt na(^ grei^eit, nacf> 
fittlid^er grei^cit. @r fuc^t fie in ber fitttid^en SSottfommen^eit,. 
ber Sßerhjirfü^ung be^ ©ittengefe^eä; in ber (Sinl^eit bc§ enb* 
lid^en SiIIen§ mit bem f)i)d^ften SSillen, mit ©ott, finbet ber 
SBille erft feine grei^eit, alfo feine So^r^eit. üuxy, ber iUlenfc^ 
ftrebt nac| -bem Unenbüc^en; t>a^ Unenblicfie ^at aber SSirftic^= 
feit nur in @ott. S)cr SRenfc^ ift für ©ott, ju ©ott. S)ie' 
©emeinf^aft mit ©ott ift bie SS3a^r^eit be§ aJlenfd^en, bie 3f{e= 
ligion ift bie SSa^rl^eit feinet Se6en§. Sie erft mac^t i^n in. 
SBal^r^eit jum 3Jlenfd^en. 

25ic 9?eIigion ift begrünbet in unferm SSefen felbft. ©^ 
befielt ein Sanb jttjifc^en un0 unb ©ott, ein S3anb ber SSer- 
njonbtfc^aft: mit finb göttlichen ©efd^Ied^tä. Sn unferer Sflotür 
felbft ift haä 93anb gefnüpft. SSie bie Stimme be§ S3Iutg unter 
ben aJienfd^en Sanbe ber ©emeinfd^aft fnüpft, fo mirb auc^ 
bog Söanb ber SSermanbtfrfiaft jmifc^en unä unb ©ott jum 3"9f^ 
ber unfre Seele ju ©ott emporjiei^t. SBenn ber Särm be§- 
äußeren £eben§ fc^ttjeigt, njenn bie inneren Stimmen fd^roeigen 
unb mir einfefiren in m\§ felbft, ba fül^Ien mir biefen 3ug- 
Unmillfürlic^ jiet)t e^ un§ ofle innerlich nad) einem ^öd^ften 
unb Unenblid^en, unb mir tragen in un§ ba§ SSerlangen un^ 
an biefeg ^öc^fte ^injugeben, um in biefem un§ felbft erft 
mieberjufinben, aber gereinigt unb befreit öon aller fc^tec^ten 
©igen^eit. (5§ ift ein Sßerlangen ber Siebe, ber :perfönlid^en^ 
Siebe, ber ©cmeinfc^aft unb be§ 5ßerfet)r§ üon ^d^ unb 3)u,. 
ein SSerInngen nac^ ©ott, ein 3ug äu ©ott. SSie bie Singen 
ba§ SidE)t fuc^en unb e^ i^nen natürlict) unb S8ebürfni§ ift bo^ 
Sid^t ju fuc^en, fo fu^en unfre ©ebanten ba^ Sic^t ber emigen 
SBa^r^eit, „bie Sonne ber ©eifter", unfre ^erjen bie ewige- 
Siebe, ©ott. SBie bur^ bie Siatur ba§ beJierrfc^enbe ©efe^ 
ber Slnjic^ung ge^t, fo ge^t ein ©efe^ geiftiger, feelif^er, fitt= 
lieber Slnjiel^ung burc^ bie geiftige SBelt, au^ge^enb öon ber 
großen Sonne beg ganzen 2BeItatt§, oon ©ott. SBie ba§ (£ifen 
bem aJiagnete juftrebt, mie bie Ströme fic^ in t>a§ 9Keer er* 



124 6. SSortrag. S;ie DfJefigion. 

gießen, lüic ci bcn (Stein jur ©rbc nteberjte^t, fo jic'^t e§ bte 
«Seele ju @ott, i^rem Urfprung unb i^rer öeintat. aJlait ?Qnn 
ben QuQ ber 5Dingc t)emmen, aber man lann ta§ ®eje^ ber 
^njie^iing nii^t aufgeben. 9Kan fann feiner ©eelc unb i^rent 
©uc^en [xd) in ben SSeg [teilen unb biefe^ ^inbern, aber mon 
tüirb ben S^Q ä" ®ott ni(^t ou§ bem ^erjen tilgen, er bleibt 
ha§ @efe^ unfrei 2Befen§. 6§ mag ge[c^ef)en ha^ bo§ ^crj 
in ber SSaf|I feiner Siebe fiel) öerirrt, eö fann fid^ töufc^en, 
fann ettna^ 3lnberp§ tuä^Ien aU ®ott, ha^ Geringere, ba§ 
SSergängtic^e , ja auc^ ^a§ SBibergöttlid^e — aber im legten 
©runbe meint e§ bod^ @ott; narf) i^m oerlangt e5, in it|m 
erft finbet e§ feine ©eligteit.^ 5)iefe§ SBonb ®otte§ mit un§, 
biefer Quq ber (Seele gu ®ott — bo§ ift bie ©rnnblage 
aller Oieligion, auc^ affer pofitioen Sfieligion, auc^ aller Dffen* 
barung. 

S)a§ ift ber @runb ber 9?eIigion im ÜJlenfc^en. S^rc 
^eimat aber ift ta^ innerfte Seelenleben be§ SJJenfc^en. 

®ie ^Religion tft eine unmittelbare innere 2eben§t!^atfad^c. 
^ie§ bem reIigion§Ioä gemorbenen @efcblerf)t feiner Xage lüiebcr 
gum 93ert)ugtfein gebrad^t ju f)aben, mar bie folgenreiche %\)at 
@djleiermarf)er§. -Unb geiüt§: üor aller Stefleyion, oor allem 
religiöfen Renten unb §anbeln ift ^Religion frf)on ba, im 3^* 
nerften be» SWenfc^en. Sie ift ber ^erb be§ inneren geuerä, 
iie ^at ilire Stätte im Sffiittelpunfte be§ 9J?enfc^en. ÜJian fann 
nidE)t eine einzelne geiftige ^^ö^igfeit au^fonbern unb biefe at§ 
ien @i^ ber 9ieligion bejeic^nen. Sie ift ba gu ^aufe mo 
<ille einzelnen gö^igfeiten be§ geiftigen ober feelifc^en ßebenö 
fid^ gur unmittelbaren ©in^eit sufammenfcfiliefeen. Sie ift eine 
(Sacf)e ber (SrfenntniB: benn @ott unb S^riftum erfennen 
ift ba^ emige Seben, 3o^. 17, 3. 9^atürli(^: benn ma§ eine 
'Slngetegenl^eit unfrei inneren Seben§ unb unfrei ^öc^ften 
^ntereffeö ift, mu§ aud^ Sac^e unfrer @r!enntni§ fein. 2lbcr 
bie 9tcligion ift nic^t bloB ©egenftanb ber (£rfenntni§; benn 
bonn beftönbe bie ^Religion etmo bto& in Se^rfö^en bie man 
lDei§, unb märe nic^t ein Sebeii baö man lebt. 2)a§ SBiffcn 



S;ag SäJefen ber «Religion. 125' 

tttod^t ttod^ nid^t beit frommen unb bie 5Red^tgIäubtg!ett tioc^ 

nic^t ben ©laubigen. Sie ift eine ©ac^e be§ SUilleng, benti 
[ie mufe eine fitttic^e Xtiat fein, unb (Sottet SSiHen gu wollen, 
bejeid^net S^fu^ al§ ben 2Beg sur SSa^rfieit So!^. 7, 17. Unb 
baburc^ betommt aucf) aUe^ er[t feinen tt)at)ren SBert^ für 
un§, bafe e§ auc^ für ha§ Seben unfrei 2Bitten§ SBebeutung. 
erhält. 3lber bie 9ieIigion ift nid^t blofe ein Söotten unb 
^anbeln: fie ift auc^ ©ad^e bc§ @efü£)t§, benn fie ift bie 
©eligfeit @a(, 4, 15, fie ift bie greube be§ SJlenfd^en, triebe 
unb greube im I)eiligen ©eift 3ftöm. 14, 17. Slber fie ift aud^ 
bieB nic^t oHetn: fie ift ein Sßiffen unb SSoHen unb ^Jü^Ien 
jumol, eben weil fie Sod^e be§ innerften äJienfdien, feinet 
^erfönlic^en SebenSgrunbeä ift — mögen mir biefen ba§ @e= 
müt^, mögen tt)ir i^n mit ber @c§rift ba§ ^erj nennen, ©enn 
in bQ§ ^erj oerlegt bie ©c^rift ben ©i^ ber 9teIigion, ben 
SSorgang beö religiöfen SebenS: burc^ ba§ ^er^ mufe ba^ SBort 
ge^en 2lp.--@efcö. 2, 37, baö ^erj mufe fi^ bem SG3ort öffnen 
2tp.=®efc^. 16, 14, ba§ |)er5 ift ba§ Organ be§ ®tanben0 
9iöm. 10, 10, 5)iefe^ Seben be^ ^nwenbigen, bo^ wir Steligion 
nennen, !ann bei ben SSerfdjiebenen t)erf(f)iebene ©eftalt an» 
nehmen, me^r bie ber (£rtenntni§, ober bie beä Söitten^, ober 
bie beg ©efü^Ig: e§ ift in allen ©eftalten immer borf) boffelbe 
@ine SBefen ber 9leIigion Welches fic^ funb gibt, roo e§ nur 
überhaupt wirflic^ unb wa^r ift.* 

S)iefe 3teIigion nun aber, welche ©ac^e be§ innerften Seben^ 
ift — mag ift fie? roorin befte£)t ii)x SBefen? 

2Bir werben fagen muffen: i^rc Urgeftalt ift ©taube; alle 
9leIigion ift@Ioube. S)enn ©faube ift ein tnnerfter 8eben§= 
öorgang, in wel(^em mein ganje^ innerfteS SSefen, mein Süllen,. 
SSiffen unb SBoHen fid^ mit bem ©egenftanb meinet ©tauben^ 
äufammenfd§tic§t. S)ie ©c^rift bejeic^net ben ©lauben atö eine 
gewiffe 3uberfic§t be§ ba§ man ^offet, eine Ueberjcugung öon 
bem ha^ man nic^t ftel^et |>cbr. 11, 1. 2)a§ Reifet alfo: .©loube 
ift nid)t nur ein 2Jleinen ober eine blo^e Slnfid^t, fonbern eine 
äuöerfic^tlic^e ©ewi^^eit, unb jwar bon etwag Unfinnlic^em. 



126 6. SBortrog. ®ie 9teIigion. 

15)cr ©fouBe rid^tet fic§ immer auf ba§ Unftd^tfiare. S)enn n>o# 

man [ie^t bag gtoubt man nic^t, fonbern ha^ fie^t mon eben. 

^a§ Unfi^tBare aber bog man gTaubt, taS nimmt man nid^t 

bfol QU unb ^ält e§ für njo^r, fonbern man ift beffetben ouf 
t>ag geftefte gett)i§. 55iefe ®ett)t^^cit ift ober Tti(^t etroaS SBitt» 
fürltc^eä unb ©tngebtlbete^, fonbern ethjoä innerlid^ Segrün« 
ieteg. 9111er ©taube ru^t auf foI(^er Scgrünbung. i^reilid^ 
utd^t auf öerftanbe§niä|tger 5!)entonftratton, fonbern ouf einer 
unmittelbaren inneren Ueberfü^rung, in meld^er iä) bte <Baäie, 
um bte ftd^'§ fionbelt, unmittelbar inne merbe unb einen un= 
öbtt)ei§baren ©inbrurf booon erbaltc. 5)iefe inncrlid^e ©r« 
fal)rung unb ©riebung ift bie ©runblage aüe§ magren ©lau» 
ben§. SScnn id) an eine§ SKenfc^en Siebe ober ?5reunbfd^aft 
glaube, fo bofe ic^ berfelben geroiB bin tro^ oHer ^Reben ber 
HJJenfd^en, ober aucb tro§ be§ miberfpred^enben 9tugenfc^ein§ 
— marum anber^ glaube ic^ baran, at§ meit ic^ einen un* 
mittelbaren inneren ©inbrud baöon empfangen ^ahe, ber mir 
jene unmittelbare unb äuoerfid^tlid^e ©emife^eit mirfte? 5luf 
biefer inneren ©rfa^rung unb ©rtebung rubt mein ©loube. 
@o ift eä aucb tyet beim religiöfen ©tauben. ®enn ha^ 
Ueberfinntid^e unb Unfirfitbarc, metcf|c§ ©egcnftanb meines 
retigiöfen ©Iaubeu§ ift, ift aud) eine 9lealität, fo gut mie bte 
Siebe ober greunbfc^aft eincä 9J2enf(^en, fo ba§ ic^ atfo batjon 
innerli^ berührt werben unb biefe innerliche Serü^rung unb 
iSinmirfung unmittetbar erfahren unb erleben fann. ©ag 
fo unmittelbar mir innertirf) ju eigen gemorben ift, ba§ 
fann xä) mir bann mo^t au(^ rechtfertigen auf bem SBcgc 
l)er oerftänbigen ©rmägung unb foß e§; aber §unäd^ft rul^t 
ber ©taube nic^t auf fotd^en 9?ed^tfertigungen unb 93emci8* 
fü^rungen, fonbern ift eine unmittelbare <Sacöe be^ inneren 
Seben§. 

Sn biefer Unmittetbarfeit treffen gürten, SSiffen unb 
Motten, jufammen. 2)enn mie i6) e§ im SSer^ältnife menfd^* 
Xid^er Siebe ober greunbfc^aft junod^ft fü^te b. f). innerlid^ 
inne merbe unb booon in meiner ©eete berührt 'mcrbe, t>a^ 



3^a§ SEÖefen ber 9ieIigton. 127 

THtc^ ber SInbere Vteht, fo ift auc§ ber reltgißfe ®tau6e ein 

folc^cg unmütelboreg ^nnettjcrbcn unb öerü^rtiocrben burd^ 

bte SBelt ber erotgfett unb ®ott fetbfi, alfo ein gü^Ien. Slber 

mit btejem (Sefü^I ift jugtcicl eiit unmitteI6are§ erfenncn unb 
SSBiffen gefegt, ©g tann mir üieleS noc^ an ber ©o^e, loelc^e 

©egenftonb meinet ®Iau6cn§ ift, berborgen unb un6e!onnt 
fein; aber i^r eigentliche^ inncrfteg SBefen hjirb mir unmittel= 
bor funb unb ge^t meiner Srfenntni^ auf, inbem id^ boöon 
innerlid^ berührt »erbe unb eä inne merbe. Unb ha§ ift ein 
"SBiffcn welchem bic feftefte Ueberjeugung unb ©etotfe^eit ein« 
tool^nt, meil e§ auf crlebungSmäfeiger ©rfo^rung rul^t. SBa§ 
ic^ aber auf bem SBegc fotd^er ©rfenntni^ unb ©emi^^ett in 
mic^ Qufnel^me, bog mad^e id^ bamtt jugtetc^ jur ©ad^c meine§ 
^iüeng. S)enn eine X^at meinet 2Bittcn§ ift e§, ta% id^ 
mid^ innetlid^ mit bem ©egiaubten äufammeufd^Iiefee jur in= 
neren Sebcn^ein^eit. @Ioube ift ein 9lft ber 5rei[)ett. ©taube 
ift auf ber einen ©eite etmaä Unmillfürtic^el : wer glaubt, 
fann nic^t anber§ aii glauben, eS ift i^m innerltd^ gleid^fam 
angetl^an, er ift übernjunben, fo t>a^ er glauben mu§; unb 
boc^ njieberum ift e§ eine %^at bafe er glaubt, unb feine 
X^at ta^ er glaubt. 2)enn njie ^i^te fagt: ©loube ift ber 
<£ntfc^Iu^ be§ SSittcnö , ba§ SGBiffen gelten ju laffen. & ®er 
©laubc beruht nic^t auf einer Xemonftration bie mid^ jum 
3ugeftänbniB nöt^igte, fo ba^ ic^ glauben mü^te, mie haä bei 
mat^ematifd^en ©ö|en ber %aU ift; fonbern ©taube beruht 
auf fitttic^er Ueberf ü^rung , fo ba^ tc^ mufe glauben motten. 
Unb mer nid^t gtouben mitt, ber tann nimmermehr jum 
©tauben gebrad^t werben, ©ott ^at bafür geforgt, ha% it|m 
fd^einbor immer noc^ ©rünbe unb. Sted^tfertigungen ober @nt* 
fc^utbigungen genug für fein S'iic^tglauben übrig bteibe«-,^--qjit 
bencn er bcn tiefften ©runb feines 9^id^tglauben§ , fein Sflid^t^^ 
glauben motten aud^ bor ftd^ fetbft öerbirgt. ©taube ift eine 
Xt)at ber %xe\^eit, eben- meil e§ eine fitttid^e X^at ift. ^ber 
uid^t eine X^at be§ ©eliebcnS unb ber SBillfür, fonbern eine 
inncrtid^ begrünbete X^at; benn fic berul^t auf ber inneren 



128 6. SBortrag. S:ie 9teItgion. 

Ueberfü^rung unfrei f{ttlic|en SJBe[en^ öon ber SSo^r^eit unb 
SBirflid^fett^beffen tüa§ toir glauben. 

^n biefem ©louben nun ift Siebe unb Hoffnung mit 
entbolten unb befc^Ioffen. ®enn bie 2Inetgnung bc§ ©louben^ 
ift nicf)t o^ne bie Eingabe ber 2kf}e. Mt innerliche Aneignung 
forbert Eingabe an ba§ tvaS id) glaubenb ober erfennenb mir 
aneigne. 2lIIe§ tt)ot)r^afte (Srfennen forbert liebenbe SSerfenlunj 
in ben ©egenftonb be§ @rfennen§. SSoHenbS an Siebe glauben 
unb bie Siebe be^ Stnbcrn glaubenb in mic^ aufnehmen fantt 
ic§ ni(^t, ofine ba§ aucfi in mir bie innere |)ingebung ber 
Siebe ift. @o ift alfd ouc^ ber religiöfe ©taube nirf)t o^ne- 
Siebe. @ie ift bie lebenbige ©egenwart ber 9fteIigion. Unb- 
biefe§ Seben ber ©egenlüart ift nid^t o^ne bie ©eroi^^eit ber 
3ufunft in ber Hoffnung. ®enn ©ott ift ein ©ott ber 3ufunft, 
unb idj !ann midf) ber ©egeumarl ber ©otte^gemeinfd^aft nic^t 
freuen, ofine oud^ i^rer^ufunft fröt)Iid^ gett)i§ ju fein. Siebe 
unb Hoffnung fd)Iie§en fid^ mit bem ©tauben jur (Sin^eit beS- 
religiöfen Sebenä äufammen. 

S)ie mef entließe Sleu^erung biefe^ Sebeni aber ift bo^ 
&ehet Unter atlen irbifc^en ©efd^öpfen ift ber äJienfc^ ha^ 
einzige ba§ betet. 2)a§ ©ebet ift @ac^e nur ber üKenfd^cn^ 
aber olter 3Jienfc^en. (£§ gibt für ben 3Jtenfd^en nichts S^atür- 
Ii(i)ere§, nic^tö SlUgemeinereS, ni^tö bem er fict) weniger ent* 
gießen fönnte, aU t>a§ ©ebet. ®a§ ^inb lernt e§ mie tjoti 
felbft üben, unb bie unfic^tbare 2Bett, in bie e§ mit bem 
©ebet eintritt, ift i^m mie eine befannte Reimet; ber ©rei§, 
menn e^ um i^n ^erum einfam mirb, jie^t fic^ jurücf in bo^ 
@ebet. S)a§ ©ebet ge^t mie öon fetbft über bie finblid^cn 
Sit)pcn, bie foum noc^ ben Sfianten ©otteö tollen fönncn, uni> 
über bie fterbenben Sippen, bie i^n foum me^r auöfprcd^en 
fönnen. 2Bo nur 3Jlenfc^en leben, — ju gemiffen ©tunbeti, 
unter gemiffen SSer^öttniffen, bei inneren Söeroegungen ergebt 
mon bie Stugen, fottet bie ^önbe, beugt bie Äniee um ju 
beten. S3ei allen SSötfern, ben unbefonnten mie ben berühmten, 
ben cioitifirten mie ben futturtofen, begegnet man auf jebcm 



®Ioube, Siebe, |)offnuitg. 5)q§ ®ebet. 1-29 

(Sd^ritle |)anblungen unb gormein ber 5Inrufung; unter olleit 
aSöIfern finben njir ba§ ©ebet, benn unter allen ift ^Religion. '^ 
^Q§ (Sfbet ift nic^t erft oufgefontmen unter ben SUienfd^en, 
ntcf)t gelehrt, fonbern ber unmittelbare, untt)iflfürlirf|e ?lu§brutf 
beö Snnern, mit bem SSer^ältnt^ be§ ilRenfd^en ju ®ott un* 
mittelbar unb oon felbft gegeben. ®enn b{e[e§ SSerpItni^ ift 
nic^t o^ne SSerfe^r. 2)o§ ©ebet ift ober ber 2tu§brud biefe§ 
SSerfe^rS. ©eine S53af|r^eit gnjor fanb e§ in ^'\TCCitl, Quf bem 
95oben ber Offenbarung; nur fiier {jat e§ jene jutrauenSöoHc 
Äinblic^feit be§ |)er3en§üerfe^r§ mit @ott, üon ber bie l^eilige 
©cfirift un§ fo reic^tid^e unb mörfitige Sßorbilber überliefert unb 
öor Singen fteHt — SSorbilber, hjel^e für alle Reiten mufter- 
giltig bleiben merben. Slber ^aud^ ber |)eibenmelt fehlte iia^ 
®ehet ni(^t, benn e§ feiifte if)r bo§ 83ett)uf;tfein öon ©ott unb 
oon ber ©otte^ongeprigfeit nic^t. Sft a"cf) i^^ Seben nirf)t 
ein ©ebetöleben, mie e§ ha^ ber frommen Sfi^aetiten mar, fo 
ift bo^ ta§ ©ebet eine 3Rad)t ber ©itte, njetc^e ha§ gefammte, 
boö öffentliche mie ba§ ^rittatleben bef|errf(^te unb umfd^Io§. 
Unb je p^er ein SSoI! ftanb, um fo me^r übte el bie Sitte 
beg ©ebet§. ©§ t)at etmaS iöefd^ämenbeS für unö gu feigen,, 
mie bei ben ^od^ftefienben SSöIfern ber ©riechen unb 9flömer 
fein öffentlicher Stft o^ne Opfer unb ®ehet öorgenommen mürbe, 
mie ou(^ bie |)onbIungen be§ ^riöatlebenä alle baöoft gemeint 
maren. ^id^ter, ^^ilofopfien unb ©taot^männer gteid^er SSeife 
ermahnen jum ©ebet ober üben e§, unb bie ©itte be§ SSoIf^ 
ftc^t bamit in ©inWang. 2llg Xetemad^ be§ Db^ffeu^ ©ol^tt 
mit feinen iBegleitern ätt«»i)?eftor nad^ ^^toS fam, mor ba^ 
crfte SBort, »elc^cS ber S^leftoribe ^ififtroto§ on bie Slnge!om* 
menen richtete, bie Stufforberung öor ollem jur ©ottl^eit ju 
beten, benn „c<S bebürfen bie @terblicf)en olle ber ©ötter". 
@o fpric^t ^omer ben rcligiöfen ©inn feiner 3cit au§. SSon 
©ofrateg aber berichtet Xenopl^on, bo§ er bie SSorfd^rift ge* 
geben: ^jeglic^eS SBerf mit ben ©Ottern ju beginnen, bo bie 
©Otter bie Ferren feien fohJol^t ber 2)inge be§ griebenä mie 
be§ ^iegeg". S8on bem frommen Xenopl^on felbft ift eä be* 

Sut^arbt, Sortrage I. 11. »ufl. 9 



130 6. SJortrag. 5)ie «Religion. 

fannt unb aul bieten ©teilen feiner Schriften fann man e^ 
fe^en, öon föelc^er Sebeutung i^m ba§ ©ebet gettjcfen. Unb 
ebenfo bejeic^net e§ ^loto aU ba§ ©c^önfte unb Söefte für 
einen tugenb^aften 9Jiann, ha^ er burd^ ©ebet unb ©elübbc 
forttüä^renb in ©emeinfc^aft mit ben ©Ottern trete unb bei 
öllem tva§ er tf)ue, bei bem geringen fo gut ftjte bei bcnt 
großen, juerft @ott anrufe. 9^i(^t minber ^aben bie Staate* 
männer ®ried^entanb§ unb fJtomS bie ©itte be^ ®ebet§ geübt. 
S)er geiftOoHe at|enienfifd^e ©toot^mann ^erifle§ trat nie auf 
um öffentlid) ju fpred^en, o^ne jubor bie (Sott^eit anjurufen. 
Unb ber gro|e 9?ömer ©omeliuä ©cipio nat)m, feit er bie 
mönnfii^e 3;oga angelegt, fein h)id^tige§ ©efc^äft bor, o^nc 
5ubor im %empd bei fapitolittifc^cn Jupiter eine 3eit long 
flUein jugebrac^t ju :^aben. Unb ttjic ftc§ ber berü^mteftc 
Siebner Slt^enl, 2)emoft^ene§, bei feinen gro§en 9leben pcrft 
an bie ©ötter föenbet, fo rtirb aud^ bon dato unb ben 
©racd^en toie bon allen älteren 9?ebnern SfJoml berirf)tet,.bo§ 
fie tlire fJleben ftet§ mit ber Stnrufung ber ©ott^eit begannen. 
%ie% mar aber nur Slu^brurf ber gefammten SSoIf^fttte. „^eine 
religiöfe Se^re fte^t für ha§ öffenttid^e unb ^äu^Iic^e Scben 
fefter, aU ba§ alle§ mit ber ©ott^eit, ba§ ift mit ©ebet unb 
D^jfer begonnen werben mu^." S^ber ©taat^aft, jeber ^riegg* 
^ug, iebe ©cfilad^t, jebe Ueberua^me eine^ öffentlidfien Stml^, 
jebe ©eri(^t0^anblung, jebe SSoff^berfammtung, jeber ^oIitif(f)C 
i8ertrag u. f. m., furj alle§ unb jebe^ im öffentlid^en Sebcn 
t»el ©taatel mar burd^ ©ebet unb Dpfer gemeint. 9iic§t 
ntinber olle bebeutfamen Sßorgänge be§ ^u^Iii^en SebenS: 
^oc^jeit unb ©eburt, ber S3eginn ber ÜJiünbigfcit mie bie 
glüctli(|c 9f?üdEfe^r bon einer Steife ober 9httung au^ ©efa^r. 
Unb auc^ aöe gefte be§ 9SoIfe§, feine ©cfiaufpiele unb SBctt* 
fämpfe, bieB odeS erhielt eine retigiöfe SSei^e bur^ Opfer 
unb ©ebet. ^urj, ba§ gonsc 2eben mar bon ber fReligion 
burd^jogen unb bom ©ebet getragen unb umfd^Ioffcn. ' ?lller* 
t)ing§ ift ha§ ©ebet bei ben Sitten im ©runbe me^r gemiffen* 
J^oftc Erfüllung ber retigiöfen ^fttc^t, auc^ öon Einfang ort 



Tag Oebet. 131 

me^r 58itt* aU 2)anfge6et, unb in ber 9leget mit einem ge* 
toiffen 2(nfpni^ auf ©r^örung öerbunben. 2I6er e§ fehlen 
auc^ ©ebete um bie fittlid^en ®üter nid^t; unb in oller SSer= 
üufeerlic^ung ift e§ bod^ immer ein SlugbrudE he§ religiöfen 
2ebcn§. Slber mit ber 9ieIigion felbft fiel auä) bog ©ebet 
bo^in. ©ein Sali aber toav ber SSorbote ber äußeren 2luf= 
töfung. SDenn mit i^m mic^ bie eigentlid^e @eele au§ bem 
Seben. ®a§ je^ige ^eibent^um fann faum mel^r in SBofir« 
!§eit ein betenbeä genannt merben, fo fel^r ift ha^ @ebet 
^um äu|erli(fien mec^onifc^en SQ3erf gemorben — ju einer 
Auflage miber bie Setenben felbft. ?lber aud^ in biefer Söer- 
fümmerung ift e§ immer nod^ ein 3eugniB für ha§ 93ebürfni§ 
t)e§ ©ebctg. 

S33q§ ift bo§ ©ebet? (Sä ift bie Sleugerung unfrer ®e= 
meinfc^oft mit ©ott. SBer betet ge^t quo bon ber 2SeIt bie 
il^n umgibt, oon ber Unrutie unb bem Särm be§ äußeren 
Sebeng haä i^n umtoogt, unb geJ)t ein in fid§. SBir finb fo 
t)iel außer un§ f eiber; im @ebet begeben mir un§ ju unä 
felbft, ge^en ein in unfren tiefften inneren SebenSgrunb, in 
ha§ innerfte ^eiligt^um unfrer Seele. 5)a taffen mir bie 
Arbeit unfrer |)änbe, bie Strbeit unfrer ©eban!en ru^en unb 
giei^en unö jurüd in bie verborgene ©tiUe, um l^ier ou§= 
^uru^en, l^ier aufjuat^men, fiier mal^r^aft bei un§ felbft ju 
fein. Stber bei un§ ju fein nur um bei ©ott §u fein. 5)enn 
in unfrem S^nerften ift ©ott un^ no^e, im |)eiligt^um unfrer 
Seele ift ©ott bei un§ unb mir bei ©ott. S)er äußere 'SRen^d) 
ift in ber SBelt, ber innere iDlenfd^ fott in ©ott, ©ott in i^m 
fein. SBir gelten in un§, um un§ ju ©ott ju begeben, un§ 
felbft unb alles toaä un§ bemegt oor ©ott ju bringen. (S§ ift 
iai Sebürfniß ber Siebe, aUeS in ©otteS ©c^oß ju fd^ütten; 
eg ift bie X^at ber oertrauensootten Eingabe, oIIe§ in ©otteS 
^onbe iü fegen. 3ti(f)tö ift ju geringfügig, um e§ oor ©ott 
^u bringen, menn e§ nur eine mirttid^e S3ebcutung für unfer 
inneres Seben gemonnen f)at. 'S)a§ ift bie Sebenbigfeit unfreS 
inneren SBer^ältniffeö ju ©ott, \)a^ e§ fic^ in bicfcm @ebet§» 

9* 



132 6. SBortrog. 3?ie iReligion. 

öerfe^r äußert unb bet^ätigt. Ofine i^n hjdre e§ tobt. ®tcfe 
Eingabe an ®ott im ©ebet ift eine innerlich not^roenbige 
Sleußerung unb Setfiätigung ber Siebe. 3nt ®ebet geben wir 
un§ felbft mit allem rüa§ un§ erfüllt an @ott ^in. Xo3 ift 
ba§ !^örf)fte (Seben. SIber biefe^ ^öc^fte ©eben ift äugleicf) ba^ 
^öd)fte Stemmen. S;enn inbem roir im ®ebet biefe SSelt ber 
3eitlic^feit unb SSergänglic^feit öerlaffen, treten hjir ein in bie 
SBelt ber etoigfeit unb at^men it)re Suft. 5^a§ ©ebet ift 
biefe^ innere Stt^em^olen ber ©eele. SDiefeS 2tt^em^oIen ber 
Suft ber Smigfeit ift ber 8eete ebenfo notfimenbig jum Sebcn, 
wie bem Seibe ha§ 2rt:^em^oIen biefer irbif(^en 2uft in ber 
wir leben. 2)ie SBelt (Sottet aber ift eine SBelt be§ gricbcn^ 
unb ber ^aft. S}a§ @ebet breitet ben ©eift be§ grieben^ 
über unfer Seben au§. ^m ©ebet wirb bie «Seele ftifle. S)a 
frf)Weigen bie ©türme unb Seibenfifioften be§ ^i^wenbigen, bie 
Unrut)e ber ©orgen unb Slengfte, ber Seiben unb ouc^ ber 
greuben. Unb bamit ge^t neue SebenSfraft unb Seben^freubig* 
feit ouf un§ über. 2Bie bie ftörfenbe Suft ber 93erge unä mit 
neuem :^eben§gefüt)( erfüllt, fo att)men wir göttli^en SebenS» 
mutb im ©ebete, fo baß wir mit neuer gi^eubigteit auä bem 
inneren ^eiügtf)ume be§ ®ebet§ aulgefin in ta§ äußere Seben 
mit feinen Stufgaben, ^fti^ten, Saften unb ©c^merjen — ober 
fo baß wir bei oller Unrutje ber äußeren Sebenlarbeit boc^ 
innerlicfi im ^eiligt^ume be§ @ebet§, in feinem ^Sabbat bleiben. 
93eten unb SIrbeiten mac^t ba§ Seben. 2(ber nirf)t fo aU ob 
ha§ jwei SE^ätigfeiten wären, bie bloß äußerlich fi(^ mit-einanber 
berbonben ober ftc^ gegenfeitig ablöften; fonbern fie follen ftet^ 
ineinanber, ftetS miteinanber oerbunben fein, ©ie ft^Iießen fic^ 
ni(^t au§, fie forbern einonber, wie ber innere unb äußere 
SKenf^, wie ©eele unb Scib. %a§ ©ebet forbcrt bo§ Slrbcitcn, 
i)a§ SIrbeiten fdrbert ba§ 93eten. ^a§ Strbeiten foU bie ©r* 
fc^einung be^ (Siebet^, bo§ ©ebet foll bie ©ee(e ber Slrbeit 
über^au^t bie ©eele be§ SebenS fein;' nid|t ein einjelneS unb 
äußerlichem ^i^uu ha§ ju anberem einjetnen unb äußcrlic^ett 
2:^un ^injutritt, fonbern ber ftet0 gegenwärtige ^intcrgrunb 



5^a§ ®ebet. 133 

■cüe^ %i)ün§, ber aüe^ lebenbig erfüllt unb trägt, üon h)o alleS 
ou^ge^t, njorein alle§ münbet, fo ta^ baburd^ alle§ ju einem 
öerförperten Qiehete ttiirb. ^aburd^ wirb ba§ ßeben in ber 
3eit an bie ©roigteit gefnüpft, in fte gefenft, unb roäd^ft au§ 
i^r ^erau^, S)Qrtn liegt ba^ ©ro^e be§ ®e6et§, bofe e§ bte§ 
jeitlic^e Seben in bie ©wigfeit rücft, mit eujigem ©e^alt er* 
füHt unb mit ©ott felbft in unmittelbaren 3uffl'"»«ß"^^«9 
bringt. (5§ gibt ba^er nid^t§ \oa§ ben Söienfc^en me^r erpbe 
nnb e^rte aU ba^ ©ebet. 3tfar ift e§ auf ber einen Seite 
bie 93eugung be§ SDJenfc^en üor ©ott, aber auf ber anbern 
jugleic^ bie ©r^ebung ju ©ott. @ä ift bod^ nja^rüc^ etnja^ 
®ro6e§, ba^ ber iUlenfdö mit ©ott felbft rebet, mit bem "^öd^ften, 
bem abfoluten ©eifte, ba^ er i^n in fein einjetnfte^ $5ntereffe 
jiefit, feine Slnliegeu öor i^n bringt, ja ouf bie 2Bitten§entfd§üe= 
-§ungen ©otte^ einmirft. ®enn roenn^auluö fagt: „tt)ir finb 
SWitorbeiter ©otte§", fo ttjitt er bamit fagen, ba^ mir mit 
t^ätig finb am SSerfe ©otte§. SSir finb biefe aber burd^ ba§ 
©ebet, SBie baö gefd^ef)e? 9fiiemanb fonn e§ fogen. ®a§ 
finb unfic^tbare ßufommenfiönge, bie fic^ unfrer Seobad^tung 
entjie^en. 3tber fönnen mir aud^ bie SSege nic^t öerfolgen 
<iuf benen ©ott unb Spfieufd^en fid^ begegnen, bie @a^e felbft ift 
\>oä), i^re SGBirflic^feit f)ängt nid^t oon unfrem Sßiffen ai). 
2)urd^ ba§ @ehet mirfen mir ein auf ©otteg 2;^un unb 
2Siflen^entf(^Iie^ungen; ja mir merben fagen bürfen: ba§ 
©ebet ma^t ben SJlenfc^en ber göttlid^en Slflmad^t unb SBelt« 
regierung t^eil^aftig. ®enn fein ©ebet ift eine SJlac^t ber 
S33elt, ©Ott nimmt e§ mit auf in ba§ ©cmebe feiner SG3eIt= 
regierung, unb ©otte§ Siebe ftefft i^re SUJad^t ber SJlad^t aud^ 
eineä ftummen ©euf^er^ ju ^ienften, ber oon if)m felbft ge= 
mirft ift. Unb nic^t ju fü^n ift e§, menn SSinet fagt: ©ott 
mirb ben ©euf^er ©ebet nennen unb ba§ ©ebet 3Jlad^t, unb 
bie SDiJad^t ©otteö mirb, menn ic^ magen barf e§ ju fagen, fic^ 
t)or ber SWad^t beugen, bie er in einen (Seufzer gelegt l^at ber 
t)on i^m ift. 8 

^ont freilid^ ^ot gemeint, baä ©ebet fei „eine tteine 2ln= 



134 6. SSortrag. S)ie 9?eItgton. 

tüanblung bon SBa^nfinn". Senn ein Seber, ber über bent 
(Sebet öon einem Slnbern betroffen tt)erbe, toerbe barüber „in 
SSern)irrung unb SSertegen^eit gerotJien, gleid^ aU über einen 
3uflanb beffen er firf) ju fd^ömen ^obe", inbem man i^n, „b(t 
er bodö attein ift, auf einer 93efd^äftigung ober ©eberbc be»^ 
treffe, bie nur ber l^aben fann, föeld^er Sewanb au^er ftd^ oor 
Singen l^ot, toaä hoä) in bent angenommenen SSeif^iiele nid^t 
ber goß ift".^ Slber man fann ha§ ®ebet ni^t mürbigen, 
menn man nitfit üon einem lebenbigen ^erfönlic^en SSer^öItni^- 
äu (Sott mei§, unb ^ant fennt ^rvat ben perfönti^en ®ott, 
aber fein lebenbigeS SSer]^äItnt§ ju i^m, fonbern an beffen 
©teile f)at er ben @e!^orfam gegen bog ©ittengefe^ gefegt. S(y 
geioi^ e§ aber einen lebenbigen perfönltc^en ®ott gibt unb ein 
perfönlic^e§ unb Iebenbige§ Sßer^ältniB bc§ 3D'ienfd^en gu t^m,. 
fo gett)i§ ift ha§ ®ebet natürlid^ unb not^menbig, unb Sieligion. 
unb ein religiöfer SD^enfrfj o^ne ia§ ®ebet gar ni(^t möglic^.. 
Unb menn ^ant bafür ben ®ef)orfam gegen ta^ (Sittengefc^ 
forbert, fo foH unb fann freilid^ bie ^Religion nic^t ol^ne bie- 
^oxal fein, aber bie 9?eIigion ift nic^t felbft hit TlovaL 
Üteligion unb ©ittlic^feit gehören jufammen; roo bicfe nic^t ift^ 
t>a ift gemi^ and) jene nic^t — mie ba§ ^o^anne^ in feinem 
1. Sriefe, in loel^em er überl^oupt bie ^ufontmenge^örigfeit 
ber beiben, 9ieIigion unb ©ittlic^fett, noc^meift unb in ®r* 
innerung bringt, fo auöbrücft (4, 20 f.): „SSer feinen ©ruber 
nid^t liebet ben er fiel^et, mie fann ber ®ott lieben ben er 
nic^t fielet? Unb bie§ ®ebot ^aben toir bon i^m, ba§ tocr 
(Sott liebet, ba^ ber auc^ feinen SBruber liebe", ®enn 9'iä^ften*^ 
liebe ober S3ruberliebe ift bie ©eele ber ©ittlid^feit, Siebe jir 
©Ott aber bie ©eele ber Sieligion. Seibe finb unzertrennlich. 
2(ber eben be|^alb finb beibe ntc^t einö unb baffelbe. 5)o§= 
njor ber gro|e S^t^uni ^ont'ä, iia^ er bie Sieligion jur 
SJiorol mad^te. Unb and) jc^t nod^ ift bo§ ein öiclöerbrciteter 
^rrt^um, eine ^^olge ber rationoliftifc^en ®enfroeifc, aU o& 
bie iKoral menigfteng bie ^au^tfad^c in ber Sieligion, bad 
anbere <BtM ber Sieligion aber, ia§ ^ogma, ta§ Unnjcfent» 



%ie Steligion im 2eben. 135 

liefere, ©leid^gültigere fei, toätirenb borfi ha§ 5)ogma ebenfo 
hjenig bie Steligiott felbft ift ittie bie äJiorQl. ^ie aJiorat tft 
bie fittlic^e SSoIIfominen^eit, bie ftttlicf)e ®ottä^nIid)Ieit be§ 
9Kenfrf)en; bie 9?eIigion bogegen ift ba§ lebenbige ^erfönlirfie 
S3onb ju ©Ott, ba^ lebenbige SSer^ältniB ju ©ott, oerntöge 
bcffen toir in ©emciirfd^oft mit ©Ott ftel^en unb oQera eine 
lebenbige SBejiel^ung ju ©ott geben. SIennt man jene etmo 
bie %xuä)t ber 9fieIigion, fo ift biefc bann toenigfteng bie 
S3?uräel. fSRan fann bie Tloval nicf)t öon ber ^Religion loS- 
löfen. S)enn toenn fie nid^t mel^r in ©ott i^re ©runbloge 
«nb lebenbige Cluelle tjat, fo fättt fie felbft bal^in, i^re 
Slutorität, Tlaä^t unb Sebenbig!eit ift bo'^in. ^vx einzelnen 
gaU 5tt)ar fann fie to§geIöft fein, mie ein Qtodq ben mon 
abgefd^nitten nod) eine 3eit long grünen fann; aber all= 
mQf)Iig gef)t i^m ber Sebenifaft ou§ unb er öertrocfnet: fo 
oud^ bie 3Jiorot, menn it)r ber Seben§äuflu| ber ^Religion ent= 
äogen hiirb. 

Xa§ innere ißerpltni^ be§ ©laubenS unb ber Siebe gu ©ott 
ift alfo bog SBefen, unb bog ©ebet bie ©rfc^einung unb 
2(eu§erung ber Siieligion. 

Setrod^ten mir nun bie ©teUung ber 9?eIigion im 
Seben! fOlan meint üielfod^, bie 9leIigion fei eine S3eein* 
trä^tigung beä notürlid^en öeben§ unb feiner 2lufgoben unb 
Sntereffen, benn fie oermeife un§ auf bie unfid^tbare SSelt; 
bomit entjiefie fie unä ber fid^tboren SBelt, in ber mir bodEj 
leben unb in ber unfre ^flid^ten unb Slufgoben liegen. Slber 
e§ ift nid^t an bem. 2)ie Sfteligion ift öielmel^r bie SRadjt 
ou^ be§ irbifc^en Seben^. 2)enn inbem bie 9fieIigion ber 
ScbenSöerfel^r mit ©ott ift, on meld^em mir bie Oueffe unfrei 
gonjen SebenS, ben ©runb unb ha§ 3irf beffelben l^oben, fo 
erfd^Iiefet unb entbinbet fie bomit unfer tieffteS Seben unb er* 
öffnet boburc^ ben Duett unfrer innerlic^ften SebenSfräfte, ha^ 
er fi(f| bcfruc^tenb über unfer gonjeS Seben, oud^ biefeö geit« 
Ii(^c unb irbifd^c, ergießt. @o ift benn bie Sieligion bie ^oft 
aucf) beg natürlichen Seben§. ©ie ift nic^t eine SBerfümmerung^ 



1J6 6. SSortrog. 3)te JReligion. 

fonbern hie Entfaltung be^ Seben^. Sltterbing^ erfc^eint \m§ 
äutneifen bie 9?eItgion in einselnen 9?eligiö[en aU eine SSer» 
fümmerung be§ Seben^. 2lber \>a§ ift eine ©c^ulb nic^t ber 
Steligton, fonbern biefer 9?eligiöfen; ba^ ift üKi§ocrftanb, nic^t 
rechter SSerftonb ber Slufgabe ber 9?eIigion. Sltterbingö ift bie 
3?etigion bie Sßerneiniing atte§ ©ünb^often im natürlid^en 
Seben. 2)enn ba fie bog Seben in ©ott ift, fo verneint fie 
otteS toa§ in unfrem Seben gotttüibrig ift. Stber ta§ natür* 
lic^e Sebeii felbft, lüie e§ ®ott gefc^offen ^at unb »iff, 
unb lüie e§ an fic^ ein @iit unb eine ^üffe ber @üter 
ift, üerneint fie nic^t, fonbern bejaht fie U|tb^ bringt e^ jur 
fcf)önften Entfaltung. S)ie 9?eIigion ift bie Xriebifraft beffelben, 
toie bie lüärmere «Sonne, roelcfie bem irbifc^en Söoben frf)önerc 
Stützen enttocft. Unb jugleic^ breitet fie über aCle biefc ®r= 
geugniffe be^ irbifc^en Seben§ ben S)uft einer ^ö^eren S33ei^e 
aus, inbem fie aüe§ in Sejie^ung ju @ott fe^t. Xa§ ift benn 
au^ gefc^ic^tlic^e X^atfac^e, ba^ taä menfc^Iic^e Seben feine 
fd^önfte unb reic^fte Entfaltung ber ^Religion öerbanft. 9ietigion 
ift bo§ ältefte Seben ber 9Jienfd^^eit, bon bem iüir gcfcf)i(f)tüc^ 
n)iffen, Qe lüeiter mx ^urücfge^en, um fo me|r fte^en aUe 
jDenfmale be§ ntenf(f)Iirf)en ©eifte^ in Qu^ammen^^anQ mit ber 
^Religion. 9teIigion ift ber mütterüc^e (Sc^o§, üon tüelc^em au§ 
fic§ ba§ ganje ®eifte§Ieben ber 9KenfcE)^eit entfaltet f)at. ®ie 
gefammte f)ö^ere Kultur Ijer 2JJenf(^^eit ift eine Xoc^ter ber 
Steligion. Qtvav eine münbig gemorbene — unb fie foll e§, 
benn fie f)at il)ren befonberen Seruf unb Stufgobe — ; aber 
auä) bie münbig unb fclbftönbig geworbene 'Soc^ter öerbinbet 
ein jS3anb ber ^ietät mit ber SJiutter. Unb toir tnürben ber* 
jeuigen Xod^ter fc^roere fittlic^e SSormürfe machen, melcf)e biefe 
^ietät gegen bie 9}iutter, beren fie nid^t me^r ju bcbürfen 
meint, öerle^te, unb mürben überzeugt fein, i>a^ bei folc^er 
©inne^ort fein Segen auf bem Seben ru^en !önne. Sle^nlic^ 
ift ba§ Sßer^öItniB ber geiftigen Kultur ber aJienfc^^eit jur 
tRetigion. @ie gefjt nun i^re eigenen, fetbftönbigen SBcge, 
unb foII e^. 5lber e§ ift ein fittli^eö Unrerf)t unb ru^t feiR 



^Religion unb ftuttur. 137 

Regelt Quf i^r, hienn [ie boä geiftige Sanb ber ^ictät jur 
IReligion fc^nöbe jerrei^t. 2)ie Sleligton fott bie ©ebiete beg 
geiftigcn ^Iturleben^ ber SD'ienfd^^eit ntd^t äufeerltc^ be= 
l^errfc^en unb i^nen ©renje, SKafe unb 3icl oorf ^reiben, 
fonbern foH btefelbe al§ ÜJiünbige be^onbeln. Slber bie innere 
(Sinnjirfung unb ber innere fieben^äufantmen^ang foll ftet§ 
fortbefte^en. 

^cner gef^id^tltd^e 3ufoniment)ang ber geiftigen 
©Übung mit ber 9JeIigion löfet fic^ auf allen Gebieten 
»erfolgen. Siie ältefte Sulturgefd^id^te ift njefentlid^ 9?eIigion§« 
gef(§id)te. Sitte Kultur beftanb im ®runbe in ber ^Religion 
felbft; bie Pfleger ber Steligion ttiaren aucf) bie Xräger unb 
Pfleger ber Silbung S)ie SBiffenfd^aften, bie ©efe^gebung, 
bie ©ternfunbc, bie ©efd^id^tfdireibung waren @a(^e ber ^riefter. 
5)ie fünfte — fie finb im ®ienft ber Steligton ermai^fen unb 
gepflegt worben. 2!ie Königin ber bilbenben fünfte xoav üon 
Hnfang an bie 2lrd)ite!tur, bie übrigen ftanben in Slbl^ängig« 
feit üon if)r unb baben erft attmäf)tig fi(^ öon if|r loägelöft 
unb finb felbftänbig gemorben. ®ie Slrd^iteftur l^at i^re 
1^auptfäcf)Iic^fte Pflege im 2)ienft ber ^Religion gefunben. ®ie 
mächtigen gelfentempel ^i^bien^ unb feine ^agoben, bie faulen* 
reichen Xempel ©riec^enlanb^, bie rogenben 5)ome ber S^riftcn* 
l^eit — ft€ finb bie rebenben B^ug^" biefe§ ®ienftoerI)äItniffeä. 
Unb fo ift e§ aud^ mit ben übrigen bilbenben fünften. ®ie 
©!ulptur Don ^etta^ ^at junäcl^ft \>k ©ötterwelt unb i§re er» 
^abenen (Seftalten jum ©egenftanb gefiabt, bann erft ift fie 
5ur S)arftettung auc^ be§ profanen Sebenö übergegangen. 'S:)k 
9J?aIerei l^ot i^re l^öd^fte unb reic^fte 93tüt{)e in ber cfirifttid^ett 
Kirche aU retigiöfe SJioIerei gefunben; a\i§ i^r erft ^ot ftc^ 
bie übrige, ^at fic^ oor attem bie ^ö(^fte ©attung berfelben, 
bie ^iftorifc^e ÜJloIerei entttjidelt. 2)ie SKufit biente bem 
©otte^bienft, unb bie ^Soefie bem greife ber Oott^eit unb 
bann erft ber SSer^errlid^ung ber gelben ; unb auc^ ha§ ©d^au* 
fpiel ift juerft eine 2lrt (Sotte^bienft gemefen, bei ben ©rieben 
|o gut wie in ber ©^riften^eit ©eutfdölanb^. Unb bo^ Dber* 



138 6. SBortrag. 3)ie »Jeligion. 

omtnergQuer ^Q[fion§[^ieI geigt unö nod^ jefet biefen Sunb- 
t)on 9?ettgion uttb barftcKenbcr ^nft: felbft ein ©mit ®cöricnt 
l^ot biefeä ©piel ber Ba^erif^en Sauern ollen Sühnen al^ 
«nerreid^te^ ÜJiufter l^ingeftellt. S^ loieberl^ole: e§ wäre 
l^öric^t äu »erlangen, bie Äultiir, SBiffenfd^aft unb fünfte 
mülten religiös fein, unb ber S'foeä ber Sirene beftimme auc^- 
bie ©renken itirer Berechtigung, ^enn tt)enn fie fid^ aud^ 
im ©ienft ber 9teIigion entwicfett !^aben, fo finb fie bod^ ni(^t 
ein QU§fcf)IieBti(i§e0 ©räcugni^ ber 9leIigion unb i^reS ®ei[te§^ 
fonbern ber natürli^e (Seift be§ 3Jienf(^en ift i^r S3oben beut 
fie entftammen, unb bie Steligion ift nur bie l^immlif^e ©onne^ 
hjeld^e biefe Meinte bem SBoben entlodft unb ju fd)öner @nt» 
fattung gebraut f)at, unb iuelc^er befe^olb aurf) bie fic^ er= 
fd^Iie^enben Slumen banfbor fid^ juttjenbeten. 216er wir fe^en: 
hoö) barau§, bo^ bie S^eligion ber urfprüngtic^e SebenS^erb, 
t>a§ ertoörmenbe f)eilige geuer ber 9Kenf(^^eit, bafe fie ber 
l^immlifc^e (Segen be§ irbifc^en £eben§ ift. i" 

Unb bie ®efc^i(^te lel^rt un^, ha^ aüe großen, fru(^t* 
Boren Briten 3e^ten ber 9teIigion boren unb ber SSerfoH ber 
^Religion oud^ ben SSerfall be0 übrigen Seben^ no^ fic^ jog. 
(£§ ift aU Würbe ben ©ebilben be§ irbifdien Seben^ ber S^' 
flufe ber SebenSfröfte obgefdEinitten, wenn i^nen ber X^u be0 
^intmelä unb ha§ Sid^t unb bie SBSörme ber ©fttne mit ber 
Steligion entjogen wirb. S)og bele^renbfte Seifpiet l^iefür ^obeit 
Wir om SSoIfe Sfroel unb feiner ©efc^ic^tc im 21. 5:eftoment. 
S)enn biefeS SSoI! unb fein ^olUUhen war wie fein onbereS^ 
ouf 3fteIigion gegrünbet. SSon feiner religiöfen Streue l^ing olle 
äußere S33o^Ifo^rt, ^ing ber 93eftonb feinet ganzen ©taotö« 
JebenS unb feiner |)oIittf(^en @eIbftonbig!eit ob. ©oö 93ud^ 
ber 3flid^ter ^at gerobeju biefen (Sebonfen jum X^emo, wie 
jeber Slbfott oon Se^ooa mit ^olitifc^er ^ec^tfc^oft beftroft 
würbe unb jebe ^olitifc^e Erneuerung burd^ bie religiöfe @r» 
neuerung bebingt war. Xie ^rop^eten Sfi^oclS waren bie 
Xroger be§ nationalen ©eifte^ unb be§ politifc^en ©ebonfcn^. 
Sücr ©runbgebanfe oder i^rer ^olitifc^en SSeig^eit unb i^rer 



®ie 9JcIigion unb ba§ notionole Sebcn. 13^ 

^jolitifc^en ^rebigten aber lüar immer ber, bofe bie 9ieIigioit 
unb bie rcligiöfe Xreue bie (Srunblage unb ©eele aud^ aller 
ftaatlid^en äßo^Ifa^rt unb ©elbftänbig!eit [ei. Unb fo toar 
benn aud^ ber Untergang S^i^acfg unb bie Sluflöfung feinet 
©taateg bie golge unb ©träfe feines religiöfen Verfalls. 2Ba^ 
toir ^ier auä ber (Sefc^id^te biefe^ SSoIfeö i« mä(^ttgen Oor= 
bilblic^en QüQtn in ber ^eiligen ©d^rift berid^tet uub gelehrt 
finbeu, baä ttiieberi^olt fid^ allenthalben aud) anbernjört§. <Bty 
ttjor cä in ©ried^enlanb , fo in 0iom. ®er SSerfolI ber die^ 
ligion unb mit i^r ber ©ittlic^feit roax haä @rfte, ber Jßerfoll 
beS bürgerli(^en ©emeinnjefenS unb ber Sßerluft ber ^oütifc^en 
@rö§e unb l^i^ei^eit ta§ QroeiW. Unb aud^ bie @efd^id)te 
S)eutf(^Ianb§ bietet f)iefür bie ungnieifel^afteften 93etege. Unb 
gerabe biefe @efdf|ic^te wie bie feinet anberen mobernen S3oIfl. 
S)enn bo unfer SSoIf öon aUen om tiefften angelegt ift, mu^ 
e§ aud^ ben ©runb feinet SebenS, aud) feinet ^olitifd^en unb^ 
bürgerlid^en SebenS, in ber 5;iefe legen, ta »o bie ewigen: 
©egenSqueHen oßeS SebenS liegen. ®§ gab eine ßeitf ba ba^ 
beutfd^e ©c^roert ber SBelt ©efe^e gab unb t>a§ beutfc^e 9iei^ 
bie einzige ©ro^mac^t in ©uropa roor. 5)a§ ttJor bie 3cit^ 
ba bie ^Religion noc^ bie äJiac^t ber öffentlidEien 9Jleinung unb 
bie ©eele beS ganjen SebenS toar. ^ie 5^^at bie mir aU bie 
gröfite X^at beS beutfd^en $ßoIfe§ rühmen, ift eine religiöfe 
3;^at, bie ber Sfleformotion — jum Seidjen ba§ bie äfteligion. 
auf ba§ (Sngfte mit bem gefammten Seben unfrei 5ßoIte§ öer- 
htüpft ift. Unfer SSoIf ^ätte ni^t jene 3eit ber ^olitif^en 
©(^mad^ erleben muffen, beren ®ni)e l^ier ouf ben gelbern öon. 
Seipäig blutig befiegelt mürbe, menu e§ nid^t juerft feinen re= 
ligiöfen ©lauben öerloren unb mit ber griöolität be§ fran= 
jöfifd^en Unglauben^ öertaufc^t ^ötte. ^ilber ba ift i^m benit 
na^ jenem alten ®efe|e gefc^el^en; toomit jemanb füubigt,. 
bamit mirb er out^ geftraft. 2)ie nationale ©r^ebung unfereg- 
SSoIfeS aber ift oor allem eine reIigiöS*fittIid^e (Sr^ebung unb 
Erneuerung gewcfen. Slfle großen 3cii9cn iener 3eit finb er»^ 
füllt oon biefcm Semufetfein, ha^ ber ®runb ber ^Jrei^eit unb^ 



140 6. $8ortrag. ®ie 9ieItgton. 

•©röBe '^eüt\6)ian'ö§ in ber 2;iefe be» beutfc^cn ©cmüt^g, irt 
bem religiösen ©touben unb ber fittlic^en Erneuerung gelegt 
Jüerben muffe. 'S)üvd) alle Sieber jener 3eit, an benen fic^ bo8 
l^euer ber nationalen Söegeifterung fo mä(^tig entjünbete, ge^t 
biefer Xon ^inburc^. 3n ben ©c^Iac^tgefängen Äörnerä, in 
ien fierjen^roarmen Siebern O^enfenborf^, in ben ge^arnifc^ten 
'Sonetten 9f{üdert§, in ben beutfc^en Siebern Strnbtö u. f. nj. 
berührt unö oHent^alben biefer religiöfe |)auc^. S)ic Scanner 
ber ^Religion ftanben im Sunbc mit bem nationolcn ®cifte, 
unb bie Spfiänner ber nationalen 3bee loaren juglcic^ tief unb 
innig religiös, ©c^feiermac^er ber X^eologe ^at mit SS3ort unb 
U^at ba§ nationale j^euer gefc^ürt. Unb 2trnbt, biefer feurige 
^ßatriot, mor ein inniger unb aufrid)tiger ©^rift, unb ber 
■@(aube an ^t^fum (St)riftum ben @o^n ©otteä unb unfer aller 
^errn unb |)eilanb mar bie (Seele feinet Sebenä, fein Xroft 
in Xrübfal unb feine Äraft in SBiberroärtigfeiten. (5r l^at 
mand^e^ Sieb S^m ju Stiren gefungen unb ein unb ba^ anbere 
Sieb öon if)m ift aucf) in unfre firrfilic^en @efangbücf)er auf« 
genommen tüorben. 

Unter allem Sebenflic^en roaä unfere 3uf*ö"be für ®egen« 
loart unb ßufunft in fid^ tragen, bünft mic^ bog Sebenflid^fic 
unb ©efa^rbro^enbfte biefe§, bo^ jmifc^en ber notionalen i8c=» 
toegung unb übertiaupt ber mobernen ^ulturentmidflung auf ber 
•einen, unb ber ^Religion unb jum X^eit auc^ i^ren SSertretern 
öuf ber anberen Seite eine folc^e Spannung unb SSerftimmung 
angetreten ift, mie fie oor 5lugen liegt unb nic^t feiten in ben 
ijffentlirfjen Stimmen fic^ funbgibt. 

@§ fei mir l^ierüber noc^ ein SBort oerftattet. 

^a§ be^errfc^enbe ^ntereffe ift gegenwärtig bie ^olitif. 
5)0^ barf mon nic^t beüagen, benn e§ ift ein crnfteS unb 
toürbige§ ^ntereffe, unb mir f)aben auf biefem (Gebiete 2Iuf* 
•gaben ju löfen. Slber bie ^olitif forbert fo gut mie alle natür« 
lid^en Seben^äu^erungen be§ menfc^Iic^en@eifteä ben ^uförnmen* 
:^ang mit bem tiefften ^ntereffe beffelben, unb t>aä ift ba§ ? 
religiöfe. 'i SBenn aber biefer 3wfantmen^ang jmifc^en bem 



S)ie S^eltgton unb bte ©egeniüart. ' 141 

iiotürlid^en unb bem religiöfen Seben irgenbtoo ftattfinbet unb^ 
oon Söcbeutung ift, fo ift e§ in 55eutf^Ianb. ®enn ntel^r nod^ 
aU eS bei onbcrcn SSölfern ber gaff ift, ift unfrei fSolte§ Strt 
unb (Sefd^ic^te fo enge mit ben religiöfen ^ntereffen unb gi^agea 
oerfloc^ten, ba^ haS SSer^ältniB ber nationalen 93ett)egung jum 
S^riftent^um gerabeju aU bie SebenSfrage unfrei SßotteS be= 
jcic^net rocrben muB unb alg entfd^eibenb für feine ^"fuwft. 
Um fo ftebenflic^er unb Der^ängniloofler ift bie Spannung unb 
SSerftimmung jWifc^en beiben. 9tic^t aU ob bie 9leügion ein 
beftimmteS politifc^e^ ©lauben^befenntnife oorfd^riebe. Slffer« 
bingS fte^t bie religiöfe ©inneänjeife in fc^ärfftem ©egenfa^ 
gegen ben reoolutionären ©eift, ber au^ nac^ eines fo ^unbigen 
Urt^cil, tt)ie ©uijot ift, bie Sufunft unfrer ganjen ©efeflfd^oft 
bebro^t. ®enn bie religiöfe 2)enftt»eifc fc^Iie^t notfinjenbig in 
fic^ bie SInerfennung be§ 9lec^tö, ber reöotutionäre ©eift bagegeu 
ift bie SJiifeac^tung be§ 9tec^t§. '^ Slber baS ift nicf)t ein politi« 
fd^er, fonbern ein fittlic^er ©egenfa^. ^n rein politifcfien i^ragen 
bagegen gehört bie fReligion feiner einzelnen ^arteiri(^tung an,, 
fie ift hjeber monarc^if^ nod^ republifonifd^, Weber abfolutiftifc^ 
noc^ !onftitutioneff. S)enn fie ift eben 9teIigion unb nicf)t ^otitif. 
Slber fie ift bie Hüterin ber |)eiligfeit beä "Steöit^ unb ber ewigen 
göttlichen Drbnungen, roelc^e bie unoerrüdtbare ©runblage unfreS- 
gefammten irbif^cn SebenS unb gefefffd^aftlic^en Seftanbe^ 
bilbcn: fie ift bie Sßertreterin eiüiger SBa^r^eiten, eioiger fitts 
lieber ®efe^e unb S^ormen, öon benen ouc^ ber poütifc^e 5öer* 
ftanb fict) leiten unb erleuchten laffen mu§, roenn er fid^ auf 
®runb ber rec^tlid^en unb ber t^atfäct)tid)en SSer^öttniffe unJ> 
Sebürfniffe eine politifc^e Ueberjeugung bilbet unb ein politi* 
fc^eg SBer^alten erwählt. 

SBir fte^en offenbar im 93eginn einer neuen Äulturperiobe. 
©0 fe^r fid^ nur immer bie neue 3"t öom üKittelalter untere 
fc^icb, ba§ mit ber ©rfinbung beö ^uloerä unb ber S)ru(fer» 
preffc ju ®rabe getragen würbe, minbcften^ eben fo fel^r unter» 
f^cibet fid^ biefc neue ^Iturpcriobe, in bie Wir mit ber freien 
treffe unb mit bem S)ampf unb ber Xelcgropfiie eingetreten. 



142 6. «ortrag. S)ie gieltgion. 

tittb, öon bcr bi^^erigen. 2)ic SSeränbcrung crftretft ftd^ nid^t 
Wofe ouf einsetne ©ebiete be§ äußeren ße6cn§, fie tft eine uin= 
^affettbe, benn fie ift eine SSeränbening be§ gattjen ®cifte§ ber. 
3eit. Slud^ in biefer SSeränberung ttjaltet &oü, beffen @cift 
1)urd^ bie ©efd^id^te ber SSöIfer unb 3eiten ge^t. Unb lüir fotten 
fein SBalten int gortfd^ritt ber Qdten unb in ben er^ö^ten 
Aufgaben, meiere er bamit ben t)erf(^iebenen ©enerationcn 5U 
■erfüllen gibt, anerfennen unb ju üerfte^en fud^en. Slber aud^ 
bie Singen nid^t öerfc^Iie§en gegen bie ©efa^ren, tueld^e ben 
Ertrag ber SSergangen^eit §u öernic^ten unb bie ©rfüttung bcr 
Aufgabe ber Bu'funft 3« ocreiteln brol^en. 5)ie ©efa^r unfrer 
^eit ift unleugbar. @§ lauert ein unheimlicher ©eift ber Seiben= 
fd^aft unb ber ißerneinung hinter ben iJotrtfd^ritten ber @egen« 
tüart auf bie 53eute ber ßufunft. @r tüirb nid^t burd^ äußere 
<^etDatt, fonbern nur burc^ geiftige ÜRäd^te übernjunben, öor 
<jllem burd^ bie ^öc^fte ©eifte^ntac^t, bie 9?eligion; unb bie 
gortfc^ritte ber IS'uItureutujicflung werben nic^t burc^ äußere 
SSeronftaltungen, fonbern nur bur^ ben inneren (Seift ber fie 
crfuüt, bur(^ ben ®eift ber 3ieIigion, gefid^ert für bie 3"fu"ft 
aU ein (Segen ber SKenfd^^eit. @ä ift unfere Slufgabe, bie 
IRetigion in biefe Seben^betüegung ber ©egenlüort l^ineinjutragen 
unb jur inneren treibenben unb fegnenben 9Jia(^t berfelben ju 
mad^en. Unb l^intuieberum foHen bie SSertreter unb görberer 
ber mobernen ÄuIturentttjicEIung wiffen unb fic^ fagen, ba§ alle 
t5ortfd|ritte berfelben tt)ie alle ©ntnjicEIung be§ natürlid^en ©eifte^ 
über^aut)t ben 'Xob in fid^ trogen unb oI)ne bleibenben ©e'^alt 
unb loal^ren fittlid^en SSert^ finb, njenn fie fic^ nid|t mit jenen 
«migen SebenSmöd^ten in Sufommenl^ang fe^en, rteld^e fic^ über 
alle biefe SSeränberungen be§ jeitlic^en SebcnS ou^breiten toie 
ber |)immel fid^ über bie (£rbe breitet, unb öon wetzen biefeS 
Seben feine innere ^raft unb feinen (Segen empfangen mu|. 
Unb fo tüieberl^ole id^ benn : ber ^wfotnmen^ang ber mobernen 
ÄutturcntnjtdEIung mit ber ^Religion ift bie Sebengfrage bcr 
europöifd^en aJlcnfc^^eit unb unfrei S3ot!e§ infonberl^eit. 

®a§ ift alfo bie Stellung unb Sebeutung bcr fRcUgion, 



3)ic 5JeIigton unb hie ©egcnloarf. 143 

^a% fic bie @ee(c oller 93eftrebungen oud^ be§ natürlid§en SebenS 
fein fott. @o ift e§ ju aflen ßeiten gettjefen, unb fo toirb e§ 
bleiben. §aben fd^on. bie onberen 9teIigionen eine SebenSmod^t 
befcffen, fo ha^ ber SIbfaff üon ber fReligion aud^ ber SSerfott 
be§ SebenS njor, mie öiel mel^r eignet biefe SebenSmad^t bent 
S^riftent^um , bem toä) ein jeber SSerftänbige, fetbft ttjcnn er 
ben c^riftlid^en ©rauben nic^t t^eitt unb an eine Offenbarung 
itid^t glaubt, bie ^alme öor offen onberen reid^en njirb. 



Siebenter Öortrag, 

T>it DffenBarung. 

SlUe 9?eIigionen laben fic^ ouf Offenbarung berufen, 2)ie^ 
tft etn3eugtti& für boä iBebürfnt^ ber Offenbarung; ber SKcnf^ 
forbert eine göttli^e Dffenbornng. ®a§ S^riftent^um ertlort 
firf) für bie 9?eIigion fdf)Ie(iit|in, inbem e§ fi^ für bie Offen« 
bgjFüng fci§Iec|tt)in erflört. 

' 1. 93etrac|tcn njir äuerft bie S'^otltoenbigfeit ber Offen* 
barung! 

2)ie Offenbarung wirb geforbert burc| bie 93ef(^affen§eit 
unfrer SSernunft wie burc| bie ©efc^affen^eit unfrei SOSiUeni. 
©ie ift ein gweifad^eä 93ebürfni^: unfrei benfenben ©eiftei 
unb unfrer fittücfien 9?atur. 

Snroiefern ift fie ein Sebürfni^ unfrei ©eiftei? 

SSir finb für ©ott gefc^affen; toix f ollen i^n fu(^en unb 
finben unb mit i^m in ©emeinfc^aft treten. Slber bamit mir 
5U ©Ott gelangen lönnen, mu§ ©ott felbft uni entgcgenfommen, 
fid§ uni bejeugen unb bargeben b, t). fic| offenboren. Qroat 
tragen mir atte ein ©otteibemufetfein unb eine natürli^e 
©eifteierfenntniJB in uni, meiere fi^ burd^ bie ©clbftbejeugung 
©ottei in ber Statur unb in ber ©efcfiid^te meiter entmicfcit. 
Slber äu biefer natürli^en Offenbarung muB au(^ eine pofitioe^ 
l^iftorifc^e Offenbarung l^insutreten. S)enn ei ift ein natürlic^ci 
SBebürfnife bei menfc|Iic|en ©eiftei, ha^ er für feine ^öc^ften 
2Sa§r|eiten, auf benen ber ganje Sau feinei fittlid^en Sebeni 
beruht, au^ eine f|ö|ere Slutorität, eine göttlid^e Seftätigung 
forbert, bamit er berfelben ungmeifel^aft gemife fei. S)ie an* 
beren ^Religionen |aben bie göttlid^e 5lutoritöt erbid^tet; ehen 



'S)xe 9?ol^li)cnbtgTett ber Offenbarung. 145 

bomit ^aben fie i^re ^iot^Wenbigfcit onerfonnt. Unb nid^t 
MoB eine Stutoritöt ift nöt^ig. @§ mu^ anä) ha§ in «n§ 
ft^Iummembc ©otteäbehJuStfein erft gcwerft unb unfer innere^ 
SBcr^ättni^ ju ®ott erft tebenbig gemod^t toerben burd^ eine 
tl^Qtfäc^Iic^e ©elbfibejeugung ®otte§ gegen un§. 2Sie haS %t' 
toiffen in un§ nur boburc^ lebenbig tüirb, bo^ un§ boä ©itten* 
gefe^ öu^erltcö entgegentritt, fo hjirb ayxö) ba§ reltgiöfe iöenju^t* 
fein in ung (ebenbig nur bur^ bie religiöfe S3e§eugung unb 
SSerfünbigung. (Srft jpenn ®ott un§ entgegentritt mit feinem 
3c^: 3i(^ bin ber §err 2)ein ®ott! njoi^t in un§ ba§ ®u auf: 
S)u bift ber $err mein @ott! @ö liegt ein tiefer ©inn in 
bcn erften ©rjäl^Iungen ber ©d^rift, boB ®ott mit ben erften 
SKenfd^en gctoonbelt unb gerebet ^obe mie ein 5ßater mit feinen 
Äinbern. SBie bog SBort, 'üa^ in ber »ruft be§ ^inbe§ fd^tum« 
mert, erft burc^ ba§ gehörte 2gort ertoecft mirb, fo mu^te auc^ 
bie ©ottc^erfenntniB, §u njel^er ber SJienfc^ gef^offeu toor, 
burd^ bie ^erfönlid^e unb gefd^ic^tlid^e ©otte^bejeugung gelüedft 
unb entnjidfelt werben. S)iefe uranföngli^e ©otteäbejeugung 
bilbet bie (Srunblage «aller ©otteSerfenntniB unb aßer 9?eIigiott 
in ber 3Kpnfc^^eit, ou^ aller oerberbten unb öerfe^rten Sfie« 
ligion. 2)ie alte 9ieIigion§gefd^ic^te ift ein SetreiS bafür 'aa'<^ 
alle ^Religion auf einer folc^en Offenborung ru^e. Senn bie 
SfJeligion ftonb in ber Urjeit auf einer öerpttni^mä^ig biet 
^ö^eren ©tufe al§ bie übrige geiftige Kultur. SBä^renb bie 
l^eibnifc^en SBötter in ber geiftigcn Äultur fortfc^ritten, finb fie 
in ber Steligion jurüdEgegangen. ®§ ift üon otten %ox\6itxK 
auf biefem ©ebiete onerfonnt, bo§ mir, je weiter hinauf Wir 
gc^en, eine um fo l^ö^ere ünb reinere ®otte§er!ettntni§ finben. 
Sllfo, fe§en mir, ift ber urfprüngtid^e religiöfe S3efi| nid^t ein 
bto&e§ ©rjeugniB ber eigenen geiftigen X^ätigfeit, fonbern eine 
Offenbarung unb ®Qb^ ®otte§. Sitte Sietigion rul^t im legten 
©runbe ouf einer Uroffenbarung, unb "tia^ 83ett)u§tfcin l^ieröon 
l^ot fid§ no(^ weit l^erunter, big tiuf ^loto unb Slriftoteleg unb 
felbfl noc^ big auf ©icero erl^alten. ' 

2)ie Offenbarung ift geforbcrt burd^ bie notürlid^e 93e= 

Sut^atbt, BortrSfle I. ll. «ufl. 10 



i? 



J46 7. SSortrag. ^ie Offenbarung. 

fc^affen^eit bei menfc^Iic^en ©eifteä, boppett gcforbcrt ober 
burd^ bie üKac^t be^S^^t^wnig, tuelc^c unleugbar in unfrcr 
(SrfenntniB ^\a1§ gegriffen ^at «nb ottel unfer SBtffen unb 
SDenfen über bie l^ödEiften ©egenftänbe üerbirbt. 9Jlan mü§tc 
blinb fein, wenn man biefe 3Kac^t be^ ^rctt)um§, ber mv aUe 
öon Statur au§gefe^t finb, leugnen toollte, ®ie ©efc^ic^te be3 
ntenfd^Iic^en ©eifteä legt ein lautrebenbel 3eugni§ bofur ab. 
Äeine 2:^or^eit gibt e§ bie nid^t i^re SSertretuug gefunben 
flotte. Unb ha too man \id) ber SBeil^eit rü^mt, in ben «Schuten 
ber ^f)iIofo^|en, fte^t SSiberf^irud^ gegen SKiberfpruc^, ^rv 
t^um gegen S^^^t^um. ®ie ganje longe ©ebonlenarbeit ber 
alten SBett enbete mit ber obfotuten Ungetüi&^eit unb ber Xroft« 
lofigfeit be^ Sroü^eU. BJian ber3tt)eifette bnran überbauet bie 
SSa^r^eit finben ju fönnen. @^on in ber ^tatonifi^en ©c^ule 
!^at man bog S8emu§tfein öon bem SebürfniB einer göttlid^en 
Offenbarung oulgefproc^en. „3Sir ttjollen töorten — ^ei|t cS 
«inmal in einem ^latonifd^en Dialog — auf (Sinen, fei eä ein 
©Ott ober ein gottbegeifterter SKenfd^, ber unl unfre retigiöfen 
^flicbten lebrt unb, mie ^t^ene bei ^omer ju ®iomebe§ fagt, 
bie S)un!elt)eit tion unfren Stugen toegnimmt.'' „SSir muffen 
«ben bie befte menfc^üd^e 5Inficbt ergreifen — fagt ^lato ein 
anberel 'Silal — um oon i^r getragen, mie üon einem gloffe, 
ba§ gefabrüoüe ajieer be§ ßeben§ ju bur^fd^iffen, menn e§ 
nic^t einen fidlerem unb gefa^rtoferen 2Beg ouf einem fefteren 
gob^jeug, ober .eine göttliche Offenbarung gibt, um biefe %a^vt 
gurücfäulegen." 2 Unb am 3(ulgang bei .^eibent^uml fpric^t 
ber Sieuplatonifer '>ßoxpi)^xiu§ oon foli^en, meldte „nad) SBabr* 
i)dt fid^ fefinenb beteten, ba§ itinen eine ©öttererfd^einung ju 
Sbcit toerben möge, bamit fie burc^ einen mit glaubmürbiger 
Stutorität begabten Unterri^t 9tu^e aul i^ren B^eifeln beraul 
crlongen mö6)kn".^ S^lid^t anberl mar el im Slbenblanbe. 
3tac^bem ©icero in langer 9teibe bie üerfd^iebenen ^b^Iofo^bi* 
fc^en Se^rmeinungen über bie Seele oufgefü^rt, fd^Iicfet er bie 
^ufjöfitung mit ben SGBorten: „SBelc^e üon biefen aJleinungen 
lüa^r fei, mog ein ®ott miffen ; fc^on meldte nur mafirfd^einlid^ 



3)ic 9?ot]^ft)cnbtgfeit ber Offenbarung. 147 

^ex, ift eine ft^njicrige groge." SBtc fottte matt üoffettbs über 
"bie ©ottfieit ©id^ereä itjiffeit unb fogctt löntteti? @§ ift alle§ 
Doli „^uitfcl unb ©d^tüterigfeit". SJlit ergreifenbeit SBortett 
f(iilbert er etntnal bte Uttgeiüifel^eit be3 menfd^ü(j|ett ©elftem in 
«Ucn ^ö^erett Sragett, bte ®uit!el^ett ber ^titge, tuetd^e eittett 
^Sofrateä jum SöefentitniB ferner Untüiffetil^eit gebracht, unb h)te 
biefen fo auc^ ben ®emo!rit, SlnajagoraS, @mpebo!te§ unb foft 
«tte Slelteren, tt)el(^e befonnten bafe h)ir nid^t§ ju berfte'^en, 
ntd^t§ 3U begreifen, md)t§ ju totffen öerniöc^ten: „bie ©inne 
feien befc^rän!t, ber ©eift frf|h)ad^, ber Sauf be§ Seben§ furj, 
unb, tt)te ©emofrtt fagt, bie SBal^r^eit in bie Xiefe tierfenft; 
nur aJieinungen unb ®ett)o^n!^eiten fierrf^en aUent^oIben, für 
tie SKal^r^eit fei fein fRaum übrig geblieben, atte§ fei fd^tiefe* 
Uä) öon ginfterniß umfloffen'' — ha§ ift ba§ trourige 93e= 
fenntni^, bei toeld^em biefer gro^e ©diäter unb Sud^fü'^rer ber 
<ittcn ^^ilofop^ie anlongt. Unb er öerfennt aud^ nid^t hen 
^ufatntnenl^ong be§ ^rrtl^umS mit ber @ünbe. „Stur 
geringe ?5unfen ber ©rfenntni^ ^at bie ^Jatur un§ gegeben, 
loetd^e mir atsbalb burd^ böfe ©itten unb Qrrtpmer öerberbt 
«u^Iöfd^en, fo boB nirgenbä ba§ Sic^t ber 9latur in feiner 
Marl^eit unb ^elle erfd^eint."^ fBa§ bereite (Jicero gefe^en, 
ia^ fe^en mir im Sid^te ber döriftlic^en Offenbarung nod^ biet 
beutli(^er. 2)enn biefem Sic^t gegenüber erfd^eint ber @d^atten 
ber menfd^Iid^en ^inftemiB nod^ oiet tiefer. Unb felbft i>a§= 
jenige ©rfenntnifegebiet mit toetc^em e§ nod^ am beften befteHt 
ift, \)a^ ber fittlid^en ©rfenntnife, ift fiieröon ni^t au§genom« 
men. (5rft bie SDtoral ber Offenbarung Ifiat aud^ ha§ notürlid^e 
fitttic^e Urtl^eil gereinigt unb befeftigt. ©elbft ^ant, ber bo(^ 
auf ha§ fittlic^e Söettju^tfein feine gange SBeltanfd^auung auf* 
boute, be!ennt: „SD^ian fann njo^I einräumen, ba^, wenn 
t)a§ ©öangelium bie allgemeinen fittlid^en Oefe^e in i^rer 
ganzen Hleinigfeit nid^t bor^er geleiert l^ötte, bie SSernunft bi§ 
ie|t fie nic^t in fotd^er Sßottfommenlieit mürbe eingefel^en 
i^oben." ^ 

Slbcr c§ l^onbelt fid^ nii^t blo^ um bie ottgemeine fittüc^e 

10* 



148 7, SSortrag. a)ie Offenbarung. 

©rfenntni^: e§ ^anbelt fic^ öornel^mn^ um bic Grfenntni^- 
be§ §etlg ber @ecle. ©o ^o(^ auc^ bie notürüc^e ®ottcg= 
erfeitntniB ftd§ ergeben mag: bie fünbenbcrgebcnbe unb l^eiligenbc 
©nobe ©otteä lefirt un§ nur hie Offenbarung, fann un§ ber 
^atnx ber ©ad^e nad^ nur biefc lehren, tiefer ©ebanfe fann 
ni(f)t im SKenf^en felbft entfielen; biefen ©ebonfen fann aud^ 
nid^t ber SKenfc^ ben SJienfd^en, fonbern nur ®ott un§ lehren 
unb eine folc^e ©etüiB^eit baöon geben, bafe unfer ®Ioubc 
barauf berul^en unb unfer religiöfeS Seben fic^ barauf grünben 
fann. S)enn wo^er foUten njir e§ njiffen, bofe @ott ©nabc ift, 
toenn t§ uns ®oü nic|t felber fogte? Stoav bie SJia^t 
®otte§ — biefe ift eine ^^atfa^e bie un^ au^ ber Schöpfung, 
entgegentritt. 5lber feine ®nabe ift ein freier @ntfc^Iu§ 
feinet ^erjen^. SDiefen tt)iffen n)ir nid^t öon un§ fetbft, 
biefen toagen toir aui^ nic^t öon un§ felbft ju benfen. Unb 
borf) ift biefe @en)iB^eit un§ hie nöt^igfte. ®enn toa§ ^ilft 
un§ alle anbete ®eh)i§^eit öon ©ottel SKad^t unb SJiojeftqt 
o^ne biefe? 

S)ie ®nabe ®otte§ aber ift ein 93ebürfni§ unfrei fittli^en 
3uftanb§. ©0 ift alfo bie Offenbarung eine f^orberung unfrer 
fittli^en 93ef^affenf)eit: fie ift begrünbet nid^t b(o§ in ber 53e« 
f c^affen^eit unfrer Sßeruunft, fonbern nocEi mef)r in ber SSerfe^rung 
unb SSerberbt^eit unfre§ SSillen^. 

@§ ift eine attgemein gütige SSafir^eit, bajä bal 93efte unb 
^öd)fte \oa§ njir t)aben @abe fein mu§. ©c^ißer ^at ha§ ju 
h)ieber!§oIten äRalen au§gefpro(^en : „SlUeö ^ö(^fte, e§ fommt 
frei öon ben ©Ottern ^erab", Unb hie bebeutenbften ©eifter, 
öjeld^e ber ©tor^ ber 3Jienfd^^ett finb, :^aben baffelbe befannt.* 
©ilt ha§ fc^on öom natürli^en ©eifte^teben, fo nod^ öietmel^r 
öom religiöfen, wo e§ fic^ um unfer SSer^Itnife ju ©ott ^an» 
belt. S)ie ©emeinfc^aft mit ©ott mu^ eine 2;^at unb ©abe 
©otte0 felbft fein. 2Bir fönnen ©ott nic^t tiaben, töir fönnen 
i^n nic^t wollen, Wenn er nicf)t felbft ftd^ un§ bargibt, menrt 
er nid^t felbft ha§ ^ex^ unb ben SBiUen un§ erfc^Iie^t, um 
il^n aufzunehmen in unfer ^ntoenhiQe^. Sft bal fd^on an fid^ 



®ie 9?ot^tt)enbtgTett ber Cffenborung burdb bic ©ünbc. 149 

itöt^ig, fo boppelt bei ber tl^atfäd^ü^cn Sefc^offen'^eit unfrer 
fitttit^cn 9'ZQtur. 5)er tteffte ©runb für bie S'lot^lDenbtgfeit 
ber Offenbarung, unb itoav einer ^etl^offenborung , liegt in 
ber @ünbe. 

2. Soffen @ie mi(^ in biefem ßwfommenl^ang üon ber 
©ünbe reben. 

2)ie ©ünbe ift eine X^atfac^e, eine allgemein onerlannte 
X^atfac^e. Silicat bto^ bie ©d^rift fogt c§, ba| alle SJlenfd^en 
©ünber finb. Unfcr ©emiffen beftätigt e§, bie tagtäglic^e ®r* 
fa^rung beä Sebenö beweift e§, alle Stimmen ber Sßölfcr be* 
flogen e§, Stllent^olben finben luir flogen über ben unfeligen 
3h)iefpoIt, ber burc^ ben SJlenfd^eji l^inburc^ge^t, junfc^en feiner 
befferen fitttid^en ©rfenntnife unb feinem entgegengefe^tenSBotten. 
@g ift ein oltbefounte^ SBort eine^ römifc^en ®id^ter§: video 
meliora proboque, deteriora sequor. „^6) fe!^' tüO^I bo§ Seffere 
unb bifftge eö, ober bem ©(^ted^teren folg' id)." Ober boä 
onbere: nitimur in vetitum semper cupiinusque negata. „'?fla^ 
bem Sßerbotenert ftreben wir ftets unb münfc^en Sßerfagte^." 
(£g ift eine 3ßoc^t ber Seibenfd^oft im URenfd^en, metrfie fein 
beffereS ©emiffen mod^tloS mad^t unb burd^ bo§ @ebot beg 
®cfe|e§ gebönbigt merben mu% ^Iutord§ fogt: „2)ie Seiben* 
fc^often finb bem aJlenfd^en angeboren, nid^t öon ou^en l^er 
erft in i^n gefommen; unb fome nid^t ftrenge 3ud^t h^ ^ütfe, 
fo toürbe ber SJienfc^ mo^rfc^einttd^ nid^t jol^mer fein aU haS 
ttilbefte X^ier". ©old^e 3c"9niffe lieBen fid^ in großer Qdf^l 
beibringen. 9lud^ ßant, ber bod^ an bie moralifd^e ^oft im 
SKenfd^en oppellirt unb boä ^fltd^tbenju^tfein für ftor! genug 
erachtet, um oUe miberftrebenben Xriebe ju bönbigen unb §u 
be^errfd^cn — oud^ er fprid^t Don einem „robifaten Söfen" im 
SKenfc^en, weld^eS im ©runbe unfrei SBefenä murjele unb ien» 
feitS oller unfrer eigenen jeitlic^en SSillenSbeftimmungen liege. "^ 
HJlott fonn fogcn: je genouer e§ ©iner nimmt unb je fttttid^er 
er ift, um fo mel^r erfennt er biefe miberftrebenbe 9Jlad^t in 
feinem Snneni, unb je ernftlid^er er on fid^ orbeitet, um fo 
me^r mufe er barüber feuf^en. Slber bie öotte @rfenntni§ ber 



150 7. SBortrag. ®ie Cffenbarung. 

©ünbe ^at erft ber S^rift. 2)enn erft an§ ber SSergebung b«r 
©d^ulb erlennen wir bie @rö^e ber ©d^ulb ; unb erft im ^ampf 
mit ber ©üitbe erfaf)ren mir bie botte SWad^t iinb ^errfc^aft 
ber ©ünbe. Slber luenigj'tenS ein onnöfiernbe^ ©efü^I bieje* 
fd^meren Seiben§ unb biefer ©d^ulb ift auä) au§erl)alb be0 
ß^riftent^umä öor^anben. ®ie 2)id^ter unb S)en!er ber Jßölfer 
finb unerfdE)öpfIid^ in i^ren flogen über ben So^imer be^ 
SebenS. 2lIIerbing§ i[t e§ nic|t boö Seib ber (Sünbe ottein^ 
i{)re Sd^ulb unb ii)re 3D^ac^t, ma§ fie bef lagen; e§ ift ba§ Seib 
beg Sebeng überhaupt unb ber ganje Sammer ber @rbe, ma§ 
in ben Stimmen ber SSöIfer afler Sönber unb Reiten ju fo 
ergreifenbem Stu^brucf fommt, 2lber e§ ift bod^ "öa^ Seib ber 
©ünbe unb tü§ frfimerjlid^e @efüf)I unfrer fittlid^en SSer* 
fcE)uIbung unb D^nmad^t audE) mit gemeint. ©^ ift ma^r, e^ 
ift über bem g'onjen griecbif(^en Seben unb SSefen ein |)auc^ 
ber $eiter!eit ausgebreitet. 9Kan ' t)at bog oftmals ai§ einen 
beneiben§mertt)en SSorjug ber alten SBelt gepriefen. ©oet^e 
f)at in feiner ©d^rift über 2Bin!eImann bie unöermüftli^e ®e* 
funbl^eit be^ ontiten Seben^ gerütimt. Unb unfre neuen ^re« 
biger eineS nicf)tc^riftlicf)en .^umani^muä, mie S)Qöib ©trau^^ 
feiern bie gefunbe ©innlic^feit ber griec^ifc^en SSelt unb galten, 
fie ber rf)riftlict)en SBelt ai§ unerreichte^ Sbeol oor.^ 2lber 
man überfielt bie tiefe ÜJlelandEioUe , meiere fic^ bur^ bo^ 
gange gried^i[c|e Seben ^inburd^jie^t, bereu 3"9 iören ^öc^ften 
ÄunftttJtrfen aufgeprägt ift, bcren 3^on i^re ^oefie fo ergreifenb- 
mac^t. 2)iefer Jon ber 0age lautet mie bie SSeiffagung einer 
3eit, mel(^e bie ma^re SSerfötinung erft bringen fott. ©erobe 
bieB ift haä Xiefe, SSo^re unb ©ro^e ber antifen SSelt unb- 
barin liegt i^r mefentlic^er Sauber, ©ben meil fie bie SSer* 
fö^nung noc^ nid^t lennt, barum breitet fie einen §ouc^ ber 
^eiterfeit aud) über bie ©c^merjen beä Sebcnä auä unb ber* 
I)üIIt fic^ öor t^ren eigenen Surfen bie gonge 2iefe be§ mcnfd^= 
liefen (SIenbä — mie eä Senau fo treffeub in feinem ©abona* 
rola gef(^ilbert: 



2)te Sünbe. 3^re SlDgemeinl^eit. 151 

®ie fünfte ber ^eDenen fannten 
9?ic^t ben ©rlöfec unb fein Sid^t; 
®rum fc^eräten fie fo gern unb nannten 
2)e§ ©c^raerjeg ticfften Slbgrunb nicf)t. — 

S)af; fie am ©d^merj, ben fie ju tröften 
9Zi^t rceife, un§ fonft üorüber fü^rt, 
®o§ l^alt' iäf für ber ^'•ul'er größten, 
* 3)ur(^ ben unä bie Slntife rü^rt. 

Slber burc^ alle biefe |)üflen brid^t bod^ ber Saut ber 
fd^nteräen^ooflften ^tage immer tpieber burrf). %a^t aUe 2)id^ter 
ber ©ried^en tüetteifern mit einanber in ber SBeliKage über 
ben Jammer be§ SOienfd^enlebenä — öon §omer on, bem 
erflen, ber ben SKcnfrfien bo§ jammeröoUfte offer 2Be[en nennt, 
big l^erab ju ben legten. Unb aU ein ©^rud^ öieler SBeifen 
trirb bo§ SSort angefufirt: 

6§ ift \>aä S3efte nimnterbor geboren fein, 
^od) wenn geboren, eilig an bem ^iel 5U ftel^n. 

®er Stömer ^Iiniu§ aber fc^itbert h)ie ber 9J?enfd^ unter 
oHen ©efd^öpfen allein „mit SSeinen unb X{)ränen ben %ag 
feiner (Seburt begrüße'^ — oI§ a!^nte er im 9?orau§ offe bie 
Seiben bie i^n ernjarten. Unb ju biefen Seiben gäl^It ^Iiniu§ 
oud^ bie Seibcnfd^aften unb bte ftttli^en UeBel überhaupt, bie 

'ben 3)len[c^en oerfotgen. „®arum foff ein ^eber — jagt er 
ein anbereg SJlat — oor allem bamit fein ^erj beru!^igen, 
ta^ bo§ größte affer ©üter, metd^e^ bie 9Jotur bem SJienfd^en 
tjerlietien, ein red^tjeitiger %oh, unb ha§ Söefte baron gerobe 
ha^ ift, bafe Seber fid^ if)n fetbft üerfd^affen fonn." S)er be* 
fanntc ©prud^ 9Jienanber§: „2Ber ein Siebling ber ©ötter ift, 
ber ftirbt in ber ^ugenb", toax in affer 3Kunbe. Sei 2ld^iffe§ 
om SInfang, bei Sllcyanber om @nbe ber gried^ifd[;en (Sefd^id^te 
fa^ mon bie^ SBort crfüfft. iBeibe ©cftalten, in meldten fid^, 
Wie $egel fd^ön unb geiftreid^ ausführt, ba§ ganje SBefen unb 
Seben be§ ^effcnifd^en SßoIfeS abfpiegelt, l^aben einen elegifd^en 
3«9. Unb roie cg bei ben ©rieben ift, fo ift e§ bei offen 



152 7. aSortrag. S)ie Dffcnbarung. 

ebleren SSöIferit ber alten SBelt, befonberö bei bcn ^nbcrn, ba% 
ber S^Q ber Srauer i^rent Slntli^ aufgeprägt ift.» 

Unb bo^ fe^It btefen klagen über ben Santmcr be^ Sebenl 
ber eigentlid^e ©tadlet. Unfer [ittKc^eö 93ewu§tfein ift gefc^ärfter 
aU ha§ ber 2IIten. SBtr tpiffen, ba^ ba§ |>auptübel be§ Seben« 
fittlid^er 3^atur ift — bie ©ünbe. 

®ag Sebeu ift ber ®üter ^öc^fteö nic^t, 
2)04 Quer Hebel gröBte^ ift bie Sc^ulb. 

Unb auä) ber alten SSelt war boä SSehJufetfein ^ieöon nic^t 
tJöHig fremb. ^i me^r fie fittlic^ fant, um fo beftimmter 
fproc^ fie e§ auä) au§. „SSir olle finb böfe", fagt ©cneca. 
,,2Ba§ ber Sine an bem SInbern tabelt, bag wirb geber in 
feinem eigenen 93ufen mieberfinben. S3öfe leben mir unter 
«Öfen/ 10 

2tIfo: bie 8ünbe ift eine allgemeine S^atfac^e, unb fie ift 
ta§ Uebel aller Uebel, fo ha^ baburc^ ha^ Seben aufhört lebem?* 
mert^ ju fein. 

S)iefe 3Koc^t ber ©ünbe fe^en mir in ber ©efc^id^te ber 
HKenfc^en malten, fomcit mir and^ jurüdgel^en mögen. @§ ift 
ein alte§ Problem be^ menf^Iic^en ©eifteg, mo^er bo§ S3öfc 
flamme. Sie Slntmort meiere bie ©c^rift boranf gibt, ift bie 
einfa^ftc Söfung beffelben. > ^ Sie @ünbe fann nic^t oon ®ott 
felbft ftammen, benn er ift ber ^eilige unb ©ütigc. Sie fann 
ni^t au§ ber Statur etma ber SKaterie ober unfrei ßcibcg 
u. bgl. ftammen, benn aucb bie förperlic^e unb finnlic^e SJatur 
ift eine ©cfiöpfung @otte§. @ie fann alfo nur ou3 bem 
SJlenfc^en felbft ftammen, au§ einer Xl^at feiner S^ei^eit, aug 
einem StbfaH üon feiner urfprünglic^en 9iein^cit unb ^o^cit, 
meldte mir nic^t me^r aU SBirHi^!eit, fonbcrn nur ofe 
gorberung in un§ tragen, mie bie Slbenbröt^e eineä unter« 
gegongenen Xage^, mie bie Erinnerung eine^ oerlorenen ®lüdei 
— eine Erinnerung meiere burc^ bie 2;rabitionen afler SSöIfer 
öetjt. Uebcraü finben mir (Sagen unb SR^t^en öon einem gtürf» 
feiigen 3uf*ottb am Slnfang unb einem fpöteren S3erlufte be?* 
felben burc^ bie ©ünbe be§ SKenfd^en; foft ottent^olben, he* 



S)te (Bnt\tef)ünQ ber ©ünbe. 153 

fonberg im Orient, ru^cn auf biefer Sc^rc bte üSrtgen xdu 
giöfcn SSorftellungcnJ^ 

5)er biblifc^e 93erid^t fd^ilbert bic @ünbe ber ©rftgefd^affnen 
nU bic fjolge einer SSerfud^ung bie an ben 2Jlenfd^en §eran* 
getreten fei unb i^n ju ^aU gcbra(^t l^abe. S)oburd^ beutet 
fie eine berfut^Iic^e geiftige SRad^t außer bent 9Jlenfc^en an — 
eine Stnfc^ouung bie fpäter eine auögebilbetere Se^rgeftott unb 
im neuen 3^eftamente eine burc^greifenbe Scbeutung gehjonnen 
l^at. ®dgen feine onbere Se^re aber ift ha§ moberne SettJU^t« 
fein fo eingenommen al§ gegen biefe. Unb atterbingS, hienn 
fie bem Slbergtauben ober ^Janatiämug bient, ober baju miß* 
brandet njerbcn Jott bie @c^ulb ber ©ünbe oon un§ objuwäljen, 
fo fträubt fid^ bagegen unfer fittlic^eS 93ett}ußtfein mit Ste^t. 
Unb boc^ ift e§ im S^tereffe ber 9)lenfd^üct)fett, ben 9Jlenfd§en 
cU SSerfü^rten unb nid^t aU ben ©rfinber unb legten Url^eber 
ber ©ünbe ju benfen; ber 3Kenfd| ift nid^t ein§ mit ber ©ünbe, 
€r ift ni^t fatanifc^. S33äre er bieß, märe er felbft ha§ ^rinjip 
ber ©ünbe, er möre nic^t ertöäbar. 216er (Sott ßob, er ift er« 
töäbar, er fann gelöft merben öon feiner ©ünbe. STIfo ift fie 
itid^t fomo^t au§ i^m !^erou§, aU öielmel^r in i^n l^tnein^ 
gefommen. 5)a§ üerminbert nic^t feine ©d^utb, fonbern milbert 
nur i^re folgen, (ö§t ober bie ©ünbe felbft nur um fo crnfter 
crf^cincn, inbem mir fe^en, boß fie nld^t auf unfer ^^ntoenbigeS 
befc^ronft ift, fonbern alä eine objeftioe 3Kac^t oußer un§ in 
ber ®efc^i(^te maltet unb i^ren ©d^atten hi§ in unfer tnnerfte§ 
©eelenteben ^ineinmirft. 

3Ran ^at oielfad^ baran Slnftoß genommen, ba'^ bie ©d^rift 
bie erfte ©ünbe ofö einen äußerttd^en finnlid^en Sßorgang, faft 
olS eine finblid^e Xl^at fc^ilbere, unb bod^ jum foIgenfdEimerften 
©reigniß für bie ganje Oefc^it^te ber 3Jienfc^]^eit mad^e. 5lber 
mir foHen eben nid^t bei bem äußeren |)ergong fte!^en bleiben, 
fonbern burc^ biefe äußere ^üfle ^inburc^ bie fittli^en Sßor« 
gänge im Sebcn ber ©eele mal^me^men. Unb biefe finb oon 
tieffter einfd^neibenber S3ebcutHng. S)enfen mir unö ben HKen» 
jd^cn in ber erften feiigen Harmonie alleS feine§ ^en!eng unb 



154 T. SSortrag. 3?ie Cffenbarung. 

SSolIen^ mit ®ott, njtc er nun irre wirb an ber Siebe ®otte§^. 
tüie ber S{rgtt)ot)n in i^m auffteigt, boB @ott qu§ S^ieib i^nt 
toiüfürlid^ ein ®ut öerfage, an hjelc^eg bag ©lücf [einer 3«== 
fünft gefnüpft ift, unb rtie er nun hai ©ebot ®otte§ üernjirft. 
nnb feine 3ufunft felbft in feine |)anb nimmt, um fi^ felbcr 
feine ßufunft ju fc^affen auf bem SQ3ege be§ Unge^orfam^ 
gegen ©ott — fo merben mir fagen muffen: feine ganje innere 
^ergen^ftellung gu ©ott feinem SSater ^at fic^ bamit öer!el^rt^ 
er ift avi§ bem ^inbfd^aft^ber^ältniß ^u ©ott fierau^getreten, 
er f)at fic!^ gelöft öon ®ott, er ^ot mie ber öerlorene ©o^rt 
innerlid^ ha§ SSater^ou§ öerlaffen unb ift in bie*^rembe ber 
©otteäferne gejogen. 2Ba§ Sßunber ta^ er bamit feinem @Ieni> 
entgegenging? SJlan mu^ fid^ nid^t an haS 2teu§ere blofe galten 
— ba§ ift ha§ Unroefentlidiere unb ift öeranlafet burc^ ben 
Sinbl^eitSjuftanb ber erften 2Kenf(^en; fonbern man mu§ bic- 
innere fittlicfie Sebeutung'^be^ SSorgang§ mürbigen. S)a mirb 
man bann moI)I erfennen unb jugefte^en, baö er üon ent« 
fd^eibenber S3ebeutung ift; unb je me^r er am 5(nfange ber 
©efcEji^te unb beg no(^ jugenblic^en Seben^ ber 3D^enfc^^eit 
ftel)t, ta i^r ganje^ S5?efen firfi no^ nirf)t befeftigt fiatte, unt 
fo entfd^eibenber ift er. @r i)at bie Söebei^tung einer ^ataf^rop^e 
für i)a§ Seben ber 9)ienfcf)^eit. 

Sene %^at be§ 2lnfang§ mar i^rer ^atnx nad^ berl^ängniB«- 
öoH für ha§ ganje ©efd^Iecfit. SDenn ftc mar bie 2;^at he^ 
Stnföngerg, in toelc^em ha^ gange ©efd^Iec^t repräfentirt unb 
gufammengefafet mar. 2Bir füt)Ien e§ alle bafe jene X^ot Unf- 
älle onget)t, ha^ fie nic^t etma§ 3ufäflige§ unb ®leid^giltige§ 
für un^ ift, fonbern ta^ mir babei mit intereffirt finb, mie e*- 
überatt unb immer bei §anblungen oon 9icpräfentanten einer 
©efommt^eit ber gall ift. Unb ba§ biefe l^at un^ onge^t, er* 
fotiren mir aud) t{|atföc^Iicf) on ifiren t^otgen. ®enn mir 
]|aben alle unter benfelben gu leiben unb §u büfeen. SBer famt 
leugnen bafe in un§ üon üorn^erein eine f^Iimme S'leigung 
mo^nt, bie in allerlei au^ unmißfürlid^en 9leu§erun*gcn biefc^ 
fünbigen @runbe§ fic^ geltenb marf)t? Sltterbingö ein ^ni> 



^ft ^errfc^oft ber ©ünbe. 155 

l^ot cthjoö Unfc^uIbigeS, felbft feine Unarten l^aben oftmals faft 
etnjQ^ Sieben§mürbige§; ober burd^ alle biefe Unfd^ulb unb 
StebenShJÜrbigfeit brid^t bod^ oft ein bebenflid^er |)intergrunl> 
l^crüor. @§ ift ein olteä griec^ifc^e§ Sprid^hjort: SBer nid^t 
gegerbt toirb , tt)irb nic^t erlogen. Unb aud^ toir fagen un§ 
QÜe: man borf bie SfJatur nid^t »üolten unb tuud^ern laffen toie 
fie njiH, eö ttjürbe fonft ba§ Unfraut fo reid^Iic^ auffd^iefeen^ 
ha^ c§ ben guten ©amen ganj überttjud^erte. 80 erfennen mir 
olfo Ott, ha% im jugenblid^en iBoben f^on tjon öornl^erein Oief 
Unhroutfame legt. SSir aße, je meiter mir in unfrer fittlicfien 
©ntmidflung fommen, um fo me^r erfahren mir biefe über*^ 
fommene fittlid^e 9?erberbni§ — bi§ ju bem ©efü^I, ha% e§- 
feine ©ünbe gebe, §u meldEier nid^t bie Äeime unb ajJögti(i)feiten. 
in uns lägen. 

2)iefe fc^limme fittüc^e 2(rt — mie e§ ^ant ber SJloralift 
nannte: ba§ rabifale ÜBöfe — eS ift mefir aU blofe bie ?IRad)t 
unfrer finnlid^en Statur. ®S ift eine geiftige ÜJlac^t fittlid^er 
Jöerfe^rung; e§ ift eine üble Steigung unb S^iid^tung unfrei 
SBiUenS. Unb motten mir ba§ 2;ieffte unb ©rfilimmfte nennen^ 
fo muffen mir fagen: mir finb oon |)aufe auS atte ©goiften — 
nur in öerfd^iebenen ^^ormen. 2)a§ felbftfüd^ttge SBefeu ift eS,. 
\>a§ fic^ in atteS, ouc^ unfre beften Xugenben, mifc^t unb fie 
üerberbt, unb nur etma öon ber ©etbftgered^tigfeit unb ©elbft* 
gufrieben^eit noc^ übertroffen mirb. 

SSon biefer fd^Iimmen 2(rt fönnen mir un§ nid^t felbft 
l^elfen. 2Bir l^aben jroar ein fittlic^eS Söemu^tfein in unS unb 
^aben eine fittlic^e ^aft beS SBittenS. SIber unfer fitttic^eä 
S3emuBtfein, unfer ©emiffen befreit unS nid^t öon unfrer ©ünbe, 
fonbem überführt unS nur oon berfetben; eS befiehlt unb c^ 
ftroft uns, ober eS |ilft unS nid^t. 2)ie £raft uufreS Sößitten^ 
ober, fie bient unS gmar ba^u — unb ha^ mirb Oon einem 
Seben geforbert unb fonn deinem erloffen merben — bofe mir 
uns bel^errf^en, unb eS ift etmaS ©ro^eS um bie ©elbft» 
be^errfd^ung; ober bomit änbern mir bie üble Sfleigung unfrei 
.gerjenS nici)t. 2Sir legen unS felbft in 33anbe; ober bomit 



156 7. SSortrog. 3)ie Offenbarung. 

tnad^en toir un§ eben nur ju ^nec^ten beä ©ittengcfc^eS unb 

fommen nic^t jur toa^rcn fittltc^cn grei^ett. Unfct ^erj mn| 

«nberg hjerben, bte innerfte 0lid^tung unfrei SBiffeng — bann 

erft fte^t e§ gut mit un§. ^ant ^at fic^ bamit begnügt ju 

-forbetn, bo^ man im SSiberfpru^ mit feiner S^ieigung ^anble. 

"Slber ha^ ift bod^ nid^t ber ^ödiftc ©tonbpunft bcr ©ittlic^feit. 

Hnb mit 9Jed^t ^ält i^m ©exilier entgegen: 

Hebet fein §erj ju ftegen ift gro§, ic^ e^re ben Jopfern. 
Sbcr »er burc^ fein ^erj, fitget, er gilt mir noch me^r. 

Slber ha mu§ e^ freilief) mit bem ^ex^en felbft 'richtig bc* 
ftellt fein. Slöein ha^ erreid^t Sfiiemanb üon fic^ felber. 
<S(i)iIIer f)at gemeint, bie Sleft^etif fei biefe 3Wad^t — biefe 
i)at er an bie ©teile be§ fategorifc^en Si"pc^ötiö§ ^ant§ gc» 
fe^t — : burc§ iaS SJiorgent^or be§ ©c^önen follen mir in 
l)a§ Sanb ber fittlic^en grei^eit eingeben. ^-Uber haS ^ot fic§ 
aU Xäufd^ung ermiefen. '^ Steine natürliche 2JJad^t, feine 
Ärafl be§ eigenen (Seiftet fann aus' un§ anbere SKenfc^en 
machen. ®a§ fann nur ®ott. ®enn mer fann fein $erj 
änbern? (5§ mufe eine ^ö^ere SJla^t über unS fommen, bie 
unfer ^nwcii^eg änbert. 2Sir finb unöermögenb baju. ®ie 
befreienbe unb erneuernbe fittlic^e ^raft fann un§ nur üon 
■©Ott fommen. 

^er ^auptgrunbfa^ aller toorc^riftlii^en SKoral mar, ben 
"SJienfd^en auf feine eigene fittjic^e ^aft ju ftellen, mö^rcnb 
haS ©^riftent^um i^n an bie ®nabe tjermeift, bie in S^rifto 
«röffnet ift, Slber jene 9KoraI \)at bei bem Untergang ber alten 
"SSelt i^re D^nmad^t erfahren, mä^renb bie d^riftlic^e Ißcr* 
fünbigung ber @nabe bie SSelt erneuert ^at unb fic^ jcberäcit 
cU bie einjige fittlic^e äJiac^t ermeift, meiere bie fittlic^en SBiber« 
fprü^e bc§ menfd^Iic^en Seben§ überminbet. 

®a§ menfc^üd^e 5)afein unb feine ©efc^id^te ift tjoll tjon 
^iberfprüd^en , meiere in i^rem tiefften ©runbc ftttlic^er 2lrt 
unb Sfiotur finb. SBiberfprüc^e bc§ inneren ßebcng, äh)ifc^cn 
i^orberung unb ©rfüHung, jmifc^en SSeftimmung unb SBirttid^« 
feit, unb SBiberfprüd^e be§ äußeren Seben§, mic ber nie enbenbe 



®te 4)errj(^Qft ber Sünbe. 157 

ÄQtnpf ber SSo^rl^eit mit ber Süge ober bie Ungered^tigfeit ber 
äußeren ©d^idffale u. f. tt). %üx biefe SBiberfprüd^e gibt e^ 
feine anbere ©rüärung aU eben jene Slnfangät^otfod^e 'iier 
©ntjhjeiung beg Sebenö mit fid^ felbft, moburd^ bie fittüc^e 
SBelt ou§ ben gugen fora. '^ SBo^er jott nun aber Teilung 
unb ^ölfe für biefen 3wftönb f ommen ? ^ein beffereg [ittlid^e^ 
SBiffcn, me^ @ofrote§ meinte, fein ^Jortfc^ritt ber Silbung unb 
Kultur, h)ie man je^t oielfac^ meint, l^ilft barüber l^inou§. 
2;enn ber fc^Iimmen Steigung be§ ^erjen^ , gegenüber ift aud^ 
iaä befte SBiffcn unb bie l^öd^fte ©rfenntni^ o^nmäd^tig. Unb 
mit ber ©ntfaltung ber geiftigen f^ä^igfeiten entmidett fic^ aud^ 
ba§ 93öfe. SBie eä im einzelnen SKenfc^en ift, fo ift e§ aud^ 
in ber ©efc^ic^te ber 3Kenfc^^eit. 3)ie Kultur önbert bie gorm 
ber ©ünbe, aber "minbert nid^t i^r Safein unb i^re |)errf^aft. 
$)ie Ä^ultur fe|t an bie ©tette ber S^atürlic^feit bie ^unft. 
S)amit njerben ou^ bie ©ünben ju ©ünben ber Kultur, fie 
toerben nur raffinirter, aber nid^t weniger, bielmelir oft nur 
mc^r unb fc^Iimmer. '^ 211^0 bie eigene (£nth)idEtung be§ menfc^« 
liefen ®eifte§ fü^rt unö i|icf|t barüber l^inauö, fonbern @ott 
mufe ber ©ünbe eine ani^fere 3Jia^t gegenüberftellen unb fie 
in bie 9)Jenfc^^eit unb ifire ©efd^ic^te ^ineinfe^en. SSir tragen 
alle ein ^btdi in un^, ben ©ebanfen unb 'ba§ 93ilb eine§ 3"= 
ftanbes ber S)inge, • in mcld^em aöe^ fo ift mie eö fein foüte,^ 
in n)eldf)em ®otte§ SSille ottein jum fteten unb fri3^Ii(^en 
SSottjug tommt unb ©ered^tigfeit auf ßrben lerrfc^t, feine 
©c^ulb me^r ba§ ©ewiffen brüdtt unb feine Seibenfrf)aft met)r 
unfer 2)enfen unb SBotten in 95anbe fd^tägt, unb roiv un^ 
nidEit me^r ju f(^ömen ober ju furdEiten ^aben, wenn toir bem 
^eiligen unter bie Stugen treten. SBir nennen biefeä unfer 
^Ual taS m9i6) ©otteg. S)a§ ift bie Sluflöfung atter SBiber* 
fprüc^e, bog ift bog 3iel b*er ©efcfiic^te, bie treibenbe, be« 
tocgenbe SJiad^t berfetben. 2)iefeg SfJeid^ ©otteä ift fein natür* 
lid^eS ©r^eugni^ ber ©efd^id^te. SD^ian fonn nid^t 3!rauben lefen 
öon ben S)ornen unb geigen üon ben Sifteln. S)a§^eid^ ©otte^ 
muB eine 2;^ot ©otteg fein, bie SBirfung feiner Offenbarung. 



158 '• SSortrog. 55te Offenbarung. 

Sterin alfo, in her fittlid^en ©ntätueiung unfrcS ®afetn0, 
in ber ©ünbe, ift im legten ©runbe bie Sf^ot^tuenbigfeit 
jeiner Dffentarung begrünbet, menn un0 überhaupt geholfen 
werben foH. 

3. SJion f)at jtoar mand^ertei ©intuenbungen gegen i^rc 
lUiöglii^feit erlauben. 2l6er biefc finb leidet ^u fieben. @§ 
flibt eigentlid^ nur einen ©intranb gegen bie 9JiögIic^!eit ber 
Cffenbarung, unb biefer f)ei§t: eS ift !ein (Sott. SBo man 
feinen perfönlid^en unb lebenbigen ®ott fennt, ba fonn man 
freilid^ auc^ bie 9}ZögIid^teit einer Offenbarung ©otteS nid^t 
gugefte^en. 5Ca fud^t man benn nac^ man^erlei ©rünben, mit 
benen man jenen legten unb eigentlirfien ®ninb nur öerbedft. 
2Ber aber einen ^jerföntirfjen unb lebenbigen ©Ott glaubt, für 
ben ift bie 3JJögIirf)feit einer Offenbarung beffelben bie einfache 
Äonfequenj. ^enn foUte ber melc^er ba§ Seben ift bie Un* 
benjeglic^f eit , rveld^ev bie Siebe ift ha§ ©cfimeigen fein? @^ 
n)äre ein SBiberfpruc^ mit feinem SBefen. Unb menn un§ ®ott 
noc^ fo febr bemiefen märe — biefer 2Siberfpru(^ mü§te un§ 
in unferem ©tauben irre machen. @o menig ift bie Offenbarung 
ein SBiberfpruc^ gegen ®ott, ta^ öielme^r ber 9JJangeI berfelben 
ein folc^er möreJ^ 

@§ ift ein munberlicfier Sinmanb, menn man un§ ent* 
gegen^äft, e§ fei mürbiger öon ©ott unb feiner SSoIIfommen= 
^eit gebac^t, trenn man annehme, ha^ er nic^t nöt^ig gehabt 
i^dbe in einer nad^trögti^en Offenbarung an feine SBelt 
bie nac^beffernbe §anb ju legen. 3llS ob e§ fid^ l^ier um 
tJiad^befferung f)anbeltc unb nic^t t)ielme^r um unfer, ber 
irrenben unb fünbigen ajienf^en S3ebürfni§, ta^ ©ott mit 
feiner SGBa^r^eit unb feiner ©nabe un§ entgegenfommc, bamit 
mir gn i^m fommen. Ober menn man meint, burc^ eine Offen« 
barung merbe ber menf^Iirfic ©eift jur bloßen ^affiöitöt ber* 
urt^eilt, ma§ beffelben unmürbig unb aud^ feiner Statur miber* 
fprec^enb fei, benn fein SSefen fei Slftiüität unb eigene 5ln* 
ftrengung. IBä^renb boc^ au^ fonft ba§ Söefte, auc^ bk beftcn 
©ebanfen un§ gegeben merben, unb unfre Slufgabe bann nur 



aKögltc^feit bec Offenbarung. Xa§ SSunber. 159 

ift, toettit fte tote Sterne am ^orijont unfrei ®eifte§te6en§ 
aufgeben, fte in unfer ©ebonfcnleben oufjune^men unb ju 
öerarbeiten. ©inb tutr bod^ in oHen fingen junäd^ft (£m* 
))fangenbe unb bann erft felbftt^ätig SBirfenbe. SSoHenb^ tüenn 
^g fid^ um bie l^öd^fte SBa^rl^eit unb bie ©emeinfd^oft mit ®ott 
^anbelt! 

^ur§, tüir mögen auf Oott fe^en ober ouf un§ fetbft — 
fieibe SWale luerben mv fagen muffen: eine Offenbarung ®otte§ 
ift fo tuenig unmöglich, ba^ fie öielme^r @otte unb un§ felbft, 
unfrcm SSefen unb Sebürfnife nur entfpred^enb ift. 

4. Slber wenn man au^ bie| alle§ jugefte^t, fo bleibt boc^ 
immer noc^ ein 2(nftoB übrig für ha§ moberne Renten — 
iia§ ift ba§ SG3unber. i' SBer Offenbarung fagt, ber fagt 
SBunber. 3Iber SBunber — fäl^rt mon fort — finb unmögtid^. 
'5)ie alte SBelt ^at bie SBunber für mögüc^ ge|a(ten; barum 
l^at fie biefelben ouc^ für h)ir!Iic6 gefiatten unb boran geglaubt. 
SBir toiffen bafe fie unmögtid^ finb. ®ie atte SBelt ^at SSieIe§, 
toaä fie nid^t natürlich ju erüären bermod^te, übernatürtit^ 
«rftären ju muffen geglaubt unb fid^ fo benn jur Slnna^me 
be§ ?Bunberä geflüditet. SBir finb biet me'^r eingebrungen in 
ba§ ^nnext ber ^atux unb t)aben i^re Gräfte unb ®efe|e 
ganj anber§ erfannt aU jene. ®er moberne ©eift l^at jenen 
getieimnifeboHen Urloalb ber SBunber gelid)tet unb fein Lüfter 
berbannt, unb toa^ no(^ nid|t lid^t ift, bai tbirb lid^t tberben. 
S)er moberne (Seift forbert ha^ alleS natürtid^ juge^e. S)a§ 
üBunber ift ein SSiberfpruc^ jum mobernen @eift. tiefer 
muB "öa^ SBunber für unmöglidö erftören, alfo aud^ bie Dffen« 
barung. 

2lIIerbing§, e§ ift eine gorberung be§ ®eifte§, affe§ in 
feinem natürlid^en unb not^ttjenbigen ^ufammenl^ange ju be=» 
greifen. Slber gibt e§ nur ein ©ebiet ber S^Jotl^njenbigfeit, 
^ibt eg ni(^t auc^ ein ©ebiet ber greil^eit? ®er SJienfd^ fte^t 
unter bem ®efe^ ber 9^ot^h)enbigfeit, fofern er ein Statur» 
ibefen ift, fofern er ein ©egenftanb ber Sfioturtüiffenfd^oft ift. 
3(ber ift ber SKenfd^ nur ein S^aturhJefen, ift er nid^t aud) ein 



166 7. SSortrog. 2)ie Dffcnborung. 

ptv^önliä)e§ , ftttli(^e§, alfo freiem äSefen? 3ft ^^ "ur ein 
©egenftonb ber ^^^fif, ift er nid^t qu^ ein ©egenftanb ber 
(gtt)if? Unb ba§ ©ebiet ber et^if ftc^t ^ö^er aB bQ§ ber 
$^t)ftf. Sfi ober ber 9)?enfd^ frei, hieit er ein ^jcrfönlid^e^ 
fittlic^ei SBefen ift, gilt bo§ bonn nic^t öor oHem Oon ®ott? 
Dher foHte ©ott fo gebunben fein burd^ feine ^iaturgcfe^c, 
ta^ er bic ^änbe nic|t frei betocgen fönnte? 9Jlan mu§ ©ott 
felbft leugnen, hjenn man leugnen toiU ba§ ®ott SBunber t^un 
!anti. ©elbft Üteuffeau ]pxi6)t borüber in SBorten bie fo ftarf 
ftnb, bafe ic^ fie mir nic^t o^ne meitcreä aneignen möchtet 
„®iefe groge — nämlic^ ob @ott SSunber t^un fönne — 
märe, ernftlic^ genommen, gottlob, märe fie nic^t an fid^ fc^on 
Qbfurb; unb bem ber fie berneint toürbe man ju öiel ®^re 
ant^un, iDoflte mon i^n bofür beftrafen; eä toürbe genug fein 
i^n in ©etoa^rfam gu bringen. Slber hjer t)at benn auc6 ie 
geleugnet, ba^ ®ott SBunber t^un fann?" Stvav fä^rt er 
bann fort: greilid) um bie SBirflic^fcit eineä 833unbcrä feft* 
aufteilen, müßten wir bie ©efe^e unb ^äfte ber 9iotur in 
i^rem öollen Umfange fennen. ^^ Unb ba§ ift ein ©innjonb, 
ben man oftmot^ gegen Ue SKöglid^feit be§ SBunberä erhoben 
\)at, baf; wir oon ber SSirfli^feit eine§ SBunberS leine ©ewife» 
]^eit erlongen fönnen. Slber biefe Berufung ouf unbefonnt* 
®efe|e, um ber 5tnertennung be§ SBunberS fi(^ ju entjie^cn^ 
h)öre ungefähr ha§, toa§ ^ant ba§ ^rinji^) ber foulen SSer* 
nunft nonnte. SBir toiffen ja offe, ha^ eS fein unbefonnteä^ 
©efe^ biefer natürlichen SBeltorbnung geben fann, ttjoburt^ ein 
2!obter lebenbig merben fönnte. SBarum beftrittc bonn oud^ 
bie negotioe ^itif eine 9ieif|e biblif^er ©rjö^tungen aU un« 
möglirf), ftienn bie SBirttidEifeit be§ Sßunberg in feinem gottc 
feftjuftetten toore, fonbern unbefonnte ©efe^e ber notürli^cn 
SSeltorbnung im ©piele fein fönnten? Slber wir trogen in 
uns Qu^ bie ©eloife^eit, boB eä nod^ me^r geben muB ofö 
biefe notürüc^e SBeltorbnung. 2)ie ©etni^^eit beS Uebernotür» 
Iid§en ift ja bie ©runbloge aller 9fieIigion. i» ©o ücmünftig 
bie 9?eIigion ift, fo üernünftig biefe ©ewi^^eit ift, fo öernünftig 



2)ie aJiöglic^fett ber Dffenborung. %a§ SBunber. 161 

ift aud) ba§ Söunber. ©lauben loir nic^t bofe bte SBelt ge= 
fd^affen ift? Unb toaß ift bie ©^ö^fung anber§ at§ ba§ erfte 
SBunber? ®enn bog nennen wir ja ein SBunber, ba§ ettoQ^ 
entfte^t hja§ nic^t ben öor^^anbenen natürlid^en Gräften unb ®e= 
fe^en entftammt ober njenigftenS nic^t üöUig entftammt, fon= 
bern ettt)a§ S^teueä in fic^ fi^Iiefet, \va§ in ben Sfiaturjufommen* 
^Qng l^ineintritt o^ne bon bemfetben getoirft ju fein. ®a§ 
gilt aber im ^öc^ften ©inne tton ber Schöpfung. Unb nid)t 
minber üon ber ©rlöfung ber SJienfd^^eit, ober oon ber inneren 
Erneuerung be0 einzelnen 3Wenf^en burd^ bie Wla^t ber gött* 
liefen ©nobe, hjelc^e ni(^t bo§ bto^e ©rjeugni^ fc^on oor= 
^anbener SSorQu§fe|ungen ift. 

S5a§ Vermögen fotc^en freien unb njunberbaren ^anbeln^ 
liegt im SBefen ®otte§ unb unn)itl!ürlid^ er!ennen wir e§ alle 
an. SBir beten. SBa§ fieifet i>a§, anber^ a\§ mir glauben an 
ha§ SBunber? 2)enn wir glaubeh ba| ®ott frei ift unb nidit 
gebunben an bie Sflot^wenbigfeit be§ 3it[oinniPi^^flti9^ ^^^ 
®ingc, fonbern biefen frei öerwenbct nac^ feinem SGSiffen. 
5)enn wir fönnten e§ ja taffen ju bettn unb lauf @r{)örung 
äu ^offen, wenn nur gefc^ö^e wa§ eben gefd^el^en muB, unb 
nid^t oielme^r toa§ @ott will ba^ gefc^e^e. SBir befehlen un^, 
ttÄr befehlen bie Unfern bem ©d^u^e (^otte§; wir rufen i^n 
an in ber 3lot^ unb bitten i^n um Slbwenbung eine§ UebeB ; 
wir fleficn um bie ©enefung eine§ Traufen, wir !^offen auf 
®otteg ^ülfe u. f. w. SBag Reifet ha§ aUe§ anber§ aU: wir- 
glauben an einen tebenbigen ®ott, ber t^un fann Wa§ er will, 
i^reilid^ e§ ift nic^t wiflfürlid^ naä er will, fonbern innerlid^ 
begrünbet, bur^ ^ö^ere Qnedt; aber er t^ut boc^ n)a§ er 
t^ut, weil er will, nic^t weil er mu^. Unb biefe ift für ©ott 
ha§ 9?atürgemä§e; benn — mit ^ean ^aul §u reben — 
„Söunber auf ®rben finb 9iatur im §immeI".2o ©oute i^n 
ber Sfiaturäufammen^ang ber ©d^öpfung baran l^inbern? SJlat« 
tf)io§ eianbiug fagt einmal (in. 29): „Dh ba§ ®ebet einer 
bewegten ©eele etma^ oermag unb wir!en fann, ober ob ber 
nexus rerum (b. t. ber natürlid^e 3ufQnimen|ang ber 2)inge) 

Sut^atbt, aSorträge I. ll.,31ufl, 11 



162 7. SSortTog. ®te Offenbarung. 

bergteid^en nic§t gemattet, loie einige ^enen ©ele^rtc meinen, 
barüber laffe id^ mic^ in feinen ©treit ein. ^ä) f^ahe aßen 
Siefpeft öor bem nexus rerum, !ann aber bod^ nid^t um^in 
babei an <Sim[on ju benten, ber ben nexus (^ufammen^ang) 
ber %t)Ot^üQei unbef(^äbigt lie^ unb befanntlid^ bo§ gonje 
%^ov auf ben S3erg trug; furj ic^ glaube, ha% ber 9legcn ttjo^l 
fomntt njenn e§ bürre ift, unb ba| ber ^irfc^ nii^t umfonft 
nadEi frifd^em SBaffer fd^reit, hienn einer nur rec^t betet unb 
red^t gefinnt ift." 

5lber, fagt mait, ^ebt nid^t ha§ SQ3unber bie Sfiaturgefej^e 
auf? Unb ift \)a§ benfbor nacfibem fie nun einmal ba finb? 
— SIber ift @ott nic^t auc^ ein ®ott ber 9^aturgefe|e? 2Ba§ 
finb fie anbere^ aU bie 2f|at feine§ SSiflen^? SBenn er fie 
nun einem l^ö^eren SSiüen unb Qroed bienftbar mad^t? 5lber 
e§ ift nid^t einmal an bem \)a^ ba§ SSunber bie 9^aturgefe^e 
felbft nuf^ebt, fonbern e§ entnimmt nur einzelne 93orgängc 
jenen Öefe^en unb fteHt fie unter \)a§ ®efe^ eine^ ^ö^eren 
SBillen^ unb einer f)ö^eren ^raft. SBir ^aben im nieberen 
©ebiete biete Sinologien bafür. SBenn mein 5trm einen ©tein 
in bie Suft fcf)Ieubert, fo ift hai miber bie S^Jatur be§ ©teini" 
unb ntd^t eine 2Bir!ung be§ ©efe^e^ ber Stn^ie^ung, fonbern 
€§ tritt eine l^ö^ere ^raft unb ein ^ötierer SBille ein, ber 
SSirfungen §erüorruft meiere nid^t SBirfungen ber niebrigeren 
^äfte finb. SJamit Serben bie Gräfte unb ©efe^e nic^t ouf* 
gehoben, fonbern bleiben befielen, ©o tritt beim SBunber eine 
l^ötjere ^aufalität ttjirfenb ein unb ruft eine SBirtung ^eröor, 
toelrfie nidE)t SBirfung be§ 3ufömmen§ange§ jener niebrigeren 
^aufalitäten ift, mo^I aber nad^^er biefem 3"fanimen^ange fi^ 
einfügt. 21 2)iefe p^ere ^aufalität aber fällt im legten ©runbc 
gufammen mit ben f)öc^ften fittlic^en Qmdcn be§ S)afein§. 
S^nen ju bienen ift ber ^öd^fte unb fi^önfte Seruf ber 9^atur. 
^tei)t alfo ha§ SBunber ^iemit in 3"faninien:^flng, ift tä fitt« 
X'iä) bebingt unb nid^t hjittfürlic^, fo ift e§ nic^t hjiber bie 
tl^atur unb it)re Söeftimmung, fonbern im ^ö^eren ©inne ber* 
felben gemä^. S)er ^öd^fte fittlid^e 3wedE aber ift ber ber gött» 



3)a§ SSunber. 163 

liefen Siebe. ©^ ift bie göttlid^e Siebe, hjeld^e bie üKad^t in 
i^ren S)ienft nimmt; e§ ift bie ©rlöfung ber ÜJlenfc^^eit, 
toelt^e auf bem ©oben ber (Sd^öpfung i^re l^öi^ere neue ©e- 
fc^ic^te öolljie^t; eg ift \)a§ §eit in S^fu S^rifto, in loelc^em 
ber ®runb unb bie JRed^tfertigung be§ 2Sunbcr§, weil ber 
Offenbarung, liegt. 

SBer an S^fum ©l^riftum glaubt, ber gtoubt bamit aud^ 
an ba§ SBunber. S)enn ^e\uä (J^rtftuä ift ein SBunber. (Sr 
ift nic^t ein bIo§e§ ©räeugniß natürlid^er SSorauSfe^ungen unb 
Sebingungen. SBenn man auc^ nod^ fo öiel aü§ biefen er* 
Kören miU — für einen 3eben ber bie ^erfon unb hie ®e= 
f(^ic^te Sefu toürbigt hjie fie mirflid^ war, felbft wenn er nid^t 
im ©innc ber c^riftüd^en ^ird^e an i^n glaubt, fonbern in 
i^m etwa nur einen religiöfen (Senium o^ne (SJteid^en fielet, — 
üuc^ für einen folc^en bleibt bo^ immer ein unauflösbarer 
IReft übrig, welcher fic^ nid^t auä bem natürlid^ ©egebenen er= 
flören läfet, ifelc^er nid^t bloB aU ein ^robuft ber natürlid^en 
18orou§fe^ungen unb 93ebingungen üerftanben werben fann, 
fonbern über bie ©renken beS S^atürlid^en hinausführt gu bem 
legten Ouett aUeS ^ö^eren SebenS, ju @ott felbft, unb aU 
eine unmittelbare unb neue ®ahe unb %^at ©otteS felbft an» 
^ufel^en ift. Unb bie^ ift eben ber Segriff beS SBunberS, ha% 
cS eine freie 2;^at ©ottcS ift, welche ni^t bem 3«fömmen« 
tt)irlen gegebener ^öfte unb SBorauSfe^ungen be§ natürtid^en 

SebenS entftommt, fonbern bon ©ott auS in ben ^ufantmen* 
l^ang beffelben ^ineintritt. Somit mirb nic^t ber Qn^ammm^ 
f)ang beS natürlichen SebenS jerriffen, aber er empfängt ettoaS 
lüaS ftd§ il^m auf ha§ ^nntgfte einfügt. 2Bir fagen: S^riftuS 
ift ein S33unber; — ift er bamit eine X^ot ber SBittfür? 
IJümmcrmel^r. SSietme^r er ift gefc^ic^tlic^ bebingt, er ift ge« 
fd^i^tlid^ geforbcrt. 2)ie ©efc^id^te mar an bem fünfte an* . 
gefommen, ha fie bie ^erfon Scf" ©^rifti unb feine Xl^at 
forbertc. Stbcr fie fonnte fie nid^t auS fid^ erjeugen, fonbern 
mu^te fie empfangen. 3efuS ß^riftuS ift eine fittlic^e S^otl^* 
lüenbigfeit, aber nid^t eine natürlid^e SSirttid^feit, fonbern eine 

11* 



164 ". SSottrag. ®ie Cffenbatung. 

übernotürlid^e. Slber taä UebernatürlidEie wirb natürlich, roüt 
eö eine ^Jorberung beä 9tatürlic^en ift. 2)ag natürlid^e 2c6cit 
erzeugt ha§ Sebürfni^, ober nic^t bie 99efriebigung bicfe^ 83e* 
bürfntffe§. ®tefe S3efriebtgung ift eine unmittelbare X^at 
@otte§, ettüQg 3lme^', ober inbem fie bie Sefriebigung eine^ 
Sebürfniffeö ift, f erließt fie fid) mit biefem gur ©in^eit gu» 
farnmen. 2)Qg SBunber ift alfo nic^t bie Se^^i^ciBung be^ 
natürlicfien 3ufanintent)angä, fonbern eS ift bie ©rfüttung 
beffelben. 

@ilt bieB aber öon S^fn (Jf)rifto, fo gilt eö oon ber ge* 
fammten Offenbarung. 2)enn S^f"^ ß^rifluä ftel^t ni(f)t ifottrt 
ba in ber (Sefc^id^te, er ift nic^t plö^Iic^ toie eine Srfd^einun^ 
^ereingetreten iit biefelbe, fonbern er ift ba§ 3ic^ einer langen 
®efc|irf)te öor i^m, beren fc^IieBIic^eö 0tefuItat er ift. SBir 
nennen biefe ®efcf)i(^te bie :§eilige ©efc^id^te, bie Offenbarung, 
Sr ift bie Sbee, tt)elrf)e biefe gange ©efc^ic^te bel^errfc^t. S)entt 
auf i^n gielt fie oon ooml^erein ah. <Bo t^eilt fie mit feiner 
Srfdieinung ben gleiten S^orafter ber SBunberbarfeit. Uni> 
alle SSunber öorf)er unb nac^^er — ^ fie t)aben eben barin ifjre 
9f{e(f)tfertigung, ba§ fie im 3ufantmen^ang mit i^m fielen, ba^ 
fie ju biefem ©anjen ber Cffenbarung^gefc^ic^te gehören, berea 
njiittelpunit er ift.-!-^ 

S)aburc^ finb fie fittlii^ bebingt. Unb barin unterf (Reiben 
fic^ bie biblifct)en SBunber oon aßen anbern. ©ie ^aben nic^t^ 
oon bem ^^antaftifdien ober ajiörc^en^often ober SBillfürlicficn 
ber anbern SBunber. Tlan barf nur unfere ©oangelien mit 
ben 2l^3ofrt)pf)en, ober ha§ Seben Sefu mit bem Seben üKu^a* 
meb'g oergleic^en, um ben ^immelmeiten Unterfc^ieb ju er* 
fennen. 9tiebuI)r'jS fritifcfjer SSerftanb ftanb befanntlic^ feinem 
anbern naä) unb er ^at in ber alten tömifc^en ©efc^ic^te nur 
5U fe^r aufgeräumt, aber er befannte: ;,9Bag ein SBunber im 
ftrengften ©inne betrifft, fo bebarf eä matir^aftig nur einer 
unbefangenen unb fc^arfblicfenben 9f?aturforfc^ung, bamit wir 
einfe^en, bo§ bie erjälilten nic^tj? weniger alä miberfinnig finb^ 
imb einer SSergteid^ung mit Segenbcnmär^cn ober ben angeb* 



3)ag SBunber. 165 

Jic^en SBunbern onberer 9ieIigionen, um nja^rjune^men, tüeld^' 
<in anbcrcr ®elft in i^ncn tebt." '^'^ 

ßurj, bog SSunber ift nic^t ein 2lft ber SBiUfür, fonberit 
eS ift fittlic^ bebingt, bcnn e§ gehört ber Offenbarung. 

8Q3eIci^e§ ift feine Sebcutung für bic Offenbarung? (S§ ift 
:für'S @rfte bic populärfte gorm ber Segittmation , tt)te man 
fie ftetö gcforbert ^at unb ftetö forbern hjirb, ber ^anbgreif[id^e 
IBemeiS, bafe l^ier eine ^öl^ere SKad^t fid^ befunbe in biefer ®e« 
fd^id^te, meldte e^ auf baS |)eil unfrer (Seele abgefe^en ^at. 
•©!? ift jum 2lnbern bic andere Slbbilbung ber <Ba(i)e felbft: 
t)aö S33unber ift bic Ueberfe^ung aug bem (Sebiete be§ ®eifte§ 
in bie 93ilberfc^rift ber Statur. S)ie ^fiatur ift eine SBelt ber 
©Qmbolit. 2)a§ SBunber ift bie l^öc^fte «S^mbolif. S)ie Slinben 
fe^en, bie l^a^men ge^en, bie Xouben l^ören, bic StuSfä^igcn 
luerben rein u. f, m. — lä^t ^t\ü§ bem Käufer ontmorten. 
<5g ift 3efu iin legten ©runbe nic^t um bie iBIinben, Safimen, 
Xauben u. f. m. unb i^rc Teilung ju t^un gemcfen. Stber bo§ 
"Sunber be§ ©eiftcä, bo§ SBunber ber geiftigen unb innertid^en 
<Srneuerung eineS SWenfc^en follte fid^ oor ben blöben Singen 
barftellen in ber 3eit^enfprarf)e ber äußeren SBerte. Unb enbtid^: 
taS SBunber ift ein ttjcfentlidier ©eftanbt^eit ber Offenbarung 
felbft. Sefug S^riftug ift ba§ SQSunber, benn er ift bie Offen« 
Jbarung. SBir glauben nic^t blofe um biefeä SBunberS mitten, 
tüir glauben an biefe§ SBunber, ba^ (5r ift, Unb biefe§ SBunber, 
baä er felbft ift, mar not^menbig, menn mir gerettet merben 
jottten. S)amit ift fc^on gefagt baß e§ aud^ mögli^ mar. ^a§ 
"SBunber ift möglid^, benn bic Offenbarung ift möglid^. ®ie 
Offenborung cntfpric^t bem SBefcn unb SGSitten ®ottc§, ber ba^ 
Seben unb bic Ziehe ift, unb cntfpric^t unfrem SJßcfen unb 
unfcrem 93ebürfni§. 

5. 5lbcr lüoran fott man erfennen, ob fie tt)ir!(id^ unb 
tua^r ift? Sitte ^Religionen berufen fid^ auf Offenbarung. 
lEßomit bcmeift ba§ S^riftent^um , ha^ e§ ottein, öor ben 
-anbern fReligioncn, mirflid^ auf Offenbarung berul^t? @§ 
fianbclt fi(^ ie^t nic^t um eine SSergteid^ung be§ S^riften* 



166 7. SBortrag, ®te Dffenborung. 

t^umg mit ^etbettt^um unb ^ubent^um. ^(i) toerbc fpäter 
baöon fpred^en. ^e^t ift bie ?5^age nur btefc: SBomit leglti* 
mirt fi^ iia§ (S^riftent^um, ta^ e§ luirütc^ Offenbarung unb- 
ba§ e§ SBo^rfiett ift? 

Soffen tt)ir hk oerfc^iebenen QeüQtn ber (f)riftlid)en SSSo^r« 
fieit für fie auftreten unb Seugnt§ ablegen. ^^ SBir l^aben ha§- 
3eugniB ber 5lpofteI, ^n i^ren ©d^riften hje^t ber@eift ber 
SBa^r^aftigfeit. ©te ^aben bie SSa^^r^eit berichten xooUm. 
Unb h)elc^e§ ^ntereffe foüten fie oud^ gehabt ijahen e§ nicfit 
gu tl^un? ©0 h)ie fie fann feiner reben ber mit Sügen um* 
ge^t. ^n i^nen tritt un§ auc^ ber (Seift ber Sfiüd^ternl^eit 
entgegen, ©ie finb nid^t ein ^oufe üon blinben ©c^märmern 
unb f^anotifem; fie finb Seute t)on gefunben ©innen unb ge* 
funben Sterben. fRenan mag bie 3Karia iDlagbalena eine^ 
„ejoltirte ^erfon" nennen, meil er eine fold^e Eingabe an 
bie ^erfon ^e\u Sfirtfti nid^t öerftef)t; aber oon ben galitäi* 
fd^en f5if(^ern mu^ er jugefte'^en, ta^ bo§ nüditerne Seute 
toaren, unb menn man neuerbing§ öerfurfit ^at au§ ^aulu§- 
einen neröenfranfen SSifionör ju moc^en,^^ fo ift ba§ gerobe^u 
lö^erlic^. ®iefer nun fagt 'erftlic^ öon ficf) felbft ba§ er 
SSunber getrau ^abe. @r beruft fi(^ ben ^orintfiern gegen = 
über, um feine apoftotifdEie Stutorität ju befräftigen, auf ha^ 
Stac^brürflid^fte barauf, ba§ er „eine§ Slpoftet^ ß^i'^c"'' ^- ^- 
SBunber gu feiner Segitimirung getl^an ijabe 2 ^or. 12, 12 ;. 
aucf) mm. 15, 18. 19. 20 ßum 5lnbern berichten bie Stpoftet 
olle ouö ©inern 2Runbe: mir finb be§ Beugen- „3Baä mir ge» 
f)ört l^oben, toa§ mir gefe^en l^aben mit unfren Stugen, mo^ 
mir gefc^auet ^oben unb unfere ^önbe betoftet l^oben — bo^ 
berfünbigen mir euc^." Unb Sufo^, ber e§ nic^t felbft. gefe^en. 
^ot, berfic^ert: „id^ f)abe e§ alle§ öon SInbeginn erfunbet, bafe 
irf)'ä §u bir, mein guter X^eop^ile, mit greife orbentli^ frfiriebe, 
auf boB bu gemiffen ©runb erfaljreft ber ßet)re, in melc^er bu 
unterri«^tet bift". 

^er aJJittelpunft i^re§ ^eupiffe^ a^e^ ift bie Sluf crftef|ung 
^efu ß^rifti. @^ gibt feine Xtiatfoctie ber ®efc^id)te bie 



S;ie SBirfü^feit ber Cffenbarung: bie Sluferfte^ung 3efu 6I)ri[ti. 167 

Befjer bejeugt tüörc oI§ biefe. IRenan öerfitfjert gtüar: tüir öer* 
bonfen biefetbc ber ejaltirten ^t)Qntafie ber SKaria 9JJagbaIena. 
„@öttüä)e§ SSermögen ber Siebe — ruft er au§ — ; gett)ei|te 
Slugenblidfe, tnorin bie Seibenfcfiaft einer Siunberüdten (hal- 
lucin^e) ber SBelt einen ftieberouferftanbenen @ott gibt!" Ǥlber 
wir tüerbcn fagen: ha§ finb löfterlidje SSorte, unb andi gan^ 
untt)ürbig eine§ ^iftoriferg. ®enn mit folcfien leicfiten 9fieben§^ 
arten fommt man nid^t um biefe %i)at\a6)e ber (Sefd^id^te 
^erum. 2Bir hjiffen: mä)t§ ermarteten bie Sünger weniger al§ 
biefe§ goftum. SJiit Qefu ^ob maren [ie trofl(o§, of)ne ^off= 
nung. Unb ot^ fie bie ^unbe öernolmen, ^t\u§ "fei erflanben 
— fie fonnten'^, fie mottten'S nii^t glaubnt. „(Si f)aben un§ 
erfdjrecft — fagen jene beiben jünger auf bem SBege nac^ 
@mmau§ — ettid^e SBeiber ber Unfern, bie finb frü{) beim 
©rabe getoefen, fiaben feinen Seib nirfit gefunben, fommen unb 
fagen, fie ^aben ein ®efi(f)t ber ©ngel gefe^en, meiere fagen, 
er lebe. Unb etlirf)e unter un§ gingen t)in gum ®rabe unb 
fanben'^ alfo tt)ie bie SBeiber fagten; aber it)n fanben fie 
nic^t." @o menig bereit maren fie, burd^ ben S3eridE)t ber 
grauen fic^ alSbalb ju neuen Hoffnungen ermecfen ju (offen- 
gaft nod^ troftlofer finb fie öielme^r baburcf) gemorben. @rft 
bie perfönlid^e ©elbftbejeugung i^cfu überfüfirte fie. Unb nid)t 
weniger aU feine h)ieberI)oIte fianbgreiflic^e ©rfd^einung War 
nöt^ig, um bie Snnger alle, um einen Xi/omaä biefer X^at* 
fac^e gewife ju mad^en. Unb nid&t ©injelnen bIo§, ganzen 
großen ©c^aoren ift er erfc^ienen, unb gule^t günf^unberten 
ouf einmal, bon benen SSiele noc^ lebten at§ ^aulu§ bic§ 
fd^rieb in feinem 93rief an bie ^orintl^er (1 ^or. 15, 5 — 8), 
unb auf i^r, ber Sebenben, 3eu9nt& beruft er fic^. S)a prt 
aUe 9Jiögti(^!eit ber Xäufd)ung, ber ^aflucination, ber franf= 
l^aften SBifion u. f. w. auf. SD^an ^ot e§ eine S^^atfoc^e be^ 
S3ett)u|tfein§ genannt, um boc^ ein 2Bort gu f)aben womit man 
feine SSerlegen'^eit gegenüber ber ©ac^e felbft jubedfe. Wlu^ 
ho6) au6) ber fd^arffinnigfte ^itifer bie X^atfarfie ber ^luf* 
erftet)ung Sefu jugeftefien: „9?ur ba§ SBunber ber Shtferfte^ung 



168 ". SSortrag. 3)te Cffenboning. , 

fonnte bie ^ttJcifet serftreuen, tuetc^c ben glauben )eI6ft in bic 
ettJtgc ^aä}t be§ ^^obeä üerfto^en ju muffen fd^tcnen" — 6e= 
lennt ber Xübinger ß^riftion Saur.^" 

3u äffen jenen 3e"9niffcn ober fügt ^autu§ feinet eigene^ 
üU Söeftättgung ^inju. 2)entt nic^t§ anbere^ ^at i^n, ben 
Setnb ^e]ü unb SSerfotger feiner ©emeinbc, ju einem jünger 
unb 5lpoftet gemocht, unb auf bem SBege beä ^affeä gegen 
bie ©Triften ifin in ^e)n (S^rifto ben gneben für feine @eetc 
fiuben laffen. '^^ Wit feinen fünften ber ©rHärung fann man 
fic^ biefer ST^otfac^e entlebtgen. ©ie ift ju mä^tig. 3Ran 
fann nid^t fagen: er l)at nur geglaubt ^efuni ju fe^en. S)enn 
auf nic^t^ njar er ujeniger gefaßt. Unb bei feiner inneren 
(Steffung ju ^eiu§ ^'ätte er fic^ einer folgen ©rfc^einung at§ 
eine§ jtrugbilbe» erme^rt. (£r beugte fic^ i^r nur roeit er 
muBte — tro^ feinet SSiberftreben^. |)ätte er fie nic^t an« 
ertennen muffen — er t)ätte fie nimmermehr anerfannt. 9JZatt 
fann nirfit fagen: bie ^"nöfrau oon Orleans ^^at aud) bic 
Stimmen i^rer ^eiligen ju tjören geglaubt, greilic^, njeit fie 
€§ njünfc^te, njeit fie barin lebte unb tüebte. Slber für ^autu§ 
ttjar toa§ er fa^ ber gerabe SBiberfprud^ ju affem feinen 5)enfcn 
unb SSoffen. Unb ^aulu§ mar fein fc^njörmerifd^eä 3Jiäbc^en. 
^ein SOJenfc^ ^at je fo ®ro§eä t)offbracf)t mie er. 2)ic ©rünbung 
ber ßirifie im 5Ibenbfanbe ift fein 2Berf; fie ru^t auf feiner 
Sefe^rung, auf ber Srfc^einung be§ ?tuferftanbenen. SSiff 
man behaupten, fann man im @rnfte behaupten: bie größte 
unb fegen§reirf)fte X^atfac^e ber SBeltgefd^icfite fei in ber felt=» 
famften ©elbfttäufc^ung begrünbet bie je einem 2Jienf(^cn njiber* 
fahren ift — ? ^ietn, wenn eine X^atfo^c ber ©efc^id^te fieser 
ift, fo ift e§ biefe, fo ift e§ bie Siuferfte^ung ^t^ü G^rifti. 
^iefe ift aber ba^ Qeuqm^ ber göttlichen Offenbarung unb 
if)r ©iegel. 

©oC^c^ barnac^ nod^ bie ganje uujäfilige ©c^aor ber 93c* 
!enncr S^fu, tt)e(rf)e i^ren ©tauben mit i^rem lobe beftegett 
^aben, aU Beugen üorfü^ren -für ^e\\i^ d^xi^iu^? 3Kan mu§ 
bie ©rjö^kngen oon i§ren 9Dftartl)rien lefcn um ficfi ^u über» 



®ag 3fU8"'§ f"'^ ^i£ SSal^rl^eit ber Offenbarung. 169 

^eugcn: ^ier ift nicfit^ öon ganotiöniug ober 9icc^t^aberei ober 
ftoljcr Sßerad^tung, fonbem ru^igfte ©etüiB^eit unb ®Iauben§* 
freubigfcit, meiere toie mit bem Seben, fo mit bem Xobe ®en 
greifen toill, bem bie Siebe be§ ^erjen^ gehört. 216er ni^t 
'Hofe bie Sirene ber SKärl^rer, bie ganje ^ird^e aller 3eiten 
ift ein Seüqe für S{)riftu§. ®te ©jiftenj ber ^ird^e jelbft, 
Jtjelc^e, mie Seffing fagt, für un§ bie ©fefle aller anbern SBunber 
oertritt, bie Xl^atfac^e i^re§ S)afein§, ber (Seift ber in i^r lebt, 
Jbie SBirfungen bie öon i^r au§geü|en, bie ®eifte§träfte bie ^ier 
malten unb bie i^ren l^ö^eren Urfprung crlennen laffen — 
ha^ atle§ ift ein iöemei^ für bie Offenbarung @otte§ in ^e^ü 
<J^rifto. 'Senn eä ru^t auf i^m. ?lber andj bie @egner 
Scfu, i^r SBiberfpruc^ gegen ba§ (J^riftentt)um, baä Stuf gebot 
oUer i^rer S'räfte, ba^ fic^ bo(^ ju allen ßeiten aU üergebüt^ 
erttjieä, — ou^ biefe muffen B^ug^iB oblegen. Unb oor allem 
ift ein QeuQt für i^n jene§ SSoIf, ba§ unter un§ umfiergel^t, 
"ttaä in ber grembe feine |)eimat l^at, ba§ SSoIf ber 3er= 
ftreuung, ba§ SSoIf einer alten ungefü'^nten ©d^ulb, bie^ 
iüunberbarfte unter ollen SSöIfern, munberbor in ber 3eit 
feiner 33Iüt^e, munberbor je^t in ber Qdt feine§ @Ienb^. 'äU 
jener gürft einft öon feinem |)ofprebiger üerlangte, er fotte 
i^m einen 83emei§ für ha^ 6:|riftentt)um fogen, ober furj, 
tenn er i)dbe !eine 3citf bo antwortete biefer: bie ;3"ben, 
IDiaieftät!^« . 

2lber mir l^oben noc^ einen ^^ugen, ber ju ollen jenen 
^eugniffen f)injutritt unb i^nen erft ba§ ©iegel oufbrüdEt — 
«ä ift ber 3euge unfrei S^nern, ein boppelter: unfer ®e» 
miffen unb ber ©eift Sefu ß^rifti. S)o§ ift bo§ 3e"gwiB i>er 
SSa^r^eit felbft. Unb ba§ ift ottemege boä ^öc^fte 3eugnife: 
ha^ 3cugni& mit bem bie 2ßat)rf)eit fid^ felbft bejeugt. 

aaSenn boS SSort öon ^i\\i (J^rifto unö entgegentritt unb 
in unfer ^nmenbige^ f)ineintritt, fo moc^t eine Stimme in unä 
fluf, bie (Stimme unfrei ©emiffen^, unb fpri^t: ja, ba§ ift bie 
^o^r^eit bie bu fud^ft, fo lange fuc^teft ot)ne fie ju finben. 
Q§ machen atte bie fc^Iummernben ©ebanfen, otte bie 9?egungcii 



170 7. aSortrag. ®ie Offenbarung. 

ber «Seönfucfit, aUe§ SSerlaitgen beg ^erjen^ nad^ griebe unt> 
SSerfö^nung in un§ auf unb f^ired^en ju un^: ja, ba§ ift e^ 
tüa§ h)ir begefirten, tüonac^ tüir fragten unb furf)ten o^ne e0 
äu njtffen. ®er 3J?enfcf) ift eine grage — ha§ 2Bort öon ^efu 
S^rifto ift bie 2lnth)ort auf biefe 5rage. 2)er ÜJJenfc^ ift ein 
Stöt^fel — i)a§ SBort ber Dffenborung ift bie Söfung biefe^ 
mti)\ei§. 2;er 9Jienfc^ ift ein SSiberfpruc^ mit fic^ felbft, ein 
Knäuel öon Söiberfprüdien — bie Offenbarung ift bie Stuf« 
f)ebung berfelben. SSie njenn ic^ eine mot^emotifd^e ©leic^ung. 
onfe^e mit brei befannten ©rö^en unb einer unbe!annten,. 
einem x, unb i^ finbe biefel x unb bie ^robe jeigt mir hai^ 
biefe Söfung be§ x richtig ift, benn bie gefunbene Sa\)i ftimmt 
mit ben übrigen: fo ift e§ au^ f)ier. ®a§ SSort öon Sf)rifto 
ftimmt mit ber ©leicfiung unfrei SBefen^, e^ ift bie Söfung 
be# X, ber unbefannten ®rö§e in un§. Unfre Statur erzeugt 
t>a^ SöebürfniB, aber bie Offenbarung gibt un§ bie Sefriebigunj 
be§ 93ebürfniffe§, unb bie 3ufanimenftimmung beiber jeigt un§^ 
^a'^ bie Offenbarung 2Baf)r^eit ift. 

Unb in bem 9J?aBe aU roir ba§ 9Sort ber Offenbarung in- 
un§ aufnehmen, erfaf)ren rviv bann aurf) biefe 3"ffli^i"cn- 
ftimmung unb h)erben f o erlebungSmeife ber 2Baf)rt)eit ber 
Offenbarung gert)i^. 2)er @eift gibt ^^us^ife unfrem ©eifte 
ta^ er SSaf)rt)eit ift. 5)a§ ift bie innere ©elbftbejeugung ber 
SBa^r^eit, n)eld)e i^r f)ö(i)fter S3en)eii, ber S3ett)ei§ be^ Seben§^ 
unb ber ©rfaf)rung ift. S)enn ba§ ift aöemege ber prf)fte 
93eli)ei§ ber SBa^r^eit, ha^ fie firf) felbft betoeift. S;er ®e» 
Iäf)mte — fagt Seffing einmal — ber bie n)of)It{)ätige SBirfun^ 
ber (Sfeftriäität on firf) erfat)ren ^at, mirb öon ben öerfc^ie* 
benen SJleinungen unb ^^J^ifeln ber ©efetjrten über bie @IeN 
trigität hjenig berührt hjerben, fonbern er wirb babei bleiben: 
bofe er il)re SBirfung erfahren. ®a§ ift fein 58elüei§ bafür, 
ba^ fie eine SSirflirfjteit unb eine ^aft fei s*» Sle^nlic^ ift e§- 
^ier. 2)ie SBirfung ber SüBa{)r§eit ift ber Setuei^ i^rer 2BirfIic^= 
feit. Um aber biefen S3ett)ei§ ju empfangen, mu§ man ftd^ 

eben ber 5K?a^r^eit Eingeben. SteiiBerlic^e S^otforfien fönneit 



2q8 SSerpItni^ ber OffenBarung jur SBernunft. 171 

Qud^ aii^nüdi, mat^emotifc^e @ä^e fönnen mot^ematifd^, aber 
morolif^e SSa^r^eiten fönnen nur nioraIi[(^ b. ^. innerlid^ be= 
roiejen ttjerben, ©ie beweisen fic^ \eib\t am ©etoiffen. ®a§ ift 
ber @elbftbeh)ei§ ber SBa^r^eit ber Dffenborung. 

Unb ha§ ift eine @rfenntni§ bie ^eber geroinnen tann, 
o^ne Unterfc^ieb be§ ®rabe§ ber Silbung. Unb aurf) bog ge= 
l^ört mit jur ©etbftberoei^ung ber Offenbarung. S)enn bie 
SBa^rl^eit niu§ populär fein. SBa§ nid^t populör fein fann, ift 
geroife nic^t bie ^öc^fte SSal^rl^eit. Sienn alle 9J?enfd^en ot)ne 
Unterfd^ieb finb gefrf)affen für bie 2Sa§r!^eit unb l^aben ein 
Sebürfnife nac^ i^r. Sllfo mul fie aud^ für alle üor^anben 
fein, 2)ie alten ^^ilofop^en, roelc^e burd^ i^re Se^rfö^e bie 
©teile ber ungenügenben 9fieIigion erfe^en roollten, t)aben felbft 
unb oftmals erflärt, ha^ ifire SBiffenfrfiaft nirf)t für bie SJlenge 
fei, fonbern nur für bie 3lrifto!rotie be§ ®eifte§. Unb üon 
ber neueren ^^ilofop^ie gilt ta§ in einem nocf) pfieren ©rabe^ 
55o§ e^riftent^um ift für StOe. ®enn ®ott roiff bofe aüen 
SPflenftfien geholfen roerbe unb afle jur ©rfenntnife ber SSafir^eit 
fontmen. S)a§ ©^riftent^um l^at bie fjöc^fte SSaf)rt)eit jur po* 
putörften ©ad^e unb jur äJlac^t be§ tägüd^en Seben§ gemacht, 
unb au^ bie Ungebilbetften auf eine unoergIeic[)lirf) t)ö^ere- 
©tufe gehoben, aU auf roet^er aud^ bie ^öd^ftfte^enben ber 
olten 'SBelt ftanben. 2Ber bie SBat)r^eiten be§ ß^riftent^umS 
in \i<i) aufgenommen t)at — unb ein ^eber fann ba§ — , ber 
roei^ mel^r al§ ^lato unb ift toeifer aU ©ofrateö. 

6. SIber — fagt man — roie fann ba§ ®^riftentf)um, roie 
fann bie Offenbarung SBa^r^cit fein, ia fie boc^ tt)iber bie 
SSernunft ift? 

SlfferbingS ge^t bie Offenborung über bie Sßernnnft f)inau^ 
«nb muÖ e§. ®enn — fagt Seffing — \va§ foll eine Dffen= 
barung bte nid^tä offenbart? „SSenn eine Offenbarung feitt 
fann unb fein mu^, fo mu^ e§ ber SSernunft efier nod^ ein 
Seraeig für bie SBa^r^eit berfelben alö ein föintüurf boroiber 
fein, roenn fie ®inge borin finbet bie i^ren SSegriff überfteigen. 
SBer berg(e{rf)en oit§ feiner 9?eIig{on ou^potirt ^ite, l^ätte eben* 



172 7. SSortrag. ®ie Offenbarung. 

"fogut gar feine: benn rvaä ift eine Offenbarung bte nic^tiJ 
offenbart! ©ine gettjiffe ©efangenne^mung ber SScrnunft unter 
ben @e§orfam be§ @Iauben§ berul^t auf bem ttjefentüd^en SBe« 
griff öon Offenbarung; ober öiclmc^r, bie SSemunft gibt ftd^ 
freinjittig gefongen, i^re (^gebung ift nic^tä al§ ba§ Sefenntni§ 
i^rer ©renken, fobalb fie öon ber S33trHi^feit ber Offenbarung 
t)erfic|ert ift."3i 

2)a§ i8efenntni§ ber ©renken ift aber etwaä Unoer» 
meMiä)e§. ©erabe bie größten ©eifter l^aben am ttcnigften 
IBebenfen getragen bie§ 83efenntni§ ju t^un. S)er Ocfcicrtftc 
unter ben SSeifen ®riec^enlanb§, ©otrate^, be5ei(^nete ol^ bie 
iffia'^r^eit bie er öor ben 2tnbern öorau^ f)dbe, ju njiffen ha^ 
er ni^t§ hjiffe. Unb ein SfJetnton nannte, \)a er ftarb, nUe 
Slrbeit feinet ßeben§ nur ein @piel mit ben 9Kuf^eln an ber 
^üfte be§ 9Jieere§, Ujöfirenb ber Ojean ber SBa^r^eit ft^ noc^ 
unerforfd^Iic^ oor i^m ouäbreitc. SSon Ooet^e ober, biefem 
umfaffenben ©eifte unfrei SSoIfeä, ift aflbefannt, ha^ jene§ 
iBemufetfein unfrer ©renge für feine ganje S)enfung§n)eifc 
diarafteriftifd^ ift. SSerfte^en tt)ir un§ felbft? öerfte^en mir bie 
Dtatur bie un§ umgibt? „®er SKenfc^ — fagt ©oet^e — ift ein 
bunfle^ SSefen, er ttjeife nic^t mo^er er fommt, nod^ ipo^n er ge^t, 
«r n)ei§ njenig oon ber SSelt unb om ftjenigften öon fic^ felbft." 

„3Bir manbeln aQe in ©ef)eimniffen unb SSunbern", fagt 
^r ein anbereö 2JiaI. 

„(Se^eimiiifeooII om lichten Jag 

Sagt fic^ yiatuv be^ Sc^Ieierä nicftt berauben, 

Unb roal fie Seinem ®eift ntc^t offenbaren mag, 

®a§ änjtngft 3)u i^r nic^t ai mit Rebeln unb mit Strauben." 

„^ie SBelt ift öoCer fRät^fel." „2)ic ««atur behält immer 
<etm§§ ^robIematif^e§, njelc^eö ju ergrünben menfc^Iic^c 5ä^ig» 
leiten nic^t l^inreit^en." 2ßer ^at ba§ ©e^eimnife beä ScbenS 
€rtannt? „15)er Söegriff öom ©ntfte^en, Seben, ift un3 ganj 
unb gor öerfogt." yia^ njelc^em 9?ed§tc machen mx nun bie 
«ngen ©renken unfrei Söegreifcn^ jum aJic^ftab be§ SBirfli^eii 
unb SRögtid^en? 

l 



5Jo5 SBerpItnig ber Offenbarung jur SSernunft, 175: 

„3)orQn erfenn' ic^ btc gelehrten §ertn: 

9Ba§ t^r nic^t taftet, fielet ead) meilenfern; 

SBaä i^r ni(^t fügt, bo8 fe^tt euc^ gonj unb gar; 

SBuS i^r nicftt rechnet, glaubt i^r, fei nic^t tt»a^r; 

9Bag il^r nicftt tt)ägt, l^at für euc^ fein ©ettiid^t; 

2Bo8 t^r nic^t münät, ba§, gloubt i^r, gelte nic^t."^^ 

SlUeg unfer SBiffen rut)t im legten ©runbe auf ©lauöen^ 
Sei) ntuB fc^Iic^Iic^ an meine eigene Seele unb an ba§ S)en* 
fen meinet ®eifte§ glauben. Unb alle S33iffenfc§aften ru^en 
ouf ^rinjipien, ftetci^e ©egenftanb unmittelbarer 2lnna^me unt> 
@ett)i&^eit finb unb nic^t felbft erft mieber beiüiefen toerbeit 
fönnen. S)cnn jebe ©runbanna^me ift eben ©laube, unb „jebeS 
^^ilofop^ifc^c ©Qftcm ru^t ouf einer folc^en ©runbanno^me. 
©elbft ber Unglaube ift ein ©taube. 2)enn njir ^aben oon 
ben ^öc^ftcn ^rinjipien ber S)inge eben feine unmittelbare ober 
nur homogene Snfc^auung unb barum fc^Iec^terbingS feine ®e= 
n)i§^eit''.33 (£§ fommt nur eben barouf an, welche @runb* 
annal^me ben ganjen unb innerften SOienfd^en mit bem ©inbrutf 
untrüglicher SBa^r^eit ergreift. @§ gibt fein SSiffen in bo§- 
nic^t ber ©laube l^ineingreift. 3)enn offe§ SBiffen ftü^t fic^ 
auf bie SSorougfe^ung üon etroaS ©egioubtem. 2(ud^ ber 
3RateriaIigmug, ber nur öon ^aft unb ©toff n)ei§, ru^t auf 
einem ©tauben — auf bem ©tauben eben an biefe unfic^tbare 
3JJac^t ber ^aft. Xenn er fotgert nur i^r 2)afein aü§ i^ren- 
Söirfungen. „Unfer eigene^ Safein unb bie Sjiftenj alter 
S)inge au^er unö muB gegtaubt unb fann auf feine anbere 
SBeife au^gemac^t merben" fagt Hamann. ^^ Unb e§ ift eine- 
befannte X^atfac^e bafe, je grünbtid^er ein gorfdier ift, er ouc^- 
um fo bemüt^iger unb befd^eibener mirb; benn um fo mel^r 
crfennt er feine ©renken; je oberpc^tic^er er bagegen ift, um 
fo ^oc^mütl^iger pftegt er ju fein, benn um fo me^r meint er 
alleg fc^on burd^meffen unb erfannt ju t)aben. S)arum ift auc^ 
bie Sugenb in ber bieget oiet miffenöftotjer unb übermüt^iger 
aU haS Sttter. @ic fcnnt biet toeniger bie ^robteme, bie un^- 
oft, je mc^r wir fie ju töfen fu^en, um fo unlösbarer er* 



174 '. SJortrag. 2)ie Dffenborung. 

f (feinen. ^a§fat [agt: „^er le^te Schritt bcr Sßernunft ift: 
■anjuerfeitnen, ba^ e§ unenblic^ biel 25inge gibt bie über fte 
f)inau§ge§en, unb fommt fie ni^t biä ju bie[er @rlenntni§, fo 
ift fie fel)r f^ttjad^!" — „SBei^ man erft — fagt ballier |>amann 
— roa§ SSernunft ift, fo f)övt oller ^ttJiefpalt mit bem ©lauben 
auf." ^5 S)Q§ ift olfo bQ§ SBefte in unfretn ©rfennen , unfre 
^renjen ju erfentien. 

®ilt i)a§ nun fd^on öon offem Slnbern, fo üollenbä ®ott 
gegenüber, im ©ebiet ber SReligiou. S)ieB aber ift ba§ ©ebiet 
t)er f)öc^ften, ber eigentlichen SSai^r^eit. SCSenn tt)ir ouc^ bie 
■gonse SBelt burd^meffen Ratten — bie SBo^r^eit bie mir fuc^en 
finben mir in i^r ni(^t. Q§ gibt jmar öiele SSa^r^eiten bie 
jo t)ei§en, aber e§ ift nur ©ine SSa^rl^eit bie e§ ift. ®a§ ift 
bie meiere bie ^i^ogen unfrei Sebenö beantmortet uub un§ ha^ 
<5Jet)eimni^ unfrei. ©ein§ entt)üflt. S)iefe SBol^r^eit ift fein 
©emäc^g ber @rbe, i^re SBurjeln liegen jenfeitö ber @rbe. 
tJSir füllen e§ alle: gerabe ha mo bie ©renjen unfrei SSiffenä' 
finb, mo ba§ @e^eimni§ beginnt, gerabe ba liegt ba^ ma§ mir 
^u miffen begehren unb toaä mir braud)en, ha liegen bie ©nt» 
fc^eibungen unfrei ©efi^id^. S)ie SJlenfc^en ^aben oon je^er 
öerfud^t in biefe SSelt ber ©e^eimniffe einjubringen ; aber nur 
bie Offenbarung öerfünbigt fie unl, nur bcr ©laube ift ha^ 
Drgan ifirer ©rfenntni^. 2Sir fönnen nirgenbä ben ©tauben 
gauä entbehren, benn in alleg ©id^tbore jie^t fic^ ha§ ©c* 
I)eimni§ b'e^ Unfid^tboren hinein. SSie foHten mir i^n in ben 
gragen ber religiöfen (5r!enntniB entbehren fönnen? @ic 
merben nur mit bem ©tauben erfaßt, unb aße^ SBiffen ber» 
fetben mirb öom ©touben getrogen. SSenn ober fcfion oHem 
cnberen ©tauben, ber biefen tarnen mirftic^ öerbient, un= 
mittelbare ©emi^^eit unb innere ^aft eigen ift, fo ift biefer 
religiöfe ©taube ber feftefte, gemtffefte unb miUenSfräftigfte tjon 
üüem: benn er l^at e§ mit ben wi^ften unb testen S)ingcn ju 
t^un in benen mir teben uub mebenV-ülfo ouc^ mit ben ^ö^ften 
unb beften SWotiöen unb ©rünben, in benen olle onberen ju* 
fommentoufen unb gipfetn. „@o feft fann fein ©runb merbert 



S^q5 SJer^ältnife ber Cffenbarung jur SSernunft. 175 

nU ber ©loube an biefe ^tnge, fo burc|[c^Iagenb feine 9Jlotlöc, 
fo btnbenb feine (Srünbe, fo tüeit= unb tiefgreifettb feine 
gotgen/' 36 

9Son biefem reltgtöfen ©tauben nun ift e§ notürlid^, bafe 
er über unfre SSernunft ge^e, benn e§ ^oubelt fic^ ^ier um 
Ilö^ere SSa^r^eiten, bie toir mit ben natürli^en SJiitteln unfrei 
erfennen§ nic^t ju finben öermögen. Senn @ott überragt 
weit bie ©renjen untrer natürlid^en SBernunft. 2(tfo ge^t auc^ 
ber religiöfe ©laube, ber eben ©ott jum ^Txf)altf)at, über 
jene ©renjen mit Sfiot^roenbigfeit l^inouä. „^ie 93ernunft be§ 
9Kenf(^en unb bie Sßernunft ber ©ott^eit ftnb jmei fe^r öer= 
fcf)iebene ®inge" — fagt ©oetl^e.^' Unb Seibntj: „5Ser in 
göttüdöen fingen nic^t§ glaubt aU tvaä er mit [einem Üßer= 
ftanbe auSmeffen fann, ber öerfleinert bie Qbee öon ©ott." 
S)er Gnglänber SBaco üon 95erulam ober: „SBir muffen unfern 
■©eift gur ©röBe ber göttlichen ©e^eimniffe ermeitern, ni(i)t 
biefe auf bie @nge unfrei ®eifte§ einf(^ränfen." '^^ 

©ilt ha^ öon ©Ott übertiaupt, fo gilt e§ boppelt, menn 
<Sott einen ^eil^ratl^ ju unfrer (Sriöfung in feinem ^erjen ge= 
tragen, üon bem SJiemanb etma^ mufete aU nur er allein unb 
fein ©eift. S)enn mie Sfiiemanb mei^ ma§ im 9Jienf(^en ift, 
au^er ber ©eift be§ 3Jlenfd^en ber in i£)m ift, fo aud^ Stiemanb 
xoaä in ©ott ift, aufeer ber ©eift ©otte§. S)iefer Sftat:^ ©otteS 
ift ein öerfrf)tt)iegene§ ©el^eimnife feinet ^erjenS — fo lange 
big er felbft e§ offenbart. S)a offenbart er benn etroa^ un§ 
fc^Ied^tl^in a'ieueS, rva§ in feines ^UJenfcfien §erj gefommen ift, 
h)a§ mir ni^t in unfren ©ebanfen tragen, xoa§ über biefelben 
meit ^inauSge^t. 2)a§ alfo muffen mir un§ fagen laffen, muffen 
tüir glauben; \>a§ ge^t über unfre SSernunft. 

2lber — menbet man ein — ift bie Offenbarung nid^t 
cüä) miber unfre. Jßernunft? Unb \>Ci§ ift e§ ma§ i)a^ 
^inberni^ bilbet. ?IIIerbing§ — mon fann e§ nid^t leugnen 
— ge^t bie Offenbarung nic^t blo^ über unfre SBernunft, fon« 
bern fte fte^t aud^ gor öielfoc^ in SBiberfprud^ mit unfren 
natürlichen ©ebanfen. Slber baS ift nod^ nic^t o'^ne SSeitereS 



176 7. SJotttag. 2>ie Dffenbariing. 

ein 93ehjei^ gegen bie Offenbarung, fonbern el fragt fic^ ebcit 
ouf weld^er öon beiben Seiten bie SBa^r^eit fei. 3" «nfren 
natürli(f)en (Sebanfen get)ört e^ : ba^ toir bur^ eigene fittlic^e 
Stnftrengung ha§ Qid ber SSoHenbung erreichen muffen, unb 
ta^ ie no^ bem SJiofe aU @iner njeiter fommt auf bem SBege 
feiner fittli(§en Slnftrengung, er barnacfi auä) So^n ju erwarten 
t)abe. SSenn bie Dffenborung unä fegt, ha^ eä @ott gegenüber 
übexi)aupt fein SSerbienft gebe, ha^ ber ©runbfe^Ier heä 9Jienf(^ctt 
fei ta'^ er Slnfprucf) ergebe, ba§ er bamit ba§ göttliche SBo^t« 
gefallen gan^ öerfrf)er§e unb fid^ ba§ ^cil gerabeju unmöglich 
mo^e, bo| mir nur t)on ber ©nabe leben fönncn u. f. »., \o 
ujiberftreitet ha§ aüerbingS unfrer notürlic^en SSemunft. — 
SSenn bie notürIi(^en ©ebanfen nur einen ©Ott ber 2lflniac^t 
unb 3JJajeftät fennen, on ben fein ©ebanfe ^inanjureic^en öermag: 

2Ber tDtQ ii)n nennen 
imb »er befcnncn: 
id) gtoub' i^a! 

unb bie Offenbarung U^xt un^ einen ®ott, ber fic^ erniebrigt 
unb gebemüt^igt ijat, ber ju unä gefomnten unb in unfre irbifc^e 
©emeinfc^aft eingegangen ii't um unä ju erretten — fo njiber* 
ftreitet ha§ aUerbingg unfrer SSernunft. |)ätten tt)ir bie 5Re= 
ligion unb bie Offenbarung erfinben f ollen, mir mürben fie 
gonj anberS erfunben f)aben. SBir mürben nic^t auf eine fj> 
bemüt:^tge Offenbarung gefommcn fein, bie mit einem ^nb in 
ber ^ippe beginnt unb mit bem Xobe om ^reujc fc^Iielt 
SSir mürben bie Offenbarung etma nacf) |)eItoä ober nac^ fRom 
Oerfe^t ^aben unb nicfit in jenen SBinfel ber Srbe unb in jene^ 
ißolt auf bem bie SSera(f)tung be^ menfd^Iid^en ©cfc^Iec^teä ru^te. 
Sn bem allen ift alfo allerbing^ einer SSiberftreit jmifc^en ber 
Offenbarung mie fie mirfü^ ift unb ber ißemunft. Unb ber 
2lpoftet betont 1 ^or. 1 u. 2 nac^brücflic^ , \>a^ für ha^ bloß 
natürliche S)enfen ta§ (Söangetium, b. f), bie Offenbarung eine 
2:^or^eit fei. (£§ gibt für bie SSernunft nic^tä ^arabojereä 
aU bie Offenbarung, aU ha§ S^riftent^um. 3» Slber e^ fragt 
fid§, auf melc^er öon beiben Seiten bie S33a§r^eit fei. 2Benn 



%a§ SSer^SItnife ber Cffenborung 5ur SSernunft. 177 

t§ mit unfrem notürlicfien Xenfen ganj richtig befteHt ipäre, 

bann aUerbingä bürfte bie Offenbarung nic^t im SBiberftreit 

baju fte^en. Slber ift c§ mit unfrem natürlid)en teufen no^ 

.richtig befteHt? SBenn im ' aOfienfc^en eine fittüc^e SSerfebrung 

^Iq| gegriffen ^at, mie S'iiemonb leugnen fann, fo wäre e§ ja 

eine mec^anifd^e 9lnft(^t öom SJlenfd^en, menn mir benfen moltten, 

bofe eg ein mefentlid^eg ©ebiet be^ inneren geiftigen Seben§ im 

3Kenfc^ett gebe, melc^e§ boöon nic^t ergriffen morben fei. Sft eS 

aber baoon ouc^ ergriffen, atfo üer^erbt, fo muffen mir ja fogen: 

bie Offenbarung märe nicfjt SBa^r^eit, menn fie nic^t im SGBiber* 

fprud^ boju ftünbe. 2)og ^ouptöerberben aber in un§ ift ber 

^oc^mut^, aud^ für unfer 2?enfen. ^e^^alb ift ber Slnfto^, 

haä ^araboje in ber Offenbarung für un§ bie ®emut^ ®otte§ 

unb bie f^orberung unfrer Xemut^. „(5§ ift bie erfjabene 

^^arabojie be§ ßf)riftentf)um§, meiere ei liebt, bo§ ^öd)fte, ba§ 

Slbfolute in ber unfc^einbarften ©eftatt ju offenbaren unb ju* 

gleich ju berl^üKen, fo ba| bie empfänglichen (Semüt^er nur 

bur^ bie tieffte Beugung unb 2)emütl^igung in fein |)eiligt]^um 

eingeben fönnen, hie unempfänglichen, felbftgenugfamen, ^od^* 

mütl^igcn aber ju SBiberfprud^ unb geinbfi^aft gereift merben." ^^ 

5lIfo biefer SBiberfprud^ ift nid^t ein 93emei§ gegen, fonbern 

ein 93emcig für bie Offenbarung. SSäre c§ eine Offenbarung, 

meldte attei auf unfer eigenes SSerf unb SSerbienft ftellte, bann 

mürbe fie un§ gefallen, benn fie gäbe unfrem ^od^mut^ S^lal^rung; 

aber eben bann märe fie nid^t ma^r. SSeil fie aber alleS auf 

bie ^erablaffung unb auf bie ©wate OotteS ftettt, fo mißfällt 

fie uns, benn fie bcmüt^igt unä ; aber eben barum ift fie ma^r. 

„Sitte biefe SEiberfprüd^e, meiere mid^ om meiften öon ber @r= 

feftntniB ber 9fieIigion entfernen ju motten fd^einen, l^aben mirf) 

am meiften ju if)r l^ingefü^rt", fagt ^aStal. ■* ' S)arum ^at fte 

aucö tro^ biefeS SKiberfpruc^S fid^ behauptet: „^ie einzige 

SSiffenfc^aft, bie gegen bie ottgemeine SSernunft iftib gegen bie 

9tatur ht^ aJJenfc^en ift, ift bie einjige bie ju atten Reiten be» 

ftanben ^at."42 

©crabe unfre Ungeneigt^eit barauf einjuge^en ift ein 

Sut^otbt, «orttage I. 11. Aufl. 12 



178 "t. SSortrag. ®ie Offenbarung. 

3eugnt§ für ftc. „Eeconnaissez donc la verite de la religioa 
dans l'obscurite m§me de la religion, dans l'iadifference que nous 
avons de la connaitre."^3 ^©rfennet alfo bie SBa^r^cit bcr ffie- 
ligion gerobe in ber ^unfel^eit ber HJeligion, in ber ©leic^* 
giüig!eit bie toir bagegen ijaben fte fennen ju lernen." ^a§foI 
fü^rt einmal an§, bQ§ wenn bie ^uhtn jur 3eit 3^f" ^^^ ^^^ 
angefallen hiären, i^n taä mi^trauifd^ ntad^en njürbe; benn e§ 
tüäre ein berbä(^tige§ 3e"9ni&; gerobe ber Ungloube ber ^nhm 
an Scfn§ foEe ein ®runb unfere^ ®tauben§ fein.*^ — ^urj, 
bcr SBiberfprurf) ber Offenbarung gegen bie Vernunft, nämlic^ 
gegen bie felbftifc^e unb ^oc^mütf)ige SSernunft, bie S^lot^wenbig« 
feit biefe Sßernunft ju üerfeugnen, ift nur ein 53eh)ei§ für bie 
Offenbarung. II n'y a rien de si conforme ä la raison que ce 
desaveu de la raison. *s „(B§ ift ntc§t§ tt)a§ fo gemö§ ber SScr* 
itunft ift aU biefe SSerleugnung ber 83ernunft." — „aO^an mu§ 
^u ätoeift'fn hjiffen nio e§ nöt^ig ift, ju beljaupten n)o e§ nöt^ig 
ift, firf) 5U unterwerfen m e§ nöt^ig ift.-*^ 

2l6er ^tnter biefer felbfttfd^en, !^o(^müt^tgen Sßernunft fte£)t 

t)ic öerborgcne SSa^r^eit ber SSernunft. 2)a§ ift W inncrftc 

©m^finbung unb (Sehji^^eit, ha% toix für @ott finb unb gu 
i^m ^in, unb ift ta^ tieffte, nia^rfte fittlid^e Settju^tfcin, ha^ 
tt)ir (Sünber finb unb ber ©nabe bebürfen. ÜJlit biefer SSer« 
nunft ftimmt bie Offenbarung. Sn biefem ©inne gilt benn, 
ba§ bie Offenbarung nic^t blo^ über unb njiber hU SSernunft 
ift, fonbcrn ou^ für bie SSernunft. 2)ie SSernunft beginnt 
ben großen ^roge^ be§ iJragen^, bie Offenbarung fe^t i^n fort, 
tnbent fie bie Stntmort bringt. „S)ie SSernunft ift eine menfc^* 
lid^e SSorrebe gur göttlichen Offenbarung."^" ©onft gefd^ie^t 
€§ 5uft)eiten, "öa^ bie SSorrebe me^r berfprid^t alä ba§ Öu^ 
felbft leiftet. 2(ber bie Offenbarung leiftet mag bie SSorrebc 
ber 3?ernunft anfünbigt. 

SBenn bie Offenbarung für bie Vernunft ift, fo ift bie 
Vernunft ha^ Organ für bie ©rfenntni^ ber Offenbarung. 
Unb allerbingg bie Sßernunft ift gefd^icft genug unb gerabe ge= 
eignet bie Offenbarung ju erfennen. 2Sie fic^ \>a§ fonnen^aftc 



S)o§ SSer^ältnife ber Dffeabarung jur SSernunft. 179 

"Sluge äum Sic^t ber ©onne oer^ält, fo öie SSernunft jum Sidfit 
l)er göttüd^en Offenbarung. Slber man mu^ \>a§ Slugc öffnen 
um ba§ Sic^t ber ©onne ju fd^auen, unb nion mufe bie <Stet= 
lung jur @onne richtig nehmen, um fie aud^ rid^tig ju er» 
fenncn. ©o ntüffen hjir benn auc^ unfre SSernunft erfd^Iießen 
unb in bie richtige (Stellung jur Offenbarung bringen, um biefe 
in unfre SSernunft ]^tneinIeudE)ten ju laffcn. Unb mon mu^ fie 
l^ineinlcuc^tcn loffen njolten. ©§ gefc^iel^t oftmals, bot man 
etniag nic^t fielet ober l^ört, toa§ bod^ öor 2lugen fte^t ober 
unfer D^r trifft, weit mon feine Stufmerffamleit nid^t barauf 
ric{|tet, weit man fid^ ber ©ad^e nid^t t)ingtbt. @o aud^ ttjerben 
tüir bie Offenbarung ni(^t er!ennen, njcnn lüir m§ i^r nic^t 
l^ingeben. ®ie Eingebung ber @rfenntni§ ift Siebe. Slffe @r= 
fcnntnife ift liebenbe SSerfenfung. Sfiur bie Siebe berftel^t bie 
IZBol^röeit. ®ie Siebe ift nid^t blinb, tt)ie man fagt, fonbern 
rec^t fe^enb, im ©runbe allein fel^enb, nämlid^ ha^ SBefen ber 
^inge unb bie innerfte 2ßa^r|eit fe^enb. 3Jiit bem ^erjen 
«rfennt man — oor allem (Sott unb feine Offenbarung, toie 

Ißagfol fo fc^ön fagt: „®ie menfc|Iic^en 5)inge mufe man er- 
fennen um fie ju lieben, bie götttid^cn mufe man lieben um fie 
3u erfennen".'*^ SBer biefen SBeg ber ^kht ge§t, ber hjirb 
er!ennen, ta^ bie Offenbarung i)a§ SSernunftgemä^efte ift ba^ 
e§ gibt, bie l^öd^fte SSernunft, bie S33af)r^eit unfrer SSernunft. 



12. ^ 



3ld)ter Öorlrag. 

T)it ®cf(^t(^te bct Dffenbarung. 

|>eibent^um unb 3"^^nt^uin. 

S)ie Offenbarung f)at eine @ef(^ic^tc burc^gcmac^t. ^\d)t 
mit einem SJlale ftanb fie fertig ba. @ie unterliegt bem ®efe^ 
ber @nttt)icEIung. S;enn bie§ ift baö be^errfd&enbe ®efe^ afle^ 
Sebenbigen (utf (Srben. ©ottte bie Offenbarung einen Söeftanb* 
t!^eil ber ®ef^dE)te ber ÜJtenfc^fjeit bilben unb fic^ einfügen in 
bie @nttt)irftung be§ menfd)Iid|en ®eifte§, fo mufete fie auc^ 
unter bem ®efe^ beffelben fielen. SJion ^at oftmals, in ber 
3Jleinung bamit bie rfiriftlic^e Se^re ju ttjiberlegen, gefragt, 
tuarum, loenn bie Sünbe be§ Srftgefc^affenen ein fo grofieö 
(ätcnb über bie 9J?enfd)t)eit gebrockt unb ein folrfie^ Opfer 
notitüenbig gemacht toie e§ bie ^irc^e le^rt, ®ott nic^t alä« 
balb nac^ bem ©ünbenfaH "oa^ (^lenb mieber aufgehoben unb 
bie öerlorene ®emeinfcf)aft ber 2Jienfc|en mit i^m mieber ^er* 
gefteHt, fonbern fo lange mit feiner ^ül^e gezögert ijabt? ®ie 
Stntmort auf biefen (Siuujanb liegt in ienem ®efe^ ber @nt= 
mirflung. ®ott begann gmar ol^balb feine ^eil^offenbarung; 
aber biefe trat bamit unter ta§ ®efe^ ber ®ef^ic^te. 2!a» 
burc§ mürbe fie, obmo^I übernatürlich ifirem Urfprung unb 
ifirem SSefen nac^, boc^ etma^ 9f?atürlirf)eä in ifirer SBirflid^feit, 
meil fie ficf) mit ber ®efammtgefd)ic^te ber aJienfc^^eit unb bc^ 
menfc^Iic^en ®eifte§ §ur ©intieit 5ufammenfcf|to§. 

2)ie Offenbarung i)at eine ®efd|ic^te, meil e§ über^ou^t 
eine ®ef(^i(^te gibt. @§ gibt eine ®efd^ic^te, meil e§ ein Qid 



3)er 53eruf ber SBöIfer. 181 

«gibt; unb e§ flibt ein Qiel, tüeil e§ einen ®ott unb eine einige 
Siebe gibt unb eine SSorfeI)ung bie über ben ©efd^icfen ber 
SKenfd^^eit haltet unb fie bem Sid ber göttlid^en Siebe entä- 
gegenfü^rt. SBenn e§ Um Qid gäbe, fo njöre ba§ Seben 
ber 3Jien[d^^eit \>a§ 2;rourigfte unb Sangweiligfte toa§ e§ gibt. 
SBir finb aUe überjeugt, ba^ bie ©efd^ii^te nid^t bloß ein 
<B^aupla^ ber SSerirrung ober bto^er fid^ »ieber^olenber 21b» 
lüec^^Iungen ift, fonbern ein f^ortfd^ritt. 3?icl^t§ tft bem mo« 
bernen 2)enfen fo geroife unb wirb öon bemfelben fo geforbert 
aU ber gortf^ritt. STber einen gortfc^ritt gibt e§ nur, tüo 
eg ein Qid gibt bem man entgegengeht. 5)iefe§ 3^^^ ^oben 
nic^t tt)ir unS gefterft, fonbern c§ ift ber ©ebanfe einer ewigen 
Siebe bie über unl waltet. Unb nur fie fann e§ auä) ^erbci* 
fuhren. SBir nennen e§ mit bem pd^ften SluSbrud ha^ fReiä) 
@otte^: bie SSermirflic^ung ber j^öd^ften fittlid^en unb religiöfeu 
STufgabe unb Seftimmung be§ 3Jlenfc^engefd^Ied^t§, bie 55er* 
mirftid^ung be§ fttt(ti^en unb religiöfen 3beal§. SBir tragen 
€in foIc^eS S^eal in un0, mir ^offen, mir erfe^nen e§ — unb 
€§ wirb aud^ werben, e§ mu§ werben. ®a§ ift bo§ ®e^eimni§ 
ber (Sefc^ic^te unb ba§ ift ha§ @rt)ebenbe i^rer SSetrad^tung : 
bie SBege @otte§ ju oerfolgen ober wenigften^ äü eignen, Weld^e 
un§ biefem 3'^^^ entgegenfü^ren. S)a§ gibt bann aud^ unfrem 
©injclleben unb unfrer fleinen X^ätigfeit ifire p^ere S3e* 
beutung unb SBürbe, ha^ wir un§ fagen fönnen, ha^ aud^ 
unfer X^un, e§ fei welc^eä e§ Wolle, wenn e§ nur überl^aupt 
•ein würbiges ift, ben l^ö^eren fittlid^en Stufgaben ber aJlenfc^» 
^eit bicnt unb üon ®ott mit l^ineingenommen wirb in baS 
gro^c ®ewebe ber ®efd()id()te, beren fc^Iie^Iic^eS 9lefuttat bo§ 
tRci(^ ®otte§, ha§ 9teic^ ber SBa^r^ieit unb ©erec^tigfeit unb 
be!? öoflcnbeten SebenS ift. 

|)iefür nun öerwenbet ®ott bie SJiittel be§ natürlid^en 
Seben«, bie mannigfaltige gülle bie er in baffelbe gelegt l^ot. 
3)a3u gehört bor oHem bie @igent^ümli(^feit unb ber eigen* 
tpmüc^e Seruf ber cinjelnen SB ö Her. ^ebeS SSoIf ^ot feine 
Jbefonbere Slufgabe für bie ©efammtgefd^ic^te ber SKeufd^l^eit. 



182 8. SBortrag. 5)ie Oefdjic^te ber Dffenborung. 

9iur tritt bie Slufgabe bei einjelncn Jßölfern 6ebeut[amcr ^eröotr 
unb greift entf^eibenb ein in ben ©eng ber ©ef^id^tc. 2)er 
notürti^e 93eruf ber aJienfd^^eit ift ber gortfc^ritt ber Kultur. 
<So gibt e§ 9Söt!er ber Kultur, befonber§ begabte Sölfer^ 
loelc^e 3;räger ber einzelnen großen ^Ituraufgaben ber 3Kenf(^« 
i)eit finb. ©o toav boS grie^ifci^e ißolf bo§ SSoIt ber Silbung^ 
ber fünftlerifcfien unb iüiffenfc^oftlic^en Silbung, ?Rom ba§ SSolf 
be§ ^Jec^tS u. f. tt). 5Iber bie Seele unb SebenSquctte aller 
Kultur ift bie 9teIigion. S)orum l^ot e§ a\iä) ein S3oIf ber 
^Religion gegeben — nämlid^ ^\xad. 5Bie nun bie ^uttur^ 
fo foll auc^ bie fReligion ©ac^e ber ganjen SJienfd^^eit Werben- 
^eüa§ nnb 9?om finb Xräger ber Kultur gettjefen, um biefelbe 
gur @arf)e ber SJJenfd^^eit ju mad^en. @o ^ot aud^ bie 3ie« 
ligion i^re Stätte in einem einjelnen Sßolf gelobt, um öon ha 
überäuge^^en ouf ben 93oben ber ilRenfc^^eit. §ier in biefent 
SßoÜe ber ^Religion fiot benn bie Offenbarung i§re |)cimot 
unb i^re ®ef(^icf)te, ^iefe ®efd^i(^te ber Offenbarung fc^t fid^ 
in mannigfoltigen SSejug jur ©efc^id^te ber Kultur, o^ne ftc^ 
jebo^ mit berfelben ju öermif^en. ?IBer biefe SBegie^ungen 
bereiteten ben bereinftigen Uebergang ber 9?etigion auf ben: 
58oben ber Kultur oor. 2)iefen Uebergang felbft ju öottjie^eit 
luar bie Slufgobe be§ (S^riftent^uml^ S)a§ ß^riftent^um \)at 
hie 9?eIigion unb bie Offenbarung jur ©ac^e ber ^ulturttielt 
gemalt. ®o fc^Iie§en fi^ benn bie beiben großen ©cbiete- 
bie öorl^er gefd^ieben finb äufammen: bie offenborungälofc- 
@ef(§i(f)te ber ^Iturirelt unb bie Dffenbarung^gefc^tc^tc in: 
Sfrael. ^ie Sneinonberbilbung beiber ©ebiete ift bie 2luf» 
gäbe ber c^riftlic^en 3^^^. 5)arum ttjöre t§ bie grölte Störung 
be§ %oxt]ä)x\tt§ ber ©efd^ic^te unb ein fdf)tt)ere§ UnglüdE für 
ba§ gefammte Seben ber üKenfc^^eit, tncnn ein Sruc^ glntfc^cn: 
beiben ©ebieten, bem ber ^Itur unb bem ber ^kligion^. 
ftottfänbe. 

®ie SSöÜer be§ ^eibent^umS finb nic^t o^ne S^ieligion; 
ober fie finb ni(^t bie Xräger ber ^Religion für bie 3ühinft; 
if)v 93eruf lag ni(f|t ouf biefem ©ebiete. ^ie !Retigionen b^r 



^ie ^Religionen be§ |)eibent;^umg. 183 

.^eibenöölfer fitib bie ^tuilbttJod^fenben ^Religionen", tuie fie 
Sc^elliiig na(^ bem poulinifd^en @Ieid^ni§ tjom »rilben Oer= 
boum iRöm. 11 genannt l^ot; eä finb nic|t 3f{eIigtonen ber 
Cffetiboruhg. 2Iber borum finb fie mä)t ber göttli^en Settung 
entnommen. ?lu^ bie ^eibnifd^en ^Religionen gelten ben ©ang 
ben ®ott i^nen öorgegeic^nct, unb bienen ber „(Srjie^ung be§ 
SWenf^engcfd^Ied^t^'' fiir bie Offenbarung, benn fie geigen je 
länger je mel^r ba§ Sebürfni^ ber Offenbarung, ^at in Sf^ael 
bie Offenborung eine (Sef^i^te für bie SDileufd^^eit, fo §ot in 
ber ^cibcnnjett bie SPlenfd^^eit eine (Sef^ic^te für bie Offen^ 
barung. S)urdö i^i^e ÜJengtouen felbft follte bie SKenfd^l^eit 
über biefetben l^inauSgefü^rt unb fo jubereitet werben für bie 
Slnn'a^me ber Offenbarung, ^iefe roöre nic^t möglid^ geioefen, 
Rotten nirf)t in jenen ^Religionen Elemente ber SBal^r^eit ge* 
legen, ioelc^e biefer SSorbereitung auf bie öolle gange 2Ba!^rt)eit 
jugleid^ |)ofitiö bienten. 

Stoav fagt ber Slpoftel ^aulu§ öon ben |)eiben, ba§ fie 
ol^ne ©Ott in ber SBelt itjaren (©pl^. 2, 12). Unb afferbingS, 
©Ott felbft Rotten fie nid^t, unb bo§ ift ber tieffte @runb ber 
^lage toerd^e burd^ bie gange ^eibentuelt unöerftanben ^in* 
burd^ge^t. Slber bod^ »raren fie nicfit o^ne oücn 3"ffln^^cn= 
l^ang mit ®ott. ©ott ^atte ein 95anb gu i'^nen unb fie fiotten 
ein Sanb gu ©ott, ^eneS beftonb in ben SSa^r^eiten Weltfie 
i^ren ^Jeligionen gu ©runbe lagen, biefeS in bem religiöfen 
Sinn ber auÖ) l^ier fit^ finbet unb lange 3a!^rf)unberte l^in* 
burd^ iia§ Seben ber alten SSelt bel^errfd^te. Slber beibe (Seiten, 
jene objeftioe unb btefe fubjeftibe «Seite ber S^teltgton, mad^ten eine 
©cfc^i^te burd^, unb biefe ©efc^id^te ift ein.^rogcBfortfd^reitenber 
©etbftauflöfung, ber ouf ber einen ©eite in ben (Sumpf ber ©ott» 
lofigfeit ober beS SlbcrgloubenS hinabführte, auf ber anbern aber 
bo^ oud^ gugteid^ einen eblen ©eift ber S^nung ober menigften§ 
ber Sfüd^tbefriebigung crgcugle, in njelc^cm bie Slbgefc^Ioffen^eit 
ber alten fBett bem ©eift ber neuen ^eit ba§ X^or öffnete. 

Serfen toxx ouf jene'beiben «Seiten unb i^re gefd^i^tlic^e 
Gntmidflung einen furgcn S3Iidf ber SBetrad^tung! 



184 8. SSortrag. 3)te ©efc^tc^te ber Offenbarung. 

Sttten ^Religionen liegen ©femente ber SBa^r^eit ju ©runbc. 
5lud^ i^re SSerirrungen finb nur ©ntfteffungen einer üerborgencn 
SSa^r^eit. D^ne bie[e hjürben bie Steltgionen bc5 Reiben* 
t|um§ ficf) nic^t fo lange erhalten ^aben unb bis je^t erhalten, 
^enn e§ i[t nic^t bie reine Süge »clc^e ben mcnfc^Uc^en ©eift 
gewinnt unb befriebigt; unb ber SKen^c^ mag noc^ fo [e^r 
ftnfen — ben ©inn ber SBa^r^eit hjirb er nie böttig in [i<i) 
öernic^ten. (Sinjetnen 3Wen[(^en mog cä gelingen ben SBa^r* 
I)eit§[inn in ^id) ju ertöbten, aber bie SSötfer toerben t^n nie 
t)ö(Iig ju erfticfen im ©tanbe fein. S)ie SBa^r^eiten meiere in 
ben ^eibnifcben 9fieItgionen »erborgen liegen, flammen au§ ur= 
alten Offenbarungen, bie ein ©emeingut ber gefammten 2J?enfc^* 
l^eit maren, nod^ ef)e biefelbe in bie SJiannigfalrigfeit ber Jßölfer 
flu§einanber ging. 8ie finb ba§ ©rbt^eil njelc^ei bie SSöIfer 
auä bem gemeinfamen SSater^auS mit fortna^men in bie 
f^rembe, um baoon ju leben, nad^bem fie fic^ üora SSater^au^ 
getrennt. Ueberaß ift ein 93emu§tfein üon ®ott t>a§ in ber 
SInbetung fic^ auöfpricf)t, überall ein gemiffeä ©cfü^I ber 
<3ünbe unb ©c^ulb unb ein Sebürfni^ ber ©il^ne unb Sßer« 
fö^nung ba^ in ben D|)fern unb ©ebetcn, in ben Sieinigungcn 
unb Sitzungen fi(^ einen 5(u§brucf gibt, unb nid^t miuber 
begegnet un§ bei öieten 93ötfern bie S^ce eineS ÜJiittler^. ^ 
Unb je meiter mir äurüdge^en in ber ®efcf)id^te, um fo reiner 
finben mir bie ©eftalt mefc^e bie Sleligionen an fi(^ tragen. 
Q§ ift eine ebenfo oon ber Ueberlieferung ber Reiben bema^rtc 
mie öon ber ®ef(^id^t§forfÄung anerlannte 2;^atfac^e, ha^ bie 
«rfprünglictieu religiöfen ^Begriffe Don ®ott reiner maren aU 
bie ber fpäteren SSotf^rengionen,^ fo ba% benn ber 2lpoftd 
^aulvLS 9te^t ^aben mirb, menn er fRöm. 1, 18 ff. bie ®c* 
fcf)id^te ber SSorftettung öon ®ott aU eine ©ef^ic^te fort* 
fc^reitenber Xrübung unb Sßerfe^rung urfprüngli^er SBa^r^eit 
fcarflellt. ^od) big meit herunter ^at fic^ haS ©ctou|tfein ^ic* 
ton erhalten. @o berichtet un§ §. SB. SSarro öon ben 9lömern, 
t)a§ fie mä^renb me^r al§ 170 ^a^ren feine 93ilbniffe öon 
Göttern gehabt, unb "öa^ biejienigcn, meiere biefen ©ebrauc^ 



y ' ' ®ic ^Religionen be§ ^eibent^uml. 185 

«infü^rten, einen Srrt^um geftiftet bcn man 6i§ ba'^tn nid^t 
^cfannt, ^ Slber bie i8ot!§reIigionen [inb [e länger je me'^r ge« 
funfen. SSq§ fie l^erabjog rvav bie aJlac^t ber Unnjo^r^eit, 
bie öon Stnfong an in i^nen lag, bie im ^rinsip be§ |)eiben« 
ti)ümä felbft liegt unb fein SCßefen ausmacht. ®enn haä ift fein 
HBefcn boB e§ @ott in bie SBelt ^ereiitjie^t. IRirgenbS ift im 
^eibentfium ber reine unb ^öd^fte ©otteSbegriff; e§ fennt nid^t 
ben abjoluten ®ott, fonbern fe^t bie fogmifc^en ajlä(f)te, ttjeld^e 
nur ba§ Drgan feiner SSirffamfeit unb ba§ ©ewanb finb in 
\)a^ er fic^ pUt, an feine ©teile. @o bejeitfinet ber Slpoftel 
ißaulu§ boä SBefcn be§ ^eibentJiumiS in jener ffoffifd^en ©tette, 
lüo er baoon ^anbelt, 9?öm. 1, 18 ff., befonber^ SS. 25, unb 
bie einbringenbfte wiffenfd^afttid^e gorfd^ung beftätigt \)a§.* 
®ie fo^mifc^en SKäd^te aber finb gweifac^: fie gehören bem 
Seben ber S^Jatur ober bem be§ ®eifte§ an. ©o repräfentiren 
t)enn bie {)eibnifc^en 9ieIigionen t^eili me^r bie ©tufe ber 
D^atur, t^eilg me^r bie be§ ®eifte§. Sßon bem getifc^i^muS 
ön, welcher in bem einzelnen 5Jiaturgegenftanb, ben er fid^ jur 
IBere^rung emjö^It, feinen @ott fie^t, bi§ jur pantfieiftifd^en 
"SBeftanfd^auung Snbien§ l^inburc^, ttjeld^e ba§ 3iet '^^^ SJienfd^en 
im Untergel^en bei ©injetnen im allgemeinen S^laturleben fielet, 
^e^t jene Sfiei^e ber 9'iaturreligionen. ^^ve §eimat tiaben fie 
^unäc^ft unter ben farbigen 2J?enfc^en, weld^e mefir aU bie 
tt)ei|en in bal ißoturleben üerfunfen finb; aber i^re ^ö(^fte 
unb ergrcifcnbfte S(u§prägung ^at biefe ©tufe in ber tief 
melanc^otifd^en SBeltonfc^auung unb 9?eIigion ber meinen 9laffc 
ber 3nbier gefunben. §ier fommt ber ^ant^ei§mu§ ber l^eibni* 
fd^en SBeltanfid^t jur öollen ©rfc^einung, in ben beiben gotrmen 
berinbifd^enSlcIigion, bem93ra^mani§mu§ unb bem 93ubb:^iämu§. 
SBä^renb ber S^ra^moniimuä bie nid^tige SBelt aufgeben läfet 
im allgemeinen ©ein, in ber SQSeltfeele, beren S(u§flu§ ober 
cuä) beren 2!roum bie SBett ift, fo fül^rt ber SBubb^iämuS bie 
^bee ber Sfiic^tigfeit bur^ big auf ben legten ®runb alleS 
^eing, unb löft aßeS maä ift ouf in taS leere S^iid^tl, um fo 
in bem ©ebanfen ber abfoluten 0?efignation ben 2;roft für / 



186 8. SSortrag. 2:ie ©ef^ic^tc bct Cffenborung. 

aüe§ Ueöel in biefer Sßelt ju finben. |)ier ^at bcr ^ont^eiätnu^- 
ber 9'jQturreIigton feine ooüe Sonfequenj gebogen. ^ Slber bo§ 
SSoIf öerlongt perfönlic^e ©ott^eiten an bic e^ fid^ menbcn 
fonn. S)Q:^er roirb ollent^alben bte pant^eijiifc^e Sfioturreligion 
jum ^oI^t^ei§mu§. 2)ie einzelnen ©ötter reprofentiren bic- 
Ätäfte ber Statur. 2inent:^alben fe^en ttJtr in biefen Sleligionen 
ben @eift heS SJJenfd^en an bog Seben ber fflatut gleic^fam 
entäußert unb in ba§ ©e^eimni^ berfelben berfunfen. 55ie 
geugenbe unb gebärenbe 9f?aturfraft tvav bie ^hee, ftelc^e in. 
einer 3{eit)e tjon ©ott^eiten, ©Embolen unb iJeiern bargefteüt 
mürbe. SBir, bie h)ir fo biet freier üon ber Wladjt be§ ^fJatur* 
lebend genjorben finb, |aben je^t gar !eine SSorftettung me^r 
baöon, nield^e eine ©ehjolt jene S^Zaturreligionen über bie ®e= 
mutier auä^uüben üermo^ten. 2!ie ftöriften Opfer fonnten fie 
t)on i^ren SSerefirern forbern unb fie njurben niefit öermeigert^ ' 
fei e§ ha^ bie ebelften Jungfrauen 53abt)Ion§ an ben geften 
ber Slllgebärerin i^re (£^re ^jrei^gaben au§ religiöfem (Snt^u* 
fioSmuS, um on bem SBefen ber ©ott^eit X^eil ju neunten;, 
ober ba| bie Süngünge ^art^ogo^ fic^ in bie geuer^glutf^ 
ftüräten im religtöfen ganatiämu^. (£§ mar bie ÜKac^t ber 
9Joturtrunfenf)eit ftelrfie ben ©inn ber Sßenfc^en be^errfc^te. 
Slber ba§ 3taturleben ift jugleic^ ba§ finnlic^e Öeben. ®af|er 
gef)t burrf) alle biefe 9fteIigionen bie 9Jia(^t ber @innlic^!eit 
:^inbur(^, unb mir fef)en in i^nen Un^uc^t unb ^ieligion in 
einem SBunbe mit einonber, ber un§ ebenfo mibermörtig mie 
unbegreiflich ift. 

2lßerbing§ ftetien bie 9f?eIigionen bei ©eifteS ^ö^er; 
ober über ben ^oimoS (bieSBelt)fommen auc^ fienic^t ^inaui. @^ 
ift nur bie Jbee bei 9Jienfcf)en »elc^e ber ©rie^e in feinen 
©Ottern feiert. Qwav fpiegelt fid^ in i^nen bie Jbee ber ®ott= 
l^ek, ober nur in gebrorfjenen ©tral)len. @§ ge^t burrf) bie 
griediifdje SSorfteHung üon ber ©öttertoelt ein monot^eifttfc^er 
3ug ^inburrf); fie fuc|t in Qeu^ ober im ©c^idfol eine oberfte 
obfolute ©ottlieit ju gewinnen;« ober fie oermog fid^ nic^t auf 
biefer |)ö^e ju erfiolten; immer njieber jie^t fie bie Jbee ©otteS' 



3)ie 9?eIigionen be§ ^eibent^umg. 18 T 

in bte «Sd^ranfe ber Segreitjung jurücf. ®ie griediifc^e SSotfä* 
rcligton fcnnt feinen ottmöc^tigen, no(^ tt)eniger einen l^eiltgeit 
®ott, öoffenbö nid^t ben ®ott ber Siebe. Unb me mentg fie 
ft(^ fd^eute menfd^Iid^e Seibcnjc^aften unb ©ünbcn auf i^re 

©Otter ju übertragen, ift bcfonnt genug. Qvoaic beginnt im 
f^äteren SSerlauf bie ^£)tIofopl^ie einen Sampf gegen biefe SSer=' 
tnenfd^Iid^ung ber göttlid^en 3bee unb fut^t öorne^mlid^ burrf^ 
einen ©ofrateö unb $Iato bie Qbee ber ©ott^eit ju ^ö^erer 
9iein^eit unb ®eiftig!eit ju ergeben. 2l6er bie alte Jßolfö*, 
religion tertrug feine ^itif ; bie Unterfud^ung ifirer @ä|e unb> 
iBräud^e ttjor i^re 5luf(öfung; bie pfjilofo^^tfd^e (S^efulation 
ober öemtotfite ni^t fie ju erfe^en. 2)enn bie ^^iIo[op|ie ift 
immer nur für SBenige, nid^t für bie 2Jienge; unb um 9teIigioit 
ju fein fehlte ou^ ber ptatonifc^en ^t)iIofopt)ie bie ©runblage- 
objeftioer Xi)atfac^en. S)enn jebe fReligion mu^ fic^ auf X^at* 
fachen berufen unb ^ot fic^ barauf berufen, auf üermeintürfier 
ober ouf mirflic^e; ©ebanfeu allein, auc^ bie fd^önftcn unb- 
beften, machen noc^ feine 9?eIigion. ^ Unb bie^ toax auc^ bie 
©(^ranfe, meiere bie üJi^fterien ntcE)t §ur ^Religion »erben ließ- 
^n ben ®ef)eimle^ren, befonberö ben eleufinifd^en, fuc^te ba^ 
®emütf) bie SBefriebigung, welche t^m bie 93olf§religion ntdf)t 
bot. ©ie machten fic^ an^eifd^ig Sintroort auf bie gi^agen be^- 
S3erfö^nung§bebürfniffeä unb be§ Senfeitä ju geben, biefe- 
©runbfragen ber ^Religion. ®in ^ei§ Don ©löubigen fammelte 
ftc^ um fie, bte ©belften beä SSoIf^. Stber bie Stntmort beftonb> 
nur in «Symbolen, nic^t in 2;^atfad^en. Unb fo fielen fie mit 
bem alten ©ötterglouben aud^ ba^in. 2)ie Drafel aber fcfimiegett 
jule^t unb liefen bie 9J?enfd^en o^ne göttlid^e Slntmort. Unb 
bie alte S33elt fa^ barin ein bebeutungSOoUeS B^id^cn babort 
i>a^ bie 5cit be§ alten @ötterglauben§ ^u @nbe ge^e. ^ Unb- 
fie ging ju @nbe, ©ie löfte fi^ auf im Unglauben ouf ber 
einen, im Slberglauben auf ber onberen ©eite. ®enn \)a§ toat 
ber 2(uggang, ben mit ben alten 9ieIigioneu ouc§ bie 0leli« 
fliofität ber alten 3^^* nol^m. 

SS3ir fönnen .un§ au4 in bem geiftig bewegten ©riechen- 



188 8. aSortrag. Sie Oefc^tcftte ber Offenbarung. 

Xanb bie SKad^t unb ^errf^aft ber religiöfen ©cnfroetfe unb 

©itte im Seben ber früheren ^[Q^r^unbertc nic^t ftarf genug 

üorfteüen. ^6) ^ahe früher öon ber bebelitjamen Stellung 

gefproc^en, welche ha§ @ebet im öffentlichen mie im priooten 

Seben ber alten SBelt einnahm. 9Baö üom ®ebet gilt, gilt 

t)on ber Stetigion überhaupt, ba§ ganje Seben mar öon 9?c« 

ligion umfd^Ioffen unb getragen. S)a§ |>eibent^um ber früheren 

:Sa^rl^unberte mar ein religiöfeS, ein frommes ^eibent^um. 

Unb befonberS genofe Sitten ben SRu^m einer gotteSfürc^tigcn 

@tabt. Slber bie ©c^ranfen ber 9ieligion maren auc^ bie 

©^ronfen ber 9teIigiofität. Sä mar bo^ aUeS 93eten unb 

Opfern im ©runbe nur bie ©rfüflung einer gefc^Iic^en ^flic^t, 

nic^t bie freie S'Jeigung beä §eräen§, ^er 9Jienfc^ äo^Ite ben 

(Söttern feinen fc^ulbigen Xribut. S)enn fo mar nun einmal 

bie SBelt üert^eilt, ba% ben ©Ottern bie ^errfd^aft zugefallen 

loar, ben 9Kenfc^en aber bie Slb^ängigfeit öon ben ©Ottern. 

©0 fam e§ bem 2Jlenfd)en §u, biefeä SSer^ältniB an^uerfennen 

boburc^ ha^ er ben ©Ottern leiftete ma§ er i^nen fc^ulbete, 

um fid^ baburd^ bie ^ulb ber ©ötter ju ermerben unb ju 

fiebern. @in anbereS perfönüc^eä SSer^ä(tni§ ju ben ©öttem 

ianb nic^t Statt. SSar bei ben ©öttem leine fiiebe im eigent* 

iid^en @inn ju ben 2Renfc^en, fo mar a\i6) bei ben 3Kenfc^cn 

feine Siebe ju ben ©öttem. Unb §lriftoteIeg erflortc e^ 

^erabeju für „mib erfinnig " (oxotov), öon Siebe ju ben ®öt* 

tern ju reben, ba Siebe nur jmifc^en ©(eic^artigen ftattfinben 

iönne. Sllle SJeligiofität mar nur t^atfäc^Iic^e Stnerfennung 

ber Slb^öngigfeit. §lbcr bo§ ©efü^I ber bloßen Slb^ängig!eit 

ift o^ne eigentlichen fittUc^en ©nflu§ auf baS innere .beä 

HJienfdfien ; t§ öermag nic^t ba§ ^erj §u reinigen unb- einen 

neuen @inn ju öerlei^en; e§ i)ait nur in ©(^ranfe unb SWafe. 

Unb ha§ mar hai §öf^fte in ber antifen SBett. Slber auc^ 

biefe SSirfung öerlor bie ^Religion, aU bie Qeit ber fc^ranfen» 

lofen ©eltenbmac^ung be§ eigenen 2>c^ begann. 2)ie 3cit ^^^ 

iPeriHe§ unb be§ peIoponnefif(^en Kriegs bejcic^net bie öct* 

flängni^öolle SBenb'e im griec^ifc^cn Seben. 2)ic ©op^iftif. 



] ■ ■ 

3)ic JJeligiorttät beg ^dbentfjüxn?. 18}>- 

totldfe ben einzelnen SD'Jenfcfien aX§ „ta^ Wla^ aller ^inge'*" 
Bejeic^itete, unterftü^tc biefc 9itd^tung, bte eblere ^^itoj'opl^ic- 
eineg ^toto öcrmoc^tc fic nid^t aufjufialten , bie offgemeincit 
3uftänbe ober riefen fte ^eröor unb förberten fie, 2Kit un* 
öcrlöfd§li(|en 3ö9cn ^at ^l^uf^bibeS ba§ fitttid^^reügiöfe SSer= 
bcrben gcjeid^net, loelc^eg bie gotge ber otfiemenfifd^en ^ejt 
gleich nod^ bem ^Beginn be§ peloponnefifd^eit ^iegeä tuor: h)ie 
man anfing tuaS göttlid^ unb toaä menfd^üc^ tieilig ttiar gleicö* 
ntäfeig ju berad^ten.^ SSon ba an begann ber Slufföfung§= 
proje^ ber alten 3fieligiofltät. ®ie 9ftetigion befa§ in fic^ fclbft 
feine Äraft ftegrcic^en SBiberftonbe§. S)ie fReltgtonen ber alten: 
SBelt waren an ben Staat gebunben; fte tüoreu nic^t 'äieiu 
gioncn'be^ SWenfc^en, fonbern be§ ©taat§bürger§. ®ie {)ö(f)fte 
religiöfe ^ftid^t voax: bie t)eimif^en ®ötter nac^ ben ©efe^cn 
beg Sß'aterlanbeS ju oere^ren. Slllniä^tig aber begann bie ^hct 
be§ Staaten i^re frühere 9Jiad^t für ba§ antife SBerou^tfein ju 
öertieren. Xaä inbiüibuelle ©elbftgefü^I madjte fic^ bagegen 
gcttenb. 3""öc^ft atlerbingS t)ielfarf) in unberecf)tigter SBeife 
nnb in ber gorm bc§ finnlicöen £eben§genuffe§. ®ie ©innltfi)* 
feit ift bie eigentlid^c ©ünbc be§ §eibent^um§. Unb bie ffie^ 
ligion felbft bot i^r Sila^rung genug. |)atte fie fc^on früher- 
ber ©innlic^feit gebient, fo würbe fie je^t noc^ öiel ntefir baju 
mifebraud^t. S)ic ^oefie n)ie bie bilbenbe ^nft unterftü^ten 
bicfen SJiiBbrauc^. Un^ finb ^omer'g ©ebid^te ein fd^öne^ 
(Spiel ber ^^antafie; aber @efaf)r ift für nn§ nic^t barin ent* 
galten; benn wer benft baran tf)re (Srjö^Iungen für SBa^rt)eit 
äu l^alten? SSergegenmärtigen tt)ir un^ aber, wie fe^r fie bem. 
grie(^ifd^en SSolfe in gleifcJ) unb ©tut übergegangen maren, 
unb bo§ fic i^m eine ötinlid^e iBebeutung Ratten wie un§ bie 
Sibcl, fo werben wir begreifen, warum bie ftrengeren. ^^ilo* 
foppen ©ried^entanbö ben 2)i^ter für einen SSerberber ber Sfie« 
ligion unb ©ittlic^feit angefe^en unb ^lato if|n ouSgefd^toffett 
wiffen woHte öon feinem ibeaten ©taate. Ung ift bie bilbenbe- 
Äunft Streng nur nod^ eine Slufforbcrung, ben ®eift ber ©c^ön« 
I)eit ju bewunbcrn ber biefe SBerfe mit einem unöergängtic^eit 



190 8. SSortrag. ^ie ®efc^id|te bet Cffenborung. 

Räuber betteibet f)at. ?lber ipir ^aben ^euöttijfe genug bafür, 
toeld^en bebenflirfien (£raf(u§ fte auf i^re 3«itgenoffen tf^eiU 
lüeile ausgeübt; unb wie fe^r bie ^unft in ben ©ienft.bcr 
itiebrigften ©innlic^feit gebogen ttjorben, bafür bieten bic. 
@tra|en ^ompeji'S nur aHjureicöIic^c S5enfmale. ®ie Xcmpct 
aber würben Statten ber Un^ui^t unb bie gefte ber ©ötter 
^u Drgien. ©o toar e§ fd^on in ©riec^entanb, jo nod^ me^r 
fpäter in 9iom. i" 

SBaä S33unber ha^ eine foI(^e IReligion immer me^r in ber 
t}((|tung ber (Sinfic{)tigen fünf? Stbcr freilid^ toaä bie ^^i(o* 
fop^ie bagegen ju bieten öermod^te, maren nur ©ebanfen ber 
"Sa^rfc^einlic^teit, balb nur be5 Qtoei\eU; i^r ©rfolg jule^t 
bie ^errfc^oft be§ Unglauben^, 3« ber augufteifd^en 3eit fa^ 
man auf bie ßeit, in toel^er mon an ©ötter glaubte, aU auf 
«ine längft entfc^munbene jurüd. @§ golt aU ba§ 3cic^en eine^ 
ipi^ilofop^en bie ©ötter ju leugnen, ii S 

S)ie unter ben gebilbeten ©täuben föeit öerbreitcte e^i» 
fureif(f)e ^^itofop^ie lehrte oon ben ©Ottern ha^ fte fic^ um 
bie mcnfd^Ii^en ®inge nic^t^ fümmerten, um fie befto fidlerer 
<iu§ bem ©lauben unb ben (Sebanfen ber ajienfc^en ju ftreid^en. 
®er Siebter Sucretiu§ mod^te fic^'ä jur Slufgabe, bur^ natür* 
lic^e ©rflärung ber ^Religion ben ©öttergtauben ju befeitigen. '2 
^ber ettoag mu§ ber 3Kenf(^ ^aben. Unb ttjenn er fic^ ^unbert» 
■mal ba§ ©egent^eil einrebet, er öermag boc^ nic^t fid^ felbft 
^u genügen. S)ie not^menbige «Jolge biefeä Unglauben^ mar 
befonberö in ber römifc^en ßaiferjeit eine meit oerbreitete ^err« 
fc^oft be§ 2lberglauben§ , toelc^e un§ ^lutorc^ mit lebenbigeri 
garben f^ilbert. i» ßonberpriefter bur(^äogen haä ffieid), unb 
je abergläubif c|er i^re 3eremonien Waren , um fo metir fonbcit 
fie Söeifall. Unb au^ ha§ neue Seben ttjelc^e^ man mit ^ütfe 
t)er |)ant^eiftifc^en ftoifc^en ^^ilofop^ie befonberä im 9teftau» 
ration^seitatter ber 3tntonine (2. So^r^.) bem alten ©ötter* 
glauben einju^aui^en oerfud^te ern)ie§ fid^ aU mad^tlog. S)a# 
lüar ba§ (Snbe ber ©efd^id^te heS antuen ©eifteä auf bem ®e« 
biete ber Sfieligion. Unb boc§ biente er aud^ bomit ber Qu» 



SJerfaH Der ^eibniidien JReligion. 191 

Junft. Senn a\i§ bem attgemeinen SSerfott be§ Sllten et^oh 
fic^ um fo ftörfcr baö ^erföultc^e iBebürfni§ be§ (Sinjelnen, 
ipelc^eg, loggclöft Don ben aJläc^ten ber otten SBelt, für fic^ 
felbft bie Söcfriebigung fuc^te, rtJetd^e bie ^Religion unb bic 
tp^ilofop^ic i^m nid^t bot, fonbcrn nur bie Dffenborung ju 
bieten öermod^te. 

©inen ä^nlid^en ©ang no^m oud^ bie ©ittlid^feit ber 
alten SBelt. Senn ©ittli(^feit unb 9ieIigion ftel^en in einem 
inneren Slb^ängigfeitSoer^ältnife äu einanber. SWit ber fRetigion 
fte^t unb fäat bie ©ittlic^!eit. äJlanc^e eble unb ernfte ©eftalt, 
welche unä ^o^e fittlid^e Sld^tung abnöt^igt, tritt un§ auä ber 
Oefc^ic^te ber alten SBelt entgegen. SBaö ber fittlid^e ©eift 
beg Slltert^um^ ju leiften üermod^te, ba§ fe^en wir in ben 
gelben be§ Seonibaä ober an ben eblcn SJlännern Slit^en^ unb 
tRom§, beren iWamen bie ©efd^idite un^ auf6ett)at)rt ^at, öer= 
toirfli^t. S3e[onberg ^eid^net ftc^ ba§ alte 9lom öor tiielen 
anbern SSöIfern unb Staaten burc^ einen großen fittli^en Srnft 
aug, ujelf^en man aU bie gru(^t be§ reügiöfen ©eifteS be= 
^eid^nen barf njelc^er bort ^errfc^te. '^ 216er e§ ift überall bie 
<5ittlid)feit be§ ©toat^bürgerö , nic^t bie ©ittlic^feit be§ 2Ken« 
f^en, ge[(^tt)eige bie ©ittli^feit be§ erneuerten ^erjenS, weld^e 
loir »a^rne^men. S)a§ ift bie ©c^ranfe ber antifen «Sittüd^* 
feit. 21I§ biefe @c^ron!e fic^ ouflöfte, fanf aud^ bie fittlic^e 
Äraft njelc^e baran gebunben War. SSergeben§ üerfuc^te iiie 
^P^itofop^ie ou§ il^ren üKitteln eine (Sittenlehre gu er§eupen, 
meldte eine Äraft ber SBirffamfeit befeffen l^ätte. ©ie bradEite 
€§ nur äu fc^önen S^eorien, nid^t ju einer tiefge^enben SSirfung, 
unb eine allgemeine SKod^t würbe fie niemals. Unb au^ iene 
^l^eorien felbft muffen in uu§ bie gewic^tigften 93eben!en ^er» 
Dorrufen. 

G§ ift wa^r, bie ^^ilofop^ie fiat einjetne ©eftalten erzeugt, 
äu welchen alle Briten niit SBewunberung l^inonblidfen werben. 
SSor allen ragen ©ofrateö unb ^loto um eine! §au|)te§ 
Sänge über bie SJioffe i^rer Jßolf^genoffen empor. 9Jian fann 
fagen: ©ott ^at in biefen jeigen wollen, wie weit ber an= 



192 8. Sßortrog. ®te (Scfc^ic^te bcr Offenbarung. 

geborene Slbel menjrfilic^er 9fiatur burc^ eigene^ SSermögen ge«^ 
langen fönne. Slbcr bontit fottte fic^ ouc^ äuglcic^ bie fittltc^e 
©c^ranfe ber nienfc^Iic^en ^atüv offenbaren. 3Jlan f)at @o= 
!rate§ oftmolä mit ßfiriftuä oerglic^en. ?lber e3 ift ein l^immrf« 
Wetter Unterfd^ieb jtoifc^en i^nen. ©otrateS ift eine getftige 
unb fittlid^e ©roße; aber er ift nic^t eine ©röße ber SKenft^* 
^eit, er ift nur eine ®rö§e feinet SSotfeS unb feinet ©taateä. 
(Seine SJiitbürger finb feine 3Jiitnienfc^en, bie anberen ejiftireit 
nic^t für i^n. "Sluv 5lt^en ift i^m bie feiner mürbige SBelt. 
(S§ ift bei i^m tt)ie im 5IItert^um überfiaupt: feine 2:ugenb ift 
potitifd^e, ftaotli^e Xugcnö. S)en ©efe^en be^ Staate^ gu ge* 
f)ord^en ift t^m bie ©umnte .oüer ^ftid^ten. Unb auc^ fonft 
gef)t er über bie @c^ranfen feiner Qät nic^t ^inauS: t>t^ 
3Jianne§ ^ugenb ift „ben ^^reunb ju befiegetufcurd^ SBo^It^un, 
ben geinb burc^ Uebelt{)un''. @r fammeltc ^Rlinge um fit^, 
um fie auf ben SBeg ber SSei§bett ju führen, unb 5llfibiabe^ 
!onnte fagen, \)a% er in ©ofrateö' ©efeUfd^aft fic^ ein onbercr 
SJJenfc^ ju fein bünfe. 9lber er !^ob fie nic§t über bie fittlic^en 
©cf)ranfen feinet 5ßoIfe§ t)inou§. @r felb^ jnjar ^ielt fi^ rein 
üon ben ©ünben ber ©innli^feit, benen aud^ bie beften feinet 
SSoIfeg ergeben »aren; aber er fonnte e§ mit feinem 93eruf 
ber 99emat)rung unb S^lettung oon 3ö"9tingen oeretnbar finben^ 
ben Umgang mit betören nic^t bIo§ ju oerftatten fonbern auc^ 
gu em^jfe^Ien. Unb aU er bie ©c^ön^eit ber §etäre 5[^eobota 
loben prte, ging er mit feinen S^ülern ju i^r unb fnüpfte 
ein ©ef)3räc^ mit if)r an, in melc^em er i^r ju jeigen fud^le, 
burii) meiere SJiittel fie bie 3Känner am beften geminnen fönne. 
SB3ir fe^en ^ier nic6t§ öon ienem ^eilig^n 3JiitIeib, tpelc^eg ben 
©ünbern S3u§e |)rebigt unb i^nen ben SBeg beg $eilä öer» 
lünbigt. 6r ^at oHerbingS \>a§ 'Safter befömpft, aber er ^at 
bog Heilmittel bagegen im befferen S33iffen gefe^en unb ni(^t 
in ber @rneuerung be§ ^erjen^. ©ein Seben mar .untabelig 
nad^ griec^ifd^em 9Ka§ftab, unb er f|at ha§ Seftc feineä SSoIfe^ 
mit @rnft gefugt; aber bie'©eele ber maf)ren ©ittli^feit, bie 
Siebe ju ®ott unb jum ^Jiöd^ften, ^at er nid^t gefannt. Unb 



2ie ^eibntfc^e Worar. 193 

Quc^ fein @nbe — bei bem er %tan unb Äinber l^erjto^ fort* 
f^icft, um hüvd) i§r SSeinen unb SBe^ftagen nt^t an ben 
p^ilofop^ifd^en ©efpräd^en mit feinen ©d^ütcrn öer^inbert ju 
fein — Joie fonn man ba§ oud^ nur t)on lüeitem bem @nbe 
Sefu e^rifti jur ©eite fteHen! „SBeld^e SSerBIenbung ift e§, 
ruft 0?ouffeou ou§, nienn mon wagt, ben @o^« be§ @opf)ro= 
ni^toä mit bem ©ol^ne Tlaxia'§ ju tjergteirfien?^'^ 

3m fittlic^en Slbet wetteifert ^lato mit @ofrate§. (5itt 
^aud^ aul ber SSelt ber @tt)ig!eit ge^t burd^ feine ^^ilofo^jl^ie. 
9J?an f)at tf)n „ben ©öttlid^en" genannt unb fi(^ mit Sagen 
ctne§ ^ö^eren, übernatürlii^en Urfprung§ gelragen. Slber er 
ftc^t ou^ unter ben ©d^ranfen feine§ 9SoIf§geifte§. ®ie fitt* 
lid^e ^tufgobe ift nad^ i^i : bie ewigen S^een be§ SBo§ren unb 
&uten unb ©(^önen in /biefe SBelt l^ereinjutragen. ^-Äber im 
©runbe erflört er fetbft( biefe SSerwirüid^ung ber ^been im 
Seben für unmöglid^. ®ie Statur fteHt eine unüberwinblid^e 
©d^ronfe entgegen, ^m 9teid^e be§ @eifte§ waltet ta§ göttlid^e 
^rinjip, aber bie äJZateric bilbet ein wtberftrebenbe§ (Sfement. 
(So bleibt ber SBiberfpruc^ jwifd^en ^het unb SBirflid^feit ein 
ftetS ungelöfter, ein nie öerwirflii^teg ^"öeal. Unb )X)a§ ift ha§ 
für ein 3beoI! 2lud^ ^lato fommt nid)t l^öl^er aU bi§ jum 
Staate. S^iid^t bie mit @ott Gereinigte SJienfc^^eit ift fein ®e« 
banfe — er fennt biefen ©ebanfen nid^t — , fonbern ber Staat 
ber S3ernunft, ber Staat ber ^^itofop^en. ®a0 ift aber ha§ 
Unnatürlid^fte wo§ man benfen fann: ein Staat ber mit fetner 
®üter» unb SSeibergemeinfd^aft unb feiner abftraften ^errfd^aft 
be§ @efe^e§ oHe |)erfönlic§e t^i^ei^eit unb föigentpmlid^feit 
öernid^tet unb auf bem auSgef^jrod^enften ^od^mutf) ru{|t: nur 
bie iRegierenben repräfentiren bie 93ernunft, bie übrigen Stänbe 
oertreten bie ntebrigeren Seelenfröfte bi§ fierab ju ben trieben 
unb fieibenfc^aften. @§ fe^tt burd^weg bie wafire SBürbigung 
bei aWcnfc^en, ber Segriff ber freien menfc^Iic^en ^erfönlid^* 
!eit: bcl^olb forbert ^(oto für feinen ibealen Staat bie 2(u§= 
fe|ung fc^wa^er ^tnber, bie ©emeinfc^aft ber ?5^auen, billigt 
bie Sflaöerei — Wie aud^ Slriftotelel: ber SWaüe fei nur ein 

Sut^orbt, SSortidge I. 11. «ufl. 13 



194 8. SSortrag. Sie ©efc^t^te ber Ctfenbarung. 

SBerfjeug unb nicf)t ft»a^rt|Qft öernunftbegabt — , bulbet bie 
^äberaftie u. [. tu. S§ ift ^ier nirgenbä bie ^hee ber ^umonität. 
Unb bo(^ befennt Sluguftin: „9iiemanb ift un§ fo na^e gefom= 
men at^ bie ^tatonifc^e ^^^ilofop^ie" ! i*^ S33enn ba§ gefc^iel^t 
om grünen ^olje, hja§ tüid am bürren werben? 

@ofrate§ unb ^lato l^aben ben gati i^re§ SSoI!e§ nid^t 
aufjuljalten unb if)m feinen neuen fittüd^en (Seift einju^oud^cn 
oemto^t. Unb fo and) ni^t bie ^^ilofop^ie ber fpätcren 3eit. 
SDenn fie fuc^ten alle bie |)ü(fe ber fittli.c^en ^raft be§ SKen» 
fc^en felbft unb lüoKten i^n ju feinem eigenen ©rlöfer mad^cn. 
SIber feine fittlicf)e 2;§eorie öerma^ ben aJlenfc^en ju erneuern, 
i)ie niä)t tiefere Quelleu be§ fittlid^en Seben^ ju erfc^Iie^en mei^, 
at§ bie finb h)elrf)e im 9Jlenfd^en entfpringen. ^^ 

S)ie beiben p^ifofop^ifc^en ©c^ufen, roeld^e am Slu^gang 
ber alten Sßelt fic^ um bie ^errfdjoft ftreiten, finb bie ftoifc^e 
unb bie epifureif(^e. ®ie ftrengfte 9JioroI ift bie floifc^c. 
5lber h)a§ üon ber antifen SJlorat überhaupt gilt, ba^ fie fic^ 
auf ha§ eigene ©elbftgefüt)! grünbet unb im ©runbe üom ©eifte 
be§ |)oc§mut^§ getragen ift, i>a§ gilt im tiöc^ften ©rabe üon 
ber 9JloraI ber ©toifer. 9^irgenb§ ift fo roie ^ier ber @eift be§ 
t;od^müti)igen ©totse» unb ber falten 9f{efignation ju $aufe. 
ISenn bie d^riftlid^e ©ittlid^feit in ber Semut^ i^re SSur^eln 
l)at, fo bie ftoifc^e im .g)od^mut^. ®emut^ ift erft ein d^rift* 
lieber Segriff. ^Die „^iiebrigfeit'' (humilitas), bie Qud^ haS 
SWtert^um fannte, ift erft burd^ ha§ ß^riftent^um geabelt unb 
5ur S)emutf) üerflärt morben. 2lIIerbing§ fott ber ftoifi^e SBeife 
feine Seleibigungen röd^en, aber nur be§t)alb meil er gar nic^t 
beleibigt Werben fann: er bünft \id) ju ^octifte^enb, aU "öa^ bie 
Seleibigung i^n berüfirte. @§ ift nid^t ber ©inn ber iöerfö^nüd^* 
feit, fonbern e§ ift ber ÖJeift ber ^od^müt^igen SSerai^tung be§ 
Stnbereu, au§ bem biefer ©runbfa^ ftammt. ®er ftoifc^e SBeifc 
fott nic^t 3o^n fiegen, nid^t leibenfc^aftlid^ erregt fein u. f. tu., 
aber nic^t Weit er in ®ott ftifl unb öott freunbUt^er SOlilbe 
unb trieben fein fott, fonbern weit er fic§ ^u ^oä) bünfcn 
fott, aU ha^ irgenb etwa§ im ©tanbe wäre feine göttliche 9luf)e 



%ie l^etbnifc^e 3Korat. 195 

^u trüben. ®ie[e§ gange Seben ift j« öeräd^tltci^ , aU bo^ e§ 
tjerbiente ha^ ber 2Bei[e um feinetoillen fi^ in Unrul^e t)erfe|tc. 
Unb auä) haä Söfe in ber 2SeIt foff nic^t etwa feinen ©ifer 
ber 93efäm^fung l^eroorrufcn. ^a§ S3ö[e gehört fo gut gu 
biefem ©anjen beg SBettIauf§ föie ba§ ®ute, unb bie 93öfen 
fpielen eben aud^ il^re Spotte fo gut wie bie Slnberen; ber SSeife 
fie^t biefem ©piel ju mit öorne^mer ©leic^gittigfeit. Unb wirb 
e§ i^m ju bunt, fo nimmt er fid^ ha§ Seben: benn biefe SBelt 
ift feiner nid^t mürbig — fo entjie^t er fid^ i^r. ©o l^at ber 
jüngere ©ato beim %aU ber römifc^en fRtpnUit, fo l^oben in 
ber ^aiferjeit SSiele getl^an, um fid^ bem ®e§poti§mu§ ju ent» 
^ie^en ober and^ bie Saft einer fd^meren nieberbrücEenben ^ran!= 
fieit üon fid^ abäumeifen. @§ ift nur eine öu^ere STel^nlic^Ieit, 
toeld^e biefe ©t^if mit ber d^riftlid^en öerttmnbt erfc^einen Iö§t. 
tISag hjal^r baran ift, ba§ ift bod^ erft im 6^riftent|um 2Ba!^r= 
^eit geworben. 18 

®o§ mor bie SO^oral b«: obreren in ber fpöteren Qdt ber 
ütten SBelt. S)ie anbere ©t^if, welche bie ^errfd^enbe mor bei 
ben ©ebilbeten, wor bie (£pifur§, beren ^rinjip bie Suft 
mor, unb für bie be^^alb oHe S^ugenb nur in bem SJJafe be§ 
(SenuffeS beftanb, \)a§ man au§ ^lug^eit beobachten muffe, um 
fid^ bie Suft nic^t ju ocrberben. @ie werben jugefte^en: ein 
etwas bebenftid^er UmWeg um jur Xugenb §u gelangen! 2;ie 
prafttfc^en SBirfungcn einer folc^en ^^ilofo^^ic fann man fid^ 
wo:§I beuten. 19 

@o war bie pl^ilofop^if^e 'SR.oxai. 2Bie war üollenbs bie 
fitttid^e SBirüid^leit! SBir fiaben eine 9lei'^e üon @df)itbe= 
rungen öon ber fittli^en SSerworfen^eit ber fpäteren ^^ilo* 
fo|)^en, wetd^e uni biefelben im üeräd()ttic^ften Sid^te ferüiler 
^eud^tcr unb ©d^meid^Ier erfd^einen loffen. „Sei ben meiften 
bergen ftd^ unter bem tarnen ber alten ^^itofop'^ie bie größten 
Softer", fegt Ouintilian. 2" Ober fie finb Wenigften§ fc^wac^e 
(J^oroftere, wie felbft ein ©enefo, ber ollerbingS, befonberS in 
feinen fpätcren ©d^riften, @ö|e oon einer 2tel^ntid^feit mit ben 
c^riftlid^cn auSfpric^t, bo§ bie ©Triften ber folgenben So^r= 

13* 



196 8. SSortrag. S)ie QJefc^ic^te ber Dffenbarung. 

lunberte ifin alä ben Qfirigen aufaßen, beffen 3J?orat ober boc^ 
öiel äu fe^r bIo§e 9tf)etorif tuar, ber feine geber ^u öerfaufeit 
fic^ entfc^IieBen fonnte unb gegen bie Safter ^exo'ä eine 3la(i)=> 
gieBigfeit geigte, meldte bie ©ntrüftung fe(6ft bei bamatigen: 
römifc^en SSoIfe^ ^erdorrief.21 

Unb nun üollenbä bie ©ittlic^feit ber SJienge! ©d^on in 
ben beften Reiten fonnte e§ bem aufmerffamen 83eo6ac^ter nic^t 
entgegen, ha^ ein ^eim be§ SSerberbenä im innerften 9Dtarf 
ber antifen SSöIfer tDof)ne. ^e länger je mefir bxad) er ^eröor. 
®ie (gc^ilberungen, meiere bie römifc^en @cf)riftfteller ^uoenol, 
^liniug, XacituS, (Seneta üon ben fittlic^en ^uftönben i^rer 
3eit unä entwerfen, ftnb befannt. Sie geigen uni, tro^ aöer 
e^rennjert^eu 2(u§nat)men befonber» in ben Reifen bei ge* 
ringeren SBürgerftanbe^, eine ^errfc^aft ber @rf)amIofigfeit, üoti 
raelctier hjir @ott £ob je^t feine 5t|nung t)aben. SDie 93efteri 
jener 3fit tt>ii§ten feine |)ülfe. 2)a e§ fo nicf)t weiter gef)en 
fonnte, fo erwarteten fie bo§ SBeÜenbe, an ber 9J?enfc^^eit öer» 
gweifetnb, fjoffnungslo^.-"- 

9fiur bie ewige Siebe fonnte Reifen. 

SSon Sllteri ^er ge^en Stimmen ber SBeif f agung burc^ 
bie alte Söelt f)inburcf), welctie eine beffere 3cit ei"^ jufünftige 
©rlöfung üerlünbigen. Xf)eil§ finb eä buntte ©rinnerungcit 
au§ uralter Qe'ü, welche nodj in bie (Segenwort hineinragten, 
wie taä le^te Stbenbrot^ eine§ untergegangenen Xagei, ber ben 
bunfel geworbenen |)immel norf) mit einigen golbenen Streifen 
fc^mürft; tf)eilä ?l{)nungeu beä eigenen fef)nenben unb fuc^enben 
Jperäen§, ben Sternen gleii^ Welche bie SKacfit fc^wacf) beleuchten 
unb einen fommenben 2ag oerfünben. 

Sei ben oerfc^iebenften SSöIfern finben wir folc^e oerfüm=» 
merte uralte Sagen einer golbenen 3ufnnft. (So werbe einc^eit 
fommen, fo t)offten bie ^erfer, eine meffianifc^e Seit, wo 
2tf)riman oernirf)tet, bie SBelt erneuert unb öon aüem Uebe( 
befreit, alle SDJenfdien jum ®efe^ befefjrt unb ber glücfüc^e 
^uftonb ber erften Qüt wieber ^ergeftellt fein werbe. ®ic 
Snber tjaben bie Erwartung, ba^ am (£nbc bei je^igen 2Be(t=» 



^^te Stimmen ber 95?eiffagutig unter ben SSöIfern. 197 

clterS ber ©ünbc, aU jel^nte Sldatara b. 1^. SSerför^erurtg 
{93ubbl^a gilt aU bie neunte) SBifd^nu unter bem Spanien ^alft 
^erfd^einen, aUe§ i8ö[e niebermä^en unb ba§ gtüdü^e Sdtaltev 
lüicber^erftellen foH, luie e§ am 2lnfang ber SBelt war. 2Iud§ 
ben (J^inefen fe^It bie meffiani^d^e |)offnung nid^t. S« i^rcn 
l^eiligen ©d^riften ift oftmals üon ber 2In!unft eine§ großen 
^eiligen im SBeften bie 9?ebe, ber nic^t nur ben SBeg ber S8ott= 
fommen^eit bol^nen, fonbern oud^ bie alten ®ö^en ftürjen werbe. 
D^ii^t minber finb ä^nüi^e ©rftjartungen bei anbern orientoti* 
fcöen SBöüern ju ^au[e. 93ei ben ©rtcd^en l^aben fie in ber 
1|Sromet]^eu§fage einen tieffinnigen Sluäbrud gewonnen. 2ln ben 
Reifen gefd^miebet ju täglicher Dual, fprid^t ^rometfieuä ha§ 
i^m öttein befannte Drafel ai\§, ba^ einft (be§ fatfc^en ®otte§) 
3eu§ ^errfc^aft aufhören Werbe burd^ einen ©o!^n ®otte§, ber 
inäd^tiger fein werbe aU Qeu§, unb er felbft erblidEt feinen 93e= 
freier in ferner 3"^"«?* in §erafle§. Slber nid)t o^ne ein 
fteßoertretenbeä Seiben foH biefe ®rlöfung gefd^el^en — fo öer= 
fünbigt i^nt ^erme§ — : 

SSon fol^er ©rangfol ^offe nt(^t ein giel, beüor 
Sllä ©tellDertreter beinet Ouol ein (Sott erfd^eint, 
^Bereit für bic^ in $abe§' unbefonnte§ 9teic^ 
Sa [feigen ju ber finftern S)Iuft be§ Startaru§. 

®tefe gefd^ie^t, inbem ber (Sol^n be§ S^rono§, Kfiiron, ber 
gere^teftc unb weifefte ber ©entauren, fid^ für ifin opfert, 
wä^renb ^erafte§ ben Slbler on feiner iBruft tobtet unb il^n 
fo befreit öon feiner Ouol. Slefc^i)Iug l^ot biefe tieffinnige 

<Soge jum ®egenftonb einer bramattfd^en S^ritogic gemad^t, öon 

ber ung gwar nur ein ©tücf, „ber gefeffelte ^rontet^euS" er« 
l^alten ifl, bie aber ouc^ in biefem Söruc^ftüdEe un§ erfennen lö^t, 
irie in i^r bie tiefften ©ebonfen ber gried^ifd^en SSelt öon ber 
©d^ulb unb ©ül^ne unb ©rlöfung ber SJienfd^^eit fid^ poetifd^ 
lüieberfpiegeln. ®ie bid^terifc^e ©age wirb faft gu einer 
tJBeiffogung auf ben wirflic^en ©rlöfer S^riftuS. 

2tm öottenbetften ift in ber altbeutfd^en ©ötterfage bie 
.^Öffnung eineö äufünftigcn golbenen 3eitalter§ auSgefprod^en, 



198 8. iBortrog. 5)te ©ef^i^tc ber Cffenbarung. 

lüo bie gaitge SBelt erneuert unb boä Söfe ou§ i§r öerBannt 
fein tüirb. Salbr, ber @ute, ^eilige, SSeife, ber ßiebling ber 
©Otter unb 9Jtenfc^en, tüirb burrf) bie türfifd^e Sift beö böfen. 
£o!i getöbtet. darüber trauern bie ©ötter unb alle S^reaturen ;. 
9J?enf(|ett unb X^iere, Säume unb ©teine ttjcinen. ©eitbent 
toirb e§ immer übler auf ©rben, ©treit unb SSIutöergiefeen 
nte^rt fid^, unb in bem ^ampf ber ^Riefen unb ©ötter toixty 
Dbin mit ben Slfen (ben guten ©Ottern) untergel^n unb bie- 
SBelt öom geuer jerftört tt)erben: aber SSibar ber fiegreid^e 
tt)irb ha§ golbene 3eitalter »ieber^erftellen; eine neue @rbe 
^irb erfte^en, in ftetem grüfiltnggfd^mucf unb ©egenifütte; 
lein Soü toirb mel^r auf if)r fein unb SBoIbr fe^rt §urüd a\i§- 
bem Xobe; neu erftanben au§ bem Untergang mo^nen bann. 
©Otter unb 9Kenfd^en frieblid^ neben einanber."" Unb öer* 
föanbte ©ogen maren in SJ^ejico unb auf ber ©übfee ju ^oufc. 
Sur§ überall in ber ^elbnifd^en SBett mor öon Uralter^ ^er 
hk SBeiffagung unb Hoffnung ^eimifd^, ba^ biefe§ eiferne SdU 
alter ber ©ünbe unb be§ @Ienb§, menu bie S8o§^eit i^rett 
p(f)ften ©rab ttJÜrbe erreid^t Iiaben, fein ©nbe finben Ujerbe 
unb auc^ bie ©ötter, hie mö^renb biefeä SBeltalter^ ba^ 
SD^enfc^engefcf)Ierf)t bel^errfc^ten, geftürjt merben foflen. Qu. 
biefem iBel^ufe toerbe ein föntglid^er |)elb üon f)immlifdier 
Stbfunft erf (feinen, bem SDämon ha^ ^aupt gu vertreten unt> 
ba§ erfte Zeitalter be§ ©egenä unb ber Unfc^ulb mieber* 
anbringen. ^* 

©elbft bie SSorftellung eineä fteHöertretenben Seiben^ fefllt, 
ftjie mir feigen, in biefen Silbern ber jufünftigen" ©rlöfunj 
nid^t. ^iemit berührt fic^ ber ©ebonfe öom leibenben ©c* 
rerfiten, atö bem 2;räger ber !^ö^ften öoflenbeten ©ered^tig* 
feit, melc^er hü ^lato einen fo merfmürbigen Slulbrucf gefunbeii 
i)at, baB mir unmillfürlic^ an bie gro|e altteftamentlic^e 
SSeiffagung S^f- 53 erinnert merben unb bie ßird^enöäter 
barin propfietifc^e SQSorte fa^en. ,,@tellen mir nun neben ben 
Ungereimten, l^ei^t e§ in jener merfmürbigen ©teile, ben ©e* 
redeten, einen oufrid^tigen 9Kann unb üon ebler 2trt, ber nic^t 



^ie Stimmen ber.SBeiffagung unter ben SSöIfern. 199 

gut äu [c^einen, fonbern ju fein ftrebt. 3uerft mu^ bie gute 
ajieinung i^m genommen werben; bennloenn er qI§ ©erec^ter 
erfc^eint, Serben i^m aU ©erec^ten ß^ren unb ®efc|en!e ju 
X^eit, fo ha^ e§ bonn ungenji^ bleibt, ob er um ber ®eredE|tig= 
feit tüitten ober toegen ber @§ren unb ©efc^enfe ein folrfier 
ift. S)antac§ mu^ er oller ^abe beraubt merben aufeer ber 
@eredf)tigfeit, unb in SBiberftreit mit feiner Cbrigfeit gebrod^t, 
fo ha% er, mä^renb er nichts Ungereimtes getrau ^at, für htn 
Ungerecfiteften gel^alten hjirb, bamit er un§ ganj bemäfirt werbe 
in ber ©ered^tigfeit, bd er oud^ burd^ bie üble Sf^ad^rebe unb 
alles ttJoS barauS entfielet nic^t bemegt wirb, fonbern unberänbert 
bleibt bis ^jim 2;obe, inbem er fein Seben lang für ungered^t 
ge'^atten wirb unb bod^ gerecht ift. — @ie fagen ober "ba^ ber 
©ered^te, alfo befd^affen, gegeißelt, gebunben, geblenbet werbe, 
unb nad^bem er alle dualen auSgeftanben an einen ^fa^I ge- 
heftet werbe, bomit er nic^t gerecht ju fdjeinen fonbern gerect)t 
äu fein öerIange/25 

Stber freilid^, biefe 93ilb, Weld^eS ^loto t)ier entwirft — e§ 
ift ein wefenlofer ©(Ratten, oon bem bie alte SBelt i)a§ 93ewu§t* 
fein t)atte, boß er Wofil fi^Werlic^ jur SBirflid^feit fommen werbe. 
„Scö wenigftenS, fogt ©icero, ^ahe einen oottenbeten SSeifen 
nod^ nic^t gefunben, fonbern eS ^at bie ^^i(ofopt)ie geteert, 
wie ein folt^er befd£)affen fein muffe, wenn über^au^it je einer 
auf (Srben erf^einen wirb.^^e 

3ebod^ t)ielt man bie Hoffnung einer befferen Qu-- 
fünft feft. ©erabe ber Jammer ber ©egenwart machte bie 
©efinfud^t beS ^er^enS um fo lebenbiger, fo boß fie fid^ faft 
gur bireften S33eiffagung gerabe um bie 3cit ©firifti fteigerte. 
SBerü^mt ift bie öierte ©tfoge ißirgilS, in welcher ber römifdfie 
®i^ter aus Slnlaß beS griebenS jwifc^en SlntoniuS unb DU 
toüian, Welcfien ber ©onfui ^ottio »ermittelte, unb beS ©ol^ne^ 
ber biefem geboren Worben, mit begeifterten SBorten ben S(n= 
bruc^ beS großen SBeltfriebenS feiert unb ben S^eugeborenen 
ofs ben fünftigen SBieber^erftetter ber SBett, oon bem bie -fibtittini* 
f(^en ©üc^er melbeten, begrüßt: 



200 8. SBortrag. ®ie ©ejc^tc^te ber Cffenbanmg. 

(3(i)on baS le^te SSeÜalter erjd)etnt ber S^b^Qe oon SumS; 
3Btebet üon üorne beginnt ber iSa^r^uni^erte mäcfjttger Kret»Iauf. 
Sd^on fe^rt bte Jungfrau jurüd, e§ fegtet ia§ 'Sieidt be^ 8aturnu^, 

llnb ein neueg Oefc^Ie^t entsteigt bem erhabenen §tmmcl. 

(Biet) mit gewölbeter Saft bo§ i)odi erfc^auernbe SBeltaü. 

Sänber ring?, unb bie 9täume beS SJJeerS unb bie 2:iefen be^ |)imme(^. 

©te^ lüie Slfleä fid^ freut be§ lommenben SBonneia^r^unbert§! 

(Sin anbereS 9Jlat begrübt er ben 2Iuguftug a(ö ben ©otte;»» 
fo^n, ber bie golbene :^errfrf)aft be^ ©aturnuä toicber^erftetlcn 
unb bie gonje SCBett ficf) unterwerfen werbe unb befjcn ^Tnfunft 
bie Drafet ber ©ötter fd^on bamalä in ben fa^pifc^cn fReii^en 
wie an ben 3Künbungen be§ ^iU öerlünbeten — wie benn 
aud) 2tuguftu§ [elbft fic^ auf äJlünäen aU „öeilanb ber SBelt" 
(salus generis humani) be^eicfinete unb fifi^ felbft aU ®ott StpoIIo 
(weld^er nad^ affgemeinem ©lauben ber |)err[c^er ber erneuerten 
SSelt fein foffte) barauf abbifbcn Iie§. 3*oar finb bo^ unwal^re 
©d^meid^eleien ober Ueberfiebungen; aber fie laffcn bod^ bie 
©ebanfen unb Hoffnungen, bie man bamal^ ^egte, crfcnnen. 
— 2;aäu famen^bie ;)rop^etifc^en Stimmen oug bem Orient 
t)on einem fiegreic^en Könige, ber au§ Subäa auffielen werbe, 
mit Weirfien man fic^ narf) bem ^^ugnife ber ®ef(^i(f)tfc^reibcr 
©uetontuS, Xacitug unb ^ofep^uä bamatS affgemein trug. 2' 

SIber e§ finb nic^t bloB einzelne Stimmen in benen fic^ 
biefe ©efinfu^t au^fprid^t. SDurc^ ba§ ganje |)eibent^um 
ge^t ein Xon ber SSeiffagung, ein 3ug ber (Se^nfuc^t unb eine 
Stauung ber SSa^r^eit ^inbnrc^. 

sau ^aulu§ ju 3tt^en auftrat, bo berfünbigtc er ben 
Slt^enern ben „unbefannten ®ott", bem fie unwiffenb ©otteiS* 
bienft träten, ^nbem bie Stt^ener einft bei einer ^eft Slttärc 
mit biefer 2tuffcf)rift erri(f)teten, um ja ni^tä ju öerföumcn 
unb feinen ber ©ötter ju übergeben, fprac^en fie bamit felbft 
ha§ Ungenügenbe ifirer ©otte^erfenntnife unb ©otteöoere^rung 
üü§, benn fie befannten ha^ fie nic^t bie öoffe SSa^r^eit be= 
fa§en. 2)ie Reiben meinen im ©runbe ben f)öc^ften ©ott, o^nc 
if)n ju fennen unb ju befi^en. Sie atinen ta^ t§ über tm 
einzelnen ©öttern einen ^öc^ften geben müffc, fie nennen i^n 



"5:)^ Se^n)ud)t be§ §eibent^um§. 201 

^cu^ ober Sra^ma ober Dbin — aber fte sieben i^n immer 
toieber l^erunter in bie 33efc^räu!ung. SSenn bie innerfte (Sm= 
pfinbung beä betoegten ^ev^en^ fic^ Suft mad^t, öerrät^ e§ 
biefen öerborgeuen ©runb beS (Sfauben^ on (Sinen ^öd^ften 
-©Ott. ®er ^ird^enlel^rer XertuHian erinnert bie |)eiben baran, 
ha^ [ie beim ©ebet ober anbem 2leu§erungen be§ beluegten 
<Semüt^^ untt)itlfürli(^ mö)t jum S'apitot, fonbern jum ^immel 
bie Singen unb ^änbe ergeben, nic|t biefe ober jene einzelne 
©ott^eit, fonbern ben ^ö^ften (Sott felbft anrnfcn: ®ott befe^t 
ic^'^! ©Ott ttjirb'ä oergelten u. f. to. D 2Jlenfc^en[eeIe, ruft 
er ou§, bie bu oon 9ktur eine (S^riftin biftl-^ 

^2lIIe Dpfer unb ©ebete, olle ©ü^nungen unb Steinigungen 
ber |»eibentt)elt finb 'folc^e Stauungen ber 3Ba^rt)eit, bereu 
^irflic^feit ber lebenbige unb perfönlit^e, l^eilige unb gnäbige 
^ott ift. Sn einzelnen Seifpielen fe^en njir and) ben 3^9 
nad) biefer SSal^rl^eit ficf) aU be^errfi^enbe '3Raä)t be§ inbi= 
tjibuellen fiebenä geltenb machen. (5ine§ ber f(f)önften Setfpiete 
biefeö ©ud^en^ nod^ ber SSo^r^eit ift Suftinuä, ber feinen 
Sebenggang un§ felbft erjä^It. (Sä toav öon frü^e an in i^m 
€in ißerlongeu no^ Söol^rl^eit unb ©eiriB^eit. (Sr fud^te bie 
SBefriebigung feinet S8erIongen§ bei ben ^^ilofopfien. Stber 
»ergebend. Qvitx^t Jüonbtc er fid^ an einen ©toiter, aber er 
fanb bei bei i^m ba§ nic^t idq§ er am meiften fuc^te: bie (£r= 
fenntnife ®otte§; biefe berac^tete öietmel^r jener ^^ilofopl^. (£r 
toanbte fic^ an einen ^eripatetüer; ber aber l^atte e§ nur auf 
©elb abgefel^en. @r ging ju einem ^^tfiagoräer; aber biefer 
looHte nur öon äRot^ematif wiffen. ©nblic^ öerfud^te er e§ 
Jbei einem ^latonüer, ber fic^ bor Sur§em in ber Stabt mo 
er njofinte niebergelaffen I}atte, unb machte rafc^e gortfc^ritte 
in feiner Seigre: er lebte gang in ben Jiö^ereu ^been, mit 
benen fi(^ biefe ^§iIofopf)ic befc^äftigte; ha^ gab feinem ©eifte 
einen ^öfieren ©^njung, unb balb I)offte er jum Slnfc^auen 
©otteg felbft äu fommen. Um fid^ noc^ tiefer in biefe SBett 
t)er S^een ju oerfenfen, jog er fid^ an ta§ Ufer beä fffteete^ 

aurüdt, ^ier gonj feinen p^ilofop^ifc^en Setrad^tungen ju leben. 



202 8. SBortrag. ®ie ®e)c^id)te bet Cffenbarung. 

®ort gefd^a^ ei, ha^ er einem ©reife Begegnete, a\i§ beffett 
Stntli^ SQSürbe unb Mühe leuchteten, ber aud) ein ©efpräc^ 
mit if)m onfnüpftc über (Sott, Unfterblic^feit, SSergeltung u. f. m. 
unb i^n balb überführte, mie gering unb ^inföUig nod^ oHe^ 
fein SBiffen fei. 5)er (5)rei§ üermieS i^n an bie ^ro|)f)eten 
unb Sefu^ ß^riftuö fdbft, bor allem aber ermo^nte er ii^rt 
ju beten, ba§ ii^m bie Slugen über bo§ SSerftänbnife ber gött= 
tilgen SBa^r£)eit geöffnet toürben. ^a füt)Ite Suftin in feiner 
©eele ein geuer fic^ entgünben, tote er e§ biä^er nicf)t em= 
pfunben; er Ia§ bie ©c^rift, er f)örte bie ®t)riften unb mürbe 
ein c^riftlic^er ^^ifofop^ unb ein SSertfieibiger be§ ©Triften* 
t^um§ unb ^at feinen ©(auben burc^ ben 3Jiärtt)rertob befiege(t 
(168 n. 6§r.). 

|)ier l^aben mir ein 33ilb be§ fuc^enben |)eibent^um§. Sßa^ 
eä fuc^te, i>a§ fonb e§ in ber Offenbarung, bereu Xräger ju 
fein Sfrael berufen mar. 

SSenben mir unä öom ^eibent^um ^um ^ubent^um! 

SSä^renb bie übrigen SSöIfer in i^rem reügiöfen Seben üon 
ben S^iaturmäc^ten gebunben unb an fic öerloren traren bi^ 
äur 9Jaturtranfen^eit, maren eö bie Hebräer, meldte biefett 
S3ann burrfibradien, ben menf^Ii^en ®eift öon ber S^iatur frei* 
mad)ten unb burc^ ben trüben S^unfttrei§, melcfier bie reügiöfen 
©ebanfen ber anbern umpHte, f)inburd^brongen gu @ott, bem 
@inen perfönlirfien ®ott. ©^ mar eine ungeheure 2l^at, biefen 
©ebanfen, biefen (Stauben an ben au6crmeltlid)en (Sott ber 
ganjen übrigen SSelt gegenübergufteHen, biefer übermältigenben 
2{utorität aüer S^ölfer unb 9teIigionen gegenüber ju behaupten,, 
bem eigenen no(i) fo mä(f)tigen 9^aturjuge jum 2;ro^ energifd^ 
feftjutjalten unb jum SPiittetpunft unb 3^^^^ ^^^ gefammten 
Sebenä ju machen. ®er SJionot^eiämui 2(bra^am§ ru^te 
auf einer uralten Xrabition. (£i mor bie öltefte Xrabition. 
ber 2JZenfc^^eit. Slber er mar in (Sefat)r bamalö oöllig unter* 
guge^n: ber ^oIt)tf)eigmuä überflut^ete bie gange SSelt. 2)a 
^ob ©Ott biefe eine gamiüe unb ta^ aui \i)v ermac^fenbe SSoIf 
^eraug au§ bem ^ufan^n^^nfiang ber übrigen SJienfdjtjeit unb 



©er religiöje Söeruf Sfrael?. 20J 

motzte e^ jum Xräger ber alten SSa^rJieit unb ber |)offitun9 
ber 3ufunft. S'iic^t eine (Sinbilbung be§ ^o(^mut^§, fonbern 
ein 9lugbrucf ber t^atfä(§Iic6en SBirflid^feit toar e§, toenn biefe§^ 
SSoIf fic^ oI§ ba§ SSoIf @otte0 anfa:^ unb bejeid^nete. ®enn 
ju biefem ^auS unb SSoIfe trat ®ott in ein befonbere§ 9Ser= 
]^öltni§; l^ier ^jftanjte @ott feine SSa§r|eit ein unb grünbete 
fie aU einen unbeweglichen %d§ im ©etuoge be§ SSöIfermeerS; 
^ier bereitete er fic^ bie Stätte, auf ber fic^ bie ©efd^idEite feiner 
Offenbarung öottjiel^en follte, S)ie SBal^r^eit, bie Stetigion, 
bie Dffenborung befd^räufte ficf) auf biefe§ eine SSoIf: h)ie alle 
9fteligionen ber SSett SSoIf^reügionen ttjaren, fo würbe aud> 
bie toal^re, bie Dffenbarunggreligion ©ad^e eine§ SSoIf§, aber 
nur um üon l^ier au^ @arf)e ber 9Jienfci^t)ett gu werben, tiefer 
©taube, eine SBebeutung ju ^aben für bie ganje 3Jienf(^^eit,. 
biefe ^offnuna ber Bu^u^ft *üar bie «Seele biefe§ SSoIfä unb 
fQolUUheni. 2)er ^artifulari^muä Sfrael^ trug ben Uni* 
tjerfaliömuä im ^eime in fid^. ^n (J^rifto unb bem (£^riften* 
t^um entfaltete fic^ biefer UniöerfaliSmug jur 33Iüt^e.''^9 

®orin beftonb ber SBeruf biefeS SSoIte^. (£§ t)atte nid^t 
eine 83ebeutung für bo§ menfd^Iid^e Kulturleben wie bie @riedE)en 
unb fRömer. 6ä war nic^t bie Kunft unb ber ©inn für bie 
©(^ön^eit, e§ war nidit ber ®eift ber ^^ilofop^ie, e§ war nid^t 
bie SBegabung für bie 2Be(t^errf(^aft, e§ wor nicE)t bie 2(u^* 
bilbung be§ IRecfit^, toa§ biefe§ SSoIf au^seid^nete unb in i^m 
l^eimifd^ war — bie ganje Sebeutung biefeä SSoHä ge^t barin ■ 
ouf, ha§ fSolt ber 3fteIigion, bo§ Sßolf ber Offenbarung ju fein. 
®a3 gibt feiner gefammten Siteratur itiren eigentpmlidöen: 
e^arafter. SBir ijaben in ben ©c^riften beä 21. ^eftament^ 
eine reiche ©ammlung üon Siteraturwerfen au§ ben oerfd^ie« 
benften ^erioben ber ®efc^irf)te biefeö SßoIfS, unter ben öer* 
fd^iebenften unseren SSerpItniffen, öon aKönnern ber öerfc^ie* 
benften Silbung^grabe, in ben mannigfaltigsten ©timmungen 
unb ju ben öerfc^iebenften ^werfen gefc^rieben — I)iftorifrf)e 
unb poetifc^e, I^rifrf)e unb bibaftifcfie Schriften — ; aber burc^ 
fie afle we^t ©in ©eift: eä ift ber religiöfe (Seift, bie reügiöfe 



^04 8. SBortraci. 2ie ®eicf)icftte ber Offenbarung. 

'SSeltbetrad^tung, ber ©eift be» ftrengen, be§ feurigften, er* 
l^abeiiften, unerbitttid^en ÜJlonDt^ei§mu§, ber biefe gefammtc 
Siteratur bef)errfrf)t unb i|r ben eigent^üntüc^en ©tentpel auf«- 
t)rü(ft, löelc^er fie bon ben Siteraturen aller anberen SSöIfer 
fpejtfifc^ unterfdieibet unb i^x eine m'iQ bleibenbe ©ifttgfeit 
für bie 3JZen[rf)en öertte{)en f)at. SDie ©eurt^eilung ber natür* 
li^en 2Bettöerf)öItniffe, bie SInorbnung unb SBilbung be§ natür* 
lid^en £eben§, ba§ mögen trir öon ben anbern SSöIfern lernen, 
t)on ^eUa§ unb fRom; aber ba§ C>ö^[te, bie oberfte SBo^r^eit 
t)ie[e§ Sebenä, bie ©elripeit unb bie ^errfc^aft be§ @otte§= 
fieltJU^tfein^, bie SSegiefiung be§ gefammten natürlid^en Seben^ 
-auf biefeä Dberfte, auf ®ott — turj bie ^Religion aU bie SSa^r» 
:^eit be§ 8eben§ unb aU bie Ouefle ber Wad^t ber ttjo^ren 
©ittlid)feit — i)a§ ^abcn bie SSöIter, bo^ ^aben auc^ lüir öon 
bie[em S?oI!e ber 9?eIigion empfangen. 

Siefe 3fteIigion unb i^r @eift ber unbebingten |)errfd^aft 
Lottes im gefammten Seben unb S)enfen mar !ein ©rjeugni^ 
ber 3latüxl\d)Uit biefeg SSoIfg, fie ift nic|t Statur, fie ift %^at 
öer @efd^i(i)te, Xf)at ®otteg, 5Ttic^t auf bem natürlichen ©oben 
beg f8o\U gemarf)fen, fonbern öon (Sott f)ineingefe^t unb ge* 
^jftanjt in bie ®efd)irf|te unb ben ©eift biefe^ SSoIfe^ ift fie. 
®te ©efc^id^te lefirt un§, mie gro§ oui^ ^ier bie SfZeigung unb 
bie @efa{)r ber SSerirrung unb |)ingebung an bie 3Jiäc^te beg 
tlfiaturlebeng , be§ finnürf)en S^aturlebenä geme[en ift. 9^ur 
tur^ eine ©dE)uIe fcf)merer @rfa!^rungen unb 3ücl)tigungen 
l^inburcfi, nur burc^ ben energifcEieften Äampf ber großen 
llräger be§ retigtöfen @ebanfen§, bie ®ott ficf) in biefem SSoffe 
«rmäljtte ober jubereitete, nur burc^ fortmä^renbe 2l!te be§ ®e« 
ric^teS gefd)a'^ e§, bafe bie 2Sa^rf)eit bei: fReligion ^ter al§ ein un= 
erfi^ütterlidjer j^et§ feftgefteHl löurbe für bie übrige SWenfc^^eit. 

@§ ftnb brei gro§e ©ebanfen, mel(^e ta^ retigiöfc ßeben 
tiefes Sßotfeä be^errfc^en. Sier erfte ift ®ott. ©ott ift ber 
tjorberfte unb^ oberfte @eban!e Sf^aelg. ®ott, ber lebenbige, 
:perfönlid^e (Sott, ber bie 9Karf)t otter ®inge ift unb i^m gegen« 
über ift alleS eitel unb nicf)tig, ber ber ^eilige ift unb öon 



5£ie refigiöfen ©runb^ebonfen Qi'rael^. 205 

i^m ge^t ha§ ®efe^ be^ irbifc^cu Sebenä ouä, ber ©uabe 
unb ©rbarmung ift unb öon i^m barf ber §lrme unb ©fenbe 
bie ^ilfe unb aüe SSelt ta^ ^eil eriüorten. Sfrael ift ba^ 
58oIE be^ (^ttegbemuBtfeinä. 

«Sein äiueiter ©ebanfe ift bie ©ünbe. ^\xad ift bo§ SSoIf 
beä @üiibeiibehju§tfeing. 2)a§ ®efe^ war eine ftete Erinnerung. 
an bie ©ünbe unb UeberjüJirung toon i£)r. 2)er SJiittetpunft 
QÖer ®efe§e§orbnung aber "ttjor ba§ Opfer. Unaufhörlich mu^te 
ba§ ^eilige geuer auf bem Slltare brennen, tagtägtid^ mußten, 
bie Opfer bargebrac^t njerben, unb ber |)ö^epun!t atter Opfer» 
barbringung rtar jene^ Jßerfö^nung^opfer om großen SSer* 
fö^uungStage, an tuetc^em ber ^ot)epriefterIi(^e SSertreter be§^ 
SSoIfeg bie ©ünben be^ gangen SSoIfä auf ba^ Opfertfiier legte 
unb bog Slut ber SSerföfinnng in bie ©tätte ber abbilblirf)en. 
©egenlrart (Sottet trug unb an ben ©nabenftu^t fprengte, um 
t)aä SSoIf ju entfünbigen unb mit @ott ju üerfö^nen. (5§ gibt 
feine mächtigere Erinnerung an bie ©üube alä biefe. Unb e§ 
gibt fein ^olf in toeld^em baS <Sünbenbelüu§tfein lebenbiger^ 
tiefer, möcl)tiger, reiner geroefen märe aU biefe§. S)a§ ift aber 
bie not^ttjenbige )ßorougfe^ung be§ ^eit^ ber ^erfö§nung. 

^er britte ©ebanfe ift bie ^ufunft beä $eil^. Sfraet ift 
ha§ SSoIf ber |)offnung. Sitte SSeiffagungen öon einer ju* 
fünftigen ©rlöfung unb einem ©rlöfer lebten unter biefem 
SSoIfe unb tiieüen feinen S3Iid ftetig auf bie 3"^""?* gerichtet, 
©eit ättefter ^eit trug man fic^ mit einem propl^etifc^en 2Bort, 
ha^ aü§ bem aJlunbe ©otteg ftamme, fc^on beim SSeginn ber 
©efrfiic^te ber 2Kenfc^f)eit — mit bem prop^etifc^en SSorte üom 
SBeibe^famen, ber ber (Schlange ben Äopf jertreten fott. Sineit 
enbli(f)en ©ieg ber 9Kenfc^^eit über bie QJiad^t be§ 93öfen auf 
Erben burc^ einen aJienf^enfo^n tjer^ieß biefeS in bunfte 
gernen meifenbe SSort. Stffe fofgenben SSeiffagungen inaren im 
©runbe nur bie tüeitere Entfaltung biefer erften. 2>ie tüad)fenbe 
2Jiat^t ber «Sünbe unb ber 9?ot^ auf Erben ^ielt ben @intt 
ber ©e^nfuc^t nac^ jener -Bufunft immer lebenbig. Et)e jene 
große %U\tf), oon tüelc^er bie Ueberlieferung aller SSöIfer bc=« 



206 8. SSortrog. Tie ®efc^t(i)te ber Offenbarung. 

richtet, ha§ göttliche ©ertc^t an ber gottlo§ gettjorbenen 9KenfcÖ* 
^eit bolläog, fprac^ 9^oa^§ SSater in (Srinnerung ber oltcn 
©timnten ber SBeiffagung ben l^offenbeit SBunfc^ au§, ha% biefer 
fein @o{)n bie erfe^nte 5Ruf)e bem ®ef(f)te^te ber 2Ken|^en 
fifingen möge. Unb an ber ©pi^e ber neuen ©ef^id^te ber 
aJicnfclleit auf ber au§ ben SBaffern ber ?^Iutf) tt)ieber er* 
ftQubenen @rbe fte^t jene§ ^ropl^etifc^e SBort S^ioal^S, toeid)e§ 
mit gro^ortigem UeberblicE bie Bufunf* ^^^ SSöIfergruppen 
^eic^net: ba^ Soo§ ber ^ned^tfd^aft foH bem ©efc^ted^te |)am§ 
f»efrf)ieben fein, ba§ t3on ber SJlongoIei an b'i§ nac^ 5lfrifa 
:^inob fid^ erftredt, öon ^D. nad^ @2B.; bie 2Beite ber @rbe 
bagegen ift bem reic^begabten ©efc^Ie^te S^p^et» befc^ieben, 
beffen SSöIfermeer öom <B£). ^nbien^ hi§ jum SB. unb 9?. 
<Büxopa§ ben ©ang ber @efc^i(^tc be^ei^net; aber in ©em§ 
©efd)Ied^t, ta^ feine ^eimat in ber 3JJitte unb im SBeften 
2tfien§ f)at, mitt ®ott felber feine ©tätte fiaben; ^ier foll bie 
^eimat ber SfJeügion fein, beren ©egen aurf) jenen anbern &e» 
fc^Iec^tern ber aJienf(^f)eit ^u feiner Qdt ju %f)dl merben foß. 
(Sine neue 9?eiJ)e öon 2Beiffogungen begonn, aU ®ott mit 
^brai)om§ @rn)äf)Iung einen neuen Stnfang ber Dffenbarungä* 
gef(^icf)te fe|te. SS^ie SBeiffagung ber 3u^""ft knüpfte junäc^ft 
<in 2tbra|amg (Sefi^ted^t an, ober it)r fdlid umfaßte olle SSöIter 
ber ©rbe. Stuf biefe alle foHte öon jenem ein Segen au^ge^en. 
S)iefe SBeiffogung bilbete bie Orunbloge oller fpöteren. Smmer 
beftimmtere ©eftalt naf)m fie an, an immer engere Greife 
fnüpft fie bie ©rfüflung: an 2lbra^om§ SSoIf, on ^u\)üS ®e« 
f(f)Iec^t, an ®aöib§ §au§. Xev ©egen ber SSöIfer, ber ftreit= 
bore ^elb, ber ^önig ber fieg§= unb friebenSreid^en §errf(^afi 
Jöorb i^r Sn^olt. 2110 Sfroel im ^önigt^um 2)aoib§ unb 
©olomoS ben §ö^epun!t feiner ©efd^id^te unb einen 2tbfc§Iu^ 
feiner natürttc|)en ©ntmidtung fanb, bo mürbe biefe 3eit f^^ft 
^um SSorbilb ber ^i^'^u^ft- ®iit ^önig ber burd^ Seiben 
(^f. 22) äur ^errfdjoft gelangen fottte mie S)aöib, ber in 
SBei^^eit unb grieben regieren foüte wie ©alomo: fo, bog 
Isoliere ©egenbilb l^ieöon, ber rechte ©d^Iu^ ber ©efd^i^te 



Sie ®e\diiä)te ber SBeiffagung in Sfraer. 207 

Sfroel^ unb bamit aud) ba^ rechte Qid ber ©efc^idjte bcr 
SSöIfer foate jener äufünftige S)aöib§* unb ©otteäfo^n (^f. 2), 
bie[er ^jrieftcrlic^e ^önig be§ 93oIfe§ ®otte§ (^^ 110) fein. 
Unb aU bie öuBere 9?eid^§geftalt jerfiel, ftieg im SBort ber 
^ropl^eten ha§ ©eifteSbifb ber ^u'funft au^ ben Xrümmern ber 
©egenioart auf. 2)iefe 3ut"nft wirb' herbeigeführt werben burd) 
eine neue gro^e Offenbarung Se^oba^ö, bereu Xräger, aU bog 
3iel ber ganjen öor^erge^enben ©efc^ic^te, in fic^ ba§ $ro= 
^j^etent^um abfd^Iie^en unb ben (Seift ©otteg in feiner ^Me 
befi^en, ber redete ^ol^c^riefter unb ber redete fd^Iie^Iid^e ^önig 
äuglei(^, burc^ fc^wereS Xobe^Ieiben ^inburc^ jur ^errlid^feit 
geführt ttjerben, unb hie feltge unb ^errtid^e griebenS^errfd^aft 
®otte§ über bie SSöIter ber @rbe bringen unb üben foll. S)ie^ 
ift ha§ ©ine groge X^ema aller SSeiffagungen. ^eber bcr 
^rop^eten öer!ünbigt e§ in feiner SBeife, noc^ bem 93ebürfni§ 
feiner S^K «od^ ber i^m bon ®ott geftellten Slufgabe unb nad^ 
bem 9Jla^ feiner ©rlcuc^tung. (So oerfd^ieben e§ ober aud^ 
bei ben SSerfc^iebenen lautet — alle hie mannigfaltigen Qüqc, 
lüeld^e bie Sc^ilberungen ber berfd^iebenen ^rop^eten enthalten, 
fie fc^Iie^en fid^ oHe ju ©inem großen Silbe ber ^eiB^ufunft 
^ufammen. 

S)iefe SBeiffagung unb bie barauf ru^enbe Hoffnung trug 
ha^ Söolf mit t)inau§ in bie grembe, in bie 3eit "ber ©efangen* 
fc^aft in S3abet, in bie 3eit bcr fc^merften 83ebrängniffe nad^ 
feiner iRüdfe^r, unb baran l^ielt e§ fid^, aU an ein Sid^t auf 
feinem bunften SSege, aU nun bie (Stimmen ber ^rop^eten §u 
fd)tt)eigen begannen unb ber SKunb ber Offenbarung berftummte 
— bis nad^ langer Qdt, aU in ber |)eibenh)elt einzelne (Stim= 
men ber 2ll)nung unb SBeiffagung fid^ erhoben, auc^ in Sfrael 
ba§ SBort ber ^roptietie tjon neuem laut mürbe: in jenem el^r* 
mürbigen ©reife ©imeon, bem Beugen ber olten in'§ ©rab 
fteigenben 3eit, unb in bem ^riefterfol^n in ber SGSüfte, ^o* 
l^onneö bem Säufer, bem ^erolb einer neuen 3eit. 

etliche Sa^re lang mar ^\xael bon ben ernfteften religiöfen 
Srogen bemegt. Sn Sefw öon Sfia^aretl^ mor ein ^rop^et auf« 



208 8. Sßortrag. 2:ie ©efc^tc^te bcr Cffenbatung. 

ofeftanben, ber ficE) für ben oer^eißenen 3Jieffia§ unb für ben 
@o^n ®otte§ erflärte unb burd) bie SKac^t feine§ SBprtcS unb 
bie ^ofieit feiner gonjen ©rfc^einung einen großen X^eil be^ 
^olU gu leb^aftefter 93egeifterung mit fortriß, einen anbem 
aber unb öor ottem bie Oberen ju immer leibenfc^aftlic^erem 
SBiberfpruc^ teilte, bi§ biefer S'onflift jum fieftigften SluSbru^ 
fom unb i^n on'ä ^reu§ bracfjte at§ einen ©otte^Iäfterer unb 
SSoIf^oerfüfirer. SIber balb barauf traten feine jünger — bei 
feinem 2;obe toie @cf)afe bie ber SBoIf fcfieuc^, nun |)elben 
bie einer SSelt trogen — mit ber SSerfünbigung auf, ba§; 
Sefug,öom Xobe erftanben, jur 9fied)ten ©otte^ throne unb 
eiuft, mie er felber beriieiBen, ttiieberfommen hjerbe bie SBelt 
5u rict)ten. 5lber ^'\xad t)ot biefe S3otfc|oft üon fic^ geroiefen, 
bie 2lnf)önger Sffu öon fic^ ouSgefc^Ioffen , unb lebt oon ba 
an ein rät^fel^afte^ ^afein: ha^ S3oIf be§ SSiberfpruc^^ gegen 
ha§ ©^riftentt)um , luelc^e^ feitbem bie SSelt ju erobern 6e* 
gönnen. Ueber fein Sanb unb feine ©tobt ift in bem erf^üt» 
ternben 5Drama ber ^^^^ftörung S^ufalemä eine ^ataftrop^e 
^ereingebro(f)en, tüie bie SBelt feine jmeite gefe^en ^at: eine 
9}iinion 2JJenfc^en fanien um, gegen 90,000 mürben aU ©fraüen 
öerfauft, bie (Sonne fa^ ©räuet ^ei beren ©rjäfilung un§ ba^ 
^er§ erftarrt. ©ine SBeiffagung S^fu f)at biefe§ ©eric^t üer= 
fünbigt, bie ©Triften Ratten in Erinnerung baran fic^ öor^er 
gerettet, bie Sui*?" hielten tro^ig au^, bi^ bie Sirümmer be^ 
brennenben %empd§ bie Xro^igen begruben. Unb aU ber 
^aifer Julian, ben man ben Slbtrünnigen nennt, ettva brei* 
§unbert ^ai)ve fpöter, um bo§ SBort S^fu ju ©c^anben ju 
mad^en, ben SSieberaufbau beä S^empef^ befahl unb begann, 
ta fiaben, fo mirb oon ^eibnifc^en unb d^rifttic^en ©c^riftftetterit 
bericfitet, (Srfd^ütterungen be§ iBoben^ unb geuerftammen, bie 
ouä i{)m auffd^Iugen, bie Slrbeitcn jcrftört unb bie ^Arbeiter 
Oertrieben — feitbem liegt er in 2!rümmern unb Sfrael ft^t 
trauernb im ©taube unb flogt um bie gefcfitounbene |)errli(^* 
feit, ^n otten Säubern finb feine ©ö^ne jerftreut, über bie 
ganje @rbe ^in ^at fie i^r flüchtiger f5u& getragen. Slttent^älben 



®ie erfullung ber SBetffagung in Sefu§. 20^ 

^obcn fic \iä) .^ütten gebaut, ober überall finb fie gremblinge 
geblieben unb tragen ben Stempel i^re§ Ur[prung§ ouf il^rem 
Slntli^ unb in i^rem (Seifte. 9Jlit einer ^ö^igfeit o^ne ©leid^en 
l^atten fie on ben 2;robitionen ber SSorjeit, obgteid^ mit bem 
Ücmpel i^r ^Itug verfallen unb unmöglid^ gehjorben ift unb 
fie bo§ ®efe^ ni^t mel^r erfüllen fönnen. D^ne ^önig, ol^ne 
^rieftert^um , o^ne Opfer, ol^ne einen 9JlitteIpunft Ratten fie 
bod^ nod) jufammen, obroo^I in lauter 5(tome auäeinanber ge* 
riffen, unb leben, fo toeit fie fic^ nid^t öertoren l^aben in hm 
fcönöben 2)ienft ber 3intereffen be§ 3!age§, t)on ber Erinnerung 
ber SßergangenJieit unb oon ber Hoffnung ber ßufunft, obgteid^ 
ba§ ©efc^Iec^t 2)aöib5 nic^t me^r ejiftirt unb ha§ priefterlii^e 
®e[d^Iec^t 2(Qron§ nid^t me^r nod^äuttjeifen ift — ein ^iöt^fel 
in ber ©efd^id^te, für n)eld^e§ e§ nur Eine Söfung gibt, ba§ ift 
biefe: e§ l^at bie olte SBeiffogung Sfi^ael§ fid^ erfüllt in ^e\]i 
bem ©o^n ber SJiaria, unb Sfi^^et, bie gro^e SSöIferruine, ou§ 
welcher bie ©efc^id^te auSgeujanbert ift, ift ha§ 2)en!mal unb 
3eugni§ jener erfüllten SBeiffagung. S)a§ (J^riftent^um ift bie 
Söfung bea fRöt^fel^, tnelc^eg Sfrael ift. 

2Benn id^ aber S^riftent^um fage, fo fage id^ : S^fu^ ®^riftu§. 
S)a§ S^riftentl^um ift in bie SBelt l^ineingetreten ni(^t ai§ eine 
^^ilofop^ie, md)t aU eine ©ittenle^ire, fonbern aU eine ge* 
f(i|ic^tli^e 2;^atfac^e, aU bie X^atfad^e ber ^erfon ^efu ©l^rifti. 
2ln if)m ^ängt atie§. 9Kit i^m fte^t unb fällt ta§ ßfiriften* 
t^um. 2Jlan !onn e§ ni^t loSlöfen öon i^m. 2Bo§ bie ^rifi^ 
in Sfrael ^eröorgerufen l^ot, i)a§ maren nid^t Se^rfä^e öon 
i^m, ba§ toax feine ^erfon unb fein B^ugnife öon fic^ felbft. 
SBoron oud^ je^t ba§ 93er{)öltnife jum ©firiftentfium fid^ ent« 
fc^eibet, ha§ ift er fetbft unb fein S^ugniB öon fid^. (Sr l^at 
felbft feine gange ©ac^e auf feine ^erfon gefteflt. S33ir fönnen 
fie nid^t öon i^m löfen. 2)er 9?ationaügmu§ l^at öerfud^t fie 
öon i^m ju löfen unb ha§ ß^riftent^ium auf bie blo^e 9Jioral 
ju rebujiren. Stber man ^at fic^ überzeugt bo§ e§ unmöglid^ 
ift. Sejui fte^t nic^t gum ©^riftent^um ctttja mie 3)Ju^amet> 
äum üJlu^amebanilmuS ober tt)ie ein onberer 9?eIigion§ftifter 

Sut^arbt, SBorttäge I. 11. Slufl. 14 



210 8. SSortrag. S;ie ©ejc^ic^te bet Cffcnbarung. 

ju feiner 9?eIigton, jonbern er felbft ift ha§ (S^riftent^unt. 
SSom ©Iriftcnt^um fprei^en ^ei§t nic^t öoit Beeren unb Seben§« 
orbnungen fpred^en, fonbern öon ^('{u ß^rifto. SBo^I, ha^ 
(J^riftent^um ift eine Summe öon S23a!^rl^eiten , ift eine neue 
Se^re, ift eine ^^itofop^ie Wenn man h)i(I, ift eine neue SEBelt* 
anfc^auung, ift eine neue Sluffaffung ber ®efd§id^te, ift eine 
neue SSeife ber ©otteäöere^rung, ift eine neue 9KoraI, ift eine 
neue SebenSorbnung u. f. to. ©§ ift biefe§ alle§, ttjeil e§ eben 
eine uniöerfelle Seben§t!^atfad^e ift. Slber bic§ atteS rul^t in 
ber ^erfon S^fn ß^rifti, ift mit biefer gegeben unb in t^r 
befd^Ioffen, ftel^t unb fällt mit i^r. S33enn toix beß^alb bic 
(Stellung unb iBebeutung be§ ß^riftentl^um^ in ber ©efd^id^tc 
ber aJlenfc^^eit betrachten, fo ift eä bk gcfd^ii^tlic^c ©tellung 
unb 93ebeutung S^fn (S^rifti felbft, hie un^ barin entgegen« 
tritt. Qn \f)x Wenben mir un§ nun. 



neunter Öörtrag. 

®a8 ©^tifteitt^um in bet Ocfc^t^te. 

e^ finb hjenigc fd^einBor utibebeutenbe SBorte mit benett 
t)cr ©öongelift Sufaö feine ©rjä^Iung bon ber (SeBurt Sefu 
einleitet, wenn er fogt 2, 1 ff., ju ber 3cit ba ein @eBot 
auSgcgongcn öom Soifer S(uguftu§ ha^ oCfe SS3eIt gefd^ä^et 
mürbe, ta fei QefuS geboren, nnb biefe «Sd^a^ung l^abe ber 
^nIo§ baju hjerben muffen ha^ ^e\u§, ber alten SSeiffogung 
«ntfpred^enb, in Set^Ie^em, ber alten |)eimot be§ 2)abibifdjen 
I^oufe§, geboren tourbe — e§ finb nur menige fd^einbar un* 
bebcutenbe SBorte, unb boc^ be^eid^nen fie in d^arofteriftifc^er 
tSeife bie ttjeltgefd^i(^tlid^e ©ttuation. S)enn beibeS liegt borin : 
t)er ©intritt 3cfu in bie ©efc^ic^te trifft jufammcn mit bem 
^öl^epunft unb bem 9Ibfd^tu§ ber olten 3eit, mic er im römi* 
fc^en Smperotor fid^ borftellt; unb fobonn: ber (Song ber 
tBeltgef^id^te ift fo georbnet, ha^ er bem fjfortfd^ritt ber l^eili» 
gen ®ef(^i(^te bicnt unb boburc^ fic^ innertii^ mit berfelben 
»ertnüpft. 

SDie bomotige 3eit ^atte felbft ein 93ehju§tfein boöon, bo^ 
fie ju einem 2tbfd^Iu§ gefommen fei. S)o§ römifd^eßoiferä 
t^um toor m(^t etma§ 3"fößi9C^/ c^ ^01^ ^Q^ notl^menbige 
tRefuttot ber öorl^ergel^enben ©efd^id^te. 9Jlon borf öieHeid^t 
fogen: jeber römifd^e getb^err ber fiegreid^ im 2;riumpl^ jum 
Äopitol l^ittouffu^r, bon feinen ©otboten unb bem SSoIfe um« 
joud^jt, mar ein SSorbitb be§ SmperotorS, toeld^er hk oberfte 
©emolt ni^t toicbcr nod^ furjcr Slmt^geit on einen onbem 
abtreten, fonbem jur bleibenben mod^en foHte. Unb jene ein* 

14* 



212 9. aSortrog. ^a§ e^riftentl)um in ber (Sefc^ic^te. 

getnen ©etoaü^aber, hjelc^e gegen ha§ ©nbc ber 0tel3ub{i! au^ 
ber ftürmifi^en ©elüegung it)rer 3eit ficf) über bie Uebrigen. 
erfjoben, tüie ein '^ompeinä, 2lntoniu§, ßäjar, finb bie SSor* 
ftufen unb Stnbo^nungen beäjenigen, toclc^er bie faiferlid^e 
&etoaU für bie ^«^""ft bcgrünben unb ju einem fteten 93e» 
fi^e feinet |)au|e§ machen foHte. ' @ö ^ätte fidEi nic^t bie olte 
oiel^unbertjäi^rige Üie^jubü! bem neuen Imperator fo hjillig 
übergeben, toöre biefeS Sn^perium ni^t bie reife grud^t ber 
ganjen öor^ergefienben ©ntoidtung unb eine Stotfiwenbigfeit 
ber ©efd^id^te getoefen. S)amit fanb boä römif^e SB3cItreic^ 
feinen 2lbfd^Iufe unb bie boße ©rfüttung feineä 93erufö. 

(5§ gab eine alte SSeiffagung in ^\xad — fie ift nieber* 
gelegt im 93uc^e Spaniel, Aap. 3, 29—42, u. üap. 7 — öon. 
ber Stufeinanberfolge oerfd^iebener SGBeltreid^e, mit beren |)ij^e» 
punft ba§ ffieid) be^ SJtenfc^enfo^neS unb feiner |)eiügen ju* 
fammentreffen foUte. 

grüfiäeitig fdjon i)atte ha§ 93ett)u^tfein ber Qu^ammeri'^ 
gefiörigfeit aUer 3Jienfcf)en auf ber einen, ber Xrieb ber^err* 
fc^aft auf ber anbern ©eite ben ©ebanfen entfte^en laffen, bie 
öerfd)iebenen SSöIfer unb Steic^e ber @rbe in @in grofee^ 3leicf|, 
ha§ bie ganje @rbe umfaffen foUte, ju bereinigen. @ä ift öor 
aßen jener toitten^mäi^tige babt)Ionifcf)e ^errfc^er Siiebufabnejar, 
auf welchen biefer fü|ne unb ftolje ®ebanfe jurürfgefü^rt wirb 
— ein ©ebanfe- ber um fo großartiger mar, je ferner bamal^ 
bem ®efict)t^trei§ ber 9Jienfrf)en hie fremben SSöIfer unb 
Staaten ftanben: ^n biefem ©ebanfen liegt eine SSa^r^eit. 
®enn in ber ©eele be§ $Dlenf^en lebt ha§ 93emu|tfein ber 
3ufammenget)örigfeit aller, unb njir fönnen un^ \>a§ Qid ber 
(^efc^icf)te nirf)t anber§ beuten, aU ta% bie üKenfc^^eit eine 
große gamilie bitben fott. 2)ie ©egentoart ber ©efd^ic^te . 
^roav ift bie ber 9?ationaIitäten, aber ber So^mopoIitiSmuä ift 
i^re 3u^unft. 2Bir bürfen roo^I fagen: biefer ©ebanfe ift ber 
©ebönfe (55otteg felbft über bie ÜJJenfc^en. S)enn \>aä ift bo^ 
3iel feiner SSege. Slber fo h)ie er öon jenen gehJattigen • 

^errfc^ern Slfien^ gebacfit unb feine Slusfü^rung oerfu^t 



SJie S55ertreicf|c. 213 

tüurbc, toax er ein 9iauB an ber SBa^r^eit. ^enn er toar in 
bcn ©ienft ehrgeiziger §errfd)[uc^t genommen unb fo jum 
■Slfterbilbc beö göttlichen ©ebanfen^ geworben. Slber einmal 
in ben ®ang ber menfc^Iid^en ®inge hineingeworfen, tiattc 
bicfer ©ebanfc feine ®ef(!^i(^te im ftufcntoeifen gortfc^ritt 
feiner Sßertoirftic^ung. S)ie ^hee be§ SBettreic^ä bitbet oon ha 
■an bie Bcmegenbe 9Jiad§t ber ©efd^id^te. @o oft auc^ ein 58er* 
fut^ i^rcr SScrtoirfUd^ung noc^ bem anbern gerfäUt, fo l^ot 
inon i^n bo^ immer mieber aufgenommen, um mit neuen 
fWitteln ju errcid^en toaS bem öorl^erge^enben nid^t gelungen 
irar. @§ finb öor allem bier grofec SScrfu^e biefen Oebaufen 
gu öermirllidicn, lueld^e un§ in ber ©efc^ic^te entgegentreten: taä 
bab^Ionifd^e, haS perfifc^e, ba§ gried^ifcf)e unb ba§ römifdie 
SBeltreic^. 5tn bie 9?amen ber gro&en ^errfd^er 9lebufabneäar, 
<S.t)Vü§, Sltejanber unb ßäfor 2luguftu§ fnüpft fidE) ba§ ©e^« 
bäc^tni^ biefer großen 9ieid^e an. ®ie erften beiben fte^en im 
«ngen 3"fömmenl^ang mit ber (Sefd^ic^te ^froel^, bie onbern 
beiben in SSerbinbung mit bem Eintritt be§ S^riftent^umS in 
bie SBelL 

SfJebufabnejar toor e§, ber burc^ bie gortfül^rung in 
bie bab^Ionifd^e ©efangenfc^aft Sfrael unb feinen Staat auf» 
löfte unb fo ha^ lange angebrüllte (Serid^t ©otte^ über ha^ 
ungel^orfame SSoIf öoHjog; S^ruö bagegen, welcher burd^ bie 
©rloubniB ber füüdU^v unb ber S33ieber^erfteIIung ber @tabt 
unb be§ 2;empel§ bem ifroelitifc^en SSoIfSgemeinwefen bie* 
jenige, wenn aud^ fümmerlid^e ©eftatt miebergab, in ber e§ 
bie (Srfüttung feiner alten Hoffnungen unb ha^ .§eil ber redeten 
^löfung crfaiiren unb empfangen foüte. Seibemale ^atte bie 
Serü^rung ber au|erifraetitifd^en SBelt mit bem SSoIfe ber 
SScr^cifeung baju gebient, einzelne 2Bat)r^eilen feiner religiöfen 
^rfenntnife unb feiner Hoffnung aud| auf ^eibnifd^en ©oben 
^u öerpftanjen unb fo an ben Reiben ben propl^etifd^en 93eruf, 
tüeld^en baS SSoIf ber ©rwä^Iung gegen bie SSöIfer ber SSett 
l^otte, ju erfütten unb baburd^ bie ^etbenWelt einftweiten oor= 
zubereiten auf bie ©rfüllung ber SSerl^ei^ung. 



214 9. SSortrag. Xas e^riftent^um in ber ©efc^icfite. 

2)ie Reiben anbent SBeltreic^c, ha§ griec^ifc^c Sltejanber^ 
beä ®r. unb ha§ römifrfie be§ ^ntperator^ , fielen in enger 
SSejie^ung jum (Sintritt be§ S^riftent^umS in bic SBcIt. 6^ 
War ber gro|e ©ebanfe SdejanbcrS, fein h)eiteä ^leid^, ha^ 
er in ftürniifd^em 2lnlauf miber haä dite SoKüjerf ber ofiati* 
fc^en Sänber lote int ginge fic^ getoonnen, Don ben ©ebirgen 
aJZacebonienä an Bi^ ju ben ©trömen Snbienä, biefe§ auS- 
oerfrf)iebenartigen SSöIfern äufammenge[e|te 9?eic^ auf bie ge= 
meinfante geiftige ©runblage gried^ifd^er Sprache unb Silbung 
äu grünben. Unb aU nad) feinem frühen Xobe fein 3iei^ 
jerfatlen, ha \)aben bie einzelnen (Staaten, bie au§ bemfelben 
^eroorgingen, mit i^ren gried^ifc^ gebilbeten ^errfd^ern nur 
baju gebient jenes SBerf 2llejanber§ fort^ufe^en unb bie ®urc^= 
bringung ber orientaIifd)en SBelt mit griec^ifc^er ©prai^e uni> 
Silbung ioeiteräufüfiren unb ju öoHenben. S)iefe ©in^eit ber 
©prad^e unb üöilbung aber, ttjel^e babur^ für bie gefammte 
bamalige ^ulturmelt gefd^affen tourbe, füllte nac^ bem 9lat^* 
fcf)tu§ @otte§ bie geiftige Untertage für bie SSerfünbigung unb 
2lu§breitung be§ ß^riftentl^umS bilben, ba§ in grierfiifc^er BunQC^ 
biefen öerfd^iebenen SSöIfern gebrad)t rourbe. SSenn irgenbujo 
fo lä^t fic^ :^ier erfennen, hjie ein göttlicher ©ebanfe im ©ang. 
b«r @efd)ic|te ber SSßlfer trattet. 

2lIIe bie ein§elnen 9?eirf)e unb (Staaten ober, mel^e au^ 
bem großen SSeltreic^ 2llejanbcr§ ^eroorgegangen rooren, 
würben öom römifc^en 3fieic^e oufgenommen unb bamit 
noc^ ber SSeften (£uropa§ öerbunben unb in ben gro§cn 
@ang ber SBettgef^ii^te hineingezogen. SBaä Sdejanberä IReid^ 
geiftig öorbereitete, bem ^at ba§ römifd^e bietet) au^ oufere 
©eftalt gegeben. 2;urtf) ha^ römifc£)e 3f{eic^ mürben bie oor» 
^cr fo fpröbe gegen cinanber abgefcftloffenen SSöIfer ju einem 
großen ©aujcn bereinigt unb unter i^nen ein ^ufajnnien^ang 
unb ein SSerfe^r i^ergefteflt, ber fid^ auc^ ouf ba§ ©cbiet ber 
allgemeinen ^Itur übertrug. S)a§ alleg biente baju bie Sbce 
eineä einfieitlid^en dteid)e§, baS bie iDiannigfaltigfeit ber SSötfer 
nnb ©itten ju einer ^ö^eren ©infieit jufammenfc^Iiefeen follte,. 



®er Slbic^rug ber alten ^eit. 215 

in ben ©emütl^ern ber aJlenfc^en ju grünben unb fo ben 
großen ©ebanfen be§ (S^riftent^untS öon bem Sfieid^e ®otte§ 
üoräubereiten. ^uö^eid^ ober Bahnte e§ bem ©öangeüum bie 
SBege, auf benen biefe§ ju ben afcenblänbifd^en SSöÜern ge= 
langen fonnte; benn bie ©trafen ouf benen bie römifd^en Be- 
amten unt) Xrrappen öon iRom in bie ^roöinjen unb toieber 
in bie |)au^)tftobt jogen, ober auf benen bie §anbel§f(^iffe l^in 
unb njieber füllten, biefe bienterf nun ou^ ben Soten ^e\ü 
ßfirifti, nm mit bem SBorte be§ Se6en§ in jenen großen 
ßänterfreig l^inau^juäie^en, innerhalb beffen fid^ bomoI§ bie 
SSeltgefd^irflte beftjcgte, öom (Sup^rat on bi§ nadE) 3fiom unb 
(Spanien. S)iefe§ gange (Sebiet aber mar umfrf)Ioffen öom ge* 
meinfomen 9?erf)t, beffen Qbee jur (Geltung §u bringen uub 
beffen ^errfc^aft ju grünben unb jur fd)ü^enben SDia^t be§ 
ijffentlic^en SebenS ju mad^en ber befonbere S3eruf 9flom§ mar. 
Unter ben ©c^u^ biefeä die6)t§ foUte aud^ bo§ junge ß^riften* 
t^um treten, unb mir feigen in bem Seben be^ 2(pofteI§, beffen 
Stufgabe mar bie meltgefd^id^tlid^e 3Jiiffion be§ ®t)riftentl)um§ 
im römifc^en 9tei^ ju t>ermtrfüdE|en, be§ 2IpofteI§ ^aulu§, mie 
ba^ römifc^e fRcd^t i|n fd^ü^te miber ben ?^anoti§mu§ feiner 
jübifc^en geinbe. ^ 

S^iefer ©tonb ber ^inge aber, mie i^n ha§ römifd^e 9leic^ 
unb ber fflame feinet Smperatorä 2(uguftu§ jur 3eit ber ®e= 
burt S^rifti begeic^net, ift ta§ 0iefuItat ber gefammten üor|er= 
gc^^enben Sntmidlung. Sllle i^re ßinien laufen fiierin §ufom= 
men, auc^ bie ber geiftigen ©ntmidEIung. 

9Sor anbern geiftig begabt maren bie SSöIfer, meiere be= 
ftimmt maren bie Xräger biefer geiftigen ©ntmicflung gu fein 

unb auc^ un§ ben ©rtrag ber ntenfi^Iictien ©eifteSbilbung ber 
otten 2Be(t ju öermittetn. ©§ fotlte ber menfd^Iirfie .@eift in 
i^ncn bie gülle feiner SDiöglic^feiten offenbaren, aber bamit 
ouc^ feine ©c^tanfen. 2tm Stnfang ^ängt iia§ gefammte 
©eifte^Ieben auf ha§ ©ngfte mit ber ^bee be0 S3oIfe§ unb 
be§ ©taoteö sufammen. 2)er ©taat erfdEiien aU f)öc^fte 3orm 
menfd^Iid^en ®emeinfd^oft«Ieben§ , bem alle anbern, aud^ bie 



216 9, SSortrag. ®a§ ©^riftent^um in ber ®ef(^i(^te. 

gamilie unb bic reügiöfe 2e6en§form, untftgcorbnet feien, 
©ine über ha§ SSoIf unb ben <Btaat 6inau§ge^cnbe SDlenfci^^eit 
fannte man ni^t. SlUe geiftige 93ilbung wax im oottj'ten 
©tnne national, unb ^mar junärfift griec^ifcf) national. 5tuBcr 
biefer nationalen Silbung toav überhaupt feine Silbung, nur 
Sorbarei. Sem ©riechen ttjaren otte anberen SSöIfer Sarbaren. 
Stber ou^ olle ©ittlicfifeit unb alle 9fieIigion Juar notional, 
trar politifd^er 2Irt, 2lllc ^lugenb, alle ©ünbe toav politifi^c 
STugenb, poIiti[c^e 6ünbe, eine ^ö^ere fannte man nic^t. @benfo 
alle fReligion. ©ine Steligion ber 3Jlenfc^^eit, eine Unioerfat* 
religion l^at nod^ mehrere i^a^r^unberte na^ (5§rifti ©eburt 
ber ^i)iio\op^ ©elfug für einen Unfinn erflärt.2 2)aä SSoIf, 
ber ©taat erfc^ien al§ bie Ouelle be§ gefammten Seben^. 5lber 
e§ geigte fid^ haiß biefe Cuelle nicf)t unerfc^öpflid) fei. 2)er 
nationale @eift fanf immer tiefer unb erf^öpfte fic^, ba§ 
(Staat§wefen löfte fic^ auf, au§ bem ©ebiet be§ politifc^en 
Seben§ ffüc^tete man in ba§ eineö ollgemeineren Sulturteben^. 
Sn ber ^errfd^oft griec^ifd^er 93itbung fuc^ten unb fanben bic 
©riechen eine ©ntfc^äbigung für ben SSertuft ber nationalen 
unb ftaotIid)en Selbftonbigfeit. @o erfonnte man, ba§ bic 
:po(itif^e ©jifteng nic^t "oaä |)ö^fte unb ni(^t ber le^te unb 
tieffte Guell be§ geiftigen 2eben§ fei. @ä ift öon großem 
^ntereffe, ben geiftigen ^roje^ ju beobod^ten ber fic^ am 2(u§s 
gang ber olten ®efdf)ic^te öolläie^t, mie fic^ ou^ bem 9iatio== 
noleu i)a§ allgemein 3Dtenfc^üc^e ^erou^äuarbeiten öerfuc^t. 
Stuf ben üerfc^iebenften ©ebieten öolljog fic^ biefer ^rogcg, 
auf bem religiöfen, bem fittlic^en, bem p^itofop^ifc^en. aJlon 
f)at bie ©(^raufen ber Sfiotionolretigion burc^bro^en unb 
au§ ben öerfc^iebenften ^Religionen fid^ ba§ S3efte ^erouägefuc^t, 
of)ne aber in biefem bunten unb obergtöubifc^en ©emcugc ju 
einer S3efriebigung fommen ju fönnen unb ju einem onbern 
3?efultat aU ju jener (£rfenntni§, meiere ber ^^itofop^ ^to» 
tino§ ouSfprid^t: bie ÜJienfd^en fönnen nic^t ju ben ©öttcrn, 
bie ©Otter muffen ju ben 3Jienfc^en fommen. 2Jian ^ot ben 
nationofen Stonbpunft in ber 9}JoroI öertaffcn unb eine off* 



®te üord^riftlic^e ©nttüidfung heS geifttgen SebenS. 217 

gemeine ntenfc^Iid^e ©ittüc^feit unb (Sittenlehre atigeftrebt, 
itjelc^e in i^rem 5(u§brucf oft bie auffattenbften äußeren S3e= 
tü^cungen mit ber d^riftlid^en barbietet, frettt(^ bei ööttiger 
S3erfci^iebenl§cit beä (Seiftet, unb o^ne ha^ e§ i^r t^at gelingen 
ttjotten Äraft unb SBa^r^eit ju tüerben. Unb bie ^^ilofo^^ie 
fuc^te jloar bie attgemein menfd^Iid^e SBal^r^eit, unb bemühte 
fid^ in ba§ ©el^eimnife beö allgemeinen SSer^ältniffeg in \dzU 
<^em ®ott unb bie SBett gu einanber ftelien einzubringen, aber 
o|nc über ben Btt'ciffl unb bie Un[ic^ert)eit unb fc^tieBIid^ bie 
SSerjtDeijTung an aller S33a!^r^eit l^inau^jufommen. Unb mit 
3ficrf)t ^at man öon je^er jene im leidsten beräd^ttid^en Xone 
eineä Sfafirten l^ingeujorfene 5rage be§ ^ilatuä: 2Ba0 ift 
SSßa^r^eit? für einen unnjimtürlic^en 2(u§brudE be§ 9^efultateä 
angefe^en, ju roelc^em haä gefammte SBa^r^eitSftreben ber 
atten SSelt gefommen mar. Sitte SSerfu^e bie SGSa^r^eit ju 
finben maren mi^glüdft: fo fd)ien e§ ba§ iBefte biefe unfrud^t* 
bare ©d^märmerei überl^au^t aufzugeben, ot)ne ba^ man boc^ 
ba§ tiefinnertic^e SJerlangen aug bem ^erjen reiben fonnte. 
2Sa0 aber ettoa bie alejanbrinifc^e ©pelulation an ^hecn er= 
zeugte unb bot, meiere ba§ ©e^eimni^ be§ ©öttlid^en unb 
feiner Offenbarung erflären fottten, ba3 luaren nur ©(Rotten* 
bilber ber realen SBa^r^eit, gfeid^fam hülfen für ben mirüic^en 
^ern ber i^nen fehlte: gerabe boburd^ SBeiffagungen ber tt)irf« 
liefen t^atföc^Iic^en Sßa^r!^eit, bie nic^t au§ ber aufgelebten 
^aft beö menfc^Iic^en (Seiftet Verborgenen, fonbern bie al§ 
eine ^^at ©otteS in bie ©efc^id^te l^ereintreten mu^te unb in 
ber ^erfon S)effen in fie l^ereingetjreten ift, ber üon fid^ fagen 
fonnte: ^d) bin bie SBa^^r^eit. 

@o ift 3efu§ e^riftuS \ia^ 3iel ber olten ©efc^ic^te, 
ber äußeren unb ber inneren, eine fjorberung ber gefammten 
(Sntiüicftung, bie ?lnthJort auf bie grage mit ber fie fc^Iie^t, 
bie Söfung i^reö aflöt^fels, ber ©c^tüffel unfere§ SSerftänbniffeg 
ber 9BeItgefcVi(6te. @r ift nic^t i^r ©rjeugnife, fonbern bie 
SBunbcrt^at unb SBunbergabe ©otteö, öon oben, nid^t öon 
unten gefommen; aber er ift i^re goi^berung, unb baburc^ 



218 9. SSortTog. S;a^ efjriftentljiim in ber ®ef*ic^te. 

fc^Iielt er ftc§, o6rt)of)f ü6ernatörtt(^ ttai^ feinem 2Sefen unb 
Ursprung, boc^ nocfi feiner gefcöirf)tlid^en ©tellung mit i^r 
natürlich §nfammen. @r ift gleirf)fam bie SluSfüttung ber Sude, 
toelcfie bie ©ef^ic^te ber SDfienfrfitieit getaffen, unb bie fie au^ 
eigenen SDiittelu ju füllen nicf)t oermo^te. 

^Q§ ift bie ©teüung beä (S;^riftentf)umg b. ^. Scfu e^rifti 
in ber ®efc^icf)te noc^ rütfroärt^. (5r ift bQ§ 3iel unb ber 
^2lbfc^IuB berfelben. ®em entfprerfienb ift feine Stellung 
in ber ©efcfjic^te naä) öortuärt^. @r ift ber Sluä- 
gangäpunft unb bie ^ad)t berfelben. 3Jlit i^m be= 
ginnt eine neue 3^^*, .unb biefe neue ßeit ift üon i^m be» 
^errfrf)t. 

@f)e Sefu§ bon feinen Jüngern Slbfc^ieb na^m, gebot er 
benfelben bie S3otf(^aft ju allen SSöIfern ^u tragen, biefe ade 
auf feinen S^amen ju taufen unb jur ©inen ©emeinbe ber 
neuen SJienfc^^eit ju fammeln; unb fd)on öorfier fiatte er i^nen 
bie S3er^ei§uug gegeben, t§ ttjerbe haä (Söongeüum auf ber 
ganzen (£rbe berfünbigt merben unb e§ fotte ©ine ^eerbe unb 
(Sin |)irte loerben. Siie^ SBort fc^ien eine baare Unmögtid)* 
feit, in jebe§ 2(nbern ÜJlunb tt)ürbe man e§ ein SSort be^ 
SBaf)nfinn§ genannt ^aben. 2)enn toie follten biefe paar 3Ken* 
f(f)en, ungeletjrte gifc^er unb 3öttner auä bem öerarfitetften 
Sßolte ber (Srbe, bie ganje 9Jienfc^^eit jur ?(nna^me einer Sie« 
ligion bringen fönnen, tt)elc^e einen ©etreujigtcn ju i^reni 
üJlittelpunfte ^atte unb einen 2Beg be§ ^eilä oerfünbigte, ber 
fo weit aU möglidj baöon entfernt ttjar ben Steigungen ber 
äJlenfdien gu fcf)meirf)eln unb mit ben natürlichen ©ebonfen 
im fcf)ärfften SSiberfpruc^ ftanb. Scfion ber ©ebanfe ber 
3!Renfc^t)eit, aU einer großen (Sin^eit, öollenb^ ber ©cbonfe 
einer Sfietigiou ber 9Kenfct)§eit, einer Uniocrfalreligion, einer 
religiöfen ©emeinbe wetd^e bie @efammtf)eit ber iBöIfer, bie 
gonäe SJiannigfaltigfeit ber 9'iationalitäten , Seben^ftettungen 
«nb 1BiIbung§unterfc^iebe in fic^ oereinigen fottte, ber ®e* 
banfe ber Sirene wie mir fie nun fennen unb ^oben, toar 
ha§ ©ro^artigfte ma§ je öon einem 9Kcnfc^en gcbarf)t unb 



%et Siege^gong bcä K^riftent^umS. 21^ 

ouSgcf^iroc^en njorben; bcr ©ebanfe felbft fc^on toav ein 
SSunber, feine SSerioirflid^ung öoHenbö ta^ l^öc^fte SBunber 
für unö, ha§ bfeibenbe unb ftetg öor Slugen fte^enbe SSunber 
t)a§ unä aUe anbeten erfe^t — Begreiflid^ nur ou§ bem 
Stnbern loaä S^fu^ J^in§ufügte: fte fotten mit Äraft au§ ber 
^öl^e Qu^gerüftet »erben, unb au§ bem maS 2u!a§ im 2ln= 
fang ber ^poftelgefd^ic^te berietet, ba§ ber ©eift Ö5otte§ über 
fie gefommen unb onbere SJienfd^en au§ ifinen gemad^t, fo 
^a% fie in ^aft biefeö neuen ©eifte^ bie SBelt überminben 
unb ein neue§ fßeic^ aufrichten fonnten, baä nic^t tt)ie bie 
olteu SSeltreidEie mit ben SJiitteln notürlid^er, ttjenn ouc^ 
ungett)öt)nlic^cr ^raft begrünbet, fonbern burc^ ta§ SBort 
beö ®eiftc§ ©otteä gefc^affen, bleiben mirb bi§ gum @nbe 
ber Xage. 

(55 gehört ju ben er^ebenbften Setrat^tungen, ben fieg* 
reichen ®ang be§ G^riftent^um§ burc^ bie SBeIt=^ 
gefc^ic^te ju betrachten, 

2lße§ fc^ien ficf) ju oereinigen um i^m ben ©ieg böllig^ 
unmöglid^ äu machen, ©ein Urfprung fprad^ miber baffelbe: 
eö fi^ien eine jübifc^e <Bette ju fein, ©eine Sßertreter unb 
5ln^änger l^atten nic^t§ ©eminnenbe^: fie gehörten meiften^ 
ben unteren unb ungebitbcten ©tänben an. ©eine Se^re hjar 
ein ^inbemi§: fie erfcf)icn aU eine ärgertii^e X^or^eit. ©eine 
(SotteSöere^rung war öerböc^tig: bo bie 6J)riften feine ®ötter= 
bilber Rotten, fo ^ielt man fie für 2ltl^eiften. Sßon i^ren ge* 
l^eimni^oollen freiem erso^Ite man fid^ bie ärgften, bie unfitt* 
lid^ften S)inge. 2)ie öffentlid^e 3Jieinung toax gegen fie ein« 
genommen, bie ^^ilofoö^en befämpften ha§ ©l^riftent^um mit 
ben SSaffen beä (Seiftet l, bie Dbrigfeit mit brutaler ®emalt.=* 
Unb bo^ ^oben fie gefiegt. ©c^on unter S^ero, h)ie ber 
römifc^c ©efc^ic^tfc^reiber Xacitu^ ärgerlich berichtet, Ratten 
fie eine ou^erorbentlid^e Sßerbreitung erlangt, unb e§ tialf 
Wenig ba§ iRero, um bie ©c^ulb be§ großen S5ranbe§ oon 
fic^ abäuwöljen, i^rer, wie 2;ocitu§ fagt, eine ungefieure 
SD^enge t)inricf)tete, nid^t fowof)I weil fie Urf)cber be§ 53ronbe§„ 



■220 9. SBortrog. S)al g^riftentl^mn in ber ©ejd^i^te. 

<ii§ hjeil fie öom ganzen menfi^üc^en ©efc^Icd^t gel^a|t 
tüoren^ — : fie öcrbreiteten \xd) bennod^. SSir ^aben einen 
intereffanten Srief be§ jüngeren ^liniu^, (Statthalter^ öon 
IBit^^nien in ^leinafien, an ben ^aifer Xrojan feinen greunb 
■gefÄrieben, ettoa fiebrig ^sa^ve naä) ß^rifti Xob, hjeld^cr un§ 
ein beutltc^eä S5itb öom bamaligen ©tanbe ber d^riftlid^cn 
@ac|e in jenen (Segenben ber SGBirffamfett eines ^an(u§ unb 
-einei ^otianneg gibt. „Ueberatt^in, fd^reibt ^liniug ^ ^at fid^ 
biefer 2lbergtoube öerbreitet in ben ©täbteti, in ben Sörfem 
unb auf bem Sianhe; bie Xempet unferer ©ötter fte^en ücr» 
öbet unb lange fc^on njerben feine Dpfer mel^r bargebrad^t. — 
^d) Iie§ einige Spflägbe, roeld)e Wienerinnen genannt mürben, er* 
greifen unb auf bie golter legen, fanb aber nichts 5(i(i^e§ aU 
einen übermö^igen, öerberbü^en Slberglauben. @ie n^men on 
einem beftimmten Xage oor äRorgen jufammen (befannten fie) um 
<S^rifto, aU einem @ott, ßobüeber jn fingen." Unb feierli(^ öer* 
:pf[ic^teten fie fid), fügt er ^inju, gegenfeitig ju einem fittlic^ 
crnften ßeben. Unb ^unbert ^o^ire fpöter fonnte XertuIIion 
in feiner SSert^eibigung^fc^rift ju ben |)eiben fagen: „3Bir 
finb öon geftern unb njir liahen euer ganjeS Sanb ein« 
genommen, ©tobte, S^feln, ba§ Sager, ben ^alaft, hext 
©enat, boS gorum, bIo§ bie %cmpd l^aben wir euc^ gc« 
laffen." ^ liefen ©iegeSgong fonnten bie großen Sßerfolgun« 
gen — man 5ä§It i^rer §e§n — hjelc^e über bie ©Triften 
tjer^ängt mürben ni(^t aufhatten, ^ein Sitter, fein ©cfd^ted^t 
töurbe öerfc^ont, alle Äraft beS 9leic^e§ mürbe aufgeboten, 
einzelne S'aifer mie ®eciu§ unb ©iofletian, gerabe bie t^at* 
iröftigfien, betrachteten e§ gerabeju aU i^re SebenSaufgabc \>a^ 
Gfiriftent^um auäjutilgen öon ber ©rbe, meil baöon bie @jiftenj 
t)e§ römifc^en @toote§ abhänge — aber bie 2lrme ber genfer 
crmübeten e^er aU bie Xreue ber ©Triften; S)iofIetian mußte 
fein SBerf fallen laffen: er trat jurüdf öom ©c^aupla^ unb 
ha§ ß^riftent^um blieb; unb in ^onftontin beftieg e§ ben X^ron 
ter Sinpe^atoren unb be^errfd^tc feitbem auc^ äußerlid^ bie 
römifc^e SSett." 



S^er ©tege^gang beS S^riftent^um^. 221 

23lan !ann bamit nic^t bie ©tege be^ 9ffiu^amebani§mu^ 
öergleic^en. 2)er üKu^omebani^mug trot auf „alg eine fRe= 
Itgion öon biefer SSett, aU eine Steligion ber ©roberung unb- 
ber ftnnlid^en ©enüffe" unb feine ^rebigt toav ha§ ©ci^njert. * 
^aSfoI fagt öon i^m : ^9Jluf|Qmeb ^at feine ^errfc^oft be» 
grünbet inbem er morbete, (J^riftu^ inbent er bie ©einen 
morben liefe." „SWul^omeb ^at 2Jiittet unb SBege gerodelt um 
nad) ntenfd^tid^er Slnfid^t ju fiegen, ^e]n§ um naä) inenfd)Ii(f)er 
Slnfid^t ju unterliegen." ©tatt bemna^ §u fd^Iiefeen: weit 
ÜJiu^ameb fiegte, fonnte aud^ ^e\u§ leidet fiegen, mufe man üiel* 
me'^r fogen: hjeil SKu^ameb fiegte, mufete ^c\u§ unterliegen. *^ 
S)ie Slu^breitung bei ß^riftent^umi ift Ü8e!ef|rung. Unb xoa^ 
^ baä l^eifee, weife ber welcher weife, Wai ei Reifet einen einjigen- 
aJienfc^en §u belehren. 3Jian öerfuc^e oui einem eiujigen. 
SJienfc^enl^erjen bie ^errfc^aft ber ©elbftfu^t gu reifeen — 
unb ^icr war ei ein ^ampf mit ber ^errfd^oft ber ©elbftfud^t 
in ber SScIt! '^ Slderbingi ^aben äufeere Umftänbe mitgefiolfen 
äur Verbreitung bei ©^riftent^umi: bie (£inf)eit he§ 9?eid^i,. 
ber SSerfe^r unter ben Sönbern, bie (£in§eit ber ©^jradEie unb 
SBitbung, Slber biefe oufeeren Umftänbe waren eben ein SSert 
ber göttlichen Sßorfe^ung. StIIerbingi ging ein ®efü^( burd^ 
bie Qüt, ba^ etwoi 9^euei, ©efferei fommen muffe. Slber 
bai wor eben bai gottgewollte Sftefultat ber öortierge^enben 
©ntwicftung , welc^ei bem ß^riftenttium S3af|n in ben ^ex^ext 
bereiten foHte. Sltterbingi War ber fittlidic ©eift bei ©firiften* 
t^umi unb feiner SSertreter eine grofee äJtad^t. @ine fold^e 
^ö^e fittli(^er 9tein^eit, eine folc^e ^nnigfeit brüberlic^er ®c= 
meinfc^aft ^atte bie SSelt nod^ nic^t gefe^en, unb bie Reiben: 
fonnten nid^t um^in fie ju bewunbern. „©e{)t wie fie einanber 
lieben"! riefen fie aui; „wie fie für einonber ^u fterben bereit 
finb!" '1 „@ie lieben einanber foft e^e fie fid^ nod^ fennen.''^^ 
©elbft Sul'on ber 5lbtrünnige fprid^t mit SSewunberung öont 
fieiligen SSanbet unb oon ber 93ruberliebe ber ©Triften. Unb- 
aud^ Sucion ber ©pötter befennt: @i ift wunberbar wie biefe 
2Jienf(^en im Unglücf einanber beifpringen. „®ie meiften öoa 



^22 9. Sßortrag. ®a§ efirtfient^um in ber ®e\6)\^te. 

i^nett — biefe ift ber (Sinn einer längeren ©teHc in einer 
<5d^rtft be§ berühmten SlrjteS OotenuS über ^lato, üon ttjel(^er 
nur bieje @teKe üor^anben ift — finb nid^t im ©tanbe ju 
V^itofo^^iren, aber fie leben tüic ^^Uofop^en." ^^ „2Ba§ für 
l^rouen ^aben ni^t bie ©Triften!" rief ftounenb SibaniuS quS, 
t)a i^m ß^r^foftomu§ öon feiner 3Jiutter 5lnt^ufa ersä^Ite.^* 
"Slber bog n?ar eben bie gruc^t be§ neuen ©eifteä 3efu ©^rifti; 
t)iefe ©ittlid^feit toax fclbft ein SBunber. „©ie bcfinben fic^ 
im gleifd^e — fo fpri^t eine fd^öne altc^riftli^e ®^rift, ber 
^rief an S)tognet, öon ben (J^riften — , aber fie tebcn nid^t 
nac^ bem S^eif^. ©ie galten fic^ auf ber @rbe auf, aber fie 
ftnb S3ürger im ^immel. ©ie ge^ord^en ben befte^enben ®e» 
fe^en, aber burd^ i|r Seben ftc^en fie über ben ©efe^en. ©ie 
lieben jebermann, unb föerben oon jeberraonn öerfolgt. aWan 
fdfimö^t fie, fo fegnen fie; man be^anbelt fie übermüt^ig, unb 
fie ernieifen @|re. @ute§ t^uenb werben fie al§ Uebett^öter 
beftraft, unb freuen fid^ ber ©träfe a{§ einer görberung be§ 
Sebeng." S)ie SJJörttjrer aber mit i^rer ©tanb^aftigfeit maren 
bie einbrudf^öollften ^rebiger be0 Sf)riftent£|um§ unb „t^r 
tStut ber ©ame ber ©Triften". '^ „Knaben unb S"i^gfrouen, 
fagt Sactanj, überroinben ftiflfd^ttjcigenb i^re Reiniger", '^ unb 
ۊ gef dE)a^ mof)! aud^ ha^ fie felbft ifire |)enfer bef eierten. 
<S§ mar fein ganati§mu§, fonbern ftiller, ruhiger, nü(^terncr 
©inn mit bem mon in ben 2;ob ging, o^nc ben ®ebon!ett 
ettoa be§ 3{ul^m§ bei ben 3Kenfc^en: benn biefeS S3cfenntni| 
Juar eine ©dEimad^ üor ber SBelt, unb SSielc finb gcftorben 
beren Sfiamen @ott allein fennt; e§ mar ber leuc^tenbe SBiber» 
fd§ein be§ neuen inneren Seben§, mcIc^eS au§ bem ©ciftc S^rifti 
ftammte. 

Slffe biefe SJiittel mirften mit, mußten mitmir!en; benn 
öllerbtngg, fonft mürbe ha§ ß^rtftcntl^um bie SBelt ntd^t l^abcn 
überminben fönnen. Slber e§ finb SD'littel ©otteö unb feinet 
^eifteS. 

@ä mar nid^t fo leidet otö e§ un§ öielleid^t fd^eint, \>a§ 
^eibent^um ju überminben. S5enn bie l^eibnifc^c iReligion mar 



S)er Siegelgong bei e^riftent^uml. 223 

ouf ba§ Snnigfte mit bem gefammten öffentlichen, öürgerticöen 
unb geiftigeir ßcben öertt)acJ))en, fo ba^ e§ unmöglich fd^ien 
ftc üon bemfelben lo^julöfen um fie ju 6ef eiligen, bagegen 
tiiefeä. fielen ju laffen. SBer ein geinb ber öäterlidöen 9le= 
ligion mar, ber fd^ien auc^ ein geinb be§ Staates unb be§ 
gefammten Kulturleben^ ju fein. ^^ S)o§ gefammte ©taatsleben 
mar auf Sfleligion gegrünbet, mit 9teIigion öermad^fen: ha§ 
:poIitifci^c unb religiöfe (Sebiet bilbete eine untrennbare ©in« 
l^eit. Utile ©taat§a!te maren jugteid^ religiöfe Slfte, otte öffent= 
ti^en 2(ngelegenl^eiten l^atten einen religiöfen ©^arafter. ®ie 
(S^riften erfc^ienen aU geinbe be§ ©taatS, unb ber ^atrio* 
ti§mu§ fd^ien bie geinbfc^oft miber ha§ G^riftentl^um ju ge= 
bieten. ®enn ba§ ß^riftent^um fc^ien ha$ (StaotSgeföfirtic^fte 
^u fein Xüa§ e§ gab. Stile Slpologeten ber erften So'^r^unberte 
mußten bie ©ad^e be§ S^riftent^umS gegen biefe SSormürfe 
ttertl^eibigen. Unb ebenfa mar e§ mit bem gefammten Kultur« 
leben. 5tuc§ biefe§, Kunft unb SBiffenf^oft unb bie gefammte 
(Seiftcäbilbung, tiatte fic^ im ^ufon^nien^ang mit ber 9?eIigion 
entmidelt. (£ö fc^ien bie Sßernic^tung be§ geiftigen @rtrag§ 
tjieler ^a\^v'i)\inhextt ju fein, menn man ba§ K^riftent^um 
gur |)errfd^oft §u bringen fuc^te, 2)a§ (J^riftent^um golt ot§ 
^Barbarei. S)ie Slpologeten ber erften So^tr^unberte finb mieber* 
f)oIt öeranlaßt biefen SSormurf ob^ume^rcn. '^ SSir fönnen 
ou^ l^eute nod^ einen leb^often ©inbrudE babon geminnen. 
SBir braud^en nur j. 58. in bie unterirbifd^en finftcren @rab= 
gemölbe, in bcnen bie ©Triften mol ouc^ ^eimli^ ^ufammen* 
famen i^re SJl^fterien ju feiern, ^inabjufteigen, unb bamit 
bann etma einen jener reijenben griei^ifd^en Xempet ju üer« 
gleichen, bei benen ba§ SSotf feine Opfer barbradite, ober eine§ 
jener gemaltigen Slmp^itl^eater, in benen e§ fid^ ju fröl^lid^en 
©d^aufptelen üerfammelte unb etma aud^ bem blutigen Kampfe 
ber c^riftlic^en iCiärt^rer mit ben milben 2;^ierett jufa^, um 
äu erfennen unb eS nac^juempfinben, meld^ eine moralifd^e Kraft 
baju gehörte, um über bie gemaltige ^Dlad^t l^eibnifd^er 9leIigion 
unb f)eibnif(^en Sebenä §err ju merben. 



224 9, SSortrag. S^ag e^rifient^um in ber ®e\d)\d)te. 

Unb ha^ S^riftent^um ift §err ber[elben gcioorben unl^ 
^at ba§ 93ilbung^lebeit ber alten SSett nic^t oernic^tct, fonberit 
beioa^rt, gereinigt in ficf) aufgenommen, mit fic^ l>crf^mol5en 
unb ber ffladttoelt überliefert. Unb nac^bem e§ bom römifc^en 
SfJeid^e Söefi^ genommen, f)at e§ bic SSelt ber ©eirmanen, bie^ 
auf ben ©d^aupla^ ber ©efc^ic^te traten, ^e\u ju güfeen gc« 
legt, biefe SSöIfer ju ben Slrögern ber ßu^unft gemocht unb 
ein neues ©eifte^feben in i^nen entmicfelt. SSiele ©rf^ütte* 
rungen ^atte im weiteren SSerlauf bie ^irc^e ju befte^en, 
kämpfe im Innern, Slnfeinbungen oon Stu&en, burd^ bic 
folfd^c ^Religion STlu^amebS unb bie milben ©cfiaoren ber 
|)unnen unb SJJongoten. 5Iber alle biefe ©efa^ren unb ©^läge 
beftanb bie ^irdie unb grünbete ft(^ nur um fo fefter in ben 
©emüt^ern ber 9Jienf(f)en unb im ©efammtleben ber ÜJienfc^* 
f)eit. 3^or ftonb gegen bo§ @nbe be§ üorigen ^Q^^^u^bert^ 
eine S^tei^e öon 9JJännern auf, bie mit allen ÜJlitteln i^reS^ 
©eifteä ber ©oc^e ^e\ü ß^rifti ein @nbe ju machen fuc^ten 
unb fiofften, unb balb aui^ erfiob fid^ in granfreic^ ein ©türm 
ber bie ganje c^riftlic^e ^rc^e in jenem 2anbe über ben 
|)aufen ju merfen bro^te. Slber ber ©türm ift öerme^t unb 
bie ^irc^e blieb fte^en, unb ou§ ber SiJot^ unb ben fc^toerett 
@rfc§ütterungen ber ßeiten geroann ber ©taube an 3ef"m 
ß^riftum nur neue Äxaft unb greubig!eit. 3li<i)t minber finb 
unfere Xage 2:age be§ Kampfes, unb bie grofee entfd§eibung, 
um meiere im Kampfe ber ©eifter gerungen wirb, gilt ber 
^errfc^aft be§ ßfiriftent^umS. Stber bie SSertreter feiner ©ac^c 
finb fo menig mut^IoS, ha% fie mit ber Sßert^eibigung in ber 
§eimat ben Slngripfrieg in ber grembe öerbinben : feine Qeit 
toav feit üielen ^a^r^unberten fo fefir eine 3eit ber 3Jiiffion§* 
tl^ätigfeit unter ben |)eiben; unb fo langfam eS öormörtS ge^t, 
fo gel^t e§ bo^ üormörtS, unb mir alle finb auf ha$ feftefte 
boöon überzeugt, ba^ bie ©ad^e ©^rifti unter otten Sßölfern^ 
uoä) fiegen mu^, ba§ ficfi ba§ SSort be§ StpoftelS: c§ f otten 
atter ^niee fid^ beugen im SfJamen Sefw» «oc^ erfüttcn mu§,> 
.boB ha§ SSort bei ^ic^terl no^ 2Sa|r:^eit merben muB: 



^'er Siege^flong be§ Sf)riflent^um§. 225 

©§ fann ni^t JRu^e toerben, 
b\§ feine Siebe [iegt 
unb'biefer Äreil bet ©rben 
jn feinen grüben liegt. 

®er ®attg be§ S^riftent^um^ hmä) bie SBeltgef^trfite ift 
ein ©ang beg ©iegeö. ^er ®Qng be§ ©^riftent^umS aber ift 
bcr (Song Sef" S^rifti. SBenn wir S^rtftent^um fagen, fo 
fagcn toir S^fu^ 6^riftit6; benn e§ ^ängt oIIe§ an t^nt. Unb 
bQ§ ^ei|t jQ ß^rtftcnt^iun: bor S^rtfluS fic^ Beugen unb i^m 
bie @^re geben ofö unfer aller einigem unb etüigem ^eilanb, 
Xa§ ©l^riftcnt^um ift aber nid^t bloß bie ^ad)t ber äußeren 
^errfc^aft, fonbern au^ bie iKac^t einer inneren ge ift igen 
^errf(^oft (S§ finb nid^t bto^ bie fRetigionen ber SSöIfer, 
eö ift ba§ gefammte @eifte§teben ber 9Jlenfcf)^eit öon i^m über« 
ttunben unb erneuert. 3Jlit bem ß^riftent^um f)at eine neue 
3cit für ben menfd^tid^en ®eift unb für bog gefammte fitttid^e 
unb fociate Sebcn bcr 9Kenfd^I|eit begonnen. 

®a§ ©l^riftentl^um ^at bo§ 3citoIter ber ^umonität 
gebracht. '9 ©eitbem erft fe^en fic^ bie SOfienfc^en aU ©ine 
große gamilic an. ©eitbem erft mirb ha^ füed^t ber menfc^* 
lieben ^erfönlid^fcit oncrfannt. SBa§ raon bie ÜJienfc^enred^tc 
nennt, baä ift eine %xvid)t be§ ßfiriftent^um^. @§ l^at nid^t 
bie äußeren Drbnungen ber 9Jlenfc^en geönbert, e§ l^at fRed^te 
unb ®efe|e, ©itten unb ©tänbe u. f. m. getaffen; aber e§ f)at 
einen neuen ©eift in olle biefe Seben^öer^ättniffe gebrod^t. 
@§ ^at aud^ bie ©Hauerei nic^t atSbalb äußertid^ aufgelioben; 
aber e§ ^at im ©ffaöen ben aJienfd^en, ben clirijtlid^en iöruber 
anerfennen gelehrt unb bamit biefeS öerJüerflid^e Snf^itut im 
Snnern gebro(^en. (£§ l^at bie Stellung ber grauen au§ einer 
unhjürbigen jur mürbigj^en unb cinftußreic^ften erhoben. @§ 
^ot bie Siebe, metd^c bei feinem ©intritt in bie SBelt, mie 
SDtonte^quieu fogt, nur nod^ eine ©eftalt ^atte bie man nid^t 
nennen fann, 20 jur ebelften unb jarteften SRad^t beä feclifd^en 
unb geiftigen ßebenö ber SWenfd^en gemalt. @§ i)at bie ^nber, 
meiere bie ^eibnifc^e SBelt öor unb nad^ ber ®eburt ju tobten 

Sut^arbt, SBorträfle I. 11. Slufl. 15 



226 9. SSortrag. ®a§ e^rtftentfium in ber ®e^ä)i6)te. 

fem 93eben!en trug, lüeit man [ie nur aU eine (Sad^e anfafj, 
über bie man frei gu oerfügen bered)tigt fei, ber S33iIIfür ent* 
nommen unb burc^ bie 2^aufe ju ßinbern @otte§ unb ©rbeu 
he§ §immelreid^§ erflärt unb unter ben @c^u^ i^re§ |)eilanbc3 
geftellt. Sä f)ot ein neueä d^riftli^eS gamilienleben gefc^affen 
in einer ^ergli^feit, SmiiQ^eit unb gi^ei^eit, ttjic man e§ üor» 
^er meber fannte nod^ für mögüd^ !^ielt. @rft feit bem ©Triften* 
t^um gibt e§ eine 9Mc^ftenIiebe im magren ©innc be§ SBortä. 
®ag ß^riftent^um ^at 9Jienfc^üc^feit in bie SBelt gebrockt unb 
bie 2;ugenb ber SSarmfieräigfeit geteert, ^ie gürfo^ge für bie 
Slrmen unb ^ronfen, welche eine fo reiche unb ^exxü<i}e ®e* 
f^id^te in ber c^rifttic^en Söelt gefunben ^at, fie ift eine 
©egenäfrud^t beä ®^riftent|um§. SDer ©eift ber Siebe, ber 
Eingabe, ber DpfermiHigfeit, ber baä ©c^önfte unb |>öc^fte im 
fittlicf)en Seben be§ SJienfc^en ift, er ift oom S^riftent^um, 
öom ^reuje (S^rifti ausgegangen. 2)a§ (£^riftentt)um :^ot bie 
©c^eibemänbe unter ben SJlenfc^en niebergeriffen , unter be« 
<Stänben, unter ben SBöIfern unb Staaten. (5rft feitbem gibt 
e§ ein SSöIferrec^t auf @rben, worauf ber gefammte S3eftanb 
ber Süicnfc^^eit gegenmörtig beruht. ®a§ bie ©efc^ic^te nic^t 
ein fortmätirenber ^rieg aßer gegen atle ift, ^a^ '3ieä)t unb 
®efe^ bie ©runblage be§ SSöIferlebenS bilben, ba^ baburc^ 
^anbet unb SBanbet auf ber gangen (Srbe, eine allgemeine 
menfc^tic^e Kultur ermöglicht ift: ba§ banfen mir bem ©Stiften* 
t|um. Unb mit ber |)errfd^aft be§ 9led^t§ in ben einjetnen 
Staaten f)at e§ gugteid) ben ÖJeift ber 2Ki(bc oerbunben unb 
baran erinnert, ha'ß auc^ ber ©efallene noc^ ein ajienfc^ bleibt 
unb ein ©egenftanb unfrei Srbarmenä fein foH, meil er ein 
(Segenftanb be§ göttlichen (Srbarmenä ift unb e§ ®otte» SSille 
ift feine «Seele §u retten. ÜJlit bem 9^ec^te ber ^erföntic^feit, 
meiere -ba§ S^riftent^um anerfannte, ^at eä oui^ boä 9?ec^t 
ber fittlic^en Uebergeugung unb bie f^i^ei^eit be§ ®emiffen§ be« 
grünbet. SDie erften ?lpoIogeten beg ©^riftent^um§ waren oud^ 
bie erften SSerfünbiger ber ©emiffenäfrei^eit, unb fo üiel aud^ 
5u 3eiten öon SSertretern ber ^ird^e bagegen gefünbtgt morben: 



2ie SBirfungen be§ d^riftlic^en ©roubenS. 227 

fie felb[t, bie @elüiffen§frei§eit, beren gorberung nun eine 8ad^e 
-allgemeiner menfc^Ii^er ®rfenntni§ «nb Ueberseugung gettjorben 
ift, ift boc^ eine gru^t beg ©^riftent^umS.^i Slber e§ ift nid^t 
Wo§ bie grei^eit be§ ©enjiffenS, nja§ ba§ ß^riftentl^um ge* 
bracht ^at: e§ ift mc^r, e§ ift ber %xo^t be§ ®ett)if[cnC bcr 
triebe ber @eele, bie ^Befreiung üom (Sefül^I ber @^utb, ba§ 
99eh)u§tfein ber SSergebung bei (Sott, bie ®ett)i|^eit ber ®nabe 
®otte§ ouf ©runb ber eh)ig gültigen ©ül^ne nnfrer ©ünben 
burd^ boä Dpfer ^e^u K^rifti, njomit e§ bie SBunben be§ ®e* 
toiffenä ^eilt, unb bie 2lngft öon ben ©emüt^ern, ben 2)ru(f 
öon ben ^erjen njegnimmt, unb ttjortn ber befte Xroft in 
QÜen Seiben, bie re^te Strjnei to'ihet otte ©d^merjen biefeS 
£eben§ unb äugteid^ bie rechte fittlic^e ^roft be§ SSirfeni unb 
JpanbelnS liegt, ®enn b?r SSest^ be^ 2eben§ §n)ar beruht im 
■SBirfen, aber bie Äraft freubigen SBirfen§ ru^t ouf einem 
guten ©ewiffen, ha§ ber Sßergebung feiner ©ünben bei ®ott 
^etoi§ ift. ©0 ift alfo ha§ ß^riftent^um burd^ feine 8Ser= 
fünbigung öon ber ®nabe ®otte§ in ß^rifto ^ugleidEi bie Cuetle 
«iner neuen öorfier unbefannten fittüc^en ^raft geworben. 
Unb fotd^e (£^ara!tere, wa^r^aft fitttid^ burd^gebilbete (£^a= 
rattere, gro^ im Seiben tt)ie im Qantein, in (Selbftüerteug« 
nung njie in SBirfen, ttjie fie ba§ ß^riftentl^um erzeugte, i^at 
bie alte 2BeIt oud^ nid^t entfernt gn bitben öermod^t. S)iefer 
neue fitttic^e (Seift mar e§ auc^, ber 'oa§ gefammte (Seiftet« 
leben in ^unft unb SBiffenfd^aft neu befruchtete, entmicEette unb 
öerebette. 2)ie ftrenge, ernfte SBa^irl^aftigfeit unb 2(IIfeitig!eit 
wiffenfd^afttic^er gorfc^ung, bie ^ot|e fRein^eit unb ^nnigfeit 
fünftlerifc^er S)arfteIIung, bie Xiefe, pfti^ologifc^e SSa^r^eit unb 
gülle ber poetifd^en (Srjeugniffe — fie finb erft burd§ "oa^ 
e^riflent^um au§ ber Xiefe be§ menftfilic^en @eifte§ unb (Se= 
müt^e§ ^eröorgerufeu ttjorben. Surj, ha§ (S^riftent^um ift bie 
SKac^t eines neuen, toie religiöfen fo fitttid^en unb geiftigcn 
Sebeng ber äKcnf^l^eit geworben. 

So ift mal^r, mand^eS Unred^t, aud^ mond^e ©d^änblid^feit 
ift im S^iomen be§ (Sl^riftentl^umS begangen morben.22 ?lber 

15* 



228 »• SSortrag. 'S)a§ e^riftent^um in ber ©efc^ic^te. 

bog tüar ein ^IKiBbrou^ feinet Sfiomcnö unb ein SBiberfpru^ 
ju feinem SSefen. @§ felbft ^ot feinen 2;^eit baran. @§ ift 
nid^t ntinber toa^r, t)a^ bie d^riftlic^e SBelt ntand^e Seiten ber 
fittlie^en SSerbunflung unb Sßerirrung gefe^en ^at. St6er immer 
njieber f)at bie d^riftfii^e 9Jienf(^^eit ftc^ auä ber 2;iefe fittlic^er 
©efunfen^eit emporgerofft unb bomit gejeigt, baß baS ©Triften» 
t^um im UnterfdEiieb JDon aßen anbern Sfteligionen eine ^aft 
unerfc^öpfli^en Se6en§ befi^t, burd^ bie e§ fid^ in immer neuer 
SSerjüngung audi qu§ bem öerfattenfien 3uftanb ju ergeben Der* 
mag. ^3 (5§ mo^nt in i^m ein Seben boä emigen Ouellen ent* 
ftammt. S>abur(^ allein oermodjte e§ aud^ bie '3Jlaä)t eineS neuen 
Seben§ für bie SPfienftfi^eit ^u toerben. 

Unb biefeä neue Seben ift fä^ig in alle Seben^formen 
einjugel^en. ©ben weil eB gciftiger Statur unb nic^t bIo& 
eine beftimmte äuBere Seben^form ift, barum fann eä fomo^I 
felbft bie oerf(f)tebenffett äußeren ©eftolten annehmen, olä and) 
in bie oerfc^iebenften natürli^en SebenSformen eingeben unb 
gur @eele berfelben nterben. SBelc^e öerfrf)iebene ©eftalt i^at 
ha^ ß^riftent^um in ben berfc^iebenen Sfitci^ i>er Äirc^e an« 
genommen ! ^n ben erften ^fo^r^unberten, i>a e§ tu ben SRar» 
l^rien feine ^^riump^e feierte unb mit feinen üKt)fterien in bie 
^atafomben flücf)tete; in ber nad^tonftantintfc^en 3eit, ^a e^ 
ba§ ^euj gur |)eerfa^ne unb §um ©c^mud ber ^onen ma^te; 
im SOtittetalter, t)a e§ bon fRom au§ bie SBelt be^errfc^te, bie 
ftolgen 2)ome baute unb eine reiche poetif^e SBelt ouS feinem 
©d^ofee erzeugte; in ber 3teformation, aU e§ mit bem ernften 
SBort ber ^rebigt bie ©emiffen mac^, rief unb tröftete unb in 
ber abenblänbifrf)en SBelt ein neue§ Seben beö ©cifteS medfte; 
in ber ^eit ber ^iegSfurie in 2)eutf<^ranb, ba eä mit feinem 
Siebertrofte unferem jerriffenen unb vertretenen S3oIte freunblic^ 
jur ©eite ftanb, ober bann ben ©eift gu fü^ner p^ilofop^ifd^er 
gorfcöung befreite, ober in ben engen Greifen ber ©tillen im 
Sanbe ben ^eim einer neuen 3u^wnft legte; ober in unferem 
^o^rl^unbert, ha e§ üor unferen ^iegSfi^aaren ein^erging, fie 
jum Siege ber grei^eit Don frember ^ec^tjl^ft ju fü^ren^ 



3)te Unioerfalität beg e^riftentl^umS. 229 

ober fpStcr bcn ©eift ber Söarm^eräigfeit ertoecftc, bcr bie Sßcr« 
loal^rloftcn in bie (Stätten ber Siettung famntett ober in ben 
^äfen ber hänfen feinen 3>ienft ber Siebe übt. ^n atten 
t)iefen öer[(^iebenen Oeftatten aber ift e§ haS (Sine felbe, unb 
bie ScuQttiffe oder ^a^tr^unberte finb un« fo berftdnblid^ unb 
«nftingcnb wie bo§ SBort ber ^rebigt unserer 2;age. Unb 
TDcIc^e öerfd^iebene ©eftalt trägt ha§ K^riftentl^um unb bie 
Sirene aud^ je^t an fid^! in Se^re unb ^Itug, in ©itte unb 
IBraud^! unter ben SSötfer^ be§ fftoxbenä unb unter benen beä 
^übenö, unter ben Golfern bcr Kultur unb unter ben tultur* 
lofen! Unb fo oerfd^iebene @eftoIt e§ aud^ onnel^men mag, 
unb unter fo öerfd^ieben^n SSer^öItniffcn e§ leben mag — 
immer ift e^ ba§ ©ine felbe: haä Sefenntni^ ju ^efu S^rifto 
t)em ^eilanb beö fünbigen äJienfd^en! @o jerriffen bie Äird^e 
ift — in biefem @inen ftimmen aUe ^ird^en jufammen; ha§ 
öpoftolifd^e ®Iauben§be!enntnife, ber ©taube an ®ott ben SBater, 
t)en @o^n unb ben ^eiligen ©eift ift oller ^rc^en unb ©Triften 
gemeinfamer ©laube; toenn fonft feine @inig!eit unter ben 
SRenfc^en ift — boS ßreuj ^ot in ber 2Kenfc^^eit, fotoeit fie 
fid^ in bie ^ird^e ^efu S^rifti fammeln Iie§, eine ©inl^eit !^er= 
gcfteUt, eine (gin^eit bcg ©laubenS unb be§ Sefenntniffeä, ber 
Siebe unb ber Hoffnung; fo öerfc^ieben bie JBitbiingSftufen fein 
mögen — ba§ SBort dorn ^euj ift i^nen allen bie ©ine SBa^r= 
l^eit unb SSeiS^eit;- fo mannigfaltig i^re 9lationatitäten — in 
Scfu S^rifto Dere^ren fie atte, ber Snbioner toie ber ©uro* 
päer, ber 9'ieger mie ber Stfiate, i^ren Se^rer, i^ren ©rlöfer, 
ifiren i^önig.2* 

5)oS ift bie uniberfelle ©tellung be§ ®^riftcnt§um§ 
in ber ilKenf^l^eit. @§ ift eine göttlid^e SDtad^t allfeitiger 
SebenSerneuerung. S)o§ ©^riftent^um ober betoeift ^efurn 
©^riftum. 3)enn eS ift mit i'^m gemorben, in i^m ge* 
geben unb öor^onben: @r ift bog ß^riftentl^um. Sllfo ift Sefuä 
nic^t ein 3Kenfc^ mie onbere äWenf^en, unter bog Wla^ menfc§= 
tiefer ©infeitigfeit unb öef^ränftl^eit geftellt, fonbern öon uni= 
uerfeller SBebeutung unb ber S^räger beg göttlichen Sebenä. SBie 



230 9. SJortrog. %a§ ß^riftenlljuni in ber @ejd^id)te. 

fonn man boKenbg fogett, tüte ffltnan: er toor ein S^tDÖrnter 
xinb gatiatifer utib jetne ^üxi^n mxm f§ noc^ metir. ©ittcr 
fo trüben OueHe entflammt nic^t ein ©trom fo ^reinen unb fo- 
reiben @egen§. S5er 8egen ber öon i^m ou^gegongen ift unb' 
noc^ immerfort au§gel)t, betoeift: ^ier ift bie Offenbarung 
Lottes — ; barum ift er ta§ Seben, ba§ Sicl)t ber SBelt. ©r 
ift [ba§ eloige Seben; in i^m ^aben toir ®ott. ©o bezeugen 
if)n un§ auä) bie (Söangelien. 



3el)«ter Öortrog» 

ÄQum eine onbere Srage nimmt ha§ religiöfe Sntereffe 
ber ©egentpart fo fef)r in Slnfprud^, ai§ bie iJrage über bie 
^erfon ^c\u ß^rifti. Seine anbere ^at ober aud^ ba§ 9?ed^t, 
ein gleiches ^ijtereffe gu forbern. ®enn fie ift bie grage be§ 
6^riftentf)um§ felber; ja fie ift bie f^rage ber SBeItgefci)id^te. 
®enn fie gilt bem, ber — mit Qean ^quI ju reben — ber 
SfJeinfte unter ben 9J?ä(f)tigen, ber ÜJiäd^tigfte unter ben Steinen, 
mit feiner bnr^ftod^enen ^anb füeiä^e au§ ber Singet, ben 
(Strom ber Sa^^^^unberte au§ bem 93ette ^ob unb nod) fort* 
gebietet ben ^citfii-' 3^fl^ W unfere ß^^t ^W biet @inn 
für bogmQtif(^e Silagen, metir für f)iftorifcf)e; aber bie ©efc^id^te 
ift bie Xrögerin unb bie §ülle ber Seigre. 5)er Sampf um hie 
Se^re ift auf ha§ ©ebiet beä Seben^ S^f« übertragen. Slber 
hJetctie ©egenfö^e ftcfien bo einanber gegenüber! @o gro^ at§ 
ber Unterf(^ieb groß ift jmifd^en bem emigen @o]§ne ®otte§ unb 
bem ©o^ne Sofep^S. 

S)iefe ©egenfö^e finb att, obgteid^ je^t gefc^örft. 

S3on Stnfang an ^aben bie ßtiriften ^efu götttic^e (£^re 
ermiefen. <S(^on im Svenen 2;eftament merben fie aU fotd^e 
begeid^net, bie ben 9f?amen be§ ^errn ^e\u anrufen. ^ Unb 
$Iiniu0 in feinem ©riefe an ben Saifer ^rajan fprid^t öon 
©efängen, toet^e bie ß^riften in itiren SSerfommtungen ß^rifto 
ju ©I)ren fangen, i^n bamit götttic^ öere^renb.^ SBüßten mir 
ou^ nichts öon ber Sefire ber apoftolifc^en Sird)e über bie 
Sßcrfon ^efu ©^rifti, fo märe un§ biefe 2:^atfodE)e ber gött= 



1 • C'^^ 

232 10. SJortrag. 2)ie ^erfon 3e|u d^rifti. 

Itd^eit SSere^rung f(^on ^fug^^ife genug- Slber frü^jeitig bc« _- 
gegnet un§ ein bop^ielter ©egenfa^ jur Se^re ber ßir^e, ein 
jübtfd^er «nb ein ^eibnifcEier. S)er jübifc^c Si^rt^unt fa^ 
in Sefu nur einen ^rop^eten, toenn au6) ben !^öd)ften; ober 
über biefer menfd^ü^en SSirflii^fett entfc^roanb i^m bie über* 
ntenfc^Iid^e ^o^eit Se[u. ®er fieibnifc^e 3rrt^um fa!^ in 
©^rifto ein übermenj'd^tic^eg 2Be[en au§ ^ö^eren S33elten ^er= 
niebergeftiegen , ober bie gc[c^ic^tti(|e SBirllic^fcit löfte er in 
bloßen @cl§ein auf. ^ort njirb bie ©efc^ic^te betont auf Soften 
ber Si'ee, ^ter bie S^ee auf Soften ber ©efd^ic^te. S)ie Sirene 
fa^ in S^fu (J^rifto bie @inf)eit beiber, ber ®efc^icf)te unb ber 
Qbee, beä SKenfi^Iic^en unb be§ ©öttli^en. 3ujar luie SBcibeö 
5ur ööHigen ©inl^eit äufümmen ge^en fönne, ha§ blieb immer 
ein Problem i^rer ©ebanfen, unb nie wirb ber ©ebanfe fic^ 
ööllig mit ber 2BirfIic§!eit beden. 5lbcr too crrcid^cn toir, 
fetbft bei ben f^rogen be§ natürlichen Sebeng, fobalb fie ^inter 
bie näcftftliegenbe Dberf(äc§e ge^en, bie öoffe SBirfüd^feit, fo 
bo| nid§t§ UnerfonnteS übrig bliebe? Unb unabhängig oon 
ben SSerfud^cn be§ begrifflid^en 25enfcn§, ba§ ®e^eimni§ ber 
Ißerfon ^efu ööflig ju erfd^Iiefeen, ift ber ©taube unb ba§ 
S3e!enntni6 ber Sircfie. §ierin finb bie öerfd^iebenen Äird^cn 
ein§. ®ie Se^rbifferen^en in biefer groge finb öon geringer 
93ebeutung gegenüber ber Uebercinftimmung im ©tauben. 2)ie 
(S^riftcn oller Sinken beugen gemeinfam i§re Sniee im 
3'iamen ^e\iu 

5)cr 9?ationati§mu^ ^at bie göttticfic (Seite in S^fu 
^erfon, ühex^a\i^t atteS Uebernatürlic^e geftri(^en, Unb hjenn 

er aud^ bon einer „^immtifc^en ©rfc^einung auf biefer fubs 
lunaren SBelt'' fprac^, fo njar baö nur eine 9fJebengort. ^^fuS 
luar eben nur ber größte Xugcnbte^rer. SIber man mußte ftc^ 

überjeugen, \)a^ mit bem SKoratiften allein nic^t augjufommcn 

fei. S)o§ e^riftent^um ift eine ®rf(^einung meldte toeit über 

bic ©rensctt einer btoBeit ÜJJoral ^inouSreic^t. ^ag Silb ba^ 
nn§ in ben ©oangetiften entgegentritt ift biet ju gro§, ot^ ba§ 
,,ber meife 9labbi ou^ 9Jajaret^'' e§ ju bcdcn tjermöc^te. ®ie 



35te ®egenfä|e ber olten unb neuen 3eit. 233 

4)l^iIofoi3^ifc§c ©Refutation fud^te bie tiefere ^tee be^ 
•©Iriftentl^umS ju erfaffen. Slber lüenn ber 0lationQli§mu§ bie 
®e\d}id)te ouf Soften ber ^bee oertritt, fo öertritt bie ©pefu= 
lotion bie ^bte auf Soften ber ©efd^i^te. Sefu^ ift nur ein 
©^mbol, taS ©Qmbol etujo ber göttlid^en SEBeiS^eit, loie <Bpi^ 
noja, ober ber ibealen SSoHfommen^eit, njie ^ant unb Qocobt, 
ober ber ©in^eit beg ©örtlichen unb ajienjcl^lid^en, tüie ©d^eUing 
unb |)egcl lehrten. SBie roeit Sefu§ felbft biefer ^hee na^e« 
gefommen fei — benn erreicht ^abe er fie nic^t — ta§ lönne 
man nid^t fögen; oud^ fei bie§ taä ©leid^giltigere, benn nur 
auf bie 3i>ce, nicf|t auf bie ©efd^id^te fomme e§ on. 2l6er 
nton ocrfuc^t oergebenö fic^ ba§ einjureben. SQ3aö un§ in ben 
©oangelien fo mäd^tig feffelt, ba§ ift bie gefc^ic^tüc^e SSirflic^*, 
feit ber ^erfon Sefu. 2)iefe ift e§, bie unfer ganjeS Sntereffe 
in Slnfpruc^ nimmt. (£«? ift nnä unmöglich bei ber ^\>tt fielen 
^u bleiben unb unö mit i^r ju begnügen, ©trau^ l^at oer= 
fuc^t oon jenem ^J^ilofopl^tfc^en ©tanbpunft ou§ mit ber ®e* 
fd^id^te fertig ju merben. ©r löfte fie foft gonj in S)i(^tungen 
^uf, hjelc^c bem Roetifd^en (Seifte ber d^riftlic^en ®emeinbe i^re 
<£ntfte^ung oerbanfen, unb nur ein geringer unfc^einborer ffteft 
gefc^id^tlid^er SBirflic^feit bleibt übrig. Stber njenu ber ^e^ü^, 
joie er un§ in ben ©öangelien entgegentritt, boä ^robuft ber 
Oemeinbe ift, njcffen ^robuft ift bann biefe ©emeinbe felbft? 
S)cr bürftige 9?cft tjon ©cfc^id^te ^e\]i, ben un§ ©trauB übrig 
lä^t, fte^t in feinem SSer^o(tni| ju ber SSirfung beren Urfad^e 
^r fein foll. 9lenon ^ot fid^ üBerjeugt, bafe bie 9J?oc^t ber 
©eft^i^te iu gro^ ift, aU ba^ man fie fo toie ©troufe in 

SR^tl^en auflöfcn fönnte. ©ein 93ud^ bejeid^net bartn einen 
IJortfd^ritt über ©traufe. dv bringt ber gefc^tc^tlic^en SBirftic^» 
feit feinen Xribut. $)er ptjitofopl^ifc^e ©eift bc§ ©eutfd^cn 

fonntc fic^ mit Slbfiroftioncn unb gbeen begnügen, ber realere 

Oeift beä gronaofcn forbert Qe\ä)id)tüä)e 2;^atfad^en. (£r fagt 

fic^ mit Siecht, ta^ ber ungeheuren SBirfung, bie 3iefug aug* 
übte, bie Urfo^e bie in feiner ^erfon lag entfpred^en muffe, 
J)aB 3cfu^ nic^t «n ©ebic^t feiner ©efc^ic^tfd^reiber fein fönne. 



234 10. SSottrcg. 2ie «Perjon ^efu (Script. 

boB bie eoangelifc^e ®e|d)ic^te im SBefentlid^en SBirllic^feit fein 
muffe. %üx6) bie Slnfc^auung be§ Serrain^ felbft, auf bem 
fi(^ bie ®efrf)id)te begab, geiuann i^m biefelbe eine ^anbgreiflid^e 
Seibfiaftigfeit. Qefu^ ift i|m ein „äRenfcft öon ungel^euren 
^imenfionen". 2(ber er toinbet fi^ ben 3"9eftänbniffen ju 
entgelten, bie er nac^ feiner gonjen naturaliftifd^en SGSeIt= 
anfc^auung ni^t mad^en fann. (5r ^äuft bie fc^önen unb 
^oc^trabenben SBorte, um nur ha§ ©ine SSort ntd^t fprerfien 
gu muffen, ha^ ^e]u ^erfon ein SSunber unb ber loefentlic^e 
Äern feiner @efc^i(f)te ein übernatürlid^er fei. ^enn ba§ lieber» 
nätürli(^e unb SBunber leugnet er f c^Ie(i)t^in , meil er über« 
fjaupt feine reale SSelt jenfeit§ biefer enblidjen SBett unb feinen 
perfönlid^en unb freien ©ott fennt, fo ttjenig njie eine perfön- 
Iicf)e Unfterblit^feit.^ 9^un aber bilben boc^ bie SBunber einen 
5u niefentli(^en %i)e\l be§ Seben§ ^e\u. 2)a erflört er fie benn 
lieber für Siäufc^ungen unb S3etrug§merfe ^efu felbft unb 
frfireibt ^e\u. lieber bie SInnjenbung be^ berürfitigten ©runb* 
fa^e» 5U, ba^ ber Qxoed bie 3JJitteI f)eiltge, b. i). er öernirfitet 
lieber ben fittlidfien ©fiarafter ^e\ü, aU ba^ er anerfennte ba§ 
loir e§ f)ier mit übernatürli^en Stuften ju tt)un l^aben. SIber 
fo lange e§ ein fittlicf)e§ ©efü^l geben mirb, wirb c§ \\ä) \>a' 
gegen fträuben, boB 3efu§ allerlei unma^re Äunftgriffe welche 
oor ber orbinären SKoral nidjt gu beftefien öermögen, mie 
§. 93. ben ©djein eine^ ^erjengfünbiger^, gebrandet \)ahc', ober 
ba| er bie Steinzeit feiner Se^re burc^ bie 93eimifc^ung einer 
fanatifd^en @d()tDärmerei mit söeioufetfein getrübt ^aie, um fie 
baburrf) mirfungSfräftig ju marf)en, \)a bie SSelt eben betrogen 
fein ttJoHe; ober bafe er firf) für ®otte§ @o^n erflärt unb bie§ 
jum (Mrunbartifel feinei 9fei(^§ gemarfit ijahe, mä^renb borf^ 
fein beffereS SBiffen bem miberfprac^ ; ober i>a% er in ©et^femane 
in trüber SSerjmeiffung an bie flaren SBäc^e feiner ^eimat unb 
bie galiläif^en SRöbc^en, meiere i^m if)re Siebe ju fi^enfea be* 
reit gemefen mären, gebac^t fiabe — ©ebanfen, mie fie nur 
einer bermüfteten ^^antafie unb einem «So^ne be§ mobernen 
^ori^ fommen fönnen. 9'?ein, fo Tange e§ (Soangelien gibt, fo 



Tic ©oangelien. ' 235 

tange finb biefe in i^rejp f)o^en ©infalt unb f)eiügen ©rfiaben* 
^eit bie SBiberlegung fotd^er 93efci^tmpfung beffen, ber ber 9teinfie 
unter ben Steinen njor. grogen njir bie ©öongelien narf^ 
ber ^erfon S^fu! 

5)oc^ äueri't oerftatten ©ie mir ein S33ort über bie @üan = 
geüen überl^aupt. ^ 

Sefu§ fetbft ^at feine ©d^riften ö erfaßt imb ^interloffen. 
S5enn er «jar fein ^^üofop^ ober SReligion^ftifter im geirö^n» 
liefen ©inne. ©eine ^ei;fon unb fein SBerf — ba§ ift jeine 
©d^rift bie er mit mächtigen 3ügen in bie @efd^idE)te ber SKenfct)* 
l^eit ^ineinge[(^rieben ijat, unb bie SBirfimg feinet ®eifte§ an 
untren |)erjen, ba^ ift bie ©dEirift bie er tagtögli^ noc^ mit 
unücrlöfd)lic^en 3ügen in un§ fc^reibt. SSoi)! ober {)aben feine 
Sünger ©c^riften üerfafet, qu§ benen mir 9tä^ere§ über if)n 
erfahren unb burtfi meld)e aud) bie münblid^e Ueberüeferung 
unb SSerfünbigung Don it)m, bie feit bem %aQe ber ^fingfteu 
burc^ bie SSelt ge^t, geftü^t unb geftfiü^t mirb. B^oar mir 
fönnten ^e\ü gemife fein, aud) menn mir feine ©öangelien 
l^ätten; bie ^ird^e felbft, it)re ©Eiftenj luäre bann unfer ©bon- 
gelium. Unb mir fönnten ber .§auptt^atfadf)en au§ feinem' 
Seben gemi& fein, aud^ menn bie münblid^e Ueberüeferung im 
©iuäelnen ungenau unb fdjmanfenb märe. Xie Unfic^erJieit im 
©inselnen mürbe bie ©id^er^eit im ®ro§en unb ©onjen nid^t 
aufgeben. SSir brandeten nidE)t§ über ben I. yiapoUon gelefen 
5U l^oben unb fönnten bod^ ha^ 2BefentIid)fte tjon il)m miffen, 
unb e§ brauchte nic^tä über if)n gefd^rieben ju fein unb bie 
^Quptfafta feineö Sebenö ftönben bod). feft. Unb mie fie je^t 
feftftel^en, fo fönnten fie e§ nod^ naä) ^a^x^ünbtxten. Unb 
bod^, ma§ ift ber föinbrudf ben ein Sfiapoleon auf bie ®emütt)er 
ber SKenfc^en gemacht, gegen ba§ S}enfmal ba§ fid^ S^fu^ ^^ 
ben ^erjen ber iDieufd^en errid^tet! unb ma§ finb bie S33ir* 
fungen bie jener {)interIoffen , gegen ha§ SBerf ta§ biefer ge* 
fd^affen! . Sllfo unfer ©laube l^öngt nid^t bon ©d^riften ah unb 
üon bereu @ic^erf)cit unb 3Ied)tf)eit ober Unäcf)t^eit, fonbern 
öon %i)at\aä)eii 'bie ber @efd()icf)te angefjören, unb üon SSirfungen 



236 10. SSortrag. %ie ^ßerfon Sefu d^riftt. 

t)ie tütr im ^erjeit tragen. Sl6er bie fc^riftlicftcn Scripte finb 
fine @tü^e unb ein @c^u^ un[re§ ©loubcnö. Sie jcic^ncn ung 
t)a§ iBilb beffen, ben roir !ennen unb lieben, in i^rer ^eiligen 
Einfalt, mit Bügen fo lebenbig ma^r, fo ^06) unb rein, fo 
leben^marm unb übermältigenb , ba§ tuir borin ieu Ringer 
<Sotte§ erfennen unb befennen, unb fie al5 bog Siebfte unb 
iöefte f(f)ä^en unb e^ren toaä mir auf @rben befi^en. 

2l6er burd^ allerlei 2tn griffe auf biefe Sucher ^at fi(^ 
öielfa^, unb öoräug^meife unter ben Unfunbigen, bie ÜJieinung 
verbreitet, olö ftünbe e§ mit biefen ©d^riften nic^t fo fieser aU 
mon biöl^er in ber c^riftlid^en ^irc^e geglaubt. 2I6er bo§ ift 
ein unbegrünbeter Slrgiuofin. Unb tücnn man ooUcnbg au^ 
ber ücrmeintlid^en Unfic^erlieit ber Schriften auf bie Unfic^er» 
^eit ber X^atfad^en fetbft glaubt fdEjüe^en ju bürfen, fo ift ba§ 
i)ie ^öc^fte SBittfür. 

SBie ftef)t e§ mit ben eoangclifc^cn 93ericf)ten? 

SSir bürfen nid^t öergeffen, e§ finb nic^t ctnja ©c^riften 
t)ie man einmal in einer S3ibIiot^ef gcfunben unb über bercn 
llrf|)rung mon ämeifel^aft fein fönnte, meit man nic^tö ?iä^ereö 
über fie mei§. ^Jiic^t ^eimlic^ finb fie entftonben unb a\i§ ber 
^eimlid)feit in bie Deffentlic^teit getreten, fonbern oug bem 
<SdE)o§c ber erften d^riftüc^en ©emeinbe finb fie ^croorgcgongcn 
unb gtei^fam unter i^ren Slugcn gefc^rieben. 2ln ber münb« 
Ii(^en Ueberüeferung ber eöongelifdien Ocfc^id^te ober Ratten 
fie oon Slnfang on i§re Äontrote, unb bie ©rinnerung i^re^ 
llrfprung§ ging i^nen ftet^ jur ©cite. 

®er erfte d^riftlic^e Unterricht toar überaß (Srjä^Iung ber 
eoongetifc^en ®eftf)ic^te; benn bie ^rebigt beä ©oongeliumö 
tror ^rcbigt öon 3efu S^rifto. 'Siie großen 5;^atfa(^en feineS 
SebenS, bie SBorte bie er gcrebct, bog ©efc^itf boä er erfahren, 
jein Seiben, fein Sterben, feine Slufcrfte^ung — baS toaren 
t)ie Stiemoto ber apoftolif^en ^rebigt, 2lIIoS Sntereffe ber 
<f)riftlid^en ©emeinbc fonjentrirte fic^ auf bie ^erfon Scfu 
<£^rifti unb feine ©efc^ic^te. (5§ ^ot nie eine religiöfc ®emcin» 
jdiaft gegeben meiere ou^ nur entfernt ein ö^nlic^eS Sntercffc 



• 3)ie eoangeden. 237 

an ber ©cfd^ic^tc i^reS ©ttfterö gehabt ^ätte, toie bie d^riftlic^e 
©entcinbe. S)cnn bic X^atfac^en feiner ©efd^id^te finb ber ^n= 
f)alt t^re§ religiösen ©louben^, unb bie ©etoi^^eit ber X^at« 
fachen ift bic ©rnnblage be§ ©laubenö. SBie genou man e^ 
bomit genommen, fönnen wir noi^ q«§ ber Sorgfalt erfe^en, 
mit melc^er ^ouIuS im 1. ^orint^erbrief (^ap. 15) bie BeuQeit 
ber Sluferfte^ung e^rifti aufjä^tt. ®ie apoftoüfc^en ©riefe 
5cigen unö, hjie lebenbig ba§ ©ebäi^tni^ be§ £eben§ S^f« i« 
ber erften (Semeinbe ttjor. * Sluc^ njenn ttjir feine eüangelifd^en 
SBcric^te Rotten, fo ließen fi^ afle wichtigeren ^^atfac^en be§ 
ßcbenä 3efu au§ jenen ©riefen gewinnen. Unb fie finb 
jnjanjig ober breifeig ^a^re nac^ ®§rifti ^ob, bog l^ei|t 
noc^ inner^olb ber erften ©enerotion ber ©^riftenl^eit ge= 
fc^rieben. 

5)er S^riftuS ber a^oftotifc^en ©riefe ober ift ganj ber* 
fclbc luie ber ber ©oongelien. @§ war natürlich bofe ba§ ©e= 
bürfnife folc^er fcf)riftlic^en ©eric^te beä Seben^ ^c\ü fi^ erft 
geltcnb machte, ate bie erfte ©eneration ju ®rabe jn ge^en 
begann, öon ben fed^giger unb fiebriger Qa^ren unfrer QtxU 
red^nung an, ©i^ ba^in ^atte man fic^ in oerfc^iebenen 
Reifen — wie wir au§ ben @ingangäWorten be§ ßufa§= 
eöangeliumS erfe^en — einzelne Slufjeid^nungen gemad^t um 
bem ©eböc^tnife ju ^ülfe ju fommen. Slber fie l^otten nid^t 
bic ouSreid^cnbc ©ollftänbigfeit unb bie nöt^ige ©id^er^eit 
i^reS SiO^fl'^*^ ""i» Stutoritot i^reä Urfprung^. @ie finb ber« 
brängt worben burc^ bie größeren ©d^riften, welche au§ bem 
opoftolifc^en Steife felbft ficrborgingen, unb unter bem Sflamett 
ber (£t)angelien feit bem @nbe beS erften ^a^rl^unberts ein 
allgemeines Slnfe^en in ber (J^riften^eit ertongten. @ewi^ 
nicf|t o^ne göttlid^e Sügung ift e§ gerabe jur SIbfaffung biefer 
oier ©oangelien gefommen. ®cnn ifire ©erfd^ieben^eiten er* 
gönjen fi(^ in wunb erbarer SBeife ju einem reiben l^armoni* 
fc^en ©efammtbilb unferä @rlöfer§. 3)a§ erfte ©üangelium — 
fo wirb un§ berichtet — ^at ber Slpoftel SWatt^äuS für bie 
jifbifc^en ©Triften ^alöftinaS gefc^rieben, ef)e er bieß Sanb 



238 10. STsortrag. S^ie ^erfon Sefu ß^rifti. 

üerlie^ um aucf) in ben anbern Siänbern bo^ ©oangelium jit 
öerfünbigen. ®a^ jhjeite (Söangelium tft nacfi ber fird)Itc^eit 

Ueberlieferung aug ben S^ortrögen be^ $etru^ entftonben. 2)Q§ 

brüte fagt Don fic^ felbfi, e§ fei eine gfi^ud^t fleißiger 9lac^= 
forfdjungen im fieiligen Sanbc, unb ift einem üorne^men 
tRömer gu beffen nieiterer Unternjeifung gemibmet, um bann 
bnrd^ biefen jum ©gentium ber (^riftlic^en (Semeinbe gemad^t 
.5U merben. ®a§ üierte aber befennt fici^ aU iSerii^t eine^ 
^ugenjeugen unb beutlicE) genug aU eine ^Sd^rift be§ Slpoftel^ 
^of)Qnne§, unb e§ h)irb un§ erja^It, So^anne§ {)aBe, nac^bem 
€r in (Spfiefu^ lange nur münbli(^ öon Sefu öerfünbigt, auf 
bringenbe Stufforberung ber SSorfte^er ber ©emeiube i)ie\t eban« 
gelifc^e <3(f)rift üerfa|t. jj)ie[e U eberlief erungen beftätigen fic^ 
fomo^( an ben (Schriften felbft aU aiid) burc^ ha^ Stnfe^en 
tvdd)e§ fie öon 5lnfang an in ber ^ircfie befafeen. 

5B3ir fiaben nur menige iRefte au§ ber c^rifilic^en Siteratur 
be§ erften SaJ)rt)unbert§. @rft bon 150 n. S^r. an wirb fie 
reicf){)altiger. SIber fo gering unb lücfen^aft biefe Siteratur ift, 
finben irir bocf) in if)r mannigfad^e Sejiefiungen auf bie «Dan» 
^elifi^en @d)riften; unb je reicfi'^altiger jene Siteratur tt)irb, um 
fo reii^er trerben ou^ biefe S3ejie^ungen unb um fo me^r 
fe^en mir i^r fircE)Itc^e§ 2(nfef)en unb i^ren firc^ticften ©ebraud^ 
gefi^ert.6 w^'q biefe^ B^ugnife be.r alten ^ir^e ift um fo 
fjö^er anjufiiilagen, je me^r mir au§ üielen einjetnen 93eifpielen 
miffen, mie genau unb §ä^e man in ber Ueberlieferung mar, 
aud^ ha mo fic^'g um geft^ottung untergeorbneter Xrobitionen 
^anbette, fo ba^ biefe ©enauigfeit unb 3ä^ig!eit ber aÜen ßir^e 
ung nur ein günftige^ SSorurt^eil aud^ für i^re S3ejeugung ber 
füangelif(^en ©d^riften ermerfen fann.'' SJland^e Streitfrage, 
üuc^ über gong untergeorbnete SSerfc^ieben^eiten ber Xrabition, 
t)at bie ^irc^e be§ 2, Qa^r^unbertä bemegt; aber über ben 
©oangelienfanon, biefe gunbomentalongetegen^eit ber ganzen 
^rd^e, mürbe meber geftritten nod^ üer^anbelt: er galt t)on 
Slnfang on aU unfraglic^ abgefd^Ioffen. ^ Unb gerabe htm^ 
jenigeu ©oangelium, um mel^e^ e^ fic^ öor allem ^anbelt in 



^te eöangeüen. 239 

ier ©Dongelicnfragc, beni So^onnc^cüaitgelium fommt bie eng* 
gefc^loffene ^dte ber Ueberlieferung be§ jo^anneifc^eti Sretfe^ 

ju |)ülfe. 2)enn beg Ipoftel^ So^anttf^ Schüler luar $oIt)= 

farp, ber ettua 90 ^a^re alt al^ 93ifc^of üon <Smt)rna ben 

aJiärt^rertob ftarb. Unb beffen ©c^üIer tüieberum lüor 3renäu§, 

in beffeu Schriften tüir genaue ^^ugi^iffe über bo§ So^anne§= 
eöQngelium ^oben. Unb Srenäu^ fonnte barüber ©enoueg wiffen, 
benn fein Seigrer ^ol^farp t)atte i£)m öiel au§ feinem perfön= 
liefen SSerfe^r mit bem greifen Slpoftel ^o^anneS ergä^It, Sllfo 
mufetc S^enäu§ njtffen, ob i>a§ öierte ©oangelium öon ^o^öwneg 
ftommt, unb fonrite e^ i^m unmögli(^ jufc^reiben, njenn e§ ber 
^eit wie bem ©eifte naä) biefem Stpoftel fo ferne (ag Ujie bie 
itegotipe ^ritit behauptet. Unb tt)eit über ^renäuS jurüd bi» 
in bie ^a\)v^e\)nte n)el^e unmittelbar auf ben Xoh be§ 5(pofteI:§ 
So^nne^ folgen, reichen bie übrigen ^eugniffe be§ 2. ^a^x-- 
^unbert#. 

Qu bem 3eugni& ber ÄirdEie aber fommt ba§ 3cü9üife ber 
|)äretifer ^inju. ©§ hjürben' hie 5(nt)änger ber p^antaftifc^en 
gnoftifdien ^rrle^ren be§ 2. Qa^rtiunbertö fidö ni^t auf bie 
fanonifd)en ©oangelien berufen unb mit offen fünften einer 
affegorifrfien ^2(u§Iegung i^re Uebereinftimmung mit benfelben, 
befonberä mit bem So^anneleüangelium, noc^jumeifen öer= 
fud^t ^en, wenn nid^t in ber affgemeinen 5lutorität ber= 
felben für fie bie SZot^menbigfeit einer foldien fc^einbaren 
^Rechtfertigung ifire ^nUf)vt gelegen f)ötte. ^ Unb triebt minber 
legen bie frü^jeitig — fi^on beim Seginn be^ 2. Qa^r^un' 
bertö — entftanbenen apofr^pf)if(f)en ©Oangelien, welcfie un= 
fere fanonifc^en jur SSoraugfe^ung laben, Beugnife für bie- 
felben ah.^^ 

Slber e§ ift ni^t blofe bie äußere Seäeugung .ber ^ird^e 
ober ber I)ärctifrf)en ©eften, meldte für bie ©öangetien fpri^t: 
e§ ift i^r ©elbfigeugnife, taä ^eupil Welches i^re gan^e 
Haltung unb i|r gefammter ©^orafter für fie obtegt. S)ie 
Äenntnife ber "eoangelifc^en ©efc^id^te föor ein ©emeingut ber 
ganjen rfjriftlic^en ©emeinbe. 9'lidE)t erft burd^ bie ©oongelien 



240 10. aSortrog. ®ic ^erfon Sefu S'^rij'tt. 

ift biefe ^cnntni§ öermittelt toorbcn, fonbern burc^ bcn münb* 
lid^cn Utiterri(i)t, tt)ie fie i^n alle unb fe^r eingcficnb cm^finflcit 
oon ben Sl^ofleln ^er. S)enn mit btefem Unterricht begann 
bie Untertoeifung im (J^riftcnt^um. SGBürbe mon bic eoan^« 
gelifc^cn iBeri^te angenommen l^aben, menn fie nid^t mit biefem 
münbliclen Unterricf)t übercinge[timmt Ratten? ®enn bicfer 
Unterriebt ftammte oon ben Slugenjeugen. iWur wenn bie eöan» 
gelifc^en 93eri(|te auc^ auf fol^e SCugenjeugenfc^aft äurürfgingcn, 
!onnien fie ©ingang finben, mod)ten nun ifire SSerfaffer felbft 
Stugenjeugen gemefen fein tt)ie SKattliäuö unb So^anncS unb 
öieHeirfit tl^eilioeife 9Jiarfu§, ober i^re ©rjä^Iungen unmittelbar 
au§ bem 3J2unbe üon Slugenjeugen öernommen l^aben mie Sufa§. 
liefen ®|arafter aber tragen bie ©oangelien andj an fic^. 
9J?an merft i{)nen burrfimeg bie Unmittelbar feit unb Ur« 
fprünglit^feit an. 'i 5^er ^auc^ ber ^nfc^e, ber Baubei^ ber 
Urfprüngti(^feit ift über fie alle ausgebreitet, ^arin liegt i^r 
9teij, it)re feffeinbe ©emalt. SSir fefien, mir ^ören ^t^nm 
felbft, tüir leben bie ®efc^icf)te mit. @§ finb feine 9iefIcjioncn 
über bie ®ef^i(^te, c§ finb bie %i)at\ad)en felbft leibhaftig; c0 
finb feine fc^ulmäfeigen S)arftellungen ber ©cf^id^te, eg ift bie 
©ef^ic^te felbft: fie rebet gu un§, mir merben mitten in bie 
groBe ©ef^id^te mit f)ineint)erfe^t. Unb biefe Unmittclborfeit 
ber S)arfteIIung befte^t aui^ öor ^er Unterfu(^ung. @g finb 
eine SJZenge einzelner geograp^ifc^er unb anbcrer Sfiotijen ein« 
geftreut. 2ßir fönnen fie fontroliren. Unb bie ^ontrole miri> 
jur 93efiätigung. 

2Bo§ aber bie ^au^tfac^c ift, ta^ ift baS Söilb Scfu,. 
ha§ fie un§ jeit^nen. ^a§ fonnte fein ÜJlenf^ crfinben, bo3 
fann nur ^opie eine§ mirfli^en Driginatä fein. Wlan fann. 
öon einem 9Wenfc§en fagen, er fei o^ne <Sünbe unb 3>nrt^um, 
ba§ S3ilb ber göttlid^en ^eiligfeit felber. Hber man fönntc 
bie^ Silb nicf)t seidenen, o^nc ha^ unfer bcf^rSnftcr, trrenber 
unb fünbiger ©eift 3üge mit ^ereinbräd^te , meiere ifiren Ur* 
fprung öerrict^cn. |)ter icboc^ ^oben toir ein bottjiänbtg burc^* 
geführtes SebenSbilb in ollen möglii^en Situationen, in aöem 



Sie Soongelien. 241 

5Be(^feI be§ inneren nnb äußeren Se6en§, in ben ftärfften 
Äontroften. Unb in jebem ^uge, in jeber Keifen SBenbung 
nötl^igt un§ bie ©eftalt Senjunberung ab unb jiel^t un§ öor 
fid^ nieber auf bie ^niee. @o erfinbet man nic|t. '^ Unb fa 
fonnten am attertoentgften ^uben erftnben. ®enn ba§ mar 
nid^t ta§ ^\>eal ha^ fie etmo im (Seifte trugen. @ie ^oBeii 
nit|t i^rem ^beale SBirÜid^f eit , fonbern bie 2Bir!(i(f|feit f)at 
i^nen crft biefe§ ^beal gegeben. ®enn ba§ S^eat "oa^ fie 
Ratten, ba§ mod^te etmo einem jübifc^en ©d^riftgetel^rten ent? 
fprec^en — aber mie menig trug S^fuS baöon an fid^! @r 
mar ganj ba§ ©egent^eit eine§ folcfien. 93ei ber Unfetbftönbig* 
feit unb ?l6f)ängigTeit öon ber Slutorität ber Se^rer in reli« 
giöfen S)ingen, mie fie bie Sönger mit bem übrigen ungele^rten 
S3oIfe t()eilten, mürben fie fid^ nimmermel^r üon bem SSorbilb 
jener Stutoritäten freigemörf)t unb ein fo ganj anbere§ Sitb 
aufgeftelTt "^aben, menn itinen ni^t in ^t]n§ bie S33irIIi(f|!eit 
bicfe§ i8ilbe§, ba§ fie geid^nen, mit übermättigenber SJlad^t unb 
^ol^eit öor bie Seele getreten märe. S)er engtifd^e ^arbinat 
SSifeman fagt in einer feiner Sfieben: '„3Bir f)dben in ben 
Schriften ber Sf^abbinen reid^Iid^en @toff um un§ ba§ SJiufter 
eine^ jübifc^en ©efe^Kel^rerS au§ i^m ju bitben; mir !^oben bie 
©prüc^e unb bie ^^aten be§ Rittet, beg ©amaliel, be^ 3iabbi 
©amuel, üieHeic^t mel^r ober meniger alle erfunben; aber offe 
mit bem ©epräge ber 9?ationaIibeen, alle nad) einer Sieget 
cingebitbeter 58olItommenl§eit gebilbet. Unb bod^ fann nid^t^ 
meiter entfernt fein aU i^re ©ebanfen, i^re ©runbfä^e, i§re 
^anblungen unb i^r ©tjarafter öon benen unfere^ @rlöfer§. 
Sieb^aber öon jönfifd^en ^ontrotjerfen unb öerfänglid^en 5tu^^ 
fprüd^en, eiferfüdEilige SSert^eibiger ber auSfc^Iie^tid^en SSorred^te 
i^re§ SSoIfe§, feurige unb jetotifc^e Kämpfer für ben geringften 
Suc^ftaben be§ ®efe^e§, mo^renb fie burd^ (Sopt)i§men fid^ 
Don feinem ©eifte entfernen — ha§ finb i^re großen Scanner, 
genau ba§ ©eitenftüd unb STbbilb ber ©c^riftgete^rten unb 
^tiorifäcr, bie aU ber birette SBiberfpruc^ gegen ben ©eift 
Pe^ ©öongeliumS fo ^art getabelt merben. — 2Sie follten 
Sut^orbt, Sorträge I. 11. «ufl. 16 



•fi" 



242 10. SSortrag. S;te qSeti'on Qefu e^riftt. 

SJlenfc^eix o^ne alle Sifbung barauf gefommen fein eine« 
G^aratter gu geidinen, bcr nacf) jeber 9iicl)tung ^iit üon bem 
itationaten %'i)pn§ obioeic^t? im ©egenfa^ ju ollen ben 3ügen, 
tuelcle burc^ ©eiüofin^eit, (Sr^ie^ung, Jßaterlanbäliebe, ^Religion 

nnb bie natürlid)e Slntoge felbft alg bie fd^önften gel)eiltgt ju 
fein fi^ienen? — 6^ ift nid^t anber^ möglich, bie ©oongelifteif 
muffen bog SSilb ba§ fie entnjorfen na^ bem 2eben ge^eic^net 
(laben, unb bie Uebereinftimmung ber moratifc^en 3üge bie fie 
if)m geben, fann nur öon ber ©enauigfeit Ijerrü^ren, mit 
ireld^er ein ^etex öon it)nen biefelben nadibilbete." '^ SlÜer« 
bing§, toir fönnten etrtjo ä^nlic^ erfinben; aber nur weil wir 
eben biefeä SSorbilb f)aben. Hub aucf) bann no(^ — wie Würbe 
nnfre (Srfinbung auffallen? Sfienan I)at e§ gezeigt, ber ein 
felbfterfunbene§ ^beal auf^uftellen fud^t, ha^ bie ioefentIirf)e 
^ai)xi)eit be§ (Söangetium^ wiebergeben wiH. 2Bie ift eö ge^ 
rattien? Sefu§ wirb bei aller §o^eit unb SiebenSwürbigfeit 
^ute^t ein ©d^wärmer unb Sanotifer, ber felbft unfittli^c 
SJlittel gur ©rrei^ung feinet Qrved^ nic^t fd)eut. <Bo ge* 
ratzen unfre ^cid^^ungf» ti^ofe biefe^ 93orbiIbe§. Unb nun 
öDÜeubg jene jübifd)en ßöflner unb gifc^er, bie fo ganj anbere 
SSorbitber :^atten — wie fottten fie biefe^ wunberbare ®e= 
ttiälbe entwerfen fönnen! 2)iefer if)r ^n^ait ift e^ burc^ ben 
ftd^ bie ©öongetien bezeugen unb ftet§ ben ©lauben an i^rc 
SBa^r^eit wirfen Werben. Stuc^ ©oet^e l)at fid^ biefem ©ins 
brurf ni(f)t ju entjie^en üermo^t. „Qd^ ^nlte bie ©oangelien 
— fagt er einmal in beu ©efpräc^en mit GcEermann m, 371 — 
für burdjauS äc^t; benn ei ift in if)nen ber Slbglanj einer 
§o^eit Wirffam, bie üon ber ^erfon S^rifti ausging unb bie 
fo göttlicher 5trt, wie nur je auf ©rben "DaS ©öttlic^e er* 
fcbieuen ift." 

(Si würbe für un§ genug^ fein, wenn 'bur(^ biefe ßeugniffe, 
ha§ äußere unb ha§ innere, nur ber wef entließe aflgemeine 
^nfialt ber eüangeüfd^en 93eri(^te bcftätigt würbe, 5)enn ift 
un§ nur bie ^5erfon ^efu gewi&, fo ift uni bie ^auptfad^c 
gewife. SIber biefe ®ewi§f)eit erftredft fid^ ou^ auf bo§ ©insetnc. 



Sie SüangeUen. 243 

^anbelt e§ [it^ boc^ um SSorgönge, tüeld^e i)a^ ÖJemeingut ber 
c^riftüc^en ©emeinbe unb ouc| ben ©egnern ni^t unbefannt 
njoren. S)enn — roic ftd^ ^aulu§ bem römtfd^en ©tatf^aüer 
geftug gegenüber borauf berufen !onnte — „fie njoren nic^t 

im aSinfet gefc^e^en" (Stp.=®efc^. 26, 26), fonberti oor oller 

Singen, nnb bilbeten ben ©egenftanb üieter SSer^anblungen 
mit feinen ©egnern, am ©d^tuffe ben ©runb be§ ^rojeffeS 
ben man i^m machte unb feiner ^inrtd^tnng. ?Renon meint 
§tt)or: bie ©oangeliften l^oben erääf)tt tote etma ein paav alte 
■©renobiere öon ^apoUonä ®arbe beffen S^^atcn ex^ä^t l^aben 
njürben; biefe würben anfc^auüdöe ©inselbitber, intereffante 
Stnefboten, einen lebenbigen (äinbrud oon ber ©od^e geben, 
aber bie ®inge felbft mürben fie unter einanber merfen; fie 
njürben etmo SSagram öor SD^arengo fe^en, ober 9tobe§^terre 
t)on ^lapDUon au^ ben 'Suilerien öertreiben laffen, ober Saiden 
tjon ber ^öc^ften SBtc^tigfeit meglaffen. Stber ftanben bie 
jünger bem ^@rrn fo ferne,, mie ettoa ein paor ©renabiere 
bem SfJopoIeon? SSon (Sliebern be§ ®eneralftab§ mü^te er 
«tma fprec^en: bann mürbe ber SSergIei(^ anmenbbar fein. Unb 
treten nic^t bie Qpoftolifd^en ©riefe — ouc^ wenn wir ung 
nur ouf biejentgen bef(f)rän!en , meldte noc^ fein SSerftänbiger 
je bezweifelt ^at — ben eüangelifc^en S8eri(j^ten beftätigenb jur 
©eite? (5ä ift nur @in ©inmanb, meld^er allen ben öerfc^te* 
bencn Slrgumenten, bie man gegen bie ®ef(f)i(^tlic^feit ber 
cüangelifd^en Serici^te aufgefteÜt !^at, gu ©runbe liegt: bog ift 
bie Seugnung be§ SBunberö, bie Seugnung einer f)ö|erett SSelt. 
^o§ ift aber ein ©inwanb nic^t ber ^iftorifd^en ^ilif, fonbern 
ber p^ilofopl^ifd^en SBeItanf(^auung. SBer. ha§ 2)afein ber 
l^ö^eren SBelt gloubt, wer in ber ^erfon unb (Sefd^ii^te ^efn 
€^rifti bie Cffenborung berfelben fie^t, für ben fällt ber @runb 
biefeä Slnftofeeä weg, ber ift be§,2öunber§ in ber (Sefd^itfite 
Sefu ©^rifti gewi^, ja ber mu§ ha§ SCßunber in berfelben 
fogar forbern. pfiur eine Sebingung muffen Wir ftetten, nämlid^ 
ha^ ha§ SSunber einen fittlic^en Qrved Iiabe, ba^ e§ nid^t will' 
fürlic^ unb ^j^antaftifc^ fei, fonbern ber Offenbarung ber ©nobe 

16* 



'.r-dLyriytt- 



244 10. SBorttag. 5)ie «l?etfon 5efu e^riftt. 

unb SBafir^eit biene, bie in 3^1" S^rifto erfc^ienen i[t. Unb 
luer fennt bie eöangelifc^e ©cfc^ic^te unb tt)ei§ ha§ nic^t uui> 
ntu§ e^ ni(|t anerfenneit? Unb moHen tt)ir hierüber noc^ 
öödigere (Senjiß^eit erlangen, fo brauchen h)ir nur bie apo« 

frt)pf)ifc^cn (Soongelien unb ifire h)iflfürlic^en, fittlic^ jtt)ec!Io[ett 
unb abge^cfimarften SBunbergefc^ic^ten, ober ben ©agenfreiä ber 
firf) um üJiu^ameb gebilbet ^at mit unfern (Soongelien ju 
Dergleichen, um un^ ju überzeugen, ttjelc^ ein ^immelroeitcr 
Unterfrfiieb I)ier ftattfinbet unb mie jene ^arifaturen ber eoan« 
gelif(^en'®ef(^id^te jur fd)Iagenbften S3e[tQtigung unfrer ®oan= 
geüen bienen. »4 ■ 

3u njelrfien SDiitteln f)at man feine 3"flu<i)t genommen, um 
fic^ ber eöangclifrf)en ®efd)id)te ju enttebigen, nac^bem man 
öon öorn f)erein entfd)Ioffen mar fie nid)t anzunehmen! 
©traufe begann 1835 in feinem Ceben 3efu bie Singriffe, 
bie feitbem in immer neuer ©cftalt mieber^olt mürben, ©ein 
©ebanfe mar biefer: bie erften ß^riften ^aben ba§ Silb i^rc§ 
SJleifterä mit tiimmlifrfien 3ü9en, meldte fie ben SSeiffagungen 
be§ 21. 5!eftament^ entnatjmen, au^gefd^mücft unb fo ba§ ®e« 
mebe einer mt)t^i|c^en unb fagen^aften (Sefc^trfjte gebilbet. Slber 
mafirlirf), menn bie jünger nac^ if)ren ©rmartungen ein 33ilb 
be§ 2Jieffia§ Ratten entwerfen follen, fie f)ätten e§ ganj anber^ 
entmorfen, 2)en töniglic^en ©o^n ^aüibS f)ätten fie gebid^tet 
unb nicf)t ben ^ropfieten ©aliläaö, ben Öefreujigten unb Sluf* 
erftanbenen. SDie äu§ere 2BirfItcf)feit ber ®efd)icf)te 3cfn Wor 
i^nen met)r ein ^inberni^ ciU eine ^ülfe i^re§ ©tauben^, 
benn fie mar nid)t nac^ if)ren SBünfc^en unb Jpoffnungen. 9Zur 
ber übermä(f)tige ©inbrutf ber ^erfon S^fu ^ob fie über atte 
bie 2tnftö§e t^re§ ®Iauben§ t)inmeg unb machte i^nen gemi§, 
bo§ (£r ber 2J?effiaä fei. iJiur eine fo ungemö^nlic^e (£rf(f)cinung,. 
ai§ meld)e un§ ^e]ü§ in ben ©oangelien gefc^ilbert mirb, fonnte 
biefe Söirtung in it)nen ^eroorrufen. Unb mie folltc ein fol^cr 
2)jQtf)enfrei» firf) bilben !önnen in bem furjen ^^itroum, ber 
gmifdien ber ®efd)i(^te felbft unb i^rer ^(ufjeirfinjing ocrfIo§?'^ 
unb obenbrein in jener Qdt be§ f)iftorifrf)en $8emu§tfeinö unb 



®te ©Dongelien. 245 

reicher literorifd^er 2;^ätigfeit?'ö ^og h)iber[pric^t oller ge« 
fc^ic^tlic^en SKögtic^teit. ©injelne Segenben unb ©agen fönnen 
burd^ ben ungetoö^nltd^en tSinbrud, ben eine erfc^üttcrnbe %i)at= 
fac^e ober eine gro^ortige ©rfc^eiming in ben ©emüt^ern ber 
3ßenf(^en l^crtjorruft , erzeugt hjerben unb jum gefdjid^tUd^en 
iöerid^t au^fd^müdenb ^injutreten, aber nid^t ein [oId^e§ tuunber* 
bare^ Scben. 

§lber ©troufe befannte \dm, boB [ein Singriff ein üerfef)Iter 
war; fein 3Jieifter, 93aur ftt Tübingen, l^abe auggefü'^rt roa» 
€v oerfuc^t. „^6) ^atte bie Mtung im jugenblic^en Ungeftüm 
burdj einen §anbftrcid^ erobern wollen; aber mein größerer 
SWeifter ^at erft bie regelrechte Belagerung unternommen, oor 
toeld^er i^re SD^auern fallen mufeten." '^ Unb oIIerbing§, 55aur 
Ijätte bie ^eftnng erobern muffen, menn fie ju erobern gemefen 
wäre, @r f^tug mit ber unüerbroffenen (Sebulb, wie fie nur 
beutf(^cn ©ele^rtcn möglid^ ift, einen langwierigen SBeg ein, 
um nad^juweifen, ha^ Wir an ben öerfd^iebenen eöangelifc^en 
©Triften ®enfmate fpüterer 3fiten unb berfc^iebener gegeu= 
fä^Ii^er. ^Rid^tungen in ber Äirrfje !^aben, ouf welche be§()alb 
nur ein fe^r unfid^erer SSerIa§ fei. 9Sor aUem mu^te biefe§ 
öom So^anneleüangelium nac^gewiefen werben. S^atürlid^: 
benn ift biefei eine ää^te Urfunbe ber ©ef^ii^te S^fu, bann 
ift bie l^ö^ere 5Infic^t oon ber ^erfon S^fu gefirfiert. 2)e§^alb 
würbe alle ^aft angeftrengt, biefe ©d^rift in bie 3cit nad^ 
150 n. ß^r. ^erabäurücfen. Slber fo mü^feüg bie SSerfud^e 
waren, fo oergeblic^ waren fie. 83aur^ ©d^ute ^at ftd^ je länger 
je met)r' aufgelöft, unb er felbft ^at am ©d|Iufe belannt, bafe 
immer noc^ bie ^erfon Sefn ßf)rifti ein großes ©el^eimni^ 
ber ©efc^ic^te bleibe unb bafe an feiner ^^erfon „febenfallö bie 
gan^e weltgef(^id^tlid^e 93ebeutung beö K^riftent^umS pngt".'^ 
Unb ba§ 9Jät^feI feiner ?tuferfte^ung mu^te er ungelöft fte^en 
(offen. 2l6er wenn bie Sluferfte^ung ein fRät^fel bleibt, bann 
ift aud) bie ^erfon S^f« ein S^iät^fet. Unb ift biefe un= 
öerftanben, toa^ foll bann atte^ anbere 58erftänbni§ ber ®e= 
fc^ic^te ber 9Kenfd)^eit? 



246 10. SSorttag. ^ie ^erjon ^efu g^rifti. 

S33ir l^oben eine Steige üon ©cfiriften au§ bem 2. ^ai^t^ 
:^utibert. SBenn tütr biefe mit ben «euteftomentlid^cn ©(^riften^ 
and) mit ben ©öangelieu öergteic^en, ]o mü^te man fein Ur* 
l^eil mel^r für Hterarifcfie Srjeugniffe fiaben, Wenn man nic^t 
bie enorme ^fuft erfennen tootltc, bic beibe üon einanber 
■ fc^eibet. ®Q§ So^önneSebongetium bem gtoeiten Sofir^unbert 
jutoeifen, bn§ lüäre ät)nlid^ wie ttjenn man bie geijtmöc^tigften 
(Schriften Sutf)er§ §ur"'3fi*' ^^^ brei§igiä!^rigen ^iegeS öon 
einem Unbefannten gefrfirieben fein laffen moHte. '^ SBer i>a^ 
Be^au|)ten mollte, ben mürben, alle Sunbigen unb SSerftönbigcrt 
öerlac^en. 2{uc^ ©cfielling f)at jenen Unterfc^ieb aU ben ftärfften 
S3emei§ für bie Urfprünglicfifeit ber neuteftamentli^en Schriften 
bejeic^net, unb aud^ ^ritifer au§ 93aur§ @c^ute ^aben jene 
Eluft §tt)if(i)en ben neuteftamentlirfien unb ben fpöteren «Schriften 
— fo gro^ toie nur immer jmifd^en ben Siteraturprobufteit 
einer ftaffifc^en unb einer nadE)!taffifc^en ^eriobe — an=» 
erfonnt. 2" 

9J?an ^at ^mar öiel öon ben SSiberfprüc^en gefprod^en^ 
bie gmifc^en ben eöangelifd^en S3eri(^ten ftattfinben fotten, um 
baburi^ i^r B^ugniB at§ ^meifel^aft unb ungiltig erfc^einen ju 
laffen. Slber biefe angeblidjen SBtberfprüd^e berühren nid^t ben 
^ern, fonbern nur ©inseln^eiten unb 51eu§erlic^!eiten ber ®e* 
fc^irf)te. 9Jirgenb§ in aller SBelt gelten fotc^e SSerfd^ieben^eiten 
aU ein Strgument gegen bie @ac^e felbft.^i Unb mie f)at man 
bie (Söongelien gequält, um biefe 2Biberfprü(^e ^erougjubringen! 
Seffing öerftanb fic^ boc^ mot)I auf ^itif. @r fann ober nic^t 
umtjin au^5ufprec|en: „SBenn Siöiu§ unb ^iont)fiu^ unb ^o» 
It)biug unb Xacitu§ (ri)mifc^e ®ef(^id§tfc^reiber) fo franf uni> 
ebel öon un§ be^anbett tnerben, ^a^ mir fie nic^t um jebe 
©übe auf hk golter fponnen, marum bann nid^t au^ üR.at» 
tf)äu§ unb 3Jiarfu§ unb ßufaS unb So^anne^?"" Sene SQ3iber* 
fprüd^e, bie man gefunben ju l^obcK glaubt, öcrbanfen in ber 
SRegel i^ren Urfprung einer ganj äußerlichen 93etracf)tung unt> 
iBergleic^ung ber Söeri(^te, meirfie unterläßt nadj bem ©runb* 
gebanfen gu fragen, nad^ meldliem ein jeber ©oangelift feinen 



3)ag etiongelticfte 93i(b ^e\u. 247 

gefd^id^tlic^en- ©toff ouägeloä^It unb borgeftettt f)ät. Stud^ f ommt 
nion neucrbingS öon jener S3oreingenommenf)eit gegen bie 
eoongelifd^en 99erid)te ntet)r jurüdE; unb a\xä) 9lenan f)at nic^t 
umf)in gefonnt, ben gefd)ic^tli(^en ^ern ber[et6en, felbft be§ 
3o^anne§eoangelium§, anjuerfennen. greilicf) be^anbelt er fie 
mit einer SBiflfür bie nid^t itireä ©letd^en fjat, um eine ©e« 
fc^ic^te !^erau§äubrtngen, ttjeld^e im ©runbe nur bo§ ©räeugnife 
feiner ^^antafie ift. 

^e^ren mir benn nuumetjr gurücf ju unferer grage nac^ 
ber ^erfon Sefu Kfirtfti. 

®Qä ift bog ©igent^ümlic^e ber eüaligelifd^en Söeric^te, ha^ 
uu!§ in benfelben allenthalben hie ^erfon Sefu entgegentritt. 
@§ ift un§ unmögticf) etma bei ber Se^re ^efu ftefien ^u 
bleiben, fonbern ottentfjotben ift e§ Sefu§ fetbft, beffen 93itb 
mir in Quem ma§ er fpric^t ma^rnefimen. @r ift e§, ber feinen 
SBorten ben eigentümlichen Sieij, jene munberbare SJ^ifc^ung 
oon ftrenger Srl^abentieit unb einfd^mei(^etnber Sieben§mürbig= 
feit öerleitit, moburc^ fie fo unmiberftef)Iic^ merben. SSon ^efug 
felbft ge^t jener ^auc^ au§, ber fid^ über feine SSorte legt unb 
fie äu SBorten be^ £eben§ mac^t. m ift bie ©eftalt Sefn fetbft, 
bie un§ in affem Wa§ er rebet unb t{)ut erfd^eint, bie ben ^DJittel^ 
:punft ber ©öongelien bitbet. 

2BeId)e§ ift ta§ Söilb ^efu, t)a§ bie (Söangelien un§ ent^ 
merfen? 

Sn einer abgelegenen ©tobt ®aliläa§, fo mirb un§ erjöfilt, 
in einem geringen bürgerlichen §oufe mud^§ 3efu§ auf. Stoav 
feine ©eburt meift un§ nad^ i8et|Iet)em, ber 2)oöibif(f)en ©tabt, 
unb munberbare Vorgänge, meldte- mit berfelben oerbunben 
gemefen, merben un§ beridE)tet. 9(ber bie ©egenmort ftanb in 
feinem 3i^fflwinient)ang me^r mit jenen früheren SSorgängen 
be§ neu anbrerfienben §eil§, ta e§ mar aU foffte eine neue 
©onne golben über Qfrael aufgetien, unb nur nocö mie ein 
Xroum umgaben jene SBunberoorgänge ber erften 2;age bie 
geringe ©egenmart, ^^xe B^US^^^ maren meiften^ geftorben, 
unter ben Ueberlebenben bort in ^ei^ufo^cnt unb 93etf)Ie^em 



248 10.*58ortrag. 3)ie $erfon Sefu S^rifti. 

tüax bie ^unbe öerfc^oflen, nmn glaubte boä ipunberborc f inb 
unter ben anbern ^inbern, toelc^e §erobe§ feinem ÜKIBtrauen 
3unt D^fer gebrockt ^aite, mit ermorbet. 0iiemanb rebetc bort 
me'tir baöon. §ier in ^a^axett) ober n)u&te 9'Jiemanb baöon, 
unb SKoria unb So^epfi betoo^rten bie (Sriebniffe tpie ein ®e= 
I)eimni§ in i^ren ^erjen, öon bem fie ju S^temanbem fprec^eii 
fonnten, njeil e§ yiiemanb Derftanb, oon bem fie roo^I unter 
fidEl felbft nid)t ju fprec^en njagten, weit fie e§ felbft nic^t öer» 
ftauben. Unb am lüenigften ruirb ttjo^t HJZaria baüon ju i^rem 
©ol^ne gefproc^en ^oben — benn trie füllte fie baöon ju i^m 
reben? 80 Xünd)§ er ^eran tt)ie jeber anbere ©o^n im |>aufc 
feiner Slettern. 

Slber hie Erinnerungen be^ ^^ooibifc^en |)oufe§, bie großen 
SSeiffagungen unb hie |)offnungen bie fic^ baran fnüpften, 
lebten in hen ^erjen unb erfüllten nod^ oftmals bie fRebett 
biefer Stac^fommen i^re^ großen fönigüc^en 5l^nl^errn. 2)a3 
tuar bie Suft bie QefuS at^mete. Unb bie @^rift, in bie er 
nac^ jübifc^er Sitte früf)äeitig eingeführt würbe, toar bie 
'^af)ximQ feinet ÖJeifteg. ©oran entttjidEelten fic^ feine ®eban!cn, 
baran bilbete fid^ feine ©rfenntni^, aud^ bal SSerftönbnife 
feiner felbft. 

2Bir möchten wo^l gerne au§ feiner 3 "Qenb 2Kanc^eö er* 
fahren, unb bie gef(i)äftige ^fiantofie ^at ben leeren 9flaum 
mit ollerlei 3ügen legenben^after SBunbergefcftic^ten ausgefüllt. 
SCber ba§ ift alle§ (£rbicf)tung. 3lux ein eiujige^ S8egebni§ unb 
ein einziges SBort ift un§ im ©oangelium be§ Sufa§ aufbemaf^rt: 
\)a§ SBort he§ äft)Dlfjä|rigen Knaben im !Iempet ju S^i^uffl^em, 
jenes Senfmat be§ fid) entnjideinben SeroufetfeinS ^e\ü öon fic^ 
felbft. SDie geftreife unb bie {)eilige ©tabt mit i^ren ©rinne» 
rungen, ber Xempet unb fein ^ultuS, alleS luaS er bo fa^ unb 
^örte, empfanb unb backte — eS mod^te i^n mächtig erregt 
l^oben unb gab feinen ©ebonfen einen neuen @cf)tt)ung. ®a 
begann benn aucf) baS @e^eimni§ feines SBefenS i^m flarer 
unb gewiffer ju werben, ®r füllte eS unb ertanntc eS, bo§ 
er. feinem SSater im §immel nö^er fte^e als feinen 'ädtexn 



Sefu Sugcnb. 249 

-öuf ©rbcn, boB bie ©cmeinftfiaft ©ottc» mefir feine ^eimat fet 
aU ha§ irbi[(^c ^au§ tu bem er ttioI)nte unb oufhjuc^s. SSte 
ein erfter lid^tcr ©tra^I brtrf)t bie[er ©ebanfe unb bie[e§ SBort 
au§ ber 2;tefe [einer ©eele l^erüor uub erleui^tet fein eigene^ 
Snuere. SSon ba begann ba§ SBunber feinet SBefenS i^m 
immer me^r. unb immer bcutlid^er in fein 93ett)ufetfein ein* 
zutreten. @r f)at fic^ felbft öerfte^en gelernt, 'ahn er fc^loieg. 
^ mar feinen 2(eltem untert^an, er l^ot bie ^flid^ten einc§ 
^o^neä erfüHt loie jeber JInbere, er t)at feinem IjSftegeüater 
in feinem |)anbttjerf gefiolfen, er l^ie§ ber ginimermann in 
IRajaret^ tt)ie jener, er t)Qt, tüenn Sofep^ wie e^ fc^eint frü^= 
jeitig ftarb, an beffen ©teile aU ber Sleltefte be§ |)aufe§ für 
ben Seben^unter^alt be§ ^aufe§ gefolgt — aber er fd^toieg. 
(5r trug ba§ SBunber feinet SBefenö aU ein ftitle^, feligeS ©e* 
f)eimni& in feiner ©eele unb fd^tüieg. @r ging aflfobbat^tid^ 
in bie Synagoge in Sfiajaret^ nad^ jübifd^em Sroud^, er prte 
@cfe| unb ^ro^^eten öorlefen unb erftären, er felbft oerblieb 
tn feinem Sc^tüeigen, bemüt^ig lüortenb, bi^ i^m fein SSoter 
fin 3ei£^en geben würbe, bafe er ^eroortreten unb oon bem 
i;oa§ er in feiner 6ecle [tili beiüo^rte laut öffentUd^ 3eu9ni§ 
ablegen foHe. 

2Bir brouc^en uni§ nic^t ju beflagen, ha^ tüir oon feiner 
^ugenb unb feiner inneren @ntn)irf(ung ju wenig müßten. 
"SBir miffen genug. Unb \va% wir wiffen au§ ber 3eit feiner 
©tiüe, taä ift mit einem SBorte bie ®emutf|, weld^e ung in 
bem Silbe, ha§ un^ bie menigen Büge ber gefd^id^ttid^en @r« 
3ät)(ung öor Slugen ftetten, üor allem entgegentritt. 

Unb ha§ ift oudj ber f)erüorftedE)enbfte 3^9 in bem Silbe 
au§ ber Qeit feinet öffentlichen SBirtenö. 

(£r !ommt jum Xöufer, fid^ üon i^m taufen ju laffen Wie 
jeber Stnbere jum Slnbruc^ beä i)immelreic^§, ob er gleid^ 
Wu^te, ba^ er ber SBringer beffetben fei. 2)er Söufer Weigert 
fid^ unb begehrt oieImef)r bie Xaufe öon itim aU bem |)ö^eren 
unb ©röfiercn, bem er nic^t wertt) fei aud^ nur bie <Sdt)u^= 
riemen aufjulöfen; aber ^e\ü^ tiei^t i^n fein SSerf auc^ an 



250 10. 5Sortrag. 2)ie $erion 3eju S^riftt. 

i^m t^un: Safe c§ al)o fein, e§ gebührt ün§ aUe ©ered^tigfeit 
5U erfüllen, ©in tt)nnberbare§ ßcug^i^/ [o wirb berid^tet, legt 
ber Spater bei ber Xoufe über feinen @o^n ab. ^e\ü§ fteigt 
f^h)eigenb auä bem SSoffer unb getjt in bie einfamc 2Büfte. 
^ort ijat er ge^eimnifeoolle SSerfud^ungen beftanben, unb erft 
norfibent er barin feinen felbftlofen Seruf^ge'^orfant bettiä^rt, 
fef)rt er jurüd in bie yiäf)e be§ Xäufer^, fd^lüeigenb feinet 
SBegeä ge^enb. Stlid^e jünger Solawniä folgen i^m nac^. 
„^ommt unb fef)t!" ift fein gan^e^ SBort. 2(ber ber Sinbruf 
feiner ^erfönli(f)feit f)at fie bann für i^r ganje^ Seben an 
i^n gebunben. @r U^vt gurüdf in feine |)eimat, er befuc^t 
jene ^oc^äeit in Äana — in affeni xoaS er tf)ut unb rebet 
fe^en mv bie bemütf)ige ßurürf^altung , bie nur @rf)ritt öor 
Schritt t)orn)ärt§ gef)t auf bem SBegc ben ©ott i^n ge^en Reifet, 
unb e§ gebulbig ernjartet bafe fein 33eruf§tt)irfen ficf) immer 
mei)r entfalte unb ausbreite — bi§ bonn bai macfifenbe 2luf* 
fefien, h)elc|e§ feine SSorte unb Xf)aten, loelc^e^ feine gan^c 
©rfd^einung erregte, üon immer weiteren (Entfernungen bie 
@df)aaren ju it)m füt)rte unb fo aümälig eine religiöfe Se* 
megung ^eroorrief, meld)e bie ©renken Sfraelg erfüllte, aber 
bolb au^ bie geinbfcf)aft feiner ©egner um fo me^r wad^rief 
unb ftetgerte. 

©ein Seben War ein SDanberleben öofl Unruhe unb (Snt* 
bef)rung, ein SlrbeitSleben oott aufreibenber S^ätigfeit. 

®Ieic^ am S^nfang feiner galiläifd)en SSirffamfeit erfc^eint 
e§ un§ fo. Sr wnr oon SZajoretf) aufgebrocfjen um Sopernaum 
gum SJiittelpuuft feiner SSirffamfeit gu mad)en. ®r §atte 
unterineg^ gelefjrt; öon $8oIt§fdE)aarcn begleitet fommt er an 
bo^ Ufer be» galiläif^en ©eel, er befteigt ein @c|iff, fic^ bem 
©ebränge gu entjietjen unb Don t)ier a\xä ju lehren, er beruft 

Sünger in feine S^^arfifolge, er ge^t in bie (Synagoge, Ic^rt 
unb f)eilt unter großer Slufregnng be§ Sßolf^; oon ta in i>a& 
^ou§ ber (Schwiegermutter beä ^etru§ unb befreit fie öon 
i^rem gieber; am 5lbenb, nad)bem ber Babbat\) Dorüber wor, 
bringt mon ifjm öon allen (feiten ^ranfe unb ®efeffene üor 



35ie öffenllid^e SBirffamfett ^efu. 251 

ha§ ^aü§ unb er ift &i§ tief in bie '^ad^t bamit befd^äftigt 
i^nen ^ülfe ju leiften; tfor SBeginn be^ ^age§ bricht er auf 
in bie ©infamfeit t)inaug5uge|en, um in ber ©tille ju beten; 
aber ouc^ bn^in fommt man i^m nad^ unb fud^t i§n. ©o 
begann feine 2Sir!famfeit in ^apernaum, fo fe^te fie fid) an 
anberen Orten fort, unb mel^r aU einmat berirf)tet ber ®öon= 
gelift, bo§ man ii)m nic^t einmat jum ©ffen 3eit gelaffen fiabe, 
unb e§ fom njo!^t üor, bo^ er fo f)ingenommen hjar öon ber 
Strbeit, ba| man glaubte i^n mit ®eh)alt gurücEfialten p 
muffen , roeil man für^tete er merbe öon^/ ©innen fommen 
(ajJarf. 3, 21). 

©0 mar ber 5(nfang jener galiläifi^en SBirffamfeit. Unb 
fo mar e^ SBoc^en, 9Jionate fang, über 3at)r unb Xag. ®ie 
©toangelien geben un^ f)inreid^enbe Slntiattepunfte, um un§ ein 
93ilb feinet galiläifcfien S3eruf§Iebenä madE)en ju fönnen. @^ 
mar eine äufeerlicf) unb innerlid^ aufregenbe unb aufreibenbe 
^^ätigfeit, melcfie mir i^n üben fef)en. fragen mir aber, 
meld^cö bie ©eele biefer SBirIfamfeit gemefen, fo merben 
mir fagen muffen: e§ ift ein ^eitan beleben ha§ un§ ge* 
fd)ilbert mirb, ein Sebeu ta§ ben 3(rmen, üxanten, SSerlaffenen 
«nb SSeroddteten getüibmet mar, ein Sebeu ber |)ingebung an 
bie UnglürflidEien , um baö Seib be§ Seben^, uor allem ben 
S)rud ber ©eetc üon i^nen ju nehmen. ®ie ©ünber unb 
Zöllner, bie Xrauernben unb SBeinenben — bie finb e§ beren 
(Sefeflfc^aft er auffud^t. S^en betrübten bringt er feinen ^iroft,. 
unb bie SPfJül^feligen unb 93etabenen ruft er gu firf) um fie gu 
erquidfen. S§ ift ber ©eift ber erbarmenben Siebe unb ber 
root)It^uenben Tlilhe ber bie ©eele feines 2:t)un§ unb SebenS- 
bilbet. ^a§ 2(. ^eftament er§ät)It un^ öon einer ©otte^offen» 
borung bie bem ^rop^eten ©lioS ju X'^eit gemorben (2 ^ön. 
19, 11 ff.): „Unb fiefie ber |)©rr ging borüber, unb ein großer 
ftarfer SSinb, ber bie ©erge jerril unb bie j^elfen jerbrad) öor 
bem ^@rrn f)er; ber ^(Srr aber toor ntc^t im SBinbe. 9^ac^ 
bem SSinbe ober fam ein (Jrbbeben; aber ber |)®rr mar nid)t 
im ©rbbeben. Unb norf) bem (Srbbeben fam ein ?5e«ei*; ober 



252 10. SSortrag. Sie «ßcrfon Sefu e^n[tt. 

ber |)®rr hjor nid^t im geuer. Unb nacf) bem geuer fom ein 
ftiaeS fanftc§ ©aufen. S)a tag eiiö§ t)örte, oerpllte er fein 
^ntli^.- ©0 mx ©Ott in 6^rifto.23 

SBenn je bie Siebe auf @rben erfd^ienen ift, fo ift fic in 
Sefu ß^rifto erfc^ienen, in ber ©eftalt ber Sanftmut^ unb 
^emut§. 'ahn über biefe bemüt^ige ©eftolt be§ ©ünber^eilanbg 
ift hoä) ein ©fanj ber §o^eit au^gegoffen, ber un§ unnjittfürlic^ 
öor ifint auf bie ^niee jiefjt. Sßer fann if)n betrad^ten in feinem 
ftillen ©ong, of)ne ba§ ©e^eimnife ber öerborgenen SJiajeftät 
in ii)m §u a^nen unb au§ allem feinem hieben unb 2^^un ^erou^* 
Ieu(i)ten gu fef)en?2^ Unb au§ feiner tiefften ©rniebrigung 
cm meiften. 

SJian I)at i^m feine Siebe mit bem SSerbrec^ertobe am 
<Scf)anbpfot)I be§ ^reuje^ gelohnt. S'iac^bem er allen mo^I* 
^et§an in feinem Seben, ift er au§ biefem Seben mit ber 
^ornenlrone auf bem §au^3te hinaufgegangen. ®rei unb 
brei^ig ^a^re etma roax er alt aU er ftarb — unb mie ftarb ! 
f3a§ menfrf)Ud^er ^a§ 2Be^et^uenbe§ erfinben !ann, haS ^at 
fidE) f)ier öereintgt, Unb Qefuä mar ni(^t ein empfinbung^Iofcr 
<Stoifer, ber mit ftoljer Jßerac^tung auf ba§ Seiben unb bie 
Sienf(i)en bie i^m baffelbe jufügten fjerabfa^. ®r ^at e§ alleS 
in tieffter ©eele empfunben. ^e größer feine Siebe mar, um 
fo f(i)merer empfanb er e^, ba§ fein SSoIf, bag ju crlöfen er 
gefommen mor, if)n fo fc^nöbe dermarf. SD^Jan fann nic^tö @r* 
greifenbereö lefen aU bie fcf)Iid^ten, einfügen, fc^mucEIofen S8e* 
rirf)te ber Söangeliften üon ben legten ©tunben Sefu. %a^t 
gleic^giltig ergä^Ien fie bie SSorgänge nac^ einanber, o^ne eine 
S3emerfung meldie bie Semegung i^rer ©eelen oerriet^e. Stber 
um fo erfc^ütternber ift ber S8erid)t. S^ic^t fie reben in bem* 
felben ju un§, fonbern nur bie ©adöe. Unb mie rebet bie 
©adEie! (S§ ift nicf|t ein gemö^nlid^e^ menfc^Iic^e^ Seiben, mag 
mir !^ier fc^auen. 2Ba§ mir in ©et^femane, mag mir om ^eujc 
feigen unb pren, bog Reifet un§ ein tiefere^ ®e^eimni§ o^nen. 
^§ ift ein innere^ 9tingen feiner ©eele mit (Sott ba^ mir ma^r» 

^unefimen glauben, e§ finb SSorgönge ber unfid^tbaren SSelt bie 



3:ic Siebe Sefu. %it ^eiligfeit Sefu. 255 

burd^ bie ^üC(e ber [id^tborcn SSorgänge ^hiburc^fi^einen. SBir 
|ü^ten e§: :^ier öoHjtcfit fid^ eine grofee, gefieimni^üolle Xfjat 
ber ®efrf)ic^te. @§ ift boS Dpfer ber SSerföfinimg \)a§ tutr 
Q^nen. 

Unter allen biefen Seiben, bie über i^n ^ereinbred^en^ 
bleibt er [id^ gfeid^. ®ie bemüt^ige ©eloffentieit, mit ber er 
über firf) ergeben Iä§t njaä bie S3o§^eit über i^n brad^te, unb 
bie oergebenbe Siebe, mit ber er ben §QJ3 ertoibert, treten. 
un^ l^ier nod^ übcrtoältigenber entgegen aU in feinem ßeben. 
^ene ^at au^ ben SSercät^er erschüttert unb biefe ben ©c^äd^er 
befefirt. Unb qu§ bem allen leucfitetc ein fo mödfitigcr ©lanj 
s^ÜiJj[gr ®rö§e unb ^obeit, bo6 auc^ ber ^eibnif(^e ^anpU 
"tttann m ha^ 93efenntni§ aulbrod^: ma^rlicf) biefer ift ©otte^ 
©ol^n geraefen! Unb aud^ mir merben fagen muffen: f)ier ift 
mel)r aU ein S5?eifer, ^ier ift mel}r al§ ein SDlärttirer , l^ter 
ift me^r at§ ein SJienfc^.'" ^a§ ®ef)eimni§ feinet Seiben^ 
unb Sterbend erfc^Iiefet fic^ un§ burc^ ba§ ®e{)eimni§ feiner 
^erfon. 

©eine ^erfon ift ein S93unber. (So müßten njir fagen,. 
aud^ loenn »ir nur ba^ Seben feiner 93eruf§äeit fennten unb 
nichts öon feinem Urfprung müßten. Sene SSerbinbung oon 

3)emut^ unb ^o^eit, bie. feiner gongen ß)eftalt % unöer^ 
gleid^üc^eö ©epräge gibt, bie ftifle 9Kad)t feiner Siebe, bie 
fein Seben jur Offenbarung be§ ^erjenö ©otte^ mad^t — 
\)a^ aUe§ ift nur bie @rfd^einung ber ^eiügfeit, mefd^e 
ber fitttic^e 6^ara!ter feiner ^erfon unb feinet SBefeng ift. 
SJon biefer ^eiligen Steinzeit feinet 833efen§ t)aben mir bod^ 
aUe ben ftörfften unabrtei^barften ©inbrudf. SBenn mtin audp 
aUeä Stnbere i^m abfpre^en mottte, biefe§ mü^te man i^m 
loffen. 5)ic groge Sefn : njer öon eud^ fann mid^ einer Sünbe 
jei^en? — fie bleibt ju allen Reiten, aud^ fieute nod^ o^ne 
5(ntmort. 

5)a§ 93ilb Sefu ift bog Silb ber ^öc^ften unb reinften: 
Harmonie, mie be§ notürüc^en fo be§ fitttid^en 2Sefen§. 

93ei allen onbcrn äJJenfc^en finbet eine 5)i§f|armonie i^re^ 



254 10. Sßortrag. 5:ie $erfon ^efu ß^rifti. 

inneren Se6en§ ftatt. ^ie Beiben ^ole be§ geiftigen £eben§, 
^fenntnip iinb ©efü^I, Äopf unb ^erj, bie beiben SJläc^tc 
be§ fittüc^en Sebenä, ®enfen unb SBotten — bei tuem finb 
jie im ©inftang? ^Dagegen bei ^e\üä J)oben mir alle ben 
lebenbigen (SinbrudE: f)ier ^errfd^t bie ooHeubetc ^ormonire be§ 
inneren @ei[teMeben§. ©ein Qnnere^ i[t ber obfotute griebe. 
SBie mv e§ nid^t oertragen fönnten, un^ bei i^nt etnja eine 
einjetne gäf)igfeit be§ ©eifteS übermiegenb ju benlen unb anbcrc 
dagegen jurürf tretenb , fonbern if)n in ber inneren geiftigen 
Anlage unb Söefd^affenfjeit aU ööllig ebenmäßig beulen muffen: 
fo ift eä and) mit feiner gefammten geiftigen unb fittüc^en 
2eben§n)irflid^feit. (£§ ift ein ööHig IjarmonifcEie^ 9Jienfd^en« 
leben. (£r ift gonj Siebe, gonj ^erj, ganj ©efü^t, unb bod^ 
irieber ift er gang ©eift, ganj Slarfieit unb ^o^eit be§ (Seifle^. 
©mpfinbung unb S)enfen finb ungefd^ieben beifammen. Unb 
in bem allen fjerrfc^t bie größte Seb^aftigf eit : ber ®efüf)Ie unb 
(Smpfinbungen , ber ©ebonfen unb SBillen^beftimmungen; unb 
boct) toirb bie Sebenbigfeit feine§ inneren 2eben§ nie gur leiben» 
fct)aftlic|en Srregt^eit; e§ ift atteä ftiHe ©röße, frieblic^e ©in* 
fatt, erhabene ^avmonie. 

^a§ ift bai S3ilb, tt)eldf)e§ un§ allen au§ feiner Säuberung 
in ben ©oangelien entgegentritt unb njooon wir atte fagen 
muffen: ja, fo toax er, er !ann ni^t auberä geUjefen fein. 
S;orin aber fpiegett fic^ bie fittlid^e |)armonie feineä 2Befen5 
ob. ^JJur tt)eit in Sefu§ nic^t§ öon bem fittüd^en 3toiefpott 
mar, ber bei un§ ?Inbern allen burc^ unfre innere SBelt ^in= 
burc^ge^t, nur barum mor fein Seelen^ unb ©eifte^Ieben ein 
fo I)armonif^e0 unb friebeöolle^. Sefu§ ftanb in fo üoller 
§ormonie mit ficb felbft, meil er in öoHer Harmonie mit 
©Ott ftanb, 2)a0 mar auc^ fein ftet§ gegenmärtigei S3emu§t» 
fein. @r mußte fid^ in unbebingter ©emeinfd^aft mit bem 
SSater. 53ei un§ 5lnbern allen, aud^ bei ben frömmften unb 
beiligften Spflenfc^en, l^at \)a^ Semu^tfein ber ©emcinfc^aft mit 
©Ott immer unb überall i>a§ Söemußtfein ber ©ünbc jum 
^intergrunb unb gur SSoraulfe^ung, §tx)ar ha§ Semußlfein ber 



3}ie Harmonie feine? Sßefens. 5)ie Söunber Sefu. 255 

Derfö^uten, ber öergebeiicii Sünbe, nber boc^ bog $8ert)u|t[ein 
ier ©ünbe. ©ei Sefuä tuar e§ ttid^t fo. (£» roar ein reinem, 
unbebingte^ S3erou6t[ein ber @eniein[c^oft mit @ott. ^efu^ 
ftonb in ftetem ©ebet^oerfe^r mit feinem SSater, fein ganje^ 
Sebett mar ©ebetMeben; aber er ^at nie um S8ergebung ber 
<5ünbe gebetet. @r l^at un,§ geletjtt fo ju beten: oergib un§ 
nnfre ©d^ulb; — (£r ^at nicf)t fo gebetet, (5r l^at biefe 93itte 
Tiic^t nötf)ig gel^obt — @r allein unter allen bie com SBeibe 
geboren finb. (Sr fannte biefe S^eibemanb nicbt smifc^en fidb 
«nb feinem SSater. ©eine (Seele, fein S)enfen unb SBoIIen mor 
ftetä unb ööflig in bem ma§ feinet 9Sater§ mar. Slber mie ift 
<§ möglief), bo§ ein iDienfd^, ber bon fünbigen SJienfc^en ftammt, 
t)em allgemeinen fittlic^en ®efe^ aUer (Sterblichen fo entnommen 
fei? (5§ fann fid^ mit i^m nic^t t)ert)atten mie mit ben anberen 
SRenfc^en. (Sein Urfprung mu^ anberer 2lrt fein aU ber ber 
übrigen SJieufcfienfinber. ©ein SSefen mu^ über bie ©renken 
be^ btoB 3Jlenf(i)Iid)en I)inau^ge§en. 2)a§ forbert feine gan^e 
jittfid^e @rfd)einung. 

S)affclbe Ief)ren feine 23 unb er. 

Xie ©fangetien erää^ten un§ öiel üon feinen SSunbern. 
<Sein Seben ift erfiittt öon SBu übertraten. @ie gelten über 
alleg gemö!)ntid^e HJla^ ber 9Jia(f|t unb ^errfc^aft, meldte ber 
menfd)Iid)e ©eift fonft über bie S^iatur au§äuüben bermag, 
^inau^. 2Bir brouc^en nic^t ben ganjen Umfang ber berborgeneu 
<39efe^e unb Gräfte ber 9Jatur ju fennen um ju miffen, ia^ 
ma§ mir ^ier lefen Söunber feien. 2)ur(^ feine S^iaturtraft fann' 
man SSaffer in 2Bein bermanbeln, ober burd) ba§ blo^e SBort 
bem 93Iinben ba§ ©efid^t, bem Stauben ba^ (^ef)ör, bem (Stum= 
men bie (Sprache, bem Slu^fä^igen bie 9{einf)eit, bottenbg bem 
©eftorbenen hai Seben geben. 2Iber Sefu§ tfjut biefe SBunber 
aU mären fie tf)m natürlich. 26 (S§ finb nid^t Söerfe ber 2(n= 
ftrengung, el finb X^aten ber freien SJlad^t. SDtan l^at ber- 
fuc^t fie ou§ feinem Seben gu entfernen, burc^ fünfttic^e fo= 
genannte natürliche ©rftörungen fie megjufd^affen. SSergebüd^! 
Man fönnte eben ^o gut ou§ 2l(ejanber§ be§ ©roBen ober 



256 10. SSortrag. S)ic ^eri'on Seju ß^rifti. 

(Safari Sebeit bie SSoffentl^oten ober, bie ©(^tac^ttage aitä* 
ftreic^en, 2Ba§ bliebe bann übrig? S)ie SBunber bilben einen 
üiel äu ttje^entlid^en SBeftanbt^eit [eine^ Sebenä unb SBirfenö^ 
aU bafe man fie au§ bentfelben entfernen fönnte. (Seine <Sc» 
fc|icl)te ttJürbe bann gerabeju unöerftänblid^. ©eine SBunber 
luaren e§ \a, njelcfie ha§ SSoIf in folc^en (Sc^aaren ju i^nt 
jogen, baB baburc^ bie (£iferiud)t feiner ©egner immer f)eftiger 
erregt lüurbe, roei^e ben ©egenftanb öieler @treitoert)anbIungen 
mit feinen SBiberfac^ern bilbeten, bie ni^t magten fic ööflij 
gu leugnen, fonbern fi^ nur fo ju f)elfen mußten, ba§ fie bie* 
felben auf bämonifd)e Gräfte jurürffü^rten. 2luf biefe traten 
t}ahm iidj bann ouc^ bie Stpoftel fpöter berufen aU auf be- 
fannte 2;f)atfac^en, oon njelrfien oiele Beugen üor^anben feien 
(j. 33. %p.'-®e)d). 10, »37). Unb nocf) nac^ ben ^ageu ber 
2lpofteI fpric^t ber Slpologet Cuabratu§ öon fold^en Dom ^^rn 
@et)eilten ober au^ bem Jtobe (Srmerften, meiere noc^ ju ber 
3ett, ha er fc^rieb (am 2tnfang be^ 2. Sof)r^.) am 2ehen 
feien.-" ^urj bie ®efcf)icf)tlic^feit ber SBunber bie ^efu^ 0er» 
ri(f)tete ift unleugbar. 

SIber h)ir füf)Ien ade: e^ ift ^eiu im legten ©runbe nic^t 
um bie SSunber gu t^un. @r t^ut fie mö)t um ein SBunber» 
t^äter p fein. Sein ^erj brängt i^n, fein ©rbarmen treibt 
i^n, fic^ ber ©lenben anjune^men unb i^nen ju Reifen. Slber 
e§ ift nicf)t baä leibliche ©tenb tt)o§ er babei im Sluge f)aL 
SfJiemQnb fann auf ben ©ebanfen fommen, bQ§ er ein Strjt 
^obe fein motten, ©ein Slugenmcr! ift ein tiel ^ö^ere§. ©ein 
X^un äielt auf ba§ |)eil ber ©eele. @r fommt nur ber ©c^mac^« 
^eit be§ ®Iauben§ ju .^ülfe mit feinen SBunbern. ©eine SaSunbet 
finb i^m natürlich, er ^at bal Semu^tfein ber fteten SSunber» 
mad^t, attgeit fteten ifjm, menn er nur mitt, bie @ngel ®otte§ 
5u 2)ienften aU feine bienftboren ©eifter; ober er fteüt feine 
ERac^t in ben S)ienft feine§ 93eruf^, feinet §eiIonb§berufg. 
©eine 2Bunber fotten if)n oer^crrlic^en , ober nur um bctt 
©rauben an if)n ju mirfen unb ju bef örbern, mel^ er bo§ ^cit 
ber ©eelen ift. Unb biefe§ ^eil, melc^e^ ju bringen er be= 



5^o§ SBort 3;efit. 257 

ftimmt ift, bilbet er ab in feinen 3Sunber§eid^en. (5§ finb Tauter 
2;^Qten ber ^ütfe. ®enn er ift nid^t gefotnmen ber SOienfd^en 
©eelen gu öerberben, fonbern ju erretten. @§ finb ni(|t tüill= 
fürlic^e X^aten, fonbern fittlic^ begrünbete unb bebingte; e» 
finb ni^t bto§ X^aten ber 3D^ac|t, fonbern ber rettenben Siebe; 
fic finb ein t^atfäd^Iid^er Kommentar feiner ^erfon unb feine§ 
SSortg, glei(^fam bie Silberfd^rift ju feinem SSort. ©ie seigen 
un5 aber jugteid^: er mu§ felbft ein SBunber fein; er gel)t 
über bog aJioB be§ gehjö^nlidf) aJlenfc^Iic^en tt)eit {)inau§. 

®en SSunbern jur (Seite gef)t fein SB ort. ®ie SBunber 
finb bie gUuftrotionen ju feinem SBort unb fein SBort (|in* 
njieberum ift bie $)eutung feiner S^^aten. ©aburc^ erhalten 
feine SSunber erft reltgiöfe 93ebeutung. ©ein SBort ift bie 
^auptfad^e; oud^ für vm§. 3!5enn im @runbe ift e§ boc^ fo: 
h)ir glauben ni^t an fein SBort um ber SBunber willen, fon- 
bern tt)ir gfauben an feine SBunber um be§ SBorteS unb um 
feiner felbft Witten. SBeil mir feiner felbft unb feine§ SBorte§ 
gemiB finb, barum finb mir oud^ feiner SBunber geh)i§. SBäre 
er nid^t ber, ber er ift, unb legitimirte fid^ nic^t fein SBort fo 
on unfren ^erjen mie e§ fid^ legitimirt — e§ mürben au^ 
feine SBunber nic^t ben (SinbrudE auf un» ma(^en ben fic 
mactien, SBir mürben fie aU gefd^id^tlid^e X^atfad^en ftel^en 
laffen muffen, mir Würben be!ennen muffen bofe Wir fie nitfit 
erflären fönnen, wir würben i^re SBunberbarfeit anerfennen 
muffen, wir würben barou§ folgern ntüffen ba§ Sefu§ ntefir 
fei aU ein gewö^ntid^er 3Jlenfd^; aber fie Würben für unfer 
religiöfe^ Seben feine Söebeutung l^aben, fie wären un§ ein 
gefc^id^tlic^eö Problem, aber fie wären un§ nid^t bie Söfung 
be§ religiöfen ^robIem§. ^a§ werben fie un§ erft burd^ hext 
3ufammen^ang mit feinem SBort unb feiner ^erfon. 2)aburd^ 
erft erl^alten fie eine l^ö^ere ©ewi^l^eit unb if)re religiöfe i8e* 
beutung. ^un aber muffen wir aud^ fagen: fein SBort forbert 
fold^e SBunber, unb fold^e SBunber f orbern ein foIc^e§ SBort. 
58eibe forbcm unb beibe beftätigen unb erflären einanb^." 

SBenbcn wir un§ ju feinem SBort! 

fiut^arbt, SSorträge I. 11. 2lufl. H 



258 10. SSortrag. Sie $erfon Sefu e^rifti. 

2l('ö einmal ber f)o:^e 3iatf) feine SS^iener au^fanbte S^fui« 
5U greifen unb öor ha§ ©eric^t gu fuhren, bo famen jene un= 
üerric^teter Singe jurürf nnb mit ber Srfläntng: e§ ^at nie 
ein SOtenfc^ al)o gerebet tüie biefer SJlenfd^ (3o^. 7, 46). @o 
luerben tüir auc^, fo tüerben alle 3fite" fprec^en muffen. ©5 
finb ad^tjefin Saf)r^unberte ü6er bie Srbe gegangen feit 3efu§ 
gelehrt l^ot, bie S)enftüeife ber 3Kenfd^en ^at fic^ üöttig ge* 
änbert; ober fein 2Sort ^at feine alte, eloig frifc^e ^roft unb 
^Jlttc^t über bie @emüt{)er bettja^rt. ©^ bebarf feiner geteerten 
SSermittlungen , feiner befonberen S^i^^iittg^ftuf e , um eä ju 
Derfte^en unb feine SSirfung an fid^ ju erfo^ren. ©» ift für 
alle o^ne Unterfc^ieb gleid) oerftänblid^ unb gleid^ mäd^tig. 
SSir finb beffelben nur ju gelüofint gehjorben: barum übt c§ 
auf unä nic^t immer bie gleiche urfprünglii^e SBirfung au§- ober 
wenn föir einmal mit erfc^Ioffenem ^Jer^en un§ i^m f)ingeben, 
bann tritt eä in feiner gongen fiegreid^en 9J?ad^t öor unfre Seele, 
gleic^ aU träfe un§ taä SBort au§ ^efu 5Dlunbe unmittelbor. 

SSorin liegt biefe eigcnt^ümlicEie 9JJad^t feinet SSorte^? 
G» finb ni^t einzelne (Jigenfd^aften feiner 9?ebe, in benen ba§ 
(5)c^eimni§ i^rer SBirfung liegt, ^e\n§ ift fein 5)id)ter, fein 
9iebner, fein ^f)iIofop^ u. bgt. m.; e§ ift nic^t ber poetifd^e 
©d^mucE^ ber 9tebe melc^er entjüift, nic^t bie geiftreic^e SBenbung 
h)elrf)e überrafrf)t, ber rfietorif^e ©d^mung tt)eld^er mit fort= 
rei^t, ber fpefulatiöe ©ebonfe föeld^er unfere Semunbcrung 
l^eröorruft — md)t§ t)on olle bem. SDlon fann nid^t einfad^er 
leben ol^ ^e'inS rebet — mögen h)ir on bie Söergprebigt 
benfen ober an feine ©leid^niffe bom 9?eid^e ®otte§, ober oud^ 
an ba§ fogenannte ^o^eprieflerlic^e ©ebet. aJian fann nidbt 
einfacher reben aU ^e^uä rebet. 9lber eben bo§ ift e§, ha^ 
er bie größten, l^öd^ften Singe in ben fcf)Iid§teften SBorten 
ou§fpridE)t, fo ha% man, mie ^ogfot einmal fagt, faft benfen 
möi^te, er fei fid^ felbft nic^t bewußt meldie SSal^r^eiten et 
au^fprid^t, fpräd^e er fie nid^t jugleic^ mit fotd^er ^lar^eit, 
©ic^er^eit unb S3ett)u^tf)eit au§, \)a^ mon fie^t, er mei§ moffl 
tva§ er fagt, inbem er bal ®rö|te unb ©rfiobenfte in ber 



S;ag 3[5ort Sejit. 259 

T(^Itd;teften SBeife fagt.^» mian erfennt tetc^t: bte SBett ber 
ftüigen SSofirl^ett ift feine .^eimat, in i^r bewegen fid^ ftet§ 
feine ©ebanfen. @r rebet bon ®ott unb feinem SSer!^äItni^ 
ju ifini, bon ber überirbifcfien SSelt ber ©eifter, öon ber SSelt 
t>er 3"f""ft unb bem §u!ünftigen Seben ber SKenfd^en, tiont 
tReidje ®otte§ auf ©rben, feinem Sßefen unb feiner (Sefd^id^te, 
t)on ben ^öd^ften fitttic^en SBa:§rI)eiten unb ben p^ften ?Iuf= 
floBen be§ 9Jienfc^en, hirj bon aöen fiöd^ften gragen unb 
1|Srobfemen ber SD^Jenfc^l^eit fo einfod^ unb fd^tid^t, fo o^ne olle 
(Erregung feine§ ®eifte§, ol^ne alte §eröort)ebung feinet be* 
fonberen 2Stffen§ ober oud^ nur jene öerlneilenbe 2(u§fü^rlidö* 
feit mit ber man ^ieueö üorjutrogen pflegt, aU märe ha§ olIe§ 
gonj natürlid^ unb feI6ftberftänbIic|.3o 9Jlan fief)t: bie l^öd^flen 
tSBaJ^r^eiten finb i§m Statur; er ift nid^t bloß ein Sef)rer ber 
t!Sa^r|eit, er ift felbft bie Ouelle ber 2Ba^rI)eit; er trägt bie SSaf)r« 
l^eit in fid^ oI§ fein SBefen; er barf fagen: td^ bin bie SBal^r'^eit. 
Unb bie§ ift ba§ @efüt)I ta§ ftir oHe f)aben bei feinen SBorten: 
mir f)ören bie ©timme ber SBal^rljeit felbft, 2)arum fiaben fie 
eine folrfie SKad^t über bie ©emütl^er ber 2Jienfd§en oller ßeiten, 
Slber nid^t bIo§ ba§, ba^ feine SSorte ©rfd^einung feiner 
luunberborcn ^erfon finb — SefuS mod^t oud^ feine ^erfon 
^um 2JiitteIpunft alter feiner SBorte. @r ift ber ^nptt 
feiner Seigre. @r fprid^t jmar auä) öom ?Reid^e ®otte§; aber 
©r ift ber Sringer biefe^ S^ieid^S unb ber ©taube an S^n ber 
©ingang beffetben; ber 93efi^ biefeg fReic^eö ift für einen ^eben 
unb für immer on ©eine ^erfon gefnüpft. ^i^or er ift oud^ 
ber Se^rer ber l^öc^ften SJJorat. ©eine Se^re ift reinfte unb 
^eiftigfte ©ittentel^re; e§ ift feine gro^e %^at, boB erületigion 
unb ©itttid^feit au§ einem änderen Xpn ju einer inneren 
X^ot be§ ®eifte§ unb ^erjenS gemod^t ^ot; ober er l^ot fie 
gu einem inneren Sßerl^ättniB unb SSerl^atten be§ ^erjen§ gegen 
S^n gemorfit. 2ln ^^n ju gtouben unb Jroft fold^en ©toubenä 
©Ott ju lieben, bo§ ift feine Seigre, ©o fpric^t er atfo, oud^ 
wenn er nid^t bireft bon fid^ rebet, bod^ im ©runbe nur bon 
fid^. ©ic^ fetbft fteHt er in ben SKittetpunft aUer feiner SSer* 

17* 



260 10. ißortrag. S^te ^-ßerfon Sefu (S^rtftt. 

fünbigung. Unb ber größte Xf)eit feiner SGSorte t^ut bie§ nic^t 
inbireft, fonbern bireft. (Sr grünbet oIIe§ auf feine ^erfon. 
5)ie @arf)e bie er Dertritt, ta^ |)ei( ba§ er bringt, bie gorbe« 
rungen bie er fteHt, bie 3nfunft bie er öerfiinbigt — e^ liegt 
aße§ in feiner ^erfon. „^ä) bin eg" — ba§ ift fein gro^e^ 
SBort. ©0 i^r nic^t glaubet ba^ icf) e§ fei, fo werbet if)r 
fterben in euren ©ünben (So§. 8, 24) — ba§ ift im ©runbe 
eine ^ufowimenfaffung feiner ganjen 2ef)re. (5^ ift ein merf» 
rt)ürbige§ SSort. S§ tonn !ein ftolsere^, felbftbett)u§tereä geben, 
deiner ber großen Se^rer ber SD^enfc^fieit !^at je fo etroaä ju 
reben gesagt. SSir mürben e§ auä) deinem üerftotten fo ju 
reben. Seber i)at nur bie ©a(^e betont bie er brachte, unt> 
nur etroa üon biefer sSac^e behauptet baß fie bie SG3a^r{)eit fei. 
S)ie SBebeutung ber ^erfon aber ging auf in ber ißebeutung 
ber Sac^e. ^e\u§ grünbet ofle^ auf feine ^erfon, unb feine 
©arf)e befteljt in feiner ^erfon. 2)urc^tt)eg toirft^r ha§ ©emic^t 
feiner ^erfon in bie SBagfc^ale. SSenn er ettoaä auf ha§ S'Jac^« 
brücf(irf)fte öerfic^ern unb gen)i§ machen Witt, fo fpri(^t er: 
^a^xüd), Watirlic^ ic^ fage eu^. 9^ict)t um ber SBo^r^eit ber 
<Sac^e Witten, fonbern um be§ 9Recf)t^ feiner ^erfon Witten fotten 
wir bem 2Borte glauben. 23eil (Sr e§ fagt, barum ift eg wa^r. 
Sie 2tutorität ber @acf)e ru^t auf ber 2lutorität ber ^erfon. 
SBa^rlic^, wa^rlic^ ic^ fage euct)! <Bo fpridjt fonft fein apfienfc^. 
yiux ©Ott fpric^t fo im 21. Xeftameut. Sefu^ fpric^t wie Wenn 

tf)m göttlicfie 9Iutontät jufämf. Unb er roar boc^ ber be=» 

müttjigfte aller SJ^enfc^en! Um fo flärfer lautet in feinem ^Kunbe 
ha^ SSort: ^6) bin^. 

2Ba§ ift er? 

@r f)at Wag er öon fic^ fagt in jwei @elbftbeäei($nungert 
jufammengefaBt, bie i^m fteti geläufig finb. (£r nennt fic^ ben 
9Jienfcf)enfot)n unb nennt fic^ ©otteä So^n. SSa§ hehmten 
biefe Stamen bie er fic^ gibt? 

@r nennt fic^ ben 3D'ienfc^enfoI)n. 2Ba§ Witt er bamit 
fagen? 2(uf ber einen Seite faßt er ficf) burc§ biefe Sejeirfinung 
mit ben anbern 3Jienfcf)en gufammen — er ift ©iner unfrei 



3^o§ Selbffj^eugntB Sefu. 3)er 9Kenfd^enfo^n. 261 

<Se[d^ted^t§ — ; auf ber anberit Seite ober l^ebt er ftd^ bamit 
flu§ bem gefammten übrigen 9}lenfd^enge[(^ted^te ^erait§ ai§ 
ben redeten fcf)IieBüd^en;@o^n ber SJlenfd^fieit, at§ ben redeten 
<Spro^ ber Söien^d^^ett, oi§ ben etgentitdfiett SOlenfc^en, auf ben 
bie ganje ©efc^ic^te ber aJlenfc^^eit ^inau§gett)ottt, in bem bie 
lülenfc^^eit i!^e föinl^eit gefunben f)at, in bem fid^ i^re ©c« 
fc^id^te lüenbet, al§ bem 5l6fcf|tu§ ber ölten unb bem beginn 
einer neuen ^^it. S)ie§ liegt in biefem SBorte: aJlenfc^enfol^n. 
(5r ift bie 3u[ammenfaffung ber 50ienfd^l^eit unb ba§ 
^iel i^rer ©efc^id^te. 

Sefuä 'i)at eth)a§ UniöerfeIIe§ in feinem ganzen SSefen: 
biefen ©inbrucf befommt eiit ^eber. ©urd^ttjeg mo^nt ber ®e= 
fc^id^te ber SSötfer ber Quq ein, in einzelnen umfaffenber axi' 
gelegten ^erfönlic^feiten fid^ ju[ammenäufa[fen. ^ebeS SSot! 
t)ere!^rt fold^e gelben feiner ®efd^i(^te, njetd^e in '£)ö£)erem ©inne 
oB bie 2(nbern Xrägcr unb Drgone feinet nationalen ©eifteS 
finb, unb in meldten ha^ $ßotf g(eid6fam fidE) fetbft berför^iert 
fd^aut. 5l6er e§ bleibt boc^ immer nur bei 9lnnä{)erungen unb 
Sfufä^en ju einer tioHen 9iepräfentation. S8ottenb§ menn e§ 
fid^ um Bufammenfoffung be§ allgemeinen menfc|Ii(^en 2Befen§ 
unb ©eifteg l^onbclt. 2(urf) bie größten 9lepräfentonten be§ 
menfdjlic^en ®eifte§, aud^ bie unioerfeüften ©eifter an bie mir 
benfen mögen — mie meit bleiben fie hinter bem Qitk, 9?e= 

:präfentonten ber ^DlenfdEi^eit felbft ju fein, jurüdE! S^fuS ift 

ein folc^er 9teprä[entant ; er ift ber einzige. @r ift bo§ Iei6= 

l^afte Urbilb ber SJlenfdöl^eit. '^xii)t bIo& einzelne «Seiten bc§ 
9J2cnfc^enmefen§ finb in i^m jur Slu^bilbung unb S)arfteffung 
gefommen, fonbern baä SDtenfd^enmefen felbft tritt urt§ t)ier in 
feiner urbilblic^en SBa^rf)eit unb ?Reint)eit, frei öon ben 
5£rübungen unb SSerfe^rungen , meldte bie @ünbe in baffelbe 
gebrad^t l^at, entgegen. SBir fe^en unfre eigne SBol^rl^eit in 
i^m üermirüic^t. ^n biefer Urbilblic^feit ift äuölfi^^ ^i^ ^^' 
gemeine SSorbilblid^feit ß^rifti begrünbet. 80 öerfd^ieben* 
artig bie 9JJenfrf)en nad^ S^^ioi^uotität unb ^Jotionalität fein 
mögen — ein jeber finbet in ^€\\i g(eidE)erlüeife fein SSorbilb. 



262 10. SBortrag. Sie $erJon Sefu ß^rifti. 

3tüar loor S^f"^ eine jnbiöibuefle unb eine nationolc (Sr» 

f(^eiitung„ er toar iUlaria^ (So^n unb ftammte ait^ Sfrael^ 

fein äu§cre§ Seben umfaßte nur einen be[c|ränften ^ei^ öon 

Situationen — unb boc§ trägt biefe beftimmte unb fpejielle 
©eftalt feiner gefc^id^tlid^en ©rfcöeinung burcf)tt)eg fo fefir ben 
®:^arafter ber SlUgemeinl^eit an fic^, ba§ er für alle ju aßen 
Seiten unb unter allen 9Serf)ä(tniffen ba§ pc^fte, umfaffenbfte, 
ein unerfd^ö^flic^eS Sßorbilb ift. S^ut gegenüber fi^niinbet jebeir 
®eban!e an notionalen @egenfa|, an Entfernung ber Seiten, 
an S3erfd^ieben!^eit natürlicher ©etfteibilbung: „bte ^etlenen 
tt)erben feine Sünger, hjielDO^I er feine ^^ilofopfienf^ule unter 
i^nen gegrünbet I)at; ber Sro^mine oere^rt i^n, obtt)ot)t 9Kön» 
ner ou§ ber nieberen S'afte ber gifd^er i^n öerfünben; ber rot^e 
©anabter betet i!^n an, toieujof)! er ju ben njei^en Scannern gel^ört, 
bie jener tiQ^t; aller Unterfd^ieb ber 2rarbe, ©eftalt, ©itte unt> 
©ewo^n^eit ift oufge|oben in i^m, in bem alle 8ö^ne Slbam^ 
if)re ©infieit h)ieberfinben."3i 

Sn t^m |at bie SOtenft^^eit i^re ©in^eit unb bamit bie 
@efc^irf)te ber 3Renf^^eit if)r Qid gefunben. @r ift ber ha 
fommen foHte. S)ie gonje ©efc^ic^te öor i^m ift eine SBeiffagung 
auf i^n. 2)er ®ang ber äuieren ©efc^id^te, bie (£nttt)idlung 
ber ®eifteggef^irf)te ift auf if)n angelegt; i^r S^iefultat ift i^n 
5U forbern ofine ifin ergeugen ju fönnen; in i^m finbet fie 
bann if)re Erfüllung. ®arin ru^t bie getieime äJiac^t feiner 
SBirfung unb ta§ ift ba§ Unter^fonb feineä ©ieg§, ba^ (£r bie 
gorberung unb ba§ S^d ber gefammten natürlichen ©ntroidEtung 
ber 3JJenfc^f)eit ift. Er ift hie Erfüllung ber SBetffagung ^frael^ 
unb ber SSötfer; benn er ift bie Erfd^etnung be^ göttlirf)en ^eilä* 
rat!^§. 2lber er ift aui^ bie Erfüllung ber SBeiffagung unfrei eigenen 
^erjenS. Er ift ba§ ®e^eimni§ unfrer ©e^nfuc^t. S)a§ ift boö ge« 
i^eime S5anb, ba§ un§ alle oon Slotur unbeh)u§t mit i^m öertnüpft 
unb untoiüfürlic^ ju i^m jie^t. Er ift eö ben h)ir im ©runbe 
meinen, ol^ne e§ gu ujiffen. SBir finb olle auf i^n angelegt, fo ba§ 
tt)ir erft in S^ut 9lu^c finben für unfcre ©eelen, weit bie 
SSo^r^eit unfrei ©eini. @o ift er unfer ofler Qiet. 



Seju unioerfeKe 93ebeittung. 263 

Xorin ift feine uniüerfelte Stellung ^ur SBett 6e* 
grünbct. ©r f^ric^t in ben ftärtften SSorten f)ieöon. ©r be= 
5cic|net ftc| qB ben |)errn ber SSelt. ®q§ ®e[cf)icf bei* 
gongen SBelt unb aller ©iitgefnen fnüpft er an feine ^erfon, 
ntac|t er obpngig üom ©lauben an i^n. Ueber alleg men[c^= 
Itc^e flRa% !^iuau§ gef|t feine 9?ebe, menn er ^iebon fprid^t. 
6r ift aber ber |)err ber 5E3eIt nur Um i^r ©rlöfer ju fein. 
®r ift gefommen gu fuc^en unb feiig gu mad^en toa§ üerloren 
ift. 5^Q§ ift e§ h)Q§ er ber SBelt geben n^iö: bie ©rlöfung bon 
ben ©ünben, ba§ njo^re $8ert)ältni^ ju @ott, ben ^rieben, ba^ 
^eif. @r ift ber ^err nur um ber (Sriöfer, ber SJJittfer ju 
fein, ber bie ©cfieibenjonb befeitigen mill roelcfie bie ©ünbe 
jttjifc^en ben 9J?enfc^en unb ®ott aufgerichtet ^at, unb bie SSer= 
fö^nung ftiften n^elc^e bie ©runblage beä neuen 93unbe§ fein 
foH. ©0 rebet ^e\ü§ üon fid^, öon feinem SSeruf unb feiner 
Sebeutung. 

®amit ftellt er ficfi ber gefammten übrigen 9J?enf(f)^eit 
gegenüber unb f)ebt fid^ über hie ©feid^^eit mit un§ meit 
l^inauS, tritt ber gangen SKenfc^tieit gegenüber mit göttlicher 
SD^a(^töoQfommenl§eit unb Slutoritöt. iBefonber^ menn er öon 
feiner 3u!unft fpric^t. ^n ben ftörfften SSorten, bie man fid^ 
benfen !ann, rebet. er üon biefer. ®a er eben di§ ein 5ßer= 
bred^er gerietet mürbe unb ben frf)mä|Ii(^en ^ob am ^reuje 
üor Singen faf), bo mieberl^olte er gegen feine fRid^ter bo» 
SSort, ba§ er fd^on bor^er ju feinen Jüngern gefprod^en: er 
merbe er^ö^t merben jur ?Red^ten ber göttlichen äJ^ajeftät, in 
göttlicher ^errlid£)teit, umgeben öon ben Sngeln (Sottet bie in 
feinem $)ienfte fte^en um feine ©efe^fe au^pfü^ren, erfd^einen, 
aUe SSöIfer ber @rbe bor feinen 9lid^terftuf)t rufen unb fie 
richten je nac^bem fie fi(^ gegen if)n berfialten ^aben. S)iefe§ 
9Bort l^ot er gefproc^en, e§ ift eine ^^otfatfie; benn e0 bilbet 
bie ©runblage feiner SSerurt^eilung , unb e§ ift ber allgemeine 
©laube, bie feftefte Hoffnung ber erften (Jf)riftenf|eit gemefen. 
SIber e§ ift ein uner^örte§ SBort. ^n bem 2Runbe eine§ iehen 
onbern SDienfclen märe e§ 2Ba|nfinn. ©elbft ber mafinfinnige 



264 10. S8ortrag. Sie <ßerfoii Seju ©^tifti. 

^oc^mut^ römiidjer ^atfer, bie für i^re Söilbfäuleti rctigiöfc 
SSerefirung verlangten, f)at fic^ nic^t Bi» ju einem folc^en un* 
erhörten (SJebanfen üerirrt. llnb ^ter fprtc^t ber bemüt^igftc 
unter allen 3Jien)'(^en jenes SBort, fpric^t e§ mit ber grö&ten 
@elaf[en|eit, nic^t in einem 9J?omente ber Stufregung, bie if)n 
dma unzurechnungsfähig machte, fonbern toieber^olt, jur S3e« 
le^rung für feine jünger, jur ttjarne.nben Erinnerung für 
feine geinbe, in aller 9?u^e unb ©etaffeu^eit, in einem 2{ugen= 
blicfe tt»p. er, äu^erlic^ jluar ber ©ehjalt unterliegenb, innerlich 
aber über feine geinbe fiegenb, über oUe 93oSf)eit unb (Scf)Iec^tig= 
feit ber äJJenfdien burc§ bie Erhabenheit feines fittlic^en SBefenS 
fic^ erf)ebt unb ben größten fitttic^en Xriump^ feiert — ba 
begeii^net er fid^ aU ben gottgIeid)en $errfrf)er unb 9ti(^ter 
ber mitl 

SiefeS SSort mu$ 2öa^rf)eit fein. ®enn ^ier gibt eS fein 
2KittIereS jlDifcfien Söatjr^eit unb Sßo^nfinn. ^^a ^ilft un§ 
fein rationoIiftifc^eS Sugenbibeal, ha reicht auc^ haS bfo^c Ur* 
bilb unb SSorbilb ber ajienfd)§eit nid)t auS, fonberu n)ir muffen 
bie ©renken ber 2JJenfd)f)eit öerlaffen unb bie SBurjeln feinet 
SafeinS unb bie ^eimat feines SBefenS unb SebenS in @ott 
felbft auffuc^eu, um bie 9JiögIic^feit biefeS SBorteS ju öerftetjen. 
S)iefeS SSort märe ein unlösbares pfQc^oIogifc^eS 9tät^fel, menn 
^efuS nic^t me^r märe als ein ÜJJenfc^. 2)iefeS SBort märe 
eine Unmöglicf)feit, menn S^fuS unter biefelben ©efe^c beS 
enblic^en 2;afeinS fiele mie tüir. (Sr mufe feinem SSefen nac^ 
bem S3ereicf)e beS bIo§ enblid^en XafeinS entnommen fein unb 
bem beS emigen unb göttlichen SebenS angehören. (Sein ah- 
foIuteS ^er^ä(tni§ jur SBett, baS er ficf) beilegt, forbert ein 
abfoIuteS $ßerf)ättniB äu ®ott. 5)ie)eS bilbet bie not^menbige 
SSorauSfe^ung für jenes. Sfiur üon ^ier auS erflärt fic^ jeneS, 
aber erflärt eS fic^ auc^ mirfü(^. 9Zur meil er ju ®ott fo ftc^t 
mie er fte^t, nur barum ftet)t er ju unS fo tüie er fagt. (£r 
ift ber ÜJJenfd^enfotin, ber |)err ber SSelt, ber 3fiic^ter berfetben, 
nur mei( er ber So^n ©otteS iji. 

@o bejei^net er fidö burcfigängig. SSenn er baS 5)öc^fte, 



S^er So^n ®otte§. 265 

^nnerüd^fte, SSerborgenfte, ha§ (Sinjigartige iinb ©lütge feinet 
SBefen§ nennen loitt, fo nennt er firf) ben @o^tt @otte§. 2)a§ 
ift nicfjt etttjo ein ®eban!e ober eine (Srfinbnng f^äterer Beiten, 
baä ift haS B^ugniB Sefu felbft. @o liegt e§ öor; S^liemanb 
fann e^ leugnen. 2)ie erften (Sbangelien entfialten ha§ fo gut 
tüie ba§ oierte. SSenn anä) "oa^ öierte me^r in bie Xiefe ge^t 
unb mel^r bie öerborgenen ettjigen ©rünbe be§ S)afein§ unb 
he§ 2Sefen§ Sefu oufbedt aU bie erften, loenn au^ bie erften 
nte^r fein Sßer^ättni^ jur SBelt barftellen, mätjrenb ba^ üierte 
nte^r fein 9Ser^ä(tni§ ju ®ott betont, rteld^eä ben öerborgenen 
^intergrunb unb bie 95orou§fe^ung feine§ 9Ser£)ättniffeä ^ur 
SBelt bilbet — : bie Sac^e felbft entl^olten jene fo gut tüie 
biefeö, unb gerabe jene fpred^en el in einem c^arafteriftifc^en 
SBort auf bog UnjUjeibeutigfte qu§, ba^ feine abfolute Sßett* 
ftettung in feinem abfotuten ©otteSöer^ältniB begrünbet fei. 
„?ltte ^inge finb mir übergeben öon meinem Sßater — ^ei§t 
eä einmal bei aJiatt!^äu§ (11, 27) — unb 9^iemanb fennet ben 
<Sot)n benn nur ber Später, unb SfJiemanb fennet ben Sßater 
benn nur ber @o^n unb wem e§ ber ©ofin föiH offenbaren." 
<£r fte^t in einem unüergfeicfilicfien Sßer!^ältni§ jum SSater. 
S5?ie bo§ SSefen be§ SJater^ ber SSelt öerborgen ift, fo aud^ 
ba§ be^ @o^ne§; aber föie ber @o^n bem Sßater befannt ift, 
fo ber Später bem @o^n. ^wifd^en Reiben ift bie innigfte 
Vertrautheit, mä^renb fie ber SBelt gegenüber im SDunfel be§ 
göttlichen ©el^eimniffeä fte^en, wetc^e^ erft ©§riftu§ enthüllt 
fjat, inbem er au§ biefer Sßerborgen^eit ©otteS in bie SBett ber 
9)ienfc^en l^ereintrat. @o fonbert er fic^ öon ber äflenfd^^eit 
ah unb nimmt fic^ mit ®ott jufammen, aU ©iner ber mit i^m 
äufammenge^ört, me^r unb inniger mit if)m gufammengel^ört 
aU mit ben SJlenfc^en, mit benen er boc^ junörfift §ufammen= 
angehören fc^eint. S)ie^ bilbet benn auc^ ha§ fteti mieber» 
fe^renbe X^ema im üierten (Söangelium. (5r nennt fid^ ben 
<So^n ®otte§ im obfotuten @inn. 9lid^t niie 9)lenfd^en etma 
(Sotte^fö^ne f)ei§en fönnen, öermöge ber Sd^öpfung ober üer* 
möge einer fittlic^en ©ottäfinlicbfeit; bei 5?efu§ ift e§ Sejeid^nung 



266 10. S>ortrag. %\t «ßerfon Scfu ef)ri[ti. 

feinet 2Be[en!l= unb £ebenlt)ert)ältniffe§. 9Jicf)t grobetüeife fon* 
bern wefentlidE) fonbert er fic^ bamtt öon bcn üJlenfcfiett ob. 
©Ott ift tuof)! au(| fein SSater, aber gottj onberS al^ ber 
äJ^eitfcfien SSater.l^ @r l^ei^t unä fprecf)en: Unfer SSoter; er felbft 
rebet ju ©ott niemals fo. @ein 93erf)ältni§ ju ®ott ift einzig* 
ortig. @r fteljt mit @ott in obfolutcr ©emeinfc^oft (^o^. 10, 
33. 38); er ift hie ©egennjart unb Offenbarung ©otteä fd^Ied^t» 
l^in (14, 9 ff. Üap. 17); er^ trögt ta^ göttliche Seben fc^tec^t« 
l^in in fic^ (5, 26), barum h)ill er auc^ geehrt fein h)ie ber 
SSater (5, 27); lurj er nimmt fi^ oöttig mit ©ott jufammen 
unb tritt fo a\§ Siner, ber mit ©ott gufammenge^ört, ber SBelt 
unb ber ganzen SJienfc^^eit gegenüber. 9tber n)ie fann ein 
2Jtenfc^ fo 5u ©ott fielen, ha^ gmifdien beiben bie innigfte 
SebenSgemeinfc^aft ftattfinbet, o^ne ha^ eine ©d^ranfe jföifc^en 
beiben beftönbe, ttjeber bie @rf)ran!e ber ©ünbigfeit noc^ bie 
ber ^eatürlic|f eit , nienn er nicfjt irefentlirf) mit ©ott ju« 
fammenge^ört, alfo auc^ eiuig — ? Unb fo treibt biefe ©r* 
tt)ägung mit 3tott)h)enbigfeit rürfmärt^ §ur gorberung eine^ 
etöigen göttlichen ©ein§, meldie^ S^fu^ ini öierten ©oangelium 
gu oielen äRalen au§fpri(i)t, menn er öon fic^ fagt ta^ er bon 
©Ott ausgegangen unb in bie SBelt gefommen fei, ja menn er 
bie ©inmenbungen feiner jübifd^en ©egner burcf) jeneS merf* 
»ürbige SBort überbietet: SBa^rlic^, malirlic^, icfi fage eucf), 
e^e benn 5lbra^am marb bin iä) (^o^. 8, 58), unb ttjenn er 
biefeS fein öorjeitlid^eS ©ein ai§ ein ©ein in ber ©emeinfc^aft 
göttIidE)er |)errli(ifeit unb Siebe be^eic^net (17, 5. 24). S^amit 
fe^t er firfi alfo in ba^ emige SSefen unb Seben ©otte§ felbft 
hinein, ^n biefem I)öc|ften ©inne nennt er fi^ ©o^n ©otteS. 
S)a^ biefe eöangelifctien ©ö^e eine hjirttic^e ^iftorifc^e Ueber» 
fieferung entsaften, muffen toenigften^ ber ^au^tfarf)e nad^ aud^ 
bie ^itiffü^tigften anerfennen. Slurf) SfJenan fonn nic^t um^in 
juäugefte^en, bo§ S^fu^, tüenn aud^ erft in fpäterer 3eit, fic^ 
©o^n ©otteS im übermenfc^Iid^en ©inne genannt unb bcn 
©lauben baran jum erften ©ebote feines Steid^eS gemadfit f^ahe. 
greili^ fielet er barin nur büftere ©d^hjörmerei unb eine fonotifc^e 



tn So^n ®ottel. 267 

SSerirrung ^ejü, bic er burd^ feinen %oh gleic^fam gefü^nt 
l^obe. ®ann — ntüffeu h)ir fagen — ^ätte Sefu§ ben 2;ob 
öerbient, bann ^ötte bie jübifd^e Obrigfeit i^n mit Sfierfit qI^ 
@ottc§Iä[terer üerurt^eilt, unb er tt)äre nic^t um untrer, fon= 
bern um feiner eigenen ©ünbe mitten geftorben. Slber mem, 
ber nod^ nid^t otten ©inbrurf öon ber fittlicfien Ülein^eit unb 
^o^eit feines ßfiaratterS unb ber ruf)tgen Marl^eit feinet ®eifte§ 
öerloren ^at, mem ift e§ mögti^ biefe im ©rnfte ju benfen? 
SSer borf e§ mögen, Sefunt in folc^e trübe 9?ieberungen geiftiger 
unb fittli^er Sßerirrung fierob^uäie^en? SSir f otten un§ üon 
if)m ju feiner ^öf)e empordienen loffen, ober mir fotten i^n 
nirf)t ju unfrer Xiefe tierab^ie^en, unb obenbrein in bie (^e- 
fettfd^aft bon öerirrten ©eiftern unb ßfiarafteren, bie mir nur 
mit SRitleiben ober mit 93era(f)tung betrad)ten. 9^ein, für un^ 
ift bie groge bamit entf^ieben: ^at ^e\u^ mirflic| in biefem 
übermenfc^Iid^en ©inne fid^ <Bo^n @otte§ genannt, bann mufe 
e^ ond^ SBofirneit fein. 'äU 9^opoleon einft, fo mirb erjäfilt, 
auf ^eleno, mie er öfter -t^at, auf bie großen SJlänner ber 
93oräeit ju fpred^en fam unb fid) mit itinen üerglid^, ta manbte 
er fic^ plö^ürf) an einen feiner ^Begleiter mit ber ^Jrage: £annft 
bu mir fagen mer S^fuS ß^riftuS gemefen? Unb aU biefer 
geftanb, er l^obe fid^ bi§ je^t norf) nidt)t bie 3^^^ genommen 
barüber nac^jubenfen, ba fu^r jener fort: 5yiun benn, fo mitt 
ic^ eS bir fagen. Unb nun öerglid^ er ^efuS S^riftuS mit 
fic^ unb mit ben (Srö^ten ber Sßorjeit unb seigte mie ^efuS 
über atten fte^e, unb fc|Io^ bann mit ben Sßorten: „^dy 
benfe, id^ üerfte^e mi^ etmaS auf SJtenfc^en, unb ict) fage bir : 
biefe atte mareu Wlen'\6)tn unb id) bin ein SKenfd^, ober — 
bem @inen gleicht feiner, S^fu^ ßf)riftu§ mar met)r olä ein 
äKenfc^." 32 

<Bo mu§ es oud^ fein. Sft er mirflidj ber $err ber SBelt 
mie er fogt, — fo ift er e§ nur menn er fo mit ©ott §u= 
fammengel)ört mie er le^rt. 2)ie gefdiiditlid^e ^erfon ^efu 
etiriftt unb fein SBort ift eine %i)at\aä)e. 2)iefe 3;natfarf)e 
fann mon feftftetten unb fie ftef)t feft. Stber biefe X^at^adjt 



268 10. SSortrog. S:te ^erjon Sefu e^rt[tt. 

Meiht un» ein uner!lärltc^e§ 9tätf)fel, fo lange luir e§ nid^t 
t)md) fein ©etbftjeugni^ üon feiner @otte§fo^nfc^aft un» löfen 
Taffen. 3ft er (So{)n (S5otte§ in jenem Sinne, bann ift aUe^ 
ilav unb aUe§ llebrtge notf)n)enbig. Sf* Q^^'^ 1^"^^ ^^^^t ^^^ 
%aU, bann h)iffen mir fd)Ie^terbing§ nicf)t, n)Q§ ttjic mit i^m 
«nfnngen follen. 2(6er nja§ ift bann alle übrige @r!enntni§ 
bie h)ir gewinnen hjert^, aUe (5rfenntni§ be§ menfi^tic^en ®eifte§ 
unb feiner ©ef^ic^te, be§ menfc^Iirfien SSefenS unb feiner i8e* 
ftimmung, föenn h)ir bie größte jE^atfarfie ber ®efrf)irf)te ber 
SKenfd^^eit, welche bie Söfung aller Stät^fel unb ba§ ^eit 
unfrei ganzen Sebeng 5U fein behauptet, aU ba§ Unerflärüc^ftc 
i)on aßem tDa§ e» gibt ftet)en laffen muffen? Unb njenn mir 
€§ aurf) immerf)in ftetien laffen meßten — mir fönnten nid^t 
barum f)erumfommen; überaß tritt e» un§ in ben 2Beg; mir 
muffen unä in ein 9?ert)ältni§ baju fe^en. ©§ ift aber fein 
onbere§ SSer{)äItniB ju if)m mögüd), menn e§ nic^t ber ah^ 
folute SSiberfpruc^ mit ficf) felbft fein foß, aU ta^ mir t{)n 
gelten laffen aU ben, ber er nacf) feinem Selbft^eugniB ift: 
aU ben emigen @of)n bei SSaterä, ber felbft göttlichen 
2Sefen§ ift. 

S)a§ ift aud) ber unmißfürtic^e ©inbrurf, ben mir tjon feiner 
ganzen gefc^ic^tlic^en (Srfc^etnung empfangen. (5» ift ein 93e« 
fenntniB be^ übermäcf)tigeu ®efü^t§, menn %l)oma^, überwältigt 
burd) bie ©rfdieinung be» Sluferftonbenen, in bie SSorte ouS« 
brict)t: ajlein^err unb mein ®ott. 5lber biefeä 93efenntm§ 
te§ @efüt)Iä ift and) ha§ 93efenntni§ be§ ^enfen§, bei meld^em 
bie ©emeguug unferer ©ebonfen fdjIieBlic^ mit 9iot^mcnbtgfeit 
önlangt. 

SSir f)aben jmei S^ftitutionen 3cfu. Sr ift nic^t auf 
Grben erfc^ienen, um äußere Orbnnngen be§ religiöfen £eben3 
3U machen. Sn ber ^iefe be§ ®eifte§ unb ^erjenä, in ber 
;3nnerlirf)teit be§ «Seelenleben? moflte er ben @runb feinc3 
S3aue§ legen ben er errictitet ^at unb ber befte^en mirb menn 
.§immel unb ©rbe untergeben. 5lber jmei S^f^itutionen ^ot 
er ongeorbnet unb bi^terlaffen — e§ finb bie jmei ^anbtungcn 



2:oufe unb 3lbenbmo^r. 26i> 

ber ^irc^e, lüelcfse beii äußeren |)öf)epunft be§ d^riftüd^eit unb 
firc^Iic^en Seben§ auSmod^en, bie beiben ^anblungen ttjetc^e 
ttjir, um [ie öor ollen anbern au^juäeidinen, @aframente nennen : 
Xaufe unb Stbenbmaf)!. ^^re (Sinfe^ung burc^ ©tirifluä^ 
feI6ft ftef)t aufeer grage. Selbe fioben etlrag ®ef)eimni§t3oHe^ 
in ftcf) unb beibe öerfünben ein ®el)eimni^. ^nbem Sefu§ in 
ber 2;oufe fid^ ä^ifd^en ©ott ben SSoter unb ben tieiügen ®eift, 
ben ©eift ©otteä mitten ^ineinfteHt, ftetlt er fic^ bomit in ben 
Umfrei^ be§ eloigen göttlichen ßeben^ unb 2Befen§ hinein unb 
fagt oon [id^, \>o!^ er ber ©of)n ®otte§ fei im ©inne ber ®c*. 
meinfc^oft be§ göttü(f)en SSefenS. 2«i'em er im Slbenbmaljf 
öon feinem Seib unb iötute fpricf)t, \iQi^ er für bie ©ünbeit 
ber SBelt in ben 2;ob gebe, Iä§t er un:l ben testen 3wedf feiner 
(Srfd^einung auf ßrben erfennen, in luelc^em ber ettiige Siebe§= 
rat^ @otte§ jur Offenbarung unb gum S3ott§uge gefommeii. 
2)ie 2;aufe fagt un§, wer in %t\ü. auf ©rben erfd^ienen, bn^ 
Slbenbma^I, moju er erfd^ienen, @ä finb bie beiben SJi^fterieu 
ber Xrinität unb ber SSerfö^nung, tt)el(^e burd^ biefe 
beiben S^ftitutionen ^efu un^ t^atfädE)tic^ üertünbigt unb gc= 
le^rt merben. %oA finb bie beiben 3ctttraItt)o^r^eiten 
be§ (S^riftent^um^. Stber mit it)nen betreten ipir bo§ 3lIIer= 
f)eiligfte beffelben. 9^ur bi§ auf bie ©cf)n>effe biefe§ 2lllerf)eiligften 
lüoUte ic^ (Sic führen, inbem ic^ bie (Srunbiua^rljeiten be§ 
S^riftentl^umS S^uen barlegte unb ifjre 2Sof)r^eit unb 91011;= 
lüenbigfeit ju rerf)tfertigen öerfudjte. 

3cf) bin am (£nbe meiner Slufgabe, 

2)erSSeg, ben tuir gemeinfam jurücf gelegt, ging auä boit 
ben SSiberf^jrüd^en biefe^ S)afeinä, oon ben fRöt^feln be^ 
äJJenfc^enlebeng, öon ben fragen be§ 9Jlenfc^entüefen§. SBir 
fa^en: \iOi^ fRät^fel be§ ©einä forbert @ott, ben :|3erföntic^en 
®ott! ®ott ober ift nic^t eine tobte 9Jioc{)t, fonbern bo§ Seben 
ber Siebe, unb feine Siebe :^at it)n nid^t ein üerfc^toffene^ ®e= 
{)eimui§ bleiben laffen, fonbern er t)at fic^ ben 2Jlenf(f)en ge= 
offenbart. S)o§ ^\z\ feiner Dffenborung ober ift Sef"^ 
ef|riftu§. S« biefem ift (Sott fetbft offenbar geworben, ^iec 



270 10. SSortrag. Sie «perfon Sefu ©^rifti. 

löfen fi^ bie 2Biber[prüc^e un^rc^ SDa^etn^. ©efte^en tulr e§ 
iiii§ bo(^, trelcfie SSiberfprüd^e tüir in uii§ tragen! Sie finb 
ber ©tadiel ber un§ nid)! jur 9?u^e fommen lä&t. @rj"t in ^efu 
(S^rifto fommen mir gur 9?uf|e; in i|m löfen fi^ bie ®egen* 
fä^e. ©r ift bie @inf)eit biefer @egenfä|e, öon ©ott unb 9Jienf(^, 
von ^eiligfeit unb @ünbe, öon §immel unb ©rbe. @r ift bie 
absolute 9Serfö:^nung. SBenn mir aud) alle Siäume burcf)= 
meffen — mir finben l^örf)ften§ ben (Sott ber SKarfit. SBenn 
mir alle ^^it^i^ burrfimeffen — mir finben t)öc^ften§ ben ®ott 
ber (Sereditigfeit. S)en ®ott ber ®nabe finben mir nur in 
^efu e^rifto. S)er (Sott ber ®nabe aber ift allein bk S3er» 
fö^nung ber (Segenfä^e ber SSett unb unfrei ^erjenä. Sn 
Sefu e^rifto fiaben gu allen Reiten bie (J^riften i§ren grieben 
amb if)re ^reube gefunben. ®a§ gefammte Seben ber ganzen 
,Slirc^e ift ein 83efenntni| ju i^m. 5lIIe» i^r X^un, i^r ganjer 
ituItuS, i^i-e SSerfünbigung, ifire &ebete unb ©efönge unb il^re 
Ij eiligen feiern finb nid^t^ aU ein ^^UQ^iB öon ^i)m, unb aUi 
Äunft be§ SßorteS unb ber bilblidEien SJarfteflung, bie fie öon 
^ilnfang an in it)ren Sienft genommen, ift eine SSer^errlid^ung 
3efu. Unb fo Tange noc^ S)anfbarfeit auf (£rben fein mirb, 
mirb man fein nid)t oergeffen; fo lange mirb fein Sfiame in 
ben |)eräen leben unb auf ben Sippen f^meben. SBer i^n ben 
SOienfd^en nel^men mürbe, ber mürbe ben ©runbftein au§ bem 
eöelften S3au ber ajienfd^en reiben. Slber e§ ift ni^t blo^ i>a§ 
(Seböc^tniB eines SSergangenen, meld^e§ bie ß^riftentieit bema^rt, 
c» ift ba§ SSer^ältniB gu einem Sebenben, ein perfiJnlid^eS, 
lebenbigeS SSer{)üItni§. S^m fc^Iagen bie ^erjen, i§m beugen 
fic^ bie Eniee. Unb ftet^ mirb "oa^ S3ilb S^fu, tok e§ vin§ in ben 
(Soangelten entgegentritt, feine geöeimniBöoße ©emalt über bie ®e« 
mutier ber HJienfc^en üben, unb ber (Seift ber bon i^m ou^ge^tjum 
Söanbe merben, meld)e§ fie in ©taube unb Siebe mit i^m öerfnüpft, 
unb bobur^ gum lebenbigen Siebe^bonbe oudf) unter ben 9Ken=» 
fc^en. ©0 lange ß^riften auf ©rben leben merben, ba§ (leifet big 
gum @nbe ber Xage, merben fie einonber erfennen an bem (Sru§ 
mit bem fie fic^ begrüben: ©etobt fei ^ilnS ß^riftuS! 



Sefu§ S^riftu^ bte Söiung ber 'üStberfprüdEje. 271 

3c^ ^abe öerfuc^t naä) bem ^ßfia^e meiner träfte 9?ecl^en= 
fc^aft ju geben bon bem guten ©runbe un[re§ ®Iaubett§. ^d) 
tiabe öerfud^t ju jeigen, \)a^ unfer ©laube nid^t ein ©ebid^t 
unferer ©ebanfen, fonbern boß er SBa'^ri^eit ift, eine SBafir^eit 
Vit fi(^ rechtfertigt öor ber Sßernunft, öor bem ©emiffen unb 
öor bem ^erjen. 

©0 bleibt mir benu nur bie& (Sine noä) übrig, ba§ id^ ba§ 
SSort, melc^eS ic^ ju S^nen ^aht fpred^en bürfen, bem «Segen 
@ott.e§ befehle. 



^nmetfungen. 



;Anmerhnn0fn jum rrfttn iJortrag. 

1. ©oet^e'g \&mmtl SSerfe. Sluög. in 40 93bn. 1840. 93b. 4. S.264. 

2. %abti, SBriefe gegen ben ai?aterialiimug. 2. ^Tufl. 1864. 5DZotto. 

3. S!ie erften großartigen ©runbjüge btefer neuen c^riftlid^en S5?elt« 
anj(i)auung ^at $aulu§ in feiner 9iebe auf bcm ?lreopag ju ULtl^en 91p.« 
@ej(^. 17, 11—31 entworfen, unb bann in ben erften elf Äaptteln be§ 
0?iJmerBrief^ toeiter au^gefü^rt. 

4. ®er alte f trd)enlet)rer 2lt:^enogora§ fagt in feiner SSert^eibigungl* 
fi^rift gegen bie §eiben (c. 11): „SSer unter jenen fpi^finbigen Stalef* 
tifern unb ^^ilofopften ^ot feine 3u^örer nur in ber Sinfi^t fo weit 
gebrad)t aU bie gemetnften 2eute bei unä felfift in ber- Uebung gefom* 
men finb?" 

5. SZägelibad), 9Zad^f)omer. S^eologie 1857, ©.476 oon ber p(a» 
tonifi^en Spefuration : „3lber biefe Spefulotion wirb nie gut iReligion, 
unb ättar nicftt bloß weif bie SO^affe ber Spefulation unfähig ift. SSiel« 
Tne:^r berui^t iebe 9?eIigion auf 5^^atfad)en, bie foI)(^e auf ücrmeint« 
üdfen, bie ftafire auf toirftidjen, unb fold^e fefjlen ber ©pefulation". 

6. 5ßgT. S. 0. fRaumer'g Oefc^ic^te ber «ßäbogogil I. 2. 2lufl. 1846. 
•©. 37—65 unb ^eitf^rift für <]Broteftantilmug unb Sirene 1855 S3b. 30: 
®ie ^umaniften unb haä ©Dangelium. 2lu§erbem $unbe§:^agen, 
S)er beutfcfie ^roteftanti^rnuä, 1847, ©.56, unb ©iefelcr'ä Kirnen- 
gefdjic^te II, 4. ©. 480 f. — $oggtu§ wirft bem ^^ilelbuS SJinge 
Oor, Welche aud) bie „33u'^tmenf^en auljufprec^en fic^ f(^ämen" (quae 
etiam prostituti et meretricarii verentur verbis proferre). Sie griet^ifc^e 
©ünbe ber $aberaftie fam wieber auf: Puerorum atque adolescentum 
amores nefandos sectaris. SSon feinen eigenen facetiae fagt er gegen 
SU^aDa: „3Sag SBunber boB meine ©pä§e einem ungebilbeten unb b&ü' 
rifc^en S3arboren ntd)t gefallen. Sagegen werben fie oon Snberen, bie 
um ein gute§ 2:^eil gelefirter finb al^ bu, betobt unb gelefen unb fie 



Slnmcrfungen jum erjten SSortrag. 273 

führen fie im SUiunb unb in ben §änben." 3)o8 ouf ben fleifeigften 
Duellen jiubien ru^enbe, in 1)of)em Orobe interejfonte SBetf oon 3oc. 
»urd^orbt: ®ie Äultut bet Sicnaiffance in Stolicn, 83ofeI 1860, gibt 
bei aller ^od^ftcKung jener Äulturperiobc ^tolienä hod) eine SReil^e öon 
S3elegen für bo8 im Sejte auSgefprot^ene Urt^cil. S^m entnahm ic^ 
bie angeführte Seu^erung SOfiacc^iaöelli'S Discorsi I. c. 12. 8le^nlt^ 
öu§ert berfelbe c. 55: Italien fei oerberbter aU olle onberen Sänber; bann 
Tommen junä^ft granjofcn unb Spanier, ^ä) fül^re no(^ einige ©teilen 
aus Surrf^orbt'S SBerfe an. S. 456: „2)er bamolige itolienif^e Un- 
glaube ift im Wflgemeinen ^d^ft berüchtigt, unb roer fic^ noc^ bie 
SKü^e eines 93cttjeifeS nimmt, 'ijat eS leicht Ifunberte Don SluSfagen unb 
S3cifpie(en jujammenjufteUen." SluS 2lnIo^ Oon SJiaffuccio'S 9ZoOetten 
au§ert iöurrf^orbt ©.460 über ben ^uftanb ber ^loftergeiftlic^feit: „S)ie 
83ct^örung unb SluSfaugung ber SSöIfermaffen burc^ falfd^e SBunber 
üerbunben mit einem fd^finblic^cn SBanbel bringen l^ter einen bcnfcn» 
ben i^u^(i)av.eT ju einer wahren Serjroeiflung." SSon SJioffuccio felbft 
bie Sleufeerung: „®ie Spönnen gehören auSfc^Iiefelic^ ben SKönc^en ; fo* 
bolb fie [idi mit Säten abgeben, werben fie eingeferfert unb «erfolgt; 
bie anberen ober l^olten mit SRönd^en förmlich ^oc^äeit, ttJoBei fogor 
Steffen gefungen, Äontrafte oufgefe^t u. f. n. njerben." ®§ folgt bann 
eine 9ici^e wo^r^oft gräfelit^er Selege. ©päter fc^ilbert 58ur(J^orbt 
bie ^errfd^enbe Maii)t beS bielföltigften Aberglaubens „unb tnie fotool^t 
mit biefem als mit ber 2)en?n)eife beS ^(tert^umS überhaupt iit @r« 
fc^ütterung beS ©loubenS an bie Unfterblic^feit enge ^ufammenl^ing" 
©. 550. ^iemit mag man »ergleid^en , mie ber neuefte Siograp!^ ©o* 
DonoroIo'S, ^aSquoI-SSillori I.93b. 1868 (überf. ö. SKor. 53erbuf(^ef) 
über Sorenjo SRebici, fein ßeben unb feine fittenöerberbenbe SBirfung 
urt^eilt ©. 33: über bie fittcnlofen Sieber bie er bic^tete unb bei ben 
ßorneooISoufjügen in ben Strogen öffcntlid^ fingen Iie§, über feine 
®roufomfeiten, f(^amIofen SluSfd^weifungen, über „bie reigenb fd^neHc, 
l^öQifd^e Korruption beS $oIfS, ouf bie er unaufhörlich mit aQer Eraft 
unb allen ^ä^igfeiten feineS ©eifteS Einarbeitete — baS alleS öerjei^t 
man i^m, roeil er ein ^örberer ber fünfte unb SBiffenfc^aften ge* 
wefcn!" ©. 34: „aber Mnftler, ©c^riftfteller, ©tootSmänner, Slbel unb 
SSoIf, olleS toor morolifd^ üerborben, jeber öffentli(^en unb priootett 
5;ugenb, jebeS fttlit^f" ©efü^lS bar." ^df füge nod^ etltd^e SleuBe- 
rungen eineS fo Sunbigen wie (SregoroötuS in feiner ©d^rift über 
Sucretio Sorgio I. 1874 über bie fittlic^en Suftänbc ber JRenaiffonccjeit 
^inju. ©.89: „9?ad^bem [id) in ber 9tenaiffance ber erfte ^xud) mit 
bem SWittelfllter unb feiner aflctifc^cn Rirci^c öolläogen l^ottc, trat eine 
fc^ranfenlofe ©moncipotion ber Seibcnf(^aften ein. ?lQeS toaS für ^cilig 
gegolten ^atte, würbe berloc^t. 2;ie italicnifd^en greigeifter fd^ufen eine 

Sut^orbt, SSorträge I. 11. »ufl. 18 



274 ?rnmerfungen sunt etften Vortrag. 

Stteratur, beren nacftcr S^niämul nirgenb fetneä gleichen ^at. So» 
tem §ermo|)^robitu§ be§ 58eccabellt ii$ ju 39erin utib ^ietro Slrctino 

l^erab Breitete ftt^ ein Itterartfc^er (Sumt)f oitä, bor beffen 9lnbltcl ber 
etnfte ®ante tüte öot einem ^ölli)c^eit ^fu^te Würbe äurüdgebebt jein. 

©etbft in bcn minber laSctoen SioöeHen — unb in ben minber 06' 

fcönen Somöbtcn ftnb bodf immer S^ebruc^ unb bie 9Serf<)0ttung ber 
itijt ha$ §err|c6enbe SJiotiü. S)ie §etare würbe bie äJluie ber jd^öncit 
Siteratur ber Sienaiffance. Sie fteDte ftc^ bretft neben bie ^»eiligen ber 
Ätr(^e mit i^r um hit $alme be§ 9tu^m§ ju ftreitcn. (Sine l^anb« 
i^riftlic^e ©ebic^tfommtung ou§ ber 3«it 9l(ejanber VI. enthält eine 
fortlaufenbe 9iei^e Don ©pigrammen, Welche erft bie ^unsf'^flu 'Slavia 
unb oiele Zeitige gftöuen feiern unb bann in bemfelben Slf^emjugc 
o^ne Slbfo^ noc^ SSemerfung Hetären ber 3^'* oer^errtid^en. — ®ie 
.^eiligen be§ §immeI3 unb bie Süngerinneit ber SSenu? würben o^nc 
weitere^ nebeneinonbergeftellt aU berühmte (^rouen." — ©.90: „®er 
Söert^ beä SDienfc^enlebenä ftanb im niebrigften greife, wä^renb bie ber* 
brec^erift^e ©elbftfu(^t offen mit bem ^räbifat ber ©rogfinnigfeit (magnar 
nimitas) begci^net tourbe." „Sgoiämuä unb gemüt^Iofe 3lu§beutung 
toon SSeri^ältniffen unb SJienfc^en Waren nirgenb^ fo an ber SRegel aU 
im SSaterlonb SOtacc^iotjeHi^" unb noc^ je^t. „'S^ei oon ben ^jeban* 
ttfc^en SSorurf^eiten ber 3)eutfc§en — '^aben bie Italiener im Oegen« 
t^eit jebe Wtaiijt ber ^erfönlic^feit, unb mo^te fie nodi fo baftorbifc^ 
«nb illegitim fein, fofort anerfannt (®. 91), ober fie finb auc^ ebenfo 
lei^t bk SflaOen beä @rfolg§ gewefen. SPiiacc^iaoetti be^ouptet, bo6 
bie Sc^ulb he§ morolif(^en SJerfaQä ^tclieu^ bie Sirene unb bie ^riefter 
trugen, ober Waren etwa biefc Äirc^e unb biefe ^riefter ni^t ^robuTte 
Stotieng? @r ^ätte fogen foHen, ba§ SBefen^eiten, wel^e bei ben 
©ermanen innerlid^ Werben, bei ben Sto^ienern äu^ertic^ bleiben. 
Sut^er tonnte unter i^nen nie entfte^en," 

7. ©editier äußert über unb gegen Äont in f. 2lb^. lieber 2(n* 
mut^ unb SBurbe, juerft erfc^ienen in ber neuen 3;^olia 1793: „@c 
warb ber Srafo feiner geit/ weit fie i^m eineä Sofonä noc§ nic^t 
wert^ unb empfänglich festen. SluS bem Sonctuarium ber reinen SSer« 
nuuft brachte er ba$ frembe unb boi^ wieber fo befannte 9RoraIgefeg, 
ftellte e§ in feiner ganzen |)eiligfeit au3 oor bem, entwürbigten 3o^r* 
l^unbert unb fragte roenig barnac^, ob e§ Stugen gibt, bie feinen ®(anj 
nic^t öertrogen. SBomit ober Ratten eö \>it Äinber be3 ^aufe§ 
üerfc^ulbet, bo6 er nur für bie Ä neckte forgte?" SBerfe, Stu^g. 1847. 
11. S5b. ©. 354. Ueber biefen ©egenfo^ oon Sont unb ©(^iller in ben 
Sttorolprinjipien ögl. meine Se:§rc üom freien SBiDcn, 1863, (5. 337 ff. 

8. ©oet^e, «Sprüche in Sieimen. SBerfe, 3. Sb. ©. 3 ff. 

9. Guizot, L'Eglise et la societe chretieanes ea 1861 p, 13: toutea 



Slnmerfungen jum erften SSortrag. 275 

les attaques dont le christianisme est aujourd'hoi l'objet, quelque < 
-diverses qu'elles soient dans leur nature et dans leur mesure, partent 

•d'un meme point et tendent a un meme but: la negation du sumaturel 

dans les destinees de rhomrue et du monde, l'abolition de l'element 

surnaturel dans la religion chretienne comme dans toute roligion, dans 
son histoire comme dans ses dogmes. So <)flegt mon ben religiösen 
■©egenfo^ ber ®eifter gegenttJärtig in gtanfreic^ überhaupt ju begeid^nen. 
Sgl. ä. 93. «Preffcnfe Sefuä S^riftug. ©eine Seit u. f. w. überf. ü. 
IJaboriug 1866®. Iff. «bec ouc^ in ©eutfc^Ianö. SJgl. ®ao. ©trou§, 
^o§ Sebcn Sefu, für ba§ beutfc^e SBoII bearbeitet, 1864, in bct 2Bib= 
mung ©. XI: „®ine 2öeltan[ic^t bie, mit 2lbfel^nung otfer übernatür» 
liefen §üIfgqueDen, ben SJienfc^en ouf fid^ jelbft unb bie natürliche 
Drbnung ber ®inge ftellt." 

10. ^d) [teile :^ier etliche SBefenntniffe bon SBertretern biefer nic^t» 
<]^riftli(^en SBeltanfc^auung jufammen. ©t raufe fonnte früher bie 
tpo^re e^riftlidbfeit feiner SBeltanfc^auung rühmen (— Ogl. ^njei frieb» 
lic^e »lätter 1839 ©.XXX ff. „2Bir finben unfere heutige SBeltanfc^auung 
■(^riftli^er ot§ bie urc^rifllidie felbft" — ) unb feine Slb^anbtung über 
ba^ „ißergänglic^e unb 93teibenbe int ©^riftent^um" mit ben SBorten 
fc^Iiefeen: „Sllfo feine ^ur^t, c§ mö^te S^riftu§ un§ oerloren gelten, 
wenn »ir SKond^eS öon bem, nja§ mon hiS^n (J:^riftent^um nannte, 
4)rei8jugeben ung genöt^igt feigen! — ^Bleibt unS aber 6^riftu§, unb 
bleibt er ung alä \>a$ §öd^fte toa§ n)ir in religiöfer SBegie^^ung fennen 
unb ju benfen üermögen, dlS berjenige, o!^ne beffen ©egenftart im 
^emütl^e feine t)onfommene Srömmigfeit möglid^ ift; nun fo bleibt 
unä in t^m bod^ hjol^l ba§ SBefentlid^e im K^riftent^um" (o. o. D. 
©.132). 3lbcr fpfiter ^at er fi^ jum ©l^riftent^um , nämlid^ jum 
l^iftorifc^en, in immer fd^orfere Dp^ofition gefteüt. @r bejei^net in 
feinem SebenS* unb S^orofterbilb WiävUinS 1851 ©. 125 hen 9?atura« 
liften greuerbac^ alS ben 9Konn, „ber ouf baS i, welches mir gefunben 
l^otten, erft ben Ißunft gefegt" unb fc^ilbert !^ier überhaupt ben SBrud) 
mit bem K^riftent^um olä bie unüermeibltc^e fjorberung ber SBo^r* 
^oftigfeit j. 35. ©. 124, 127, 130, u. ö. Unb bie SSorrebe jum 3. 58b. 
leineä UIri* ^utten (1860) ijt oott SBitterfeit. 9Iber ni^t btofe ein 
Söort ber SSitterfeit, fonbern grobeju lofterlic^ ift boS SBort ©. XXIV ff. : 
„SBir oufeeri^alb (ber fi^irc^e) fönnen üerfid^ern, bog nie einer öon un§. 
boron gebockt :^at ober boran benfen mirb, roeber bem alten §oupt= 
«tonn ©deiner ju ©unftcn eineS ^ö^eren SBefenS bie SSoterfc^aft an 
feinem ©ol^n oBjufprec^en, nod^ ben IRecepten, bie btefer olS 9iegimentg= 
mebtcuS berfc^rieb, eine tobtenerroedfenbe Äraft beijulegen, no^. ben 
Umftonb, bog über bem Segräbnife beä S)ic^ter§ bi§ l^eute ein ®e^eim= 
niB ru^t, 5u ber SSermut^ung ju benu^en, er fei ttjo:^! bei Icbenbigem 

18* 



276 STnmerfungen jum erffen SSortrog. 

Seib in l^tmmlif^e 9Jegionen erhoben tporben." — 3n feinem „Scbett 
Sefu für baS beutf^e SSoH" (1864) bejei^net ©traug bic öon i^nt 
öerttetene SBettanfic^t al§ eine folcftc, wet^e ben 9!Kenfd^en ouf [idf 
felbfl fteltt ©. IX unb fügt fpäter, btefe SBortc burc^ ben ffitud no^ 
befonberä auäseicftnenb, ^inju ((5. XIX): „?Bet bie Pfaffen au8 ber 
ßir(^e f^affen wifl, ber muß crft boS SBunber qu8 ber Sicligion 
fd^affen." — Sn feinem „?IIten unb 5Reuen ©fouben" (1872) üollenb* 
tft er big jum Oem einen in bet ^ißolemif ^erabgcfunfen. Sgl. 'äUq. 
(Sö.'Sut^. Äirc^engeitung 1872 Str. 48. 49. — Sieben ben SIeugerungeit 
btefe§ p^ilofopliifd) » t^eologifdien 9{epröfentantcn ber „mobcrnen SBelt- 
anfd^ouung" möge ba§ poettfc^e 93efenntni6 Don $ru§ (®cutfc^e* 
SKufeum 1862 ©. 687) fielen „Äreuj unb Stofen" : 

9tut mit fein ftteuj oufS @tab gefegt, 
©ei'l ^olji, fei'« eifen ober Stein! 
©tetä ^af ä bie Seele mit öeriejst 
Sag aRarterf)ol5 oon 93tut unb $ein: 
®a6 eine SBelt fo gottbefeelt. 
So öoHer Sonne um unb um, 
3u i^reä ©laubenS S^möolum 
Si(^ einen ®algen ^at erwählt. 



X'tum mi)t bo§ treuj mit auf baä ^aupt! 

^fianit 8?ofen um mein ®ra6 ^erum ; 
®ie SRofe fei boä S^mbolum, 
Vtan eine neue SWenfcfi^eit gloubt. 

©inen befonberS f^arfen Slu^brud ^at biefe SJenfroeife — in i^rer 
3tntt)enbung ouf baS ©ebiet be§ politifc^en Seben^ — in 3- 33. 
D. SrfittJei^erö g^itgeift unb S^riftent^um (8eipj., O. SBtganb 1861, 
gefunben. Sei ber öielfeittgen proftife^cn SBirfjomfeit toelt^e ber 9Scr- 
faffer on ber ©pige me^rfac^er SSereine unb feiner Seit in ber 9?e- 
boftion be§ ouf fioffoHefc^en ^rluäipien rul^cnben „Sociolbemofroten" 
^atte, ift feine ©c^rift Don boppelter 93ebeutung, unb bic rücffK^tälofe 
Äoufequeuä, mit welcher bie ^riuäipien, bic er öcrtritt, geltenb ge- 
motzt hjerben, moc^t fie gerabeju jum Programm biefer S'Jit^tung. 
S^r ©runbgebonfe ift bie Unüereinborfeit be§ ®f)riftent^umä, ttic jebet 
pofitiüen ^Religion, mit bem fiegrei^ üoronbringenben geitgeift. 
Sdiwei^er fü^rt i^n in folgenbcr SBctfe — fotoctt ber Sn^olt bc* 
58uc^eä un§ ^ier intereffirt — büxi). 2Bie ift bic Sicligion entftonben? 
unb moburc^ wirb fie gesotten? 25urc§ ein breifoc^eä 93ebürfni6, 
2. 15: burd) baB metap^^fifdie, welches jur ©rflSrung beS Unerflär» 
liefen feine Buffut^t jur 2lnnoI)me einer übcrnotürltc^en Urfot^c nimmt; 
büxd) ba§ et^ifdje SBebürfniB, toeläfeS , um baS fittliiftc 9lät$fel bc* 
93öfen gegenüber bem ®uten ju erflärcn, eine auSgletc^enbe unb Der» 
geltenbe göttltd)e ©ereditigfeit forbert; unb burc^ baä Sebürfni^ ber 



SInmerfungen 5um crften SSortrag. 277 

^ülfc, toeld^eg im ©efül^t ber eigenen D^nmod^t fid^ gern an einen 
ftärfcren Arm ^tt. fflber in biefer breifod^cn SBegiel^ung ift bie ?Re= 
Itgion ein ©rjcugnig ber ©c^wäc^e, ber ©d^njöc^e be§ ®ebanfen§ tt)ie 
t)e8 SBiUenS. ©orum ^ot fte oud^ i^re ^eimat Bei bem fc^ttödöercn 
^efd^Iet^t ber grauen ©. 313 ff. 5)enn ben grauen fel^It i>it Starfc 
teS ©ebanfcnS »ie be§ SBiUenS, Unb olle grauen ffnb jum Slbcr« 
glauben geneigt, ton ber Königin bi§ jur Sßic^magb ©. 323. füc 
tigißfer Olaube aber ift 2IbergIoube, \o gut tt)ie Sortenfc^Iogen u. bgt. 
@. 316 ff. — ®egennjärtig nun ift ba§ Sl^riftent^um in einer unauf* 
l^altfomen Stuflöfung begriffen. ®ie SBiffenjcftaft, W J?uUur jerfe^t 
tai S^riftent^um, jerfe^t oHe Dffenbarung§reIigion immer mel^r 
@. 76. 84. Unb ber moberne ^eitflcift ift unöerträglic^ bomit SBel^eg 
ift baS ^rinjtp bc§ mobernen Qeitqei^teS? ®a§ bemofratifd^c, t>ie 
foSmopoIitifc^e ®emofratie ©. 99. ®er ®egenfo^ boju ift ber föon» 
feroatiSmu§. ^Religion, E^riftentl^um , Äird^e aber finb eminent fon= 
■ferootioe W&äfte. ©o fielen benn ^eitgeift unb S^riftentl^um einanber 
flegenüber ni(^t aU gwei SJieinungen ober 2Infid^ten, fonbern aU jnjei 
^rinjipien ©. 105. S)iefe ®egenfä^e finb unöertrSglid^ ; bo gilt feine 
(Bdionung. „SBenn eB gilt, im günftigen SlugenblidEe bie ©emalt ju 
ftürjen, burc^ meiere hie gute ©odöc f^ftemotifc^ bornieberge^alten totrb, 
toenn ei gilt, für bie Sßerför^jerung ber ^jolitifc^en ©runbfä^e ber neuen 
^eit in i^ren äugeren (Sinrid^tungen ^Ia$ gu fc^affen, t>a mug mit 
unerbittlicher Sd^onungSIofigfeit jebeS ^inberni§ vediti unb linlg 
iiarniebergef(!^Iagen, ba mug mit etferner Konfequenj oorgef (^ritten 
tücrben, einerlei ob bie 83a]^n burd^ lad^enbe grül^IingSfluren ober über 
Srümmer unb Seichen fü^rt." SSenn nun fo ber neue ftulturftaat fic^ 
«r^ebt, toaS wirb in bemfelbcn on bie ©teflc be§ (J^riftentl^uraö treten? 
^ne neue 91eIigion? 'S)ai ift unmöglich, ^iefelbe Kulturentn)i(ilung' 
toelc^e bag Q^^riftent^um als OffenbarungSreligion aufjulöfen begonnen, 
mo^t jcbc neue DffenborungSreligion unmöglich ©. 190. „®er ©toat 
ber 3"funft »irb o^ne ^Religion beftel^en" ©. 196. „9ll§ bo§ ttal^re 
unb roirftic^e ^aKobtum ber öffentlid^en ©ic^er^eit, ber bürgerlichen 
fHufje unb Drbnung crfc^eint bemnat^ nid^t bie ateligion, fonbern bo§ 
©trofgcfe^bu^" ©. 225. 3)ann »irb ein gettalter ber Xoleranj unb 
■Humanität anbrechen ©. 266. Unb bon befonberem S3ort!^eiI b)irb ei 
jein, ba| ei bann feine Geologie unb feine Xl^eologen me^r geben 
loirb unb bie boburc^ jur SScrfügung fommenben geiftigen Äräfte in 
national^öfonomifc^ probuftiöct SBeife jur SJertoenbung fommcn werben 
€. 267. Unb Wie btel ®elb wirb man erfparen, wenn man nid^t me^r 
für bie ßird^en unb Oeifllic^en u. f. w. ju forgcn l^oben wirb! SBcr 
2>ann noc^ 91eIigion u. f. W. l^aben will, ber mag ftd^'S fein eigene^ 
<SeIb foften laffen ©. 270. — 3)aS ift bai «ßrogromm bei geitgciftea. 



■278 Slnmerfungen 5um erften unb j\tDeiten 5Jortrog. 

So fd)orf \tet)cn bie ©egenföfee einanber gegenüber, wenn fie au(^ ni(^t 
überaÜ in fold^er ©^ärfe jum S3enju6tfctn ober jum 3luSbru(J fommen, 
2){e t^atjä^It^en fionfequenjen ieneS SBiberjpruc^g aber l^aben ftd) be- 
reite ju öolljie^en begonnen. Sine jufammenfaffenbe ©arfteUung unb' 
^itit biefeS prtnjtpieHen ®egenfo§e§ :^obc ic^ ju geben oerfuc^t in 
meiner ©(^rift: „®ie mobernen SBeltanfcfeauungen unb i'^re 
praftifd^en Äonjequenjen. SSorträge überzuragen ber Oegcnttjart 
oul ^rd^e, ©d^ule, ©toat unb ®efenf(^aft im SBinter 1880 ju Seipjig, 
gegolten". 2. 2lufl. Seipj. 1880. 

Anmerkungen jura jweilen Portrag. 

1. ©traufe, OlaubenSle^re I, 351.- 

3. Blaise Pascal, ber fc^orf finnige SD^fat^emotifer, geiftöoüe ©egner 
ber Sefuiten unb glänjenbe ©c^riftfteller au§ ber golbenen 3fit ber 
frongöfifc^en Siterotur, ^at in feinen Pensees fragmentarifc^e SSor- 
arbeiten für eine große Slpologie be§ ©l^riftent^umä l^tntcrlaffcn, bie 
er oI§ ha§ SBerl feineö SebenS anfa^. @r erflärte je^n gefunbe Raffte 
bagu Ttöt^ig ju :^aben, unb ®ott fc^enfte if)m nur biet fronfe. @r 
ftorb 1662, 39 Sa^re alt. Unter ben l^eftigften Sa^nfc^merjen, ftopf- 
fdimcräen, Äolifen, bie i:^n bei S^og unb fflaäit »erfolgten, ^ot er fo- 
roo^I bie f^teierigften matl^emotifc^en ^Probleme (über bie ©^floibe) 
gelöft, bie fein anberer ju löfen üermod^te, als auü) biefe S5aufteinc 
für feinen grofecn S3au gefammelt. Sein %ob ^at ben Späteren bie 
$flid^t auferlegt, bo§ üon i:^m begonnene SBerf toieber aufjune^men 
unb fortjufü^ren. — Heber ^asfal ogl. 5:^o{utf, öermifd^te ©c^riften, 
1. 3:^. 1839 @. 224 ff. «Reuc^Iin, «Pogfal'S Seben unb ber ®eift feiner 
©(^riften, 1840. «Reanber, SSJiffenf(^aftIi(^c Slb^anblungen, :^erau§g. e. 
Sacobt, 1851. SSeingorten, $aäfal olg Slpologet bc§ e^riftent^umS 
1863. Sire^borff, %, fein Seben u. f. Kämpfe 1870. — 9?euere Sluögabett 
feiner Pensees: Paris, Didot 1861 mit ben Pensees öon Nicole; bie bcfie 
Oon Prosper Faugere 2 ?3be. 5Pari§ 1844. Ueberfe^ungen: öon fileufer 
1777 mit ttcrt^öoHen SInmerfungen; nai^ gaugere'S 2lu8g. öon Sd^iDor^ 
Späg. 1845, Otto SBigonb, 2 SBbe. 3^ jitire na^ gaugferc, füge aber 
bie ©eitcnjo^Icn ber ®ibot'fd^en Sluggobe in tlommern Ui. ®ic on* 
geführte ©teile fte^t 11, 84 (49). Ueber^aupt ift ber ganjc SJbfd^nitt 
Grandeur et misere de rhomme n, 79 ff. (44 ff.) ju bergleii^en, toelc^em 
bie meiften ber folgenben ^itate ou8 ben Pensees entnommen finb. 

3. ®oet^e, ®efprä^e mit ©dEermonn 11,132. ^e^ber, Ueber bo* 
SSeri^ältniB ®oct:^c'§ ju ©pinoja. ßtfc^r. für bie lutl^. Sl^cologie unb 
Äir^e 1866,2 ©.266: „®oet:^e Wor äfitlebenä überzeugt, ba& jebe 
gorfc^ung, bie ouf ein Se^te^ fommen ftoKe, enbli^ bei einem un- 



SInnterlungen jum ätneiten SSortrog. 219 

lö^toren ^rcblem onfcmmt." — S^og ber SKenfc^ fic^ felbft ein mii)\d 
fei, fpri(^t ber ßrie^. fiird^etile^ter (Sregor ü. SRoatonä einmol 
carm. de hum. nat. 1, 3, 14) ergreifenb auS: ,,^6) fog geftern im 
(Schotten ewe§ §oin?. ©infom öerjel^rte fid^ meine ©eele. ^6) toav 
üerfunfen in meinen gd^merg. Tl\ö) belegten bie f^ragen : toa§ bin tc^ 
gettefen? ttoS bin iä) je^t? roai foK oitg mir teerben? Sd^ WeiB e§ 
nid^t. «ud^ ein SBeiferer aU ic^ tteife e§ nid^t. SBon SRebeln umptft 
irre id^ bol^in. SSo« id^ ttor ift mir berfd^njunben; tt)o§ toerbc ic^ 
morgen fein, tocnn id) nod^ bin?" SSgl. au(^ Eousseau, Emile I, IV 
t. II (Oeuvres, Paris 1820, T. IX) p. 17: Nous n'avons point la me- 
sure de cetto machine immense, nous n'en ponvons calculer les rap- 
ports; nous n'en ccnnaisons ni les premieres lois ni la cause finale ; 
nous nous ignorons nousmemes; nous ne connaissons ni notre nature 
ni notre principe actif. 

4. 5?Qt)ine, S:q§ firige £eben. Sieben Sieben. Ueberf. b. grieber. 
«liteffer. Seipa- 1863. g. 15 f. 

5. ©oet^e, gaufl: 

So toumr iä) öon Segierbe jum ©enufe.l 
Uiib im escnug tierfci^niad^t' id^ naiSj Segierbe. 

S?gl. oud^ Solton, 9?al^anoeI, SSorlrflge über ta§ S^riftentl^um. 
2, 8lufl, Petersburg 1864. ©. 34. 5B^ron bered^nete i)a% er nur 11 glüd= 
lit^e Jage in feinem Seben geliebt l^obe. Unb 9?eIfon beneibet nur ben, 
„beffen unjerflörbore ffiefi^ung 6 %n^ unter ber Srbe liegt". ®octf)e 
war eines ber feltenften (Ed^o|finber be8 ®iixä§, unb bod^ befennt er 
öon ifi(^ einmol in ben ©efprSd^en mit ©dtermonn: „^ä) fonn mol^t 
fogen bo§ id^ tn meinen fünfunbfiebjig Solaren feine öier SBod^en eigent» 
lit^eS Sel^ogen gelobt." S^et^f, ^ie SBol^rl^eit unb ^errlic^feit U$ 
6^riftent^um§. Sieben SSortrfige. Berlin 1863. ©. 43. 

6. Pascal Pensees II, 90 (149). II, 147 (178). 

7. Pasc. Pens. II, 118 (191: pour cela ftott pour l'etemite). 

8. Pasc. Pens. II, 88 (149). ^gl. nod^ p. 104 (180): nous avons 
une idee. du bonheur et ne pouvons y arriver; nous sentons une Image 
de la verite et ne possedons que le mensonge: incapables d'ignorer ab- 
solument et de savoir certainement, tant il est manifeste que nous 
avons ete dans un degre de perfection dont nous sommes malheureuse- 
ment dechus! Eousseau Confess. VI: Nous sommes si peu faits pour 
etre heureux ici-bas, qu'il faut necessairement que l'äme ou le corps 
souflPrent, quand ils ne soufirent paa tous les deux. 

9. Pasc. Pens, 11,82 (48). 

10. So§ ®efu:^I biefer SBiberfprüd^e erjengt bie Sel^nfuc^t, mie 
fie ©exilier ou^fprid^t in feinen ®ebic^ten „©el^nfud^t" unb „ber 
^ilgrim": 



■'--f 



280 Stnmerfuiigen jum jttjetten SSortrag. 

9t£^, fein Steg toitt bo^iit führen, 
2ld6, ber ^immel über mir, 
SBill bie Srbe nit^t Berühren, 
Unb baä Sort toirb niemals ^ier! 

©0 ift e§ and), um einen anbcrn ®t(^ter ju nennen, gctttfe md)t Uo% 
8lnle:^nung an bk firc^Ii^c Se^re, wenn in 83 Jj r o n '^ „Kain" „butc^'5 
ganje Stüd eine 8Irt öon Sl^nung auf einen fünftigen ©tlöfer burc^« 
ge^t" (®oct^e 33, 161). SSgl. noc^^er 9Inm. 14. 

11. Pasc. Pens. 1, 104 (180). lieber bcn SBiberfpruc^ beS SBoIIen« 
im 2Kcnfdöen bgt. and) Eousseau Emile 1. IV p. 41 f.: l'homme n'est 
point un; je veux et je ne veux pas, je me sens a la fois esclave et 
libre; je vois bien, je l'aime, et je fais le mal: je sais actif qaaad 
j'ecoate la raison, passif qaand mes passions m'entr^nent; et mon 
pire tourment, quand je succombe, est de sentir que j'ai pu realster. 

12. SSgf. hierüber ^ er ber, Oefc^ic^te ber ^ebräift^en ?ßoefic in 
feinen fämmtlt^en 2B2B. jur Sieligion unb J^eologie 93b, 1. ®. 160. 
5J)erf. in f. 3lelteften Urfunbe 2C. 95b. 7 S. 83 ff. 

13. §omer'3 ^üaä 17,446. 

14. @ine rei(^e (Sammlung ^ielier gel^öriger 2leuBcrungen finbct 
fi(^ in Xi^ubidium'ä Ueberfe^ung ber Xrogöbien beS Bop^otUS 
1. 2^eir, 1827. ©. 311 ff. 9Inm. ju Si. 1191 ff. beö Debi^juS in Äolonog. 
S^ ^ebe ®inige§ :^erau§. „9Son bem @Ienb bei SRcnfc^enleben^ tönt 
eine leife Maqe burc^ ba^ ganje ^iUert^um, eine ß(age o^ne Sroft Bei 
ben Slclteften, bie feiner befferen ^ufuJ^ft entgcgcnfa^cn. ^infäDifl' 
ben 93Iöttern gleid^, finb bie Oefc^Iec^ter ber SRenfc^cn (Ilias 6, 146. 
21, 464), fein SBefen elenbcr alS fic (17, 446), bie gleich bcm JRid^t« 
{Oedipus rex 1166), ein Jroum be§ ©d^ottcng (Pindar P. 8, 136), 
traumäönli(§ (Aescbylos Prom. 549), bei 9?auc^e8 ©Rotten (Soph, 
Pbü. 932. Antig. 1152j, nur Sc^einbilbcr (Aj. 126) cin^erge^n." 
„'ißliniug, fonft überfur^ unb gebrungen, mirb berebt in ber ©c^ilberung 
unfereg Stenbä (Hist. nat. VII init.)." „SSor anbern crgreifenb tft bo* 

Epigramm be§ Slefopuä (Anth. gr. 10, 123): 

SBie btr o^ne ben lob, o ßeben, entfKe^n? Ungejä^It ift, 
Wiaä bid) quälet, unb fc^mer, betbeS, ertragen unb flie^n. 

<Süg ift toomit bie 92atur ftc^ fc^müdete: äBeite bei ^Reerti, 
erbe, ©eftirne, bie Sic^tlreife ber Sonn' unb be3 SKonbä: 

3ttteä ba§ anbere ©i^meräen unb gfurt^t; unb weldjem be4 @uten 
SBavb, mit Sergeltung bolb foffet bie Wemefiä t^n." 

„^lutarc^u^ gibt ein fc^öneS 93rucbftürf (de consol. I, p. 276): 

D fomme, lob, bu unfrer Uebcl Ttc^rer «rjt, 
2u ^afen aller SWenfe^en Bor ber Stürme 'Kotö. 



ainmerfungen *3um jtoetten Vortrag. 281 

tßtc geboren ju jein, ober boäf fc^neU »ieber ju fterBen, ^dbtn naS) 
■^riniuS (VII, init.) «iele für bo§ 83e[te gehalten." „SUcjig 
<Athen. 3, 124. 6) fü^rt al§ einen ©prud^ öteler SSßeifen an: 

63 ift iai Scfte, niinmerbar geboren fein; 

tioi) toenn geboren, eilig an bem 8«! ju ftelin. 

@c^on oor 3:^cogml jang Sacd^ijlibeg (Fr. 3): 

®eboren nxd)t fein toär' unä ba§ SSefte, 
Unb nimmer ju fe^^'n ber ©onne Strömt; 

unb 3^]^eognt8 f eiber (543 ed. Welcker): 

9Ke geboren äu fein, bem 3rbifd^en ttiär' e§ ba§ SBefte; 
Unb ben burd^bringenben ©tra^I nimmer ber ©onne ju fel^'n: 
'S)oä) bem (Seborenen, fd^neE bur(^ be« SKbeS X^ore ju bringen 
Unb §u liegen mit üiel betlenber ®rbe beböuft." 

^oju noc^ Soph, Oed. Col. 1225: 

Selig nimmer geboren fein! 
2)0(1^ bem Sebenben ift fürtoal^r, 
fRa\d)n »ober er gelommen ift, 
Säieber ju geben, ber ®üter jnjeiteä. 

S)ie angeführten SBorte beö ^liniug ftnb ou^ feiner ^atVLVQt\dii^te 
{II, 5. 7. VII, 1) genommen", SCel^nltd^c ^ufammenfteUungcn au^ bei 
Stirm, ?lpoIogie be§ e^rtftentl^: ©. 200 f., S)aIton, ««atl^anaet 
©.49 f. unb ^ettinger Apologie beg e^riftentl^umg I, 1863 ©.52 
ti. 512 ff. S3efonber§ ift $tintu§' Äfoge über bie ^ibcrf^)rü<^c beS 
inenfc^Ii^en ©ofeinS oft wieberl^olt unb jittrt ttjorbrt. Unter ben 
neueren ®i(^tern öernjeifc ic^ üorne^mlie^ auf Scnou — öom $effi* 
Btifien Seoporbi ju fc^weigen — j. S.: 

„SBo ift ein ^erj ba§ leine ©d^merjen fpolten? 
Unb hier ans SBeltenenbe flüd^ten mürbe, 
©tetä folgen t^m be§ 2eben§ Jruggeftalteit." 

Dber jeneö onbere auS ber legten Qdt üor be§ 3;td^ter§ SBol^nfintt in 
•feinem ®i(^terifc^en SRac^Ia^ l^erou^g. o. Slnaft. ®rün (©tuttg. 1851) 
^. 198 — : 

'i ift eitel 9li(bt3, wobin mein 8tug' id) befte! 
2)08 2eben ift ein oielbefagteä (?) SBanbern, 
6in müfteS Sogen iff 3 öon bem jum onbern, 
Unb untertoegg ücriieren mir bie ^äfte. 

3a, lönnte man jum legten ©rbenjiele 
^oä) ali berfelbe frift^e SBurfd^e fommen, 
8Bie man ben erften Slnlauf bat genommen, 
©0 möebte man nod^ locben ju bem ©piele. 

Sod^ trägt un« eine iJlat^t üon Stunb' gu Stunb', 
SBie'« ftrüglein, baS am ©runnenftcin jcrfprang. 



282 Slnmerfungen jum jmeiten SSortrog. 

Unb befien 3nl)alt ficfert auf ben ®runb 
So reeit e? ging, ben gaitsen SBeg entlang. 
9}un ift e§ leer; hjer mag barouä nodj ttinfen? 
Unb ju ben anbern ©d^erben mag e8 ftnfen. 

5)em mödite i^ ben @^Iu§ eine§ SouettS be§ äRtt^el Slngelo gegen«" 

überfteKen, welches $. |)arrQ§ in feiner Ueberfe^ung ber ©ebic^tr 

3R. 3{.'g (1868) unter 9?r. 68 bringt: 

Tu gabft bem etügen ®ott bie arme .^ülte, 
35u fiaft i^n in bie Settli(^feit entfenbet. 
8luf ba6 Qlfo ^tä) fein ©efd^itf erfütte. 
©ei bu mit beiner ^ulb i^m jugewenbet, 
^llf ifim, $err, fid^ ftärten unb ergeben. 
Sein ^eil ift gang in beine ^anb gegeben. 

Safoulj, Ueber bie SinoSfloge, SBürsb. 1842, beginnt mit ben 
SBorten: „@§ i[t me^rfac^ bemerft njorben, ia^ in ben meiften fiepten 
9SoIIi§liebern etttag (Se:^nfü(^ttge§, ©d^wermüt^ige^, ÄIagenbe§ öor» 
^exx]ä)e. ©el^nfuc^t ift ein mit ben SRenfc^en jugleic^ geborneS Oefü^t, 
oon feinem innerften SSefen unäertrennliti. — 9Zat^ bem ^aUe mifc^le 
ft(^ mit feiner ©el^nfu^t ba§ ©efü^I ber SSel^mut^ über bie oerlorenc 
Unf^ulb beS 2eben§, unb biefe beiben ©runbgefül^Ie be§ menfc^Iic^en 
^erjenä, ©e^nfu^t unb SSe^mutl^, burc^bringen feitbem allen öc^ten 
SBoIt^gcfang." @. 9. „®tne fo oügemeine 2;rauer über ben SSerluft unb 
Untergang ber urfprünglic^en <Bd)ön^ext beä SebenS mug fic^ not^« 
wenbig an§ einer Seit ^erfc^reiben, bie jenfeit? ber partiolcit SSöIfer« 
gcfc^ic^te liegt; fie fann nur ber ffladi^aU eine§ ®efü^I§ fein, meiere* 
nid^t bloß ein unb ba§ anbete SSoIf, fonbcrn bie 2Rcnf(^^ctt crfüHt f)at, 
Sener Sammerlaut ift ber ®runbton ber frü^eften SKenfc^engefc^ic^tfr 
(ßreuger, ©ijmb. II,423j unb jie^t borum in ben mcnnic^fot^ftcn formen 
bvixd) bie älteften ©agen ber SSöIfer." — 3lu6crbem ügl. über biefeS^ 
S^ema SSortrag 7. Slnm. 8. — 

15. Pasc. Pens II, 9 (154). 

16. Pasc. Pens. U. 6 (151 f.). 

17. 3RaIebranc^e bei Sfiicola? iP^i(o). ©tubten über bo§ 
e^rtftent^um. Ueberf. 4. 2(ufl. I, 111. Unb Seibniä bei matillt 
©. 172. 

18. SBortc iRat)iIIe'§ 8.31. 

19. ©prücfte in «ßrofo. 2B3B. SBb. 3. S. 325. ferner ©. 181 : „2)er 
igrrt^um ift tiel leichter ju erfennen aU bie SBa^r^eit ju finben; jener 
liegt auf ber Oberfläche — biefe ru^t in ber 2:iefe; bornad^ ju forfcftca 
ift ni(f|t gebermonng ©oc^e." 

ao. ißicolag I, 20. 

21. Pasc. Pens. II, 172 (291, 265). S. @. gierte, »eftimmuttft 
be^ SWenfd^en SBSS. II. ©. 293. 294. (Sr fommt in biefer ©t^rift oft- 



§lnmerfungeii jum jtoeitcn unb brittcn SSortrog. 28$ 

ntalS ouf biefcn ©ebonfen jurücl, j. 83. <B. 254. . „9ft nur ber SBilfe- 
«nüerrürft unb reblic^ ouf ba§ ®ute gerichtet, fo »nirb ber SSerftoub» 
»on felbft boS SBa^re f äffen." ©. 255. „2lu§ bem ©ewiffen ftommt bie 
SBal^rl^eit." ©. 356. „Unfer gcfontmteS S)enfcn ift burd^ unfren Srieb- 
felbft begrünbet, unb »ie be§ Sinjelnen Steigungen ftnb, fo ift feint 
©rfcnntniB." Sgl. ^temit au^ ®oet:^e, <Bpxn<iit in ^rofa o. a. D^ 
6. 238: „@tflentli(^ fommt Sflleä auf hie ©efinnungen on; Wo biefe^ 
finb, treten avid) bie ©ebonfcn ^eröor, unb nad^bem fie finb, finb anify 
bie ©ebonfen." SSgt. bamit bQ§ SBort öon SRatt^. ©loubiuS: „3)ie SKen» 
fc^en ttJoQen ni(^t wie fie benfen, fonbern fie benfen wie fie wollen." 

22. JRot:^, ©^mnofiotpäbagogif ©. C8. 

23. SSgl. g^alQbäuS, gunbomentalp^ilof. 1861 ©.20f. unb be-- 
fonberS SBinter in meiner ^eitfc^r. für fird^I. SBiffenfc^oft u. fir^I^ 
fieben 1882 ©. 324 ff. „ber ®Ioube olä fittlit^eS SBer^allen", wo aüäf, 
ä^nli(^e Steugerungen angeführt finb. 

^Anmerkungen jnm britten JDortrog. 

1. fiidbtenberg'ig 8Sermtf(^te S^riftcn, nad) beffen 3!obe ou§ bere 
l^interloffcnen papieren gefammelt. 58b. I, ©.166./ Dftmatä Sitirt^. 
j. 95. a\i(i) 3iet^e ©.78, 3)aIton ©.51. gum SSorl^ergel^enben ögU 
5ßoSfaI, Ucber bie iRot^wenbigfeit ber ®otte§geroi§:^eit II, 29: II est 
Sans doute qu'il n'y a point de bien sans la connaissance de Dieu; 
qu'ä mesure qu'oa en approche oq est heiireux, et que le dernier 
bonhenr est de le connaitre avec certitude; qu'ä mesure qu'on s'en 
eloigne on est malhenreux, et que le demier malheur serait la certitude- 
du contraire. 

2. üid^tenberg I, 47. Epiktet, Dissert. I c. 16. Opp. ed. 
Schweighaeuser I p. 91. 

3. Cicero De legibus, 1^8 (24): Ex tot generibus nulluni est ani- 
mal praeter hominem quod habeat notitiam aliquam dei, ipsisque in 
homioibus nulla gens est, neque tarn immansueta, neque tarn fera,. 
quae non, etiam si igaoret qualem habere deum deceat, tarnen habea- 
dum sciat. (3?gl. Äo^niS S)ogmatif 1, 1861 ©. 132). «rtemiboru^ 
""Ovcipoxpix'.xJiv I cap. 8. „Sein SSoIf ift o^ne ®ott, o^ne einen oberften 
9?egenten; einige aber bere!§ren fo, anbere anberä bie ®ötter." SSgL 
hierüber F ab ricii bibliographia antiquaria Ed. 3. 1760 p. 303 sqq., Wo^ 
eine größere Slnja^I öon ä^nlid^en SIeuBerungen ber 2llten, weld^e bit 
Sdlgenteinl^eit beS ©otteäglaubenä beweifen, beigebro(^t ift. Süfen^. 
%\t Srobitionen beg SRenfc^engefc^Mtg, aKünfter (1856) 1869 ©.15 ff. 
2)ie6 33u(^, eine gruc^t fünf je^njä^rigen gleifeeS, fc^eint weniger befonnt 
unb onerfonnt ju fein alS eS öerbient. SSgl. gßtf^er'g gelehrte unb 



284 Slnmerfungeu gum britten SSortrag. 

-tntcreffante SlB^anblung „SBtber bte JBe^au^tung einer ööQigen 9Je» 
figion^longfett gcroiffer SSöIfer" in f. SBerfe über „5)og Äreuj g^riftt" 
1875 ©. 417—426. 

4. Cicero De natura deorum I, 17: Intelligi necesse est, esse deos, 
■quoniam insitas eorum vel potius innatas cognitiones habemus. De 
■quo autem omnium natura consentit, id verum esse necesse est. lieber 
bie SBetüetgfraft ber 21 tigern et ni^eit be§ ©fouben^ l)at gcc^ner in 
ieiner Sd^rift: 2)ie brei SKotioe unb ©rünbe be§ ©laubenö, 2p j. 1863, 
(5. 62-70 üortrefflic^e ©rörterungcn angefteflt, inbem er noc^njetft, rote 
ticr unbered^ttgte ©faube, b. f). ber Srrt:^um \e länger je me^r in Ron« 
flift gerot^e mit ber Statur ber 3)ingc unb feine nod&t^eiligen folgen 
immer mel^r offenbare, fo ba% er baburc^ fid^ allmä^Iic^ ouf^ebc, roä^= 
reub bem ©fauben au^ feiner Uebercinftimmung mit ber SZatur ber 
^inge immer me:^r Untcrftü^ung unb baburc^ 93enjä^rung erttJo^fc unb 
feine fegen^ret(^en r^ol^cn jur Seftötigung feiner SBa^r^cit unb feinet 
tRec^teg »erben. 

5. S3efonber§ 2;ertuüian in f. Schriften De testimonio animae 
<;. 1 f . 5 f. u. Apologet c. 17. 

6. Slel^nlic^ orgumentirt aad) 8ofrate§ in f. ©efpräc^ mit ?lri<= 
ftobemu§ (Xenoph. Memor. 1,4,9): „©ie^ft bu bod) beine eigene ©ectc, 
luel^e bie Senferin beineg fiörperi tft, ebenforoenig". SSgt. ouc^ 'Statt 
^turel Meditatt. XII, 28: „9Ber bic^ fragt, »o bu ®ötter gefe^en, ober 
iDO^er bir t^r S)afctn crfc^Ioffen, ha^ bu fic ^ocö c^reft, bem antworte: 

@rft(t(^ ftnb fie au^ bem Slnfc^auen fid^tbar (nämtic^ in i^ren SBir« 
tungen); ^iernfic^ft tiabe i^ ja felbft meine Seele nic^t gefe^en unb 
■oc^te fie gleid^mo^f." SSgl. ^dcobi, SSon ben göttlidien S)ingen unb 
i^rer Offenbarung, 2. Slugg. 1822 S. 11. Sle^nlic^ 5RtcoIa3 I, 202. 

7. Pasc. Pens. I, 155. 156. (3-J. 31). fit(^tenberg II, 8S. ^ocobt 
<i. a. D. ©. 9. 

8. 3Rott^io§ eioubiuS SBerlc, 7. Slufl. 1814. 1. 53b. S. 10. g« 
•fei mir öerftattct nod^ einige fc^öne geugniffe anjufü^ren. 3>er ^eibe 
Sleant^eS (um 260 ü. e^r.) befingt feinen geu^ mit ben SBorten: 

;^8<^fter, unftetbli(^er @ott, öielnomifler, ewiflcr ^etrf(^er, 
SEBaltenber in ber «Ratur, bu 2enlet be« HUi naä) ©efe&en, 
^cil bir! mit bir ju reben ift jeglid^em 5Dlenfc^en geilottet: 
Sinb wir boc^ beineä ©efc^Iet^tä; ein ®runbton mürbe gegeben 
3ebein ber SBefen jur Stimme, bie leben unb meben ouf Grben: 
2)amit biE ic^ bic^ preifen unb immer ergeben bein SOladftwozt." 

i^napp eijriftoterpe 1844 S. 80f.). Unb ber Ätrc^enle^rer ®regor 
tJ. 9?ojtonj fingt in feinem §^mnuä „an ben iRamcnlofen": 

Sllleä berlünbet nur bit^, toaS fpric^t unb maS mangelt ber ©pra^e; 

Sltteä öercbret nur bi(b, toai benft unb toai obne ©ebanfcn: 

Senn Oor bir finb bie SSünft^e gemein unb gemein finb bie Sc^merjen 



2lnmerfungen jum britten SSortrog. 285 

aaer, es flehet biti^ aUe* uub aUeä fjebet, erfennenb 

Xeiner SSertünbigung 3"<^en, nad) bit l)in bie fc^toeigenbe ^^mne. 

3n bir fommt fiüei §ur Su^e, §u bir ftrömt SlUeä gejt^aaret. 

9. Socobi a.a.iü. 6.7 u. 189. Pasc. Pens. II, 113 f. (243): 
Dieu est un dieu cache. 

10. Pasc. Pens. I, 9, 8. 58. II,. 113. 114. 1118 u. ö. (242—246). 

11. Aristoteles de mundo c. 6. Cicero Tuscul. I c. 28. D& 
divinat. II c. 76. SBgl. Äa^nt^ a. a. O. <B. 157—161, wo ouc^ bo& 
5?ä^erc übet bie ©efc^ic^te bicfe§ 93etDeifeg beigebracht ift. 

12. Guizot, L'^lise et la societe chretiennes p. 14. SSgl. au(^ 
Napoleon, Memorial de Sainte-Helene par Las Cases T. IV p. 160: 
Tout proclame l'existence d'un dieu, c'est indubitable, p. 162: Dir& 
d'oü je viens, ce que je suis, oü je vais, est au dessus de mes idees,^ 
et pourtant tout cela est. Je suis la montre qui existe et ne se con- 
nait pas. T. V. p. 324. 

13. SBgf. bie einge^enbc Sel^anblung btefeä 93enjeifei bd ^al^ni^ 
a. a. O. S. 161—168. Unter ben Sleufeerungen ber Sitten ift bejonberä- 
()icero de natura deorum 11, 37 ouljuseicönen , njo ©icero mit 3ladcj' 
brud gegen bie SKöglic^feit eineS 3"fflQ^ polemifirt; benn ttjarum 
foDen nic^t burc^ juföUige äRifc^ung beS ^t^abet^ au(^ poettfdjt 
SSerjc ober burc^ baä jufäöigc 3«fttnintentreffen ber Sttomc funftreidic 
Bautoerfe entfielen tonnen, wenn btefe bilbung^reic^e unb fc^öne S93e(t 
burc^ äufäßigc SSetbinbung öon Körpern o^nc einen göttlid^en SSerponlv 

entftanben ift? Unb audf ^ant, ber bie ©iltigfeit oUer biefer 33enjetfe 
in abrebc ftcfltc, gefielt ju: „2)iefer S3enjetg ift ber ättcfte, flarftt 
unb ber gemeinen SRcnfc^cnoernunft am meiften ongemeffene. @r be=» 
lebt bog Stubium ber SRotur, roeil et felbft im ®cnfen ba§ S)ofeiii 
ijat unb boburd^ immer neue ftroft befommt. ©r bringt SBefen unb- 
2lbfi(^ten bo^in, wo fie unfete Beobachtung nid^t oon felbft entbecft 
^ättc unb etweitett unfete 9?otutfenntniffe butd^ ben Zeitnahen einer 
befonberen ©inl^eit, beren ^ßrin^ip au^er ber Siatur ift. ®iefe Äennt« 
niffe weifen aber wiebet auf il^tc Urfoc^e, nämli^ bie öetantoffenbe 
3bee, jurüd unb ocrmc^ren ben ®Iaubcn an einen pc^ften Urheber 
bi§ JU einet unwibetftcl^Iici^en Ueberjeugung." SBgl. Sta^niS a. o. D- 
©. 164 f. 

14. I^ierS fü^rt in f. Histoire du Ck)n8ulat et de l'Empire tom. HI 
p. 220 folgenbe ^^leugerung te§ „®eneral Bonaparte" gegen ben ®e« 
lehrten SKonge, ben er Diel in feiner ©efetlfc^aft l^attc, an: „^öreit 
©ic, meine SReltgion ift fe^r einfod^. 3cl^ bittfc ^in auf biefe§ Uni« 
»erfum, fo weit unb gro& au8 fo oielen Steilen äufammengefe^t, fcr 
Prac^tboQ! unb ic^ fage mit, bog ei nic^t baä StgebniB eineS 3"f'^Q^ 
■ein fann, fonbern baS SSJerf irgenb eineS unbefannten SSefenS, ba^ 



"286 Slnmerfungen jum britten SSortrag. 

aUmaäjiiQ ift unb ben SJicnfd^en in bemfelben ®robe übertrifft toie haS 
Uniüerfum unfere fd^önften Sunftwcrfe. ©c^en Sie ju, 3Jionge, nehmen 
Sie S^re greunbe, bie SÄat^ematifer unb 5pt)iIof op^en , ju §ütfe, ob 
^ie roo^t einen triftigeren unb cntfc^eibenbercn Orunb finben fönnen! 
iBa$ Sie anii onftellen mögen i^n ju befompfen, Sie »erben i^n nic^t 
■enthaften." fRicoIog I, 75. 

15. SSgT. ^ertl), Sint^ropologifc^e SSorträgc 1863 @. 39: „Wanc^e 
^oben öon 3been gefproc^en, nietete fic^ im Saufe ber 3fiten änbern 
unb mit i^nen bie Organismen, bie beren SSertoirfltc^iing Hnb: — 
<iber Sbeen fe^en ein fol^e erjeugenbeg ^riuäip üorauä. Einige, Welche 
fein fc^offenbeS ^ßrinjip annehmen, laffen ben ßoSmoS felbft ba§ S3er» 
nünftige fein; ein Sebenbige§ unb SSernünftigeS unb babei 93e»iiu§t« 
Cofei!" Eousseau Emile 1. IV. t. IT. p. 36: II ne depend pas de moi 
■de croire qua la matiere passive et morte a pu produire des etres 
vivaas et sentans, qu'une fatalite aveugle a pu produire des etres in- 
telligents, que ce qui ne pense point a pu produire des etres qui pen- 
sent. — Je crois donc que le monde est gouverne par une volonte 
puissante et sage; je le vois, ou plutot je le sens at cela m'importe 
ii savoir. 

16. ?!Kaiftre, SIbenbft. ö. St. Petersburg I, 116 iei ^ettinger 
@. 127 3tnmerf. 

17. 1782 f(^rieb ^o^. ö. SJiütler mitten ou§ feinen großen ^iftori» 
j^en ©tubten üon Äoffet avLä an feinen greunb ÄatI ÜBonnet, tion bem 

i^n bis bo^in bie SSerfc^ieben^eit ber (DloubenSanftc^ten nocft getrennt 
^atte: „@te lieben mic^, mein tlieurer, oere^rtet greunb; »erben Sie 

mic^ aber nic^t no^ me'^r lieben, lucnn ic^ 3^ncn ä^nli^er fein ttJcrbe, 
menn ©ie erfai^ren, bofe un§ fortan nichts mcl^r fc^eiben ftirb? (Seit 
idi in f affel bin, (aS id^ bie ^Iten, o^ne and) nur @tnen auszunehmen, 
nac^ ber 3eitorbnung in »etiler fie lebten; unb fobolb mir irgcnb eine 
bemerfenSmert^e ^atfac^e aufftie|, machte ic^ mir ^luSjüge. ^ä) meig 
nic^t, worum eS mir öor jWei SÄonaten in ben Sinn fam, einige 
tölirfe in baS 9Zeue S'eftament ju t^un, e^e meine Stubien ju ber 3cit 
üorgef^ritten ttjoren, in meldier e§ gefc^rieben marb. 9Bie fott td^ 
^^nen aufbrürfen, mo§ ic^ borin fanb! ^d) ffatte tS feit üielen Sauren 

uW mefir gelcfen, unb e:^e id) eS jur §anb no^m, ttjor id^ gegen bog« 

l'elbe eingenommen. S)oä Sid^t, melc^e^ 5ßaulu§ ouf ber 9?eife gen 

3)amo£fu§ blenbcte, toar für i^n nic^t tounbcrbarcr, nic^t überraft^enber, 

at§ für mit^ ba i^ pld^Ii^ entbetfte: bie ^SrfüQung aller Hoffnungen, 

W l^öc^ftc SSoHfornmenl^ett ber ^P^tlofop^ie, bie (SrKörung aUet 9tct)o- 

lutioncn, ben ©d^Iüffel f,n ollcn fc^etnboren SBiberfprücben ber p^^fi- 
jc^en unb moralif^cn SBelt, taS Seben unb W Unfterblic^feit. 3^^ 
crbtirfte bog SBunberborfte bnvdi bie fleinftcn «Diittel ooflfü^rt. 3d^ 



2lnmerfungen äum brtttett SSortrog. 287 

•€rfaiinte bte Sejie^ungeit ofler Stetiolutionett 9lfien§ unb ©urojjaä auf 
tai elcnbe SJoIf, Bei loelc^em bie SSer^eißungen ntebergetegt looren, »ie 
toenn mon »ic^tige ^optcce Semonbent onoertraut, ber ftc Weber lefen 
nod& öerfätfd^en fonn. ^c^ fa^ bie JReligiott in betn für i^re @tfd^ctnung 
günfttgfteit Slugenbltcf ju Joge treten, unb in ber SBeife ttelcöe hk ge» 
eigenftc für i^re 9lnna^me wor. . . . S)te gange SBelt fd^ien baju nur 
geotbnet, bie ^Religion be§ ©rlöfer^ ju begünftigen, unb ttenn bicfe 
3?eIigion niäft bie eineä ®otte8 ift, fo öerfte^e ic^ nidötg mel^r. ^d) 
fiahe fein SBu^ barüber getefen; btä^cr ober fe^tte mir bei meinen 
«Stubien ber früheren Reiten immer (StmaS, unb erft feit i(^ unfern 
§errn fenne, ift SllleS flar üor meinen ?lugen, mit i^m giebt eg 9Jic^t§ 
iDa§ ic6 nic^t ju löfen bermöc^te." SS2B. 15, 315 ff. 9Iu(^ bei «Robiöe 
(5, 156 f. Sluguftin nennt bie ©efd^id^te ein ©ebic^t beg göttlichen SSer» 
ftanbeö, De civ. XI, 18: Dens ordinem seculorum tanquam pulcher- 
rimum Carmen honestavit. 

18. 9?gr. iaS 9?äf)erc hierüber bei ffaönt§ a.a.D. ©. 153 ff. 3um 
SSor^erge^enben ögl. auc^ '^IkoiaS I, 81 ff. 

19. Cic. De legg. II, 4, unb ba^ fi^öne grogment au§ Cic. de re- 
publ. I, 3 bei Lactant. Div. instit. VI, 2. 2;ie Sit. biefeS aSettJeifeä 5. 33. 
bei ^al^n Se^rb. be§ c^riftf. ®Iauben§ I, 228. 

ÄO. go j. 33. Oftmars ©trau6, ©laubenSIe^re I, 393. Seben 
iKärflin'g ©. 155 u. ö. 

21. Pasc. Pens. If, 314. 315 (219. 245). 

22. ^nt näheren 93cle^rung hierüber ücrltjcifc td^ BcfonbcrS auf 
tie trcfffictie «Sd^rift oon SSet§enborn, SSorlelungen über ^ant:^et§mu§ 

unb J^eigmug, SKarburg 1859. ^n feiner 91B^. über baä SJer^ättnife 

Ooet^e'ä ju ©ptnoja (^tfc^r. für lut^. S^eol.- 1866, 1) t)at ^e^bev 
barauf aufmerffam gemodöt, tü^ ber ^ont^ei§mu8 in jlDei grofec 
^auptformen fic^ tl^eile, in ben ortcntalifd&en unb occibentalif^en. 
3ener lägt bie SBelt in (Sott untergeben, biefer ®ott in ber Sßelt. 
Senem ift ®ott bie 9iii]^e, biefem Scroegung; bort ift ®ott iia$ «Sein, 
l^ier ift ®ott SSerben, ^rojeg. Xe^ftath mirb jener ber mirtlici^en SSett 
ni^t gerecht unb mä^tig im ©ebanfen, toS^rcnb biefer im ®runbc 
fein Slbfoluteä gewinnt; bcnn jener fennt fein SBerben, biefer fein 

Sein, im $roje& be§ @nbli(^cn lütrb ®ott ftetS ol^ne je hjal^rl^oft 

toirfttc^ gu fein. 

28. Sacobi, lieber bie Se^re beö ©pinojo, in ^Briefen an $errn 

5!Rofeg SRenbelSfo^n. 95re§fau 1785. 3öogegen SßenbetSfo'ön: 9Kofe§ 

^cnbelSfol^n an bie grc"nbe ßeffing'^. ©in Slnl^ong ju $errn ^acobi'? 

«riefttjec^fel über bie Se^rc be« Spinojo. 58erUn 1786. ^aäi ©nget'^ 
SJerfic^erung ^at bie SSeröffcntlic^ung jener ©riefe ben nä^ften Stnlag 
Äu 9KenbeI§fo^n'3 Sob gegeben — fo fe^r ging e§ biefem gu ^ergen. 



■-^■a^_ 



288 Slnmerfungen jum britten SSottrog. 

boB fein greunb 2ef[tng i^^nx ein jott^eä ®e]^eimni§ »oic feinen pan»^ 
t^eiftif(^en ©lauben öorent^^ielt, ttJä^renb ec cä 3flcobt in jenem ®e» 
Ipräd^e in SBoIfenbüttel jofort offenbarte. „%odi ^ert 9W. ttöre öieUei(^t 
ol^ne bie S3riefe geftorben", meint 6Iaubiu§. Sergl. übertiau^Jt SRatt^.^ 
eioubtuS SBerf m. V. ©. 102-120. 

24. ©inen ^joetif^en Solmetft^er ^atSpinoia befonberS anSert^oIb 
Sluerbad^ gefunben, j. S. in feinem 9?omon ?luf ber §ö^e. ©Delling 
ober l^ot in einem intereffonten Oebic^t (auS hem ^a^xt 1800) eine 
^joetif^c ©orfteüung feiner pant^etftif^en ©pefulation gegeben (©ärnmt» 
li^e SS2B. 3lbt^. 1. 93b. 4. (5. 546 ff.), ©titele geilen baroug mögen 
:^ier folgen: 

®ie ^aft woburd^ SWetaHe fproffen, 

Säume im grü^Iing aufgeft^offen, 

iSuc^t tuol)! an aKen Stfen unb Suben 

Sidö an'ä £i(^t ^eraugäuioenben. 

Sägt fic^ bie SDWiöe jtie^t »erbriefeen, 

Z^ut jetit in bie ^ö^e fc^iegen, 

©ein' ©lieber unb Orgon' oerlängern, 

Se^t roieber fürjen unb eetengern, 

Unb Ijofft burc^ Stehen unb burc^ asinben 

®ie rechte gorm unb ®eftalt ju finben. 

Unb fämpfenb fo mit gü6' unb ^änb' 

®egen toibrig ©lement 

2emt er im fileinen SRoum getninnen, 

ffiarin er juerft fommt jum Sefinnen. 

3n einen ^mergen eingef(^IofTen, 

aSon jc^önet ®eftalt unb graben ©proffen 

(Reifet in ber Sprache HRenfc^enfinb) 

®er SRieiengeift ficfi felber ftnb't. 

SSom eifernen Sc^tof, oom langen Jraum 

ertead^t, ftd^ felber erf ennet' faum, 

Ueber ftd) felbft gar fe^r berwunbert ift, 

5DHt großen Singen ftc^ grüßt unb mißt. 

fiönnf olfo ju ftc^ felber fagen: 

„3i^ 6in ber ®ott ben fte im 93ufen fjegt, 

2)er ®eift ber fi(^ in Stllem bewegt; 

aSom erficn Singen bunfler firäfte 

Siä äum ©rguö ber erften Sebenäfäfte, 

SBo ßraft in ftraft unb Stoff in Stoff bctquiDt, 

S)ie erfte SBIüt^', bie erfte ftnogpe jt^WiDt, 

Sum erften Strahl oon neugebomem Stt^t, 

3)a§ burtl^ bie 3?at^t tote ätoette Schöpfung bricht, 

Unb aus ben toufenb 9(ugen ber 3BeIt 

Xen ^immel fo Sag toie 3lad)t erbeut, 

Sft eine firaft, ein SBec^felfpiel unb SBeben, 

ein Srieb unb Trang nat^ immer ftö^erm Seben." 

HS. BqI griebr. ©c^Iegel, Ueber bie ©prod^c unb SBciS^cit 
ber 3nbier 1808 ®. 127. 97. 98. 114; Sacobi, SSon ben göttlit^cn 



Stnmerfungen gum brttten SSortrog. 28i) 

5)tngen S. 154 f. 9?aötüe, ®er ^immf. SSater S. 217. „S)ie SBer* 
götterung be§ 9Äenfc^engeifte§ ift bie SJed^tfertigung aller jetner 
J^aten unb jie^t ol§ unmittelbare golge bie SSernid^tung aUcr ©ittlid)* 
feit nad) fic^". 

26. SSgl. ba§ poetijc^e SöefenntniB ber §offnung§Iofigfeit be§ $on* 
t^ei^mul in fHüdexVi fc^önem ©ebic^t: ^ie fterbenbe iBIume. 'S)ie 
ijorberung perfönlic^er gfortbauer nennt ber ^antl^ei^muS ben an* 
fpru(^§t)oöen SgoiSmuS be§ Snbiöibuumg, 5. 95. Strauß, Seben 
SRärflin'ig ©, 156. 9tücfert ^at aber jeneä ©ebi^t fpäter miBBüIigt. 
»gl. Mq. 3tg. 1873 9h. 47 »ciloge. „^rbr. 9?ücfert, Erinnerungen 
eineö jüngeren grcunbeS" S. 711. „®a§ mar ein fei^r böfeS ©ebicfit, 
rief er mit einem fc^merjlic^en Sone, aB mi^biOige unb beffage er bie 
bort oulgefprod^ene ^joetif cft » ent^ufiaftifd^e ©rgebung in bo§ <Sdiiä\a{ 
einer nur gottunggmäBigen, nidöt pcrfönlidöen gortbauer." 

a7. ißgl. tDa§ Sta^I I)icrüber fagt in f. ^^unbomenten einer d^rift* 
liefen ^^iiofop^ie @. 24 ff. 

28. Sgl. hierüber ©ta^I a. 0. D. S. 14 ff. — lieber bie Un* 
möglic^feit ha§ 93en)u§te au§ bem SSewu^tlofen ^eroorge^^en ju laffen 
tjgl. j. 83. oud^ Eousseau Emile IV t, II p. 26: H ne depend pas de 
moi de croire — que ce qui ne pense point a pu produire des etres 
qoi pensent. 

29. Pascal, Pensees 11,198 (287). U,171 (292). 9? ico lag I, 147 f. 
fü^rt folgenbe Stelle au3 ber Lelia «on George Sand an, bie »o!^! 
au^ eigener ©rfa^rung fagen fonnte, ob menfd^tic^e Siebe un§ bie 33e* 
friebigung gibt bie tt)ir fuc^cn: „®er ^immet t^ut unö ^otf), unb ben 
^aben wir nic^t. S)arum fuc^en roit ben ^immel in einem ©efd^öpfe 
ba§ ung ä^nlic^ ift, unb bergeuben für baffelbe alle ^o\)e ^aft bie 
\in§ ju eblerem dJebrauc^e »erliefen »ar. 2öir ocrtDeigcrn @ott ha§ 
©effl^I ber ^Jlnbetung, ein ©efü^I \}ai nur barum in un§ gelegt morben 
um unö ju ©Ott tuieber l^insufül^ren; roir übertrogen eS ouf ein un» 
öoüfommenei unb ft^roac^eS 5Sefen, roeld^ei nun ber ©egenftanb unferer 
3lbgötterei inirb" u. f. ro. 

30. Subnig greuerbad) ^at 18 (Seiten lang ben Xob befungett 
„iReimöcrfc auf ben %oh" 1830. SBSB. HI, 91-108. 

68 jie^t mid) fort Bon biefem 2tben, Der Sob ift nit^t ein leerer ©pog. 
X06 ii) bem 9W(^t# mt(^ t^u' ergeben. _ _ _ 

Xie olte gfobel lehret iroar: 2)'rum liebeS ^äj, abe! obel 

3«^ tdme }u ber lihigelf(^aar ; Sluf emig ^in 1 toelg 1 toe^ 1 

a)o(% bog ift SBo^n ber a:5eoIo8en, D liebe ©eel' jammre ni^t, 

Xie un8 Bon je^er angelogen. SBenngleidl bo§ ^d) jnfontmenBrid^t. 
Wein leibigeä Serfelbefetn _ _ _ 

'Sias mobert in bem SDabtenft^rein : 6« jie^t mid^ in baä Sßi^tä l^inunter 

di enbet bie 3benttto8, 2ng neuen 2eben8 geuei^unber: 
Sut^orbt, Vorträge I. 11. 9lufl. 19 



290 3Inmerfungcn gum britten unb tiierten SSortrag. 

— — — 2tul uufrer falten Sobtengruft. 

Qu. endj, i^t ließen Äinbclein, — — — 

Sie i^t ftott unfrer tretet ein, 3clö mu6 in TOd^tl ju ©runbe ge^'n, 

Unb at^mct eure 2e6en§ruft Soll neue? ^ä) au§ mir entfle^'n u. f. w. 

3)tefett fReimberfen ge^t eine SRet^c oon 2lB'^anbIungen über ben 3!ob 
toran S. 1 ff., in benen ber lob öer^errltdit Juirb, 5. 95. @. 20: „3)et 
^ettlii^e finnltc^e Zob fefet aU feinen ®runb einen unjcitlic^en, über« 
finnli^en %ob öorau^. ®iefer ewige, überfmnlic^e ^^ob ift — ®ott." 

^Anmerkungen ^um vierten ))artra9. 

1. 9Sgt. ß. t). «Raum er, treujjüge 1. 1840. @. 110. Stur^, 93ibcl 
unb Slftronomic 4. 2lufl. 1858. S. 21 3lnnt. 

2, ^tefetbe ©runbanfc^auung ift au§gefproi^en in D. S. @rb> 
mann'B (in Sieipjig) SSortrog über bo§ Sier^ältni^ ber naturroiffen- 
fc^aftlic^en f^oi^ftöung jum religiöfen ©louben, im amtlichen 93erii^t 
über bte 34. SSerfammlung beutfd^er S'iaturförfc^er unb Slerste in Äarl§» 
ru^e im Sept. 1858, tarier. 1859, (S. 19 ff. Sic^c befonbcrS ©. 20: 
„@ine ©renjc fann unb borf bie SJaturtoiffenfc^aft i^rem SBcfen nac§ 
nici^t überf^reiten — id) meine bie ©renjc, über ttjel(^e ^inau^ feine 
finnlic^e ©rfa^rung unb fein auf finnlid^e ©rfa^rung gcgrünbeter 
Sc^ruB möglich ift." §luc^ ©. 22: „5)ie SBiffenfc^aft ^at feine anttoort 
auf bie oor:^in gefteüten (fragen (über ben Urfprung ber Sflaterie 
u. f. hJ,); fie berühren eine ®renje, roeld^c menf(^Iic^e f5rotfd^ung nimmer 
ü6erf(^reiten ttiirb. §ier enbet bie SSiffenfc^aft, ^icr beginnt bie 9te« 
ligion, fie aflein ^at eine Slntroort auf jene fragen, inbem fie un^ ben 
©tauben le^rt an ®ott ben allmächtigen ©c^öpfer§ $immcI3 
unb ber ©rben." — SSgt. aud^ 9t. ö. §umboIbt: „®ie Äolmogenie 
fe^t bie ©jiftenj aller jc|t im SBeltaH jerftreuten SJJoteric üorau§ unb 
befc^äftigt ficö nur mit ben monnigfattigen 3"ftä«^c"/ meiere biefe 
SKaterte burc^Iaufen ift, hiä fie i^re bermalige govnt unb Sölifc^ung 
cr:^alten l^at. 3Bag aufeer biefem Greife liegt, gehört jU ben 9ln= 
mafeungen ber p^ilofop^irenben SSernunft", in bem 9luffo^e: 3;ie Snt« 
binbung be§ SBärmeftoff^ u. f. to. in SKoflä Sa^rbb. ber SSerg- unb 
^üttenfunbe 3. S8b. S. 6. ©elbft SSiri^oro befennt (Slrc^io für patbof. 
^Inatomie 1855, 16. §eft, bei gabri 33riefe gegen ben 2Ratertali§mu#. 
2. Stuft. 1864 S. 61): „^d) ^ahe au§brücCtic^ erftärt, bog bie SZotur- 
forfd^ung nic^t im ©tanbc fei ba^ 3tat^fel ber ©^öpfung ju löfen." 
Qn einem oor ber 9?aturforfc^eröerfammtung ju Stettin 1863 ge» 
{)altcnen SBortragc über ben üermeintlid^en SÄaterialiSmuä ber heutigen 
Stoturforfc^ung ujieber^^ott ber berühmte ^at^olog biefel ®eftanbni6 
mit ber ^injufügung ba^ bie ®enefi§ beS 93erouBtfein§ befeelter Sebe« 
rcefen eine ni(^t in geringerem ®robe über oIIe§ naturwiffenfc^aftlic^c 



Slnmctfungcn sunt öterten SSortrog. 291 

Gvfennen unb begreifen l^inoulgel^enbe S^^atfad^e fei (ögt. bie Stelle 
tei 3- §u&er, ^nr Ärittf moberner ©c^öpfungStel^ren, SRünd^en 1875, 
<5. 17). SBefentltc^ bie namüi^tn ©renäfteine: hai SBefcn be§ SItom? 
■al§ be§ ®riinbbegriff§ aller materiellen ©Etftenä einerfeit§ unb bie 
XUenefi^ beg SSettJu^tfeing anbrerfeitg, fe^t ®uboig»9ie9monb bem 
IBereic^e beg mit naturtoiffenft^oftl. SKitteln ©rfennboren in feinem 
berühmten, öor ber SJaturforft^erberfammlung ju Seipjig 1872 ge» 
^altenen Sortroge: „Ueber bie ©renjen bcS 9Jaturer!ennen§" (neuefte 
IHufl. 1S82). 3^m ftimmt ju ber |»iftoriIer be§ aJtoterialigmug 
%. 81. Songe (®ef(^. be8 3Kot., 2. Stufl. 1873, I, %. 15; II, S. 148 ff.); 
beSgleic^en ^reljct (lieber bie ©rforfcftung be8 Sebeng, 1873, ©. 36. 
40 ff.), Ä. ®. ö. 83ocr (©tubien ou§ bem ©ebiete ber S'Joturnjiffen» 
f(^aften, 2. ^olfte, 6t. «BeterSburg 1876, ©.218 ff.) unb no(^ äo^treic^c 
onberc ongefel^enc ^P^^pologen tt)ie Subhjig, SSicrorbt, %id, 
^onberg :c. (Ogl. SBiganb, 3)er ^arttJini§mu§ unb bie SRatur» 
forfc^ung ©uöier'g u. «Rettiton'8, S^I. 11 1876, ©. 153; Utrtci, S!er 
^iljilofop^ ©trauB, 1873, ©.31; ®. grei^err ö. §ertling, Ueber bie 
Orenjen ber mec^anifc^en 9?aturer!Iärung, S9onn 1875, @. 18 ff. 75 ff. ; 
Rödler, 2)ic ©renjen beS IRaturerfcnnenS im SBem. beg ®l 1882, 
©. 166). 

3. SSgl. Söuttfe, lieber bie ffoSmogoniecn ber l^eibnifc^en SSöIferöor 
ber 3cit 3efu unb ber SIpoftel. 1850; §. 2üf en, ®ic ©tiftunggurf unbc ' 
beg SRenfc^ngcfd^Ied^tg, greiburg 1876. 

4. S8gl. gab ri Briefe u. f. tu. @. 224, ttjo ouij^ eine entfjjrec^enbe 
^leufeerung '&. ö. ^umbolbt'g ongefü^rt ift. 

5. SSgl. |)ettinger ©. 164 u. gabri ©, 66. 9ln bie trefflid^en ©r- 
örterungen biefer beiben ©d^riften (bef. §ett. 178-^185. gobri ©. 82 
—86) fc^IieBt fi(^ bie folgenbe ßrittf beg SDiaterioIigm. mel^rfoc^ on. 
tBgl. aufeerbem bie l^iel^er gehörigen ©c^riften ton 3- 9Jub. ©trol^ecfer 
{S;ie freie SZaturbetrad^tung gegcnübergeftellt ber moterioIiftif(^en Seigre 
t)on€toff unb Äraft, 9luggb. 1869), 2Jl. 6. 91. SiJaumonn (®ie 9Zotur« 
tuiffenf^often unb ber 3JloteriaIigmug, SSonn 1869), S. SSetg (9lnti= 
SJiaterioIigmug; Vorträge aug bem ®ebiete ber ^l^ilofopl^ic mit |)oupt« 
rücffic^t auf bcren SSeröc^ter, S5eri. 1870. 71, 2 a3be.), «ornarb (®ie 
neueren gfortft^ritte ber 9Jaturtuiffcnf(^aften [Siebe öor ber amerifan. 
^aturforfc^ertierf. ju E^icago], a. b. ©ngl. öon Jflöbcn, 1869, ©. 50 ff.), 
SJi'gog^ (Christianity and Positivism, New -York 1871, p. 32. 206, 
213 88.); aüä) ©uijot; Meditation8 sar l'etat actuel de la Eeligion 
ehret., Par. 1866, p. 313 88., too bog SBillfürlic^c unb Siic^tige ber 
^Jj^)ot:^efcn, mit welchen ber SJiaterialigmug operirt, befonberg treffenb 
£ejeigt ift. 

6. ^on t, SÄetop^^f. Stnfangggrünbe ber 9Zoturnjiffenf(^aft 3.§auptft. 

19* 



292 9tnmerfungen jum öterten SSortrog. 

3. Se^rfa^. SBerfe 93b. 5, ©. 407. 9lufeerbem ügl. ©rbmann a. o. O. 
<B. 21: „3Bag i^at bie (angeblich) oon ©roigfett befte!^enbe 3Jlatetie jucrft 

in bie 93eft)egung gefegt, bereit golge bie heutige ®cftaltung mx?'* 

„SBte erwachte auf bet ©rbe bai Seben bet S^ter« unb ^flanäentoelt 
— äule^t ba§ aßenjc^eiileben?" — f^abrt ®. 84 u. ^eüinger 3. 175 
fül^ren ou§ SStr^ohj ®ef. 3lb:^. 1855 bie Stcüc an: „So wenig eine 
Sanonenfugel fi^ burc^ bie ßräfte, bie i^r innewohnen, bewegt, uni> 
ebenfotoenig bie Äraft, mit ber fie anbete Körper trifft, eine einfodjc 
Siefultante ber ©igenfc^aften t^rer ©ubftanj ift, fo wenig finb oud^ bie 
Sebengerfd)einungen gonj unb gQ*aug ben ©igenfc^aften ber bie ein- 
jelnen Steife äu)ammenfe^enben Subftanj ju erflären." Bremer 
gorneliul, lieber bie SBitbung ber 2Äaterie 1856 S. VIII. 16. 18. 
19: „SBie e§ äuge:^e, ba^ ein 9ltom burd) ben feeren JRount auf ein 
onbereä Wirfe, ift f^Ied)tf)in unbegreiflich." — Qnx Äritif ber Atomen» 
Ie:^re be§ mobernen 3)ioterioliamu§ bgl. überhaupt 3. §. ^iä)te in 
b. Qt^djv. für 5?^irofol)^ie 1854, 24. g3b., ©.24 f.; ouc^ (Sbrarb, 
^Ipologetif 2^1.1, 1874, S. 102 ff. ß. Safewife, Sltomiflif u. Äriti- 
ci§mu§. S3raunfcf|Weig 1878; fRob. Sriint, Antitheistic Theories, 
Edinburgh 1878). 

7. Q. 93. Sjolbe bei gobri S. 89. 

8. ©pinoja, @t^if, 4. Sßnäj, SSorr. SB 93eiipiel anä ber mobernen 
Sioturwiffenfc^aft ügl. S(§leiben'ö ^^jolemif bei gabrt ©. 134 f., ober 
93ü^ner, SRatur unb ©eift 1875 @. 267 ff.: „®cr fcftäblicfie unb ju 
jfll^llofen ^rrt^ümern unb folf^en ^infc^auungen fü!^renbe ^toed' 
raSfeigfeit^begriff." „Sie auggejeic^netften gorfc^er in ben oerfc^ie* 
benften 93ranc^en ber 9?aturwiffenf^often ^aben in ben legten S^^i^cn 
fic^ mit groger Energie unb Sinftimmigfett gegen bie Snwenbung bei 
p^ilofop^ifc^en a3egriff§ ber Qtoedmä^iQUit — erflärt" u. f. w. Unter 
ben neueften ndtunj^ilofop^ifc^en ©egnern ber 2lnna:^me Oon Qtoeden 
in ber Statur finb @. ^ädel (S'iatürl. Sd/öpfungägefc^it^te, ©. 9. 55. 
443 u. ö., ouc^ Stnt^ropogenie 6. 17. 535. 691 u. ö.) unb g. 21. Sarige, 
®ef(^. be§ 90?oterialigmu§ 2. 9Iuf[. 11. ©. 245 ff. 273 ff.) al§ befonberS 
einflußreich ^eröorju^eben. — @5 ift boö SSerbienft Srcnbclenburg'5, 
in feinen Sogifc^en Unterfu(^ungen 2. Slufl. 2 %i)eHe 1862 ben Stoed» 
begriff in feiner SJot^roenbigleit nodigetoiefen unb wieber ju (S^ren ge- 
bracht 3u ^aben. SSgL ben 9lbfc^nttt: ber Qmed %1). 2 @. 1 ff. S)ie 
folgenben 9lu§fü^rungen im Sejtc berufen hierauf unb finb t^eilweife 
wörtlich bicfen pl^üofopl^if^en grörterungen entnommen, ^d) fonn 
biefelbe benen bie fi^ genauer barübcr, unterrichten wollen nic^t 
bringenb genug empfehlen, ^df ^ebe ^ier noc^ einige ©teilen avL§, 
©.3: „©0 wirb bQ§ Sluge im Sunfel be§ 9)iutterleibe§ äubercttct, 
bomit e^ geboren bem Sichte geöffnet werbe. SaS Sluge bilbet fic^ in 



2lnmerTungcn j^um öierten SSortrog. 293 

t)er ücrfd^Ioffencn SBetfftott bcr Statur, aber bennod^ entf^iric^t el bent 
Std^tc, bQ§ in unenblt^er Sntfernung oon betreiben entfprtngt u. f. tn." 

@. 4: „^a§ Sic^t ^at ha^ ?liige ntc^t gemocht npc^ erregt, unb ho^ 

fefjnt fic^ nadf t^m btc fc^Iummernbe Äroft beS Itd^tl^ellen ^ZerOcn". 
„?inent:^al&en erfc^eint in ben entfpred^enben ©egenfö^en ber äußeren 
unb ber inneren S^ätigfett eine Ueberetnj'timmung." „®er ^toed xt' 
giert bog ®anje unb bewacht bte Sluäfü^rung ber Sl^eile." ©. 5: 
,,5Bic [id^ in bem SBerficuge be§ • ©efid^te^ ber ^ttjecf offenbart, fo 
irieberl^Dlt er ft(^ auf ä^nlic^e Söeife in ben empfänglid^en Organen 
ber übrigen Sinne." @r erinnert bann @. 8 ff. baran, mic ©uoier bie 
©tn^eit beö t^ierifc^en Organismus in ber gtt'crfbejiel^ung ber einjelnen 
%\)i\\t. beffelben auf einanber noi^genjiefen 'i^oibt. ®e^en tütr §um 
SRenfc^en über, „fo ftimmt ouc^ l^ter bo§ 9?iebrtge ju bem ^öi^ften". 

5. 11. S. 12: „gfn bem 9Ziebern liegt ein SSorblid auf "üa.^ §ö^ere 
unb ba§ Oonjc ift omA Sinem ©ebonfen entworfen. SSoS fid^ in fid^ 
^u ooHenben fc^eint, wie felbftönbig in fic^ gef^foffen, bient roiebcr.atS 
®Iieb einem umfoffenberen, bebeutfameren üeben." ©. 24 f.: „(Sine 
bcmugtlofe ^wetJmäfeigfeit ift äwor baS fjaftum ber bitbenben 
9?atur, aber nic^t me^r alS ein ^oXiViXa. SBenn mau in bem ffiorte 
f(^on ba§ SRät^fel glaubt gelöft ju l^aben, fo ^oX man e§ üiefme^r nur 
gefc^ärft, benn mie fann bie tieffinnige 3tt'ecfmä6igfeit bewustlos unb 
blinb gebac^t werben?" ©. 27: S)iefe „pröftabilirte Harmonie fc^eint 
ouf eine bie ©Heber umfaffenbe SKac^t ^in ju weifen, in weld^er ber 
®ebonfe "üOii % unb O ift". 3(ef)nli(^ fpric^t fic^ Sieb ig für bie §err» 
fd^oft ber Sbee unb be§ ^xotdti im JReic^e ber organtf^en SBilbungen 
fluS, in f. e^emift^en »riefen 5. SluSg. 1861, 23. 58rief ©. 202 f., wo 
«r überl^aupt bte materialiftifd^en 9Inft(^ten begeic^net alS „bie 9Ulei=' 
nungen Oon Dilettanten, welche üon i^ren Spaziergängen on ben 
©reiijen ber ©cbietc ber 9?oturforfd^ung bie ^Berechtigung herleiten, 
bem unwiffenben unb leichtgläubigen ißublifum auleinanber ju fe^en, 
ItJtc bie SKelt unb ba§ Seben eigentlid^ entftanben fei" u. f. w. SJgl. 
au(^ fjet^ner, 3)ic brei SOlotioe u. f. w. ©.117 f.: „^d^ Ia§ einmal, 
bog bie Sarte be§ ^irfc^^ornfäfermännc^enS fid^ bei ifirer SSer:|)u|jpung 
«in größeres ©el^äufe baue, atS ftc jur SluSfüHung mit i^rem ju» 
fammengefrümmten Setbe braut^e, bamit bie bereinft ftc^ entwicfelnben 
^örner auc^ noc^ $[a$ ^aben. SS3aS weiß bie Saroe Oon i^ren fünftigen 
Römern? u. f. w." ©tu|, bie Sbatfoc^en beS ®IaubenS (8ürit^ 1865), 

6. 66: „%tx tiefer blidfcnbe SBeobac^ter fann nic^t um^in für ben 
flrögtmöglic^en Qlrrt^um eS ju erfffiren, auf bem ®ebiete beS orgoni= 
fc^en ScbenS baS SBoItcn einer bewußten 9lbfi(^t unb bie SBirffamfeit 
eines nac6 ßwcdfen ^anbelnben SSefenS ju ocrfennen." (5S ift bebeut« 
jam, baß fogor ein SJarwinift wie ^ujle^ tizva fanatifd^en 8lnti* 



294 2tnmerfungen jum otcrten SSortrog. 

MeoIogtSmuä ntand^et jeinec naturp^Uojop:^if(^en ©(oubenSgenoffcn;. 
3. 93. ^üdeVä, 5U Ounften ber 'annähme einer getniffen ^we^imäfeig^"* 
ber orgonift^en 9?Qtur entgegentreten ju muffen gemeint ^at (in bem 
effa^: The Genealogy of Animals, Ogl. SB. Sodtfon, The Philosophy 
of Natural Theology, 2onb. 1874, p. 509 ss.). ©0 ruft aui^ 3. ©tuart 
SJii II, ber befannte fenfuoliftifd^e $^iIofop^, in feinen no(^geIaffenen 
brei effa^§ „Heber D^eligion", Sonb. 1874 (Ess. III: On Theism.) ben 
jtoedleugnenben Süngern ber mobcrnen unfehlbaren SBiffenfc^aft ein 
fräftigeS ^alt! ju. <Bo teenig er bie übrigen SSeroeife für baä ®afein 
®otte§ gelten loffen toiQ, bem argum. teleol(^cam ober phyäcotheol. 
legt er audi ^eute no^ eine l^ol^e SBebeutung bei. 5)ag Se^en ber 
Spiere unb SJienfc^en 5. 33. fei öom bt)§' ober antiteleologtfi^en Stonb«^ 
^junfte ber 9?aturbetroc^tung aa.§ f(^fec^tf|tn uncrflärbar. „SSeim gegen» 
rcärtigen ©tonbe ber SBtffenfc^aft ift bie SBa^rf^einlic^feit für einen 
intelligenten Urbeber immer noc^ größer, aU bie für bie entgegengefe^te 
Stnfiiit." — 9lud^ (£b. b. ^artmann'S '•Jßf)Ho'\op^ie be§ Unbewußten 
ftatuirt bü§ SBalten einer ättJcctmäBig, aber unberoufet mirfenben Ur« 
fac^e ber SRotur, freilid^ o^ne ben inneren SBtberfprudb ju erfennen, 
ber in ber SSerbinbung be§ UnbeJüu|ten unb be§ groecfmäfeigen liegt. 
SSom Stanbpunfte einer befonneneren unb forrefteren naturpl^tlofop'^t» 
fd)en (Spelulation finb für ha§ gute iRec^t teleologifc^er SSetradjtungä» 
ttjeife neuerbtng§ eingetreten: bie $^tIofo|)^en 3- !>• 5t(^tc ((Sine 
t^eiftifd^e SSeltanfi^t, 1873, ®. 149 ff.), Ulrtci (35er ^fiilofop^ ©traufe, 
1873, S. 9.'34ff.), 30^. §uber (5)er olte unb ber neue ®Ioube :c, 
1873; fott)ic: gur Ätttif ntob. ©d^öpfunggle:^ren, ©. 10 ff.); bie 5tbc» 
logen SB. Sflcffow (a. a. £.), ^amei SKartineou (Eeligion as afFected 
by modern Materialism. , Sonb. 1874), 91. @brarb (2lpoIogetif I, 
©. 337 ff.), g. «Reiff (®ibt eg einen SBeltättjed? ^etlbronn 1881); 
bie S'ioturforfc^cr 21. D. SDiü^r^ (Ueber bit ejafte 9?aturpbiIofop^ie, 
2.21., ®ött. 1880), 21. SBiganb (5Jer ®arroiniömu§ 2C., I, 200 ff. 
332 ff. n, 325 ff. 365. 377 ff.), tJ. §anftcin (Ueber ben 3rDedbegriff 
in b. orgon. 9?atur, 5Bonn 1830) unb befonbcr§ Ä. @. 0. 93oer (Ueber 
3tuecfmä6ig!eit ober 3iclft«btgleit überboupt unb in ben organ. Statur« 
ttjefen inSbef onbere — ®ef ammelte Sieben u. 2luff öfee U, ©. 49 ff. 170 ff.)* 
S)ie 2luäfübrungen be§ Sefeteren gegenüber ber ie|t fo üiele 5iaturforfc^et 
bei^errfd^enben „S^eleop^obie" (b. I). ^toediä^eü), bie jnjar „biftorifc^ be» 
greiflid^", aber on fitfi auf feine SBeife ju rechtfertigen fei, Dcrbtenen 
befonbere SBeai^tung. ©0 @. 220: „©0 njenig mir bie geifligen Ope- 
rationen ou§ ben förperli^cn erflären fönnen, fo gett)i| ift ba* 

geifiigc Seben aU bog ^iel beS organifc^en ju betrachten"; ©.229: 
bie Harmonie ber Slatur — „töft ficb auf in gtelc unb in Statur« 
gefefee olä SJiittel jur ©rrei^ung biefer Qkk" .... Äurj : „bie ganse 



SlnmerTungen jum üierten SSortrog. 295 

9}otur JrirTt üernünftig; fie ift ber Slu&flufe einer 9?ernunft .... SlUe 
9?ot!^roenbigfeiten uitb 9?ötl^igungcn in üjv fül^ren ju S'flen unb alle 
^ielbeftrebungen (entele(^ien) »erben nur erreid^t burd^ SJotl^njenbig^ 
leiten unb JRöt^igungen" u. ?. f. 

9. Sd^Iciben, 2;o§ Sllter beg SKenf^engejrf)red)tl u. f. ». S)rci 
SSortrSge, 1863, ©. 28: „%ie filteren ßjperimente öon Stirenberg,. 
S(^tt)flnn, 8rf|ul^e u. 3191., in neuerer |^eit lüieber burt^ bic unt* 
foffenben Unterfuc^ungen ton $ofteur beflötigt, t^oBcn betoiefen, \>a^ 
eine f. g. generatio aequivoca, b. f). eine (Sntfte^ung ?pejifi|(^ beftimmter 
Äeimc o^ne SJiittotrfung gegebener Organismen au§ formlojem ©toffe 
in ber 9?atur nic^t öorfomnit. Wogegen I)at [ic^ ber alte ^orbe^'f^e (?) 
Sa^i: „9IDe§ Sebenbige enlftel^t ou§ einem @i" öoKTommen beWSfirt 
unb nur ncc^ |)t|^i*toIogii(^ beftimmter unb j^firfer bol^tn ou^lpred^en 
loffen, bofe oKel üebenbige, b. 1^. ^flonj^e unb 2:i)ier, awS einer ^^Ue 
entftel^t." 9le^nli(^ Siebig, (S^em. SSriefe o. a, C, §ujle^, Heber 
unferc Äenntni^ öon ben llrfac^en ber ©rjc^einungen ber orgonifc^en 
«Rotur (ged^g S5orIejungen k., fiberf. bon t. SSogt, 1865), (5.65; 
f). .^offmann, Itnterfud^ungen jur 93eftimmung be§ S!?ert!tei boti 
gpecieS unb SSorietät, 1869, ©.4; U. ©tu|, lieber bie ©(f)ö^3fung2= 
geld^id^te 1867, (&.15ff. S3i^ gegen 1870 galt ü'bn'i^aupt bei ber grölten 

^el^rgo!^! ber 9?aturforf(^er ber alte Streit jttJtfd^en ^eterpgeniften 

(SSertl^eibigern ber Urjeugungsle^re) iinb ^onfpermiften (Slnpngent 

bf§ ©o^e^: Omne vivum ex ovo) otS ju ®unflen ber Se^teren ent* 
fc^ieben, unb jluar Mefe l^ouptfS^li^ bur^ jene (Sjperimente ^o[teur% 
bur^ ttjelc^e, nad^ ^ujIe^'S SKuebrurf, „bie Urzeugung i^ren fd^Iie^= 
Iid)en ®nobenfto§ erl^olten :^at". Seitbem ift nun aüerbingS in ^olge 
ber fd^arffinnig ou§geba(^ten SSerfuc^e eine§ engtif(^en §eterogeniften, 
$. ßljorlton JBoftian (SSerf. ber ©c^riften: The Modes of Origin of 
lowest Organisms, 1871; The Beginnings of Life, 1872, etc.) bie 
9lnnot)me, bafe nväj gegenhJörtig llr5eugunglpro3effe rcenigften§ in 
©eftolt ber fpontanen SBilbung tjon S3ofterien, SJJonaben u. o. Crga"- 
uiSmen rotnjigfter 9lrt möglid^ feien ober üielme^^r täglid) ftottfönben, 
trieber etttiaS ltJo^rf(^einIid)er geworben; bgl. Ä. @. ö. Soer o. a. D. 
©.279; 911p !§. ®econboIIe, Histoire des Sciences et des Savants 
depuis deux Siecles, 1873, p. 4; @. JR. §artmonn, Sii^ierprobuftion 
unb S^arWini^mu?, 1876, ©. 110 f. 2?o(^ f)errf^t felbft innerhalb 
be§ baritJiniftifd^«materioIiftifc^en ^eerlageri nod^ er:^eblid§er 3tt'ieipoft 
borübcr, ob biefen 83oftion'f(^en ©i-perimenten ttjirflid^e Settjeüfroft 
jufomme. S^fi^renb §ä(fel, ©c^ooff^oufen, b. .^ennjolb, §. b. 93ort^ ic. 
fie ali bettJeiSfräftig anjuerfennen geneigt ft^einen, bel^orren jo^f« 
reiche Slnbere bei i^rer unbebingten Sermerfung be§ ®tauienB an eine 
fortbouernbe Itrjeugung unb erflfiren bie jur SBiberlegung SBaftian'5 



296 Stnmerfungen jum toterten SBortrog. 

ongefteKten ®t'genejt)enmente ber engtifien SKifrosfopiften Sanbcr« 
fon, 3)alttnger, Sr^ibale jc. oüein füc roa^r^aft juüerläffig unb 
beloeiäfcäftig. 9?eueften^ jcfteinen bic üon ben gleichen ©rgebniffen be» 
gleiteten SSerfuc^e be§ berühmten ^^^fiferi^ S^nball bte 33a^ian'fc^cn 
Semonftratiönen boHenbg ent!räftet unb entwcrt^et ju ^aben. SSgl. 
,8ödfer, im „3)a^eim" 1875, ©. 44 f., „33ett)ei§ b. ©laubenö" 1876, 
©. 443; Oefd^td^te bet SBeäte^ungen jtDift^en X^eol. u. S^aturlt). II, 
723 f.; S. 3B. ®att)ion, 3^ie 9?atiir unb bie 33ibet (©ütersio^ 1877), 
©. 128 ff. 

10. %nx bie Stnna^me, bol ttjenigfteuä bie aUercrften Drgani^tnett 
ouf bem 2Bege fpontaner Urzeugung entftonben feien, erflören fic^ 
S- SB. SBurmeifter (©efc^ic^te ber Schöpfung, 7. 2lufl. S. 350>, Wox. 
SiJagner (SSiffenjc^aftt. «eit. gur 2(ug#b. StOg. ,St9- 18"2, TOärj), 
®. ©eiblife, Sie 3)attt)in'fc^e 3;^eone, 2. 9lufr. 1875, 3. 234; 
l^öllner, lieber bie 9«atur ber Kometen 2C. 1873, ©. XXIV ff. — 
Sogegen ^aben neuetbingä 3Äe^rere bic Pon S5J, S^omfon (Dor ber 
brit. ?iaturforf^eröerfommIung 1871) üorgetragene ^^potbefe, t>a^ bie 
Sinfdnge beS organifc^en Seben§ unfere§ Planeten ouf mit 9Roo3» ober 
^.Jügenfeimen bettjoi^fene Slfteroibenfptitler, alfo auf bie-SJieteorfteinföHe- 
ber Urgeit äurücEjufü^ren feien, oI§ bequemfteS ?luffunft^mittel be« 
gru§t. gür biefen Kegressus in infinitum foÜ fic^ u. o. Sieb ig au§' 
gefpro^en ^oben (nod^ 5Di. SS agner a. o. D.); beggleic^en erflärcn fi(^ 
bafür $eIm:^oI|, @bg. Qu in et, ber norbamerif. ©eologe Sterr^ 
§unt u, mehrere 2lnbere; ogl. «Koibouer, Sie p^^fifc^e SSef^offen» 
I)eit be§ Sonnenf^ftemä, 18T2, 3 90 ff., ®. o, ©ig^d i, «P^ilofop^ifc^c 
fionfequenjen ber Samard'SarttJin'fcl^en (£ntttJid(ung§tI|eorie, 1876, 
e. 15 ff. 3ur Äritil biefer §^pot^efe ögt. befonber§ %. ^faff (lieber 
bie gntfte^ung ber SSelt unb bie 9?aturgefe&c, gronffurt 1876, 8. 32 ff.), 
ber fie geiDi§ mit Siecht aU „eine roiberfinnige, allen p^^ftfalifc^en ©e» 
fe^en §o^n fprec^eube Slnno^mc, bie oufäufteUen roo^r^oft ben 9)iut^ 
bec SSergweiflung erforbert", c^aralterifirt (fi^nlid^ auc^ f(^on in bem 
Sortroge: „Sft ^ie 2SeIt Pon felbft entftonben ober tft fie gefc^affen 
ttjorben?" gürt^ 1875, S. 21 ff.). 

11. 2iebiQ, o. a. £). 3.206: „3lie mirb e§ ber S^emie gelingen, 
eine ^eHe, eine SQ^ugfelfofer, einen 9ZerO, mit Sinem 3Bcrt einen 
ber tt)irfli(^ orgonifc^en, mit Oitolen ©igenfc^often begabten Steile 
beä Drganiämug ober gar biefen felbft in i^rem fiaboratorium bor» 
aufteilen." 

12. Sßorte Qccfftein'g, Sie mU']i§ ber olten ^eibn. u. f. m. SBelt 
1862 3.22, bei §ettinger 3. 191. SBgl. gro^fc^ommer,, Sa« 
e^riftent^um unb bie 9Zaturn)iffen)ci^aft, 1876, 3.61: „3cbe|tfatlö ift 
noc^ nic^t ben^iefen, bog in ber 92otur oon felbft auS unorgonifc^en 



Slnmerfungcn jum Oierten SSortrag. 297 

tStoffen 6f)nt SSermittlung organijd^er Gräfte etwetBarttge ©toffe ftc^ 
bilben. Unb felBft wenn eS gelingen follte, hnti) ©Eperimente ber« 
flteic^en eiroeiBarttge SBtlbungen ju (Stonbe ju bringen, jo ift bamit 
iiO(^ nic^t bctotefen, boB fol^e anä) oon felbft in ber Statur entfielen, 
ia beim S^periment „bo(^ immer aud) nod^ baS planmäßige, &er== 
-ftänbige (Sinroirfcn be§ gorfc^erä lötnäufommt" 2C. :c. Slel^nltd^ 
tK. SSoKer, %ie ©ntttticflung ber notnrttjiffenfd^. ©rfenntnife, @(ber= 
felb 1876, @. 38. 

la. ®ie Snfc^rift lautet: 

Kon parem Pauli gratiam requiro, 
Veniam Petri neque posco, sed quam 
In crucis ligno dederas latroni, 
Sedulas'oro. 

^<ii f)abe in ben frül^eren ?lu§goben biefer SSorträge bie :3nf(^rift 
irrtl^ümlic^ aU eine öon Äopernifug fefbft üerfaßte ©robfd^rift be* 
^eic^net. 3nä*^Ut^cn aber l^abe i^ mici^ an§ ben 2lrbeiten ^xoxot'§ 
übet ^opernifu§ überjeugt, ba§ bie (einem ©ebid^te beg 9Ienea§ <B\)U 
tjiuä ^iccolomtni: De passione Domini entnommene) ©tropfe erft tion 
bem J^orner Stobtp^^fifuS Dr. «IJiel^ior $^rnefiu§ (t 1589) auf ba§ 
ju f. 3eit bem Ä. errid^tete 2entmal gefegt mürbe (Ä. ift mit ge* 
faltften §änben bor einem Ärucifij abgebilbet; neben bem linfen 9lrm 
liegt ein 3:^obtenfopf unb im ^intergrunb ift ein ^immeISg(obu§ unb 
baneben ein QnM: unterm regten 9lrm fte^t biefe ©tropfe). ®a jene 
?lnfic^t immer üon 9ieuem wieber^olt wirb, fo miß id) ii^xe Äorrefmr 
:^iemit auSbrüdlic^ betont ^aben. ®efuc^t ft^eint mirbießrflärungSid^ten» 
bcrg'ä, in f. 93iogr. beä top. (SSerm. <Bd)r. VI, 128) §u fein, bieg i^m 
in ben 9Runb gelegte ©ünbenbefenntniß begiebe fid^ auf bie aftron. 
^egerei beg Sopernifu«. — ®ie fromme ©efinnung bei top. unb ben 
i^ufammcn^ang, in tüclc^em feine (Jntbedfung mit berfetben fte^t, 'i}ebt 
k^tjnSU in feiner fonft oüerbingg unfritifc^ gearb. SBiograpl^ie be§ Ä. 
(Kopemik et ses travaux Paris, 1847) oftmals unb mit Stecht l^erbor. — 
Stcpler ft^tiegt fein SBerf oon ber Harmonie ber SSelten mit ben 
SBorten: „^ä) banfe bir, mein Schöpfer unb §err, ba§ bu mir biefc 
gfreuben an beiner ©c^öpfung, biefe (Sntjüdten über bie SQSerfe beiner 
^änbc gefc^enft ^aft. 5(^ tjabt bie §errlid|feit beiner SBerfe ben 
^fenfcften funbget^an, forodt mein enblit^er Oeift beine Unenb[id)feit 
ju f offen bermoc^te. So id) etroaä gefagt, bal beiner ganj unmurbig 
ift, ober nac^getrac^tet ^aben foIIte ber eigenen ®^re, ba§ »ergib mir 
gnSbigli^." Unb üon Stern ton erjä^It man, ba§ er mie Slopftodt 
ben 9?amen Ootteg ni^t nannte, ol^ne fein §aupt ju entblößen, lieber 
Äepler ügl. f. 2iben oon SJreitfÄmert (1831) unb bie Slujeige 
^ieroon in S^olucf'8 «erm. ©(Triften 83b. II, ©. 384-402. ®en reli» 
fliöfen ®eli(^t«ipun!t in ben «Irbeiten Äepler'l unb SReroton'3 betont 



298 SlnmerTungen äum öierten SSortrog. 

oucf) Eä^näft in ber angef. Schrift über Äopern. p. 233 ff. 283 ff. SJgl. 
Rödler, ®ottei ^eugen im JReid) ber Statut, ©üterslo^ 1881 (I^ 
101 ff. 156 ff. 218 ff.). S)flfelbft ajütt^cilungcn über no* anbete ^im* 
mel^forfc^et öon c^riftfic^ frommer d{id)tünQ, bef. %t)d)o S3rQ^e, ^u^g» 
feng, (Saufe, 33effel, gecdii. — SSo3 übrigens bie ®. 64 ongefü^rten 
großen ^o^Ien für bie Entfernungen ber gr'jfieme betrifft, fo ftnb 
btefe burt^ bie neueren Untcrfu^ungen Struüe'g bcbeutenb mobtfijirt 
roorben, tt)enigften§ oüe bie, meldte lebiglic^ au§ ber SSerec^nung ber 
Sic^tftärfe obgelettet ttjurben. Ulu§ benfelben ge^t ^eroor, bofe felbft 
öon ben größten Jelesfopen für fein ©ebilbe ber §immelöraume eine 
beträdötlt(^ größere (Sntfernung aU 12,200 ^af)re Stc^twegä überfc^ritten 
roerben fann, fo baß ein Stern, ber nad^ |>erfc!^et in einer Entfernung 
öon 2300 (Sternroeiten liegt, na^ StruOe nur 368^^ roirfUc^ entfernt 
ift. 5ßgr. Älein, %ex gijftern^immel 1872 e. 318 ff. — ?Iußerbenx 
ijat bie oben tJorou§fe^ung§n)eife jugeftanbenc ^erfc^el'fc^e 9luffoffung. 
beä SBefton^ al§ au§ unsä^Iigen iJijftern» ober 93lilc^ftraßenf^ftemeii 
oon ber Strt unb (Sröße be§ unfrigen befte^enb burc^ bie Unterfuc^unger. 
neuerer Slftronomen, wie ?H. $roctor k. fe^r er^cblic^e ©infc^ränfungea 
erfal^ren. S)ie meiften, ja bieüeif^t aOe Siebelfleden unb Sternhaufen 
gelten ber neueften 3lftronomie al§ ju unfrem f^tEfternf^ftem gehörig,, 
fo baß t)on einer SSiel^eit öon SBeltenf^ftemen l^ienacft eigentlich nid)t 
metjr \>ie 9Jebe fein fann unb iai |)immelögebäube be^ älteren §erf(^et 
geroiff ermaßen eine beträd)tlicf)e ©tnengung erlitten f)at. SSgt. $roctor, 
Otlier Worlds than ours, 2. Edit. Lond. 1870, p285s8.; Äleitt 
a. a. €)., fottiie „Sternhaufen unb ©ternfdiwärme" im „?Iu§Ianb", 1873,. 
Ü«r. 1-3. 

14. SSgl. ©^almerä, Stpolog. Mb^anblungcn (a series of discourse» 
on the Christian revelation u. f. ft). 6. 2lu^g. 1817), 3. 9lbt^. bei S^olucf,. 
SScrm. Schriften a3b. 1, ©.209; aud) 9Di. 513 er 1 5: lieber bie ©renäen 
ber fid^tbaren Sd)öpfung na^ ben je^igen Setftungen ber 9Rtfroffope 
unb fjernrö^re, 93erl. 1874 u. gr. ^faff, ®roße§ u. Äleineg in ?Rauni 
u. 3eit (§eibelb. 1881). 

15. SBgl. tur|, SSibet unb ?[ftronomie 4. Stufl. 1858, ©. 339; unlv 
ä^nlic^ bei ©btarb, S)er ©laube an bie ^eil. Schrift unb bie ©rgeb» 
niffe ber $«aturforfc^ung. 1861. ©. 6 ff. 

16. 3?gr. aJiäbler, Slftron. SBriefc S. 129. ®ic fog. Speftral- 
onal^fe, ttjelc^e bie ^eibelberger ©^emifer iBunfen unb Äir^f|off 
im S- 1859 all neuel SlJiittel jur Unterfu^ung be5 ©onnenlic^teö ent» 
berften, ^at in ber Sonne bie SKetaKe Sßatrium, talium unb eifcn,. 
^idel, Kobalt, SOiangon, Tupfer, ^inf, 93arium, SQlagncfium, ©^romium, 
ealctum, Slluminium, Sttontium, ferner SSafferftoff, fowie neueften* 
Sauerftoff nac^geftiefen. 9)Ze^rere biefer Stoffe ^ot mon ou^ in ein« 



SInmcrfungen jum öierten SSottrog. 29^ 

seinen ^iffternen j. 93. im giriuS gefunben. SJgT. 33ettjei§ be§ ®(ou=^ 
benä öon Södfer unb ®rau u. f. to. 1866, San., ©.218; «ßroctor 
a. a. 0. ®. 41 ff. foroic im Ck)ntemp. Kev. 1877, Oct.; ^. 3ec^, %a^ 
©pectrum unb bte ©pectroknolgfe, SRündien 1875, ®. 92 ff.; S^n- 
boll, Sic pl^^fifalifc^en ©runblagen ber Sonnenc^emic (Fragmente 
aui bcn SßaturtDiffenfc^often, 1873, @. 469 ff.). 

17. SKäblcr, aftronom. »riefe ®. 236. UebrigenS l^aben bie Slflro- 
nomen %at)e, götlner, Secc^i u. SlSf. neuerbing§ tüol^rfc^cinlic^ 
gemacht, ba^ bte ©onne nid^t, »te mon biSl^et gettjöl^nltc^ annol^m,. 
ein mit einer leuc^tenben 2i(^t^üIIe umgebener bunfler unb fefter 
fiör^jer, fonbern ein öerbid^teter ©aSboü fei, aui beffcn ert)i^tem Sn= 
nern ftetä ©tröme glül^enben ©ofeS Quffteigen unb an \>k Oberfläche 
gelangen. 2HS bettirfenbe Urfadie biefe^ ©lut^juftanbeS betxad)tet bie 
moberne Sonnen^ilj^fif t^eilS bte mit ungeheuerer ©nergie bor ficfy 
ge^enbe Äontraftion beä immer bic^ter unb fefter toerbenben Sonnen^' 
baü§ (fo befonberä f)eInt^oI^, SWoEWetl 2C.), t^etl^ bie (Sntbinbung äu= 
fammengejelter (^emifc^er Subftonjen im (2onnen!ör|)er (fo P. Secd^i 
in SRom), tl^eilg bie S^jeifung beffelben burd^ beftänbig in i^n fitnetn« 
ftnrjcnbe SJieteormaffen, bie gIei(^fom bie geuernng ber Sonne bilbe^^ 
ten (fo 3. di. SRo^er, 9B. 2^omfon, ©d^iai)areai, Mrfmoob, «ßroctor ic.). 
SSgf. überhaupt SJioibouer o. o. D., ©.43 ff.; '^.Qed), §immet unb' 
erbe JC, 1870, ©. 112 ff.; $roctor,-^e Sun, 1872, p. 409ss. 

18. SSgl. jum golgenben ©brarb, S!er (Staube on bie l^eif> 
erfirtft u. f. m. 6. 164. 2lu6erbem Äurfe o. o. 0. ©. 224—232- 
HSroctor Other Worlds etc., p. 58 — 178. Heber bte ©d^mere ber ein» 
seinen ^loneten bgf. bie Lobelie bei $faff, gd^öpfung^gefd^it^te, 
2. 2luf[. 1877, ©. 200. — audö ein Subw. f^euerbad) (©ammtl. 2S. I^ 
©.58) erinnert baran, boB „nic^t überoll mo 9toum genug ift aucfy 
f(^on bie Scbingungen beS orgonijd^en, ttjenigfteng beä I|ö^eren organi» 
f^en Sebeng fic^ borfinben", um borauiS bie SKeinung ju miberlegen,. 
bog oKe ©terne bemof)nte SBelten feien. 

19. Sur|, S3ibet unb Slftronomie ©. 290. SBenn go^e 2C. in a3e» 
treff ber ©onne Siedet l^aben — unb ber ^arifer Slftronom ©amiHe 
^lommarion, La pluralite des mondes habites, beutfd^ öon ^r. 2lb. 
Srec^SIer, fieipj. 1865, gibt i^nen 9Jec^t — fo üerftel^t fic^ bie Unbe= 
«jo^nbarfcit ber ©onne, bann ober and) bie ber fonnenartigett 
^ijfterne öon felbft. Ten ©onnen berblelbt fo toefentlid^ nur bte 93e» 
beutung, bie |)erb« unb Seuc^tfeuer i^rer ©^fteme ju fein (ögf. 
1 ffliof. 1, 15. 16). «gl. oud) «Ufaff o. o. O. 114 ff.; «ßroctor, Other 
Worlds etc. p. 20. 225 ss. ; The Sun etc. p. XVin. 

20. SBgl. ben intereffonten aber öom noturaliftifd^en ©tanbpuntte- 
üxiS gef(^riebenen 2luffa^ im SKorgenbl. 1864 9?r. 1-3: ©eit ber 2eip» 



300 2lnmerfungen jum üterten SSortrag. 

^igcr <Bä)lad)t; and) f^Iommarion'S )3:^antaftiyc^e SpeTutattoiien in 
ier mcrfttJÜrbigen Schrift: „93eri^te ou§ bem ;3enyeU§" (Kecits de 
Tlnfini, Par. 1873i, jotoie bie etwag nüchterner gel}attenen Setroc^» 
tungen üon Dr. gelij Sbert^: 3)ie ®e[tirne unb bic SBeItgef(^t^tc. 
3. 2tufl. S5re§(. 1874. 

31. 3laä)iem om Sfnfang biefei Sa:^r^unbcrt§ bie ne<3luni[tif(^e 
3;^eorie, oertreten unb begrünbet befonberä burd^ SSerner (t ISll) 
in f^i^eiberg, {)errfc^enb gettJefen, tDe\ä)t bie 93ilbung ber ©ebirgSfd^ic^ten 
büvdi hie t^eil§ d^emifd^e f^eilg nted&anif^e SBirIfamfeit be§ 2Baj|cr§ 
erflärtc, ntufete fie i^re ©eltung bolb on bie t>Iutoniftif(^e S^eorie 
obtreten, meldte bie ©ebirge burc^ bal im ^"""n ber (£rbc ongenom» 
niene f^euer gel^oben fein lieg. 2)iefe §ebnng§t^eorte, wie fie befonberS 
2iOp. 0. S5u(^ begrünbete, Stfej. ö. §umboIbt unb SIrago oertroten, 
itjurbe tro^ mannigfat^en 98iberfprn(^g , audf (Soet^e'ä, bie in ber 
2Siffenfc!^aft ^errfc^enbe. Slber in ber neueren ^eit ift i^re §errfd^aft 
immer me!^r erfc^üttert roorben, befonberä burc^ bie d)cmif^e ©(^ulc 
t)on ^Jlip. %üdi§ u. 'ä., roeldje Vie ©efteinbilbungen ouf boS SJiebium 
be^SBofferä ober rcäfferigerSöfungenjurürffü^rt. SefonberS entfd^eibenb 
ttjurbe ber 'iRaä)mex§, ba§ bie Söefc^offcn^eit unb bic 93eftanbt^eile beS 
ltrgebirg§, beä ®ranit§ mit einer Silbung an§ feurigem ^tuffe un« 
vereinbar feien fonbern ba§ SBaffer forbern. — %ie% ^at in neuerer 
^eit befonberä SJio^r in SSonn in feinem mit rücffic^tllofer ^^olemif 
gegen bie $Iutoniften gefc^riebenen SBerfc „®ef(^ic^te ber Srbe 1866" 
geltenb gemalt. SSgl. ben überaus lefenStoert^en SSortrag öon Stu^ 
lieber bie ®d^ö;)fungggef^td)te nad^ ©eologie unb 93i6el, Qünä^ 1867. 
.^n Solge beffen ^aben oucf) bereit? üielc $Iutoniften fid^ ju mcfent» 
Hc^cn (Sinfd^ränfungen i^rer 2;^eorie unb 3ugeftänbniffen an bie c^emifc^« 
jieptuniftifd^e öerftonben, fo ba^ eine bie SBoi^r^eitgetemcnte beibcr 
Slnfi^auunggroeifen in fid) oereinigenbe mittlere Slnfic^t fc^on je|t al$ 
bic l^errfc^enbe betxaäjtet merben barf. SSgt. Qödlex, S5ie Urgefc^ic^tc 
ber erbe 2C. 1868, ©.36 ff.; eorneliuä, ®tc (Sntfte^ung ber SBelt. 
<3eh'. ^reiäfc^r. 1870, S. 101; ^exm. ©rcbner, etementc ber ®eo» 
logie (1872) 5. Slufl. 1883 («uSIanb 1872, ©. 977 ff.). — 28a§ bie 
■?lufeinonberfolge ber einjefnen ^ormotioncn betrifft, fo t^eilt ber 
llstutonift 5Roumann in f. Se^rbuc^ ber ©eognofie 2. 9lup[. 1862. 
2. S3b. ©.4 t ff. bie febtmentären Formationen {b. 1). bie burc^ au« 
ntä^Hgen SSaffernieberfc^lag entftanbenen unb foffil^oltigen, im Unter« 
fc^ieb öon ben eruptioen unb nicftt foffit^altigen) ein in 1. paldojoife^c 
ßbex primäre, 2. mefojoifd^e ober fefunbäre, 3. fönoäoifc^e ober tertiäre 
nnb quartäre gormattonen, an welche le^tere fic^ bpnn bic ©Übungen 
i>ex ©egenttart onfc^Iiefeen. 3)te primären ttjiebfrum jerfoflen: 1. in 
i»ie filurifc^c ober ältere llebergangsformation, 2. bie beOonifrf|e obec 



2lnmerfungcn jum oierten 35ortrag. 301 

neuere Uebergangiformation ( — biefe ÜRamcn, fUurifdie uttb beöontfd)^ 
ftnb nadf ben betreffenbeti Oegenben (5ngfanb§: SBafe§, bem SSo^nfi^ 
ber alten ©ilurer, unb 35etionf^ire gebilbet, ögl. 9iau:nann o. a. D. 
©.302 anm. — ), 3. bie Steinfol^Ienformation, 4. bie permifd^e ^^cr* 
motton ober 9iot^Iiegejtbeg unb Qeä)^tein. ®ie tertiären fjotmationen 
jerfaDen 1. in bie 2^ria§formatton, 2. bie juraffifd^e ^ormationSgruppe^ 
unb 3. bie Sreibeformotion. ^ie tertiären f^rormotionen gerfoHen in 
bie eofäne, oligofäne, miofäne unb pliofäne. 3)oran f^Iiefeen fi(^ bie- 
quartären ©Übungen ber ©iluüial» unb ?lttutiioIäeit. — (Sine neuere 
Terminologie, bie fic^ j. 85. in ber popul. ©eologie öon Ä. Bittet^ 
2tu§ ber Urgeit (SKünc^en 1871), S. 64 ff. gebraucht finbet, bepft für 
bie einseinen gormationen bie angegebenen gewö^ntii^en S3enennungett 
im SBefentlic^en iei, fubftituirt ober ben S'Zomen, polacjotjc^, mejo= 
joifcb Jc, bie 2lusbrü(fe „polöolit^ift^, mefolitbif c^ , fänolitl^ifc^". — 
UebrigenS ift in biefer ganzen ^roge wo^I ju unterfd^eiben gteifdöe» 
ber 93ilbung bei ©top unb ber ®eftaltung ber (Srboberflöd^e, wcld^e- 
man gegentoärtig auf bie galtungen (©ebirge) jurüdfü^rt. Wie fie burc^ 
bie fortfd^reitenbe Slbfü^Iung unb in fjolge beffen Sufontmenfc^rum^jfung^ 
ber ©rboberflad^c herbeigeführt toorben feien. 

22. gSgl. hierüber Mittel o. o. D., @. 136 ff. Ueber bie J^ierrefte^ 
in ben ©tctnfo^Ienbilbungcn <B. 220 ff. Heber bie großen @teinfo]^Ien=^ 
lager in «Ruglanb unb 5Rorbomerifa ogl. Slugronb 1866 ^x. 40 8. 959 ;, 
S. Simon in, Les richesses souterraines dea Etats-unis. — Revue des- 
deox Mondes 1875, Oct. p. 675 sq.; Sl. Äirc^l^off, S)ie bauernbi;« 
SKac^tgrunblogen ber SS.'St. öon 9?orbomerifa (in b. 35eutfd^en SReüue, 
1879, ©. 241 ff.). 

28. fiitfetcnberg, ©eologifc^e «ßbantofien im ©öttinger Saferen» 
buc^ für 1795 ©. 79, nad^ X^olucf, S?erm. ©c^r. II, 156. 2lber auc^ 
griebr. $foff äußert [v^ in ber SSorrebe ju feinem 3Berfe: Siagemeine 
©eologie aU ejoftc SBiffenfc^aft, Seip^. 1875 in einer ©tärfc, weld^e 
^adilid) bem Sit^tenberg'f^en SBorte gtcit^fommt -^ unb unfreS SSiffen^ 
ift il^m bisher nic^t wiberfproc^en »orben — : „Sä ift gewiß eine nic^t 
gu leugnenbe unb auffaQenbe X^atfai^e, i>a% tro| ber l^äuftg ftatt 
fel^Icnber jwingenber Sewcifc angcfül^rten „Ucbereinftimmung ber 
gorft^cr" nt^t eine cinjigc geologifc^e (Srf^einung an* 
geführt werben fann, wed^e nid^t in ber terf(^iebenfteiv 
unb wibcrfpret^enbften SBeifc erflärt würbe. SSon ber ©eftott 
unb SIcmperotur ber ®rbe an biS ju ben nod^ bor unferen ^ugen bor 
fi(^ ge^enben Bewegungen ber (Srbrinbe unb ben SBirfungen beS- 
SBoffcn? gibt eS nic^t eine einzige geologifd&c S^atfoi^e, über 
Wel^e nic^t bie abweic^enbften X^eorien aufgeftellt wurbett 
unb werben, ober feine, bie nid^t, fo wol^I begrünbct fie 



^02 SlnmcrTungen jum bierten SBortrag. 

cud^ etfd^ien, bejtreifelt, bagegen au(^ feine, bie nif^t, fo 
id^Ied^t fie auä) begrünbet toax, qeqianbt würbe. 3n jebem 
ter folgenben 16 Äapitel wirb mon Setoeife für biefe Sä^e finben. 
^JIngefi(^t§ btefer J^atfac^en bürfte eS eine too^t aufjuwctfenbe &rage 
■fein: Sn tt)ie lueit fann bie gegenttärtige Oeologic ouf ben Flamen 
inner ejaftcn SSiffenfti^aft Slnfpruc^ mad^en?" Sgl. audi ^faff'S 
neuere ©c^rift: „S)a§ Sllter ber ©rbe", ^eibronn 1881, ben engt. 
S[non^mu§ „The Verifier", Sonb. 1877, unb bie le^rrci^e ©cbrift be§ 
norwegifd^en ©eofogen 2;^eob. ^jerulf, @inige ©^ronometer bei ©eo* 
Xogie; beutfc^ burc^ 9f?. Seemann, S3erlin 1880. 

34, S)er berühmte englif^e ©eologe ©^orlc^ S^ell (t 1875) i^at 
Mxd) feine Principles of geology (1830) ben ©runbfa^ jur faft qK« 
gemeinen 9lnerfennung gebro^t, bafe üon Anfang an bie noc^ beute 
tbätigen Itrfoc^en allein n)ir?fom getoefen unb jur Srflärung ber ©rb« 
bilbung berbeijujieben feien. ®iefe fei bemnacb al§ ein ^rojefe oII» 
tnäbliger SSeränberung auf d)emifd^»pb^fi^alifcbeni SBegc ju öerfteben. 
15)ie t^olge biefer §J)potbefe ift bie Slnnabme ungebeurer Qtitx&nme. 
So bot luon ben SBilbung^projeg ber @rbe mit ibrcm (nod) ßant« 
'2ap\a(f§ 2::^eorie) urfprünglicben goöförmigen ßuftonbe bi§ ju Ü^rer 
■für orgoniftbe SSefen nöt^igen Slblübtung auf 350 WlxU. Sfabre, ben 
^eitroum feit bem erften 2luftreten orgonifcber SBefcn auf 1280 Siitf. 
^a^re bered^net. SIber nadb anbercn Serc^nungeu ift aucb biefc go^I 
nod) ju gering unb würbe bie ganjc 93ilbung§gef^icbte unfere§ @rb« 
boüg ettua 2 SlRiaiorben ^afjie, wenn nicbt nod) me^r erforbern. SIber 
aüe biefe 93erecbnungen finb ganslicb unficber. SDlan bot j. 95. he» 
recbnet, ba% ber SRiffifippi jäbrlicb etwa 37,000 WiU. ffubiffufe ®rbe 
<iu§ feinen Oueögcgenben nadj ben SRünbungen ju binabfü^re; bornad^ 
nimmt S^eÜ an, ba^ jur 93ilbung feiner 16,000 engl. Cuabratmeilen 
^rofeen Slnf^wemmuitg etwa 67,000 ^ai^te nöti^ig waren, wäbrenb ein 
anberer f^rorfcber biefür 158,000 Qabre forbert. ^av Äritif biefer unb 
abniicber §^potbefen ügl, befonberS $faff, Qnx Eb^^onologic ber ®eo* 
logen (SBew. b. ©laubenä 1874, ©.28 ff.); aucb §erm. 3. Stein: 
^eologifd^e Sllteriberecbnungen unb ibr SBertb (®Iobu§ SSb. XV, 
@. 328 ff.), fowie beffelben „entwicflungggef*idbte be^ SoSmog", 1870. 
gerner 2lb. SBoftian, ©cböpfung ober ©ntftebung, 1874, ©. 83 ff. 
113 f. — Sttterbingg wirb fic^ oon jener quietiftifc^en %f)eoxk ou§ nur 
jcbwer erflären loffen, wie bie fog. öorWeltticben Xbierreftc, fiott unter 
bem (JinfluB ber allmo^Iig wirfenben Kräfte ju berwittcrn, an ein« 
feinen Drten in großen 3Kaffen in ben ©rbfdbi^ten eingefcbloffen werben 
unb ficb erholten fonnten, ober wie in Sibirien eine große SDiicngc @Ic« 
4)bontcn in oollfommen erboltenem ^uftanbc unter ben ©i^felbern be- 
graben, ober tjorrn unb ^otmen im l^o^en S'Jorben gefunben werben 



Stnmcrfungcn jum öierten SSortrog. 303 

Tonnten, ftenn nic^t plö^Iic^c fiotaflrop^en angenommen toerben. ©egen 
bic 2lnna^nie ungeheuerer 3eiträume, toie fie toon ber S^efl'^en unb 
2)arroin'fc^cn g^utc jur (Srflärung ber eingetretenen SSeränbcrungen 
geforbert tocrben, ^ot ©öppert in 83regfau burc^ (Sjperimente nac^« 
gewiefen, bog in ©ieb^i^e fc^on in toenigen S^^i^fK ou8 SJegetabilten 
u. bgl. fic^ Söraunfo^te ^erfteHe (ogf. ?lnbr. SBogner in ber ßöong. 
^ir^enjcitung 1862, @. 120 ff.); unb ebenfo I)aben ü. Sconl^arb unb 
G^tenberg toie ber franj. ©eologe 3)aubree auf bie rof(^en SSer» 
önberungen aufmerffam gemalt, tuelc^e burd^ ^ö^ere 2:emperatur= 
grabe ^eroorgerufcn werben, fo ba6 in golgc i)e\\en bie SJliöionen unb 
Sifltonen öon gal^ren, mit benen man bort red^net, fi^ toefentlid^ üer» 
mtnbern Wilrben (Rödler, 2)ie Urge)4i(^tc u. f. m. @. 44 f. 141 ff.), 
lleber^aupt tritt ber eine Seit lang l^errfc^enb gereefenen Schule jener 
«,Cluietiften" neuerbing# wieber eine ttJoc^fenbeSa^I tjon „Kataftropl^iften" 
ober SSertretern ber Sfnna^me Don öfteren rucftoeifen gortfc^ritten unb 
4)Iö^tic^en Umioäljung^perioben gegenüber; fo 28. Sl^omfon (Slull. 
186U. 9Zr. 31; 1870. 5Rr. 11); g. «Pfaff (Mgemeine ©eologie 1873, 
e. 186 ff. 213 ff. 239 ff.); 0. iBaer a. a. D. (5. 417. 430 ff. äSgl. aud) 
^. ®ecanboIIe a. o. 0. ©. 6 unb Sjerutf a. a. 0. Uebrigeng ift 
btefe ganjc 3fitfragc fein religiöfeä Sntereffe. 

25. Charles Darwin. On the origin of species by means of na- 
tural selection or the preservation of favoured races in the strnggle 
for life, 1859. ©eitbem in 7. Slufl. erfd^ienen. Ueberf. ü. 93ronn: 
3^amin, über bic ©ntfte^ung ber lärtcn u. f. hJ. 1860. ®ie ^ter t)or« 
getragenen Slnftc^ten ^aben rafc^ oielfod^e äuftimmung oud^ in ^seutfd^» 
(anb gefunben, freiließ nic^t minber au^ SBiberfpru(^. So fielet 5. 93. 
iPert^ in TarhJtn'g Sö^en, JiJonac^ „au8 einer ^Protococcuöjelle burd^ 
natürliche 3üt^tung in etma 20 SRtll. 3a^ren ein SRenfd^ l^eröorgel^en 
foD, nur „fü^nc Sprünge unb »iHfürlic^e 83e^ouptungen". ®er be«= 
rühmte 2oui§ Slgafffij (Contributions etc. vol. III) nennt bie ®ar» 
win'fd^e SranSmutotion^tficorie „einen miffenfc^aftlic^en SRiggriff, un= 
iDQ^t in i^ren T^afiaä^en , unwiffenf^aftlic^ in i^rcr SRetl^obe, üer» 
berblic^ in i^rer Senbenj". Unb ber befanntc 9?aturforfd^er t>. SBaer 
in Petersburg fc^rcibt on 91ubolf SSogner: „Qe mel^r id^ in 2)ortt)in 
gelefen, um fo me^r bin id) öon meiner eigenen (befc^ränttcn) Xran§* 
mutationgle^re jurüdgefommen" (no(^ 5abri 6.239). 9lub. SBogner 
aber bezeichnete bie S)arnjin'fc^e 5;^eoric al§ einen „großartigen l^iftori« 
fd^en 9?oman". — 9?t(^t minber ^at fi(^ oud^ (Söppert in aSre^Iau 
(Ueber bie 3)arnjin'f(^e 2;ran§mutation§Ie^re mit 85ejug auf foffife 
^flonjcn, 1864), geftü^t auf ebenfo umfaffenbe unb genaue ^enntniß 
t)eS gefammten ffieid)§ ber 93otanif, namentlid^ oud^ ber urtoeltüc^en 
■$flaajcngefc^te^ter, gegen bic p^antaftifc^en aSel^auptungen Ssartoin'^ 



304 2lnmerfungen gum öterten SSortrag. 

erflärt unb behauptet, bog bie gonge öegetoBilifd^e ^oläontologie auf'^ 
Äforfte lefjre, baB „neue Slrten o^nc inneren genetifc^en Qn^ammeri' 
^ang ju oQen Reiten entftanbcn unb bcrgangen" feien, fott)ic bo§ ein» 
gelne Drbnungen oon ben filteftcn Qeiten US je^t feinerlei SSerönbe* 
rungen erfoi^ren l^aben. SSgl. S3enjei§ be§ ©loubeng a. o. S. D. 29 f, 
Unb Sie big a. o. D. ©. 204 ^at offenbar 3)arnjtn im ©inne, wenn 
er üom „®iIettonti§mu§" fDrid^t, ber „öorouSfefet, bag eä bem Schöpfet 
Bequemer geworben fein muffe, anfiatt oieler ber mannigfaltigften @nt» 
löicflung fähiger ßetme ober S^Utn nur 6ine jum Seben ju toeden 
unb bie (Sntfoltung ber ^bee burc^ biefe (Sine Qeüe ber ^^it ^^^ bem 
^ufaH gu überlaffen". Unb gum 33eleg feinet <Ba^e§: „®ie ftrenge 
njiffenfc^aftlic^e gorfc^ung njetß öon einer ßette ber organifc^en SSefeit 
nic^t^", beruft er fi^ auf S3if4off „ben SKeifter in ber ©ntmidlungS» 
gefd^i(^te" (in feinen im %Tixf)iaf)v 1858 in SRünt^en gehaltenen S5or- 
trägen), ber Oon ber f^on einmal bagewefenen ^eit fpric^t, „roo mon 
t§ für einen unerträglichen unb abgefc^madten ^odfmaiii erflärte, ba^ 
^iä) ber Wlen\ä) für irgenb ettoaS Seffereö unb ^öi^exeS ^olte al§ bie 
Spiere, unb bafe nur ber Sünfet Unterfc^iebe feftgufteHen fuc^t, welche 
feine 3tnmaBung re^tfertigen foHen", unb bagegen unter Slnberem 
ou§fü|rt: „Se genauer man bie Siliere unb namentlich au^ jene bi^ 
bo^in feltenen Slffenarten fennen lernt, um fo me^r übergeugt mon fic^, 
ba^ tro| bitl^adf großer Uebereinftimmung jroifc^en i^nen unb ben 
SD^enf^en bo^ ouc^ no^ förderliche SSe.rf(^ieben^eiten fic^ finben, fi> 
gro| aiä irgenb nieli^e, bie unS jur Sluffteüung öerfc^iebener ®enero 
unb Strien öon 9?aturförpern nur irgenb beftimmcn. 'S)ie fo bt-geiftert 
aufgenommene unb üert^eibtgte Seite ber SSefen löft \id) bei genauerer 
SBefonntff^aft in einzelne ©lieber unb S^pen auf, welche jmor ent« 
fc^ieben einen fjortfc^ritt in ber Drgonifation borbietcn unb in ftc^ 
enttoideln, fic^ ober feine§tt)eg§ in unmittelbarer Siei^e oneinonbet 
fügen, fonbern gwifcften fid^ Sprünge unb Unterf(^iebc barbieten, wie 

fie nic^t fo groß jtoifc^en S^ier unb ^enfd^ ju fein brauchen, unt 

Beibe burc§ eine nicBt öermittelborc Ähift öon einanbet ju trennen.'* 

^gl. ^ifd^off'i^ ausführliche äJJonograp^ie: Ueber ^eifc^teben^eit iit 
ber (Sc^äbelBilbung beä ©oreüa, S^impanfe unb Drang Outon, bor* 
güglid^ nac^ &eSd)led)t unb ^Iter, nebft einer S3emerfung über bie 2)ar« 
ttin'fc^^ J^eortc, 9Küncfien 1869 (mit 22 Kofeln in Querfolio), fowte 
auSerbem II. Stu^, Ueber bie S^öpfungögefc^ic^te u. f. w. @. 26 ff.; 

So^. |)uber, S)ie Se^re 3)or»in'g frittfcf) betroc^tet, 1871; «Ot. ^crt^^ 
2)te i«atur im Sichte p^ilofop^ifc^er Slnfcftauung, 1869, ©. 427 ff. 701. 

714 f.; 21. 83aftian 0. a. D., passim; ^f. $f af f, 3)ie X^eoric 35ar»in'* 
unb bie S^otfoc^en ber ©eologie, SSortrag jc, 1876, ®. 11 ff. — 3n- 

ätüif^en ^ot %axrD\n felbft bie tonfequcnien feiner J^eoric für bit 



Slnmcrfungcn jum tierten SSortrog. 305 

©ntfte^ung unb Urgefloltung be§ 9!Kenfc^en gcjogcn in feinem SBerfe: 
„3)ie 9rbftammung beS 9Renf(^en" (The descent of man and selection 
in relation to sex) übcrf. b. SS. ©aruS, 2 a3be. 1871. ginige SRitt^et» 
langen mögen jeigen wie winfürtic^ ^ier bie ißl|ontoftc fpielt: „®te 
Urerjeuger bcr SRenjc^en waren o^ne allen B^icifcl einftmaB mit 
|)oaren bebedt; beibc ©efd^fe^ter l^atten 83ätte; il^re O^ren rtaren 
fpi^ig unb fonnten bewegt roetben, unb bie Körper luaren mit einem 
©c^toonj öerfe^en , tt)el(^er bie geeigneten SJtusTeln befo§." „llnfere 
SSorfa^ren l^aben ol^ne Sweifef auc^ auf ben 93aumen gelebt unb 
l^telten fid^ in ttormen malbbeberften ©egenben ouf. ®ie SRännet 
Ratten groge ^unb^jä^ne unb bebienten fi(^ berfelben al;^ einer fuT(^t« 
baren SBoffe." — „^n einer nod^ früheren $eriobe muffen bie Ur* 
erjeuger beg SRenfc^en im SBaffer gelebt l^oben, benn bie aKorp^oIogte 
jeigt un§ lior bag unferer Sungen au§ einer mobifiäirteu ©c^roimm» 
blofe befielen, welche einft oI§ fjlog biente." „Sie frul^eften SSorläufer 
beg SKenfdjen, toclt^c im ®unfcl ber Qeit ft«^ öerlieren, moren fo nicbrig 
orgonifirt wie ber 2lmp^ioEu§ unb oieDeid^t nod) ntebriger." U. f. h). 
@ä ift nur ju bebauern, meint ber „®Iobu§" (bem t>a§ obige ent» 
nommeu ift), bog ®artt)in, welcher bie behaarten Uralinen fo fpegieH 
fennt unb ft^ilbert, fie ni(^t au^ burc^ bilbli(^e SDuftrationen an« 
ft^oulic^ mac^t unb ben gonjen Stammbaum üom Slmp^ioguS an b{§ 
jum heutigen SRenfc^en gibt. §ier ^at benn freilt^ ?ßrof. §ädel in 
^tna notfige^olfcn, bcr fc^arffinnige SKeiftcr im Sonftruiren äoofogifi^er 
Stammbäume bom mtnjigften 'Sioaev beS $rotiftenretd^§ bis jum 
Homo sapiens, SSgl. ou§ feiner „9JatürIi(^en ©d^öpfungggeft^it^te" 
(5. Slufl. 1875) beionberä feine „tttnt^ropogenie ober (5nttt)icl(ung§=» 
gefc^ic^tc beg SKenfd^en'', 1874. ®ariu mirb, unter ^«gninblegung be§ 
2lEiomg, ba6 „bie fteime§gef(^i(^tc ftet§ nur ein SluSjug ober eine furje 
9tefapituIotion ber Stamme^gefdiic^te" fei, bie ©enealogie unfereS ®e» 
f(^Ie(bt8 burc^ 28 ^auptglieber binburc^ öon ben Sfioneren unb Slmoeben 
an aufwärts »erfolgt unb biefe unfere glorreid^e SH^nengefc^id^te auc§ 
fc^ematifc^, burc^ Stammbäume unb S^obeöcn (ögl. bcfonberl ©. 406) 
Dcrftnnbilbltt^t. SBä^rcnb ber Siluttaljeit entftonb bie crfte SJlenfc^en- 

ort, bcr Utmenf(^ ober Slffcnmenfc^, lücld^cr bcr Uröater oller anbcrn 

2lrten mürbe, oQet SBo^rfc^etnlic^feit na<^ in ber Sropenjone ber olteii 

SBelt au8 menfc^enä^nlic^en Slffcn ober Slnt^ropoiben, oon bencn nur 
bis jcfet feine foffilen 9tcfte befannt finb, bie aber iebenfattS bem ^eute 
no(^ bort Icbcnbcn Drang unb OoriKa fel^r na^e [tanben. SBä^rcnb 
3)artotn ben SRenfc^en in ?Ifnfa entftel^en, SR. SBagner ben Slffen in 
(Suropa bur^ bie ©iSjcit jur SSernunft fommen lägt, finbet ^ärfel 
feine ©eburtSftätte in Semurien, melc^eS aber in'ö SÜleer gefunfen ift! 
„S)iefc S)arnjinerei" — fagtc ein Sloturforfc^er im §inblitf auf mond^e 

Sut^arbt, Bortraae I, 11. «ufl. 20 



306 Slnmerfungett jum öierten SSorttag. 

beutfc^e SSerfec^tcr jener J^eorte — „wirb einft in ber ©efc^ic^tc ber 
SZaturroiffenfcöaft atä eine roüfte ©ptfobe ber SSerirrungen betrachtet 
tüerben." Selbft gemäßigte 2)arnjinianer ^oben gegen bie üppig p^on* 
lafttfc^en Kombinationen ^acfer^ entfc^ieben ^3rote[te abgelegt. So 
flagt ^rof. (J. ©emper in 35Jüräburg (^er ^ädeliämuä in ber 
Zoologie zc, SSortrag, 1876) mit ^ejug auf biefelben: „<Bo fe^en roir 
benn in ber mobernften |]ooIogie S)ogmatt3mu§, Unfe^lbarfeit unb 
$§antafterei gerabe fo gepaart, tt)le auf bem @ebiete be:3 bogmatifc^en 
religiöfen ©(oubenl, gegen welchen bie @rgebnif|e immer ooran in'^ 
f^elb geführt roerben" :c. SJgf. überhaupt 93ero. b. ®Iauben§, 1876, 
®. 198 ff. unb ba§ 7. 93ucb oon Qödlet'ä ®efc^. ber SBejie^ungcn 
äwifc^. J^eol. u. 5Raturn). (II, S. 579 ff.). 

Ä6. SSgf. hierüber 3. 58. $ert^ a. a. O. S. 50 ff. — ^ujle^ in 
f. Sc^r.: ^^eugniffe über bie ©teßung beä SIRenfc^en in ber 9iatur. 
®eutfcf) 0. S. Sictor SaruS 1863. <B. 152: „(Sä finb ber ®rünbe genug 
öor^anben für bie Slnna^me, \>a% ber SKenfc^ fc^on mit ben Spieren 
be§ ®ifuoiumä gefebt ^at." Guenftebt, Älar unb SBa^r. 9leue 9tei^e 
popul. Vorträge über ©eofogie, 1872, S. 159 ff. 194 ff. — lieber bie 
2)t(uöia(jeit äurücf, bi^ in bie fpateren ©pochen ber Sertiärformatton, öer* 
legen bie Uriprünge be^ Süenfc^engefc^Iec^tä befonberS bie franjöfifc^en 
Paläontologen wie Sortet, ^amt), be SOtortiQet (L'homme tertiaire, 
Paris 1873), ®upont 2C., wä^renb tit 3)eutf(^en — unb unter ibnen 
fogor folc^e roie §äcfe(, f. bie cor. 9lnm. — bie englifc^en jum %i)eii 
(bejonberg ber berühmte §(J^(enforf(^er !öoqb 2)att)finä in b, Schrift: 
Early Maa in Britaia etc. Loiid. 1880), foroie ein;^etne befonnenere 
grranjofen roie 21. Söertranb, 33roca, be SZabaiHac :c. bei ber 'annähme 
eineä erft bifuoialen ober poftgfacialen S^arafterö ber ä(teften menjc^* 
liefen Ueberrefte fielen bleiben (S3ero. b. ®r. 1875, S. 314 f., 3öcf(er, 
®efc^. b. SBejte^ungen 2c. II, 7G1 ff.). SSg(. übrigen^ ouc^ unten, 9ln» 
merf. 1 u. 2 jum 5, SSortr. 

37. SSgl. hierüber ben tref pichen 9Ibfc^rtitt in $faf f'ä Schöpf ungä« 
gefc^ic^te, 2. 3(ufl. 3. 741 ff. lieber ba§ SSer^ältntfe be§ mofaijc^en 
©c^öpfungäberii^ti ju ben ©rgebniffen ber geologifc^en fjorfc^ung be- 
gnüge id) mic^ ftatt SBieler nur 0. S3aer q. a. D. <B. 461 onjufu^tett: 
„So erfc^einen benn auc^ bie Singriffe ouf bie mofaifc^e ©c^öpfung»- 
gefc^ic^te afl fomifc^e S(nac§roni#men, ba fd)on längft bie neuere 
yiatnrroiffenfc^aft fic^ mit berfelben jurec^tgefunben bat- SSenn man 
fie nicbt gan^ möttüd), fonbecn nur bem SBefen nad) neunten roiü, 
mü% man gefielen, ba& eine erhabenere au5 alter 3^'^ ""^ "i*^' 
überfomnten ift unb faun: gegeben roerben fann." — ®o§ bie im 
Sejt ©. 77 erroafjnte 9iebettbeorie Don 2a ^iace boi^ nic^t fo un» 
fraglich unb unbeftritten ift roie fie bi^^er galt, jeigt lllrici. 



Stnmerfungen jum titerten unb fünften SSortrag. 307 

^ott unb btc «Ratut, 2. STufl. 1866, ©. 337 ff., tigl. 3öcffer, 
a;ie Urgefciiic^te ©. 32 ff. §uber, ^ur Äritif moberner S^öpfung^» 
lehren, 1875, (5. 28 ff.; SBiganb, ®et ^atloiniämuS 2C. 11,472 ff. 

28. SSgl. $f af f a. a. D. S. 519 ff. S5ie jä^rlid^e «(Jrobuftion (Sng« 
lanbS an ^o^Ien fc^ägt man auf 34 fßliU. Tonnen, tvä^renb bie äbrtgen 
fiönber Europas mit 9lu§f^Iu6 SJufelanbä jä^rlic^ 60 TOiH. Sonnen 
liefern. 3n SRorbamerifo umfaßt allein iai ^ittSburger glög über 
■690 Duobratmeilen, nod^ JZoumann 1,590. SRad^ 93ifd^off erforberten 
bic ^flonjen, mel^e bie Stielen be§ ©aarbrüder 9teöier§ lieferten, 
«Dein 1 SKiH. 4177 3a^re ju il^rem SSad^itl^um. S>obei ift ober bic 
iBilbung ber Dielen oft loo gug raäd^tigen" ©c^id&tcn jwifc^en ben ein« 
feinen f ol^Ienflö^en gar ni^t mit in ^ed^nung gebracht. Ueber ia§ 
Unfic^ere biefer Qa])len ögt. Slnm. 25. Sogar ein fo entf (Rieben bor« 
miniftifc^ geri^tetcr gorfd^er toie Sd^aaffl^aufen in S3onn befennt 
(Slrd^io f. Anthropologie 93b. V, S. 118): „©in fu^creä K^ronometer, 
bie (gcologifc^en) Reiten ju meffen, fei^It un8. ®ie Slngobe, bog bk im 
9?ilfc^Iomm 72 guß tief gefunbenen Si^onfc^erben 24,000 ^aljte alt 
feien — , ja felbft bie SSerec^nung Steenftrup'3, bie ©teinjeit ©fonbi^ 
nooieng fei 40003a^re alt, fie berul^en aüe auf unfic^eren 3lnna'^men" 2C. 
«gl. ouc^ ?ßfoff, 3ing. (Seologie, S. 279 ff.; Söigonb a. o. O. I, 284 
u. Äjerulf 0. a. D. 

29. ^ert^, Slnt^rop. Vorträge ©. 16. 



^Anmerkungen ^um fünften IDortrag. 

1. SSon SSBerfen ber bibelfeinbtid^en ober materialiftifc^en Stic^tung 
gehört l^iel^er befonber§: Charles Lyell, The geological evidences of 
the antiquity of man. Lond. 1863 (beutfc^ ö. Soui^ SBüd&ner: S)te 
geolog. SSetoeife für bo§ Slter be8 SKenfc^engefd^Iee^t^. Seipj. 1864, 
neue ?[ugg. mä) ber 4, Slufl. beö engl. Drtgin. 1874). Slu(^ ^.<Bä)Ui» 
ien, ®o§ Sllter beö SUienfc^engefd^Iec^tä, bie (Sntftel^ung ber 3lrten 2c. 
2)rei SSortr., 1863. Die. ©d^mibt unb ^Jranj Ungcr, 2)a§ Sllter ber 
SRenfd^^eit unb bol forabieS. Btoei SSortr., 1866. Ä. Sigtoart, ®o§ 
Sllter be§ SKenfc^engefc^ret^tS, 3. Slufl. 1874. — ^n neuefter Seit ^at 
man oHerbingS. angefangen bie großen B^^Ien, mit benen mon Bi§^er 
rechnete, bebeutenb ju ermäfeigen. ©ine bequeme unb bele^renbe Ueber« 
fid^t über ben gegenioärtigen ©tonb ber ^xoQt finbet man in ber 
«SSierteIja;^rg'9Jeöue ber gortfc^ritte ber S^aturioiffenfd^aften" i^erou^g. 
u. b. «Reboftion ber „®ao", 1. a3b. 1. $ft. 1873 (©öln u. Seipj., ©. §. 
SJJa^er) ©. 67—160. 3c^ ^ebe im golgenben einige ©teilen aü§. (S§ 

20* 



308 2Inmerfungen 3um fünften SJortrag. 

ift tion ben ^öl^fenfunben bie Siebe hjelc^e bte (Sleid^jettigfeit ber 
fOJenfc^en mit jf^ieren früherer $erioben betoetfen, unb oI§ „mexh 
würbtg" Bejet^net, baß bte neueren Unterfuc^ungen „ftatt ber früher 
beliebten So^rl^unberttaufenbe nur mäßige galten liefern" (S. 88). 
9!Ron l^ot hie 9iennt^ierjeit 8000 ^a^xe hinter bie ©egenttjart jurürf- 
oerlegt, mon fönnte „fogar blofe 4000 go^re hinter bie ©egenmart" 
hinaufgehen (@. 89). $rof. ^xaa§ ift einer bet l^auptfäd^Itc^ften SSer» 
treter ber 9?i(^tung, »el^e „nic^t mit |>unberttaufenben üon Qa^rea 
um fi^ njirft, mit einem f^obenfro:^en (seitenblid auf ben S^eologen, 
ber bajiel^t unb nur über 6000 ^alixe bi§t)oniren lonn" (S. 114). 
Sßan fe:^e befonberä f^roaä' SBeiträge ?iur Sulturgefc^id^te, au§ 
fd^ttäbifd^en ^'6f)hn entnommen (2lr(^to für Slnt^ropof. SBb. V, 1872: 
<B. 172 ff.) «nb feinen SBortrag: %ie olten §ö^Ienbett)o^ner (in 9Sird)onj'§ 
u. §oI|enborff'g Sammlg., §. 168». ^n ö^nlit^em mofetJoDerem Sinne 
äußern fi<^ Ouenftebt, ßtar u. SSa^r, @. 145 ff., u. ®raf ®urm» 
branb (Ueber bie K^ronologie pröfiifiorif^er f^un^ie — »?ebe auf bem 
S)re§bener 2rnt^ropoIogen»ßongreß, 1874), ber e§ fogar überhaupt für 
not!^ jttjeifell^oft erflart, ob ber SRenfcft tt)irfli(5 B^itgenoffe ber 9Jiam» 
mut^tl^iere, öortt)eItlitt)en St^inoceroffe, ^ö^Ienlöwen zc. genjefen fei, 
jebenfoKö aber fein 3ufammenleben mit biefen 3!^ieren erft in bte Qtit 
xiadi ber großen (äi§periobe be§ S:iIuoium§ gefegt »iffen will — eine 
2lnfid)t, bie freiließ bur^ bie %ünhe üon Sc^uffenrieb für niiberlegt gilt. 
SSgl. auc^ ben norbamerifonifcben ©eologen 3. 2B. S)anjfon (Nature 
and the Bible, 9?.=?)orf 1875, p. 159 ss.), fomie Ä. 6. ö. 93oer a. a. 0., 
<B. 410: „Söenn einige SZaturforfc^er neuefter S^it bem SOfienfc^en» 
geft^fe^t fogar ein Sllter oon ^unberttoufenbcn ober SDlillionen oon 
3a'^ren geben ttJoQen, fo entbehrt biefe 9D?einung aller ®rünbe. . . » 
3^ fc^Iieße, ba^ baä 3tlter be§ SKenfc^engefc^tec^tä nic^t öiel größer 
fein mag, als man na(^ ben bibtifcften -Dfioc^rit^ten gered^net 
fiat", 2C. — SSgt. and) gr. SRafeel, SSorgefc^it^te be§ europäifcften fKen- 
fc^en, 1874, ©. 37 ff., fottJtc ben in 3lnmerf. 28 jum bor. SSortr. mit- 
get:^ei(ten 9tu§fpruc^ ®c^aaff:^aufen'ä. 

2. ®{e ^fal^I beuten waren löngerc 3"t "nc8 ber beliebteftcit 
S^emota. ®ie Stteratur l^ierüber in SlrtiMn unb 9lb^anblungen ift 
unäö{)Iig. SSenn ou^ SJlaurcr, Ueber 2lItCT, Qtoed unb Seroo^ncr 
ber «Pfahlbauten (3tuifanb 1864. 9?r. 39-42) in feiner ©eftrettung ber 
lanbläufigen ?Inft(^ten oieüeic^t ctttjaä ju weit ge^t, fo fommt man 
i>odt in immer weiteren greifen üon ben übertriebenen 3lnfi(^ten,. 
welche man früher über haS Silter biefer SBauten ^otte, je länger je 
me^r gurüd. SJgt. j. 93. auc^ 2lug§b. »Qg. geitung 1866 SSeifagc 
JJr. 90. (S§ ift f)ter geltenb gemacht, ba^ bie eifemen ©egenpänbe,. 
Welche mon in immer griJßerer Sinja^I gefunben, bie 3)auer ber ^fo^I» 



Slnmerfungen sunt fünften SSortrag. 309 

Bauten njo^rcnb ber Dtömcräeit unb bt§ jum @nbe berfctben im 3. u. 
4. Sa^r^. n. E^r. beWeifen; bafe bie ®erät^e ou§ ®rj aber ]^öc^ften§ 
bis in'g 6. ober 7, S^^t^- ö. ©|r. l^inauffül^ren; bafe aber ou^ in ben 
"Sauten, tteld&e fein SKetaH aufttieifen, bo^ ©puren eineS SSerfel^rS mit 
ber Dftfee (Sernftein) unb mit ?lfien (9Zep^rit) üor^anben finb, xpelä)e 
mä)t crlouben über 1000 hiS 1200 ü. (J^r. l^inaufjuge^en. SSgt. aud^ 
«uSlanb 1866, 9?r. 18, @. 418 ff. „StOe befonnenen unb »al^r^oft 
•grünblic^en ^fa^Ibautenforfc^er ftimmen je^t barüber überein, t>a^ fie 
felbft bie ber ©teinjeit ange^örigen unterften ©d^ic^ten biefer SSauten 
nic^t fe^r lange Dor ber befannten i^iftorifd^en 3cit, alfo frü^eften^ 
jroif^en 1200 unb 2000 tj. g^r. entfielen laffen, ha§ SBronge» unb 
ßifenalter ber ^fo^Ibautenbemo^ner aber erft furj tior bem legten 
^a^rtaufenb b. S^r. beginnen unb bii in bie näc^ften ^al^c^. n. d^r. 
tortbauern laffen" (Rödler, 5)ie Urgefd^ic^tc ©. 153, ögt. beff. Urftanb 
beä 2Kenf(^engef(^Iec^t3 (©üterSlo^ 1879], @. 309 ff. «Roc^ ffeptifd^er 
^at neuerbingS Unger (Iteberfic^t unfrer Äenntni^ Oon ben ?|8fa:^lb., 
"SSortrag, f. Äorrefponbenäbl. ber beutfd^en Slltert^umSoeretne 1874, 
"Sir. 1, S. 3 ff.) bie grage ttjegen beS StlterS ber mitteleuropäifi^cn 
(f(^»eijerifc^en unb f übbeutfc^en , medlenburgifd^cn ic.) ^fa^lboutcn 
unb i^rer Äulturrefte bcfproc^en. SBie frü^e bie barin öorfinbltd^en 
^ronjegerät^e bieffeitS ber Sllpen eingeführt feien, laffe fic^ nid^t be* 
ftimmen, boi^ gemährten bie gaüifc^en ^l^ilippermüngen (au§ ben 
legten Sö^r^unberten ö. S^r.) einen geroiffen Slnl^olt^punft ^tefür. 
„3Bie lange aber öor (Sinfü^rung ber SSronje ^fai^Ibauten bort be» 
ftanben l^aben, barüber lägt fic^ gar nid^tS fagen. ^tbe Angabe eine^ 
beftimmten Slter^ ift miOfürlic^e Üß^antafie unb nur geeignet, ein un« 
.günftiged 93orurt^ei( gegen bie 93efonnenl^eit ber ^orfc^ungen über bie 
Pfahlbauten ju erwedten." — S^^ SemeiS beS l^o^en SllterS beS 
^2enfc^engefc^Iec^t§ bienten befonberiS aud^ bie fogen. ^iefelä^te in 
IRorbfranfreidb unb ©nglanb : a^U unb feilförmige Äiefel üon meisteren 
Qoü SSnge mit einem groben fc^einbar abftc^tUc^en ©c^nitt, aber un« 
polirt unb o^ne ein 2od) gum ^inburc^fteden beS ©tieliS. ©eit 1847, 
»DO ber franjöfift^e ®eoIoge S3ou(^erbe*4?ert^e§ in f. Aatiquites 
antedilayieaaes bie im ©ommet^al bei Slmienl unb ^bbebiUe gefun« 
benen befc^rieb unb al^ {ünftli(^e (Srjeugniffe eine^ ber fpSteren 
Serttär« unb ber filteften 2)i(ut)taljeit ange^drigen urmeltlic^en äRen» 
-fc^engefc^Iec^tS nad^meifen ju follen glaubte, ^aben fic^ biefe f^unbe 
je^r gemehrt unb bie allgemeine StufmerffamTeit fe^r in 8lnfpruc§ ge» 
nommen. 92icoIag SB^itleQ au8 SorumaO bagegen, ber feit einer 
^tifje oon 3)<^]^^en bie ^tefeüager ®rogbritannien§ unterfut^t l^at, 
l^SU ei für unmöglich, in biefen o^t* ober auc^ pfetiförmtgen liefet« 
unb geuerfteinen Äunftprobufte ju crfennen: 1. weil biefe Saget 



310 Slnmcrfungen jum fünften SSortrag. 

Diel ju au§Qebet)nt unb moffen^aft ftnb, als ba% man andf nur an 
fjobrifen fold^er SBoffen benfen fönntc, 2. »cit fid^ ftetS nur SIejte 
ober l^ö(^ften§ SWefferffingen unb -ißfetlfpilen finben, aber fein on- 
bereö Äunftwerfjeug, 3. weil bie gorm eine 3Ibftufung üom ro^eit 
9ßtu(i) bis äur bcutlt(^en 93eil» ober ^fetlgeftolt jcige, 4. weil in ben 
metflen %äüen bie Slrt be§ 5Bruc^§ auf notürli^e llrfacfien beute, ^n 
Solge beffen l^Stt SBl^itte^ biefc Steine für ^xaQmtntt öon fiiefelgeröö^ 
Welche burci^ ©iiftrömungen ^erbeigeft^Joemmt feien. (5SgI. ^^^ödter, 
S!ie Urgefditc^te ©. 147 f.) giebenfottS ift ein beträchtlicher I^eit ber 
rotieren ober unpolirten Steintoerfäeuge |ott)o!^I jener norbfranjöfifd^en 
unb ffibenglifc^en gunbftfitten, aU anberer (Segenben, 3. 93. Sleg^ptenS- 
(roo neuerbingS §am^, Senormont, Bettel, 9to]^(f§ u. 9t. gleichfalls 
au§gebe:^nte Srümmerftätten ^jra^iftorifdjer „SSaffenfobrifen" entbedt 
i^aben toolfen) über^oupt tjinfic^tlic^ feinet Sunftc^arafterä öon ju 
gttjeifell^after iBefc^offcnl^eit, al§ bofe irgenbttjelc^e 2llter§beftinimungen 
borouf gegrünbet »erben fßnnten. Unb fotoeit bie betr. (Sexälift 
njirfU(^ Sunftprobufte finb, nöt^igen fie an ficö, pbgcfeljen oon i^rett 
Sagerung^oerpltniffen, nic^t biä in eine öorliiftorifc^e 5^eit jurücljugel^n^ 
bo no(i^ je^t gol^Irei^e Wilbe SSöIfer oerf^iebener ©rbt^eilc fic^ oul* 
fc^ließlid^, ober foft onifc^Iiefelid^ ftcinerner SBaffen bebienen, bie f. g. 
Steingeit olfo auc^ je^t no^ total fortbaucrt. SSgl. SR. ^offenfamp,. 
lieber bie Spuren ber Stein jeit bei 2leg^ptern, Semiten unb SnJ>o* 
germanen (STuSIanb 1872, «Rr. 16); %. 3ta|el a. a. D. S. 38r 
f^. Sonbberger, ©ine SRa^nung jur SSorfic^t (gorrefp.-SI. bec 
beutfctjen 9lltert:^um§öereine, 1873, 5Rr. 2, S. 13), foftic toaS fpejieü 
jene Sg^ptifc^en SSoffentterfftötten betrifft: SRariette-SSe^, in ber 
Academy, 20. 9D?ärä 1875. — SBie öorficfilig mon mit ben Sc^Iüffen,. 
bie man au§ fd^einbaren geucrfteingerät^en gebogen, bei bem un» 
fd^ttjer eintretenben „freitt)it(igen gerfpringen" be§ i^euerftcinS fein 
mu§, betont fpejieü beäüglic^ Sleg^pten^: Sepfiu§ (®orr.«93f. ber b. 
3tItert:^.-S?., 1871, 9?r. 5, S. 34), fotoie im Siagemeinen: bie SBterteU 
ja^r§ ' iReöuc ber gortfc^ritte ber «Raturtüiifenfd^often I, 1. 1873 
S. 78 f. — Ueber bie fogen. Äü^enabfäÜe (Äjöffenmöbbinger) unb 
t^r aitcr tjgt. ebenbaf. ©.129 ff., über bie ?ßfa^Ibauten S. 136 ff. 
„SWan borf e§ offen aujgfprec^en, bog mit ber 2lItcr§angobe 
über biefe OegenftSnbe onfangS ein ungcl^eurer Sci^roinbcl 
getrieben morben ift; mon regnete mit bieten Qa^rtoufenben,. 
wo man mit ber glcici^enr Sered^tigung ebenfoöiefe 3o!^rl^unbertt 
pttc annel^men bürfen" (S. 129), „SWan borf e§ ^eute ru^ig au§» 
fprec^en, bo^ oHe Ißfo^Ibouten o^ne 9Iu§na:^me einer unb berfelbeit 
^eriobe onge^ören unb bofe biefe in bie ^iftorifc^c geit fällt'* 
(S. 139).^ 



Slnmetfungen 5um fünften SSortrag. 311 

3. Heber Sarrcin CflI. bereits 2Inni. 25 be§ 4. SSortr. %ie ftorf 

ongefc^iDonene Siteratur für unb rciber ben 5)arnjinilmu§ ^ot bereite 
me^rfoc^e SSerfud)e ju bibüvQxa)p\)i\d)en Bufimnienpellungen l^eröor« 
gerufen; ügl. befonberg Spengcl, 3:ie f^wtfd^ritte bei 3;artt)inilmus, 
9«r. 1. 1874, 9Jr. 2. 1S75; eeiblife, Siterotur jur ^efcenberjf^eotie 
pro u, contra (all Slnfiong gu bc§ SSerf.g gd)rift: „®ie S^arroin'fd^e 
Sl^eorte", 2. ?lufl., 1875), fottiie bic äufammenpngenbe gefd)tc^tlid)e 
S'arfteKiing ber Jl^eoric (tnöl^renb ber erflen oitberll^alb So^rjel^nte 
t^rel 93t'fle^en?) öon Rödler, ®ef^. ber iBejic^ungen 2C. S3b. II, 
(£. 579 ff. — Unter jben STnliangern beä TorhjiniemuS finb in ber 
^te^ung ber tonfequenjen bei 2'efcenbenjprinjipl rüctfiditlid^ be§ 
l^ierifdjen llrft)rungig ber 9!J?enfd)]^eit bfjotiberS Jrett gegangen: ^Scfel 
(f. SSortr. 4, Sinnt. 26), Süc^ner, firaft unb gtoff, 7. 9lufl. 1862, 
fctt)ie: „(2fcf)« SBorlefiingen über bie S'orftfn'fdie 3:]^eorie", 1868; 
Sd)Ieibcn, 2ret S?orträge für gebilbete Saien, 1863, 3. SSortrag: S:ie 
SteOung be§ SJcenf^en in ber 9?otur (j. 93. S. 48: „S^er graittieife ab' 
j^nmeffenbe llnterfd^ieb jttjifden ®pet^e unb bent Sluftrolnegcr ift bei 
ttjeltcm größer al§ ber bon Se^terrm jum '^^kv"; S. 55f.: felbft in 
SSejug auf baS ©el^irn „befielet fein ttjefentlit^er Unterf^ieb" unb — 
„felbft ber religiöfe 3:rieb unterfd^eibet ben 9Jfenfcf)en ni^t »efentlidb 
»cm 2^^ier, fottienig bie 5Biene wegen bc§ §Dnigbereiten§ -u. f. tt). auf« 
l^ört 2:^ier ju fein" jc.i; ß. SSogt, SSorlefungen' über ben SRenfd^en, 
feine Stellung in ber Sc6ö|)fung unb in ber (Sefcftic^te ber ®rbe, 
2 93be. 1863 („Bmifd^en SJJenfc^ unb 2^ier befielt feine tiefere ttuft 
oI§ innerl^alb bei J^ierreid^i felber"; „ber SJfenfc^ ift nur ia§ ^ö6)\te 
(Snimicftunglprobuft ber f ortgef (^ritten en tljierifc^en ^ut^^tttJO^I, ^eröor» 
gegongen oul ber junöt^ft unter i!^nt ftebenbcn ©nippe ber Slffen" Jc); 
QU(^ Seiblife 0. 0. O. unb äC«c. ©c^ntibt, S^efcenbengfe^re unb ®ar* 
ininilmul, 1873, S. 262 ff. SKondie ber Slrgumente für bie Stffen» 
uriprung^Ie^re, welche in ben Äunbgebungen biefer ejtremen ®ar* 
ttinioner eine ^f't loi'S eine große SJoIIe fpielten, finb bereit! Ifingft 
oTI »iffenfcboftlic^ unbaltbor borgetban tt>orben unb baber aul ben 
jüngften ^loibo^erl für ben Tarnjiniemul f(bon njieber »erfc^wunben. 
€o u. a. bie berüfimte SD^ifrofepboIentbeorie S5ogt'l (a. a. D. I, 246 ff. 
II, 278 ff.), tt)ona(^ bie je^ige normole SRenfcbl^eit ficb aul urfprüng» 
lidjer SKifrofcpbaltc beröorgebilbet bätte unb bal berfümmerte ®ef)irn 
bei 3bioten, gemäß bem ©efe^e ber fegen. SItaöilmen ober 9Jürf= 
bilbungen, ber ^irnbef^affen^eit unfrer frül^eften SSorfabren, ber 9lffen= 
menfcben, unmittelbar nabe fte^e. ©ine eftotante Stiebertoge ^at bie 
bcutfcbe Slntbropol. ©efellfdboft auf i^rer ®en.=9Serf. gu Stuttgart 
8. Slug. 1872 biefer S^beorie SSogt'l bereitet. 2lul einem öorgelcgten 
mifrrfep^oTcn SD?enfd)engef)irn (el ^atte nur 32 Sot!^, Ȋ^renb baS 



312 Stnmerfungen jum fünften SSortrag. 

Oel^irn i>e§ ®oriIIa 40 Sot^ l^ot) unb feinet fpejiftfc^en 9?erfci^tebenl)ett 
öom Slffengel^trn beloie^ ^rof. Dr. o. £uf(^fa in Tübingen gegen ben 
ontoefenben SSogt bog feine J^eorie un'^altbar fei. Unb bie folgenbcn 
SRebner fpro^en fid^ in bemfelben Sinne au§, ttjö^renb SSogt bagcgcn 
nic^tä aufjubringen öermo(^te, ia jugefte^en mugte, ba| et nie ein 
folc^eg ©e^itn unterfu^t l^abe. Qu bem gleichen Siefultat gelangte ont 
9. 2Iug. Dr. Sucä auä gftanffutt üon ber Sd^äbelbilbung ber Säuge* 
totere au§ unb ^ofrot:^ ©der auf ®runb f. Untcrfud^gn. übet ba^ 
Srötugge-^irn. SSgt. 9Iu§ranb 1872 5Wr. 42; ouc^ ^eb^, Beiträge jur 
tenntnife bec aRifrofep^oIie («Irc^iö für «nt^ropologic, «b. VH, ^. 3. 
(5. 239 ff.), forote nod)maU Sucä, beim ^tonffurter ?lnt!^topotogen» 
Äongrefe 1882, njo oud^ SSirc^om taä ©ntftammtfein bcS 9Jienf(^en 
tont Stffen als boretft nur t^eoretifc^ poflulirt, nie^t tl^atfäc^Iicft er- 
liefen Bel^anbelte. — 'ilvLä) im fünfte ber angebli^en potäontologif(^en 
SBetoa^r^eitung ber Slffenobfiommung^Iel^re mufete fd^on monc^e üor» 
eilige SBe^auptung barnjiniftifc^erfeitö wieber jurüdgenommen roerben. 

®er blo§ pot^ologifc^e , alfo für eine befonbetc Siffenätinltc^fett unftct 

frü^eften SSorfal^ren ntc^t§ bettietfenbe (S^araftec fot(^cr fofftlen <Sd)&bel 

tüie ber Sleanbert^oler, ber $8rüjer, ber Sanftatter ©d^äbet 2c. ift neuer« 

btngg jiemlidö aUgemetn jugeftanben; f. fogat ö. ^ellwalb im 

„Wusr." 1872, (5, 1124; anä) @. SRo^el, SBorgcfi^tc^te beS curopöift^cn 
SDienfc^en, S. 95 ff., fofflie ha§ ®eftanbni§ ^ittcl'^ (in einem SSor» 
trage oor ber 2Kön^ener ant^ropolog. ©efeKfc^aft: „Ueber bie ältere 
Steinäett unb bie SWet^obe oor:^iftorif4ier ^orff^ung" 1873): „bag bis« 
je|t toenigften? bie Jfluft, welche ben SKcnfc^en in förperli(^er 83e- 
gte^ung Don ben Slffen trennt, öon ben tjorgefunbenen fof fiten Steften 
in feiner SÖeife überbrüdt wirb" (bgl. S3ewei8 b. ©tauben«, 1873, 
©.571). — Unter ben ju^lreic^en naturtoiffenft^oftlic^cn ®egen» 
fc^rtften öerbienen überhaupt biejenigen befonbere SSeacfttung, meiere, 
oi^ne ben ®tunbgebanfen bet ®attt)in'fd^en fiepte, namentlich einet 
magboKen SInteenbung be^ 2)efcenbenjpttnjt{)S auf bie Sntmidtung 
ber ^ßflanjen^' unb S^ierwett, feinblid^ entgegengutreten, hodf gegen bie 
§Iffenabftammung beä 9Renf^en me^r ober minber energifc^en ^roteft 
ju ©unften bet 9lnna^me einet utfptünglid^en unb fpegififd^en SSer- 
fc^iebenl^eit beffelben bon ber X^iermelt einlegen. $on au^Iänbifd^en 
^ritifern beS SartoiniSmuiS geböten ba^in befonbetS bet äRitentbeder 
bet (Sntwicflungile^re Sllfr. 9tuff. SBoIIocc (Söeittägc jur Sl^eorie ber 
natürl. 3ud|tn)a6I; a. b. gngl. oon a. 93. SJie^er, 1870); bie norb- 
amerifanif^en ©eologen 3)ano (Manual of Geology, 2. edit. 1874) 
unb ®att»fon (Nature and the Bible, 1875), ber betü^mte Snt^tO' 
pofoge 91. be Ouattefageä (Recueil des rapports sur les progres des 
lettres et des sciences, 1867 u. L'espece humaine, Par. 1878. Sleutf 4 ' 



Stnmerfunqen jum fünften 3?ortrog. 313 

^o§ aKenfc^engcfd^Mt, fip^. 187^, 2 9393.); öon beutfc^en nomentlti^ 
Ouenftebt (Äfar u. Söa^r, ©.64), o. 93Qcr (Stubten ic. a. a. D., 
6cfonbcr8 ©.413, wo fogar eine Sleufeerung toie bie oon O. f5;raa§: 
„®o§ aug einer iencr Slffenfpejiolitäten ba§ SKenfcöengefd^Iecftt l^erbor- 
gegangen fein foll, ift ber ttjol^nttjl^igfte ®ebanfe, ben SKenfd^en je über 
lie ©efd^ic^te ber 9J?enf(^l^eit bod^ten", im 93?efentli(^en juftimmenb be* 
urt^eilt roirb), auc^ ber ^l^ilofop^ heä Unberougten ü. §artmann, 
beffen ^auptfäc^Iit^ im fünfte ber äJienfdöenfc^öpfung bifferirenbc, fonft 
Qto%entfteiiS gufttmmenbe ©teDung jum 3)Qrn)int§mu§ fi^ nofie mit 
berjentgen üon SSoIIace berührt (^^^ilof. b. Unbero., 3. Slufl., @. 564 ff., 
SBo^r^cit unb ^rrt^um im S)arroini^mu§, 1875). — Sßel^r „auf ber 
gongen Sinic bcftrittcn" mürbe bie S)arroin«^ä(ferfc^e ©oolution^le^re 
in 91. SBtgonb'^ fd^on me^rfac^ äitirtem ämeibänbigen SBerfe: „®er 
3)ormini5mug unb bie SZaturforfd^ung 9?eroton'§ u. (JutJter'ig" (1874 
— 76), ber umfangreicöften unb ge^altüoOften ber bi^je^t erfd^ienencn 
Äritifeit ber fraglidjen J^eorie innerhalb ber beutf(^en Stterotur. ®od^ 

ift auc^ SBigonb, hiie fcfton ber SSorlSufer feineS grofeen 2Berf§, ha§ 

©c^riftd^en: „35te ©enealogie ber VLt^eüen alä Söfung be§ S)efcenbenj= 

Problems" 1872 geigte, einer öorfic^tigcren ^Inmenbung beg ^efcenbenj» 

prtnäipS auf botanifc^em unb jpologifcftem (Sebiete feineiWegS abgeneigt. 
?(e^nli(^ fte^t ber SScrfaffer ber bebeutenbften biigl^er in ©nglonb er= 
fc^tenenen Sritifen bei ®arroini§mu§, ber (fatb.) 9?aturforfci^er ©t. 
©eorge SRioart (On the Grenesis of Species, 1871. Man and Apes, 
1878). 93ei einer entfc^ieben obme^renben ^oltung gegenüber oHen $0* 
fitionen be§®ar»inigmuS ift ber grofeenorbamerifanifc^e Zoologe 9Igaf* 
jij (t 1873) bi§ an fein 6nbe be^arrt (bgl. fein öon 5|3rof. ©iebel in 
beutfc^er 93carbeitung l^erauigcgebcnci opus posthumus 35er ©c^öpfuugä« 
plan; SSorlefungen über bie notürlic^en Orunblogen-ber SSerroanbtfd^aft 
unter ben Xi^inen, 1875). Äel^nlic^ öerl^ärt fid^ auc^ Ouatrefage^ 
<i. a. D. (I, ©. 103 ff.). — §infi(^tlidö ber religiög^fittficfien ©eite ber* 
tocifc ic^ auf ben inftruftiüen «rtifel „S)a5 barroiniftifdbe SKoralprinjip 
unb feine Äonfequenjen" in ber 2lDg. @tJ.»Iut^, Äirt^enjeitung 1875, 
m. 43—45. 

4. Sine einge^enbe ®arftellung ober 93efpred^ung ber Seigre öon 
ttgaffij gibtSBoife, Slntl^ropologie ber 5RaturoöIfer I, 218 ff., obmo^f 
<iu(^ er geneigt ift anjune^men, „bag e§ in ber ^ei§en ^■'nc tjieüeid^t 
tnel^rerc fünfte gegeben l^ot, an meieren einft SDtcnfc^en entftanben unb 
Don benen fie ausgingen" ©.229; aber ma§ er fonft beibringt, fprid^t 
«ntfc^ieben für bie (Sin^eit bei SKenf^engefc^Ied^ti. 9SgI. bie na(öft«= 
folgenben iSlnfübtungen. 

5. lieber bie 9{affeneint^ei(ung überhaupt ogt. 9Sai^ a. a. D. 
<B. 258 ff. S)ic ©int^cilung ber SD^enfc^^eit ift befanntlic^ eine fe^r Per« 



314 5(nmerTungen jutn fünften SSortrag. 

fd)iebene, treti eben fcfiarf gefoiiberle 3lbtf)eilungen nicbt ejiftiren. ßuüier 
tialim 3 Pfaffen an, 93Iumenbod) 5, Seffon 6, gtf(^er 7, 'Sdoxt} 15 u. f. to. 
Itnb tote in ber S^^^U fo öartirt man and) in bcr SBq^I be§ @tn« 
tbei(ung§^)rtnsip§. SBIumenbac^ legte ben ücrf^tebenen S)ur(^meffcr be§ 
8(^abel§ ju ©runbe: bie faufanft^e Stoffe jeic^net \ii) bur^ eine oßole- 
fjorm be§ Sc^äbeli, wenig öorfpringenbe 5Bodcn' unb Cbcrltefer« 
fnod^en au§; bie fitljio^jifc^e hJei^t na^ ber einen Seite ^in baburc^ 
ab, boB bie Sängenbimenfion eine fel^r übermiegenbe mirb, tüä^rcnb- 
bei iem 9!ÄongoIen eine niel^r öierecfige in bie SBreite gezogene ©c^öbel« 
form ficb berou§ftent. «gl. ?ßfoff, ec^ö»)fung#gefc^., 2.3t. S. 715 ff. 
3)em äl^nlid) nimmt SU. SBagner, ®efd). ber Urwelt II, 34 al8 §aupt» 
formen an: hie oöafe meldte bei ber faufafifcften JRaffc, bie brcitgefic^» 
tige »elcbc bei ber mongolifi^en, unb bie Tetlförmige melcbe bei ber 
fdjWargen 3?Qffe öorl^errf^t. SSgf. ^ertt), Slnt^ropol. SSorträge ©.66 
unb: ®ie Slnt^ropologte all SBiffenfc^oft Don bem lörpert. u. geift. 
SBefen be§ SRenfd^en, S3b. I, 1873. ©. oud^ bie leljrreirfie „ßufammen- 
ftcflung üerfcftiebener ©int^eitungen bei Wenfdiengefc^Iec^tl" bei 331. 
mauä), S)ie (Jin^eit bei 3Kenfcf)engef^redbtl, STugSburg 1873, S. 418 
—428. ©ine Siebenjo:^t menfcftlid^er 9?affen ftatuirt, in t^eitmeifent 
9{nf4tu§ an SBrumenbad), O. f^. ^ef^el in feiner „58öIferTunbe" 1874 
(Sluftrotier, ^apüanev, 90?ongolen [einf^Iie^I. b. ?lmerifaner], S)rooibo§, 
••pottentotten nebft 93ufcbmfinnern, 9?eger unb SDZittellänber — bie lefe» 
teren bie 5 Slefte ber §amiten, Semiten, 5Bo§fen, Äoufofu§bett)D:^ncr 

unb 9trier ober Snbogermanen in fid) befaffenb). — 35er ®efic^tött)in!ef, 
mie il)n guerft (Jamper (1765j ber JRoffeneint^etlung ju ®runbc legte, 
wirb gebilbet burcb bie beiben Stnien öon ber (Stirnc jum Dberfiefer 
unb Don ber Statte bei äußeren ©e^örgangel bil jur SBafil ber 9?afc. 
35iefer SBinfel beträgt bei ben ©uro^jäern bur^f^nittlicft 8'»°, au(^ biS- 
ju 90" (b, 1). ber obere 2^^eit bei ©efic^tl tritt öerl^ältniBmäfeig l^eröor), 
bogegen bei einigen SWegerftommen 70" (b. ^. ber untere Xi^eil beS ®c- 
ft^tl tritt :^erOor), bei ben Slffen jebod^ (nad^ ^öppig) Pc^ftenl 50". 
Slber auci^ bei ben SBuf^monnern fommen (S^äbel mit faft 90° oor. 
SSgl. $foff, ©.642. S)e6boIb ^at SBIumenbad) ftatt be§ ©eftcbtl- 
toinfeB ben ®urd)meffer bei ©(^fibell ^ur ©riinblagc ber 9?affen- 
eint^eifung gemacf)t, aber aucb bieöon nacbgemiefen, bafe bieg ni(^t ein 
SBemeil gegen bie @in:^eit bei SKenfc^engefcfiled^tl fei, fonbern für bie« 
felbe. Sßgl. f. Beiträge jur SZaturgefd). I, 156 ff.: „ein SBort jur 
^J3eru:^igung in einer oKgemeinen f^omilienongelegenl^ett"; S^olurf, 
5Serm. @d)r. II, 210ff.; maud) a. o. O. ©,124. 151ff.; Quatrefagel, 
n, 98 ff. 

6. SSgt. nähere 9Iulfüf)rungen bei SB oi^, 2tnt:^roU. u. f. tu. 1, 195 ff., 
fomte befonberl bei Cuatrefogel, I, 71 ff. 98 ff. 



Stnmerfungcn jum fünften SSortrag. 315^ 

7. $ert^, STnt^rop. SSotträge ©. 104, 9Iber oud| Juenn bieg- 
jtDtifcIl^oft fein foHte, wie benn bte abftammung ber heutigen 9Kag»)areit 
oon ben olten §unnen beftritten ift, fo fte^t boc^ bie S^atfad^e bofr 
bag Älima u. f. to. ben äußeren Crgoni^muS öerSnbert ^ot feft. SSgl. 
Stugl. 1672, 3lx. 5, 6. 105 f. „3ft eS bod) eine betonnte Sliatfocfte 
bog bte Slbfömmlingc euro^)ätf(^er ?lnfteblet in ÜR.sSltner. in tl^rent 
<Bdt&helban ben ^obituS ber ?)anfee§ annehmen unb in fe:^r furjer 
Seit eine längliche ©eric^tSbilbung unb hen auffoHenb langen ^qI§ 
erl^olten. 2Bie bog Slinto öerfinbernb auf bie .^autforbe einwirft, ift 
ebenfalls beTannt" u. f. ». ©. auc^ 9?ouc^, S. 159. 190 ff.; Ouatre« 
fage§, II, 250 ff. 

8. 3Boi^ II, 230: „S;er SJJenf* fc^eint ficf) bei ber Heber fieblung 
in öerfc^tebene Älimate in ber J^at ben ^auät^icren fel^r ä^nltc^ ju 
»erhalten, mit bem einjtgen Unterfd^ieb, bog er eine fold^e Heber» 
fieblung in bem 9JJq6c beffer bertrogt, in treldiem er in fetner SRotur 
^ö^er ftel^t. 9Bie in frembem filima S:^ierroffen ausarten unb fid^ 
ben einl)eimifd)en öerä^nHd)en, auä) o^ne SBermifc^uug mit i^nen, fo 
ouc^ ber SRenfi^, außer tnfotoeit wefentlic^e SSerfc^ieben^eiten ber 
9?Q^rung, Sebenöttjeifc unb ßultur bei ©ingeroonberten unb (Singebornen 
biefe öerl^inbern." S8ei ben Sf)ieren erftredt ftcb biefe SSerfd^iebenl^eit 
äWift^en Jl^ieren berfelben 2Irt bi§ auf ben Änod)enbau, bie gal^t 
ber fRippen v. f. ttj. 9Sgt. 93Iumenbac^, Seitr. jur 9?oturgefcf). I, 
24 ff. gRorgenbfatt 1833 9?r. 204ff.: „®eoIogifcf)e ©riöen". SRauc^, 
©. 210 ff. 

9. ?|3crt^, ©. 70, 86 f. 3. 83, ®at)i§ ^at in ben Philosophical 
transactions of the E, Society of London 1868 hie Unterfuc^ung über 
1139 6cftäbel oon 133 oerf^iebenen Stämmen aug allen (Srbtl^eilen 
niebergelegt, $rof, Dr. grbr, *^faff in ©rlangen gibt borübet im 
„S3ett)ei8 beg ©laubeng" 1870, 2 u, 3, ©. 127 ff, („Heber bog ®e^irn- 
toolumen bei ben öerft^iebenen SJJenfc^enrocen unb bie barouS gezogenen 
©djlüffe") ein fel^r intereffanteg ^Referat, ttjel(^eg bie 93e;^auptungen beg 
SKaterioIi^muS on ber ^anb ber 2:^atfa^en ftiberfegt. 2)a3 beutfd^e 
®e^irn ift bog größte (1425 Äubtfcentimeter), bog fronäöfifc^e unter 
ben europätfe^en bag ffeinfle (1280), Heiner a\S bog ber (Ssfimog 
(1319), ja fogar alg bog ber Sßapna§ (1297}. Unb bo^ fte^en bie 
gronjofcn an geiftiger Begabung nic^t unter onberen SSi5Ifern. S5ag 
fleinfte Oe^irn ift bog ouftrolifd^e (1173). 3)og fleinfte SRenfc^en« 
gel^irn, bog man fennt, ift bog eineg ^inburoeibg oon 1040 resp. 
912 Äubifcentimetern , ftä^renb bog griJßte Slffengebirn bog man big« 
jc^t gemcffen nur 537 resp. 490 beträgt! SSgt. Cuotrefageg, IT,. 
144 ff, 3)aß bie SSerfc^iebenl^ett ber €(^8beIformen für bie f^eftfteHung 
ber JRoffenüerWanbtf^afteu fomie für bie Ermittlung etl^nologifc^er SSer=> 



316 Slnmcrfungen jum fünften Vortrag. 

I^ältntffe überhaupt o^ne »ref entließen S3elang ift, gilt bct neueftcn 
ant^ropologifc^en gorfi^ung a{§ au^gemoc^t; ögl, ^efc^el, Uebct ben 
lüijfenfc^aftl. SSert^ ber ®*äbelmeffungen, im „?lugfanb" 1872, SRc. 10^ 
fotoie SBöIfetfunbe, @. 61; 9?. o. Q^ering, S«r 9leform ber fttanio* 
metrie, in SBapian'^ Btfc^r. f. (Jt^noiogie 1873, $. IH, @. 121. 165ff. 
^ieiit audi hk öon 9tauc^ «S. 190 ff. foroie öon ©brarb, Stpologetif 
I, 260 f. jufommcngeftellten geugniffe oerfc^iebener ?tnt^co|)otogeit eben« 
l^iefür. 

10. ^tttt), @. 78. 3tuc^ 2Boife I, 390 ff. 

11. '$extt), ©.85. 58gl. auc^ g. ^. ««eufc^, SBtbel unb «Ratut; 
Sorlefungen 2c., 3. Slufl., greibg. 1870, ©.393: „Solche ©leicft^ett 
(namentlich betreffe ber burc^fc^nittlic^en Seben§baucr, bec Rranf^eitS = 
fä^igfeit, ber 9?ormoltemperatur be§ J^örperä, ber mittleren ißul^frequenj, 
ber ®auer ber ©c^roangerfc^aft 2C.) finbet iid) in ber S^tertoelt nirgenbä 
bei üerfc^iebenen ©pecie^ @ine^ ®ena^, fonbern nur bei ben 5Sarietätcn 
©iner <Specie§." 

la. SBoig I, 226. $ert^, S. 43. 

13. 9Boi^ 1,228. 3öcf(er, ®ie ein^eitl. 9tbftammung beg 9Jien- 
fdiengefc^Iec^tä (Qa^rb. f. beutfct|e S^eologte 1863, I;, <B. 69 f. 

14. @ine reichhaltige ^ufammenfteQung biejer gemeinfamen Ueber* 
lieferungen ber SSöIfer finbet fi(ft in ber früher anaefü^rten Schrift oon 
Sufcn, 2)ie Srabitionen beg SKenfcöengefc^lec^tg. 1856. 2. fe^r üecm. 
2lufl. 1869. Sßgl. auc^ ©brarb, «tpologetif, II, @. 10-498; Qödiev, 
«om Itrsuftanb be# 9Kenfcbengefc^I. S. 84 ff. 

15. 2lnbr. SB agner, ©treitfc^r. gegen 95urmeifter. 3.41. Stouc^, 
e. 178—189. 

16. 3Bai| I, 126. «Raucb, ©.181. 

17. Sgl. bie Äloge bei ?lc^tlle3 geg. Db^ffeuä in b. Unterroelt, 
€b^ff. XI, 488: 

9?t(^t me^r rebe öom Sobe ein Sroftwort, ebler Db^ffeuS! 
Siebet ja »ollf id) baä ^Ib ali Zaatläffaer befteHen 
einem bürftigen TOann, o^n' ®rb' unb eigenen SBo^Iftanb, 
3(I§ bie fdmmtli^e Sc^aac ber gef(^nunbenen Zobten be^ercfc^en. 

18. S3ei ©aftmä^Iern unb Xrinfgelagen pflegte man ein fitberned 
^obtengerippe auf ben lifc^ ju bringen unb ^erumjurei^en mit ben 
SBorten: 

Sie^e uns armen @ef(^öpfen! SBte gar nid)ti ift hodf bad Wenfc^Iein! 
SOfo werben wir alle, roenn un« etnii ber Cxtui ba^intofft. 
Saturn gelebt, fo lang und bei Sebenl ®enu8 no(^ oergönnt ift! 

%gl. 13efftng, ÜBte bie SIten ben 3; ob gebitbet, SluSg. t)on Sa^mann, 
Vni, 254. Petron. ed. Mich. Hadr. p. 115: Potantibas ergo et 
accoratissimas nobis lauticias mirantibas larram ai^nteam attolit 



2tnmerfungen jum fünften SSortrag. 317 

servus sie aptatam, ut articuli ejus vertebraeque laxatae in omnem 
partem verterentur. Hanc qaum super mensam semel iterumque 
abjedsset et catenatio mobilis aliquot figuras exprimeret, Triinq,lcio 
adjecit : 

Hen, hen, noi miseros quam totua homancio nil est. 

Sic erimns cnncti, poatqaam nos auferet orcus. 

Ergo vivamas, dum licet esse bene. 

Auf Dielen olten ©rabbenfmolen njar btefelbe 3)enfroeife ouSgeiprod^en: 
f,. 85. „®er bu bieg liefeft, geniefee bog Seben, benn nad) bem %obe ift 
ttjcber Sa^cn, noc^ Spiel, nocö irgenb eine SöoQuft" ; ober: „greunbc, 
idi xati^e euäf, mi]d)t einen 93eci^er SBein unb trinft i^n, baS ^aupt 
mit 83fumen befränjt; bo8 Uebrige oerje^rt nad) bem 2;obe bie ©tbe'* 
u. bergt, m. 

19. Äarl SSüflt, Äö^Iergloubc unb SSiffenfc^oft. ©ine ©treitfc^rift 
gegen 9tub. SBagner, 1855. ^ft glei(^ jettig: SouiS 93ücbner, ßroft: 
unb Stoff, 1855, 93eibe Schriften erlebten in fürjefter Qdt eine fReif)t 
neuer Sluflogcn (bie le^tere ii§ 1878 bereite äwölf). 2(u§erbcni 
a3üc^ner, ^pi^^fiologifc^e 33ilber, 1872 unb: „5:et ©otteSbegriff u. beffeit 
S3ebeutung in ber ©egcnroart, 1874. S)eBgIeic^en 9JioIef^ott'§ 
Schriften: ^l^^fiologie ber ««a^rungSmittel, 1850. 2. 3[uf[. 1853. Se^re 
ber 5«a^runggmittel für bog «olf, 1850. 2. 2lufl. 1853. ^^ijfiologie 
beS Stoffroed^felS in «ßflanjcn unb Spieren, 1851. 3)er Äreiälauf be§ 
Sebcng, 1852. ^vii neuefter geit befonberS ®. $• SenjcS, Problem» 
of Life and Mind, 1873; 3. E. gift^er, ®o§ Sewufetfein; materio« 
liftifc^e Slnfc^auungen, 1874; 90. SBunbt, ©runbjüge ber p^^fiologt» 
ft^en «ßf^c^ologie, 2 2^rc. 1874; Sdej. 93oin, ®eift unb törper, o. b. 
Sngf., ßcipa- 1874; 9?. 3loel, S)ic materielle ©runblage beg Seelen» 
lebeng, 1874; 3ul. Dc^orowi^, Tic 83ebingungen be§ 59enju6ttt)erben#, 
@ine p^ljfiolDgifcft • pf^dboIogif4e Stubie, 1874. — Unter bcn ®egen= 
fdiriften gegen biefe Äunbgebungen beä mobernen ont^ropologifc^en 9!Jio= 
niSmug, in welchem bie 2lnfd)auung§njeife beS älteren SRateriali^mu^ 
(Samettrtc, ^olbad^ jc.) unb ber ^^rcnologen wie ©atf, Spurj^eim :c. 
in roffinirterer SBcife wieber ouflebt, ügt. fc^on Ä. ^^. gift^er, S)ie 
Untoa^r^eit beS SenfualigmuS unb 3)?atcrialigmu8, 1853, unb' ü\^ 
„9?a(^trag" baju: lieber bie Unmögfic^fcit ben 9?aturati§mu8 u. f. ro. 
1864; «ug. SBebcr, ®ie neuefte Vergötterung beS Stop, 1856; 
grrauenftäbt, ®er SJJaterialigmuS, feine SBa^r^eit unb fein Srrtl^unt 
(gegen Süc^ner, Äroft unb Stoff) 1856. grroM<^ommcr, SWenfc^en» 
feele unb ^^^fiologie. ©ine Strei^fc^rift gegen ^. SSogt, 1856; gobri, 
©riefe gegen ben SKoterialiSmuS, 1856. 1S64; SJerf., Äritifc^c Umf(%ou 
in ber materiotiftiftften Strettliteratur, in ber @üang. Ätrd^cnäcttung, 
Suli unb «uguft 1856. nüd) gierte in f. «ntl^ropologte, 1856; ^uc 



\' 

318 Slnmerfungen jum fünften Sortrog. 

geelenfrage 1859 u. f. to.; 5Rnb. Söagner, '^er Äompf um btc Seele 
Dom ©tonbpunft ber 3l>i))en)c^aft, 1857. Unter ben fpäteren (Schriften 
I)ebe ic^ befonber^ bte öon 9iuete, Uebet bie ©jiftenä ber Seele öom 
naturnjiffenf^aftltc^en ©tonbpunfte, 1863, ^ertor, loeld^e ouf bem 3Bege 
ber Si^öuftion „bte Slnna^me einer felbftftänbigen Seele emptrifc^ 
red^tfertigt", inbem fie nac^roeift, „baß bo§ geifttge ^rtnjip bei ben 
@inne§roa^rne^mungen in einer Don ben reinen ©tnneäeinbrürfen bi3 
gu einem gemiffen ©rabe unabpngigen unb barauS unerftärbaren 
SBeije t{)ätig tft". ©. 88. ^di muß ouf bie ja^frcic^cn intereffanten 
Siad^ttjeife felbft, »elc^e btefe <5(^rtft gibt, öerttieifen. ©ine grünblit^e 
llntetfudiung ber Seelenfrage enthält ouc^ Ulrici, ®ott unb hie SZatiir. 
2.Slufr. 1866 @.261ff. SSgt. ouc^ !!Betg,2Intimoterioligmu§ H; Se^bcl, 
l^ur Sritif beg aRaterioIi^muä, 1872; SBiganb, 5)er 5)artt)ini§muS 2C., 
U, 298.5ülff. ebrarb, ^UJoIogettf I, ©. 74ff.; 9Ji'eoä^, O^ristia- 
nity and Positivism, N.-York 1871, p. 188. 206 88.; % ^onet, Le 
cerveau et la peQ8ee, Par. 1873. \ 

20. 9Jac^ Söüc^ner, Äroft unb Stoff, 7. Stufl. 1862 S. 106—109 
unb §ettinger S. 250. 

ai. Scf)on ber röm. 3)i(^ter Sucretiu^ in feinem großen ®e«'^ 
biegte De reruni natura (ügt. ST. Sänge, &e']i). be§ SKoteriali^mu^, 
2. STufl. I, 97. 139 ff.) le^rt tJoDftänbig biefen pf^c^. SDiaterialiämuS 
i. SB. m, 446 ff. 

gerner bemetfen Wir noc^, bog, jugleic^ erjeuget bte Seele 
SJlit bem Körper, }uglei(^ ^eranioäc^ft mit i^m unb altert. 

^at bie geroaltige 3«* Ji^lEöt ben Körper jerrüttet 

Unb bie ©lieber Tmlen mit ftumpf geworbenen ftrdften, 

Sann fo fmtt auif ber ®eift. — 

2Uio ISfet ftc^ auf baä gefammte SBefen ber Seele, 

Unb eä jergeöt Wie ber dianä) in ben ^o^en Süften gergeöet; 

©intemol wir eä fe^n fic^ jugleit^ mit bem ftörper erjeugen, 

©leic^ fortwae^fen mit i^m unb miirbe üom 2Cter ietledjitn. 

t^euerbac^ meint avtäf (fämmtl. SBerfe III, 309), be3 2ucretiu3 ®rünbe 
gegen bie llnfterblidifeit feien noc^ l^eute gittig unb man fönne gegen 
„bie unfinnige Kopulation eine^ fterblic^en unb eine? unfterblic^eit 
SBefeng nic^tg 93cffere§ fagen, oI§ er bereite gefagt l^abe". — 5)er 
$:^i{ofop^ be§ mobernen SJioterioliämul ift Subro. geucrbac^. SSgl. 
©runbfä^e ber ^^ilofop^ie ber ^ufunft, 1843, II, 269 ff. „S)ic Auf- 
gabe ber neueren S^it mar hie SSerroicflic^ung unb SSermcnfc^Iic^ung 
@otte^ — bie SSermanblung unb Sluflöfung ber J^eologie in bie 
Slnt^ropologie" (§. 1. 52). 3)emnod^ ift ber 3Renfc^ ber einjigc unb 
:^ö(^fte ©egenftanb ber ^^ifofop^ie, bie Anthropologie alfo, mit (Sin- 
fc^Iug ber 5)J^^fioIogie, bie Untüerfalroiffenfc^aft (§. 54). 2)iefc aber in 



9tnnterfungen jum fünften SSortrag. 319 

t»cm ©inqe, ia^ „®ott felbft ali ein matedatiftifc^el SBefen bcftimmt" 
•<§. 14) unb. ber SJienfc^ in feiner finnlidjen SSirflic^feit genommen 
wirb. „2)er 2eib in feiner Xotatität ift mein ^c^, mein SBefen felber." 
„3)ie neue ^i^ilofop^ie ift bie offenherzige finnlicfie ^l^itofop^ie (§. 36). ' 
9?ur bie ©innlic^feit ift Söa^r^eit unb ©ewife^eit (§. 38), 3)a ift benn 
natürlich „ber ©egenfag oon Seib unb Seele felbft logifd) fein balt= 
borer" 11, 358. „Sinnlic^feit ift Söirrtic^feit." „©innlic^feit ift SSoH^ 
fommen^eit" U, 366. 367. „2Ber nic^t me^r finnlic^ ift, ift nic^t me^r" " 
<B. 368. ®iefe ©ebonfen finb bonn in feinen oerfc^iebenen Qlb^anb» 
lungen über ben %ob, S3b. 3, weiter auägefübrt unb ttjieberl^olt. 
SJioIefc^ott, «ß^^fiologie be§ ©toffroec^felS in ^ftanjen unb Spieren" 
1851. e. XII: „(Sin unfinnli(^e§ SBefen ift ein Unfinn." ©. XIV: „9Zur 
aü§ bem Stoffroec^fel begreift ficft bag Seben." 8. XXII: „S)ie SIngel, 
um melcfte bie heutige SBeltweil^eit fic^ bre^t, ift hie ^^Jjfiologie be§ 
Stoffroecftfel«." «nbere Sleufeerungcn f. Dorn im Sejt. t. SSogt in 
f. 5Bi(bern aug bem S^ierleben: „®er J^eologie, bie mtt ber SSer« 
nic^tung ber Seele alg gefonberten, für fid^ befte^enben 3)ingg oon 
felbft aufhört, unb fic^ beä^olb mit ber SSut^ ber SSerjtoeiflung für 
bie (Sjiflenä biefe^ ®ingeg »e^rt, ber 2:^eotogie ift bie Seele ein 
inbioibueüeg, immaterietleg <Prinjip, tt)elc^e§ in einem beftimmten 
Körper feinen SBo^nfi^ aufgef(^Iogen !^at unb biefen Äörper al§ S"' 

ftrumcnt benu^t. gür bie Jioturforfc^ung bogegen ift bie Seele 

fein immaterielle^, Oon bem Körper trennbare! ^rinjip, fonbern nur 
ein ÄoHeftiOnamc für Oerfc^iebene gunftionen, bie bem SierOenf^ftem, 
— bem ©ei^irn ougfc^liefelic^ jufommen. — ®e^t ba^ Drgan, ber 
Körper, ju ®runbe, fo ^ört bomit ouc^ bie gfunftion auf; ftirbt ber 

Äörper, fo ^ot bomit ou^ bie Seele ein ooOftänbigeä @nbe. 

Somit ttjöre bem einfachen 9D?oterialigmu8 Xtfüx unb %i)Ov geöffnet — 
■ber SJienfc^ fo gut roie bog S^ier nur eine SJlofc^ine, fein ®enfen bo§ 
SRefuItot einer beftimmten Drgonifation, ber freie SBiße bomit auf* 
gel^oben? n. f. »• ^d) fonn nid^tS onberS fogen aU: SSa^rlid^ fo ift'^. 
e§ \ift mirflicfi fo. 35er freie Söille esiftirt nic^t, unb mit i^m nic^t 
eine ^erontmortlic^feit unb gurec^nunggfol^igfeit, mie fie bie SDlorot 
oinb Strofret^tgpflcgc unb @ott toei^ tooS noc^ ung auferlegen tnoHen. 
SBir fini\in feinem Slugenblide Ferren über unS felbft, über unfere 
geiftigen Gräfte, fo »enig. al^ toir, um mic^ l^ier einigermaBen grob 
au^jubrücfen,. Ferren barüber finb, ba§ unfere 9?ieren eben obfonbern 
foDen ober nic^t" u. f. tu. »üc^ner, Äroft unb Stoff (1862), be- 
jeic^net sroor bt;n SSogt'ftJen Sßergleic^ : „®ie ©ebonfen ftel^en in bem* 
felben SSerpltni^ ju bem ®e^irn wie bie ®oIIe jur Seber ober ber 
Urin =5u ben 9«ereV' olg einen fe^r fc^Iec^t gewallten (8. 129), meint 
aber boc^, „bie Seelent^ötigfeit ift ein ^Junftion ber ©e^irnfubftonä" 



320 Stnmctfungen jum fünften 3?ortrog. 

(©. 133). — „3lün leugne man nocf) — bfl§ ber 2Renf(^cngeift eiit 
$robuft be§ ©toffroe^felg fei!" (S. 148). ©. 149 tt)irb noc^getoiefen^ 
baß eg feine angeborenen ^becn gebe, fonbern ei ^nge "üUeS, ou(^ 
bog SJforaltfc^e, „mit ben äußeren SSer^ältniffen j^ufornmen" @. 167). 
®emnac^ (@. 179) „fönnen toix feine SSiffenfc^aft , feine SSorfteüung. 
oom 3l&foIuten, b. ^. üon bem ^aben, wa§ über bie unS umgebenbc 
finnlidöe SBelt l^inaulfü^rt". S'iatürli^ gibt c§ au^ feine tjerfönlid^c 
gfortbauer ®. 185 ff. Unb fc^Iießlic^ tnirb ber fpegifif^e Unterfc^icb- 
jttjifc^en SJienfc^ unb 5l^ier üerneint (8. 217 ff.). — (Sine JRei^e folc^er 
©teilen ^at ouc^ gobri 8. 9 ff. ongefü^rt, »eitler an bie Spi^e feiner 
Erörterungen baö treffenbe SSort §amann'g fteüt: „Sine SSernunft, bie 
fic^ für eine Sto^ter ber Sinne unb 9Jlaterie befennt, fe^t bai ift 
unfere 9?eIigion; eine ^^ilofop^ie, welche ben SJienft^en i^ren S3eruf 
ouf allen SSieren ju ge^en offenbart, n5f)rt unfere ®roBmut^, unb ciit 
Sriump^ ^eibnifc^er ©otte^Iäfterung ift ber Oipfel unferS ®enie§!'* 
®iefe§ SSort finbet feine Seftätigung in ©d^riften mie diid). (Sc^uric^t'S 
9Iu§jug au§ bem 2;agebuc^ eine§ Sfiaterialiften, ^arnbg., §Dffm. u. 
6ompe 1860, in welchem bie Selbftfuc^t al§ boä ^tinjip bei ge- 
fammten Sebeni, au^ beä religiöfen gefeiert, ba^ ^beal ge^ö^nt, bie 
„^^roftlofigfeit unferer Sage" befannt unb felbft ein geucrba^ al§ ein 
überttjunbener ©tanbpunft be^anbelt mirb. ?Iug neuefter 3^^^ gel^ött 
:^ie^er g. SB. ^ul. ®uboc, ®a§ Seben o:^ne ®ott; Unterfuc^ungen über 
ben et^ifi^en ®et)oIt beS ^It^ei^mu^, 1875, unb nomentlic^ @. t). ^att* 
ntonn: ®ie ©elbftjerfclung bei S^riftent^umä unb bie Sieligion ber 
Sufunft, 1874 (ogl. bieftritifen biefer legten Schrift oon Q. 0. Oofter jee 
im 5Bett). b. ©laubeng, 1875, @. 16 ff., fomie oon C. g. ^eman, 
©b. ü. ^artmann'g ^Religion ber Bufunft, ieipi. 1876; g. 33raig, 
®ie Sufunftäreligion bei Unberoufeten u. ba^ ^rinjip bei Subjefti- 
t)iimu§, fjreiburg 1882). SSgl. auc^ meine 3Sortragc über bie mobernen 
Söeltanfc^auungen, 9. SSortr. @. 164 ff. 

22. hierüber f^abri 8. 63. 65. 70. 

23. gabri 8. 35; SK'eoi^, Christ, and Positivism, p. 188 ss. 

24. ^ettinger, 8. 264. 

25. SSgf. Schubert, ®ie ©efc^ic^te ber 8ecle. 4. 9IufI. 1850. I, 
8. 444 u. 465, 2lu^ bie öon 2)eli^f(^ (8t)ftcm ber «pologetif 1869, 
8. 501 ff.), öon ^ertlj (2!ie m^ftifc^en ©rfc^cinungen ber menfc^Iid&cn 
«Ratur I, 48ff.; U, 128ff.), öon fj. ©pitttgerbet (Schlaf u. Sob JC, 

2. 21. 1882 unb: 2lu§ bem inneren Sebcn, 2p}. 1880) u. 31«. jufammen« 
gefteüten 93eifpiele oon ©ut^onafie frommer ©Triften aui älterer unb- 
neuerer Qeit 

26. Siebig, e^emifc^e «riefe 5. 2lu8g. 1865, 25. »rief 8.207: 
„®er geiftigc 3J?cnf^, fo fagen fie (nömli^ „bie 2)ilettanten in ber 



Sttntncrfungen f^nm fünften SSorttag. 321 

9?aturft)iffenf(^aft", hjie StcBtg biefe gO?oterioKften fte'^enb bcseii^net), 
fei bo§ *ßrobuft feiner Sinne, boi ©e^trn erzeuge bie ©ebanlen burd^ 
einen ©toffwed^fel unb öer^altc fic^ ju i^nen wie bie Seber jur ®alle. 
@o ttjie bie Oalle untergel^e mit ber Seber, fo gel^e ber ®eift unter 
mit bem Oel^irn. — SBenn ©ie bie ©d^tüffe biefer Seutc entf leiben bon 
bem geborgten fjlitter unb Xonb — , fo bleibt übrig, bog bie Seine 
jum Saufen unb ia^ haS ®el^irn jum ®enfen ba fei unb bog bo§ 
S'cnTen gelernt »erben muffe, fo ttiie bQ§ Sinb bo§ Saufen lerne; boi 
h)ir o^ne 93eine ni^t gelten unb o^ne ©e'^irn ni^t ben!en fönnen; 
baß eine SSerlefeung ber ^rortbettiegungShJerTseuge ba§ ®e'^en unb eine 
SSerle^ung ber SBerfjeuge be§ %tnhn§ ba§ ®enfen änbert. SIber bo§ 
gtetfc^ unb bie Änod^en, ttJorauS bie SSeine befte'^en, bettjegen fid^ nid^t, 
fonbern fie »erben behjcgt burd^ eine Itrfad&e bie nid^t ?rleif^ uijb 
Sein ift, fie finb SBerfseuge ber Kraft-; bie meiere TOaffe, bie mon ®e* 
^irn nennt, ift ba§ SBerfjeug ber Urfad^e »elc^e bie ©ebonfen er» 

jcugt. So tt)ie bie §orfe tönt, »enn t^re 8oiten ber SBtnb bt» 

roegt, fo benft bo5 ®el^irn burd^ ben ©toffwec^fel; fo l^ört ba§ O^r, 
fo fielet bo§ Sluge; ober bo§ ®el^irn an ftc^ benft feinen ©ebanfen, 
ba§ £i}v ^ört ni(^t bie SJiufif, ba§ Sluge fielet nid^t bie teud^tenbe 
©onne, ben grünen 58anm, eS empfinbet ntd^t bie ^ptaäie be§ Singen* 
poar§, bog i^m Siebe juftral^It — . ®er geiftige SJlenfd^ ift nid§t ba§ 
^robuft feiner Sinne, fonbern bie Seiftungen ber Sinne finb ^robufte 
beg intelligenten ®illeng im SD'ienfd&en." Sgl. ferner §eIm^oI§, 3)ie 
neueren f^ortfc^ritte in ber 5;^eorie be§ Selben? (in „^oput. »iffen* 
fc^of triebe 9?orträge", »raunfc^weig 1865, §. H, S. 1—98), unb 
3. 5?. Wat^ex, lieber einige nottimenige Äonfequenjen unb :3nfon'= 
fequenjen ber 9!Bärmeme(^anif (SSortrag tjor ber 9?aturforfd^eröerf. ju 
3nn§brucf, f. 2Iu§Ionb 1869, S. 1064): „©in grober ^rrt^um ift e?, 
»enn man biefe beiben parallel loufenben ^il^ätigfeiten (nämlidö bie 
molefulare ob. moterielle 2:bätigfeit unb bie 3)enf»X]ö5tigfeit be§ §irn§) 

ibentiftäiren »in. ®o8 ®e:^irn ift nur ha§ SBerTaeug, e§ ift ni^t 

ber ®eift felbft. S5er ®etft aber, ber nid^t me^^r bem 93erei(^e be§ 
finnlid^ ©obrnel^mbaren angePrt, ift fein llnterfuc^ungSobjeft für ben 
^^^fifer ober SInatomen". ®egen bie SSerfud^e ber mobernen „p!^J)fio* 
logifc^en ^fti^ologie", bie Qfbentififation be§ 'J'enfeng mit ben mofe* 
fularen ^irnfunftionen mit ^ülfe be§ pl^^fifalifi^en ®efe^e§ öon ber 
Srl^oltung unb SSernjonblung ber Straft ju ooHäie^en, ogt. aud^ W^oSi) 
Q. a. C. p. 206 ff., SSiganb, ®er ®artt)ini^mu§ 11, 298 ff. 601 f., 
ebrarb, 9Ipol. I, 74 ff. 

27. SBgl. £}. S. (Srbmonn, lieber bo? S?er:^äItniB ber natur* 
toiffenf(^aftli(^en ^forft^ung u. f. ttJ. S. 20: „?Ba§ tt)ir fe^en, füllen, 
furj toaS roii finnlic^ »a^rnel^men, ba^ ift — fo muffen »ir glauben ! 

Sut^arbt, SSortröge I. 11. SlufU 21 



322 Stnmerfungen jum fünften SSottrog. 

<BoU aber tvaS toix nid^t fe^en, ntt^t fügten, furj ni(^t f tnnltt^ 
too^rne^men, borum auc^ nid^t fein? S)tc S^age bebarf ber 3nttt)ort 
ntc^t." „SBenn bog SSefen bei Sebeni, wenn inlbefonbcre bie S^ätig- 
feit ber benfenben Seele ftd^ auä me^onifc^en unb (^emtfc^en ©efe^en 
gettjtß ntd^t erTIären lägt, fo ift bie ^nnai)me, bog Ijter bte SBirfungen 
anbetet Ätäfte öorliegen, noc^ allgemeinen wiffenfc^aftltc^en ®tunb« 
fo^en ntc^t nur juläfftg, fonbern gerabeju geboten." „SJog me^oni* 
fcfte unb d^emifdie Utfot^en ouf bte ?teu6etungen bet 2eben§* unb 
OeifteStptigfett ben mo(^tigften Sinflug üben. Wer ttJtrb bo§ leugnen? 
SBenn ober borouS ber 8(i^Iu§ gebogen »erben folf, bog £eben unb 
(Seele audö nur me^onifd^e unb diemtfd^e Urfo^en baben fönnen, fo 
totrb boä nur mit |»ülfe einer 8ogif gelingen, »elcbe fcbliegt: iä) fenne 
nur med^onifdöe unb d^emifd^e SBIrfungen, folgttdö gibt e8 feine on^ 
bereu." — @in beliebtet 2:^ema ber :^eutigen iß^^riologie ift bie ©r« 
f(arung be§ Seben^JjrojeffeS ai§ 90?e^ani§mu§. 9Iber fo biet bortn 
geleiftet »orben, fo bleiben bo4 nod^ öiel ®e^eimniffe. ®a§ 2eben 
felbft ift ein fold^eg. Unb bie cjeiftigcn iJunftioncn tceifen nocft auf 

onbere aU h\o% mec^onifc^e Äräfte ifin. 2)teg bot ^rof. ^re^et ou§ 
Sena auf ber 2eit)jiger 9?atutforf(i^ert)erfammIung 1872 in feinem SSor» 
trog über bie „(Srforf^ung ber SKecbomf be§ Seben§" onerfonnt. SBir 
finb überall üon 9K^ftetien ber ©jiftenj umgeben. 80?an beruft fic^ 
auf bie ©jtiertmente; ober bie 95orouäfe^ung aUei ejberimentolen 
i^orfc^eng ift ber ©laube an bie eigene 5Sernunft. 3)ie gefeierte 9?ebe 
toeli^e ©uboiä^JRe^monb ouf berfelben SSerfommlnng über bte 
©renjen ber noturttjiffenfc^aftlid^en ©«fenntnig bi^ft, gipfelt in bem 

fantifd^en ^ai^e, bog toiv bog 3)ing an fid) nic^t fennen fonnen. 
SJoturttiffenfcftoftlii^eS ©rfennen ift \>k gurüdffübrung ber SSeränberung 
in bev ÄörtJettoelt auf bie iBeftiegung bet Sltome, bie burd^ ©entrol» 
Iröfte jener bewegt werben. Toburc^ ift unfer Roufolitötlbebürfnig 
öot bet ^onb beftiebigt, fofetn baburc^ bte SSeWcgung^utfac^en in 
ber Äörperwelt auf eine fonftonte Summe üon finetifcber (bewegenber) 
unb potentieKet ©nergic jurücfgefü^rt finb, ttetc^e einet beftimmten 
©umme bon SÄoterie onboftet. 3lber iie baburd^ nicbt entfernten 
®rengen be§ naturroiffenfd^aftlid^en ©rfennenS befte^en 1. in ber Un» 
mögti(^feit ba§ SSefen ber SUioterie unb ber Äraft ju begreifen, 2. bo§ 
SSewugtfein felbft in feiner nieberften fjorm ber Smpfinbung bon 
ßuft unb Unluft erflären ju fönnen. 9SgI. fc^on oben 9tnm. 2 jum 
4. Sortr. 

28. ©uijot in feinen Meditations etc. II, 249 ff. gibt intereffante 
SWitt^eilungen unb eine einfd^neibenbe Äritif biefeä fog. ^orttioi§mu3 
be§ 9lug. (Jomte unb feiner Slnbönger Sittre in ^Poril unb ^ob" 
©tuort Tliü in Sonbon. Unb üoQfommen gitt gegen biefe 9;i(^tung 



Änmerfungen jum fünften SSortrafl. 323 

h)o8 9? Utile in feiner fittltd^en ©ntrfiftung gegen Soine auSfül^rt (S)cr 
^tmmlifc^e SSater ©. 217 ff.), bo§ „bie 58er^errUcftung be§ ($rfoIg§ bie 
erfte unb [lä^ex^e ^olge ber rittlid^en (Sleid^gülttgfeit" fei, meiere bie 
Seele biefer ®en?tt)eife bilbe. SSgl. ferner 9)l'So§!^ in ber Bereite 
me^rfad^ angef. ©d^rift Christianity and Positivism öfter; 3. 93. 3:if* 
fonbier, Origenes et developpement dtu Positivisme contemporain, 
Par. 1874, fowie maS ba§ SSer^ältnift be§ frans. ^ofitiot§mu§ ju 
feinem britifd^en Doppelgänger, bem f. g. ©efulari§mu§ betrifft, bie 
nngemein te^rrete^en 9Äitt]^etIungen oon SRaurice S)oöie§, Heterodox 
London, or Phases of Free Thought in the Metropolis, London 1874 
(unb boroug l^örfler: SonbonS ftr^Iic^e gaftänbe, in ber ©Dang. 
Ä3tg. 1875, 9?r. 29f.; anä) beffen SIrt. „^ofitioiäntug" unb „@efu. 
Iari§mu§" in §erjog3 ^rot. 9?eoI«@ncl}ff., 2. 3IufI.). ®ine fteine gute 
S(j^rift gegen ben ^orttiöi^mug ift au^: 2)a§ S^riftentl^unt unb ber 
^4?oftttoi#mu§. 9Iug bem granjöf. ö. b. SSerf. ber (Schriften: La religion 
pure et sans tache u. f. ttJ. Hamburg, SSertag ber Sllfterborfer 2ln» 
ftolten (Cncfen) 1861. 

2». Süc^ner, a. a. £>. ®. 217: „^er SRenfd^ f)at feinen abfoluten 
Sorjug bor bem X^icr unb feine gei^ge Ueberlegcnfd^aft über baffelbe 
ift nur relQtio. Äeine einjtge geiflige i^i^iqteit fommt bem 9J?enf(^en 
allein ju" — olfo oud^ ni^t bie be§ SetbftbeluuBtfeinl, \)e§ fittlid^en 
unb be§ reltgiöfen 93en)u6tjetn§? fjfeilic^ bie beiben te^teren öerneint 
^üc^ner überhaupt. ©. 218: „Der geiftige ^rojefe ift bei ben Jl^ieren 
(nämlic^ bei ber i^r ^anbeln beglettenben Iteberlegung) feinem SBefen 
nadj öoUfommen berfetbe roie bei ben 3)Un^ä)en." <B. 221: „28te weit 
enblic^ entfernt fic^ ber 9?eger öom ?lffen?" @. 222: „Den brofinoni« 
fc^en Urmenfd^en f(^ilbert 93urmeifter qI§ ein 3;^ier in feinem gonjen 
J^un unb 3:reiben unb jebe§ ^öl^eien geiftigen Seben§ gonj ent= 
bc^renb." Sle^nlidöe^ bei ^r. Körner, 3:^ierfeele unb SKenfd^engeift; 
SSerfud^ jur 9lu§glei^ung ber moterialiftifc^en unb ber ibealift. SKelt* 
onfic^t 1872, foroie in beffelben iRaturet^if, §am6. 1873. — ©egen 
biefe §erabttjürbigung be§ SRenfc^en jum %fiiet (oon iueld^er Rödler, 
Se^re öom Urjuftanb <B. 139 ff. nod^ weitere 93eifpiele äufammenftellt) 
ögl. \dion Kousseau, Emile 1. IV. p. 39: Quoi! je puls observer, 
connaitre les etres et leurs rapports: je puis sentir ce que c'est 
qu'ordre, beaute, vertu; je puis contempler l'univers, m'elever ä la 
main qui le gouveme; je puis aimer le bien, le faire; et je me com- 
parerais aux betes! Ame abjecte, c'est ta triste philosophie qui te 
rend semblable ä elles: ou plutöt tu veux en vain t'avilir; ton genie 
depose contre tes principes, ton coeur bienfaisant dement ta d»©» 
trine et Tabus meme de tes facultes prouve leur exceUence en depit 
de toi. 

21* 



324 STnmerfungen a«nt fünften SBortrog. 

SO. UeBer bte große SBebeutung ber aufredeten (Stetfung beS 9D?en« 
fcfien ögl. Sofee 9KtTrofo§mu§ 11, ©. 84. gicj^te Slnt^ropotogte 
(2. STufr.) S. 546. 53etbe Betonen, bo§ babur* ber 9D?enfc5 bte |)änbe 
frei Bel^olte ju freier SSermenbung, tnbem er fie nt(ftt jur ©tü^e Be« 
bürfe. %ax'm liegt äugteid^ ba% bie öonb für ben 9)?enf4en döaraftc« 
rifttf(5 ift, IteBer bte ^onb ügt. ben $8ribgeftjcrter'2;roTtat be§ Berühmten 
engl. KBtrurgen unb 9Inatomen ß;:öQrIeg 93efl (t 1842): „UeBer bie 
ntenfAIi^e §onb", a. b. ©ngL öon ö- ^auff, ©tuttg. 1836, fonjte fcBon 
Sant Slnt5ro|)ologie (?. SB. X) (S. 336: 2)ie Efiorafterifirung beg 3Jien. 
fc^en oI§ etne§ üernünftigen 3!^tereg liegt fcBon in ber ®eftalt unb 
Drganifation feiner §anb unb gingerf))ifeen" u. f. ttj. Stud^ Sftd^te 
a. 0. D. Betont bte eigentBümIi(^ geBtIbete ^anb „aU SBerfjeug freier 
hlnftlerifc^er 2::eättgfeit". C»egel nennt bie ^anb „baS aBfoIute SBerf* 
geug", \)aS „SSerfaeug ber SBerf^euge", (Snc^rr. (@. 38. VE, 2), ©. 240. 
242 f. SSgl. ^teju fRot^e SBepI. ©t^tf (2.9rufl.) 2. ©. 90 f., fohjie ouBer« 
bem ti. 93aer, o. a. £)., S. 326. 

31. ^tulge^^enb öon ber STnfd^auung, bafe ber 9JienJ(§ ber l^teed 
ber gefammten S'iatur unb fomit oud^ bie centrale ^wfon^ntenfaffung 
ber öerfc^iebenen @nttt)i(felung§ftufen fei, in benen ba§ SZaturleBen ftd^ 
borfteHt, l^at Sfriftoteleä bte Seele ber 9Kenf4cn aU ticgctattbe (all 
ba§ bem ^PffanjcnleBen entf^ret^enbe SSermögen ber SSegetation b. ^. 
ber Srnä^^rung be§ leiBIid^en OrgontSmug), aU fenfitibe unb locomotibe 
(at§ ba§ bent 5^^ierIeBen entfpred^enbe SSermögcn ber ©mpfinbung unb 
örtli^en 95ehjegung) unb aU öernünftige (ba§ bem 9Jienf(6en eigen« 
t^ümlid^e SSermögcn ber SSernunft) bejeidönet. 9Sgt. 5. 93. ®d&njeg(cr, 
®ef(^. b. «ßljilof. 4. 2lufr. 1860. <B. 79. 3)ie ec^oloftif be§ SRitteloIterS 
i^at fid^ andi Sterin — »ie aud6 fonft in i^rer ^f^dBotogie unb (St^tf 
— on 3trijtoteie8 ongef^Ioffen. Unter SSertoctfung auf 5:^oma8 3Iguinü8 
Betritt aud^ ^etttnger <B. 285 f. ben SBeg btefer SintBeilung. 3« ^^^ 
üBer baS ©mpfinbungäleBen ©efagten OgT. 3)oIton ©.31 unb üBer 
bo§ neue ^rinäip bei SelBftBewuStfetn^ eBenb. ©. 28 f. 

32. S8gl. 5um ??foIgenben SSiefc, 3)tc 95ilbung beS SBiUcnS. 
3. Sluff. 1872 unb ®aIton a.a.ü. ©. 38 f. üBcr bte bret Stufen 
ber SBilIenSentwidflung , ic^ will, i^ toiU, xä) toiU ben SBillen 
®otte§. 

33. SSgl. ®oet:ee, ©prüd^e in ^Profa. 93b. 3. ©. 172:-„®er SKeufd^ 
Wäre nid)t ber SSornel^mfte auf ber @rbe, wenn er nit^t ju toorne^m 
für Tic »äre." 3lu(^ Ä. (S. ü. 93a er a. a. O., ©. 464: „3ft e8 nic^t 
menfc^enwürbiger, groB öon fic^ unb fetner 93eftimmung ju benfen, 
als nur ouf ba§ 9?iebere gerichtet, allein bie Beftiale ©runbfage in ftt^ 
onjuerfennen? SSon biefer nac^ bem 9?ieberen ftreBenben 9?ic^tung ift 
letber bie neue £e^re fe^r gefärbt, ^d) möchte lieber Ijoc^müt^ig al9 



^Inmerlungen jum fünften unb fet^ften Ißortrög. 325 

niebertrSc^tig fein, unb id^ erinnere mid^ be§ 3Iu§fprud^e§ Don Sont: 
„'^ex yjien^d) fonn nid^t gro§ genug bom SIKenfdöen benfen". ®te 
neueren Slnfic^ten bogegen finb mel^r eine SBefc^önigung aller t^ierifc^en 
Siegungen im SJienfc^en." 

;?lnmerknn0cn ^nm fe(t)|len IDortrag. 

I. Plutarck, Advers. Colotem Epicureum c. 31 (p. 1125). SBergt, 
Fabric, Bibliogr. antiq. p. 304. Artemidori 'Ovsipoxpmx&v I, 9: 
„Kein SSoIf ift ol^nc ®ott, o^ne einen oberften 9tegenten; einige ober 
öere^ren fo, onbcre anberö bie ©ötter." Cic. Delegg. 1,8: „Unter jo 
oielen Oattungen t)on ©efc^öpfen gibt eg feine? ou^er bent SRenfd^en, 
i)a§ einige Äenntniß Don ®ott l^Stte; unter ben SKenfd^en ift fein SSoIf 
fo unbänbig unb jo milb, bog nic^t, oud^ -ttjenn e§ nic^t roeig »eichen 
(Sott eä ^Qben foK, boc^ rtü^te bog man einen l^oben mufe." ^ieju 
ügt. SRic. I, 154, unb i!^m folgenb |)ett. ©. 359. UebrigenS möge 
SSortr. 3 2lnm. 3 üergtic^en werben, ^dj füge ^ier no(^ bie fd^öne 
SteDe üon Guizot, L'eglise et la societe chretieones en 1861 p. 14 
an: Dans tous les lieux, sous tous les climats, ä toutes les epoques 
de l'histoire, ä tous les degres de la civilisation, Thomme porte en lui 
ce sentiraent, j'aimerais mieux dire ce pressentiment , que le monde 
qu'il voit, l'ordre au sein duquel 11 vlt, les vaits qui se succedent re- 
gulierement et constamment autour de lui ne sont pas tout; en vain 11 
fait chaque jour, dans ce vaste ensemble, des decouvertes et des con- 
quetes; en vain il observe et constate savamment les IqIs permanentes 
qui y President; sa pensee ne s'enferme point dans cet univers livre 
ä sa science, ce spectade ne suffit point ä son äme; eile s'elance 
ailleurs ; eile cberche , eile entrevoit autre chose, eile aspire pour l'uni- 
vers et pour eile meme a d'autres destinees, a d'autres destinees, a un 
autre maitre: 

Par delib tous ces cieux le diea des cieox röside, 
a dit Voltaire, et ce dieu qui est par delä tous les cieux, ce n'est paa 
la nature personnifiee, c'est le sumaturel en personne. C'est a lui que 
les religions s'adressent, c'est pour mettre Thonune en rapport avec lui 
qu'elles se fondent. Sans la foi instinctive des hommes au sumaturel, 
sans leur elan spontane et invincible vers le sumaturel, la religioa ne 
serait pas. SSgl. ouc^ 9Bai|, 2Int^ropoI. ber SRaturöölfer I, 324 über 
bie Allgemeinheit ber 9teIigion. 

Ä. 3o^. ö. SWüIIer'g 9Berfe, 2^.33 ©.5 unb ^tan «ßoul in 
feinen „Erinnerungen ou8 ben f^önften ©tunben für bie legten". 
SS9S. 47, 125. 

S. a)iefe ©cbanfcn fmi» befonberg in ber m^ftifd^en 2:^eoIogie 



326 ^Inmerfungen 3 um fe^ften SSortrag. 

f)eimi]di, in bcr neueren ^eit ötelfae^ in ^ßrebtgten unb in apologeti« 
f(^en SIrbeiten oerffiert^et unb ou§gefüM, ögl. befonberg §ett. 3. 374 f., 
aud^ 35aIton ©. 40 f. ©regot ö. SJa^ianj, 2ln ben 9?amenIofen: 

3n Sit lommt STdeä jur atu^e, ju 2)ir jh:5mt alle« gefc^aoret, 

©nbe bon SlHem bift ®u. — 

4. S)iefe %taQe über ba§ pftjc^ologifc^e SBefen ber Steltgion, ob fie 
ein SBiffen, SöoÜen ober t^ü^Ien fei, ip in ber 5:^eoIogie otel öcr« 
^anbelt. Urfprünglt(^ faßte man fie oB ein ST^un, alö eine beftimmte 

SBeife ber ®otte§öereI)rung (cultus dei) — fo in ber oltcn Jtird^e btä 
:^erab gu ben alten ^jroteftantift^en 3)ogmotifern — ; bann alä ein 
Söiffen — fo jur Qtit be§ 5JationaIilmul unb ber ^egel'fc^en $^iIo» 
fopbie — ; feit Sc^Ieiermocber al§ eine SBeftimmtbcit beä ©efü^tö, 
roetcbeä aber jeberjeit in SSIffen unb S^un übergebe. 5)ie JHeligion 
oI§ ®Ioube JU bejeicbnen ift oielen neueren firii^Ii^en 5)ogmaiifern ge* 
läufig; ogl. j. S9. Äa^ni§ ®ogmat. 1 (1. aufl. 131. 142 f.) 105 ff. 

5. Siebte, Sämmtl. aSerfe H, 253 f.: „3liäit ba§ SBiffen ift biefe« 
Organ (mit »eli^em mon nämli^ bie bö<^fte Stealitöt erreicbt) — ber 
®Iaube ift e§, biefeö freiroiflige 93eruben bei ber ficb un§ natürlich bor« 
bietenben 2lnfi(^t, »eil tt)ir nur bei biefer Slnfi(^t unfere 93eftimmung 
erfüflen fönnen."— @r ift fein SSiffen, fonbern ein @ntfcblu§ beöSBitlenS 
ha^ SBiffen gelten gu laffen." SSgl. ou^ Weiterbin feine (Erörterungen 
über ben freien 2BiIIen§aft beig ©tauben^. 

6. SSgl. ju btefem ganjen Slbf^nitt über ba§ ®ebet bie fc^öne ©tetle 
in ©uigpfä Scbrift L'eglise u. f. tu. p. 14 ff. 

7. aSgl. 5RageIgba^,®ienacbbomerif^e ^beologie 1857 ©. 211ff. 
tiefer (3d)rtft (S. 217) ift oucb bie im 2^ejt mir SlnfübrungSjeicben 
bejeicbnete ©teile entnommen. Safaulj lieber bie ©ebcte ber ©riechen 
unb 9?ömer, SBür^b. 1842. ©. 5: „5ßi^t nur mit ben religiöfen, mit 
aQen wichtigen ^anblungen be§ Sebeni, ja faft mit oHen Tlo» 
menten ber tägticben ©emobnbeit beffelben rooren ©ebete üerbunben." 
(©. 9 f.) „3n ber älteften 3ett p'fieqtt man öorjug^roeife in ber StiHe 
ber ^aä)t unter freiem §immel mit unbebedtem Raupte bie ©ötter 
onjurufen, ganj l^ingegeben bem Icbenbigen ©cfü^I ber Itnenbltcbfeif. 
— ©cnft mar bie 3eit bei? ®ebet§ regelmäßig om SJiorgen unb am 
Sbenb, unb beim Einfang mie beim Scbluß be3 Waf)U§. Slußerbem 
mürben nicbt nur bie religiöfen ^anblungen, bie mit Opfern üerbunben 
Waren, fonbern oDe bebeutenben SJiomente be§ Sebenä mit ©ebeten er* 
öffnet. ®tc SSerfammlungen be§ 9SoIfe3 tute tei Statte«, olle Äriegg» 
unternebmungen, jeber Sampf unb alle SBettfpiele, fogar baä Sbeoter: 
aUe§ warb mit Qeü§, b. f). mit (3ehet begonnen. 3n 9?om pflegte man 
nacb Slnorbnung beä ffönigg Slumo ju Anfang jebe§ ^a^reS gewiffe 
©ebete unb Opfer für bog ^eil beg gonjen 3fl^re§ bor^ubringen. 2lIIe 



^nmer!ungen jum fec^ften SJortrag. 327 

SSa^fcomitien eröffnete, ber präfibircnbe SRagiftrat mit einem solemne 
Carmen precationis u. f. n., ebenfo alle SSoIflmufterungcn auf bem 
Waröfelbe unb oHe ©enotfiin&ungen ; unb gleic^crtDeifc begannen bie 

ajiafliftrote, namentlich bie ©onfuln, oI§ bie Rauptet ber SJepublif, i^r 

2lmt mit einer solemnis votorum nuncupatio im Tempel be§ capitolinifc^en 
Jupiter u. f. nj." igeben biefer Säge l^at Safaulj mit ©teQen au§ ben 
olten ©döriftftellcrn belegt. — 3)ie Stelle au§ ferner ift Ob^ffec 3, 
43 ff. ®cn ongefül^rten SSer§ bejjeic^netc 9JleIan(^t^on oB ben f^önften 
im gonjen ^omer. S)ie SSorfdjrift hei ©ofrateö finbet fi^ hei 
Xenop!^on Oecon. 6, 1. Qn biefer ©t^rift 7, 7 lägt Xenop^on ben 
3fcl^omad^u8 fogat ben Unterricht feinet jungen ®üttin in ber §au^« 
ftoltungäfunft nidjt e^er beginnen, ali nocftbem er geopfert unb gebetet 
^at, büß i^m fein Seigren, i!^r bag Semen jum §eil gereid^en möge. 
Unb ä^nli^c ©teilen fiuben fic^ bei Xenop^. nod) oft, Ogl. 9?ägeläb. 
©. 217. ®ie ffleufeerung '^Jßlato'S ift aug De legg. VI p. 356 unb 
Tim. p. 22, 4 ff. entnommen, ^arnod^ »erfährt ^lato and) felbft Tim. 
p. 47, 8. De legg. IV p. 347, 1. X p. 193, 11. Epinomis p. 352, 10. 
®Ieic^ernjeife beginnt auc^ SJemoft^eneä feine 9lebe De corona mit 
ber SInrufung ber ®ötter; unb baffelbe behauptet Servius ad Aen. 
XI, 301 Don ben 9tömern: majores nuUam oratiouem nisi invocatis 
numinibas inchoabant, sicut sunt omnes orationes Catonis et Gracchi. 
(Sofoulj S. 9.) ©elbft Suliu§ ©äfar na^te auf ben Änieen ©tufe für 
Stufe bem copitolinifc^en ^"Piter, ol^ er nad^ oierfad^em 2:riump^c 
bemfclben fein S)anfgebet borbrac^te (Dio Cassius 43, 21. Safoulj 
S. 12). SSon ben mand^erfei Sleufeerungen über ha§ ©ebet miH id^ 
nur nod^ bie be§ ©op^iften 5[liaEimu3 öon J^ru# (Diss. XI p. 207) 
anfül^ren: „^ebex folle, ttiie ©ofroteä getrau l^obe, beffen Seben ein 
fortroS^renbeä ®ebet gemefen, ni^t8 Slnbereä Don ben (Söttetn er« 
bitten alS 2^ugenb ber ©eele, ru!^ige§ ®emüt!^, ein tabeüofeS Seben 
unb ben Zob in froher |)offnung." (Safaulj ©. 8.) Ueber bie (int' 
n^ei^ung bei ®ebetS aber ügl. ©ßllinger, ^eibentl^. unb 3ubent;^. 
1857, ©. 635. 

8. SSinet, iRcbcn über religiöfe @egenftänbe, überf. öon SSogel. 
^ranff. 1835, ©. 354. Ueber baä ©ebet ögl. SRonrab, 9lu§ ber SBelt 
bei ®ebet§, beutfc^ öon Wic^elfen, 6. 2lufl. 1881. Seon^arbt, 3)a§ 
c^riftr. ®ebet. 7 apol. SBortr. 2. ?IufI. 1878. ^affner, 2)a§ ®ebet beg 
§errn 1880 unb meine SSorträge über bie SKorat beS ©l^riftent^umg. 
3. 9lufr. 1882. 4. SSortr. S. 71 ff. mit ben betr. ?Inmerfungen S. 243 ff. 

». ßan t, 9ieItgion tnnerb. ber ©rengen b. blogen SSernunft. ©ämmtl. 
2B5B. ^eraugg. öon Siofenfranj X, 236 3lnm. 

lO. Ueber ba3 SSer^^äftnife öon Steligion ober ©^riftent^um unb 
93ilbung ögl. Sübler, SSorträge über 33ilbung unb ®l^riftent|um 18t 3, 



328 SlnmerTungen jum fed^ften SSortroä. 

Snt 2lnjc^Iu§ ^ieron ©arleg, 2)a§ ©^riftent^um unb bic Stteratiit 
ber oHgemeinen Sßilbung, S"tj(^i^. für ^rote[tanti§mug unb Äir^c 
1862 ffloühf., tuteber obgebr. in f. (s^rtft: ®a§ SSer^äItm& beB ©Triften» 
t^umä ju Kultur» unb SebenSfragen ber ©egennjart, 1863. — ^in« 
fid^tlic^ be§ ftaotltc^en unb fojiolen Seben§ bgl. SRonteäquteu 
L'esprit des lois XXIV, 3: „SBunberbare ©rfc^etnung: bie c^riftlidfie 
fRelxQion, hie nur ha§ &IM bei fünftigen Seben§ jum ®egenftonb ju 
l^aben fc^eint, begrünbet anäf ba§ ®Iücf bei gegenwärtigen Sebenl." 
SBie benn 2Jiontelquieu biefen ©ebauTen überhaupt in jenem S^^ammeri' 
:^ange toeiter ausführt, befonberl gegen Sa^te'l SBe^auptung ba§ bo§ 
©^riftent^um mit ber Erfüllung ber burgerlid^en «Pflichten unoertröglic^ 
fei; ögl. Sitcolol 2, 345, in einem lefenlnjert^en Slbfc^nitt. 9ln jenel 
SSort aßontelquieu'l erinnert qu(^ Qiet^e 6.26, unb bringt unter 
3tnberm ou^ ©.28 bie ©rjä^Iung üon einem SZegerf ürften , toel(^er 
ba§ ®e^eimni§ üon ©ngtanbl ©röge wiffen ttJoQte, unb »eifern bic 
Königin SSictoria ni^t i^re ftolgen Ärieglf(^iffe ober i^ren reichen 
Äronf^ol, ober i^re tapferen Solbaten ober i^re gefüllten ©ee^äfen 
geigte, fonbern eine 93ibel überfanbtc mit ben SSorten: „bal SBort 
®ottel ift ba§ ®e]§eimniB öon ©nglanbö ©röfee". 9lud) Lettin ger 
<B. 407 fü^rt mel^rerel :^ie:^er @e:^örige on. ^d) erinnere ougcrbcm on 
jene! befonnte SBort ©oet^e'ä (ÜBeftöftl. ®iüan. SS28. S3b. 4, @. 264): 
„SllleSpoc^en in melt^en ber ®Iaube ^errfd^t, unter toelc^er ®eftoIt er 
ou^ wolle, finb glSnjenb, ^erjer^^ebenb unb fru^tbar für SKitwelt unb 
SJadjwelt, Sllle Spoc^en bogegen in welchen ber Unglaube, in Weimer 
gorm e§ fei, einen fümmerlid^en Sieg bei^auptet, unb wenn ftc öuc^ 
einen Slugenblid mit einem ©(^einglanje praßten füllten, oerfc^Winben 
bor ber ^ioc^Welt, weil fic^ 92temonb gern mit @rfenntni& bei Uti» 
frud^tboren obgeben mog." SBefonberl franjöfifcfte ®ele^rte tfaben ben 
3ufammen^ang ber ®efc^id^te ber menfc^Iic^en ©efeüfc^aft mit ber 
a^eligion unb ber Sntwidlung ber ®otte§ibce noc^gewiefen. So fu^t 
grancf Edutea orientales 1861 ju jeigen, wie ber 9Bert^ ber bürger* 
lid^en SSerfaffung einel S3oIfl in SSer^ältnife ftel^e ju bcm SBert^e 
feiner 9?etigion^tbee. Unb f^on ©bgar Ouinet le^rt in feinen SBor» 
lefungen ju S^on (Unite morale des peuples modernes 1839, 2In^ong 
ju feinem Genie des religions), bog bie religiöfe ^bee ber eigentliche 
Sern ber ^iöilifntion unb bal geftaltenbe ^rinjip ber politifc^en SSer» 
faffungen fei. ®en Uebergong ju biefer 2)enln)eife bejeic^net Benjamin 
Sonftant. „®r :^otte fein 9Berf über bit ^Religion im ®cift bei Slt^eilmul 
entworfen, aber er enbigte eS, inbcm er bie not^wenbtge SBcbingung 
bei Söefte^enl ber giöilifirtcn ®efellf(i^aft im rcitgiöfen ®efü^I fuc^te." 
SSgl. SR ob i He, ®er ^immltf^c SSoter ©. 60 f. 

11. ^ettinger fül^rt S. 519 bic «cu^crung ©uijot'l on: Me 



^tnmcrfuitgen jum fed^ften unb fieBenten ^ortroö- 329 

^oltttfc^en unb fDäiafen Srwgen fül^ren in t^rer testen Söfung immer 
roieber ouf bo8 religiöfe ^rinjip jurücf; unb ^roub^on'g in 
feinen „Sefenntniffen eine§ SteüoIutionärS" : ©1 ift fiberrofc^enb, bag 
jobolb tütr in bcr ^olitif in bte Siefe ge^en, wir immer auf bie J^^eo» 
logie ftofeen. $roubl§on Beginnt ouc^ f. Systeme des contradictions 
economiques ou philosophie de la misere (184:6, 2 58be.) mit einer 
Unterfu(^ung über bte ©otteSibee; unb ©uijot legt jenen ©ebonfen 
feinen Discours sor Thistoire de la revolution d'Angleterre (1850) ju 
®runbe. 

12. Guizot, L'eglise etc. p. 167, 

Anmerkungen $nm ftebenten Portrag. 

1. @in ö^nlid^er ©ebanfengong bei 3lxcola§ I, 203 ff., too oud^ 
eine Bejeic^nenbe Steufeerung be§ franjöf. ^^ilofopl^en Koufin on* 
gefül^rt ift: „5Som SRenfc^engefd^Ied^t gilt baffelBe wie oom ^nbiöibnum. 
©ine UroffenBarung erleuchtet bie SBiege ber menf^Iic^en ©ioilifation ; 
oKe olten Ueberlieferungen gelten biä in ein ^eitolter, wo ber 3Kenfc^, 
eben qu8 ber §Qnb ®otte§ ^erüorgel^enb, unmittelbar öon i^m oKe 
jene Slufflärung unb oDe jene SBa^rl^eiten empfängt, bie balb no^!^er 
burc^ bie 3eit unb bur(^ ba§ ftümper^ofte SSiffen ber SJlenf^en Der* 
bunfelt unb entfteKt mürben." ®r üermeift auf eine Steige üon Stellen 
ou8 ben «llten felbft meldte biefe§ SBetrufetfein ougfprec^en. $Iuto lofet 
feinen ©olrateg fi(^ auf bie 2:robttion ber Sllten berufen, roel^e „Beffer 
marcn al§ mir unb ben ©öttern näl^er ftonben" (ot p.sv xaXaiol -/psix- 

~ov£5 -^^üiv xat i-^-^üzipw bzä>v oixoüvt£<; toüttjv ttjv ©t^jitjv irapeoooczv) 

WO fti^'g um ben ©tauben an bie göttlid^e SBettregierung ^onbelt 
Phileb. opp. IV p. 219, in ben fragen ber ^Religion überhaupt Tim. 
IX p. 324, in ber ^roge öon ber UnfterBIit^feit ber (Seele unb ber 
jcnfeitigen Vergeltung Opp. IX p. 115 — Wie bieg au(^ burt^meg on* 
erfonnt ift, ögl. j. 33. ©oufin: %ie Xrabitioncn beS'Drient^ bienten 
ben Slnfc^auungen bc8 $Ioto jur Sap, in i^nen lag, fo ju fflgen, ber 
Stoff oHer feiner ©ebanfen (Traduct. de Piaton t. IV, notes sur le 
Phedre, 9licola§ 1,208), ober Sld ermann: So oft er eine ©tauben^* 
le^re ouffteKt, öermeift er auf alle ^eilige Ueberlieferungen (baä S^rift« 
liie in ilato S. 52). ?le]^nli(^ mie bei ^(ato äufeert fid^ aud^ 2lri= 
ftoteleg (Metaph. Xu, 8. De mundo 6) unb ©icerc De legg. 2, 11: 
antiquitas proxime accedit ad deos; ou(^ Tusc. I, 12. SJtit iRicoIaS 
unb feinen Einführungen ftimmt bann aud^ ^ettinger S. 422f. üBeretn. 
©efc^id^tlic^c ©elege für bie größere SRein^eit ber reltgiöfen SSorfteDungen 
unb ftulte Bringt Nicola 8 I, 159 ff. Wviit mtnber ügl. hierüber ßüfen, 
%\t Srabitioncn u. f. m. S. 27, mo eine 9tei^e oon entfprec^enben 



330 ^Inmerfungen sunt fiebenten SSortrög. 

Sleugerungcn öon Sreujer, SB. ©c^Iegel, 2Roöer§, ©rimrn, ®ottfr. 
Tlnüet angeführt wirb. 

2. ®te etfte Stelle in bem ber piaton. ©c^ule ongeprenbcn 
5)iolog Alcibiades II, p. 150. SSgl. auc^ Plato Politia p. 271—275: 
„bt§ @tncr fommt ber un§ grünbUc^ unterrichte." — ®ie jroeite Stefle 
Plato Phaedo p. 85. S)iefe ©teilen finb oft in opologetif^em 3n» 
tereffe jitirt worben: jo bie erfte Oon ÜJiicoIa^ I, 152. 202. II, 123 ff. 
126; bie gnieite oon bemf. I, 206 f. U, 409, unb ebenfo 0. ^ettinger 
©. 422. Slud) ©tirm S, 466 unb 3) ol ton S. 121. 122. 146 erinnern 
baran. 

3. 5ßeanber, ®eitfn)ürbigfeiten I, 28. Ueber^aupt bietet biejer 
gonseSIbfi^nitt jener ©c^rift intereffante ^Beiträge ju biefem J^ema. 
Bcenop^aneS fc^Iießt feine ©c^rift über hie 9?atur mit ben SBorten: 
„SJiemanb ^ot ©eroiffeS erfannt, noc^ loirb er e^ erfennen, über bie 
®ötter unb »ag icf| oon bem SSeltaQ fage. S)enn wenn er and) felbft 
baS SSoUenbetfte fagte, fo roei§ er e§ bennod^ nic^t, fonbern SBa^n ift 
über olleS »errängt ", bei %f)o\nd, 5)er fittU^e ©^arafter be§ 
§eibent^. ©. 5. 

4. S)ie erfte Stelle Sic er o'^ finbet fi^ Tusc. 1,41: harum senten- 
tiarum quae vera sit, deus viderit; quae verisimilis, magna quaestio 
est. 2le!^nlic^ De nat. deor. III, 39. S)ie jroeite Academ. quaest. I, 12. 
%ie britte Cic. Tasc. III, 1, 2: igniculos nobis dedit parvulos, quos ce- 
leriter malis moribus opinionibusque depravati sie restingtdmus, ut nus- 
quam naturae lumen appareat. SJgl. anä) Siicolo^ I, 200 unb II, 410, 
unb ^ett. ©. 473. 

5. Sont an ^acobi, in ^acobi'ä aS3S. III, 523. 

6. Schiller, „®ie @unft be^ ^Jlugenblicf^" unb „®al mud": 

au§ ben aGBoHen muß eä fallen, 
ms ber ®5tter <Bd)oo%, ba« ©lud. 

Selig tneltfien bie (Sötter, bie gnäbigen, öor ber ©eburt ft^on 
Siebten, Wellen aU ftinb SSenuä im 9trme geftiegt, 
SBelc^en SßIjöbuS bie Slugen, bie Sippen ^ermeg gelBfet, 
. Unb baä ©iegel ber 9Rad|t 3^"^ auf bie Stirne gebrücft u. f. ro. 

®ro6 jtoar nenn' ic^ ben 9Kann, ber fein eigner SBilbner unb Schöpfer, 
ffiurt^ ber Xugenb ©ewatt felber bie ^arje bejroang: 
STber nid^t erjroingt er baä ®Iücf, unb roa§ i^m bie Sbari^ 
aJeibifd^ geweigert, erringt nimmer ber ftrebenbe SRutb. 
SSor Unmürbigem fann bic^ ber SGBiUe, ber ernfte, bewahren: — 
SlHei ^öd^fte, eä tommt frei bon ben ®öttem ^evai. 

3it ©c^iHer ügl. SBilmor, SSorleff. über bie ®efc^. ber beutf(^en 
g^ationaCiter. 2. 9tufl. 1847 ©. 609. gOioäart'ö 93efcnntni6, ha^ ii)m 
feine ©ebanfen »oie im jEraum fommen, unb ©oct^e'ö SBort on ©der* 



Anmerkungen jum ftcbcnten SSortroö- 331 

monn: „jebe $robuftiüität ^öd^fter 2lrt, jebeS bebeutcnbc Slpergu, jebe 
Srfinbung, jeber gro§c ©ebanfe, ber grü(^te bringt unb golge l^at, 
fte^t in 92iemanbed ©ercalt unb ift über alle irbijc^e äJlai^t erl^aben. 
SJergletd^en bat ber SKenfc^ olg unöer!^offte§ ©efd^enl öon oben, al§ 
reine Äinbcr ®otte8 ju betrachten, bie er mit freubigem 35anfe ju em= 
i)fangen unb 5U öerge^ren ^at. — 3" folc^en gäüen ift ber SJienfc^ 
oftmals als ein SBerfjeug ju betrachten, a(S ein hjürbig gefunbeneS 
©efäfe jur aufnähme etneS göttlid^en ©influffeS" (1876. III, ©. 102). 

7. Plutarch. De recta ratione audiendi 2. (^ettinger ©. 507.) 
fiant, 9?eIigion innerhalb ber ©renken ber btofeen ißernunft, 1793 f. 
3n Äant'8 fämmtl. SBerfen Don SRofenfranj, 1838, %f). 10. <Bä)on 
bie Ueberfc^rift ber erftcn Slbl^anblung lautet: „SSon ber ©inttjo^nung 
beS böfcn ^rinjipS neben bem Outen ober über bog rabicatc SBöfe in 
ber menfc^Iic^en 3latüx." SS9I. meine ©c^rift: 2)ie Se^re öom freien 
SBiQen u. f. to. 1863. ©.347. 348. 2ru&erbem Nicolas II, 5 ff. 
S)oIton (5. 49 f. 

8. »b. 30. SSSinfelmann, StntifeS. $eibnif(^e§ @. 10—13. 
„SBirft fi4 ber Steuere faft bei jeber 93etraci^tung tn'§ Unenblid^e, um 
julefet, Wenn e8 i^m gtüdt, auf einen befc^ränften ?ßun!t mieber jurüd» 
äufc^rcn, fo füllen bie Slltcn o:^ne weiteren Umtteg, fogleid^ i^re ein« 
äige a3e^agli(ifeit inner^oIB ber ©renscn ber f(^önen SSelt. ^ie^er 
roaren fie gefegt, ^ieju berufen, ^ier fanb i^re Spttgfeit 9taum, i^re 
Seibenfc^oft ©egenftonb unb 9?a^rung." ®ann fc^ilbert ®oct:^e, toit 
ber „^eibnifc^e ®inn" einen folc^en „ton ber JRotur fetbft bcabfi^tigten 
^uftanb beä menfc^lic^en SBefen§" erzeuge, bafe^mir, „in bem ^öd^ften 
?lugenbli(fe beg ®enuffe§, toie in bem tiefften ber Slufopferung, ja beS 
UntergongS, eine unticrmüftltc^e ®efunb^ett geiua^r werben." SKärf (in 
in ©traug, ßeben aJlärflin'g, 1^51, ©. 127: „^d) miö au§ üoQer ©eefe 
ein §eibc fein: bcnn l^tcr ift boä) SBo^r^eit, Statur, ©röße." ©trau§ 
nennt ben ©Triften einen @ngel ber ouf einem gejäbmten 5;^ier reitet, 
unb rü^mt bie gefunbe ©innlid^feit bc8 gried^ifc^en SebenS in Sc^ubart'S 
Seben U, 461. SBogegen dioti) in ©tubien u. Äritifcn 1850, 2. Unb 
auc^ ®oet^e befenut a. 0. D. @. 14, ba^ „ba§ SSerpitni§ ju ben 
2frauen, baS hd unS fo gart unb geiftig geworben, fic^ foum über bie 
®renjen beS gemeinften ^ebürfniffeg cr^^oben". 

9. SSgl. oorn bie 14. 2lnm. jum jweiten SSortrag, bie Söeiträge ou§ 
J^ubic^um ju Sophodes Oed. Col. v. 1191 ff. ©in alteg Drafef, 
welches @ilen bem SQiiboS gegeben ^aben foH auf bie ^roge, woS bem 
SRenfc^en bo8 83efte fei, lautet: 

C Bom unfeligen @ott unb ber 65fen S^t^e fiejeuget, 
eintofläünber, roai ätoingt i^t ju fagen toaä bejfet i(^ f^toiege? 
Äu^iget ift ja baä Se6en, bem eigenes Uebel oerborgen. 
9Htnmer geboren ju fein, bog. ift bem 9Renfd^en baä SBefte, 



332 ^nmeifunßen jum fiebenten SSortröö- 

Aristot. in Plat, Cons. ad Apoll, c. 27. Ueber^oupt ift biefe gon^c 
©d^rift ^lntavä)'§ ju üergleic^en. ©Benfo fpridit bo§ 3)elp^. DxaM 
bti Cicero Tusc. I, 47. Unb Plinius H. n. VII ia XXVm, 2: „qua- 
propter hoc primum in remediia animi sui habeat, ex omnibus bonis 
quae homioi natura tribuit, ncQlum melius esse tempestiva morte." 
Süfen ©.302: „Uebexf)aapt finb bie olten Siebter öoll öon biefen 
Etagen unb bog griec^ifc^e §eibent^um, fo je^r e3 öu|etli^ ben oricn« 
tolijdien Steligionen mit i^ren S3ü|ungen unb Äafteiungen gegenüber 
einen gettiffen @^ein ber §eiterfett ju ©d^au trug, fonnte im Innern 
hoäi nic^t ben ©^orofter einer geroiffen trogifc^en SSerjweiflung beg 
mit bem unerbittli^en feinbli^en (Sejc^id ringenben menfc^Iic^ctt ®ei\tt§ 
üerbergen. — SBir fe^n bie $^iIofop^en — enblic^ bem SBelt» 
jc^merje erliegen." Safaulj, ?lb^onbIung über ben ©inn ber 
DebipuSfoge, SSürgburg 1841. ©, 10 f. : „3)ic ou8 ben ©c^mäd^en unb 
©ünben be§ natürlichen SD'ienjc^en ^eröorgel^enbe Unfeligfeit bei Seben^ 
i)at fein SSoIf tiefer empfunben aU bie ©riechen. ®enn mitten burc^ 
bie äußere §errli(^feit unb i^^eube bei l^eüenil^en SebenS jie^t öon 
Slnbeginn big jum Untergang beffelben ein tiefer ffogelaut: i^re 
größten SSeifen unb %id)tex ^aben eS toieber^^olt au^gefproc^en, ba^ 
mon feinen ©terblic^en glüdEIic^ preifen folle üor feinem (Snbe. ^n 
oKer Sfiunbe mor bai alte ^ammertieb: am beften fei eS niemolö ge» 
boren ju »erben, ba:§ jioeite barnac^: fo bolb al§ möglich ju fterben. 
3n ber SSIüte feinet Seben^ fanf Slc^ifleu§ ^in, bai ^beal bei ^elleni» 
fc^en SBefeng om Einfang feiner ®efcf)ic^te, unb in ber güüe feiner 
Qugenb worb SHIejonber hingerafft, ber moccbonif^e ^elbenjüngling, 
am @nbe ber nationalen ©jiftenj bei griecbifi^en Sebenö i^egel'^ 
$^i(ofop^ie ber ©efcft. ©. 232). 'Und) bei Debipu§ 2eben, ber alö 
SJepräfentant bei @rie^ent^um§ betrachtet toerben barf, enthält nic^tg 
Slnbereö ali bie 2:f)otfac^e biefer inneren Unfeligfeit bei tieüenifc^en 
S3erou|tfein§." Safaulj beutet aucb feinen SZamcn oi Zizou^ (ber gwei« 
füfeige b. b- ber SJienfc^): „Söe^emenfcb". „Üöetl ba^ ®riec^ent^um in 
le^ter Snfionä boc^ nur eine fQlfd)e Söfung öom SRätfifel bei menfd^' 
liefen Sebenl gewonnen ^atte, borum mufete e^ untergeben." Sofanfj 
f(^Iie^t feine geiftöoKe Slb^anblung mit ben Söorten @. 13: „9Rir ift 
näc^ft ber Soge oon Slc^iüeu^ feine anbere befannt, bie eine gronbiofere 
SSifion über bai ®riec^ent^um entbielte ali bie Cebipn^fage." — SBasI 
bie Äunft ber ©riechen anlongt, fo äußert fic^ J^ierfc^ in biefcm 
©inne toenigfteng über bie überauä fc^öne ©tatue ber üeufot^ea 
(— fo nac^ ber ^erfömmtic^en ?lnftcbt — ) ber SJJünc^ener ©l^ptot^ef, 
in ben SSerl^anblungen ber ©riangcr ^^ifologenoerfammlung S. 46 : 
ein leifer Suq ton SJielanc^oIie fei in berfelben niäjt ju oerfennen, 
ein ^auptjug ber l^ö^eren ©c^ön^eit u. f. to. — SDlir ift biefer ^ufl 



Slnmerfungen sunt fieBenten SSortrag. 833 

oucB fonji meModö in onttfen Silbtoerfen entgegengetreten. 9Sgt. fludö 
$iflor.«t)orit. Sratter 1864. «b. 53, $. 9, ©. 765, in einer «6^. über 
„®rof f^riebr. Seop. Stolberg. S^adö feinen neueren iBiogrop'^en 
Dr. gO?enge unb SB. ü. Sippen": „S3eod^tenatt)ert:^ unter ben manntd^^ 
fa^en bal^tn genuteten Slufjeidönungen (nämli^ ©toIberg'S ftber bie 
ffunflJrerfe otter unb neuer ^eit bei feinem Slufenf^att in 9iont 
1791 92) ift bie feine SBemerfung bie er über ben S^orafter ber 
ontifen ^loftif in 9SergIei(6 jur cbriftlit^en bamal§ fd^on mad&te unb 
fpSter in feiner ®ef*i^tc ber ^Religion Sefu ouf'S neue befräftigte. 
@r finbet nämlidö t»o6 ben köpfen ber alten ©totuen, fottjol^l ber 
®8tter aU ber SHenfd^en ein getoiffer E^orafter öon |)ärte unb un« 
tl^eilnel^menbem ©inn, ber ?Iu§bruct tiefer crnfter ^ReUnäfoXie ouf* 
gebrürft fei; felbft ouf ben ®eftc^tijügen ber ehJtgen ©ötterjugenb 
ft^ttJebe mie eine fc^njorjc SBotTc ber Oebanfe be§ SobeS. ®tefeä Ur« 
t^eil ift befonntrid^ üon fpoteren Sleftöetifcrn unb Äunftfennern, üon 
Solger, Sdönoofe, Safoulj in jiemlid^ übereinftimmenber SBeife be* 
flfltigt ttjorben." — ^egel öergteicbt bie 9'?iobe, beren ©c^önl&eit im 
St^merj öerfteinert, mit ber jungfrSuIid^en SKutter 3Karia, beren ©d^merj 
gonj onberer Slrt: „fie empfinbet ben %o\ä) ber bie SKitte i^rer ©eele 
burc^bringt, boS $erj brid^t il^r, ober fie öerfteinert ni(^t. ©te l^otte 
ntdjt nur bie Siebe, fonbern il^r öoQeS ^nnereS ift bie Siebe, freie 
fonfrete Snnigfeit, bie inmitten beS SBerlufteS im ^rieben ber Siebe 
bleibt." ^egel, «eft^etif berauSg. ü. §ot^o. 2. STuft. 93b. 3, 46. SBgt. 
oudö 83b. 2, 77. 101. 425 u. ö. SSgt. oudö meinen 5?ortrog: Heber bie 
XorfteHung be§ ©d^merjeS in ber bilbenben Äunft 1864 unb in ben 
gefammelten SBortrSgen 1876 ©.296, — Ueber bie^nber f. ^r. @d^ leget, 
lieber bie i^prad^e unb 9Sei§^eit ber ^nber ©. 100. „ffia§ bie ®i(^ter 
ber Sitten in einzelnen ©prü(^en öon bem Unglüdt be§ S)ofe{nä fingen, 
jene traurigen ©tra'^Ien einer burd^auS furd^tbaren 2BeItanfid6t, bie fid^ 
in tiefbebeutenben Jrouerfpielen au§ bem ©ebanfen eineg bunflen 
©^idffalö über bie Sagen unb ®efd^i(^ten ,ber SSöIfer öerbreiten, 
fammle man fid^ in ein 93ilb unb öerWanble bü§ öorübergel^enbe 
bi^terif(^e ©ptel in bteibenben emigen (Srnft, fo wirb man am beften 
baS @igent^ümli(^e ber alten inbif(^en 9lnfid^t aufgefaßt l^aben." SSgt. 
au^ ©tirm ©. 200 f. unb §ettinger ©. 512 f. 9?icoIa§ 11, 12 f., 
ber unter ?lnberm eine bejeic^nenbe SIeufeerung ber SKobame be ©eüigne 
an ibre 3:od^ter onfül^rt, »orin fie — tro^ be§ ®IüctS ba§ ii)v baS 
Seben unb i^r ®eift bot — über baS Seib beS Seben^ unb nod^ me^r 
über ben 2:ob flagt unb fortfährt: „unb id^ finbe ben Sob fo fd^redfn4 
ba§ id^ ba8 Seben nod| me^r barum ^offe, »eil eS mid& ju \l)m l^in- 
fübrt, af§ »eil e§ mit dornen befät ift. ^u mirft mir fagen: id^ UJoUe 
a(fo mol^l eroiQ leben? ^urd^auS nid^t! ^m ©egentl^eil l^ätte man 



334 Sfnmerhingen §um ficBentcn Sortrog. 

tnt(^ um meine SWeinunng gefragt, fo n&xe xäf gerne in ben Firmen 
meiner 5Tmme gefiorben" (16. 3Rai 1672). 

10. Seneca De ira 3, 26; öqr. 2, 9 u. 27. De benef. I, 10. SSgT. 
Süfen, ©. 403-4Ö5. — ^iemit mog berglidöcn merben toaS unter 
ben 9?nrerett j. SB. ©c^openbauer fagt in f. ©tbr. „3)ie 38elt aÜ 
SBtlfe u. SSorftellung* 11^ 690 f.: „3)a§ tt»te ?J?auIu8, «uguftinuS unb 
fiutber leieren, bte SSerfe nicbt rf^ertigen Tonnen, inbem lutr olle 
toefentltt^ ©ünber finb unb bleiben, beruht jMle^t barauf. Dag, ttjeit 
oporari sequitur esse, Wenn tvk banbelten h)ie ttjtr ^>ttt£n, toir andf 
fein mߧten xoaS ton follten. SSeil njir aber fnb voa§ wfr »id^t 
fein foirten, tbun mir outi nof^hjenbig toaS totr ni^t t:^un follten. 
Tarum olfo bebürfen mir einer bölltgen llmgeftaltung unfrei ©inneS 
unb iSefeng b. b- ber SBiebergeburt." „^emnoc^ ift eigentlich unfrc 
etn-^tge mobre ©ünbe bte ©tbfünbe." llebrigen§ ögt. meine 9?ortr. 
Über bie ^eiritoa^r^eiten beä priftent^umS 6. lufl. 1889. 2. S5ortr. 
©. 22 nebft ben betr. 9InmerTunqen. 

11. ©elbft 93a^Ie erflärt (Article Manicheens): „marum mußten 
bie Reiben nii^ti ®efd^eibte§ barüber ^ü fogen? 9?ur bur^ bte 
Cffenbarung fommt man au§ bicfer ©(^mierigfeit l)exau§." 9?icoIaS 
II, 24. 

12. SSgt. Süfen, 3)ie Srobitionen be§ SRcnfcbengcfdblecbtä. ©. 74 ff. 
:Jv- Su^r, 3)ie Slnfänge beä ?0?cnf(i^engef^re(^tg unb fein einheitlicher 
Urfprung 1875, ©. 113ff.; (gbrorb, Slpologetif II, 10 ff.; ®. ©erlaub, 
Stnt^ropologifc^e Beiträge, I. 93b. 1875, ©. 100 ff.; (J. 2. di^djet, 
|)cibentbum unb Offenbarung, SRatnj 1878. 

13. ©e^r beleftrenb ^iefür ift, toa§ mir in ^ertbe§' Seben I, 60 ff. 
lefen, ber btefen ©ntmidlung^gang bon fi'ant ju Sc^tller unb Dbn ba 
i^ur d^riftlt^en SBa^r^eit felbft burci^ma^te. Sgl. ouc^ meine SSortr. 
über bie ^eiliwobrb. be§ ©briftentb. 6. 9Iufr. @. 44. 

14. SSgf. ©tabi, t^unbamente einer c^riftlidben ^i)ilo^opf)ie. S. 39. 

15. hierüber batStbiller in feiner Slb^onbfung Ueber bie äft^ct. 
©rjiebung be§ SKenfcben (1795), im 5. 33riefe fid) in treffcnber SBeife 
ou§gef<)ro(ben, roenn er „in bem ®rama ber ie|igen ^eit" auf ber einen 
©eite SSermilberung, auf ber anberen Srfcblaffung finbet unb nocbbem 
er bie ®efe§Iofigfeit jener gefcbilbert fortfäbrt: „2luf ber onbern Seite 
geben un§ bie ctöilifirten Sflaffen ben nocö roibrigeren 2lnblicf ber 
©c^Iaff^eit unb einer SJeJjraöation be§ ß^aroftcrS, bie befto mel^r em» 
pöxt, roeil bie Kultur felbft l^ter Ouellc ift. ®ic «ufflärung beö 9Ser= 
ftanbe§, bereu fid^ bie öerfeinerten ©täube nidbt gouj mit Unrecht rühmen, 
jeigt im ^an^en fo menig einen üerebeinben Sinffuß ouf bie ®efinnungen, 

bog fte öielmebr bie SSerberbnig burcb SO^lojimen befeftigt. 9D?itten 

im ©c^oofec ber raffinirtefteu (Sefelligfeit l^ot ber @goi§mu3 fein ©Aftern 



Hntnerfiingen jum fie^enten SSorträg. 335 

gegrünbct u. f. tt. — ®te Äuttur, »ett entfernt un§ in gret^ett ju fefeen, 
enttoidelt mit jeber Sroft bic fte in un§ auSbilbet nur ein neue§ Se=> 
börfnt^" n. f. ». 

16. 9?ougemont,S^rtftu8unb feine Seugen. Ueberf. öon f^obariu?. 
«armen 1859. e. 245 ff. 

17. S.^. ©trau 6, Seben 3efu, SSorrebe XVIII: „2Ba§ für unfere 
^e\t mit Siecht ben ^ouptanftofe on bem gongen alten 9?eIigion§»efen 
bilbet, ift ber SBunberttia^n." XIX.; be§gt. fc^on in f. ©laubenälebrc 
I, 354 u. Öfter, fotoie „^er alte unb ber neue ®Iaube" 1872. STel^nlid^ 
bte fc^ttjeiäerifd&en 5Ref orm • S^l^ologen Sang, SBiebermann, fottiie 
bte jüngften S^ertreter be§ t^eotogif(fien unb p:^iIofop^if(^en 9?oturaH§mu§ 
in Sngfonb, wie SBaben ^Potoell (in bem Cjforber @ffo^: On the 
Study of the Evidences of Christianity , 1860), ber anonyme SSerfaffer 
ber 1874 erfcfttenenen bibelfeinblicften SBunber« unb Dffenbarung^frittf 
„Supematural Keligioa" (7. edit. 1876); ST^nbaH, „Heber SBunber 
unb befonbere f^ügungen" (in feinen grragmcnten au§ ben 9?aturtt)iffen' 
fdiaften, beutfc^e 2Iu#g., bebortt)ortet ö. |)eImboI^, 1874, ®. 49 ff. 
574 ff.). Slucft ber öon Sircfiow 1874 hei ber 9?oturforfdöeröerfamm* 
lung ju 93re§tau gc^. SJortrog über „Soutfe Sateou" gel^ört bieder, 
toeil er jugleic^ mit ben fatf)oI. SKiraTeln ondö bie biblifd^en SSunber 
beftrettet. Heber ba§ SBunber ögl. mein ßompenbium ber 3)oginatif 
§. 35. 9lug ber bort ang'efül^rtcn Siteratur l^ebe id^ l^ier nur ]§erou§ 
Se^fd^Iag, ®ie aSebentung beä SBunber§ im K^riftent^. 2. Stufl. 
iJ^eS. 93 eng, S)er djxi^ii. SBunberbegriff unb feine neueren Oegner. 
1874. S5oigt, gunbament. ®ogmatif ©. 245 ff. 

18. Kousseao, Lettres de la montagne. P. 1 lettre III. Oeuvres 1. 
Paris 1820. p. 250; Cette question serieusement traitee, serait impie, 
si eile n'etait pas absurde: ce serait trop d'honneur ä celui qui la 
resoudrait negativement que de le punir; 11 suffirait de Tenfenner. 
Mais aussi quel homme a jamais nie que dieu put faire des miracles? 
SSgT. auc^ ^Jicolag IV. 276—326. §ett 8. 562 f. 

19. Guizot, L'^lise etc. p. 14 ff. 

c«0. äietl^c ©.81. 5Bgt. aud^ Guizot, L'eglise etc. p. 14 f. 
Meditations sur la religion chretienne p. 27ff. ^etttnger ©.557. 
3)o§ SBaifen^auS in §alle ift ein bleibenbeS ©enfmol munberborer 
®ebet§er^örungen. SSericbt baüon f)at Stug. §erm. f^rande in f. oft 
aufgelegten ©c^rift: ©egengooDe gufetapfen be§ nod^ lebenben unb 
»altenben, liebreichen unb getreuen ©otteä (juerft 1709 in ^oKe er* 
fd^ienen) gegeben. 

21. gie^nlic^ 35olton @. 185 f. u. |)ett. ©. 571. Ucber bie ^froge 
beg SBunberg »gl. auc^ bie oortrefflid^e 2lbbanblung öon U^I^orn, 
S)ie mobernen 2!orfteflungen bf§ Sebenä ^t]ü. S8ier SJortrSge. §an« 



336 Änmcrfungen junt fieBenten SSortrog. 

notier 1866. 4. SBortrag <B. 104 f. tinb bte eingel^cnben Unterfuc^ungen 
Don fRot:^e. 3ur Sogmoti! 1864, S. 84 ff. ?lud^ ®rou, Heber ben 
©louben als bte pcfifte SSernunft 1865, <B. Uff., fotute bte gegen jene 
engtifd^en SBunberbeftreitnngcn gerichteten o^jologetifc^en 9Iu§füf)rungen 
tion SJiojIe^ (Bampton Loctures for 1865), Wanfel (On Miracles as 
Evidences of Christianitv) , 9Jl'So§^ (Method of Divine Government, 
10. edit. 1870), ^ameg ©airbnec (The historical yiew of Miracles, 
im Kontempor. iRetiiettJ, Cft. 1875 u. gebr. 1876). 

22. Sleintid^ Stelle ©. 86 ff. Stirm S. 415 unb bie neuere 
gläubige 2^^eoIogie über!^aupt. 

23. ^iehxxi)t, Seben^na^rid^ten I, 470 f. Unb unmittelbor üor» 
fiex: „®er, beffen irbifd^eS Seben unb Selben gefc^ilbert mürben, ^ättc 
mir boKfommen reale ©jiftenj unb feine ganje ®ef4t(^te biefelbc 
atealitSt, hJenn fie auä) in feinem einjigen fünfte bu(^ftablic^ genau 
erjä^^It Jüore. '^aiiev aviäj ba§ ©runbfaftum ber SSunber, toelc^e^ 
meiner Ueberjeugung nacö jugegeben, ober ba§ Unfinnige, nic^t bIo§ 
Unbegreiflid^e angenommen tuerben müBte, ber ^etltgfte fei ein 33e* 
trüger unb feine :3ün9fr 93etrogene ober Sügner gettjefen, unb Betrüger 
l^ätten eine l^eilige 9teIigion geprebigt, in ber 'äüeS ©ntfogung ift" u f. w. 
(Srief on. 3?*** 1812.) Ueber hie SBunber 9Ku^omeb§ ügl. S^olud, 
SSerm. Sd&t. I, 1—27. gofgenbe^ SBeifpiel ber p^antafttfd^en mu^ome« 
banifc^en SBunberetjä^Iungen, »eli^eä J^oludt a. o. 0. anführt, mag 
genügen. Um eine öon feinen ®egnern in SJJelfa tion t^m geforbertc 
^robe 5U erfüllen, f|abe SDiiu^omeb öm SRittag 9?ac^t roerben laffen, 
barouf fei ber 9D?onb geflogen gefommen, l^abe einen fiebcnfac^en SRunb» 
gang um bie ^aaia gemalt unb fic^ tior il^r niebergebeugt, fei bann 
mit ei^rerbietiger Stetierenj Dor ben ^rop'^eten getreten unb ^abe tior 
oHen (Sintoolinern SJielfal lout gerufen: grtebe fei über bir, o ?lc^met!, 
fei bann in ben redeten 3lermel be§ $rop:^eten ^tneingegongen unb jum 
linfen toieber i^eraulgefommen, i)abe [idf barna^ in äteet |)älften gc«^ 
fpolten, bie fic^ an ben Orient unb Cccibent poftirten, unb [lä) cnbli^ 
ttiteber jufammengef^Ioffen, um feinen Sauf ttJte oor^er ru^ig fort- 
jufe^en, „o^ne ba§ man i^m jefet no^ trgenb ein derangement an-- 
merfen fönnte". — 3Iber aUe biefe Sräö^Iungen gehören fpäteren Reiten 
an. SDtu^ameb felbft ^at [lö) für unfäl^ig erflärt, SBunber ju t^un. 
aSgl. aud^ gietl^e ©.89. 

24. @in ä^nlit^eg ^fuflfnöer^ör td ^cttingcr q. q. D. 528 ff. 
9SgI. oud^ SJougemont, ©^riftui unb feine 2^H^^> ^^l ®- 126 ff. 
2)a§ geugniB ber ?IpofteI. S. 145 ff.: Slag ^cugni^ bct Slp&ftel in ber 
Ätrd^c. gerner Sluberlen, 2;ie göttlicbe Offenbarung I, 7 ff. 

25. @o befonber§ ^olften, ein Anhänger ber fog. Jübinger ober 
95aur'fc^en (S^ule, in f. 9lbf)anbfung: $>tc S^riftuStitfion be§ ?PouIu8 



Sfnmcihingcn jum fiebenten SSortrög. 337 

unb bie ©encfig bc8 paultnifc^en eBongeliuml. 3eit)c^r. für tuiffen* 
f4afttt(^e Sl^eologte 1861. 3. @. 224 - 284. ®ie ©rfieinung ©^riftt, 
hjelc^e ^auIuS öor ®Qma«fu§ ^atte, foK ein bloß innerer SSorgong 
gehJcfen fein, ber mit ber nerüöfen 9?otuteigcntWniIid^feit ?UouU in 
Sufammen^ang ftel^c; benn er litt an „epileptifdlen Srampfäufätten" : 
bation finb bie Schläge beS Soton§engeI§, üon benen ber 9It)ofteI 
f priest, ju oerfte^en (S. 251). Turc^ jolc^e 9ÄitteI fud^t man fi(^ be§ 
iJQuIinifd^en 3e«9niffe^ öo» ber njirflid^en ÜTuferffel^ung Sefu ä« cnt= 
lebigen. S:oflegen ^at Se^fc^Iog, ©tubien unb fititifen, 1864. ^.2. 
©. 197-264, „3?ie S3efe]|rung bfg STpoftelg «ßauIuS mit befonberer 
fRüdfic^t Quf bie etffärunggöerfut^e tion 93aur unb §oIften", borauf 
I)ingettJiefen, hjie beutlid^ unb beftimmt ^aulu§ jttifd^en inneren unb 
äußeren ©rfc^etnungen unterfd^eibe (ügt. 2lp.=®efd^. 10, 17. 12, 9. 18, 9. 
22,17. 2tor. 12): „mithin i^inq bog gonje opDftoIifd^e S3erou§tfein 
be§ ^auIuS an bem fünfte, ba^ er ben $errn nicftt blog üifionör, 
fonbern leibhaftig gefe^en" (©.225). greilic^ befennt ^olften: ®te 
fi'ritif „muß biefe SBifton al§ ben immanenten pft)(^oIogij^en 9lft 
feine§ eigenen ®eifte§ ju begreifen fud^en" b. % fie fann oon i^ren 
pllilofop^ifc^en 95orou§fe^ungen au^, ba fie überhaupt tron^ccnbente 
Äoufalitöten leugnet, baS ^iftorifc^e f^oftum "^t onerfennen. — Heber 
bie Siuferfte^ung S^rifti ogl. mein Äompenbium ber 3)ogmatif §. 56, 2 
unb bie bort ongcfü^rte Siter. ^di ertt)ät|ne löier nur nod^: ®eB = 
!)orbt, 3)ie 9luferft. ®^r. u. i^rc neueften ©egner 1864. ©reiner, 
®ie ^uferft. 5. S^r. öon ben 2:obten nodf i^rer S^l^otfäd^lid^f. u. i^rer 
5Bebeutung für ben c^riftf. ©lauben 1869. ^a^nig, 2)tc ?luferft. e^r. 
als. gefc^id^tr. J^otfac^e. SSortr. £ps. 1873. 

26. SSon biefem ^unft ge^t 3luberlen in feiner oben ongefü^rten 
Schrift au§. ©.llff. STuc^ Ul&r^orn ©. 111. Sgl. ®enf. in f. Sremer 
SSortrng über bie Sluferfte^ung ©^rifti (9?eue apolog. SSorträge öon 
^örfter u. f. m. ®ot^o, <ßert^e§ 1869. 5. SJortrag). 

27. 83aur, ®o3 S^riftent^um unb bie Äird^e ber brei erften 
3a^r^. 2. neu burd^gearb. 8Iuf[. 1860 furj öor feinem Xobe erfd^ienen. 
©.39. 

28. 9SgI. 9lnm. 24. 5Baur felbft befennt in bem oben angef. SBerfe 
©. 45 üon ^aulu§: „Sonnen wir in feiner SBefel^rung, in ber plö^lic^en 
Umwanblung auS^erh I)eftigften ©egner be§ S^riftent^umS in ben ent« 
f(^iebenften $eroIb beffelben nur ein 2öu über feigen, fo erfd^eint e§ um 
fo größer, bo er in biefem Umfd^mung feineS 93en)u§tfein§ oud^ bie 
©cferanfen beS ^ubenf^umg burd^bro^ unb ben jübifd^en ?partifula» 
rl«!mu§ in ber uniberfolcn 3bee beS S^riftent^umg aufhob." SSenn er 
ober borauö einen rein inncrlid^en SSorgong mad^t, fo fann et boc^ 
nic^t iim^in ju gefte^en: „feine, lüeber pf^cfiologijtfie nocf) biqleftifcöp 

Sut^arbt, »ortrSfle I. 11. «ufl. 22 



338 Änmerfungen jutn ftetcntcn Sortrog. 

5InaI^fe fonn bo8 innere ©e^eintntß be8 Slfte* erforfi^cn, in »elt^m 
©Ott feinen Sol^n in il^m ent^üDte." 

29. Sle^nlic^ 9iicoIa§ IV, 167. 

so. SefHng'ä SSerle, 9Iugg, oon 2a4mann, X, 10. 

31. SlttS SeHing, Semerfungen jum 1. t^wgntent: „SBon 9?er« 
fc^rciung ber SSernunft auf ben Äonäetn". SB3B. X, 14. 

32. ®oet:öe, ©efpräc^e mit ddcrmann 2, 132. „2!et SKenfc^ ift 
ein bunflcS SSefen" u. f. tu. Sgl. audf 1, 226. 227. 3, 199. „SBtr 
Rjonbeln me in ©e^eimniffen." 3, 200( Sprüche in ^Profo. 9828. 
3, 169. 298. 325. f^ouft, 1. u. 2. J^. 9828. 11, 30, 12, 15. Sgl. 
©ttrm ®. 442. |»ett. ©. 438 ff. lieber «RettJton ogl. SRicolaSl, 112. 

33. ©tal^r, ?5unbomente einer diriftlit^en ^^ilofop^ie. S. VH. 

34. SSgl. tJabri, 95riefc gegen ben 9J?oteriaIi8mu§. 

35. Pasc. Pens, ü, 347 (186). ®oäU ber nä^fte Sa^: Qae si les 
choses naturelles la surpassent, que dira-t-on des sumatnrelles? — 
®o§ 2Bort Hamann' S bei §ettinger S. 419. 9lu6erbent bgl. bie gonje 
einlettung |)ontonn'g gu f. bibl. Setrod^tungen I, 51—63 u. I, 103. 
„^e Wetter bie SSernunft fie^t, befto größer ift bo8 Sob^rint^ in bcm 
fie fi^ öerliert." 

36. gedincr, ®ie brei SJiotiöc unb ®rünbe be8 ©loubenS. ®. 4. 
Qvi bem SJorlöerge^enben ögl. 3licolaS 17, 419 f. 

37. ©efpräc^e mit (Stlermann I, 227. 

38. 2?gl. §ettinger iS. 445. Mufeerb. IBaco De augement. 
scient. X, 1: modo animus ad amplitudinem mysteriorum pro mo- 
dulo sue dilatetor, non mysteria ad angustias animi constringantur. 
@rau, Heber ben ©lauben al§ bie Iiöc^fte SSernunft 1865, ©. 13 f. 17. 

39. «ßQlfal fommt immer tnieber auf bicfcii SBibcrfprud^ bei 

E^rtflent:^um§ mit unferer SBernunft gurüd unb gebraud^t tl^n gerabe 
als einen 5öenjei3 für bie 2Bo^r^eit beS (J^riftent^um?. SSgl. j. 85. 

Pens, n, 105 (181) in Sejug ouf bie Sc^re öom (Sünbcnfall unb üon 
ber ©rbfünbe; ober n, 145 (184): le christiaiiisme est etrange u. f. W. 

II, 146 (211): sources des contxarietes: mi dieu humilie, et jusqa'ä la 
mort de la croiz; un Messie triomphant de la mort par sa mort: deoz 
natores en Jesus Christ etc. — Sßgl. auc^ SBeingartcn, 5ßa8coI aB 
Slpologet be§ S^rtftent^umS , 1863. @. 28: „^er ©c^Iuggcbanfe ber 
Pensees ift bie göttlid^c Ironie beS S^riftent^mS, burd^ tuelt^c gerobc 
bog fti^einbar galfd^e unb Ungloubltd&c jum SrwetS ber SBol^rl^ett 
wirb, jene gronie, öon ber 5|BauIuä im erften Äor intimer Briefe rebct 
unb bie in bem Befonnten SSorte SertuIIian'S i^ren ?luSbrucf ge* 
funben f)at, ba§, toenn irgenb eineS, ben Pensees jum SRotto biencn 
fönnte: credo qoia absurdum, com credimus, niliil desideramus ultra 
credere." 



9InmerTungen ^um ftebenteti unb achten ißorhrag. 339 

40. ^VLixüi 3StülUi, in ber beutfc^en Bettfc^c. für c^riftlic^e äBiffen* 

fd^oft u. f. to. 1853 yix. 30. <B. 240. 

41. Pascal, Pens. H, 146 (182). 

42. Pasc. Pens. U, 172. ®erf. ©ebanle ebenbaf. 9lnnt.: La seole 
religioa contre la nature, contre le sens commun, contre nos plaisirs, 
est la seole qoi ait toajoors ete. 

43. Pasc. Pens. U, 15G. 

44. Pasc. Pens. U, 204 (198). 

45. Pasc. Pens. II, 348 (187). 

46. Pasc. Pens. II, 347 (186). 

47. 9?tcoIa§ II, 800 gebraucht btdeu ^HSibrw^ t)on Pato. 

48. Pasc. Pens. I, 156 (30. 31). 

Anmerkungen ^nm ad)ten ))ortro0. 

1. ©ine re(^t gute lurjc ®orfteIIung ber l^eibnifc^en 9ieItgion ^at 
Stirm im 10. 93ricfe feiner Slpologte ©.355-392 gegeben. 

«. S3gr. ä 33. 5Roti, 3)ie ^öc^ften ®ötter ber artfc^en Sölfer in b. 
geitfc^rift ber beutfc^en morgenIänbi?d^en ©efeKid^aft 1852, I, ©. 67 
—77, roo noc^geroiefen i[t, bo& bie ®ötter urfprünglic^ Sid^tgötter 
»oren unb nte^r aU fittlic^e benn aU SflatnuWlidjte gebadet tourben. 
©0 fül^ren aud) no^ bie ©otteSnomen deus u. ä^nl. (fanSfrit. SBurjel 
div) u. f. w. auf ben Segriff be§ 2iiS)tS jurüd. Heber ben urfprüng» 
liefen (90?ono)tbei§mug .ögl. SBelder, ©riet^. ©ötterle^re I, 229: „®a§ 
Ur|prüngli(^e ift @ott, nic^t ®öttcr", u. ©^lottmann, ipanbroörterb. 
be§ bibl. Slltert^. 1875 „»aal" @. 126: „|)tebet tourbe t>a§ Ueber« 
notürli^e in %olQt cipcr Xrübung be3 urfprüngl. ®otteöbettJU§tfeing 
mel^r unb mel^r in bol 9?fltürlt^e l^erabgejogen". liefen m^tl^ologt« 
\d)en ^ßrojel ^at bef- SKaj 3Kürier in feinen (Sffa^S (beutfc^ 2 »be. 
Spj. 1869) unb nac^brüciac^ 3?. ö. 6trau6 u. Sornelj, (Jffo^g jur 

aCDgem. SRelifliongttJtffenfd^. 1879 3. 83. @. 20 ff. u. in ber (äinl. junt 

©c^ifing 1880 geltcnb gemacht. — Sine 9^ci^e öon ^leu^erungen öon 
^45Iato , Slriftoteleö u. 91. roeli^c bicfelbe Heber jeugung auSfpradjen, ^at 
2^0 lud angeführt in f. Sd^r. a>er fittl. &)axaUev be§ §eibent^um!§, 
3. 9tufl. 1867 ®. 1 f. 

3. ©0 berichtet ^iutorc^ im Sebeu 3lüma'ä S'ap. 8 unb SBorro bei 
?Iuguftin de civit. IV, 31; SSarro beruft fic^ babei auf boä 93eifpiel 
ber Suben, wel^e ebenfoHä bie ©ott^eit bilbtoi? öerel^ren. SSgt. 
I^olucf fl. 0, 0. ©.34 f. 

4. 3. 89. 3Buttfe, ®ie ©efc^ic^te beg ^eibent^ums I, ®. 19. ©ute 
SSemerfungen l^tcrübcr entl^ält ouc^ ber SSortrag öon ©iUntann, Ueber 
ben Urfprung ber altteft. «Religion 1865. S- 83. <B.l: „®ic l^eibnifc^en 

22* 



340 SlnmerTungen Junt ödsten SSortrag. 

fReligtonen ftnb yämmttidö S'Jaturreligtonen, i:^r ^rtnjip tft btc ^er* 
götterung ber SRatur. S^re ©ötter ftnb urfprünglt^ tti^tS aU 5Ratur» 

mälzte" u. j. tu. — 9Son biejem ^^rinjtp au8 bcftimraen ftc^ auc^ bic 

(Stufen ber l^etbn. fReltgtonen. (Snttoeber finb eS bie $Raturbtnge 
weläit ben Oegenftanb ber ^ere^rung bilben {%eti\äiiSmnS) , ober bie 
SRoturfräfte (bie jeugenbe unb geBätenbe ^aft), ober bie SJotutflefe^e 
(®efttrne), ober bo§ S'Joturteben, ober bie SJaturibeen, luelt^e fein 5:^un 
repräfenttrt, tote in 9legi5pten, bt§ fi^ in ©rie^enlanb bie Sbee beS 
STfenfc^en t)erau§arbeitet. 

5. Heber SBiibb^a unb ben 99ubb:^iätnu§ tft in neuerer 3«t fiel 
gefd^rieben unb er ttJteber^oIt mit bem S^riftent^um Oerglid&en »orben. 
SSgt. befonberS Olbeuberg, Subb^o, fein Seben, feine Sebre, feine 

©emeinbe. SBerlin 1881. 459 S., auf ®runb ber älteren ce^tonifd^en 

Siteratur. 2)iefe Schrift jeic^net fidö nic^t blofe bur^ grünblid&e 

S'enntni^ unb fd^öne 'S^arfteHung fonbern aud) burd^ i^r maßtoHe^ 
Urt^eit über bog SSer^ättni§ be§ 95ubb^i§mu8 jum ©^riftent^um ou§. 
©onft ;^Qt man betbe aüerbingä btelfa(^ in t'^rem reltgtöfen @e^a(t 
unb befonberg in i^rer SJioral in parallele mit cinanber gefteöt. 
Sfieuerbtngg ^ot 9iub. Se^bel in Seipätg in f. Sc^r.: 2)a§ ©Dongelium 
tion 5cfu in feinen 5ßer:^ältniffen j^ur S3ubb^a»3oge unb S5ubb^a=2e^re 
u. f. nj. 1882 bo§ S^riftent^um auä) gefd^id^tlid^ jum großen T^eil auf 
Bubb:§iftifc^e SSorbilber unb ©inflüffe jurüdfjufü^ren gefud^t. 2lber baS 
wiffenfc^oftlid^e Urt^eil über biefen SSerfuc^ ift siemlic^ oOgemein 
ganj abfällig ausgefallen, Unb aud^ religiös unb moralifd^ ift ein 
funbamentoler Unterf^ieb ätoifc^en beiben, obgefe^en babon bo§ ber 
S5ubb:^iStnuS eigentlich nur ^^ilofop^ie unb nic^t Steltgion ift. ®enn 
er ^at feinen ®ott, fein ®eBet, feine perfönli^e Un^erblid^feit. 3)cr 
S5ubb!^iSmuS ift ber SSerfud^ eine ©rtöfung ju benfen, in toel^er ber 
üDJenfd^ fi^ felbft erlöft, unb jttjor ouf bem SBeg be§ ©rfennenS. 
®o§ ober tooüon er erlöfen toiH ift nic^t bie ©ünbe unb ibrc Sdbutb 
fonbern bo§ Seiben. 3ft boä SBiffen erreicht, fo ift allcg Seiben über« 
hjunben. ®te Sittltd^feit be^ S3ubbbi§mu§ ift baber auc^ nic^t aftttoc 
(SinttJirfung auf bie SBelt fonbern (mönc^if^e) SoStöfung öon ber SBelt. 
®aB bal^er ber 5BubbI)i8mu§ auc^ niiit geeignet ift jur SBeltreligion, 

toeil er nid)t ou§ bem Seben fonbern ouS einer bem Seben aBgetoanbten 

©pefulotion erttad^fen unb blinb ift für bic SSebeutung unb ben 2Bert^ 
beS SebenS, erfennt oud^ Äuenen an in feiner National and universal 
religions. Sonbon 1882 (©.293): ®ie |)auptfac^e ift: ba§ ©Triften, 
t^um ift bie ^Religion ber tuirfüi^en ©rlöfung weit ber SSerföl^nung 
mit ©Ott. SBgl. auc^ meine Oefc^. ber c^riftl. gtl^if I, 1888 ®. 21 ff. 

6. SSgl. über biefen monot^eiflifdben 3"9 S^ägelSboc^, $ont. 
2;^coIog{e (5, 127; über biefen 3«9 befonberS bei 9lef(^^Iug SRägeB* 



Slnnterfungcn §um oci^ten SSorttöä. 341 

la^, 3lad)^omev. Sl^eol. ©. 138. 3)ie unlDtttfürltd^en 9leu§erungen 
biejeg unmittelbaren ©efül^B 6ei 2:^oIu(f o. a. O. ®. 4. — Uebcr ben 
monotl^eift. Qmq in ben ditüqq. über^. ögl. ®tDmann <3. 9 f. 

7. SSgt. :^ieju ben @(^tu^ oon StögeBbod^'g 9la^l^omcr. S^eot. 
6. 476. 

8. 5ßIutord^ ^at biefe ©rfd^einung für »id^tig genug gehalten, borüber 
eine eigene @^rift ju jt^reiien De defectu oraculorum, in »el^er er 
[id) jur Unterftü^ung ber Stnftcbt, bog bie (Senten ftcrben unb mit tl^nen 
bte Örofcl aufhören, auf bie ju ^iber'S 3cit tn 9fJom bielbcfprod^ene 

®efcf)td^te beruft tion bem ^(ageruf ben man tion einer etnfomen Seifen^ 

infel beS mittcllänb. SReereö öernommen: „ber gro^e ^an tft geftorben" 

(Ildv 6 JA-T^'i xe&vrjxev). 

». SRfigelSbad^, 9?od^^omer. Sl^eologie ©.432. Steine @^r. 
3)ie antife (St^if in i|rer gefc^id^tl. entmidtfung. 2pi. 1887. @. 28 ff. 

10. Ueber ben unfittlid^en @infIuB ber grie^ifdien SD^^ti^oIogie unb 
Sieligton ögl. bte angefül^rte 9lb!^anbtung ^l^olud'ö. (SpejieH ^lato'g 
unb Slnberer SJerroerfunglurt^eil über bie SJi^tl^en ber 2)i^ter ®. 10 ff.; 
bie Unfittli(f|feiten be8 ^etbnif^en ®ottegbienfte§ @. 62 ff. 75. Sluci^ 
Sjfc^irncr, groll beg ^cibent^umrl, 1829. ©.26. ?Inm. ©injelne 
93eifpiele über bie SBirfung einzelner Äunftwerfe Plin. Eist nat. 36, 5. 
®a^er bie 'Angriffe in ber alten Äirc^e gegen bte :^eibnifd^e Äunft 
Augustinus, De civ. Dei II, 7. Clem. Alex. Strom. Y, 5. Pro- 
trept. 2. Tertull. De idolol. 3. 5Sgl. Äunftblott 1831 9?r. 28ff.: 
„5Son ben Urfad^en unb ®renjen beä Kunft^affeg in ben 3 erften 
3a^r^. n. ß^r." 9luc^ ©rüneifen in f. tJortreffL 2lb^. „Heber bo§ 
©ittli(^e ber bilbenben ftunft ber ©riechen" (^eitfd^r. für l^iftor. 3^^cof. 
1833, §eft3. ©.1-113) betont bei aller 9Inerfennung beä fittli^en 
Slbelg befonberS in ber frül^eren gried^ifd^en ^unft biefe unfittfid^e 
SBirfung ber fpöteren ©. 91 ff. Unb um einen gauj unbefongenen 
beugen ^injujufügen, fo ogl. Augsburg, allgemeine Rettung 1864 
yix. 2 93e{Ioge „9?euefter 3"f^<>"^ ^^^ fluggrobungen oon ^ßompeji" : 
„?l6er biefe ewigen „$^oDuffe" in monnigfaltigftem (Senre üon % goll 
bi§ 3 M'^ö^e ouf bem ©tro§cnpflofter, über ben Sporen, an ben 
SBänben, ouf oßcn ©efäßen unb Utenfilien bon @rj, 3:]|on unb gorbe 
— biefe nic^t enbcnben ^riape, biefer gonje grägli^e ^eibnifd^e Ouarf 
bon ©obom unb ©omorr^a — man gerät^ baburd^ »irllid^ auf tl^eo« 
logif^e (grflärungen ber SBeltgefd^ic^te — mon mögt foft unter ©c^ou» 
bem äu befennen, boB e§ ^o^e geit trar biefe ®reuel ju bebedEen mit 
bem fc^recf liefen SBerf beg 5Sulfan8, mit bem SKontel reinen ©Triften* 
t^umSl ®cnn — man wirb ung ^ier ^offentli(^ feiner puritonif^en 
^rüberie fä^ig Italien — menn haS fo in einer römtf(^en Sonbftabt 
au8fa^, luie mag eS erft in JRom felbft getoefcn fein, ober gar auf ben 



342 ^nnterfungen jum achten Vortrag. 

^o^tn @^ulen ber Sübcrlt^feit, in Äortnt^ unb Wlejanbrien!" Uebec 
hai ^etSrenuefen unb bie aUgemetne ^errf^aft ber $Sberaftte bgt. 
a. 95. ytaQelähadi, SRac^^omerif^c 3;^eoIogte 1857 ©.234ff, 93erfer, 
&)aTiUe§ 2. Slufl. 2, 199 („man möd^tc lieber öon einem für unfet 
ftttltc^eg ®efü^I fo grauenl^often 33ilbe ba§ 2(uge ganj abwenben unb 
jur &)te ber SD'ienfc^^eit an ber 2RögIid^feit fo öcrroorfenen S^reibenS 
ätoeifeln"). ^rtiebr. ^ermonn, ^rtoat-SlItert^ümer §29 2c. SRett^» 
^oltige SRitt^eilungen über ba§ 9lfle§ bei 5)ölfinger, ^eibcnt^um 
unb 3ubent^um ©. 638 ff. 683 ff. 718 ff. @tirm @. 232. «Ricola« 
I, 232 ff. u. befonber§ gtieblänber, 35orftcQungen ou§ ber ©itten» 
gej(^i(ite 9tom3 öon ?tuguftu§ bi§ jum ^uSgang ber 2lntonine. fipj. 
3 S^Ie. 1874 ff. 

11. Cicero De iavent. I, 29: Eos qui philosophiae operam dant non 
arbitrari deos esse. S^olud ©. 51 ff. 

12. Lucret. I, 932: religionum anirnnm nodis eisolvere pergo. 

13. Plutarch, De superstitione. 9SgI. Sttrm 8. 161. Zfjolud 
S. 57 f. SBic biefer Slbergloube ffc^ ju einem (Softem ber SBelt» unb 
Seben^anfid^t ju geftalten fu^te, fann man erfe^en ouä 8. b. .^arleß 
intereffanter <5^rift: S)o§ Suc^ öon ben ög^ptii'c^en äJJqfterien. Q\iv 
®e\d)i(iite ber ©elbftouflöfung bc§ ^eibnif^cn ^eHencntliumg, 1858. 

14. Ueber ben fittlic^en (Srnft beg alten fRom ügl. S:^oIud ©. 27ff. 
Heber bie Steligiofttdt ber olten 9?ömer bgl. Sunfee, 9?öm. Silber au3 
alter unb neuer 3ett. S^j. 1883 6. 234 ff. Steine ©^r. Die antife 
et^if u. f. h). ©. 126 ff. 

15. QvL biejem Stbfd^mtt über ©o!rate8 übev1)anpt bgl. §ettingcr 
@. 818 ff. unb i>a§ geiftboHe ©c^riftc^en: ©ofroteä unb 3efu§ ©^riftuS 
bon ^rbr. b. 9tougemont. 2lu5 bem granjöf. flbcrf. b. 38annemac^cr. 
S3ofcI 1865. Ueber @ofrate§' SRoralprinjip ben ®efc&en beg ©taateä 
ju gel^ordöen Xen. Memorab. VL 4, 12. 6, 6; über baS SScr^oIten ju 
tJreunb unb f^inb: vixav too«; y.zv cptXoüc s5 xoiouvxa, tou; ok ey&pooi; 
xax(ü? n, G, 35 unb Plato Crito T." VIU p. 178, bgl. ©(^mibi, ®ic 
bürgerl. ©efeKfc^oft in ber oltröm. SBcIt, übcrf. ö. gfJic^orb 1857 ©. 18; 
über fein Oejpräc^ mit ber betöre S^eobota Memor. 11, 11: äeHer, 
«ß^ilofop^ie ber ©riechen. 2. «uff. U, 1, 65. 9Jägclgbac^, SJac^- 
l^omerij^c S^^eologie ©. 239. Heber hie Siebe benft unb urt^eilt ©o!r. 
ebenfo äu^crlit^ unb im ©runbe niebrig wie fein gan^eg SSolf. ®r 
poraüelifirt fte mit ®ffen unb S^rinlen. SSgl. Xenoph. Memor. I, 
3, 8 ff. 3tt)or warnt er ben Äritobulo«, ber ben ©obn bc§ STIfibiabel 
gefügt ^tte; ober er Ibetg fd^Iießlic^ (3, 14) feinen onbcren 9?ot^fcbfag 
ju geben, als bo§ man ff^ wegen ber atppoSt'aia an fold^e moc^e, bie 
nur Spilittel 5ur Sefriebigung beS leibli^en S3ebürfniffe§ feien o^ne bie 
©ee(e an ftc^ ju jiel^en, alfo an bie !^ä§It(^ften u. f. to. ^touffeau'iS 



^tnmerfungen jum achten SSortrag. 343 

9öort über ©oTrateS unb S^ciftuS Emile IV. t. II. p. 110: Quels 
prejuges, qael aveuglement ne faut-il point avoir pour oser com 
parer le fils de Sophronisque au fils de Marie? Quelle distance de 
Tun ä l'aatre! p. 111. Oui, si la vie et la mort de Socrate soat d'un 
sage, la vie et la mort de Jesus soat d'ua dieu. Ueber ben polittfd^en 
S^arolter ber ontiTcn Sittlid^feit ügl. auc^ i5'l>'3aco6^ SBoIbemar, 
SSSB. V, 382. 

16. SSgl. iReanbcr, SBiffenfc^aftt.Slbl^anblungen l^erouSgegeben tujit 
3. S. Socobt 1851, ©. 140—214: Ueber ba« Scrl^ältntB ber ^eaenifAtn 
et^tf äur d^rtftrid^en: 2. ©ofrateS unb ^lato. 3. Striftoteleä. lieber 
SlriftoteleS ügl. avid) g. §. 3acobi a.a.D. V, 421 f. u. meine 2[nmc 
et^if u. f. to. Spä. 1887, ©ofrotcä @. 38 ff., «ßloto ©. 44 ff., ariftoteleS 
©. 55 ff. Ueber ben Unterfc^ieb ber antifen u. ber ci^riftt. SKoral meine 
®ef(^. ber (^riftr. gt^il I, 1888 @. 18 ff. — Wuc^ Seiler, «ß^ilofop^tc 
ber ©riechen II, 1, 569 : $Ioto „äußert ft«^ aud^ über bie ftärfften SSer« 
irrungen (nämlt(^ber rmnlit^en Srcunbf^oft ober ber ßnobcnliebe) 
mit einer SJlitbe, »eld^e unö in l^ol^em Orabe ouffaHen mußte, loenn 
ttJtr un8 nic^t erinnerten, boß ^pioto eben ein ®ried^c toar". Ueber feine 
niebrtge anfielet oom SSerl^ältniß ju ben grauen ebenbaf. @. 570. ®a§ 
angeführte 3)iftum Sluguftin'ä: De civ. de VIII, 5, Ueber bie SOtangel» 
^aftigfeit ber fitttic^en ^nf(^auung and) ber 93eften ber alten SBelt Dgl. 
anc^ ©tirm (5. 234 ff. 

17. S)a8 »or ba8 Strgument toeld^e? fpStere (^riftlit^e Sd^riftfteller 
ben ^ratonifcrn mit Siecht cntgegenl^ielten. 3- 33. 3lrnobiu§ (Adv. 
gentes IL p. 39): „3^r — fo rebet er bie ^ßlotonifer an — fuc^t baS 
§eil eurer (Seelen in eu^ felbft unb meint, il^r toerbet ®ötter Iroft 
eigenen eingebornen 3)rang8. SBir bagegen üerfpred^en unS nid^tS öon 
unfrcr 6(^tt)Q(^:^eit unb finben beim SSlid ouf unfere 9?otur, ba% fie 
feine firoft f)ahc unb bei jegüt^em Streit ber ®ingc üon i^ren Seiben« 
fc^offen übertoftitigt »erbe" u. f. w. SSgl. $orIeß, ®a8 iöut^ ü. b. äg^l3t. 
aß^fterien ©. 110. 

18. «Reanber o. o. D. 1. 3)er ©toiciSmu«. SO^eine SIntife ©tl^if 
(B. 104 ff. — 3)tc aScmerfung über bie Unbcfonntf^aft ber otten SBelt 
mit bem Segriff ber S>emut^ unb bie SSeränberung ber SSebcutung be§ 
SBorteS hnmilitas ift bon $[poIogeten fd^on ju nieber^oUen äJlalen ge« 
mod^t tDorben; ögl. j. 8. ©tirm @. 236, toie mon baS aud^ in ben 
lat. ßejiciS ongemerU finben fann. ©i^mibt o. a. 0. @. 14: „®ie 
®emut^ b. ^. bie niebrigc Stellung war ein ®runb ber SScro^tung in 
ben ^ugen ber alten $^i(ofop^en beS ^eibent^umd (3. 93. Cic. Tasc. 
V, 10); ouf i:^rcm rein ftußerlid^en Stanbpunft l^abcn fie feinen 85e» 
griff booon, bofe ber 5ßome a)cmut§ einft einer ber reinften Xugenben 
gegeben töcrben fönntc." SBic »ocnig ber StoiciSrnuä bie Sugenb ber 



344 ttnmcrTungen äuiit achten Sortra^. 

SieBe kannte, ift befannt (DgT. S^mibt o. o. O. S. 300), ntd>t mtnber 
ber Se^rfo^ be§ SSegrünberg btefer Schule: „toeber SSergebung noc^ 
Sllmofen". lieber bte spätere religiöse <Btoa meine Slntite ©t^if S. 146 ff. 

19. Slüerbingä meinte ©pifiir junoc|ft bte geiflige Suft, ober nic^t 
loägelöft Don ber förperli^en. 3" feiner S^ulc \)at man benn aüä) 
halb bie ffonfequenäen biefeö bebenflic^en ^rinjipl gejogen. SSgl. Seiler, 
®ie ^^ifofop^ie ber ©riechen. 2. Slufl, m, 1, 1. S. 405. Xog btefe 
S^ule feine felbftönbige geiftige 2J?0(^t ber 8ittlic^feit fanntc fonbern 
nur bit nöt^tge 35erec^nung, ögt. ebenbaf. 406 f. SKeine 2Intife (St^if 
S. 97 f. 

20. Quintil. Instit. I. Prooem. — Kicero fpric^t Tose. II, 4 mit 
ben flärfften SBorten öon bem greDen Äontroft jttjifd^en Se^re unb Zeben 
ber ^^ilofop^en unb gibt eine fe^r üble ©(^ilberung oon benfelben. 
®DlIinger 8. 605. S^olud S. 52. 

21. 3)ie§ gefte^t im (Srunbe oud^ S^Uet ju, fo fel^r er fonft Senefo 
gegen bie SSortoürfe eine!? Dio Cassias in Sc^u^ nimmt. III, 1, 1. 
@. 641 f. Heber bie moxal Senefa'ö ögl. ©dimibt ©. 303 ff.; meine 
Slntife St^if <B. 146 ff. S^ertuIIian nennt i^n: Seneca noster. De 
anima c. 19, ügl. Schmitt S. 321. 

22. S- 33. bie belannte ©teQe Seneca De ira H, 8. 9: „Sltteg ift 
üoQ öon SSerbrec^en unb Saftern; cS »irb mef|r begangen aU man mit 
©trafen »ieber gut machen fann. SKan fämpft gleidjfam einen un- 
geheuren SBettfampf ber SSetroorfen^elt. ©röfeer toirb togtSglii^ bie 
2uft ber Sünbe, geringer bie ©d^eu. iRac^bem ade Dichtung oor bem 
SSefferen unb Gerechteren gef^njunben ift, ftür^t fic^ bie 2uft moljin e5 
i^r beliebt. Unb eS üerbirgt \id) bereite baä Safter nic^t mc^r, un- 
gefc^eut fteüt e§ fic^ üor SlHer 2lugen; unb fo fel|r in bit Deffcntlid^« 
feit ift bie SSetnjorfenl^eit getreten unb ^at eine folc^c Oeftolt in Stller 
©emüt^ern erlangt, ba^ Unfc^ulb nic^t blofe feiten, fonbern überhaupt 
gar nid^t bor^onbcn ift" u. f. m. ®erfelbe o. a. D. 3, 26: „3Ba§ oer» 
berge ic^ unter fanften SBorten bie allgemeine ßranf^eit? SBir 9löe 
finb böfe. 2Sa^ ber eine am 2lnbern tabelt, baS wirb ^tbtx in feinem 
eigenen 93ufen mieberfmben. !Bö)e leben mir unter Söfen." Senefa 
Iröftet fic^ mie Diele Slnbere bamalä mit bem nad^ ben oltcn Sogen 
na:^en Untergange ber SBelt, in »cl(^em bo^ alte SRenfc^cngefd^tec^t 
untergel^en unb eine neue SKenfc^^eit frei üon Softem entfte^en werbe 
(et dabitur terfis homo inscius scelerum); Ogl. Süfen 3.305. @benfo 
flogt äJiorf 2turel töJv -phc äaut&v, bofe „Sreuc unb (J^rgefü^t unb 
©ere^tigfeit unb 2Sof)r^eit öon ber »eiten Srbe jum ^immet ent« 
f^touuben feien". Unb Suöenal ruft ou« Sat. 12,26—30: 

©elten ftnb bie guten ju pnben, loum fo ölel an 8q^I nod), 
W? man aRünbungen jS^It beä 9tüS unb X^ote öon X^ieben. 



^nmcttungän äunt achten ^rtrad- 345 

«Bo^rltc^ ein neuntes aotet bet SBelt, weit fd^Ied^tei- als ieneä 
eifern', ift ie|t, für beffen ©(^led^tigfeit bie 9Zatur felbft 
Äeinen tarnen erfanb unb lein aJletaH '^at geBoten. 

«e^nltc^ 15, 70. 71. — S)ic ©martung eines aBeltuntergongS ift 
öielfac^ ou^gefprod^en. ®o legt ber ®i^ter ©enefa in ber Sragöbie 
„§erfute8 ouf bem Oeta" bem alten ^rieftcrfänger Drp^euS eine 
SBeiffagung öom (£nbe ber SBelt unb ber ®ötter in ben SWunb V, 
1103—1115: 

SBenn Oefefe unb Sitte gelSft 
Unb ftd^ na^et ber jüngfte Sog, 
SDäirb Begrofien beä Sübeng 5|3oI u. f. tu. 
©ud^en teirb ben öerlomen Zag 
Sittcmb Sitanä gebrochener ©tra^I. 
Sann toirb ftfirjen be3 $immel3 JBurg, 
®ona tjerfd^üttenb ben Oft unb SBJefi. 
mit bie satter ol^n' Unterfd^ieb 
SBerben ge^en in Zob unb Sßac^t. 

Slu^erbem Seneca, De beneficiis 6, 22, Sen. Thyest 831, Vergilü 
Georgica 1, 303. Sd^on bei nicftt ganj gewö^nlid^en S'jQturerfc^einun« 
gen wonbelte bie äJienfc^en bamafS bie gfu^^t öor bem na^en Unter- 
gange an. iBefonberS toar bie§ bei bem berberbli^en 9lu§bi'uc^ he§ 
SJefuDg ber %aü Dio Cass. Tit. 66 u. Plin. sec. Epp. 6, 20. 2luc^ 
Senecae Quaest. nat. 3, 5 f. 9?ur pflegte mon nid^t öom „legten 2;og", 
fonbern c^arafteriftifc^ öon ber „legten 9?ad^t" ju fpredjen. SSgl. Döring 
5U $(tn. a. a. 0. 

23. SlllerbingS »erben biefe ^«^"nfti^&ilbcr ber norbifc^en SlJi^tl^o* 
logic ncuerbing§ öon ben nortoegifcften ©elel^rten SBunge unb 93ong 
auf ben Sinflug c^riftlic^er Sibyllen jurüdgefü^rt, ober biefe 9Infi(^t 
^ot unter ben beutf(^en ©ermaniften bi^l^er oiel mel^r SBiberfpru^ oI3 
3ufttmmung gefunben. 

A4, »elege ju bem angeführten finben fic^ bei Süfen @. 312 ff. 
©ttrm6. 181f. Ueber bie 5Promet^eu8foge öerweife iäi noäi auf 
Safaulj, ^^tootet^eu^- 3)ic ©age unb i^r ©inn. SSürjb. 1843, wo 
bo8 faft 9D?effianif(^e biefe§ SJlljt^ug geiftüoll ober ju fe^r öom d^rift* 
liefen ©tanbpunft auS entmirfelt wirb, roefe^olb fic^ ^iegegen auc^ ber 
SBibcrfpru^ gleit^gefinnter ^ß^ilologen erhoben ^ot, ügl. 9iägcUba(^, 
^aä)f)omex. J^eol. S. 484. 

25. Plato De republ. II, p. 361 sq. SSgl. 0U(^ Eousseau, Emile 
I. rv, t. 2. p. 109 f. Quand Piaton peint soq juste imaginaire couvert 
de tout l'opprobre du crime et digne de toas les prix de la vertu, il 
peint trait pour trait Jesus -Christ: la ressemblance est si frappante, 
que tous les peres l'ont sentie, et qu'il n'est pas possible de s'y tromper. 
3)iefe piotonifc^e ©teile ift oftmals öon ben alten unb neuen c^riftli^cn 
Slpotogeten jitirt worben. 



346 $rnmerhtngen junt a^ten unb neunten S^orttöö. 

26. Cic. Tose. II, 22: quem (nämtt(^ in quo erit perfecta sapientia) 
adhuc no8 qoidem vidimus neminem, sed philosophorom sententiis, 
qnalis fiiturus sit, si modo aliquando fuerit, exponitur. 

27. S)te erfle Stelle: Verg. Ecl. IV ögl. Augustinus De dv. 
Dei X, 27: bie sweite Stelle Verg. Aen, 6, 792; ögl, auc^ 2ü?cn 
S. 356. — Heber bie ©rroartungen eine§ jübif^en SBelti^errf d^erS , bie' 
man bann btelfad^ auf äSe^pafian bejog, Dgl. Sueton. Vita Yespas. 
4 u. 5., Dio Vespasianus 64, 1. Taciti Eist. 5, 13 n. 1, 10. 2, l 
u. 28. Josephus De hello Jud. 5, 3 u. ö. „S)ur(^ ben ganjen 
Drtent, fagt Sueton an ber etften SteQc, ^atte [vi) bie olte unb 
fejte Ueberjeugung öerbreitet, ei fei oom S^irffal beftimmt, ba§ jur 
bamaligen 3"t ouS gubäa »elc^c ^eroorge^en würben, bie fit^ ber 
|)errfc6aft ber SBelt bemächtigen mürben." Unb ebenfo XadtVLi unb 
3ofep:^ug. 

28. Tert. Apolog. 17, befonberS ober in f. Sd^rift De testimonio 
animae. „S)ie ^cugniffe ber Seele — fogt er ^ter — finb je mo^rer 
befto einfältiger, j|e einfältiger befto t)oIfiSt^ümIt(^er, je ooll^t^ümlic^er 
befto allgemeiner, je allgemeiner befto natürli^er, je natürltd)er befto 
göttlicher." SSgf. befonber^ cap. 2. ©benfo Minucii Felicis Oc- 
tavius 18; ou^ Cyprianus De Idol, vanit. (Opp. per Jo. Oxon. 1690 
p. 15). ^ 

2». Ueber bie altteft. tReligion ögl. 2)iIImonn, lieber ben Urf|)rung 
ber oUteft. S'leligion. ©tefeen 1865. ü. Drelli, 3)er notion. S^orafter 
ber altteft. Steligion. ^ürtc^ 1871. Sgl. meine ®efc^. ber c^riftl. (St^if 
I, 26 ff. 



2lnmerimngtn ^am nennten )l)ortra$. 

1. SSgf. ^ieju bie fc^önen Sluöfü^rungen in fRaitfe'ä 3. 93anb feiner 
SBeltgefc^ic^te über baS proöibentieQe SSer{)äItni§ be§ röm. Imperiums 

^um ©Dongelium. 

2. Ueber bie Sebeutung be§ Staats a\S bie SBebingung aller 
Sittli^fett unb grrömmigfeit Dgl. 9?ageUbac^, 9?a^^omcri|cöc S^eo» 
logie S. 288 ff. Ueber ben SRangel aüe§ KoämopoIttiSmuS, ebenbaf. 
©.20S. Or ig. c. Gels. II, 46. SJeanber 2)enfnj. 1, 39. SJöIIingcr, 
©. 664 ff. Ueber bie Sßorbereitung ber üori^riftlidien Qeit auf boS 
K^riftentbum über^ou|>t ogl. befonberS Stirm S. 152 ff., mo au^ 
auf $o(Qbiu§ 1, 3 bermiefen mirb, ber i)a9 Setougtfetn babon aud> 
fpric^t, baB bie ©efc^icbte, bie oor^er fporabifc^ mar, nun ein ©anjed 
mirb in melc^em aQe fiänber in einanber greifen. Sluc^ 92ico(a§ II, 
162 ff. 165 ff. 170. — Qu bem 9?oc^»eig aber, boB bo8 e^riftent^um 



$[nmerhtttgen ^um neunten Vortrag. §4? 

baS Btel ber gcfommten früheren gcfd^idötUd^cn ©ntttjidlung fei, bgl. 
bic früher (3. SSortr. 18. «nm.) ongcfü^rte ?reu6crung So^. o. 9RütIer'§ 
SBS. 15, 315 ff. 

S. 9?ä^ere8 l^ierüBer f. in ben fir(^engef^id^llid^en ©orfteHungen. 
So j. 83. Bei Oiefelcr I §.40: „SJoIfgftimmungen im römifc^en 
9Jet(^ gegen bo8 S^riftent^um", too eine SRei^c l^eibnifd^er SSotttJÜrfe 
jufommengefteDt ift. Pascal, Pens. H, 319 (223): Tout ce qu'ü y a 
de grand sur la terre s'onit: les savants, les sages, les rois. Les uns 
ecrivent, les aatres coadamnent, les autres tuent. Et nonobstant 
toutes ces oppositions, ces gens simples et sans force resistent ä toutes 
ces puissances et se soumettent memes ces rois, ces savants, ces sages, 
et ötent l'idolatrie de tout la terre. Et tout oela se fait par la force 
qui l'ayait predit. SBic fic^ SlQeg gegen baS (J^riftcnt^um ju »er* 
binben fc^ien, l^at au(^ ©d^ntibt S. 266 ff. gut auSgefül^rt. — ©in 
öollftänbigeg S3ilb biefeä großen ÄampfeS gibt öor Slllem Ul^Il^orn, 
3)ct Äompf beS S^riftent^umS mit bem ^eibcnt^um. 3. Slufl. 
etuttg. 1879. 

4. Tac. Ann. XY, 44: multitado ingens, band perinde in crimine 
inoendii, quam odio humani generis convicti sunt. 

5. PI in. Epp. X, 97: affirmabant hanc fuisse summam vel culpae 
suae vel erroris, quod essent soliti stato die ante lucem con venire 
carmenque Christo quasi Deo dicere secum invicem, seque sacramento 
non in scelus aliquod obstringere, sed ne furta, ne latrocinia, ne adul- 
teria committerent etc. 

6. Tert. Apolog. 37. 

7. SKon ^ot bie ^al^I bcr SWärt^rer jttjor oftmals übertrieben unb 
bie (Sefc^ic^te berfelben jutneilen auSgefc^müdtt; aber tntr ^aben bod^ 
oud^ juöeriftfftge 83ertdjte, »elc^e un§ ein ergreif enbeg 93ilb fowo^t 
öon ben ouSgcfut^ten SRartern, mit bcnen mon bie Sl^riftcn peintnte, 
als and) bon ber Streue unb Stanb^aftigfeit, »elc^e fie bettiefen, 
geben. 3gnoliu8, bcr Sif^of öon Slntioc^ien, ber nadj fRom geführt 
unb ben Söwcn torgctoorfen tourbe, 107 n. S^r. („3(^ bin ein SBaisen» 
forn ®otte8, burc^ bie 3*^"^ ber witben 5:^iere foH iä) jermo^ten 
»erben, bomit tc^ aI8 ein reineS SSrob ®otte8 crfunben »erbe")/ 
^ol^forp, bcr e^^rttJÜrbtge ©tf(^of öon ©m^tna, ber jum gcuertobe 
üerurt^cilt tourbc, um 160 n. ^T. („(Sed|§unbad^täig ga^r bin t(^ 
in feinem ®tenft unb er ^at mir nie ein Seib getl^on, mic fönntc i^ 
i^n läftcrn, meinen Äönig unb ^eilonb!") ftnb roürbige 9?acftfofger 
ber SIpoftel, beren Sdjüler fie auä) waren. ®ie ajiärt^rer gu S^on 
unb SSiennc 177 n. d^r., öor allen bie jorte S3tanbino, beren un« 
fiberminblic^e ©tonb^aftigfeit aüdf ben Reiben bettjunbernbe§ ©tonnen 
obnöt^igte; ^rpetua unb fJelicitoS in Äort^ago, 202 n. ©^r., bie 



S48 anmertungen jum neunten SSortrog. 

buxd) bie Siebe gu ^e^u§ auc^ bie SRutterliebe ju überwinben fiarl 
genug öjaren, unb fo titele anbere, finb emig behjunbernlroürbige 
SSorbilber c^riftlic^er Streue bi§ in ben STob. SSgl. bie ©rjälilungen in 
@ufeb., Str(^enge|(^. IH, 36. IV, 15. 16. V, 1. V, 41. 42 u. f. ro. 

8. Laurent, Etudes sur rhistoire (Jp rhomanite T. V, p. 596, bei 
|)etttnger ©.778. Serfelbe ©ebonfe bei ©tirnt 6.450. 

9. Pens, n p. 337 (233). Mahomet en tuant, Jesus -Christ an 
faisant tuer las siens. Enfin cela est si contraire, que si Mahomet 
a pris la voie de reussir humainement, Jesus -Christ a pris celle de 
perir humainement; et qu'au lieu de conclure que puisque Mahomet 
a reussi, Jesus -Christ a bien pu reussir, il faut dire que puisque 
Mahomet a reussi, Jesus-Christ (anbete Se^art le christianisme) devait 
perir. Slu(^ bei SfJicoIol IV, 50. $alfoI fü^rt in btejem Bufot"* 
nten^ong- no(§ eine Steige onberer Unterfc^iebe an. ®o: p. 335 (233): 
Toat hemme peut faire ce qu'a fait Mahomet; car il n'a point fait 
des miracles, il n'a point ete predit. Nul homme ne peut faire ce 
qu'a fait Jesus -Christ; p. 336 (232): Quels miracles dit-il lui meme 
avoir faits? Quel mystere a-t-ü enseigne selon sa tradition meme, 
quelle morale et quelle feUcite? — Mahomet non predit, Jesus-Christ 
predit. 

10. Ueber biefeS fittlic^e SBunber ögl. auc^ 3licoiaS IV, 286. 356, 
Uebet bie fittf. SBirfungen teS K^riftentöurnl Dgl. 9?eanbet'jJ Senfw. 
1,19 ff. 

11. Tert. Apol. 39: Vide, inquiunt, ut invicem se diligant 
(ipsi enim invicem oderunt\ et ut pro alterutro mori sint parati 
(ipsi enim ad occidendum alterutrum paratiores), ©tirm 2. 239. 93e>= 
reit§ ©c^ntibt ©. 289 f. fü^rt fofl aüe bie ©teDen an, bie in biefer 
unb ben folgenben Slnmerfungen jitirt finb. 

12. Süer ipeibc Säctiiug im Octavius be§ Minucius Felix, c. 9. 

13. Julian: -Ep. 49 ad Arsacium, pontif. Galatiae. Lucian: De 
morte Peregini 13 (337 sq.). ©alenuä bei AbuKeda Historia anteis- 
lamica ed. Fleischer, 1831. p. 109: „2)te meiften Slienfc^en, unoermögenb, 
bie logifc^e !öett)ei§fü^rung ber SSa^r^ett 5U üerfte^en, bebürfen ber 33e» 
le^rung burd^ ©(eic^niffe: fo ^aben bie, roelc^e man S^riften nennt, 
i^ren ®Iouben nur aug ben $arabe(n it)te§ SJieifterg gefc^öpft. Sebocft 
l^anbeln fie jumeileu tuie biejentgen meiere bec magren ^iß^ilofop^ie 
folgen. — ®ä gibt unter i^nen welche, bie in i^rem Sifet fic^ ju be» 
^errfc^en unb ehrbar ju leben ba^in gelangt finb ben magren $^i(0' 
foppen in nic^t0 nac^jufte^cn." 

14. Sibaniuä bei Chrysost. ad. viduam junior, c. 2. I, p. 340. 
^ettingcr ©. 758 Stnm. ©ttrm <B. 270. 

15t Tert. ApoL 50: nee quidquam tarnen profidt eiquisitior quae- 



Änmerfungcn guin neunten SSortrag. 349 

qae ' cradelitas vestra, illecebra est magis sectae; plures efficiiöur, 
quoties metimar a vobis; semen est sanguis Christianorum. — Ula 
ipsa obstinatio, fS'firt %evt. fort, quam exprobratis, magistra est. Quis 
enim non contemplatione ejus concutitur ad requirendum, quid intus 
in re sit? Quis non ubi requisivit, accedit? ubiaccedit, patiexoptet? 
So tft 3[uftin ber WSrt^rer nod^ jeinem eigenen Sefcnntnife nantent« 
Itd^ boburdö jum K^rtftent^um gefül^rt hiorben. Apol. II, 12/ 

16. Lact Inst. div. V. 19. |»ett. ©. 774. Itnb bef. ©d&mtbt 
@. 209 f. 3u bcn folgenbcn SBotten bgl. btc faft gletd^tautenbe ©teile 
Bei Äri^Ier, ®ie |)elbenseiten be§ e^riftent^um§ I. 1856. (S. 94. 

17. Tert. Apol. 2: Christianum hominem omnium scelerum reum, 
deorum, imperatoram, legum, morum, natnrae totius inimicum exi- 
stimas. c. 45 publici hostes Cbristiani. — nos noluat Bomanos haben, 
sed hostes principum Komanorum. — Minucii Felicis Octavius 
c. 14. 5)er ^eibe ©äciliu^: vos vero suspensi interim atque solli- 
citi honestis voluptatibus abstinetis: non spectacula visistis, non 
pompis interestis, convivia publica absque vobis, sacra certamina, 
praecerptos cibos et delibatos altaribus potus abhorretis. Non floribus 
Caput nectitis, non corpus odoribus bonestatis, reservatis unguenta 
funeribus, Coronas etiam sepulcris denegatis, pallidi, trepidi, miseri- 
cordia digni et nostrorum deorum. c. 8: latebrosa et lucifuga natio, 
in publicum muta, in angulis garrula („ein ^eimlidöeS unb Itd&tfd^eueg 
©efd^le^t, im öffentlichen Seben ftutnm, im Sötnfet gefdötoä&tg"). — 
c. 12: ecce pars vestrum major et melior, ut dicitis, ^etis, algetis, 
ope, re, fama laboratis etc. c, 5: indignandum omnibus, indolescen- 
dumque est, andere quosdam et hoc studiorura rüdes, literarum 
profanes, expertes artium etiam nisi sordidarum, certum aliquid de 
summa rerum ac majestate decemere, de qua tot omnibus seculis 
sectarum plurimarum usque adhuc ipsa philosophia deliberat. c. 12: 
proinde si quid sapientiae vobis aut verecundiae est, desinite coeli 
piagas et mundi fata et secreta rimari: satis est pro pedibns ad- 
spicere, maxime indoctis, impolitis, rudibus, agrestibus, 
quibus non est datum intelligere civilia, multo magis den^atum est 
disserere divina. 

18. ©elfuS nennt boS ©l^riftent^um ein ßdpßapov Z6'(\ia (Ori- 
genes Contra Geis, n, 2) ögt. SBour, ®ogmengefc^. 1, 1. ©. 305 f. Unb 
ber Slpologet Station BeTennt in biefer „53arBoren«^l^tIofo^l^ie" (ßcfjs- 
ßapo; «piXooocpia c. 28. 29. 35) bte SBol^rl^eit gefunben gu :^aben. 
St^mtbt ©.280. 

19. 9Sgl. hierüber ouc^ Guizot, L'^lise etc. p. 153 ff. C'est le 
principe et le fait chretien par excellence d'avorr chasse de la pensee 
humaine cette iniquite et d'avoir etendu ä l'bumanite tout entiere ce 



350 9[nmeT!ungen jum neunten RSoctrag. 

droit ä la justice, ä la Sympathie, a la liberte, bome josqae-Iii k an 
petit nombre et subordonne ä d'inexorables conditions. On a dit d'on 
grand phüosophe que le genre humain avait perdu ses titres et qu'il 
les lui avait rendus; flatterie demesuree et presque idolatre. Ce n'est 
pas Montesquieu, c'est Jesus-Christ qui a renda au genre humain ses 
titres. Jesus -Christ est venu relever l'homme sur la terre, en meme 
temps que le racheter pour retemite, l'nnite de Dien maintenne chez 
les juifs, l'unite de l'homme retablie chez les chretiena, ä ces traits 
edatans se revele Taction divine dans la via de rhamanite u. f. to. 
P. 156: Cette civiliaation est surtout le fruit de cette grande idee 
que tont homme, ä ce titre seul qu'il est hemme, a droit ä la justice, 
ä la Sympathie et ä la liberte. Cette idee a sa source dans l'Evan- 
gile; c'est Jesus-Christ qui l'a fait entrer dans le coeur humain, pour 
passer, de la, dans l'etat social, ©tirm S. 252, tote überl^au^Jt 
Sttrm im 8. S3nefe feiner Slpologie bie reiÄ^oIttgften Setträge jur 
©efd^id^te ber ftttli^ erneuernben ©inmirTung bei S^riftent:^um8 in ber 
SBelt bringt, fo ha^ er aH ein Kommentar f,n ben folgenben Sfi^en 
btenen fonn. 3)ic umfaffenbften SRoc^wetfe l^tefür finben [\di in ber be» 
reit§ öfter angeführten Sd^rift öon ®. Sd&mibt, Essai historique 
sur la sodete dvile dans le monde romain etc. 1853. 5)eutf(^ t>on 
mid^axb 1857. 

20. Montesquieu, Esprit des lois VIII, 9 bei 3?icoIa8 I, 251, 
Jno überhaupt eine Steige fpejieHer SBcIege l^iefür angeführt finb. 

21. 9?eanber, ©enftn. I, 32 unb bie bort angefül^rte ©teDe an§ 
Tert. ad Scapulam 2. 

22- @D berechnete SS oltaire, bafe gegen jefin SRittioncn SKenfc^en 
unter bem SSorttjanb ber d^riftliti^en ^Religion erntorbet niorben, unb 
fügt biefer 85erec^nung ben triump^irenben SluSruf bei: religion chre- 
tienne, voilä tes effets! ©tirnt ©. 191. 

23. ©0 ou4 ©oet^e einmal: „®er döriftl. ^Religion gebührt bo3 
größte 8ob, ba fie i^rcn reinen eblen Urfprung immerfort boburc^ be= 
tl^ätigt, baß naä) ben größten SSerirrungen in mel^e fie ber bunfle 
SRenfcft l^inetnjog, e^e man fic^'S öerfiel^t, fie fi^ in if|rer erften lieb- 
lid^cn Stgcnt^ümlidifeit oI§ SRtffion, aU §ou8genofftn unb Srfiberf^oft 
jur ©rquidung beS menf^Iid^en SBebürfniffeS immer wieber ^eröort^ut." 
©tirm ©.193. 

24. (äine glönjenbe ©(^ilberung biefer Unioerfalität beS ©Triften* 
tt|um§ ^ot Äo^ntS ©ogmotif 1. 3lufl. I, ©. 671—674 gegeben. 



^(nmerfungen jum jcl^ntcn ^ortrog. 351 



Tlnmcrkmigen jum jednten lOortrag. 

1. 3eon *ßaul (grtebr. JRi^tcr), Ueber ben ®ott in ber ®efd^i(^te 
unb im Seben. eämmtl. SB3B. 33, 6. ©tirm @. 194. 

a. 2lp -®cj(^. 9, 14. 21. (12, 16.) 1 Äor. 1, 2. 1 Jim. 2, 22. 
8. Plinii sec. Epist X, 97. Sögf. frül^cr 9. SBortr. 5. «nm. 

4. SSgt. ben SZac^tuciS ^ieoon in 93e^f(^Iog*§ aSorttag. Ueber 
ba§ ßeben 3cfu bon Slenan. 1864. ©. 45 ff. 

5. 3"^^ Orientirung über bie ©oangelienfroge oerweife i^ u. 9t. 
auf U^I^otn, ®ie mobernen 2)orfteIIungen u. f. to. 3. SSortrag bie 
©öangelien @. 69 ff. fottie auf 3;ifd^cnborf: SBonu tDurben unfere 
©bongelien »erfaßt? 4. 9lufl. 1866. Ueber i>a$ ^of)anntie\)anQelmm 
fpejtell ögt. meine ©d^rift: ®cr io^onn. Urfprung be§ 4. (Söang. 
Seipaig 1874. 

6. 3n ben legten ^o^tjcl^ntcn beS 2. 3iö^r:^unbcrt§ ift bie au8« 
fc^Iiefelid^e ©eltung unfercr öier ©üangelien unb il^r fanonifd^eS Sin- 
teren eine unleugborc Z^at^ad^e. %ie ©d^riften be§ grcnäuS, beS 
S3if(^of§ öon S^on, ber um iene 3«it lebte, ferner ba§ unter bem 
S'Zamen beg 9!Kuratorifd^en ftanon befonnte SSerjeid^nife neuteftament» 
lieber ©d^riften aui ber geit um 170, fottjie bie berfelben 3cit ö"' 
gel^Srige f^rifd^e unb lateinifd^e Ueberfe|ung bei Plenen XeftamentS 

. finb öoDgüItige QtvLQiXi ^efür. 2lber fc^on in bert ©d^rtften beS 2lpo- 
logeten Suftin, ber feine größere Apologie nad^ bi^l^eriger Slnnol^me im 
Qabre 138 (nacb neuerer im ^aiixe 147) gef^rieben, finb bie ©Dan« 
gelien unb befonberS iai jo^anneift^e unberfennbar bejcugt (bgl. 
meine oben angef. ©d^r. ©. 54 ff.), aber noc^ toeiter jurüd, bi§ auf 
ben Slnfang beg jweiten ober ba^ @nbe beS erften Sal^r^unbertS fü^rt 
un§ bai neulicb beftätigtc gitot be§ ißarnoboSbriefeä, mel^eS eine 
©teile beg SD?att]^äu§eöongeIium8 a(§ eine ©teHc ber fanonif^en ©d^rift 
onfübrt, ügt. 3;ifd^enborf ©.94. So baß mir bemnad^ nid^t bloß 
mit ber Slbfaffung fonbern ou^ mit ber fird&Iid^cn ©eltung ber ©öan* 
gelien bi§ on baS @nbe be§ 1. ^ai^v^unbettS gemiefen »erben, alfo in 
eine 3eit/ weld^e ben SJtännern, unter beren 9?amen biefe ©d^riften 
ausgingen, ju iiabe ftanb aU ba% jene Benennung l^ätte S^äufd&ung 
fein fönnen. — Sag aber ba§ gc^g"^^ ^^^^ einzelnen d^riftli^en ©d^rift* 
fteHer für bie Söongelien nic^t bIo§ bie 93ebeutung eine3 tnbibtbucHcn 
Urtl^eitS f)at, fonbern SluSbrudf beS Urt^eilä ber Äirc^e überl^aupt ift, 
f)at Sl^terfd^, SSerfuc^ jur ^erfteöung hei ^iftor. ©tanbpunltä u. f. tt). 
1845, ©. 317 mit SfJec^t betont. 

7. Ueber biefen fonferöatioenS^arafter ber erften ^rd^c ögl. S^icrf d^ 
a. a. D. ©. 318 ff. Sgl. ouc^ meine oben ongcf. ©(^r. ©, 38, 



352 Stnmerfuttgen jum jel^nten SBottrag. 

8. SSgt. Stfd^enborf a. 0. 0. (5. 99. 

9. ®iefe SBejte'^ungen fül^ren HS in bte erpc Raffte be? 2, 3«'^^' 
iunbertS gurüd. 5Bgt. Itl^I^orn S. 88. 5:ifc^enborf @. 42 ff. »e* 
fpnberS meine ©d^rift: ©er jo^anneif^e lltfprung u. f. nj. S. 79— 93. 
— Weber bie Strte^ren über^, fagt Srenäu§ (t 202) in f. ©c^rift 
gegen bte.|)Sret. (lU, 11, 7): „@o groß ift bie ®eh)i|^eit »elc^e üBer 

■ biefe (4) (Söongetten Befielt, bog aüäi bie fieser felbft 8fU9"^§ ^afö^^ 
obregen unb S^ber bcrfelben öon biefen @oang. ou^gel^enb feine Se'^re. 
ju befräftigen fud^t. SSenn nun felbft unfere ©egner für un§ ^eugniß 
oblegen unb biefe SBüdöer gebrau(^en, fo ift unfer 53eft)eiä fidler unb 
tva^x." 

10. 9Sgt. hierüber Xif^enborf @. 75 f. 

11. ®ic neuere Äritif ^at biefe§ Slrgument befonberi für ba§ 
SUJarfu^eöangetium geltenb gemod^t, um t^re Seborjugung biefer eoon» 
gelifd^en (Sd&rift bamit ju re^tfertigen ; aber e§ fommt ben onbern 
nid^t minber ju gute. 9?gl. aud^ ^ettinger S. 622. SSei^, ©ec^ä 
SSortrSge über bie ^erfon 3efu e^rifti, ®. 53, too and) (Smalb'g SBort 
jitirt toirb, bofe burd^ unfrc ©tiangelien ein „®eift bejaubernber ^rtft^c 
unb llrf))rüngli(^feit, ja ber fpürbare ^and) ber unmittelbaren 9?SI)e 
:3efu e^rifti" fte^e. 

12. SSeig, <Beä)S 95orträge u. f. h). ©. 54. „SRan ne^me bo§ ganj 
l^eilige fo übermenfd^tic^ erhabene unb boc^ fo mcnfc^tic^ lebenSwobre 
(Srtöferbifb, mic e§ ni^t im 9lllgemetnen nur, fonbcrn ^ug um 3»9 
immer einjig unb fid^ felbft qUidf, foft in jebem 3Q3orte, jeber oft nur 
tt)ie juffiKig beri^teten §onbIung in unfern ©Dongetien gejeicbnet ift; 
man nel^me befonberS in biefer S3ejie^ung bie bur^ Urfprünglic^feit 
ber gehJOÜigften S^arafterjei^nung in jeber 9?ic^tung gonj überttJäl- 
tigenbe ©arftellnng ber 2eiben§gefd^id^te unfereä ^errn, ja man lefc 
unb l^öre bod^ nur, toaS in ben (Söangelien gefd^rteben ftebt unb loffc 
jebe toeitere j^xaqt borerfit ganj bei Seite — ob ei un9 nic^t unwiber- 
fte^Iidö ergreift: ba§ fann nidbt bon ben SWenfc^en erfnnben fein; biefer 
SefuS mufe im S!BefentIid)en fo gelebt l^aben, wie ^ier bon i^m berid^tct 
ift. ®enn fd^on ber oügemeinc OebanTe eineä folgen SJlanneS in bem 
©eiftc fünbiger SJienf^en toäre ein SBunber, btc lebcnäöolle 1iur(^» 
fü^rung biefeä ®ebanfen§ aber, baju jebenfaUg bei urfprünglidö un« 
gebitbeten unb onfänglic^ bon einanber unabhängigen SdbriftfteKern, 
o^ne bo| biefer SOtann gelebt unb fie if)n gefeiten unb gehört l^ätten, 
toäre me:^r aU ein SBunber, [le wäre ettboS Unmöglicfteä." — ®omit 
mögen nod^ einige Sleufternngen bon Eousseau berglit^en werben: 
Emile 1. IV. p. 109: Je vous avoae aussi qua la saintete de TEvangile 
est un argnment qui parle ä mon coeur et aaquel j'aurais meme regret 
de trouyer quelque bonne reponse, Voyez les livres des philosophes. 



Snmerfungen jum jefinten SBortrag. 353 

avec toute leur pompe, qu'ils sont petita pres celui-lä! Se peut>-il qu'im 
livre ä la fois si sublime et si simple soit l'ouvrage des hommes ? Se 
peut-il que celui dont il fait Thistoire ne soit qu'mi homme lui meme? 
Est-ce lä le ton d'un enthousiaste ou d'uQ ambitieux sectaire? Quelle 
douceur, quelle purete dans ses moeurs; quelle gräce touchante daus 
ses iustructions ! quelle elevation dans ses maximes! quelle profonde 
eagesse dans ses discours! quelle presence d'esprit, quelle finesse et 
quelle justesse dans ses reponses! quel empire sur ses passions! Oü 
est Ihomme, oü est le sage qui sait agir, souffrir et mourir sans fai- 
blesse et sans ostentation? etc. P. 111: Mon ami, ce n'est pas ainsi 
qu'on invente; et les faits de Socrate, dont personne ne doute, sont 
moins attestes que ceux de Jesus -Christ. — Jamals des auteurs juifs 
n'eussent trouve ni ce ton, ni cette morale ; et l'Evangile a des carac- 
teres de verite si grands, si frappans, si parfaitement inimitables, que 
rinventeur en serait plus etonnant que le heros. 3licola§ IV, 148 f. 
?le^nlic^ ©l^onning (t 1842) bag berül^mte §aupt ber omenfan. Itni* 
tarier unb einer ber bebeutenbften SSertreter ber amerifan. 2iteratur 
in l $rebigt The character of Christ über Wattf). 17, 5 (Dr. Channing's 
Works. Boston 1848. 93b. 4. ©. 1—29): „^c^ hefjaupte bofe ein folc^er 
S^orofter ha§ menjc^Iidje SSerftänbni^ ööQig überfteigt". „®ie @öou= 
gelien muffen ttol^r fein, fie finb nad) einem lebenbtgen Driginol ge= 
jeic^net, fie finb auf ^Realität gegrünbet." 2(u§ Schaff, S)ie ^erfon 
Sefu e^rifti 1865. S. 203 ff. 

13. S)iefe Stelle au§ SBtfemann'ä gefammelteii Sieben IV. 
finbet fic^ bei 3licola§ IV, 32 ff. u. §ettinger 6.624. Sc^on 
Eousseau Emile 1. IV, p. 111: Jamals des auteurs juifs n'eussent 
trouve ni ce ton, ni cette morale. Qmax fjat in ber neueren ^eit ber 
f^ranffurter ^Rabbiner (Seiger in f. SSorlefungen über bal ^ubentl^um 
unb f. ©efc^ic^te. 2. Slufl. 1865 bie »e^ouptung aufgeftettt: „5efu§ 
hjor ein ^J^arifSer, ber in ben 2Begen ^ittel'^ ging. (£inen neuen 
®ebanfen fprad^ er feine§tt)eg§ au^." Slber bo^ ift eine a3e- 
l^auptung, beren Unoerfd^ämt^eit nur ton i^rer 3llbern:^eit übertroffen 
wirb. Söir l^aben au§ bem S^almub ^inreii^nbe ^enntnig über ^iöel, 
um barüber urt^eilcn ju fönnen. ^ie gange 2(e^nlic^feit beruht auf 
einer 83erü^rung be§ SBortel ^eh SD^iatt^. 7, 12 mit einer öerroanbteu 
Steu^erung ^iZd'S. |>iflel unterfd^idTfii^ in nid^t§ öon ber abgefd^madten 
83u(^ftabenfIouberei feiner Äoüegen. SBeld^ei ®eifte§ biefer gefeiertfte aüer 
jübifc^cn Sekret gewcfcn, erfie^t man au§ bem Xraftat über ba§ @t, in 
tt)el(^em bie iJrage be^onbelt unb üerneint «irb, ob man ein @i, totlä}e§ 
eine ^enne am Sobbot^ gelegt, effen ober anfoffen ober anä) nur onfel^eu 
bürfe. SJgt. ben intereffanten, ouf einge^enben talmub. Stubien be= 
rul^enben SSortrag öon 2)elitf(^, ^illel unb ^t]ü§, Erlangen 1866. 

fiut^arbt, Vorträge I. 11. »ufl. 23 



354 ^Inmerlungen jum jel^iiten SSortrag. 

14. ®iefe SSergtetd^ung i[t befonber§ öon Sl^otucf, OlauSwütbig- 
feit Der eoongel. @e\<i)., 1837, ©. 406—426, im opologet. Snterejfe 
au§gefü:^rt. 

15. ÜB ei 6, Sec^l SSorträge übet bie «Petfon Sei'u e^ti/ 1863. 
©.51 f. U^I^orn ©. 84 f. 

16. 35aä :^at fetner Qeit Befonberä §ug, ber röm..fat^. 2::^eotoge, 
in feinem öortrefflic^en ©utac^ten über 6trQu6' Seben 3efu 1840 
l^eroorge^oben. 

17. Straufe, Seben ajiärflin'ä S.51. SBorrebc ju Ulrich öon |)utten, 
a3b. 3. g. XXXI. SSgt. SBeife, iSct^g SSorträge u. f. ». ©.41. 3n 
feinem „Seben für ba§ beutfdie SSoIf bearbeitet, 1864", bogegen betont 
OtrauB mit grofeem Selbftgefü^I, ba^ er e§ gettjefen fei, ber „ben 
S3oben bereitet auf ben nat^^er auc^ SSaur fic^ fteüte" ©. 97, baB bicfer 
nur fortgefegt ^abe maä er ongefangen, ni^t üorgenommen loag er 
unterlaffen :^atte 0. 98. 

18. SSgt. 93aur, S)ag K^riftentl^um unb bie c^viftti(^e Sirene ber 
brei erften Sa^r^uuberte 2. 9lufl. <5. 53 f. 

19. 8o treffenb SBeife a.a.O. ©. 46. 
ao. ßöftlin, J^eol. So^rb. 1851. 8. 177. 

21. 58gr. hierüber bef. S^olurf, Olaubroürbigfeit in ber eoangel. 
©efc^ic^te. 5. Slbfc^nitt: lieber bie SBiberfprüc^e in ber coanget. ©e» 
fc^ic^te S. 429—403. 

2S. Seffing: ®upftf. ©Smmtlic^e 3c^r. ^crou§g. ton Sac^monn, 
X, 52 f. ITeberl^aupt ift bie gonje (Erörterung Seffing'ä on ienem Orte 
l^iemit gu öergleid^en. 

23. ©iefelbe Sergteic^ung bei ^o^. 0. aKüIIcr, förnrntl. 3Bctfc, 
l.%t)l. 1810, ®. 458. 2ruc^ öetttnger ©.795. 

24. SSgl. bie rü^renben Sleufeerungen Don 9Katt^. Slaubiuö in 
feinen „Sriefen an Slnbreg" %i)l VI. @. 95 ff. S- 33. ©. 98: „Seiner 
I)at je fo geliebt, unb fo etma§ in [xdf ®ute§ unb in fi^ ©rofeeg, aU 
bie SSibcI bon i^m faget unb feget, ift nie in etneä SKcufc^en ^etj ge* 
fommen unb über au fein SSerbienft unb SBürbigfeit. 63 ift eine 
!^ eilige ®eftalt, bie ben} ormen tilget t»ic ein Stern in ber 92ac^t 
aufgebt unb fein innerfteä 5Bebürfui&, fein ge^eimfteä 2l^nen unb 
aSünfc^en etfüQt." Unb „©riefe an 3lnbre§" 2^1. IV. 8. 119 ff. Q. «. 
©. 122 ff.: „Unb nun ein (Srrettcr aul aller 9Zot^, oon ollem Uebel! @in 
(Sriöfer öom S3öfen! Unb nun ein §elfer, wie bie 83ibel ben |>ertn 
ß^riftum barfteüt, ber um^^erging unb mo^lt^at unb felbft nic^t ^atte, 

tüo er fein §aupt :^inlege; ber feine 3Kü^e unb feine ©c^mac^ 

achtete unb gebulbtg mar biä jum Sobe am Äreuj, ha^ er fein SSerf 
öoHenbe: — ber in bie SSelt fam, bie 2öelt feiig ju machen, unb ber 
barin gef(f lagen unb gemartert »arb unb mit einer 3)orncnfrone toieber 



Slnmerlungen jum jel^ntcn SSortrog. 355 

hinausging! — SnbreS, l^aft bu je toaS 'Sie^nlxijei gel^ört, unb fallett 
J)ir nid^t bie $änbe am Seibe nieber? @g i[t freilic!^ ein ©el^eimni^ 
unb tüir begreifen eS ntd^t, ober bte Sac^e fommt bon ®ott unb au§ 
bem ^immcl, benn fie trögt boS Siegel beg $immel§ unb trieft öon 
"Sorm^erjigfeit ©otte?. . . SWon fönnte fic^ für bie bloße ^htc tool^I 
branbmorfen unb räbern loffen, unb wem eS einfallen fann ju ft»otten 
unb ju lochen, bcr mufe öerrürft fein. SBer bog ^erj auf ber redeten 
©teile ^at, ber liegt im Stoube unb jubelt unb betet on." 

25. S3gl. Eousseau Emile IV. t. ü. p. 111: Oai, si la vie et la 
mort de Socrate sont d'un sage, la vie et la mort de Jesus sont d'un 
•dieu. Stel^nlid^ 2Ratt^. Slaubiuä VI, 118. 

26. Eousseau, Lettres de la montage P. 1. lettre 3. t. X. p. 245 f. 
On voit dans l'evangile que les miracles de Jesus etaient tous utiles; 
mais ils etaient saus eclat, sans appret, sans pompe, ils etaient simples 
comme ses discours, comme sa vie, comme toute sa conduite. 

27. eufebiug Rirc^engefc^. IV, 3. 

28. Pascal Pens, II, 222: II faut juger de la doctrine par les 
miracles. II faut juger des miracles par la doctnne. P. 223: Les mi- 
racles et la verite sont necessaires ä cause qu'il faut convaincre l'homme 
«ntier en corps et en äme. 

29. Pasc, Pens. II, 319 f. (218): Jesus-Christ a dit les choses 
grandes si simplement, qu'il semble quil ne las a pas pensees; et si 
nettement neanmoins, qu'on voit bien ce qu'il en pensait. Cette clarte 
jointe ä cette naivete est admirable. 

30. SSgl. SRougemont, ©^riftuS unb feine beugen u. f, nj. überf. 
t)on gabariuS, 1869, ©. 45 ff. 54 ff, 

81. SBorte aBifemonn'ä ®ef. SSortrfige IV, bei ««icolag IV, 37 
unb ^ettingcr ©, 817. 

32. ®§ njoren SBorte ^apoUon^S jum ©rufen öon SJiont^oIon: 
«^tlejanber, ©äfar, Äarl b. ®r. unb ic^ — fu:^r er fort — l^aben gro§e 
^cid)c gegrünbet; ober worauf ^oben tttr bie ©^öpfungen unfrei 
■®enie8 geftüfet? 2luf bie ®ett»art, — 3efu§ allein ^at fein iReid^ ouf 
bte Siebe gegrünbet, unb l^eute noc^ würben SRillionen SKcnfd^en für 
i^n fterben." 2)ie äRemoiren SBertranb'ä (^ariä 1841, nad^: S)enf« 
tDürbigfeiten qu8 bem d^riftlic^en geben, 1, S3bd^n. ®üter§Io:^ 1845 
©. 15 f.) berichten noc^ anbere 5^nli(^e 2leu§erungen '^apoUoxCä gegen 
biefen ©eneral, welcher biefelben unmittelbar nod^^er nieberfc^rieb, unb 
öon benen no^ etliic ©Sfee ^ier fielen mögen. „Sft einmal ber gött« 
lic^e e^arafter ß^rifti zugegeben, fo bietet fid^ bie d^riftlic^c Seigre mit 
ber ?ßräcifion ber ®eutlid^feit ber Silgebra bar, fo boB wir bie Sßer« 
fettung unb bie ©inl^eit einer SBiffenfc^aft baran bewunbern. — ®a§ 
■^afein ©^rifti ift, ic^ gebe e§ ju, öon einem @nbe biä jum anbern ein 

23* 



356 3lnmerfungen junt jel^nten SBortrag. 

gotij m^fteriofei ©ettJebe; ober biefeS HK^ftertum entfpricöt ben S^roierig« 
feiten bie in aüen ©jtj'tenäen finb: man üertoerfe e§, unb bie SBelt ift 
ein SRSt^fel; neunten wir e^ ober an, fo erholten toir bomtt eine ttjunber» 
bore Srflärung ber ®ej(^ic^te be§ SRenfc^en. — 2)a§ Soongelium befifet 
eine gemeinte Sugenb, etvoa§ fräftig SBirfenbeg, eine SJBörmc bie jugletc^ 
auf ba^ SßerftänbniB einwirft unb bog §erj burc^bringt. — ®o§ Soon« 
gelium ift fein SBud^, fonbern ein lebenbe^ SBefen mit einer Sl^ätigfeit, 
einer Tiadit bie olleä überloältigt Wa§ fic^ i^r entgegenfteKt. ^ier Hegt 
e§ auf bem Sif(^e, biefeS S3uc^ aQer S3üc^er {bei biefen SBorten berührte 
e§ ber Soifer öoHer Sfjrfurc^t); ic^ roerbe ni^t mübe e§ ju lefen, unb 
ättjor täglici) mit gleichem 5Sergnügen. — ®ie ton ber Sc^ön^eit bei 
®tiongeIiuml entjürfte Seele gehört fi^ ni(^t me:^r; (Sott bemächtigt 
fid^ t!|rer gänjlic^, er lenft i^re ®ebonfen unb i^r SSermögen; fie ift 
fein. SBel^er 93ett)ei§ oon ber ©ott^eit S^rifti! S3ei einer fo obfoluten 
^errfd^oft f)at er boc^ nur einen Qtoed: bie geiftigc SBeröoIIfommnunö 
ber ^n^iöibuen, bie 9iein^eit be§ (Seroiffen?, bie (Sin^eit mit bem wog 
tüo^r ift, bie ^eiligfeit ber Seele. — 9!Jion beiDunbert bie (Eroberungen 
Sllejanber'^. ®od) l^ier ift ein (Sroberer ber jU i^rem SBeften an i'id) 
gie^^t, mit fic^ üereinigt unb inforporirt — nic^t etroa eine ^latioii, nein 
bo§ 9!Jienf($engefcft(ecbt. SBeIrf)e§ SSunber! 35ie menfcftlic^e ©eefe mit 
ollen i^ren SSermögen wirb ein Slnncjum ber (Sjiftenj S^rifti!" — 3IuS 
<S^off, ®ie $er)on ^efu (S^rifli 1865 entnel^me id) hierüber ^^olgenbeS. 
®o§ ongefüfirte ^eugniB 3lapoleon'ä für bie ©ott^eit (S^rifti finbet ft^ 
im Abboks Life of Napoleon SSb. 2, ffop. 32 S. 612 ff. unb in beffelben 
SSerf. (Uonfidential correspondence of the Emperor Nap. with the empress 
Josephine. New-York 1855 ©. 353—363, freiließ oI)ne eine juüerläffigc 
Oueüe onjufö^ren. S(^off erjä^tt ®. 194, Dr. Stowe ^ot i^nt mit* 
gefreut, ©enerof SBertronb ^obe auf einer Steife in Slmerifo, oon einer 
©efeUfc^oft öon ©eiftlic^en in ^itt^burg befrogt, ob 9?apoIeon mirfttc^ 
biefe Sleu^erung get^on, biegroge bejaht. $rof. be^eliceöonWontauban 
öerfic^ert in einem SBriefe an ben 9'?ett)»?)orfer Cbferber Dom 16.9lpril 1842 
bie unstoeifel^ofte 2Ied)tt)eit be§ ^eugniffeS, gibt ober feinen 83ett)ei§. 



!?llpl)abetifd)C0 Jnl)aU0oer^cid)m|i. 



abstarb unb ^efotfe 57. 

Ulbenbma^I unb Saufe, bie äwei ^nftitutionen ^e\\i — ii)ve S9e* 

beutung 268. 
"Slbra^om'ä unb feiner ^otwifie SJionot^eiSmu^ 202. — mit i^m Be- 
ginnt eine neue Steige oon Söeiffagungen 206. 
iäbfoiute, ba§, ^egel'ä 53. 

tJlgaffij'g Sfnfic^t oon ben üerfc^tebenen ©(^öpfung^centten 82. 97. 
b'^aiembert'g unb 3)ibetot'3 ©nc^ctopäbie 14. 
ISIeyanber'ä be§ ®ro|en dieid), beffen SBad^fen, ß^i^fitten unb ©in« 

flu§ 214. 
?lltbeutfcöe ®ötterfage, bie meffianifc^e Hoffnung in berfelBen 197. 
mite§ Seftament, ©§arofter unb ©tn^eit beffelben 203. 
^na^agoraS 65. 
Ulniefm 46. 

^Jlnttfe ©ebanfen, aSelt berfelben 6. 
Apologeten, bie erften, beg S^riftent^umS 50. 223. 226. 
Slpoftel, i^r 3e"9ni& für bie SBa^r^eit be§ S^riftent^um§ 166. — bie 

9luferfle^nng ^efu K^rifti, ber SKittelpunft i^re§ ^eugniffeS 166. 

— i^re «riefe 237. 
Iffrbeiten unb SSeten mat^t bo§ ßeben 132. 
tttriftoteleg 38. 52. 145. 188. 193. 
IHrnbt 140. 
Ülefc^^Iug 197. 
Afen, bai mä(^tigfte ©öttergefcfite^t ber norbifd^en 9K^t:^oIogic, Obin 

an ber Spi^c 198. 
?lfteroiben 76. 
Aftronomie unb S^riftent^um 71. — toiberlegt nid^t ba§ ©Triften* 

t^um 73. 
ISt^etömuS ift nic^t eine Siot^roenbtgfeit be§ @ebon!en§, fonbern eine 

2§ot beS SSiöeng 37. 
Utt^en, ber aitar be§ unbcfonnten ©ottel bafelbft 50. 200. 
mtomiften 65. 

IHufflärung in 3)eutfc^{onb 14. 

1SufIöfung§proie& ber alten ^eibnif(^ert fReligiofitSt 189. 
Auguftin 41. 194. 
muguftug, Äaifer 200. 

9?aer oon, über ba§ Sitter be§ 9Kenfd^engefd^tec^t§ 83. 

*aco oon SSeruIam 30. 175. 

»olbr, ber ®ute, oltbeutfc^er ©ott 198. 



358 9irt)^Qbettic^c§ 3n^Qrt8ocrjei(^ni6. 

S3our, über bic Sluferftel^ung 3efu 167. — feine ?tn9nffe auf bie Scan»- 

gelien 245. 

SBeruf ber SSöIfer 181. — SfraelS 203. 

93eten unb SIrbeiten macbt bog Sebcn 132. 

SBetoeife für ba§ ®afetn ®otte§ 38. 

S3ett)o:^nbarfeit ber (Jrbe im Sergleic^ mit anberen 'ipianeten 74. 

93ibel unb 9lftronomte 71. — unb (Seologie luiberfpre^cn fic^ nic^t 
81. — ©d)öpfung§beri(^t berfelBen 84. — Slnf^auung berfelben 
über bcn 90?enfcben 102. — ©rjä^Iung öom (SünbenfoQ in ber» 
{elben 153. — 2Infto§ an ber ©c^ilberung ber erften ©ünbe iit 
berfelben 153. 

SSoIingbrofe, cngttfrfier S)eift 12. 

SBIumenbac^, über &in^eit beä SRen^engefc^Ieci^tS 100. 

S3rQ:^m(jni§muä unb fein ^^ant^ei^muS 185. 

S3roca, über SarttJini^mu^ 94. 

93ronn, über S)orttjini§mus 94. 

aSücbner'g 2RQterioIi§mu§ 66. 

95ubb^i§mu§ unb fein ^ant^ei^muä 185. 

JBüffon, über ©inl^eit beö SDJenjdiengefd&Iet^t^ 100. 

93urmeifter, bie Qnfonfequenj in feinem moterialiftifc^en S^fleme 107. 

Cfortefiu?, SSemerTungen über bie ©otte^ibee 46. 

dato 130. 

(Jelfuä 216. 

e^aog 84. 

ß^arafter, ein ^aupterforberni§ an bem Wenfc^en 116. — fittlid)e S3c* 
f(^offen^ett beffelben 116. 

(J^inefen, meffianifdje Hoffnung berfelben 197. 

©biron'Soge ber ©rieben, foft eine SBeiffagung auf S^rtf{u§ 197. 

e:^riftu§, fie^e 3efu§. 

(J^riftentbum, eine neue SBeltonfcftauung 4. — fein eine SReOoIutioit 
ber ©eifter b^rbeifüfirenber @influ§ 4. — gubentbum unb Reiben» 
tbum boben fic^ an ibm gerächt 7. — crfcbeint ©inigen alS eine 
bloße 3:beorie 32. — ift eine 9J?oc^t 33. — fein (Sinflufe 33. — 
geugen feiner SSabr^eit 166. — bie 33tfenner, bie gonje Kircbe 
unb bie ©egner ^ein aU 3f"0cn fü"^ feine SBabrljeü 168. — 
innere^ 3f"flni6 feiner SBabrbeit 169. — ift geeignet für Slfle 
171. — gebt über bie Vernunft 171. — ift wiber bie irrenbe SSer» 
nunft 175. — ftebt im ©inllang mit ber terborgenen SBobr^eit 
ber SSernunft 178. — ift bie Söfung be8 gf^Qtbfel^, mel^eä 3frael 
ift 209. — lägt fid^ nicbt loSlöfen üon ber «l^crfon 3efu 209. — 
fein ficgreic^er ®ong burcb bie SBeltgef^icbtc 219. — feine Weite 
2lu§breitung 219. — feine 2tu§breitung wäbrenb ber SSerfofgungeit 

220. — 58ergleicf| feiner Siege mit benen beS SDlubomeboni^mu* 

221. — 9Irt ber Slu^breitung beffelben 221. — fein Sieg über 
ha§ ^eibentbum 224. — fein Oong, ber @ang Sefu gbriftt 225. 
— ift bit 2J?ocbt nicbt bloß' ber öufeeren, fonbern einer innere« 
geiftigen ^errfcbaft 225. — bat bo8 Zeitalter ber Humanität ge» 
bra^t, bie ©flooerei gebrocben u. f. ro. 225. — ift fSbtg jit 
ejiftiren unter ücrf^tebencn grormcn 228. — beweift gefönt 
ebriftum 229. 

©icero, über bie SlDgemeinbeit beS ©laubenä on einen ®ott 36. — 
ferner ertoftl^nt 37. 38. 48. 145. 146. 199. 



2ll;):^abettfcl^eg Sn^altSüerjeic^niB. 359 

eiaubiuS 39. 161. 

eomtc, 2Iug., ^ofitioilmug beffelben 109. 

Sotta Don «3. 

euoier, S^aturforfc^ung beffelfeen 69. 82. 92. — über (gin^ext bei 

3Renjd)enoefd5lec^t§ 100. 
e^ruS unb jein SSeltreic^ 213. 

JTofein, bie aBiberfprüdje beffelben 21. — ber SBelt ift ein 9?ät^fel 21. 
— betüeift has S^afein ©ottei 40. — be§ SUienjc^en 23, — ®otte§, 

93ett)ei|c für boffelbc 38. 
^orroin'ö Sransmutatton^^tjpot^eie 83. 90. 93. — tüeiter ertüäBnt 
97. 111. 

3:ecanbDne, über ^orttini^mug 94. 100. 

S?Eigmui, ber englift^e 12. 19. 97. 

2;emofrtt'§ Se^re oon ben 2ltomen 65. — fonft erwähnt 147. 

5^cmofl^ene§ 130. 

^tmuti), cftri[tli(^e, unb ber <Btoid§muS 194. 

3)enfen i[t ni(^t baS grjeugnife be§ ©e^irnä 108. 

®enf»eife, bie l^errfd&enbe 19. 

S)eut1d)Ianb, bie negatiDc 3iic^tung bafelbft 14. — feine SBol^lfal^rt, ob» 

gängig öon ber 9{eIigion 139. 
55cörient, ©mit 138. 

S>ibcrot'g unb b'^2llembert'g enc^clopäbie 14. 
S^^SteleoIogie 69. 

(gin^eit ®otte§ 4. — be^ SKenjc^engejc^rc^tg 4. 96. - Sittli^e SSe- 
benfen flegen biefelbe 101. — ber SJienfc^^ett in ß^rifto 261. 

eieaten, pom:^eiftifcft=p^tIofopl^ifc^e ©c^ule in ©ried^enlonb 52. 

ßlenb, ba§ menfc^lid^e 27. 

©nglifc^er 3:ei^mu§ 12. 

epiftet, über boö ©ottegbettJufetfein 35. 

@nltt)idE(ung, bie Cffenbarung unterliegt bent ®efe^ berfelben 180., 

epifur'g elftem 65. 190. 195. 

6rbe, i^re jentrale Stellung in unfretn Sonnenf^fteme 74. — SSer* 
gleitftung jwifd^en berfelben unb onberen Planeten in Sejug auf 
bie Unbenjo^nborfeit 74. — i^re S3ilbung^gef(^id)te 78. 

@r!enntnt6, ber Wlcniäi hungert nad) i^r 24. — ber SBa^r^eit ift eine 
fittlic^e %iiat 32. - flammt nic^t nur au§ finnlic^er SBafirne^mung 
107. — ber Wenfd^ ift ein ^err oller S)ingc burc^ biefelbe 117, — 
be§ ^eilä wirft bie Cffenbarung 147, — ift im Ie|ten ©runbe ein 
©lauben 173. 

©rlöfer, SBeiffogung öon einem, unter ben Reiben 196. — im Sllten 
Seftomentc 205. 

Söongeiien, S3emerfungen über biefelben 235. — moberne Eingriffe auf 
biefelben 236. — bie bier, ergänj^en einanber 237. — ^eugnife ber 

'^^ alten Äir^e 238. unb ber ^öretifer für biefelben 239. — gelbft- 
jeugniB berfelben 239. — Unmittelborfeit unb Urfprünglicftfeit ber= 
leiben 240. — 2}o§ SSilb Sefu in benfelben 240. 242, 247, — bie 
©eroifefjcit in Sejug ouf bog ©injelne in benfelben 242, — l^aupt* 
fä(^lict)fler ©intoanb gegen i^re gefc^ic^tli(ie SBol^r^eit 243. — 
©troufe'g unb S3aur'§ Singriffe ouf biefelben 244, — angebliche 
SBiberfprüd^e in benfelben 246. — in benfelben tritt un§ oflent« 
l^alben bie ^ferfcn S^f" entgegen 247.j 



360 Snp^obetifc^el Sn^olt^tieräetc^ntfe. 

©öangeliften, bte titer 240. 
©ootutionij'tifc^e Schule 97. 

^aU be§ Wen]dier\, ber bibltfcfie Seric^t tion bemfelbett 153. 
^eüevbaä)'^ 5]ßf)iIofDpf)ie,"bie ©runbgebanfen berfelben 18. — t>^Ho' 

fop^tfc^e Segrünbung bei TOoterialilmul 66. — Jjf^c^ologiji^er 

gjiatertaltgmug 105. 
?5i(^te 31. 45. 127. 
giEfterntoelt 77. 

f^Iorenj, bte |)Iatoni)(^e Slfabemte bofelbft 10. 
^lutif, bte grofee, geotogifc^e 3Infid)t über biefelbe 83. 
^xaa§, über ba^ 9Ifter be# gjienfc^engefc^fet^tä 83. 
f^^rage be§ Uebernatürltdien, bie grö§te ber ©egentoart 19. 
^ronfreid), ber Sflatnxaüimn^ bofelbft 13. — ber ^oftttötämu§ 21ug. 

Eomte'g bafelbft 109. 
grretfiett be^ ®emtffen§, betütrft bur(^ ba§ 6;^riftetttbunt3226. 
§riebric^ ber ©rofee, über SSoltatre 13. 

®aht be§ §immel^ tft atteg §ö*fle 148. 

©arirei'l SSerfolgung 72. 

©ebet tft bte ttjefentltc^e SIeußerung be§ reltgtöfen 2eben§ 128. — haS 
ber oorc^riftltc^en ,Beit 129. — fein SBefen 131. — ba3 ©rofec 
beffelben 133. — fein (ginflufe 133. — Äant'l Stnfic^t über ba§- 
felbe 133. — tft natürlich unb not^toenbtg 134. — burc^ boffelbc 
erfennen wir ba§ Vermögen ®otte§ an, SBunber ju tf)un 161. 

©ebonfe, ber, mac^t bte ©röfee bei SJienfc^en aul 23. — ftnb uic^t 
ein (SrjeugniS ber ©inneneinbrüde 107. — finb ntc^t-ein (Srjeug- 
ni& bei ©ebirnl 108. — finb aulfc^Iie&Iic^eS ©igent^um be^ 
?Otenfc^en 113. — bte brei großen, toefc^e bal 2eben SfJ^f'ßt^ be» 
berrfcben 201. 

©egenfäfee, reltgiöfe, 3. — in ber f^rage über bie ^erfon S^fu 
e^riftt 231. 

©ebeimfebren ber ?IIten 7. 

©e^trn ift Organ bei S)enfenl 109. 

©eift, ber cbriftlicbe unb ber nidbtc^rifili^e 1. 

©eiftelbilbung ber alten SBett 215. 

©eiftelleben ber ÜKenfc^^eit ^at fic^ tion ber Steligion aul cnt» 
foftet 136. 

©eiftige iBilbung, ber gefc^icbtliiibe Sü)ammen1)anQ ber ^Religion mit ber- 
felben 137. 

Generatio aequivoca 70. 

©eologie, allgemeine Ueberfic^t berfelben 78. — unb S3ibel 80. — öcr* 
fd^tebene |)^potbefen berfetben 82. — roefentlic^e Uebereinftimmung 
gwifcben i^r unb ber 93tbel 84. — forbert größere Qeitxiümt 86. 
— ibre ©cbäßungen febr unficber 92. 

©erec^te, ber leibenbe, bei ^lato 198. 

©efcbicbte, ta§ göttliche ^Balten in berfelben, crfannt burc^ ba§ 
(Jbviftentbum 44. — ibr ^iel, bol Steic^ ©otteS 157, 181. — jcbcg 
SSoI! bat feine «lufgabe für biefelbe 181. — SefuI ebriftu« bo3 
3iel ber alten 217. unb ber SluägongSpunft ber neuen ©e* 
ft^tc^te 218. 

©ewiffen tft eine %i)at)a(i)e unb forbert einen ©Ott 46. — ift eine 
g^ajeftät 47. — ift ctit ^eugnife ton ©olt 48. — ift ein SBibcf 



Srrp^aBctifd^eS Snl^altlüeräetd^niß. 361 

fprud^ gegen ben $ant^ei§mug 56. — gegen ben 3!liatenaü§mn§ 
110. — feine greil^ett, beroitft i>axd) baä '©^riftentl^um 226. 

©laubc an einen Oott, SlKgemein^eit beffelben 36. — an ®ott, ift 
ni(^t eine SStffenfc^aft, fonbern eine Xugenb 37. — bie Urgeftalt 
ber 9ieIigion 125. — bie 9?otur beffelben 125. — ift eine %^at 
127, unb 5h)ar ber grei^eit 127. — Siebe unb Hoffnung ift mit 
barin enthalten 128. — ba§ ®ebet bie rcefentttcfie 9leu6erung bel= 
felben 128. — ift im legten ®runbe bie 58aft§ alle§ 3Siffen§ 173. 

<SIei^gi(tigfeit nic^t öerftattet in bem grölen Kampfe ber ^eit 3. 

@nabe (Sottel le^rt nn§ nur bie Offenbarung 148. — ift ein ^ebürfnig 
unfere§ ftttfic^en f{uftanbe§ 148. 

<Soet^e, über ben Äonpiift be§ Unglaubens unb @(ouBen§ 3, — über 
ben unerfättlid^en junger be§^3Jlenfc^en nac^ @rfenntni§ 24. — über 
bie Oe^eimniffe be§ 2eben§ 172. — über bie ©Dongelien 242. — 
weiter erroS^nt 27. 30. 150. 175. 

^olbeneä ^^eitofter, bie Hoffnung barauf unter ben Reiben 196. 

^ott, ba§ ^ntei^effe feine ©jiftenä ju bejmeifefn 31. — ift ber l^öc^fte 
(Segenftanb aüeä ^^rogenä 34. — feine ©Etftenj ift eine unmittel* 
bare ®ett)i6^eit 35. — baS SBettJuBtfein oon bemfelben ift alt= 
gemein 36. — ber ©faube an i^n ift nic^t eine SBiffenfd&aft, fon* 
bem eine Sugcnb 37. — fein ®afein, bemiefen au§ ber Sf^atur 38. 
au§ bem S)afein ber SBett 40. au§ ber ^toerfmä^igfeit ber SBelt 
42. au§ ber ®efc^i(^te 44. ou§ ber unmittelbaren ®otte§ibee 45. 

— ift eine gorberung be§ ®enjiffen§ 46. 56. be§ ®enfen§ 56. 
be§ ^erjenS 57. — fein SSefen: 9Ka(^t, §eiligTeit, Siebe 50. — 
ift notbroenbig für ben 9Jienf(^en 122. — haS ^erj be§ SJienfd^eu 
finbet feine Seligfeit in i^m 123. — feine ®itobe lebrt un§ nur bie 
Offenbarung 148. — feine ®nabe ift ein S3eburfnt§ unfrei fitt»^ 
li^en 3"ftön^e^ 148. — aüe guten ®inge finb feine ®aben 148. 

— fein üieic^, bie Muflöfung 'aller ©egenfS^e 157. 181. — ^at 
baS SSermögen SBunber ju t^un 160. — ift ber erfte große ®e* 
banfe im religiöfen 2ebeii ber ^fi^acliten 204. — ba§ SBer^ältnife 
3efu 5U ®ott' 264. 

(SotteSbenJufetfein, unmittelbare^ 35. 37. 

©riechen; bie mefftanifc^e Hoffnung unter ibnen 197. 

<Srie(^ifc^e Sprache, bie, in S3c5iebung jum S^riftent^um 214. 

<Bxied)i\d)t§ SBoIf, ber ^auc^ ber |>eiterfeit, aber aud) ber SJlelondöoIie 

im fieben beffelben 150. — ba§ SSolf ber 93tlbung 182. — feine 

^Religion 187. — feine S3tlbung 216. 
^uicciarbini'ä f(^arfe3 Urt^eil über ben Äleruä 10. 
^uijot 19. 141. 

^Öallet, über Sinl^eit bei SReufd^engefd^led^ti 100. 

Hamann 173. 

|>am'g ®ef£^lec^t, ^oaf)'§ «ßrop^ejei^ung über baffelbe 206. 

^ätfel 66. 97. 101. 

^äretifer, ^eugntfe berfelben für bie ©üangelien 239. 

^cger^ «ßant^ei^mug 18. 53. 55. 65. — fein „UlbfoluteS" 53. — Weiter 
ermähnt 151. 233. 

.^eibcnt^um, bie fHeligionen beffelben 182. finb nic^t o^ne SBo^r^eit 183, 
bie entfteüung ber Söa^rl^eit in i^nen 184. ©innlic^feit in il^nen 
189. — ift ein Suchen noc^ ®ott 200. — fd^ftiertg ju überwinben 
222. — fein Srrt^um in ber f^rogc ber ^erfon ©^riftt 232. 



362 mp^aheti^dieä Sn^oItäOerjeic^niB. 

§eil, ba§, erttjortet öon ben ^üi>en 205. — Srfenntnife beffelben tuirft 

allein bie Offenbarung 148. 
^elm^ol^, über aJiaterialigmuä 109. 
Herbert Doa S^erburQ, englifd)er S)eift 12. 
|)erber 74. 122. 

|)erobot, S3eric^t öon ^Pfahlbauten in 2:^racicn 91. 
Iierfcöerg 2:^eortc über Silbung ber |)tmmel§förper 86. 
§erä, bo§, forbert einen ®ott 57. — ift ber (Si$ ber fReligion 122. — 

ftnbet feine 9iuf)e in ®ott 122. 
Hoffnung unb ßiebe finb mit enthalten im ©tauben 128. — einer 

befferen ^Hufunft 199. 
^olba^'g Systeme de la nature 14. 66. 
|)Omer 28. 102. 129. 146. 151. 189. 

Humanität, ba§ fjeitolter ber, ^^eroorgerufen burcf) ba§ S^riftent^um 225» 
^umbolbt'ö 3lnerfennung ber ßin^eit beö SJienjc^engeic^Ie^tä 100. 

3beal eine§ oüentl^alben öollfommenen ^uf^onbeä 157. 181. 

Sbee, bie, ®otte§ in un§ betoeift ba§ Sofein ©otteä 45, — be^ ©anjcn 
beberrfcbt oucb ba§ Sinjelne 69. 

Snber, bie (Srroartung eine§ ©rlöferä hei benfelben 196. 

Snftttutionen ^e']ü, bie jtüei, i^re 93ebcutung 268. 

Srrtbum, bie SQ?Q(^t beffelben forbert bie Cffcnbarung 146. — fein gu» 
fammenbang mit ber Sünbe 147. 

Sfroel, bQg 58olf ber JReligion 182. 

Sfraeliten, ber natürlidie @influ§ ber SJeligion auf fie 138. — i^r 
,8eugnift für Sefuö ß^riftuä 169. — baö 5Solf ®otte§ 203. — i^r 
Seruf 203. — ebarafter t()rer Siteratur 203. — i^re SJeligton^ 
eine Sbat ®otte§ 204. — bie brei großen ®ebanfen im religtöfen 
Seben berfelben 204. — ^aben bie »Dtfdiaft ber ®nabe OerttJorfeit 
208. — ®erid)t über fie — ^erflreuung 208. 

Italien, bo§ SBieberauflcben ber flaffifc^en Stubien bafelbft 9. 

Socobi, fein ©efpräc^ mit Seffing 52. 

Sau^et'ä ®efcf)Ied)t 206. 

^figer, über SO'Jateriali^mug 107. 

Scan l^aul 161. 231. 

3|erufalem§ gerftörung unb Quitan'ä SSerfu4 e^ wieber aufjubauen 208. 

^efug e^riftuS, ber feenbepunft in ber ®ef^icbte 44. — felbft ein 
SBunber 163. — alle SBunber ^aben tbre 9Redbtfcrttgung in tbm 
164. — feine STuferftebung, ber SKittelpunft be§ 3f"9"ifff^ ber 

SIpoftel 166. — bie Sefenner ^t\n, bie ganjc ^rdje, bie ©cgner 
unb unfer 3nnere§ jeugen für i^n 168. — unb ©ofrateS 192. — 
bie ©rroartung eine§ großen Sönig§ im Cflen jur Qeit feiner ®e« 
burt 200. — Don ben ^l'raetiten üetfofgt unb gefreujigt 208. — 
ift ibentijc^ mit bem ©briftent^ume 209. — ift iaS 3'^^ ber alten 
217. ber ^ilu§gong§punft ber neuen ®efc^i^te 218. — fein ttuftraj 
on bie Slpoftel, bobc SBebeutung beffelben 218. — bog Sbriflen- 
tbum, ein gfUflnife für ibn 229. — bie tJrage über i^u öom fiödt^en 
^ntereffe^ür bie ®egennjart 231. — angebetet oon ben E^riften 
Don Anfang on 231. — bie ®egenfa|e in ber Se^re üon feiner 
«Ucrfon 232. — 9lnficbt ber ffircbe über feine *3erfon 232. — ber 
Sf?otionoIiämuä ftreic^t feine göttlidje Seite 232. — Slnfic^t ber 
PbiIofopbifcbcn8pefuIation über bieißerfonSbrifti 233. — (5trou§'^ 
Slnfidjt über il)n 233. — dienan'§ 3Inftd)t über i^n 233. — ba8 



mpf)aiet^d)tS Sn^altSöcrjetc^ntS. 363 

Sntcreffc ber crften c^rifllic^fn ©emeinbe on feiner ^^erfon 236. — 
in ben ©oonpelten berfelbe toie ber in ben opoftoliyd^en SSriefen 
237. — jetn 93ilb in ben ©Dongelien — Unmittelbarfeit befjelben 
240. 242. 247. — feine ®eburt 247. - feine Sugenb 248. —-feine 
Saufe 249. — fein öffentliches SBitTen 250. — bie geele feiner 
SBirffomfeit — ein §ciIonb§Ieben 251. — feine SJiebe in ber @e« 
ftalt ber Sanftmut)^ unb ^enrut^ 252. — feine Srniebrigung 252. 

— fein %Db ift eine Cffenbarung ber ^öttlij^en Siebe 253. — 
feine *ßerfon ein 85?unber 253. — feine ^eiligfeit 253. — ^atmonie 
feiner geiftigen unb fittlidjen SJatur 253. — fein SBehJufitfein ber 
bellen ^ormonie mit ®ott 254. — fein 35?unber 255. — feine 
SSunber unb fein SBort forbern unb erflören einonber 257. — 
fein SBort 258. — bie aWottjt beffelben; bie Sinfadj^eit beffelben 
258. — fein Selbftjeugnife 259. — ber Wenf^enfobn 260. — bie 
Sufammenfaffung ber SJ^enftfc^eit unb ba§ S'^' i^"r ®efcfti(ite 26L 

— boS UniöerfeDe feinet SEefen§ 261. — feine unitierfefle ©teüuna 
jur SSelt 263. — fein SBort bon feiner ^ufunft 263. — fein ob* 
foluteg SJer^aitnife ja ©Ott 264. — ber gol^n ®otte^ 264. — fein 
SSer^öItnig jum SBater ift unöergleid^lic^ unb einjigortig 265. — 
feine jtuei (Eofromente 268. 

So^annt§, Beugnife für bie ©djt^eit feinet Söangeliumä 239. — 95aur'^ 
Slrgriff auf beffen ©loubwürbigfeit 245. — Unmöglid^teit, fein 
©üflngelium bem 2. Sobrbunbert jujuttJeifen 246. 

Suben, ein ^eugnife für bie SEL'abrbeit ieä S^riftentl^umS 169. 178. — 
boö S?olf ®otte§ 203. — iljre SJeligion, oon brei großen ©ebanfen 
be^ertfcfit 204. — i'^r l^rrll^um in ber f^rroge über bie ^erfoit 
eijrifti 232. eie^e oucb Sfraeliten. 

gubenll^um 202. — unb ^eibent^um, il)re 9?Qd)e an bem fiegreic^en 
Ebriflenlbum 7. 

3ulian'ö SSerfuc^, ben S^empel in Serufalem njieber aufjubauen 208, 

Supiter, ber t^Ianet 75. 

Snflin'ö be§ iOL öfrgeblid)e§ (2urf)en nat^ SSal^r^eit bei ben 5)?^iIofopl^en 
feiner geit 201. 

Äaifertbum, baS rßmif^c, notl^tüenbigeä Sicfultot ber borl^ergel&enbett 
@efct)ic^tc 211. 214. 

Äont'ö p^ilofrp^ifcl)e§ ©Aftern 15. — Sritif ber reinen unb ber profti* 
fcften aScrnunft 15. — S3enjei3 für bo§ S^ofein ®Dlte§ 46. 48. — 
«nfidjt über boö ®ebet 133. — Weiler erwähnt 46. 68. 8(5. 147. 
149. 155. 156. 160. 233. 

Äepler, nur burcft ben ©tauben ju feinen ©ntbedungen gefül^rt 43. 72. 

Äird)e, bie ganj^e, ift ein geuge für ©btiftuS 169. 232. — baS geugni^ 
ber olten Äirdje für bie ©bongelien 238. 

Rloffifc^e ©tubien in StoÜen öor ber 9?eformation 9. 

fiönig, bie (Srnjortung eines grofeeit, im Cften jur ^ett ber ©eburt 
e^rifti 200. — ber ben Sfraeliten prop^ej^eitc 206. 

Äopernifaniftfte Softem, bo8, mtberlegt nidjt bo§ E^riftenll^um 71. 72. 81. 

ÄopcrnifuS, bie Snf^rift auf feinem 93ilbniB 72. 

Äörncr 140. 

Sultur unb ^Religion 136. — ift ni(ftt im ©tonbe, bie SBiberfprüd^e be§ 
menfdjlic^en SebenS auSjugleid^en 157. 

ftuItur-SSölTer, einige Sölfcr finb bo5U berufen 182. 

Äunft, ^u^ammenlianQ ber ^Religion mit berfelben 137.! 



-364 Sltp^abettfc^eg gSn^alt^Derjetc^ntB. 

l?actanj 222. 

Sa SlJiettrte, etiter bet fonfequestteften SJiatertaftften 66. 

Sänge, über 9!JiatertaIi^inu^ 107. 

Sa ^race'§ ^ebaiattiteorii 86. 

Seben, reltgtöie^, ba^ ®ebet bte 9Ieu&erung beffelben 128. — eine 9Sec» 

eintgung Don 95eten unb Sirbetten 132. — bte Stellung ber JRe» 

ligton in bemfe(ben 135. — feine 28iberfprü(i)e 156. — neueS re« 

ligiöfeg, bewirft burcf) ba§ (Jf)ri[tent^um 227. 
Seib be^ SJienfc^en, bie btbtifc^e ^ittifc^anung über benfelben 102. — 

lä^t feine tjötjeve 53e[timntung erfennen 112. 
Seibnij 175. 

Seiben ^e^n unb fein SSer^aften unter i^nen 252. 
Senau'^ Äaüonarola, in Sejug auf fjeitere Seben^auffaffung ber ©riechen 

150. 
Seffing, feine 5[lii§biIIigung ber ungereimten Eingriffe auf bie Soangelien 

246. — weiter erroäbnt 44. 52. 170. 171. 
Si(§tenberg'^ eigentfiümlid^e SSeiffagung 35. — über bie ®ottei§gelui§» 

Ijeit 3S. — über bie ^ppottjefen ber ©rbbitbung 82, 
Siebe unb Hoffnung finb mit entgolten tot (Siouben 128. — allein 0er« 

fte^t bie SBa^cbeit 179. 
Siebig, ba# benfenbe ®e^irn — ein 2;rugfi::^lu& 109. 
Sinue'^ >Ke(igiofität43. — feine SSert^eibigung b^'r (Sin^eit be5 TOenfc^en» 

gefcm(e(mte§ 100. 
Stteratur ber ^fraeliten 203. 
Soft, ^erfonififation be§ SSöfen, in ber ffanbinaüifc^en 9Jli)t^oIogie, 

unter bie ^ilfen aufgenommen 198. 
Sucretiu§ 190. 
Sucian 221. 
2v)eÜ'§ geotogtfiie §^patf)efe 82. 8:. 89. 

föTaci^tooetli'ä Itrt^eif über bte Stttenlofigfeit ber (Seiftlid^feit 10. 

iWäbier'» oftronomifc^e ^»jpot^efen 74. 77. 

Wat§, ber planet 76. 

DDtateriafi^mu^ 18. 19. — oerfdjiebene ?Irten beffelben 65. — feine 
Söfung be§ 9iatt)fel» be§ ®afein§ 67. — fc^eibert an bem Orga« 
ni^muö 6S, — pfj^c^ologifdier 105. — toeite Verbreitung bcffelbcit 
107. — feine jmei ©runbgebanfen 107. — toirb roiberfegt bur^ 
ba§ ©etbftberougtfein 109. — ba^ fitttidje unb ba§ religiöfe SBe« 
roufetfein 110. 111. — ru^t im legten Orunbe au^ auf einem 
. ®(auben 173. 

HJJaterie unb ©eift 41. — (Jntfte^ung berfelben 63. 67. 

SJienanber 151. 

IDienbet^fo^n'^ populäre $^i(ofop^ie 15. 

"SRenfc^, ift ein jHätfifet 21. — ein innerer ©iberfpruc^ 23. — fein 
SSer^ältniB jur SBelt — feine ©röfee unb D^nmac^t 23. — fein 
junger nadb @rfenntni§ 24. — fein SSerlangen nad) ©eligfett 25. 
— ift für ®ott gefd^affen 25. — feine ®rö§e befte^t in ber @r« 
fenntnife feinet ©lenbe^ 26. — SBiberfprucft in i^m jtrifdjen S3e» 
getreu unb ®creicf)en 2ti. — fein SBiQe 26. — fein ©efü^I öoit 
ben Söiberfprücfien be§ S)afein§ 27. — alä 3'^^ ^^^ Schöpfung 
85. 87, — fein 3llter ouf grben 89. 91. — iie SBelt ift geft^affen 
auf i^n :bin 88. 89. — bie Iran^mutation^^^pot^efe in ©ejie^ung 
auf ben 9Äenfcf)en 83. 90, 93. — gehört in bol Himmelreich 95. 



aip^abettfc^eg Snl^oItSüerjetc^niB. 36& 

— bie ©inl^eit bei SlJienfdjengefc^fec^tl, geforbert üon ^Religion unb 
©efd^ic^te 96. — al§ 9){ögtic^feit juqegeben 100. — Diaffenoerft^ie» 
betitelten beffelben 97. — fittlidie SSebenfen gegen bte ©tnbeit bei 
SKenf^engefcilecfttel 101. — i[t bie ©inbett üon üeib unb ©eele 
102. — fein 2eib 102. — feine Seele 104. — bie Slnfc^auung ber 
®(^rift über SSefen unb 93eftinimung beffelben 111. — feine ©inne, 
3:riebe unb ©mpfinbungen 113. — ift iPerfönlic^feit 113. — bat 
allein ©ebanfen unb ©pradie 113. — trägt in feinen (Sebonfen 
allgemeine SBo^rbeiten in fic^ 114. — bat freien SBiflen 115. — 
mufe Äroft bei SBoüenl baben unb S^orofter fein 116. — feine 
©teflung sur SSelt unb ju ®ott 117. — ein «ÜRifrofolmol 118. — 
ber freie ^exx ber SÖelt burcb bie Srfenntni^ unb burd^ bal Äön^ 
nen 117. — feine böbere SSeftimmung 119. — unb (Sott fönnen 
nicbt außer einanber bleiben 122. 

SJienfcbengefcbled^t, fein ?llter S9. — fein Urfprung 92. 

SRenfcb^eit, uniöerfeüe ©tetlung bei S^riftent^uml in berfelben 225. 

SKerfnr, ber planet 76. 

SWeffianifcbe Hoffnungen unter ben Reiben 196. 

SRittelalter, bie ^eit ber fierrfcbaft bei ©firiftentl^unil unb einer ein- 
l^eitlidjen SBeltanfcbauung 8. 

SJJoIefcbott'l „Kreislauf bei äebenl" 66. 67. 107. 

SD^onot^eilmul 9Ibro^am'l 2(»2. 

SKorot unb ^Religion 134. — ber ^auptgrunbfo^ aOer Dorcbriftlicften: 
156. — bie pbifofopbijcbe bei ^etbentbuml 191. — (bie fofrotifcbe 
192, bie plotonifcfje 193, bie ftoifc^e 194, bte epifuröfc^e 195.) bei 
^etbentbuml. Wie fie in Söirflicbfeit war 195. 

SKubamebanilmul, feine Siege unb bie be^ Sbriftentbuml 221. 

SKiiIIer, igo^onnel oon, wie i^m ia§ SSerftänbni| ber ©efc^ic^te auf* 
ging 45. 

3JJ^tben»2:]^eorie ber eoangeIif(f)en @ef(^icbte, bebauptet öon Strauß 244. 

SHägeli, über ©orwinilmul 94. 

g?opoleon'l 3(nftd)t über Sef"! ©btiftul 267. 

9?ationaIreIigion 216. 

ÜRaturalif^tifc^e JRicbtung in 5;ranfrei(^ 13. 

9Jatur, bie, beweift t>a§ ®afein ©ottel 38. — ibre ^axmome 42. 

9?oturgefegc fann man nic^t an bie Stelle ®ottel fegen 43. — werbfit 

nicbt aufgejE)oben burcb i»!« SBunber 162. 
9?aturpf)tIofopbie/ jonifcbe 65. 
SRaturwiffenfcfiaft, i^r Sonflift mit ber religtöfen SBeltbetrod^tung 59. 

Urfprung biefel Äonfliftl 61. — nicbt ibr, fonbern ber 3?eIigion- 

gebört ber Sc^öpfunglbegriff an 62. — unb SBibel 80. 
9?ebuIart^eorie, bie, Don |)erf^el 86. 
SRebufobnejar, ber Itrbeber bei (Sebonfenl einel 3BeItreic^el 212. — 

^löft ben ifraelitifcben Staat auf 213. 
9Jegotiöer ®eift, bie (Sntwicflung beffelben im ©ocinianilmuS 11. — 

im englifd)en SJeilmul 12. — im fran^^öfifcben S'Jaturalilmul 13. 

— in 2)eutfcbfanb — bie SSoIfenbüttler f^ragmente 14. — bei Rani 

15. — im Siotionalilmul 16. — im «ßantl^eilmul 17. — int 

SRoterioIilmul 18. 
9?eptuntlmul 78. 
5«ero 219. 
9!eup(atontlmug 7. 



366 9np^abetifcöe§ 3n:^oIt§üerjetd^ni&. 

^ettJton, ein bemütl^tget S^rtft 73. 172.- 
9?tebu^r'§ Stnfic^t über bie SSunbcr 164. 
92oo^'§ SBeiffogung über feine (Sö^nc 206. 

Cberommergauer ^afnonäfpiel 138. 

€bin, ber öltefte unb Pcftfte (Sott in ber beutft^en SK^t^oIogic 198. 

S'ffenborung, bie 9?otftnjenbigfett berfelben 144. — tft ein Sebürfnig 
unire§ benfenben Oeifteä 144, — ift geforbert bur^ bie 1Jia(^t 
be§ Srrt^umS 146. — nöt^ig j^ur @rfenntni§ beg ^eiU 148. — 
geforbert burcft bie ©ünbe 149, — (Sintoenbungen gegen t^rc 
SKögtic^feit 158. - SSebeutung hi§ 2Sunber3 für biefclbe 165, — 
SSettieife für t^re SBa^r^ett 165. — Bcugntfe ber Sl^ioftet für [le 
166, — innere^ 3^"3ni| füJ^ ^^^^ SSol^r^eit 169. — ge^t über bie 
§8ernunft ^inaii§ 171, — fte^t in Siberfprucb mit ber irrcnbcn 
SSernunft 175. — ber SBiberfprucft ber Vernunft gegen fie ift ein 93c» 
ttjeiä für ibre SSa^r^eit 177. — fte^t imSinffang mitber oerborgenen 
SBo^rbeit ber SSernunft 178. — bie SSernunft ift bo§ Organ für 
ibre (Srfenntnife 178. — ber biftortf(fie Sb'^rofter berfelben 180. — 
fie unterliegt bem ®efe^e ber ßntroicftung 180, 

£rgoni§men, beren Sntftebung 70. 84, — ©ntwtdtung 78. 

CrganifcbeS Seben, SSorauäfeßungen beffelben 74. 

«Püntbei§mu§ 17. 19. — feine Stnttoort über ben Urfprung ber SBelt 
22. — öerfcbiebene gormen beffelben 52. — ber alten SBelt 52, — 
beruht ouf einem großen ©ebonfen 53. — fein Srrt^'im 54, — 
roirb toiberlegt burd^ feine praftifdjen ßonfequenjcn 54. — ift ein 
SSiberfpru^ jur SSernunft 55. — ift ein ©iberfpruc^ jum OetoifTen 
56. — ift ein SSiberfprucb ju unferem §erjen 57. — tniberfprit^t 
ber ße^re öon ber ©iöpfung 64. — unb bie Äonfequenj beffelben: 
ber ÜJlaterialigmug 65. — ber 9ZaturreIigion 185. 

^0§ral 23. 29, 31. 38. 51. 57. 174. 177, 178, 179. 221. 258. — beffcn 
©d^roefter 57. 

^aulug, feine S3efe^rung, ein SöeroeiS für bie SBa^r^eit bei S^riften* 
tbuml 168. 

$ertf(e§ 130. 188. 

Werfer, bereu meffianifcbe Hoffnung 196. 

^erfönlidifeit (Sottel ift geforbert oon ber Sieligion 58. — bc3 SJienfAen 
113. 

tßert^, über bie SJiögtic^feit ber ©in^eit be§ SJlenfc^engefc^lec^tS 100. 

lUfaff, über ba§ Filter be^ 2)ienf(^engcf(^Ie(^tg 83, 

^fablbauten ar§4Refte ber älteften Kultur 90. 

Ißflonsenroelt, «S^Iuß ber erften ^älftc ber Schöpfung 112. 

^^ilofop^ie, ber ^roecf ber alten 6. — Äonfiift ber religiöfen SBcIt« 
betracbtung mit i^r 63. — bie ©ittenlebre ber olten 191. — un» 

genügenb junt ©inbringen in ba§ SSer^ältnife jiolfcöen ®ott unb 

äSelt 217. 
tß^ilofopbifc^e ©pefulation, bie, in Sitrcff ber ^coge über hit 5ßerfo« 
e^rifti 233, 

tßicug Don SOlitonboIa 9. 

$Iato, über ba§ SSebürfnife ber göttüd^en Offenbarung 146. — bie 
©ittenle^re beffelben 193, — ber leibenbe ®ercd&te 198, — ferner 
ernjäbnt 38. 52. 102. 130. 145. 187. 189. 191. 

^[otonifc^e Slfabemie in gforenj 10, 



mpfjabeti^dit^ Snl^attSöcrjett^nig. 367 

<l?rtniu§ 28. 151. 220. 231. 

HJIotinog 216. 

^.Clutatc^, über bie Slllgemein^ett ber fKeltgioii 121. — über bie Sünbe 

149. — fonft erroSl^nt 190. 
Ißlutoni^muö 78. 

^oggtug, feine gemeine, unfittlic^e ©c^rtft 9. 
^olitif unb 5Reltgton, ber Qu^ammenf)anQ jnjtfcfjen benfelben 140. 
^JJoI^t^eigmug 186. 
C^orp^tjrtug, 9?eupIatonifer 146. 
■$o[itiot§mug, ber, 9lug. Somte'ö in ^Jranfreic^ 109. 
i^romet^euSfaflc 197. 
^t)tf)aQOTa§ 31. 

Duobratuä 256. 

Duantität ift nidit ber SKa^ftab für bie Cuolität 73. 

9?QffenOerf^iebenfteit ber SKenfc^en 97. 

gjät^el beö men{d)lic^en ®aietn§ 23. — be§ Sebenl 27. — be§ XobeS 29. 

fÜationaliSmu^, SBefen beffelben 16. — ftreic^t bie göttlidbe Seite in ber 
$erfon e^riftt 232. 

fRefcrmation, ba§ SSerbienft berfelben, bal neue §eibent^unt obgeioel^rt 
ju ^aben 9. — ber fittlic^e ern(t berfelben unb i^r ©influfe 10. 

meidi, ha§ römifc^e 211. 214. 

9ieimaru§ unb bie SBoIfenbüttler grogmente 14. 

^Religion, ber fonflift jjroifc^en iör unb ben Jlaturwiffenfd^aften 59. — 
ber Sc^öpfungebegrtff gehört t^r 62. — berul^t onf bem Sel^rfo^ 
üon ber Sdjöpfung 64. — il^re ^IQgemeinl^eit 36. tft ein fßmdä 
für i^re innere Slotl^roenbigfeit 121. — ift etJraS im SBefen be§ 
SOJenfcften felbft 5Begrünbete§ 121. — i^rc §etmat tft ba^ tnnerfle 
Seelenleben beä SJienfc^en 124. — ift ©ac^e ber Srfenntniß, be§ 
SBiQenä, be§ ®efü^I§ 124. — if)r SBefen — ®Ioube, Siebe, §off= 
nung 125. — unb ©tttltdifeit 134. — ü^rc Stellung im Seben 135. 

— ba8 ©eifteSIeben ber SRenfc^^eit ^at fid^ tion i|r ou§ enlfaltet 
136. — ber gefdjic^tlic^e fjuiammenl^ang ber geiftigen Söilbung mit 
i^r 137. — unb Äunft 137. — unb SßoIfSlebcn 138. — unb ?5oIttif 
140. — i^re SSebeutung in ber gegentoärtigen Äulturperiobe 141. 

— aUe, beruht auf Offenbarung 144. — Sfroel, bo§ SBoIf ber 182. 

— ba§ ^eibentbum 182. enbete t^eil^ in Itnglouben, f^eiB in 9lber= 
glauben 187. — ba§ §eibent:^um entbehrt nid^t aUer SSa^rl^eit 183. 

— ^etbnifc^e, ber SJotur unb be3 (Seiftet 185. — bie roa^re l^aben 
ttjtr tion ben 3uben empfongen 201. — ber Suben ift ^l^at ®ottei 
204. — bie großen ®ebanfen ber jübifd^en 204. 

IReligiöfe SBeltbetrac^tung 87. 

fHeligtöfeS SBeinufetfein ftebt bem 9J?ateriaIi§mu§ entgegen 111. 

^Rcligiöfeä Seben, baS Oeöet, bie roefentlic^e Sleugerung bepben 128. 

— bie brei großen ©ebanfen in bem ber St^e" 204. 

menan'g Seben 3efu 2. — ©arfteOung Qefu 233. 242. — anficht über 
hie güangclien 243. — ferner erwähnt 19. 166. 230. 247. 266. 

tRepröfentont ber SRenfc^^eit, ©^riftuS ber 261. 

tRömifc^eS Staifert^um, ein not^toenbigeg IRefuItat ber öorl^erigen ®e« 

fc^icfite 211. 214. 
Slouffeau unb SSoItaire 13. — über bie SJlögtic^feit ber SSunber 160. — 

ttJiH feine 5Sergtei(JE|ung ättiifd^en S'^riftuä unb ©olratel 193. 



SG8 mp^aieti^d)e§ Sn^altiöeraetc^ntg. 

9{ürfertl40. - - 

igoframente, bte jroet, if)re SBebeutung 268. 

Soturn, ber klonet 75. 

©aöonarola 10. — üon Senau 150. 

Sdjelling'l $antf)eismu§ 53. — ferner ermähnt 183. 233. 

(5(f)enfenborf 140. 

(S^iOer 16. 27. 72. 148. 156. 

Sc^Ieiermad^er 60. 124. 140. 

©c^öpfung ber SKelt 59. — ber S3egrtff berfelben gel^ört ber Sieltgioit 

an, nid)t ber 9?flturtt)i|fenf^aft 62. — $(an in berfelben 68. — 

Unerme^Iidjfett berfelben 71. — i^re 2^age 87. — baä erfte SBunbcr 

161. 
©d^öpfungsberie^t, ber, ber S5ibel 84. 
©^öpfung^centren, ^Igoffij'ä Slnftc^t Don benfelben 82. 97. 
(Bctpio, Sorneliu^ 130. 
Sec^^togeroerf 87. 

Seele be§ 90?en)cf)en 104. — ift nidjt ein ©rjeugnife be§ ©e^irnS 108. 
Selbflberoufetfein »iberlegt ben WatexialiSmuS 110. 
©eligfeit, tiQ§ SSerlangen be§ äJJenfcfeen noc^ berfelben 25. 
©enefo, über bte SSerberbt^ett be^ SDienfc^en 152. 195. 
6em'g ©efc^ledjt 206. 
2enfuoIilmu§ 105. 
Sittlic^eg Söeroufitiein miberfegt ben SERaterioIi^mul 110. — \itÜid)e 

£)bnmQ(^t 155. 
Sittlid^feit ber alten SBelt nac^ ben $^iIofop^en 191. — nie fie in 

SBirflic^feit toor 195. 
Soctniantsmuö, ber Slnfong ber negatitoen SSewegung ber SZeujeit 11. 16. 
@obn @otte§, ebrtftu§ 264. 
Sotin be§ 9Renfcf)en, e^riftuä 260. 

@o!rate§ 129. 157. 172. 187. 191. — unb (Jfiriftug 192. 
©onne, ia^ ®ett)id)t i^rer 9Jiaffe 74. — Unmöglid^feit i^rer Semo^nung 

74. — ba§ Stcfet tvat öor t^r 85f 

©pinojo'^ ^^Jant^ei^rnuä 18. 52. 55. 68. 233. 

Sprocibe ift ou?fcf)Iie6Iicfi Sigent^um bei 9Wenf(^en 114. 

gpra(f)forfcf)ung, öergleidjenbe, geugt für bie Sin^eit be§ SRenft^cn» 
gefc^Iec^t§ 100. 

©taat, ber, im ^eibentbum 192. 215. 

Steinfo^Ienformation 78. 

©teinfo^len» unb SBraunfo^Ienloger aU fdetveiä gegen bic SSibel ge» 
gebraucht 86. 

Sternenzelt, bie fenfeit^ unfere§ (Sonnenf^ftemg 77. 

Stoifcbe ^^ilolopixe 190. — SJioral unb Sbriftentbum 194. 

©trauB 2. 45. 70. 150. — Seugnung allel Uebernotürlicften 18. — über 
ben llrfprung ber SBelt 23. — Slnficbt über Sefu§ 233. — Angriff 
auf bie ©öongelien in feinem „Seben 3efu" 244. 

Struoe, über (Entfernung ber g'Eftcrne 77. 

6ünbe, ^ufammenfiang te§ 3rrt|umg mit berfelben 147. — gengntffe 
für ibre SlÜgemein^eit 149. — üolle @rfenntni§ berfelben ^at crji 
ber gt)rift 150. — i^r llrfprung 152. — unfere D^nmoc^t, un§ 
felbft öon i^r ju befreien 155. — bie Äultur ift nicftt im Stanbc, 
Reifung öon i^r 5u bringen 157. — ber gttieite gro^e ®cbonfe im 
religiöfen Seben ber J^fraeliten 205. 



mp^aMi\^eS Sn^altgöerjeic^niB. 369 

©ünbenfafl, grjä^Iung üon bemfclben in ber SSibcI 153. — Slnftoß an 

bem b\bli]dien fflertc^t tion bemfelben, ai8 öon einem Su^erlid^en 
finnlidjen SSorgange 153. — golgen bcffelöcn 154. 
©ünblongfeit Sefu 255. 

iToufe unb Slbenbmal^I, bte mei fjnftitutioneit Qefu — ifire SSebeutunq 

269. 
Sereologic 68. 
Scrtufltan 50. 201. 220. 
Stfieogntig Ätage über baä Seben 28. 

Zi)iexmelt, bie SBelt finnlic^en @mpftnben§ unb SBege^renS 112. 
S^omol ^)Iqutna§ 8. 

Sinbal'ä Schrift, „bog e^rtftent^um fo alt aU bte SSelt" 13. 
Sob, ber, tft ba§ größte iRät^fel beö menfc^Uc^en ®ofein§ 29. 
2:ob Sefu, ein SSerbred^ertob 252. — bcnnoc^ eine Offenbarung feiner 

göttlidien 2iebe 252. 
Solonb, englifc^er SJeift 12. 
Strobition, alte (l^riftli(|e, über bte ©tjangelten 238. — be§ 2)obibifd^en 

§aufc§ 248. 
3:ron§mutation#^9pot^efe 25artt)in'g 83. 90. 93. 
X^nbaQ, über aRaterialiämuS 107. 

üebernatürli^e, ba§, bie 5^8^ ^er (Segennjart 19. 

Unbefannter ®ott, ber Stltar eineä folgen in Sltl^en 50. 200. 

Uncnbli(^!eit ber SSelt 71. 

Unglaube ber Suben, ein S3en)ei3 für bie SBal^rl^eit beS S^riftent^um^ 

169. 178. 
Unitarier 11. 
Uranu§, ber planet 75, 

fßatn, ber, unb ©o^n, bag 9Ser§öUni6 jloifcl^en beiben 264. 

9Senu§, ber «pionet 76. 

SSerfoIgungen, bie, beS (J^riftent^umg 220. 

9Serfö^nung§tog, ber grofee 205. 

SSibar, ber ncgtetd^e, altbeutf(^er ®oit 198. 

SSinet, über bic ^aä)t bc§ ©ebetg 133. 

SSird^ottJ, anaterialigmu« 105. 107. 

SSirgirg üierte dfloge 199. 

Sogt, «Diaterialtft 66. 67. 105. 109. 

SSolfgleben, ber Q\x]ammenijanQ ber IReltgion mit bemfelben 138. 

«olfälieb 28. 

SBölfer, ber S3eruf berfetben 181. 

SSoItaire'g (SinPufe auf bie S5itbung feiner Seit 1. 2. — unb SRouffeau 13. 

»orbilblit^feit ß^rifti 261. 

SEBagner, ?Rub., über ©in^ett be§ SJlenfc^engefd^Iec^tS 100. — Angriff 
auf bic motcrioliftifc^c Senfroeife 105. 

SBagner, ?lnbr., über ein^cit beg 9Jlenfc^engcf(^Ie(§tS 100. 

SBa^r^eit muß man moflcn, um fic ret^t ju fu^cn 30. — unfer SSer- 
t)äUni§ äu i^r 31. — i^re (SrfenntniB ift eine ftttli(^e S|at 32. — 
i^rc SäJirfungen 33. — beg ©^riftent^umö, innere^ ^eugnig öon i^r 
169. — miggiadtc SSerfu(^e bei §eibent^um§, fie ju finben 217. 

SBaife, über 9!RögIid)!eit ber Sin^eit beS 9Renf(^engef(^(ec^tg 100. 

^aUoce, über ®arn>inigmug 94. 

Sut^otbt, SBorttage I. n. «uff. 24 



370 9Itp^abettfc^e§ gn^altöDerjeic^nig. 

SBeiffagung einer (Sriöfung unter ben SSöIfern 196. — etneS ©rlöfcr« 

in Sfrael 205. 

SBelt, bte d)rtftltc^e unb ntc^tcörtftlic^e Stnfdjauung berfelben 1. — ber 
antifen ©ebanTen 6. — ?ln^c^auung berfelben im SHittelalter 8. — 
i^r mt^kl 21. — t^t Urfprung, %aWm unb Smcd 22. — SSer» 

^ältnig be§ SUtenf^en ju i^r 23. — i^r ®afein betoeift ba§ S)afein 

®otte§ 40. — iftre ßwecfmägigfeit 42. — il)re Schöpfung 59. — 

SBo^er ift fie? 63. — i^re Schöpfung ein ©egenftanb bei ©foubenä 
64, — bilbct ein in [ic^ gef(^Ioffene§ Softem 77. — ift ein Spiegel 
göttlicher 9[Rorf|t, üEöeiJibeit unb ®üte 87. — ift ouf ben HRenfri^en 
|tn gefc^affen 88. — ber 2Kenf(^ ber freie $err berfelben 117. 

gSeltreic^c, bie üiet 213. 

SBiberfprü^e be§ ®afetn§ 21. — ber erfenntnife 24. — be§ Oefü^rö* 
Ieben§ 25. — beö SöiKenS 26. — t>a§ ®efüt|l berfelben im 2Ren» 
f(ien 27. — be§ inneren unb dufeeren Seben^, i^t Utfprung unb 
i^re Leitung 156. — ongeblic^e in ben (Soangelien 246. 

Söieberau^eben ber antifen SBelt in ben flafnic^en etubien 9. 

SBtöe be§ Wenfcften im SBtberfpruc^ mit fid& felbft 26. — freier 115. 

— SToft be§ SBoIIen^, ein i)aupterforberni& für ben 2Äenf(^en 116. 

— bie Siciigion ift aiidi @Q(^e bei SBillenS 125. 

SBifemann, Sarbtnal: bie ©oangeliften fonnten unmöglich baä 99tlb 3cfu 
erfinben 241. 

SBiffen ru^t im legten ©runbe ouf Ofauben 173. 

SBoIfenbuttler Fragmente 14. 

SBoüjogen, ©ociniancr 11. 

SBooIfton, ®eift 12. 

SBort^efu unb feine SSunber forbernunbergönjen fic^ 257. — beffen eigen- 
tümliche 93tadit 258. — ber SRittelpunft beffelben ift er felbft 259. 

3Bunber finb nicftt unmöglid) 159. — fann ®ott t^un 160. — bie 
(5(^öpfung bQ§ erfte 161. — finb für ®ott bog 9Zaturgemä§e 161. 

— finb nic^t unüerträgTtc^ mit ben SZaturgefe^en 162. — tuer an 
^ejum glaubt, gloubt an ein fol^e^ 163. — finb fittlic^ bcbingt 
164. — i^re 99ebeutung für bie Offenbarung 165. — bie ^ö(^pe 
©Emboli? 165. — finb ber größte Slnftog an ber Slnna^mc ber 
gefcf»icbtli(^en 2Ba:^rbeit ber (Söangelien 243. — bie $erfon Sefu 
felbft ein SBunber 253. — rooren gefu natürlid^ 255. — oon :3efu 
getrau nid^t um i^rer felbft ttiQen 256. — bencn Oon 3^1" QC^t 
immer fein SBort jur ©eite 257, 

arcnop^on 129. 

Seitatter, golbeneä, bie ^offnung barouf unter ben Reiben 196. 
Scitrflunte, gtofec geolo^if^e 86. 

äeugniff e für bie SBo:§r:^ett beä Sl^riftent^um^ 166. — {nnere§3^U9ui&169. 

Kufoll ^ot feine SJcrnunft 43. 

3ufunft beg §eilg, ber brittc gro§c ©cbanfc im rcligiöfcn ßeben ber 

SJraeliten 205. — 3efu, ferne Stcufeerungen barüber 263. 
Qtoedmüi^iQleit ber SBelt, ein ©efteiä für bog ®afein ©otteö 42. 
Sneiflex unb gwetfel 31. 



I>rucr Doii acfermonn 4 ®lQ|et in fietpjtg.