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Full text of "Kritische Darstellung der Forschungen über die Entstehungsgeschichte des Gebetbuchs Kaisers Maximilian I [microform] ..."

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Kritische Darstellung der Forschungen über die 
' EntstehungsgeschiGhte des 
Gebetbuchs Kaisers Maximilian I. 



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INAUGURAL-DISSERTATION 

ZUR 

ERLANGUNG DER DOCTORWÜEDE 

VON DER PHILOSOPHISCHEN FACULTÄT 

DER 

FRIEDRICH -WILHELMS -UNITERSITiT ZU BERLIN 

GENEHMIGT 
UND 

NEBST DEN BEIGEFÜGTEN THESEN 

ÖFFENTLICH ZU VERTEIDIGEN 

AM 28. MAI 1898 

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Carl Giehlow 

Regierungsassessor. 



OPPONENTEN: 

Hr. Professor Dr. v. Loga. 

- Professor Dr. Springer. 

- Professor Dr. Beiger. 



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Berlin. 

Druck von E. Eberins- 

Mohrenstrasse 69. 



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Mit Genehmigung der hohen Facultät gelangt hier nur 
ein Teil der Arbeit zum Druck, die demnächst als selbst- 
ständige Schrift erscheinen wird. 



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Vorbemerkung. 

Die Eandzeichnungen der in München und Besannen 
erhalten gebliebenen ITragmente des Gebetbuchs Kaisers 
Maximilian I. sind bisher in dem Sinne aufgefasst, dass sie 
als Schmück eines allein für den Kaiser hergestellten Druckes 
lediglich einem ästhetischen Bedürfnis dieses Monarchen 
ihre Entstehung verdankten. Nun hat die Forschung für 
die zahlreichen anderen Publicationen Maximilians ergeben, 
dass dieser vielseitige Geist Text und Bild nicht nur in 
Folge eines inneren publicistischen Dranges, sondern auch 
zur Förderung seiner dynastischen Interessen zu schaffen 
pflegte. Danach müsste in dem Gebetbuche eine besondere 
Ausnahme von dieser Regel oder ebenfalls ein literarisch- 
politischer Zweck enthalten sein. 

Unter diesem Gesichtspunkte stellt sich die folgende 
Arbeit die Aufgabe, eine kritische Darstellung der bisherigen 
Gebetbuchforschung zu liefern. Nach zwei wichtigen Ent- 
deckungen teilt sich ihre Geschichte in drei Hauptteile. 
Jede dieser -Epochen ist als ein in sich geschlossenes Ganze 
insoweit behandelt, als versucht wird, auf Grund des der- 
zeitig zugänglichen, sei es bekannten, sei es versehentlich 
übersehenen Forschungsmaterials, die für die obige Frage 
wichtigen, letzten Folgerungen zu ziehen. Die daraus ge- 
wonnenen Ergebnisse dienen dann nicht nur einzeln als 



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kritischer Maassstab für die in der entsprechenden und den 
anderen Epochen geleisteten Arbeit, sondern schliesslich auch 
zusammen als Grundlage für eine eigene Stellungnahme 
zu der obigen Alternative. Im Verlaufe dieser Untersuchung 
erst gemachte Entdeckungen werden gemäss der sich mit 
derathatsächlich vorgefundenen Forschungsstande befassenden 
kritischen Tendenz nur insoweit kurz berücksichtigt, als es 
gilt die erhaltenen Resultate zu stützen. 

So begrenzt möchte diese Arbeit einen kleinen Beitrag 
iüx eine Schilderung der literarischen Thätigkeit Maximilians 
auf religiös-politischem Gebiete liefern, von welcher die 
Fragmente des Gebetbuchs noch immer den besterhaltenen 
Teil bilden. 

Die einschlägige Literatur ist an entsprechender Stelle 
angegeben. 



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Inhaltsübersicht. 



Kritische Darstellimg der Forschangen über die 
Entstehangsgeschichte des Gebetbuchs Kaisers 

Maximilian I. 

I. Teil. 

Das Mfinchener Oebetbnchfragment bis zar Entdeckung des 

Joschisclien Exemplars. 

A. Erste Nachrichten. 

Maximilian I., Kurfürst von Bayern, der erstbekannte 
Besitzer S. 9. Joachim von Sandrarts Beschreibungen S. 10. 
Prüfung ihrer Richtigkeit S. 12. Mangel jeglicher früheren 
Ueberlieferuug S. 13. Das Eischersche Bild in der alten 
Pinakothek No. ,1397 S. 14 

B. Einwirkung der Theuerdankforschung. 

Das Münchener Gebetbuch die Bestellung eines bay- 
rischen Fürsten? S. 14. Die Forschungen der beiden Bern- 
hart S. 15. Das Gebetbuch das Muster für den Theuer- 
dank-Druck? S. 16. Mangel eines Vergleichs mit einem hor- 
tulus animae S. 16. Fehlende Blätter und Reste einer Foli- 
iening S. 17. Geringe Ausnutzung dieser Entdeckungen 
S. 19. Zusammenstellung der dieser Epoche möglichen 
Schlussfolgerungen S. 20. Das Münchener Gebetbuch un- 
vollendet und unvollständig S. 24. Die Notiz in Panzers 
Annalen über das Joschische Gebetbuchexemplar S. 24. 



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— 6 — 

0. Die ersten Veröffentlichungen des Münchener 
Gebetbuchfragmentes. 

„Albrecht Dürers christlich -mythologische Handzeich- 
nungen" lithographiert von Strixner 1808 S. 25. Die Art 
ihrer Ausführung S. 26. Goethes Kritik S. 27. Nach- 
drucke nach Strixner in München und London S. 30. Lucas 
Müllers gen. Cranach „christlich-mythologische Handzeich- 
nungen" erschienen bei Zeller 1818 S. 30. 



U. Teil. 

Das Münchener Gebetbnchfragment bis zur Entdeckimg des 

Besaii<;oner Fragmentes. 

A. Das Münchener Gebetbuch ein Probedruck für den 
Theuerdank? 

Hellers Entdeckung eines zweiten Gebetbuchtextes im 
Joschischien Exemplar S. 35. Kritik der Beschreibung seines 
Aeusseren S. 36. Mangel einer Peststelluiig der Lücken 
und verdeckten Initialen im Münchener Exemplar S. 37. 
Die Untersuchung des Gebetbuchinhaltes durch Heller S. 38. 
Kaiser Maximilian I. der Besteller des Gebetbuches S. 39. 
Auch der Verfasser S. 39. Versuch einer Begrenzung des 
Kaiserlichen Anteils au der Abfassung des Gebetbuchs 
S. 39. Die Heiligen des Kaisers S. 40. Die einzelnen Ge- 
bete S. 41. Die Ueberschriften S. 42. Das Gebetbuch ein 
Probedruck fQr den Theuerdank? S. 42. Bemerkenswerte 
Mngerzeige in Hellerscher Hypothese S. 43. 

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B. Der Weiterbau der sog. Stögerschen Einleitung auf 
Hellers Grundlage. « j 

Die Stögersche Neuausgabe der Strixnerschen Litho- 
graphien S. 44. Elritik ihrer Einleitung S. 44. Die Be- 
schreibung des Münchener Exemplars S. 45. Der äussere"^ 
Entstehungsgang S. 46. MarggrafFs Auteil an der Stö- 
gerschen Einleitung 'S. 50. Das Gebetbuch ein Prachtwerk 
für sich S. 50. Die Vermutung seiner Bestim^nung flir den 
ausschliesslichen Gebrauch des Kaisers? S. 51. 



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■ - 7 - 

0. Rückschritte der Forschung trotz der Veröffent- 
lichungen Herbergers und Brunets. 

Der Brief und das Brieffiragment Peutingers bei Her- 
berger S. 53. Der Adressat des Fragments nicht Dürer 
S. 57. Brunets Fund eines neuen, später verschollenen Gre^ 
betbuchexemplars S. 58. Der Rückschritt bei Eye S. 60. 
Der Brief Dürers an Kress S. 60. Thausings Ueberschätzung 
der Bedeutung der Beteiligung Dürers S. 62. Die falschen 
Monogramme S. 63. Springinklee oder Cranach? S. 64. 
Die Entdeckung eines neuen Exemplars im Wiener Gebet- 
buch S. 65. Der Besan9oner Fund S. 65. 



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I. Teil. 

Das Münchener Gebetbuchfragment bis zur 
Entdeckung des Joschischen Exemplares. 



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A. 
Erste Nachrichten. 



„Unter der unvergleichlichen Menge von Zeichnungen 
oder Handrissen in der kurfürstlichen Schatz- und Kunst- 
kammer der Residenz zu München leuchtet ein Brevier in 
quarto, darinnen ein jedes Heiligen Leben, der erste grosse 
Buchstab von Albrecht Dürer mit der Feder, entweder von 
schwarzer Dinten, oder grün und anderen Farben gemacht, 
mit Bildern, Grotesken und Laubwerk überall herum der- 
massen holdseelig bereichert, dass niemals etwas in dieser 
Materie vernünftiger und fleissiger gesehen, als dieses Buch, 
welches Ihr Kurfürstliche Durchlaucht selbst mir gnädig 
gezeiget und mein Urteil davon zu hören begehrt auch über 
meine gehorsamste Aussage sich gnädigst kontent verspüren 
lassen." 

Mit diesen bisher unverwertet gebliebenen Worten führt 
Joachim von Sandrart in dem 1679 erschienenen, dem 
Grossen Kurfürsten gewidmeten zweiten Hauptteile seiner 
deutschen Akademie bei Gelegenheit der Beschreibung „der 
Kunst- und Schatzkammern hoher Potentaten, Kurfürsten 
und Herren^ eine sonst umso öfter abgedruckte, kurze Notiz 
des ersten bereits 1675 veröffentlichten Teiles ^ näher aus. 



1. II. Hauptteü n S. 72. 

2. I. Hauptteü I S, 224. 



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— 12 — 

Hier berichtet er unter Dürers Rubrik, dass er beim Kur- 
fürsten Maximilian „ein Breviario auf Pergament" gesehen, 
worin Albert Dürer „alle Heiligen nach ihren Namen, auch 
verwunderliche Zierraten, Laubwerken, Grotesken mit der 
Feder und von unterschiedlichen Farben, über die Massen 
vernünftig geschraffiert und geistreich gebildet, dass solches 
für eine der grössten Zierde aus seiner Hand gehalten 
wird." Die zweite lateinische Ausgabe von 1683 — also 
noch zu Sandrarts Lebzeiten — _ bringt nichts Neues, 
sondern übersetzt nur ungenau in den Worten: J 

in breviario quodam membranaceo Alberti manu deli- ■ 
neatos vidi omnes sanctos partim calamo decussante, partim ^ 
coloribus ingeniossime expressis. ^C$ 

Ohne Bedenken hat man stets diese beiden letzt er- . , 
wähnten Stellen auf eines Prachtband der Königlich 
Bayrischen Hof- und Staatsbibliothek in München^ bezogen, W 
welcher aus der kurfürstlichen Schatzkammer stammt. 4 
Jedoch ein Brevier stellt dieser nicht dar. Denn seine mit 
der vorzüglichsten gothischen Schrift bedruckte» 62 Per- 
gamentblätter oder 124 Seiten enthalten nur verschiedene 
lateinische Gebete, einzelne Psalmen, schliesslich einen Teil 
des Officium beatae virginis Mariae, also keineswegs die 
Gesamtheit der typischen Bestandteile des Breviers^. Dafür 
sind sie in der That von der Hand Dürers mit 45 Rand- 
zeichnungen und 5 flüchtigen Schnörkeln in grüner, rötlicher- 
und violetter Farbe geschmückt, welche alle Eigentümlich- 
keiten der obigen Beschreibungen in ihren Formen und 
auch bei Anrufungen von Heiligen deren Bilder aufweisen. 
Doch damit ist nur ein Teil beschrieben. 

Ausserdem nämlich zieren am Schluss die Ränder von 
8 Seiten noch Zeichnungen von Lucas Cranach, sämtlicli^ 

1. Cim. V a. 2. ' "^^* 

2. Vgl. Probst, Breviei* und Breviergebet. Tübingen 1868. 
Thalhofer, Handbuch der katholischen Litnrgik. Freiburg 1890. 
Bd. n S. 352, 485. 



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1 - — 13 - 

in rotbrauner Farbe bis auf eine ausgeführt, in welcher die 
Bäume grün gehalten sind. Dass Sandrart die Handrisse 
dieses wohlgeschätzten Künstlers in den Ausgaben von 1675 
und 1683 überhaupt nicht erwähnt, könnte schon auffallen. 
Doch wird es sich bei den gegebenen Notizen für ihn mehr 
um eine Beschreibung der Werke Dürers gehandelt haben. 
Anders im Jahre 1679, wo es galt, das sogenannte Brevier 
als solches der Nachwelt rühmend zu empfehlen. Hier 
vermöchte das Uebersehen des vor Beginn der Cranach.schen 
Zeichnungen eingehefteten Titelblattes, welches mit den 
Worten : - 

„Lucas Cranach berüembten Malers Handrüss. Anno 1515." 
besonders auf diese hinweist, die Nichtbeachtung der Mono- 
gramme Cranachs, welche auf jeder seiner Zeichnung, eben- 
so wie auf denen Dürers ängstlich säuberlich hingemalt sind, 
und Sandrartfi ausdrückliche Angabe vorhandener schwarzer 
Federzeichnungen über die Identität stutzig zu machen. Erwägt 
man jedoch, dass wahrscheinlich Sandrart das obige Erlebnis 
mit dem Kurfürsten Maximilian 1644, als er sein Bildnis 
malte,^ gehabt und dabei schwerlich die Zeit zu einer so- 
fortigen Niederschrift gefunden haben wird, so darf man 
wohl diese Verschiedenheiten auf einen Gedächtnisfehler 
zurückführen. Der Umstand, dass der obige Titel, ebenso, 
wie der den Dürerzeichnungen vorgeheftete, welcher 
„Albrechtüs Dürers weither berhümbten Malers Handrüss. 
Anno 1515." lautet, von der Hand eines „Schreibemeister" 
mit schwarzer Schnörkelschrift kunstreich gezeichnet ist, 
wird in der Erinnerung Sandrarts auch den unbestimmten 
Eindruck vorhandener schwarzer Zeichnungen hervorgerufen 
haben. 

Lag aber auch solche Erinnerungslücke vor, wenn 
Sandrart vergass, irgend eine Nachricht über den Besteller 



1. Vgl. Spouel, Sandrarts deutsche Akademie. Dresden 1896 
S. 107. 



— 14 — 

und die Herkunft des Buches zu machen? Eine solche liesse 
sich annehmen, wenn es sich um eine Mitteilung gewöhn- 
licheren Inhalts gehandelt, schwerlich aber bei einer Angabe, 
dass früher der Kaiser Maximilian I. diese Zeichnungen 
besessen hätte. Dieses würde der Genauigkeit widerspreßhen, 
mit welcher sonst Sandrart wahre und falsche Nachrichten 
über die Beziehungen dieses Kaisers zu Dürer wiedererzählt. 
Die Vermutung ist daher wohl nicht abzulehnen, dass im 
Jahre 1644 über die Entstehungsgeschichte der Münchener 
Cimelie nichts mehr bekannt war, dass lediglich die Schönheit 
ihrer Zeichnungen und die Pracht ihres Druckes das rege 
Interesse ihres kurfürstlichen Besitzers hervorriefen. Sie 
wird weiter begründet durch ein Bild seines Hofmalers 
Johann Georg Fischer in der Königlichen Aelteren Pinakothek 
zu München.^ Auf diesem ist die Gefangennahme Christi 
aus den einzelnen Federzeichnungen Dürers zu den obigen 
Gebeten zusammengestellt. In der längeren lateinischen, 
1633 datierten Inscbrift wird auf Dürer, als den „Äpelles 
Deuthonicus" besonders Bezug genommen, ohne mit irgend 
einem Worte Maximilians zu erwähnen. 



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Einwirkung der Theuerdank -Forschung. 



Verlor sich damals im vierten Jahrzehnt des siebzehnten 
Jahrhunderts die Vorgeschichte dieses Buches in voll- 
kommenes Dunkel, umsovielmehr für die Folgezeit. Sandrart 
war und blieb die erste und einzige Quelle, welche der 
grossen Mehrzahl, die nicht das Bild, geschweige das 
schwerer zugängliche Buch betrachten konnte, die Kenntnis 

1. Vgl. Katalog der Gemäldesammlung der Kgl. Aelteren 
Pinakothek in München vom Jahre 1893 No. 1397 (770). 



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— 15 — 

von diesem kostbaren Schatze deutscher Kunst übermittelte. 
Und hätte man sich später nur an die Angaben dieses 
Schriftstellers allein gehalten I Aber wie am Ende des ver- 
gangenen Jahrhunderts dieses Buch entsprechend der 
herrschenden Aufklärung endlich in die damalige pfalz- 
burgische Centralbibliothek in München übersiedelte, lag 
mangels jeder Ueberlieferung die Versuchung sehr nahe, 
aus seinem früheren Aufenthaltsort auf seinen Besteller zu 
schliessen und seine Bestimmung in dem gottesdienstlichen 
Gebrauch eines bayrischen Fürsten zu erblicken. . 

Diesen Fehlschluss beging die erste Generation seiner 
wissenschaftlichen Bearbeiter, welche in den Kreisen der 
Münchener Bibliotheksbeamten entstand. Er entschuldigt 
sich wohl dadurch, dass bibliographische und typographische 
Interessen damals vorwalteten, und besonders die Frage 
nach der Entstehung der Theucrdank-Drucke überwog. 

Eingehende Untersuchungen haben vor allen die 
Bibliothekssekretäre J. B. Bernhart^ und M. Bernhart^ in 
dieser Richtung angestellter- Hierbei fiel ihnen die grosse 
Aehnlichkeit der Theuerdank-Letter mit der des Gebetbuches 
auf. Denn abgesehen davon, dass die letztere etwa um die 
Hälfte grösser und verhältnismässig fetter ist, sind bei ihr 
sehr oft teils oben, teils unten Schnörkel angehängt ebenso 
wie im Theuerdank, wo diese „Schreiberzüge" nur weiter 
noch ausgreifen. Richtig wurde diese unendliche Viel- 



1. Vgl. den Aufsatz: Bemerkungen über die Auflage des 
Theuerdanks von 1517 und über die in derselben vorkommenden 
Schreiberzüge in „ Aretins Beiträgen zur Geschichte und Literatur." 
München 1805. 

2. Vgl. die Abhandlung: Meine Ansicht von der Entstehung 
der Buchdruckerkunst. München 1807; sowie die auf die Arbeit 
dieser Forscher zurückzuführenden Vorreden zu „Albrecht Dürers 
christlich -mythologische Handzeichnungen" bei Zeller München 
1808 und zu „des älteren Lucas Müllers, genannt Cranach, Hand- 
zeichnungen" bei Zeller München 1818. 



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fältigkeit verschiedener Buchstabenformen dadurch erklärt, 
dass die Schnörkel als selbständige . Teile je nach Belieben 
dem Buchstabenstamm zugefügt oder weggenommen worden 
waren. Leicht verleitete dabei diese Pracht der Lettern 
zu der Annahme, in dem Münchener Gebetbuche, wie es 
ohne Angabe des Druckortes und des Druckers, ohne 
Custoden, Signaturen und gedruckte Seitenzahlen damals 
als einziges Exemplar diesen Bearbeitern bekannt war, einen 
lür bayrische Rechnung in Nürnberg hergestellten Luxus- 
druck zu erblicken, dessen schöne von Dürer entworfene 
Letternformen den Kaiser Maximilian veranlasst hätten, nach 
dieser Art die Ausgabe des „Theuerdank" durch Johann 
Schoensperger den Aelteren ebendort besorgen zu lassen. 
Wie seltsam diese Schlussfolgerung Jetzt auch anmutet, 
immerhin vermochte sie wenigstens auf die richtige Fährte 
des wirklichen Bestellers und Druckers zu führen. 

Ferner ist an jenen Beschreibungen auszusetzen, dass 
sie die in dem Inhalt und Erhaltungszustand gegebenen 
Hilfsmittel nicht genügend ausnützen, um den Grad der 
Vollständigkeit des gedruckten Textes zu bestimmen. Ein 
Vergleich der in ihm enthaltenen horae intemeratae virginis 
Mariae secundum usum Romanae curiae mit einem der 
Marienofficien römischer Art, wie sie in den massenhaft früher 
gedruckten hortuli animae oder livres d'heures .leicht sich 
finden Hessen, hätte den damaligen Bearbeitern, vollends als 
Bibliotheksbeamten, nicht entgehen sollen. Darnach stellen 
die Hören des Gebetbuchs ein Bruchstück des in nur 
wenig unveränderter Form jetzt noch gebeteten officium 
parvum beatae virginis Mariae dar, dem zur Vollständigkeit 
Teile der Morgengebete ad laudes zwischen den Dürer- und^ 
Cranach-Bogen und nach diesen die Tagzeiten von der Prim 
bis zur Complet fehlend 



1) Das Officium parvum beatae virginis Mariae setzt sich 
aus einer bestimmten Ordnung von Gebetsstunden zusammen, 



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.■■,•— 17 — 

: Im Banne typographischer Studien wurde lediglich ein 
Gewicht auf die äussere Gestalt gelegt. Jedoch lässt sich 
dabei nicht verkennen, dass zwei Beobachtungen gemacht 
wurden, welche sich als besonders fruchtbar nicht nur zur 
Feststellung der Vollständigkeit des Buches, sondern über- 
haupt zur Erforschung seiner Entstehungsgeschichte erweisen 
sollten. Mangels einer Textvergleichung und nötigen Ge- 
nauigkeit dienten sie jedoch nur zu einer geringen Ausbeute 
damals. 

Matthias Bernharts Bemerkung^, dass das dritte und 
vierte Blatt des Münchener Gebetbuches aus einzelnen 
Blättern bestehen soll, ist zwar eigentümlich ausgedrückt, 
will aber offenbar die unabhängig im Verfolg dieser Arbeit 
gemachte Beobachtung andeuten, dass das dritte und vierte 
der bedruckten Blätter nicht einen zusammenhängenden 
Bogen, wie das erste und zweite Blatt, bilden, sondern fein 
säuberlich zusammengeklebt sind. Der Verfasser der Ein- 
leitung zu den vervielfältigten Cranachzeichnungen, vermut- 
lich Joh. Bapt. Bernhart, entdeckt ferner an dem unteren 
Rande der Blätter Spuren einer alten geschriebenen Poli- 
ierung, welche durch wiederholtes Beschneiden beim Ein- 



deren Inhalt, soweit er die Auswahl der Lectionen, Psalmen, 
Cantiken, Hymnen und Oratiouen betriffb, sich im Laufe der 
Zeit fast gleich geblieben ist, dagegen in der Gruppierung der 
Antiphonen, Versikeln, Responsorien, überhaupt der Doxologie, 
sich verändert hat. Bei dem Fortbestände der wesentlichen 
Teile der Gebete und ihrer festen Reihenfolge in den Matutinen, 
den Landes, der Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Complet lassen 
sich daher leicht die oben bemerkten Lücken feststellen. Vgl. 
Thalhofer a. a. 0.; ferner Felix Soleil: les heures gothiques et la 
litt^rature pieuse aux XV et XVI siecles. Ronen 1882; W. v. 
Seydlitz: Die gedruckten illustrierten Gebetbücher des XV. und 
XVI. Jahrhunderts im Jahrb. d. Kgl. preuss. Kunstsammlungen 
Bd. V 1884 S. 128 ff u. Bd. VI 1885 S. 23 ff. 

1) Vgl. a. a. 0. S. 44. • " . 



^ 18 — ' .-■f 

binden teils bis auf die oberen Teile der Ziffern, teils ganz^ 
verschwunden ist^. Ohne Kenntnis dieser Folüerung kömmt 
Mathias Bernhart zwar zu dem Schluss, dass das Mtinchener 
Exemplar die ersten Bogenhälften. des dritten und vierten 
Blattes veWoren hat, jedoch auch zu dem weiteren, dass 
sich darauf ein Titel des Gebetbuches befunden hätte. Gleich- 
falls flüchtig übersieht Joh. Bapt. ßernhart die Beobach- 
tungen des Matthias und schliesst aus einem auf dem viert- 
letzten Druckblatte erhaltenen Reste der Ziffer 71, dass das ; 
Gebetbuch ursprünglich nicht allein die 62 vorhandenen 3 
Druckblätter, sondern noch weitere 12 gezählt habe. ; 



1. Die in seiner Einleitung gegebene Beschreibung ist nicht 
in allen Punkten klar. Auf Grund einer vor ihrer Kenntnis auf- 
genommenen und nachher wieder geprüften Untersuchung stellt 
sich der Befund derart dar, dass von den 62 bedruckten Blättern 
des Gebetbuches 

auf Bl. 5—7 die Ziffern 7—9, 

11—13 „ „ 13—15, ' 

18 „ Ziffer 20, 

21—23 „ Ziffern 27—29, 

29 „ Ziffer 35, 

34 „ „ 40, 



» n 
n n 



n 71 

n « 



39 „ „ 45, 

45 „ „ 51, 

46 „ „ 52 im Dürerteile, 
58 „ „ 70, 



„ „ 59 „ „ 71 im Cranachteile mehr 

oder minder deutlich über dem unteren llande erscheinen. 

Hierbei sei auch eine Ungenauigkeit des Matthias Bernhart 
hervorgehoben, welcher im allgemeinen richtig den bedruckten 
Text als eine Folge von drei in einander gelegten Bogen, oder 
anders ausgedrückt von Lagen zu drei Bogen, bezw. sechs 
Blättern oder zwölf Seiten beschreibt, aber übersieht, däss die 
vierte Lage nur zwei Bogen bezw. vier Blätter oder acht Seiten 
zählt, mithin nicht die dritte Mittellage besitzt. 



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— 19 — 

Von diesen Schlussfolgerungen erscheint nur soviel 
richtig, dass einmal 74 Blätter — falls ein ZähKehler nicht 
vorhegt — zu dem Münchener Exemplar gehörten. Dass 
aber die fehlenden 12 Blätter alle bedruckt waren, die beiden 
ersten sogar mit einem Titel, diese Annahme geht zu weit. 
Eine wechselseitige Berücksichtigung beider Entdeckungen 
verbunden mit einer Textvergleichung in dem oben ange- 
deuteten Sinne hätte hier mehr Aufklärung schaffen sollen. 
Auch sie ist nur in den Fällen, wo der Text einer Seite 
plötzlich abbricht oder unvermittelt anhebt, im Stande eine 
Einbusse an bedruckten Blättern sicher festzustellen, aber dann 
auch gleich, wie oben gezeigt, deren Inhalt im wesentlichen 
zu ergänzen. Dagegen dort, wo Blätter zwischen einem 
Textschluss oder Textbeginn der benachbarten Seiten fehlen, 
darf sie zunächst nur den Schluss gestatten, dass diese lezteren 
nur möglicherweise bedruckt waren, ebenso gut auch leer 
gewesen sein können. 

Bei klarer Hervorhebung dieser Möglichkeit wäre von 

vornherein eine Auffassung erschwert worden, welche nicht 
nur zu irrigen Ansichten über den Grad der Fertigstellung 
des Druckes zur Zeit seiner . Illustrierung, sondern auch 
über den der Wertschätzung von Dürers Kunst im Maxi- 
müianeischen Kreise und der damaligen Kunstauffassung 
überhaupt geführt hat. Es ist dies die Annahme, dass das 
Gebetbuch als ein vollständig hergestellter Druck seinen 
letzten Schmuck durch Künstlerhand als Zweck für sich er- 
langt habe. 

Zur eingehenderen Kritik der Arbeit dieser Epoche sei 
hier die Darstellung einer Untersuchung über den Zustand 
der. fehlenden zwölf Blätter gegeben, welche auf Grund 
der angegebenen Hilfsmittel schon damals hätte gemacht 
werden soUen. Sie diene gleichzeitig auch als Maasstab für 
die spätere Forschung, welche merkwürdigerweise die wich- 
tigen Beobachtungen der beiden Bernhart nicht weiter ver- 
wendet hat. 

2» ^ 



- 20 - 

Darnach stellt sich die Sache so dar: 

Innerhalb der erhaltenen 62 Druckblätter lassen sich 
drei Lücken nachweisen, in welche die zwölf fehlenden 
Blätter einzureihen sind. Ihre Lage deutet -sich abgesehen 
von der unteren Foliierung durch drei Merkmale an, dass 
einmal das dritte Blatt mit dem vierten zusammengeklebt 
ist, ferner die vierte Lage nur zwei Bogen zählt und schliess- 
lich zwischen dem Dürer- und Cranacliteil der Text eine 
Unterbrechung erleidet. Durch die alten Ziffernreste bestimmt 
sich die Grösse der einzelnen Fehlstellen derart, dass die ersten 
zwei Blätter vor dem Textbeginn, die mittlere vier zwischen 
dem 18. und 19. Blatt des Textes und die letzten sechs 
Blätter zwischen dem 56. und 57. Blatt fortlaufender Zäh- 
lung ün Münchener Exemplare beträgt ^ 



1. ZfU dieser Feststellung bedarf es einer Rechnung, da die 
alten Zifferreste sich nicht immer gerade unmittelbar vor oder 
nach einer Lücke erhalten haben. Nur auf dem 18. Blatte be- 
findet sich die alte Zahl 20; sonst sind sie teUs zehn Blätter von 
einer solchen Fehlstelle entfernt. In diesen Fällen lässt es sich 
durch eine Berücksichtigung des fortlaufenden Textes, auf dem 
sich die alte Ziffer befindet, ermitteln, wo die Lücke anzunehmen 
ist. Am einfachsten stellt sich die Ermittelung am Anfange. 
Die alte Ziffer enthält hier erst das fünfte Blatt mit 7. Bei der 
Textco ntinuität der vorhergehenden Blätter ergiebt sich eine 
Fehlstelle von zwei Blättern vor dem Anfange. Im zweiten Falle 
besteht zwischen der alten Ziffer 20 auf ßl. 18 und der nächsten 
27 auf Blatt 21 eine Differenz von 6 Blättern nach der alten 
Foliierung, von 2 nach der neuen. Da diese letzteren textlich 
mit Blatt 21 zusammenhängen, so ist der Fehlbetrag von 4 
Blättern zwischen das 18. und 19. einzureihen. Bei der letzten 
Lücke zeigt sich vor ihr die letzte alte Ziffer auf Blatt 46 mit 
52, nach ihr auf Blatt 58 mit 70. Hier beträgt also der unter» 
schied zwischen den alten Ziffern 17 Blatt, zwischen der that- 
sächlichen Zählung der bedruckten Blätter 11 Blatt. Die Ein- 
reihung der darnach fehlenden 6 Blatt ermöglicht sich hier da- 
durch, dass von den übrigen J 1 Blatt zehn texthch mit dem 






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- 21 - 

Die Frage, ob diese fehlenden Blätter bedruckt oder 
unbedruckt waren, löst sich für die letzte Lücke mit Bestimmt- 
heit. Aus der Textunterbrechung zwischen dem Dürer und 
dem Cranachteile und dem bereits früher mitgeteilten Ergeb- 
nis der Officienvergleichung schliesst sich unzweifelhaft, dass 
sich die oben vermissten Teile der Laudes auf dieser Lage 
von sechs Blättern befunden haben müssen. 

Dagegen lässt sich eine bestimmte Entscheidung für 
die* vier verlorenen Blätter nicht treffen. Sowohl das ihnen 
vorhergehende, wie folgende Blatt endigt bezw. beginnt mit 
einem selbständigen Text, das erste mit einem Auszug 
aus dem Evangelium Johannis, das andere mit dem Buss- 
psalme: miserere mei. Es ist also möglich, dass ein anderes 
Evangelium, ein anderer Busspsalm oder ein Gebet sich 

auf den beiden fehlenden Bogen befunden hat; doch ist es 
nicht nötig. Denn in diesem Teile sind die Gebete nicht 
von einer festen' Norm abhängig, wie in dem sich an- 
schliessenden Marienofficium, dessen gleichbleibende Structur 
eine Lücke sofort erkennen lässt. Hier waltet vielmehr ein 
willkürliches Empfinden bei der Zusammensetzung ebenso 
vor, wie in den hortuli animae die Gebete an die Heiligen 
und für die verschiedensten Anlässe je nach dem Ermessen 
des Herausgebers verschieden sind. Ebenso gut lässt sich 
daher auch annehmen, dass diese Blätter unbedruckt ge- 
blieben sind, um hier nach der Drucklegung der andern 
immer noch ein bestimmtes Gebet einschieben zu können. 
Hierauf deuten sogar äussere Umstände. Denn das 18. Blatt 
ist nicht vollbedruckt, sondern enthält am Schluss noch vier 
leere ZeileöT Auch die Anomalie, dass der Mittelbogen der 
vierten Lage ursprünglich doppelt in den vier fehlenden 
Blättern vorhanden war, spricht für eine gewisse ün- 



Blatt 46 zusammenhängen, das eine dagegen mit Blatt 58. 
Zwischen dem 56, und 57. Blatt fehlen also die 6 Blätter, 



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— 22 — 

fertigkeit des dortigen Textes. Immerhin muss die Frage 
auf Grund des dieser Epoche verfügbaren Materials eine 
offene bleiben. 

Auch für die am Anfang fehlenden zwei Blätter lässt 
sich ein sicherer Schluss auf ihren bedruckten Zustand auf 
Grund des ßuchbefundes und einer Textvergleichung nicht 
ziehen. Das jetzige Anfangsgebet, die ursprünglich auf dem 
dritten Blatte befindliche oratio ad suum proprium angelum, 
stimmt inhaltlich mit der oratio Augustini a sancto spiritu 
sibi relevata, in ihrem Titel mit anderen Gebeten tiberein, 
welche die hortuli animae mitten unter dem willkürlich zu- 
sammengesetzten Abschnitte der variae orationes am Schlüsse 
enthalten.^ Da dieser im Gebetbuch den Officien vorangeht, 
so können auch verschiedene andere Gebete dieser oratio 
vorangestellt gewesen sein; wegen zu grosser Beschädigung 
oder aus sonst irgend einem Grunde mögen ihre Blätter 
vielleicht nicht miteingebunden sein. 

Aber es ist nicht zu übersehen, dass trotz solcher An- 
nahme ein wesentlicher Teil noch im Gebetbuche fehlt, der 
Kalender. In damaliger Zeit pflegte jedes Gebetbuch mit 
einem Officium, sei es geschrieben, sei es gedruckt, sei es 
Pracht-, sei es Handexemplar, einen Kalender am Anfange 
aufzuweisen. Denn da die Formen der Gebetsstunden nach 
dem Kirchenjahre wechseln, war und ist er für den An- 
dächtigen eine notwendige Voraussetzung zur Auffindung 
des richtigen Gebets. Ein solcher umfasste mindestens zwölf 
Seiten, für jeden Monat eine, und wurde gewöhnlich durch 
Bemerkungen teils astronomischer, teils diätetischer Art er- 
gänzt. Falls daher die verlorenen Blätter Gebete enthielten, 
gehörte zur Vollständigkeit des Anfanges immer noch vor 

1. Vgl. z. B. Hortulus anime. Martin Flach. Strassbui^ 
1512. Bort befindet sich ein Gebet: ad proprium angelum weit 
hinter den Officien zwischen Gebeten an den heiligen Michael 
und an alle Engelchöre. Noch später folgt dann die oratio 
Augustini. 



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— 23 — 



ihnen der Kalender. Entweder ist er also mit den beiden 
ersten Blättern auch verloren gegangen oder er lag zur 
Zeit des Textdruckes noch nicht druckfertig vor. Gegen 
die erste Alternative spricht die Foliierung, deren Entstehung 
auf Grund ihrer äusseren Erscheinung und ihrer Zahlausweise 
in die Zeit der Abfassung des Gebetbuchs zu verlegen, ist. 
Wäre damals ein Kalender vorhanden gewesen, so wäre 
er auch mitgezählt worden. Es bleibt also nur die wichtige 
Schlussfolgerung übrig, dass das Münchener Exemplar mangels 
eines Kalenders in unfertigem Zustande an die Maler ge- 
langte. 

Ist dieses sicher, so gewinnt die Annahme des Text- 
beginns im Münchener Gebetbuch mit der oratio ad suum 
proprium angelum an Wahrscheinlichkeit. Es erhellt jetzt 
nicht nur ein plausibler Grund für die Vermutung, dass die 
beiden verlorenen Blätter thatsächlich unbedruckt geblieben 
sind,- sondern auch eine ungezwungene Erklärung dafür, 
dass sie trotzdem mitgezählt wurden. Da zur Zeit des 
Druckbeginns im Münchener Exemplar ein Kalender noch 
nicht fertig war, musste für seine spätere Einfügung 
unmittelbar vor dem Textbeginn Sorge getragen werden. 
Der Art, wie damals bei Prachtausgaben ein calendarium 
cum suis figuris samt dem ihm vorhergehenden Titel gedruckt 
zu werden pflegte, waren hierfür mehr, als eine Lage von 
drei Bogen bezw. 6 Blättern erforderlich. Dementsprechend 
werden sehr wahrscheinlich auch die beiden ersten Blätter 
vor der oratio ad suum proprium angelum hierfür aufgespart 
und leer geblieben sein. Für diese Unfertigkeit spricht 
sogar die sonst schwer erklärbare Thatsache, dass die 
Dürerillustrationen erst auf der zweiten Lage beginnen. 
Um eben stets mit dem Druck weiter fortfahren zu können, 
blieb zunächst die erste zurück und daher nicht illustriert. 
Als Teil eines im übrigen weiter verteilten Ganzen musste 
aber die Seitenzählung sie nichts desto weniger berück- 
sichtigen. Mit den ersten beiden vorlorenen Blättern als 






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— 24 — 

Hälften der beiden ersten Bogen hat daher die alte Foliierung 
auch richtig begonnen. 

Zusammengefasst führen diese Folgerungen aus den 
Beobachtungen der beiden Bernhart zu folgendem Ergebnis: 
Das Münchener Exemplar ist nicht nur unvollständig, 
sondern war auch stets unvollendet: Unvollständig, weil 
sicher vor seinem Anfang ein Titel und Kalender, im Texte 
ein Teil des Marienofficiums, nach seinem Ende der grössere 
Rest des letzteren, dazu wahrscheinlicherweise auch Gebete 
in der ersten und vierten Lage fehlen ; unvollendet, weil 
sicher der Titel und Kalender, wahrscheinlicherweise 
auch die letztgenannten Gebete nie gedruckt worden sind. 

Eine endgültige Lösung vermögen allerdings die dieser 
Epoche erschlossenen Unterlagen nicht der Frage nach dem 
ursprünglichen Bestände des Gebetbuchs zu liefern. Bleibt 
vor allem doch immer die Möglichkeit offen, dass ausser 
dem Marienofficium noch andere Votivofficien, wie die in 
den hortuli animae fast stets vertretenen sc. spiritus oder 
crucis früher einmal vorhanden waren! Hier kann nur 
der Vergleich mit anderen Gebetbuchdruckdoubletten aus- 
steifen. 

' Je weniger tief die damalige Forschung sich in die 
eigenen Beobachtungen hineingearbeitet hatte, desto mehr 
erwünschte sie Aufklärung durch solch' einen Fund. Dieser 
war aber schon gemacht, nur wieder in dem äusserlichen, 
typographischen Betrieb der Theuerdank-Forschung über- 
sehen worden. " 

Bereits 1801 hatte Panzer in seinen Annalen ein zweites 
Exemplar unter dem Titel angezeigt*: 

Diurnale seu liber precum. Praecedunt preces variae 
et psalmi. Sequuntur horae B. V. Mariae et Officium 
S. Crucis. In fine: Johannes Schoensperger civis Augustänus 



1. Panzer. Annales typographici vol. IX p. 380, No. 69. 



/ 



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\ _ 25 — _ • 

imprimebat. Anno Salutis M. D. XIV, III Kalendas 
Januarii. \ 

Bei dieser kurzen Beschreibung, der nur Bemerkungen 
über die Prächtigkeit des einem Manuscript gleichenden 
Druckes, den Mangel jeglicher früheren literarischen Anzeige 
und den derzeitigen Aufenthalt des Buches beim Biblio- 
graphen von Josch folgen, lässt sich die Schwierigkeit der 
Erkenntnis seiner Eigenschaft als Doppelexemplar des 
Münchener nicht verkennen. Umso grösser ist das Verdienst 
Hellers, des ersten gründlichen Dürerforschers, dass er 
diese Eigentümüchkeit nicht nur erkannte, sondern auch in 
scharfsinnigster Weise verwertete. Durch seine Vergleichung 
mit dem Joschischen Exemplar tritt die Gebetbuchforschung 
in ein zweites Stadium. Erst jetzt konnten sich historische 
Ausblicke für die Entstehungsgeschichte des Gebetbuchs 
entwickeln. 



• C. . . \ : . 

Die ersten Veröffentlichniigen des Monchener Gebetbach- 
fragmentes. 



Nach der eben gegebenen Ausführung ist die wertvolle 
Arbeit dieser Epoche nicht auf dem Gebiete einer Durch- 
dringung des Stoffes und einer Durchpressung der einzelnen 
guten Beobachtungen zu suchen. Die Freude am schönen 
Aeusseren überwog. Doch auch dies wirkte Gutes, da es 
den Gedanken einer Vervielfältigung der Dürerischen Eand- 
zeichnung der damaligen Zeit eingab. Darin liegt auch ihr 
wesentliches Verdienst. Denn ein allgemeines Interesse und 
eine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung konnte sich 



— te- 
erst entwickeln, nachdem es damals gelungen war, dieses 
köstliche Kleinod deutscher Kunst durch den kürzlich von 
Aloys Senefelder in München erfundenen Steindruck den 
weitesten Kreisen zugänglich zu machen. 

Ohne Ahnung von der Bestimmung der Zeichnungen 
spürte man unbewusst den ihren Formen innewohnenden 
Vervielfältigungszweck und erkannte so auch ihre zu einer 
lithographischen Eeproduction geeignete Beschaffenheit. 

Unter dem Einfluss des nach Goetheschem Worte „jedes 
Gute mit Eifer befördernden" damaligen Oberhofbibliothe- 
kars, Freiherrn von Aretin zeichnete Strixner nach Pausen 
die 45 grossen Dürerischen Eand Verzierungen auf den Stein, 
dessen Abdrücke im Frühjahr 1808 durch die Zellersche 
Offizin mit dem Titel: * 

„Älbrecht Dürers. Christlich Mythologische Hand- 
zeichnungen" 
zuerst in München erschienen. 

Als Erzeugnisse eines eben erst entdeckten- Verviel- 
fältigungsverfahrens verdienen sie auch jetzt noch eine 
schätzende Beachtung. Doch verwischt eine dünnere Schraf- 
fierung in den Schatten, eine unbewusste Verbesserung zu- 
fälliger üngenauigkeiten der Zeichnung, wie Taf. 38.^ Die 
verschönte Gesichtsbildung des die betende Maria krönenden 
Engels und das Weglassen der Pentimenti auf dem Blatte 
des Bauerntanzes Tafel 45 — im Originale sind Teile von 
einer Nase, einem Mund, sowie von einem Gewände zwischen 
dem mittelsten Paare stehen geblieben und geschickt unten 
als Pflanze verwendet — bei dem Beschauer den sonst so 
starken und lebendigen Eindruck des raschen Entwurfs einer 
überaus sicheren Hand. 

Mehr noch zu beklagen ist der Verzicht auf eine 
Wiedergabe des Textes mit seinen schönen Prachtlettern 



1. Bei der Bezeichnung der Dürerbilder ist die Numerierung 
der Stögerschen Ausgabe zu Grunde gelegt. 



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— 27 — 

und rötlichen Linien, welche ihm das Ansehen eines Manu- 
scriptes geben und den erfindenden Künstler umsomehr be- 
wundern lassen, je besser es ihm gelang, die durch die vier 
weitergezogenen Umfassungslinien hervorgerufenen Zer- 
schneidungen der Eänder durch einheitliche Gestaltungen 
zu überwinden. 

Nicht ohne Zweifel an einen Erfolg übergab die am 
16. Februar 1808 geschriebene Vorrede diese Blätter der 
mitten noch im Empiregeschmack stehenden Oeffentlichkeit. 
Aber ihr Vertrauen rechtfertigte sich glänzend. Die Zeich- 
nungen wirkten, wie eine Offenbarung Dürerischer Kunst, 
etwa dem Erscheinen der Dorignyschen Stiche nach Raffaels 
Tapeten für dessen Wertschätzung vergleichbar. 

Derjenige aber, welcher seiner Bewunderung die ganze 
Kraft seines Herzens und die volle Macht seiner Gedanken lieh 
und so wie kein Zweiter für das Verständnis der Kunst 
Dürers im deutschen Volke wirkte, wurde kein geringerer, 
als Goethe. Ihm waren sofort die ersten Lieferungen zuge- 
sandt worden. Nicht erster Rausch der Begeisterung sind 
seine Worte Riemer gegenüber, als sie am 9. März 1808 
gemeinsam die Federzeichnungen betrachteten, dass „er sich 
ärgern würde, wenn er gestorben wäre, ohne sie zu sehen".* 
In dem Briefwechsel mit Sulpitz Boisseröe^ kehrt später 
fast der gleiche Gedanke wieder, wenn er schreibt, dass „es 
gut sei, wenn man alt würde. Hätte er doch sonst Dürer 
gar nicht eigentlich kennen gelernf^. 

Diesen Worten folgte die That, als er in der Jenaischen 
allgem. Litteratur-Zeitung am 19. März 1808 unter der be- 
liebten Marke: W. K. F. (Weimaraner Kunstfreunde) eine 
Besprechung der ersten Hefte erscheinen h'ess, welcher im 
Jahrgang von 1809 unter dem 18, April die zweite folgte. 



1. Vgl. Riemers Mitteilungen über Goethe, IL Bd., Berlin 
1842, S. 671. 

2. Sulpiz ßoisser^e, I. Bd. Stuttgart 1862. 



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— 28 — 

Man hat Goethes Urheberschaft an diesen Artikeln, 
welche, vor und nach seiner Unterredung mit Napoleon ge- 
schrieben, den Deutschen jener Zeit wie ein Hinweis auf 

die nur schlummernde Volkskraft erscheinen mussten, auf 
eine wesentliche Beeinflussung ihres Inhalts beschränken 
wollen. Wohl mit Unrecht! Denn es kann wohl kaum 
einem Zweifel unterliegen, dass die in den Briefen Goethes 
an Eichstädt vom 10. März 1808 erwähnte Eezension auf 
die erste Kritik sich bezieht, wenn er bei Zusendung der- 
selben die nur auf eigene Arbeit und auf die eben erhaltenen 
Zeichnungen zu deutenden Worte schreibt: 

„Der Fall kommt so selten, dass man von ganzem 
Herzen und mit vollen Backen loben kann. Glücklicherweise 
setzen uns die Münchener Freunde in denselben."* 

Bei diesem Lobe stellt sich unwillkürlich ein Vergleich 
mit jenen Dürer bewundernden Worten ein, welche Goethe 
an Lavater in dem Briefe vom 6. März 1780 richtete.^ Sie 
lauteten: 

„Denn ich verehre täglich mehr die mit Gold und 
Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Menschen (Dürers), 
der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an 
Wahrheit, Erhabenheit und selbst Grazie nur die ersten 
Italiener zu seines Gleichen hat. Dieses wollen wir nicht 
laut sagen." 



1. Vgl. Goethes Werke, XXVIII. T^il, Schriften pp. zur 
Kunst mit Anm. vou-'I^r. Strehlke, Hempel, Berlin, S. 818. Da- 
gegen verzichtet die neueste im Auftrage der Grossherzogin von 
Sachsen -Weimar veranstaltete Ausgabe von Goethes Werken 
auf den Abdruck dieser Besprechungen überhaupt. Mag auch das 
Originalinanuscript die Schrift Wagners aufweisen — vgl. Harnack, ' : ;.*" 
Notizen aus dem Nachlass H. Meyers, Vierteljahrsschsift f. "' 
Literaturgesch. III. Bd. 1890 S. 374. — der gedankliche Inhalt 
trägt bis in die Einzelheiten das Gepräge Goetheschen Geistes. ,. 

2. Vgl. Grimm: Ueber Künstler und Kunstgewerbe. Berlin 
1867. S. 7. 



7 



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— 29 — 

Jetzt also nicht mehr eine schüchterne, sondern die 
rückhaltloseste Bewunderung, obwohl der gewaltige Eindruck 
selbst in Italien gescliauter antiker und Eenaissance-Kunst 

dazwischen liegt. Diese bildet daher auch den Maassstab, 
nach welchem er den ästhetischen Wert der Zeichnungen 
beurteilt. Für das Erhabene schwebt ihm wohl das Ideal 
antiker Göttergestalten vor, wenn sich im Gegensatz zu 
den früheren Worten der Satz in der Besprechung 
einstellt: 

„Das Erhabene ist in der neueren Kunst eine gar zu 
seltene Erscheinung, als dass man dasselbe auch von Albreht 
Dürer billiger Weise sollte fordern dürfen." 

Bei den spitzigen dornartigen Blättern und knotigen 
Zweigen der Arabesken findet er die Entschuldigung für 
ihre Form in dem Umstände, dass damals die herrlichen 
antiken Muster wenig bekannt sein mochten. Sein Lob 
klingt voller, wenn er Figuren mit den geschätztesten antiken 
Gemmen oder Darstellungen auf antiken Basreliefen ver- 
gleichen kann. 

Nicht ohne Kampf schafft sich so seine Jugendliebe zu 
Dürer wieder begeistert Platz und dringt in Erinnerung des 
Selbstgeschauten und der nicht lange vorher in den „Bussler- 
schen Verzierungen aus dem Altertum" zugeschickt erhaltenen 
Abbildungen die Ueberzeugung durch, diese Eandverzierungen 
in ihrer Schönheit nur mit den Pilastern der vaticanischen 
Logen auf gleiche Stufe stellen zu können. Selten ist wohl 
ein Vergleich italienischer und deutscher Kunst glücklicher 
gewählt worden, selten auch so oft wiederholt, dass er ein 
Gemeingut Aller geworden. Dieses nicht nur wegen der 
äussern Uebereinstimmung der fast gleichzeitigen Entstehung 
beider Kunstwerke, sondern auch wegen der richtigen Be- 
grenzung der künstlerischen Gestaltungskraft beider Nationen 
und der Bezeichnung der Gebiete ihrer selbständigen Triumpfe. 
Denn diese Gegenüberstellung heisst etwas erweitert und 
anders ausgedrückt: dort die Fresco wände, hier die Kupfer- 



— 30 — 

platte oder die Holzschnitttafel. Fast möchte man meinen, 
dass dabei Goethe unbewusst einen weiteren Zweck dieser 
Zeichnungen durchgefühlt hätte, als lediglich einem einzigen 
Buche zum Schmucke zu dienen. 

Goethes Stimme und noch mehr die nicht zu dämpfende 
Sprache der Schönheit verschafften den Strixnerschen Tafeln 
einen nachhaltigen,^ über Deutschlands Grenzen reichenden 
Erfolg. In London^ erschienen 1817 nach ihren Copien 
und bei Stuntz in München 1820^ ein anderer Nachdruck. 
So minderwertig die Londoner Ausgabe ist, verdient sie 
doch noch den Vorzug vor der letzteren. Denn sie giebt 
wenigstens zum ersten Male ein Fäcsimile einer Druckseite, 
während die andere in irreführender Weise den weggelassenen 
Text durch den Abdruck des Vaterunsers in den verschie- 
denen Lettern von 38 Sprachen ersetzt. 

So waren die Randzeichnungen Dürers in kurzer Zeit 
in die weitesten Kreise verbreitet. Noch fehlte Cranach. 
Diesem Mangel half die Veröffentlichung seiner acht Rand- 
zeichnungen bei Zeller im Jahre 1818 ab. Die in ihrer 
Einleitung enthaltene wichtige Beobachtung ist bereits oben 
erwähnt. Auf ihre Herstellungsart treffen die über die 
Strixnerschen Litographien gemachten Bemerkungen auch 
zu. Ein für die Erforschung der Entstehungsgeschichte 
nicht unerhebliches Versehen ist der Abdruck der thatsächlich 
schwarzen Monogramme Cranachs in der rotbraunen Farbe 
der Randzeichnungen selbst. Dafür findet sich wieder das 



1. Wilhelm Grimm verwendete sie später zur Verzierung 
seiner Ausgabe der dänischen Heldenlieder. Vgl. flerman 
Grimm: Clemens Brentanos neuester Illustrator: Deutsche Rund- 
schau 1897/98, No. 9, S. 224. 

*i. Albert Dürers desings of the Prayer Book. London. 
M. Ackermann, 1817. 

3. Oratio dominica polyglotta singularum Hnguarum cha- 
racteribus expressa et detineationibus Alberti Dureri cincta. 
J. Stuntz, München 1820. 



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- 31 — 

Facsimile des Textes einer Seite und zwar des Gebetes an 
die heilige Barbara. 

Hinsichtlich der Herkunft, Herstellung und Bestimmung 
des Gebetbuchs vertreten alle neu hinzugekommenen Ver- 
öffentlichungen den alten Standpunkt. Das über alle diese 
Fragen herrschende Dunkel beweist am besten der Titel 
der Cranach- Ausgabe in seiner Fassung: ein Nachtrag zu 
Albrecht Dürers christlich - mythologischen Handzeichnungen. 
Mangels einer Kenntnis des wirklichen Bestellers musste 
die ikonographische Seite herhalten. 



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II. Teil. 



Das Münchener Gebetbuchfragment bis zur 
Entdeckung des Besan^oner Fragmentes. 



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A. 

Das Münchener Fragment ein Probedruck far den 

Thenerdank. 



Hellers Verdienst besteht darin, dass er das als einen 
zweiten Druck des Münchener Gebetbuchs richtig erkannte 
Joschische Exemplar zu den glücklichsten Schlussfolgerungen 
ausnützt. Nicht nur mit der Vermutung einer Bestimmung 
für den Gebrauch eines bayrischen Fürsten wird gründlich 
aufgeräumt, sondern auch an ihre Stelle eine andere Con- 
jectur scharfsinnig gesetzt, welche später ihre archivatische 
Bestätigung finden sollte. 

In seinem Versuche über Cranach ^ finden sich solche 
Gedanken noch nicht; erst in der „Skizze einer Geschichte 
der verschiedenen Ausgaben des Theuerdanks" ^ treten sie 
auf, um ihre Ausgestaltung in dem leider unvollendet geblie- 
benen Werke „das Leben und die Werke Albrecht Dürers" ^ 
zu erhalten. 

Die hierin geleistete Arbeit bringt der Entstehuugs- 
geschichte des Gebetbuchs eine grössere Sorgfalt, als bisher 
entgegen. Nicht allein seinem Aeusseren, auch seinem In- 
halt wendet sich ein eingehendes Studium zu. 



1. Joseph Heller: Versuch über das Leben und die Werke 
Lucas Cranachs. Bamberg 1821, S. 433 ff. ? 

2. Joseph Heller: Beiträge zur Kunst- und Literatur- 
geschichte. Nürnberg 1822, S. LXXXVII. 

3. II. Bd. nur erschienen. Leipzig 1831. 



3* 






— bO — 

In ersterer Hinsicht vertiefen Hellers Untersuchungen 
über die Entstehung der wunderbaren Schnörkelletter des 
Gebetbuchs zunächst den Beweis der bereits früher be- 
haupteten Zusammensetzung der einzelnen Buchstaben. Die 
Annahme ihres Entwurfes durch Dürer wird mit dem Hin- 
weise auf die teils in der Nähe des Kaisers Maximilian I. 
lebenden Schönschreiber, wie z. B. Vincenz Rockner und 
den thatsächlich vom kaiserlichen Hofdrucker Johann Schoen- 
sperger dem Aelteren zu Augsburg am 30. December 1514 
besorgten Druck ^ für die Zukunft beseitigt. 

Auch den Druck als Ganzes beschreibt Heller, soweit 
das Joschische Exemplar fraglich ist, richtig. Klar wird 
zweierlei hervorgehoben, dass nur zwei Bogen die vierte 
Lage, dagegen drei die übrigen 26 Lagen bilden, dass ferner von 
den vorhandenen 320 Seiten der X60 Blätter die ersten vier 
und die letzten drei leer geblieben, also nur 313 bedruckt 
sind. Auch die für den Eindruck von grossen Initialen be- 
stimmten Lücken, welche nur in sieben — bei Heller wohl 
durch einen Druckfehler fünf — Fällen mit roten Buch- 

1 

Stäben ausgefüllt sind, werden nicht unbeachtet gelassen. 

Weniger glücklich fällt sein Vergleich mit dem Mün- 
chener Exemplare aus. Hier geht Heller den Beobachtungen 
der beiden Bernhart zu wenig nach, sodass seine Angaben 



1. Der Kolophon lautet: 

Joannes Schoensperger. Ci- 

vis Augustanus imprime- 

bat Anno Salutis 

M. D. xnn. ni Ka- 

lendas Ja- 
nuarii. ~'-- 

Bei der Vorstellung der Jahreszahl erscheint die chronologische 
Bestimmung wie oben, richtig. Nachgestellt könnte sie allerdings 
zum Zweifel Anlass geben, ob sie sich nicht lediglich auf den 
Monat bezieht. Dann wäre es der 30. December 1513. 



/ 



- 37 — y 

Über die Vollständigkeit dieses Druckes nicht den Sachver- 
halt ersch^pfoÄ. ^ In erhöhtem Maasse trifft daher die 
obige Kritik der t)eiden Bernhart auf ihn zu. Denn er 
brauchte nicht die Zuflucht zu einem hortulus animae zu 
nehmen, sondern kannte nun selbst einen zweiten Druck, 
durch welchen sich die offen gebliebenen Fragen in grösserem 
Umfange lösen Hessen. 

Mittelst des Joschischen Exemplars war an sich die 
Forschung bereits damals im Stande, die oben als sichere 
Textlücken bezeichneten Stellen des Münchener Exemplares 
Zeile für Zeile zu ergänzen. Nicht nur der zwischen dem 
Dürer und Cranach-Teil fehlende Textabschnitt, sondern 
auch der vermisste Eest des Marienofficiums findet sich mit 
111 Seiten erhalten. Ausserdem schliesst sich noch an dieses 
ein Votivofficium sanctissimae crucis seu passionis an, 
welches den Schluss des Joschischen Exemplars mit 66 
Druckseiten bildet. Das München er Exemplar ist danach 
nur das kleinere Bruchstück von 124 Seiten gegenüber dem 
ursprünglichen thatsächhch 313 Druckseiten zählenden Buche. 
Bis in diese Einzelheiten hätte sich der Grad der Vollstän- 
digkeit des Münchener Exemplars ohne Mühe feststellen 
lassen. \ 

Auch die Frage nach der VoUendung des Mühchener 
Druckes wird nicht eingehend genug erörtert. Das Joschische 
Exemplar bestätigt in der That mit seinen vier leeren Seiten 
vor Beginn des Textes die oben ausgesprochene Vermutung, 
dass im Münchener Exemplar die beiden verlorenen An- 
fangsblätter stets leer geblieben sind. Seine Lücke in der 
vierten Lage erhöht für die entsprechende Fehlstelle im 
Münchener Exemplar die Wahrscheinlichkeit einer gleichen 
Unfertigkeit. Diese wird durch den Umstand noch gesteigert, 
dass ebenso wie das Joschische Exemplar auch das Mün- 



X. Vgl. die Beiträge S. LXVn und Pürerwerk S. 55. 



— 38 — 

ebener vereinzelt grosse Buchstaben besitzt. Nur werden 
sie durch später über sie gemalte Initialen sehr sorgfältig 
verdeckt. Es ergiebt sich hieraus eine seltsame Aehn- • 
lichkeit des Druckzustandes bei beiden Exemplaren, welcher 
sich durch eine mangelnde Druckfertigkeit wohl am leich- 
testen erklären lässt. Heller übersieht dies Alles. Daher 
kein Wunder, dass er einen Titel, Kalender oder eine Vor- 
rede auf den leer gebliebenen Seiten des Joschischen Exem- 
plars für unmöglich ansieht. Hierzu wurde Heller offenbar 
durch eine irrtümliche Annahme über den Zweck der Ge-r 
betbuchdrucke geführt, welche noch innigst mit der Theuer- < 
dankforschung zusammenhängt. ' -ri 

Andererseits verdankte er dem gewissenhaften Betriebe 
der letzteren grade die richtige Spur zur Entdeckung des 
Fürsten, welcher dieses Gebetbuch wirklich drucken liess.^ 
Bisher hatte das München er Exemplar als ein beliebiges 
Buch gegolten, dessen Letternschönheit den Kaiser Maxi- 
milian I. zur Nachahmung im Theuerdank bestochen haben -f 
sollte. Nun wies der neu aufgefundene Druck den gleichen 
Drucker, wie der Theuerdank auf. Darin lag ein weiterer 
Fingerzeig auch bei jenem den gleichen Auftraggeber zu 
vermuten. 

In dieser Richtung unterzieht Heller ferner den Inhalt 
des Gebetbuchs einer eingehenden Untersuchung. ; 

Hierbei fiel Heller auf, dass von den drei Abschnitten" 
des Gebetbuchs — preces variae, officium B. V. Mariae 
und officium St. Crucis — „der erste, Gebete enthält, welche 
weder in einem horario oder hortulo animae zu finden wären." 
Das Anfangsgebet, die oratio ad suum proprium angulum, 
erinnert ihn an die Stelle, welche der Schutzengel im Theuer- i 
dank spielt. In dem Gebete mit der Ueberschrift: quicunqüe 
hanc orationem deuote dixerit: eadem oratio in agone 
mortis sue sibi in memoriam veniet macht er auf das eigen- 
artige Latein und eine seltsame Stelle aufmerksam, welche 



/ 



_ 39 — . ; ' 

lautet: Rex regum; et dominus dominantium qui me exiguam 
creaturam, ut populo tuo preessem, ex nihilo constituisti. 
Die mit diesen Worten christlicher Demut sprechende Per- 
sönlichkeit aber ergiebt sich für Heller aus dem Gebete an 
den heiligen Maximilian. Dieser ist der ausgesprochene 
Schutzheilige des Kaisers Maximihan I. und also dieser der 
Besteller des Gebetbuchs. 

Mit dieser Schlussfolgerung begnügt sich jedoch Heller 
nicht. Er lässt vermuten, dass Maximilian auch als Ver- 
fasser des Gebetbuchs zu betrachten ist. Merkwürdiger 
Weise hat diese glänzende Conjectur, welche diesen Text 
zu einer einzig in ihrer Art dastehenden Quelle für Beur- 
teilung des religiösen Seelenlebens dieses noch den Anfang 
der Reformation erlebenden Fürsten emporhebt, nicht ein- 
mal einen Versuch einer tieferen Bearbeitung erfahren. 
Der Grund liegt wohl darin, dass Heller nicht mehr zu dem 
geplanten vollständigen Abdruck des Gebetbuchs gelangte. 
Abgesehen von den weit verstreuten Originalen stand daher 
der Forschung nur ein Verzeichnis der einzelnen Gebete und 
Tagzeiten zur Verfügung, wie sie Heller nach der Reihen- 
folge des Textes verdienstlicher Weise in seinem Dürerwerk 
ganz kurz aufführt.^ 

In der That bestätigt der Inhalt Hellers Vermutung. 
Die Auswahl sowohl, als die Gruppierung der einzelnen 
Teile spricht für eine besondere Persönlichkeit. Die Be- 
schränkung auf die beiden Officien B. V. Mariae und sanc- 
tissimae crucis, während die üblichen Gebetbücher mindes- 
tens noch das officium de. sancto spiritu enthalten, ist 
ebenso auffallend wie die Vorstellung und Lückenhaftigkeit 
des ersten Teils. In den hortuli animae pflegt dieser erst 
den Officien nachzufolgen, sämtliche Büsspsalmen mit Litanei 
und darnach erst die Anrufung »der Heiligen, wie die ver- 



1. Vgl. das Dürerwerk S. 56 ff. 






..--"'i:^ir^^; 



— 40 — 

schiedensten Gebete aufzuführen. Im vorliegenden Falle 
fehlt die grösste Zahl der Busspsalmen, die Litanei volk- 
ständig. Die Heiligen sind nicht einheitlich geordnet, son- 
dern durch andere Gebete getrennt. 

Grade ihre Auswahl beweist eine ganz persönliche 
Tendenz. Abgesehen von dem heiligen Maximilian ist be- 
sonders der heilige Georg Maximilians Schutzpatron. Unter 
seiner Führung hat er sein ganzes Leben einen Feldzug 
gegen den „türkischen Drach" geplant. Der heilige Andreas 
ist der Patron des Ordens des goldenen Vliesses, welcher 
durch Maximih'ans Heirat mit Maria von Burgund der Habs- 
burgische Hausorden wurde. Den. Leichnam des Apostels 
Mathias^ sollte nach der Legende die Stadt Trier bergen, 
wo damals 1512 der heilige Rock gefunden und als Zeichen 
göttlicher Huld für Maximilian gedeutet wurde. Auch <lie 
heilige Barbara, welche derzeit als Schutzpatronin der 
Artillerie anfing zu gelten, bekommt dadurch eine besondere 
Beziehung zu dem Kaiser, da ihm gerade dieser Zweig des 
Kriegswesens besonders am Herzen lag. DerheiligeSebastian, 
wie die heilige Apollonia, als Beschützer vor dem morbus 
gallicus und Zahnschmerz haben zwar nicht" einen besonderen 
Grund zu ihrer Aufnahme. Sie beschirmen aber gegen die 
Hauptübel, unter welchen die Menschheit damals litt, sodass 
sie in keinem Gebetbuch fehlen. Auffallen muss es da- 
gegen, dass der heilige Leopold, welcher zur Jugendzeit 
Maximilians heilig gesprochen wurde, nicht vorhanden ist, 
während ihn jener jüngst Springinklee zugeschriebene Holz- 
schnitt mit dem von seinen Nothelfern umgebenen Maximilian 
vor Gottvater richtig aufweist.^ Möglich, dass sowohl er 
wie noch einige andere der österreichischen Heiligen auf 
den fehlenden Blättern des Gebetbuchs geplant waren. 

1. Vgl. Schedels Weltchronik, deutsche Ausgabe 1493, 
S. CVII. 

2. Vgl. Bartsch Appendix No. 32; darüber: Wilhelm Schmidt. 
Repertorium f. K. XVII, S. 39. 



/., 



— 41 — 

Dass dieses nicht textlich vollständig ist, Hess sich bereits 
aus den oben angeführten Lücken folgern. Auch die 
Anomalie erklärt sich vielleicht dadurch, dass nur ein Aus- 
zug aus dem Evangelium Johannes, nicht auch aus den 
übrigen aufgenommen ist. 

Auf eine besondere Absicht deutet ferner der Text der 
einzelnen Teile selbst. Bei den Officien kann jedoch von 
einer Textrcdaction durch den Kaiser nicht die Rede sein. 
Wie bereits oben betont, ist deren Structur fest und der 
Willkür eines Laien entzogen. Dagegen lässt sich eine 
persönliche Thätigkeit des Kaisers bei der Abfassung der 
übrigen Gebete mit seinen sonstigen literarischen Neigungen 
und seinem hervorstechenden Oharakterzuge einer Selbst- 
bethätigung auf allen Gebieten wohl vereinen. Doch kann 
nur eine eingehende Vergleichung der einzelnen Gebete mit 
bereits früher erschienenen G-ebetbüchern sichere Aufklärung 
schaffen. Heller irrt, wenn er das erste Gebet als ein Product 
Maximilians auffasst. Dieses geht, wie oben bemerkt, 
auf Augustinus zurück. Auch die oratio ad beatis- 
simam dei genitricem virginem Mariam findet sich zahl- 
reich in den verschiedensten livres d'heures und hoftuli 
animae als ein von einem Papste Innocenz mit Ablass reich 
bedachtes Gebet vor. Sogar in dem Gebete, aus welchem 
Heller die obige Stelle: rex 'regum etc. anführte, lassen 
sich Bestandteile verschiedener bekannter Gebete ver- 
folgen.^ 

Das sinnfällige Gepräge des Kaisers, als ihres Verfassers 
tragen zumeist die Ueberschriften der einzelnen Gebete. 
Heller hob bereits ihr eigentümliches Latein hervor. Aller- 
dings schreibt der Kaiser ein „Reuterlatein", doch ähnliche 
Schnitzer weist das verdorbene Latein der damaligen Gebet- 
bücher oft auf. Wichtiger als ihr Stil ist der eigentümliche 



1. Vgl. Simon Vostre: Livres d'heures ä l'usage de Rome. 
Paris gedruckt bei Philippe Pigouchet zwischen 15Q2 — 15^0, 



<&ifki. 



'■\i~f^f:" ' 



— 42 — 

Gcdankenzusamraenhang, in dem die einzelnen Uebersqhriften 
ZQ einander stehen. Dieser weist auf das kriegerisch reich 
bewegte Leben des Kaisers, seinen stetigen Kampfj gegen 
mächtige Gewalthaber und sein Bedürfnis der Bitte um 
Beistand in oft ungleichem Streite. Die Bezeichnungen 
contra potentes; quando bellum adeuudum est; quomodo lu- ,; 
dei pcrterriti ceciderunt in terram treffen genau diese 
Stimmung des Kaisers und fussen wohl auf ureigenem Ent- 
schlüsse. Bei diesem Ursprünge werden sie durch den Um- 
stand noch interessanter, als bei ihnen jede Gewährung eines 
Ablasses fehlt, wie er sonst in den meisten Gebetbüchern 
für das Beten eines bestimmten Gebetes besonders vermerkt 
zu werden pflegt. SoIIto sich damit eine besondere Stellung- 
nahme des Kaisers zu der Ablassfrage kund thun? 

Aus diesem kurzen Hinweise schon erhellt, wie viel- 
fältig sich eine genauere Kenntnis des Textes zur Erforschung 
der kaiserlichen Persönlichkeiten verwerten lässt. Wenn 
nun der Kaiser dazuschritt, sein so persönlich gehaltenes, 
entschieden auf dasLeben eines Kriegsmannes zugeschnittenes, 
tägliches Gebetbuch in Prachtlettern drucken zu lassen, 
sollte man einen besonderen Zweck wohl vermuten. Weit 
davon Heller! Er sieht in dem Drucke noch immer ledig- 
lich eine Probe für den Theuerdank. Es ist seltsam, wie 
langsam sich die Forschung von diesem Zusammenhange 
losmachte. Aber Heller lässt keinen Zweifel an solchen 
gekünstelten Gedankengang. Aus dem Grunde sollte 
Maximilian gerade sein tägliches Gebetbuch als Probetext 
gewählt haben, weil „ihm dieses als ein christliches Buch>4, 
einen besonders guten Ausfall versprach".^ In dieser Auf-,V 
fassung wurde Heller durch die grosse Seltenheit des Joschi- 
schen Exemplars bestärkt. Gerade diese erklärt sich für- 
ihn dadurch, weil „man die neue Schrift nicht eher wollte^ 
bekannt werden lassen, bis der Theuerdank erschien." Als 



1. Vgl. oben Beiträge S. CXIIIff. 



/ 



— 43 — 



Probe sollte dann ferner auch das Münchener Exemplar 
Dürer öbersandt sein, „er möchte es mit passenden Rand- 
zeichnungeu versehen, damit vielleicht ähnliche, in Holz 
geschnittene bei dem Drucke des Theuerdank angewandt 
würden".^ Diese Annahme erhärtete sich für ihn noch 
durch die Gebräuchlichkeit solcher Randholzschnitte in den 
Pariser livres d'heures. Die Thatsache, dass Dürer nicht 
allein das Gebetbuch ausschmückte, wurde dabei durch eine 
dringende Verwendung seiner Künste für andere Publicationen 
Maximilians, besonders die Ehrenpforte, diese Gesamtdar- 
stellung des kaiserlichen Ruhmes in JBild und Vers, klar 
gelegt. 

So sehr dieser Auffassung vom Zwecke des Gebetbuchs 
noch die Eierschalen der Theuerdankforschung — möchte 
man sagen — ankleben, so lassen sich in ihrer Durchführung 
manche fruchtbare Gedanken nicht verkennen. Vor allem 
verdient hervorgehoben zu werden, dass die Rand Zeichnungen 
als Entwürfe für den Holzschnitt gezeichnet sein sollen. 
Dann lässt sich der Annahme einer plötzlichen Unter- 
brechung der Thätigkeit Dürers eine historische Berechtigung 
im Hinblick auf die Ueberfülle des litterarischen'Programmes 

und die sprunghafte Ungeduld des Kaisers nicht ab- 
sprechen. 

Die Folgezeit hat diese bedeutungsvollen Fingerzeige zu 
wenig gewürdigt. Ihr galt es vor allem, einen selbständigen 
Zweck dem Gebetbuche unterzulegen. Wenn bis dahin die 
Auffassung der Randzeichnungen als eines Probeentwurfes 
für eine andere nicht einmal von Dürer selbst illustrierte 
Publication, wie der Theuerdank es ist, ihre Bestimmung 
unterschätzte, so sollte jetzt eine Ueberschätzung der Be- 
teiligung Dürers eintreten und wieder die Auffassung vom 
Zwecke des Gebetbuchs beeinflussen. 



1. Vgl. oben Dürer S. 55 ff. 



_ 44- . 

Der Weiterbaa der sogenannten Stoegerschen Einleitung 

auf Hellers Grundlage. 



Der offenbare Widerspruch des zwar lückenhaften, aber 
im ganzen doch selbständigen Joschischen Exemplars mit 
seinem angeblichen Zweck entging nicht dem Forscherkreise, 
welcher durch Neuabdrücke der Strixnerischen Steinplatten 
damals dem Gebetbuche von neuem entstand. Dem uner- 
müdlichen Eifer des Bibliographen Stoeger war es zu ver- 
danken gewesen, dass Ende der dreissiger Jahre die lange 
Zeit verschollenen Platten teilweise wieder aufgefunden, 
mittels Hülfe der lithographischen Anstalt von J. B Dresely 
ergänzt und unter dem gleichen Titel, wie die frühere 
Stuntzische Ausgabe, veröffentlicht wurden. Das geschah 
ohne Text des Gebetbuchs. Diesem Mangel half wenigstens 
für die illustrierten Blätter Stögers nächster Abdruck ab, 
welcher unter dem Titel: Albrecht Dürers Randzeichnungen 
aus dem Gebetbuchc des Kaisers Maximilian 1. mit ein- 
gedrucktem Originaltext, bei Franz in München 1850 
erschien. 

Hier hat Stöger seiner bibliographischen Genauigkeit 
ein beredtes Denkmal gesetzt. Bei der Wiedergabe der 
schwarzen und roten Lettern sind selbst die ausgefallenen 
Stellen ihrer Schnörkel wiederholt. Sogar die grossen bunt- 
gemalten Initialen sind getreu auf dem Steine nachgebildet 
worden, obwohl sie die ursprünglichen Buchstaben verdecken. 
Offenbar war dieses übersehen worden. Ihre unorganische 
Einfügung in den Text hätte schon dahin führen sollen. 
Aber leider beweist auch sonst Stöger mehr die Akribie des 
Bibliographen, als künstlerisches Verständnis. Denn die röt- 
lichen Text- und Umfassungslinien hat er weggelassen und 
durch eine Umrahmungslinie des Textes in der Farbe der 
Zeichnung einsichtlos genug ersetzt. Trotzdem kommen 



^^'^^W?' T?^^^^ 



— 45 — 

diese Reproductionen bis auf den heutigen Tag dem Gesamt- 
eindruck der Blätter noch am nächsten. Wegen des einzig 

in ihnen gegebenen Originaltextes müssen sie jeder auf diesen 

rücksichtigen den Arbeit zu Grunde gelegt werden, obwohl 
bessere phototypische Nachbildungen seitdem erschienen. 
Wie aber der Sinn des Bilderschmuckes sich nur in dem 
Zusammenhang mit dem Wort, so lässt sich auch der Wert 
der künstlerischen Leistung nur in ihrer farbigen Vielgestalt 
erkennen. Das jRosa der Linien gehört zu dem Schwarz 
und Eot des Druckes genau ebenso, wie dieses zusammen 
zu dem jeweiligen Rosa, Violett oder Grün der Randzeichnung. 
Gerade diese einheitliche Anwendung einer Farbe zum 
Randschmucke eines Druckes erscheint als neuernde That 
Dürers, doppelt wichtig in einer Zeit, wo der farbige Holz- 
schnitt entstand. - 

Lässt allerdings die Stöger'sche Ausgabe die im Original 
schmucklos gebliebenen Druckseiten gerade bei der neu- 
gewonnenen historischen Stellung des Gebetbuchs doppelt 
vermissen, so bietet ihre bereits 1845 mit Stögers Namen 
unterzeichnete Einleitung durch die gründlichere Beschreibung 
des Münchener Druckes einen gewissen Ersatz. Zum ersten 
Male wird der Versuch gemacht, die Reihenfolge der Ent- 
stehung seiner äusseren Gestalt zu schildern. Im allgemeinen 
richtig wird dabei beobachtet, dass der Druck der Lettern 
nach dem Federzuge der rötlichen, von der Druckerschwärze 
oft gedeckten Linien, aber vor dem Entwürfe derZeichnungen 
erfolgte. Auch die am Anfang mit ihrem Inhalt wieder- 
gegebenen kunstvoll verschnörkelten Titelaufschriften vor den 
Dürer- und Gran achblättern werden als Zugaben einer 
späteren Zeit unbestritten aufgefasst. 

Jedoch bleiben Zweifel, inwieweit leere Seiten vor diesen 
Titeln und nach dem Texte zum ursprünglichen, durch die 
Druckblätter dargestellten Corpus etwa noch gehören 
könnten. Bisher der Uebersichtlichkeit wegen unerwähnt 
geblieben, befinden sich thatsächlich vor dem Dürer: bezw. 



— 46— m 

Cranachtitel vier bezw. drei leere Blätter, von denen je das -. 
letzte mit dem entsprechenden Titelblatte je einen Bogen ..^ 
bildet. Da dem letzten bedruckten Blatte der Cranachlage 
noch drei leere Blätter angeheftet sind, beträgt also die 
Gesamtzähl der frei beweglichen Blätter 74, wovon die 62 
bedruckten bereits oben besprochen sind. Auf Grund der 
Beobachtungen der beiden Bernhart hätte schärfer betont 
werden müssen, dass diese zwölf Blätter nichts mit jenen 
zwölf ZU thun haben, deren Einbusse die untere Seiten- 
zählung nachweist. Sie sind offenbar mit den Titelaufschriften 
eingeheftet worden. Ursprünglich .scheinen es sogar mehr 
gewesen zu sein, da sich Spuren einer mit dem ersten Blatte 
zusammenhängenden Bogenhälfte unter dem Deckel des Ein- 
bandes verfolgen lassen. Auf solche unscheinbaren Merk- 
male legt die Einleitung nicht genügenden Wert. Grade 
durch sie lässt sich aber das Dunkel über das Schicksal des 
Gebetbuchs, seinen Zweck, seine kulturhistorische Stellung ' 
etwas mehr lüften. 

Allein auf Grund des Zustandes des Münchener Exem- 
plars wäre seine Entwickelungsgeschichte in folgender Weise 
festzustellen gewesen: 

Auf den Pergamentblättern wurden zunächst die röt- ■ 
liehen Linien des Textes mit einer mehr oder minder die 
Farbe ausdrückenden Feder gezogen. In ihr inneres Geviert 
erfolgte darauf der Druck der schwarzen, sodann der roten . 
Buchstaben, welche die Schnörkel der ersteren sehr oft über- v 
decken. Doch muss der Zug der rötlichen Linien innerhalb ,. 
der Textreihe erst unmittelbar vor dem Druck erfolgt sein, t 
da sie auf den unbedruckten Blättern des Joschischen Exem- 
plars zwischen den vorhandenen ümfassungslinien fehlen. 
Diese Beobachtung ist interessant wegen der engen An — -^ 
lehnung des damaligen Druckverfahrens an das Vorbild 
der Manuscripte. 

Während des Druckes der grossen Initialen wurde 
bereits das Münchener Exemplar an die Maler Cranach und 



- 47 - 

Dürer verteilt. Dies geschah in ungebundenem Zustande. 
Denn es lässt sich bei den Dürerzeichnungen auf den eine 
Mittellage bildenden Blättern 47 r und 48 v genau beobachten, 
wie Striche des letzteren Blattes auf das andere übergehen. 
Dürer muss also diese Bogenseite ungeheftet vor sich gehabt 
haben. Damit stimmt auch die Anwendung der gleichen 

violetten Farbe für beide Randzeichnungen. In dieser Weise 
scheint er auch bei anderen Blättern verfahren zu haben, 
welche als Seite eines Bogens betrachtet stets einheitlich 
grün, rot oder violett gehalten sind. Mehr oder weniger 
nach dem Sinne des Textes bildet dann die Gesamtbehandlung 
der Seiten eine einheitliche Composition, am auffallendsten 
bei derVerkündigungsscene, welche die Innenseite einer Mittel- 
lage ausfüllt. Dadurch, dass das Buch im losen Zustande 
an den Maler kam, ergab sich wieder die Notwendigkeit einer 
Foliierung, schon um zu wissen, welche Blätter bei etwaigem 
Verlust nachgeschickt werden sollten. Dieses bestätigt die 
oben angenommene Entstehung der unteren Zahlenreste in 
dieser Zeit. 

Nach Fertigstellung der Zeichnungen wurden später die 
grossen Initialen in sorgsamer Rücksicht auf die teils in ihren 
Raum reichenden Federzüge des Malers hineingemalt. So oft ein 
Buchstabe vorhanden war, wird seine Form unmittelbar ver- 
wertet, oder auch ihr Stil nachgeahmt, selbständigabereineBand- 
verschlingung als Motiv der Buchstabenform benutzt. Es 
kann da zweifelhaft werden, ob sie gleichzeitig mit den 
Titelaufschriften oder bereits früher entstanden sind. 

Die Titel selbst stammen höchst wahrscheinlich aus der 
Zeit des Einbandes, welcher nach dem auf der Innenseite des 
Vorderdeckels befindlichen kur-bayrischen Wappen nach der 
Erwerbung der Kurwürde durch Herzog Maximilian, also 
nach dem Jahre 1623 beendigt sein muss. Auf die Ent- 
stehung dieser Titelinschriften in einer weit späteren Zeit 
als nach Fertigstellung der Zeichnungen deutet auch der 
rein äusserliche Umstand, dass ihr Pergament, wie dasjenige 



fk 
'H 



— 48 — 

der mit ihnen eingehefteten Blätter untereinander von gleicher 
Qualität, aber im Vergleich mit dem der Druckblätter ent- 
schieden gröber ist. Dazu kommt, dass diese Blätter, an 
Stelle der verlorenen beiden Blätter der ersten Lage be- 
findlich, erst nach deren Verlust eingeheftet sein können. 
Dieser ist durch eine gewaltsame Trennung hervorgerufen, 
wie ihre anderen zusammengeklebten Bogenhälften beweisen. 
Möglicherweise geschah dieses sowohl wegen eines bereits 
vorhandenen defecten Zustandes, als auch einer durch die 
roten Umfassungslinien hervorgerufenen Ungeeignetheit zur 
Aufschrift des Titels. Für eine -Beschädigung spricht die 
Thatsache, dass die ersten drei Textblätter im Münchener 
Exemplar in der Breite ihrer Ränder nicht mit den anderen 
Druckseiten übereinstimmen, sondern um mehr als einen 
Centimeter tiefer eingeheftet sind. Ihr oben näher dar- 
gelegter Textmangel lässt auch den Hinzutritt des anderen 
Grundes vermuten. 

Diese Titel sind also sicher zu einer Zeit verfasst, 
welche den inzwischen vernachlässigten Randzeichnungen 
wieder Ehre antiiat, aber selbst ihrem Zweck ganz ferne 
stand. Die Ueberscliriften selbst legen daher nur Ge- 
wicht auf die Künstlerpersönlichkeiten, welche sie mit 
den Beiwörtern „weit berühmbt" bezw. „berühmt" genug 
abwiegen. Dieses alles macht es im hohen Maasse wahr- 
scheinlich, dass ein bayrischer Mäcen später nach ihrer Er- 
werbung diese Titel den Zeichnungen bei Gelegenheit ihres 
Einbandes zugleich hat heften lassen. - 

Entstanden damals auch die Initialen? Ihre Form- 
gebung, soweit sie nicht durch die verdeckte Letter beein- 
flusst, stimmt mit ihrem Gefältel wenig zum Stil der Pracht- 
buchstaben der üeberschriften. Auffallend ist auch, dass 
diese letzteren nur in Schwarz und Gold, bezw. Schwarz 
allein gehalten, dagegen die Initialen buntfarbig sind. Wahr- 
scheinlich werden sie daher, bevor das Buch in bayrischen 
Besitz gelangte, gemalt worden sein. Dies Vorhandensein 



■C.-.-'S'iiä. 



rm- 



— 49 — 

grosser Lettern unter ihnen lässt als terminus a quo den Tod 
Maximilians vermuten, welcher den weiteren Druck der 
fehlenden Initialen endgültig verhindert haben wird. Ihre 
mehr prächtige, als verständnisvolle Form schliesst weiter 
ihre Entstehung unter dem Einfluss Dürers aus und deutet 
überhaupt in der Art ihrer Farbengebung auf späteren Ge- 
schmack. Lässt sich so auf Grund des Buchbefundes eine 
bestimmte Datierung nicht gewinnen, so beweisen doch diese 
Initialen, dass das Gebetbuch seit dem Tode Maximilians 
und vor seiner Zerstückelung eine weitere Glanzzeit gesehen 
und einen sorgsam schmückenden Verehrer gefunden hatte. 
Es fragte sich für die damalige Forschung bereits, ob 
der frühere Besitzer auch nur die Dürer- und Cranach- 
Fragmente oder das ganze Gebetbuch mit Zeichnungen aus- 
geschmückt besass. Aus jenen vereinzelten, von Dürer 
gleichsam präludierend hingeworfenen Schnörkeln schloss 
Stoeger, dass Dürer nie mehr als die vorhandenen Zeich- 
nungen vollendet hat. Er hat bisher Recht behalten. Auf 
Grund des damals verfügbaren Materials hätte jedoch dieser 
Scbluss nur als Möglichkeit gezogen werden sollen. Die 
von ihm allerdings nicht klar genug bestimmte Thatsache 
einer Lücke zwischen dem Dürer- und Cranach-Teil hätte 
an sich den Verlust weiterer Dürer-Zeichnungen ganz gut als 
möglich erscheinen lassen. Sicherheit könnten hier erst spätere 
Funde schaffen. Nur in Zusammenhang mit solchen werden 
auch die Spuren einer Rasur anscheinend von Seitenzahlen 
auf den Vorderseiten der Textblätter im Münchenec Exem- 
plar sich erklären lassen; erst dann kann es gelingen, den 
Zeitpunkt der Anbringung der Dürer- und Cranach-Mono- 
gramme sicherer zu bestimmen. Denn auch diese sind, wie 
später richtig beobachtet, von der Hand des Künstlers nicht 
beigefügt. Die Einleitung schöpfte noch nicht Verdacht, 
üeberhaupt ist sie noch weit entfernt von einer zielbewussten 
Durchforschung der äusseren Gestalt, Ihr Verdienst ist darin 
ein erster Versuch. 



v:j^v«^-y^ 



Mä^. 






i^iaJSM&St 



-50- 

Soweit sich ihr Inhalt auf diesem bibliographischen Ge- 
biete bewegt, spricht die ganze Persönlichkeit Stoegers, als 
Bibliographen und liebevollen Herausgebers des Neudrucks, 
für seine Autorschaft an der Einleitung. Nach jeder anderen 
Seite hin erscheint sein geistiges Eigentum trotz der Unter- 
schrift seines Namens bedenklich. Denn kurz nach dem 
Erscheinen der Ausgabe beanspi-uchte Rudolf Marggraff die 
Einleitung überhaupt als eigenes Erzeugnis.^ Wohl nicht 
ohne Grund! Denn wie ein Vergleich der Einleitung mit 
der Marggraffschcn Kritik der vorher bei Dresely gedruckten 
Ausgabe Stoegers ergiebt, sind ganze Sätze geschichtlichen 
und ästhetischen Inhalts daraus in die Einleitung über- 
nommen. Auch der für den inzwischen verstorbenen Stoeger 
sprechende Verleger scheint davon auf Grund einiger Notizen 
von Marggraffs Haad überzeugt. Da die Einleitung bis in 
die jüngste Zeit als eigenes Werk Stoegers abgedruckt und 
erwähnt ist, so geschah seither Marggraff Unrecht. Ihm 
wird vielmehr der Fortschritt der Einleitung auf historischem 
Gebiete zuzuweisen sein. \ 

Die sogenannte Stoegersche Einleitung macht nier 
einen genug vorbereiteten, aber darum nicht weniger be^ 
deutenden Schritt weiter: Das Gebetbuch ist ein Pracht- 
werk für sich! Erst gelegentlich seines Druckes kam 
Kaiser Maximilian auf den Gedanken, den Theuerdank 1517 
in zwar ähnlicher, aber dem Zweck nach geeigneter, kleinerer 
Schrift drucken zu lassen! 

In der That ist dies von vornherein wahrscheinlicher. 
Man denke, der Druck von 313 Seiten Jediglich zum Zwecke 
einer Probe für den Theuerdank. Man mag diesem ganz mit 
dem Kaiser sich verkörpernden Romane seiner Brautwerbung 
um die stets unvergessen gebliebene Maria von [Burgund 
eine noch so hohe Stelle in dem Seelenleben des Kaisers 



1, Vgl. Müuchener Jahrbücher für bildende Kunst, heraus- 
gegeben von Rudolf Marggraff, I. Jahrgang III. Heft, Leipzig 
1840 S. 333 ff. 



> / 



— 51 — 

einräumen, ein derartiger Probedruck eines ganz anderen 
Textes in verschiedener Letter erscheint wenig glaubhaft. 
Es gehörte die oft hervorgehobene, psychologisch interessante 
Befangenheit in einer bestimmten Idee dazu, dieses zu ver- 
muten, obwohl es bereits gelungen war, eine persönliche 
Beteiligung des Kaisers an der Abfassung des Textes glaub- 
haft zu machen. Für die Einleitung ist dieses grade ein 
Beweis mehr für ihre Auffassung vom Gebetbuch als einem 
Prachtwerk für sich. Doch vermag sie die Autorschaft des 
Kaisers nicht anders, als mit einem Hinweise auf seine 
literarische Vorliebe und Arbeitsweise zu vertiefen. Der 
Wert ihrer Arbeit in dieser Hinsicht bemisst sich selbst 
nach den zaghaften Ausdrücken, dass der „Kaiser die Ge- 
bete und Psalmen wahrscheinlich selbst ausgewählt, geordnet, 
wahrscheinlich teilweise, vielleicht auch selbst bearbeitet 
habe." ^ 

Wohl durch diesen ersten Schritt verführt, macht die 
Einleitung dann einen weniger glücklichen Sprung weiter: 
Das Prachtwerk sollte nur dem Kaiser allein als Gebet- 
buch dienen ! Für diesen höchstpersönlichen Zweck schmückte 
ein Dürer und ein Cranach seinen Inhalt! 

Hier klingt offenbar die oben angedeutete üeberschätzung 
der Wichtigkeit von dem Mitwirken dieser beiden Künstler 
durch. Wie stimmt mit solcher Auffassung die Thatsache, 
x^ass um diese Zeit alle höchstpersönlichen Gebetbücher von 
*ürsten besonders kostbar geschrieben, oft sogar auf einem 
zu Grunde gelegten Druck copiert wurden,^ während hier 
ein Gei^etbuch in mehrfachem Exemplare vorliegt? 

*; 1. Vgl. Eä. Chmelarz: ein Verwandter des breviarium Grim- 
mani in der k. k. Hofbibliothek in Wien. Jahrbuch der kunst- 
historischen Sammlungen d. A. H. Kaiserhauses ßd. IX 1889. 
Dieses Brevier ist — wahrscheinlich für Margarethe von Oester- 
reicli, die Tochter Maximilians — nach dem bei Martin Flach 
1510 erschienenen hortulus animae sogar einschliesslich des 
Kolophon abgeschrieben und reich m\J Vollbildern ausgeschmückt. 

4* 



L^^MtMi'i^^ä^iAJi.Se.Mhiäti^^^^^: 



— 52 — 

Bei einem solchen Plane entsteht die weitere Frage^ 
ob die Eandzeichnungen doch nicht Entwürfe für den Holz- 
schnitt gewesen sein können. Nur nicht mehr Vorlagen für 
andere ähnliche beim Theuerdank, sondern für Holzstöcke 
zum Abdruck auf weiteren Gebetbuchexemplaren! Der 
ihnen innewohnende Vervielfältigungszweck wurde in dieser 
Eichtung bereits betont. 

Die sogenannte Stoegersche Einleitung geht einer 
näheren Erörterung dieser Fragen aus dem Wege und be- 
ruhigt sich einfach mit der Bestimmung des Buches für 
den intimen Gebrauch. Fast ohn« Zweifel wiederholt die 
spätere Forschung diese Auffassung. Es ist dies umso- 
mehr zu bedauern, da diesö Alternative der Bestimmung 
des Gebetbuchs, ob für den Kaiser allein oder weitere 
Kreise, der ganzen Gebetbuchforschung den weiteren 
Horizont giebt. Eine gründliche Untersuchung kann hier 
einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis der Auffassung des 
Kaisers von der Kunst, ob Selbstzweck oder nur Mittel für 
andere Ziele, und in solchem Falle auch seiner politischen 
Arbeitsmethode liefern. 



C. 

Rückschritte der Forschung trotz der Veröffentlichungen 
Herbergers und Brnnets. 



Während in München die historische Bedeutung des 
Gebetbuches sich endlich auf Grund des Buchbefundes Bahn 
brach, stellte Theodor Herberger aus dem reichen Schatze 
der Augsburger Archive die Beweisstücke in seinem Auf- 



/ 



— 53 — 

Satz über „Conrad Peutinger in seinem Verhältnis zum 
Kaiser Maximilian 1." zusammen. Seine Arbeit muss un- 
mittelbar vor dem Erscheinen der sogenannten Stoegerschen 
Einleitung beendigt worden sein.^ Denn in klarer Weise 
findet sich bei ihm kein Hinweis auf das nahe Münchener 
Gebetbuch, dessen Bedeutung damals Hellers Schrift wohl 
nur der Dürergemeinde enthüllte. 

Vor allem ist der Abdruck eines Briefes des ebenso ge- 
schäftsgewandten, wie gelehrten Rates Peutinger in Augs- 
burg an seinen kaiserlichen Herrn vom 5. Oktober 1513 für 
die Entstehungsgeschichte des Gebetbuches beweiskräftig. 
Danach hatte der Kaiser am 26. August 1513, also elf 
Tage nach der sogenannten Sporenschlacht bei Terouanne, 
jenem glänzenden für Heinrich VHI. erfochtenen Siege über 
die stolzen Gensdarmen Ludwig XII., noch aus derselben 
Stadt Peutinger befohlen, ihm „zehen bctbuechlin zuzu- 
schicken, mit beger, dieselben buechlin auf das fürderlichste 
zuzuschicken." Peutinger scheint vorher mit der Sache 
nicht befasst gewesen zu sein, vielmehr der Kaiser selbst 
gelegentlich seines Aufenthalts in Augsburg und Umgebung 
vom März bis Juni desselben Jahres^ den Druck der Bücher 
bei Schoensperger betrieben zu haben. Denn in dem obigen 
Briefe antwortet Peutinger dem Kaiser mit den Worten: 
„wiwoll mir derhalben nit sonder verschrieben bevelch von 
eur maj. zukamen, so ich doch solch buechlin, das die ge- 
truckt werden sollen, von dem Schoensperger vernommen." 
Einem Drängen des Kaisers entsprechend wird dann be- 
richtet, dass der Kaiserliche Banquier Paumgartner „20 



1. Vergl. Combinierter Jahresbericht des historischen Kreis- 
vereines im ßegierungsbezirk Schwaben und Neuburg iür 1849 
und 1850, S. 31 ff. Augsburg 1851 vordatiert, kann der Inhalt 
dieses Berichts wohl abgefasst sein, bevor die Strixnerscheu 
Tafeln wieder erschienen. 

2. Vgl. Stalin: Itinerar Maximilians in Forschungen zur 
deutschen Geschichte, München 1862, I. Bd. S« 375. 



.'S» 



— 54 — 

guldin umb pirment und ander notturft dargestreckt", d er -^ 
Drucker „bisher allen fleis ankert," jedoch „mangel an den > 
pressen" hat, sodass der Druck „in sechs Wochen kamen 
ge fertiget werden mag." Schliesslich wird noch ein Muster 
„auf pirment" mit beigefügt und als Pressiermittel für den 
Drucker um einen noch dringenderen Befehl sowohl an 
Peutinger wie an Paumgärtner gebeten. Soweit dieser Brief 
vom Gebetbuch! In dem anderen Teile wird von dem „ab- 
reisen und formschneiden" der Bilder zum Theuerdank, 
welcher damals besonders dem Kaiser mit am Herzen lag, 
gehandelt.^ Daraus sei als Beispiel für die Beurteilung 
des Zweckes der Randleisten im Gebetbuch die Stelle hier 
schon hervorgehoben, wonach Peutinger dem Kaiser zu- 
schickt „desgleichen figuren, so abgerissen sie seien und 
noch geschnitten werden sollen, damit eur maj. abnemen 
mögen, den mangel, ob der dorin erscheint, zu erstatten." 

Dieser Brief befindet sich noch jetzt im Augsburger 
Stadtarchiv und ist erst kürzlich neu veröffentlicht worden. ^ 
Dagegen war bei dieser Gelegenheit nicht ein zerrissener 
Papierstreifen wiederzufinden, welcher über die weiteren 
Schicksale des Buches in ihrer Beziehung zu Peutinger und 
Dürer Auskunft gab. Nach Herberger soll dieser ein Teil 
„eines in Folio geschriebenen Briefkonceptes von Peutingers 
unverkennbarer Hand, senkrecht durchschnitten nur unten 
parallel abgerissen, gewesen sein." Darauf hätten sich 
„zwölf halbierte Zeilen" des Inhalts 



1. Vgl. Laschitzer: Der Theuerdank. Jahrbuch der Samm« 
lungen d. A. H. Kaiserhauses VIII. 

2. Vgl. Buff: Rechnungsauszüge, Urkunden und Urkunden- 
regesten aus dem Augsburger Stadtarchiv. Jahrbuch der Samm- 
lungen d. A. H. Kaiserhauses XIII. Dort ist in der An- 
merkung das obige Fragment abgedruckt. Die Druckfehler 
darin sind oben verbessert. Für den ersten Brief ist oben das 
Hegest 8597 benutzt. 



/ 



■:„.^^r, " - ,.' .f^jÄ-yn-'i — ?- 



- 55 — 

„guter fruudt,^ ich schick Euch 
ey trittern. An dem Ersten 
soll unden ain Bedeytung 
altigkeit artlicher weise ge 
zu anfangk desselben gebets 
römisch art, der mein herr 
mein guter frundt Dyrer gut" 

sodann ein leerer Zwischenraum und „wahrscheinlich als 
Nachschrift" folgende Satzreste befunden: 

„29 plat, der andern, 
, zu dem gepedt sant i 

obgemelter art, und 
ain sandt Jörgen in vollem 
Curisser mit dem trachen/' 

Bei dem Verlust des Originals ist es ein misslich Ding 
auf diese Notizen Schlüsse zu gründen. Die Frage, warum 
nur so wenig Worte obendrein mit Zwischenraum auf einen 
Foliobogen kamen, wird bis zur Wiederaufflndung des 
Zettels, die Möglichkeit eines Verlustes von mehr als der 
Hälfte durch die senkrechte Durchschneidung bis zum Auf- 
tauchen dieses Teils offen bleiben. Jedoch lassen sich auf 
Grund des kümmerlichen Bruchstückes selbst einige Ver- 
mutungen Herbergers unter Heranziehung der bisher be- 
sprochenen Gebetbuchdrucke entkräften. 

Herberger nimmt an, dass der Brief Dürer vorschrieb, 
auf dem Titelblatt die heilige Dreifaltigkeit, im Buche selbst 
den heiligen Georg abzubilden, und neigt dazu die Worte 
„römisch Art" auf ein römisches Wissen Dürers zu beziehen. 

Die obigen Beschreibungen der Gebetbuchdrucke er- 
geben aber mit einer abweichenden Lösung auch zugleich 
den Beweis ihres Zusammenhanges mit diesem Concepte. 

Zweifelsohne deutet das Wort „trittern" d. h. triternio 
eine Lage zu drei Bogen, auf diese äussere Zusammen- 
setzung des Gebetbuchs, Danach hat das Bruchstück „ey" 






— 56 — ■•^^:i^ 

offenbar eine Zahl gebildet. Da^ „trittern" ein Maskulinum, V 
so kann es nur eine „trey" gewesen sein, weil zwei damals 
für das männliche Geschlecht in zween abgewandelt wurde. 
Dementsprechend sind die Worte „an dem Ersten" nicht 
auf das Titelblatt, sondern den ersten zugeschickten 
„trittern" zu deuten. Von den beiden andern scheint später 
unten mit den Worten „den andern" die Eede zu sein, 
wodurch sich ihr Satz-Fragment kaum als Nachschrift wird v 
auffassen lassen. Ebenso sicher ist mit dem Ausdruck 
^^römisch Art'' das Marienofficium ad usum Eomanum im 
Gebetbuchtexte gemeint. Vermutlich wird eines seiner Ge- 
bete in dem fehlenden Teile näher bezeichnet gewesen sein. 
Auch für die „29 plaf' giebt der Befund des Münchener 
Exemplars eine Deutungsmöglichkeit. Das Wort „plat" hat, 
nach Analogie von „trittern" als Dreiblatt, hier offenbar 
nicht den heutigen Sinn als Teil eines ßogens, sondern be- 
deutet einen Bogen als Ganzes. Thatsächlich bestanden ja 
auch die Lagen des Gebetbuchs in seinem ungehefteten 
Zustande ursprünglich aus losen Bogenblättern. Es fragt 
sich nur, was diese 29 Bogen im Gegensatz zu dem zu , 
verschickenden ^^ trittern '^ bedeuten. Auf den ersten Blick 
scheinen sie den Dürer-^eil im Münchener Gebetbuch an- 
zudeuten, welcher vor Zerstörung der beiden ersten Bogen- 
hälften 29 Bogen zählte. Aber es finden sich manche Be- 
denken. Warum wurden zwei Bogen weggelassen, da nach 
der alten Poliierung der Dürer-Teil 31 Bogen zählen würde ? 
Hier kann die obige Vermutung des unbedruckten Zustandes 
der Mittelbogen in der vierten Lage aushelfen. Wie^ommt ; 
es aber dann, dass die erste Lage mitgeschickt ^«rde? 
Zur Aufnahme des Kalenders bestimmt sollten^ihre 
Blätter doch dem Drucker zur Verfügung stehen. Die Er-— 
klärung ist hier schwieriger und nur dadurch möglich, dass 
sich dieses ganze Brieffragment bereits auf eine zweite Ver- , 
Sendung von Lagen an einen Maler bezieht, nachdem zuerst 
Dürer damit betraut gewesen. Als Muster für die Gleich- 



// 



— 57 — 

artigkeit der Ausschmückung können seine Zeichnungen 
beigefügt und die erste Lage in analoger Weise ihnen an- 
geschlossen worden sein, wie sie sich in den Dürer-Teil des 
Münchener Exemplars trotz ihrer Schmucklosigkeit einge- 
schlichen hat. 

Aus dem Gebiete der Möghchkeiten hat diese Annahme 
einer mehrmaligen Versendung der Lagen am meisten in 
dem Satzfragment selbst eine gewisse Stütze. So ver- 
stümmelt es ist, lässt sich der Wortlaut ;,mein guter frundt 
Dyrer*^ nicht auf ein Schreiben Peutingers an Dürer deuten. 
In dieser Form wurde damals ebensowenig, wie jetzt im 
ßriefstiel der Empfänger angeredet. So spricht der Brief- 
steller einem Andern gegenüber von einer dritten Person. 
Daraus ergiebt sich, dass Pcutinger einem andern Maler, 
als Dürer diese drei „trittern^^ schickte. Das ;,soll unden^' 
drückt daher eine Anweisung an diesen Künstler aus. Bei 
der Zerstörung des Cpnceptes kann es zweifelhaft sein, ob 
die Worte ;,faltigkeit", „sandt Jörgen in vollem" und .,Kürisser 
mit dem trachen" sich auf neu zu entwerfende oder bereits 
fertig gestellte Randzeichnungen beziehen. Für letzteres 
spricht, dass nur im Dürer-Teile sich Gebete an die Drei- 
einigkeit oder den heiligen Georg befinden. Da der Brief 
an einen Anderen als Dürer gerichtet ist, so wird auf diese 
Zeichnungen als bereits bestehende Bezug genommen sein. 
Dies bedingt wieder die Annahme einer zweiten Versendung 
der Lagen an die Maler. Damit würde dann wieder die 
obige Deutung der „29 plaf' eine Bestätigung finden. Als 
Vorlage scheinen sie danach gedient zu haben, zu welcher 
bereits der Kaiser selbst Stellung genommen hatte. Denn 
so könnte man wohl die Worte: „der mein herr . . . mein 
guter freundt Dyrer gut'' auslegen. Schliesslich spricht 
gegen Dürers Adresse volleuds die Thatsache, dass der 
Dürer-Teil im Münchener-Exemplar mehr als drei Lagen 
umfasst, während Peutinger nur drei ;;trittern'' übersendet. 
Auch Cranach scheint mit seinem einzigen „trittern'' nicht 



ik.*s§K*-i:^'sJ^'ÄÄi£li"»A..tW.J>Äi».S"t-'?;:-SiBS 



— 58 — 

in Frage zu komraeo, wenn man nicht willkürlich einen 
weiteren Verlust annehmen will. Der Brief wird also an 
einen von Dürer und Cranach verschiedenen Künstler ge- 
richtet gewesen sein. • ^ 

Auf diese reiche Fundgrube für dio Gebetbuchforschung 
machte zueist ein Franzose aufmerksam, wie überhaupt 
Frankreich seitdem die wichtigsten Entdeckungen zu danken 
sind, ßrunet in seinem Manuel du Libraire^ benutzte den 
Aufsatz Herbergers zum weiteren Beweise der Autorschaft 
des Kaisers Maximilian an den ihm bekannt gewordenen 
Gebetbuchdrucken. 

Er zählt jetzt bereits vier auf, ausser dem Münchener 
Fragment und Joschischen Exemplar in Wien ein drittes 
im British Museum und ein viertes im Kabinet des M. 
Ambroise Firmin Didot zu Paris. Also zwei neue Funde! 
Jedoch läuft dabei ein Irrtum durch: das Joschische 
Exemplar war mittlerweile nach London gekommen, dagegen 
das Wiener ein bisher unbekanntes. Von diesen wird das 
Pariser Gebetbuch allein näher beschrieben. Danach Ver- 
erbte es sich in der Augsburger Familie Butsch seit langer 
Zeit von Vater auf Sohn bis zum Verkaufe an Didot. Noch 
in dem ursprünglichen, schwarzen, gepressten Kalbleder- 
bande befindlich, soll es sämtliche rote Initialen in runen- 
artigen Majuskel formen, dagegen das 19. und 20. Blatt 
ebenso, wie die Rückseite des letzten recto bedruckten 
Blattes ohne Druck aufweisen. Leider ist nicht angegeben, 
ob andre leere Blätter dem Texte vorangehen oder folgen. 
Auch sonst fehlt es an einem eingehenderen Vergleiche 
dieses Druckes mit einem der anderen, ümsomehr bleibt 
dieses zu bedauern, als diese kurzen Notizen bald die einzige 
Nachricht für die spätere Forschung bilden sollten. Bei 
dem Verkauf der Didotschen Bibliothek am 26. Mai 1879 
kam das Buch wieder in den Handel, um darauf zu ver- 

1. Brunei. Manuel du Libraire tome II col. 768. Paris 
1861, 



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— 59 — 

schellen.^ So verborgen, sollte nur ein Zufall im Laufe 
dieser Arbeit es zum Vorschein bringen. Dass die auf 
Brunet folgenden Bearbeiter es im Originale nicht studierten, 
gereicht ihnen daher nicht zum Vorwurf, wohl aber die 
unterlassene Ausnützung der noch so kurzen, aber um so 
wichtigeren Brunetschen Beschreibung. Denn durch sie in 
Verbindung mit den Augsburger Regesten ergiebt sich für 
die meisten der bisher angedeuteten Fragen ein gesicherterer 
Boden, für viele sogar der Weg zu ihrer Lösung. 

Wie lässt sich jetzt eine Bestellung von zehn Exemplaren 
mit dem angeblichen Zweck des Kaisers vereinen, nur für 
sich ein solches Prachtexemplar zu besitzen? Bei einer ge- 
ringeren Zahl wäre noch dem Zweifel Raum gelassen, dass 
mehrere Exemplare als Reserve für etwaige Verluste bei 
der Verteilung an die Künstler dienen sollten. Dies ist 
jetzl durch die Grösse der Auflage ausgeschlossen. Wie 
stimmt die durch die leeren Blätter in der vierten Lä^ 
neu bewiesene Unfertigkeit des Druckes zur Zeit der Her- 
anziehung Dürers, wie seine Ersetzung durch andere 
Künstler ausser Cranach mit der dem Kaiser untergelegten 



1. Bulletins du Bibliophile 1879, Paris, Leon Techner 1879 
No. 148. Der Ersteher des Buches ist nicht angegeben. Als 
solcher wurde zunächst Herr Antiquar Cohn in Berlin, darauf 
durch ihn das Antiquariat Ellis & Elvey in London ermittelt. 
Durch liebenswürdige Verwendung des Mr. Campbell [Dodgson 
vom British Museum gelang es, als jetzigen Besitzer Mr. Brooke 
in Armitage Bridge bei Huddersfield (England) ausfindig zu 
macheu. Dieser war so entgegenkommend, das Buch im British 
Museum zum Studium zur Verfügung zu stellen. Die gewonnenen 
Ergebnisse sind nicht mehr in die Arbeit aufgenommen, weil sie 
bezweckt, eine Kritik der bisherigen Forschung nach dem Um- 
fange des ihr erschlossenen Materials und dem Grade ihrer 
darauf gefolgerten Schlüsse zu liefern. Hierfür musste die 
Feststellung der Thatsache der Verschollenheit des Buches ge- 
nügen. 



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— 60 — - 

Absicht, diese Zeichnungen als intime Kunstwerke nur 
allein seiner Erbauung dienen zu lassen. 

Leider sind die Entdeckungen Brunets überhaupt nie- 
mals, diejenigen Herbergers in der vorliegenden Forschungs- 
epoche nicht zu solchen Schlussfolgerungen verwertet worden. 
Daher kein Wunder, wenn die zunächst folgenden Schrift- 
steller dieses Zeitraumes die Kenntnis der Gebetbuch- 
geschichte wenig fördern, ihre vereinzelten neuen Beobach- 
tungen gewöhnlich schief auffassen und oft sogar das müh- 
sam Gewonnene durch vorgefasste Meinungen zerstören. 

Einen seltsamen Eindruck macht es, wenn von Eye' in 
einer eingehenden Besprechung der Randzeichnungen den 
gewagtesten und nicht einmal frageweise vorgetragenen 
Schlüssen freien Raum lässt. Das Joschische Exemplar, für ihn 
ebenfalls in Wien befindlich, habe danach der Drucker für 
seine Leistungen als Probe behalten; ein Titel sollte auf 
die leeren Seiten am Anfange gemalt werden ; überhaupt seien 
die Zeichnungen Dürers eine Gefälligkeitsarbeit gewesen, für 
welche Dürer sich mit der Ehre bezahlt machen musste: 
daher bemerke ein kundiges Auge in der Kümmerlichkeit 
der Schnörkel und der aus ihnen hergestellten Figuren, so- 
wie in der an Puppen aus einem Noahkasten erinnernden 
Steifheit der Kriegsknechte auf dem Blatte der Gefangen- 
nahme Christi das Bestreben Dürers, „die Arbeit von der 
Hand zu schlagen". Die in diesen Worten enthaltene Auf- 
fassung Dürers und seiner Kunst mag sich selbst richten! 
Hier sei nur die Ursache hervorgehoben, welche Eye zu- 
diesen Fehlschlüssen verleitete. 

Diese ist das jetzt im Berliner Kupferstichkabinet auf- 
bewahrte Schreiben Dürers an den Ratsherrn Christoph Kress, 

welcher als Gesandter Nürnbergs am Wiener Kongress, 
Sommer 1315 teilnahm. Darin bittet Dürer, ihm durch 



1. Vgl. v. Eye: Leben und Wirken Albrecht Dürers. Noerd- 
liiigen 1S60. S. 374. ' ■■; .^ 



I 



— 61 — 

Vermittelung des Hofhistoriographen Stabius eine Belohnung 
von 100 Gulden beim Kaiser zu erwirken. „Auch", lautet 
das Concept, „zeigt Kaiserlich Majestät an, dass ich Kaiser- 
lich Majestät drei Jahre lang gedient hab, das mein mit 
eingebüsst, und wo ich mein Fleiss nicht dargestreckt hätt, 
so war das zierlich Werk zu keinem solichen Ende ge- 
kommen". — Dann am Schluss: „Item wisst auch, dass ich 
Kaiserlich Majestät ausserhalb des Triumphs sunst viel 
mancherlei Visierung gemacht hab".^ 

Hätte Eye jene Bestellung der zehn Exemplare gekannt 
und die Möglichkeit eines Entwurfes für den Holzschnitt 
erwogen, so würde er kaum die obigen Vermutungen ge- 
äussert haben. 

Dagegen bezieht er richtig die „mancherlei Visieruugen" 
auf das Gebetbuch, im Gegensatz zu denen der „Triumph" 
hier die Ehrenpforte bedeutet. Thatsächlich hat auch eine 
Hand des 17. Jahrhunderts offenbar nach alter Notiz diesem 
Concepte als Datum den 30. Juli 1515 beigefügt, einen Zeit- 
punkt, wo Dürer noch Kress in Wien vermuten musste. 
Hieraus ergiebt sich eine wichtige zeitliche Begrenzung für 
Dürers Thätigkeit beim Gebetbuch nicht nur, sondern auch 
einen Anhalt für seine Auffassung vom Zwecke seiner Zeich- 
nungen nicht lange nach ihrer Beendigung. Dadurch, dass 
er sie ebenso wenig, wie die verschiedenen aus dieser Zeit 
erhaltenen Entwürfe für Prunktrachten der Gefolgschaft des 
Kaisers auf jenem Kongress^ hervorhebt, scheint er ihnen 



1. Vgl. Lange u. Fuhse: Dürers schriftlicher Nachlass. 
S. 60. 

2. Es haben sich verschiedene Entwürfe erhalten, z. B. in 
der Albertina: Maximilian wollte auf dem Wiener Kongress be- 
sonders prächtig vor den dort versammelten Böhmen, Ungarn 
und Polen erscheinen. Zur Vorbereitung hielt er sich länger, 
als zuerst beabsichtigt, bis in den Juni 1515 in Augsburg auf. 
Von dort erfolgten nach den Regesten des Jahrbuches d. A. H. 
Kaiserhauses Bd. X, 5805 u. 5808 vielerlei- Bestellungen in 



,:-i'öy,irfA';?isi^:ä 



'S. 

1 



— 62 — 

nicht die Bedeutung eines für den Kaiser allein bestimmten 
Prachtwerkes, wie der Ehrenpforte, sondern nur den Wert 
einer einfachen Illustrationsprobe für die im Entstehen be- 
griffene Grebetbuchpublikation beizumessen. Je leichter ein 
Künstler schafft, desto weniger pflegt er seine Schöpfungen 
gewöhnlich zu achten; und so lange ein solcher lebt, pflegt 
selten die Mitwelt auch diese im vollen Maasse zu schätzen. 

Die Ueberschätung der Bedeutung von Dürers Kunst, 
welche seitdem Thausing^ und die meisten seiner Nachfolger 
dem Verhalten Maximilians bei der Ausschmückung des 
Gebetbuchs unterlegen, verträgt schwerer eine Vereinigung 
mit den eben behandelten Briefstellen. Für Thausing^ ist 
diese Hypostasierun g sogar der Grund, eine aufschlussreiche 
Beobachtung falsch zu verwerten. 

Wie später Chmelarz es ausgesprochen, schien es Thau- 
sing ein Unding, dass das köstliche Gebetbuch ausser an 
Dürer noch weiter an andere Maler zur Illustration ver- 
sandt worden wäre. Bei ihm hatte sich die Ansicht fest- 
gesetzt, dass Dürer, wenn auch durch das Drängen der 
Kaiserlichen Aufträge selbst verhindert, die weitere Ver- 
zierungin s e i n e r W erkstatt f ortse tzen lassen sollte . Diese vorge- 
fasste Meinung hatte wenigstens das Gute, Thausing gegenüber 
der Echtheit der Cranachmonogramme, welche schwarz neben 



Nürnberg. Ausser Musikinstrumenten werden „auch etliche 
gemel, in eil machen zu lassen" genannt. Diese letzteren werden 
wohl in Zusammenhang mit den Prunktrachten stehen. Stabius, 
sein Historiograph, wurde mit der Durchführung der Aufträge be- i 
traut. Durch ihn wird Dürer veranlasst sein, die Entwürfe zu 
den Trachten zu scizzieren. So hätte auch Dürers Kunst dazu 
beigetragen, den Glanz dieses historischen Ereignisses zu erhöhen,^ 
welches durch den Abschluss der Doppelheirat zwischen Habs- 
burg und Böhmen Ungarn den Grund zur Habsburgischen Welt- 
macht legte. 

1. Vgl. Dürer, Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. 
2 Bände, I. Auflage 1875. IL Aufl. 1884. -I . 



/ 






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. ° — 63 - 

die braune Zeichnung hingesetzt sind, und so auch gegen Dürers 
Zeichen misstrauisch zu machen. Thatsächlich sind sie falsch. 
Bei Cranach beweist es die verschiedene Farbe und die Aengst- 
lichkeit der Federführung, bei Dürer eine sehr sorgfältige 
Vorzeichnung mit einem Stifte, dessen Glanz deutlich bei 
dem Monogramm auf dem Postament der Säule mit dem 
Hahne (Tafel 41) hervorschimmert. Rückwärts wiederum 
wurde Thausing in seiner einmal gefassten Ansicht dadurch 
so bestärkt, dass er b^ der nun eintretenden stilkritischen 
Würdigung der mit Cranachsdrachen bezeichneten Blätter 
die charakteristischen Eigenschaften ihrer Schule vollkommen 
übersah. Es ist dies ein lehrreiches Beispiel von der Be- 
einflussung des Auges durch verstandesgemässe üeberlegung. 
Denn man sollte es kaum für möglich halten, dass Thausing 
die Aehnlichkeit der Gebetbuchzeichnungen mit dem Werke 
Cranachs entgangen, wäre. 

Ganz abgesehen ven der Vorliebe und dem Verständnis 
für Jagddarstellungen, in welcher sich Cranach ebenso als 
getreuen Zeichner, wie feinspürigen Hofmann zu zeigen 
liebt, stimmt die Auffassung der Landschaft und der Figuren 
schlagend mit verschiedenen Holzschnitten Cranachs tiberein. 
Der echt sächsische Schlossbau auf dem Blatte der Ver- 
ehrung des Herzen Jesu von 1505 (B. 76, Seh. 95) geht 
offenbar auf dieselbe Residenz zurück, wie die im Gebet- 
buch dargestellte Architektur. Rechts von dieser erhebt 
sich der für Cranach fast unvermeidliche Felskegel, 
von einem Bollwerk und Baumwuchs bekrönt. Ferner 
gleichen die Gesichter der Kirchenväter auf dem Schnitte 
der himmlischen Leiter des heiligen Bonaventura den In- 
sassen des Triumphwagens der Kirche im Gebetbuch 
fast Zug auf Zug. Ebenso dort auch die Maria! Ihr 
Stumpfnäschen und rundes Doppelkinn sind für Cranachs 
weibliches Ideal ebenso eigentümlich, als der sonderbai'e ge- 
öffnete Mund bei den Männern, welchen er mit wagerechten 
doppelten oder einfachen dicken Strichen und Punkten für die 



^■i\'$Lr':)^^MiJ:^.-'f^^\-Mj^ .- 



,. ^ ^, ,....:' , o^Äii^:';\>^-^^!^i?5fe^ä^üMS' 



— 64 - 

Mundwinkel, wie den Lippenbogen zeichnet. Man Yer- 
gleiche das Eccehorao der Rändzeichnung mit- dem ; 
Gekreuzigten der Holzschnittdarstellung für das letzterei 
Kennzeichen, die Herodias auf dem Formschnitte der Ent- 
hauptung Johannes' des Täufers mit der auf einem Bock 
dahinreitenden Hexe des Gebetbuchs für das erstere 
Merkmal. Diese Aehnlichkeiten mit Holzschnitten führen 
wieder auf die den Gebetbuchskizzen innewohnende Geeignet- 
heit zur Vervielfältigung und einen in der Tüchtigkeit 
Cranachs als Holzschnittzeichner gegebenen Grund seiner 
Beteiligung am Schmucke des Gebetbuchs. 

Schliesslich hätte noch ein rein äusserliches Criterium 
gegen die Entstehung dieser Crariach - Blätter in Dürers 
Atelier sprechen sollen. Sie sind in rotbrauner Farbe ge- 
halten, während Dürer teils Violett, Grün oder Rosa ver- 
wendet. Daraus könnte man schliessen, dass Cranach ohne 
jede Kenntnis von der Auffassung Dürers an der Aus- 
schmückung arbeitete. 

Für Thausing besteht dies Alles nicht. Ohne anderen 
ersichtlichen Grund, als dass nach Neudörffers Zeugnis ein 
Schüler- und Hausgenossenschaftsverhältnis bestand, wird die 
Cranachlage dem Springinklee zugeschrieben , einem for- 
malen und recht anselbständigen Künstler, dessen Zeich- 
nungen mehr das Schulatelier als ursprünglichen Waldgeruch 
verraten. - >- 

Hartnäckig verharrte zur Irreleitung der späteren ' 
Forschung Thausing bei seiner Meinung, obwohl er in der / 
zweiten Ausgabe bereits die inzwischen durch Ephrussi^ er- % 
folgten Veröffentlichungen über Castans Entdeckung kannte. 2 
Danach handelte es sich um nichts Geringeres als ein. wie t 
man damals annahm, neues fragmentarisches Gebetbuch— 
exemplar, das von der Hand verschiedener deutscher Künstler 
mit farbigen Randzeichnungen ausgeschmückt war. Diesen 
Fund, welcher allen Fragen eine ungeahnte Lösung ver- . 

J. Vgl. Albert Dürer et ses Dessins. Paris, Quantin 1882. 



/ 






y 



— 65 — 

sprechen musste, erwähnt Thausing nur kurz, nicht einmal 

mit vollständiger Nennung des Ephrussischen Werkes in 
einer Anmerkung als ein viertes in Besangon befindliches 
Exemplar bei Gelegenheit der Aufzählung der ihm bekannt 
gewordenen Abdrucke. 

Gerade wo es ihm selbst gelungen war, die langjährige 
Verwechselung des Joschischen Exemplars mit dem Wiener 
richtig zu stellen und letzteres als einen besonderen, noch 
den Aufdruck EF. 1567 tragenden, aus der Fuggerschen in 
die Wiener Hofbibliothek gelangten Band nachzuweisen, er- 
scheint diese Zurückhaltung für den Wert seiner Forschung 
von recht zweischneidiger Art. Sie begab sich dadurch frei- 
willig der Vorteile ihrer örtlichen Läge, jederzeit, das Wiener 
Exemplar einsehen und zur gründUchen Vergleichung mit 
dem neuen Funde benützen zu können. 

Das geschah erst in der Abhandlung, welche Eduard 
Chmelarz unter dem .Titel: 
„Das Diurnale oder Gebetbuch des Kaisers Maximilian I."^ 
veröffentlichte. Diese Arbeit weist dem Besanqoner Frag- 
ment seine richtige Steile. Mit ihr erreicht daher die wissen- 
schafthche Erforschung des Gebetbuchs einen neuen Wende- 
punkt. Doch hängt ihr Ergebnis so eng mit den Irrtümern 
der Entdecker dieses Fragmentes zusammen, dass die Dar- 
stellung dieser neuen Epoche mit einer Kritik der letzteren 
zu beginnen hat. 



1. Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des A. H. 
Kaiserhauses, Bd. III, Jahrg. Ibb5. ^, 



ä>:. 






Thesen. 



I. - ' 

Kaiser Maximilian I. verfolgte bei seiner Gesetzbüch- 
ausgabe weniger aesthetische, als dynastische Zwecke. * 

IL 

Das Hieroglyphikon des Horapollo ist eine Quelle für 
die Allegorie der deutschen Frührenaissance, vor allem des 
Gebetbuchs. 

III. 

Der Anonymus M A des Gebetbuchs ist identisch mit 
dem Maler^ Joerg Breu. ■ 



/ 



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Yita. 



Natus sum, Joannes Carolus Fridericus Giehlow, in oppido 
Oppeln die XXV mensis Maji a. h. s. LXIII patre Theodoro, 
quem mort.e mihi ereptum lugeo, matre Ludovica de' gente 
Saltzmann, quam vivam laetus colo. 

Fidei addictus sum evangelicae. 

Primis litterarum elementis in gymnasio Kiliensi imbutus, 
cum vere aiini h. s. LXXXII maturitatis testimonium adeptus 
essem, civibus Universitatis Monacliiensis adscriptus studiis juris, 
cameralium nee non artis operam dedi. Annis h. s. LXXXIII 
et LXXXIV üniversitatem ßerolinensem frequentavi. 

Studiis peractis munere publice Berolini functus sum. 
Praeter iiegotia studia artis deimo magjs magisque me ceperuut. 
Ab anno - h. s. XCV vacatione muneris exorata acceptaque 
Üniversitatem Berolinensem et Viennensem in vicem adii, ubi in 
Studia et philosophiae et artis recentionis incubui. 

Docuerunt me per totum hoc tempus viri illustrissimi et 
doctissimi Dilthey, Frey, Kekule von Stradonitz, Goldschmidt, 
Grimm, Mühlbacher, Wickhoff. 

Quibus omnibas praeceptoribus optime de me meritis 
gratias ago quam maximas, iroprimis Hermano Grimm et Francisco 
Wickhoff, qui in hoc libello scribendo semper confirmaruut 
animum meum. 



5 -.-'