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Full text of "Zeitschrift fur Missionskunde und Religionswissenschaft"

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I ZEIT8CHRIFT 

J FUR mSSIONSKUNDE UND 
RELIGIONSWISSENSCHAFT 



ORGAN DE8 ALLGEMEINEN EVANGELISCfl- 
PROTESTANTISCHEN MISSIONSVEREINS 



HERAUSGEGEBEN YON 

PFARRER D. DR. AUG. KIND 

nr BERLIN 

IN VERBINDUNG MIT 
PROFBSSOB D. H. HAAS UND LIC. H. WITTE 

IN JENA IN BERLIN 



1914 

29. JAHRGANG 



berlin-schOneberg 
protestantischer schriptenvertrieb g m. b. h. 







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HoiRuuin A Reiber, OOrUU. 



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Inhaltsverzeichnis 1914 



I. Missionsknnde. 

a)AIlKemeineAufs9tze. Seite 

Prioritatsanspruche. Von J. Q e n a h r . . 74 

Nachwort. Von D. Aujj. Kind 82 

China im Streben naoh westlicher BildunR. Von Lie. S c h ii 1 e r 100, 129 

Der Weltkriee und die Mission. Von D. Auii. Kind.. . .. . . 225 

Die Einseborenenfraee in unseren Kolonien auf dem Evang.-Sozialen 

KoiHfreB in Nurnberjf. Von D. Aug. Kind 229 

Unsere Mission in China und Japan und der Krieg, Von Lie. W i 1 1 e 257 

Die ewanjfelische Mission in Japan im Jahre 1913. Vcmi Lie. Wltte 301 

Das Kiautsehougebiet und unsere Mission in ihm. Von D. Aug. Kind 321 

b) Beriehte von unsern Arbeitsfeldern. 

Halbjahrsbericht von Japan. Von Pfr. Sehroeder 1 

Alls unserer Arbeit KotifuziusKesellschaft Von D. Wilh e Im . . 248 

c) Nachrichten aus der Mission und dem Kultur- 
leben unter der niehtchristliehen Bevolkerung. 

Die zweite amtliche Religionskonferenz in Tokio. Von Lie. Witte 13 
Die Wirkunjf der Umwaizung in China auf den ehinesischen 

Buddhismus. Von Lie. Witte 19 

Ein koreanischer Missionar in China. Von Lie. Witte 23 

Die nordamerikanischen Neger und die Mission. Von Lie. Witte. . 23 

Ein japantseher Qesehaftsmann iiber die Mission. Von Lie. Witte 24 

Japanisehe Sehulverhaltnisse. Von Lie. Witte 56 

Verbreitung des Islam in Westafrika. Von Lie. Witte. . .. . . 58 

Der Tod des letzten Schogun. Von Lie. Witte 58 

EMe Alkoholnot in Afrika. Von Lie. Witte 59 

Der Kampf um die Religionsfreiheit in China. Von Lie. Witte. . . 90 

Religionsstatistik der Erde. Von Lie. Witte 93 

Eine neue MissionsuniversitSt in Nanking. Von Lie. Witte .... 118 
Eine Anerkennung der nationalen Bedeutung unseres Studenten- 

heims. Von Lie. Witte 157 

Deutsehe Gesellsehaft fiir Eingeborenensehutz. Von Lk:. Witte . . 157 

Zur Frage der Missionspropaganda. Von H. Sehlemmer. . . . 180 

Die soziale Qesetzgebung in Japan. Von Lie. Witte 183 

Dde Religion in Chinas neuer Verfassung. Von Lie. Witte. . . . 185 



M 



Scite 

Zwei <letitsch« neue Unternehmuntjen im fernen Osten, Von Lie. W i 1 1 e 186 

Ouelten der Reli{fk»S8:eschichte 186 

Die MissionsstiKiienibeweKunK. Von Pir. Merkel 222 

Die SteiiunK der Religion im neuen China. Von D. W i 1 h e 1 ni . . . 246 
Die Entwicklunjt und der Stand der Sittlichkeit in Japan. 

Von Lie. Witte 286 

Die soziale Laee der Fabrikarbeiterinnen in Japan. Von Lie. Witte 315 

Zur Religionsgesciiichte in China. Von Lie. Witte 316 

Alte und neue Obel in China. Von Lie. Witte 317 

Kulturproblem des Ostens. Von Pfr. Merkel 319 

Mission in Feindesland? Von D. Emil Schiller 334 

Die Stimmuns: in Japan gegeniiber den Deutschen und Deutschland. 

Von Lie. Witte 338 

Erlasse gegen Beamtenverdorbenheit in China. Von Lie. Witte . 351 

Die Zukunft der taoistisehen Papstwurde in China. Von Lie. Witte 384 

II. Religionswn'ssenschaft. 

Tibetforschun« vor 100 Jahren. Von Pfr. Qoldsehmit 8 

Bud^as ProphezeiunK iiber die vollijje Vemiehtun« seiner 

Lehre. Von D. Haas 33 

Ein Predi];er der Liebe im klassisehen, vorohristlichen China. 

Von Lie. Wit He 42, 65 

Der Kampf um die StaatsretiKion. Von D. Wilhelm 83 

Eine frappante Parallele zu den biblisehen Speisungsgeschichten in 

einem buddhistisehen Sutra. Von D. Haas 148 

Qesehichte und Christentum in buddhistischer Beleuchtung. 

Von D. B o r n e m a n n 161 

Religiose Vorstellungen einiger Bantustamme. Von Chr. B u n e k . . 174 
Die Kontemi^ti(Mispraxis der buddhistisehen 2^-stiu in Japan. 

Von D. H a a s . 193 

Ein japanischer Jonathan Swift. Von Lie. Witte 206, 237 

Der Buddhismus und seine Bedeutung fiir die gegenwSrtige rehgiose 

Krisis in China. Von Pfr. Furrer 265 

Die Einwirkungen des Buddhismus auf das Elteste Christentum. 

Von Lie. Witte 289. 353 

III. Von der Arbeit anderer Missionsgesellschaften 
and verwandter Bestrebungen. 

Qriindung einer deutsch-evangelischen MissionsMlfe 22 

Einheitsbestrebungen der Missionen in Britiseh-Afrika. Von Lie. Witte 54 

Motts Missionserfolge unter den Studenten in China. Von Lie. Witte 57 

Annual Report of the American Board. Von Pfr. Merkel. . . . 62 

Theologische Weitherzigkeit in der China-Mission. Von Lie. Witte 88 

An die evangeltsehen Christen im Auslande 281 

Noch einmal ein Wort an die evangelisehen Christen im Auslande 374 



" '.v^" ' • ' . ' - -;t ■ • -JTr^^S^- 



IV. Bficherbesprechnngen. 

Scitc 
O. Warneck, AbriB einer Qeschichte der protestantisohen Mis^onen 

von der Reformation bis auf die QeKenwart. (Aug. Kind) ... 25 
Otro Walter, Die Kumarasambhava, oder die Qeburt des Kriegsgottes, 

ein Kriegsgedicht des Kalidasa. (Hans Haas) 26 

Aus der Werkstatt des Missionars. VortrSge. (Merkel) 27 

Jahrtnich der sSchsischen Missionskonferenz fiir das Jahr 1914. (Witte.) 29 

W. Haegeholz, Korea und die Koreaner. (Witte) 29 

Q. Traub, Monismus und Protestantismus. (Devaranne) 30 

Lie. Karl Paul Hasse, Nikolaus von Kues. (Devaranne) 31 

W. Schrameier. Aus Kiatitschous Verwaltung. (Aug. Kind) 60 

M. Wilde. Schwarz und weiB. (Witte.) 61 

Silacara, Bikkhu. Das Ichproblem des Buddhismus. (Witte) .... 61 

Huttenus redivivus, Rom und die deutsche Sittlichkert. (Devaranne) 61 
Dr. Johannes Heldwein, Die Jesuiten und das deutsche V(rfk. 

(Devaranne) 62 

Dr. A. Matthes, Livingstone. (Schott) 95 

B. Mathews, Livingstone, der Pfadftnder. (Schott) 95 

Vortisch von Vloten, Der AussStzigen Not in alter und neuer Zeit. 

(Schott) 95 

J. Hesse, Laotse, ein vorchristlicher Wahrheitszenge. (Schott) ... 96 

Karl Bomhausen. Hefte der theologischen AmerikabibUothek. (Noack) 96 

J. Witte, Ostasien und Europa. (Bornemann) 123 

Prof. D. Edvard Lehmann, Soren Kierkegaard. (Devaranne) .... 125 

Huttenus redivivus, Rom und die deutsche Wissenschaft. (Devaranne) 126 

Robert Sobczak. Licht und Schatten. (Witte) 126 

Schafer und Krebs, Hillsbuch fiir den Religionsunterricht. (Schott) . . 126 

Im Kaschmirtal, aus dem Leben von Irene Petrie. (Schott) .... 127 

E. von Salzmann, Das revolutionSre China. (Huckel) 127 

Dr. R. Stifbe, Koniuzhis. (Bomemann) 158 

D Rob. P. Speer, Das Christentum und die nichtohristiiohen Religionen. 

(SchiMbach) 159 

L. Weichert Das Schulwesen deutscher evangelischer Missions- 

gesellschaften in den deutschen Kolonien. (Witte) ..... 160 
Martin Schhink, Die Schulen fiir Eingeborene ki den deutschen Schutz- 

gebieten. Das Schulwesen in den deutschen Schutzgebieten.(Witte) 187 

Jahrbuch fiir Srztliche Mission. (Witte) 187 

L. Weichert Das Senfkorn. (Witte) 187 

Dr. J. SchmidHn, Die katholischen Misaonen in den deutschen Schutz- 

gebieten. (Witte) 188 

Hisho Saito. Qeschichte Japans (Witte) .189 

Dr. Vosberg-Rekow, Asiatisches Jahrbuch 1913. (Witte) 189 

Dr. K. Schneider, Jahrbuch fiir die deutschen Kolonien. (Witte) . . 189 

Fritz Seker, Schen, Studium aus einer chinesischen Weltstadt. (Witte) 190 

A. Qroth, Jesuslegende und Christentum. (Aug. Kind) 190 

Karl Bornhausen, Religion in Amerika. (Witte) 190 

Dr. Hermann Hefde, Francesco Petrarca. (Devaranne) 191 



!p?^w^'^-^='- *^"- '"" " • ■•■■ »f "7t?^^Pw!>'' 



iV 



Scitc 

Johannes Herzog, Ralf Waldo Dmcrson. (Devaranne) 191 

Dr. Heinnch Ostertajr, Friedrich dcr GroBe. (Devaranne) 192 

Karl Sapper. Neuprotestantismus. (Devaranne) 224 

Richard Wunsch, Archiv fiir Religions wissensc halt. (Hans Haas) . . 251 

D. Aug. Kind, Wie ist es mit dem ewigen Leben? (W. Bornemann) 351 

R. Qarbe, Indien und das Christentum (Witte) 352 

V. Aas dem Vereinsleben. 

Anspradie bei der Abordnuntc der Missionare Bohner und Hunziker. 

Von D. Aug. Kind 97 

Ein zweiter Missionsinspektor Von Lie. Wittc 120 

Die Abordnunjfsfeier fiir zwei neue Missionare. Von Lie. Witte . . 121 

Unsere neuen Missionare. Von Lie. Witte 122 

Dr. Christlieb t 122 

Unsere groBen neuen Aufgaben. Von Lie. Witte • 156 

Zur SrztUciien Mission. Von D. Bornemann 217 

VI. Vermiichtes. 

Eingegangene Sehriften 32, 64, 96, 128, 192. 256 

Mitteitangen 32, 64, ,160, 223, 255 

Druckfehler 224 

ErgSnzung 255 

Verzeichnis der unserer Bibliothek gescheiricten Biicber 256 



i7!S?jR.;?JfJ??fi)T!Tffif5P^-SW?S^JS¥^ •'iVXj 



1 « » 



Halbjahrsbericht von Japan. 

Von Pfarrer Schroeder in Tokyo. 

Dieser Bericht umfaBt Japan ganz, weil seit einem halben Jahr, 
selt der Abreise des Herrn Superintendenten D. theol. Emil Schiller, 
ich nicht nur den Tokyo-Bezirk, sondern auch den Kyoto-Bezirk zu 
verwalten habe. 

Ich bin dankbar, daB ich die Kraft hatte, diese sehr vermehrte 
Arbeitslast zu tragen. Natiirlich kann ich in Kyoto nicht so oft sein, 
es fehlt darum doch die antreibende Kraft eines Missionars, der am 
Platze ist. £s hat Zeiten gegeben, wo die Japaner, stolz geworden 
liber ihre Siege, glaubten, der fremden Missionare entbehren zu 
kdnnen. Aber sie selbst haben Idngst eingesehen, daB sie diesen 
Einschlag christlicher Liebe und Kraft noch notig haben. Jetzt mehr 
denn je. Die ruhige Entwicklung hat eingesetzt, und diese ist 
schwerer, weil langsamer, und bedarf doppelter Energie, um alle 
Hindernisse zu iiberwinden. 

Diese Energie flieBt aus zwei Quellen, n&mlich erstlich aus der 
genauen Kenntnis der Qeschichte des Christentums und dann aus 
aufgespeicherter Liebeskraft. Es gibt Japaner, die beides haben, 
ich nenne nur Uchimura. Aber bei der Masse fehlt es; es fehlt auch 
teilweise bei den Pastoren. Es kann ja auch nicht anders sein. Man 
kann von der ersten Generation nicht zu viel verlangen. Man 
lese die Paulusbriefe! Anfangsstadien sind nirgends ideal gewesen. 
Ich will nichts gegen den Ernst der Christen sagen. Aber das Ernst- 
machen in alien Punkten geht zu oft gegen ehemalige Qefiihle, gegen 
Sitte und Hoflichkeitspflichten usw. Wie geht es uns? Wo wir 
nicht immer ernst machen, kann man dieses von Neugewonnenen 
verlangen? So muB denn der Missionar eintreten, muB raten, muB 
anfeuern, muB seine besondere Energie einsetzen. 

So entbehren wir den Leiter der Kyoto-Station sehr. 

Es sind im groBen Volksleben vor allem zwei Ereignisse, die 
dies Halbjahr bemerkenswert machen; das ist einmal die Einsetzung 
einer Kommission zur Neuregelung des Unterrichtswesens und dann 
die groBe Religionsversammlung. Beide hSngen ideell zusammen. 

Zeittthrift f. Misaionskunde u. Religions wissentchaft. 29. Jahrg. Heft 1. 



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- 2 - 



Bei der Unterrichtsfrage handelt es sich zuerst um eine Neu- 
gestaltung des Lehrplans. Das interessiert hier weiter nicht. Aber 
man iiberlegt auch, wie man die ethische Unterweisung vertiefen 
kann. Es werden sogar Stimmen laut, die religiose Unterweisung 
verlangen. Gerade heute schrieb die „Yomiuri", das Blatt der Stu- 
denten, daB es ebenso schlimm sei, keine Religion in den Schulen 
zu haben, wie eine allein wirken zu lassen. Es sagt, daB es ein MiB- 
verst&idnis sei, wenn einige Lehrer alles Religiose aus der Schule, 
als ob es antagonistisch sei, aus dem QefUhl der WertschStzung fiir 
die Ethik aus der Schule verbannten. 

Naturlich, die Lage ist schwierig, da nun drei Religionen sich 
um Japan bewerben. Von uns Christen aus gesehen, ist es keine 
Frage, daB nur das Christentum in Betracht kommt. Ein Parla- 
mentsmitglied und fiihrender Christ, D. Uzawa, hat das deutlich 
erkannt, daB das Christentum nur Wert hat. Er vergleicht Europa 
und Ostasien. Er sagt, das Christentum habe in kurzer Zeit die 
Volker des Westens aus dem Tiefstand der Kultur zur hdchsten 
H5he emporgehoben. Der Buddhismus habe in der doppelten Lange 
nicht halb soviel dem Osten geholfen. Was jetzt universale Kultur 
sei, das h&nge direkt mit dem Leben Jesu zusammen. Also sei es 
fur ihn keine Frage, daB, wo Japan den Ehrgeiz habe, Weltmacht 
zu werden, nur diese Religion, die andere LSnder groB gemacht 
habe, Japan helfen konne. 

So sagt dieser Christ, so sagen wir alle. Aber noch kann man 
diesen Qlauben anderen nicht zumuten. Vor allem ist betriiblich, 
daB wir Christen selber unserm Christentum den Weg versperren. 
Neulich schrieben in einer Kontroverse einige: Warum Religion? 
Warum Christentum? Wo es doch in Europa selber abgewirtschaftet 
habe. Es wurde besonders auf Deutschland hingewiesen, wo doch 
eine groBe Indolenz herrsche. So wird also unsere Qleichgtiltigkeit 
und unsere Feindschaft alien anderen zum Hindernis. DaB im Tiefen 
die religidse Stromung bei uns stark ist, das sehen diese Kritiker 
natiirlich nicht; sie mussen sich ja auch nur nach dem Augenschein- 
lichen richten. 

Es ist aber keine Frage, daB Japan nach emer Zeit der Reli- 
gionsverachtung zur Religion zuriickkehrt. Die genannte „Yomiuri" 
meint, das Ideelle ware, in den Schulen das Religionsverbot gleich 
aufzuheben, aber noch gehe das nicht an, wo Religion und Erziehung 
sich noch nicht in Japan vereinigt hatten. 



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- 3 - 

Dafi aber Japan der Religion zustrebt, zeigt das zweite zu er- 
wSlinende Ereignis: die Religionskonferenz. Es ist in diesen Mit- 
teilungen vor zwei Jahren auf die Bewegung hingewiesen, die, von 
dem damaiigen Minister Tokonami ins Leben gerufen, alle drei 
Religionen zur gemeinsamen Arbeit einen soli. Diese Bewegung 
ist gewachsen. Jetzt fand wieder eine Konferenz statt, zu der 300 
Vertreter erschienen waren. Es war eine interessante Versammlung. 
Die Schintopriester waren da, dann die buddhistischen M5nche in 
ihren gelben Qewandern und endlich neben den japanischen Christen 
die Missionare. Naturlich haben Kritiker gesagt. Religion sei Herzens- 
sache und es komme darum bei solchen behordlich arrangierten 
Konzilien nichts heraus. Was dabei tierauskommt, wird die Zukunft 
lehren. Zwei Erwagungen sind aber bedeutungsvoll, namlich erst- 
lich, diese Bewegung zeigt den Bankerott der Nur-Sittlichkeits-Er- 
ziehung. Sittliclikeit ohne Qott fUlirt nicht zum Ziel; diese Erfahrung 
haben die Japaner bei ihrer Erziehung gemacht. Die bedeutend er- 
hohte Kriminalit&t und die Anarchistenaffare haben ihnen die Augen 
geoffnet. Nun dr^gen sie, KrSfte zur Abwehr wachzurufen. Das 
ist die eine Seite; die andere ist, daB nicht nur weithergereiste Ver- 
treter sonst nicht bekannter Religionen, wie etwa bei dem letzten 
Berliner WeltkongreB, sondern das Volk selbst bei dieser Konferenz 
beteiligt war und so sich zum Qedankenaustausch zusammenfand. 
Welche Perspektive fiir die Zukunft! Es werden, je mehr das 
Christentum Boden faBt, religiose Kampfe entstehen. Aber wie wenn 
es nun im Osten wenigstens endlich mit dem Mittelalter vorbei 
ware, und hier nicht, wie bei uns — Qott sei's geklagt — , heute noch 
diese Kampfe die Qemiiter vergifteten! Konnte da das gemeinsame 
Streben den friedlichen Wettkampf ermoglichen? Vielleicht sind es 
Utopien, brauchen es aber nicht zu sein. Die Tatsache der Konferenz 
besteht jedenfalls. Wichtig ist ftir uns nicht der Erfolg, sondern 
die Qrtinde, denn diese geben der Mission das Recht zur Arbeit. 
Man hat mir oft geschrieben: Wozu Mission? Die Leute sind ja so 
glucklich, so zufrieden; ihr stort sie nur. Wagt das wirklich die Ein- 
sicht im Hinblick auf diese Tatsachen zu sagen, noch zu sagen? Wir 
haben ein Recht zu unserer Arbeit. Im Recht liegt die Pflicht. Icti 
bitte unsere Freunde zu helfen. 

I. 

In diesem Halbjahr hatte ich mehrere Reisen zu machen, um 
alle Stationen zu besuchen. Ich war im Friihjahr auf den meisten 
Stationen unseres Tokyo-Distrikts und hielt eine Pastorenkonferenz 






- 4 — 



in Tokyo fiir unsere Pastoren hier und eine in Kyoto fiir unsere 
dortigen Heifer. 

Jezt bin ich gerade zurtick von einer Inspektions- und Vortrags- 
reise durch den Ky oto-Bezirk ; ich liabe dort alle Qemeinden in 
Kyoto, Otsu, Osaka, Tsuruga, Toyhashi besucht und Vortrage ge- 
halten. Zum SchluB habe ich alle Pastoren in Toyohashi zu einer 
Pastorenkonferenz und zweitagigen Versammlungen mit Reden aller 
Art vereint. H 

Unser Tokyo-Bezirk umfaBt die Tokyo-Qemeinden in Kami- 
tomisaka und Togosaka, die Chiba-Qemeinde mit dem Filial Oyumi 
und den Predigtplatzen auf der Boschuhalbinsel, n&mlich: Shira- 
satori, Akara, Kimitsu, Sosa, Kaijo, Choshi, Katakei. 

Einen festen Mittelpunkt haben nur die beiden Tokyo-Qemeinden. 
Chiba muB sich mit einem Mietshaus, und zwar mit einem hinten 
in einer Sackgasse gelegenen, begniigen. In Oyumi und den Predigt- 
platzen versammelt man sich in Privathausern. 

Alle Qemeinden versammeln sich sonntSglich. 

Daneben bestehen noch andere Versammlungen, namlich Qebets- 
und Bibelstunden, Qemeindeabende, Frauen- und Mutterversamm- 
lungen, Vortragsabende. 

Dann gehoren zu unserer Arbeit ein Kindergarten und ein 
Studentenheim. 

Dadurch ist ermoglicht, einen Mtitterverein und Studentenver- 
sammlungen zu haben. 

Um mit alien Qemeindegliedern in Verbindung zu bleiben, geben 
wir ein Monatsblatt, genannt „Shinri" (= Wahrheit) heraus. 

Die kirchliche Versorgung der Deutschen liegt uns ob. 

Dann haben wir eine deutsche Abendschule. 

a) T k y 0. 
1. Kamitomisaka-Qemeinde. 
Sie ist unsere alteste Qemeinde. Jetzt ist P. Takano ihr Seel- 
sorger. Reges Qemeindeleben zeichnet sie aus. Die Qemeinde- 
glieder sind eifrig. Sie sind durch ein festes Band der Qemeinsam- 
keit zusammengehalten. Wie die Kletten hSngen sie zusammen, sage 
ich oft. Sie haben oft Qemeindeabende mit gemeinsamem Abend- 
mahl und Agape. Einige neue Freunde wurden aufgenommen. 

2. Togosaka-Qemeinde. 
Sie hat ihr Heim in unserer deutschen Kirche, wo sie sich 
ebenso wie ihre Schwestergemeinde sonntaglich zu Kinder- und 






— 5 — 

Erwachsenen-Qottesdienst versammelt. Recht gute Dienste leistet 
das kleine japanische Haus, das ich ihr neben der Kirche erbaut 
habe. Hier kann auch sie nach der Kirche gemiitlich sich ver- 
sammeln. 

Diese Gemeinde hat das Bestreben, moglichst viel zu den Kosten 
beizutragen. WShrend die Schwestergemeinde zumeist aus Stu- 
denten und jungen Leuten besteht, hat sie reichere Kaufleute und 
Beamte auch unter ihren Qliedern. 

P. Akashi leitet sie. 

Er ist sehr klug und eifrig. Er hat neben seiner Gemeinde 
noch von der groBen Buchhandlung Maruzen den Auftrag, sich an 
nichreren Abenden um ihre Lehrlinge und Laufburschen zu kiimmern 
und fur deren Bildung und Wohl zu sorgen. 

AuBerdem schreibt er viel fur Zeitungen, gibt Bucher heraus. 
Er ist auch der Herausgeber unserer „Shinri". 

Akashi ist auch ein guter Redner und hilft seinen Kollegen aus. 
So ist er auch einmal im Sommer nach Toyohashi gereist, woriiber 
ich dort berichten werde. 

b) Chiba-Bezirk. 

Der Pastor ist P. Aoki. 

Seine Lebensgeschichte ist in einem kleinen Buchlein gut 
zu lesen (O. Marbach, Pfarrer Aoki und die Chiba-Qemeinde). 

Er ist gerade geeignet fiir diesen Bezirk. Er ist kein guter 
Organisator, aber ein guter Evangelist. Er begeistert, er kann 
Feuer anziinden. Das ist wichtig, well wir hier so viele AuBen- 
stationen haben, die nicht regelmaBig bearbeitet werden konnen, 
sondern nur ofters im Jahr besucht werden konnen. Da heiBt es, 
Begeisterung zu erwecken. Ich mache jetzt meist diese Reisen mit 
und erzShle davon in unserem „Missionsblatt". 

Leider hat diese Gemeinde einen groBen Verlust erlitten. Herr 
Professor Tsutsui, unser treuester Freund, wurde nach dem Siiden 
versetzt. Er ist Direktor einer Medizinschule geworden. Das ist 
ehrenvoll fiir ihn wie fiir uns. Aber es ist traurig fur uns. Dank sei 
ihm fur alle seine Treue! Gliick auch fur seine Zukunft! 

c) Kindergarten. 

Er ist im alten Geleise. Wir haben viele Kinder. Sehr nett 
ist, daB wir durch ihn wieder alte Bande knupfen. So sendet uns 
P. Nukaga, der ein Schiller unserer theologischen Schule war, sein 
Kind. Interessant ist, daB wir auch das Tochterchen einer Schiilerin 



— 6 — 

Joachims, des verstorbenen Violinisten, haben. Ebenso ist das Kind 
des Oberpriesters des Densuitempels darin. AnlaBlich der Feier des 
Tenchosetsu, des japanischen Kaisersgeburtstages, batten wir alle 
Freunde versammelt, da waren es an die 100. Wir diirfen fiir diese 
Entwicklung dankbar sein, da wir anfangs nur 4 Kinder hatten. 

Eine wichtige Neuerung ist zu erwahnen. Jeden Sonnabend 
erzahle ich den Kindern eine biblische Qeschichte und bespreche sie 
mit ihnen. 

Jetzt, wo wir das Zutrauen der Eltern gewonnen haben, kann 
ich das tun. Jeden Morgen sangen die Kinder bisher schon ein 
Jesuslied. Jetzt vertiefe ich diese Qefiihle. 

d) DasStudentenheim. 

Das Heim ist nun im Qange. Ich bin recht froh iiber dies Unter- 
nehmen. Es gibt mir recht vie! Arbeit, aber recht viel Freude wird 
es i)ringen. Es sind 17 Studenten darin. UniversitSt, Gymnasium, 
Lehrerseminar, Handelshochschule geben Mitglieder. Sie wohnen 
meist jeder allein in einem Zimmer, doch wohnen einige auch zu 
zweien. Sie essen gemeinsam. Ein Tennisplatz gibt ihnen Qelegen- 
heit zum Sport. 

An Versammlungen finden folgende statt: Montags ist Be- 
sprechung iiber das Buch von Busse, die groBen Philosophen der 
Neuzeit; Dienstags und Freitags in Verbindung mit der Abendschule: 
deutsche Literatur; Sonnabends ist Qeneralversammlung und hinter- 
her Unterricht iiber das Christentum in AnschluB an Otto, Leben 
und Wirken Jesu. Jeden Morgen ist um 7 Uhr Andacht. 

b) Kyoto. 

Ich kann natiirlich iiber diesen Bezirk nur im allgemeinen 
sprechen, da ich keinen Einblick in die Qemeindeverhaltnisse habe. 
Ich habe, wie oben erwahnt, bisher zweimal den Bezirk besucht, die 
Pastoren versammelt und mit ihnen beraten. Brieflich stehe ich 
mit ihnen in reger Verbindung. 

Man klagt natiirlich sehr, da£ ihr Haupt fehle. In Kyoto selbst 
ist durch D. Schillers Weggang eine Qemeinde eingegangen. 
P. Suzuki kann nur eine Qemeinde versorgen. Als ich im Sommer 
da war, konnten wir ein Abschiedsfest fiir Herm Professor Fujinami 
gemeinsam feiern. Das verlief sehr herzlich. 

In der Nachbargemeinde Otsu sieht es leider recht traurig aus. 
Die Qemeinde hat augenblicklich keine Mitglieder, sie sind alle ver- 
zogen. Der P. Miura hat im Hause viel Elend; seine Frau liegt 



- 7 — 

st&idig, unmiindige Kinder sind da, das Qehalt reicht nicht aus, ein 
Madchen zu halten. So muB der Pastor mehr zu Hause sein als 
wunschenswert ist. Seine Frau half ihm viel. Sie hat eine gute 
christliche Schulung, spielt die Orgel und hilft in der Sonntagsschule. 
Bisher. Nun kann sie nicht. Aber es wird schon wieder alles wer- 
den. In jungen Qemeinden kommen solche Zeiten vor. Im Filial- 
Zeze ist der Jiinglingsverein rege. In Tsuruga und Osaka ist alles 
wie bisher im Gang. In beiden Orten konnte ich selber neue Mit- 
glieder taufen. 

In Osaka war die befte Versammlung wahrend meiner Vor- 
tragsreise. 

In Toyohashi ist ein guter Anfang gemacht. Im Sommer war 
die Stadt von vielen Fremden besucht. Unser Pastor Yanagihara 
bcnutzte die Qelegenheit, groBere Versammlungen zu veranstalten. 
Ich sandte P. Akashi zu seiner Unterstiitzung hin. Die Zeitungen 
brachten Ausziige iiber seinen vorztiglichen Vortrag. Viele Zuhorer 
waren da. 

Wir hatten dies Jahr hier die Versammlung des Kyoto-Bezirkes. 
An zwei Abenden fanden Versammlungen statt, die je drei Redner 
ausfiillten mit ihren VortrSgen. Wie das so geht, der erste Abend 
war nicht gut besucht, doch der zweite war zufriedenstellend. 

III. 
Abendschulen werden in Tokyo und Kyoto gehalten. In 
Tokyo halte ich sie selbst ab. In Kyoto haben einige Freunde des 
P. Suzuki sie in D. Schillers Abwesenheit ubernommen. 

IV. DeutscheKirche. 

Wie friiher habe ich die kirchliche Versorgungpiserer deutschen 
Landsleute in Yokohama und Tokyo. Es ist besonders zu erwahnen, 
daB wu- zum Jubilaumstage unseres Kaisers emen Festgottesdienst 
hatten. Auch jener erhabenen Tage der Leipziger Schlacht wurde 
im Qottesdienste gedacht. Es ist das auch eine wertvolle Aufgabe, 
solche Zeiten und Tage, wie in der Heimat, von der religiosen Seite 
aus anzusehen und ihre Werte hervorzusuchen. 

Wie in den Vorjahren gebe ich auch jetzt regelmSBig Religions- 
unterricht an der deutschen Schule in Yokohama. Es ist das unsere 
Pflicht. Wo wir lieiden zu Christen machen wollen, diirfen wir 
Christenkinder nicht wie Heiden aufwachsen lassen. 

Ich bin am Ende. 



^s 



— 8 - 



Ich hoffe, daB die Freunde auch jetzt den Eindruck haben, es 
geschieht etwas, es geht auch vorwSrts. • 

Qebe Qott zu allem seinen Segen. 



Tibetforschung vor 100 Jahren. 

Von Pfarrer B. Ooldschmit in Korb (Baden). (SchluB.) 

Bogle muB ein Qberaus scharfer Beobachter gewesen sein, dem 
es auch gelungen ist, jeweils das herauszufinden, was zu berichten 
von Wert fur spatere Zeiten ware. 

Bei seinen Aufzeichnungen liber das religidse Leben der 
Tibeter, bei seinen mehrfachen Besuchen bei religiosen Zeremonien 
ist das der Fall, besonders aber bei jenem denkwiirdigen, bereits 
erwdhnten Besuch Bogles beim damaligen Tashi Lama. Qerade da- 
durch, daB Bogle l^gere Zeit mit ihm verkehrte, konnte er einen 
Einblick in die groBe Verehrung gewinnen, der slch dieser geistige 
Vater erfreut. Wie sehnen sich die Menschen, von ihm gesegnet zu 
werden, und wire es nur durch die Beriihrung mit einer von ihm in 
der Hand gehaltenen Quaste, da ja nur die einigermaBen Vornehmen 
die Hand aufgelegt bekommen. Andere kiissen die Kissen, auf denen 
der hochste Lama saB. DaB eines solch verehrten Mannes FiiBe nicht 
den Erdboden betreten durfen, ist begreiflich. Wo er geht, liegen 
Tiicher aul der Erde. Die Residenz Teshu lunpo gar, wohin Bogle 
mit dem Teshi Lama von Desheripgay geritten war, zeigte schon 
damals die ganze Pracht, die man fiir den Fiirsten aufwenden zu 
miissen glaubte. Besonders prunkvoU sind die Tempel, die wie auch 
andere Qemacher schon damals, wie auch heute noch mit Reis be- 
streut wurden, ein Zeichen der Weilie und deren Wiederholung *). 

Wie viel des Lehrreichen das religiose Leben in der Schilderung 
Bogles enth^t, l^t sich nicht voUst&ndig wiedergeben. Aber mit 
Freuden wird man den festlichen BrSuchen folgen, die einem dann 
erst Qlauben und Aberglauben dieses Volkes erschlieBen, die T^ze 
in Tiermasken, die Teufelsaustreibungen und andere Spiele, Orakel 
und Weissagungen aller Art. Auch Familienromane scheinen selbst 
in den Kreisen der Lamas nicht ausgeschlossen zu sein, die die Liebe 
starker als alle klosterliche Bande erscheinen lafit, wie auch schon 
damals der alte Streit zwischen den „Qelbmutzen" und den ^Rot- 
miitzen" tobte. 



*) Reis ist allerorts und zu alien Zeiten ein .Antidamonenmittel* 
gewesen. Davon ein andermal mehr. 



- 9 - 

DerHandel, den damals schon das Volk in Tibet betrieb, er- 
streckte sich in der Hauptsache bis iiber die Qrenzen nach China 
hin. China hatte ja schon seit Jahrhunderten das Land in seiner 
Macht. In der Hauptstadt Tibets, in Lhasa, saB der chinesische 
Agent, der Amban, der noch heute, wer weiB wie kurz nur noch, 
dort seinen Sitz hat. Aber auch die andern Nachbarvolker batten 
Handelsbeziehungen. Und trefflich konnten die Qosains, die handel- 
treibenden Pilger, Religion und QeschSft miteinander verbinden. 
Trotz des primitiven Zustandes bedarf das Land allerhand „Kost- 
barkeiten", Tiicher, Tee, Pelze, Stoffe, QIas, Schnupftabaksdosen u. 
dergl. und gibt statt dessen Qold, Korallbn und verschiedene Stoffe 
ab. Qeldmunzen eigener Pr^gung kannte man damals nicht, ob 
heute, weiB ich nicht, wogegen Briefmarken die neueste Errungen- 
schaft des Landes sind. Nicht immer leicht war es, fremdes Qeld 
einzufiihren, das dann neben Qoldstaub und anderen Dingen als 
Zahlung angenommen wurde. Solche Einfuhrungen bildeten denn 
dann oft Qegenstand poiitischer Verhandlungen. Und hier hatte ja, 
wie gesagt, in letzter Linie China die FSden in der Hand und das 
letzte Wort zu sprechen. Eigentumlich genug ist iibrigens, daB der 
damalige Kaiser in religioser Beziehung sich zu dem Lamaismus be- 
kannte und in Teshi Lama seine groBte Autorit&t verehrte, die er 
nicht bloB in kriegerischen Dingen um Rat fragte und um Schutz- 
gebete ersuchte, sondern auch in seinem Lande zu sehen begehrte, ein 
Wunsch, der inErfullung ging, aber unsermFreunde Bogles, dem Teshi 
Lama, nach gesunder Reise nach Peking daselbst die Blattern und daran 
den Tod brachte. Das Ereignis trat am 12. November 1780 ein. Bogles 
Wunsch, ihn noch einmal besuchen zu konnen, ist unerfiillt geblieben. 
Wenige Monate darauf starb aber auch Bogle, der noch ehrenvoUe 
Stellen im Dienste seines Vaterlandes in Indien hat bekleiden durfen. 

2. 

Aus ganz anderem Holz geschnitzt war der andere Reisende, 
von dem wir zu sprechen haben, ThomasiManning. Eine Qe- 
lehrtennatur und nicht geschaffen fur Amter und Wurden, nicht ge- 
schaffen fur das praktische Leben. Er war jiinger als Bogle und der 
cinzige Europ&er, der nach Lhasa zu kommen und den Dalai Lama 
dort zu sehen das Qliick gehabt hatte, den aber schon vorher seine 
achtunggebietenden Kenntnisse aus der Hand Napoleons befreit 
hatten. Das war 1803; nach vielen Jahren, nachdem Manning seine 
Reise nach Tibet voUendet und Napoleon seine Reise nach dem 
Qluck auch hinter sich hatte, im Jahre 1817, sahen sich beide M&nner 



- 10 - 

ein zweites Mai unter so ganz anderen Umstanden auf St. Helena. 
Im iibrigen scheint Manning ein etwas sonderbarer Mensch gewesen 
zu sein, der es zu keinem geschlossenen Lebenswerk gebracht hatte. 
Nach der Rtickkehr aus Asien lebte er in seiner englischen Heimat, 
bis er 1840 im Alter von 68 Jahren starb, gerade die doppelte 2^hl 
von Lebensjahren erreichend als Bogle. 

Seiner Reise nach Tibet ging nun eine Vorbereitung in China 
voraus, fiir das er immer schon das lebhafteste Interesse hatte. 
Leider ist sie uns nur in Tagebuchform und unvoUkommen aufbe- 
wahrt. Auch er kam ungefahr den gleichen Weg wie Bogle von 
S&den durch Bhutan nach Tibet. Das Bild, das uns Manning von 
dem Land und den Leuten gibt, ist kaum ein anderes wie das von 
Bogle, aber wohl diensam dazu, jenes auf seine Richtigkeit zu priifen. 
Erst von dem Punkt, wo Mannings Weg nach Osten ausbiegt, ge- 
winnt seine Schilderung unmittelbare und eigene Teilnahme des 
Lesers. Das ist denn von Qiansu (Qialse) bis Lhasa der 
Fall. Die erste tibetische Stadt zeigte sich Manning ganz in chinesi- 
schem Qewande. Bemerkenswert ist dabei das Verhaltnis chinesi- 
scher Manner zu tibetischen Madchen und Frauen, wie iiberhaupt 
das geschlechtliche Leben der Tibeter. Blofie Z e i t e h e n scheinen 
zwischen dem Herrenvolk der Chinesen und den untergebenen 
Tibeterinnen das Qewohnliche zu sein. Seine Lamas aber schiitzt 
der Tibeter, soweit es immer geht, gegen die Verfiihrung der 
Mddchen, woraus sogar die Gewohnheit wurde, daB die MSdchen 
sich das Qesicht schminken muBten, ehe sie sich einem Lama 
naherten. Diese Sitten des Zusammenlebens zwischen Chinesen und 
Tibeterinnen gehen iibrigens nach den Berichten Brandts oft 
in dauemde Liebe iiber, um derentwillen manche Chinesen dauernd 
in Tibet bleiben, wohin sie durch chinesische Regierungsverbote 
ohnehin keine Chinesinnen mitnehmen diirfen. Der Weiterweg 
Mannings verging nicht ohne Schwierigkeiten. Fflhrermangel und 
allerlei Unbilden machin sich geltend. Wenn u. a. Manning auch 
die schlechten Wasserverhaltnisse erwShnt, die gar durch V e r - 
senken von Leichen in die Seen verursacht seien, so wurde 
diese Bestattungsform dem entgegenstehen, was wir oben von Bogle 
und auch anderweitig wissen. Auch darin unterscheidet sich Manning 
von Bogle, daB sein Widerspruchsgeist gegenuber abergl&ubisch 
empfundenen Brauchen, wie z. B. die damals und heute sehr ge- 
brauchlichen Qebetsmiihlen und Bilderverehrung, weit mehr zur 
Qeltung kommt als bei jenem. 



— 11 - 

Das Wichtigste aber in Mannings Schilderungen ist, was er iiber 
Lhasa zii erzShlen wuBte. Der erste Eindruck war abschreckend. 
Der alte Spruch, daB die Bevolkerung aus „M 6 n c h e n, W e i b e r n 
und Hunden" bestehe, schien sich auch ihm zu bewahrheiten. 
Daneben war hier auch der bereits erwahnte Sitz der chinesi- 
schen Verwaltung des Landes. Am 17. Dezember 1811 hat 
nun Manning den QroB-Lama, den Dalai Lama, besucht Mit 
allerlei Qeschenken beladen, ging es den miihsamen Weg zu des 
Lamas Wohnung empor. Der siebenjfihrige Lama war umgeben von 
seinem Regentstellvertreter, dem Timu-fu, der in seiner Minder- 
jShrigkeit die Regierung besorgte. Der fiirstliche Knabe wird ge- 
schildert als von „einfachen und unaffektierten Manieren. Sein Qe- 
sicht war poetisch riihrend schon. Er war heiter und munter ver- 
anlagt; sein schoner Mund lieB sich fortwShrend in anmutigem 
Lacheln gehen." Danach und nach den weiteren Schilderungen 
scheint der Lama trotz seiner groBen Jugend keinen geringen Ein- 
druck auf den Erz^ler gemacht zu haben. Das Qesprach zwischen 
beiden geht vom Tibetischen iiber Chinesisch und Lateinisch hin und 
her. Der Inhalt bewegte sich nicht eben tief; es waren gewdhniiche 
Redensarten zweier einander bis dahin fremder Menschen. Die er- 
betenen Biicher uber Tibets Religion und Qeschichte erhielt Manning 
nicht. Die ubrige Zeit des Aufenthalts benutzte er, seine drzt- 
liche Kunst zu betatigen, oft unter groBen WiderstSnden. Auf 
diese Weise kam er manchem Tibeter und manchem Chinesen n^er, 
als es durch die Vermittelung von Buchern hatte geschehen konnen. 
Und so hat denn Manning genau vor hundert Jahren eine Qeschichte 
erfahren, die dem Tun und Treiben und den Intrigen der damaligen 
Chinesenschaft anlSBlich eingetretener Wirren das denkbarst 
schlechteste Zeugnis ausstellen muB. Kein Wunder, daB die damalige 
Chinesenherrschaft von den Tibetern alles andere eher als geliebt 
war. Aber auch die EnglSnder waren damals dem Namen nach be- 
kannt und ebensowenig geliebt. Das hat Manning selber erfahren 
durfen, mehr noch als unter der Hand auch Bogle. Das alles aber 
wird zu nicht geringem Teil den Chinesen auf Rechnung zu stellen 
sein. Fiir Manning stand ja viel auf dem Spiel. Er woUte iiber Tibet 
ins innere China dringen. Ob es gelingen werde, das soUte sich in 
ungewissen Tagen nach ISngeren Untersuchungen entscheiden. Und 
durch die notwendig gewordene Anfrage beim Kaiser von China 
konnte unter UmstSnden fur Manning und seinen chinesischen Dol- 
metscher das Leben in Qefahr kommen. Unterdessen hatte sich der 



M 



- 12 — 

junge Dalai Lama seinen Qlaubensvorschriften gem^B einige Wochen 
zu religiosen Obungen zuriickgezogen. Nach Ablauf dieser Zeit 
suchte ihn Manning wieder auf, wie auch spater noch. Den toten 
Heiligenbildern aber brachte Manning, wie er selber erzShlt, nicht 
die gleiche Freundschaft entgegen. Duldsam war er gewiB, aber 
selber mitzumachen, was ihm innerlich fremd war, vermochte er 
nichtsdestoweniger doch nicht. Qenug, daB er den, richtig ver- 
standen, unanfechtbaren Satz aufstellen konnte: „Alle Religionen, 
wie sie bestehen, enthalten eine Mischung von Qutem und Bosem, 
und alle streben danach, die Menschheit zu zivilisieren und zu 
bessern; als solche achte ich sie. Was die allgemeine Idee anbetrifft, 
daB die Qrtinder aller anderen Religionen, mit Ausnahme unserer 
eigenen, Betriiger seien, so halte ich das fiir einen vulgaren Irrtum." 
(Nebenbei sei bemerkt, daB man dem beistimmen und gleichwohl fiir 
eine starkere Teilnahme an den Werken der Missionsarbeit ein- 
treten kann. Im Hinblick auf eine der asiatischen Religionen, den 
modernen Buddhismus, wie er sich in Japan darstellt, ist das kein 
Widerspruch, braucht wenigstens keiner zu sein, wie wir gerade 
aus der Missionsarbeit des in Japan als einziger deutscher Missions- 
verein wirkenden Allgemeinen Evangelisch - Protestantischen 
Missionsvereins und seiner dem angefiihrten Qrundsatz Rechnung 
tragenden Missionsart erkennen konnen!) 

Mannings Wunsch, durch China reisen und nach dieser Seite 
Tibet verlassen zu diirfen, ging trotz allem nicht in ErftiUung. Am 
6. April sah er zum letztenmal den Dalai Lama, am 19. April 1812 
vcrlieB er Lhasa auf dem alten Weg, denn der Kaiser von China 
hatte, wie wir von anderer Seite her wissen, auf seinen Kopf einen 
Preis gesetzt. „Da er vorgezogen, ihn auf seinen Schultem zu be- 
halten, habe er sich beeilt, seine Riickreise anzutreten." So schloB 
ein verloren gegangener Reisebericht Mannings. 

tlundert Jahre sind seitdem vergangen. Ober Tibet ist 

die Schicksalsstunde hereingebrochen. Bogle, wie Manning, ebenso 
aber auch Hedin sahen wesentlich das gleiche, das alte Tibet. Dessen 
Zeit hat geschlagen. Noch schrieb Bogle folgenden AbschiedsgruB: 
„Lebe wohl, du ehrliches, einfaches Volk. Mogest du lange das Qluck 
genieBen, das zivilisierten Nationen verweigert ist, und wahrend sie 
in ruheloser Jagd begriffen sind, die Qeiz und Ehrgeiz ihnen auf- 
erlegen, fortfahren, durch deine kahlen Berge geschiitzt, in Frieden 
und Zufriedenheit zu leben und keine anderen Bedurfnisse als die der 
Natur zu kennen." Nun aber wissen wir, was iiber Tibets Herren- 



- 13 - 

volk, China, mittlerweilen fur Ereignisse eingebrochen sind. Wlr 
wissen, wie die in Tibet gleichermaBen unbeliebten Chinesen und 
Engiander sich um Tibet streiten. Wissen wir auch nicht, wie beider 
V51ker Anspriiche letztlich werden geregelt werden, soviet ist 
sicher: Weder in Abhangigkeitvon dem modernen China, nochweniger 
in der von dem modernen England wird sich Tibet seine alte Eigen- 
art bewahren konnen. Es wird keines groBen weltpolitischen Weit- 
blicks bediirfen, um sagen zu diirfen, daB die Tibetforschung der 
nachsten hundert Jahre ein wesentlich anderes Bild als die der Ver- 
gangenheit ergeben wird. 

Aus der Mission der Gegenwart. 

Eine zweite amtliche Religionskonferenz in Tokio. 

Am 25. Februar 1912 fand in Tokio auf die Einladung des Mi- 
nisters des Innern, Hara, unter Leitung des Vizeministers des Innem, 
Tokonami, eine gemeinsame Konferenz von Vertretern des Shintois- 
mus, Buddhismus und Christentums statt, in der Beratungen ge- 
pflogen wurden, in welcher Weise die Religionen Japans, jede in 
ihrer Art, an der sittlichen Hebung des Volkes am wirksamsten 
arbeiten konnten. Ein praktisches allgemeines Ergebnis weiterer 
Art hatte diese Konferenz nicht. Fiir das Christentum war aller- 
dings die Konferenz insofern von sehr groBer praktischer Bedeutung, 
als die japanische Regierung durch die Hinzuziehung von christ- 
lichen Predigern zum ersten Male anerkannte — im Gegensatz zu 
ihren friiheren MaBregeln — , daB das Christentum eine fur Japan 
h e i 1 s a m e Macht ist, und wirklich schon eine M a c h t , mit der 
sie rechnen muB und gern jetzt zusammenarbeiten will. Aber wenn 
diese Konferenz auch kein weiteres positives Ergebnis hatte, so war 
ihr Zustandekommen an sich schon erfreulich, und die personliche 
Beriihrung namhafter Vertreter der drei Religionen wird auch nicht 
unterschatzt werden diirfen. Es kommt dadurch in die rivalisieren- 
den Bestrebungen der Religionen eine Stimmung des Sichverstehens 
und der gegenseitigen Achtung hinein, die auch dem Christentum 
von Segen ist. 

Bei dieser ersten Religionskonferenz fehlte die buddhistische 
ostliche Hongwanji-Sekte, die sehr groBen EinfluB in Japan hat 
Das tat der Bedeutung der Konferenz jedoch keinen Abbruch. Auch 
die Regierung war von dem Verlaufe der Veranstaltung so be- 
friedigt, daB sie fiir den Juli 1913 eine zweite gemeinsame Beratung 



y's 



- 14 - 



von Vertretern der drei Religionen berief. Aber diesmal erhob nun 
doch der Buddhismus so scharfen Widerspruch gegen eine ge- 
me in same Tagung mit den andern Religionen, dafi die Re- 
gierung ihren Plan zunMchst fallen lieB. 

Doch fand sie bald einen neuen Weg, um ihr Ziel trotzdem zu 
erreichen. Sie lud auf Anfang November 1913 Vertreter der drei 
Relig^ionen zu getrennten Beratungen ein und erreichte dadurch 
im wesentlichen dasselbe. Denn nach den getrennten amt- 
lichen Beratungen fanden gleichwohl in geselligen Zusammen- 
kiinften personliche gemeinsame Beriihrungen statt, genau wie 
bei der ersten Konferenz, und sogar mit besseren Resultaten. Der 
Buddhismus hatte auch nur gegen gemeinsame amtliche Be- 
sprechungen Widerspruch erhoben, weil er durch diese seinem 
Anspruch auf Allgemeingeltung und Qenugsamkeit in den Augen 
seiner Anh^ger zu schaden fiirchtete. 

So fanden denn unter Leitung des Unterrichtsministers Dr. 
Okuda und des Vize-Unterrichtsministers Fukuhara am 1. November 
mit 11 Vertretern des Shintoismus, am 3. November mit 49 Ver- 
tretern des Buddhismus und am 4. November mit 13 japanischen 
Vertretern des Christentums Besprechungen statt, die sich an ein 
gemeinsames Mahl anschlossen. 

Der Unterrichtsminister hielt auf alien drei Tagungen ungefahr 
die gleiche Rede, welche nach der .JDeutschen Japanpost" (1913, 35) 
folgenden Wortlaut hatte: 

„Im Qefolge der Verwaltungsreform im letzten Juni wurde das 
Religions-Bureau der Jurisdiktion des Ministeriums des Innern ent- 
zogen und dem Unterrichtsministerium iiberwiesen, so daB es jetzt 
unter meiner Aufsicht steht. Darum habe ich Sie hierher gebeten, 
um Ihre Bekanntschaft zu machen und zugleich Ihre Ansichten liber 
die religiose Arbeit kennen zu lernen. Uber die Qriinde, die zu der 
Oberweisung des Religions-Bureaus an das Unterrichtsministerium 
fiihrten, sind von verschiedenen Seiten allerlei Vermutungen und 
Befiirchtungen ausgesprochen worden, doch waren Erw^gungen 
administrativer Art die einzige Ursache der Veranderung. Reli- 
gionen, die auf dem Qlauben aufgebaut sind, sind ihrer Natur nach 
gs^z verschieden von Erziehung, aber fiir die Heranbildung des 
Volkes und die Erhaltung der Volksmoral ist ein Zusammenarbeiten 
von Religion und Erziehung zu wunschen. Natiirlich fallt also auch 
die religiose Erziehung in den Wirkungskreis des Mombusho, und 
SO wurde es fur niitzlich erachtet, die reiigiosen Angeiegenheiten 



- 15 - 

ebenfalls dem Unterrichtsministerium zur Beaufsichtigung zu fiber- 

tragen. 

Unter diesen Umstanden wird der Wechsel eine Anderung der 
Religionspolitik der Regierung nicht zur Folge haben, wenngleich 
im einzelnen, bei der Festlegung der auf die Religion bezuglichen 
Qesetze und Bestimmungen, sowie in der gesamten Verwaltung 
allerlei Verschiebungen eintreten mogen. In bezug hierauf mochten 
wir Ihre Meinung horen. 

Auf einen Punkt wiinsche ich Ihre Aufmerksamkeit besonders 
hinzulenken, auf die Notwendigkeit, daB religiose Lehrer, die direkt 
die moralische Erziehung des Volkes in Handen haben, das groBe 
Publikum an Bildung iiberragen soUten. Die Maschine des Er- 
ziehungswesens arbeitet jetzt sehr wirksam, so daB die Nation in 
ihrer allgemeinen Bildung groBe Fortschritte gemacht hat. Um so 
hohere Bildung mussen die Religionslehrer fur sich selbst erstreben 
und gewinnen, um Fuhrer weiteren Fortschritts zu werden. Dies 
ist ein Punkt, auf den in den Bestimmungen fiir die Prufung von 
Kandidaten des religiosen Lehramts besonders zu achten sein wird, 
damit nicht Fehler und MiBgriffe sich wiederholen, wie sie in der 
Vergangenheit leider vorgekommen sind. Aber nicht bloB ihre Bil- 
dung muB bewertet werden, sondern auch ihr personlicher 
Charakter, und Ungeeignete sollten sofort entlassen werden. Streit 
und Zwist unter den Vertretern der Relig^ionen selbst kommen immer 
wieder vor, sie sind eine Schande fiir die Religion und bringen die 
Regierung in schwierige Lagen. Wir ersuchen Sie daher, die Ihnen 
unterstehenden Lehrer zu warnen und nach Moglichkeit fiir Abhilfe 
zu sorgen. Mit der fortschreitenden materiellen Zivilisation der 
Welt wird die Aufgabe der Besserung schlechter Menschen immer 
schwieriger, darum sollen Sie mehr noch als bisher diese Aufgabe 
im Auge behalten und die andern religiosen Lehrer ermutigen und 
ermahnen zu gemeinsamer Arbeit!" 

Aus den sich an diese Rede jedesmal anschlieBenden Be- 
sprechungen ist zunachst das bedeutsam, daB die Buddhisten dem 
Minister erklarten, sie wollten wohl gern mit den staatlichen In- 
stanzen an der Volkserziehung und Volkshebung arbeiten, aber dann 
musse auch die Regierung auf die Wunsche der Buddhisten hin- 
sichtlich des staatlichen Unterrichts Rucksicht nehmen. Die Reli- 
gionslosigkeit der Staatsschulen entziehe die Jugend dem EinfluB 
der Religion in einem Lebensalter, in^ dem die Menschen der 
Fuhrung durch die Religion am dringendsten bedtirften. Der Mi- 



- 1/-^; -rrt"- ' 



- 16 - 

nister suchte den Unterricht gegen diesen Vorwurf in Schutz zu 
nehmen. Im iibrigen scheint die Regierung da, wo sie ftir ihre 
politischen Zwecke davon Vorteil erhofft, den Buddiiismus gem zu 
fordern, denn nach dem „Ostasiatischen Lloyd" (1913, 46) wurde in 
der Besprechung erw&hnt, daB der Buddhismus fur seine Mission in 
China (S. S. 19 dieser Nummer) beim AuswSrtigen Amt Aussicht auf 
Unterstiitzung habe. DaB die japanische Regierung in Japan selbst 
sich dem Buddhismus fernh&lt, kann man aus der Qeschichte Japans 
heraus, trotz der groBen friiheren Verdienste des Buddhismus, wohl 
verstehen. 

In der Beratung mit den Vertretern des Christentums haben 
diese dem Minister drei Wunsche vorgetragen. Der erste betrifft 
die Vereinigung mehrerer Kleiner Kirchen zu groBen Organisationen, 
damit dieselben die Rechte einer juristischen Person erlangen und 
sich eine bessere finanzielle Qrundlage schaffen konnen. Der zweite 
Wunsch betraf die an die Regierung gerichtete Bitte, sie moge eine 
bestimmte Erklarung iiber das VerhSltnis der Volksschule zum 
Shintoismus abgeben. Zum VerstSndnis dieser Bitte sei daran er- 
innert, daB in den letzten Jahren die Volksschulen in Wirklichkeit 
nicht religionslos waren, sondern von der Regierung benutzt 
wurden, um die Kinder mit dem Shintoismus in n&here Beriihrung 
zu bringen. So wurden offizielle Besuche shintoistischer Tempel 
durch die Volksschulen ausgefiihrt ja, selbst christliche Missions- 
schulen wurden aufgefordert, solche Besuche vorzunehmen. Es gab 
dadurch Konflikte mit christlichen Eltern, deren Kinder die Staats- 
schulen besuchten, und die ihre Kinder solche Tempelbesuche nicht 
mitmachen lieBen. Die Regierung hat sich mehrfach hinter die Er- 
kltrung verschanzt, es handle sich dabei nicht um religiose Akte, 
sondern um Pflege der Pietat gegen die Qeschichte des Landes, wie 
sie auch dauernd den Kaiserkult, der offensichthch religiosen 
Charakter trdgt, dem modemen Empfinden dadurch schmackhaft 
zu machen sucht, daB sie erkl§rt, es handele sich um eine Ehrfurchts- 
bezeugung (veneratio), aber nicht um eine religiose Verehrung 
(adoratio). Auf der gleichen Linie liegend muB man die Erklarung 
des shintoistischen Schriftstellers Motoori verstehen, die (1913) in 
streng shintoistischen Kreisen viel Argernis erregt hat. Derselbe hat 
erklart, der Tempel der Sonnengottin Amaterazu in Ize sei garnicht 
der Aufenthaltsort der Qottin. Wer daher vor diesem Tempel 
niederkniee (hineingehen darf niemand), der bete nicht die Qottheit 
im eigentlichen Sinne an, sondern voUziehe nur einen Akt der Ehr- 






*,' 



- 17 - 

erbietung. Motooris Bestreben war dabei fraglos dies, den 
modernen Japanern den Besuch Izes innerlich moglich zu machen 
und lieb zu erhalten. DaB es sich aber bei all den erwahnten Dingen 
in Wirklichkeit doch um Religion handelt, kann z. B. nach den beim 
Tode des Kaisers Mutsihito vorgenommenen Riten und nach andern 
Ereignissen nicht fraglich sein. Die Regierung will, wenn moglich, 
die Qrundanschauungen des Shintoismus als Qrundlagen aller 
Staatseinrichtungen und Sicherung der japanischen Monarchie er- 
halten. Sonst ist es gar nicht zu verstehen, daB man noch immer 
Akte vornehmen kann, wie erst wieder im Sommer 1913 den, daB 
die Regierung den ermordeten Direktor des poUtischen Bureaus des 
Auswartigen Amtes, Abe, nach seiner Ermordung, um ihn zu ehren, 
zum Qesandten fiir Belgien ernannte. Die Christen haben ein 
dringendes Interesse an der Klarung der Frage des Verhaitnisses 
der Volksschule zum Shintoismus. Hier liegt Brennstoff in FuUe fiir 
schwere KSmpfe. Denn die behauptete Erweichung des Shintois- 
mus ist von seiten der Regierung nur ein kluger Schachzug, um 
auch in den Christenkreisen Ideen und Qebrauche fortleben zu 
lassen, die sich niemals mit dem Christentum vertragen. Der 
Minister hat eine wohlwollende Erwagung dieses wie aller Wiinsche 
der Christen zugesagt. 

Der dritte Wunsch der Christen ging dahin, die Regierung moge 
doch in Zukunft auch christliche Pastoren zu QefSngnisseelsorgern 
zulassen, wShrend bis dahin nur Priester der buddhistischen Hong- 
wanji-Sekten in den Strafanstalten tatig sind. 

Im AnschluB an diese getrennten amtlichen Besprechungen fand, 
wie schon erwahnt, am 5. November eine nichtamtUche Zusammen- 
kunft von 400 Vertretern der drei Religionen unter dem Vorsitz des 
Oberburgermeisters von Tokio, Baron Sakatani, statt, bei der auch 
der oben erwahnte friihere Vizeminister des Innern, jetzige Leiter 
der Staatsbahnen, Tokonami, neben den Vertretern der Religionen 
eine auf friedliches Nebeneinanderarbeiten hinstrebende und die ge- 
meinsamen Aufgaben der Religionen betonende Rede hielt. AUe 
dort gehaltenen Reden bewegten sich in sehr allgemeinen Qedanken. 

Doch konnen vielleicht zwei dort gefaBte Beschlusse neben dem 
Wert der Pflege personlicher Beziehungen der Versammlung 
praktische Bedeutung fiir die Zukunft verleihen. Der erste BeschluB 
betrifft die Bildung eines standigen Ausschusses, welcher die ge- 
meinsamen Angelegenheiten aller Religionen beraten und jedes Jahr 
eine Religionskonferenz berufen soil. Dieser AusschuB hat sich den 



— 18 — 

Namen gegeben: „Nippon Schukyo Taikai", „QroBer Vereln Japani- 
scher Religionen". 

Der zweite Beschlu£ betrifft die Abhaltung eines allgemeinen 
Religionskongresses der „liberalen Religionen" in Tokio im Jahre 
1915. Diese Anregung, die von amerikanischer Seite ausging, wurde 
mit groBem Beifall aufgenommen. Palls dieser KongreB zustande 
kommt, wird er der erste groBe Internationale KongreB sein, den 
Japan erlebt. Diese Sache selbst aber ist vorlaufig noch etwas un- 
klar und sehr „amerikanisch". Es handelt sich nSmlich um den Plan, 
daB 1914 und 1915 solche Weltkongresse der liberalen Religionen 
(Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus usw.) kurz hinterein- 
ander in London, Konstantinopel, Jerusalem oder Kairo, Bombay, 
Delhi Oder Kalkutta, Schanghai und Tokio stattfinden sollen. Diese 
Kongresse sollen so gelegt werden, daB sich das Qanze fur die Teil- 
nehmer zu einer Weltreise gestaltet, die ihren Hdhepunkt in dem 
letzten der abzuhaltenden Kongresse haben wird, der in San Fran- 
cisco zur Zeit der Panama-Ausstellung stattfinden soil. Die japani- 
schen Finanzkreise sind bereit, fur die Kosten des Kongresses in 
Tokio aufzukommen. Man kann heute unmoglich schon iiber diesen 
Plan ein Urteil fallen. Etwas eigenartig mutet er an, es ist ein 
biBchen viel Verbriiderung. 

Sieht man von diesem letzten Punkte ab, so kann man sich im 
Interesse des Christentums dieser zweiten japanischen Religions- 
konferenz von Herzen freuen. Das Christentum kommt damit aus 
der Enge mehr in die Weite und wird im japanischen groBen Volke 
mehr als bisher als ein wichtiger Faktor des nationalen Lebens ge- 
wtirdigt werden. Die Beteiligung des Christentums auch an dieser 
zweiten Konferenz wird einen nachhaltigen Eindruck auf alle Volks- 
kreise machen, auf das schlichte Volk ebenso wie auf die Qebildeten. 
Man darf diese Wirkung der Konferenz auf die Stimmung des Volkes 
gegen das Christentum nicht gering einschatzen. Fiir das Christen- 
tum ist dieser Umschwung in der Stellung der Regierung gerade zur 
rechten Zeit gekommen. Denn es ist in Japan heute eine Zeit, wo 
im weiten Volke sich ein Verlangen nach Religion regt. Nun wird 
ein Teil dieser religiosen Bewegung leichter sich dem Christentume 
zuwendep lassen als friiher. Wenn jetzt diese Qelegenheit in rechter, 
weitherziger und doch tieffrommer Weise ausgenutzt wird, kann 
daraus ein groBer Segen werden. 

Abzuwarten bleibt, welche praktischlen Ziele die Regierung mit 
diesen Konferenzen erstrebt. Bisher herrscht dariiber volliges 



■*(-.i 



— 19 — 

Diinkel. So erubrigen sich auch Vermutungen darfiber. Sobald sich 
das Dunkel hebt, wird es Zeit sein, daruber zu berichten. W i 1 1 e. 



Die Wirkung der Umwalzung in China auf den ctiinesisclien 

Buddliismus. 

Der chinesische Buddhismus, der einstmals Zeiten hoher Bliite 
in kultureller, geistiger und religioser Hinsicht erlebt hat, lag in der 
neuen Zeit sehr darnieder. Die Monche sind noch heute zum 
groBten Teil voliig unwissend, z. T. fast Qesindel. Nur wenige 
kennen die Qeistesschatze ihrer eigenen Religion. Der „Ost- 
asiatische Lloyd" schreibt (1913, 43), die Degeneration des chinesi- 
schen Buddhismus sei fast bis zur voUigen Zersetzung fort- 
geschritten. Die massenhafte Zerstorung der Qotterbilder in den 
letzten beiden Jahren ist das Werk der Volkskreise, die bisher am 
Buddhismus hingen! Der Buddhismus war bisher nicht arm, im 
Qegenteil verfugte er tiber groBe Qeldmittel und vielen Qrundbesitz. 
Aber dieser Reichtum hat ihm keinen Segen gebracht. Die neue 
Regierung hat mit der Konfiskation eines Teiles der Tempelgiiter 
nichts Neues getan. Schon 1898 und dann wieder 1902 hatte, ahn- 
liche VorgSnge aus der alteren Qeschichte Chinas nachahmend, die 
Kaiserliche Regierung auf die Tempelguter ihre Hand zu legen be- 
gonnen und die Umwandlung zahlreicher Kloster in Schulen an- 
geordnet. Wenn diese Anordnungen bisher nicht voUig durch- 
gefiihrt wurden, so lag das an der allgemeinen Stockung alles 
Lebens in China, das viele neue Ansatze, aber wenig wirklich durch- 
gefiihrte Reformen zeigt. Seit der Neuordnung der Dinge durch die 
Republik ist nun aber der Buddhismus durch die Not gezwungen 
worden, an seine Zukunft zu denken. Denn in der Zukunft wird ihm 
jede staatliche Begtinstigung fehlen. Wenn der Staat sich uber- 
haupt mit einer religiosen Organisation fiir die Zukunft verbundet, 
so wird es der Konfuzianismus sein. Die andern Religionsgemein- 
schaften mussen sich, woUen sie welter bestehen, zu freien Qemein- 
schaften organisieren. 

Damit macht nun auch der Buddhismus einen Anfang. In 
Canton hat der Buddhismus soeben den Entwurf einer „Organi- 
sation der Cantonesischen Buddhistenkirche" der Regierung unter- 
breitet und auch die Qenehmigung der Regierung erhalten. Das 
Schreiben der Regierung, das die Qenehmigung erteilt, hat folgen- 
den Wortlaut: 






— 20 - 



„Die Griindung der cantonesischen Buddhistenkirche, mit einem 
vom Luk-yung-Kloster gestifteten Fonds von zehntausend Dollars, 
haben wir zur Kenntnis genommen. Der Zweck der Organisation 
zur Ausbreitung ihrer Religion zur Erlosung der Menschheit, zum 
Kampf gegen Aberglauben und VolksschSden, ist anerkennenswert. 
Die Einzelbestimmungen sind gut und finden unsere Qenehmigung. 

„Wir haben gefunden, daB die Monche noch nie sich veranlaBt 
fiihlten, zur Ausbreitung ihrer Religion etwas zu tun. Das ist der 
Qrund, weshalb der Buddhismus kein Ansehen hat und auch seine 
religiose Kraft eingebiiBt hat, was zu bedauern ist: Nach Fest- 
setzung dieser Organisation fiir sSmtliche Kloster und ihrer In- 
sassen soil allenthalben reformiert werden. Es soil nicht nur das 
Bestreben der Monche sein, in Abgeschlossenheit zu leben, Messen 
zu lesen, fiir Essen und Trinken zu sorgen und das Volk durch 
Zauberei und Aberglauben um sein Qeld zu betriigen. Es ist sehr 
wichtig, dafi alle Kloster sich nach den neuen Ordnungen richten." 

Das im zweiten Teil des Schreibens ausgesprochene Urteil tiber 
die bisherige Verwahrlosung des Buddhismus, das durchaus den 
Tatsachen entspricht, darf aber nicht zu der Annahme fiihren, die 
Tage des Buddhismus in China seien gezShlt. Der Zwang, fiir sich 
selbst zu sorgen, wird ihn aufriitteln, und die Notwendigkeit, dem 
EinfluB des Christentums Widerstand zu leisten, wird die Lebens- 
krafte, die im Wesen des Buddhismus liegen, aber jetzt im 
chinesischen Buddhismus erstarrt sind, neu beleben. Dazu wird der 
Buddhismus jetzt in China dasselbe tun, was er schon seit Jahr- 
zehnten in Japan getan hat, er wird sich vom Christentum Lebens- 
krafte entlehnen und dadurch erst recht neues Leben erhalten. Das 
ist dann nattirlich kein reiner Buddhismus mehr, dies neue Leben 
ist auf das Verdienstkonto des Christentums zu rechnen als eine der 
Fernwirkungen seiner Missionsarbeit. Aber die indirekten Erfolge der 
christlichenMissionsarbeit kommen stets den alten Religionen zugute, 
unter denen sie ihr Werk treibt. Das ist nicht zu bedauern, sondern 
froh zu begrilBen, als eines der vielen Zeichen der Lebensmacht und 
der Oberlegenheit des Christentums. Nur muB man stets an dieseTat- 
sache selbst denken und andere erinnem, wenn man von einer ' 
Neubelebung der andern Religionen redet und hort. 

DaB der chinesische Buddhismus sich, genau so wie iibrigens 
auch der sich neu organisierende Konfuzianismus, an die christ- 
lichen Vorbilder anlehnen will, zeigen die von der Regierung ge- 
nehmigten Satzungen der jungen, neuen Kirche. Da wird fiir die 



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- 21 - 

Propaganda gefordert: „Der Prior eines Klosters bestimmt die 
Prediger und verteilt die iibrigen Arbeiten des Klosters. Er be- 
stimint, an welchen PlStzen gepredigt werden soil und wo Ver- 
sammlungshallen zu kaufen oder zu mieten sind. An belebten 
StraBen und M^rkten sollen die Leute tiber Buddhismus belehrt 
werden, auch sollen die Soldaten in ihren Lagern, die Verbrecher 
in den Qef^gnissen und die Kranken in den Spitalern besucht 
werden. Auch fUr die Verkttndigung der Lehren Buddhas im Aus- 
laud ist Sorge zu tragen." Es sollen Volksschulen, Lehrer- 
Seminare, Predigerschulen geg:riindet werden, eine buddhistische 
neue Literatur in Biichern und Zeitschriften soil geschaffen und die 
Tagespresse im Sinne des Buddhismus beeinfluBt werden. Eine 
strenge Sittenzucht soil das Leben der Monche beaufsichtigen, die 
Verwaltung des Besitztums wird kontrolliert und der Besitz an 
Liegenscbaft durch moderne Verwertung und Verwaltung fruchtbar 
gemacht werden. Man wird Laien aller Berufsstande zu Mit- 
arbeitern zu gewinnen suchen und wird namentlich die Jugend in 
Vereinigungen, ^nlich den Christlichen Vereinen junger M^ner, 
organisieren. 

Eine Merkwurdigkeit ist dabei, daB jetzt, wie schon vorher der 
Konfuzianismus, auch der Buddhismus eine Zeitrechnung nach 
dem Qeburtsjahr ihres Stifters einzufiihren versuchen woUen. Das 
wird ja nicht gelingen. Abgesehen davon, muB man sagen, zeichnet 
sich der Satzungs-Entwurf durch Klarheit und ZielbewuBtheit aus. 
Ob im Buddhismus Chinas heute so vie! innere Kraft liegen wird, 
um dem Entwurf Leben zu geben, das bleibt abzuwarten und kann 
niemand vorauswissen. 

Vielleicht wird der japanische Buddhismus, der heute in Japan 
tatsSchlich hohen geistigen EinfluB besitzt, dem chinesischen 
Buddhismus bei der Organisation behilflich sein. Der „Japan 
Evangelist" (1913, 11) berichtet, daB in der Tat Verhandlungen im 
Qange sind zur Qriindung eines groBen „Unionsverbandes japani- 
scher und chinesischer Buddhisten". Schon seit 1895 haben 
japanische Buddhistenmonche in China missionarisch gearbeitet, 
fihnlich, wie es auch in Korea geschah. Die japanische Regierung 
sah das gem. Man sah in dem Vorgehen dieser japanischen Monche 
eine Parallele zu dem Vorgehen der westlandischen Missionare und 
suchte mehrmals poUtischen Vorteil daraus zu Ziehen. Diese Arbeit 
lag auf der Linie der Bestrebungen des 1899 gegriindeten „Ost- 
asiatischen Kulturbundes", der den Zweck hat, das Aufbluhen Ost- 






- 22 — 



asiens unter der Vorherrschaft Japans zu fordern. Es ist kein Zu- 
fall, dafi die japanischen China-Missionare Monche der beiden (ost- 
lichen und westlichen) Hongwanji-Kirchen sind, die zur japanischen 
Rej^erung enge Beziehungen haben. In diesen Kirchen stellt sich 
d i e Form des japanischen, sogenannten protestantischen Buddis- 
mus dar, die durch Ausmerzung der Vielgotterei sich am meisten 
modernisiert, durch Ausschaltung des Zolibats u. a. Dinge ein 
positives VerhSltnis zur Diesseits-Welt gefunden hat und durch 
Starke Betonung der Pietat und Loyalitat fur das Volksleben sehr 
brauchbar ist. Durch alle diese Eigentiimlichkeiten empfiehit sich 
diese Form des Buddhismus auch fur die Propaganda in China, da 
sie besonders geeignet ist, um eine innere Fuhlung mit den streng 
konfuzianischen Kreisen zu gewinnen. 

Es ist wohl moglich, daB man von japanischer Seite die Bildung 
eines Unionsverbandes fordert, ob aus lauteren reUgiosen oder auch 
aus politischen Absichten, das bleibe dahingestellt. Bisher hat die 
buddhistische Propaganda m Japan weder erhebliche reUgiose Er- 
foige erzielt, noch dem japanischen Staate Vorteil gebracht. Auch 
da gilt es, das weitere abzuwarten und die Entwicklung der Dinge 
im Auge zu behalten. W i 1 1 e. 

Grjindung einer MDeutscb-Evangelischen MissionshlUe**. 

Um die Wirkung der Nationalspende fiir die evangelische Mission 
in den deutschen Kolonien nicht in der einmaligen, an sich ja hoch- 
erfreulichen Anregung verpuffen zu lassen, sondern in eine dauemde 
Alitarbeit weitester Volkskreise an dem Werke der Mission fortzu- 
entwickeln und zu bleibender Missionsliebe auszugestalten, hat der 
Ausschufi der Na1;jonalspende mit Qenehmigung des Kaisers den Be- 
trag von etwa einer halben Million Mark von dem Ertrag der Spende 
zuriickbehalten, um mit Hilfe dieses Qeldes eine groBziigige Propa- 
ganda in Deutschland zu entfalten, durch die die breite Offentlichkeit 
fur die Mission weiter interessiert werden soil. Am 6. Dezember hat 
sich dies neue Untemehmen als „Deutsch-Evangelische Missions- 
hilfe" konstituiert. In der Griindungsversammlung waren zahlreiche 
Vertreter von hohen Staats- und Kirchenbehorden, von Missions- 
gesellschaften und verwandten Bestrebungen erschienen. In dem 
vorbereitenden AusschuB hatte auch der F^^ident des Allgemeinen 
Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins, D. Dr. Aug. Kind, mit- 
gearbeitet. In den Vorstand des neuen Untemehmens sind Leiter 
von Mlssionsgesellschaften nicht gew^t worden, um demselben 



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— 23 - 



•mSglichste Unparteilichkeit zu sichern. In den Vorstand wurden 
folgende Herren berufen: D. Berner, Oberverwaltungsgerichtsrat 
(Berlin); Dr. jur. Faber (Magdeburg); Freiherr von Qayl, General 
der Infanterie z. D. (Berlin); Professor D. Hausleiter (Halle a. S.), 
als Vertreter der Missionsgesellschaften; von Hegel, Oberprasident 
(Magdeburg); Dr. med. h. c. D. von Lechler (Stuttgart); D. Dr. 
Meinhof, Professor (Hamburg); D. Mirbt, Qeheimer Konsistorialrat 
(Qottingen), als Vertreter der Missionskonferenzen; Mohn, Verlags- 
buchhandler (Qiitersloh); Moldaenke, Oberlehrer (Berlin); Freiherr 
von Pechmann (Munchen); D. Julius Richter (Berlin-Steglitz); Max 
Schinkel (Hamburg); Stark, Direktor des Evangelischen PreBver- 
bandes fiir Deutschland (Berlin-Steglitz); J. K. Vietor (Bremen); 
D. Qraf Otto Vitztum von Eckstadt (Dresden). Die Aufgabe der 
,<.Missionshilfe" ist nicht die, fur die Missionsgesellschaften Qeld zu 
sammeln, sondern das Verst^dnis und Interesse fiir die Mission 
durch VortrSge und Beeinflussung der Presse zu fordern. Es ist zu 
wUnschen und zu hoffen, daB dies neue Unternehmen dem gesamten 
deutsch-evangelischen Missionsleben eine Bereicherung bringen 
wird. Witte. 

EIn koreanischer Missionar in China. 

Die Christen der Qemeinden der amerikanischen Presbyterianer- 
Mission in Korea haben soeben den ersten Koreaner, Pastor Pak, 
als Missionar nach China gesandt. Das ist ein erfreuliches Zeichen 
des freudigcn, aufopferungswilligen und frommen Qeistes in der 
jungen koreanischen Christenheit. Bei uns sagen so viele Christen, 
gegen die Mission, erst soUe man alle Schaden in der Christenheit 
selbst heilen, ehe man Heidenmission treibe. In Korea gibt es erst 
einen kleinen Stamm von Christen unter dem Volk von 12 Millionen, 
und schon senden sie Boten aus zu andern Nichtchristen. Das ist 
wirklich starker Glaube. Witte. 

Die nordamerikanischen Neger und die Mission. 

Im Jahre 1863 gab es in den Vereinigten Staaten 4,5 Millionen 
Neger, die ein Vermogen von 80 Millionen Mark besaBen. Heute gibt 
es 10 Millionen, die 2800 Millionen Mark Vermogen besitzen. Die 
eigenen Kirchenorganisationen der Neger wenden auf Innere Mission 
jShrUch 400 000 Mark auf und unterhalten 400 Missionare. Fur 
Heidenmission bringen sie jShrlich 200 000 Mark auf, und diese 
Summe ist in starkem Steigen begriffen. Witte. 



i 

- 24 - 

Ein japanischer GeschSftsmann fiber die Religion. 

Der friihere Direktor der Bank von Japan, einer der Fiihrer des 
industriellen Lebens, Herr S. Morimura, hat sich in folgender Weise 
geauBert: „Wenn wir unsere Augen auf Deutschland richten, so sind 
wir erstaunt iiber die vielen Zeichen von Fortschritt und groBer 
Starke auf alien Seiten. Wenn wir fragen, welches der Qrund dieser 
guten Entwicklung ist, so muB die Ant wort lauten: es ist die Religion. 
Wenn Religion gepflegt wird, so wird Qlaiibe gegen Qott geweckt 
und auf demWege der Moral ausgeiibt, und man wird stark in Recht- 
schaffenheit. So ist man von Anfang an gerustet, trotz Schwierig- 
keiten, an einem Ziel festzuhalten und ganz fest bei seiner Hoff- 
nung zu beharren. So wird QeistesgroBe geschaffen. Auch Lebens- 
ernst hat seine Quelle in diesem Qeiste. Wenn man diesen Qeist 
hat, so tragt man weniger hart an dem Problem des Lebens und an 
den Lasten des Dienstes. An Deutschland und den Vereinigten 
Staaten haben wir Beispiele von Staaten, die mit dem Qeiste der 
Religion durchtrankt sind. Von den Eltern im Hause bis herab zu den 
Kindern, von alien erwartet man, daB sie zur Kirche gehen. vor 
Gott knien und miteinander geistliche Erquickung suchen. Wenn 
wir die Religion des Ostens ansehen, wieviel ist davon oberfldch- 
lich! QewiB, da sind viele (Qotter-) Schreine und gl^zende Tempel. 
Da sind Tausende von heiligen Schriften. Da sind Priester, unter 
denen man achtbare Manner findet. Aber wieweit uben die reli- 
giosen Fiihrer des Ostens EinfluB auf das Volksleben aus? Wie- 
weit bringen sie dem Volke Rettung? Wieweit iiben sie auf die 
Erziehung der Jugend EinfluB aus? Ist es nicht Jiingst so gewesen, 
daB Laien der Priesterherrschaft Hilfe gebracht haben? Es ist 
hochst zweifelhaft, ob Manner solchen Schlages (wie diese Priester) 
auf die Entwicklung des Volkslebens einen fordernden EinfluB aus- 
iiben konnen." 

Japan sei in einem Zustande, in dem es auf alien Qebieten nicht 
recht vorangehe. „In unserer Zeit ist der Erfolg (auf alien Qebieten) 
so zweifelhaft, weil wir nirgends Manner finden, die imstande wSren, 
(neue) religiose Qrundlagen zu schaffen. Wenn z. B. wir MSnnei 
der industriellen Welt einen Mann in Dienst stellen, so wird er an- 
gestellt, wenn er auf unsere Frage nach seiner Lebensanschauung 
zuerst antwortet, daB er an Qott glaubt, und sodann auf die Frage 
nach seinen personlichen Lebensgewohnheiten erwidert, dafi er 
weder Tabak noch Alkohol genieBt. Aber wenn er auf die erste 
Frage antwortet: „Ich habe keine bestimmte Anschauung", und auf 



F«^jc»- •\«j«5HKa?s?^7^:^^^'TS"'' • :-«^- ■'■:^^'>Fs?^^v^?i^^'^^?^ii^^fi^.p^ 



-as- 
dic zweite Frage, daB er Tabak und Alkohol Hebe, so wird er 
nirgends willkommen sein. Niemand wunscht ihn zu besch^ftigen. 
FrQher hat die Religion unter den Kaufleuten nicht die Anerkennung 
gehabt, die sie hStte haben sollen. Aber die eben mitgeteilte Be- 
obachtung (aus dem Vorgehen der Kaufleute) ist ein Zeichen, daB 
sich da ein Umschwung vollzogen hat. Wieviel mehr soUte die Reli- 
gion auf andern Lebensgebieten zur Qrundlage gemacht werden, um 
wirklichen Fortschritt zu erzielen. Denn die Qrundlage nationaler 
Kraft ist die Religion." 

Wenn hier ja auch ganz allgemein die Religion als notwendige 
Qrundlage des Menschenlebens genannt wird, so zeigt doch die 
QegenUberstellung der ostasiatischen Religionen und des Christen- 
tums, welcher Religion Morimura das Beste zutraut. Jedenfalls ist 
heute die Zeit tiberwunden, in der man meinte, man woUe eine Kultur 
schaffen, die tiber alle Religrionen erhaben sei. W i 1 1 e. 



Bflcherbesprechungen. 

Q. Warneck, AtM-iB einer Geschichte der protestanttechen Missionen 
von der Reformation bis au! die Gegenwart. Mit einem Anhang iiber die 
katholischen Missionen. 10., nevbearbeitete und vermehrte Auflage. X. 
624 S. Berlin) Martin Warneck. Herausgegeben von D. Job. Warneck. 1913. 

Die 9. Aufkige des ausgezeichneten „Abrisses" erschien 1910 und war 
noch von dem ehrwilrdigen, inzwisohen verstorbenen Verfasser, Professor 
D. Qustav Warneck, sclbst bearbeitet und herausgeg«ben worden. In der 
Z. M. R. 1910, S. 64, ist sie angezeigt worden. Cs ist ein gates Zeichen, 
daB sich eine neue Auflage bereits wieder notwendig geimacht hat. Der Um- 
fang ist von 567 S. auf 624 gestiegen. Zur Herausgabe hat ac4i D. Joh, 
Warneck mit verschiedenen bewahrten Fachmannern verbunden. „D. Julius 
Riditer hat die Revision von Vorderasien und Indien ubemommen, P. W. 
Schlatter hat China bearbeitet, D. Kunze Ozeanien, Amerika und die Nach- 
trSge zur katholischen Mission, P. Raeder das Missionsleben Englands und 
Amerikas, sowie Japan und Siid- und Ostafrika, wahrend Nord- und West- 
afrika von P. Wflrz bearbeitet ist Die historischen Partiwi des Buches sind 
bis auf einige LiteraturnachtrSge fast unverSndert gebUeben." 

Die Fortschritte der Mission und tiefeingreJi^tde Veranderungen auf 
verschiedenen Missionsgebieten machten dne steltenweise Umarbeitung zur 
unbedingten Notwendigkeit Man merkt auch bei der neuen Auflage vieler- 
orten die fleiBig nachbessernde und weiterfiihrende Hand. FreiUch sind, da 
in der Welt und auch in der Mission kein Stfllstand erfolgt, schon jetzt 
mancbe Angaben und Bemerkungen iiberholt 

Begreiflicherweise regen sich beim LesMi eines so umfassenden 
Werkes, wie des „Abrisses", hie und da einzelne Wiinsche. Bei Korea konnte 
bereits bei der einleitenden CbaraJcteristik, S. 491, ausdrticklich gesagt sein. 






- 26 — 



daB es jetzt unter japanischer Oberherrsohaft steht S. 500 in der An- 
nierkung wird noch immer Japan als das Hauptarbeitsgebiet des Allgemeinen 
Evangelisch-Protestantischen Missions vereins Ijezeiciinet, wSiirend ilim China 
schon seit ISngerer Zeit ebenbiirtig an die Seite getreten ist S. 155, wo 
die Rede bt von der erzieherischen TStiglceit des Allgemeinen Evangelisch- 
Protestantischen Missionsveretns in China, hStten neben dem deutsch-chhiesi- 
schen Sen^nar auch die in Tsingtau bestehenden Madohenschulen ErwShnung 
finden konnen. 

Der Warnecksche AibriB einer Qeschichte der protestantischen 
Mlssionen hat sich l^gst einen Ehrenplatz in der Mis»onsliteratur erobert 
Auch in der n&aen Auflage wird das Buch die wohlverdiente Anerkennung 
finden. A u g. K i n d. 

Otto Walter, Der Komirasambhava oder die Od>art des Kri^s- 
gottes, dn Knnstsedidit des Kalidisa. 85 S. Hans- Sachs -Verlag. MQnchen- 
Leipzig. 1913. 2 Mark. 

Allbekannt als Meister des indischen Dramas, nioht ur4>ekannt von 
lange her auch als der echtesten lyrischen Dichtergeniusse einer, ist Kaii- 
dasa, dessen Sakuntala einst kein Qeringerer als Qoethe als den ersten Send- 
boten des indischen Qeistes auf europSischem Boden geradezu enttnisiastisch 
bewillkommnete, in weiteren Kreisen bei uns kaum gekannt als der hervor- 
ragende Schopfer kunstmaSiger Epen, sogenannter Mahakavyas. der er auch 
gewesen: des Raghuvamscha (eines Epos, das die Qeschichte der alten 
Herrscher aus dem Qeschlechte des Raghu singt) und des Kumarasambhava, 
der Dichtung, die uns hier Otto Walter erstmalig in deutscher ProsaQber- 
setzung vorlegt. Zu den in der Einleitung von ihm namhaft gemachten 
friiheren lateinischen und englischen Versionsversuchen kann man in L. 
von Sc^roders Voriesungen uber Indiens Literatur und Kultur (S. 514, A. 3) 
noch eine oder zwei ihm entgangene verzetchnet finden. Sie alle, bis auf 
eine, hatten sic^ darauf beschrSnkt, vcmi den insgesamt 17 Gesdngen mir 
die 7 ersten zu iii)ertragen, die bis zur VermShUing Schiwas, des Dritten 
der indischen Qottertryas Brahman, Vischnu, Schiwa, „den keine andere 
Frau begehren durfte* (S. 12), mit Uma, der reiz- und tugendgeschmiickten 
Tochter des gottlichen Schneebergs Himalaya (aus welcher Verbindung der 
Kriegsgott Kumara ersprieBen sollte) gehen. Walter hat auch den erotischen 
achten Oesang, ,Umas Liebeslust", den er, wie schon Jacobi und Pischel, 
als editen Bestandteil des urspriinglichen Textes gelten ISBt, itbersetzt, 
wihrend Buch 9 — 17 als spatere Fortsetzung auch von ihm beiseite gelassen 
sind. Von der Qetnirt des Kriegsgottes, wovon seinem Titel nacfa das Epos 
handebi soli, ist in diesen ersten 8 QesSngen nicht eigentHch die Rede, und 
so wird doch wohl nioht mit dem Obersetzer (S. 42) anzunehmen setn, daB 
der Dichter nidit mehr als nur diese 8 gesdirieben habe oder Qberhaupt 
habe schreiben woUen. Der in einem Reichtum poetischer Schfinfaeiten 
prunkende indische Sang von himmlischer und irdischer Liebe, wie man die 
Dichtung betiteln konnte, ist offenbar ein Torso, den eine spStere Hand oder 
spStere Hande zu erganzen suchten. Religionsgeschichtlich belehrend ist 
er bes(MKiers, insofern er die bei den Brahmanen der BuBe oder Askese, der 
gegenuber Indras Donnerkeil zu einem dumpfen Qescfaosse wird (S. 25), zu- 



- 27 - 

• 

gcschriebcne Wirkungskraft veranschaulicht, tiber die der weltUche Poet 
Kalidasa freilich doch den mit dem Friihlin? verbindeten Liebesgott Kama 
Oder weibliche Anmutsreize schlieBlich triamphieren l^t. „Wenn se&st 
den Herm (den Qott Schiwa) derartige Oeftthle erregen", meint der Dichter, 
„wie mdgen ste erst einem anderen, der uber sich selbst noch nicht den 
Sieg davongetragen, Aufregung bringen" (S. 61). Eine sehr ertiabene 
Vorstellung von dem Wesen der Qottheit spricht sk:h aus in dem Lob- 
gesang an Brahman, der das Weltall erschaffen hat, den dretg^staltigen 
Qott, der noch absolute Einheit war, bevor die Sch6pfung vollendet wurde, 
der, der Ursprung der Welt, doch selber ohne Ursprung ist, der Welt das 
letzte Ziel setzend, selber doch kein Ende hat, das Entfaltete und das Ver- 
hiillte, der Quell der heiligen Veden, der da ist, was man wissen muB, der 
Weise, der Denker, aber auoh das Hochste, was zu denken ist, vor dem 
4000 Juga wie e i n Tag sind usw. (S. 17 f.). Von kulturgeschichtlichem 
Interesse ist besonders die Ausmalung welblicher Korperschonheit im Sang 1 
und die ins Emzelne gehende Schilderung des iiklischen EheschlieBungs- 
zeremoniells im 7. Qesang. DaB es eine Ubersetzung ist, die man vor sich 
hat, kann Walter bei aller seiner Kunst dem Leser natQrlioh nicht vergess^i 
machen. Die erlSuternden Anmerkungen sini auf das Notwendigste be- 
schrSnkt In der Einleitung wird eine Anzahl von Parallelen aufgewiesen, 
die in der Dichtung sich zu Gedanken und Biklern Shake&peares finden, 
selbstverstdndlich ohne daB damit eine Bednflussung des Briten durch den 
Inder, der nach Walter in der zweiten Hiifte des 5. und noch zu Airfang des 
6. Jahrhunderts n. Chr. gelebt h§tte, suggeriert werden wUl. 

Jena. tiansHaas. 

Am der Werkstatt des Mbsionars. VortrSge, Ansprachen und Predigt, 
auf der 5. aHgemeinen studentischen Missionskcwrferenz vom 18.— 22. Aprfl 
1913 in Halle a. S. gehalten. Verlag des Studentenbundes iur Mission, 
Berlin-LichterfeWe, Augustaplatz 3. 319 S. 1,50 M. 

Die unter dem Qesamttitel „Aus der Werkstatt des Missionars" ver- 
eiiugten Vcwtrage und Ansprachen verdienen durch die FfiUe des Qebotenen 
und durch die AktualitSt der behandelten Themen auch unsere Beachtung, 
selbst wenn wir da und dort auf Ausfiihrungen stoBen, die unsem Wider- 
spruch herausfordern mQssen. Im allgemdnen bestStigen sie die wertvoUe 
Erfaihrung, daB die in der praktischen TStigkeit stehenden Missionsari^eiter 
vid weitherziger denken, als die von dogmatischen Systemen noch allzu 
sehr beeinfluBten heimischen Missionstheoretvker. Bei einer derart groBen 
Anzahl von VortrSgen (ich zShle iiber 40) ist es natUrlich mimoglich, auf 
Jeden einzelnen Bezug zu nehmen; ioh greife daher im folgenden mir ein- 
zelnes heraus, was mir erwahnensfwert dunkt und auch andern wertvoll 
sein konnte. 

Da auoh im Buch am Anfang steht, was eigentlioh an den SchluB ge- 
hort: KonferenzeindrQcke, so sei damit auch hier begonnen. Lie. Dr. Heim- 
Halle tdlt die verwunderte Bemerkung eines franzosischen Schwdzers 
dariiber mit, ,/fciB auf einer Missionskonferenz in dem theologisch und 
kirchlrch so zerrissenen Deutsdiland eigentlidi mir eine Theologie zum 
Worte gekommen sei." Ich nehme an, dafi Hetm den 'biUig denkeoden Ans- 



- 28 - i 

1 

lender daiiin belehrte, daB es lekler in unseren Missionskretsen Sitte set, nur 
auf eine Theologie horen zu wcrilen und dah«r die andere Richtuns gar nicht 
einzuladen. Wenn Heim des weiteren noch heraushebt, was Ihm fOr das 
theologische Studium aus den VortrSgen zu folgen scheint, so beobachten 
wir, daB das erfreulich-offene Bekenntnis der Mohammedanermissionarin 
Frl. Lucas ihn lebhaft beschsftjgt hat. In ihrer Ansprache: „Wie ich den 
indischen Frauen nahe kam" gestand sie nSmlich auf QniDd einer 15j§hrigen 
Tdtigkeit unter dem Islam, daB das dogrmatische Bekenntnis der Qottheit 
Christi, und wenn es auch mit noch so viel Warme vorgetragen wurde, den 
Mohammedanern gegenuber nicht nur alle Tiiren verschlieBe, sondern auch 
dem Vorivurf einer groben Blasphemie und einem unniitzen Martyrium sich 
aussetze. Sie musse stets mit dem Koran beginnen und ganz allm^lich 
iiber das Alte Testament zum Neuen Testament kommen, um ein geistliches 
VerstSndnis vom Sohne Qottes an^ibahnen. Mit zwingender Notwendigkeit 
dr&ngt sich Helm hier die sehr sympathische Tatsache auf, daB „etn noch 
so orthodoxes, dogmatisch korrektes und gefiihlvolles Bekenntras Qberhaupt 
keine Verkundigung des Evangeliums sei, wenn darki nicht der Kontakt her- 
gestellt wird zwischen dem Sunderheiland und der sittlichen, reHgidsen und 
intelldctQellen Notiage des Menschen, an den sich die Verkiindigung richtet." 

Eindringlfch erhebt Prof. D. Meinhof -Hamburg die auch hcute noch 
nicht von alien Seiten gebMligte Fordenmg, daB der Missionar schon vor 
seiner Aussendung durch das Studhvn in die Sprache, Sitte nnd Vor- 
stellungswelt seines Volkes eingefiHirt werde und bedauert es, daB gerade 
„in d'wi MissionshSusem die dafiir geeignete Literatur nicht so gewiirdigt 
werde, wie sie es verdient." Ja er gesteht offen zu, daB „die Mission der 
ReUgionswissenschaft sehr viel verdanke" und ihm selbst zur ErklSrung 
und Einordnung mancher Erschekiung verhotfen ha/be. In ganz Shnlicher 
Weise halt P. Simon-Bethel als „Varbedingung fiir eine erfcHgreiche Ver- 
kiindigung des Evangelhims bet den tieferstehenden Volkern das Studium 
v(Mi Spraciie und Mythus, bei den Kirlturvolkem die Kenntnis der Literatur" 
fiir unbedtngt erforderlich. Und mit vollem Recht fiigt er bei: „Da6 unsere 
Verkiindigung oft nidit verstanden wird, daB sie aibgewiesen wird, liegt oft 
viel weniger an der geistigen Stumpfhdt des Misstonsobjektes, als an der 
mangelnden geistigen Regsamkeit des Missionssubjektes, welches sich nicht 
emstlich bemiiht, in die Seele des Missionsotojektes dnzudringen." Leider 
wessen die einzeinen Ausfuhrungen Simmis manche schiefe Behauptungen 
au^ die den Vortrag als nicht ganz ausgeglichen erscheinen lassen. So ist 
doch das nicht die Frage, „ob die Verkiindigung vielleicht ohne Missionar 
geschehen konnte, etwa durch das gedruckte Wort", sondem ob nicht 
durch Traktatverteilung, Schaffung einer christlichen Literatur flberhaupt, 
dem Christentum bei den einzelnen Voikem Bahn bereitet werde, und da 
\iird heute wohl allgemetn die eminente Wichtigkeit dieses Zweigs der 
MlssionstStigkeit zugestanden. Darum kann auch der skeptisch lautende 
Satz, es „sei seiten jemand geneigt, der neuen Lehre Folge zu leisten, wenn 
er »e n u r gedruckt lese", nur TniSverstSndlich wirken. 

Missionar QenShr - Hongkong sprach iiber das Thema: „Wic ich den 
gebikieten Chinesen das Evangelium verkiindigte*' und betonte darin vor 



- 29 - 

all^ die Wichtiskeit literarischer AnknQpfunsspunkte bei der Uekdenpredigt. 
..Besonders wertvoll habe ich inrtner eine genauere Bekanntschaft, ich 
mochte sagen: Vertrautheit mit den klassisohen Schriften der Qunesen ge- 
funden. Sie ist em unentbehrliches Requisit fQr den Missionar, dem es nm 
die Oewinnung der Qebikdeten zu tun ist Er muB ihnen em Qebildeter in 
ihrem Sinne werden« d. h. er muB ihnen atif dem Cefeiet begegnen kdnnen, 
in dem ste zu Mause sind und das sie, frlHier wenigstens, fiir ein den Fremden 
ganz und gar unzugSngUches Gebiet zu halten sich gewohnt batten." Damit 
tritt Qenfihr deutlich in die FuBtapfen vnseres unvergeBlichen D. Faber, 
dessen ganzes Lebenswerk ja darin bestand, die chine»sohen 'Klasstker fQr 
die Qebildeten im christlichen Qeist zu beart>eiten, damit sie „ais Wegweiser 
zu den Pforten des Himmelreichs dienen konnen". Die zuweilen geauBerten 
Bedenken gegen den evangelisatorischen Wert des Aiten Testaments werden 
durch den Bericht des Mis&ionars Hoffmann uber: „Wie der Paipua die Ver- 
kiuidiguflg aufnahm" doch recht verstdrkt und legen den 'wohl leider ver- 
geblichen Wunsch nahe, es mochten die religios wie moralisch bedenklichen 
Qeschichten bei der missionarischen Verkundigung aui ein MindestmaB eki- 
geschrSnkt oder besser ganz beiseite gelassen werden. I>enn die Wahr- 
haftigkeit ekies Missionars darf nicht der immer mehr aufgegebenen dog- 
matischen Konstniktkm einer sog. Heilsgeschiohte geopfert werden. — 
Anderes sei nur kurz erwShnt, so der lehrreiche Vortrag v<m Missions- 
direktor Hennig - Herrnhut fiber den „Beitrag des Mis^onars zur 
wirtschaftlichen Kulturarbeit" und die grundlichen Ausfuhrungen von Privat- 
dozent Dr. Olpp-Tubingen fiber „Arztiiche TStig'keit in der Mission". 

MerkeL 

Jahrbnch der sachsischen Missionsl^nferenz ffir das Jahr 1914. 
27. Jahrgang. Leipzig, H. G. Wallmann. 

Dieser neue Jahrgang des Jahrtiuchs brkigt eine Fulte anregenden 
Stoffes und wird sicher den Pastoren die Mitarbeit an der Mission wesent- 
Uch erleichtern. Mit tiefem Ernst macht der Eingangsabschnitt auf die Qe- 
fahr der Ver§uBerlichung auhnerksam, die in der Betonung des nationalen 
Momentes der Missionsart>eit Uegt, und betont die eigentlichen, die sittlicfa 
religiosen Motive der Misswn. Anregend gesdiriebene Obersichten iiber die 
Mission in den deutschen Kolonien, kulturelle AufsStze iiber das Leben der 
niohtchristlichen Volker, die neueste Statistik, eine Mahnung zur Arbeit in 
Neu-Kamerun, ein rekiher Inhalt bietet Stoff die Firlie. Die Leser dieset 
Zeitschrift wird es besonders befriedigen, daB auch der Arbeit des Missions- 
vereins mit freundlichen Worten der Anerkennung gedacht wird und die 
neueste Literatur des Vereins warm empfohten wird. Witte. 

W. Haegeholz, Korea und die Koreaner. Nach engiis(^en Queilen 
dargcstellt I. F. Steinkopf, Stuttgart 1913. 295 S. 4^ M., geb. 5,40 M. 

Der Verfasser macht hn Vorwort selbst darauf aufmerksam, dafi es 
sich bei seinem Werke um einen ersten Versuch handdt, Korea und seine 
Bcwohner, seine Qeschichte und das Weric der dortigen Mission dera 
deutsohen Publikum in einem deutschen Werke natier zu bringen. Man 
kann sagen, dafi dieser Versuch gut c^dungen ist. In ansprechender, klarer 
Weise behandelt der Verfasser das Land* das Volk, seine Qescfai^te, seine 



- 30 - 

Sprache, Literatur und Musik, K«inst, Ardiitektur, Industrie und Handel, die 
Stellung der Frau, KliKlerleben und Erziehung, die sozialen Verhftltnisse, die 
Regierung und Verwaltung, die schweren Schicksale der Mission in friiheren 
Zeiten und das heutige Missionsweric. Es wSre im einzelnen manches zu 
nennen, was man zur Verbessening empf^ien konnte. £s kann davon ab- 
gesehen werden. Nur zwei PUnkte seien erwShnt: Auf Seite 280 heifit es: 
„Die Schwarmerd fiir alies rreondiandtsche unter Verachtung und Preis- 
gabe vaterlandtschen Wesens scheint reclit kennzeichnend fiir den Lttiera- 
liSHMis aller Lender zu sein." Das ist eine geradezu ungeheuerliche Be- 
hauptung. Man denke nur an den heutigen englischen LiberaUsinus! Oder 
an die Pflege des Reichsgedankens im alten deutschen Liberalismus! Der 
koreanische „Lvberalismus" wurde ja gerade durch die torichte Haltung 
des „Konservatismus" in die getadelte Baihn gedr^gt! Die Bemerkung ist 
also unrichtig und audi ganz unnotig und kann dem Buche nur schaden. 
Ferner wird es auf Seite 279 als eine Qefahr fiir Korea bezeichnet, daB „eine 
liberate theologische Rtchtung von Japan her einzudringen sucfat". Nein, 
so liegt die Sache nicht. Japanische Christen gehen, aus Lkbe zu den 
Koreanern, von christlicher Li€4)e getrieben und das Herz voll Qottesliebe, 
in aufopferndem EHenst nach Korea, um den Koreanern aus ftrem inneren 
Elend herauszuhelien und sie durch Jesus zu Qott zu fUhren. Dafi diese 
japanischen Missionare zum groBen Tetl theologische Ansichten haben, die 
der Verfasser als ..liberal" bezeichnen zu sollen meint, ist Tatsache. Aber 
worin soil nun die Qefahr bestehen, wenn diese japanischen Christen hin- 
gehen, um den Koreanern zu helfen? Skid Ansichten, die solche Fruchte 
zeitigen wie die Korea-Mission der Kumiai-Kirche, eine Qefahr? Keimt der 
Verfasser die groBartigen Opfer, die diese Kirche ftir ibre Mission bringt? 
Ein Schiiler des Allgem. Evang.-'Prot. Missionsvereins bildet ietzt sogar 
koreanische junge Theologen aus, und D. Schillers Matthaus-Kocnmentar 
wird eine Qrundlage Kir die Ausbikking der kunftigen ohristlichen Prediger 
Koreas sein. Das ist so ohne Zutun des Missionsvereins, well 
weite christliche Kreise Koreas diese unsere ..Ifcerale" Art nicht fiir eine 
Qefahr, sondern fiir einen Segen halten. Man kann also getrost dem 
weiteren Walten Qottes die EntwicWung anheimstellen, der vidleicht etwas 
anders urteilt als der Verfasser des Buches. Aber, abgesehen von diesen 
und andern Einzelheiten, bietet das Buch den Missionsfreunden eine gute, 
anschauliche Fiille brauchbaren Stoffes. Es kann zu Mtssionsstunden sehr 
gut verwertet werden. W i 1 1 e. 

Q. T r a u b , Monlsmus and Protestantisinns. 3 VortrSge, heraus- 
gegeben vom Hamburger Protestantenverein. Prot. Schrkftenvertrieb, 1913. 

Man kann streiten dartiber, ob es zweckdienlicii ist, in dffentUcher 
Dtskussion sich mit den Monisten ausetnanderzusetzen. Wenn man es aber 
tut, SO scheint Traub den allein moglichen Weg ge^nden zu haben und hi 
seinen Vortr^gen gegangen zu sein. Porma4 ist das der Weg einer vor- 
neiimen, den Qegner anerkennenden Art; er steilt an die Spitze seines 
2. Vortrages die These: „Der Monismus wMl das Qute"; er ist dem Qegner 
bis an die Grenze des Moglichen gerecht gewonden. Inhaltlich ist Traub den 
Weg einer tieifgebenden, nur die Qrundprinzipien behandelnden Aoseinander- 



- 31 - 

setznng gegansren. Der I. Vortrag: ..Momsmus als Weltanschanmis" be- 
griindet die Wirklichkeit der Relisnon und ihr Recht mit dem Satz: „Das 
Denken kann nicht die Paile dessen erschopfen, was wirklich tst" Der 
2. Vortrag: „Monisimis als Etiirk" weist die geiShrUchen Schwachen des 
remen Intellektualismus nach. Der 3. Vortrag: „Unser Olaube" ist &n 
hohes Lied des Qiaubens als Lebensenergie und Lebensfreude. Sotnit Idtet 
ans Traub an, auch von unserni Qegner f(ir uns selbst zn lemen. 

Devaranne. 

Lie. theol. Karl Paul Hasse, „NikoIaus von Kaes**. Band 11 der 
Sannnlung : Die Religion der Klassiker, herausgegeben von Pro- 
fessor Lie. theol. Qustav Pfannmiiller. Vcrlag: Protestantischer Schriften- 
vcrtrieb, Q. m. b. H., Berlin-Schonefcerg. Preis broscfa. 1,50; geb. 2, — M. 

Es gibt gewisse Personlichkeiten, die «ch nicfat in die groBen Qe- 
schichtsepocben einreihen lassen, sondern Erschetnungen des Uberganges 
darstellen. Zu ihnen gehSrt Nikolaus von Kues, ein hoher WiirdentrSger 
und namhafter Politiker der romischen Kirche, ein scharfsinniger Philosoph 
und Theologe, der zwisehen der mittelalterUchen Sehulgel^rsamkeit and der 
religios-philosopbischen Wende der Neuzeit steht, jene iiber sioh fainatts- 
fuhrend, diese fein- und freisinnig vorausahnend. Dies Bueh zerf&llt in drei 
Telle; eine Einleitung gibt einen OberblKk iiber die bedeutendsten philo- 
sophischen VorgSnge; ein Lebensbild des Kusaners schlieBt sich an, und eine 
gewiB nicht leieht herzustellende Auswabl von Texten au< 90 Seiten ISfit ihn 
uns selbst studieren. Wenn es wahr ist, daB auch wir jetzt in einer Ober- 
gangszeit zu einer neuen relrgiosen Epoche stehen, lobnt es sich, einen 
Klassiker religioser Ubergangszeit zu eriorscfaen. Devaranne. 



^us Zeitschriften und Jahresberichien. 

Inhalt von SUnri Nr. 29: P. Aka^i, Auferstehung. — P. Sdiroeder, 
Tod Christi. — Prof. D. Weinel, Jesus. — P. Schroeder, Ciotte^indschaft. — 
P. Suzuki, Turm zu Babel. — Tetsuo, Erlaube! (Qedicht). — Qioka, Am 
Abend. 

Inhalt von Shlnri Nr. 30: Lebensbeschrei'bimg des Sup. D. Schiller, mit 
BiW. — P. Akashi, Lebensofienbarung. — Merkel, Einfiihrung in die Philo- 
sophic. — D. Sc^iiller, Rhetorik der Jesus-Worte. — Prof. D. Weinei, Jesus 
(Fortsetzung). — P. Aoki, Gleiohnisse Jesu. — Choka, Abendlieht. — Nach- 
richten aus den Qemeinden. 

IiAalt von SUnri Nr. 31: P. Akashi, Leben Jesu. — P. D. Kind, 
Schdpfungsgeschichte und modeme Wissenschaft. — D. Schiller, Der Fiih- 
rung des allmdchtigen und allweisen Ciottes ... — P. Sdiroeder, Tod Jesu 
(Fortsetzung). — P. Suzuki, ErklSrung der Bjbel. — D. SohiUer, Rhetorik 
der Worte Jesu. — Haginoga, Ein MSrchen. — P. Aoki, Gldchnisse Jesu. 
— Petsuo, Mi no mushi. — Choka, Kindertilder. — Nachrichten aus den 
Qemeinden. 

Inhalt von SUnri Nr. 32: P. Akashi, VoHkommenes Leben. — P. 
Schroeder, Christus nach dem Johannes-£vangelium. — P. Suzuki, ErklSrung 






— 32 - 



der Bibel. — P. Akashi, Leben Jesu. — P. Aokl, Qleichnisse. — Nachrichten 
aus den Qemeinden. 

Inhalt von Shinri Nr. 33: P. Akashi, Leben Jesu. — P. Schroedcr, Tod 
Jesu (Fortsetzung). — Prof. D. Otto, Leben und Wirken Jesu. — P. Aoki, 
Was wir beim Bucheriesen empfinden. . — Yoshimura, Sittlichkeit. — 
Nachrichten. 

Inhalt von Shinri 34: P. Akashi, Leben Jesu. — P. D. Dr. Kind, SQnden- 
fall. — P. Schroeder, Gott ist die Liebe. — D. Schiller, ReisegesprSche. — 
P. Aoki, Erzahltingen. — Choka, Qabel (ein Marchen). — P. Schroeder, 
Psabn L — Kaeyama, Verirrung, — Kaeyama, Brief an die Togozaka- 
Qemeinde. — Nachrichten. 

Inhalt von Shinri 35: P. Akashi, Lehre Jesu. — Prof. D. Otto, Wirken 
und Leben Jesu. — P. Schroeder, Taufgedanken. — P. Aoki, Drei Lehren. 
— Chosei, Der Ziege Horn (Qedicht). — D. Schiller, Brief. — Nachrichten. 

Shinri-Beilase. — Sonntagsschulbiatt. 

Beilage zu Nr. 34: Die Wiohtigkeit der Sonntagsschule. — Moses 
Qeburt — Katechese. 

Beilage zu Nr. 35: Abrahams Beruiung und Auszug. 



Mitteilungen. 

1. Ein neues Konfirmanden-Blatt, geschrieben von Missions- 
inspektor W i 1 1 e , ist erschienen und kann kostenlos in beliebiger 
Zahl vom Zentralbureau bezogen werden. 

2. Unsere Bibliothek ist neu geordnet, ein neuer Katalog isi im 
Druck. Derselbe wird gern auf Wunsch kostenlos zugesandt. Die 
Neuordnung der Bibliothek hat mit groBer Miihewaltung Herr Pastor 
Schott- Berlin besorgt. Ihm sei herzlich daftir gedankt. 



Eingegangene Schriiten: 

Deutsches Kolonial-Handbuch, 13. Ausgabe (Verlag Hermann Paetel, 

Berlin). 
D. Ludwig Schneller, Antiochia, Cypem, Qalatien, Bflder aus dem 

Leben des Apostels Paulus, 1914 (Verlag Pallstinahaus, Koln, 

Marienburg). Preis 25 Pf. 
K. Richter, In grausamer Qrube (Verlag Adolf Miiller, Hamburg). 
Adolf Miiller, Kultursunden. Preis 20 Pf. (Verlag der Zuzugs- und 

Mitternachtsmission, Hamburg.) 
K. Richter, Der Fluch des Kino. Preis 5 Pf. 
D. Eugen Sachsse, Evangelische Homiletik. Ein Leitfaden fQr 
Studierende und Kandidaten. Preis brosch- 3,60 M., geb. 4,50 M. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gdrlitz, Demianiplatz 28. 



Baddhas Prophezeiang fiber die vftllige Vernichtung 

seiner Lehre. 

(Eine buddhistische Apokalypse.) 

Von Professor D. Hans Haas- Jena. 

Ein mir befreundeter au&erdeutscher Forscher schrieb mir ein- 
mal — ich gebe die paar SStze, die ich aus seinem Briefe anfiihren 
will, in Obersetzung wieder — : „Von der Literatur des Buddhis- 
mus ist doch allbereits mehr ubersetzt, als man gemeinhin weiB. 
Ich habe gefunden, daB eine ganz erkleckliche Zahi der Texte, die 
in der Zeit der Han-Dynastie ins Chinesische ubersetzt wurden, 
bereits in der einen oder anderen unserer europ^schen Sprachen 
erschienen sind, und es lieBen sich ihrer wohl noch mehr ausfindig 
machen. Es wdre sehr geraten, sie einmal zu sammeln. Man wfirde 
dann sehen, was noch zu tun bleibt." Mir ist heute — die Korre- 
spondenz liegt doch nun schon einige Jahre zuruck — nimmer 
gegenwdrtig, was ich darauf geantwortet. Wohl aber weiB ich, 
was ich in meiner Antwort geschrieben haben m u B. Was noch zu 
tun bleibt? Zum mindesten die Obersetzung von an die tausend 
Schriftwerken des chinesischen Tripitakakanons, von denen wir bis 
jetzt so gut wie nichts kennen. Es wird sich auch niemand der ver- 
wegenen Hoffnung hingeben, daB wir die ErschlieBung dleser 
Schriftmassen etwa von den „Ouellen der Religionsgeschichte** zu 
erwarten hStten, die von der Koniglichen Qesellschaft der Wissen- 
schaften zu Qdttingen herausgegeben werden soUen. Es wird Jahr- 
zehnte brauchen, bis auch nur die kleine Anzahl von Werken, die ich 
der neugebildeten religionsgeschichtlichen Kommission der ge- 
nannten gelehrten Korperschaft vor kurzem als die allerwichtigsten 
bezeichnet habe, in der geplanten Sammlung ubersetzt und kom- 
mentiert vorliegen wird. Ist aber kaum auch nur daran zu denken, 
daB wir je die Kanone des Mahayana-Buddhismus in ihrer Qanzheit 
in europSischen Sprachen werden lesen konnen, so soUte doch wohl 
darauf hingestrebt werden, daB wir von alien Sutras, Shastras und 
sonstigen Texten in nicht zu ferner Zeit wenigstens Analysen ihres 
Inhalts hatten. Auch Nanjios verdienstlicher Katalog gibt von den 

Zcitscfarifl f. MisdonsknBde o. RellgiontwiMOiKluft. 39. Jahre- Heft 2. 



s^tary of t^^^"^ 

YAH IUVHflTY SCH» 



^'\ 



- 34 - 



meisten Werken des chinesischen Kanons nichts als Titel, Autor- und 
Obersetzernamen und etwa ihren auBeren Umfang an, und nur bei 
verhaltnismaBig wenigen Nummern finden sich auch durftige An- 
gaben iiber denlnhalt, also iiber das, was gerade das wichtigste wSre. 

Man kann sagen: was geht uns schlieBlich verloren, wenn wir 
nicht eben naher unterrichtet sind iiber Schriften, die auch den 
Buddhisten selber ein toter Besitz sind, von ihnen selber ungelesen 
bleiben und auf ihre Religiositat und die Entwicklung ihrer Religion 
keinerlei EinfluB haben? Im Qrunde ist es doch nur eine beschrankte 
Anzahl von kanonischen Texten, die auch den Buddhisten selbst 
etwas bedeuten. 

Ich behaupte dagegen, selbst diese kennen wir noch lange nicht 
alle. Und oft wissen wir von Schriften iiberhaupt nicht einmal, daB 
sie bei den Buddhisten vor anderen in SchStzung stehen. Ich habe 
mich Jahre hindurch bemiiht, ein komplettes Verzeichnis der Kanon- 
texte zusammenzubringen, die ftir die Buddhisten von Japan noch 
heute wirklich lebendiges „Wort" sind: ich hatte immer neue 
Nummern in dasselbe aufzunehmen. 

Der gewaltige Umfang der Bibei des nordlichen Buddhismus 
notigt auch dessen Priesterschaft geradezu, Auslese zu halten. Aus 
der Riesenapotheke des Buddhismus mit ihren 84.000 verschiedenen 
geistigen Arzeneimitteln holt schlieBlich jeder einzelne Patient oder 
Lehrer sich dasjenige, was er gerade fiir seine besondere Krankheit 
gut Oder dem Zustand seiner Zeit angemessen findet Natiirlich, daB 
daruber, welches die rechte Arzenei sei, innerhalb der einzelnen 
Schulen oder Parteien wenigstens ein weitgehender consensus be- 
steht. So ziemlich jede der zahlreichen verschiedenen Sekten des 
Buddhismus in Japan hat ihre besonderen Schriftautorit&ten. 

Es gibt aber heute m Japan auch ,»katholische** Buddhisten, 
Buddhisten, will das heiBen, die iiber der Zersplitterung der 
Sonderorganisationen oder -richtungen zu stehen bestrebt sind. Von 
einem solchen gelehrten und frommen Buddhisten ward mir die Be- 
lehrung, zwei Biicher des Kanons, in denen man tagt&glich lesen 
miisse, urn sein tlerz darin zu spiegeln und Buddhas Lehre rein zu 
bewahren, seien: das Yuikyogyo und das Bussetsu ho-metsujinkyo. 
Mit dem erstgenannten Werk ist das Fo-ch'ui-pan-nieh-p' an- 
liao-shuo-chiao-chieh-ching (Nanjio Nr. 122) gemeint, einer der vielen 
Texte, die zwischen 402 und 412 n. Chr. der indische Mdnch 

Kumarajiva ins Chinesische iibersetzte, das Sutra, welches die letzte 
Verkiindigung Buddhas unmittelbar vor seinem Eingehen in das 



■~r'J~ 



- 35 - 

■ 

Nirvana enthait. Vor sechs Jahren HeBen in Tokyo Maeda Keiun 
und Nanjio Bunyu einen in der auBeren Ausstattung ganz den eng- 
iischen Ausgaben des Neuen Testaments angeglichenen Band 
erscheinen: Bukkyo Seiten, ^die heiligen Schriften des Buddhis- 
mus", nicht, wie der Titel annehmen lassen konnte, eine Auswahl 
vollstandig dargebotener Schriften des Kanons, die den Heraus- 
gebem die geeignetsten zum Zwecke der Erbauung und popularen 
Unterweisung erschienen, sondern eine Auswahl der wichtigsten 
Stellen der buddhistischen Bibel, die dem Leser systematisch ge- 
ordnet mitgeteilt werden, so etwas ungefahr wie unsere nach den 
HauptstUcken des christlichen Qlaubens angeordneten Spruch- 
biicher. Ich finde, daB gerade das Yuikyogyo den Kompilatoren 
des Bukky6 Seiten eine groBe Zahl von Spriichen hat liefern mussen, 
was mir Beweis ist, daB die WertschStzung dieser Schrift wirklich 
eine allgemeine ist. Noch ein anderes spricht dafUr: das Sutra ge- 
hort zu denjenigen, zu denen erkldrende Shastras verfaBt wurden. 
Ein seiches, dessen Autor kein geringerer als der einundzwanzigste 
Patriarch, Asangas jiingerer Bruder Vasnbandhu ist, das I-chiaQ 
ching-lun (Nanjio Nr. 1209), hat in Paramarthas Ubersetzung 
(557 — 569 n. Chr.) selbst Aufnahme in die Abhidharma-Abteilnng des 
chinesischen Tripitaka gehinden. Da eine englische Ubersetzung 
des Bukkyo Seiten, das in Japan einen geradezu unglaublichen 
buchh&ndlerischen Erfolg hatte (4(X).000 Exemplare, lieB ich mir vom 
Verleger sagen, mufiten, Auflage iiber Auflage, innerhalb eines 
Jahres gedruckt werden), von dem Leiter der buddhistischen 
Mission in San Franzisko in Aussicht gestellt ist *), wird dem euro- 
pdischen Interessenten auf diesem Wege in B^de wenigstens in 
etwas nShere Bekanntschaft mit dem Yuikyogyo vermittelt sein. 

Ebensowenig wie das Yuikyogyo ist die zweite Schrift, in die 
man nach meinem buddhistischen QewShrsmann tSglich sich ver- 
senken soil, bis jetzt in eine europSische Sprache iibersetzt: das 
Bussetsu ho-metsujin-kyd oder, wie es chinesisch heiBt, das 
Fo-shuo-fa-mieh-chin-ching, das Sutra, enthaltend Buddhas Weis- 
sagung von der Vernichtung des Oesetzes, d. h. von dem Unter- 
gange seiner eigenen Lehre, die demselben Qesetze der VergSng- 
hchkeit mrterworfen ist, unter das alles in dieser Welt getan ist. 
Nanjio, in dessen Katalog es als Nr. 470 verzeichnet ist, bietet nichts 



*) Nacii einer Notiz in der von Dr. Seklenst&cker herausgegebenen 
Zeitschrtft der deutsohen Bud^usten. 






- 36 - 



wetter fiber diese Schrift als dies, daB sie ins Chinesische in der Zeit 
der aiteren Sung-Dynastie (420 — 479 n. Chr.) fibersetzt wurde, von 
wem, sei nicht bekannt. Da aber auch sonst in der gesamten euro- 
pSischen Literatur iiber den Text nichts zu linden ist, verlohnt es 
sicti wohl, ihn *einmai n^er zu beselien. — 

Worauf es mit aller Predigt des Buddha letztlicli abgesehen 
war, rectit eigentlich seine Mission, das war, in der Sprache des 
japanischen Buddhismus ausgedrfickt, temmei Icaigo, d. h. den 
Menschen die Augen aufzutun, sie abzulcehren von der Pinstemis 
und itinen die Erleuchtung zu erschliefien (Vgi. Act. 26, 18: ivoi^ 
6q>9aXftovs axnav, tov hutitQi^M axo &iuxovg tig tpAg). Natfirlich 
denn, daB, wem es vergdnnt war, seine Verkfindigung zu hdren, 
durch dieselbe innerlich froh wurde. Und so sclilieBen die 
Sutras in der Regel mit den Worten: Als sie, die Zuhorer, 
solches hdreten, waren sie erfuUt von groBer Freude, beugten sich 
griiBend vor dem Buddha zur Crde nieder und gingen alsdann ihres 
Weges. Das Bussetsu ho-metsujin-kyd ist eines der paar Sutras, 
die von dieser Regel eine Ausnahme machen, d. h. nichts von 
solchem Jubel der Zuhdrer sagen, vielmehr mit der Bemerkung 
schlieBen, daB unter dem Eindrucke der Predigt des Erleuchteten 
sich simtlicher Anwesenden bitteres Weh bemSchtigt habe, und daB 
sie, nachdem sie den erhabenen Lehrer ehrfurchtsvoU gegrfiBt, in 
tiefer Trauer davongegangen seien. Das eine dieser Sutras ist das 
Toraihenkyo (chin. Fo-shuo-tang-lai-pien-ching) d. i. das Sutra, ent- 
haltend des Buddha Weissagung bezuglich der Ver^derungen, die 
in der Zukunft vor sich gehen werden, in der Ubersetzung von 
Dharmaraksha (Nanjio Nr. 468). Hier liest man zwar heute am 
Schlusse: „Alle Bhikshus waren vol! Trauer, gruBten freudig und 
gingen da von"; doch gibt da das Wort „freudig*' sich wohl ieder- 
mann sofort als falscher Einschub zu erkennen. Ein anderes Sutra 
dieser Art ist das Sambondeshikyo (chinesisch Po-shuo-san-pHn-ti- 
tzu-ching), das Sutra, enthaltend des Buddha Predigt tiber die drei 
Klassen von LaienanhSngern seiner Lehre (die oberste, mittlere und 
niederste Klasse), ins Chinesische in der Zeit der Dynastie Wu 
(220—280 n. Chr.) fibersetzt (Nanjio Nr. 466). 

Ein solches Sutra nun, und das macht seine Eigentfimlichkeit 
aus, ist auch das unsere. Der Qrund, warum die Zuhdrer Trauer 
faBte, war die Voraussage des Erleuchteten, daB seine hochheilige 
Lehre zweitausend Jahre, nachdem er selbst in das Nirvana ein- 
gegangen sein werde, von seinen dereinstigen Jfingem mehr und 



- 37 - 

mehr werde verderbt werden, urn endlich gSnzlich unterzugehen *). 
Dem glfiubigen Buddhisten sind Buddhas Worte iiber jedes Irren 
erbabeiL So mu6 auch, da seit seinem Nirvana zweitausend Jahre 
bereits vergangen sind, seine Prophezeiung sich erfullt haben und 
der drei Monate vor seinem Abscheiden — nach der im Sutra selbst 
angegebenen Datierung im 11. Monat des Jahres vor seinem 
Nirvana — von ihm vorausgesagte Qreuel der Verwiistung in seinen 
Anfftngen oder ersten Anzeichen wenigstens innerhalb seiner Kirche 
vor unseren, der Jetztlebenden Augen liegen. Ein Blick auf den 
gegenwdrtigen Zustand des Buddhismus muB die Wahrheit der 
Weissagerede des Meisters — in Wirklichkeit natQrlich eine 
vaticinatio post eventum — jedem evident machen. 

Mit solchen Qedanken und Empfindungen versenkt sich heute 
der glUubige Buddhist in diese Schrift. 

Im Tripitaka findet sich kein Kommentar zu ihr. In Japan sind 
solche wfthrend der Ara Meiji (1868 — 1912) mehrfach verfafit worden, 
ein erster von einem Priester Kannei von Higo, ein anderer danach 
von Higuchi Ryuon, ein dritter von dem riihrigen Ouchi Seiran. Wer 
den Text in eine europftische Sprache iibersetzen und, mit den un- 
entbehrlichen Erklfirungen versehen, verdffentlichen wollte, wurde 
wohl nicht darauf verzichten diirfen, diese Kommentarschriften ein- 
zusehen. Was ich im folgenden biete, will keine Obersetzung, 
sondern nur eine Inhaltsangabe sein. DaB sie so ausfiihrlich gehalten 
ist, wie man das von einer solchen nur irgend wunschen kann, wird 
man mir zugeben, wenn ich vorher noch bemerke, daB der ganze 
Text in seiner chinesischen Version (im tibetischen Kanon fehlt er) 
nur aus 860 Schriftzeichen besteht. — 



Also habe ich gehdrt: Zu einer Zeit — drei Monate spSter soUte 
der Tathagata zum Nirvana eingehen — verweilte Buddha in der 
Qegend von Kusinagara. AUe Bhikshus und alle Bodhisattvas 
kamen mit zahllosen Scharen zu dem Orte, wo Buddha sich befand 
und beugten sich, ehrfiirchtig gruBend, bis zur Erde vor ihm nieder. 
Der Hocherhabene war ruhig und schwieg stille, und es ward kein 
Wort der Verkundigung gehort aus seinem Munde; auch kein Ucht- 
strahl wollte erschehien. Da entbot ihm Ananda, der Weise, in Ehr- 



*) Siefae H. Haas, ..Atroda Buddha wisere Zufkicht", Urkunden zum 
Verst&idnis des Sukh&vatf-Buddhisnras. (Qw^en der ReUKJonsKeschichte, 
heraussegeben im Auftrage der reUsionsgeschichtlichen Kommis^on bei der 
KkI. Qesellsch. der Wissensdiaften in Odttinsen.) S. 40, Anm. 2. 



- 38 - 

furcht seinen QruB, fragte und sprach zu Buddha: ..Sonsten, o Hoch- 
erhabener, wenn du die Lehre verkiindigt, geschah es wohl, daB ein 
majestatischer Lichtglanz von dir ausging. Nun ist eine Menge 
Volkes herzugekommen, aber dein Lichtglanz will nicht erstrahlen. 
Wie doch geht solches zu? QewiB ja muB irgendein besonderer 
Qrund dafiir vorliegen. Den mochte ich gerne vernehmen diirf6n." 
Aber der Buddha verharrte welter in seinem Schweigen und gab 
keine Antwort. Und das wiederholte sich so zu dreienmalen. 

Dann aber sprach der Buddha zu Ananda: „Wenn, nachdem 
ich zum Nirvana eingegangen, fiir das Qesetz (Dharma) die Zeit 
kommen wird, zerstort zu werden, alsdann werden in der Welt der 
Unreinheit, darin die fiinf schweren Siinden im Schwange sind« 
teufelische Lehren sich erheben und zur Bliite kommen. Die Teufel 
warden Priester (S'ramana) werden und meine Lehre in Verwirrung 
bringen. Wie Laien sich kleidend werden sie Preude haben an 
prachtigen Priesterscharpen (Kashaya) und einhergehen in Qe- 
wandern von fiinf Farben. Des Weingenusses werden sie pflegen 
und Fleischnahrung zu sich nehmen, Lebendiges werden sie toten 
und aus sein auf die Lust der Sinne. Des Sinnes, der auf LiebestMtig- 
keit geht, werden sie bar sein, ja sogar untereinander sich neiden 
und hassen. 

Dann aber werden auch Bodhisattvas, Pratyeka-Buddhas und 
Arhats sein, die in frommem Sinne streben werden, alle Tugenden 
zu pflegen, und alles Volk wird sie hochachten, und die Menschen 
werden sich zu ihnen wenden. Sie werden ihre Erzieherarbeit 
niemandem vorenthalten; der Armut werden sie sich erbarmen und 
an die Bejahrten denken und Hilfe leisten denen, die darniederliegen. 
Sutras und Buddhabilder werden sie haben und werden die Leute 
dazu anhalten, denselbigen zu dienen. Jegliches Verdienstwerk 
werden sie vollbringen, und, innerlichst voU lauter Qiite, werden 
sie keinem Menschen ein Leid zufOgen. Ihr eigenes Leben 
aufopfernd, werden sie darauf aus sein, alle iebenden Wesen zu 
erretten. Fiir sich selber werden sie nicht sorgen und doch immer 
gelassen in Liebe und in Frieden bleiben. 

Aber stehen nun wirklich solche Manner auf, so wird es alsdann 
auch nicht ausbleiben, daB teufelische Bhikshus in Menge mit- 
sammen sich gegen sie erheben und in ihrem Hasse Schlimmes 
gegen sie reden und, ihrer Bosheit die Ziigel schieBen lassend, sie 
verwerfen und verfolgen, also daB dieselbigen fiirder nicht am 
Leben bleiben konnen. Und dann werden sich die schlimmen 



- 39 — 

Bhikshus keine Tugendpflege mehr angelegen sein lassen. Die 
Tempel werden sie in Ruinen fallen lassen, ohne daran zu denken, 
sie wiederherzustellen. Einzig darauf werden sie aus sein, sich 
Sch&tze zuhauf zu sammeln, ohne daB sie etwas davon wissen 
wollen, sie auszuteiien und Almosen damit zu geben. Knechte und 
Magde werden sie kaufen und verkaufen. Pelder werden sie be- 
stellen und Samen darein saen, Walder niederbrennen und lebende 
Wesen herzlos toten. Qeschehen wird es, daB sie Knechte und 
MSgde, aller Tugend bar, zu Priestem und zu Nonnen machen. Un- 
zuchtig und unrein in ihrer Lebensfiihrung werden sie sein, und 
zwischen Mannern und Trauen wird kein Unterschied sein. EHese 
Menschen werden schuld daran sein, daB die Lehre dahinsinkt und 
geschmacklos wird. Es wird geschehen, daB sich Leute meiner 
Religion (wortlich: Weg) einzig in der Absicht zuwenden und 
Priester (SVamana) zu werden begehren, um sich der Justiz zu ent- 
ziehen. Die Befolgung der Qebote werden sie sich nicht angelegen 
sein lassen, und doch darauf pochen, daB sie ja in der Mitte des 
Monats und am Ende desselben regelmSBig die Lesung der Qebote 
vomehmen. Es behagt ihnen nicht, daB sie dem Vorlesen der 
Schrift beiwohnen sollen. Sie bleiben dem Beginne feme oder gehen 
schon vor SchluB wieder davon, also daB sie das Qanze der Er- 
klarung nicht zu horen bekommen. Sie lernen nicht die Sutras 
lesen, und ob gleich welche unter ihnen wSren, die dieselbigen 
wenigstens lesen konnen, so verstehen sie doch weder Wort noch 
S&tze. Blindlings sagen sie Ja zu allem, und lassen es sich nicht ein- 
fallen, einen um AufklSrung zu bitten, der wirklich etwas versteht. 
Auf Ehre erpicht, gehaben sie sich stolz, und meinen, daB andere 
ihnen dienen miissen. 

Aber ist ihr Leben zu Ende gegangen, so werden diese teufe- 
lischen Bhikshus dafiir auch der HoUe anheimfallen oder aber dem 
Preta- oder Tierreich, und werden darin so viele Kalpas zu ver- 
weilen haben, als Korner Sandes im Qangesflusse sind. Und wenn 
dann doch einmal ihre Sunden getilgt sein und sie imstande sein 
werden, wieder als Menschen ins Leben geboren zu werden, so 
wird dies doch an oder StStte geschehen, all wo die drei Kleinodien, 
Buddha,die Lehre und die Priesterschaft, nicht anzutreff en sein werden. 

Zu der Zeit, da das Qesetz (Dharma) zugrunde gerichtet werden 
wird, da werden es die Frauen sein, die standig ernsten FleiB an 
den Tag legen; die MSnner dagegen werden religios laB sein *). Zu 

•) Siehe hierzu die Anm. S. 40. 



;m 



- 40 - 

der Zeit, da es mit dem Qesetze zu Ende gehen soli, werden alle 
Himmel (Deva) weinen, Regen und Sonnenglut werden in Unordnung 
geraten, die funf Qetreidearten werden nicht reifen, Krankheiten 
werden uberhand nehmen, also daB viele dahinsterben, und Heim- 
suchtuigen werden kommen iiber das Volk. Die da zu reg^ieren 
haben, werden nicht nach Vemunft und Recht regieren, sondem 
werden alle nur noch auf Kriegswirrwarr erpicht sein. Die Masse 
der Bdsen wird sein wie die Masse des Sandes im Meer, der Quten 
aber werden nur wenige sein, nur einer oder zwd. 

Da das Kalpa seinem Untergang zugeht, werden Sonne und Mond 
mehr und mehr ihren Schein verlieren, und die Lebensdauer der 
Menschen wird kurzer, immer kiirzer werden. Mit vierzig Jahren 
schon werden ihre Haare erbleicht sein. Der MSnner Zeugungs- 
kraft wird, da sie ehebrecherisch geworden, abnehmen. Mag auch 
der eine oder andere von ihnen es noch auf sechzig Jahre bringen, 
im ailgemeinen werden sie kurzlebig sein, wfthrend es nur den 
Frauen noch gegeben sein wird, ein Alter von siebenzig, achtzig, 
neunzig, ja selbst hundert Jahren zu erreichen *). 

*) Diese ProphezekinK stinnnt merkwurdiK zusammen mit einem Qe- 
setze der Rassenbioiogie, iiber das z. B. Iwan Bioch (Das Sexualleben 
unserer Ix^ in setnen Bezidningen zar modernen Kultur, 7 — 9. A. S. 780 f.) 
sicii ooslSBt wie folgt: W4e in der sanzen Tierwdt, so hat auch in der 
menscbUchen Rasse die weibliche Natar mehr konservattven, Verftnde- 
rungen, auc^ im ungiinstigen Sinne, mehr abgenetgten Charakter ais die 
vai^tere. selbst den Binfliissen der Degeneration schneller erUegende 
Natur des Mamies. Daher trifft man in untergehenden Rassen viel mehr 
nioht degenerierte Wdber als Marnier, fai interessanter Wetse §uBert sich 
Carl Vogt an einer wohl wenig b^annten Stelle darliber: „Es sind die 
Weiber, Preund, welche die R^se erhalten, die ki Kdrper und Oeist den 
Typus des Volksstammes am llnKSten bewahren. nod damm glekdisam den 
Spiegel der Zukunft vmA. der Vergangeirtieit bBden, die emem Volke be- 
schieden simL Du wirst wohl schon oft Bemerkongen gemacht haben fiber 
das MifiverhSltnis, welches in mancben Volksstammen zwischen MSnnern 
and Weibem extstiert, wie dort das mflnnUche, hier das welbliche Qe- 
schlecht hinter dem andem an korperlicher Schonheit wie an geistiger Aus- 
bHdung zurficksteht. Dies Verhfiltnis zwischen den beMen Oeschleditem 
ist es gerade, aus dem man Vergangertiert und Zukunft ersoMieBen kann. 
Qutes und Schlechtes, fortsohritt und RQckschritt wird zuerst von dem 
Mann angenommen und geht von diesem auf das Weib itber, dessen kon- 
servative Natur nur weit allmdhlicher den freroden CinflQssen nachgibt. Da 
aber die Stufe geistiger Kultur, die em Volk einnimmt. sich nioht nur in 
seiner Kdrperbikking reflektiert, sondem geradezu von dersetben abhSngt, 
so ist es leicfat erkldrlich. dafi in emer aufstrebenden Natur, die hn Fort- 
sohritt begrifien ist, die MSmier, in einer sinkenden dagegen die Weiber 
den Vorzug der Wdberschdnheit und der faitellektueUen Fthigkeiten in An- 
spruch nehmen konnen. Findest <hi einen Volksstamm, der scfa&ie Werber, 
aber on Durchschnitt hSfiUche, schlecht gebikiete MSnner hat, so kannst 
du mit ^cherheit behaupten, daB derselbe schon Iflngst seinen Kulminations- 
punkt Qberschritten hat und dem Untergang entgegengeht.** (Carl Vogt, 
Ozean und Mittelmeer, Reisebriefe. Frankfurt a.M., 1848, Bd.ll, S. 20*— 204). 



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— 41 — 

PlOtzlich und alle Qberraschend wird eine Wasserflut aufsteigen, 
dieweil die Leute in ihrem Unglauben sich vdllig sicher wahnen, 
und die Lebenden ohne Unterschied, gleicherweise Hocti und Nieder, 
werden von ihr fortgerissen und ers&uft werden, ein PraB der 
Fische und der Schildkrdten. 

Wenn es dann ja noch einen Bodhisattva, Pratyeka-Buddha 
Oder Arhat gibt, er hdtte nur Verfolgung zu befahren von seiten 
dieser Teufel, daher denn diese drei Klassen von Heiligen (wdrtlicli: 
drei Yana) sich in die Stille und Einsamkeit des Bergfriedens zuriick- 
ziehen werden. Dortselbst werden sie weiterleben kdnnen, beschutzt 
von alien Himmlischen (Deva). Ein Licht wird von ihnen ausgehen 
und wird meine Lehre noch einmal fur zweiundfunfzig Jahre zur 
Qeltung bringen. Dann aber setzt das Werk der Zerstorung 
ein. Das Surahgama-sutra (Nanjio Nr. 446) und Pratyutpanna- 
buddhasammukhavasthita-samadhi (Nanjio Nr. 73) werden als die 
ersten Sutras untergehen. Und so werden alle zwolf Abteilungen 
des Sutraschrifttums eine nach der andem verschwinden, um nicht 
wieder zu erscheinen. Nicht einen Buchstaben von ihnen wird man 
mehr sehen. 

Die Zeit, da mein Qesetz untergehen wird, ist zu vergleichen 
dem Lichte einer Lampe, deren Ol aufgezehrt ist: fiir einen Augen- 
blick flackert es noch einmal auf und dann erlischt es. Qerade so wie 
diese Lampe erlischt, wird es auch sein, wenn mein Qesetz dahin- 
sinken wird. Was aber danach kommen wird, das eins ums andere 
aufzuzfihlen, ist zu schwer. 

Wenn aber alles das vorfiber sein wird, Tausende von Miilionen 
Jahren nachher, wird Maitreya (jap. Miroku) in diese Wdt her- 
niederkommen und der (nSchste) Buddha werden. Und alsdann 
wird alle Welt in Frieden sein. Die Qiftdunste werden sich ver- 
ziehen. Segnende RegenniederschlSge werden das Erdreich feuchten, 
und herrlich werden gedeihen die ftinf Qetreidearten. Des Menschen 
Korper wird eine H6he von achtzig FuB erreichen und seine Lebens- 
zeit die Dauer von vierundachtzigtausend Jahren, und die Menge 
der lebenden Wesen, die da werden erlost werden, wird man nicht 
zdhlen konnen." 

Ananda, der Weise, betete vor dem Buddha an, sprach und 
fragte: ^Wie sollen wir dieses Sutra nennen?" Der Buddha aber 
antwortete ihm und sprach: „0 Ananda, des Qesetzes Vernichtung 
wird dieses Sutra genannt werden. Allem Volke werdet ihr es ver- 



^M 



— 42 — 



kunden und Sorge dafiir tragen, daB man es auch versteht. Un- 
ermeBlich wird der Gewinn sein." 

Die vier Klassen der Junger (Monche, Nonnen, Laienanh&nger 
und Laienjungerinnen) aber, die das Sutra mit angehort, waren voll 
bitteren Wehs, und nachdem sie vor dem Buddha in Ehrfurcht sich 
verneiget, gingen sie davon. — 



Aufmerksam sei noch darauf gemacht, daB unserem c h i n e s i - 
schen Sutra verwandte Textstticke aus dem Pali-Kanon durch 
Albert J. E d m u n d s' „Buddhist and Christian Gospels, now first 
compared from the originals", 4. ed., vol. II, 139—152, zugangiich ge- 
macht sind. Vergleichen mag man auch Warren, Buddhism in 
translations, S. 481 — 486. Die Stellen aus dem Neuen Testamente, 
an die Edmunds sich durch die von ihm iibersetzten Abschnitte 
aus Pali^Schriften gemahnt sieht, sind: 
Matth. 24, 11 — 12: Viele Lugenpropheten werden aufstehen und 

werden viele irrefiihren. Und weil Frevel iiberhand nimmt, 

wird bei den meisten die Liebe erkalten. 
Luk. 18, 8: Aber wird auch der Sohn des Menschen, wetin er kommt, 

Glauben finden auf der Erde? 
Mark. 13, 31: Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine 

Worte aber werden nicht vergehen. 
2. Pet. 3, 10: Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb, 

wo die Himmel mit Krachen verschwinden, die Elemente im 

Brand sich auflosen, ebenso die Erde, und es wird sich zeigen, 

welche Werke auf ihr sind. 
Apok. 21, 1: Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; 

denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, 

und das Meer ist nicht mehr. 



Ein Prediger der Liebe im klassischen, vorchristlichen China. 

Von Lie. W i 1 1 e (Berlin). 

In weitem Umkreis um das Jahr 500 v. Chr. ist durch die ganze 
Menschheit das Rauschen eines neuen Geisteslebens gegangen, das 
sie emporgehoben hat zu einem tiefen Ahnen ihres Wesens und des 
Urgrundes der Welt. Das war die Zeit, in der in Griechenland die 
Philosophen ihre Weltanschauungen bildeten, in der im Volke Israel 
die F*ropheten den einen Gott als Herrn der Welt und Heilsbereitcr 
priesen, in der in Persien die Reform Zoroasters dem oden Natur- 



— 43 — 

dienst einen geistigen und sittlichen Qehalt gab, in der in Indien 
Buddha den neuen Weg der Eriosung fand, die Zeit, in der in China 
die groBen M^ner lebten, deren Qedankenwelt seitdem das Riesen- 
reich bis in die Qegenwart beherrschen, Konfuzius, Laotse und auch 
Micius (Mih-Tsi), der Prediger der Menschenliebe, 
von dem hier die Rede sein soil (vergl. E. Faber, Die Lehre des 
Philosophen Micius. Elberfeld 1877). 

Von diesen dreien ist Konfuzius der wirkungsvoUste gewesen, 
der Meister der Praxis, der seinem Volke eine Festigkeit der Ord- 
nungen gegeben hat, die 2000 Jahre alien Stiirmen Trotz geboten hat. 
Staat und Familie, das sind die beiden MSchte, die unerschutterlich 
feststehen mussen. Sie werden nur dann feststehen, wenn sie be- 
dingungslose, unbegrenzte Autoritat haben iiber die einzelnen 
Menschen. Willenlose Unterordnung, blinder Qehorsam wird die 
Kraft sein, die alle Menschenbeziehungen heilvoll regelt. In der 
Familie haben, geschiitzt durch die Macht der Toten, die Alten die 
Qewalt. Die Familien wieder bilden zusammen die Dorfgemeinden, 
die sich dem Rat der Alten fiigen. So schlieBt sich ein Kreis um den 
andern: in ruhigen, normalen Zeiten eine gl&nzende Organisation, 
wenn sie ja auch nicht unser Ideal erreicht! 

Ihre SchwSchen fiihlten schon die Zeitgenossen des Konfuzius; 
auch deren Ideale wurden nicht durch sie befriedigt. Zu einseitig 
war in ihr die Abzielung auf das Praktisch-Nutzliche, zu wenig be- 
rticksichtigt in ihr die Befriedigung des Qemiitslebens, zu einseitig 
die Betonung der starren AutoritSt, des blinden Qehorsams als ein- 
ziger Macht, um Menschenmacht zu schaffen und die Menschheits- 
beziehungen zu regeln. 

Es ist interessant, zu sehen, wie die beiden andern groBen 
Manner diese MSngel des Konfuzius in einzelnen Punkten erganzen. 
Dem Konfuzius konzentrierte sich alles Interesse auf diese sichtbare 
Welt. Dem Laotse ist diese sichtbare Welt nur das liickenhafte, 
trugerische Kleid des einzigen wirklichen Seins, das, rein geistiger 
Art, hinter der Welt der Erscheinungen liegt. Aus dem Irrgang 
dieses Erdenlebens sehnt sich das Qeistige in uns, zuruckzukehren 
in die Heimat, in das geistige All, in die Seele der Welt. Durch Ver- 
senkung in den Sinn des Lebens und durch sittlich-ernstes Handeln, 
das sich die hochsten Ziele setzt, erlangt man die ErfuUung des Er- 
losungs-Verlangens. Unrecht mit Qiite zu vergelten, ein weites Herz 
zu haben ftir die Note der Mitmenschen, das ist solchen Menschen, 
die der Eriosung zustreben, Lebensbediirfnis. So senkt Laotse seinen 






— 44 - 

Sinn mehr in die Tiefe, erreicht aber darum auch mit seinem EinfluB 
nicht die Breite der Menschenmassen, denen solch Lebensemst in 
keinem Volk und in keiner Zeit lieb zu machen ist, wenn auch alle 
von dem Segen solcher ernsten Manner eine Befruchtung und Ver- 
tiefung ihres Lebens unbewufit erfahren. Doch verbal! damals Laotse 
dem tiefen Bediirfnis der Menschenseele nach Qemeinschalt mit den 
ewigen MSchten zu seinem Recht, natQrlich im Rahmen seiner Zeit 
und seiner Erkenntnis. 

In der Mitte zwischen Konfuzius und Laotse steht Micius. Er 
hat mit alien groBen chinesischen Philosophen die gleichen sittlich- 
religiosen Qrundanschauungen uber das Wesen und den Ursprung 
der Welt und des Menschenlebens gemeinsam. Ein geistiger Ur- 
grund aller Dinge besteht: tJ)er Himmel." Sein Sein ist unerforsch- 
lich. Aber er ist da, wir spQren seine Wirkungen. Manchmal wird 
er fast persdnlich gedacht. Aber es fehlt doch im Qrunde die 
lebendige Anschauung von einem personlichen Verhfiltnis zwischen 
dieser Qottheit und den Menschen. „Der Himmer* hat einmal der 
Welt ihre Existenz gegeben. Nun wirkt sich im Naturverlauf und 
im Dasein der Qeschdpfe ihr Leben aus nach festen, unverrQckbaren 
Qesetzen. Wie man die Qesetze der Natur nicht ungestraft verletzen 
kann, so sind auch die sittlichen Qesetze unbedingt in ihrer Stellung: 
nur wer sie befolgt, wird Qutes erleben. Das Bose strait, das Qute 
lohnt sich in dieser Welt. EHe Menschen sind ihrer Natur nach gut, 
wohl imstande, die Wege der Tugend zu gehen. Es bedarf nur der 
Belehrung fiber das erreichbare MenschenglQck und die Polgen der 
Taten: Erkenntnis der Nutzlichkeit des sittlichen Handelns ist die 
st&kste und auch ausreichende Triebkraft zum Tun des Quten. Das 
sind etwa die allgemein-chinesischen Qedanken, die im ganzen auch 
Micius teilt, wie unten zu zeigen ist. ^ 

Familie und Staat, auf dem Qrundsatz der bedingungslosen 
Ober- und Unterordnung aufgebaut, verbfirgen dem Einzelnen, dem 
Volk und der Menschheit das hdchste Qluck, Prieden, Wohlstand 
und Bildung: so lehrte auf Qrund der obigen allgemeinen chinesi- 
schen Qrundanschauungen Konfuzius. 

Aber alle Autoritdt von Staat und Pamilie vermochte die 
Menschen nicht dazu zu bewegen, den Sittengesetzen zu gehorchen. 
Weit gahnte die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit. Konfuzius 
selbst machte mit dem einzigen Fursten, der sich bereit fand, sein 
Reich nach seinen QrundsStzen zu reformieren, sehr bittere Er- 
fahrungen. Liederlichkeit und Leichtsinn lockten den Pfirsten bald 



■•^Kf: -r.-tyi^:-- - .- -.■.-^...-. , -.- .-. - i-, ..._.-, ,,,^j,. J,. ,^_^^^,^^y^™^,- ^if^n'^jSiiSjpi^S^Ktf'SSSa^i 



— 45 - 

vom rechten Wege ab, und der unbequeme Mahner Konfuzius ward 
entlassen. Verbittert und zage endete das Leben dieses wirklich 
hochbedeutenden Mannes. 

Warum erreichte er nicht mehr? Micius sagt: Weil die 
Menschen nie durch bloBe AutoriUlt, durch Befehle zum Tun des 
Quten veranlaBt werden konnen. Da b&umt sich der Eigenwille 
auf, das Mifitrauen wird wach, daB die Inhaber der Autorit&t aus 
selbstischen Interessen die Menschen zum Sittlich-Handeln zwingen 
wollen. Das Bdse lockt iiberdies zundchst mit leichtem Spiel, das 
Qute fordert emsten Dienst: so strebt die Neigung der Menschen, 
unter dem Druck der Autorit&t, oft erst recht zum Bosen hin. 

Sollen die Menschen die Porderungen der Sittengesetze sich 
und der Qesamtheit zum Heile erffillen, so mufi in die Herzen der 
Menschen eine Qesinnung hineingebracht werden, daB sie das Qute 
selbst wollen und mit innerer freudiger Zustimmung das Qute tun, 
das die AutoritSten fordem. Die Kraft, die die Herzen 
der Menschen so zu stimmen vermag, das ist die 
L i e b e. „Die heiligen M^ner, deren Qeschaft es ist, das Reich 
wohl zu regieren, miissen erkennen, woraus Unordnung entsteht; 
dann vermdgen sie dieselbe zu ordnen." ^Sie entsteht aus 
Mangel an gegenseitiger Liebe. DaB Minister und 
Sohne nicht untert^ig sind gegen den Regenten und den Vater, 
heifit Unordnung. Der Sohn liebt sich selbst, liebt nicht den Vater; 
er benachteiligt daher den Vater und niitzt sich selber, so macht es 
der jQngere Bnider gegen den ilteren (dem er nach Konfuzius un- 
bedingten Qehorsam schuldet), der Minister gegen den Regenten. 
Dieses wird Unordnung genannt. Selbst wenn der Vater nicht giitig 
ist gegen den Sohn, der Sltere Bruder nicht gutig gegen den 
jiingeren, der Regent nicht gegen den Minister (diese Qute des 
Oberen gegen die Niederen kann nicht erzwungen werden), so wird 
dieses vom Reiche auch Unordnung genannt. Der Vater liebt sich 
selber, ebenso der altere Bruder und der Regent. Alles ent- 
steht aus dem Mangel an gegenseitiger Liebe. 

So ist es auch mit den Dieben und Raubem des Reiches. Der 
Dieb liebt sein Haus und nicht das fremde, er bestiehlt daher jenes, 
urn seinem Hause zu niitzen. Der Rauber liebt seine Person, nicht 
die andere, §r beraubt andere daher, um seiner eigenen Person zu 
nutzen. Woher dieses? Es entsteht alles aus dem 
Mangel an gegenseitigerLiebe. 



p! 



- 46 - 



Selbst daB die Statthalter einander gegenseitig die HSuser zer- 
storen, und der gegenseitige Angriff der Fursten auf die Staaten hat 
denselben Qrund. Jeder Statthalter liebt sein Haus, liebt nicht das 
fremde; er verwirrt daher jenes, um seinem eigenen Hause zu 
ntitzen. So machen es die Fiirsten mit den Staaten. Alle Ver- 
wirrung im Reiche ist darunter befaBt. Erforscht man, wie 
dergleichen ent'steht, so ist es alles aus dem 
Mangel an gegenseitigerLiebe. 

VeranlaBte man im Reiche unterschiedslose gegenseitige Liebe 
gegen andere wie gegen die eigene Person und haBte es, Insubordi- 
nation zu zeigen, gSbe es dann wohl Mitleidslose? Betrachtete man 
Kinder, jiingere Briider und auch Minister wie die eigene Person 
und scheute es nicht, Mitgefiihl zu zeigen, so hdrte jede Insubordi- 
nation auf. Betrachtete man die Hauser anderer wie das eigene, 
wer wiirde stehlen? Betrachtete man andere Personen wie die 
eigene, wer wiirde rauben? Betrachtete man andere Familien wie 
die eigene, wer wiirde sie verwirren? Betrachtete man andere 
Staaten wie den eigenen, wer wiirde angreifen? — [)amit wftre das 
Reich wohl regiert. Wie konnen also lieilige, deren Aufgabe es ist, 
das Reich zu regieren, anders, als HaB niederhalten und zur Liebe 
reizen? Darum ist das Reich wohl regiert, wenn 
unterschiedslose gegenseitige Liebe herrsch t." 

Das gilt aber nicht nur fur die Regierenden, das geht jeden 
Menschen an. Denn „die Aufgabe des humanen Menschen ist es, 
den Nutzen des Reiches zu fSrdern, dessen Schaden wegzurSumen. 
Was ist nun des Reiches Nutzen Oder sein Schaden? Die Kflmpfe 
der Staaten, der Familien, der Einzelnen gegen einander sind der 
Schaden, der aus Mangel an gegenseitiger. Liebe entsteht Hat man 
im Reiche keine gegenseitige Liebe, so wird der Starke den 
Schwachen packen, der Reiche den Armen hohnen, der Angesehene 
den Niedrigen iibermutig behandeln, der Schlaue den Dummen be- 
triigen. Alles Elend, AnmaBung, Arger und Unwille 
im Reiche entstehen aus Mangel an gegenseitiger 
Liebe. Daher verurteilt der Humane dieses. Aber wie ist es zu 
Sndem? Durch das Qesetz knmmunistisch^r 
(unterschiedsloser) gegenseitiger Liebe und durch 
Austausch gegenseitigen Nutzens wird das getndert.** Der Sinn 
dieser Liebe ist: Liebe, was des andern ist, wie dein 
eigene s, und: Liebe den andern wie dich selbst. 



1jjjti?;(ir:»; f-^' : 



— 47 — 

Micius hat also die Forderungen und I d e a 1 e der konfu- 
zianischen Weltanschauung in weitem MaBe bejaht. Das N e u e 
bei ihm ist dies: Die Liebe ist ihm die Macht, die allein die 
Erfiillung und Verwirklichung dieser Forderungen und Ideale durch- 
zusetzen vermag. So wird er der Predigerder Liebe. 
Er fiihit sich darin im Einklang mit dem grofien Urgrund alles Seins, 
dem „Hininier*. Denn der zeigt durch sein eigenes Verhalten gegen 
die Welt, daB die hochste sittliche Kraft die Liebe ist, und seine Qe- 
setze fiir die Menschen sind so angelegt, dafi Liebe ihre Erfullung 
ist. So bringt die Liebe die Menschen in Harmonie mit dem Un- 
endlichen, Ewigen. ^Die Wirksamkeit des Himmels ist universell, 
ohne selbstisch zu sein. Seine Mitteilung ist reichlich ohne Ein- 
schrSnkung, sein Licht dauemd ohne Abnahme. Deshalb haben die 
Heiligen ihn als Vorbild (Qesetz) genommen. Ist aber der Himmel 
Qesetz, so muB man in derBewegung zumWirken 
auch an den Himmel denken; man muB tun, was der 
Himmel wunscht und unterlassen, was der Himmel nicht wiinscht 
Was wiinscht und was haBt nun aber der Himmel? Er wunscht, 
daB die Menschen einander lieben, dafi sie einander ntitzen, und 
wiinscht nicht, daB die Menschen einander hassen, einander be- 
rauben. Aber woher weifi man das? Daher, daB er sie ausnahms- 
los liebt, ausnahmslos ihnen niitzt. Das erkennt man daran, daB er 
sie allesamt besitzt und allesamt em^rt So gfibe es dann also 
unter dem Himmel (nach dem Willen des Himmels) keine groBen 
und kleinen Staaten, sondem alle wSren sie Qemeinschaften des 
Himmels; die Menschen hdtten nicht Klein, QroB, Vornehm und Ge- 
ring, sondem alle w&ren Diener (Beamte) des Himmels, so daB jeder- 
mann (und nicht nur die Fiirsten, die allein dem Himmel opfem 
durften) Opfertiere und Wein und Qetreide darbrSchte, um den 
Himmel zu verehren. Wer also die Menschen liebt, den Menschen 
nOtzt, der wird vom Himmel begliickt; wer die Menschen haBt und 
beschSdigt, anf den sendet der Himmel Ungliick. Wer Unschuldige 
zu toten pflegt, erlangt MiBgeschick. Daraus erkennt man, daB der 
Himmel wunscht, daB die Menschen einander lieben, einander ntitzen, 
und dafi er nicht will, daB sie einander hassen, einander be- 
schadigen." 

Die alten heiligen Konige der Vorzeit, Yu, Thang, Wau und Wu, 
liebten die Menschen und leiteten sie zu vielem Quten an. Darum 
segnete sie der Himmel, „machte KSlte und Warme, geordnet in den 
vier Jahreszeiten, harmonierte die Dualkrtfte, Regen und Tau war en 



;i 



- 48 — 



zeitgetnaB, die funf Qetreidearten wurden reif, die sechs Arten Haus- 
tiere gediehen, Krankheit, Seuchen, Hungersnot kamen nicht an sie^. 
Unerschutterlich fest steht itim die Uberzeugung, daB an allem 
Elend in der Welt die Menschen selbst die Schuld tragen, weil sie 
den Wiilen des Himmels nicht erfiillen, weil sie sich nicht lieben. 
Der „Hinimel" hat alles so in der Welt geordnet, dafi bei ent- 
sprechendem Handeln der Menschen Qluck und voile Freude auf der 
Erde herrschen konnten. Er J&Qt die zehntausenderlei Dinge ge- 
deihen, ihnen zu niitzen; selbst das AUergermgste ist vom Himmel 
erzeugt, und das Volk erlangt es und hat Nutzen davon. Wie kann 
man sagen: J^ein"? Man vergilt es nur dem Himmel nicht, und 
erkennt nicht, daB das nicht human und nicht gluckbringend ist. Die 
QrdBe der Liebe des Himmels erkennt man daran, daB er Sonne, 
Mond und Sterne machte, ihm zu leuchten und zur Leitung, daB er 
die vier Jahreszeiten einrichtete, ihm zu sicherer Ordnung, daB er 
Wetter, Schnee, Reif, Regen und Tau niedersendet den funf Qetreide- 
arten, Hanf und Seide zum Qedeihen." 

Aber so groB des Himmels Liebe gegen die Menschen ist, und so 
gewiB das Tun des Quten seinen Lohn in darauffolgendem guten Er- 
gehen hat, so unerbittlich sind doch auch die Eolgen der bdsen Taten 
des Menschen. Das Bose straft sich, auch das ist des Himmiels 
Wille. Da gibt es keine Ausnahme: „Wer sich versundigt am 
Himmel, der findet keinen Zufluchtsort." „Tun die Menschen, was 
der Himmel nicht wiinscht, so tut der Himmel auch, was die 
Menschen nicht wfinschen, er sendet Krankheit und Ungluck.** 

Micius geht aber nicht etwa auf Qrund dieser Statuierung der 
Unverbruchlichkeit der Auswirkung der Sittengesetze den Weg des 
Buddhismus, der erklart, daB es das Problem des unschuldigen 
Leidens in der Welt gar nicht gibt, weil alles Elend durch eigenes 
Bosestun in der gegenwHrtigen oder in einer frtiheren Existenz ver- 
schuldet sei. Micius hat sich den freien Blick in die Wirklichkeit 
gewahrt, er sieht die Verkettung des Ergehens des Einzelnen in die 
Foigen der Handlungen anderer. Er spricht daher mit tiefem Ernst 
von der Verantwortung vor allem der Beamten und der Herrscher, 
deren Handlungen die schwerwiegendsten Foigen haben fur die 
ganze Menschheit. Die verantwortungsvollste Stellung ist natHr- 
lich die des Kaisers. Micius teilt hierin die aitchinesischen, von 
Konfuzius neu betonten und systematisierten Anschauungen: Der 
Kaiser ist der Mittler zwischen dem Himmel und der Erde und den 
Menschen. Durch ihn sendet der Himmel seine Segnungen her- 



- 49 ~ .:, ■,:..,,^;^.,^,,:;-, 

nieder. Aber nur dann kann der Kaiser seine Mittlerfunktionen aus- 
iiben, wenn er ein sittlich reines Leben fuhrt. Lebt er unsittlich, so 
wird dadurch die Verbindung zwischen Himmel und Erde gest5rt. 
Hungersnote und andere Heimsuchungen treffen das Land. Wenn 
im Lande solche Ndte sind, so ist das iminer ein Zeichen, dafi der 
Kaiser nicht recht lebt. So muB das Volk fiir die Siinden des Kaisers 
leiden. Aber das Volk weiB das auch, und fordert in solchem Falle, 
daS der Kaiser BuBe tue. Halten die Note an, so ist das fiir das Volk 
ein Zeichen, daB der Kaiser seiner Mittlerschaft ganz unwiirdig ist. 
Dann muB er durch einen andern Kaiser ersetzt werden. So kam es 
dann hdufig zu Revolutionen, bei denen in der Wirklichkeit allerdings 
oft herrschende Note nur geschickt von politischen Intriganten be- 
nutzt wurden *), ohne daB das Volk in Wahrheit schon die Dynastie 
als vom Himmel verworfen angesehen hdtte. Aber doch bedeuteten 
in der Qeschichte Chinas Zeiten der Not stets eine Qefahr fiir die 
herrschende Dynastie. 

Diesen Qedanken gem&B auBert sich Micius dahin, ,4daB, wenn 
der Himmelssohn (der Kaiser) gut ist, der Himmel ihn zu belohnen 
vermag, wenn der Himmelssohn tyrannisch ist, der Himmel ihn zu 
strafen vermag. Hat der Himmelssohn Krankheit oder Ungliick, so 
muB er fasten, sich waschen, Wein und Qetreide weihen, um damit 
dem Himmel und den D&monen zu opfern; so kann daUn der Himmel 
das (Ungluck) entfernen." 

Erfiillt aber der Kaiser seine Pflicht, so gebuhrt ihm Qehorsam. 

Soweit war Micius mit Konfuzius hierin im Einverst^dnis. Aber 
wieder geht auch in diesem Punkte Micius einen Schritt uber Kon- 
fucius hinaus. In dem Qedanken der Absetzbarkeit des Kaisers durch 
das Volk lag schon bei Konfuzius ein demokratischer Zng in der 
Fassung seines theokratisch-politischen Systems. Aber Konfuzius 
kannte fiir das Verhalten gegentiber den Aormal funktionierenden 
Ordnungen doch nur den einen Qrundsatz der bedingungslosen 
Unterordnung. Den erwShnten demokratischen Zug welter aus- 
gestaltend, konstatierte Micius auch fiir normale Zeiten des Friedens 



•) Auch 1911/12 wurden so die N6te im V(rfk von den AnhSngem der 
Republik geschickt benutzt, um fur ihr Vortiaiben Stimmung zu machen. 
Was bei dieser Revolution das Besondere ist, ist dies, daB nun uberhaupt 
kein Kaiser mehr sein soH. So ist ia die Verbindung zwischen dem Himmel 
und der Erde geldst! Das <bedeutet erne unerhdrte UmwSlzung. Um das 
Volk allmahlich an dies Neue zu gtewdhnen, hat man den letzten, den ab- 
gesetzten Kaiser noch in einem gewissen Rang zum Schein belassen. Er 
k^t nodi rm Kaiserpalast 



, ;-^-f 



^1 






— 50 



ein Recht der aktiven Mitregierung des Volkes. Da die Familien, 
die Sippen, die Orte, die Provinzen, die Staaten und schlieBlich 
das Reich die Kreise bilden, die die Welt umspannen, so sollen immer 
dieBeamten undRatgeber der hoheren Instanz von denen derniederen 
gewShlt werden, so daB auch die Rate des Kaisers ihm vom Volke 
an die Seite gestellt werden. So wird die Sicherheit geboten, daB 
die Tiichtigsten zum Herrschen kommen, und nicht Schmeichler, so" 
bleibt die rechte innerliche Fuhlung zwisclien den Regierenden und 
den Regierten gesichert, und so wird iiberall das eine gleiche Recht 
fiir alle herrschen, worauf so vie! ankommt. Dies demokratisch- 
monarchische System, das bis zu einem gewissen Qrade in China 
tatsSchlich in guten Zeiten Wirklichkeit war, kann, so meint Micius, 
aber nur dann ein Segen fur alle werden, wenn alle Beteiligten 
erffillt sind von gegenseitiger Liebe. Pehlt diese, dann niitzen alle 
feinen Ordnungen und Qesetze nichts. Der Weg zur Crfullung der 
sittlichen Aufgaben ist also in alien Menschheitsordnungen nicht 
willenlose Unterordnung, sondern innerliche Verbindung aller durch 
die Liebe, die in dem andem, auch in dem Niedrigen, selnesgleichen 
sieht. Qleichheit aller nebeneinander, das ist die 
Qrundlage. Diese Qleichen wahlen sich ihre Beauftragten, die 
die Leitung haben. Aber nie werden diese Beauftragten Herren, 
Menschen hoheren Ranges. Es darf keine sozialen Unterschiede geben. 

Werden sie das, so treten Brutalit&t, Qewalt, Hochmut, Un- 
gerechtigkeit an die Stelle der Qleichheit und Liebe. Und damit 
stellen sich sofort Ungliick und Ndte ein. So hebt Micius durch sein 
Betonen der Liebe in bezug auf die Volksordnungen das Autoritfits- 
prinzip des Konfuzius auf und steht hierdurch zu ihm in einem 
Qegensatz. 

Ein anderer Punkt, in dem Micius zu Konfuzius in Hinsicht auf 
die Volksordnungen gleichfalls in Qegensatz steht, ist der, daB 
Micius fur alle Menschheitsbeziehungen die unbedingte Durch* 
ftthrung der ftir das Einzelleben geltenden Sittengesetze fordert. 
Soist er ein entschiedener Qegner des Krieges. „Ist 
da ein Mensch, der in den Obstgarten eines andem dringt und dessen 
Pfirsiche und Pflaumen entwendet, und die Menge hort davon, so 
verurteilt sie es; kommt er in die Hande des Regierenden, so be- 
strafen sie ihn. Warum das? Weil er andere benachteiligt, um sich 
selbst zu niitzen. Der Diebstahl von Hunden, Mutterschweinen, 
Huhnern und Mastschweinen ist eine groBere Ungerechtigkeit als 
Obstentwendung. Warum das? Weil die Benachteiligung anderer 



- 51 - 

grdBer, die Lieblosigkeit tiefer, die Schuld machtiger ist. Drinjct 
man in die Staile und nimmt Rinder und Pferde weg, so ist die In- 
humanitSt und Ungerechtigkeit wiederum grSBer als der Diebstahl 
von Hunden usw. Warum das? Die Benachteiligung anderer ist 
groBer, die InhumanitSt tiefer, die Schuld mSchtiger. Mordet man 
Unschuldige, zieht ihnen die Kleider aus, nimmt die Waffen weg, so 
ist die Ungerechtigkeit wiederum groBer, als wenn man in die Staile 
anderer eindringt und Pferde und Rinder wegnimmt." 

„Ane Edlen unter dem Himmel (im Reiche) erkennen das, ver- 
dammen es und nennen es Ungerechtigkeit. Das AllergroBte nun 
aber, den Angriff auf einen Staat, den zu verdammen verstehen sie 
nicht, sondem beloben ihn und nennen ihn Oerechtigkeit. Wie ist 
das? HeiBt das den Unterschied von Oerechtigkeit und Un- 
gerechtigkeit erkennen? Einen Menschen toten, heiBt Un- 
gerechtigkeit und muB die Schuld einer Todesstrafe haben. Qcht 
man in dieser Weise weiter, so ist das Toten von 10 Personen zehn- 
fache Ungerechtigkeit; so wird es zehnfache Schald des Todes sein 
mussen. Das Toten von 100 Personen ebenso hundertfach. Das 
erkennen alle Edlen des Reiches und verdammen es als Ungerechtig- 
keit. Aber die groBte Ungerechtigkeit, den Angriffskrieg auf einen 
Staat, verdammen sie nicht, beloben ihn sogar, nennen ihn recht. 
Das Qefiihl begreift diese Ungerechtigkeit nicht. Darum bringt man 
die ErzShlung davon in Biicher, zur Uberlieferung auf die Nachwelt. 
Erkennte man die Ungerechtigkeit, wurde man wohl Biicher dariiber 
schreiben, um sie auf die Nachwelt zu bringen? 

ware da ein Mensch, welcher, sahe er ein wenig Schwarz, es 
schwarz, sahe er viel Schwarz, es weiB nennen wurde, so ver- 
stande derselbe nicht Schwarz von WeiB zu unterscheiden. Wurde 
er beim Kosten von ein wenig Bitterem es bitter nennen, beim 
Kosten von viel Bitterem es siiB nennen, so wurde derselbe den 
Unterschied von SiiB und Bitter nicht verstehen. Wird nun im 
Kieinen Unrecht begangen, und man erkennt und verurteilt es; ge- 
schiehts im QroBen, als Angriffskrieg gegen einen Staat und man 
erkennt's und verdammt's nicht, sondern belobt es und nennt es Oe- 
rechtigkeit: wie versteht man die Unterscheidung von Oerechtig- 
keit und Ungerechtigkeit? Damit erkennt man, daB die Edlen des 
Reichs verwirrt sind in Beziehung auf Unterscheidung von Oe- 
rechtigkeit und Ungerechtigkeit." 

Alle Kriege sind aber nicht nur, so urteilt Micius, moralisch zu 
verurteilen, sondern sie sind auch in der Wirklichkeit ein Wahnwitz, 



- 52 - 

sie vernichten unendlich viel Qutes und schaden auch dem siegenden 
Volke mehr, als sie ihm ntitzen. Was fur riesige Qeldsummen ver- 
schlingen die Kriegsutensilien! Wieviel Nahrungsmittel werden 
ganz unnutz verbraucht! Wieweite Lander vernichtet! Wieviele 
junge Menschenleben vernichtet! „Was man selbst dabei gewinnt, 
ist nutzlos; was man erlangt, ist nicht soviei, als man veriiert." Und 
wie verwildern durch den Krieg die Volker! 

Furchtbar sind daher die Zustinde auf der Erde, die durch die 
Kriege verursacht sind. Man „uberfailt schuldiose Staaten mit 
Krieg, iiberschreitet deren Qrenzen, schneidet das Qetreide ab, fSllt 
die BSume, verwustet StSdte und Vorst&dte, verstopft QrSben und 
Teiche, tdtet das Schlachtvieh, zerstort die Ahnentempel mit Feuer, 
tdtet Myriaden Einwohner mit dem Schwert, unterdriickt die Alten 
und Schwachen, fiihrt die wertvollen Qef^Be weg". Einst war es 
anders auf der Erde: „Die humanen Manner der Vorzeit verfolgten 
eine friedliche Politik; sie dienten mit den ErtrSgen des Feldbaues 
dem hochsten Qott, den Bergen und Strdmen und den Qeistem; sie 
nutzten den Menschen viel, ihr Verdienst war darum groB." 

Hier kann auch allein die Liebe die Herzen der Menschen recht 
zu einander stimmen. 

Schon zu seinen Lebzeiten hat man offenbar den Micius wegen 
seiner Kriegsfeindschaft und seiner Predigten der Liebe einen 
Schwarmer gescholten. Denn er verteidigt sich gegen Leute, die 
ihm sagten, seine Lehren seien zwar gut, aber unbrauchbar. Das 
wehrt er entschieden ab. Die Wirklichkeit des Lebens beweise das 
gerade Qegenteil. Wenn es im Kriege gelte, fiir die Frauen und 
Kinder zu sorgen, so werde man doch dazu jedenfalls keinen 
egoistisch gesinnten Mann wShlen, sondern einen solchen, der ein 
warmes Herz habe fur die Not fremder Menschen. Denn nur ein 
Mensch, der Liebe in sich hege, werde diese Aufgabe aufopfemd 
erfiillen. 

So werde jeder, wenn er in Not sei, sich nicht an einen Egoisten 
wenden, sondern an einen Menschen, der fiir a n d e r e. ein Herz 
habe. Damit erkenne man die grofie praktische Brauchbarkeit der 
Liebe an, jiuch wenn man sie theoretisch unbrauchbar schelte. — 

Der schwerwiegendste Einwurf, deren Beantwortung dem 
Micius oblag, war aber der: Wie bewegt man die 
Menschen, die sich faktisch nicht lieben, dazu, 
daB sie sich lieben ? 



— 53 - 

* 

Darauf gibt Micius folgende Ant wort: 

Die Voraussetzung aller Sittlichkeit ist die Anerkennung der 
sittlichen, vom Himmel gesetzten Weltordnung. Der Himmel be- 
dient sich zur Durchfuhrung der sittlichen Qesetze in der Welt der 
Oeister und DSmonen. „Die sozialen Obelstande, Sittenlosigkeit 
und Rluberei haben ihren Qrund im Zweifel an der Existenz der 
D&monen und Oeister, welche die Vortrefflichen belohnen und die 
MissetSter bestrafen konnen." Daher muB die Oberzeugung von 
der in der Qeschichte hSufig erwiesenen Existenz der Oeister und 
D&monen dem Volke tief eingeprSgt werden. Wo sie fehlt, ist jede 
tiefere sittliche Einwirkung unmoglich. 

Wo aber jene Oberzeugung besteht, da gilt es, die Erkenntnis zu 
vertiefen, daB die Liebe, wie alles Oute, ntitzlich ist, Lieblosigkeit 
verderblich. 

Nutzt diese Einprdgung von der Nutzlichkeit der Liebe nichts, 
dann muB die Regierung die Liebe hervorrufen. Schon das Bei- 
spiel der Regierenden wtirde sehr viel helfen, viel mehr noch das, 
wenn sie das Tun der Liebe belohnen undihreVer- 
achtung bestrafen wtirden. Die Qeschichte zeigt, daB die 
schwersten Opfer vom Volke gebracht wurden, wenn die 
Herrscher sie verlangen. So wiinschte der Konig Ling 
(539 — 528 V. Chr.) das Tragen enger Taillen, und alles Volk hungerte, 
um schmale Taillen zu bekommen. Fur den Konig Kao-tsin von 
Yueh (um 473 v Chr.) lieBen sich 100 Menschen auf einem Schiff 
verbrennen. Der Konig Wan von Tsin (634 — 627 v. Chr.) liebte 
grobe Kleider, und alle Leute trugen sie. „Schmale Kost, brennendes 
Schiff und grobe Kleider, das ist, was man in der Welt am 
schwersten vollbringt, und doch geschah es. Kommunistische 
gegenseitige Liebe hat Nutzen (fordert also keine Opfer) und ist 
leicht zu vollbringen iiber alle Berechnung hinaus. Nur fehlt jetzt 
die Begiinstigung durch die Oberen; ware diese da, wiirde an- 
gespomt dazu durch Belohnung und Lob, Eurcht beigebracht durch 
Strafe und Tadel — ich meine, die Menschen kamen zu kommunisti- 
scher gegenseitiger Liebe und im Verkehr zu gegenseitigem Nutzen, 
wie Feuer aufwarts steigt, wie Wasser abwSrts flieBt, es ware kein 
Einhalt zu tun im Reiche. 

Die kommunistische Liebe ist aber der Weg der heiligen Konige, 
wodurch Konige, Herzoge und die OroBen Frieden erlangen, alles 
Volk Kleider und Essen zur Qeniige erlangt. Deshalb sollte jeder 
Edle den Kommunismus (der Liebe) erforschen und sich bestreben. 



V 



SPS" 



- 54 - 



ihn auszufiihren. Die Regenten wiirden giitig, die Hofbeamten hin- 
gebend, die VSter wiirden mitleidig, die Sohne pietStvoll, die 
^teren Bruder freundschaftlich, die jiingeren Briider briiderlich. 
Wer solches wiinscht, soil die Leute zum Kommunismus (der Liebe) 
bekehren mid denseiben nicht unausgefiihrt lassen. Dieses ist der 
Weg der heiligen Konige, und er ist allem VoUce von groBem 
Nutzen." 

So erklingt iiberall bei Micius begeistert nur ein Ton, der Heil. 
Freude und alles Qute verheifit: Die Liebe. Sie bringt die Cr- 
fullung alier sittlichen Porderungen. Sie beseitigt alles Elend, selbst 
die Kriege. Eine einige, durch Liebe in Frieden geeinte Mensch- 
heit, das ist das Ziel seiner Gedanken. Durch Ehrfurcht vor der 
sittlichen Weltordnung und ihren Schopfem und Dienem. durch 
Erkenntnis der Niitzlichkeit der Liebe, durch das Vorbild der Oberen 
und durch „Begiinstigung" derer, die Liebestaten tun, durch die 
Oberen, wird es gelingen, die Menschen zum liebesgemifien Handein 
zu bewegen. Das sind, in Kiirze noch einmal zusammengefaBt, die 
Gedanken dieses alten chinesischen Philosophen. Es sind hohe, edle 
Gedanken, die ihn erfiillt haben. Wie ein Prophet wundervoller 
Zeiten steht er unter seinem Volk. 

Es ist lohnend, zu fragen, was fiir eine Personlichkeit dieser 
Mann war und wie man seine Lehre in China aufnahm. Dann wird 
ganz von selbst sich auch unser heutiges Urteil iiber ihn gestalten, 
nachdem wir ihn gehort haben und seine Gegner. Von diesen 
Dingen wird der SchluB dieser Ausliihrungea in der nSchsten 
Nummer dieser Zeitschrif t handein. (Schlu£ folgt) ^ 



Aus der Mission der Gegenwarf. 



Einheitsbestrebungen der Missionen In Britisch-Ostafrlka. 

Schon seit dem Jahre 1908 haben unter den evangelischen 
Missionen Britisch-Ostafrikas, in Verbindung mit denen Ugahdas, 
Verhandlungen iiber die Herstellung einer Arbeitsgemeinschaft und 
einer Rucksichtnahme auf einander stattgefunden, welche 1910 zu 
einem gewissen AbschluB kamen und 1913 zu bestimmten Ver- 
abredungen gefiihrt haben, welche nun fur das weitere Vorgehen 
als Richtlinien gelten soUen. Die entscheidende Konferenz von 
60 Vertretem der verschiedenen Geselischaften hat am 17. Juni 1913 
in Kikuyu stattgefunden. In groBer Einmiitigkeit sind folgende 



- 55 - 

Qrundziige fur die neue Verbindung der Missionen festgestellt 
worden: 

1. Die Anerkennung der Heiligen Schrift als der obersten Norm 
fiir Qlauben und Praxis und des Apostolischen und Nicaenischen 
Qlaubensbekenntnisses als des Ausdrucks des grundlegenden christ- 
lichen Qlaubens, wobei eine gewisse Freiheit der Auslegung voraus- 
gesetzt wird. 

2. Die Anerkennung der Mitgliedschaft der Glieder aller 
Kirchen untereinander. so daB auswandernde Christen sofort voile 
bruderliche Aufnahme in einer andern Kirche finden, ohne aus ihrer 
Heimatkirche austreten zu miissen. Nur daB sie natiirlich kein 
Stimmrecht haben. 

3. Ordentliche Verwaltung der beiden Sakramente unter Ver- 
weodung der sichtbaren Zeichen. 

4. Eine gemeinsame Form der Kirchenorganisation. Dieser 
Punkt bedarf noch eingehender Beratung. Da die englische Kirchen- 
mission (Church Missionary Society) der Church of England das 
Ubergewicht hat, so wird diese Organisation auf diese natiirlich die 
meiste Riicksicht nehmen. 

5. Es soil eine Abgrenzung des Wirkungsbereiches der einzelnen 
Missionen erfolgen, urn sowohl Rivalitdt als auch Kraftvergeudung 
zu vermeiden. 

Von deutschen Missionen arbeiten in diesem Gebiet, das auf 
182.000 englischen Quadratmeilen rund 4 Millionen Eingeborene 
z^lt, die Leipziger und die Neukirchener Mission. Die obigen S^tze 
haben nicht durchweg die Anerkennung aller Missionen gefunden. 
Die Qu&ker-Mission (Friends Mission) z. B. haben den die Sakra- 
mente betreffenden Punkt nicht angenommen. Aber im groBen ist 
eine Einigung auf dieser Basis erzielt worden. Zum SchluB der 
Konferenz fand in einem Gebaude der Mission der schottischen 
Presbyterianer eine vom Bischof I. I. Willis von Uganda (Church of 
England) geleitete Abendmahlsfeier aller Konferenzteilnehmer statt. 

Qerade die Abhaltung dieser Feier bezeug:t eine erfreuliche 
innere Qleichgestimmtheit der Missionen und ist eine Burgschaft fiir 
die Einheit und den guten Erfolg der Missionen in der Zukunft. 
Gegeniiber dem einheitlichen Katholizismus und dem e i n - 
h e i 1 1 i c h e n Islam kann die evangelische Mission nur dann erfolg- 
reich und siegreich bleiben, wenn sie auch einheitlich ist. 

Wie schwer das fiir sie ist, hat sich gerade nach dem Bekannt- 
werden der Abhaltung der gemeinsamen Abendmahlsfeier gezeigt. 



* 1 

- 56 — 

Denn so sehr auch in der Church of England das Zusammen- 
arbeiten mit andem Missionen gewunscht wird, hat doch in 
weiten heimischen Kreisen und selbst bei einem Telle ihrer 
Missionsarbeiter diese Weitherzigkeit der gemeinsamen Abend- 
mahisfeier mit Qliedern aller moglichen Denominationen Befremden 
erregt Und die ..Missionary Review of Missions", das Organ der 
Church Missionary Society (1914, 1) hat Not, das Verhalten des 
Bischofs Willis gegen solche Bedenken zu rechtfertigen. Aber es 
ist doch erfreulich, dafi die Leitung der Kirchenmission sowohl dem 
Bischof Willis selbst in ihrem Organ das Wort gibt, als auch ais 
„Ausnahnie-Handlung" die Abendmahlsfeier gerechtfertigt findet. 

Nur muB sich die Kirchenmission, die iiberall in ihrem Kirchen- 
begriff fiir eine wirkliche Zusammenarbeit mit andem Missionen 
groBe Schwierigkeiten hat und andern bereitet, dariiber klar sein, 
dafi, wenn wirklich eine Vereinigung aller evangelischen Missions- 
kirchen zu einer einheitlichen evangelischen Volkskirche Ostafrikas 
und Ug^andas spdter sich bilden soil, noch ganz andere ^Ausnahmen** 
sich einstellen werden. 

Mochte doch wirklich endlich alle evangelischen Missionen 
echter evangelischer Qeist zu wahrer und ganzer Brfiderlichkeit 
fuhren. Witte. 

Japanische Schulverhaltiiisse. 

Des ofteren ist in dieser Zeitschrift schon darauf hingewiesen 
worden, wie traurig die Zustande an den japanischen Schulen in 
bezug auf Disziplin sind. 

In der Taisei-Mittelschule in Tokio hat ktirzlich mal wieder der 
Streik einer Klasse stattgefunden; die Klasse forderte die Entlassung 
des Direktors, weil derselbe nicht patriotisch genug sei. Weder der 
Schulvorstand, noch das Unterrichtsministerium wagen, diese 
Dreistigkeit durch Entlassung der Schuldigen zn bestrafen. Im 
Qegenteil, es steht, nachdem der Direktor sogar tStlich von den 
Schiilem beleidigt worden ist, die Abdankung des Direktors bevor, 
wMhrend die Schiiler straflos bleiben. Sogar in Chosen (Korea) 
sind jungst zwei Schiilerstreiks an japanischen Schulen vorgefallen 
zur Wirksammachung ihres Qesuches um Entlassung zweier Lehrer. 
Die Streiks waren in Seoul (Keijo) und Tonyong. 

Diese Vorg&nge sind fUr die innere Entwicklung der Vdlker des 
Ostens sehr bedenklich. Sie sind eine Folge der Auseinandersetzung 
der geistigen Ideen der alten ostasiatischen und der eindringenden 



;■ 



- 57 — 

europ&ischen Kultur. In der alten Kuitur herrschte die Ailgewalt 
der Organisationen mit brutaler Tyrannei fiber die einzelnen 
Menschen. Es gab keine persdnlichen Rechte, keine individuelle 
^ Freiheit. Unsere Kultur ist Pers5nlichkeitskultur, gibt dem einzelnen 
freien Menschen grofie Rechte, fordert dann aber auch vom freien 
Menschen QrdBeres als die ostasiatische Kultur. Naturgemafi 
werden nun im Osten die Rechte der Freiheit mit Begeisterung auf- 
genommen, oft in extremer Form, aber es fehlt an der sittlichen 
Selbstbesinnung des einzelnen, freien Menschen. Nicht nur die 
alt-ostasiatische Ethik, sondern auch die modern-europaische ver- 
urteilt derartige Ungehorigkeiten. ' 

Schfilerstreiks kommen in China und Japan auch in Missions- 
schulen vor, doch werden in diesen stets die schuldigen Schuler 
durch Entlassung bestraft So hat einmal Professor D. Haas als 
Direktor unserer theologischen Schule in Tokio wegen eines Streiks, 
der sich gegen einen andern Missionar richtete und dessen Ent- 
lassung erzwingen wollte, sSmtliche Studenten der theologischen 
Schule kurzerhand entlassen. 

So soUte auch die japanische Regierung vorgehen. Sonst wird 
sle bedauerliche ZustSnde verschulden. Witte. 



J. Motts Misstonserfolge unter den Studenten in China. 

Der bekannte amerikanische Missionsmann, der Leiter der 
Edinburger Weltmissionskonferenz, hat auf einer Reise durch China 
im Fruhling 1913 zahlreiche, uberall gl&nzend besuchte Evangeli- 
sations-Versammlungen fur gebildete Chinesen gehalten. Nament- 
lich die Studenten sind ihm zugestrdmt. Jetzt weiB die „Miss. 
Review of the World" (1913, 11) zahlenmafiige Angaben iiber 
bleibende Erfolge dieser Versammlungen zu berichten. In Hong- 

• kong sind 42 Studenten getauft worden, die durch J. Mott angeregt 
worden sind. In Canton haben in der Versammlung 823 Studenten 
Karten unterzeichnet, daB sie das Christentum ernstlich studieren 
wollten. Die H&lfte von diesen zeigen ernstes Suchen, 92 sind schon 
getauft Oder stehen vor der Ta.ufe, 332 besuchen die Bibelstunden. 
In Tsinanfu haben 725 eine solche Karte unterschrieben, 278 besuchen 

^ die Bibelstunden., In Tientsin sind 545 angeregt worden, 434 be- 
suchen die Bibelstunden, 157 sind schon getauft oder stehen vor der 
Taufe. In Peking sind 738 ernst angeregt worden, 331 besuchen die 
Bibelstunden, im Mai wurden es sogar 407, darunter 22 Beamte, 



- 58 - 

43 Soldaten und 14 Kaufleute. In Paoting-fu haben 293 eine Karte 
unterzeichnet, 233 besuchen die Bibelstunden. In Wutschans: 
zeichneten 235 eine Karte, davon besuchen 158 die Bibelstunden, 158 
bereiten sich auf die Taufe vor. In Hankou zeichneten 97 eine Karte, 
50 besuchen die Bibelstunden, einige haben sich zur Taufe gemeldet. 
In Nanking wurden 428 angeregt, 168 besuchen die Bibelklassen. In 
Schanghai wurden 626 angeregt, 424 studieren die Bibel, am 1. Juni 
waren schon 31 getauft und 49 standen vor der Taufe. In 12 von den 
14 StSdten, die J. Mott besucht hat, sind bereits von den durch ihn 
Qewonnenen 720 junge M^ner getauft. 3183 sind in Bibelklassen 
gesammelt. 

Wir niichtemen Deutschen lieben diese Zahlenerfolge nicht sehr. 
Sie tauschen zu oft. Und die besten Wirkungen lassen sich nicht in 
Zahlen fassen. Immerhin ist es erstaunlich, wie die amerikanischen 
Missionen in ihrer grofiziigigen, weitherzigen Art die gebildete 
Jugend Chinas zu fassen wissen. Das beste Mittel in dieser Arbeit 
sind die sehr weitherzig gehandhabten christlichen Vereine junger 
Manner. Wittc. 

Verforeitung des Islam in Westafrika. 

Die ,JColoniale Rundschau" (1913, 11) bringt lefirreiche Nach- 
richten iiber den Islam in Westafrika. QestUtzt durch die neue 
mohammedanische Bewegung in London, wo unlSngst eine Moschee 
erbaut ist und ein mohammedanischer indischer Qeistlicher kilrzlich 
unter riesigem Zulauf Vortr^ge uber die Pflichten des Moslem gegcn 
seine Religion gehalten hat, wird von Mohammedanern def Plan 
ausgefiihrt werden, in Lagos aus Privatmitteln eine mbhammeda- 
nische Hochschule zu griinden. In Sierra Leone sind vier Fiinftel 
aller Schiiler der Regierungsschulen mohammedanisch. Die Zahl 
der Schuler in den christlichen Missionsschulen Sierra Leones hat 
im letzten Jahre um 280 abgenommen. Die Mission selbst sieht die 
Ursache dieser Erscheinung in dem starken Wachsen des Islam. 
Wahrend die Missionen fiir ihre Schulen von der Regierung Unter- 
stiitzung empfangen, zahlten die Mohammedaner an die 
Regierungsschulen im letzten Jahre 4000 M. Untersttitzung. 

Witte. 

Der Tod des letzten Schogun. * 

Am 22. November 1913 ist in Tokio der letzte Schogun, Fiirst 
Tokugawa Keiki, im Alter von 77 Jahren gestorben, der Mann, der 



- 59 - 

* 

von 1866 bis 1868 der wirkliche Herrscher Japans war, der 15. in der 
Reihe der Schogune des Hauses Tokugawa, dessen Qriinder der be- 
ruhmte Jyeyasu (1603—1605) war. Die Schogune, die von 1300 an 
Japan im ganzen tUchtig regiert haben, wahrend der Kaiser der 
Fiihrer des religiosen und kulturellen Lebens des Volkes war, fielen 
den Wirrnissen der neuen Zeit zum Opfer. Eine fremden- 
feindliche kaiserliche Partei, die dem Kaiser durch Wieder- 
herstellung altjapanischen Wesens wieder groBere Macht ver- 
schaffen wollte, verband sich mit der dem Schogunat feindlichen 
Adels-(Daimio-)Partei des QroBadels. Durch Opposition gegen die 
fremdenfreundliche Regierung des Schoguns siegte die 
kaiserliche Partei, die dann dem fremden Wesen doch die Ttiren 
offnete. Seit 1868 war der letzte Schogun ein stiller Mann. Das 
Kaiserhaus hat ihm stets Achtung bezeugt, es konnte ihm wohl 
dankbar seio, daB er nach nur geringem Widerstand sich dem Kaiser 
unterwarf. Mit dieses letzten Schoguns Tode ist nun auch die Er- 
innerung an die alte Zeit wieder geschwacht. Es war eine starke, 
ritterliche Zeit. Japan soUte nicht vergessen. wieviel es den 
Schogunen zu danken hat. W i 1 1 e. 

Die Alkoholnot in Afrika. 

Die christliche Mission steht heute langst nicht mehr allein da 
mit ihrer Forderung des Verbotes aller Alkoholeinfuhr nach Afrika. 
Die Handelskammer von SUd-Kamerun hat kiirzlich dieselbe Forde- 
rung gestellt, ebenso die Handelskammer fiir Ober-Senegal-Niger 
in Franzosisch-Westafrika. Ja, es hat jetzt sogar die belgische Ver- 
waltung der Kongo-Kolonie alle Einfuhr von Alkohol nach dem 
Kongo bedingungslos verboten. Hoffentlich wird dies Verbot wirk- 
lich streng durchgefUhrt. 

Wie erschreckend groB die Alkohol-Einfuhr trotz aller 
Wamungen, trotz aller hohen Zolle, die sehr wenig niitzen, auch 
heute noch ist, zeigen folgende, der „Kolonialen Rundschau" (1913, 11) 
entnommenen Zahlen. In der deutschen Kolonie Togo betrug 
1911/12 die Gesamt-Einnahme an Einfuhr-Zollen 1.506.000 M. Davon 
waren 987.700 M. AlkoholzoUe. Die Alkohol-Einfuhr nach Togo be- 
trug in dieser Zeit: 1.548.000 Liter Alkohol, davon 1.234.628 Liter 
Branntwein. Die gesamte schwarze Bevolkerung Togos betragt, 
einschlieBlich Frauen und Kinder, 996.000. In Deutsch-Kamerun be- 
trug die Qesamt-ZoU-Einnahme 1911/12 3.250.000 M., davon waren 
1.117.670 M. AlkoholzoUe. Eingefuhrt wurden 1.842.849 Liter 



- _;:^- 
- 60 - 

Alkohol, davon 1.117.670 Liter Branntwein. Die BevSllcening 
Kameruns bestelit aus 2.540.106 Kopfen. In den englischen Kolonien 
stelit es nicht besser. Nach Sierra Leone, Nigerien und der Qold- 
Iciiste wurden 1911 nicht weniger als 29250.000 Liter Spirituosen 
eingefiihrt. In Abeolcuta, Sfldnigerien, betrugen von 52.000 M. Qe- 
samt-Einfuhrzollen die AlkoholzoUe 45.000 M.! In Westafrika macht 
der Alkohol etwa 33 Prozent der Qesamt-Einfuhr aus. Das sind tief 
beschamende Tatsachen fiir die ,4(ultur" Europas. Witte. 



Bficherbesprechungen. 

W. Schrameier, Aus Klautschous Verwaltang. Die Land-, Steuer- 
und ZollpoUtik des Kiautscfaougebtetes. VIII, 255 S. Jena, a fischer. 1914. 

Qeh. AdnuralitStsrat Dr. Sdirameier, der verdiente ehemalige Zivil- 
kommissar in Tsingtau, von dem die vielgenannte und mit Recht gerftbmte 
bodenreformerische Landordnung in unserni chinesischen Schutzgebiet 
stammt, hat ein mnfassendes Bach herausgegdben unter dem Titel „Aus 
KiautschoiK Verwaltung." Es behandelt in 3 Ka^teln 1. LandpoUtik 
(S. 1—72), 2. SteuerpoUtik (S. 73—152), 3. ZoHpolitik (S. 153—245). Bei- 
geffigt ist zum Schlusse ein Sach- und Namenregister (S. 247 — ^255). Das 
erste Kapitel ist bereits im „Jahrbuch der Bodenreform**, VII. Band, 1911, 
das zweite ebenda, VIII. Band, 1912 zum Abdruck gelangt. An beiden sind 
in dem voriiegenden Buch nur unwesentUche Anderungen vollzogen worden. 
Pur aUe drei Kapitel ist die gesc^chtliche Darstellung gewfthlt. ^In ihrer 
Gesamtheit s<^ien die Aulsdtze ein Bild nioht nur des Oewordenen, sondem 
audi der Verhaitnisse geben, die zu den gesctuklerten MaBregeln ndtigten, 
und der Schwierigkeiten, die dabei zu Qfberwinden waren." 

Der Verfasser bekennt sich am Schlusse seiner AosfOhningen (S. 244) 
zu dem von der Regkrung fur Ostasien gewonnenen und innegehalteoen 
Programm: „D^itschland beschrftnkt sich auf wirtschaftliohe Ztele. Uns 
liegt nicht daran, ein mdglictet isoharf begrenztes Qebiet unser eigen zu 
nennen, sondern wir sind darauf angewiesen, wo immer wir an die Arbeit 
gehen, wirtschaftliche und geistige KrSfte zu wecken und durch sie einen 
gedeihlichen Verk^r hervorzurufen. Die wirtschaftliche Dienstbarmachung 
fremder Voiker und die Erziehung fremder V51ker zu der h^eren Staie des 
modemen Wirtschaitslebens kann im Verkehr mit den hochzivilisierten 
LSndem des Ostens allein als Ziel moderner KolonialpoUtik gelten. Damit 
aber offnen wir fur alle andern strebsamen Nationen den Weg und nehmen 
ihnen den Anlafi zu jeder politisohen Eifersucht." 

Schrameiers Buoh, eine autiientische Darlegung einer groBziigigen und 
den Verhaitnissen besonnen Rechnung tragenden Verwaltungspraxis, die 
vom Auslande verschiedentllch als vorbiWUch bezeichnet wurde, ist in 
erster Linie fiir Nationalokonomen, Kolonkalpolitiker und Kaufleute lehrreich 
und wertvc^. Aber auch Missionskreise dQrfen von dem Iiriialt Kenntnis 
nehmen, nidit nur um des missionsfreumlKchen Verfassers willen, der den 



- 61 - 

seinerzeit gedruckten und viel beachteten Voftrag: „Die deutsche Mission 
in Kiautsch(M2" hielt, sondern auch weil erne igesunde Verwaltungspolitik 
in unserm chtnesisdien Schutzfebiet diesetn selfast und unsern Beziehungen 
zu China zu Oute konnnt und dadurch audi die Arbeit der Mission 
erleiohtert Aug. Kind. 

M. Wilde, Missionsinspektor, Schwarz Hfld WelB, Bilder von ^ner 
Reise durch das Arbeitsgebiet der Berliner Mission in Sudairika. Mit 
101 Abbiklungen und 6 Karten. Buchhandlung der BerUner evangelischen 
Missionsgesellschaft. Berlin, 1913. 287 S. Preis geb. 4 Mark. 

Das vorliefpende Bucli gehort mit zu dem Besten. was an popularer 
Missionsllteratur in den letzten Jahren verdffentlicht worden ist. In 
frischer, klarer Darstellung gibt der Verfasser zuerst eine eingehende 
Scliilderung der VerhSltnisse, cHe das Eindrtngen der europSischen Kultur 
uftd vor allem die EnglSnder-Herrschaft nacti dem Burenkriege geschaffen 
hat, und des VerhSltnisses von ,3chwarz und Weifi unter d^n Zeichen 
der Kolonisation". Dann wird nach ernem kurzem Oberblick iiber die 
Missionsgesellschaften, die in Siklafrrka arbeiten, der Segen der Mts^on 
durch Beispiele aus dem groBen Werke der Berliner Mission erlslutert. Mit 
Offenfadt werden Pehler der Vergangenheit und Schwdchen der heutigen 
Arbeit dargelegt aber auch ohne fromme Phrasen und dodi tief fromm der 
groBte Missionserfolg, der reHgidse, betont Es ist eiae Freude, das Bnch 
zu lesen. W i 1 1 e. 

Silacara, Bikkhu, Das Ichprobtem im Buddhismus. Ubersetzt 
von Alfred Eidielberger. Verlag von Walter Markgraf, BresUiu. "^ S. 
Preis 40 Pf. 

Mit erfreuiioher Offenheit legt d4eser iMKkttiistisohe Vortrag dar, daB 
der Buddhismus in seinem Pantheismus kernen Platz hat fiir die menschUche 
Personlichkeit. Das „Ich" des Menschen ist retne Illusion, verderblichste 
IHusion. Vom Ich-BewuBtsein ..rfifart ausnahmslos ailes Obel her. das es in 
der Welt gibt" Oft wird dieser Standpunkt von Buddhisten Europas ver- 
schleiert. Die Konsequenzen der Auffassung des Ich als einer verderbliohen 
Illusion bedurfen keiner Darlegung. Der Buddhismus ist hierin der denkbar 
sohdrfste Qegner des Christentmns und umgekehrt. Denn Bejahung des Ich 
als des Edelsten, das wir haben, Erldsung des Ich aus den Hemmungen, die 
seine Entfaltung htndem, iiefste Befriedigung des Verlangens des Ich nach 
ewigem Setn, das sind wertvolle Wesensbestandteile des Christentums. 

Witte. 
Huttenus redivhras. Heft 2: ,Rom und die deutsche Siftiichkeit" von 

Rudolf Herrmann, Pfarrer in Neustadt a. d. Orla. 84 S. 80 Pf. Protest. 
Sdiriftenvertrieb, BerHn-Schoneberg. 

Der Wert des Heftes liegt in dem Naohweis, daB romsche und deutsche 
SittHchkeit denselben Qegensatz darstellt wie romische und echt christ- 
liche Ethik. Romische Sittlichkeit ist ein Hemmnis ffir kulturdlen und 
geistigen Fortsohritt, dagegen hat die deutsche Cthtk Religion und Philo- 
sophie fiir sich, wie denn zu verschiedenen Malen die 'gradlinie Entwickhing 
von Jesus iAer Luther ai Kant gezeichnet wird, Ausgehend von den Tat- 
saohen der kriminalistischen Konfessionsstatistik, des BeiohtsUihls, der 



T-imr'-^ ,^ '«*•—■»»?•_* J ^'^^••35^>^7-7i? ~HE --»-:: --- . -'"^^-^J^^^^iSsJtZK^ 



62 



Kasuistik, der Jesuitenmoral, des Heiljgkeitsideals und der quantrtativen 
Wertung sittlichen Hamlelns, zeigt der Verfasser, wie Rom dadurdi sitt- 
liches Tun und Urteilen verwirrt und verSaBerlicht, um es mitunter mehr 
in den EHenst der Kirche als tn den I>ienst Qottes zu stellen. Ehis selbst- 
standige, freie deutsche Gesinnungsideal ist wohl stark genug, audi mtt 
diesem Hemnmfe fertig zu werden! Devaranne. 

Dr. Johannes Heldwein, Die JesiUten und das deutsche Volk. 

40 Seiten in Oktav mit Umschlag. Verlag von Paul Miiiler, Munchen. 
35 Pfeimige. 

Wer in der Losung der Jesultenfrage sich nicht von poHUschen, sondern 
von religiosen und sittlichen Gesiditspunkten Idten lassen wQl, der findet 
in dem engen Rahmen von 40 Seiten dieser Broschiire eine Fundgrube dn- 
wandfreten Materials, das zusammengetragen ist aus jesuitischen und 
gegnerischen Schriften aller Jahrhunderte. Bd dem billigen Preise eignet 
sidi die Schrtft audi zu Massenver4)reitung in Kreisen, wo nodi Zwdfel 
herrschen iiber die Folgen der Zerbrockehing oder Aufiiebung des Jesuiten- 
gesetzes, um so mehr, als die Schrift aus der Feder ernes Altkat^oUken 
stammt. Devaranne. 

Aus Zeitschriften und Jahresberichten. 

One Hundred and Second Annual Report of the American Board ci 

Commissioners for Fordgn Missions. Published 'by the Board Con- 
gregational House Boston. 1912. 253 Seitm mit zahlrdchen Abixildungen. 

Wir haben hier den Jahresbericht der dltesten amerikanischen 
Missionsgesellschaft vor uns, des schon 1810 gegrOndeten American Board 
(A. B. C. F. M.). Man muB Jahresberichte zu Icsen verstehen, dann 
spredien oft scheinbar trockene Aufzdhkingen, statistische Angaben eine 
recht deutUdie Sprache. Schon das von wenig Schwankungen unter- 
brochene stete Wadistum der Einnahmen, die in 100 Jahren von 999 Dollars 
auf i»ber 1 Million D<rilars stiegen, ISBt anf eine piamnSBige Ausdehnung der 
Werbearbeit sohKeBen, wie auch die zahlrddien Legate schon im Laufe 
eines ekizigen Jahres dne fiberaus groBe Opferwilligkeit der Gemeinde- 
glieder fur das Missionswerk bekunden. 

Der Berioht gBit dne klarc Obersioht fiber die besetzten Missions- 
gebiete in Afrika, Imtien und Ceylon, Japan, China, tn der Tiirkd, auf den 
Sitdsednseln und in rem katholtschen Qegenden, sowie fiber die etnzelnen 
Zweige der MissionstStigkeit in den genannten Landem. Neben eingehender 
Darstelhing der evangelisatorisdien, erziehlichen und Srztlichen Tatigkdt 
wird stets anch der literarischen Arbdt gedacht; so z. B. bd der Zuhi- 
mission fiber iden Fortgang der Zuhibibel-Revision, bd Westjrfrika iiiber be- 
gonnene Obersetzmigsarbeiten berichtet. DaB auch "die mdustrielien Unter- 
nehmungen ausfiihrlich erwShnt werden, durfte bd den stets auis Praktische 
geriditeten Amerikanern ebensowenrg fiberraschen wie der programmatische 
Satz: „Africa is par excellence tiie field for industrial mission** (S. 62). 
Die Mission in der Tfirkei hat im letzten Jahr unter den Kriegswirren 
natfirlich sehr gelitten und wird aiuch in den nSchsten Zeiten unter mancher- 



- 63 - 

lei'Hentmungen zu leiden haben. knmertmi verdient die schwere, selbstlosc 
Ai1)e(t nnter den M(^ammedanern unsere vollste Beachtung; denn gerade 
die hier geleistete christliche Lie4>estatigl<eit tind Schularbeit wird im Kampf 
gegen den Islam noch reiche Fruohte fiir die Zukunft tragen. Jedem 
Missionsfreurxl aber wird die Tatsache schwer auf die Seele fallen, daB in 
mohammedanischen Landen viele Millionen Menschen noch ohne jede christ- 
liche Verkiindigung sind, obwohl sie mit christlichen Volkern in direkter 
Beziehung stehen. Hier liegen gewaltige Aufgaben fur die christUcIieii 
Vdlker in kultureller und religioser Hinsicht 

Von stattlichem Umfang ist auch die China-Mission in Foochou, 
Shansi und Peking, wenngieich die Revolution in einzelnen Landstrichen 
einen momentanen Riickgang besonders im Besuch der Schulanstalten 
herbeifiihrte. Wir wiinschen nur, daB sk:h alle Erwartungen des Beriohts 
„for an effective Christianization of China through Christian education" 
erfOllen mdchten und die Revolution ein Segen fiirs chinestsche Volk werde. 
Mfichte vor allem das neuerwachte Interesse fQr das Evangedium Jesu 
(S. 114) von zaverlassiger Dauer sein. — In Indien (Marathi-, Madura- 
distrikt Ceylon) hat der A. B. ein Hetm fiir Knaben unter 12 J^ren, eine 
Blindenschule, ein Mddchen- und Prauenheim und ein AussStzigenasyl als 
sog. philanthropische Anstalten neben den (ibiichen missionarischcn begriindet. 

Besondercs Qcwicht wind auch hier auf die Verbreitung christHcher Literatur 
gelegt, denn „no other field presents larger opportunities for Christian 
literary effort than India!" — Hauptstationen des japamschen Missionsfeldes 
sind Kobe, Osaka, Kyoto. Qerade in Japan hat der A.-B. bedeutenden Ein- 
fluB nicht allein durch die jetzt als Universitdt anerkannte, mit reichen 
Mitteln ausgestattete Doshisha, sondem auch durch seine allerengsten Be- 
ziehungen zu den Kumiarkirchen, die er als sdne Abkdmmlinge betrachtet 
und daiher in seinen Statistiken mitzShlt (S. 195). Den vertnderten sozialen 
Verh&ltnissen Rechnang tragend, hat der A. B. in Matsuyama ein Hekn fur 
FabrikmSdchen gegriindet, das w&hrend semes zehnjShrigen Bestehens 
365 MSdchen beherbergte, von denen erne ganze Anzatil zum Christentum 
Obertrat Sehr umfangreich ist auch die literarische TStigkeit, sowohl durch 
selbstandige Schriften chiistlicher Japaner als auch durch Ubersetzungen 
abendifindischer Werke. Derart groBzugige Unternehmuiigen sichern natiir- 
lich dem amerikanisohen Christentum einen bedeutenden EinfluB auf das 
japanische Volk. 

Im Bericht uber die TStigkeit des A. B, auf den Sudseeinseln 
(Marschall-, Gilbert- und PhiHppineninseln) wird gleich zu Anfang iiber das 
Etndringen der romtschen Mission geklagt, weic4ie mit groBer Ubermacht 
— das ist ihre Praxis — die evangelische Mission zu verdrSngen suchte, 
ohne zum Qliick viel Scfaaden anzurichten. Die Freundlichkeit des 
deutschen Oouvemeurs in der Regehing des Besitzerwerbs auf den 
Marschallinseln wird besonders h«rvorg«hoben. We Religion Jesu Christi 
lebendig za mach^i in den „papstlichen Landen" ist das Ziel der Arbeit des 

A. B. in Mextko und Spanien, denn, wie Professor Miguel de Yuamuno 
einmal sagte: ^The people of Spanish origin, sad to say, need to be re- 
christianized.* 



-;>A .. 



' * * . y 

- 64 - 

Die verhaitnismSBig groBe Zahl der weibHchcn Missionsarbclter ffiUt 
unwillkurtich auf uod legt unseren hennischen Missionsgesellschaften viel- 
leicht den Qedanken einer Vermehning der weiblichen Missionskrafte als 
Lehrerinnen und Arzttnnen nahe. M e r k e L 



Mitieilungen. 

1. Die Fruhjahrskonferenz des Zentratvorstandes findet am 
15. April in Qotha statt. Die Sitzungen des Zentralvorstandes sind 
am 15., vormittags 9 Uhr und nachmittags 3 Uhr. 

2. Die Abordnungsfeier unserer beiden neuen Missionare, Pfr. 
Hunziker, der nach Japan geht, und Pfr. Bohner, der nach China 
geht, findet in Berlin statt am 15. MSrz, abends 6 Uhr, im Oottes- 
dienst der Neuen Kirche (Qendarmenmarkt). Pfr. Hunziker wird die 
Predigt halten. Der PrSsident Pfr. D. Dr. Kind wird die Abordnung 
voUziehen. Alle unsere Freunde in Berlin und den Vororten laden 
wir herzlich hierdurch zur Teilnahme ein. Viele unserer ausw^rtigen 
Freunde werden an diesem Tage unserer gedenken. 

3. Wir machen noch einmal darauf aufmerksam, daB das soeben 
erschienene neue Konfirmandenblatt vom Bureau (Berlin SW 29, 
Mittenwalder StraBe 42) unentgeltlich bezogen werden kann. 

4. Als Direktor der Deutschen Evangelischen Missions-Hilfe ist der 
bisherige Direktor der Norddeutschen Missionsgesellschaft A. W. 
Schreiber, Bremen, in Aussicht genommen. Missions- 
direktor Schreiber ist am 1. Juli 1867 auf Sumatra als Sohn des da- 
maligen Missionars und spdteren Leiters der Rheinischen Mission 
in Barmen geboren. Nach Absolvierung des Gymnasiums in Barmen 
studierte er Theologie in Marburg, Qreifswald und Bonn und machte 
seine theologischen Priifungen in Koblenz. Im Jahre 1891 wurde er 
Mitglied des Koniglichen Domkandidatenstifts in Berlin. 1892 wurde 
er Pfarrer in Zechlin i. d. Mark, 1897 Pastor an der Diakonissen- 
anstalt in Kaiserswerth, 1900 Direktor der Norddeutschen Mission 
in Bremen. f^^" 

Eingegangene Bucher: 

Lembert, Neu-Protestantismus (Verlag Paul Miiller, Miinchen) 1914. 

Preis 0,40 M. 
Konfirmationsscheine. Vereinigte Kunstanstalten und Buch- 

druckereien Frobenius, A.-Q., Basel. 

Katalog iiber Konfirmandenscheine. Verlag fiir Volkskunst, Richard 
Keutel, Stuttgart. 

Druck von Hoffmann & Reiber, G5rlitz, Demianiplatz 28. 



Ein Prediger der Liebe im klassischen, vorchristlichen China. 

Von Lie. Witt e, Berlin. (SchluB.) 

Ober die Persdnlichkeit des Micius ist nicht viel bekannt. Nach 
E. Fabers Untersuchungen war er ein jiingerer Zeitgenosse des 
Konfucius und gehorte zum Staate Sung. Merkwiirdig ist, daB sich 
alle die sctionen Qedanken iiber die Liebe und den Frieden, die 
oben dargelegt worden sind, eingestreut linden in sein groBes 
Werk — das einzige, das von ihm bekannt ist — , das im wesent- 
lichen vom Kriegshandwcrk handelt. Freilich handelt es nicht vom 
Angriffskriege und der Feldschlactit, sondem vom Festungsbau und 
der besten Art der Stadteverteidigung. Darin war Micius Fach- 
mann. Er scheint ein sehr geschickter Mechaniker gewesen zu sein. 
Der Philosoph Licius erzahlt (V, 16), daB dem Konig Muh ein 
Mechaniker Yin-Si vorgestellt wurde, der dem Konige eine 
mechanisch konstruierte Menschenfigur vorfiihrte, die gehen, sich 
biicken, singen und tanzen konnte. Da heiBt es dann: „Pan-Schue 
mit seiner Wolkenleiter und M i - T e h (= Micius) mit seinem fliegen- 
den Vogei hatten sich selbst fiir auBerst geschickt gehalten. Ihre 
Schiller Tung-Mun-Ka und Khim-Hwah-Li horten von der Qeschick- 
lichkeit des Yin-Si und sagten es ihren zwei Meistern. Die beiden 
wag^ten dann ihr ganzes Leben lang nicht mehr von Kunst zu reden, 
sondem nahmen von der Zeit an Zirkel und Winkelmafi zur Hand." 
Wenn nun auch hiernach Micius von Yin-Si iibertroffen wurde, so 
war doch bis dahin Micius mit der Konstruktion seines mechanischen 
Vogels, der drei Tage fliegen konnte, ein Meister. Trotz seiner Qe- 
schicklichkeit war Micius nicht hochmutig, sondern gem begann er 
von neuem zu lernen, als er des Yin-Si Meisterschaft sah. Er ge- 
horte wegen seiner Bescheidenheit zu den groBen sittiichen Vor- 
bildem, die sein jiingerer Zeitgenosse Licius (VIII, 12) riihmt: „Kon- 
fuzius (vielleicht ein Vorfahr des Philosophen?) war so stark, daB 
er die Querbalken der Reichstore aufheben konnte, und doch wollte 
er nichts von seiner Kraft horen iassen. Micius hielt euien Angriff 
aus — und der Herzog Schue-Pan unterlag (ihm) — , und doch wollte 
er nicht als Soldat gekannt sein." 

.■-"■-ir--^ - ' --.'--.%' • -* -. '' - 

::.«?-:- " ' ;, ~' ■^- -^ - . -■ " ,, 

Zeitechrtft f.MiMiontlnuide n. RcligioaswiMeiischaft. 39. Jahrg. Heft 3. 



- 66 - 

Von seinen Qegnern werden seine Qedanken oft bekampft, aber 
die Personlichkeit des Micius ward nirgends herabgesetzt. Man be- 
kommt den Eindruck, als sei er ein sehr angesehener, hochgeachteter 
Mann gewesen, der in seinem Leben auch etwas von der Liebeskraft. 
die er so trefflich zu riihmen weiB, Wirklichkeit werden lieB. Sein 
Tod liegt noch vor der Lebenszeit des Mencius (372 — 289 v. Chr.), 
der als der bedeutendste Schtiler des Konfuzius der entschiedenste 
Qegner der Ideen des Micius wurde. Diese scharfe Qegnerschaft 
des herrschenden, und zwar oft brutal herrschenden Konfuzianismus 
gegen die Qedanken des Micius hat zur Folge gehabt, daB die Qe- 
danken des Micius nur auf kurze Zeit Bedeutung im Volksleben er- 
langten. Wohl hat Micius Schiiler gehabt, die seine Qedanken 
weiter verbreiteten und zunachst vielen Anklang fanden. Aber die- 
selben waren bald untereinander in drei Schulen zerspalten, die sich 
gegenseitig befeindeten. Auch gerieten sie in derartige Einseitig^ 
keiten, daB das Urteil der fiihrenden, im praktischen Leben stehen- 
den, am Konfuzianismus orientierten Kreise dagegen von selbst 
reagierte. So war es fiir Mencius und seine Schiiler nicht allzu 
schwer, diese Qegner zu bekampfen und zu verdrangen. Diese 
Verdrangung haben sie dann auch so griindlich besorgt, daB sogar 
die Werke der Schiiler des Micius verschwunden sind und auch von 
dem Werke des Micius selbst nur wenige Exemplare sich erhalten haben. 
Die prinzipielle Bekampfung des Micius aber erfolgte nicht nur 
durch die Konfuzianer, sondern auch durch die Naturphilosophie des 
pantheistischen Sensualismus, die, an Laotse ankniipfend, in dem 
schon genannten Licius dem Micius ihren Ritter entgegenstellte. 

Licius findet keineswegs in der Weltordnung des Naturlebens 
und des Menschenlebens den feinen Sinn, den Micius darin sieht Er 
sieht keine sittlichen Weltgesetze walten. Brutaler Egoismus be- 
herrscht die Welt. Nur wer in torichter Weise diesen Egoismus 
ausiibt, kommt mit den Strafgesetzen in Konflikt. Man kann auch 
ein „R5uber" sein, kann mit riicksichtslosem Egoismus seinen Vor- 
teil verfolgen und doch sehr geachtet und in Ehren sein. „Herr 
Kwoh erwiderte (dem Hiang): Weil du den Sinn (die rechte 
Weise), Riiuber zu sein, verfehlt hast, deshalb kamst du dazu (daB 
dein Rauben dir Strafe brachte). Jetzt will ich dir AufschluB er- 
teilen: Ich habe gehort, daB der Himmel Zeiten (die vier Jahres- 
zeiten) hat und die Erde Qewinn (die Erzeugnisse). Ich raubte 
von Himmel und Erde Zeit und Qewinn, von Wolken und Regen die 
Feuchtigkeit, von Bergen und Tiefland die Fruchtbarkeit und er- 



- 67 - 

langte mein Qetreide und meine Ernte. Ich errichtete meine Mauern 
und baute meine Hauser. Auf dem Festlande war ich Rauber an den 
Vogeln und VierfuBern; aus dem Wasser raubte ich Fische und 
Reptilien. Alles erhieit ich nicht anders als durch Raub." „Auf 
diese Weise beraubte ich den Himmel, ohne mir MiBgeschicke zu- 
zuziehen. Denn Gold, Edelsteine, Perlen, Kostbarkeiten, Qetreide- 
vorrSte, Seidenzeug, Materialien und Qtiter sind Dinge, welche die 
Menschen sich aneignen oder gibt sie etwa der Himmel? Wenn man 
sie aber raubt und sich dabei versiindigt, auf wen muB da der Un- 
wille fallen?" Herr Hiang fragte, noch zweifelnd, einen andern 
Meister, den Tung-Kwoh. Dieser erklarte: „Bist du nicht schon 
RSuber durch den Korper? Raub ist die Vereinigung der Dualkrafte, 
wodurch dein Leben vollendet, deine Form gebildet wird; wieviel 
mehr sind wir nicht Rauber der auBeren Dinge?" (I, 16.) So ist 
also nicht alles in der Welt auf Liebe angelegt als auf den Weg des 
wahren Gluckes, sondern auf diesen Egoismus, der sich klug den 
eigenen Vorteil sucht. Der Tod kommt schnell genug und rafft ohne 
Auswahl Qute und Bose schnell dahin. „Darum lasset uns eilig sein 
zu leben, was kiimmert uns, was nach dem Tode kommt." (VII, 3.) 
Wohl verzichtet Licius mit diesem Wort nicht auf ein Jenseits. Im 
Qegenteil, alle gluhenden Hoffnungen auf ganzes Gliick erhofft er 
von einer kommenden ewigen Welt. Er schildert dieses kommende 
Leben auf dem Lih-Ku-Sche-Berge auf der Ito-Insel: „Auf dem Berge 
wohnen Geistermenschen. Sie atmen Luft, trinken Tau und essen 
kein Getreide. Ihr Herz ist wie tiefes Wasser, ihre Gestalt jung- 
frauenglelch. Sie heiraten nicht und lieben nicht. Genien und Heilige 
sind ihre Beamten. Es herrscht weder Furcht noch Zorn. Ehrliche 
und Aufrichtige sind Diener. Es waltet keine Mildtatigkeit, keine 
Giite, doch ist alles vonselbst genug. Es gibt keinBesitzergreifen oder 
Einsammeln, und doch ist jeder ohneTadel. DieDualkrafte sind immer 
harmonisch, Sonne undMond immer helle, die vierJahreszeiten immer 
angemessen. Wind und Regen immer gleichmaBig, Erhaltung und 
Ernahrung immer zeitgemaB, das jahrliche Getreide immer iippig. 
Auch dringt in das Land keine BeschSdigung durch Seuchen, an die 
Menschen nicht das Obel eines friihen Todes." (II, 2.) „Sie haben 
Freude und Wonne ohne abnehmendes Alter, ohne Traurigkeit, ohne 
Elend." „Sind sie hungrig oder ermiidet, so trinken sie vom Geister- 
brunnen, und KrSfte und Willen kommen ins Gleichgewicht." (V, 7.) 
Die diesseitige Welt aber steht zu diesem Jenseits in schroffem 
Qegensatz. Hier auf der Erde gibt es keine Freiheit, keine Ge- 



^^^f^' 



— 68 - 

rechtigkeit, keine Liebe, ja, der liimmel selbst zeigt durchaas keine 
Liebesgesinnung, sondern das gleiche Qemisch von Edlem und 
Brutalem wie die Menschenwelt, wobei das Brutale sein eigentliches 
Wesen ist. ^dle und Selbstsuchtige sind (ohne Unterschied) 
Rauber. Unedle und Nichtselbstsiichtige sind ebenfalls R&uber. 
Edelmut und Selbstsucht sind Eigenschaften des Himmels und der 
Erde. Mit der Kenntnis der Eigenschaften des Himmels und der 
Erde, war ist RSuber und wer ist es nicht?" (I, 16.) 

Also kann auf die Schaffung von glucklichen Zusttoden in dieser 
Welt durch die Liebe nicht gehofft werden. Diese Welt bietet keine 
Moglichkeit dazu, die Berufung auf die „Liebe" des Himmels ist eine 
Illusion, erst im Jenseits wird sich der Idealzustand anbahnen, den 
Micius fur diese Welt vergeblich erhofft. Der Edle wird sich in 
dieser Welt nicht von dem brutalen Egoismus beherrschen lassen. 
Aber darum muB er auch verzichten auf die auBeren Freuden des 
sinnlichen Qenusses, den diese Welt nur dem Rucksichtslosen bietet. 
Er klagt nicht, sondern findet sich in gleichmtitigem Ertragen mit 
der Welt ab. Denen, die sich iiber diese Welt beklagen, well sie 
ihnen nicht genug QenuB, Ehre und Qeld in den SchoB gelegt habe, 
kann man nur den Rat geben, daB sie alle diese Dinge nicht be- 
sehren sollten. Dann werden sie ihre Nichterlangung auch nicht 
schmerzlich empfinden. Wenn die Menschen sich nicht mehr fort- 
pflanzen, keine Stellung suchen, keine Kleider und Hduser mehr 
s:ebrauchen, auch auf Speise verzichten, dann wird bald das Ende 
dieser diirftigen Welt kommen, die Menschheit wird aussterben. 
Dann wird das selige Paradies anbrechen, (VII, 15.) 

In Micius und Licius stehen sich zwei vollig verschiedene Welt- 
anschauungen gegeniiber. Micius erhofft alles vom Diesseits, sieht 
es harmonisch geordnet, so daB die Menschen, ihre Krdfte in der 
Liebesgesinnung nicht gebrauchend, ein wundervolles Qluck hier 
auf Erden erreichen konnen. Licius erhofft alles vom Jenseits, sieht 
das Diesseits keiner Veredlung f^hig. Mit Miihe findet er in Resi- 
gnation seinen Weg durch die Wirrsale des Lebens in das ersehnte 
Paradies. 

Diese Verschiedenheit der Weltanschauung brachte naturgemaB 
auch eine ganz verschiedene Beurteilung menschlichen Handelns 
mit sich. Es wird (VII, 8) von einem reichen Manne, Tuen-Muh- 
Schuh, erzahlt, der sein Hab und Out mit vielen Menschen in lauter 
Qeniissen verbrauchte, den Rest fremden Menschen schenkte und 
dann so arm starb, dafi die EmpfSnger seiner Wohltaten ihm das 



- 69 ~ ■ _ ■■ -^ '■ .-^.: ; - ;'A;'^'i*^ 

BegrSbnis ausriistetcn und seinen Kindern einen Teil des vom Vater 
empfangenen Qeldes zuruckgaben. Diese von Licius als Erhaben- 
heit uber die Outer dieser Welt gelobte und als bewundernswert 
hingestellte Handlungsweise des Tuen-Muh-Schuh tadelte Khin- 
Kwah-Li, der bedeutendste Schuler des Micius, als toricht: „Der 
Tuen-Muh-Schuh war ein Narr und beschimpfte seine Voreltern." 
Denn solch torichtes Wegwerfen miihsam von den Voreltern er- 
worbenen Besitzes ohne Rucksicht der Liebe zu den Kindern er- 
schiittert die sittlichen Begriffe von Mein und Dein und niitzt 
niemand. Eine solche Wiedererstattung von seiten der Beschenkten 
an die Kinder des Verschwcnders diirftc sich in der Wirklichkeit 
seiten finden. Man siebt nicht ein, wie gerade Licius dazu kommt, 
diesen Beschenkten plotzlich soviel Selbstlosigkeit zuzutrauen. Das 
ist der Sinn der Ablehnung dieser Handlungsweise durch den 
Schuler des Micius. 

Noch sch&rfer werden die praktischen Folgerungen des Sozialis- 
mus des Micius und des Sensualismus des Licius in einem andern 
Abschnitt (VII, 10) gegentibergestellt. Micius verlangte von den 
Menschen Liebesopfer zum Wohl der Gesamtheit. Dagegen erklarte 
Licius, daB man doch nur dann solche Opfer bringen solle, wenn 
man selbst dadurch Vorteil gewinne. Aber daB man selbst fiir 
andere groBe Opfer bringe, ohne daB man wissen konne, ob dadurch 
ein Oewinn fiir den Opfernden erzielt werde, das.sei sinnlos. Man 
habe kein Recht, Eigenes blindlings fiir andere hinzugeben. Denn 
erfahrungsgemSB erzeuge Liebe ISngst nicht immer Oegenliebe. 

Das sind die geistigen Auseinandersetzungen zwischen den Oe- 
danken des Micius und des Licius, soweit deren Kenntnis uns iiber- 
liefert ist. 

Von andern Oedankengangen aus erfolgte der Widerspruch der 
Konfuzianer gegen Micius, soweit man bei Mencius dariiber Auf- 
schluB bekommt. Den Konfuzianern war naturlich das AnstoBigste 
bei Micius die Aufhebung des AutoritStsprinzips, Micius war fiir sie 
der Mann, „der keinen Vater kennt" (als absolute Autorit&t aner- 
kannt), der also die naturgemaBe Orundlage aller Weltordnung 
bestreitet. * 

Mencius hatte sich nicht mit Micius selbst^ sondern mit dessen 
Schulern auseinanderzusetzen, die iiber ihren Meister Micius noch 
weit hinausgingen. Besonders waren es die kommunistiscfaen Ideen, 
die von ihnen weiter ausgestaltet wurden. Micius hatte wohl auch 
die Oleichheit aller Menschen gefordert, Einfachheit, Aufgabe alles 

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V\ 



— 70 



Luxus, wesentliche Einschrankung aller Kunst, auch der Musik, als 
nutzlos. Aber Micius hatte nicht einseitige Konsequenzen fiir das 
praktische Leben aus diesen Qedanken gezogen. Seine Schiller 
gingen soweit, daB sie nicht nur die Qemeinsamkeit des Besitzes 
aller Qiiter forderten, sondern auch die Aufhebung aller Standes- 
unterschiede und Berufsarten. Alle Menschen soUten, zu wahrhaft 
naturgemaBen Verhaltnissen zuriickkehrend, alle ihre Bedarfsgegen- 
stande, Qetreide, Kleider, Schuhe usw. selbst produzieren, selbst 
die Konige sollten davon nicht ausgenommen sein. 

Mencius zeigt in einem Zwiegesprach mit einem Kommunisten 
die Undurchfiihrbarkeit dieser Qedanken (E. Faber, Mencius, § 432): 

„Wird der Kommunist erst selber Qetreide saen und dann 
davon essen?" Antwort: „Ja." „Wird er erst selber Zeug weben 
und dann sich kleiden?" — ,J<Jein. Der Kommunist kleidet sich in 
rauhes Zeug." — „Tragt er eine Mfltze?" — „Ja." — „Was fiir eine 
Mutze?" — „Eine glatte." — „Eine selbstgewebte?" — „Nein! Fur 
Qetreide eingetauscht." — „Wie, der Kommunist hat sie nicht selbst 
gewebt?" — „Das ergabe Vernachlassigung der Feldarbeit." — „Qe- 
braucht der Kommunist metallene und irdene Qeschirre zum Kochen 
und Eisen zum Pflugen?" — „Ja.'* — „Macht er das selber?" -^ 
„Nein. Er tauscht das ein fiir Qetreide." — „Diese QegenstSnde fiir 
Qetreide einzutauschen, ist kein Verbrechen am Topfer und Metall- 
arbeiter; fiir deren Artikel umgekehrt Qetreide einzutauschen, ist 
das etwa ein Verbrechen am Feldbauer? Warum ist der Kommunist 
nicht auch ein Topfer und Arbeiter in Metall und alledem, was er in 
sein Haus nimmt, um es zu gebrauchen?" — Antwort: „Die Qe- 
sch&fte samtlicher Handwerker konnen nicht noch neben dem 
Feldbau betrieben werden." — „K6nnte dann die Regierung des 
ganzen Reiches allein noch neben dem Feldbau betrieben werden?" 

Die Kommunisten behaupteten auch, das wirtschaftliche Leben 
durch Qleichmachung aller Preise besser ordnen zu konnen: „Wurde 
die kommunistische Methode befolgt, so gSbe es nicht zweierlei 
Preise auf dem Markte, keinen Betrug im Staate. Obgleich man 
einen halberwachsenen Knaben auf den Markt schickte, es wiirde 
ihn niemand hintergehen. Leinen und Seidenstoffe von gleicher 
Lange wiirden sich im Preise entsprechen, Hanf und Seide von 
gleichem Qewichte ebenfalls, Schuhe von derselben QroBe eben- 
falls." Darauf entgegnet Mencius: „DaB die Produkte ungleich 
sind, ist ihre Qualitat, sei es nun doppelt, vierfach, zehnfach, hundert- 
fach, tausend- oder zehntausendfach. Qleicht Wohlgeboren sie aus. 



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- 71 - 

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so wird das ganze Reich in Verwirrung gebracht. Stehen feini- 
gearbeitete und geringe Schuhe in gleichem Preise, werden di|e 
Leute sie anfertigen? Folgt man dieser icommunistischen Methode, 
so leitet man einander zum Betruge an, konnte man damit Staat und 
Pamilie regieren?" 

Mit diesen Ausfuhrungen hat Mencius sicherlich die einseitigen 
Qedanken der Schiiler des Micius gut widerlegt, aber das Herz der 
Qedanken des Micius selbst ist damit nicht getroffen. Sachlich ist 
wohl der gesamte Sozialismus den Konfuzianern widerlegt er- 
schienen durch die einfache Betonung der Unmoglichkeit der Aut- 
hebung des Autoritatsprinzips. An Einzelheiten findet slch dann 
iiur noch bei Mencius eine Auseinandersetzung mit einem Anhanger 
des Micius, der versuchen wollte, zwei Staaten, die im Begriffe 
waren, sich zu bekriegen, zu versohnen. Mencius fragte ihn, wie er 
das anfangen wollte. Die Antwort lautete, er wolle ihnen zeigen, 
daB ihnen der Krieg kein Vorteil sei. Dagegen sagt Mencius: „L6sen 
diese Konige ihre Heere des Vorteils wegen auf, so werden die 
Offiziere ihrer Heere sich iiber die Auflosung freuen und Wohl- 
gefallen am Vorteil finden, Untergebene werden mit dem Vorteil 
liebaugeln im Dienste ihrer Regenten, Sohne sich ebenso gegen ihre 
Vater, Briider gegen Briider verhalten; so werfen schlieBlich Regent 
und Minister, Vater und Sohn, alterer und jungerer Bruder Humanitat 
und Qerechtigkeit von sich und trachten nach Vorteil beim wechsel- 
seitigen Verkehr, aber ohne Verderb geschah das noch nie. Dagegen 
ist's umgekehrt mit Humanitat und Qerechtigkeit." (§ 162.) Diesen 
Qedanken hat Mencius an mehreren Stellen (§ 342) besonders betont. 
Er dachte einen kategorischen Imperativ, ein sittliches Naturgesetz 
im Menschen wohnend, das, mit den rechten Idealen (Humanitat und 
Qerechtigkeit) angefiillt, stark genug sein werde, die Menschen vor 
unsittlichen Taten zu bewahren. Den Micius trifft der Einwand des 
Mencius wieder nicht im Zentrum seiner Ideen, denn diesen kategori- 
schen Imperativ erkannte Micius an. Er sah aber, daB der Egoismus 
dieses Sittengesetz oft genug umstieB. Daher erschien ihm die den 
Egoismus entwurzelnde Liebe als die alleinige Macht, die stark 
genug sei, die Erftillung des Quten durchzusetzen. Wo aber die 
Liebe noch fehlte und der Egoismus die Menschen zu Leidenschaften 
erregte, wie in dem vorliegenden Fall zum Kriege, da niitzt nur 
noch das eine, den Menschen, die vom Egoismus beherrscht sind, 
zu zeigen, daB sie in Wirklichkeit keinen Vorteil haben werden von 
der Handlung, die sie beginnen wollen, um sich Vorteil zu ver- 



- 72 - 

schaffen. Will man einen Menschen in seinen EntschlieBungen 
beeinflussen, so mufi man ankniipfen an die in ihm vorhandenen Qe- 
danken und Willensregungen. 1st nun der kategorische Imperativ 
in seiner Qeltung durch den Egoismus schon ausgeschaltet, so hilft 
nur noch der Appell an die herrschenden Regungen. Auf der andern 
Seite hat naturlich Mencius recht, wenn er warnt vor einer zu 
starken Betonung des Vorteils als des Zieles aller Handlungen. Aber 
das lag doch auch dem Micius ganz fern, der die Selbstlosigkeit der 
Liebe predigte. Eher trifft den Mencius seine eigene Waffe. Dcnn 
„Humanittt und Qerechtigkeit" fordert er doch eben deshalb, weil 
ihm auf dieser Basis das Leben des Einzelnen und der Qesamtheit 
am besten zu gedeihen scheint. Will man das nun dem Einzelnen 
ans Herz legen, so kann es wieder nicht anders geschehen als durch 
den Nachweis, dafi ein derartiges Handeln niitzlich ist. 

Man kann sich dem Eindruck nicht ganz entziehcn, als habc 
Mencius einer griindlichen und klaren Erdrterung der Kriegsfrage 
aus dem Wege gehen wollen durch die Ablenkung der Diskussion 
auf das Qebiet der Prage des Vorteils. Das Kulturideal Chinas war 
bei alien geistigen Fiihrem ein friedliches. Auch Mencius sagt (§ ^1): 
,4Crieg ist uberhaupt verwerflich." Aber er hat doch nicht so scharf 
gegen den Krieg gesprochen wie Micius. Er rettet sein Qewisscn 
in die sehr auBerliche Unterscheidung von Verteidigungs- und An- 
griffskriegen, rechtfertigt die ersteren, verurteilt die letzteren. Aber 
er kann sich als praktischer Staatsmann doch der Erkenntnis nicht 
verschlieBen, dafi der Krieg auch heilsame Folgen haben kann. Er 
spomt an, wehrt der Verweichlichung, Idst neue KrSfte aus, wirkt wie 
ein reinigendes Qewitter: „Qibt es nach innen keine konservativen 
Pamilien und wiirdigen Rdte, nach auBen keine feindlichen Staatcn 
und SuBeren Kalamit&ten, so geht der Staat gew5hnlich zugrunde." 

Es ist interessant, aus den Diskussionen dieser alten chinesi- 
schen Philosophen zu sehen, wie schon damals im alten China vieic 
Fragen die Qemiiter und Qedanken der Nachdenklichen bewegten, 
die uns heute noch zu schaffen machen. 

Soil unser heutiges Urteil uber Micius, den Fh-ediger der Liebe, 
kurz skizziert werden, so muB man sagen, daB er fraglos das ethische 
Problem am tiefsten erfaBt hat. Ober die Forderungen der Ethik, 
die sittlichen Ideale herrscht eigentlich auf der ganzen Erde unter 
alien geistig-sittlichen Menschheitsftihrem Ubereinstimmung. Darum 
ist es kein sonderliches Zeichen besonderer QrdBe, auf diesem Qebiet 
ehie neue Formulierung aufgestellt zu haben. 



■^^^W~- 



-. 73 -■■ 

Die gToBe Zentralfrage der Cthik liegi auf deiti Qebiet der sitt- 
lichen Motive. Wie und wodurch erreicht man es, daB die Mensclien 
den eigenen Trieb bekommen, das Qute, das sie als recht erkannt 
haben, auch wirklich zu tun, auch dann zu tun, wenn ihr eigener Vor- 
teil das Qegenteil von dem zu bewirken scheint, was ihr eigenes 
sittliches BewuBtsein verlangt. Es scheint, daB setbst Micius da 
auf der einen Seite den Fehler aller chinesischen Philosophen nicht 
ganz iiberwunden zu haben scheint, der darin liegt, daB er meint, in 
jedem Falle konne man dem Menschen beweisen, daB das Oute auch 
— ins OroBe gesehen — das Nutzliche set Das wSre moglich, wenn 
der menschliche Egoismus nach dem der Menschheit Niitzlichen 
fragte, er fragt aber nur nach dem dem einzelnen selbst Nutzlichen. 
Entwickelt sich der Egoismus zur leidenschaftlichen Begierde nach 
einer Sache, dann niitzt der intellektuelle Beweis nicht das geringste. 
Denn Leidenschaft schaltet sogar die intellektuelle ErwSgung des 
eigenen Vorteils aus. 

Aber dieser Qedankengang ist bei Micius doch nicht die Haupt- 
sache, sondern nur eine Hilfskonstruktion da, wo sein Hauptgedanke 
aus innerer Schwdche versagt. Sein groBartiger Hauptgedanke ist 
der, daB eine heilige, gute Leidenschaft allein imstande ist, die bdsen 
Leidenschaften zu uberwinden und zum sittlichen Handeln zu ftihren: 
die Liebe, die Liebe zu den Menschen. 

Er scheitert aber bei der nun noch tiefer grabenden Frage seiner 
Qeg^er, wie man in den Menschen diese Liebe zueinander ausldse. 

Es gibt nur eine Ldsung dieser Frage: Nur wer die Menschen 
in Q o 1 1 als seine Bruder und Scbwestern liebt, wird wirklich ein 
Liet>esleben ftihren. 

So liegt seine Schw^che in dem Fehlen der religidsen Funda- 
mentierung seiner Ethik. 

Die schattenhafte Himmelsgottheit gibt keine Liebe, es fehlt die 
persdnliche Qemeinschaft 

In Jesus haben wir den Qott, der uns liebt, den wir lieben, dessen 
Liebeskraft wir in Jesus vollendete Liebeswerke voUbringen sehen, 
durch den wir zu gleichen Taten kommen. 

So ist das Christentum die Erfiillung des Sehnens der chinesi- 
schen Welt nach dem durch Liebe vollendeten Leben. ^ 
'. Durch ihn werden wir auch frei von der trostlosen Diesseitig- 
keit, die Micius beherrscht, und Himmel und Erde werden eine 
ewige Einheit. i --;^^ 



^ 



- 74 - 

PrioritatsaRSpruche. 

Im 10. Heft der Z. M. R. vom vorigen Jahr gibt Herr D. Aug. 
Kind seinem berechtigten Unmute dariiber Ausdruck, daB lieblose 
Angriffe auf die Arbeit des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen 
Missionsvereins und Verdachtigungen seiner Bestrebungen immer 
vvieder zu verzeichnen seien. Um so groBere Qenugtuung empfindet 
er dariiber, daB neuerdings aus orthodoxem Kreise ein Wort der An- 
erkennung fiir die Gedanken, die seinen Verein bei seiner Arbeit 
leiten, gefallen ist. Die „Neue PreuBische Zeitung" (Kreuzzeitung) 
war es, die ihm diese Qenugtuung bereitet hat, und zwar durch ihren 
Artikel „Das Cliristentum auf dem Marsch", von dem auf Seite 303 
ein Bruchstiick mitgeteilt wird. 

D. A. Kind hat ganz recht, wenn er nach Mitteilung dieser „ortho- 
doxen Anerkennung" seines Vereins es ausspricht, daB die Arbeit in 
der nichtchristlichen Volkerwelt wohl geeignet und berufen sei, die 
Richtungen in der heimischen Christenheit einander anzunahern und 
ihnen iiber den Unterschieden, die sie trennen, den gemein^men 
Qlaubensgrund (wenn er tatsachiich vorhanden ist) zum BewuBtsein 
zu bringen. Christen in der Heimat, das ist auch unsere Meinung, 
die danach trachten, das Reich Qottes zu bauen, miissen, ob mehr 
rechts oder links stehend, einander verstehen und achten lemen. Ob 
aber der erwahnte Aufsatz der „Kreuzzeitung", wie Dr. Kind anzu- 
nehmen scheint, den Weg dazu anbahnen hilft, ist eine andere Frage. 

Um es kurz zu sagen: Der Kreuzzeitungsartikel zeigt sich in 
dem, was er zur Sache bietet, nicht minder schlecht unterrichtet als 
die bekannten Artikel des Herrn Dr. Paul Rohrbach in der „Christ- 
lichen Welt" vom 15. und 22. April 1909, uber „Deutsche Kultur in 
China", die seinerzeit in Missionskreisen drauBen viel boses Blut ge- 
macht haben. Beide, sowohl Dr. Rohrbach, als auch der Qewahrs- 
mann des Herrn Dr. Kind, verfolgen die Tendenz zu zeigen, daB es 
der evangelischeti Missionsarbeit in China vor dem Auftreten des 
Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins nicht ge- 
lungen sei, innere Fiihlung mit dem chinesischen Qeistesleben zu 
gewinnen. Ohne weiter auf Dr. Rohrbachs Artikel zuriickzugreifen, 
sei es mir gestattet, an der Hand des Kreuzzeitungsartikels, soweit 
er hier vorliegt, auf einiges Irrtumliche dieser Auffassung aufmerk- 
sam zu machen. Da ich selber zu den „Vertretern anderer, rechts- 
stehender Missionsgesellschaften" gehore, „zwischen denen", wie 
Dr. Kind hervorhebt „und uns sich im Laufe der Zeit manche freund- 



- 75 — 

schaftliche Beziehungen gebildet haben", so brauche ich nicht zu be- 
sorgen, daB Dr. Kinds Vorwurf: „Fanatismus macht blind und hat 
Mangel an Wahrheitsliebe zur Folge" auch auf mich Anwendung 
findet. 

Dem Auftreten christlichcr Sendboten friiherer Zeit wird vorge- 
worfen, daB es sein Hauptaugenmerk auf den Aberglauben und 
Fetischismus der Massen, als den Hauptfeind, gerichtet gehalten 
habe, wahrend es den eigentlichen, viel stSrkeren Qegner, das „ge- 
bildete, stolze, in der Konfuzischen Weltanschauung groB gewordene 
Literatentum" gar nicht gewahrte. Man habe geglaubt, wie einst 
Jesus, vor allem das Evangelium den Enterbten und geistig Armen 
predigen zu sollen, und habe daher bestenfalls auch nur „Prose- 
lytenherden" um sich scharen konnen, die Schutz vor Unterdruckung 
und weltliche Vorteile suchten, „von dem Pfingstgeist innerer Er- 
weckung aber kaum einen Hauch spurten". Wie konnte man auch 
nur so verbohrt sein und verkennen, daB der magnetische Strom 
geistiger Beeinflussung in China, wie es dessen sozialer Kollektivis- 
mus unter „der intellektuellen Hirtenschaft der Guntse-Oeistes- 
aristokratie" naturgem&B mit sich bringe, niemals von unten nach 
oben, sondern stets von oben nach unten geflossen sei! „Da war 
es zuerst der Allgemeine Evangelisch-Protestan- 
tische Missionsverein, derden geraden und ziel- 
sicheren Weg aus diesem fehlerhaften Kreislauf 
herausfand*), indem er das Prinzip aufstellte, die vornehmste 
und grundlegende Aufgabe der christlichen Mission musse es sein, 
einen Boden der Verstandigung und gemeinsamer geistiger und 
ethischer Interessen zwischen dem Reich des Christentums und 
jener fiihrenden Schicht der Qiintse (eben jener Geistesaristokratie) 
herzHStellen." (S. 304.) 

Nicht auf eine Kritik der hier skizzierten Missionstheorie ist es 
abgesehen, sondern lediglich auf den Hinweis, daB die evangelische 
Mission in China, lange schon ehe der ^llgemeine Evangelisch-Pro- 
testantische Missionsverein auf den Plan getreten ist, sich redlich 
bemiiht hat, auf mancherlei Weise innere Fuhlung mit dem chinesi- 
schen Qeistesleben zu gewinnen, daB es also durchaus unberechtigt 
ist, von einem „fehlerhaften Kreislauf" zu reden, in dem sie sich be- 
funden, und aus dem heraus erst der Allgemeine Evangelisch-Pro- 
testantische Missionsverein ihr den „geraden und zielsicheren We.fic" 



•) Anmerkung: Von mir gesperrt. 



- 76 — 

gewiesen haben soil. Ich habe nie diesen Verein „als einen Schdd- 
ling fiir die Missionsarbeit" hinzustellen gesucht, oder gar vor Ihm 
gewarnt! So weit geht meine Liebe zu ihm aber auch nicht, daB ich 
ihm ein Verdienst zuschreiben sollte, das ihm nicht gebiihrt 

Demi wie verhalt es sich in Wirklichkeit? Welchen Quellen dcr 
Verfasser des Kreuzzeitungsartikels seine Missionskenntnisse ver- 
dankt, weiB ich nicht. An die rechten Quellen scheint er aber nicht 
gelangt zu sein. Sie hStten ihm den Beweis liefern kOnnen, daB die 
evangelische Mission schon sehr frtih es als ihre Aufgabe, wenn 
auch nicht gerade als ,,die vornehmste und grundlegende*\ erfaBt 
hat, cinen Boden der Verstandigung und gemeinsamer geistiger und 
ethischer Interessen zwischen Christentum und Chinesentum zu 
finden. Man braucht nur die Konferenzberichte der drei groBen 
Missionskonferenzen, die seit 1877 in l^geren ZwischenrSumcn in 
Schanghai getagt haben, und in drei dicken Banden vorliegen, 
daraufhin anzusehen, um zu finden, wie mangelhaft der Artikel- 
schreiber unterrichtet ist. Quellendienste h§tten ihm auch die bSnde- 
reiche, in Schanghai erscheinende missionarische Monatsschrift 
„Thc Chinese Recorder" leisten konnen, die, wenn ich mich recht 
entsinne, bis ins Jahr 1867 zuruckgeht, und die Portsetzung eines 
noch vie! dlteren Untemehmens, „Chinese Repository" genannt, 
bildet. Wer sich die Miihe nimmt, aus diesen Quellen zu schdpfen, 
wird finden, daB auch Missionare der orthodoxen Richtung imstande 
gewesen sind, die vorhandenen inneren Werte im Chinesentum zu 
begreifen und zu wiirdigen, und daB sie von vornherein und prin- 
zipiell bemiiht gewesen sind, sich mit der klassischen konfuziani- 
schen Ethik und mit dem religiosen Ideenkreise auseinanderzusetzen, 
der in bewuBter Weise an das konfuzianische System ankniipft. Die 
Pioniere evangelischer Missionsarbeit in China, der Ruhm soil ihnen 
nicht verkfimmert werden, haben es verstanden, den in der Qegen- 
wart zwar verborgenen, aber keineswegs erstorbenen alten Lebens- 
quellen der chinesischen Qeisteskultur zu lauschen! Und auch ihre 
Nachfolger waren wohl iiff^tande, an die klassische Ethik der 
Chinesen anzuknfipfen, die in ihr enthaltene tiefe sittliche Wahr- 
heitserkenntnis anzuerkennen und auf eine innere Begegnung hin- 
zuarbeiten. Und das haben sie getan nicht bloB in der ihnen ge- 
laufigen Muttersprache, sondern auch in der hinzugelernten Sprache 
des Volkes, dem ihre Lebensarbeit gait. Das gilt gleichermaBen von 
ehglischen, amerikanischen und deutschen Missionaren, deren Ar- 
beiten naturlich dem uns unbekannten Artikelschreiber unzug&nglicb 



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'geblieben sind. Danti hfttte er sich aber auch bescheidener aus- 
drficken sollen! 

Von englisch-atnerikanischen Leistungen auf diesem Qebiet soil 
hier weiter nicht die Rede sein. Es geniige, die Namen von Med- 
hurst, Legge, Chalmers, Williamson^ Martin u. a. genannt zu haben, 
lauter Namen von gutem Klang und anerkannter Tuchtigkeit. Ihren 
TrSgern war die hdhere ctiinesische Qeistesbildung durchaus ge- 
Idufig, und sie haben sich mit Erfolg mit dieser Qeistesbildung aus- 
einandergesetzt. Die deutsch-evangelische Mission in China be- 
deutet gegenuber der angelsachsischen ja noch sehr wenig. Die 
kleine Zahl ihrer Stationen und Arbeiter verschwindet gegen jene 
beinahe ganz. Aber auch sie haben nicht bloB gegen den Aber- 
giauben und Fetischismus der Massen gekampft, sondern, sehr fruhe 
schon, den Kampf mit der konfuzianischen Weltanschauung auf- 
genommen, und bei ihren Qegnem nicht den Eindruck erweckt. als 
ob sie .,mit Ideen kdmpften, deren Wurzeln und Quellgriinde sie 
nicht zu erkennen vermochten". Mein seliger Vater, von 1847—1864 
Missionar der Rheinischen Mission in China, hat sich mit Erfolg an 
diesem Kampfe beteiligt. Im Jahre 1855 erschien zum ersten Male 
sein apologetischer Versuch, einen Boden der VerstSndigung 
zwischen Christentum und Chinesentum herzustellen, ein Versuch, 
der, wenn auch nicht in alien Teilen gelungen, sich bis auf den 
heutigen Tag behauptet hat. In immer groBeren Auflagen hat sich 
diese Schrift, welche eine Parallele zwischen Christentum und Kon- 
fuzianismus in neun Kapiteln zieht, und den Titel fiihrt: „Die wahre 
Lehre auf der Wage", seit ^inem halben Jahrhundert mit tausenden 
^von gebildeten, stolzen, in der Konfuzischen Weltanschauung groB 
gewordenen Literaten" auseinandergesetzt, und wie ich aus Erfah- 
rung weiB, nicht ohne Erfolg. In seine FuBtapfen tretend, hat einer 
seiner Schuler, der in ganz China durch seine schriftstellerische 
Tdtigkeit riihmlich bekannte christliche Prediger Wong-Him-Yii, 
mein langj&hriger Mitarbeiter, vor wenigen Jahren sein Hauptwerk 
in den Druck gegeben, eine religionswissenschaftliche Studie uber 
den Konfuzianismus und das Christentum, ein Buch, dem aliem An- 
schein nach noch eine groBe Zukunft beschieden ist. — In diesem 
Zusammenhang verdient auch der Baseler Missionar und lang- 
jdhrijge Leiter des Predigerseminars in Lilong, Martin Schaub, ge- 
nannt zu werden. Auch er hat vor einer Reihe von Jahren den 
Versuch gemacht, sich in wissenschaftlicher Form mit dem Haupt- 
gegner des Christentums, dem Konfuzianismus, aiiseinanderzusetzen. 



t 

- 78 -^ 

Wenn auch in erster Linie fiir den Seminargebrauch berechnet, hat 
sein Buch, dank der weiten Verbreitung, die es gefunden hat, doch 
auch seinen Weg in die HSnde vieler Qelehrten der alten Schule 
gefunden und ihnen gezeigt, daB Jesus Christus groBer ist als ihr 
Konfuzius. 

Mehr als alle Andern hat aber auf diesem Qebiet der ehemalige 
Rheinische Missionar D. Ernst Faber gearbeitet. Es kommen hier 
vor allem seine beiden Hauptwerke in Betracht, die er, noch im 
Dienste der Rheinischen Mission stehend, also vor dem Jahre 1882, 
veroffentlicht hat. Nur von diesen sei hier kurz die Rede. DaB 
derselbe Qelehrte gleichzeitig systematische Bearbeitungen des 
Konfuzius, Menzius, Lizius und Mizius in deutscher Sprache heraus- 
gegeben hat und dadurch unter uns die Kenntnis der chinesischen 
Qeisteskultur wesentlich gefordert hat, setze ich hier als bekannt 
voraus. QroBes Aufsehen machten Fabers Homilien uber den 
Markus, die er zuerst auf der Rheinischen Missionsstation Futnum- 
Taiping in den sechziger Jahren gehalten und spSter mit Hilfe des 
vorhin schon genannten Wong-Him-Yii ins Reine geschrieben hat. 
Sie erschienen in einem fiinfbandigen Werk, das seither viele Auf- 
lagen erlebt hat, und vielen als eine mustergiiltige Behandlung der 
evangelischen Geschichte in apologetischer Form erscheint. Der 
Name des Verfassers, noch mehr aber seine umfassenden Kenntnisse 
und der zur Anwendung gelangte klassische Stil, haben dem Werk 
die Ehre verschafft, in die kaiserliche Bibliothek aufgenommen zu 
werden. Was sie aber zum Aufbau der Qemeinde getan haben und 
wie vielen diese Homilien den AnstoB zu einer ewigen Bewegung 
gegeben haben, wird die Ewigkeit offenbaren. 

In seinem zweiten, zuerst in den siebziger und achtziger Jahren 
in einer in chinesischer Sprache in Schanghai erscheinenden christ- 
lichen Monatsschrift und hernach in Buchform veroffentlichten apo- 
logetischen Hauptwerk hat Faber diejenige Methode befolgt, die 
Rohrbach „die einzige Methode" nennt, die unter einem Volke wie 
dem chinesischen „fur die Mission wiirdig und aussichtsvoll er- 
scheint, die Methode namlich, den Chinesen, die selbst eine alte 
Kulturnation sind, vor alien Dingen tieferes Verstandnis und Achtung 
fiir die christlichen Elemente der europaischen Kultur zu vermitteln 
und sie zur Erkenntnis zu bringen, daB deren innerste Werte, trotz 
der scheinbaren Widerspriiche, christlicher Natur sind, so daB also 
in diesen Werten eine Hauptwurzel des Sieges der christlichen 
Veiker enthalten ist." In diesem ebenfalls fiinfbandigen, von Faber 



- 79 - 

^elber in der Allgemeinen Missionszeitschrift ausfuhrlich charakteri- 
sierten Werke, hat dieser Missionar der Rheinischen Missions- 
gesellschaft, also einer der „rechtsstehenden Missionsgesell- 
schaften", ein Stiick praktischer christlicher Kulturarbeit, auf die in 
gewissen Kreisen heute so groBer Nachdruck gelegt wird, geleistet, 
wie vor und nach ihm kein anderer, und, was ich zu beachten bitte, 
schon vor nahezu 40 Jahren! Ich wtiBte nicht, was dem von seiten 
der Missionare des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Mis- 
sionsvereins an die Seite gesetzt warden konnte! Die Verdienste 
der Missionare dieses Vereins sind mir wohl bekannt und auch in 
der Offentlichkeit wiederholt von mir gewtirdigt und anerkannt 
worden. Sie haben aber noch den Beweis zu erbringen, daB sie uns 
Missionaren der alten Schule auf dem Qebiete der eigentlichen 
missions-literarischen Tatigkcit iibcr sind. Hie Rhodus, hie salta! 
SoUte der Fall eintreten, wollen wir gerne von ihnen lernen. Einst- 
weilen haben aber w i r das Recht, Prioritatsanspriiche zu erheben 
auf einem Qebiet, das von uns schon seit einem halben Jahrhundert 
und langer bebaut worden ist, und nicht ganz ohne Erfolg. 

Auf der flinften allgemeinen studentischen Missionskonferenz 
in Halle hatte ich im vorigen Jahr uber das Thema zu reden: „Wie 
ich den gebildeten Chinesen das Evangelium verkiindigte". Es sei 
mir gestattet, hier einige SStze aus meinem Vortrag in abgekiirzter 
Form wiederzugeben. Sie sind geeignet zu zeigen, wie ich person- 
lich zu der oben verhandelten Frage stehe. „Wie Paulus bei seiner 
Verkiindigung des wahren Qottes an den Altar ankniipfte, den seine 
Augen in irgendeinem Winkel Athens erspaht hatten, ... so gilt es 
auch fur den neuzeitlichen Missionar, in der Heidenwelt die An- 
kniipfungspunkte, die oft unter vielem Schutt verborgen sind, auf- 
zusuchen und hervorzuholen und, daran ankniipfend; den Heiden zu 
zeigen nicht nur, wie weit sie von der heilsamen Wahrheit abge- 
kommen sind, sondern auch, welche Trummer, gleichsam Nach- 
klange einer verstummten Qottesoffenbarung, sie sich noch ge- 
rettet haben. . . . Welche schatzbaren Hilfstruppen man gewonnen 
hat, wenn man sich bei der Heidenpredigt dieser Ankniipfungspunkte 
zu bedienen weiB, ist niir bei meiner SOjahrigen Erfahrung oft ent- 
gegengetreten. . . . Besonders wertvoU habe ich immer eine ge- 
nauere Bekanntschaft, ich mochte sagen: Vertrautheit mit den 
klassischen Schriften der Chinesen gefunden. Sie ist ein un- 
entbehr liches Requisit fiir den Missionar, dem 
es urn die Qewinnung derQebildeten zutun ist. 



i 



- 80 - 

Cr mufi ihnen ein Qebildeter in i h r e tn Sinne werden, d. h. er muB 
ihnen auf dem Qebiet beges^nen kdnnen, in dem s i e zu Hause sind. 
. . . Wie oft habe ich ein freudiges Erstaunen auf den Angesichtern 
gebildeter Chinesen wahrnehmen diirfen« wenn sie aus Unterhal- 
tungen oder VortrSgen den Eindruck gewannen: Der Fremde kann 
nicht nur unsere Klassiker zitieren, er scheint sie sogar zu ver- 
stehen und weiB sie ganz am richtigen Ort anzuwenden! Damit 
ist ja freilich noch nicht viel gewonnen, aber docfa immerhin ein 
gemeinsame r Boden, auf dem eine Auseinander- 
setzung» ein Sichnaherkommen mdglich ist*)." 

Icti bitte, an dieser Stelle, auch die Worte noch einmal hinsetzen 
zu diirfen, in denen ich schon vor 24 Jahren in einem ^ur Ver- 
st&ndigung" betitelten Artikel im Ostasiatischen Uoyd (Schanghai, 
J.April 1893) das Wesen derSache zusammenzufassen gesuchthabe: 

„Der Missionar nach Pauli Vorbild wird in den klassischen 
Buchern der Chinesen ein reichhaltiges Material und willkommenes 
Arsenal flnden, aus welchem er ^Hamisch und Helm, Panzer und 
Qurt, Pfeile und Schwert" nehmen kann, urn, wo es not tut, Kon- 
fuzianer mit Konf uzius zu bekampfen, und an ihm einen B u n d e s - 
genossen fur die Wahrheit des Evangeliums zu 
gewinnen. So wichtig und wertvoU ihm aber die alien Religlonen 
gemeinsamen Wahrheiten auch sind, so verlangt doch die VoU- 
stSndigkeit und wissenschaftliche Qriindlichkeit, daB nicht bloB der 
Konsensus, sondem auch der Dissensus zwischen der 
absoluten Religion und den nur relativ berechtigten Religionen nach- 
gewiesen und auf seinen Qrund und Wert hin gepriift werde. Ferner, 
so sehr wir den Weisen von Lo (Konfuzius) nach manchen Seiten 
hin hochachten mfissen, so kdnnen wir ihm, dessen Ideale riickwarts 
lagen, und der es untemahm, das Rad der Qeschichte riickw&rts zu 
drehen, doch den Vorwurf nicht ersparen, daB er nicht wenige 
Lehren des Altertums bedeutend verflacht hat, ferner, daB er die 
drei Hauptfragen, die der Mensch nach NSgelsbach an jede Religion 
stellt: Jst Qott und was ist er? Wie wird der Mensch seine Sunde 
quitt? Was wird mit ihm nach dem Tode?" gar nicht an sich hat 
herankommen lassen, mit einem Wort, daB seine Religion ganz und 
gar im Diesseits, in der Zeitlichkeit wurzelt, anderer Defekte nicht 
zu gedenken, die Dr. Legge in den Prolegomenen zu dem 1. Band 
der Chinese Classics namhaft gemacht hat. Ist es da zu verwundern. 



♦) Vgl ,Aus der Wcrkstatt des MIssionars". Seite 138 ff. 



ja nicht vielmehr in der menschlichen Natur begrfindet, daB viele, in 
ihrer einmal abgeschlossenen philosophisch-religiosen Denkungsart 
fest gewurzelt, sich gegen das Neue, was das Christentum bringt 
und was sich ihnen noch nicht bew^rt hat, um so heftiger strauben, 
als sie in dem, was sie haben, wirklich etwas be- 
sitzen, was auch uns Christen Achtung abnotigt? 
. . . Es begegnen sich hier eben zwei Weltbetrachtungen, die von 
verschiedenen, ja entgegengesetzten Prinzipien ausgehen, und 
darum auch zu entgegengesetzten Folgerungen gelangen mussen. 
. . . Noch steht die Masse der Literaten in China dem Christentum 
zu fern, als daB sich zwischen beiden eine tiefer eingehende Kontro- 
verse hStte erheben kdnnen. Was wir bisher erlebt haben, war 
mehr nur ein Pr&ludium. Wie im Abendlande eine tiefer eingehende 
Kontroverse sogar kaum im zweiten, sondem entschiedener erst 
seit dem Anfang des 3. Jahrhunderts erfolgte, durften sich hier die 
Dinge wohl auch langsamer gestaiten, als manche christliche Zeloten 
es sich denken! . . ." - 

Ich hoffe, es ist mir einigermafien gelungen, zu zeigen, daB es 
von jeher Qrundsatz der evangelischen Mission in China gewesen 
ist, alles Kulturgut zu schonen, zu schStzen, zu benutzen, zu ver- 
geistigen, auszugestalten mit Ausmerzung dessen, was dem Christ- 
lichen Qeist zu wider ist. Das ist die Art der evangelischen Mission. 
Sie ist uns nicht von auBen aufgedr^gt worden; es ist vielmehr 
immer so gewesen. Wir haben darin zwar fort und fort weiter 
gelemt, aber die Entwicklung ist geradlinig gewesen. Es ist 
nicht den Tatsachen entsprechen d,,zu behaupten, der 
Allgemeine Evangelisch-Protestantische Missionsverein sei es zu- 
erst gewesen, der den „geraden und zielsicheren Weg" aus dem 
„fehlerhaften Kreislauf* der alten Missionen herausgefunden habe, 
indem er das Prinzip aufstellte, die vomehmste und grundlegende 
Aufgabe der christlichen Mission musse es sein, eine Verst^digung 
zwischen Christentum und Chinesentum anzubahnen. Nicht um 
Streit zu suchen habe ich zur Feder gegriffen, sondern um einer 
Legendenbildung, der ich wiederholt begegnet bin, entgegenzutreten, 
und sie, wenn mdglich, unwirksam zu machen. Die Zeiten, in denen 
wir leben, sind ernst: lemen wir einander verstehen und achten, 
und die unvermeidlichen Kdmpfe um die Wahrheit sachlich und 
liebevoll ausfechten, in Eintracht und im Wetteifer in der Huldigung 
vor dem, den wir als den Einigen Heiland bekennen. 

PreuB.-Oldendorf. J. Qenahr. 



V 



~ 82 - 



Nachwort 

Auf Wunsch des Verfassers habe ich vorstehenden Aufsatz: 
„Prioritatsanspruche", obwohl er sich eigentlich gegen Ausftih- 
rungen in der „Kreuzzeitung" richtet, in unserer Zeitschrift zum Ab- 
druck gebracht. Er ist unverkiirzt wiedergegeben. Zu dem Inhalte 
habe ich folgendes zu bemerken: 

DaB vor und auBerhalb unseres Vereins von andern Missionaren 
Fiihlung mit dem chinesischen Qeistesleben gesucht wurde, war 
selbstverstandlich in unsern Kreisen bekannt. Besonders die Ver- 
dienste D. Fabers in dieser Beziehung sind stets von uns hoch ein- 
geschatzt worden. Das haben wir deutlich dadurch^ bewiesen, daB 
wir ihn baten, in unsern Dienst zu treten, und dankbar waren, daB 
er sich von uns gewinnen lieB. 

Aber in andern Missionsgesellschaften war es den einzelnen 
Missionaren iiberlassen, ob und inwieweit sie in das chinesische 
Geistesleben eindringen und sich mit ihm auseinandersetzen woUten. 
Der Allgemeine Evangelisch-Protestantische Missionsverein hat 
diese Arbeit dagegen programmatisch mit in die vorderste Reihe 
geriickt und hat es seinen Sendboten zur unbedingten Pflicht ge- 
macht, sich eingehend und liebevol! mit dem fremdartigen geistigen 
Wesen zu beschaftigen und von ihm aus die Brucke zu unseren 
christlichen Qedanken zu schlagen. Das ist der erste Unterschied 
zwischen den alten Missionsgesellschaften und uns. 

Dazu kommt ein zweites. In dem von mir erwShnten Artikel 
der „Kreuzzeitung" war hervorgehoben, daB wir zu unserm Qrund- 
satz gemacht hatten, uns mit unsern Bestrebungen an die fuhrenden 
Kreise zu wenden. Das entspricht den Tatsachen. In China, wie 
auch in Japan sind wir darauf bedacht gewesen, ohne die untem 
Klassen zu vernachl^sigen, doch in erster Linie die gebildeten 
Schichten in christlichem Qeiste zu beeinflussen. Qerade dieser 
Weg von oben nach unten ist unter Berufung auf die urchristliche 
Missionspraxis uns immer wieder verdacht worden. Man hat ge- 
meint, unsere TStigkeit sei keine richtige Missionsarbeit. Diese 
unsere Methode ist also etwas Neues und wurde von den andern 
deutschen Missionsgesellschaften auch als Qegensatz zu der ihrigen 
empfunden. 

Der Artikel der „Kreuzzeitung", den ich unter der Oberschrift: 
„Cine orthodoxe Anerkennung unseres Missionsvereins" besprochen 
habe, hat daher die Eigenart unserer Arbeit zutreffend gekenn- 
zeichnet. 



■ '• •-•.'^ :< , -^iv *T ■ ~ 



, - 83 - . 

I 

W4r denken bescheiden von unserm Wirken und von unsern 
Erfolgen, aber wir glauben, einen richtigen und verheiBungsvoUen 
Weg eingeschlagen zu haben. Wir hoffen, daB Qott uns seinen 
Segen nicht versagen wird. Aug. Kind. 



Der Kampf um die Staatsreligion. 

Von Pfarrer D. Wilhelm (Tsingtau.) 

Ich wurde von der „Peking Gazette", einem in englisclier 
Sprache erscheinenden Blatt, das mit der chinesischen Regierung 
in Fiihlung ist, dazu aufgefordert, meine Meinung zur Sache zu 
sagen. Da es sich um eine ftir China sehr wichtige Frage handelt, 
bat ich meine hiesigen chinesischen Freunde, die wirklich als echte 
Vertreter des Konfuzianismus bezeichnet werden kdnnen, zu einer 
Besprechung zusammen. Das Resultat, das voUkommene Ein- 
stimmigkeit in unseren Uberzeugungen zeigte, war folgendes: 

mEs kann kein Zweifel sein, daB Konfuzius es nicht billigen 
wilrde, zum Haupt und Obergott einer neuzugriindenden Staats- 
religion der chinesischen Republik gemacht zu werden. Es sind 
auBerdem schwerwiegende Bedenken vorhanden gegen die Auf- 
richtung einer solchen Staatsreligion. Bekanntiich hatten in friiheren 
Jahrhunderten die europaischen Staaten Staatsreligionen, aber sie 
haben diesen Weg wieder verlassen. Das Vorhandensein einer 
einzigen anerkannten Staatsreligion ist nur moglich in einem Staat, 
wo es keine AnhSnger anderer Religionen gibt. Sonst wird es 
notwendig zu endiosen Unruhen und selbst blutigen Kriegen fuhren. 
Die Qeschichte Europas ist vol! von BlutvergieBen infolge des un- 
christlichen und undurchfiihrbaren Qrundsatzes einer Staatsreligion 
in einem Land mit verschiedenen Konfessionen. Die Kulturstaaten 
Europas und Amerikas sahen sich gendtigW das Prinzip einer Staats- 
religion aufzugeben und voUkommene Religionsfreiheit zu verkiin- 
den, um endlose innere Streitigkeiten zu vermeiden und die Ange- 
hdrigen der verschiedenen Kirchen in engere Fuhlung zum Wohl 
des Landes zu bringen. Es ist sehr wahrscheinlich, daB schwere 
religiose Verwicklungen die Folge sein wiirden, wenn die chinesische 
Regierung den Versuch machen wiirde, den Konfuzianismus als 
Staatsreligion einzuftihren. Diese Verwicklungen wurden wahr- 
scheinlich noch vermehrt werden durch die Tatsache, daB zum 
mindesten einige der fremden MSchte sich zur Einmischung ge- 
zwungen fuhlen wiirden „im Namen von Fortschritt und Mensch- 



- d4 - 

lichkeit". Das Resultat solcher Kampfe lafit sich mit Leichtigkeit 
vorhersagen. Das Monopol einer einzelnen Religion wurde fraher 
Oder spSter aufgegeben werden miissen und Religionsfreiheit wiirde 
als Qrundsatz des chinesischen Staates verkiindigt werden mussen. 
Wiirde es eine Ehre fiir Konfuzius sein, abgesetzt zu werden, nach- . 
dem er die Ursache endloser Kampfe zwischen den Biirgern des- < 
selben Vaterlandes und Brudern derselben Rasse gewesen wflre? 

Femer: jede kirchliche Organisation braucht ein Haupt, ent- 
weder ein monarchisches, wie der Lamaismus, oder ein republi- 
kanisches, wie die presbyterianische Kirche. Wer soli nun dieses • 
Haupt sein? Etwa der PrSsident? Wenn der Prasident diese 
Verantwortung iibernehmen wiirde, wurde er sich einen groBen 
Teil der chinesischen Biirger entfremden, weil er dann nicht mehr 
das unparteiische und allgemeine Haupt der ganzen Republik wSre, 
sondern das Parteihaupt einer einzelnen Sekte innerhalb des 
Staates. Die nichtkonfuzianischen Biirger wiirden dadurch zu 
Biirgern zweiter Klasse werden und jede MaBregel der Regierung 
wiirde von ihnen als parteiisch beargwohnt werden. Oder solt ^^ 
etwa eine verschiedene Kirchenregierung neben der Staatsregiening J 
eingefiihrt werden? Jedermann weiB, wie schwer die Oefahren 
sind, die ein solcher Staat im Staate mit sich bringt, besonders wenn 
dieser Staat das Privileg hat, die einzige anerkannte religiose 
Korperschaft im Land zu sein. 

Diese Qriinde geniigen, um die Einfiihrung des Monopols einer 
Staatsreligion als untunlich erscheinen zu lassen. Aber was soil 
dann geschehen, um den Verfall wahrer Religion und Moral, des 
Sinnes fiir Ehre und Pflicht, im China der Zukunft zu vermeiden, 
und dem Begriinder der chinesischen Kultur die ihm gebiihrende 
Ehre zu erweisen? 

Die Konstitution ist eine Art politischen Manifests, das Ziel und 
Zweck zum mindesten der Mehrzahl der Biirger eines Staates aus- 
spricht. Vielleicht konnte im Eingang der Konstitution eine An- 
erkennung der Qesetze des groBen, allmachtigen Qottes als Qrund- 
lage der chinesischen Republik emgefiigt werden. Solche Er- • 
kltrungen sind die Regel gewesen bei der Einrichtung einer neuen 
Dynastie in China (vgl. z. B. Lunyii, Kap. 20), und es wiirde gut 
sein, wenn die Republik diesem frommen Vorbild der Vergangenheit 
folgen und nicht die gSnzlich irreligiosen Verfassungen der west- 
lichen Nationen und ihrer Nachfolger nachahmen wiirde. Ehie solche 
Anerkennung wurde mit dem QIaubensbekenntnis aller groBen Reli- 



y 



- ~ 85 — 

gionen im Einktang sein, und selbst Atheisten, wenn sie uberhaupt 
ein Herz haben fiir das Wohl ihres Landes, wurden dadurch nicht 
gekrfinkt werden, da diese Erkl^ung fiir sie die Bedeutung eines 
symbolischen Ausdrucks hStte fiir die Wichtigkeit der Moral zum 
Qliick des Staates. 

Was die Religiousfreiheit anlangt, so denken wir nicht, daB es 
uotig w&re, sie ausdriicklich zu proklamieren. Die Verfassung muB 
vom Qesetzbuch unterschieden werden. Es geniigt, wenn sie die 
politisclien Reclite bestimmt, wie z. B. das Wahlrecht und die 
verschiedenen politischcn Pfiicliten unter die einzelnen Organe des 
Staates verteilt. Was pcrsonliche Reclite anlangt, so genugt 
es, die notwendigen BeschrSnkungen aufzuzlihlen. Was nicht ver- 
boten ist, ist erlaubt. Es ist unndtig und unmSglich, die ver- 
scliiedenen personlichen Rechte der Biirger ausfiihrlich aufzuzahlen. 
Nieinand denkt daran, die f reiheit des Essens und des Schlafens 
zu verkiindigen. Religiousfreiheit bedarf nicht mehr als diese 
selbstversttodlichen Freiheiten einer ausdrilcklichen BestMtigung. 

Das Qesetzbuch hat daftir zu sorgen, daB nur solche Religionen 
geduldet werden, die sich mit dem offentlichen Sinn fiir Ehre und 
Pflicht vereinbaren lassen. Religiose Organisationen, die den Be- 
stand des Staates gefShrden, miissen unterdriickt werden. Reli- 
gionen, deren Ziel es ist, die Moral des Volks zu heben, haben An- 
spruch auf jede Hilfe von seiten der Regierung. Die konfuzianischen 
Lehren wurden natiirlich einen Anteil haben an der Fiirsorge der 
Regierung. 

In Anbetracht der historischen Verpflichtung gegen die Lehren 
des Konfuzianismus konnte die Regierung noch einen Schritt welter 
gehen, ohne daB dadurch die Religionsfreiheit der Leute beein- 
tr§chtigt wiirde. Dem Nachkommen des Konfuzius, dem soge- 
nannten Ytn Schong Qung, konnte ein personlicher Titel verliehen 
werden, der es ihm ermSglicht, das Opfer fur seinen groBen Ahn- 
herm in einer Weise darzubrmgen, die dessen hohen Verdiensten 
entsprechend ist. Die Regierung konnte auBerdem fiir gewisse 
Brduche sorgen, um den Konfuzius zu ehren. Die chinesischen 
Kaiser hatten besondere Opfersitten. Es hangt davon ab, welche 
Art des Ausdrucks der Dankbarkeit fiir Konfuzius am besten dem 
Qeschmack des modemen China entspricht. Entweder der alte 
Stil, der auch in Japan sich noch erhalten hat fiir die Ehrung der 
Volksheroen, oder der westliche Stil der Errichtung von Monu- 
menten, Oriindung von Qesellschaften, Abhaltung von Qedenkfeiem 



-'■N 






- 86 — 



usw. Cs mufi den Autoritaten tiberlassen bleiben, die passendsten 
Methoden in diesem Pall herauszufinden. Auf jeden Fall erscheint 
es ungebiihrlich, dem Konfuzius Ehren zu erweisen auf eine unregel- 
mafiige und willkiirliche Weise, entsprechend den individuellen 
Ideen der Leute. Das wurde sicherlich zu Unordnung fflhren. 

Der beste Weg, Chinas groBen Weisen zu ehren, ist der, seine 
Werke in geeigneter Weise der chinesischen Jugend bekannt zu 
machen. Seine Lehren diirfen nicht vergessen werden. Sie sind 
jenseits der Unterschiede zwischen Monarchie und Republik. Der 
wahre Qeist der konfuzianischen Lehren ISBt sich Jeder gerechten 
Form der Regierung, die auf das allgemeine Wohl bedacht ist« an- 
passen. SelbstverstSndlich ist es eine padagogische Frage, welches 
das geeignete Alter ist, in dem der wirksame Unterricht in diesen 
Lehren moglich wird. Auch diese ErwSgungen miissen den zu- 
standigen Stellen iiberlassen bleiben. 

Die Zeit ist gekommen, da die groBen Lehren des Ostens und 
Westens aufhoren miissen, Spezialbesitz eines einzelnen Landes zu 
sein. Die konfuzianischen Lehren haben viele Seiten, welche von 
groBem Wert auch fur die westliche Welt sind (? Die Red.). Der 
beste Weg, Konfuzius zu ehren, ist deshalb der, seine Lehren in der 
ganzen Welt bekannt zu machen." 

An diese Ausfiihrungen kniipfte sich eine lebhafte Debatte, in 
der der Vertreter der neukonfuzianischen Kirche einige Ausspriiche 
tat, die ein Licht werfen auf den Qeist dieser Bewegung. Er sucht 
dabei den Buddhismus, Taoismus und Mohammedanismus auf seine 
Seite zu bringen, indem er betont, daB die konfuzianische Ethik, 
well sie der christlichen Ethik am schroffsten gegeniiberstehe, das 
beste Mittel sei fur Chinas Unabh§ngigkeit und Selbstentwicklung. 
Wohl sei auch der Mohammedanismus, Buddhismus und Taoismus, 
die alle dem Konfuzianismus nahe stehen, der christlichen Moral 
durchaus feindlich. Aber der Konfuzianismus formuliere diese 
Prinzipien starker und genauer als sie. Ferner behauptet er, ohne 
Vorurteile und Obertreibung gabe es keinen Enthusiasmus, und ohne 
JCnthusiasmus gabe es keine Religion. 

Diesen Verzerrungen der Lehren des Konfuzius wurde von 
anderer Seite, und zwar auch von Chinesen, widersprochen. Zum 
Qliick hat es den Anschein, daB die Entwicklung in den von uns 
gezeichneten Bahnen vorangehen wird. Sowohl der President als 
auch der Vizeprisident und der Premierminister haben sich aufs 
entscbiedenste gegen eine Staatsreligion ausgesprochen. Sie alle 



^ _ g7 - 

haben dabei Worte warmer Anerkennung fur das Christentum ge- 
funden. Besonders interessant ist das, was der Premierminister 
Hiung Si Ling iiber die Frage sagt: ..Religion ist die Seeie einer 
Nation. Der Mensch stirbt, wenn seine Seele ihn veriaBt, und eben- 
so geht es einer Nation. Ich habe eine tiefe Hochachtung vor reli- 
giosen Menschen; denn sie haben etwas in ihrem Herzen, das iiber 
sie herrscbt. Sie unterscheiden sehr genau zwischen Recht und 
Unrecht. Sie wagen nicht, etwas gegen ihr Qewissen zu tun, um 
nicht Qottes Mififalien zu erregen. Auch im geheimen sind sie ge- 
wissenhaft, infolge ihrer Qottesfurcht. Deshalb achte ich sie. Ich 
bin ftuBerlich nicht religios, wohl aber innerlich. Was das Qerucht 
aniangt. daB der Konfuzianismus zur Staatsreligion gemacht werden 
soli, so kann ich solche VorschlSge in keiner Weise befiirworten. 
Die moralischen Lehren des Konfuzius sind wie Sonne und Mond, 
die am Himmel ihre Bahnen Ziehen, und wie die riiissc, die die 
Erde befeuchten. Es ist vollkommen uberfliissig, politischen EinfluB 
zu erborgen, um den Konfuzianismus in unserem Lande durchzu- 
fiihren. AuBerdem sind Staat und Religion zwei verschiedene Dinge, 
die nicht vermischt werden dtirfen. Ferner sind auch die Religion 
Jesu, die lehrt, daB man seine Nachsten lieben soil wie sich selbst. 
und daB man sich fiir die Rettung der andern opfem miisse, und 
die Religion Buddhas, deren Lehre dahin geht, daB das Mitgefiihl 
sich selbst auf die unverniinftige Kreatur erstrecken soUe, groBe 
moralische Lehren erleuchteter Manner. Sie sind geeignet, den 
Menschen in dieser Welt zum Leitstern zu dienen. Darum soil 
kein Unterschied zwischen ihnen gemacht werden. Ferner ge- 
statten die gegenwSrtigen UmstSnde unseres Landes keinerlei 
Staatsreligion. In der Mongolei, in Tibet und Turkestan haben die 
Leute alle ihre besonderen Religionen und Glaubensbekenntnisse. 
Sobald der Konfuzianismus als Staatsreligion eingefiihrt wiirde, 
warden notwendigerweise MiBverstandnisse entstehen, und endlose 
Streitereien wurden beginnen. Die Qeschichte Europas kann in 
dieser Hinsicht zur Warnung dienen. 

Dennoch hdngt der Fortschritt unserer Nation sehr wesentlich 
von der Religion ab. Ich glaube an die Notwendigkeit der Religion 
und ich achte die Standhaftigkeit der Anhanger gewisser Kirchen. 
Ich habe sie selbst gesehen. Nach dem Ausbruch in Wutschang 
waren sudlich vom Yangtse schwere KSmpfe. In Anbetracht der 
groBen Zahl von Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld 
organisierten viele der von Japan zuriickgekommenen hunanesischen 



i»v 



- 88 - - 

Studenten eine Qesellschaft vom Roten Kreuz, um sich auf die 
Schlachtf elder zu begeben und die Verwundeten zu retten. Ich 
wurde eingeladen, bei der Qrundung dieser Qesellschaft behilflich zu 
sein. Neunundsechzig Leute entschlossen sich, die gefShrliche Auf- 
gabe zu ubernehmen. Zu jener Zeit trafen zahlreiche Telegramme 
von den Schlachtfeldern ein, daB die Kampfe stets sehr verzweifelt 
seien und eine groBe Zahl der Beteiligtep-Tielen. Sofort begannen 
die Herzen der Leute zu wanken, und nur etwas mehr als dreiBig 
von denen, die zu gehen versprochen batten, brachen auf. Als wir 
das Schlachtfeld erreichten, fand ich, dafi nur neunundzwanzig fest- 
geblieben waren. Ich war sehr erstaunt und lieB die Sache unter- 
suchen. Dabei stellte sich heraus, daB diese neunundzwanzig Leute 
Christen waren. Bei dieser Qelegenheit habe ich eine wichtige 
Erfahrung gemacht, es ist die, daB, wenn wir als Nation bestehen 
wollen, wir Leute dieser Art nicht entbehren konnen." 



Aus der Mission der Gegenwart. 



Theologische Weitherzigkeit in der China-Mission. 

Das bekannte Organ der evangelischen China-Missionen „The 
Chinese Recorder" bringt in der Dezember-Nummer 1913 einen 
bemerkenswerten Artikel aus der Feder des Missionars der 
englischen Baptistenmission W. E. Comerford uber „Das Evan- 
gelium und der chmesiche Qeist". Der Verfasser macht zu- 
erst darauf aufmerksam, daB jeder Theologe seine eigenen theo- 
logischen Meinungen habe, und daB kaum einmal zwei die 
gieichen hatten. Die Qeschichte zeige, daB in alien dogmatischen 
K&mpfen die NationalitSt, die Erziehung und das Temperament eine 
wichtige Rolle gespielt haben. „Augustin und Pelagius zum Beispiel 
waren beide gute und f^ige Manner, trotzdem gelangten sie zu ganz 
entgegengesetzten Ansichten iiber die Natur des Menschen und seine 
Verbindung mit Qott." Man sehe auch, daB sich die Begriffe mit der 
Zeit verschieben. In spSterer Zeit hat man Lehren augustinisch ge- 
nannt, die genau das Qegenteil waren von den wirklichen Ansichten 
Augustins. Dasselbe ist, „wenn ein modemer Lutheraner ein Buch 
schreibt mit dem Titel: „Die Qemeinschaft des Christen mit Qott, 
eine Erorterung in Ubereinstimmung mit Luther", und in diesem 
Buche zu SchluBfolgerungen kommt, die wohl imstande sind, zu er- 
reichen, daB Luther sich im Orabe herumdreht". „Die Unterschiede 



— 89 - 

w 

zwischen den verschiedenen Denominationen der Heimat bedeuten 
mehr als bloBe Verschiedenheiten der Praxis und der Lehre. Sie 
sind Ausdrucke verschiedener Typen christiicher Erfahrung und 
christlichen Charakters." Sind nun schon bei uns innerhalb der- 
selben Rasse und desselben Volkes die Unterschiede so tiefgreifend, 
so sind die Unterschiede zwischen den Menschen verschiedener 
Rassen natiirlich noch viel grdfier. „Daruni wQrde es ein sehr 
schlimmer Irrweg sein, wenn wir, Menschen einer fremden Rasse, 
den Chinesen ohne Sichtung unsere Lehren in der Form tiber- 
mitteln wiirden, in der wir sie bekommen haben." „Diese Lehren. 
sind wahr fiir uns, und in ihrem Wesen mogen sie auch allgemeine 
Wahrheit bergen, aber die Form, in der wir sie besitzen, entspricht 
unserer Erfahrung, welche nicht chinesisch, sondern europaisch ist. 
Es mufi aber doch die Erfahrung der lehrhaften Aufstellung (be- 
stimmter S&tze) vorangehen, wenn die Lehren der wahre Ausdruck 
inneren Lebens sein sollen. Wenn wir daher in dem gegenwartigen 
frOhen Zeitpunkt (auf der jetzigen Stufe) den Chinesen viele dog- 
matische, formelhafte Belehrung geben, so stellen wir die natiirliche 
Ordnung der Dinge auf den Kopf." „Wenn wir daher das Evan- 
gelium betrachten, das wir zu verkiindigen haben, so ist es unsere 
erste Pflicht, zu unterscheiden zwischen den wesentlichen und den 
duBeren Bestandteilen (accidentals) des Christentums. Dies fuhrt 
uns zu dem Problem, wie wir das Christentum in einer Form dar- 
bieten kdnnen, welche Raum l§6t fiir eine Auffassung desselben durch 
die Chinesen auf Qrund ihrer eigenen Erfahrung. Ich denke, dies 
kann geschehen durch eine Rtickkehr zum Neuen Testament und 
speziell zur Lehre Jesu, wie sie in den Evangelien enthalten ist. Es 
ist leichter, das jetzt zu tun als in friiheren Zeiten. Friiher kamen 
die Theologen und Kommentatoren an die Schriften heran mit einem 
voUstSndig ausgearbeiteten dogmatischen System in ihrem Kopf, 
und sie waren bestrebt, ohne irgend eine Unredlichkeit dabei zu be- 
gehen, ihre eigenen dogmatischen Ansichten durch den heiligen Text 
rechtfertigen zu lassen. Heute aber ist es dank der historischen 
Methode und der neuen Wissenschaft der biblischen Theologie, 
welcher sie das Leben gegeben hat, das erste Ziel des Bibel- 
Exegeten", sich die Lage auszumalen, in der die Worte entstanden 
sind, und ihren urspriinglichen Sinn zu ermitteln. „Wenn wir so 
zum Neuen Testament zuriiclckehren, was finden wir da? Da ist 
eine sehr geringe Betonung des formalen Dogmas. Anstatt dessen 
finden wir in den Evangelien wenige groQe Ideen, und im Rest des 



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'\ 



- 90 -- 



Neuen Testaments haben wir meistens hohe Einsch&tzungen der 
Person Christi in Verbindung mit einer Betonung des Weges, auf 
dem das Christentum sich selbst auswirkte in dem Leben der ersten 
Christen." 

'' Die Vaterstellung Gottes zu den Menschen, das Reich Qottes 
und der unendliche Wert der Menschenseele, das seien die Haupt- 
wahrheiten des Evangeliums. Soweit das personliche Leben in 
Prage icommt, „kann das Wesen des Christentums bestimmt werden 
als die personliche Verbindung mit Oott in^ und durch Jesus 
Christus". 

Wenn das Christentum in dieser einfachen Form geboten wird, 
so fallt die Qefahr fort, die in China besteht, daB von den Chinesen 
das Christentum aufgefaBt wird „als eine Lehre, die gelemt werden 
mufi'*, anstatt daB man es auffaBt „als ein Leben, das geiebt werden 
muB". Femer hat diese schlichte Form der Verkundigung mehr 
Wirkungskraft, „als eine solche von entwickelterem und theologi- 
schem Charakter". Diese Form der Verkundigung hat schlieBlich 
den Vorzug, daB sie tatsdchlich der alien verg&nglichen und 
wechselnden F o r m e n der verschiedenen theologischen Auf- 
fassungen zugrunde liegende Kern ist, der eine gute Qrundlage der 
Verstandigung ist auch fiir die Missionare, die unter sich sehr ver- 
schiedene Meinungen haben. 

„In einigen Missionen in China haben die Unterschiede in der 
theologischen Auffassung nicht geringe Entzweiungen zwischen 
KoUegen hervorgerufen. Es ist wahrscheinlich, daB in Zukunft die 
theologischen Unterschiede zwischen Liberalen und Konservativen 
eher groBer als geringer werden werden. Es sollte auf dem Missions- 
felde Raum sein fiir Manner beider Arten, und auf Qrund der dar- 
gelegten Richtlinien, glaube ich, kdnnen sie in Eintracht miteinander 
wirken, indem jeder die Oberzeug^ungen des andern achtet und keiner 
unmogliche Kompromisse fordert." 

Diesem Artikel ist bisher nicht widersprochen worden. Wann 
wird dieser Qeist in die d e u t s c h e evangelische Mission ein- 
ziehen? Witte. 

Der Kamiif lun die ReOgionsfreiheit in Cliina. 

Der Kampf der konfuzianischen Kreise gegen das Christentum 
schien eine Zeitlang so erfolgreich zu sein, daB man fiirchten muBte, 
es werde der Konfuzianismus in einer religids zugespitzten Form 
zur Staatsreligion erhoben werden. Diese Lage scheint sich etwas 



— 91 — 

zu bessern. Die Christen haben doch einen erheblichen EinfluB im 
Lande, und auch angesehene nichtchristiiche Kreise Iconnen sich dem 
Eindruck nicht mehr entziehen, daB im Christentum Krdfte liegen, 
die China zu seiner Qesundung nicht entbehren kann. Dem Christen- 
tum kommt dabei ferner zustatten, daB durch die Erhebung des 
Konfuzianismus zur Staatsreligion auch noch andere Religionen 
empfindlich getroffen worden waren, nSmlich der Buddhismus* der 
Islam und der Taoismus. So bildete sich Ende 1913 eine Vereini- 
gung von Vertretern dieser Religionen mit dem Christentum, die 
den Zweck hat, dahin zu wirken, daB in der neuen Verfassung 
Chinas Religionsfreiheit zugesichert werde. Man hat sogar schon 
gewisse MaBregeln festgelegt fiir den Fall, daB doch die Religions- 
freiheit nicht gewShrt werden soUte. Man hatte verabredet, daB 
man dann keine Kinder in die Staatsschulen senden wollte, daB man 
fur die von den einzelnen Religionen dann zu errichtenden oder 
schon errichteten Schulen staatliche Anerkennung und Unterstiitzung 
fordern wollte usw. 

Inzwischen scheint es nun aber, als woUe die Regierung selbst 
einen Kurs einschlagen, der dem Christentum voile Freiheit verbiirgt. 
Davon berichten die „Tsingtauer Neuesten Nachrichten" folgendes: 

^Die evangelischen Christen Pekings haben in den ersten Tagen 
des Dezembers ein Komitee ernannt, welches bei Yuan Shi kai 
und dem zweiten PrSsidenten der Republik Li Yuan hung vorstellig 
werden sollte gegen die Erhebung der Anbetung des Konfuzius zur 
Staatsreligion. Yuan Shi kai empfing die Herren nicht personlich, 
sondern beauftragte seinen ersten Sekretar Liang Chau yi, den- 
selben seine Ansicht iiber die bedeutungsvolle Frage zum Ausdruck 
zu geben. Der Sekretir teilte der Deputation mit, daB der Prasident 
persdnlich nicht giinstig gestimmt sei, den Konfuzianismus zur 
Staatsreligion zu erheben, aber daB er in dieser seiner Stellung der 
Mithilfe aller christlichen Chinesen bedurfe. Eine zweite Konferenz, 
die auf Wunsch des Sekretars am nachsten Tage stattfand, hatte 
ein noch klareres Ergebnis. Es wurde der Kommission mitgeteilt, 
dafi Yuan Shi kai ein noch stSrkerer Qegner der Annahme des Kon- 
fuzianismus als Staatsreligion sei, als sein Sekretar dies dargelegt 
habe. Er wiirde es aber gern sehen, wenn eine groBe Anzahl von 
Petitionen, Resolutionen, Briefen und Telegrammen aus christlichen 
Kreisen ihm zugesandt wiirde, damit er den Konfuzianern darlegen 
kdnne, daB unter den Chinesen eine betrachtliche Opposition gegen 
die Annahme des Konfuzianismus als Staatsreligion vorhanden sei. 



- 92 - 

Der Sekret&r teilte dem Kotnitee mit, Yuan Shi kai glaube, daB die 
Bewegung zugunsten des Konfuzianismus zum groBten Teile 
politisch sei; daB der wirkliche Urheber derselben Kang Yu wei sei, 
und daB das Ziel der Bewegung sei, Yuan in seiner Steliung als 
President zu erschfittern. Wenn man itin zwingen wUrde, die An- 
nahme des Konfuzianismus als Staatsreligion zu begfinstigen und 
MaBregeln in diesem Sinne zu treffen, wurden die fremden Michte 
intervenieren auf Qrund davon, dafi China dann die Vertr&ge ver- 
letzte in bezug auf die staatliche Anerkennung aller Religionen vor 
dem Qesetz, und daB der Pr^ident so das Vertrauen und die Alit- 
hilfe der fremden MSchte, welche er in groBem MaBe besitze, ver- 
Ueren wiirde. Im anderen Falle wiirde der President, wenn er nach 
seiner eigenen Initiative sich der starken Forderung der Konfuzianer 
widersetze, bei den Chinesen unpopular werden, und in jedem Palle 
wurde seine Steliung erschflttert werden. Auf der anderen Seite 
habe Yuan Shi kai das Zutrauen, daB, wenn eine groBe Anzahl von 
Briefen, Telegrammen und Petitionen fur religiose Freiheit gegen 
eine bestimmte Staatsreligion protestiere, die ihm aus alien Qegen- 
den Chinas zugesandt werden mochten, so konne er mit Recht darauf 
hinweisen, daB die Chinesen in ihren Anschauungen iiber diese 
brennende Frage geteilter Ansicht seien, und daB die intelligenteren 
FUhrer und Leiter der Nation es nicht fiir weise hielten, den Kon- 
fuzianismus zur Staatsreligion zu erheben. Die Berichterstatter der 
Kommission teilten in einer groBen Versammlung von evangelischen 
Christen Pekings mit, daB das Argument des chinesischen Pastors 
Liufang aus der Geschichte des Christentums den tiefsten Eindruck 
auf die Reprasentanten Yuans gemacht habe, als er betonte, daB das 
Christentum eher geschwacht als gestarkt worden ware, wo es zur 
Staatsreligion erhoben sei, und daB die Reformation, welche, 
im ganzen angesehen, das Ziel hatte, das Christentum von der staat- 
lichen KontroUe zu befreien und die Kirche von der Herrschaft und 
der Hilfe des Staates los zu machen und auf seine innere Kraft zu 
stellen, dem christlichen Qedanken in der Welt die Bahn bereitet 
habe zur Auswirkung seines befreienden, erlSsenden und v61ker- 
erhebenden Charakters. Wir begriiBen es mit Freuden, wenn die 
Pekinger Konfuzius-Qesellschaft ausdriicklich hervorhebt, sie woUe 
nur verhindern, daB das chinesische Volk seinen Konfuzius vergesse, 
sie wolle das Studium seiner Werke und die Hochhaltung seines 
Namens fdrdern und dafur arbeiten, daB seine Lehren in China ver- 
wirklicht werden. Sie wolle aber in keiiier Weise gegen die 



-.-^ 



Christen, Buddhisten, Mohammedaner oder Taoisten arbeiten, und 
sei uberhaupt gegen die Erhebung irgend eines Bekenntnisses zur 
Staatsreligion." * . ^« V 

Wenn dies letztere wirklich die ehrliche Absicht der besoimenen 
Konfuzianer ist, dann wird sich die Frage der Religionsfreiheit in 
China sichertich bald losen lassen. Denn dem werden auch die 
Christen gem zustimmen, daB die sittlichen Werte des Konfuzianis- 
inus dem chinesischen Volke erhalten bleiben sollen. Nur dafi dann. 
aber auch wirklich Religionsfreiheit herrschend werde, muB man 
fordem. Und daB man nicht doch fiir Konfuzius selbst eine Form 
der Ehrung einf&hrt, die an das Qebiet des Religiosen streift und 
den Christen ein Argernis bleibt. Man sagt ja soviel in den kon- 
fuzianischen Kreisen, daB dem Konfuzius selbst der Qedanke sehr un- 
sympathisch sein wurde, wenn man seiner Person eine dffentliche 
Verehrung erweise. Dann kann man ja erst recht auf eine solche 
Verehrung verzichten. Die bisherigen Konfuzius-Opfer hatten aber 
fraglos religiose Bedeutung. Und das groBe Volk wurde natiirlich 
auch in der Zukunft solche Opfer'religids deuten, selbst wenn die Re- 
gierung sie anders aufgefaBt wissen wollte. 

Man wird also abwarten miissen. Die Entwicklung der Dinge 
in China macht vorsichtig. Selbst wenn die Religionsfreiheit prokla- 
miert wird, wird man abwarten miissen, wie sie ausgeiibt wird in 
der Praxis. Es w&re geradezu erstannlich, wenn sich die Lage in 
China so ganz glatt losen soUte. W i 1 1 e. 



Religionsstatistik der Erde. 

Aus dem neuen religionswissenschaftlichen WQrterbuch „Die 
Religion in Qeschichte und Qegenwart" seien folgende Zahlen 
wledergegeben, die der Unterzeichnete gesammelt hat: 

1. Alrlka. 

Protestantische Christen 2945000 

Katholische Christen 3000000 

Abessynische (monophysitische) Christen .... 3 000 000 

Orthodox-griechische Christen ^ 55 000 

Summe aller Christen 9 000000 

Juden ........ ... . . .'. . . 330432 

Mohammedaner . . . 60000000 

Heiden U0670568 



#" 






- 94 - 

2. Amerika. 

Protestantische Christen 76 356 679 

Katholische Christen 84 691487 

Orthodox-griechische Christen 1 700 000 



Summe aller Christen 162 748 166 

Juden 1300 000 

Heiden 7500000 

3. Asien. 

Protestantische Christen 2400000 

Katholische Christen 11500 000 

Orthodox-griechische (armenische u. a.) Christen . 16000000 



Summe aller Christen 29 900 000 

Juden 472061 

Mohammedaner 169 999 674 

Buddhisten 200000000 

Hmduisten 219000000 

Sikhreligion 2200000 

Shintoisten 21000000 

Tenrikyo-Anhanger (Japan) 7000 000 

Taoisten u. a. Heiden 322 793 658 

4. Australien. 

Protestantische Christen 4276466 

Katholische Christen 1 600 000 

Summe aller Christen 5 876466 

Juden 16 850 

Mohammedaner 23000 

Heiden (einschlieBlich der wenigen Buddhisten) . . 900 000 

S. Europa. 

Protestantische Christen 107 946 035 

Katholische Christen 188982974 

Orthodox-griechische und andere Christen . . . . 111333 211 

Summe aller Christen 408 262 220 

Juden 9021305 

Mohammedaner und andere Nichtchristen ... 7 823 430 

Eine Zusammenfassung der gesamten Ergebnisse zeigt fiir die 
einzelnen Religionen folgende Zahlen: 



- 95 - 

Protestantische Christen 194 530852 

Katholische Christen 289774461 

Orthodoxe (u. a.) Christen . . 131688 211 ^ 

Summe aller Christen 615993 524 

Juden 11140 648 

Mohammedaner 237 846 104 

Buddhisten 200000000 

Hinduisten 219 000 000 

Sikhreligion 2200000 

Shintoismus . 21000000 

Tenrikyo-AnhSnger (Japan) 7 000 000 

Taoisten u. a. Heiden 441 864 226 

Qesamtbevolkerung der Erde 1 756 044 502 

Witte. 

Bficherbesprechttngen. 

M a 1 1 h e s , A., Dr., UvhiKStoiie. Baseler /Missionsbuohhandluns 
1913. 25 Pf. 

Mathews, B.. Livinsstone, der Pfadfinder, ebenda 1913. 2,40 M. 

Wenn man 4ie Namen der MSnner nennt, die als Pioniere der Mission 
in Afrika die Wese geebnet haben, muB man in erster Linie des Mannes 
Sedenken, dessen lOOj^riKen Qeburtstag (tie evangelisdie Ghrtstenheit im 
vers^angenen Jahre in dankbarer Erinnerung gefeiert hat. Die zuerat ge- 
nannte Schriit eignet sich zur Massenverbreitang auf Missionslesten und 
ahnlichen Veranstalttmgen. Sie ist warm und lebendig geschrieben und 
gibt in knappen Ziigen ein usnfassendes Bikl des ^groBen Oottesmamies. 
Das Buch von Mathews bietet in treffticher Obersetzung von Luise Obler 
natiirlicfa mebr. Es eignet sich mehr fur den famiUenkreis und Uetet auch 
dem iCenner des Missionslebens wertvc^es Material zu VortrSgen. Qute 
Bikier und Karten tragen wesentHch zum VerstSndnis der Verhaitnis^ bd. 

Berlin. S c h o 1 1. 

Vortisch-von Vloten. Dr., H., Der Aussatzigen Not in alter 
und neuer Zeit Basel 1913. 20 Pf. 

In lebencHgen Ziigen schildert uns der bekannte Baseler Missionsar/t 
die Not der AussStzigen. Auseehend von den Verheenmgen, welche die 
entsetzUche Seudie zur Zeit des Mitteialters in £uropa angerichtet bat, 
spricht er von den Erfadinmgen, <fie er selbst auf diesem Gebiet in China 
gemacht hat. Erschuttemde Einzelschilderungen dieses Elwids wollen den 
christlichen Leser mit Teilnahme fiir cKese Armsten der Armen erfiillen 
und ihn bereil machen zu tatkr§ftiger Hitie an den erne Million betragendra 
Aussfitzigen Chinas, von denen Wsher nur etwa 3000 menschenwiir<lig ver- 
sorgt sind. Wir wtinschen der Flugschrift weiteste Vertjreitung. 

BerHn. Schott. 



- 96 - 

Hesse. J.. Lao-tsze. efai vorchristUcher Wahrheitsxeuce. Basel 1914. 

Der ehemaHge Mtssionar hat <lie Zeit seines Ruhestandes dazu be- 
nutzt, sich eingehend mit dem chinesischen E)enker Lao-tsze und seiner Ethik 
zn faeschftftfgen und bietet hier m knappen Zfigen einiee Ergefenisse seiner 
Forscshungen. Die mit biblischen Parallelstellen verljundenen 34 Sprflche 
des Weisen und die Winke fiir die apologetische Benutzung derselben bieten 
fiir Missions- und reKgionsgeschichtliche Vortr&ge wertvoUes Material. 
Piir unsere Freunde wird die Tatsache besonders erfreulich sein, daB der 
Verfasser eine wesentKche Anregung zu <fieser Ai1>eit doroh die Lektfire 
des Buches unseres Missionars WUhelm (Laotse Tao te king. I>as Bach 
des Alten vom Sinn und Leben. Diederichs 1911) gewonnen hat. 

Ber&i. S c h o 1 1 

Karl Bornhausen, Hef te der Tkeologisclieii Amerika-Blbllothek. 
QieBen. A. Topehnaiin. 1913. Heft 1 : Das Stixiiam der Religion, Theologie 
und Kirchen Nordamerikas in Deutschland. 44 Seiten. 1 Mark. 

Der Herausgeber hat 1911 eine wissenschaftHche Reise durch die 
U. S. A. untemommen und macht sich nun daran, die dabei gewonnenen 
Erfahrungen und Anregungen zu veroffentlichen. Er unterrichtet uns in sehr 
interessanter Weise iiber die verschiedenen wissenschaftlichen theologischen 
Institute, welche in Amer^a bestedien, und weist unter Bertihrung alter 
tbeologisdien Wissensgebiete besonders aui die religionspsyohologist^en 
Forscbungen der Amerikaner hin. 

Bei der Besprechung der KirchenverhSltnisse wird die eigentflmUche 
Zerrissenheit, welche m dieser Beziehung in NordamerHca herrscht, hervor- 
gehoben, jedoch werden auch die bedeutsamen und emsthaften Einigun^s- 
bestrebungen betont 

SchlieBlich beleuohtet der Verfasser noch das ganze amerikanische 
Volksleben vom religiosen Qesichtspunkte aus und zeigt, wie sehr es von 
Religion durchdrungen ist 

Da bei der gewaltigen and erfolgreic^ien Propaganda der katholischen 
Kirche die Zukunft des Protestantismus wesentUch aoi den Sdiulteni 
Deutsdilands und Nordaonerikas rahen dfirfte, so hat der Ver<asser zweifel- 
los recht, wenn er uns ganz allgemein zur ernstHcben Verstfindigung 
zwischen Deutschland und den Veremigten Staaten auf dem Qebicte des 
Theologischen ai^oidert N o a c k - Reetz. 



Eingegangene Biicher: 

R. Leinweber. Die heilige Schrift in Bildern. Altes und neues Testa- 
ment, farbige Reproduktionen nach Originalen. 14 Kunstblfttter. 

R. Leinweber. Farbige Postkarten, je 5 Serien zu je 12 Karten, altes 
und neues Testament. (Kunstverlag Hans Kdhler & Co., 
Munchen.) - 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gdrlitz, Demianiplatz 28. 



Ansprache bei der Abordnanj^ der Missionare 
Pfarrer Hnnziker and Oberiehrer Dr. Bohner 

am 15. Mftrz 1914, gehalten von D. Aug. Kind. 

Ihnen beiden, Hebe Preunde, ist der Qedanke gekommen und 
zum EntschluB gereift, nach Ostasien zu Ziehen und dort im Qeiste 
des Evangeliums zu wirken. Nachdem Sie sich unserm Missions- 
verein zur Verfugung gestellt und wir Sie n§her kennen gelernt 
haben, sind Sie beide« der eine von uns fiir Japan, der andere ftir 
China gewShlt worden. Ernst ist der Schritt, den Sie tun, und ernst 
sehen wir die Aufgabe an, die wir Ihnen anvertrauen. Dies BewuBt- 
sein hat Sie und hat uns oft bewegt und erfiilit uns besonders in 
dieser Stunde, da Sie feierlich fur Ihre Missionsfelder in der Feme 
abgeordnet werden. 

Der Missionar steht im Dienste des Herrn, dessen Worte, ob 
liimmel und Erde vergehen, nicht vergehen sollen, und der zum 
Heiland aller Volker und aller Zeiten bestimmt ist. So soli seine 
Personlichkeit immer mehr Ihr Vorbild und sein Qrundsatz auch 
der Ihre sein. Er hat ihn einmal ausgesprochen, da er erklarte: 
Ich muB wirken, so lange es Tag ist. (Ev. Joh. 9, 4.) 

Eine Zeit ist fiir die Mission angebrochen, wie seit lange nicht. 
Die Volker von Norden und Siiden, von Osten und Westen riicken 
naher an einander und treten in regeren Verkehr mit ein- 
ander. Aber es werden nicht nur Erzeugnisse des Erd- 
bodens und des menschlichen PleiBes von Land zu Land ausge- 
tauscht, sondern auch die Qedanken und Vorstellungen wandern von 
eincm Volk zum andem. Da hebt ein Ringen der Qeister an, be- 
sonders wenn es sich um die letzten und hochsten Fragen, um die 
des Qlaubens handelt. Wir sind gewiB, daB unser Qlaube der Sieg 
ist, der die Welt iiberwunden hat, und deshalb ist es uns Recht und 
Pflicht, das Evangelium denen zu bringen, die es noch nicht kennen. 
Und gerade in Ostasien wSchst das VerstSndnis, daB alles wahre 
Heil im Christentum beschlossen ist, und fangen immer mehr Tiiren 
an, fiir den Qeist Jesu Christi sich aufzutun. Aber auch in der Heimat, 
auch bei uns finden die Bestrebungen, den Nichtchristen die Segens- 
quellen des gottlichen Wortes zu erschlieBen, immer mehr Anklang 

ZcHachrift f. MUriomknUk a. ReHckmswiawBaduft. 29. Jahrg. H«ft 4. 



M 



96 - 



nnd Wurdigung; die Erkenntnis, daB es eine hohe und heilige Sache 
um die Verbreitung christlicher Wahrheit und christlicher Qe- 
sittung ist, erwacht in immer weiteren Kreisen. 

Wer den Lauf der Dinge in der Welt und die Entwicklung der 
nichtchristlichen Volker aufmerksam und mit dem Auge des Cvan- 
geliums ver^olgt, gewahrt liberrascht: die Ernte ist groB, bekennt 
mit Schmerzen: aber wenige sind der Arbeiter, und folgt dem Rate 
unseres Erlosers: Bittet den Herrn, daB er Arbeiter in seine Ernte 
sende. Auch wir haben es oft bitter cmpfunden, daB die Schar 
unserer Sendboten drauBcn so gering war, und sehnten uns danach, 
ihre Reihen verstSrken zu konnen. Wir waren lange dazu nicht 
in der Lage, sind dankbar, daB es uns nun mdglich geworden ist, 
und haben zu Ihnen beiden das Zutrauen, daB Sie Ihr Bestes Hat 
den neuen Beruf, den Sie antreten, einsetzen und als Ihre Losung 
betrachten werden: Ich muB wirken, so iange es Tag ist 

Es ist ein hohes und verantwortungsvolles Amt, das Sie Ciber- 
nehmen. Nicht, daB Sie die Aufgabe hStten, die Volker, unter die 
Sie treten, zu erlosen. Die Erlosung der Welt ist ein fiir allemal 
durch Jesus Christus geschehen. Aber an Ihnen ist es, die erlosen- 
den, befreienden, emporziehenden KrSfte, die in Christus wohnten 
und von ihm ausgehen, den Japancrn und Chinesen zug^glich zu 
machen. Das ist ein heiliges Werk, aber ist auch ein schwieriges 
Werk. Dazu ist viel Weisheit, viel Geduld, viel Qlaube und Liebe 
vonnoten. Es gilt zunachst, die iremde und uns so fremdartige 
Sprache der Sohne und Tochter Ostasiens zu erlernen, in Wesen 
und Sitten des Landes der aufgehenden Sonne und des Reiches der 
Mitte verstandnisvoll einzudringen und mit Land und Leuten sich 
vertraut zu machen. Nur auf diesem, wenn auch miihsamem Wege 
findet man den Zugang zu den Herzen und Qeistern. Qern werden 
Sie sich dabei von denen beraten lassen, die schon langer drauBen 
an der Arbeit stehen. 

Sie beide Ziehen hinaus als Vertreter deutschen Qeistes. So 
werden Sie den deutschen Namen dort zu Ehren bringen. Auch 
durch Sie beide soil man in Ostasien Achtung vor deutscher Wissen- 
schaft und Bildung erhalten. Aber gleichzeitig und unwillkiirlich 
soil man durch Sie deutsche evangelische Frommigkeit kennen 
lernen und lieb gewinnen. Wie in jedem Volke hat auch in den 
dcutsch sprechenden Landern der christliche Qlaube seine be- 
sondere Form angenommen, und Sie sind froh des Qlaubens, der 
in Ihnen wohnt, des Qlaubens so fromm und frel. 



-A- 



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- ^ - 

Bei der Ausbreitung des Evangeliums, wie sie unser AUgemeiner 
Evangelisch-Protestantischer Missionsverein vor Augen hat, handelt 
cs sich um ein Doppeltes. Der Volksgeist in Japan wie in China 
soli erneuert, soil in seinen Anschauungen und Empfindungen, in 
seinen Qewohnheiten und Bestrebungen durch den christlichen 
Sinn umgebildet werden, daB diese beiden Volker in den Kreis 
echter Kultur, in christliches Wesen, in das Reich Qottes hinein- 
wachsen. Hand in Hand muB damit gehen das Bemuhen, Einzelne 
zu gewinnen und zu beeinflussen, daB sie TrSger des Lichtes wer- 
den, das uns in Jesus aufgegangen ist, und damit ihrem eigenen 
Voike zum Segen gereichen. 

Japan und China sind Lander voll hoher und alter Kultur. Die 
Volker, die dort wohnen, verdienen Achtung und besitzen unsere 
Achtung. Aber in beiden Landern mehren sich die Stimmen, daB 
Jesus und seine Liebe ihnen, da ein Neues bei ihnen werden will, 
die wirksamsten Dienste erweisen konnen. Wir sind bereit, ihnen 
dazu zu verhelfen, aber drSngen ihnen das Evangelium nicht auf. 
Wir bieten es ihnen an und bringen es ihnen nahe, aber iiberlassen 
es ihnen, ob sie das Eine, was nottut, lernen und annehmen wollen, 
und vertrauen darauf, daB der Qeist des Qlaubens, der Hoffnung 
und der Liebe auch dort seinen Weg finden wird. 

Ihre Arbeit an den Herzen und Seelen in Ostasien wird zurzeit 
im wesentlichen darin bestehen, durch Unterricht und personlichen 
Umgang guten Samen auszustreucn. Dazu ist erforderlich, daB 
man selbst festgegrtindet ist im Qlauben an Gott als unsern Vater 
und an den, den er zu uns gesandt hat, Jesus Christus, und daB man 
in sich eine christliche Personlichkeit zur Darstellung bringt. 
Pflichten haben erzieherischen Wert und zwischen unserer Wirk- 
samkeit und dem Werden unsres inwendigen Menschen besteht eine 
Wechselwirkung. Je treuer und selbstloser wir unsere Lebensaufgabe 
erfiillen, desto reifer werden wir in uns, und je tiichtiger, frommer 
und hingebender unsere Seele wird, desto besser sind wir imstande, 
einem hohen Berufe gerecht zu werden. So tretet im Vertrauen auf 
den Qott, der es den Aufrichtigen gelingen laBt, und den Herrn, 
dessen Onade auch in dem Schwachen machtig ist, guten Mutes 
Euer Amt an und haltet in Ehren das Wort: Ich muB wirken, so 
lange es Tag. Gott lasse von Eurer Arbeit Segen ausgehen und 
lasse Eure TStigkeit in denLSndern Ostasiens Euch selbst zum Segen 
gereichen! Das walte Gott! Amen. 



? 



- 100 - 



China im Streben nach westlicher Bildung.'^) 

Von Lie. W. Schfller, Friedenau. 
I. 

Urn fur das heutikeChina das rechte Augenmafi zu be- 
halten, ist es gut, sich immer wieder die QrdBe und zugleich auch 
Tragilc der Katastropiie zu vergegenwartigen, die seit der 
Mitte des vorigen Jahrhunderts iiber China hereingebrochen ist. 
Wir sehen da ein riefiges Reich mit einem unermeBlichen Menschen- 
volk, das durch seine <iu6ere und innere Qeschichte und den sich 
damit vollziehenden Aufbau seiner Qedanken zu der Anschauung 
gekommen war, daB der Umicreis der Jcultivierten Menschheit mit 
dem Umlcreis der chinesischen Macht und Kultur zusammenfalie. — 
Aut einem raumlich bescheidenen Territorium hatte sich in grauer 
Vorzeit diese eigenartige chinesische Kulturmacht gebildet; hatte 
sich dann im Laufe der Jahrhunderte immer weitcr ausgedehnt, 
immer mehr der halbwilden Volkerschaften und schweifenden 
Nomaden an den Qrenzen in seinen Bereich hineingezogen — unbe- 
schadet mancher im Waffenkampi erlittenen Niederlage — bis man 
an Grenzen gekommen war, die einen von der Natur selbst gesetzten 
AbschluB bedeuteten: das unermeBliche Meer im Osten und SUden, 
die Steppe, die Wiiste im Norden und Nordwesten, und die Riesen- 
mauern der zentralasiatischen Berge im Stidwesten und Siiden. Und 
selbst noch je n s e i t s dieser Grenzen setzte sich die Wirkung 
chinesischer Kulturmacht deutlich fort. Was es aber schlieB- 
lich noch dariiber hinaus gab, das lag wie im Nebel; von der Sonne, 
der Sonne am Himmel und der Sonne der Kultur kaum noch be- 
schienen. So auch die femen Inseln im SuBersten Westen, die sich 
urn den Rand des Erdkreises herumzogen, von denen man im Volk 
erzahlte, daB sie von rothaarigen Barbaren bewohnt seien, die es 
verstanden, lange Zeit u n t e r dem Wasser zu leben. 

Im Verhaltnis zu dem gewaltigen Zentralkorper des chinesi- 
schen Reiches und seiner Kultur kam jedenfalls alien anderen an den 
Grenzen befindlichen V51kerschaften und ihren OberhSuptem nur 
der Rang von Trabanten zu, politisch gesprochen von Vasallen; es 
konnte keine Rede sein von gleichberechtigten SouverSnen 
neben dem Sohne des Himmel s. Denn diese Weltanschauung 
fand gleichzeitig von Anfang an ihrei;i religiosen Ausdruck — und 
damit ein Moment besonderer Beharrlichkeit — in diesem Dogma 



*) Vortras, gehalten im Seminar fiir Orientalische Sprachen zu Berlin. 



- 101 - 

t 

von deni Himmelssohn, der itn Auftrage des tlimmels „all 
das, was unter d em Himmel ist" verwaltet. China, das 
Reich der Mitte und „das was unter dem Himmel ist", war ein 
v61iig gleichbedeutender Ausdruck. Und wie es am Himmel nur 
eine Sonne gibt, so konnte es auf Erden nur ein en Himmels- 
sohn, nur einen von Qott beauftragten Statthalter geben. 

Das war das Weltbild, das bis tief in das vorige Jahrhundert 
liinein herrschte und ohne Widerspruch blieb. Dieses Weltbild 
hatte, wie alien bekannt ist, allmdhlich besonders unter der letzten 
Dynastie eine starre dogmatische Form angenommen und viel 
eitler Hochmut wuchs gleichzeitig damit auf. Aber im ganzen 
war es doch ffir China nur das selbstverstandliche Produkt seiner 
SuBeren und noch viel mehr inneren Qeschichte. Der Irrtum, der in 
diesem Weltbild drin steckte, war von Haus aus nicht eine hoch- 
miitige Einbildung, sondern ein Ausdruck der Bedeutung, in welcher 
sich Chhia w i r k 1 i c h die l^gste Zeit seiner langen Qeschichte 
iiber, der ubrigen ihm bekannten Welt gegeniiber fiihlen konnte. 

Da aber nun sehen wir diesem in dem SelbstbewuBtsein 
seiner kulturell-politischen U n i ve r s a 1 stellung groB gewordenen 
Yolke plotzlich unter der empfindlichen 3elehrung europaischer 
Kanonen die Erkenntnis aufgedrtngt, daB es auf Erden noch ein 
anderes Machtzentrum gibt, und daB es seinerseits in dringender 
Qefahr steht, von dieser abendlSndischen Macht hilflos uberrannt 
zu werden. Man wagte freilich lange Zeit nicht, und am wenigsten 
am Hofe des Himmelssohnes, sich dieses furchtbare Faktum einzu- 
gestehen, man schloB die Augen, um das Wetterleuchten 
einer neucn Zeit nicht zu schen, und auch wo die Blitze ein- 
schlugen in das morsche Qebdlk, suchte man den Schaden nur mit 
Papier zu iiberkleben, mit Papier, auf dem der Pinsel die Worte und 
Verse alter Zeit immer nur wiederholte von dem unubertreffbaren 
Besitz hdchster Weisheit, von dem gottlichen Recht des Himmels- 
sohnes und von der Methode, ungehorsame Barbaren zu zahmen. 

Aber freilich muBte der Versuch, auch nach dem Zusammen- 
prall mit der abendlandischen Macht den abendlandischen Qeist 
von sich abzuhalten, sich auf die Dauer als fruchtlos herausstellen. 
Wenn man sich auch dagegen straubte, so konnte man es doch nicht 
wehren, daB — zunSchst freilich nur an der Oberflache und in 
dunnen Rohren — der fremde abendl&ndische Qeist einzudringen 
begann. Ich muB darauf verzichten, bei den einzelnen Faktoren 
u^er zu verweileu, die dahin gewirkt baben, abendlandischen Qeist 



1' 



- 102 



in China sich einsenken zu lassen, oder wenigstcns die Anschauung 
von abendlandischer Art zu vermitteln. Verschiedenes k&me da in 
Betracht. So schon die einfache Tatsache, daB in Hongkong und 
in den anderen geoffneten Platzen europaische Ansiedelungen ent- 
standen; und der Verkehr, der sich aus dem Beruf der Kaufleute und 
Beamten ergab; besonders aber auch die Tatigkeit der christlichen 
Missionare, da ihnen zuerst auch das Innere Chinas sich 
offnete; denn bis heute steht ja lediglich den Missionen das bc- 
deutende Recht zu, nicht nur in den geoffneten PlStzen, sondern in 
jedem beliebigen Teil im Inneren Chinas sich dauernd niederlassen 
zu diirfen. — Von groBter Bedeutung wurde dann seit den siebziger 
Jahren der Anschauungsunterricht vom Abendland, der sich zum 
Erstaunen des Ostens und des Westens an dem so plotzlich umge- 
wandelten Japan darbot. 

Vor allem aber blieb es der politisch-militarische Druck der 
fremden Machte, der fort und fort China empfindlich daran erinnerte, 
daB es mit dem a 1 1 e n Weltbild zu Ende sei und die ehemals 
f e r n e n Inseln zu einer f urchtbar n a h e n Macht geworden waren. 
Ein sogenannter Vertrag nach dem andern wurde China abgenotigt, 
in denen es lediglich Besitztiimer und Rechte herauszugeben hatte; 
ein Stiick seines Qebiets nach dem andern muBte es abtreten, und 
inimer unheimlicher stieg die Angst auf, was daraus noch werden 
solle. Man fiihlte sich (um ein in chinesischen Ausfiihrungen viel 
gebrauchtes Bild zu wiederholen) wie von Tigern umlauert. 

Wie gesagt, 1 a n g e Zeit setzte China alien diesen Bestrebun- 
gen der Fremden, die teils auf China einhdmmerten, teils auf 
geistigem Gebiet in es einzudringen suchten, nichts als Passivitat 
entgegen und verschanzte sich immer wieder hinter dem Satz des 
Mencius: Wohl haben wir da von gehort, daB Barbaren von China 
belehrt (mittels chinesischen Wesens umgewandelt) seien, nie aber 
das Umgekehrte. Indes, diese an sich ja so begreifliche innere Ab- 
wehr gegen das unerbeten gewaltsam aufgenotigte Fremde muBte 
doch e i n m a 1 eine Qrenze haben. Und von dem Augenblick an 
erst, wo dieser Punkt erreicht ist, erwachst aus dem China unter 
dem Druck abendlandischen Qeistes, abendlandischer Macht ein 
China im Streben nach westlicher Bildung. 

An dem Obergang zu dieser neuen Zeit steht die Person Li-hung- 
dschangs. Diese Periode Li-hung-dschangs wenigstens in ihrem 
crsten Teil charakterisiert es, daB fast lediglich dieWaffenund 
die Kriegsmaschinen dasjenige waren, worauf sich das 



- 103 -- 

ff 

dem Westen zugewandte Streben Chinas richtete. — Li-hung- 
dschang war durch den Taipingkrieg in nahere Beziehungen zu 
europSischem MilitSr gekommen. Er muBte sich sagen, daB er die 
Taipings nicht niedergeworfen hatte, ohne die Hilfe englischer und 
franzosischer Waffen und ohne die Hilfe der „Ever victorious army" 
unter Gordons Fuhrung. Was er bei diesem Kampf, jetzt vor funfzig 
Jahren, schStzen gelernt hatte, das wollte er sich und China dauemd 
sichem. Aber er verkannte dabei die inneren Zusammenhange der 
Erfolge europSischer Waffen, wenn er meinte, diese l^gen lediglich 
in den Waffen selbst, den besseren Qeschiitzen und den gepanzerten 
Schiffen. Und wenn er auch weitsichtiger war als seine Regierung, 
so unterlag er doch auch der Tauschung, als ob die Aneignung der 
Machtmittel Europas wesentlich eine Qeldfrage sei. 

Am Qeld lieB er es nicht fehlen, um moderne Waffen und Schiffe 
zu bekommen. Auch Instrukteure berief er und grundete Arsenate 
und baute Festungen. Aber die Einseitigkeit und der Fehler dieser 
Berechnung stellte sich im japanisch-chinesischen Kriege er- 
schreckend heraus. Was die Ausrustung betraf, so stand China 
hinter Japan nicht zuriick, als es in den Krieg zog; mit seinen 
Panzerschiffen war es sogar dem Nachbar iiberlegen, und die 
Festung Lii-schun-kou — uns bekannt als Port Arthur — , fiir deren 
Anlage ungezShlte Millionen verausgabt waren, schien uneinnehm- 
bar. Aber Port Arthur fiel an einem Tage, und die Panzerschiffe 
versanken auf den Meeresboden oder wurden japanische Beute. 
^as half auch die kostbarste und furchtbarste Kriegsmaschine, 
wenn man sie geistig doch nicht meisterte, und dabei die moralische 
Energie ebenso versagte wie die Qranaten, denen die Ziinder 
fehlten! 

Also die Aufgabe, von den Fremden zu lernen, muBte anders und 
tiefer angefaBt werden. Es gait nicht nur die Kriegsmaschinen der 
Fremden zu kaufen, sondern all das exakte Wissen sich anzueignen, 
das sie nicht nur zur Herstellung solcher Maschinen, sondern zu 
ihren sonstigen Erfolgen in Technik und Handel und in der Regierung 
ihrer Staatcn befahigte, und es gait zugleich zu erkennen, was im 
eigenen Staats- und Volksorganismus veraltet und verrottet sei und 
dem den Abschied zu geben. Erst als diese Ziele auf die Fahnen 
geschrieben wurden, nahm das Streben nach westlichcr B i 1 d u n g 
wirklich seinen Anfang, erst d a m i t bcgann, was sachlich gleicli- 
bedeutend ist, die Reformbewegung in China, verwandelte sich die 
bisherige Passivitat den fremden Elnflussen gegeniiber in ein aktives 



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— 104 - 



Eingehen aut dieseiben, in das Streben, sie in einem gewissen Um- 
fange wenigstens nicht abzusto6en« sondern aufzunehmen. 

Die ersten AnfSnge dieser Reformbewegung fielen in das Ende 
der 80er Jahre. Die liervorragendsten Mllnner dieser Bewegung, 
welche zugleich durch ihre Scliriften am meisten dazu beitrugen, 
dem neuen Qedanlcen von den Erfordernissen der Zeit Eingang in 
das Volk zu verschaffen, sind Kang-yu-we aus Kanton nebst seinem 
Schuler Liang-lci-tschau und nach ihm Dsctiang-dschT-dung, einer der 
edelen Vertreter des chinesischen Qelehrtentums, der fast 35 Jahre 
liindurch in seltener Uneigenniitzigiteit den Posten eines Qeneral- 
gouverneurs belcleidete und vor 5 Jahren 75j^rig starb. 

Dschang-dschi-dung hat seine Qedanken in einem damals viel 
genannten Buch ausgesprochen „Der Ermahnung zum Lemen", 
Kang-yu-we in verschiedenen Denkschriften an den Thron, in denen 
er in leidenschaftlicher Sprache seine Ideen ausschiittete und die 
Erfordernisse der Zeit der Regierung predigte. Es lotmt sich, 
wenigstens einige Satze dieser ersten Manifeste kennen zu lernen, 
in denen nun aus China selbst heraus das Strebennachwest- 
licher Bildung sich Ausdruck schafft. Das, was wir da er- 
fahren yon den Motiven,' aus denen die Forderung nach westlicher 
Bildung entstanden ist, und von den Zielen, die dabei ins Auge ge- 
fafit werden, das charakterisiert bis heute einen groBen Teil des 
chmesischen Denkens, das sich mit dem Ausiand befaBt. Kang- 
yu-we und Liang-ki-tschau haben zwar Id Jahre in der Verbannung 
gelebt, aber sie waren doch diese g^ze Zeit uber durch ihre 
Schriften sehr aktiv in China tdtig; und seit dem Bestehen der 
Republik sind sie ja auch personlich wieder nach ihrer Heimat zu- 
riickgekehrt. Liang-ki-tschau hat jetzt den Posten eines Finanz- 
ministers inne; der alte Kang-yu-we hat es abgelehnt, noch ein 
offentiiches Amt zu bekleiden, aber sein geistiger EinfluB ist auch 
jetzt noch bedeutend. 

Ich will einige der wichtigsten Leitgedanken aus dem Werk 
Dschang-dschi-dungsanfuhren; denn es ist das reifere, der gewaltige 
Sturm und Drang, aus dem Kang-yu-wes Denkschriften geboren 
sind, ist da bereits einer ruhigeren Darlegung gewichen, aber es 
sind die gleichen Qrundgedanken, die hier wie dort zum Ausdruck 
kommen*). Man wurde nun freilich sehr irren, wenn man sich vor- 
stellte, daB der groBe Imperativ „Lerne*\ den Dschang-dscbi- 

*) Vergl. O. Franke, Ostasiatische Neubildungen; L. Odentius,Chans- 
chih-tung und die Refornibewegung in China (Der Ferne Osten I). 



T^T^ r-^jT'^'r*- ■•,* r^ :'--:.-'.-:: ■■.^^-.;p'^-.s^»y'5"- 



- 105 - 

dung seinem Volk zurief, lediglich eine Aufforderung dazu enthielt, 
von den Westlandernzu lernen. Nein, den grundlegenden Teil 
des Buches bildet die Aufforderung zu i n n e r chinesischer Reform: 
»,Wir haben den Boden unserer alten guten Qrundsatze verlassen,**, 
so heiBt es, „und aus inneren und praktischen Werten, die wir in 
unserer alten Bildung besitzen, ein formates Qeschwdtz gemacht, 
darum sind wir so heruntergekommen; in hunderttausenden von 
Exemplaren werden unsere Kiassiker verbreitet, aber wo findet 
man zehn, die sie wirklich verstehen und die darin ausgesprochenen 
QrundsStze befolgen?" So stellt sich das ganze Buch Dschang- 
dschi-dungs dar als ein Aufruf zur Umkehr: zuriick zu den 
gesundenQrundsatzendesechtenaltenChinesen- 
tums. Diesen echten alten klassischen Qeist weiB Dschang-<lschi- 
dung nun hinzustellen als einen Qeist, der zwar stets die unvergSng- 
Uchen Orundlagen der eigenen Kultur bewahrt, dabei jedoch ge- 
nugend Beweglichkeit besitzt, um auch die guten und praktischen 
Kennfnisse, welche andere besitzen, von diesen zu iibernehmen. 
Und auf dieser Qrundlage entwickelt Dschang-dschi-dung das 
Programm, welches sich mit den Kenntnissen und Methoden der 
Abendl^der besch^tigt 

Seine dahin zielenden Vorschlage und Porderungen sind 
beherrscht von dem Qedanken „Wissen ist Macht**. An 
Wissen und praktischen Kenntnissen, an Leistungen sind uns die 
Reiche des Westens iiberlegen, daher sind sie machtiger als wir. 
Darum also gilt es, das Wissen der Westl^der uns anzueignen, so 
werden wir auch stark sein. Darum also mussen wir Schulen er- 
richten, in denen die westliche Bildung Ubermittelt wird, es miisscn 
begabtere Schuler ins Ausland geschickt werden, um dort an der 
Quelle zu lernen. Wir miissen in den Weltverkehr mit eintreten, 
wobei man vieles, was man bisher noch nicht gewuBt hat, ganz von 
selbst lemt Wir miissen europdische Biicher iibersetzen, 
das ist noch von groBerem Wert als europaische Lehrer anzustellen; 
und aufklarende Zeitungen sind im ganzen Lande zu ver- 
breiten. Dazu mussen die Unterweisungen in Landwirtschaft, Hand- 
werk und Handel in ganz neue Bahnen gelenkt werden, um den 
Wohlstand zu heben. Den Bergbau miissen wir erlernen und 
betreiben, Eisenbahnen durch das ganze Land bauen und nicht 
zum wenigsten das Heerwesen griindlich reformieren. -- 
Dschang-dschi-dung faBt in der Vorrede seinen Imperativ einmal in 
folgende Satze zusammen, aus denen vor allem die Motive, die zur 



M 



- 106 - 



Keform gefiihrt haben, klar hervortreten. Es heiBt da: „Er- 
kennet die eigene Schmach! Erkeiinet, daB wir schwacher 
sind als das kleine Japan, als Qriechenland, als Siam und Kuba! 
Denkt an die drohenden Qefahren; denkt daran, daB 
es uns ebenso gehen kann wie Indien, Tonking, Agypten und Polen. 
Darum mtissen Reformen eingefuhrt und die Lehrmethoden geandert 
werden. Nicht das Altuberlieferte, sondern das NiitzHche ist wichtig, 
aber bedenkt den eigenen Ursprung, wohl soli man sein Wissen ver- 
mehren, aber man darf die alten Weisen der Heimat nicht dariiber 
vergessen. 

So kam dann mit jenen Reformern der neunziger Jahre der 
groBe ProzeB in Bewegung, daB alle einsichtigen Qeister in China 
die Notwendigkeit erkannten, von den Bewohnern der ehemals 
fernen Inseln jedenfalls soviet zu lernen als notig war, um von ihnen 
nicht fiberrannt zu werden, sondern auf der nun so erweiterten 
Weltbiihne mit ihnen konkurrieren zu konnen. Es ist bekannt, wie 
es Ende der neunziger Jahre einen Augenbiick den Anschein hatte, 
als ob es der Partei Kang-yu-wes und seiner Freunde im Bunde mit 
dem von ihm ganz gewonnenen jungen Kaiser Quang-sQ gelingen 
soUte, mit einem Schlag China in die neuen Bahnen der Reform 
hineinzudrangen, wie dann aber der unkluge, uberhastige Eifer der 
Reformer zu der Reaktion des altkonservativen Qeistes fuhrte, der 
sich in dem Staatsstreich des September 1898 entlud. Aus dem- 
selben altkonservativen Qeist stammt es, wenn zwei Jahre spater 
der Versuch gemacht wurde, um das groBe Problem, welches China 
durch den Westen gestellt war, in der Weise zu losen, daB man 
diesen Westen einfach von sich abschfittelte und die Fremden 
ins Meer jagte. Doch das waren nur voriibergehende RuckstrSmun- 
gen, welche den vom Abendland ausgehenden Druck, der seit dem 
Opiumkrieg im Qange war, nicht mehr hemmen konnten. Nach dem 
niiBgliickten Boxeraufstand vOn 1900 machten sich die in dem 
Reformprogramm von Kang-yu-we und Dschang-dschT-dung aus- 
gesprochenen Forderungen um so tauter geltend, und die Man- 
dschuregierung selbst stellte nun ein weit angelegtes Programm 
auf zur Einfiihrung westlichen Wissens und westlicher Einrich- 
tungen, zur Umgestaltung des alten Universalstaats in einen 
modemen Nationalstaat, und hat dieses Programm wShrend des 
letzten Jahrzehnts ihrer Herrschaft stufenweise zu verwirklichen 
getrachtet. Es liegt nicht im Rahmen dieses Vortrages, auf die 
verschiedenen Zweige jener Reformarbeit einzugehen; nur die Ver- 



— 107 - 

ff 

^derung auf dem allerdings wichtigsten Qebiet, dem Gebiet des 
neuen B i 1 d u n g s w e s e n s , sei ins Auge gefaBt. 

Die Schleuscn wurden weit aufgezogen, um den lange 
zuriickgehaltenen Qeist der Bildung, weichem die Abendldnder 
ihre Uberlegenheit verdankten, auch in China einzuftihren. 
Der uralte Baum, unter dessen Dach bisher allein alle Bildung 
Chinas sich entwickelt hatte, wurde durch die Abschaffung des 
bisherigen Systems der Staatsexamina gefSIlt und neue Pflanzungen 
tratcn an des alten Stelle. Diese neuen Pflanzungen 
bcstanden einerseits in staatlichen Schulgrundungen mit staat- 
lich festgesetztem Lehrplan. Und den Unterricht als solchen, 
um Schuien hatte sich der Staat im alten China ja gar nicht ge- 
kiimmert, sondern nur die groBen Prufungen veranstaltet, auf die 
sich jeder, der tiberhaupt Lust hatte, daran teilzunehmen, privatim 
vorbereitete. In dem Lehrplan dieser neuen Schuien nahm nun 
die westliche Lehre einen breiten Raum ein. Man versteht unter 
diesem Ausdruck alle Fdcher, mit Ausnahme derer, die sich auf die 
chinesische Sprache, Literatur und Geschichte beziehen, also nicht 
nur die fremden Sprachen, sondern besonders auch die Realien jeder 
Art: Rechnen, Mathematik, Qeographie, Geschichte, Naturwissen- 
schaften und Turnen. In weichem Wertverhaltnis man dabei in den 
neuen Schuien die chinesische Bildung und die westUche Bildung zu 
einander gesetzt haben wollte, das spricht sich in einem damals von 
amtlicher Seite her viel gebrauchten Wort aus: dschung hsuch we 
ti, si hsQch we yung. Die chinesische Bildung soil der Korper sein, 
die Substanz, die westliche Bildung diene dem Nutzen, dem Ge- 
brauch, so daB der Korper sich regen und bewegen kann. 

Ein anderer und schneller zum Ziel ftihrender Weg, um die 
Bildung der AbendlSnder sich anzueignen, war neben den modernen 
Schuien im eigenen Land, die Entsendung von jungen Leuten an 
Schuien des Auslandes. 

Indem wir uns nun dieses neue China vergegenwartigen, in dem 
sich in immer steigendem MaBe das Streben nach westlicher Bildung 
geltend macht, interessiert uns nun besonders dieFrage: aus welchen 
Quellen hat China diese nunmehr begehrte westliche Bildung ge- 
schopft, welche Hande haben sich ihm dargeboten, um sein Be- 
gehren zu erfullen und dabei selbst den Gewinn einer engeren Ver- 
bindung mit diesem groBen Zukunftslande davonzutragen? 

Die Statte, von der China zuerst, und von der es am reich- 
haltigsten das neue Wissen geschopft bat, ist Japan. Japan lag 



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V 



— 108 



China ja am nachsten, nicht nur raumlich; uud der Eindruck da von, 
wie das kleine Japanervolk vertndge dessen, was es den Abend- 
landern abgelernt hatte, von Jahr zu Jahr immermehr einrQckte in 
eine den andern Nationen ebenburtige Stellung, mufite auf das 
politisch hilflose China besonders stark wirken. Auf der andern 
Seite aber bestand, durch Jahrhunderte genShrt, eine starke Ab- 
neigung gegen die Japaner; Japan gait auch als eins und zwar als 
eins der gefahrlichsten fremden Raubtiere, die China umlauerten. 
Und niemals kann der gegen Auslander gerichtete HaB groBer ge- 
wesen sein, als der, der sich gegen die Japaner richtete, als diese 
nun wirklich die Krallen des Tigers im Krieg gegen China gezeigt 
hatten. Doch nachdem nun Japan im Kampf mit China seine erstc 
Beute davongetragen hatte, da ver§nderte es seine drohende Haltung 
voUstandig, und setzte alles daran, um die Stimmung in China fiir 
sich zu gewinnen und sich als Chinas Freund und Heifer anzubieten; 
und vor allem richtete es dabei sein Augenmerk darauf, daB China 
aus seiner Hand die neuen Lehren und Kenntnisse empfange, die es 
selbst eben erst gelernt hatte. Denn nichts konnte ihm willkommener 
sein, als ein an Japan sich anlehnendes und von diesem ins Schlepp- 
tau nehmendes China. Dieses Werben um China ist Japan auch fiir 
einige Zeit ausgezeichnet gegliickt. Der japanische CinfluB ver- 
stSrkte sich etwa ein Jahrzehnt hindurch in demselben MaBe, als die 
Reformbewegung wuchs. Die Japaner waren schon den ersten 
Reformatoren, die npch um die Anerkennung der Reformideen zu 
kampf en hatten, der starkste Riickhalt; und als die ganze Reform- 
bewegung zeitweise blutig zusammengeschlagen wurde beim Staats- 
streich des Jahres 1898, da blieb das Nachbarland die ganze Folge- 
zeit hindurch das Asyl der Reformer. Von Japan aus wurde im 
Jahre 1^9 der sogenannte ostasiatische Kulturbund gegriindet, 
dessen vornehmstes Streben sein sollte, zwischen China und Japan 
das Qefiihl der gemeinsamen Kultur und der kulturellen sowie politi- 
schen Zusammengehorigkeit zwecks gegenseitiger Forderung aller 
nationalen KrSfte zu starken. Und die chinesische Regierung selbst 
zeigte sich gewillt, auf die japanische Werbung einzugehen. Denn 
man hoffte eine Zeitlang, in der Anlehnung an die Japaner, mit 
denen man durch die Einheit der Schrift, der Literatur, der kon- 
fuzianischen Ethik und buddhistischen Religion verbUnden war, 
einen natiirlichen Bundesgenossen gegen die immer st&rker an- 
drdngende Macht der Abendl^der zu finden. Als daher nach 1900 
die Reformbewegung von der Regierung selbst aufgenommen wurde. 



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- 109 - 

da warf man sich den Japanern stark in die Arme und gestattete 
ihnen gerade in den jetzt wichtigsten Fragen des Bildungswesens 
einen groBen EinfluB. Es waren vor allem Japaner, welche an 
die neugegrundeten cliinesischen Staatsschulen als Lehrer berufen 
wurden und nicht weniger als Instrukteure der Armee. Und 
Japaner organisierten neben ihrer Lehrtatigkeit eine ausgedehnte 
Obersetzungst^tigkeit, die sich auf alle Wissensgebiete erstreckte, 
hauptsSchlich iiir den Schulgebrauch zugeschnitten. Seit jener Zeit 
auch verftnderte sich das Kleid der chinesischen Sprache durch die 
zahlreichen neuen eben in Japan vor allem gepragten Ausdriicke, 
um Aquivalente fur die neuen Begriffe der Wissenschaft und des 
modemen Lebens zu geben. Japaner durchwanderten damals die 
femsten StSdte Chinas, wenn auch in keincr anderen Eigenschaft, 
denn als sorgfaltige Beobachter. Auch die Begriindung einer 
japanisch-buddhistischen Mission in China wurde damals versucht, 
und fiir diese Missionare dieselben Rechte in Anspruch genommen, 
wie fiir die Sendboten der christlichen Staaten. In Chekiang und 
Pukien entstanden auch vereinzelt japanische Schnlen, und mit 
japanischem Qeld wurden chinesische Zeitungen gegriindet, die der 
Aufkl&rung und Porderung der Bildung dienen, aber damit zugleich 
im Sinne der japanisch-chinesischen Rassenverbriiderung mit der 
Spitze gegen Europa wirken sollten. Vor allem aber forderten die 
Japaner den Zug der chinesischen Jugend nach Japan, damit sie an 
den japanischen Unterrichtsanstalten die auslandischen Wissen- 
schaften studieren konnten. Und China nahm den Ruf an. Wenn es 
sich nun doch einmal darum handelte, in das Ausland zu gehen, so 
empfahl sich Japan, abgesehen von den schon genannten inneren 
Qrunden, fiir die Menge hauptsachlich auch dadurch, dafi die Reise 
nach Japan und der Aufenthalt dort am wenigsten Kosten machte, 
und dafi den jungen Chinesen dort ein verwandtes Milieu umfing. 
So stieg denn die Zahl der in Japan studierenden Chinesen auBer- 
ordentlich schnell; es handelte sich dabei sowohl um sogenannte 
Regierungsstudenten, die auf Staats- oder Provinzialkosten geschickt 
wurden, als auch um solche, die aus eigenem Antrieb hingingen. 
1901 hatte die chinesische Regierung iiberhaupt erst die groBe 
Wendung vollzogen und vom Ausland zu lemen beschlossen. 1903' 
finden wir 1000 chinesische Studierende in Japan, nur 4 Jahre spater 
sind es mindestens 15.000. Welchen Wert Japan auf die Anwesen- 
heit der chinesischen Studenten legte, daftir ist ein Symptom, daB 
selbst wfihrend des Krieges mit RuBland, in einer Zeit, als es alle 



t 



- 110 - 



seine Krafte anspannen muCte, die japanische Regierung dennoch 
dafiir sorgte, daB der Unterricht fiir die chinesischen Studenten fort- 
gesetzt werden Itonnte. 

Indes, die Japan-Begeisterung kiihlte sich schnell genug wieder 
ab. Vor allem enipiand die chinesische Regierung groBe Reue, den 
Zug nach Japan so befordert zu haben. Denn mit Schrecken er- 
kannte sie, daB das, was die chinesische Jugend vor alien Dingen 
in Japan lernte, in einer radikalen Kritik an alien MaBnahmen der 
heimischen Regierung bestand, die sich in maBloser Sprache Luft 
machte und im geheimen durch das ganze Land, besonders in den 
Schulen, eine wirksame revolutionare Propaganda entfaltete. Die 
aus Japan zuruckgekehrten Studenten waren damals der Schrecken 
der alten Mandschu-Beamten, und bei den Schulinspektionen pflegte 
cine Warnung vor dem aus Japan kommenden Gift niemals zu 
fehlen, was natiirlich trotzdem nicht hinderte, daB das in Japan 
lierausgegebene Organ der revolutionSren Partei, die in Wort und 
Bild maBlos hetzende „Volkszeitung'*, in die Stuben der Schiiler 
eingeschmuggelt und eifrig gelesen wurde. Auch mit den japani- 
schen Lehrern an den chinesischen Schulen machte man schiechte 
£rfahrungen. Man merkte, daB sie ihr Bestes doch nicht gaben 
und nur bis zu einer gewissen Stufe hin die chinesischen Schiiler zu 
fordem gewillt waren. Es stimmt dies dazu, daB in japanischen 
Militarschulen die chinesischen Schuler einfach hinausgehen muBten, 
wenn der Dozent in seiner Unterweisung an einen ihm besonders 
wertvoll diinkenden Punkt kam. Und im ganzen chinesischen Volk 
schlug die Stimmung gegentiber den Japanern wieder urn, als man 
nach dem russisch-japanischen Krieg deutlich merkte, wie sie die 
Russcn nur deshalb aus der Mandschurei hinausgedrangt hatten, 
um sich selbst dort festzusetzcn, und daB sie dabei mit nicht weniger 
Rucksichtslosigkeit gegen die in der Mandschurei ansassigen 
Chinesen verfuhren als die Russen. 

Ein Symptom dieser allgemeinen Abkiihiung war der Riickgang 
studiercnder Chinesen in Japan. Von 15.000 im Jahre 1908 sank die 
Ziifer Ende 1910 herab auf 2000. Der Ausbruch der Revolution 1911 
hatte natiirlich zur Folge, daB die studierende chinesische Jugend 
in Japan, welche ja so eifrig zum Kampfe gegen die Dynastie ge- 
hetzt hatte, nach China zuriickkehrte, um auch mit dabei zu sein. 
Jetzt, nachdem die Republik in China auBerlich durchgesetzt ist, 
nimmt auch die Zahl der in Japan Studierenden wieder zu. Sie be- 



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- Ill — 

trug vor einem halben Jahr 3000 und ist im l^tzten Semester noch 
welter gestiegen. * 

Die Tatsache bleibt jedenfalls im Riickblick auf das Verhaitnis 
Chinas zu Japan bestehen, da6 China die Elemente der neuen 
Bildung in erster Linie aus Japan bezogen hat und auch jetzt noch 
numerisch in starkstem MaBe von dort bezieht, zugleich aber auch 
die andere Tatsache. daB diese Beziehung einstweilen wenigstens 
nicht in der Richtung wirkt, um das Qeftihl der Zusammengehorig- 
keit der beiden Volker zu starken. Ich kenne die Japaner als Volk 
selbst nicht, und weiB nicht, inwieweit es zutrifft; aber man hort in 
China wenigstens, auch bei denen, die lange driiben gewesen sind, 
immer wieder die Klage dariiber, von dem Nachbar hochmiitig be- 
handelt zu werden, und empfindet das Demiitigende um so mehr, als 
man sich wohl bewuBt ist, daB Japan seinerseits von China her einst 
die gesamten Qrundlagen seiner Kultur bezogen hat: die Schrift, 
die Literatur, die konfuzianische Qesittung, die QrundsStze der Sitt- 
lichkeit fur den Einzelnen und fiir den Staat, die Kunst und die 
Religion. Noch ein anderer Umstand kommt in Betracht. Wer 
nach Japan geht, um abendlandische Bildung sich anzueignen, der 
befindet sich damit nicht an der Quelle. Weil es soviel bequemer 
und billiger ist, darum gehen so viele dahin; wer aber griindlicher 
studieren will, der wendet sich auch Jetzt noch an die Lander des 
Wcstcns, in das eigentliche Ausland; oft auch nachdem er schon 
jahrelang in Japan studiert hat. Von neuem erhebt sich da fiir uns 
die Prage, die zur Qesamtorientierung uber die Stellung Chinas von 
groBter Wichtigkeit ist, von welchem geistigen Bezirk her China 
das nimmt, was es in der neuen Zeit braucht, im AnschluB. an 
welchen Kulturkreis China seine Verbindung mit der abendlandi- 
schen Kultur voUzieht. 

Da steht denn bei weitem an erster Stelle Amerika. Schon vor 
9 Jahren betrug die Qesamtzahl amerikanischer Schulen in China 
mehr als 1000, heute (siehe China-Mission Year Book, 1913) sind es 
beinahe 2000, von denen 252 mittlere und hohere Schulen sind, mit 
insgesamt mehr als 63.000 Schulern. Und die Zahl der in Amerika 
studierenden Chinesen ist heute mit rund 850 groBer als die ent- 
sprechende Zahl in alien Staaten Europas zusammengenommen. Und 
starker als es bei Japan der Fail ist, bedeutet diese Tatsache zu- 
gleich eine wirkliche Einwirkung des amerikanischen Qeistes auf 
den chinesischen, und ubt in China selbst einen starken EinfluB in 



- 115 - 

erster Linie auf das Bildungswesen, aber auch auf viele andere 
Qebiete des offentlichen Lebens. 

Nicht zufSllig ist Amerika zu dieser Stellung gekommen. In 
den diplomatischen Beziehungen Amerikas zu China ist es seit 
iangem vorbereitet. Amerikas Politik in China hat sich von der 
der anderen Machte, vor allem Englands, immer abgehoben, und 
zwar nach der Seite hin, sich den Chinesen freundlich zu zeigen 
und Konzessionen zu machen, welche die andern ablehnten. Als 
die EnglSnder vor dem Opiumkrieg es mit ihrer nationalen Ehre 
unvprtr^lich fanden, sich weiter unter die chinesische Juris- 
diktion zu stellen und daher geschlossen aus Kanton auswanderten. 
lehnten die Amerikaner, welche nachst den EnglSndem am stdrksten 
beim Kantoncr Handel vertreten waren, ein Zusammengehen mit den 
EnglSndem ab und unterschrieben ausdriicklich den vom Vizekdnig 
aufgestellten Revers, durch den sie sich der chinesischen Juris- 
diktion und der chinesischerseits ihnen auferlegten freiheits- 
beschrSnkung unterwarfen. Ebenso beteiligten sie sich nicht an 
dem zweiten Krieg gegen China, worauf England bestimmt ge- 
rechnet hatte; aber sie waren die ersten, um (wie freilich spdter 
auch die andern am Welthandel beteiligten Nationen) die von den 
Englandern errungenen Vorteile auch ihrerseits sich zu eigen zu 
niachen. Und wahrend im Jahre 1859 die EnglSnder und Franzosen 
sich mit guteu Griinden weigerten, die Ratifizierung ihres Vertrages 
in Peking vorzunehmen, waren die Amerikaner entgegenkommend, 
und vertrauten sich der chinesischen Eskorte an, von der sie in unbe- 
quemen Karren nach Peking gebracht wurden; kamen allerdings 
trotzdem nicht zum Ziel. — Solche Beispiele eines separaten Vor- 
gehens der amerikanischen Politik sind in der Polgezeit noch hSufig 
gewesen. Vor allem waren die Amerikaner spSterhin in der giinstigen 
Lage, sich dadurch von andern QroBmSchten abheben zu kdnnen, 
dafi sie in China keine Qebietsabtretungen getordert haben. In Wahr- 
heit ist ja dieser Ruhm nicht so sehr groB, denn Amerika bekam 
gerade in den entscheidenden Jahren der Pachtungen durch die 
Philippinen das, was andere schon hatten, und was uns Deutschen so 
empfindlich fehlte, einen Flotten- und Handelsstutzpunkt im femen 
Osten. Aber in chinesischen ZeitungserSrterungen wird darauf 
immer wieder besonders groBer Wert gelegt: ^Amerika hat uns nie 
mit Qewalttat behandelt, Amerika hat keinen FuBbreit chinesischen 
Landes besetzt, Amerika ist ein wahrhaft zivilisiertes Land." — 
Amerikanlsche StaatsmSnner sind sich fruh darOber klar gewesen, 



- m-. 

aus "welchem Qrunde sie so eine besondere Stellung zu China ein- 
nahmen. Eben well sie die gewaltige Bedeutung voraus erkannten, 
die es haben tnuBte, wenn das riesige China mit seinen unbe- 
grenzten Entwicklungsmoglichkeiten in den Weltverkehr eintreten 
wurde, und weil sie die erst en sein wollten, um zu dem Leben 
dieses* eben erst gewissermaBen neu entdeckten Menschenvolks 
in die engsten und fruchtbarsten Beziehungen zu treten. Vor mehr 
als 60 Jahren schon, 1852, sprach im amerikanischen Senat der 
Staatsmann Seward mit Bezug auf Cliina folgende Worte (s. Arthur 
H. Smith, „China and America to-day'\ Seite 195 f.): „Selbst die 
Entdeckung unseres Erdteils und die Organisation einer neuen Qe- 
sellschaft auf diesem Boden ist nur etwas VorlSufiges und hat nur 
einen untergeordneten Wert gegeniiber der Tatsache, daB die beiden 
Kuituren, welche einst vor 4000 Jahren von den Hochebenen Zen- 
tralasiens aus nach Osten und nach Westen auseinandergingen, jetzt 
wieder im Begriff sind, an den Kiisten des Stillen Ozeans sich zu 
vereinlgen; wahrhaftig, ein Ereignis von gleicher Erhabenheit und 
Bedeutung hat sich noch nicht ereignet auf Erden. Wer sieht nicht, 
daB, wenn auch in Zukunft europaischer Handel, europSische Politik, 
europdische Ideen, europSische BetStigungen tatsSchlich noch von 
Jahr zu Jahr sich steigern, und die Beziehungen zu Europa einst- 
weilen noch an Innigkeit zunehmen werden, dennoch diese Be- 
ziehungen schlieBlich zur Bedeutungslosigkeit herabsinken mussen; 
wShrend der Stille Ozean mit seinen Kiisten, Inseln und den weiten 
Lftndermassen hinter ihnen der Hauptschauplatz der 
Weltbegebenheiten werden wird! Wer sieht nicht, 
dafi diese Entwicklung der Dinge den Erfolg haben muB, unsere 
eigene vdllige Befreiung von den Oberresten europaischen Ein- 
flusses und Vorurteils zu bewirken und andererseits amerikanische 
Anschauungen und amerikanischen EinfluB auf jenem Boden zu 
verbreiten, der von der aufgehenden Sonne zuerst gegriiBt wird." 
Vor 60 Jahren mogen diese Worte auch in Amerika noch ehi 
beschrSnktes Verst^dnis gefunden haben, heute, zumal in dem 
Jahre der Eroffnung des Panamakanals, werden sie mit Jubel 
wieder aufgenommen und finden ein ailgemeines Echo. Allerdings 
wurden die wirklich weitblickenden, aufs QroBe gerichteten Ziele 
der amerikanischen Politik China gegeniiber zeitweise stark ver- 
dunkelt und zwar durch die schmahliche Beliandlung, welche die 
chinesischen Arbeiter in Amerika erdulden muBten, denen man 
doch vorher in dem Sinne jener liberalen, entgegenkommenden 



-.; \. ^;: %,:-yA-;j,: 



- 114 - 

Politik durch Staatsvertrag das Kommen erlaubt hatte. Hunderte 
von Chinesen sind etwa innerhalb 25 Jahren dem Rassenvorurteil 
und Konkurrenzgeist des amerikanischen Pobels zum Opfer ge- 
fallen. Aber nicht nur Arbeiter, auch gebildete Chinesen, Studenten 
und angesehene Kaufleute batten lange Jahre hindurch Qrund zu 
gerechten Beschwerden, indem man sie bei ihrer Ankunft in Sap 
Francisco einfach als Kulis behandelte, auch wenn sie einen Emp- 
fehiungsbrief von chinesischen Vizekonigen bei sich trugen. 

Indes diese ganze Periode der schlechten Behandlung der nach 
Amerika gekommenen Chinesen muB als ein Widerspruch be- 
trachtet werden gegen das schon friih und deutlich erkannte groBe 
Ziel amerikanischer Politik, das PrSsident Hayes 1870 in seiner 
Botschaft an den KongreB in den Worten aussprach: „China unsere 
Zivilisation und Religion eroffnen! In dem chinesischen Volk die 
Produkte unserer Arbeit, unserer Industrie, unserer Verbesserungen 
auf dem Qebiet des auBeren Lebens verbreiten und zugleich die 
Anschauungen von Regierung und Religion, welche uns so wichtig 
fUr die Wohlfahrt der Menschheit zu sein scheinen." Als es nun im 
Jahre 1905 dazu kam, daB das durch die japanischen Siege iiber 
RuBland auch in China gewaltig gestarkte nationale SelbstbewuBt- 
sein endlich einen deutlichen Protest gegen die unwiirdige Behand- 
lung der Chinesen in Amerika einlegte (namlich durch einen Boykott 
amerikanischer Waren), da rief dies Amerika wieder voUig zuriick 
auf die eigentliche Bahn seiner chinesischen Politik. Man 
suchte nun durch verdoppelte Anstrengungen wieder gutzumachen, 
wodurch man China gekrankt hatte, und da inzwischen ja nun die 
Neubildung Chinas durch die Reformpolitik der Regierung krSftig 
in Gang gekommen war, an dieser Neubildung um so ernstlicher 
sich zu beteiligen; und zwar vor allem beim Unterrichtswesen. 
Langst war es ja in Amerika ausgesprochen worden, daB in dem- 
selben MaBe, in welchem Amerika der Lehrmeister des neuen China 
werden wUrde, die darauf aufgewandten Muhen und Kosten sich 
reichlich lohnen miifiten, auch in materiellem Qewinn. — Das deut- 
lichste Zeichen dafiir, wie wichtig Amerika die hier beriihrten Zu- 
sammenhange erachtete, war der im Sommer 1908 erfolgte a u B e r - 
ordentlich wichtige Schritt, daB Amerika auf die ihm 
von China geschuldete Entschadigungssumme aus den Boxerjahren 
verzichtete und daran keine andere Bedingung kniipfte als die, daB 
China jahrlich eine namhafte Anzahl von Studenten nach Amerika 
hiniiberschicke, damit sie dort ihre Ausbildung erhielten. Die Zahl 



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- 115 -^ 

der'zu sendenden Studenten wurde zunSchst auf jShrlich 100 
w&hrend der ersten vier Jahre festgesetzt; in den folgenden Jahren 
bis zum Jahre 1940 soUen es jSlirlich mindestens 50 sein. Es wurde 
ferner eine besondere Schule in China gegrundeU welche begabte 
juuge Leute auf die Studienzeit in Amerika direkt vorbereiten sollte, 
damit sie dort ohne weiteres den Vorlesungen und Obungen folgen 
k6nnten. Es verdient erwahnt zu werden, daB diese hdchst be- 
deutungsvolle Aktion der amerikanischen Regierung seitens ameri- 
kanischer akademischer Lehrer selbst vorbereitet war. So hatte 
der Rektor der Universitat Illinois Anfang 1906 ein ausfiihriiches 
Memorandum fiir den Prasidenten und fur die Offentlichkeit ver- 
faBt uber die allgemeine nationale Wichtigkeit der Heranziehung 
chinesischer Studenten. Und noch vordem die Regierung den 
Schritt getan hatte, sandten die Universitaten von Harvard und 
Yale ihrerseits Einladungen an die Jugend Chinas, ihre Studien in 
Amerika zu betreiben oder zu vollenden, und trafen Vorrichtungen, 
um den betreffenden Studenten in jeder Weise den Aufenthalt und 
das Studium in den amerikanischen Schulen zu erleichtem. Als das 
Resultat dieser Bemuhungen finden wir dann, daB die Qesamtzahl 
der Chinesen auf amerikanischen Schulen, welche im Jahre 1905 
nur 80 betrug, 6 Jahre spSter auf 650 gestiegen war und heute, wie 
erwdhnt, schon 850 betrSgt. 

Dieser Erfolg amerikanischer Politik steht aber zugleich im 
engsten Zusammenhang mit der Arbeit, die von Amerika aus schon 
seit langen Jahren auf chinesischem Boden selbst getan ist. Es 
handelt sich da um die Unterrichtstatigkeit der amerikanischen 
Missionen. Es lohnte sich, erne besondere Skizze dieser amerikani- 
schen Pionierarbeit in China zu geben. Ich will mich beschranken, 
an die amerikanische Tatigkeit in der uns Deutschen infolge 
unserer Kolonie Kiautschou besonders naheliegenden Provinz 
Schantung zu erinnem. Da kamen Anfang der sechziger Jahre zwei 
junge Amerikaner schiffbriichig an die Kiiste von Schantung, die 
entschlossen waren, ihre Lebensarbeit China zu widmen. Der eine 
von ihnen, Mateer, grundete 1864 eine Schule in Tengtschoufu, 
welche einen bedeutenden EinfluB ausgeiibt hat sowohl durch die 
aus dieser Schule hervorgegangenen Lehrer und Prediger, als auch 
besonders durch die von Dr. Mateer und seinen KoUegen herge- 
stellten ersten Lehrbucher allgemeinen Wissens, welche weit fiber 
Schantung hinaus eine groBe Verbreitung fanden. Diese Schule, 
welct^e ihren Abiturienten das Diplom eines Bakkalaureus aus- 



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- 116 - 

stellt, wurde spater in den Mittelpunkt der Provinz nach Weihsien 
verlegt; dort wurde sie bei den Boxerunruhen 1900 zerstSrt, aber 
in welt groBeren Dimensionen wieder aufgebaut. Wie eine Stadt 
fttr sich, wie ein romisches Kastell im Qrenzland, so liegt diese 
Anstalt des Weihsien-College vor den Toren der eigentlichen 
Chinesenstadt. Der Anblick ist ein Erstaunen fiir jeden, der zum 
ersten Male mit der Schantung-Eisenbahn hier vorbei fShrt. Natiir- 
iich ist eine solche Anstalt mit den reichhaltigsten Lehrmitteln aus- 
gcstattet, nicht einmal an einer Stemwarte fehlt es. 1905 ver- 
einigte sich dieses Weihsien-College mit der Schule der englischen 
Mission in Tsingtschoufu zu dem Plan, eine gemeinsame ameri- 
kanisch-englische Schantung-UniversitSt zu grtinden. Ein Zweig 
dieser ,3chantung Christian University" besteht in Weihsien, ein 
anderer in Tsingtschoufu, der dritte mit der medizinischen Pakult&t 
in der Hauptstadt Tsinanfu. Aber auch dieses ist nur die Vor- 
bereitung zu dem noch weiteren Schritt, eine QesamtuniversitSt in 
der Provinzialhauptstadt selbst zu errichten, wobei man Wert 
darauf legt, auf diese Weise in nSheren Kontakt mit den hdheren 
Beamten zu kommen und an dem Kreuzungspunkt zweier groBer 
Bahnen einen ausgedehnten EinfluB gewinnen zu konnen. Das ist 
die Schantung-Universitat mit ihrem Stabe von insgesamt 
27 Lehrern. AuBerdem gibt es aber noch an zahlreichen andem der 
wichtigsten Platze Schantungs amerikanische Stationen mit ins- 
gesamt 191 Missionsarbeitem, MSnnem und Prauen. Doch Schan- 
tung, wie bedeutend hier auch der amerikanische EinfluB im Er- 
ziehungswesen ist, nimmt dabei nicht einmal eine Ausnahmestellung 
ein. Ich habe vorhin schon die erstaunlichen Zahlen aus der letzten 
Statistik, betr. die amerikanischen Schulen in China, genannt. Ich 
mochte hier noch erwahnen, daB die Amerikaner schon vor 
mehreren Jahren sich rtihmen durften, daB von den 14 Colleges in 
China, welchen das Kecht zusteht, einen akademischen Qrad zu 
verleihen, 12 amerikanisch sind*), und daB bei der Educational 
Association of China, einer Vereinigung, welche alle in China 
wirkenden ausl^dischen Lehrer zu umfassen bestrebt ist, 77 Proz. 



>-*) Das „Canton Christian College and University School* mit 21 ameri- 
kanischen. 35 chinesiscihen LehrkrSften und 428 Scfriilem ist von der Mission 
losgdost und durch besonderes Patent als Zweisanstalt der New Yorker 
Universitat anerkannt worden. — Ebenso verhait es sich mit der Universitit 
von Nanking der Boone-UniversitSt «i WutsduuiK (za Columbia U. S. A. 
sdiOris) and der kn Entstehen begriffenen Yale-UniversitSt m Tschangscha 
(Hunan). 



- 117 - '-'■::_■'-' 

Aincfikaner waren. Dazu tritt eine ausgedehnte PreBtatigkeit; fur 
die Verbreitung von Lehrmittelliteratur, von wissenschaftUch popu- 
laren Werken, nicht zum wenigsten auch fur die Verbreitung christ- 
licher Schriften sorgen 9 amerikanische Druckereien, die jahrlich 
etwa 120 Millionen Druckseiten produzieren. Das amerikanische 
Unterrichtswerk in China steht natiirlich in engstem Zusammenhang 
mit dem in Amerika selbst. Es war ein amerikanischer Missionar, 
Dr. Brown, welcher im Jahre 1872 zum ersten Male junge Chinesen 
nach Amerika brachte, und auch heute sind es gewiB mehr 
als die Htlfte der in Amerika lebenden Studenten, welche 
durch die amerikanische Unterrichtstdtigkeit in China veranlaBt 
sind, sich zu weiterem Studium m das Heimatland ihrer bisherigen 
Lchrer zu begeben. Ich darf hierbei wohl erwahnen, daB auch der 
Jetzige chinesische Qesandte in Berlin, Verfasser eines sehr ge- 
schStzten zweibandigen englisch-chinesischen Lexikons, seine Aus- 
bildung in Amerika durchgemacht und an der UniversitUt von 
Virginien zum Doktor promo viert hat. 

Noch verdient in diesem Zusammenhang eine ausgedehnte. In 
China bestehende Organisation ErwShnung, die von Amerika aus 
geleitet wird, von Jahr zu Jahr an EinfluB zunimmt, zum Teil sich 
direkt mit Unterricht befaBt und jedenfalls in ihrer Qesamtheit 
dahinwirkt, um den Biidungsbedurfnissen Jungchinas entgegenzu- 
kommen. Das ist die Young Men Christian Association. 
Man darf sich unter dieser Organisation keineswegs etwas kh'ch- 
lich Oder religios Enges vorstellen. Ihr Programm lautet: „allseitige 
Entwicklung", und Nichtchristen konnen ebenso gut Mitglieder sein! 
In Schanghai bot sich mir am besten Qelegenheit, die Wirksamkeit 
dieser Organisation kennen zu lernen. Dort wurde der betreffende 
Verein im Jahre 1900 gegriindet; seine Mitgliederzahl betrug da- 
mals 16. Heute verfiigt der Verein, seit 1907, iiber eins der statt- 
lichsten QebSude der ganzen Stadt, das mit einem Aufwand von 
400.000 M. gebaut ist, von welcher Summe etwa zwei Drittel von 
Preunden aus Amerika geschenkt sind. Da die Mitgliederzahl aber 
stdndig w&chst und jetzt beinahe 2000 betr§gt, ist ein Erweiterungs- 
bau bereits beschlossen, fur den wiederum ein Preund aus Amerika 
100.000 Dollar zur Verfiigung gestellt hat. Was der Verein in diesem 
GebSude semen Mitgliedcrn bietet, ist auBerst mannigfaltig. Da 
werden VortrSge gehalten fiber die verschiedensten Wissensgebiete, 
fiber Physik und Chemie, fiber Luftschiffahrt, drahtlose Telegraphic 
mit Modellen und Lichtbildem, andererseits fiber Qeschichte und 



^ 



^ 



- 118 - 



Qeographie, Nationaldkonomie und Staatswisscnschaften, und uber 
das Wesen und die Vorzuge der republikanischen Staatsform. An 
anderen Abenden wieder gibt es musikalische oder kinematographi- 
sche Vorfuhrungen, oder die Turaabteilung zeigt ihre Kunste. Da- 
neben aber leistet der Verein auch unmittelbare Schularbeit. In 
Schanghai unterhSlt er eine Mittelschule mit sechsjfthrigem Kursus, 
die von 400 Schiilern besucht ist. Der geplante Erweiterungsbau 
soil Raum fiir 500 bieten und auBerdem ein Alumnat ffir 100 aus- 
wSrtige Schuler angegliedert erhalten. Dazu treten Fortbildungs- 
kurse fur Erwachsene am Abend, an denen ebenfalls mehrere 
Hundert teilnehmen, und bei denen in Englisch, Franzosisch, in 
Buchhaltung, Maschineschreiben und kaufm^nnischer Praxis unter- 
richtet wird. Der Verein hat auBerdem in Amerika — wie auch 
in Japan — Studienheime gegriindet, welche den Neuankdmmlingen 
ein schnelles Einleben und ein ergiebiges Ausnutzen ihrer Studien- 
zeit ermoglichen. Diese Vereuiigungen der „Young Men Christian 
Association" linden sich jetzt in fast alien Provinzen Chinas und 
sind zurzeit in einem rapiden Wachstum. Ihre H§user oder Heime 
vereinigen in sehr geschickter Weise die Annehmiichkeit, die ein 
Klub bietet, mit den Darbietungen fur das BildungsbedQrfnis 
mannigfachster Art. Natiirlich hat die Vereinigung auch ein be- 
sonderes Vereinsorgan, ^Progress* betitelt, in engUscher Sprache 
geschrieben, das aber durch alle Provinzen seinen Weg findet und 
seine Propaganda treibt (cf. O. Seeker, Ausl&ndische Schulen fur 
Chinesen in Schanghai; Ostasiatische Lehrerzeitung 1913.) 

Noch viel lieBe sich erz^len von der amerikanischen 
Erziehungsarbeit in China, doch auch diese Skizze schon 
wird einen Eindruck davon geben, wie sehr Amerika es ver- 
standen hat, das Streben Jungchinas nach westlicher Bildung so zu 
leiten, daB es dabei sein geistiges Wesen in China hineinlegt, als 
eine Saat der Zukunft, die dem gesamten Nationalleben zugute 
konimen soli. Amerika hat es eben erfaBt, daB die Qestaltung 
Chinas einen organischen Bestandteil seiner eigenen Zukunft aus- 
machen wird. Amerika sieht es voraus, daB eine neue Epoche der 
Weltgeschichte damit anheben wird, wenn mit China ein Viertel der 
ganzen Menschheit in den Strom des allgemeinen Lebens eintritt 
und dessen bisher noch ruhenden .Werte fliissig werden. Und es 
ist ihm selbstverstandliches Recht und Pflicht, den sich eben regen- 
den Strom des Lebens so zu leiten, daB er vor allem um die Qe- 
stade des Stillen Ozeans herumkreist Wie einst um das Mittel- 



■- 119 - 

mcer berum das kulturelle lind wirtschaftliche Leben der alten Welt 
sich bcwegte, so sieht Amerika im Stillen Ozean schon ein neues 
vergrdBertes Mittelmeer, auf der einen Seite davon Amerika, auf 
der andern China durch denselben Herzschlag des Lebens ver- 
biinden. Ich erinnere noch einmal an die vorhin verlesenen Worte 
Sewards, vor 60 Jahren gesprochen, und ich schlieBe diesen Ab- 
schnitt mit einem Wort Roosevelts (H. Blakeslee, China and the Far 
East): „Das Mittelmeer-Zeitalter, so sagt er, endete 
mit der Entdeckung Amerikas; das Atlantische Zeitalter 
ist jetzt auf der H6he seiner Entwicklung und muB bald die ihm 
zur Verfiigung stehenden KrSfte erschopft haben. Das Pazi- 
fische Zeitalter, das dann bestimmt ist, das groBte von alien 
zu werden, fSngt eben jetzt gerade an zu tagen!" 

KFortsetzung folgt.) 

Aus der Mission der Gegenwart. 

Die neue Missions-Universitat in Nanldng. 

Die nordlichen und die sudlichen amerikanischen Pres- 
byterianer, die nordlichen und die sudlichen amerikanischen Bap- 
tisten, die zwei Organisationen der bisch5flichen Methodisten und 
die MSchiiler Christi" (Disciples of Christ) haben sich vereinigt, 
um in Nanking eine groBe Missions-Universitat ins Leben zu rufen. 
Es werden neben den eigentlichen Universitatsfachern auch eine 
Lehrerbildungsanstalt und eine landwirtschaftliche und forstwirt- 
schaftliche Abteilung ins Leben treten. Fur letztere haben Chinesen 
groBe L^dereien zur Verfugung gestellt. Der Lehrkorper wird 
aus 46 amerikanischen Lehrern bestehen und aus 56 chinesischen 
Lehrern. QroBe, modem eingerichtete Lehr- und WohngebSude 
far Lehrer und Schiiler werden unter der Leitung zweier nur 
zu dem Zweck abgesandter amerikanischer Baumeister errichtet 
werden. In QebSuden, die von bisherigen Anstalten schon vor- 
handen waren, ist die Anstalt im September bereits mit 400 
Studenten eroffnet worden. Von diesen sind 300 schon Christen. 
Fttr den „Christlichen Verehi junger Manner", der schon besteht, 
ist ein eigenes Qebdude vorhanden. Auch ist sonst ftir Qeselligkeits- 
rSume und fur SportplStze gesorgt. Nanking ist ein wichtiger 
Kultur- und Verkehrsmittelpunkt, es ist der geistige Mittelpunkt von 
vier Provinzen mit 100 Millionen Menschen. Witte. 



-" 120 — 

Ans ooserem Vereinsleben. 

Eio zweiter Missionshispektor. 

Unser Vorstand hat beschlossen, Herrn Pastor Emit Knodt in 
Oestiich (Rheingau) zum zweiten Missionsinspektor zu berufen. Es 
war dringend notwendig, daB wir zur Pflege des Missions- 
sinnes in der Heimat eine neue Arbeitskraft bekamen. Qott hat unser 
Werk gesegnet. Wir haben in den letzten Jahren viele neue Freunde 
gewonnen, die uns opferwillig helfen, unser Werk in Japan und 
China zu treiben. Durch die Ausdehnung unseres Preundeskreises 
ist natiirtich auch die Arbeit der Leitung in Berlin gewachsen. 
Woliten wir in der Zukunft und fiir die Zukunft die neuen Beziehun- 
gen fruchtbringend pflegen, so mufiten wir eine neue Arbeitskraft 
gewinnen. 

In Herm Pfarrer Knodt haben wir einen Mann gewonnen, der 
gewilit ist, mit seiner ganzen frischen Kraft sich vol! Begeisterung 
unserem Werk zu widmen. Pfarrer Knodt wird sein Amt in Berlin 
am 1. Juni antreten. Von da an wird er die Herausgabe des 
^Missionsblattes" und des ^ugendblattes" tibemehmen. Der Vor- 
stand hat ihm als sein besonderes Arbeitsgebiet die Pflege des 
Preundeskreises in Baden, ElsaB-Lothringen, Wurttemberg, Bayem. 
im Qrofiherzogtum Hessen und in der Provinz Hessen-Nassau zu- 
gedacht. Doch steht er auch den Preunden der anderen Landes- 
vereine zu VortrSgen vom 1. August an zur Verfiigung. 

Wir bitten unsere Preunde, Herrn Pfarrer Knodt mit Vertrauen 
und Herzlichkeit aufzunehmen und ihm zu helfen, daB er sein neues 
Amt zur Ausbreitung des Reiches Qottes in der Perne mit Preude 
fiihren kann, und daB seine Arbeit auch unseren heimischen Qe- 
meinden zum Aufbau und zur inneren Porderung diene. Wir.be- 
gruBen Herrn Pfarrer Knodt mit vielen guten Wiinschen und dem 
Qebet zu Qott, daB er ihn segnen moge in seinem Wirken. 

QroBe Aufgaben stehen vor uns, an denen er mitarbeiten wird. 
Wir werden davon in ndchster Nummer horen. 

Um unsere Preunde mit der Personlichkeit unseres neuen 
Missionsinspektors noch naher bekannt zu machen, folgen jetzt einige 
Angaben fiber seine Personlichkeit und sein Leben: 

Er ist am 17. September 1879 in Rothenberg im Odenwald (im 
QroBherzogtum Hessen) als Sohn des Pfarrers Emil Knodt geboren 
und erhielt in der Taufe die Namen Karl, Wilhelm, Hermann, Emil. 



- 121 - 

Er besuchte das Gymnasium zu Munster in Westfalen, wohin sein 
Vater 1883 als Pastor berufen wurde. Er studierte in Bonn, Qreifs- 
wald und Utrecht, bestand 1902 das erste theologische Examen, be- 
suchte bis 1903 das theologische Seminar in Herborn, dessen Leiter 
sein Vater inzwischen geworden war, und legte 1904 die zweitc 
theologische F^ufung ab. Im Jahre 1906 wurde er ordiniert, war 
zun&chst Pfarrverwalter in Runkel a. d. Lahn und wurde im M§rz 
1907 Pfarrer in Nochem bei St. Qoarshausen, wo er bis zum 
1. Januar 1913 amtiert hat Von dort ward er durch Qemeindewahl 
zum Pfarrer in Oestrich (Rheingau) berufen, einer Diaspora- 
Qemeinde, die mit vieler Liebe an ihrem Pfarrer hingt und die ihn 
mit groBem Bedauem scheiden sieht. Hier in Oestrich hat Pfarrer 
Knodt fiir unsere Mission schon eifrig gearbeitet. Er hat dort eine 
Ortsgruppe von 45 Mitgliedern gegriindet; auBerdem opfern noch 
125 Qemeindeglieder monatlich Qaben ffir unser Werk. 170 Missions- 
blotter werden in dieser 500 Seelen z&hlenden Qemeinde gelesen. 
Wir sind gewifi, diese alle werden uns ganz besonders treue Heifer 
sein und bleiben, wenn nun ihr Pfarrer ganz in den Dienst unseres 
Werkes tritt. 

Die Berufung eines zweiten Missionsinspektors bedeutet fUr 
unser Missionswerk einen neuen Abschnitt seiner Entwicklung. Es 
ist ehi Schritt vorwfirts, getan in dem gewissen Qlauben, daB wir 
GroBes zu bieten und zu schaffen haben mit rustiger Kraft zur Ehre 
Qottes und zum Heil der Menschheit 

Missionsinspektor Witte. 



Die Abordnungsfeier ffir zwei neue Missionare. 

Am Sonntag, den 15. M&rz, vereinigten sich um 6 Uhr im 
Oottesdienst der Neuen Kirche in Berlin viele unserer Freunde mit 
der Gemeinde der Kirche zu einem feierlichen Gottesdienst. Der- 
selbe gait der Abordnung zweier neuer Missionare unseres Vereins, 
des Pfarrers Hunziker aus Brfitten in der Schweiz und des Pfarrers 
und Oberlehrers Dr. Bohner, dessen Heimat die Pfalz ist. Pfarrer 
Hunzikers zukiinftige Heimat wird Tokio (Japan), Dr. Bohners 
Arbeitsstatte wird Tsingtau (China) sein. Dr. Bohner hielt die 
Liturgie. Pfarrer Hunziker die Predigt. Er sprach von der Aufgabe, 
die der Mission drauBen gestellt sei, Jesum den Menschen zu 
bringen, und von der inneren Beschaffenheit, die man von den 
Missionaren fordem musse, nSmlich, daB sie in sich den EinfluB 



-- 120 - 1 

Ans nnserem Vereinsleben. 

Ein zweiter Missioflsinspeklor. 

Unser Vorstand hat beschlossen, flerrn Pastor Emil Knodt in 
Oestrich (Rheingau) zum zweiten Missionsinspektor zu berufen. Es 
war dringend notwendig, daB wir zur Pflege des Misslons- 
sinnes in der Heimat eine neue Arbeitskraft bekamen. Qott hat unser 
Werk gesegnet. Wir haben in den letzten Jahren viele neue Freunde 
gewonnen, die uns opferwillig heifen, unser Werk in Japan und 
China zu treiben. Durch die Ausdehnung unseres Freundeskreises 
ist naturlich auch die Arbeit der Leitung in Berlin gewachsen. 
Woliten wir in der Zukunft und fur die Zukunft die neuen Beziehun- 
gen fruchtbringend pflegen, so mufiten wir eine neue Arbeitskraft 
gewinnen. 

In Herm Pfarrer Knodt haben wir einen Mann gewonnen, der 
gewillt ist, mit seiner ganzen frischen Kraft sich voll Begeisterung 
unserem Werk zu widmen. Pfarrer Knodt wird sein Amt in Berlhi 
am 1. Juni antreten. Von da an wird er die Herausgabe des 
^Missionsbiattes" und des ,4ugendblattes" iibemehmen. Der Vor- 
stand hat ihm als sein besonderes Arbeitsgebiet die Pflege des 
Freundeskreises in Baden, Elsafi-Lothringen, Wurttemberg, Bayem, 
im QroBherzogtum Hessen und in der Provinz Hessen-Nassau zu- 
gedacht. Doch steht er auch den Freunden der anderen Landes- 
vereine zu VortrSgen vom 1. August an zur Verfugung. 

Wir bitten unsere Freunde, Herrn Pfarrer Knodt mit Vertrauen 
und Herzlichkeit aufzunehmen und ihm zu heifen, dafi er sein neues 
Amt zur Ausbreitung des Reiches Qottes in der Feme mit Freude 
fuhren kann, und dafi seine Arbeit auch unseren heimischen Qe- 
meinden zum Aufbau und zur inneren Fdrderung diene. Wir.be- 
gruBen Herrn Pfarrer Knodt mit vielen guten Wiinschen und dem 
Qebet zu Qott, daB er ihn segnen moge in seinem Wirken. 

QroBe Aufgaben stehen vor uns, an denen er mitarbeiten wird. 
Wir werden davon in nachster Nummer horen. v 

Um unsere Freunde mit der Personlichkeit unseres neuen 
Missionsinspektors noch ndher bekannt zu machen, folgen jetzt einige :} 
Angaben fiber seine Personlichkeit und sein Leben: | 

Er ist am 17. September 1879 m Rothenberg im Odenwald (im 
QroBherzogtum Hessen) als Sohn des Pfarrers Emil Knodt geboren 
und erhielt ia der Taufe die Namen Karl, Wilhelm, Hermann, Emil. 



I - '121 - 

* 

Cr besuchte das Qytimasium zu Munster in Westfalen, wohin sein 
Vater 1883 als Pastor berufen wurde. Er studierte in Bonn, Qreifs- 
wald und Utrecht, bestand 1902 das erste theologische Examen, be- 
suchte bis 1903 das theolos^ische Seminar in Herborn, dessen Leiter 
sein Vater inzwischen geworden war, und legte 1904 die zweitc 
theologische F^iifung ab. Im Jahre 1906 wurde er ordiniert, war 
zun&chst Pfarrverwaiter in Runlce! a. d. Lahn und wurde im Marz 
1907 Pfarrer in Nochern bei St. Qoarshausen, wo er bis zum 
1. Januar 1913 amtiert hat. Von dort ward er durch Qemeindewahl 
zum Pfarrer in Oestrich (Rheingau) berufen, einer Diaspora- 
Qcmeinde, die mit vieter Liebe an ihrem Pfarrer htngt und die ihn 
mit groBem Bedauem scheiden sieht. Hier in Oestrich hat Pfarrer 
Knodt fiir unsere Mission schon eifrig gearbeitet. Er hat dort eine 
Ortsgruppe von 45 Mitgliedern gegriindet; auBerdem opfem noch 
125 Qemeindeglieder monatlich Qaben fiir unser Werk. 170 Missions- 
bldtter werden in dieser 500 Seelen zdhlenden Qemeinde gelesen. 
Wir sind gewiB, diese alle werden uns ganz besonders treue Heifer 
sein und bleiben, wenn nun ihr Pfarrer ganz in den Dienst unseres 
Werkes tritt. 

Die Berufung eines zweiten Missionsinspektors bedeutet fOr 
unser Missionswerk einen neuen Abschnitt seiner Entwicklung. Es 
ist ein Schritt vorwSrts, getan in dem gewissen Qlauben, daB wir 
GroBes zu bieten und zu schaffen haben mit riistiger Kraft zur Ehre 
Qottes und zum Heil der Menschheit. 

Missionsinspektor Witte. 



Die Abordnungsfeier ffir zwei neue Misslonare. 
Am Sonntag, den 15. M&rz, vereinigten sich um 6 Uhr im 
Oottesdienst der Neuen Kirche in Berlin viele unserer Freunde mit 
der Qemeinde der Kirche zu einem feierlichen Oottesdienst. Der- 
selbe gait der Abordnung zweier neuer Missionare unseres Vereins, 
des Pfarrers Hunziker aus Brfitten in der Schweiz und des Pfarrers 
und Oberlehrers Dr. Bohner, dessen Heimat die Pfalz ist. Pfarrer 
Hunzikers zukiinftige Heimat wird Tokio (Japan), Dr. Bohners 
Arbeitsstatte wird Tsingtau (China) sein. Dr. Bohner hielt die 
Uturgie, Pfarrer Hunziker die Predigt. Er sprach von der Aufgabe, 
die der Mission drauBen gestellt sei, Jesum den Menschen zu 
bringen, und von der inneren Beschaffenheit, die man von den 
Missionaren fordem miisse, nSmlich, daB sie in sich den EinfluO 



V 



- 122 - 



Jesu erfahren haben und seinem Qeist in ihrem Leben Einflufi ein- 
gergumt haben. Nach der Predigt nahm, vor dem Altar stehend, 
der Prasident des Vereins, Pfarrer D. Dr. Kind, das Wort zu der 
Ansprache, die an der Spitze dieser Nummer abgedruckt ist. Dar- 
auf traten der erste Pfarrer der Neuen Kirche, der Vizeprasident 
unseres Vereins, D. Dr. KirmB und Missionsinspektor Witte neben 
den Pr^identen an den Altar und unter Handauflegung gaben alle drei 
den Missionaren ein Wort Gottes mit auf ihren neuen Lebensweg. 
Nach dem Qottesdienst blieb eine grofie Anzahl von Freunden 
rnit den Missionaren in zwangioser Qeselligkeit bis 10 Uhr ver- 
einigt. Dann trug die Eisenbahn die beiden nach dem Suden. Dr. 
Bohner hat am 19. Marz, Pfarrer Hunziker am 2. April in Genua das 
Schiff bestiegen zur Ausreise in den femen Osten. Witte. 



Unsere neuen Missionare. 

Uber den Lebenslauf unserer beiden neuen iVUssionarc, die am 
15. MSrz in Berlin abgeordnet worden sind, geben wir im folgenden 
einige Mitteilungen ab. 

1. Pfarrer JakobHunziker. Derselbe ist im Jahre 1881 in 
Urugg im Kanton Aargau in der Schweiz geboren. Sein Vater war 
Lehrer der Mathematik an der Bezirksschule in Brugg. Der Sohn 
wurde nach Absolvierung einer hoheren Schule in Brugg zuerst 
Kaufmann und hat mehrere Jahre als Angestellter groBer Seiden- 
firmen in Zurich gearbeitet. Er hat dann in Berlin und Zurich Theo- 
logie studiert. Am 31. Mai 1911 wurde er zum Pfarrer ordiniert und 
war dann Pfarrer in Briitten im Kanton Aargau in der Schweiz. 

2. Pfarrer und Oberlehrer Dr. Hermann Bohner. Derselbe 
ist als Sohn des Missionars Heinrich Bohner im Jahre 1884 in 
Abokobi in Afrika (Goldkuste) geboren, besuchte das Gymnasium 
zu Speyer, studierte yon 1903 — 1907 in Tubingen, Halle und Er- 
langen Theologie, bestand 1908 die theologische Aufnahmeprufung, 
studierte dann in StraBburg noch besonders Hebr^sch und Deutsch 
und bestand 1912 dort die Oberlehrerprufung. Er war dann Lehrer an 
einer Knabenanstalt der Brudergemeinde in K5nigsfeld in Baden. 
Im Februar 1914 legte er in Erlangen das Doktorexamen ab. 

Witte. 

1 Eine Todesnachricht 

Am 17. Marz starb Dr. phil Max Christlieb, Hilfsbibliothekar an 
der KOnigUchen Bibliothek in Berlin, auf dem Wege ^u seiner Arbeit 



- 123 - 

rasch'an einem Oehirnschlag. Dr. Christlieb war von 1892— 1897 
uiiser Missionar und Pfarrer der deutschen Qemeinde in Tokio. 
HeiBig und treu hat er unserer Sache in Japan gedient und auch 
nach seiner Riickkehr, solange er im Pfarramt stand, unermudlich 
fiir die Ausbreitung unserer Qedanken in der Heimat in Wort und 
Schrift gewirkt. Ein freundliclies Andenken wird ilim in unsern 
Kreisen bewahrt bleiben. 

Bficherbesprecfiungen. 

Lie. theol. J. Witte, Missionsinspektor, Ostasien und Europa. Das 
Ringen zweier Wdtkulturen. TfiWngen, J. C. B. Mohr. 244 S. Oehcftet 
5 M., gebunden in Leinwand 6,20 M. 

Es ist eine Preude, zu sehen, wie die Literatur unseres Allgemdnen 
Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins durch die wertvollen Arbeiten 
sowohl seiner treuen Sendboten dravBen wie seiner sachkundigen Vertreter 
in der Hehnat von Jahr zu Jahr wSchst So schreitet eine wesentiiche Auf- 
gabe gerade unseres Vereins riistig vorwSrts. 

Das vorUegende Buch unseres Missionsinspektors Lie. Witte hat p r o - 
grammatische Bedeutung. In groBziigiger, ubersichtlicher und knapper 
Weise behanddt es das immer dringlicher und wichttger werdende Problem: 
Ostasien und Europa, das Ringen zwesier Weltkulturen. Die ersten drei 
Kapitel beletuchten <las Problem unter dem Qesichtspunkte der Kultur im 
aligemeinen : sie charakterisieren die chinefiisdie und iapaniscbe Kultur in 
sich und in ihren wachsenden Beziehungen zum Abendlande, vergleichen- 
die ostastatisohe und die europ3ische Kultur mitetnander und scbiklem (fie 
Wirkungen der westlidien Zivtiisatio>n und iKultur auf die Vdlker Osta^ens. 
Die drei folgenden Kapitei sind religionsgeschichtlicher und religionsver- 
glefchender Art: sie weisen die aHmShliche Anerkennmig des Christentums 
als wichtigen Faktors liir die Entwicklung des Problems nach, stellen die 
alten Religionen Ostasiens dar, beurtdlen sie unter Verglelchung des 
Christentwns und erdrtem die Frage nach der Ohertraglbarkeit des Christcn- 
tums nac*i Ostasien. Daran sohlieBen sich in don Kapiteln 7 — 9 Unter- 
suehungen Ober die beste Missionsmethode, die Erfolgc der Mission und die 
Aussichten des Christentums fiir die Zukunft Ostasiens. In den b^d«i 
letzten Kapiteln werden der Universalismus des Christentums, die SteHung 
der MIsskMi im Konkurrenzkampf der einzehien Volker und cBe Aufgaben 
der Zukunft behandelt Angefflgt ist eine zweckmaBige Tabelle und — 
wichtig- und wertvoil fiir 'alle, <fte sich in den Stoff genauer einarbeiten 
wollen, — ein Literaturverze4chras, in dem ich nur einige BCicher vern«Bt 
habe, nfinrfich Mirbt, Mission und KoloraalpoMtik in den deutschen 
Scbutzgebieten, 1910 (erscheint demnSchst in neucr Auflage); Qundert, 
Die cvangdisohc Mission, ttiie Lander, V61ker und Artieiten, 3. Aufl., 1894; 
O. Warneck, Oeschlchte der protestantischen Mission; und Hack- 
mann. Von Omi bb Bamo, 1905, sowfe Hackmann, Wdt des 
Ostcns, 1912. 



- 124 - 

Wities Bach nmfi alien Freunden der evangeliscfaen Mission will- 
kommen sein, ond rwar nicht bloB den Pfarrern and Lehrera Im Kreise 
unsers Missionsvereins, die hier etn treiiliches Handbuch s^ewinnen, um f&r 
unsere Sacbe unter groBen and allgemeinverstSndlichen Qesiohtepunkten etn- 
zutreten, sondern eb^iso aHen getuMeten Missionsfreunden, ja dgentiicti 
alien, i^ ^di iilr die fM'oBen geschichtlichen and kaltarellen fragen der 
Gegenwart interessieren. Der Veiiasser roUt in darcbsichtiger, logischer 
Anlage die Kette aller nieuumdergreifender Probleme auf. Die Auswalil 
and Zusammenstelhing des Stoffes ist ausgezeichnet. Durch viele charakte- 
ristische Eiir.zelbeiten — statistischer, ethnologtscher, polittscher, handeis- 
potitischer, industrieller, literarischer Art — werden die wesenttichen Qe- 
sichtsponkto nicht verschiittet, sondern recht zur Qeltung gebraoht. Die 
einsdilagige Litenatur ist 'vorzflglkrta verwertet and in richtiger Auswahl 
berangezogen. Der an si<^ keineswegs e'mfache Stoff wird durch vdlKge 
Sadibdierrschung and licfatvoile Darstellung in leichter und anmutiger 
Weise verstdndtich gemacht. Die schwierigen Probleme werden mit Um- 
sicht tmd Qerechtigkdt erortert Hie und da wiinscht man eine Ergftnzung, 
z. B. S. 41 f., wo mir die geschichttich gegebenen staatsrechtiicben Bedin- 
gungen n^ht geniigend gewQrdtgt zu sein schetiien. Uber dne ganze Reihe 
der einzelnen Auistdhingen Wittes, narmentlich in der zwdten Hfitfte des 
Werkes, muB nun die Diskussion erdffnet werden. Besonders wiohtig ist, 
daB Witte — wie cnancher andere — den Unterschied zwischen Ostasien 
nod dem Abeadlmd besonders darin steht, dafi es SKh in Europa um Per- 
sonlichkeitskultur, in Ostasien um dne bis ios dnzdne ausgestaltete un- 
personliohe K«ltur der Onganisationen handle, and daB er nachweist, wie 
bd dem segenwSrtigen Ringen der Kulturen das Christentum als die 
hdchste, sittKche and persdnlicbe Religion eben doch den Ostasiaten not- 
wenAg and anndmibar ist, freilich nur nach den Qesichtspunkten and 
Methoden, die vom Allgemdnen Evangefech-Protestantischen Missioosverdn 
von Anfang an vertneten worden sind und sioh allmShlidi durchzusetzen 
anfangen. In der OffentMchkeit wie besonders in den Missionskreisen werden 
vermutlk^ afm meisten die Darlegungeci des Kap. 10 Beaohtung finden, die 
von dem UniversatisRims des Christentums and von der SteHang der 
Mission im Konkurrenzkampf der dnzekien Vdlker handeln. 

Ich kaiHi nicht umhin, bd dieser Oelegenhdt gldch eMge Bdiai^ 
tongen der iibrigens reoht anerkennenden Besprechung des Witteschen 
Bathes in dem Easier Evangelise hen Mjssionsmagazin 
(1914. H. 4) richtigziistdlen. Es ist nicht richtiz. daB Witte tebauptet, im 
Osten sd die indirdcte Methode als „ausschlleBliche Metiiode an- 
zuwenden". Witte sagt nor, es sd vorlSufig das Haaptgewicht auf ste zu 
legen. In Japan wendet ia aucb der Allg. Ev.-Protest Missioosverdn die 
direikte Methode an; nur in China beschrankt er stch auf die indirekte, 
zumal neben Hbm christliche Oemeinden schon vor4ianden sind. Wdter sagt 
Witte nirgemtewo, ckiB Utschimura seine iibrigens sdir tnteressante Er- 
■ klarung „mit Recht" abgegeben habe, sondem vielmehr, dafi er dine Er- 
klSning aus einer Stimmung heraos geschrteben habe, die ,4n das andere 
Extrem schiage". Ferner wird Wittes Auiiassuog des Todes Christi als 



^ ~ 125 - ::r-V';Sp,;'/ /;-M 

ndes 'moraKscben Sieges der Settisthinsabe im Dienste nnd in der Kon- 
seqnenz des Berufs, die Liebe Gottes zu verktindiKen**, sowie die 'sanze 
daran geknOpfte Erorterung dtirch den fiinweis ami 1. Kor. 1, 23 in keioer 
Weise getroifen oder gar widerlegt Ebeoso bleibt, was Witte Seite 182 f. 
Qber Lechlers wortkch angefiihrtes Urteil sagt, durchaus zu Recht bestetien, 
— es sei denn, daB zugestanden wird, daB Lechler das Wort „Bekehrung 
ztini einen, iebendtgen Qott" in ekier ganz unb&Uschen, nnriohtigen oder 
wenigstens unklaren Weise gebracht hat. Auch was iifber und gegeii Wittes 
AttslQhrungen uber die Stdlung der iMissioa im Konkurrenzkampf der m- 
zeinen V61k«r gesagt wird, ist in dieser AHgemetnbeit unverstaodUdi und 
trrefahrend. Witte bringt im wesentlichen dieselben Oedankenreihen, die 
z. B. auch der Basler Missionsprediger Osell in eioem Lettartikel der 
^Frankfurter Naohrichten" vom 7. April d. J. uber „Diie deutschen Ctiina- 
Missionen'* sich zu ergen gemaoht hat — 

Das Wittescbe Buch nwB man lesen; und nicht bk>B iesen, sondern 
durdiarbeiten, vei4>re»ten« verwerten und — kaufen. Sein Ankauf ist eine 
gute Kapitalankige. 

Pranklurt a. M. D. B o r n e m a n n. 

ProL D. Dr. Edvard Lehmann, „S6ren Kierkegaard". Band 
VIII iwd DC der Saxnmlung: Die Klasstker der Religion, heraus- 
gegeben von Professor Lie. theol. Qustav Pfannmuller. Veriag: Pro- 
testanttscher St^riftenvertrieb Q. m. b. H., Berlin-Schoneberg. Preis 
brosch. 3, — M., getounden 3,50 M. 

Kein anderer als Edv. Lehmann war berufen, den DSnen Kierkegaard zu 
beart>eiten, dessen Werke zu seinem 100. Oeburtstag am 5. Mai 1913 alU 
seitige Beachtung und Interesse fanden. Dfeser einzigartige Laienprediger 
ninvnt zwar eine isoKerte SteUung ein; wo soUte man einen Christen 
hintun, der etn Feind der Theologen, der als Denker ein Peind der Rilo- 
sophen war, als Kunstler die Astbetik verfolgte. Aber gerade deshalb 
C«hdrt er wohl zu den Klassikem der Religion. 

Nadi einer tief greifenden Analyse von Kierkegaards Leben, Wirken und 
Wesen folgt auf 270 Seiten eine Auswahl ans semen zablreichai und urn- 
fangreichen Schriften, die weniger eine Bliitenlese sein, als vi^mehr dem 
Leser ernen £inblick in den organischen Auibau der SchriftsteUerei des 
DSnen gew&hren will. Das gescMeht in fQnf Abscfanitten. Zuerst bHcken 
wrr in sein personlk^es Leben volt Schwermnt und Leiden Mnein, wo er 
dem Vater luid der Qeliebten in Tagebuchblfittem Recfaensdiaft ablegt. 
r>ann beginnt seki Katnpf gegen die zwei „BetrihEer>nnen**, wie er sie 
neimt, gegen die.Asthetik, die nur zu SeFbstgenuB und l^genliebe liihrt, und 
die er durch die Ethik, die herbe Wirklichkeit des Quten, iiberwindet Die 
endere ist die Philosophic, in der er den Weg von Hegel zu Kant ging, urn 
endKch an die Stelle der objektiven QroBen: Philosophie, Qescfaichte, Kirche, 
die Subiektivitfit a4s die Wahrheit zu setzen. Endlich untersucht er deal 
psychologischen Charakter der Lebenswerte und bat so den Weg zum 
Qlauben geebnet, den er ais Laienprediger im Oegensatz zu sola fide mit 
„WUte" gtefchsetzt : * - ,\>:^ Devaranne,- 



- 126 " 

Huttenus redivivus. Heft 3 der 1. Serie: Lie. H. Malert: Rom 
und die deutsche Wissenschaf t. Prot. Schriftenvertrieb, Bertin- 
Schoneberg; 67 S. 80 Pf. 

Das Seelenleben all der kathdischen Wissenschaf tier zieht an uns vor- 
iiiber, (tie da glaubtei, ihrer freien Forschung leben und danacfa lehren zu 
konnen, bis die Exkommunikation sie traf oder — laudabiliter se subjecerunt 
und in ftnen „der Bischof den Qelehrten endrosseltc". Wir erleben die sdt- 
same Erscheiming, dass >inan von Rom her die Priesterseminare fan Oegen- 
satz zax den theologischen FakultSten an den Staatsuntversitlten begQnstfgt, 
weil man Wissensdiaftiidikeit, sowie Forschung und selbstandige Ober- 
zeugung beargw(^nt! Wir sehen zu, wie der Wissenschaf t die Fessel des 
Modernistenekles angelegt wird, von dem in deutsch-katholischen Lehr- 
fou<dieTn esne von Feblern witnmehide Obersetzung verbreitet wird. Wir 
staunen, wie beharrlioh Rom an den Prinzipien der mittelalterlichen Pbilo- 
sophie festhait, nachdem wir llngst die Fragestellungen eines Descartes, 
Spinoza, Kant und Hegel durchdacht haben; freilich hat Rom einen Kant 
auf den Index gesetzt! Wir lernen eine Oeschichtsforsohung kennen, in der 
das Dogma iiber der Qeschichte steht uik! wo zur strllen Voraussetzimg 
wird, was doch erst bewiesen werden soil. Mulert zeigt: Es ist fiir Rom 
auf ^esem Gebiet ni<^ts mehr zu hotien ! Devaranne. 

Robert Sobczak, Lie fat und Schatten. ZwiegesprSche zwischen 
einem Christen und einem Buddhisten. Leipzig. Verlag W. Markgraf, 1914. 
219 Seiten. 4 Mark. 

Dies Buch stellt einen Versuch dar, in der Form eines Zwtege^rSches 
zwischai einem Christen und einem Buddhisten die OberlegeiAeit des 
Buddhismus iiiber das Christentum zu erweisen. Es soil dem Verfasser nicht 
zum Vorwurf gemacht werden, daB er sehr eifrig und stellenweise recht 
gescbickt seine ReUgi(Hi vertddigt. Aber die Einwande des Christen sind 
doch zu diirftig. So wird z. B. dem Christen eine so massive und unreUgidse 
Aufiassung von der siihnenden Bedeutung des Kutes Jesu beigelegt, wie 
sie 'heute iiberhaupt racht mehr besteht. Es lassen sich wahrlich andere 
Dinge gegen den Buddhismus sageti, als die tucr dem Christen in den Mund 
gelegten. Die Darstelkmg des Systems des Buddhismus ist recht klar und 
unverhiilit Es tritt die Tatsache hier deutlk^h heraus, daB dem Buddhis- 
mus sich alles dreht um die Frage der Befreiung des eigenen „Ich", das 
allerdings eigentlich ja gar kein .Ich' ist, vom Leiden. Reiner Eudamonis- 
mus und Egoismus sind die Zentren seines Systems. Die ganze Ethik ist 
nur Mittel zum Zweck der loh-Totung, d. h. der Leidenaufhebung. Weil 
das in dem Buch so of fen heraustritt, sei das Buch alien denen empfohlen, die 
sich uber die Konsequenzen des Buddhismus nicht klar sind. Das Christen- 
tum Deutschlands soUte sich mehr um diese Dinge kiimmem. W i 1 1 e. 

SchSfer and Krebs, HiUsbuch fur den ReUgionsunteniclit an 
hSheren Schulen, L Teil. 14. Auflage. Frankfurt a. M. und Berlin 1913. 

Das vorliegende, neubearbdtete Lehrbuch ist fitr unser Oebiet inso- 
fern von Interesse, als unser Freund Lie. MoUaenke in der 4. Abteilung 
Qeschichten mis der Mission angefugt hat, um schon in der Schule dat 



- 127 - 

Interesse fiir Mission zu weoken. Diese Oeschtcfaten erzfihlen von den ver- 
schiedensten Qebieten. Auch die Missions- and Jugendblatter des Allgem. 
Evans.-Protest Missionsveretns haben Beitr^ee tiefern diirfen. Wir freuen 
uns dessen von ganzem Herzen. Die Auswahl ist eine geschickte und 
reichhaitige. Mochte dies Vorgehen recfat vide Nadiahmer finden. 

BerKn. ^ vt.; Schott. 

I. M^ Im KaschmirtaL Aus dem Leben von Irene Petrie. Basel 1913. 

Das BGchlein schUdert die Entwtckluns einer jungen Engianderin 
unserer Zeit, die, von brennendem Eifer fiir <tie Mission getrieben, nach 
Indien geht und in aufopferungsvoiler TStigkett rrauemmssion im Kasch- 
mir-Tale treibt. VerhiltnismaBig Icurz tst die Frist ihrer Art^eit. zu bald 
erUegt sie den Strapazen, aber man spiirt den starken EinfluB, der aul ihre 
Umgebung ausgegaitgen setn muB, auf Jeder Seite des Buches. Solche 
Lebensbesohreibungen bedeuten nrnner eine Bereiohemng unserer Missions- 
literatnr. 

BerHn. Schott. 

E. von Salzmann, Hauptmann a. D., Das revolutkMiare China. 

Mit 61 Abbiidungen und 4 Kartenbellagen. Preis geb. 5 M. Verlag von 
Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) in Berlin. 

Auf Qnind langjShriger Beobaditungen und personlicher Eriebnisse, die 
er in den verschiedensten Landstrtchen des „Reiches der Mitte" gemacfat 
und gesammelt hat, schenkt uns der Verfasser cin beachtenswertes Buch, 
in dem er seine Auffassung der dortigen Ereignisse im Sommer 1913 vor die 
Offentlichkett bringt. Das Buch will keine umfassende, systematische Dar- 
stelhing der Revohitionszeit sein, eine solche verspricht der Verfasser 
spfiter zu schreiben. Der zwdte Tdl des Buches, ungefSbr die HSlfte, ent- 
hfilt „Briefe von der Front", die uns einen BHck tun lassen in die nodi vdl- 
kommen mittdalterliohe Kriegfuhning der Chinesen, wo es an einhdtlicher 
Ldtung und Diszipbn bei Hoch und Nieder fehtt Auf diese Weise wurden 
die Chinesen noch aul absehbare Zdt nidit in der Lage setn, die dean Lande 
so notwendige Ruhe herbdzufithren. Die betden anderen, wertvolleren 
Teile: „Ohina vor der 2. Revolution, China nach der 2. Revolutkm" zdgen 
uns, daB in dem „neuen China" so gut wie nichts geandert hat. Der 
Name „Republik" ist nur ein neues Miintelchen, der dem alten Staatskorper 
umgehSngt worden ist. Verfasser gibt die Griinde an, die zur 2. Revolution 
gefflhrt haiben, zejgt uns, daB die Bevolkerung der Kanton-Provinz die 
Qudle aller Unruhe in China ist, "w&e ja der Stklen in mancher Beziehung 
sich von dem staatserhaltenden Norden unterschetde und dne Sonderstdlung 
beanspruohen k6nne; er zeigt uns audi, wie das Vdk in seiner Tiefe von 
den neoen, westHchen Ideen noch wenig berirhrt ist, wShrend dieselben bis- 
her nur bd den gebildeten Klassen dnen skhtbaren Erfolg avfzuweisen 
haben. Verfasser hegt die Ansicbt, daB das Land langsam aber sicher 
wdter abwSrts gleltet auf der Bahn, die es vielleicht semem Untergang als 
dn dnhdtlicbes groBes Rdch entgegenfiihrt. Wir sehen ferner, wie die 
Japaner an dem zentralsten Platz Chinas, in H^vkau, sich berdts festgesetzt 
haben und in Ostasien die erste VioUne zu spielen versuchen. Wir betnerkeo, 



ft^r^J^.i^—JS.- 



— 128 - 

vne PoMtSk, Ainerikarasnius uitd amenkanisches Christentum in China zur- 
zeit Hand in Hand art)eiten, wie dagetren DeutscMands Stellung dort nicht 
die ist, die sie sein kdnnte und sefn tniiBte. Audi Englands und Frankreichs 
PropagandatStigkeit auf kulturdlem Oebiei ist uns uberlegeti. Verfasser er- 
kennt den Wert der Mtesionsarbeit voil und ganz an. Konnten racht die 
Missionsschulen von Regienings wegen unterstutzt werden? Mit Recht 
sagt er: ^Wetm wh* mcht auf Qrund scharier Propaganda in Deutschland 
kiteresse ki weiten Kreisen enwecken, bis jeder Industrklle eingesehen hat, 
4aB jeder in Missionszaschussen und Stiitungen in China angelegte Pfennig 
sich von selbst schon fQr ihn verzinst, dann wenden wir rninier mehr ins 
Hintertreffen geraten, als es jetzt schon der Fall ist" Mogen diese 
mahnenden Worte in maBgebenden Kreisen bnseres Vaterlandes niciit un- 
gehort verhatten! W. HQckel. 

Elnsesangene Schrtften: 

Ernst Bohme, Schauen und Qlauben, Stimmungen und Bekenntnisse. 

Preis 1,50 M. Evangelischer Verlag, Heidelberg. 
D. Wiihelm Bruckner, Vom Apostolikumszwang, Protestantenver- 

einsvortrag gehalten in Karlsruhe. Preis 0,75 M. Evangeli- 
scher Verlag, Heidelberg. 
Wiihelm Riidel, Das Licht der Welt. Das Evangelium nach 

Johannis. In Sonetten. Druck und Verlag Paul Muller, 

Miinchen, Mittererstr. 4. Preis 1,20 M. 
Martha und Adolf Wedel, Das hohere Leben. Brosch. 3,50 M., geb. 

4,50 M. Druck und Verlag von Oswald Mutze, Leipzig. 
Alfred Schall, Das neue preuGische Irrlehregesetz als AnstoB zu 

einer esoterischen Religionsfortbildung im Protestantismus. 

Preis brosch. 3 M., geb. 4 M. Verlag von Oswald Mutze, Leipzig. 
D. Dr. von Bezzel, Warum haben wir Luther lieb? Vortrag gehalten 

im Evangelischen Verem Kaufbeuren. 2. Auflage. Druck und 

Verlag von Paul Miiller, Miinchen, Mittererstr. 4. Preis 0,50 M. 
H. Boehmer, Luther im Lichte der neueren Forschung. 3. Auflage. 

B. Q. Teubner, Leipzig, 1914. Aus Natur- und Qeisteswelt, 

113. Band. Qeb. 1,25 M. 
J. Noack, Meine Augen haben deinen Heiland gesehen. Predigten. 

3. Auflage. Selbstverlag. 1914. 

Der bekannte Verlag der Blanen B8cher» Karl Robert Lange- 
wiesche, Kdnlgstein L Tannus, legt der heutigen Nummer einen 
Prospekt iiber seine Neuerscheinungen: Naumann, Von Vater- 
land und Frelheit und Rohrbach, Die QescUchte der Menschheit 

bei, auf den wir hiermit ganz besonders hinweisen. 

Onick von Hoffmann & Reiber, Gdrlitz, Demianiplatz 28. 



China im Streben nacfi westlicher Bildung. 

Von Lie. W. Schuler, Friedenau. 
II. 

Die vorigen Ausfiihrungen haben zu zeigen versucht, wle China 
durch seine Oeschichte zu dem SelbstbewuBtsein gefuhrt worden ist, 
daB der Umkreis der kultivierten Menschheit mit der Sptiare chinesi- 
scher Macht und Kultur nahezu zusammenfalle; wie ihm dann im 
vorigen Jahrhundert die Tatsache aufgedrangt wurde, durch die sein 
ganzes politisches und geistiges Sein aufs tiefste erschuttert werden 
muBte, daB es noch ein anderes Macht- und Kulturzentnim unter dem 
Himmei gebe, das der Abendlander; wie dann China in Bewegung kam, 
und, urn nicht ganz beiseite geschoben und iiberrannt zu werden, einen 
AnschluB an diese neue abendlandische Sphare suchte. Nach lang- 
dauernder Abwehr alles Fremden bricht in der Reformbewegung der 
neunziger Jahre — gekennzeichnet vor allem durch die Namen Kang 
yu we Liang ki tschau und Dschang dschl dung — das Streben nach 
westlicher Bildung hindurch, und nimmt nach Uberwindung zweier 
starker Ruckschlage seinen stetigen Fortgang. Dabei ergab sich die 
wichtige Frage: Aus welchen Statten der alten Welt nimmt sich China 
die neuen Bildungsstoffe, welche Volker der alten Welt sind es, die 
etwas von ihrem geistigen Besitz und Sein hineingeben in die sich neu 
bildende chinesische Weh? Wir sehen dabei, daB vor allem 
Japan der Lehrmeister Chinas geworden ist, daB aber — sofern es 
erlaubt ist, Japan in diesem Zusammenhang nur als Vermittler zu den 
alteren Volkern westlicher Kultur zu betrachten — Amerika an e r s t e r 
Stelle steht an unmittelbarem EinfluB auf das Efildungswesen Chinas. 
Amerikanisches Wesen ist am starksten in China investiert! 

Und nicht fern von Amerika steht England. England hat ja am 
ersten durch die Tat bekundet, wie hoch es den Wert einschStze, mit 
China in regere Beziehung zu kommen. Es hat deshalb zwei Kriege 
gefUhrt und China — zunSchst freilich nur an wenigen Kiistenplatzen — ' 
fiir die ganze Welt geoffnet. Dabei kam es der englischen Politik frei- 
lich nur auf die Ausbreitung des englischen Handels und der englischen 
Macht an. Englands Machtausbreitungsbediirfnis bewegte sich dann 

Zeitschrift f. Mitsionskunde n. Reltsfionswissenschaft. 29. Jahr^. Heft 5. 



5^-7 "-S^T^'iJ "-Si'-Tl--^ i<-f~r>J -,■ Tgi; ;!";■»;,/..;«■ 



- 130 - 

in den folgenden Jahrzehnten von Indien her iiber das annektierte 
Birma auf Tibet zu, dem es immer mehr den Riicken starkte gegen 
seinen Herrn in Peking. Ziele und Wunsche der englischen Politik 
offenbarten sich ferner, als in den Zeiten der tiefsten Ohnmacht Chinas 
von England aus zuerst das aufriihrende Wort von einer Aufteilung 
Chinas in die Welt geschleudert wurde, als Lord Beresford sein Buch 
iiber den Zusammenbnich Chinas schrieb und darin das ganze Yangtse- 
Gebiet als englische Interessensphare in Anspruch nahm. Unterscheidet 
sich so der Charakter der englischen Politik China gegeniiber ganz 
offenbar von der amerikanischen, so hat doch auch England, seinem 
ganzen SelbstbewuBtsein als Weltkulturvolk getreu, von Anfang an 
etwas von seinem geistigen Out, von seiner Bildung China mitzuteilen 
gesucht, darin mit Amerika eins. Auch hier waren es A^ssionare, 
welche zuerst diese Pionierarbeit taten. Schon 25 Jahre vordem die 
Macht englischer Kanonen das Land aufsprengte, gab sich ein Morrisson 
die redlichste Muhe, geistig einen Zugang zu dem verschlossenen China 
zu finden. Die Ausbreitung und der Einflufi englischer Missionsarbeit 
auf dem Qebiet des Unterrichts, der Literatur, der Krankenbehandlung 
ging dann in den folgenden Jahren mit der amerikanischen Hand in 
Hand, wurde aber von dieser — wie schon erwShnt war — an Umfang 
weit iibertroffen. 

Abgesehen von der Arbeit ihrer A\issionare hat aber auch die 
englische Regierung in Hongkong ein Schuhvesen fiir Chinesen ge- 
schaffen, dessen EinfluB bei der innigen Verbindung Hongkongs mit 
dem Festland iiber die Qrenzen der kleinen Insel weit hinausgeht 
Jedenfalls war es nur natiirlich, dafi, als das moderne Bildungsstreben 
in China erwachte, sich dieses auch in betrachtlichem MaBe England 
zuwandte. Zugunsten Englands mufite ja auch das vor allem wirken, 
daB unter den Fremden in China die Englander nun doch einmal an 
erster Stelle stehen. Zwar haben sich da die VerhSltnisse in den letzten 
20 Jahren sehr zu ungunsten Englands verschoben, indem es nicht mehr 
wie friiher die unbedingte Eiihrung hat, sondem seinen EinfluB mit dem 
anderer Grofimachte teilen muB; aber auch heute noch steht der 
englische Handel bei weitem an erster Stelle in China, und es gibt mehr 
Englander in China als die Vertreter aller anderen Nationen zusammen- 
•genommen. In noch viel hoherem MaBe aber, als es ihrer Zahl ent- 
spricht, haben die Englander ihre Oberlegenheit in China durch ihre 
Sprache, dies natiirlich ebenso zu gunsten der Amerikaner. Es zeigt 
sich das etwa in dem groBen Organismus des Seezollamtes, der 
sich wie ein Staat im Staate iiber alle dem Handel offene PlStze, auch 



- 131 - 

des Ihlandes, ausbreitet An der Spitze der Verwaltung steht ein 
EnglUnder, in dem Heer auslSndischer Beamten sind aber alle anderen 
Nationen, entsprechend dem Prozentsatz ihres Handels mit China, ver- 
treten. Doch der ganze Organismus und die amtiiche Sprache des 
Seezollamtes ist engiisch. Ahnlich ist es mit Schanghai auBerhalb der 
Mauern der Chinesenstadt Dieses Schanghai ist — von dem besonderen 
franzosischen Settlement abgesehen — €ine internationale Niederiassung 
mit einer, dem Prinzip nach, internationaien Verwaltung. Es gibt in 
dieser etwa 13.500 Auslander (12.732 ausschliefilich der Inder), von 
denen die Englander etwa Vs ausmachen, die Amerikaner Vis. Aber wie 
die ganze Verwaltung nebst der zahlreichen Polizei durchaus engiisch ist 
— so dafi man tatsachlich in einer englischen Kolonie zu leben meint — , 
so ist es noch viel mehr die Sprache. In jedem chinesischen Laden der 
internationaien Niederiassung wird Engiisch oder wenigstens Pidgeon- 
Englisch verstanden, daneben vielleicht Franzosisch — der Nachbar- 
schaft des franzosischen Settlements wegen — , aber kaum irgendeine 
andere Sprache. Und in den von der internationaien Verwaltung und 
mit dem Qeld a Her Steuerzahler gegriindeten Schulen fiir die 
chinesische Bevolkerung des Stadtgebietes wird von fremden Sprachen 
nur Engiisch gelehrt, dies aber griindlich. Auch die Sprache des 
chinesischen Post- und Telegraphenamtes ist engiisch, sofem sie nicht 
chinessch ist; die Marken haben chinesischen und englischen Aufdruck, 
desgleichen die neuen Miinzen. Schon auch gibt es von chinesischen 
Redaktionen herausgegebene Zeitungen in englischer Sprache. 
Der Umkreis der Sprache reprasentiert da zugleich aber auch den 
Umkreis geistiger Beziehungen zu dem betreffenden Land. Fassen wir 
diese auf dem Qebiet des Bildungswesens in Zahlen zusammen, so 
finden wir 1913 an englischen Missionsschulen in China insgesamt 1664 
(darunter 484 mittlere und hohere) mit mehr als 39.000 Schiilern. Dazu 
treten aber nicht nur die englischen Regierungschulen in Hongkong, 
sondem auch mehrere chinesische Schulen, an welchen der wesent- 
liche Unterricht in englischer Hand ist, so z. B. die bedeutende 
Ingenieur- und Bergbauschule in Tangschan (Chili), an der sich nur 
englische oder engiisch vorgebildete Lehrer befinden, oder die Shansi- 
Universitat in Taiyuanfu, bei welcher englische Lehrer in der Abteilung 
fur fremde Wissenschaften wirken. Die grofite nichtmissionarische 
Unterrichtsanstalt Englands in China ist die Hongkong-Universitat, im 
MSrz 1912 eroffnet eines der imponierendsten QebSude, auf die ietzt 
das Auge bei der Einfahrt in den schonen Hafen fallt Dem Beispiele 
Amerikas folgend, plant England ebenfalls, auf einen Teil der aus dem 






132 — 



Boxerjahr ihm zustehenden Entschadisrungssumme zu verzichten bezw. 
mit dem Qeld in Wutschang, im Mittelpunkt Chinas, eine chinesisclie 
Universitat unter englischem Protektorat zu errichten und hat dafiir 
zunachst sieben Millionen Mark zur Verfiigung gestellt (..Ostasiat. 
Lloyd" 1913, Nr. 32). In England selbst finden etwa 300 chinesische 
Studenten ihre- Ausbildung, d. h. mindestens ebensoviel wie in den 
iibrigen Landem Europas zusammengenommen. 

Neben dem amerikanischen und englischen Kulturkrels in China 
ist auch der franzosische nicht unbedeutend. Er war bisher und ist 
auch jetzt noch in China zugleich eine Begleiterscheinung der katholi- 
schen Mission. Bestiinde dieser Zusammenhang nicht, so wurde ja 
gewiB die franzosische Regierung nicht das Protektorat uber die 
katholischen Missionen iibernommen und ehemals mit riicksichts- 
loser Energie durchgefiihrt haben. Ein Zeugnis ihrer damaligen 
Machtstellung ist, dafi die franzosisch-katholische Mission es wagen 
konnte, in Peking neben dem Kaiserpalast eine Kathedrale zu er- 
richten, deren Kreuz jenen noch iiberragte. Eine Ausnahme macht 
bekanntlich die katholische Mission in Siid-Schantung, welche seiner- 
zeit von Bischof v. Anzer unter deutsches Protektorat gestellt wurde 
und in deren Missionsschulen, sofern sie fremdsprachlichen Unterricht 
geben, Deutsch gelehrt wird. Dagegen wirkt z. B. die bedeutendste 
aller katholischen Missionen, die der Jesuiten in Schanghai, in erster 
Linie zugunsten des Franzosischen. So sehr ist das der Fall, daB die 
Stadtverwaltung der franzosischen Niederlassung in Schanghai den 
Unterricht ihrer chinesischen Jugend fast ganz den Patres liberlaBt 
Bezeichnend aber dafiir, wie stark der allgemeine e n g 1 i s c h e Ein- 
fluB auch auf das franzosische Stadtgebiet iibergreift, ist der Umstand, 
daB in der hoheren Schule der Jesuiten vor ein paar Jahren ein Streik 
ausbrach, indem die Schiiler die Forderung stellten, daB neben Fran- 
zosisch auch Englisch Hauptfach sein soUe. Die Forderung wurde ab- 
gelehnt, und der groBte Teil der Schiiler wanderte aus und veranlaBte 
die Qrundung einer neuen Schule, in der Englisch die geforderte Haupt- 
stellung einnahm. Franzosischer EinfluB geht natiirlich auch von der 
Sudgrenze Chinas aus, denn die Festsetzung in Anam hat ein Aus- 
dehnungsbedtirfnis nach dem benachbarten Kuangsi und Yunnan zur 
Folge; doch strauben sich die Chinesen gegen diesen EinfluB und lassen 
daher z. B. an der Hochschule von YUnnanfu eigens deutsch unter- 
richten, um den franzosischen Bestrebungen entgegenzutreten. 

Um chinesische Studenten zu veranlassen, in Frankreich zu 
studieren, haben franzosische Dampfer- und Bahngesellschaften ihnen 






- 133 - 

PreisermaBigungen gewahrt Im letzten Wintersemester finden wir 
— nach einer privaten Mitteilung — 110 junge Chinesen in Frankreich, 
von denen 15 MilitSrs sind. Frankreich gilt dabei in China als das 
teuerste Land des Auslandes. Eine groBe Anzahl von chinesischen 
Studenten wandert auBerdem nach Belgien; es fehlt mir hier eine amt- 
liche Aufstellung, doch wird ihre Zahl ebenfalis auf etwa 100 zu schatzen 
sein. In Belgien wird fast ausschliefilich das Eisenbahn- und Bergfach 
studiert, was wieder mit der Tatsache in Zusammenhang steht, daB 
nachst den Engiandern die Belgier am meisten Eisenbahnen in China 
gebaut haben. — 

Ober R u B 1 a n d als BildungsstStte fiir China ist nicht viei zu 
sagen. In den Russen sehen die Chinesen vor allem ihren Feind, der 
ihnen schon viel abgenommen hat und noch mehr abnehmen will, dessen 
Faust schwer auf der Mandschurei liegt und der kurzlich die Los- 
reifiung der auBeren Mongolei von China veranlaBt hat So ist es be- 
greiflich, dafi die Chinesen nicht gerade nach RuBland gehen, um sich 
abendlandische Bildung zu holen, die sie zudem bei alien andern der 
fiihrenden europaischen Nationen besser haben konnen. 

Und nun, nach diesem Ruckblick dariiber, was die iibrigen Welt- 
volker in China bereits eingesetzt haben, um sich an der Neubildung 
zu beteiligen, die ja nicht nur eine innerchinesische Angelegenheit ist, 
sondern eine Frage von weltgeschichtlicher Bedeutung enthalt, fragen 
wir nach der Haltung Deutschlands. 

Da miissen wir ja nun leider eingestehen, daB wir langer, als wie es 
aus dem Schicksal unseres spaten Werdens heraus verstandlich und 
entschuldbar ist, uns selbst von China abgesperrt haben durch die 
Qleichgiiltigkeit und uberlegene Selbstschatzung, mit der wir sowohl 
dem Oeist und der Kultur des chinesischen Volkes gegeniiberstanden, 
als den groBen politischen Wandlungen, die sich in diesem gewaltigen 
Menschenvolk, der alten Vormacht des Ostens, vollzogen. Die Eng- 
lander und Amerikaner, die Franzosen, die Russen hatten langst er- 
faBt, was China wert sei und was es ihnen wert sei, wahrend wir 
noch immer hinter der Mauer sitzen blieben, mit dep nun nicht mehr 
China sich den Weg zu uns, sondern wir uns den Weg nach China ver- 
sperrten. — Drei Ereignisse sind es, welche China endlich auch dem 
Interesse des deutschen Volkes naher brachten. Das erste: die 
Besitzergreifung des Kiautschou-Gebietes, eine der politischen Taten, 
welche in erster Linie der direkten personlichen Initiative des 
Deutschen Kaisers entsprungen sind. Damit — so darf man wohl 
behaupten — erweiterte sich auch bei zahllosen unserer Qe- 



^4 



- 134 - 



bildeten die geographische Kenntnis Chinas um einen vierten festen 
Punkt, indem zu der Dreiheit Peking-Nanklng-Kanton nunmehr Kiau- 
tschou bezw. bel den in der Erkenntnis noch weiter Vorgeschrittenen, 
Tsingtau an der Kiautschou-Bucht hinzutrat Und diese unsere Kolonie 
Kiautschou sorgte dann durch ihr biiihendes Wachstum am ehemals 
oden Strand und durch die Bedeutung, die sie als ein Mitteipunkt 
deutscher Macht und deutschen Einflusses gewann, ganz von selbst 
dafiir, dafi sie ein immer starkeres Bindeglied wurde, welches das 
deutsche Interesse an diesem einen Punkt wenigstens mit China 
verband. 

Das zweite, unseren Schlaf aufriittelnde Ereignis, welches eine 
Zeitlang aller Augen mit einer Mischung von Entsetzen und staunender 
Neugier nach dem fernen China blicken lieB, war der Feuerbrand 
des Boxeraufstandes. 20.000 deutsche Landeskinder fuhren damals 
hiniiber Uber das Meer und blieben monatelang auf chinesischem 
Boden. Sie kamen wieder heim und hatten in ihren Familien Marchen- 
haftes zu erzahlen von dem, was sie unter den J)ezopften Sohnen des 
Reiches der Mitte" gesehen und erlebt hatten. Und wenn dann auch bei 
vielen die Erlebnisse der Boxerzeit nur die Erinnerung hinterlieBen, 
welche eben irgend ein Marchen, ein Abenteuer hinterlaBt so war die 
Zahl derer im deutschen Volk doch noch groBer, bei denen diese Er- 
eignisse zum ersten Male die Erkenntnis erweckten, daB dort im fernen 
Osten noch eine sehr bedeutende unbekannte Welt liege und daB damit 
eine wirklich nationale Aufgabe gestellt werde, das Wesen dieser Welt 
kennen zu lernen und mit ihr in Verbindung zu kommen. Man filhlte, wie 
der Rahmen der Weltgeschichte sich gewaltig erweitere. Indes die 
dauemden, in das politische Denken iibergehenden Wirkungen jener 
chinesischen Expedition standen wohl doch nicht im VerhSltnis zu den 
gerade von deutscher Seite gemachten Aufwendungen. Denn sonst 
wurde man besser die Bedeutung der gewaltigen geistigen Umwand- 
lung Chinas bemerkt haben, die gerade nach dem Jahre 1900 so stark 
einsetzte. Aber selbst die tiefgehende Erregung, welche vier Jahre 
spater der Sieg der Japaner iiber die europaische QroBmacht RuBland 
gerade im chinesischen Volk hervorrief, blieb wenig beachtet Infolge- 
dessen wirkte dann die chinesische Revolution von 1911, die Tatsache, 
daB das uralte Kaiserreich auf einmal im Qewande einer modemen 
Republik dastand, in Deutschland auBerst iiberraschend, und dieses 
dritte Ereignis hat denn endlich dazu gefiihrt, in starkerem MaBe, wenn 
auch immer noch in viel zu kleinen Kreisen, die Empfindung dafiir zu 
wecken, daB wir den Dingen in China nicht gleichgiiltig gegenuberstehen 



\ 



— 135 — 

dtirfen', dafi es sich bei der chinesischen Prague zugieich um unsere 
e i g e n e Sache handelt. Man hat nicht ganz mit Unrecht die chinesi- 
sche Revolution eine akute Amerikanisierung Chinas genannt, iind an- 
l&Biich des modemen Chinas in republikanischem Qewand gehen nun 
manchen erst die Augen auf, seit wie lange bestehend und wie um- 
fangreich die Arbeit gewesen ist, mit der der amerikanische und eng- 
lische, der angelsachsische Geist sich in China betStigt hat und wek:he 
Fruchte dieser Arbeit nun zufallen. QewiB ist es nun bitter, daB wir 
so spSt kommen. Aber es darf naturlich auch da kein Zuspat fiir uns 
geben. Und den Schwierigkeiten, die uns durch unser verspatetes Ein- 
treten in die Weltgeschichte erwachsen, werden wir nicht anders zu 
begegnen haben, ais wie etwa innerhalb Europas den Schwierigkeiten 
unserer geographischen Lage. 

Es gibt nun verschiedene Wege, von denen aus den in China 
liegenden Aufgaben gegeniiber Krafte von uns in Bewegung gesetzt 
werden konnen, verschiedene Qesichtspunkte, unter denen heute, nach- 
dem man sagen kann, daB der Bann der Qieichgultigkeit p r i n z i p i e i 1 
gebrochen ist, das deutsche Interesse sich China zuwendet Den 
breitesten Raum nimmt da das wirtschaftliche und das in engem Zu- 
sammenhang damit stehende politische Interesse ein, Man hat nun zu 
sehen begonnen, welch riesiges Handels- und Absatzgebiet ein wirklich 
eroffnetes China darstellt, wefch ungeheure Werte in dem Lande drin- 
liegen, an welchen derjenige einen groBen Anteil haben wird, welchen 
China sich zur Mithilfe in der Entwicklung dieser im Lande liegenden 
Schatze herbeiruft, wefcher das notige Vertrauen genieBt und welcher 
an entscheidenden Punkten die notigen Kapitalien einzusetzen wagt, 
um hohere zu gewinnen. So haben wir in letzter Zeit manchen Weck- 
und Mahnnif bei uns vernommen, wie vor wenigen Monaten die Denk- 
schrift der deutschen Vereinigung zu Schanghai, in der eindringlich dar- 
gelegt wird, daB, wenn nicht alle Krafte angespannt werden, wir in dem 
zukunftsreichen China wirtschaftlich und damit politisch hoffnungslos 
hinter Amerika, England, Japan in einer unserer sonstigen Bedeutung 
als Qrofimacht unwiirdigen Weise zuriickstehen wiirden. 

Zugleich hat man aber auch in letzter Zeit erkannt, daB dieses fiir 
Deutschland erstrebte volkswirtschaftliche Ziel nicht ohne den Einsatz 
von unserem geistigen kulturellen Out zu erreichen ist Man hat unter 
anderem auch erkannt, welch empfindiiche Folge es haben kann, wenn 
man die deutsche Sprache, den Ausdruck unserer besonderen kulturellen 
Eigenart, verleugnet und ist sich da mancher Versaumnisse vergangener 
Jahre bewuBt geworden. Qleichzeitig damit ergab sich die Bereitwillig- 



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- 136 - 

keit, auch unsererseits, mit dem Besonderen, was wir zu geben haben, 
dem Streben Chinas nach der westlichen Bildung entgegenzukommen. 

Solcher Erkenntnis, daB man das schon !m eigenen nationalen 
Interesse tun musse, verdankte vor sieben Jahren die deutsch-chinesi- 
sche Medizinschule in Schanghai ihre Entstehung, welche dort einen 
sehr wertvollen Faktor des Deutschtums bedeutet. Sie darf sich in den 
sechs Jahren ihres Bestehens schoner Erfolge riihmen und genieBt in 
China selbst einen vorziiglichen Ruf. Die Anstalt baut sich in drei 
Stufen auf, mit dem breiten Unterbau der Sprachschule, in der die 
Schiller so weit im Deutschen gefordert werden, daB sie dann in Vor- 
kliniken und Kliniken dem deutschen Vortrag der Dozenten folgen 
konnen. Vor zwei Jahren haben die drei ersten ihre arztliche Priifting 
bestanden, sich als praktische Arzte in Schanghai niedergelassen und 
erfreuen sich einer ausgezeichneten Praxis. Aber es ist ein gutes 
Zeichen, daB einen von ihnen nach Jahresfrist der Trieb erfaBt hat, 
noch weiter, und zwar an der deutschen Quelle selbst zu studieren. Er 
befindet sich zurzeit als Volontarassistent bei der chirurgischen KUnik 
in Berlin. 

Der Wert dieser Medizinschule ist seit vorigem Jahre noch be- 
trachtlich gewachsen, indem ihr zugleich die erste deutsch-chinesische 
technische Schule angegliedert worden ist, der hoffentlich noch 
manche andere folgen werden. Denn die Tatsache liegt ja zweifellos 
vor, daB dem technischen Studium die meisten der chinesischen 
Studenten sich zuwenden, und daB zugleich die technische Ausbildung 
am meisten wirtschaftliche Verkniipfungen in Aussicht stellt 

Auf die Medizuischule in Schanghai folgte 1908 die deutsch-chinesi- 
sche Hochschule in Tsingtau; es war eine der letzten Taten des alten 
Dschang-dschi-dung, chinesischerseits an ihrer Qriindung mitzuwirken. 
Die Unterstufe dieser Hochschule entspricht etwa einer Realschule, die 
Oberstufe zerfallt in vier Abteilungen: fiir Rechts- und Staatswissen- 
schaft, fiir Naturwissenschaft und Technik, fur Forst- und Landwirt- 
schaft und fiir Medizin. Die Hochschule ist ebenfalls seit ihrer Qriindung 
schon bedeutend gewachsen. Sie hat zurzeit eine Schiilerzahl von nuid 
400, die bisher von 12 Dozenten und 8 Lehrem unterrichtet werden. 
Der Etat fiir 1914 hat noch bedeutende Erweiterungen gebracht 

Zu diesen beiden hoheren Anstalten in Tangtau und Schanghai ge- 
sellen sich in Kanton, Hankau, Tsinanfu, Tientsin, Mukden noch kleinere 
deutsch-chinesische Vor- und Mittelschulen, mit einer Schiilerzahl von 
ie 30 — 100. Diese Schulen gewinnen dadurch noch besonders an Wert, 
daB sie als Vorbereitungsschulen fiir jene hoheren Anstalten in Betracht 



- 137 - 






kommen. Es ware ihnen, abgesehen vcm weiteren Mitteln zur Er-. 
richtung eigener Schulgeb&ude, besonders auch noch das zu wunschen, 
daB die deutschen Lehrer dauernder an ihrem Posten bleiben konnten. 

Auch die deutschen Missionen in China weiB man heute anders 
einzuschStzen als vor zehn Jahren (wie auch die Kaiser-Jubilaums- 
spende des deutschen Volkes gezei^t hat), eben weil man auf amerikani- 
schem und englischem Lager die weitreichenden Einflusse, welche von 
der missionarischen Schularbeit ausgehen, erkannt hat, und die 
selbstdndigen deutschen Missionen jetzt samtlich in irgend einem MaBe 
auch den Aufgaben des deutschen Unterrichts sich widmen. Schon in 
friiheren Jahrzehnten hatte es ja manchen deutschen Missionsarbeiter 
von Bedeutung gegeben, aber es fehlte damals absolut der nationale 
Boden, daB ihre Arbeit in China zugleich auch eine deutsche 
Ruhmestat geworden wire. Der Wiirttemberger Eitel z. B., ein 
tiichtiger Forscher auch auf dem Qebiet des chinesischen Buddhismus, 
organisierte im Auftrag der engiischen Regierung das englisch- 
chinesische Schulwesen von Hongkong und schrieb natiiriich englisch 
eine gUUizende Darstellung der Qeschichte Hongkongs. Andere haben 
zeitlebens schwer darunter gelitten, dafi ihrem Wirken die Resonanz 
in der deutschen Heimat fehhe. Seitdem ist es ja besser geworden. 
Es gibt heute eine deutsche Kulturarbeit in China. Das Unterrichts- 
w e s e n , das uns hier beschSftigt, ist ja nur ein Teil davon. Da aber 
diirfen wir mit Befriedigung neben den vorhin genannten Qriindungen 
von amtlicher und halbamtlicher Seite, zugleich auf Schuien, wie das ein- 
flufireiche Deutsch-Chinesische Seminar des Allgemeinen Evangelisch- 
Protestantischen Missionsvereins (gegriindet 1901) und die erste 
deutsch - chinesische hohere Madchenschule (Schu-fan-Schule) in 
Tsingtau hinweisen. 

Aber immerhin ist es doch auch fiir den mit diesen Verhaltnissen 
schon Vertrauten immer wieder erstaunend und beschamend, wie 
groB unser Abstand als geistiger, kuitureller Eaktor in China von 
Amerika und England ist Da wir poUtisch natiiriich als QroBmacht in 
China vertreten sind, da unsere Flottenmacht an der chinesischen Kiiste 
im Verh^tnis zu den anderen Nationen recht ansehnlich ist, und auch 
der deutsche Kaufmann sich uberall bemerkbar macht, so tauscht man 
sich leicht iiber die bisherige schmale Basis unserer geistigen Einwir- 
kung, uber die geringe Zahl derer, die ihre Arbeit um dieses Zieles 
willen in China einsetzen. ^ -■-.•.-cU ^l .- M^^c^ 

Soli ich zum Beweise einige Quersclinitte Ziehen und zusammen- 



fassende Zahlen vorfiihren? i 









1 



- 138 — 



Es sind zurzeit rund 1350 junge Chinesen, welche zu Studien- 
zwecken ins Ausland gegangen sind, wobei wir von den Tausenden in 
Japan einmal ganz absehen. Von der genannten Summe entfallt auf 
Amerika rund 850, betrachtlich mehr als die H^fte, auf England V4 
bis Vo, auf Frankreich etwa V12, auf Deutschland mit der Ziffer 56 
nur V23! Dabei ist die Zahl der an der Berliner Universitat wirk- 
lich Inunatrikuiierten gegen frtiher sogar zuriickgegangen. Im Winter- 
semester 1910/11 und in den vier vorhergehenden Semestem waren 
hier 12 chinesisclie Studenten immatrikuliert. Im Sommersemester 1911 
waren es 15; diesmal sind es nur 9. — Da es sich urn die chinesischen 
Studenten in Deutschland handelt, mogen hier zugleich einige n^ere 
Angaben uber sie angebracht sein. Die Studiengebiete der betreffenden 
56 verteilen sich folgendermaBen : Technik 17, Militar 14, Landwirt- 
schaft 3, Medizin 3, Physik 2, Luftschiffahrt 2, Staatswissenschaft 2, 
Philosophie 2, Jura 4, Nationalokonomie 1, Qermanistik 1; 5 haben ihr 
Studiengebiet Uberhaupt nicht angegeben. — Die meisten dieser jungen 
Leute sind in Berlin, je einer in Leipzig, Aachen, Danzig, Breslau, 
Qottingen. In Wien finden sich 4. — Also alle zusammen ^/jj! 

Ein anderes Beispiel! Nach der Statistik des China Year Book 
betrug die Zahl auslandischer Lehrer an chinesischen Staats- 
schulen im Jahre 1911: 545. Es war dem Herausgeber des eng- 
lichen Jahrbuchs nicht moglich, die allgemeinen Angaben auch fiir die 
zwei letzten Jahre zu bekommen; indes die Zahl jetziger deutscher 
Lehrer an chinesischen Staatsschulen ist wohl bekannt: es sind nicht 
mehr als 4, dazu einige Militarinstnikteure. 

Und nun die von M i s s i n e n unterhaltenen Schulen. Da stehen 
den 4523 chinesischen Volksschiilem deutscherseits auf angelsachsi- 
scher Seite 72224 gegeniiber, also sechzehnmal so viel. Weit wichtiger 
als die Elementarschulen sind aber die Mittel- und hoheren Schulen, 
well m ihnen die Schiller immer zugleich in die betreffende fremde 
Sprache eingefiihrt werden. Da finden sich nun auf unserer Seite 
1356 Schuler, auf jener 30.448, also 22mal so viel! 

Ist es vielleicht inSchantung besser, der uns doch durch unsere 
Kolonie am nachstliegenden Provinz? Das deutsche Schutzgebiet bildet 
ja nur einen kleinen Teil der gesamten Provinz; diese ist halb so grofi 
wie das Konigreich PreuBen, an Einwohnerzahl ihm gleich. Das Schutz- 
gebiet aber hat nur die QroBe des Qebietes der freien Stadt Hamburg. 
Um dieses herum zieht sich dann noch die sogen. neutrale 50-Kilometer- 
Zone. Dahinter, in der eigentlichen Provinz, finden wir nun mehr als 
300 protestantische Missionsarbeiter, Manner und Frauen. Wie viele 



— 139 — 

unter ihnen stellt das protestantische Deutschland? Nicht einen! Was 
dagegen die amerikanisch-englische Schularbeit in Schantung bedeutet, 
war das vorige Mai schon gesagt. 

Noch ein drittes Gebiet, bei dem es sich lohnt, etwas ausfiihrlicher 
zu verweilen. — Es sind ja nicht nur die Schulen und Bildungsanstalten 
mannigfacher Art, sei es auf chinesischem, sei es auf auslandischem 
Boden, aus denen sich China die westliche Bildung holt. Von groBter 
Wichtigkeit ist selbstverstandlich die Literatur. Schon Dschang-dschi- 
dung sagt in seiner beriihmten Reformschrift, der Ermahnung zum 
Lemen: „Weit wichtiger, als auslandische Lehrer anzustellen, ist es fiir 
uns, Obersetzungen ihrer Werke zu bekommen, die fremden B U c h e r 
sind von unschatzbarem Wert." Wie steht es nun damit? Es gibt 
chinesischerseits nur eine Verlagsanstalt und Buchhandlung von Be- 
deutung, welche mit ausllindischer Literatur sich befafit, welche sowohl 
Obersetzungen aus anderen Sprachen ubermittelt (bezw. diese Ober- 
setzungen selbst herstellen ISBt), als auch fremde Texte mit chinesi- 
schen Anmerkungen herausgibt, als auch rein fremdsprachige Werke 
in ihrem Verlag herstellt; diese Verlagsanstalt, Druckerei und Buch- 
handlung ist die Xommercial Press" in Schanghai; ein fiir 
chinesiche Verhaltnisse ganz bedeutendes modernes Untemehmen, das 
rund 1000 Angesteilte besch^gt, darunter etwa 100 in der Ober- 
setzungsabteilung. Die ^Commercial Press" hat auBerdem dadurch 
ihre besondere Bedeutung, daB sie nicht nur den Verlag und Vertrieb 
aller amtlich eingefiihrten Schulbticher besitzt, sondem diese Lehr- 
mittel groBtenteils ihrerseits iiberhaupt erst schafft, dann dem Unter- 
richtsministerium prasentiert und dessen .Placet" erhalt Der EinfluB, 
den auf diese Weise die Commercial Press auf das bildungsbediirftige 
China ausiibt, dem sie damit zugleich seine Richtung gibt, ist auBer- 
ordentlich. Kein Gebildeter in China, der die schangwu yinschu 
guan nicht kenne; bis in die entferntesten Provinzen Chinas hat sie 
ihre Vertretungen, und auch das Chinesentum im Ausland bezieht von 
ihr seinen Bedarf, wie ich im vorigen Sommer in Singapore zu sehen 
Qelegenheit hatte. 

Lassen Sie uns dieser Commercial Press einmal einen Besuch ab- 
statten. Ihre Druckereien und Magazine liegen auBerhalb der Stadt; 
die Buchhandlung selbst befindet sich seit zwei Jahren in einem statt- 
lichen Neubau an der Ecke zweier der belebtesten StraBen Schanghais, 
der Putschau und Honin Rd. 

In den groBen Schaufenstern bemerken wir auBer Btichem, Karten 
und Bildem alle moglichen anderen Anschauungsmittel fiir den SchuU 



T 



- 140 ~ 



unterricht, bei denen es sogar an anatomischen Modellen nicht fehlt, 
die tie! in des Menschen Innere blicken lassen und vor denen sich 
immer zahlreiche erstaunte Beschauer zusammenfinden. Wir treten ein 
in die groBe Verkaufshalle, in der Dutzende von VerkSufern die Kunden 
bedienen, wShrend in demselben Raum andere ihrer KoUegen — dies 
nocli nacli altchinesischer Art — urn einen ninden Tisch sitzen und 
ihre EBstabchen in fleiBiger Bewegung nach der in der Mitte des Tisches 
stehenden Schtissel sich befinden. Wir bitten um einen Katalog; es 
lohnt sich, ihn etwas naher zu studieren, zumal bei jeder Nununer ein 
paar erklSrende Worte hinzugefUgt sind. — Fast die ganze erste HSlfte 
des Katalogs nehmen die Schulbucher ein, von der Vorschule aus auf- 
steigend; jede einzelne Stufe beginnt mit den chinesischen FSchem, und 
zwar da wieder mit den Lehrbilchern der Moral, vom einfachsten 
Bilderbuch an, in dem dem Abc-Schiitzen, wenn man so in China sagen 
diirfte, Beispiele guten Betragens, guter Sitte im Bilde vorgefiihrt 
werden, bis zum Kompendium der Ethik fiir die hoheren Schulen. Den 
hauptsachlichen Raum unter den Lehrbiichern beanspruchen aber doch 
die verschiedenen Zweige „westiicher Lehre": Rechnen, Mathematik, 
Physik, Chemie, Qeschichte, Qeographie usw. Es stellt sich heraus, 
dafi die meisten dieser Biicher Ubersetzungen oder Kompilationen aus 
auslandischen Werken sind, und zwar iiberwiegend aus j a p a n i - 
schen! Daneben einige aus amerikanischer und engiischer Quelle. 
Dabei ist jedoch zu bemerken, dafi gerade auch diejenigen Bik:her, 
welche sich nicht als Obersetzung geben, auf amerikanisch-engUsche 
Vorlagen zuriickgehen, insofern die betreffenden Mitarbeiter wohl ohne 
Ausnahme aus amerikanischen oder englischen Schulen stammen. Uber- 
setzungen aus dem Deutschen sind nicht vertreten; doch haben wir 
die kleine Freude, unter den etwa 60 Bearbeitungen aus dem Japani- 
schen zwei deutsche Autoren zu entdecken: Paulsen, Orundlagen 
der Ethik, und QauB, Logarithmentafeln. 

Nach den Schulbiichern kommt gleich das Kapitel ,Auslandische 
Literatur" an die Reihe, und unser Interesse steigert sich. Zuerst, wie 
nicht anders zu erwarten, „Engllsche Literatur", die wiederum in 
mehrere Abteilungen zerfallt Voran nehmen die Lehrbiicher zur Er- 
lernung der englischen Sprache einen groBen Raum ein; dabei nicht 
nur die iiblichen Elementarbiicher und ,Xnglish Readers", sondem auch 
z. B. 23 verschiedene Nummem iiber englische Qrammatik in chinesi- 
scher Erklarung; wieder andere iiber den englischen Stil und Aufsatz; 
Sammlungen von QesprSchen, Phraseologien, Sprichwortem, An- 
weisungen zum Ubersetzen aus dem Englischen in das Chlnesische und 



— 141 - 

uingekehrt, zum Briefschreiben und dergleichen. Auf diese Lehrbucher 
des Englischen folgen Werke englischer Literatur selbst, dann Werke 
aus dem Qebiete der Qeschichte, Qeographie, Staats-, Rechts- und 
Naturwissenschaft, ftir Chinesen bearbeitet mit chinesischen An- 
inerkungen. Diese ganze Abteilung der englischen bezw. englisch- 
chinesischen Literatur ist von der Commercial PreB noch in einem 
Separatkatalog in englischer Sprache herausgegeben, wahrend der 
Hauptkatalog nur chinesisch verfafit ist — Wir blattern nun im letzteren 
weiter, immer noch innerhalb der Hauptrubrik, welche auslandische 
Literatur behandelt, und entdecken gliicklich auch die Oberschrift 
Deutsche Literatu r", und linden darunter folgendes : 

Deutsche Lektionen fiir chinesische Anfanger. Verfafit von Hung- 
dschung. 75 Cents. 

Sie sehen mich fragend an: Und was noch? Weiter hab' ich nichts 
zu verraten, da ist wirklich nicht mehr zu lesen! — Doch ja, unter der 
Rubrik „W6rterbUcher'* bemerken wir noch neben 13 englisch-chinesi- 
schen, zum Teil sehr umfangreichen zweibandigen Werken, wie dem 
von Dr. Yen, dem jetzigen chinesischen Qesandten in Berlin, verfaflten, 
noch ein deutsch-chinesisches Taschenworterbuch. Es zeigt sich bei 
naherer Betrachtung als ein ganz miserables Ding, von einem chinesi- 
schen Offizier verfafit, der einmal in Berlin war. Weiter ist aber 
wirklich aus dieser Abteilung nichts herauszuholen! 

Auf dieses Kapitel „Auslandische oder gemischt auslandisch- 
chinesische Literatur" folgen nun wieder Werke rein in chinesischer 
Sprache, aber zum grofiten Teil — wie bei den betreffenden Unter- 
richtsbiichem — Obersetzungen. Es handelt sich um die Gebiete: 
Rechts-, Staats- und Finanzwissenschaft, besonders auch um die Ver- 
fassungen von Amerika, Frankreich, England, um Philosophie, 
Soziologie, Qeschichte, Qeographie, einige Monographien und zahl- 
reiche kleinere Erzahlungen. Wiederum stammen diese Obersetzungen 
iiberwiegend aus japanischer Quelle, doch tritt das Englische und 
Amerikanische zugleich starker hervor als in der ersten Abteilung; auch 
einiges aus dem Eranzosischen ist dabei. Aus deutscher Quelle linden 
wir — aber wiederum nur als Obertragung aus dem Japanischen — 
vier Namen : Vorlesungen iiber Staatsrecht, die ein beriihmter deutscher 
Professor Na-t6-keng in Japan gehalten habe (Prof. Rathgen?); des- 
gleichen philosophische Vorlesungen von einem anderen Deutschen in 
Japan, eine Schrift iiber ortliche Selbstverwaltung. eine Sammlung 
deutscher Unterrichtsordnungen, und im Nachtrag noch eine Sammlung 
ausgewahlter deutscher Qesetze. 



r 



— 142 — 



Unter den verschiedenen Qeschichtsbuchern macht uns 
ein Titel etwas stutzig: es ist die Qeschichte des Reiches li orl man. 
Was ist das fiir ein Reich? Ich bemerke, dafi zur Bezeichnung der 
fremden Staaten und Voiker im Chinesischen Zeichen verwendet 
werden, welche ^anz ungefahr den betreffenden Laut wiedergeben, 
z. B. Spanien = Si ban ya, Italien = I da li, Holland = H6-lan. So 
heifit denn Deutschland amtlich ganz allgemein: De-i-dschi. (Allerdings 
wird gewohnlich nur das erste Zeichen gesetzt: Ying-guo England, 
Fa-guo Frankreich, Deguo Deutschland.) Aber was ist das li-orl^nan? 
Man wird es unschwer erraten; es ist eine Obertragung aus Germany 
und bedarf danach keiner weiteren Versichening, daB diese Qeschichte 
Deutschlands eine Obersetzung aus englischer Quelle ist. DaB da selbst 
der Name imseres Vaterlandes in englischem Qewand dem chinesischen 
Laser prasentiert wird, mag ja an sich als eine Kleinigkeit erscheinen, 
aber es ist jedenfalls fiir den, der etwas innerhalb des Chinesischen lebt, 
eine bezeichnende Kleinigkeit. — Doch wir sind mit iinserer Lektiire 
fertig. Wir geben nachdenklich den Katalog wieder zujpiick, auf dessen 
letzten Blattern uns noch die Anpreisung eines neuen Buches ins Auge 
fiel: J)as Wichtigste, was man wissen muB, um nacli Amerika zu 
reisen." — Da wird uns noch ein anderer Katalog in die Hand gedriickt: 
Imported Books, aus dem wir mit Erstaunen sehen, daB die 
Commercial Press zugleich die Vertretung von 13 ausJSndischen Verlags- 
anstalten fiir Unterrichtsliteratur fiihrt und ein groBes Lager davon yor- 
ratig hat. Der Katalog weist mehr als 1000 verschiedene Nummem auf, 
und zwar samt und sonders englischen und amerikanischen grofien 
Verlagsanstalten entstammend. Wir verlassen als Deutsche doch 
etwas beschamt die stattlichen Raume der Commercial Press, aber es 
ist mit der Beschamung noch nicht zu Ende. Nicht weit von der 
Commercial Press lockt noch ein anderer JBuchladen zum Eintritt: 
Christian Literature Society. Das Wesen dieses Unternehmens ist 
ahnlich wie bei der Young Men Christian Association viel weiter als sein 
Name besagt, und wird jedenfalls besser bezeichnet durch den friiheren 
Titel: Qesellschaft zur Verbreitung christlichen und allgemeinen 
Wissens. Noch ehe die erste Reformbewegung in China einsetzte, 
hat es sich diese wesentlich aus englischen Missionskreisen hervor- 
gehende Qesellschaft zum Ziel gemacht, westliche Bildung in chinesi- 
scher Sprache zu verbreiten, zum Teil durch einfache Obersetzungen, 
zum Teil durch besondere Bearbeitungen, die sich neben dem religiosen 
auf die verschiedensten Wissensgebiete beziehen: Qeschichte, Philo- 
•sophie, Regierungsformen, Nationalokonomie und Shnliches. Die da- 



durch geschaffene Literatur hat seinerzeit auf den Gang der Reform- 
bewegung direkt eingewirkt, mehrere dieser Werke haben damals dem 
jungen Kaiser Kuang-sii, Kang-yu-we und seinen Freunden vorgelegen 
und waren von diesen sehr geschatzt. Aber ich brauche es wohl nicht 
ausdriicklich zu sagen: es ist ein angelsachsisches Untemehmen; das 
A u s 1 a n d , zu dem es Jung-China die Tore offnet, ist England, danach 
Amerika. Wir bemerken unter anderem in dem Katalog eine Serie von 
Staatsmannern. Sie soil dem Obertitel nach die beriihmtesten Staats- 
mfinner aller Zeiten und Volker nach ihrer Personlichkeit und ihrem 
Werk dem chinesischen Leser vorftihren. Bisher erschienen sind 9: 
a 1 1 e s EnglSnder und Amerikaner. (Doch darf ich hierbei nicht ver- 
schweigen: der Begriinder und Leiter dieses Unternehmens, der alte 
D. Timothy Richard, eine der gebildetsten und anziehendsten Personlich- 
keiten unter den englischen Missionaren, hat sich die redlichste Mtihe 
gegeben, einen Deutschen oder einen Deutsch verstehenden Chinesen 
zu gewinnen, damit auch ein deutscher Staatsmann in der Serie ver- 
treten ware, aber vergeblich.) — Und noch an einer dritten groBen 
Verlagsanstalt fiihrt uns unser Weg vorbei, die dem nach westlicher 
Bildung strebenden China entgegenkommt, das ist die Presbyterian 
Mission Press, ein groBes, schon vor 50 Jahren gegriindetes 
amerikanisches Untemehmen. Der Katalog zerfallt in zwei fast 
gleiche Telle: Chinese Books — English Books, und unter den chinesi- 
schen nehmen wiederum die Schul- und belehrenden Biicher den groBten 
Raum ein. Es handelt sich um insgesamt mehr als 1200 von dieser 
Verlagsanstalt herausgegebene chinesische Biicher. — . 

Diese kurze Wanderung durch die Quellgebiete, aus denen das 
neue China literarisch seine Bildungsstoffe bezieht, muB notwendig in 
uns Deutschen ein Qefiihl des Bedauerns erregen. Qerade well wir 
uns als Deutsche doch wirklich ohne Oberhebung dessen bewuBt sein 
dtirfen, die literarischen geistigen SchStze in hervorragendem MaBe zu 
besitzen, nach welchen nun einmal dort die Nachfrage begonnen hat 
Und wenn gar kein weiterer Verlust dabei auf dem Spiele stande, es 
ist doch einfach ein Jammer, daB China von deutscher Wissenschaft 
und deutscher Qeistesbildung so kiimmerlich wenig erfahrt, daB das 
Wenige wiederum erst den Umweg tiber Japan machen muB oder in der 
Verkiirzung und teilweisen Entstellung amerikanisch-englischer Pro- 
dukte dargeboten wird. — Danun sollte es einleuchtend sein, daB unter 
den mannigfachen VorschlSgen zur Forderung deutschen geistigen Ein- 
flusses in China gerade auch dies von groBter Wichtigkeit ist, auf einen 
Weg zu sinnen, um deutsche Literatur mannigfachster Art in China 



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— 144 — 

bekannt und heimisch zu machen. Eine umfassende Ubersetzungs- 
anstalt zu schaffen, ist eine unbedinsrte Notwendigkeit, bezw. auch ein 
deutsches Zentralbureau fur Obersetzungstatigkeit, welches alle dafiir 
taugUchen Krafte, Dolmetscher, Lehrer, Missionare, in Bewegung setzt 
und organisiert. Durch das Obersetzungsbureau der Hochschule in 
Tsingtau, das aber bisher nur zu sehr durch die unmittelbaren An- 
forderungen des Schulbetriebes in Anspruch genommen war, sowie 
durch ein aus einer kleinen Qruppe chinesischer und deutscher Qe- 
lehrter bestehendes Komitee sind die Grundlagen dafiir ia schon ge- 
geben: sie verdienen die groBte Unterstiitzung. Desgleichen das, 
was deutscherseits von chinesischen Zeitungen vorhanden ist: die 
,Jisieh ho bau" in Schan^hai, die .JDeutsch-Chinesische Rechtszeitung" 

der Hochschule in Tsingtau, der „West-Ostliche Bote'* mit chinesisch- 
deutschem Paralleltext (ebenfalls von der Mochschule herausgegeben), 
,J)er Freund" D. Wilhelm's und ahnliches. — In Tsingtau befindet sich 
seit der Revolution eine groBe Anzahl nicht nur alter chinesischer Be- 
amten, sondern auch tiichtiger chinesischer Qelehrten, wie man sie 
heutzutage nicht leicht in dieser Weise zusammenfindet; die soUte man 
heranziehen! Selbst der von sachkundiger Seite ausgesprochene Plan 
scheint mir nicht zu kiihn, im Bunde mit diesen Qelehrten — von 
deutscher Seite aus, wie es bisher zum groBen Teil von amerikanisch- 
englischer her geschehen ist — eine voUstandige solide Literatur 
chinesischer Lehrbiicher zu schaffen. DaB diese von der chinesischen 
Regierung angenommen werden wiirde, ist heute durchaus wahrschein- 
lich. Die Zeit im allgemeinen ist giinstig fiir uns. — Aber ab- 
gesehen von der Lehrmittelliteratur bleibt ja auch sonst noch 
ein reiches Feld der Betatigung. Alle HSnde vol! hStten wir 
zu tun, wenn wir nun mehr Leute besSBen, die solche Arbeit tun 
konnen. An lesendem Publikum wiirde es bei einigermaBen geschickter 
Propaganda nicht fehlen ; trotz allem, was die vohin genannten Kataloge 
enthalten, ist es ja im Verhaltnis zu der chinesischen Lesewelt noch 
furchtbar wenig, und anderes, was schon geleistet ist, verlangt dringend 
nach einer verbesserten Auflage. Ob man dann fur die zu schaffende 
deutsche Literatur in chinesischer Sprache zugleich eine eigene Ver- 
lags- und Vertriebsanstalt einrichtet, oder ob es sich empfehlen wiirde, 
wenigstens manche Biicher dem geschaftlich ausgezeichnet organi- 
sierten chinesischen Verlag der vorhin genannten Commercial 
Press zu iibergeben, das bleibt eine spatere Frage — wenn die Aufgabe 
nur iiberhaupt angefaBt wird. ' - 

Einst waren wir in der ganzen Welt bekannt als die Schulmeister, 



'^- '"'''"' ' ■■ — 145 — "^ :. ..,..Av -■ .^_ 

als die, die zwar politisch kein rechtes Vaterland und keine Macht be- 
saBen, die sich zersplitterten in fremden Landen, aber dafiir ein Welt- 
reich deutschen Qeistes bildeten, aus dem viele andere sich Bausteine 
und Kleinodien holten. Von diesem Weltreich des deutschen Qeistesi 
hat man in China noch wenig vernommen; als ein Volk groBer 
Bildung, und in unserer Cigenschaft als groBe Padagogen, hat man 
uns dort noch am wenigsten kennen gelernt. ImGegensatz zu fruheren 
Zeiten kennt man uns als eine Starke Militdrmacht, kennt uns wohl auch 
als ein reichesVolk durch seine Industrie und seinen Handel, aber nicht 
als ein durch seine geistigenSchStze reichesVolk. Man kennt uns iiber*< 
haupt nur durftig aus eigenerErfahrung, sondem hauptsSchlich in dem 
Lichte, in dem die andem uns zeigen, aus deren Hand China bisher groB- 
tenteils seine Belehrung nimmt, und diese andern tun das Ihre, um den 
Chinesen bei dem WorteDeutschland vor allem den Begriff der gepan- 
zerten Faust und des unfeinen Emporkommlings aufsteigen zu lassen. 
Ein Beispiel hierfiir: Im vorigen Sommer brachte die chinesische, 
in China weitverbreitete Wochenschrift „Ta-tung-bao", deren 
Herausgeber ein englischer Missionar ist, einen langeren Artikel uber 
Deutschland, der seinerseits nur eine Obersetzung aus dem Englischen 
war. — In diesem Artikel steht nun zwar nicht lauter Unfreundliches 
gegen Deutschland. Es wird z. B. anerkannt, daB die Deutschen das 
fleiBigste Volk auf Erden seien, und daB sie sich auBerordentlich schnell 
vermehrten; sogar auch, daB die allgemeine Bildung auf hoher Stufe 
stehe, obwohl es den Deutschen an besonderer Begabung fehle. Der 
Qesamtton des Artikels aber ist deutlich darauf gestimmt, ein Schreck- 
bild von deutschen ZustSnden und deutscher Art zu geben. So heiBt 
es z. B.: Die Justiz wird in Deutschland von den Machthabern nach 
Qutdiinken miBbraucht; das Volk ist blind gegen die MiBbrauche und 
laBt alles gewShren. Kann man solche Menschen noch Biirger nennen? 
Es sind einfach Untertanen." Und weiter sagt der Artikelschreiber zu- 
sammenfassend: ,Jch komme also zu dem SchluB: die Deutschen sind 
nur Knechte des Qesetzes und der Qewalt Am meisten aber setzen 
sie ihr Vertrauen auf den bloBen wild-barbarischen Militarismus." — 
Der „Ostasiat Lloyd", der ubrigens als das ausgesprochene Organ 
fiir die deutschen Interessen in China dringend eine groBere Verbreitung 
in deutschen Lesehallen, Klubs usw. verdiente, stellte in diesem Fall 
den Herausgeber jener chinesischen Zeitung zur Rede, und er ent- 
schuldigte sich damit, daB er den Artikel ohne Kenntnis seines Inhalts 
aufgenommen habe. Aber bezeichnend bleibt derartiges doch, und es 

wSren noch viel krSftigere Beispiele zu nennen. 

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^«-^;^=»^» . 



— 146 — 



Doch ich wollte in diesem Zusammenhang weniger andere an- 
klagen als uns selbst; darauf hinweisen, wie lange und wie sehr noch 
wir es daran haben fehlen lassen, uns von der Seite unserer geistigen 
Werte China nahezubringen. Und es ist nicht zu sp§t dazu, das auch 
jetzt noch zu tun und die vorhandenen AnfSnge auszubauen. Die vor- 
stehenden Ausfiihrungen haben wohl etwas erbarmungslos das Uber- 
gewicht gezeigt, das Amerika und England auf dem Qebiete des 
Bildungswesens in China besitzen. Aber der ungeheure Abstand in 
den Zahlen braucht uns nicht mifimutig zu machen, als ob es sich iiber- 
haupt nicht mehr lohne, so spat noch nachzukommen. Und mogen 
wir auch, was die Quantitat der Entfaltung anbetrifft, auf absehbare 
Zeit hinter den andern im Wettkampf zuruckbleiben, aber das Ziel 
diirfen und miissen wir uns als Deutsche setzen, durch die Qualitat 
unserer Leistungen hervorzuragen, zu suchen, es besser, grundlicher, 
sachlicher zu machen. 

Und dabei darf ich m diesem Kreise wohl auch zu folgendem auf 
Ihre Zustimmung rechnen. Die Notwendigkeit, dem Streben Chinas 
nach westlicher Bildung entgegenzukommen, horen wir heute durch- 
gangig motivieren mit den wirtschaftlichen Vorteilen, die dies 
fiir den deutschen Handel, die deutsche Industrie und damit fiir 
das ganze Reich haben muB. Ohne Zweifel bestehen diese Zusammen- 
hange; ich denke, auch aus meinen Ausfiihrungen hat man sie deutlich 
herausgehort, und dieser Faktor verdient von alien denen, deren Pflicht 
es ist, auf die politischen und wirtschaftlichen Vorteile der deutschen 
Nation zu sinnen, noch viel krSftiger in Rechnung gestellt zu werden. 
Aber mochte die deutsche Kulturarbeit selbst in dieser Verbindung nur 
nicht ihr Bestes verlieren. Denn dann stdnde es doch schlecht um uns 
und unsere Zukunft, wenn ihre Betatigung iiberhaupt erst durch iene 
Erwagungen in Bewegung gesetzt oder erhalten wiirde, wenn sie nicht 
zugleich aus den eigenen inneren Quellen deutschen Qeistes, deutscher 
Bildung, deutscher Kultur herausflosse, auch unabh^gig von alien zu 
erwartenden wirtschaftlichen Vorteilen; wenn die nun einmal notwaidig 
gewordene Konkurrenz auf der Weltbiihne nicht zugleich begleitet ware 
von dem frohen Stolz, wirklich in unserer Wissenschaft und Qeistes- 
art etwas zu haben, was es nicht verdient beiseite gesetzt zu werden, 
sondem was hinaus mufi in die groBe Welt, um in der Beriihrung und 
Auseinandersetzung mit anderer Qeistesart zugleich erst recht heraus- 
gearbeitet zu werden. Und es handelt sich dabei nicht nur um sok:he, 
die den Beruf als Lehrer in China haben; sondem jedem einzelnen 
Deutschen, der nach China hinausgeht, sollte man es zurufen, dafi er 



- 147 — 

dazu berufen ist, durch sein personliches Beispiel ein Vertreter 
deutscher Kultur zu sein und dafi in dem MaBe als ihn dieses Ver- 
antwortiichkeitsgefuhl beseelt, er ein Mehrer oder Zerstorer deutschen 
Qutes, realen deutschen Einflusses sein wird. Und ich kann nach 
eigenen Beobachtungen versichem, die Chinesen haben ein feines Qefiihl 
dafUr, ob bei einem Menschen solche personliche innere Kultur vor- 
handen ist oder nicht 

Und noch etwas anderes von deutscher Art muB dabei zur Er- 
scheinung kommen, damit die Beziehungen, die wir in diesem Fall zur 
chinesischen Welt erstreben, wirklich innerlich gekniipfte sind und nicht 
auf Augenblickserfolge hinauslaufen — das ist der Respekt, den wir im 
SelbstbewuBtsein unseres Besitzes dennoch zugleich der chinesischen 
Eigenart entgegenbringen. Das deutsche Out, das wir nach China hin- 
iiberbringen, darf nicht als ein Fremdkdrper sich eindrangen, sondern 
mufi eine organische Verbindung suchen, muB in das Chinesische selbst 
seine Wurzeln hineinsenken ; und ich glaube, dafi aus dem Grunde viele 
ausl&idische Bestrebungen in China noch groBe Enttauschungen erleben 
werden, weil sie das recht hSufig auBer Acht iassen. Das heifit dann 
aber als praktische Folgerung, dafi der der einfluBreichste Lehrer in 
China sein wird, der dort seinerseits zugleich sich zum Schiiler macht, 
urn die chinesische Art rectit verstehen zu lernen; und wer nur einiger- 
maBen die innere Fiihlung dazu gewonnen hat, der wird finden, daB 
es sich lohnt und von hochstem Interesse ist, diese chinesische Eigenart 
kennen zu lernen. Ich bin voll uberzeugt, daB die Chinesen in ihrem 
Streben nach abendlandischer Bildung sich auf die Dauer dahin wenden 
werden, wo sie die griindlichste Bildung finden und wo sie zugleich 
selbst am besten verstanden werden. Aus beiden ergibt sich fiir uns 
unsere Aufgabe. 

Ich mochte es dabei als ein gutes Zeichen erwShnen, daB gar 
manchmal gebildete Chinesen zu finden sind, die es wohl erkennen, dafi 
ihnen die ganze Kultur des Abendlandes zu sehr durch englisch-anieri- 
kanische Brille gezeigt wird, die ein richtiges Empfinden fiir die selbst- 
standige und starke Eigenart Deutschlands in der Wissenschaft und 
Literatur haben, aber damit zugleich das Bedauem, dafi ihnen keine 
Qelegenheit gegeben ist, diese Schatze kennen zu lernen; wie ich es 
einmal habe ausdriicken horen: wohl stofie man immer wieder auf das 
Deutsche, aber man finde die Ttir nicht, urn hineinzukommen. 

Helfen wir ihnen alle dazu, die Tiir zu finden! — 



"^ 



- 148 - 

Eine frappante Parallele zu den biblischen 
Speisnnffsgeschichten in einem bnddhistischen Sutra. 

Von Professor D. Hans Haas, Jena. 

Der Leser wird mir, es geht nicht wohl anders, gestatten miissen, 
in etwas weit auszuholen. Ich muB ihm, sei's auch noch so knapp, vor- 
erst zum Teile wenigstens den Inhalt eines Sutras des mahayanistischen 
Kanons angeben, um die buddiiistische Erzahlung, die ich mit 2. Kon. 4, 
42—44 und Mark. 6, 30 — 44 (nebst Par.) zusammenhalten will, in 
itirer kontextualen Einbettung zu zeigen. Dies darum, weil der heilige 
Text, um den sich's handelt, so hoch er bei den Qlaubigen des sog. nord- 
iichen Buddhismus in Ansehen steht, eines von den leider noch allzu- 
vielen Schriftwerken des chinesischen Tripitaka ist, iiber die selbst in 
der okzidentalen Fachliteratur so gut wie nichts zu finden ist. Kern 
(Der Buddhismus und seine Qeschichte in Indien) tut unseres Werkes, 
des Vimalakirtti-nirdesa, wo er die vornehmsten kanonischen 
Biicher des Mahay^na aufzShlt, wohl ErwShnung, hat aber nichts als 
die kurze Bemerkung: ^Vimalakirtti, iiber die vollstSndige Nichtigkeit 
der beseelten Wesen, die Traumbildern gleichkommt" (a. a. O., Bd. II, 
S. 511), und nur ein paar Satze mehr bietet auch Wassiljew (Der 
Buddhismus, seine Dogmen, Qeschichte und Literatur), bei dem man 
liest: „Vimalakirtti war ein OberhauptzurLebenszeit des Buddha; hier 
erscheint er aber hoher gestellt als selbst viele Bodhisattvas, was jedoch 
in den mahayanistischen Sutras eine nicht seltene Erscheinung ist. 
Vimalakirttisendet sogar einen zaubergewaltigen Bodhisattva zu einem 
Buddha in einer andern Welt. Die dogmatische Betrachtung beruhrt: die 
reineSphare des Buddha, ferner, daB man die beseelten Wesen anzusehen 
hat wie Phantome, wie den Widerschein des Mondes im Wasser, oder 
wie Bilder im Spiegel usw., mit einem Wort, daB nichts eine Wirklich- 
keit hat. Der Bodhisattva, tatig in dem, was kein Pfad ist, gelangt zu 
dem Pfade des Buddha; alle Eitelkeiten sind Keime (Saat) des Buddha 
(d. h. daB alle Handlungen in der Folge zu dem Berufe eines Buddha 
fiihren). Das allerbeste der Opfer ist das geistige." (S. 152 des russi- 
schen Originals.) Ein genaues Resiimee des ganzen aus vierzehn 
Kapiteln bestehenden Sutras will auch ich an diesem Ort nicht geben, 
mich vielmehr darauf beschrSnken, seinen Inhalt bis zu Kapitel X, in 
dem sich die uns hier interessierenden Stellen finden, fluchtig zu 
skizzieren. Das erste Kapitel darf ich dabei beiseite lassen: es konnte 
mit gleichem Fuge manchem anderen Sutra als Prolog vorausgeschickt 
sein. 



- 149 - 

« 

Kap. II macht den Leser bekannt mit einem Zeitgenossen und 
Jiinger des historischen Buddha, Vimalakirtti, der, ein Reicher, 
in der Stadt VaisSli lebte. Kein Qlied des engeren Monchordens, 
sondern ein bloBer Laienanhanger des Erleuchteten, wird er doch als 
ein ausgezeichneter Heiliger und Weiser geschildert: in der Welt, nicht 
von der Welt, ein echter, rechter Bodhisattva, nicht nur in seinem 
ganzen Wandel alien Mitlebenden ein Vorbild, sondern ein Lehrer, der 
sich darauf versteht, alien alles zu werden, so manniglich ein Heifer und 
ein Heiland, ungezahlten Mitbriidern ein Segen werdend. Eines Tages 
erkrankt er. Aber auch sein Kranksein schlagt Tausenden zum Heile 
aus. Konige, Minister, Adelige, Kaufleute, Brahmanen kommen an sein 
Lager, ihn in seiner Krankheit zu besuchen. Sie alle werden dabei von 
ihm in dem wunderbaren Qesetze Buddhas unterwiesen. Von seinem 
siechen Korper, dem verganglichen, wesenlosen Trugbild oder Karma- 
schatten, verweist er sie auf den allvolikommenen Buddhakorper, den 
DharmakSya, das Eine, wahre, absolute Sein. 

Kap. Ill: Auch dem Buddha bleibt Vimalakirttis Krankheit nicht 
verborgen, und Mitleid mit ihm fiihlend, spricht er seine Hauptjunger, 
die fiinfhundert Arhats, einen um den andern an: „Vimalakirtti ist zum 
Tode krank, geh' hin und troste ihn!" Jeder der also Aufgerufenen er- 
zahlt dem Meister von einer Begegnung, die er mit dem ihm iiber- 
legenen Weisen kiirzlich erst gehabt, und erklart, daB er sich unwiirdig 
fiihle, die Mission auf sich zu nehmen: ich bitte dich, entschuldige mich! 

Kap. IV: Und Buddha, nachdem er bei seinen Arhats nichts aus- 
gerichtet, wendet sich an eine Reihe Bodhisattvas, an Maitreya zuerst, 
nach ihm an andere. Auch von ihnen will sich keiner des tuchtig er- 
achten, eines Mannes wie Vimalakirtti Krankentroster zu werden; 
denn jeder weiB dem Erleuchteten von einem Erlebnis zu erzahlen, das 
er mit dem Weisen gehabt und dabei er klaglich vor diesem zu schanden 
geworden. 

Kap. V : Auch der, an den Buddha hierauf die gleiche Aufforderung 
richtet, erwidert ihm zunachst, es sei kein Kleines, Trost einem Weisen 
und Heiligen zu spenden, erklUrt aber endlich, der Weisung Folge leisten 
zu wollen. Und so kommt es zu dem Schauspiel, dem seltenen, eines 
Zusammentreffens zweier durch ihre QroBe gleicherweise alle Welt 
iJberragender QroBen, Vimalakirttis und Manjus'ris, welch letzterem 
80000 Bodhisattvas. 500 SrSvakas und 100000 Qotter (Devas) und 
Menschen als Begleiter in das Krankenzimmer folgen. Die Unterhaltung 
der beiden Weisen wird mitgeteilt Sie zeigt vor allem, wie ein^ 
Bodhisattva iiuierlich einer Krankheitsheimsuchung gegenuber sich zu 



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— 150 



stellen hat, wird aber dabei zu einer Dariegung der tiefsten Lehren des 
Qesetzes Buddhas. 

Kap. VI: Der Zwiesprach des Kranken mit Manjus'ri folgt eine 
solche mit dem mitgekommenen Sariputra, dem Vimalakirtti eine Be- 
lehrung iiber das wahre Wesen der Erlosung (mokslia) zuteil werden 
laBt, indem er zu seiner Unterweisung auch ein psychisches Mirakel 
inszeniert 

In Kap. VII und VIII laBt sich dann Manjus'ri von Vimalakirtti 
sagen, wie ein Bodhisattva sich zu alien lebenden Wesen zu stellen 
hat, wie er sich vor dem Irrtum in acht nimmt, sie als ein Wirkliches an- 
zusehen, und, von Liebe fur die von Tauschung Umfangenen erfiillt, 
unablSssig als ein Heiland auf ihre ErlSsung sinnt und wirkt, sokher- 
weise selbst immervollkommenerwerdend und demEndziel der Buddha- 
schaft entgegenreifend, und wird seinerseits von Manjus'ri darauf hin- 
gewiesen, wie auch alles Obel der Transmigration dem Menschen dazu 
dienen mufi, das hochste Gut, die Buddhafrucht, ihm zu gewinnen. 
Hieran schliefien sich 42 Stanzen, in denen Vimalakirtti das Ideal eines 
rechten Bodhisattva, wie er selbst ihm entspricht, aufstellt. 

Kap. IX: Seiner Aufforderung folgend, sprechen sich hierauf, einer 
nach dem andern, neunundzwanzig von den anwesenden Bodhisattvas 
dariiber aus, wie ein jeder von ihnen es damit halte, das wahre Wesen 
des Einen Absoluten zu erfassen, und worin er es erblicke (vgl. 
Mark. 6, 30!). 

t)ber aOen diesen Gespracfaen war es spat geworden, und, so 

liest man dann in Kap. X, dessen Inhalt ausfiihrlicher wiedergegeben 
werden mufi, Sariputra dactate bei sich sel>8t: Es ist Essenszeit Was 
soDen wir diesen vielm Bodhisattvas zu essen gebeo? 

Vimalakirtti las seine Gedanken und sprach: Du hast soeben das 
cute Gesetz der Wabrtieit predlgeo horen. So sofltest du, melDe icb, 
nidit nach mat^rieHer Nafaning Verlansea tiaben. Aber, warte einen 
Augenblick, und ich will euch ein fiirstliches Mahl servieren. 

Und der Alteste (d. i. Vimalakirtti) versetzte sich in einen tiefen 
Trance-Zustand, lieB seine Wundermacht wirken und die groBe Ver- 
sammlung dieses Schauspiel sehen: in einer Entfernung von Meilen, 
deren Zahl das Zweiundvierzigfache der Zahl der Korner des Sandes 
des Qangesflusses betrug, eine Welt, genannt „die sUB duftende", des 
Buddha Gandhakara Wohnstatt, eine Welt, wo Heilige der niedrigeren 
Grade, Sravakas und Pratyekabuddhas, unbekannt sind, die einzig 
von unbefleckten Bodhisattvas MahSsattvas bevolkert ist, denen der 
Herr das Gesetz predigt Daselhst, inmitten des Wohlduftes, von dem 



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— 151 - 

der Qrund, die Oarten, die Behausungen, die Speisen und alles durch- 
drungen ist, von einer Heerschar von Devasohnen bedient, verehrt und 
angebetet, der Herr Qandhakara mit seinen Bodhisattvas an der Tafel 
sttzend. 

Und Vimalakirtti wandte sich zu den entziickten Bodhisattvas 
rings um itin, die diese Szene miterscliauten, und spracli zu ihnen also: 
..Briider, welcher unter euch will sich der Tafel nahen und allda kosten 
von den kostlichen Gerichten Qandhakaras, des Herrn?" Und 
wiederum, als darauf alle stille schwiegen: »3ruder, es ware doch 
eine arge Schmach, wo keiner unter uns imstande ware, sich an die 
Tafel hinanzumachen und die Speise zu verkosten." Worauf A^- 
jus'ri: J)er Herr hat gesagt: ,Wolle nicht spotten des, der da schwach 
ist!'" — Und allsogleich wandte Vimalakirtti, ohne sich von seinem 
Platze zu ruhren, seine magische Kraft an und lieB die Scheingestalt 
eines wundergllnzenden und hehren Bodhisattva vor den Versammelten 
erscheinen, und, zu dieser Erscheinung hin sich wendend, sprach er 
also: ,3teige hinauf zu der Welt des sUBen Duftes, der Wohnstatt 
Qandhakaras, des Herrn! Tritt vor ihn hin und sprich: , Vimalakirtti 
grilBt untertdniglich, betet an zu meines Herrn FiiBen und lS6t sich er- 
kundigen, wie es dir ergeht. Und er bittet um ein winzig Teil von den 
Oberbleibseln der Speise meines Herrn, damit er durch sie gestarket 
werde, seine buddhistische Mission in der S&ha-Welt hinauszufiihren, 
das ist, zur hochsten Erleuchtung zu ftihren, die noch seichten Lehren 
anhangen, auf daB daselbst meines Herrn Name weithin bekannt ge- 
macht und hoch erhoben werde.' Und des Bodhisattva Qestalt erhob 
sich vor den Augen der Versammelten, und sie sahen, wie er empor- 
stieg zu der Welt des suBen Duftes und anbetete zu des Buddha FiiBen, 
und horten, wie er des Altesten Botschaft ausrichtete. Und sie sahen 
auch, wie die Bodhisattvas Mahllsattvas jener Welt ob seinem Er- 
scheinen erstaunt waren, und merkten, wie dieselben bei sich selber 
fragten: „Von wannen kommt doch diese Erscheinung? Wo ist die 
Saha-Welt? Wer sind, die da noch seichten Lehren anhangen?" Und 
sie horten den Buddha Gandhakara antworten: „Tief unter uns, in einer 
Entfemung von Meilen, deren Zahl das Zweiundvierzigfache der Zahl 
der Komer des Sandes im Ganges betragt, gibt es eine Welt, 
genannt Saha, zurzeit das Arbeitsfeld des Buddha Sh^kyamuni, eine 
Welt, da gegenwSrtig alles in einem Zustande der Degeneration sich 
befindet Dort predigt eben ein erloster Bodhisattva mit Namen Vimala- 
kirtti das Gesetz vielen zugute, und diese gegenwartige Erscheinung, 
hieher entsandt, um meinen Namen und mein Reich zu preisen, ist das 



— 152 - 

Werk eben dieses Vimalakirtti, der solcherweise anderen gleich ihm 
selbst zu hoherer Vollkommenheit verhelfen mochte." Und die Bodhi- 
sattvas sprachen zu dem Herm Qandhakara: ^s ist doch seltsam, daB 
er eine Erscheinung schaffen kann wie diese: er muB wohl ungewohn- 
liche Tugend und wunderbare Macht sein eigen nennen." Der Herr 
fuhr fort: „Seine Tugend ist ohnegleichen und sender Qrenzen seine 
Macht Zum Wohle von Scharen von Wesen und um das Buddhawerk 
zu voUenden, entsendet er Erscheinungen nach alien Teilen des 
Universums." Und nachdem er dies gesagt, nahm der Buddha Qandha- 
kara eine juwelenbesetzte und suBduftende Schale, fiillte sie mit 
aromatischer Speise und reichte sie der Bodhisattvaerscheinung. Und 
als die neun Millionen Bodhisattvas der Welt des siiBen Duftes das 
sahen, sprachen sie mit e i n e m Munde und sagten: ,JLaBt uns hinunter- 
steigen zu der Saha-Welt und den Buddha Shakyamuni anbeten, und 
laBt uns auch den Altesten und seinesgleichen uns besehen!" Und ihr 
Herr antwortete: „Wohl, steiget hinunter zu dieser Welt und schauet 
euch an ihre lebenden Wesen, aber ehe ihr hinuntersteigt, tut dem Wohl- 
duft Einhalt, der von eueren Korpern ausstromt, damit nicht die leben- 
den Wesen dort sich an euch verlieren, und nehmt eine andere Qestalt 
an, um zu verhiiten, daB sie etwa Scham empfinden ob ihrer InferioritSt 
euch gegeniiber! DaB ihr mir ihrer keines verachtet und ihrer keinem 
auf seinem Pfade zu einem Stein des AnstoBes werdet, indem ihr stolz 
elnherfahrt! Seit dessen wohl eingedenk, daB alle die barmherzigen 
Herren, die sich hemiederlassen, die Menge niedriger Wesen und die 
Anhanger seichter Lehren zu unterweisen, zu reformieren und zu er- 
heben, dabei niemals ihre eigene Reinheit und Fiirtrefflichkeit zur Schau 
tragen!" 

Sobald die Erscheinung des Bodhisattva die Schale aus der Hand 
des TathSgata empfangen hatte, verspiirte er mitsamt den neun 
Millionen Bodhisattvas, die allda waren, den machtvoUen EinfluB des 
Buddha und des Vimalakirtti, und allsobald verschwanden sie in der 
SuB-Duft-Welt, um wiederzuerscheinen in dem Hause des Altesten in 
der Saha-Welt Und der Alteste (Vimalakirtti) schuf neun Millionen 
mit Juwelen verzierte Sitze fiir die Bodhisattvas aus der SiiB-Duft- 
Welt Alsdann iiberreichte die Bodhisattvaerscheinung dem Vimala- 
kirtti die Schale mit der aromatischen Speise, deren SiiBigkeit sich 
durch alle StraBen und Qassen der Stadt VaisSli verbreitete und durch 
den ganzen dreifachen QroBchiliokosmos. Und indem sie den Wohl- 
geruch einsogen, fiihlten sich alle, die Qeistlichen wie die Laien der 
Stadt, an Korper wie an Qeist erfrischt 



- 153 - -^ ■,-..---:-- ^:.^':-e% 

Zu 'dieser Zeit kam mit einem Qefolge von vierundachtzistausend 
ein reicher weltlicher Altester, den Vimalakirtti zu besuchen. Als der 
sah, dafi das Haus vol! war von Bodhisattvas, die auf herrlichen Thronen 
saBen, wurde er entziickt, griiBte sie und die Hauptjiinger und setzte 
sich selbst beiseits. 

Und Vimalakirtti wandte sich zu Sariputra und den anderen SrS- 
vakas und sprach: MBruder, sreift zu, esset von der siifien, deHkaten 
Speise des Herrn, die sewiirzet ist mit seinem sxoBen Ertiarmen, und 
die kein Unlieilser tieriiliren soil, da er sie docli nimmermehr zu assl- 
mifieren vermogoid ware.** 

Und eIn Srivaka, der da war, dachte bei sidi selist: Wie soil diese 
ideine mikle Qabe geteilt werden unter die vielen, so bier zugegeo sind? 

Und die Bodhisattvaerscbelnung merkte s^bie Frage und ant- 
wortete: nUnterfange dicli nidit, die unendfiche Weishdt und die un- 
beschrelblicbe Woone des Herrn auszumessen ndt d^em armen Sra- 
valcageist! Es soOte dir ein Lelcliteres sein, die Wasser der vier Meere 
zu erscfaopfen, ais seine Speise. Und wenn gleicli die gesamte Menscfa- 
heit einen Aon hindurch davon essen wiirde, in Meogen groB wie 
Som^ru, der macbtigste der Berge, sie wiirde dabei nicht weniger 
werdeo. Sie ist unerschopflich, weil sie ein Oberbleibsel ist von der 
Speise des Allerhochsten, des Verdienst und Tugend und Rechtschaffen- 
heit und Andacht und Weisheit und Erleuchtung und Intuition un- 
erschopflich sind. 

Und sidie, (fie ganze Versammhoig aB davon, und aHe wurden 
satt; und es bieb dennoch, als ob niemsuid es berifflu't hatie. Die Bodhi- 
sattvas, Sravakas, Devas und Menschen, die davon gegessen, fuhlten 
sich erfrischt, gestarkt und ergotzt gleich den Bewohnem des Himmels 
der Lotophagen, und ihre Korper fingen an, die Wohlgeruche der SiiB- 
Duft-Welt von sich auszustromen . 

Eine Lesefrucht, die wohl nicht mich allein nur an die Speisung 
der Piinftausend erinnert. Indem sie mir unverhofft iiber der Be- 
schSftigungmitdemVimalakirtti-nirdesa-Sutra aufstieB, kam mir sofort 
die Qlosse in den Snn, welche J o h. W e i B (EHe Schriften des Neuen 
Testaments, neu iibersetzt und fiir die Qegenwart erklart, Bd. I, S. 130) 
zu der Speisung der Piinftausend macht. Es bleibt, sagt er, nichts 
weiter ubrig, als die Qeschichte, die uns als Wunder, wie sie gemeint 
ist, unannehmbar ist, als Sage zu betrachten. Dafiir spreche, daB wir 
in der Qeschichte des Propheten Elisa (2. Kon. 4, 42—44) das unmittel- 
bare Vorbild fiir sie haben: ,£s erschien aber ein Mann von Baal- 
Salisa und brachte dem Manne Qottes Erstlingsbrot, zwanzig Qersten- 



^ 



- 154 - 

brote und gestoBene Korner in seinem Quersack. Da befahl er: Qib 
den Leuten, dafi sie essen! Sein Diener erwiderte: Wie kann ich das 
hundert Mannem vorlegen? Er aber sprach: Qib den Leuten, daB sie 
essen! Denn so spricht Jahwe: Essen werden sie und noch ubrig lassen! 
Da legte er ihnen vor, und sie aBen und lieBen noch ubrig, wie Jahwe 
verheiBen hatte." Die Ahnlichkeit, bemerkt WeiB dann, i s t s o 
stark, daB ein Zufall ausgeschlossen ist: der 
Zweifel des Dieners, das Ubriglassen, die Sdtti- 
gung der Vielen mit Wenigem — es ist alles parallel. 
Aber, treten uns nicht alle hier hervorgehobenen Ahnlichkeits- 
punkte und noch andere Koinzidenzen auBer ihnen (selbst die an die 
Brotrede Joh. 6 gemahnende Spiritualisierung!) ganz ebenso auch in 
dem mitgeteilten Sutra- Wunderbericht entgegen? — Ob das nun notigt, 
an eine Entlehnung zu denken? Davon, daB der buddhistische Text 
die Quelle fUr die evangelische WundererzShlung Mk. 6, 30 — 44; 
8, 1—10 = Mtth. 14, 15—21; 15, 32—39 = Lk. 9, 10—17 = Joh. 6, 1—15 
sei, wird nicht wohl die Rede sein konnen. Die an die evangelischen 
Erzahlungen gemahnenden Partien des buddhistischen Textes sind oben 
nach Kumarajivas chinesischer Version des Sutras wiedergegeben. Die 
Cbersetzertatigkeit dieses buddhistischen Qeiehrten f&llt in die Zeit 
384 — 417 n. Chr. Qeburt Allerdings, wie dieses Sutra nach KumSra- 
jiva noch dreimal ins Chinesische iibersetzt worden ist, zuletzt von dem 
beruhmten Indienpilger Hiuen Thsang (650), so ist es auch schon vor 
ihm in China wiederholt iibertragen worden: von Dharmaraksha zur 
Zeit der westlichen Tsing-Dynastie, 265 — 316, von Kung-ming, auch 
Yueh genannt, 250 n. Chr., und vor diesem schon einmal in der spSteren 
Han-Dynastie (25 — 220 n. Chr.). Aber alle diese Obersetzungen, auch 
die letztgenannte, alteste, verloren gegangene, gehoren doch der Zeit 
nach der schriftlichen Fixienuig unserer Evangelien an. Freilich sind 
sie alle nur Obersetzungen eines alteren, leider nicht mehr erhaltenen 
Sanskritoriginals, das doch wohl, mit Sicherheit behaupten laBt sich das 
ja nicht, die besprochene Parallelerzahlung auch schon wird enthalten 
haben. Und durfte man der Oberlieferung der MahSySnisten Qlauben 
schenken, die alle Sutras ihres Kanons auf den Buddha Shakyamuni 
zurlickfiihren, so wSre das Vimalakirttt-nirdesa von ihm im zweiund- 
vierzigsten Jahre seines Lebens in VaisSli gepredigt worden. Es wird 
von ihnen in die dritte Periode der Lehrwirksamkeit des Meisters ver- 
legt, in der er es darauf absah, seine Jiinger, die der Hinayinalehre an- 
hingen, zu der hoheren, vollkommenen Mahayanadoktrin zu erziehen, 
um sie anstatt zum bloBen Arhattum zur Buddhaschaft zu bringen. Wie 



- 155 - • 

es denn beim Vortrag eben dieses Sutras gewesen sein soil, daB die 
meisten von Buddhas hervorragenden Jungem, voll Staunens iiber die 
tiefe Weisheit, die erhabene Sprache und die iibernaturliche Macht des 
Vimalakirtti,dieInferioritat ihres bisherigen Qlaubens bekannten. Eben 
das aber ist eine Tradition, die der Kritik noch weniger standhalt als 
die andere, daB das Sutra bereits zweihundert Jahre nach Buddhas 
Nirvana zusammen mit dem Avatamsaka, Nirvana, Srimaia-devi-sim- 
handda, Suvarna-prabhSsa, Prajn§-pdramitS u. a. Sutras dem Tripitaka 
hinzugefiigt worden sei. Das Vimalakirtti-nirdesa-Sutra gibt sich deut- 
lich als eine MahSyanaschrift verhSltnismaBig spaten Datums zu er- 
kennen. 

Bliebe denn zu uberlegen, ob die Erzthlung des MahSyanatextes 
aus dem neutestamentlichen Vorbild zu erklaren, als eine bloBe Ampli- 
fikation der evangelischen Speisungsgeschichte anzusehen ist Und 
vielleicht ist dies wirklich der Fall Vielleicht! Es ware nicht die 
einzige buddhistische Entlehnung aus der Qedankenwelt des Christen- 
tiims. 

Angemerkt sei wenigstens noch, daB auBerbiblische Parallelen zu 
der Speisung der Fiinftausend, wenn auch nur viel weniger frappanter 
Art, auch schon von anderen aufgewiesen wurden. Siehe Rudolf 
Seydel, Das Evangelium von Jesu in seinen Verhaltnissen zur 
Buddha-Sage und Buddha-Lehre, S. 246; Rudolf Seydel, Die 
Buddha-Legende und das Leben Jesu, 2. Aufl., S. 117; Max Miiller, 
Coincidences (Transactions of the Royal Soc of Lit XVIII, 106 f.); 
O. Pranke, Deutsche Literaturztg. 1901, 2760; Albert Metzger, 
Les quatre 6vangiles. Materiaux pour servir k I'histoire des origmes 
orientales du Christianisme, S. 290—303; Jensen, Das Qilgamesch- 
Epos in der Weltliteratur I, 961; Albert Edmunds, Buddhist and 
Christian Gospels now first compared from the originals, 4th ed. (nur in 
dieser letzten Bearbeitung!), vol. II, S. 253—256; M. Winternitz,, 
Qeschichte der indischen Literatur, Bd. 2, 1. H., S. 282. Vergleiche auch 
Clemen, Religionsgeschichtliche Erklarung des Neuen Testaments, 
S. 217 und 252. Endlich mag auch an Sure 5, 112 ff. des Koran er- 
innert werden, wozu J. F lemming (Henneckes Handbuch zu den 
neutestamentlichen Apokryphen, S. 168) bemerkt: Qeht auf dasAbend- 
mahl, vielleicht auch auf die Speisung der 5000. — 






-jcr; :v*:\i^ 



- 156 - 
Aus der Mission der G^enwart. 



\ \ 



Unsere neueo grofien Aufgaben. 

Das Jahr 1913 hat durch die Nationalspende alle deutschen 
Missionsgesellschaften in den Stand sesetzt* aus einer Zeit der Sorgen 
herauszukommen und mancherlei lange schon zuriickgestellte und doch 
so notwendige Plane auszufiihren. Auch unser Verein hat durch die 
Spende viel Qutes gehabt. 

Aber die Spende hat natiirlich keine Wirkung pekuniarer Art iiber 
das Jahr 1913 hinaus. Das Jahr 1914 bringt uns neue groBe Aufgaben, 
die alle unsere Kraft erfordem. Wir woUen und miissen unserem D. 
Schiller in Kyoto ein Gemeindehaus bauen, ein ,X>eutsches Haus" in 
der alten Residenz Japans, dem Rom des japanischen Buddhismus. 
15.000 Mark hat der Vorstand dazu bewilligt Aber dies Qeld miissen 
wir zum Teil noch erbitten, dazu noch die Mittel zur inneren Aus- 
stattung. Und 15.000 Mark sind so wenig. Wie gut wire es, wir 
hatten 30.000 Mark! Es soil doch ein Bau werden, der fiir die weite 
Zukunft groBe Bedeutung hat. 

Dazu drangt in China alles dahin, dafi wir unsere Arbeit in Kaumi, 
dem einzigen Punkt, an dem wir im Innem eine groBere Arbeit haben, 
erheblich ausgestalten. Dort m ii s s e n wir bald wieder einen deutschen 
Missionar wohnen lassen, wenn das Werk gedeihen soli. Ein Qrund- 
stiick zum Wohnhausbau haben wir gekauft Aber woher kommen die 
Mittel zum Bau und vor allem zur Sendung des Missionars? 

Nur neue Krafte, die unsere Freunde auslosen, konnen uns diese 
Mittel verschaffen. Die Mittel, die wir bisher bekamen, werden, wenn 
sie uns 1914 in derselben Hohe wie 1913 (abgesehen von der National- 
spende) wieder zuflieBen, noch nicht einmal geniigen, um unsere laufen- 
den dringendsten Ausgaben zu decken. Wir brauchen, um 
unsere laufenden Ausgaben zu decken, im Jahre 
1914 etwa 30000 Mark mehr als 1913. Diese uns auf- 
bringen zu helfen, bitten wir unsere Freunde schon jetzt auf das 
herzlichste. 

Man kann jetzt den Sommer noch nutzen. Man kann in Land- 
gemeinden, kann in Badeorten Missionsfeste im Sommer feiem. Redner 
stellen wir gem. Man schaffe uns nur die Qelegenheiten. W i r d der 
Sommer fleiBig benutzt, so ist schon ein gut Teil unserer 
Sorgen beseitigt Man sagt uns wohl: „Ihr dilrft einfach nicht soviel 
ausgeben. liir miiBt streichen." Ja, was denn? Streichen von Aus- 



- 157 - 

gaben 'bedeutet, die eben drauBen erzielten Erfolge wieder toten. Zum 
Beispiel: Eine Schule hat viel Zulauf. Sie braucht einen Lehrer mehr. 
Streichen wir ihn, so ist jedes Wachstum vernichtet In mehreren 
Stadten Japans ist groBartige Qelegenheit, durch iapanische (d. h. 
billige) Pastoren viel Qutes zu schaffen. Die Bevolkerung, die Stadt- 
verwaltung bittet urn Pastoren. SoUen wir sie streichen, so bedeutet 
das, diese schonen Wirkungsmoglichkeiten ablehnen. Das geht einfach 
nicht Das ware der Tod unseres Werkes. Jeder nennenswerte Erfolg 
drauBen verursacht neue Kosten. 

Das ist doch schon, daB wir sagen konnen: So gut geht unser 
Werk voran. So sehr ist unsere Hilfe begehrt So groB ist das Ver- 
langen nach all den Qaben, die wir vermitteln. 

Das ist doch schon, daB unsere Freunde das ihren Gemeinden 
sagen konnen: Das Werk geht trefflich vorwSrts, darum heUt, daB es 
leben und wachsen kann. 

Unser Vorstand hat auf seiner Tagung in Qotha am 15. April aUe 
Ausgaben nachgepriift. An den Ausgaben l&Bt sich nichts sparen. 

Darum milssen die Einnahmen gesteigert werden. 
Es ist mdglich, die Einnahmen zu steigern, sehr wohl moglich, 
wenn man mit Begeisterung und Freudigkeit fur unser Werk bittet. 

Es gibt noch viele Wirkungsmoglichkeiten fiir uns. Wir bitten 
unsere Freunde, uns zu helfen. Wir werden gern alles tun, um die 
Werbearbeit zu erleichtem. Witte. 

Eine Anerkemiuag der nationalea Bedeutimg unseres Studentenbeims. 

Die JDeutsche Japanpost" schreibt (1914, Nr. 48, vom 28. Februar): 
„Was das Deutschtum als Kulturfaktor in Japan angeht, so ist dies 
Thema auf diesen Seiten haufig erortert worden. Die deutsche Kultur 
hatte ein gutes Debut in diesem Lande, und auch was seitdem geleistet 
worden ist, ist nicht wenig. Von allem, was jiingst geschah, scheint das 
wichtigste die Qriindung des deutschen Studentenbeims in Tokio zu 
sein, von dem eine Fiille von Anregung wissenschaftlicher und staatlich 
sittlicher Tiichtigkeit fiir Japan ausgehen kann.*' 

Wenn nun unsere neue Deutsche Schule erst eroffnet ist, wird das 
noch eine wesentliche Verstarkung sein. Witte. 



Deutsche GeseUsciiaft fiir Eingeborenenscbutz. 

Die Eingeborenen sind der groBte Schatz unserer Kolonien. Die 
Wahrheit dieses Satzes wird immer mehr verstanden. Aber es ist 
doch notig, sie noch starker zu betonen. Darum hat sich obige Qesell- 



V 



- 158 - 

schaft gebildet, welche verhindern will, daB das Eindrinsen unserer 
Zivilisation die Naturvolker vernichtet, und welche allerhand Mittel 
sucht, um dem Volksleben der Naturvolker einen Weg zu linden durch 
die gefahrvolle Qegenwart in eine gedeihliche Zukunft. Das liegt in 
unserem Interesse und im Lebensinteresse jener Volker. Das Organ 
dieser interkonfessionellen Qesellschaft ist die JColoniale Rundschau" 
(Professor D. Westermann, Berlin). Die Qesellschaft hat hohe wert- 
voUe Aufgaben zu losen. W i 1 1 e. 

Bficherbesprechungen . 

Dr. R. Stii be -Leipzig: Confucius. (Retegeschl. Volksbb. Ill, 15). 
Tubingen, I. C. B. Mohr, 40 S., 80 Pf. 

Dies Heftchen gi)t dne OberSicht i>ber das Lelben und Wirken des 
Kon£uzk» (5—24) und iiber das konfuzianisdie Schnfttum und die Lehre 
des KonfuzJus (24 — 35), welche letztere in vier Aibschnitten („Die allgemeine 
Tugendlehre, Die Lehre von <ier MenschHchkeit, EHe Lehre vom Ideal- 
menschen, J>ie potitwche Ethik als Theorie der Regierungskunst") dar- 
gestellt wind, sowie eine abschUeBende Beurteiking iiber „Nachleben und 
Wirkung des Konluzhts" und ein Literaturverzeichnis (35 — 40). Es ist eine 
wJHkommene Ergaoaing zu memem Vortrag iiber Konfuzius (Protest. 
Schrtftenvertrieb, 1913). St. zeichnet den Hintergrund und die Einzelheiten 
des Lebens genauer, walirend ich versucht hahe, aus den Lun-YU vor allem 
ein leibensvolles CharakterbiM zu gewinnen. Die Darstelhing der konfu- 
zianiscfaen Lehre ast bei St. erhebtidi kQrzer und weniger anschaulich als in 
meineni Vortrag und tn meinem Aufsatz in dieser Zeitschrift (1913, Heft 1 
und 2). Naoii dem, was ich dort n§her ausgefiihrt habe, glaube ich, die 
Person des Konfuzius giinstiger beurteilen und seinen OnfkiB hdher ein- 
schatzen zu sollen. Ich glaube z. B. nicht, daB es ganz richtig ist, wenn 
St. sagt: „es fehlt bei Konfuzras iede Vertiefung der ProWeme in allgemein- 
giiltigai Begrilfen" (S. 16); „cr hat in seiner Personlichkeit nicht die 
KrSfte, <tie aus seinen Verehrem begeisterte Missionare einer Idee maohen" 
(S. 34). Aber gerade bei diesen Meinungsverschiedenheiten wird es darauf 
ankommen, einerseits, ob das X. Buch der Lun-Yu wirkUch ein genaues 
BUd des Meisters Kung gibt, und andererseits, welche rDeutung etnzehier 
Begriffe und AuBerungen Kwigs riohtig ist Ein charakteristisches Betspiel 
sd betgebracht: In dem Lun-Yfi iibersetzt Wilbekn den Absctinitt X, 24 
folgendermaBen: ^Dsai Wo fragte und sprach: Wenn ein sittKch-guter 
Mensch auoh nur sagen horte, es sei ein sittlicher Mensch im Bmnnen, so 
wiirde er wobl sofort nach^rtngen. — Der Meister sprach: Wozu denn das? 
Ein Cdier wurde hingeben, aber ntcht hineinspringen. Man kann in be- 
lugen, aber nicht zum Narren haben.*' WtUieim ffigt in der Anmerkung 
hmzu, daB der Abschnitt schwer verstandlich und der Text anscheinend 
unsicher sei, und verzichtet auf eine Erklarung. Densdben Abschratt iiber- 
setzt Stxjbe: „Wird ein mensdilich Oesinnter, wenn man ihm mittdlt, daB 
dn Mensch im Brunnen sei, jenem folgen? — Keinesfalls! Dw Edle wird 



- 159 - 

sicfa wohl bewegen lassen, hkizugehen, aber nicht, sich zu ertrdnken." Und 
StQbe benutzt nun diesen Abschnitt als einzigen Belee fur die Behauptung: 
^ein Meal, das uber dem Einzelnen stetit, das auch die Hingaibe des ganzen 
Menschen fordern kann, kennt Konfuzms nicht und konnte er in dem prak- 
tiscb-sozialen Kretse seiner Zwecke auch nicht auisteUen." Mir scheint, 
daB jenes Wort des Konfuzius, selbst nach <Ict Stiibeschen Ubersetzung, 
nicht so verwertet werden kann. Meines Erachtens ist es viedrmehr ganz 
anders zu verstehen. Als ein Schiiler, um seinen Eifer zu zeig^, SuBert: 
„wenn ein guter Mensch auch nur sagen horte, es sd ein guter Mensch in 
den Bnnmen gefaHen, so wiirde er wohl sofort nacfasprtngen," m^Bigt der 
Meister diesen vordligen Oberwfer mit dem Wort: „Wozu das? Er wurde 
hingehen und zusehen, aber doch nicht gleich hineinspringen." DaB diese 
Deutung mindestens die wahrschdnKche ist, beweist der von Stube fort- 
geiassene SchluBsatz des Konluzius: „man kann ihn beliigen, aber mcht 
zum Narren haben." Endlich wind auch die Behauptung Stiibes durcfa 
direkte Worte Kungs widerkgt, z. B.: ^Wer angeskhts des Qewinns auf 
PfUcht denkt. wer ange»chts der Qelahr sein Leben opfert, bei alten Ab- 
madningen die Worte seiner Jugend nicht vergiBt, der kann auch lur dnen 
volikommenen Menschen gelten." (Ljun-YQ XIV, 13) und: „Ein "wiilens- 
starker Mann von sittHchen OrundsStzen strebt nicht nach Leiben auf 
Kosten seiner SittUchkdt. Ja, es gab solche, die jhren Leib in den Tod 
gaben, um ihre SittUchkdt zu voUenden." XV, 8. 

Frankfurt a. M. D. B o r n e m a n n. 

D. Rob. E. S p e e r : Das Christentum und die nichtchristUchen Reli- 
gionen. I. Teil. Die animistischen und ostaaatdschen Reli{;ionen und der 
Islam. Berechtigte Dbersetzung aus dem Englischen von D. Julius Richter. 
Basd, Missionsbuchhandking, 1914. 142 S., gebunden 2,40 M* — Unter dem 
Titel J^iissionsstudieitbucher. Neue folge der Basler Handbiicher zur 
Missionskunde*' will die Deutsche Missionsstudienkommission leine Reihe 
von Schriften veroffentbchen, die in das rehgionsversudiende Studium ein- 
fiihren und wichtige Missionsfragen erortem s(^len. Unser Biichldn ist der 
erste Band in dieser Raht und (bringt eine freie Obersetzung und Bearbeitung 
des ersten Teils von Speers im Auftrage des amerikaraschen Zentral- 
komitees far das Missionsstudium herausgegebenen Buche: „Das Licht der 
Wdt'*, das in dieser Form wohl geeignet scheint, deutsche, besonders 
studentische Missi<msstudienkreae uber das fragliche Qebiet zu ortentieren. 
Der zweite leil soil bald folgen. Speers Bucfa, das im Original in 6 Kapitel 
von 60 Sdten geteilt ist, ist bier in 12 Kapitel von etwa je 25 Sdten zer- 
legt, das dne gekurzt, das andere, besonders das tiber den Anknisnws Ge- 
sagte, auf Qrund des Edinburger WdtmtSisionskonferenzwerkes bedeutend 
erweitert. Unser Buch behandelt in 6 Kapiteln die Frage: Warum uod wie 
vergleichen wit das Chiistentum mit den nichtohristHchen Retrgionen?, 
ferner den Animismus, die dMnesischen Religionen und den Islam. Vor- 
angestdlt sind jedem Kapitel eine Anzahl (5—11) fragen, Uber die man 
mogHchst schon ins reine gekommen sdn soil, ehe der Studienkreis zu- 
sanimentritt, nachgestdlt da^egen eine Zusarnmenstellung der Bucher und 
Schriften, aus denen Speer sein zum guten Teil aus Zitaten von Autoritlten 



-• '^-^-^ 



— 160 - 

bestehendes Werk rusammengefugt hat. Es smd nicht gerade neue Wahr- 
heiten, die zutage gefordert akid, aber man wird iti einfadier, klarer und 
uberzeugeoder Weise in die Probtemc eingefuiirt, man erfahrt (Kap. 1) das 
zusammenfassende Urtetl der dritten Kommission der E<tinburger Missions- 
konferettz, das, wit Lk. Witte s. Z. schon ausgefuhrt hat, der Standpunkt des 
AUgem. E vang.-Protest Missionsvei eins gewesen tst : „Die rechte Haltung 
des christlichen Missioiiars gegen die niditchristHchen Religiofien soilte ehr- 
Mches Verstmidnis und soweit als mogiMdi Sympathie sein . . . Jedermami 
verurteUt demnacii eine nur polemische und biklerstQnnerische Haltung als 
giDiidverkehrt und ungereotit" (S. 26), man lernt (Kap. ID den Animismus 
«i seinem Wesen, seiiien verschiedenen Hindernissen gegen, aber auch 
sdnen Beriihrungspunkten mit dem Christentum, das Anziehende und Ab- 
stoSende des Evangelrums fiir den Animisteti, Kap. Ill und IV, wo iibrigens 
als <Ue ursprungUche Religion der Chineseti ganz im Sinne der religions- 
^'issenschaftUchen Schule der Animismus angegeben wird, Leben, Charakter 
und Lehren des Koniuzius, Menchis und Laotfie, ihre Schattenseiten (nach 
unserem D. Paber) und ihre Beruhrungspunkte tnit dem Christentum kennen, 
Kap. V und VI, dagegen Mohammeds Stellung, Leben, EinfiuB, Charakter, 
den Koran und die anderen Orundiagen des Islam, seme Lehren, Ausbrertung, 
Wirknng^i, sittliche Vorzuge und Schlklen, seme OegensSta^e zum und seine 
Beruhrungspunkte mit dem Chirstentum. — Das Bucdi bietet in der Tat 
einen trefflichen U^erbtick fiber den reicben Stoff und kann zum Studtum 
warm empfoblen werden. Man dar< mit Hoffnung dem Erscheinen des 
zweiten Teils entgegensehen, in dem die tndtsohen Religionen behandelt und 
der AbschhiB gefeoten werden soil. 

Buttstadt. A. Schillbach. 

L. W e i c h e r t , Das Schuiwesen deutscher evangellscher MisskMis- 
gesellschaften in den deutschen Kolenien. Berlin 1914. Buchhandlung der 
Berliner ev. Missionsgesellschaft. 64 S. 0,75 Mark. 

Diese Schrift gftt einen guten Obei4>lick Ober „die Mission als 
Schopferin eines Sdiulwesens groBeren Stils", uber die „Leistungen der 
evangeUschen Missionsschulen an den deutschen Kolonien" und behandelt 
dam einige <prinzipielle Fragen, z. B. die Bikkingsfahigkeit des Negers, die 
Frage des Religionsunterrkhts u. a. Die Schrift bietet gute Statistik und 
ist zu empfehlen. Witte. 

Mitteilungen. 

Zur Vervollstandigung meiner Sammlung der bisher erschienenen 
Jahrgange der ZMR. fehlen mir noch die Jahrgange 1901, 1902, 1909 
und 1910. War wtirde mir dieselben gegen eventuelle Vergiitung zur 
\'erfugung stellen? Andererseits bin ich gem bereit, die Jahrgange 
1886 — 1891 gegen oben genannte umzutauschen oder an Interessenten 
abzugeben. Pfr. W. H ii c k e 1 (Lorenzen 1. Els.). 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gorlitz, Demianiplatz 28. 



■■.%.-7 



Geschichte und Christentum in buddhistischer Beleuchtung.^ 

Vorbemerkung. Vor einiger Zeit brachte mir ein mir be- > 
kannter japanischer Arzt, der sich zur buddhistischen Religion be- 
kennt, ein groBeres japanisches Zeitungsblatt mit dem Bemerken.l 
daB es fiir mich von einigem Interesse sein wiirde. In der Tat war 
cs so. Denn das Zeitungsblatt enthielt neben seinen sonstigen, in 
japanischer Schrift gedruckten Artikeln einen langeren Aufsatz in. 
englischer Sprache. Es war die Zusammenfassung eines Vortrages, 
den ein indischer Buddhist, Anagarika Dharmapala, auf 
dem Kansai-ErziehungskongreB unter den Auspizien des Osaka Asahi 
Shimbun Uber die Weltaufgabe Japans gehalten hat. Dieser Aufsatz 
gibt in Kiirze eine zusammenfassende Darstellung der Kultur- und 
Religionsgeschichte, und zwar vom buddhistischen Standpunkt. Er- 
ist charakteristisch fiir die gegen das Christentum in Japan geubte;^ 
buddhistische Polemik und deshalb auch fur die Leser unserer 
Zeitschrift interessant, weshalb ich ihn hier in wortlicher Ober- 
setzung wiedergebe. ; .: 

J a p a n s W e 1 1 a u f g a b e. 

Vor zweitausendzweihundert Jahren kam Alexander der QroBe, " 
nachdem er sich zum Herrn von Assyrien, Babylonien und Persien 
gemacht hatte, bis an die nordwestliche Qrenze Indiens. Zum ersten ^ 
Male trafen die Indier mit einem Feinde zusammen, der von Westen 
her eindrang, und sie waren dieser Qelegenheit gewachsen. Sie 
kampften, und Alexander hielt es fur kluger, sich zuriickzuziehen. 
Wenige Satrapen zurticklassend, marschierte Alexander nach Baby- 
lonien zuruck und starb in einem Alter von 33 Jahren als ein Opfer 
der UnmdBigkeit. ■ Nach Alexanders Tode pflegten die Qriechen 
ihren freundlichen Verkehr mit Indien welter, und in der Zeit des 
groBen buddhistischen Kaisers Asoka war ein griechischer Qe- 
sandter am Hofe von Pataliputra. Bis zum Einbruch der Mohamme- i 
daner in Persien und den benachbarten Landern war ein ununter- 
brochener Verkehr zwischen Agypten, Qriechisch-Baktrien, Persien 
und Chinesisch-Turkestan. Im neunten Jahrhundert nach Christus , 
wurde die politische Lage Asiens durch den Nachfolger Muhammeds 

Zeitsckrift f. Missiooskande a. Religionswissensctajift. 29. Jahrg. Heft 6. 



■ l, 



- 162 — 



verandert. EHirch Strome von Blut watend, ward Muhammed Herr 
von Arabien, und seine Nachfolger verwusteten, den Koran und das 
Schwert in der Hand, die westlichen LSnder Asians. 

Die alte griechische und romische Kultur war durchtrankt mit 
orientalischen Ideen. Die Qotter des griechischen und romischen 
Pantheons standen in engster Beziehung zu den Qottern des arischen 
Pantheons. Die griechischen Philosophen, die vor dem christhchen 
Zeitalter lebten, Empedocles, Leucyppos, Democritos, Socrates, 
Plato, vertraten gewisse Ideen, die den arischen philo^ophischen 
Systemen nicht widersprachen. Aber eine zusammenhSngende Ent- 
wicklung war in Griechenland oder Rom nicht moglich, weil in 
beiden Landern keine groBen moralischen Reformatoren auftraten, 
um das Volk auf den Pfad des universalen Weltfortschrittes zu 
fiihren. Persian, Agypten, Babylonien, Assyrien, Qriechenland und 
Rom beeinfluBten, ein jedes fiir sich, einen gewissen Teil der asiati- 
schen Welt, und horten dann auf, wirksam zu se*.n. Rom stand im 
Verkehr mit China, und chinesische Seidenstoffe wurden auf dem 
Landwege nach Rom exportiert. Ebenso unterhielt China Handels- 
verkehr mit den Arabern, welche in Segelschiffen von den Hafen 
des Roten Meeres kamen. Lebhafte Verbindung bestand zwischen 
Griechenland, Rom, Alexandrian, Persian, Babylonian bis zum 
achten Jahrhundert nach Christus. Nach dem Einbruch der 
Muhammedaner in die mittelasiatischen Qebiete wurda diase Haupt- 
straBa das Varkehrs geschlossen. 

„Die Einfuhrung des Buddhismus in China und spSter durch 
China in Korea, der Mongolei, der Mandschurei und Japan war — 
ebenso wie die Ausbreitung des Christentums in der Heidenwelt — 
eine von jenen erstaunlichen Revolutionen, welche die Rassen und 
die nationalen Zuge fast austilgen und die Menschen veranlassen, 
geistigen Kraften gemeinsamen Tribut zu entrichten. Wie grtindlich 
chinesische und japanischa Kultur im allgameinen, und chinesische 
und japanischa Kunst im basonderen, allmahlich durch diasen stillen, 
durchdringenden EinfluB umgewandelt wurden, ist niemals durch 
einan eingeborenen Gelehrten dargestellt und kaum von irgend 
einem Europaer je begriffen worden." (Epochs of Chinese and 
Japanese Art, Bd. I, S. 28.) 

„ Japan! Welche romantischen Qedanken und Erinnerungen 
steigen bei diesem Namen auf! In einzigartigar Weise, langs den 
zukiinftigan HandelsstraBen zwischen dem Ostan und dem Wastan 
gelegen, durch seine Natur ausgestattat, der Dolmetsch des Ostens 



- 163 -■ .-. -rrr:,^..:-S\,r' 

fur den Westen und des Westens fur den Osten zu werden, ist es ein 
durchleuchteter Winkel von historischer Bedeutung, ein Aufleuchten 
des menschlichen Qenius zu hochster Spannung, wie es nach unseren 
Urkunden nur das zart organisierte Qriechenland, und auch dies nur 
ffir wenige Jahrhunderte erreicht iiat" (ebendort). 

Japan erhielt den Buddhismus im Jahre 552 von Korea. Korea 
hatte bis 283 nach Christus die Rolle eines Lelirers fUr Japan ge- 
spielt, aber unter der Regierung der Kaiserin Suiico wurde in Ober- 
einstimmung mit dem Wunsche ihres verstorbenen Gemahls, des 
Kaisers Sushun, der Buddhismus zur Staatsreligion gemacht. EHe 
kaiserliche Prinzessin Shotoku proklamierte durch kaiseriichen Be- 
fehl die Einftihrung des Buddhismus. Dann berief sie aus Korea 
Qelehrte, Priester, Baumeister, Bildhauer, MetailgieBer, Modellierer, 
Maurer, Vergolder, Ziegelbrenner und Weber, kurz, alle die er- 
fahrenen Kiinstler, deren Arbeit bei der Herstellung und Ausstattung 
eines groBen buddhistischen Tempels notwendig ist, so wie sie 
bereits in dem Halbinselk5nigreiche bekannt war. 

Die indische Kuitur begann um 2000 vor Christus. Sie war ur- 
spriinglich rein brahmanisch und miiitSrisch. Ein hoheres Ideal gab 
es nicht. Die Religion war gegriindet auf Ritual, Selbstsucht, Tier- 
opfer und Zauberkunste. Das religiose Leben war gleichbedeutend 
mit asketischem Leben. Manner und Weiber, ermiidet von der sinn- 
lichen Welt, erwahlten das Einsiedlerleben und lebten im Wald oder 
in Laubhtitten l&ngs der Ufer des Ganges, des Jumna Godavari, des 
Nermada usw. Die Bevolkerung war hoch zivilisiert und das Land 
voll von Wohlstand. 

Gerade vor 2500 Jahren stand Indien im Zenith seiner eigenen 
individuellen Kuitur, in Kunsten, Handel, Ackerbau, Literatur; und 
doch lag der Skeptizismus in der Luft, hervorgerufen durch den 
Streit der Parteien hinsichtlich der verschiedenen Schulen philo- 
sophischer Religion. Indien ist das einzige Land, wo niemand wegen 
seines Eintretens lur seine religiosen Ansichten verfolgt wurde. Die 
Leute waren gewohnt, den Auseinandersetzungen der dogmatischen 
Philosophen zu lauschen. Hedonistische Ansichten warden durch 
niedrigdenkende Philosophen als der Gipfelpunkt des Lebens hin- 
gestellt. Unter dem Namen Kamayaga wurde die Religion der Sinn- 
lichkeit verkundet, gegriindet auf die Autoritat der Veden. Zu jener 
Zeit gab es 64 verschiedene Gruppen religiosen Glaubens, da jede 
Philosophenschule verschiedene Theorien vertrat uber die Fragen: 
Was bin ich? Woher und wohin? Es gab Monotheisten, Pantheisten, 



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- 164 - 

spiritualistische Hedonisten, Nihilisten, Agnostiker, Waldeinsiedler, 
Fromme, die an die Wirksamkeit des Wassers heiliger Strome 
giaubten, urn Menschen von ihren Siinden zu reinigen, ebenso andere, 
die auf blutige Opfer vertrauten. Politisch war Indien damals in 
16 Qebiete eingeteilt, universale politische Tendenzen waren nicht 
ins Dasein getreten, und eine universale Religion war noch nicht 
verkiindet. Dagegen waren die Kastenunterschiede entscheidend. 
In hochmiitiger Weise behaupteten die Brahmanen den ersten Platz, 
und die anderen drei Kasten beruhigten sich dabei, schweigend und 
ohne Widerrede. Reichtum und Kaste waren die Merkmale der 
GroBe. Die niedrigen Kasten batten kein erstrebenswertes Ziei: sie 
waren ganz ohne Ideaie. Die Haupter der Philosophenschulen waren 
zufrieden, wenn sie einen Haufen von Schulem batten, und hielten 
sich an einsam gelegenen Orten auf, die tluldigung von Fiirsten und 
Volk entgegennehmend. 

Qriechenland hatte seinen Empedocles, Leucyppos, Socrates 
und Plato; China brachte den Konfucius und Laotse her- 
vor; aber Indiens QroBe liegt darin, daB es der Welt eine 
wissenschaftliche Religion gab, welche die Verwiistungen der Zeit 
uberstanden hat. Und der groBe Lehrer, der das universale Evan- 
gelium der Liebe, Menschlichkeit und Briiderlichkeit, gegrundet auf 
die Weisheit wissenschaftlicher Forschung, verkundete, war Sakya 
Muni Buddha von dem koniglichen Stamme der Sakyas. Als Prinz 
lernte er die Kunste und Wissenschaften unter brahmanischen Philo- 
sophen. Er wurde ihnen ebenbtirtig; er beherrschte, was sie 
wuBten; aber befriedigt war er nicht. In ihren Religionen war kein 
universaler Keim vorhanden; sie waren exklusiv und aristokratisch. 
Es war dem lowenherzigen Sakya-Prinzen vorbehalten, die Religion 
der Wahrheit (Dharma) zu verkiinden, indem er die Schranken der 
Kasten, Dogmen, Rassen und Lander durchbrach. Der Territorialis- 
mus in der Religion wurde durch das Sonnenlicht der Wahrheit 
iiberwunden. Zum ersten Male wurde eine universale Religion ver- 
kiindet durch Buddha, als den Konig der Qerechtigkeit, dessen 
Qebiet bis zu den auBersten Qrenzen der Erde sich erstreckte. Im 
Hirschpark wurde die Religion der Wahrheit und Qerechtigkeit vor 
2502 Jahren verkiindet, und zwar zuerst ftinf brahmanischen 
Asketen; und 45 Jahre verkiindete der Buddha Tatagato dem Volke 
Indiens die Lehre der Liebe und wissenschaftlichen Weisheit. Voile 
500 Jahre hindurch erntete Indien die Friichte von Buddhas Weis- 
heit. 200 Jahre nach Buddhas Tode stand der groBe Kaiser Asoka 



- 165 - \.^.;-':W'f-r ' ■ 

auf, unter dessen Regierung die benachbarten Lander Indiens mit 
ihr in Beriihrung gebracht wurden. Indiens Qesandte kamen bis bin 
nach Qriechenland und Alexandrien und breiteten das Qesetz der 
Qerechtigkeit aus. Die baktrischen Qriechen nahmen den Buddhis- 
mus an, und griechische Kunst wurde fiir die Dauer von mehreren 
Jahrhunderten durchgeistet, bis sie zuerst durch die aitesten 
Christen und spSter durch die fanatischen Anhanger des Islams zerr 
stort wurde. Durch die Vermischung griechischer und arischer 
Kunst entstand die griechisch-buddhistische Kunst, welche sich 
eigenartig entwickelte und seit dem ersten Jahrhundert der christ- 
lichen Ara auf dem Landwege iiber Mittel-Asien und die nordwest- 
lichen QrenzlSnder Indiens sich ausbreitete. Im 5. Jahrhundert vor 
Christus war die buddhistische Religion dem Volke Indiens ver- 
kiindet worden, ftinf Jahrhunderte nach Christus hatte der groBte 
Teil Asiens diese Religion angenommen. Indien stand damals in 
der vollen Blute seiner kunstlerischen Kultur. 

Von diesem voll herangewachsenen Baume nun wurden die 
Friichte arischer Kultur nach Japan verpflanzt, in dieses von den 
Qottern so besonders begunstigte Land. Vom 6. Jahrhundert an 
blUhte das Volk dieses dreimal gesegneten Landes, ohne von irgend 
einem eindringenden Peinde geschadigt zu werden. Die zerstorendc 
Lawinc des Muhammedanismus ging von Arabien aus, roUte ver- 
nichtend uber die griechische, baktrische, persische und mittel- 
asiatische Kunst und Literatur dahin und erreichte im 10. Jahr- 
hundert die Nordwestgrenze Indiens. Die muhammedanischen Zer- 
storer, durch den gliihenden Fanatismus des Islam getrieben, ver- 
wiisteten die reichen Provinzen Qandahar, Punjab, Sindh, traten in 
das eigentliche Indien ein und lieBen ode zuriick alles, was vor sie 
kam. KunstvoUe Tempel, Bibliotheken, Universitaten, Kloster und 
anderes mehr, alles wurde voUstandig zugrunde gerichtet. Die Kultur 
von zwolf Jahrhunderten brach krachend zusammen, und Indien, die 
Wiege der ganzen arischen Kultur, wurde unfruchtbar. AUer Fort- 
schritt horte auf, die Aufklarung wich, und Fmstemis regierte. Jeder 
folgende muhammedanische Herrscher wetteiferte mit seinem Vor- 
gSnger, die indische Eigenart zu zermalmen; und nur fiir eine kurze 
Zeit hatte das indische Volk Ruhe zu philosophischem Forschen. Das 
war w^rend der Regierung Akbars. Aber die folgenden muhamme- 
danischen Herrscher und Untertanen waren tief heruntergekommen, 
als im 18. Jahrhundert auf dem Seewege Abenteurer aus England 
kamen, um mit Indien Handel zu treiben. Portugiesen und Hollander 









- 166 - 

stritten damals bereits um die Herrschaft iiber die ostindischen 
Gewasser. Die ersteren richteten, wohin sie kamen, in Ceylon und 
besonders in Indien, Zerstorung an. Bekannt ist ja die Qeschichtc 
der portugiesischen katholischen Jesuiten in Japan. Zum Qliick fiir 
die Erhaltung der liistorischen Oberlieferung arischer Kultur verbot 
der weitschauende Herrscher Hideyoshi den Jesuitenpatern das Be- 
treten Japans. Hatte er ihnen zu bleiben erlaubt, so wurde die Welt 
Zeuge geworden sein einer ahnlichen Katastrophe wie jener teuf- 
lischen Zerstorung mittelamerikanisch-aztekischer Kultur unter der 
fanatischen Leitung von Cortez und Pizarro. Die portugiesischen 
Eindringlinge in Ceylon vernichteten die Kultur jener wundervoUen 
Insel, die 18 Jahrhunderte hindurch in Sicherheit abseits gelegen 
hatte. Die niederreiBenden semitischen Stiirme, welche Asien und 
Mittelamerika verheerten, durften zum Qliick der kommenden Qe- 
schlechter Japan nicht heimsuchen. 

Christentum und Islam sind destruktive Religionen. Duldung 
ist ein Prinzip, welches nicht in ihren Bekenntnissen gegeben ist. 
China hatte unter konfuzianischen Staatsmanncrn nicht die Ein- 
sicht, sich selbst vor dem westlichen Angriff zu schiitzen. England, 
von kommerzieller Qier getrieben, opferte die hochsten Prinzipien 
der Moral und Kultur und zwang die Chinesen mit der Spitze des 
Bajonetts, das Gift des Opiums zu schlucken. Ober 50 Jahre lang 
hat England diesen unmoralischen Handel fortgesetzt, die Mann- 
haftigkeit der Nation zerstorend und ihre Glieder fiir fast zwei 
Gcneraiionen schwachend. 

Die semitischen Kulturen des Christentums und des Islams haben 
seit dem Beginn des zehnten Jahrhunderts unablassig an der Zer- 
storung der alten asiatischen Kulturen gearbeitet. Der Islam zer- 
ruttete Indien, das christliche England brachte China um seine Sitt- 
lichkeit. China, das Generationen hindurch wie eine uneinnehmbare 
Pestung dastand, liegt jetzt in Triimmern, dank den christlich- 
europaischen Machten. Nur Japan ist diesen zerstorenden Eisbergen 
entschlupft. 

Japan vermied es, in einer kritischen Periode seiner Geschichte 
seine Tore zu offnen. Und als es im Jahre 1854 seinen westlichen 
Nachbaren seine Pforten erschloB, hatte das Zeitalter der modernen 
Wissenschaften begonnen. Das Zeitalter des mittelalterlichen 
Kirchentums war mit der Entdeckung der Dampfkraft und des Ge- 
setzes der Entwicklung zum AbschluB gekommen. Japan wurde 
fortan der Schiller der modernen Wissenschaften. Die Wissenschaft 



_ 167 - ■.■■\.^s^^-v--- 

begann ihre Emanzipationsarbeit in Europa und Atnerika im letzten 
Teile des 19. Jahrhunderts. Europa, das neunzehn Jahrhunderte 
hindurch die geistigen Miastnen theologischer Sophistik eingeatmet 
hatte, begann das Werk seiner eigenen Befreiung, seit Darwin seine 
Entwicklungslehre verkfindete. Es ist ein Irrtum, zu meinen, daB 
der moderne Fortschritt das Ergebnis christlicher Kultur sei. Europa 
hat fast neunzehn Jahrhunderte lang in Einsternis herumgetappt. 
Der helle Fortschritt, den wir heutzutage sehen, grfindet sich allein 
und vollstandig auf die geduldigen Untersuchungen wissenschaft- 
licher Forscher. Qalilei und Bruno waren MSrtyrer ihrer Wissen- 
schaft. Die christliche Kirche hat niemals den Wunsch gehabt, Zeuge 
zu werden von dem Tagesanbruch eines Zeitalters der Aufklarung. 
Nach der Meinung westlicher Denker war es gerade die christliche 
Kirche, die den Fortschritt Europas neunzehn Jahrhunderte hindurch 
verhinderte. Leser von Dr. Whites „Geschichte des Krieges zwischen 
Wissenschaft und Theologie" und von Drapers „Qeschichte des 
Kampfes zwischen Religion und Wissenschaft" brauchen nicht an 
die Tatsache erinnert zu werden, daB das Christentum den Welt- 
fortschritt zuriickgehalten hat. Die Emanzipation der Sklaven, die 
Emanzipation der Frauen, die Ausbreitung wissenschaftiicher Er- 
kenntnis hinsichtlich der Qesundung, der gesunden Lebensweise und 
Nahrung und anderes mehr waren dem Christentum unbekannte 
Dinge. 

Die materielle Kultur, von der wir soviel sprechen, ist neu fflr 
Asien und ebenso neu fur Europa. Elektrizitat, Qesundheitslehre, 
Krankheitsbekampfung usw. sind wahrlich nicht die Erzeugnisse des 
Christentums. Die Missionare, die nach Asien heriiberkommen, 
haben kein Recht, zu behaupten, daB die moderne Kultur das Er- 
gebnis des Christentums sei. Das Christentum, das im Jahre 1546 
nach Japan kam, war eine Qefahr fiir dieses Land. Das Christen- 
tum ist ein Feind der Wissenschaft, und die Wissenschaft ist ein 
Feind des Christentums. . ,- 

Die Missionare, die nach Asien kommen, um das Christentum zu 
predigen, haben die Tatsache vergessen, daB Christus ein Asiat war, 
daB Paulus ein Asiat war, und daB das Christentum zuerst den ruck- 
standigsten Schichten des riickstandigsten Asiens gepredigt wurde. 
Die zivilisierten Romer und Qriechen lehnten es ab, auf den 
„pestilenzialischen Aberglauben" zu horen, welcher „Torheit" und 
ein „Stein des AnstoBes" war. Erst das degenerierte Rom nahm ihn 
an, als es im Niedergang begriffen war. Europa stand bis zur fran- 



- 168 - 

zosischen Revolution unter dem Miasma des theologischen Christen- 
tums. Seine Befreiung begann nach der franzdsisclien Revolution. 

Die Philologie hat die alten mosaischen Ideen, die bis dahin 
durch die europaischen Theologen aufrecht erhalten worden waren, 
gestiirzt. Es war der Qlaube der Theologen, daB die EuropSer die 
Nachkommen Japhets seien. Seit den Forschungen der philo- 
logischen Wissenschaft ist die Ansicht durchgedrungen, daB die indo- 
germanischen Europaer zu der arischen Familie gehoren. Das 
Christentum aber ist eine semitische Religion. 

Die indischen Arier, deren Reprdsentant ich bin, sind froh, daB 
ihre alte arische Kultur durch die Sohne dieses dreimal gesegneten 
Landes (Japan) erhalten worden ist. Zu der groBen arischen Volker- 
iamilie, deren Hdmat Indien ist und die iiber 800 Millionen zahlt, 
gehoren die Japaner, die Koreaner, die Chinesen, die Siamesen, die 
Kambodschen, die Birmanen, die Tibetaner, die Shingalesen. Dieser 
groBe asiatische Briiderkreis kann unter der Eiihrung Japans seinen 
verlorenen Platz in der Weltgeschichte wieder erobern. Japan ist 
an Ausdehnung groBer als die Britischen Inseln. und an Bevolkerung 
starker als QroBbritannien, welches 44 Millionen, st&rker als Frank- 
reich, welches 39 Millionen, und starker als Italien, welches 
34 Millionen umfaBt. An Bevolkerung ist Japan Osterreich-Ungarn 
gleich. Japan ist durch seine hohere Zahl also vollig berechtigt, die 
Geschicke der asiatischen Rassen in leiten. 

Es ist ein politischer Trick europSischer Diplomaten, immer 
wieder auf die „gelbe Qefahr" zuriickzukommen. In einem politi- 
schen Gemalde hat der Deutsche Kaiser die gelbe Qefahr durch die 
in der Feme auftauchende Gestalt Buddhas dargestellt, und die 
christlichen V61ker zu den Waffen gerufen, um dem Vordringen 
dieser Qefahr zu wehren. Aber was ist die Wahrheit? Durch das 
vereinigte Vorgehen von Deutschland, England, Frankreich und 
RuBland ist China zur Ohnmacht herabgedriickt. Es ist vielmehr die 
„weiBe Gefahr", vor der sich die asiatischen Rassen zu hiiten haben. 
Seit dem Beginn des letzten Jahrhunderts haben EnglSnder, Fran- 
zosen und Hollander durch ihre tiberlegene Diplomatie daran ge- 
arbeitet, die Unabh^gigkeit mancher Nationen in Indien zu unter- 
graben; und die Indisch-Chinesische Halbinsel, Bengalen, Gude, 
Pandschab, Orissa, Behar, Mahratta, das Gebiet von Madras, Birma 
und Ceylon sind der britischen Diplomatie unterlegen. Java ist das 
Eigentum der Hollander, Kambodscha und Tongking sind franzosi- 
sches Eigentum geworden. Die malayischen Staaten sind kurzlich 



•ti 



— 169 - /t.-.:: -:.-:-;■' 

durch die Engldnder einverleibt worden. China stelit mitten in den 
Schmerzen der Zerstiickelung. Ein scliwaches China ist eine Qefahr 
fur die Japaner. Die „weiBe Qefahr" ist eine wirkliche Qefahr, die 
,^elbe Qefahr" ist nur eine Phantasiegespenst, durch die europaische 
Dipiomatie ersonnen, um Asien zu t^uschen. 

Wie i(6nnen wir die Dreistiglceit der europaischen Rassen unter- 
driicken? Sie sind bewaffnet mit morderischen Waff en. Sie haben 
ihre Dreadnaughts, und ihre vereinigten Flotten konnen den asiati- 
schen Rassen unendliches Unrecht zufiigen. Japan hat von den 
EuropSern und Amerikanern die modemen Kunste und Wissen- 
schaften gelernt, und Japan hat durch seine hohere Sittliclikeit die 
machtigste der europdischen Nationen besiegt. Was die euro- 
p^schen Volker bis jetzt nicht haben in Besitz nehmen konnen, ist 
die hohe arische Kultur, deren Wachter die Japaner sind. 

SchlieBlich ist es doch der sittlich-charaktervolle Mensch, der 
den Trumpf in den Handen hat. Europaische Arbeiter, Qelehrte und 
Denker besuchen Japan, um seine hohere verfeinerte Natur zu 
studieren. Die Missionare aber, ausgebrtitet in den theologischen 
Brutkasten Amerikas, haben es zu ihrem QeschSft gemacht, das 
japanischc Volk zu schm&hen und herabzuwurdigen. Ihre Parole 
ist, daB es fiir Japan, solange es nicht christlich ist, keine Hoffnung 
mehr gebe. Ein Missionar namens Qulick sagt in seinem Brief, der 
in dem Bericht der »,Concordia Association" veroffentlicht ist: „Je 
linger ich hier lebe, um so stSrker wird meine Oberzeugung, daB der 
Orient ohne die Kenntnis von Jesus Christus und ohne die Annahme 
des Qlaubens und Lebens, das er bringt, moralisch und geistig hilflos 
ist. Qegeniiber dem okzidentalen Materialismus, Industrialismus 
und Kommerzialismus sind Konfuzius, Buddha und Shintoismus 
machtlos, das notwendige Leben mitzuteiien . ;- . > . Denn niemand 
kann ohne Hilfe, durch seine eigene Anstrengung, auch wenn er die 
besten intellektuellen Qrunde hat und die entschiedensten An- 
strengungen macht, je seine eigene sittliche Natur und seine religiose 
Oberzeugung wechsein, geschweige die seiner Umgebung um- 
wandeln . . . Nur wenn wir das neue Licht zur Qeltung bringen, 
welches das Christentum uber die Probleme — Qott und Mensch, 
Zweck des Daseins und Wert der Personlichkeit — ausbreitet, 
kdnnen wir Missionare dem Leben dieses Volkes den wertvoUsten 
Tribut darbringen." ^ ^ 

Die Missionare, die nach Asien kommen, predigen gern die Qe- 
schfchte von Lazarus, der in Abrahams SchoBe sitzt, und doch sind 

: ^ -v ..■ . :•.:-,: w,v.. •./..; . ■ f 

V ■ . ■■■-.-*■... ..'■.'■ 



- 170 — 

sie geschaftig, durch ihr Vorgehen die nachsten Bande zwischen 
den Qliedern derselben Familie zu zerreiBen. Wir haben Hawai vor 
uns als ein Beispiel der unsittlichen Politik, welche den Verfall eines 
unabhangigen Volkes beschleunigte und seine Qiieder zu Sklaven 
der Trunksucht und Ausschweifung machte. Im Jahre 1824 kamen 
die amerikanischen Missionare nach Hawai, bekehrten das Volk zum 
Christentum und veranlaBten den Konig, das Christentum als Staats- 
religion einzufuhren. Die Sohne dieser Missionare wurden die Vor- 
miinder des Staates, und 1893 verloren die Eingeborenen von Hawai 
ihre Unabhangigkeit; ihr Land wurde zu einem Territorium der Ver- 
einigten Staaten gemacht. Ein kleines Volk wurde um des 
schmutzigsten Gewinnes willen geopfert, und weder das Christen- 
tum noch die europaische Sittlichkeit konnten es vor den christlichen 
Abenteurern retten. Nehmt Abessynien als ein Beispiel dessen, was 
das Christentum in der Dauer der neunzehn Jahrhunderte seines 
Daseins geleistet hat! Hat Abessynien irgend welche Fortschritte 
gemacht? Nehmt Portugal und Spanien! Blickt auf Frankreich! 
Der Schaden, den der Klerus verursacht hat, indem er das Land in 
einem Zustand von Riickstandigkeit erhielt, veranlaBte die Regierung, 
den Klerus von dem Jugendunterricht im Lande auszuschlieBen. Was 
hat das Christentum getan, um das willkiirliche Hinmorden christ- 
licher Neger in den Vereinigten Staaten zu verhindern? Was soil 
man zu dem weiBen Sklavenhandel sagen, der in alien europaischen 
Landern und Amerika offentlich sein Wesen treibt? Was zu dem 
Kampfe zwischen Arbeitern und Kapitalisten? Was zu den politi- 
schen Anarchisten? Was zu dem christlichen England, das Opium 
und Alkohol Volkern aufzwingt, die deren nicht bediirfen? 

Anagarika Dharmapala. 

N a c h w o r t. Es sei mir gestattet, abschlieBend auf einige Qe- 
sichtspunkte, die in diesem Aufsatze hervortreten, besonders hin- 
zuweisen. 

1. Zunachst fallt das auBerordentliche SelbstbewuBtsein auf, 
mit dem der asiatische Verfasser vor dem asiatischen Publikum 
Uber die asiatische Kultur redet. DaB Asien eine viel altere Kultur 
hat als Europa, und daB Asien wahrscheinlich in gewissem Sinne 
die Wiege aller Kultur ist, werden wir ohne weiteres zugeben. Aber 
daB die asiatische Kultur nun auch ohne weiteres die hohere und 
^eistigere Kultur ist und die reinere Sittlichkeit vertritt, wie auch 
die hohere Wahrheit und Religiositat, mussen wir auf das schSrfste 
bestreiten. Charakteristisch fiir den Verfasser ist der Gedanke, daB 



— 171 — 

alle die anderen hohen Kulturen Agyptens, Babyloniens, Roms und 
Qriechenlands nur eine partietle und voriibergehende Bedeutung ge- 
habt haben, dafi aber weltumfassende und dauernde Bedeutung 
allein der indischen, insonderheit der buddhistischen^ultur zukommt. 

2. Fiir den Apologeten des Buddhismus ist es demgemSB auch 
selbstverstandlich, daB er in jeder Beziehung dem Buddhismus die 
erste Rolle zuerkennt. Von ihm wird ohne weiteres behauptet, daB 
er die wissenschaftliche Religion, die moralische Religion, die Re- 
ligion der Wahrheit, Menschlichkeit, pruderlichkeit, Liebe und Oe- 
rechtigkeit sei. Buddha ist der Konig des ewigen Reiches der Qe- 
rechtigkeit. AuBerdem ist der Buddhismus die erste und einzig uni- 
versale Religion, die alle Kasten, Dogmen, Rassen und Volker aus- 
gleichen und vereinigen kann, die Indien ebenso wie China und 
Japan auf die rechte Hohe der Entwicklung gebracht hat. Nur der 
QewalttStigkeit des Islam und der Heimtiicke des Christentums ist 
cs mit verwerflichen Mitteln gelungen, die segensreiche Macht des 
Buddhismus zuriickzudrangen. Und wenn das Christentum und der 
Islam fanatische, intolerante und grausame Religionen sind, so atmet 
der Buddhismus eitel Toleranz, Menschlichkeit, Qiite und 
Gerechtigkeit. 

3. Recht deutlich tritt bei dem Verfasser die Absicht hervor, das 
japanische Publikum ftir den Buddhismus zu gewinnen. Sie zeigt 
sich nicht nur in der einseitig gunstigen Beleuchtung, unter die der 
Verfasser den Buddhismus stellt, sondern auch zugleich in der 
schmeichelhaften Rolle, die er dem japanischen Reiche und Volke 
zuweist. Nach einer hoheren Bestimmung ist Japan, „dieses drei- 
mal gesegnete Land", zum geistigen Fuhrer der asiatischen Volker- 
welt, ihrer Kultur und ihres Geisteslebens erwahlt worden. Fiir 
Handel und Kultur, fur den kulturellen Austausch, namentlich 
zwischen dem Osten und dem Westen, einzigartig gunstig gelegen, 
an Qebiet und Bevolkerung, wie an natiirlichen und geistigen Kraften 
und Anlagen fiir die Fiihrerstellung hinreichend stark, hat es im 
Unterschied von Indien und China durch providentielle Fugung und 
kluge Politik die fremden Eindringlinge und Einflusse Jahrhunderte 
hindurch voUig von sich fern gehalten und nur vom Buddhismus 
sich in der edelsten Weise beeinflussen lassen, bis es dann vor 
50 Jahren freiwillig seine Tore geoffnet hat, um nun alle Mittel 
moderner Wissenschaft, Kultur und Technik in sich zu entwickeln 
und der Hort der asiatischen Volker und das maBgebende Volk der 
Weltgeschichte zu werden. _ 



.--A. 



- 172 — 

4. Ein selbstverstandliches Ergebnis dieser ganzen asiatisch- 
buddhistischen Qeschichtsbetrachtung ist es nun, daB die „QeIbe 
Gefahr", von der die Europaer reden, und auf die das Bild Kaiser 
Wilhelms warnend hingewiesen hat, iiberhaupt nicht vorhanden ist. 
In Wahrheit ist dieses Qerede nur erfunden, um die wirklich vor- 
handene „WeiBe Qefahr", d. h. die Vergewaltigung Asiens durch die 
Europaer und die Amerikaner zu verdecken. Mit einem Scheine von 
Recht wird auf die in Aussicht genommene und in iiiren ersten An- 
fangen schon verwirklichte Aufteilung Chinas hingewiesen. Aber 
der Verfasser findet nun Trost und Beruhigung in der QewiBheit, 
daB Japan, siegreich uber das groBe europSische RuBland, nicht 
bloB an natiirlicher Kraft, sondern auch geistig und moralisch den 
weiBen Volkern uberlegen sei. Qeradezu merkwiirdig mutet uns 
dabei die Bemerkung an, daB die Europaer so zahlreich nach Japan 
gekommen seien, um Japans Oberlegenheit zu studieren und von ihr 
zu lemen. 

5. Sehr schlecht kommt in jeder Beziehung nicht nur der Islam,, 
sondem auch das Christentum fort. Beide sind zerstorende, in- 
tolerante, niedrige Religionen. Ist der Mohammedanismus fanatisch, 
gewalttStig und kulturfeindlich, indem er die alte Qemeinsamkeit 
unter den Volkern zerstort, seine Qegner blutig vernichtet und seine 
Anhanger dem Verfall iiberliefert, so wird das Christentum eben- 
falls als selbstsiichtig, heimtuckisch, demoralisierend und nur durch 
politische Machtmittel stark hingestellt. Dabei ist nun zu beachten, 
daB der Verfasser seine Beweisfiihrung einerseits nur den katholi- 
schen Volkern und der katholischen Missionsgeschichte entnimmt, 
die ihm freilich hinreichend Stoff fiir seine Behauptungen gibtt 
andererseits aber nur der amerikanischen und englischen Mission, 
die vielleicht auch nicht tiberall einwandfrei gearbeitet hat. Vor 
allem aber rechnet er stets einfach auf das Konto der christlichen 
Religion, was doch tatsachlich weder im Namen des Christentums 
noch durch das Christentum geschehen ist. Die Beutesucht christ- 
licher Abenteurer, die Handelspraktiken christlicher Kaufleute, die 
politischen Schritte christlicher Staaten sind zweifellos durchaus 
nicht immer zu rechtfertigen. Oder wer wollte der zwangsweisen 
Einfiihrung des Opiums in China, dem lange andauernden Sklaven- 
handel mit den Negern, dem weiBen Sklavenhandel mit Frauen und 
ahnlichen schweren Fehlern und SchSden das Wort reden? Aber - 
das alles sind doch weder die Ziele noch die Merkmale der christ- 
lichen Religion. Mit dem Christentum selbst, zumal mit dem evan- 



— 173 - 

gelischen Christentum, hat sich der Verfasser in keiner Weise aus- 
einandergesetzt. 

6. Er erieichtert sich seine ganze Aufgabe unendlich, indem er 
kurzerhand behauptet, daB die eigentliche Kultur und die wertvoUe 
geistige Entwicklung Europas erst mit dem letzten Jahrhundert be- 
gonnen habe, eigentlich erst seit der franzosischen Revolution, seit 
Darwin und seiner Entwicklungslehre, seit den Errungenschaften 
und den Erfindungen der modernen Naturwissenschaft und Technik. 
Demgegenuber hat Europa bis ins neunzehnte Jahrhundert eine 
durchaus rtickstSndige und stagnierende Kuiturstufe dargestellt, 
nSmlich die Stufe einer von den Theologen in Finsternis und Banden 
erhaitenen Afterkultur, die Stufe volliger klerikaier Bevormundung. 
Das Christentum hat nur geistige „Miasmen" hervorgerufen; 
zwischen Kulturfortschritten und Wissenschaften einerseits und dem 
Christentum andererseits besteht nur die scharfste Qegnerschaft. 
In alien derartigen Bemerkungen merkt man freilich den gewaltigen 
Eindruck, den die tendenziose, atheistische, destruktive Literatur 
Europas im Ausland und besonders bei den Geg:nern des Christen- 
tums gemacht hat. 

7. Eigentiimlich beruhren schlieBlich einige Widerspriiche, in 
welche der Verfasser sich durch den ihm eigenen Eifer verwickelt. 
Um die Abhangigkeit des Christentums von asiatischen Einfliissen 
festzustellen, hebt er energisch hervor, daB ja Jesus und Paulus 
selbst Asiaten gewesen seien. Aber was hat dieser Hinweis fur 
einen Wert, wenn das Christentum doch nur durchaus minderwertig 
ist und lediglich Miasmen erzeugt! Der Verfasser riihmt ferner die 
buddhistische Religion als die Religion der Toleranz, und er ver- 
urteilt die zwangsweise Einfiihrung anderer Religionen. Aber hebt 
er es nicht in einem Atem doch wiederum als ein einzigartiges Ver- 
dienst hervor, daB ein Kaiser in Indien, und ein anderer Kaiser in 
Japan den Buddhismus als Staatsreligion eingefiihrt, und daB Japan 
selbst sich Jahrhunderte hindurch — bekanntlich mit den scharfsten 
QewaltmaBregeln — die Fremden fern gehalten habe? — Bezeich- 
nenderweise rechnet der Verfasser nach der christlichen Zeitrech- 
nung, nicht well sie seiner Anschauung entsprache, sondern well 
sie eben in Japan offiziell eingefiihrt ist, — ein einziger kleiner Zug, 
der vielleicht doch geeignet ist, auf den Vergleich des Verfassers 
zwischen asiatischer und europaischer Kultur, zwischen buddhisti- 
scher und christlicher Religion und auf seine Behauptungen beziig- 
lich der Oberlegenheit des Buddhismus ein eigentumliches Licht 



r^ 



— 174 



zu werfen. Im ubrigen uberlassen wir den gewiB interessanten 
Aufsatz des gelehrten Indiers unseren Lesern zum genaueren Nach- 
denken. 

Frankfurt am Main. D. Bornemann. 



Religidse Vorstellangen einiger Bantu -Stamme: 

Hehe, Bena, Sove, Konde in Dentsch-Ostafrika. 

Christoph Bunck, Missionar. 

Es ist eine eigenartige Erscheinung, daB, je primitiver ein Volk 
dasteht in seinen religiosen Anschauungen und Vorstellungen, es um 
SO schwerer ist, sie in eine Form oder ein System zu bringen. Ferner 
ist auffallig, daB fiir religiose Vorstellungen, sowohl bei der hochst- 
entwickelten und reinsten Religionsform wie bei der primitivsten, 
Abbilder kaum bestehen. Qotzenbilder findet man nur bei kulti- 
vierten Heiden, bei Christen und tiefstehenden Heiden nicht. 

Die Annahme, alle Heiden haben auch Qotzenbilder, ist eine 
weit verbreitete, und eine Belehrung dahin, daB dies nicht zu- 
treffend sei, erregt zunachst einige Verwunderung. Man hort dann 
wohl die Erwiderung: „Aber da und dort wurden uns doch Qotzen- 
figuren von Afrika im Museum gezeigt." Figuren aus Holz Oder 
Ton stellen zwar die Bantu her, Abbilder von Mensch und Tier; 
daB sie sich diese Bilder aber als beseelt denken, daftir miiBte noch 
erst der Beweis erbracht werden. Es diirfte nichts weiter dahinter 
stecken, als der allgemeine menschliche Trieb, einen Qegenstand 
nachzuahmen. An solchen Darstellungen laBt sich wohl das 
moralische und asthetische Ftihlen und Empfinden ermessen, aber 
nicht das religiose. 

Ob bei den Bantu iiberhaupt von Religion geredet werden 
kann, das bedarf zum mindesten erst der Untersuchung, wenn man 
unter Religion den Verkehr des Menschen mit einer Qottheit ver- 
steht. Bestunde bei den hier in Betracht gezogenen Volksstammen 
der Begriff von einer Qottheit, so miiBten sie auch einen Namen 
dafur haben. Dieser ist bisher nicht gefunden worden. Missionare 
haben bei dem Bedarf nach einem solchen das Wort inguluvi in Qe- 
braudi genommen in Ermangelung eines besseren Wortes. Da das 
i-Prafix aber einen personiichen Begriff ausschlieBt und nur den 
eines organischen Wesens oder einer Sache zulaBt, so hat man an 
Stelle des i das Prafix gesetzt, was einer Person zukommt, nam- 
lich u, und sagt nun statt inguluvi unguluvi. Das entspricht der 



— 175 — 

im VolKsmund gebrduchlichen Abanderung desWortes inguluvi durch 
das PluralprSfix fiir Personen ava. In der Einzahl als unguluvi 
durfte das Wort kaum vorkommen. Das Volk spricht von ava- 
unguluvi und versteht darunter die Qeister der Abgeschiedenen, die 
Manen. 

Um nun auf die Bedeutung des Wortes inguluvi zu kommen, 
mussen wir uns anderweitig umsehen in der Landessprache. Wir 
finden da nun sowohl Ausspruche iiber inguluvi, als wie auch Namen» 
die mit inguluvi gebildet sind, namentlich Frauennamen. 

So sagt man: Jimwanukye 'nguluvi = inguluvi hat ihn aufge- 
nommen, d. h. den Menschen, der eines natiirlichen Todes starb. 
Jimutekye 'nguluvi, von einer schwangeren Frau gesagt = inguluvi 
hat sie gesegnet. Ferner hort man sagen: Jike 'nofu nehuli 'nguluvi 
jangu = heut war mein inguluvi gut, so auch: Jimutangye 'nguluvi 
= inguluvi hat ihm geholfen, Oder inguluvi ji si na lukani = inguluvi 
hat keine Verbote, Verordnungen u. a. m. Diese und ahnliche Aus- 
spriiche lassen immer noch die Auffassung zu, als schwebe den 
Leuten dabei die Qottesidee vor. 

Horen wir aber dagegen Namen, die sich die Leute geben und 
die die Volksauffassung iiber den Begriff inguluvi zum Ausdruck 
bringen, wie: Inguluvi jisi navutemi = inguluvi hat keine Herrschaft; 
inguluvi-nagila = inguluvi handelt rticksichtslos, brutal; inguluvi 
malanga = inguluvi ist nicht emst zu nehmen, ist frivol u. a. Ahn- 
liche, SO steigen uns doch die allerstarksten Bedenken auf dagegen, 
daB hier 1. von einem verehrungswtirdigen und 2. von einem per- 
sonlichen Wesen iiberhaupt die Rede sein kann. Da lagen doch 
Ausspriiche fiber inguluvi, wie die Namen sie enthalten, vor, die 
offenbar Lasterungen und Beleidigungen sind fiir eine Qottheit. 

In bezug auf die Beleidigung einer Person ist aber der Mtu 
reichlich so vorsichtig wie wir; denn solche wird iiberall bei den 
Bantu empfindlich bestraft. Wurden die Leute nun bei dem Wort 
inguluvi an ein personliches Wesen oder eine Qottheit denken, so 
w5re aus Furcht vor Rache ein derartiges PrSdikat einfach aus- 
geschlossen. Sollte aber selbst einer eine solche Stirn haben, so 
wiirde seine Sippe es ja gar nicht dulden; denn sie ist haftbar fiir 
das einzelne Mitglied. Also durfte es fur ausgeschlossen gelten, daB 
in dem Wort inguluvi der Begriff eines personlichen Qottes liegt. 

Es wurde zu Anfang erwahnt, daB der Volksmund von avan- 
guluvi redet und damit die Qeister der Verstorbenen bezeichnet. 
Es ist nun darzulegen, was von diesen gesagt wird und welche 



— 176 - 

Funktionen oder Eigenschaften ihnen beigelegt werden. Bei den 
Stammen am Nyasasee sind es gottliche Funktionen und Eigen- 
schaften, die man den Qeistern der Verstorbenen beilegt. 1st da 
irgendweiche Not, Krankheit, Gefahr oder Landplage, so bringt man 
ihnen Opfer dar und tragt sein Aniiegen im Oebet vor, um so von 
ihnen Hilfe und Rettung zu eriangen. In bedeutsamen Fallen werden 
Schlachtopfer dargebracht, in geringeren geniigen auch Darbrin- 
gungen von Speisen, Qetranken und Friichten, alles aber an den 
Grabern der Verstorbenen oder doch in der Richtung auf diese hin. . 

Die groBten und gewichtigsten Opfer bringt der Hauptling dar. 
Es kann sich da um ein Opfer fur die Hauptlings-Sippe handeln — 
diese ist die groBte, weil alteste und somit im Volk am weitesten 
verbreitet — oder um eins fiirs ganze Land im Falle einer Land- 
plage, eines Krieges oder einer anderen allgemeinen Not. Bei 
ersterem Opfer ist nur die Hauptlings-Sippe pflichtgemdB zugegen, 
bei letzterem auch die Vertretung des Volks. Der Hergang dabei 
ist folgender: Das Tier wird geschlachtet, indem es durch einen Axt- 
hieb in das Qehirn niedergestreckt wird und am Halse den ublichen 
Schnitt bis auf die Halswirbel erhalt, so daB es verblutet. Nachdem 
es dann soweit zerlegt ist, wie notig, beginnt der HSuptling mit der 
Anrufung der Ahnen. Hierzu bedarf er aber ofter der Unterstiitzung 
des Qedachtnisses, um ja keinen zu vergessen. Diese gewahren 
ihm die Alten und namentlich die alten Mutter, die die lange Reihe 
der Namen durch Obung schon besser im Qedachtnis haben (wie sie 
ja besonders die Trager der Oberlieferungen sind) als der HSuptling 
selbst, der vielleicht noch sehr, sehr viel junger ist und derlei Opfe- 
rung noch selten mitgemacht, oder gar selbst vollbracht hat. Es 
werden ihm dabei immer kleine Stiickchen Fleisch vom Opfertier 
dargereicht und bei Nennung jedes Namens wirft er eins auf die 
Graberreihe. Dann folgt die Bitte oder das Gebet um Linderung 
oder Abwendung der Not, Gefahr oder Drangsal, die das Opfer be- 
dingten. Nun folgt die Sippschaft immer dem Range nach, und jeder 
wirft ein Stiick Fleisch auf die Graber. Sind alle daran gewesen 
und haben sich also beteiligt, dann beschlieBt die gemeinsame Mahl- 
zeit vom Opfertier oder einigen Opfertieren die Zeremonie. 

In ahnlicher Weise geht es bei der Opferung in den Sippen der 
Untertanen zu; denn jede hat ihre Ahnenreihe und bestimmte Opfer- 
statten, meist am Ausgangspunkt der Sippe im Lande. 

Die Vanakyasa — gemeinhin Vakonde genannt — halten nicht 
nur bestimmte Platze fest, sondern bestimmen auch Tiere sowie 



, •. . ■ -r ' ■' ^ -^- .- - -.- - ' 

- 177 - -'-''■--- 

Qegenstande, angesichts derer sie Opfer oder Qebete an die Ahnen 
verrictrten, als da sind: eine Liebiingskuh, ein Hahn oder eine 
E^ananenstaude. 

NSheren Einblick sowohl in das Jenseits, als auch in das Wesen 
und Treiben dieser avanguluvi, oder wie sie auch genannt werden 
avamisolca, oder bei den avaiiakyusa abasyuka gibt die Anschauung 
der Vaiiakyusa oder Vakonde. Diese sind poetischer veranlagt als 
die Hehe, Sove, Bena usw. und iiaben mehr Phantasie. Sie erzahlen: 
In der Unterwelt sind zwei Reiche: 

1. das ubusyuka derer, welche hier im Leben rechtschaffen 
waren und Qutes getan haben. Sie sind unter Kyala. (Kyala, soil 
das etwa heiBen: Qutes Schicksal? — ) 

2. das ubusyuka derer, welche bose gehandelt und iibel gelebt 
haben. Sie sind unter Mbasi und haben hier zu arbeiten, sich zu 
miihen und zu plagen. (Mbasi, soil das etwa heiBen: Boses 
Schicksal? — ) 

Die ersteren unter Kyala dagegen sind tagsuber in sel'ger Ruhe 
und Zufriedenheit. Des Nachts aber steigen sie herauf und wandeln 
iiber die Fluren, Segen ausstreuend bis zum Morgengrauen. Auch 
besucht eine Abgeschiedene wohl mal eine trauernde tlinterbliebene. 
Eine Waise konnte sich tiber den Verlust ihrer Mutter nicht trosten. 
Da besuchte diese sie einst in der Nacht. Als der Morgen graute, 
wollte die Mutter entweichen. Das Kind aber jammerte, flehte und 
bat die Mutter, es doch mit sich zu nehmen und so stiegen sie mit- 
einander hinab zum ubusyuka. Hier sagte die Mutter: Nun muB ich 
dich verstecken, damit dich niemand sieht; denn ein Lebendiger 
kann hier nicht bleiben. Indessen kamen andere Abgeschiedene. 
Diese witterten aber sogleich die Lebendige und sprachen: „Es 
riecht nach Leben." Die Mutter konnte nunmehr nicht umhin, sie 
niuBte die Tochter wieder an die Oberwelt fiihren. Hier uberreichte 
sie ihr eineKalabasse mitlnhalt und gab ihr denAuftrag, niemals nach 
dem Inhalt zu forschen, noch von der Herkunft der Kalabasse jemand 
ein Sterbenswortchen zu verraten, sondern sie in ihrer Hiitte aufzu- 
h^ngen, dann wiirde sie ihr alles Qute bringen zeitlebens, andern- 
falls aber wiirde sie sogleich sterben miissen. Lange bewahrte das 
Mtdchen auch ihr Qeheimnis. Doch als eines Tages wieder einmal 
ihre Freundinnen bei ihr zum Besuch waren und in sie drangen, urn 
Aufklarung uber die Kalabasse da oben in der Hiitte, gab ein Wort 
das andere, bis sie alles erzahlt hatte. Da stiirzte die Kalasse zu 
Boden, und das M^dchen war tot. 



m\m^ 



- 178 - 

Verwundert dariiber, daB ein Eingeborener stundenlang seine 
Oitarre schlagen und sein eintoniges Liedchen dabei vor sich hin- 
summen kann, fragte ich meinen Sprachlehrer einst: „Was betreibt 
nun so ein Mensch damit?" ,^r denkt an seine Verstorbenen und 
begruBt sie," erhielt ich zur Antwort. 

Wenn wir von hier aus Schlusse Ziehen durfen auf die An- 
schauung der weniger phantasievoll veranlagten VolkerstSmme der 
Bena, Sove und Hehe iiber ihre avamisoka Oder avanguluvi — und 
das diirfen wir ganz bestimmt — dann wird uns ihre Bedeutung und 
auch ihr Name, avanguluvi, verstandlich. Die avanguluvi sind dem- 
nach also die Lenker des sonst blinden inguluvi: Schicksals, Zufalls, 
Fatums! 

Bei inguluvi ist durch das Prafix i der Begriff einer Person aus- 
geschlossen. So kann das Volk unter inguluvi also gar nichts weiter 
verstehen alsSchicksal,Zufall,Fatum! 

Man hat andererseits nachzuweisen versucht, daB die religiosen 

Anschauungen der Bantu im Animismus bestiinden, d. h. daB sie ge- 

wisse Dinge fur beseelt halten und somit bei ihnen ein Qlaube an 

Qeister bestehe. Zu dem Verkehr mit den Qeistern bedarf dann der 

Laie eines Vermittlers. Die Vasalamo an der Kiiste Ostafrikas wollen 

fruher dem Qeiste Koleo geopfert haben, und dieser soil sich an ver- 

schiedenen Orten in wilder, meist gebirgiger Qegend haben ver- 

nehmen lassen durch ein Medium. Diesem ahnlich ist die Mbasi- 

Sache unter den Vanakyusa (Konde), zu unserer Zeit vertreten 

durch den Orakeldolmetscher Mwamufungubo. Dieser gab bei 

passender Qelegenheit Orakel aus. Auch bei den Vahehe gab es 

einen solchen Orakeldolmetscher namens Kyandzi. DaB in dieser 

Erscheinung aber eine religiose Seite des Volkslebens sich kenn- 

zeichnen sollte, ist nicht wohl anzunehmen. Denn das innerste 

Volksleben betreffen diese Orakel nicht, sondern erscheinen mehr 

als Schmarotzer am Volkstamm. Sie sind auch nicht von solcher 

Bedeutung, wie etwa die Orakel der Qriechen, an denen der Staat 

ein Interesse hatte, sondern tragen mehr den Charakter eines 

Privatuntemehmens im vorgeblichen Auftrage der Vorsehung. Dabei 

ist nicht ausgeschlossen, daB einmal ein HSuptling in bedrSngter 

Lage seine Zuflucht zu dem Qaukler nimmt. Bei Staatsaktionen 

wird er kaum angeruien werden, wo es sich um Nachsuchen der 

Hilfe iibersinnlicher Qeister handelt. In solchem Falle werden die 

Qeister der Verstorbenen angerufen, sowie in alien Emstfallen des 

Lebens. 



- 179 - 

Neben solchem Generalorakel findel man noch Spezialorakel, 
wie die sogenannten Regenmacher, Wahrsager und Zeichendeuter 
Sie vertreten. Diese mogen fur ihre Zwecke ebenso wie die Orakel- 
dolmetscher zeremonielle Opfer in gegebenem Falle darbringen; daB 
solche aber einer Qottheit gelten, diirfte eine falsche Annahme sein. 
Soweit ersichtlich, gilt jegliches Opfer den Manen und nur diesen. 
Vor alien Dingen ist es ausgeschlossen, daB jemand inguluvi Opfer 
darbringt. Dafur, daB dem Koleo und dem Mbasi geopfert worden 
sei, ware u. E. erst der Beweis zu erbringen. 

Ob man etymologisch den Begriffen Koleo und Mbasi naher 
gekommen, ist nicht bekannt. In bezug auf inguluvi besteht beziig- 
lich des Wortstammes noch rcichliches Dunkel. Die vergleichende 
Sprachforschung kann aber wohl AufschluB dariiber geben, ob eine 
Verbindung besteht zwischen dem am Nyasasee gebrauchlichen 
Worte Mulungu, dem swaheli Mungu und unserm inguluvi. Die 
Begriffe, welche diesen drei Worten unterliegen, scheinen identisch 
zu sein. 

Somit diirfte Animismus die leitende religiose Idee nicht sein, 
sondern vielmehr und zwar ganz ausschlieBlich Manismus bei 
diesen Bantu-Stammen. Die Qeister der Verstorbenen, die Manen 
haben EinfluB aufs Schicksal und konnen es leiten, bestimmen und 
andern; sie besitzen gottliche Cigenschaften. 

Sehen wir nun noch auf die Tragweite solcher religiosen An- 
schauungen, wonach die Bantu keiner personlichen Qottheit gegen- 
iiber ethische Pflichten kennen. Die Verstorbenen sind resp. waren 
moralisch auf derselben Stufe mit ihnen; als Lenker des Schicksals 
und als die, welche nicht mehr Anteil haben am LebensgenuB, 
werden sie die ethische Forderung an ihre Sippe nicht grade hoher 
spannen, als sie es bei Lebzeiten getan haben. Und wie lax sie 
grade darin waren, das wissen ja die Hinterbliebenen nur zu gut 
von den erst kiirzlich Abgeschiedenen. Den kategorischen 
Imperativ kannten sie nicht; nur der individuelle Nutzen, den einer 
aus der Sache praktisch zu Ziehen wuBte, gab den Ausschlag des 
Tuns Oder Lassens. 

Einige Einschrankung der Willkur legen ihm cUe Sippen- 
regeln auf, so namentlich das Verbot gewisser Speisen und anderes 
mehr. In bezug auf Ehrlichkeit und Redlichkeit anderen, d. h. auBer- 
halb der Sippe stehenden gegeniiber entscheidet bei jedem die indi- 
viduelle Klugheit; denn jede Unehrlichkeit wird, sobald sie bekannt 
geworden, verurteilt und bestraft, und hier ist ja die Sippe mit haft- 



-■ v 



v\ 



-iso- 



bar. Man hort oft Klagen iiber Treulosigkeit der Bantu, sowie 
Liigenhaftigkeit und Diebstahl. In ihrer religiosen Anschauung, daB 
sie keiner personlichen Ctottheit noch anderer Autoritat gegenfiber- 
stehen, liegt der wahre Qrund daftir. ^Hier offnet sich fur uns jeden- 
falls eine bedeutende Perspektive. 

Fur die christliche Mission ist diese Tatsache von groBer 
Wichtigkeit. Weniger fiir die katholische; denn bei ihr kommt es 
im allgemeinen und zunachst darauf an, daB der Qldubige die An- 
ordnungen der alleinseligmachenden Kirche befolgt, die ihm durch 
ihre Institutionen zur Seligkeit verhilft. Hier findet der Heidenchrist 
auch, wenn gleich nicht leiblich verwandte Manen, so doch geist- 
liche in den Heiligen wieder, ebenso die Wiederholung des Opfers, 
die Spenden und dergleichen. 

Weit schwieriger gestaitet sich der Obertritt zum Protestantis- 
mus. Hier besteht die Lehre vom allgemeinen Priestertum, vom 
vollendeten, allgiiltigen Opfer, vom personlichen Zutritt zu Qott 
und von der allerpersonlichsten Verantwortlichkeit. Da ist nicht 
Sippe noch Mittelsperson, noch Fiirsprache oder FUrsorge und Hilfe 
der Manen, sondern Wandel vor dem allwissenden, personlichen 
Gott, und jede ethische Pflicht ist gerichtet an den eigensten Willen 
der Personlichkeit. 

Zur Frage der Missionspropaganda. 

Von Oberlehrer H. Schlemmer in Charlottenburg. 
Im Aprilheft der „Allgemeinen Missionszeitschrift" findet sich 
ein ungemein beachtenswerter Artikel von D. Johannes Warneck: 
„Der Ernst der Stunde". Der bekannte Verfasser fuhrt hier in sehr 
eindrucksvoller Weise aus, daB die Mission augenblicklich in Qe- 
fahr stehe, sich durch Nebendinge von ihrer Hauptarbeit und ihrem 
eigentlichen Wesen abziehen zu lassen, und er nennt als solche ge- 
fahrlichen Nebendinge das Qeld, die Wissenschaft, die Zahl, den 
„Betrieb" u. a. Man wird im allgemeinen diesen Wamungen nur 
beistimmen konnen*), namentlich dem, was er iiber die Zahl und 
ihre Oberschatzung sagt. „Hat's in Qottes Reich je die Menge ge- 
tan? Ich muB manchmal an das Wort des Herrn an Gideon denken: 
des Volks ist zu viel. Hat Gott je der Vielen bedurft?" *) Das sind 
vortreffliche Worte, gerade jedem Freunde des Allgemeinen Evan- 

') Die Formulierung und Begrundung im einzelnen kann ich mir 
freilich nur sehr teilweise zu eigen machen. 
*) AUgemeine Missionszeitschrift 1914, S. 151. 



- 181 - 

gelisch-Protestantischen Missionsvereins aus der Seele gesprochen, 
und man kann nur wunschen, daB sie bei der Beurteilung der Arbeit 
dieses Vereins durch AuBenstehende in Zukunft mehr beachtet 
werden mdchten, als bisher meist geschah. In einem Punkte aber 
muB ich mich von Wameck bestimmt scheiden. Er behandelt auch 
die Prage, was in der Propaganda fiir die Mission das Erste sein 
miisse, und kommt dabei zu folgendem Ergebnis: Es ist ganz falsch, 
dem Missionswerke dadurch Ereunde zu gewinnen, daB man auf 
die Kulturleistungen der Mission, auf ihre nationale und wirtschaft- 
liche Bedeutung hinweist und so dem Philanthropen, dem Politiker, 
dem Kaufmann nahezukommen sucht. Die einzige Propaganda muB 
vielmehr sein das Werben fur das Qottesreich, das einzige Missions- 
motiv der Qehorsam gegen den Willen Qottes (bezw. gegen Jesu 
Missionsbefehl). „Erst das Reich Qottes, erst Qott! Erst die 
Seelen fur Christus, dann die Mitarbeit! Erst evangelisieren, dann 
der Ruf zur Mission')!" Was ist dazu zu sagen? Ich glaube, 
systematisch-prinzipiell wird man Warneck recht geben miissen. 
Sicherlich hat nur d i e Missionsarbeit Wert, die herausgeboren ist 
aus gliihender religioser Begeisterung, einer Begeisterung, der alies 
andere Nebensache geworden ist; wer diesem Motiv gleichgiiltig 
Oder auch nur kOhl gegeniiber steht, der werde, was er will, nur ja 
nicht Missionar! Er wiirde mehr schaden als niitzen. Und mutatis 
mutandis gilt das naturiich auch von jeder indirekten Missions- 
arbeit. Aber etwas anderes ist das systematische Prinzip, etwas 
anderes der praktische Weg. Nach Warneck soil man Missions- 
werbearbeit nur treiben diirfen an Leuten, bei denen die religiose 
Qrundlage schon vorhanden ist. Ich glaube, damit allein kommen 
wir nicht vorwSrts. Wir soUten vielmehr ruhig alle anderen Qe- 
sichtspunkte einbeziehen, dem Politiker und AUdeutschen von der 
nationalen, dem Kaufmann von der wirtschaftlichen, dem Qelehrten 
von der wissenschaftlichen Bedeutung der Mission reden und ihn 
so fur das Werk zu gewinnen suchen, auch auf die Qefahr hin, daB 
der so Qewonnene zundchst dem eigentlichen Sinne dieser Arbeit 
wenig VerstSndnis entgegenbringt. Ich sage „zunachst". Denn 
das ist allerdings nicht meine Meinung, daB man bei dem eben ge- 
schilderten Ergebnis seiner WerbetStigkeit sich beruhigen sollte. 
Aber da hat's auch keine Qefahr: die Mission trdgt ihre begeisternde, 
erwSrmende, die Herzen gewinnende Qewalt so sehr in sich, daB 



•) a. a. 0. S. 147. 



^ 



- 182 - 



sicb ihr auf die Dauer keiner entziehen kann, mag er sich anfangs 
auch noch so auBerlich mit ihr beriihrt haben. Qesetzt auch z. B., 
jemand hat sein Missionsinteresse zunSchst nur gewonnen aus kom- 
merziellen Qrunden; wenn er sich nun hinein vertieft in die Tatigkeit 
der Mission und der Missionare, wenn er staunend die Heldentaten 
sieht, wie sie vollbracht werden auf den „Schlachtfeldern Jesu" — 
es muBte doch merkwurdig zugehen, wenn er nicht allmahlich auch 
beriihrt wurde von dem wahren, treibenden, bestimmenden Qeiste 
in der Mission. Und ist das erst geschehen, so wird in einem 
solchen Menschen ganz von selbst auch das religiose Leben wachsen 
und erstarken, so daB in diesem Falle nicht die Frommigkeit die 
Ursache fiir die Missionsiiebe war, sondern umgekehrt die Missions- 
liebe die fiir die Frommigkeit. Ein solcher Entwicklungsgang ist 
nach meinen Erfahrungen gar nicht selten. Darf ich ihn noch 
illustrieren durch ein kleines Beispiel aus meiner eigenen Praxis? 
Eine ziemlich stumpfsinnige, langweilige Sexta, die im Religions- 
unterricht gar nicht recht aufmerken wollte — Schulklassen sind 
ja in dieser Hinsicht auBerordentlich verschieden — habe ich erst 
dadurch innerlich gewonnen, daB ich fiir ein paar Wochen das 
regulare Pensum verlieB und die von Moldaenke gesammelten 
Missionsgeschichten (vgl. das Aprilheft dieser Zeitschrift, S. 126 f.) 
behandelte. Zunachst waren die Jungen naturiich nur auBerlich 
interessiert, weil von Indianern und Eskimos die Rede war, aber 
mehr und mehr wuchsen sie hinein in den Qeist der Sache, und 
jetzt — die Klasse ist inzwischen Quinta geworden — folgen sie 
mir im Religionsunterricht unbedingt, wohin ich sie haben will. Ob's 
bei „gro6en Leuten" nicht zuweilen ahnlich ist? In mancher Be- 
ziehung bleibt der Mensch ja immer Kind. Locken wir solche 
groBen Kinder — die manchmal recht klangvolle Namen und Titel 
haben — ruhig mit allerlei auBeren Dingen fiir unser heiliges Werk*); 
und wenn wir sie haben, dann lassen wir all das auf sie wirken, was 
in der Mission an Begeisterndem und religios Erwarmendem steckt, 
und seien wir sicher: Qottes Wort kommt nicht leer zuriick, und 
wo steckt mehr lebendiges Qottes wort als eben in der Mission? 
Selbstverstandlich bleibt trotzdem auch der andere, von Warneck 
gezeichnete Weg zu Recht bestehen: erst Frommigkeit, dann Mis- 
sionsiiebe; aber huten sollte man sich davor, ihn als den einzigen 
anzusehen. Das kame schlieBlich darauf hinaus, Qott vorzu- 



') DaB dabei alies strengrwahrhaftig zugehen muB, ist selbstverstandlich. 



- 183 — 

schreiben, auf welche Weise er an den Menschenherzen zu arbeiten 
habe, und das ist eines Christen doch wohl nicht ganz wiirdig. „Weg 
hat er a 1 1 e r Wegen." 

Aus der Mission der Gegenwart. 



Die soziale Gesetzgebung in Japan. 

Im Jahre 1911 ward in Japan ein Qesetz vorbereitet zum Schutz 
der Frauen und der jugendiichen Arbeiter in Fabriken. Die Zustande 
in den japanischen Fabriken sind uberaus traurig. Der Japaner Dr. 
Ishiwara fiihrt in einem von der „Deutschen Japanpost (1914, 8) 
Ubersetzten Artike! daruber aus: „In den verschiedenen Fabriken 
und Webereien Japans sind ungefahr 500.000 Frauen beschSitigt, von 
denen 300.000 weniger als 20 Jahre alt sind. Fast 400.000 sind in 
Webereien besch&ftigt, und 70 vom Hundert von diesen wohnen in 
den zu den Webereien gehorigen WohnhSusern, die sie nur bei be- 
sonderen Qelegenheiten verlassen diirfen. Diese jungen Weiber 
arbeiten in den Seidenspinnereien tSglich 13—14 Stunden und in den 
Baumwolispinnereien 14 — 16 Stunden. Es bleiben ihnen weniger als 
9 Stunden zur Erholung, zum Frisieren, Baden und Schlafen." Die 
MSdchen haben 7 Nachtschichten hintereinander. In diesen sieben 
Ndchten nimmt ihr Korpergewicht erheblich ab. In den folgenden 
sieben Tagen haben sie Tagarbeit. Vier dieser Madchen haben 
immer zusammen, zu zwei und zwei, ein Bett. Ohne daB es je ge- 
liiftet werden kann, legen sich die einen sofort in das Bett, das die 
andem (im Wechsel von Tag- und Nachtschicht) soeben verlassen 
haben. Dabei ist ein groBer Teil der Madchen tuberkulos! Diese 
Madchen werden von Agenten bei den Bauern auf dem Lande an- 
geworben, die Bezahlung erhalten die Eltem. Auf die Kontraktzeit 
gehoren sie der Fabrik. „Die Fabrikarbeiter im heutigen Japan sind, 
so traurig es klingen mag, in einer unendlich viel schlechteren Lage 
als es die Sklaven des Mittelalters waren." Ober 200.000 Madchen 
werden so jShrlich angeworben. Nur etwa 80.000 kehren davon 
wieder in die Heimat zurtick. Die andem bleiben in den Stadten, ein 
groBerTeil geht in die FreudenhSuser.Von den 80.000 Heimkehrenden 
sind 3000 unheilbar krank; 25 Prozent leiden an Schwindsucht. 

Jetzt wird sogar schon das Landvolk auf diese Zustande auf- 
merksam. Und die Agenten sagen, ofter als zweimal durften sie es 
nicht wagen, in einem Dorfe MSdchen zu werben. 






- 184 - 



Das neue Qesetz wollte dem abhelfen. Plotzlich heiBt es jetzt, 
es soil nicht, wie geplant, von 1915 an in Kraft treten« sondern es ist 
auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben worden. 

Dabei war das, was das geplante Qesetz enthielt, immer noch 
sehr viel weniger, als was andere Staaten an Schutzgesetzen be- 
sitzen. Die Bestimmungen der gr5Bten Lender sind folgende: 

1. Deutschland: Knaben zwischen 13 und 14 Jahren durfen 
nur 6 Stunden, solche von 14 — 16 Jahren durfen 10 Stunden arbeiten, 
Frauen durfen nicht langer als 11 Stunden arbeiten. An 40 Tagen 
im Jahr diirfen 2 Oberstunden geleistet werden. 

2. A m e r i k a : Knaben zwischen 14 — 18 Jahren und Frauen 
durfen nur 10 Stunden arbeiten. In einzelnen Staaten sind die Be- 
dingungen noch giinstiger. 

3. England: Knaben zwischen 12 — 14 Jahren durfen nur 
6 Stunden, von 14 — 18 Jahren weniger als 12 Stunden beschdftigt 
werden. 

4. .^a p a n (in dem geplanten Qesetz): Knaben von 12 — 15 Jahren 
und alle weiblichen ArbeitskrSfte durfen 12 Stunden arbeiten. Die 
Arbeitgeber konnen, so oft sie es wunschen, die Arbeitszeit um 
2 Stunden verlSngem. 

Fiir Mahlzeiten bestehen in den andern LSndern IV2 — 2 Stunden 
Freizeit, in Japan war (als Verbesserung) eine Stunde eingesetzt. 

Aber dies Verbesserungsgesetz ist nun eben auf unbestimfhte 
Zeit hinausgeschoben worden, und es bleibt beim Alten. Schuld 
daran sind die Fabrikanten, die behaupten, sonst der Auslandskon- 
kurrenz nicht gewachsen zu sein. Man steht in Japan auch sonst 
noch auf dem bei uns uberwundenen Standpunkt, daB man z. B. 
auch bei den Beamten, lange Arbeitszeiten fiir unerlSBlich h&lt fur 
tiichtige Leistungen. In den Fabriken wirkt dieser Standpunkt genau 
so schadlich wie iiberall. In kurzerer Zeit wird erfahrungsgemSB 
friscber gearbeitet und mehr geleistet. 

Dies alles wird nicht deshalb festgestellt, um Japans Schaden 
aufzudecken und uns in unserer Vollkommenheit zu sonnen, sondern 
um zu zeigen, wie notig es ist, das soziale Qewissen durch den Qeist 
Jesu zu wecken und das Verantwortlichkeitsgefuhl im Volke zu, 
stSrken. Was wir an sozialer Qesetzgebung haben, ist aus christ- 
lichem Qeist erwachsen; aber wie miihsam ward es erk^pft! 

Wie fein haben die Qriinder unseres Missionsvereins seine Auf- 
gabe festgesetzt: Es gilt den Volksgeist mit christlichen Qedanken 
zu durchtranken durch Einwirkung auf die gebildeten fuhrenden 



■ •:^^q^: 



- 185 — 

Kreise.' Das ist eine schwere, aber hohe und notwendige Aufgabe. 
Diese Aufgabe besteht aiich bei uns noch, aber drauBen doch weit 
mehr. W i 1 1 e. 



Die Rellslon In Chinas neuer Verfassuns. 

Jetzt liegt der Entwurf zu einer vorldufigen Verfassung Chinas 
vor. Die politische Macht teilt sich nach ihm in die Befugnisse des 
PrSsidenten, die im einzelnen noch nicht festgesetzt sind, und die 
des Parlaments, des Senats (Li-fa-yuan), der aus Mitgliedern besteht, 
die vom Vollce gewShlt sind. Besonders interessiert hier, was der 
Entwurf uber die Religion in China sagt. Artikel 4 sagt: „Alle Burger 
der Republilc China sind ohne Unterschied der Rasse, Klasse oder 
Religion vor dem Qesetze gleich." Artikel 5g heiBt es dazu: ^Die 
Burger haben die Freiheit des Qlaubens gem&fi den Qesetzen." Da- 
nach scheint es doch, als ob nun wirklich in China in Zukunft eine 
gewisse Religionsfreiheit herrschen soil. Der „Ostasiatische Lloyd*' 
(1914, 18) SuBert sich dazu freilich recht zweifelnd. Er meint, der 
Ausdruck „geni^ den Qesetzen" sei eine Rucksicherung, die es der 
Regierung ermogliche, viele die Freiheit in Wirklichkeit fast auf- 
hebende Bestimmungen zu treffen. Der Ausdruck „geniaB den Qe- 
setzen" kehrt in dem Verfassungsentwurf immer wieder, z. B. bei 
den Bestimmungen fiber PreBfreiheit, fiber Freizfigigkeit, fiber Wah- 
rung des Briefgeheimnisses usw. Es kann nicht geleugnet werden, 
daB da ein dunkler Punkt ist. Denn welche Qesetze werden das 
nun sein, die die Religionsfreiheit ndher erlSutem? Aber voile Re- 
ligionsfreiheit besteht ja auch bei uns nicht im Staate! Man denke 
an den Religionsunterricht der Dissidentenkinder, an den § 166 des 
Strafgesetzbuches u. a. Man wird also welter abwarten mussen. 
Der President Yuan Schi-kai wird kaum einen christentumfeindlichen 
Kurs einschlagen. Selbst wenn er, wie berichtet wird, plant, die 
Opfer am Himmelsaltar wieder einzufuhren und selbst zu vollziehen. 
Eine groBe Schwierigkeit wflrde dann eintreten, wenn China wirk- 
lich wieder Kaiserreich unter der Herrschaft der Mandschu werden 
sollte. Ob es das wird? Die republikanische Staatsform hat sich 
in dem vorliegenden Verfassungsentwurf schon stark der mon- 
archischen genShert. Prophezeien kann da niemand etwas. So gilt 
es, warten und das Obige als Zeichen guten Willens dankbar aner- 
kennen. W i 1 1 e. 






— 186 - 



Zwei deutsche neue Unternehmimgeii fur den feroeo Osteo. 

1. In Munchen ist im Februar 1914 eine „Qesellschaft fiir Kunde 
des Ostens" gegrundet worden, die den Zweck hat, in Deutschland 
Kenntnis der Kultur des Ostens zu verbreiten, Verst^dnis fiir die 
Kulturprobleme des Ostens zu wecken, zur Mitarbeit an deren Losung 
anzuregen und freundschaftliche Beziehungen zwischen Ost und West 
zu pflegen. Das Organ der Qesellschaft ist die von Dr. H. von Staden 
herau^egebene Zeitschrift „Oeist des Ostens'*, Verlag Munchen 23, 
H. von Staden. Der Jahresbeitrag der Qesellschaft, einschlieBlich des 
Bezuges der Zeitschrift ist 10 Mark. 

2. Am 28. Pebruar 1914 fand in Berlin die Qriindung eines JDeut- 
schen China-Institutes'* statt, das unter Leitung des friiheren Bot- 
schafters in Tokio und Qesandten in Peking Exzellenz Mumm von 
Schwarzenstein alle einfluBreichen und zahlungskrdftigen, an China 
interessierten Kreise sammeln will, um durch Aufbringung groBer 
Mittel die deutsche Kultur und Sprache in China zu verbreiten und die 
deutschen wirtschaftlichen Interessen in China zu fordem. Da diese 
Qriindung tatsachlich alle maBgebenden wichtigen Faktoren vereinigt, 
die in China interessiert sind, so ist von dieser Qriindung QroBes zu 
erwarten. Das Programm enthalt auch ausdriicklich die Bestimmung, 
daB aus den Mittebi des Institutes auch die Missionsschulen in China, 
die die deutsche Sprache verbreiten, unterstiitzt werden sollen. 

Witte. 

QueOen der Relgionsgeschichte. 

Die Konigliche Qesellschaft der Wissenschaften in Qottingen hat 
den Plan gefaBt, ein groBes Untemehmen ins Leben zu rufen, das eine 
hervorragende Forderung der Religionswissenschaft bedeuten wird, 
namlich die namhaften religiosen Urkunden aller Religionen der Erde 
zu sammeln und in deutscher Sprache herauszugeben. Unter Leitung 
von Professor Oldenberg werden dem AusschuB, der die Herausgabe 
besorgt, angehoren die Professoren Titius, Bousset, Otto, F. C. Andreas, 
Edw. Schroder, P. Wendland u. a. Die Verlagsanstalten J. C. Hinrichs 
(Leipzig) und Vandenhoeck & Ruprecht (Qottingen) werden die ge- 
schaftliche Basis sein. Der Plan, der entworfen ist, ist derartig groB 
und umfassend, daB, werm das Werk in diesem Stile durchgefuhrt wird, 
hier ein wissenschaftliches Monumentalunternehmen geschaffen wird, 
das fiir die Religionswissenschaft und fiir die christliche Theologie von 
groBer Bedeutung ist Drei bei J. Hinrichs schon vorher erschienene 



- 187 - 

Biich^r, namlich J. Wameck, Die Religion der Batak; H. Haas, Amida 
Buddha, unsere Zuflucht, und J. Spieth, Die Religion der Eweer sind 
in das neue Unternehmen iibernommen worden. W i 1 1 e. 



Bficherbesprechungen. 

Martin Schlunk, Missfemsinspektor. 

1. Die Schttlea fur Ekiceborene in den deutschen SchuizceMeten. Ab- 

handiungen des Hamburgjschen KolomaUnstituts, Band XVII, Hamburg 1914. 
L. Friederichsen & Co. 365 S. 12 M. 

2. Das Schutwesen fai den deutscbea Schutzgebietefl. L. Priedeiiohsen 
& Co.. Hamburg 1914. 165 S. 

Das erstgenannte groBe Werk >btetet eine FiiUe von StoH und Statistik, 
das zweite g&t etnen kurzen Oberblick und mancherlei UrteHe imd Aus- 
bMc4(e, die das erste, rein sachKch darsteilende Werk zuruckhalt. Bekie 
BQcher sind vorzugliche Leistungen, von groBer OrflndMchkert und von 
weitem iBKck beherrscht. Ste habcn detn Verfasser die eSirende Ernennung 
zum Lie. theol. durch die Universitfit Halle eingetragen. Nur eine Bttte sei 
gestattet Der Verfasser imdge bei China die Worte „farbig" und „ein- 
geboren" vermeiden. In Japan werden 5te als Beleidigung behandeit. Sie 
passen auoh auf China nidit und wirken krSnkend. Witte. 

Jahrbuch fir arztliche Misston, herausgegeben vom Verband der 
deutschen Vereine fiir arztliche Mission. Mit 27 Biklern. 1914. 159 S. 
1,50 M. Verlag von C. Bertelsmann, Qutersloh. 

Zum ersten Male geht dies Buch aus und ^^endet sich an die deutsche 
Welt, Freunde werbend fiir <tie deutsche SrztKche Mission, die so dringend 
noch weiterer Ausgestaltung bedarf. Das Buch bringt manchertei gute Auf- 
sStze iiber die Bedeutung und Notwendigkeit der Srztlichen Mission, uber die 
Arbeit der Deutschen Vereine fiir Srztltche Mission, liber einen friiheren, miB- 
gliickten Versuch zur Qriindung eines missionsarztlichen Instituts in 
Tubingen im Jahre 1841 und iiber die mandierld Arbettsfelder der deutschen 
Missionsfirzte. Am SchluB folgt mancherlei Statistik. Der Inhalt des Buches 
ist sdir befriedigend und anregend. Fortgeblieben ware am besten der 
„Brief** auf S. 93 f. Unter der missionsarztlichen literatur hatte unser Heft 
„I1ilfe fiir die Not der Kranken in China" genannt werden kdnnen. Im Inhalt 
wird durch verschtedene Notizen unsere Arbeit freundlich berucksichtigt. 
Fiir unsere Freunde sei noch bemerkt, daB nach diesem Jahrbuch die 
Vereine fiir SrztKche Mission fast alle ausdrucklich angeben, daB sie Hilfs- 
vereine der emzekien Missionsgesellschaften sind. Witte. 

L. Weichert, Das Senfkom. Ein Jahrbuch der Berliner Mission. 
283 S. Mit vieten Bildern. 1914. Buchhandlung der Berliner Missions- 
gesellschaft, NO, QeorgenkirchstraBe 70. 

Das Buch gibt zum Teil geschichtUohe RuckbKcke in das Entstehen der 
Berliner Mission und Lcbensbilder bekannter Personlichkeiten, die sich um 



- 188 - 

die Berliner Mission verdient gemacht haben. Zum andern Tea enthSlt e» 
SchiUlerangen aus der Arbeit der Berliner Mission. Alles ist lebendig und 
tmterhaltend, frisch und fromm geschrieben. Nur bei den mehr ins Theo- 
logische gehenden Partien tst der Verfasser nicht glQcklich. Was er S. 11 f. 
uber die Aufklaning und die Revolution schreibt sst zu massiv und kann vor 
der wirkHchen Qeschichte niciit standhalten. DaB das ganze Buch den Qeist 
der Berlmer Mission atmet, ist selbstverstSndHch. Man iiest, auch wenn man 
in manchen Dingen anders denkt, das Buch mit Oewkm. W i 1 1 e. 

Dr. J. Schmidlin, Professor, Die kathoUschen Mtesioaen in den 
deutscliai Sciiutzgebleten. Mit viden Bildern. 294 S. Munster 1913. 
Aschendorfische Verlagsbuchhandiung. 7,50 A^rk, gebunden 9 Mark. 

EHes Werk ist von dem katholtschen Internationalen Institut fur 
mis^nswissenschaftlidie Forschung dem Deutschen Kaiser zu seinem 
25jShrigen Regie rungsjubilaum gewidmet worden. Der Verfasser ist Pro- 
fessor der Misstonswissenschaft an der UniversitSt Munster. Das Werk tst 
vorziiglich ausgestattet in Druck, Bikiern und Papier, ist itbersichtUch an- 
geordnet und flieBend geschrieben in leicht verstandlioher Weise. Dabei 
enthSlt es ein grilndliches Wissen und gibt einen erschopfemlen CberbUck 
iiber das, was die katholische Kirche in unsem Kolonien auf dem Massions- 
gebiet schalft In bezug auf China besdirSnkt sidi die Darstellung nicht auf 
das Schutzgebiet, sondern behandelt die Provinz Schantinig mit, als deutsches 
Interessengebiet, so daB ein Fernerstd*ender achtgeben muB, wenn er ein 
klares Bild dessen erhalten will, was im Schutzgebiet selbst gescbieht. DaB 
die katholisc^en MissicHien QroBes leisten, durch kulturelle Werke und An- 
stalten der Liebe, daB ihr straffes Autoritatsprinzip ftir die Crziehtmg der 
Eingeborenen Afr«kas sehr heilsam wirkt, das wird jeder unbefangene Be- 
urtetler gem anerkennen. Aber befriedtgen kann das Werk den protestanti- 
schen Missionsmann nicht ganz. Einmal, well die Schrtft sioh zu stark in 
einem Tone bewegt, der zu wemg die Gtgenart der einzelnen Qebiete und die 
Verschiedenheit der Arbeitsarten kennzeichnet. £s ist zu viel AufzShlung, 
zu wenig Schilderung. Und wenn man dies auch noch mit dem Mangel an 
Raiim entschuidigen konnte, so bliebe doch das andere bestehen: Es ist zu 
viel Selbstlob in der Schrift. Man vermiBt die Selbstkritik und das offene» 
tiefe Erkennen der eige>nen Schranken und Mangel. Dieses Selbstlob wirkt 
um so eigenartiger, als es sich als FoHe die protestantisohe Mission sucht, 
von der nnmer wieder i)etont wird, sie habe viel geringere Erfolge als die 
katholische. Begriindet wird dies Urteil nicht sachgemSB, denn die kurzen 
Zahlen genugen nicht bei der Andersartigkeit des protestantischen Missions- 
ziels und der protestantischen Mtssionsmethode. An einzelnen Stellen wird 
die Oberlegmheit der kathohschen Mission auch nur behauptet, (^ne jede 
Begritndung. Und diese Schrift ist dem protestantischen Kaiser gewidmetl 

Der protestantischen Mission ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Das 
mag anerkannt wenden. Es werden auch Bikier aus der protestantischen 
Mission gebraoht. Der Konflikt der Berliner Mis^on mit der katholischen 
Mission in Ostafrika wird erw&hnt, aber ein Urteil wird nicht klar aus- 
gesprochen. Es wird aber prinzipiell erklSrt, daB sich die katholische 
Mission auf Qebietsbeschrankungen auf die Dauer nicht einlassen konne. 



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— 189 — 

Man wiirde gern erfahren, wieviel Qeld die katholisdie Mission in den 
Kolonien zur Verfflgiung hat. Es wiirde sich dadurch manches wertvolle 
Urteil ermoglichen iiber die erreichten Erfolge. Mehrfaoh wrrd an der pro- 
testantischen Mission getadelt, sie habe trotz reicherer Qeklniittel geringere 
Crfolge als die katiiotische. Ob diese Behauptung richtig ist, daB die 
l<atholische Amission weniger Mittel hat? Vielleicht weniger freiwillige 
Qaben; aber die reichen Mittel der Orden, die es z. B. ermdgHchen, groBen 
Orundbesitz zu erwenben? 2^hlen die nicht? 

Sidit man von diesen und manchen andern Pragen, die sich beim 
Lesen erheben, ohne eine Antwort zu erhalten, ato, und iibersieht das Qanze, 
so icann man sagen, daB das Buch ats ein Qber die katholischen Missionen 
in den deutsohen Kolonien orientierendes Werk zu empfehlen ist. 

Witte. 

Hisho Saito, Professor der Geschichte in Tokio, Geschichte 
Japans. Verlag Ferd. Diimmler in Berlin. 1912. 262 S. 

Dieser kurze AbriB der gesamteti Qesctiichte Japans gibt einen guten 
Cberblick uber die poUtisciie Eiitwackking Japans, sowie iiber die allmah- 
liche Wandkuig der imeren Zustande. Dies deutsohe Werk eines Japaners 
iiber sein Volk ist mteressant zu lesen lur alle, die sich fur Japan 
interessieren. Atich die religidsen Haupteretgrasse werden erw3iint 
Hiibsohe BikJer schmucken das Buch. Es verdicnt, viel gelesen zu werden. 

Witte. 

Dr. Vorber-Rekow, Aslatisches Jahrbuch 1913. Berlin. J. 
Guttentag. Zum zweiten Male geht dies Jahrbuch huiaus, um Interesse zu 
wee ken fur die asiatische Welt, um zu kaufmanmsdier Betatigung in Asien 
anzuregen durch Darbietung alles wesentlkrhen Materials, was flir den Kauf- 
mann wichtig ist und um eine Verstarkung unserer Asien-PoUtik zu fftrdern. 
Der Heraugeber gibt ein fein-orientierendes Vorwort, dann folgen Aufsatze 
von Qeneralfekimarsc^ll Freiherr v. d. Qoltz, Dr. E. Jackh, Geh. Admirali- 
tatsrat Dr. Schrameier, Professor L. RieB u. a.; es sind lauter gediegene 
Arbeiten. Nach diesem allgemeinen Teil folgt^ein besonderer, der iiber die 
einzelnen Ldnder Astens orientiert. Eine Fiille von Wissen ist in gedrangter 
Kiirze da verart)eitet. Was der Unterzeichnete am 1. Jahrgang getadelt 
hatte, daB die Misswnsangaben zum Teil veraltete waren, ist diesmal ver- 
bessert worden. Ober unsern Verem sollte es heiBen (S. 232): „Von deutsch- 
evangeKsdien MissicMisgesellschaften ist der AHgemeine Evangelisch-Pro- 
testantJsche Missionsverem seit 1885 in Japan tatig: Deutsch-evangelische 
Qemeinden in Tokio, Yokohama und Kobe, Hauptmissionsstationen in Tokio 
(2 ctoristliche Qemeinden, Studentenheim, Kindergarten, Abendschule fiir 
deutsohe Sprache) und Kyoto (2 christliche Gemeinden, Abendschule fur 
deutsche Sprache) daneben Stationen in Osaka, Tsuruga, Toyohashi, Otzu, 
Zeze, Chiba. Das Buch ist ein vorziigliches Nachschlagebuch fiir alle, die 
uber Asien VortrSge halten wollen. Witte. 

Dr. K. Schneider, Jahrbuch iiber die deutschen Kolonien. 
VII. Jahrgang 1914. 242 S. Qeb. 5 M. Verlag von G. D. Baedecker, Essen. 



\^\ 



— 190 



Der neue Jahrgang djeses trefflichen Jahrbuches bietet wieder eine 
FuUe interessanter Materialien zur Kenntnis der Lage in unsem Kolonien 
und des Standes unserer Kolonialarbeit. Karten und sehr sorgfSltiges 
statistisohes Material vervolktandigen den Wert des Inhaltes. Eine groBe 
Zahl eingehender Artikel behandelt wirtschaftKche und militSrische, medi- 
zinische und religiose Fragen. E>er Hauptnachdruck der prtnzipiellen Artikel 
liegt auf der Fordening, dafi in der deutschen Kolonialpc^tik das Hauptziel 
das sein muB, aus den Kolonien soviet als irgend mdgMch Siedlungsgebiete 
fur deutsche Ansiedler zu machen. Oegenfiber einer falschen, wdchHchen 
Humanitatsschwamierei wird nrit Recht betont, daB die Interessen der 
Deutschen und Deutsdilands fur die Kolonialver^t^altung ui^edingt oben- 
anst^en mussen, nicht aber die Interessen der Eingeborenen. Man kann 
dabei doch wafarhs^ human gesinnt seki und handein. Das Jahrbuch sei 
warm empfohten. W i 1 1 e. 

Fritz Seker, Schen, Stadium aus einer ciilnesisciieii Weltstadt. 
Verlag von A. Haupt, Tsingtau, fiir Deutschland Max Noes^r & Co., Berlin, 
FriedridwtraBe 207. 120 S. 1913. 

Die Weltstadt ist Schanghai, die (machtige Handelsstadt an der Yangtse- 
Miindnng, in d^ wesUidies uod ohinesisches Leben sich am stSrksten 
mischt in gianz China. Das Buch ist sc^r letirreicfi und sehr unterhaltend zu 
lesen. Das ibunte Leben dort wird wirkbch greifbar deutiidi in diesen 
Scfailderungen. £s ist fa oft so schwer fiir Europ§er, sich vom heutigen 
Leben in China ein BiM zu madien. Das Leben dieser QroBstadt wird 
hier mustergiiltig in seiner Vielfarbigkeit, seinem Qlanz und seiner Entartung 
entroUt. Wittc. 

A. G r 1 h , Jesuslegende und Christentum. 191 S. Leipzig, Hill- 
mann. 1913. 3 Mark. 

Der Verfasser, Qymnasialprofessor in Nicolassee, war fanf Jahre in 
Japan als Dozent tStig und wird vieten Lesern unserer ZMR bekannt sein. 
Das Buch ist m flQssigem Stile geschrieben, doch wird das Lesen erschwert 
durch die hSufigen Oedankensprunge und Abschweifungen zu alien mog- 
lichen Fragen. Im wesentUchen handelt es sich in dieser Schrift urn die 
frdere Stellung der Bibel, auch den Evangelien gegentiber, um die Frage, 
ob Jesus gelebt habe, wobei der Verfasser ein Stuck Weges mit Drews 
geht, um doch an der geschk:htUohen Personlichkeit Jesu festzuhalten, und 
um das ewig Bkibende im Christentum. Qroth bietet in seinem Buche 
allerlei wertvolle Lesefriichte und eigene Beobachtungen, vor allem ist lehr- 
reich, wie ein Nichttheologe, ein selbstSndiger Kopf mit einem frommen 
und ireien Smn sich swn Urteil fiber die reHgiosen Fragen der Qegenwart 
bildet. Aug. Kind. 

Karl Bornhausen, Lie. theol., Privatdozent: Religion in Amerika, 
Beitrdge zu ihrem Verstandnis. (^eBen 1914. Alfred Topelmann. 107 S. 

An dieser in vieler liinsicht interessanten Schrift, die uns fiir das 
theologische, kirchliche und relrgiose Leben in Amerika interes&ieren will, 
ist fiir uns von 'besonderer Bedeutung der letzte Absdinitt „Student und 



a*'?n??^ 



- 191 - 

Mission m Amenka". Es wird aus thm aufs neue best§tigt, daB in Amerika 
gerade <He allerbegabtesten und glanzendsten jangen Theologen in den 
Missionsdienst geben. In Deutschland gab es eine Zeit, da muBten unsere 
Kandidaten oft 10 Jahre auf Anstelhing als Pastoren warten. Aber in den 
Missionsdienst wollten wenige. Unser Missionsverein hat ja jedes Jahr 
Mddungen sehr tfichticer Theologen, aber unsere alten Qesellschaften 
klagen doch stets tiber Theologenmangel. Mdchten doch diese Schilde- 
rung<en B.s in Studentenkreisen viel gelesen werden. Witte. 

Dr. phil. Hermann Hefele, ^Francesco Petrarca*', Band III der 
Sammlung „Die Religion der Klassike r", herausgegesben von 
Professor Lie. theol. Qustav PfannmuUer. Verlag: Protestantischer 
Schrifterrvertrieb, 0. m. b. H., Berlki-^choneberg. Preis broschiert 1,50 M., 
gebunden 2 Mark. 

Man hat Petrarca den ersten modernen Menschen des Mittelalters ge- 
nannt, den Begrunder des Humanisnius, den Ahnherm Qoethes und Schillers; 
in jenem Ausdruck liegt etwas Wahres. Auf alle FSIle hat Petrarca die 
Wissenschaft von der Vormundschaft der Theologie befreit und die „Natur" 
entdeckt Dafi er daibd kein frommer KirchenkathoMc bleiben konnte, 
sondern ein religios angehauchter Kulturkatholik wurde, Uegt auf der Hand. 
I>aher ist fur ihn ReHgion kein Feuerbrand, sondern ein Ssthetisdies MaB- 
haiten, ein Mittel, urn das Qleichgewicht der Sede zu erlangen und zu be- 
wahren. Unter den ausgewahlten Ausspriichen des Italieners muten einen 
ganz modern an die zwei Dialoge vom Weltschmerz und von Wissenschaft 
und Frommigkeit Devaranne. 

Johannes Herzog, Stadtpfarrer, ^tRali Waldo Emerson**, 
Band IV der Sammlung „Die Religion der Klassike r", heraus- 
gegeben von Professor Lie theol. Gustav Pfanmniiller. Verlag: Pro- 
testantischer Schriftenvertriel), Q. m. b. H., Berlin-Schoneberg. Preis 
broschiert 1,50 M., gebunden 2 M. 

Emerson ist eine der originellsten Gestalten auf dem religiosen Gdiiet 
des letzten Jahrhunderts; ein Prediger ohne Talar rmt inspiratorischer Kraft. 
Das kirchljche Tempo hat er schnell und sicher uberholt; als echter Sohn 
Amerikas hat er den deutschen Idealismus geerbt, aber zugldch auch dem 
praktischen Leben durch WirkUchkeitssimi angepafit und ihn so „real" ge- 
staltet; zugleich hat er ihm die puritanische Ethik angegliedert. Er ist 
Unitarier und steht so in der Mitte zwischen Monist und Trinitarier; er 
treibt die Einheitlichkeit soiweit, daB er die Naturgesetze in der Qeisteswelt 
gelten ISSt und die Welt materialisierten Qeist nennt. 

Dervorliegende Band ISBt Emerson weniger selber zu uns reden, sondern 
schiWert viehnehr den inneren Werdegang und die verborgenen Zusammen- 
hSnge seiner Philosophie, was um so dankenswerter ist, als wir deutsche 
Aphorismensammlungen und m HSndels Bibliothek der Qesamtliteratur, so- 
wle bei Diederichs (Jena) gute Obersetzungen der Qesamtwerke Emersons 
haben. Devaranne. 



— 192 - 



r-i 



Dr. Heinrich Ostertag, „Friedrich der QroBe**, Band V der 
Sammlung „Die Religion der Klassike r", herausgegeben von Pro- 
fessor Lie. theol. Qustav Piannmuller. Verlag: Protestantischer Sohriften- 
vertrieb, Q. m. b. H., Berlin-Schoneberg. Preis broschiert 1,50 Mark, ge- 
bunden 2 Mark. . i i 

Friedrich der GroBe unter den Klassikern — das mutet einen fast an 
wie Saul unter den ProiAeten. Doch der Verfasser hat wohl recht: „Der 
Aite Fritz wird in seiner personlichen Art als klassisch empfunden hn 
VolksbewuBtsein; seine Konigstaten als klassisch erwiesen in der National- 
geschichte; seine literarischen Arbeiten als klassisch angesprochen von 
K«nnern." Man kennt von thm einzelne AussprQche uber Religion und 
Toleranz, was immer sehr einseitig ist; oder man muB zu den groBen Qe- 
schichtswerken seine Zuflucht nehmen, die nicht jedermann zugangUch sind. 
Diesem doppelten Mangel ist hier abgeholfen, was um so wichtiger ist, 
als es sich hier dodi um den damaligen Landesbischof der evangeUschen 
Kirche PreuBens handelt. Zahlreiohe und treifend ausgewShlte AuBerungen 
des groBen Konigs iiber Qott und Welt, Religion und Sittlichkeit, Toleranz 
und Humanitat bestStigen das iiber ihn gesprochene Wort: ,.Cr war ein 
geborener Freidenker und ein geborener Gottsucher." 

Devaranne. 



Eingegangene Biicher. 

hamburgisches Kok>niaKnstitut, Bericht iiber das 5. Studienjahr. 

Hamburgisches Kolonialinstitut, Verzeichnis der Vorlesungen im Sommer- 

halbjahr 1914. Preis 40 Pi. 
Festpredigten von Eugen Jacob, Pastor an St. Bernhardin in Breslau. 

Preis 2 Mark. 
R. Fisch, Die Wirkwng der Malariaprophylaxe bei den Missionsangestellter 

in Kajnerun. Leipzig 1914. Preis 1 Mark. 
H. Bauer, Unsere Jugend. Vortrag, gehalten am Jugendpflegertag in Zurich. 

Preis 40 Pfennig. 

Hans Bachofner, Gott und das Ungluck in der Welt. Zurich 1914. Preis 

30 PfeiMiig. 
Wilhelm Siebert, Das alteste EvangeHum von Jesus Christus, dem Sohne 

Qottes. Neuenweg (Baden). 

Ernst Sohreiner, DreiBig Thesen an die Tiiren unserer Kirchenfeinde. 

Stuttgart- Preis 20 Pfennig. 
Umfried, Der Wehrverein, eine Gefahr fur das deutsche Volk. Verlag: Lang- 

guth, EBUngen. 
Dr. Otto FreUierr von und zu AufseB, Ein Herr und ein Qlaube. Verlag: 

Paul Miiller, Miinchen. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Goriitz, Demianiplatz 28. 



Die Kontemplationspraxis der buddhistischen Zen-shu 

in Japan. 

Von Professor D. Hans Haas (Jena). 

In einer der Vorreden zu dem vielgelesenen ^Buddhistischen 
Katechismus", der den ameriltanischen Theosophen Oberst H. S. 
Olcott zum Verfasser hat, einem Buche, das innerhalb derselben 
Zeit, in der Oldenbergs Weric „Buddha, sein Leben, seine Lehre, 
seine Qemeinde" vier Auflagen erlebte ^), es auf deren an die vierzig 
brachte, lieB vor Jahren der Autor seine Leser wissen, zur Ab- 
tassung dieses seines Lehrbuches, urspriinglich in Ceylon er- 
schienen, sei er gelcommen, weil er habe finden miissen, daB dort, 
in Ceylon, unter der singhalesischen Bevolkerung eine gar so groBe 
allgemeine Unwissenheit iiber ihre Religion herrschte. „Ihre Kinder," 
schreibt er, „die allenthalben in den von christlichen Missionaren 
eroffneten Schulen erzogen werden, fand ich bei meinen Reisen von 
Ort zu Ort bekannter mit den Lehren des Christentums als mit denen 
ihrer eigenen Religion. Da jedoch weder sie noch ihre Eltem die ge- 
ringste Neigung hatten, dem Buddhismus zu entsagen, um das 
Christentum anzunehmen, bat ich die buddhistischen Qeistlichen 
dringend, eine Darstellung des Buddhismus in Katechismusform zu 
untemehmen; aber keiner von ihnen fuhlte sich dazu befahigt, und 
so wurde ich durch das Drangen der hoheren Geistlichen fast ge- 
zwungen, dies selbst zu tun." 

Die Bonzenschaft auf Ceylon muB, hiernach zu schlieBen, auf 
einem sehr viel niedrigeren Bildungsniveau stehen, als der Klerus 
des Buddhismus in Japan. In Japan mag man sich buddhistischer- 
seits wohl einmal von einem angesehenen auBerjapanischen 
Glaubensgenossen unter die Arme greifen lassen — man erinnere 
sich da nur etwa des in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift von 
Professor Bornemann in Obersetzung wiedergegebenen und 



*) Bei dieser Qelegenheit sei darauf aufmerksam gemacht, daB dieses 
klassische Werk vor kurzetn in sechster Auflage, fQr die sein Autor es 
unter Benutzung aller Veroffentlichungen der ietzten Jahre abermals einer 
durchgangigen Durchsicht unterzogen, erschienen ist. 

Zdtsckrift fflr Miuioaikuade and Religioaswistenschaft 29. JahrgMnz. Heft 7. 



- 194 - 

glossierten Vortrags, den der seit dem ReligionskongreB in Chicago 
auch bei uns wohlbeltannte Agitator H. Dharmapala ganz vor kurzem 
erst in Japan halten durfte — , undenkbar aber ware es, daB man 
der Dienste eines nichtbuddhistischen Auslanders oder eines aus- 
landischen Pseudobuddhisten sich versicherte, um zu einem Lehr- 
buch der buddhistischen Religion zu kommen. Und ist es uns 
darum zu tun, mit der Doktrin des Buddhismus von Japan genauer 
uns bekannt zu machen, so brauchen wir uns nach keinem Olcott 
umzusehen. Die notigen Lehrmittel finden in der japanischen Lite- 
ratur sich geradezu in Uberfulle, und das Lehrmittel fiir jedes Be- 
diirfnis, vom popularst geschriebenen Katechismus bis zu viel- 
bandigen abstrus gelehrten Werken. Es gilt da nur, aus der reichen 
Masse das Diensamste auszuwahlen. Hierzu nun, finde ich, gibt 
sehr treffliche Winke ein neuerer japanischer Autor Kate 
Kumaichiro, oder, wie er mit seinem Schriftstellernamen heiBt, 
Totsudo, der selber im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte Buch 
auf Buch zur Einfiihrung in das Verst^dnis des Buddhismus ge- 
schrieben hat, Biicher, die, wie die rasche Aufeinanderfolge neuer 

Auflagen erkennen laBt, auch wirklich vie! gelesen werden. Ein 

Anhang, den er einem dieser Werke *) beigegeben, ist ein 
Vademekum, das gut den Titel tragen konnte: „Wie studiert man 
den Buddhismus?" Er macht dem, der tiefer in die buddhistische 
Lehre eindringen mochte, die Werke namhaft, die er zu dem Zwecke 
vorzunehmen hatte, am besten in der Aufeinanderfolge, die Kato- 
Totsudo empfiehlt. Mit seinen eigenen Schriften rat er den Anfang 
zu machen. Leser, die, nachdem sie von ihm sich die erste Hand- 
reichung haben tun lassen, iiber irgend einen Punkt im unklaren 
seien, werden ermuntert, mit ihren Zweifeln sich vertrauensvoll 
brieflich an ihn zu wenden; er sei erbotig, jedem solchen Frage- 
steller in der Zeitschrift „Samb6" ') weiter Rede und Antwort zu 
stehen. Die Verbindung, die auf diese Weise zwischen dem Ver- 
tasser und seinen Lesern hergestellt wiirde, diirfe ganz besonders 
niitzlich sich erweisen. Als nachste Lektiire, gleich hinter seinen 
eigenen Einfuhrungsbiichern, empfiehlt er dann das Qenninron von 
Sh6mitsu Zenji, eine um 800 n. Chr. von einem gelehrten chinesischen 
Priester Tsungmi verfaBte, in Japan mit Recht immer hochgehaltene 



*) Daijo Bukkyo Hyakuwa. Beigegeben ist der oben erwahnte Anhang 
diesem Buche erst von der 5. Auflage ab. 

*) Sambo bedeutet ,Die drei Kleinodien*, d. h. Buddha, seine Lehre, 
seine Qemeinde. 



,■ -; ^- f,=i-:^«r;rs??';>^":iS«v~-^- 



- 195 - 

Schrlft, die, in ihrem ersten Abschnitte die Superioritat des Buddhis- 
mus uber Konfuzianismus und Taoismus erweisend, — also eine 
apologetische Leistung — weiterhin eine sehr instruktive Darlegung 
und kritische Wiirdigung der Hinay^na- und MahSy^na-Dogmen 
bietet. Eine erste Obersetzung dieser Dissertatio, deren chinesischer 
Titel sich mit Unde Homo? wiedergeben lassen durfte, hat kurz vor 
seinem Tode Albrecht Dieterich von mir angenommen fur das 
Archiv fiir Religionswissenschaft, in dessen zwolftem Jahrgang sie 
nachher zum Druck gelangte. Zu den japanischen Kommentatoren, 
die ich mir fiir diese Obersetzung zunutze machen konnte, ist vor 
kurzem ein von Kato Kumaichiro selbst verfaBter hinzugekommen, 
den ich selber noch nicht kenne. Als den geeignetsten Text, einen 
Oberblick iiber die Mahfiyana-Philosophie zu gewinnen, bezeichnet 
sein Studienplan alsdann das Hannya Shinkyo, d. i. das MahSprajna- 
pSramitShridayasutra, wohl die kiirzeste Schrift des buddhistischen 
Kanons, von der ich in Edvard Lehmanns Textbuch zur Religions- 
geschichte *) eine Obersetzung gegeben habe. Zu ihrem Verstandnis, 
sagt Totsudo, empfehle es sich, die von Ouchi Seiran (einem noch 
lebenden japanischen Literaten, einem gelehrten Laienbuddhisten) 
verfaBte klare Auslegung beizuziehen. Ja nicht versaumen diirfe 
man weiter, unter Beniitzung der Kommentare (Totsudo nennt dem 
Leser auch diese Kommentare) das sehr wichtige Kishinron zu 
studieren. Das Kishinron, Oder, wie es chinesisch heiBt, Ta-sheng- 
ch'i-hsin-lun, ist das seit Jahren nun bereits durch zwei englische 
Obersetzungen ^) zugSngliche MahSyana-sraddhotpada-shtstra, als 
dessen Autor Memyo, d. i. der groBe Patriarch Asvaghosha, ein 
Zeitgenosse des Konigs Kanishka, gilt, eine Annahme, die Winter- 
nitz neuerdings') in Frage stellt und, wie ich geneigt bin anzu- 
nehmen, mit Fug in Frage stellt. N a c h diesem Texte rat Totsudo 
das Bukkyo Katsuron zu lesen, ein Werk des bekannten, noch 
lebenden japanischen Priesters Inouye Enryo. So vorbereitet moge 
man sich dann an das Studium der tiauptsutras machen. Vor alien 



*) Leipzig, A. Deichertsche Verlagsbuchh. Nachf. 1912. 

•) Die erste Obersetzung stammt von dem Japaner Teitaro Suzuki 
(AQvaghosha's discourse on the awakening of faith in the MahSyana). 
Chicago 1900, die andere von dem amerikanischen Chinamissionar Rev. 
Timothy Richard (Tlie awakening of faith in the Mahay ana doctrine — 
the New Buddhism). Shanghai 1907. 

*) In seiner im vorigen Jahre erschienenen ,Geschichte der buddhistischen 
Literatur" sowie in seinen .Beitragen zur buddhistischen Sanskritliteratur" 
im letzten Bande der Wiener Ztschr. fiir die Kunde des Morgenlandes (1913). 



- 196 - 

Dingen kame da in Betracht das Daimuryojukyo ^), sowie das 
noch wichtigere Hokekyo*); dazu aber jedenfalls auch noch das 
Yuimakyo") und das besonders Frauen zu empfehiende Sho- 
mangyo ^'*). Zu dem Hokekyo, dem Yuimakyo und dem Sh6mangy6 
hat kein Qeringerer als der japanische Prinz Shotoku Taishi (572 
bis 621 n. Chr.) Kommentare verfaBt. Auch diese soil man nicht 
ungelesen lassen. 

Doch, ich will mich hier nicht damit aufhalten. den ganzen 
Studienplan wiederzugeben. So sei nur noch kurz bemerkt, daB 
Totsudo nach Nennung weiterer Werke, auch solcher, die fur die 
a u B e r e Geschichte des Buddhismus in den s a n k o k u , den drei 
Landern, d. h. in Indien, China und Japan, sowie fur die Geschichte 
der einzelnen Sonderorganisationen des japanischen Buddhismus 
in Betracht kommen, dem Leser sagt: nach solchen Vorstudien all- 
gemeiner Natur werde er imstande sein, sich an das Studium der 
Sondertheorien der einzelnen Sekten zu machen. Fiir jede einzelne 
Schule gibt er dann wieder die Spezialliteratur, nur wie er zu der 
Schule des Zen- Buddhismus kommt — und damit endlich bin ich 
bei dem eigentlichen Thema dieses Aufsatzes angelangt — . muB 
man lesen: „Will man die Zen-shn studieren, so muB man einem 
Meister sich begeben", d. h. bei einem Priester der Zen-shft selbst 
in die Lehre gehen. 

Ein solcher Priester der Zen-shft nun aber ist z. B. Kenko Tsuji, 
der in einem ins Englische und ins Franzosische iibersetzten 
Sammelwerkchen iiber die zwolf Sekten des japanischen Buddhis- 
mus ") das Kapitel iiber die Zen-Sekte geschrieben hat. Aber auch 
bei diesem Zen-Priester wieder heiBt es, nachdem er kurz eine Ge- 
schichte seiner Sekte gegeben: „Will jemand den Sinn der 
Lehre verstehen, so muB er sie unter Anleitung eines tiichtigen 
Meisters praktizieren." Das tun nun tatsachlich auch heute noch 
viele in Japan, und besonders vor sieben, acht Jahren war es eine 
der da druben standig emander ablosenden Manien, sich fiir Tage 
Oder Wochen, auch wohl Monate in Zen-Tempeln unter die Direktion 



d. i. das GroBe Amitayus-sQtra, die Hauptautoritdt der Schulen des 
Reinen Landes mit ihrem AmitSbha- Buddhismus. 
^ d. i. das beruhmte Saddharma pundarika-sQtra. 
*) d.i.das, die Laienbuddhalehre enthaltende.Vimala-kirtti-nirdesa-sfitra. 
^°) Srimaladevisimhanada-sutra. 

*') A short history of the twelve Japanese Buddhist sects. Trsl. from 
the original Japanese by Bunyiu Nanjio. Tokyo 1886; und Fujishima 
Ryauon, Le bouddhisme japonais, doctrine et histoire des douze grandes 
sectes boudhiques du Japon. Paris 1889. 



- 197 - 

eines Priesters zu stellen — besonders der Abt des Engakuji in 
Kamakura, Soyen Shaku, hatte damals groBen Zulauf — und 
Obungen, exercitia spiritualia, durchzumachen, von denen gleich 
nachher noch zu reden sein wird. Einen eigentlichen Unterricht, 
eine Lehrunterweisung empfSngt der Kandidat hierbei nicht. Wenn 
uns Arthur Lloyd in seinem letzten Werke ") erzahlt, als er vor 
einem Vierteljahrhundert als Japanmissionar einen Priester der 
Zen-Sekte um Unterweisung angegangen, habe dieser damit ange- 
fangen, dafi er ihm in einem Kursus von Vorlesungen das Hannya 
shinkyo ausgelegt habe — und damit scheint die Unterweisung auch 
zu Ende gewesen zu sein — , so muB man beachten, dafi dieser 
Priester dem Sodo-Zweige der Zen-shft angehorte, einem Zweige, 
der in seinem Wertlegen auf gelehrte Forschung dem echten Qeiste 
der alten Sekte nicht so ganz treu geblieben wie seine Schwester- 
partei, die Rinzai-shft. 

Die Wahrheit, das ist die Idee, die der Zen-Philosophie zugrunde 
liegt (und hiervon werden wir auch bei dem Versuche, sie uns naher 
zu bringen, am besten ausgehen), ist nicht durch Schrift Oder Wort 
mitteilbar. Sie muB von jedem Einzelnen auf dem Wege eigener 
Intuition erlangt werden. 

Die Zen-shft leitet ihren Ursprung von dem historischen Buddha 
her, aus der letzten Zeit seiner Predigtwirksamkeit. 49 Jahre soil 
er bereits gelehrt haben, ^ie Hinayana- und die MahSySna-Wahr- 
heit kiindend, die wahre und die als bloB provisorisch vermeinte, 
die unvollkommene und die vollkommene, die partielle und die 
ganze darlegend, — da trat einmal, als er auf dem Qeistergeierberg 
inmitten seiner Monchsschar stand, Daibon tenno, d. i. der Himmels- 
konig MahSbrahman, zu ihm, bot ihm als Huldigungsopfer eine 
guldene Blume dar und bat ihn, der anwesenden Qemeinde zur 
Losung ihrer Zweifel das Qesetz auszulegen. Aber wahrend die 
Versammelten an seinen Lippen hingen, begierig, zu horen, was 
neue Weisheit von ihnen flieBen wurde, sprach Shakya keine Silbe 
und hielt nur unverwandt auf die Blume in seiner Hand den Blick 
gerichtet. Niemand verstand, was das bedeuten sollte: Nur iiber 
eines, MahS-Kasho's (K^yapa's) Antlitz ging ein plotzlich 
Lacheln: er hatte seines Meisters Sinn erfaBt, wie dieser ihm be- 
zeugte, ihn zugleich zum autoritaren Weitermittler des Qeheimnisses 
bestimmend. 



") The creed of half Japan. Historical sketches of Japanese Buddhism 
London 19n. 



^M1 

1 

- 198 - 

In dieser Erzahlung haben wir den ersten Fall von i s h i n 
d e n s h i n , d. h. Mitteilung von Qeist zu Qeist, ohne Zuhilfenahme 
des gesprochenen oder des geschriebenen Worts. Und in der 
gleichen Weise, Herz zum Herzen sprechen lassend, hat jeder der 
Zen-Patriarchen die hochste Wahrheit und das Mittel, wie man zu 
ihr gelangt, seinem Nachfolger mitgeteilt, eine Art von Kommuni- 
kation, die von buddhistischen Autoren mit dem Ausleeren des In- 
halts einer Flasche in eine andere verglichen wird, ein wenig gliick- 
iicher Vergteich iibrigens, will mich bediinken. Will ja doch gewiB 
nicht bedeutet sein, daB der Mitteilende durch sein Mitteilen selbst, 
den andern reich zu machen, innerlich verarmt oder auch nur das 
Qeringste verliert. In acht chinesischen Schriftzeichen ist das Haupt- 
dogma der Zen kurz ausgedriickt: kyo-ge betsu-den fu- 
ry u-m on- ji, d. h. Obermittelung sonderlicher Art ohne Unter- 
weisung und ohne den Qebrauch von Wort oder Schrift. W i r 
mogen uns dabei etwa erinnern lassen an einen Satz, den einmal 
Hermann Grimm geschrieben: „Die Kunst spricht von Qeist zum 
Geiste; der Stoff ist nur die StraBe, die den Verkehr vermittelt." 
„Die Sprache," sagen ganz ahnlich die Zenisten, „ist auch im besten 
Falle ein sehr unvollkommenes Mittel zur Mitteilung der Meinung 
eines Redenden, selbst wo es sich nur um die gewohnlichen Dinge 
des Lebens handelt, und so noch vid mehr, wenn es gilt, die tiefen 
Ideen des Buddhismus auszudriicken. Die Sprache, sagt ein Autor, 
ist gleich dem Finger, der nach dem Monde zeigt. Man darf seine 
Aufmerksamkeit nicht zu stark auf den Finger fixieren, sonst lauft 
man wohl Gefahr, den Mond nicht wahrzunehmen." 

„So hore auf denn, Worten nachzujagen," 
— mahnt ein alter beruhmter Zen-Priester, — 

„Das Inn're zu erhellen, einwarts kehr' das Licht, 

„Und Leib und Geist gelangt dann zur Entfesslung, 

„DaB frei dein wahres Wesen tritt herfiir." 
Soviel ist jedenfalls ersichtlich: was die Bekenner dieser Schule 
des Buddhismus charakterisiert und von alien anderen unterscheidet, 
ist dies, daB ihnen nicht wie Jenen das Wort des Buddha, wie es in 
den heiligen Schriften fixiert ist, ihr Heil und der Brunnen der Weis- 
heit ist. Der buddhistische Kanon, von dem im Buddhismus der 
Priester soviel Wesens gemacht wird, hat hier seine Bedeutung ver- 
loren. Wohl ist ja auch in der Schrift Offenbarung der Wahrheit 
zu finden. Nicht minder aber in dem groBen, vor aller Augen auf- 
geschlagenen Buche der Natur. „Die Stimme der TSler" — also 



■ -5rt ?fi7K rf'w. 



— 199 - 

singt eirf Dichter — , d. h. das Rauschen der Fliisse und das 
Platschern der Wellen, „sind die breite, lange Zunge (die uns 
Buddha wahrlieit kiindet); die Qestalt der Berge, die da zur Hohe 
ragen, ist der reine Korper Buddhas", Worte, die gemahnen an das 
Psalm wort: „Die Himmel erzahlen die Ehre Qottes, und die Veste 
verkiindigt das Werk seiner Hande." 

Sicherer aber noch als in der groBen Kanonrolle der den 
Menschen umgebenden Natur wird das wahre Wesen, das absolute 
Sein erkannt und das Heil gefunden durch Einkehr des Menschen 
in sein eigenes Innere, dies Innere, das mit dem Weltgrund ganz 
identisch ist. 

„Der Wahrheit Sem", 
— sagt Joyo Daishi. ein japanischer Zen-Priester, — 

„erftillt, durch wirkt das All: 

Wozu sich muh'n, sie zu erkunden? 

Die echte Lehre teilt von selbst sich mit: 

Was sorgen sich, sie zu^rforschen? 

Ist doch ob Staub erhaben ailes Sein, 

Wer soUte brauchen dann des Wischens Mittel? 

Die Stadt, die groBe"), ist nicht fern von hie: 

Wozu sich wandernd ihr entgegenringen?" 

Kensho jobutsu, schau an dein eigenes, inneres Wesen, 
und du hast die Buddhaschaft erlangt, erkennst dich selber als Er- 
leuchtung. 

Das Mittel dazu aber, und damit kommen wir zum zweiten, ist 
Z e n i o , abstrakte Kontemplation: 

„Selbst der von Qion"), weise von Qeburt, 

Pflag fiir sechs Jahre stiller Sitzung; 

Noch ist zu schauen des die Spur. 

Und Shorin "), doch Herzstempeliibermittler, 

SaB neun Jahr' stille, zugekehrt der Wand; 

Noch kann man das wohl riihmen horen. 

Wo denn der Vorzeit Heil'ge solches Beispiel lieBen, 

Wie sollten nicht wir Heut'gen Zazens") Wert versteh'n!" 



'•) d. i. Nirvana. 

**) d. i. Der Buddha Shakya. Der von Qion heiBt er nach dem Orte, 
an dem er stiller Kontemplation oblag. 

") Hiermit ist der groBe Patriarch Bodhidharma gemeint, der eigent- 
liche Begrunder der buddhistischen Kontemplationsschule. 

'•) Zazen = Sitzen in Versenkung. 



— 200 — 

i 

Die zitierten Verse habe ich einer Schrift des japanischen Be- 
griinders des Sodo-Zweigs der Zen-shft, des Joyo Daishi (er lebte 
von 1200 — 1253) entnommen. In dieser bei den Zenisten in aller- 
hochstem Ansehen stehenden Schrift, dem FukwanZazengi, 
haben wir auch die detaillierteste Anweisung fiir die in der Zen-shft 
gepflegte Kontemplationspraxis, die nur da und dort noch eine Er>- 
ganzung in einem andern, fiir ebenso wichtig gehaltenen Texte, dem 
Zazen Yojinki von Kotoku Emmyo (126»— 1325), findet. Das 
wird es voll rechtfertigen, wenn ich die Leser dieser Zeilen mit dem 
Fukwan Zazengi durch den Versuch einer Obersetzung bekannt 
mache. Die Einleitung habe ich soeben bereits mitgeteilt. Es heiBt 
dann in unserm Texte weiter: 

„Wer nun so sitzen will in Selbstversenkung, 
Der wahlt am besten sich ein still Qemach. 
Nur mafiiglich genieB' er Trank und Speise; 
Was um ihn her, des alles acht' er nicht! 
Jedwedes Ding sei von ihm unterlassen, 
Nicht Gut, nicht Bose werd' von ihm gedacht! 
Nicht Recht, nicht Unrecht soil er unterscheiden, 
Kurz: hemmen jeden Denk- und Willensakt 
Und jeglich Messen der Qedanken lassen. 
Nach Buddhaschaft selbst steh' ihm nicht der Sinn, 
Und nichts verschlag's ihm, ob er sitzt, ob lieget!" 

Nach diesen Direktiven allgemeiner Art folgt zunSchst eine 
genaue Unterweisung fiir die rechte Regulierung des Korpers. 
„Zum Sitzen in Dhyana ") legt gewohnlichst 
Ein dick Gematte man als Sitz sich hin, 
Um drauf alsdann ein Kissen auszubreiten. 
Mit ganz verschrankten Beinen sitzt man bald. 
Bald sitzt man nur mit halb verschrankten Beinen. 
Der „Sitz mit ganz verschrankten Beinen" so: 
Auf linkem Oberschenkel liegt der rechte FuB, 
Der linke liegt dem rechten Oberschenkel auf. 

Der „Sitz mit halbverschrankten Beinen" so: 
Den linken FuB allein nur laBt man hier 
Ob seinem rechten Oberschenkel ruh'n. 
Nur leicht soil die Qewandung liegen an. 



'0 DhySna ist der Sanskritausdruck fur das iapanische Wort Zen, 
Versenkung, Kontemplation. 



■\ - 201 - . 

Ond locker nur gebunden sei der Qurt. ^^ ^^- t 

1st wohlgeordnet das Qewand, so leg' • s y 
Der Rechten Rticken auf den linken FuB, 
Der Linken Riicken auf der Rechten Teller, 
DaB beider Daumen Spitze sich beriihrt! ^ 

So sitzt man aufrecht unverruckter Haltung, 
Nach links sich weder neigend noch nach rechts, 
Nach vorne nicht gebiickt, noch auch nach hinten, 
DaB parallel die Ohren zu den Schultern, * ^ 
Die Nas' auf einer Linie mit dem Nabel steht. 
Zum Obergaumen driicke man die Zunge; 
GebiB wie Lippen soUen sich beruhren. 
Die Augen aber immer offen steh'n. 
Den Atem ISBt die Nase aus und ein." 

Die Regelung des Kdrpers ist aber nicht das Wichtigste. Fasten 
und leiblich sich bereiten ist nur die feine auBerliche Zucht. Mehr 
kommt darauf an, daB der Qeist in die richtige Verfassung gebracht 
wird. Und so gibt Joyo Daishi auch eine Anweisung. wie solches 
wohl zu tun sei. 

„Ist nun die Haltung also regulieret. 

Gilt's einmal Atem schdpfen stark und tief; 

Ein sachtes Schaukeln noch nach rechts, nach links, 

Um endlich dazusitzen fester Positur: 

Und so dann mag man an Nichtdenken denken. 

Wie das zu tun wohl: an Nichtdenken denken? 
Nicht denken iiberhaupt, will das besageri. 
Beim Sitzen in DhySna ist die Hauptkunst dies. 
Kein Meditieren ist, was Zazen heiBt"), 
Nur eine Schule der Beruhigung ist's, : 

Der Bodhi ")-Forschung Mittel und auch Ziel." 
Die nSchsten Verse weisen dann den Nutzen des Zazen auf, der 
darin besteht, daB der von fleichlichen Liisten und Irrtiimem ge- 
fesselte, einem Qefangenen zu vergleichende Mensch zu der inneren 
Freiheit gelangt, die ihn zu einem freien Herrn iiber alle Dinge 
macht, der niemand mehr untertan ist. ^ . 



") Zazen, Sitzen in DhySna-Selbstversenkung, wird hier also unter- 
schieden von der sonst im Buddhismus gepflegten Kontemplationspraxis. 
'•) Bodhi = Erleuchtung. v -^ 



- 202 - 

„Erzeigt sich uns die ew'ge Weltenordnung "), 
Fangnetz und Vogelbauer sind g e w e s e n. 
Wer ihn erfaBt, den Sinn, derselb'ge ist 
Dem Drachen gleich, der wieder Wasser hat '*), 
Dem seinem Berg zurtickgegeb'nen ^^) Tiger. 
WiBt denn: Alsbald die Wahrheit") selbst erscheint. 
So ist auch alle Dunlcelheit verscheucht." 
BIoBe Anmerkung scheinen die folgenden Worte zu sein, eine 
Anweisung fiir richtiges Abbrechen des Zazen: 

„Will man vom Sitzen aufsteh'n wieder. 
Soli man nur sacht den Korper erst bewegen. 
In aller Ruh' gemachlich sich erheben, 
Niemalen plotzlich und mit Ungestum." 
Das Zazen Yojinki geht hier mehr ins Detail, indem es dem 
Zazen-Obenden verschreibt, zuerst, wenn er aufstehen woUe, beide 
Hande auf die Knie zu legen, den Korper sieben- bis achtmal zuerst 
in kleinen, allmahlich groBer und groBer werdenden Wiegungen hin- 
und herzuschaukeln, hernach, den Mund offnend, einmal auszuatmen, 
alsdann den Korper zu stiitzen, die Hande auf den Boden zu 
stemmen, sich sachte aufzurichten und langsam in naturlicher Weise, 
d. h. von links nach rechts, in Gang zu setzen. 

Das Fukwan Zazengi, urn wieder zu diesem zuriickzukehren, 
erinnert weiterhin daran, wie ernst die Priester der Vorzeit es ge- 
oommen mt dem Zazen: 

„Man sah wohl ehe die hinausgelangt 
Ob Irrvolk ") und Erleuchtungswesen ") waren, 
Wie sitzend sie die Seele ausgehaucht, 
Wie sie im Steh'n aus diesem Leben schieden." 
So wird z. B. von Bodhidharma und ebenso von seinem vierten, 
fiinften und sechsten Nachfolger, auch von Joyo Daishi selbst, dem 
Verfasser unseres Texts berichtet, daB sie, in Selbstversenkung 
sitzend, ins Nirvana hiniiberschlummerten, und vom dritten Nach- 
folger Bodhidharmas wird erzShit, daB er in Dhyana mit gefalteten 
(ianden unter einem Baume s t e h e n d gestorben sei. Selbst in der 



**) Japanisch: Koan. 

") Ohne Wasser kann der Drache, seines Elementes beraubt, sich 
nicht fortbewegen. 

") d. h. dem Zwinger des Tiergartens entronnenen (Tiger). 
") Im japanischen Text: shdhC 
**) Im japanischen Text: bon- 
") • » • sho. 



^j: 



- 203 - 

Stunde des Todes also lieBen diese Manner sich nicfit aus ihrer 
sicheren QefaBtheit bringen. Standhaft, kein Qlied regend, ohne 
Zittern, mit keiner Wimper zuckend, 

„So uberlieBen sie sich seiner Macht." - 

Wenn es dann weiterhin im Fukwan Zazengi heiBt: 
„Erhob'ner Finger, Stange, Nadel, Hammer 
Und was dergleichen Lehrmethoden mehr, 
Erweis durch Wedel, Faust und Stock und Aufkreisch, 
Solch alles kann man denkend nicht versteh'n," — 
so ist dabei an die mannigfachen sonderbaren Weisen zu denken, 
deren alte Zenlehrer sich bedienten, um ihre Schiller zur Erleuchtung 
zu fiihren, wie z. B. ein Priester, Qutei Osho, die Qepflogenheit hatte, 
wenn einer eine Frage an ihn richtete, immer nur den Zeigefinger 
zu erheben. Eben weil es hier sich um Mysterien handeit, bei denen 
Verstandeswissen und Qelehrsamkeit nichts austragen, im Qegentei' 
nur als Hindemisse wirken, so ist, sagt Joyo Daishi, 
„hier nicht die Rede mehr 
Von hoher'n Weisen und von niedern Toren, 
Kein Scheiden mehr in Menschen scharfen Sinns 
Und andre Menschen, die von stumpfem Qeiste. 
Wo man nur einfach eifrig Zazen iibt, 
Qerat's auch wohl, die Wahrheit zu erlangen. 



So uns're Welt wie andre (Buddha) Reiche, 
Der Osten gleicherweis' wie Indien einst 
Sind worden Buddhastempel-ErbempfSnger. 

So gilt's denn auch, der Sekte Branch zu pflegen, 
Und wo man nur dem Zazen sich begibt, , 
Empfangt man auch gewiBlich sichern Stand. 
Mag vierundachtzigtausendfach verschiedefl 
Veranlagt sein die Menschheit, die da iibt, 
Vor allem ubenswert bleibt einzig doch Zazen." 

Mit allgemeinen Mahnungen, die sich ganz ahnlich lautend in 
einer anderen seiner Schriften, dem Sodo-kyokwai shushogi, finden, 
das ich in Band 27 dieser Zeitschrift in Obersetzung mitgeteilt habe, 
schlieBt Joyo Daishi: 

„Nun man doch schon einmal, als Mensch geboren. 

Das AUergroBeste sich hat erlangt, 

DaB man doch nimmermehr die Tage geuden 

. ■- ■ ^ 



T^t 



- 204 - 

m 

Und fest zur Buddhawahrheit wollte halten! 
Wer mag lustier'n sich auch am Augenblick? 
1st doch ein Dasein wie des Qrases Tau nur. 
Das Leben zu vergleichen einem Blitz: 
So balde werden wieder sie zunichte. 
So wie ein Pfeil schnell fliegen sie dahin." 

Die Qeschichte der Zen-shfl in Japan habe ich ausfiihrlichst 
an anderem Orte") gegeben. Sie zeigt, daB diese kontemplative 
Schule ihre Anhangerschaft vor allem unter den Bushi, im alt- 
japanischen Rittertum, gefunden. Von Myoan Eisai, einem japanischen 
Priester, der wiederholt in China gewesen, um dort Studien zu be- 
treiben, im Jahre 1191 in ihrer Rinzai-Form, von Joyo Daishi (Dogen) 
1222 auch als S6do-shi!k in Japan eingefiihrt, hat sie von Anfang an 
in den zu Kamakura etablierten Militarregenten ihre eifrigen 
Patrone gefunden. Die meisten von den vierundzwanzig Parteien, 
in welche sich die Zen-shA — auch dies ein Zeichen ihres damaligen 
geistigen Lebens — teilte, bildeten sich, wahrend die Hojo im Namen 
der Minamoto die faktische Macht in Handen hielten, und weiterhin 
in der Herrscherzeit der Shogune aus dem Hause Ashikaga (1333 
bis 1573). Die Sekte wurde geradezu Bushi Bukkyo genannt, der 
Buddhismus des MilitSradels. 

Die Leser dieser Zeitschrift kennen Professor Nitobes 1900 zuerst 
in Philadelphia englisch veroffentlichtes, nachher auch in deutscher 
Obersetzung bei uns besonders im Bahnhofsbuchhandel stark abge- 
setztesTendenzwerkchen „Bushido, die Seele Japans, eineDarsteUung 
des japanischen Geistes'*. Die Quellen auffiihrend, aus denen die 
moraiischen Grundsatze, der Ehrenkodex des Samuraistandes, von 
Nitobe mit dem idealisierten Volksgeist Japans, dem Yamato damashi, 
identifiziert, ihre Nahrung geschopft, nennt er an erster Stelle den 
Buddhismus. Er habe der Ritterschaft das ruhige Vertrauen auf 
das Schicksal, die stille Ergebung in das Unvermeidliche, den 
stoischen Gleichmut angesichts drauender Gefahren und iiber sie 
hereinbrechenden Unglucks, er habe ihr die Lebensverachtung und 
die Todesbereitschaft eingepflanzt, die, auch heute noch unver- 
loren, vor allem Japans Kriegem noch in unseren Tagen zu ihren 
glanzenden Waffenerfolgen iiber RuBlands Heer und Flotte ver- 
holfen. 



^ Mitteilungen der Deutschen Qesellsch.f-Natur- u. Volkerk. Ostasiens 
Bd. 10, S. 157—221. 



Man hat hiegegen eingewandt, daB in Wahrheit der Buddhis- 
mus, fern davon, seine Adepten gegen des Lebens Muhsale und 
Schwierigkeiten zu festigen und zum Todeskampf zu st^rken, sie im 
Qegenteil apathisch mache, in Lethargie versenke, daB er, jedes Be- 
gehren, jede Energie und jede auf den Fortschritt gerichtete Tat 
als bose verdammend, das Leben selbst als ein Ungluck ansehen 
lehre, und daB eine Lehre wie die seine, so wohi sie lebensmiiden 
Pessimisten taugen moge, nimmer dazu vermogend sein konne, 
einem Volke mit Eroberungsinstinkten, wie ohne Zweifel das 
japanische eines ist, sich wirklich diensam zu erweisen. 

Indem man solche Einwdnde erhob, hat man auBer Acht ge- 
lassen, daB Nitobe mit seiner Konstatierung den Zen-Buddhismus 
im Sinne gehabt, der, wenigstens wie Japan ihn fur sich gemodelt, 
eine Religion war, die von dem, was man gemeinhin als Buddhismus 
kennt, wirklich in vielem Betrachte sich sehr betrachtlich unter- 
scheidet, eine Religion, auf die die gegebene abtragliche Charakteri- 
sierung ganz und gar nicht zutrifft. Lehrt der Buddhismus der 
Monche, daB anders nicht wohl der Weg zum wahren, Hochsten Heil 
zu finden sei, als daB man, dem Welttreiben entsagend, in die Haus- 
losigkeit ziehe, d. h. in den Orden (Samgha) eintrete, wo allein man 
ganz frei ist, durch Studium und besondere geistliche Obungen dem 
Ziele der Buddhaschaft sich entgegenzuringen, so heiBt es hier, daB 
solches geflissentliches Streben nach dem Nirvana als ein Abweg 
zu betrachten sei, denn, so sagt Joyo Daishi, ; ;/ ^ 

„Denn dies Sichstrecken gibt nicht anders sich 
Als im gewohnlichen Hantieren kund." ^ :' ' " ' 

Sucht der Buddhismus sonst seinen Qlaubigen die Erde zu ver- 
leiden als ein Jammertal und Himmelssehnsucht, Verlangen nach 
einer besseren Welt in ihren Herzen zu erwecken, so erklart es der 
Zen-Buddhismus, allem Pessimismus abhold, fur schnoden Undank, 
eine Welt zu schmSh'n und zu verachten, die einem Shakyamuni 
gut genug gewesen sei, darin zu leben, und sich in Sehnsucht nach 
einem femen Paradies im Westen zu verzehren. In mehr als einem 
Betrachte gemahnt einen dieser Zen-Buddhismus an den Konfuzia- 
nismus. Ihm waren die gebildeten Klassen in Japan — und zu diesen 
gehSrte der japanische Schwertadel — immer zugetan. Und eben 
darin, daB die Dhyana-Sekten schon in China mehr als andere 
Sekten des Buddhismus von Kung-tsze und insbesondere von dem 
Konfuzianismus des Philosophen Chu Hi (1130—1200) beeinfluBt 
waren, und daB dieses chinesische Moralsystem besonders w^hrend 



— 206 — 

der ganzen Muromachi-Periode (1392 — 1490) in den Qozan, den 
fiinf groBen Klostern der Zen-shft in Kyoto, seine Hauptpflegestatte 
hatte, mag man mit eine Erkl^rung dafiir finden, daB bei den 
Samurai in Japan ihre Predigt auf ein gutes Erdreich fiel. Auch das 
mag diese Sonderart des Buddhismus den Qebildeten empfohlen 
haben, daB sie ihren Anhangern, wie sie ihnen gelehrte Studien 
ersparte, auch keine kultischen Zeremonien und religiosen AuBer- 
lichkeiten zumutete, sondern den Einzelnen sich selber uberlieB. 
Wollte er aber der rauhen Wirklichkeit sich entziehen, so boten sich 
ihm die Zen-Kloster dar als friedliche Zufluchtsstatten, wo er im 
Anschauen einer herrlichen Natur, ungestort vom Larm der Welt, 
MuBe hatte, Einkehr zu halten in seinem eigenen Innern, um in dem 
Ewigen zu ruhen, ganz eins sich traumend mit dem groBen Ail **). 



Ein japanischer Jonathan Swift 

Von Missionsinspektor Lie. Witte. 

Im Jahre 1726 erschien in England ein Buch, das in eigenartiger 
Weise an den bestehenden ZustSnden Kritik iibte, die Enge der 
durchschnittlichen Lebensanschauungen aufdeckte und die Klein- 
heit des menschlichen Lebens tiberhaupt im groBen Gang des Welt- 
geschehens darlegte. Dies Buch war geschrieben von dem eng- 
lischen Qeistlichen Jonathan Swift und trug den Titel: „Travels of 
Gulliver into Several Remonte Regions of the World" (Gullivers 
Reisen in einige feme Weltgegenden). Derselbe Verfasser (1667 
bis 1745, seit 1713 Dekan von St. Patrick in Dublin) hatte schon in 
einer fruheren, im Jahre 1704 erschienenen Schrift (Tab of a Tub) 
die konfessionellen-kirchlichen Streitigkeiten der christlichen Kon- 
fessionen satirisch beleuchtet. Beruhmt gemacht hat ihn aber erst 
sem zweites Buch fiber Gullivers Reisen, das in alle Kultursprachen 
iibersetzt ist, und an dessen phantasievollen Schilderungen — im 
Auszug dargeboten — sich noch heute unsere Kinder erfreuen. 

Um dem Leser das Urteil fiber die welter unten folgenden Ge- 
danken zu erleichtem, wird es gut sein, den Inhalt von Gullivers 



'^ Lesenswert sind die Ausfuhrungen fiber die japanische Zen in 
dem letzten Buche des vor kurzem verstorbenen Okakura Yoshisaburo, 
The life and thought of Japan (London und Toronto 1913), auf das bei 
dieser Qelegenheit hingewiesen sei als auf ein Buch eines Japaners, in dem 
die Charakterisierung des iapanischen Religionswesens verhdltnismSBig 
breiten Raum einnimmt. Vom Christentum meint Okakura, daB es, eine 
Jenseitsreligion, von den Japanern wohl SuBerlich angenommen, schwerlich 
aber Je innerlich erfaBt werden konne. 



— 207 — 

Reisen, in wenigen Satzen zusammengefaBt, in Erinnerung zu 
bringen. J. Swift schildert in Gulliver einen Mann, der in ver- 
schiedene merkwurdige LSnder reist Oder verschlagen wird. Die 
Schilderung der Zustande in diesen LSndern bildet die Kritik an den 
herrschenden ZustSnden in Europa. Er kommt zuerst in das Land 
der Zwerge Lilliput, wo er als Riese angestaunt wird. Das zweite 
Land ist das Land der Riesen Brobdingnag, denen, als er ihnen die 
Zusttnde Englands im Staatsleben und biirgerlichen Leben schildert, 
sehr vieles toricht und unmoralisch erscheint. Die dritte Reise bringt 
ihn in das Land Laputa, eine Insel, die schwimmen, in der Luft 
schweben und sich uberallhin bewegen kann, wohin die Bewohner 
wollen. Diese Reise enthalt eine Kritik der uferlosen Experimente 
und der in torichtste Haarspaltereien sich verlierenden Wissen- 
schaft. Von Laputa aus kommt er noch in einige andere Lander, 
unter anderem auch nach Luggnag, wo mitten unter den sterblichen 
Menschen, die nicht sterben wollen, scheinbar in blindem Zufall 
andere geboren werden, die Struldbruggs, die nicht sterben konnen, 
aber ganz elend daran sind, well sie von ihrem hundertsten Jahre 
ab nur noch wie wandelnde Leichen, ohne Kraft, ohne Prische, 
ohne geistige Regsamkeit, ein bedauernswertes Leben fuhren. Dar- 
nach kommt er auch nach Japan, wo er sich fur einen Hollander aus- 
gibt und wo er den Kaiser bittet, er moge doch nicht, wie die 
andem Holl^der, gezwungen werden, das Kruzifix mit FuBen zu 
treten. Der Kaiser wundert sich sehr iiber diesen Wunsch, denn 
noch nie habe sich ein Hollander auch nur gestrSubt, das Kruzifix 
mit PuBen zu treten; ob er denn auch wirklich ein Hollander und 
ein Christ sei? Sein Verhalten sei sehr auffSllig. Das letzte 
Abenteuer fiihrt in das Land der Pferde, der Hauyhnhnms, wo die 
Pferde die Herrschaft haben und von scheuBlichen, den Menschen 
Shnlichen Wesen, den YShus, bedient werden. Gulliver erscheint 
den Hauyhnhnms als ein YShu. Die Pferde auBern auf des Vef- 
fassers Schilderungen des Lebens in Europa den groBten Abscheu. 
Denn hier im Pferdelande ist alles vernunftig und gut, kein Schlechtes 
gibt es, keine Gemeinheit, kein Verbrechen und keinen Krieg. Nur 
sehr schwer gewShnt sich Gulliver, nach England zuriickgekehrt, I 
wieder an das Leben unter den Menschen, die ihm nun auch wie 
Yahus erscheinen. Dies ist, in groben Ziigen gezeichnet, der Inhalt 
des Buches von Jonathan Swift, das im Jahre 1726 veroffentlicht 
worden ist. -- v 

Im Jahre 1774 ist in Japan ein Buch erschienen, dessen Verfasser 



- 208 - 

unbekannt ist. Denn der angegebene Verfassername (Yu-kokushi 
= Talbewohner) ist ein Pseudonym. Das Buch trSgt den Titel Ikoku 
Kidan, Erzahlungen von sonderbaren Landern, und schildert die 
Abenteuer eines Mannes mit Namen Wasobioye. Dies Buch hat in 
Japan erst dann groBeres Aufsehen erregt, als der Schriftstelier 
Bakin 50 Jahre spater eine Fortsetzung dazu gab unter dem Titei: 
Musobioye. 

Im Jahre 1873 land der bekannte Japanforscher B. H. Chamber- 
lain, aufmerksam geworden durch ein japanisches Bild, das an 
Gullivers Schicksal im Lande Brobdingnag erinnerte, ein Exemplar 
des Ikoku Kidan. In den Transactions of the Asiatic Society of Japan 
(1879, S. 285 ff.) hat er eine Obersetzung der ersten und der sechsten 
(d. h. letzten) Reise Wasobioyes gegeben. Im Jahre 1913 hat in der 
Zeitschrift „The Nineteenth Century" W.Crewdson eine so ausftihr- « 
liche Darstellung des Inhaltes aller sechs Reisen gegeben, daB wir 
dadurch in den Stand gesetzt sind, den in religidser Hinsicht sehr 
beachtenswerten Inhalt dieses Buches des japanischen ^Jonathan 
Swift" zu verfolgen. Das soil nun zunachst geschehen. j 

1. Das Land der Unsterblichkeit. i 

Die Schonheit der Mondnacht in wohligem Traumen genieBend, 
lieB Wasobioye sich in seinem kleinen Nachen von den plStschern- 
den Wellen des Meeres schaukeln, in der Bucht von Nagasaki. Er 
merkte gar nicht, daB er weiter und weiter auf das offene Meer 
hinausgetrieben wurde. Als er es endlich wahrnahm, da war es zu 
spSt. Ohnmachtig dem aufkommenden Sturm gegeniiber, ward er 
iiber die Wogen dahingejagt. Und als der Sturm sich legte, da hatte 
er jede Orientierung verloren. Drei Monate irrte er auf dem Meere 
umher, miihsam von Pischen sich nShrend. SchlieBlich kam er in 
das sagenhafte Schlamm-Meer, wo kein Wind weht und wo es keine 
Fische gibt. Er begann zu verzagen, seine KrSfte waren verzehrt, 
er betete zu Buddha, denn er sah seinen Tod vor sich. 

Da geschah es wie ein Wunder. Ein sanfter Wind erfrischte 
plotzlich seine Sinne, daB es wie mit Zauberkraft ihn erquickte, und 
er trieb einer groBen Insel zu. 

Am Strande lockte ihn eine Quelle von wundervoU duftendem, 
rotem Wasser, das ihn nach wenigen Ziigen schon wie neu mit 
Lebenskraft erfiillt. Menschen kamen bald in Scharen, Menschen 
voll bliihenden Lebens, aber er konnte sie nicht verstehen. Erst 
als ein Mann kam, der Chinesisch sprach, ward ihm geholfen. Von 



- 209 — 

diesem erhielt er die Auskunft, dies sei d a s L a n d d e r e w i g e n 
J u g e n d u n d d e s L e b e n s. 

Das Land verdiente diesen Namen voll. In strahlender Frische 
blieb voile Jugendlcraft und Jugendfreude alien Menschen erhalten. 
Man kannte nicht Alter, nicht Tod. Vielleicht starb mal in vielen 
Tausenden von Jahren ein einzelner der Bewohner. Aber es war 
so selten der Tall, daB man sich kaum daran erinnerte. Wohl muBte 
man arbeiten, Storche als Zug- und Ackertiere benutzend, aber auch 
die Armen batten keine Not, und die Natur gab ihre SchStze willig 
bin. Wundervoll waren die bliihenden W^der. Erholungsstatten 
mit einer Fiille sinnlicher Qeniisse lockten hier und dort. So ging 
das Leben seinen Qang in der schdnsten Harmonie und Lust, Jahr- 
'hundert um Jahrhundert. 

Aber die Bewohner waren keineswegs so gliicklich, wie man 
hStte meinen sollen. Diese Menschen, die weder Tod noch Krank- 
heit kannten, dachten doch sehr viel iiber diese EHnge nach. Einige 
BSnde buddhistischer Schriften, die in alten Zeiten aus China und 
Indien ins Land gebracht waren, beschrieben den Himmel in so 
glUhenden Farben, daB die Bewohner in eine geradezu sehnsuchts- 
volle Bewunderung fiir den Tod geraten waren und Ekel empfanden 
vor ihrem nie endenden Leben der Jugend. Dies war bis zu 
solchem Grade der Fall, daB, wenn einmal einer ihrer Landsleute, 
als eine seltene Ausnahme, starb, er deshalb geradezu um sein 
S t e r b e n beneidet wurde, wie in Japan jemand beneidet werden 
wUrde, der das ewige Leben erlangen wiirde. Sie studierten die 
Kunst, zu sterben, als ob es eine Art Magie ware, indem sie sich in 
die Qebirge und einsamen Taler zuruckzogen, wo sie sich allerlei 
asketischen Kasteiungen unterzogen, welche aber nur in sehr ge- 
ringem MaBe den gewunschten Erfolg batten. Unter den Nahrungs- 
mitteln waren alle solche Speisen wie Kraftwurzel (Ginseng), 
Wilde Kartoffeln (Dioscorea Japonica), Aale, Wildenten usw., welche 
die Tatigkeit der Nieren anregen und die Milz und den Magen 
kraftigen, gefurchtet und gemieden als Speisen, welche die ver- 
derbliche Wirkung der Lebensstarkung haben. Was dagegen Leute 
von Rang und Ansehen hochschatzten und mit Freude genossen, 
das waren solche Speisen, welche geeignet waren, den Tod herbei- 
zufuhren. Daher mied man die sonst auf der Erde hochgeschStzten . 
Seeigel. Aber man begehrte sehr die Kugelfische, die als giftig, 
als todbringend gelten, „und ein besonders feines Gericht, das man 
den hochsten Gasten vorsetzte, war eine Suppe von diesem Fisch, ' 



^ 



'^ 



- 210 - 



mit Rufi bestreut." Es muBte schon viel und starkes Gift sein, 
sonst iibte es auf diese von Lebenskraft strotzenden Menschen 
keine Wirkung aus. ^Fuhlen sie aber auch erst eine geringe 
Wirkung des Qiftes, so daB sie sich eine haibe Stunde lang taumelig 
fuhlen, so werden sie dadurch in eine so gehobene, frohe Stimmung 
versetzt, wie wir Japaner nach dem Reisweintrank, und es ruft 
wohl ein solcher Mensch dann aus: „Ah, nun kundet sicher der 
Tod sich an; ich fuhle mein Haupt schwindeln." Dann klatscht er 
in die ilSnde und tanzt und singt und glaubt, daB er den hdchsten 
Qipfel der Qluckseligkeit erreicht hat (weil er nun dem Tode nahe 
zu sein glaubt). Wollte ein Besucher fiber seines Freundes Kind 
als etwas Freundliches bemerken, es sehe gesund aus, so wurden 
des Kindes Eltem das sehr unangenehm empfinden; dagegen wurde 
er den Eltem groBe Ereude machen, wenn er sagen wurde: ,,Das 
kleine Ding sieht nicht so aus, als ob es lange leben wiirde/* und die 
Eltem wurden antworten: J\*6chte sich das doch erfflllen, was Sie 
sagen." 

Im Anfang land Wasobioye es h5chst merkwurdig, daB die Be- 
wohner dieses herrlichen Landes der ewigen Jugend und des 
Lebens so narrisch nach dem Tode trachteten, den sonst die 
Menschen uber alles furchten. Aber nachdem er ungef&hr 300 
Jahre in ungetrubtem Qleichmafi gelebt hatte, ergriff ihn der gleiche 
LebensiiberdruB. Er versuchte, sich im Meere zu ertrfinken, aber 
er kam immer wieder an die OberflSche. Es war unmoglich. Er 
sturzte sich von einem hohen, steilen Eels herab. Allein er blieb 
unverletzt, wie eine Katze, die vom Hausdach springt. Da schlug 
sein Denken um. Er faBte den EntschluB, sein Leben zu erhalten, 
ja es fiir Tausende von Jahren zu stSrken fiir lange Reisen durch 
die fernsten Lander. So aB und trank er eine Zeit die lebens- 
mehrenden Speisen, soviel er konnte, dann nahm er den krSftigsten 
Storch und flog auf ihm davon, dem Suden zu. 

Moral. 

AUe symbolischen Dekorationen, mit denen wir am Neujahrs- 
tage unsere HSuser schmucken, entspringen lediglich unserer Sehn- 
sucht nach langem Leben. „Aber dies ist nicht eine Torbeit der 
Menschen allein. Den Vogeln und dem Vieh, ja wahrlich alien 
Lebewesen graut vor dem Tode, und ihr Sehnen geht auf Leben. 
Indes, wer diese Sache bis auf die Wurzel verfolgt und fragt, woher 
diese Neigung kommt, warum der Tod als Ungluck empfunden, 
langes Leben als Segen eingeschStzt wird, der findet, daB da in 



.- 211 - .• '\-^:::''^:S'^-^^^^^^^^^^^ 

Wirklichkeit kein Qrund vorhanden ist. WShrend der wachen 
Stunden mussen sich die Menschen qutlen mit Leib und Qeist. 
Schlafen sie, so konnen beide, Qeist und Leib, ausruhen. Nehmen 
wir das als Qleichnis, so dtirfen wir wohl glauben, daB thnlich so 
der Tod, trotz unseres Ohs und Achs, wenn wir ihn wirklich einst 
erreichen, so herrlich ist, alle Begriffe ubersteigend, daB wir nur 
eins bedauern werden, n&mlich, daB wir das nicht friiher schon ge- 
wufit haben und nicht schon frtiher ihm entgegenstrebten. Wenn 
Mond und Blumen unser Aug' ergotzen, so ist's, weil diese bald ver- 
blassen und jener bald sich senkt unter den Horizont. Wurden die 
Blumen ohne Anderung von Monat zu Monat bltihen, wiirde der 
Mond Nacht fUr Nacht scheinen vom Abend bis zum Morgen, wurde 
der Schnee unaufhorlich fallen durch das ganze Jahr, niemand 
wiirde sich mehr darum kiimmem. Qenau so steht es mit der 
Menschen Leben. Wenn wir ewig leben wiirden^ wurden wir keine 
Freude mehr am Leben haben, und wurden uns genau so nach dem 
Tode sehnen, wie jene Menschen in dem Land des Lebens, von dem 
wir eben hSrten. 

Es ist gewiB nicht zu verwundern, daB wir, getragen vom Ver- 
gniigen des Augenblicks, uns wunschen, wir mochten nimmer 
sterben." Jedoch wer zu sehr vom Verlangen nach langem Leben 
sich beherrschen l^t, der schadet gerade dem Leben, das er hat. 
Alles, was Konige sogar versuchten, ihr Leben zu verlangern, 
brachte sie nur in die Qewalt von Betriigern und nutzte nichts. 
Noch heute wendem viele reiche Leute, um ihr Leben zu starken, 
viele Medikamente an, trotzdem sie ganz gesund sind. Sie schaden 
sich geradezu dadurch; denn wenn sie wirklich dann krank werden, 
helfen diese Mittel ihnen dann nichts. In Krankheit rule man den 
Arzt, und in Qesundheit lebe man naturgemaB, dann wird man 
langes Leben haben. „Mdchten die Meinungen der Leute im Land 
des ewigen Lebens uns zur Lehre dienen, daB wir das Sehnen nach 
Unsterblichkeit und auch zugleich die Todesfurcht aufgeben, daB 
wir auf unsern Korper wohl sorg^fSltig Obacht haben, aber vor 
allem uns ein friedevoll Qemtit bewahren, das ist die beste Medizin 
wohl fur gesunde Menschen." 

2. Das ,3chlaraff enland." 

Zwanzig- bis vierzigtausend Meilen weit von seinem Storch ge- 
tragen, kam unser Reisender Wasobioye in ein anderes Land, das 

Land des Reichtums. Hier gab es gar kein Arbeiten und Muhen. 

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- 212 — 

nicht arm und reich, es lebten alle in einer zauberhaften Uppigkeit. 
Von Gold und Silber waren selbst die Steige in den Qiirten, gold- 
Strotzende Qewander trug hier jedermann. Die schonsten Lecker- 
bissen hingen an den Baumen, in Bachen flossen Milch und Wein. 
Nichts blieb dem Menschen hier zu wunschen iibrig, denn Wohlsein, 
Reichtum, Freude herrschten uberall. 

In dies Land nun waren kurz vorher einige gelehrte Priester 

aus Indien gekommen, welche die Menschen in den Lehren der 

(buddhistischen) Heiligen unterrichteten: daS alles menschliche 

Vergnugen Schmerz und Not zur Ursache hat, daB das Menschen- 

ieben nur dadurch Gliicksempfinden gewahrt, daB der Arme reich 

zu werden wiinscht, und daB Menschen aus niederm Stande dar- 

nach streben, sich emporzukampfen. Es liegt eine groBe Freude 

darin, nach einem Ziel zu streben, das schwer zu erreichen ist, 

daher ist wahres Gliick nur in einem solchen Lande mogiich, in 

dem ein starker Unterschied zwischen Wohlstand und Armut be- j 

steht. Es ist die Armut, welche den Menschen davon zuruckhSlt, 

seinen ungeziigelten Begierden zu folgen, und welche ihn dahin -i 

bringt, daB er sich an einer guten Mahlzeit freut oder an einem ' | 

neuen Kleid, well er fiir beides hart sich qualen muBte. Auf die Be- | 

wohner des Schlaralfenlandes machten diese Lehren tiefen Ein- ^ \ 

druck, und sie vergossen Tranen, well sie sich nach dem Gliicke 

sehnten, das der Armut offensteht. In einer Vorstadt ihrer Stadt 

ward sogleich ein prachtiger Tempel erbaut zur Verehrung fur den 

Gott der Armut. Am Neujahrstage und an den groBen Festen 

beteten sie zu dem Gott der Armut, und am letzten Tag des Jahres 

versuchten sie, die 7 GQtter der Gesundheit und des Wohlstandes 

aus ihren Hausern zu vertreiben. Aber trotz alledem konnten sie 

nicht dahin gelangen, arm zu werden. Sie hatten alles, nichts fehlte 

ihnen, was sie hatten begehren konnen, daher fehlte ihnen alle 

Freude. Auch Wasobioye ward dieses Schlaraffen-Lebens uber- 

driissig und flog mit seinem Storch davon, in ein anderes Land. 

Moral : 

Der Fischer, der, um sein Brot zu verdienen, mit Wind und 
Weilen kampfen muB, ist nicht ungliicklich; so ist der nicht gliick- 
lich, der auf einem Bett von Seidenbrokat geruhsam schlafen kann. 
Freude und Leiden h^gen nicht von Wohlstand oder Armut ab. 
Wer recht tut, der ist glucklich. So mag ein Armer gliicklich sein, 
wenn er mit Ernst ein Handwerk treibt und seinem Stand ent- 
sprechend sein Lebensziel verfolgt. Aber ein Reicher, der viele 



— 213 - 

Diener h^t, der sein Leben in iippigem GenuB verbringt, der kann 
nicht glucklich sein. Freude wird aus Schmerz geboren und 
Schmerz aus Freude. Die Flusse, deren Wasser in Bewegimg ist, 
sind in der Regel rein, aber stagnierendes Wasser wird bald 
schmutzig warden. Vogel, Tiere, Fische und Insekten haben un- 
abidssig damit zu tun, Nahrung zu suchen, sie haben keine Vorrate; 
nicht einenTag konnen sie die Arbeit ruhen lassen, und gerade darum 
shid sie gesund. Aber die Haustiere, Pferde, Hunde, Katzen und Qe- 
fliigel, die von Menschen em&hrt werden, leiden oft an Krankheiten, 
weil sie fiir ihre Nahrung nicht zu arbeiten brauchen. Ein Mensch 
zeigt seine Oberlegenheit iiber die Tiere durch seine Klugheit, mit 
der er VorrSte von Nahrung und Kleidung beiseite legt; aber zu oft 
arbeitet er krampfhaft. Ein reicher Mensch gerSt zu leicht in Ver- 
suchung, in Schwelgerei zu verfallen in bezug auf Nahrung und 
Kleidung, und daher wird er krank. Wenn sein Qeist nicht an- 
gestrengt wird, wird er sonderbar und narrisch; wenn sein Leib 
nicht arbeiten muB, wird er faul und verweichlicht. Mag ein 
Mensch daher so reich sein, wie er will, er soUte arbeiten wie ein 
armer Mann: dadurch wird er beides werden, stark an Leibes- 
krSften und glucklich im Herzen. 

3. Das Land des duBern Scheins. 
Leben und Tod waren Wasobioye gleichguitig geworden, 
Reichtum und Vergniigen lockten ihn nicht mehr. Nun sah er ein 
neues Land. Ein schones Tor gewShrte ihm den Eingang in ein 
Haus, wo er mehrere Manner und Frauen sah mit geschminkten 
und gepuderten Qesichtern, die ihn sehr freundlich begriiBten. Sie 
sagten ihm: „Dies ist das Land des duBern Scheins, das schonste 
in der Welt. Alle seine Bewohner sind gebildet, m der Literatur 
bewandert und von feinem Benehmen." Ja, Sufierlich war alles 
so. Man lud ihn hoflichst ein, gerade weil er ein Japaner war, 
Musik, Poesie und alle feinen Ktinste zu pflegen. Sie sahen fein 
gekleidet aus, wie reiche Leute, aber wenn sie allein im Hause 
waren, trugen sie schmutzige Kleider und hatten nicht genug zu 
essen. Wasobioye horte eines Tages, wie das Ehepaar, bei dem 
er wohnte, sich beklagte, dafi sie keine Feuerung, kein Geld und keine 
Nahrung mehr hatten, zitternd vor Frost und Hunger bockten sie 
in der armseligen Stube, sich wohl bewuBt, wenn die Kalte noch 
drei Tage blieb, dann muBten sie sterben. Da kam der Nachbar, 
dem es in Wirklichkeit nicht besser ging, und stellte sich begeistert 
uber die Schonheit des Wintertages; worauf er die Antwort erhielt: 



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— 214 - 

„Ich stand schon fruh auf, die Schonheit des Schnees zu bewunclern. 
Es ware ein Jammer, wenn der Schnee bald schmelzen wurde; 
aber ich hoffe, dieses wundervolle Winterbild wird uns noch lange 
erhalten bleiben.* Dabei bebten beide vor Frost, aber beide waren 
auf das strengste bestrebt, ihren wahren Zustand den andern nicht 
merken zu lassen. So war es in alien Dingen, sogar zwischen 
Freunden und Qeschwistern. Heuchler wie diese konnen kaum 
noch anders als liigen. Wasobioye gefiel es hier sehr wenig. Er 
bestieg seinen Storch. Der trug ihn hinweg. 

Moral: 

In diesen glUcklichen Friedenstagen, in denen wir unsere 
Bogen als Tragstangen gebrauchen, ist ein leichter Regenschauer 
fiir einen Mann schon ein Qrund, in seiner Behausung zu bleiben 
und sich die Zeit mit Spiel und Musik zu vertreiben. In Zeiten wie 
der gegenwartigen verwenden die Menschen zuviel Zeit und Mittel 
auf Wein, gutes Essen und Kleiderputz und finden doch noch oft, 
sie k 5 n n t e n mit ihren Mitteln nicht reichen. Schuld daran geben 
sie nicht ihrem Luxus, sondern sie nennen die Zeiten schlecht, 
beneiden andere und klagen, die Welt sei ungerecht gegen sie. 
Ihr Hauptziel ist Vergniigen, und der Wunsch, zu prunken, verleitet 
sie, auBeren Schliff und Qlanz fur das Ziel des Lebens zu halten. 
Sie vergessen ganz ihren eigentlichen Stand und sind bestrebt, es 
den Reichen zuvorzutun. Sie sagen, sie tun dies aus Freundschaft, 
aus Standesriicksichten und aus Pflicht, aber in Wirklichkeit streben 
sie nur danach, ihre Freunde zu fibertrumpfen, so daB sie fiir wohl- 
habendere und feinere Leute gehalten werden als sie sind. Sie 
gleichen schwachen MSnnem, welche schwere Reislasten heben 
woUen: der SuBere Schliff beschrSnkter Menschen ist oft ihnen selbst 
schadlich und der Welt. Es ist traurig, daB wir, die wir so vieles 
haben, wofiir wir dankbar sein konnten, uns selbst unglticklich 
machen dUrch unsere eigene Eitelkeit. Viele vernichten das Qute, 
das in ihnen ist, durch den Drang, sich hervorzutun. 

Ein armer Mann soil sich nicht seiner Armut schSmen; wenn 
er genug Reis und warme Kleider hat, sollte er sich gliicklich 
fiihlen. Ein wahrhaftiger Mann zeigt sein wirkliches Sein offen der 
Welt und hat nichts zu furchten. Ein solcher Mensch ist wahrhaft 
ehrenwert. -, 

4. DasLandderAltertumsverehrung. 

Nach langer Fahrt auf Storchesfliigeln fand er ein anderes Land. 
Kaum war er gelandet, so wurde er von einer Schar von Menschen 



; - 315 - 

umgeben, die so merkwDrdig gekleidet waren, als seien sie aus 
einem alten Qemalde herausgeschnitten. Sie horten gern, was er 
von seinen Reisen erzShlte, futirten ihn in ein schdnes Haus und 
sagten ihm, iiir Land sei das Land der Altertumsverelirung. 

Mit Befriedigung sah unser Held, daB in diesem Lande alles 
SuBere Scheinwesen und QeprSge fehlte. Bauern bestellten die 
Felder, Zimmerleute bauten HSuser, Kaufleute trieben Handel wie 
in alten Zeiten, und alle HSuser und alle QerStschaften sahen alt 
und abgenutzt aus. In einer Hinsicht war dies angenehm, in 
anderer sehr unbequem. Alle Leute, die gern elegant gekleidet 
sein wollten, muBten sich nach der Weise der uralten chinesischen 
Zeiten richten. Alles muBte so sein wie im Altertum. Wo immer 
junge Leute beisammen waren, erorterten sie die Philosophie der 
Alten. Sie waren Schtiler des Konfuzius und Menzius; aber sie 
waren in zahllose Schulen zerspalten. Man konnte kein 
Chrysanthemum und keinen Bambus pflanzen, man muBte es tun 
nach der Weise der Alten. - 

Von einem RaritStenhSndler, der nahe bei ihm wohnte, ward 
Wasobioye zu Besuch gebeten. Als er in den Empfangsraum trat, 
sah er, daB der Zimmerschmuck in einem Kakemono mit schdnen 
Schriftzeichen bestand, vor dem in einer Blumenvase eine Lotus- 
bliite stand. Ein Koto und ein Sho waren fur Musikfreunde im 
nSchsten Raum bereit. Der Qastgeber erwartete die Q^te in einem 
alten Kimono aus Hanfgewebe. Ein Mitglied der konfuzianischen 
Schule kam zuerst, ihm folgten vier AnhSnger des Menzius, 
zwischen ihnen alien entspann sich, nach feierlicher BegriiBung 
durch den Qastgeber, eine liebenswurdige Unterhaltung daruber, 
daB der Wein die Ursache alles Ublen in der Welt sei; danach 
tauschten sie Weinbecher aus und begannen zu trinken. Ein 
SchCiler Soshis (eines Weisen, der der Musik huldigte) kam noch 
dazu, der die bereits Erschienenen mit abgeschmackten Qeschichten 
&rgerte, der Hausherr selbst bekannte sich als einen Schtiler 
Tobosakus (eines witzigen Ratgebers eines Konigs aus der Han- 
Dynastie). Er ndtigte zu trinken und Musik zu treiben. Die 
Schtiler des Menzius und Konfuzius straubten sich zuerst, dies 
Qelage mitzumachen. J^t Recht sprach unser Meister: Qemeine 
Musik und Qesang schicken sich nicht fur den Weisen", so sprachen 
sie. Aber der Hausherr entgegnete: „Es ist nicht rnimer gut, weise 
zu sein, das Menschenleben bluht nur ein einziges Mai." Und als 
der Wein sie immer starker lockte, sagte einer der Konfuzianer: 



J. 



— 216 - 

„Der Meister hat gesagt, man soil viele Dinge probieren, und aus- 
wahlen, was gut ist." Da tranken sie mit und gerieten in Wein- 
rausch. Da sagte ein anderer Konfuzianer: „Es ist eine weise Sache 
fiir weise Manner, Wein zu trinken, daB er sie weise mache." So 
waren sie lustig und gingen spat heim. 

Fruher gab es viele Schiiler des Konfuzius und Menzius im 
Lande, aber jetzt blieben nur noch zwei oder drei iibrig, wShrend 
die Anhanger des Yen-gen-do, eines philosophischen Qlucks- 
spielers, und die des Chosan-ni, eines weinseligen Philosophen, von 
Tag zu Tag mehr wurden. Der Kuriohandler war sehr begluckt 
iiber das, was er mit den Konfuzianern und Menzius-SchQlern 
erreicht hatte, und begann die Philosophie anderer Sekten zu 
studieren, unter anderem die Rihakus, eines weinseligen Poeten. 
Dem ward er so ergeben, daB sein Qeld wie Dunst dahinschwand, 
und man uber seinem Hausdach nie mehr Rauch aufsteigen sah. 
Er muBte eine kleine Htitte mieten und von Mehlsuppe leben, aber 
das Weintrinken liefi er nicht und horte auch nicht auf, sich selbst 
zu rtihmen: „Kein weiser Mann ist reich; man kann die Lehren der 
Weisen erst verstehen, wenn man arm ist. Rang und Reichtum 
sind nur schwindende Wolken. Jetzt erst beginne ich zu leben." 
Er studierte bei dem Lichte der QlUhwurmchen und trank aus 
einem Kruge Wein. Und wenn er trunken war, nahm er seinen 
Strohmantel und Strohhut und versuchte, mit einer Hacke Bambus- 
sprossen aus dem gefrorenen Erdboden herauszuhacken; oder er 
schlug ein Loch in das Eis des Sees, um Karpfen zu fangen, um, wie 
er sagte, nach dem beriihmten Vorbild der pietatvoUen Knaben 
Moso und Osho (aus den 24 Beispielen der Pietat), seiner Mutter 
Hunger zu stillen. Aber alles, was er erreichte, war — Rheumatis- 
mus. Als seine Frau mit groBer Betriibnis diese Zeichen der Narr- 
heit sah, flehte sie ihn mit TrSnen in den Augen an, er mdge es 
aufgeben, ein Weiser sein zu wollen. Aber er antwortete: „Ein 
weiser Mann hort nicht auf das, was Frauen sagen; ohne Zahigkeit 
und Tatkraft kann niemand ein Weiser werden." Wenn seine Mutter 
ihm Vorhaltungen machte, sagte er ihr, sie habe eine niedrige Qe- 
sinnung und handle nicht so, wie es als Mutter eines so weisen 
Sohnes ihre Pflicht sei. So kam es zu vielen Streitigkeiten zwischen 
ihnen, und schliefilich ward der so weise sein wollende Sohn von 
seiner Mutter enterbt. „In Japan", so bemerkte zu diesem 
Ereignis Wasobioye, „werden S6hne hin und wieder deshalb ent- 
erbt, weil sie ein MSdchen heiraten wollen, das die Eltem nicht 



i 
- 217 - 

woHen; hier werden sie so bestraft, weil sie sogenannten weisen 
Mdnnern nachahmen. Das kommt von verkehrten Versuchen, sein 
Leben zu vervoUkommnen." 

Moral: 

Manche Leute denken, Indien und das Paradies seien ein und 
dasselbe, und es konnten Tiger und weise Manner nur in Bambus- 
waldern leben. Wenn ein urteilsloser, torichter Mensch die 
chinesischen Klassiker studiert, so ist er geneigt, alies Alte nach- 
zuahmen und alies Neue oder Japanische als minderwertig zu ver- 
achten. Er gleicht einem ungeschickten Bootsmann, der den FluB 
hinauffShrt, und im Zickzack von einem Ufer zum andern steuert. 
Trotz aller seiner Studien macht solch ein Mensch aus Unrecht 
Recht und Recht zum Unrecht, wie es ihm gerade paBt. Und ist 
sein Vater ungelehrt, so freut er sich, wenn er die Lehren der 
alten Chinesen so auslegen kann, daB sie seinen selbstgewahlten 
Lebensweg rechtfertigen. Er strebt danach, das lieber nach- 
zuahmen, was lasterhaft und faul ist, als was gut und edel ist. 
Weil dies gar nicht so selten vorkommt, so haben schlichte Leute 
aus dem Volk oft eine starke Abneigung, ihren Kindern eine hohere 
Bildung zu geben, denn sie denken, das diene dazu, sie faul und 
arglistig zu machen. Sie sind nur zu geneigt, geistige Bildung zu 
verachten wegen ihrer schlechten Erfolge, die sie von ihr oftmals 
sehen. 

Einen ahnlichen Fehler machen manche Leute in bezug auf ihre 
Qesundheit. Sie glauben, weil eine Medizin einem ihrer Freunde, 
dem sie der Arzt verschrieben, wohlgetan hat, werde sie auch 
ihnen niitzen. Oder sobald sie horen, daB einem Nachbarn eine 
Badekur genutzt hat, so nehmen sie sofort dasselbe Bad. Sie tun 
es aufs Qeradewohl, ohne den Doktor zu befragen, und ohne zu 
bedenken, dafi die ganzen menschlichen Korper geradeso ver- 
schieden sind wie ihre Qesichter. Weder die gleichen Arzneien 
noch die gleichen Lehren sind gut fur alle. (SchluB folgt) 



Zur &rztlichen Mission. 

Ein Wort der Aufkiarung. - 

Die so auBerordentlich dankenswerten Bestrebungen fiir arzt- 
liche Mission haben in Deutschland in den letzten Jahren ihren 
Niederschlag gefunden in einer ganzen Reihe von neuen Organi- 



-S' 



— 218 - 

sationen. Diese aber sind so mannigfach und zum Teil in so eigen- 
tumlicher Weise miteinander verbunden und verquickt, daB es 
zweckmaBig erscheint, die gegenw5rtige Sachlage einmal kiar in 
der Offentiichkeit zu beleuchten. Als die hervorragendste und 
eigenartigste Grundung der letzten Jahre erscheint das 
^Deutsche Institut fur &rztliche Mission" in 
Tiibingen, das in groBziigiger Weise der gesamten deutsch-evan- 
gelischen Mission und alien deutsch-evangelischen Missionsgesell- 
sctiaften dienen will. Daneben sind in letzter Zeit eine Reihe von 
„V e reinenfur Srztliche Mission** entstanden, die meist 
landschaftlich bedingt und mit bestimmten Missionsgesellschaften 
verbunden sind. Uber das Missionsarztliche Institut in Tubingen 
und die Aufgabe der Srztliclien Mission im allgemeinen unterrichtet 
z. B. — abgesehen von den Protokollen der Jahresversammlungen 
des Institutes — in sehr zweckmaBiger Weise der Vortrag, den der 
Direktor des Institutes, Dr. Olpp, auf der funften allgemeinen stu- 
dentischen Missionskonferenz am 21. April 1913 in Halle gehalten 
hat, und der in dem Sammelwerk „Aus der Werkstatt des 
Missionars" (Berlin-Lichterfelde, 1913, S. 155—178) abgedruckt ist. 
WertvoUe Erganzungeri bieten dazu einige andere bei jener Qe- 
legenheit in Halle gehaltenen und ebenfalis in jener Sammlung 
(S. 172 — 190) abgedruckten Vortrage, namlich: „Die englisch- 
amerikanische missionsarztliche Arbeit und unsere deutsche*' von 
Dr. med. Feldmann, Eckartsheim; „Eine vorbildliche deutsche 
missionsarztliche Station** von Missionsarzt Dr. Eich und „Im 
Kampf mit der Todesnot in Siid-Mahratta** von Missionsarzt Dr. 
Zerweck. Aber auch sonst in Missionsschriften und Missionszeit- 
schriften ist die arztliche Mission im allgemeinen und das Missions- 
arztliche Institut in Tubingen in letzter Zeit so oft und viel be- 
handelt worden, daB die Offentiichkeit dariiber hinreichend unter- 
richtet sein durfte. 

Unklarheit herrscht dagegen vielfach und selbst bei solchen, 
die es besser wissen konnten und miiBten, iiber die erwShnten 
„Vereine ffir arztliche Mission**. In dieser Hinsicht ist eine griind- 
liche und sachgemaBe Aufkiarung zweifellos notwendig und 
wunschenswert. Ich erlaube mir, in dieser Beziehung einen Ab- 
schnitt aus dem schon erwahnten Vortrag von Dr. Feldmann, 
Eckartsheim (a. a. O., S. 174 — 175) wortlich mitzuteilen: 

„In Deutschland haben wir, wie schon oben erwShnt, in 

verhaltnismSBig kurzer Zeit eine umfassende Organisation fur 



&rztUche Missionsarbeit bekommen. Allen voran hat der 
Verein fiir Srztliche Mission in Stuttgart im Jahre 1898 die 
Pflege dieses wichtigen Missionszweiges in die Hand ge- 
nommen. Die tatkraftige Forderung, die dieser Verein erfahrt, 
ermoglicht es ihm, das missionsdrztliche Werk der Basler 
Missionsgesellschaft nicht nur sehr zu unterstQtzen, sondern 
auch fast ganz zu unterhaiten. Seine j^rliche Einnahme be- 
ziffert sich auf rund 58.000 M. im letzten Vereinsjahre bis zum 
1. April 1913. Auf dem durch diesen Verein vorbereiteten 
Boden konnte der Qedanke einer selbst^digen Ausbildungs- 
statte fur deutsche Missions^zte Wurzel schlagen und im 
^ Jahre 1909 wurde das ..Deutsche Institut fur ^ztliche Mission" 
in Tubingen als Frucht dieser Bestrebung gegrundet. Wir 
haben in diesem Institut eine mustergtiltige Anstalt erhalten, 
welche die verschiedensten Seiten der Ausbildung fiir den 
missionsSrztlichen Dienst in vollkommener Weise pflegt. Das 
Institut bietet also nicht nur angehenden Missionsmedizinern 
der UniversitSt eine speziell fiir ihren Beruf zugeschnittene 
Vorbildung, sondern hat auch von Anfang an die Ausbildung 
von Missionaren, Krankenpflegern und Hebammen fur den 
missionsSrztlichen Dienst ins Auge gefaBt. Die gluckliche Ver- 
einigung mit der Universitat Tiibingen bietet den Studenten die 
beste Qelegenheit, sich fiir ihren Beruf auszubilden. Neben 
dem Institut in Tubingen und dem Stuttgarter Verein haben 
sich im deutschsprachigen Missionsgebiet im Laufe der letzten 
Jahre noch 13 andere selbstandige Vereine fiir Srztliche Mission 
gebildet. Wir haben also 14 selbstandige Vereine 
fur Srztliche Mission und auBerdem noch 3 Zweig- 
vereine (Braunschweig, Schwerin, Ziirich). Diese Vereine 
haben sich seit 1909 zusammengeschlossen, um in gemeinsamer 
FOhlung die ^oBen Ziele der Arbeit zu verfolgen. SchlieBlicli 
sind noch die in den HeidenlSndem zum Zwecke der Forderung 
der missionsarztlichen Arbeit gegriindeten Vereine zu nennen, 
nSmlich: ..die Medical Missionary Association of China, der 
1886 gegrundete Bund der MissionsSrzte Chinas, zweitens die 
Medical Missionary Association of India und drittens der Ver- 
band der in der Turkei arbeitenden MissionsSrzte. ^«/o»^^;;ri 
Von den deutschen arztlichen Missionsvereinen arbeiten 8 
" (Stuttgart, Barmen, Berlin, Leipzig, Hermannsburg-Hannover, 
:: QoBner, Herrnhut, Bremen) fiir eine bestimmte Missionsgesell- 



- 220 - 

schaft, 4 (ostfriesischer, bayrischer, Berner und Casseler) fur 
mehrere Missionsgesellschaften und 2 (Halle und Marburg) ohne 
AnschluB an eine Missionsgesellschaft. In dem Verband der 
deutschen Vereine fiir arztliche Mission, der 1909 gegrundet 
wurde, haben wir eine sehr wertvolle Organisation, die, ohne 
in die Selbstandigkeit der ihr angeschlossenen Vereine einzu- 
greifen, gemeinsame Interessen vertritt und fordert. Dieser 
Verband steht an ahnlicher Stelle wie die Association of 
Medical Officers of Missionary Societies, diirfte aber berufen 
sein, weiterreichenden EinfluB auszuiiben, insbesondere auch 
durch enge Fiihlung mit den Zentralpunkten der allgemeinen 
missionarischen Organisationen." 
Aus diesen Darlegungen ergibt sich vor allem, daB man 
scharf zu unterscheiden hat zwischen dem „D e u t - 
schen Institut fiir arztliche Mission" in Tubingen, 
das alien Missionsgesellschaften dient, und den einzelnen 
Vereinen fiir arztliche Mission, deren Aufgabe es ist, 
fiir eine oder mehrere Missionsgesellschaften zu sammeln. 
Denn auch die beiden Vereine in Halle und Marburg werden, wenn 
sie auch nicht an bestimmte Missionsgesellschaften angeschlossen 
sind, vermutlich doch von Fall zu Fall einer oder mehreren 
Missionsgesellschaften ihre Beitrage iiberweisen, vielleicht freilich 
auch direkt dem „Deutschen Institut fiir arztliche Mission". Wo 
die Sammelvereine, wie in Ostfriesland, Bayern, Bern und Cassel, 
fiir mehrere Missionsgesellschaften tatig sind, kommen voraussicht- 
lich die bisher in diesen Stadten und Landschaften eingeburgerten 
Missionsgesellschaften in Betracht. Die Mehrzahl aber der bislang 
gegriindeten Vereine fiir arztliche Mission, namlich 8, dienen aus- 
gesprochenermaBen nur einer ganz bestimmten Mis- 
sionsgesellschaft. Darum ist es eigentlich 
Pflicht eines jeden Missionsf r eundes, der sich 
fiir eine besondere Missionsgesellschaft inter- 
essiert, moglichst darauf zu achten, daB auch 
seine Gaben moglichst der arztlichen Mission 
dieser Missionsgesellschaft zustatten kommt. 
Da ist es nun zweifellos ein Mangel, daB der AUgemeine evangelisch- 
protestantische Missionsverein nicht ebenso wie die iibrigen 
Missionsgesellschaften gleich einen eigenen Verein fiir arztliche 
Mission gegriindet hat. Denn damit ist die Qefahr gegeben, daB 
manche seiner Freunde, die die arztliche Mission mit Recht fiir 






- 221 - 

etwas AuBerordentliches und Notwendiges halten, bewuBt Oder un- 
bewuBt ihm ihre Qaben entziehen und sie irgend einem Verein fur 
Srztliche Mission, d. h. einer anderen Missionsgesellschaft, zu- 
wenden. So gewiB unser Verein auch seit langen Jahren und mit 
Erfolg auf tnissionsSrztlichem Qebiet tStig ist, so gewiB ist in 
diesem Punkte AufklSrung und Abhilfe notig. 

Zum SchluB fuge ich zur BestStigung meiner Darlegungen 
einen ebenso liebenswurdigen wie klaren Brief an, den ich ge- 
legentlich einer Kollektenangelegenheit von dem Schriftfiihrer des 
Deutschen Instituts fur drztliche Mission, Herrn Oberlehrer Kam- 
merer in Stuttgart, erhielt. Diese authentische und autoritative 
AuBerung hat folgenden Wortlaut: 

Stuttgart, den 15. Juni 1914. 

Hochgeehrter Herr Doktor! 

Einer Bitte unseres Verwaltungsratsmitgliedes, des Herrn 
N. N., entsprechend, ist es mir ein Vergniigen, Ihnen das Pro- 
tokoll unserer letzten Jahresversammlung zuzusenden, um 
Ihnen dadurch Qelegenheit zu geben, sich uber die im Laufe 
der Verhandlung angeregte Kollekte zugunsten der arztlichen 
Mission zu orientieren. Sie finden das Qewiinschte auf 
Seite 35, wo ich es bereits angestrichen habe. 

Es handelt sich also nur um eine Kollekte zugunsten des 
Tiibinger Institutes und damit der arztlichen Mission im 
allgemeinen; denn nur dariiber konnen und durfen wir auf 
unserer Jahresversammlung beschlieBen. Von einer Seite 
wurde angeregt, es mochte diese Kollekte zu einer standigen 
Einrichtung gemacht werden, woraufhin Herr N. N, seinerseits 
empfahl, einen Teil der allgemeinen Missionskollekte, speziell 
der arztlichen Mission, zuweisen zu lassen. So hat sich meinem 
Qedachtnis die Sache eingepragt, und so entspricht sie auch 
dem lange gedruckten Protokoll. 

Wir vom Stuttgarter Verein fiir arztliche Mission, dessen 
Zweigverein der Frankfurter Verein ist, arbeiten freilich als 
Basler Sammelverein; allein diese Arbeit halten wir reichlich 
gekennt von deijenigen des Tiibinger Institutes, die uns gleicher- 
weise obliegt, auch werden selbstverstandlich die Rechnungen 
ganz getrennt gefiihrt. Ebenso ist es, so weit meine Kenntnis 
reicht. mit unseren Frankfurter Freunden, die gleichzeitig auch 



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- 222 - 

dem Verwaltungsrat des Tiibinger Institutes angehoren, also 
auch liir dieses tdtig sind. 

Die Verwechselung beider Vereine Oder ihrer doppelten 
Tatigkeit ist leider auch hier selbst im Kreise unserer nachsten 
Freunde etwas alltagliches, weil wir beide durch dieselben 
Personen reprasentiert werden. 

Wenn es mir gelungen sein sollte, durch meine kurzen Dar- 
legungen ein etwa bestehendes MiBverstandnis zu heben, so 
wiirde mich dies sehr gliicklich machen. Qerne ergreife ich 
diese Gelegenheit, um Sie zu bitten, auch in den Ihnen nSher- 
stehenden Kreisen gutigst fiir unser Tiibinger Institut — das 
ja der gesamten deutschen evangelischen Mission dienen 
mochte — zu werben und dafflr einzutreten, daB ihm von 
seiten des Allgemeinen evangelisch-protestantischen Missions- 
vereins Studenten und, soweit die Gesundheitsstation in Be- 
tracht kommt, auch Patienten zugewiesen werden. 

Mit dem Ausdruck vorziiglicher flochachtung bin ich Ihr 
sehr ergebener J, Kammerer, Oberlehrer. 

Mit diesem Brief mochte ich meine Ausfuhrungen schlieBen. Die- 
selben soUten nicht die Basler Mission und den Stuttgarter Verein 
fiir arztliche Mission schadigen (mein Buch uber die Basler Mission 
und meine Mitgliedschaft im hiesigen Zweigverein fiir Srztliche 
Mission beweisen das), sondern lediglich der Aufklarung dienen, 
die ich allerdings fiir dringend notwendig halte. 

Frankfurt a. M. D. B o r n e m a n n. 



Aus der Mission der Gegenwart. 

Die Missionsstudienbewegting. 

Auf der letzten allgemeinen studentischen Missionskonferenz in 
Halle (18.— 22. April 1913) tagte auch eine Sonderkonferenz fur die 
akademische Missionsstudienbewegung. Diese Missionsstudien- 
bewegung kam wie manche andere, z. B. die Sonntagsschul- 
bewegung, aus Amerika zu uns herliber und hat sich bereits uber 
eine ganze Anzahl von Hochschulen verbreitet Es ist ein von 
mehreren Jungen Leuten gemeinsam vorgenommenes Privat- 
studium, das in Anlehnung an ein vorher vereinbartes Studienbuch 
nach einem festen Plan betrieben wird. Dadurch soil fiber die 
einzelnen Missionsgebiete eine auf selbst^digem Studium beruhende 



— 223 - 

und auf eigenem Urteil begriindete Anschauung gewonnen werden. 
Man darf von diesem Untemehmen, wenn es griindlich und ernst- 
haft durchgefuhrt wird, viel Segen erwarten; denn besonders bei 
unsem Qebildeten tut eine eindringendere Kenntnis der Mission und 
ihrer mannigfachen Probleme sehr not. Und unsere jungen Leute 
sollen auf diese Weise fiir ihre hohe Aufgabe, in ihrem spateren 
Christenleben Tr&ger des Missionsgedankens im deutschen Volke 
zu sein, erzogen werden. Vergleicht man z. B. die geringe Zah! 
unserer deutschen, im Missionsdienst stehenden Arzte (18) mit den 
auf englischer Seite ausgebildeten Missionsarzten und Missions- 
Srztinnen (weit iiber 1000), so mochte man gerade unsern Medizin- 
Studierenden eine grdBere Vertrautheit mit der missionsdrztlichen 
Arbeit wiinschen, die ob ihrer seltenen Vielseitlgkeit manchen streb- 
samen jungen Mann in ihren Dienst locken wurde. Mit eine der 
wichtigsten Fragen ist die Beschaffung der zum Studium geeigneten 
Literatur, die ja bei uns noch keine allzu reiche ist. Stehen doch 
die vielgebrauchten, aus dem Engiischen ubertragenen Schriften 
von J. Mott und S. Zwemer nicht ganz auf der wissenschaftlichen 
Hohe, die ein deutscher Student von einem Studienbuch fordert. 
Zu diesem Zweck hat nun vor einiger Zeit der „Studentenbund fiir 
Mission" Dispositionen und Literaturangaben ver6ffentlicht, die 
teilweise noch im missionswissenschaftlichen Semmar von Prof. 
D. Q, Wameck angefertigt wurden und jetzt der ErgSnzung be- 
durften, z. B. das Heft uber die Qeschichte der evangelischen 
Mission in China und Japan. Neuerdings hat Missionar P. Simon 
einen recht brauchbaren „Wegweiser durch die Literatur der 
Mohammedanermission" herausgegeben, der ebenso wie die ganz 
ausgezeichnete kleine Schrift von S. Baudert „Die evangelische 
Mission" nach meinen Erfahrungen dem Studium mit viel Qewinn 
zugrunde gelegt wird. Um allm^lich gutgeschulte Leiter von 
Missionsstudienkreisen heranzubilden, finden seit 1912 allj^rlich 
in Benneckenstein Studentenkonferenzen statt, die unter Leitung 
von Missionsarbeitem stehen. Mochte hier nicht religiose Warme 
zu pietistischer Einseitigkeit und dogmatischer Verengung fiihren! 

MerkeL 



i *^,*^i- 



' Aus unserem Vereinsleben. 

Karlsruhe. Am 2. und 3. Mai fand in Karlsruhe ein in groB- 
artigster Ausgestaltung gefeiertes Tsingtau-Fest zum Besten 



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- 224 - 



unseres Faber-Hospitals statt. Den Mittelpunkt des Festes bildete 
die Auffuhrung des F e s t s p i e 1 s von Prof. Dr. A. Thoma (Karls- 
ruhe), das wir unsern Freunden im „Missionsblatt" auch schon 
empfohlen haben. Dieses chinesische Festspiel heiBt „San-We- 
Pung-Yu" Oder ,4)ie drei Freundinnen" und steht in engster Be- 
ziehung zu unserer Arbeit in Tsingtau. Herr und Frau Prof. Dr. 
Thoma und Herr und Frau Stadtpfarrer Rapp hatten die Leitung 
dieser Veranstaltungen in Handen. Der glanzende Verlauf der 
beiden Vorfiihrungstage zeigte, wie gut sie mit groBer Miihewaltung 
die Veranstaltungen vorbereitet hatten. Das Fest war durch den 
Besuch Ihrer Koniglichen lioheit der GroBherzogin Hilda ausge- 
zeichnet. Die Beteiligung und die Opferfreudigkeit der Anwesenden 
war so groB, daB ein Reinertrag von 5500 Mark zum Besten unseres 
Faber-Hospitals erzielt wurde. Wir sagen unsern Freunden in 
Karlsruhe herzlichsten Dank fiir diese erfolgreiche Veranstaltung 



Bficherbesprechungen. 



Professor Carl Sapper: Neuprotestantismus. Becksche Verlags- 
buchhandlung, Munchen. 1914. Qebunden 3^50 Mark. 

Der Verfasser will Klarheit sohaffen uber das Wescn des Noa- 
protestantismus als einer notw«ndigen Porni der christKchen Religion; er 
sieht in ihm dte Fortentwickluns:, die mit dem Dos^matisnius und AutoritSts- 
zwang radikal bricht und doch die bleibenden Werte der Reformation und 
des Christentums bewahrt. In drei Abschnitten beantwortet er die Pragen: 
Wo finden wir Gott? (Offenbarung Gottes). Was erleben wir von Gott? 
I Das reHgiose Leben). Was denken wir fiber Gott? (Die wtssenschaftliche 
Erkenntnis). I>em Wesen des Neuprotestantismus entsprechend, kann das 
Buch natiirlich nur als ein subjektiv-personliches Glaubensbdceimtnis dienen, 
das nur dartn objektiv ist, als es gewisse Qrenzlinien nach rechts und Hnks 
zi^t. Devaranne. 



Druckfehier: 

In Nr. 6 unserer Zeitschrift sind zwei irrefiihrende Druckfehier 
iibersehen worden. S. 189 muB es heiBen: Dr. Vosberg-Rekow 
(nicht Vorber-Rekow). S. 190 muB es heiBen: Fritz Seeker, Schen, 
Studien . . . (nicht Studium). W i 1 1 e. 

Druck von Hoffmann & Reiber, G5rlitz, Demianiplatz 28. 



Der Weltkrieg und die Mission. 

Von Aug. Kind. 

Die Wiirfel sind gefallen. Der Weltkrieg, oft mit Sorgen ins 
Auge gefaBt, oft als bevorstehend angekundigt, ist zur Tatsache 
geworden. Das Deutsche Reich hat sich redlich bemuht, den 
Frieden fur die Welt aufrecht zu erhalten. Es hat lange, vielen zu 
lange gewartet, den ihm hingeworfenen Fehdehandschuh aufzu- 
nehmen. Es blieb ihm aber keine Wahl mehr. Die Ehre des deut- 
schen Namens und der Bestand des Vaterlandes zwangen, das 
Schwert zu Schutz und Trutz zu Ziehen. Welche Ausdehnung der 
Krieg gewinnt, laBt sich nicht vorhersehen; welchen Ausgang er 
nehmen, welche Folgen er haben wird, entzieht sich noch der 
Berechnung. Nur das steht fest,^ dafi zwischen den waffen- 
starrenden Staaten, die einander gegenubertreten, ein furchtbares 
Ringen stattfinden wird und daB es ungeheure Opfer erfordern 
wird. Unwillkiirlich steigen die grausig - erhabenen Bilder 
der Propheten des Alten Testaments vor uns auf, wie Gott die 
Volker zusammenruft, urn unerbittlich Qericht iiber sie zu halten. 
Spatere Qeschlechter warden den jetzt entbrannten Weltkrieg als 
geschichtliche Notwendigkeit begreifen. Wir Deutsche beugen uns 
still vor Qottes Majestat und sind entschlossen, mit Aufbietung aller 
Kraft fur unsere gerechte Sache zu k^pfen. Wir hoffen auf den 
Beistand Qottes, der die Qeschicke der V61ker in seiner Wagschale 
halt. Wir hoffen aber nicht nur, daB wir das Feld behalten werden, 
sondern versprechen uns auch von dem Kriege, daB er luftreinigend 
wie ein Qewitter wirken wird, und zwar sowohl in der Welt, wie in 
unserm deutschen Vaterlande selbst. Schon jetzt spiiren wir etwas 
davon. Wie sind die trennenden Unterschiede zwischen den Parteien 
und StSnden verwischt, wie ist das Alltagsleben mit seinen vielen 
Kleinlichkeiten zuriickgetreten gegenuber der einen groBen Aufgabe 
der Qegenwart, wie hat man sich wieder begeistern gelemt, 
begeistert fUr ein hohes Out, fiir das des Vaterlandes! Man hat sich 
wieder besonnen, daB es Ideale gibt, und dafi sie es wert sind, fiir sie 
einzustehen. Dieser Sinn wird nicht verfliegen, sondern Friichte 
bringen. 

Zeitschrift fUr Missionskunde und Religionswissenschaft 29. Jahrguig. Heft 8. 



- 226 - 

Zunachst freilich machen wir uns gefaBt auf furchtbare Opfer 
an Menschenleben und auf schwere Wunden, die dem ganzen 
Leben der Volkerwelt, vor allem der im Kriege befindlichen Staaten 
geschlagen werden. Viele werden geschaftlich und wirtschaftlich 
ernstlich geschadigt werden, und auch die groBe Zahl menschen- 
freundlicher und christlicher Liebeswerke sieht schweren Zeiten 
entgegen. Am schlimmsten wird unter ihnen wohl die Mission 
betroffen werden. Unsere Missionsgesellschaften haben meist schon 
jetzt mit finanziellen Sorgen zu kampfen. Die so tiberaus dankens- 
werte Nationalspende hat nur voriibergehende Hilfe gebracht oder 
wurde zur weiteren Ausgestaltung der Arbeit benutzt. Angesichts 
des ausgebrochenen Weltkrieges wird man in Missionskreisen sich 
bang fragen, was aus unserer Tatigkeit ftir die Ausbreitung des 
Evangeliums in der Heidenwelt werden soil. Nun konnte man sagen, 
die Mission hat unter dem Ernst der Zeit zu leiden wie so viele 
Berufe und so viele Zweige der LiebestStigkeit. Aber die Sache 
liegt fiir die Mission doch besonders ungiinstig. Berufe, die in Not 
geraten, konnen auf staatliche und auch private Unterstiitzung rech- 
nen, und fiir allgemeine menschenfreundliche Bestrebungen lassen 
sich auch in unseren ernsten und fiir viele trfiben Tagen die Herzen 
noch erwSrmen. Aber die Mission, die an sich noch immer dem 
Qesichtskreis welter Kreise fern liegt, wer hat fur sie jetzt, wo der 
Krieg und sein Elend alle Qedanken in Anspruch nehmen, noch Sinn 
und opferwillige Liebe! Und doch, welch unermeBlicher Schade 
wiirde entstehen und in welche Bedrangnis wiirden alle, die ver- 
trauensvoU in den Dienst der Mission getreten sind, geraten, wenn 
die Missionsgesellschaften zahlungsunf^hig wQrden! Man wird 
gewifi jetzt gem der groBten Sparsamkeit sich befleiBigen und die 
Arbeit drauBen, soweit irgend moglich, einschrSnken. Aber standige 
Ausgaben in der Heimat bleiben unvermeidlich, den Missions- 
arbeitem muB der zugesagte Lebensunterhalt gewShrt werden, und 
die bestehende Arbeit muB auf den Missionsfeldern, soweit es unbe- 
dingt erforderlich ist, wenn irgend moglich aufrecht erhalten werden. 
Qeldmittel bleiben fiir die Mission unentbehrlich. Man wird auf die 
Treue der Missionsgemeinde hoffen diirfen. Nicht alle Qlieder der- 
selben sind vom Kriege so schwer heimgesucht, daB sie fur die hohe 
Aufgabe der Mission nichts mehr eriibrigen konnen. Begreiflich, 
wenn die regelm^igen BetrSge zuriickgehen, aber man darf erwar- 
ten, daB sie nicht ganz ausbleiben. Wir bitten unsere Missions- 
freunde, dafiir zu sorgen, und versehen uns zu ihnen, daB es ihnen 



■ • - 227 - ■ /"^ ■' .;-^^:,.S:7V' ":, ,/'\" 

gelinsrt. Es wird gerade in dieser Zeit manchen AnlaB zu besonderer 
Dankbarkeit gegen Qott geben. Diese kann ihren Ausdruck finden 
auch in Beitrdgen und Zuwendungen, daB sein Reich komme in der 
ganzen Welt. Einzelne L^der konnen sich neutral halten, bleiben 
im wesentlichen unberuhrt von dem tobenden Volkerkampf mit 
seinen Schrecken. So die Schweiz. An ihnen wird es sein, die 
Weiterfiihrung des heilsamen Wirkens in der Feme zu ermoglichen. 
Das Vertrauen auf sie wird gewiB nicht getSuscht werden. 

Wenn es mit Qottes Hilfe gelingt, daB die Mission auch jetzt 
wenigstens notdiirftig ihren Verpflichtungen nachkommen kann, so 
bleibt dabei bestehen, daB ihrer heilsamen Tatigkeit drauBen durch 
diesen Weltkrieg die schwersten Hindernisse bei den Heiden bereitet 
werden. Das Christentum wird ihnen ais die Botschaft des Friedens 
verkQndigt. Welchen Eindruck muB es auf sie machen, wenn die 
Volker Europas sich in morderischen KSmpfen zerfleischen? Wer- 
den sie darin nicht cine Rechtfertigung ihrer kriegerischen Leiden- 
schaften und Qelfiste sehen? Man hat den Heiden gesagt, daB es 
auch fiir den Krieg ein Volkerrecht gibt. Welche Achtung sollen sie 
davor bekommen, wenn RuBland, Frankreich, Belgien und England 
es mit FQBen treten ! Dann werden sie auch wenig Neigung 
haben, sich um dasselbe zu kummem, und werden vom christlichen 
Qeiste und seiner Bedeutung sehr gering denken. Oft ist betont 
worden, daB die christliche Erziehung die Volker dahin bringe, auch 
die Kriege gesittet, mit anst^digen Waffen zu fiihren . Wir stehen 
noch am Anfang, wissen gar nicht, welcher verruchten Kampfes- 
weise wir uns von unsem Qegnern noch zu versehen haben. Aber 
schon die Arbeit mit Bomben gegen unsere Qebaude, Briicken und 
Eisenbahnen, gegen die wir in der Zeit des eroffneten Krieges pein- 
lich auf der Hut sein mussen, und die schamlose Verstindigung an 
wehrlosen Deutschen, selbst Frauen und Kindern in den uns feind- 
lichen L4ndem, zeigen, welche Niedertracht unsere Qegner aus- 
zuiiben sich nicht scheuen, wie ihnen Qewissen und sittliches 
Empfinden abhanden gekommen sind. Werden die Volker der 
Heidenwelt, vor allem die stolz auf ihre Kultur zurackblicken, nicht 
mit Frohlocken sich das zunutze machen und verSchtlich auf 
das Christentum, das solche Frfichte zeitige, herabblicken! So 
warden in der Heidenwelt durch diesen Krieg mit seinen Begleit- 
erscheinungen die Vorstellungen iiber das Christentum verwirrt und 
wird der von der Mission vertretene Qlaube an die einzigartige 
Oberlegenheit des Evangeliums Jesu Christi auf das Tiefste er- 



%■ 



- 228 - 

schuttert. Wo die Mission Achtung und Vertrauen erworben und 
Eingang zu finden begonnen hat, ist mit einem Male alies aufs Spiel 
gesetzt. Unter diesen Verbal tnissen hat die Mission einen schweren 
Stand und haben ihre Vertreter einen schweren Stand. 

Von groBer Bedeutung muBte es sein, wie England sich zu dem 
Weltkriege stellte, ob es sich zur Nichteinmischung entschloB oder 
als Mitglied des Dreiverbandes tatkraftig auf die Seite von RuBland 
und Frankreich trat. Wurde das Letztere zur WirkUchkeit, so muBten 
die Qefahren fur die Mission und ihren gesegneten Einflufi sich 
wesentlich vermehren und vergroBern. England ist neben 
Amerika die umfangreichste und den Heiden bekannteste TrSgerin 
der evangelischen Mission. Tritt sie in entschlossenen Qegensatz 
und Kampf gegen Deutschland, das doch eine Vormacht des 
Protestantismus ist, so werden nicht nur auf den Missionsfeldem, 
wo deutsche und englische Missionsgesellschaften nebeneinander 
arbeiten, unliebsame Reibeflachen entstehen, sondern wird auch die 
Heidenwelt, soweit sie dem Christentum Beachtung oder gar Zu- 
neigung geschenkt hat, iiber diesen Zwiespalt evangelischer Volker 
bedenkiich den Kopf schiitteln. England hat, wie sich jetzt heraus- 
steilt,langst auf einen UberfallDeutschlands hingearbeitet und hat ihm 
unter nichtigemVorwand den Krieg erklart. Es hat sogar Japan veran- 
laBt, sich auf das deutsche Kiautschougebiet zu stiirzen. Es hat dieses 
unseiige Beginnen vor Qott und der Qeschichte zu verantworten. 

Bei alien Irrungen und Wirrungen bleiben Qottes Qedanken an 
der Arbeit, und auch inmitten von Krieg und groBen Schrecken soil 
und will das Reich Qottes seinen Weg immer mehr in der ganzen 
Welt finden. Als schwere Stiirme einst das romische Reich durch- 
tobten, hat die junge christliche Kirche doch Fortschritte gemacht 
und war eifrig, den christlichen Qeist in der NShe und in der Feme 
zu immer groBerem EinfluB zu bringen. Die Christen jener Jahr- 
hunderte wuBten sich glucklich im Besitze ihres christlichen Wesens 
und hatten Verlangen, auch andern dazu zu verhelfen. Qott hat die 
christliche und heidnische Welt durch die geschichtliche Ent- 
wickelung immer naher aneinander geriickt. Die wir froh sind, in 
christlichem Qlauben aufgewachsen und von christlicher Qesittung 
umgeben zu sein, miissen darin eine Aufforderung erblicken, diesen 
Segen auch den nichtchristlichen Volkem zuganglich zu machen. 
Das BewuBtsein davon soil auch in dieser Zeit der allgemeinen 
Erregung der Qemuter in uns nicht verschwinden. Das deutsche 
Volk hat durch sein redliches Streben, den Weltfrieden zu erhalten. 



- 229 - V:^::'""-f.- 

und durch die einwandfreien Mittel, mit denen es nun den Krieg 
fiihrt, bewiesen, daB es ihm Ernst ist mit den christlichen Qrund- 
sStzen. Deutscher Qeist ist geeignet, einen guten Sauerteig fur die 
Heidenwelt abzugeben. Wir diirfen und sollen mit gespannter Auf- 
merksamkeit und mit vaterlandischer Teilnahme den Weltkrieg, 
der seinen Anfang genommen hat, verfolgen. Aber dabei kann und 
sol! in uns noch Raum sein fiir dje zunSchst weitabliegende Aufgabe 
der Mission und ihre Bedeutung. Unser Qebet bleibt ja: Dein 
Reich komme. Und wofiir wir beten, dafiir mussen wir auch ein 
Herz haben und behalten. 

Die Eingeborenenfrage in unsern Kolonieen auf dem 
Evangelisch-sozialen KongreB in Niirnberg. 

Von A u g. K i n d. 

Der 25. Evangelisch-soziale KongreB tagte vom 15. bis 17. April 
dieses Jahres in Niirnberg. Das zweite Referat am 16. April wurde 
von Lie. Dr. Rohrbach gehalten und verbreitete sich iiber „Die Be- 
handlung der Eingeborenen in unsern Kolonien als sittliches und 
soziales Problem". Es hat sich als einen sehr gliicklichen Qedanken 
erwiesen, diesen Qegenstand auf die Tagesordnung zu setzen. Er 
begegnete weitgehendem Interesse und regte eine Fulle von Fragen 
an. Dr. Rohrbach entwickelte in seinem kenntnisreichen Vortrag 
in klarer und umfassender Weise seine Anschauungen iiber das 
Thema. Die lebhafte Aussprache, die sich daran schlofi, hielt sich 
fast durchweg auf der Hohe und beleuchtete das Problem von den 
verschiedensten Seiten. Besonders eindrucksvoll waren die ruhigen 
und gediegenen Ausfuhrungen des Missionsinspektors Wilde von 
Berlin I, der eine Art Korreferat erstattete. Der Vortrag und die 
Debatte dariiber haben fiir unsern, den Allgemeinen Evangelisch- 
Protestantischen Missionsverein keine unmittelbare Bedeutung, da 
unsere Arbeit in Japan und in China von diesen Erorterungen nicht 
bertihrt wird, aber die behandelte Frage hat doch eine so allgemeine 
Wichtigkeit, daB sie auch unsere Missionskreise beschaftigt hat und 
beschSftigen muB. So empfiehlt sich eine Besprechung der Verhand- 
lungen in unserer Zeitschrift. Aus den naturgemaB kurzen Be- 
richten der Tageszeitungen konnte man begreiflicherweise keinen 
vSlligen Einblick, was tatsSchlich gesagt worden war, erhalten. Es 
liegt nun aber das ProtokoU der Verhandlungen des 25. Evangelisch-* 
sozialen Kongresses gedruckt vor. (164 S. im Verlag von Vanden- 



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hoeck & Ruprecht in Qottingen.) Es ist jetzt moglich, ein Urteil sich 
zu bilden. 

Dr. Rohrbach hat mit Entschiedenheit den Satz vertreten, daB 
wir die schwarze Rasse als minderwertig und zwar nach ihrer Ver- 
anlagung zu betracliten und zu behandeln haben. „Nirgends werden 
wir ein Beispiel dafiir finden, daB ein Angehoriger der schwarzen 
Rasse fiir sich, oder ein der schwarzen Rasse angehoriges Volk im 
ganzen, aktiv, positiv tatig und schaffend in den Kreis der Kultur ge- 
treten ist." (S. 54.) 

Den Unterbau fiir die behauptete Minderwertigkeit der Neger- 
rasse gewinnt Rohrbach dadurch, daB er die Einheit des Menschen- 
geschlechts in Frage stellt. Der Taufbefehl im Neuen Testament 
gehe allerdings von der Voraussetzung aus, daB alle Volker zu 
JUngern im Sinne des vollen Christentums gemacht werden 
konnen. Aber das Rasseproblem habe im Altertum noch nicht 
existiert, sei erst neuerdings aufgetaucht. Und die Abstammung des 
Menschengeschlechts von einem Paare sei durch die Anthropologic 
mindestens zweifelhaft geworden. Es bestehe die Moglichkeit, daB 
der entscheidende Obergang von der vormenschlichen zur mensch- 
lichen Daseinsform an verschiedenen Stellen der Erdoberflache und 
von verschiedenen vormenschlichen Vorformen aus stattgefunden 
habe. Uber diese Behauptungen braucht man sich, da es sich hierbei 
um eine rein wissenschaftliche Frage handelt, nicht aufzuregen, man 
braucht ihnen allerdings auch nicht zuzustimmen. Denn die An- 
thropologic arbeitet noch vielfach mit unsicheren Vermutungen und 
Folgcrungen, es ist auch noch nicht einwandfrei nachgewiesen, daB 
der Mensch sich aus einer vormenschlichen Form entwickelt hat, 
und man kann, ohne durch die biblische Schopfungsgeschichte dog- 
matisch sich binden zu lassen, doch aus beherzigenswerten Qriinden 
an der Einheit des Menschengeschlechts festhalten. Aber daruber 
mogen immerhin die Meinungen auseinandcrgchen. 

Dr. Rohrbach weist nach, daB innerhalb der schwarzen Rasse 
viclfache Mischungen mit anderm Blute stattgefunden haben, ist aber 
Uberzeugt, daB die uns bekannte Negerrasse minderwertig sei und 
blcibcn werde und daB sic dauemd der Leitung durch hoher stehende 
Volker bediirfcn werde. Auch diese Behauptung kann ruhig und 
leidcnschaftslos erwogen werden, sic widcrspricht keincsfalls dem 
christlichen Qlauben. Denn wie es einzelnc mindcrbegabtc Menschcn 
gibt, die am besten ihr Leben lang an untergeordneter Stelle und 
unter Aufsicht blcibcn, so kann es nach Qottes Willen auch Volker 



geben, die in ^nlicher Lage sicli befinden. TatsSclilich erscheinen 
uns ja einige Vollcer und Rassen aucli als minderwertig, es seien 
nur die Papuas, die Feuerlander und die Eslcimos genannt. DaB das 
Heil in Christus nicht auch soictien Menschen und solchen Voikern 
zugSnglicti bleibt, ist damit nicht gesagt. Es fragt sicli nur, ob eine 
Rasse, wie die der Neger, deutlich und unverlcennbar die Merkmale 
der daueraden Minderwertigkeit aufweist. 

Die Qrunde, die Dr. Rolirbach dafiir geltend macht, sind zum 
Teil durch die Diskussion erschuttert worden. Professor Gregory 
verschob zwar den Kernpunkt, wenn er auf die Minderwertigkeit 
mancher Scliichten ^und mancher Volker unserer Rasse hinwies. 
Denn, wenn diese auch zuzugeben ist, so ist ein Emporsteigen bei 
ihnen zu wahrer Kultur doch nicht ausgeschlossen, aber das ist 
gerade bei der Negerrasse nach Rohrbachs Meinung der Fall. Eher 
konnten Gregory's aus personUcher Erfahrung geschopften Be- 
merkungen Eindruck machen, daB viele Neger in Amerika hoher 
stunden als mancheWeiBe dort und daB sie von diesen auch als uber- 
legen respektiert wiirden. Aber ob das auf den Durchschnitt zutrifft, 
ist doch noch die Frage, und dem giinstigen Urteil Gregorys iiber die 
Neger in Amerika stehen auch viele ungiinstige gegenuber. Von ver- 
schiedenen Seiten ist darauf aufmerksam gemacht worden, wie sehr 
die WeiBen sich an denNegem versiindigt haben und dazu beigetragen 
haben, sie an Leib und Seele zu verderben. Das ist gewiB eine be- 
klagenswerte Tatsache, aber damit sind die faulen Friichte, die 
Rohrbach bei der schwarzen Rasse hervorhebt, noch nicht erklart. 
Anders steht es aber mit folgendem. 

Rohrbach findet, daB bei den Negern die idealen Krafte sich nicht 
finden, die befahigen, um hoherer GUter willen, um der Freiheit, um 
der Freundschaft, um der Eltern und um des Vaterlandes willen sich 
zu opfern. Das wird sich angesichts der Beispiele von Glaubens- 
treue, die Wilde aus der Mission anzufiihren weiB, nicht aufrecht 
erhalten lassen. Rohrbach hebt welter hervor, wie schon in unsern 
Sltesten Uberlieferungen ein idealer Hauch weht und das Verhaltnis 
von Mann und Weib unter hoheren Gesichtspunkt geruckt wird, um 
dann von den eigentlichen echten Schwarzen zu erklaren: „Eine 
niedrige und brutale Sinnlichkeit beherrscht allein das Verhaltnis der 
Qeschlechter, und es liegt wie ein Hauch unsagbaren Blutdurstes 
fiber allem, was fiber das gewdhnliche Tagesleben hinaus in groBere, 
politische Formen hhiemleitet" (S. 56 f.) Vielleicht hat Rohrbach, 
wie ihm Dr. Karstedt im allgemeinen vorwarf (S. 77), auch hier die 



V 



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Neger zu schwarz gemalt, jedenfalls scheint es nach den Erfahrungen 
der Mission moglich, sie in diesem Punkte auf eine hohere Stufe 
zu heben. 

Dagegen sprechen fiir die Ansicht Rohrbachs von der dauernden 
Minderwertigkeit der schwarzen Rasse zwei von ihm angefiihrte 
Argumente, die auch in der Diskussion nicht widerlegt worden sind. 
Wie die Qeschichte lehrt, „summierten sich im Laufe der Zeit in 
der weifien Sklavenschaft die inneren WiderstSnde gegen die Ver- 
erbung des Sklavenschicksals auf eine unbeschrankte Nachkommen- 
schaft so sehr, da£ die Sklavenbevolkerung ausstarb und am Ende 
des romischen Reiches die Sklaverei wirtschaftlich nur noch eine 
geringe Rolle spielte". Anders in Amerika, wo, auch als schon lange 
die Zufuhr neuer Sklaven aus Afrika aufgeliort hatte, sich die 
schwarze Sklavenrasse in den Sudstaaten der amerikanischen Union 
stark vermehrte. „Jene mneren Hemmungen gegen die Vererbung 
des Sklavenschicksals von Eltem auf Kinder waren nicht vor- 
handen." „Das ist ein auBerordentlich starkes Argument fiir das 
Urteil, daB tatsachlich eine rassenhafte Veranlagungsverschiedenheit 
zwischen Schwarz und WeiB voriiegt." (S. 56.) Diese Tatsache gibt 
gewifi zu denken. Noch bedeutsamer ist der Hinweis auf die unter 
dem starken EinfluB der modernen Kultur gegriindeten und ihrer 
dauernden Mithilfe sich erfreuenden Negerrepubliken, die katholische 
in Haiti und die protestantische in Liberia. Die erstere besteht seit 
fiber 100 Jahren, die letztere bald 70 Jahre. Zeit hatten die Neger 
hier also gehabt, sich als fahig zu zeigen, unsere Kultur wirklich in 
sich aufzunehmen und einigermaBen zu vertreten. Die heillosen und 
nnglaublichen von Rohrbach geschilderten Zustande in den beiden 
Republiken bezeugen aber das Qegenteil. Daran ist nicht zu rutteln. 
Die Rohrbachsche Behauptung, daB die Neger dauernd unter die 
Leitung von WeiBen gehorten, ist demnach nicht ohne weiteres von 
der Hand zu weisen. Er kann sich auch auf einen alten Missionar in 
Sudwestafrika berufen, der ihm auf die Prage, was in 40 Jahren sein 
wiirde, wenn die Mission sich jetzt von den Ovambos zuruckzoge, 
erwiderte: „Dann werden noch einige alte Leute leben von denen, 
die heute meine jungen besten Mitarbeiter sind, sie werden an dem 
festgehalten haben, was wir sie gelehrt haben, und von alien 
andern christlichen Dingen wird nichts mehr da 
sein." (S. 57 f.) 

Nattirlich ist es schwer, jetzt schon endgultig zu entscheiden, ob 
die schwarze Rasse dauernd zur Minderwertigkeit verurteilt sein 



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wird Oder ob sie sich nicht doch noch als entwicklungsfahig erweisen 
wird, und auch Rohrbach gibt dem Ausdruck, daB die Qeschichte 
hier das letzte Wort sprechen wird. Aber dariiber herrscht wohl in 
den weitesten Kreisen Obereinstimmung, daB jedenfalls zurzeit die 
schwarze Rasse in unseren Kolonien der Leitung und Bevormundung 
durch die WeiBen bedarf und die voile Freiheit und Selbstandigkeit 
in politischen Dingen und im kirchlichen Leben nicht vertragt. Die 
prinzipielle Streitfrage iiber die Veranlagung der schwarzen Rasse 
verliert damit ein gut Teil ihrer Scharfe, und man kann sich mit einer 
gewissen Unbefangenheit der Erorterung dariiber zuwenden, wie 
wir uns in der Praxis zu der Negerbehandlung zu stellen haben. 
Die Verschiedenheit in der grundsStzlichen Beurteilung der Neger- 
rasse wird allerdings auch von einem gewissen EinfluB auf die Folge- 
rungen sein, die man daraus fiir die Behandlung der Schwarzen zieht. 

Rohrbach hat viele vor den Kopf gestoBen durch die Erklarung, 
daB er den Negern den Brudernamen nicht zuerkennen konne. Das 
ist ihm in Missionskreisen sehr verdacht worden. Es laBt sich bei 
dem sentimentalen MiBbrauch, der oft mit dem Worte von „unsern 
schwarzen Brudem" getrieben worden ist, die Abneigung gegen 
diese Bezeichnung bei Rohrbach wie iibrigens auch bei andem ver- 
stehen. Bei ihm steht sie auBerdem im Zusammenhang mit seinen 
Pramissen iiber die Veranlagung der Negerrasse. Dennoch bedauere 
ich diese scharfe Zuspitzung, die er noch besonders in seinem SchluB- 
wort seiner Meinung verlieh. Ich glaube jedoch, dafi man diesen 
AuBerungen kein zu groBes Qewicht beilegen darf und daB Rohrbach 
besser ist, als die von ihm betonte theoretische Oberzeugung, daB 
fiir ihn die Schwarzen nicht als unsere Briider in Betracht kommen, 
vermuten ISBt. Will er doch in keiner Weise so verstanden werden, 
„als ob wir den Schwarzen gegenuber keine 
sozialen und sittlichen Pflichten haben. Unter alien 
Umstanden haben auch die Schwarzen ihre Menschenrechte". 
(S. 59.) Daraus, daB die Neger Menschenrechte besitzen, folgt nun 
fiir mich im Qegensatz zu Rohrbach, daB sie Menschen sind und als 
solche uns verwandt, also unsere Briider sind. Und wenn Rohr- 
bach in seinem Vortrage darauf zu reden kommt, welche Tatig- 
keit wir zum Besten der Negerbevolkerung in unsern Kolonien zu 
entfalten haben, so spricht aus diesen Ausfuhrungen doch ein auf- 
richtiges Wohlwollen fiir die Angehorigen der schwarzen Rasse. Er 
macht da Mitteilungen, die seine genaue Kenntnis der afrikanischen 
Zustande bezeugen und in denen er wiederbolt auf das furchtbare 



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Obel der Tsetsefliege hinweist, und kommt zu dem SchluB: ,Die 
Pflicht, die uns den schwarzen Afrikanern gegenuber obliegt, besteht 
also zunachst einmal darin, bessere aufiere Daseins verbal tnisse und 
bessere Moglichkeiten zum Daseinsfortschritt fiir sie zu schaffen. 
Das ist die alleroberste Pflicht, und mit ihr Hand in Hand geht die 
Pflicht, ihr niedriges geistiges Niveau zunachst soweit zu heben, wie 
es durch Beseitigung des Aberglaubens gehoben werden kann. Die 
arztliche Organisationsarbeit und die Verwaltungsorganisation ist 
Sache der Regierung und des Reichstags: das Eisenbahnen- und 
StraBenbauen und das Schiffbarmachen der Fliisse desgleichen. Die 
Organisation der Arbeit zur geistigen Erziehung ist vor alien Dingen 
Sache der Missionen." (S. 64.) „Verwaltung, Mission, Srztliche 
Hilfe, verstandiges und humanes Benehmen der Kolonisten miissen 
und werden zusammenwirken." (S. 66.) Dabei tritt Rohrbach mit 
guten Qrunden daftir ein, daB der WeiBe fur den Schwarzen Autoritat 
sein miisse. Dies ist von verschiedener Seite zugegeben worden, 
allerdings mit dem Zusatze, daB die WeiBen sich auch eines ange- 
messenen Benehmens befleiBigten, womit Rohrbach vollig einver- 
standen ist. 

Sehr warm tritt er fiir die Mission ein, die allein mit Erfolg gegen 
den verhangnisvoU herrschenden Blutaberglauben ankampfen konne. 
So ist notwendig, „daB man ganz Afrika mit einem dichten Netz 
von christlichen Missionen iiberzieht und den Missionaren groBe 
Mittel zur Verfugung stellt, um gegen diesen bosen Fluch des 
dunklen Erdteils anzukampfen". (S. 62f.) „Einig sind wir auf alle 
Falle darin, daB wir sagen miissen: verzehnfacht werden muB die 
Zahl der Missionare und der arztlichen Heifer in Afrika, verzwanzig- 
facht werden muB die Menge der Mittel, die der Mission und der 
arztlichen Hilfe zur Verfiigung gestellt werden, um ihr funda- 
mentales Hilfswerk zu tun." (S. 64.) 

Auch fiir die Missionsarbeit in Afrika empfiehlt Rohrbach den 
Grundsatz der Autoritat. Man kann dem im allgemeinen zustimmen. 
Wenn er aber die katholische Missionsmethode in Afrika, die nach 
diesemOrundsatz handele, hoher stellte als die dort betriebene evan- 
gelische Arbeit, so hat das mit Recht lebhaften Widerspruch hervor- 
gerufen. Ihm schwebten wahrscheinlich die englisch-amerikani- 
schen Missionen mit ihrer Neigung, moglichst bald den Negem das 
Selbstbestimmungsrecht und weitgehende Freiheiten einzuraumen, 
vor. Die deutschen Missionen in Afrika, mag im einzelnen an der 
Art ihres Wirkens zu bessern sein, halten sich von diesem Fehler 



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frei. Wilde hob nachdriicklich hervor, wie strenge Kirchenzucht von 
ihnen geubt wird, und es war interessant zu horen, daB gerade die 
schwarzen Christen seibst auf scharfe MaBnahmen der Kirchenzucht 
drangen. (S. 72.) ; uCfii:> 

Den Segen der Mission haben andere noch scharf er und mit 
anderer Begriindung als ^ohrbach auf dem KongreB hervorgehoben. 
Wilde wies darauf hin, daB die Sitten und Qewohnheiten der 
Schwarzen aufs engste mit ihren religiosen Vorstellungen verflochten 
seien. Was die Schwarzen zuerst haben miiBten, sei eine neue, die 
christliche Religion. Wenn sie Christen werden, dann andern sie 
von seibst ihr Leben. Ahnlich hat sich unser Ehrenmitglied Professor 
Qerland auf der Jahresversammlung unseres Vereins in Mannheim 
1885 ausgesprochen: „Man verlangt vielfach, daB die Erziehung zur 
Arbeit der religiosen Belehrung vorangehe. Ich bin anderer Ansicht 
und zwar zunachst aus psychologischen, dann aber aus praktischen 
Qriinden. Der Mensch wird am besten, ja einzig und allein nur da- 
durch zu einer Erhebung iiber sich seibst gebracht, wenn man ihn 
in tiefer Seele nachhaltig begeistert und so seinen ganzen Durch- 
messer erweitert. Eine wirkliche Erhebung und Begeisterung fiir 
die neue Religion, welche von ihren ersten Stiftern an stets eine 
Religion der Arbeit war, wird ihn bei richtiger Leitung auch zur 
Arbeit erheben, w^rend die Anleitung zur Arbeit nichts Erhebendes 
und, da die Friichte der Arbeit zum groBen Teil fiir den fremden 
Lehrer sind, leicht etwas Verstimmendes hat. Weit eher, so sprach 
sich einer unserer beruhmtesten Afrikaforscher aus, wiirde man den 
Naturmenschen zum Christentum als zur Arbeit gewinnen." 
(Z. M. R. I, S. 16.) ^ - ; 

Missionar Dinkelacker aus Basel wunscht, daB man bei der Fur- 
sorge fiir den Schwarzen nicht nur als Ziel im Auge habe, „daB er 
die groBtmogliche Arbeitsleistung vollbringt und uns den groBt- 
moglichen Qewinn erbringt" und verlangt, daB man ihm vor allem 
Religion gibt, aber „als neuen Halt und neue Stiitze fiir sein Leben, 
damit er die neue Zeit, die iiber ihn wie eine Sturmflut hereinbricht, 
ertragen kann und in ihr nicht untergeht". (S. 84.) Es miisse aber 
eine griindliche religios-sittliche Erziehung geleistet werden, man 
diirfe sich nicht mit emem auBerlichen Drill begniigen, wovor man 
sich auch in den Schulen heutzutage nicht genug huten konne. Die 
Aufgabe bleibe die Erziehung der Eingeborenen zu wirklich religios- 
sittlichen Personlichkeiten. DaB dies in demselben MaBe wie bei 



V 



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den WeiBen gelingen kSnne, ist nun gerade das, was Rohrbach von 
seinen Qrundanschauungen aus bestreitet. 

Abgesehen von dieser prinzipiellen Verschiedenheit glaube ich 
aber noch eine andere Differenz zwischen Rohrbach und den meisten 
Diskussionsrednern herausgehort zu haben. Rohrbach, selbst ein 
iiberzeugter evangelischer Christ, weiB die Bedeutung der christ- 
lichen Religion und Mission wohl zu wiirdigen, aber bei seinen Aus- 
fiihrungen lieB er sich im wesentlichen von dem Qedanken leiten, 
wie wir unsere Koionien zur Bliite bringen und wie wir daher die 
Neger, dieses wertvolle Kapital, auf eine hohere Stufe, auch mit 
Hilfe der Religion heben. Diese seine Qedankengange werden 
vielen aus der Seele gesprochen sein. Demgegenuber ist geltend 
gemacht worden und muB geltend gemacht werden, daB die christ- 
liche Religion um ihrer selbst willen da ist und der Mensch als 
solcher seinen Wert besitzt. Diese Differenz wird sich aber in der 
Praxis wahrscheinlich weniger fiihlbar machen. Konnte doch Wilde 
unmittelbar nach Rohrbachs Vortrag erklaren: „Es ist mir eine 
Freude gewesen, wiederum zu erkennen, wie weit wir gemeinsam 
miteinander gehen und wie sehr wir schlieBlich im Praktischen auf 
dasselbe hinauskommen." (S. 67.) 

Das Thema ,J)ie Behandlung der Eingeborenen in unsem 
Koionien als sittliches und soziales Problem" hat auf der Tagung 
des Evangelisch-sozialen Kongresses eine weitgehende Oberein- 
stimmung der Qeister zutage gefordert, aber auch Qegensatze, durch 
die sie sich scheiden, herausgestellt. Letztere konnen und mOssen, 
wie der Vorsitzende Professor Baumgarten richtig erklSrte, in Ruhe 
zum Austrag gebracht werden. Missionar Dinkelacker sagte am 
SchluB seiner Rede: „Ich bin der festen Oberzeugung, daB wir 
Deutschen auch in diesen kolonialen und praktischen Pragen so viel 
Idealismus aufbringen werden, daB wir als das Herrenvolk unsere 
groBen sittlichen Pflichten gegeniiber den Eingeborenen, die so tief 
unter uns stehen, erkennen und erfiillen werden. Letzten Endes 
wird die Erfullung dieser sittlichen Pflicht den Eingeborenen gegen- 
iiber auch unser groBter Vorteil sein." (S. 85.) Man kann sich 
dieser Hoffnung nur anschlieBen. 



_ 237 - -.^-JV: •; 

Ein japanischer Jonathan Swift 

Von Missionsinspektor Lie. Witte. 
(SchluB.) 
5. DasLandderVerzweiflung. 
In dem nachsten Lande, das Wasobioye erreichte, fiel ihm 
zuerst ins Auge, daB alle Menschen tiier ein Loch in ihrer Brust 
hatten. So kann dort selbst ein hochgestellter Mann eine Sanfte 
entbehren. Wenn er zu reisen wunscht, so ruft er zwei Diener. 
Die stecken einen Stock durch seine Brust und tragen ihren 
Herrn. So werden auch von iliren Eltern dort die Kinder, wie viele 
Sardinen auf einen Stock gesteckt, spazieren getragen. Braucht 
man den Arzt, so schickt man einen starken Mann, der steckt den 
Doktor auf das eine, seinen Assistenten auf das andere Ende und 
bringt sie beide her. Dies Loch in ihrer Brust ist in vieler Be- 
ziehung sicherlich sehr vorteilhaft. Aber jeder Vorteil hat auch 
seine Schattenseite; wenn sie z. B. durch einen dichten Wald 
gehen, so fangen sich die Zweige in den Lochem, auch sind diese 
Menschen den Lungenkrankheiten und anderen Brustiibeln mehr 
ausgesetzt als andere. 

In diesem Land gibt es keine Qesetze, auch keine Religion, seit 
undenklichen Zeiten, mit Ausnahme eines einzigen Qesetzes, 
welches den Menschen verbietet, Bticher zu lesen und alte Sitten 
zu studieren. Jedermann handelt, wie er mag, und niemand weiB 
Recht und Unrecht zu unterscheiden. Die Bauart der Hauser, die 
Kleidung, die Sitten, alles wechselte dauernd, und die Menschen 
lernen nur das, was in ihren eigenen Qesichtskreis tritt. Niemand 
hat Respekt vor einem andern. Der Diener sagt: „Mein Herr ist 
ein Mensch wie ich; ich diene ihm nur, well er mich nahrt." Die 
Kinder sagen: „Wir haben unsere Eltern nicht gebeten, uns auf die 
Welt zu bringen; es war ihr Wille, so haben sie kein Recht, uns zu 
schelten." Die Frau gehorcht dem Qatten nicht, und manch 
kraftiger junger Mann wirft den Slteren Bruder vor die Ttir. Die 
Jungen und Starken nehmen die schonsten Speisen und die 
schonsten Kleider fur sich, sie nennen das Land der Verzweiflung 
das beste von alien L^dern; aber wenn sie dann selbst alt werden, 
wenn sie von den eigenen Kindem aus dem Hause geworfen werden, 
wenn sie sich mit den zerlumptesten Kleidern und kummerlicher 
Nahrung zufrieden geben miissen, dann klagen sie, es fehle an 
kindlicher Pietat und nennen dies Land das schlechteste der Welt. 



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- 238 - 



Als Wasobioye noch in Nagasaki war, da hatte er von einem 
Lande gehort, in dem die Ehemanner alle Schmerzen des Qebarens 
trugen. Hier im Lande der Verzweiflung war das Wirklichkeit. 
Hier horte er, wie sein Herbergsvater jammerte, daB die Zeit nahe, 
wo seine Frau wieder ein Kind bekommen werde. Die Frau ging 
wie sonst umher und rauchte ruhig ihre Pfeife weiter. Aber sie 
schalt auf ihren Qatten, er sei kein rechter Mann, wenn er das 
nicht tapfer aushalten konne. „Wenn ich solch einen Schwachling 
zum Qatten habe, wird mein Leben in Qefahr geraten", sagte sie. 
Der Qatte aber erwiderte: „Ich werde dich aus der Ehe entlassen, 
weil du kein Mitleid hast mit meinen Schmerzen." Die Frau war 
damit vollig einverstanden. Nachdem jedoch das Kind geboren 
war, wurden sie erst recht gute Freunde. 

Wasobioye war froh, aus diesem Lande schnell fort zu konnen 
und flog daVon. 

Moral: 

Viele Menschen denken, es bestehe ein groBer Unterschied 
zwischen den geistigen Fahigkeiten der Menschen und der Tiere. 
Aber in Wirklichkeit gleicht ein beschrtnkter Mensch, der einfach 
seinen Trieben folgt und keine Religiositat hat, einem Tier. Solche 
Menschen werden von vielen niederen Begierden irregeleitet, und 
so meinen sie, daB sie glQcklich und zufrieden sind, wenn sie beim 
Unrechten nicht ertappt werden, wie der Fuchs wohl weiB, was 
eine Falle ist, aber doch glaubt, es werde ihm gliicken, die Lock- 
speise zu essen, ohne daB er gefangen wird. Das Menschenleben 
ist hlnf^lig und ungewiB, aber die Taten der Menschen tragen ihre 
Fruchte, so oder so, wenn oft auch erst nach langer Zeit. Auf den 
ersten Blick erscheint es toricht, daB die Menschen, wo doch die 
Unbestandigkeit des Lebens so groB ist, mit kommenden Jahren 
rechnen sollen. Wer handelt wie die Leute im Lande der Ver- 
zweiflung, der hat heute Freude, aber morgen nicht. Nicht nur 
Krankheit kann Schmerz und Sorge bereiten, sondern erst recht 
ein friedloses Herz. Darum soil ein Mensch Treue uben nicht allem 
gegen seinen Herm, seinen Vater und seinen Bnider, sondern auch 
gegen die ganze Welt. 

6. DasLandderRiesen. 
Nachdem Wasobioye nun schon soviel gesehen hatte, dachte 
er daran, sich nun einmal von seinem Storch hintragen zu lassen, 
weit fort noch fiber Amidas Paradies hinaus, iiber die Enden der 



— 239 - - i~:;2 

Erde, in eine and ere Welt. Sein Plan gelang. Er flog dahin, wo 
keine Sonne mehr scheint und voile Finsternis herrscht, lieB sich 
aber nicht beirren, flog welter und welter, bis er in einer andern, 
von neuem Licht erhellten Welt anlangte. - , . .-,^^^^^^(^ r 

In einem Bambuswalde machte er Rast und sah sich um. V/ie 
erstaunte er: das war kein Bambuswald, das war ein Kornfeld von : 
riesigen Dimensionen, jeder Halm so dick und hoch wie die groBten 
Bambusstangen daheim. So riesig .war alles in dem Lande. Die 
kleinsten Hugel hoher als der Fujiyama, gewohnliche Hauser welt 
gr5fier als die liallen fur die hochsten Buddhabilder. Nach langem 
Weg kam er in eine Stadt aus lauter solchen Riesenhausem. Wie 
er noch stand und staunte, traten aus einem der Hauser Menschen 
heraus, Riesen 50 — 60 FuB hoch, ja, mancher wohl 70 FuB lang; 
maBen doch schon die Kinder von 9 — 10 Jahren 20 — 30 FuB. 

„Was fur ein winziges Geschopf", so riefen sie, als sie 
Wasobioye erblickten. Sie nahmen ihn zwischen Daumen und 
Zeigefinger, setzten ihn auf ihre Hande und fragten ihn, ob er ein 
Mensch sei oder ein Qeist. Da erz^lte er von Japan und dem 
Leben seines Volkes; und sie nickten dazu, sie hStten wohl von 
Japan, China und Indien gehort, aber nie jemand aus jenen 
LSndern gesehen. Bald stritten sie sich, wer Wasobioye mit- 
nehmen soUe in sein Haus. Da nahm ihn ein Riese von 65 FuB, 
Dr. Kuwauchi (Dr. Kenntnisreich) in seine hohlen H^de und trug 
ihn schnell davon. Wie Menschen sonst kleine Vogel fiittern, so 
ward er nun mit Reis emShrt, von dem jedes Kom so groB wie eine 
Wassermelone war. Man war freundlich mit ihm. Viele Riesen 
kamen, ihn zu sehen. So hatte er MuBe, ihr Leben genau zu 
beobachten. 

„Er konnte sehen, daB hier alles zehnmal so groB war wie in 
China selbst und Indien; daB die Jahreszeiten regelm&Big und 
glucklich waren, die Emten reichlich, die Leute wohlhabend, kurz, 
daB es ein vollkommenes Land war mit alien Vorztigen ausgestattet. 
Zugleich jedoch bemerkte er, daB dies Volk keine Philosophic besaB, 
kein Sittengesetz und keine Regierungsordnung; daB sie nicht nur 
keine Ahnung hatten von den religiosen Lehren des Konfuzianismus, 
Buddhismus und Shintoismus, sondern nicht einmal Worte be- 
saBen, um die Ideen des Wohlwollens, der Rechtschaffenheit, des 
Anstands und der Weisheit auszudrucken, kurz, daB sie ein Volk 
waren ohne Kenntnisse und ohne Qeistesbildung. Die Manner 
arbeiteten einfach auf ihren Feldern und in ihren Oarten und ver-. 



— 240 — 

fertigten verschiedene Qerate, wShrend die Frauen webten und 
spannen. Dariiber hinaus geschah nichts. Wenn sie von Zeit zu 
Zeit sich zur Erholung besuchten, unterhielten sie sich nicht fiber 
merkwurdige Ereignisse oder fiber Menschen, sie hatten auch keine 
Meinungsverschiedenheiten oder Streitigkeiten, sondern sie 
sprachen fiber die Dinge im allgemeinen." 

Da dachte Wasobioye, er wolle sich ein Verdienst erwerben 
und diese unwissenden, tiefstehenden Menschen mit den Lehren 
der alten Weisen bekannt machen. Und als nun Tag ffir Tag wieder 
viele Riesenmenschen ihn zu sehen kamen, da hielt er ihnen mit 
lauter Stimme 7 Tage lang Vortrage fiber die Religionen, fiber 
menschliche Qesittung und Bildung und fiber die berfihmten Vor- 
bilder der Staatsregierung. Aber er erzielte nicht den geringsten 
Eindruck; keiner der Zuhorer auBerte das geringste Interesse ffir 
seine Worte. 

Da ward er ganz erregt und fragte seinen Hausherrn, Dr. 
Kenntnisreich, woher diese vollige Unbelehrbarkeit seiner stumpfen i 
Volksgenossen komme. Sie hStten doch so viel von ihm, dem Viel- s 
gereisten und Welterfahrenen, lemen konnen. 

Dr. Kenntnisreich lachelte freundlich zu den Worten Waso- j 
bioyes, streichelte seinen Kopf und sprach: I 

„Im allgemeinen ist es nicht diskret und klug, solch kleinen . 
Geschopfen wie dir die voile Wahrheit zu sagen. Aber da du mich j 
leidlich zu verstehen scheinst, will ich zu dir davon sprechen. 
Hore also aufmerksam zu: Es ist fur den QroBeren leicht, den 
Kleineren zu verstehen; aber es ist ffir den Kleineren sehr schwer, 
den QroBeren zu verstehen. Die Bewohner eurer Welt verstehen 
nichts von unserem Leben hier, noch konnen sie unsere intellektu- 
elle Passungskraft begreifen. Aber die Bewohner unserer Welt 
haben, bis zu den Frauen und Kindern herab, keine Schwierig- 
keit, euer Qeistesleben zu begreifen. Indessen, wenn ein Wesen 
von minderer Intelligenz das Verhalten eines von hoherer In- 
telligenz beobachtet, so erscheint dessen Verhalten ihm oft als eine 
Narrheit. Du mit deiner Zwergengestalt von ffinf FuB, mit deinem 
IJerumtrippeln in dem winzigen Raum von 90 000 Quadratmeilen 
und deinen gepriesenen Reisen durch die kfimmerliche Zahl der 
dreitausend Welten bist natfirlich durch deine anmaBende Annahme, 
daB du mit der Lange und der Breite des Universums vertraut bist, 
und durch deine beschrSnkten Ansichten, die du dir durch die fiber- 



.-'!'' 



— 241 — 



tff:- 



triebene Hochachtung vor den Lehren eurer Weisen gebildet hast, 
verhindert, zu verstehen, was wirklich gjoB ist Wir Wesen von 
umfassender Intelligenz unterscheiden das Ende einer Sache von 
ihrem Anfang. Da wir das vermogen, fallen wir nie in Irrtumer. 
Und da wir nicht in Irrtiimer geraten, so begehen wir keine Siinde. 
Nur Wesen von beschrankter Intelligenz, welche unfShig sind, das 
Ende einer Sache von ihrem Anfang zu unterscheiden, welche die 
WinterkSlte vergessen, sobald sie in der Sommerwtrme leiden, 
welche sich um die Sommerhitze im Winter nicht kummern und 
welche die FShigkeit entbehren, Nahes vom Fernen zu unter- 
scheiden, nur solche Wesen fallen in die Knechtschaft der Siinde. 
In deiner Welt sind die geistigen FShigkeiten der Bewohner genau 
so beschrSnkt wie der Raum, in dem sie wohnen — ohne Kenntnisse, 
wenn sie nicht besonders gelehrt worden sind, ohne Ruhe, wenn 
sie nicht die Hefen des Altertums auslecken, wild, wenn sie nicht 
unter Leitung stehen, schwer zur Tugend zu bewegen, aber leicht 
zu Lastem zu iiberreden. 

Darum hat der Himmel eine Art von Allerweltsleuten, Weise 
genannt, geboren werden lassen, welche die entartete Rasse zu 
besseren ZustSnden emporheben soUten. Aber jeder von diesen 
Allerweltsleuten hat seine besonderen Neigungen. Die Methode 
des Laotse und Chwang-Tsze war die der Symbolik, und ihre Lehre 
wurzelte in der Anerkennung der menschlichen Natur so, wie sie ist 
Konfuzius spannte ein groBes Netz aus, mit verschiedenen Namen: 
Wohlwollen, Ehrbarkeit, Sittigkeit und so weiter genannt, verbot 
die Duldung pers5nlicher Einf&lle und trieb die Menschen auf den 
Pfad der Pflicht durch eine praktische Methode der Bekehrung. 
Der Punkt, auf den Shiyaka Muni alles Qewicht legte, war das 
Vorhandensein tief gewurzelter bSser Leidenschaften im Menschen; 
und er brachte die Menschen auf den rechten Pfad, indem er ihre 
Vorstellungen mit alien moglichen Arten von Erzahlungen, froh- 
lichen und schrecklichen, beeinfluBte. In Wirklichkeit war, was 
diese Manner, einer und alle, taten, nichts anderes, als daB sie die 
Menschen in der Weise lehrten und leiteten, wie man Kinder durch 
freundliches Zureden leitet. Und so werden religiose und philo- 
sophische Lehren immer ihre angemessene SphSre haben in der 
Erziehung beschrSnkter Qeister, aber eben auch nur beschrankter 
Qeister. Dogmen sind eine Schutzwehr, in der beschrankte Qeister 
sich sicher fuhlen. Beschrankte Qeister sind frohlich innerhalb 
dieser Schutzwehr, kennen aber das Leben auBerhalb derselben 



-y, 



— 242 — 

nicht. Umfassende Qeister sind frohlich auBerhalb der Schutzwehr 
und kennen auch das Leben in ihr. Du hast dich in den Qrenzen 
der dreitausend Welten aufgehalten, ohne dariiber hinaus etwas zu 
kennen. Wahrend du in diesen letzten 6 oder 7 Tagen deine Zunge 
in Bewegung gesetzt hast, haben die Bewohner dieses Landes dein 
Qeschrei in ein Ohr hinein und aus dem andern herausgehen lassen, 
gleich dem Qewimmer eines gramlichen Kindes. Nur wegen ihres 
beschrankten Geistes und ihrer iiblen Taten ist eure Welt mit 
diesem ganzen Apparat von Philosophie und Religion ausgerustet. 
Wegen unseres umfassenden Geistes und unseres tugendhaften 
Lebens, wodurch die Vorschriften von Wohlwollen, Rechtschaffen- 
heit, Anstand und die Dogmen zwecklos sind, haben wir keine 
solchen Lehrsysteme. — Kannst du nun, Wasobioye, die geistigen 
Qrundlagen des Landes der Riesen verstehen?" 

Wasobioye stand da voll Furcht und BeschSmung und er- 
kannte, wie grenzenlos die GegensStze sind zwischen den in Wahr- 
heit Kleinen und den m Wahrheit GroBen. Dann bestieg er seinen 
Storch und kehrte nach so langer Abwesenheit nach Japan 
zuriick. — 

Der Herausgeber des englischen Textes, W. Crewdson, hat die 
erste Frage, welche sich nach dem Lesen dieser japanischen Schrift 
erhebt, ob namlich der japanische „Jonathan Swift" das Buch des 
englischen Jonathan Swift gekannt und benutzt habe oder nicht, 
eingehend untersucht. Zwischen dem englischen und dem japani- 
schen Buche bestehen zwei Ahnlichkeiten. Einmal ist es die Idee 
iiberhaupt, durch die Darstellung fingierter Menschen und LSnder 
am eigenen Volke Kritik zu iiben und ihm so eine BuBpredigt zu 
halten, die beiden eignet. Sodann ist auffallend, daB bei beiden ein 
Land der Riesen vorkommt und Menschen, die ewig leben. 

Geniigt das, um eine Abhangigkeit festzustellen? War eine 
Abhangigkeit den Umstanden nach moglich? Diese letzte Frage ist 
zu bejahen. Das englische Buch wurde schon im Jahre 1727 in das 
Hollandische iibersetzt. Und da in dem Buch gerade auf Japan 
Bezug genommen wird, so wSre es wohl ganz besonders begreif- 
lich, wenn von hoUandischen Reisenden dies Buch auf die langen 
Fahrten nach fernen Orten mitgenommen worden ware. Die 
Hollander hatten damals den ausschlieBlichen Verkehr mit den 
Japanern in Handen. Im Jahre 1720 schon war den Japanern das 
Studium der hoUandischen Sprache von ihrer Regierung erlaubt 



- 243 - 

worden, und es sind spSter viele holl^dische Bucher auf diesem 
Wege zur Kenntnis der Japaner gekommen und auch in das 
Japanische iibersetzt worden. Die erste Ubersetzung eines 
hoUandischen, und zwar eines medizinischen, Buches hat im Jahre 
1774 stattgefunden, in demselben Jahre, in dem unser japanisches 
Buch erschien. Es erschien in Nan-a, in der sudlichen Awa-Provinz, 
auf der Schikoku-Insel. Die Insel Kiuschiu, auf der Nagasaki liegt, 
ist die Nachbarinsel von Schikoku. Bei Nagasaki, auf der kleinen 
Insel Deschima, spielte sich der Handelsverkehr der Japaner mit 
den HollSndern ab. Die auOeren Umstande sind also derartig, daB 
eine Benutzung des englischen Werkes durch den japanischen Autor 
im Bereiche der Moglichkeit liegt. Crewdson ist aber doch zu dem 
Urteil gekommen, daB beide Autoren unabhangig von einander diese 
Idee gefunden und ausgestaltet haben. Er meint, die Ahnlichkeiten 
zwischen beiden Werken seien — eine Abhangigkeit oder Be- 
kanntschaft angenommen — auffallend gering. Da auBerdem der 
japanische Verfasser als ein reiner, wahrheitsliebender Charakter 
erscheine, so sei anzunehmen, daB er es in irgend einer Weise an- 
gedeutet haben wurde, wenn er ein fremdes Werk benutzt hatte. 
Die Frage, ob Crewdson mit seinen Darlegungen recht hat, laBt sich 
abschlieBend erst dann erortern, wenn der voUstandige Text des 
japanischen Werkes in Obersetzung zuganglich gemacht oder am 
Urtext diese Frage gepruft worden ist. Darauf hat den Verfasser 
dieser Zeilen Professor D. Haas (Jena) freundlichst aufmerksam ge- 
macht, daB der japanische Autor doch einige auffallende Beziehungen 
zu dem europSischen aufweist. Qleich in der Einleitung zu der 
Schilderung des Landes der Unsterblichkeit wird vori Wasobioye 
erwShnt, daB seine Familie schon Auslandshandel getrieben habe, 
und daB er wie andere Leute von Nagasaki mit den HoUandern ver- 
kehrt habe. Auch konnte man meinen, daB sich in dem Pseudonym 
des japanischen Verfassers Yu-kokushi (= Talbewohner = Nieder- 
l^der [Netherlands]) eine Andeutung des wirklichen Verfassers 
birgt, daB er aus der hoUandischen Quelle geschopft habe. Auf- 
fallend ist daneben doch die Gleichheit der Grundidee und die Ahn- 
lichkeit des Titels. DaB Crewdson die Wahrhaftigkeit des Verfassers 
geltend macht, wtirde wenig durchschlagend sein, wenn man in dem 
Pseudonym Yu-kokushi ein heimliches Qestandnis erblickt. Und 
daB sich nicht mehr Ahnlichkeiten und eine starkere Benutzung 
linden, konnte seinen Qrund darin haben, daB der japanische Autor 
zwar nicht das hollandische Buch selbst kannte, wohl aber durch 



^^. 



— 244 — 

miindliche Erzdhlung aus seinem Inhalt manches gehdrt hatte. *) 
Auch bleibt die Moglichkeit, daB der japanische Autor das europS- 
ische Material mit Bewufitseiti nicht mehr, als geschehen, benutzte, 
weil er einen andern Zweck mit seinem Buch verfolgte als der engli- 
sche Autor. So hat er die Qedanken wohl benutzt, hat ihnen aber eine 
andere Wendung und einen vertieften Inhalt gegeben. Daher er- 
klart es sich, daB — worauf Crewdson aufmerksam macht — die 
Ahnlichkeit selbst da gering ist, wo beide von einem Land der Riesen 
und von Menschen, die ewig leben, reden. 

Bei J. Swift soil an dem riesigen MaBstab aller §ufieren 
Dinge im Riesenland den Menschen ein wenig die Erkenntnis nahe ge- 
bracht werden, wie erbarmlich klein doch die sich oft so aufbl^enden 
Menschen sind. Bei Yu-koku-shi wird der Qedanke vertieft und 
das Ideal eines Lebens gezeigt« das weit hdhere geistig-sittliche 
Krafte hat und in dem von innen heraus alle Wesen das Qute tun 
wie ein guter Baum von selbst gute Friichte bringt. Dort wird der 
Hochmut der Menschen gestraft, hier wird den Menschen ein neues 
Ideal gezeigt, dem sie nacheifern sollen. Die Ahnlichkeit ist also 
nur eine ganz auBerliche. Qenau so steht es mit der zweiten 
Ahnlichkeit. Bei Swift leben zwischen den sterblichen einige 
unsterbliche Menschen, deren Leben darum gar nicht beneidens- 
wert ist, weil sie so elend, alt, gebrechlich und leichenhaft werden, 
dafi ftir sie schon das bloBe auBere Leben eine furchtbare Qual ist. 
Bei Yu-koku-shi ist dieser Qedanke wieder vertieft: Es gibt ein 
Land, in dem alle Menschen ewig leben und dabei in blQhen- 
d^r Jugend bleiben. Trotzdem wird ihnen ihr Leben zur 
Qual, sobald sie erkennen, daB selbst dies bluhende Jugendleben 
nicht lebenswert ist, weil eben alles Leben Qual ist. Swift woUte 
mit seiner Kritik das jammervoU-ingstlich^ tl^gen der Menschen 
am Erdenleben ad absurdum ftihren, indem er ihnen sagt: DaB wir, 
alt geworden, sterben, ist besser, als wenn wir nur immer und 
immer noch ein paar weitere Jahre begehren. Das Qreisentum ist 
meist ein Elend, kaum noch Leben zu nennen. Yu-koku-shi aber 
wollte seine Leser von allem LebenwoUen Idsen und ihnen 
den Unwert alles Lebens zeigen: selbst wenn wir jung blieben und 
hatten alles, was wir nur wunschen, es wSre Leid, nicht Freude. 



•) Die Ubertragung der Loreley-Sage auf japanischen Boden durch 
einen HoUander hat D. H. Haas im Jahre 1912 in der Zeitschrift ,Die 
Wahrheit* (3. Jahreang, Heft 4, S.81, 82) nachgewiesen. 



■* -_ 245 - 

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So ist also auch hier lediglich ein auBerer Anklang vorhanden, ohne 
innere Qemeinsamkeit der Qedanken. 

Damit kommen wir zu dem Hauptunterschied zwischen beiden 
Buchern: Das englische ist eine Satire auf das damalige Leben 
Englands mit teilweiser sehr scharfer Kritik. Was es im Bild der 
letzten Reise von der Rechtsprechung, dem Hofleben und der Ver- 
waltung Englands sagt, ist eine sehr harte Beurteilung seiner 
Heimat. Die Satire hat natiirlich den Zweck, die Schaden zu 
beseitigen. 

Das japanische Buch enth&lt auch eine Kritik des Lebens seiner' 
Zeit, aber in der Hauptsache ist es eine Predigt. Nicht nur well 
nach den ersten 5 Reisen jedesmal eine „Moral" angehangt ist, 
sondern in seiner ganzen Art. Oberall werden die Qedanken in 
das Religiose gewandt und zwar in iiberaus sympathischer, geist- 
voller, taktvoUer Weise: Alle Fiille des Lebens geniigt nicht, danim 
strebt aus dem Leben zur ewigen Ruhe. Nicht die genieBende 
Sinnenfreude, das miihevolle Erfullen der Pflicht ist das be- 
f riedigendste im Leben. Meidet alien Sufieren Schein, seid allzeit 
wahrhaftig. Auch die besten Lehren der Alten nutzen nichts, wenn 
nicht dergleicheQeist tiefer Frdmniigkeit die Herzen erfiillt. 
Dieser Qeist sittlich-ernster Frommigkeit macht den Menschen erst 
zum Menschen. Ohne ihn ist er ein Tier trotz SuBerer Qenusse. 
Dahin sollten die Menschen kommen, daB sie einst aus eigenem 
innem Trieb alle diesem Qeiste folgen. Dann wird nur Qutes 
geschehen, die Qemeinheit aufhoren, ein ideales Leben tut sich auf, 
das in vollendeter Sittlichkeit sein Qluck hat. 

Das etwa sind die Hauptgedanken. DaB sie in der Hauptsache 
dem Buddhismus entstammen, geht nicht nur aus der mehrfachen 
Erwdhnung des Buddhismus hervor, sondern vielmehr aus der 
ganzen Stimmung, die gleich beim ersten Bilde deutlich wird: nicht 
das Leben, und sei es das beste, nicht das Leben, sondern AusruheQ 
vom Leben ist das letzte Ziel. Interessant ist die im 4. Bilde geubte 
Kritik des Konfuzianismus. Welch Humor liegt in der Schilderung 
der Art, wie die Konfuzianer ihre heiligen Spruche gebrauchen — 
Oder besser miBbrauchen. Wie wird dann fein gezeigt, wie wenig 
die sittlichen Forderungen vor dem Tun des Bosen, der 
Trunkenheit, bewahren, und wie selbst in der bittersten Armut das 
Tun des Bosen nicht aufhort, well die bose Lust welter besteht. Die 
muB ausgerottet werden, und die — so sagt Dr. Kenntnisreich im 
6. Bilde — will der Buddhismus ausrotten. Aber im Vordergrunde 



I 



^ 



- 246 - 



steht stets nicht die Kritik, sondern das Religids-Aufbauende, der 
Zugang des Weges zur Eriangung des hochsten Lebenszieles und 
zur Erreichung der hochsten, sittlichen Vollendung. 

Diese Qrundgedanken der japanischen Schrift sind so fromm 
und rein, daB man auch als Christ sich an ihnen erbauen kann, wie 
man an Schriften des Alten Testaments seine Erbauung hat. Wir 
wissen noch anderes als dies. Aber deshalb kann man doch sagen, 
daB ein Hauch tiefen Sehnens nach Lebensvollendung und Erlosung 
iiber dem Qanzen liegt. Es ist nicht notig, das noch zu erwShnen. 
Es wird jedem Leser dieses Artikels so gehen, wie es dem Ver- 
fasser erging: zahlreiche Qleichklange aus der Bibel gehen durch 
unsem Sinn. — Wer dachte nicht bei der Rede des Dr. Kenntnis- 
reich im 6. Bilde an Jeremias 31, 31 ff. Was dem Qanzen fehlt, das 
ist Qott. Ohne ihn hSuigt eben doch alles wie ein bloBes Sehnen 
iiber den Menschen. Es kommt nicht zur Wirklichkeit. Und Qott 
gibt dann eben doch noch hohere Ziele. 

Religios gewertet, steht das japanische Buch des buddhistischen 
Autors iiber dem englischen Buch des christlichen Predigers. Der 
buddhistische Verfasser zeigt iiberall: die Kraft zur Beseitigung 
der geriigten Schaden liegt in der Religion, der christliche Prediger 
bleibt dabei stehen, die Schaden zu zeigen in ihrem schroffen 
Qegensatz zu den sittlichen Idealen. 

Das besagt nichts iiber den Wert der Religionen, die die beiden 
Autoren vertreten. Aber es ist eine Pflicht der Qerechtigkeit, das 
festzustellen. 



Aus der Mission der Gegenwart. 

Die Stelluns der ReUgton Im neuen China. 

Man kann nicht sagen, daB die religiosen Interessen im neuen 
China einen besonders hervorragenden Raum einnehmen. Als es 
sich darum handelte, die Stellung der Religion in der neuen Ver- 
tassung zu fixieren, da erhob sich allerdings ein heftiger Widerspruch 
unter den Neu-Konfuzianern, die den Konfuzianismus kirchlich 
organisiert und ihm die Rechte einer Staatskirche verliehen wissen 

wollten. Dieser Widerspruch sah sich jedoch einer gemeinsamen 
Kundgebung der iibrigen Religionen gegentiber und die ganze Sache 
verlief sich zuletzt in einem Zeitungsstreit. Nicht ohne Humor war 
dabei der Umstand, daB der heftigste Rufer im Streit, der am ge- 



-- 247 - ■•■ -7; 

hSssigsten gegen das Christentum und die ganze europSische Kultur 
redete und der unter dem poetischen Namen We Si Kin d. h. We, 
die westliche Harfe, schrieb, ein Herr — aus Posen war, namens 
Alfred Westharp, der sich in China aufhilt, zu dem Zweck, fiir eine 
neue Erziehungsmethode innerhalb der konfuzianischen Kirche Pro- 
paganda zu machen Nicht minder bezeichnend als seine heftige 
Fremdenfeindschaft ist die Vorstellung, die er vom Christentum hat. 
Seine Definition der christlichen Religion, die er fiir die niedrigste 
von alien Weltreligionen erklSrt, weiB nichts welter zu erwahnen als 
den folgenden Satz: „Im Christentum hat der Qott ein Weib mit 
Namen Maria und das Weib hat ein Kind mit Namen Christus. Da- 
rum, f ugt er hinzu, laBt uns Konfuzius anbeten". Die Rolle, die dieser 
neue Verteidiger und Interpret der konfuzianischen Religion in 
Peking spielte, war tibrigens bald zu Ende, denn es erhoben sich 
einige Konfuzianer gegen ihn, denen seine „psychologische" Inter- 
pretation der konfuzianischen Lehre zu dumm war und luden ihn zu 
einer dffentlichen Disputation uber das Wesen des Konfuzianismus 
ein, die natiirlich in chinesischer Sprache gefiihrt werden soUte. Da- 
bei stellte sich dann leider heraus, daB der Herr weder chinesisch 
sprechen noch chinesisch lesen konnte. Er hatte seine ganze Kennt- 
nis aus englischen Quellen geschopft, die er doch auf der andem 
Seite sehr scharf und bitter kritisierte. 

Diese Erscheinung ist fur die gegenwirtigen Verhaltnisse in 
China in mancher Beziehung charakteristisch. Denn sehr h§ufig, 
wenn man in irgend einer Frage eine scharf und ausdruckiich aus- 
gesprochene chinesische MeinungsSuBerung hort, so entdeckt man 
bei n^erem Zusehen, daB sie von irgend einem Europaer oder 
Amerikaner ausgeht und die falschen Nachrichten, die dann uber 
chinesische Verhaltnisse und Stimmungen in die europaische Presse 
kommen, haben in Wirklichkeit haufig solche fremden Quellen zum 
Ursprung. Qenau so war es mit dem „edlen Christen" Sun Wen und 
genau so ist es heute mit dem „starken Mann" Yiian Schi Kai und 
noch vielen anderen Dingen. Die Chinesen selber denken ganz 
anders fiber solche Erscheinungen, aber sie haben gar nicht das 
Bedurfnis, ihre Meinung in lautem Tone den andern zu verkiindigen. 

Durch den Gang der Ereignisse kommt alles doch von selber wieder 
ins rechte Licht. So verhielt es sich denn auch mit jenem Kampf 
um die Staatsreligion. Das Ergebnis sind zwei Paragraphen der 
neuen Verfassung, namlich § 4: „Zwischen den Angehorigen der 
Republik China finden Unterschiede nach Abstammung, Rang oder 



- 248 - 



religiSsem Bekenntnis nicht statt. Sie sind sfimtlich vor dem Qe- 

setze gleich. § 51 werden die verschiedenen Freiheitsrechte der 

Staatsangehorigen aufgefiihrt Absatz 7 heifit es darin: ^Die Staats- 

angehorigen haben innerhalb der gesetzlichen Orenzen Qlaubens- 

freiheit." Das ist ein Ergebnis, mit dem die Christen sehr wohl zu- 

frieden sein kdnnen. 

Richard Wilhelra. 

Ans unserer Arbeit 

Konfuziusgeselischaft. 

In China kam es je und je vor, daB ein Freundeskreis von Qe- 
lehrten sich an einem Orte zuammenfanden, der dann oft einMittel- 
punkt geistigen Lebens ftir lange ZeitrSume geworden ist. Die Art 
dieser Vereinigimgen erinnert in manchen St&cken an die griechi- 
schen Akademien. Es sind freie Zusammenktinfte, oft in einem 
Qarten, oft in einem einsamen Pavilion, fernab vom Qetriebe der 
Welt. Das AuBere tritt zuriick, der geistige Wert gibt den Ausschiag. 

Bei den vielen Beziehungen zu den chinesischen Staatsm^nern 
und Qelehrten, die sich aus dem unklaren Qetriebe chinesischer Ver- 
hSltnisse an den kiihlen Meeresstrand in Tsingtau zuriickgezogen 
haben, legte sich der Qedanke nahe, einen Weg zu suchen, diese 
bedeutenden geistigen Krtfte zu einem gemeinsamen Werke zu ver- 
einigen. Zunachst handelte es sich darum, eine Vereinigungsstelle 
zu schaffen, wo deutsche und chinesische Kultur und Wissenschaft 
in fruchtbaren Austausch treten konnten. Doch miBlang dieser Ver- 
such. Die deutschen Kulturbestrebungen, soweit sie in die Offent- 
lichkeit treten, verfolgen doch wesentlich andere Ziele und, da 
reklameartige Propaganda sich fur diese Arbeit von selbst verbot, 
gelang es nicht, groBere deutsche Kreise fur diese Sache zu inter- 
essieren, doch fand sich um so mehr Entgegenkommen bei den 
Chinesen. Die Vereinigung, die sich so bildete, hat darunter nicht zu 
leiden gehabt. Wir kdnnen unbehinderter eine Sammlung auf dem 
Boden ins Auge fassen, der uns vor allem doch am Herzen liegt und 
von dem intimeren Kreise, der sich hier zusammengefunden, konnen 
dann doch auch Wirkungen ms Weite und Qrofie des chinesischen 
Volkes ausgehen. Der Zweck, um den es sich fiir mich bei dieser 
Vereinigung vor allem handelt, ist ein doppelter. Erstens soweit in 
unseren Kraften steht daran mitzuarbeiten, daB die hochsten und 
wertvollsten Erzeugnisse chinesischen Qeistes nicht untergehen in 
dem Strom der Zerstdrung, der augenblicklich das Land uberflutet 



— 249 — 

und dessen Wirkungen sich in einer erschreckenden Verwilderung 
zu zeigen beginnen. Der Bau der chinesischen Kultur ist wieder 
einmal ins Wanken geraten, wie zu den Zeiten als Konfuzius und 
Mencius in China lebten. Damals war es der Einbruch der Barbarei 
von Westen her, der in dem bekannten Tsin Schi Huang gipfelte 
und das Haus der chinesischen Qesittung zerstorte. Das Werk 
jener groBen Weisen war es gewesen, die Plane dieses Hauses zu 
retten, so daB auf Qrund dieser PiSne eine Neuorganisation spater 
moglich wurde. Heutzutage ist es der Einbruch der grob materi- 
alistischen Seiten der europaisch-amerikanischen Zivilisation, der in 
der Revolution Shnlich zerstorende Wirkungen gezeitigt hat. QewiB 
liegt in diesem Umsturz ein notwendiges Qericht, denn die chine- 
sische Kultur war in vieler tlinsicht in duBerem Formenwesen ver- 
flacht und hatte sich infolge ihrer inneren Schwache in engem 
AbschluB von der AuBenwelt versteift, so daB ihr der Lebensatem 
ausging. Ein Mangel an Ernst an den leitenden Stellen kam dazu, 
so daB die Kraft, diesen neuen Stromungen entgegenzutreten, nicht 
mehr vorhanden war und wie von einem Sturmwind der ganze Bau 
zertrummert wurde. Man hat wiederholt die Frage aufgeworfen: 
warum hat sich keiner von all den Qelehrten und Staatsmannem, die 
hier in Tsingtau sitzen, energisch in den RiB gestellt und wie einst 
zur Zeit der Taipingrebellion das Ubei abgewandt, anstatt die 
Regierung im Stich zu lassen und sich nach Tsingtau in die Ver- 
borgenheit zuriickzuziehen. Zur ErklSrung dieser Erscheinung 
bedarf es eine Kenntnis des chinesischen Qeistes. Jeder Mann hat 
seinen fest abgegrenzten Wirkungskreis, innerhalb dessen er 
BetStigung findet. Es steht ihm nicht zu, auf eigne Faust dariiber 
hinaus zu handeln. Die Verantwortung des Regenten besteht in 
nichts anderem, als darin, die rechten Manner auszusuchen und 
ihnen die notigen VoUmachten zu geben, um Ordnung zu schaffen. 
Innerhalb der Mandschu-Regierung nun waren in den letzten Jahren 
sehr Starke Stromungen gewesen, die aus Ilabsucht eine Cliquen- 
wirtschaft forderten und so die besten Kreise sich entfremdeten. 
Immerhin besaBen diese Kreise Loyalitdt genug, um bei Ausbruch der 
Revolution einem Ruf zur TStigkeit unbedingt Folge zu leisten. 
AUein der damalige Prinzregent suchte in merkwurdiger Verblen- 
dung Yiian Schi Kai, den er kurz vorher todlich beleidigt hatte, aus, 
um ihm die Vollmacht zur Wiederherstellung der Ordnung zu uber- 
tragen. Als nun Yuan Schi Kai seine Wege ging, da blieb gerade fur 
die loyalsten Manner nichts anderes iibrig, als sich zuriickzuziehen 



... ^. 

— 250 - 

nnd so die Treue gegen sich selbst zu wahren. So ist es denn 
keineswegs Feigheit oder Qleichgultigkeit, die diese Leute hierher 
gefiihrt hat. Ihre Hoffnung besteht nun eben darin, einen Weg zu 
finden, daB die Prinzipien der chinesischen Kultur erhalten bleiben, 
um spSter, wenn der Sturm voriiber ist, wieder Anwendung finden 
zu konnen. DaB dieses Bestreben alle Unterstiitzung verdient, ist 
ohne weiteres klar und das hat unserer Vereinigung, die nach Art 
eines wissenschaftUchen Vereins organisiert ist, eine ihrer Richt- 
linien vorgezeigt. 

Dazu kommt dann anderes. Damit das Evangelium in China 
in vollem Umfang in die Erscheinung treten kann, muB es einen Aus- 
druck finden, der aus dem chinesischen Qeiste herausgeboren ist. 
Niemals waren die Verhaltnisse hierfur so gtinstig, wie jetzt in 
Tsingtau. QewiB sind friiher auch schon von anderen Missionen 
bedeutende Versuche gemacht worden, die Verkiindigung des Evan- 
geliums dem Qeiste der chinesischen Bildung nahe zu bringen. Aber 
was die Lage heute unterscheidet, ist das, daB nicht wir muhsam 
Ankniipfungspunkte suchen miissen, sondern daB die Chinesen von 
sich aus im Vertrauen sich uns anschlieBen zu gemeinsamer Arbeit 
an diesem Werk. 

Den Winter tiber hatten wir ungezwungene Zusammenkiinfte, 
wie sie in China auch sonst iiblich sind. Von der Wintersonnen- 
wende bis zur Friihlingstagundnachtgleiche trifft man an jedem 
neunten Tag zusammen. Wahrend der Schulferien konnten wir die 
Aula unseres Seminars fiir diese Zusammenkiinfte benutzen. Die 
Vereinigungen wurden belebt dadurch, dafi mancher der Freunde 
ein aites wertvolles Biid oder sonstige Kunstsch&tze mitbrachte, die 
dann gemeinsam bewundert wurden, Auch VortrSge wurden ge- 
haiten und freundschaftliche Unterhaltungen uber alle moglichen 
Fragen gepflogen. 

Schon friiher war der Qedanke besprochen worden, eine 
chinesische Bibliothek zu griinden, zur Sammlung der Schatze 
chinesischer Literatur, von denen so viele in roher Weise vemich- 
tet wurden wahrend der Sturme der Revolution. Qleichzeitig 
soUte eine Statte geschaffen werden zu zwanglosen Zusammen- 
kunften und zu regelmaBiger Obersetzungsarbeit. Das Qeld dafiir 
kam ganz von selbst zusammen. Die Anregung hatte gerade den 
richtigen Zeitpunkt getroffen. Schon heute ware es viel schwerer, 
eine solche ArbeitsstStte zu begriinden, da inzwischen manche 



'-,.'. ^>'- 



unserer Freimde sich dem staatlichen Leben wieder zugewandt 

haben. -- \t 

Als AbschluB unserer Zusammenkiinfte dieses Winters konnten 
wir die Grundsteinlegung zu der chinesischen Bibliothek feiern, die 
als schmucker Bau in unserem Garten nun der Vollehdung entgegen- 
geht. •) AuBer einer chinesischen Urkunde wurde auch je ein Exem- 
plar unserer Zeitschrift und folgende Worte in dem Qrundstein 
niedergelegt: „Infolge der Revolution des Jahres 1912 sammelten 
sich in Tsingtau eine Reihe der bedeutendsten chinesischen Gelehr- 
ten und Staatsmanner, die gegeniiber den radikalen Versuchen der 
RevolutionSre einig waren in der Erkenntnis, daB auch fiir eine 
kiinftige Gestaltung der Verhaltnisse in China die durch die Meister 
der Vergangenheit geschaffenen Kulturgrundlagen nicht verlassen 
werden konnen. 

Von deutscher Seite kam dieser Erkenntnis der Gedanke ent- 
gegen, daB es im Sinne Christi liegt, zu erfullen und nicht aufzulosen 
und daB, urn wirkliche Beziehungen zwischen Orient und Okzident 
herzustellen, Einigkeit in den hochsten Gtitern der Menschheit und 
Austausch der hochsten Errungenschaften der Geisteshelden beider 
Kulturen das ein^ige Fundament abgeben konne, das lest genug ist, 
den groBen Bau der Menschheit als eines einheitlichen Ganzen zu 
tragen. :. ; 

So ging man denn in gemeinsamer Arbeit daran, eine Statte zu 
schaffen, wo die in der Literatur niedergelegten Schatze der chine- 
sischen Kultur aufbewahrt werden soUen und durch Obersetzungen 
die wichtigsten Dokumente chinesischer und europaischer Kultur 
gegenseitig zuganglich gemacht werden sollen. Im Aufblick zu 
Gott, der diesem Unternehmen seinen Segen verleihen moge, wird 
dieser Bau begonnen zur Mitarbeit an der Einigung der Menschheit 

in den hochsten Gutern des Geistes." 

Richard Wilhelm. 

Literatur. 

Richard Wunsch: Archly fur Relisionswissenschaft. 17. Band. Verl. 
B. Q. Teubner in Leipzis und Berlin 1914. : .;>u 

Wieder liegt ein Jahrgang des ..Archiv fur Religjonswissenschaft" ab- 
geschlossen vor. Zusannnen mit dem Sachregister, diesmal hergesteiit von 
einem neuen Bearbeiter (R. Kohl), umfaBt er 688 Seiten, ganze drei Bogen 
mehr, als der Verlag den Abonnenten fur 18 M. zu Itefern sich verbunden hat. 
17 wissenschaftliche Abhandlungen und 7 zum Teil sdir wnfangreicSie 



•) Anm. der Schriftleitung: Der Bau ist bereits voUendet. 



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- 252 — 

Berichte bilden seinen Hauptinhalt. Solche FQUe des Dargebotenen, das sich 
auf die verschiedensten FeWer <l«s unermeBlichen vom Archiv in Pflege 
genommenen Wissenschaftsgebietes verteilt, schlieBt naturKch fQr den 
Referenten <ite Moglichkeit aus, den ekizebien BeitrSgen diirch Besprechung 
irgend s^redit zu werden. Er muB an diesem Ort sioh daran genOgen 
lassen, sie nur einfach zu verzeichnen. Eroffnet w»rd der Jahrgang mit 
einem Aufsatz von Nathan Sdderblom (Leipzig) „Ober den Zusammen- 
hang hoherer Qottesideen mit primitiven Vorstellungen ', einer kurzen 
Sktzzierung der Ansichten, die der Verfasser weiter au^hrt und begrflndet 
in seinem Buche Qudstrons uppkomst (Stockhohn, Vert von Hugo Qeber, 
1913). Die Entstehung und Entwicklung des Qottesglaubens darf nach ihm 
nicht ausschlieBlich auf Animatismus oder Animismus zuruckgefQhrt werden. 
Neben der Betebung und Beseelung, die nun lange Zeit als vermeintlich 
aUeinige ErkiSrung fur die reii^idsen Vorstellungen und magischm Riten 
haben herhalten mQssen, werden als weitere Qrundvorstelhingen der 
Primitiven geltend gemacht sowohl die Vorstellung eines unpersonlichen 
„Mana" wie die besonders von dem Schotten Andrew Lang (in seiner letzten 
Periode) vertretene Vorstellung eines hochsten Wesens. In den drei groBen 
Kulturkreisen der Menschheit, dem cbinesischen, indisdien und vorder- 
orientalisdi-abeiKllandischen, seien nun aber die primitiven Anf&ige verschie- 
dentlicih weiter gefiihrt worden, so zwar, daB in ietzterem die animistisdie 
Vorstellung zur Erk^uitnis der Qottfaeit als einer wollenden und waltenden 
^ch ausgewachsen, wohingegen in Indien das Qefiihl von ^r gehetmnisvoUen 
Machtsubstanz (Brahman), in China die Ehrfurcht vor dem hohen Urheber 
(Sdiang Ti) vorwaltend geworden seien. — Nur eben genarait seien die fol- 
genden Beitrage von Lewis R. Earn ell (Oxford): Magic and Religion in 
Early Hellenic Society; Eduard K 5 n i g (Bonn): Volksreligion uberhaupt und 
speziell bei den HebrSern; Qerald Camden Wheeler (London): An 
Account of the Death Rites and Eschatology of the People of the Bougain- 
ville Strait (Western Solomon Islands). — Aus dem Russischen von P. 
Q u r i e s , Professor an der geistlichen Akademie zu Kasan, iH)ersetzt 
S. 113 — 124 A. Unkrieg einen Artikel, „Der Lamaismus und seine Bestrebungen 
zur Hebung seines intellektuellen und moraUschen Niveaus", der sich auf die 
von der Mongolei und Tibet, den Zentren der lamaistischen Qlaubensl^re, 
losgerissenen Kalmucken des Wolgagebietes bezieht, wo in den letzten Jahren 
enie gleichzeitig mit dem Erwachen nationaler Bestr^wngen innerhalb der 
Oeistiichkeit einsetzende Bewegung u. a. sogar bereits zur Eroffnung zweier 
lamaistischer „Akademien" gefiihrt hat — Der Artikel „Uber die litauischen 
\ti6s von R. v. M e u 1 e n (Leiden) ist einer der auf dem 4. Intern. KongreB 
fiir ReHgionsgeschichte gehaltenen VortrSge, und was v. d. Meulen nach 
einem 1903 in Chicago erschienen Werke eines Utauischen Forschers fiber 
die geisterhaften Gestalten der Verstorbenen — solche smd unter den V6i68 
des Titels zu versteiien — mitteilt, ist dankenswert als eine Erweite- 
rung unserer diirftigen Kenntnisse der Religionsanschauungen der baltischen 
Volker. Was der Vortrag zeigen will, ist, wie in entlegenen und der moder- 
nen Kultnr wenig zugangltchen Orten die ehemats im groBen und ganzen 
wohl alien indogermanischen Volkern gemeinsamen Ansdiauungen nodi nicht 
gSnztich versoitwimdeii ^nd, so daB hier noch eine (^elle spniddt, aus der 



■ _,'■■. :. — 253 — . _ 

wir die letzteren besser kennen za lernen vermdgen. — Voo A. Marmor- 
s t e i n's duroh Qfinter's Buch ^Die chrtstliche Legende des Abendlandes" 
angeregten Beitrag „Legendenmotive in der rabbinischen Literatur" waren 
funf A'bschnitte schon im vorausf:es:aii2enen Jahrgange des Archiv erschienen. 
(S. meine Besprechung ZMR 1913, S. 347.) Aiich in den vier weiteren kurzen 
Kapiteln (Sprechende Bdume; Das Ei kennen der SchiiM oder Unsctruld durch 
das SUrnblech; Qeld im Stecken; Stillstand der Natur), mit denen diese 
Arbeit Ivter zum AbschluO gelangt, bringt der nicht nur in der jQ<Kscheii Lite- 
ratur wohibelesene Autor weitere interessante ErgSnzung^ zu Giinter. — 
EntKesen der bislang in Qeltung st^enden Meinung, daB der Karneval, wie 
man ihn bei ons besonders im katholischen Rheinland begeht, ans den romi- 
schen Bacchanalien, Hilarien. Luperkalien und Satumalien herstamme. sucht 
deiiselben Carl Clemen („Der Ursprung des Karnevals") als einen Frucht- 
barkeitszauber zu erweisen, wenn audi dem BewuBtsein dieser ursprunglche 
Sitm des Volksfestes ganz und gar nicht mehr gegenwSrtig ist. — E. A. 
StQckelberg (Basel), der schon in emem in der Basler Zeitschrift 
for Qeschichte und Altertumskunde ISKM verdffentlichteii Aufsatze an einem 
charaktertstischen Beispid — S. Euphrosyna von Basel — das iipptge Ranken 
der Legende von den sog. 1 1 000 Jungf rauen verfolgt und 1907 in einer Schrift 
^Die Katakombenheiltgen der Scbweiz" die Katakombenheiligen von den 
histortschen Heiligen zu sondern trnternommen hat, erweist in einem Artikel 
.Eine apokryphe Heilige des spSteren Mittelalters", die Ergebnisse der 
literarischen, urkundlichen, kultischen und ikonischen Uberlieferung zu- 
sammenfassend, die in der Lombardei als Sohutzpatronin der Feidfriichte 
angerufene Jungfrau Eurasia, von Haus aus eine spanische Gestalt, als rein 
legendSre Erschernung, die nur durch menschlk;hen Irrtum in die Schar der 
Heiligen der romisch-katholischen Kirche Aufnaimie gefunden habe. — Von 
aktuellerem Interesse smd die sehr instruktiven Ausfiihrungen iiber „Das 
rcUgidse Problem in China" von 0. Franke (Hamburg), eine Abhandhing, 
von der ich nur bedanere, daB sie vom Veriasser nk:ht der ZMR zum Druck 
Oberlassen worden ist, von derwi samtlichen Lesern sie gewlB mit Dank auf- 
genommen worden w§re. Sie ist zu inhaltreich, als daB daran zu denken 
wfire, tm Rahmen dieses Sammelreierats auch nur ein Resihnee von ihr zu 
g^>en. Nicht un^in aber kann ich, hier die Satze mltzuteilen, mit denen der 
Sinologe des Hambur^ger Kolonialinstituts, der ubrigens den Bestrebungen 
des Allgemeinen evang. - prot Misslonsvcreins gewogen ist, schlieBt : 
„Sioherlich nicht unbeteihgt an der Losung des religiosen Problems will das 
Ohristentum bleibeti. Wenn aber seine berufsmaBigen Verbreiter in 
China meinen, das Feld liege nun freier vor ihnen als friiher, und es sd nur 
noch ibre Aufgabe, es von den verfallenra Trihnmern der einheimischen 
Religionen zu sSubem, die Hire Rolle ausgespielt hStten, so ehrt dies gewiB 
die frohliche Zuversicht ihres Glaubens, spricht aber nicht fiir ein grofies 
MaB sachKcher Erkenntnis. Schwankend und haltlos wie die Formen der 
emheimischen Religionen augenblicklich sein mogen, sie bergen Leb^iskraft 
genng fiir die Bikking eines neuen Organismus; feindlich und eifersuchtig wie 
diese ReUgionen auch emander gegenuberstehen, sie werden immer einig sein 
zur Bekampfung des fremdgearteten Christentums als ihres gemeinsamen 
Gegners. Ob dieses aber, wenn seine politische Ausnahmestelhing schwindet 



7- -.: V-' 



— 254 ~ 

und die anderen Religionen gleiche Lebensbedinzungen erhalten, lediglich 
durch seine innere Uberzeugungskraft imstande sem wird, die Widersacher, 
das ,Iieidentum' und den .Gotzendienst', zu verdr&ngen, die Fra^e wird der 
Unbeteiligte schwerlidi bejahen. Alle begeisterten Schildeningen der 
Missionare diirfen ul}er die wirklichen VerhSltnisse nicfat hinwegtSuschen. 
Wie die neue Religion Ostasiens sich im 20. Jahrhundert gestaiten mag, wird 
kaum jemand vorher kiinden woUen; ernes aber scheint tnir sicher: Das 
Christentum des abemil5ndischen Dogmas wird diese Religion nicht sein." — 
Von I. Scheftelowitz (Coin), dem erstaunlich Produktiven, bringt 
auch dieser Jahrgang des Archivs unter dem Titei „Die Sundentilgung durch 
Wasser" wieder ekien die Belesenheit und den Spureifer des Autors bekun- 
denden Beitrag, eine religionsvergleichende Untersuchung, die lehrt, daB, wie 
Feuer, Blut und Speichel, deren siindentilgende Kraftwirksatmkett zu behan- 
deln der Verfasser einer besonderen Arbeit aufgespart, besonders auch „das 
Wasser itn Exorzismus eine groBe RoUe spielt, und daB die Sihide, da sie im 
prhnitiven Glauben ein damonischer Stoff ist, genau in dersetben Weise wie 
jede andere damonische Besessenheit beseitigt worden ist", eine Auffassung 
von der Siinde, die besonders in denjenigen Reltgionen stark in den Vorder- 
grund trete, in denen der Begriff der Siinde sich bereits nach der ethischen 
Seite hm entialtet habe, weshalb gerade dort das lebhafte Verlangen nacfa der 
Beseitigung der Siinde durch Lustration Oder durch Obertragungvorherrsche 
(S. 412). — Der Untersuchung, wie „die altisraelitische Vorstellung von un- 
rekien Tieren" der vergleichenden Religionsbetrachtung erchekit und wo die 
Quelle fur die diesbezuglichen eigenartigen Verbote zu suchen ist, ist eine von 
Eduard Konig (Bonn) angeregte, die bisherigen Auffassungen vom Ursprung 
dieser Anschaming (besonders in methodischer Htnsicht) kritisierende Arbeit 
von Karl Wi g a n d (Godesberg) gewidmet. — Text und deutsche Obersetzung 
eines Kapiteb aus der tibetanischen Lebensbeschreibung des Guru 
PadmasamMiava gibt Albert Grunwedel's „Eine weibUche bikarnation 
in Tibet". — S. 455 — 475 auBert A. J a c o b y (Luxemburg) sich „Zum Zer- 
stiickelungs- und Wiederbelebungswunder der indischen Fakire", das er wie 
parallele Geschichten in der Zauber- und Hexenliteratur anderer Volker als 
bloBe Sage erweist, nkht als geschickten Taschenspielertrick oder als 
. Hypnotisierungswerk verstanden wissen wilL — „Die vorchristlichen balti- 
-schen Totengebrauche" beschreibend, zeigt W. Co land (Utrecht), daB was 
wir von solchen oft f remdartig und unbegreiflich anmutenden Handlimgen 
und Vorstelkingsweisen bei den alten PreuBen, Utauem und Letten aus Uber- 
lieferungen wissen oder noch heute zu beobachten vermogen, den Toten- 
gebrauchen anderer Volker durchaus analog ist, ein Beleg dafur, daB die 
Menschheit allerorten sich im Grunde gleichen und das Denken aller ihrer 
Glieder von e i n e m Gesetze beherrscht ist. — Die strickte Behauptung des 
Diog«ies Laertius (VIII, 14), daB Pythagoras hn 6. Jrh. v. Chr. als erster in 
Griechenland die Seelenwanderung gelehrt habe, zum Ausgangspunkt 
nehmend, wirft Dietrich F i m m e n (Athen), „Zur Entstehung der Seelen- 
wanderungslehre des Pythagoras", die Frage auf, wie der grtechische Denker 
zu seiner Aufstellung gekommen sei, und findet, daB diese nicht zwar ohne 
fremde Beeinflussung in Griechenland selbst entstanden sein konne, bestimmt 
aber auch nicht, wie u. a. Leopold von Schroder und Richard Garbe woUen, 



- 255 - 

SMS Indien herzuldten set. Hineegen habe Pythagoras, an dessen von antiken 
Autoren bezeugtem Aufenthalt in Agypten nicht zu zweifeln sei, dort horen 
mQssen, daO die menschliche Seele nach Sgyptiscfaem Qlauben Vergeltung fiir 
ttir korperliches Leben eiiahre und daB die Seele des Verstorbenen in 
beliebige andere kdrpertiche Wesen eingehen konne. „Nicht bei der Moglich- 
keit der Annahme neuer Kdrperfomien wie in Agypten, aber bei der GewiB- 
heit dieser Tatsache konnte die neue Verkorperung selbst zu emer Vergeltung 
werden; nicht auf beliebige kurze Zeit, sondern das ganze Leben von der 
Qeburt 'bis zum Tode mufite die Seele emen neuen Korper bewohnen. Diese 
Oberlesungen fuhrten den griechischen Forscher zu emem systematischen 
Ausbau der in Agypten eriialtenen Anregungen und vor allem zu einer 
ethischen Zielsetzung. Was anders konnte der Sinn und Zweok der neuen 
Verkorperungen der Seele sein, als sie durch diese zu lantern? .... Erst 
der schdpferische Qeist des Qriechen hat das QedankengebSude aufgerichtet, 
zu dem sich ein paar Qrundsteine in Agypten fanden." (S. 522 f.). So daB es 
also audi tn diesem Falle nur eben so gegangen wSre, wie auch sonst noch 
ofter in der Qeschichte der griechischen Kultur und Kunst, daB ggyptischer 
FormaUsmus durch lebendigen Qriechengeist zu einem hohen Werte um- 
geschaifen worden ist — Der letzte der diesjahrigen BeitrSge der ersten 
Abteiking der Zeitschrift, „Hymnologica", hat O. W e i n r e i c h (Halle) zum 
Verfasser. — Die zusammenfassenden Berichte der zweiten AbteHung, in 
denen von Vertretern der einzelnen Qebiete kurz, ohne irgendwie Voll- 
stSndigkelt anzustreben, die hauptsSchlichsten Forschungen und 
Fortschritte religionsgeschichtlicher Arbeit m ihrem bescmderen Arbeits- 
bereicbe hervorgehoben und beurteilt werden", beziehen sich diesmal auf die 
Sgyptische Religion 1910 — 1913 (A. Wiedemann, Bonn); die iranische 
Religion 1900 — 1910 (Edv. Lehmann, Lund); die Religion der Japaner 
1909—1913 (Hans Haas, Jena); Neues Testament 1910—1913 (Johannes 
WeiB, Heidelberg); die Religionen der Naturvolker. Allgemeines. 
1910—1913 (K. "Ri. P r e u B , Berlm) ; Religionen der Naturvolker Indonesiens 
(H. H. J u y n bo 1 1, Leiden) ; der indische Buddfhismus 1910—1913 H. 1 d e n- 
b e r g, Qottingen). 

Die Redaktion des Archivs, die alle tiichtigen Krafte m dessen Dienst zu 
zidien weiB. liegt bekanntlich in Philologenh^nden. Man wird es ihr danken 
mussen, daB sie aufkommt fQrdie shortcomings der Thecrfogie. 

Jena. HansHaas. >^ 

Erginzuog. 

In der Besprechung des Speerschen Buches fiber „Das Qiristentum und 
die nichtchristlichen Religionen" Seite 159 f sind Zeale 6, Sedte 160 die Worte 
ausgefallen: von Anfang seines Bestehens an. — Ferner sei, um MiBverstand- 
nissen vorzubeugen, noch erwShnt, daB Spec r als die ursprungliche Religion 
der Chinesen neben dem rohen Animismus auch „einen elementaren 
Moootheismus" (Seite 60) angibt. A. S c h i 1 1 b a c h . - 



Mitteilungen. 

1. Die Jahresversammlung unseres Missionsvereins, die fur den 
21.— 23. Oktober in Jena stattfinden sollte, wird v o r 1 a u f i g 



i- -' ^" ''■- 



- 256 - 

V e r t a g t. Nur wenn ein sehr giinstiger Verlauf des Krieges es ge- 
statten sollte, so wird die Jahresversammlung, aber in schlichtester 
Form, doch in der in Aussicht genommenen Zeit in Jena stattfinden. 
2. Auf zahlreiche Anfragen teilen wir auf diesem Wege unsern 
Freunden mit, daB wir fiber das Ergehen unserer Missionare keinerlei 
Nachricht haben. Die Familien der Europ&er sind aus Tsingtau in 
das neutrale China befordert worden. Uber das Schiclcsal der 
Deutschen in Japan verlautet nichts. 



Verzeichnis der anserer Bibliotbek scit Dezember 1913 

geschenkten Werke. 

Pfr. D. Dr. Kind, Berlin: Warneck, AbriB einer Qeschichte der 
protcstantischen Missionen, 10. AufL 1913. The Cobtinuation Comitee 
Conferences in Asia 1912/1913. Fritz Seeker, Zwischen Yantse und Peiho. 
First Report af tlie Assosiation Concordia of Japan. Sch5fer & Krebs, 
Hilfsbucti fiir den evangelischen Religionsunterrictit. Missionsblatt des 
Allg. Ev.-Prot. Missions ve reins 1910. Naomi Tamura, Wanim heiraten 
wir? J. K. Vietor, Wirtschaftlictie und kulturelle Entwicklung. Merkel, 
Dr. Ernst Faber. — Missionsinspektor Lie. Witte, Berlin: Das 
Senfkom, Ein Jahrbueh der Berliner Mission 1914. Jatirbuch der arztlichen 
Mission I9l4. Jalirbucti der deutschen Kolonien, 6. Jahrg. R. Sobczek. 
Licht und Schatten. Dr. J. Schmidlin, Die katliolischen Missionen. 
Dr. H. Herrmann, Chinesische Qeschichte. Martin Hartmann, 5 Vortrage 
fiber den Islam. Martin Hartmann, Islam, Mission, Politik. Dr. Alfred 
Forke, Die Volker Chinas. Fritz Seeker, Schen, Studien aus einer chinesi- 
schen Weltstadt. Hisho Saito, Qeschichte Japans. Karl Bomhausen, 
Religion in Amerika. W. Haegeholz, Korea und die Koreaner. Martin 
Maier-Hugendubel, Schi tshing. Bilder aus dem chinesischen Volks- und 
Missionsleben. — Pfr. W. Huekel, Lorenzen: Dr. med. Q. OIpp, Die 
arztliche Mission und ihr groBtes Arbeitsfeld. Erich von Salzmann, Das 
revolution^re China. — Pfr. W. Schott, Berlin: Im Kasehmirtal. Aus 
dem Leben von Irene Petrie. J. Hesse, Laotse, ein vorchristlicher Wahr- 
heitszeuge. Basil Mathews, Livingstone der Pfadfinder. Dr. A. Matthes, 
Livingstone zum 100. Qeburtstag des Missionspioniers. Dr. H. Vortisch 
van Vloten, Der Aussitzigen Not in alter und neuer Zeit. SchSfer & Krebs, 
Hilfsbuch fiir den evangelischen Religionsunterricht. — Pfr. Dr. Merkel, 
Qustenfelden: Lie. Qerhard Hauptmann, Animismus und Religion. — 
Oberlehrer Lie. Moldaenke, QroB-Lichterfelde: Die evangelisehe 
Mission in den Kolonien und die Wahrung des konfessionellen Friedens. 



Eingegansene Bficher. 
A. Wessei, Die Bibel in der cliristltehen Gemefaide. Meyersche Buck- 

handlung, DetmoW, 1914, Preis 1,50 M. 
Jahresberfclit der Deutschen KotonialgeseUschafi 1913. Berlin, Afrikahaus, 
i; Am Karlsbad. / i'^ j . . 

Verzetohnls der In der GroBherzogL UnirerdtSts-Bntfiotliek zn GieBen vor- 
handenen Missionsschriften. 2. Ausgabe. QieBen, 1914. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gorlitz, Demianiplatz 28. 



, '''^'■■^t.VriTV' . 



■-■f-arf^- ^'pt^^r"*-^'. ■: 



Unsere Mission in Giina und Japan und der Krieg. 

Von Missionsinspektor Lie. Wi tte. 

Der gegenwartige, riesige Weltkrieg hat alle Werke der freien 
Liebesarbeit, die auf freiwillige Qaben angewiesen sind, schwer ge- 
troffen. So hat auch die Mission jetzt eine harte Zeit. Der Missions- 
betrieb kostet auch wahrend des Krieges vie!. Aber an Qaben geht 
naturgem&B wenig ein. Die vaterlandischen Zwecke stehen allem 
andern voran. 

Unter den deutsch-evangelischen Missionen werden zwei aber 
noch in anderer, schlimmerer Weise durch den Krieg geschadigt, das 
ist die Berliner Mission (Berlin I) und unser Allgemeiner Evan- 
gelisch-Protestantischer Missionsvereins. Beide Missionen mussen 
sich darauf gefaBt machen, daB ihre Anstalten im Kiautschou-Qebiet, 
vor allem in Tsingtau selbst, bei einer BeschieBung Tsingtaus durch 
die Japaner vernichtet werden. Unser Missionsverein hat soeben 
sein schones, neues Dr.-Wunsch-Krankenhaus vollendet. Ebenso ist 
ein neues BibliotheksgebSude, ist der Erweiterungsbau des Serninars 
mit zwei Missionarswohnungen, ist der Ersatzbau fiir die alte 
M&dchenschule eben vollendet worden. Unsere Schu-Fan-Madchen- 
schule steht gerade drei Jahre. Nun wird das alles, samt den alteren 
Bauten, vielleicht in Triimmer gehen. Sollte sich freilich bewahr- 
heiten, was die Zeitungen melden, daB die Japaner Tsingtau nicht 
beschieBen, sondern aushungern wollen, so wurden die Missions- 
gebaude ja erhalten bleiben. Aber was wird sonst an Werten alles 
vernichtet. 

Die Familie unseres Pfarrers D. Wilhelm wird mit den anderen 
Familien ins Innere Chinas abgereist sein. Fraulein Hanna Blum- 
hardt ist seit Juni auf Urlaub in Deutschland. Ob Pfarrer D. Wilhelm 
selbst auch aus Tsingtau fort ist, vielleicht als Begleiter der fort- 
gesandten Familien, wissen wir nicht. Unsere beiden jungen 
Missionare Seufert und Bohner aber sind militarpflichtig und werden, 
mit der Waffe oder im Lazarett, den Heldenkampf miterleben. 

Das besonders Tragische in diesem Kriege ist fiir unsern 
Missionsverein dies, daB es die Japaner sind, die unsere Anstalten 

Zdttchrift fir Misrioaskonde nnd Religiontwissenscluft 29. Jthrgang. Heft 9. 



J-' 



- 258 - 

in Tsingtau zerstoren, die Japaner, unter denen wir seit 30 Jahren 
das Christentum verlciindigen. 

So sind unsere beiden Arbeitsgebiete durch den Krieg auf das 
stSrkste in Mitleidenschaft gezogen. 

Denn auch in Japan steht unsere Arbeit still. Ober das Schicksal 
unserer Missionare in Japan wissen wir nichts. Alle Verbindungen 
sind unterbrochen. Doch haben wir vorlSufig keinen Qrund, fiir sie 
irgend etwas Schlimmes zu fiirchten. Wenn unsere Missionare das 
Drohen des Krieges mit Japan friih genug erfahren haben, haben sie 
sicher in den groBen internationalen Kolonien in Yokohama und Kobe 
Sicherheit linden konnen. Pfarrer Hunziker ist Schweizer und ist 
von dem Krieg also nicht betroffen. Aber wenn es ihnen auch nicht 
mehr moglich gewesen ist, nach Yokohama oder Kobe fahren zu 
konnen, ist fiir sie nichts zu fiirchten. Solche Dinge wie die 
Deutschen in Belgian warden sie in Japan nicht zu leiden haben. 
Dieser Krieg ist in Japan nicht popul^, wie es der gegen RuBland 
war. Das Kriegsmanifest des Kaisers von Japan klingt wie eine 
Entschuldigung. Weite Kreise in Japan, iiber die Kreise der deutsch- 
freundlichen Japaner hinaus, werden sich dieses Krieges schSmen. 
Es ist ja eigentlich gar kein Krieg, der diesen Namen verdient. Es 
ist ein Diebeszug: ein Volk von 52 Millionen gegen die wenigen 
Tausend Deutsche. Und Pranzosen und Engl^der kSmpfen ja auch 
noch mit mit ihren Kriegsschiffen im Osten. Die Japaner fuhren 
ja diesen Kampf auch gar nicht aus sich selbst heraus, sondern auf 
Befehl Englands, mit dem sie verbtindet, und, was noch mehr besagt, 
von dem sie pekuniar stark abhangig sind. Sie sind die Schergen, 
die England vorschickt, um nicht selbst kSmpfen zu miissen. DaB 
das keine wiirdige und ehrenvolle Rolle fiir Japan ist, werden viele 
Japaner fiihlen. Und unsere Japaner, unsere Christen und Ereunde 
werden treu zu uns stehen und werden sich unserer Missionare an- 
nehmen, soviel sie nur kdnnen. 

SoUte der Pobel doch etwas gegen unsere Htuser unternehmen 
und dadurch auch unsere Missionare bedrohen, so wird es nur auf 
Befehl der japanischen Regierung geschehen, die solche Dinge ge- 
schehen zu lassen oder zu verhindern in der Hand hat. Aber es ist 
nicht wahrscheinlich, daB diese Qefahr droht. 

Das sind unsere MutmaBungen iiber das Ergehen unserer 
Missionare. Wie es ihnen wirklich ergangen ist, werden sie uns 
spSter selbst berichten. 



Sii; . -,.'».~.-"rt:^;j^_trP-'\-i^t««i >■ v-^'j . -^vvr - y. ■ y 'i\,y- y . J'*y.'?sw - ~«Sq5!i?>'^» •" V " 



— 259 - 

Wichtiger als diese Frage ist die andere, wie es in Zukunft mit 
unserer Missionsarbeit in Ostasien werden wird. 

Wenn Tsingtau, auch wenn es jetzt von den Japanern er- 
obert wird, nach dem Kriege wieder deutscher Besitz wird, so 
werden wir nach dem Kriege dort genau so weiter arbeiten wie bis- 
her. Bleibt Tsingtau nicht deutsch, so werden wir uns in China ein 
anderes Arbeitsfeld suchen, vielleicht in Tsinanfu oder in Peking 
Oder in Franzosisch-China, falls Deutschland das als Ersatz fiir 
Kiautschou mit Beschlag belegt. Es wird lange dauern, bis unsere 
Arbeit wieder zu solcher Bliite gedeiht, wie sie sich eben noch in 
Kiautschou zeigte. Aber was wir dort geleistet haben, war ja auf 
keinen Fall vergeblich. Es ist dort gebaut worden am Reiche Qottes. 
Und die Wirkungen, die wir auf viele Tausende von Chinesen aus- 
geflbt haben, sind bleibende Frucht fiir die Ewigkeit. Ober das, was 
dort in den vergangenen 16 Jahren geleistet worden ist, wird bald 
einmal eingehend geredet werden. In China ist also fiir die Zukunft 
unserer Arbeit ein freier Weg. 

Wie aber wird es mit unserer Mission in Japan werden? Die 
Ant wort ist klar und kurz: Wir werden in Japan nach 
dem Kriege genau so weiter arbeiten wie bisher. 

Nur zwei Moglichkeiten gibt es, die unserer Arbeit in Japan 
vielleicht ein Ende machen konnten. Die erste ist die, daB die japa- 
nische Regierung unserer Arbeit in Zukunft so groBe Schwierig- 
keiten bereitet, daB wir nicht mehr frei wirken konnen. Es ist sehr 
unwahrscheinlich, daB die japanische Regierung das tun wird. 

Die andere Moglichkeit \&ge darin, daB in Deutschland die Er- 
bitterung gegen Japan so groB wiirde, daB fiir eine Missionsarbeit in 
Japan uns keine Qaben zuflieBen. Dann wiirde ja freilich unser sehr 
opferfreudiger Freundeskreis in der Schweiz gleichwohl die Mission 
in Japan tragen und weiterhin wie bisher unterstiitzen konnen. Aber 
es ware das eine miBliche Sache. Denn, wenn die Erbitterung gegen 
Japan wirklich so groB wiirde, wiirde, auch wenn aus Deutschland 
kein Pfennig fiir Japan gegeben wiirde, unsere ganze Mission unter 
dem Odium zu leiden haben: das ist die Mission, die in Japan 
arbeitet. In dem Falle miiBte man also wirklich emsthaft den Qe- 
danken erwftgen mussen, aus Japan fortzugehen, auch wenn die 
Schweiz bereit ware, die Fiirsorge fiir Japan zu iibernehmen. 

Aber auch von dieser Moglichkeit gilt: es ist hochst unwahr- 
scheinlich, daB sie Wirklichkeit wird. Wenn aber der Fall doch ein- 
treten sollte, daB wir aus diesem Qrunde aus Japan fortgehen 



.^ 



- 260 - 

mQBten, so wSre das ganz besonders schmerzlich zu bedauern. Denn 
dann wtirden wir fortzugehen gezwungen nicht durch den Krieg, 
nicht durch die Japaner, sondern durch den Mangel an christlicher 
Liebe bei den deutschen Christen. Darum ergeht an alle unsere 
Freunde die herzliche Bitte, dazu mitzuhelfen, daB man sich nicht 
von falscher Erbitterung gegen die Japaner beherrschen und fort- 
reifien lafit, sondern daB wir auch den Feinden gegentiber als 
Christen urteilen und handeln. 

Wenn unsere Freunde die zahlreichen Qottesdienste der jetzigen 
Kriegszeit dazu beniitzen, hie und da einmal den Qedanken und 
Empfindungen der Qemeinden auf diesem Qebiet den rechten Weg 
zu weisen, wird es gelingen, die drohende Qefahr abzuwenden, daB 
unser Volk sich hinreiBen l&Bt, den berechtigten Zom Uber das un- 
sittliche und verwerfliche Tun unserer Feinde in HaB ausarten zu 
lassen, der unser Volk daran hindert, zu tun, was vor Qott recht ist: 
es wiirde ein Schaden sein, nicht fiir unsern Missionsverein, auch 
nicht zuerst fiir die Japaner, sondern zu allermeist fiir unser Volk 
selbst. Denn unchristliches Handeln schadigt immer am tiefsten den 
Tater selbst. Und es ware in der Tat ein unchristliches Verhalten, 
wenn man uns zwange, unsere Arbeit in Japan aufzugeben. 

Versuchen wir, im folgenden kurz unsere Stellung zu Japan 
recht zu beleuchten durch das Licht des Evangeliums: 

Zuerst zwei allgemeine ErwSgungen: Wenn man schon ziirnen 
will — und wer ware nicht erziimtiiber unsere Feinde, die dies furcht- 
bare BlutvergieBen verschuldet haben — , dann ziirne man England. 
Denn England hat seit 10 Jahren alle Volker gegen uns gehetzt und 
hat auch jetzt die Japaner als seine Vasallen auf Kiautschou gehetzt. 
Dazu bedenke man, was fiir furchtbare Dinge, welche Verlogenheit 
und tlinterlist wir in dieser Zeit an den christlichen Volkern 
erlebt haben, an dem Zaren von RuBland, an dem englischen 
Ministerprasidenten, an dem Ehrenwort des russischen Kriegs- 
ministers! Wie kann man sich dann noch so emporen, daB das 
heidnische Japan ahnlich handelt? Man hStte sich ja nicht ein- 
mal dariiber wundem konnen, wenn die Japaner ohne Ultimatum 
iiber Tsingtau hergefallen wSren, wo man doch in Belgien all die 
Qreuel erlebte, und sogar das christliche England das schon fertig 
gebracht hat, ein Volk im Frieden zu iiberfallen. Aber freilich, das 
hat man bei uns in weiten Kreisen nie als wahr gelten lassen woUen, 
daB Japan ein heidnisches Volk ist, dem es an den Elementen der 
Sittlichkeit und vor allem an den rechten Qrundlagen der Sittlich- 



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- 261 - 

keit fehlt. Man hat uns so oft s:esas:t: „Die Japaner stehen kulturell 
und sittlich ebenso hoch wie wir. Es ist Unsinn und iiberflussig, in 
Japan Mission zu treiben." 

Jetzt aber, wo sie durch ihr Handeln zeigen, daB es ihnen wirk- 
lich an Sittiichkeit fehlt, schreit man emport, wie infam dies Volk sei. 

Die Mission ist durch dies Handeln Japans nicht uberrascht 
worden. Denn sie hat seit je gewufit, daB der in 60 Jahren schnell 
aufgetragene Lack der europ^ischen Kultur die mittelalterliche Halb- 
kultur, die in Wirklichkeit noch alles beherrscht, nur sehr diirftig 
verdeckt, und daB in Japan wirkliches Heidentum herrscht, ein 
Heidentum, das wohl einzelne Lichtpunkte zeigt, aber im groBen 
ohne allumfassende hochste Ideale und ohne eine allbeherrschende 
Kraft ist: daB es wohl Sterne am Nachthimmel, aber keinen hellen 
Tagessonnenschein in Japan gibt. 

Jetzt kann man vielleicht leichter als bisher den Deutschen klar 
machen, dafi Japan ein heidnisches Land ist. Weil es das ist, haben 
wir bisher Mission dort getrieben und werden sie auch weiter dort 
treiben. 

Japan braucht das Christentum dringend. Immer mehr Menschen 
sehen das ein. Seit 1912 hat die Regierung das mehrfach off en zu- 
gestanden und hat um die Hilfe des Christentum gebeten. Das reli^ 
gi5se, das sittliche, das soziale Elend ist in Japan riesengroB. Weil 
wir das wissen, und well Qott will, daB wir sein Heil, das dem Volk 
allein helfen kann, in Jesu Namen uberall hintragen sollen, wo es 
ndtig ist, darum treibt uns ein Erbarmen mit diesem Volk, ihm auch 
weiter das Evangelium zu bringen. Daran kann kein Krieg etwas 
^dern. Denn der Krieg wird befohlen von einem ganz kleinen 
Kreise einfluBreicher Leute. Aber unsere Arbeit gilt der groBen 
Masse des armen Volkes, das nun zu all dem vielen Schweren, das 
es schon hatte, auch noch das Leid des Krieges tragen muB. Das 
tiefste Motiv aller Missionsarbeit, das religiose, bleibt genau das 
gleiche Japan gegenuber nach wie vor dem Kriege. 

Nehmen wir aber nun einmal an, wir wtirden aus Japan fort- 
gehen. Was wurde die Folge sein? 

Alle unsere Christen und Preunde in Japan wtirden an der Echt- 
heit unseres Christentums und an der Aufrichtigkeit unseres bis- 
herigen Wirkens irre werden. Man bedenke: 30 Jahre lang hat unsere 
Mission vOUig ungestort in Japan gearbeitet, hat vom Volke Achtung, 
von der Regierung Anerkennung und Ehre, von ihren Freunden viele, 
groBe Liebe erfahren. 30 Jahre lang hat man uns alle Freiheit ge- 



^i 



- 262 - 



wShrt, hat nie den geringsten Druck auf uns ausgeubt. Und jetzt, wo 
zum ersten Male eine Schwierigkeit eintritt, wo zum ersten Male 
V i e 1 1 e i c h t ein Leiden iiber uns kommt, da sollten wir sogleich 
fortgehen? Sollten all die Freunde einfach im Stich lassen? Wir 
haben 30 Jahre g e r e d e t von der Liebe, die nicht das Ihre sucht, 
die verzeihen kann, die selbst dem Feinde gilt. Und nun, wo es zum 
ersten Male gilt, diese Liebe zu beweisen durch die Tat, sollten wir 
fortgehen? Wiirden unsere Freunde und Christen da nicht mit 
Recht sagen: Sie haben wohl von der Liebe geredet, aber sie iiben 
sie nicht? Und wiirden nicht die buddhistischen Priester mit Hohn 
laut in die Offentlichkeit rufen: alles, was sie euch von der Ober- 
legenheit des Christentums gesagt haben, das nicht Theorie, sondem 
Tat sei, das machen sie selbst zuschanden? 

Die russisch-orthodoxe Mission ist im Jahre 1904 nach dem 
russisch-japanischen Kriege in Japan geblieben und hat noch heute 
ein bluhendes Werk. Und unsere evangelisch-deutsche Mission 
sollte aus Japan fortgehen? 

Wir uben in dieser Zeit doch sogar an den Belgiem, Franzosen 
und Russen Feindesliebe. Wir pflegen nicht nur ihre Verwundeten, 
wir sorgen sogar fiir jeden Feind, der in Deutschland brotlos ist. 
Wir tun keiner belgischen Frau, keinem Kind etwas Boses, sondem 
sind hoflich und hilfsbereit gegen sie. Und dann sollten wir nicht 
ebenso auch den Japanern zeigen, auf welcher Hohe deutsch-evan- 
gelische Sittlichkeit steht? AUer Augen achten in Japan jetzt auf 
uns: Da gilt es zu zeigen, welche Vornehmheit des Edelsinns 
deutsch-evangelisches Wesen kennzeichnet. Wir tun es nicht aus 
Schwache, nicht aus Liebedienerei gegen Freunde, sondem voll 
Stolz als Deutsche: mogen sie daran lemen. 

Jetzt, wo sie an England und Frankreich wahrlich nicht viel 
Edles, Sittlich-Erhebendes leraen konnen, soUen sie doppelt an uns 
lemen. Aus der Emporung iiber Japans unsittliches Handeln leuchtet, 
soweit sie echt ist, doch der Wunsch heraus, Japan mochte in 
Zukunft an uns sittlich, vomehm handeln. Wiinschen wir das, dann 
miissen wir eben nun erst recht ernst und intensiv durch Beispiel 
und Wort an der sittlichen tiebung Japans arbeiten. Nur dann, 
wenn es nun in Zukunft ganz tief durchdrungen wird mit den Krftften 
christlicher Sittlichkeit, wird Japan in Zukunft sittlich handeln. 

Es ist das hochste i d e a 1 e Ziel, daB die Menschheit, alle ein- 
zelnen und alle Volker, sittlich handeln lemen. Und wir mussen das 
auch um unseres Ergehens willen wHnschen, daB sie sitt- 



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— 263 - 

lich handeln: darum, urn unsere iiberlegene Sittlichkeit zu beweisen 
und an dieser hohen Aufgabe nun erst recht wirken zu konnen, 
bleiben wir in Japan. 

SchlieBlich kann es aber gar nicht anders sein, als daB das 
Qute auch das Qutes-Wirkende, also ins QroBe gesehen, auch das 
NQtzliche ist: unser Dableiben, das aus sittlich-religiosen Qrunden 
erfolgt, liegt auch im nationalen Interesse. Japan geht jetzt mit 
England, well es in Engiands Pahrwasser ist. Englands EinfluB be- 
herrscht Japan. Es gibt in Japan auch Kreise, die deutschfreundiich 
sind. Aber der deutsche EinfluB ist nicht so groB, daB er die Ober- 
hand hat. Das liegt zum Teil daran, daB von deutscher Seite viel zu 
wenig geschehen ist, um in Japan deutschen EinfluB zu verbreiten. 

In den letzten Jahren war das anders geworden. Von vielen 
Seiten bemuhte man sich, den kieutschen EinfluB )in Japan zu 
st&rken. Nun erkannte man auch, endlich, wieviel fiir diesen Zweck 
unsere Mission wert ist. UnlSngst erst schrieb die „Deutsche 
Japanpost", im Jahre 1913 sei die Einweihung unseres Studenten- 
heims in Tokio das Ereignis gewesen, das fiir die Ausbreitung des 
Deutschtums in Japan die weitaus gr5Bte Bedeutung gehabt habe. 
Alle diese Bestrebungen haben es diesmal noch nicht hindern konnen, 
daB Japan England folgt. Aber wenn wir nun aus Japan fort gmgen 
— die einzige deutsch-evangelische Missionsgesellschaft — , so wurde 
Japan ganz dem angelsSchsischen EinfluB und der englischen Politik 
ausgeliefert. Das konnen wir auf keinen Fall wiinschen. Das konnen 
wir auch als Missionsgesellschaft nicht wunschen. Denn wenn 
Deutschland in Japan Ansehen und Freunde hat, kommt das auch 
den religiosen Zielen unserer Arbeit zugute. Und wir konnen 
wirklich auch nicht wunschen, daB das deutsche Qeprage des 
Christentums in Japan fehle. 
I Darum miissen wir dort bleiben. Es gilt, uber das Heute und 
Morgen hinwegsehen auf die groBen Aufgaben der weiteren Zukunft. 
Ein schdneres Ziel wiinschen wir der Menschheit, als nur 
blutgetrfinkte Schlachtfelder, Qrausamkeit, Falschheit und HaB. Die 
Liebe Qottes in Jesus soil und wird herrschen auf der ganzen Erde. 
Daran, daB Qottes Reich in Japan Wirklichkeit wird, in China und 
uberall, wollen wir auch in Zukunft an unserem Teil welter mit 
arbeiten. 



M 



- 264 - 



Der Buddhismus in seiner Bedeutung fiir die gegenw&rtige 

religi5se Krisis in China. 

China macht seit einigen Jahren eine gewaltige Krisis durch, 
wie es eine solche in dieser Weise, so weit umfassend, alle Lebens- 
gebiete ergreifend, jedenfalls noch nie erlebt hat. Jahrtausende iang 
dieselbe stabile Kultur, ein Beharren in alten Formen, ein Konser- 
vatismus extremster Art, fUr so lange Zeit wohl einzig dastehend 
in der Weltgeschichte. Es ist ganz erstaunlich, wie Sprache und 
Religion, offentliches und hMusliches Leben, Sitten und Qebrftuche, 
die ganze Denk- und Qesinnungsweise wdhrend Jahrtausenden sich 
in dieser Weise haben gleich bleiben konnen. Das war nur mdglich 
durch die isolierte Lage, die China von vomherein von jeglichem 
unmittelbaren Wettbewerb mit anderen Kulturnationen ausschloB. 
Es war seit jeher von Volkern umgeben, die kulturell tief unter 
ihm standen, von denen es nichts lernen konnte, die es im Qegenteil 
seiner Qesittung allmahlich assimiliert hat. 

Nun fing Europa an, in immer heftigerer Weise an die bis dahin 
fest verschlossenen Pforten Chinas zu pochen; widerwillig und nur 
langsam wurde eine urn die andere geoffnet. Niederlagen, nationale 
Notstande und Verarmung, das Beispiel des so uberraschend zur 
Weltmacht gewordenen Japan bewirkten, daB europ&ische Denk- 
weise und die Erzeugnisse moderner Technik mit Macht in China 
eindrangen, eine vdllige Umwdlzung in den Kopfen der Chinesen 
hervorriefen, oft allerdings nur unter heftigen Protesten ungez^lter 
Altgesinnter. Je kraftvoller eine alte Oberiieferung, je mehr sie den 
Leuten in Fleisch und Blut iibergegangen ist, desto grofier muB ganz 
naturgemaB der Widerstand gegen das Neue werden, desto schmerz- 
licher der Zusammensturz von vielen liebgewordenen Sitten und 
Qebrauchen beruhren. Es wundert uns nur, daB es so rasch ge- 
gangen, obwohl nicht zu leugnen ist, daB wohl der neue Qeist noch 
lange nicht das ganze Volk, besonders nicht die Bauernschaft, die 
inneren Provinzen affiziert hat; da geht's bekanntermaBen bald 
gliicklicher-, bald bedauerlicherweise immer viel langsamer. Doch 
da, wohin Europas und Amerikas Einfliisse reichen, dringt jetzt alles 
ein, was irgendwie bei uns Qeist und Seele der Menschen be- 
schaftigt. ZunSchst laBt sich nicht leugnen, daB durch die neue 
Empf^glichkeit, soweit man von einer solchen reden kann, auch 
der Missionsarbeit neue Turen sich offnen. Die Srztliche Mission, 
die SchultStigkeit linden viel Anerkennung und Wtirdigung in 



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- 265 - 

chinesischen Kreisen, und die 2^hl der Obertritte zum Christentum 
nimmt doch eher zu. Qerade das letzte Jahr hat wenigstens zeit- 
weise das Christentum in sehr freundliche Beziehungen zu den 
leitenden Kreisen der chinesischen Republik gebracht eine Reaktion 
blieb allerdings beidseitig nicht aus. DaB ttberhaupt eine sogenannte 
Republik gegrttndet werden konnte, das ist doch lediglich euro- 
pflischen oder eher amerikanischen Einfltissen zuzuschreiben, ^ie 
denn sogar das Modernste, Extremste in unserer Hyperkultur 
manchem Chinesen noch zu wenig modem ist. Es gleicht China 
heutzutage in mehr als einer Beziehung einem wahren Hexenkessel. 
Die Erauenbewegung, die Stimmrechtlerinnen, die freie Liebe, der 
Monismus eines Haeckel und Ostwald, die sozialistische Propaganda, . 
die Autorit&tsstiirmer, anarchistische Strdmungen linden ihre Ver- 
treter. Eine furchtbare Verwirrung hat viele Kopfe ergriffen, wie 
es nicht anders zu erwarten ist, wo auf einmal ganz neue Welten 
sich 6ffnen, wo die Sucht nach Neuem, Ungewohntem so viele 
Qeister in Dunst und Nebel htiUt. 

Leicht aber iibersieht man, daB das neue Leben nicht einem 
Nichts begegnet, sondern einer festgewurzelten Kultur, zShen, alten 
Oberlieferungen, Vorstellungen, Qlaubensanschauungen. Sie konnen 
wohl in der Sturm- und Drangzeit in den Hintergrund gedrHngt 
werden, ja es mag scheinen, sie hdtten sich nur deshalb erhalten, 
weil sie eben von der frischen Luft hermetisch abgeschlossen ge- 
blieben, und sie seien zusammengebrochen, wie einst Rousseaus 
Leiche, als sein Sarg geoffnet wurde. Doch dem ist nicht so. Das 
Alte regt sich wieder, dafiir war schon Japan ein starker Zeuge und 
ist es geblieben bis jetzt, und auch in China zeigt gerade die neuste 
Entwicklung, daB eine Bewegung im Qange ist, den Konfuzianismus 
zur Staatsreligion zu erheben. Es ist eine unleugbare Tatsache, daB 
dieser das stdrkste Bollwerk ist, an d^ die Wellen der modernen 
Kultur wie des Christentums sich noch lange brechen werden; mit 
Ihm haben sie sich in allererster Linie auseinanderzusetzen. Die 
ganze chinesische Kultur ist gleichsam durch den Namen des Kon- 
fuzius reprasentiert. Aus dem Bilde, das unlSngst Herr Prof. D. 
Bomemann in seinem gedruckten Vortrage iiber Meister Kung ge- 
geben hat, gewinnen wir den Eindruck, dafi es sich doch um eine 
nach mancher Hinsicht sympathische, groB angelegte Persdnlichkeit 
handeit. Er war kein selbstandiger, tiefer Denker, sondern, wie 
er von sich selbst sagt, ein Oberlieferer, kein Schfipfer. 






- 266 - 



In der Riickkehr zu den monarchisch-patriarchalischen Lebens- 
formen des Altertums sah er den einzig mdglichen Weg zur Rettung 
seines Volkes. Religioser Spekulation blieb er abhold und gab da- 
durch seinem Volke etwas Niichternes, Trockenes, eine stets mehr 
aufs Praktische bin tendierende Art. Zum ersten Male war durch 
ihn dem Volke ein greifbares Ideal gegeben worden, das zwar keine 
Anspannung des Qeistes voraussetzt, das nicht im Hochfluge den 
Menschen emporhebt fiber seine Natur und die irdische Wirklichkeit, 
ein Ideal, das den starrsten Ritualismus und den druckendsten 
Fomialismus im gesellschaftlichen Verkehre forderte. Doch gerade 
deshalb, well das, was Meister Kung lehrte, dem Durchschnitt ange- 
messen war, ist es eine Richtschnur fur das sittliche Handeln un- 
gezShlter Qeschlechter ge worden. Weil dann doch, eigentlich ent- 
gegen dem Willen des Meisters, in der Menschenseele das Bedurfnis 
nach Anbetung sich als unaustilgbar erwies, wurden uberall seit 
langer Zeit Konfuzius selber religiose liuldigungen entgegengebracht. 
Sein System, seine Lebensart blieben die Sphere, in der bis auf den 
heutigen Tag Chinas Volker alle ihre Impulse zu ihrem Sinnen, 
Denken, Reden und Handeln gewinnen. 

Doch sind wir von frtih auf gelehrt worden, daB es in China 
auch Buddhisten gebe, oder vielmehr, daB die Chinesen auch 
Buddhisten seien. Vom Buddhismus denken wir alle groB, als einer 
der machtvollsten geistigen Bewegungen der Menschheit. Wir 
wissen auch, wie er im letzten Jahrhundert begeisterte Verehrung 
sogar in Europa gefunden hat. Das fuhrt uns nun nach den voran- 
gegangenen einleitenden Darlegungen zu der von uns gestellten 
Prage: Wie steht es eigentlich mit dem Buddhismus in China, warum 
ist er beim Zusammenprall von alter und neuer Zeit fast nie genannt 
worden? Hat das besondere Qriinde oder ist das nur zuflllig? 

Es wiirde zu weit fiihren, hier eingehender von den Ursprungen 
des Buddhismus zu reden, doch einige Hauptpunkte muB ich zur 
besseren Orientierung doch anfuhren. 

Der Buddhismus ist in Indien aus tiefem Pessimismus heraus 
gegenuber aller Kultur, aller Arbeit, allem Lebensgluck geboren 
worden. Die selbstverstandliche Voraussetzung seiner Lehre ist 
das Samsara, die Seelenwanderung. Aus dem unseligen Kreis der 
Wiedergeburten die Welt zu erlSsen, sie zu befreien von den 
immer wiederkehrenden Leiden, von Schuld und Sorge, Qeburt und 
Tod, das ist sein einziges Ziel. Streng herrscht nach ihm das Qesetz 
der Kausallt&t. Was wir sind, ist die Frucht dessen, was wir in 



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einem fruhern Leben getan haben. AUe Taten haben fur den 
Menschen ihre entsprechenden Folgen. Aus den BetStigungen des 
KSrpers wie der Seele geht das Karman, die Tat und das Werk, her- 
vor. Leib und Seele vergehen im Tode, aber das Karman bleibt, 
das, was er Qutes oder Boses vollbracht hat. Aus diesem geht 
immer wieder eine neue Existenz hervor, je nach dem Vorleben eine 
hdhere oder niedere, im Himmel oder in der Holle; aber in jedem 
Falle ist leben, existieren zu miissen fur den Buddhisten ein Leiden. 
Von diesem Boden aus verkiindigte Buddha seine vier bekannten 
Qrundwahrheiten: Leben ist Leiden, jedes Leiden hat seine Ursache, 
die Ursache des Leidens kann gehoben werden und es gibt einen 
achtfachen Weg dazu. Wer diese vier Wahrheiten erkannt hat, dem 
winkt das Nirvana, das Erloschen, wobei die Buddhisten es als 
Ketzerei betrachten, sowohl zu lehren, daB Nirvana Vernichtung, als 
auch, daB es keine Vernichtung sei. Pur Buddha haben die Qotter 
keine Bedeutung, er ist prinzipiell Atheist. Die Existenz der Qotter 
leugnet er nicht, aber sie sind genau wie die Menschen der Seelen- 
wanderung unterworfen, kein Qott kann den Menschen helfen, sie 
mflssen sich selber erldsen. 

Von Anfang an ist der Buddhismus eine Monchsreligion ge- 
wesen, negativ gerichtet, lebensfeindlich. Die Qemeinde bildete 
einen Bettelorden mit Klostern; die Monche gingen von Haus zu 
Haus, sich Nahrung zu heischen. Ein hoher sittlicher Ernst war dem 
ursprunglichen Buddhismus eigen, das drtickt sich schon in den zehn 
Hauptgeboten aus: Kein Leben zerstdren, nicht stehlen, Qeschlechts- 
genuB vermeiden, nicht liigen, nicht berauschende Qetr^nke trinken, 
nur einmal tSglich essen, sich aller weltlichen Vergniigen enthalten, 
keinen Schmuck tragen, auf einem harten, niedrigen Lager schlafen 
und in freiwilliger Armut leben. AUe Obertreibungen im Asketen- 
tum wurden zuriickgewiesen. Das Hauptgewicht wurde auf die 
Arbeit am eigenen Innern gelegt, auf unabl^sige Selbstzucht, auf 
Beherrschung der Sinne und Wachsamkeit. Meditation, Selbst- 
hypnotisiening, Eksfase, das sind drei Stufen, die die Qefahr der 
Wiedergeburt mindern. Eine hohe Sittlichkeit mit groBen, edeln 
Impulsen und Qedanken (Betonung der rechten Qesinnung, Mitleid 
mit den leidenden Kreaturen, Feindesliebe, freundliche Qiite und 
Barmherzigkeit) steht in seltsamem Widerspruch zu der Qrundauf- 
fassung dieser Lehre, daB weder Familie noch Qesellschaft und Staat 
einen Wert haben. Erinnern wir uns nur an die buddhistische 
Sentenz: AUe Schmerzen und Klagen, alle Leiden in der Welt 






- 268 — 



kommen durch das, was einem lieb ist, wo es nichts Liebes gibt, ent- 
stehen sie auch nicht. Darum sind freudenreich und von Schmerzen 
frei die, die nichts Liebes in der Welt haben. So steht der ursprflng- 
liche Buddhismus vor uns als eine grofiziigige, in die Tiefe fuhrende 
Welt- und Lebensanschauung, getragen von einer edeln, bedeuten- 
den Personlichkeit, von der durch Jahrhunderte eine weit reichende 
Wirkung ausgehen mufite. Diese Anf^ge muBten wir wenigstens 
in ihren Umrissen uns in Erinnerung rufen, um eher ein Bild zu ge- 
winnen, was aus dem Buddhismus spSter geworden ist. 

Nicht lange nach Buddhas Tod kam es zur Bildung des Kanon 
der buddhistischen Kirche, des sogenannten Tripitaka (chinesisch: 
Santsang). Bald bildeten sich dann Spaltungen, die sich zundchst 
um die Sprache des Kanons drehten, bald aber eine tiefere Be- 
griindung erkennen lieBen, da man sich in bezug auf die Lehre nicht 
einigen konnte. 

Nach den Lehren des Sltesten Buddhismus hatte nur der ein 
Recht auf Erlosung, der sich der Ordensregel unterwarf, mit anderen 
Worten der Mdnch. Danach waren die meisten derer, die nach Er- 
Idsung von allem Weltiibel sich sehnten, von den hdchsten Stufen 
der Wiedergeburt wie des Nirvana ausgeschlossen. Diesem Mangel 
suchte die sogenannte Mahayanaschule zu begegnen. Mahayana be- 
deutet groBes Vehikel im Unterschied von Hinayana, kleinem 
Vehikel, der Lehre des Slteren, sudlichen Buddhismus. Die 
Mahayanalehre setzt sich zum Ziele, alien zu helfen, daB sie die so- 
genannte Bodhisatvawurde erlangen. Unter einem Bodhisatva ist 
ein erleuchtetes Wesen zu verstehen, das die hochste Erkenntnis ge- 
wonnen hat. Es ist die Vorstufe der Buddhawiirde. Wer ein Bodhi- 
satva Oder Pusa werden mochte, mufi die Einsicht erlangt haben, 
dafi die Erscheinungswelt und das Dasein in ihr nichts welter ist als 
eine leere Illusion. Wer soweit gekommen ist, hat zugleich Macht 
Qber die Illusion. Sein Wort wird zum Bannwort. Wir stehen hier 
an der Schwelle, wo der Buddhismus in Zauberei umschlagen wird. 

Nachdem es nun ungemein leicht gemacht worden, den Weg 
zum Heile zu finden, §nderte sich auch das Ziel der Erldsungssehn- 
sucht. Das Nirvana blieb allerdings das letzte Ziel der wenigen 
AuserwShlten, die streng nach der Ordensregel lebten; fur die Laien, 
die ein tugendhaftes Leben fiihren wollten, ohne daB sie die Ordens- 
regel auf sich nahmen, entstand die neue Lehre von einem west- 
lichen Paradies, wo der Buddha Amitabha thront. Damit begann 
die Periode religidser Zugestfindnisse, die zu einer schrecklichen 



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Ver&uBerlichung einer anfangs hochstehenden, ernste Verinner- 
lichung sich zum Ziele setzenden Religion gefiihrt Iiat. QewiB hat 
das dem Buddhismus zu einer gewaltigen Ausbreitung verholfen, 
aber wer wollte nicht dabei das Wort Jesu auch auf religiose Ktmpfe 
anwenden: „Was hiilfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt 
gew&nne, litte aber Schaden an seiner Seele", wer wollte nicht auch 
an bedenkliche Analogien sich erinnern, die zu verschiedenen Zeiten, 
vor allem nach Konstantin, das Christentum dem heidnischen Volke 
mundgerecht machen woUten? 

Dieser stark verSuBerlichte, auch verSnderte Buddhismus hat 
zu der Zeit ungef&hr, da Jesus und die Apostel lebten, auch an die 
Pforten von China geklopft. Die Art semer Einfuhrung in China, 
wenigstens der, der ins heUe Licht der Qeschichte f^Ut, ist eine ganz 
einzig dastehende Tatsache der Weltgeschichte. Es war im Jahre 
61 n. Chr., da hatte der Kaiser Mingti einen merkwiirdigen Traum; 
in sehien Fieberphantasien sah er einen Riesen vor sich, der ihm 
befahl, die vollkommenste Lehre zu suchen. Sobald der Kaiser die 
Qesundheit wieder erlangt hatte, beschlofi er, dem im Traume er- 
haltenen Befehl sofort nachzukommen. Eingedenk der Worte des 
Konfuzius, daB der Heilige von Westen kommen sollte, sandte er 
seine Boten in der Richtung nach Westen. In Indien wurden sie 
freundlich aufgenommen und wurde ihnen der Buddhismus als die 
eine „vollkommene" Lehre hingestellt. So kam im Jahre 67 n. Chr. 
der Buddhismus nach China. 

Was traf er an, es ist die gleiche Erage, wie die der heutigen 
Zeit: Mit welchen Qeistesm^chten haben wir zu rechnen? 

Einmal den Kultus des Shangti, des hochsten Qottes, den ohne 
Zweifel in den iltesten Zeiten das gesamte Volk iibte. Damals war 
er das ausschlieBende Vorrecht des Kaisers geworden. Man hatte 
es schicklich gefunden, wie es heutzutage noch der Fall ist, daB 
derjenige, welcher hienieden iiber die Erde herrscht, auch allein 
wurdig ist, seine Verehrung demjenigen darzubringen, welcher im 
Himmel uber die ganze Erde seine AUmacht ausiibt. Der gesell- 
schaftlichen Stufenleiter auf Erden entsprach eine ahnliche Stufen- 
leiter im Himmel, und die Menschen jeder Sprosse der ersteren 
richteten ihre Qebete an die Qottheiten der entsprechenden Stufe 
im Himmel. Darum beschrSnkten sich die HSupter der Familien, 
ihre Anbetung ihren Vorfahren entgegenzubringen und sich dadurch 
ihres Schutzes zu versichern. Irgendwie ethische Motive kamen 
dabei nicht in Betracht, von Schuldgefiihl, von einem Bedurfnis nach 



?^ 



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Erlosung ist keine Rede. Der Ahnenkultus, dieser an und fiir sich 
schone Ausdruck kindlicher Liebe, ist eben nicht gut tnit dem Qe- 
danken zu vereinen, daB im zukiinftigen Leben Vater und Mutter 
bestraft werden konnten. Es scheint nun aber doch, daB diese ur- 
spriingliche Religion, der mit ihr verbundene Aberglaube, sowie das 
taoistische Zauberwesen das religiose Qewissen nicht zu befriedigen 
vermochten. Es war selbst fiir die niichternen Chinesen zu ode, zu 
diirr, was sie aus eigener Kraft an religiosen Qedanken und An- 
schauungen batten hervorbringen konnen. 

Der Buddhismus kam allerdings mit weit stSrkeren religiosen 
KrSften, und wurde er darum zuerst mit der groBten Begeisterung 
aufgenommen. Freilich muteten die Lehren von der Seelenwande- 
rung, der langen Reihe der stets sich erneuemden Qeburten die 
Chinesen zunachst sehr fremd an. Aber das ist nun wichtig, der 
Buddhismus muBte nicht alte Lehren verdr^gen, er fullte eine Liicke 
aus, hatte doch Konfuzius uber diese Fragen sich folgendermaBen 
geSuBert: „Du weiBt nicht, wie du den Menschen dienen sollst, wie 
solltest du wissen, wie du den Qeistern zu dienen hast, du kennst 
das Leben nicht einmal, wie solltest du den Tod kennen." Und doch, 
es lebte auch im Innersten der chinesischen Volksseele ein Ver- 
langen, klarer zu sehen und zu einer belebenden Hoffnung, zu tieferen 
Lebenszielen zu kommen. Verglichen mit der trockenen, phantasie- 
armen Volksreligion, verglichen mit der oft so formalistischen Moral 
des Konfuzius, bedeutete im Anfang unstreitig der Buddhismus einen 
Fortschritt. Wer kann wissen, was aus ihm geworden wire, ob er 
nicht weit tiefere Wurzeln hStte fassen konnen, ob er nicht im- 
stande gewesen ware, das religi5se Denken Chinas zu entwickeln 
und zu fordern, wenn er auf so gunstigen Boden wie in Japan ge- 
fallen ware. Erst im Jahre 335 erhielten Chinesen das Recht, sich 
in die buddhistischen Monchsorden aufnehmen zu lassen. Sofort 
entstanden zahlreiche Kloster, eine Menge indischer Schriften wurden 
ins Chinesische iibersetzt, Pilger zogen nach Indien, das man nun 
als das heilige Land zu betrachten begann. AUein bald fehlte es 
nicht an Angriffen, es kam zu Verfolgungen, namentlich dem Kon- 
fuzianismus war der Buddhismus stets ein Dom im Auge. Auch 
heute ist er nur geduldet, wie wir das spater noch eingehender aus- 
fiihren werden. 

Der einheimischen chinesischen Religion hatte seit jeher die An- 
schaulichkeit gefehlt; diesem Mangel vermochte jetzt der Buddhis- 
mus mit seinem unerschopflichen Legendenschatze und seinem aus- 



Hf-'-- ■' " ■'■" ' \ -,■: •'^!^;''n'?^w?.;'iaf-77^^ 



- 271 - 

gebildeten Q6tter- und Bilderkultus grundlich abzuhelfen. Vor 
allem aber lag dem Volke zu alien Zeiten das Wohl und Wehe seiner 
verstorbenen Vorfahren am Herzen, da ja von ihrem Segen oder 
Fluch sein eigenes Schicksal in hohem MaBe bedingt erscheint. 
Doch wie, wo leben die Abgeschiedenen fort? Alt-China wuBte 
darauf keine Antwort. Da akkommodierte sich der Buddhismus an 
die herrschende Ahnenverehrung und gah andererseits dem vagen 
QIauben einen konkreten Inhalt. Er verband damit die ihm eigen- 
ttimlichen Lehren von der Seelenwanderung und den Wieder- 
geburten, sowie die Lehre vom Paradies und der Holle. 

Von groBer Bedeutung wird der Glaube an das westliche Para- 
dies mit der VerheiBung ewiger Freuden. Diese Aussicht sagte natiir- 
lich dem naiven Volksempfinden mehr zu, als die urspriingliche, so 
herbe Lehre Buddhas vom Nirvana. Dieser Qlaube ans Paradies 
und den darin thronenden Buddha Amitabha ist dann auch fast voUig 
an die Stelle der alteren Lehre getreten. Er wird freilich nicht von 
alien Buddhisten geteilt. Es gibt auch Sekten, die sich mehr an die 
urspriinglichen Formen halten. Die Sekte, die gleichsam der neuen 
Lehre Patenstelle vertreten hat, ist die Tsingtu-, japanisch: Jodo- 
sekte. Es gilt in ihr besonders verdienstlich, unzahlige Male den 
Namen Amitabha in seinen chinesischen Formen am Rosenkranz 
herunterzubeten. Im Paradiese wieder geboren zu werden, erscheint 
als das hochste erreichbare Qltick; wer dies Ziel erreicht hat, ist fiir 
alle Ewigkeit von dem Wechsel der Wiedergeburten erlost. 

Die Buddhisten verwenden diesen QIauben, der iibrigens auch 
im Taoismus eine Rolle spielt, in der Weise, daB sie besondere Toten- 
messen veranstalten, auf die wir spater noch zuriickkommen 
miissen, die nur den Zweck haben, die abgeschiedenen Seelen aus 
den Banden der Holle zu befreien und geradewegs ins Paradies zu 
leiten. Dies half dem Buddhismus zuerst zu gewaltiger Popularitat 
und verschaffte ihm spater doch immer wieder Duldung, indem 
selbst strenge Konfuzianer in Todesfallen Zuflucht zu den Buddhisten 
nehmen. 

Wie sehr der Buddhismus in China ein neues Gewand bekam, 
zeigt sich darin sehr deutlich, daB er sich aus seinem Atheismus zu 
einer ausgepr&gt polytheistischen Religion umwandelte: Da ist es 
einmal die buddhistische TrinitSt: Buddha, Amitabha, Kwanym und 
dazu dann noch der Buddha der Zukunft: Maitreya. Die Qottin 
Kwanyin kann besonders klar den VerwandlungsprozeB darlegen. 
Zuerst mfinnlich vorgestellt, wurde sie immer mehr als weibliche 



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— 272 — 



Qottheit geschaut. Nach Buddhas Meinung ist jeder Mensch der 
Schopfer seines eigenen Heiles. Er gelangt dazu durch die Erlcennt- 
nis: Alies ist eitel, auch die Qotter k5nnen nicht helfen, sie sind ja 
selber der Wiedergeburt unterworfen. Das Erlosungswerk Buddhas 
beschrankte sich darauf, den Weg zu dieser Erkenntnis bekannt 
zu machen und die Menschen durch Beispiel und Lehre zu veran- 
lassen, diesen Weg des Heils selber zu gehen. Der Chinese hatte ein 
anderes Verlangen als nur Erkenntnis zu gewinnen, er sehnte sich 
nach Hilfe, sich selber hielt er zu schwach. Auch erschien Buddha zu 
weit weg, zu hoch iiber die Menschen erhaben, als daB man direkt 
zu ihm zu beten sich getraute. Es stellte sich etwas dhnliches ein, 
wie im Judentum und Christentum. Mittelinstanzen wurden per- 
sonifiziert, die bereit sind, erbarmungsvoil sich zum hilfesuchenden 
Menschen herabzuneigen. Dieses Postulat der religidsen Sehnsucht 
der Chinesen land seine Erfiillung in der Ausgestaltung der Ver- 
ehrung der Kwanyin, der Qottin der Barmherzigkeit, unbedingt eine 
aus gleichen psychischen Voraussetzungen hervorgegangene 
Parallelerscheinung zum katholischen Madonnendienst. 

Stark nahm die Reliquienverehrung liberhand, ihnen zu Ehren 
wurden prachtige Pagoden erbaut, von denen der Qlaube geht, sie 
seien imstande, alle schSdlichen Einfliisse von einer Stadt abzu- 
wenden und alle segensreichen Einwirkungen ihr zuzuwenden. Rein 
buddhistischen Einfliissen ist es zuzuschreiben, daB sich in China 
Priestertum, Qottertempel und Bilderkult verbreiteten. UngezAhlte 
Bilder von Buddha, Kwanyin begegnen dem Reisenden auf Schritt 
und Tritt. Das Idol wird iibrigens als von der betreffenden Qottheit 
bewohnt und beseelt gedacht. 

Trotzdem der Buddhismus in China sich weit mehr als ur- 
spriinglich um alle Menschen kiimmert und ihnen Heil zu bringen 
verspricht, auch wenn sie nicht voUig unter Buddhas Qesetz sich 
beugen, ist er im Prinzip doch Monchsreligion geblieben. Durch 
verschiedene Weihen wird der Mdnch zu immer grSBerer Wflrde 
emporgehoben, gewinnt er auch immer groBere Macht uber andere 
Menschen, und es gelingt ihm dadurch, ihnen durch seine Worte und 
Formeln zu helfen. Den Kopf muB er sich scheren lassen, und das 
soil ein Zeichen sein, daB er alle Ehren, Pflichten, Beziehungen von 
sich geworfen hat, selbst seine eigene Familie und Verwandtschaft 
soil er nicht mehr kennen. Das Qute soil sein Weib, die Weisheit 
und Qeduld seine Mutter sein. Es sind groBe, gute AnsStze auch 
im chinesischen Buddhismus, seine Weiterbildungen iiber den ur- 



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— 273 -^ 

sprfingUchen Buddhismus hinaus stellen nichtdurchwegsseinenRuck- 
schritt dar, sondern eine Reaktion der religidsen Natur der Menschen- 
seele gegeniiber dem atheistischen Pessimismus Buddhas. Aus der 
buddhistischen Literatur Chinas iieBen sich jedenklls durch Kenner 
wahre Perlen ecbten, tiefen, religidsen Empfindens, hoher slttUcher 
Lebensauffassung zusammenstellen. 

Trotz alledem ist es mit dem h e u t i g e n Buddhismus eine 
traurige Sache. Wir suchten bis jetzt seinen besten Seiten, die auch 
jetzt noch nicht vollig vergessen sind, gerecht zu werden, aber 
im groBen ganzen ist er doch zu einer Art Fetischismus herunter- 
gesunken, ohne merklich das sittlich-religi5se Leben vergeistigend 
zu beeinflussen. Man begegnet etwa der Tatsache, dafi Qelehrte 
den chinesischen Buddhismus h5her einsch&tzen und mehr gute 
Seiten ihm abgewinnen kdnnen als z. B. Missionare. Das hat 
seinen Qrund darin, daB erstere mehr an seinen literarischen 
Niederschlag sich halten, wShrend die andern eher an die reale 
Wirklichkeit denken, wie sie ihnen in ihren intensiven Be- 
riihrungen mit dem chinesischen Volksleben entgegentritt. DaB 
letztere nicht zu schwarz sehen, erhellt schon daraus, daB z. B. der 
buddhistische Mdnch eine ziemlich verachtete Figur ist, auch das 
Volk achtet und iiebt ihn nicht. Er ist oft dessen, was er zu ver- 
treten hat, nicht w&rdig. Zum Vergleich mdchte ich an den griechi- 
schen Katholizismus erinnern. Welch falsches Bild konnte man von 
ihm gewinnen, wenn man nur an seine literarischen Zeugnisse sich 
halten, oder sich bemiihen wollte, alle seine Kultusformen psycho- 
logisch zu erkl&ren. Das ist nicht wertlos, es konnte da und dort 
das Urteil mildern helfen, aber in Wirklichkeit ist diese Form des 
Christentums erstarrt, verkndchert, vermaterialisiert, von Aber- 
glauben unterwuchert, und vermag beim besten Willen nicht viel 
Sympathien bei uns zu erwerben. Auch der Pope ist gering ge- 
sch^tzt, doch wird er immer wieder gerufen und werden seine 
Dienste in Anspruch genommen. Man verachtet ihn und kommt 
doch nicht von ihm los. So ist es in China; auch die Chinesen denken 
gering von ihren Bonzen, und doch, sie kdnnen sie nicht entbehren, 
well sie ihnen helfen miissen, gewissen Bediirfnissen ihrer Seele 
Befriedigung zu schaffen. Von einer weitgehenden Beemflussung 
des Volkslebens darf man gleichwohl nicht reden. Die Buddhisten 
haben keine Schulen eingerichtet, um die Jugend zu gewinnen, keine 
Kirchen gebaut, in denen ihre Lehren verkundigt wurden. Drastisch 



M 



— 274 - 



driickt sich Herr Lie. Witte, unser Missionsinspektor, in einem Auf- 
satz fiber den Buddhistenpriester so aus: Der -Chinese ruft seinen 
Bonzen genau, wie man den Schuster oder Schneider ruft. Der 
Monch liest die fiir den besonderen Fall passende oder gewUnschte 
Litanei, er wird demgem^ nach seiner Taxe bezahlt, das ist alles. 
Eines der chinesichen Bucher sagt: Barmherzigkeit sei dein Haus 
und Weisheit die Tiire dazu! Aber das Volk muB an den Monchen 
Barmherzigkeit iiben. Auch wo sie reich sind, hort man nichts von 
Werken der Barmherzigkeit. Das Leben der Monche macht einen 
stupiden Eindruck. Die Monche sind haufig Menschen, die nicht 
ein inneres Sehnen ins Kloster trieb, sondern die Polizei, es war die 
einzige Moglichkeit, den Kopf zu behalten. Das Lesen der Monche 
ist ganz mechanisch, mit dem Anschlagen der Qebetsglocken wird 
gr56ter Aberglaube getrieben. Das Volk wird bewuBt in diesem er- 
halten, er wird immer neu genahrt, well das den Bonzen stets 
klingenden Qewinn bringt. Regeln wie die, nichts Lebendes zu 
toten, gelten in China gar nicht. Selbst der Monch h^t sie nicht. 
Will er ein Huhn essen, so laBt er es durch seinen Knaben oder 
Arbeiter toten, da dieser ja nicht den Ordensregeln unterworfen ist. 
Freilich leugnet Witte nicht, daB es in China auch ernste und ge- 
wissenhafte Monche gebe, aber man miisse sie wie Diogenes mit 
der Laterne suchen. Er wamt wohl nicht mit Unrecht, daB wir uns 
durch den monotonen Qesang der buddhistischen Litaneien be- 
zaubern lassen. Wir legen gar zu gerne unsere Empfindungen, 
unsere lebendige Seele hinein. Wir wiesen schon einmal auf die 
Totenmessen hin, die in der Tat im chinesischen Leben eine groBe 
Rolle spielen. Sie richten sich ganz nach der Bezahlung. Mit ihnen 
haben sich die Monche dem Volke unentbehrlich machen konnen. 
Wo ist man eher geneigt, frommer Sitte sich zu unterwerfen, als 
wenn es sicfi um Tote handelt! Besonders bei plotzlichen Todes- 
fSllen, die als eine Strafe des tlimmels gelten, mussen die Buddhisten 
auf alle Falle gerufen werden. Solche Verstorbene sind groBe Sunder, 
denen die Vorbereitung auf den Tod gefehlt hat. Ihrer wartet druben 
der brennende Abgrund und der siedende Olkessel. Um sie daraus zu 
erretten, werden mehrere Pfund Ol in einem Kessel zum Sieden 
gebracht. Dann speit der Monch hinein, so daB das Ol zischend 
hoch fShrt, und hernach setzt er in kuhnem Schwunge fiber den Ol- 
kessel hinweg. Wahrend des Sprunges murmelt er seine Formein 
und Qebete. Dadurch wird der Verstorbene sofort frei. Man wird 
hier kaum von tiefsiimiger Symbolik reden woUen, eher von 



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— 2t5 — 

krassem Aberglauben. Wie sehr wurde sich wohl Buddha solcher 
Nachfolger geschSmt haben. 

QewiB hat der Buddhismus dem Namen nach in China Boden 
gefunden, er hat seine Bedeutung, aber keine aufbauend wirkende. 
Zeitweise hat er sich schon auf sein Bestes besonnen, und auch 
jetzt sind solche ernste Buddhisten nicht ausgestorben. Man wtirde 
sich aber t^uschen, wollte man nach ihnen sein Urteii iiber diese 
Religionsform richten. Zum groBten Teii verdankt der Buddhismus 
seinen Erfolg doch dem Umstand, daB er dem aberglaubischen Be- 
diirfnis des Volkes in weitgehendem MaBe entgegengekommen ist. 
Da ist er tolerant gewesen, und verier er dabei sein hohes religioses 
Ziel fast aus den Augen. Wahrend im Christentum immer wieder 
das Zuriickgreifen auf seine Anf&nge, auf Jesus, erfrischend, reini- 
gend gewirkt, die Menschen zu neuem ernsten Besinnen tiber des 
Lebens wahre Werte gebracht hat, hat die Pers6nlichkeit Buddhas 
trotz ihrer edeln Qesinnung niemals eine solch orientierende Wirkung 
ausiiben konnen. Darin liegt etwas von der Oberlegenheit des 
Christentums, ganz abgesehen von seiner anders gearteten Welt- 
und Lebensanschauung. Es mag wohl sein, daB die Religions- 
geschichte auch die Probleme der Christologie in etwelche neue Be- 
leuchtung wird riicken konnen. 

Es hitte auch dem chinesischen Buddhismus nicht an KrSften 
gefehlt, tiefgreifenden EinfluB auf die Menschen zu gewinnen. Wir 
denken da an seine Erlosungssehnsucht. Sie hatte ihre tief religidse 
Begrundung und ware wohl imstande gewesen, wahrhaft gott- 
liches Leben in vielen Seelen zum Aufflammen zu bringen. Das 
Qebot der Nachstenliebe, das Buddha selber ergreifend gelebt hat, 
hatte wohl vermocht, den Sinn fur Barmherzigkeit zu wecken. 
Die Lehre von der Wiedervergeltung der guten und bosen Hand- 
lungen hatte ein machtiger Stimulus zum sittlichen Handeln werden 
komien. Anfange zu altruistischen Bestrebungen sind da, es fehlt 
nicht an wohltStigen Stiftungen und Vereinen, doch darf man nicht 
von einem wirklich segensreichen Wirken ihrerseits reden. Feineres 
Verantwortungsgefiihl sozialer Natur hat der Buddhismus doch 
nicht hervorgebracht, und auch die personliche Sittlichkeit der 
Chinesen hat wohl von Konfuzius, doch nicht vom Buddhismus wert- 
voUe Anregungen erhalten. Alles, was in ihm keimte an Lebens- 
kraften, war wieder umsonst, wenn man durch abergiaubische 
Praktiken bezahlter Monche, ohne daB sittliches Ringen dabei war, 
sich alles Heil und Seligkeit verschaffen konnte. Man konnte 



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- 276 - 



wjihnen, daB jene Lender Eldorados fiir Tierschfltzler wiren. Wohl 
wird auch das Mitleid mit den Tieren gefordert als die natfirliche 
Folge der Lehre von der Seelenwanderung, wonach Menschen auch 
als Tiere konnen wiedergeboren werden. In der Praxis wird auch 
bier der Schein als genugend betrachtet. 

Um dem Qebote wenigstens scheinbar Nachachtung zu ver- 
schaffen, werden etwa Tiere, die zu diesem Zwecke in Klostem und 
auf den StraBen feilgeboten werden, gekauft und freigelassen. Die 
Kloster unterhaiten auch StaUe und Teiche fur Tiere aller Art, die 
ihnen, natiirlich gegen Entgelt, zur Pflege anvertraut werden. Mit 
gewissen liturgischen Formeln wird auch die Bestattung der Tiere 
begleitet. Von wirklichem Erbarmen mit der Tierwelt ist wenig die 
Rede. Unsere Tierschutzvereine wtirden im SuBersten Osten sehr 
geringem Verstandnis begegnen. 

Tatsache ist femer, daB der Qlaube an die Seelenwanderung 
mit eine Hauptschuld tragt an den traurigen sozialen Verh^ltnissen, 
an der riesigen Armut, dem furchtbaren Elend gewaltiger Menschen- 
massen. Man lese einen Bericht eines Reisenden, der wirklich 
etwas gesehen und Herz und Qemiit nicht zu Hause gelassen hat. 
Es graut dem Leser beim Miterleben der vorgefiihrten Bilder un- 
glaublicher NotstSnde. Doch niemand regt eine helfende Hand. 
Warum? Man sagt, diese Menschen erleiden mit ihrer Not einfach 
die Strafe fur die Schuld, die sie in einem friiheren Daseinszustande 
auf sich geladen haben. Frevelhaft wSre es, der strafenden Qe- 
rechtigkeit hindemd in den Arm zu fallen. So hat also auch hierin 
der Buddhismus nicht nur nicht geholfen, sondem im Qegenteil 
sich als lahmend, erbarmungslos erwiesen, als ein entsetzliches 
liemmnis fiir die Ausiibung wirklicher NSchstenliebe. 

Das sind die tatsdchlichen Verhaltnisse. Bilder einer tief ge- 
sunkenen Religion traten uns vor Augen. Der Buddhismus hat in 
China zum mmdesten emen sittlich hebenden EinfluB nicht ge- 
wonnen. Er besaB nicht die Macht, die Staatsmoral des Konfuzius 
religios zu unterbauen, lebendiger, warmer, groBzugiger, heroischer 
zu machen. Das hangt damit zusammen, daB er zu wenig ent- 
schieden auftrat, fiir dieses Leben zu gleichgtiltig war, kein be- 
stimmtes Programm hatte, um umgestaltend in Haus und FamiHe, 
Arbeit und Qesetzgebung, in das personliche und gesellschaftliche 
Leben einzugreifen. Dazu war er zu pessimistisch orientiert. 
Innere Schwiche verleitete den Buddhismus zu falscher Toleranz. 



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die sogar mit jedem Aberglauben paktierte. Das nahrn ihm die 
sittliche Macht, lieB ihn die wahre Achtung ernster Menschen ver- 
lieren. Eine Religion, die Macht gewinnen will, muB wissen, was 
sie will, und ausschlieBen, was ihrem innersten Wesen zuwider ist. 
Us fehlte vor allem ein starker, heiligender Qottesglaube und darum 
auch die rechte Uberzeugungskraft, was den Buddhismus zu einem 
Zerrbild dessen werden lieB, was er urspriinglich war und sein 
woUte. Nur in Sachen des Jenseitsglaubens hat er eine Macht ge- 
wonnen. Da gab er dem Qlauben an ein Fortleben nach dem Tode 
einen bestimmten Inhalt und kam ihm seine Begabung ftir Phantasie 
sehr zustatten. Er vermochte die Vorstellungen der Chinesen vom 
Jenseits bestimmend zu beeinflussen, freilich auch, indem er sich 
durch den Appell an die Neigung zum Aberglauben in diesem Volke 
zugleich fiir die Seelen der Abgeschiedenen engagierte und fur sie 
die Verantwortung iibernahm. Aber wie ganz anders war das bei 
Buddha selber ge wesen; der wuBte nichts von einem Jenseits, seine 
ReligiositSt war im Qegensatz zur spfiteren Entwicklung durchaus 
diesseitig gerichtet gewesen. 

Begrundet war dies durch die nattirliclie Neigung zur Ver- 
SuBerlichung, wie sie die Qeschichte jeder Religion aufweist. Auch 
im Christentuni lassen sich Parallelen dazu leicht finden. Sobald 
es einer Religion darum zu tun ist, moglichst pasch Erfolg zu haben, 
kommt sie bald genug dazu, mit den vorhandenen, z. B. unter- 
christlichen, unterbuddhistischen Qedanken, Vorstellungen, sitt- 
lichen Forderungen zu paktieren und sich so selbst zu verlieren. Es 
fehlte auch in China nicht an Widerstanden gegen eine solche 
verderbliche Weiterentwicklung, daftir zeugen verschiedene Sekten- 
bildungen, aber sie waren zu schwach, um den Zeitstromungen 
wirksam entgegentreten zu konnen. 

Dazu kamen noch andere Momente. Der Buddhismus wurde 
in China ii^ufig verfolgt. Wohl wurde er am Anfang von vielen 
Kaisern begilnstigt, aber schlieBlich drang doch die ihm von Anfang 
an feindlich gesinnte konfuzianische Orthodoxie durch, die den 
Buddhismus als heterodox und unchinesisch verurteilte. DaB solche 
Kampfeszeiten einem gedeihlichen Wachstum des Buddhismus nicht 
furderlich waren, wird uns nicht wundern. 

Zwischen Buddhisten und Konfuzianern kam es hSufig zu Dis- 
putationen, die uns einen trefflichen Einblick gewShren, welche 
Hauptgedanken von ihnen vertreten wurden. 



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— 278 — 



So fiihrte z. B. ein Vcrtreter des Buddhismus aus *): „Dcr Untcr- 
richt des Konfuzius bezieht sich blofi auf dieses Leben, er schweigt 
yollstSndig von den endiosen Wiedergeburten, denen der Mensch 
iinterworfen ist. Seiner Meinung nach wird der Tugendhafte nur da- 
durch belohnt, dafi es seinen Nachkommen wohlgeht. Der Lasterhafte 
hat nur eine Verschlimmerung der Leiden dieses Lebens zu erwarten. 
Der Tugendhafte wird durch Verleihung von EhrenSmtern auf 
Erden belohnt. Man weifi nichts von dem, was iiber die Wahr- 
nehmung der Sinne geht. Wie traurig solche Unwissenheit. Die 
Ziele der Lehre Buddhas dagegen sind unbegrenzt. Sie befreit 
von jeder Sorge, ihre Crkenntnis erstreckt sich iiber die Qrenzen 
von Himmel und Erde hinaus. Beseelt von einem unendlichen Mit- 
leid, bemuht sie sich einzig und allein um das Heil der Menschen. 
Die bloBe Erneuerung des Menschengeschlechtes geniigt ihr nicht. 
Sie droht mit der H511e und das Volk fiirchtet sich zu stindigen, 
sie verspricht den Himmel und jedermann mochte selig werden." 

Darauf antwortete der Konfuzianer: „Tugend iiben, nur um den 
Himmel zu verdienen, hSlt den Vergleich nicht aus mit der Aus- 
iibung des Quten um des Quten willen. Seine Begierden ziigeln 
aus Furcht vor der Holle ist nicht so gut, als sein Herz vom Pflicht- 
geftihl leiten zu lassen. QottesdienstUche Handlungen, um Ver- 
gebung der Sunden zu erlangen, sind keine Beweise von Frommig- 
keit. Wenn man, wie die Buddhisten es tun, als das Ideal der 
Vollkommenheit den Menschen Buddha vor Augen fUhrt, so lehren 
die Menschen nur eine Vorliebe fiirs Wunderbare. Sie streben nach 
dem femen Quten und unterlassen es, die nahen Begierden zu 
unterdrucken/* 

Der Buddhist: „Die aus der Lehre des zukiinftigen Lebens geschopf- 
ten Beweggriinde sind notig, um die Menschen zur Ausubung der 
Tugend zu veranlassen, welch anderes Mittel gebe es denn, um 
sie anzutreiben, die bosen Neigungen des Herzens zu bekdmpfen? 
Niemals wurden sie dazu gebracht werden, das Qute zu uben, wenn 
sie keine Belohnung zu hoffen hStten. Der Ackersmann bestellt sein 
Feld auch nur deshalb, well er auf die Ernte hofft." 

Manches, was der Konfuzianer, aber auch der Buddhist vor- 
bringen, verdient Beachtung, es ist ein Streit, der ganz gut ins 
19. Jahrhundert versetzt werden konnte, statt in die ersten Jahr- 
hunderte unserer Zeitrechnung. Was Konfuzius fehlt, ist das 



^) s. Piton, Der Buddhismus in China. 



'^^'rjii'^ig'^w^: ' '■■^I'^-r^^i^r^-v^^^ 



- 279 -- 

religiose Motiv zur Sittlichkeit. Es ist strenger Moralismus und 
Intellektualisinus, und das Qemiit kommt entschieden zu kurz, 
darum suchte auch das Volk fUr das ihm Pehlende im Buddhismus 
Ersatz. Wir stoBen aber hier aui einen frtih empfundenen Qegen- 
satz zweier Welten, der zu Konflikten fiihren muBte. Zuerst waren 
es gewissermaBen die Theologen, die die Waffen kreuzten, aber 
darum bekummert sich bekanntlich die Menge wenig. Andere 
greifbarere Differenzen muBten dazu kommen, den Streit zu ver- 
schSrfen und ihn in die Breite des Volkes hinauszutragen. 

Die Verfolgungen gegen den Buddhismus begannen nicht sofort. 
sondern erst, nachdem dieser eine lange Bliitezeit erlebt hatte. Aus 
den soeben erw^nten Qriinden, weil der Konfuzianismus sein 
religioses Bedurfnis nicht befriedigte, wandte sich das Volk zuerst 
mit Vorliebe den buddhistischen Predigern zu. Eine Unmenge von 
Klostern entstanden und in sie stromten so viele Monche, daB 
es zuweiien an Arbeitern fehlte. Eine Stadt soil einmal gegen 
funfhundert Kloster gehabt haben. Bald aber meldeten sich auch 
die Ausschreitungen und Verirrungen, die gewohnlich die Begleit- 
erscheinungen des Monchslebens sind. Die Bonzen und ihre weib- 
lichen KoUegen iibten eine starke Anziehungskraft auf einander aus. 
Argernisse schlimmster Art schSdigten das Ansehen des Buddhis- 
mus in hohem MaBe. Die Staatsgewalt muBte einschreiten und 
es kam zu Verfolgungen ihrerseits, denen kulturkampferische, 
sozialpolitische, nationalokonomische Erwagungen zugrunde lagen. 
Sie richteten sich vor allem deswegen gegen den Buddhismus, 
weil er unproduktiv war, dem Staate niitzliche Krafte entzog, und 
nicht zum mindesten auch, weil durch sein Gebot der Ehelosigkeit 
die Qefahr der Entvolkerung in bedrohliche N§he riickte. Am 
meisten wurde er als Irrlehre empfunden, weil er in schroffsten 
Qegensatz zu dem trat, was den Chinesen iiber alles heilig ist, die 
Pflege des Familienlebens und der Blutsverwandtschaft 

Es kann keine schSrfere Verurteilung des Buddhismus geben, 
als die, die der Kaiser Kanghi (1662—1722), der zweite der Man- 
dschu-Dynastie, in seinem heiligen Edikt, einer Art Syllabus 
proklamiert *): 

„Ihr einf^ltigen Leute seid entschieden unfShig, nachzudenken. 
Wie konnt ihr euch einbilden, daB Buddha, welcher Eltern, Erau 
und Kind ihrem Schicksal uberlieB, sich um das Wohl des gemeinen 



*) s. Piton, Der Buddhismus in China. 



J^ 



-28p - 

Volkes bekQmmern werde? Ihr behauptet, daB, indem ihr Buddha 
verehrt, ihr euch seines Schutzes und seiner Vergebung versichert. 
HeiBt es aber nicht: Die Qdtter sind weise und gerecht? Wenn 
dies aber zutrifft, wie ist es dann moglich, daB er euch seine Hilfe 
angedeihen ISBt als Entgelt fiir einige Blatter Qoldpapier? Unter- 
lafit ihr es dagegen, ihm solche Qeschenke zu machen, so sollte 
er euch mit seinen Qerichten heimsuchen? Verhielte es sich wirklich 
so, so ware euer guter Buddha nichts weiter als ein gemeiner 
Schuft. Setzet den Fall irgend eines Beamten. Solange ihr euem 
biirgerlichen Pflichten nachkommt, wird er euch hochachten, 
solltet ihr ihm auch nie die leiseste Ehrerbietung erwiesen haben. 
Obertretet ihr im Qegenteil das Qesetz, so wird er euch die ganze 
Strenge empfinden lassen, solltet ihr auch alle mdglichen Schmei- 
cheleien auf ihn hSufen." 

Trotz dieser scharfen Verurteilung findet der Buddhismus gleich- 
wohl eine gewisse offizielle Beachtung. Auch Kaiser und Manda- 
rinen bringen den buddhistischen Qottheiten von Zeit zu Zeit Opfer 
dar. Prof. Lehmann driickt das so aus: Der Buddhismus wird nur 
als erne Art Arznei beibehalten, die in der Reichsapotheke wohl 
vorratig sein muB, aber dem Volke nicht nach dessen Belieben ver- 
abreicht werden darf. So werden einige Kloster aufrecht erhalten, 
aber eine Erweiterung hochst selten gestattet, ahnlich wie der 
Klosterartikel der schweizerischen Bundesverfassung wohl den 
Portbestand der alten Kloster gewahrleistet, aber die Qriindung 
neufcr verbietet. 

Wir stehen am Schlusse. Es lag mir daran, ein Bild zu geben 
vom heutigen Stand des Buddhismus. Widersprechende Ziige 
traten uns entgegen, doch meist solche, die uns diese Religion in 
einem Zustande der Verwahrlosung sehen lieBen. Es sind die ver- 
schiedensten Ursachen, ihre schwachliche Toleranz, ihre negative 
Tendenz, die Verfolgungen, die sie zu einem Scheindasein herab- 
drtickten, das meistens in der aberglMubischen Totenverehrung 
seine Begriindung hat. In ethischer Beziehung hat sie China wenig 
beeinfluBt, im Qegenteil durch den Qlauben an die Seelenwande- 
rung eine kraftvoUe Sozialreform immer unterbunden. In der 
unmittelbaren Qegenwart jedenfalls hat unsere Kultur, hat das 
Christentum meistens nur mit dem Konfuzianismus als emsthaftem 
Gegner zu rechnen, der Buddhismus wird groBtenteils nur auf dem 
Qebiete des Zauberwesens und des Petischismus eine allerdings 
nicht zu unterschatzende Widerstandskraft zeigen. 



it?^' -^r^i 



^ 281 - 

Ob er wohl in Zukunft mehr Bedeutung haben wird? Ob er 
nicht doch unter dem Einflusse neuerer Stromungen des Qeistes- 
lebens eine durchgreifende Reform erleben wird? Leicht nehmen 
wird man den Buddhismus trotz seiner gegenwSrtigen Bedeutungs- 
losigkeit doch nicht. Es schlummern in ihm wirksame religiose 
Krftfte, die wiederum sich auslosen konnen, wenn vielleicht von 
AuswSrts der AnstoB kommt. Es mogen auch seine besten Qe- 
danken wieder aufleben in Verbindung mit neuen philosophisch- 
religidsen Anschauungen. Der Buddhismus ist nicht tot, dafur zeugt 
am besten die Tatsache, daB ja auch bei uns buddhistische Ein- 
flusse sich geltend machen. Doch kann niemand die Zukunft 
voraussagen, am allerwenigsten fiir China; wie rasch wechseln 
in diesem chaotischen Durcheinander die treibenden Krafte. Wenig 
reformierenden EinfluB wird man vom europ^isch-zugestutzten 
Buddhismus der Theosophie erwarten dtirfen. Diese liegt jenen 
Volkern durchaus so fern, wie dem Verstandnis der sizilianischen 
und kalabresischen Katholiken die Theologie eines Hamack, 
Scfimiedel oder Tr61tsch. Wir mussen glauben, daB allein durch 
das Evangelium Jesu China wirklich dauernd kann geholfen werden. 
Es ist einfach genug, um in der einfachsten Seele ein Echo zu fmden 
und dann wieder so tief, dafi auch die grofiten chinesischen Denker 
mit seiner gedanklichen Verarbeitung fiir ihr Volk ihrem Leben die 
hochste Aufgabe stellen. Es allein birgt die Kr&fte in sich, all die 
dunklen Qewalten zu iiberwinden, die China bedrohen, und wird es 
sich dort einmal in ganz besonderer Weise als eine Macht erweisen, 
die imstande ist, das ganze Leben nach seinen groBen uberragenden 
Zielen zu gestalten. In ihm wird auch das beste Sehnen und 
WoUen des Buddhismus seine Beantwortung und Vollendung finden. 

Arnold Furrer, Pfarrer. 



Ans der Mission der Gegenwart. 



An die evansellschen Christen Im Auslande. 

In dem unvergleichlichen weltgeschichtlichen Zeitabschriitt, in 
dem der Christenheit die Brucke zu der gesamten nichtchrist- 
lichen Menschheit geschlagen und ein maBgebender EinfluB auf sie 
anvertraut war, stehen die christlichen Vdlker Europas im Begriff, 
in brudermOrderischem Kriege sich gegenseitig zu zerfleischen. 



M 



" 282 - 



Ein planmtfiiges Liigengewebe, das den internationalen Tele- 
graphenverkehr beherrscht, sucht im Auslande unser Volk und seine 
Regierung mit der Schuld an dem Ausbruch dieses Krieges zu 
belasten und hat es gewagt, uns und unserem Kaiser das innere 
Recht zur Anrufung des Beistandes Qottes zu bestreiten. Daher ist 
es uns, die wir auch unter den Christen des Auslandes als Manner 
bekannt sind, die an der Ausbreitung des Evangeliums unter 
fremden Volkern und an der Knupfung kultureller Bande und freund- 
schaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und anderen christ- 
lichen Nationen gearbeitet haben, ein Bedurfnis, vor alter Offent- 
lichkeit unser Zeugnis iiber diesen Krieg abzulegen. 

Dreiundvierzig Jahre hat unser Volk Frieden gehalten. Wo 
irgend in anderen Landern Kriegsgefahren aufstiegen, hat es sich 
bemuht, sie beseitigen oder mindern zu helfen. Sein Sinn ging auf 
friedliche Arbeit. Es hat zu dem besten Kulturbesitz der modernen 
Menschheit sein ehrliches Teil beigetragen. Es sann nicht darauf, 
anderen Licht und Luft zu nehmen. Es wollte niemand von seinem 
Platze verdrangen. In friedlichem Wettbewerb mit anderen Vol- 
kern entwickelte es die Qaben, die Qott ihm gegeben hat. Seine 
fleiBige Arbeit brachte ihm reiche Erucht. Es gewann auch einen 
bescheidenen Anteil an der Kolonisationsaufgabe in der primitiven 
Welt, und bemiihte sich, seinen Beitrag zur Neugestaltung Ostasiens 
zu leisten. An der Friedfertigkeit seiner Qesinnung hat es keinem, 
der die Wahrheit sehen wollte, Zweifel gelassen. Nur unter dem 
Zwange der Abwehr frevelhaften Angriffs hat es jetzt das Schwert 
gezogen. 

Wahrend unsere Regierung sich bemiihte, die gerechte Siihne 
fiir einen ruchlosen Konigsmord zu lokalisieren und den Ausbruch 
des Krieges zwischen zwei benachbarten QroBmachten zu verhiiten, 
bedrohte eine von ihnen, wahrend sie die Vermittlung unseres Kaisers 
anrief, wortbruchig unsere Grenze, und zwang uns, unser Land gegen 
Verwustung durch asiatische Barbarei zu schutzen. Da traten zu 
unsem Qegnern auch die, die dem Blute, der Qeschichte und dem 
Qlauben nach unsere Briider sind, und denen wir uns in der gemein- 
samen Weltaufgabe wie kaum einem anderen Volk der Erde nahe 
verbunden fuhlten. Einer Welt in Waffen gegeniiber erkennen wir 
es klar, dafi wir unsere Existenz, unsere Eigenart, unsere Kultur und 
unsere Ehre zu verteidigen haben. Keine Riicksicht hdlt unsere 
Feinde zuruck, wo ihnen nach ihrer Meinung die Aussicht winkt, 
durch Teilnahme an unserer Vemichtung einen wirtschaftlichen Vor- 



V^SSW??«rS?r;'i;rt=. ?!"'•:,:,■ .■ ;l^'^f^r7;7l ,-^'^<r,f!--r 



- 283 - 

teil Oder einen Machtzuwachs, ein Stuck unseres Mutterlandes^ 
unseres Kolonialbesitzes oder unseres Handels an sich zu reiBen. Wir 
stehen diesem Toben der Volker im Vertrauen auf den heiligen, ge- 
rechten Qott furchtlos gegenuber. Qerade well dieser Krieg unserem 
Volke freventlich aufgezwungen ist, trifft er uns als ein einiges Volk, 
in dem die Unterschiede der StSmme und St^de, der Parteien und 
der Konfessionen verschwunden sind. In heiliger Begeisterung, Kampf 
und Tod nicht scheuend, sind wir alle im Aufblick zu Qott einmiitig 
und freudig bereit, auch unser Letztes fiir unser Land und unsere 
Freibeit einzusetzen. 

Auch die begreifliche Erregung eines Volkes, dessen NeutralitSt, 
von gegnerischer Seite bereits verletzt, unter dem Zwang unerbitt- 
licher Not nicht gewahrt bleiben konnte, entschuldigt Unmenschlich- 
keiten nicht. und mindert nicht die Schande, daB solches auf alt- 
christlichem Boden hat geschehen konnen. 

Namenlose Qreuel sind gegen friedlich im Auslande wohnende 
Deutsche, gegen Frauen und Kinder, gegen Verwundete und Arzte 
begangen. Qrausamkeiten und Schamlosigkeiten, wie sie mancher 
heidnische und mohammedanische Krieg nicht aufzuweisen hatte. 
Sind das die Friichte, an denen Jetzt die nichtchristlichen Volker er- 
kennen sollen, wessen Jtinger die christlichen Nationen sind? 

Ins Innere Mittelafrikas ist der Krieg skrupellos iibertragen, ob- 
schon dortige militSrische Unternehmungen fiir seine Entscheidung 
gSnzlich belanglos sind, und obschon die Beteiligung von Einge- 
borenen, die erst seit wenigen Jahrzehnten pazifiziert sind, an einem 
Krieg von WeiB gegen WeiB die furchtbare Qefahr des Eingeborenen- 
aufstandes heraufbeschwort. Diese primitiven Volker lernten das 
Christentum als die Religion der Liebe und des Friedens kennen, im 
Qegensatz zu Stammesfehde und tiauptlingsgrausamkeit. Jetzt 
werden sie mit den Waffen gegeneinander gefuhrt von den Volkern, 
die ihnen dies Evangelium brachten. So werden bltihende Missions- 
felder zertreten. 

In den Krieg, den der Zar als den Entscheidungskampf gegen 
Qermanentum und Protestantismus offentlich proklamiert hat, ist 
jetzt unter dem Vorwand eines Bundnisses auch das heidnische 
Japan gerufen. Die Missionsfelder, die die Weltmissionskonferenz in 
Edinburg als die wichtigsten der Qegenwart bezeichnete — Mittel- 
afrika mit seinem Wettbewerb zwischen Christentum und Islam um 
die schwarze Rasse und das sein Leben neugestaltende Ostasien — , 
werden jetzt Schaupl&tze erbittertej K&mpfe von Volkern, die dort in 



- 284 - 

besonderem MaB die Verantwortung ffir die AusrichtUQg des 
Missionsbefehls trugen. 

Unsere christlichen Freunde im Auslande wissen, wie freudig 
wir deutschen Christen die Qlaubens- und Arbeitsgemeinschaft die 
die Edinburger Weltmissionslconferenz der protestantischen Christen- 
heit als heiliges Erbe liinterlieB, begrufit haben; sie wissen auch, wie 
wir nach besten KrSften daran mitgearbeitet haben, daS iiber den 
christlichen Nationen mit ihren konkurrierenden politischen und wirt- 
schaftlichen Interessen eine in der Erkenntnis ihres gegenw&rtigen 
Qottesauftrages einige und freudige Christenheit erstehe. Es war 
uns auch Qewissenssache, auf jede Weise politische MiBverstSnd- 
nisse und Verstimmungen aus dem Wege zu rSumen und freund- 
schaftliche Beziehungen zwischen den Nationen herbeifiihren zu 
helfen. Wir tragen jetzt den Spott der Leute, daB wir dem christ- 
lichen Qlauben die Kraft zugetraut haben, die Bosheit derer zu ttber- 
winden, die den Krieg suchten, und begegnen dem Vorwurf, daB 
unsere Friedensbestrebungen unserm Volk nur die wahre Qesinnung 
seiner Feinde verhiillt haben. Doch reut es uns n i c h t , den Frieden 
so gesucht zu haben. Unser Volk konnte nicht mit so reinem Qe- 
wissen in diesen Kampf Ziehen, wenn nicht fiihrende M^ner seines 
kirchlichen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens sich so 
vielf&ltig darum bemiiht hStten, diesen Brudermord unmdglich zu 
machen. 

Nicht urn unseres Voikes willen, dessen Schwert blank und 
scharf ist, — um der einzigartigen Weltaufgabe der 
christlichen Vdlker in derEntscheidungsstunde 
der Weltmission willen wenden wir uns an die evangeli- 
schen Christen im neutralen und im feindlichen Auslande. 

Wir hoffen zu Qott, daB aus der Verantwortung der Stunde ftir 
die christlichen Volker ein Strom neuen Lebens entspringen werde. 
Schon spQrten wir in unserer deutschen Kirche starke Wirkungen 
dieses Segens, und die Qememschaft mit den Christen der anderen 
LSnder im Qehorsam gegen den universalen Auftrag Jesu war uns 
heilige Freude. , 

Wenn diese Qemeinschaft jetzt heillos zerbrochen ist, — 

wenn die Vdlker, in denen Mission und Bruderliebe eine Macht 

zu werden begannen, in morderischem Kriege durch HaB 

und Verbitterung verrohen, — -•; 

' wenn in den germanischen Protestantismus ein schier unheil- 

^- - barer RiB gebracht ist, — 



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'.^T'lfT-T^-'"- :\'t ■:•^*/s^^?T-•v\"'*■'**^^^^ -^■■■*Sy.;T^,?'*^'PS5; 



— 1»5 - 

wenn das christliche Europa ein edles Sttick seiner Wett- 

stellung einbuBt, — 
wenn die heiligen Quellen, aus denen seine Volker Leben 
schdpfen und der nichtchristlichen Menschheit darreichen 
sollten, verunreinigt und verschiittet werden, — 
so fftllt dieSchuld hieran, dies erklftren wir hier vor 
unsern christlichen Briidern des Auslandes mit ruhiger QewiBheit, 
nicht auf unser Volk. Wohl wissen wir, daB Qott durch dies 
blutige Qericlit auch unser Voik zur BuBe ruft, und wir freuen uns, 
daB es seine heilige Stimme hort und sich zu itim kehrt. Darin 
aber wissen wir uns mit alien Christen unseres 
Volkes einig, daB wir die Verantwortung fur das 
f urchtba re Verbreclien dieses Krieges und alle 
seine Polgen fiir die Entwicklung des Reiclies 
Qottes auf Erden von unserm Volk und seiner Re- 
gierung abweisen diirfen und miissen. Aus tiefster 
Uberzeugung mussen wir sie denen zuschieben, 
die das Netz der Kr legs versch worung gegen 
Deutschland seit lange im Verborgenen arglistig 
gesponnen und jetzt uber uns geworfen haben, urn 
unszuersticken. 

Wir wenden uns an das Q e w i s s e n unserer christlicher 
Briider im Auslande und schieben ihnen die Frage zu, was Qott jetzt 
von ihnen erwartet, und was geschehen kann und muB, damit nicht 
durch Verblendung und Ruchlosigkeit in der groBen Qottesstunde 
der Weltmission die Christenheit ihrer Kraft und Legitimation zum. 
Botendienst an die nichtchristliche Menschheit beraubt werde. 

Der heilige Qott fiihrt seine Sache auch durch den Sturm der 
Kriegsgreuel und l&Bt sich von menschlicher Bosheit sein Ziel nicht 
verriicken. So treten wir vor ihn mit dem Qebet: 

„Dein Name werde geheiligt! 

Dein Reich komme! 

Dein WUle geschehe!" 
Missionsdirektor Lie. K. A x e n f e 1 d (Berlin). Professor Dr. mcd. 
Th. A X e n f e 1 d (Freiburg). Oberverwaltungsgerichtsrat D. M. 
Berner (Berlin). Oberkonsistorialpr&sident D. H. v. Bezzel 
(Mtinchen). Pastor Fried r. v. Bodelschwingh (Bethel bel 
Bielefeld). Professor D. Ad. DeiBmann (Berlin). Oberhofpredi- 
ger D. E. D r y a n d e r (Berlin). Professor Dr. R. E u c k e n (Jena). 
Professor D. Ad. v. Harnack (Berlin). Professor D. Qottl. 



\ s 



286 - 



HauBleiter (Halle). Missionsdirektor P. 0. Hen nig (Herrn- 
hut). Professor D. W. Herrmann (Marburg). Qeneralsuper- 
intendent D. Th. Kaftan (Kiel). Qeneralsuperintendent D. Fr. 
L a Ii u s e n (Berlin). Pastor Paul Le Seur (Berlin). Professor 
D. Fried r. Loofs (Halle). Professor Dr. C. Meinhof (Ham- 
burg). Professor D. C. M i r b t (Qottingen). Ed. deNeufville 
(Frankfurt a. M.). Missionsdirektor D. C. Paul (Leipzig). Bank- 
direktor D. Wilh. Freiherr v. Pechmann (Mfinchen). Pro- 
fessor D. Jul. Richter (Berlin). MaxSchinckel (Hamburg). 
Direktor der Deutsch-Ev. Missionshilfe A. W. S c h r e i b e r (Berlin). 
Direktor D. F. A. S p i e c k e r (Berlin). Missionsdirektor J o h. 
S p i e c k e r (Barmen). Missionsinspektor D. Job. Warneck 
(Bethel bei Bielefeld). Professor D. a Wobbermin (Breslau). 
Professor Dr. W i 1 h. W u n d t (Leipzig). 



Die Entwicklung und der Stand der SIttllchkelt In Japan. 

Der japanische MinisterprMsident Graf Okouma hat in der Mai- 
Nummer seiner Zeitschrift „Schin-Nippon" iiber obiges Thema einige 
bemerkenswerte Qedanken ausgefuhrt: Er schildert die Ethik der 
alten Zeit — ohne alles an ihr zu verteidigen — als gekennzeichnet 
durch ritterliche Hoflichkeit und Ehrenhaftigkeit. Da kam die neuc 
Zeit, sturzte die alten sozialen Ordnungen um und untergrub die 
Fundamente der Sittlichkeit. Eine Ziigeliosigkeit schlimmer Art riO 
ein, ein QeschSftsgeist, der den Vorteil um jeden Preis fiber die 
Ehrenhaftigkeit stellte, ein Beamtenhochmut, der vergaB, wie bitter 
arm der groBte Teil des japanischen Volkes ist, von dessen Abgaben 
die Beamten leben, und der mit dem Qeld des Volkes nicht gut haus- 
hielt; zugleich vergaB man das Ideal des Ritters in diesen Kreisen, 
des Ritters, dem alle Qeldgier schmachvoll war, und nahm ohne Be- 
denken Bestechungsgelder an. So verwischten sich die Qrenzen 
zwischen Recht und Unrecht. Man duldete in geachteten Stellungen 
des offentlichen Lebens Leute, welche mit knapper Not dem Arm 
des Qesetzes entronnen waren, ja, wohl gar Leute, welche schon im 
Qefangnis waren und nur aus Mangel an Beweisen freigesprochen 
werden muBten. So drang selbst in das Heer die Unmoral ein, und 
es konnte zu so schmachvollen Taten kommen, wie sie der eben ab- 
geurteilte Marine-Skandal aufgedeckt hat. Aber es besteht kein 
Orund, zu meinen, Japan werde der Unmoral ganz verfallen. Wenn 
alle ernsten Kreise sich jetzt vereinten, um durch kluge, freundliche 



5-^r j"r 



— 287 — 

Volkserziehung das Rechtsgefilhl des Volkes neu zu wecken, so 
werde das Volk die Notwendigkeit sittlicher Erneuerung einsehen 
und an ihrer Durchfuhrung mitarbeiten. Qerade solche Skandale, 
wie der jetzt eriebte, konnten das Rechtsgefiihl des Volkes neu 
wecken, well sich hier so kraB die furchtbare Stfirke der Entartung 
zeige. Im Volke iebten ja noch die alten Ritter-Ideale, sie miiBten 
nur gestSrkt werden zu neuer Betatigung. So sei zu hoffen, dafi bei 
ernster Anspannung aller Kr^te des Quten eine sittlicbe Qesundung 
sich anbahnen werde. r;^;^; . 

Die innere Zerspaltenheit des japanischen geistigen und sitt- 
lichen Lebens infolge der schnellen Einfiihrung der neuen Kultur 
illustriert noch deutlicher ein von der ,,Deutschen Japanpost" (1914. 
14) iibersetzter Artikel des Japaners Nishikawa Mitsujiro auis der 
Zeitschrift „Yuben" (Beredsamkeit), der im April dieses Jahres er- 
schienen ist. In dem Artikel heiBt es wie folgt: 

t,Die Japaner entfalten auf dem Schlachtfeld groBe Kfihnheit und 
Tapferkeit, sind dort aber zugleich strenger Kriegszucht unter- 
worfen. Im Frieden aber ist das gerade Qegenteil der Fall. In den 
clektrischen Bahnen, auf Eisenbahnen und Schiffen beachten Japaner 
oft selbst die einfachsten Regeln der gesellschaftlichen Hdflichkeit 
nicht. Die Frcmden dahingegen, obgleich sie vielleicht weniger Mut 
als die Japaner haben (? Anmerkung der Redaktion), ftigen sich im 
tSglichen Verkehr der offentlichen Ordnung ein und halten gute 
Selbstzucht. Man denke zum Beispiel an den Untergang der 
..Titanic". AUe Frauen und Kinder wurden in die Boote gerettet, 
und die Mannschaft wie die mSnnlichen Passagiere starben unter 
Absingung von Lx)bgesdngen. Man vergleiche das mit dem Unter- 
gang der „Aio Maru". die im vergangenen Jahre an der Kiiste von 
Izu scheiterte. Zuerst hieB es, daB der Kapitfln, nachdem er alle 
vorhandenen Rettungsgiirtel an die Passagiere verteilt hatte, ruhig 
auf dem Schiffe verblieben sei, bis beide von der wutenden See ver- 
schlungen wurden. SpSter stellte es sich jedoch heraus, daB dieser 
erste Bericht vOllig verkehrt war. TatsSchlich verlieB der KapitSn 
das Schiff beim ersten Anzeichen von Qefahr und lieB die ihm an- 
vertrauten Passagiere auf dem dem Untergange geweihten Schiffe 
zuriick. Der angebliche Heldenmut des Kapit^s bestand nur in der 
Einbildungskraft der Zeitungsschreiber, die seinen Tod unter den ob- 
waltenden UmstSnden fUr selbstverstSndlich gehalten hatten. 

Die Qrundlagen der Sittlichkeit sind uberall, im Westen wie im 
Osten, dieselben. nur die Auffassung, die die einzeUien davon haben. 



}^^ 



- 288 - 

Sndert slch oft unter dem Einflufi der Umgebung. Die Sitten eines 
Menschen mdgen richtig sein, solange er in seinem eigenen Laiide 
bteibt; aber sobald er ins Ausland geht, geht eine Wandlung mit 
ihnen vor. In ahnlicher Weise wandeln sich auch die sittlichen Be- 
griffe mit den Zeiten. Tempora mutantur, et nos mutamur in illis. 
In alten Zeiten pflegten Reisende, die im kago (in der Sanfte) ge- 
tragen wurden, Danltesworte an ilire Trtger zu richten, so oft der 
Weg steit und besciiwerlich wurde, und die Reiter ermutigten ihr 
Pferd durch einen gelegentlichen leicliten Kiaps. Das war zu jener 
Zeit Qebrauch bei den Reisenden. Aber niemand, der heute in der 
Eisenbahn fShrt, wUrde jemals daran denken, der Lokomotive, die 
ilm einen Berg hinaufgezogen liat, seine Anerkennung zu bezeigen. 
Dagegen hat das jetzige Zeitaiter einen Kodex fiir gesellschaftliches 
Benehmen fiir Leute, die mit der Eisenbahn fahren, geschaffen. 
Dieses richtige gesellschaftliche Verhalten jedoch fehit den Japanern 
noch sehr. Es ist wahr, Japan ist ein konstitutionelles Land, aber 
dem Volke sind die konstitutionellen Qedanken noch vollig fremd. 
Der verstorbene Fiirst Ito fiihrte eiiie Verfassung aus Deutschiand 
ein und tibersetzte sie ins Japanische, und so ist Japan auf dem 
Papier ein konstitutionelles Land. Damit es das aber wirklich ist, 
dazu gehort etwas mehr, und leider verh&It sich das Volk noch heute 
Sufierst gleichgiiltig gegen die Politik. In Tokyo bestehen ein oder 
z^wei Qesellschaften zur Verbreitung konstitutioneller Ideen, aber 
im Innem des Landes wiirde kein WShler zu bewegen sein, zum 
Wahlort zu kommen, wenn ihm nicht Rickscha und Fruhstiicksgelder 
versprochen wtirden. 

Es ist daher nicht erstaunlich, daB der Konstitutionalismus, selbst 
im dritten Jahre der Taisho-Ara, nur sehr langsame Fortschritte 
macht. Die moralischen Begriffe der Mehrzahi des Volkes sind um 
ein Jahrhundert und mehr hinter der jetzigen Zeit zuriick/* 

Der japanische Autor h^tte unschwer zahireiche andere Momente 
anfiihren konnen. Weiten Kreisen ist das alte Fundament ihrer 
Moral entschwunden, von der neuen Zeit hinweggewischt. Das 
Fundament der Ethik der neuen Kultur, das Christentum, aber ist 
dem weiten Volk in Japan noch fremd. Darum hat Qraf Okouma 
so recht mit dem, was er friiher einmal (siehe ZMR 1912, S. 375 ff.) 
tiber die hohe Bedeutung des Christentums ftir Japan gesagt hat, das 
schon heute den herrschenden Idealen neuen Inhalt gegeben habe. 

Witte. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gdrlitz, Demianiplatz 28. 






Die Einwirkungen des Buddhismus auf das 
ftlteste Christentum. 

Von MIssionsinspektor Lie. Witte,. Berlin. 

Es ist allgemein belcannt, daB sicii in den viei^ Evangelien einige 
Erzahlungen aus dem Leben Jesu finden, welche auffallende 
Parallelen haben an ErzShlungen aus dem Leben Buddlias, wie die 
buddhistischen heiligen Schriften es bieten. Seit einigen Jahr- 
zehnten ist zum Teil mit groBer Leidenschaftlichkeit die Frage um- 
stritten worden, ob den betreffenden buddhistischen oder den christ- 
Hchen Berichten iiber diese ErzShlungen Originalitat und PrioritSt 
gehorten, oder ob es sich um von einander unabhangige Parallelen 
auf Shnlichem Boden handle. Die erste griindliche Prufung dieser 
Berichte hat Rudolf Seydel * ' ') unternommen, dann ist eine Fulle 
von Artikeln und Broschiiren ohne Bedeutung daruber geschrieben 
worden. In den letzten Jahren sind daneben aber weitere griind- 
liche Forschungen angestellt worden, welche die Frage zwar keines- 
wegs endgiiltig gelost, aber doch soweit gefordert haben, daB es 
lohnend ist, diese neue Entwicklung der Forschung zu verfolgen. 

Um der groBeren Klarheit willen ist es sehr zu begriiBen, daB 
man nun auch nach etwaigen Beziehungen zwischen Christentum 
und Buddhismus nicht nur im Neuen Testament, sondern auch in 
der Literatur der ersten christlichen Jahrhunderte und in der katho- 
lischen Heiligen-Literatur geforscht hat. Wenn sich in dieser 
sp&teren christlichen Literatur keine klaren Einwirkungen des 
Buddhismus finden lassen, so ware es von vornherein unwahrschein- 
lich, daB in der allerersten christlichen Literatur, im Neuen Testa- 
ment, solche Einwirkungen vorliegen soUten. 



*) Das Evangelium Jesu in seinem VerhSltnis zur Buddhasage und 
Buddhalehre, mit fortlaufender Rucksicht auf andere Religionskenner 
untersucht. Leipzig 1882. ' 

•) Buddha und Christus, in der Deutschen BQcherei, Breslau 1884. I 

■) Die Buddha -Legende und das Leben Jesu nach den Evangelien. 
Erneute Prufung ihres gegenscitigen VerhSltnisses. Leipzig 1884. 2. Aufl. 
von M. Seydel, Weimar, 1897. 

Zdtachrift Jfir MisskMukande und Religioiuwistentchift. 29. Jahrgang. Heft 10. 



M 



- 290 - 

DaB in der spateren christlichen Literatur so klare und wichtige 
Beziehungen vorliegen, daB es geboten erscheint, sie zur Losung der 
obigen Frage mit heranzuziehen, das hat neuerdings namentlich 
R. Qarbe in seinem soeben erschienenen Werk (Indien und das 
Christentum, eine Untersuchung der religionsgeschichtlichen Zu- 
sammenhange, Tubingen, 1914) darzulegen versucht. Er hat mit 
groBer Sorgfalt diese spateren Beziehungen in den Rahmen seiner 
Untersuchungen gezogen, ohne die Erforschung namentlich der 
apokryphen Evangelien und der Heiligen-Legenden schon erschdpft 
zu haben. Aber auch Q. A. van den Bergh van Eysinga (Indische 
Einfltisse auf Evangelische Erzahlungen, Q5ttingen 1908) hat diesem 
Qebiete schon seine Aufmerksamkeit gewidmet. Andere Verdffent- 
lichungen spezieller Art werden an den betreffenden Stelien Er- 
wahnung finden. 

Der Zweck der folgenden Darstellung ist, die Resultate der 
neuesten Forschung iiber diese Dinge zur Darstellung zu bringen und 
zu wiirdigen. Um den Lesern selbst aber ein Urteil iiber diese 
uiteressante Frage zu ermoglichen, werden die betreffenden Stelien 
der Texte zunachst wiedergegeben. Nur wenn die Leser so selbst 
nachprtifen konnen, hat die ganze Erorterung Wert. Der zweck- 
m^igste Gang der Darbietung des Stoffes ist der, mit der jungsten 
in Betracht kommenden altchristlichen Literatur zu beginnen und 
bis zum Neuen Testament zuriickzugehen. 

1. DieLegenden-Literatur. 

1. Die erste hier zu nennende merkwtirdige literarische Er- 
scheinung ist der im Mittelalter durch die zwischen 1220 — 23 er- 
schienene deutsche Bearbeitung von Rudolf von Ems auch in 
Deutschland beriihmt gewordene und schon 500 Jahre friiher in viele 
andere christliche Lander verbreitete, von dem christlichen Mdnch 
Johannes aus dem Kloster des heiligen Sabas (am Schwarzen Meer) 
in griechischer Sprache zwischen 600 — 650 verfaBte Roman Bar- 
laam und Josaphat (Joasaph) (in deutscher Ubersetzung von 
F. Liebrecht, Miinster, 1847). Die Fabel dieses Romans ist nicht 
mehr und nicht weniger als die Lebensbeschreibung, vor allem die 
Bekehrung Buddhas, wie sie im Lalitavistara niedergelegt ist. 
Josaphat ist in dem Roman ein indischer (!) Konigssohn, den sein 
Vater mit aller Lust des Lebens umgibt und von allem Leid des 
Lebens femh&lt. Aber auf einer Ausfahrt sieht er einen Lahmen, 
ehien Blinden und einen muden Qreis. Das stimmt ihn nachdenk- 



— 291 - 

lich. Er sucht eine Losung dieses RStsels. Die gibt ihm ein Ein- 
siedler Barlaam, der ihn zum Christentum bekehrt. Keine Ver- 
suchungen uhd keine Einwurfe machen ihn irre. SchlieBlich wird 
auch der K6nig selbst dem Christentum gewonnen. E. Kuhn (Bar- 
laam und Joasaph, Miinchen, 1893) hat nachgewiesen, daB der Name 
Joasaph aus dem Worte Bodhisattva entstanden ist, durch Ver- 
wechselung orientalischer Buchstaben. Solche Verwechselungen 
sind nichts Ungewohnliches: Auch das Wort „Rosenkranz" ist auf 
ein derartiges MiBverstSndnis zuriickzuftihren (japamala = Qebets- 
kranz, japamala = Rosenkranz), geschehen, als der altindische 
Qebetskranz in das Christentum iibernommen wurde (s. A. Weber, 
Indische Literaturgeschichte 2, 326 f.). Der christliche Bearbeiter 
hat die Figur Buddhas in zwei Personen, Barlaam und Joasaph, zer- 
legt (s. E. Kuhn, a. a. O. S. 19, 36). In dieser halbierten Form des 
von seiner andern, nun von ihm getrennten Malfte, Barlaam, be- 
kehrten Prinzen Josaphat ist der Stifter der Religion des Buddhismus 
unter die Heiligen der katholischen und der griechischen Kirche auf- 
genommen worden; im 14. Jahrhundert werden beide zuerst in 
einem romisch-katholischen Heiligen-Verzeichnis erwahnt. Ja sogar 
Reliquien des heiligen Josaphat sind in Venedig, Lissabon und Ant- 
werpen verehrt worden, und in Palermo ward ihm eine Kirche 
geweiht. 

DaB der Stifter der zweitgroBten Weltreligion zum Heiligen des 
Christentums geworden ist, ist gewiB eine einzigartige Tatsache. 
Aber es gibt noch mehr christliche Heilige, die nach Qarbe ihre 
Existenz der christlichen Oberarbeitung einer buddhistischen Er- 
zShlung verdanken. 

2. Seit dem 6. Jahrhundert feiert die katholische Kirche das Qe- 
dSchtnis des heiligen Placidus (= Eustathius, Eu- 
stachius). Die Legende erzahlt: F*lacidus war Oberfeldherr 
unter Trajan. Fines Tages trifft er auf der Jagd ein Rudel Hirsche, 
deren schOnsten er verfolgt. Auf einem Felsen bleibt dieser stehen; 
zwischen seinem Qeweih erstrahlt ein Kreuz und er spricht: 
„Placidus, was verfolgst du mich? Ich bin Christus, den du ver- 
ehrst, ohne es zu wissen. Qehe in die Stadt zuruck und lasse dich 
taufen." Placidus tut das und wird zum Eustathius (Eustachius). 

Nach Jahren verliert der in Ehren vom Kaiser entlassene Feld- 
herr alles, was ihm auf Erden lieb ist; seine Kinder und seine Frau 
werden ihm geraubt, und all sein Hab und Gut wird ihm entrissen. 
Er ist ein Bettler, aber er bleibt getrost in Oott. Da braucht ihn der 



- 292 — 

Kaiser wieder, und er heftet wieder den Sieg an die romischen Adler. 
Ja, am Hydaspes findet er Prau und Kinder wieder. Heimgekehrt, 
soil er als Sieger dem Apollo opfern. Er weigert sich und wird mit 
den Seinen wilden Tieren vorgeworfen. Die ruhren sie nicht an. 
Da werden sie in einen gliihenden Ofen geworfen, in dem sie zwar 
sterben, in dem aber ihre Leiber ohne Schaden bleiben, was Hadrian 
tie! bewegt. 

An dieser Legende fallt auf, daB Christus in Tiergestalt, als 
Hirsch, erscheint, und da& Placidus die Seinen am Hydaspes, im 
indisclien Pendschab, weit auBerhalb der Qrenzen des romischen 
Reiches wiederfindet. Beides wies unabhSngig voneinander zwei 
Qelehrte, M. Qaster *) und J. S. Speyer *), auf indische Quellen. R. 
Qarbe findet die Resultate dieser Forscher wohl begrundet. Der 
erste Teil der Legende hat seine Parallele in dem Jataka 12 der 
Pali-Sammlung, in der „Qeschichte von dem Feigenbaumhirsch": 
Der Konig von Benares laBt Hirsche in ein Qehege schlieBen. Hier 
schieBt er jeden Tag einen fur seine Tafel. Zwei prSchtige Hirsche 
mit silberfarbenem Qeweih will er schonen. Die Hirsche bitten, 
doch lieber jeden Tag ein Tier durch das Los zu erlesen und es zu 
schlachten. So hore das entsetzliche Qejagtwerden und zwecklose 
Verwundetwerden wieder auf. Es geschieht so. Das Los trifft eine 
trachtige Hindin, sie bittet den einen der Hirsche, in dem Buddha 
verkorpert ist, sie verschonen zu lassen. Da legt sich der Buddha- 
Hirsch fiir sie auf die Schlachtbank. Man meldet das dem Konig, 
daB der unverletzliche Hirsch sich selbst opfere. Der Konig fragt 
den Hirsch nach den Qrunden seiner grenzenlosen Qute. Buddha 
legt sie dar, und der Konig wird bekehrt. 

Die Ahnlichkeiten sind folgende: Beide Helden sind leiden- 
schaftliche JSger, aber gute Menschen. Es setzen sich beide Erloser 
(Buddha und Jesus) als Hirsche dem Tode aus, um die Helden 
zu retten. Selbst in den Einzelheiten des Textes glaubt R. Qarbe 
(a. a. O. S. 94 f.) Ahnlichkeiten nachgewiesen zu haben. 

Die Parallele des zweiten Teiles der Legende ist die ErzShlung 
von dem im Prinzen Vi^vantara verkorperten Buddha, der gelobt 
hat, jede Bitte, die ihm ge^uBert wird, zu erftillen. So gibt er seine 
weiBen Elefanten hin, ertragt harte Verbannung, verschenkt seine 



*) Journal of the Royal Asiatic Society, 1894.. 
') Theologische Tijdschrift, 1906. 



- 293 - 

Pferde, ja, seine Kinder und sein Weib. Da laBt ihn, der so hohe 
Proben der Frommigkeit abgelegt hat, der Konig zuriickholen und 
hoch ehren. Frau und Kinder erhSlt er zuruck. 

EHe Ahnlichkeiten zwischen beiden Erzahlungen sind, so sagt 
Qarbe, unzweideutig. Hingewiesen sei nur darauf, daB die Heimat 
des ViSvantara als zwisclien Indus und Hydaspes liegend ge- 
schildert wird. Diese Angabe habe die christliche Legende 
mechanisch ubernommen. 

3. Der dritte christliche Heilige, der nach Qarbe dem Buddhis- 
mus seine Existenz verdankt, ist der heilige Christophorus, 
dessen schon im 6. Jahrhundert erzahlte Legende bekannt ist. Zwei 
Zjige, die nicht allgemein bekannt sind, deuten auf den fremden 
Ursprung, nSmlich, daB der Riese Christophorus aus dem Lande der 
Menschenfresser kam und daB er einen tiundskopf hatte. 

Die indische Parallele dieser Legende ist die Jataka-ErzShlung 
von dem Prinzen Sutasoma, in dem Buddha verkorpert war. Ein 
Menschenfresser, von riesiger QroBe und mit einem Tierkopf, lauert 
dem Prinzen auf, im Wasser eines Teiches stehend. Als der Prinz 
aus dem Bade steigt % ergreift er ihn und trggt ihn auf seiner 
Schulter davon. (Dies Bild zeigen viele buddhistische Kunstwerke.) 
99 Prinzen hatte der Riese schon seiner blutdiirstigen Schutzgottin 
geopfert, Sutasoma sollte der hundertste sein. In seiner Hohle mit 
dem Prinzen angelangt, sieht der Riese diesen weinen. Er meint, 
er tue es aus Purcht, da Schadel und Knochen rings in Haufen liegen. 
Aber Buddha erklSrt, er weine, weil ein Brahmane ihn erwartet 
habe, dessen weise Lehren er nun nicht mehr horen konne. SchlieB- 
lich wird der Riese von Buddha bekehrt. Der Riese gibt den 
Prinzen frei und wird, was er fruher war, ein Konig. Denn sein 
ganzes wildes Wesen war eine Verzauberung, die er durch Qott- 
losigkeit verschuldet hatte. 

Nach Qarbe sind bei den beiden letzten Heiligen, ebenso wie bei 
Josaphat die indischen Erzahlungen bei weitem alter als die 
christlichen. 

Als letzten, vierten Fall fiihrt R. Qarbe (a. a. O., S. Ill ff.) noch 
folgende Mitteilung des Monches Palladius in seiner im Jahre 420 
verfaBten Historia Lausiaca an: Ein Monch Valens in Agypten hatte 
schon ofter Visionen des Teufels gehabt, die er fiir Erscheinungen 



•) Nach anderer Quelle lauscht er im Garten gerade dem Brahmanen, 
der nachher erwahnt wird. 



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- 294 - 



des Himmels hielt. Da erschien ihm der Teufel in der Nacht, von 
Engelscharen begleitet, und einer der Engel sprach: „Christus hat 
an deinem ausschweifenden Lebenswandel Qefallen gefunden und 
ist gekommen, dich zu besuchen." Da betete der Monch den Teufel 
an. Dieser Erscheinung rtihmte sich Valens. Seine Mitmonche 
aber, die die Urheberschaft des Teufeis erkannten, legten ihn ein 
Jahr in Ketten, ihn zu heilen von seinem Wahnsinn. 

Die ahniiche buddhistische ErzShlung handelt von einem Kauf- 
mann Surambhattha, den Buddha eben bekehrt hatte, als Mara, der 
Bose, in Buddhagestalt, urn ihn wieder in die Irre zu leiten, in sein 
Haus geht und ihm sagt: Ich lehrte dich vorhin, als ich bei dir war, 
in einem Punkte irrig. Nicht sind alle funf Daseinselemente unbe- 
st^dig, leidvoll und ohne bleibendes Selbst; einige sind besttndig 
und ewig. Da dachte Surambhat^ha: Die Buddhas reden nichts 
uniiberlegt. Dies ist nicht Buddha, dies ist Mara, sein Peind; da 
sagte er ihm gerade heraus: du bist Mara. Mara, betroffen, gab 
es zu. Als Surambhattha ihn darauf bedrohte, gab Mara ihm einen 
StoB und floh. 

R. Qarbe bemerkt dazu, dafi die Vorstellung einer Erscheinung 
des Teufeis in der Qestalt Jesu ganz fremd im Christentum sei und 
nur in dieser Erz^lung vom Monche Valens bezeugt, wShrend die 
entsprechende Vorstellung sich im Buddhismus hSufig finde. Die 
buddhistische Legende sei viel klarer und sinnvoUer. Die Moglich- 
keit der Kenntnis der buddhistischen Legende sei sowohl der Zeit 
als der Ortlichkeit nach gegeben. Buddhistische EinflUsse sind 
gerade in Alexandria und Agypten iiberhaupt aus viel fruherer Zeit 
bezeugt. Palladius hat seine Historia freilich in Kleinasien ge- 
schrieben. Aber das wiirde nichts widerlegen. 

2. Die apokryphen Evangelien und anderes. 

Die apokryphen Evangelien ^) enthalten mehrere Einzelheiten, 
fiir die buddhistische Parallelen angeftihrt werden konnen. 

1. Im Pseudo-Matthaus-Evangelium (cap. 13) wird von Maria 

vor der Qeburt Jesu gesagt, als sie in die Hohle eintrat, in der Jesus 

dann von ihr geboren wurde: „Beim Eintreten der Maria aber fing 

die ganze Hdhle an, Qlanz zu zeigen und, als ob die ganze Sonne 

^^da wSre, von strahlendem Licht ubergossen zu sein; und als ob es 



siehe: C. v. Tischendorf, Evangelia apocrypha, editio altera, Leipzig 
1876. E. Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen, Tubingen 1904. 



ir-T^*«.T:»'^i.7 



— 295 — 

• 

die sechste Tagesstunde ware, so erfullte das gottliche Licht die 
Hdhle; und weder bei Tage noch bei Nacht fehite dort das gottliche 
Licht, solange Maria anwesend war." 

Als indische, schon vor der Entstehung dieser christlichen Er- 
zlhlung entstandene Paralleie fuhrt van den Bergh (S. 76) aus dem 
Lalitavistara und der siamesischen Lebensbeschreibung Buddhas 
(H. Alabaster, The wheel of the law, London, 1871) die Mitteilung 
an, daB der zukiinftige Buddha schon im Mutterleibe einen wunder- 
baren Qlanz ausgestrahlt habe. Das Qleiche wird auch von 
Krishna erzShlt, der im Leibe der Devaki geleuchtet habe. (Bha- 
gavata-Parana und Vishnu-Parana). Im Pseudo-MatthSus-Evan- 
gelium (cap. 13) wird dann von der Qeburt Jesu selbst erwahnt: 
.,Nulla pollutio sanguinis facta est in nascente, nullus dolor in 
parturiente." Dem entspricht folgende buddhistische Stelle (Digha- 
ni-kaya 14; Maiihima-nikaya 13, 123): „Ananda, wenn der kommende 
Buddha seiner Mutter Leib veriaSt, veriaBt er ihn ganz rein, nicht 
befleckt von Schmutz oder Blut, sondern rein, makellos und unbe- 
sudelt von irgendwelcher Unreinigkeit. Wie in dem Fall, Ananda, 
wenn ein Kleinod oder Edelstein eingehiillt ist in Benaresstoff, das 
Kleinod oder der Edelstein das Benarestuch auf keinen Fall be- 
schmutzt, noch das Benarestuch das Kleinod oder den Edelstein (und 
warum? — well beide rein sind): ebenso (ist es), Ananda, wenn der 
kommende Buddha seiner Mutter Leib verlaBt, . . . unbefleckt von 
irgendwelcher Unreinigkeit." (A. J. Edmunds — M. Anesaki, 
Buddhist and Christian Qospels, 2 Bande, Philadelphia, 4. Auflage. 
1908. 9 I., S. 177.) 

2. Die Begleiterscheinungen, die bei den Qeburten Jesu und 
Buddhas eintreten, zeigen ahnliche Parallelen. 

Das F*rotevangelium Jakobi (cap. 18, C. v. Tischendorf, a. a. O., 
S. 34) sagt: „Ich, Joseph, ging umher und ging nicht umher. Und 
ich blickte in die Luft und sah die Luft erstarrt. Ich schaute auf 
die Himmelsachse und sah sie stillstehen und die Vogel des Himmels 
unbeweglich. Und ich sah auf die Erde und eine Schussel stehen 
und die Arbeiter gelagert, und ihre Hande waren in der Schussel. Und 
die da kauten, kauten nicht, und die etwas herausholten (aus der 
Schussel), holten nichts heraus, und die etwas zum Munde fiihrten, 
fuhrten nichts zum Munde, sondern ihrer aller Qesichter sahen nach 
oben. Und siehe, Schafe, die getrieben wurden, gingen nicht weiter, 
sondern standen still, und der Hirte hob die Hand auf, sie mit dem 
Stabe zu schlagen, und seine Hand blieb hoch stehen. Und ich sah 



^ . \ 



— 2% — 

auf die Stromung des Flusses und sah die Mauler der Schafe einge- 
taucht und nicht trinkend, und alle Dinge wurden sogleich in ihrem 
Laufe stillgelegt." 

Im Lalitavistara (cap. 7, 1. 74) heiBt es: „Der Mond, die Sonne, 
die Himmelswagen, die Planeten, die Menge der Sterne standen 
still, ohne Bewegung. Alle Blumen offneten ihre Kelche, aber sie 
schlossen sich nicht auf. In den Teichen die Lx>tus . . . offneten ihre 
Knospen, bliihten aber nicht. Die jungen Baume offneten ihre 
Knospen, bliihten aber nicht. Alle Winde waren beschwichtigt und 
wehten nicht. Alle Fliisse und die Bache standen still und flossen 
nicht. . . . Alle Arbeiten der Menschen wurden unterbrochen." 

R. Qarbe halt die christliche ErzShlung fiir eine durch die 
indische veranlaBte weitere Ausschmiickung, erkennt an, daB der 
Stillstand in der~tJatur an sich auch ohne Annahme einer Abhangig- 
keit erklarlich sei, aber die Ausschmiickung sei auffallend. 

3. Von der kleinen Maria, der Mutter Jesu erzShlt das Prot- 
evangelium Jakobi (cap. 6): „Als sie sechs Monate alt geworden 
war, stellte ihre Mutter sie auf die Erde, um zu priifen, ob sie stehen 
konne. Und nachdem sie sieben Schritte gegangen waren, kam sie 
zu ihrem SchoB." 

Von dem neugeborenen Buddha heiBt es: „Ananda, der eben- 
geborene zukiinftige Buddha steht ganz aufrecht auf seinen FiiBen, 
tut nordwarts einen Gang von sieben Schritten, unter einem weiBen 
Baldachin, der iiber ihn gehalten wird . . ." (Edmunds-Anesaki, 
a. a. 0. I., S. 178.) 

Zu dieser Erzahlung beruft sich R. Qarbe (a. a. O., S. 75) auf 
J. Jolly (Recht und Sitte, GrundrlB der indo-arischen Philologie II, 
8, 54), daB die sieben Schritte seit alters in Indien ein feststehender 
Begriff sind. 

4. Im Pseudo-Matthaus-Evangelium (cap. 20) hat Maria den 

Wunsch, von den Friichten einer hohen Palme eine zum Essen zu 

bekommen, was Joseph fiir unmoglich erklart. ,J)a sagte das 
Jesus-Kindlein, am Busen seiner Mutter liegend, mit frohlicher Miene 
zu der Palme: Neige dich, Baum, und erquicke meine Mutter mit 
deinen Friichten." Sofort geschah dies, und sie pfliickten miihelos 
die Friichte aus der tief herabgebeugten Krone. 

Im Buddhismus werden mehrere ahnliche Qeschichten iiber- 
liefert. AIs Maya den Buddha gebar, streckte sie ihre Hand aus, den 
einen Ast des Baumes zu ergreifen, unter dem sie lag. Sofort 
neigten alle Baume ihre Aste, ihr zu dienen. Sogar die Berge neigen 



- 297 - 

sich vor Buddha in der Richtung des beruhmten Bodhibaumes, 
unter deni ihiri die Erleuchtung kam. Sich aus einem tiefen Loch 
zu retten, bat Buddha die Qottin eines nahen Baumes, den Baum 
einen Ast herabreichen zu lassen, daB er sich rette. Und es ge- 
schah. Als der verbannte, bereits oben genannte Prinz Vi^vantara 
mit den Seinen im Walde Durst litt, neigten die Fruchtbaume von 
selbst ihre hohen Wipfel herab und gaben ihre Fruchte her. (Lalita- 
Vistara, cap. 18 u. 19; Oldenberg. Buddha *, S. 348; P. Bigandet, The 
life or legend of Qautama, London, 1880, I., S. 35, 219.) 

5. Im Pseudo-Matthaus-Evangelium (cap. 23) wird berichtet: 
„Es geschah aber, als die gltickselige Maria mit dem Kindlein in den 
Tempel eingetreten war (in Agypten), stiirzten alle Qotterbilder zur 
Erde, so daB sie alle auf ihren Angesichtern lagen, ganz zer- 
schmettert und zerbrochen, und so zeigten sie deutlich, daB sie 
nichts waren. So ward erfullt, was gesagt ist durch den Propheten." 
Es folgt Jes. 19, 1. Im arabischen Kindheitsevangelium verkundet, 
als die Eltern mit dem Jesuskind eintreten, ein sprechendes, hoch- 
angesehenes agyptisches Qotterbild: „Es ist hierher ein unbe- 
kannter Qott gekommen, der in Wahrheit Qott ist; und kein anderer 
Qott auBer ihm ist gottlicher Verehrung wtirdig, denn er ist in Wahr- 
heit Qottes Sohn . . ." Darauf sturzt das Bild herab und zer- 
schl^t in Trummer. In der Paradosis Pilati (C. v. Tischendorf, 
a. a. O., S. 451) steht vermerkt: „Als der Kaiser dies sagte und den 
Namen Christi nannte, fiel die ganze Menge der Qotter herab und 
wurden wie Staub." 

Im Lalitavistara findet sich (cap. 8) folgende Stelle: „Sobald 
der zukiinftige Buddha mit seiner rechten FuBsohle den Tempel der 
Qotter betrat, erhoben sich die unbeseelten Bilder der Qotter wie 
Qiva usw. . . ., alle diese Bilder, jedes von seinem Platz und fielen 
dem Bodhisattva zu FiiBen." Dazu ist noch folgende Stelle zu ver- 

gleichen: „Es war Sitte bei den (j^akyas, daB alle neugeborenen 

Kinder sich verbeugten zu den FiiBen der Statue des Yaksha Qakya- 
vandana; so nahm der Konig das junge (Buddha-) Kind zum Tempel 
mit, aber der Yaksha beugte sich nieder zu des (Kindes) FiiBen." 
(Edmunds-Anesaki, I, 239.) 

6. Im Pseudo-MatthSus-Evangelium wird erzahlt (cap. 18): 
„Und siehe, plotzlich traten aus der Hohle viele Drachen heraus; 
als die Knaben (der Leute, die mit Joseph, Maria und Jesus waren) 
diese erbiickten, schrien sie vor ubergroBer Furcht. Da stieg Jesus 
(der eben geborene) von seiner Mutter SchoB, trat auf eigenen 






- 298 - 

FiiBen vor die Drachen hin: jene aber beteten ihn an, und nachdetn 
sie ihn angebetet batten, gingen sie fort. Das Jesuskindlein ging 
aber selbst vor ihnen her und befahl ihnen, keinem Menschen zu 
schaden. Aber Maria und Joseph fiirchteten sich sehr, daB nicht 
doch noch ihr Kindlein von den Drachen verletzt wiirde. Zu ihnen 
sprach Jesus: „Furchtet nichts und sehet nicht das an, daB ich ein 
kleines Kind bin: denn ich bin immer ein vollkommener Mann ge- 
wesen und bin es auch jetzt, und alle wilden Tiere in den Waidem 
mussen vor mir zahm warden." Qleich darauf (cap. 19) wird das 
Qleiche von Lowen und Panthern erzahit. Von dem achtjShrigen 
Jesus wird cap. 35 berichtet: „Und Jesus saB in einer Hohle, und 
' die jungen Lowen liefen zwischen seinen FiiBen durch und scherzten 
und spielten mit ihm. Die alten Lowen aber standen mit ge- 
senktem Haupte von feme und beteten ihn an, und mit ihren 
Schweifen huldigten sie ihm." 

Dazu bietet ein Qegenstiick die ErzShlung Buddhas: „Auf der 
Bergeshalde weilend, zog ich Lowen und Tiger durch die Kraft der 
Freundschaft zu mir. Von Lowen und Tigern, von Panthern, BSren 
und Biiffeln, von Antilopen, Hirschen und Ebem umgeben weilte ich 
im Walde. Kein Wesen erschrickt vor mir, und auch ich fiirchte 
mich vor keinem Wesen. Die Kraft der Freundschaft ist mein Halt; 
so weile ich auf der Bergeshalde." (s. Oldenberg, Buddha *, S. 352, 
nach dem Cariyapitaka, einer Jataka-Auswahl.) Als Parallele des 
selbstbewuBten Jesuswortes konnte man die Worte des Buddha- 
kindes anfiihren, das, als es die sieben Schritte getan hat (siehe 
oben) spricht: „Ich bin der Fiihrer in der Welt, ich bin der Beste in 
der Welt, ich bin der Alteste in der Welt. Dies ist mein letztes 
Erdendasein, ich werde nicht wieder geboren werden." 

Hier darf aber vielleicht gleich erinnert werden an die aiteste 
derartige Schilderung Jesaias 11, 6 ff., 65, 25, vergl. auch Mark. 1, 13. 

7. Im Kindheitsevangelium des Thomas findet sich folgende 
Stelle des syrischen Textes (cap. 7): „Es sprach der Lehrer ZachSus 
zu Joseph'): Ich lehre ihn etwas, was fiir ihn passend ist, zu lernen, 
und lieB ihn (Jesus) in die Schule hineingehen. Und als er hinein- 
kam, schwieg er. Zachaus aber, der Schriftgelehrte, begann ihn die 
Buchstaben zu lehren vom A an und vielmals wiederholte er ihm 
alle Buchstaben. Und er verlangte von ihm, daB er antworten und 



•) A. Meyer bei Hennecke, S. 63, schreibt irrtumlich: Jesus, was 
keinen Sinn hat. 



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- 299 - 

ihm nachsprechen sollte. Da wurde der Schriftgelehrte bose und 
schlug ihn mit der Hand auf den Kopf. Und Jesus sprach: Derr'^ 
SchmiedeamboB (mag) Zucht annehmen, wenn er geschlagen wird; 
(obwohl) er kein Qefiihl hat. (Der lateinische Text sagt: Wer ge- 
schlagen wird, lehrt den Schlagenden mehr, als daB er von ihm 
gelehrt wiirde.) Ich aber kann das, was da von dir gesprochen 
wurde, (auch) sagen und zwar mit Wissen und Verstandnis." 

Der griechische Text sagt (cap. 6): „Und er (der Lehrer) sagte 
ihm alle Buchstaben vom A bis zum Omega bis aufs einzelne genau. 
(Jesus) aber sah den Lehrer Zachaus an und sprach zu ihm: Da du 
das A nicht einmal seinem Wesen nach kennst, wie willst du andere 
das B lehren? Du Heuchler, lehre zuerst, wenn du es kannst, das 
A, und dann wollen wir dir auch wegen des B Qlauben schenken. 

Und dann begann er, den Lehrer wegen des ersten Buchstabens 
(auszufragen), und (jener) vermochte ihm nicht zu antworten." 

Ahnlich schildert das arabische Kindheitsevangelium diese 
Szene (cap. 48). 

Das entsprechende Vorkommnis aus Buddhas Leben ist dies 
(Lalitavistara, cap. 10): Als der junge Prinz heranwuchs, wurde er 
unter hunderttausend Segenswunschen, umgeben von 10 000 Kindern, 
zur Schule geleitet. Sobaid er den Schulsaal betrat, fiel der Lehrer 
Vi^v&nitra, da er den von Buddha ausgehenden majestatischen Qlanz 
nicht ertragen konnte, zu Boden. Ein Engel hob ihn auf. Der Knabe 
,spricht zum Lehrer Vi^vSnitra: Nun, Meister, welche Schrift willst 
du mich lehren?" (Und er zShlt ihm 64 Schriftarten auf). ,J*^un, 
Meister, welche von diesen 64 Schriftarten willst du mich lehren? 
Da verstummte ViSvanitra, der Kinderlehrer, und mit lachelndem 
Angesicht anhebend mit Wurde und Stolz, rezitierte er diesen Vers: 
„Erstaunlich . . . ." So, ihr Monche, lernten 10 000 Kinder mit dem 
zukunftigen Buddha das Schreiben. Da kam, durch den Segen des 
zukiinftigen Buddha, als diese Kinder, die das Alphabet gelehrt 
wurden, den Buchstaben A aussprachen, aus ihrem Munde der Satz: 
Alles Zusammengesetzt-Seiende ist flieBend." (So geht es fort; bei 
alien Buchstaben zitiert der Buddha-Knabe einen buddhistischen 
Lehrsatz.) 

8. Das nSchste Qlied dieser Stoffe bilden drei Abschnitte aus 
dem sogenannten christlichen Physiologus, einem im ersten Drittel 
des 2. Jahrhunderts in Alexandria entstandenen phantastisch-sym- 
bolisch-uaturwissenschaftlichen Werk. - 



- 300 - 

a) Die Qeschichte vom Einhorn (cap. 17): Das Einhorn kann nur 
durch eine reine Jungfrau gefangen werden. Der legt das Tier den 
Kopf in den Schofi, es foigt ihr dann willig, und sie fiihrt es in den 
Palast zu dem Konig. Hier machte die ganz unmotivierte Be- 
merkung, da£ es in den Palast zu dem Konig gehe, stutzig. Man fand 
in Indien nun folgende brahmanische und buddhistische Qeschichte: 
Es herrscht Diirre. Ein Einsiedier Einhorn soli sie beschworen. 
Die Konigstochter holt ihn mit List aus der Wildnis und bringt ihn 
in den Palast ihres Vaters (Qarbe, a. a. O., S. 63). 

b) Die Qeschichte vom umgefallenen Elefanten (cap. 19): Die 
Knie des Elefanten haben keine Qelenke. Wenn er fSllt, kann er 
nicht wieder aufstehn. Die Jager sdgen BSume an. Schlafend — 
so ist seine Qewohnheit — lehnt er sich dagegen. So fSUt er hin 
und kann nicht wieder auf. Da klagt er. Es kommen schlieBlich 
zwolf, und alle klagen. Da kommt ein kleiner Elefant (Christus) und 
hebt den groBen (die Menschheit) auf. 

Ohne diesen die ganze Qeschichte umbiegenden, well die Jager 
und die Erreichung ihres Jagdzieles vergessenden frommen SchluB, 
hat diese Erzahlung eine Parallele an einer aus Indien nach China 
ubertragenen Erzahlung vom Rhinozeros, dessen Knie angeblich 
keine Qelenke haben und das so gefangen werde. Plinius (Hist. 
Nat. VIII) und Julius Caesar (De bello Qallico VI, 27) erzShlen die- 
selbe Qeschichte von dem Elch, der keine Qelenke an den Vorder- 
beinen habe und durch AnsSgen der Baume gefangen werde. Be- 
kannt ist die indische ErzShlung in einem chinesischen Text des 
7. Jahrhunderts nach Christus. 

c) Der Vogel Chavadrias (cap. 38): Dieser Vogel trSgt die Krank- 
heit eines Menschen, mit dem er in Verbindung gebracht wird, zur 
Sonne empor und verbrennt sie dort. In Indien wird (Rigveda 1, 
50, 12; Atharvaveda 1, 22, 4) von dem Vogel Haridrav^ erzahlt, auf 
den- die Qelbsucht ubertragen wird, die nach der zweiten Stelle zur 
Sonne hinweggewiinscht wird (Qarbe, a. a. O., S. 67). Dies ist also 
wohl eine indische, aber keine buddhistische Parallele. 

A. Qrunwedel (Mythologie des Buddhismus, Leipzig, 19(X), S. 
128) hat noch aufmerksam gemacht auf eine andere Stelle, wo es 
(Phys. c. 2) heiBt: Die Jungen des Lowen sind bei der Qeburt tot. Der 
Lowe ruft sie durch sein Qebriill zum Leben. So hat der himmlische 
Vater den toten Jesus nach drei Tagen zum Leben zuriickgerufen. 
Zu den altesten Beinamen Buddhas gehort der Name SihanSda : „der 
mit der Lowenstimme." E. Kuhn (im Nachwort zu van den Berg, 



— 301 - 

S. 118) findet diese Parallele treffend und beweiskr^ftig fur die Ent- 
lehnung aus Indien. Qarbe findet diese Parallele nicht sehr ein- 
leuchtend, hdlt aber eine Entlehnung fUr wahrscheinlich, im Hinblick 
auf die Verbindung dieser Bemerkung mit dem unter a bis c 
Qesagten. , 

Zum SchluB dieses Abschnittes sei schlieBlich darauf hin- 
gewiesen, daB R. Qarbe (a. a. O., S. 72) geltend macht, in Alexandria 
sei im zweiten Jahrhundert nach Christi ein Sammelpunkt fremder 
Ideen gewesen: ..Vollkommen vom Buddhismus durchtrankt ist das 
System des (Qnostikers) Basilides, der das Leiden fur den Qrundzug 
alles Daseins erklarte, die Seelenwanderung mit dem Qesetz der 
Vergeltung annahm und die Personlichkeit als einen Komplex aus 
fiinf Bestandteilen auffaBte" (entsprechend den buddhistischen fiinf 
Khandhas). Bisher ist die buddhistische Beeinflussung des Basi- 
lides nur von I. Kennedy (Journal of the Royal Asiatic Society 1902) 
behauptet worden. Qarbe beruft sich auf Edv. Lehmann (Biiddhis- 
mus, S. 267), der von den Qnostikern erklSrt: „daB buddhistische 
FSden sich sehr wohl aus diesem bunten Qewebe herausholen 
lassen." (Fortsctzung folgt.) 



Die evangelische Mission in Japan im Jahre 1913. 

Von Missionsinspektor Lie. J. Witt e. 

Jedes Jahr geben seit 12 Jahren die evangelischen Missionen 
Japans ein Jahrbuch heraus, das, entsprechend dem Obergewicht 
der angelsachsischen Missionen, in englischer Sprache erscheint. Es 
tragt den Titel: „The Christian Movement in Japan". Als Heraus- 
geber zeichnet fiir den Band 1913 der amerikanische Baptisten- 
Missionar J. L. Dearing in Yokohama, der seit 1889 in Japan arbeitet. 
Unterstiitzt wurde er bei der Herausgabe durch die Missionare W. 
Q. Crane, Q. M. Fisher, Q. W. Fulton und D. B. Schneder. Zahlreiche 
andere Missionare haben BeitrSge geliefert. Das Buch, ein Band von 
664 Seiten, ist gedruckt in Tokio (Qinza) vom „Methodist Publishing 
House". Die folgenden Ausfiihrungen woUen versuchen, aus dem 
reichen Inhalt des Buches das wiederzugeben, was von allgemeiner 
Bedeutung und von besonderem Interesse fiir die deutschen Missions- 
kreise ist. 



— 302 — 

Um des besonderen, wenn auch schmerzlichen Interesses wiilen, 
das Japan in diesem Jahre fur Deutschland hat, sei es vorher ge- 
stattet, uber Japan, selbst folgende Angaben zu machen: Das heutige 
japanische Kaiserreich setzt sich aus folgenden Bestandteilen zu- 
sammen: 1. Alt- Japan mit 382.416 qkm Inhalt und 52.200.685 Be- 
wohnern; 2. Formosa und Pescadores-Inseln piit 35.974 qkm und 
443.679 Bewohnern; 3. Japanisch-Sachalin mit 34.069 qkm und 
43.273 Bewohnern; 4. die Kwantung-Halbinsel mit 3374 qkm und 
488.080 Bewohnern; 5. Korea (Chosen) mit 218.200 qkm und 
14.521.171 Bewohnern. Das sind im ganzen 674.033 qkm mit 
70.696.897 Bewohnern. 

Dem Qange des Japan-Jahrbuches nun folgend, sei zuerst auf 
das politische und wirtschaftliche Leben Japans 
im Jahre 1913 ein Blick geworfen. 

Japan wird sich noch lange in einer Periode des Oberganges 
befinden aus dem altjapanischen Absolutismus, der trotz der 
For men einer konstitutionelien Staatsverfassung regiert, in die 
Staatsform der Zukunft. Was fiir eine Staatsform das sein wird, 
ist heute noch nicht zu sagen. Das kann heute aber schon festge- 
stellt werden, daB der alte Absolutismus trotz der gottlichen Ver- 
ehrung des Kaiserhauses, die systematisch von oben gepflegt wird, 
immer schwerer aufrechtzuerhalten ist. In einer Zeit, in der auch 
in Japan zahlreiche Zeitungen gelesen werden und die Volksbildung 
in immer weitere Kreise dringt und in der westl^disches Denken 
und Empfinden mehr und mehr Kreise erfUllt, lafit sich das Volk 
nicht mehr einfach von wenigen Mannern willenlos regieren, soviel 
auch die Regierung noch vermag. 

Aber neben dem EinfluB der Neuzeit wirken die alten Klan- 
Organisationen noch weiter im politischen Leben. Der Satsuma- 
und der Choshu-Klan stehen sich feindlich gegenuber, indem der 
erstere vor allem die Flottenpartei, der letztere die Heerespartei dar- 
stellt, die sich gerade im letzten Jahr bitter befehdet haben. Das 
Yamamoto-Ministerium, das im Marz 1914 gestiirzt wurde, gehorte 
der Flottenpartei an. Das gegenwartige „liberale" Ministerium 
des Qrafen Okouma ist ein Provisorium, das spStestens nach der 
Kaiserkronung im Herbst 1915 wieder einem strafferen Regiment 
Platz machen wird. Der Gang der Politik hat in Japan neben den 
offiziellen Regierungsorganen einen Hauptschwerpunkt bei den 
hinter den Kulissen arbeitenden alten, verdienten Staatsm^nem, 
den Qenro, die als direkte Ratgeber des Kaisers groBes Qewicht 



■■i.t-( -yy ■T''.;,v;!y.> 'r-.-fr;"*<- 



- 303 - 

haben. Es sind heute zu nennen: Marquis Matsukata (81 Jahre alt), 
Marquis Inouye (80), Prinz Yamagata (77) und Prinz Oyama (73). 
Ob der EinfluB dieser Staatsmdnner wirklich, wie das Japan-Jahr- 
buch meint, im Sinken ist, darf bezweifelt werden. Am Ruder sitzen 
noch test in Japan die Machtfaktoren der alten Zeit. Die angel- 
sSctisischen Missionare sehen die politischen Dinge leicht gefSrbt 
im Lichte ihrer eigenen demokratischen Ideaie, deren Verwirk- 
lichung ihr geheimer, oft unbewuBter Wunscli ist. Das Neue ringt 
mit dem Alten, aber das Aite hat noch die Herrschaft. Und das ist 
gut. Denn das Eindringen der neuen Ideen, iibersturzt und unver- 
daut, vom alten Boden gelost und auf dem neuen noch nicht fest 
gewurzelt, zeitigt nicht nur gute Friichte, sondern auch viele be- 
denkliche ZustSnde. 

Das hat sich gerade im Jahre 1913 bis ins Jahr 1914 hinein an 
dem Marineskandal gezeigt, bei dem zutage kam, daB hohe japa- 
nische Offiziere Bestechungsgelder angenommen hatten. Der angel- 
sHchsische Ursprung des Jahrbuches verrSt sich darin, daB in ihm 
wie in fast der gesamten Presse in Japan als Urheberin dieser Be- 
stechungen nur die deutsche Pirma Simens-Schuckert genannt wird, 
wShrend Beamte groBer englischer Firmen mindestens den gleichen 
Anteil an diesen bedauerlichen Vorg^gen hatten. Ein abschlieBen- 
des Urteil uber diese Dinge ist bisher nicht moglich. Jetzt wird das 
Urteil laut, daB der Selbstmord des Generals Nogi damit zusammen- 
gehangen habe, daB diese verderbten ZustSnde in der Marine ihm 
bekannt gewesen seien, und er durch seine Tat gegen sie lauten 
Protest habe einlegen und die Regierung auf sie habe aufmerksam 
machen wollen. 

Zu buBfertiger Einkehr liegt tiir die Japanischen einfluBreichen 
Kreise Qrund genug vor, denn es ist auch sonst nicht alles so, wie 
man es fiir Japan wiinschen mochte. Bis in die hochsten Kreise des 
Buddhismus hinein erstreckt sich die Korruption. 

Infolge liederlichen Prasserlebens der Oberpriester brach ein 
Skandal aus im Nishi-Jlongwanji-Tempel in Kyoto. Ober zwei 
Millionen Yen betrug die durch Liederlichkeit aufgeladene Schulden- 
last. Ein naher Verwandter des Kaiserhauses war der Haupt- 
schuldige. In aller Stille hat man dieses Argemis beseitigt. Ob 
aber eine Besserung eintritt? Die Frage der sittlichen Erneuerung 
des Volkslebens wird also auch fiir die engsten Kreise der alten 
Religionen selbst sehr bedeutsam. -. 



— 304 - 

QroBeres Aufsehen im Ausland hat der koreanische Ver- 
schworungsprozeB erregt, der im Jahre 1913 zu einem leidlich er- 
traglichen AbschluB kam (s. ZMR 1913, S. 152 f.), der aber die Auf- 
merksamkeit auf die Zust^de der japanischen Justiz uberhaupt 
lenkte, die sich auch von japanischer Seite schwere Vorwiirfe ge- 
fallen lassen muBte. Die japanische Justiz ist nicht entlastet von 
dem auch von Japanern ihr gemachten Vorwurf, daB sie durch 
Folterungen mannigfacher Art Qestandnisse erpresse, was man bei 
uns im Mittelalter tat, aber doch nur in langst vergangener Zeit. 
Japanische Richter selbst fordern energisch eine grundliche Revision 
der Strafgesetze und des Qerichtsverfahrens, sowie eine Hebung des 
Richterstandes, der infolge der uberaus niedrigen BeamtengehSlter 
sich in einer unwiirdigen Stellung befinde. Die uberaus niedrigen 
Qehalter bilden iibrigens auch bei dem Marine-Skandal eine kleine 
Entschuldigung der Beklagten. Dieser Justiz aber, die so von den 
Japanern selbst beurteiit wird, sind auch die Auslander unterworfen! 
Die Konsulargerichtsbarkeit besteht in Japan nicht mehr. Die kauf- 
mannischen Kreise aller fremder Staaten sind voll von Klagen iiber 
die japanischen Gerichte. UnbewuBt spielt der japanische Chauvinis- 
mus da eine groBe Rolle. Nur in der Phantasie der Europaer ist ja 
Japan das den Fremden mit stets gleicher Sanftmut und kindlich- 
unschuldiger, lachelnder Freundlichkeit behandelnde Land. Qerade 
im Jahre 1913 sind zahlreiche Falle veroffentlicht worden, daB in den 
elektrischen Bahnen europaische Damen von Schaffnern der Bahnen 
und von Fahrgasten tatlich beleidigt worden sind, und daB es euro- 
paischen Herren nicht gelungen ist, die Leitungen dieser Bahnen und 
die Polizei zum Einschreiten gegen die Schuldigen zu veranlassen. 
Dagegen sind die Japaner uberaus scharf im umgekehrten Fall, selbst 
wenn eine Tatlichkeit eines Europaers nur Notwehr war. Ernste, 
feingebildete Japaner und viele Qiieder der Regierung kennen die 
Schaden ihres Volkes schon. Qerade der jetzige Ministerprasident 
Graf Okouma hat stets energisch fur Reformen am inneren Geiste 
Japans gekampft. Aber ob er Erfolg haben wird mit den Reformen, 
die er versprochen hat? Eine zahe Schar starker Gegner, gestutzt 
auf die egoistischen Interessen der Beamten, halt ihm Widerpart. 
Und es gibt der Sorgen viele fiir Japan. 

Sehr viel Not hat den Japanern wie den Amerikanern die kali- 
fornische Frage bereitet, die auch in der Offentlichkeit Europas aus- 
fiihrlich besprochen worden ist. Hier geniigt, festzustellen, daB die 
Frage selbst, die sehr folgenschwer ist, keine wirkliche Losung ge- 



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- 305 - 



funden hat. Beiden Parteien war ein einstweilig^er Friede lieber, als 
eine klare Auseinandersetzung. Verstehen kann man, daB die Ameri- 
kaner wegen der Einwanderung vieler Japaner in Sorge sind. Denn 
diese Japaner werden niemals Amerikaner, wie die einwandernden 
Deutschen, Italiener, Russen usw. Auf seiten der Japaner aber kann 
man begreifen, daB sie wirklich im VoIIsinn als mit den EuropSern 
gleichberechtigt gelten wollen, da sie QroBmachtstellung in der Welt 
haben. Aber den Japanern muB man auf der andern Seite doch 
wieder vorhalten, daB in Japan bis heute noch kein Europaer Land 
erwerben kann. Alle Qrundstiicke der Mission sind auf den Namen 
von Japanern eingetragen. Man hat in Japan Angst, es konnten aus- 
ISndische Qesellschaften groBe L^dereien erwerben und dann auf 
das Wirtschaftsleben Japans ihren Druck ausuben. Aber wenn Japan 
den Westiandern kein Erwerbsrecht gewahrt, wie kann es dann 
im Vollsinn Qleichberechtigung fiir Japaner in fremden Landern 
fordern? 

Auch im Lande selbst gab es auBere Not. In das Jahr 1914 
reichen zwei akute Notstande hinein, die durch elementare Natur- 
ereignisse hervorgerufen wurden. Die groBte Not war eine groBe 
Hungersnot im Norden Japans, von der vor allem die Prafekturen 
Miyagi, Fukushima, Iwate, Aomori und Hokkaido betroffen wurden, 
die von 45 bis 95 Prozent Ernteausfall hatten. Im ganzen bedurfteii 
9 375 043 Menschen der Hilfe. Die Not war so groB, daB Tausende 
von Eltern ihre Tochter zu unsittlichen Zwecken oder zu gewissen- 
loser Ausbeutung in bestimmten Fabriken verkauft haben. Die 
Mission, vor allem die Heilsarmee, hat viel getan, diesem schmach- 
voUen Handel zu steuern, hat aber auch durch Qeldgaben und 
Naturallieferungen die Hilfsaktion der Regierung zur Linderung der 
Not wesentlich unterstutzt. Die zweite Not wurde durch den riesigen 
Ausbruch des Vulkans Sakurajima bei Kayoshima auf Kyushu hervor- 
gerufen, durch den 20 000 Menschen obdachlos wurden. Durch Asche 
und Lava wurde ein welter Landbezirk auf lange anbauunfahig ge- 
macht und dadurch weitere Tausende in groBe Not gebracht. Die 
Betroffenen sind durchweg arme Leute, deren Versorgung dem 
Staat groBe Opfer auferlegt. Auch da hat die Mission, wie iibrigens 
auch die allgemeine Wohltatigkeit, geholfen. 

In bezug auf die Beziehungen des Staates zu den Religionen 
und der Religionen zum Staat sind zwei Dinge zu erwShnen. Im 
November fand eine zweite Religionskonferenz von Vertretem des 
Shintoismus, Buddhismus und des Christentums mit Vertretern der 



<•• 



— 306 -- 



Regierung statt zur Beratung dariiber, wie die Religionen erfolg- 
reich an der sittlichen Erneuerung des Volkes mitarbeiten konnen. 
Das Christentum wurde in sehr freundlicher Weise beriicksichtigt. 
Die Regierung hat seit 1912 groBeres VerstSndnis bekommen fUr die 
segensreichen Wirkungen der Mission, hat aber bei ihrem Entgegen- 
kommen zugleich die Absicht, mehr EinfluB auf die Mission zu 
gewinnen. 

Das andere ist die soziale Bewegung unter den Frauen Japans, 
die durch die Missionsarbeit wesentlich gestSrkt wird. Diese Frauen 
richteten durch den Abgeordneten Schimada an das japanische 
Parlament am 23. Januar eine Petition, die fiir folgende Punkte Ab- 
Snderungen der japanischen Qesetze erbaten: 

1. Unerlaubte Beziehungen von Ehefrauen (zu Mannem) werdcn 
(im japanischen) Qesetz als strafbar bezeichnet. Die gleiche Tat der 
Manner gilt als straffrei. Das soUte geandert werden, und die 
Manner einer ahnlichen Strafe verfallen wie die Frauen. 

2. Dem Biirgerlichen Qesetzbuch sollten folgende, dem Qrund- 
gesetz der Einehe entsprechende ZusStze gemacht werden: 

a) Wenn ein verheirateter Mann ungesetzlichen Verkehr zu 
Frauen hat, verheirateten oder unverheirateten, oder eine Frau 
gleiche Beziehungen zu Mannem, so gilt das als „unerlaubte Be- 
ziehung". 

b) Ein Qatte begeht Ehebruch, wenn er eine zweite Frau nimmt 
Oder in „unerlaubte Beziehung" zu Frauen mit zweifelhaftem 
Ruf tritt. 

c) Liegt der Fall einer „unerlaubten Beziehung" vor, so kann 
die eine Partei von der andern Ehescheidung oder Schadenersatz 
fordem. ^ 

Ein Erfolg dieser Petition, die ubrigens schon mehrere VorgSnger 
hat, ist nicht zu verzeichnen gewesen. Es wird aber die Zeit kommen, 
wo Japan sich wird entschlieBen mussen, die Ehre der Frauen besser 
zu schutzen. 

Da die Mission in alle Fragen des Volkes mit ihrer Arbeit ver- 
fiochten ist, so hat das Jahrbuch mit Recht auch die Entwicklung des 
wirtschaftlichen Lebens Japans beriicksichtigt 

Von dem groBartigen, fast zu schnellen wirtschaftlichen Auf- 
schwung Japans kann man ein Bild gewinnen aus folgenden Zahlen: 
Der Staatshaushalt umfaBte 1877: 52 338 133 Yen Einnahme, 43 428 324 
Yen Ausgabe, also: 100 766457 Yen Umsatz; 1896: 187 019 423 Yen 



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- 307 — 

• 

Einnahme, 168 856 509 Yen Ausgabe, also: 355875932 Yen Umsatz; 
1908: m 992 961 Yen Einnahme, 603 658 214 Yen Ausgabe, also: 
1361651181 Yen Umsatz; 1913: 586 807 588 Yen Einnahme, 
586 807 588 Yen Ausgabe, also: 1173 615176 Yen Umsatz. 

Die Staatsschulden sind in derselben Zeit allerdings auch 
sehr gestiegen. Im Jahre 1870 betrugen dieselben 4 880 000 Yen, im 
Jahre 1896: 427 121 734 Yen, im Jahre 1913: 2 564 422 317 Yen. Wenn 
auch die stark anwachsende Schuldenlast des S t a a t e s die Steuern 
sehr in die Hdhe trieb und daher im Jahre 1913 eine Sparsamkeits- 
reform einsetzte, durch die z. B. mehr als 5000 Beamtenstellen ge- 
strichen wurden, so ist doch der Wohlstand des Volkes nicht be- 
droht, sondern in stdndigem Wachsen begriffen. Der Handel betrug in 
Einfuhr und Ausfuhr 1868: 26 246 544 Yen, 1888: 131160 744 Yen, 
1913: 1 361 869 459 Yen. 

In einem aufstrebenden und aufsteigenden Volke, wie es das 
Japanische also ist, ist das Missionswerk aussichtsvoller, wenn wegen 
des irdischen Sinnes auch schwerer, als in einem Volk, in dem das 
Leben stagniert. 

Seit dem Jahre 1910 hat der Edinburger WeltmissionskongreB 
auf alien Missionsfeldern durch die Anregungen des Dr. John Mott 
Bestrebungen ausgelost, welche auf eine Verbindung der 
Bestrebungen der zahlreichen Missionsgesell- 
schaften und Missionskirchen abzielen. Es ist die Zer- 
spaltung in nicht bloB viele verschiedene, sondern auch in viele sich 
widerstreitende und rivalisierende Missionen auf alien Qebieten der 
Erde ein groBes Hemmnis der Mission. Nun kann man kaum auf Ver- 
einigung der Protestanten und Katholiken hoffen. Aber die Evan- 
gelischen unter sich sollten doch einig sein. Nun hat es ja gerade in 
Japan schon friiher zahlreiche freundliche Beziehungen ver- 
schiedener Missionen zu einander gegeben. Aber bis heute bestehen 
doch auch noch viele MiBstande. Sich demgegentiber mit der vor- 
handenen „Einheit im Qeist" trosten, ist — so sagt das Jahrbuch — 
verkehrt: „Wenn mehr Einheit im Qeist vorhanden ware in einem 
wirklichen und hinreichenden Grade, so wiirde viel mehr Einheit 
der Korporationen dasein als vorhanden ist." „Wenn die Be- 
wegung auf Einheit auf dem Missionsfelde an Starke und Umfang 
zunehmen soil, so sind das Notigste nicht Programme der Vereini- 
gung, sondern, wie gut gesagt worden ist, Apostel der Einheit 
Manner sind notig mit einer geniigenden Weitherzigkeit und P^ig- 
keit des wohlwollenden Verst^dnisses fur die, mit denen es zu- 



- 308 - 

sammenzuarbeiten gilt. Der rechte Weg liegt nicht 
darin, daB wir unsere Unterschiede als unwichtig 
ansehen und sie ungeduldig als wertlos und 
hindernd beiseite stoBen, sondern darin, daB 
wir durch geduldige Selbstzucht einen hoheren 
Gesichtspunkt finden, welcher iiber ihnen liegt 
und in welchem sie ausgeglichen sin d." Wenn mit 
diesem Qrundsatz wirklich Ernst gemacht wird, ist QroBes zu 
hoffen. Ob damit Ernst gemacht wird, bleibt abzuwarten. 

Die Darstellung der einzelnen Arbeitszweige der Missionen 
beginnt mit den Werken der sozialen Fiirsorge. 

Die Lage der Industriebevolkerung ist in Japan eine sehr 
traurige. Massen von Menschen sind in wenigen Jahrzehnten in 
die Industriestadte gestromt und fiihren hier, der Heimat beraubt 
und in der neuen Lage sich nicht wohl fuhlend, unter sehr harten 
Arbeitsbedingungen ein trostloses Leben. Die soziale Gesetzgebung, 
die bis vor wenigen Jahren gleich Null war, soUte 1911 durch ein 
vom Parlament angenommenes Arbeiterschutzgesetz verbessert 
werden. Die Bestimmungen auch dieses Gesetzes waren wahrlich 
minimal. Es wurde z. B. als neu festgesetzt, daB Madchen unter 
15 Jahren und Frauen in den Fabriken nicht langer als zwolf 
Stunden arbeiten diirften. Doch wurde fiir dringende Zeiten den 
Fabrikanten erlaubt, sie 14 Stunden arbeiten zu lassen! Dabei gibt 
es nur zwei freie Tage im Monat. Dies Gesetz ist von der Regie- 
rung nicht bestatigt worden, weil es zu arbeiterfreundlich war. 
Dabei sind die Lohne sehr niedrig. Jeder Mahnung, daB Japan an 
seiner Arbeiterwelt Raubbau betreibe, setzen die Fabrikanten die 
Behauptung entgegen, daB Japans Waren nur so konkurrenz- 
fahig seien. 

Unter diesen Industriearbeitern hat in Tokio vor allem die Heils- 
armee ein gesegnetes Werk. Sie hat drei Heimstatten fiir Obdach- 
lose, denen sie Arbeit vermittelt, falls sie keine haben. 27.662 
Menschen fanden 1913 durch sie Arbeit, 34.436 erbaten Rat und 
erhielten Hilfe in dem Arbeiterschutzbureau. 673 Menschen waren 
dauernde, zahlende Bewohner der Heimstatten. 54.159 bezahlte 
billige Mahlzeiten wurden hier verabfolgt. Diesen Menschen bringt 
man naturlich auch auf allerlei Weise das Christentum nahe. 

Das Christentum sucht man auch dadurch in diese Massen 
hineinzubringen, daB man in Verbindung mit Fabrikanten Vortrfige 



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- 309 - , 

und allerlei Fiirsorge fiir die Arbeiter ins Leben ruft. Aber diese 
letzte Arbeit ist an zwei Hindernissen gescheitert. Das erste, aber 
nicht entscheidende Hindernis waren buddhistische Quertreibereien. 
Das zweite war der einsetzende Widerstand der Fabrilcanten selbst, 
die VortrSge uber rein religiose Fragen zu dulden bereit waren, aber 
VortrSge uber Fragen der Lebenshebung der Arbeiter, selbst iiber 
Hygiene usw., und soziale Fiirsorge als gefahrlich ablehnten. Fin 
lieilsarmee-Offizier bemerkt dazu sehr richtig: „Man Icann einen 
Menschen nicht viel uber Religion lehren, der nicht gelernt hat, sich 
das Qesicht zu waschen und „Quten Morgen" zu sagen." So erhebt 
sich schon jetzt fiir das Christentum die ungeheuer schwierige Frage, 
die den europSischen Kirchen soviel zu schaffen macht, die Frage 
des Verh&ltnisses des Christentums zu den sozialen Problemen der 
unteren Volksldassen. Wenn die Mission in Japan sich der 
schwierigen Aufgabe der Fiirsorge fiir die Arbeiter nicht unterzieht, 
werden diese Arbeitermassen durch die eindringende Sozialdemo- 
Icratie auch dort ganz beherrscht und gegen aile Religion verbittert 
werden. 

Es setzen neben der Heilsarmee auch andere Unternehmungen 
ein, urn hier zu helfen. Da ist besonders riihmenswert das Bemiihen 
des japanischen Pastors Yoshimishi Sugiura von der Kirche des 
wahren Lichts. Er hat sich aus herabgekommenen Existenzen, 
Arbeitslosen und Verbrechern, treue, ernste Christen herangebildet, 
die um sich Qruppen von Arbeitern sammeln, welche durch gegen- 
seitigen ZusammenschluB Arbeit und Halt finden. So hat er z. B. 
100 Menschen mit dem Zubereiten von Rettich und Riiben beschaftigt. 
50 andere verkaufen sie. Das QeschSft rentiert, und 150 Menschen 
haben ein gutes, geordnetes Leben gefunden. Vom Verdienst der 
Leute wird ein Teil in den Postsparkassen angelegt und ihnen erst 
am Ende des Jahres ausgezahlt. Die zahlreichen bliihenden Zweige 
dieser „Arbeiter-Reformvereinigung" haben die Aufmerksamkeit 
niehrerer reicher Menschenfreunde gewonnen, haben aber jede 
pekuniSre Unterstiitzung als unnotig und ihre Freiheit gefahrdend 
abgelehnt. Auch diese Arbeit geschieht auf christlicher Qrundlage 
und mit dem Ziel der Qewinnung aller Beteiligten fiir das Evan- 
gelium, fiir dessen Erreichung die soziale Hebung der unteren 
Klassen eine gute Vorbedingung ist. 

Eine weitere gute Unternehmung ist die unter Leitung eines 
Herrn B. Suzuki in Verbindung mit den amerikanischen Unitariern 
gegriindete „Arbeiterfreunde-Vereinigung". Sie gibt den Arbeitern 



— 310 - 

Rechtsauskunft, nimmt sich der Qesundheitsfiirsorge durch Arzte an, 
hilft ihnen in Sparkassen- und Versicherungsangelegenheiten, sorgt 
fiir edle Unterhaltung, unterhalt Abendschulen und sucht tiichtige 
Elemente zu heben. Diese Vereinigung besteht erst seit iVa Jahren 
und zShIt bereits iiber 5000 Mitglieder. Das Jahrbuch betont den 
hohen Wert dieser Arbeit. 

Vielleicht das Erfreulichste auf diesem Qebiet ist, daB auch 
japanische Laienchristen von sich aus an diesem Punkte mit Hilfe 
einsetzen. So hat ein Ingenieur Tanukichi Ito eine Hilfsvereinigung 
gebildet, fiir welche er aus eigenen Mitteln unter groBen Opfern eine 
Arbeiterzeitung, „Shokko Shimbun", herausgibt. Er will vor allem 
die geringe Bildung der Arbeiter durch niitzliches Wissen be- 
reichern, das dann weiterfuhren soil zu sozialer Selbsthilfe. Auch 
efnige christliche Qeschaftleute nehmen sich in dhnlicher Weise 
ihrer Arbeiter an, so der christliche Inhaber der groBen Zahnpulver- 
fabrik Kobayashi in Tokio, der Abendschulen fiir Knaben und 
Madchen unterhalt, der selbst Bibelstunden abhdlt, der einen eigenen 
Pastor zur Fiirsorge fiir seine Arbeiter angestellt hat und nutzliche 
Vortrage mit Lichtbildern auch in anderen Industriestidten 
halten laBt. 

Das Jahrbuch unterstreicht den Satz, daB bei alien Bestrebungen 
dieser Art praktische Hilfe, die geleistet wird, wichtiger ist als 
theoretische Anweisung, wie die Arbeiter sich selbst helfen konnen, 
und daB das wichtigste die weitere Qriindung von HeimstStten ist, 
mit denen sich andere Hilfsanstalten verbinden lassen. Denn eine 
der groBten Note ist die Wohnungsnot. Die Mietswohnungen der 
japanischen Arbeiter spotten jeder Beschreibung. Hier kann die 
Mission helfen. Solche Heime verzinsen das Baukapital. Die Qe- 
samtlage der Arbeiter kann nur durch die Qesetzgebung gebessert 
werden. Da kann die Mission nur dadurch helfen, daB sie in der 
Presse und im personlichen Verkehr das offentliche Qewissen anregt. 

Solche Heime werden als wichtig und notig auch fiir Studenten 
und auch fiir Sltere Schiilerinnen bezeichnet. Unser Missionsverein 
hat 1913 ein solches Heim fiir Studenten in Tokio eroffnet. Mehr 
noch als in Europa sind die Studenten in Japan der Qefahr des 
moralischen und sozialen Unterganges ausgesetzt. Da helfen solche 
Institute. Das Heim unseres Vereins zeigt, daB man ohne groBe 
dauemde Belastung solche Werke griinden kann. Das innere Leben 
zeigt die beste Bliite. 



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- 311 — 

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Aus sozialen Qriinden wird fiir Japan die Starkung der Abstinenz- 
bewegung als erwunscht bezeichnet. In Japan wird aus Reis jahr- 
lich Sake (Reisbranntwein) hergestellt im Werte von 270.278.680 
Yen! Dazu kommt Bier, in Japan gebraut, im Werte von 7.787.000 
Yen. Die amerikanischen Missionare und wohl auch der groBte Teil 
der englischen Missionare sind Abstinenten. Aber im groBen ist die 
Alkohoinot in Japan kleiner als in Europa, und sie ist in Japan keine 
der besonders groBen Volksnote. 

Eigentumlich wirkt in der jetzigen Weltlage die im Jahrbuch 
ausgedruckte Freude Uber das Wachsen der Friedensbewegung in 
Japan. Der PrSsident der japanisclien Friedensgesellschaft ist seit 
1910 der jetzige MinisterprSsident Graf Okouma, unter dessen Ver- 
antwortung und Leitung der Staatsgeschlfte Japan aus brutalstem 
Egoismus den Krieg mit Deutschland vom Zaun gebrochen tiat! An- 
gesichts dieser Tatsache erttbrigt sich jedes weitere Wort tiber 
diese Bestrebungen. 

Unter den Spezialarbeiten rein religioser Art 
ist die Arbeit der Bibelgesellschaften vorangestellt. Die Bibeln und 
Bibelteile werden in stSndig steigendem MaBe begehrt. Die ameri- 
kanische Bibeigesellschaft hat 1913 im ganzen 5569 vollstSndige 
Bibeln, 68.025 Neue Testamente und 202.634 Bibelteile verkauft und 
(einen kleinen Teil davon) verschenkt. Die britische Bibeigesell- 
schaft hat 3552 ganze Bibeln, 33.564 Neue Testamente und 189.032 
Bibelteile vertrieben. Rechnet man dazu die Bemiihungen der 
Christlichen Traktatgesellschaft, die im vergangenen Jahr 1.359.501 
religiose Biicher, Traktate und Bilder vertrieben hat, so zeigen diese 
Zahlen, daB fiir Verbreitung religioser Literatur durch diese Organi- 
sationen viel geschehen ist. Dabei ist die literarische Mission der 
einzelnen Missionsgesellschaften noch gar nicht gerechnet worden, 
die schon bei unserer kleinen Gesellschaft des Missionsvereins durch 
unsere Zeitschrift „Shinri" und mancherlei Biicher Qutes geleistet 
hat. Wieviel mehr haben erst die groBen Qesellschaften geleistet! 

Auf dem Gebiete des Schulwesens bahnen sich neue Wege an. 
Es gab eihe Zeit, da gait als Parole, Missionsschulen seien in Japan 
unnotig und aussichtslos, da die staatlichen Schulen vorzuglich aus- 
gebaut seien, und die Regierung an neue Missionsschulen in bezug 
auf Ausstattung und Lehrpersonal sehr hohe Anforderungen stelle. 
Das letztere gilt auch heute noch. Zu neuen Schulgriindungen durch 
die Mission gehoren in Japan groBere Mittel als in anderen Missions- 
ISndern. Aber unerfullbar sind die Anforderungen der Regierung 






- 312 - 



nicht. Und je groBer die Ausgaben fur Heer und Marine werden, 
um so weniger kann die Regierung in ihren Schuigriindungen mit 
dem waciisenden Verlangen der Bevollcerung nach Schulen, vor 
allem Mittelschulen und hoiieren Schulen Schritt halten. Selbst die 
Volksschulen bediirfen nicht nur vieler Verbesserungen, sondern 
auch groBer Vermehrungen. So ist also, wenn der Mission Mittel 
zuflieBen, fiir Schuigriindungen wieder gtinstige Zeit. Und die 
nachsten Jahre werden diese Qelegenheit noch gUnstiger gestalten. 
Japan^ wird bei dem starken VorwSrtsdrangen seiner §uBeren Politik 
immer weniger in der Lage sein, die Bedurfnisse des inneren Volks- 
lebens entsprechend der steigenden Bevolkerungszahl und des 
steigenden Bildungsverlangens zu befriedigen. Die freundliche 
Stellung der Regierung zur Mission wird auch auf diesem Qebiet 
niitzlich sein. 

Ein wesentliches Anwachsen der Missionsschulen ist im Jahre 
1913 noch nicht eingetreten. Verstarkt sind wesentlich die Kinder- 
garten. Im Jahre 1913 sind 13 neue Kindergarten eroffnet worden; 
ihre Qesamtzahl betrSgt jetzt HI. Aus den Kindergarten wSchst ein 
Geschlecht von Kindern heran, die, wenn sie in die Schulen eintreten, 
Qlieder der Sonntagsschulen werden und die so tatsdchlich mit dem 
Christentum von klein auf vertraut sind. Auf diesem Wege wird 
das Christentum innerer Besitz weiter Kreise der Bevolkerung. 

Qeplant ist von angelsachsischer Seite die Qriindung einer 
christlichen Universitat in groBem Stile. Die Sammlungen haben 
bisher noch keinen sehr groBen Erfolg, trotzdem der Plan sehr gut ist. 

Der mit der groBten Begeisterung im Jahre 1913 geforderte und 
von J. Mott unterstiitzte Plan ist das Unternehmen einer auf drei 
Jahre berechneten intensiven Evangelisation in ganz Japan, deren 
Kosten auf 100.000 Mark berechnet werden, von denen die Hdlfte 
Amerika, die Halfte die japanischen Christen aufbringen sollen. Bis- 
her hat John Mott in Amerika 16.000 M. flir diesen Zweck fliissig 
gemacht. 

Infolge des kalifomischen Streites hat das Missionswerk unter 
den in Amerika lebenden Japanem erhohtes Interesse bekommen. 
In Amerika leben nach amerikanischer Schatzung 72.157, nach 
japanischer 92.000 Japaner. Interessant ist, daB von den japanischen 
Einwanderern 22 Proz. Analphabeten sind, von den einwandernden 
Italienern 54 Proz., von den einwandernden Portugiesen 68 F*rozent. 
Man sucht durch Abendschulen fur englische Sprache mit den 



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-^ 313 - 

• 

Japanern Fiihlung zu gewinnen; eine dieser Abendschulen, die des 
Professors Milton S. Vail, wurde in den letzten 10 Jahren von 2500 
Schiilern besucht. Es gibt auch 4 christliche Heime fur japanische 
Frauen und Kinder. Es gibt jetzt 59 Kirchen und Sale, urn die sich 
diese Arbeit gruppiert. Sie hat gute Erfolge. Aber es wird nicht 
verschwiegen, daB auch die japanischen Buddhisten eine sehr rege 
TStigkeit entfalten, um die Japaner in Amerika ihrer alten Religion 
zu erhalten. 

Die Christen in Japan fiihlen immer starker ihre Verpflichtung 
zur Mission an ihren Landsleuten, die in nichtchristlichen Landern 
leben, in Korea, in der Mandschurei und in China. In Korea leben 
etwa 250.000 Japaner. Die japanischen Christlichen Vereine junger 
M&nner haben im Jahre 1913 um Mittel fiir eine Zweigorganisation in 
Seoul geworben und haben den schonen Erfolg, daB sie fiir 80.000 
Yen ein schones Qebfiude errichten konnen. Weitere 100.000 Yen 
sind von japanischen reichen Mannern zur Sicherung und Ausge- 
staltung des Unternehmens schon jetzt sichergestellt worden. 

Die Kumiai-Kirche hat 15.000 Yen in einem Monat aufgebracht 
fiir ihre Mission in Korea und hat durch den japanischen Pastor 
Tsunashima aus Tokio in Seoul Vortrage halten lassen, die bis zu 
500 Besucher zahlten. AuBerdem hat noch die Arbeit der Metho- 
disten in Seoul besonders gute Erfolge gehabt. Ihr Pastor Kihara 
hat dort drei Kirchen gebaut und 7 Qemeinden mit 578 Mitgliedern 
ins Leben gerufen. Dieser Mann hat bisher 568 Japaner, die er fiir 
das Christentum gewonnen hat, taufen konnen. 

Die Stimmung zwischen den Japanern und den Koreanern hat 
sich gebessert. Die Japaner haben nach AbschluB des erwahnten 
Verschworungsprozesses weitere Konflikte vermieden. 

In der Mandschurei gibt es hie und da kleine Qruppen zer- 
streuter japanischer Christen, die von einigen Pastoren geistlich ver- 
sorgt werden. In Dalny hat der „Christliche Verein junger Manner", 
der 773 Mitglieder zShlt, ein stattliches Qebaude; die Zahl der Mit- 
glieder ist 1913 um 130 gestiegen. 

In Schanghai besteht eine japanische Christengemeinde von 
40 Mitgliedern, ein japanischer Christlicher Verein junger Manner 
zahlt 101 Mitglieder. Dieser Verein unterhait eine Handelsschule mit 
34 Schiilern und ISBt englischen Sprachunterricht erteilen, der von 
51 Schulern besucht wurde. 

DiestatistischeObersicht dieses Jahrganges des Jahr- 
buchs ist sehr liickenhaft. W&hrend z. B. im Jahrbuch 1913 die Zahl 



— 314 - 

der westiandischen Missionsarbeiter auf 962 angegeben war, nennt 
das Jahrbuch 1914 dafiir die Zahl 624. Das RStsel lost sich dadurch, 
daB eine ganze Reihe von groBen Qesellschaften offenbar die Frage- 
bogen zu spat eingesandt liat. Da hat die Redaktion des Jahrbuchs 
kurzerhand diese Qesellschaften iiberschlagen, anstatt wenigstens 
die Zahlen des Vorjahres einzustellen. Als Zahl aller Kommuni- 
kanten gibt das neue Jahrbuch 89.347 an, das Jahrbuch 1913 zfthlte 
73.226; die Zahl der Mitglieder der evangelischen Kirchen, ein- 
schlieBlich der Katechumenen, ist 102.790 (1912: 90.469). Der Zu- 
wachs durch Taufen von Erwachsenen betrug 1913: 6884 (1912: 
6089), die Zahl der Kindertaufen betrug 1031 (1912: 968). Organi- 
sierte Kirchgemeinden gibt es 857, sich selbst unterhaltende Qe- 
meinden 182, Kirchgebaude 594. In den 1875 Sonntagsschulen werden 
108.495 Kinder unterrichtet. 

Seitdem K o r e a als Provinz C h o s e n zu Japan gehort, hat das 
Missionsjahrbuch fur Japan auch die Mission unter den Koreanern 
in Korea eingehend beriicksichtigt. Die groBe, weite Volkskreise 
ergreifende Bewegung, welche dem Christentum zustrebte, ist in 
ruhiger Weise weiter gediehen, ohne daB das Jahr 1913 besondere 
Ereignisse gebracht hatte. Eine Zeit der inneren Klarung ist ge- 
kommen. Es arbeiten in Korea 480 westlandische Missionare. Die 
Zahl der Qetauften betragt 75.000. Zahlt man dazu die Katechumenen, 
Taufbewerber und Anhanger, so ergibt sich eine Qesamtzahl von 
185.000. Es gibt jetzt 612 koreanische Prediger, 490 Kolporteure und 
Bibelfrauen, 9858 Qruppen von Christen und 2348 einfache Kirch- 
gebaude. 1982 Kinder besuchen hohere Missionsknabenschulen, 
1608 Schiilerinnen besuchen die hoheren MissionsmSdchenschulen. 
In 725 Volksschulen der Mission werden 13 254 Knaben und 5800 
Madchen unterrichtet. Die zwei theologischen Seminare sind von 
324 Studierenden besucht. In 20 Hospitalern und 2S Polikliniken 
wurden 2828 Kranke klinisch und 176 113 poliklinisch behandelt. Die 
amerikanische Bibelgesellschaft verkaufte 1913: 1089 Bibeln und Alte 
Testamente, 9377 Neue Testamente und 166 414 Bibelteile. Die eng- 
lische Bibelgesellschaft verkaufte: 5623 Bibeln, 26170 Neue Testa- 
mente und 357.608 Bibelteile. In den 2392 Sonntagsschulen wurden 
von 6631 Lehrern und Helfern 119 496 Teilnehmer unterrichtet, 

SchlieBlich ist noch Formosas zu gedenken, wo die engli- 
schen Presbyterianer und die Kanadische Presbyterianer-Mission 
arbeiten. Das Werk, das neben den Ureinwohnern den 3V2 Millionen 
dort wohnenden Chinesen gilt, hat 1913 guten Fortgang genommen. 



- 315 - 

Dort stehen 40 westiandische Missionare im Dienst. Die Zahl der 
Kommunikanten betragt 6190, die aller Christen 13 367. Qetauft 
wurden 1913: 355 Erwachsene und 508 Kinder. In 83 Sonntags- 
schulen versammelten sich 985 Kinder. 

So zeigte das gesamte Japan-Missionswerk Anfang des Jahres 
1914 einen erfreulichen Stand und einen guten Fortgang. Aucii unsere 
Mission stand am Anfang neuer PiSne und mitten in der Erfiillung 
guter Aussichten. 

Doch nun ist der Weltkrieg entbrannt. Er wird auch das Japan- 
Missionswerk erschiittern, weit iiber die Kreise unserer deutschen 
Mission hinaus. Darum bildet das Jalir 1913 den AbschluB einer 
Periode friedlicher und gedeihlicher Arbeit 



Aus der Mission der Gegenwart. 



Die soziale Lace der Fabrlkarbelterinnen In Japan. 

Ein Herr Riyemon Uno hat in einem Buch „Kogyo Kyoiku" seine 
in 15j&hriger sorgf^tiger Beobachtung gewonnenen Erkenntnisse und 
festgestellten Tatsachen uber die Lage der Fabrikarbeiterinnen in 
Japan veroffentlicht. Diese Mitteilungen haben in Japan manche 
Sympathien mit dem Los dieser Frauen ausgelost. Was er sagt, ist 
etwa folgendes: 

Von 100 506 Arbeitern, die in Baumwollspinnereien beschaftigt 
sind, sind 81 217 Frauen. Bei alien w e i b 1 i c h e n Fabrikarbeitern, 
deren Zahl sich auf 475 497 (unter 793 885 Fabrikarbeitern uber- 
haupt = 62 Prozent) belSuft, kommen nach staatlichen Ermittelun- 
gen aus dem Jahre 1910 auf 1000 immer 7, die jiinger als 12, 73, die 
junger als 14, 347, die jiinger als 20 Jahre alt sind. Von je 1000 
Fabrikarbeiterinnen wohnten 655 in Arbeiterhausern der Fabriken. 

Nach staatlichen Angaben besuchen in Japan jetzt 92 Prozent 
aller Kinder eine Schule. Bei den Fabrikarbeiterinnen kommen auf 
je 1000 5 Arbeiterinnen, welche die Volksschule (Koto Sho Gakko) 
ganz besucht haben, 7, welche in diese Schule eingetreten waren, sie 
aber nicht absolviert batten, 28, welche die Unterstufe der Volks- 
schule (Jinjo Sho Qakko) bis zu Ende besucht hatten. 540 batten 
diese Schule besucht^ aber nur kurze Zeit. 385 sind ohne jede 
Schulbildung. 



h 



— 316 — 



Diese Arbeiterinnen verdienen durchschnittlich pro Tag 33,4 Sen, 
das sind 67 Pfennige. Der Monat hat 28 Arbeitstage. Der Durch- 
schnitts-Monatslohn betragt 9,532 Yen = 19,07 Mark. Die Fabrik 
zahlt auBerdem die Halfte der Bekostigung, die im Monat im ganzen 
etwa 5,00 Yen = 10 Mark kostet. Davon zahlt die Arbeiterin 
2,40 Yen = 4,80 Mark. Fiir Seife, Handtiicher, FuBbekleidung u. a. 
niuB man 1,60 Yen = 3,20 Mark rechnen. Der Durchschnitt gibt 
monatlich 1 Yen = 2 Mark an die Eltern ab. So bleiben vom Monats- 
lohn noch 4,352 Yen = 8,70 Mark, Dies geben sie fiir Kleidung, fiir 
Naschereien, Vergnugungen oder Theater aus. In k e i n e r 
anderen Beschaf tigung konnen solche MSdchen 
in Japan hohere Lohne erzielen. 

Ein besonderer Obelstand ist die Zusammenhaufung von groBen 
Zahlen dieser Madchen. In Osaka hat eine Fabrik 3000, eine zweite 
3100, eine dritte 3200 Madchen! Viele haben 2000 bis 3000! Diese 
riesigen Mengen leben in je e i n e m groBen Wohnhaus in jeder 
Fabrik. Fiir 250 bis 500 ist in diesen Wohnhausern immer eine 
Aufseherin angestell! Die Zustande in diesen HSusern sind elend. 
Die Tag- und Nachtschichten haben gemeinsame Betten. Sobald die 
einen diese verlassen, legen sich die andern hinein. 

Von 200 000 Madchen, die, ihrer Heimat fern, in diesen HSusern 
leben, kehren nur 80000 wieder in ihre Heimat zuriick. Von 100 
Madchen, die man beobachtete, kehrten 23 in die Heimat zuriick und 
starben im Laufe des ersten Jahres, da sie zu Hause waren, die 
Halfte an Tuberkulose. Nach einigen Jahren der Arbeit sind viele 
vollig ruiniert. W i 1 1 e. 

Zur Religionsgeschichte in China.' 

Das internationale Reformbureau hat den Prasidenten Yuan 
Schi Kai um eine zuverlassige Mitteilung iiber die Frage der Reli- 
gionsfreiheit in China gebeten. Der Sekretar des PrSsidenten hat in 
dessen Namen folgende Antwort gesandt: „In Beantwortung Ihres 
Briefes, den der President gelesen hat, stellt derselbe fest, daB die 
Verehrung des Konfuzius ein alter Branch ist, welcher iange Zeit- 
alter hindurch in der Geschichte Chinas beachtet worden ist, und 
von alten Zeiten her iiberliefert worden ist. Derselbe hat nichts mit 
Religion zu tun. Katholiken, Protestanten, Mohammedaner und 
Manner, die andern religiosen Oberzeugungen folgen, werden keinen 
Grund haben, sich von der Beamten-Laufbahn fernzuhalten. Wenn 
die Bezirksbeamten aus irgendeinem Grunde nicht in der Lage sind 



'~::5^T*'i"5 T- 1v.'*^^VS?" ■®''^-' Y'7?> ■" ^^ V 



— 317 — 

* 

Oder nicht den Wunsch haben, Konfuzius zu verehren, so kann die 
Zeremonie durch jemand anders vollzogen werden." SchlieBlich 
wird der Wunsch, ausgesprochen, diese Mitteilung moge in den aus- 
landischeri Zeitungen veroffentlicht werden, um falsche Urteile Uber 
China richtig zu stellen. W i 1 1 e. 



Alte und neue Ubel in China. 

Die chinesische Regierung kampft weiter mit Tatkraft gegen das 
Opiumrauchen. Immer wieder gehen von Peking Mahnungen an die 
Oouvemeure aus, den Anbau von Mohn und die Opium-Kneipen zu 
unterdriicken. Aber wahrend China so gegen dies alte, ihm von 
England um Qeldgewinnes willen aufgezwungene Obel kampft, 
dringen neue Obel nach China hinein. Der Qeist der Qeldgier, der 
die Engl&nder trieb, den Chinesen das Opium aufzuzwingen, hat 
neue Wege gefunden, aus China Qeld herauszuholen. Geht es nun 
mit dem Opium nicht mehr so gut, so geht es jetzt mit Zigaretten 
und mit Morphium. Englander, Amerikaner und Japaner drangen 
den Chinesen diese „Kulturgiiter" auf, ganz gleich, ob sie niitzen oder 
schaden. Die „Britisch-Amerikanische Tabak-Kompagnie" iiber- 
schwemmt China mit ihren Zigaretten. Sie gibt jedes Jahr acht 
Millionen Mark ftir Reklame aus. Sie hat ein ganzes Heer von 
Agenten, die umsonst Zigaretten verteilen, die Vortrage halten, die 
durch personlichen Verkehr das Zigarettenrauchen verbreiten. 
Schatzungsweise werden schon jetzt jahrlich 100 Millionen Mark fiir 
Zigaretten ausgegeben. Der Betrag fiir Morphium laBt sich nicht 
berechnen. Wie gut das Qeschaft Qewinn abwirft, geht daraus her- 
vor, daB die genannte Tabak-Kompagnie 1912 37 Prozent, 1913 
27 Prozent Dividende verteilt hat. Das Qeschaft wird infolge der 
systematischen Propaganda bald noch mehr abwerfen. Das ist fiir 
die Entwicklung Chinas ein schweres Hemmnis, daB die westlandi- 
schen Volker unter der Firma der Kulturiibertragung so vielfach 
China als ein Riesenfeld ansehen, das sie in gewissenloser Profit- 
sucht durch Raubbau auszubeuten suchen. NaturgemaB sind die 
Interessen der einzelnen Volker in vieler Hinsicht im Widerstreit 
miteinander. Daher wird durch Druck von hier und dort die Re- 
gierung hin- und hergetrieben. Was es auch sei, und was auch ge- 
schielht, China muB an Fremde Vorrechte abtreten. Daneben ge- 
schieht natiirlich von den Westmachten viel, was China wirklich 



- 318 - 

niitzt. Aber die Politik der wenigsten WestmSchte ist China gegen- 
iiber so vornetim und selbstlos wie die deutsche. Und China kam 
bisher nie zu wirklich gedeihlicher, ruhiger Entwicklung. 

Nun scheint es, als wolle Japan die Leitung der Dinge in China 
in die Hand nehmen. RuBland hat an Japan die Mandschurei preis- 
gegeben, England hat Japan in China freie Hand versprochen Oder 
vielmehr versprechen miissen. Frankreich wird durch den Krieg 
automatisch ausgeschaltet. So ist als politische Vormacht Japan 
tatsachlich in der Lage, Chinas Entwicklung zu bestimmen. Nun 
mag man Japans Kultur hoch oder nicht hoch einschStzen, soviel ist 
klar, daB die Ausschaltung der vielen Gegensatze der andern Machte 
fiir China ein Segen ist. Nun ist die Moglichkeit einer ruhigen 
inneren Entwicklung Chinas gegeben. Ob es sich tatsSchlich ruhig 
entwickeln wird, das hangt noch von anderen Faktoren ab. Vorerst 
werden die verdrangten, mit Japan „befreundeten** MSchte das 
chinesische Volk gegen Japan aufzuhetzen versuchen, in aller Stille 
und Heimlichkeit. Denn ihre schonen, noch immer genahrten Plane 
einer Aufteilung Chinas sind stark bedroht. 

Deutschland, das stets in China nur die „offene Tur" begehrt 
hat, wird seine wirtschaftlichen Interessen unter der neuen Ordnung 
besser vertreten konnen, als unter den bisherigen ZustMnden ziigel- 
loser Rivalitat. Diese ging bekanntlich soweit, daB selbst die 
Missionsblatter und Missionsschulbiicher in China in unerhorter 
Weise gegen Deutschland hetzten. 

In religioser Hinsicht wird die neue Lage zum wenigsten nichts 
verschlechtern. Japan wird sich sicherlich bemiihen, den Missionen 
gegeniiber sehr entgegenkommend zu sein. 

Fiir China ist gewiB die Vorherrschaft Japans auch ein neues 
Obel. Japan ist in China nicht beliebt. Aber es wird, wenn es klug 
ist, in diesem neuen Obel das kleinere Obel erkennen. Sich selbst 
zu helfen, ist es auf lange hinaus nicht imstande. Und wenn Japan 
klug ist, wird es die jetzige Regierung Chinas vorlSufig nicht stiirzen, 
sondern langsam zu reformieren versuchen. Denn was China, dies 
riesige, zerfahrene, in seiner Verwaltung in den letzten Jahren ganz 
verwirrte Land braucht, ist stille Zeit zu ruhiger Entwicklung. 
Solche Zeit wiinscht sich auch die Mission, damit ihre Arbeit zur 
Qesundung Chinas mithelfen kann. W i 1 1 e. 



- 319 - 

Knlturprobleme des Ostens. 

Es ist gewiB erfreulich, daB die Zahl derer stetig wachst, welche 
dem Osten und seiner Kultur ein lebhaftes Interesse entgegen- 
bringen. Und es ist nur wiinschenswert, daB dies Interesse nicht an 
der AuBenseite haften bleibe, sondern tiefer greife und neben den 
soziologischen, asthetischen, historischen Momenten einer fremden 
Kultur, auch deren religiose und ethische Werte in Betracht ziehe. 
Diese Wertung braucht nicht in den Fehler vergangener Zeiten zu 
verfalien, welche fremde, vor allem heidnische Sitten und Qebrauche 
stets als minderwertig beurteilten, urn dadurch die heimische Moral 
in urn so hellerem Licht erstrahlen zu lassen. Viele unserer Qebilde- 
ten stehen heute in Qefahr, in das Qegenteil zu verfalien und iiber 
der Bewunderung dieser gewiB einzigartigen Kulturwelt der ost- 
lichen Volker ihre bedeutenden ethischen Mangel und ihren 
religiosen Verfall ganz zu ubersehen. In solcher Qefahr scheint mir 
auch der als philosophischer Schriftsteller bekannte Graf Hermann 
Keyserling zu schweben, der kiirzlich seine im International 
Institute of China zu Shanghai gehaltene Rede vor Chinesen nun in 
erweiterter Form herausgegeben hat (unter dem Titel: Ober die 
innere Beziehung zwischen den Kulturproblemen des Orients und 
des Okzidents) und dieselbe „Eine Botschaft an die Volker des 
Ostens" [Jena, Eugen Diederichs 1913] bezeichnet. 

Ich mochte im folgenden nicht auf das einzelne der Schrift ein- 
gehen, sondern nur wenige Punkte derselben herausheben, die mir 
gerade symptomatisch zu sein schienen fur die Stellung vieler Qe- 
bildeten den philosophischen und religiosen Fragen und Problemen 
gegeniiber, die uns heute durch die engere Beziehung mit dem Osten 
aufgegeben werden. Eigentiimlich beriihrt zunachst die Verherr- 
lichung des Konfuzianismus, der in vollig unhistorischer Weise zu 
einem schwebenden Begriff verfluchtigt wird, wobei die als ideal 
gefeierten Zust^de in ein zeitlich unbestimmtes Altchina zuriick- 
projiziert werden. „Wir bewundern China um des einzigartigen 
Grades willen, in welchem sich der Geist dem sozialen Bewufitsein 
eingebildet hat. Hier, und hier allein in der Geschichte der Mensch- 
heit ist das Wort buchstSblich Fleisch geworden .... Was .... 
laBt sich wohl tiefsinnigeres erdenken, als jene Ritenlehre, nach 
welcher jedweder Gehalt den ihm objektiv korrespondierenden 
Ausdruck zu finden hat?" Halt man dagegen, was nach Mitteilung 
D. Schillers (Heft 3 ds. Jahrg. S. 74) ein gebildeter Japaner iiber den 



fe. 



- 320 - 

Konfuzianismus schreibt, so werden wir nicht fehlgehen, wenn wir 
aus den dithyrambischen Aufierungen Keyserlings ein allzu subjektiv 
gefarbtes Phantasiebild der chinesischen Kulturentwicklung heraus- 
fuhlen. Es war zum mindesten sehr verwirrend, wenn er als 
Europaer zu dem Satze sich verstieg: „Der Qeist des Konfuzianis- 
mus wird gerade so lange die Seele Chinas bleiben, als China in die 
Reihe der groBen Nationen gehoren wird". Da sehen doch viele 
Chinesen heute schon klarer, dank ihrer Beriihrung mit dem 
Christentum, als der gebildete Abendlander, der sich durch eine 
fliichtige Bekanntschaft mit einer so fernen Welt in Denken und 
Fiihlen der Chinesen derart eingelebt zu haben glaubt, um eine 
„Botschaft" ihnen bringen zu konnen. 

Dafi es Keyserling mit seinen Urteilen nicht allzu genau nimmt, 
zeigt der vollig schiefe Satz: ,J)ie Qrundlehren des Buddhismus und 
des Christentums sind nahezu die gleichen" sowie die zu Unrecht 
verallgemeinerte Bemerkung: „Weltfeindschaft ist, was immer man 
sage, ein wesentlicher Bestandteil des Christentums". Deshalb 
werden wir uns auch nicht wundern, daB von den groBten Kultur- 
problemen der Zukunft fur die ostlichen Volker: der Auseinander- 
setzung mit dem Christentum kaum die Rede ist. Qerade darum 
handelt es sich ja, ob China nicht noch anderes und besseres von uns 
lernen kann, als „wissenschaftliche Ergebnisse, technische Errungen- 
schaften, humanitare und sozial-okonomische Einrichtungen". Und 
wie notwendig dies ist, das vermag nicht der Reisende zu beurteilen, 
sondern nur der Missionar, der in jahrelanger Arbeit und in taglicher 
Beriihrung mit alien Schichten des Volks die heutige Religion und die 
landlaufige Moral genau kennen gelernt hat. Es hieBe eine so hoch- 
stehende Nation wie die Chinesen dem sittlich-religiosen Zerfall 
preisgeben, woUten wir nicht alles versuchen, um auch ihnen die 
hochsten Werte unseres Daseins, das Christentum, zu vermitteln. 
Denn nach unserer Uberzeugung wird China so lange in der Reihe 
der grofien Nationen sich zu behaupten vermdgen, als es immer 
lebendiger vom Qeist des Christentums sich beeinflussen l&Bt, das 
recht verstanden, eine sittliche und religiose VervoUkommnung der 
Personlichkeiten im Sinne ihrer bisherigen Kultur erstrebt. 

M e r k e 1. 



Druck von Hoffmann & Reit>er, Gorlitz, Demianiplatz 28. 



Das Kiautschongebiet und unsere Mission in ihm. 

Von D. A u g. K i n d. 

Am 14. November 1897 erschienen deutsche Kriegsschiffe vor 
Tsingtau in der Kiautschoubucht, um Besitz von ihr zu ergreifen. 
Bald darauf kam zwischen der deutschen und chinesischen Re- 
gierung ein Pachtvertrag auf 99 Jahre zustande. Damit faBte das 
Deutsche Reich festen FuB in China und gewann ein kleines, an 
der Kiautschoubucht gelegenes Qebiet. 

Der Allgemeine Evangelisch-Protestantische Missionsverein, der 
bis dahin in China nur literarische Mission getrieben hatte, aber 
von D. Faber schon immer zu praktischer Missionsarbeit gedrangt 
worden war, ersuchte sofort beim Eintreffen der Nachricht seine 
beiden chinesischen Missionare, D. Faber und Kranz, sich nach 
Tsingtau zu begeben und die Missionsarbeit dort in die Wege zu 
leiten. D. Faber betrat am 5. April 1898 als erster deutsch-evangeli- 
scher Missionar den Boden des neuen Schutzgebietes. Ende April 
folgte ihm F*farrer Kranz nach. D. Faber schickte einen sorgfSltig 
ausgearbeiteten Plan fiir die Mission in Kiautschou an die Vereins- 
leitung. Der Zentralvorstand beschloB in seiner Sitzung am 
13. April 1898 in Qotha einen Aufruf an das evangelische Deutsch- 
land. (ZMR 1898, S. 190 f.) Um die Heimat mit dem neuen Besitz 
in Ostasien bekannt zu machen und fiir die Arbeit in ihm zu er- 
wftrmen, veroffentlichte die ZMR 1898 (S. 210 ff.) einen Aufsatz: 
„Schantung und Kiautschou" (I. Land und Leute, II. Die Mission in 
Schantung, III. Aussichten und Aufgaben). 

Durch den jetzigen Weltkrieg ist auch das Kiautschougebiet 
und die Mission in ihm in schwere Mitleidenschaft gezogen worden. 
Von England wurde auch nach seiner Kriegserkl&rung kein Angriff 
befurchtet. Anders stand es mit Japan. Anfangs August wurde in 
Berlui, und zwar geflissentlich, wie sich bald herausstellte, das Qe- 
rficht verbreitet, Japan werde die giinstige Qelegenheit benutzen, 
mit RuBland abzurechnen. Japaner, die sich zeigten, wurden in- 
folgedessen in Berlin auf der StraBe iiberschwdnglich gefeiert. 
Jedem Einsichtigen war von vomherein klar, daB England auf alle 

ZdlMkrift fer MiMionskunde nnd ReUgionswissenschaft 29. Jahrgang. Heft 11. 



- 322 - 

F^lle Japan abhalten wOrde, RuBland, das zum Dreiverbande ge- 
hdrte, in den Rucken zu fallen und dessen VorstoB gegen Deutsch- 
iand und Osterreich zu l^men. Die bis zuletzt geheim gehaltene 
Abreise der Japaner aus dem Deutschen Reiche zeigte, wohin die 
japanische Politik steuerte. Von England aufgestachelt, war das 
ehrgeizige, nach steter VergroBerung des auswSrtigen Besitzes ver- 
langende Japan entschlossen, sich des wertvoUen und verheiBungs- 
voU aufgebluhten Kiautschougebietes zu bemSchtigen. Der Biindnis- 
vertrag mit England enthielt keinerlei Verpflichtung, das deutsche 
Schutzgebiet anzugreifen. Aber England, um seine Weltmacht- 
stellung zu behaupten und die Entwickelung unseres Handels zu 
unterbinden, konnte gar nicht genug Peinde wider das Deutsche 
Reich erwecken, und Japan ging auf die Plane seines Verbundeten 
ein. Es stellte ein ebenso dreistes wie verlogenes Ultimatum an 
Deutschland, in dem die sofortige Zuriickziehung oder Entwaffnung 
aller Kriegsschiffe des ostasiatischen KreuzergeschwaderSt sowie 
die bedingungslose Obergabe Tsingtaus bis zum 15. September ge- 
fordert und Frist zur Beantwortung bis 23. August gestellt wurde. 
Als dieses in Kiautschou, wo man schon langst auf einen japanischen 
Oberfall gefaBt und vorbereitet war, bekannt wurde, telegraphierte 
am 18. August der mannhafte Qouverneur Meyer-Waldeck, daB er 
fiir PflichterfuUung bis auf das duBerste einstehe. Da die deutsche 
Regierung es ablehnte, auf das Ultimatum zu antworten, war der 
Kneg erklSrt. Es wurde von vornherein angenommen, daB die 
kletne Besatzung auf die Dauer Tsingtau gegen die ungeheure Uber- 
macht nicht halten konne, aber es sollte solange wie mdglich mit 
aller Kraft verteidigt werden. Zuntchst wurde von Japan aus der 
Anschein erweckt, als soUe das Kiautschougebiet nicht beschossen 
und erstiirmt, sondern ausgehungert werden. Das war nur darauf 
berechnet, die deutsche Besatzung in Sicherheit zu wiegen und die 
eigenen Vorbereitungen zu verschleiern. In Tsingtau hielt man aber 
scharfe Wacht. Bald erfolgte denn auch ein zu Lande und zur See 
unternommener Angriff, an dem sich starke japanische und englische 
Truppen beteiligten. Er wurde mit schweren Verlusten fur die An- 
greifer abgeschlagen. Weitere K&mpfe sind gemeldet worden. Da 
Mitteilnngen dariiber aber nur aus feindlicher Quelle stammten, lieB 
sich nicht feststellen, inwieweit sie den Tatsachen entsprachen. 
Jedenfalls wehrte sich die deutsche Besatzung in Tsingtau tapfer 
und umsichtig. Es bestand in einzelnen Kreisen der Heimat die 
Hoffnung, daB das Schutzgebiet bis Ende des Jahres sich behaupten 



-^^^tf^l 



. - 323 - 

kOnne. In seiner Kundgebung vom 23. August hat der Qouvernenr 

auf preuBische Festungen wie Qraudenz und Kolberg hingewiesen, 

die vor mehr als hundert Jaliren wider alles Erwarten erfolgreich 

alien Stfirmen des Qegners widerstanden. Der Lauf dieses Welt- 

krieges konnte manche uberraschende Wendung nehmen. Daher 

schien manchem nicht ausgeschlossen, dafi die Japaner schlieBlich 

davon abstehen miiBten, Tsingtau zu erobern. Am 7. November ist 

aber dieEntscheidunggefallen, nach rubmvoUsterVerteidigungmuBte 

die Ubergabe Tsingtaus erfolgen. Welchen Verlust das fiir das 

Deutsche Reich bedeutet und welche SchSdigung treue Missions- 

arbeit dadurch erfShrt, sollen die folgenden Ausftihrungen in Er- 

innerung und zum BewuBtsein bringen. Das entscheidende Wort 

Qber Tsingtau wird allerdings erst beim FriedensschluB mit England 

gesprochen werden, und dieses konnte unter UmstSnden gezwungen 

werden, Japan zur Wiederherausgabe des Kiautschougebietes zu 

veranlassen. 

I. 

Die Entwickeluflg des Kiautschougebietes. 

Am 10. Januar 1899 legte der Reichskanzler dem Reichstage 
eine vom Reichsmarineamt bearbeitete Denkschrift iiber die Ent- 
wicklung des Schutzgebietes vor. Wie darin ausgefiihrt wird, soil 
es sowohl als Flottenstation wie als ein Stiitzpunkt des deutschen 
Handels in Ostasien ftir die ErschlieBung eines weiten Hinterlandes 
dienen. Qleicfizeitig sollen alle kulturellen und zivilisatorischen Be- 
strebungen gepflegt werden. Auf dem Qebiete des Kirchen- und 
Schulwesens gilt der Qrundsatz unbedingter ParitSt (of. ZMR 1899, 
S. 48 ff.). Weitere Denkschriften erschienen zunSchst alljShrlich 
und sind jedesmal im folgenden Jahrgang der ZMR angezeigt und 
besprochen worden. Die Denkschriften sind stets knapp und sach- 
lich gehalten, zeugen alle von echtdeutscher zielbewuBter Arbeit 
und berichten von erfreulichen Fortschritten infolge der groBzugigen 
MaBnahmen der Regierung und des kuhnen und fleiBigen Unter- 
nehmungsgeistes einzelner oder bestimmter Qesellschaften. Die 
letzte Denkschrift verbreitete sich iiber das Jahr 1908/09. Auf Qrund 
eines Reichstagsbeschlusses erschien aus Sparsamkeitsrucksichten 
die Denkschrift nicht mehr jShrlich, sondern sollte nur alle fiinf Jahre 
herausgegeben werden. Doch wurden stets bei Qelegenheit der 
Etatsberatung eingehende Mitteilungen gemacht. 

Unter dem deutschen Regiment ist das Kiautschougebiet, vor 
allem Tsingtau selbst, wunderbar aufgebiaht und ist Qrofies dort 






— 324 - 

geschaffen worden. Schon nach zehnjdhrigem Bestehen der deut- 
schen Herrschaft konnte das Reichsmarineamt folgendes feststellen 
(cf. ZMR 1908, S. 109 ff.) 

Bei Obernahme des Qebietes durch das Reich war in jeder Be- 
ziebung so gut wie alles zu tun. Als Unterkunftsrdume fiir die kauf- 
mgnnischen Pioniere, die Beamtenschaft und das Militir waren zu- 
nSchst nur die mangelhaften Bauten der friiheren chinesischen Be- 
satzung verfiigbar und daneben noch einige Chinesenhduser des 
alten Fischerdorfes Tsingtau. StraBen irgendwelcher Art gab es 
iiicht. Hygienische Einrichtungen fehlten ganzlich, insbesondere 
waren die TrinkwasserverhSltnisse infolge der herrschenden Un- 
sauberkeit gefShrlich. Und nach zehn Jahren! 

An Stelle des Dorfes Tsingtau und der chinesischen Truppen- 
lager ist eine, nach einheitlichem Plane gebaute Stadtanlage ge- 
treten» und zwar die Europaerstadt Tsingtau nebst Vilienvorstadt an 
der Auguste-Viktoria-Bucht, die Chinesenstadt Ta-pau-tau und die 
unweit des groBen und kleinen Hafens liegenden Arbeitersiedelungen 
Tai-tung-tschen und Tai-hsi-tschen, schlieBIich ein in der Entwick- 
lung begriffenes Handels- und Industrieviertel zwischen Ta-pau-tau 
und dem groBen Hafen. Die Stadtanlage ist mit einem Netz chaus- 
sierter StraBen versehen, hat Regen- und Schmutzwasserkanaiisa- 
tion, Wasserleitung und elektrische Beleuchtung, kirchliche Qe- 
baude, KrankenhSuser und Schulen fiir EuropSer und Chinesen, eine 
Postanstalt, Markthalle und einen alien Anforderungen der Hygiene 
geniigenden Schlachthof. Die Qouvernementsbehorden sind, soweit 
fiir sie nicht am Orte ihrer TStigkeit Dienstrdume erforderiich 
waren, im QouvernementsgebSude vereinigt. Die Unterbringung 
der Besatzungstruppen nahert sich ihrem Abschlufi. Einer plan- 
m^igen Aufforstung der Umgebung Tsingtaus wurde mit Erfolg be- 
sondere Aulmerksamkeit zugewendet. 

Die Hafenanlagen z^len auch nach fremdem Urteile zu den 
besten Ostasiens. Der groBe wie der kleine Hafen haben Eisen- 
bahnanschluB an die Schantungbahn. Diese mit deutschem Kapital 
durch deutsche Baumeister erbaute und unter deutscher Leitung 
stehende Eisenbahn dient der Verbindung Tsingtaus mit dem Minter- 
lande. In erster Linie als Kohlenbahn zur Ausbeutung der von ihr 
durchschnittenen Kohlenfelder gebaut, hat sie sich rasch zu einem fiir 
den wirtschaftlichen Aufschwung der deutschen Niederlassung und 
der Provinz Schantung gleich wichtigen Verkehrsmittel entwickelt. 
Tsingtau nimmt unter den 36 chinesischen SeezoUfimtem gegen- 



■;-'■• %'5f^'ii-.^ ;^pt;~ ^n;- rtTr"^^*^^ 



— 325 - 

wSrtig nach der Hdhe seiner Cinnahmen bereits die siebente 
Stelle ein. 

Fiir die staatliche Verwaitung sind in alien Zweigen sowohl der 
Zivil- als der Miiltarverwaltung feste, organisatorische Qrundlagen 
gelegt. Von Anfang an wurde bei der Organisation des Schutz- 
gebietes auf ein stdndiges und verst^dnisvolles Zusammenwirken 
der staatlichen Organe mit der Zivilbevolkerung, insbesondere den 
kaufm&nnischen Interessentenkreisen, sowohl in der Kolonie selbst, 
als in der Heimat gehalten. Die Beziehungen des Oouvernements 
der Kolonie zu den benachbarten chinesischen Behorden sind 
dauernd gute gewesen. 

Die Qesundheitsverhdltnisse haben sich unter den Einwirkungen 
der hygienischen Einrichtungen wesentlich geSndert. Tsingtau kann 
jetzt als der gesundeste Platz an der chinesischen Kuste bezeichnet 
werden. 

Fiir die Erziehung deutscher Kinder ist vor allem durch die 
Qouvernementsschule gesorgt, die nach dem* Plane eines Reform- 
gymnasiums eingerichtet ist. (Pfarrer Wilhelm hatte bald nach 
seiner Ankunft eine deutsche Schule ins Leben gerufen, und diese 
war nach seinem Obertritt in den ausschlieBlichen Missionsdienst 
von Pfarrer Lie. Schtiler weitergefuhrt worden, bis die Regierung 
das deutsche Schulwesen selbstandig in die Hand nahm.) Cine 
deutsche MSdchenschule soil ins Leben gerufen werden. Auch auf 
die kulturellen Bediirfnisse der chinesischen Bev5lkerung des 
Schutzgebietes ist Bedacht genommen worden. Handel und Schiffs- 
verkehr, Post- und Telegraphenverkehr haben sich in verheiBungs- 
voller Weise gesteigert. Die erfahrensten Kenner der wirtschaft- 
lichen VerhSltnisse Ostasiens haben sich durchaus gtinstig uber die 
Qesamtentwicklung der Kolonie ausgesprochen. 

Soweit der Bericht in der Denkschrift uber 1906/07. 

Auch die folgenden Jahre konnten von einem gesunden Qe- 
deihen des Schutzgebietes erzahlen. Die von dem Zivilkommissar 
Dr. Schrameier entworfene und durchgeftthrte Landordnung nach 
den QrundsStzen der Bodenreform bewShrte sich. Die Schantung- 
Eisenbahn, dieses hervorragende Werk deutscher Technik, fand 
fortwdhrend sich steigernde Benutzung von seiten der chinesischen 
Bevdlkerung und erlangte in Tsinanfu nach Norden wie nach Siiden 
Anschlufi an die neue groBe Bahnlinie, die von Tientsin bis zum 
Jangtse gefiihrt wird, die als chinesische Staatsbahn gebaut wird 
und amtlich den Namen Tientsin-Pukou tragen soil. Das bedeutet 



.^ ^ y 



- 326 - 

eine verheifiungsvoile Erweiterung der Verkehrsverbindungen. 
Justiz und Verwaltung wurden immer mehr ausgebaut und er- 
warben sich das Vertrauen der einheimischen BevOlkerung. Wissen- 
schaftliche Untemehmungen wurden treu gepflegt. Die Marine- 
^rzte machten fleifiige und sorgfSltige Studien uber die in Schantung 
vorkommenden Krankheiten und waren eifrig, sie zu heilen, aber 
auch fiir die Zukunft zu verhtiten. Eine Qouvernementsmldchen- 
schule wurde begrundet. Fiir die Hebung der eingeborenen Be- 
volkerung sorgten Dorfschulen, von denen eine immer grSBere 2^hl, 
oft nach Beratung mit der Mission, eingerichtet wurde. Zur Ver- 
breitung der hdheren Bildung geschah ein bedeutsamer Schritt 
mit der Crdffnung der deutsch-chinesischen Hochsctiule (ZMR 
1909, S. 75 ft.; 1910, S. 126 ft.) am 25. Oktober 1909, berufen, ein 
deutsches Kulturzentrum im fernen Osten zu bilden. Ein Vertreter 
des chinesischen Unterrichtsministeriums hieit dabei eine beachtens- 
werte Ansprache. Beim AbschluB der Verhandlungen zwischen 
beiden Regierungen iiber die Hochschule hatte der greise Staats- 
mami Tschang-Tschi-Tung die Hoftnungen, die man in China daran 
knupfte, in die Worte gekleidet: „Ein groBes Werk, ein gutes Werk." 
Unmittelbar an die Eroftnungsfeier schloB sich die Qrundsteinlegung 
fiir die neuen Qeb^ude. Der Andrang zur deutsch-chinesischen 
Hochschule war von Anfang an sehr stark. AllmShlich ist sie 
auBerlich und innerlich immer mehr ausgebaut worden und hat sich 
in giinstiger Weise entwickelt. 

Die kirchliche Versorgung der Besatzung und zugleich der 
Zivilgemeinde war anfangs einem Sendboten des Allgemeinen Evan- 
gelisch-Protestantischen Missonsvereins ubertragen worden, zuerst 
Pfarrer Wilhelm und, als dieser sich ganz der Mission widmete, 
Harrer Lie. Schuler. Da das Pfarramt aber immer umfangreicher 
wurde, trat dieser ganz in den Dienst der Regierung, und als er 
1904 zur Missionstdtigkeit zuriickkehrte, wurde ein eigener Qou- 
vernementspfarrer angestellt. Ende 1899 erfolgte die Einweihung 
der provisorischen, von der Regierung erbauten Kapelle, 1910 wurde 
die auf einem der schonsten Fhinkte Tsingtaus errichtete evangeli- 
sche Christuskirche eingeweiht. Die Qemeinde hatte Altardecken 
und gemalte Fenster gestiftet. 

Viel Qeld, viel FleiB und geistiges Kapital ist von Deutschland in 
Tsingtau und das Kiautschougebiet gesteckt worden. Von alien 
seinen Kolonien war besonders dieses Schutzgebiet dem deutschen 
Volk ans Herz gewachsen. Die dafiir geforderten Mittel wurden 



^- 



- 327 - 

am ehesten bewilligt. Weitere umfassende Plane waren in Vor- 
bereitung, namentlich auf dem Qebiete des Schulwesens. Schon 
jetzt bedeutete aber das verheiBungsvoll aufgeblUhte und vom Aus- 
land vie! bewunderte Tsingtau einen beredten Anschauungsunter- 
richt westlicher Kultur und deutschen Wissens und Konnens und 
erwies sich in den Tagen der chinesischen Revolution als sicherer 
Zufluchtsort fur viele Chinesen aus den besten Kreisen. 

Durch den Oberfall von seiten der Japaner und Engiander ist 
nun alle bisherige Arbeit in Frage gestellt, sind alle bisherigen Er- 
rungenschaften auf das SuBerste gefdhrdet, ist, was deutscher Qeist 
schuf, mit dem Untergang bedroht. 

11. 

Das Kiautschougebiet und unsere MIssionsarbelt In Ihm. 

Von auslandischen Missionsgesellschaften haben nur die ameri- 
kanischen Presbyterianer eine Tfitigkeit in dem Schutzgebiet ent- 
faltet. Von deutscher Seite haben eine katholische (die Steyler) und 
zwei evangelische Missionsgesellschaften, nlimlich Berlin I und der 
Allgemeine Evangelisch-Protestantische Missionsverein, ihr Werk in 
Kiautschou betrieben. Die Denkschriften des Reichsmarineamts 
haben stets in unparteiischer Weise vol! Anerkennung iiber deren 
segensreiche zivilisatorische Arbeit berichtet. Ohne die Erfolge der 
anderen Missionen verschweigen oder herabsetzen zu woUen, sei 
an dieser Stelle nur der Entwickelung der Mission unseres Vereins 
gedacht. Das ist um so mehr berechtigt, als er sich sehr bald in 
China fur eine eigenartige, fiir die sogenannte indirekte Methode 
der Mission entschieden hat. Diese besteht darin, daB man zundchst 
nicht auf Einzelbekehrung und Qemeindegriindung hinarbeitet, 
sondern durch Schul- und Hospitaltatigkeit und durch literarische 
Arbeit altherkommliche Vorurteile entwurzeln und christlichen 
Qeist tiberhaupt verbreiten und zur Anerkennung bringen will. Diese 
Art der Mission ist von den einen miBbilligt, von den andern mit 
Ereuden begruBt worden. Die bisher damit gemachten Erfahrungen 
konnten den Verein nur darin bestSrken, auf dem eingeschlagenen 
Wege zu beharren. 

1. Unsere Missionare. 
D. Faber, seit 1885 im Dienst unseres Vereins, war der Be- 
grttnder unserer Mission im Kiautschougebiet. Seiner Wirksamkeit 
dort wurde nur zu bald ein Ende gesetzt. An sich von keiner festen 



01 



— 323 - 

Qesundheit, erkrankte er besonders infolge der mangelhaften Woh- 
nungsverhaltnisse und starb am 26. September 1899. Er hatte dem 
AUgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsverein sein Bar- 
vermogen, seine wertvolle Bibliothek, seine sSmtlichen Manuskripte 
und seine groBe Pflanzensammlung vermacht. Mit D. Faber verier 
der Verein eine missionarisch hervorragende, mit chinesischem 
Wesen und chinesischer Literatur selten vertraute, in China wie 
auch in christlichen Landern hochangesehene Personlichkeit. In 
Tsingtau hat er seine letzte RuhestStte gefimden. Durch sein Qrab 
schon ist uns der dortige Boden geweiht. Fabers Freunde und Ver- 
ehrer in Deutschland und in China haben fiir ihn in Tsingtau auf dem 
schonen, weithin das Meer iiberblickenden Friedhof ein Denkmal 
errichtet mit der Inschrift: „Ein Bahnbrecher christlichen Qlaubens 
und christlicher Kultur. Ein deutscher Forscher im fremden Lande." 
(cf. ZMR 1899, S. 382; 1901, S. 270.) 

Mit D. Faber war Pfarrer Kranz, seit 1892 fiir unseren Verein 
tatig, nach Tsingtau gegangen. Seine Starke war die literarische 
Mission, der er sich mit groBem Eifer widmete. 1902 loste er sein 
Verhaitnis zu unserem Verein, da dieser ihm in dogmatischer 
Beziehung nicht streng genug gebunden erschien. 

Die Seele unserer Kiautschoumission wurde D. Wilhelm, der 
seit 1899 in dem Schutzgebiet wirkt. Er lebte sich bald in chinesi- 
sches Denken und Empfinden ein, verstand, mit den Chinesen umzu- 
gehen, und da er ihnen Vertrauen entgegenbrachte, gewann er ihr 
Vertrauen in weitgehendem MaBe. Als 1900 wahrend der Boxer- 
unruhen eine deutsche Strafexpedition Kaumi beschoB und besetzte, 
wurde er von einem chinesischen Mandarin ersucht, die dortigen 
Bewohner zur Vemunft zu bringen. Mit Eriaubnis des deutschen 
Qouverneurs Jaschke und in Begleitung seines Sprachlehrers, des 
von Amerikanern vorgebildeten Arztes Li, begab er sich nach Kaumi, 
brachte den Armen und Verwundeten Hilfe und beruhigte die Be- 
volkerung, so daB er bald an der Spitze von 100 Dorf-Burgermeistem 
zu dem deutschen Befehlshaber Ziehen und ihm eine Ergebenheits- 
adresse iiberreichen lassen konnte. Dieser Erfolg und seine dabei 
bewiesene menschenfreundliche Art erwarben ihm in Kaumi und 
fiber Kaumi hinaus vie! Liebe und Verehrung. Reich an Qedanken 
und PlSnen, war er unablSssig tStig, unsere Arbeit immer weiter zu 
fiihren und immer mehr zu festigen. Sein Ausgangspunkt war die 
indirekte Missionsmethode, fiir die er lebhaft eingetreten war. Er 
gewann vielseitige Beziehungen zu einfluBreichen chinesischen 



F 



- 329 - 

Kreisen und erwarb sich auch bei den chinesischen Behorden hohe 
Achtung, so daB er 1906 zum Rang eines Mandarin erhoben wurde. 
Cr vertiefte sich in die chinesische Literatur, und konnte daran gehen, 
deren klassische Schriften ins Deutsche zu Ubertragen. Es erschienen 
bisher: Kungfutse, Qesprdche (Lun Yu); Laotse, Tao-te-King; Lia- 
Dsi, Das wahre Buch vom quellenden Urgrund, und Dschuang Dsi, 
Das wahre Buch vom sudlichen Blutenland. Das erfreuliche Qe- 
deihen unserer Arbeit im Kiautschougebiete ist in erster Linie das 
Werk D. Wilhelms. An seiner geistesverwandten Qattin hatte er 
eine treue Qehilfin, die sich besonders im Schulwesen fleiBig 
betatigte. 

Ihm zur Seite trat Lie. Schuler, der 1900 ausgesandt wurde, 
1902 Qouvernementspfarrer wurde, seit 1905 wieder ausschlieBlich 
fiir die Mission tStig war und im deutsch-chinesischen Seminar und 
im Hospital, zeitweise auch in Kaumi, treu und selbstlos, von seiner 
Qattin unterstiitzt, wirkte. 1911 siedelte er nach Schanghai iiber, 
dort das F^arramt zu ubernehmen und zugleich missionarisch zu 
arbeiten. 1913 kehrte er gesundheitshalber nach Deutschland zuriick 
und ist seit Ostern 1914 als Dozent an dem orientalischen Seminar 
in Berlin angestellt. 

Pfarrer Benjamin Blumhardt traf 1902 in Tsingtau ein, muBte 
aber infolge ieidenden Zustandes bereits 1905 die Heimat wieder auf- 
suchen. Obwohl der Verein sein VerhSltnis mit ihm loste, ging er 
1906 von neuem nach Tsingtau, um D. Wilhelm zu helfen, und wurde 
wieder in den Dienst des Vereins aufgenommen. Er hat sich in dem 
Seminar und Hospital in Tsingtau und in der Kreisschule und dem 
Hospital in Kaumi redlich verdient gemacht. 1913 kehrte er nach 
Deutschland zuriick und hat sich der Oberlehrerlaufbahn gewidmet. 

Praulein Hanna Blumhardt trat 1906 an die Spitze der Madchen- 
schule in Tsingtau und bew&hrte sich hier mit freudigem Eifer. 
Augenblicklich weilt sie in Deutschland. Der ausgebrochene Krieg 
verhinderte ihre Riickreise. 

Ihre Schwester, Priulein Qottliebin Blumhardt — beide 
Schwfigerinnen von D. Wilhelm — befindet sich seit 1907 in Tsingtau, 
hat nicht nur im Hause von D. Wilhelm sich nutzlich gemacht, 
sondern ist auch ftir unsere Mission eine treue Helferin geworden, 
so dafi unser Verein sie in seinen Dienst berufen hat und zu seinen 
eigentlichen Kr&ften zfthlt. 

Zwei neue Missionare konnten in den letzten Jahren ausgesandt 
werden. Seit Ende 1912 wirkt Pfarrer Seuffert in Tsingtau, befleifiigt 



^i 



— 330 - 

sich der Erlernung der chinesischen Sprache und erteilt Unterricht 
am Seminar. Im MSrz 1914 wurde Pfarrer Oberlehrer Dr. Bohner 
nach Tsins:tau abgeordnet. Beide berechtigen zu guten Hoffnungen. 

Fur die Missionare war auf dem von der Regierung iiberlassenen 
Qrundstflck (Urkunde abgedruckt ZMR 1899, S. 288) ein Wohnhaus 
Anfang 1900 fertiggestellt. Am 25. und 26. Mai dieses Jahres wtitete 
ein furclitbarer Taifun und richtete schweren Scliaden an dem neuen 
Wohnhause an. Die Wiederherstellung erforderte einen Kosten- 
aufwand von 10 000 Mark. Wohnr&ume sind spSter auch in dem Er- 
weiterungsbau des deutsch-chinesischen Seminars eingerichtet, ge- 
legentlich gemietet worden. 

Sehr bald sind chinesische HilfskrSfte in unseren Dienst berufen 
worden. Allmthlich ist ein stattlicher Stab solcher an unseren 
Schulen erwachsen. Wir diirfen uns vieler Treue und Anhdnglich- 
keit ihrerseits rfihmen. 

2, Unsere Schulen. 
In Tapautau hatte der Verein ein Qrundstiick erworben und ein 
Haus erbaut. Im Juni 1901 wurde dort eine chinesische Tagesschule, 
die zugleich zu einem Erziehungsheim wurde, eroffnet. Sofort 
stellten sich 30 Schiiler ein und ihre Zahl wuchs sehr bald. Es wurde 
daher der Bau einer neuen Schule auf dem Missionsgrundstiick be- 
schlossen. September 1902 konnte das in chinesischem Stile ge- 
haltene QebSude, der nunmehrige Sitz fiir das deutsch-chinesische 
Seminar, bezogen werden. Im Laufe der Zeit machten sich ver- 
schiedene Erweiterungsbauten notwendig, die zum Teil mit Qeldern 
von Chinesen bestritten werden konnten. Die Schiiler erhalten 
Unterricht in chinesischen Fachern wie in westlichen Wissen- 
schaften; wochentags wird der Unterricht mit einer Andacht, an der 
alle teilnehmen mtissen, eroffnet, Sonntag findet Qottesdienst statt, 
dessen Besuch freigestellt ist, aber meist erfolgt. Im Sommer- 
semester 1913 betrug die Schulerzahl 141. An das Seminar wurde 
eine Elementarschule angegliedert. 

Fiir die chinesische Kreisschule in Kaumi, auBerhalb, alter an 
der Qrenze unseres Schutzgebietes, wurde unser Rat und Hilfe be- 
gebrt. Eine Reihe von Jahren wurde besonders der deutsche 
Sprachunterricht von einem unserer Missionare erteilt. Durch die 
Stiirme der chinesischen Revolution loste sich 1911 die Verbindung 
der Kreisschule mit unserer Mission auf. Kleinere Schulen wurden 
vom Verein ins Leben gerufen in Schawo und Luangia dschuang. 



— 331 — 

beide bei Kaumi, und in Landi im Pinktukreis, die letztere wurde 
bald zum Rang einer Kreisschule erhoben. 

Auch der Schulbildung des weiblichen Qeschlechts wandte 
unsere Mission ihre Ffirsorge zu. Aus kleinen Anfdngen 1905 er- 
wuchs die Me-I-Schule, eine Volksschule fiir chinesische Mddchen, 
an die sich 1909 ein Kindergarten, 1911 kleineVorschulen anschlossen. 
Allm&Iilich kam der Qedanke auf, eine hdhere chinesisctie M&dchen- 
schule neben der Me-I-Schule zu begriinden. Die sogenannte Ham- 
burger Spende, von Lie. Rohrbach und D. Meincke gesammelt, er- 
mdglichte die Ausfiihrung. 1911 konnte die neue Schule unter dem 
Namen Schu-Fan-Scliule erSffnet und ihr sehr stattliches Heim ein- 
geweiht werden. Anfang Januar 1914 befanden sich in beiden 
MSdchenschulen zusammen 89 Scliiilerinnen. An die Schu-Fan- 
Schule sind angegliedert folgende Vorschulen: 1. Weihsien mit 
20 Schulerinnen, 2. Taidungtschen mit 18 Schiilerinnen, 3. Taisitschen 
mit 17 Sch&lerinnen. 

Eine Sammlung von Lehrmitteln ist unseren Schulen in Tsingtau 
zur Verftigung gestellt worden. Besondere Lehrbiicher warden ge- 
schaffen von Frl. Q. Blumhardt, D. Wilhelm und vom deutsch-chinesi- 
schen Seminar. 

3. Unsere HospitaltStigkeit. 

Dr. Dipper ist der erste von uns angestellte Missionsarzt. Er 
ist der Begrunder unserer arztlichen Mission. Ende 1900 begann 
er seine Tatigkeit in Tsingtau. Er fand bald auch in europaischen 
Kreisen eine umfangreiche Praxis. Unter seiner Leitung wurde 
1901 das Faberhospital erbaut, das im folgenden Jahre wShrend 
der Cholerazeit sehr gute, von der Regierung warm anerkannte 
Dienste leistete. Im Marz 1905 16ste Dr. Dipper sein VerhSltnis mit 
unserem Verein und widmete sich ganz seiner ausgedehnten 
Privatpraxis, war aber noch immer zu Hilfsleistung fur das Faber- 
hospital bereit. Als sein Assistenzarzt war Dr. Wick Oktober 1903 
vom Verein nach Tsingtau berufen worden. Er kehrte 1906 bei An- 
laB der Neuorganisation des Faberhospitals in die lieimat zuruck, 
um sich weiteren medizinischen Studien zu widmen. Dr. Dipper 
ubernahm nun wieder die Leitung des Faberhospitals. Als er 1908 
einen wohlverdienten Urlaub nach Deutschland antrat, wurde Dr. 
Wunsch sein vorlftufiger, spdter sein endgultiger Nachfolger. Unter 
seiner eifrigen und warmherzigen Tdtigkeit nahm das Faberhospital 
einen neuen Aufscbwung. Zu allgemeinem Bedauern starb der erst 



i'l 



- 332 - 

4]jShrige Mann im Marz 1911 am Typhus, mit dem er sich bei der 
Behandlung eines Chinesen angesteckt hatte. An seine Stelle trat 
Dr. EyI. 

Am Faberhospital wirkte 1904 bis 1906 Schwester Jutta Stege- 
mann, seit 1911 ist Schwester Margrith Wittwer dort tStig. 

Das Faberhospital erfuhr durch Umbauten und Neubauten 
mannigfache VerSnderungen und hat sich sowohl in seiner Poli- 
klinik, sowie von seiten von Innenpatienten eines regen Zuspruchs 
erfreuen konnen und durfte vielen Hilfe und Segen bringen. 

Fflr erkrankte EuropSer wurde auf Anregung von Dr. Dipper 
das Faberkrankenhaus erbaut und 1908 eroffnet. Ein Komitee der 
Tsingtauer Zivilgemeinde hatte die Mittel gesammelt und unser 
Verein hatte einen namhaften Beitrag beigesteuert. Das Faber- 
krankenhaus, in dessen Kuratorium unser Verein vertreten ist, hat 
sich vortrefflich entwickelt. 

Der Qedanke, zu Ehren des verstorbenen Dr. Wunsch beim 
Faberhospital einen Wunsch-Pavillon zu errichten, erweiterte sich 
zu dem Plane, ein Hospital fiir Chinesen aus besseren Stdnden zu 
schaffen. Das Qeld kam wesentlich aus chinesischen Kreisen zu- 
sammen. Der Bau wurde 1914 fertiggestellt, doch fehlt es noch an 
der inneren Einrichtung. 

Das chinesische Hospital zu Taitungtschen, das wesentlich 
Poliklinik ist, trat 1905 unter unsere Verwaltung und Srztliche Ober- 
wachung, ebenso 1906 das mit einer Opiumentziehungsanstalt ver- 
bundene Hospital zu Kiautschou. 

Eine besondere HospitaltStigkeit eroffnete sich uns in Kaumi. 
Aus Dankbarkeit fur eine gliickliche Augenoperation durch unseren 
Arzt Li schenkte eine reiche und menschenfreundliche Dame dieser 
Stadt uns ein Qrundstuck fiir ein Hospital. Es wurde 1905 eroffnet. 
Es muBte bald durch einen Neubau auBerhalb der Stadt erweitert 
werden. Die Kosten konnten im wesentlichen durch Qaben von 
Chinesen in Kaumi bestritten werden. Auch in Kaumi suchten viele 
Chinesen in unseren HospitSlern ihre Zuflucht, und Dankschreiben 
in groBer Zahl bezeugten die ihnen widerfahrene Wohltat. 

Auch fur unsere HospitaltStigkeit sind, wie fiir unsere Schulen, 
eine Reihe chinesischer KrSfte angestellt worden. 

4. Literarische Mission. 

Der Verein lieB sich die moglichste Verbreitung der Schriften 
des verewigten D. Faber angelegen sein. Urn ihre Herausgabe und 



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- 333 - 

ihre Verbreitung hat sich Pfarrer Kranz ein hervorragendes Ver- 
dienst erworben. 

Pur Deutsche und Chinesen zur Criernung ihrer gegenseitigen 
Sprachen gab Kranz deutsch-chinesische Lektionen heraus, die von 
Wilhelm fortgesetzt und erweitert wurden, und von ietzterem wurde 
auch ein deutsch-chinesisches Obungsbuch verfaBt. Beide bewShrten 
sich und wurden viel gebraucht. 

In neuester Zeit wurden zwei Zeitschriften herausgegeben: eine 
chinesische religidse Monatsschrift „Der Freund'* und eine in zwang- 
loser Tolge erscheinende philosophische Zeitschrift „BIdtter der 
Konfuziusgesellschaft", Tsingtau. 

Ins Chinesische wurde ubersetzt Kant, Von der Macht des Qe- 
mflts. Andere hervorragende deutsche Werke sollen folgen. 

Die durch die Revolution in China herbeigefiihrte Anwesenheit 
vieler gebildeter und gelehrter Chinesen in Tsingtau ermoglichte 
D. Wilhelm, einen regen Qedankenaustausch zwischen deutsch- 
evangelischem und chinesischem Qeiste anzubahnen. £in geselliger 
Mittelpunkt zu zwanglosem Beisammensein wurde geschaffen. Qute 
und weitausschauende Pl&ne wurden in Aussicht genommen. Zu- 
nSchst wurde daran gedacht, eine chinesische Bibliothek zu griinden, 
um die Schdtze chinesischer Literatur, von denen so viele wlihrend 
der Stiirme der Revolution in roher Weise vernichtet worden waren, 
zu sammeln und vor dem Untergang zu bewahren. Qleichzeitig 
sollte eine StStte zu Zusammenktinften und zu regelmSBiger Uber- 
setzungsarbeit errichtet werden. Das Qeld dafiir kam sehr bald 
wie von selbst zusammen. Im Qarten unseres Missionshauses wurde 
die chinesische Bibliothek in Angriff genommen und erhebt sich 
bereits als schmucker Bau. 

Unsere Missionsarbeit im Kiautschougebiet ist von viel Qlauben 
und Hoffnung, von unermudlichem Eifer und treuem Qebet getragen 
gewesen. Die drauBen auf Vorposten gestanden, haben ihr Bestes 
eingesetzt, und die heimische Missionsgemeinde hat ihre Fort- 
schritte mit herzlicher Teilnahme begleitet und suchte auf mannig- 
faltige Weise die Mittel fiir das Werk in China aufzubringen. Segen 
ruhte auf unserem Wirken, Fruchte begannen zu reifen, eine freuml- 
schaftliche Auseinandersetzung zwischen unserem christlichen und 
dem chinesischen Qeiste war in die Wege geleitet. 

Durch den Angriff auf das Kiautschougebiet ist unsere uns so 
Uebgewordenen Missionsarbeit dort jih unterbrochen. Unsere 



^ 334 - 

Missionare Bohner und Seuffert trugen die Waffen, D. Wilhelm, der 
in Tsingtau geblieben ist, hat ein Rotes Kreuz eingerichtet, Frau D. 
Wilhelm ist mit ihren Kindern und ihrer Schwester nach Tsinanfu 
und spdter nach Peking geflQchtet, unsere Schulen und Hospit^er 
sind in Lazarette verwandelt worden. 

Nicht von China drohte uns die Qefahr. Japan, das so vieles 
Deutschland verdankt, und dem unser Verein auch unser Hochstes, 
unser Evangelium.^zu bringen seit mehr als 25 Jahren sich bemflht 
hat, hat unser Schutzgebiet in Besitz genommen und will es behalten. 
Es tut dies auf Anstiften und mit Unterstutzung Englands. England hat 
sich gem als eine Vormacht protestantischen Christentums geberdet, 
England gait uns als vorbildlicher Trager evangelischer Mission, zu 
dem wir aufschauen und von dem wir lemen konnten, und England 
zeigt in seinem dffentlichen Leben die Missionsgesellschaften als eine 
einfluBreiche Macht. Aber diese haben geschwiegen, als England sich 
nicht entblodete, wie anderwarts, auch im Kiautschougebiete treue 
und gesegnete Missionsarbeit vernichten zu lassen. Ob unsere 
Tdtigkeit in Tsingtau fortgesetzt werden kann und wie sie sich in 
Zukunft gestalten wird, steht zurzeit noch dahin. Wir durfen aber 
gewifi sein, daB unsere bisherige Arbeit nicht vergeblich gewesen 
ist. Wie der Ausgang auch sein moge, es wird mit Qottes Hilfe der 
von uns ausgestreute Samen aufgehen und reifen. Wir haben beten 
gelemt: Nicht mein, sondern dein Wille geschehe, aber durfen uns 
auch darauf verl. ssen, daB in Erfiillung geht unser Qebet: Dein 
Reich komme. 

Mission in Feindesland? 

Von D. Emil Schiller, Kioto. 
Japan ist nun auch in den Weltkrieg eingetreten. Auf die Bitte 
seines Bundesgenossen Englands hin hat es seine Aktion gegen 
Tsingtau begonnen, das ihm als befestigter Stiitzpunkt deutschen 
Ehiflusses in Ostasien wegen seiner Lage in unmittelbarer Nfthe 
Japans schon lange ein Dorn im Auge gewesen war. Somit befindet 
sich unsere Mission, wenigstens ein Teil derselben, welcher aus dem 
Deutschen Reiche und nicht aus der Schweiz stammt, in Feindes- 
land. Wenn man fast 20 Jahre in Japan seine Friedensarbeit getan 
hat und mit den verschiedensten Kreisen des japanischen Volkes in 
freundschaftliche Beziehungen getreten ist, so will einem diese harte 
Tatsache nicht hi den Sinn. Aber es ist Wirklichkeit, und unsere 



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- 335 - 

Mission wird damit rechnen miissen, daB die Missionsarbeit in Japan 
ftir die nSchste Zeit schwerer werden wird. Aber Mission ist stets 
eine Geduldsarbeit gewesen, und wer ware wert. Mission zu treiben, 
wenn er nicht christliche Qeduld, Langmut und Ausdauer besdfie? 
Cs ist ja auch nicht so, daB nun mit einem Schlage alle die freund- 
schaftlichen Beziehungen abgeschnitten wSren. Auch in Japan 
unterscheidet man zwischen dem Kriege der Staaten uud 
den Beziehungen der einzelnen. Und Japan ist ein wohi- 
geordneter Staat mit einer ruhigen, wohldisziplinierten Be- 
vdlkerung, so daB auch die in Japan lebenden Deutschen 
voraussichtlich in Frieden leben werden. Voraussichtlich! Denn 
die Nachricht, daB ein halbes Hundert Japaner in Deutschland fest- 
gehalten werden, hat namentlich in der Presse eine ziemliche Auf- 
regung hervorgerufen. Ein angesehener Deutscher sagte mir vor 
einigen Tagen, er hoffe, daB die Bevolkerung Deutschlands in bezug 
auf die Behandlung der Japaner sich nicht vor der Bevdlkerung 
Japans werde zu schdmen haben. In einer solchen AuBerung liegt 
ein groBes Vertrauen in die Ordnungsliebe und Selbstzucht des 
japanischen Volkes enthalten. 

TatsSchlich scheinen ja bisher die VerhSltnisse das Vertrauen zu 
rechtfertigen. Sofort nach Kriegsausbruch wurden die Bahnbeamten 
dahin instruiert, alle Ausldnder ohne Unterschied mit besonderer 
Hdflichkeit zu behandeln. Die Polizei kommt tdglich zu den tlfiusern 
der Deutschen, urn nach deren Wohlergehen zu sehen. Und wenn 
auch Krieg ist, so hat man doch das Qefiihl der Verpflichtung fiir das 
von Deutschland auf dem Qebiet der Wissenschaft, des Unterrichts, 
der Religion, der Technik, des Milit&rwesens Empfangene keines- 
wegs vergessen. Zahllose Briefe habe ich erhalten, welche dies aus- 
sprachen, auch Besuche, die zum Teil weit her kamen. Einer, ein 
Preund seit langen Jahren, bietet schriftlich seine Vermittlung bei 
der japanischen Bank an, falls die Mission durch die Unterbrechung 
der geschSftlichen Beziehungen zu Europa in vorubergehende Qeld- 
not kame. Ein anderer, der offenbar, wie es die Kriegslage mit sich 
bringt, in schwere Qewissenskonflikte geraten ist, schreibt mir, er 
freue sich der deutschen Waffenerfolge, er bete, dafi Deutschland 
bald Paris einnehme und dann von Calais aus die Engltoder angreife, 
und nach Besiegung der Verbtindeten im Westen sich gegen RuB- 
land wende und auch dies besiege; er bete aber, daB in der Tsingtau- 
angelegenheit weder Deutschland noch Japan Schaden leide! Wieder 
ein anderer, ein frommer, einflufireicher Christ, meint, wenn erst das 



s'l 



- 336 - 



Argemis, das Japan immer an Tsingtau genommen habe, beseitigt 
sei, dann werde unsere Missionsarbeit, die das fiir Japan seeig:nete 
Christentum bringe, weit groBere Erfolge erzielen kdnnen als bisher. 
Denn Tsingtau sei stets ein Hindernis der deutschen Missionsarbeit 
in Japan gewesen. 

Auch das amtliche Japan hat sich bisher nicht nur korrekt 
sondern sogar SuBerst entgegenkommend gegen die im Lande 
wohnenden Deutschen verhalten. Qraf Okuma, der Ministerpr&si- 
dent, der zugleich das Ministerium des Innem verwaltet, hat gleich 
bei der KriegserklSrung alle Regierungsbehorden angewiesen, sich 
der im Lande wohnenden Deutschen besonders anzunehmen, da 
deren Botschaft und Konsulate zuriickgezogen werden wiirden. Er 
erklSrte dann wortlich: Wir bedauern aufs tiefste, dafi wir gendtigt 
waren, Krieg gegen Deutschland zu erklaren. Wir hegen nicht im 
geringsten feindliche Qefuhle gegen deutsche Untertanen. Deutsche, 
die im Lande wohnen, kdnnen in Frieden hier bleiben, solche, die es 
veriassen wollen, kdnnen das ohne Hindernis tun; auch werden 
solche, die in unser Land kommen wollen, nicht daran gehindert 
werden. Solange sie friedlich und im Einklang mit den Qesetzeti 
ihrem Beruf nachgehen, werden durch die Qesetze und Verordnun- 
gen ihre Person, ihr Leben, ihre Ehre, ihr Eigentum geschiitzt 
werden, und sie haben das Recht auf den Beistand der kaiserlichen 
Oerichtshofe . . . (dann folgen Bestimmungen fiir den Pall unvorher- 
gesehener Forderungen der Kriegslage oder feindlichen Verhaltens 
der Deutschen). Kurz, es ist unser Wunsch, der aus einer lang- 
j^hrigen Freundschaft entspringt, daB die Deutschen in unserem 
Lande moglichst voUst^digen Schutz erhalten, ohne dafi dadurch 
die Interessen unseres Landes und unseres Bundesgenossen ge- 
schSdigt werden. Alle fiir die Qemeindeverwaltung verantwortlichen 
Beamten sollen bei der Behandlung der Deutschen dies im Sinne 
haben und dafiir Sorge tragen, dafi auch die Bevolkerung unter ihrer 
Verwaltung die Deutschen im Qeiste der QroBmut behandle und alle 
Oewalt in Taten und Worten vermeide." Eine ahnliche Verfiigung 
fiir Korea eriaBt der dortige Statthalter Qraf Terauchi. Und der 
Kultusminister Dr. Schiki sagte in seiner Instruktion an die ihm 
untergeordneten Behorden: ,J)as Kaiserreich ist mit Deutschland im 
Kriege, aber es besteht keine personliche Feindschaft zwischen den 
Untertanen der beiden Nationen. Diejenigen, welche religidse 
Propaganda treiben, sollen darauf besonders achten und dafiir Sorge 
tragen, daB ihre QlSubigen nichts gegen Deutsche tun, was den 



^ A^i".^T*V^r 



— 337 — 

QrundsStzen der Humanitat widerspricht." In einer besonderen Ver- 
ivLgung fiir Schulen hat er auch die Schiller ermahnt, den deutschen 
Lehrern gegentiber die Pflicht der Dankbarkeit nicht zu vergessen, 
und ausdriicklich hinzugeftigt, daB das gleiche auch gegeniiber den 
deutschen Missionaren gelte. 

In diesem Zusammenhang mag auch Erwahnung finden, daB 
Exzellenz Omori, der RegierungsprSsident von Kioto, mir unter dem 
27. August schrieb: „Leider sind unsere Staaten in kriegerische Ope- 
rationen gegeneinander begriffen. Ich werde innerhalb der Qrenzen 
meines Amtes tun, was ich vermag, um Ihr Werk zu schiitzen, auf 
das ich mit Sympathie blicke." Ferner, daB der amerikanische 
Botschafter, der die Wahrung der deutschen Interessen in Japan 
ubernommen hat, mir am gleichen Tage schrieb: „Wenn ich 
auch nicht denke, daB es fur Sie notig werden wird, meine 
Hilfe anzurufen, so versichere ich Sie doch, daB ich im Falle einer 
Notwendigkeit gem alien den Beistand leisten werde, der sich fiir 
mich geziemt." 

Wo soviel guter Wille vorhanden ist, da ist die Hoffnung wohl 
berechtigt, daB wir auch weiter unsere Friedensarbeit in Japan tun 
konnen. Deren Bedeutung wird wachsen, je mehr wir uns auch 
dem politischen Friedenszustande wieder n^ern werden. Dann 
wird die Mission ein wichtiges Mittel sein, um das Band der Freund- 
schaft zwischen den beiden Volkern wieder fester zu kniipfen. So 
muB es ja doch kommen. Denn der Kriegszustand darf nur etwas 
Voriibergehendes sein. Und nach demselben wird die Mission im 
Verein mit all den andern geistigen Kraften, die von Nation zu Nation 
heriiberwirken — auBer der Religion ist es vor allem Wissenschaft 
und Unterricht — , die Aufgabe haben, an dem groBen Versohnungs- 
werke in diesem Telle der Welt mitzuarbeiten. Wachst nicht damit 
erst recht die Bedeutung unseres Missionswerkes in Japan? Qebe 
Qott, daB es uns gelinge, auch diesen Teil unserer Aufgabe zu losen, 
und daB wir, wenn wir in Treue in dieser schweren Zeit durch- 
gehalten haben, dann auch einen schonen Fortgang unseres Werkes 
sehen k5nnen. 



^M 



- 338 - 

Die Stimmung in Japan gegenfiber den Deutschen 

und Dentschland. 

Der Angriff der Japaner auf Tsingtau hat das besondere Interesse 
unserer Freunde. Noch mehr als die iibrige Offentlichkeit, die auch 
mit tiefer Anteilnahme den Heldenkampf der 5000 in Tsingtau be- 
gieitet, sind unsere Freunde durch die Ereignisse im Osten bewegt. 

Da scheint es angebracht, um ein klares Urteil tiber die Lage im 
Osten zu ermoglichen, daB aus authentischen Quellen Stimmen der 
Presse in Ostasien zur Qeltung und zur Kenntnis kommen, welche 
die Lage dort drauBen beleuchten. 

Der deutsche „Ostasiatische Lloyd" in Schanghai schreibt am 
22. August mit Recht iiber die Entstehung des Konflikts, daB England 
die Schuld trage: 

„Wenn jetzt auch das fUhrende (englische) Blatt in Mittelchina, 
die ,J^orth China Daily News", die Augen scheinheilig zum Himmel 
aufschlagt und mit Bedauern feststellt, es wiirde nun nicht mehr 
nachzuweisen sein, daB die drei verbiindeten MSchte allein imstande 
gewesen seien, Kiautschou zu bezwingen, so atmet der ganze Artikel, 
in dem sie das japanische Ultimatum am 18. August bespricht, doch 
ein solches Behagen, daB das Biindnis mit Japan nicht versagt habe, 
daB kein Mensch England mehr glauben wird, die japanische Hilfe 
sei ihm unerwiinscht, mogen einzelne Englander im Qrund ihres 
Herzens auch das Vorgehen ihres Volkes noch so entschieden als 
unedel (um kein starkeres Wort zu brauchen) brandmarken." 

In Japan selbst haben v i e 1 e fuhrende Manner sich so geSuBert, 
wie es die folgende Mitteilung kundtut: 

„Schanghai, den 17. August. 

Ein hochstehender Japaner, der vor kurzem Tsingtau besucht 
hat, hat sich dort dahin geauBert, daB ein Eingreifen Japans in Ost- 
asien gegen Deutschland als vollig ausgeschlossen zu betrachten sei. 
Denn wenn z. B. Japan den Deutschen den Besitz von Kiautschou 
hatte streitig machen woUen, so hatte es dies wegen seiner Ober- 
macht in Ostasien schon immer tun konnen. Wenn Japan die jetzige 
Qelegenheit, wo sich Deutschland in heroischem Kampf gegen Feinde 
auf alien Seiten wehre, wahrnehmen wollte, um sich in Besitz von 
Kiautschou zu setzen, so wiirde das hochst unedel und durchaus 
keine Heldentat sein, Auch widerstreite es alien Qeboten des 
Bushido, ohne einen eigenen AnlaB zum Krieg zu haben, sich auf 
einen, der schon im Kampf mit anderen begriffen sei, zu sturzen. 



,-v^-v^ 



- 339 - 

SchlieBlich wurde es den eigensten japanischen Interessen zuwider 
und eine in Jahrhunderten nicht wieder gutzumachende Dummheit 
sein, wenn Japan angesichts der deutschen Siege iiber die englische 
Flotte sich wegen der geringfiigigen Siegesbeute, die Japan im 
Kampf gegen Deutschland in Ostasien gewinnen konne, das wahr- 
scheinlich in dem Krieg in Europa siegreich bleibende Deutscliland, 
also die ktinftige Vormacht Europas, fur ewige Zeiten sich zum 
Feind machen wiirde. Japan wUrde ein solches Eingreifen nie mit 
den Bestimmungen des englisch-japanischen Biindnisses rechtferti- 
gen kdnnen; denn dieses komme gar nicht in Prage, wo nicht 
Deutschland an England, sondern England an Deutschland den Krieg 
erklart hat. Wenn es sich bestatige, daB England die Hilfe Japans 
erbettelt habe, so mache das einen kldglichen Eindruck, und Japan 
miisse daraus rechtzeitig die Lehre Ziehen, daB es ein gefahrlicher 
Irrtum sei, an ein englisches Welt-Imperium zu glauben. Japan habe 
seinen Krieg gegen RuBland auch allein ausfechten miissen, ohne 
daB der englische Bundesgenosse ihm aktive Hilfe geleistet habe. 
Qanz besonders aber habe Japan nicht den mindesten Qrund, fiir 
Erankreich zu fechten, das allein durch die RuBland gewahrte 
finanzielle Unterstiitzung den Krieg RuBlands gegen Japan iiber- 
haupt erst ermoglicht habe." 

Da sei hier gleich eingeflochteh die AuBerung eines hochge- 
bildeten Chinesen, der Deutschland griindlich kennt. Derselbe hat 
dem „Ostasiatischen Lloyd" geschrieben: 

„Nur ein paar Worte, um Ihnen meine herzliche Sympathie 
mit Ihrem deutschen Volk in dieser Ihrer groBen F*rufungsstunde 
auszudriicken. Ich bin iiberzeugt, daB Sie fiir die wahre Sache der 
Menschheit und Kultur fechten. Die beiden wirklichen Feinde der 
menschlichen Kultur im heutigen Europa sind auf der einen Seite 
die rohen unzivilisierten Horden in RuBland und auf der anderen 
Seite die iiberzivilisierten, kranken, in Sinnlichkeit erstickenden 
Menschen in Frankreich und die gemeinen, vulgaren, eigensiichtig- 
niedrigen Angelsachsen in England. Die einen konnen als die 
duBeren Barbaren oder Heiden bezeichnet werden, die anderen als 
die inneren Barbaren oder Heiden in bezug auf die wahre moderne 
Kultur in Europa. Wenn fiir diese Kultur noch Hoffnung vorhanden 
sein soil, so mussen diese beiden Feinde wahrer Zivilisation unter- 
driickt werden. Und die groBe Aufgabe, die zweierlei Heiden zu 
Fall zu bringen, ist Ihrem deutschen Volk anvertraut, das so der 
Schiitzer der wahren europaischen Kultur ist. Ich hatte gedacht. 



^ \ 



- 340 - 

daB Sie erst mit dem einen und dann mit dem anderen zu tun haben 
werden. Aber nun haben sie sich in einem Kampf vereinigt. Das 
ist eine scliwere Priifung fiir Sie. Aber ich habe die feste Ober- 
zeugung, dafi es geht, wie der Psalmist sagt: „Du soUst sie mit 
einem eisernen Zepter zerschlagen; wie Topfe sollst du sie zer- 
schmeiBen." 

Auf der anderen Seite mochte ich der Hoffnung Ausdruck geben, 
daB Ihre tapferen deutschen Soldaten alle dessen eingedenic sind, 
daB der wahre Zweck des Krieges nicht ist, den Feind zu toten oder 
zu vernichten, sondern zu entwaffnen. v. Bunsen sagt in seinen 
Memoiren, daB Moltke — ^hnlich wie unser alter Feldherr Sung- 
Wu-tse — nur den einen Begriff einer Schlacht hStte, n^mlich den 
Feind zu fangen, nicht zu toten. 

Mit der weiteren Hoffnung, daB dieser groBe Krieg Ihre groBe 
Nation reinigen und starken moge, so daB sie fahig wird, der 
Schiitzer der Kultur nicht nur in Europa, sondern auch in China zu 
sein, verbleibe ich . . ." 

Die Meinung, als ob die Chinesen noch immer erbittert seien 
iiber die Besetzung Kiautschous, ist ein reines M&rchen. Ltogst 
haben sie eingesehen, daB Deutschland in China viel selbstloser ge- 
arbeitet hat als irgendeine andere Macht, daB Deutschland wirklich 
ein Aufbluhen Chinas begiinstigt, wShrend die andern fortwahrend 
dies Aufbliihen hinderten und noch immer an eine Aufteilung Chinas 
dachten. 

Es mogen nun zunachst einige Stimmen der japanischen Presse 
zu dem Ultimatum Japans an Deutschland folgen. Die Zeitung 
^Hochi" schreibt am 18. August: 

„Deutschland stehen nur zwei Wege off en: entweder wahrt es 
die deutsche Waffenehre und verteidigt Tsingtau bis aufs SuBerste. 
Nach dem Fall muBte dann der Oberstkommandierende sich nach 
japanischer Kriegerart selbst toten; aber da von werden die Deut- 
schen nichts wissen. Oder Deutschland gibt mit Umgehung Japans 
Kiautschou direkt an China zuruck. Wenn aber Deutschland nach 
dem Krieg einen neuen Pachtvertag mit China zu schlieBen sucht, 
muB Japan seine Einwilligung dazu versagen. China darf sich in 
diese Dinge nicht einmischen, es wtirde sonst eine Quelle des Un- 
heils iiber ganz Ostasien stromen lassen. Qegen die Deutschen 
muB Japan bis zu Ende kampfen." 

Chinas Rechte und Interessen sind den Japanern und Englfindem 
ganz gleichgultig. Der Satz von der eventuellen RQckgabe 



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- 341 — 

Kiautschous an China im japanischen Ultimatum ist eine glatte 
Heuchelei. Wenn es nach Japans Willen geht, bleibt Tsingtau 
japanisch. So schreibt die Zeitung „Yorozu" am 18. August: 

„Deutsch!an(l hat nicht daruber mitzureden, ob Kiautschou 
schlieBlich an England fallt, oder ob Japan in den deutschen Pacht- 
vertrag eintritt. China hat Japan dankbar zu sein. Seine Neutrali- 
tStserklSrung ist unzureichend, da es die Deutschen von ihrem Pacht- 
gebiet aus militSrische Operationen vornehmen laBt. Halt China 
nicht strikteste NeutralitSt, so werden Japan, England, Frankreich 
und RuBland es als Helfershelfer Deutschlands ansehen, und es kann 
dann weiterer Angriffe auf sein Qebiet gewSrtig sein. Da China 
schwach und ohne Tatkraft ist, hat Japan an seiner Statt die Forde- 
rungen an Deutschland gerichtet. Wenn neue Verwickelungen ein- 
treten, so mogen die Qotter wissen, ob Japan sich an seinen jetzigen 
BeschluB (das heiBt die Riickgabe Kiautschous an China) wird halten 
konnen. Umsonst wird jedenfalls China Kiautschou nicht zuruck- 
crhalten." 

Aber es fehit doch nicht an Stimmen aus diesen Tagen, die 
England nicht trauen und dies zum Ausdruck bringen. Das sieht 
man schon aus der AuBerung der Zeitung „Osaka Mainichi" vom 
17. August: 

„Was ist wichtiger, das Biindnis oder das Wohl des Staates? 
Es wird ein Qliick fur Japan sein, wenn Qraf Okuma und Baron 
Kato spSter nichts zu bereuen haben! Das Wohl des Staates muB 
jeder Bindung einer anderen Macht gegeniiber vorangehen. In 
Europa kiimmert sich kaum eins der verbiindeten Lander an sein 
Biindnis oder seine Entente. RuBland hat sich in den Krieg ge- 
sturzt, obwohl Frankreich zauderte und England fur den Frieden 
zu vermitteln suchte. Italien hilft seinen Bundesgenossen nicht, und 
England, das durch kein Bundnis zum Mitkampfen verpflichtet war, 
sturzt sich in den Krieg. Wie steht es um Japan? Alle Vorteile aus 
dem Bundnis hat England, also durfte Japan nicht England zuliebe 
sich zum Sklaven des Bundnisses machen. Aber dem Nutzen des 
Landes zuwider klammert sich Japan an seine Bundnispflicht. Man 
hat immer soviel Riihmens gemacht von Okumas groBen Planen 
und Katos groBem Talent, und nun verpassen sie die Qelegenheit zu 
einer groBen Politik, und werden sich ihrer verantwortlichen Pflicht, 
in der Volksseele zu lesen, in keiner Weise bewuBt. Ob die jetzt 
gefaBten Plane sich werden verwirklichen lassen, weiB niemand." 



pM 



342 - 



Noch deutlicher tritt das in der Zeitung „Nippon" heraus, die 
mit dem Verlialten Japans ganz unzufrieden ist. Am 17. August 
schreibt dies Blatt: 

„Das Ultimatum stimmt mit unseren Erwartungen nicht uberein. 
Wir batten nicht erwartet, daB Japan Forderungen, die mit dem 
englisch-japanischen Bundnis nichts zu tun haben, an das befreundete 
Deutschland stellt, und, wenn Deutschland diese Forderungen not- 
wendig ablehnt, auf eigene Hand Schritte gegen dieses tut. Bei 
aller Treue zum englisch-japanischen Bundnis batten Opfer mog- 
lichst vermieden werden mussen. Selbst wenn Deutschland die 
gestellten Forderungen ablehnen sollte, batten wir nicht erwartet, 
daB dann Japan auf eigene Hand Schritte tun wiirde. Sind denn 
etwa besondere Verhaltnisse eingetreten, die unser Verhaitnis zu 
Deutschland verschoben haben? Warum hat Japan verlangt, daB 
die deutschen Kriegsschiffe aus Ostasien entfernt werden? Wie, 
wenn die Schiffe nun englisches Territorium in anderen Weltgegen- 
den angreifen werden? Andererseits glauben wir, daB Deutschland 
der japanischen Forderung nachkommen wird. Es kann sich doch 
keine Hoffnung machen, einen so fernen und vollig isolierten Stiitz- 
punkt zu halten. An sich hat Deutschland nur Nutzen davon, wenn 
es alle seine Sorgen in Ostasien los wird und sich mit ganzer Kraft 
auf Earopa beschranken kann. Wir wissen allerdings, daB Deutsch- 
land nie einen Schritt tun wird, der mit seiner Ehre unvereinbar ist. 
Aber wir zweifeln nicht, daB das loyale Verhalten der japanischen 
Regierung von Deutschland mit Freuden begriiBt werden wird." 
DaB die Zeitung trotz ihres ernstlichen Unwillens sich zum 
SchluB doch auf die Seite der Regierung stellt, darf bei dem 
Charakter der Japaner nicht wundernehmen. Professor Tomizu, 
einst als japanischer Chauvinist bekannt, halt den Angriff auf 
Tsingtau fiir einen „Dummen-Jungenstreich" („Tokio Mainichi" vom 
18. August). 

Immer wieder wird geltend gemacht, dies sei jetzt die Rache 
fiir Deutschlands Stellungnahme gegen Japan beim Frieden von 
Shimonoseki. DaB Deutschlands damalige politische Stellungnahme 
in Japan groBe Verbitterung erregt hat, ist bekannt. Damit ist nicht 
gesagt, daB diese Stellungnahme verkehrt war. Es ist sehr schwer, 
iiber diese feinen Faden der Diplomatic ein Urteil zu fallen. 
j Jetzt schreibt die Zeitung „Yamato" vom 17. August: 
I „Das Ultimatum ist das Qegengeschenk Japans fur den Ein- 
sptuch von Shimonoseki. Deutschland hat ftir Kiautschou 



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- 343 - 

200 Millionen Mark aufgewandt, unci muB es diese ohne jeden Ent- 
gelt fahren lassen, so werden damit die deutschen Interessen in 
China von Qrund auf vernichtet. Von Deutschland ist aber nicht 
zu erwarten, daB es ohne Kampf nachgibt, wenn es auch besser 
ware, daB nutzlose Opfer an Out und Blut vermieden wiirden. Dann 
muB Japans Heer und Flotte die Sache so schnell wie moglich er- 
ledigen. Des japanischen Kriegers Art entspricht es ebensowenig, 
einen starken Feind zu furchten, wie einen schwachen Feind zu 
unterschdtzen. Das dumme Qerede, daB Kiautschou gering zu 
schatzen sei, muB endlich aufhoren. Da die Deutschen im Krieg 
rasch und energisch sind, muB Japan sofort seine besten Soldaten 
schicken, um sich nicht, wenn es den Feind unterschStzt hat, mit 
Schande zu bedecken." 

Das kann man zur Chre der Japaner sagen (man denke an die 
Qreuei, an unseren Deutschen in Europa begangen, und an die Qe- 
fangensetzung friedlicher Deutscher selbst in England), daB bisher 
die Haltung der Japaner gegen die etwa 1000 Deutsche, die in Japan 
leben, tadellos gewesen ist. Schon am 18. August schrieb die „Jiji", 
wenn Japan mit Deutschland in Krieg gerate, so sei das fiir die per- 
sonlichen Beziehungen zu den friedlichen Deutschen in Japan ohne 
Belang. Auch die „Kokumin" warnt am 17. August die Japaner, sich 
irgend etwas gegen die Deutschen zuschulden kommen zu lassen. 

Die japanische Regierung hat sogleich in dieser Richtung 
Schritte getan. Der Unterrichtsminister hat einen ErlaB ausgeben 
lassen, in dem es heiBt: „Die Absendung eines Ultimatums iibt keine 
Wirkung aus auf unsere Freundschaft mit den einzelnen Deutschen. 
Man muB daran denken, daB ungefdhr 26 deutsche Professoren in 
Japan leben, an den Universitaten und hoheren Schulen, und es ist 
zu hoffen, daB diese Herren, welche sich als wertvoUe Heifer bei 
der Obertragung der westlichen Wissenschaften an uns bewahrt 
haben, bei uns bleiben werden, auch wenn diese beiden Volker in 
Kampf geraten." Darauf ermahnt er die Lehrer und Schiiler, diesen 
deutschen Lehrern mit der groBten Hochachtung zu begegnen. 

DaB viele Japaner bis jetzt aus ihrer Sympathie fiir Japan kein 
Hehl machen, bezeugen unsere Missionare in ihren Brief en. Sie 
bekommen tSglich freundliche Briefe und schreiben, auch die 
Haltung der Bevolkerung sei sehr freundlich. Von solchen Sym- 
pathien zeugt auch folgende, der „Deutschen Japanpost" zugesandte 
Mitteilung: 



— 344 - 

„Zwischen Deutschland und Japan klaffte seit 1895, als Japan 
gezwungen wurde, auf Ryojunko zu verzichten, eine tiefe Kluft, die 
durch die Besetzung des Kiautschou-Qebietes seitens der Deutschen 
und Port Arthurs seitens der Russen noch erweitert wurde. Die 
Englander haben natiirlich nicht versaumt, diese Qelegenheit auszu- 
nutzen, die Verdrossenen an sich zu kniipfen und die von Natur so 
energisclie Rachgier anzuspornen, so daB die fiinf undneunziger Inter- 
vention aufs neue den Japanern durch den Kopf zu gehen anfSngt. 
Leider konnten die deutscherseits erwiesenen Freundschaftsdienste 
die erwachende Erregung nicht dampfen und die auf Tsingtau ge- 
richteten Qedanken anderswohin ablenken. Die amerikanische 
Einmischung gab der Proklamation im Tokioer Palaste jedenfalls 
einen AnlaB und gleichzeitig einen Deckmantel. Deutschland aber 
kann sich damit trosten, daB Hunderttausende aus alien wissen- 
schaftlichen Qebieten, selbst die Anfanger, die noch beim Buch- 
stabieren sind, kaum ein „Quten Morgen, mein Herr" auf ihre Lippen 
bringen konnen und doch schon germanisiert worden sind, sich auf 
die Seite ihrer Lehrer stellen und ihnen ihre Sympathie zeigen 
werden. Nichts laBt tiefer Wurzeln schlagen als die KulturschStze, 
die man von andern gelernt hat!" 

Inzwischen hatte eine englische Liigenmeldung in Japan die 
Nachricht verbreitet, in Berlin seien japanische Studenten gemiB- 
handelt worden. Darauf hat sich auf vielen Seiten doch Zweifel an 
der Richtigkeit dieser Meldung geregt. Der Unterrichtsminister hat 
sofort erklart, er halte diese Nachricht fiir unwahr. Sogar die 
englische Zeitung „Japan Chronicle" in Kobe hat ihre Zweifel 
nicht unterdriickt, wie diese Zeitung freilich sonst alle englischen 
Lugennachrichten wiedergibt, daneben aber auch manche deutsche, 
fiir die Deutschen gunstigen Nachrichten bringt und den franzosi- 
schen Meldungen mit schweren Bedenken gegeniibersteht. 

Aber die Liigen wirken eben zunSchst doch Boses. So schreibt 
dann die Zeitung „Nichi Nichi" am 20. August: 

„Die MiBhandlung der japanischen Studenten ist die Folge der 

vom Kaiser verkiindigten „Qelben Qefahr". Wenn Deutsch- 
land wirklich der Hort der Kultur, des Anstandes und des Bushido 
ware, so hatten die Japaner nicht so gemiBhandelt werden konnen. 
Es fehlt also den Deutschen an Kultur, an Anstand und an Ritterlich- 
keit, sie sind nur geisteskranke Bauern. Japan kann sich ftir die^e 
Krankung schon Genugtuung verschaffen. Falsch aber wurde es 
sein, wenn die Japaner ihren gerechten Zom an den in Japan befind- 



:■: ■ ■^" ■■■ ■■'" TJif^T^^?- ■ -!*v*^"^3=?^"v:'?;5>"-- 



— 345 - 

lichen Deutschen auslassen woUten. Die Deutschen in Japan sind 
NichtkSmpfer, und ihnen gegeniiber muB der Bushido-Qeist gewahrt 
werden." 

Immerhin ist anerkennenswert, daB trotzdem die Englander mit 
dieser einen Lugenmeldung ihren Zweck nicht erreicht haben. 

Die Japaner sind eben keine so ganz folgsamen und blind- 
glaubenden Vasallen. Es ist den Englandern sehr unangenehm, daB 
die Japaner immer wieder sagen, sie seien von den Englandern auf 
Qrund des bestehenden BUndnisses zum Angriff auf Tsingtau ver- 
anlaBt worden. Es scheint, als bestehe doch noch ein Funke von 
Schamgefiilil bei den Englandern daftir, daB sie die Japaner gegen 
ihr Brudervolk aufgehetzt haben, und daB nun all die vielen sich 
auf die 4000 sturzen. Aber tief geht dies Schamgefuhl nicht. DaB 
Japan das Btindnis mit England nur, um das „Qesicht" zu wahren, 
vorschiebt, ist klar. Aber faktisch hilft es England dadurch und 
wird England gegeniiber seine Eorderungen stellen. DaB Japan nun 
auch nach der Siidsee hiniibergegriffen und sich die Einwanderung 
nach Indien gesichert hat, ist fiir England schon sehr unangenehm. 

Schon jetzt aber fehlt es nicht an energischen Stimmen in Japan, 
die von England mehr fordern. Im „Taiyo" hat am 15. September 
Dr. Nyoro die japanische Regierung darauf hingewiesen, daB sie es 
nicht l^ger dulden diirfe, daB die Japaner in Kanada und anderen 
englischen Besitzungen nicht gut gestellt seien. Durch den Angriff 
auf Kiautschou ziehe sich Japan die Feindschaft eines mSchtigen 
Volkes zu. Der Qewinn von Kiautschou sei demgegenuber sehr 
gering. Japan miisse daher anderswo sehr weitgehend entsch^digt 
werden. 

Auch nach Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und 
Japan SuBem sich viele bedeutende Manner in Japan sehr ernst 
dariiber, daB Japans Angriff auf Tsingtau im'Qrunde eine Torheit 
sei. Dr. Nagora sagt, Japan sei nach dem Biindnis mit England gar 

nicht verpflichtet gewesen, Tsingtau anzugrreifen. Oberdies habe 
sich die Poiltik Japans nur nach dessen Vorteil zu richten. Dr. 

Miyake sagt in selnem Blatt „Japan und die Japaner", die Japaner 

nahmen diesen Kampf zu leicht. Es sei ein Akt von schweren Folgen: 
,JDeutschland, das jetzt gegen die verbtindeten Machte kampft, hat 
noch keine Niederlage erlitten. Es hat im Qegenteil den sehr hart- 
nackigen Widerstand der Belgier gebrochen und hat in dem Feldzug 
in Belgien einen groBen Erfolg errungen. Das zeigt die StSrke 
Deutschlands. Wenn Deutschland in dem Krieg in Europa nun auch 



."il 



— 346 - 



siegreich ist, so wird es ihm wohl unmoglich sein, sich jemals auf 
Japan zu stiirzen. Aber dariiber kann kein Zweifel sein, daB es bel 
der ersten Gelegenheit versuchen wird, fur seine jetzige Demiitigung 
an Japan Vergeltung zu iiben. Wenn Deutschland nicht so griind- 
lich geschlagen wird, daB es sich niemals wieder aufraffen kann, so 
ist es sicher, daB es eine Qelegenheit benutzen und Rache suchen 
wird an Japan fiir die jetzige Erniedrigung. JapanmuBdarauf 
vorbereitet sein, einen sehr hohen Pre is fur den 
jetzigen Erfolg zu zahle n." (Von uns gesperrt. Die Red.) 

Diese zuletzt zitierten Stimmen sind verbal tnismSBig ehrlich. 
Qanz heuchlerisch auBern sich, als es zum Kampfe kommt. 
Blotter dahin, Japan habe den Kampf beginnen miissen, um den 
durch Deutschland dauernd (!) bedrohten Frieden in Ostasien zu 
sichern. Offenbar handelt es sich bei Betonung dieses Qesichts- 
punktes um die Wiedergabe einer amtlichen Mitteilung. So schreibt 
die Zeitung „Hochi" am 24. August: „England ist von Deutschland 
zum Krieg herausgefordert worden, und durch die dann folgende 
Haltung Deutschlands ist wieder Japan gezwungen worden, seinem 
Verbiindeten zu helfen. Japan wunscht den Frieden, aber der Krieg 
ist notwendig geworden. Japan hat keine Wahl, wenn es nicht 
seiner Mission, Hiiter des Friedens in Ostasien zu sein, untreu wer- 
den will", und die .Kokumin" am 25. August: „Japan hat das 
dringendste Interesse^ den Frieden in Ostasien dauernd zu sichern, 
untl darum muB es den Storer dieses Friedens, die deutsche Be- 
satzung von Tsingtau, beseitigen." Ahnlich sagt die „Jiji" am 
24. August: „neutschland halt Ostasien in bestandiger Bedrohung. 
Japan hat alle friedlichen Mittel, diese Bedrohung zu beseitigen, er- 
schopft. Deshalb sind die Verbiindeten verpflichtet, gemeinsame 
Schritte zu tun, damit Kiautschou an China rOckgegeben wird." 

Auch jetzt, sobald der Kampf Tatsache geworden war, trat die 
Regierung mit dieser Erklarung (an die Provinzbehorden) zum 
Schutz der Deutschen in Japan hervor. Sie lautet, wie folgt: \ 

„Es ist tief zu bedauern, daB Japan genotigt worden ist, Deutsch- 
land den Krieg zu erklaren. Es kann zum klaren Ausdruck kommen, 
daB die Japaner nicht die geringsten feindseligen Qefuhle gegen die 
Deutschen hegen; daher konnen die Deutschen, welche in Japan 
leben, ohne Furcht und Serge im Lande weiterleben. Die, welche 
Japan zu verlassen wiinschen, mogen das tun, und die, welche nach 
Japan kommen wollen, haben Freiheit, das Land zu betreten. 
Deutsche, welche in Japan leben und gesetzlich-erlaubten Qewerben 



.TJ T^>'i»j.5 •ffi^Tl^l^^f^ssf^r*;*?;^?.;^^;*^;! 



— 347 — 

nachgehen, sollen sich weiter jeglichen gesetzlichen Schutzes er- 
freuen und der Hilfe der japanischen Qerichtshofe. Weiin MaBregeln 
der Kontrolle von seiten der Verwaltungsbehorden Oder den MilitSr- 
und Marinebehorden fiir ndtig gehalten werden soUten, sollen sich die 
Regierungsorgane nicht einmischen, und soiche MaBregeln konnen 
zu einer grdBeren oder geringeren Einschr^nkung der Qarantie des 
Schutzes fiihren. Fails es notwendig sein sollte, sollen Deutsche ge- 
notigt werden, das Land zu verlassen, oder ihr Betreten Japans mag 
verhindert werden oder ihre Abreise von Japan und ihre Reisen in 
Japan mdgen verhindert bezw. eingeschrSnkt werden. Falls 
deutsche Untertanen dabei betroffen werden, daB sie etwas tun, was 
den Interessen der Heere und Flotten Englands und Japans schtd- 
lich ist, Oder etwas, was die Sicherheit und den Frieden Japans 
stort, so sollen sie nach den Qesetzen behandelt oder ausgewiesen 
werden. 

Es ist der Wunsch der Regierung, den Deutschen jeden mog- 
lichen Schutz zu gewShren im Hinblick auf die freundschaftlichen 
Beziehungen, die zwischen Japan und Deutschland bestanden, es 
sei denn, daB ihre Handlungen sie mit dem Qesetz in Konflikt 
bringen. Alle Japaner sollten die Qesinnung dieser Verpflichtung 
im Herzen tragen und mit Freundlichkeit und Edelsinn gegen die 
deutschen Untertanen, die in Japan leben, handeln." 

Inzwischen ergoB sich nun der Liigenstrom der englischen 
Depeschen iiber das Land und loste viele Entriistungen aus iiber die 
„Barbareien" der Deutschen. Aber doch sind so weite Kreise Japans 
Deutschlands echte Freunde, daB sich auch jetzt Zeitungen mit 
deutschfreundlichen Artikeln hervorwagen konnten. Zwei derselben 
seien hier in Kflrze wiedergegeben. 

Die Zeitung „Niroku" schreibt am 27. August: 

„Wenn Japan sich auch im Kriegszustand mit Deutschland be- 
findet, andert das nichts daran, daB Japan die groBen Eigenschaften 
des deutschen Volkes, wie sie sich besonders in diesem Kriege ent- 
falten, aufs hochste bewundert und hochachtet. Die Japaner konnen 
in diesem Kriege auBerordentlich viel von den Deutschen lemen. 
Ob nun der Krieg dem gemeinsamen Willen aller Deutschen oder 
nur dem personlichen Ehrgeiz des Kaisers entsprungen ist, be- 
wundernswert ist die groBe Tatkraft und einmutige Entschlossen- 
heit, mit denen sich das ganze deutsche Volk wie ein Mann in den 
Kampf um Sein oder Nichtsein geworfen hat. Diesen Mut, der ent- 
schlossen den Kampf mit alien QroBmUchten der Welt aufnhnmt. 



1 



- 348 - 

muB Japan von den Deutschen lernen. Jeder Deutsche hat ein 
groBes Ideal, fiir das er sein Leben und sein Sterben widmet, den 
Aufbau eines groBen Weltreichs. Wie Ihering von den Romern sagt, 
sie hatten groBe Weltreiche aufgebaut, eins mit den Waffen, eins 
mit ihrem Recht, eins mit ihrer Religion, so atmeten die Philosophic 
von Fichte, der auch mit den Waffen dafur gestritten hat, die 
Dichtungen von Schiller und Qoethe das Ideal deutscher Kraft und 
deutschen Mutes. Die deutschen Universitaten seien stolz darauf, 
die ersten der Welt zu sein, und erbauten das Weltreich der deut- 
schen Wissenschaft. Jede Handlung jedes einzelnen Deutschen zielt 
auf den Aufbau des Weltreichs. Es ist fiir Japan eine groBe Ehre, 
mit so einer groBen Nation im Kampf zu stehen, und gerade um 
dieser Ehre wegen muB Japan mit aller Entschlossenheit den Kampf 
fiihren. Wie sind die Deutschen mit aller ihrer Kraft mit dem Krieg 
gegen Frankreich beschaftigt, ohne sich um die Russen an ihrer Ost- 
grenze zu kiimmern! Und wie haben die Japaner iiber die Diver- 
sion der russischen Kreuzer aus Wladiwostok vor der Tokyo-Bucht 
gemurrt! Wenn die Deutschen auch unsere Feinde sind, verdienen 
doch ihre bewundernswerten nationalen Eigenschaften unsere Be- 
wunderung und Hochachtung. Das Blatt traumt schon davon, daB 
einst auch Japan so groB werden moge wie jetzt Deutschland, und 
imstande sein wurde, gleich den Deutschen gegen die vereinigten 
Streitkrafte aller QroBmSchte der Welt im Kampf zu stehen." 
Ahnlich urteilt die ,J(okumin" am 1. September: 
„Der Kern Deutschlands ist PreuBen, und die PreuBen haben 
ihren Staat, der, wie ganz Deutschland, von der Natur MuBerst ver- 
nachlassigt ist, zum ersten Staat Europas und zu einem der mach- 
tigsten der Welt gemacht. Die Deutschen als die Stiefsohne der 
Natur haben die charakteristischen Eigenschaften der Stiefsohne an- 
genommen und im hochsten Grade in sich entwickelt, namlich 
eiseme Entschlossenheit, festen Willen und unermiidlichen FleiB. 
Setze einen Deutschen in eine Wiiste, und er wird aus ihr einen 
bliihenden Garten machen. Bewundernswert an den Deutschen ist 
ihr methodisches Arbeiten, ihre systematische Organisation, ihr 
gegenseitiges Zusammenarbeiten, ihr griindliches Wissen und ihre 
erstaunliche Leistungsfahigkeit, ihr Gehorsam gegen die Gesetze 
und ihre kluge und umsichtige Berechnung. Diese schonen Eigen- 
schaften haben die Deutschen in dem Aufschwung ihrer Industrie, 
ihrer Schiffahrt, ihrer Verwaltung, in der groBartigen Zucht ihrer 
tieeresorganisation gltozend zum Ausdruck gebracht. Auf der 



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- 349 - 

anderen Seite haben die Deutschen als die Stiefsdhne der Natur auch 
die unangenehmen Eigenschaften der Stiefsohne mitbekommen, und 
darum brauchen wir Japaner die Deutschen nicht in jedem Einzelnen 
nachzuahmen und zu bewundern, aber von den schonen und be- 
wundernswerten Eigenschaften der Deutschen, die sich auch in 
diesem Kriege gl^zend bewahrt haben, haben die Japaner noch 
sehr vie! zu lernen und sich anzueignen/* 

So erfreulich diese Erklarung der Regierung und diese deutsch- 
freundlichen Artikel auch sind, so iibt doch der Krieg seine Wirkung. 
Am 4. September heiBen wir in der „Nichi Nichi" schon die „blut- 
durstigen" Deutschen, wird Deutschland der Plan einer Aufteilung 
Chinas in die Schuhe geschoben, fordert man die Beschlagnahme 
der deutschen Bahnen in China, dessen Neutralitdt und Souveranitat 
damit natiirlich aufs schwerste verletzt wird (inzwischen ist die 
Besetzung erfolgt). Man erklart, von einer RUckgabe Tsingtaus an 
China konne keine Rede sein. 

Man beginnt gegen die Deutschen in Japan zu hetzen und ihnen 
ganz unmdgliche Dinge nachzusagen. Ein Beispiel dafiir sei die 
Zeitung „Hochi", die am 5, September schreibt: 

„Seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen 
Japan und Deutschland sind die Japaner in Deutschland von der 
deutschen Regierung und Bevolkerung auf die grausamste Weise 
behandelt worden. Zur Ehre des japanischen Reiches muB es da- 
gegen gesagt werden, daB den in Japan lebenden Deutschen von 
seiten der Behorden wie des Volkes jedes nur erdenkliche Ent- 
gegenkommen gewahrt wird. Statt sich nun aber fiir dieses Ent- 
gegenkommen dankbar zu erweisen, miBbrauchen die Deutschen in 
Japan die Milde der Behorden, indem sie teils falsche Qeriichte aus- 
streuen, teils Dienste als deutsche Spione tun und sich somit straf- 
barer tiandlungen schuldig machen. Weshalb werden solche Hand- 
lungen von Angehorigen eines feindlichen Staates zur Kriegszeit ge- 
duldet? Friedliche und gutgesinnte Deutsche soUten nach wie vor 
freundlich behandelt werden. Die Behorden soUten aber unverweilt 
solche Deutsche, die sich VerstoBe gegen die Qesetze zuschulden 
kommen lassen, zur Rechenschaft Ziehen. Zu viel Freundlichkeit 
bringt dem Lande nur Schaden, wenn sich einige Deutsche bose 
Plfine in den Kopf gesetzt haben." 

Bis zum 19. September war die Haltung der Bevolkerung aber 
noch freundlich. Je zaher aber der Widerstand 
Tsingtaus ist, um so groBer wird der Zorn gegen 



- 350 - 

dieDeutschenwerden. Ob dann die freundliche Behand- 
lung der Deutschen noch anhait, bleibt abzuwarten. 

In seiner ganzen Lage in Japan fallt dem, der das innere Leben 
Japans im Auge hat, folgendes auf: Die dem modernen Leben am 
meisten aufgeschlossenen Politiker urn Qraf Okouma sind die Ur- 
heber der Kriegserklarung. Zum ersten Male tragen die Minister 
allein die Verantwortung, haben sie zum ersten Male die Ent- 
scheidung getroffen in einer hochwichtigen, politischen Aktion. Der 
Rat der alten Staatsmanner, bei denen bisher das Schwergewicht 
bei alien wichtigen Staatssachen lag, hat der entschiedenen Haltung 
der Minister weichen miissen. Die alten Staatsmanner 
und das Militar waren gegen den Krieg, haben aber 
nicht EinfluB genug gehabt, sich durchzusetzen. Man sieht daraus, 
dafi diese milit^rischen Kreise, die Deutschland soviel verdanken, 
auch jetzt all dies Qute nicht vergessen haben. Man sieht aber 
ebenso daraus, dafi Deutschlands allgemeiner Kultureinflufi in Japan 
nicht groB genug war. Die Deutschen haben dort nicht genug ihre 
Kultur verbreitet. So hat denn der englische EinfluB gesiegt. Die 
deutsche Regierung hat viel getan. Aber an anderen Arbeiten, an 
Missionen hat es gefehlt. Es war jetzt manches im Werk. Aber es 
ist nun unterbrochen. 

Der Minister des Aufiern hat ausdriicklich erkldrt, daB Japan 
jetztt nachdem es zum Kriege gekommen sei, nicht mehr daran 
denke, das eroberte Tsingtau an China zuruckzugeben. 

So setzen sich diese modernen Staatsmanner Japans iiber alle 
moralischen Bedenken hinweg. Man empfindet kaum, wie recht der 
Japaner hat, der zu Anfang zitiert wurde, daB der Angriff auf 
Tsingtau all dem geradezu ins Qesicht schlagt, was die Japaner von 
ihrem Bushido so vielen leichtgiaubigen Europaern vorgeschwarmt 
haben. Wir wuBten, daB die japanische Regierung recht hatte, 
wenn sie seit 1912 immer wieder betonte, daB Japan einer sitt- 
lichen Wiedergeburt dringend bediirfe. Nun fallt sie unter ihr 
eigenes Urteil. Denn ihr Handeln ist das Qegenteil von dem, was 
die besten ihrer Vater als edel und vomehm priesen. 

Geradezu emporend aber ist es, wenn der Ministerprasident 
Qraf Okouma am 24. August (!) in der japanischen Friedensgesell- 
schaft, deren Prasident er ist, eine Resolution beschlieBen lieB, die 
an alle Priedensgesellschaften in den kriegfiihrenden europaischen 
Vdlkem gesandt werden soli und die folgenden Wortlaut hat: „Der 
groBe Krieg, der jetzt in Europa ausgebrochen ist, droht die gauze 



';sf*^> ■ '--^/'i^-- fX':-^^^s, 



- 351 - 

Welt in den Kampf zu verwickeln, und wir, die Mitglieder der japani- 
schen Friedensgesellschaft, lioffen ernstlich, daB die Beamten des 
Zentralbureaus (der internationalen Friedenskonferenz) in Bern und 
die Friedensgesellschaften in alien kriegfiihrenden Volkern alles, was 
in ihrerMacht steht, zur Wiederherstellung des Friedens tun warden." 
Und derselbe Mann ging bin und veranlaBte den Oberfall seines 
Volkes auf Tsingtau. Japan braucht noch viel Christentum: 

Witte. 

Aus der Mission der G^enwart 

ErlaMC gegen Beamtenverdorbenheit in China. 

Der President Yuan-Schi-Kai sreht mit scharfen Erlassen vor gesen 
untQchtiffc Offiziere, gcKen die Unsittlichkeit auf den Theatern und gegen 
das liederliche Leben der Beamten. Qegen die Liederlichkeit der Beamten 
sast eiu ErlaB: .Man Qberlege, daB Kegenwdrtis die Resierung; in einer 
guBerst kritischen Lage ist. Cs ist die selbstverstandliche Pflicht aller 
Beamten und Magistrate, eneririsch zusammenzuwirken und alle ISssigen 
Qewohnheiten, Wergnixgungcn und Oppigkeit zu vermeiden. Solche Dinge 
sind dem Charakter der Beamten schSdlich und sind eine Verletzuns der 
dffentlichen Disziplin. • Die Hauptstadt sollte ein Muster fur die iibrigen 
Stfidte im Land sein; hat sie keine Moral, wie kann sie das Land leiten? 
Icb« der Prftsident, werde das Qesetz erzwingen und bei den Herren in 
meiner NShe anfangen. Wenn ich einen ErlaB gebe, so soil er strikt 
durchgefflhrt werden. Daher wiederhole ich ausdrucklich das Verbot.* 
ror die, die diesen Befehl verletzen, kiindigt der Prasident Namensnennung 
in der Anklageschrift der Zensoren und nach Oberfiihrung Bestrafung 
durch die dafQr bestehende Kommission nach der ganzen Strenge des 
Qesetzes an. ,Jeder ist gewamt'. — Qegen den ungerechten Vorteil der 
Beamten richtet sich ein anderer ErlaB, der besagt: ,Da alle Steuer- 
einkiinfte vom Volk herflieBen, so hat die Einziehung der rechtlichen 
Steuem und Abgaben in Obereinstimmung mit den Regulationen des 
Ministeriums zu geschehen, und es ist verboten, Vorwande zu erfinden, 
um mehr zu erheben. als das Erforderliche." Von diesem ErlaB sagt 
allerdings die chinesische Shun-tien— shih-pao, selbst bei der groBen Ver- 
suchung, die die Beamten hierin batten, werde es eines kriftigeren Heil- 
mittels bedOrfen, als eines bloBen Mandats, das kaum von den Behorden 
beobachtet werden wird. Die Zeitung weist dann nach, daB von 25000 Mark 
Qrundsteuer, die vom Volke faktisch erhoben werden, nur 10000 Mark 
in die Kasse der Regierung gelangen. Das sei so ganz allgemeine Sitte. 

Witte. 

Bficherbesprechungen. 

D.Aug. Kind, Was ist es mit dem ewigen Lel>en? EinVortrag. Heidel- 
berg, Ev. Verlag. 43 S. 0,60 M. 

Der vortrefflKhe Vortrag ist Ifingere Zeit vor dem gegenwartigen 
Kriege gehalten worden und erschienen, aber er hat nun durch den Krieg 



- 352 - 

zehnfaohe Bedeutung gewonnen und konnnt, wo der Tod jetzt in so viele 
Familien mit rauher Hand eingreift, einem tiefen und weitverbreiteten Be- 
diirfnis entgegen. Er behandelt alle wesentllchen Qesichtspunkte, die man 
an das Problem heranbrtngen kann, und ist ein Muster umsichtiger, volks- 
tumlicher und doch auch fur die Qebiideten wertvoUer Apdogetik. Er ver- 
eint wieder auis schonste alle Vorzuge, die wir an den Schriften des Ver- 
fassers gewohnt sind: klares, wissenschaftUches Denken und wohltuende 
religiose W&rme, Festigkeit und Weitherzigkeit des Standpunktes, schlichte 
Darstellungsweise und Reichtum der Qedanken, Hohe der Anschauung und 
ein im besten Sinne nuchtemes Urteil, Knappheit und Tiefe. Auch wer nicht 
geneigt sein sollte, Qberall zuzustimmen, wird in anmutigster und frucht- 
barster Weise angeregt werden. Dem Schriftdien, <)essen Ertrag zum 
Besten des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Mtssionsvereins be- 
stimmt ist, ist die weiteste Verbreitung zu wiinschen. 

Frankfurt a. M. W. Bornemann. 

R. Qarbe, Indien und das Chrlstentum. Etne Untersuchung der reH- 
gionsgeschichtlichen ZusammenhSnge. Tiibingen. J. C. B. Mohr. 1914. 
301 S. 6 M., «eb. 7,25 M. 

Das vorliegende, s^r sorgfSltig und eingehend durchgearbeitete Buch 
zerfSllt in zwei Teile. Der erste handelt von dem EinfluB Indiens auf das 
Christentum (S. 1 — 128), der zweite von dem EinfluB des Christentums auf 
Indien (S. 128 ff.). Der erste Teil wird in dem in der nSchsten Nummer 
dieser Zeitschrift folgenden Artikel iiber den EinfluB des Buddhismus 
uber das alteste Christentum so ausfiihrlich zur Qeltung kommen, daB 
sich hier ein weiteres Eingehen darauf erubrigt (siehe auch vorige 
Nummer). Der zweite Teil des Buches, der christliche EinfluB in den 
indischen Religionsbildungen wird besondere Beachtunc in den Kreisen 
der Missionare in Indien erwarten diirfen, die daraus treffliches Rustzeug 
und Klarheit fur die Auseinandersetzuns: eewinnen kdnnen. In der viel 

erorterten Frage, ob der Mahajana- Buddhismus vor allem in der 
Qottesfrage durch das Christentum beeinfluBt sei, urteilt Qarbe sehr 
vorsichtig. daB die Moglichkeit der Beeinflussung z. B. durch die 
Nestorianer in China gegeben sei, daB mit Sicherheit aber nur eine Be- 
einflussung des Lamaismus durch christliche Elemente nachgewiesen werden 
konne. Eine Beeinflussung des Mahabharata, auch des Bhagavadgita durch 
das Christentum bestreitet Qarbe. Dagegen fkidet er eine seiche im spSteren 
Krischnaismus und anderen hinduistischen Sekten. Der Inhalt des Buches 
ist so reich, daB ein weiteres Eingehen unmogKch ist. Es ist ein so klar 
und lefcht verstandlich geschriebenes und dodi so griJndHdies, ruhig ab- 
wSgendes und so interessantes Buch, daB es warm empfohlen werden kann. 
Eine Ffille von Wissen und ein Reichtum von Einzelvntersuchungen wird 
hier jedem Interessierten auf die belehrendste Weise zug&nglich gemacht 

Witte. 



Druck von Hoffmann & Reiber, Gdrlitz, Demianiplatz 28. 



-?w'^?:?^S'*?sP' 



Die Einwirkungen des Buddhismus auf das 
alteste Christentum. 

Von Missionsinspektor Lie. W i 1 1 e , Berlin. 

(Fortsetzung.) 

3. Das Neue Testament. 

Die eingehendste Qegenuberstellung neutestamentlicher und 

buddhistischer Erzahlungen und Worte bietet das Buch von 

Edmunds-Anesaki. Aber es steilt in der Ftille seines Stoffes so viele 

Dinge gegenuber, bei denen kaum ein Hauch eines Qleichklanges ist, 

daB man sich, ohne der Qrundliclikeit zu schaden, auf folgende dort 

und auch von anderen hervorgehobene Ziige beschranken kann: 

a) Der Lobgesang der Engel und die Simeon- 

Qeschichte (Lukas 2, 10 ff., 25 ff.). 
Die buddhistische Parallele ist folgende: Die himmlischen 
Scharen, „die sich freuten und jubelten, Sakko, den Fiihrer 
und weiBgekleidete Engel, die ihre Kleider hoch hoben und 
hohen Lobpreis sangen, sah Asita, der Eremit, bei seiner Mittags- 
rast". Auf seine Frage, warum sie so frohlich seien, antworten sie: 
„Der zukunftige Buddha, das beste und unvergleichliche Kleinod, ist 
gebcren, fur das Heil und die Wohlfahrt der Menschenwelt, in der 
Stadt der Sakyas, in der Qegend von Lumbini. Darum sind wir 
frohlich und uberaus gluckselig." Auf wunderbare Weise („durch 
magische Qewalt" oder „durch die Kraft des Windes") kam Asita 
zu dem Kinde. Als er es sah, sprach er: „Dies ist der unvergleich- 
lich Eine, der Hochste unter den Menschen („ZweiftiBlern")." Dann, 
gedenkend an sein eigenes Leben, ward er traurig, und es flossen 
Tranen. Den weinenden Eremiten fragten, dies sehend, die Sakyas, 
ob dem Prinzen irgendwoher Qefahren drohten. Als er die Sakyas 
besorgt sah, sprach der Eremit: „Nichts Unheilvolles erblicke ich 
fur den Prinzen. Nein, keine Qefahr wird ihm drohen. Er ist kein 
Wesen gewohnlicher Art. Seid nicht erschreckt. Der Prinz wird 
die Volljendung des Qipfels der Erleuchtung crlangen: Himmlische 
Reinheit schauend, wird er das Rad der Lehre in Bewegung setzen, 
aus Mitleid, fiir das Heil der Menge, und seine Religion wird gliick- 
voll sein. Mein Leben hier unten wird nicht (mehr) lang sein, und 

Zeitsctartft ffir Mitsionskunde und Reliponswissenschaft. 29. Jahrguif. Heft 12. 



> 



— 354 - 

mitten in all diesen (groBen) Ereignissen wird mein Schicksal mich 
ereilen: Ich werde nicht die Lehre des unvergleichlichen Lehrers 
hdren, darum bin ich betriibt und unglUcklich und leide schwer." 
Dann ging er fort, aus der Mitte der Stadt, den Sakyas viele Freude 
wtinschend, und lebte (weiter) sein frommes Dasein." 

Varianten zu Asitas Worten lauten: „Er wird leuchten wie eine 
Sonne der Erkenntnis, zu zerstoren die Finsternis des Truges in 
der Welt"; „er wird alien bleibendes Licht geben, den Qlanz der 
Sonne vollkommener Weisheit." (Laiitavistara, cap. 7; Buddha- 
Carita, im Fo-Sho-Hing-Tsan-King, im Nfikala-Sutta und in der bir- 
manischen Lebensbeschreibung Buddhas, siehe van den Bergh, 
a. a. O., S. 29; Edmunds-Anesaki, I, S. 184 ff.) 

b) Der zwolfjahrige Jesus im Tempel (Lukas 2, 41 ff.). 
Die buddhistische Erzahlung spielt bei einem Ausflug: „Als der 
Konig Suddhodana den zukiinftigen Buddha nicht sah, war er un- 
gliicklich iiber seine Abwesenheit. Er sagte: Wohin ist der junge 
Prinz gegangen? Ich sehe ihn nicht. Da machte sich eine groBe 
Volksmenge, nach alien Seiten sich zerstreuend, auf, den jungen 
Prinzen zu suchen. Da bemerkte ein Ratsherr, der nicht unter 
ihnen war, den zukiinftigen Buddha im Schatten eines Rosen-Apfel- 
baumes sitzend, in der Stellung der Versenkung in Verziickung ge- 
raten." (Laiitavistara, cap. 11.) In einer poetischen Fassung der- 
selben Szene sagt der Buddhaknabe zu seinem Vater: „Wirf die 
Muhsal fort, o Vater, strebe hoher empor! Hast du Qold ndtig, so 
will ich Qold regnen lassen . . . Versenke dich ganz in jeden 
Einzelnen, o Herr der Menschen!" 

c) Die Taufe Jesu, besonders Matthaus 3, 13—17. 

Das Hebraer-Evangelium schildert die Taufe, wie folgt: „Siehe, 
die Mutter des Herrn und seine Briider sprachen zu ihm: Johannes, 
der Taufer, tauft zur Vergebung der Siinden; laBt uns gehn und uns 
von ihm taufen lassen. Er sprach aber zu ihnen: Was habe ich ge- 
stindigt, daB ich sollte hingehen und mich von ihm taufen lassen? 
Es miiBte denn eben dies, was ich gesagt habe, Unwissenheit sein." 
(Hier denke man als Fortsetzung den MatthSus-Text.) 

Von Buddha wird berichtet: „Da sprach der junge Prinz . . . 
so zu der Schwester seiner Mutter: Mutter, wohin will man mich 
fiihren? Sie sagte: Zum Tempel der Qotter, mein Sohn. Da sprach 
. . . der junge Prinz zu seiner Tante: Welcher andre Qott zeichnet 



- 355 - 

sich durch seine Uberlegenheit iiber mich aus, zu welchem du mich 
heute fuhrst, o Mutter? . . . Mich anpassend an den Branch der 
Welt, o Mutter, werde ich (aber doch) gehn. Nachdem die Menge 
meine uberirdischen Wandlungen gesehen hat, wird sie entzUckt 
mich mit Dienst und groBter Verehrung umgeben; Q6tter und 
Menschen werden einstimmen und sagen: Er ist Qott durch sich 
selbst." (Lalitavistara, cap. 8.) 

d) Die VersuchungJesu, Matthaus 4, I ff., Markus 1, 12. 13; 

Lukas 4, 1 ff.). 

Nach der Crleuchtung unter dem Bodhi-Baum jubeln die Be- 
wohner des Himmels: „. . . und die Qotter . . ., welche Zeugen der 
QeisteskrSfte des Bodhisattva waren, blieben Tag und Nacht bei ihm, 
erwiesen dem Bodhisattva Dienste und brachten ihm Qebete dar." 
(Lalitavistara, cap. 17.) An einsamen Orten vollziehen sich Buddhas 
Versuchungen. Mara sprach zu ihm: ,,Mager bist du, iibel aus- 
sehend, dir ist der Tod nahe, tausend Teile sind tot, nur ein Teil 
von dir ist Leben! Eines Lebenden Leben ist besser, indem du lebst, 
wirst du gute Werke tun!" (Padanasutta, 2 b, 3.; Lalitavistara, 
cap. 17, 18; siehe Windisch, Mara und Buddha, Leipzig, 1885.) 

„Zu iener Zeit verweilte der Erhabene im Lande Kosala, im 
Himalaja, in einer Waldhiitte. Als der Erhabene da in der Einsam- 
keit zuriickgezogen weilte, stieg in seinem Qeiste dieser Qedanke 
auf : Moglich ist es fiirwahr, als Konig mit Qerechtigkeit zu regieren, 
ohne daB man totet Oder toten laBt, ohne daB man Bedriickungen 
iibt Oder sie uben l^t, ohne daB man Schmerz leidet oder andern 
Schmerz zufiigt. Da erkannte Mara, der Bose, in seinem Qeist den 
Qedanken, der in des Erhabenen Qeist aufgestiegen war, und er ging 
zu dem Erhabenen und sprach also: Moge, Herr, der Erhabene, als 
K6nig regieren, moge der Vollendete als Konig regieren mit Qe- 
rechtigkeit, ohne daB er totet oder Tod verursacht, ohne Be- 
driickung und ohne sie ausuben zu lassen, ohne Sorge oder Sorge 
zu bereiten. Buddha antwortet: Was hast du im Auge, du Boser. 
daB du also zu mir redest? Mara spricht: Der Erhabene, Herr, 
hat die vierfache Wundermacht sich zu eigen gemacht, hat sie in 
Tfttigkeit gesetzt und wirksam gemacht, hat sie erstrebt, gesteigert 
und ist bis zu ihrem Qipfel gelangt. So konnte der Herr, o Er- 
habener, wenn er es wiinschte, den Himalaja, den Herrscher der 
Berge, in pures Gold verwandeln, und Qold wiirde der Berg werden. 
(Buddhas Ant wort lautet:) Der ganze Berg von Qold und feinem 



- 356 - 

Gold, das Doppelte ware nicht genug fiir einen: laB den, der dies 
weiB, sein Leben darnach einrichten. Wer das Leiden und seine 
Quelle erkannt hat, wie kdnnte der sich beugen vor der Qier? Wer 
weiB, daB der Qrund des Seins das ist, was man das Haften nennt, 
den Mann laB darum muhen sich, daB er sich davon kSmpfe los. Da 
sprach Mara, der Bose: Der Herr kennt mich, der Erhabene kennt 
mich. Und er verschwand von dort, ungiiickiich und niederge- 
schlagen." (Edmunds-Anesaki I, S. 199f.; Oldenberg, Buddha", 
S. 356 f.) 

Ein anderer Bericht erzahlt: Mara trat zu Buddha und sprach: 
„Qehe jetzt in das Nirvana ein, Erhabener, gehe in das Nirvana ein, 
Vollendeter; jetzt ist die Zeit des Nirvana fiir den Erhabenen ge- 
kommen. Da er also redete, sprach ich, o Ananda, zu Mara, dem 
Bosen, also: Ich werde nicht in das Nirvana eingehen, du Boser, bis 
ich mir nicht Monche zu Jiingern genommen habe, die da weise und 
unterwiesen sind . . . Ich werde nicht in das Nirvana eingehen, du 
Boser, solange nicht der heilige Wandel, den ich verkiinde, gedeiht 
und zunimmt und sich verbreitet liber alles Volk und im Schwange 
geht und wohl verkiindigt ist unter alien Menschen." (Maha-pari- 
nibbana-sutta, 30 ff. 

Zu Buddha, der aus dem von eitiem Engel geoffneten Stadttor 
ritt, trat Mara und sprach: „0 Herr, reise nicht fort. Von jetzt in 
sieben Tagen wird das Rad des Weltreichs erscheinen und wird 
dich zum Herrn der vier Erdteile und der zweitausend angrenzen- 
den Inseln machen. Bleibe, o Herr!" Buddha entgegnet ihm; 
„Mara! Wohl weiB ich, daB das Rad des Weltreiches mir nahen 
wiirde; aber es ist nicht Herrschaft, was ich begehre, Ich will ein 
Buddha warden, und erreichen, daB die zehntausend Weltsysteme 
vor Freude jauchzen." Darauf verlaBt ihn Mara und wartet auf 
eine gelegenere Zeit. (Nidanakatha, siehe Rhys Davids, Buddhist 
Birth Stories, I, London, 1880, S. 83 f.) 

Im Lalitavistara (cap. 18) heiBt es ferner: „Papiyan (= P&pimS = 
der Bose) war dem Bodhisattva, der 6 Jahre ein schweres Leben 
fiihrte, immer und immer nachgegangen, auf eine Qelegenheit 
passend, eine Qelegenheit suchend, ihm beizukommen, und er fand 
keinmal eine Qelegenheit. Als er eine Qelegenheit erlangte, muBte 
er vol! VerdruB, ingrimmig davongehen." 

Tiere und Qotter huldigen ihm, dem Sieger. (Lalitavistara, 
cap. 18, 19; Abhinishkramana Sutra, S. Beal, Romantic legend of 
Sakya Buddha, London 1875, S. 147 ff., 222 ff.) 



- 357 - 

Schon als er fastete, sorgten die Engel sich um ihn. Buddha er- 
zahlt: „Da, o Aggivenano, sahen mich (als er kraftlos dalag) die 
Cngel und sprachen: Der Philosoph Qotama ist tot. Andere Engel 
sagten: Er ist nicht tot, aber er liegt im Sterben. Andere wieder 
sagten: Er ist weder tot, noch liegt er im Sterben, sondern der 
Philosoph Qotama ist ein Arhat; solche Lebensart ist nur die eines 
Arhat. Da, o Aggivenano, dachte ich: Wie, wenn ich nun ganz (bis 
zum Tode) fastete? Da kamen alsbald Engel zu mir herab, welche 
sagten: O du Einzig-Edler, tu nicht so, faste nicht ganz. Aber wenn 
du es tust, wollen wir dir Engelsblut in deine Adern traufeln, so 
wirst du leben bleiben. Da, Aggivenano, dachte ich: Wenn ich mich 
jetzt doch ganz zu fasten anschickte, so wiirden diese Engel 
mir Engelsblut in meine Adern traufeln, und ich wiirde am Leben 
bleiben, was meinerseits verkehrt ware. Auch da, Aggivenano, 
schrie ich den Engeln wieder zu und sprach: Es ist genug." (E. Neu- 
mann, Die Reden Qotama Buddhas, Leipzig 1896—1902, I, S.389; 
Edmunds-Anesaki, I, S. 173.) 

e) Jesus und die Samariterin (Joh. 4, 1 ff.). 
„Als eines Tages Ananda, der Jtinger des Sakyamuni, lange Zeit 
auf dem Felde herumgelaufen war, traf er ein junges Matangi- 
Weib, d. h. von der Kaste der Tschandalas, die Wasser schopfte, 
und er bat sie um einen Trunk, Aber das junge Weib fiirchtete, 
ihn durch die Beruhrung mit ihr zu verunreinigen, entgegnete ihm, 
sie sei in der MStanga-Kaste geboren, und daB es ihr nicht erlaubt 
sei, einem Monch zu nahen. Da entgegnete ihr Ananda: Ich f rage 
dich nicht, meine Schwester, weder nach deiner Kaste, noch nach 
deiner Familie; ich bitte dich nur um Wasser, wenn du es mir geben 
kannst." Darauf verliebt sich das Madchen in Ananda, wird aber 
von Buddha fur seine Lehre gewonnen. (DivySvadana, 61 1^, S. Beal, 
Abstract of four lectures on Buddhist Literature in China, London 
1882, S. 166.) 

f) Das Wandeln auf dem Meere (Matthaus 14, 28 ff.). 
„Ein glSubiger Laie . . . eine vertrauende, fromme Seele, ein 
auserwahlter Junger . . . kam zum Ufer des Flusses Aciravati; als 
er am Landungssteg kein Boot sehen konnte, und da unseres 
Freundes Herz vol! von erquickenden Qedanken an Buddha war, 
so schritt er in den FluB hinein. Seine FuBe sanken nicht unter das 
Wasser. Er gelangte, dahinschreitend, bis in die Mitte des Flusses, 
als ware er auf trockenem Land; aber hier erblickte er die Wellen. 



•■^5^.:--'v^f- 



- 358 - 

Da sank seine Begcisterung, und seine FiiBe begannen zu sinken. 
Da raffte er sich wieder auf zu hoher Qeistessammlung und schritt 
(waiter) iiber das Wasser dahin. So erreichte er Jetavara." (SilSni- 
samsa-Jataka (190); siehe van den Bergh, S. 53.) 

g) Die Speisungder Funftausend (Matthaus 14, 13 ff .). 

Auf Buddhas QeheiB begibt sein Schiller Moggalano sich zu 
einem Qeizhals, um ihn von seiner siindigen Qier zu bekehren. Der 
Junger iiberredet den Qeizhals, seinem Weibe zu gestatten, fUr den 
Qeizhals selbst und fiir Moggalano je ein Brot zu backen. Der Teig 
schwillt der Frau unter den Handen, und es entstehen riesenhafte 
Brote. Der Qeizhals schilt, und auf seinen Befehl macht seine 
Frau kleine Brote. Aber sie wachsen wieder von selbst ins Un- 
geheure. Die Frau will dem Monch e i n Brot reichen. Da haften 
alle anderen Brote an dem einen und keiner kann sie trennen. Durch 
dies Wunder wird der Qeizhals bekehrt. Entsprechend Buddhas 
Befehl bringt er dann das Ehepaar, das Brot und sonstige Speisen 
ins Kloster nach Savatthi. Nun kommt dorthin Buddha m i t f ii n f - 
hundert M5nchen, und es folgt die Hauptszene : 

„Da traten der Hausherr und sein Weib vor den Meister und 
meldeten ihm, die Zeit zum Essen sei herangenaht. Und der Meister 
ging in den Speisesaal, saB nieder auf dem Buddhasitz, fiir ihn be- 
reitet, rings um sich versammelnd die Bruderschaft. Da goB der 
Oberschatzmeister das Qastwasser uber die Hande der Bruder- 
schaft, mit dem Buddha an der Spitze, wahrend sein Weib 
ein Brot in des Herrn Almosentopf legte. Darauf nahm dieser soviel, 
wie zur Lebenserhaltung geniigt, und so taten auch die fiinfhundert 
Monche. Darauf ging der Schatzmeister umher und bot Milch an 
mit Butter und Honig und Jagara (= Zucker); und der Meister und 
die Bruderschaft beendigten ihr Mahl. SchlieBlich aBen der Schatz- 
meister und sein Weib sich satt, aber das Brot schien noch weit ent- 
fernt davon zu sein, aufgezehrt worden zu sein. Ja, nachdem alle 
Monche und die Brockenesser des ganzen Klosters alle ihr Teil be- 
kommen hatten, war da noch nichts zu sehen, daB das Brot zu Ende 
gehe. So berichteten sie dem Meister und sprachen: „Herr, der 
Vorrat an Brot wird nicht geringer." 

„So vergrabet es am groBen Klostertor." 

Da vergruben sie es in eine Hohle nicht weit vom Torweg; und 
bis auf diesen Tag wird da eine Stelle gezeigt, „das Topfbrot" ge- 
nannt, am Ende dieser Hohle" (s. Edmunds-Anesaki, II, S. 253 f.). 



C - 



- 359 - 

Bemerkt sei, dafi die Zahl 500 im Buddhismus sehr oft in reli- 
gioser Bedeutung vorkommt. 

h) Das Scherflein der Witwe (Markus 12, 41-44.). 

„Eine Witwe kommt in eine religiose Versammlung, erbettelt 
sich da etwas Speise und sagt dankbaren Herzens: „Wahrend andere 
kostbare Dinge geben, kann ich Arme nichts geben." Da fallt ihr ein, 
daB sie noch zwei Kupferstiicke besitzt, die sie vorher auf 
einem Misthaufen gefunden hat. Mit Freuden opfert sie diese als 
Qabe fiir die Priesterschaft. Der Oberpriester, der als Arhat die 
Beweggrunde des menschlichen flerzens durchschaut, achtet nicht 
auf die reichen Qaben anderer, sondern nur auf das glaubige Qemtit 
der jungen Frau, und singt zu ihrer Ehre ein Lied. Dies tut ihr wohl, 
und sie sieht nun selbst ein, daB ihre Tat ebenso ins Qewicht fallt, 
als wenn ein Reicher aile seine Schatze verschenkt. Dann singt sie 
auch und auBert den Wunsch, daB ihre gute Tat belohnt werden 
mdge. Ihre Bitte wird erhort, denn schon auf dem Riickwege be- 
gegnet ihr der Konig des Landes, der vom BegrMbnis seiner Frau 
zuriickkehrt, und macht sie zu seiner Qemahlin" (van den Berg, 
S. 51, nach S. Beal. a. a. O., S. 170 ff.). 

i) Das Qleichnis vom SSmann (Matth. 13, 3 ff.). 

„Der Landmann bestellt nicht nur den erstklassigen Boden, 
sondern auch den mittelguten und den geringen, salzhaltigen, 
schlechten Dschangelboden ; denn er denkt: wenigstens Viehf utter 
wird darauf wachsen. Dem erstklassigen Boden sind zu vergleichen 

meine Monche und Nonnen , dem mittelguten die Laien- 

freunde , dem schlechten die Anhanger anderer Religions- 

gemeinschaften. Auch ihnen predige ich die Lehre ; denn 

wenn sie auch nur ein wenig davon verstehen, so kann ihnen das 
doch auf ewig zu Hell und Segen gereichen." (Aus dem Samyutta- 
nikaya, 42, 7; O. Franke, Deutsche Literatur-Zeitung, 1901, 2759.) 

k) Das Qleichnis von den anvertrauten 
P f u n d e n (Matth. 25, 14—30). 
„Drei Kaufleute begaben sich auf die Reise, jeder mit seinem 
Kapital; einer von ihnen gewann sehr viel, der zweite kehrte mit 
seinem Kapital zuriick, und der dritte Kaufmann kam nach Hause 
zurtick, nachdem er sein Kapital verloren hatte. Dies Qleichnis ist 
dem tSglichen Leben entnommen. Das Kapital ist das menschliche 



M 



- 360 - 

Leben, der Qewinn ist der Himmel; wegen Verlustes dieses Kapitals 
miissen Menschen als Hollenbiirger oder als unverniinftige Tiere ge- 
boren werden .... Der, welcher sein Kapital zuriickbringt, ist 
einer, der als Mensch wiedergeboren wird .... Aber d^tr, welcher 
sein Kapital vermehrt, ist einer, welcher hohe Tugenden betatigt; 
der tugendhafte, treffliche Mann erreicht gliickselig den Zustand der 
Qotter." (Nach einem Jaina-Text [also nicht buddhistisch] aus dem 
Uttaradhyayana, siehe H. Jacobi, Sacred books of the East, Oxford, 
1895, 45, 29, 30.) 

Dazu muB verglichen werden die Form, in der nach Cusebius 
das Hebraer-Evangelium das Qleichnis von den anvertrauten 
Pfunden erzahlt hat. Es schilderte „drei Knechte, einen, der das 
Vermogen seines Herrn mit Huren und Flotenspielerinnen verzehrte, 
einen andem, der das Pfund vervielfachte, und einen dritten, der es 
verbarg; der eine wurde anerkannt, der andere getadelt, der dritte 
ins Qefangnis geworfen." (Hennecke, a. a. O., S. 20.) 

1) Die Seligpreisung der Mutter Jesu (Lukas 11, 27 ff.). 

Als Buddha das Elend der Welt kennen gelernt hatte und heim- 
kehrte, sang eine edle Jungfrau vom oberen Stock ihrer Burg 
folgende Verse zu ihm herab: „Die Mutter ist furwahr selig, der 
Vater ist furwahr selig, die Qattin ist furwahr selig, die einen Mann 
wie diesen hat." Buddha war dadurch zum Nachdenken gestimmt; 
er sah ein, daB der wahre Segen nur im Nirvana liegt. 

m) Jesus und die Siinderinnen (Markus 2, 16; 

Matth. 21, 31 f.; Lukas 7, 37 ff.; Lukas 8, 1, 2). 
,Da horte die Dime Ambapali, daB der Herr nach Vesali ge- 
kommen sei und in ihrem Mango-Hain Halt gemacht habe. Da lieB 
Ambapali ihre besten Wagen fertig machen, bestieg ihren besten 
Wagen und brach mit ihrem Qefolge von Vesali auf. Da kam sie zu 
ihrem eigenen Mango-Hain, und nachdem sie, soweit als der Qrund 
es ermoglichte, mit ihren Wagen vorgefahren war, sprang sie von 
ihrem Wagen herab und ging zu FuB dorthin, wo der Herr war; und 
sich ihm nahernd, griiBte sie ihn und lieB sich an seiner Seite nieder. 
Und als sie da saB, unterrichtete der Herr die Ambapali durch reli- 
giose Belehrung, regte sie an und forderte und erfreute sic. Und als 
sie so unterrichtet, angeregt, gefordert und erfreut war, redete sie 
den Herrn so an: ,M6gen der Herr und sein Orden zustimmen, bei 
mir morgen das Essen einzunehmen." Der Herr stimmte schweigend 



■ f .^*iti ■t-.'^^v" •^t\-?T~5v--i?gpB??:-*^;afw?y' 



— 361 



zu. Und als die Dime Ambapali seine Zustimmung empfangen hatte, 
erhob sie sich von ihrem Sitz, griiBte den Herrn und kehrte zurtick." 

Die vornehme Jugend der Stadt ist unwillig uber diese Ein- 
ladung und bietet ihr 100 000 Geldstucke, wenn sie Buddha frei gebe, 
daB er bei ihnen esse. Sie lehnt das ab. Am nachsten Tag, nachdem 
Buddha bei ihr gespeist hat, schenkt sie ihm den Mango-Hain. (M. 
Muller, Sacred books of the East, 17, 105; 11, 30.) 

Nachdem so die Texte, die fiir die zu behandelnde Frage von 
Bedeutung sind, vorliegen, ist die Frage zu untersuchen, ob die ge- 
botenen buddhistischen Parallelen auf die Fassung oder Entstehung 
der entsprechenden christlichen Erzahlungen eingewirkt haben oder 
nicht. Den Brennpunkt bilden dabei natur^'cmaB die die neutesta- 
mentlichen Berichte betreffenden Parallelen. 

Um sie wogt ein heiBer Kampf. Man kann dabei R. Qarbe (a. a. 
O., S. 14) nicht zustimmen, daB bei dieser Frage das Christentum 
nichts zu verlieren hatte. Wenn wirklich klar und zweifelsfrei er- 
wiesen wird, daB eine Anzahl von Episoden aus dem Leben Jesu, 
wie die Evangelien es schildern, ihrem Inhalt nach aus dem Buddhis- 
mus entnommen, christlich ubermalt und in das Lebensbild Jesu ein- 
gefiigt worden sind, so bedeutet das fur die neutestamentliche 
Wissenschaft eine Revolution und fiir das Christentum eine tiefe 
Erschiitterung des Lebensbildes seines Qriinders. Denn es gilt, sich 
die Konsequenzen klar zu machen. 

Bisher hat die neutestamentliche Wissenschaft als Resultat der 
jahrzehntelangen miihevollen Untersuchungen den Tatbestand fest- 
gestellt, daB bestimmt die beiden ersten Evangelien und wohl auch 
das dritte noch zu Lebzeiten des Apostels Paulus verfaBt worden 
sind (vergl. Harnack), daB die ersten beiden ausschlieBlich auf juden- 
christlichem Boden erwachsen sind, und daB das dritte sehr un- 
wesentlich durch griechischen EinfluB hindurchgegangen ist. Jetzt 
wiirde mit einem Male sich ergeben, daB um 70 n. Chr. die jiidische 
Welt so mit buddhistischem Stoff, miindlich oder schriftlich iiber- 
liefert, erfullt war, daB das Leben Buddhas zu jener Zeit so bekannt 
und geschatzt war, daB die Jesusjiinger ihres Meisters Bild mit 
diesen fremden Schatzen schmiickten. Damit wiirde die weitere 
Frage unabweisbar werden, daB Jesus den Buddhismus gekannt und 
benutzt hat. Der Synkretismus, den Harnack vom Christentum des 
2. und 3. Jahrhunderts aussagt, soweit griechisch-romische Ein- 
wirkungen in Frage kommen, wiirde bis an die Wurzeln des Christen- 
tums gehen und vdllig neue Forschungen notig machen. Eine ganz 



- 362 - 

neue Auffassung des Neuen Testaments miiBte einsetzen, wenn 
immer schweigend im Hintergrunde als mitwirkende Ursache der 
Buddhismus stunde. Denn wenn seine ErzShlungen so tief einge- 
griffen hStten, daB sie Jesu Lebensbild gestalten halfen, so wSren 
seine Ideen gleichfalls am Werk gewesen, den Qeist Jesu und der 
Apostel zu gestalten. Das ist keine Aufbauschung der Folgen, die 
eine solche Feststellung haben wiirde, sondern ihre ruhige, niichterne 
Beurteiiung. Denn bisher hat man fur keine der Erzahiungen iibcr 
das Leben Jesu eine andere Wurzel entdecken konnen, ais etwa 
Vorbilder des Alten Testaments, der altbodenst&ndigen Religion. 
Jetzt aber wiirde eine fremde Religion tiefgestaltend ein- 
gegriffen haben! 

Natiirlich gilt es nicht, um dieser Konsequenzen willen der Frage 
aus dem Wege zu gehen. Das Christentum hat ein Lebensinteresse 
an der vollen Wahrheit iiber seinen Ursprung. Die protestantischc 
Theologie braucht sich doch eigentlich nicht gegen den Vorwurf zu 
wehren, als ob sie den schweren Problemen der wissenschaftlichcn 
Forschung aus dem Wege gehe. Wenn nun aber doch eine Reihe 
von Forschem, E. W. Hopkins, L. de la Vall6, Poussin, E. Windisch. 
C. Clemen, Q. Faber, in ihren griindlichen Forschungen zu dem Er- 
gebnis kommen, dafi in keinem Falle die evangelischen ErzMhlungen 
von den buddhistischen abhangig sind, und R. Qarbe sagt dann von 
dem Katholiken O. Wecker (Buddha und Christus, Mtinster 1910) 
und C. Clemen (Religionsgeschichtliche Erklarung des Neuen Testa- 
ments, QieBen 1909) und O. Faber (Buddhistische und neutestament- 
liche Erzahlungen, das Problem ihrer gegenseitigen Beeinflussung 
untersucht, Leipzig 1913): „Diese Qelehrten leugnen jeden EinfluU 
(des Buddhismus) auf das Neue Testament, was ihnen wie den 
meisten Theologen Herzenssache zu sein scheint" (a. a. O., S. 14), 
so macht das einen um so peinlicheren Eindruck, als R. Qarbe (S. 18) 
von sich selbst sagt: „Noch vor einigen Jahren habe ich die Ober- 
zeugung vertreten, daB im Neuen Testament kein buddhistischer 
EinfluB zu linden sei." Damit fallt er unter sein eigenes Urteil, auch 
wenn er jetzt seine Meinung geSndert hat. 

Es gilt in aller Sachlichkeit und Ruhe den Tatbestand zu priifen 
und dann zu urteilen. Vorher muB das allerdings betont werden: 
Es ist geradezu auffailend, wie verschieden die einzelnen Forscher 
fiber die einzelnen parallelen Qeschichten urteilen. Der eine sagt: 
die Ahnlichkeit ist so eng, daB, da das zeitlich moglich ist, Abhangig- 
keit anzunehmen ist; der andere kann eine Ahnlichkeit naherer Art 



- 363 - 

nicht finden. Das subjektive Urteil spieltindieser 
Frage eine sehr groBe Rolle. Das verpflichtet zu doppelter 
Vorsicht. Diese Vorsicht ist darum erst recht notig, als tatsachlich 
uber die Verbreitung des Buddhismus in der Welt Vorderasiens, das 
hier vor allem in Frage kommt, und selbst in Agypten, nichts bekannt 
ist in bezug auf die Zeit des ersten und zweiten nachciiristlichen 
Jahrhunderts. Erst recht wissen wir dariiber nichts aus vorchrist- 
licher Zeit. Q. Faber hat vielmehr schlagend bewiesen, daB wohl 
aus Vorderasien damais Wirkungen auf Indien ausgegangen sind, 
daB aber vom Umgekehrten rein gar nichts zu merken ist. Man 
kennt nicht einmal den Namen Buddhas. In keiner auBerchristlichen 
Schrift findet sich eine buddhistische Erziihlung oder verrat sich 
Kenntnis des Buddhismus, daB auf ihn hingedeutet wtirde. Dadurch 
ist naturlich nicht bewiesen, daB man ihn nicht gekannt habe. Aber 
ebensowenig konnen wir etwa aus der Hypothese, daB das 
System des Basilides buddhistisch beeinfluBt sei, schlieBen, daB man 
den Buddhismus damais gekannt habe. Denn es konnte sich das 
System des Basilides wohl auch aus der europaisch-vorderasiatischen 
Welt erklSren; und waren wirklich indirekte Einfliisse im Spiel, so 
wissen wir, daB die Stimmung der Weltmudigkeit usw. nicht nur im 
Buddhismus vorlag. Dann ware es aber, das darf von vornherein 
gesagt werden, geradezu eine Kuriosit^t, wenn sich im Neuen Testa- 
ment so iiberaus starke Einwirkungen des Buddhismus zeigen 
sollten, — denn da wtren sie s t S r k e r als in den Apokryphen und 
den Heiligenlegenden (siehe oben die Texte), — und wir 
sollten in der ganzen sonstigen zeitgen6ssischen 
Literatur und vorher und nachher nicht einmal 
eine wenn auch noch so schwache Kenntnis des 
Buddhismus im Abendlande feststellen konnen. 
Zeitlich und rMumlich ware eine solche Kenntnis sehr wohl mog- 
lich gewesen. Auch die buddhistische Literatur hatte man teilweise 
wohl kennen konnen. Der Pali-Kanpn, oder Tripitaka, war etwa 
um 250 V. Chr. abgeschlossen. Auch die Einleitungen zu den erst 
aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. vorliegenden Jatakas, deren Stoffe 
bis vor 400 v. Chr. zuriickreichen, enthalten wohl alte Stoffe. Aber 
deren Alter im einzelnen festzustellen, ist sehr schwer. Die erste 
schriftliche Fixierung der Pali-Tradition fand um 50 v. Chr. unter 
dem Konige Vattagamini von Ceylon statt. Die Sanscrit-Literatur 
des nordlichen Buddhismus ist jiinger. Selbst wenn man den 
.,Qrunder" des nordlichen Buddhismus, den Konig Kanischka, dessen 



I- 



— 364 - 

Lebenszeit viel umstritten ist, mit Pischel um 50 v. Chr. setzt, so 
wird das groBe Buddha-Epos, Lalitavistara, damit hart an die 
Zeit der Qeburt Jesu geruckt. Nun sind ja die Fixierungen der 
Buddhageschichten weit spSter als die Verbreitung dieser Qe- 
schichten selbst, und die Moglichkeit ihrer weiten Verbreitung von 
Mund zu Mund wird man zugeben miissen. Aber der Tatbestand 
fordert auch, daB in jedem Fall mit groBer Vorsicht die Sachlage der 
uns bekannten Zeit des schriftlichen Vorkommens einer Qeschichte 
beachtet werde. 

Nach diesen Vorbesprechungen kann eine Besprechung im ein- 
zelnen beginnen. 

1. Die Legenden-Literatur. 

1. Ober den Roman Barlaam und Joasaph ist nichts weiter zu 
sagen. Er stammt aber erst aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. 

2. Die Eustathius- (Placidus-) Qeschichte ist aus dem 6. Jahr- 
hundert n. Chr. bekannt. In der Zeit ist eine Bekanntschaft der 
Jatakas im Abenlande m o g 1 i c h. Wir w i s s e n aber selbst aus 
dieser Zeit iiber ein Bekanntsein des Buddhismus im Abendlande 
sehr wenig. Aus seiner Literatur sind es, falls sie als solche fest- 
gestellt werden, nur die hier besprochenen, in die Legenden ver- 
arbeiteten Jataka-Geschichten. Nun fragt es sich, ob die Ahnlich- 
keit beider Qeschichten so groB ist, daB wir feststellen miissen, daO 
zuerst die Placidus-Qeschichte nur aus der buddhistischen Qe- 
schichte erklarlich ist. Der schwachste Punkt an der Hypothese der 
Abhangigkeit dieser Legende vom Buddhismus ist der Umstand, daB 
sie aus zwei verschiedenen Qeschichten erklart werden soil. Das 
macht die ganze Hypothese auBerordentlich kiinstlich und wenig 
wahrscheinlich. Denn durch solche Kompositionen kann viel „be- 
wiesen" werden. Dazu kommt, daB die Einzelheiten der Qeschichte 
vollig verschieden sind. Selbst im zweiten Teil zeigt das Verlieren 
von Frau und Kindem durch eine Heimsuchung Qottes (ubrigens 
doch ein ganz naheliegendes christliches Motiv) keinerlei Anklang 
an den Selbstverzicht des buddhistischen Asketen. Das Erwahnen 
des Hydaspes ware nur dann beweiskrSftig, wenn der Hydaspes 
auch in der buddhistischen Erzahlung g e n a n n t ware. Das ist 
aber gar nicht der Fall, sondern die Qeschichte spielt nur zwischen 
Indus und Hydaspes. Da fehlt das notwendige Qlied in der Kette. 
Warum Eustathius nach der Legende die Seinen am Hydaspes 



- 365 — 

wiederfindet, ist natUrlich schwer zu sagen. Wahrscheinlich ver- 
legte die Legende dies Finden absichtlich ins feme M^rchen- und 
Fabetland Indien, das in den christlichen Legenden auch sonst eine 
Rolle spielt (z. B. in den Thomasakten). Aber hier mag einstweilen 
diese Frage offen bleiben. Daneben bleibt auff&llig, daB Christus 
als Hirsch auftritt. DaB Qott durch Tiere redet, ist nicht ganz 
wunderbar. Man denlce an Biieams Eseiin, an den frommen reden- 
den Hund in den Petrusakten (cap. 12). Redende Tiere sind auch 
sonst bezeugt Cfhomasakten, 31: ein redender Drache, 39: ein reden- 
des Cselfiilien, 74: ein redender Wildesel). Der Hirsch konnte sich 
ja aus der Jagdpassion des Helden ergeben haben, dessen Leben 
der Legende zugrunde liegt. Aber nirgends sonst tritt Christus 
selbst in Tiergestalt redend auf. Dieser Umstand bleibt der einzige 
Punkt, der die Vermutung wahrscheinlich machen konnte, daB hier 
fremder EinfluB vorliegt. Aber mehr laBt sich nicht sagen. Denn 
im ubrigen sind die beiden Qeschichten ganz verschieden, und alles, 
was die christliche Legende bietet, erklart sich gut aus ihr selbst. 
Dann aber ist doch die innere Beruhrung sehr gering. 

3. Inhaltlich gilt von der Christophorus-Qeschichte dasselbe: es 
besteht sehr geringe Ahnlichkeit. Kein einziger wirklicher Anklang 
erinnert an die buddhistische Quelle. Das einzige, was auffallt, ist, 
daB der Heilige als Riese mit einem Hundekopf gedacht ist. Es hatte 
geradezu ein voUendeter Kiinstler dazu gehort, diese buddhistische 
Qeschichte mit BewuBtsein ganz aus ihrem Rahmen zu losen, so daB 
sie gar nicht mehr wieder zu erkennen ware, bis auf den Helden 
mit dem Hundekopf. Aber selbst der Hundekopf zwingt nicht zur 
Annahme einer Abh&ngigkeit. Es ware dann erst nachzuweisen, 
daB die Sage von hundskopfigen Menschen im Abendlande unerhort 
war, was anzuzweifeln ist. In anderen Ldndem, in China z. B., gibt 
es einen ganzen Volksstamm, der die Hundekopf-Menschen noch 
heute helBt. Es wird eben ein Bild des Schrecklichen gemalt in der 
argsten Qestalt. Aber es mag auch hier zugegeben werden, daB 
dieser eine Punkt auffallend ist. 

Nimmt man die nachste Qeschichte vom Monche Valens unter 
die Lupe, so bleibt auch da nur ein einziger auffallender Punkt, daB 
der Teufel in Jesu Qestalt erscheint. Aber kann denn hier nicht 
eine Weiterbildung der Bibelworte vorliegen, daB der Satanas sich 
in einen Engel des Lichts verwandeln werde, und daB Verfiihrer 
(d. h. doch Teufelsdiener) auftreten wiirden, die sagen wurden, sie 
seien Christus? Da die Qeschichten sonst doch gar nichts gemein 



— 266 — 

haben, liegt ein zwingender Qrund zur Annahnie einer AbhSngigkeit 
nicht vor. ^ 

Es sei uberblickend noch einmal gesagt, daB in diesen Legenden 
die Ankiange hochst schwacli sind, so schwach, daB nichts dazu 
notigt, da dies die einzigen bisher bekannten vermeintlichen Ein- 
wirkungen des Buddhismus auf das Christentum um 400 bis 500 
n. Chr. sind, anzunehmen, daB hier eine Abhangigkeit besteht. Wenn 
sie bestdnde, so, wire es geradezu ein Wunder, daB alles andere 
bis auf diese kleinen, einzigen Piinktchen ausgemerzt worden ware. 

2. Die apokryphen Evangelien und andere s. 

Qarbe und van den Bergh geben beide zu, daB bei alien Er- 
z^lungen aus dem Leben Jesu und Buddhas folgendes zu bedenken 
ist: Erstens kntipften sich an das Leben aller religiosen Helden ge- 
wisse Sagen, die sich dhnlich sind, ihre Qeburten sind wunderbar, 
Wundertaten werden verrichtet usw. Zweitens zeigt die Umwelt 
Jesu und Buddhas so groBe Ahnlichkeiten, in dem Qegensatz gegen 
eine erstarrte Formen-Frommigkeit, die sidi in Selbstgerechtigkeit 
uberhebt und von dem tiefen Qrunde wahrer Menschlichkeit sich 
entfernt hat, zeigt dieVerkiindigung beider, trotz innerster, scharfster 
Qegensatzlichkeii, doch so weite, gleichlaufende Partien, daB sich 
aus diesem Boden heraus naturgemSB Shnliche Qeschichten liber 
beide M&iner entwickeln muBten. 

So hat niemand frtiher je Zweifel geSuBert, daB sich auch die 
fabelhaften Qeschichten der apokryphen Evangelien aus der Um- 
welt des Christentums selbst nicht geniigend erklSren lieBen. Die 
Frage ist, ob diese Erklarungsart nicht auch heute noch voll 
ausreicht. 

Das Leuchten, das von der schwangeren Maria ausging, ist 
ganz verstSndiich in einer Umwelt, in der man bei Jesu Qeburt den 
Qlanz des Himmels strahlen sieht, in der das Kind im Leibe der 
Elisabeth bei Marias Eintritt hiipft und in der allerhand andere merk- 
wiirdige, nicht im Buddhismus nachweisbare Sagen tiber Kon- 
statierung der Jungfrauschaft der Maria auch nach Jesu Qeburt usw. 
umliefen. Die buddhistische Erz^lung steht iibrigens erst im Lali- 
tavistara, dessen Festsetzung sehr schwankt, das von einer groBen 
Zahl emster Forscher erst um 150 n. Chr. gesetzt wird. So ist also 
hier sogar die literarische Prioritat der buddhistischen ErzShlung 
nicht einwandfrei. Auch findet sich das Leuchten ihres Leibes eben- 
so von der mit Krishna schwangeren Devaki ausgesagt. 



•-f.K<;.i 



— 367 — 

2. Auffsllliger ist der Qleichklang in der Schiklerung des Still- 
standes der Natur. Aber auch diese ErzShlung steht erst im Laii- 
tavistara. Das Protevangelium Jacobi wird um 170 als schriftlich 
fixiert festgesetzt. Vorher haben seine Qeschichten schon lange 
miindlich zirkuliert. Also liegt hier zum wenigsten eine ungel6ste, 
schwierige Frage vor. Dazu erkennt selbst Qarbe an, daB die Tdee, 
beim Qeborenwerden des Erlosers die Natur stillstehend zu denken, 
auch ohne AbhSngigkeit bei beiden Religionen verstandlich wdre, 
nur die Ausschmuckung sei auffallend. Das ist nun wieder, dartiber 
zu urteilen, eine Sache rein subjektiven Empfindens. 

d. Zu der Bemerkung iiber die 7 Schritte ist zunSchst zu sagen, 
daB die Zahl 7 ja auch in Vorderasien, und nicht nur in Indien, typi- 
sche Bedeutung hat, daB im ubrigen die Qeschichten wieder nur 
diesen einen gleichen Punkt aufweisen. Dort ist es aber der e b e n 
geborene Buddha, hier die sechs Monatealte Maria. Die 
buddhistische Erzahlung mit dem Baldachin wirkt viel theaterhafter, 
die christliche viel naturlicher: es ist der erse Versuch zu laufen 
gar nicht einmal so tibermSfiig weit iiber das Mdgliche hinaus- 
geriickt. 

Ubrigens kann das Jesuskindchen nach den Apokryphen ja auch 
sogleich sprechen, hat Oberlegung wie ein QroBer, so ist die 
Erz^lung von den sieben Schritten auch ohne dies gut erklarlich. 
Man bedenke doch, daB von dem Jesuskinde noch viele andere 
wunderbare Dinge in den Apokryphen ausgesagt werden, die be- 
stimmt nicht aus dem Buddhismus stammen. Wenn nur die 
Qeschichten vorhanden waren, die im Buddhis- 
mus Anklinge haben, nur dann wurde man sagen 
miissen, daB eine AbhSngigkeit vorliegt. Aber aus 
der FQUe der Sagen hat nur eine ganz kleine Zahl AnklSnge im 
Buddhismus; und diese Anklange sind gar nicht zwingend und recht 
undeutlich. 

4. Bei dem Sich-Neigen der BSume liegen doch auch zwei voUig 
andere Qeschichten vor. Die christliche miiBte ein Kunstprodukt 
eines Mannes sein, der sich gesagt hat: Zu Buddha haben sich 
Baume herabgeneigt, also muB ich eine Qeschichte dichten, daB auch 
vor Jesus sich BSume neigen. Aber es muB eine ganz andere Qe- 
schichte werden. Zudem kommt hier auch wieder das Lalitavistara 
in Frage. Aber wenn auch: es ware geradezu ein Wunder, wenn 
im Falle der Abh^ngigkeit die buddhistische ErzShlung voli- 



1 
Ml 

- 368 - ^ ^ 

standig geschwunden wSre und nur dieser eine Punkt in noch dazu 
veranderter Form geblieben ware. 

5. Das Niederfallen der Qotter ist bei beiden ganz hinreichend 
erklSrt als eine Wiederspiegelung der Oberlegenheit beider iiber die 
alten Religionen. Dazu steht ausdriicklich die Berufung auf Jes. 19, 1 
(siehe auch 1. Sam. 5, 1 — 5) dort, und der Qedanke der Zertriimme- 
rung der Gotzen durch den Qottgesandten liegt im Christentum auf 
Qrund des Alten Testaments sehr nahe. Die buddhistische Erzah- 
lung stammt wieder aus dem Lalitavistara. Eine ahnliche CrzSh- 

limg gibt es, sogar mit Beziehung auf Jesus, in Persien. 

6. Zu dem Bericht uber die zahmen Tiere wurde schon oben auf 
seine Quelle im Alten Testament hingewiesen. Man braucht daher 
wirklich nicht bis nach Indien zu gehen. Die in ganz verschiedenem 
Zusammenhang stehenden selbstbewuBten Kinderworte deuten 
darauf bin, daB bier unabhangige Parallelbildungen voriiegen, auf 
dem ahnlichen Boden. 

7. Die Schulgeschichten des jungen Jesu kennt schon Iren^us, 
als von den gnostischen Makrosivi stammend. Die buddhistische 
Parallele steht im Lalitavistara. Dies ist die eigenartigste Parallele 
in den Apokryphen, dafi man meinen konnte, es liege eine Ab- 
hangigkeit vor; aber die iiterarische Bezeugung lafit sie nicht wahr- 
scheinlich erscheinen. Auch sachlich spricht manches dafiir, daB 
auch hier Parallelbildungen ohne Abhangigkeit voriiegen (so von 
Dobschiitz, in Theol. Literaturzeitung, 1896, S. 42211.). Die bud- 
dhistische Erzahlung ist religioser als die christliche. Das gilt be- 
sonders vom SchluB. Die Christen batten sie also geradezu ver- 
flacht und zu einer reinen Buben-Ungezogenheit gemacht. Das ist 
unwahrscheinlich. Aber an sich genommen paBt die christliche 
Schulgeschichte sehr gut zu den andern Buben-Ungezogenheiten 
Jesu, und diese Erzahlung ist ja nicht die einzige Schul- 
geschichte von Jesus im Christentum. Und die andern sind 
durchaus original. Warum sollte denn die eine abhangig sein, wenn 
ein zwingender Qrund nicht vorliegt? 

8. Die Szenen aus dem christlichen Physiologus sind sehr ver- 
schiedenartig. Wenn bei der zweiten, vom Elefanten, schon Plinius 
und Casar eine ahnliche vom Elch kennen, so liegt trotz allem, was 
Qarbe sagt, diese Quelle naher als die indirekte, die uns erst aus 
einem chinesischen Text des siebenten Jahrhunderts nach Christus 
bekannt ist. Das helBt denn doch zu kiihne SchlUsse Ziehen. Die 
Umbiegung der Qeschichte im Physiologus ist durch die religiose 



'.■^■^ii^.-:y7Tr 



- 369 - 

Nutzanwendung notwendig gegeben, also gar nicht unpassend. Die 
Mitteilung iiber den Vogel Chavadrias ist auffallend durch den ahn- 
lichen Namen und die Ahnlichkeit der Aussage. Aber das ist dann 
eine Abhangigkeit von altindischem Sagenmaterial, nicht von bud- 
dhistischem (siehe oben), beweist also nichts fur die umstrittene 
Frage, Die Erz§hlung vom Fange des Einhorns, bezw. der Herbei- 
holung des Einsiedlers Einhorn, ist auffallig. Aber auf die blo6e 
Namensgleichung hin bei im ubrigen ganz andersartigem Inhalt eine 
Abhangigkeit zu konstatieren, ist sehr gewagt. Konstatiert man sie, 
so ist wieder zu bemerken, daB die Erzahlung auch in der brahmani- 
schen Literatur vorkommt, also nicht speziell buddhistisch ist. 

Selbst wenn man iiber Einzelheiten hier in den besprochenen 
Qeschichten anders urteilen sollte, ist doch das nicht zu leugnen, 
daB wirklich durchschlagendes Beweismaterial auch hier nicht vor- 
liegt. Man k a n n , wenn man die Erzahlungen unter bestimmten 
Qesichtspunkten beurteilt, Ahnlichkeiten so betonen, daB man eine 
Abhangigkeit wahrscheinlich findet. Sie test zu behaupten, dazu 
geniigt das Material nicht, da wir sonst iiber eine Verbreitung bud- 
dhistischer Ideen im Abendlande nichts wissen. Das Material ist 
auch an Menge sehr gering bei der Fulle des Stoffes der aprokryphen 
Sagen. Ehe nicht ganz anderes Licht auf diese Dinge durch neue 
Funde geworfen wird, muB die Frage auf sich beruhen, kann viel- 
mehr getrost ausgeschaltet werden. Aber alles dies sind nur Vor- 
fragen. Die Hauptschwierigkeiten liegen im nachsten Abschnitt. 

3. Das Neue Testament, 
a) Der Lobgesang der Engel und die 
Simeon-Qeschichte. 

In der buddhistischen Schilderung, die bestimmt schon aus vor- 
christlicher Zeit, aus dem Suttanipata, einem der altesten Pali- 
VVerke, bezeugt ist, sind beide Qeschichten organisch verbunden. 
In der christlichen Geschichte sind sie es nicht, sind es auch sicher- 
lich nie gewesen. Qarbe erklarte trotzdem, die Ahnlichkeiten seien 
zu groB, um „an einen Zufall zu glauben". Mit einem solchen Urteil 
ist wenig gewonnen, das ist wieder rein subjektiv. Er findet, die 
Kenntnis Asitas von der Qeburt Buddhas sei durch den Engelgesang 
besser motiviert, als die Simeons von der Qeburt Jesu. Aber wenn 
da in der buddhistischen Quelle die gute Motivierung vorlag, wie 
unwahrscheinlich ist es dann, daB man sie dort fortnahm und in eine 
ganz neue andersartige Qeschichte verarbeitete und zu den Hirten 



- 370 - 



M 



verlegte. Das ist alles viel zu kunstvoll gedacht. Die Idee aber, 
daB ein Vertreter der alten Zeit den Heiland der 
neuen Zeit begruBt und dabei in Wehmut an den 
nahen Tod denkt, findet auch Qarbe aus der Shn- 
lichen Situation erklarlich, ohne eine Abhangig- 
keit annehmen zumussen. Qesteht man das zu, so handelt 
es sich wieder nur um die Einzelziige. Die sind doft recht ver- 
schieden, und die biblische Erzahlung macht in ihrer schlichten 
knappen Art so gar nicht den Eindruck, als sei sie aus der lang- 
gezogenen, umstandlichen buddhistischen Quelle entlehnt. Wie hoch 
stehen Simeons Worte iiber denen Asitas. Es klingt ein vollig 
anderer Qeist aus ihnen. In Wirklichkeit ist nur die Idee Mhnlich, 
und die ist ohne die Annahme der Abhangigkeit erklarlich. 

b) Der zwolfjahrige Jesus im Tempel. 

Da ist die Ahnlichkeit so schwach, daB Qarbe sie gar nicht be- 
riicksichtigt, und van den Bergh sie auch fiir so schwach erklart, daB 
er nur die Moglichkeit indischen Einflusses annimmt. Die 
buddhistische Legende steht auch im Lalitavistara. 

c)DieTaufeJesu. 

Von dieser Episode gilt das gleiche, was soeben gesagt ist. Es 
spiegelt sich da in sehr verschiedenartiger Weise ein Urteil iiber 
die Stellung Jesu und Buddhas zu den alten religiosen Ordnungen 
ihrer Zeit. Wie bescheiden klingen auch in der Fassung des Hebraer- 
Evangeliums die Worte Jesu, daB er von sich Unwissenheit annimmt 
und so sein eigenes Urteil zuriickstellt. Qeschlossener und originaler 
wirkt der Bericht der biblischen Fassung. Die bietet aber kaum 
einen leisen Anklang von Ahnlichkeit mit der Buddha-Legende. Zu- 
dem steht auch diese Legende erst im Lalitavistara. 

d) Die VersuchungJesu. 
Hier lassen sich Ahnlichkeiten iiberhaupt nur durch Zusammen- 
fiigung verschiedener buddhistischer Berichte aus verschiedenen 
nordlichen und sudlichen Quellen von ganz verschiedener Zeit kon- 
struieren; und selbst dann bleiben sie sehr schwach. Nach der Be- 
schaffenheit der Berichte konnte man wirklich eher meinen, die 
buddhistischen Erzahlungen batten aus den christlichen geschopft, 
soviel knapper, geschlossener und einheitlicher sind die letzteren. 
Garbe betont, in der christlichen Erzahlung falle die Personifizierunj^ 



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— 371 - 

des Teufels auf. Abfer ist denn der Teufel hier wirklich persdnlicher 
als im Buche Hiob, als in der Schlange im Paradies, als in den 
Worten, nach denen er sich in einen Engel des Lichts verwandelt 
und lauernd umherschleicht, wie ein Lowe? Das kann nicht zu- 
gegeben werden. Anders, als daB die Versuchung von auBen 
kommend geschildert wurde, konnte uberhaupt bei der Art der Bibel 
eine Mitteilung tiber dies Erlebnis Jesu nicht erfolgen. Das axpt 
xavifov (Luk. 4, 13) heifit aber nicht, wie Qarbe sagt, „bis zu einer 
gunstigeren Qelegenheit", sondern „eine Zeitlang" (Apostel- 
geschichte 13, 11). Was hier dhnlich ist, ist die Idee, daB bei beiden 
die b6se Macht versucht, den religiosen Heros von seinem Wege 
abzubringen. Weiter nichts, vielmehr ist alles andere sehr ver- 
schieden; wieder muBte man sagen, daB es im Falle der Abhangig- 
keit geradezu erstaunlich ware, daB nicht mehr Einzelheiten an die 
Quelle erinnerten. Die Qleichheit der Idee ist bei beiden aus der 
Ahnlichkeit der Lage gut zu erklSren. Das irdische verheiBene 
Qlanzreich z. B., das in der Versuchung Jesu viele stutzig macht, 
ist bei der Art der messianischen Hoffnung in Israel wirklich nicht 
auffdllig. Beide verfechten die Idee, daB sittliche Reinheit der Weg 
zur Erlosung ist, alles Formale, Hierarchische, alle Unterschiede der 
Menschen, alle irdischen Schatze, alle Macht, alle Wundertaten, das 
Leben selbst, alles steht zuriick hinter der sittlichen Reinheit auf dem 
Wege helfender Freundlichkeit. Das alles ist beiden gemeinsam. 
Daraus erklSren sich alle Gegensatze gegen Jesus und Buddha in 
den Versuchungen. 

e) Jesus und die Samariterin. 

Die Qeschichte erklart sich einfach aus dem soeben beriihrten 
Gegensatz Jesu und Buddhas gegen alle Schranken unter den 
Menschen. Im ubrigen lage, will man Parallelen suchen, in diesem 
einen Fall der Qedanke an das Qilgamesch-Epos, an die Istar- 
Qeschichte, viel naher. Selbst Qarbe gibt zu erwagen, da die 
buddhistische Erzahlung erst aus nachchristlicher Zeit vorliegt, ob 
hier nicht das Christentum die Quelle sei. 

ODasWandelnaufdemMeere. 

Man hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, daB in die 
buddhistische ErzShlung die Wellen (bei einem FluB!) gar nicht 
hineinpassen, also eher die Vermutung nahe liegt, daB hier die 
christliche ErzShlung die Quelle sei, da hier die Wellen natiirhch 



- 372 - 






sind. Wenn nun doch die buddhistische Erzahlung 
bestimmt alter ist als die christliche, so sieht 
man gerade hieraus, wie wenig man solche ein- 
zelnen Punkte pressen darf, wie wenig also 
solche an sich schlagenden und zunachst ver- 
bliiffendenMerkmalebeweisen. In sich selbst sind die 
Geschichten wieder vollig andersartig. Das ekstatisch-unbewuBte 
Hinwandeln des Monchs ist kaum zu vergleichen dem glaubigen 
Vertrauen des Petrus. Bestande Abhangigkeit, so ware die Sache 
im Christentum so vertieft und umgewandelt, daB eine rein christ- 
liche Erzahlung daraus geworden ist. Beide Erzahlungen atmen 
ganz den besonderen Qeist ihrer Religion. Im Christentum gibt es 
auch zwei solcher Wasserwandel-Qeschichten, von denen die eine 
von Jesus allein handelt (Joh. 6, 16 ff.). Das ist bedeutsam. Woher 
ist denn die zweite Geschichte gekommen, die durchaus original 
wirkt? Die Idee des Wasserwandelns kennt das Christentum also 
auch, abgesehen vom Buddhismus. Und auBer dieser Idee haben die 
Berichte nichts gemein. Aber selbst wenn man Joh. 6, 16 ff. mit 
Matth. 14, 28 ff. fiir ein und dieselbe Qeschichte halt, so liegt ein 
Qrund zur Annahme der Abhangigkeit vom Buddhismus nicht vor. 

g) Die Speisungder Funftausend. 

Wunderbare Speisungen sind nichts Neues in beiden Umwelten, 
schon vor Jesus bezw. Buddha. Auch im Christentum lagen Vor- 
laufer vor. Hier gilt nun wieder, daB ein wahrhafter Kiinstler dazu 
gehort hatte, die buddhistische langatmige Erzahlung mit ihrem 
banalen SchluB in die geschlossene Knappheit der durch nichts Ein- 
zelnes an die buddhistische „Quelle" erinnernden bibUschen Dar- 
stellung umzuwandeln. Denn durch volkstiimliche Weitererzahlung, 
die doch gern ausschmiickt, ins einzelne geht, konnte unmoglich aus 
der buddhistischen die biblische Geschichte werden. Selbst die Zahl 
500 bezw. 5000 beweist da nichts, zumal ja in der einen Erzahlung 
des Neuen Testaments die Zahl 4000 steht. 

h) Das Scherflein der Witwe. 

Die Erzahlung ist im Buddhismus erst um 400 n. Chr. bezeugt, 
Iruhestens kann sie auf das Jahr 100 n. Chr. zuriickgehen. Damit 
erledigen sich alle scharfsinnigen Untersuchungen, daB die zwei 
Geldstiicke in beiden Erzahlungen eine Abhangigkeit erwiesen. Garbe 
laBt hier das Christentum die Quelle sein. Das ist ja moglich, aber. 



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- 373 - 

nicht elnmal wahrscheinlich. Es ist auch hier nur die Idee, die gleich 
ist. Die liegt aber im Rahmen beider Religionen. 

i) Das Qleichnis vom SSemann, 
Hier sagt auch Qarbe, daB eine Entlehnung anzunehmen ganz 
unnotig sei, macht aber (mit O. Pranke) geltend, daB der Grund- 
gedanke des buddhistischen Qleichnisses hoher steht, als der im 
Qleichnis von Jesu, und fiigt hinzu: „Nur theologische Befangenheit 
kann das Urteil anfechten", wie C. Clemen (a. a. O., S. 251) es tut. 
Solche Bemerkungen sind doch wirklich unnotig, sind Uberdies keine 
Empfehlung fiir das Vertrauen auf das, was Qarbe sagt. Wozu muB 
man denn hier von hoheren und niedrigeren Qrundgedanken reden, 
wo doch die Qrundgedanken auf ganz verschiedenen Qebieten 
liegen? Im Qleichnis Jesu handelt es sich darum, ganz allgemein 
Menschen von verschiedener Herzensbeschaffenheit und Charakter- 
anlage zu schildern und die Wirkung einer Predigt auf dieselben. 
Bei Buddha handelt es sich darum, zu zeigen, wie der Segen einer 
bestimmten Religion selbst denen zugute kommt, die gar nicht zu ihr 
gehoren, mehr aber denen, die ihre Qlieder sind, am meisten den 
Monchen, die sich ihr ganz ergeben. Es ist gar nicht zu verstehen, 
wie man bei so vollig verschiedenen Qrundgedanken von hoher und 
niedriger reden darf. Die Qleichnisse lassen sich gar nicht ver- 
gleichen. Sie handein vom Saemann, das ist ihre Qemeinsamkeit. 
Sonst nichts. 

k) Das Qleichnis von den anvertrauten Pfunden. 
Qarbe gibt zu, daB der Zeit nach auch hier die christ- 
liche Parallele die Quelle des Jaina-Textes sein k6nne;i wie schon 
erwahnt, handelt es sich nicht um eine buddhistische 'Qeschichte. 
Damit erledigt sich jede weitere Erorterung, denn in der Sache liegt 
kein Qrund, die christliche Parabel von der indischen abhangig 
sein zu lassen. 

1) Die Seligpreisung der Mutter Jesu. 
Qarbe fuhrt dazu treffend aus, daB, wenn bei diesen Erzahlungen 
ein Zusammenhang angenomraen wird, so „spricht Alter und Be- 
schaffenheit der Quellen eher fiir die Urspriinglichkeit der christ- 
lichen". Damit ist in der Tat auch hier die Sache entschieden. 

m)JesusunddieSunderinnen. 
Hier liegt iiberhaupt nur in dem Qedanken eine Parallele vor. 
daB beide, Jesus und Buddha, sich zu freundlichem Verkehr mit Qe- 



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— 374 - 

achteten herablassen, die Qeschichten sind gar nicht ^nlich. Der 
gleiche Qedanke ist vollkommen ausreichend aus der gleichen reli- 
gidseii Position erklSrlich: im Christentum durchaus im Zusammen- 
hang der Qedanken Jesu. 

Uberschaut man so noch einmal das Qanze, so sieht man, auch 
wenn mancher Leser im einzelnen von den obigen Urteilen ab- 
weichen mag, wie wenig das im Ernst ist, was die M 6 g 1 i c h k e i t 
einer Beeinflussung des ^testen Christentums durch den Buddhismus 
offen laBt. A^t Sicherheit ISBt sich eine AbhSngigkeit nirgends fest- 
stellen, es spricht vieles dagegen, daB iiberhaupt irgend eine Ab- 
hangigkeit besteht. Und das paBt ganz in den Rahmen der Dar- 
legungen, die am Anfang der Priifung der Berichte gegeben sind: 
nirgends sonst merken wir, daB in der Zeit vor 100 der Buddhismus 
auf das Abendland gewirkt habe. Es w§re geradezu eine AbnormitSt, 
daB gerade in Palastina (nicht in Alexandria) schon um 70 n. Chr. 
etwa buddhistische Erzahlungen so bekannt gewesen sein sollten, 
daB sie in das Leben Jesu aufgenommen wurden. 

Man lege also ruhig diese Frage beiseite. Wenn sich k I a r e 
B e w e i s e finden sollten fiir eine Abhangigkeit der oben be- 
handelten Erzahlungen vom Buddhismus, dann ist es Zeit, emst- 
lich die Frage welter zu untersuchen. Einstweilen ist sie ziemlich 
v311ig erledigt. 

Die obigen Ausfuhrungen konnten der Knappheit des zur Ver- 
fugung stehenden Raumes wegen nur kurz sein. Sie sind das 
Resultat eingehender ruhiger Priifungen und geniigen, um die Leser 
die Grundlinien der gewonnenen Urteile ihrer Begriindung erkennen 
zu lassen. 



Aus der Mission der Gegenwart. 

Noch einmal eln Wort an die evangelischen Christen im Auslande. 

Auf unsere Kundgebung an „die evangelischen Christen im Aus- 
lande" (cf. ZMR 10, S. 281) haben 42 angesehene Vertreter der 
evangelischen Kirchen QroBbritanniens eine offentHche Antwort ge- 
geben, in der sie — wir sagen es ehrlich: zu unserm tiefen Schmerz 
— ihre uneingeschrankte Zustimmung zu der Handlungsweise ihrer 
Regierung aussprechen, allerdings mit dem Hinzufiigen, daB sie ihr 
Urteil auf „die Tatsachen, wie sie ihnen bekannt geworden seien'V 
stiitzen. 



- 375 - 

Sie nehmen an, daB uns die Kenntnis derselben Tatsachen gefehit 
habe. Im AnschluB an diese Erklarung haben dann englische — auch 
kirchliche und missionarische — Blatter der Erwartung Ausdruck 
gegeben, wir wurden nunmehr unser Bedauern ausdrucken, daB wir 
infolge ungeniigender Kenntnis der Sachlage die verwerfliche Haltung 
unserer Regierung unterstiitzt hStten. 

Unter solchen Umstanden konnen wir nicht schweigen, so gern 
wir in dieser Stunde, in der Qott so ernst zu uns alien redet, weitere 
offentliche Auseinandersetzungen zwischen den Christen der krieg- 
ffihrenden Lander vermieden batten. Wir durfen nicht huben und 
driiben unheilvolies MiBverstSndnis aufkommen lassen und miissen 
nun auch unsererseits die VorgSnge, die zum Kriege fiihrten, etwas 
eingehender beleuchten. 

An der Hand des englischen Blaubuchs (C. d. 7467) suchen die 
42 den Nachweis zu fUhren, daB ihre „Regierung bis zum auBersten 
sich bemuhte, den Frieden Europas aufrecht zu erhalten, und daB sie 
nicht die Mitwirkung der deutschen Regierung bei ihren Bemuhungen 
erhielt". Sie erortern dann ausfijhrlich die Frage der Neutralitat 
Belgiens, aus der sich „direkt die eigentliche Beteiligung Engiands am 
Kriege ergeben" habe, well dieser Neutralitatsvertrag ftir England 
eine Verpflichtung bedeute, durch die es sich feierlich selbst ge- 
bunden habe; eine Verletzung solcher Versprechen wtirde „ein Akt 
niedrigster Perfidie gewesen sein". Unsern Versicherungen uber die 
einmiitige Friedensliebe unseres Volkes und unserer Regierung 
halten sie dann die Schriften von Treitschke und Bernhardt entgegen. 
Unsere Klage iiber die Qreuel gegen friedlich im Ausland wohnende 
Deutsche ist ihnen unverstandlich; ihr Land — die Pobelausschreitun- 
gen in Deptford waren noch nicht geschehen — habe uns zu solcher 
Klage keinen AnlaB gegeben. Sie beklagen wohl die Storung der 
missionarischen Arbeitsgemeinschaft und der Missionswerke selbst. 
Aber teurer als der Friede seien „die Prinzipien der Wahrheit und 
der Ehre". Sie hatten ihren Stand genommen fur „ehrliches Inter- 
nationales Handein, fiir die Sicherung der kleineren Nationalitaten, 
fur die Aufrechterhaltung der wesentlichen Bedingungen eines 
briiderlichen VerhSltnisses unter den Nationen der Welt". 

Alles andere, was unsere Erklarung ihnen vorhielt, glauben sie 
iibergehen zu dtirfen: Die Erinnerung an die natiirlichen und ge- 
schichtlichen Bande zwischen ihrem und unserm Volk; den Vorwurf, 
daB seit lange im Verborgenen ein Netz der Kriegsverschworung 
gegen unser Land gesponnen worden sei; auch die Klage, daB Eng- 



» , 



— 376 — 

land den europSischen Krieg durch Verpflanzung nach Afrika und 
Asien zum Weltkrieg im Zeitalter der Weltmission gemacht habe. 
Nur die Bemerkung, daB „es ihnen nicht leicht gewesen" sei, „zu 
der Handlungsweise ihrer Regierung ihre Zustimmung zu geben", 
laBt durchschimmem, daB es doch ihr Qewissen nicht unbeunruhigt 
laBt, daB ihr Volk im Bunde mit den Konigsmordern von Serajewo 
steht, daB es durch die Hineinziehung Japans die geschichtliche Soli- 
daritat der westlichen Kulturvolker aufgehoben hat, und daB es 
asiatische und afrikanische Horden auf europaischem Boden als 
Kampfgenossen gegen WeiBe herangefiihrt hat. 

Wir sind aber verwundert, daB die 42 auch in ihrer „sorgfaltigen 
Obersicht" iiber die dem Kriegsausbruch voraufgehenden Tatsachen 
an entscheidenden Momenten voriibergehen, die auch aus dem eng- 
lischen Blaubuch zu erkennen sind, und nur diejenigen hervorheben, 
die den Eindruck erwecken, als habe sich die englische Regierung 
mit alien Mitteln um die Erhaltung des Friedens bemuht, 

Schon am 24. Juli, also mehrere Tage vor dem Beginn der Feind- 
seligkeiten zwischen Osterreich und Serbien, teilte (Blaubuch Nr. 6) 
der russische Minister des Auswartigen dem englischen Botschafter 
mit, „die russische Mobilmachung werde in jedem Fall durchgefuhrt 
werden miissen"; zugleich woUte er ihn, gemeinsam mit dem fran- 
zosischen Botschafter, zu einer „Erklarung der vollkommenen Soli- 
daritat der britischen Regierung mit der franzosischen und russischen 
drangen". Der englische Botschafter erwiderte, „daB, wenn RuB- 
land mobilisiere, Deutschland nicht mit einer Mobilmachung zufrieden 
sein Oder RuBland Zeit zur Ausfuhrung der seinigen geben werde, 
sondern wahrscheinlich sofort den Krieg erklSren wiirde" (Blau- 
buch Nr. 17). 

Die englische Regierung wuBte also, daB es fur Deutschland ein 
Lebensinteresse war, nicht abzuwarten, bis iiberlegene russische 
Heeresmassen seine langgestreckte, offene Qrenze bedrohten. Sie 
hatte daher, wenn ihr ernstlich daran lag, den Krieg zu verhindern, 
zunachst mit aller Entschiedenheit den Aufschub der russischen 
Mobilisierung verlangen und fiir den Fall der Weigerung jede 
politische und militarische Unterstiitzung aufkiindigen miissen. Sie 
konnte sich selbst sagen, daB, wenn sie dies nicht sicherstellte, Vor- 
schlage, die, wie der einer Konferenz, nur auf den Aufschub der Ent- 
scheidung zwischen Osterreich und Serbien hinausliefen, scheitern 
muBten, well jeder Aufschub der Entscheidung bei gleichzeitiger 
Fortsetzung der russischen Kriegsvorbereitungen die militarische 



■-rif?^.^/ 



- 377 — 

Lage weiter zuungunsten Deutschlands verschob. Sie hat freilich 
nach den AuBerungen, die sie im Blaubuch zu veroffentlichen fiir gut 
befunden hat, der russischen Regierung auch den Aufschub der 
Mobilisierung wiederholt und dringend nahegelegt (Blaubuch Nr. 17 
und 44); sie hat aber die Wirkung solcher Warnungen selbst auf- 
gehoben, indem sie schon am 27. Juli dem russischen Botschafter, 
als er beklagte, daB in deutschen und osterreichischen Kreisen der 
Eindruck vorherrsche, England wiirde unter alien Umstanden ruhig 
sein, die Erklarung gab: „Dieser Eindruck wird durch die Befehle 
beseitigt werden, die wir der Ersten Flotte gegeben haben" (Blau- 
buch Nr. 47). Der Zusatz, es werde damit nicht „irgend etwas mehr 
als diplomatische Aktion versprochen", war nicht ausreichend, um 
zu verhiiten, daB durch diese Erklarung die russische Regierung in 
ihrer Kriegslust bestSrkt wurde. 

Dies alles ist auch aus dem englischen Blaubuch zu erkennen. 
Nun ist das Vertrauen, das amtlich veroffentlichte Dokumente sonst 
init Recht in Anspruch nehmen, beziiglich des englischen Blaubuches 
inzwischen durch den Nachweis erschtittert, daB an einem besonders 
bedeutsamen Schriftstuck nachtraglich Anderungen vorgenommen 
sind, die die Authentic des ganzen Dokumentes zweifelhaft er- 
scheinen lassen. („Nordd. Allgem. Zeitung" Nr. 280 v. 12. 11. 14, 
1. Ausg.) Es ist uns eine andere Quelle zuganglich geworden, an 
deren Urspriinglichkeit und Zuverlassigkeit niemand zweifeln kann. 
Sie laBt unzweifelhaft zutage treten, welcher EinfluB auf die Haltung 
RuBlands in Wirklichkeit in jenen Tagen von der englischen Regie- 
rung ausgegangen ist. Es ist ein amtliches Schriftstuck, das im 
Original vorliegt, nicht fiir die Veroffentlichung bestimmt war und 
nur dadurch zu allgemeiner Kenntnis gelangte, daB es von der 
deutschen Post, weil unbestellbar, amtlich geoffnet werden muBte, 
namlich der Bericht des belgischen Qeschaftstragers de I'Escaille 
in Petersburg an seine Regierung in Briissel vom 30. Juli. Hier 
heiBt es: 

„Heute ist man in Petersburg fest iiberzeugt, ja man hat sogar 
dahingehende Versicherungen empfangen, daB England Frankreich 
beistehen wird. Dieser Beistand ist von entscheidender Bedeutung 
und hat zum Siege der russischen Kriegspartei wesentlich beige- 
tragen." Der Qeschaftstrager, den gewiB niemand der Parteilich- 
keit fiir Deutschland verdachtigen wird, bezeugt zugleich auch, wer 
es damals gewesen ist, der ehrlich den Krieg zu verhiiten trachtete: 
„Es ist unbestreitbar, daB Deutschland hier (in Petersburg) und in 



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— 378 — 



Wien irgend ein Mittel zu finden bemuht war, um einen allgemeinen 
Konflikt zu vermeiden." („Nordd. Allgem. Zeitung" Nr. 219 v. 12. 9. 
1914, 1. Ausgabe.) 

Diese Bemiihungen Deutschlands um Verhiitung des Krieges 
Ziehen auf Milderung der Anspruche Osterreichs gegenuber Serbien 
und auf Anbahnung unmittelbarer Verhandlungen zwischen Wien 
und Petersburg; sie konnten freilich nicht von Erfoig sein, wenn die 
russische Regierung im Widerspruch zu den ehrenwortlichen Er- 
klarungen ihrer Vertreter ihre Kriegsvorbereitungen, auch gegen 
Deutschland, iortSetzte (Blaubuch Nr. 71, 98, 108, 121 und 138. 
Deutsches WeiBbuch Seite 9). 

Aber die von den 42 Herren erwahnten Vorgange befassen sich 
iiberhaupt nur mit dem Anlasse zum Kriege, nicht mit seinen Ur- 
sachen, obschon doch auch auf diese das englische Blaubuch einiges 
Licht wirft. 

Die Ermordung des ostererichischen Thronfolgers hatte blitz- 
artig die unter Begiinstigung RuBlands betriebenen Umtriebe 
Serbiens beleuchtet, die den Fortbestand Ostereeich-Ungarns und 
damit auch die Stellung Deutschlands bedrohten. Osterreich konnte 
sich demgegeniiber nicht mit einer Siihne fiir das Verbrechen be- 
gniigen, sondern muBte die notigen Sicherheiten fiir seine Existenz 
durchsetzen. RuBland aber sah selbst fiir den Fall, daB von Oster- 
reich alle erforderlichen Qarantien fiir die Unverletzlichkeit und Un- 
abhangigkeit Serbiens gegeben wiirden, in dem Einschreiten Oster- 
reichs einen Qrund zum Kriege (Blaubuch Nr. 72). Eine solche 
Balkanpolitik konnte RuBland wagen, well es der Revanchelust 
Frankreichs und der Unterstiitzung Englands gewiB war, das „in 
der Vergangenheit stets zugunsten des europSischen Qleichgewichts, 
das im Falle eines osterreichischen Erfolges gefahrdet sein wiirde, 
interveniert" habe (Russisches Orangebuch Nr. 17). 

Hier tritt der Grundschaden der Situation zutage: Hitte Eng- 
land seine Politik auf einer vertrauensvollen Verstandigung mit 
Deutschland aufgebaut, so hatte Europa der Frieden erhalten und 
seinen Staaten, den groBen wie den kleinen, eine gesunde Ent- 
wicklung gesichert bleiben konnen; die deutsche Politik verfolgte 
keine Ziele, die nur im Kriege zu erreichen oder mit den Lebens- 
bediirfnissen anderer Volker unvereinbar waren. Es ist das Ver- 
hSngnis Europas geworden, daB die englische Regierung seit Jahren, 
w3hrend sie vor ihrem Parlament und der Welt ihre politische und 



- 379 - 

militarische Ungebundenheit behauptete, tatsachlich, um einen ihr 
nnbequemen Konkurrenten unschSdlich zu machen, die Politik zweier 
OroBniachte unterstiitzte, die iiire letzten Ziele nicht ohne einen 
curopaischen Krieg erreichen konnten, und mit ihnen in intimen 
Kriegsvorbereitungen stand. In dieser unseligen Richtung der eng- 
lischen Politik liegt der eigentliche Qrund des Krieges, nicht in der 
Frage der NeutralitSt Belgians. Erst in der Nacht vom 3. zum 
4. August haben die deutschen Truppen belgisches Qebiet betreten, 
vorher aber, am 2. August, hatte die englische Regierung bereits dem 
franzosischen Qesandten die Zusage gegeben, da6, „wenn die 
deutsche Flotte in den Kanal einfShrt, oder durch die Nordsee 
kommt, um feindliche Operationen gegen die Kiiste oder die Schiff- 
fahrt Frankreichs zu unternehmen, die britische Flotte jeden in ihrer 
Macht liegenden Schutz gewahren werde" (Blaubuch Nr. 148). 

Da England sich geweigert hatte, unter irgend einer Bedingung 
Neutralitat zuzusagen, und da ein franzosischer Angriff durch belgi- 
sches Gebiet „nach absolut unantastbarer Information beabsichtigt" 
war (Blaubuch Nr. 157), war es fiir Deutschland eine „Frage von 
Leben und Tod", den Qegnern hier zuvorzukommen. Wahrhaftig 
nicht leichten Herzens, sondern gleich einem Manne, den Notwehr 
zum Sufiersten zwingt, hat die deutsche Regierung so gehandelt. Der 
englischen aber bot der Einmarsch deutscher Truppen in Belgien 
einen willkommenen, wirksamen Vorwand, der vor dem Lande und 
Auslande die Beteiligung am Kriege In dem selbstlosen Lichte des 
Schutzes der kleineren Nationen und der Wahrung internationaler 
VertrSge erscheinen lieB. Wir waren freilich in Erinnerung an die 
Qeschichte der kriegerischen Unternehmungen Englands, insbe- 
sondere an den Burenkrieg, erstaunt, zu sehen, daB es jetzt plotzlich 
die RoUe des Beschutzers kleinerer NationalitSten fur sich in Aur 
spruch nahm. Wir sind auch dariiber verwundert, daB die 42 zwar 
den Bruch des Vertrages uber die Neutralitat Belgiens durch 
Deutschland als unertrSglich empfinden, aber die Haltung ihres 
Landes gegeuiiber der Kongo-Akte, den Vertragen uber Agypten, 
iiber den Suezkanal usw. unbeurteilt lassen. Wenn sie fiir das ge- 
gebene Wort eine „absolut bindende Treuverpflichtung" in An- 
spruch nehmen, richtet sich dann nicht dieses moralische Urteil am 
schSrfsten gegen ihre eigene Regierung? 

Fiir die Tatsache, daB die belgische Neutralitat schon vor Ein- 
marsch der deutschen Truppen von gegnerischer Seite verletzt war, 
hatte bereits die deutsche Presse zahlreiche und starke Beweis- 



^u 



— 380 



grunde angefuhrt. Die 42 haben diese Angaben bestreiten zu mussen 
geglaubt. Wir konnen dlesen ihren Zweifel, wie uberhaupt die Er- 

mittelungen der Presse, obschon inzwischen weiteres, kraftiges 

Material beigebracht ist, hier auBer Betracht lassen. Spatere Prti- 
fung zu ruhigerer Zeit, in der die beiderseitigen Beweisstucke aus- 
getauscht werden konnen, wird ja an den Tag bringen, ob diese 
Nachrichten „absolut unbegrundet und unwahr" waren. 

AuBer jedem Zweifel aber miissen auch ftir die 42 stehen die 
durch amtliche, in Briissel vorgefundene Dokumente („Nordd. Allg. 
Zeitung" Nr. 250 v. 13. 10. 14, 1. Ausg., vergl. dieselbe Nr. 253 vom 
16. 10. 14, 1. Ausg.) belegten Verhandlungen, die der englische 
Militarattache Oberstleutnant Barnardiston im Auftrag des engli- 
schen Qeneralstabschefs Qeneralmajor Qrierson schon 1906 mit dem 
Chef des belgischen Qeneralstabes iiber gemeinsame militarische 
MaCnahmen Englands und Frankreichs (Dunkirchen, Calais 
und Boulogne waren als Ausschiffungshafen fur die englischen 
Truppen vorgesehen!) mit Belgien gegen Deutschland gefiihrt hat. 
Indent Belgien im Geheimen diesen beiden Machten in seine militari- 
schen Verhaltnisse ruckhaltlosen Einblick gewahrte und ent- 
sprechende weitgehende Verabredungen traf, wShrend es die War- 
nungen seines Qesandten in Berlin, Baron Qreindl, vor einem Neu- 
tralitatsbruch von seiten Frankreichs unberucksichtigt lieB, hat es 
selbst die Neutralitat, auf der seine politische Existenz beruhte, ge- 
brochen und sich jeder Anspriiche aus ihr begeben. Ebenso hat die 
englische Regierung, indem sie Belgien zu solchen Abreden ver- 
leitete, den Vertrag von 1839 bewuBt und schwer verletzt. Kein 
Lehrer des Volkerrechts wird es wagen, zu behaupten, daB diese 
Handlungen mit den Verpflichtungen des Neutralitatsvertrages in 
Einklang standen. Weitere unzweifelhafte Dokumente belegen eine 
seit lange betriebene Spionagegemeinschaft von England und Belgien 
gegen Deutschland. Was sollen wir unserm Volk nun sagen, wenn 
es einen „Akt niedrigster Perfidie" und einen Beweis skrupelloser 
Heuchelei darin erbiickt, daB die englische Regierung, obschon sie 
selbst seit Jahren im Verborgenen die Neutralitat Belgiens gebrochen 
hatte, jetzt ihr Yolk und die neutralen Lander in dem Qlauben lieB, 
Oder in ihn versetzte, es sei das englische Schwert gezogen, um die 
,,Treuverpflichtung flir das in dem belgischen Neutralitatsvertrag ge- 
gebene Wort" zu wahren? Wir diirfen bei der Hochachtung, die wir 
gegeniiber den 42 Herren empfinden, und bei dem entscheidenden 
Qewicht, das sie gerade der Frage der belgischen Neutralitat bei- 



V 



- 381 — 

legen, erwarten, *daB ihnen diese Aufhellung der geheimen MaB- 
nahmen ihrer eigenen Regierung ernst zu denken geben wird. 

Sie sind auch im Irrtum tiber die tatsSchlichen Verhaltnisse 

unseres Landes, wenn sie aus den Schriften von Bernhardi und 
Treitschke auf eine Stimmung in unserem Volk schlieBen, die zu 
i.Qewalttat und Unrecht" neige. Es ist bezeichnend, daB das Bern- 
hardische Buch, das den meisten von uns erst jetzt durch den Hin- 
wcis aus England bekannt wurde, nach unserer Information in deut- 
scher Ausgabe nur in 6000 Exemplaren gedruckt war, in englischer 
Obersetzung aber sehr stark verbreitet sein soil. Es wurde uns 
nicht schwer fallen, an zahireiche englische Biicher, Zeitschriften 
und Tagesblatter zu erinnern, die den Kriegsgedanken gegeniiber 
Deutschland planmaBig genahrt haben, wie etwa jener Artikel der 
„Saturday Review" von 1897, der dem englischen Volk vorrechnete, 
daB, wenn morgen Deutschland aus der Welt vertilgt sei, es uber- 
morgen keinen Engl^der in der Welt gabe, der nicht um so reicher 
sein wiirde. 

Wahrend aber die gelbe Presse und Literatur Englands in weiten 
Kreisen des Volkes Widerhall fand, hat im deutschen Volk ein be- 
wuBtes Bediirfnis nach Frieden bestanden. Der Unterschied erklSrt 
sich aus der Verschiedenheit der Lage. Ein Volk, das seit Jahr- 
hunderten keinen Peind auf seinem Boden gesehen hat, auf seine 
insulare Unangreifbarkeit vertraut und mittels eines Soldnerheeres 
kampft, wird leichteren Herzens der Kriegsgefahr entgegensehen, als 
ein Volk, das im Herzen Europas wohnt, von Jahrhundert zu Jahr- 
hundert sein Land durch furchtbare Kriege verwiistet sah und seine 
von Natur ungeschutzten Qrenzen mit dem Blut seiner Sohne ohne 
Unterschied des Standes zu verteidigen hat. Das Schlagwort 
„Militarismus", das jetzt in der Welt den Schein erwecken soil, als 
sei die Wehrhaftigkeit unseres Volkes, nicht aber der „Mari- 
nismus" Englands oder die Armee RuBlands, eine Qefahr fur 
den Frieden der Welt, beruht auf ganzlicher Verkennung unserer 
Volksart und unserer Lebensbedingungen. Die allgemeine Wehr- 
pflicht eines freien Volkes, wie des unsrigen, ist der sicherste Schutz 
gegen leichtfertigen Krieg. Fiir Deutschland handelt es sich seiner 
geographischen Lage wegen in jedem Kriege um die Existenz. Wohl 
fragten sich in den letzten Jahren angesichts der durch die geheimen 
Zusagen Englands sichtlich gesteigerten franzosisch-russischen 
Kriegslust manche in unserem Volk, ob, wenn Deutschland denn 
durchaus zum Krieg gezwungen werden solle, es sich auch den Zeit- 



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punkt diktieren iassen dtirfe. Unser Kaiser aber und unsere Regie- 
rung setzten ihr ganzes Bemiihen daran, das furchtbare Ungluck 
eines solchen Krieges, wenn moglich, zu verhindern, hierin vollig 
einmutig mit dem Parlament, der Masse unseres Volkes und seinen 
geistigen Fiihrern. Niemand hat eindrucksvoller uns gelehrt, daB 
auch der Staat unter der gottlichen Ordnung stehe und den Qebrauch 
seiner Macht durch die Verfolgung sittlicher Ziele rechtfertigen 
miisse, als Heinrich von Treitschke, niemand scharfer als er leicht- 
fertigen Vertragsbruch und frivole Kriegfiihrung verurteilt. Der 
gegenwartige Krieg ware nicht entstanden, wenn die englische 
Politik der letzten Jahre im Qeiste Treitschkes gefiihrt worden wSre. 
Trotz der Ant wo 't, die uns die 42 gegeben haben, Iassen wir nicht 
von der zuversichtlichen Hoffnung, daB ein Tag kommen wird, an 
dem die englischen Christen sich ernstlich dafiir einsetzen werden, 
daB ihre Regierung f Order nicht die Wege gehe, die zu diesem Kriege 
fiihren muBten. 

Mit alien Christen auf Erden beklagen wir aufs tiefste das un- 
ubersehbare Elend, das der Krieg iiber so viele Lander, besonders 
auch iiber Belgien, gebracht hat. Es war uns — in Deutschland 
sind Volk und Heer eins — ein groBer Schmerz, als die verblendete 
Bevolkerung Belgiens unsere Truppen durch Franktireurkrieg und 
unmenschliche Qrausamkeiten gegen Verwundete zu StrafmaBregeln 
in Qestalt von Einascherung von Ortschaften und ErschJeBung von 
Zivilpersonen zwang. Es ist uns auch sehr schmerzlich gewesen, so 
oft die Kriegfiihrung des Qegners es unmoglich machte, wertvolle 
Kunstdenkmaler zu schonen, und wir haben es tief bedauert, daB die 
Belgier zu ihrem Unheil, nach unserer Information auf den Rat Eng- 
lands, den Widerstand auch da noch fortsetzten, wo er langst fiir 
sie nutzlos geworden war. Es war von Anfang an und bleibt unseres 
Volkes ernstlicher Vorsatz, den Krieg mit gewissenhafter Selbst- 
zucht und im Sinne christlicher Milde zu fiihren. Qegeniiber den 
Anschuldigungen, es glichen unsere Truppen „Hunnen und Bar- 
baren", berufen wir uns mit Entriistung auf die unparteilichen Zeug- 
nisse amerikanischer Berichterstatter („Nordd. AUgem. Zeitung" 
Nr. 218 V. 11. 9. 14, 2. Ausg.), des Exiglanders A. J. Dawe (ebenda 
Nr. 218 V. 11. 9. 14, 1. Ausg.), des danischen Oberarztes Thorson 
(ebenda Nr. 271 v. 3. 11. 14, 1. Ausg.) und vieler anderer, die sich ihr 
Urteil nach eigenem Augenschein gebildet haben. Da England die 
deutschen Kabel durchschnitten hat und auch unsere Briefpost uber 
See zu vernichten sucht, sind wir fast machtlos gegen die unwahren 



Berichte, die von unSern Feinden fiber die Welt ausgestreut werden. 

Wenn schon der Krieg durchgekSmpft werden muB, so sollte es in, 
alien Landern der Christen Anliegen sein, dahin zu wirken, daB es 
mit ehrlichen Waffen, nicht mit Liige und Verleumdung geschehe. 
Wir werden versuchen, den 42 die Belege, auf die wir uns hier be- 
zogen haben, zuzustellen, wollen sie aber auf Wunsch auch jedem 
andern, der sich von der Wahrheit iiberzeugen will, nach Moglich- 
keit zugSnglich machen. 

In den Drangsalen dieses Krieges erkennen wir das gerechte 
Oericht des heiligen Qottes Uber die christlichen Volker, und auch 
wir wollen uns seiner heiligen Stimme nicht verschlieBen. Es set 
unser ernstliches Qebet, daB einer gelMuterten und erneuerten 
Christenheit der Tag geschenkt werde, an dem sie wieder in ehr- 
lichem Frieden leben, die Wunden des Krieges heilen und durch 
demiitigen Dienst die Argernisse und Schaden iiberwinden darf, die 
der uns alien von Qott aufgetragenen Aufgabe an der nichtchrist- 
lichen Menschheit jetzt zugefugt sind. Er kann und wird, wenn wir 
alle uns diese ZUchtigung zur Einkehr dienen lassen, es also lenken, 
daB auch sie das Kommen Seines Reiches fordern muB. 

20. November 1914, 
Missionsdirektor Lie. K. A x e n f e 1 d , Berlin. Professor Dr. med. 
T h. A X e n f e 1 d , Freiburg. Oberverwaltungsgerichtsrat D. M. 
B e r n e r , Berlin. Oberkonsistorialpr^ident D. H. v. B e 2 z e 1 , 
Miinchen. Pastor Fried r. v. Bodelschwingh, Beth( 1 bei 
Bielefeld. Professor D. Ad. DeiBmann, Berlin. Oberhofprediger 
D. E. Dryander, Berlin. Professor Dr. R. E u c k e n , Jena. Pro- 
fessor D. Ad. V. Harnack, Berlin. Professor D. Qpttl. HauB- 
l e i t e r , Halle. Professor D. W. Herrmann, Marburg. General- 
superintendent D. Th. Kaftan, Kiel. Qeneralsunerintendent 
D. Fr. Lahusen, Berlin. Pastor P. Le Seur, Berlin. 
Professor D. Fried r. Loofs, Halle. Professor D. C, Mein- 
hof, Hamburg. Professor D. C. Mirbt, Qottingen. Ed. 
de Neufville, Frankfurt a. M. Missionsdirektor D. C. P a u 1 , 
Leipzig. Professor D. Jul. Richter, Berlin. Max Schinckel, 
Hamburg. Direktor der Deutsch-Evangelischen Missionshilfe A. W. 
Schreiber, Berlin. Direktor D. F. A. Spiecker, Berlin. 
Missionsdirektor Joh. Spiecker, Barmen. Missionsinspektor 
D. Joh. Warneck, Bethel bei Bielefeld. Professor D. a W o b - 
b e r m i n , Breslau. Professor Dr. W i 1 h. W u n d t , Leipzig. 



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Die Zakunft der taoistischen Papstwiirde In China. 

Auf dem Drachentigerberge in Kiangsi wohnt ein taoistischer 
Heiliger, der Inhaber der hochsten religfiosen Wtirde des Taoismus. 
Seit dem Jahre 1000 ist diese Wiirde in derselben Familie Tschang, 
heute Tschang LXII. Die Revolution des Jahres 1912 hat ihn seiner 
Titel und Wiirden und seines Jahrgeldes verlustig gemacht. Jetzt 
hat der General Chang-Hsun eine Eingabe an den Prasidenten ge- 
macht, in der um die Erhaltung des Taoismus und die Wieder- 
herstellung des Titels „Cheng-yen" fUr den geradlinigen Abkomm- 
ling des Chang-Tao-lin, des vergottlichten Tao-Weisen, gebeten 
wird. Die mehr als altertiimliche Begriindung des Antrags sucht 
zunSchst den Beweis zu erbringen, daB jener Chang-Tao-lin aus der 
Zeit der Handynastie nach fast ubereinstimmendem Qlauben des 
Volkes der wahre Prophet des Taoismus gewesen sei. Schon in 
seiner Jugend beherrschte er alle Biicher des Tao-te-king und die 
andern Wissenschaften. Auf dem Berg Hao-ming geschah seine 
Verwandlung, und ein gottlicher Geist gab ihm ein geheimes Zauber- 
buch, die San-ching-Bibel, ein Siegel, GewSnder und was dazu ge- 
hort aus der himmlischen Schatzkammer. Bei seiner liimmelfahrt 
iiberlieB er alle diese Dinge seinem altesten Sohn und ubertrug ihm 
sein Erbe mit den Worten: „Mit dieser Ausriistung sollst du im- 
stande sein, das Schlechte zu vernichten, die bosen Geister zu toten 
und der Nation und ihrem Volk zu helfen; und in jedem Geschlecht 
soil es einen Erben meines Thrones und meines Ranges geben." Es 
sei dann, so fahrt die Eingabe fort, in iiber zweitausend Jahren die 
Linie von zweiundsechzig Abkommlingen nicht unterbrochen 
worden, die am Lung-hu-schan (Drachen- und Tigergebirge) in 
Kuei-chi-hsien in der Provinz Kiangsi den Thron und Namen ihres 
Ahnherrn innegehabt hatten. Und wenn die reine Lehre, die sie ver- 
traten, auch die des Konfuzius nicht iibertreffe, so habe sie doch die 
Zuneigung vieler im Lande, und habe sich in Abwendung von 
elementaren Unglucksfallen und Erhaltung von friedlichen Zeiten 
von grofiem Nutzen erwiesen. 

Der General fiigt noch hinzu: „In Ansehung der mancherlei an- 
stoBigen und minderwertigen Religionen, die neuerdings in die Er-. 
scheinung getreten sind, ware unzweifelhaft die Wiederherstellung ^ 
des Taoismus von groBem Wert gegen eintretenden Verfall der 
Sitten." 

Der Prasident hat die Eingabe dem Ministerium des Innern zur 
Erwagung gegeben. W i 1 1 e. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gorlitz, Demianiplatz 28. 



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Die Zukunft der taoistischen Papstwurde in Cliina. 

Auf dem Drachentigerberge in Kiangsi wohnt ein taoistischer 
Heiliger, der Inhaber der hochsten religiosen Wiirde des Taoismus. 
Seit dem Jahre 1000 ist diese Wurde in derselben Familie Tschang, 
heute Tschang LXII. Die Revolution des Jahres 1912 hat ihn seiner 
Titel und Warden und seines Jahrgeldes verlustig gemacht. Jetzt 
hat der General Chang-Hsun eine Eingabe an den Prasidenten ge- 
macht, in der um die Erhaltung des Taoismus und die Wieder- 
herstellung des Titels „Cheng-yen" ftir den geradlinigen Abkomm- 
ling des Chang-Tao-lin, des vergottlichten Tao-Weisen, gebeten 
wird. Die mehr als altertumliche Begrlindung des Antrags sucht 
zunachst den Beweis zu erbringen, daB jener Chang-Tao-lin aus der 
Zeit der Handynastie nach fast ubereinstimmendem Glauben des 
Volkes der wahre Prophet des Taoismus gewesen sei. Schon in 
seiner Jugend beherrschte er alle Biicher des Tao-te-king und die 
andern Wissenschaften. Auf dem Berg Hao-ming geschah seine 
Verwandlung, und ein gottlicher Qeist gab ihm ein geheimes Zauber- 
buch, die San-ching-Bibel, ein Siegel, QewSnder und was dazu ge- 
hort aus der himmlischen Schatzkammer. Bei seiner Himmelfahrt 
iiberlieB er alle diese Dinge seinem altesten Sohn und ubertrug ihm 
sein Erbe mit den Worten: „Mit dieser Ausrtistung sollst du im- 
stande sein, das Schlechte zu vernichten, die bosen Geister zu toten 
und der Nation und ihrem Volk zu helfen; und in jedem Geschlecht 
soil es einen Erben meines Thrones und meines Ranges geben." Es 
sei dann, so fahrt die Eingabe fort, in uber zweitausend Jahren die 
Linie von zweiundsechzig Abkommlingen nicht unterbrochen 
worden, die am Lung-hu-schan (Drachen- und Tigergebirge) in 
Kuei-chi-hsien in der Provinz Kiangsi den Thron und Namen ihres 
Ahnherrn innegehabt hatten. Und wenn die reine Lehre, die sie ver- 
traten, auch die des Konfuzius nicht iibertreffe, so habe sie doch die 
Zuneigung vieler im Lande, und habe sich in Abwendung von 
elementaren Ungliicksfallen und Erhaltung von friedlichen Zeiten 
von groBem Nutzen erwiesen. 

Der General fiigt noch hinzu: „In Ansehung der mancherlei an- 
stoBigen und mmderwertigen Religionen, die neuerdings in die Er- 
scheinung getreten sind, ware unzweifelhaft die Wiederherstellung 
des Taoismus von groBem Wert gegen eintretenden Verfail der 
Sitten." 

Der Prasident hat die Eingabe dem Ministerium des Innem zur 
Erwagung gegeben. W i 1 1 e. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gorlitz, Demianiplatz 28. 



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Die Zukuuft der taoistischen Papstwiirde in China. 

Auf dem Drachentigerb