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Full text of "Zeitschrift fur Missionskunde und Religionswissenschaft"

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ZEITSCHRIFT ^- 
FUR MI88IONSKUNDE UND 
RELIGIONSWI88ENSCHAFT 



ORGAN DE8 ALLGEMEINEN EVANGELISCfl- 
PROTESTANTISCHEN MISSI0N8VEREINS 



IN VBRBINDUNG MIT 

PROFESSOR D. HANS HAAS 

IN LSIFZIO 
HERADSGEGEBEN VON 

MISSIONSDIRBKTOR Lie. Dr. J. WITTB 

IN BERLIN 



1916 

31. JAHRGANCt 



BERLIN SW 11 

HTJTTEN-VBRLAG 6. M. B.E 

1916 



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ZEITSCHRIFT ^- i 
FUR MIS8I0NSKUNDE UND ! 
RELIGIONS WI8SEN8CH AFT ! 



OBGAN DES ALLGEMEINEN EVANGELISCfl- 8 

PKOTESTMTISCHEN MISSIONSVEREINS | 

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IN VERBINDUNG MIT [ 

PROFESSOR D. HANS HAAS 8 

IN LEIPZia i 

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HERADSGEGEfiEN VON 8 

MISSIONSDIREKTOR Lie. Dr. J. WITTE 

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1916 

31. JAHRGANG 



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B£RLIN SW 11 I 

HUTTEN-YBRLAG G. M. B. H. I 

1916 ~ 



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Inhaltsverzeichnis 1910. 



I. Missionskunde. 

a) Allgemeine Auisiitze. Seite 

Memoireri von Li Hung Tschang. Von Prof. D. Born emann . .11, 33 

Katholische und evangelische Mission im Orient. Von Pf r. E. S t i e r 82 

Die katholische Mission im Kriege. Von Pfr. Lie. M ii 1 i e r , Breslau 124, 145 
Li Hung Tschangs Memoiren und die Politik. Von Prof. Borne- 

m a n n 171, 207 

„Meine Tibetreise." Von Dr. J. W i 1 1 e 276 

b) Berichte von unseren Arbeitsfeldern. 

Halbjahrsbericht von Superintendent D. Schiller. Kyoto 43, 67, 150, 190 

Neueste Nachrichteii von unsern Arbeitsfeldern. Von Dr. J. Witte 148 

Neueste Nachrichten aus Ostasien 255 

Neue Nachrichten aus China. Von Dr. Witte . 315 

c) Nachrichten aus der Mission und dem Kultur- 
leben unter der nichtchristllchen Bevolkerung. 

Der Buddhismus und der Tierschutz. Von Dr. W i 1 1 e 27 

Soziale Arbeit der angelstichsischen Mission in China. Von Dr. Witte 57 

Booker, T., Washington, t. Von Dr. W i 1 1 e 59 

Katholische Missionsmethode in der Mohammedaner-Misslon. Von 

Dr. Witte 61 

Zum Progranini der deutsch-katholischen Mission in der Tiirkei. 

Von Dr. Witte 85 

Die Griindung einer Konferenz Deutscher Evangelischer Arbeits- 

organisationen . ^ 87 

China im Weltkriege. Von Dr. Witte 89 

Kurze Nachrichten aus Ostasien. Von Dr. W i 1 1 e 93 

Kurze Nachrichten von drauBen und daheim. Von Dr. Witte . . . , 147 

Yuan Schi Kai t. Von Dr. W i 1 1 e 184 

Die Mission — Kirchensache. Von F*ir. W. Hiickel 185 

Hirtenbrieie indischer Bischofe. Von Dr. Witte 217 

Das Schuhvesen in der Tiirkei 218 

Zur Geschichte der chinesischen Revolution 1911/1912. Von Pfr. 

MartinSchmidt 249 

Leistungen der evangelischen Missionen in Deutsch-Ostafrika . . , . 254 

Das Schuhvesen in der Tiirkei 254 

Ermordung eines Missionsehepaares in Japan. Von Dr. W i 1 1 e . . . 283 

Beschrankungen schwedischer Missionen durch England und Italian . 283 

Staatliche Anerkennung des Christentums in Japan. Von Dr. Witte . 312 

Der neue President Chinas. Von Dr. Witte 314 

Rabindranath Tagore iiber das Christentum. Von Dr. Witte . . . . 314 

Japan im Kriege. Von Dr. W i 1 1 e 349 

Liberalisierung der Mission. Von Dr. Witte . . . i-"34S> 



4lt 

Seite 

r die deutschen Katholiken von den Franzosen verantwortlich 

gemacht -w'erden 359 

k^ertvolles Urteil iiber die groBe Bedeutung der Mission • . • 375 

iambuTKische Kolonialinstitut 375 

II. Religionswissenschaft. 

der primitiven Religionen im altesten Christentum. Von Prof. 

Carl Clemen, Bonn 1 

Meister Lehren. Aus dem Sanskrit Von Prof. D. O 1 1 o . . 73, 97 
entalische Symbolik und antike Sytnbolik iiberhaupt Von Lie. 

EiBfeldt 117 

virupatu oder die Zwanzig in zwei VersmaBen. Von Lie. theol. 

Sehomerus 129 

Bibliographie des Buddliismus. Von Prof. D. Haas 141 

Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. Von Prof. 

D. Haas 161, 194, 225, 258, 289, 321, 353 

Wissensehaftslehre der Religionsgesehiehte. Deren Einordnung in 

die Geseliichtstheorie. Von Lie. Dr. L e h m a n n 203, 239, 269. 333 
ung Ming, der Qeist des chinesischen Volkes und der Ausweg aus 

dem Kriege. Von Dr. W i 1 1 e 296 

III. Von der Arbeit anderer Missionsgesellschaften 
und verwandter Bestrebungen. 

der Missionsarbeit des American Board. Von Pfarrer Martin 
Schmidt, Holzhausen a. d. Heide (Nassau) 341 

onsarbeit und Missionsmethode der Heilsarmee. Von Pfarrer 
W. H ii c k e 1 . Lorenzen i, E 365 

IV. Bucherbesprechunsen. 

V fur Religionswissensehaft. (Haas) 27 

einer, 100 Jahre Missionsarbeit. (Witte) 30 

> Paquet, der Kaisergedanke. (Witte) 31 

ior Springmann jun., Deutschland und der Orient. (Witte) .... 32 

Schmaltz, Wir und der Halbmond. (Witte) 63 

Gennrich, Modeme buddhistische Propaganda und indische Wieder- 

geburtslehre in Deutschland. (Witte) 63 

[. Smidt, Japan im Weltkriege und das Chinaproblem. (Witte) . . 93 
Rohrbach und Wolf von Dewall, Deutschland und China nach dem 

Kriege. (Witte) 94 

tiodt, Chinesische Qotter. (Witte) 127 

'. R. Meincke, Sonntagsfrieden in eherner Zeit. (Witte) 128 

!ittelmeyer. Von der religiosen Zukunft des deutschen Qeistes. 

(Devaranne) 158 

>h. Wameck, Menschenohnmacht und Gotteskraft. (Witte) . . . 189 

Valentin, Kolonialgeschiehte der Neuzeit. (Witte) 189 



1 1 



Seite 

Prof. C. H. Becker, Das tiirkische Bildungsprobleiii. (Witte) .... 222 
Prof. D. C. Mirbt, Islam und Christentum in dem gegenwartigen Welt- 

krieg. (Witte) 222 

Die Religion des Islam in Urkunden. (Nuesch) 22i 

Dr. Karl Schultze-Jena, E>er Kampi um Tsingtau. (Witte) 222^ 

D. Aug. Kind, Von den ersten Blattern der Bibel (D. Meincke) .... 224 
J. Witte, Lie. Dr., Das Buch des Marco Polo als Quelle fiir die Religions- 

geschichte. (Lie. Schomerus) 255 

Prof. D. Qiese, Die Toleranz des Islam. (Witte) 283 

Rich. Frohlich. Tamulische Volksreligion. (Witte) . 284 

R. Giesel, Fuidschu, im Kampfe um eine stolze Stadt. (Witte) .... 289 
Ijanga-rao Brahmputr, Indien. Seine Stellung zuni Weltkrieg und zu 

seiner Zukunft. (Witte) , 285 

L. Scherman, Zur aitchinesischen Plastik. (Haas) 316 

D. Dr.,C. Clemen, Die Reste der primitiven Religion im iiltesten Christen- 
tum. (Haas) 317 

Friedrich Schwenn, Die Menschenopfer bei den Oriechen und Romern. 

(Haas) 319 

Indien unter der britischen Faust. (Witte) 320 

Rudolf Otto, Dipika des Nivasa. (Franke) 377 

Richard Wilhelm, Mong Dsi. (Haas) 380 

M. J. bin Qorion, Der Born Judas. (Miiller) 380 

Dr. Willy Haas, Die Seele des Orients. (Dr. Witte) . 381 

V. Aus dem Vereinsleben. 

Tagung des Zentralvorstandes in Frankfurt a. M. Von Prof. Bornemann 148 

Neueste Nachrichten aus unserm Verein 188 

Einladung zur 32. Jahresversammlung in Wiesbaden 257 

Die 2)2. Jahresversammlung in Wiesbaden. Von Dr. Witte 314 

Aus einem Briefe Sup. D. Schillers (Kyoto) vom 7. September 1916 . .351 

Neues iiber Pfarrer Seufert 352 

Unsere neuesten Fiugschriften. Von Devaranne 382 

Meine Einberufung 384 

VI. Vermischtes. 

Zeichnet die vierte Kriegsanleihe 65 

D.-Kind-Qedachtnis-Stiftung 65 

Neues Zentralbureau 187, 222, 255 

Eine auBerordentliche einmalige Bitte um Hilfe fiir unbeschreibliches Elend 220 

Mitteilungen 63 

Neue Schriiten fiir unsere Mission 285 

Eingegangene Schriiten . . . . 64, 128, 160, 224, 256, 286, 320 384 
Aus Zeitschriften und Jahresberichten 

Inhalt von Shinri Nr, 48, 49, 50, 51, 52, 53, 54, 55 159 

Bitte . 384 






Reste der primitiven Religionen im altesten Christentum. 

Vortrag, gehalten in der Bonner Anthropologischen Qesellschaft am 

23. November 1915 
von Prof. Carl Clemen- Bonn. 

Als man zuerst anfing, das Christentum und seine Vorstufe, die 
israelltisch-judische Religion, wie andere Relis^onen zu betrachten, 
wurde man zunlchst darauf aufmerksam, dafi es in seinen verschie- 
denen Entwicklungsstadien mancherlei Analogien zu diesen anderen Re- 
ligionen, vor allem natiirlich zu den sog. Kulturreligionen darbietet, oder 
man wurde auch zu jener Betrachtungsweise dadurch veranlaBt, daB 
man solche Parallelen zwischen dem Christen- und Judentum und den 
anderen Religionen entdeckte. Vielfach waren diese Parallelen sogar so 
frappant, daB sich die Frage aufdrtngte, ob hier nicht Christen- und 
Judentum von diesen anderen Religionen abhangig seien, und an so 
vielenStellen das auch,namentlich von Dilettanten, mit Unrecht be- 
hauptet worden ist: daB bereits das Juden- und dann durch seine Ver- 
mittlung auch das Christentum in gewissen FlUlen namentlich von der 
babylonischen und persischen, und dami das Christentum direkt nament- 
lich von der griechischen und romischen Religion beeinfluBt worden ist, 
das kann keinem Zweifel mehr unterliegen. Aber manchmal ist damit, 
daB sie auf eine andere Religion zurtickgefuhrt wird, die betreffende 
jiidische oder christliche Anschauung oder Einrichtung noch nicht vdlfig 
erklSrt; denn sie ist auch in der anderen Religion, aus der siestammt, 
nicht verstandlich, sie geht viehnehr auf eine noch altere Religion zu- 
riick, die wir, well sie die alteste uns erreichbare Porm derselben ist, 
ungenauerwelse als primitive zu bezeichnen pflegen. Und ebenso finden 
sich, wie in anderen Kulturreligionen, so im Juden- und Christentum 
auch dort, wo sie nicht von anderen Kulturreligionen beeinfluBt sind, 
Anschauungen oder Einrichtungen, die aus dieser primitiven Zeit 
stammen. Das ist fiir das Judentum viel&ich anerkannt, weniger dagegen 
naturgemaB fur das Christentum; es soU daher fur seine ^teste Stufe, 
die selbstverstandlich hier vor allem in Betracht kommt, das Neue 
Testament, einmal an einigen Beispielen nachgewiesen werden. Oabd 
beschranke ich micb auf diejenigen Reste der primitiven Religion im 

Zeitachrift ffir Miwioniktuide and Rdifioatwineasdiaft 31. Jahrgiog. Heft 1. 



- 2 — 

aitesten Christentum, die sich nicht (oder wenigstens nicht in derselben 
Form) schon im Judentum finden ; ob sie den Verfassern und Lesem des 
Neuen Testaments nocii in ihrem urspriinglichen Sinne verstandlich 
waren oder ob sie von ihnen anders, ja vielleicht iiberhaupt nicht mehr 
verstanden und also nur ais unverstandene Formeln oder Qebrauche 
beibehalten wurden — das macht fiir uns zunachst nichts aus, wenn sie 
nur urspriinglich wirklich aus der primitiven Religion stammen. Und 
zwar unterscheide ich bei dieser die theoretische und die praktische 
Seite, den religiosen Qlauben und das religiose Verhalten, und 
beginne wieder mit denjenigen Qegenstanden des religiosen Qlaubens, 
die sich nach unserer Meinung am wenigsten zur religiosen Verehrung 
eignen wiirden. 

Das sind die sog. Fetische,d. h. — nur in diesem Sinne sollte 
man den Ausdruck meiner Meinung nach gebrauchen — tragbare oder 
sonstwie transportable Qegenstande, in denen — und das gilt nun zu- 
gleich fiir die iibrigen Qegenstande des primitiven Qlaubens — urspriing- 
lich keine Seelen oder Qeister, sondern nur iibernatiirliche Krafte ge- 
funden worden sind — und zunachst und vor allem S t e i n e besonderer 
Art. Von ihrer Verehrung — ich gebrauche diesen Ausdruck hier zu- 
nachst immer im weitesten Sinne des Worts — hat sich ein freilich 
wohl Verfasser und Lesern nicht mehr verstandlicher Rest in dem 
letzten Buch des Neuen Testaments erhalten, das auch weiterhin hier 
besonders oft wird angefiihrt werden miissen, in der Offenbarimg Jo- 
hannis. Hier heifit es namlich einmal : Dem Sieger will ich (der Redende 
ist Christus) einen weiBen Stein geben und darauf einen neuen Namen 
geschrieben, den niemand kennt als nur der Empfanger; es muiJ also 
iiblich gewesen sein, bei der Aufnahme in einen auserwahlten Krels (fiir 
den hier die Qemeinde der Seligen einlritt) weiBe Steine auszuteilen. Wir 
konnen das, soweit ich weifi, unter Kulturvolkern sonst nicht nach- 
weisen; es wiirde damit ja auch noch nicht vollig erklart sein; wohl 
aber wissen wir, daB in Neusiidwales der junge Mann bei der Pubertats- 
weihe mit seinem neuen Namen auch einen weiBen Stein oder Quarz- 
kristall erhalt — offenbar well man in diesem — wegen seiner Selten- 
heit — besondere Krafte wohnend denkt. Da haben Sie gleich ein be- 
sonders deutliches Beispiel dafiir, wie im Neuen Testament, wenngleich 
nicht mehr verstanden, primitive Anschauungen nachwirken; denn sollte 
es Ihnen trotz der frappanten Ahnlichkeit beider Qebrauche, des in der 
Offenbarung vorausgesetzten und des aus Neusiidwales bezeugten, doch 
noch zweifelhaft sein, ob dieser zur Erklarung jenes herangezogen 
werden darf, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daB die spateren 



— 3 - 

a 

Mysterien — und an ihr Vorbild ware ja bei jenem in der Offenbarung 
vorausgesetzten Qebrauch zu denken — auch sonst auf die primitive 
Pubertatsweihe zuriickgehen, daher in ihnen z. B. auch das bei dieser 
in Australian und sonst gebrauchliche Schwirrholz eine Rolle spielte. 
Aber weiter ausfiihren kann ich das allerdings an dieser Stelle nicht 

Noch an einer anderen, zugleich wohl etwas bekannteren Stelle 
der Apokalypse wirkt diese aus primitiver Zeit stammende Schatzung 
von gewissen Steinen nach, sofern namlich die Qrundfeste des himm- 
lischen Jerusalems mit Edelsteinen geschmtickt sein oder aus solchen 
bestehen soil. Und zwar sind das im wesentlichen dieselben Steine, die 
im Alten Testament der Hohepriester auf seiner Orakeltasche, in der 
die Urim und Tummim sind, tragt: man wird also schon danach an- 
nehmen diirfen, dafi man diesen Steinen iibernatUrliche Krafte zuschrieb. 
In der Tat geschieht das ja mit manchen auch bei Kulturvolkern noch 
jetzt ; selbst in dem Namen eines von ihnen hat sich bis auf den heutigen 
Tag die Erinnerung an diesen Qlauben erhalten: der Amethyst heifit so, 
weil er gegen ^id^rj, Trunkenheit schiitzt. Wie man speziell auf 
diesen Qedanken gekommen ist, kann ich freilich nicht sagen; daB 
man den Edelsteinen iiberhaupt solche Krafte zuschrieb (und sie 
deshalb noch jetzt als Schmuck, urspriinglich als Amulette, tragt), 
lag wieder an ihrer Seltenheit — ebenso wie deshalb bestimmte 
Metalle, namentlich das Gold, zunachst auch als Sitz besonderer 
Krafte und dann als besonders wertvoU angesehen wurden. Und 
mit den Qrundfesten des himmlischen Jerusalems, d. h, urspriinglich 
des Himmels selbst, wurden Edelsteine in Verbindung gebracht, 
weil jene natUrlich, um diese ungeheure Last zu tragen, besondere 
Krafte haben miissen. 

Wenden wir uns danach 2. zu der Verehrung der E 1 e m e n t e 
im popularen Sinne des Wortes (Feuer, Wasser, Luft und Erde), 
so wirkt diejenige des Feuers im Neuen Testament noch insofern 
nach, als Gott auch hier manchmal (wie im Alten Testament) im 
Feuer erscheint, namentlich der Geist Gottes beim ersten christ- 
lichen Pfingstfest. Denn so gelaufig uns das jetzt ist, so erklart es 
sich doch befriedigend nur daraus, daB urspriinglich das Feuer 
selbst als hoheres Wesen angesehen worden ist, daB das aber spater 
nicht mehr passend erschien und die Verehrung des Feuers daher 
damit gerechtfertigt wurde, daB in ihm eine andere oder d i e Gott- 
heit erscheine. Wieder in der Offenbarung offenbart sich Gott, wie 
schon im Alten Testament bei der Gesetzgebung, zugleich in Blitz, 
Donner, Erdbeben und Getose, d. h. der israelitische Volksgott ist 



- 4 - 

ursprunglich ein Vulkangott gewesen, oder noch urspriinglicher ist 
das vulkanische Feuer selbst als etwas Qottliches aufgefaBt worden. 

DaB ein See, diese fiir manche Stamme imponierendste Er- 
scheinungsform des Wassers, ursprunglich selbst als hoheres Wesen 
betrachtet und dann als von einem Qeist bewohnt gedacht worden 
ist, das klingt noch darin nach, dafi in der Qeschichte von der 
Stillung des Sturmes bei Matthaus und Lukas Jesus das Meer 
b e d r h t — denn so verfahrt man nicht mit einem leblosen, 
sondern nur mit einem lebenden Wesen, und daB das Meer etwa 
nur personiflziert wurde, daran ist nicht zu denken; so poetisch 
driicken sich unsere Evangelien sonst nicht aus. Bedroht Jesus 
zugleich den Wind oder die Winde, so ist also auch das so zu 
verstehen, daB diese urspriinglich als hohere Wesen vorgestellt 
worden sind — und damit sind wir bereits zu dem dritten Element 
im popularen Sinne des Wortes, der Luft, hiniibergefuhrt worden. 

AuBerdem wirkt die Verehrung der Winde, und zwar der vier 
Hauptwinde der Windrose, wieder in der Offenbarung nach, auch 
in einer Vorstellung, die Sie alle kennen, namlich der Vorstellung 
von den sog. apokalyptischen Reitern. Sie sitzen namlich auf einem 
weiBen, feuerroten, schwarzen und fahlen RoB, und mit Rossen im 
wesentlichen von derselben Farbe fahren im Alten Testament, bei 
dem Propheten Sacharja, die vier Winde. DaB die Winde mit 
Rossen fahren oder auch auf Rossen reiten — nun das bedarf ja 
nicht erst der Erklarung; aber warum haben diese Rosse gerade 
jene Farben: schwarz, weiB, rot und gelb? Das hat man bisher 
nicht zu erklaren vermocht, es wird aber auch auf primitive 
Vorstellungen zuriickzufuhren sein. Ich kann namlich die An- 
schauung, daB die vier Himmelsgegenden jene Farben haben, nicht 
nur bei den Qriechen und Indern, sowie den tibetischen, chinesi- 
schen, japanischen Buddhisten nachweisen, sondern auch bei den 
verschiedensten Indianerstammen Amerikas, von den Apachen im 
Norden bis zu den Maya im Suden. Ob diese Vorstellungen von- 
einander abhangig oder an verschiedenen Stellen entstanden sind, 
das ist hier nicht zu untersuchen; jedenfalls erklaren sie sich daraus, 
daB schwarz, weiB, rot und gelb die urspriinglichsten Farben sind, 
die man in der Natur selbst findet: schwarz aus Kohle, weiB aus 
Kreide, rot aus Rotel, gelb aus Ocker gewonnen. So werden diese 
Farben den Himmelsgegenden und den Winden beigelegt, bezw. 
den Rossen, mit denen diese fahren oder auf denen sie reiten. 
Spater hat man das nicht mehr verstanden; da aber die Rosse 



— 5 — 

(d. h. ursprunglich die Winde) in der Endzeit losgelassen werden 
sollten, deutete man sie auf vier Plagen, wie sie ja auch sonst vor 
dem Ende erwartet wurden — so sind diese von der Kunst ja immer 
wieder dargestellten Figuren der vier apokalyptischen Reiter ent- 
standen. 

Endlich die Verehrung der in die Augen fallendsten Er- 
scheinungsform der Erde, der Berge, wirkt im Neuen Testament 
vielleicht noch insofern nach, als nach dem Markusevangelium der 
gerasenische Besessene, den Jesus dann heilt, auf den Bergen lebt: 
denn das wird er deshalb getan haben, weil das Qebirge als der 
Aufenthaltsort der Damonen, wie sie in ihm (dem Kranken) wohnend 
gedacht wurden, gait, und dies wieder geschah vielleicht deshalb, 
weil die Berge ursprunglich selbst verehrt worden waren. Auch 
wenn im Johannesevangelium die Frage aufgeworfen wird, ob 
man auf dem Berge Qarizim oder in Jerusalem (das ja auch auf 
dem Berge liegt) anbeten solle, so beruht diese, ja ebenso in anderen 
Religionen nachzuweisende Sitte, auf Bergen anzubeten, urspriing- 
lich wohl auf der Verehrung der Berge selbst — , aber dabei handelt 
es sich eigentlich nicht um eine aus primitiver Zeit stammende An- 
schauung, die uns erst im Neuen Testament begegnete; ich halte 
mich also bei ihr nicht weiter auf, sondern wende mich gleich 

3. zu den Resten der Verehrung des H i m m e 1 s und der 
Himmelskorper, die wir im Neuen Testament finden. Als 
ein solcher ist schon der Qebrauch von Himmel statt Qott und 
Himmelreich statt Reich Qottes zu bezeichnen; denn wenngleich 
dieser Sprachgebrauch Sitte wurde, als man sich scheute, direkt 
von Gott zu reden, so griff man damit doch zugleich auf die primi- 
tive Zeit zuruck, in der der Himmel selbst verehrt wurde. Auf der 
andern Seite Verehrung eines Himmelskorpers, des Morgensterns, 
liegt wieder zwei Stellen der Offenbarung zugrunde, die gleich zu- 
sammengenommen werden konnen. Qanz deutlich ist das der Fall, 
wenn am Ende des Buches Jesus selbst als der strahlende Morgen- 
Stern bezeichnet wird; denn damit wird eben ausdrucklich der Ver- 
ehrung der Venus entgegengetreten, wie sie von primitiver Zeit 
her in der Umgebung des Christentums damals noch Sitte war. 
Aber auch wenn es vorher heiBt: Dem Sieger will ich (Subjekt ist 
Christus) den Morgenstern geben, so wird man annehmen miissen, 
daB vorher die Vorstellung bestand, der Messias habe (zum Zeichen 
seiner Macht iiber ihn) den Morgenstern in der Hand, und daB 
dann weiterhin erwartet wurde, er wurde ihn (in demselben Sinne) 



_ 6 - 

seinen Auserwahlten geben; und diesen Anschauungen lag wieder 
zugrunde, daB der Morgenstern selbst als ein machtiges Wesen an- 
gesehen wurde. 

4. Auf Verehrung von P f 1 a n z e n, und zwar des Weinstocks, 
geht es zuriick, wenn im Johannesevangelium Jesus von sich sagt: 
Ich bin der wahre Weinstock (^ cifinEkog rj ocXij^lvi^). Denn das 
ist kein ad hoc gewahlter oder aus dem Alten Testament ent- 
lehnter Vergleich, das heiBt vielmehr: es gibt — in welcher Re- 
ligion, konnen wir nicht bestimmt sagen — noch einen andern 
Weinstock, der irgendwie als ein hoheres Wesen erscheint, aber 
das ist nicht der wahre Weinstock; der wahre Weinstock (wie 
der gute Hirte, das Wort) ist Christus; ihm kommen die Namen 
als Bezeichnungen wirklich zu, mit denen man sonst andere gott- 
liche Wesen belegt. 

5. Auch von Tierverehrung haben wir, wieder in der 
Offenbarung, noch eine Spur, sofern da einmal drei unreine Qeister 
in Froschgestalt erscheinen. Das kann namlich nur den Qrund 
haben, daB der Frosch, wie es ja tatsachlich der Fall ist, ursprting- 
lich selbst als ein hoheres Wesen erschien, daB er dann in einer 
h 6 h e r e n Religion deshalb als unrein bezeichnet wurde — das 
ist ja iiberhaupt der Sinn dieses Ausdrucks unrein; unrein ist das- 
jenige, was in einer andern Religion verehrt worden war — und 
daB man schlieBlich wenigstens annahm, daB Damonen in Frosch- 
gestalt erschienen. Aber auch wenn umgekehrt der Qeist 
Gottes bei der Taufe Jesu in Taubengestalt auf ihn herabkommt, 
so ist urspriinglich die Taube selbst verehrt worden; man hat das 
— ein Vorgang, der sich ja spater in der Qeschichte des Christen- 
tums oft wiederholt hat — schon im Judentum damit gerecht- 
fertigt, daB in Taubengestalt der Qeist des eigenen, des wahren 
Gottes erschiene. 

6. Die Verehrung von Menschen, und zwar der Kaiser, hat 
auf das alteste Christentum insofern eingewirkt, als gewisse Aus- 
drucke — nur um sie handelt es sich — von Jesu gebraucht worden 
sein werden, well sie vorher von den Kaisern iiblich waren und 
well er diesen ubergeordnet Werden soUte. Das gilt namlich yon 
dem Ausdruck: der Heiland der Welt, ja auch die Weihnachts- 
botschaft: Euch ist heute der Heiland geboren — mit dem dann 
folgenden: Friede auf Erden — und dann namentlich die Stellen 
in den Pastoralbriefen, in denen von der Erscheinung Jesu die 
Rede ist, gehen auf den Sprachgebrauch des hellenistisch-romischen 



— 7. — -"■■r''i'-- 

• " - - . 

Herrscherkults zurtick. Nun hatte das naturlich hier nichts zu 
sagen, wenn dieser, wie man hie und da noch immer annimmt, 
in erster Linie aus dem Orient stammte und dort wenigstens zum 
Teil erst spater entstanden ware; wir wissen aber jetzt, daB er 
zuerst bei den Qriechen aufkam und bei ihnen schon friiher iiblich 
war, ja auf primitive Anscliauungen zuruckging, und miissen also 
ebenso von jenen im Neuen Testament auf Jesus angewandten 
Ausdriicken urteilen. Und ebenso ist es ein Rest der primitiven 
Verehrung von Zauberern, Medizinmannern, Priestern, wenn nicht 
nur im Johannesevangelium die Anschauung vertreten wird, der 
judische Hohepriester habe weissagen konnen, sondern wenn auch 
in der Apostelgeschichte eben die Apostel als mit besonderen 
Kraften ausgeriistet gelten, vermoge deren sie, wie Jesus selbst, 
schon durch ihre Kleider, ja ihren Schatten Wunder zu tun ver- 
mogen. 

Handelt es sich bei alledem um die Verehrung ^on lebenden 
Menschen, so wirkt die Vorstellung, daB dieVerstorbenen, und 
zwar ganz im allgemeinen, iibermenschliche Krafte besitzen, noch 
in der Notiz iiber den oder die schon vorhin erwahnten geraseni- 
schen Besessenen nach, er oder sie hatten sich nicht nur auf den 
Bergen, sondern auch in den Qrabern aufgehalten. Das werden sie 
namlich getan haben, weil sie die Geister, von denen sie sich be- 
sessen glaubten — ich komme auf die ganze Vorstellung gleich noch 
einmal zuriick — , fiir Qeister Verstorbener hielten, und weil diese 
nun von der iZeit her, wo man noch nicht Leib und Seele unter- 
schied, sondern den Menschen als Qanzes im Grabe weiterleben 
liefi, ebenfalis in den Grabern wohnend gedacht wurden, meinten 
sich auch diese Besessenen dort aufhalten zu diirfen. 

Zumeist waren es freilich nicht Qeister von Verstorbenen, 
sondern 7. reine Geister, die zunachst korperlos vorgestellt 
wurden, die man sich nachtraglich in Menschen (eben den sog. 
Besessenen) und gelegentlich auch in Tieren wohnend dachte. 
Diese vom Christentum iibernommene Vorstellung war gewiB im 
Juden- und ebenso im Griechentum erst in den letzten vorchrist- 
lichen Jahrhunderten, als die anderen religiosen Anschauungen ver- 
blichen, wieder lebendiger geworden; aber urspriin^lich stammte 
sie natiirlich aus der primitiven Religion, in der wir ja jetzt noch 
genau dieselben Anschauungen imden. Auch wenn in der Apostel- 
geschichte gelegentlich, bei dem feesuch des Paulus in Philippi, von 
einer Bauchrednerin die Rede ist, die diese ihre Gabe auf einen in 



~ 8 - 

ihr wohnenden Damon zuriickfiihrte und daher weissagen zu konnen 
glaubte, so hat das an ahnlichen Vorstellungen, die wir schon bei 
Primitiven finden, sein genau entsprechendes Analogon. Selbst die 
Vorstellung von einem Schutzgeist jedes Menschen begegnet uns 
nicht nur in anderen Kulturreligionen, sondern schon bei Primitiven. 

Doch wenden wir uns von dieser theoretischen noch kurz zu 
der anderen, praktischen Seite der primitiven Religion, so- 
weit sie im altesten Christ entum nachwirkt, und sprechen wir da 
zunachst 1. von der Magie, d. h. denjenigen Qebrauchen, die auf 
dem Qlauben beruhen, daB man hohere Machte in seinen Dienst 
zwingen (und andere ebenso sicher von sich fernhalten) konnte. 
Der Primitive meint sie sich unter anderm auch dadurch aneignen 
zu konnen, dafi er sich mit ihnen wascht oder in sie untertaucht, 
und daraus erklart sich der im Neuen Testament mehrfach vor- 
kommende Ausdruck — nur um einen solchen handelt es sich 
wieder — : mit dem heiligen Qeist oder in Christus taufen — taufen 
ist ja dasselbe wie untertauchen, und wie man in eine mit hoheren 
KrSften erfiillte Substanz untertaucht und sich so mit diesen 
Kraften bekleidet, so kann man bildlich auch von einer Taufe in 
Christus oder mit dem heiligen Qeist reden. Auch wenn Paulus 
im Qalaterbriefe sagt: So viele von euch in Christus getauft sind, die 
haben Christus angezogen — , so glaubt er zwar meiner Oberzeu- 
gung nach nicht wirklich, daB die Taufe das b e w i r k e , aber daB 
er in diesem Zusammenhange, wo das eigentlich nicht notig war, 
der Taufe gedenkt, und daB er das dann in dieser Form tut, das 
hat wohl den Grund, daB sie urspriinglich als ein Anziehen der im 
Wasser wohnenden Krafte aufgefafit wurde. 

Auch die Krafte eines Menschen glaubt sich der Primitive 
dadurch aneignen zu konnen, daB er ihn oder seine Kleider, die 
durch diese Beriihrung mit ihm ein Teil von ihm geworden sind, 
nun seinerseits beruhrt — und ebenso erklart es sich, daB die 
Kranken im Neuen Testament die Kleider Jesu oder der Apostel an- 
fassen, um geheilt zu werden; ja, wir sahen schon, daB auch dem 
Schatten, der ebenfalls urspriinglich als ein Teil der Personlichkeit 
gilt, dieselbe Wirkung zugeschrieben wird. Auf dieselbe Weise 
versteht es sich, daB Jesus mit seinem Speichel heilt, daB er mit 
seinem liauch den heiligen Qeist verleiht oder bei seiner Wieder- 
kunft den Antichrist toten wird, daB er mit seinem Wort die Hascher, 
die ihn gefangen nehmen woUen, sogar zweimal niederwirft: auch 
der Speichel, der Hauch und das Wort sind Telle der Personlich- 



. - 9 - 

keit. Qanz besonders ist weiterhin fur das primitive Denken der 
Name ein Teil, und zwar ein sehr wichtiger Tell der PersSnlichkeit, 
durch dessen Nennung man also diese Personlichkeit selbst in seinen 
Dienst zwingt: daher nicht nur der aus dem Alten Testament 
stammende Ausdruck: den Namen Qottes oder des Herrn anrufen, 
sondern auch die erst hier begegnenden Redensarten: im Namen 
Jesu, d. h. unter Nennung dieses Namens taufen oder Wunder tun. 
Besonders deutlich ist dieser Sinn des Namens wieder in der Offen- 
barung, wenn es dort zunachst heiBt: Auf den Sieger will ich 
(Christus) schreiben den Namen meines Qottes und den Namen des 
neuen Jerusalems und meinen Namen, den neuen — offenbar um 
ihm dadurch die Krafte der damit Bezeichneten zuzuwenden, und 
wenn dann von den Auserwahlten die Rede ist, die den Namen 
Qottes an ihrer Stirn tragen, mit ihm gezeichnet sind — , um so 
nicht nur als Qottes Eigentum kenntlich zu sein, sondern um da- 
durch unmittelbar seiner KrSfte teilhaftig zu werden. Wenn Paulus 
am SchluB des Qalaterbriefes die Narben, die er im Dienst seines 
Herrn davongetragen hat, als die tfrlyfiata 'Irfiov bezeichnet, also 
selbst mit den TStowierungen vergleicht, die man sich in anderen 
Kulten beibrachte, urspriinglich auch, um sich dadurch des Schutzes 
seiner Qottheit zu versichem, so denkt er vielleicht vielmehr an ein 
B i 1 d dieser — ein Bild ist ja nach primitiver Anschauung ebenfalls 
ein Teil der Personlichkeit, das dieselbe Wirkung ausubt, wie 
diese selbst. 

Auch durch Nachahmung des Verhaltens einer Qottheit glaubt 
man sich deren Krafte aneignen oder durch Nachahmung eines Vor- 
ganges diesen selbst herbeifiihren zu konnen. So erklart es sich 
wohl, wenn wieder in der Offenbarung ein Engel vom Himmel 
Feuer auf die Erde werfen und dadurch Stimmen, Donner, Blitze 
und Erdbeben entstehen sollen, auch wenn ein anderer einen Muhl* 
stein ins Meer werfen und dazu sagen soil: Also wird mit einem 
Schwung Babylon (d. h. Rom), die groBe Stadt, hingeworfen 
werden; d. h. es handelt sich in beiden Fallen urspriinglich um 
zauberische MaBnahmen. 

Kommen wir dann 2. zu derjenigen Seite des religiosen Ver- 
haltens, die wir, wenn auch nicht ganz genau, als K u 1 1 bezeichnen 
konnen, so wirken allerdings dessen spezifisch primitive Formen 
im ^testen Christentum nicht mehr nach; hat doch sogar der Kult, 
wie wir ihn in den K u 1 1 u r religionen finden, im Christentum seine 
eigentliche Bedeutung verloren. Aber wenn neben dem Beten 



- 10 - 

manchmal das Fasten erwahnt wird, so hat dieses ja allerdings erst 
im spSteren Juden- (und Qriechen-)tum wieder eine groBere Be- 
deutung erlangt; urspriinglich aber stammt die Meinung, daB man 
die Qottheit durch solche Kasteiungen, die man sich auferlegt, beein- 
flussen konnte, aus der primitiven Religion. 

Endlich gibt es noch eine dritte Form des religiosen Verhaltens, 
bei der man nicht die Qottheit zwingen oder auch nur beeinflussen zu 
konnen, sondern umgekehrt sich ganz nach ihr richten zu 
miissen glaubt. Darauf beruht eine Vorstellung, die wir in 
groBerem Umfange noch nicht im alteren Judentum, sondern erst 
(unter dem Einflusse anderer Religionen) im Christentum linden, 
namlich die Vorstellung von Vorzeichen, die die Qottheit dem 
Menschen gibt und nach denen dieser sich richten muB. Von 
solchen Vorzeichen, namentlich des Endes, ist gelegentlich auch 
sonst im Neuen Testament die Rede, namentlich aber bilden sie 
den Hauptinhait wieder des letzten Buches desselben, der Offen- 
barung Johannis; denn diese Plagen oder anderen Ereignisse, die 
da unter dem Bilde von sieben Siegeln, Posaunen und Zornschalen, 
der Tiere mit sieben Kopfen und zehn Hornern und In noch anderer 
Form verkiindigt werden, das sind alles Zeichen, die dem Ende 
vorangehen sollen. Und der Qlaube wenigstens an gewisse der- 
artige Zeichen stammt ebenfalls schon aus primitiver Zeit. 

Fassen wir zusammen, so sahen wir eben wieder, daB sich 
Reste der primitiven Religion im altesten Christentum vor allem in 
dem letzten Buch des Neuen Testaments, der Offenbarung Johannis, 
linden. Sonst sind es ja viellach nur Nebensachen, aul die nichts 
ankommt, manchmal bloB Ausdrticke, die sich so erklarten und aus 
denen keineswegs, so haulig das auch geschieht, geschlossen werden 
darl, daB den neutestamentlichen Schriltstellern auch die ihnen ur- 
spriinglich zugrunde liegenden Anschauungen noch gel^ulig ge- 
wesen seien. Es war also viellach nur ein gelehrtes, antiquarisches, 
archaologisches Interesse, das wir an diesen Ausdriicken nahmen; 
aber auch so ist das erzielte Ergebnis wichtig genug. Handelte es 
sich bei diesen Ausdriicken und ebenso den neben ihnen behandelten 
Anschauungen und Einrichtungen doch viellach um Dinge, die wir 
nicht mehr verstehen, die nur aus alter Gewohnheit beibehalten 
werden; da ist es eine belr^iende Erkenntnis, zu sehen, daB sie in 
der Tat aus einer langst iiberwundenen Vorstellungsschicht her- 
stammen. Will man das Christentum zeitgemaB gestalten, so muB 
man also vor allem diese Rudimente aus primitiver Zeit nicht nur 



- _ 11 - 

stillschweigend, sondern ausdrucklich beiseite lassen. Und ganz 
besonders gilt das naturlich, wenn man es anderen, auch primi- 
tiven Volkern bringen und sie damit iiber ihre bisherige Stufe hin- 
ausheben hill. Nimmt die Mission nach dem Kriege trotz der unge- 
heuren EinbuBe an Prestige, die dann mit den christlichen Nationen 
auch das Christentum selbst nicht nur bei den nichtchristlichen 
Kulturvolkern, sondern zugleich bei den sog. Naturvolkern erlitten 
haben wird, doch ihre Arbeit im bisherigen, ja vielleicht in einem 
groBeren Umfange wieder auf, so wird sie, um auch groBere Erfolge 
als bisher zu haben, vor allem dies von der Religionsgeschichte 
lernen miissen, daB sie Primitiven nicht dasjenige predigen darf, 
was in Wahrheit nur Reste der primitiven Religion darstellt. 



Memoiren von Li Hung Tschang. 

Von Prof. D. W. Bornemann. 
(Fortsetzuns.) 
Auch die Verhaltnisse verschiedener Stande in China werden 
durch Li -Hung Tschangs Tagebuch treffend beleuchtet. Da ist zu- 
erst der Qelehrtenstand, der nach chinesischer Anschauung fur 
einen begabten und tiichtigen Menschen der willkommenste ist und 
ihm den Weg zu den hochsten Staatsstellen wie zu Ehre und Ein- 
kommen offnet, — falls er unermtidlich lernt und die Reihe der 
Examina gut besteht. In dieser Hinsicht zeigt Li — wie jeder be- 
gabte junge Mann in dem bisherigen China — einen machtigen Ehr- 
geiz. Ware er doch gar zu gern, wiewohl er unter 4000 Examens- 
kandidaten nicht den ersten, sondern nur den dritten Platz er- 
reichte, „gekr6nter Dichter" seines Vaterlandes geworden. Weit- 
Itufig berichtet er nicht bloB iiber seine Studien, sondern noch mehr 
iiber seine Leistungen im Examen, iiber die sich, wie er meint, selbst 
der altberiihmte Konig von Tschu gefreut haben wiirde. Er weiB 
zwar, daB er in der Musik, im BogenschieBen und im Reiten die 
Forderungen des Altertums nicht erfiillen wiirde. Aber alle die 
andern Kiinste und Wissenschaften zahlt er auf, in denen er sich 
auszeichnet, und 270 Personen, die bei seinem Examen ihn begliick- 
wiinscht haben. Der wissenschaftliche Ehrgeiz drangt in seinem 
Tagebuche sogar die Frage nach der Heirat zuriick und veranlaBt 
ihn, an seinem Freunde Ah Jeng eine teils gonnerhafte und 
schonende, teils herbe und anmaBende Kritik zu iiben. Dehn der 
hat „keine Tinte im Leibe", d. h. keine literarische Begabung, seine 



- 12 - 

Gedichte sind minder wertig, seine Aussichten gering, er ist ober- 
flachlich; dreimal ist er sogar im Examen des „Knospenden Genius" 
durchgef alien! 

Das wohlbestandene Examen Lis verschafft ihm eine schlaflose 
Nacht. Es erfreut aber Vater und Mutter und den Onkel, der seinen 
Qliickwunsch mit zwei fetten Qansen und einem Fisch darbringt und 
seinem EinfluB das Qluck seines Neffen zuschreibt, — ein Urteil, das 
der letztere nur in seinem Tagebuche, aber nicht dem Oheim gegen- 
iiber bestreitet. Viel wichtiger ist ihm aber noch das Wohlwollen 
des Bezirksrichters, der ihn erst einige Zeit vorher in freundlicher 
Unterhaltung an seine fruheren Knabenstreiche erinnert und dabei 
bemerkt hat, da£ er damals ihm eine triibe Zukunft geweissagt 
habe, zumal sem Vater gestanden habe, auch zu Haus mit ihm nicht 
viel anfangen zu konnen. Aber der Bezirksrichter hatte hinzu- 
gefugt, daB er sich damals schon iiber die Art, wie Li die Strafe iauf 
sich nahm, gefreut habe, und daB Li spater sich gebessert habe und 
in seinem Betragen mustergiiltig geworden sei. Und nun habe er 
ihn dem RegierungsprSsidenten eindringlichst empfohlen. So ent- 
halt denn Li Hung Tschang seine Anstellung und feiert mit seinen 
Angehorigen und Freunden seinen Erfolg durch ein Festmahl, bei 
dem er in einem langen Qedichte, das zum Teil in den J\Aemoiren" 
wiedergegeben ist, seine Studien und Erfolge besingt. Ein Qegen- 
stiick dazu wird aus den letzten Lebensjahren Lis berichtet. Er 
erzahlt in seinem Tagebuche, ein Professor aus Massachusetts* der 
an die neue chinesische Universitat berufen wurde, habe ihm gesagt, 
„er sei verloren, solange seine Bucher noch nicht eingetroffen seien, 
er habe achtzehn groBe Bande, die er zu seiner Wirksamkeit 
brauche!" Als er dann gefragt habe, weshalb Li Hung Tschang 
lachele, antwortet dieser mit freundlicher Ironie: „Ich dachte nur 
daran, wieviel erschopf ender die Weisheit des Westens sein muB 
als die unsrige," und erzahlt ihm, daB K'ang Hsi, der Kaiser der 
chinesischen Literatur, den P'ei Wen Yiin Fu (eine EnzyklopSdie) 
gesammelt und 1711 herausgegeben habe, und daB dieses Werk 
allein aus 130 Teilen bestehe. 

DaB Li Hung Tschang ein bedeutender Schriftsteller war und, 
wenn er sich ganz der Kunst und Wissenschaft gewidmet hStte, 
vielleicht zu den hervorragendsten Dichtern und Qelehrten Chinas 
gehort hatte, wird durch die ganze Art seiner Darstellung be- 
wiesen, ebenso durch die Qedichte, die seinem Tagebuche eingefiigt 
sind, zwei reUgiose Hymnen (an die Qottin des Seidenbaues 



- 13 - 

Yuen Fei und an den Qott des Ackerbaues Shen Nung) und mehrere 
Lieder uber Opiumhandel und Hungersnot. Aber durch die Qewalt 
der Verhaitnisse wurde er jahrelang den gelehrten Studien und den 
Musen entriickt und in die militarische Laufbahn hineingefuhrt. So 
erfahren wir aus seinem Tagebuch auch allerlei eigenartig Chinesi- 
sches in bezug auf Soldatenwesen. 

Da ist zunachst zu bemerken, daB in China der Qelehrtenbenif 
weit hoher geschStzt wird als die militSrische Laufbahn. Deshalb 
erwShnt Li, dafi seine Freunde seinen Eintritt in die letztere mit 
Staunen und Achselzucken aufnehmen und kaum begreifen. Aber 
er iiberwindet ihre Einwiirfe und seine eigenen Bedenken mit den 
Worten: „Ich liebe den Umgang mit den Waff en nicht, aber ich muB 
an meine Zukunft denken, und die Provinzen gebrauchen tiichtige 
Manner. Ich habe auch die Wissenschaften nicht aufgegeben und 
werde sie nicht aufgeben, aber ist dies eine Zeit, um Qedichte zu 
schreiben? Wer wurde meine Stanzen und Reime lesen? Wer 
kiimmert sich um Romanzen, wenn Feuer und Schwert im Lande 
wuten?" Und spater hat er gar das Bekenntnis abgelegt: „In 
friiheren Jahren h§tte ich es nicht glauben kdnnen, daB es mir eine 
Freude sein wiirde, in eiher Schlacht zu sein und das Qemetzel zu 
erieben, aber eine neue Natur ist, glaube ich, iiber mich gekommen, 
und oft wundere ich mich, ob ich jamais wieder zu friedlicher Arbeit 
zuruckkehren mochte." 

Echt chinesisch ist es aber, wenn Li bereits viel friiher, zur 
Zeit seines Examens, in seinem Tagebuch eines Ahnen gedenkt, von 
dem er vielleicht die kriegerische Ader geerbt hatte. Derselbe habe 
vor 2800 Oder 2900 Jahren gelebt und sei ais Bogenschutze beriihmt 
gewesen. Er habe die ersten Bogen in ganz Asien gemacht, sie aus 
dem Herzen unbekannter BSume gelost und wochenlang in den 
Ham junger SSue gelegt und so die grofite Treffsicherheit der 
Welt erzielt! 

Viei erfahrt man fiber das chinesische Militar aus dem Tage- 
buche nicht. Aber einige Zuge treten immerhin hervor, z. B. daB 
der Soldat verachtet wird, wenigstens, solange er in niederem 
Range und um des Soldes willen dient, weshalb Li auch ausdnick- 
lich hervorhebt, daB er selbst um seiner Zukunft, seiner Ehre und 
Beforderung und um des Vaterlandes willen in die Armee einge- 
treten sei, und zwar gleich in eine hohere Rangstufe. Er laBt auch 
durchblicken, daB bei vielen Soldaten die Zucht zu wtinschen librig 
lasse, und daB, wenn sie nicht zu kampfen oder zu marschieren 



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— 14 — 

haben, leicht Faulheit, Frechheit und Meuterei sich geltend macht, 
und daB selbst manche Offiziere keinen Patriotismus haben, sondern 
„es nur auf Beute und neue Frauen ablegen". Die auslandischen. 
Offiziere und Soldaten scheinen ihm eine wertvolle Erganzung 
seiner chinesischen Tfuppen zu bieten und sind offenbar sowohl 
durch Bewaffnung und Kampfesweise, wie durch Tapferkeit ihnen 
von Anfang an iiberlegen gewesen. Freilich sind sie durch ihr 
Drangen auf Sold und manchmal auch durch Eigenmachtigkeit Li 
zuweilen recht unbequem geworden, DaB China keine eigentliche 
Kriegsflotte besaB un& noch weniger die Mittel und die Menschen, 
um sich selbst eine solche bauen zu konnen, da die Chinesen weder 
mit der Seeschiffahrt noch mit der Maschinentechnik hinreichend 
vertraut waren, ist Li Hung Tschang angesichts der deutschen 
Kriegsschiffe in Bremerhaven 1895 sehr schmerzlich zum BewuBt- 
sein gekommen. 

Eine sehr bezeichnende Episode chinesischen Verhaltens mag 
hier noch erwahnt werden. Ein friiherer chinesischer Landrat 
(= Hsien-kwan) beschwert sich zur Zeit der Taipingrebellion dar- 
iiber, daB die Truppen des englischen Generals Gordon, der dem 
Oberbefehl Lis unterstand, plunderten und mordeten, und bittet Li 
um einen Schutzbrief an Gordon. Li hat — so berichtet er nun 
selbst in seinem Tagebuch — in Erfahrung gebracht, daB eben dieser 
beschwerdefuhrende Landrat die Rebellen zum Pliindern und 
Morden angetrieben hat, und wurde ihn eigentlich gem sofort hin- 
richten lassen. Aber er iiberlegt es sich anders und gibt dem 
Bittenden wirklich einen englisch geschriebenen Brief an Gordon, 
mit dem Auftrag, Gordon moge ihn sofort — einen Kopf kiirzer 
machen lassen! Also ein echter Uriasbrief! 

Da Li nach der Bewaltigung der Taipingrebellen in die Lauf- 
bahn eines hoheren Regierungsbeamten zuriicktrat und in ihr von 
Stufe zu Stufe stieg und von einer Provinz in die andere kam, so 
lesen wir in seinem Tagebuch auch diesen oder jenen Zug aus dem 
chinesischen Beamtenwesen. Da machen z. B. seine eigenen 
Freunde 1855, indem sie darauf anspielen, daB Lis Vater viel irei- 
gebiger geworden zu sein scheine als friiher, Li Hung Tschang 
indirekt den Vorwurf, daB er sich durch Bestechlichkeit oder Qe- 
walttatigkeit unrechtmaBig bereichert habe. Auch deutet Li selbst 
an, daB bei den chinesischen Beamten oft Unordnungen vorkamen, 
die Steuern wiirden nicht eingezogen oder nicht bezahlt; selbst die 
fremden Teufel batten ihn nicht gerade mehr betrogen als seine 



• _ 15 ~ 

eignen Landsleute. Er kommt erst nachtraglich dahinter, daB untei 
den Leuten, die in seinem eigenen Solde stehen, sich auch japanische 
Spione und Agenten befunden haben, und er muB feststellen, daB 
die Seerauber von Formosa lange Zeit von hohen chinesischen 
Regierungsbeamten gegen einen jahrlichen Tribut geduldet und be- 
schiitzt worden sind. 

DaB ein armer Mann und ein untergeordneter Beamter einfluB- 
los ist, trotz alles seines Wissens und Qeschicks, ist eine Beobach- 
tung, die man auch auBerhalb Chinas machen kann, und die schon 
Jesus Sirach ahnlich wie Li ausgesprochen hat. Letzterer hat riick- 
blickend dieser Erfahrung folgenden Ausdruck gegeben: „Wir alle 
streben nach einem Beruf, wenn's auch nur der eitfes Dorfschulzen 
Oder Kanalaufsehers ist; aber der Mann, der nur ein kleines Amt 
inne hat, liegt immer aut dem Riicken oder im heiBen Wasser. 
Natiirlich niiissen wir alle mit geringen Amtern anfangen und durch 
FleiB und Qeschick beweisen, daB wir auch fiir hohere befahigt sind. 
Aber wahrend der Jahre meiner kleinen Posten war ich im Herzen 
immer traurig, und ich bin fest iiberzeugt, selbst mit dem Qelde, das 
mein Vater mir gab, hatte ich, wenn Tseng Kuo-fan (ein beruhmter 
General) nicht mein Freund gewesen ware, und ohne die Chancen, 
die das von mir einst verachtete militarische Avancement mir bot, 
mich lediglich dem Ackerbau und der Obstzucht als meinem Lebens- 
zweck gewidmet." 

Auffallend ist nun, wie in China das MaB kriechender Devotion, 
rhetorischer Schmeichelei und ehrerbietiger Unterwiirfigkeit er- 
heblich hoher ist, als in den westlichen Kulturnationen. Auch nimmt 
das Rachegeitihl in China zuweilen groteske Ausdrucksformen an, 
z. B. wenn Li in sein Tagebuch schreibt: „Ich bete, daB die teuf- 
lischen Morder (eines verdienten, weitherzig gesinnten Generals) 
nicht nur ihre Strafe durch einen langsamen, qualvoUen Tod er- 
halten, sondern daB die Geister der Vorfahren ihre Geister in lauter 
kleine Stiicke zerreiBen, so klein wie die Lichtfunken der Dia- 
manten!" Am meisten aber fallt dem Abendlander auf, wie gering 
in China das Leben des Einzelnen geschatzt wird, und wie leicht 
man dort bei der Rechtsprechung wie bei der Vertretung der 
eigenen Interessen die Menschenleben hinzumorden geneigt ist. 

Zwar das versteht man vielleicht noch, daB Li einem Meuchel- 
morder, der ihm unter einem Vorwand naht, den Kopf abschlagen, 
Oder daB er im Kriege einige Soldaten, die zwei seiner Jugend- 
freunde ohne erheblichen Grund getotet haben, hinrichten laBt In- 



- 16 - 

dem er es tut, fiigt er in seinem Tagebuche hinzu: „Ich habe kein 
Interesse daran, tiichtige Soldaten zu verlieren, besonders jetzt 
nicht, aber drei bis vier mehr oder weniger wird auch nicht viel 
ausmachen." Aber eigentiimlich beriihrt es, wenn er kurz notiert: 
„morgen werden 1200 Rebelien hingerichtet," oder wenn er er- 
wahnt, daB General Tsching in Nanking habe 1200 Opiumtrinker 
und Opiumhandler toten lassen, und dabei sagt: „es ist ein gutes 
Werk, und Tsching gewinnt dadurch in meiner Achtung". Noch 
peinlicher ist es, wenn er nach einer Hinrichtung von 16 Personen 
dem franzosischen Qesandten gegeniiber auBert, es gabe noch viele 
„rauhe Halse" in der Provinz, denen das Rasieren mit dem 
„schweren Rasiermesser nottate", oder wenn er in jiingeren Jahren 
(1854) in sein Tagebuch den Satz eintragt: „Wenn mein eigner 
Arm nicht so lahm ware durch Rheumatismus bei dem jetzigen 
Wetter und wegen anderer Krankheiten des Blutes, was hoffentlich 
bald vergeht, es wiirde mich nichts so sehr erfreuen, als das Amt 
eines Scharfrichters zu ubernehmen, um diese Sch&dlinge (die 
Christen) zu vernichten." Am aliermeisten aber befremdet es uns, 
daB Li Hung Tschang, als wahrend des Taipingaufstandes einige 
Fleischer in Tschikiang sich an ihn wenden mit der Bitte, er 
mochte doch, um bei dem allgemeinen Fleischmangel Fleisch zu 
schaffen, die Erlaubnis geben, einige der gefangenen Rebelien zu 
toten, wirklich antwortet, sie mochten sich deswegen nur an seinen 
Hauptmann wenden, der die Qefangenen unter sich hatte und ihm 
sagen, „es wiirde nichts schaden, wenn dadurch Fleisch fiir die 
Stadt verschafft wurde!" Und danach scheint wirklich gehandelt 
zu sein! 

Auch Uber die Verhaltnisse am chinesischen Kaiserhof erfahren 
wir allerlei Interessantes. Freilich, wenn die Herausgeber ge- 
legentlich verraten, daB in Lis Tagebuchaufzeichnungen allein etwa 
eine halbe Million Worte vom Hole und der Regierung handeln, und 
wenn man bedenkt, bei wie vielen Qelegenheiten Li im Laufe von 
fiinfzig Jahren vom Hofe zu Rate gezogen oder mitbeteiligt gewesen 
ist, so erscheint der Ertrag der vorliegenden „Memoiren" doch recht 
diirftig. Immerhin ist das Mitgeteilte durchaus charakteristisch. 

Im Vordergrunde steht dabei die Kaiserin Tsi Hsi oder, wie Li 
sie meist nennt, „die alte Buddha", die es durch dreimaligen Staats- 
streich fertiggebracht hat, etwa fiinf Jahrzehnte hindurch die Qe- 
schicke Chinas zu lenken, am Ende ihrer Regierung freilich vor 
einem Abgrund angelangt. Aus Lis Aufzeichnungen tritt sie uns 



— 17 — 

als eine bedeutende, zielbewuBte und willenskrSftige Herrscher- 
natur entgegen, aber zugleich als eine eitle, empfindsame, laimen- 
hafte und grausame Frau. Li hat ihr bis an sein Lebensende nahe 
gestanden, hat ihr mehrfach mannhaft widerstanden und stets 
wieder Eindruck auf sie gemacht und EinfluB bei ihr gehdbt, auch 
wenn er oft unter ihren Wutanfallen Utt, in Ungnade fiel, bestraft 
und seiner Ehren beraubt und aus ihrer Nahe — halb um ihn zu 
schonen, halb um ihn zu entfernen — verbannt wurde. Immer 
wieder hat er doch, zumal wenn alles zerfahren und verloren 
schien, ihr Vertrauen genossen. Er hat ihre Politik oft beeinfluBt 
und bestimmt, manchmal aber auch, ohne sie zu biliigen, durch- 
ftihren mlissen und hat dabei stets als treuer Beamter sein Bestes 
getan und die Form gewahrt. Zu ihrer Charakteristik bemerkt er 
einmai: „Die Kaiserin ist eine merkwurdige Frau, zuweilen wider- 
sprechend und eigensinnig wie der Teufel, aber wenn sie fiihlt, daB 
sie ungerecht gehandelt hat, ist sie immer bereit, es wieder gut zu 
niacben, — wenn ihre eigne Wiirde nicht zu offensichtlich bloBge- 
steilt wird." Und kurz vor seinem Ende, im August 1901, mitten 
in den internationalen Wirren, schreibt er: „Ich mochte, daB die 
Tremden noch einmai an uns glauben und China nicht die National- 
existenz nehmen, und ich mochte die alte Buddha in den Palast 
zuriickfiihren und sie fragen, ob sie sich aus allem eine Lehre ge- 
nommen hat." Die Zustande am Kaiserhof, die Personlichkeit der 
Kaiserin und das hofische Zeremoniell werden durch drei Szenen 
der „Memoiren" recht anschaulich. 

Die erste hat sich nach der Riickkehr Lis von seiner Weltreise 
ereignet bei der Audienz, in der er der Kaiserin fiber seine Erlebnisse 
berichtete. Als er ihr von der russischen 2^rin allerlei erz^lt und 
vorschwarmt, stellt sie ihm einige ziemlich verfangliche Fragen, 
z. B. ob die Zarin politischen EinfluB besaBe, ob sie viele Eunuchen 
hatte, und wie sie sich ihre Fruchtbarkeit erhalten hatte. In der 
Antwort macht Li die Bemerkung: „Die Zarin ist noch nicht alt, nur 
halb so alt wie ich, und ist eine sehr vorsichtige Frau." Diese Be- 
merkung aber wird von der alten Kaiserin Chinas so ubel ge- 
nommen, daB sie die Audienz sofort abbricht, ihn in Ungnade ent- 
laBt und zum Verlust eines ganzen Jahresgehalts (37 000 Taels) 
„wegen Bruchs des Zeremoniells" verurteilt. Naturlich ist ein all- 
gemeiner Skandal und viel torichtes Reden am Hofe und im Publi- 
kura die Folge gewesen, z. B. Li hatte der Kaiserin gesagt, die 
chinesischen Prinzessinnen wurden mehr und gesundere Kinder 



— 18 — 

haben, wenn sie dem Beispiel der Zarin foigten, — fur alle Klatsch- 
mauler ein gefundenes Fressen! 

Die andre charakteristische Episode wird aus dem Jahre 1873 
berichtet. Damals iibernahm der siebzelinjahrige Kaiser Tung-Tschi, 
fiir den seit dem Tode seines Vaters die Mutter, eben Tsi-Hsi, die 
Regentschaft gefiilirt hatte, formell die Regierung, wenn sie auch 
in Wirklichkeit von seiner Mutter Tsi-Hsi weitergefiihrt wurde. In 
diesen Tagen berief die Kaiserin Li Hung Tscliang zu sich und 
fragte ihn, ob er schon fiir den glucklichen Ausgang der Angelegen- 
heiten in den verschiedenen Tempeln und an den AltSren Dank- 
gebete dargebfacht habe, und ob er bereit sei, einen besonderen 
Auftrag fur sie zu iibernehmen. Als er beide Fragen feierlichst und 
ehrerbietigst bejalit hat, befiehlt sie ihm, fiir sie ein groBes Qebet 
an die Gottin des Seidenbaus Yuen Fei zu dichten und dasselbe mit 
den angeniessenen Zeremonien der Qottin darzubringen; denn er 
habe, selbst in schwierigen Zeiten, „wundersch6ne Worte und uber- 
legte Qedanken". Ehe sie ihn aber huldvollst entlafit, gestattet sie 
dem bis dahin tief sich Neigenden, einen vollen Blick auf die Er- 
scheinung seiner Kaiserin zu werfen. „Ich erhob mich," so erzahlt 
Li, „mit Freude im Herzen, und mit wirklich groBem Vergniigen 
bewunderte ich die Qestalt der Kaiserin. Sie war von dem Sitz der 
Himmlischen Qnade aufgestanden, und ich weiB, sie war stolz auf 
das prachtvoile Qewand von gelber Seide und Qold, in welchem 
sie gekleidet war. „Darf ich ein Wort wagen, hochberuhmte 
Konigin?" frug ich und sah in ihr lachelndes Antlitz. Sie erlaubte 
es. „Mein Qebet zur hohen Frau Yuen Fei wird um so geheiligter 
und freudiger sein, nun ich Ew. Majestat gesehen habe, geschmiickt 
mit den Qewandern, die Ew. Majestat ersonnen." Ich wuBte, daB 
meine Worte der Kaiserin sehr gefallen wiirden, und zog mich 
zuriick." 

Li Hung Tschang berichtet weiter, daB er sich baldigst mit 
wenigen Begleitem zum Tempel der Yuen Fei aufgemacht, aber 
denselben von Anbetenden und Pilgem umlagert gefunden habe. 
Widerwillig habe der oberste Beamte des Tempels seinen Befehl 
entgegengenommen, daB innerhalb 80 Minuten der ganze Tempel zu 
raumen sei. Dann sei Li ailein in den Tempel getreten und habe 
dort 90 Minuten vor dem Altarschrein der Qottin geweilt und dabei 
wahrend 80 Minuten fur das Heil der Kaiserin, wahrend der 
iibrigen 10 Minuten fur sein eigenes Heil Qebete dargebracht. Am 
folgenden Tage habe er die Entlassung des ungetreuen und dreisten 



— 19 - 

Tempelbeamten durchgesetzt, der unerlaubte Zolle erhoben und 
von den geopferten Qeschenken sich allerlei angeeignet habe. Am 
Tage darauf habe er bei dem Kaiser und der Kaiserin-Mutter eine 
Audienz gehabt, von der er folgendes in seinem Tagebuche 
wiedergibt: 

„Die Kaiserin-Witwe erschien in dem entziickenden Gewande, 
welches sie vor drei Tagen trug, als sie mir den ungewohnlichen 
Auftrag erteilte. Dies, erklarte sie, soile ihre Anerkennung des 
Qebetes zeigen, welches ich in ihrem Auftrage der Yuen Fei dar- 
gebracht hatte; eine Abschrift da von, welche ich in groBen Lettem 
selbst geschrieben hatte, auf seidenen Bogen, die schon seit langerer 
Zeit von Feng Li verschont waren, hatte ich Ihrer Majestat schon 
am friihen Morgen zur Durchsicht iibersandt. „„Sie mtissen es nicht 
als Ihr eigenes ausgeben; es ist zu schon als Dichtung selbst fur 
den Vizekonig der Hauptstadt"", sagte sie freundlich. Seine 
Majestat lachelte, aber schwieg. Auf die Worte der Kaiserin ant- 
wortete ich, dafi ich nicht behaupten konne, wenn ich die Wahr- 
heit sagen solle, daB das Qebet das meinige sei, denn das ware es 
nicht. Das Qebet von achtzig Minuten sei das Ihrer Majestat, sagte 
ich ihr, — von ihr eingegeben, aus ihrem Herzen kommend, ihr 
Eigentum allein. „„Aber, gnadige Majestat,"" sagte ich, „„der 
Vizekonig (also Li Hung Tschang selbst), Ihr untertanigster Diener, 
folgte mit einem eigenen Qebet dem Ihrigen auf kurze Zeit, und, 
wenn Sie gestatten, bitte ich um den groBen Vorzug, Ihnen eine Ab- 
schrift von meinem eigenen schwachen Werk zu senden. Eure 
Majestat sprachen so beredt in blumenreicher Sprache zur hohen 
Frau Yuen Fei, daB mein eigner Versuch im Vergleich dazu wie 
die Arbeit eines Schulknaben erscheinen muBte."" „„Ihr seid ge- 
recht und edel, Li Hung Tschang,"" sagte die Kaiserin-Witwe, 
wtSchickt mir eine Abschrift Eurer eignen Bitte, denn ich zweifle 
gar nicht daran, daB sie so schon ist wie die meinige."" Da ich 
eine Abschrift bei mir hatte, aber nur in gewohnlichen Buchstaben 
auf silbernem Papier geschrieben, iiberreichte ich es ihr, um Ent- 
schuldigung bittend. Aber sie warf nur einen Blick darauf und gab 
es mir zuriick. „„Ew. Exzellenz ist zu bescheiden,"" sagte sie, 
„„schreibt die Worte auf fiinf Stiicke kaiserlicher Seide und schickt 
sie mir!"" 

Welch eine Komodie! Li Hung Tschang, der der Qottin des 
Seidenbaus zwei Hymnen — einen groBeren im Namen der Kaiserin 
und einen kiirzeren in seinem eigenen Namen — gewidmet und dar- 



- 20 - 

gebracht hatte, verzichtet also feierlich auf die Verfasserschaft des 
ersteren, der nunmehr als ein Werk der Kaiserin gilt und als solches 
im Volke verbreitet wird, und macht demgegenuber den zweiten 
Hymnus, der, gedankenreich, warm und schon, in sein Tagebuch 
aufgenommen ist, wie „die Arbeit eines Schulknaben" schlecht, ob- 
wohl er selbstverstandlich davon uberzeugt ist, daB dieser zweitc 
ebenso wohlgelungen und ebenso sein eignes Werk ist wie der 
andere. Und dabei giltdiese Zumutung der Kaiserin noch als eine 
allerhochste Anerkennung und Qnade! 

Die dritte Episode fallt in das Jahr des dritten Staatsstreiches 
der Kaiserin Tsi-Hsi 1898. Li Hung Tschang verzeichnet in seinem 
Tagebuche, wie die Regierung haltlos geschwankt habe zwischen 
den ubereilten Planen des jungen, reformerisch gesinnten Kaisers 
Kuang-Hsii und seiner radikalen Ratgeber einerseits und den Be- 
strebungen der um die Kaiserin-Witwe sich sammelnden, scharf 
reaktionaren Kreise, die schlieBlich die Oberhand gewinnen. Li 
selbst halt beide Extreme fur gleich verfehlt und gefahrlich. Er 
wird .in einer langen mitternachtlichen Konferenz bei der Kaiserin 
mit seinen Ratschlagen vollig beiseite geschoben. Wohl laBt sie 
sich von ihm in feierlicher Weise Treue bis in den Tod geloben; 
liber als er sie warnen will, sprtiht sie im Nu von Zorn und bosen 
Worten und entlaBt ihn in Ungnade. Ebenso wenig Qehor hat er 
aber l)ei dem jungen Kaiser gefunden, „der mit weitaufgerissenen 
Augen, wie eine erschrockene Katze, doch so blind fiir alle Wahr- 
heit und alle Begebenheiten um ihn her war, daB selbst der himm- 
lische Palast ihm wohl nur als ein Fleckchen in seinem Traumbilde 
erschien." 

Li Hung Tschang berichtet nun von alien seinen vergeblichen 
Bemtihungen, einen ruhigen, sicheren Weg anzubahnen und gibt 
dann den Wortlaut des Erlasses wieder, mit dem der Kaiser die 
Regierung in dje Hande der Kaiserin-Witwe legt. AuBerdem schreibt 
er am 9. Oktooer in sein Tagebuch: „Junglu schreibt mir von der 
Szene im Palast, als der ungliickliche Kuang-Hsii gezwungen 
wurde, niederzuknien und zu versichern, daB er nichts mehr sei. 
Juhg-lu sagt, Ihre Majestat ware bei der Zeremonie der Ehren- 
bezeugung wie eine wahre Lowin gewesen und habe den jungen 
Kaiser schlechter behandelt, als sie oft unbotmaBige Eunuchen be- : 
handelt hatte. Nach dem, was er schreibt — und er versichert, daB 1 
es wahr ist, — drohte die Kaiserin-Witwe dem Kuang-Hsii mit dem 
Verlust seines Lebens, wenn er nicht einwilligte, mit der Kaiserin- 



- 21 - 

Qemahlin (Tsi Hsis Nichte und Spionin) zu leben, und der Kaiser 
versprach, mit ihr zu leben und sie zu lieben. Wie emporend, wo 
ich selbst weifi, daB er ihren Anblick haBt!" Die Lieblingsfrau des 
jungen Kaisers Kuang-Hsii, Chen Fei mit Namen, wurde dann — so 
erzahlt Li Hung Tschang — auf Befehl der Kaiserin-Witwe in ein 
einsames, vergittertes Zimmer in einem der Regierungspalaste ge- 
bracht, wo sie in strenger Haft fast zwei Jahre blieb, ohne den 
Kaiser je anders wiederzusehen, als in Qegenwart Tsi-Hsis. Dort 
wurde sie dann auf Befehl der letzteren bei der eiligen riucht des 
Hofes vor den einmarschierenden verbundeten Auslandern die 
Treppe hinuntergestofien und getotet. — 

Lassen uns Li Hung Tschangs Memoiren somit manchen wert> 
vollen Blick in Chinas Sitten, Kultur und Qeistesart tun, so stellen 
sie uns zugleich das Leben und das Charakterbild eines der hervor- 
ragendsten Chinesen vor die Seele. Vergegenwartigen wir uns zu- 
n&chst den Sufieren Rahmen der Lebensentwicklung Lis! Schon 
dabei ergibt sich, daB seine Personlichkeit mit alien wichtigen Ent- 
wicklungsphasen Chinas in der Zeit von 1850 bis 1900 ver- 
flochten war. 

Li Hung Tschang (1822 bis 1901) war der Sohn eines wohl- 
habenden, aber nicht hochgestellten und nicht einfluBreichen 
Mannes zu Hoh-fei in der Provinz Anhui, einer Stadt, die spSter 
in den Kriegsjahren von den Taipmgrebellen arg verwustet wurde. 
Dank seiner hohen Begabung kam er in der Qelehrtenlaufbahn, die 
er einschlug, rasch zu Erfolgen, bestand im Jahre 1847 die letzte 
Prufung und erwarb sich 1849 an der Hanlin-Universitat zu Peking 
den Qrad eines Doktors der Literatur, worauf er einige unterge- 
ordnete Posten, z. B. den eines Finanzkommissars in Sutschau, be- 
kleidete. Als Jiingling erlebte er den fur China unglucklichen 
Opiumkrieg, ohne dabei beteiligt zu sein, und den Frieden von 
Nanking 1842. 

Sein erstes Auftreten in der groBen Offentlichkeit fallt in die 
Zeit des Kaisers Hianfong (1851 — 61), der die Absperrung Chinas 
gegen die Fremden mSglichst durchzufuhren suchte. Der ungeheure 
religios-politische Aufstand, der damals, zum Teil durch christliche 
Qedanken, zum Teil durch nationale Bestrebungen hervorgerufen, 
unter dem Namen der „Taipingrebellion" China erschiitterte und 
aufs SuBerste gefahrdete, veranlaBte Li Hung Tschang, die gelehrte 



- 22 - 

Laufbahn mit der militarischen zu vertauschen. So trat er nnter 
dem beruhmten General Tseng Kuo-fan in das kaiserliche Heer ein, 
erregte mit den von ihm gesammelten und gefiihrten Truppen, einer 
Art Landwehr, die Aufmerksamiceit des Oberbefehlshabers und 
trug, bald im Range sehr erhoht, wesentlich zur Niederringung der 
Aufstandischen bei, kraftvoll unterstiitzt durch ein fast ganz aus 
Auslandern bestehendes Freikorps, das zuerst unter dem 1862 ge- 
fallenen amerikanischen Offizier Ward, spater unter detti be- 
riihmten englischen Qeineral Gordon kampfte. Letzteren hat Li sehr 
hochgeschatzt und trotz aller Schwierigkeiten moglichst gehalten, 
zuletzt aber durch verschiedene Schritte so verstimmt, daB Gordon 
1863 aosdem chinesischen Heere wieder austrat. Die Erfolge gegen- 
iiber den Tmpingrebellen eroffneten Li Hung Tschang eine glanzende 
politische LaiKbahn. i 

Freilich beMemJ^orchakriege (1856 bis 1860) war er nicht be- 
teiligt, und zur Zeit des ersten Staatsstreiches der Kaiserin Tsi-Hsi, 
die 1861 nach dem Tode Hianfongs ihren vierjahrigen Sohn Tung- 
dschi (1861 bis 1874) zum Kaiser einsetzte, stand er dem Hofe noch 
fern. Auch mit dem blutigen Mohammedanerauf stand (seit 1866), 
bei dem allein 10 Millionen Menschen umgekommen sein soUen, hat 
er nicht zu tun gehabt. Wohl aber war er zu derselben Zeit als 
General gegen die Nianfe, eine „Raubbrenner"-Bewegung, erfolg- 
reich tatig und erwarb sich spater in der Zeit der groBen Hungers- 
not (1876—78) groBe Verdienste. Er war 1859 Gouverneur von Yu- 
kien, 1864 von Kiansu, 1867 Vizekonig von Hukwang geworden 
und hatte immer groBeren EinfluB gewonnen, der durch seine Er- 
nennung zum Hochstkommandierenden der kaiserlichen Armee, 
zum Grafen und zum Leiter des Marineministeriums noch verstarkt 
wurde. In diesen Jahren erfuhr seine urspriinglich sehr feindselige | 
Stellung zu den immer mehr eindringenden Auslandern eine Wand- 
lung. Ohne ein Freund der fremden Machte zu werden, suchte er 
doch sich mit ihnen zu verstandigen und, indem er sie ausniitzte, 
von ihnen zu lernen und sie fur sich zu gewinnen. So hat er z. B. 
zu dem Direktor des Seezollamtes, dem Englander Robert Hart, der 
auch die chinesische Post organisierte und das chinesische Hafen- 
wesen ausgestaltete, langjahrige und freundschaftliche Beziehungen 
gehabt. 

Das Blutbad, das 1870 in dem franzosischen katholischen 
Waisenhause in Tientsin stattfand, fiihrte ihn in diese Stadt. Er hatte ^ 
die keineswegs leichten Verhandlungen zu fiihren und wurde bei - 



— 23 - 

dieser Qelegenheit Vizekonig der Provinz Tschili, ein Amt, das er 
24 Jahre ausiibte, alle fremdenfeindlichen Ausbriiche mit starker 
Hand niederhaltend, so daB der Handel, die Mission und der politi- 
sche Einflufi der Auslander sich erheblich entwickeln konnten. In 
diese Zeit, in der er von Jahr zu Jahr mehr ein angesehener Be- 
rater des Thrones und besonders der Kaiserin Tsi-Hsi wurde, fallt 
die kurze selbstSndige Regierung des Kaisers Tung-dschi (1873 bis 
1875), der zum ersten Male die fremden Qesandten in der „Halle des 
purpurnen Qlanzes" in Audienz empfing; ferner der zweite Staats- 
streich der Kaiserin Tsi-Hsi, die, gestiitzt auf die Armee Li Hung 
Tschangs, nach dem Tode Tung-dschis 1875 den Knaben Guang-su, 
ihren Neffen, (1875 bis 1900 bezw. 1908) zum Kaiser machte; endlich 
die von Li Hung Tschang selbst unterzeichnete Tschifu-Konvention 
1876, die abermals den auslandischen Einflufi mehrte und besonders 
die Einrichtung chinesischer Gesandtschaften bei den fremden 
Nationen zur Folge hatte. 

Das nSchste Jahrzehnt bringt fiir die chinesische Politik allerlei 
MiBerfolge und Schlage. Nicht beteiligt war Li Hung Tschang bei 
den politischen Verwickelungen, die 1881 zum Vertrag von 
St. Petersburg, 1884 zum Krieg mit Frankreich, 1885, 1886 und 1890 
zu dem Verlust von Anam, Birma und Sikkim fuhrten. Dagegen 
hat er die aufierordentlich schwierigen Verhandlungen Japan gegen- 
iiber geleitet, 1885 den KompromiBvertrag von Tientsin abge- 
schlossen und dann durch den Bau von Arsenalen, die Anlegung 
von Kriegshaf.en in Tsingtau, Port Arthur und Weihaiwei, durch 
Ausgestaltung einer Flotte mit Hilfe englischer Marineoffiziere und 
durch den Bau der ersten Telegraphen- und Schienenwege fiir einen 
Krieg geriistet. Seine Zugestandnisse gegeniiber den Ausiandem 
riefen aber schon seit 1891 eine scharfe fremdenfeindliche Be- 
wegung im Volke wie in den von der Hanli-Akademie beeinfluBten 
gebildeten Kreisen hervor. Unter der Regierung des miindig ge- 
wordenen Kaisers Guang-sii, der 1894 die fremdlandischen Ge- 
sandten sogar in der „verbotenen Stadt" empfing und den radikalen 
Reformplanen von Jahr zu Jahr zuganglicher wurde, kam es dann 
1894 — hauptsachlich wegen Koreas — zu dem chinesisch-japani- 
schen Krieg, der, von den Japanern griindlicher vorbereitet, ziel- 
bewuBter gefiihrt und schneller und riicksichtsloser durchgekampft, 
fiir China ungiinstig ausfiel. Li Hung Tschang selbst muBte den 
Frieden von Schimonoseki am 17. April 1895 abschlieBen, der aber- 
mals Verluste fiir China brachte, ohne doch die Japaner wirklich 



- 24 — 

zu befriedigen. Li wurde damals durch die Kugei eines japanischen 
Fanatikers in der Nahe des Auges verietzt; aber auch von seinen 
Volksgenossen wurde er in jener Zeit vielfach angefochten, ver- 
dachtigt, verleumdet und verurteilt, obwohl er selbst das BewuBt- 
sein hatte, fiir China soviel gerettet zu haben, als nur moglich war. 

Wenn er auch von seiten seiner Regierung damals ungnadig 
behandelt und der „gelben Jacke" beraubt wurde, so dauerte doch 
diese Ungnade nicht lange. Im Jahre 1896 wurde er als Abge- 
sandter Chinas zur Kronung des Zaren nach Ru£land entsandt und 
schiofi daran seine Weltreise an, die ihn iiber Deutschland, Frank- 
reich und England bis nach Amerika fiihrte. Aber schon die 
nachsten Jahre zeitigten eine Reihe fiir die Politik Chinas wenig 
angenehmer Tatsachen, die zum Teil von Li selbst vollzogen 
werden muBten: 1898 die Vertrage wegen Kiautschou mit Deutsch- 
land, wegen Port Arthur mit Rufiland, wegen Kuangschau mit 
Frankreich und wegen Weihaiwei mit England. Es war die Zeit, 
wo man alles Ernstes von einer „Aufteilung'* Chinas durch die 
fremden Nationen schrieb und redete. Zugleich wurden, zumal nach 
dem Tode des besonnenen und vermittelnden Prinzen Qung, eines 
Freundes und Qesinnungsgenossen Lis, die inneren QegensStze 
immer scharfer: auf der einen Seite die zu grundstiirzenden Neue- 
rungen geneigten Radikalen, gefuhrt von Kang-Yu-we, der auf den 
Kaiser Quang-su immer groBeren EinfluB gewann, auf der anderen 
Seite die fremdenfeindlichen, konservativen Politiker, an ihrer 
Spitze der Prinz Tuan und — bis zu einem gewissen Grade — die 
Kaiserin Tsi-Hsi. 

Die vorhandene Spannung und QSrung fand ihre Losung einer- 
seits durch den dritten Staatsstreich der Kaiserin-Witwe, die den 
Kaiser Guang-su entthronte, andrerseits durch die gewaltige Boxer- 
bewegung, die, rasch und unheimlich anschwellend, zu den Gewalt- 
tStigkeiten gegeniiber den fremden Gesandtschaften fuhrte und zu 
den internationaien Wirren, die endlich mit dem fiir China demii- 
tigenden Frieden von Peking ihr Ende fanden. Li Hung Tschang, 
damals Vizekonig in Kanton, war mit keiner der beiden extremen 
Richtungen seines Landes einverstanden, er sah mit Trauern und 
Entsetzen das Verderben hereinbrechen. Aber als alias verwirrt 
und verloren schien, wurde er wieder herbeigerufen. Er kam, ver- 
handelte und unterzeichnete den Pekinger Frieden. Es war seine 
letzte Tat; nach wenigen Wochen, am 7. November 1901, ist er 
gestorben. — 



— 25 - 

Mit dem Eindruck, daB Li Hung Tschang eine so bedeutende 
politische RoUe spielte, wie selten ein Staatsmann in China, ver- 
bindet sich der andre Eindruck eines tragischen Qeschickes. So 
glSnzend sein Aufsteigen von Stufe zu Stufe war, so blieben ihm 
doch, zumal in der zweiten Halfte seines Lebens, bittere Ent- 
tauschungen und harte Demiitigungen nicht erspart. Wenn das Ver- 
trauen, das ihm die Kaiserin schenkte, groB war, so war es doch 
nicht groB genug, um die von ihm befurwortete Politik gleichmSBig, 
planvoll und dauernd durchzufiihren. Ja, gerade in den entscheiden- 
den Augenblicken versagte es manchmal, um wieder aufzuwachen, 
wenn die Warnungen sich bewahrheitet batten. Schon 1898 urteilt 
Li selbst bei einem Ruckblick auf sein Leben: „Friiheres ehrgeiziges 
Streben der Jugend und vierzig Jahre unaufhorlicher Arbeit haben 
rair ein Alter von Unruhe und Aufregung gebracht, und ich werde 
meine Verantwortung nicht los werden, selbst wenn das mude 
Blut aus der groBen Halsader zur Erde spritzt!" Und^wenn ihm 
die Kaiserin Tsi-Hsi nach seinem Tode in Peking ein Standbild ge- 
setzt und in alien Provinzen, in denen er Vizekonig gewesen war, 
Kapellen hat bauen lassen, — wiegt das die Tatsache auf, daB sie 
die weise und wohlerwogene Politik dieses treuen Ratgebers bei 
seinen Lebzeiten mehr als einmal durch Leidenschaft und Laune 
durchkreuzt hat? 

Zur vollen Wiirdigung seiner Leistungen muB aber noch er- 
wShnt werden, daB er in weitgehender Weise, mit groBem Scharf- 
blick und Organisationstalent, die technischen und industriellen 
Unternehmungen des Westens in China eingefiih/t und ausgebaut 
hat Er grundete Dampferlinien, Pulverfabriken und Leilihauser. 
Er finanzierte die erste BaumwoUenstoff-Miihlengesellschaft in 
Schanghai. Er eroffnete die ersten chinesischen Kohlenbergwerke 
und die ersten Arsenale Chinas. Er begnindete allerlei Schulen, 
eine medizinische Lehranstalt und allerlei industrielle Anstalten. Er 
erwarb sich dabei ein kolossales Vermogen, das ihn nicht nur be- 
f^igte, in der Zeit der Hungersnot, wie schon erwahnt wurde, eine 
umfassende Wohlt^tigkeit auszutiben, sondem auch z. B. bei dem 
japanischen Kriege sich mit etwa 5 Millionen Taels personlich zu 
beteiligen. Und obwohl er den Eluch des Opiumrauchens kannte 
und als Qegner des Opiumhandels auftrat, war er doch selbst Be- 
sitzer der groBten Mohnfelder des Landes, wobei er freilich er- 
kl^te, daB er den Mohn nur zu medizinischen Zwecken baue. 



- 26 - 

Eine ganze Reihe von kleinen personlichen Ztigen aus dem 
Leben Li Hung Tschangs sind in unsre bisherigen Darlegungen schon 
eingeflochten. Ich fiige hier erganzend noch einige hinzu. Li war 
sehr Icinderlieb, aber er zeigte auch sonst bei manchen besonderen 
Qelegenheiten ein weiches Herz, so bei dem Tode des Amerikaners 
Ward, den er mit Tranen betrauerte, am Qrabe des Generals Grant, 
dessen er mit den warmsten Worten gedenkt, in der Zeit der 
Hungersnot, da er Tausende speiste. Als junger Mann hebt er in 
seinem Tagebuche hervor, daB er zwar nur wenige Biicher besitze, 
aber diese wenigen gut ausniitze. In seinem Alter war er daftir 
bekannt, daB er nicht bloB gut beobachtete, sondern auch die 
Menschen vorzuglich ausfragen konnte. Viele Journalisten, die ihn 
aufsuchten, um ihn auszuforschen, fanden nachher, daB sie so gut 
wie nichts erfahren hatten, aber von ihm griindlich ausgefragt 
waren. Dabei war er im Fragen und Bitten sehr ungeniert. So 
fragte er z. B. den Gouverneur General Hastings in Amerika, wie 
groB er sei, und wieviel er ohne Sachen wiege. Die Neugier der 
amerikanischen Zeitungsberichterstatter iibertrumpfte er durch 
seine WiBbegier. Und als Krupp in Essen ihm eine Miniaturbatterie 
schenkt, auBert er zur groBen Verlegenheit des Dolmetschers und 
zum Vergniigen der andern Anwesenden, dieses kleine Spielzeug. 
sei sehr schon, er mochte aber am liebsten eine wirkliche groBe 
Batterie dazu haben, — ein Wunsch, der ihm dann gleich erfUllt 
wurde. 

Ein Prinzipienreiter war Li iibrigens nicht, sondern ein Real- 
politiker, der lernen und umschwenken konnte. Er hat in den 
meisten Fallen nach dem Grundsatz gehandelt, den er 1865 in sein 
Tagebuch eintragt: „Ich habe durch eindringendes Studium viel ge- 
lernt. Vor alien Dingen ist mir klar geworden, daB es falsch ist, 
wenn man iibereilte Urteile fallt iiber Dinge, die man nicht ganz 
griindlich und dauernd gepriift hat. Es ist einem Manne gut, vieles 
zu vergessen, und wenn er sich ein klares, unbeeinfluBtes Urteil tiber 
etwas biiden will, muB er damit anfangen, daB er es so ansieht, als 
hatte er noch nichts dariiber gehort. Und dann, wenn Tatsachen und 
Theorien ihm vorgefiihrt sind — es ist besser sich an Tatsachen zu 
balten, denn Theorien wechseln wie die Sonne und der Mond*— , 
kann er dieselben vor sich hinstellen wie Siinder vor dem Richter, 
das Qute una Sichere herausnehmen und das Obrige vernichten." 

(SchiuB folgt.) 



' ;&?&;asfeiS-. - 



- 27 - 
Aus der Mission der Gegenwart. 

Der Buddhismus und der Tierschutz. 

Bekannt ist die Behauptung, das Mitleid des Buddhismus reiche 
weiter als die christliche Liebe, es umfasse auch die Tiere. In 
Wirklichkeit gibt es in den buddliistischen Landern reichlich soviel 
TierquSlereien als leider aucii bei uns. Ja, es steht dort, z. B. in 
Japan, schlimmer damit. Jeden Monat melden die auslandischen 
Zeitungen in Japan, z. B. in Kobe 140, 143, 120 usw. Falle von Tier- 
qualerei, die festgesteilt worden sind. Dazu wird immer 
wieder davon berichtet, daB man Junge, eben geborene Hunde und 
Katzen u. a., die man nicht aufziehen will, nicht wie bei uns ertr^nkt, 
sondem, da man kein Tier toten durfe, irgendwo aussetzt, so daB sie 
elend zugrunde gehen. Tierqu^erei ist iiberall auf der Welt, wo 
sie ist, streng zu verurteilen. Nur darf nicht der Versuch ge- 
macht werden, die Tatsachen auf den Kopf zu stellen. Witte. 



Bficherbesprechungen. 



Archhr fir Rdii^swisseaschaft. Unter Mitwirkung von H. Oldenberg, 
C. Bezoldt K. Th. PreuB in VerbindunK mit L. Deubner hemusgegeben v<xi 
Richard Wunsch. Aditzehnter Band. B. Q. Teubner, Leipzig 1915. 

IHe vter Hefte, die jeweUs emeu Jahrgang des ..ArcMv lur Rdigioos- 
'wissensdhaft" bUden, smd diesmal zusaimnen in einem Bande ausgegeben. 
£s ist der letzte Jahrgang, aul d«ssea UteUilatt Richard Wunsch als 
Herausgeber genamt werden kann. Diesen Band aiber — laut Redaktions- 
vermerk auf S. 610 am 22. Mai 1915 abgesohlossen — hat er no(^ so gut 
wie ganz selher fertic^tdlen k(}nnen. Was v<mi ibm nicht melir dnrch seme 
Hand gegangen, ist einzig das von Otto Weinreich 'geifertigte alpha- 
betische Sachregister am Ende und der vor die erste Seite gesetzte, im 
Inhaltsverzeidmis nicht vermer4cte, ahm gewidmete Nacftiruf des Mitheraus- 
gebers Ludwig Deubner nut der Trauerkunde, daS asn 17. Mai 1915 
Richard Wunsch an der Spatze s^nes siegreicfa vonmarschterenden 
Bataiillons in R«ssisoh4'olen gefalien ist 

Wunsch war tatsaohlich, wie <&eser Nachnil iiervorhebt, — auch als 
stSndi^r Miitarbeiter der Zeitscfaiift, der mit flun wie mit seinem VargSnew 
Bi Korrespoodenz gestanden, kann k:h das 'bestatigen — der >ge0e4)ene Mann 
gewesen, nach Albrecht Dieteridis jahem Tode <am 6. Mai 1908) die Zugel 
der Redaktion ides Archivs in die Hand zu nehmen. „Dem schaumenden 
Temperament des geoialen Neubegriinders folgte die charaktervolle Ruhe 
des un^chtigen Organisators, der den Organismus und Aiedhanismus der 
noch jungen Zeitschrift starkte und festlgte. Insbesondere der Ausbau der 
wichtigen Berichte ist ein grofies Verdienst des Dahingeschiedenen.'* 
Wiederholt habe ich in vergangenen Jahren in Besprechungen in dieser 



- 28 - 

Zeitschrift auf den unsch§tzbaren Wert der tetzteren hmge^viesen. Solcher 
Bericiite, in <lenen nach des Dahingegangenen Intentionen vmi Vertretern 
der einzelnen Qebiete die tiauptsachlichsten Forschangien and Fortschritte 
rdigi'onsgescihichtlicher Arbeit in ihrem besonderen Arbeitsbereiche hervor- 
gehoben and beurteilt werden sdlten, bringt auch der letzte von ihm be- 
sorgte Jahrgang wieder vier: 1. Die reK^onswissenschaftliahe Literatur 
fiber China seat 1909 von O. Franke in Hamburg; 2. Vedische Religion (1910 
bis 1914) von W. Caland in Utrecht; 3. Die afrikanischen Religionen 1910 
bis 1914 vcm Carl Meinhof in Hamburg; 4. Neuerscheiimngen zur Religions- 
nnd Kirchengesohichte des Mittelalters und der Neuzeit von Albert Wer- 
minglhoff in Halle. Das umfassendste und iur die Leser der ZMR wichtigste 
Reierat ist das erstgenennte, das aUein mehr als ftinf Bogen ffiiii DafQr 
ist aber auch von dean Referenten kaum etwas iibersehen von dem, was 
uberhaupt der Erwahnung irgend wert ist. Auch wer, wie ich das voti mir 
selber werde sagen diirfen, standig auf der Ausschau ist, urn von neuereo 
Arbeiten fiber das R^igiionswesen von China nichts sich entgelhen zu lassen, 
ward nach Durcharbeitung dieses reichen und gediegenen Berichtes sich 
gestehen mussen, dafi 9im ohne ihn doch ein vieies unbetonnt geblieben 
wSre, und v^rd dem grundUchen Benditerstatter Dank dafur wissen, dafi 
er ihn auf diese und jene Erschesnung aoifonerk^m oder — da ihm soichen 
EHenst auch Schermann leosten kann — imit shrem faihalt ihn einigermafien 
befcamit gemacht hat. Ein anderes ist es ja dann immer noch, die be- 
treiienden PubHkationen sich nun auch zu besctiaffen. Die meisten Einzd- 
stndien sind zerstreut in Zeitschriften, d»e aim Teil selbst in unseren grofien 
Bftliotiieken nicht aufzutreiben sind. Selbst von dem uns docb eira^ermaBen 
nahestehend^i D. Wilhelm ffihrt der Bericht einen als vorziigtich gerfihmtea 
Ai]lsatz „The infhience oi the Revc^tion on ReHgion m China" an, den ich 
mcht kenne. Nac^ FnaiAe kammt Wilhelm m seiner mit grumUicber Kennt- 
nis untemommeoen Beweisfiihrung zu dem SchluB, daB, „wenn die R^niblik 
sich als dauernd erweasen sdlte, die Zeit komm«i wird, wo der 
Konfuziamsmus Mitweder sioh als Kirche neugestalten muB oder zu 
einer bloBen geschichtlidien Religion wird". Hervorgehoben mag noch 
werden, daB der Sinologe Franke audi nach Oiills im Literarischen Zentral- 
biatt von 1912 veroffentHchter Replik an seine Kritiker die grundsStzUchen 
Bedenken seiner Fachgenossen dessen Tao-teh-kmg-Obersetzang gegenuber 
festhalt Uod was von Grills Obersetzung gelte, gelte auch von derjenigen 
WiUielms. Die eine wie <tie andere lese Dinge aus dem Text teraus, die 
man herauslesen k 6 n n e , wenn man woUe, die aber b^ allem Reiz, den 
die Parallelen fremder Qedankenginge aft hab^, zum gtoB&n Tetl in der 
Luft sohweben und uns der Erkenntnis von Laotses wirklicher Lehre um 
keinen Schritt n§her bringen. Von den sonst^en Wilheknschen Cber- 
setzungen, deren Kenntnis bei den Lesern dieser Zeitschrift voranszusetzen 
ist, rfihmt Franke die des LunyU als die bei weitem am grfindlichsten dnrch- 
gearbeitete. „Wilhelms Auslegung dieses Textes sowie vor allem seine 
Auffassung von der Personlichkett des Konfuzhis werden sicherlich bei dea 
Sinologen vielfachen Wide.spruch finden (Franke hat sich fiber die Frage 
ansfuhrUch ge§uBert bea einer Besprechting in der „K61niscben Zdtnng** vom 
14. September 1910, Nr. S>91, die tansendmal in den Papierkorb gewandert 



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ist, wShrend mancher, wie z. B. ich, das betreffende Zdtungsexemplar, das 
ftim fibertiaupt nicht zu Qesicht gekotntnen ist, sor'gsam auft>e\v^rt faStte), 
aber was er audi vorbrinst, ist immer sorgf^ltig durchdacht und b^itht auf 
volbg unabhaneiger Kritik, <!Ue sich von der spateren orthodoxen Exegese 
nidit imponieren l^t. Wilhelm ist eki geistreicher, etn fekisinniger und an 
warmherzrger Qdehrter, in semen Obersetzungen zeigen sich die guten und 
die nachteiUscn Wlrkungen dieser Eigenschaiten." Was Franke mit den 
letzteren meint, ist, daB in Wilheims Darlegun^en mehr der warmherzige 
Berwunderer als der kritiscfae Historiker zu spiiren sei. Ich mochte meinen, 
daB in den Kreisen, die Wilhelm erreKht, zunSchst noch jener fordersamer 
ist als dieser. Niichts, scheint nur, ist mehr geeignet als WiHiehns Weise, 
der Sinotogie bet tins das Interesse zu erwecken, das doch auch Franke 
Uirer Kultifvienmg bei <uns als ersprieBHch eracfatet 

Die wissenschaitlichen AUiandhmgen, die die erste AbteiJung des vor- 
liegenden Bandes bilden, konnen hier natiirHdi nicht einzeln gewurdigt, 
sondem our eben mit ihren Titein genannt werden: 1. De dis ignotis 
quaestiones sekectae. Scripstt Otto Weinreich, tlalensas; 2. Die Seher 
von Olympta. von Ludwig Wenigerin Wehnar ; 3. Zu den eleusinischen 
Mystenien von AHred Korte in Freiburg L Br.; 4. Ath^ie Aithya von 
A. Kiock in Breslau; 5. Zur DSmoaoio&e der spSteren Antike von W. 
Bousset in Qottmgen; 6. „Qott schauen" in der alttestamentiichen Re- 
ligion von Wolf Wilhelm Graf en Bandissin in Berlin; 7. Jephtas 
QdObde Jud. II, 30 — 40 von Walter Baum.gartner in Ziirich; 8. Die 
Leviratsehe von J. Scheftelowitz in K^; 9- Ein Bruchstuck einw 
Seragisleg^kle von A. Abt in Darmstadt; 10. der Jainismus von 
H. Jacob! in Bonn; 11. Deutscher Vcrfksglaube vor Qericht von Albert 
Hel4wig in 'BerUn-Friedenau; 12. Totengeister und Ahnenkultus in Indo- 
nesten von ti. Berkusky in Leqizig; 13. Das Opfer i>ei den Tobabatak 
in Sumatra von Jotiannes Warnecitin Biel^eU-Bethel; 14. Zwei 
My then der Arekund-Indianer von R. Koch-Crunberg in Fr^urg 
im Breisgau. 

Die dritte Abterlung des Arciuvs bringt, wie iiraner, so auc4i in diesem 
Bande, kletne Mitteiiungen und Hmwdse, durch die wichtige Entdeckungen, 
verborgenere Erscheinungen, auch abgclegenere und vergeseeoe Publika- 
ti<men friiherer Jahre in kurzen Nachrichten zur Kenntnis gebracfat werden 
soUen. Am oftet^sten kehren hrer seit dem Erscheinen von Albrecht Dietc- 
rkhs Buch „Mutter Erde" ergSnzende Auslassungen zu diesem unerschopl- 
tichen Thema wieder, in diesem Jahrgang eine solche uber Mutter Erde bei 
den Juden : Robert Eisler bringt ane Stelle aus d^n 4. Esrabucti 5 
bei (Katitzsdh, Apocr. u. Pseudepigr. 11, S. 363). In dem genanntra ^che 
hat Albrecht Dieterich auf S. 28 in eioer Anmerkung die Meinung ausge- 
sprochen, daB bei der Hockerstellung, in der die Leichen vteMach vorge- 
hinden werden, der Qlaube em die Mutter Erde im Spiele sei, indem der 
Mensdi der Mutter Ende in derselben Lage zurOckgegeben wende, die er 
vor der Qeburt im Korper seiner leibUchen Mutter eingenommen habe. In 
Band XVI des Archivs hat E. Lorenz S. 307 mitgeteilt, daB er eine auf- 
fallende BestStigung dieser Meinung Dietericfas vor kurzem in einem Zei- 
tungsberichte iiber <fie Verbrennung des Konigs Chulalongkom von Siam ge- 



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fanden tiabe, in dem es hkB : .J^Iachdem Cfaulalongkorn gestorben war, wurde 
sein Leichnam einbalsajniert und in die Lage dnes Kindes vor der Qeburt 
gebracht," eme klentifikation der Hockerstellung mit der Lage des Kkides 
kn Mutterleibe, wie sie wohl nicht erst der Berlditerstatter erdadit haben 
durfte- Bezugnetoiend auf diese Notiz ennnert nun im vorliegenden Bande 
QeorgeL. Hamilton, Itiiaca, daran, daB bereits 40 Jahre vor Dieterich 
F. Liebrecht die Vermutung ausgesprochen faat, dafi die Kauerstellung 
der Leichen eine Nachaihnnuig der Lage des Embryo im iMutterleibe seL 
(Oermairia X [1866], 109; of. XVI, 222; Qott. Qel. Anz. 1872, 1546). 

Eine kleane Mitteilung von Soderblom, „Zur Toleranz der 
Chlnesen" findet <hier passend in extenso Platz; „Eitnen pikanten Beitrag za 
der DiskussJcm, wdche J. J. M. de Qroots Zerstorunf; der Leg«nde von der 
ohinestsclKn Toleranz unter den Sinologen hervorgerufen hat (Sectarianism 
and religious persecution in China, in Verh. Akad. v. Wet, Amsterdam 4, 
IV, 1904), li^rt das bekannte groBe, in Paris ersohienene Werk Pater 
Couplets und dreier anderer Jesuitenpatres vom Jahre 1687: Confucius 
Sinarum philosophus. Das Vorwort enthalt eine nach der Sitte der 
Zeit schmeichebide Widmung an Louis XIV., den vcdlkommenen Herrscfaer, 
den Kung-'fu-tse vorausgesehen haben soil. Der Eifer des Konigs, die 
Ketzerd auszurotten, heiBt es weiter, wiirde dem Kung-fu-tse eine ganz be- 
sondere Freude berdtet haben, da der chine^che Mdster gelehrt babe: 
Hu y tuon, d. h. oppugna heretica dogmat a." 

SchkeBUch noch die Mittedlung, daB im AnsdiluB an das Ardiiv ffir 
ReligionswiisseiKchaft im Teubnerschen Verlage kUnftighin eine von Prof.Carl 
Clemen in Bonn herausgegebene religionsgeschichtliche 
Bibliographie ersdieinen wird, die schneller als die im Arciiiv jeweils 
im Abstand meiirerer Jahre itber die wiohtigeren Erscheinungen auf ein- 
zelnen Qebieten erstatteten Referate iiber den religionsgeschichtlichen Qe- 
samtertrag je eines Jahres berichten und zugldch die reltgkmsgesctnchtUche 
Abteakmg des eingegangenen Theol. Jahresbericiites ersetzen soil. Kritik 
wind diese Bibliographie grundsStztich nicht tiben. 

Leipzig. HansHaas. 

P. S t e i n e r , Handert Jahre Missionsarbek. Zur Erinnerung an das 
hunderti§hrig€ Bestdhen der Basler Mission 1815 — 1915. Basel, Verlag der 
Basler Miss.-Buchh. 1915, gr. 8*. 120 S. 1,60 M. 

Unter dem Donner der Kanonoi ist der Plan zur Grundung doer 
Missionsgesdlschaft in Basel cereift und am 25. September 1815 ans Tages- 
Koht getreten. Unter dem I>onner der Kanonen, der vom benaclibarteo Elsa£ 
herilberdrohnte. hat man eben die JubelfeieT, die man frealich gianz anders 
zu begiehen gehoift hatte. in schMchter Weise. die an die erst^i Jahresfeste 
eiimierte, begangen. Der Wdtkrreg liat audh die Basler Mdssionsgiesellschaft, 
die auf dem poHtssch neutralen Boden der Schweiz ihnen Sitz hat, in Mit- 
leidenscteft gezogen. Die sonst so belefeten RSirnie des Missaonshauses sind 
nahezu verodet die Missionsfelder z. T. verwiistet. Im Amftrag der Qeseil- 
scfaaf t hat P. S^teiner, dem wir so manches anteressante Missionsbiichlein ver* 
danken, aus AnIaB KMeser Feier in unserer Sobiift einen feurzen Oberbiick 
fiber die Gescbichte der Qesellschait, dieser zweitaltesten und an vieler Ifinr 
sicht bedeutendsten aller deutsohen ev. Missionsgesellscbaften, die auch die 



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jOntreren Schwestera zam {mten Teil nktot unwesentlich beeinfluBt hat, «c- 
jieben voo der Qruikhinjf an t»s zur Gejieniwart. In 10 KapHieta werden die 
klekien Anfanjfe. der Zusammenihan« mit ider Bibel- iind der deutsdien 
Christentaimsjiesellschaft die €rsten Missionsversuche im Kaukasus, Persieo 
und an der Kflste Wcstafrfkas. der ArrfanK, die Entwicklune und der jetzigre 
Stand der Mission an der Qoldkuste, in Indseo, Qima mit Noixl-Bomeo, 
Kamerun und im Hinterland von Toko. ..in der Hetaiat" und am ..SchluB des 
Jahrhunderts" behanddt. wobei man manchen kiteressanten &nblick erhMt 
in die TdtiKkeit der Inspektoren Ihs zu dean eben verstcrbenen hervorragien- 
den und prSchtieen lana'ahrieen Vonsitzenden der kontinentalen Missions- 
konferenz unddesdeutschen evangelischen Missionsausschusses,Dir.D.Ohler, 
und derKomitee-Mitglieder.indieverschiedenenMissionsfreudenund-leiden, 
Arbeiten und Erfahrunjten, Opfer und Siesp, EnttauscbunKen und Erfolge anf 
den Missionsfeldern und in der Heimat, auch manche bedeutsame Mtesions- 
probleme. Das Buch ist flott und interessant gieschrieben, mit auBerordent- 
lidi vielen meast wohljtdunjrenen. teilweise nooh unveroffentlichten Bildem 
jreschmiickt (fast keine Sdte CTtbehrt dieses Sohmuokes) und verdient es» 
warm «mpfoblen zu wenden. Mochte die Basier MisaonsKesellschaift, die ami 
neutralem Boden erwachsen, mehr als aitdere Oesellschaften ein intematio- 
nales, ja unrversales Geprajro^trajft und zu alien Zeiten Christen dtr v«r- 
sctiiedenen Lander. RichtunKen und ev. Koniessionen zu gemeinsamer Arbeit 
friedUdi vereint hat — anch in ^eser BezieJiunij dem AIIk. Ev.-Prot. Mi»- 
sionsverein verwandt. — naoh den schweren Sturraen, die jetzt iiber sie hin- 
weecehen. dner neuen sdidnen Zdt ent^^espengieifiihrt werden! 

Duttstadt A. Scfaillbach. 

Alfons Paquet, Der Kaisergedanke. Frankfurt a. M., 1915. Ver- 
lag von Riitten u. Ldning. 200 Seiten. Kartoniert 3 Mark. 

Das Buoh ©nthait verschiedene Aulsatze. Ihre Titel lauten; Das neue 
Deutscbland. I>er Kaisergedanke. Cbristus Antichiistus. Die Frage nach 
dem Sinn. Die Kirchen im Morgenland. Der groBe Qedanke der 
M i s s i o n e n. Worte der Engel. Der V'erfasser ist uns kean Unbekannter. 
Sein fdnes Buoh „Li oder hn neuen Osten" ist unvergessen. Diese Sammhmg 
von Aufsatzen entiiait viel SchMies, deutsche Klange, propiietksche Blicke, 
oft em weites Scfaauen in {erne Zeiten und doch nie so, daB es unwahrsdiein- . 
hch wiirde. Ernste Mahnungen durchziehen das Buoh, dafi das deutsche 
Volk seiner neura riesigen Auigaben unter den Votkem gedenke. „Trotz 
den Missionen und trotz vereinzelten gelehrten Beriihrungen ging ia das 
Streben der weiBen Volker noch niemals ernstlich um die Sede all der 
fernen, lur gering geaditeten Heklen." Man lese daraus kean unfreund- 
Uches Urterl iiber die Misaon. Der Verfasser tiitt warm fiir sie ein in dem 
sehr beaditenswerten Absdmitt mit der sdion an sioh lobenden Uberschr^: 
„Der groBe Qedanke der Missionen." EssindahnlicheQedanken,wiewir sie 
schon aus dem „Kunstwart" von ihm kennen: „Von alien Ausstreuungen 
getstiger Art ist die Mission die dndringlidiste und am wertesten vcr- 
brdtete." Er hebt den edlra, universalen Qiarakter der Missionen taodi 
empor. Er wunscht groBere, intensrvere Mission in Verbindung mit 
den theologischen Fakultaten, denen da neue wQrdige 
Aufgaben winken. Aber er warnt auch vor falschem Nationa- 



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Mstnus: „Ein Volk, das m bezug auf die Missionen nur den Hintergedanken 
hStte, daB es dank dem Erfer der Sendlinge mehr Kurzwaren verkaufen 
werde, verdjente es nioht, zur Forderung dnes so toedeutenden Werices 
aufgenifen zu werden." In Deutschland tst es 'heute noch etwas Seltenes 
und dannn sehr froh zu BegrtiBendes, wenn ein Mann wie AUons Paqiiet so 
warm fur die Mission eintritt. Es sei Itim von Herzen gedankt. Dieser 
Artrkel allein maoht neben dem reiohen andera schonen Intialt das Buch f&r 
unsere Freunde sdir iesenswert. Es sei warm empfohlen. Witte. 

Til e odor Springmann jun., Deutschland und der Orient Das 
Kolotialreioh der Zukunft auf geistigem und materieliem Qebiet. Hagen 4. W., 
2. Auflage, 1915. Verlag von Otto Hammersohmidt. 41 Seiten. 

Der Verfasser dteser kieinen Schrift ist Fabrikant, ein Mann, der nictat 
nur iQr die Qeld- und Warengesdi^te Sim hat, sondem auch fiir gdsttge 
Dinge und, was das widitigste ist, fiir die ungeheure Bedeutung 
der g»stigen Dinge fiir die Entwicklung und das Woi»l der Menschen: „Die 
letzten 40 Jahre laborierten (in Deutschland) unter dem fundamentalen Irr- 
tum, can Volk konne m erster Linie und dauernd durch soziale, wirtsohait- 
Ikhe Giiter gliickttciher werden. Aber nur das OieidsnaB von matetiellen 
und sittUchen Werten kann ein Volk zulrieden und stark madien." In dem 
rasenden wirtsdiaftUohen Wettkampf mit England haben wir England eben 
auch in allem Oblen nachgeahmt und haben dies Bose „womogUch mit 
deutscher Qriindtichkeit noch gesteigert: Die Vorspiegelung falsdier Preise 
beim Euikauf, die Liige, die Hintergehung wird groBgezogen, das Forthc^en 
von alten, treuai Beamten und Arbeitern durcfa finan2»elle Versprechungen, 
das Stehlen der iFabrikationsmethoden, die andere sich duroh FleiB und 
Ar1>eit errungen, das Einsetzen der ganz«n Arbeitskralt «n Erwerbsleben 
audi von denen, die friiher MuBc und Lust fiir geistiges Streben besaBen". 
So ist der erste Teil des Heftes ein eindringlidies Mahnen an unser Volk 
zur Einkdbr und Besannung. Im zweiten Teil handelt der Verlasser von 
imsern jetzigen und zukiinftigen Weltbeziehungen, taddt <mit Redit den 
torichten Hochimut, mit dem so viele Deutsche auf die Vdtker des Ostens 
bisher herabgesehen haben: „Dieser Hochmut griindet sich auf der eig«nen 
Dumnrfidt, auf der volKgen Unkenntnis der geistigen Eigenart jener VoMcer." 
„Wir mfissen vorurteilsfrei die Kulturen des Ostens stucUeren und ^re eigen- 
artige QroBe kennen und schStzen lemen." Das Heft ist voU anreg^ider 
Cedanken. In hezug auf unsere religidsen Beziehungen zum Osten, be-^ 
sonders zur Tiirkei, empfiehlt es Lessings Fabel von den dr^ Ringen und 
spridht dem Islam cine Gleichhettsstellung zu. Da fe4ilt nun allerdings dem 
Verfasser die griindliche wissenschaftUche Sachkenntnis. Der Islam ist ja 
schuld am Stagmeren der Turkei. Darum bedarf sie belebender Krdfte, des 
Christentums. Nur so kann ^e stark; werden. Das Heft sei warm emp- 
iohlen, es weht ein frtscher Geist der Wahrhaitigkeit durch seine Blotter, es 
birgt viel Qutes. Witte. 



Vcrantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 

Berlii; S 59, Hasenheide 56. 

Druck von Hoffmann! & Reiber, Qorlitz, Demianiplatz 28, 



Memoiren von Li Hung Tschang. 

Von Prof. D. W. Bornemann. 
(SchluB.) 

Man hat Li Hung Tschang zuweilen „den Bismarck des fernen 
Ostens" genannt, und bis zu einem gewissen Grade besteht eine 
Ahnlichkeit zwischen beiden Staatsmannern: daB sie sicli beide durch 
ihre politische Tiichtigkeit bis in die erste Stelle das Staatswesens 
emporgeschwungen, daB sie beide ihrem Vaterlande mit zaher 
Treue gedient und dabei groBe Erfolge errungen, daB sie beide unter 
groBen Schwierigkeiten das Vertrauen des Thrones sich erworben 
und erhalten und daneben dergroBtenVolkstiimlichkeit sich erf rent, 
daB sie beide in entscheidenden Augenblicken das Qeschick ihrer 
Nation geleitet und im Alter schmerzliche Enttauschungen erlebt 
haben, und anderes mehr. Aber bei genauem Zusehen erscheint 
doch Bismarck als der Qenialere und Qliicklichere. Denn ihm ist 
es gelungen, sein Vaterland zu einigen und von Erfolg zu Erfolg zu 
fiihren, wShrend Li Hung Tschang trotz aller personlichen Tiichtig- 
keit und Vaterlandsliebe das tragische Qeschick hatte, immer neue 
Niederlagen, Verluste und Demiitigungen Chinas zu erleben. Aber 
darin g^eichen sie einander in ihrer Eigenart, daB beide, obwohl 
nicht Schriftsteller von Beruf, doch durch ihre klassische Dar- 
stellungsgabe zu den ersten Schriftstellern ihres Volkes gezahlt 
werden miissen. Von den treffenden Bemerkungen, Bildern und 
Qleichnissen, die sich in Li Hung Tschangs Tagebuch finden, mogen 
hier einige zusammengestellt werden; sie erinnern in ihrer ganzen 
Art an Bismarcks Schreibweise. 

Im Begriff, nach dem japanischen Kriege als Besiegter Frieden 
zu schlieBen, urteilt er: „Ein Mann, der mit den Schultern flach auf 
der Erde liegt, mogen dieselben auch breit und kraftig sein, schreibt 
gewohnlich nicht seinen Qegnern vor, unter welchen Bedingungen 
er wieder aufsteht." Er mochte von dem FriedensschluB nicht heim- 
kehren „mit einem Zahn im Munde und einem Haar auf dem Kopfe." 
Von seiner Weltreise stammen folgende Bemerkungen: „Frau Cleve- 
land wtirde ich die Mutter der Qiite und die Schwester der himm- 
lischen Liebe nennen." . . . „Eine Regierung, die wie ein Kaninchen 

Zeitsdirift f&r Missionskunde oikI ReticimiswisseaschafL 31. Jahrgaae. Heft 2. 



- 34 — 

davonlauft oder sich wie ein Meerschweinchen fangen laBt, darf 
nicht viel Respekt von ihren Untergebenen erwarten." . . . „Es 
liegt mir sehr am Herzen, China von meiner Triumphreise durch die 
fremden Lander zu erzahlen, wie eine junge Frau gern von den 
Possierlichkeiten ihres kleinen Erstgeborenen spricht." 

In den Aufregungen der Reform-Unruhen und der Boxer- 
bewegung macht Li folgende Eintragungen in sein Tagebuch: „Wie 
herrlich und ehrenvoll ist die Pfauenfeder des Thrones, aber wieviel 
friedlicher ruht das Haupt auf Qansefedern!" . . . „Ich nahm Qe- 
legenheit, Kang-Yu-we zu schreiben und ihn davor zu warnen, daB 
er den Kaiser zu gewaltsam und schnell durch Walder ftihrt, die 
sie beide vorher nicht durchkreuzt haben." . . . „Kang schlagt vor, 
alle Obel der Nation durch eine groBe Dosis Reformmedizin zu 
heilen. Er mochte, daB der Kaiser selbst einheizte, und die Damen 
des Holes ihre Wasche selber wuschen. . . . JCang-Yu-we, du 
bist ein vortrefflicher Erzieher . . . aber du machst den jungen 
Kaiser zum Esel, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann Tsi-Hsi 
aus dir einen noch groBeren Esel machen wird." . . . „Ich sage dir, 
daB dein Qehirn ein schlammiger Miihlteich ist, der Reform genannt 
wird, in welchem aber altere und kraftigere Manner keinen an- 
standigen Fisch erkennen konnen." 

Ais er die fremden Qesandten privatim warnend auf die ihnen 
drohenden Qefahren aufmerksam gemacht hat, schreibt er: „Wenn 
einige von denen, die immer so gern an den Knochen des alten 
Mannes herumnagen, dies wiiBten, wttrden sie sagen, daB groBe 
nationale Qeheimnisse den fremden Teufeln verraten wiirden." Als 
alles drunter und driiber geht, bemerkt er: „Was niitzt es einem 
Menschen durch die Zahne in einen Sturm hineinzupfeifen oder erne 
Schale Wasser gegen die Flutwelle zu gieBen!" . . . „Vielleicht, 
wahrend die Fuchse sich darum streiten, wird das Schaf fluchten 
konnen." . . . „Es ist die hochste Zeit, daB die Regierung die Dacher 
flickt, ehe der Regen kommt, und den Brennstoff vermindert, ehe 
das Feuer wutet." . . . „Meine miiden Augen sind die einer Mumi6, 
mit Firnis iiberzogen, denn ich schlafe nicht den zwolften Teil des 
Tages, und die Meinigen behaupten, ich hatte nie zu^vor die Doppel- 
rolle eines Tyrannen und eines Esels gespielt." . . . „Die ganze 
christliche Welt wird sich gegen uns verbiinden und nach Chinas 
Nacken fassen, wie der Landmann nach den Federn der Festgans 
greift." . . . „Wer ware so toricht, ein WurfgeschoB nach einer 
Ratte zu werfen in der Nahe eines kostbaren Porzellans? — Es be- 



- 35 - 

darf nicht der Qabe eines tiellsehers, um zu wissen, dafi sich Gier 
leichter zerbrechen lassen, als Steine." . . . „Ich konnte nicht 
anders, als dem einstigen Obersten des hoclisten Qerichtshofes zu 
sagen, daB es in der Qeschichte haufig vorkame, daB konigliches 
Blut, wenn sein Besitzer nicht vorsichtig ware, leicht nach der 
falschen Seite flosse." 

An andern Stellen bemerkt er: „Ich kann nicht bei jeder Qe- 
legenheit Tranen vergieBen, wie manche es tun; es gibt solche, die 
weinen, wenn sie die Schale eines bemalten Eis zerbrechen." . . . 
„Wir Menschen von heute segnen Ping Ti (einen Kaiser, der zu Be- 
ginn des christlichen Zeitalters herrschte), daB er reizvolle Balladen 
schuf und die Pflege der Anmut forderte. Aber, wie uns Ha-po mit- 
teilt, waren Tausende und aber Tausende von Leuten damals der 
Ansicht, daB er ein Weiberkonig sei und gut geeignet, einem Ehe- 
mann den Kopf mit Ol einzureiben." Fur die lange in China geiibte 
Praxis, gewissen seeraubtreibenden Volkerschaften gegen Zahlung 
eines kleinen Tributs durch die Finger zu sehen, findet Li folgenden 
treffenden Vergleich: „Es ist gerade so, als ob einer meiner Diener 
mir eine Ente zum Qeschenk brachte, um mich gut fur ihn zu 
stimmen, wahrend der einzige Grund dazu fur ihn war, meine 
eignen schonen Fischteiche zu pliindern." 

Neben der Anschaulichkeit und Treffsicherheit des Ausdrucks 
fallt bei Li Hung Tschang auch die Schlagfertigkeit und witzige 
Geistesgegenwart auf. Auch dafiir einige Beispiele! In einem Qut- 
achten vom Jahre 1897 iiber die Abtretung von Formosa schreibt 
er: „Kann irgend jemand einen einzigen Mann in Formosa nennen, 
der China Reichtum oder Ehren schaffte? — Einige werden sagen: 
„„Ja, Koxinga"", und vielleicht stimme ich dem zu, denn Koxinga 
tat ein Qutes, wenigstens fur die Hollander — er trieb sie aus dem 
Lande!" Als in New York der Burgermeister ihm die Schlussel der 
Stadt uberreicht hat, bemerkt Li dazu: „Die Zeremonie besagte, 
daB ich hingehen konnte, wohin ich woUte, essen und kaufen, was 
mir paBte, sogar schone Seide und Sammet kaufen dtirfte, das Land 
wurde alles bezahlen. Aber wie es so kam, ich durfte niemals 
dahingehen, wohin ich gem wollte, und nicht einen Pfennig konnte 
ich ausgeben." Das Lustigste und Witzigste ist die Szene bei seinem 
Empfang in Philadelphia. Davon erzahlt Li Hung Tschang selbst 
folgendermaBen: „Der ehren werte Herr Burgermeister hielt die 
langste Rede, die ich auf der Reise horte, und bewirkte dadurch, 
daB ich einschlief. Ja, ich fiel tatsSchlich in tiefen Schlummer 



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wahrend seiner Deklamation, und es war ein schaliendes Qelachter 
notwendig, urn mich zum Ernst der Situation zu erwecken. Als 
ich die Augen offnete, sah ich Tausei^de, die da lachten und in die 
Hande klatschten, und zuerst dachte ich, es ware wohl eine sehr 
witzige Bemerkung des Redners gewesen, die einen so ungewohn- 
lichen Ausbruch der Heiterkeit veranlaBt hatte; dann merkte ich, 
wie alle Blicke auf mich gerichtet waren, auch die des ehrenwerten 
Biirgermeisters selbst. Er lachte mit den ubrigen. Nattirlich war 
ich zuerst etwas verlegen. Dann sagte der Redner halb zu mir 
und halb zu der riesengroBen Versammlung: „„Se. Exzellenz liebt 
augenscheinlich keine langen Reden, so will ich die meine kurz ab- 
brechen."" Als mir dies iibersetzt wurde, lieB ich durch meinen 
Sekretar antworten, daB ich doch lange Reden liebte, denn wahrend 
derselben konnte ich erquickenden Schlaf genieBen. Der Btirger- 
meister wiederhoite diese Worte seinen Zuhorern, und da folgte 
minutenlanges Lachen und Beifallklatschen." 

Auch einige Beobachtungen und Qrundsatze der Regierungs- 
weisheit und Pplitik Li Hung Tschangs mogen angefiihrt sein. So 
fiihrt er aus, daB, je hoher die Stellung eines Mannes sei, um so vor- 
sichtiger miisse sein Benehmen sein. Er urteilt: „Es gibt uberall 
Wolfe, wo Schafe sind; es ist das dasselbe im Leben der Menschen 
und der Volker." Ober Reformen stellt er folgende Satze auf: 
„Eine Reform, die nicht ein Fortschreiten bedeutet, ist lacherlich, 
wenn nicht gar tragisch. Eine Reform, die alles niederreiBt, ehe sie 
versucht hat, aufzubauen, ist ein Orkan. Eine Reform, die an- 
nimmt, daB die ganze Welt in einer Woche schlecht wurde und in 
einem Tage gut gemacht werden kann, ist ein Unsinn. Ich basse 
einen Reformer von Profession ebenso sehr wie eine norgelnde 
Frau, beide haben die Ansicht, daB andre Leute in ihrem Kopf keinen 
Platz fiir das Qehirn haben." 

Charakteristiscli sind die Bemerkungen uber Einseitigkeiten und 
Obertreibungen: „Bei vielen Leuten kommt es mir vor, als ob sie 
glaubten, sie taten nichts, wenn sie es nicht im Extrem tun. Von 
der eisigen Kalte des Kalganschnees sturzen sie in die Hitze Indiens 
Oder umgekehrt. Entweder heiBt es bei ihnen Mord und Totschlag 
Oder Freundlichkeit, siiB wie Honigseim. Sie woUen, so laut sie nur 
k^nen, vom Dach einer Pagode in die Welt hineinschreien oder 
tief auf dem Qrunde eines Brunnens ieise fltistern. Einige Hirne 
sind so gebaut oder so konfus, daB, wenn ihnen nach ihren Begriffen 
etwas nicht weiB erscheint, dann ist es eben schwarz, und wenn es 



•fi^^^ ■ -v-^-yrstp^^. ;:.:•.'.- •;>-i^. 'vv ~. -'■■•- • ■■,^ '-"^^i:\-----^v^iiSig^^ar^sS^^gf!^ 






- 37 - 

nicht gelb ist, dann ist es griin, und wenn nicht rot, dann blau. 
Sie baden sich gar nicht oder sie reiben ihre Korper, Ws keine Haut 
mehr darauf bleibt. Sie essen wie die Ferkel und ebenso oft, oder 
sie machen sich an das Fasten und verschmahen die Zunge eines 
Huhns Oder einen trockenen Biskuit. Es ist ebenso mit vielen unserer 
groBen Politiker. Sie sind wie Akrobaten, die von einer Seite der 
Biihne zur andern springen, nur um den Leuten zu zeigen, daB es 
zu machen ist." Und ein Merkmal der eigenen Politik Li Hung 
Tschangs sind die AuBerungen: „Ich basse alle Auslander, aber es 
ware nicht klug, sie das merken zu lassen", und (1900): „Ich habe 
unzahlige Male versucht, dem Thron die Oberzeugung zu geben, 
daB China nichts gewinnt, aber alles verlieren kann, wenn es sich 
den fremden Teufeln wider setzt. Es ist ganz unmoglich, sie zu 
vertreiben, und — was schlieBlich das Wichtigste ist — wir wtirden 
nach vieien Richtungen armer werden, wenn die Fremden ganz fort- 
zogen, sei es freiwillig oder nicht." 

Damit komme ich endlich zu dem Punkt, der die Leser unserer 
Zeitschrift am allermeisten interessieren wird, zu Li Hung Tschangs 
Stellung gegeniiber dem Christentum. Die veroffentlichten Me- 
moiren geben dariiber allerlei fesselnden Stoff, aber nichts Qrund- 
liches und nichts Zusammenhangendes. Auf zwanzig Seiten bieten 
sie uns sechs verschiedene langere, allerdings bezeichnende AuBe- 
rungen Lis, wahrend ausdrucklich versichert wird, daB die Ver- 
offentlichung aller Tagebuchaufzeichnungen uber Auslandertum und 
Christentum etwa 500 Seiten erfordem wiirde. Da hat man aller- 
dings den Eindruck der Unzulanglichkeit dieser Bearbeitung der 
Memoiren und wtinscht, daB die Auswahl vollstandiger und plan- 
voiler ausgefallen ware. Nach dem Dargebotenen scheint sich fur 
Li Auslandertum und Christentum, Christentum und Auslandertum 
gedeckt zu haben. Zwar weiB er, daB die Christen in viele Sekten 
zerfallen, aber er rechnet aUe Angehorigen der fremden westlichen 
Vdlker — selbst die Juden — als „Christen". Aber wie er das 
Christentum allmahlich erst in verschiedenen Formen, Personen 
und Ereignissen naher kennen gelernt hat, so bleibt sein Urteil 
ziemlich schwankend, wenn er auch im Laufe seiner Wirksamkeit 
von einer schroffen Ablehnung zu einer willigen Duldung, ja zu 
einer gewissen Anerkennung gekommen ist. 

Ehe wir jedoch die einzelnen AuBerungen Lis wiedergeben, 
mussen wir noch daran erinnern, daB China die Auslander und zu- 
mal die Englander um die Mitte des vorigen Jahrhunderts haupt- 



' -^g-JV- 



- 38 - 

sachlich von einer ganz bosartigen Seite kennen gelernt hatte, — 
durch den Opiumhandel und Opiumfluch. In die Jugendzeit Lis 
fiel der schmahliche und fur China ungluckliche Opiumkrieg (1840 
bis 1842); darauf folgte der von England erzwungene und immer 
vermehrte, offene und heimliche Opiumhandel, der Millionen von 
Chinesen ins Verderben hineinfiihrte. Schon als Student, im 
Jahre 1845, erzahlt Li in seinem Tagebuche einen ergreifenden Fall, 
wie eine ihm wohlbekannte Familie durch das Opiumlaster voUig 
zerruttet sei. Freilich hat Li, wie schon erwahnt, fur „niedizinische" 
Zwecke die groBten Mohnfeider angebaut und einen schwunghaften 
Opiumhandel betrieben. Aber personlich hat er sich des Opiums 
enthalten und als Offizier und Beamter mit den strengsten Strafen, 
selbst mit Hinrichtungen, gegen die Opiumsucht angekampft. Ver- 
geblich hat er Gordon von dem Fluche des englischen Opium- 
handels zu uberzeugen versucht. Immer wieder hat er in seinem 
Tagebuche auf die schwere Schuld der Auslander, besonders QroB- 
britanniens, hingewiesen. „Ich weiB, daB durch dies nach Qeld- 
haschen und die kaufmannische Aufdringlichkeit Englands gegen 
China Millionen ungliicklicher Chinesen auf das tiefste erniedrigt 
wurden; kraftige Manner und Frauen wurden arme Land- 
streicher und tiefgesunkene Verbrecher, und Hunderttausende der 
schwacheren meiner Rasse, besonders unter den Frauen, sind zum 
Selbstmord gefiihrt worden. Und das alles, damit Indien gedeihen 
moge! Und das alles, damit der britische Handel in chinesischen 
Hafen blliht! Und das alles, weil Gold und Land in den Augen der 
britischen Regierungj mehr wert sind als die menschlichen Korper 
eines schwachen Vqlkes!" Nach Lis Berechnung kommt auf jeden 
Menschen in Englaiid ein durch das Opium verderbter Chinese. 
„England — stolzes, machtiges, reiches England — England mit 
seinen groBen Heeren, seiner Marine und seinen bedeutenden 
Mannern ist mit Schmach und Schande bedeckt wegen dieses Ver- 
brechens mit dem indischen Mohn!" Auch in poetischer Form hat 
Li mehrfach diesen Gedanken und Stimmungen Ausdruck gegeben, 
am kraftvollsten 1881 in einem „Die Schande des groBen Englands" 
uberschriebenen Gedicht, dessen letzte Strophe lautet: 

„Schande! Schande auf dieses groBe England des Westens, 
Auf seine blinkenden Qewehre, auf alien andern Glanz! 
Darunter ist ein Schwert verborgen, das unsre Seelen stiehlt! 
Nicht als ein Freund kommt England zu uns, . " 



— 39 - 

Sondern mit einem Schrei nach Out und Blut und mehr. 

Das Leben von unzahlig Tausenden 

Versenkt es in den verfluchten Abgrund 

Von jenem Trank, den sie so schamlos pflegen!" 

Diese bitteren Erfahrungen und Stimmungen sind ein Teil des 
Hintergrundes fur die folgenden Bemerkungen uber das Christen- 
tum. 

Die erste Eintragung findet sich im Jahre 1849. Sie beruht auf 
sehr oberfiachlicher Kenntnis und spricht nur HaB aus: „Diese 
fremden Teufel kommen nicht zum Segen des Landes herein. Sie 
predigen und sprechen in lautem Ton, halten ihre Hande hoch und 
behaupten zum Besten des Landes zu kommen, aber ich hore, daB 
jeder Einzelne von ihnen ein bezahlter Agent irgendeiner fremden 
Macht ist, und sie nur hierher kommen, um Uber die Regierung zu 
spionieren." Mit diesem politischen Argwohn verbindet sich starke 
Verachtung: „Diese Schwarzrocke sind von einer Sekte der aus- 
landischen Teufel (namlich der katholischen Kirche), man sagt, es 
gabe viele Sekten, alle hassen sich untereinander, aber alle predigen 
sie ftir denselben Qott, den sie Tien-fu (Himmlischer Vater) nennen. 
Wenn sie solchen Vater haben, kann er nicht stolz auf seine Sohne 
sein, denn es sind ungelehrte Leute und Barbaren." Besonders 
toricht und anstoBig ist ihm die Behauptung, daB Qott seinen Sohn 
auf die Erde kommen lieB, um fur bose Menschen zu sterben. Un- 
willkiirlich wird man an Rom. 5, 6 — 9 erinnert bei den Worten: 
„Welche Lehre! Wenn sie sagten, daB er kam, um fiir die Quten 
zu isterben, so hatte es Sinn, wenn auch im ubrigen ihre Lehren so 
toricht sind, daB ein verniinftiger Mensch keinen Gedanken dariiber 
verliert. Wenn die Qotter gut sind und wollen, daB es die Menschen 
auch sind, werden sie es doch nicht zulassen, daB von ihren 
FamiliengUedern eines wie ein Verbrecher getotet werde um der 
Verbrecher willen." 

Noch in demselben Jahre 1849 tragt er dann nach, was er noch 
inzwischen iiber diese Christen erfahren hat. Es seien romische 
Katholiken aus Frankreich, die in Honan wirkten und zwar, um die 
Leute zu betriigen, in chinesischer Kleidung, selbst mit dem Zopf. 
Er findet es sinnlos und lacherlich, daB sie im Zolibat leben und 
gegen die Kinderaussetzung seien. Als man sie bei der Regierung 
denunziert habe, hatte der oberste Zensor geantwortet, „der Thron 
woUe der fremdlandischen Sekte nicht die Ehre antun, sie zu be- 






-■'■::^ar^ix,Jiic^ 



- 40 - 

achten". AuBerdem heiBe es, „das Land der Franzosen sei sehr 
stark, ganz am andern Ende von Asien", und „diese Schwarzrocke 
seien alle Offiziere der franzosischen Regierung". 

Spater, in den ersten Jahren der Taipingrebellion, hat Li fur die 
Christen — er halt alle Taipingrebellen fiir Christen oder wenigstens 
fur Leute, die durch die Christen verfiihrt sind, — nur den grim- 
migsten HaB. Die Obrigkeit kann gegen sie nicht energisch genug 
auftreten, sie soUe alle vernichten, zu einem langsamen Tode ver- 
urteilen; am liebsten ubte er selbst an ihnen das Amt des Scharf- 
richters. Sogar ein HaBgedicht hat er gegen sie gemacht, aus dem 
hier wenigstens zwei kurze Abschnitte als Proben wiedergegeben 
werden mogen: 

„Verschuttet muB werden ihre Lebenskraft, 

DaB die Schweine unsrer Stalle dariiberherfallen, 

Die Hiihner unsres Hofes, die Hunde, 

Die in den Qassen lungern, 

Ihr Blut lecken und ihre Knochen benagen. 

LaBt sie nirgends finden ein schutzendes Obdach ! 

1st doch Segen verheiBen alien denen. 

Die ihnen herausreiBen die Zungen der LUge, 

Ausbrennen die Hohlen der Augen, 

Die ihnen aufschlitzen die Leiber, 

Salz reiben in die offenen Wunden, 

Abschneiden die Ohren, 

Ihre Fingernagel entwurzeln!" 

Wie ganz anders klingt nun das Urteil aus dem Jahre 1865, 
nach der voUstandigen Unterdrtickung der Taipingrebellion! Li 
Hung Tschang bekennt nunmehr in seinem Tagebuche, daB er friiher 
im Irrtum gewesen, aber jetzt durch ernste und dauernde Erwagung 
zu besserer Erkenntnis gekommen sei. Er habe jetzt die Oberzeu- 
gung gewonnen, daB die Taipings nicht Christen gewesen und auch 
nicht von den Auslandern angestiftet worden seien. Diese Ober- 
zeugung, die ihm schon Gordon habe beibringen woUen, sei ihm in 
den Friedensjahren nach Niederwerfung der Rebellion zur QewiB- 
heit geworden; die Tatsachen hatten bei ihm iiber die Theorien den 
Sieg davongetragen. Die Auslander hatten ihn nicht mehr betrogen 
als seine eignen Landsleute, sie seien, vielleicht aus Furcht, in China 
nicht so schlecht und bosartig, wie man gesagt habe; auBerdem 



- 41 - 

seien es zum Teil gescheiterte Existenzen aus dem Westen. Die 
britischen Beamten in Schanghai hatten ihm einen guten Eindruck 
gemacht. 

Diese mildere Qesinnung wurde dann 1870, nach dem Blutbad 
fm franzosischen Waisenhause in Tientsin, auf die Probe gestellt, 
als Li Hung Tschang dazu berufen war, diesen Zwischenfall zu 
regeln. Da sagt er: „Naturlich ist es krankend fiir unsere Qe- 
bildeten, daB diese Kirchenmanner uns aus alien Teilen der Welt 
zugesandt werden, urn uns die beste Art zu leben und die gluck- 
lichste Weise zu sterben kundzutun, aber die Einwanderungs- 
erlaubnis ist schon vor vielen Jahren gegeben, und es ist jetzt zu 
spat, dagegen zu schreien, wo wir es einmal erlaubten. . . . Den- 
noch, trotz unsers Widerwillens, wenn uns wirklich das warmste 
Interesse fiir China am Herzen liegt, durfen wir uns nicht mehr 
strauben, die Fremden in unser Land kommen zu lassen, mogen das 
nun Kaufleute, Missionare oder Touristen sein. Denn kommen wird 
der Fremde doch auf irgendeine Weise, selbst wenn er mit dem 
Bajonett einmarschiert oder auf der Kanone eines groBen Kriegs- 
schiffes sitzt. Und es ist gut, sogar besser, wenn unser Volk zu 
dieser Einsicht gelangt," ' 

Li betrachtet es als eine ehrenvolle Aufgabe, die franzosischen 
Priester und Nonnen zu schutzen, erwahnt die Absicht Tseng-Kuo- 
fans, bei dem Throne eine Bittschrift einzureichen, daB den Fremden 
voile Duldung im Lande gewahrt werden moge, und hofft, daB er 
selbst im gleichen Sinne einen Aufsatz schreiben konne, den er dem 
Hof vorlegen und, auf seine eignen Kosten in vielen Tausenden von 
Exemplaren unter dem Volk verbreiten will. Die Urheber des 
Blutbades will er, den Wiinschen der auslandischen Konsuln ge- 
maB, streng bestrafen, wenn er auch dartiber klagt, daB die Aus- 
lander gleich jede Beschwerde an ihre Staatsregierung, statt vor 
die chinesischen Behorden bringen, daB die fremden Konsuln so 
vol! MiBtrauen sind und so oft mit den entgegengesetzten Forde- 
rungen an ihn herantreten. Ja, er fiirchtet, Frankreich und RuBland 
suchten bei alien diesen Verhandlungen nur einen Vorwand zum 
Kriege. Freilich klagt Li zugleich iiber die „Apathie der Kaiser- 
lichen Regierung". Er selbst mochte die chinesischen Provinzial- 
beamten personlich fiir Leben und Eigentum der Christen verant- 
wortlich machen und begriiBt mit Freude ein Edikt, in dem Tsen- 
Kuo-fan fiir die Unschuld der Fremden eintritt. In dem gleichen 



— 42 - 

Sinne will er selbst gesetzgeberische MaBnahmen erwirken. Er 
preist die Ermordung des weitherzigen Generals Ma-Yu-kan als ein 
ehren voiles Martyrium zugunsten der Fremden: „er starb fur China, 
aber als chinesischer Martyrer fur den Qott der Westlichen". Spater 
berichtet er iiber die Hinrichtung der Schuldigen und flicht in sein 
Tagebuch ein Verhor ein, das er mit einem nichtswurdigen, zum 
Katholizismus ubergetretenen Chinesen angestellt habe. Derselbe 
versucht trotz der Qegenwart des franzosischen Priesters zunachst 
seinen Obertritt zu leugnen, gesteht ihn aber dann zu und wird nun 
zwar von der Todesstrafe befreit, aber von der ganzen Kuste aus- 
gewiesen. Li macht auch die Bemerkung: „Ich glaube, daB ver- 
achtliche, lugnerische chinesische Beamte oft diese Aufstande gegen 
die Fremden schuren." 

Eine Reihe von Jahren spater, 1886, finden sich endlich folgende 
Eintragungen: „Ich gewinne mehr und mehr die Oberzeugung, daB 
die christliche Religion gar nicht urn ihrer selbst willen so verhaBt 
ist, sondern, daB die Erbitterung, die mehr oder weniger in ganz 
China gegen die fremden Teufel herrscht, darin begrundet ist, daB 
sie eben „auslandisch" ist. Wahrend mehrerer Jahre habe ich der 
Religion des Westens ein recht eingehendes Studium gewidmet und 
viel daruber nachgedacht, und ich kann nicht finden, daB sie sich 
mit unserer Philosophie im Widerspruch befindet. Im Qegenteil, 
die Lehren des Konfuzius und die von Jesus scheinen beide auf einem 
erhabenen Standpunkt zu stehen, geschaffen und verbreitet zur 
Besserung der Menschheit, der „Heiden" sowohl wie der Christen. 
Soviel weiB ich, daB, wenn mein Los so gefallen ware, daB ich in 
England, Frankreich oder Amerika lebte, ich selber gem ein Christ 
ware; denn das ist die Religion jener Lander, und ein Mann, der 
sein Leben nach diesen Grundsatzen fuhrt, wurde alle Schwierig- 
keiten vermeiden und geachtet werden, er wtirde nicht an Kon- 
fuzius denken, denn er wtirde seiner und seiner Lehre nicht be- 
diirfen. Umgekehrt ist es dasselbe mit China: ich habe kein Ver- 
langen nach Christus, wenn ich nur unserm eignen groBen Philo- 
sophen folge. Aber wenn ich daher auch nicht einen personlichen 
Ruf zur christlichen Religion empfinde, so will ich mich doch ihr 
nicht feindlich gegeniiberstellen. Ich glaube vielmehr, daB es 
Tausende, vielleicht Millionen in China gibt, die in gewisser Weise 
einen Segen durch die Kenntnis von Jesus erfahren wurden, be- 
sonders well sie sich gar keine Muhe geben, sich nach den Vor- 
schriften des Konfuzius zu richten." 



^S^fcip" 



- 43 - 

So schlieBt dieser Abschnitt, der mit einer schrillen Dissonanz 
begann, in relativer Harmonie. Li Hung Tschang hat das Christen- 
tum positiv wurdigen gelernt und, wenn er es auch personlich fur 
sich ablehnt, so halt er es doch fiir einen Segen fiir Tausende oder 
Millionen seiner Landsleute. Ja, im Jahre 1895, als er da von er- 
zahlt, wie zwei schlichte japanische Christen weither zu ihm ge- 
icommen seien, urn nach dem Attentat von Schimonoseici sich nach 
seinem Befinden zu erkundigen, ihm Heilmittel zu bringen und fur 
ihn zu beten, macht er in einer augenblicklichen Ruhrung sogar die 
Bemerkung: „Ich Hebe die Japaner nicht, aber vielleicht konnte das 
Christentum mich dazu bringen." — 

Es ist dankenswert, daB wir auf Qrund der veroffentlichten 
Memoiren die Stufen dieser Entwicklung deutlich unterscheiden 
konnen. Aber es ist schade, dafi aus der Fulle des vorhandenen 
Materials uns nicht mehr mitgeteilt ist, was in die innere, sachliche 
Auseinandersetzung Lis mit dem Christentum einen Einblick ge- 
wahrt. So, wie sie vorliegen, haben die „Memoiren" nicht in 
erster Linie fUr die religiosen Probleme Wert, sondern sie sind ein 
Beitrag zur Charakteristik eines der bedeutendsten Staatsmanner 
und zur Kulturgeschichte Chinas, daneben, wie ich das anderswo 
ausgefuhrt habe, eine wahrscheinlich nicht absichtslose Darsteliung 
der chinesischen Politik in dem Zeitraum von 1850 bis 1901. Ich 
hoffe aber dargetan zu haben, wie wertvoll in mannigfacher Hin- 
sicht diese Memoiren fiir die Freunde unseres Missionswerkes sind. 



Halbjahrsbericht 

des Superintendenten D. Emil Schiller zu Kyoto. 
(Abgeschlossen am 15. Oktober 1915.) 

A. Die religiose Lage in Japan. 

1. Die Feier der Thronbesteigung des Kaisers. 

Augenblicklich steht ganz Japan unter dem tZeichen der Kaiser- 
kronung, oder vielmehr, da es eine eigentliche Kronung in Japan 
nicht gibt, der Feier der Thronbesteigung des regierenden Kaisers 
Yoshihito. Dieselbe wird in Kyoto stattfmden, das fast elf Jahr- 
hunderte hindurch (bis zum Jahre 1869) die Hauptstadt Japans ge- 
wesen ist, und wird hier den groBten Teil des Monats November 
ausfuUen. Aber das ganze Land nimmt daran teil, und vorher und 
besonders nachher werden vor allem in der jetzigen Hauptstadt 



- 44 - 

Tokio Festlichkeiten stattfinden. Die Hauptfeiern bestehen darin, 
daB der Kaiser am 7. November in feierlicher Weise seinen Einzug 
in Kyoto halt, daB er dann am 10. November im Tempel des Palastes 
den Qeistern seiner Ahnen seine Thronbesteigung formell mitteilt, 
daB am 12. November kaiserliche Abgesandte diese Anzeige alien 
groBen nationalen Shintotempeln im Lande tiberbringen, daB am 
14. November den kaiserlichen Ahnen im Palasttempel zu Kyoto 
Reisopfer dargebracht werden, daB dann der Kaiser eine Wallfahrt 
zu dem Tempel der Sonnengottin in Ise macht, welche als die Ahn- 
herrin des Kaiserhauses betrachtet wird, und spSter Wallfahrten 
zum Grabe von Jimmu Tenno, dem sagenhaften ersten Kaiser 
Japans, dessen Regierungsantritt offiziell in das Jahr 660 v. Chr. 
verlegt wird (die wissenschaftliche Forschung rtickt dieses Datum 
freilich einige Jahrhunderte weiter herab), und daB darauf Wall- 
fahrten des Kaisers zu den Qrabern seiner vier letzten Vorfahren er- 
folgen. Bei dieser Qelegenheit werden vom Kaiser die Kronregalien 
nach Kyoto mitgenommen und spater wieder nach Tokio zuriick- 
gefiihrt. Diese bestehen nicht, wie bei uns, aus Krone und Zepter, 
sondern vielmehr aus Schwert, Spiegel (dem Sinnbild der Sonne) 
und Halsschmuck mit magatama (das sind zylinderformige, ge- 
bogene, polierte bunte Steine, wie sie in alten Zeiten von Fursten 
und Adeligen als Schmuck getragen wurden). AUe drei Dinge sollen 
von der Sonnengottin dem japanischen Kaiserhause vermacht 
worden sein. Doch sollen der echte Spiegel im Tempel der Sonnen- 
gottin zu Ise und das echte Schwert im Tempel zu Atsuta bei Nagoya 
aufbewahrt sein, wahrend die entsprechenden Stiicke im kaiser- 
lichen Besitz Nachbildungen darstellen, die im Auftrage des Kaisers 
Sujin 92 V. Chr. angefertigt sind. 

Diese ganze Feier ist etwas, was einen tiefen Eindruck auf das 
japanische Volk machen wird, an welcher alle in alien Teilen des 
Landes teilnehmen, in einer Weise, wie wir es uns nicht recht vor- 
stellen konnen. Kyoto erwartet Millionen von Besuchern. Wenn 
der Ministerprasident im Palaste das feierliche Hoch (Banzai) auf 
den Kaiser ausbringt, so wird erwartet, daB das ganze Land ein- 
stimmt. Zum Zeichen wird nicht nur das Militar Salutschiisse 
feuern, sondern auch alle Lokomotiven und Fabriken werden mit 
den Dampfpfeifen das Signal geben, die Eisenbahnziige werden ihre 
Fahrt fiir drei Minuten verlangsamen, und die Postbeamten auf den 
StraBen werden Banzai rufen. Das Kaiserhaus, das seit den Anfangs- 
zeiten der japanischen Qeschichte regiert, nimmt ja im japanischen 



^w?p-"-" 



- 45 -> 

Volke eine andere Stellung ein, als die Monarchen in Europa. Es 
regiert nicht nur „von Gottes Qnaden", sondern ist selber gottlicher 
Art, abstammend von der Sonnengottin. Und wenn auch der re- 
gierende Kaiser nicht gerade direkt als ein Qott verehrt wird, so 
werden doch die verstorbenen Kaiser unter die Shintogotter ge- 
rechnet. Die Qottlichkeit des Kaiserhauses ist das zentrale Dogma 
des japanischen Volkstums, an welchem auch heute noch nicht ge- 
riittelt wird, trotz aller Modernitdt des japanischen Staatswesens, 
trotz der geschichtlichen Tatsache, daB japanische Kaiser jahr- 
hundertelang eifrige Buddhisten gewesen sind, daB sie zeitweise in 
unwtirdiger Armut gelebt haben, weil man ihre Macht beschranken 
wollte, daB Kaiser abgesetzt, verfolgt, ja ermordet worden sind. Das 
Kaiserhaus als solches blieb immer bestehen und ist nie angetastet 
worden; es gait immer als die Quelle der Regierungrsgewalt, und der 
hatte die Herrschaft in Handen, der sich des Kaisers bemachtigt 
hatte. Es hat diese Tatsache der Existenz des japanischen Kaiser- 
hauses seit uralten Zeiten unbestritten etwas Ehrwiirdiges, wenn 
diese Existenz auch nur durch die weitgehende Anwendung von 
Adoption erhalten werden konnte. 

Es muB jedem Europaer merkwiirdig erscheinen, daB diese 
Eeier 3/^ Jahre nach der tatsachlichen Thronbesteigung abgehalten 
wird. Das erklart sich aus der Umstandiichkeit des japanischen 
Zeremoniells, welches dann wieder eine Widerspiegelung der zere- 
moniellen Umstandiichkeit des japanischen Volkscharakters ist. Die 
Feier konnte nicht stattfinden, so lange das Trauerjahr fur den ver- 
storbenen Kaiser wahrte, sie wurde dann verhindert durch die 
Trauer ftir die verstorbene Kaiserin, sie wurde welter hinausge- 
schoben durch die Notwendigkeit umstandlicher Vorbereitungen. 
1 Dazu gehorten weniger die vielen Bauten, die man in Kyoto auf- 
' fuhren muBte, als vielmehr die Herstellung des rituell heiligen Reises 
iuT die Opfer und das Staatsbankett. Die Felder, auf denen der Reis 
gezogen werden sollte, konnten wahrend der Trauerzeiten nicht aus- 
gewahlt werden; die Auswahl fand in ritueller Weise statt; sie 
wurden dann unter Vollziehung von Shintoriten geweiht; die Ar- 
l)eiter und Arbeiterinnen muBten ebenfalls geweiht werden, und 
gingen nach Vollziehung religioser Zeremonien in alter Shintotracht 
an ihre Arbeit. Ahnliches war bei der Produktion von Tee und Sake 
(Reiswein) zu beobachten, wie auch bei vielen anderen Dingen. 
Japan schwelgt jetzt geradezu in zeitraubenden Zeremonien, es 
schwelgt in der Wiederholung uralter Sitten und Qebrauche, in der 



- 46 - 

Reproduzierung alter Trachten fur diese Zeremonien. Man konnte 
dariiber Bande schreiben, so wie sie in Japan jetzt auch tatsachlich 
geschrieben werden. Fiir einige Zeit wird in Japan vieles, die groBe 
Politik, wie auch der Fortschritt im geistigen Leben, stille stehen, 
weil alle Qedanken sich nur auf die Thronbesteigung und ihre Be- 
ziehung zur Vergangenheit, auf alte Sitten und Riten konzentrieren. 

2. Bedeutung dieser Feier fiir das geistige Leben 

Japans. 

Es unterliegt keinem Zweifel, daB durch diese Feier und das da- 
durch verursachte Eintauchen in die Vergangenheit, in uralte Ideen 
und Sitten, der nationaie Sinn des japanischen Volkes eine be- 
deutende Steigerung erfahren wird, daB man sich auch seiner Be- 
sonderheit gegeniiber anderen Volkern starker bewuBt werden 
wird *), daB damit auch die alte Shintoreligion dem Volke wieder 
starker in den Vordergrund des BewuBtseins tritt. Man muB in 
diesem Falle wohl unterscheiden zwischen der Bedeutung dieser 
Feier fiir das innere Leben des japanischen Volkes und der Inter- 
pretation, die man davon dem Auslande zu geben beliebt. Im Volke 
wird jetzt erst recht unbefangen von der Qottlichkeit des Kaiser- 
hauses geredet und geschrieben, man redet von der Sonnengottin 
und von anderen Shintogottheiten als von den gottlichen Ahnen 
des Kaiserhauses, man bringt ihnen Opfer dar und betet zu ihnen 
bei den Tempeln, so daB eigentlich kein Zweifel an dem religiosen 
Charakter dieser Dinge sein kann. In demReligiosen besteht ja gerade 
ein g:ut Teil des Feierlichen und Ehrwurdigen bei der Kronungsfeier. 
Aber dem Auslande, wie auch denen gegeniiber, die im Volke selbst 
als Qlieder anderer Religionen oder um ihrer fortgeschrittenen Ideen 
willen etwa Gewissensbedenken bei der Beteiligung an einem 
Shmtoakte haben, hat man die Erklarung bereit, daB es sich nicht 
um etwas Religioses, sondem nur um alte, japanische Sitten handele. 
So wurden z. B. vor kurzem die Vertreter der auslandischen Presse 
zu einer Besprechung geladen, damit ihnen Egi, einer der Vize- 
prasidenten der Kronungskommission, diese Interpretation geben 
konnte. Die Feier sei nicht, wie manche Leute glaubten, etwas Re* 



*) Die iibliche Bezeichnung der Auslander als ijin, die man fort-^ 
wahrend in Japan hort, wird immer mehr im Sinne von .verschiedenef- 
Mensch* gebraucht, zur Betonun? der Verschiedenheit vom Volke des 
Landes, wahrend der urspriingliche Sinn von ,Barbar" immer mehr 
zuriicktritt. I ist gleich ebisu (Barbar); in Kyoto wird noch vielfach auf 
den StraBen das letztere unzweideutige Wort benutzt. 



-.jo^-^^jV --r?^ 



— 47 ~ 

ligioses, sondern habe mit der Ahnenverehrung zu tun, welche ein 
Charakteristikum des japanischen Volkes sei — als ob Ahnen- 
verehrung etwa kein religioser Kult sei; die Feier sei eine nationale 
Sache, weshalb ja auch die Kosten von der Nation getragen wiirden; 
die damit betrauten Beamten seien Regierungsbeamte, und nicht 
Priester, und jede Klasse der Nation sei bei der Feier vertreten; 
wenn die Vertreter des Auslandes zu der hochsten Feier, dem Dai- 
josai (der Darbringung der Reisopfer), nicht zugelassen wurden, so 
erklare sich das nicht etwa aus FremdenhaB, sondern vielmehr dar- 
aus, daB dieser Ritus ein sehr alter und heiliger von rein japanischem 
Charakter sei, der keine Spur von auslandischem Einflusse (also von 
chinesischem oder buddhistischem) enthalte. Die Frage bleibt trotz- 
dem off en, warum man sie denn nun eigentiich nicht zul^t? Er- 
tragt das das Shintorituell nicht, daB Auslander zugegen sind? — 
Auf jeden Fall ist Shinto um seiner Primitivitat willen ein Anachro- 
nismus in einem modernen Staate, und da Japan den Ehrgeiz hat, 
ganz modern zu erscheinen, wozu nach japanischer Auffassung auch 
vollige Trennung von Staat und Religion gehort, so lost man den 
Knoten und alle Qewissenskonflikte von einzelnen in der Weise, daB 
man einfach erklart, Shinto sei keine Religion, sondern ein Staats- 
kult, freilich ein solcher mit Tempeln und Priestern und Opfern und 
Qebeten! Auf die im Shinto fur das japanische Volk liegende Forde- 
rung der nationalen Qesinnung mochte man unter keinen Urastanden 
verzichten. Und so kommt denn etwas Unklares, Vieldeutiges her- 
aus, und in den Reden der Staatsbeamten wird dann natiirlich die 
feine Unterscheidung gar oft beiseite gelassen. So ist die Instruk- 
tion charakteristisch, die der damalige Minister des Innern, Vicomte 
Oura, im Friihjahr zu Tokio den Regierungsprasidenten auf deren 
Jahreskonferenz gab, daB sie sich bemuhen mochten, in ihren Be- 
zirken Shinto zu pflegen; Shinto sei ein Staatskult, und die Nation 
miisse ihm die hochste Ehre erweisen; sehr erfreulich sei das Be- 
streben in der jetzigen Zeit, die Shintotempel besser zu pflegen; be- 
sonders in diesem Jahre der Kaiserkronung gezieme es sich, an die 
engen Beziehungen zwischen Shinto und Kaiserhaus und Staat sich 
zu erinnern; man soUe sich bemiihen, das Shintosystem zu ver- 
bessern, die Personlichkeiten der Priester zu heben und ihnen neuen 
Qeist und neuen Eifer einfloBen; man soUe dafiir sorgen, daB Shinto 
im Volke mehr gepflegt werde, damit dadurch der eigenartige 
nationale Qeist Japans Starkung erfahre. Hierzu bemerkt die von 
Japanern herausgegebene „Japan Times" in ihrem Leitartikel vom 



- 48 — 

23. April 1915: ,^eichen eines Wiederaufbluhens von Shinto sind 
alierdings vorhanden. Neue Tempel werden an Stelle der alten er- 
richtet, und itberall sucht man die alten zu renovieren. VortrSge 
uber Shinto werden mit Enthusiasmus gehort, und manche Shinto- 
priester haben groBen Eifer, ihrem Kultus neuen Sinn und neue Kraft 
zu geben. Alles das ist ein Zeichen, daB eine Welle neuen Eifers 
durch die Shintowelt geht, was ohne Zweifel so lange dauern wird, 
als das Kaiserhaus im Aufsteigen begriffen ist, und gute Patrioten 
nehmen an, daB dies dauernd der Fall sein werde. Shinto ist seinem 

Wesen nach eine Religion zur Verherrlichung der Dynastic 

DaB Shinto unter den jetzigen Umstanden mehr EinfluB gewinnen 
wird, erscheint natiirlich." Der Artikel betont dann alierdings die 
Notwendigkeit einer Hebung des Shinto-Priesterstandes und warnt 
vor allzu engem Nationalismus. 

Nehmen wir das alles zusammen, so ist Rein Zweifel, daB Shinto 
als Sinnbild des nationalen Qeistes Japans und als Mittel zur Pflege 
desselben wieder hoher im Kurse steht, und daB die Kronungsfeier 
ihn erst recht heben wird. Es hangt das zusammert mit dem Wachs- 
tum des japanischen NationalbewuBtseins iiberhaupt, wozu die un- 
aufhaltsame Entwicklung Japans in dem letzten Vierteljahrhundert: 
die Erwerbung von Formosa mit den Peskadoren, von halb Sachalin, 
von Port Arthur in Verbindung mit der Festsetzung in der Man- 
dschurei, von Korea, die Festsetzung in Tsingtau und damit in 
Schantung und weiter auf den siidlichen Inseln, das Wachstum von 
Japans Industrie und Handel, sein politisches Emporsteigen zu einer 
augenblicklich viel umworbenen Weltmacht wesentUch beigetragen 
haben. Japan fiihlt nicht nur seine Bedeutung, sondern auch seine 
Besonderheit unter den Nationen, und das letztere erscheint ihm 
sinnbildlich im Shinto dargestellt. 

3. DerjapanischeBuddhismus. 
Es ware nun aber falsch, bei dieser ganzen Entwicklung auBer 
acht zu lassen, daB iiberhaupt der religiose Sinn in Japan im Auf- 
steigen begriffen ist, und daB ein guter Teil des neuerlichen Inter- 
esses am Shinto damit zusammenhangt. Es weht heute in Japan 
eine andere Luft, als vor einem Vierteljahrhundert, wo gebildete 
Japaner sich schamten, uberhaupt noch etwas mit Religion zu tun 
zu haben, und Auslandern gegeniiber ihre religiosen Oberzeugungen 
verleugneten. Jetzt bliiht nicht nur der Shinto, sondern auch der 
Buddhismus, der letztere trotz all der groBen Tempelskandale in- 



- 49 - 

iolge von Unterschiagungen, MiBbrauch anvertrauter Gelder, Ver- 
schwendung von seiten der leitenden Priester, Dinge, welche in den 
letzten Jahrzehnten unaufhorlich die Offentlichkeit beschaftigt haben. 
Die Buddhisten fiihlen sich und ihre Stellung, sie verlangen, daB ihre 
Priester bei der Feier der Kaiserkronung nicht in der Hoftracht, 
sondem in der Priesterkleidung zugelassen werden, ja, das Haupt 
einer der groBten Sekten hat sogar fUr sich die Teilnahme abgelehnt, 
weil ihm bei der Feier nicht der gebiihrende Platz zugeteilt sei. Die 
buddhistischen Praiaten sind ohne weiteres zu der Feier eingeladen 
worden, wahrend Vertreter des Christentums tiberhaupt nicht mit 
Einladungen bedacht worden sind, was die Regierungsorgane in der 
Weise zu rechtfertigen suchen, daB sie darauf hinweisen, dafi es 
christliche Qeistliche mit entsprechendem Hofrange iiberhaupt nicHt 
gebe. Ob hier nicht doch die Erfahrung mitspielt, dafi die Buddhisten 
den Shintozeremonien gegeniiber sich wilifahriger verhalten, als die 
Christen? Qibt es doch buddhistische Sekten, welche sogar Shinto- 
tempel in ihren Vorhofen haben. Oberhaupt hat ja der Buddhismus 
einen so unentschiedenen, verschwommenen, kautschukartigen 
Charakter, daB er es fertig bringt, zu allem Moglichen Ja zu sagen. 
So wundern wir uns nicht, daB die Zeitschrift „Shin Bukkyo" (Neu- 
Buddhismus), das Organ der fortschrittlichen Buddhisten, in seinen 
Ausfiihrungen vom 1. Februar 1915 den Standpunkt der Christen 
nicht verstehen kann, welche im Oktober vorigen Jahres die Regie- 
rung baten, offentlich zu erklaren, daB die Anbetung bei den Shinto- 
tempeln keine religiose Handlung sei. Fiir die Buddhisten gibt es 
kein solches Qewissensbedenken. Denn „von unserem pantheisti- 
schen Standpunkte betrachtet, ist alles Gott. Wenn Gott alles durch- 
dringt, dann ist auch der Mensch oder irgendein Teil von ihm Gott. 
. . . Es ist deshalb falsch, die Anbetung von materiellen Gegen- 
stMnden oder von Vorfahren als etwas Niederes oder Unzivilisiertes 
2u betrachten. Vom pantheistischen Standpunkte aus hat man viel- 
mehr einen tiefen Grund dafiir. . . . Es ist ein groBer Fehler der 
Christen, daB sie von ihrer Verachtung des sogenannten Gotzen- 
dienstes und der unzivilisierten Religionen sich so welt hinreiBen 
lassen, dafi sie den wahren Sinn solcher Glaubensformen nicht be- 
achten. Wir halten dergleichen vielmehr fiir wichtige Hilfsmittel, 
um ins Innere der Religion einzudringen, fiir einen wesentlichen Teil 
des universellen Glaubens. . . . Hinzu kommt, dafi vom Standpunkte 
unserer nationalen Gefiihle aus die Ahnenverehrung sich von 
unserem geschichtlichen Leben nicht losl^sen l^t. Sie ist das Mark. 



- 50 - 

unserer nationalen Moral und Religion und soUte noch viel mehr ge- 
ehrt und geschutzt werden. Es wSre Wahnsinn, durch die Ver- 
fuhning eines vom Auslande her importierten Qlaubens, solch ein 
wesentliches nationales Charakteristikum zu zerstoren. . . . Von 
hier aus erscfaeint es unsinnig, eine Scheidelinie zwischen Shinto- 
tempeln und Religion zu Ziehen. . . . Das wiirde nur unnotige Kom- 
plikationen verursachen. . . . Man soil lieber die Shintotempel deut- 
lich zur Religion rechnen. Dann wird die Verlegenheit fiir das 
Kaiserhaus aufhoren. . . . Wir lassen nicht ab, die Christen zu er- 
mahnen, daB sie den Weg einschlagen, den die Buddhisten gegangen 
sind, und sich entweder den nationalen Einrichtungen anpassen oder 
das Land verlassen!" Hierzu bemerken wir, daB die Buddhisten 
ganz zu vergessen scheinen, daB sie auch eine vom Auslande aus 
importierte Religion vertreten, daB Ahnenverehrung nicht nur in 
Japan, sondern auch in China und sogar in Afrika existiert, daB sie 
zu einer gewissen Stufe der religiosen Entwicklung gehort, und end- 
lich, daB es wirklich scheint, als ob nur die Christen auf ein sauberes 
Qewissen Wert legten, daB das Luther wort: „Hier stehe ich, ich 
kann nicht anders!" tatsachlich nur aus einem christlichen Qewissen 
stammen konnte. 

In den letzten Jahrzehnten hat sich der japanische Buddhismus 
immer mehr auch der Propaganda im Auslande, namentlich in 
Amerika und China, angenommen. Die letztere Arbeit erfuhr vor 
einiger Zeit besondere Beachtung, well die japanische Regierung, die 
durch den Weltkrieg in Ostasien geschaffene Lage ausnutzend, eine 
Reihe von Forderungen an China stellte, zu denen auch das Recht 
der religiosen Propaganda gehorte, wie es die Christen dort schon 
langst besitzen. Es ist diese Forderung freilich von China nicht 
angenommen und schlieBlich von Japan wieder zuruckgezogen 
worden. Eine Zeitlang sah es nun aus, als ob das in Japan eine groBe 
Aufregung hervorrufen wiirde. Eine im Parlamente in dieser Be- 
ziehung eingebrachte Petition ist aber ergebnislos verlaufen. Der 
Grund ist, daB einmal die Forderung selber mehr politischen, als 
religiosen Qriinden ihre Entstehung verdankte, und sodann daB die 
Petition vor allem dazu dienen soUte, das Fiasko in Japan inner- 
politisch auszunutzen, um dem Ministerium Schwierigkeiten zu 
machen. DaB in Wirklichkeit kein groBer Eifer von seiten der Bud- 
dhisten hinter der Forderung stand, hat die „Japan Times'* am 
21. Mai ganz richtig ausgefUhrt: „In bezug auf das Viele, was neuer- 
dings iiber diese Sache geschrieben worden ist, ist es nur merk- 



— 51 - 

wurdig, dafi so wenig aiis religiosen Kreisen selber kommt, obwohl 
es doch eine wesentlich religiose Frage ist, daB die, welche am 
lautesten geschrien haben, am wenigsten von religiosen Motiven ge- 
trieben sind. Im Prinzip ist es natiirlich sehr wiinschenswert, daB 
wir in bezug auf die religiose Propaganda dieselben Rechte in China 
wie die anderen Machte erlangen, und es gibt starke Qrunde daftir, 
dieses Rfecht zu fordem. Aber daB die Erwerbung desselben so 
groBe Eile habe, scheint nicht der Fall zu sein. . . . Vorlaufig bedarf 
der Buddhismus in Japan, um eine sozial-religiose Kraft von Kultur- 
wert zu gewinnen, einer griindlichen Reform seiner Priesterschaft, 
und die, welche in dieser Beziehung wirkliche Qualifikation haben, 
sind zu Hause bitter notig. Junge Priester, welche sich fiirs Ausland 
anbieten, sind in der Regel Abenteurer mit Hintergedanken, welche 
vom internationalen Standpunkt aus mehr schaden als nutzen konnen 
(tatsSchlich haben die japanischen buddhistischenMissionare in China 
einen iiblen Ruf. Anm. des Verfassers.) . . . Die Leute, welche 
jetzt diese Forderung vertreten, tun es, well sie denken, daB die 
christlichen Missionare in China seien, um auf irgendeine Weise 
politische oder okonomische Vorteile fiir ihr Land zu erwerben, und 
daB Japan auch seine Priester zu gleichem Zwecke dorthin schicken 
solle. . . . Aber Priester, welche anderen Zwecken, als ihrer reli- 
giosen Arbeit dienen, sind nur Heuchler und konnen nichts wahrhaft 
Qutes leisten. Wir soUten keine japanisch-buddhistische Propa- 
ganda in China unternehmen, bis wir wirklich Priester von edlem 
Charakter besitzen." . . . Augenblicklich ist die ganze Frage in Ver- 
gessenheit geraten. Aber es ist kein Zweifel, daB sie wieder auf- 
tauchen wird, einmal aus politischen Qriinden, aber auch um des 
Erstarkens des Selbstgefiihls der japanischen Buddhisten willen. 

4. Das Christentum in Japan. 

Qegeniiber der Frage der Kaiser-, Helden- und Ahnenverehrung, 
also dem Shinto gegeniiber, ist das japanische Christentum augen- 
blicklich in einer schwierigen Lage. Das vom Christentum gescharfte 
Qewissen verlangt die Enthaltung von solchen Dingen, das starke 
japanische Nationalgefuhl fordert Beteiligung daran aus Patriotis- 
mus. Das christliche Qewissen der Japaner wSre froh, wenn die 
Regierung deutlich und klar den ganzen Staatsshinto fiir nicht-reli- 
gios erkl^te, was naturlich das japanische Volk nicht hindem 
wiirde, bei den Shintotempeln religiosen Kult zu treiben. Aber es 
wurden dann zweierlei Leute zu den betreffenden Tempehi gehen: 



— 52 — 

die einen, die es nach wie vor aus religiosen Qrtinden tun, die 
andern, die keine religiosen Qedanken damit verbinden und nur 
ihren Patriotismus zum Ausdruck bringen wollen. So geschieht es 
tatsachlich schon heute. Aber daB die Christen vorlaufig zogern, 
etwas so Zweideutiges mitzumachen, ist natiiriich. Sie miissen 
sich darum in der Offentlichkeit manches harte Wort sagen lassen. 
So heiBt es z. B. in der buddhistischen Zeitschrift „Keisei" vom 
1. Februar: „Nach unserer Ansicht ist der Tempelgang und das 
Qebet fiir die Wohifahrt des Landes etwas, was alle Religion iiber- 
trifft, die notwendige Pflicht der ganzen Nation, eine notwendige 
AuBerung eines loyalen Herzens, etwas, woruber man nicht im 
Zweifel sein sollte. Jeder, der in unserm unverganglichen Kaiser- 
reiche geboren ist, sollte als ein treuer Untertan die Wallfahrt zu den 
Ahnentempeln des Kaiserhauses als ganz naturlich ansehen, als eine 
Handlung, die hoher ist, als alle Religion und alles Sektengefiihl, als 
erhaben Uber alles. Was sollte man fur einen Qrund haben, dieses 
voUkommene und schone Qefiihl zu kritisieren, zu verwerfen oder 
abzuweisen, man nenne es Anbetung, Qebet, oder wie man wolle?" 
. . . Vielleicht wirkt bei solchen AuBerungen immer das Bestreben 
mit, dem Christentum eins anzuhangen; auch scheint es solchen 
Leuten gar nicht in den Sinn zu kommen, daB man fiir das Wohl des 
Landes und des Kaiserhauses auch an anderen Orten als bei Shinto- 
tempeln, z. B. in christlichen Kirchen, beten konne. Im iibrigen fahrt 
der Artikel in dem Tone popularer Logik weiter fort: „Auch unsere 
Ahnen sind von Qott geschaffen. Und ein Qott mit einem edlen 
Charakter wird ganz zufrieden damit sein, wenn man die Ahnen an- 
betet und ehrt, welche unserem Volke so viele Segnungen und Wohl- 
taten gebracht haben." Und zur Frage der Religionsfreiheit heiBt 
es: .J'reiheit der Religionen ist allerdings in unserer Verfassung 
garantiert, aber nur so weit, als man nicht mit unsem nationalen 
Einrichtungen in Konflikt kommt. Europaisches Christentum muB 
also in der Weise reformiert werden, daB es diesen Institutionen 
und unserm nationalen Charakter nicht widerspricht" Da hatten 
wir denn wieder das Dogma von der Unfehlbarkeit des japanischen 
Nationalcharakters, der keiner Reform von auBen her bedarf. 

Es ware nun falsch anzunehmen, daB etwa das Christentum um 
dieser Dinge willen in Japan in KonlUkt mit den Behdrden kame. 
Das modeme Japan legt amtlicherseits viel zu viel Wert anf korrekte 
Beziehnngen zu Europa und besonders zu Amerika, ist in religiosen 
Dingen weitherzig und hat den sittlichen Wert des Christentums far 



-Sa- 
die Volksgesundheit langst erkannt. Besonders das Okuma- 
Ministerium ist in dieser Bezieliung durcli seine Vergangenheit zur 
Weitherzigkeit verpflichtet und nimmt den Missionen gegeniiber eine 
freundiiche Stellung ein. Augenblickiich steht das Christentum in 
Japan auBerlich so frei und geaclitet da, wie noch nie zuvor. Zwar 
die Prachtbibel, welche der amerikanische Qeistliche Dr. Sturge aus 
Anlafi der Kronungsfeier dem japanischen Kaiser als ein Qeschenk 
der japanischen Christen in Amerika iiberreichen wollte, ist vom 
Minister des kaiserlichen Haushalts entgegengenommen worden, so 
daB der Kaiser selbst direkt nicht mit dem Christentum in Beziehung 
getreten ist. Aber Dr. Sturge ist offentlich sehr gefeiert worden, 
auch vom Ministerprasidenten selber, so dafi er wohl diese Reise 
nach Japan als einen groBen Erfolg betrachten wird. Das Ministerium 
hat auch den Kaiser veranlaBt, immer wieder Stiftungen fur indirekt 
christliche Zwecke zu machen, so z. B. 50 000 Yen fur das St.-Lukas- 
Hospital in Tokio, das, in den Handen der bischoflichen Kirche, zu 
einem groBen internationalen tiospitale ausgebaut werden soil, und 
3000 Yen fur die Heilsarmee usw. Auch die besondere Evangeli- 
sationsarbeit dieses Jahres ftihrte nicht nur zu Predigten und reli- 
giosen Vortragen, sondern auch zu einem groBen Festessen in Tokio, 
an dem hohe Staatsbeamte teilnahmen und der Ministerprasident 
Qraf Okuma eine bedeutsame Rede hielt, in der der Passus vor- 
kommt: „Die Qeschichte der protestantischen Missionen in Japan 
wahrend der ietzten 50 Jahre ist merkwurdig frei geblieben von 
blutigen Konflikten, welche doch die Ausbreitung des Christentums 
in anderen Landern charakterisierten. Dies kam daher, daB die 
Missionare des Westens Kunste des Friedens ins Land brachten, 
ahnlich wie es die Buddhisten von China und Indien zwolf Jahr- 
hunderte friiher getan batten, und zuerst sich an die intellektuelien 
und oberen Klassen gewandt haben. Christlicher EinfluB auf die 
Japaner muB darum nicht nur nach der Zahl der Bekehrten ge- 
messen werden, soviele es auch sein mogen, sondern die sozialen, 
politischen, philantropischen und andere Einrichtungen Japans ver- 
korpern mehr oder weniger den Qeist und die Ideale der Lehre 
Christi. Die Vereinigten Staaten von Amerika und Japan sind fast 
die einzigen Lander der Erde, wo wahre Qewissensfreiheit direkt 
garantiert ist. In bezug auf die soziale Hiifsarbeit insbesondere ist 
das modeme Japan ganz besonders den vereinigten Anstrengungen 
der ausl^dischen Missionen und der japanischen Christen zu Dank 
verpflichtet. Und vor allem ist die Frauenfrage ein fur allemal ge- 



— 54 - 

lost worden, nachdem indische Philosophic (soil heiBen: Buddhis- 
mus) und chinesische Ethik (soil heiBen: Konfuzianismus) 3000 Jahre 
iang vergebens sich darum bemuht haben, fiir die Frau die rechte 
Stellung in der Qesellschaf t zu linden. Die Bemiihungen der letzteren 
sind fehlgeschlagen, well sie zu sehr sich theoretischen Spekula- 
tionen hingaben, wahrend das Christentum mit praktischem Blick die 
menschliche Natur richtig erkannte, daB beide Qeschlechter zur Er- 
ganzung fiir einander bestimmt seien und nicht im VerhSltnis von 
Ober- und Unterordnung stehen soUten" (vgl. „Japan Times" vom 
13. April 1915). Qraf Okuma, der so redete, ist nicht etwa ein Christ, 
aber er steht dem Christentume freundlich gegenuber. Freilich muB 
man zur Erklarung seiner Rede noch hinzunehmen, daB man im 
heutigen Japan alles tut, um auf Amerika einen guten Eindruck zu 
machen, wie auch, daB man es in der Kunst der liebenswiirdigen 
Rede hier besonders weit gebracht hat. Wenn im nachsten Jahre 
die internationale Sonntagsschulkonferenz in Tokio tagen wird, so 
konnen die auslandischen Delegierten eines guten Empfangs und 
freundlicher BegriiBungsreden von seiten hoher Staatsbeamten 
sicher sein; auch fiir die Pinanzierung dieser Konferenz ist schon 
durch eine Beratung zwischen dem Ministerprasidenten und einigen 
Finanzleuten gesorgt worden, zum Zeichen dafiir, daB dergleichen 
fiir Japan weniger eine religiose, als vielmehr eine politische Be- 
deutung hat *). 

Auch das christliche Schulwesen kann sich heutzutage iiber 
mangelnde Regierungsgunst nicht beklagen, und das wird vor allem 
wahrend der Dauer des Okuma-Ministeriums unverandert bleiben. 
Zwar das Verbot des Religionsunterrichtes ist nun auch auf das 
japanisch gewordene Korea ausgedehnt worden und hat in den' 
dortigen Missionskreisen einige Bestiirzung hervorgerufen. Aber 
diese Bestimmung soil zusammen mit vielen anderen dem Zwecke 
dienen, das koreanische Schulwesen in Obereinstimmung mit dem 
japanischen zu bringen, um so besser der Japanisierung Koreas 
dienen zu konnen. Den Missionen bleibt es auch unbenommen, auBer- 
halb der eigentlichen Schulstunden und vor allem an den Sonntagen 
Andachten und Religionsstunden zu halten und fiir den Moralunter- 
richt die Bibel als Lehrbuch zugrunde zu legen, wie das alles in 
Japan selbst vielfach geschieht. Da Qraf Okuma selber der Griinder 
einer privaten hoheren Lehranstalt, der groBen Waseda-Hochschule, 



*) Diese Konferenz ist gerade wegen des Weltkrieges abgesagt worden. 



— 55 - 

ist, und einen Dekan dieser Anstalt zu seinem Unterrichtsminister 
gemacht hat, so sind jetzt fiir das Privatschulwesen giinstige Zeiten 
gekommen. Schon fruher hat die christliche Doshisha in Kyoto 
Universitatsrang erhalten, und zwei weitere Missionsschulen, die 
Meiji Qakuin der Presbyterianer zu Tokio und die Kwansei Qakuin 
der Methodisten zu Kobe, erhielten das Recht, sich Chugakko 
(Mittelschule, gleich Gymnasium) zu nennen, wie die anerkannten 
offentlichen Mittelschulen. Nun bemuht sich das Ministerium, den 
privaten Anstalten iiberhaupt mit den offentlichen gleiche Berechti- 
gungen zu verschaffen, und sogar die privaten Universitaten den 
staatlichen gleichzustellen. Qelingt dieser Plan, so eroffnen sich 
dem Missionsschulwesen neue Aussichten. Es hat schon jetzt eine 
groBe Bedeutung. Denn allein im eigentlichen Japan zahlt es 
138 Kindergarten mit 6327 Schulern, 54 Volksschulen mit 4194 Be- 
suchern, 57 Qymnasien mit 9075 Schulern, 19 hohere Schulen mit 
1853 Besuchern, 33 theologische Schulen mit 661 Studierenden; von 
den letzteren hat allein die theologische Fakultat der Doshisha 
70 Studenten. Zu diesen protestantischen Anstalten kommen dann 
noch die der romischen und griechischen Katholiken hinzu, z. B. die 
groBen katholischen Lehranstalten, franzosische und deutsche, in 
Tokio. Durch diese Schulen erwachst dem Christentume alljahrlich 
eine groBe Schar von Neugetauften (Junglingen und Jungfrauen), die 
christliche Einflusse mit ins Land hinausnehmen. 

Wiirde man diesen Beitrag der Missionsschulen zur Christiani- 
sierung Japans reinlich abziehen kdnnen, so wiirde man erstaunen, 
wie gering der durch bloBe Evangelisation gewonnene jihriiche 
Fortschritt ist. Auch die groBe Evangelisationsanstrengung des 
laufenden und vorhergegangenen Jahres, bei der vielfach in markt- 
schreierischer Weise Reklame gemacht worden ist (Verteilung von 
Einladungen zu den Versammlungen durch Autos oder durch Pro- 
zessionen von jungen Leuten, die unter Absingung von Chor^en 
durch die StraBen zogen), hat nicht das erwunschte Resultat ge- 
bracht. Es fehlt nach wie vor die spontane Bewegung im japani- 
schen Volke zum Christentume hin. Auch die Oberschwemmung 
des Landes mit religioser Literatur andert das nicht. Es werden in 
Japan etwa 100 religiose Zeitschriften in japanischer Sprache auf 
protestantischer Seite veroffentlicht. Dazu kommt die Arbeit der 
Bibelgesellschaften, die z. B. im Jahre 1914 fast 1 Million von Bibeln 
und Bibelteilen vertrieben haben, die Arbeit der Traktatgesellschaft, 
der christlichen Literaturgesellschaft, der christlichen VerlagshSuser, 



- 56 - 

deren es wenigstens,ein halbes Dutzend gibt. Aber im Sturme laBt 
sich Japan trotzdem nicht fiir das Christentum gewinnen. Es will 
alles seine Zeit haben. Langsames Wachstum wird das Qesunde 
sein. Und dieses ist unstreitig vorhanden. Es geht weiter von Jahr 
zu Jahr, wenn auch nicht so schnell, wie die gewaltigen Aufwen- 
dungen der Missionen fiir Japan es wiinschenswert erscheinen 
lassen. 

Bei alien diesen Arbeiten ist es wichtig, zu beobachten, wie die 
Missionare durch die Verhaltnisse genotigt sind, im Hintergrunde zu 
stehen. Japaner sind in der Regel die Leiter der Missionsschulen, 
Japaner geben die religiosen Zeitschriften meist heraus, japanisch 
sind die christlichen Verlagshauser, in japanischen Handen die 
meisten christlichen Wohltatigkeitsanstalten. Auch die besondere 
Evangelisationsanstrengung bediente sich fast ganz japanischer 
Redner, obwohl die Missionen einen groBen Teil der Qeldkosten be- 
streiten. In Kyoto z. B. war bei den groBen offentlichen EvangeU- 
sationsversammlungen, die neun Tage lang gehalten wurden, auch 
nicht ein einziger von den Hunderten von auslandischen Missionaren 
im Lande als Redner zugelassen. Bescheidener als in Japan kann 
die Stellung der Missionare nicht gut sein. Den Japanern ware es 
schon recht, wenn die Missionen die Missionsgelder einfach in die 
Hande der Japaner legten und diese damit Mission treiben lieBen. 

Was die literarischen Veroffentlichungen anbelangt, so muB man 
sich iiber die Unbefangenheit wundern, in der darin der freiere 
theologische Standpunkt zum Ausdruck kommt. Es war ein Qeist- 
licher der bischoflichen Kirche, Maejima Kiyoshi, der das Buch von 
Prof. Karl Marti „Die Religion des Alten Testaments" in Cbersetzung 
herausgegeben hat, ein Buch, das viele Leser gefunden hat. Das 
Schriftchen des bekannten Pastors der Kumiaikirche zu Osaka, des 
Pastors Miyagawa, betitelt ,4(insto to sono Shimei" („Christus und 
seine Sendung", 64 Seiten), erregte freilich nach fast einem Jahre die 
Aufmerksamkeit und den Protest der dogmatisch strengen Pres- 
byterianer, weil es den Standpunkt vertritt, Christus sei nicht Qott, 
sondern der gotterfullte Mensch. Es hat das aber dem EinfluB des 
Buches nicht geschadet, und das Organ der Presbyterianer selber, 
der Fukuin Shimpo, bemuht sich in seiner Ausgabe vom 16. Sep- 
tember, die Sache glitlich beizulegen, durch den Hinweis darauf, daB 
man bei Miyagawa unterscheiden mtisse zwischen seinem lebendigen 
Qiauben und der theologischen Formulierung, welche dieser Qlaube 
gefunden habe. Es war freilich auch ein Presbyterianer-Missionar, 



- 57 - 

D. Reischauer, der in mehreren Aufsatzen fiber Euckens Philosophic 
im „Japan Evangelist" vom Herbst 1914 diesem Qelehrten einen 
hohen Tribut der Bewunderung zollt — die Japaner haben bisher 
etwa -25 Bucher fiber Euckens Philosophic in japanischer Sprache 
herausgegeben, meistens Obersetzungen seiner Werke. — Die Stel- 
lung Euckens zur Kirche in dem Buche „K6nnen wir noch Christen 
sein?" erklSrt er durch die traurigen kirchlichen Verhaltnisse 
Deutschlands. „Besonders interessant ist das Licht, welches das 
Buch auf die ZustSnde des organisierten Christentums in Deutsch- 
land wirft. . . . Manches, was Eucken in diesem Buche gegen das 
sogenannte orthodoxe Christentum sagt, paBt nicht auf die Kirchen 
Englands und Amerikas. Als Eucken in Amerika war, war er ganz 
erstaunt fiber die Lebenskraft und den fortschrittlichen Qeist der 
dortigen Kirchen. Es ist schade, dafi er aus erster Hand nur deut- 
sches Christentum kennt, das auf der einen Seite extrem konservativ 
und unsaglich plump in der Auffassung der christlichen Lehren ist, 
auf der anderen Seite aber extrem liberal, so daB es bei der Ab- 
weisung der Plumpheit der orthodoxen Lehre oft auch das verliert, 
was diesen plumpen Auffassungen als Wesenheit zugrunde liegt." 
Solche Ausfuhrungen von seiten amerikanischer Orthodoxer sind 
charakteristisch, nicht nur fur das Bemuhen, den liberalen Tendenzen 
im japanischen Christentum moglichst Konzessionen zu machen, 
sondern auch fur die Art, wie das Angelsachsentum auch in der 

Mission das deutsche Christentum unablassig zu diskreditieren sucht 

(SchluB folgt) 



Aus der Mission der Gegenwart. 



Soziale Arbeit der angelsachsischen Mission in China. 

An acht Hauptpunkten wird • systematische soziale Arbeit 
von den Missionskreisen geleistet, in Peking, Tientsin, Changsha, 
Nanking, Chuchow (Auhui), Hinghwah, Schanghai und Chengtu. In 
Pekmg und Tientsin wird die Arbeit wesentlich von Studenten ge- 
leistet. Der Pekinger „Soziale-Studenten-Klub-Dienst", der im 
Frtihling 1913 ins Leben geruferi worden ist, und aus mehr als 
200 Mitgliedem besteht, hat bisher vier soziale Einrichtungen ge- 
schaffen: 1. einen offentlichen Spielplatz ftir Kinder, 2. einen 
Studienkursphilanthropischer Einrichtungen, 3. Vortrage, 4. Abend- 
schulen. 



- 58 — 

Das Werk in Tientsin wird gefordert durch das Komitee f fir 
sozialen Dienst in der Stadt Tientsin und durch den Christlichen 
Verein junger Manner. Dort sind folgende Arbeiten geleistet worden: 
1. In den Hausern der Stadt sind 50000 Wohlfahrtskalender verteilt 
worden, 2. ebenso sind 100 000 Qesundheits-Flugblatter verteilt wor- 
den fiber die Vertiigung der Fliegen, Moskitos und Ratten, 3. Ferien- 
schulen fur die Armen sind geschaffen worden. 4. Es haben Preis- 
schreiben und Disputationen fiber soziale Fragen unter den Studenten 
stattgefunden. 5. Ein Spielplatz ffir Knaben ist angeiegt worden. 
6. Schulen fiir arme Knaben sind eingerichtet. 7. Eine zweitagige 
Antituberkulose-Tagung ist gehaiten worden mit einem Umzug von 
600 Studenten und einer Verteilung von 80 000 Antituberkulose- 
Kalendern. 8. Die chinesisclien Zeitungen sind mit Artikeln fiber 
soziale Fragen bedient worden. 

In Changsha wird das Werk hauptsachlich von Frauen ge- 
trieben und dient vor allem der Fursorge fur Kinder und der Besse- 
rung der hygienischen Zustande. Der dortige soziale Frauendienst 
wurde Ende 1914 organisiert. Wahrend des einen Jahres seines Be- 

stehens hat der soziale Frauendienst 1. MaBregeln ergriffen gegen 
die Tuberkulose und die Kindersterblichkeit. 2. Er hat mehrere 
Spielplatze fur Kinder geschaffen. 3. Er hat drei Milchstationen fur 
freie Verteilung von Milch eroffnet . 4. Er hat in der Stadt und auBer- 
halb Flugschriften verteilt zur Aufklarung fiber ansteckende Krank- 
heiten, fiber Zahnpflege, fiber Verdauungsstorungen im Sommer, 
fiber die agyptische Augenkrankheit und andere Augenleiden, fiber 
Sauglingspflege und Tuberkulosebekampfung. 5. Er hat eine 
Hebammen-Ausbildungsschule ins Leben gerufen. 

In N a n k i n g ist das Werk thnlich eingerichtet wie in Chang- 
sha. Es hat dort unter den wohlhabenden Chinesen viele Freunde 
und Mithelfer. 

In Chuchow wird die Arbeit von drei Organisationen ge- 
tragen: 1. dem Quten-Bfirger-Verein (1912 gegrfindet), 2. dem Roten- 
Kreuz-Verein (1913 gegrundet), 3. dem Reform-Verein (1913 ge- 
griindet). Man hat folgendes erreicht: 1. Ein Park und ein Spiel- 
platz ist angeiegt worden. 2. Ein Haus mit Leseraumen, eine Stein- 
brucke in dem Park und vier Badehauser sind gebaut worden. 

3. Eine Anzahl neuer StraBen ist angeiegt und gepflastert worden. 

4. Vortrage und Diskussionen fiber Verbesserung der dffentlichen 
Einrichtungen haben stattgefunden. 5. Man hat fur die Fluchtlinge 
und Verwundeten aus den Unruhen von 1911 imd 1913 gesorgt.^ 



- 59 - 

6. Unbebautes Land ist erworben und an Arme zur Bebauung ver- 
teilt worden. 7. Ober 1000 Menschen sind gegen Pocken geimpft 
worden. 8. Qegen das Qliicksspiel, die Trunksucht, das Zigaretten- 
rauchen und andere Sch^den ist man offentlich aufgetreten. 

In H i n g h w a hat man hauptsachlich StraBen verbessert und 
Impfungen gegen ansteckende Krankheiten vorgenommen. 

Ahnlich hat man auch in Schanghai und Cheng tu ge- 
wirkt. Besonders segensreich wirkten in sozialer Hinsicht die 
Christlichen Vereine junger Manner und junger M§dchen mit ihren 
mannigfachen sozialen Sonderorganisationen gegen den Alkohol und 
die Unsittlichkeit. 

Das China-Fortsetzungs-Komitee der Edinburger Konferenz 
empfiehlt diese sozialen Werke auf das warmste. Es empfiehlt die 
Einsetzung einer Sonderberatung ilber soziale Missionsarbeit und 
gibt den dringenden Rat, auf sozialem Qebiet mit den vomehmen 
nichtchristiichen chinesischen Kreisen zusammenzuarbeiten. Das 
sei ein guter Weg, diesen Kreisen nahe zu kommen, und mit ihrer 
Hilfe erreiche man viel. Es soil ein englisch und ein chinesisch ge- 
schriebenes Handbuch iiber soziale Fragen geschrieben werden. Es 
soil durch Vortrage unter den chinesischen Christen und den Mis- 
sionaren noch mehr Interesse fiir diese Werke erweckt werden. 

SchlieBlich empfiehlt das Komitee folgende Arbeiten fiir die 
nachsten Jahre: 1. Kinderfursorge, a) Sauglingspflege, 
b) Spielplatze; 2. Volksbildungia) Unterricht fiir Erwaohsene, 
b) VortrSge iiber den Segen der Bildung, c) Unterricht fur arme 
Kinder, die sonst keine Schule besuchen; 3. offentliche Qe- 
sundheitspflege undHeilarbeit: a) gegen die Pocken, 
b) gegen Tuberkulose, c) gegen Fliegen, Moskitos und Ratten; 
4. Qemeindewohlfahrt: a) StraBenverbesserung, StraBen- 
reinigung und Kanalisation, b) Anpflanzung von Baumen; 5. Stu- 
dentendienst fiir offentliche Zwecke (siehe Peking). 

Dr. Witte. 

Booker T. Washington t. 

Einer der bedeutendsten Fiihrer der farbigen BevSlkerung Nord- 
amerikas ist am 14. N6veml>er 1915 gestorben. Er ist selbst noch 
als Sklave geboren, hat nie erfahren, wer sein Vater war, hat sich 
mit unermiidlichem FleiB emporgearbeitet, bis er, der Farbige, zu 
einer so angesehenen Stellung geiangte, daB er von einer weiBen 
Universitat doktoriert wurde, die ftihrenden Manner Amerikas seinen 



— 60 - 

Umgang suchten, der Prasident Roosevelt ihn sogar 1905 in das 
WeiBe Haus einlud. Neben den von General S. C. Armstrong ge- 
griindeten groBen Erziehungsanstalten fiir Schwarze in Hampton, die 
Booker T. Washington selbst als Schiiler besucht hat, sind die von 
Booker T. Washington selbst in Tuskegee, Alabama , gegriindeten 
Erziehungsinstiute fiir Farbige die bedeutendsten Schulen fiir Farbige 
in Amerika. Das Ziel dieser Anstalten ist die Heranbildung von 
lebenstiichtigen, brauchbaren Biirgern, die eine grtindliche geistige 
Bildung empfangen haben, aber zugleich mit ganzer Freudigkeit Be- 
rufe ergreifen, die auf korperlicher Arbeit beruhen. Die Resultate, 
die durch die Anstalten in Tuskegee erzielt worden sind, sind ausge- 
zeichnet. Noch jiingst, im Herbst 1914 und Friihjahr 1915 hat der 
bekannte Berliner Anthropologe F. v. Luschan in Amerika uber die 
Negerfrage in Amerika grtindliche Studien angestellt und auch diese 
Anstalten besucht. Was Manner wie F. v. Luschan, um von vielen 
andern zu schweigen, nur auf Qrund ihrer ernsten, fachwissen- 
schaftlichen Studien uber diese Dinge mitteilen, ist dazu angetan, 
die so weit verbreiteten oberflachlichen Urteile uber die ganze 
Negerfrage zu korrigieren. F. v. Luschan hat in der „Kolonialen 
Rundschau" (1915, S. 504 ff.) einen sehr interessanten Artikel iiber 
„Die Neger in den Vereinigten Staaten" geschrieben, in den> er auch 
der hohen Verdienste Booker T. Washingtons gedenkt. Er schreibt 
von ihm (vor seinem Tode): „Er ist gegenwSrtig sicher der popu- 
larste Farbige in den Vereinigten Staaten, ein Mann von ganz unge- 
wohnlicher und hochst vielseitiger Begabung und vor allem ein 
organisatorisches Talent allerersten Ranges, jedenfalls auch einer 
der groBten Wohltater seiner Landsleute." In Deutschland ist 
Booker T. Washington bekannt geworden durch seine drei Schriften 
„Vom Sklaven empor" (1902), „Charakterbildung" (1910) und 
„Handarbeit" (1913), erschienen bei Dietrich Reimer (E. Vohsen) 
in Berlin. 

Was diese Erziehungsarbeit an den Schwarzen in Amerika er- 
reicht, sieht man aus einigen von F. v. Luschan mitgeteilten Zahlen. 
1863 gab es unter den Farbigen Amerikas 95 Prozent Analphabeten, 
heute nur noch 30 Prozent. Man vergleiche dazu, daB es heute in 
Belgien noch 28 Prozent, in Italien und RuBland 60 Prozent und in 
Serbien 86 Prozent Analphabeten gibt und bedenke, daB bis 1863 die 
Schwarzen brutal als Arbeitstiere ausgenutzt wurden, und daB sie 
erst wenige Qenerationen von dem Urwaldleben ihrer afrikanischen 
Voreltern getrennt sind. 1863 gab es 4 hohere Schulen fiir Farbige, 



- 61 — 

jetzt 500. 1863 gab es fur sie 550 Kirchen, jetzt 40 000. 1863 gab es 
200 Sonntagsschulen mit 10000 Schulern, jetzt 41000 Sonntags- 
schulen mit 2200000 Schulern. 1863 besaBen 9000 eigene Heim- 
statten, jetzt 550 000, 1863 batten 15 000 eigene Bauernwirtschaften, 
jetzt 937 000. 1863 betrug das Vermogen Farbiger 20 000 Dollars, 
jetzt betragt es700 Millionen Dollars, ihr Kirchenvermogen 
allein betragt 70 Millionen Dollars. Man findet Farbige in zahllosen 
hochangesehenen Stellungen. Alles das zeigt einen glanzenden 
intellektuellen und wirtschaftlichen Aufschwung der- 
9,83 Millionen Farbigen. 

Ober den s i 1 1 1 i c h e n Wert der Farbigen urteilt F. v. Luschan, 
Indem er sagt: „Auch sonst habe ich den Eindruck, als ob die Moral 
der Farbigen in der Union sich nicht wesentlich von der der WeiBen 
unterschiede und als ob es da sehr viel mehr auf die soziale Schicht, 
als auf die Farbe ankSme." Qenau dasselbe gilt von der K r i m i n a - 
J i t a t ; wo diese bei den Farbigen groBer ist als bei den WeiBen, 
sind in der Regel die sozialen Verhaitnisse verantwortlich, nicht 
Rasse oder Farbe. Nicht einmal insexueller Hinsicht stellt F. v. 
Luschan die Farbigen tief unter die WeiBen. Es werden — das 
kommt aus sozialen Qriinden her — in Amerika z. B. wegen Not- 
zucht prozentual etwas mehr Farbige als WeiBe bestraft, aber auf 
100000 Farbige in Amerika kommen 1,8 Bestrafungen wegen Not- 
zucht, in Frankreich aber 1,9 und in Italien 53! 

Qanz entschieden bestreitet F. v. Luschan auch die Minder- 
wertifi^eit der Mischlinge. „Dies gilt von ihren moralischen 
und intellektuellen Eigenschaften, und es gilt, was ich der groBen 
Mehrzahl der amerikanischen Autoren gegenuber ganz besonders 
schroff hervorheben will, auch von ihren sanitaren Verbal tnissen." 

Diese ernsten wissenschaftlichen Feststellungen dieses hochange- 
sehenen Berliner Anthropologen sind hocherfreulich. Beweisen sie 
doch, daB die Entwicklung der Menschheit nicht von Farbe, Blut und 
Knochen abhangt, sondern von den geistigen, sittlichen und reli- 
:gi6sen Kraften. Dr. W i 1 1 e. 

Katholische Mis^onsmethode in der Mohammedaner-Mission. 

Der bekannte katholische Missionsfachmann Dr. J. Froberger 
-schreibt in der katholischen „Zeitschrift fur Missionswissenschaft" 
(1915, S. 303 f.) folgendes: »KardinalLavigerie,der seeleneifrige Erz- 
bischof von Algier, hatte mit seinem scharfen, auf die Wirklichkeit 
.eingestellten Verstande erkannt, daB es zunachst einer langjthrigen 



^ 62 ~ 

kulturellen und karitativen Vorbereitung bedurfe, um bei den 
Mohammedanern die richtige Seelenverfassung dem Christentum 
gegenuber hervorzurufen, er hatte erkannt, daB Einzel- 
bekehrungen nicht im Verhaltnis standen zu den 
Arbeitenund Miihen*), daB eine Bekehrung von Moham- 
medanern nur in ganzen Volksmassen erfoigen konne und dies eine 
geduldige und methodische Arbeit verlange. Darum schrieb er 
seinen Missionaren vor, aufdieVerkiindigung derchrist- 
lichen Lehre zu verzichten*) und sich lediglich mit einer 
kulturellen Liebestatigkeit zu beschaftigen. Wie richtig der 
Kardinai die Sachlage beurteilt hatte, zeigte sich schon nach einigen 
Jahrzehnten in den Missionserfolgen der Qesellschaft der W e i B e n 
V a t e r , obwohl ihre nordafrikanische Missionstatigkeit groBen Ab- 
bruch erUtt durch ihre Ablenkung auf die zentralafrikanischen Mis- 
sionen, denen naturgemSB wegen ihrer Wichtigkeit der Vorzug ge- 
geben wurde. Allerdings verlangt auch jene indirekte Art 
der Missionstatigkeit eine sorgfaltige Ausbildung, eiile 
groBe Sprachenkenntnis, ein Eingehen auf die Anschauungen der 
Eingeborenen, eine taktvolle Behandlung ihrer Eigentumlichkeiten» 
eine auBergewohnliche Anpassungsfahigkeit, um die verschiedenen 
kulturellen Arbeiten, unter denen in erster Linie arztliche Tatigkeit^ 
Handwerkerschulen, landwirtschaftliche Unternehmungen genannt 
werden miissen, durchfuhren zu konnen. So wichtig auch die Schul- 
tatigkeit ist, so muB doch stets damit gerechnet werden, daB sie 
durch unfreundliche Regierungen, wie dies z. B. in Nordafrika ge- 
schah, unmoglich gemacht werden kann, und darum gilt es, sich um 
so mehr auf andere, iibrigens viel wirksamere Arten der Kulturtatig- 
keit einzurichten. Diese vorlaufige Einstellung auf praparatorische 
Mittel hindert nicht, daB die Bekehrung auch der islamischen Welt, 
aber mehr alssozialeVolkschristianisierung, das 
Endziel der Mission sein soil." 

Das ist eine feine Beurteilung der Aufgaben des Christentums in 
der islamischen Welt. Sie hiitet sich vor OberschStzung einer 
Modemisierung des Islams und wehrt doch blindem Bekehnmgs- 
eifer. In Deutschland tut ein solch ruhiges Urteil iiber die islami- 
schen Dinge dringend not. Dr. W i 1 1 e. 



•) Von uns gesperrt. Die Schriftleituns. 



- 63 - 
Mitteiluflgen. 

1. Es ist ein neues Konfirmandenblatt erschienen. Dasselbe 
kann in jeder beliebigen Zahl vom Zentralbureau (Berlin SW 29, 
Mittenwalder StraBe 42) bezogen werden. 

2. Missionsdirektor Lie. Dr. J. W i 1 1 e wohnt vom 1. Marz ab 
in Berlin-Steglitz, SedanstraBe 4 0. Private und 
dienstlictie fiir ihn bestimmte Sendungen bitten wir, von jetzt an 
dorthin zu richten. 

3. Pastor E. Engelliardt, Hamburg 22, Beim alten Schutzen- 
hof 21, II, suciit alle JalirgSnge der ZMR vor 1913 zu kaufen. Wir 
bitten, iiim Angebote zu iibermitteln. 



Bficherbesprechttngen. 

Karl Schmaltz, Pastor, Wir und der Halbmond. 1915. Schwerin 
i. Mecklenburg. Verlag von Friedrich Bahn. 16 Seiten. 20 Pf. 

Der Verfasser behandelt sein Thema zuerst als eine Erage nationaler 
Politik, sodann als eine solche europdischer Kultur und zuletzt ais eine 
religiose Frage. Die beiden ersten Punkte sind fein, sehr lehrreich und klar 
erdrtert, aus guter Sachkenntnis heraus. Der ietzte Pnnkt ist der schwachste. 
Wanim eine ,Schuld" an der ErklSrung des ,heiligen Krieges* unseren 
Feinden zuschieben? Warum da Qberhaupt von Schuld reden? Und kann 
man im Erast und ganz ehrlich sagen: ,Wir (Deutschen) haben niemals 
versucht, ein mohammedanisches Land unserem Koioniaibesitz hinzuzufugen, 
aucb Marokko nicht, dessen Selbstandigkeit wir vielmehr verteidigt haben, 
solange es mogltch war '? Es konnte noch starker die heilige Verpflichtung 
der deutschen Christen betont sein, gerade jetzt in der TQrkei Mission zu 
treiben, nur dafi die Mission rechter Art sei. Auf das Qanze gesehen, ist 
es ein flott, klar und packend geschriebener Vortrag, der sicher groBen 
Eindruck gemacht hat Dr. W i 1 1 e. 

Paul Qennrich, Modeme buddhittische Propaganda und 
indische Wiedergeburtslehrein Deutschland. Leipzig 1914. A.Deichertsche 
Verlagsbuchhandlung Werner SchoU. 52 Seiten. 1,20 Mark. 

Das ist ein ausgezeichnetes kleines Buch, das mit groBer Ruhe, Sach- 
lichkeit und Belesenheit die weit verbreitete buddhistische Propaganda in 
Deutschland aufdeckt und sich dann prinzipiell mit der indischen Wieder- 
geburtslehre auseinandersetzt. Das Buch behandelt folgende Punkte: 
1. Buddhistische Propaganda durch buddhistische Yereine. 2. Einffihrung 
buddhistischer Lehren durch die Theosophie. 3. Schopenhauer und Richard 
Wagner als Wegbereiter des Buddhismus. 4. Entstehung und Wesen der 
indischen Wiedergeburtslehre. 5. ,Wissenschaftiiche* Begrundong der 
Wiederverkdrperungslehre durch die Neubuddhisten, 6. Die Wiederver- 



- 64 — 

korperungslehre in Verbindung mit dem Entwicklungsgedanken. Theo- 
sophische und philosophische Rechtfertigungsversuche. 7. Beurteilung der 
Wiederverkorperungslehre. Richard Wagners Parsifal. — Man mdchte das 
Buch vor allem denen in die Hand geben, die die buddhistische Propaganda 
noch immer nicht emstnehmen und die der Missionsaufgabe des Christen- 
tums noch immer ziemlich gleichgultig gegenilberstehen. Das Ringen der 
Weltreligionen wird immer emster. Nur ein lebendig seine geistigen QQter 
fortpflanzendes und kraftvoli in die Weite hinausdringendes Christentum 
kann sich behaupten. Dr. W i 1 1 e. 



Eingegangene Schrifften. 

B. Lutgert, P. Hennig und D. Julius Richter, Nationalitftt 
und Internationalitat in der Mission, Vortrdge aus 
der 6. Hermhuter Missionswoche im Oktober 1915. .Verlag der Branden- 
burgischen Missionskonferenz in Hermhut. Preis 0,50 M. 

Direktor K. Wolf, Der Christ und die Leiden in dieser 
Welt. Westdeutscher Lutherverlag, Witten a. d. Ruhr. Preis 0,80 M. 

Friedrich Michael Schiele, Briefe an Konfirmanden. 
Verlag von J. C. B. Mohr, Tfibingen. Preis 0,60 M., 40 Stfick 20 M., 
100 Stuck 40 M. 

Paul Eberhardt. Vom letzten Reich. Blatter iQr 
Suchende ailer Bekenntnisse. Verlag Friedrich Andreas 
Perthes. Qotha. 

Oberkonsist. -President D. Dr. Hermann von Bezzel, 
Pflicht und Recht der Inneren Mission. Verlag von 
Paul Mflller, MQnchen, Schwanthalerstr. 55. Preis 0,50 M. 

Thomas Breit, Augsburg. Tod, wo tst dein Stachel? 
Verlag von Paul Miiller in Milnchen. Preis 0,50 M. 

Humboldt-Akademie Freie Hochschule. Vorlesungs- 
verzeichnis fur das 1. Vierteljahr 1916. 38. Stndien- 
jahr 1915/1916. 

W. Studemann, Der Weltkrieg und die deutsche evao- 
lisiche Mission. 1915. Verlag des Hofbuchbandlers Fr. Bahn, 
Schwerin i. Mecklenburg. 

Herm. Rudolph, Die zehn Hauptlehren der theo- 
sophischen Weltanschauung. Theosophischer Kultur- Verlag 
Leipzig. Preis 0^0 M. ^iS ? 



Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 
Berlin- Steglitz. SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gorlitz, Demianiplatz 28. 



■s«^~ 



Zeiebnet die vierte Xriegsanleilie! 

Das deutsche Heer und das deutsche Volk haben eine Zeit gewaltiger 
Leistungen hinter sich. Die Waffen ans Stahl und die silbemen Kugeln 
haben das ihre getan, dem Wahn der Feinde, daB Deutschland vernichtet 
werden konne, ein Ende zu bereiten. Auch der englische Aushungerungs- 
plan ist gescheitert. Im zwanzigsten Kriegsmonat sehen die Qegner ihre 
Wunsche in nebelhafte Feme entriickt. Ihre letzte Hoffnung ist noch die 
Zeit; sie glauben, daB die deutschen Finanzen nicht so lange standhalten 
werden wie die Vermogen Englands, Frankreichs und RuBlands. Das Er- 
gebnis der vierten deutschen Kriegsanleihe muB und wird ihnen die richtige 
Antwort geben. 

Jede der drei ersten Kriegsanleihen war ein Triumph des Deutschen 
Reiches, eine schwere EnttSuschung der Feinde. Jetzt gilt es aufs neue, 
gegen die Liige von der Erschopfung und Kriegsmiidigkeit Deutschlands mit 
wirksamer Waffe anzugehen. So wie der Krieger im Feide sein Leben an 
die Verteidigung des Vaterlandes setzt, so muB der Burger zu Hause sein 
Crspartes dem Keich darbringen, um die Fortsetzung des Krieges bis zum 
siegreichen Ende zu ermoglichen. Die vierte deutsche Kriegsanleihe, die 
laut Bekanntmachung des Reichsbank-Direktoriums soeben zur Zeichnung 
aufgelegt wird. muB 

der groBe deutsche Fruhjahrssi^ auf dem finanziellen Schlachtfelde 

werden. Bleibe Keiner zurfick! Auch der kleinste Betrag ist n&tzlich! Das 
Qeld ist unbedingt sicher und hochverzinslich angelegt. 



D. Kind-Gedachtnis-Stiftung. 

Am 9. November 1915 ist der Pfarrer an der Neuen Kirche zu 
Berlin, der Prasident des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen 
Missionsvereins, D. Dr. August Kind, alien seinen Freunden 
und Verehrern plotzlich durch den Tod entrissen worden. Viele 
haben mit uns seinen Verlust tlef und schmerzlich beklagt. Im be- 
sonderen trauern um ihn die Qlieder seiner Qemeinde und die Mit- 
glieder und Freunde des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen 
Missionsvereins. 

Zwanzig Jahre hat der Entschlafene als Pfarrer der Neuen 
Kirche seiner Qemeinde in Treue, Hingebung und groBer Liebe ge- 
dient. Den Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missions- 
verein hat er mitbegriindet. 15 Jahre lang war er sein Prasident 

Um das QedSchtnis des Entschlafenen zu ehren, haben die unter- 
zeichneten Korperschaften beschlossen, unter seinen Freunden und 
Verehrern eine Sammlung zu veranstalten, 

die das Qedachtnis des Toten dauernd erhalten soil. In dieser 
Sammlung woUen wir dem Entschlafenen 

unsem bleibenden Dank beweisen 
ftir alles Qute, das wir an ihm gehabt haben. 

Zdtschrift ffir Missionskunde und Religionswissenschaft 31. Jahrgang. Heft 3. 



- 66 - 

Der Ertrag der Sammlung soil dem Werk zugute kommen, an 
dem des Verstorbenen besondere Liebe hing, der Missionsarbeit des 
Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins. 

Dieser Verein hat 20 Jahre lang in Ostasien mit groBem Erfolg 
deutsch-christliches Wesen verbreitet. Seine Missionare haben teils 
mit der Waffe, teils im Dienst des Roten Kreuzes 

am Kampf um Tsingtau teilgenommen. 

In China sind seine groBten Missionsanstalten. Er genieBt bei 
den Chinesen sehr groBes Ansehen. In seinen Schulen wird echtes 
deutsches Wesen auf christlicher Qrundlage unter den Chinesen 
verbreitet, in seinen Krankenhausern wird deutsche christliche Liebe 
an den Chinesen getibt. Es ist bekannt, daB 

wir Deutschen in China groBe Aufgaben und schone Aussichten 

haben. 

Es gilt, alle deutschen Werke in China zu erhalten und zu stSrken. 
Der Missionsverein leistet dort sehr wichtige und wertvoUe Arbeiten. 
Daher ist eine Sammlung, die des Entschlafenen Qedachtnis ehrt, zu- 
gleich eine wertvolle Fordening 

einer sehr wichtigen deutsch-christUchen, nationalen Arbeit. 

Daher wenden wir uns an alle, die den Entschlafenen hochgeschatzt 
haben, mit der herzlichen und dringenden Bitte, zu dieser Sammlung 
einen Beiirag zu leisten, der dem teuren Entschlafenen ein dauern- 
des Denkmal der Liebe errichten hilft. 

Qaben bitten wir zu senden an den Schatzmeister des Allge- 
memen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins, Herrn Max 
Thieme, Charlottenburg, FriedbergstraBe 15, Post- 
scheckkonto Berlin NW 7, Nr. 248. 

Auch die Kiisterei der Neuen Kirche, Berlin W. 8, KronenstraBe 
Nr. 70, ist bereit, BeitrSge in Empfang zu nehmen. 

Der Gemeindekirchenrat Der Zentralvorstand 

der Neuen Kirche. des Allgemeinen 

Kommerzienrat Boehme, Prediger Evangelisch-Protestantischen 

Lie. EiBfeldt, Stadtrat Dr. Franz, Missionsvereins. 

Stadtverordneter Oohlicke, Pfarrer ^ ^, ^. . 

D. Dr. KirmB, Juwelier Meister, HarrerDevaninne,KarrerFi8cher, 

Justizrat Dr. Erich MeyBner. Kauf- J*.^"^'' "**»icht. Pfarrer D. Dr. 

mann Mosich, Regierungsrat Dr. KinnB, Missionsmspektor Knodt, 

Raehmel, Hof-Juwelier Rosenthal, Licl)r Rohrbach,Qeh.Adm.ralitats- 

Ingenieur Dr. Schwartz, Qeh.Justiz. ratDr.Schranieier,Standesbeamter 

rat von Simson, Justizrat Dr. von ^t^lre, Schatzmeister Th eme, 

Simson, Kauhnann Unruh. . Miss.onsdirektor Lie. Dr. Witte. 



— 67 — 

Halbjahrsbericht 

des Superintendenten D. Emil Schiller zu Kyoto. 

(Abgeschlossen am 15. Oktober 1915.) 

(SchluB.) 

5. Statistisches zur christlichen Missionsarbeit. 

Es ist immer wertvoll, auch von der statistischen Seite aus den 
Fortgang des Missionswerkes zu verfolgen. Wie schwer die Mis- 
sionsarbeit in Japan ist, zeigen die Zahlen von Kyoto. Dort ist schon 
fast ein halbes Jahrhundert gearbeitet worden. Jetzt stehen dort 
auBer der romischen und griechischen Kirche die Kongregationa- 
listen, die Presbyterianer, die bischofliche Kirche, die Methodisten, 
die Baptisten, die Brtiderkirche, die Nazarener, die Heilsarmee und 
unsere deutsche Mission in der Arbeit. Hinzu kommen als wesent- 
liche Verstarkung der evangelistischen Arbeit die Doshisha mit Gym- 
nasium, hoherer Tochterschule und Universitat (theologische, lite- 
rarische und national-okonomische Fakultaten), die hohere Tochter- 
schule der bischoflichen Kirche, eine katholische und griechische 
Erziehungsanstalt und ein Dutzend Kindergarten. Das Resultat 
dieser Arbeit ist, daB Ende 1914 in Kyoto 2478 protestantische 
Christen wohnten. Wiirde man die christlichen Schuler und Stu- 
denten, die Lehrer und Qeistlichen und sonstigen Missions- 
angestellten mit ihren Eamilien abziehen, so wiirde das noch eine 
ganz wesentliche Verminderung dieser Zahl bedeuten. Das ist nicht 
gerade ein glanzendes Ergebnis. AuBer einer Reihe von Predigt- 
platzen sind 26 evangelische Qemeinden organisiert, zu denen aller- 
dings noch 1405 ortsabwesende Christen gehoren. Die Zahl der 
Taufen betrug im letzten Jahre 351, wo von ein Teil der religiosen 
Arbeit in den Schulen zu verdanken ist. Die Qesamtzunahme der 
ortsanwesenden Christen betrug im letzten Jahre doch nur 195 
Seelen (mehr 8%), wobei auf eine Arbeitskraft ein Zuwachs von 
zwei Seelen kommt. Eine einzige Qemeinde zahlt 578 orts- 
anwesende Christen und hat einen Jahreszuwachs von 47 Seelen. 
Im ganzen gibt es 8 Qemeinden, welche uber 100 ortsanwesende 
Qlieder haben, und da diese allein eine Qesamtzunahme von 201 
Seelen zu verzeichnen haben, so ergibt sich, daB auf die kleineren 
Qemeinden sogar eine Abnahme der Seelenzahl kommt, was deut- 
lich die groBere Anziehungskraft der groBeren Qemeinden erkennen 
l^Bt. Die Zahl der sonntSglichen Kirchenbesucher, vormittags und 
abends, betrug durchschnittlich 1551 in diesen 26 Qemeinden; durch- 



\ 



— 68 - 

schnittliche Versammlungen von iiber 100 Seelen gab es nur an 
3 Platzen, von denen einer die Kirche der Doshisha ist, und zwar 
nur an den Sonntag-Vormittagen. Die Sonntagsschulen waren 
durchschnittlich von zusammen 2071 Kindern an jedem Sonntage 
besucht. Die Qesamtjahreseinnahme der 26 Qemeinden betrug 
14 257 Yen oder fast 30 000 Mark, so daB pro Kopf ungefahr 12 Mark 
beigesteuert waren, was eine ganz nette Leistung ist. 

Dieses Ergebnis ist nun mehr oder weniger fur alle groBeren 
Stadte Japans charakteristisch, doch so, daB in Platzen, wie Yoko- 
hama, Nagasaki, Kobe und Osaka, die dem Weltverkehre seit vielen 
Jahrzehnten off en stehen, die Christenzah! verhaltnismaBig groBer 
ist. Das Zentrum des japanischen Christentums ist aber Tokio, 
wohin fortwahrend ein Zuzug von Christen aus dem ganzen Lande 
stattfindet. Das Problem der meisten Qemeinden ist der haufige 
Wegzug ihrer Mitgiieder. Man hat berechnet, daB mindestens 37 "A 
aller Qemeindeglieder der F*rotestanten vom Sitze ihrer Qemeinden 
ortsabwesend sind. Viele bleiben auch dann eifrige Christen. Fiir 
andere bedeutet der Wegzug ein Nachlassen in ihrem kirchlichen 
und religiosen Eifer. Aber eine Nachwirkung ist darum doch be- 
stehen geblieben. Sie bleiben offener fiir religiose Fragen, stehen 
dem Christentum zum mindesten freundlich gegeniiber, und ihre 
Freunde und Verwandten neigen mehr als andere zum Obertritt. 
In Deutschland wird jeder, der als Kind getauft ist, sein Leben lang 
als Christ gezShlt. Wiirde man so rechnen, so ware die Zahl der 
Christen in Japan bedeutend groBer, als die, welche in den Sta- 
tistiken angegeben wird. In Japan revidieren die Qememden von 
Zeit zu Zeit die Listen ihrer Mitgiieder, was dann eine Reduktion 
bedeutet. So hat die bischofliche Kirche gerade ihre Mitgliederzahl 
von 23 484 im vorigen Jahre auf 16 122 in diesem Jahre herunter- 
gesetzt und fiihrt nur diejenigen noch weiter, welche die Qottes- 
dienste besuchen oder doch noch in Verbindung mit den Pastoren 
stehen. 

Im ganzen zahlte man Ende 1914 im eigentlichen Japan auf 
protestantischer Seite: 1128 Missionare (mit den Qattinnen), 2091 
japanische Arbeiter (ohne die Qattinnen), 103119 Christen, 9168 
Erwachsenentaufen, 121491 Sonntagsschiiler, 914 organisierte Qe- 
meinden, von denen 229 finanziell selbstandig waren, 878 weitere 
Predigtstellen, und Beitrage im Qesamtbetrage von 464422 Yen, 
d. i. fast 1 Million Mark, so daB 9—10 Mark auf den einzelnen kom- 
men. Die Zunahme der Zahl der Protestanten betrug im letzten 



- 69 - 

Jahre 7211 Seelen, so daB also etwas uber 3 Personen pro Arbeiter 
gewonnen sind, mehr als in Kyoto. AuBerdem enth^lt das japani- 
sche Reich aber noch 11 425 evangelische Christen in Formosa und 
196 389 in Korea (hier betrug die Zunahme im vorigen Jahre sogar 
24 398 Seeien), so daB also das japanische Reich jetzt wenigstens 
310933 Protestanten hat. An Romisch-Katholischen gibt es im 
eigentlichen Japan 66689, in Korea 82994, ferner griechische 
Katholiken im eigentlichen Japan 34 782. Rechnen wir hierzu noch 
die Christen in^ Sachalin, Port Arthur usw., sowie die auslandische 
Christenbevolkerung im japanischen Reiche, so ist die Zeit nicht 
mehr fern, wo unter dem Szepter des japanischen Kaisers 1 Million 
Christen leben werden. Das ist trotz der Langsamkeit des Wachs- 
tums doch ein erfreuliches Missionsresultat, erzielt in einem halben 
Jahrhundert. Kommt auch im eigentlichen Japan erst auf 150 Ein- 
wohner ein Christ, so betragt wegen der verhSltnismaBig groBen 
Christenzahl in Korea die Christenheit im ganzen japanischen 
Reiche doch schon fast 1 "/•• 

Und die Zunahme halt an, was ein Vergleich iiber das Wachstum 
des Werkes im letzten Jahrzehnt zeigt. Wir nehmen nur das eigent- 
Uche Japan. Darin gab es vor zehn Jahren auf protestantischer 
Seite: 862 Missionare (heute 986), 1329 japanische Arbeiter (heute 
2091), 443 ordinierte japanische Qeistliche (heute 728), 66133 
Christen (heute 103119), 5099 Erwachsenentaufen (heute 8878), 
57033 SonntagsschUler (heute 121491), 498 organisierte Qemeinden 
(heute 914), damals nur 92 finanzielle selbstSndige Qemeinden 
(heute 229). Die Jahresbeitrage betrugen damals 146 120 Yen, 
heute aber sind daraus 464 422 Yen geworden. Drucken wir diese 
Zahlen anders aus, so heiBt das: es haben zugenommen im letzten 
Jahrzehnt die Missionare (mit Frauen) um 12%, die japanischen 
Arbeiter (ohne ihre Qattinnen) um 57 Vo, die ordinierten japanischen 
Qeistlichen um 60 Vo, die japanischen Christen um 60 Vo, die Er- 
wachsenentaufen um 70 Vo, die organisierten Qemeinden um 83Vo» 
die finanziell selbstandigen Qemeinden um 150 Vo, die Sonntags- 
schUler um 113 Vo, die Qeldbeitrage der japanischen Christen urn 
215 Vo- Das zeigt nicht nur ein Wachstum, sondern auch ein ge- 
sundes Erstarken der Betatigung der Japaner selber. 

Wichtig ist auch, festzustellen, daB der groBte Fortschritt auf 
protestantischer Seite zu finden ist. Vor einem Jahrzehnt gab es 
schon 58086 romisch-katholische Christen im eigentlichen Japan, 
heute sind es aber erst 66 689. Die griechischen Christen sind 



— 70 — 

schneller gewachsen, von 25 597 auf 34 782. Wahrend also die 
Protestanten urn 60 Vo und die griechischen Katholiken um 30 Vo 
zugenommen haben, konnen die romischen Katholiken nur einen 
Zuwachs von 14 Vo aufweisen. Vor einem Jahrzehnte iibertraf die 
Zahl aller Katholiken in Japan die der Protestanten um 20550 
Seelen, heute sind die Protestanten mit 1647 Seelen voran. Das hat 
die romische Kirche wohl erkannt und darum den fruher uber- 
wiegend franzosischen Missionaren eine groBe Schar von Deut- 
schen, besonders auch Jesuiten, zu Hiife gesandt, von denen die 
ietzteren in Tokio mit gewaltigen Kosten eine stattliche liochschule 
errichtet haben. Hatten die romischen Katholiken vor einem Jahr- 
zehnte nur 236 Missionare im Lande (Priester und Nonnen), so sind 
es jetzt schon 371, was eine Zunahme von 50% bedeutet. Die 
griechische Kirche hat trationell nur einen einzigen auslandischen 
Missionar, namlich den russischen Erzbischof, und arbeitet im 
iibrigen ausschlieBlich mit japanischen Arbeitskraften. 

6. Der Weltkriegund die deutsche Missionsarbeit 

in Japan. 

Wenn auch die religiose Arbeit direkt nichts mit der PoUtik zu 
tun hat, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dafi politische Wand- 
lungen auch auf ihr Qedeihen von grofiem EinfluB sein konnen. Es 
ist z. B. klar, daB das Bundnis Japans mit England und die aus po- 
litischen Qrunden trotz aller Rassenkonflikte im Westen der Ver- 
einigten Staaten immer wieder mit Nachdruck betonte Freundschaft 
mit Amerika der Wirkung der angelsachsischen Missionen zugute 
kommt. So konnte auch der Weltkrieg, bei dem Japan, wenigstens 
in bezug auf Ostasien und den Stillen Ozean, in die Reihe unserer 
Qegner getreten ist, einen ungiinstigen EinfluB auf alle deutsche 
Missionsarbeit in Japan, die protestantische, wie die katholische, 
ausiiben. 

Hier ist nun zunachst zu bemerken, dafi eine Befiirchtung 
nicht verwirkiicht worden ist, die namlich, daB der Krieg der 
christlichen QroBmachte dem Missionswerke iiberhaupt in der 
Weise schaden konnte, daB die Japaner zu der Oberzeugung kamen, 
daB das Christentum machtlos sei, sofern es diesen groBen Welt- 
brand nicht habe verhindern konnen. So friedlich das japanische 
Volk in seiner Mehrzahl auch gesinnt ist, so steht es doch keines- 
wegs auf dem Standpunkte extremer Pazifizisten. Japan hat ja 
auch selbst in den letzten 50 Jahren ein reiches MaB von Kriegen 



— 71 - 

und kriegerischen Unternehmungen hinter sich. Die Mission hat 
in Japan trotz der Weltwirren ungestort ihre Arbeit tun konnen 
und weitere Fortschritte gemacht. Tatsachlich ist ja auch alles im 
Innern Japans wie im Frieden geblieben. Die Tsingtau-Expedition 
und die Aktionen der Flotte im Stillen Ozean bedeutete fur Japan 
nicht ein Unternehmen, an dem die ganze Nation sich beteiligt hatte, 
uber welches das ganze Volk bis in seine Tiefen hinein zur Auf- 
regung gelangt ware. 

Aber auch gegen Deutschland ist keine eigentliche Feindschaft 
im Volke zu bemerken. Man betrachtet Japans Beteiligung am 
Weltkriege als ein rein politisches Unternehmen auf Qrund der 
Biindnispflicht gegen England, das nicht etwa aus Feindschaft gegen 
Deutschland unternommen worden sei. Natiirlich haben die 
Zeitungen die Aktion der Regierung unterstiitzt und, von englischen 
PreBbureaus bedient, alle die Ungeheuerlichkeiten mitgeteilt, welche 
iiber Deutschland in der Presse unserer Qegner zu lesen waren. 
Noch vor einigen Tagen las man in der von Japanern in englischer 
^prache herausgegebenen „Japan Times" in einem Leitartikel vom 
8. Oktober, welcher die Bewunderung der deutschen Erfindungen 
in der Kriegszeit, vor allem auf dem Qebiete der Chemie, nicht 
unterdriicken kann, die gehassige Aufierung: ,,Das fiihrt uns zu dem 
Schlusse, daB die Deutschen eine ganze Nation von intellektuellen 
und wissenschaftlichen Verbrechem sind, welche darum die Ver- 
ehrung und Dankbarkeit der Welt nicht empfangen konnen. Sie 
bilden eine groBe Bande von Verschworern in dem gewaltigsten 
Anschlage gegen HumanitSt, Qerechtigkeit und Zivilisation, den die 
Welt je gesehen hat." Aber alles Derartige hat doch keine rechte 
Kriegsstimmung im japanischen Volke hervorrufen konnen. Rich- 
tiger als durch derartiges Qeschreibsel wird die Stimmung im Volke 
wiedergegeben durch die Unterhaltung zweier gebildeter Japaner, 
die zu horen ich zufSUig Qelegenheit hatte, wo sie sich dahin 
auBerten, daB es doch merkwiirdig sei, daB man gegen die deutschen 
Kriegsgefangenen gar nicht dasselbe Qefuhl, als seien es Landes- 
feinde, habe, wie seinerzeit gegen die Russen. 

Dennoch halten sich die meisten Japaner allzu vorsichtig von 
dem Verkehr mit Deutschen und den Beziehungen zu deutschen 
Schulen zuriick. Darunter leiden dann die deutschen Missionen. 
Wenn ihre Vertreter bisher auch immer hoflich und korrekt be- 
handelt worden und in ihrer TStigkeit nicht gehemmt worden sind, 
so haben die Missionare doch das Qefiihl, als ob sie in der Ver- 

\ 



— 72 - 

bannung und in halber Kriegsgefangenschaft lebten. Sie stehen ja 
unter bestandiger polizeilicher Oberwachung. Wenn diese fiir die 
Deutschen in Kyoto jetzt verscharft worden ist, so daB zu jeder 
Reise ein besonderer ReisepaB notig ist, und sie ermahnt worden 
sind, die Strafien zu meiden, durch welche der Kaiser sich bewegen 
wird, so hangt das weniger mit der Kriegslage, als vielmehr mit der 
in Japan iiblichen iibergro&en Vorsicht in bezug auf den Kaiser aus 
AnlaB der in Kyoto stattfindenden Kaiserkronung zusammen. Aber 
mein Haus ist doch niemals so verodet gewesen, wie in dieser Zeit. 
Alles, was auch nur im entferntesten Beamtencharakter hat, halt sich 
vorsichtig zuriick. Der Japaner besitzt ja sehr wenig IndividualitSt 
und folgt darum leichter, als die Qlieder anderer Kulturvolker, der 
allgemeinen Meinung, dem offiziell angeschlagenen Tone. 

So ist es zu erklaren, daB bei Beginn des neuen Schuljahres die 
Zahl derer, welche die deutsche Sprache zu ihrem Hauptfache er- 
wahlten, sehr gering war. So in der deutschen Vereinsschule zu 
Tbkio, dem einzigen Gymnasium Japans, das statt des Englischen 
das Deutsche lehrt, so in der Dai Ichi Chugakko, einem anderen 
Gymnasium zu Tokio, wo neben der englischen auch eine deutsche 
Abteilung eingerichtet ist. In der Kyoto-Universitat hat sich uber- 
haupt kein neuer Student zum Studium der deutschen Literatur ge- 
meldet. Das ist vor allem die Folge der PreBkampagne mit den un- 
ablassigen Schilderungen des bevorstehenden Unterganges Deutsch- 
lands, welche vorsichtige Vater abgehalten hat, ihre Sohne zu einer 
so zweifelhaften Laufbahn zu senden. 

AUmahlich freilich hat man doch angefangen einzusehen, wie 
sehr man hinters Licht gefiihrt worden ist, und fangt an, deutsche 
Tuchtigkeit auf militarischem, wissenschaftlichem, technischem und 
industriellein Gebiet aufs neue zu bewundern und auch auf die 
moralischen und staatserhaltenden Krafte zu achten, welche da- 
hinterstehen. Selbst Graf Okuma, der Ministerprasident, fuhrte im 
September in einer Rede in der Handelshochschule zu Tokio aus, 
daB Deutschland vielleicht politisch in Ostasien zuriickgedrSngt 
werden konne, daB damit aber keineswegs der CinfluB der deutschen 
Kultur und des deutschen Handels zuriicktreten werde. Und der 
Direktor des Obergymnasiums zu Kyoto stellte in seiner Eroffnungs- 
ansprache bei Beginn des neuen Schuljahres vor den jungen Leuten 
von 18 bis 25 Jahren die deutsche Tuchtigkeit geradezu als ein Vor- 
bild hin, dem man nacheifern solle. Von den jungen Qelehrten, die 
diesmal, statt nach Deutschland, zu Studienzwecken nach Amerika 



— 73 — 

gesandt sind, kommen enttauschende Berichte uber^den dortigen 
unvoUkommenen Wissenschaftsbetrieb; sie batten eigentlich nicht 
mehr als eine interessante Reise, schrieb einer von ihnen. Viele 
junge Leute halten sich bereit, sofort nach FriedensschluB zum 
Zwecke des Studiums oder zu Handelszwecken sich nach Deutsch- 
land zu begeben. So sehen wir die Zeit herannahen, wo der geistige 
Einflufi Deutschlands auf Japan wieder machtiger wird. Viel hangt 
nattiriich von der Art des Friedensschiusses ab, ob durch denselben 
eine wirkliche Versohnung ermoglicht wird. Aber die deutsche 
Kuitur wird auf jeden Fall hier weiter wirken. Und auch die 
deutsche Mission sollte sich auf neue, groBere Arbeit in Japan riisten 
und mit st^kerer Kraft einsetzen, als das bisher der Fall ge- 
wesen ist. 



„Aller Meister Lehren". 

Aus dem Sanskrit von Rudolf Otto. 

Vorwort 

1. „Meister" sind religiose Lehrer und Fiihrer, besonders solche, 
die ein eigenes Lehrsystem, und dann auch eine eigene Schule 
und Religionsgemeinschaft oder in einer schon vorhandenen Reli- 
gionsgemeinschaft einen gesonderten Kreis, eine „Sekte" oder 
besser eine Konfession stifteten. Solcher « Meister* hat es in Indien 
eine schier uniibersehbare Menge gegeben. Unser Verfasser will 
♦.alle Meister" schildern und schildert doch nur vier. Deswegen, 
weil er selber auf einem besonderen Standpunkte steht, von dem ihm 
nur diese vier als ,wirkliche Meister' in Betracht kommen. Er 
ist ein „Vaisnava", ein Vi$nuverehrer. ZunHchst scheiden ihm des- 
wegen aus die Mleccha's, die Heiden, die iiberhaupt keine Meister 
haben. Sodann die Bauddha's und die Jaina's; diese haben Meister, 
aber sie sind Bahya's, „Au6enstehende", namlich auBer dem Veda 
stehende, also Ketzer. Sodann die MImamsaka's. Sie sind zwar 
streng Veda-glSubig, aber folgen nicht derVedanta-Theologie und 
Spekulation. Und ebenso die VaiSesika's und Naiyayika's, die 
Atomisten und die Logiker. Sie anerkennen den Veda, aber ver- 
stehen ihn menschlich und sind Tarkika's, Rationalisten. Und end- 
lich die Samkhya's. Sie anerkennen den Veda und „den Herm" 
und uben den Yoga. Aber ihr Heilsziel ist nur die Isolierung des 



— 74 - 

Atman von der Natur, nicht die Vereinigung mit „dem Herrn" 
selber. — In Frage kommen als rechte Meister nur die „Vedanta- 
lehrer", die die Lehre des Vedanta als eigentliche Veda-lehre 
anerkennen und deren Symbolum die Vedanta -sntra's des 
Badarayana sind. 

2. Aber aucli innerhalb der Vedanta-Theologie gibt es noch 
groBeQegensatze. Den gr66esten,bei uns fast alleingekannten Meister 
des Vedanta, den ^amkaracarya, nennt unsere Schrift auch nicht. 
Auch er kommt nicht fiir sie in Betracht. Vielmehr er ist gerade 
der hier entschieden bekampfte Qegner. Zwei Richtungen kampfen 
innerhalb des Kreises der Vedantin's aufs heiBeste miteinander : 
die zum Monismus strebende und die zu einem ermaBigten Monis- 
mus und schlieBlich zum Dualismus strebende. Die erstere vertritt 
^aihkara. Vier charakteristische Ziige hat sein System: Die 
Scheinlehre, die Aufbildungslehre, die absolute Advaita-Lehre, 
die Lehre von der Identitat des eigenen Atman mit Brahman, 
a) Die Welt und die Vielheit der Welt ist Maya. Maya aber ist 
Schein, eine groBe kosmische allgemeine Illusion, b) Diese 
Welt und ihre Vielheit wird dem wahren Seienden „aufgebildet". 
Wie man im Dunkeln, durch Irrtum, einen Strick fiir eine Schlange 
hSlt, die Schlange dem Strick „aufbildet*S so wird durch Avidya 
(Nichtwissen) Welt und Vielheit dem Realen selber aufgebildet. 

c) Das Reale selber aber, das Brahman, ist absolut „ohne 
Zweites", ohne Vielheit und Anderes neben sich oder in sich, 
advitiyam, avi^istam; auch in sich selbst ohne Vielheit und Unter- 
schiedenheit. Darum ohne Attribute und Pradikate, ununterschieden 
und uncharakterisiert. „BloBer Qeist" uberhaupt. Daher der 
Name dieser Lehre: „Advaita", Zweitlosigkeit, Non-Dualismus. 

d) Meine Seele ist dieses Brahman selbst, im strengen Sinne, im 
Sinne numerischer Identitat. Das erkennen, ist Aufhebung der 
Avidya, ist Erlosung. 

3. In leidenschaftlichem Qegensatze zu dieser Lehre, zweifellos 
ebenso alt wie diese, steht die andere Richtung der Vedanta-Theo- 
logie. Obgleich beide auf dem gleichen Boden von Vedanta und 
Vedanta-Sutra's stehen, ist der Qegensatz gelegentlich so scharf, 
daB die „Mayika's" geradezu zu Ketzern werden, und „gleich- 
geachtet den Zollnern und Heiden". Man hat zur Not fiir die Sarii- 
khya-s und Yoga-Schulers einen kleinen abgelegenen Himmel ubrig, 
aber nicht fiir die May ika's. Kraftigelnstinkte alter, theistischgestimm- 



— 75 - 

ter Stammes- und Volksreligionen, vielleicht erst spater mit der Ve- 
danta-Spekulation zusamengewachsen, aber in den Upani§ad's selber 
schon urkrSftig und rege, wirken hier in robustem Streben der Selbst- 
behauptung gegen die Umklammerungen einer sich selbst iiberspan- 
nendenMystik.--Diese auf denDualismus gerichtete Vedanta-Theolo- 
gie hat ihren Sitz vornehmlich in der Qemeinde der Visouverehrer. 
VgL tiber diese: „Die fiinf Artikel des Lokacarya**), aus dem Sanskrit 
von R. Otto, in „Studien und Kritiken", 1916, M^rzheft. 

4. Auch unter den Visnu-Verehrern sind sehr viel mehr als nur 
vier Meister auf getreten, Aber die typisch verschiedenen Hauptformen 
der Vedanta-Spekulation dualistischer Richtung hat unsere Schrift 
mit gliicklichem Griff herausgegriffen. Ihr Verfasser scheint dem 
entschlossenen und konsequenten Dualismus des Madhva anzuge- 
horen. Nach der beliebten Manier, zu schiidernde Lehrmeinungen 
so anzuerdnen, daB sie einen alimahlichen Aufstieg zur „Wahrheit", 
nSmlich zur eigenen Ansicht, bilden, und diese dann als letzte und 
endgiiltige vorzutragen, kommt Madhva's voile „Dvaitalehre" am 
Schlusse. — Unser Schriftchen ist im Urtext herausgegeben in 
„Benares Sanskrit Series", Nr. 133, Fasc. II, von Ratna Qopal 
Bha^ta, 1907. Name, Zeit und Umstande des Verfassers sind unbe- 
kannt. Da er das ^uddhadvaita nach Vi^i^u-Svamin schildert, ohne 
dessen viel bekannteren und einfluBreicheren Schiiler Vallabha als 
Meister zu nehmen oder auch nur zu nennen, so ist er vielleicht vor 
Vallabha, also etwa um 1480 — ^90 anzusetzen. — Die vier 
geschilderten „Meister" sind: Vi$nu-Svamin, der Vertreter des Sud- 
dhavaita, Ramanuja, der bedeutendste von alien, der Vertreter des 
ViSi5tadvaita, Nimbaditya, der Vertreter der Bhedabhedalehre, und 
Madhva, der Vertreter des volligen Dvaita. 



*) In dieser relzenden Schrift ist die Heilslehre der Schule des 
Ramanuja voll entwickelt. Was ich dort iiber die Visou- Religion gesagt 
habe, setze ich hier voraus. — Ein Handbuch entwickelter Vaisoava-Lehre, 
mit erkenntnistheoretischem, logischem und metaphysischem Unterbau 
erscheint soeben gleichzeitig: ,Dlpika des Nivasa", aus dem Sanskrit, von 
R. Otto; bci J.C.B.Mohr, Tubingen, 1916, in der „Sammlung gemeinver- 
standlicher Vortrage". 



- 76 - 

Verehrung Hehr-OaocSa 



Aller Meister Lehren, 

kurzgefaBt. 
(Sakalacarya-mata-samqrahah) 



1. 
^uddhadvaita des Visnusvamin^. 

a) Ledig der QualitSten der Natur, 

b) Durch Obernatiirliches qualifiziert, 

c) So von alien Upani$ad's gelehrt ist 

d) Das hochste Brahman. Es sei dir zur Lust. 



Dein Prolog redet ja von etwas ganz Neuem! 
Wieso ganz Neues? 

Willst du etwa behaupten. daB das mit alien Autoritaten 
ubereinstimme? AUe heiligen Schriften ') widersprechen ihm: 
„Alles dieses wahrlich ist Brahman; Tajialan'); — Ich bin aller 
Welt Entstand und Vergang; — Woher sie ihren Ursprung hat 
— gemaB der Schrift *) usw.": so lehren alle Sruti's, Smrti's und 



*) Visou-Svamin lebte um 1450 ff. Aber das System, das cr vertritt, 
ist fraglos sehr viel alter. Es ist altertumlicher und primitiver als das des 
Ramanuia. Auch er will festhalten am Advaita, an der „Zweitlosigkeit" des 
Brahman, des Absoluten. Aber Es ist fiir ihn „zweitlos** nicht wie bei 
Sariikara als prSdikatloses .bloBes" Sein, sondern als Buddha = Reines. 
Rein ist es, well rein von unreinen, nSmlich naturlichen PrSdikaten, zu- 
gleich aber versehen mit reinen. nSmlich tibematiirlichen Pradikaten. Daher 
§uddhadvaita. — Durch Vi§ou-Svamin's bedeutenderen Schiller Vallabha, 
• 1479, wurde das Suddhadvaita zum Schulsystem einer ausgebreiteten 
Qemeinde, die bis heute stark ist in Bombay, Gujerat und Zentral-Indien. 

*) Die Sruti, die , Schrift", das ist der Veda, und besonders die Ve- 
danta's=Upanisad's. DieSmrti, die kanonische Tradition, besonders die 
von Kiagavant Krsoa selber offenbarte Bhagavad-Oita. Die Sutra's, 
die Vedanta- Sutra's des .Sutrakara" Badarayaoa, die kanonische Zu- 
sammenfassung aller Vedanta-Lehren ; das Symbolum aller rechtglSubigen 
Vedantin's, der Schrift gleichgeachtet. — Die hauptsachlichsten Upanisad's: 
Deussen, 60 Upanisad's des Veda, 1905 — Die Qita: Qarbe, die Bhagavad- 
Qlta, 1905. — Die Sutra's: Deussen, die Sutra's des Vedanta, 1887. 

") Tajjalan: In ihm entstehend, vergehend, atmend. — Chand. 3, 14, 1. 
*) Vedanta Sutra's I 1, 2 und 3. 



- 77 — 

Sutra^s aller Welt Brahmanwesenschaft, und damit Brahman- 
schaft alles dessen, was in sie beschlossen ist. (Also miissen 
auch die Qualitdten der Welt dem Brahman zukommen.) Wie 
kannst du also sagen: a) Ledig der Qualitaten der Natur? 
— Qanz mit Recht! Es ist gesagt: „Ais einziger zu sein, gefiel 
ihm nicht. Es wiinschte ein Zweites; Einer bin ich, ich will viel 
sein." Das ist eine einheitliche Aussage mit dem Sinn: Um 
Freude zu finden, faBte Es (das Brahman) den EntschluB, 
in Buntheit von Namen und Formen sich selber offenbar zu machen. 
Buntheit ist das Mannigfaltiggestaltete. Das aber laBt sich nicht 
anders denken, als so, daB die (Es selber konstituierenden 
Qrund-) Telle in verschiedenen Abstufungen und Verhaltnissen (zur 
Schopfung) verwandt wurden. So machte Es in entsprechend 
abgestuften Verhaltnissen die (drei) Telle (seines Wesens), Realitat, 
Qeist, Wonne, offenbar und tat sich selber so hervor in (den 
Stufen des) Dumpfen (Materiellen), der Seelen und des Innen- 
walters. Es geschah nach dem Spruch: ^Wie wenn aus einem 
lodernden Feuer tausendfach die Funken ausspruhen, O Teurer, 
so gehn die Wesen . , . usw." ^) Offenbarheit (eines Dinges) ist 
aber seine Moglichkeit, Objekt von Erfahrung als eines existieren- 
den Dinges zu werden. Das Qegenteil ist Verdunkelung. Erfahrung 
aber ist Apperzeption seitens einer Seele, und kommt gemeinS^m 
den Seelen und dem Innenwalter zu. Durch die Verdunkelung nun 
der Telle Qeist und Wonne (und die Offenbarung nur von Realit§t) 
ergab sich das Dumpfe; durch Verdunkelung des Wonneseins (bei 
Offenbarung von Realitat und Qeist) ergab sich die Seele, durch 
Offenbarung (auch) des Wonneseins ergibt sich Brahmanschaft. 
Aus den unverdunkelten drei Teilen Realitat, Qeist, Wonne 
zugleich bestehen ist das Wesen des Innenwalters (des imma- 
nenten Brahman selber). Ebenso nun verdunkelte Er sodann 
in der Seele durch Verknupfung mit Avidya*) sein ^Bhaga" 
genannten ^) sechs (ursprflnglichen Kardinal-) Pradikate: Herrlich- 
keit, Macht, Ruhm, Qlanz, Erkenntnis, Leidenschaftslosigkeit. 



*) Muod. 2, 1, 1; nach Deussen: 

Wie aus dem wohlentflammten Feuer die Funken, 

Ihmgleichen Wesens, tausendfach entspringen. 

So gehn, o Teurer, aus dem Unverganglichen 

die mannigfachen Wesen hervor und wieder in dasselbe ein. 

*) Das „Nichtwissen." 

Vgl. Visnu-Puraoa 6,5 (Wilson, S. 212). -^ 



#^: 



- 78 - 

Durch die Avidya sodann entstand die „Bindung"der Seele in Qe- 
stalt von Qeburt, Sterben, Haften am Leibe (und andern Sinnen- 

dingen) und die Wahnerkenntnis: nach der (Schrift-) Aussage: 
„Bindung ward ihm durch Avidya.* Da die Seele (in ihrer Ge- 
bundenheit) sich anderes (namlich Hdheres) nicht zum Ziele setzt, 
sondern nur auf das Dumpfe (Materielle) denkt, so erkennt sie 
das als Dumpfes und Seele gestaltete Brahman nicht als 
Brahman, weil ihr hier die Herrlichkeit und die anderen (der sechs 
Qrundeigenschaften) verdunkelt sind — sind es doch geistige 
Eigenschaften (fiir die die materiell gerichtete Seele kein Auge 
hat). Und ebenso entsteht sotaner Seele beziiglich Brahmans 
selber, nach Wesen und Pradikaten, durch Avidya gewirkt, eine 
falsche Vorstellung. Namlich statt seiner Realitat und anderer 
unweltlicher Eigenschaften stellt sie UnreaUtat, Veranderlichkeit 
und manche andere weltliche Eigenschaften vor. — Die der- 
gestalt, durch Verkniipfung mit Avidya, sich ergebenden weltlichen 
Pradikate des Dumpfen und der Seele nun sind die „natiir- 
lichen" Qualifikationen: und weil diese am Brahman nicht sind, 
so ist Es ihrer „ledig". Das ist der Sinn unserer These a. „Naturlich" 
ist, was Objekt ist einer Vorstellung, entspringend aus natiirlicher- 
Sinneswahrnehmung.'*) — Autoritat fiir unsere These sind die „ver- 
neinenden" Spruche % — Und zugleich ist klar, daB diese (nicht 
etwa schlechthin, sondern nur die „natiirlichen" Pradikate ver- 
neinen,an sich aber durchaus)ein positives Objekt kundtun. 

b) Nun behaupten aber andere (die Mayika's) ^): ,Wennauchdie 
vemeinenden Spriiche ein positives Objekt bezeichnen woUen, so ge- . 
hort doch eben ailes, was durchQualifikationsunterschiede bestimmt ist, 
zur Natur; von dieser verschiedene Pradikate Brahman's aber sind 
(durch die Schrift) nicht erwiesen, und die Spriiche der Schrift, die 
kultische Qebote enthalten (und darum von Qualitaten Brahman's 
reden mussen), haben einen anderen Sinn. Also resultiert nur das 
iiberhaupt quklitaten- (und unterschiede-) freie Brahman." Zur Zer- 
streuung dieser falschen Ansichten machen unsere Textworte in b) 
jetzt eine weitere Bestimmung: „Durch Obematiirliches qualifiziert". 



^*) Ober den Unterschied von naturlicher und iibernaturlicher Sinnes- 
wahrnehmung. Vgl. Dipika I A. 

') Die Spruche der Schrift, die nur Negatives von Brahman aussagen 
Oder Positives ihm ausdriicklich absprechen. 

®) Sariikara und seine Schule. — Vergl. Deussen, die Sutra's des Ve- 
danta . . . nebst dem vollstandigen Kommentare des Cankara, 1887, und 
das System des Vedanta, 1883. ^e. 



K?K'-^>*^v^^?r'HK??.>- ■' '■■■■■< : : .■•-:!*''V;flA*?5M^V 



- 79 - 

Obernaturlichbedeutet hier, was nicht zur Natur gehort. Das heiBt: 

Er ist qualifiziert mit Pradikaten, die nicht Objekt natiirlicher Siimes- 
wahrnehmung sind. Als AutoritSt hierfur sind die oben schon an- 
gefuhrten (positiven) Spriiche zu rechnen. 
, — Aber wie kann das sein! Positive Pradikate (Brahman's) 

wie sein Tatersein (die die positiven Spriiche allerdings 
nennen,) sind doch nur iUusorisch! 

— Keineswegs. Fiir ihren bloB illusorisghen Charakter gibt es 
keinerlei Autoritat. 

/ — ' Und doch muB man es so fassen, wegen der „(Pradikate) 

verneinenden* Spriiche. 
- — Das stimmt nicht. Denn diese gehen eben nur auf natiirliche 
PrMdikate. Andemfalls hatte es keinen Sinn, einerseits (naturliche 
Pr&dilcate wie) Hand und FuB an Brahman auszuschlieBen ^^), 
andererseits aber durch Ausdriicke wie „der Rasche", „sein hochstes 
Vermogen""), sein (All-)Wirken und Erkennen zu lehren. 
— ' Das hat doch Sinn. Das bezweckt namlich Kontemplation 
(unter anthropomorpher Vorstellung), um dadurch das Innen- 
organ (zur hoheren Erkenntnis) zu reinigen. Denn das 
Qualitatsiose kann man nicht unmittelbar kontemplieren. Selbst 
solche iiberweltliche Pradikate werden nur angegeben zum 
Zwecke (provisorischer) Kontemplation. 
— ■■ Keineswegs. 

/— ' Doch. Sie sind nur popular gemeint, well sie sich nur fur 
die populare Vorstellung ergeben. 

— Nein. Der popularen Ansicht ist hier das Wirken des „Raschen** 
ohne Hande und FuBe und andere Werkzeuge entgegengesetzt. Die 
Verneinung von PrSdikaten (menschlicher Erkenntnisweise) aber 
will hier gerade Erkenntnis seiner AUgestalt bewirken. „(Ohne 
Hilfsmittel) vernimmt er (alles)", ist gemeint, und somit wird 
grade ein (iibernatiirliches) Pradikat beigelegt. So hat diese Aus- 
sage zwei Seiten (eine negative und eine positive). Auch konnte 
aus der Kontemplation eines mit Illusorischem behafteten Objektes 
niemals Reinigung des Innenorganes entstehen. Das folgt auch aus 
der Ninda-Sruti: „Den anders seienden ..." 

'— ' Aber auch die Vorstellung eines selbst Irrealen kann doch 
gelegentlich Mittel sein zu wahrer Wesenserkenntnis (eines 

*°) Svet. 3/19. Deussen, S. 299: ,Ohn' Hande greift er, ohne FUBe ISuft 
cr, sieht ohne Augen und hort ohne Ohren." 

") Svet. 6,8. 



- 80 - 

anderen Realen). z. B. bei Zweig und Mond. So liegt also kein 

Fehler vor. 

— Doch, denn dein Vergleich hinkt. Der Zweig ist sinneswahr- 
nehmlich, Brahman aber nicht. So kann ihm nicht, wie der Mond 
dem Zweig, ein Pradikat (durch Sinnestauschung) aufgebildet war- 
den. Auch sind die Pradikate „Rascher, Qreifersein ohne Werk- 
zeuge" niemals sinnenfallige. Da somit das Aufgebildete und das, 
dem aufgebildet werden soil, beide der Sinneswahrnehmung ent- 
zogen sind, so kann dein Beispiel (das rein auf Sinneswahrnehm- 
liches geht) hier nichts beweisen. Ferner: Aufbildung heiBt, PrS- 
dikate eines Qegenstandes auf einen andem ubertragen. Sind nun 
auch alle Brahman beschreibenden Pradikate, wie ihr behauptet, nur 
popular, so fehlt dann doch grade die Bestimmung, daB sie eines 
andem Pradikate seien. Das Merkmal von Aufbildung ergibt sich 
also gar nicht. Und so kann von Aufbildung nicht geredet werden. 
Darum sind jene Spruche nur exklusiv gemeint, sofem (von 
Brahman) das Sinneswahrnehmliche vemeint wird. 

^ Aber wenn denn auch Aufbildung und Vemeinung (aller 
Pradikate) nicht Qegenstand schon unserer natiirlichen Er- 
kenntnis sind, so folgt noch nicht, daB sie nicht durch Sruti- 
Erkenntnis gegeben und deshalb doch erwiesen sein konnten. 

— Dem widerspricht der Spruch: Zwei Realitaten sind, ver- 
schieden als Qeformtes und Ungeformtes: einerseits . . . andrer- 

seits ... "~^ 

,— ' Das ist nur eine (sich akkommodierende) Wiederholung 

unserer illusorischen (popularen) Vorstellungsweise. 
Nein, denn auch dann kamen Aufbildung und AusschUeBung nicht 

zustande. 

, — Wieso denn nicht? 

— Deswegen: Die Sruti behauptet jene Pradikate vom Brahman 
entweder, indem sie sie i r r t u m 1 i c h erkennt, wie bei der Ver- 
wechslung von Perlmutter mit Silber, oder aber indem sie sie als 
seine Qualitaten erkennt, wie das Silbersein an einem wirklich 
Silber seienden Silber. Das erste geht nicht. Denn woher soil sie 
iiberhaupt jene Pradikate nehmen? Beim Perlsilber geht das, denn 
Silber wird anderswo erfahren, die von Brahman ausgesagten 
Pradikate aber nirgends. Und iiberhaupt geht es nicht an, den 

Spruchen", wie uns selber, infolge von Avidya eine falsche Er- 
kenntnis beizulegen, denn nirgend ist gesagt, daB sie, wie etwa die 
Seele mit Avidya verkniipft seien. Die zweite Annahme aber wird 



- 81 - 

durch nichts ausgeschlossen (ist also richtig). Dabei e'rgibt sich 
fur Brahman kein „Zustandswechsel", sofern Es immer in 
gleicher Wonne ist. — Endlich: Wiirde (in den Sprtichen) zum 
Zwecke der Kontemplation Unwirkliches (Unwahres) hingestellt, so 
ware das B e t r u g. — DaB die (iiberweltlichen) Pradikate Brah- 
man's nur Illusion seien, ist also nicht wahr. So ist unsere These 
bewiesen: Brahman hat uberweltliche Pradikate. 

c) Zum SchluB gibt unser Text den Beweisgrund fur seine 
Thesen an: „Von alien Upani§ad's gelehrt." Seine Qiiltigkeit ist so 
zu erkennen: Ware (unsere These falsch und) die Pradikate Brah- 
man's nur natiirliche, so ware auch Brahman Natur (d. h. ein Nicht- 
Brahman). Dann gingen alle es lehrenden Vedanta's auf ein Nicht- 
Brahman, und Aussagen wie: „Die (hochste) Statt, die alle Veda's 
preisen . . ." waren sinnlos. Schriften mit besonderm Upa- 
nisad-Charakter konnte es dann gar nicht geben. (Da nun aber 
solche Schriften mit solchen besonderen Aussagen da sind und) da 
diese anders gar nicht stattfinden konnen, als unter Voraussetzung 
der Wahrheit unserer These, so ist eben dadurch die Obernatiirlich- 
^ keit der Eigenschaften (Brahman's) erwiesen. Das miissen alle Ver- 
niinftigen anerkennen. 

(Nochmaliger Abweis der Mayika*s.) 

Ferner: Welcher Art soUte die Verknupfung zwischen Brahman 
und Maya sein? ^Samyoga"*') kann es nicht sein, da der hier aus- 
geschlossen ist. Auch nicht Samavaya (Inharenz) *^), da keins von 
beiden im andern ist, also dasandere nicht als Substrat hat. Auchkeine 
Svarupa-Verkniipfung (im Wesen selbst), da man hier das Verhaltnis 
von Pradizieren und Pradiziertem ja nicht anwenden soil. 
' — ' Nun, so mag es doch dies letztere Verhaltnis sein, well dann 

kein Fehler ist. 
— Es geht nicht, well, wenn dieses Verhaltnis gelten soil, Brah- 
man mit Pradikaten versehen ist. 
— ' So mag das Pradiziertsein selber, so giit wie das Tatersein, 

Maya-Charakter haben. Dann tritt jener Fall nicht ein, da ja dann 

(dem Pradikate) Realitat fehlt. 



") Sariiyoga ist die Relation der Oemeinschaft zwischen zwei selb- 
standigen Dingen, die entweder von einem einseitig, oder durch Wechsel- 
wirkung hergestellt wird. 

") Kants erste Kategorle der Relation. 



L 



- 82 - 

— Was heiBt hier „Maya-Charakter"? Aus Maya (wirklich) ent- 

standen sein? oder als verknupft mit Maya erkannt sein? Im 

ersteren Fall hat Brahman ein Pradikat. Der zweite Fall wider- 

spricht der Schrift: „frei von Banden . . ,'* 

(Fortsetzung folgt.) 



Katholische und evangelische Mission im Orient. 

Von Pfarrer Ewald Stier in Marburg. 

Durch den Krieg ist die christliche Mission im Orient aufs 
schwerste betroffen worden. Sie wurde dort in hervorragendem 
MaBe von den Volkern betrieben, die sich jetzt im Kriege mit der 
Tiirkei befinden. Deren Missionsanstalten sind nun samtlich ge- 
schlossen. Um was fiir Zahlen es sich hier handelt, moge folgende 
Zusammenstellung zeigen: RuBland besaB vor dem Kriege im tiirki- 
schen Reich 105 Schulen mit 12 000, England 126 mit 10 000, Frank- 
reich 530 mit 54 000 Schiilern, zusammen 761 Schulen mit 76 000 
Schiilern. Selbstverstandlich wird die Tiirkei jetzt und voraus- 
sichtlich noch auf lange Zeit hin nicht imstande sein, fiir diese bisher 
in geordnetem Unterricht befindlichen Schiiler die Moglichkeit einer 
Weiterbildung zu schaffen. Sie bedarf dazu auswartiger Krafte, und 
es liegt nichts naher, als daB wir Deutschen die Qunst der jetzigen 
Lage ausnutzen und an die Stelle unserer Qegner treten. 

DaB diese Aufgabe von katholischer Seite voU begriffen 
wird, beweist ein Aufsatz des bekannten Professors Dr. L ii b e c k 
im „Katholik" von 1915, Heft 12 iiber „Weltkrieg und katholischer 
Orient". Es wird dort geradezu als Qrundsatz ausgesprochen: Wir 
Deutschen miissen jetzt die Arbeiten iibernehmen, welche die Fran- 
zosen bisher so erfolgreich geleistet haben, zumal nach Fertig- 
stellung der Bagdadbahn noch mehr deutsche Katholiken in den 
Orient kommen werden. Die deutschen Katholiken hatten bis jetzt 
nur sehr wenige Unternehmungen im turkischen Reiche; sie besaBen 
nur die Kirche Maria Heimgang und das St.-Paulus-Hospiz in Jeru- 
salem und unterstiitzten ein paar melchitische Schulen in Galilaa, 
dazu stand ein kleines Lehrerseminar fiir das lateinische Patriarchat 
unter der Leitung von deutschen Lazaristenpatres in Jerusalem Die 
Franzosen verdankten ihren groBen EinfluB im Orient hauptsachlich 
der Ordenstatigkeit. Die Jesuiten unterhielten das vorziigliche St.- 
Josephs-Institut in Beirut, das fast an der Spitze aller Unterrichts- 



°'^ 



- 83 - 

anstalten im Orient stand, dazu kamen die Niederlassungen der 
Uominikaner, Benediktiner, Lazaristen, Trappisten, Assumptionisten 
und noch viel zahlreichere von weiblichen Orden. Sie haben auch 
auf die orientalischen Christen stark eingewirkt, indem sie mit der 
Praxis der vor ihnen hauptsachlich im Orient wirkenden italieni- 
schen Franziskaner brachen, die aus dem Schisma tibertretenden 
Christen zum lateinischen Ritus hiniiberzuziehen: sie haben es 
durchgesetzt, daB Leo XIII. durch die Bulle Orientalium dignitas 
vom 30. November 1894 alle Latinisierungsbestrebungen ver- 
dammte. Bis 1878 bestarid uneingeschrankt das franzosische Pro- 
tektorat iiber die katholischen Christen des Orients, Im Berliner 
KongreB wurde zwar der offizielle „Schutz der Priester, Pilger und 
Monche, deren Wohifahrtseinrichtungen und sonstigen Institute" 
den vertragschlieBenden Machten fur ihre jedesmaligen Untertanen 
vorbehalten, aber „unter ausdriicklicher Wahrung der wohl- 
erworbenen Rechte Frankreichs": das heiBt, alle vor 1878 ent- 
standenen kirchlichen Schopfungen blieben Frankreich unterstellt, 
auBerdem nattirlich die seitdem entstandenen franzosischen Nieder- 
lassungen. Das franzosische Protektorat ist nun zugleich mit den 
Kapitulationen gefallen, und Rom hat diese Rechtslage dadurch an- 
erkannt, daB es den neuen apostolischen Delegaten in Konstantinopel, 
Mgr. Dolci, ohne die bisherige Assistenz des franzosischen Qe- 
sandten sein Beglaubigungsschreiben iiberreichen lieB. 

Liibeck fiihrt nun aber aus, daB Rom nicht dauernd die katholi- 
schen Unternehmungen schiitzen kann. Der Schutz des Protektorats 
soUte eintreten gegeniiber Ungerechtigkeiten einzelner Mohamme- 
daner, willkiirlichen MaBnahmen der ottomanischen Regierung, 
Obergriffen und Rechtsverletzungen der schismatischen kirchlichen 
Behorden, sowie gegen Bedruckungen und Gewalttatigkeiten der 
feindlich gesinnten Volksstamme. Einen solchen Schutz kann nur 
eine QroBmacht gewahren. Wenngleich die katholischen Orientalen, 
wie begreiflich, noch an Frankreich hangen, halt es Lubeck doch 
auch vom katholischen Standpunkt fiir ausgeschlossen, daB die frei- 
maurerische franzosische Regierung, „der Henker der Kirche in 
Frankreich", jemals wieder den Schutz der Kirche im Orient iiber- 
nehmen konnte. Daftir kamen nur Osterreich und Deutschland in 
Betracht. Ersteres aber ist mit eigenen religiosen Niederlassungen 
auBer einem Pilgerhaus in Jerusalem und Hospitalern in Tantur be! 
Bethlehem und in Nazareth in der Tiirkei nicht vertreten; es hat 
seine historische Aufgabe auf dem Balkan, wo Deutschland ihm freie 



— 84 — ^ 

Hand lassen werde. So miisse Deutschland an die Stelle Frank- 
reichs als Protektor der Katholiken im Orient treten. Dem Einwand, 
daB Deutschland doch eigentlich die protestantische Vormacht ware, 
wird mit dem Vorschlag begegnet, einen Praiaten, am besten einen 
mit bischoflicher Wurde, etwa in Beirut zu stationieren, der den 
Verkehr zwischen den orientalischen Bischofen und Patriarchen und 
seinen Regierungsorganen vermitteln konnte. Deutschland sei 
zweifellos in der Lage, die erforderliche Anzahl von Missionaren in 
den Orient zu entsenden und die notigen Qeldmittel aufzubringen. 
Deutschland konnte auf diese Weise auch am wirksamsten den 
Wuhlereien seiner Qegner entgegentreten: sucht doch besonders 
RuBland im Orient immer fester FuB zu fassen und bedient sich dazu 
des 1882 begriindeten Palastinavereins, der vor dem Krieg eine Ein- 
nahme von iiber V* Millionen Mark hatte. Es begniigte sich nicht 
mehr mit der Besetzung von Palastina, wohin jahrlich gewaltige 
Pilgerzuge veranstaltet wurden, es hat auch Kloster bei Beirut und 
Antiochien erworben und die Wahl russenfreundlicher Patriarchen in 
Jerusalem und Antiochien durchgesetzt. 

Soweit Liibeck. Wir glauben zwar nicht, daB die deutsche Re- 
gierung das franzosische Protektorat formell ubernehmen wird, sie 
wird die Empfindlichkeit der Tiirkei schonen. Aber in der Sache 
wird sie gewiB gegeniiber den katholischen Antragen in dieser Rich- 
tung sich nicht ablehnend verhalten, und die Tiirkei wird sich der 
Forderung auf religiose Versorgung der katholischen Christen im 
osmanischen Reiche nicht versagen konnen. Der Anfang ist schon 
gemacht, indem bayerische Franziskanerpatres kiirzlich auf Grund 
eines Abkommens der deutschen und der tiirkischen Regierung nach 
Palastina und Syrien gereist sind, um an die Stelle der ausge- 
wiesenen franzosischen Ordensleute zu treten. Dann aber haben 
wir Protestanten alle Veranlassung, fiir uns das gleiche Recht zu 
fordern, daB deutsche protestantische Missionare die jetzt fehlenden 
englischen ersetzen, Wir haben dazu um so mehr Berechtigung, 
als die angelsachsische Kultur noch weiterhin durch die zahlreichen 
amerikanischen Missionsanstalten vertreten wird und es im deut- 
schen Interesse liegen muB, hierfiir ein Qegengewicht zu schaffen. 
Wir konnen leider nicht ganz so sicher wie die Katholiken sein, daB 
es an den notigen Personlichkeiten und Mitteln nicht fehlen wird. 
Um so wichtiger wird es sein, schon jetzt ernstliche Vorbereitungen 
zu treffen, damit die evangelische Kirche im Orient nicht in Riick- 
stand gerat. 



- 85 - 
Aus der Mission der Gegenwart. 



Zum Programm der deutsch-katholischen Mission in der TUrkei. 

Als wertvolle Erganzung zu den Ausfuhrungen des Pfarrers 
E. Stier iiber „Katholische und evangelische Mission im Orient", die 
in dieser Nummer wiedergegeben sind, seien einige AusfUhrungen 
herangezogen aus dem fuhrenden Organ der deutsch-katholischen 
Mission, der „Zeitschrift fiir Missionswissenschaft". Der Heraus- 
geber. Professor Dr. Schmidlin (Munster), schreibt dort (1916, 
Heft 1) iiber Krisis und Rettung der Orientmission. Er weist hin auf 
die furchtbare Katastrophe, die dadurch in der Turkei entstanden ist, 
daB die Hunderte von f ranzosisch-katholischen Missions- 
schulen geschlossen worden sind. Die 54 000 Schiiler derselben 
stehen plotzlich hilflos da, ohne jede Moglichkeit, ihre Ausbildung 
fortzusetzen. Da musse jetzt die deutsch-katholische Mission ein- 
springen: „Unsere Pflicht und Aufgabe ist es somit, unsererseits zu 
retten, was gerettet werden kann, im Interesse unserer christlichen 
Religion und europaischen Kultur wie unseres Vaterlandes und der 
Turkei selbst, unter Ausnutzung der gegebenen Konstellation und 
moglichster Anlehnung an sie, eventuell durch Obernahme der be- 
drohten Anstalten und Einsetzung deutscher KrSfte an Stelle der 
ohne unser Zutun verdrangten Franzosen. Qegenstand unserer 
Eiirsorge sind auBer unseren katholischen Landsleuten, die als 
Soldaten oder Ansiedler sich dort befinderi: 1. die katholischen 
Levantiner, die im Glauben erhalten werden mussen, 2. die schismati- 
schen Orientalen, die womoglich zur kirchlichen Einheit zuriickzu- 
fiihren sind, 3. die nichtchristlichen Mohammedaner, auf die sich 
unsere Einwirkung wenigstens indirekt ebenfalls zu erstrecken hat." 
„Die nachste Beeinflussung der islamischen Welt (darf) keine reli- 
giose Proselytengewinnung, sondern wesentlich nur kultureller Art 
sein." „Darum kann die Orientmission auch kiinftighin oft nur un- 
eigentliche Mission sein; aber soil sie dem Charakter und Pradikat 
einer Mission treu bleiben, dann muB sie wenigstens intentionell und 
final doch die Mohammedaner als Hauptobjekt und ihre Vorbereitung 
zur Kon version als Hauptziel im Auge behalten; ebenso wird sich 
faktisch-praktisch ihre Arbeitsrichtung und Arbeitsweise mehr als 
bisher nach diesem Ziele orientieren mussen. — Damit ist natiirlich 
nicht gesagt, daB die Orientmission speziell vor den Turken den 
Missionscharakter offentlich zur Schau tragen oder auch nur das 
Wort Mission gebrauchen soil, was im Gegenteil hochst unopportun 



- 86 - 

unci unangebracht ware; das Obige gilt vielmehr nur fur unsere 
eigene Zweckbestimmung. — Diesen Bedingungen wie uberhaupt 
den objektiven Verhaltnissen haben daher auch die Missionsmittel 
im Orient zu entsprechen. Beziiglich der unierten Christen bestehen 
sie vor allem in den Mitteln der Pastoration, die Schismatiker sind 
durch Hilfsmittel aller Art zu gewinnen, gegenuber den Moham- 
medanern ist wenigstens vorlaufig allein die kulturelle Tatigkeit 
ohne jeden Bekehrungsversuch und selbst ohne direkte Bekehrungs- 
absicht am Platze, in erster Linie durch Erziehung und Unterricht, 
an zweiter Stelle durch Karitas *). Aber auch diese Vorarbeit ist 
unter dem Missionsgesichtspunkt als wichtiges Samenkorn fiir die 
Zukunft zu bewerten, weil sie besser als alles andere zur Beseiti- 
gung der Vorurteile gegen das Christentum und zur Erfiillung der 
Qemuter mit Hochachtung fur unsere Religion, zurVerbreitung christ- 
licher Ideen und Sitten, damit zur Pradisponierung der nichtchrist- 
lichen Welt und wenigstens zur indirekten Wegebreitung fUr das 
Evangelium beitragen kann; ist doch angesichts der steigenden 
Modernisierung und Europaisierung aller turkischen Verhaltnisse 
und Anschauungen im Qefolge dieses Krieges und unseres Zu- 
sammengehens mit ihnen die Kultur das wirksamste, ja das einzige 
Vehikel ftir die Mission unter dem ihr bislang so abgekehrten und 
unzuganglichen Islam." 

Es seien gewisse Schwierigkeiten dabei noch zu tiberwinden. 
„Ernster erscheinen die im Qegenstand liegenden Bedenken, vor 
allem das Strauben der turkischen Qewalthaber gegen die Zulassung 
unserer Missionare. Aber auch dies kann und muB verschwinden, 
wenn die leitenden Staatsmanner der Tiirkei zur Einsicht kommen, 
daB die Mitwirkung deutscher Missionare einerseits fiir das Qe- 
lingen ihres groBen und schweren Kulturprogramms unentbehrlich 
und unersetzlich, andererseits vom politisch-nationalen Standpunkt 
aus ungefahrlich und unbedenklich ist, weil deutsche Missionare 
hierin ganz gewiB nicht in die FuBstapfen ihrer franzosischen Vor- 
ganger treten." 

Die deutschen Missionare muBten sich moglichst den staatlichen 
Bedingungen anpassen. Auf der andern Seite miiBten zum Qelingen 
gewisse Voraussetzungen erfuUt werden, die Bildung von unter- 



*) Qenannt werden in einer Anmerkung: Hospitaler, WaisenhSuscr, 
Altenheime, Findelhauser, Armenapotheken, ambulante Krankenpflege, Ver- 
sorgung arbeitsunfahiger Leute, arztliche Mission, Rotes Kreuz und 
Waisenpflege. 



- 87 - 

stutzenden Vereinen, Hilfe von seiten der Kurie und des Episkopats. 
„Dann als nicht zu umgehende Mithilfe zum Schutze unserer 
Glaubenspioniere und zur Beseitigung der Hindemisse eine gewisse 
Unterstutzung durch unsere Regierung bezw. diplomatische Ver- 
tretung." — „Fur die Ausreiseund die Schultatigkeit 
ware eine Regi e r ungssub ven t ion nicht ausge- 
schlossen, jedenfails muBte man einen gewissen 
Schutz fiir die deutschen Priester und Missionare 
beanspruchen *)". 

Professor Dr. Schmidiin hat schon Ende 1914 eine Informations- 
reise unternommen. Nach dem Heiligen Lande sind bereits zehn 
deutsche Franziskaner entsandt worden, ein standiger Bericht- 
erstatter ist in der Turkei stationiert worden. Eine Vereinbarung 
mit den Katholiken Osterreichs und Ungarns ist erzieit. So sind die 
deutschen Katholiken auf dem Posten, um diese grofie Moglichkeit, 
das Christentum in die islamische Welt hineinzutragen, auszunutzen. 

Was wird von deutsch-evangelischer Seite in dieser Hinsicht ge- 
schehen? Und wie findet man sich hier ab mit der faktischen Un- 
moglichkeit, anders als aui ganz „indirekte" Weise in der Tiiiicei 
Mission zu treiben? Dr. J. W i 1 1 e. 



Die Qrtindung einer Konierenz Deutscher Evangelischer Arbeits- 

<H'ganisationen. 

Der Krieg hat um Volksgemeinschaft und Volkskirche ein so 
starkes Band geschlungen, daB eine Neugestaltung auch der Be- 
ziehungen der groBen evangelischen Verbande untereinander, wie 
sie am 22. Februar in einer Versammlung in Berlin in die Wege ge- 
leitet worden ist, der Anteilnahme des gesamten deutschen Volkes 
sicher sein kann. Im Schiitzengraben fragt niemand den Neben- 
mann, mit dem er Schulter an Schulter zusammensteht: welchen 
Standes, Qlaubens bist du, welcher Parte! und Konfession gehorst 
du an; sie alle eint die eine, groBe Sache des Vaterlandes. Kehren 
diese Manner einst nach errungenem Siege heim, so werden sie ge- 
wiB nicht woUen, daB der Qeisteskampf um die hochsten Qiiter und 
Uberzeugungen aufhore; denn im Kampf bewahrt sich erst der Wert 
des Mannes und der von ihm vertretenen Sache. Aber das Ver- 
langen werden sie alle mit heimbringen, daB ihnen auf keinem Qebiet 



*) Von uns gesperrt. Die Schriftleitung. 



— 88 — 

wieder der kleinliche, haBliche Tageskampf wie friiher geboten wird, 
mit all seinen MiBhelligkeiten und gegenseitigen personlichen Herab- 
setzungen. Es ist eine erfreuliche Frucht des Krieges, daB der deut- 
sche Protestantismus sich des Reichtums seiner inneren KrSfte und 
seiner in das Volksganze hineinwirkenden Vielseitigkeit immer 
freudiger bewuBt ist, daB er aber trotzdem mit gescharftem Sinn fUr 
die vorhandenen Moglichkeiten gelernt hat, das Qemeinsame iiber 
das Trennende zu stellen. Seine groBen Verbande und Vereine haben 
rechtzeitig erkannt, daB auf dem Wege praktischer Arbeit eine Zu- 
sammenfassung der verschiedenen Krafte moglich ist, um dem deut- 
schen Protestantismus die ihm gebuhrende Qeltung in der Oflent- 
lichkeit zu verschaffen. Vertreter von einundzwanzig evangelischen 
Vereinen und Verbanden haben am 22. Februar in Berlin eine Kon- 
ferenz Deutscher Evangelischer Arbeitsorganisationen begriindet, die 
folgendes Ziel verfolgt: 

„die groBeren mit ihrer Arbeit iiber den Umkreis der ein- 
zelnen Landeskirchen hinausreichenden Vereinigungen, die deut- 
sches evangelisches Leben in unserem Volk auf dem Wege prak- 
tischer Betatigung zu wecken, zu fordern und zu vertiefen be- 
strebt sind, derart miteinander in FUhlung zu bringen, daB sie 
iiber ihr gedeihliches Zusammenarbeiten an der Verwirklichung 
dieser Aufgabe in regelmaBig wiederkehrenden Verhandlungen 
Verstandigung suchen." 

An der Griindung der Konferenz haben sich folgende Verbande 
und Vereine beteiligt: ZentralausschuB fiir Innere Mission, Deutsch- 
evangelische Missionshilfe, Deutsch-evangelischer Volksbund, Evan- 
gelischer Bund zur Wahrung der deutsch-protestantischen Inter- 
essen, Evangelisch-kirchlicher Hilfsverein, Evangelisch-sozialer 
KongreB, Evangelischer Verein der Qustav-Adolf-Stiftung, Freie 
kirchlich-soziale Konferenz, Konferenz fur evangelische Qemeinde- 
arbeit, Verband der deutsch-evangelischen Pfarrvereine, A 1 1 g e - 
meiner E vange 1 isch-Pro t e s ta n t i s ch e r Missions- 
verein. Bund deutscher Jugendvereine, Deutsch-Evangelischer 
Frauenbund, Deutsch-Evangelischer Verein zur Forderung der Sitt- 
lichkeit, Deutscher Evangelischer MissionsausschuB, Evangelischer 
PreBverband fiir Deutschland, Evangelischer Verband zur Pflege der 
weiblichen Jugend Deutschlands, Qeneralkonferenz der evangeli- 
schen Diakonissenhauser, Qesamtverband evangelischer Arbeiter- 
vereine Deutschlands, Konferenz der Vorsteher der Briiderhauser 



- 89 ~ 

und Diakonenanstalten, Nationale Vereinigung der evangelischen 
Junglingsbiindnisse Deutschlands, 

Zur Erledigung der Qeschafte der Konferenz wurde ein Arbeits- 
ausschuB gebildet. 



China im Weltkriege. 

1. Chinas eigene innere Kampie. Zwei wichtige, 
schwere Dinge hat China in der Zeit des Krieges durchzukampfen, 
das ist seine Neuorientierung Japan gegenuber und die Frage der 
Regierungsform. 

Japan hat die Verwicklungen in Europa benutzt, um sich in China 
die Vorherrschaft zu sichern. Es hat an China Forderungen gestellt, 
durch die es in China weitgehende Rechte erlangt hat. Ob Chinas 
Regierung diese Vorgange nur mehr dem Druck von Japans Qewalt 
widerwillig duldend hingenommen hat, oder ob Yuan-Schi-Kai im 
Qrunde damit ganz einverstanden ist, daB Japan die Ftihrung in 
China ergreift, ist heute noch nicht ganz klar. Aber soviel steht wohl 
fest, daB die Reformen und der Aufbau des neuen Lebens in China 
durch eine einheitliche Vorherrschaft Japans nicht gefahrdet ist, 
sondern bessere Fortschritte machen wird, als wenn die wilde Kon- 
knrrenz der Westmachte das Land bald hierhin, bald dorthin relBt. 
Japan kann und will ja damit nicht alien fremdlandischen EinfluB in 
China ausrotten. Japan weiB, daB es allein nicht imstande ist, China 
zu reformieren. Besonders Deutschland wird ihm als Mitarbeiter 
in China willkommen sein, well Deutschland in China keinen groBen 
Landbesitz hat und erstrebt, wie England, RuBland und Frankreich, 
die alle drei groBe Landermassen von China losgerissen haben. 
Deutschland will in China nur freie Bahn fiir seinen Handel und seine 
Kultur. Diese Freiheit des Handelns wird es auch in Zukunft haben 
konnen, wenn Japan die erste Hand in China behalt. Ja, es wird 
Japan als der ungefahrlichste Konkurrent im Osten besonders will- 
kommen sein. 

Nun sind in China neue, blutige Kampfe entbrannt um die Regie- 
rungsform. Seit 1911 war China dem Namen nach eine Republik. 
Diese Republik war ein kiinstliches Qebilde, nicht lebensfahig. Ord- 
nung kam in China erst wieder zustande, als der alte Monarchist 
Yuan-Schi-Kai das Regiment in die Hande bekam und eine straffe 
Regierung einsetzte. Er herrschte schon seit langem wie ein Mon- 
arch. Nun will er China auch dem Namen nach wieder in eine 



— 90 — 

Monarchic umwandeln und sich die Kaiseri^rone aufsetzen. Dabei 
stofit er auf lieftigen Widerstand. Derselbe richtet sich nur insoweit 
gegen ihn personlich, als er die zur Selbstverwaltung des Landes 
geschaffenen neuen Einrichtungen stark eingeschrankt hatte. Der 
Widerstand geht zum groBten Teil vom Suden Chinas aus, der seit 
Jahrhunderten schon immer wieder zeitweise dem Norden feindlich 
gegeniibergetreten ist, in dem die Kulturlage des Volkes eine hohere 
ist als im Norden, in dem die republikanischen Ideen fester einge- 
wurzelt waren wie im Norden und der nun von dem Beamtentum, 
das die Wiederkehr der Monarchic nicht gern sieht, gefiihrt wird. 
Welche Regierungsform in China besteht, kann den Europaern ja an 
sich gleichgultig sein, wenn nur das Land so regiert wird, daB es in 
geordnete Bahnen kommt und sich gesund entwickelt. England, 
Amerika und Frankreich sind Qegner der Wiedererrichtung der 
Monarchic. Auch Japan scheint sich in dicser Hinsicht gegen Yuan- 
Schi-Kai zu betatigen. Warum Japan das tut, ist nicht ganz klar. 
Ob es fiirchtet, daB China unter monarchischer Regierung zu 
schnell erstarken werde? Denn warum ein Land, das selbst 
unter monarchischer Leitung steht und begeistert an ihr hangt, einem 
andern zuredet, eine Republik zu bleiben, leuchtet nicht ein. 

Qegcn die Beibehaltung der republikanischen Staatsform lassen 
sich zwci sachlichc Qrunde geltend machen. Einmal der, daB der 
weitaus groBte Teil des chinesischen Volkes nicht die geniigende Bil- 
dung besitzt, um so, wie es in einer Republik notig ist, sich politisch 
zu betatigen, daB daher die straffere, monarchische Regierung erst 
einmal diese Bildung heben miisse. Zurzeit ist aber iiberhaupt nicht 
ersichtlich, warum ein Land, das Jahrtausende hindurch eine Mon- 
archic hatte, diese ohne zwingenden Qrund beseitigen soil ftir immer. 
Denn solch zwingender Qrund lag 1911 nicht vor. Es lag Chinas 
Elend nicht zucrst darin, daB es eine Monarchic war, und die Mon- 
archic trug nicht die Schuld an diesem Elend. Unter der Republik 
wurde es nicht besser. Es wurde erst besser, als Yuan-Schi-Kai 
mit starker Hand die Regierung ergriff. In Chinas Volk liegt ein 
demokratischer Zug; aber diesem ward bereits das alte Kaisertum 
gerecht. Auch Yuan-Schi-Kai wird ihm Qeniige tun, wenn er Kaiser 
bleibt. Er hat den besten Willen und besitzt geniigend Klugheit, um 
sein Regiment so einzurichten, daB er an die besten Traditionen 
Chinas ankniipft. Schon vor einem Jahr hat er dicOpfer amHimmels- 
altar wieder aufgenommen, um die alte heilige Zentralanschauung 
fortzufuhren, dafi das Oberhaupt Chinas der Mittler ist zwischen 



- 91 - 

Himmel und Erde, der Erhalter der Naturordnung und des Sitten- 
gesetzes, eine Anschauung, die das wertvoUste Fundament der 
Volksmoral ist. 

Ob es Yuan-Schi-Kai gelingt, das Kaisertum wirklich wieder- 
einzufuhren, kann heute niemand sagen. Es ist bei der Sparlichkeit 
der Nachrichten nicht moglich, das Qewirr der Faden zu durch- 
schauen. Alle bisherigen Kampfe waren in den wertvoUen Ent- 
scheidungen fiir ihn giinstig. Bedauerlich ist, daB diese Kampfe 
auf die gesunde Entwicklung Chinas wieder schwer hemmend 
wirken und ein gut Teil Kraft, Menschenleben und Volksvermogen 
verzehren, die Wirrnis der Volksstimmung und die Erschiitterung 
des Vertrauens gar nicht gerechnet. Solche Kampfzeiten sind fiir 
Missionsarbeit nicht gunstig. Denn die erregten Qemflter werden 
von den ernsten Dingen der geistigen, sittlichen und reiigiosen Welt 
abgezogen. Wir konnen nur wunschen, daB China bald in ruhige 
Bahnen komme, und dann eine Zeit stiller, innerlicher Arbeit komme. 
Leider muB man furchten, daB diejenigen Staaten, die kein starkes, 
sondern ein schwaches China wollen, fiir lange noch nicht aufhdren 
werden, den Frieden zu storen. Deutschland gehort nicht zu diesen. 
Denn es will ein starkes, gesund sich entwickelndes China, das Kauf- 
kraft hat und ein wertvoUer Freund werden kann. 

2. Chinas Anteil am Weltkrieg. Als die Japaner 
Tsingtau angriffen, hat China wohl oder ubel dulden mussen, daB 
Japan seine Neutralitat verletzte und chinesisches Qebiet zum Kriege 
benutzte sowie ganz Schantung unter seinen EinfluB brachte, bis 
Tsinanfu. Aber im ubrigen hat es nach KrSften seine NeutralitSt zu 
wahren gesucht. Zuviel kann man heute in dieser Hinsicht von 
China noch nicht erwarten, denn China ist schwach, und Deutsch- 
land kann ihm jetzt nicht helfen. Diplomatische Vertretung niitzt in 
solchen Entscheidungen nicht viel. Um so hoher ist es zu bewerten, 
daB China demDrangen RuBlands,Englands und Frankreichs, Deutsch- 
land den Krieg zu erklaren, nicht nachgekommen ist. I m H e r b s t 
1915habendieseLandermitallemNachdTuckdies 
zu erreichen gesucht. China sollte die Freiheit der Deut- 
schen und den deutschen Handel in China lahmen. Es sollte 
kampfend nicht eingreifen, aber den Verbundeten Lebensmittel und 
seine reichen Erzlager zur Verfiigung stellen. Dafur sollte die China 
sehr lastige Boxer-Entschadigung in eine langfristige Anleihe um- 
gewandelt werden und auch sonst China pekuniare Vorteile zuge- 
billigt werden. China hatte diesem Drangen vielleicht doch nach- 



- 92 - 

geben m ii s s e n , wenn es nicht einen starken Riickhalt an Japan 
gefunden hatte, dem es nicht recht war, daB China in den Krieg 
eingriff. So ist Chinas Neutralitat erhalten geblieben. FUr Deutsch- 
land ware eine Kriegserklarung Chinas nicht direkt militarisch, aber 
indirekt wirtschaftlich sehr nachteilig gewesen, wegen der groBen 
wirtschaftlichen Interessen, die es in China hat. Naturlich -ware es 
auch fiir die ganze deutsche Mission in China ein barter Schlag ge- 
wesen. So hat Japan durch sein Eingreifen Deutschland vor 
schwerem Schaden bewahrt, natiirlich nicht um Deutschlands, 
sondern um seiner Interessen willen. China hat natiirlich ebenfalls 
diese fiir Deutschland giinstige Entscheidung nicht um Deutschlands, 
sondern um seinetwillen gefallt. Diese Selbstverstandlichkeit muB 
gesagt werden, weil in Deutschland in weiten Kreisen von China — 
im Qegensatz zu Japan — so geredet wird, als sei China ein be- 
geisterter Freund Deutschlands. China sieht in seinen regierenden 
Kreisen in Deutschland ein Land, das ihm weithin von Nutzen sein 
kann. Aber Wolf v. Dewall hat in seinem neuen Buch (Deutschland 
und China nach dem Kriege, siehe unten die Besprechung desselben) 
durchaus recht, wenn er sagt: China kennt Deutschland 
nicht. Das gilt von der groBen Masse der modern Qebildeten bis in 
die hochsten Kreise, das gilt auch trotz all der hervorragenden 
Leistungen des Reichsmarineamts in Tsingtau und all des andern, 
was die andern Bestrebungen zur Forderung deutscher Kultur in 
China geleistet haben. Denn der groBe Strom des neuen Kulturlebens 
in China ist englisch-amerikanisch. Dazu waren all diese deutschen 
Arbeiten in China der RiesengroBe Chinas gegenuber viel zu jung 
und viel zu klein. Nun ist dem Deutschtum in China in diesem 
Kriege viel verloren gegangen. Eswird enorme Arbeit 
und, um sie leisten zu konnen, enorme Qeldopfer 
kosten, wenn wir unsere Aufgaben in China er- 
fiillen wollen. Dieser Arbeit muB, wenn sie Chinas Bediirf- 
nissen und Noten abhelfen soil, die Mission die Krone geben. Denn 
nur die innere Kraft des Christentums kann letzten Qrundes China 
aus seiner inneren Schwache helfen. 

Vergessen wir nicht, was Professor D. H. Haas schon 1906 in 
seinem Buch „ Japans Zukunftsreligion" (S. 122) gesagt hat: 
„Deutschlands Christenheit, der freigerichtete Protestantismus, haben 
(in Japan) eine groBe Qelegenheit verpaBt. Dieser beschamenden 
Tatsache gilt es ins Qesicht zu sehen und daraus die richtigen Lehren 
fiir die Zukunft zu Ziehen." „DaB nicht auch (in China), wenn alle 



- 93 - 

christlichen Nationen sich herzudrangen, dem Reich der Mitte, ihr 
Bestes zu bringen, unser Deutschland allein zuruckstande." 

Fiir unser Wirken in Japan ist wieder bessere Zeit, als sie 1906 
war, gekommen; das gilt trotz des Krieges. Unser Wirken dort ist 
aussichtsvoll. Aber besonders wichtig sind unsere Aufgaben in 
China. Das gilt es unseren Freunden einzupragen. China wartet 
auf das Christentum. Mochte Deutschland nach dem Kriege ihm 
nicht nur materielle Giiter und verstandesmaBiges Wissen bringen, 
sondern auch in reichem MaBe sein Bestes, das Christentum. 

Dr. J. Witt e. 

Kurze Nachrichten aus Ostasien. 

r. DiefremdenSprachenin Japan. QemaB dem Bericht 
des japanischen Unterrichtsministeriums gab es in Japan an den 
hoheren Schulen im Jahre 1912/13 im ganzen 103 auslandischeLehrer 
fiir fremde Sprachen. Davon waren 33 Englander, 26 Deutsche 
18 Amerikaner, 10 Franzosen und 8 Chinesen. An der Schule fiir 
fremde Sprachen in Tokio sind unter den 59 Lehrern nur 14 Aus- 
lander. Von den Schiilern dieser Schule lernen 81. Englisch, 56 
Deutsch, 55 Franzosisch, 51 Chinesisch und 44 Russisch. 

2. Die Japaner auf Formosa. Die Japaner haben dort 
einen schweren Stand gegen dieEingeborenen. Aber mit welcherBru- 
talitat sie dort vorgehen, zeigt die Tatsache, daB sie in dem jiingsten 
„Verschw6rungsprozeB" in Formosa 445 Formosaner zum Tode und 
iiber 300 zu harten Qefangnisstrafen verurteilt haben. Man erinnert 
sich dabei der ungerechten Verurteilungen im koreanischen „Ver- 
schw6rungs"-ProzeB. Und doch waren es damals im ganzen nur 
106 Verurteilte, die spater samtlich freigesprochen oder begnadigt 
wurden. 

Bucherbesprechungen. 

Dr. 11. S m i d t , Japan im Weltkriege und das Chinaproblem. 
Zwei Auisatze. Bremen 1915. Verlag Franz Leuwer. 61 Seiten. 

Der Inhalt dieses Buches zerfallt in zwei ungleiche Teile. Der erste 
kiirzere, iiberschrieben: „Japan in den ersten Kriegsmonaten", schildert 
Erlebnisse des Verfassers, der diese ersten Kriegsmonate in Japan selbst 
zugebracht hat. Diese Schilderungen bestatigen, was in diesen Blattem oft 
genug gesagt worden ist, daB im japanischen Volke eine Feindschaft gegen 
Deutschland nicht vorhanden ist. Es gibt aber schon dieser erste Teil mehr 
als bloBe Schilderungen. Er bringt sehr wertvolle Urteile, wie man auf 
deutscher Seite zu wenig Fiihlung mit der Presse Japans gesucht habe, wie 



— 94 - 

die friihere deutsche Japan -Politik oft nicht geschickt gewesen sei, daB es 
fraglich sei, ob Deutschland je im femen Osten Kolonien werde haiten 
konnen, daB die Ausbreitung deutscher Kultur in Ostasien viel wichtiger sei 
als Kolonien, und daB das Beste fur Deutschland sei, sich mit Japan zu- 
sammenzuschlieBen : ,Vertragen wiruns mit Japan". Der zweitc 
langere Teil, betitelt: »Das China -Problem", gibt einen feinen Oberblick 
iiber die Entwicklung Japans, iiber seine politischen Verhaltnisse und 
Parteien und Japans Stellung zu China. Deutschland konne in China am 
besten mit Japan Hand in Hand gehen. Freilich sei es fur Japan schwer, 
sich aus den englischen Finanzfesseln freizumachen. — Japan schuldet 
England 2 478 Millionen Mark — aber: „es ist mir keinen Augenblick zweif el- 
haft, daB es uns von alien unseren Gegnern mit Japan am leichtesten 
gelingen wird, zu einem anstandigen Frieden zu gelangen". Das Hef* 
schlieBt mit den Worten: ,Aber vor alien leuchtet uns feststehend wie der 
Polarstern eine richtunggebende Oberzeugung: Eine ,gelbe Gefahr" 
existiertfiiruns nicht, solange wiruns ausschlieBlich 
auf unsere eigene Kraft verlassen". Das Buch ist wegen 
seines weiten Blickes und seiner griindlichen Dariegungen sehr zu empfehlen. 

Dr. J. Witte. 

Paul Rohrbach u. Wolf von Dewall, Deutschland und 
China nach deal Kricge. 1. Deutschland und das chinesische Geistesleben. 
2. Die wirtschaftlichen Aufgaben Deutschlands in China. Schriften des 
Deutsch-Chinesischen Verbandes Nr. 2. Mit einem Vorwort des Vorsitzenden 
des Verbandes, Freiherr von Mumm. Verlag von Karl Curtius. Berlin 1916. 
105 Seiten. 

Der erste Teil stammt von Rohrbach. Er ist eine gefallige Darlegung 
der Qrundgedanken des Konfuzianismus mit dem Ziel, den Europaern den- 
selben innerlich nahe zu bringen. Rohrbach benutzt dabei ausfUhrlich ein 
Buch des in Schanghai lebenden Konfuzianers Ku Hung Ming, das in deut- 
scher Obersetzung vorliegt mit dem Titel ,,Chinas Verteidigung gegen 
europaische Ideen". Objektiver ware das Bild geworden, wenn Rohrbach 
auch die englisch geschriebenen, anderen Schriften Ku Hung Mings beriick- 
sichtigt hatte, die gerade mit ihren Urteilen iiber die Volker Europas sehr 
interessant sind. Den SchluB der Ausfiihrungen Rohrbachs bilden handels- 
politische Ausfiihrungen. Damit leitet er schon hiniiber zu dem zweiten Teil, 
den Wolf von Dewall geschrieben hat. Derselbe bietet mehr als der Titel 
verspricht und zeichnet sich besonders durch feine, ruhige Urteile aus. Die 
ostasiatischen Dinge werden sehr objektiv beleuchtet. Es wird gewarnt vor 
leidenschaftlichen Urteilen iiber Japan, auch gewarnt vor iibertriebenen 
Hoffnungen auf China: „In den letzten Monaten konnte man oft in deutschen 
Zeitungen lesen, daB die Sympathien der Chinesen in diesem Kriege auf 
unserer Seite stehen. Das ist nur in sehr bedingtem MaBe der Fall. 
China kennt uns nicht. In China ist Deutschland noch immer das 
Land der groBen Kriegsmaschinen. Die Qeschenke der Kultur kommen fur 
den Chinesen aus England und Amerika. Das kann ja auch kaum anders 
sein." Die ganze moderne Kulturbewegung wurde eben von dort her 
beherrscht. Deutschlands Anteil daran sei sehr klein. „Dies zeigt, wie 



'■^ 



- 95 — 

wichtig fur Deutschland eine ausgedehnte Kulturarbeit in China ist." Dann 
werden itn einzelnen Deutschlands wirtschaftiiche Aussichten in China be- 
sprochen. Hier wird als wirltiich greifbarer Plan der Qedanice einer deutschen 
zentralasiatischen Bahn dargelegt : Berlin — Bagdad — Teheran — Samaiicand — 
Kaschgar — Sianfu — Tsinanfu — Tsingtau (und Peking), Das ist keine 
Utopia, sondem ein greifbarer Plan. Im Ganzen: ein sehr lehrreiches, gut 
liber die ortlichen Verhaltnisse orientierendes Buch unter dem im Titel an- 
gegebenen Qesichtspunkt. Dr. J. W i 1 1 e. 



Sttlt^^anltif^t ttttb Sottiftfatiiittett. ^te forage, d6 btc 
SSermittelungSftcIIcn bet ^riegSanlci^cn i)on ber SSergiitung, btc 
ftc al§ ©ntgctt fur i^rc 2)icnfte bei bcr Unterbringung ber 9ln= 
(ei^en er^alten, cincu %til an xf)xt Sctt^ner toeitcrgeben biirfen, 
^at bet ber Ie|tcn WegSanlci^e ju 3)?einunglt)crfd^ebcn§eiten 
gefu^rt unb SScrftimmungen ]^ert)orgerufen. @§ gait bister oU= 
gcmein al8 pififftg, ba6 rid^t nur an SBeitcrbermittler, fonbcrn 
and\ an grofec SBermogcnSbcrtoaltungen ein Xei( ber SSergutung 
njcitergegebett n^erbcn biirfc. SBar bie§ bet ben getoo^nttc^en 
JriebenSaitleil^cn unbebenfUc^, fo ift anIa6U(^ bcr ^rteg§an(ei^en 
t)oit berfc^tcbenen ©eiten borauf ^ingewiefen toorben, hai bei einer 
bcrarttgen allgemcincn SSoIf8anIei§e cine t)erf(%icbenartige 95e= 
^onblung ber Seiner ju bermeiben fci unb e§ fic^ uic^t rc(^t= 
fertigeu laffe, ben grofecn 3ctc§nern giinfttgere 33ebingungen ol§ 
ben fleinen ju gettja^ren. 3)te juflanbigcn Se^firbcn f^ahtn bie 
Serec^tigung biefer ©riinbe anerfennen muffen unb befd^toffcn, 
M ber beborfte^enben btertcn ^egSanleibe ben 9Semtittelung§= 
ftcllen jebe SSeitergabe ber SSergutung ou^er an bcruf^mafeige 
SSermittler t)on ©ffeftengefd^aftcn ftrengftenS ju unterfagen. (5§ 
JDirb olfo lettt Seic^ner, oud^ ntrf)t ber grofete, bie t)tertc ^eg8= 
anlei^e unter bem omtlid^ feftgefe^ten unb offentt^ befannt^ 
gcma^tcn ^urfe er^ortcn, einc STuorbnung, bie o§ne jeben Sweifel 
bei alien biHig benfenbcn 3cic^nem SBerftdnbniS unb 3uftimmung 
pnben totrb. 



Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 
Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann & Reiber. Qorlitz, Demianiplatz 28. 



Ilij9uiiu:igi:,ii)iiii)iiiiiiitiiisi92i 

(Sinte $M(fiiiiiil(i(ie.) 

3ui^ SSeftreitung ber burd^ ben ^Vieg enuaci^fenen StuSgaben tuerben 4Vj ' « 
Dleidi0fciia^antaeiftitt0eti unb 5 Vo ^dtttl6oevfdtteibiitt0eti 6e0 DUldis 
f)iemiit jut offentlic^en 3cic^nun9 Qufgetegt 

3He (Sdttildoevfdt?ribttn0eti find feifetitf dee 0leidt0 W» )ttn 
t. Ohiohtt t924 ttidtf k6tt6bav; bis Tahiti kann alfo ondi fbv 3itu* 
fttS nidif ttevab^efe^f toevden. ^ie 3tthabev kottnett |e6odi ftbev 6ie 
6dtnldoevfdiveibnn0ett toie ftbet fedes attdeve 'ZDevtiKifiev fedei^eft 
(burc^ ^Serfouf, SSerpfanbuug ii[tu.) oerfft^ett. 

1. Sttf^nttttgdftfOe ift bie 9)etf^dlP0it(« S^i^nungen merben 

ooti 6cmnabeti6, 6ett 4. OTldir), an 
6is 3)lffftoodi, 6ett 22. 0)1^?^, tttitfa^s I Uhv 

bet bent :ftotttor brr Krti^eliaiqitliattk fiir ^Orrtpaptere in 6rrltn (^oftfc^ed- 
fonto liBerlin 9^. 99) unb bei alien BtortganQalten Drr H(til|9boitk mit 

^affcncinridjtung cntgegengenommen. ^ie 3^ti^"""9^" fonncn abet f 
and) burc^ 5Sermittlung 
ber jftontgltdirn 3crl)andlnng (^reumfdjcn Staatsbanf) unb ber ))rnt6tfd)n s 
Central- (Sntoffrnrd^aflskafre in ^rrltn, ber ;gont9ltd)rn ^anptbank in ' 
ilttrnbrrci unb it)rer ^rtJeiganftaltcn foiuie 

jdnttdc^er drtttfd)rn jBankrn, Bmkms unb i()rer ^iltalen, 

jaintUc^cr 5nttfd)(n offrntlif^rn SporhafTftt unb ifjrcr iDrrbanbr, 

jeber bentfd)rn £tbrn$ttrr|td)rrnngsgrrrUf(t)aft unb 

jeber brutfi^m ftrfbitgenoO'fnfdiaO erfotgen. 
3eic^nungen onf bie 57o Weic^saulei^e nimntt auc^ bie ^oft an alien 
Drten am ©chatter entgegen. 5luf diefe 3^if^"""9<^" '<>ttw bie SSottjofilung 
am 31. aj?ar,v fie ttlttj^ aber [pateftcn§ ant 18. 9(prit getciftet merben. SSegen 
ber 3i"*&^rfC^n"n9 ^9^- 3iffc'^ ^' @d)(u§fa^. 

2. ®ie @(^a%attttffifititf(eit finb in 10 ©erien eingeteift unb au^gefertigt in ©tiicfen 
ju: 20000, 10000, 5000, 2000, 1000, 500, 200 unb 100 9}farf mit 3in§^ 
fc^einen ja^lbar am 2. Sanuar unb 1. SuH jebe^ 3a^re^. ®cr 3infcntauf ht- 
ginnt am 1. Suti 1916, ber erfte 3in§id)ein ift am 2. Sanuor 1917 fatlifl. 
2Be((f|er 8erie Ut cinjelnc ©c^a^anmeifung angel)6rt, ift an§ itjrem Xeyt erfic^tlid)- 

jDie 9?eic^§finan5toertt)altung bet)a(t fic^ uor, ben ^ur ?(u§gabe fommenbcn 
93etrag ber 9ieic^§)c^a^anrt)eifungen ju begrenjen; e§ empfietjlt fic^ be^^atb fiit bie 
3eic^ner, it)r @int)erftanbni§ auc^ mit ber 3uteilung Don iReic^§an(eit)e 5U erflarcii. 



(^ovtfcfeung fic^f 3. Umft^Iog^Seite) 



:' ».-*««;■- S"-! 



„Aller Meister Lehren". 

(Sakalacarya-mata-samsrahah) 

Aus dem Sanskrit von R u d o 1 f 1 1 o. 

(Fortsetzung und SchluB.) 

Zu verbessern ist im vorigen Hefte: auf Seite 74, vorletzteZeile: Sariikhya- 
und Yoga-SchUler; auf Seite 76, Zeile 4: sathgrahab, Zeile 9: Das Hochste, 
Brahman, Zeile 1 der Anmerkung: 1250 statt 1450; auf Seite 77, drittletzte 
Zeile: seine ^Bhaga". Zu Anm.l: Nach Bhandarkar ist Vallabha um mehrere 
Qenerationen von Visou-Svamin getrennt. In diesem Falle konnte unsere 
Schrift schon aus dem 14. Jahrhundert stammen. 

— Aber wir meinen doch auch nicht Maya-Verknupfung in be- 
zug auf Brahman sondern auf die Seele! So nimmt ja die 
Seele auch sonst noch, wie wenn man durcheine roteBrille^'*) 
sieht, durch ihr eigentumiiche Mangel manche (eingebildete) 
Pradikate wahr. 

— Nein, da sie Brahman selber sein soil, so kann sie keine Mangel 
haben. Und soil Dein Vergleich mit der Brille gelten, so wSre 
Maya so gut wie das Rot der Brille ein reales Pradikat! — 
So kann denn Verkniipfung zwischen Brahman und Avidya iiber- 
haupt nicht behauptet werden, und darum auch nicht die Be- 
deutung seiner Pradikate als bloBer Upadhi's. 

So bleibt's dabei: „Mit iibernatiirlichen unterschiedlichen Pradi- 
katen versehen, und als solches durch alle Upani$ad's erwiesen ist 
Brahman." Amen. 

d) Zum SchluB nennt er nun den Trager der bisherigen Be- 
stimmungen: ,Das Hochste." 

Da aber gelegentlich auch (ftir andere QegenstSnde, z. B.) 
fiir die Sinne von der Sruti gleichfalls der Begriff »das 
Hochste" gebraucht wird — z. B. „die Sinne nennen sie das 
Hochste" — so setzt er noch hinzu „ Brahman", das heiBt: Was 
hoher ist denn alles andere, namlich Brahman. 
' — ' Also ist mit dem Worte Brahman doch selber schon das 

Hochste mitbezeichnet, Der Zusatz „das Hochste" war also 

iiberfliissig? 

— Nein. Da doch eben (nach der Schrift) das „Hochstsein" (irgend- 
wie) auch von Sinnen und anderen Gegenstanden gesagt wird, 

"*) Upanetra,im Sanskrit unbekannt. Der gelehrte PaoditaTara Chandra 
Roy, dem ich zugleich an dieser Stelle fiir sein eif riges Mitlesen der Korrektur 
danken mochte. belehrt mich, daB upanetra im Hindi Brille heiBt und 
daB es im 15. Jahrhundert in Indien Briilen gab. Rotliche (gedunkelte) 
Brillen dienten vielleicht zum Schutze^der Augen, wie man heute noch in 
China Brillen aus braunlichem .Rauch'-Kristall tragt. 

Zdtschrift fflr Missionskunde und ReligionswisscBschafi 31. Jahrguig. Heft 4. 



- 98 - 

t, 

obschon gleichzeitig Brahman angenommen wird, so verhindert es 
MiBverstandnisse, wenn ausdriicklich gesagt wird, daB Brahman 
,das Hochste* schlechthin ist. 

' — ' Der Spruch sagt: „H6her als der Mahant ist das Unent- 
faltete. Hoher als das ist der Puru§a. Hoher als er ist nichts. 
Er isl der Qipfel, er der hochste Gang.*' Und die Smrti sagt: 
„Die Sinne sind das Hochste." Nun kann es auBer Brahman 
aber nichts „H6chstes" geben. (Puru§a und Sinne mtissen also 
hier genannt sein, sofern sie selber Brahman bedeuten.) Wieso 
ist Brahman dann hoher als sie? 
— In dem zitierten Spruche bezeichnet Puru§a (in der Tat Brah- 
man, aber) noch nicht das liochst-Brahman sondern nur das 
Brahman, sofern es das „Unvergangliche" (= Brahman als materia 
der Welt) ist '^). Ebenso nach der Smrti, denn sie „folgt" der 
Sruti. Auch hier ist in der Tat, da Buddhi mit vorausgesetzt ist, 
Brahman, aber eben nur als das „Unvergangliche" zu verstehen. 
Das beweist auch der Spruch: „Diese zwei Purusa's sind in der Welt: 
der Vergangliche und der Unvergangliche". Dem entsprechend 
und da der Vergangliche naturlich nicht „H6chster" sein kann, ist 
in unserer ersten Stelle mit Purusa Brahman (als) das UnvergSng- 
liche gemeint. „Der oberste Purusa aber ist noch ein anderer (als 
das bloBe „Unvergangliche"), heiBt es dann aber welter. Hier 
wird durch „h6chster Atman" (= oberster Purusa) im Unterschiede 
von Brahman als dem bloB „Unverganglichen'' eben das ^hochste" 
Brahman bezeichnet. Das bestatigt, was wir sagten. 

„So moge das sogestalte Brahman durch Qewahrung deiner 
Wiinsche dir zur Lust, d. h. zur Freude sein." Mit diesem Segens- 
wort (schlieBt der Text des Visnu-svamin). 

2. 

Ramanuja's Visistadvaita ^^ 
a) Brahman realiter verschieden vom Qeistigen und Ungeistigen in der Welt. 
Die Einzelseele ist vom ungeistigen Dinge nach Natur und 
Wesen schlechthin verschiedener, zugleich aber dessen Atman 



") Natiirlich ist Brahman im Hochstsinne erst recht unverganglich. 
Das , Unvergangliche" (ak$ara), Oder das .Unerschopfliche" ist hier 
term, techn. 

") Ramanuja, tll37, neben Samkara der groBte der Vedanta-Theo- 
logen und zugleich Samkara's ebenbiirtiger Qegner, der Begrunder der 
groBten aller Vai^oava-^Konfessionen", lebte und lehrte in Kancipuram und 
Sri-rangam in Sudindien. Dort ist bis heute die groBere Zahl seiner 
Anhanger. Sein Visistadvaita ist die Lehre, daB das absolute Brahman 



- 99 - 

seiender Geist. Sie ist dreif ach: gebundene, erloste und (von vornherein) 
ewige. Von ihr wieder schlechthin verschieden ist der Hochst- 
Atman/**) sofern Er allem Obeln entgegengesetzt, mit allem Quten 
einig, dem Qeistig-Ungeistigen in alien seinen Subsistenzweisen 
immanent, dessen Lenker und ihm schlechthin iibergeordnet ist. 
Das ist gelehrt von Bhagavant selber : 

,Die beiden puru§a's sind in der Welt: der Vergangliche und der 

Unvergangliche. 

,Der Vergangliche sind alle Wesen, Unverganglich heiBt der 

Unveranderliche. 

,Deroberste Puru§a aber ist noch ein anderer, Hochst-Atman genannt- 

,Er, der in die Dreiwelt einging und nun sie tragt:der ewige Herr."») 

So auch die Spruche: Urstoff- und Feldkenner ^^-Fflrst, 
Herr der Quna's — den Fiirsten des All, den Atman-Herrn — innen 
und auBen, all das durchdringend, weilt Narayana ^**) — u. a. m. So 
lehrt auch der Sutrakara an den Stellen: Nicht der andere, weil's 
nicht statt hat; Wegen Vielheitsbezeichnung; Da es nicht statt hat, 
nicht der Leib'")." 

Und solche Aussagen meinen nicht etwa eine Sonderung, die 
nur Avidya (illusorisch) setzte, (sondern eine wirkliche); denn: 

„Solches Jtiana besitzend haben die Seelen gleiche PrSdikate mit Mir. 

„Auch entstehen sie nicht erst bei der Schopfung noch vergehen sie 

beim Untergang. 

.,Zu seiner Zeit streift der Wissende Out- wie Obeltat ab 

,Und „ungeschminkt" gelangt er zu hochster Selbigkeit (mit mir)." 



,ohne Zweites" sei, aber nicht als das aller Unterschiede der Charak- 
terisierung bare, bloBe Seiende, sondern als „charakterisiert" (=vi§i5ta); 
namlich mit dem Qeistigen und Ungeistigen. Qeistig-Ungeistiges sind der 
,Leib" ISvara's. Dieser Leib ist vor der Schopfung nur in potentiellem 
Zustande. Durch die Schopfung entfaltet er sich in die Vielheit von Name 
und Form. Nur mit seinem Leibe entfaltet sich I^vara zur Welt, ist selber 
aber ewig der weltuberlegene, personliche, geistige .Herr*. Diese Lehre 
ist dargelegt in Ramanuja's Bha$ya, seinem groBen Kommentar zu 
Badarayaoa's Vedanta - Sutra's (in englischer Obersetzung von George 
Thibaut. Sacred books of the East, Bd. 48). Das Wertvollste in seiner 
Qemeinde ist ihre schone Qnadenlehre, die in den ,funf Artikeln" und in 
der Dipika entwickelt ist, 

") = Brahman. 

"•) Qlta 15, 16—17. 

") Bezeichnung der verkorperten Einzelseele. Ihr Feld ist der Leib. 

*^ Name der Qottheit. Ebenso Vi§uu, Vasudeva und gelegentlich Krsoa. — 
Uvara ist ,der Herr." Ahnlich Bhagavant, das etwa mit ,der Erhabene" 
wiederzugeben ist. — Vergl. zum Zitat Muod. 2, 1, 2. 

"0 V. S. 1, 1, 16 und 17, (1, 3, 5) u. a. 



':iSfim^ 



— 100 - 

Auch die Sutra's: „Weil Zufluchtsort des Erlosten genannt" ***) 
und ,Auch wegen des Merkmals, daB nur QenuBgleichheit" -0 lehren 
Unterschiedenheit von Brahman, der zugleich aller Zutat von 
Avidya ganzlich ledig ist. — Da Sruti, Smrti und Sutra so 
allerorten Unterschiedenheit lehren, so hat der Unterschied von 
Qeistigem, Ungeistigem und Isvara mit Bestimmtheit als w e s e n t - 
licher zu gelten. 

b) Brahman die causa materialis der Welt durch seinen potentiellen Leib. 

Ferner heiBt es: „A11 dieses wahrlich ist Brahman, als Tajjalan 
meditiere man es in Qemiitsstille. — An Worte sich klammernd 
nurist dieUmwandlung, ein bloBer Name. Ton nur ist es, wahrlich-*). 

— Seiend furwahr, mein Lieber, war dieses im Anfang, Eines ohne 
Zweites -^). — Das sann: Viel will ich sein, ich will hervorgehen; 
das schuf die Glut ^*). — Im Seienden wurzelnd, mein Lieber, sind 
diese Qeschopfe, auf Seiendem beruhend, durch Seiendes bestehend. 

— Ihn zum Atman hat alles dieses. — Dieses ist das Reale, dieser 
ist der Atman, das bist du, o Svetaketu. — Als Feldkenner auch 
wisse mich. — Von ihm Nichtverschiedenheit, wegen des Aus- 
druckes Sich-Anklammern -•')". Alle diese Stellen beweisen, daB 
das Hochste Brahman causa materialis und die ganze in Geistig- 
Ungeistigem bestehende Welt das aus ihm Qewirkte ist. Auch wird 
hier die von uns behauptete (materielle) Nichtverschiedenheit der 
Wirkung von der Ursache gelehrt. Ferner, daB alles in alien Sub- 
sistenzformen des Geistig-Ungeistigen Existierende Leib ist des 
hochsten Atman und dieser der Atman von jenem ist. — Dasselbe 
beweisen folgende Stellen: „Der in der Erde weilt, den die Erde 
nicht kennt, dessen Leib die Erde ist; der im Atman weilt, des Leib 
der Atman ist, des Leib das Unentfaltete ist, der ist aller Wesen 
Inner-Atman, frei von Fehl: der himmlische Qott, Narayana allein. 
Er ist eingegangen (in seine eigene Schopfung), ist ihr Lenker, ist 
der Wesen All- Atman." '*'^). 



~) 1. 3, 2. 

•') 4. 4, 21. 

") Chand. 6. I, 3. 

") 6, 2. L 

•*) Chand. 6, 2. 3. 

'*) V. S. 2, 1. 14. 

") Vgl. Naray. U. 2: , Narayana ist der ewise. fleckenlose, unaussprech- 
iichC) wandellose, trugrlose, reine, einige Qott. Nicht gibt es auBer ihm 
irgend einen zweiten". 



— 101 - 

Der hochste Atman ist aber Ursache, sofern er das 
Qeistig-Ungeistige im Zustande der Feinheit (Potentialitat) 
als Leib hat. Dasselbe im Zustande der Grobheit (Ent- 
wickeltheit) als Leib habend ist er Qewirktes. Indem 
Er so im Zustande von Ursache wie Qewirktem alles Qeistig-Un- 
geistige (in Qesamtheit) als Leib und damit es als seine eigenen 
Modi hat, bezeichnen alle Worte immer ihn selber. Es 
trifft also (bei unserer Lehre) vollig zu, daB mit dem Worte 
„h6chster Atman"* ,.alle Worte in grammatischer Koordination" 
stehen. Denselben Sinn gibt der Spruch: „Mit diesem Jivatman 
will Ich eingehen und Name und Form entfalten. — Als er das ge- 
schaffen hatte, ging er darin ein" -'). Der Sinn ist hier: durch sein 
Allatmansein ging er ein und nahm so das (Entfaltete) zu seinem 
Leibe. So ist alles ein Modus von ihm, und ihn bezeichnen alle 
Worte. Sein Entschlufi aber: „ich will viel sein", ward von ihm 
gefaBt, als er noch einheitlich subsistierte mit f e i n e m (potentiellem) 
Leibe, der als solcher die (entwickelte) Vielheit von Name und 
Form noch von sich ausschlieBt. Der EntschluB hatte als Ziel die Sub- 
sistenz in v i e I e n Modis, bewirkt durch (Obergang in den Zu- 
stand) der das Qeistig-Ungeistige als Name und Form in sich be- 
fassenden, entfalteten Leiblichkeit. So verstehen es die 
Vedakenner. 

c) Widerlegung Samkara's nach der Schrift. 

Wer aber behauptet, es sei hier nur das unqualifizierte, schlecht- 
hin einformige, eigenklare, ewiger bloBer (uncharakterisierter) 
Qeist seiende Brahman zu verstehen, dem widersprechen alle 
Autoritaten: Die Sutra's: „Woraus (der Welt) Entstand — weil 
schriftgemaB; das aber, weil Obereinstimmung (aller Schriftaus- 
sagen); wegen des ErwSgens, nein? Qegen die Schrift; mit Aus- 
schluB von Weltwaltung-*); wegen des Merkmales bloBer QenuB- 
gleichheit." Denn das ganze Heer dieser und ahnlicher Sutra's 
lehren Brahman's Weltursachlichkeit, sein Wiinschen in Qestalt des 
Vielwerdens-Entschlusses und zahllose andere Bestimmtheiten. Und 
ebenso alle Spruche wie: „Woraus diese Wesen entspringen; Das 
wiinschte: ich will viel sein, ich will hervortreten." — DaB jene 
sich nicht auf Schriftzeugnis sttitzen konnen, wollen wir noch welter 



'0 Chand. 6, 3, 2 und 3. 
•0 V. S, 4, 4, 16. 



- 102 — 

zeigen. An der Stelle: „Durch welchen das Ungehorte" ^^) wird durch 
Eines Dinges Erkenntnis Aller Dinge Erkenntnis versprochen und 
deswegen so gelehrt: „Wie namlich durch Erkenntnis des einen 
TonkloBes Qegenstande wie Topfe oder Becken — die an der Stelle 
gemeint sind — da sie (dem Stoff nacli) mit dem TonkloBe iiber- 
einstimmen, miterkannt werden.so wird durcii Erkenntnis Brahman's 
die ganze, aus ihm hervorgehende Welt des Qeistig-Ungeistigen, 
well sie aus Ihm gleicher Substanz besteht, miterkannt. In 
der Fortsetzung sodann : „Seiend fiirwahr, mein Lieber, war dieses 
im Anfang; Eines ohne Zweites" bezeichnet das Wort „dieses", 
da es unter AusschluB aller (aktuellen) Unterschiede der Qeistig- 
Ungeistiges wesenden Welt vor der Schopfung mit „seiend" pra- 
diziert wird, den Zustand der Einformigkeit, wie der urspriingliche 
TonkloB vor Entstand von Topfen und Qeschirren einformig ist. 
Die folgenden Stellen sodann : „ D a s wiinschte, ich will viel sein, 
will hervorgehen — das schuf die Glut" — lehren : Das, 
namlich das vorher mit „seiend" bezeichnete hochste Brahman, 
nachdem es den EntschluB gefaBt, in Qestalt der Geistig-Ungeistiges 
wesenden Welt sich selber viel zu machen — ahnlich wie das Viel- 
sein des einen TonkloBes in Gestalt von Topfen und Geschirren — 
bildete sich selbst^**) in Weltgestalt als Glut und alle folgenden (Ele- 
mente und Dinge). Und endlich wird dann gelehrt: „Somit ist Alles 
Seines Wesens — das ist das Reale — das ist der Atman — das 
bist du '')." (So stimmt alles zu unsrer Lehre.) 

Ganz ungereimt ist es, daB die Vedaglaubigen annehmen sollten, 
daB Brahman, in sich Eines (unqualifiziert durch das Potentielle) 
mit durch Avidya gewirktem irrealem Upadhi verkniipft und nur so 
(also illusorisch) in Deva-, Menschen- und anderer Gestalt viel ge- 
worden sei. Die Spriiche: „KennerundNichtkenner,zweiUngeborene, 
Herr und Nichtherr, Der als der Ewige den Ewigen, als Geist den 
Qeistern, als Einer den Vielen ihre Wiinsche erfiillt ^®) — " lehren 
ja gleichermaBen das Unentstandensein, das Ewigsein und die Viel- 
heit (und damit auch die Realitat der Seelen auBer Brahman). 



"■) namlich hinsichtlich seines potentiellen Leibe . 

•*) Chand. 6, 1 — 8. Diese Stelle deutet R. um auf den ,Leib" des 
Brahman. Man vergleiche die Stelle im Zusammenhange bei Deussen 
S. 160 ff. 

*") ,Der als der Ewige den Ewigen Freude 

,Als Qeist den Qeistern schafft, als einer Vielen. Svet. 6, 13. 



— 103 - 

d) Nicht sich selbst, nur seinen potentiellen Leib entfaltet Brahman zur Welt. 

Wenn das Vielsein in Qestalt von vielen Seelen nach der Schop- 
fung von Brahman (selber, statt von seinem potentiellen Leibe), 
nachdem Es vor der Schopfung nur schlechthin eins war, verstanden 
wird — wie das Vielsein in Qestalt von Topfen beim Ton ^0 nach 
dem Formen — dann wiirden Unentstandenheit, Ewigkeit und 
Vielzahl der Seelen unmoglich sein, und dann ware Widerspruch 
zu dem obengenannten Spruche. Wurde das Brahman selber (statt 
sein potentieller Leib) viel in Deva-, Menschen- usw, Qestalt, so 
trSten die Fehler ein, die der Siitrakara in Sutra 2, 1, 21 nennt: 
Namlich Brahman wurde sein eigenes Unheil (in Sarhsara) wirken. 
Mit dem Sutra 2, 1, 22 betont er dann noch ausdriicklich Brahman's 
Unterschiedenheit von der Seele. Auch das Sutra 2, 1, 34: „Keine 
Ungerechtigkeit oder Qrausamkeit, well er Riicksicht nimmt — so 
zeigt es die Schrift", gehort hierher. Es bedeutet: Der Vorwurf 
der Ungerechtigkeit (gegen I^vara) wegen seiner ungleichen 
Schopfung, indem er die einen zu Deva's (die andern zu Men- 
schen, zu Tieren usw.) mache, trifft nicht zu, denn er beriick- 
sichtigt hierbei das jeweils vorgewirkte Karman und dem ent- 
sprechend wird die Schopfung sg ungleich. Und waiter das 
Sutra 2, 1, 35: „ Nicht so, wegen Unverschiedenheit des Karman, 
meint Ihr? — Doch! Wegen Anfangslosigkeit, nach Schrift und Er- 
fahrung." Auf den Einwurf, daB nach obigem Spruch vor der 
Schopfung iiberhaupt keine Unterschiedenheit gewesen sei, mithin 
auch noch keine Seelen gewesen seien, und darum kein Karman 
gewesen sein konne, antwortet er: Doch, denn Seelen und ihre 
Karmanketten sind anfangslos. Auch im Sutra 2, 3, 17: „Nicht der 
Atman, well nicht nach der Schrift; und wegen Ewigkeit; nach 
jenen Stellen" wird das Nichtentstandensein des Atman gelehrt. 
Von den Vedantalehrern wird ja auch das Ewigsein und die Ver- 
schiedenheit der Seelen von Urbeginn, wegen Unerlostseins, als 
allgemein zugestanden anerkannt. Darum ist auf Qrund des Siitra 
und der eigenen Anerkenntnis allerdings einerseits die Einheit 
des Seienden vor der Schopfung mit AusschluB der Mannigfaltig- 
keit von Name und Form (die erst durch die Schopfung eintritt) 
zu behaupten. Aber ebenso wird von alien anerkannt, dafi das 
Eine (auch vor der Schopfung schon) die Merkmale und Unter- 



*') Der Ton geht nicht „mit einem potentiellen Leibe" sondern selber 
in die Umwandlung ein. 



- 104 — 

schiede des Qeistig-Ungeistigen in Feingestalt (Potentialitat) an 
sich hatte. Das heiBt aber, daB Brahman charakterisiert war. 

e) Innere Unmoglichkeiten der Lehre Sariikara's. 

Selbst bei Annahme von Avidya und Upadhi kann es doch keinen 
von Brahman verschiedenen Intellekt geben, der Avidya und Upadhi 
triige ^^). Brahman selber miiBte also mit Avidya und Upadhi 
verknupft sein und die durch sie bewirkten Fehler waren an ihm 
selber. 

f) Qegen YadavaprakaSa '*). 

Auch bei der „Nur-Sein'*-Lehre, wenn das bloB seiende Brahman- 
Eins nach der Schopfung doch als QenieBer, Qenossenes, Lenker 
dreifaltig wird, sind Seele und I^vara ebenso wie oben die 
Topfe, Qeschirre, Kruge entstanden und nicht ewig. Wenn 
man aber sagt: Schon im Zustande des Einsseins waren die drei 
Vermogen des QenieBers, Qenossenen, Herrschers da, so muB 
man fragen: Was sind diese drei Vermogen? 
— ' Die Fahigkeit (Aniage) des rein seienden Einen, sich um- 

zuwandeln in QenieBer, Qenossenes, Herrscher. 
— - Diann ist also Brahman fur Hvara und die andern so Ursache 
wie der TonkloB es ist ftir Topfe, Qeschirre usw. Qeben sie 
dieses zu, so sind Uvara u. d. a. ein zeitlich Qewirktes (wie die 
Topfe) und nicht ewig. Darum kann einzig unsere Annahme des 
Fein - Zustandes jener drei ^^"l mit der Behauptung der 
Einheit vor der Schopfung zusammen bestehen. Auch wtirden die 
drei hernach nicht Brahman zum Atman haben ^*) und somit ware 
die Einheit auch (nach der Schopfung) ausgeschlossen. 

g) Quod erat demonstrandum. 

So wird denn nach der Sruti, daB das geistig-ungeistige Reale 
in alien seinen Subsistenzformen Brahman's Leib sei, immer und 
mit alien Worten Brahman allein — well Es eben alles zu seinem 
Leibe hat und darum durch alles charakterisiert ist — bezeichnet. 



"^ Denn auBer Brahman ist ja niemand. 

") Y. lehrte: Das unpersonliche Brahman wandelt sich in der Schopfung 
urn in den personlichen Qott, die Seelen und die Natur. Beim Welt- 
untergan^e sinken die drei wieder in die ungeschiedene Einheit des .Nur- 
Seienden zuriick. 

'■*) Ungenau. Denn Einer der drei, namlich I§vara, ist niemals im 
Fein -Zustande. 

•*) Denn der ware dann in den Drei untergegangen. 



- 105 - 

Darum ist Brahman, charakterisiert durch das Qeistig-Ungeistige, 
in der groben Qestalt — als „Qewirktes" — die Welt, in der feinen, 
von Namen und Formen noch freien Qestalt die Ursache***). 
Letztere, mit demTonkloB verglichen, istbeschriebenindemSpruch: 
„Seiend nur, main Lieber, war dieses am Anfang, Eines ohneZweites." 
Dasselbe aber ist, charakterisiert durch das Qeistig-Ungeistige in 
Qestalt entfalteter Namen und Formen, das ^Qewirkte". So ist 
alles in Ordnung. — Den Widerspruch der Qegner gegen Sruti und 
Logik ftihrt das Bha§ya noch weiter aus. Hier entwickeln wir das 
nicht weiter. 

So ist Raman uja's Lehre zu verstehen. 



3. 
Nimbaditya's Sonderunsonderheitslehre^*). 

— a — 
Jnana-wesend und — von Hari abhangig — 
Fahig der Verbindung mit und der Trennung vom Leibe, 
Atomhaft klein ist die Seele, nach Korpern besondert, 
Kenner. — Man heiBt sie zahllos. 

Das heifit folgendes: Zuerst Jnana. Jfiana ist Intelligenz mit 
Eigenlicht, dabei nicht bedurfend einer Klarheit, die ihr erst durch 
die Wirkung der Sinnesorgane gegeben wurde — denn diesen 
gibt sie selber erst Klarheit. Damit werden die Tarkika's'*) widerlegt. 
— Das Wort „Und" sodann fiigt die Verbindung mit und Verschie- 
denheit vom Korper hinzu, weist haretische Ansichten (in bezug 
hierauf) ab und nennt zuerst die Klasse der „gebundenen" 
Seelen. — Das hier gebrauchte Wort „Leib" ist zugleich mitbe- 



•*») namlich causa materialis. 

*•) Bhedabheda-Lehre. Brahman von der Welt gesondert-ungesondert. 
Nimbaditya oder Nimbarka soil Bhaskara gewesen sein, mit dem sich schon 
Ramanuja im Bha^ya auseinandersetzt. Nach Bhandarkar lebte 
er aber erst nach Ramanuja. Seinen Nachfolgern, den Nimanandin's, 
gilt er als Inkarnation von Aditya, der Sonne, Als einst ein heiliger 
Waller kurz vor Sonnenuntergang zu ihm kam, dem sein Qelubde verbot, 
bei Nacht zu essen. befahi er der Sonne, noch nicht unterzugehen, sondern 
sich solange auf einen Nimb-Baum zu setzen, bis der Oast gegessen habe. 
Daher sein Name Nimbaditya. Seine Lehre muB in seiner Qemeinde eine 
Entwicklung durchgemacht haben. Die hier dargestellte Bhedabhedalehre 
weicht von der von Ramanuja bekSmpften ab und ist dessen eigener 
Lehre sehr nahe. (Vgl. Bha$ya S. 189 ff,) 

*^ Die ^Rationalisten", spez. die Naiyayika's und die Sariikhya's. 



— 106 - 

zeichnend fiir dessen Ursache,namlichfur die in anfangslosem Karman 
besteliende Avidya, da Ursache und Wirkung wesensgleich sind. 
Die Worte sagen also: Die Seele, unterliegend der Bindung in der 
Avidya = anfangsloses Karman, ist zugleich fahig fUr die Erldsung, 
bestehend in Erlangung des Zustandes Bhagavant's nach Beseitigung 
der Avidya. 

Wie groB ist nun diese Sonderseele? — Darauf antwortet der 
Text sodann und lehnt dabei zugleich zwei hSretische Lehren, die 
von der Allerstreckung '^ und die von der mittleren QroBe^*) der 
Seele, die von den Tarkika's und andern vorgetragen werden, ab. 

— „Atomisch klein", d. h von atomisch-kleiner Dimension. QemSB 
den Schriftaussagen: „Dieser atomkleine Atman soil mit dem 
Denken erfaBt werden." Die Behauptung, er sei allerstreckend, ist 
absurd. Denn wenn der Sonderatman allerstreckend ist, so ist zu 
fragen: a) gibt es ihrer viele, oder b) nur einen? Die Annahme 
a) ist unmoglich. Denn wenn alle Seelen allerstreckend waren, so 
wSren ihre Spharen identisch und jede mit jedem Denkorgan ewig 
in Verbindung. Dann miiBte jede Seele auch hinsichtlich der Funk- 
tionen aller anderen Denkorgane Kennersubjekt sein. Die Anwen- 
dung der Personalien Ich, Du, Er f^de dann nicht statt, und so 
gabe es iiberhaupt keine Trennungen. Weil alle Atman's ein- 
ander an sich gleich sind und jeder mit jedem Denkorgan ver- 
bunden ware, waren individuelle Unterschiede nicht da. 

■ — ' Aber auch bei Atman -Qleichheit konnte doch jedes einzelne 
Denkorgan individuell bestimmt sein durch restierende „Ein- 
driicke", entstanden aus vorgewirktem (besonderem) Karman. 
Und diese Sonderungen wiirden sich gegenseitig in deutlicher 
Verschiedenheit von einander abheben. So wiirde jener Fehler 
nicht eintreten. 

— Nein. Denn auch so waren sie alle doch auf ein und dieselbe Weise 
mit jedem Atman verkniipft (und ergeben also ein iiberall gleiches 
BewuBtsein. Man miiBte also noch wieder eine besondere Weise 
der Verkniipfung mit dem Atman annehmen. Dann aber) kame man 
auf einen regressus in infinitum. 

b) Die zweite Annahme ist erst recht unmoglich. Denn wenn 
nur e i n allerstreckender Atman ist und dieser durch alle Denk- 
organe als seine Akzidentien bestimmt ist, so miiBte er ebenfalls 



'0 So die Saihkhyas's. 
**) So die Jaina's. 



— 107 - 

Kennersubjekt hinsichtlich aller ihm akzidierenden Denkfunktionen 
sein. Wollte man Einheit des Atman und Verbindung mit alien 
Denkorganen annehmen, zugleich aber behaupten, deshalb brauche 
der Atman doch nicht all die einzelnen Lust- oder Schmerzempfin- 
dungen, die die einzelnen Denkorgane je an ihrem Platze perzi- 
pieren, selber zu haben, so wiirde auch folgen, daB Devadatta 
die einzelnen Schmerzgeftihle seines Kopfes, seiner FuBe oder 
seiner tibrigen Qlieder nicht als eigene zu apperzipieren brauche. 

Weiter: „Nach Korpern besondert." Das helBt, auf jeden 
Korper kommt eine besondere Seele. Von Brahma's Leibe'^) bis 
zu den Pflanzenleibern hin, in ihren vierfachen Klassen, ist die 
Seele je nach dem Leibe (numerisch) eine andere. Damit ist ge- 
sagt, daB die Seeien auch untereinander gesondert sind. Die Ein- 
Seelenlehre ist falsch, es muBte ja sonst, wenn ein Einzelner in 
Schlaf oder Ohnmacht fiele, allgemeine BewuBtlosigkeit eintreten. 
Darum ist auch die Meinung, daB alle Lustgefuhle eigentlich ge- 
meinsam waren, weit abgewiesen. 

Weiter: „Kennersubjekt" (Vers 4). Das heiBt, Substrat von 
J nana sein. Nach der Schrift: „Schauer-, QenieBer-, Horer-, 
Schmecker-, Riecher-, Denker-, Fuhler-, Erkenner- Atman ist der 
purusa." 

Endlich: „Man heiBt sie zahllos." Das heiBt, ledig der von 
andern behaupteten Begrenzung durch Zahlbarkeit. Von unbe- 
grenzter Zahl. 

So ist der Sonderatman nach Wesen, Eigenschaften, QroBe und 
Zahl geschildert. 

— b — 

— Wenn dieser sotane Atman, den du durch Autoritaten be- 
weist, wirklich real ist, warum kann man ihn dann nicht wahr- 
nehmen? 

— Dies beantwortet er so. 

Von anfangsloser Maya rings umknttpft — 

Diesen erkennt man nur durch Bhag^ant's Qnade. 

Erloster und Qebundener ist er. — Den Qebundenen 

Hat man sodann in vielen verschiedenen Zustanden zu erkennen. 



"^ Dieser Brahma ist nicht Brahman, sondern Brahma Caturmukha 
(Viergesicht), Hiraqyagarbha. Ein untergeordneter Demiurg der niederen 
Spharen, der im Mythus aus Vi^ou's Nabellotus entspringt als eine Art 
.Erstgeborener der Schopfung", aber durchaus SchSpfung, wie alle Deva's 
unter und nach ihm. 



- 108 - 

Das heiBt: Mit Maya — die gar geschickt ist in falschen Ver- 
bindungskiinsten! — als mit seinem Attribut rings verkniipft, und 
darum in seiner Natur verhullt und zusammengepreBt (ist der 
Atman). Namlich, weil abgewandt von Bhagavant, dem Hochst- 
purusa, ist er durch Avidya, in Form anfangslosen Karmans, be- 
stimmt. So ist sein Wesen versunken unter den Fluten des Ozeans 
der Maya und ihrer Attribute wie Leib, Sinne usw.; und drum ist 
sein Jfiana ganz und gar zusammengepreBt. Darum wird er niclit 
wahrgenommen. 

— ' Aber dann kann woiil Erkenntnis von ihm uberiiaupt nie 
zustandekommen, denn die Dauer der Maya-Bestimmtheit ist 
anfangs- und endelos nacii dem Spruche: „Sonder Anfang, 
sonder Ende," Somit iiatte aucli die Atman-Erforscliung und 
die Lehrschriften *"), die diese vortragen, keinen Zweck? 
— Hiergegen sagt der Text: „Diesen'*, nSmlicli den durch Autoritat 
erwiesenen Sonder-Atman kennen sie durch Sri-Bhagavant's, des 
H6chst-Puru§a, Qtite. Namlich diejenigen, die Bhagavant's, von an- 
fangsloser Avidya freien Wahrheitsiiberlieferung folgen. 
Wir wollen das erlautern. Obschon Avidya sonder Anfang und 
Ende ist, so ist doch die durch l^vara's Verleihung geschehende 
Lenkung der durch Karman (mit-) gewirkten Bindung und Erlosung 
der Seele nicht Maya (sondern real), nach der Schriftaussage : „(Er 
ist) Ursach von Bindung, Verweilung und Erlosung von und in 
Samsara/ Darum kann es auch eine Entfaltung des hierauf beziig- 
lichen Jfiana geben unter Aufhebung des Ajfiana — das ja nichts 
anderes ist als das Jfiana selber, nur in (volliger) Einfaltung. Es ist, 
wie wenn eine Lampe in einen Topf gesetzt und dadurch ihr 
Licht zusammengedrangt war: wird das ihr Licht Bindende, nam- 
lich der Topf, entfemt, so scheint das Licht hervor. Darum hat die 
Atman-Erforschung Zweck, und ebenso die sie lehrenden Biicher. — 
So hat der Text denn zunachst des Atman Wesen und sodann die 
Ursach seines Jfiana und Ajfiana festgestellt. 

Daraufhin gibt er die Klassen der Seele an. „Die Erloste u n d." 
^Und" *0 geht hier aufs Folgende und kniipft sogleich die „Qe- 
bundene" an. Und die Qebundene, ist gemeint: einerseits die Er- 
loste, andererseits die Qebundene. Das heiBt: die Seelen sind zwie- 
fach, nach dem Unterschiede von gebunden und erlost. — Qebundene 



*°) Die Vedanta-Sutra's heiBen auch Sariraka-mlmariisa, d. h. Erfor- 
schung des verkorperten Atman. 

*') Und = ca; ca kann nach vorn und nach hinten weisen. 



- 109 - 

ist die, die durch Irrwahn — von anfangslosem Karman gewirkt — 
verhartet ist in der falschen Schatzung, als seien die Leiber — als 
Deva-, Menschen-, Tierleib mannigfach gestaltet — selber der eigene 
Atman. 

— c — 

Hiernach beschreibt er das Nichtgeistige. 

a) Nicht-aus-der-Natur, b) Natur-gestaltet, 
c) Zeit-wesend — (diese drei) gelten als das Ungeistige, 
Mit Maya, Urstoff und ahnlichen Worten bezeichnet. — 
Da, an demselben, sind Unterschiede, wie hell (dunkel usw.) und 

ahniiche. 

Zunachst nennt er die drei Klassen, dann sagt er: Diese gelten 
als das Ungeistige, namlich nach der Schrift. Drei Klassen des Un- 
geistigen werden unterschieden : das Nicht-aus-der-Natur, das Natur- 
gestalte, und das Zeit-wesende. Dann charakterisiert er das zweite 
von diesen: „Mit Maya, Urstoff und ahnlichen Worten wird (das 
zweite) bezeichnet." Das Natur-gestalte ist das mit Mayabezeich- 
nete. Hierfiirgibt er dann das Hauptpradikat (Urstoff) an. — Endlich (in 
Vers 4) sagt er: „Da, an demselben, sind Unterschiede, wie hell 
usw." Da, d. h. an diesem Prakrti-Qegenstande, obschon er ein und 
derselbe ist, sind Unterschiede wie hell usw. — 

Als drittes Ungeistiges (c) nannte er das „Zeit-wesende". Das 
von a und b verschiedene Ungeistige ist die Zeit. Sie ist ewig und 
allerstreckend. 

Das erste Ungeistige (a) nennt er: „Das Nicht-aus-der-Natur.**^ 
Es ist das „Wesen" heiBende, von der die drei Quna's tragenden 
ZeitunddemUrstoffverschiedene,klarheitwesende,Nichtverdunkelung 
zur Natur habende Ungeistige. So sagt der Spruch: „Qoldfarben 
jenseits des Tamas." Das heiBt: Verschieden von der (hier) mit 
Tamas bezeichneten Zeit und dem Urstoff und klarheitwesend 

wie die Sonne. — 

— d — 

Als in seinem Wesen frei von allem Fehl, 

Als aller edlen Eigenschaften Haufen, 

Als das Hochste, das Erwtinschte, das Brahman, samt 

seinen Entfaltungen, 
LaBt uns meditieren den Krsna, den Lotosherrn, Hari. 



**) Namlich die Ubernatiirliche,' verklarte Materie, aus der z. B. die 
Leiber der Erlosten bestehen. 



- 110 - 

Des Hochstatman Wesen schildert er jetzt. „Als in seinem 
Wesen frei . . . wollen wir das Brahman meditieren'^sagt er. Das 
Wort Brahman wird ja auch auf den Vedavermittler Brahma, den 
Caturmukha, angewandt. Darum, um ein MiBverstandnis zu ver- 
hiiten, setzt er hinzu: „das Hochste". Dann gibt er den Trager des 
Begriffes Brahman an:„Kr5na". Das Hochstersein ist Erhabenheit 
iiber das „Vergangliche und Unvergangliche". Dessen Subjekt ist 
eben Sri-Krsna Bhagavant. Den mit dem Begriffe Bhagavant 
identischen Begriff von Brahman bezeichnet er mit den ersten 
beiden Terminis: In seinem Wesen = wesenhaft, d. h., Ihn, von dem 
nach seinem Wesen anfangslos-urtumlich alle Fehie ausgeschlossen, 
ferngehalten sind. Unter „Fehl" sind nach Patanjala's Sutra zu 
verstehen die fiinf Befleckungen: Avidya, Ichsucht, Begier, Abnei- 
gung. Hang. — Und weiter in Vers 2: Ihn, der, da seine Eigen- 
schaften frei von Fehl sind, aller edlen Eigenschaften Haufen oder 
Menge ist. „Haufen** bezeichnet zugleich die ungeschiedene Ein- 
heit dieser edlen Eigenschaften. Er, in dem ein einheitlicher Haufen 
aller edlen Eigenschaften ist. 

Sodann Vers 3: „Mit seinen Entfaltungen." Den, dem, wie man 
weiB, Entfaltungen und Verkorperungen eigen sind. Das heiBt, der 
zahlloser Erscheinungsformen ist. — Hat er ihn so nach seiner 
Fulle (Vollkommenheit) beschrieben, so bezeichnet er ihn dann als 
den „erwiinschten". Das heifit als den, der wegen seiner Schonheit, 
Hoheit, Milde, Reizes von alien Wesen von Btahma abwarts ge- 
meinschaftlich zu erwiinschen ist. Seine Schonheit fiihrt er noch 
aus: „den Lotosaugigen." Das heiBt den, dessen Augen dem Lotos 
gleichen. Oder den Lotosangesichtigen. Oder auch den, auf den 
(die Qottin) Kamala *^) d. i. Laksmi schaut, den Schonheitsreichen. 
Darum „den Hari", d. h. den, der seine Verehrer entzUckt. 

— e — 
Am SchluB der Lehrsatze fiigt er die Ermahnung hinzu: 

Sein sollen sinnen ganz und gar die Menschen immerdar, 
Um abzutun des Unerkenntnisdunkels Hiille. 
So sagten einst Sanandana und alle Weisen 
Dem hehren Narada, dem Zeugen aller Wahrheit. 

*') = Lotos. 



-^ 



- Ill - 

„Sein soUen sinnen." Das heiBt: Qanz und gar sollen die heil- 

suchenden Menschen das vorbeschriebene hochste Brahman standig 

meditieren. Den Zweck dieser Meditation gibt er an: „Uni abzu- 

tun des Unerkenntnisdunkels Hiille." Das ist zu konstruieren: urn 

die Hiille des Dunkels der Unerkenntnis abzutun. 

. — ' Aber die Spriiche sagen: „Was mit der Rede nicht auszu- 

sprechen, wodurch die Rede selbst erst aussprechlich wird 

— das eben wisse als Braliman. Nicht jenes, was man dort 

verehrt**)." So ist doch fur das Objekt (moglicher) Meditation 

das Brahmansein ausgeschlossen. Wieso also diese Verord- 

nung der Meditation? Oder wie kann Brahman Objekt der 

Meditation sein? 

— Um diesen Zweifel auszuschlieBen, fiihrt der heilige Lehrer daftir 

die Oberlieferungskette an und gibt die Anfangslosigkeit der Ober- 

lieferung und ihre VedagemaBheit an. ^So sagten einst 

Sanandana und die Weisen zu Hehr-Narada, meinem Guru." Was 

dieser mich gelehrt, das eben trage auch ich vor, ist zu erganzen. 

Seinen hehren Quru charakterisiert er: „Den Zeugen aller Wahr- 

heit." Ihm, dieser Statte der auf alle Veda-Wahrheit beziiglichen 

Vernehmung und Erfahrung, ihm, dem Allkundigen. — Die Aus- 

schlieBung der Meditierbarkeit Brahman's in dem Spruche: „Nicht 

jenes, was man dort verehrt", geht nur auf die Meditation des be- 

grenzten, nicht aber auf die des Allatman-seienden hochsten Atman. 

— f — 

Indem er weiter die Erkenntnis, entspringend aus Spriichen 
wie: „Man hore .," beschreibt, gibt er den Sinn des Wortes „Das 
bist du" und ahnlicher an: 

Alle Erkenntnis ist darum real, 

Nach Sruti und Smrti, von jedem Ding, 

Wegen der Brahmanwesenheit. So lehren die Vedakenner. 

Auch ist die Dreigestalt durch Sruti und Smrti erwiesen. 

..Alle": well namlich jegliches Ding nach Sruti und Smrti 
Brahman-wesend ist, darum ist alle Erkenntnis real. So ist zu kon- 
struieren. Und well die Dreigestalt durch $ruti und Sutra erwiesen 
ist, darum ist auch sie real: das besagt das Wort „auch" (in der 
vierten Zeile). — „So lehren die Vedakenner". Was die Veda- 
kenner, die Upani§adlehrer Hehr-Vyasa, Manu und andere lehren, 



'*) Kena 1. 4. 



— 112 - 

das ist ausgemachte Sache, das ist endgiiltig, sagt er. — „Nach 
$ruti und Smrti". Denn diese sagen: „Dieser ist aller Wesen 
Inner-Atman; dieser dein Innenwalter ist der Unsterbliche; Sinne 
und Denkorgan und Erkenntnis und Existenz und (Lebens-) Glut 
und Kraft und Starke haben in Vasudeva ihre Wesenheit, sagen sie, 
und so auch Feld und Feldkenner; Icli bin Atman, Qudake^a! Bin 
aller Wesen Ruheplatz." Nach ihnen also hat die ganze Welt des 
Qeistig- Ungeistigen Brahmanwesenheit. 

„Darum ist alle Erkenntnis real." Das heiBt: Weil wegen der 
Brahmanwesenheit des All ihr Objekt real ist, ist „alle" Erkenntnis 
real. Ferner ist auch (die „Dreigestalt" als) QenieBer, Qenossenes, 
Lenker real, so ist zu erganzen. Der Qrund dafiir: „Durch Sruti 
und Sutra erwiesen." Die Sruti hierfiir lautet: „QenieBer, Qe- 
nossenes und Beweger meinend"; und: „Wer Brahman als Wonne 
kennt, fiirchtet nichts." Von den Sutra's ist besonders auch (das 
erste): „Darum jetzt die Brahman-Erforschung" zu nennen, da 
hier die „Dreigestalt" von Erkenntnis-suchen, Erkenntnis-suchender 
und Zu-Erkennendes erwiesen wird. — 

„So lehren es die Vedakundigen." Namlich: Brahmanwesen- 
heit. Das besagt: Weil in ihm alles lebt, webt und ist*^), und 
andererseits Es allem immanent ist, so besteht Ungeschieden- 
heit von Ihm. Sofern aber gemaB ebengenannter Dreigestalt das 
Horen und Qedenken (selbstandiger Subjekte) statthat, so besteht 
zugleich Qeschiedenheit. Darum: Von Brahman „ge- 
schieden-ungeschieden" und zugleich geistig-ungeistig- 
wesend ist das All. Das ist die Lehre der Vedakenner wie Hehr- 
Sanaka, Narada, Vyasa u. a. m. Als solche ist also die Bhedabheda- 
lehre ausgemachte Wahrheit und endgiiltige Lehre. Das wird bewiesen 
durch Sutra's :„ Von Ihm Nichtverschiedenheit, nur ein Sichklammern 
an Worte; das Erhabene, wegen Erweis des Unterschiedes" *'*')• 
Sie lehren sowohl Qeschiedenheit wie Ungeschiedenheit. Dann durch 
die Schrift- und Smrtistellen, die einerseits Ungeschiedenheit 
lehren, wie: „Eines nur, ohne Zweites, Atman allein war dieses im 
Anfang. — Das bist du. — Dieser Atman ist Brahman. — Der bin 
ich. — Ich bin Brahman *^. — Atman nur ist all dieses. — Du bin 
ich, hohe Qottheit, ich bist du, hohe Qottheit, — Was hier ist, das 



") Wortlich: Weil es in Ihm Qrundlage, Bestand und Betatigung hat. 
") V. S. 2, 1, 22. 



*0 Brh. 1, 4, 10. 



- 113 — 

ist dort, was dort, das wieder hier, — Der puru^a dort in der Sonne, 
der bin ich. — All dies fiirwahr ist Brahman. — Der in alien Wesen 
ist, der ist meiner teilhaftig, in Einheit (mit mir) eingetreten — Als 
Feldkenner auch w\sse mich. — AUes, was hier ist, das ist Acyuta 
allein, — Dem ist nichts ein anderes. — Ich, Sein, Seiende, alles ist 
Narayana-wesend." Und sodann durch die Sruti- undSmrti-Stellen, 
die andererseits die Geschiedenheit lehren: „Der Ewige den 
Ewigen, der Qeist den Qeistern — Kennender, Nichtkennender — die 
zwei Ungeborenen, Herr und Nichtherr — Wenn er den andern, als 
Herrn, erfreut erschaut — Den Sonder-Atman und den Beweger 
meinend — DesUrstoffs und Feldkenners Fiirsten, der (drei) Quali- 
taten Herrn — Diese zwei purusa's sind in der Welt." — 
So ist Hehr-Nimbaditya's Lehre zu verstehen. 



4. 
Die Dvaitalehre**^) des Madhva. 

„A11 dieses ist Atman; wer ihn so sieht, so meint, so erkennt, 
der Atmanergebene, Atmanlustige, Atmangepaarte, Atmanwonne- 
hafte, der ist Eigenherr; Ather, Luft, Feuer, Wasser und Erde, die 
Lichter, Wesen, Raume, Baume, die Flusse und Meere und was 
sonst ist, verehre man als Hari's Leib; der im Atman weilt, den der 
Atman nicht weiB, dessen Leib der Atman ist; der in der Erde weilt, 
den die Erde nicht kennt, dessen Leib die Erde ist —", so sagen 
Sruti und Smrti und lehren damit, daB Seele und Oumpfes Bhaga- 
vant's Leib sei. Daraus folgt fur die g r o b e Betrachtung die Un- 
geschiedenheit von Uvara, Dumpfem und scale, die sich wie Leib- 
trager und Leib verhalten^^*). Aus Spruchen aber wie: der Ewige 
den Ewigen" folgt fur die f e i n e Betrachtung dieOeschieden- 



") ,Dualismus.* — D*^ drei vorigen Lehrer versuchen einen Vertrag 
zwischen Monismus t^d Dualismus. Madhva geht zum entschlossenen 
Dualismus uber. Qeb^ren um 1200 in Udipi in Sud-Kanara (Siidindien), auch 
Ananda-Tirtha pwiannt, griindete er eine bedeutende Qemeinde von An- 
hangern, die «ieichfalis bis heute besteht. Die .Einheit" mit Brahman 
deutet er ais Zugehorigkeit und Wesensiibereinstimmung des Jivatman 
mit dem /lochstatman. Auch er hat einen Kommentar zu den Vedanta- 
Sutra's verfaBt (englisch ubersetzt von S. Subba Rau, Madras, 1904). 

***) Das Advaita, auch das des Ramanuja, ist ihm nur die ,grobe", 
ungeistige Auffassung der Schriftlehre. Zwischen dem Advaita des 
Madhva und der Saiva's besteht fast Obereinstimmung, und zwischen 
diesen und den Madhva's auch gelegentlich einfreundschaftlichesVerh^tnis. 



- 114 - 

h e i t hvara's von Dumpfem und Seele. Der Sinn von Sruti und 
Smrti ist dieser: Dieses All ist „nur Atman", sofern es dessen Leib 
ist. — „Wermicherwunscht, der ist reine Seele. Wer diese Unterschei- 
dung kennt und schaut, der ist Atman-ergeben." Das heiBt, der ist 
dem Atman, namlich dem Hochst-Atman, Bhagavant, ergeben oder 
anhSngend. Der ist „Atman-lustig", das heiBt, er hat seine Lust an 
dem Herrn^''), am Atman. Der ist Atman- vereint, das heiBt, ihm ist 
Vereinigung mit dem Atman-Bhagavant-Brahman, aber in „Zweit- 
heit", im Verbal tnis von Diener und Herr. Ein sotaner ist „Bhaga- 
vantartig" und darum frei. — Dieses All halte man fiir den un- 
geistigen Leib Hari-Kr§na-Bhagavant's, des Qeistgestaltigen, und so 
ehre man es. Und: „Bhagavant allein, das Qeistig-Ungeistige als 
Korper*^") habend, ist zu ehren; ich bin nichts als sein Diener." 
Das ist der voile Sinn der Sache. Das (und nur das) besagt der 
Spruch: „A11 dieses ist Brahman; als Tajjalan sinne man Es in 
ruhigem Qemiite". — 

Der Spruch: „Als sein Denken sinne er Brahman; ich bin Brah- 
man ^")", will nur sagen: Er sinne Brahman, indem er Brahman (als) 
in seinem eigenen Denken (weilend) vorstellt. Dasselbe bedeuten 
die anderen Aussagen auch, die die Ungeschiedenheit lehren. Und 
so wird denn in den Spriichen: „Das bist du, ich bin Brahman" 
der Seele Ungeschiedenheit^"*) vom Hochsten verstanden, ihre Qe- 
schiedenheit aber in solchen wie: „Der Ewige den Ewigen, zwei 
Schongefiederte^') u. a.", da hier das Sondersein bezeichnet wird. 
Auch die KauSiWa-Sruti mit Kommentar lehrt Qesondertheit der 
Seele: „Wegen SoMerseins. — Qesondert ist der Unausdenkbare, 
Hochste von der Seelei«char. VoUig ist er — doch als von der 
Seelenschar verschiedener aych nicht vollig. Weil er aber ewig er- 
lost und darum zugleich die EiVosung von der Bindung ist, darum 
soil man ihn erwiinschen." 



") Bhagavant. 

"*) Fiir Ratnanuja bitden I§vara-Atman und sein Welt-l.eib eine real© 
synthetische Ein he it. Insofern lehrt auch er ein Advaita. Fiir Madhva 
aber ist der Leib seinem Atman nur ..zugehorig" und die beiden b\lden eine 
Zweiheit. Darum Advaita. 

**) Chand. 3, 18, 1. — Brhad. 1, 4. 10. 

'"*) Namlich als Anhangen und Ahnlichkeit. 

") Muq<J. 3. 1, 1. 



— 115 - 

Dieser Dualismus ist nun fiinffach: 

„der zwischen Seele und I§vara, der zwischen Dumpfem 

und Uvara, 

„der der Seelen untereinander, der zwischen Dumpfem und 

Seele, 

„der der Dumpfen untereinander: so entfaltet sich die 

Funfgeschiedenheit. 

Das Sutra 2, 3, 29: „Weil dessen Eigenschaften seinen Kern bilden, 
darum so genannt, wie Weiser", meint folgendes: Weil Er- 
kenntnis, Wonne, Sein, die drei Brahman-Eigenschaf ten, der Seele 
Wesenskern sind, darum die Ungesondertheit-Bezeichnung, sowie 
Brahman allwesend genannt wird, well all-guna-wesend, z. B. „All 
dieses ist Brahman." ^0 



'*) = „Die Eigenschaften von all diesem hat Brahman". Das ist unsere 
Idee von der Qottheit als „ens realissimum". Das heiBt nicht das „reellste" 
Wesen, denn Existenz als solche hat keine Intensitat, also auch keinen 
Superlativ, sondem das Wesen, das alle realitates, namlich alle moglichen, 
positiven Qualitaten in sich befaBt. Qewohnlich beschrankt auf alle 
idealen Eigenschaften. ,Der aller edlen Eigenschaften Haufen ist". — 
Die Mystik hat zwei Tendenzen und zwei Wege, Aussagen uber das Ab- 
solute zu bilden: Die via negationis und die via eminentiae. In ihr liegt 
ein seltsamer Drang, ihr hochstes Objekt, das schlechthin Eine. auch in 
Sich als schlechthin eines zu fassen und es zu der durch Zahl und 
Qualitat vielheitlichen Kreatur durch Negationen in moglichsten Qegensatz 
zu stellen. Daher ihr, dem nicht mit ihr Vertrauten, immer so befremd- 
liches Spielen mit den Begriffen von „Eins" und zugleich von „Nichts", 
ihr sogenannter „Monismus", der immer am Rande von ..Nihilismus" zu 
stehen scheint. Dies ist ihr einer Pol. Ihr anderer Pol aber ist, das 
Absolute als den „unermeBlichen Ozean" aller Realitat, als die uber alien 
Begriff gehende unerschopfliche Fulle zu fassen. Und zu ihrem Wesen 
gehort, zwischen diesen Polen hin und her zu schwingen, oder vielmehr 
nicht zu schwingen, sondem zu ruhen. Denn ihr Qeheimnis ist die 
coincidentia oppositorum. Und es heiBt, ihr ihren Stachel ausreiBen 
und sie ihrer eigentlichen Pointe berauben, wenn man dies ihr „absurdum" 
verfehlt. — Es ist der eigentilmliche Reiz der Upanisad's, djiB im unbe- 
holfenen Wirrwarr und Ausdruck primitiver Regung hier die Elemente der 
Mystik noch ineinander liegen. Samkara hat den ein en Pol isoliert. 
Zugleich hat er die Mysteriensprache der Mystik vom „Eins" scholastisch 
so verholzt und auf den Leisten rationaler Begriffe gehammert, daB man 
in der Tat mit Ramanuja nicht begreift, wie jemand, der davon hort, hierin 
Erlosung sehen und nicht vielmehr schleunig sich „von dannen machen" 
wird, und ebensowenig, wieso dies Brahman, das vom Nichts durch nichts 
als durch Existenz verschieden ist, nicht aus Verzweiflung iiber die schlecht- 
hinnige Langweiligkeit seiner absoluten Pradikatlosigkeit sich an sich 
selber aufhangt. — Madhva hat den andern Pol vereinseitigt und den 
grandiosen Schwung, der hinter den klappemden Schulformeln ^amkara's 
hSchst fUhlbar wogt, fast vollig ausgetrieben. — Die andern drei stellen Ver- 
suche dar, den Zirkel der coincidentia oppositorum zu quadrieren. Dabei 
ist Ramanuja unserm Eechner sehr ahnlich, der sich am gleichen Problem 



- 116 - 

Auch im kiinftigen Zustande 

„sind die Seelen gesondert und der Hochste auch. Doch 

well Erkenntnis-wesend 

„wird ihnen Brahman- Art beigelegt bei den Vedaglaubigen 

allzumal. 
Da die Bhallaveya-Sruti sagt: 

Alle Namen waren nicht in der Welt, 
Wenn alles des Truges ledig wiirde. 
Den alle Namen nennen, 
Den heiBt man Vi§nu, den Hochsten, 

darum ist auch im (ersten) Sutra: „Nun also die Brahman-Er- 
forschung" das Wort Brahman als Vi§nu bezeichnend zu verstehen. 
Nicht aber als Rudra oder sonst wen, well die hierauf bezogenen 
Ausdrucke ihrem eigentlichen Sinne nach Vi^nu bedeuten. Jener 
Spruch will sagen: Alle Namen von andern Qottheiten wie 
Rudra u. a. gelten nicht eigentlich in der Welt, well, nach Aussage 
der Weisen, in der Welt, obzwar von Vi§nu verschieden, doch 
Visnu allein das Statthaben aller Namen (durch seine Schopfung) 
wirkt. 

Das ist der kurze Sinn der Lehre Madhva's. 



Der Skizze von aller Vaisnava-lehrer Lehren Ende. 



miiht, Dem Qeist der Sache am nachsten bleibt ohne Zweifel die Bheda- 
bheda-Lehre Nimbaditya's. 

Im Buddhatume kehren dieselben Zuge wieder (oder gehen vorher). 
Wer den Schlussel der Mystik nicht mitbringt, hat zu ihm uberhaupt 
keinen. Im Mahayana zeigt sich die Sache am deutlichsten. ^ Die Lehre 
von der Verganglichkeit des Seins wird hier zum „Nihilismus*', zur Lehre 
vom „Leeren* ausgestaltet. Das ist der eine Pol. Aber die Manner, die 
diese via negationis gehen, ebendieselben erfinden die Spekulationen 
von der bhiita-tathata, der unerschopflichen matrix, und in phantastisch- 
mythischer Form die Diamant-Welt der seltsamen Dhyani-Buddha's, die 
„das Leere erfiillen". — - Und das ist im primitiveren Buddhatum vorge- 
bildet. Nirvana ist volliges Erloschen. Darum gerade ist Nirvaqa die 
ewige Statte, ist volliges Heil. 
'" „Aber das ist absurdum". 
— ,J)arum grade". 



a^P^ 



- 117 - 
Altorientalische Symbolik*) und antike Symbolik uberhaupt. 

Von Privatdozent Lie. O. E i B f e 1 d t , Berlin. 

Dem Werke, das hier angezeigt und in seiner Bedeutung fur die 
Altertumskunde und fur die Religionswissenschaft uberliaupt ge- 
wurdigt werden soil, hat E d u a r d Meyer ein Qeleitwort mit auf 
den Weg gegeben, das so schlieBt: „Was nun das vorliegende Werk 
angeht, so muB es fur sich selbst sprechen, und ich enthalte mich 
jeder weiteren Ausfuhrung uber die umfassenden Kenntnisse, die 
Sorgfalt und die umsichtige Methode der Arbeit. Nur das darf ich 
zum SchluB noch aussprechen, daB ich dem Werke, dessen Entstehen 
und Wachsen ich verfolgen konnte, reiche Belehrung und vielfache 
neue Aufschliisse verdanke, und daB ich es als eine Arbeit, 
die in ein groBes Qebiet der Altertumswissenschaft Ordnung und 
Licht bringt und unser Wissen ganz wesentlich erweitert, aufs 
freudigste begruBe." 

Dies freundliche Zeugnis Eduard Meyers mag es dem den 
Dingen ferner Stehenden deutlich machen, daB P r i n z' Buch die auf- 
merksamste Beachtung aller Freunde der Altertums- und der Reli- 
gionswissenschaft verdient. Der Fachgenosse und auch der, der 
auf angrenzenden Gebieten arbeitet, bedarf solch empfehlenden Hin- 
weises nicht. Er wird nach der Durchsicht und Durcharbeitung des 
Buches unter dem starken Eindruck stehen, daB hier viel, sehr viel 
Neues erkannt ist. 

Zunachst ein paar Angaben iiber Inhalt und Art des 
Buches, Zweck des Buches ist es, zum Verstandnis von kiinst- 
lerischen Darstellungen aus dem agyptischen und dem altbabyloni- 
schen Kulturkreis beizutragen. Die Agyptologen und die Assyrio- 
logen sind ja vor allem in e i n e r Beziehung in ganz anderer Lage 
als die Alttestamentler, mit denen sie im ubrigen manche Beriih- 
Tungspunkte haben. Die Alttestamentler haben es in ihrem Arbeits- 
gebiet so gut wie ausschlieBlich mit literarischen Urkunden zu 
tun, eben mit den Urkunden, die wir das Alte Testament nennen. 
Die in ihm vereinigten Schriften nach alien Seiten hin zu verstehen 
und aus ihnen den Entwicklungsgang der israelitisch-jiidischen 
Profan- und Religionsgeschichte zu erkennen, ist ihre Aufgabe. 
Neben diesen literarischen Urkunden steht ihnen bildliches, durch 



*) Hugo Prinz, Altorientalische Symbolik, preisgekront von der Konig- 
lich PreuBischen Akademie der Wissenschaften, Verlag von Karl Curtius ia 
Berlin, 1915, Preis 30 Mark. 



- 118 - 

Ausgrabungen gewonnenes, Material nur in ganz geringem MaBe 
zur Verfugung. Es ist ja moglich ^ und es ware auBerordentlich 
erfreulich — , daB der Boden Palastinas bet kunftigen Ausgrabungen 
uns wertvolles archaologisches Out liefern wird. Vorlaufig aber 
sind fiir die alttestamentliche Wissenschaft die durch Ausgrabungen 
in Palastina gewonnenen Ergebnisse von geringem Belang. Qanz 
anders auf dem Qebiete der Agyptologie und der Assyriologie! Auch 
der Agyptologe und der Assyriologe hat es mit literarischen Ur- 
kunden zu tun. Qrieciiische und romische Schriftsteller bringen 
manche fiir ihr Qebiet wichtige Notiz, und unendlich viel mehr lite- 
rarisches Material aller Art haben die Ausgrabungen zutage ge- 
fordert. Neben diesen literarischen Urkunden aber stehen in nicht 
minder reicher Fulle dem^ Agyptologen wie dem Assyriologen bild- 
liche Darstellungen zur Verfugung: Statuen von Qottern und 
Konigen, Malerei, Siegel-Zylinder u. dergl. Nicht die literarischen 
Urkunden allein darf der Forscher, der sich vom agyptischen und 
babylonisch-assyrischen Altertum ein Bild machen will, dabei ver- 
werten, er muB vielmehr auch die kiinstlerischen Darstellungen her- 
anziehen. Beides aber, literarische Urkunden und bildliches Material, 
woUen zuvor verstanden sein. DaB die literarischen Urkunden dem 
Forscher mancherlei Schwierigkeiten bieten, sprachliche und sach- 
liche, weiB jeder. Aber auch das Verstandnis der bildlichen Dar- 
stellungen ist nur durch eindringende methodische Arbeit moglich. 
Es liegt keineswegs so, daB man sie nur anzusehen brauchte, urn sie 
zu verstehen. Vielmehr ist's eine bekannte Erfahrung, daB die Be- 
schauer solcher antiken Darstellungen — auch griechischer und 
romischer — sie zunachst uberhaupt nicht oder nur zum Teil oder 
auch falsch verstehen. Wie eine Interpretation der literarischen Ur- 
kunden notwendig ist, und wie diese Interpretation nach festen 
methodischen Regeln verfahren muB, so gilt das auch von den bild- 
lichen Darstellungen. 

P r i n z' Buch unternimmt es nun, die lange vernachlSssigte und 
vielfach dilettantisch getriebene Interpretation agyptischer und alt- 
babylonischer bildlicher Darstellungen methodisch zu betreiben. Er 
greift, wie es nicht anders sein kann, ein bestimmt begrenztes Qe- 
biet heraus: die Astralsymbole, wie sie den agyptischen und den 
altbabylonischen Qottheiten beigegeben werden. Symbole — in der 
Art, wie das Wort hier gebraucht wird — sind Rangzeichen der 
Qotter, Astralsymbole also bildliche Darstellungen von Sonne, Mond 
und Stern, die den Qotterbildern beigegeben werden und ihre Art 



- 119 - 

und Wurde charakterisieren soilen. Jeder, der von den Dingen aucb 
nur ein wenig gehort hat, weiB, daB solche Astralsymbole auf Sgypti- 
schen und auf babylonischen Darstellungen eine groBe RoUe spielen. 
Prinz setzt also mit seiner Arbeit bei einem Punkte von groBer 
Wichtigkeit ein. 

Das Buch zerfSllt in zwei Kapitel. Das erste Kapitel be- 
handelt die Astralsymbole im §gyptischen Kultur- 
k r e i s e , das zweite die Astralsymbole im altbabylonischem Kultur- 
kreise. Das erste Kapitel wiederum zerfailt in zwei Unterteile, von 
denen der erste die formale Behandlung der agyptischen Astral- 
symbole, der zweite ihre inhaltliche Behandlung enthtlt. Die formale 
Behandlung, die zeigt, welche Formen die Sgyptische Kunst fur 
Sonne, Mond und Sterne geschaffen hat, nimmt nur wenig Raum in 
Anspruch. Ausfiihrlicher ist die inhaltliche Behandlung. Die wich- 
tigsten Darstellungen des Sonnenlaufes werden in funf 
Typen gruppiert. Sinn und Bedeutung dieser uns Modernen zu- 
nachst so eigentumlich vorkommenden Darstellungen wird dann 
durch literarische Texte, die sich mit diesen Dingen beschaftigen, 
festzustellen versucht, und dies gelingt auch in hohem MaBe, Welter 
werden die Formen des Sonnengottes selbst vorge- 
gefiihrt. Die Herkunft und Bedeutung dieser mannigfachen Formen 
wird, soweit angangig, aufgezeigt, und die vielgestaltigen Ver- 
mischungen, die sie eingegangen sind, werden dargestellt. Eine be- 
sondere Behandlung erfahrt dann noch die Sonnenscheibe 
als Kopfschmuck oder im Kopfschmuck der agyptischen Qott- 
heiten. Als Ergebnis stellt der Verfasser dies fest: Der Kult der 
Sonne hat in Agypten seit den altesten Zeiten eine groBe Rolle ge- 
spielt. Eine Fiille solarer Qottheiten, deren urspriinglichen Sitz 
wir vielfach nicht mehr feststellen konnen, und die dann von der 
theologischen Kombination zusammengefaBt und als Ausstrahlungen 
e i n e r Sonnengottheit erklart worden sind, tritt uns in der agypti- 
schen Religion entgegen. Daneben sind aber die Potenzen des 
Sonnengottes auch auf andere Qottheiten, die nicht solaren 
Charakters sind, iibertragen worden, und wenn die Sonne in Kronen 
von Qottheiten und Konigen erscheint, so darf man hierm nicht allzu 
tiefen Sinn suchen. Es handelt sich um ein, dem christlichen Heiligen- 
schein vergleichbares, Ornament, das die Wurde des betreffenden 
Qottes Oder Konigs andeuten soil. Neben dem Kult der Sonne tritt 
der Kult des Mondes ganz zuriick, und die Sterne sind in der agypti- 
schen Religion von ganz untergeordneter Bedeutung. 



- 120 - 

Das zweite Kapitel, das die Astralsymbole im 
altbabylonischen Kulturkreise behandelt, hat es so gut 
wie ausschlieBlich mit Siegelzylindern oder mit Abdriicken von 
Siegelzylindern zu tun. So wird diesem Kapitel ein nach sachlichen 
Qesichtspunkten geordneter Katalog der in Betracht kommenden 
Siegelzylinder beigegebQn. Sie warden kurz beschrieben und nach 
Alter und Herkunft bestimmt. Diesem Katalog folgt eine ganz kurze 
Beschreibung der Formen, die die altbabylonische Kunst fiir Sonne, 
Mond und Stern anwendet. Dann folgt die inhaltliche Behandlung. 
In fein durchdachter Methode hat der Verfasser es verstanden, Licht 
hineinzubringen in das auf diesem Qebiet bisher herrschende Dunkel. 
Viele Qestalten der Siegelzylinder hat er sicher gedeutet und fiir 
andere den Weg zu ihrem richtigen VerstSndnis gebahnt. Er geht 
dabei von solchen Darstellungen aus, die das Dargestellte durch eine 
Beischrift erklaren, also ganz eindeutig sind. Indem er nun darauf 
achtet, welche Astralsymbole und andere Attribute auf solchen deut- 
lich bezeichneten Darstellungen den Qottheiten beigegeben werden, 
gewinnt er damit den Schlussel, um auch Darstellungen ohne Bei- 
schrift sicher zu deuten. So eignet dem Sonnengott SamaS das 
Symbol der Sonne und das Attribut des Himmelsschliissels usw. In- 
dem der Verfasser dann weiter die literarischen Aussagen tiber die 
betreffenden Qottheiten heranzieht und mit ihren bildlichen Dar- 
stellungen vergleicht, macht er die Probe aufs Exempel und erhalt 
die Bestatigung fiir die richtige Losung. Eine Fiille neuer und ge- 
sicherter Erkenntnisse sind hier gewonnen. Von unbegriindeten 
Hypothesen halt sich der Verfasser immer fern. Bei manchen, nicht 
Oder noch nicht sicher auszumachenden Fragen, mag man anderer 
Meinung sein als der Verfasser, aber da liegt dann die Schuld fiir 
die Unmoglichkeit eines gesicherten Urteils stets an der UnvoU- 
standigkeit des uns zurzeit zur Verfugung stehenden Materials. 

Noch miissen die dem Buch beigegebenen Tafeln 
riihmend hervorgehoben werden. Das bildliche Material, das in der 
Darstellung verarbeitet ist, ist derartig umfassend, daB es unmoglich 
voUstandig beigegeben werden konnte. Es muBte dafur auf andere 
Veroffentlichungen verwiesen werden. Aber das dem Buche beige- 
gebene, ubrigens groBtenteils der Sammlung der Vorderasiatischen 
Abteilung der Koniglichen Museen zu Berlin entnommene, bildliche 
Material ist so reichhaltig, daB auch der Leser, der die anderen Ver- 
offentlichungen nicht einsehen mag oder kann, sich von den Dingen 
eine gute und ausreichende Vorstellung machen kann. Von einer 



— 121 — 

Qruppe zusammengehoriger Darstellungen ist immer wenigstens 
e i n e hier abgebildet und danach kann man sich leicht auch von 
den iibrigen, nur beschriebenen, ein Bild machen. 

Soviel uber Inhalt und Art des Buches. Wichtiger vielleicht als 
diese Angaben warden fiir den Leser dieser Zeitschrift die Ergeb- 
nisse sein, die der Verfasser durch seine Untersuchung fur die 
Religionswissenschaft iiberhaupt gewonnen hat. In 
der Einleitung seines Buches namlich spricht sich der Verfasser fiber 
allgemeinere Fragen aus, und diese kiingen auch in der eigentiichen 
Untersuchung immer wieder an. Hier wird gezeigt, daB die antike 
Kunst iiberhaupt, aber auch die mittelalterliche christliche Kunst, den 
einzelnen Qottheiten oder Heiligen ganz bestimmte Attribute beigibt, 
an denen man teils den gottlichen Charakter der Qestalten iiber- 
haupt erkennen, teils sehen kann, welche einzelne Qestalt im je- 
weiligen Falle gemeint ist. Die Frage ist, wie solche Rangzeichen 
entstanden sein mogen, und was sie bedeuten sollen. Meistens 
glaubt man, aus diesem Rangzeichen auf das Wesen der Qottheiten 
schlieBen zu diirfen. Qottheiten, denen Sonne oder Mond oder Sterne 
als Symbole beigegeben werden, erklart man als Sonne-, Mond- oder 
Stern-Qotter. Aus den Attributen von Tieren, wie sie in vielen Re- 
ligionen Qottheiten beigelegt werden^ will man eine altere Stufe der 
betreffenden Kulte erkennen, auf der Tierverehrung iiblich war. Nun 
ist an dieser gangbaren Auffassung ohne Zweifel viel richtig. Aber 
P r i n z weist, meines Erachtens mit gutem Recht, am Beispiel 
mittelalterlich-christlicher Darstellungen nach, daB es zur Erklarung 
solcher Rangzeichen auch noch andere Moglichkeiten gibt. Die Dar- 
stellung des heiligen Qeistes unter dem Bilde einer Taube z. B. hat 
natiirlich mit Tierkult nichts zu tun, ist vielmehr nichts anderes als 
eine Erinnerung an Joh. 1, 32: „Ich sah, daB der Qeist herabfuhr wie 
eine Taube vom Himmel." Ebensowenig wird jemand auf dem 
Altargemalde der Qebriider van Eyk das Lamm, dessen Blut in einen 
Kelch stromt, und das umgeben ist von den Scharen der Qlaubigen, 
als einen Beweis fiir Tierkult in der christlichen Kirche verwenden 
wollen. Vielmehr erklart sich diese Darstellung naturlich aus 
Joh. 1, 29: „Siehe, das ist Qottes Lamm, welches der Welt Sunde 
tragt," ist also nichts anderes als ein zu fester Form erstarrter poeti- 
scher Vergleich. Welter erklart sich die Tatsache, daB vielen christ- 
lichen Heiligen Tiere als Attribute beigegeben werden, sehr ein- 
fach aus der Qeschichte, die man sich von diesen Heiligen erzahlte. 
So wird von Hieronymus erzahlt, daB ein Lowe, der seine urspriing- 



- 122 — 

liche Wildheit in der Nahe des heiligen Einsiedlers verloren hat, 
friedlich mit ihm lebt, und daher erscheint in der bildenden Kunst der 
Lowe als Tier des Hieronymus. Diese, der mittelalterlich-christ- 
lichen Kunst entnommenen, Tatsachen geben zu denken und warnen 
davor, jene gangbare Erklarung der antiken Symbole als die allein 
mogliche zu betrachten. „Es darf . . . nicht geleugnet werden, daB 
in vielen Fallen eine poetische Metapher der Ausgangspunkt fur ein 
Symbol gewesen sein kann. So ist es sehr wohl moglich, daB eine 
Qottheit infolge eines poetischen Vergleiches „o du meine Sonne" 
Oder „mein Mond" oder „o du mein Stern", wie sie in der religiosen 
Poesie samtlicher Volker sich nachweisen lassen, mit einem Astral- 
symbol verbunden wird. Von einem astralen Charakter der be- 
treffenden Qottheit kann dann natiirlich nicht die Rede sein, es sei 
denn, was auch vorkommt, daB spater das Astralsymbol in dieser 
Weise ausgedeutet wird. In gleicher Weise wird auch die Tier- 
gestalt vieler Qottheiten zu erklaren sein. Zwar glaube ich nicht, 
daB sich fur die Verbindung von Qottheit mit Tier Ahnliches er- 
schlieBen laBt wie bei den Heiligen, denn dann miiBte sich irgendein 
Niederschlag in der Literatur dariiber finden, aber die Beispiele des 
agnus dei und des Heiligen Qeistes als Taube gaben doch zu denken. 
Wie in diesen Fallen die poetische Metapher die Tiergestalt in der 
Kunst bedingt, so kann es auch sehr oft im Altertum gewesen sein. 
Oft genug wird in den Hymnen ein Qott mit einem Stier, einem 
Lowen oder anderen Tieren verglichen. Qreift die bildende Kunst 
dies auf und laBt den Qott in der Qestalt eines Tieres bildlich er- 
starren, so ist damit der Ausgangspunkt fiir die Darstellung des 
Qottes als Tier gegeben. ... In einem Beschworungsgebet wird 
IStar angerufen als „Leuchte Himmels und der Erde", als „Stern der 
Wehklagen", als „Herrin des Feldes", als „leuchtende Fackel 
Himmels und der Erde", als „wutender Lowe" und als „zorniger 
Wildochs". Sollte es Zufall sein, daB der Lowe, der hier auch unter 
den Anrufungen erscheint, das der IStar in erster Linie zugehorige 
Tier ist?" Mir will es scheinen, als ob diese Ausfiihrungen eine sehr 
gesunde Reaktion darstellen gegen die noch immer sehr verbreitete 
Neigung, moglichst alle Religionen auf Tierverehrung einerseits und 
auf Qestirndienst andererseits zuriickzufiihren. 

Von allgemein-religionswissenschaftlichem Interesse ist weiter 
die Art, wie P r i n z zusammenfassend das altbabylonische Pantheon 
charakterisiert. Es ist bekannt, daB nicht wenige Assyriologen die 
altbabylonische Religion als Astralmythologie erklaren: die einzelnen 



- 123 — 

Qottheiten sind Verkorperungen der Qestirne, und was der Mythus 
fiber sie aussagt, sind im Qrunde Vorgange in der Welt der Qe- 
stirne, eine Auffassung, die, wie mir scheint, sich von vornherein 
das Verstandnis der altbabylonischen Religion verbaut. Prinz 
schrankt demgegenuber, wie mir scheint, mit Recht die Zahl und 
die Bedeutung der astralen Qottheiten im altbabylonischen Pantheon 
wesentlich ein. „Eine auBerordentlich groBe Rolle haben die 
Astralsymbole im altbabylonischen Kulturkreise nicht gespielt. . . . 
Sonne, Mond und Venusstern sind in Sinear wie bei vielen anderen 
Volkern seit altester Zeit gottlich verehrt worden. Fiir die Sonne 
und den Mond hat man besondere Qottheiten, §ama§, urspriinglich 
wohl das Sonnengestirn selbst wie der agyptische Re* und der 
griechische Helios, und Sin geschaffen, deren Kult sich bis in die 
aiteste, historisch greifbare Zeit zuriickverlolgen laBt. Zur ausdriick- 
lichen Kennzeichnung dieser Qotter hat man das Sonnen- bezw. 
Mondsymbol als ihr Rangzeichen vor ihnen angebracht. . . . Der 
Venusstern wird mit IStar Oder den ihr wesensgleichen, weiblichen 
Qottheiten des altbabylonischen Pantheons in Verbindung gebracht, 
der auch der Mond als Tochter Sins eignet. Jedoch allzusehr uber- 
schatzen darf man diese Verbindung nicht. IStar oder die ihr ver- 
wandten Qottinnen bleibt stets in erster Lmie Mutter-, Vegetations- 
und machtvoUe kriegerische Qottin, wie es die altbabylonische Kunst 
in so mannigfaltiger Weise zum Ausdruck gebracht hat, und wie es 
die literarische Oberlieferung auf Schritt und Tritt erkennen laBt. 
Bei alien anderen Qottheiten dient das Astralsymbol vor ihnen 
nicht dazu, um sie als Sonnen- oder Mondgottheit zu charakterisieren 
(dafiir lassen sich auch sonst keine Beweise erbringen), sondern ist 
nur ein Rangzeichen, das aus dem Typenvorrat, der fiir SamaS und 
Sin geschaffen ist, auf sie ubertragen worden ist. Besonders die 
groBen Qottheiten des Pantheons werden gern auch mit dem Astral- 
symbol verknupft. Von der Astralmythologie, wie sie heute eine 
Richtung fur die altbabylonische Religion fordert, ISBt sich auf 
unseren Darstellungen nichts erkennen." — 

Man darf, ohne zu viel zu sagen, getrost behaupten, daB Prinz' 
Buch die Kenntnis der Sgyptischen und altbabylonischen Religion 
und Kunst um ein wesentliches Stuck gefordert und daruber hinaus 
der Religionswissenschaft iiberhaupt den AnstoB gegeben hat, in 
mancher Hinsicht neue Wege zu gehen. In seinem Vorwort stellt 
uns P r i n z einen zweiten Band in baldige Aussioht, der die Astral- 
symbole im hettitischen, assyrischen, neubabylonischen, persischen 



— 124 — 

und phonizischen Kulturkreise behandeln und zwei Anhange uber 
die babylonischen Qrenzsteinsymbole und die Datierung der hettiti- 
schen Denkmaler enthalten soil. Man muB wiinschen, daB der Krieg 
das Erscheinen dieses zweiten Bandes nicht hinausschieben moge. 



Die katholische Mission im Kriege. 

Von Lie. K. M U 1 1 e r , Breslau. 

Nicht nur der Burgfriede, sondern das Qefiihl innerlichster Zu- 
sammengehorigkeit und letztlicher Qemeinsamkeit der hochsten 
Werte legt es der protestantischen Mission in diesen Zeiten nahe, 
nach den Leiden, Erfahrungen und Bewahrungen der katholischen 
Mission im Kriege mit nationaler und religioser Teilnahme zu fragen. 
Wird doch in den Kolonien der deutsche Name ganz unterschieds- 
los von Vertretern beider Konfessionen hochgehalten, und haben sich 
doch drauBen Patres und Pastoren nicht nur bisweilen in ein und 
demselben Zelt des Qefangenenlagers wiedergefunden, sondern sich 
auch geistig in Besorgnissen und Qebeten fiir ihr Heimatvolk und in 
der Abwehr feindlicher Verleumdungen und englisch-franzosischer 
Hinterlist aufs herzlichste genahert. 

Ober die katholische Mission im Weltkrieg findet man dabei 
neben einigen Artikeln in der Monatsschrift „Die Katholischen Mis- 
sionen" eine reiche und fortlaufende Stoffsammlung in den Zu- 
sammenstellungen, die Professor Schmidlin (Miinster) in der von 
ihm herausgegebenen „Zeitschrift fiir Missionswissenschaft" mit um- 
fassender Sachkenntnis, bewundernswertem FleiB und erfreulicher 
konfessioneller Objektivitat vierteljahrlich mitteilt. Auch ist von 
dem gleichen Verfasser im Juni 1915 ein hochst lesenswertes, 
116 Seiten starkes Biichlein „Die christliche Weltmission im Welt- 
krieg" erschienen, und auBerdem hat z. B. auch Dr. J. Warneck in 
der „Allgemeinen Missionszeitschrift" vom Mai 1915 einen gut 
orientierenden Aufsatz „Die katholische deutsche Mission im Kriege" 
geschrieben. 

Aus alien Darstellungen ergibt sich gleichermaBen, daB die 
katholische Mission vielleicht in noch hoherem Grade als die pro- 
testantische unter den von dem Kriege geschaffenen Verhaltnissen 
zu leiden gehabt hat. Denn wahrend bei letzterer die vielverzweigten 
englischen und amerikanischen Missionsunternehmungen noch weiter 
ihrer Arbeit nachgehen konnen und auch deutsche Qesellschaften 
wie etwa unser Allgemeiner Evangelisch-Protestantischer Missions- 



- 125 - 

verein vom Kriege zwar schwer betroffen, doch in ihrer TStigkeit 
nicht vollig lahm gelegt sind, haben die beiden in katholischer Mis- 
sion besonders tatigen Volker Deutschland und Frankreich in ihren 
internationalen Beziehungen, wie in ihrer praktischen Wirksamkeit 
die Missionen vor scliwere Probleme gestellt, Schon die Tatsache, 
daB die beiden groBen europaischen Missionsvereine, der der 
Qlaubensverbreitung und der der Kindheit Jesu, ihr Zentrum in 
Frankreich besitzen, hat ihre Tatigkeit in Deutschland natiirlich stark 
beeintrachtigt und dem HaB gegen deutsches Wesen sogar Eingang 
in ihre Veroffentlichungen gewahrt. Ferner hat die von Frankreich 
besonders im Anfang des Krieges sehr rlicksichtslos getibte Ein- 
ziehung der Priester zum Waffendienst viele Missionsstationen ihrer 
wichtigsten Krafte beraubt, und wenn jene Priester gewiB auch zum 
Teil mit feurigem Patriotismus den Qrundsatz aufstellten: „Das 
Vaterland vor den Missionen" und nicht selten ihre Abreise in die 
Heimat zur Propaganda fiir die Entente verwerteten, bei der der 
Qesang katholischer Chorale mit dem Qesang der Marseillaise ab- 
wechselte, wenn auch in der Folgezeit eine groBere Anzahl von 
ihnen wieder in ihre Tatigkeit zuriickgeschickt wurden, so sind doch 
die beweglichen Klagen tiber dieses unkirchliche Vorgehen des ehe- 
dem allerchristlichsten Staates bei Schmidlin besonders haufig. Und 
es ist auch unleugbar, daB es uns sonderbar anmutet, einen Missions- 
bischof als Sekondeleutnant in einer franzosischen Qarnison wieder- 
zufinden, und daB die Behandlung der katholischen Priester im fran- 
zosischen Heere der Ehrfurcht vor den hierarchischen Anspruchen 
des Klerus gefahrlich werden muBte. Wie groB auch zahlenmaBig 
dabei der Prozentsatz der mobilisierten Mitglieder franzosischer 
Missionsgesellschaften ist, ergibt sich z. B. aus einer im Juli 1915 in 
den „Katholischen Missionen" aufgestellten Statistik, nach welcher 
aus 10 franzosischen Kongregationen bis Mitte April 1915 2608 Mit- 
glieder eingezogen und unter ihnen 82 gef alien, 123 verwundet, 
23 vermiBt und 40 gefangen waren. 

Auch in Deutschland haben sich selbstverstandlich eine groBe 
Anzahl von katholischen Qeistlichen dem Vaterlande zur Verftigung 
gestellt und stehen eine noch groBere Zahl von Alumnen und 
Briidern unter den Waff en. Ihrer zahlt Schmidlin am l.Januar 1916 
299 Patres, 953 Alumnen und 976 Briider und gibt an, daB 125 ge- 
fallen, 238 verwundet, 62 gefangen oder vermiBt und 101 mit dem 
Eisernen Kreuz ausgezeichnet seien. Als Kriegslazarette dienten da- 
mals 18 Missionshauser, in denen etwa 15 000 Soldaten verpflegt 



— 126 - 

worden waren, Zahlen, die sich selbstverstandlich seitdem betracht- 
lich erhoht haben werden. 

Das katholische Missionsleben in der Heimat hat gleich dem 
evangelischen am Anfang des Krieges starke EinbuBe erfahren, aber 
seitdem, wieder gleich dem evangelischen, sich davon erfreulich 
erholt. So konnte am 19. Juli der katholische akademische Missions- 
verein in Miinster im Auditorium maximum der Universitat eine 
stark besuchte Semesterversammlung abhalten, so fanden Shnlich 
groBe Versammlungen in Krefeld und Koln wie auch ein zweites 
Mai im Dezember in Miinster statt, so tagte am 29. Oktober in Berlin 
eine Sitzung des katholischen Missionsausschusses neben der 
Qeneralversammlung des missionswissenschaftlichen Institutes, und 
auch die heimatlichen Beitrage und Kollekten werden gegeniiber 
dem gewaltigen Riickgang der auslandischen Missionen als durch- 
aus befriedigend und erfreulich bezeichnet. DaB auch sehr viele 
Missionsschwestern im Lazarettdienst eine segensreiche TStigkeit 
entfalten, braucht nicht erst erwahnt zu werden; interessant ist in- 
dessen vielleicht die Notiz, daB „die verbannten deutschen Jesuiten 
mit 50 Priestern und zirka 100 andern Mitgliedem dem bedrangten 
Vaterland zu Hilfe eilten". 

Von den eigentlichen Missionsgebieten sind natiirlich die Be- 
richte aus den deutschen Kolonien am eingehendsten und er- 
schiitterndsten. Sie reden von vielen Leiden und Entbehrungen, 
aber auch von bewundernswerter Hingabe, Qeduld und Aufopfe- 
rung der christlichen Qeistlichen im Heidenlande. Sie zeugen zu- 
gleich von dem voUberechtigten Ingrimm dariiber, daB England 
durch das Hineintragen des Krieges in die Kolonien und durch das 
Heriiberholen heidnischer Kolonialtruppen auf europaische Kriegs- 
schauplatze dem Christentum einen schweren, wohl fiir Jahrzehnte 
kaum zu Uberwindenden Schaden beigefiigt hat und die Aufnahme- 
freudigkeit der Heiden fiir missionarische Verkiindigung in den 
Qrundlagen erschiitterte. 

In Togo, wo die Steyler-Missionare ihr besonderes Arbeits- 
gebiet haben, ist trotz der Fremdherrschaft die Lage der Mission er- 
traglich. Besonders scheinen hier die englischen Behorden wohl- 
wollender und entgegenkommender als die franzosischen zu sein, so 
daB sogar wahrend des Kriegsjahrs in Palime eine neue Kirche unter 
groBer Beteiligung der Eingeborenen geweiht werden konnte. In 
K a m e r u n haben die Pallotiner-Missionare alle schweren Ent- 
behrungen und harten Kampfe gemeinsam mit der deutschen Be- 



- 127 - 

satzung ertragen. Die Beteiligung der Eingeborenen an den Sakra- 
menten wird gelobt, die Bedrucitung der Mission durch die feind- 
lichen QewaltmaBregeln als selir hart bezeichnet. In D e u t s c h - 
Siidwestafrika.wodie Oblaten vom heiligen Franz von Sales 
und die Oblaten von der Unbefleckten Empfangnis ihr Arbeitsgebiet 
batten, ist die Kapitulation unserer Schutztruppen vom 9. Juli 1915 
das Ende der langwierigen Kampfe gewesen. Unter der englischen 
Herrschaft konnten nun mit den ubrigen deutschen Zivilgefangenen 
auch einige katholische Missionare an ihre alten WirkungsstStten 
zuriickkehren, fanden aber an ihnen Zerstorung und Verwustung vor. 
Besonders die Zentralstation Heirachabis ist schlimm zugerichtet, 
und auch in Luderitzbucht, Qabis und Warmbad hat der Krieg ge- 
wutet, wahrend Keetmanshoop und Duwisib verschont geblieben 
sind und auch am Okawango die Mission ihr Werk fortsetzen konnte. 
Doch erzahlen auch hier die letzten Nachrichten von schwersten 
Entbehrungen. In Deutsch-Ostafrika berichten die neuesten 
Missionsangaben von tapferem Widerstand unserer Besatzung, und 
es wird hervorgehoben, daB die Mission dadurch, daB es den 
Deutschen gelang, den Angriff in feindliches Qebiet hinuberzutragen, 
unbehelligt geblieben ist. Die Benediktiner von St. Ottilien treiben 
daher im Vikariat Daressalam noch welter ihre Arbeit, doch leiden 
auch sie an vielfachem Mangel, der sich selbst auf den MeBwein 
erstrecken soil. Neben ihnen wirken noch die Vater vom Heiligen 
Qeist im Nordosten und die WeiBen Vater un Westen des Schutz- 
gebietes, und selbst einige Neugriindungen werden erwahnt. 

(SchluB folgt.) 

Bficherbesprechungen. 

E. K n o d t , Pfarrer und Missionsinspektor, Chinesische 05tter. 
Berlin 1916. 58 Seiten. Preis 40 Pfennig. 

Unser verehrter Missionsinspektor E. Knodt hat uns ein Buch von 
58 Seiten geschenkt, in dem er iiber die religiose Welt Chinas berichtet 
Es handelt von folgenden Qegenstanden: 1. Die Religion der alten Chinesen. 
2. Konfuzianismus. 3. Taoistische Qottheiten. 4. Buddhistische Qottheiten. 
In diesen Hauptabschnitten finden sich zahlreiche Unterteile, die durch be- 
sondere Oberschriften gekennzeichnet sind. Dadurch wird das Lesen des 
Buches besonders anziehend und fesselnd. Die Darstellung ist frisch und 
packend. Die vielen Ausziige aus Originalquellen machen die Darbietungen 
lebendig. Zahlreiche hiibsche Bilder lassen die behandelte Welt sichtbar 
werden. Die Ausstattung ist anziehend. Das Buch kann warm empfohlen 
werden. Es geht in der Art der Darstellung einen gliicklichen Mittelweg, so- 
daB Gebildete, aber auch einfache Leute es mit Freuden lesen konnen. 



--*^T>.v 



- 128 - 

WIc wenig wissen beide Klassen von dem Innenleben der Chinesen, dieses 
hochbedeutenden groBten Volkes der Welt, eines Volkes, das dem 
deutschen Volke durch Kiautschou hatte langst ganz bekannt sein sollen. 
Dies Buch fullt da eine Liicke aus, denn eins der groBen Bucher von Qrube, 
Wilhelm und De Qroot in die Hand zu nehmen, dazu kommt es bei den 
meisten doch nicht. Der Preis von 40 Pf. fiir das Buch ist sehr billig. Der 
gesamte Reinertrag kommt unser Mission zugute. Das Buch kann vom 
Zentralbureau, SW 29, Mittenwalder StraBe 42 bezogen werden. 

Dr. J. Witt e. 

D. Dr. R. Meincke, Pastor an St. Nicolai in Hamburg: Sonntags- 
ffrieden in ehemer Zeit. Predigten aus dem ersten Jahre des Deutschen 
Weltkrieges 1914/1915. Hamburg 1915. Otto MeiBners Varlag. 

SechsunddreiBig Predigten nebst einer Anzahl kraftvoller Bibelspriiche 
und einem kemigen, schwungvollen Kampflied bilden den Inhalt des Bandes, 
den der hochverehrte Leiter unseres Hamburger Zweigvereins seiner Qe- 
meinde und seinen weiteren Freunden geschenkt hat. In immer neuen, nie 
sich wiederholenden Spiegelungen Ziehen da die groBen Fragen des Krieges 
durch unser Herz. Es ist eine hohe Freude und eine wahre Erbauung, dies 
Buch zu lesen. Dabei sind die Predigten nicht etwa einseitig national, sie 
heben immer den Leser uber das Irdische in das Ewige empor. Es sind 
auch keine Partei- Predigten. Das alien Qemeinsame, rein Religiose liegt 
ihnen zugrunde Das ist es doch, was wir alle auch unserem Volk wiinschen, 
daB diese groBe Zeit alle, die sich um Jesu Namen scharen, verbinden 

mochte im Qemeinsamen. Es ist unmoglich, auf Einzelheiten des Inhalts 

einzugehen. Unserer Zeitschrift steht zu solchen Besprechungen nur knapper 
Raum zur Verfiigung. Aber auf zwei Vorziige der Predigten mochte ich 
doch noch hinweisen. Das Erste ist die Klarheit der Anschauungen des 
Predigers, die so hocherfreulich aus den Predigten herausleuchtet. Das ist 
kein qualvolles und qualendes Hin- und Herwerfen von Problemen, sondem 
die Reife dessen, der einen felsenfesten Grund hat, dem sich die Lebens- 
ratsel gelost haben in Qott und dem Heiie Jesu. Damit hangt dann das 
Zweite zusammen. Es ist wirklich Sonntagsfrieden in diesen Predigten. 
Die Seele wird stille in ihnen. Das innere Suchen, Jagen, Zagen nnd 
Fragen schweigt, und man lauscht in dem Frieden auf Qott. Wir wunschen 
dem Buch viele Leser. Dr J. W i 1 1 e. 

Eing^angene Bfichert 

Jahrbuch der Vereinigten Deutschen Missions- 
konferenzen 1916. Selbstverlag der Missionskonferenz in der 
Provinz Schlesien. 

Dr. Paul Wilhelm von Keppler, Bischof von Rothenburg. 
Leidensschule. Freiburg i. B. Herdersche Verlagshandlung. 
156 Seiten. Preis 1,50 Mark. Qebd. 2.40 Mark. 



Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 
Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Qorlitz, Demianiplatz 28. 



p- 



Irupa vinipatu ^) 

Oder 

Die Zwanzig in zwei VersmaBen. 

Von 
Arul nantiSivacarya.*) 

Aus dem Tamil ubersetzt und mit Erlauterungen versehen von 
Lie. theoi. H. W. Schomerus. 

1. Wer weiB, daB der in Venneynallur erschienene Meykanda 
der Hochste ist, der sein Stirnauge und seine schwarze Kehle ver- 
bergend erscheint und hier auf Erden das Mala') der Seelenbeseitigt, 
und wer ihn einmal getroffen hat, der weiB aus Erfahrung, ^daB er 
als das Auge unzertrennlich im Innern gegenwartig ist. 

Hier wird gesagt, daB der hochste Siva in der Qestalt eines 
Guru (religiosen Lehrers) erscheint und die Seelen errettet. 

2. O Meykandadeva, der du (fiir die Seelen) bist, was die 
Sonne fiir die weite Erde ist, o Hochster, der du mich, der ich in 
einem dunklen Qefangnis tie! im Elend steckte, in deine unverander- 
liche Seligkeit versetzt hast, ich muB auf jeden Fall eine Frage 
stellen: 

Du bist von Ewigkeit her unzertrennlich in meinem Innern zu- 
gegen; woher kommt da das Nichtwissen? 

Wenn du sagst, well das Mala ^) nicht beseitigt ist, -so erklare 
mir doch dein Fernsein (von den nichtwissenden Seelen)! 

Wenn du (trotz des Mala) mit mir verbunden bist — o, welch 
ein Wunder! — , dann bist du ja nicht ein Feind der Liige, dann kann 
man dich ja nicht den Reinen, den Malalosen, den Herrn der Intel- 
ligenz, den Seligen, den AUerhochsten nennen! 



') Irupa virupatu gehort der Schule des ^aiva-Siddhanta an. VerfaBt 
durfte es etwa im zweiten Drittel des 13. J^hrhunderts sein. 

") Arul nantisivacarya war nach der Oberlieferung ein direkter 
Schiller des Meykaqdadeva, des Begrunders der saiva-siddhantischen 
Dogmatik. AuBer Irupa virupatu wird ihm noch Siva jMnasiddhiyar zu- 
geschrieben. 

*) Mala, das Unreine, umfaBt alles, was nicht Siva und nicht Seele 
ist. oiva und Mala werden beide als von Ewigkeit her mit der Seele ver- 
bunden gedacht. Die Erlosung besteht darin, daB die Verbindung mit dem 
Mala vollig unschadlich gemacht wird. 

Zeitschrift Fur Missionskunde und Rell^onsnissenschaft. 31. Jahrg^ang. Heft 5. 



- 130 - 

Wenn du sagst, daB du getrennt von mir bist, dann bist du ja 
nicht allgegenwartig, dann gibt es fiir uns keine Moglichkeit der Er- 
Idsiuig, o Hochster! Dann kommt dir nicht der gewaltige Tanz *) 
zu, den du nach dem Veda als Verkorperung der Erde, des Feuers, 
des Wassers, des Windes, des Athers, der Seelen, der Sonne, des 
Mondes verrichten soUst! 

Du muBt mir daher sagen, ob du getrennt von mir bist oder ob 
du mit mir verbunden bist! Da ich sehr gering bin, darfst du nicht 
ztirnen! 

Wenn du mir antwortest: Du sprichst als ein Unwissender; die 
Zeichen der Reife oder der Unreife beachtend unterweise ich als 
Guru, so wisse: 

Wenn du mich unterweist, solange ich die Reife noch nicht er- 
langt habe, dann werde ich es nicht verstehen. Wenn vollkommene 
Reife notig ist, was ist dann der Nutzen durch dich? 

Wenn du sagst, daB du als Ertrag der Reife erscheinst, so wisse, 
daB die Reife (die Asat '") ist) dich (der du Sat ^) bist) mir doch nicht 
geben kann. Kommt dir dann der Ausspruch zu, daB du ein Un- 
vergleichlicher bist? Ferner das dreifache*) Mala ist Materie (da- 
her erlangt es keine Reife). Die Seelen haben kein Alter und keine 
Jugend (daher erlangen auch sie keine Reife). Du aber bist malalos. 
War erlangt denn die Reife? 

Wenn du sagst, daB die Reife in der Beseitigung des Nicht- 
wissens, die die Vorbedingung zur Erlangung des Wissens ist, besteht, 
dann kann ich nicht zugeben, daB du unvergieichlich bist. Wenn 
ich es selbst beseitige, oder wenn es von selbst sich verzieht, 
dann brauche ich keinen Qott! Du muBt mir Antwort geben! 

(Antwort des Guru) Du hast das groBe Wort nicht beachtet: Wer 
erkennt, wenn der Hochste nicht unterweist? Wisse, daB Tirujfia- 



*) AUes Tun Sivas, besonders aber seine schopferische Tatigkeit wird 
geme als Tanz bezeichnet, um die Muhelosigkeit anzuzeigen. 

') Sat — das fur sich Seiende, das sowohl fiir sein Oasein als fur 
scin Sosein von nichts abhangig ist. Asat — das nicht fiir sich Seiende, 
das in seinem Dasein und Sosein auf etwas anderes angewiesen ist. Das 
A privativum verneint hier nicht die Existenz, sondern die Qualitat. Die 
Materie ist Asat, nicht weil ,ihr keine Existenz an sich, sondern well ihr 
nicht die Existenzweise des Hiva, der allein Sat ist, zukommt. 

*) Mala, das Asat ist, ist dreifach: Aoavamala, das die Seele zu 
einem Aqu (Atom) machende Obel, das Qrundiibel, die Qrundfessel der 
Seele, Karma, Tatigkeit, Werk, Maya, in der Saiva Siddhanta Terminologie 
die causa materialis fiir das Universum, 



- 131 — 

nasambandha in seiner Unterweisung des Pandya-Konigs sagt: 
^Wenn der Schuler anfangt zu fragen, wie die, die die Reife eriangt 
haben, unterwiesen werden, und was das Wesen des Hochsten ist, 
dann gibt es kein Ende. Er darf nicht fragen." 

Ich nehme Vernunft an! 

Hier wird geisagt, daB nichts sich betatigt, wenn der Hochste 
nicht in Tatigkeit setzt. 

3. Meykandadeva, da ich bald weiB und bald nicht weiB, 
weiB ich nicht, ob ich ein intelligentes oder ein nichtintelligentes 
Wesen bin. Sage mir eine Antwort, damit mir in Zukunft kein 
Zweifel mehr komme. 

Hier wird gesagt, daB die Seele weder Sat '*) noch Asat ist, 
sondern Sadasat *), das die Natur dessen annimmt, dem sie sich 
zugesellt. 

4. Wenn du die Eigenschaften und Abzeichen der genannten drei 
Mala ausfuhrlich nennst, wirst du Irrtum, Nachforschung, Zorn, Be- 
gierde, Mord, Traurigkeit, Frohlichkeit, Lachen, diese acht die Guna ^) 
des Anava®), Nichtwissen, Liige, Vergessen, Lust, Verwegen- 
heit, Verunreinigung, Furcht, diese sieben die Quna der Maya *), das 
Bleiben an einem Orte, das Liegen, das Begehen der zweierlei Taten, 
die Treniiung, Verleumdung, das Vereinigtsein (mit Unliebem), diese 
sechs die Quna des Karma *') nennen. 

Alle diese Eigenschaften sind unzertrennlich in mir, leiten mich 
auf ihren Wegen; sie sind die Tater; Freiheit habe ich auch nicht ein 
wenig. Hore, o gottlicher Edelstein, der du in dem vom Pennar- 
fluB umflossenen Venney erschienen bist, um dort Ort, Namen, Qe- 
stalt annehmend meinen Ort (ortliche Beschrankung), Namen (In- 
divid ualitat), meine Qestalt (das Wiedergeborenwerden) zu be- 
seitigen, du Wahrhaftigster unter den Wahrhaftlgen, du hast ge- 
sagt, daB die drei Mala Materie seien. Das ist verwunderlich! 
Es scheint, als ob du das Qegenteil meinst. Wenn du sagst, daB 
sie tatsachlich Materie sind, aber Tatigkeit erlangen (dadurch, 
daB sie in Verbindung mit den Seelen treten), so wisse, daB ich 



') Tirujnanasambandha, einer der vier sogenannten ^aivacarya, 
auf deren Tatigkeit der Sieg des Sivaismus iiber den Buddhismus und den 
Jainismus zuruckgefuhrt wird. Durfte vielleicht im 8. oder 9. Jahrhundert 
gelebt haben. Seine Hj^mnen finden wir im Devaram. 

") Sadasat, das Seiende und das Nichtseiende, das am Sat und am 
Asat Teilhabende. cf. Anm. 5. 

*) Quna Eigenschaft, Attribut. 



— 132 - 

Betatigung in den (mit mir in Verbindung stehenden) Qegen- 
st^den wie Topf, Kleidern usw. nicht bemerkt habe. 

Wenn du sagst, das es sich damit verhait wie mit dem in 
den Korper eingedrungenen Gift, dann miissen sie doch ver- 
schwinden, wie sie gekommen sind. Dann kann es auch nicht 
eine Mehrzalil von Eigensciiaften geben. Sie konnen dann auch 
nicht aus sich selbst Besitz von mir ergreifen. Ich lasse mich nicht 
mit ihnen ein. Da du der Malalose bist, legst du sie mir nicht auf. 

Wenn du sagst, daB sie Natur sind, dann konnen sie nie be- 
seitigt werden. Um meine Zweifel zu beseitigen, muBt du, der du 
ohne Anfang und ohne Ende bist, mir sagen, wie die Fesselung ent- 
standen ist. 

Hieraus ergibt sich, daB die Fesselung von den Seelen Besitz 
ergriffen hat wie die Hiilse vom Reiskorn und Qriinspan vom Kupfer. 

Durch diese drei Verse wird gesagt, daB der' Hochste der Unter- 
weisende ist, daB die Seele erkennt, wenn sie unterwiesen wird, 
daB das Pasa ") (die Fessel), auch wenn unterwiesen, nicht erkennt. 

5. Das Mala ') hat vor der Arul ") keinen Bestand. Ich habe 
kein Auge (Wissen). Wie kann man das Mala erkennen, o Vater, o 
gekronter Sieger, o Konig von Venney ^)? Herr, erweise mir die 
Qnade, meinen Zweifel zu beseitigen! • 

Hieraus ergibt sich, daB die Seele, nachdem sie die All-Seligkeit 
erlangt hat, durch SchluBfolgerung erkennt, daB sie bis dahin infoige 
der Verbindung mit Mala die Seligkeit nicht erlangte. 

6. O du Qefahrte der mondaugigen Sakti ^^, du bist, um mir 
die Seligkeit zu schenken, in Venney erschienen, bist zu mir ge- 
kommen, bist in mich eingetreten, hast mein Inneres erleuchtet. 
hast mir deiti grenzenloses Wesen geoffenbart und auch mein 
Wesen. Trotzdem, o Guru, muBt du mir noch Auskunft tiber folgen- 
des geben: 



*") Pasa, eine andere Bezeichnung fiir Mala. of. Anm. 6. 

") Arul — Qnade. Die Sakti (cf. Anm. 12) wird in der Saiva Siddhanta- 
Terminologie Arul genannt, sofern sie sich betatigt zum Besten der Seele. 

*') Sakti — das Konnen, die Kraft, die ^nergie. Die Sakti stellt die 
immanente Seite Sivas dar. Sie bildet mit biva eine Art Zweieinigkeit. 
Man unterscheidet von der reinen Sakti, die reine Kriya, reine Energie 
ist, 1. eine Iccha^akti (Kombination von Intelligenz und Energie, in der beide 
einander gleich sind), 2. Kriyasakti (Kombination von Intelligenz und 
Energie, in der die Energie uberwiegt). 3. Jnana^akti (Kombination von 
Intelligenz und Energie, in der die Intelligenz Uberwiegt). Letztere unter- 
scheidet sich wieder in Tirodhanasakti, die verhiillende Sakti, die sich 
wShrend der Zeit der Qebundenheit betatigende Jnana^akti und in Arul^akti, 
die sich wahrend der Zeit der Erlosung betatigende Jtiana^akti. 



- 133 - 

Wenn ich uber meine Feinheit und GroBe nachsinne, erscheint es 
mir, als ob ich, der ich von der Unterwelt an bis zur Sakti") alles 
gelernt habe, iiberall gegenwartig bin. Trotzdem schliipfe ich in die 
kleinen Offnungen der Sinne hinein, werde dort verwirrt und erleide 
dort die fiinf Zustande "). Den Korper verlassend, bin ich dem 
Qehen und Kommen unterworfen. Du muBt mir sagen, wie ich 
iiberall gegenwartig sein kann, wie ich in dem Korper eingekerkert 
sein kann, wie ich die Orte, die ich erlangen muB, erlange. 

Wenn du sagst, daB der Satz, daB Nichtexistierendes immer 
nichtexistierend ist, und daB Existierendes immer existierend ist, 
richtig ist, dann kann es doch kein Sich-Verkleinern und kein Sich- 
VergroBern geben. 

Wenn du sagst, das ist, wie wenn ein Elefant als Ameise ge- 
boren wird, so wisse, daB dies keine Antwort ist, denn deine Ant- 
wort betrifft den Korper. 

Wenn du sagst, daB die Seelen gemaB den Korpern existieren, 
die sie erlangen (d. h. so groB sind wie die Korper), so wisse: So 
verhalt sich die Sache nicht. Dann muB man doch sagen, daB die 
Seelen von Ewigkeit her wissend in die ihnen gelassenen Liicken 
eintreten. Die Fahigkeit, in groBen Korpern groB zu sein und in 
kleinen Korpern klein zu sein, hast du, o QroBer. Ich habe sie nicht. 
Du, der du mir immer angenehm bist, du muBt mir dies erklaren. 

Hieraus ergibt sich, daB das Wesen der Seele ist, wie ein 
Kristall die Natur dessen zu sein, was in ihrer Nahe ist, daB sie dort 
allgegenwartig ist» wo sie sich befindet, daB sie sich mit dem identi- 
fiziert, mit dem sie in Verbindung steht. 

7. Von den von dir genannten Zustanden bin ich in dem 
ersteren ") mich befindend, in die ubrigen Zustande wissend nicht 



*•) Die Seele erleidet wahrend ihres Aufenthaltes im Korper funf 
Zustande, Avastha genannt. 1. Turiyatlta-Avastha. Die Seele befindet 
sich als Purusha ganz fiir sich allein, sich gegen die AuBenwelt ganz 
und gar abschlieBend, im Muladhara, einem Ort, der die Mitte des ganzen 
KSrpers und die Qrundlage des wichtigeren oberen Teils bildet. 2. Turiya- 
Avastha. Die Seele befindet sich in der Qegend des Nabels und macht 
Qebrauchvon dem Lebensodem, d. h. atmet. 3. Sushupti- Avastha, Zustand 
des Tiefschlafes, Der Aufenthaltsort der Seele ist die Herzgegend. Zum 
Atmungsorgan kommt noch das Citta hinzu, das am wenigsten entwickelte 
Denkorgan. 4. Svapna- Avastha, Traumzustand. Die Seele befindet sich 
in der Qegend des Kehlkopfes, Sie ist im Besitz aller 10 Atmungsorgane, 
der 4 Antabkarana, der 5 Tanmatra, der 5 Qeschafte der Karmendriya, 
Sprechen, Qehen, Qeben, Ausleeren, Zeugen. 5. Jagara- Avastha, der 
Wachzustand. Sitz der Seele ist die Qegend der Stim. Zu den vorhin 
genannten Organen kommen noch hinzu die 5 Jtianendriya und die 
5 Karmendriya. cf. Anm. 15. 

") Jagara- Avastha, Nr. 5 in der Anm. 13. 



- 134 - 

hinabgestiegen, noch wissend heraiffgestiegen. beriihmter Mey- 
kandadeva, durch welchen Beweis kann ich sie erkennen und Klar- 
heit eriangen? 

Hieraus ergibt sich, daB die Seele die fiinf Zustande erieidet, 
wenn die fiinf reinen Tattva*^) sich nicht betatigen. 

8. Rudra ^"), o Herr der Seele, o Meykandadeva, der du in 
dem vom Tenney-FluB beherrschten Venney erschienen bist, der du, 
um mich Nichtsniitzigen dir zu eigen zu machen, Qestalt annehmend 
deine wahre Qestalt verborgen hast, wie kann ich mich selbst er- 
kennen? 

Wenn du sagst: „Aus derTatsache der ZustSnde kannst du dich 
erkennen", so wisse, daB ich die Zustande nicht niit BewuBtsein 
erleide. 

Wenn du sagst, daB Kala ^^) (das Zeit-Tattva) und die anderen 
Tattva ") die Zustande beseitigen, so wisse, daB dann Vishnu und 
Brahma *') (die in den reinen Tattvas personifiziert gedacht sind) 
mich nicht in Tatigkeit zu setzen brauchen. 



") Der Saiva Siddhanta kennt 36 Tattva, Tattva — Grundprinzip, 
Qrundelement. In der Psychologie kann man Tattva e^twa mit Organ iiber- 
setzen. Die 36 Tattva zerfailen in drei Gruppen. a) buddha Tattva, reine 
Tattva: 1. Nada — Laut, etwa das Prinzip der Bewegung, 2. Vindu — 
Form, etwa Prinzip des Raumes, 3. Sadakshya, das Prinzip des Ent§tehens, 
4. Mahesvara, etwa das Prinzip des Bestehens, der Erhaltung, 5. Suddha- 
vidya — reines Wissen, etwa das Prinzip des Vergehens. b) ouddha- 
suddha Tattva, reine und zugleich unreine Tattva: 6. Asuddha Maya, die 
unrefne Maya, die eigentliche causa materialis, 7. Kala, Zeit, das die 
Friichte des Karma zur Reife bringende und zuteilende Prinzip, 8. Niyati, 
das die Seele unter das Karmagesetz stellende und in der Auswirkunjr 
desselben Ordnung und Harmonic bewirkende Prinzip, 9. Kala, das Wissen 
verursachende Prinzip, 10. Vidya, das zwischen dem Erkenntnisvermogen 
und den Erkenntnisorganen vermittelnde Prinzip, 11. Raga, das zwischen 
dem Willensvermogen und den Objekten vermittelnde Prinzip, 12. Purusha, 
die Seele, sofern sie mit Tattva Nr. 7 — 11 ausgerustet ist. c) Die Asuddha 
Tattva. die groben Tattva. Sie gehen hervor aus Miilaprakrti, dem materi- 
ellen Urstoff der Welt. «: 4 Antahkaraoa, innere Organe: 13. Citta, das 

oberflachliches Wissen vermittelnde Denkorgan. 14. Buddhi, das urteilende 
Denkorgan, 15. Ahamkara, das IchbewuBtsein, das falsches Wissen ver- 
ursachende Denkorgan, 16. Manas, das zweifelnde Denkorgan. §: 5 Jnanen- 
driya, die wahrnehmenden Organe: 17. Qehorsinn, 18. Tastsinn, 19. Sehsinn. 
20. Geschmackssinn, 21. Geruchssinn. y: 5 Karmendriya, Werkorgane: 
22. Mund, 23. FuB, 24. Hand, 25. After, 26. Geschlechtsglieder. 8: 5 Tan- 
matra, feine Elemente: 27. Schall, 28. Tastbarkeit, 29. Gestalt, 30. Geschmack, 
31. Geruch. «: 5 Bhuta, grobe Elemente: 32 Ather, 33. Luft, 34. Feuer, 
35. Wasser, 36. Erde. 

*') Bezeichnung Sivas. 

") Vishou und Brahma gehoren zu den Seelen. Sie werden von Siva 
fUr die Werke der Schopfung und Erhaltung benutzt. cf. Anm. 15 a. 



— 135 - 

Ferner, wenn ich die Natur der Tattva beschreiben muB: eins 
erkennt nicht das andere. Ferner, sie sind nicht intelligent; sie 
miissen ihr Werk tun durch die Intelligenzen (Seelen). Ich habe aber 
nicht bemerkt, daB die Intelligenz der Seele sich mit ihnen verbunden 
hat. Obgleich ich in Verbindung mit den Tattva stehe, so erkenne 
ich doch immer nur ein Objekt. Ich habe nicht bemerkt, daB sie 
mich verlassen haben. 

Wenn du sagst, daB ich durch dich erkennen werde, well ich 
ein Nichtwissender bin, so wisse, daB du dann zu einem Erkenntnis- 
organ fiir mich wirst. Dann bist du nicht der Erhabene. Dann bin 
ich das Brahman '**). Dann brauche ich kein Hoheres. 

Hore weiter, o Konig! Da ich in deiner Qegenwart mein Er- 
kenntnisvermogen verliere, bin ich kein Erkenntnisobjekt, obgleich 
ich mich zu erkennen mich bemuhe, bist auch du kein Erkenntnis- 
objekt, obgleich ich dich zu erkennen mich bemuhe, sind wir beide 
kein Erkenntnisobjekt, obgleich ich mit dir eng verbunden zu er- 
kennen mich bemuhe. 

groBer Heifer, o mein Auge, o Herr der Cotter, o groBes 
Qnadenmeer, wie kann ich erkennen? 

Hieraus ergibt sich, daB man sich erkennen kann, wenn man er- 
kannt hat, daB man seiner nicht selbst machtig ist, und sich mit dem 
Wissen jdentifiziert. 

9. O Nektar, o Zuckerrohr inVenney, o mein Auge: Wenn die 
Seele sich in die Qegend unterhalb des Nabels (Muladhara ^') zu- 
ruckgezogen hat, was fiir ein Erkenntnisorgan ist dann da, um zu 
unterweisen, was fiir ein Erkenntnisorgan gesellt sich dann mir zu, 
um zu erkennen? Sage mir dies, o Konig! 

Hieraus ergibt sich, daB in der Turiyatita Avastha ^') die §uddha- 
Tattva ^^) die SuddhaSuddha-Tattva ^^) in Bewegung setzend unter- 
weisen. 

10. Wenn du nach Erlangung des Iruvineioppu ") das Mala*) 
beseitigst und vermittels der Arul ^0 in mich eintrittst, dann muB doch 
die All-SeUgkeit erlangt sein, in der man unzertrennUch mit dir eins ist, 
o Lehrer, der du die alten drei Mala ") beseitigst. 



'*) Brahman, wohl zu unterscheiden von Brahma (cf. Anm, 17). Unter 
Brahman ist hier das hochste Wesen, Siva, genieint. 

*®) Iruvineioppu — Qleichheit der zweierlei Taten, Ein Zustand der 
Qleichgiiltigkeit den zweierlei Taten und ihren Folgen gegeniiber, mit dem 
die Seele aus der Stufe der Heilsvorbereitung in die Stufe der Heilsver- 
wirklichung ubertritt. 



#ter-. 



- 136 — 

Wenn du sagst, daB du wegen des mir anhaftenden dreifachen 
Mala nicht in mir bist, dann hat doch keine Beseitigung des Mala ') 
statt, dann hat doch auch keine Eriangung des Schattens deines 
heiligen LotusfuBes statt. 

Wenn ich infolge (des Cbels) der Gewohnheit mich mit detn 
Mala einlasse, dann bin ich doch ein noch nicht Befreiter, o Hochster. 
Dies ist gewiB! 

Wenn du sagst, daB jetzt wohl die Folgen des jetzt vorhandenen 
Karma vorhanden sind, daB aber nicht neues Karma entsteht, so 
wisse: Das (durch Karma) erlangte Mayeya '"), Karma ^), Ana- 
vamala"), diese drei, vergehen dann doch nicht. Wenn sie vor- 
handen sind, hort die Entstehung der Maya') doch nicht auf, sondern 
geht weiter. Das vertragt sich doch nicht mit dem alten Vedawort, 
das sagt, daB man dich nicht eriangen kann, es sei denn, daB eins 
dem andern gleich ist. 

Daher, muB ich sagen, daB du in meinem Innern bist, oder muB 
ich sagen, daB du nicht in meinem Innern bist? MuB ich sagen, daB 
das Mala**) beseitigt ist, oder daB es nicht beseitigt ist? 

Du muBt mir eins deutlich sagen, o Herr, der du in Venney ge- 
boren bist, das von Feldern, die von dem nie wasserlosen Tenney- 
FluB bewassert werden, umgeben ist, o Meykandadeva, der du einen 
Korper angenommen hast, der aus Manden, Augen, Kopf, Mund, 
FiiBen, Ohren, Nase usw. zusammengesetzt ist, der du mein Karma 
mit der Wurzel ausgerottet hast, o du Karmaloser, o du mit der 
schwarzen Kehle, o meine fehlerlose Intelligenz! 

Wie ein Wanderer bei einem Kreuzweg verwirrt wird, so wird 
auch die Sakti ^*) (die TirodhanaSakti) verwirrt beim Eintritt des 
Iruvineioppu ^^) und hort auf, sich zu betatigen. 

11. Was ist die Ursache, daB meine Intelligenz, die in dir ist, sich 
dem Mala zuwendet, o Meykandadeva? Wenn meine Intelligenz 
sich mit dir vermischt, braucht sie sich doch nicht dem Mala zuzu- 
wenden! Wenn das Mala mich noch bedrangt, dann bin ich doch 
einer, der sich keinem von beiden ganz hingibt. Vater, was ist die 
Ursache, daB es bald so und bald so ist? 

Hieraus ergibt sich, daB einer, der das Wissen noch nicht voll- 
kommen erlangt hat, der aber auch nicht ohne Wissen voUig wissen- 
los ist, sondern die Seligkeit zu eriangen wiinschend in der Mitte 
steht, bald nach Pa§a "), bald nach dem Hochsten verlangt, sich mit 



ao' 



) Maycya — Produkt der Maya, besonders die Tattva. Anm. 15. 



- 137 - 

keinem ganz identifiziert, sondern immer mit dem, dem er sich ge- 
rade anschlieBt. 

12. OMeykandadeva, der du auf der Erde wie eine Sonne auf- 
gegangen bist und den Schleier der Finsteilnis beseitigst, damit die 
acht Himmelsgegenden sichtbar werden, der du die Lotusblume 
meines Herzens zur BlUte bringst und gereiftes Wissen gibst, o 
fehlerloser Nektar, o grofier Tugendberg, warum gesellst du dich zu 
mir und warum verlaBt du mich? 

Wenn du sagst, daB es deine Natur ist, dich zu mir zu geseilen, 
wenn ich deiner gedenke, und mich zu verlassen, wenn ich deiner 
nicht gedenke, so wisse, daB du dann ja dem Wunschen der Seele 
unterworfen bist. Dann bist du dem Qehen und Kommen unter- 
worfen, o du mit den acht Schultern und den drei Augen. 

Wenn du sagst, daB ich deinen iiberall unzertrennhch gegen- 
wartigen Zustand erlange und wieder verlasse, so wisse: Wenn die 
muden Wanderer den erquickenden Schatten wiinschend einen 
AugenbHck sich niedersetzen und dann wieder aufstehen, erfahrt 
der Schatten doch keine Freude und keinen Schmerz. Es ist dies 
das Wesen des Schattens. Du wirst ihm dann ja gleich! 

Wenn du sagst, daB du dich, wenn ich deiner gedenke, in diesem 
Zustande meiner Wenigkeit erbarmst und dich mir offenbarst, dich 
aber verbirgst (wenn ich deiner nicht mehr gedenke), so wisse, daB 
dann die Arul ") veranderlich ist. 

Ferner, es entsteht dann das Qerede, daB auch diejenigen, die 
dich erlangt haben, wiedergeboren werden. Ein seiches Qerede ist 
bis jetzt in der alten Welt nicht gewesen. 

Wenn du mir die Ursache des Qefiihls inneren Friedens und Un- 
friedens sagen kannst, so daB jeder Zweifel aufhort, so sage mir 
doch ein Wort, dem ich keine Widerrede entgegensetzen kann, o du 
durch Worte Unerreichbarer ! 

Hier wird auf die Frage, wie der Hochste in alien Orten und in 
alien Seelen zugegen ist, geantwortet, daB er zugegen ist, wie die 
Seele im Korper, wie die Sonne im Auge, wie die Sehkraft im Er- 
kenntnisvermogen. 

13. Obgleich du jenseits aller Tattva") stehst und weit uber 
mich erhaben bist, so hast du doch einen KOrper angenommen. DaB 
du bewirkst, daB ich den Korper, in dem ich geboren und mit dem 
ich verbunden bin, bald ergreife und bald fahren lasse, kommt dem 
Tun eines Hirten gleich, der einen Baum anschlSgt. (Nicht ab- 



- 138 - 

schlagt, sondem nur anschlagt, datnit er sich senkt und die Ziegen 
die grtinbleibenden Blatter erreichen kOnnen.) 

Hierausergibt sich auf dieFrage, wie denn derLeib(der dochzum 
Mala gehort) beseitigt wird, solange die Seele noch im Korper weilt, 
die Antwort: Dadurch, daB er (der Guru) lehrt, daB der Leib Liige 
ist, daB er die Mala beseitigt und die Seele mit der Arul ") vereinigt. 

14. Mein PaSa*") ist beseitigt; dein FuB ist erreicht. O. lieblicher 
Herr, der du thronst in Aruddurai, o Meykandadeva, der du die 
Nicht-Verschiedenheit erkannt hast, so daB ich, der ich mich fiir 
verschieden hielt, mich jetzt erkenne, was ist die Ursache der 
zweierlei Taten? 

Wenn du sagst, daB Lust und Unlust durch Qedanken, Worte 
und Werke entstehen, so wisse: (Qedanken, Worte und Werke) 
gehen sofort unter; sie bringen auch nicht ein wenig Nutzen. 

Wenn die Ursache Materie ist, ist doch auch die Wirkung 
Materiel Was ist daher die Ursache dafiir, daB ich noch Pein er- 
leide? Wenn du sagst, daB es mein Tun ist, so wisse, daB mir ein 
Tun nicht zukommt. 

Ferner: wozu die HoUenstrafen? Dein Tun wird doch dadurch 
zu einem Nichts! Wenn du sagst, daB du hier gemaB den Taten die 
Taten verzehren laBt, so wisse: dann hat der Todesgott doch keinen 
Zweck, Konig! Fiir eine Seele ist doch einer genug, zwei sind 
doch nicht erforderlich! 

Wenn ich das von dir Festgesetzte genieBe, dann braucht doch 
nicht neues Karma zu entstehen, gemaB dem Worte, daB Bestehen- 
des nicht verschwindet, Nichtbestehendes nicht entsteht und Be- 
stehendes besteht? 

Wenn du sagst, daB neues Karma durch die Art und Weise, wie 
ich Freud und Leid genieBe, entsteht, dann miissen mir doch alle 
deine Qaben durch mein Denken zuteil werden! Dann ist die Ord- 
nung, daB einer es geben muB, nicht notig! O Sivaperuman, du 
muBt mich unterweisen, damit das Karma, das mir schweres Elend 
bereitet, und die Karmafesselung ganz und gar beseitigt werden. 

Hieraus ergibt sich die Art und Weise, wie die Taten an die 
Seele herantreteri. 

15. Konig, der du mit deiner roten Hand den Hirsch (bildlich 
fiir Seele) beruhigst, der du thronst in dem von Mauern umgebenen 
Venney, gesellt sich das vergangene Karma von selbst zu? Qeselle 
ich mich ihm zu? Du tust es nicht, denn du bist der Malalose! Wozu 
ware dann deine Arul ") da, o Gott! 



- 139 — 

Hieraus ergibt sich, daB Karma, Seele und Siva ohne Anfang 
sind, und daB der Hochste das von den einzelnen Seelen erworbene 
Karma sammelt und verzehren laBt. 

16. Mit verwirrtem Sinne werde ich eine sinnlose Frage stellen. 
Solche Frage nicht zu verwerfen, sondern zu beantworten, ist die 
Pflicht QroBer. 

Wenn du sagst, daB das Vereinigtsein mit dir meine Natur ist, 
so wisse, deine Feinheit ist nicht innerhalb des Bereiches von Wort 
und Qedanken. 

Deine Zauberei, daB du mich in einen Korper mit sieben kleinen 
und zwei groBen Offnungen hineinsetzest, mich dort einschlieBest 
und bewiritst, daB ich den Korper nicht verlassen kann, daB du die 
Begierde und die anderen Krafte anregst, ist iiber die MaBen ver- 
wunderlich! 

Du weiBt, ob die Wort-, Qedanken- und Tat-Werke, die wir mit 
Worten, Qedanken und dem Korper begehen, gut oder bose sind, 
du bestimmst, ohne einen Fehler zu begehen, das Zuviel und Zu- 
wenig vermeidend, die Zeit und den Ort und laBt die Fruchte in ge- 
rechter Weise verzehren. Du bist ein gerechter Richter. Die Be- 
tatigung der Weisen ist nicht verwirrend; das Tun der Unweisen ist 
verwirrend. 

O, der du auch das Karma, das in den Adhvan^O aufgehSuft 
unverzehrt daliegt, beseitigst, was ist es, was in dem Iruvineioppu ^") 
beseitigt wird? Wen laBt du die alten Taten denn verzehren? Es 
ist nicht gerecht, das Karma dann noch verzehren zu lassen! Dann 
ist dir die Befolgung der Qerechtigkeit nicht etwas QroBes! 

O du Innerstes meines Auges, o du Intelligenz meiner Intelligenz, 
du Konig von Venney, o Meykandadeva, sage, was ist die Ursache, 
daB deine Arul ") mich in den mich bedrangenden Korper versetzt 
hat, aber das Karma nicht beseitigt! 

Hieraus ergibt sich, daB die Seele, weil sie, trotzdem Siva und 
die Seele ewig unzertrennlich verbunden sind, mit Mala ^) be- 
haftet ist, Siva nicht begehrt, obgleich sie mit ihm verbunden ist, 
und daB daher Siva auch in der Zeit der Qebundenheit mit der 
Seele verbunden ist. 



'") Adhvan — Weg. Der Saiva-Siddhanta spricht von 6 Adhvan 
als 6 Qruppen von Produkten der Maya. Die drei ersten Adhvan bilden 
das gegenstandliche Universum, die drei andern das gedankliche Universum. 
Die Bezeichnung Adhvan soil anzeigen, daB samtliche Produkte der Maya 
Mittel zur Erlosung der Seele sind. 



- 140 - 

17. Du hast beschlossen, sie dir zu eigen zu machen. Auch die 
anderen stehen doch unter deiner Leitung. Wie kommt es, daB du 
fiir die Seelen, die durch deine Arul abgestorben sind, sichtbar er- 
scheinst, fur die anderen aber unsichtbar bist? Sage es, o Herr, 
o Konig von Venney, der du in Honig dich badest, o Konig, der du 
einen Kranz aus Kassiablumen tragst! 

Hier wird gesagt, wie der als Seele in der Seele gegenwartige 
und sie in Tatigi^eit setzende Siva in der Zeit der Qebundenheit sie 
verborgen in Tatigkeit setzt, in der Zeit der Erlosung aber sie er- 
leuchtet und ihr Wohitaten erweist. 

18. O, welch ein Wunder, daB du, o Vater, in mir, der ich nicht 
bedenke, warum ich den Korper erhalten habe, der ich mich fiir den 
Herrn der Welt halte, der ich Liige fiir Wahrheit halte, der ich den 
Dingen dieser Welt nachlaufe und sie fiir erstrebenswert halte, dich 
aber nicht suche, verborgen bist, mir nachfolgst, meinen Stolz, der 
mich dich und mich nicht erkennen laBt, der mich „ich" und „mein" 
sprechen laBt, beobachtest, mit mir gehst, in welchen Korper und in 
welche Welt ich auch eintrete, mit mir gehst, wenn ich den Korper 
usw. verlasse, die vielen Freuden und Leiden der Ordnung gemafi 
hervorbringst, mir ein Diener bist, mich nicht verlaBt, mich, der ich 
dich gehen und kommen lasse, mit dir spielen laBt und hinter mir 
stehst! 

In deiner groBen Qnade bist du in Aruddurai erschienen und 
hast zu mir gesagt: „Nimm wahr, wie der Hochste groBe Qnade er- 
weist und die Liige haBt!", hast, damit alle Welt ihn kenne, den 
Ruhm des Meykandadeva verbreitet, mich in dir verborgen, dich 
vor mich gestellt, identifizierst deine Arul ") und mich mit aliem, 
machst mich zu einem Nichts, erleuchtest iiber dich und iiber mich, 
zeigst mir dein Nichtstun und mein Nichtstun, o Hochster! DaB du 
mir dies alles getan hast, ist mir verwunderlich! 

Hier wird das Wunder der Beseitigung des Pasa *") beschrieben. 

19. Der schwarzkropfige Hochster, der das Gift des groBen, 
grausigen Meeres gegessen hat, ist in der Qestalt des in Tiruvenney- 
nallur geborenen Svetavana") gekommen und hat mich, der ich in 
das Meer der zweierlei Taten versunken war, herausgeholt. 

Hier wird riihmend beschrieben, wie der Hochste in der Gestalt 
eines Guru erschemt, das Pa§a") beseitigt, und mit seinem gnaden- 
reichen Wissen der Wahrheit begnadigt. 



") Svetavana, der eigentUche Name fiir Meykaodadeva. cf. Anm. 2. . 



- 141 - 

20. Er, der mit denen, die ihre Familie, ihre Eltern und alles 
andere aufgegeben haben, unzertrennlich verbunden erscheint, mit 
den nicht so Beschaffenen aber nicht so (verbunden) erscheint, er, 
der kein Ende und keinen Anfang hat, ist (zu mir) gekommen, hat 
die Hetze meines affenahnlichen Verstandes gezahmt, ihn zur Ruhe 
gebracht und gefesselt, hat die Verwirrung des volUgen Nichtwissens 
und des unvollkommenen Wissens beseitigt, ist in dem Zustande, in 
dem er mit mir vereinigt ist, ohne zu mir zu kommen und ohne sich 
von mir zu trennen, weder eins mit mir, noch verschieden von mir, 
noch weder eins noch verschieden, hat, wenn er mir seine Wurde 
auch nicht gegeben hat, alle meine Wiirde verlangt, hat nicht nur 
sich selbst mir gegeben, sondern mir mich selbst auch gegeben, hat 
mir in seinem groBen Wonnemeer unendliche Seligkeit gegeben, hat 
mir innen und auBen seine unveranderliche, unendliche Barmherzig- 
keit erwiesen, hat mich bei seinem QnadenfuB aufgenommen. Er 
ist mein Konig, mein Herr, o Konig von Venney, o Meykandadeva, 
o Erhabener, o Verkorperung der Arul, o Qnadenauge fiir alle Seelen 
in dieser Welt, der du das mich bedrangende Mala beseitigst! 



Eine Bibliographie des Buddhismus. 

Von Professor Dr. Hans Haas. 

Es ist vielleicht zu viel gesagt: Notitia librorum est dimidium 
studiorum, — das jedenfalls ist zuzugeben: Scire ubi aliquid possis 
invenire magna pars eruditionis est. Alsdann aber ist es auch ganz 
und gar kein unbedeutender Dienst, den leistet, wer es auf sich 
nimmt, fiir irgend einen der tausend Qegenstande menschlichen 
Wissens das Qeschaft der Zusammenstellung aller vorhandenen ein- 
schiagigen Literatur zu besorgen. Ein Irrtum auch, zu meinen, zu 
einer Inventuraufnahme dieser Art sei jeder ohne weiteres der Mann. 
Auch die Bibliographie ist eine Wissenschaft, eine deskriptive 
Wissenschaft, die — wie jede solche — ihre strengen Anforderungen 
an ihre Diener stellt. Sei's gleich vorweg gesagt: HansLudwig 
Held, der soeben im Hans-Sachs-Verlag, Munchen-Leipzig, eine 
„Deutsche Bibliographie des Buddhismus" hat erscheinen lassen *), 



*) Deutsche Bibliographie des Buddhismus. Eine Obersicht 
Qber deutschsprachliche buddhistische und buddhologische Buchwerke, Ab- 
handlungen, Vortrage, Aufsatze, Erwahnungen, HInweise und Rezensionen 
mit ausschlieBlicher Beriicksichtigung des Buddhismus als Religionswissen- 
schaft von Hans Ludwig Held. Ein Band in Lex., VIII. 190 S. Preis 
geh. M. 12,~, geb. M. 14,— . Hans-Sachs-Verlag, Munchen-Leipzig, 1916. 



^ \ 



- 142 - 

ist sich des bewuBt gewesen, hat es mit seiner Aufgabe wirklich 
ernst genommen und hat uns so ein Nachschlagewerk geliefert, fiir 
das ihm keiner, der irgend tiefergehendes Interesse am Buddhismus 
nimmt oder auf diesem Qebiete als Forscher sich betatigt, die 
schuidige Dankbarkeit vorenthalten wird. Dem Ideal eines biblio- 
graphischen Hilfswerkes gerecht zu warden, ist ein Ding barer Un- 
moglichkeit. Was alles dazu gehorte, das hat vor 25 Jahren einmal 
Victor Chauvin, Professor an der Universitat von Liege, dahin etwa 
zusammengefaBt: Ausgedehnte Sprachenkenntnis, Orientiertheit in 
samtHchen wichtigen Literaturen der Welt, ein Schimmer von Ver- 
trautsein mindestens mit jeder Einzelwissenschaft, ein Wohl- 
beschlagensein in derOeschichte und noch gar manches andere auBer 
dem. Und sei der Sammler fertig mit dem Zusammensuchen alien 
Materials, das fUr ihn in Betracht komme, so miisse er. ohne sich 
hinter die gebotene sog. ..Biindigkeit des Ausdrucks" zu verschanzen, 
seine Entdeckungen auch fein klar und deutlich darzubieten wissen 
und diirfe es endlich daran nicht fehlen lassen, sie so zu ordnen, daB 
auch alles und jedes an seinem rechten Platze steht. Qanz so schwer, 
wie sie da geschildert wird, ist die Aufgabe fiir H e 1 d ja nun freilich 
nicht gewesen. Vor allem darum nicht, weil er sich von vornherein 
dafiir entschied, von jeder systematisierenden Anordnung der Lite- 
ratur abzusehen, die einzelnen Nummern vielmehr einfach durch- 
gehend alphabetisch aneinanderreihte. Noch mehr darum. weil er 
sich geflissentlich — schon der Titel seines Werkes gibt das kund — 
darauf beschrankte, nur die d e u t s c h sprachliche Literatur, die 
deutsch geschriebene oder doch ins Deutsche ubersetzte, zu re- 
gistrieren. Man mag das befremdlich finden. Aber das Recht, die 
Qrenze seiner Aufgabe sich selbst abzustecken, soil man einem 
Autor nicht strittig machen, und eine Internationale Bibliographic 
up to date zu bringen, ware inmitten des Weltkrieges auch ein 
Kunststiick gewesen, das billigerweise kein Verniinftiger erwarten 
kann. In der selbstgesetzten Beschrankung jedenfalls ist Held 
bemiiht gewesen, „als Meister sich zu zeigen", d. h. eine luckenlose 
Liste zustande zu bringen. DaB Wollen und VoUbringen zweierlei 
ist, ist ihm naturlich selbst bewuBt. Auch nach AbschluB des Nach- 
trags, der von neuem mit dem Alphabet beginnt, werden ihm mittler- 
weile wieder Nummern genug aufgestoBen sein, die sich fiir sein 
Buch zu spat haben aufstobern lassen, um zu einem zweiten Nachtrag 
vereinigt zu werden, und jeder, der in der Literatur iiber den Bud- 
dhismus zu Hause ist, wird Werke, Abhandlungen, Vortrage, Auf- 



- 143 - 

satze und erst recht Erwahnungen, Hinweise und Rezensionen 
missen, oder zu notieren haben, daB dem Zusammensteller die Neu- 
auflagen dieser oder jener Publikation nicht bekannt geworden sind. 
Es ware zu verwundern, wenn dem anders ware. Anzuerkennen, ja 
erstaunlich bleibt der Spursinn und der unverdrossene SammelfleiB, 
der H e 1 d in solcher annahernden VoUstandigkeit die ungemein 
verstreuten Arbeiten hat zusammenfinden lassen. Auch aller-, aller- 
entlegenste Fundstellen sind ihm nicht versteckt geblieben. DaB er 
von dem Qefundenen nichts unterschlagen, auch nicht das Un- 
bedeutendste, Wertloseste, auch nicht den argsten Schund, dariiber 
wird mit ihm nur rechten, wer vergiBt oder uberhaupt nicht weiB, 
daB es dem Bearbeiter einer Obersicht, wie der vorliegenden, nicht 
ansteht, sich zum literarischen Richter aufzuwerfen. Aus der Rolle 
des Bibliographen, fur den es kein Qutes und kein Schlechtes gibt, 
kein Richtiges und kein Falsches, der jeder personlichen UrteilsauBe- 
rung sich zu begeben hat, ist H e 1 d. auBer in einer SchluBanmerkung, 
von der nachher noch ein Wort zu sagen sein wird, nur in der Vor- 
rede gefallen, wo er Professor Bertholet als „evangehschen Qeist- 
lichen" ausspielt gegen „eine Reihe staatiich bestellter Religions- 
geschichtler, denen der Vorwurf der wissenschaftlichen Verdrehung 
von unstreitigenTatsachen nicht erspart werden kann" (S.VII), Dem- 
gegentiber ist doch eine Belehrung des Herrn Autors angebracht. 
Eine Reihe staatiich bestellter Religionsgeschichtler gibt es bislang 
in Deutschland nicht. DaB aber ein mit einem Lehrauftrag fiir Re- 
ligionsgeschichte betrauter deutscher Universitatsdozent wissentlich 
unstreitige Tatsachen verdreht, das ist eine geradezu unqualifizier- 
bare Anschuldigung, die ich — sicher, nicht selbst mit ihr gemeint zu 
sein — aufs allerentschiedenste zuruckzuweisen als kollegialische 
Pflicht erachte. EinigermaBen entschuldigen wird diese bedauer- 
liche Entgleisung Helds den mit so grobem Anwurf Bedachten — 
verstandigen Mannern — des Unbilltuers personliche Eingenommen- 
heit fiir den Buddhismus, der ihm das bedeutsamste Denkmal 
menschlicher Sehnsucht und geistigen Erkenntnisstrebens ist. Darf 
man doch auch nicht vergessen zu bedenken, daB nur eben diese 
Eingenommenheit ihm das MaB von Lust und Liebe hat geben 
konnen, die die Fittiche sein konnten zu der respektablen Leistung, 
als welche ich seine bibliographische Arbeit, soviel ihr noch zur Voll- 
kommenheit fehlen mag, gerne anerkenne. „In der Bibliographie", 
sagt der obengenannte Autor der Bibliographie des ouvrages Arabes 
ou relatives aux Arabes publics dans I'Europe Chretienne, mit der 



— 144 — 

ich ja nun freilich H e I d s Leistung nicht auf e i n e Linie stellen will 
„gibt es eine Methode, die sich dem Bearbeiter geradezu aufdr&ngt 
und die es anzuwenden gilt, so oft es nur immer moglich ist: das 
ist die Autopsie, d. h., wie das schon die Etymologic des Wortes an- 
deutet, das direkte und personliche Studium der Werke, die man 
anderen bekannt machen will. Wenn man es z. B. einem Botaniker 
nie und nimmer verzeihen wiirde, wollte er sich unterfangen, einen 
Apfelbaum zu beschreiben, ohne ihn gesehen zu haben, so fragt sich 
doch sehr, mit welchem Rechte der Bibliograph von der gleichen 
Verpflichtung sich soUte dispensieren diirfen." Ich will nicht unter- 
lassen, hervorzuheben, daB Held erklSrt, bis auf eine kleine Anzahi 
auf S. 176 angegebene, ihm unzuganglich gebliebene Nummern die 
ganze von ihm verzeichnete jLiteratur selber eingesehen zu 
haben. 

Der Interessentenkreis ist zu klein, als daB man hoffen konnte, 
daB das Werk, das auch, wie es ist, ein recht nutzliches Hilfswerk 
darstellt, es sobald zu einer zweiten Auflage bringen wird. So hStte 
es wenig Sinn, dem Verfasser Besserungsvorschlage zu unterbreiten. 
Ich begniige mich denn, den Beniitzern die wenigen Corrigenda zu 
geben, die ich bisher beim Durchsehen der 190 Seiten mir an den 
Rand notiert habe. Nr. 122 lies L. de Milloue statt L. de Millon6. 
Nr. 2115 korrigiere Witte H. in Witte J. Nr. 2258 lies Ellon statt 
Ellen. Im iibrigen ist diese Nachtragnummer ganz zu streichen, da 
der Autor schon unter Nr. 367 mit seinem Beitrag verzeichnet ist. 
Auch die Nummer 2426 im Nachtrag ist eine DuWette; vergl. Nr. 1446. 
Unter Nr. 2386 erscheint ein Autor M a s a h a r Anesaki. Hierzu die 
Korrektur, daB Masahar der Vorname ist; vergl. Nr. 2214, wo richtig 
Anesaki M. steht. Nr. 2414 lies Nukaga statt Nukaya. (Dieser 
Fehler mag aus der Orientalischen Bibliographie iibernommen sein, 
die mir augenblicklich nicht zur Hand ist.) 

Die Seiten 177—190 bieten ein Namen- und Sachregister, von 
dem der Verlagsprospekt riihmt, daB es mit seinen ca. 3500 ziffern- 
maBigen Hinweisen die Bibliographie zu einem methodisch ge- 
ordneten Einfiihrungswerke fUr das Studium des Buddhismus mache, 
eine Tatsache, die um so mehr von unbestreitbarer Bedeutung er- 
scheine, als das Studium des Buddhismus nur an wenigen Uni- 
versitaten Deutschlands eine fruchtbare Bearbeitung gefunden habe. 
Fiir solche VerheiBungen, die den Bentitzer sehr enttauschen 
wiirden, wenn er ihnen Glauben schenkte, ist der Verfasser nicht 
verantwortlich zu machen. Was man aus dem „Qygen s. Heilige, 



ej^sf*. 



- 145 - 

buddhist." in diesem Register machen soli, ist mir nicht i^lar ge- 
worden. 

Auf S. 176 hebt Held die „fUr das Studium des Buddhismus 
wichtigsten und wichtigen Bucherscheinungen" durch Bezifferung 
hervor. Die „wichtigsten", durch fette Ziffern ausgezeichneten, habe 
ich gemustert. QewiB findet sich in dieser Liste von etwa 
50 Nummern auch das eine und andere Werk, das wirklich fiir das 
Studium des Buddhismus wichtig und vor anderen niitzlich ist; im 
ganzen wird jeder kompetente Beurteiler vor der Liste nur warnen 
konnen. Und i c h jedenfalls habe kein Verlangen mehr getragen, 
auch noch die Nummern in der Bibliographic nachzuschlagen, die 
Held nachstdem fiir wichtig halt. Moglich, daB unter ihnen wirk- 
lich bedeutende Werke sind. SoUte dem Verfasser die Freude zuteil 
werden, seine Bibliographic in zweiter Auflage ausgehen lassen zu 
konnen, wurde er doch gut tun, auf das Ordenverleihen zu ver- 
zichten. Es ist recht schon, regnen zu lassen iiber Qerechte und Un- 
gerechte. In der Wissenschaft ist's nicht am Platze. Da darf man 
nicht mit Laotse sagen: „Qegen Qute bin ich gut; gegen Nichtgute 
bin ich gleichfalls gut." (Tao-teh-king 49.) Auch die Befolgung des 
Charity begins at home ist hier nicht Tugend, sondern Nepotismus. 



Die katholische Mission im Kriege. 

Von Lie. K. M u 1 1 e r , Breslau. 
(SchluB.) 
In O s t a s i e n ist die Lage giinstiger. Die Dominikaner- und 
Franziskanermissionen in China konnen von Fortschritten berichten, 
und m Chotsaen an der Schantungbahn ist sogar eine deutsch-chinesi- 
sche Schule in regem Betrieb. Wohl klagt man bisweilen iiber 
Personalmangel, aber selbst in Tsingtau, wo die Missionsanstalten 
ziemlich darniederliegen sollen, sind immer noch zwei Patres fCir 
Seelsorge und Verwaltung zuriickgeblieben und konnen, wenn auch 
nicht ohne Hemmnisse und Beschrankung, ihre Tatigkeit fortfiihren. 
Ober die Stellung der Mission in Japan sind auch die katholischen 
Nachrichten hervorragend giinstig. Die Jesuiten-Universitat in Tokio 
zahlt 80 Schuler und riihmt ihre groBen Fortschritte. Die Steyler- 
Missionare sprechen von der wurdigen Behandlung durch Behorde 
und Bevolkerung. Die Anstalten der katholischen Schwestern in 
Tsusuoka gedeihen ebenso wie das Krankenhaus in Kamazawa. 
Und wenn allerdings auch eine gewisse Verachtung des Christen- 



M, 



— 146 — 

turns und ein Argwohn gegen die Deutschen in einzelnen japanischen 
Kreisen vorhanden sein soil, konnten doch drei neue Stationen und 
ein katholischer Jiinglingsverein sowie eine neue christliche Zeit- 
schrift wahrend des Krieges in Japan gegriindet werden. Auch in 
den von Japanern besetzten Teilen in Ozeanien geht trotz aller 
Entbehrungen die Arbeit der Kapuziner- und der Hiltruper-Mis- 
sionare in Ponape und auf Jakuit ungehemmt weiter, wahrend auf 
den durch Englander besetzten Inseln die Missionare teilweise als 
Qefangene wegtransportiert warden und nur die Steyler-Missionare 
in Kaiser-Wilhelmsland ihre Arbeit ausdehnen und die Maristen auf 
Samoa ihre Wirksamkeit fortfuhren konnten. 

DaB in auBerdeutschen Kolonien auch die katholischen Mis- 
sionare viel zu leiden haben, ist bekannt. In den britischen Teilen von 
Afrika wurden sie haufig in Konzentrationslager abgefiihrt. In Indien 
schmachten sie noch immer zum Teil hinter dichtem Stacheldraht, 
und eine auch durch die Zeitungen gegangene Notiz bestatigt, daB 
selbst der apostolische Vikar von Basam, Dr. Becker, im indischen 
Militarlager Ahmednagar hochst unwurdig behandelt wird. Der 
Mangel an Geld und Lebensmitteln ist gerade in diesem Zweig der 
Missionstatigkeit besonders groB. 

Die Verhaltnisse im nahen Orient, d. h. in der Tiirkei und 
Vorderasien geben schlieBlich der katholischen Mission zu so ernst- 
lichen Bedenken AnlaB, daB Schmidlin einmal geradezu von einer 
Missionskatastrophe in diesen Qegenden spricht. Hier sind aller- 
dings nicht die deutschen, sonder*n die franzosischen, englischen und 
italienischen Missionsanstalten getroffen, aber auch dadurch eine 
Lage geschaffen, von der ein Berichterstatter schreibt: „Der Stand 
des katholischen Schulwesens in der Tiirkei ist gegenwartig so trost- 
los, daB man von seiner vollstandigen Vernichtung reden kann." 
Die orientalischen Christen, Armenier, Chaldaer, Syrer und 
Melchiten, sollen schwersten Leiden ausgesetzt sein, aber auch 
papstliche Unterstiitzung genieBen. Und die deutschen Borromae- 
rinnen in Jerusalem und Aleppo konnen ebenso wie die osterreichi- 
schen Lazaristen in Konstantinopel selbstverstandlich ihrer Wirk- 
samkeit nachgehen, nur ist ihre Zahl und Tatigkeit fiir das groBe 
Qebiet voUig unzureichend. 

Im ganzen gibt also auch ein Oberblick iiber die katholische 
Mission im Kriege ein gleichberedtes Zeugnis von ihrem Mute wie 
von ihrer Not. DaB deshalb aber in ihr nicht nachgelassen, sondern 
fiir sie nur desto treuer gearbeitet werden muB, hat Schmidlin am 



- 147 - 

Ende seines Buches mit eindriicklichen Worten hervorgehoben; 
und, wie Warneck seinen Artikel mit einem Zitat des katholischen 
Missionsgelehrten beendet, so seien seine letzten Satze auch hier an- 
gefuhrt, denn wir stimmen bei, wenn er sagt: „Er, der Weltschopfer 
und Welterloser, hat der Christenheit, speziell der deutschen, den 
EntschluB zur Weltmission eingegeben; Er, der Lenker der 
Schlachten und Hort seiner Kirche, wird die Weltmission mit 
sicherer Hand auch durch diese Krisis fuhren. An uns ist es, gehor- 
sam seinen Willen zu vollziehen und alles zu tun, was an uns liegt, 
urn das Missionswerk zu retten und die providentiellen Qelegen- 
heiten gewissenhaft daftir auszuniitzen durch moglichste Unter- 
stiitzung der auswartigen wie heimatlichen, der alteren wie neueren, 
der wissenschaftUchen wie praktischen Missionsbestrebungen." 



Aus der Mission der Gegenwart. 

Kurze Neuigkeiten von drauBen und daheim. 

1. Schulen in China. Nach einer Mitteilung des chinesi- 
schen Unterrichtsministeriums gibt es in China jetzt 86 399 Schulen 
mit 2 905 152 Schulern. Darunter sind 167 881 Studenten. Es gibt 
127 706 Lehrer. Die Ausgaben ftir die Schulen betragen 29 184 537 
Dollar (1 Dollar = 2 Mark). Von den Schulen sind 24 541 Privat- 
schulen. Madchen sind im Unterricht im ganzen 141 148. („China- 
Archiv.") 

2. MissionsgabeninAmerika. Im Jahre 1914 sind in 
den Vereinigten Staaten und Kanada 75 J4 Millionen Mark fur die 
evangelische Mission gespendet, mehr als das Doppelte wie vor zehn 
Jahren. Die einzelnen Qemeinden haben daran wie folgt teil : Metho- 
disten 13>^ Prozent, Presbyterianer 11, Baptisten 7, Kongregatio- 
nisten 4>4 Millionen, die Christlichen Vereine junger Manner 2 Mil- 
lionen. Die eingeborenen Christen auf den Missionsfeldern brachten 
18 34 Millionen Mark auf. (A. M. N.) 

3. MissionsgabeninDeutschland. Im Jahre 1913 
haben die Qaben fiir die evangelischen Missionsgesellschaften in 
Deutschland rund 11 Millionen Mark betragen. Auf den Kopf der 
Bevolkerung kommen. Legate und Beitrage aus dem Auslande ab- 
gezogen, 14,0 Pfennige. Die Qaben aus den einzelnen Qegenden 
Deutschlands sind sehr verschieden. Nach den Mitteilungen von 
Pfr. Eckelmann im Jahrbuch der Sachsischen Missionskonferenz 



— 148 - 

1915 ergeben sich auf den Kopf der Bevolkerung: In Bremen: 
39,0 Pf., in Wurttemberg: 30,4 Pf., in Schaumburg-Lippe : 27,5 Pf., 
in der Rheinprovinz: 24,3 Pf., in Westfalen und Baden: 23,2 Pf., in 
Lippe-Detmold: 21,2 Pf., in Schleswig-Holstein: 17,0 Pf., in ElsaB- 
Lothringen: 15,4 Pf., in Bayern: 15 Pf., in Hannover: 13,8 Pf., in 
Hamburg: 9,8 Pf., in Pommern 9,6 Pf., in Hessen-Nassau : 8,2 Pf., 
in Provinz Sachsen: 7,8 Pf., im QroBherzogtum Hessen: 7,3 Pf., in 
WestpreuBen: 7,1 Pf., im Konigreich Sachsen: 6,3 Pf., in Braun- 
schweig: 5,3 Pf., in Brandenburg: 4,2 Pf., in Oldenburg und Liibeck: 
3,8 Pf., in Thuringen: 3,0 Pf. Dr. J. W i 1 1 e. 



Aus unserem Vereinsleben. 



Tagung unseres Zentralvorstandes in Frankfurt a. M. 

Am 26. und 27. April fand im Qemeindehaus der reformierten 
Kirche, das uns freundlich zur Verfiigung gestellt war, eine Tagung 
unseres Zentralvorstandes statt. Die Tagung war 
sehr gut besucht. Die Leitung lag in den Handen unseres hochver- 
ehrten Vorstandsmitgliedes, Senior Professor D. Bornemann. Tief- 
einschneidende Beschlusse wurden nicht gefaBt. Es ist eben eine 
Zeit des Wartens und der Vorbereitung auf QroBeres nach dem 
Kriege. Mit Freude wurde aber festgestellt, daB das Werk in China 
und Japan weiter fortgefiihrt werden kann, und daB die notigen 
Mittel dazu in der Heimat bisher aufgebracht werden konnten. Es 
hat sich in unseren Freundeskreisen eine groBe Opferwilligkeit ge- 
zeigt. Mit besonderer Genugtuung wurde die Tatsache begrtiBt, daB 
es unserem schweizerischen Landesverein gelungen ist, eine Ent- 
lassung der kriegsbeschadigten deutschen und osterreichischen Qe- 
fangenen aus Japan in die Wege zu leiten. Angesichts des Ernstes 
der Kriegszeit wurde eingehend dariiber beraten, wie wir unser 
Werk auch weiterhin erhalten konnen. Bei alien Teilnehmern 
herrschte entschlossene Zuversicht, daB wir unsere Arbeit fortfuhren 
konnen, auch wenn der Krieg noch lange dauern sollte. 

Zum SchluB der Tagung fanden zwei Vortragsabende in ver- 
schiedenen Stadtgegenden statt, an denen Qeh. Admiralitatsrat Dr. 
Schrameier und Missionsdirektor Dr. Witte iiber die deutsche 
Mission in China und iiber Tsingtau sprachen. Beide Vortrage waren 
gut besucht und ertragreich. 

Der Vorstand faBte bei seiner Tagung den BeschluB, an den 



- 149 - 

Herrn Staatssekretar a. D., QroBadmiral v. Tirpitz, 
folgende Dankadresse zu senden: 

Euer Exzellenz Ausscheiden aus dem Amte als Staatssekretar 
des Reichsmarineamts hat dem hier tagenden Zentralvorstand des 
Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins Veran- 
lassung gegeben, der vielfachen Forderung, die der Verein und die 
Sache der Mission von Eurer Exzellenz erfahren hat, mit tiefem 
Danke zu gedenken. Wenn €S unserem Verein gelang, nicht nur in 
dem unter der Verwaltung Eurer Exzellenz stehenden Kiautschou- 
gebiete festen FuB zu fassen, sondern allmahlich iiber die Qrenzen 
des Qebietes seine evangelische und nationale Arbeit nach China 
hineinzutragen, so verdankt er das nicht zum wenigsten dem Um- 
stand, daB die Verwaltung weitsichtig dem Verein mit der Ober- 
lassung von Qrund und Boden zugleich die Pflicht zur kulturellen 
Arbeit an der chinesischen Bevolkerung durch die Errichtung von 
Schulen und Krankenhausern auferlegte. So haben nach der Be- 
setzung des Qebietes drauBen die Vertreter unseres Vereins den 
Pfarrdienst an der Militar- und Zivilgemeinde versehen, bis der Um- 
fang der Arbeit ein selbstandiges Pfarramt verlangte. Die Ausbildung 
und Auswahl der Lehrer fur die von der Verwaltung errichteten 
Landesschulen wurde dem Verein anheimgegeben und von Anfang 
an Bedacht darauf genommen, daB moderner christlicher Geist das 
chinesische Schulwesen des Schutzgebietes durchsetfte. So offnete 
sich unserem Verein der Weg zu vielseitiger Betatigung. Ein 
Seminar, ein Kindergarten, Madchenschulen, zwei Hospitaler, ein 
Qemeindehaus und manche andere Einrichtungen entstanden unter 
dem Schutz und teilweise auf die unmittelbare Anregung der Schutz- 
gebietsverwaltung. Es ist das Bestreben unseres Vereins gewesen, 
das weite Vertrauen, das Euere Exzellenz in unsere Arbeit gesetzt 
hat, zu rechtfertigen. Der Verein ist sich sehr bewuBt, daB ohne 
Eurer Exzellenz verstandnisvoUe und wohlwollende Forderung seine 
Bemiihungen im Kiautschougebiet nur sehr schwer batten durch- 
gesetzt und so viel Anerkennung linden konnen. Mit unserem auf- 
richtigen Dank verbinden wir den Wunsch fur Eurer Exzellenz 
Wohlergehen. 

Der Zentralvorstand. I. A.: D. Bornemann. 



Neueste Nachrichten von unseren Arbeitsfeldern. 

1. China: Die Lage in T s i n g t a u ist unverandert. Pfarrer 
D. Wilhelm arbeitet weiter an unseren Anstalten, die samtlich in be- 



— 150 — 

schranktem Umfange fortbestehen, sowohl das Seminar, als auch 
die Madchenschule, als auch das Faber- und Dr.-Wunsch-Hospital. 
Auch Frau Pfarrer Wilhelm und ihren Kindern sowie Fraulein 
Biumhardt in Schanghai geht es gut. 

2. J a p a n : Die Gesamtlage der Deutschen hat sich insofern in 
Japan verscharft, als auf einen Druck Englands hin den deutschen 
Kaufleuten die Fortfiihrung ihrer Qeschafte — durch Nichtannahme 
von Frachten u. dergl. — fast unmoglich gemacht worden ist. Auch 
unsere Missionare spiiren eine etwas scharfere Kontrolle, konnen 
aber ihr Werk doch tun und haben auch gute Versammlungen. DaB 
gewisse Hemmungen auch auf unserem Missionswerk in Japan 
liegen, ist nicht zu vermeiden. 

3. Unseren beiden in Japan kriegsgefangenen Missionaren 
Seufert und Bohner geht es gut. Sie treiben Studien in Sprachen 
und anderen Wissenschaften und helfen als Prediger in den Lagern. 

Dr. J. W i 1 1 e. 

Halbjahrsbericht 

des Missions -Superiniendenten D. Emil Schiller zu Kyoto. 
(Abgeschlossen am 15. Oktober 1915.) 

B. Unsere Missionsarbeit in Japan. 

1. Allgemeines. 
In dieser ernsten Zeit hat es sich fur uns mehr darum gehandelt, 
zu erhalten, was zu erhalten moglich war, als unser Werk auszu- 
breiten. Als Missionare muBten wir uns mehr zuriickhalten als 
sonst; ich selbst habe darum weniger auswarts gepredigt, als es 
sonst der Fall zu sein pflegte. Im Westbezirke ist allein die Arbeit 
in Kyoto ohne jede Unterbrechung weitergefiihrt worden. Die in 
Otsu-Zeze ist aber schon um die Jahreswende 1914/15 wieder auf- 
genommen worden. Im Berichtszeitraum ist dann sowohl die Arbeit 
in Osaka wie in Toyohashi und Tahara hinzugefiigt worden. So ist 
im Westbezirke nur Tsuruga noch unbesetzt, und die Arbeit ruht dort 
ganz. Im Ostbezirke wurde die Arbeit in Chiba und Umgegend nach 
Moglichkeit von Tokio aus weitergefiihrt. In Tokio selbst hat die 
Togozaka-Qemeinde des P. Akashi uberhaupt keine Storung erlitten. 
In der Koishikawa-Qemeinde in Tokio fehlt noch der Pastor. Die 
Arbeit wurde dort von drei Qemeindegliedern weitergefiihrt: dem 
cand. lit. Tanaka, meinem Tauflinge aus Kyoto, dem philosophischen 
Schriftsteller Ogura und dem Lehrer Mekata, denen die Tokio- 



- 151 - 

Missionare helfend zur Seite standen. Ebenso wie das Studenten- 
heim und der Kindergarten zu Tokio und die beiden deutschen 
Abendschulen zu Tokio und Kyoto ist auch unsere Monatsschrift 
„Shinri" erhalten geblieben. Doch war die Zahl der Beitragenden 
geringer als sonst. DaB sie ihre Wirkung nicht verfehlt, bezeugte 
mir ein Mittelschullehrer aus Nagasaki, der mir schrieb, daB wahrend 
seiner langen Krankheit „Shinri" seine liebste Lektiire gewesen sei. 

Einen sehr guten Eindruck hat auf unsere Pastoren und Qe- 
meinden die Ankunft der Braut des Herrn Pfarrer Hunziker mitten im 
Kriege gemacht; denn es war ihnen ein Beweis daftir, daB unser Mis- 
sionsverein fest entschlossen ist, das Werk in Japan weiterzufuhren. 
Leider konnte die Trauung nicht, wie zuerst geplant war, bald nach 
der Landung in Kobe in meinem Hause in Kyoto stattfinden, da in 
Kobe kein Schweizer Konsul zur Vornahme der Ziviltrauung vor- 
handen ist. So fand denn in unserem Hause zunachst nur eine 
schlichte BegriiBungsfeier statt, und ich fuhr dann dem Brautpaare 
nach Tokio nach, wo auf der Schweizer Qesandtschaft nach Erledi- 
gung der biirgerlichen Trauung die kirchliche von mir voUzogen 
worden ist. 

Die Jahreskonferenz des ostlichen (Tokio-) Bezirks wurde am 
Vormittage des 11. September gehalten, und am Nachmittage fand 
im AnschluB daran eine Missionarskonferenz statt. An der Jahres- 
konferenz nahm auBer den drei Missionaren unser einziger Pastor 
des Tokio-Bezirks, P. Akashi, sowie als Vertreter der Koishikawa- 
Qemeinde der cand. lit. Tanaka teil. Fur Chiba wie fiir Koishikawa 
ware die Wiederanstellung eines Qeistlichen erwunscht, falls das 
Werk gedeihlich fortgefuhrt warden soil. Akashi fuhrte aus, daB 
seine Qemeinde, die ihre Qottesdienste im Gebaude der deutschen 
Kirche halt, zuerst bemiBtraut worden sei, daB die Kinder zu Anfang 
des Krieges dieses Gebaude die Kirche der Landesfeinde genannt 
hatten. Doch habe das nur einige Monate gedauert. Er habe aber 
aus Vorsicht keine Abendversammlungen gehalten. 

Am 12. September predigte ich in einem gemeinsamen Qottes- 
dienste der beiden Tokio-Qemeinden. An diesen schloB sich eine 
BegriiBungsfeier fiir Frau Pfarrer Hunziker an, die als geselliges 
Zusammensein und gemeinsames Mittagessen einige Stunden 
dauerte. 

Die Beziehungen zu anderen Kirchen und Missionen sind 
wahrend der Kriegszeit mehr zuriickgetreten. Doch predigte ich im 
regelmaBigen Turnus in englischer Sprache im Unionsgottesdienste 



— 152 - 

der Amerikaner in der Doshisha, und hielt in einem wissenschaft- 
lichen Verein von Amerikanern und Japanern einen englischen Vor- 
trag iiber Johannes HuB, um den ich gebeten war. Im Sommer 
predigte ich zu Ninooka mehrere Male deutsch fiir die Deutschen, 
einmal englisch fur die Englander und Amerikaner und einmal 
japanisch, hielt auch den Englandern und Amerikanern einen Vortrag 
iiber Johannes HuB. 

2. Die Kyoto-Qemeinde. 

Wenn im Durchschnitt in Japan 37 Prozent aller Christen von 
dem Sitze ihrer Qemeinden ortsabwesend sind, so betragt dieses 
Verhaltnis in unserer Kyoto-Qemeinde gar 42 Prozent. Das gehort 
zu den Schwierigkeiten unserer Arbeit in Japan, daB die gewonnenen 
Qemeindeglieder so schnell wieder weiterziehen. Wir versuchen, 
nach Moglichkeit mit ihnen in Verbindung zu bleiben, was aber nicht 
bei alien gelingt. Aber als im Sommer die junge Frau des Schiffs- 
arztes Kato zu Kobe starb, wandte man sich wegen der Beerdigung 
an unseren Kyoto-Pastor Suzuki, da die Verstorbene zur Kyoto- 
Qemeinde gehorte. Ein anderes Qemeindeglied, der Arzt Taguchi in 
Korea, sandte aus AnlaB der Qeburt eines Sohnes in seinem Dankes- 
gefiihl einen Qeldbeitrag an die Qemeinde. Wieder ein anderer, der 
Oberlandesgerichtsrat Abiko zu Soeul in Korea, schrieb mir, wie sehr 
er es bedauere, daB seine Frau, die jetzt dem Christentum sich zu- 
wende und religiosen Unterricht empfange, keine Moglichkeit habe, 
in unserer Kirche unterrichtet zu werden; sie lese aber fleiBig mein 
Buch „Unterricht im Christentum" und stehe ganz auf unserem 
Standpunkte. Wieder ein anderes auswartiges Qemeindeglied ist 
cand. lit. Tanaka in Tokio, welcher dort die Koishikawa-Qemeinde 
wahrend des Fehlens eines Pastors weiterfiihrt und selber einen 
Teil der Predigten ubernommen hat. In Nordamerika wohnt unser 
Qemeindeglied Watanabe, ein Arzt, der jahrlich einen Beitrag zu 
unserem geplanten Gemeindehausbau sendet. Auch sonst erleben 
wir trotz der Kleinheit unserer Verhaltnisse manche Freude. Ein 
junges Madchen, das von Kind auf meine Sonntagsschule besucht 
hat und von mir getauft worden ist, wird nun im Hospital der stadti- 
schen medizinischen Akademie als Krankenpflegerin ausgebildet und 
hat mir erklart, daB sie jetzt erst recht den Wert des christlichen 
Qlaubens erkannt habe, der ihr die innere Ausrtistung fur ihren Beruf 
gebe; und als sie ihren ersten kleinen Monatsgehalt empfing, auBerte 
sie ihre Freude dariiber, daB sie nun imstande sei, auch regelmaBige 



- 153 - 

Beitrage zur Qemeinde zu leisten, wahrend sie bisher immer nur 
Gutes dort empfangen habe. Das ist iibrigens eine in Japan weit- 
verbreitete Ansicht, daB christliche Krankenpflegerinnen am taug- 
lichsten seien, vermoge ihres groBeren Ernstes, ihrer groBeren 
Pflichttreue und Sympathie mit den Kranken. Auch unter den Arzten 
Japans findet man ja einen verhaltnismaBig groBen Prozentsatz von 
Christen. 

Eine Schwierigkeit fiir unsere Arbeit in dieser Kriegszeit lag 
natijrlich darin, daB die Versammlungen in dem Lehrzimmer neben 
meinem Hause, das hart an der StraBe liegt, gehalten warden 
miissen. So tolerant der Japaner auch ist, daB Japan im Kriegs- 
zustand mit Deutschland ist, macht sich doch fiihlbar und verhindert, 
daB neue Leute zu den Versammlungen kommen. Ein Lehrer der 
deutschen Sprache an der medizinischen Akademie und zugleich an 
der buddhistischen Universitat, der wahrend einer langen Krank- 
heit den Wert der Religion fiir das Menschenherz erkannt hat, 
auBerte sich dahin, daB er mit Schmerzen darauf warte, daB unser 
neues Versammlungshaus gebaut werde. Unser jetziges Predigt- 
lokal, bei dem die StraBenjungen wahrend der Versammlungen auf 
die Fensterbanke klettern und die Vorubergehenden die Ver- 
sammelten mustern, ist fiir viele Leute allzu offentlich. 

Unser Pastor Suzuki muBte leider sein in der Nahe gunstig ge- 
legenes Haus aufgeben, da dieses abgerissen wurde, und wohnt nun 
in einer ferneren Qegend, was aber nur ein Provisorium ist. Die 
Sonntagsversammlungen sind auch in der heiBesten Sommerzeit 
regelmaBig gehalten worden, wie iiberall in meinem Bezirke; doch 
ist die Besucherzahl dann sehr gering. Die Sonntagsschule, die vor 
meiner Urlaubsreise nach Deutschland von P. Suzuki iibernommen 
worden war, habe ich wieder selbst in die Hand genommen, und 
Suzuki soil, sobald er ein anderes Wohnhaus gefunden hat, dort eine 
zweite Sonntagsschule beginnen. In der Sonntagsschule, wie auch 
im Sonntagsgottesdienst spielt meine zweite Tochter das Harmoniuni. 
Als Heifer in der Sonntagsschule dient der Sohn unseres ver- 
storbenen Pastors Hashinami. Leider ist das Lokal zu eng und ge- 
stattet nicht eine Teilung der Kinder in zwei Klassen nach dem Alter. 
Hashinami studiert in der Doshisha im zweiten Jahre Theologie, 
nachdem er dort die Mittelschule absolviert hat. Der ganze Kursus 
des theologischen Studiums dauert dort funf Jahre. An den Mitt- 
woch-Abenden halte ich Bibelstunde unter Zugrundelegung der 
deutschen Bibel, und dann einen zweisprachigen (japanisch-deut- 



^'j^i 



— 154 — 

schen) Vortrag uber religiose Fragen, zu welchem vorwiegend Be- 
sucher meiner Abendschule kommen. Am Freitag nachmittag ist 
Bibelstunde fiir Frauen und Madchen in meinem Hause, zu welcher 
auch einige Knaben von 12 Jahren von ihren Miittern mitgebracht zu 
werden pflegen. Fine weitere Wochenbibelstunde halt P. Suzuki 
Samstag abends in seiner Wohnung. Die monatlichen Frauen- 
versammlungen werden seit Entlassung unserer Evangelistin weniger 
besucht, finden aber noch immer statt. 

AuBer diesen regelmaBigen Versammlungen wurden noch allerlei 
besondere gehalten. So am 14. und 15. Marz Vortragsversamm- 
lungen. Am ersten Abend sprachen P. Aoki aus Osaka uber „ge- 
sunde Weltanschauung" und Prof. Hino, Dekan der theol. Fakultat 
der Doshisha, iiber „wahres religioses Leben", am zweiten Abend 
P. Takano aus Otsu iiber „ewige Jugend" und ich selbst iiber 
„Mensch und Qott". Am 31. Marz hielten wir in meinem Hause eine 
Passionsfeier der Qemeinde mit Feier des heiligen Abendmahls. Mit 
der Sonntagsschule machten wir zu Anfang Juni den jahrlichen Aus- 
flug zum Bergrande und hatten 63 Kinder und 14 Erwachsene bei- 
einander. Am 16. Juni hielten wir einen Familienabend der Qemeinde 
im Hause von Prof. Brasch, der allerdings durch plotzlich aufge- 
tretene Starke Hitze beeintrachtigt war. Ein neues Qemeindeglied, 
ein Volksschullehrer, wurde begriiBt, und die durch den Weltkrieg 
geschaffene Lage unseres Missionswerkes besprochen. Am 3. Juli 
fand wieder eine Vortragsversammlung statt, bei der P. Aoki aus 
Osaka iiber „drei wichtige Dinge im Leben" und ich selbst iiber 
„Religion der Liebe" redeten. Im iibrigen nahm auch unsere Qe- 
meinde an mancherlei Versammlungen und Andachten der be- 
sonderen Evangelisationsarbeit in Kyoto tell, aber zuriickhaltender 
als sonst, da diesmal vieles unseren Anschauungen und unserer Art 
nicht entsprach. 

3. Die Arbeit in Osaka. 
Nachdem zu Anfang des Krieges, im Herbste vorigen Jahres, 
P. Kitahara zu Osaka hatte entlassen werden miissen, hatte sich 
unsere kleine Christenschar dort zerstreut und war zum Tail in 
andere Qemeinden iibergetreten. Je kleiner die Verhaltnisse sind, 
um so mehr ist das Verhaltnis zur Kirche ein solches zum Prediger. 
Als P. Aoki im Januar von Chiba aus zur Neuarbeit in Osaka ein- 
traf, fand er dort ein Vakuum vor und muBte anfangen, neu aufzu- 
bauen, was in der Millionenstadt picht gerade leicht ist. Er hat sich 



- 155 - 

bemiiht, neue Verbindungen anzuknupfen, steht auch in Verbindung 
mit anderen Kirchen, und hat in Kyoto und Otsu verschiedentlich 
mitgeholfen. Die Sonntagsgottesdienste sind noch sehr schwach be- 
sucht, ebenso die eingerichtete Sonntagsschule. Das wird wohl 
besser werden, wenn erst Aokis Familie nach Osaka ubergesiedelt 
ist, was in Baide geschehen soli. Diese ist namlich zunachst in Tokio 
geblieben, einmal wegen der Qeburt eines Kindes, sodann aber auch, 
weil die Qattin Aokis der Sicherheit unserer Mission in dieser Kriegs- 
lage nicht traute und Aokis Arbeit in Osaka nur als ein Provisorium 
ansah. Einmal wurde in Osaka eine Vortragsversammlung gehalten, 
bei welcher auBer Aoki auch P. Suzuki aus Kyoto redete. Eine 
Christin in Osaka stiftete eine Anzahl Bibeln fiir unser Versamm- 
lungslokal. Beim Tode eines deutschen Kriegsgefangenen im 
Militarlazarett in Osaka wurde, da ich selbst gerade auf Reisen war 
und nicht schnell genug eintreffen konnte, P. Aoki, als mein Schiiler, 
von der Militarbehorde gebeten, die Beerdigung vorzunehmen. Be- 
schreibungen und Bilder dieser Beerdigung erschienen in den Zei- 
tungen Osakas und Tokios. Spater habe ich mit Aoki zusammen das 
Grab auf dem Militarfriedhof besucht, wo ich fand, daB alle ver- 
storbenen Kriegsgefangenen aus friiheren Kriegen ihren Qrabstein 
batten. Aoki hat versprochen, die Hut dieses deutschen Qrabes zu 
iibernehmen. — Unser friiherer Pastor Kitahara wohnt vorlaufig in 
einem Vororte Osakas und erteilt Unterricht in der deutschen 
Sprache, wie auch Bibelunterricht. 

4. Die Arbeit inOtsu und Zeze. 
Leichter ist es P. Takano geworden, nach seiner Obersiedelung 
aus Tokio im Dezember vorigen Jahres die unterbrochene Arbeit in 
Otsu und spater auch in Zeze wieder einzurichten. Am ersteren 
Orte werden Sonntagsgottesdienste und Sonntagsschule, am letzteren 
Wochengottesdienste gehalten. An beiden Orten hat P. Suzuki aus 
Kyoto Vortrage gehalten, in Zeze sprachen einmal an einem Vor- 
tragsabend P. Aoki aus Osaka iiber „Christentum und Charakter- 
bildung" und ich selbst uber „Patriotismus und allgemeine Menschen- 
liebe". P. Takano hat sich auch an den gemeinsamen Evangelisa- 
tionsversammlungen der Christen in Otsu beteiligt. Die Sonntags- 
schule in Otsu hat einmal ein Sommerfest veranstaltet. In Zeze, wo 
wir so lange Jahre allein gearbeitet haben, hat sich iiizwischen auch 
die amerikanische Briiderkirche ^iedergelassen. 



— 156 — 

5. Die Arbeit in Toyohashi und Tahara. 

Sehr erfreulich war es, daB wir auch die Arbeit in Toyohashi 
und Tahara neu beginnen und dorthin unseren friiheren Prediger 
Ezuka, der lange Jahre in Tsuruga gearbeitet hat, stationieren 
konnten. Im Juli ist er in Toyohashi eingetroffen und hat sich sofort 
sehr rege betatigt. Dort stellten sich auch, anders als in Osaka, 
sofort wieder friihere Christen ein, wenn auch manche in der 
Zwischenzeit in andere Qemeinden ubergetreten oder weggezogen 
waren. Einen jungen Mann aus Toyohashi, den ich friiher dort ge- 
tauft hatte, fand ich in Tokio als Qlied der bischoflichen Kirche und 
Schiller eines Gymnasiums dieser Kirche wieder; er bereitet sich 
dort auf den Eintritt in eine theologische Schule vor. Solche schnelle 
Obertritte erscheinen uns vom Standpunkte unserer deutschen Ver- 
haltnisse aus recht seltsam. Aber die Japaner schauen leichter als 
wir iiber die Unterschiede der Konfessionen hinweg und halten sich 
an das allgemein Christliche in allem. Es ist ja auch fiir ameri- 
kanische Missionare nichts Seltenes, in eine andere Kirche iiber- 
zutreten. Doch wird gegeniiber der katholischen Kirche immer eine 
Qrenzlinie gezogen. 

Ezuka hat eine Anzahl Jiinglinge zu einem Vereine gesammelt; 
er halt Sonntagpredigten, Evangelisationsversammlungen, Bibel- 
stunden, Sonntagsschule und Junglingsversammlungen. Auch in 
Tahara, wohin die Reise schwierig ist, und wo er jedesmal iiber- 
nachten muB, hat er die Arbeit wieder aufgenommen und halt dort 
zweimal im Monat je eine Versammlung fiir Kinder und fiir Er- 
wachsene, die aber im Gasthause veranstaltet werden miissen, da 
sich bisher noch kein Privathaus wieder fiir unsere Zwecke gefunden 
hat. Der Vermieter in friiheren Jahren hat die Stadt verlassen. 

6. Die deutsche Abendschule in Kydto. 
Als ich im Oktober vorigen Jahres die deutsche Abendschule 
nach der Unterbrechung durch meinen Heimaturlaub wieder er- 
offnete, oder vielmehr wieder selbst tibernahm, da sie in der 
Zwischenzeit von anderer Seite weitergefiihrt worden war, fanden 
sich nur ein jungesMadchen und ein formosanischer Arzt chinesischer 
Abstammung ein. Alle anderen hatte der Weltkrieg und die Vor- 
stellung, daB es sich nicht mehr lohne, deutsch zu lernen, da das 
von Feinden umringte Deutschland und seine Kultur dem Unter- 
gange geweiht seien, abgeschreckt. Im Laufe des Winters wuchs 
dann aber die Zahl der Besucher doch wieder, bis ich schlieBlich 



- 157 - 

eine selten fleiBige Qruppe von jungen Leuten beieinander hatte. 
Die Halfte bestand allerdings aus Koreanern und Formosanern. Ich 
habe dann die Arbeit auch langer in den Sommer hinein weiter- 
gefiihrt, als ich es sonst zu tun pflegte, und auch wahrend der 
heiBesten Zeit haben zwei japanische Philologen, friihere Schuler 
von mir, deutsche Klassen in meinem Lehrzimmer gehalten. Der 
zu Anfang erwahnte formosanische Arzt, ein frommer Christ, war 
schon in fruheren Jahren einmal mein Schuler gewesen, hatte dann 
wahrend der arztlichen Praxis in Formosa den Plan gefaBt, zu 
weiteren Studien nach Deutschland zu gehen, aber vorher noch ein 
Jahr bei mir deutsch zu treiben, hatte geduldig bis zu meiner Riick- 
kehr von Deutschland gewartet und sich dann im vorigen Herbste 
in Kyoto eingestellt. Nun ist er in das Land seiner Vater, China, 
zuriickgeicehrt, ist Arzt in Nanking und plant im Fruhjahr zunachst 
nach der Schweiz und dann nach Deutschland sich zu begeben, 

Als ich in diesem Herbste das neue Schuljahr eroffnete, fand ich 
eine veranderte Lage vor. Der Eifer, die deutsche Sprache zu er- 
lernen, ist wieder neu erwacht. Es stellten sich im Oktober gleich 
fiir alle drei Klassen zusammen 39 Schiiler ein, von denen etwa ein 
Drittel Koreaner und Formosaner sind. Die Mehrzahl der Schuler 
sind Arzte und Universitatsstudenten. Lehrgegenstande sind Gram- 
matik, Obersetzung, Lektiire, Aufsatz und Konversation. Es wird 
an 4 Abenden der Woche in je 3 Klassen von mir, unserer Haus- 
lehrerin Frl. Qadeke — im Verhinderungsfalle tritt meine Frau fiir 
uns beide ein — und dem cand. phil. Kunieda unterrichtete. Ein 
funfter Abend ist der religiosen Arbeit gewidmet (siehe unter 2.). Da 
wir nur ein Lehrzimmer haben, so konnen die Klassen nicht zu 
gleicher Zeit unterrichtet werden. Auch bringt die Lage des Lehr- 
zimmers an der StraBe mancherlei Storungen mit sich; namentlich 
wenn eine Dame unterrichtet, steht die StraBe voller Neugieriger. 
'Rufe, daB Deutsch die Sprache der Landesfeinde sei, sind auch zu- 
weilen vorgekommen; aber im allgemeinen zeichnen sich ja die 
Japaner durch korrektes Benehmen den Deutschen gegeniiber aus. 

7. Die religiose Arbeit unter den deutschen 
Landsleuten im Westen Japans. 

Der lange sich hinziehende Weltkrieg bewirkt, daB die Zahl der 
Deutschen in Kobe und Umgegend immer mehr zusammenschmilzt. 
Eine Anzahl von Mannern sind Kriegsgefangene in Japan, andere 
sind ausgewiesen. Immer mehr Einzelne und Familien verlassen 



- 158 - 

das Land, da die Firmen der Alliierten alle ihre deutschen Ange- 
stellten entlassen haben und die deutschen Firmen wohl in der 
Theope ihren kaufmannischen Beruf ungehindert betreiben konnen, 
in der Praxis aber durch die Kriegslage verhindert sind, Handel zu 
treiben, zumal auch die japanische Regierung, dem Drangen der Ver- 
bundeten nachgebend, den japanischen Schiffahrtsgeseiischaften den 
„Rat" erteilt hat, Frachten von Deutschen nicht mehr anzunehmen, 
und andere Schiffe, als die der Alliierten, kaum noch die japanischen 
Hafen anlaufen. Auch die Frauen der Kriegsgefangenen werden 
nicht mehr ins Land gelassen, wie iiberhaupt keinem vom Auslande 
kommenden Deutschen die Landung in Japan erlaubt wird, und die 
aus Wladiwostok und Sibirien nach Japan geflUchteten Deutschen 
haben wohl alle wieder das Land verlassen miissen. Das muB sich 
allmahlich auch in der Zahl der Besucher der Qottesdienste fuhlbar 
machen, die aber immer noch besser besucht werden, als vor dem 
Beginne des Krieges. Auch fiir die Deutschen in Japan bedeutet die 
Religion jetzt mehr als zuvor. Die Qottesdienste finden, wie frtiher, 
von Zeit zu Zeit im Qebaude der Union Church zu Kobe statt. Die 
Orgel wird meist von meiner zweiten Tochter gespielt. An Kasualien 
sind im Berichtszeitraum iiberhaupt nur 2 Taufen vorgekommen. Die 
deutsche Volksschule in Kobe besteht weiter und wird von Zeit zu 
Zeit von mir inspiziert, aber die Schiilerzahl ist ziemlich zuruck- 
gegangen. Die Fiirsorge fiir die Kriegsgefangenen, sowie vor allem 
fiir die in Sibirien Internierten, wird von den Kobe-Deutschen uner- 
miidlich fortgesetzt. Auch in unserem Hause ist die Sommerferien 
hindurch jeden Vormittag fiir die nach Sibirien tibergefiihrten Ost- 
preuBen genaht worden. Ebenso sind Geld und Kleidungsstucke 
von uns in Kyoto und auf dem Lande gesammelt worden. Auch 
Bibeln und Testamente hat der deutsche Hilfsverein nach Sibirien 
gesandt. Zu seiner Hilfsarbeit gehort auch, daB er bisher immer 
meine Reisekosten zu den verschiedenen Kriegsgefangenenlagern 
getragen hat, wofiir ihm ein besonderer Dank gebiihrt. 

(SchluB folgt.) 

Bucherbesprechungen . 

Fr. Rittelmeyer, Von der religiosen Zukunft des deutschen 
Geistes. Buchhandlung des Vereins fiir Innere Mission, Niirnberg. 0,50 M. 
64 Seiten. 

Mit diesem Programm fiir Deutschlands religiose Zukunft verlaBt der 
Verfasser seine dankbare Niirnberger Qemeinde und betritt als Pfarrer der 
Neuen Kirche den harten Berliner Boden. Mochten seine Qedanken und 



- 159 - 

warmherzigen Worte der vorliegenden Broschiire auch hn Zentroni Deutsch- 
lands Leser und Anh^nger finden! Der Verfasser ist dem jetzt so nahe- 
liegenden Fehler moderner Kriegspsychose entgangen, alles in einseitigen 
Natk>nalismus zu tauohen; er sieht leidenschaftsios auoh den segensreichen 
Anteil unserer Feinde an Christentum und Weltkultur, er tadelt auch die 
Fehler der Deutschen, aber es sind doch unsere lieben Deutschen, denen er 
seine Zukunftstplane als einen besonderen Weltbenrf zudiktiert: die Welt- 
mission, die Oberwindung der materialistisch-naturwissenschaftUchen Welt- 
anschauung, der Sieg der Innerlichkeit. Bei der Weltmisskm wird auch 
unserer Misslonsarbeit und ihrer Methode als der dem deutschen Geist am 
meisten entsprechetkien gedacht. Jedenfalls spiirt man es, daB reichlich 
„Qeist iiber den Wassern schw€ben muB", wenn es zu einer Neuschopfung 
deutscher Zukunft kommen soil. Devaranne. 



Aus Zeitscbriften und Jahresberichten. 

Inhalt von Shtarl Nr. 48 (Februar 1915): P. Akashi, Bedeutung der 
Taufe. — Sup. D. Schiller, Prolog des Johannesevangeliums (Teil 1). — 
Prof. D. Bousset, K'leider und Hiiilen: Das nachjohajineisdie Qiristusbild 
(2. Halfte). — Pfr. Hunziker, Folgerungen aus der Gnimtidee des Christen- 
tums. — Pseudonym, Der kurze Weg zum Leben. — Dto., Religion, Friede, 
Kraft. — Dto., Unsere Hoffnung (Qedicht). — Nachrictiten vom Missions- 
verein. — Personalien. — P. Akashi, Qedanken fiber die Bibel. — Inserate. 

Itthalt von Shtarl Nr. 49 (April 1915): P. Akashi, Das heiHge Abend- 
mahl. — Sup. D. Schiller, Prolog des Johanr»esevangeliums (Teil 2). — Pir. 
Hunziker, Gedanken zur Zdtlage. — Pfr. Schroder, Weltanschauung. — 
Pseudonym, Was ist Religion? — P. Akashi, Zum ersten Briefe des Petrus: 
Verfasser und Entstehungszeit, sowie Absicht des Verfassers. — Pseudonym, 
Nebel (eine Erzihlung). — Personalien. — Inserate. 

Inhalt von Shtarl Nr. SO (Mai 1915): P. Akashi, Offenbarung der Un- 
endHchkdt — P. Schroder, Religion. — H. Miura, Tagliches Leben. — 
Pseudonym, Der Sperling. — Personalien. — P. Aoki, Eine Unterredung 
iiber Glauben. — P. Akashi, Zum zwdten Petrusbriefe : Zweck, Stndpunkt 
des Verfassers, Inhalt. — I. Aoki, Siindenvergebung. — Pseudonym, Askese 
(Erzahhing, 1. Teil). — P. Aoki, An meine Freunde (bez. der Obersiedelung 
nach Osaka). — Inserate. 

Inhalt von Shtarl Nr. 51 (Juni 1915): P. Akashi, Die Kirche. — P. 
Gelderblom, Mein Christusbild. — Sup. D. Schiller, Prolog des Jdiannes- 
evangeliums (Teil 3). — Pseudonym, Gibt es ein Leben nach dem Tode? — 
Dto., Gedacht. — Dto., Askese (Erzahlung, 2. Teil). — P- Akashi, Missiwis- 
reise im CWba-Bezirke. — Nachrichten aus dem Kyoto-Bezirke. — Per- 
sonalien. — Inserate. 

Inhalt von Shtarl Nr. 52 (August 1915): P. Akashi, Sonntag. — Sup. 
D. Schiller, Patriotismus -und Weltburgertum. — P. Schroder, Die Bibel. — 
P. Aoki, Gottes Giite horet nimmer auf. — Pseudonym, Von meiner Lebens- 
reise. — Personalien. — Bekanntmachungen. — Inserate. 

Inhalt von Shinrl Nr. 53 (Oktober 1915): P. Akashi, Gott. — Sup. D. 



- '-Ik; 

- 160 — 

Schiller, Johannes HuB, ein Vorlaufer der Reformation (1. TeiO. — Pseu- 
donym, Gibt es ein Leben nach dem Tode? — P. Aoici, Unsere Qlaubeos- 
festigkeit. — Pseudonym, Die Festung (eine ErzShlung). — P. Schroder, 
Die Kraft Gottes. — Personalien. — Bei<anntmachungen. — Inserate. 

Inhalt von Shinri Nr. 54 (November 1915): QlUckwuiwch zur Kaiser- 
kronun^. — P. Akashi, Der Mensch. — Sup. D. Schiller, Johannes HuB, der 
Vorlaufer der Reformation (2. Teil). — P. Suzuki, Qeschidite der Vor- 
stelhingen vom Leben nach dem Tode in der Bibel (1. Teil). — K. ^ziuki. 
Wo ist Wahrheit? — P. Aoki, Treue in alien Dingen. — Pseudonym, Vom 
Palmenfenster aus (eine Erzahlung). — Mitteilungen aus unserer Arbeit. — 
Personalien. — Bekanntmachungen der Abendschulen in Tokio und Kyoto. 
— Inserate. 

Inhalt von Shinri Nr. 55 (Dezemiier 1915): P. Akashi, Frohliche Weih- 
naohten! — Sup. D. Schiller, Johannes HuB, ©in Vorlaufer der Reformation 
(3. Teil). — P. Schroder, Jesus der Heiland. — P. Suzuki, Qeschichte der 
Vorstellungen vom Leben nach dem Tode in der Bibel (2. Teil). — Pseu- 
donym, Zitterndes Kerzenlicht (Weihnaohtsgedanken). — Sup. D. Schiller, 
Das Qldchnis von den Arbeitern im Weinberge (1. Teil). — P. Suzuki, Zur 
Kronungsleier in Kyoto. — Pseudcmym, Reines Herz; heilige Nacht (2 Qe- 
dichte) — Personalien. — Die Jahreskonferenz des Kyoto-^Bezirks. 



Eingegangene BQchert 

Franz Sch ran gh am er - H ei m dal , Kriegssaat und 
Friedensernte. Qesammelte Kriegsaufsatze eines Mitkampfers. 
Freiburg i. B. Herdersche Verlagshandlung. 100 Seiten. Preis 
1,20 Mark. 

D. Dr. A. B o 1 1 i g e r , Pfr. in Zurich. Tatsachen, das Send- 
schreiben der franzosischen Protestanten an die 
Protestanten der neutralen Staaten beantwortet. 
Konstanz. Verlag von Karl Hirsch. 32 Seiten. Preis 0,20 Mark. 

Fritz Haun, Vom Kulturglauben der deutschen Bar- 
bar e n. Kriegshefte aus dem Industriebezirk. Essen 1916. E. B. Bae- 
deker. Preis 0,60 Mark. 

Walter Rausch, Kriegszeit und Jenseitsglaube. Kriegs- 
hefte aus dem Industriebezirk. Essen 1916. C. B. Baedeker. Preis 
0,75 Mark. 

Schafer und Krebs, Hilfsbuch fiir den evangelischen 
Religionsunterricht. Verlagsbuchhandlung Moritz Diesterweg, 
Frankfurt a. M. Preis 2,60 Mark. 

Th. Schneider, Biblische Qeschichte n. Erster Teil. Wies- 
baden. In Kommission der K. Schelienbergschen Buchhandlung- 
Wiesbaden 1915. 

Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 

Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Qorlitz, Demianiplatz 28. 



Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. . 

Von Professor Dr. Hans Haas. 

Vorbemerkung. 

Der nachstehenden Arbeit liejft em Vortrag zugrurvde, den ich der 
Sachsischen Kirchlichen Konferenz bei ihrer Fruhjalirsversammlung in 
Chemnitz am 3. Mai 1916 gehalten. Die Horer haben seme Veroffentlichun^ 
begehrt. Dem weiteren Wunsche Rechnung zu tragen, es mochten im Druck 
die Urteile Uber den Stifter des Islam, die im Laufe der Jahrhunderte sich 
verlatiten lieBen, nicht bloB kurz referierend wie im mundlichen Vortrag, 
sondern in extenso wiedergegeben werden, war nicht wohl angangig. Schon 
deshalb nicht, weii seine EriuUung den leichtgeschurzten Vortrag zu einem 
grausig ernsten Bande hatte anschwellen lassen, den schlieBlich doch nur 
wenige zu lesen sich die Zeit genommen haben wiirden, am Ende auch die 
Herren Ursacher des beleibten Schadens nicht Entgegengekommen bin ich 
dem Verlangen nur so weit daB ich die uns zeitlich naher stehenden Autoren, 
soweit sie sich in zusammenfassenden Urteilen iiber Muhammed ausgelassen 
haben, in ihren eigenen Worten zum Leser sprechen lasse. DaB ich wirk- 
lich gut daran iretan, hier fremdem Rat zu folgen, ist mir freilich nicht aus- 
gemacht. EMe Arbeit wird nun, wenigstens gegen ihr Ende hin, verfaBt er- 
scheinen nicht per modum auctorls, sed excerptoris, wie der gelehrte Doml- 
niikanermonch Vincentius von Beauvais von seinem Speculum triplex sagt. 
Das soUte mich nicht eben baB bekiimmern. Leid wiirde es mir aber tun, 
wenn sie so an Obersichtlichkeit verloren hatte. 

„Un tableau exact et complet — so hat schon 1831 R e i n a u d in seiner 
Ausgabe des Roman de Mahomet par Alixandre du Pont gemeint — de ce 
qui a successivement ete 6crit par les Chretiens des diverses communions 
sur des suiets aussi importants (une image fidele de I'opinion que nos 
peres se faisoient de Mahomet et des Musulmans) ne seroit pas sans 
int^ret; on y verroit Taction lente mais inevitable du temps, des evene- 
ments et des lieux; on y suivroit la variete des effets produits par les 
croyances respectives, la situation morale et politique, et I'etat plus ou 
moins avanc6 de la civilisation." 

Die Aufgabe, die dem franzosischen Orientalisten, indem er das 
schrieb, vorgeschwebt, ischeint keinen gelockt zu haben. Auch nicht nach- 
dem zwanztg Jahre spater nooh einmal in der Revue des deux mondes 
von E. R e n a n in einem Aufsatze (Mahomet et les origines de I'lsla- 
misme) auf sie hingewiesen worden ist mit den Worten: „Ce serait une 
cur lease histcnre k ecrire que celle des idees que les nations chretiennes 
se sont faites de Mahomet, depuis les recits du faux Turpin sur I'idole 

Zettschrift fur Missionsknnde and Religionswissenschaft. Sl.Jahrgang. Heft 6. 



— 162 - 

d'or Mahom ador6e a Cadix, et que Charlemagne n'osa detruire par 
crainte d'une legion de demons qui y etait renfermee. jusqu'au jour ou 
la critique a rendu, en un sens tres-reel, au pere de i'islamisme, son titre 
de prophdte," 

An Material fUr eine Qeschichte des Muhammedbildes ist kein 
Mangel. Fiir meinen rasohen Oberblick — mehr konnte ich im miind- 
lichen Vortrag iricht wohl geben, und me*ir beansprucht auch die etwas 
erweiterte Skizze nicht zu sein — haber^, von den direkten Quellen selbst 
abgesehen, das merste msr an die Hand gegeben D'Ancona, Du Meril, QaB, 
Hurgronje, Martino. Minor, Prutz, Renan, Schroder, Ziolecki. 



Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. Ich traue, ich 
darf mich des versichert halten, daB niemanden diese Oberschrift 
von den nachfolgenden Ausfuhrungen ein anderes wird erwarten 
lassen, als was sie wirklich bieten wollen. So wie sie lautet, diese 
Oberschrift, wird sie, vermute ich, der Leser mehr als einen allsofort 
erinnert haben an eine Publikation, die ganz vor kurzem erst auf den 
Bijchermarkt gelangte: die Sammlung, meine ich, von hundert oder 
mehr als hundert Darstellungen des Heilands in der Kunst, die ein 
feinsinniger Kenner uns zusammengetragen und Bild fur Bild mit 
knappem Wort erlautert hat, ausgehend von den Hirtenjiinglings- 
gestalten der romischen Katakombenfresken, diesen ersten Ver- 
suchen christlicher Abbildungstechnik, und den Beschauer weiter 
dann geleitend durch die ganze Qeschichte der Malerei, herab bis 
zu den von allem Herkommen geflissentlich sich lossagenden 
Christustypen modernster Neugestalter, eines Max Klinger, eines 
QuBmann, eines Fahrenkrog. 

Ein islamisches Qegenstuck zu dem, was uns in diesem Bilder- 
werk geboten ist, das also, was meine Themafassung den weniger 
Unterrichteten immerhin konnte erwarten lassen, ein solches islami- 
sches Qegenstuck laBt sich in Wirklichkeit nicht liefern. LaBt sich 
nicht liefern, obschon im Fall Muhammeds eine Voraussetzung ge- 
geben ist, die uns fiir Jesus fehlt: derer werden ja doch wohl nur 
wenige sein, denen Hans PreuB ein Neues sagte mit der Hervor- 
hebung, daB die vier Evangelien uns mit keiner Silbe auch nur das 
Allergeringste verraten iiber Jesu AuBeres, daB wir in der Tat nicht 
wissen, ob unser Heiland klein oder aber ob er groB gewesen, ob 
haBlich oder schon, ob bartig oder ohne Bart. 

Qanz anders liegt fiir Muhammed die Sache. 



- 163 - 

Die Muhammedbiographen haben sich ganz und gar nicht so 
ausgeschwiegen iiber die personliche Erscheinung i h r e s Herrn 
und Meisters. Und es ist ja wohl auch nicht so ganz unbekannt, 
w i e sie den Mann uns schildern: eine ehrfurchtgebietende und doch 
zugleich gewinnende Erscheinung, eine schlanke Qestalt von 
mittlerer Statur mit groBem Kopf und freier Stirn, das leicht gerotete 
Angesicht von heller Farbe umrahmt von reichem, in'der Mitte ge- 
scheiteltem Haupthaar, das dunkelglanzend, gelockt und kraus bis 
auf die Schultern ihm herniederfloB, dazu geschmiickt mit einem 
vollen Bart von schwarzer Farbe. Schwarz waren auch die Augen- 
brauen, die zusammengewachsenen, gewolbten, und schwarz die 
Augen selber, groBe, durchdringend blickende Augen, die, von 
langen Wimpern iiberschattet, dem Qesicht den Ausdruck des Be- 
deutenden verliehen. — Ganz in der Weise haben die Niederlander 
des spaten Mittelalters und hat die altkolnische Malerschule den 
H e i 1 a n d konterfeit, sie, wie bekannt, auf Qrund des Lentulus- 
berichtes, jenes apokryphen Briefes des angeblichen Vorgangers des 
Pilatus an den romischen Senat, in dem auch eine Beschreibung von 
Jesu AuBerem gegeben ist. Mich wundert, daB noch niemandem bis 
jetzt der Qedanke kam, der mir sehr nah zu liegen scheint: ob nicht 
am Ende etwa diese Beschreibung des Lentulusberichtes und die 
mittelalterHchen Anweisungen zur Herstellung des Christusbildes zu 
erklaren sind als bloBe Obernahmen der Prosopographie des arabi- 
schen Propheten? So daB also fiir das Bild des Heilandes, das nach 
ihnen gemalte, an dem sich seit Jahrhunderten frommer Christen- 
sinn erbaut, in Wirklichkeit kein anderer Modell gestanden als eben 
er, Muhammed. Dies nebenbei. Nimmt man zu dieser Prosopo- 
graphie noch die Angaben iiber die Qewandung, die der Prophet zu 
tragen pflegte, und die minutios-detaillierte Beschreibung seines 
auBeren Qehabens und Qebarens, das ganze ihm scharf abgeguckte 
„Wie er gerauspert und wie er gespuckt", eine Schilderung, die an 
die ahnlich ermiidend ausfiihrliche der Biographen des Konfuzius er- 
innern mag, so wird man, meine ich, wohl sagen diirfen: zu einer 
bildlichen Wiedergabe der Qestalt Muhammeds war den muslimi- 
schen Kiinstlern ein^r spateren Zeit, die ihn selbst mit eigenen Augen 
nicht gesehen hatten, tatsachlich Anhalt reichlich genug gegeben. 

Sie haben sich die genaue Oberlieferung und die frische Erinne- 
rung an das AuBere des Mannes nie zu bildlicher Vergegenwartigung 
seiner Qestalt zunutze gemacht, niemals zunutze machen konnen. 
Was dem entgegenstand, war das islamische Verbot, das man aus 



- 164 - 

dem zweiten Gebote des jiidischen Dekalogs abgeleitet. Wird da 
ja zwar nur das verwehrt, von Qott ein Bildnis oder Qleichnis sich 
zu machen, so fallt dem Muslim unter eben dies Verbot doch auch 
die bildliche Darstellung des Menschen: der Mensch ist Qottes 
Ebenbild. 

Und hierin nun eben ist's begriindet, dafi ich daran nicht ein- 
mal denken konnte, als Qegenstiick zu der PreuBschen Bildersamm- 
lung eine Serie von Portrats der sinnlichen Erscheinung des arabi- 
schen Religionsbegriinders vorzufiihren, so wie auf Qrund der vor- 
handenen Berichte die Kunst der Muslims sie hatte schaffen mogen, 
waren dem nicht, wie gesagt, religiose Skrupel als Hindcrnis im 
Weg gestanden. 

Mehr, viel mehr, meine ich nun aber auch, muB uns gelegen sein 
an dem g e i s t i g e n Bild des Mannes, wie es in Menschenkopfen 
sich gemalt im Lauf der Zeiten. Deutlicher, jedes MiBverstandnis 
von vornherein ausschlieBend ware es vielleicht gewesen, wenn ich, 
auch in Analogie eines wohlbekannten Buchtitels, mein Thema 
formuliert hatte: „Mu hammed im Urteil der Jahr- 
hunderte". 

Der Name Muhammed — darin, denke ich, sind die Leser mit 
mir einig — gehort ohne Frage zu den Namen, die iiber andere 
Namen sind. Sein Trager ist der Stifter einer Religion, die sich 
heute einer dreizehnhundertjahrigen Bestanddauer riihmen kann, 
einer Religion also, in der Qenerationen und Qenerationen geglaubt, 
gelebt, gestorben, einer Religion, die nach einem Siegeslauf sonder- 
gleichen, der ihr die halbe Welt erobert, zur Stunde mehr als zwei- 
hundert Millionen von Bekennern zahlt, zum mindesten ein Siebentel. 
vielleicht sogar ein Sechstel aller gottgeschaffenen Menschen unserer 
Erde. Ostwarts vom Mittellandischen Meere durch West- und Mittel- 
asien iiber den Indus hin bis zum indischen Archipel, siidwarts bis in 
das Herz vonAfrika hinein wird cr selbst, der Trager dieses Namens, 
verehrt als der Gesandte Qottes, verehrt nicht von Semiten nur, 
von Volkern seiner eigenen Rasse, verehrt von Ariern, von Tar- 
taren, von Malayen, von Negem. 

Auch wo man etwa das Qamalielwort Apostelgesch. 5, 38 f. 
nicht wollte gelten lassen; auch wo man kein Auge hatte fiir die 
doch unbestreitbare Tatsache, daB durch Muhammed so viele Volker 
von niederem Polytheismus und Qotzendienst zu dem Qlauben an 
Einen Qott, einen gerechten und barmherzigen Qott, und an eine 
tugendfordernde ewige Vergeltung gefuhrt, also geistig wie sittlich 



- 165 - 

hoher gebracht worden sind, — schon die lange Dauer, schon die 
weltweite, keineswegs nur durch das Schwert bewirkte Ausbreitung 
der Religion *), die geschichtlich auf Muhammed zuriickfeeht, sichert 
ihm selbst Bedeutung, muB ihm Bedeutung sichern. Schon das 
macht's jedem Denkenden zur Pflicht, sich aucii ein Urteil iiber ihn 
zu bilden. 

Zur Bildung eines solchen Urteils aber wird niclits mehr und 
nichts besser diensam sein als dies, einmal die hauptsachlichsten 
Urteiie sich zu vergegenwartigen, die man im Wandel der Zeit, im 
Laufe der Jahrhunderte, hat verlauten lassen uber diesen Mann von 
welthistorischer Bedeutung. Auch das ist ja in der FasSung des 
Themas, das zu behandeln ich mir vorgesetzt, bereits zum Ausdruck 
gebracht: so wenig wie in bezug auf Jesus, so wenig, darf ich ver- 
ailgemeinern, wie in bezug auf irgendeinen der QroBen der Ge- 
schichte unserer Menschheit, so wenig gibt es in Ansehung und in 
Einschatzung des Stifters des Islam ein quod semper, quod ubique, 
quod ab omnibus creditum est; auch von ihm gilt: 

Von der Parteien HaB und Qunst verwirrt 
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. — 

Zwiespaltig war schon das Urteil seiner Stammesgenossen und 
Landsleute Uber den in ihrer Mitte Leben^en. 

Als der Vierzig- (? Oder DreiBig-)jahrige, dem seine strenge 
Rechtlichkeit und Zuverlassigkeit friihe schon bei seinen Gefahrten 
den Ehrentitel al-amin, der Treue, eingetragen, nach voraufge- 
gangenen religiosen Erschtitterungen seines Wesens zuerst hervor- 
trat mit seiner Predigt von der Auferstehung des Fleisches und dem 
Gericht, dem nahen, die zur BuBe leiten, mit seiner Bekampfung der 
arabischen Vielgotterei, die der Anbetung des Einen wahren Gottes 
weichen sollte, der unbedingte Hingabe (islam) heische an seinen 
souveranen Willen, als er hervortrat mit dem Anspruch, von Allah 
selbst betraut zu sein mit dem erhabenen Auftrag, ihn seinem Volk 
zu kiinden, — da ist es Jesu Schicksal, das dem ernsten Warner 
widerfahrt. Er ist von Sinnen, ruft man, ein Faseler, ein Querkopf, 



*) Auch heute noch ist der Islam, ohne des Sdiwertes zu ge- 
brauchen, dieieniee Religion, die Tag ftir Tag, besonders wo ye es mit 
primitiven Volkerschaften zu tun hat, die groBte Zahl von Proselyten 
macht, und dies ohne daB sie hiefiir iiber eine besondere Organisation 
verfiigte, wie das Christentum sie in seinen Berufsmissionaren hat, Er- 
folge, die um so mehr ins Gewicht fallen, als einmal dem Glauben an 
Muhammed Gewonnene in der Folge diesem nicht wieder abtruimig werden. 



— 166 — 

ein Phantast, ein Schwarmer! — Es ist zunachst nichts Ehren- 
riihriges, was man irim nachsagt. Was kann er selber doch dafiir, 
daB er besessen ist von Dschinnen? Das waren damals in Arabian 
andere Entziickte, Dichter und Wahrsagekunstler mehr. — 

Nur freilich: wie sein Predigen und Wirken sich unbequemer 
geltend macht, da scharfen sich die Ausdriicke. Er gilt nicht 
harmlos langer: ein Wahnsinniger, aus dem die Teufel sprechen, 
ein Toller, unter Kuratel zu stelleii! Und mehr noch, man geht 
weiter, wirft ihm Schwindel vor. Was seine Koranspriiche kund- 
tun, er hat es nicht aus sich, nicht von Damonen, die von ihm Besitz 
ergriffen: er redet's Anderen nach, Nichtarabern, verkappten Hinter- 
mannern, ihr bloBes Werkzeug, ein Charlatan und ein Betriiger! 

Die Bibel des Islam selber ist es, aie aile diese AuBerungen, so 
abtraglich sie ihrem Autor sind, der Nachwelt aufbewahrt. 

Aber — einer nach dem anderen von denen, die anfangs mit 
leichter Rede uber die Exzentrizitaten ihres Klangenossen und 
Landsmannes sich glaubten hinwegsetzen zu diirfen oder in ver- 

achtlichen und gehassigen Ausfallen gegen den gemeingefahrlichen 
Propagandisten sich ergangen, einer nach dem andern hat hernach 
sich zu ihm bekehrt, Qefolgschaft ihm geleistet, „Keinem Kaiser 
mit seiner Tiara wurde gehorcht wie diesem Mann in seinem selbst- 
geflickten Mantel." (Carlyle.) Und als 632 der Dreiundsechzig- 
jahrige in Medina im SchoB Aischas, seiner Lieblingsgattin, seine 
Seele aushauchte, da war der nucleus des Wiistenvolkes, um dessen 
auseinanderstrebende Elemente durch ihn ein festeres Band ge- 
schlungen worden, ihm in religioser Verehrung zugetan und hegte 
an der Qottlichkeit seiner Mission nicht den geringsten Zweifel. So 
iibermenschlich gait er allbereits am Ende seiner Erdentage, daB 
die Menge es gar nicht iassen wollte, daB er wirklich sollte haben 
sterben konnen, ein Wesen wie andere Wesen auch; daB Abu Bekr 
sie gemahnen muBte: „Wenii jemand Muhammed angebetet, nun — 
Muhammed ist gestorben. Wer aber Allah angebetet, der wisse: 
Allah lebt fiir und fiir und wird nicht sterben." 

Nicht lange, und der bloBe „Warner", der selber niemals die 
seinen prophetischen Vorgangern zugestandene Fahigkeit, Wunder 
zu wirken oder das Verborgene zu wissen, fiir sich in Anspruch ge- 
nommen, ja das Qegenteil von sich erklart hat, nicht lange, und er 
gilt als Thaumatur g und ist umsponnen, wie nur einer der vor ihm 
Gekomm^nen seinesfleTcfhen, vom Rankenschlingwerk der Legende. 
Noch ist, zu Anfang des zweiten Jahrhunderts der muslimschen Ara, 



— 167 - 

seine Biographic nicht im Zusammenhange aufgeschrieben, und all- 
bereits schon hat ihr Stoff dogmatischen Charakter angenommen. 
Und — wie das ja uberhaupt zu dem posthumen Martyrium der 
QroBen der Religionsgeschichte gehort, daB sie, die zu Qott, zu 
ihrem Qott, die Bruder fUhren wollen, selbst der Apotheosierung 
anheimfallen, — so werden heute auch dem Muhammed von seinen 
Qlaubigen Ehrentitel beigelegt, die einzig Qott gebiihren, und steigen 
Qebete, wie zu diesem, zu ihm selber auf, dem bloBen Qottgesandten. 

Aber freilich, das Urteil, das sich in dieser Hochstellung des 
Propheten ausspricht, es ist kein unbestochenes Urteil. Es ist das 
Urteil seiner Stammes-, seiner Volksgenossen, das Urteil der an 
ihn glaubigen Qemeinde. 

Wie hat man auBerhalb der Welt des Islam iiber ihn 
gedacht? 

Bekannt ist Lessings „Qrabschrift auf Voltair en (1 779)": 

Hier liegt — wenn man Euch glauben wollte, 

Ihr frommen Herrn! — der lancrst hier liegen sollte. 

Der Hebe Qott verzeih aus Gnade 

ihm seine Henriade 

und seine Trauerspiele 

und seiner Verschen viele. 

Denn was er sonst ans Licht gebracht, 

Das hat er ziemlich gut gemacht. 

Wir haben von Voltaire eine Tragodie, die, obwohl der Autor 
selber sie immer fiir sein feinstes Qeistesprodukt hat halten wollen, 
Lessing ohne Zweifel mit und vor anderen im Sinn gehabt hat zu 
der Stunde, als er dies Epitaphium ihm gedichtet, eine Tragodie, 
die im April 1741 in Lille ihre Premiere erlebte, um, neu iiberarbeitet, 
im Jahr darauf auch in Paris zur Auffiihrung zu gelangen: „Le Fana- 
tisme ou Mahomet le Proph^te." 

Vergegenwartigen wir uns den Inhalt des franzosischen 
Stiickes! 

Muhammed ist als Eroberer angeriickt vor Mekka, vor Mekka, 
daraus er einst hat weichen mussen als ein damalen noch obskurer 
Neuerer und Aufruhrstifter. Sopir, der Scherif der heiligen Araber- 
pilgerstadt, derselbe, der vor fiinfzehn Jahren ihn verbannte, fiihrt 
noch die Ziigel der Regierung. Ein aufrechter Anhanger des vater- 
lichen Qlaubens will er auch jetzt nichts wissen von Paktieren mit 
dem zu Medina in der Zwischenzeit zu Macht Qelangten, der ihm. 



- 168 - 

schier ihm allein, so nach wie vor nichts weiter ist als ein ver- 
schlagener, frevler Qaukler und ein vom Ehrgeiz gestachelter Be- 
triiger. Dieser hat als Sklaven Sopirs Kinder, Seid und Palmire, 
in seiner Qewalt, die, langst tot gewahnt von ihrem Vater, heran- 
gewachsen sind im Lager des Propheten. Ohne etwas von ihrer 
Herkunft und ohne davon zu wissen, daB sie Bruder sind und 
Schwester, sind beide sich in inniger Liebe zugetan, e i n s auch in 
glaubiger Bewunderung des Gottgesandten, ihres Herrn. Dieser 
blindfanatischen Hingebung bedient Muhammed sich in raffinierter 
Tiicke, um seinen politischen und reiigiosen Gegner Sopir zu ver- 
nichten. Im Namen der Religion befiehlt er Seid, der zurzeit als 
GeiBel in der Umgebung des dem Untergang Geweihten sich frei 
bewegen kann, dem alten Mann, der von dem Jiingling keines 
Argen sich versieht, den Tod zu geben und also Gott, den Hochsten, 
selbst zu rachen. Das wird — nur er, Muhammed, und sonst keiner 
weiB es — das wird nichts anderes sein als Vatermord. Das inner- 
iiche Widerstreben des ihm blind ergebenen, doch geraden Jungers 
gegen Mord zu uberwinden, verheiBt Muhammed nicht der grausen 
Tat nur reichen Lohn des Himmels, sondern ihrem Tater auch fiirs 
Hienieden schon Erfiillung lang gehegten heiBen Wunsches: Palmire, 
die Geliebte will er ihm zum Weibe machen. Inzest soil die Be- 
l ohnung sein fiir Vatermord. Indes, hat erst Seid sich hergegeben 
fur die Untat, die der PfopHet dem Frommen zur Gewissenspflicht 
gemacht, so will er ihm — dies sein verruchter Plan — dafiir den 
ProzeB machen. Nicht in der Absicht bloB und zu dem Ende, den 
lastigen Mitwisser des Verbrechens an Sopir sich vom Hals zu 
schaffen, sondern auch um einen Rivalen aus dem Weg zu raumen. 
Denn: zu Palmire, die ihn als Vater ehrt, ist er, der weibertolle 
Lustling, selbst entbrannt in Liebe. Im irren Wahn, Gott einen 
Dienst zu tun, den ihm zu weigern unfromm ware, Ungehorsam, 
wird Seid, ermuntert von Palmire, der ebenfalls verblendeten, zum 
Morder an dem edlen Scherif. Noch ehe das arme Opfer seines 
blindglaubigen Fanatismus, zu dem vom ersten Augenblick an und je 
langer desto mehr ein ratselhaft Empfinden den Jiingling hingezogen 
hatte, die Seele aushaucht, wird dem Gemordeten wie seinem 
Morder das entsetzliche Qeheimnis kund. Der Schleier ist zer- 
rissen. Unter grausen Umstanden diirfen Vater und Kinder, denen 
die Schuppen von den Augen fallen, wenn auch nur fiir Minuten, 
das unverhoffte, nur zu sehr leidgemischte Gliick empfinden, sich 
wiedergefunden zu haben. Auf Muhammeds scheinheiliges GeheiB 



- 169 - 

wird Seid als Morder abgefiihrt. Das Volk von Mekka aber, auf- 
geklart iiber den entsetzlichen Zusammenhang der Dinge, bricht des 
Gefangenen Kerker, um, von ihm gefiihrt, sich gegen den Ruchlosen 
zu erheben. Ober diesen will, so scheint es, endlich das Verhangnis 
hereinbrechen. Er aber, auch in dieser Situation die Fassung nicht 
verlierend, bringt's fertig, die Sache wieder fiir sich einzurenken 
und zu triumphieren. Seid sinkt sterbend in die Arme der Seinigen, 
und der Prophet weiB den Mekkanern den plotzlichen Tod seines 
Anklagers hinzustellen als Strafeinschreiten seines Qottes, der 
zwischen jenem und ihm selber damit richte. Das Volk ist kon- 
sterniert. Es ahnt ja nicht und kann nicht ahnen, der ungliickselige 
Jungling selber weiB es nicht, daB auch sein Tod die Wirkung eines 
Giftes ist, eines langsam schleichenden Qiftes, das ein gefuges Werk- 
zeug des intriganten Ungeheuers ihm hatte reichen miissen, vorsorg- 
lich schon, noch ehe er die blutige Tat vollfiihrte. Nur Palmire, 
wieder zu sich selber kommend, schleudert Muhammed die erahnte 
Wahrheit ins Qesicht und stiirzt sich dann in ihres Bruders Schwert, 
der Lust des abgefeimten Schurken sich entziehend. „Die Welt ist 
fur Tyrannen" ruft sie sterbend, wahrend der um seine Beute Be- 
trogene sich in einem, psychologisch unmoglichen. Epilog ergeht, 
womit das schwache Dichtwerk schlieBt. — 

Voltaire war nicht der erste und ist auch nicht der einzige ge- 
wesen, durch den Muhammed auf die Buhne kam. Voraufgegangen 
war seinem Drama schon 1714 der Arlequin iVlahomet von Lesage, 
und in einer Anzahl anderer Komodien des 18. Jahrhunderts spielt 
Muhammed wenigstens beilaufig eine Rolle. Das sind Machwerke, 
auf die einzugehen hier nicht vonnoten ist. Auf Voltaire und seine 
Tragodie wird nachher noch einmal zuriickzukommen sein; an diesfc 
anderen Verwertungen Muhammeds in der schonen Literatur aber 
habe ich nur deshalb erinnert, weil sie uns bekunden, daB im 18. Jahr- 
hundert der Prophet von Mekka bereits hinreichend im Publikum 
bekannt war, um sich den Schriftstellern fiir solche Verwertung als 
taugsam zu empfehlen. 

Q e w u B t hat man im Abendlande schon noch viel friiher von 
ihm, fruher in der Tat als von irgendeinem der anderen groBen 
Religionsbegriinder oder Heroen der allgemeinen Religions- 
geschichte. Dem Namen Buddha zwar begegnen wir bereits bei 
Clemens Alexandrinus (Stromat. I, 15); so etwas wie eine erste Bio- 
frraphie des indischen Weisen aber verdankt der Westen, wenn man 
absieht von dem im Mittelalter vielgelesenen Roman „Barlaam und 



- 170 - 

Joasaph", doch erst dem Buch des Marco Polo und genauere Nach- 
richten uber ihn den Sendschreiben der Jesuitenmissionare aus 
Japan im 16. Jahrhundert. Noch spater als uber Buddha hat man 
in Europa etwas zu horen bekommen von den beiden groBen Weisen 
aus dem fernen Reich der Mitte, L a o t s e und K o n f u z i u s. Von 
Muhammed dagegen hat man gewuBt seit der Zeit, da seine 
Religion anfing, auBerhalb Arabiens mit dem Schwert sich auszu- 
breiten. 

Aber: indem diese Religion nach ihres Stifters Tode iiber die 
Qrenzen ihres Ursprungslandes drangte, stieB sie auf eine Welt, die 
in sechshundertjahrigem Kampfe das Christentum sich zu FiiBen ge- 
legt hatte. Und jeder Triumph der neuen Macht, die da auf den 
Plan getreten, war eine Niederlage fiir die altere, tat ihr Abbruch. 
So schmerzlicher fiir diese, als sie sich nicht verhehlen konnte: sie 
selber hatte, durch ode Glaubenszankereien in sich selbst zerrissen, 
zu heidnischem Formalismus und Bilderdienste abgeirrt und argster 
Sittenlosigkeit verfallen, sie selber hatte dem auf jeden Fall an sitt- 
Hchem Ernst ihr iiberlegenen Feinde seinen Sieg erleichtert. Qleich 
in den Provinzen des byzantinischen Reiches, die dem ersten An- 
sturm ausgesetzt waren, begriiBte man die Muselmanen als Erloser. 
Gewahrten sie ja doch den Unterworfenen zunachst einmal die 
ihnen bislang nur allzusehr verkiimmert gewesene Freiheit, Christen 
zu sein nach ihrer eigenen Fasson. Was wunder, wenn man weiter- 
hin dann auch nicht eben groB Bedenken trug, dem so verwandten 
Qlauben der Sieger sich zu begeben, deren Regiment um vieles 
weniger driickend sich erwies als das vergangene. 639 schon ist 
den Muslims Syrien zugefallen, ein Jahr darauf Agypten. Nur 
etwas mehr als ein Jahrzehnt, da fangen sie an, im persischen Reich 
die Oberhand zu haben. In Afrika, wo um diese Zeit die christliche 
Religion in bluhendem Zustande war, pflanzt sich seit 707 die Herr- 
schaft der Araber. 711 in die pyrenaische Halbinsel eindringend, 
drohen sie in unaufhaltsamem Siegeslauf auch das katholische 
Abendland, den ganzen Siidwesten Europas zu iiberschwemmen. 
Nicht genug, daB die Christenheit sich drein zu finden hat, das Kreuz 
gestiirzt zu sehen an dem Orte, wo es zuerst sich einst erhoben 
hatte, das heilige Grab und alle die durch den Erloser geweihten 
Statten im Besitze der Unglaubigen zu wissen, — in der Folge 
riicken die muhammedanischen Ttirken selbst gen Europa vor. 1453 
fallt in ihre Hand Konstantinopel, die alte Hauptstadt des ostromi- 
schen Reiches, die Jahrhunderte hindurch die schwere Last des 



— 171 — 

Grenzschutzes gegen Osten getragen hatte. Die Umwandlung der 
Hagia Sophia in eine Moschee war in der Tat, wie Mirbt sagt, mehr 
als bloB die Entchristlichung einer einzelnen Kirche, sie war ein 
symbolischer Akt, in dem der Sieg des tlalbmondes iiber das Kreuz 
in den Landern des Orients zum Ausdruck kam. 

So hat es nichts Verwunderliches, daB, so gut man sich bis zur 
Zeit der Kreuzziige auBeriich mit den Muslims stand, das Urteil der 
christlichen Welt uber den Islam und seinen Stifter von Anfang an 
kein unbefangenes war und fur lange hin nichts weniger als gUnstig 
lautete. Der Eifer gegen den gefahrlichen Feind und Rivalen, nur 
allzuwohl begreiflich, lieB ein anderes nicht zu. Und so laBt sich 
dertn tatsachlich die christliche Polemik gegen Muhammed und den 
Koran vom 8. Jahrhundert mit Unterbrechungen bis in das sech- 
zehnte und siebzehnte verfolgen und bildet, wie schon QaB bemerkt 
hat, den zweiten Hauptteil der nach auBen gerichteten Apologetik, 
wenn man die Streitigkeiten der alten Kirche gegen Heiden und 
Juden als den ersten zusammenfaBt. (Fortsetzung folgt.) 



Li Hung Tschangs Memoiren und die Politik. 

Von W. Bornemann. 

Als literarische Erscheinung sind die „Memoiren von Li Hung 
Tschang" (aus dem Englischen iibertragen von Qrafin M. v. Hagen, 
Berlin, Siegismund, 1915) bereits mehrfach gewiirdigt worden*). 
Als eine auch fur die Mission wichtige Urkunde sind sie von mir 
in der Zeitschrift fiir Missionskunde und Religionswissenschaft 
(1915, Heft 12, und 1916, Heft 1 und 2) ausgebeutet. Als politische 
Schrift aber bediirfen sie noch einer besonderen Untersuchung. Je 
mehr sie als ein Spiegelbild der Personlichkeit und der Anschau- 
ungen des groBen chinesischen Staatsmannes, zugleich als eine 
kulturgeschichtliche Urkundensammlung fiir eine entscheidende Zeit 
ostasiatischer Entwicklung spannen und fesseln, um so weniger 
durfen wir sie ohne Kritik hinnehmen und auf die offentliche Meinung 
wirken lassen. Die Erfahrungen der Kriegszeit haben uns gewarnt 
und gewitzigt. Wenn dem naiven Blick diese Memoiren als das 
politische Vermachtnis des hervorragenden Chinesen fiir sein Volk 
erscheinen, so enthiillen sie sich bei scharferer Priifung als eine 



*) Vgl. z. B. den Aufsatz von Dr. Werner von der Schulenburg „Tagl. 
Rundschau" 1915, Unterhaltungsbeilage. S. 699. 



/ 



- 172 - 

/ politische Tendenzschrif t -^ugunsten Amerikas, als ein geschickter 

Versuch, die Autoritat Li Hung tscliangs fur eine enge Verbindung 

der chinesischen und amerikanischen Politik auszubeuten. 

Wenn Li Hung Tschang selbst diese „Memoiren" veroffentlicht 
hatte, so wiirde man sie ahnlicli wie Bismarcks „Qedanken und Er- 

innerungen" einschatzen miissen, als ein Werk, das dem eigenen 
Urteil des Verfassers bei dem Riickblick auf sein Leben und Wirken 
Ausdruck gibt. Aber wie sind nun tatsachlich diese „Memoiren" 
zusammengestellt? — Li Hung Tschang hat im Laufe der Jahre eine 
Menge hochst ungleicher Tagebuchaufzeichnungen gemacht, die an 
den verschiedensten Statten seiner Wirksamkeit, in einer ganzen 
Reihe chinesischer StSdte ungesichtet liegen blieben, nach den ge- 
machten Andeutungen zusammen von einem solchen Umfang 
(= 1 600 000 englischen Worten), daB eine erkleckliche Anzahl dicker 
Bande damit gefiillt werden konnte. Diese Aufzeichnungen hat einer 
seiner Neffen zu sammeln versucht und im Palast des friiheren Vize- 
konigs von Canton niedergelegt. Zwei Amerikaner, Dr. Wang und 
Major Roberts, und ein ihnen befreundeter Chinese Tsai haben „mit 
Erlaubnis der KaiserUchen chinesischen Regierung" von diesen Auf- 
zeichnungen ,,uber hundertundsiebenzigtausend Worte ubersetzt" 
und daraus hat nun nach dem Vorwort der „Verieger'* (oder ist es 
der „Herausgeber"?) dasjenige ausgewahlt, „was von groBtem und 
dauerndem Interesse ist". Das Vorwort ist ohne jeden Namen nur 
„Shanghai, 1. Dez. 1912", die Einleitung „Mai 1913. John W. Joster" 
unterzeichnet. Dabei handelt es sich offenbar urn einen ganz merk- 
wurdigen Druckfehler; denn dieser John W. Joster ist offenbar 
niemand anderes als der in den Memoiren mehrfach (S. 99 ff.) ge- 
nannte fruhere amerikanische Staatssekretar John W. Foster, der 
bei den chinesisch-japanischen Friedensverhandlungen 1895 Li Hung 
Tschang zur Seite gestanden hat, und von dem auch ein langer 
charakteristischer Brief (S. 100 f.) abgedruckt ist *). 



*) Amnerkung. Der vorliegende Aufsatz ist bereits im Oktober 
1915 niedergeschrieben. Jetzt hat Wolf von Dewall in der „Frank- 
furter Zeitung" Nr. 89, Abendblatt vam 30, Marz 1916, eine kurze Notiz ver- 
offentlicht in der er darlegt daB das Werk zuerst englisch tm Verlag von 
Constable in London veroifentlicht sei, und daB der Bearbeiter oder Heraus- 
geber der „Memorren" ein gewisser F. W. M a n n i x sei, der vor einrgen 
Jahren wegen Betrugs eine Qefangnisstrafe abbiiBen muBte und neuerdings 
(22. 11. 1915) in der New Yorker Wochenschrrtt „The Indep^dent" eiti 
oiienbar voUig aus der Luit gegriffenes Interview mit Yuan Schi Kai heraus- 
gege4)en habe. Darum warnt Wolf von Dewell vor den „Memoiren", die 
auch bei den Jungchinesen eine vernkrhtende Kritik gefunden batten, wenn 



- 173 - 

Wir haben in diesen „Memoiren" also dasjenige vor uns, was 

Uns diese Amerikaner aus den Tagebuchaufzeichnungen des Li Hung 
Tschang vorzusetzen fiir gut befunden haben. Die Auswahl, die 
Anordnung, das ungeniigende Vorwort, eine zwiefache „Einleitung" 
und die hie and da eingeschobenen Erlauterungen stammen von 
ihnen, natUrlich auch die englische Obersetzung des chinesischen 
Textes, bei der man hie und da zweifelhaft wird, ob sie dem ge- 
nauen Wortlaut der Aufzeichnungen wirklich entspricht. Das Ganze 
ist so angelegt, daB es als eine harmlose und unbefangene Wieder- 
gabe des Wesentlichen erscheint. Je genauer man aber priift, um 
so mehr erhalt man den Eindruck, daB das Uniibersichtiiche der 
Anordnung und die Art der hinzugefiigten Bemerkungen, wie das 
Fehlen der notwendigen Erlauterungen, die man eigentlich erwarten 
soUte, die vorhandene Tendenz nur verschleiern, daB sie das Publi- 
kum bestimmen soUen, das Qebotene ohne Arg als die maBgebende 
Anschauung Li Hung Tschangs anzusehen. 

Ich zweifle nicht, daB im allgemeinen die englische Obersetzung 
dem chinesischen Urtext entspricht. Ailein mir scheint es doch 
wichtig, darauf hinzuweisen, daB nicht bloB Li Hung Tschang bei 
seinen Lebzeiten oftmals durch die amerikanische Brille die Dinge 
angesehen hat, sondern daB nun auch seine Lebenserinnerungen in 
amerikanischer Redaktion der Welt vorgefiihrt werden. Es ware 
von groBem Werte, wenn deutsche Sachverstandige die Auswahl 
und die Obersetzung nachpriifen wollten. Ich habe, wie gesagt, 
immer starker das Empfinden, daB bei dieser Veroffentlichung die 
Rucksicht auf die zukiinftige Politik und zwar besonders auf das 
Hand-in-Hand-gehen der chinesischen und amerikanischen Politik 
mitbestimmend gewesen ist. Ein Oberblick wird das erharten. 

Es versteht sich von selbst, daB di e amerik anischen Heraus- 
geber, indem sie der nichtchinesischen Welt das Bild Li Hung 
Tschangs in einem bestimmten Lichte einpragen wollten, doch zu- 
gleich den Eindruck dieser Memoiren auf China selbst berucksich- 



sie „atich eimges gute Material enthielten und nicht unwertvolle Auf- 
schlUsse Uber ohinesisclre Ereignisse und Verhaltnisse gaben". — DaB das 
Buoh mit groBer Vorsicht zu benutzen sei, habe ioh in dem vorliegenden 
Aufsatz aus rein sachlichen und inhaltlichen Qriinden nachgewiesen. Wie- 
wejt Mannix mit dem Buoh zu tun hat, kann ich nicht entscheiden; in der 
■deutschen Ausgabe wird er uberbaupt nioht erwahnt. und der>enige, der die 
Etnleitung unterzeichnet hat, ist J. W. Foster. DaB das Buch eine Falschung 
sei, wagt auch von Dewall nioht zu behaupten. Darum werden die Dar- 
legungen meines Aufsatzes kedneswegs entwertet oder hinfallig. Das 
Material selbst wird schon zum groBten Teil eoht sein. 



— 174 — 

tigen muBten. Trotz aller Offenheit, mit der in dieser Auswahl alle 
Schaden, Niederlagen und Schwierigkeiten des Reiches der Mitte 
zur Sprache kommen, muB doch die Veroffentlichung als Qanzes 
die Chinesen sehr wohltuend beriihren. Ihr groBer Staatsmann, der 
,.ostasiatische Bismarck", wird hier alien Volkern vorgefUhrt als 
,.die eigenartigste Personlichkeit aller Nationen der Welt im letzten 
Jahrhundert", als „einer der bedeutendsten Manner der Welt", als 
„der bedeutendste Zeuge der Kronung des jiingen russischen Zaren", 
als „der Machiavelli von China und sein groBter Held im Wort". 
.,Als kraftiges Haupt des chinesischen auswartigen Amtes war er 
den scharfsehendsten und geiibtesten europaischen Diplomaten eben- 
biirtig. Wahrend er der eifersuchtige Huter der Interessen seines 
Volkes war, bewahrte er sich stets das voile. Vertrauen und die 
Hochachtung der auswartigen Minister, mit denen er zu unterhandeln 
hatte. Es gibt wohl kaum einen Mann, der so viel Anerkennung 
seiner gegnerischen Diplomaten erfuhr, wie er." Auf seiner Welt- 
reise machte er nicht nur iiberall einen sehr giinstigen Eindruck 
seiner eigenen Personlichkeit, er veranlaBte auch ein neues und 
weitgehendes Interesse be! den westlichen Volkern fiir seine wenig 

bekannte Heimat." 

Es ist ftir chinesische Leser auch zweifellos sehr erfreulich, 
wenn der Herausgeber auBert: „Wenn das vierte Qebot des mosai- 
schen Gesetzes nur annahernd so treu von christlichen Nationen 
innegehalten wiirde, wie diese Hauptlehre der Philosophic des Kon- 
fuzius durch die Bewohner des himmlischen Reiches, waren die 
sozialen Verhaltnisse der westlichen Welt sehr viel besser"; — Li 
Hung Tschang freilich klagt zweimal (S. 17 und 56) gerade daruber, 
daB seine Landsleute es mit den Lehren des Konfuzius nicht ernst 
nahmen. Es ist eine Verbeugung vor China, wenn der Herausgeber 
von dem jimgen Li Hung Tschang bemerkt: „nian kann annehmen, 
daB er trotz der Anschauungen des Westens iiber chinesische Er- 
ziehungsmethoden doch mit Recht einen geachteten Piatz unter den 
ieingebildeten jungen Leuten seines Landes und seiner Generation 
einnahm"; oder wenn von einigen fur europaischen Geschmack un- 
verdaulichen Versen Li Hung Tschangs geurteilt wird: ,3ie sind so 
abstrakt und in Gedanken und Diktion verschleiert, daB sie sich eben 
nicht ijbersetzen lieBen; sie erscheinen aber als ein gelungener Ver- 
such des jungen enthusiastischen Verfassers, sich in die Tiefen des 
Gedankens zu versenken!" Oder bei einem anderen Qedicht: 
„Ernsten literarischen Leuten in China, Europa und Amerika ist es 



— 174 — 

tigen muBten. Trotz aller Offenheit, mit der in dieser Auswahl alle 
Schaden, Niederlagen und Schwierigkeiten des Reiches der Mitte 
zur Sprache kommen, muB doch die Veroffentlichung als Qanzes 
die Chinesen sehr wohltuend beriihren. Ihr groBer Staatsmann, der 
„ostasiatische Bismarck", wird hier alien Volkern vorgefiihrt als 
,.die eigenartigste Personlichkeit aller Nationen der Welt im letzten 
Jahrhundert", als „einer der bedeutendsten Manner der Welt", als 
„der bedeutendste Zeuge der Kronung des jungen russischen Zaren", 
als „der Machiavelli von China und sein groBter Held im Wort". 
„Als kraftiges Haupt des chinesischen auswartigen Amtes war er 
den scharfsehendsten und geiibtesten europaischen Diplomaten eben- 
biirtig. Wahrend er der eifersiichtige Hiiter der Interessen seines 
Volkes war, bewahrte er sich stets das voile. Vertrauen und die 
Hochachtung der auswartigen Minister, mit denen er zu unterhandeln 
hatte. Es gibt wohl kaum einen Mann, der so viel Anerkennung 
seiner gegnerischen Diplomaten erfuhr, wie er." Auf seiner Welt- 
reise machte er nicht nur iiberall einen sehr giinstigen Eindruck 

seiner eigenen Personlichkeit, er veranlaBte auch ein neues und 
weitgehendes Interesse bei den westlichen Volkern fiir seine wenig 
bekannte Heimat." 

Es ist fiir chinesische Leser auch zweifellos sehr erfreulich, 
wenn der Herausgeber auBert: „Wenn das vierte Qebot des mosai- 
schen Qesetzes nur annahernd so treu von christlichen Nationen 
innegehalten wtirde, wie diese Hauptlehre der Philosophic des Kon- 
iuzius durch die Bewohner des himmlischen Reiches, waren die 
sozialen Verhaltnisse der westlichen Welt sehr viel besser"; — Li 
Hung Tschang freilich klagt zweima! (S. 17 und 56) gerade daruber, 
daB seine Landsleute es mit den Lehren des Konfuzius nicht ernst 
nahmen. Es ist eine Verbeugung vor China, wenn der Herausgeber 
von dem jungen Li Hung Tschang bemerkt: „nian kann annebmen, 
daB er trotz der Anschauungen des Westens iiber chinesische Er- 
ziehungsmethoden doch mit Recht einen geachteten Ratz unter den 
ieingebildeten jungen Leuten seines Landes und seiner Generation 
einnahm"; oder wenn von einigen fur europaischen Geschmack un- 
verdaulichen Versen Li Hung Tschangs geurteilt wird: ^ie sind so 
abstrakt und in Gedanken und Diktion verschleiert, daB sie sich eben 
nicht iibersetzen lieBen; sie erscheinen aber als ein gelungener Ver- 
such des jungen enthusiastischen Verfassers, sich in die Tiefen des 
Gedankens zu versenken!" Oder bei einem anderen Qedicht: 
„Ernsten literarischen Leuten in China, Europa und Amerika ist es 



W^fiW:' 



— 175 — 

jedoch eine wichtige Frage, den Verfasser festzustellen. schon aus 
Interesse fiir das Werk selbst und seinen vermutlichen Verfasser 
(Li Hung Tschang). Der Qebetsgesang gilt bei orientalischen Qe- 
lehrten als ein sehr bedeutendes Werk." 

Sehr warm wird es den chinesischen Lesern eingehen, wenn 
Li Hung Tschang auf seiner Weltreise schreibt: „China ist nicht das 
einzige Land mit Hunger und Lumpen. . . . Je mehr ich von den 
niederen Klassen in Europa sehe und hore, je groBer ist meine Liebe 
und mein Mitleid fiir die ungliicklichen Armen meines Vaterlandes; 
denn verhaltnismaBig sind sie weniger bosartig wie die andern. Ich 
beuge mich in Hochachtung fiir ganz China, vor der glorreichen 
Majestat und dem Hof bis zum Stromschiffer in Canton. ... Ich 
habe in diesen Monaten die Welt gesehen. Jetzt ist alles, was ich 
erbitte, nur dies, die iiberwaltigende Freude genieBen zu diirfen, die 
Erde meiner Heimat zu kiissen." Noch mehr werden die Chinesen 
erbaut sein, wenn sie Li Hung Tschang bekennen horen: „Ich basse 
alle diese Auslander, aber es ware nicht klug, sie das merken zu 
lassen"; und noch im Jahre 1900: „Es ware die Freude meiner 
letzten Lebensjahre, die barbarischen Nationen iiberwaltigt zu sehen, 
wenn sie endlich in gehorsamer Ergebenheit sich demiitig beugen 
vor dem Throne des Drachen." Am allermeisten aber wird es in 
China willkommen sein, wenn der Herausgeber selbst sagt: „Li 
Hung Tschang „erlebte das Morgenrot des zwanzigsten Jahr- 
hunderts, das das neue China erbluhen lassen solite, wenn er.dies 
auch nicht voraussehen konnte. . . . Trotzdem er der Leiter des 
chinesischen Fortschritts war und die fremden Einrichtungen be- 
gunstigte, war er ein Gegner der Auslander. Der Rat, den er seinen 
Leuten gab, war dieser: laBt uns den Fremden benutzen, aber laBt 
nicht ihn nns ausnutzen! Dies war ein durchgehender Zug aller 
Unterredungen; obgleich er nie eine Audienz abschlug, ging der 
Au^Snder doch immer mit dem Gefuhl fori, daB er viel Au^unft ge- 
geben, aber keinerlei erhalten hatte, denn wShrend seiner Anwesen- 
heit war er fortwahrend ausgefragt worden. Der Vizekdnig hatte 
seinen eigenen Plan, er verstand es, die Auslander in seinem Dienst 
auszuniitzen/* Mr. Foster hat auch nach dem unglucklichen 
Chinesisch-Japanischen Krieg Li Hung Tschang bezeugt, daB nach 
dem ubereinstimmenden Urteil aller Sachverstandigen China bei den 
Friedensverhandlungen „glanzend" abgeschnitten habe. 

Obwohl die Obersetzung und Abfassung der „Memoiren" der 
Hauptsache nach noch in die Zeit des kaiserlichen China fallt, so 



mtn cSoch anch Spureii der Rtlcksidit auf die neueste Cntwick- 
erkcnnen. z. B^ wenn mehrfach als der Bote iind Vertrauens- 
mann des U Hong Tschang dcr jeUige President Yuan Schi Kal 
auftaucht und als ,.einer unserer bravsten MSnner" charaktehsiert 
wird, wenn bci Li Hung Tschang selbst seine ..rein chinesische Her- 
kunft, ungemischt mit mandschurischem Blut", hervorgehoben wird, 
Oder wenn man in der loyalen AuBerung des VizekSnigs 1900 doch 
zugieicb eine Weissagung auf die Republik China sehen kann: ..Wie 
tdricht ist dieser Klatsch, den wir tiberall lidren, daB die Dynastie 
gesturzt werden und eine andere chinesische Familie an Stelle der 
Mandschu regieren soil. Jedermann. ich selbst einbegriffen, weiB. 
daB es keine chinesische Familie gibt, die geniigend geachtet wSre, 
um das Land zu beherrschen und in Frieden und Ordnung zu er- 
halten." In Shnlichem Sinne, namlich in der Richtung auf die Er- 
haltung der Republik, miissen auch die verschiedenen Bemerkungen 
wirken, die iiber die Kaiserin Tze Hsi, den Kaiser Gueng-Sii, den 
Prinzen Tuan und andere Olieder der kaiserlichen Familie aus den 
Tagebuchaufzeichnungen wiedergegeben sind. 

Von ganz besonderem Interesse sind die Urteile Li Hung 
Tschangs uber die auslandischen Nationen oder, was fiir ihn fast 
dasselbe bedeutet, iiber die ..Christen", — nicht bloB weil in sein 
Mannesalter das allmahliche Eindringen der fremden Nationen in 
China fiel. sondern weil sein Lebenswerk in gewissem Sinne gerade 
in der Auseinandersetzung mit ihnen seine Hauptaufgabe gefunden 
hat. Ursprunglich — und im tiefsten Qrunde seines Herzens bis an 
sein Lebensende — ein Hasser der ..fremden Teufel" und besonders 
der Missionare, die er in der Zeit der Taipingrevolution als ,.ver- 
pestete Ratten" bezeichnet, und denen er in Poesie und Prosa mit 
den graBlichsten Todesarten droht, ist er gerade durch den gemein- 
samen Kampf gegen die Taipingrebellen allmahlich iiber die Aus- 
lander andern Sinnes geworden, die Tatsachen haben seine Theo- 
rien geandert. Seitdem hat er in der Erkenntnis, daB es weder 
moglich noch fiir China wirklich niitzlich sei, die Fremden dauernd 
fernzuhalten, ihnen Einwanderungserlaubnis, Schutz und eine billi- 
gere Beurteilung gewahrt und verschafft. Aufstande gegen sie und 
Qewalttatigkeit hat er fiir eine Torheit gehalten, nach Kraften ver- 
hindert und unter Umstanden auf das Scharfste bestraft. Die christ- 
liche Lehre hat er spater sogar fast als gleichberechtigt neben die des 
Konfuzius gestellt und, wenn er auch die Fremden eigentlich nur 
als notwendiges Obel betrachtete, doch ihr Wesen und ihre Kultur 



(K 



'»( * T-[i«gf '.'- 



— 177 - 

vnbefanjcen zu prtifen versucht und eine vemiinftiKe KesetzUche 
Regeiung der Beziehungen Chinas zu ihnen angebahnt, — weder im 
Sinne einer fanatischen Keaktion noch im Sinne einer ubereilten 
Nachahmung, sondern in der Richtung einer allmlhlichen Reform, 
durch die die Vorziige der Fremden angeignet und dann schlieBiich 
gegen sie ausgenutzt werden sollten. 

So auBert er am Ende seiner Weltreise 1896, daB die Dinge und 
Lander fur ihn nur einen Reiz auf Herz und Qeist ausiiben durch die 
edien Personlichkeiten, die damit fiir ihn verknupft sind; dabei 
zahlt er aus den verschiedenen Staaten einzelne Beispiele auf und 
fiigt hinzu, daB in jedem Menschenherzen, soweit es nicht durch 
Stolz, Eigennutz und Gier nach Macht' und Qewinn abgelenkt werde, 
die Melodic der Heimatliebe klinge. Spater noch (1900) betont er, 
daB er durch langjahrige Erfahrung die Charaktere der Auslander 
kennen gelernt habe, und daB es gleichgultig sei, urn was es sich 
handle, wenn sie nur ehrenhaft, ohne Falschheit und Liige seien." 
„Anstand ist dasselbe wie Gold, dasselbe in alien Landern." Aber 
schon 1865 erklart er: „ich kann nicht behaupten, daB die Auslander 
mich mehr betrogen hatten als meine eigenen Landsleute; dies kann 
aber vielleicht mehr ein Ergebnis ihres Stolzes als ihrer Ehrlichkeit 
sein, denn, wie ich es ansehe, scheinen die Burger der meisten euro- 
paischen Nationen ein besonderes Vergnugen darin zu finden, sich 
fiber die Asiaten groB zu tun, und sie scheuen sich deshalb vielleicht 
manches fern von der Heimat zu tun, was sie ohne Bedenken in der- 
selben sich erlauben wiirden." 

Es war ihm keineswegs gleichgiiltig, was die Auslander dachten. 
Denn „so groB ist des Teufels EinfluB in ganz Asien, daB, was man in 
London und New York denkt, iiberall als Tatsache in Hongkong, 
Tokio und Peking aufgenommen wird." Es wird uberhaupt „viel 
zu viel zwischen unserm Lande und Europa hin und her geschrieben", 
und all dieser „Unsinn" wird dann vom Publikum geglaubt. Li ist 
— ahnlich wie Bismarck — gegen das frtihe Aufstehen, das ihm „eine 
torichte Angewohnheit des Westens" und fiir Staatsmanner, die in 
der Stille der Nacht mit regem Geiste viel besser arbeiten konnen, 
besonders unzweckmaBig erscheint. Andererseits hat er Bedenken 
gegen die spaten Gastmahler, Theaterbesuche und Balle, bei denen 
die Damen intrigant die Politik beeinflussen. . . 

Hochst charakteristisch sind aus den verschiedenen Epochen 
seines Lebens folgende Auf zeichnungen: (1869) ,Alle Auslander sehen 
China im Lichte einer gelben Leiche an, die sich selbst das Grab 



R-^TT i^3,j-^ff«G«sw-!^.iP^'Kr*?!K»F'«»v?^.^^.o5rJ*?'~'S^^ 



— 178 — 

gegraben hat und niemals erwachen wird ohne die Arzneimittel 
des weiBen Teufels. Wenn diese Auslander China betrachten, ge- 
brauchen sie alle dieselbe Brille, dabei kampfen sie zu Haus mitein- 
ander und hassen sich untereinander mehr wie uns. Die Franzosen 
hassen die Deutschen, und die Russen toten die Juden, aber wenn sie 
nach China kommen, dann sind sie alle Christen." (1895) „Ich stelle 
mir oft die ernste Frage im Stillen, was ist wohi die wahre Absicht 
dfeser Europaer, und ich habe die Erfahrung gemacht, daB einige 
ihrer geschicktesten und ehrenwertesten Diplomaten ebenso leicht 
liigen wie ein Vogelhandler in Nanking. Sie sind verschwenderisch 
in ihren Versprechungen wie ein Mann, der Geld borgen will, der 
aber auch keine Sicherheit geben kann, — besonders in England. 
Sie schworen, daB sie etwas tun woUen, und es ist ganz sicher, daB 
sie innerlich schon fest entschlossen sind, etwas ganz anderes zu tun. 
RuBland ist heutigen Tages unser groBter Freund und unser am 
meisten zu fUrchtender Feind. Es ist unser Freund, well QroB- 
britannien und Frankreich sich auch als solche stellen; da will RuB- 
land ein besserer Freund sein wie sie. Es ist unser groBter Feind, 
well, wie die Russen sagen, die Richtung ihrer Zukunft sie dazu 
zwingt. RuBland dominiert im ganzen nordlichen Asien und hofft 
mit der Zeit iiberwiegenden EinfluB in China zu gewinnen — RuB- 
land will uns helfen Japan herauszuhalten, well es selber hinein will." 
(1900) „Man muB eingedenk sein, daB zwischen uns, dem chinesi- 
schen Reiche, und den Barbaren haufige Feindseligkeiten seit dem 
fernsten Altertum getobt haben, und unsere heimatliche Qeschichte 
lehrt, daB die beste Art, ihnen zu begegnen, die war, erst nach sorg- 
faltiger Priifung der gegenseitigen KrSfte unsere Politik zu richten. . . 
(hier folgt eine Aufzahlung der Fortschritte der auslandischen Er- 
folge in China). Es ist unnotig, daB ich es ausspreche, wie gliicklich 
ich ware, wenn sich China in einen glorreichen und siegreichen 
Kricg einlassen konnte. . . . Ungliicklicherweise kann ich aber nur 
die traurige Tatsache feststellen, daB China fiir ein solches Unter- 
nehmen ganz und gar nicht imstande, und daB unsre Armee dieser 
Aufgabe nicht gewachsen ist." „lch habe unzahlige Male versucht, 
dem Thron die Oberzeugung zu geben, daB China nichts gewinnt, 
aber alles verlieren kann, wenn es sich den fremden Teufeln wider- 
setzt. Es ist ganz uninoglich, sie zu vertreiben, und schlieBlich, 
was das wichtigste ist, wir wiirden nach vielen Richtungen armer 
werden, wenn die Fremden ganz fortzogen, sei es freiwillig oder 
nicht." Man sieht, schlieBlich liegt dahinter doch die Anschauung, 



y ^ 179 - 

die er schon 1863 ausgesprochen hat: „Mir stehen die Haare zu 
Berge, wenn ich bedenke, wie bei den Schwierigkeiten, die immer 
wieder entstehen, wir gezwungen sind, mit ihnen fertig zu werden, 
zu allem Ja sagen mussen und noch dazu lacheln sollen. Einst werde 
icli sie fragen: war euer Land zivilisiert und studierte es die Sieben 
Kiinste vor dem unsrigen? Und wart ihr in einem Jahrhundert 
hoherer Weisheit geboren als icli selbsl?" — 

, Auf diesem Hintergrunde sind nun die Urteile zu wurdigen, die 
Li Hung Tschang — nach amerikanischer Auswahl — den einzelnen 
auslandischen Volkern widmet. Da ist es zunachst lehrreich, einige 
Stellen hervorzuheben, in denen er die verschiedenen Nationen 
nebeneinanderstellt. Nach dem Blutbad im franzosischen katholi- 
schen Waisenhause in Tientsin (1870) schreibt er in sein Tagebuch: 
„So benehmen sich die auslandischen Beamten in China! Das 
Ladenfenster eines englischen Kaufmanns ist durch ein 
paar Nichtsnutze zerbrochen worden, und gieich kommt der Konsul 
Oder Minister zum Palast und will wissen, was wir zu tun beabsich- i 
tigen. Ein franzosischer Geek gerat auf der StraBe in Streit 1 
mit einem Trupp dummer Kulis, und ehe noch der Magistrat etwas j 
davon erfahren hat, wettert der Konsul oder Minister schon gegen 
den Vizekonig! Ein beleibter Deutscher mit rotem 
Qesicht, vom Bier angetrunken und nach Kase 
r 1 e c h e n d , fallt in eine Qosse und bricht sich ein Bein. Voriiber- 
gehende woUen ihm helfen, sich aufzurichten; er denkt, sie woUen 
ihn berauben, zieht seinen Revolver und erschieBt einen Einge- 
borenen. Dessen Freunde werfen den Deutschen mit Steinen und 
schneiden ihn in sein rotes Qesicht. Sofort klopft Konsul oder 
Minister an die Tiir des Palastes und verlangt „Satisfaktion", denn 
die deutsche Fahne sei beleidigt!" Von diesen Voraussetzungen aus 
versteht man, wenn Li Hung Tschang um des Friedens willen 
wiinscht, daB die Auslander ihre kleinen Beschwerden zuerst bei 
den chinesischen Ortsbehorden statt bei ihrer eignen Regierung 
anbringen, und eine glatte Erledigung in Aussicht stellt. Aber 
fragen darf man, ob diese eigentiimUche Stufenfolge „ein englischer 
Kaufmann" — „ein franzosischer Qeck" — „ein beleibter Deutscher 
mit rotem Qesicht, von Bier angetrunken und nach Kase riechend" 
wohl dem chinesischen Qehirn selbst entsprungen oder nicht viel- 
mehr von englischer oder amerikanischer Seite suggeriert ist. 

Am Ende seines europaischen Aufenthalts faBt Li Hung Tschang 
seine Eindriicke zusammen: „Es ist ganz natiirlich, daB unsre Wirte 






- 180 - 

nur das Schone und Bluhende ihrer Umgebung zeigen wollen. Ich 
sah viel QroBartiges und viel Reichtum in Moskau und Petersburg, 
die Kirchen, Parks urtd schonen Alleen. Ich sah die Kraft und QroBe 
von Berlin und den wunderbaren FleiB in Essen und Bremerhaven, 
Miinchen und anderen Stadten. Trotzdem suchte ich immer einen 
Begriff der inneren Verhaltnisse des Volks zu bekommen, und ich 
sah doch vieles, was nicht immer Qlanz und Sonnenschein war. So 
ist es auch in London und England. Ich speiste im SchloB als Oast 
Ihrer Majestat, und hohe Offiziere fiihrten mich in das Parlament, 
zu den Befestigungen und dem Arsenal. Ich sah Londons schone 
Garten und einige der groBen StraBen, dennoch sah ich unter den 
Volksmassen viele Arme." Ober Amerika fehlt spater eine ahnliche 
kritische Bemerkung. 

Bei einer andern Qelegenheit stellt Li Hung Tschang folgenden 
Vergleich an. „Russische Volksmassen scheinen keinen Enthu- 
siasmus zu kennen. Da ist Respekt und Staunen in einer stumpfen Art 
und Weise in ihren Qesichtern und eine Art Hochachtungslosigkeit, 
die sie sich scheinbar fiirchten zu zeigen. Bei den Deutschen gibt 
es Begeisterung, aber die ist auch in gewisser Weise ernst und ge- 
halten — vielleicht durch das Leben des Qeschafts und der Wissen- 
schaften. Sie lachen viel, singen gem und sprechen laut, aber 
irgendwie (!) hatte ich den Eindruck, daB dieses Dreies mehr von 
ihren Bieren und Weinen kommt, als aus ihren innersten Herzen und 
Seelen. . . . Die Franzosen sind so anders. Die Qesichter der 
Menge, selbst die der Knaben und kleinen Madchen, scheinen die 
Gesichter eines Volkes zu sein, welches ein Leben ernster Freude 
fiihrt, d. h. daB sie wissen, es gibt viel wahre Freude im Leben, und 
sie wollen es genieBen, ohne es ernst zu nehmen." Von den A m e r i - 
kanern aber schreibt er schon wahrend der Hinfahrt: „Wenn die 
Leute an Bord dieses Schiffes richtige Proben der groBen Menge 
in Amerika sind, dann muB es wirklich eine groBe Nation sein. Die 
Manner sind so hoflich wie die Franzosen und stieren einen nicht an 
wie die Londoner. Mir gefielen dieMassen derenglischen Haupt- 
stadt gar nicht. Sie waren grob im Aussehen und Benehmen, und 
viele gewohnliche Leute versuchten es geradezu, mich zu insul- 
tieren." Und gegen Ende seines Aufenthalts im westlichen Amerika 
bemerkt er: „In diesem wunderbaren westlichen Reiche der ameri- 
kanischen Union herrscht derselbe Geist der Unternehmung und des 
Geschafts mit allem modernen Fortschritt, den man an der Meeres- 
kuste findet. Und dann bedenke man, daB vor 50 Jahren keine 



dauernde Niederlassung von Menschen sich in den Hunderten von 
Meilen befanden, die wir durchfahren sind, seitdem wir den groBen 
FluB von Amerika, den Mississippi, verlieBen!" ,^ 

Wend en wir uns nun den Urteilen zu, die Li Hung Tschang uber 
die einzelnen fremden Machte fallt, so ist zunachst eine gftwisse 
Durftigkeit der Auswahl festzustellen. Wieviel mehr konnte und 
SOllte man aus seiner fast SOjahrigen Wirksamkeit erwarten! Aber 
die Dtirftigkeit der Auswahl ist geschickt verschleiert durch ailerlei 
nebensachliche pikante und personliche Plaudereien. 

Von R u B 1 a n d wird eigentlich nur im Zusammenhang der Reise 
geredet, die der chinesische Vizekonig zur Kronung des Zaren 1896 
machte. Aus der Tatsache, daB Li Hung Tschang auf besonderen 
Wunsch der russischen Regierung an Stelle eines bereits ernannten 
chinesischen Prinzen als Abgesandter nach RuBland ging, aus alien 
den Ehren und Schmeicheleien, womit man ihn nach seinen eigenen 
Schilderungen dort bedachte, sowie aus dem Versuche der russi- 
schen Regierung, ihn von der Reise nach Deutschland, Frankreich, 
England und Amerika abzuhalten, gewinnt man den Eindruck, daB 
man tatsachlich den einfluBreichen chinesischen Staatsmann fur 
RuBland giinstig zu stimmen suchte. Der amerikanische Heraus- 
geber bestatigt ihm, was auch aus den Tagebuchaufzeichnungen her- 
vorgeht, daB er „die Machenschaften dieser Regierung" durchschaut 
habe. Das hat ihn nicht gehindert, in seinem Tagebuche und offiziell 
vor der Kaiserin Tze Hsi seiner schwarmerischen Verehrung fiir die 
Zarin Ausdruck zu geben, eine Tatsache, fiir die er von der toricht 
fragenden und eifersiichtig urteilenden alten Kaiserin Chinas mit 
einer empfindlichen BuBe belegt wurde. Den Zaren schildert er als 
einen unbedeutenden, von Zimmerluft oder Angst blassen Mann, der 
im naheren Gesprach wie ein demokratisch gesinnter russischer 
Landedelmann erscheine, mit Qeschenken nicht karge, aber nur 
durch die umfassendste militarische Bewachung sich gesichert fiihle. 
Komisch ist es Li Hung Tschang gewesen, daB der Zar ihm mehrere 
Male eine Reihe chinesischer Satze hergesagt hat, die er als Thron- 
folger fiir seine Chinareise auswendig gelernt hatte; iibrigens hat 
der franzosische Prasident Faure in der gleichen kindlichen Weise 
Anknupfung gesucht. Qeargert hat es den chinesischen Staats- 
mann, daB der Zar und die russische Hofgesellschaft gelacht hat, 
als von den zu befurchtenden Attentaten auf den russischen Kaiser 
geredet wurde. Und sehr peinlich ist ihm ein Fehler gewesen, 
welchen er gegen das Zeremoniell gemacht hat, als er der Zarin 



- 182 - 

nach der Kronung, statt ihr die dargebotene Hand zu kiissen, das 
Geschenk der chinesischen Kaiserin, einen wertvollen Ring, ein- 
gehandigt hat. 

QroBere politische Geschtspunkte linden sich in diesem Zu- 
sammenhang kaum. Im Jahre 1870, als nach dem Blutbad von 
Tientsin die franzosische und russische Regierung eine schleunige 
Suhne fordern, der franzosische und der russische Qesandte in 
China aber immer wieder die Hinausschiebung der Hinrichtung der 
Schuldigen verlangen, weiB Li Hung Tschang nicht, was er davon 
halten soil, und bemerkt voll Sorge und Argwohn: „Suchen RuB- 
land und Frankreich einen Qrund zum Kriege mit China?" Nach 
dem Frieden mit Japan 1895 bedauert er sehr, die russischen Zu- 
sicherungen, „daB es Japan nicht erlaubt sein soil, weder jetzt noch 
in Zukunft, Besitz von einem Tail der Mandschurei Oder des Fest- 
landes zu ergreifen", nicht friiher erhalten zu haben. Aber er weiB, 
daB RuBland zugleich Chinas groBter Freund und gefahrlichster 
Feind ist. Auf seiner Weltreise fallt ihm die Ahnlichkeit RuBlands 
mit China auf, nur daB RuBland einheitlich organisiert und nicht von 
Feinden so wie China umlauert ist. Endlich hat der Herausgeber 
ganz am SchluB noch eine AuBerung wiedergegeben, in der Li 
Hung Tschang sich gegen den Vorwurf Englands wehrt, daB er 
russische Interessen vertrete. Soweit er das zu tun scheine, er- 
klart Li, tue er es, weil er das Beste fiir China zu tun glaube. Zudem 
hStte ja England selbst ihm keine Zusicherungen wertvoller Art ge- 
macht. — Das ist iiber RuBland alles, — in der Tat wenig genug. 

Noch geringer freilich ist die Ausbeute in bezug auf Frank- 
reich. Nur bei drei Qelegenheiten hat der amerikanische Heraus- 
geber Urteile Li Hung Tschangs iiber Frankreich aufgenommen. Zu- 
erst eine langere Erorterung aus dem Jahre 1849, in der sich Li ohne 
tieferes VerstSndnis sehr abfallig iiber die katholiischen franzosischen 
Missionare ausspricht, deren Anschauungen er nicht begreift, und 
die er alle als Sendboten der starken franzosischen Regierung be- 
trachtet. Sodann einige Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahre 
1870 nach dem Blutbade von Tientsin, in denen er von der Erregung 
gegen die Franzosen berichtet, Milde und Duldung gegeniiber den 
Auslandern zusagt, ein merkwiirdiges Verhor mit einem zum Katho- 
lizismus bekehrten Chinesen schildert und die blutige Siihne fiir die 
Opfer des Blutbades erwahnt. Endlich werden die AuBerungen Li 
Hung Tschangs von seiner Weltreise wiedergegeben. Er spricht 
von dem ngliicklichen, schonen und Uebenswurdigen Frankreich", 



I ;\. 



- 183 - 

in dem es ihm am allerbesten auf alien seinen Reisen gefallen habe. 
Er gedenkt an den Deutsch-Franzosischen Krieg und meint, die Fran- 
zosen, diese „lachelnde Familie", hatten ihn langst vergessen. Er 
fUhlt sich durch die Qegend zwischen Metz und Paris an das heimat- 
liche Sudchina erinnert. Er lobt die liebenswtirdige Bevolkerung 
und riihmt den ihm bereiteten Empfang. Mehr als der stille PrSsident 
Faure, der ihm achtmal dieseiben zwei auswendig gelernten 
chinesischen Satze wiederholt, haben ihm offenbar die schonen 
Damen ^gefallen und das Wiedersehen mit dem Capitan Fournier,. 
den er vom Frieden zu Tientsin her kannte. Am allermeisten aber 
hat ihm imponiert, was man ihm auf der Bank von Frankreich hin- 
sichtlich der finanziellen Leistungsfahigkeit berichtet und angeboten 
hat. Aber mehr als auBerst liebenswurdige Komplimente hat LI 
Hung Tschang danach fiir Frankreich nicht gehabt. 

Hinsichtlich E n g 1 a li d s gewinnt man nach der amerikanischen 
Auswahl der Memoiren den lebhaften Eindruck, daB Li zwar manche 
einzelne englische Personlichkeit hochgeschatzt und anerkannt, aber 
die englische Politik als solche abgelehnt und fur verderblich und 
feige gehalten hat. Der Herausgeber erinnert zunachst seinerseits 
an „die bosen Erfahrungen", die China mit „gewissen westlichen 
Nationen" machte, und an den Fluch, den England durch das Opium 
fiber China gebracht hat. Andererseits behauptet er kurzweg, daB 
Li Hung Tschang „militarische Handhabung durch die Generate 
Ward und Gordon gelernt und den Lohn von des letzteren Siege 
fiber die Taiping-Rebellen geerntet habe", — eine nicht ganz ein- 
wandfreie Behauptung. Aber dann laBt er Li selbst zu Worte 
kommen. 

Da ist es nun charakteristisch, wie Li wohl den englischen Be- 
amten und Offizieren als Personlichkeiten Anerkennung zoUt, aber 
gegenuber England selbst und der englischen Politik und Regierung 
gegenuber eine durchaus ablehnende Stellung einnimmt. So lobt er 
die Kiugheit und Ehrlichkeit, den Eifer und das Entgegenkommen 
des Direktors des SeezoUamts, Sir Robert Harts, die Tuchtigkeit 
von Sir Nicholas O'Conor und Sir Claude Macdonald, die Qewandf- 
heit der britischen Beamten in SchanghaL Auf der Weltreise hat es 
ihm besonders Gladstone angetan, den er auf seinem Landsitze auf- 
gesucht, mit dem er sich vortrefflich unterhalten und sogar im 
Baumef alien versucht hat; „sein Gesicht dunkte mich ehrlicher als 
das irgend eines anderen". Aber ausdrucklich bemerkt er, daB ihn 
in England eigentlich nur wenige Personlichkeiten interessieren. 



V 



. - 184 - ■^■-■■. ■ 

— die Konigin, der Prinz von Wales, Gladstone, Morley, Tennyson, 
daneben nur das Parlament und die Flotte. 

In den friiheren Teilen des Tagebuchs spielen sfeine Beziehungen 
zu Gordon eine groBe Rolle, der 1863 bei der Niederwerfung 
der Taipingrebellen unter oder neben ihm gekampft hat. Er hat ihn 

— auch ganz abgesehen von seinem Widerwillen, gegen die Rebellen 
Auslander zu Hilfe zu rufen — zunachst beargwohnt, aber nachher 
die Vornehmheit und Rechtschaffenheit seiner Personlichkeit, seine 
miiitarische Ttichtigkeit und seine Erfolge sehr geruhmt. Freilich 
ohne Schwierigkeiten ist es nicht abgegangen. Die erste war, daB 
Gordon ohne Gehalt dienen wollte, was Li gar nicht begreift, wenn 
nicht hinterhaltige Absichten damit verbunden sind. Bald aber err 
kennt Li, daB Gordon durch solche Uneigenniitzigkeit sich die voile 
Selbstandigkeit wahren will, Sodann nimmt er AnstoB daran, daB 
Gordon fiir sich den Oberbefehl fordert, und an seinen dauernden 
Reibereien mit dem gleichgestellten chinesischen General. Einmal 
sendet er einen cliinesischen Beamten, der sich falschlich iiber 
Gordons Soldiaten beschwert hatte, mit einem richtigen Uriasbrief 
an Gordon, Sntatt ihn selbst zu bestrafen. SchlieBlich wird ihm 
Gordon durch sein stetes Drangen auf richtiges Auszahlen des 
Soldes fur die Truppen, wie durch sein energisches und selbstandiges 
Auftreten vollig unbequem. Das Verhalten Li Hung Tschangs gegen- 
iiber solchen Rebellen, die sich ergeben hatten, ein Verhalten, das 
Li in seinem Tagebuch zweimal ausfuhrlich zu rechtfertigen sucht, 
hat dann den vollstandigen Bruch zwischen beiden und die Ent- 
lassung Gordons aus chinesischen Diensten herbeigefiihrt. Wenn 
Li nach 33 Jahren auf seiner Weltreise sich darauf gefaBt gemacht 
hatte, in England auf dies Zerwiirfnis mit Gordon angeredet zu 
werden, so hat er sich getauscht; Gladstone allein hat Gordon ihm 
gegenuber erwahnt. (SchluB folgt.) 

Aus der Mission der Gegenwart. 

Yuan SchI Kal t. 

Aus der Vollkraft dies Lebens, knapp 60 Jahre alt, ist dteser bedeutendcF 
Mann i^dtzHch aus der Zahl der LebemMgen gestrichen. Von der Kaiserin 
Tsi-ha zu hochsten Ehren eriioben, wurde er nach ihrem Tode gestiirzt und 
verbannt. Aber als 1911 die Revolution ausbradi, wand er als Retter des 
Katserhauses zuruckgeruien. Er konnte den Thron nk:ht halten. Die Stiitzen 
waren seit langem morsch. Die Republik siegte. Und wieder wurde, als 
die FvAiTGT der Republik nkAt mehr aus noch ein wuBten, als Retter Yuan 



- 185 - 

Scbi Kai genifen. Der alte Monarchist wurde der erste President der 
Repwblik. Er zog die Zugel straff an, schuf Ordnimg und wwkte vid Qutes. 
In dem Konfiikt mjt Japan hat er sehr geschickt Chinas Interessen gewahrt 
Chma hat skh d«i Handen der Westmachte, die es w^hrlich nicht nur Hebe- 
voll umschlungen hieiten, entwunden und steht unter Japans Schutz. Statt 
vieler Herren hat es ietzt einen. Da kam Yuan Schi Kai in dieser Entwick- 
lung nrit seinem Plan tieraus, China wieder zu emer Mcmarchie zuruckzu- 
biWen. In diesem Plan lag fraglos ein guter Qedanke. Chms gatraes sitt- 
lich-rehgioses System in Staat, Gesellschaft und Famitte setzt die Monarchic 
voraus. Erne wirkUch republikanisdie Staatsform zu tragen und zu ent- 
wickeln, ist das Volk selbst zudem gar nicht imstande. Es fehlt z. B. an der 
uneriaBJichen VolksbiWung, auch ist der Sinn fiir PoHtrk und staatKche Inter- 
essen selbst bei den vdrklich gebildeten Kreisen sehr gering. In WirkHchkeit 
bat Yuan Schi Kai ja stets "wie ein Kaiser regiert. 

Es fragt sk:h nur, ob es klug war, gerade ietzt die Monarchie wieder 
aufrichten zu wollen. — Der Plan ist miBlungen. Kaum war er Kaiser, 
bradien Unruhen aus, auch ein Toil seiner wirklichen Freunde riickte von 
rhm ab. Yuan Schi Kai legte die Kaiserwiirde wieder ab und wurde von 
neuem Prasident. Schon schien es, als sei alles, mit Ausnahme des 
Stets unrulugen Siidens, wieder in ruhiger Bahn, da kommt die Nachricht 
von Yuan Schi Kais Tod. Die Vermutang liegt nteht fern, daB er eines ge- 
waltsamen lodes gestorben ist. Aber wer sind dae Sdifuldigen? Seine 
Qegner aus dem entschieden-republikanisohen Siklen wollten sein Blut nidit, 
die Japaner hatten kdn Interesse daran, rhn zu beseitigen, denn sie wiinschen 
eine rubige Entwickhing Chinas. Es gibt gut orientierte Sudclunesen, die 
meinen, England sei der Anstifter. Da wir ohne mahere Nachrichten sind, 
so liegt das beute alles im Dunkel. 

Ober Yuan Schi Kais Charakter sind die Ansichten sehr geteilt. Ein 
hervorragend sittlioh-hochstehender Charakter war er wohl nicht. Aber er 
war ein tiichtiger, energischer, klar-schauender. erfahrener Staatsmann. Dem 
Christentum hat er seit 1911 freundKche Unterstutzung gewahrt Er zahlte 
Beitrage fur christtiche Werke, seine Tochter toesuchten eine Missionsschule. 

Mit seinem Tode ist Chinas Zukunft wieder einmal von Unruhe und 
Sorge -beschattet. Vorlaufig waltet als des Verstorbenen Naohfolger der 
VizeprSsMent, General Li Yuan Hung. Mit ihm steht zum ersten Male an 
der Spitze Chinas ein Christ. Mag dieser, wie manohe behaupten, sein 
Christentum auch wenig nach auBen -betatigen, er ist ein Mami, der vwn 
Geist Jesu innerlioh auf das starkste iberiihrt worden ist. Das kann me 
ohne Wirkung bleiben. Dr. J. Witte. 

Dfe Mission — Kirclieiisaclie. 

Es sind in der letzten Zeit des ofteren bereits Vortrage gehalten 
worden, und auf Qrund dieser auch verscWedene Broschiiren erscWenen, 
die das Thema „Die Kirche nach dem Kriege" behandelt Von letzteren 
liegen zwei vor mir, beide nur als Programmsohriften zu verwertende Ab- 
handlungen iiber dieses Thema. Es sind dies: „Die Kirche nach dem Kriege" 
von D. Martin Rade (Mohr, TuWngen 1915) und „IMe deutsche Reichskirche" 



'"■-'-'^'^■■yr ^^ .- 186 - '^y-'':c-:' 

von Dr. H. Weinel (Callwey, Munchen). Beide Verfasser beschSftigen sich 
mit der zukunftigen Qesta4t, Verfassung und Arbeit unserer evangelischen 
Kirdie. Davan soil hier nur soweit die Rede sein, als beide Schriften auch 
der auBeren Mission gedenken. Wir Missionsfreunde konnen es mir begriiBen, 
daB beide Verfasser die A uB e re Mission In Zukunit mehr als Auf- 
gabederKirche gedacht wissen wollen. Es entsprioht nun dem Zweck 
beWer Broschiiren, wenn, wie alies andere, so auch diese Aufgabe nur ge- 
streift wird, der weitere Ausbau dersdben, das Wie uml Wo unserem Denkeii 
uberlassen ble&bt. Da beide diesbezuglichen Stellen kurz skid, mogen sie 
irier ganz aufgenommen werden. 

^ So schr^t Rade (S. 43): „Aber auch m die Feme mOssen wir 
schauen. Unser Horizont ist durch den Weltkrieg mSchtig erwdtert. Die 
kiinftrge Ordming zwischen den Weltstaaten wird eine OrdtMing auch 
zwischen den WeltreHgionen sein. Und da soUte die Kirche nicht datoei sein? 
Die Mission wind in ihrem poMtrschen <und kultureUen Interesse durch den 
Krieg auch maTichem bidden Auge offenbar gewordwi sem. Hoffen wir, daB 
Staat und Handelswelt daraus die Konsequenzen Ziehen: jed en falls 
miissen wir es tu n." 

CMe Stelle bei Weinel (S. 4) lautet: „Die Heidennttssion endlic^ ist 
bis ietzt meist nur die Arbert kleiner, freilich sehr begeisterter und opfer- 
wUliger Kreise gewesen. Sie dst natiirHch nicht mehr in dem alten 4(ind- 
lichen Sektengeist der Seelenrettung zu betreiben, sondern in dem neuen 
Qedst der Schaffung christlioher Kuituren mit dem Ekischlag deutschen 
Qeasteslebens unter den serther nichtchristlichen Volkem. Und werai auch 
die Mis^on naturtich nicht hn Dienste des Handels und der poKtisdien Er- 
oberung ste9ien darf, so kann doch nur eine groBe und auf breite Qrundlage 
gestellte nationale Kirdiengemdnschaft den ungeheuren Weltaufgaben, die 
sich dem deutschen Qeist und Qlauben hier stellen, voU gerecht werden/* 

Soweit die beiden in Betracht kommenden Stellen. Die letzte Ausfiih- 
rang ist bereits abfallig beurteilt worden im 1. Heft dieses Jahrganges der 
„Allgemednen Missions-Zeitschrift". Dort sagt der Chronist (S. 41): „Gott 
bewaiire wns vor dner Mission, die von einer deutschen Reidiskirdie, in der 
jede Richtuhg vertreten ist, getrteben werden soil." Anstatt auf etnen Zu- 
sammenschhiB der verschiedenen Landeskirohen und der versciiiedenen 
Richtungen innerhalb derselben, durch die jetzige gemeinsame Not auf- 
einander angewiesen, hinzuarbeiten und auf solch eine Einigung sich zu 
freuen, mochte der Chronist in den alten Geleisen weitergehen. Schade, 
daB er durch diesen Krieg nocta nicht gelernt hat, neue Wege zu suctieii. 
W^n es schwer sein wind, sofort nach dem Krieg em Zusammenwirken der 
evangelisohen Missionen der verschiedenen Lander herbeizufithren, solite da 
nicht rnn so mehr ein solches bei den verschiedenen deutschen Missions- 
gesellschaften begrflBt werden? Denn das ist klar: soil eine deutsche Volks- 
kirohe oder — nadi Wemel — Reichsfcirchc evangelischerseits entstehen, so 
kajtn das nur „auf breiter Qrundlage" geschehen, so, daB alle Richtungen 
von diesem gemeinsamen Einigungsband in Briiderlichkeit umschlungen 
werden. Dieses wunsohen die Verfasser 'beider obengenannten Broschiiren. 
Und nur dann wSltq auch die Mdgliohkdt gegeben, daB von dieser National- 
kirche das Werk der AuBeren Mission in Angriff genommen werden konnte' 



~ 187 - 

Der „Einschlag deutschen Geisteslebens" kann in der Missionsari)eit 
einer deutsch-evangelischen Volkskirche nicht beseittgi werden, weil eben 
das Christentum nie an sich zum Vorschwn kommt, sondern nur getragen 
von groBen Volksstammen, als deutsches, lateirasches, russisdies Christen- 
tttin. EMe groBen Volker, die TrSger des Christentunis geworden sind, 
haben aus dem Chnstentum je erne besondere Seite herausgearbeitet, so 
also auch das deutsche Volk, das nun seinerseits verpftichtet ist, <Hese Qabe 
an die Menschheit wdtersugeben. Es muBte demnach auch etne deutsche 
Volkskirche als seiche sioh ihrer nationalen Aufgabe bewufit sein, wenn 
auch nicht m Dienst des Handels Oder gar poHtischer Croberungen. Wer 
aber die bisherige deutsche Missionsarbeit kennt, wtrd wissen, daB von jeher 
ihre Ehre darin toestand, anderen Volkern setostlos zu dienen. Und djese 
£hre selbstverleugnenden EHraistes wird auch fernerhjn die deutsche Mission 
begleiten. 

Was nun (Me „Scha{fung christlicher Kulturen" anbetriift, die Weinel 
im Auge hat, wShrend sie der Chrotiist <ter „A. M.-Z." verwirft, so ist mit 
diesem Ausdruck bereits ein gewisser AbschluB deutsoh-evangeHscher 
Kulturarbeit bezeichnet. Von ohristlioher Kultur kann eben nur dann die 
Rede sein, wenn in dem betreffenden Lande ein moglichst groBer Prozent- 
satz die christlidie Weltanschauung und nicht zuletzt Christi Qeist m sich 
aufgenommen hat. Wie diese Arbeit an den Menschen im ^nzelnen ge- 
handhabt wird, bleibt dahing^tellt, auf jeden Pall, verscbled^e Arten dieser 
Arbeit sind moglich und mussen naoh dem verschieden gestalteten Boden 
des menschUchen Ackers angewandt werden. 

Noch eins! Je lebendiger der Organismus der zukiinftigen deutschen 
Reichskirche sein wird — wir diirfen die Hoffming auf ein Zustandekommen 
derselben nicht aufgeft>en — , um so mehr wird diese Kirche der Notwendig- 
keit ihrer Ausdehming sich bewwBt sein, um so mehr wird die Missionsarbeit 
aufhoren, eine Sache der KoUekte oder nur gewisser Kreise zu sdn. Nein, 
die Ktrche als solche imiB, wenn Christi Qeist sie ibeseelt — so fehleriiaft die 
emzelnen irdischen Einnchtungen in ihr auch sein mogen — m Zukunk die 
Missionsarbeit betreJben, gemeinsam mit den bestehenden Missionsgesell- 
schaften. Mit etwas gutem Willen soUte dieses Ziel erreichbar sein, auf das 
wir hinzusteuern suchen. Vielleicht, daB die vor kurzem ins Leben gerufene 
„Deutsch-evangeUsche Missionshilfe" und die im Februar d. J. gegrfindete 
„Konferenz deutscher evangeKsoher Arbeitsorganisationen" dazu tlandlanger- 
dienste zu tun bereit and. ' H fi c k e 1. 

Aus unserem Vereinsleben. 



Neues Zentralbureau I 

Vom 25. August d. J. an befindet sich unser Zentralbureau nicht 
mehr in der Mittenwalder StraBe 42, sondern 

in Berlin W 57, PallasstraBe Nr. 8/9, Oartenhaus, 1. Stoclcwerk. 

Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte wohnt in Berlin- Steglitz, Sedan- 
straBe 40; Missionsinspektor Pfarrer E. Knodt wohnt in Berlin-Friedenau, 
StubenrauchstraBe 17. 




— 188 — 

Wir bitten, alle privaten und dienstlichen Schreiben fur die beiden 
Herren an die oben genannten Adressen der Herren in Steglitz beziehungs- 
weise in Friedenau zu senden. - 

Neueste Nachrichten aus unserem Vereiii. 

Auf die Dankadresse, die der Vorstand des Missionsvereins am 27. April 
an Se. Exzellenz den Herrn Staatssekretar von Tirpitz geriohtet hatte, hat 
derselbe mit folgendem Sohreiben geantwortet: 

„Dein Zentraivorstand des Allgemeinen Evangelisch-Protestaintischen 
Missionsvereins sage ich verbindlichsten Dank iiir die freunditchen Worte 
der Anerkennung, the Sie am 21. dieses Monats in AniaB meines Aus- 
^cheidens aus dem Amt ais Staatssekretar des Reichsmarineamts an mich 
gerichtet haben. Seit mir die Verwaltung des KiauteohougeWetes zuge- 
iallen war, habe ich es immer fiir meine PfKcht gdhalten, dte kultureile Arbeit 
unter der chmesischen Bevolkerung, soweit es einer Verwaltimg moglidi ist, 
zu fordern. Ich habe daher seinerzeit mit groBer Freude begriiBt, daB sich 
der AUgemeine Evangelische Missionsverein dje&er groBeti Aufgabe mit den 
ihm zur Verfiigung steiienden Kraften langenommen hat. Das Bestrebeh 
Ihres Vereins hat groBe Erfolge gehabt und "habe tch nur den Wunsch, daB 
der Same, den Sie ausgestreut haben, aaich naoh daesem Kriege Fruchte 
hervorbringen und stets Anerkennung iinden modite. Indem ich Ihreim 
Verein alles Gute iiir die Zukunft wiinsche, ^bleibe ich Uir ergebener 

v. Tirpitz, GroBadmiral." 

♦ 

Das scharfere Vorgehen unserer Feinde hat die Arbeit 
des Vereins in Ostasien gerade in letzter Zeit ertieblich erschwert. e 1 d - 
sendungen, die bisher an Pfarrer D. Wilhdm nadi 1 siflgtau, da er 
Leiter des chinesisohen Roten Kreuzes ist, ^durch diese Organisation bestens 
vermittelt worden sind, sind jetzt von den Englandern zuriickgewiiesen 
worden, da Pf r. Wilhelm eln Deutscher sei. B r i e f e , die von hier nadi 
Ostasien geiien, sind off€nbar seit vieien Monaten driiben nicht mehr ange- 
kommen; das zdgen sparliche Nachrichten. die der Verein von driiben er- 
halten hat. Der Miss ionsarzt des Vereins, Dr. EyI, der ^en 
Transport deutsoher Frauen und Kmder aus China begleiten soHte, ist von 
den Englandern vom Schiff heruntergeholt und in Hongkong ge- 
fang«n gesetzt worden. Er hofft, durch Hilfe der Amerikaner f rei 
zu kommen. In der Stadt Kaumi in Schantting haben die aanerikani- 
schen Presfcyterianer die Weiterfiihrung der Werke des Missionsvereins 
einstweiien tibernommen, da der Missionsverein keine Moglichkeit mehr 
hatte, m Kaumi fiir das Werk zu sorgen. Mit den Presbyterianern hat der 
Missionsverein schon lange vor dem Kriege Freundschaft gepflegt. Die 
deutschen Kriegsgeiangenen hi Japan sind sehr erfreut worden 
durch groBe Sendungen von Biichern und Zeitschrrften durch den Missions- 
verein. Der Verein ist audi weiterhin gem toereit (Berlin SW. 29, Mitten- 
walder StraBe 42), solche Sendungen an die deutschen Kriegsgefangenen 
zu vermittebi. Er bittet um Zusendung von Biichern und Zeitschriften fiir 
diesen Zweck. 



- 189 - 
Bficherbesprechungen. 

D. J oh. War neck, Menschenohnmacht und Gotteskraft Kriegs- 
erfahFung«n der deutsciien Mission. Berlin, 1916. Verlag vwi Martin 
Warneck. 32 S. 30 Pf. 

In der Joh. Warneck stets dgenen warmen, klaren und spannenden 
Darstellung wird hier ein kurzer CberbHok und EinbUok geiboten iiber die 
guBeren Erlebnisse der deutsohen Mission im Krtege und in die inneren 
Wandlungen, die ^e erlebt. Es ist alles gekleidet ki die dert>e, massive 
Aufiassung des volksttimUchen Pietismus. Scharf wendet sich Warneck 
gegen die englische und die englisch-a(merrkajrische Mission: „Jeder Wunsch 
von Zusammenarbeit muBte im Keime ersterben, werni jene ihre Verfehlung 
nkiht einsehen oder ibekeraien." Es folgt ein Bekenntnte, daB man die Edin- 
burger Tagung ilberschStzt haibe und nun sehr erniichtert sei. „0b wir zu- 
nSchst nicfat lieber auf innigere Fiihlung unter den deutschen Mis^tmen hin- 
arbeiten und zwar in aller Stille, ohne gieich den Segen von dem, was Gott 
geiingen HeB, wegzuposaunen?" Wtr wollen abwarten, was in dieser Rich- 
tung geschdien wird. VorlSuftg sieht man da nicht viel Hoffnungsfrohes. Im 
ganzen ist es «in >hiibsches und lebrreiches, anr«gendes Heft, dessen Lesen 
inneren Qewinn brtngt. Dr. J. W i 1 1 e. 

Veit Valentin, Kolonialgeschichte der Neuzeit. Mit 2 farbigen 
Karten. Tiibingen, 1915. Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siefeeck). 226 S. 
4,80 M., geb. 6 M. 

„Kolo'nisatton ist im letzten und hochsten Sirnie der Machtausdruck 
des reifgewordenen modernen Staates." „Die Kolonisation kann somit an- 
gesehen werdra als letzter Qradmesser nationaler Kraft und nationalen 
SeJbstbewuBtseins." Der Verfasser behandelt zunaohst die wichtigsten 
Epochen der modernen Kolonialgeschichte, die spanisch-^ortugiesische, die 
hoilSndische, die franzosisch-englische, <Ue britiscfae und die Volkerwande- 
rung der WeiBen und ihre Gegenstromungen. Dann werden eingehend die 
emzelnen Volker in Birer Kolonialtatigkeit, in Anlehnung an obige Epochen, 
verfdgt. In dieser Hauptbesprechung steht am SchluB die deutsche Koloni- 
sation. Das Qanze ist ein AbriB. Ober einen AbriB zu beriohten, ist schwer, 
soil man tns Einzelne gehen. Mit Recht sagt der Verfasser: „Die Abwand- 
lung der neuzeitHchen Geschktite, die Kampfe um poHlische Qeltimg und 
Hegemonie in Europa sind ohne die Kenntnis des kolonialen Wettbewerbes 
mcht zu verstehen." Diese Kenntnis wird duroh diesen AbriB vorziigHdi 
vermittelt. Ohne jede Trockenheit uberreicher AufzShlung wird jnit Griind- 
licbkeit aller wissenswerte Stoff g^oten und in vorztiglkAer Klarheit dar- 
geboten. Fein werden die VerscWedwiheiten in der Art der Kolonialarbeit 
der einzelnen Volker herausgearbeitet. Das Buch sei warm empfoihien. Es 
ist fur alle Freunde der Mission durchaus notwendig, fiber die Kolonial- 
geschichte der Neuzeit orientiert zu sein. Hier ist ein ausgezeichnetes 
Mittel gegeben. Dr. J. W i 1 1 e. 



des 




- — 190 — ■"■■'' -^^■' :■■■"■■ 

Halbjahrsbericht ^ 

Missions -Superintenden ten D. E m i 1 Schiller zu Kyoto. 
(Abgeschlossen am 15. Oktober 1915.) 
(SchluB.) 
8. Die j^^ligiose Arbeit unter den Kriegs- 

gefangenen. 
die Errichtung von mehreren Barackenlagern auf dem 
und die daraufhin erfolgte Verlegung einer Anzahl von Kriegs- 
gefangenen ist die Zahl der Kriegsgefangenenlager in Japan auf 11 
zusammengeschmolzen. Sie liegen aber weit auseinander und sind 
zum Teil, z. B. die 6 auf den Inseln Shikoku und Kyushiu, nur schwer 
zu erreichen. Doch konnten wir es einrichten, daB im Durchschnitt 
in jedem Lager einmal im Monat ein evangelischer Qottesdienst von 
uns gehalten wird. Mehr wiirde der Beiiorde auch nicht willkommen 
sein. An_ der^Abhaltung der Qottesdiens te nimmt auBer uns drei 
Missionare n auch der Freimissionar Qundert, der gerade eine 
UeEFerstene am Obe rgymnasimn zu Kumamoto angenommen hat , 
in dankenswerter Weise teil. Auch einige amerikanische Missionare 
nehmen sich der Kriegsgefangenen an; doch bildet bei ihnen die 
Sprache ein groBes Hindernis. In einigen Lagern halten die kriegs- 
gefangenen Missionare zuweilen weitere Qottesdienste; so predigen 
z. B. in Kurume unser Missionar Seufert und der rheinische Mis- 
sionar Graf abwechselnd alle 14 Tage. An einem Orte veranstalten 
auch die Offiziere selber Qottesdienste mit den Mannschaften. Auch 
die Frauen der Kriegsgefangenen. die an einigen Orten in gro Ber 
Einsamkeit, fern von allem europaischen Verkehre leben. we rden 
nach Mogiichk eit von uns besucht. S ie wohnen ir. der NShe ihrer 
internierten Manner, kdnnen dieselben aber alle Wochen nur eine 
Stunde lang, an einigen Orten auch nur alle 14 Tage eine Stunde 
lang unter Aufsicht sehen. In Shnlicher Weise wie von uns wird 
auch von der katholischen Kirche die Seelsorge in den Lagern ge- 
handhabt. 

Wenn auch der Instanzenweg zur Erlangung der Erlaubnis fiir 
jeden emzelnen Qottesdienst m jedem einzelnen Lager umst^dlich 
und zeitraubend und der Wunsch der japanischen Offiziere nach 
freien Sonntagen manchmal der Festlegung der Qottesdienste hinder- 
lich ist, so kann ich doch im allgemeinen nur fiber hofliches und 
freundliches Entgegenkommen der japanischen Leitung reden. An 
einem Orte versicherte mir der Lagerkommandant sogar, daB er sich 



- 191 - 

jedesmal fiber meinen Besuch freue, da er nach der Predigt eine 
Besserung in der Haltung der Leute bemerke. Es ist ja nur zu natur- 
lich, daB die Kriegsgefangenen infolge der langen, eintonigen Inter- 
nierung ohne Berufstatigkei t allmahlich geisti g uhd lelSTich schlapp 
werden. An manchen Orten konnte ich auch die Kranken im 
Hospitale besuchen, vor allem in Osaka, wo auch noch Verwundete 
von Tsingtau her sich befinden, die im Garnisonlazarette eine gute 
Srztliche Beh andlung erfahren. D^dfe" hygienischen Verhaltnisse^ 
im allgemeinen gut sind, so kommen verhaltnismaBig wenig Er- 
krankungen vor. Die japanische Kaiserin hat auch diesmal wieder, 
wie schon in den fruheren Kriegen, kunstliche QiiedmaBen gestiitet; 
es sind aber nur wenige, welche derselben bedurfen. Erwunscht 
ware es, wenn die dauernd Kriegsuntauglichen entlassen werden 
konnten. An Unterhaltung untereinander fehit es in den meisten 
Lagern nicht. Oberall ist ein Sportplatz angelegt, doch werden von 
einigen Lagern aus niemals oder doch kaum Marsche in die Um- 
gebung veranstaltet. Zeitungen, Brief e und Pakete an die Kriegs- 
gefangenen kommen ungehindert an, so daB man in den Lagern fiber 
die Verhaltnisse daheim gut unterrichtet ist. Manche Leute sind 
sehr fleiBig mit ihrer Weiterbildung beschaftigt; namentlich Sprachen 
und Mat hematik werden getrieben. Ein kriegsgefangener Gym- 
nasiast_aus Tsingtau, der leider getrennt von seinem ebenfails 
kriegsgefange nen Vater intemiert ist, erhait von seinen alteren 
Kanieraden regelmSBigen Unterricht. Andere bereiten sich auf 
spatere Examina vor. In einem Lager halten die Offiziere mit ihren 
Leuten regelmaBige Klassen. Da ein groBer Teil der Kriegs- 
gefangenen eine hohere Bildung hat, so konnte in dieser Beziehung 
noch mehr geschehen, wenn nicht das Organisieren solcher Dinge 
mit der Lagerordnung im Widerspruch stande. Daran scheiterte 
z. B. die geplante Einrichtung einer Art Handelsschule in einem 
Lager. Auc h Sfingerchore und Musikkapelle n sind verschiedentlich 
gebildet worden. Ein ganz vorzfigliches Orchester, das Kfinstler zu 
seinen Mitgliedern zahlt, befindet sich in Tokushima. Es hat kfirzlich 
bei der Einweihung einer neuen katholischen Kirche in dieser Stadt 
mitgewirkt. Aber auch meine Gottesdienste werden dort gesang- 
lich und musikalisch immer sehr sorgfaltig vorbereitet. 

Alles dies verhindert naturlich nicht, daB die Intemierten unter 
der Eintonigkeit des Lagerlebens leiden, je nach dem Temperament 
in verschiedenem MaBe. Das fuhrt dann zu Fallen von Insubordi- 



nation, zu zwecklosen Fluchtversuchen und nachfolgender Be- 



_ 192 - *: 

strafung. Am besten sind die VerhSltnisse in den kleinen Lagern, 
namentlich da, wo die eigenen Offiziere nicht von den Mannschaften 
getrennt sind. In einem solchen Lager fand ich z. B. bei meinem 
letzten Besuche, daB auch noch nicht eine einzige Bestrafung vor- 
gekommen war. Stellenweise sind die Leute auch allzu eng unter- 
gebracht. So hatte ein Universitatsprofessor mit 47 Leuten einen 
Raum von 42 Matten zur Verfugung, so daB auf jeden zum Wohnen 

. und Schlafen 2^ Quadratmeter Bodenraym k ^m. A ls er nach einem 
halben Jahre mit elf anderen einen Raum von 18 Matten erhielt, so 
daB auf jeden 3 Quadratmeter kamen, war das schon eine gewaltige 
Verbesserung. Die Verpflegung ist nach anfanglichen andersartigen 
Versuchen, die wenig befriedigend waren, da die Japaner in der 
europaischen Kuche unerfahren sind, schlieBlich uberall so geregelt 
worden, daB die Kriegsgefangenen selber sich die Lebensmittel, die 
ihnen dargereicht werden, zubereiten. Es ist dafur fast doppelt so 
viel Geld ausgeworfen, wie fur die japanischen Soldaten, di e ja 
hauptsachlich von Reis leben. AuBerdem erhalten die einzelnen 
noch kleinere Qeldzulagen, die von privater Seite wesentlich erhoht 
worden sind. Leider haben gerade die im Hospital befindlichen 
Leute an der WOhlSChmeckenderen Lagerkost keinen Antell. Wenn 
auch das Los eines Kriegsgefangenen kein beneidenswertes ist, so 
darf man doch mit gutem Gewissen sagen, daB die Angehorigen in 
der Heimat sich keine Sorgen zu machen brauchen. Die Zahl und 
der Umfang der Briefsendungen, welche den Leuten zustehen, iSt 

Jbeschrankt und verschieden nach dem militarischen Range der Inter- 
nierten; doch hat jeder der Kriegsgefangenen die Moglichkeit, sich 
mit seinen Angehorigen in Verbindung zu setzen. Ich darf wohl 
mein Urteil dahin zusammenfassen, daB ich bei den japanischen Be- 
horden den guten Willen gefunden habe, die Kriegsgefangenen nicht 
nur_korrekt, so ndern auch f reundlich zu behandeln. Verschieden- 
heit des Klimas, der Sitten und der Lebensweise bringen manches 
mit sich, was als hart erscheinen mag, aber nicht so gemeint ist. 
Aber auch hier verleugnet sich die Freundlichkeit nicht, die ein 
Charakterzug des japanischen Volkes ist. Immerhin ist es ein 
Schmerz, so viele gesunde, riistige Manner zur Untatigkeit verurteilt 
zu sehen. Moge ihnen alien bald die Freiheit wiedergegeben werden! 



Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 
Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann &. Reiber, Qorlitz, Demianiplatz 28. 



Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. 

Von Professor Dr. Hans Haas. 
(Fortsetzung.) 

„Es besteht aber auch," so schreibt, den Reigen der Bestreiter 
des Muhammed eroffnend, der beruhmte Theologe Johaimes Da- 
mascenus (gest. c. 750), „die bis jetzt herrschende volkerverfuhrende 
Sekte der Ismaeliten, die eine VorlSuferin ist des Antichrist." Ein 
Lugenprophet ist ihm ihr Stifter, der dem Voike vorgelogen, seitffe 
Verkiindigung einer Urkunde zu entnehmen, die ihm vom Himmel 
fierabgefallen sei. In Wahrheit habe er sich mit dem Alten und 
Neuen Testament bekanntgemacht und dann in Qemeinschaft mit 
einem arianischen Mdnche seine HSresie zusammengesteiit. 

Ausfuhrlicher als der Damascener ist der 819 gestorbene byzan- 
tinische Chronograph Tbeophanes Coniessor. In seiner Geschichte 
zum Jahre 622 (!) kommend, schreibt er: „In diesem Jahre ist 
Muhammed gestorben, der Fuhrer und falsche Prophet der Sara- 
zenen." Sodann erzahlt er, daB die Juden anfangllch den von ihnen 

erwarteten Messias in ihm gesehen batten und in diesem Qlauben 
erst irre geworden seien, als sie gesehen, dafi er von Kamelfleisch 
aB. Es folgen ein paar Sdtze tiber die Herkunft und Jugend des Pro- 
pheten, und dann liest man welter: „Er verkehrte mit Juden und 
Christen und verschaffte sich von ihnen einige Schriften. Er hatte 
aber das Leiden der Epilepsie. Als dies seine Frau wahrnahm, be- 
triibte sie sich sehr, da sie als eine Vornehme sich nun mit einem 
solchen verbunden sah, der nicht bloB arm, sondern auch epileptisch 
war. Er bemuhte sich aber, sie auszusohnen, indem er sprach: ich 
schaue ja ein Gesicht des Engels, welcher Gabriel heiBt, und da ich 
dessen Anblick nicht ertragen kann, so werde ich ohnmachtig und 
falle nieder. Sie aber hatte einen wegen seines Irrglaubens ver- 
bannten Monch bei sich, der daselbst wohnte und ihr befreundet war, 
und erzahlte diesem alles, auch den Namen des Engels. Und jener, 
um ihr Oberzeugung zu geben, sagte ihr, daB Muhammed wahr ge- 
sprochen; denn eben dieser Engel werde an alle Propheten ge- 
schickt. Sie aber, zuerst empfangend die Nachricht des falschen 
Abts, des Irrglaubigen, dessen Name Sergius, glaubte ihm und er- 
zahlte es den anderen Frauen ihres Stammes, er sei ein Prophet. 

Zeitsdirift fur Missionskunde und Religionswissenschaft 31.Jahrg«ns. Heft 7. 



---/;;-.-:■: : _ 194 - .;-:;- :--^^:' 

Und so von den Frauen gelangte die Sache zu den Mannern, zuletzt 
auf den Abu Bekr, den er auch als Nachfolger zurucklieB. Und es 
bemachtigte sich seine Haresie der Qegenden von Jatrib (Medina)." 
..^. In dieser Relation des Theophanes, die der Bibliotheker 
Anastasius in seine Historia ecclesiastica unverandert uber- 
nommen*), geht Wahres und Erfundenes durcheinander. Mit ihr 
aber stimmen inhaltlich und in einzelnen Satzen selbst im Wortlaut 
die Ausfuhrungen aller nachfolgenden byzantinischen, weiterhin 
aber auch die der womoglich noch beschrankteren und unduld- 
sameren lateinischen Skriptores, die ich einzeln hier naturlich nicht 
auffuhren kann, durchaus iiberein. Nur daB, je langer, desto mehr, 
Ser Unrat boswilliger Verklafterung sich hauft. So hat man schon, 
nicht lange nach 900, bei Constantinus Porphyrogeneta zu lesen, 
Muhammed habe, im Dienste der Witwe stehend, die nach- 
her seine erste Qattin wurde, zuversichtlich werdend, sich ihr ver- 
brecherisch genahert. 

Ein gut Stuck weiter geht eine urn 1100 entstandene lateinische 
Dichtung „Historia Mahumetis", deren Verfasser Hildebert, Erz- 



*) Anno vero imperii Heraclii XXI loannes papa romanus hatoetur, hoc 
etiam anno Muamed Saracenorum (qui et Arabum) princeps et pseudo- 
propheta, moritur, promoto Abubacharo cognato suo ad princtpatum suum. 
Ipso<FU€ tempore venit auditio ejus, et omnes extimuerunt. At vero -decepti 
Hebraei, in principio adventus ejus, aestimaverunt esse ilium qui ab eis 
expectatur Christus: ita ut quidam (eorum) qui intendeibant eu accederent 
ad ipsum, et ejus religionen susciperwit: Mosis inspectoris Dei dimissa . . . 
Oim autem inops et orphanus praedictus esset Moamet visum est sjbi a<l 
quandam introire mulirem locupleterti et cognatam suam, nomine Chadigam, 
mercenarlus, ad negotiandum cum cameHs apud Aegyptum et Palaestanam, 
pauiatim autem fiducia penes ipsam percepta mulierem quae vidua erat, 
accepit eam uxorem. et habuit capielos iliius atque substantiam, cumque 
veniret m Palaestmam, conversaibatur cum ludaeis et Ghristianis: capiebat 
autem ab eis quasdam scripturas. Porro habebat passionem epilepsiae, quo 
comperto, hmus coniux oppido tristabatur; utpote nobilis, et quae se huwis- 
modi copularit, egeno scilicet et epileptico, proourat vero ipse placare il am 
taHter dicens. Qui visionem quandam angeli Qabrielis dfcti contemplor; 
et non ferens huius aspectum, mente defido et cado, ipsa vero cum haberet 
et alteram quendam propter inlidelitatem ibidem exsulem habltantem amicum 
suum, indicavit ei omnia, et nomen angeli, at ille volens eam reddere certam, 
dixit ei, Veritatem locutus est: etenim ipse angelus mittitur ad cunctos 
prophetas. Ipsa ergo prima, suscepto pseudomonachi verbo, credidit ei, et 
praedicavit id aliis mulieribus oum tribulibus smis, prophetam eum e^e: et 
taKter ex feminis fama venit ad viros: primo dumtaxat ad Abubachartum, 
quem et successorem dimisit: et tenuit haeresis eius partes Aethribi: 
postremo per bellum, nam primum quidem occulte, annis decern; et bellq 
similiter decern, et manifeste novem. Docuit autem auditores suos, quod qui 
occkiit inimicum, vel ab inimico occiditur, in paradisum ingrediatur. Para- 
disum vero carnaMs cibi ac potiis et commixtiwiis mulierum perlubebat: 
fluvhimque vini ac mellis ac lactis, et feminarum non praesentium, sed 
aUarum: et mixturam multorum annorum futuram, et affluentem voluptatem. 



~ 195 ~ 

bischof von Tours, aus dem Propheten einen ganz gemeinen Wust- 
ling machend, Verse dichten kann, die deutsch sich nicht wohl 
wjedergeben lassen. 

Ouare laudari coeptus fuit et celebrari 

omnis concubitus lege sacra vetitus. 
Dum tibi, Natura, rapuerunt in tua jura, 

fetnina quaeque parem, mas subigendo marem; 
Et contra morem frater premit ipse sororem, 

nupta soror fratri victima fit baratri; 
Incestat matrem sua proles, filia patrem: 

sic quicquid libuit lege nova licuit. 

• Damit wollen die sittlichen ZustSnde geschildert sein, die durch 
die Einfiihrung der Religion des von Jerusalem nach Libyen ge- 
kommenen zaubermachtigen Muhammed dorten eingerissen. 

Als ein Lehrmeister der Unzucht und ein GefaB der Unreinigkeit, 
der vor keinem Betruge und iiberhaupt vor keiner Niedertrachtig- 
keit zuriickscheut, als ein vom Teufel Besessener, der nicht nur Viel- 
weiberei, sondern selbst Vielmannerei gestattet, erscheint der Pro- 
phet in einer anderen lateinischen Dichtung aus der Mitte des 
12. Jahrhunderts, in des Monches Qautier „Otia de Machomete'% 
einer Oeschichte seines Lebens, deren Stoff auf die Mitteilungen 
eines bekehrten Muslim zuruckgehen soil und die uns auch in einer 
altfranzosischen Bearbeitung von Du Pont erhalten ist. Qleich aui 
der ersten Seite dieser Version hat man zu lesen: 

Mahom del tout laissie avoit; 
Car toute la gille savoit 
Que Mahommds fist en sa vie. 
Le barat et la trecherie. 

Das wird erklarlich, wenn man bedenkt: diese Reime sind ge- 
schrieben in der Zeit der Kreuzziige, einer Zeit, die erregt war von 
religioser, von der Kirche geflissentlich geschtirter Leidenschaft, 
einer Zeit auch, zu der es iiber Muhammeds Leben iiberhaupt noch 
kaum Qeschriebenes gab. 

Wie in diesem Opus, so verrat der christliche Ingrimm iiber die 
von den Ttirken erlittenen Niederlagen sich auch sonst in wiisten 
Schimpfereien. Den „Erstgeborenen des Satan", einen „elenden 
Verfuhrer" und „Boten des Teufels" schilt den Propheten der beste 



- 196 - .:-. 

Qeschichtsschreiber der Kreuzzuge, der Erzbischof WIHielm von 
Tours (seitll75). AlsZauberer, alsKamelrauber undWegelagerer, als 
Morder und was sonst noch alles fiihrt ihn Vincentlus von Beauvais 
urn 1200 vor in seinem weitverbreiteten Speculum historiale, in dem 
auch die muslimische Bibel nicht zum besten wegkommt. Was wuBte 
dieser Kompilator vom Koran? Und kann doch iiber ihn die Worte 
schreiben: Puto etiam, quod daemones taiia scribere erubescerent. 
Andere batten viel bessere Alcorane geschrieben, und nur „quia non 
ex toto ventri et libidini frena laxabant, non tantos bestialium homi- 
num greges asinios post se trahere potuerunt". In dieser umfang- 
reichsten EnzyklopSdie des Mittelalters haben wir wohl die voll- 
standigste Sammlung aller auf Muhammed beziiglichen Sagen, Fabeln 
und verleumderischen Erfindungen des christlichen Mittelalters. Ein 
Jakob von Vltry, der gelehrte Bischof von Akkon, (gest. 1240) nennt 
den Muhammed „schmutzigen Hund" und „Schwein", Shnlich wie 
ein Petrus de la Cevalleria und ein VIvaldus, die ihn auch nicht nur 
als filium diaboli qui patre suo pejor est, sondern als onagrum, als 
asinum sylvaticum oder ganz allgemein als bestiam bezeichnen. 

Natiirlich, daB er, der in Wirklichkeit nach unanfechtbarer Ober- 
lieferung wie nur einer „in Schonheit gestorben" ist, auch ein Ende 
finden mufite, wie es einem solchen raudigen Qesellen ziemt. Eine 
Herde Schweine — so erzahlt Gulbert von Nogent (1053 — 1124), der 
in seinen Qesta Dei per Francos iiberhaupt alles gesammelt hat, 
was an neuen Legenden bis in seine Tage dem Berichte des Theo- 
phanes zugewachsen war — soil sich auf ihn gestiirzt und ihn bis 
auf die Hacken, die allein iibrig blieben, aufgefressen haben, als er 
einmal in einem seiner epiieptischen Anfalle bewuBtlos zu Boden 
gefalien sei. Bei dem Chronisten Matthaus Parisiensis (gest. 1259) 
wird daraus weiterhin, daB ihn im Zustande vollster Trunkenheit 
und Obersattigung eine Sau erwiirgt habe. Er habe sich, heiBt es, 
dem Trunke ergeben und sei einst in Mekka auf dem Heimwege von 
einem groBen Qelage bewuBtlos auf einem Misthaufen niederge- 
sunken; kurz darauf seien Schweine gekommen, die den Schlaf en- 
den aufgefressen batten, und dies sei auch der Qrund, weshalb die 
Muslims kein Schweinefleisch aBen. Wieder eine andere Version, die 
sich z. B. bei Eulogius von Cordova findet, lautet dahin, Muhammeds 
Leichnam sei von Hunden aufgefressen worden: er habe, als er sein 
Ende nahen fiihlte, von sich vorausgesagt, daB er drei Tage nach 
.seinem Tode, von Engeln geweckt, wieder zum Leben erstehen 
werde; da batten in Erwartung des Wunders seine AnhSnger Wache 



- 197 - 

bei seinem Leichnam gehalten, aber wegen des ublen Qeruches sich 
zuriickziehen miissen, wahrend dieser Zeit seien dann Hunde ge- 
kommen, statt der Engel, und batten ihn verspeist. 

Dergleichen ist offensichtlich nichts welter als freie Erfindung 
unfreundlicher und skrupelloser christlicher Kritiker, deren Phantasie 
dem Qegner widerfahren laBt, was ihm nach ihrer Meinung rechtens 
hatte widerfahren mussen. 

Auf derselben Linie liegt es, wenn Dante (gest. 1321) in seinem 
Inferno (Canto XXVIII, 22 ff.) seine nach den MiBerfolgen der Kreuz- 
ziige auf die Muslims erbosten Zeltgenossen charmierte, indem er 
ihnen Muhammed malt im neunten HoUenschlund befindlich, mit ge- 
schlitztem Leib, aus dem die Eingeweide hSngen:- 

„Ein FaB, von welchem Reif und Dauben weichen, 
Ist nicht durchlochert, wie bier einer hing, 
Zerfetzt vom Kinn bis zu QesaB und Weichen, 
Dem aus dem Bauch herunter im Qeschling 
Qedarm' und Eingeweid', wo sich die Speise 
In Kot verwandelt, samt dem Magen hing. 
Ich schaut' ihn an und er mich gleicherweise, 
Dann riB er mit der Hand die Brust sich auf 
Und sprach zu mir: „Sieh, wie ich mich zerreiBe! 
Sieh bier das Ziel von Mahoms Lebenslauf! 
Vor mir geht AH, das Qesicht gespalten 
Vom Kinn bis zu dem Scheitelhaar hinauf. 
Sieh alle die, da sie auf Erden wallten, 
Dort Argemis und Trennung ausgesat, 
Zerfetzt bier unten ihren Lohn erhalten." 

Muhammed ist bier als „seminator di scandalo e di scisma" den 
HSretikern gesellt. 

• Damit geht der Dichter ganz in den Spuren der kirchlichen 
Schriftsteller. Auch ihnen ist der Prophet der Araber ein christlicher 
Ketzer, ein Schismatiker, ein zweiter Arius, em Arius aber, schlimmer 
als der erste. An seinen Namen knupfen sich Legenden. Beim Lichte 
besehen, erweisen sie sich als bloBe Dubletten alterer Legenden, der 
Art etwa, wie man sie kannte von einem Simon Magus, dem magister 
.et progenitor omnium haereticorum, oder aber von Nikolaus, einem 
der sieben Diakonen der Apostelgeschichte, der, der angeblicHe 



— 198 — 

Stifter der Sekte der Nikolaiten, gelehrt haben soil, das Fleisch zu 
mifibrauchen. 

Ober den Ursprung der HSresien bildet sich eine allgemeine 
Theorie aus. „Una mater superbia omnes (haereses) genuit", hat 
schon Augustin gesagt (sermo XLVI, 8, 18; Migne 38, 280), und: 
„quae (superbia) si non esset, non essent haeretici neque schismatici" 
(de vera religione c. 25, 47; Migne 34, 142). Was die HSretiker auf 
ihre verabscheuungswUrdigen Abwege fiihrte, ist immer dasselbe ge- 
wesen, Hochmut. In der Kirche hat man ihnen den Platz nicht ein- 
geraumt, den ihr Ehrgeiz fiir sie heischte. So haben sie sich von ihr 
losgesagt. Das wird nun angewandt auf Muhammed. Muhammed 
hat betrachtliche Telle der Welt zur Kenntnis des Einen wahren 
Gottes, ja zum Christentum gefuhrt. Der Papst und die Kurie aber 
erwiesen sich ihm gegeniiber unbillig, sie haben ihm den Rang ge- 
weigert, auf den er Anspruch zu haben meinte. So ist er zum Schis- 
matiker geworden. Kardinal der heiligen romischen Kirche, so lautet 
im 13. Jahrhundert bestimmter eine Fassung der Fabel, eine gerade- 
zu groteske Vorstellung, Kardinal sei er gewesen und habe nur darum 
eine neue Sekte aufgerichtet und damit der romischen Kirche Ab- 
bruch getan, wie nie vor ihm ein Schismatiker, well man den Ehr- 
geizigen nicht zur papstlichen Wiirde habe aufriicken lassen. 

Es begegnet uns ja freilich auch noch eine andere, altere Auf- 
fassung im fruhen Mittelalter, die von Muhammed als Sektenhaupt 
Oder als Begrunder einer neuen Religion nichts weiB, eine Auf- 
fassung, der die „Sarazenen" schlechtweg H e i d e n sind, denen man 
eben deshalb auch dieselben Qottheiten zuschreibt wie diesen. In 
Betracht kommen hier vor allem die altfranzosischen chansons de 
geste. Entstanden ist diese Art Literatur zum groBen Teil erst nach 
den Kreuzziigen, durch die man im Abendlande den Orient besser 
kennen lernte. Qeschildert werden in diesen popularen Dichtungen 
die Sarazenen aber doch noch ganz nach dem verschwommenen 
Erinnerungsbilde, das sich aus der Zeit der Einfalle der Araber in 
Spanien und Siidfrankreich im 8. Jahrhundert im Volk erhalten hatte. 
Und so erscheint denn die Religion der Muhammedaner, sie, deren 
eintonige Litanei das „Es ist nur Ein Qott" ist, seltsamerweise als 
eine Religion der Vielgottei-ei. Der hochste Qott in ihrem Pantheon 
soil ihnen Muhammed gelten, in dem sie beides sahen, den Schopfer 
und Erhalter der Welt, wie auch den kiinftigen Rjchter, Und wShrend 
der Islam doch alien Bilderkult geradezu verabscheut, ist in dieser 
Literatur immer und immer wieder die Rede von mit Gold und Edel- 



— 199 - 

steinen reich besetzten, in kostbare Teppiche gehullten Idolen des 
Jupiter, Apollo, Tervagan und dazu des Mahom selbst, die in den 
Heidentempeln, den sogenannten Mahomerien, angebetet und mit 
Opfern, sogar mit Menschenopfern verehrt wiirden. 

Bekundet diese letztere, volkstumliche Auffassung, die sich aber 
selbst noch bei priesterlichen Qeschichtsschreibern der Kreuzzuge 
findet, nichts weiter als nur eben krasse Ignoranz und eine vollige 
Verkennung des Wesens des Islam, so liegt in jener anderen, ge- 
lehrten, die dessen Stifter in die Reihe der Haresiarchen der Kirche 
einstellt, wie ohne weiteres zuzugeben ist, viel Wahrheit. So steht 
ja auch C a r 1 y 1 e nicht an, den Islam nur als eine getrtibte Form 
des Christentums zu erklaren, und das, wenn man auf den wilden, 
verzuckten Ernst blicke, mit dem man sie glaubte und sich dieselbe 
zu Herzen nahm, eine bessere Art Christentum als die jener elenden 
syrischen Sekten mit ihrem nichtigen Qezank iiber Homoiousion und 
Homoousion; so kann ein Noldeke meinen, der Sachverhalt lieBe 
in der Tat die Folgerung zu, daB der Islam eine wesentlich in den 
Spuren des Christentums gehende Religionsstiftung ist, mit anderen 
Worten die Form, in welcher das Christentum in Qesamtarabien 
Eingang gefunden hat; und so kann A. Mez erklaren, der Islam 
musse als Schwester, wenn nicht gar als Tochter des Judenchristen- 
tums betrachtet werden, und die Kirche werde sich daran gewohnen 
miissen, so schwer es ihr falle, in ihm ihre machtigste Sekte zu 
sehen. Nicht nur, daB Muhammed jiidische Qrundvoraussetzungen, 
die er von Juden erkundet, zum Teil mit den Christen gemein hat, 
auch die Person Jesu hat ja, wie Abraham und Mose, einen Platz 
in seiner von Christen nicht unbeeinfluBten Verktindigung, und das 
einen prominenten Platz: er ist der letzte und groBte in der Auf- 
einanderfolge der groBen Qottgesandten gewesen, durch die Qott 
zu den Menschen geredet, ehe er in Arabien Muhammed erweckt hat, 
Auch in dem Anspruche, eine bessere Erkenntnis zu haben als die 
Kirche, die Religion auf die letzte reinigende Stufe der Entwicklung 
zu heben, und diese damit zu erfullen, abzuschlieBen, auch darin hat 
Muhammed — ich erinnere hier bloB an Montanus — seinesgleichen 
in anderen Haretikern des Christentums. 

Freilich, lieB man ihm gleich doch wenigstens die Ehre, ein 
Quasi-Christ zu sein, ein bloBer Dissenter, — wie weit war man ent- 
fernt von dem Sinne eines Gottfried Arnold, des spateren Autors der 
wUnparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie", der meinte, auch die 
Ketzer miiBten selber gehort, nicht nach den Zeugnissen ihrer 



- 200 - 

/■ ' ■ 

Gegner, sondern nach ihren eigenen Schriften geschildert und be- 
urteilt werden! 

Von dem Ketzer Muhammed gibt es eine Schrift, ein Buch, 
will das sagen, das ja allerdings nicht von ihm selbst geschrieben, 
doch aber nach Sinn und Inhalt recht eigentlich s e i n Buch und die 
beste Quelle fiir die Kenntnis wie seiner Lehre, so auch seines Lebens 
und seines Charakters ist, den Koran. Qekummert haben sich die 
christlichen Bestreiter des Propheten um diese fremde Bibel herz- 
lich wenig. 

Wie der Ketzer, der bei anderen christlichen Ketzern und bei 
Juden in die Schule gegangen, als den man sich Muhammed vor- 
stellte, geschildert wurde, auch noch nachdem man angefangen, den 
Koran mitzuniitzen, das ersieht man am besten, indem man zu einem 
im Jahre 1625 verfaBten Werk greift, dessen Autor, ein katholischer 
Laie, Baudier, es als erster untemimmt, statt der bis dahin iiblich 
gewesenen christlichen Widerlegungen Muhammeds eine zusammen- 
hangende Darstellung seines Lebens und seiner Lehre zu kompi- 
lieren. Schon auf dem Titelblatt ist Muhammed bezeichnet als der 
„falsche Prophet". Eine Approbation theologischer Qelehrter, die 
dem Buche des Laien vorangestellt ist, bereitet den Leser daraut 
vor, daB er zu horen bekommt von „Irrtumern und Qeilheiten" dieses 
Propheten, von seinen „Betrugereien", der „Nichtigkeit seiner 
Sekte", „seiner lacherlichen und ungeschliffenen Lehre". Und in der 
Tat enthalt auch der Autor, dessen Quellen in der Hauptsache doch 
eben nur die alten Schriften kirchlicher Polemiker sind, seinen 
Lesern nichts vor von alien schlimmen Nachreden gegen den Pro- 
pheten, die er nur irgend bei diesen hat finden konnen: er gefallt 
sich geradezu darin, alle seine Raubereien, Qrausamkeiten, 
Hurereien an das Licht zu Ziehen. DaB das Werk auch seine Leser 
fand, bekunden seine wiederholten Ausgaben. 

In u n s e r e Sprache scheint Baudier nicht ubersetzt worden 
zu sein. Aber deutsche Skribenten blieben hinter dem franzosischen 
Autor nicht zuriick im schonungsloser Verklafterung des Propheten. 
Der Literaturhistoriker Jakob Minor hat eine Anzahl solcher wiisten 
Sammelsurien iiber die Tiirkei und die Tiirken verzeichnet, Literatur, 
deren Drucklegung sich zu jener Zeit besonders ein Nurnberger Ver- 
lag, Endters Erben, hat angelegen sein lassen. Er hat nur notiert, 
was sich in den ihm in Wien zuganglichen Bibliotheken vorfand. 
Eine Durchsicht der Kataloge der Leipziger UniversitStsbibliothek 
etwa wiirde zeigen, daB seine Liste, wenn sich dies der Miihe 



- 201 - 

lohnte, um ein Bedeutendes vermehren lieBe. Es lohnt sich nicht*). 
Je grober des Skribenten Ignoranz, je grober nur auch sein Ver- 
leumden. Ich besitze die Kopie eines Plakates, das in den achtziger 
Jahren des vorigen Jahrhunderts ein chinesischer Literat zur Auf- 
hetzung seiner Volksgenossen gegen die Fremden gefertigt: die 
farbige Abbildung zweier EuropSer, in Anbetung zur Erde nieder- 
geworfen vor einem Schwein, das die Qottheit der christlichen 
Fremden, Jesus, darstellen soli. Der beigegebene chinesische Text 
erklart: Dieser Jesus, dem die Barbaren dienen, weiland Kron- 
pratendent von Judaa, sei ein Ausbund von Qeilheit gewesen, und 
das dermaBen, daB er tatsachlich alle Konkubinen des Landesfiirsten 
und iiberhaupt die Frauen und Tochter der hohen Beamten von 
Judaa samt und sonders geschandet habe; aber erst als er ein 
'Komplott geschmiedet, auch noch den Thron an sich zu reiBen, sei er 
ergriffen und durch Kreuzigung unschadlich gemacht worden! Es 
wird schwerlich einen Christen geben, der sich ob solchem wiisten 
Schmahen nicht entsetzt. Aber sind diese fremden- und christen- 
feindlichen Literaten von China soviel schlimmer als unsere eigenen 
alten Biicherschreiber, die, ohne irgend bessere Kenntnis von 
Muhammed zu besitzen, als diese sie von Jesus haben, es fertig 
bringen, skrupellos zu summieren: „Muhammed tat nichts anderes, 
als kriegen, rauben, toten, huren, Frauen und Jungfrauen schSnden"? 
Natiirlich, daB auch in England die Theologen nicht ermangelten, 
auf den Erbfeind der christlichen Kirche Steine zu werfen. Qenannt 
sei hier nur einer, der gelehrte Dean Humphrey Prideaux, mit seiner 
1697 veroffentlichten Biographic Muhammeds, die diesen nicht nur 
als den groBten Betriiger, den die Welt gesehen, sondern auch als 
einen Verbrecher vorfiihrt, und die den Unglaubigen, den Qottlosen, 
den Deisten und den Libertinisten ein erschreckendesSpiegelbild sein 
sollte. Von ihrem Verfasser gedacht als ein bloBer Teil einer Qe- 
schichte der Kirche des Ostens, hat diese Arbeit es auch darauf abge- 
sehen, den falschen Propheten zu erweisen als eine QeiBel Qottes, be- 
stimmt, an den orientalischen Kirchen die BuBe und Ziichtigung zu 
vollziehen, die diese wohlverdient haben, — ein Nostra culpa, nostra 



*) Qenugen mae die Anfuhrung eines Beispiels : Noch so sp§t wie 
1542 ginji in Deutschland eine Schrift aus — ihr ehrenwerter Verfasser 
heiBt Cnustin — , deren Titel lautet: Von geringem herkommen, 
schentlichem leben, schmehlichem ende, des Turckischen Abgots Machom 
und seiner verdamlichen und Qotszlesterischen Ler, alien fromen 
Christen zu disen geferlichen zdten zur sterckung unnd trost im glauben 
an Jesum Christum. 



— 202 — 

culpa, nostra maxima culpa, wie es der Ernst des christlichen Qe- 
wissens auch sonst oft christlichen Autoren angesichts der Siege des 
Islam auf die Lippen gelegt hat, und, wer kann eS leugnen? nqr zu 
sehr mit Recht auf die Lippen gelegt hat. — 

Was die Schriftsteller samt und sonders, von Johannes Damas- 
cenus bis zu dem zuletzt genannten Prideaux, so sehr sie sonst der 
eine von dem anderen verschieden sein mogen, doch miteinander 
gemein haben, ist das bei alien offensichtliche Bestreben, den Islam 
und seinen Stifter zu widerlegen, zu bekampfen. Es ist durchweg 
polemische Literatur, die wir soweit gemustert, aber polemische 
Literatur, der nur zu oft der gute Zweck die Mittel heiligen muBte. 
Historische Unwahrheiten und falsche Anschuldigungen hatten her- 
zuhalten, die Oberlegenheit des christlichen BewuBtseins zu stiitzen. 
Zu nennen bleibt mir nun aber hier noch ein geistlicher Autor, der, 
obzwar erst recht entschiedener Bestreiter des Islam und als 
solcher alle seine Vorganger bei weitem iibertreffend, darum auch 
selbst noch dieser Qruppe zuzurechnen, mit der bisherigen Qe- 
pflogenheit geflissentlich gebrochen. Qriindliche Vertrautheit mit 
dem Koran und der arabischen Kommentatorenliteratur hat ihn ge- 
wahren lassen, daB so manchem, was ein christlicher Polemiker 
dem anderen nachgesprochen, die authentischen Quellen alien Qrund 
entzogen. Aber wozu auch festhalten an solchen traditionellen 
Maren und haltlosen Erfindungen? MuBte der Sieg fiber den ge- 
fahrlichsten aller Feinde der Kirche nicht um ein Vieles glanzender 
erscheinen, viel ruhm- und ehrenvoUer sein, wenn er erkampft war 
mit gerechten Waff en? — Und so war er beflissen, der Christenheit 
eine Refutatio zu liefern, in der, wie es schon im Titel eines seiner 
von Qelehrtheit strotzenden Bande heiBt, Mahumetus ipse gladio sue 
jugulatur. Mit seinen eigenen Waffen soUte der Prophet attackiert 
werden und damit vollig abgetan. *? - 

Der Mann, der sich das zur Lebensaufgabe machte, ist der 
italienische Pater Ludwig Marracci, weiland Beichtvater des Papstes 
Innozenz XL Qanze vierzig Jahre hat er daran gesetzt, in die 
arabischen Quellen sich einzulesen, ehe er mit den Fruchten seiner 
tiefgrabenden und weitausgreifenden Studien hervortrat. Seine ver- 
dienstlichste Leistung ist seine Textausgabe des Koran, dessen 
Arabi§ch Sure fur Sure eine lateinische Obersetzung beigegeben ist, 
gefolgt von erklarenden Noten und einer Widerlegung des betreffen- 
den einzelnen Abschnitts. Voraus hatte Marracci diesem Werk f ur- 
sorglich, gewissermaBen als Antidoton, schon ein anderes gehen 



— 203 — 

lassen, seinen Prodromus ad refutationem, eine Widerlegung des 
Koran im ganzen. QewiB nun sind hier viele Irrtumer der Pruherefl 
ausgemerzt. Aber: der falsche Prophet, der Betriiger, der Rauber, 
der Stifter einer verabscheuungswurdigen Sekte, der Autor eines 
absurden, von l(3:nerischen Fabeleien und greulichem Unsinn vollen 
Buches bleibt Muhammed doch auch noch bei Marracci. 

Sehr glimpflich — den Eindruck, meine ich, muB jeder haben — 
ist der Prophet von Mekka im Urteil seiner christlichen Bestreiter, 
soweit wir sie bis jetzt kennen gelernt haben, nicht eben weg- 
gekommen. ^ ^ > 

Aber: die Rehabilitierung des also wieder und wieder an den 
Pranger Qestellten bleibt denn doch nicht aus. Und diese Rehabili- 
tierung verdankt er in der Hauptsache Autoren aus dem protestanti- 
' schen Lager. Auch hier freilich recht eigentlich, glaube ich ein- 
schrankend sagen zu miissen, erst von der Zeit ab, wo nicht mehr 
nur Qeistliche, denen je und je die Versuchung nahe gelegen, in 
erster Linie kirchliche Eiferer zu sein, das Wort fiihrten und den 
Ton angaben. , (Fortsetzung folgt.) 

Zur Wissenschaftslehre der Religionsgeschichte./ 
Deren Einordnung in die Geschichtstheorie. 

Von Lie. Dr. H u g L e h m a n n. 

■^-'- -L - :- 

Der mythische Untergrund in den sagenhaften und legendarischen 
Motiven der Vorzeit historischer Kultur. 

1. Richtungskontrast der Kulturgeschichts- 

wli s s e n s c h a f t 
mit der prahistorischen Forschung. 

Man geht in der Qeschichtswissenschaft von den historischen 
Zeiten aus und bestimmt danach im Vergleich bezw. Kontrast die 
Vorzeit. Von dem entwickelten Kulturmenschen aus gesehen, steht 
der Mensch der Vorkultur in historiologisch-psychologischera 
Kontrast. Die Motivation der Daseinsverhaltnisse ist eine der 
historiologischen entgegengesetzte. Daher ist auch die Zweck- 
setzung von Sage und Mythus in der Vorkultur eine den kultur- 
geschichtlichen Religionsstufen entgegenstehende. Die Theorie der 
allgemeinen Religionsgeschichte hat die Aufgabe, diesen Richtungs- 
kontrast der Kulturgeschichtsreligionen gegen die Prahistorie rein- 
Uch herauszuarbeiten. 



— 204 ~ ; ■• 

a) Vorteleologische PhMnomenologie. Die Teleo- 
logie der religionshistorischen Zeiten kniipft ihre Beschreibung an 
Individualitat und Kontinuitat. In der Vorzeit werden wir darauf 
verzichten mussen, den personalen und teleologischen Zusammen> 
hang (der jedenfalls in den historischen Zeiten einerseits in bezug 
auf Individualitat und Kontinuitat zu beschreiben und andererseits 
unter den Qesichtspunkten wirtschaftlich-soziologisch oder politisch 
determinierter ethischer Intentionen, ritueller oder kiinstlerischer 
Formationen, psychologischer Qualifikationen, wissenscliaftlicher 
Extensionen und philosophisclier Totalisationen oder religioser Kon- 
zentrationen zu systematisieren ist) in gleich vollstandiger Weise 
nach Qesichtspunkten deskriptiv und kritisch zu bestimmen. Der 
Historiker findet in der Vorzeit nicht in gleicher Weise die ange- 
fiihrten kultur-disponiblen Beziehungen am vorgefundenen Material 
bestatigt, so, daB sich Individualitat und Kontinuitat in jedem Fall 
unter entscheidende Qesichtspunkte stellen laBt. 

b) Hypothetische Historiologie. An die Stelle der 
Itickenlosen Beschreibung eines teleologischen Zusammenhanges 
tritt die hypothetische Erklarung der archaologisch vorfindbaren 
Hinweise auf etwaige Zweckbildungen im einzelnen und im ganzeff 
ein. Vielfach wird von seiten der (sonst den Kulturstoff in seinen 
Momenten kontinuierlich darstellenden) Qeschichtsschreibung in 
bezug auf die Prahistorie das Feld dem hypothetisch erkiarenden 
Biologen, Ethnologen bezw. dem Volkerpsychologen iiberlassen. In 
die Rolle der Historiographie tritt die Qeographie. In die RoUe der 
Historiologie tritt die Psychologic; speziell die Religionsvor- 
geschichte mufi sich der Mythenforschung bedienen. 

2. Die mythische Indifferenziertheit im Hinter- 

k^i-'^^^y-^i/i:,::-..-^'./^, grund der Histori e. ,,,^ 

Abgesehen davon, daB die Mythenforschung das psychologisch 
Oder asthetisch Charakteristische der mythologischen Bildung in 
Kontrast zu historisch-kritisch erkennender Qeistesbildung unter 
den Qesichtspunkt der (mit dem kritischen Erkennen kontrastieren- 
den) innermythischen Zweckformationen stellt und so dem Gehalt 
der (in mythischer Ungeklartheit) den Mythen disponiblen Motiva- 
tionen wenigstens indirekt naher tritt, muB die prahistorische Theorie 
im Hintergrund den Mythus selbst als vorkulturelleTotalitat undiffe- 
renziert lassen. 



— 205 - 

Nicht wie bei dem, was historisch ist, handelt es sich um emen 
personalen und teleologischen Zusammenhang der Qeschichte. Der 
Zusammenhang ist in der Vorgeschichte so gut wie nicht da. Eine 
Totalitat des Mythus ist nicht in dem Sinne des liickenlos voraus- 
zusetzenden Qeschichtszusammenhangs zu verstehen und auch nicht 
in dem Sinne eines (die Voraussetzung historiographischen Qe- 

schichtszusammenhanges zum historiologischen Ausdruck bringen- 
den) Kultursystems zu pradestinieren. In der Vorzeit handelt es sich 
nicht um die Schilderung von Momenten der in einem TotalitSts- 
bewuBtsein oder in einer Totalstruktur von Begebenheiten ge- 
schlossenen Einheit; nicht ein sachliches Gesamtprinzip liegt der 
mythischen Vorzeit zum Qrunde. Nicht als Beweggriinde aus einer 
auf den Qegenstand sachlich gerichteten Qesamthaltung, d. i. 
Momente (movementa) vermogen wir die affektiv hin und her 
gehenden Zweckbildungen und die phantastischen Bildungszweck- 
. mittel, sowie wandelbaren Sinndeutungen innerhalb der mythischen 
Bildungsschicht zu bezeichnen. Es handelt sich vielmehr bei der 
Bestimmung des Mythus um ganz elementare Auseinandersetzungen. 

3. Elementare UmriBlinien der Mythe, des Mythos, 
desMythusundderReiigion. 

,»Elemente der Volkerpsychologie" nennt Wundt seine „psycho- 
logischen" Auseinandersetzungen der „Qrundlinien einer Entwick- 
lungsgeschichte der Menschheit", welche den mythischen Unterbau 
von vorzeitlichem Religionsbrauch, von Sprache und Sitte veran- 
schaulichen solien. Auch die Elemente der Mythenbildung bis zur 
phantastischen Mythenerzahlung des Volksmarchens sind Elemente 
des Mythus schlechthin genannt. 

a) Die Mythe als Umkleidung eines Motivs. Hier 
sei gleich die Unterscheidung der Mythe als phantasievoller Erzah- 
lung und Einkleidung irgendeines rituellen Qebrauches vom Mythus 
als Bezeichnung der mythischen Hintergrundsauffassung, von 
welcher die Darstellung der einzelnen Mythe beeinfluBt gedacht 
werden kann, gemacht. Die „Mythe" ist die phantasievolle Dar- 
stellung einer Einzelheit aus dem vorgeschichtlichen Bereich, 
wahrend der „Mythus" die Bezeichnung der Unterschicht aller 
Kultur in ihrer Gesamtheit abgibt. Gleichfalls zu unterscheiden von 
Mythus ist auch der „Mythos". 

b) Der Mythos als kalendarische Universal- 
Orientierung der Vorzeit. Der Mythos ist eine von" den 



— 206 - 

Panbabylonisten in die Mytiienforschung eingefiihrte Bezeichnung 
astraler Begriindung einer mythischen Weltordnung als dem Urbild; 
zu welchem Kultus und Kultur, sowie Schicksals- und Lebensord- 
nung von Kulturtragern und Helden das irdische Abbild darstellen. 
Dieser Mythos geht von der alten Kulturstatte des inneren Asiens 
aus in die Welt, als vorzeitliche Weltkulturmacht, von welcher die 
Kultur der historischen Zeiten in nachweisbaren Einzelheiten, aber 
auch ira groBen Qanzen ihrer Oberlieferung, abzuleiten ist. 

c) Der Mythus als vorethische Hintergrunds- 
totalitat imKontrast gegen historische Uroffen- 
barung der Personlichkeit. Demgegeniiber stellt die Be- 
zeichnung Mythus die Vorzeit und die historischen Zeiten in einen 
durchgangigen Kontrast gegeneinander, der besonders in der 
ethischen und rechtlichen Bedeutung der sittlichen Personlich- 
keit aktuell ist, in der „Offenbarungsreligion" angesichts einer 
„Uroffenbarung" zum Ausdruck kommt. Danach beschrankt man 
den Ausdruck Religion im eigentlichsten Sinne auf die geschicht- 
liche Uroffenbarung in sittlich-religiosen Personlichkeiten. Der sitt- 
lichen Welt- und Lebensordnung gegeniiber, als dem kulturethischen 
Totalitatsbezug historischer Religion, z. B. in dem Qottesbegriff, 
in der Erlosung, in der Versohnung usw., bezeichnet Mythus einen 
Totalitatsbezug noch ungeklarter Lebens- und Weltordnung vorzeit- 
licher Voraussetzung. Elementar haben wir nur Teilelemente des 
Mythus. Die mythische Totalitat ist kein begrundetes Element; sie 
wird es erst durch ihre elementare Umsetzung. Es gibt kein mythi- 
sches Weltbild, das sich den Weltbildern historischer Ordnung, als 
welche z. B. Wundt^) das naive Weltbild, das physikalische, das 
psychologische herleitet, ebenbtirtig zur Seite stellt. Die Ansetzung 
des Mythus als Totalitat in der Vorzeit ist eine nur um des Kon- 
trastes zu der historischen BewuBtseinstotalitat notwendige Zu- 
sammenfassung der vorethischen Motivsetzungen. Im Kontrast zu 
dem historischen Totalitatsbezug miissen wir eine mythische Tota- 
litat voraussetzen. * -\x 

Indem insonderheit die Religionsgeschichte historischer Zeiten, 
besonders in ihren religios-ethischen Postulierungen, auf den Qe- 
bieten von Familienwirtschaft, Qenossenschaftlichkeit, Rechts- und 
Personlichkeitsbildung, die historisch-kritischen Kategorien in 
kulturbewuBte Erkennung setzt; muB eine solche teleologische 



*) W. Wundt: ^Sinnliche und Obersinnliche Welt", Leipzig 1914. 



- 207 - 

Historiologie historischer Zeiten ihre gedankliche Scharfe und Um- 
rissenheit der Qrenzen ihrer Anwendbarkeit durch eine Begriffs- 
ermoglichung der Unterscheidung von der Religions v o r geschichte 
finden. 

4.DasNoch-nicht-kulturhistorisch-religi6seder 

mythischen Totalitat. 

Die religiose Vorzeit aber ist, von den historischen Zeiten aus 
betrachtet, eingehiillt in eine Unbegrifflichkeit ihrer Totalitat, in eine 
Indissolutheit des Bezuges ihrer Motivation, in eine Ungeklartheit 
ihres raumzeitlichen Bestandes. Wir konnen innerhalb der mythi- 
schen Unterschicht aller Kultur nicht schon eine Extension wissen- 
schaftlicher Qegenstandsbestimmung konstatieren. Auch die ethische 
Determination etwaiger wirtschaftlicher, sozialer oder politischer 
Intentionen ist noch unmoglich. Die rituellen und kunstlerischen 
Formationen sind innerhalb der mythischen Unterschicht noch wild 
phantastisch, und deren Bemessung durch Kultus und Kultur ItBt 
noch kaum ihre Spuren (innerhalb der orgiastischen Zuchtlosigkeit) 
erkennen. Das macht, daB sich die einzelnen Akte des Tuns und 
Treibens noch nicht psychologisch qualifizieren konnen und die 
innerhalb des Mythus geschehende Verwirklichung von Motiven 
noch nicht zur Unwirklichkeit mythischer Ungeklartheit im bewuBten 
Qegensatz steht. Eine Analyse individueller und k-ontinuierlicher 
Bewufitheiten findet noch keinen eindeutigen, d. i. historiologisch 
moglichen Ansatzpunkt. Nicht eigentliche, d. i. auf objektivierende 
Vergegenstandlichung ihrer Realisierung gerichtete und demgemaB 
religionsgeschichtlich zu kategorisierende Andacht zeitigt jene vor- 
religionsgeschichtlich vorauszusetzende mythische Totalitat; sie ist 
in Unbegrifflichkeit auch qualitatslose Unterempfindungsschwellig- 
keit und quantitatsunbestimmbare Unendlichkeit. 

(Fortsetzung folgt.) 

Li Hung Tschangs Memoiren und die Politii^. 

Von W. Bornemann. 
(SchluB.) 

Als man in RuBland Li Hung Tschang von der Reise abgeraten 
hat, well er dort „nicht sehr willkommen" sein wiirde, bemerkt er 
ruhig, indem er auf seinem Vorhaben beharrt: „Ist das Haus kalt 
und der Tisch nicht gedeckt, brauche ich ja nicht zu bleiben; denn 



— 208 — • 

der Weg ist offen, und der Reisende, der Qeld besitzt, kann den 
Stadtkonstablern gegenuber die Nase hoch halten." Als er in Frank- 
reich in den Zeitungen liest, dafi die Engldnder sich iiber ihn lustig 
machten, weii er ein Qast Deutschlands gewesen sei, bemerkt er, 
das sei ein unwurdiges Verhalten gegeniiber dem Vertreter einer 
groBen Nation. Als er be! der Fahrt iiber den Kanal hort, daB die 
Englander gegen einen Tunnel zwischen England und Frankreich 
seien, schreibt er: „0, diese Englander, sie fiirchten sich vor allem 
und jedem, und doch wollen sie mich auslachen!" Er erwShnt aus- 
driicklich, daB man sich in London nur wider willig dazu herbei- 
gelassen habe, ihm einige Armenviertel der Stadt zu zeigen. Von 
Bismarck berichtet er eine sehr offene AuBerung, deren genauer 
Wortlaut nach dem Chinesischen festgestellt werden miiBte, 
namlich: „England mit all seiner Prahlerei und QroBtuerei hat 
Hunderte von schwachen Seiten, und es weiB, daB ein Konflikt mit 
ehier Macht, die ihm nur einigermaBen ebenbiirtig ist, seinen Unter- 
gang bedentet. Ich hasse die prahlenden Englander, trotzdem 
deutsches Blut auf ihrem Throne herrscht." Obrigens ist es sehr 
charakteristisch, wie Li Hung Tschang schon 1863 halb kritisch, 
halb seufzend schreibt: ,3ir Robert Hart ist von der britischen Re- 
gierung auBerordentlich empfohlen; das ist ganz natiirlich, denn die 
Englander qualen einen fortwahrend in der Angst, sie kdnnten einige 
Pfunde in ihren orientalischen Anleihen verlieren." 

Den letzten groBeren Abschnitt der „Memoiren" — wahrschein- 
lich nicht ohne Absicht den letzten — bilden prosaische und poetische 
Ergusse iiber Opiumsucht und Opiumhandel. Hier ist noch einmal 
Gelegenheit, die gewissenlose Politik Englands an den Pranger zu 
stellen. Li betont, daB er viele Englander als seine personlichen 
Freunde und tiichtige Charaktere schatze; „aber beziiglich der Re- 
gierung, soweit sie sich nicht nur zum Agenten, sondern auch zum 
Beschutzer des siindhaften Opiumshandels gemacht hat, habe ich 
nfieinen aufrichtigen Widerwillen. Durch die „kaufmannische Auf- 
dringlichkeit Englands" sind Millionen von Chinesen, Manner und 
Frauen, ins Elend gebracht, viele zum Selbstmord veranlaBt worden, 
— „alles dies, well Gold und Land in den Augen der britischen Re- 
gierung mehr wert sind als die menschlichen Korper eines 
schwachen Volkes". Einem britischen Admiral hat Li einmal ge- 
radezu erklSrt, auf jeden der 24 Millionen Einwohner Englands 
komme ungefahr ein ungiiicklicher, ins Verderben rennender chinesi- 
scher Opiumraucher. „England — stolzes, machtiges, reiches Eng- 



— 209 — 

land — England mit seinen groBen Heeren, seiner Marine und seinen 
bedeutenden MMnnern ist mit Schande und Schmach bedeckt wegen 
dieses Verbrechens mit dem indischen Mohn!" Ein schwungvolles, 
1881 geschriebenes Qedicht „Die Schande des groBen Englands" 
gibt diesem Urteil einen beredten und ergreifenden Ausdruck. 

Besonders gespannt sind wir naturlich auf das, was tiber 
Deutschland gesagt wird. Da ist es zunactist bezeichnend, daB 
allerlei fehlt, was man erwarten konnte. Von dem Empfang bei dem 
Deutschen Kaiser gelegentlich der Weltreise ist iiberhaupt nicht die 
Rede, — abgesehen von einer geiegentlichen Anspielung. Ebenso- 
wenig liest man etwas uber den verdienten von Hannecken. Von 
dem Baron von MoUendorf, der Li Hung Tschangs Vertrauen genoB 
und von 1883 an das koreanisclie Zoliwesen leitete, bis er 1885 dem 
Engiander Sir Robert Hart weichen muBte, wird ausdrticklich ange- 
geben, daB viele Tagebuchnotizen Lis seine Qeschaftskenntnis und 
Lauterkeit riihmten, aber nur eine einzige, recht kurze wird wieder- 
gegeben. Und so konnte man auf allerlei befremdliche oder be- 
zeichnende Liicken hinweisen. Es bleibt aber nichts anderes ubrig, 
als das zu charakterisieren, was der amerikanische Herausgeber zu 
veroffentlichen beliebt hat. 

Da ist nun auffallig der immer wiederholte Hinweis auf gewisse 
AuBerlichkeiten, — das laute Wesen der Deutschen, ihre Kiiche, ihr 
Bier. Fast ist es wie eine Folge vorheriger Beeinflussung. So, 
wenn Li in der NShe der deutschen Qrenze schreibt: „Wir werden 
bald die Deutschen begriiBen, denn ich hore schon Kanonenschusse 
und Musik. Ich wiinschte, die Musik wurde aufhoren und mir nicht 
so nahe in die Ohren blasen." Das laute Sprechen und Singen der 
Deutschen ist ihm unangenehm, auch bei Bismarck wird sein lautes 
Sprechen, seine rote Gesichtsfarbe und seine Heftigkeit, als er 
seinem Hunde einen FuBtritt gibt und seinen Diener schilt, hervor- 
gehoben; er ist „der Mann des dunkeln Donners und der furchtbaren 
Blitze". Die deutsche Kiiche klagt er mehrfach an, daB sie ihm MiB- 
befinden verschuldet habe, und er weiB nicht, ob er bei einem neuen 
Aufenthalt in Deutschland bei dem Kaiser, bei Bismarck oder irgend- 
einer hohen Personlichkeit speisen wiirde, — es sei denn, daB er 
seine chinesische Kuche dabei gebrauchen darf. Und nun das 
deutsche Bier! Zweimal beklagt er sich, daB Bismarck ihn zum 
Biertrinken genotigt hat. Krupp verschafft Tausenden „Brot und 
Bier". Die deutsche Begeisterung kommt mehr aus ihren Bieren 
und Weinen als aus dem innersten Herzen. Und noch nach langeren 



:y-,f ---■-,,.■■.:--- :-: ^ 210 - 

Tagen fiihrt er die Seekrankheit nicht auf die See, sondern auf 
deutsches Bier und deutsche Kiiche zuruck! 

Der deutschen Personlichkeiten, die ihn interessieren, sind nur 
wenige. Er lobt den Hauptmann Ruffbach als einen ausgezeichneten 
Dolmetscl^er und Fuhrer. Zweitnai erwahnt er „den Meister der 
Strategic, meinen Freund von Moltke". Seine Teilnahme kon- 
zentriert sich auf Krupp und Bismarck. Schon vor dem Ober- 
schreiten der deutschen Grenze schreibt er: „Es sol! mich wundern, 
ob ich Herrn Krupp sehen werde." Er notiert vor allem, was Bis- 
marck ihm iiber Krupp, den „Kaiser von Essen", mitteilt, z. B.: „Er 
hat viele Siege fiir sein Vaterland errungen, Siege, von denen das 
Publikum nichts ahnt; das Qetose von Essen ist heutzutage ein 
Friedensgesang, morgen kann es die Stimme des geeinigten Deutsch- 
lands sein, die durch viele Tausend Essener Kehlen zu einem Feinde 
sprechen." Mit besonderer Ausfuhrlichkeit und Freude schildert er 
seinen Besuch in Essen. Er hebt hervor, daB Krupp ihm sein Bild 
verehrt habe, auBerdem eine reizende Miniatur-Batterie Artillerie, 
die er durch sechs kleine gelbgekleidete MSdchen ihm vorfiihren 
lieB, dann aber auch — auf Lis besondere Bitte — eine wirktiche 
Batterie in naturlicher QroBe, wogegen Li dann eine groBere Be- 
stellung fur die chinesische Armee machte. 

Bismarck bezeichnet er noch 1896, wShrend der Kaiser „der 
Kopf und die Reprasentation Deutschlands** sei, als „den starken 
Felsen, auf den jeder ernste Konflikt fallen muB". Er schildert seinen 
Aufenthalt in Friedrichsruh, wenn auch nicht ohne Kritik, so doch 
mit sichtbarem Wohlgefallen. Die Internationale Politik und der 
EinfluB Deutschlands im fernen Osten waren HauptgegenstSnde des 
Qesprachs. Am Ende des Zusammenseins erz£ihlt Li Hung Tschang, 
daB man ihm ein groBes Kompliment gemacht habe, indem man ihn 
„den Bismarck des fernen Ostens" nenne, worauf Bismarck zu- 
nachst bemerkt, daB die Franzosen das nicht als Kompliment an> 
sehen wiirden, dann aber mit Qeistesgegenwart hoflich erwidert, 
er selbst konne niemals darauf hoffen, als der „Li Hung Tschang 
von Europa" bezeichnet zu werden. ^ w 

Natiirlich achtet Li besonders auf Heer und Flotte. In Bremer- 
haven besichtigt er deutsche Kriegsschiffe, bedauert, daB China nicht 
selbst sich eine solche Flotte baue, fragt nach dem Preis eines 
Schiffes und hStte gern das Flaggschiff sich gleich gekauft. Er macht 
es sich bei dieser Qelegenheit ausdriicklich zur Pflicht, „uberall die 
Kiinste und das Handwerk des Westens zu fordern", und trostet 

r 



— 211 - 

sich zugleich mit den Worten: „Wir haben unsere herrliche Literatur, 
die der der Volker des Westens weit voraus ist, aber sie haben das 
Oeld und die Kanonen." In Calais empfangt er einen iangen Brief 
des Deutschen Kaisers, der fiir China die erbetenen hundert deut- 
schen Instruktionsoffiziere bewilligt und ihn zu dem Ausspruch hin- 
reifit: „Jetzt werden wir eine Armee haben!" SpSter, 1900, nach 
der Ermordung des deutschen Qesandten von Ketteler, die er aufs 
tiefste bedauert und mit Scham als eine barbarische Tat bezeichnet, 
furchtet er vor allem die deutschen Regimenter und den Qrafen 
Waldersee, „die Deutschen allein konnten das ganze Reich China 
verwiisten, wenn sie nur wollten". Aber schon 1886 bei der ersten 
Erw&hnung Yuan Schi Kais hat er dessen Vorliebe fiir das deutsche 
MilitSrsystem hervorgehoben. 

Am wichtigsten sind jedoch die AuBerungen, nach denen die 
Deutschen eine Welteroberungspolitik anstreben sollen; auch bei 
diesen ware eine Prufung und genaue Wiedergabe des chinesischen 
Textes dringend notwendig. Wohl ISBt er Bismarck sich einerseits 
rein defensiv ^uBern: „DeutschIand ist nicht kriegerisch gesonnen, 
aber starke Waff en sind so notwendig fiir ein Volk, wie das Seiten- 
gewehr fiir den Polizisten. Der fiihrt seine Waffe nicht, um damit 
auf die HSupter harmloser Leute zu schlagen, aber er tragt sie 
sichtbar, so daB iibelwoliende Leute wissen konnen, daB er im Fall 
der Not bereit ist, sie zu gebrauchen. Lassen Sie einen Schutzmann 
sein Revier begehen und nur eine Feder oder ein Biindel Heu tragen, 
dann sollen Sie einmal sehen, wie die Hunde auf ihn stiirzen und ihm 
das wenige rauben, was er besitzt." Aber daneben verzeichnet er 
eine andere AuBerung Bismarcks: „Sie haben nur wenig von uns 
gesehen in Ihrem Weltteil; denn das geeinigte Deutschland ist eine 
neue Nation, aber es wird die Zeit kommen, wo das Deutsche Reich 
Europa beherrschen wird." Und spater erklSrt er: „Nach allem, 
was ich gesehen habe, bin ich mehr denn je davon iiberzeugt, daB 
der Kaiser und Fiirst Bismarck das auch ganz meinten, was sie 
sagten, sie glaubten bestimmt, daB das Deutsche Reich berufen sei, 
die fuhrende RoUe in Europa zu spielen. Ich habe einen groBartigen 
Eindruck davon, wie diese Nation einheitlich arbeitet. Die Armee 
steht auf geschaftlicher Orundlage, ebenso die Marine, und die 
ganze Staatsmaschine arbeitet glatter als unser bestes Uhrwerk in 
Canton." In der Zeit des internationalen Vorgehens gegen China 
1900 spricht dehalb auch Li Hung Tschang die Befiirchtung aus, die 
Deutschen wiirden sich mit einer groBen Armee in der Hauptstadt 



. — 212 — -^ -,-.-• 

Chinas f estsetzen und nie wieder hinausgehen. „Wenn sie uns Kiau- 1 
tschou wegnehmen fiir das Leben zweier Missionare, was werden 
sie verlangen fiir den Tod eines Herrn von Ketteler?" — 

Vollig klar, einheitiich und stets sich gleichbleibend ist nacli der 

Auswahl der „Memoiren" Li Hung Tscliangs Urteil uber Japan und 

die Japaner gewesen, — namlich Abneigung, Verachtung und Feind- 

sctiaft. Wohl macht er auch hier eine Ausnahme bei dem Qrafen 

Ito, sowohl weil er personiich ein Ehrenmann gewesen sei, als audi, 

weil er cliinesisciie Offiziere, die nach der Niederlage Chinas aus 

Scham sich das Leben nahmen, besonders geehrt habe. Aber Li laBt 

doch deutlich seine Freude merlcen, daB er diesen Mann bei den 

Friedensverhandlungen hinters Licht gefiihrt habe. Wohi spricht 

er, als zwei christliche Japaner nach dem Attentat von Schimono- 

selci aus weiter Feme kommen, um ihm Heilmittel gegen den Kopf- 

schmerz anzubieten, und dann an der Schwelle seines Hauses fiir 

ihn beten, geriihrt aus: „Ich liebe die Japaner nicht, aber vielleicht 

konnte das Christentum mich dazu bringen." Wohl verwahrt er sich 

dagegen, den Krieg gegen Japan, in den er selbst personiich etwa 

5 Millionen Taels hineingesteckt hatte, betrieben zu haben, er habe 

vielmehr vor einer voreiligen kriegerischen Aktion gewarnt. Die 

Japaner seien sich so klar wie er selbst uber die Verhaltnisse in 

China gewesen, hatten iiberall — leider sogar in seiner eigenen Um- 

gebung — ihre Spione, Emissare und Agenten gehabt und hStten 

mit voller Oberlegung ihrerseits einen Konflikt mit China gesucht. 

Wohl laBt er sich auch gern bezeugen, daB er bei dem Frieden von 

Schimonoseki glanzend abgeschnitten und durch den diplomatischen 

Sieg die Niederlage der Waff en fast wieder gutgemacht habe, zumal 

Formosa nach seiner schon vor Jahrzehnten vertretenen Cber- 

zeugung fiir China nur ein wertloser und gefahrlicher Besitz sei. 

AUein seine Stimmung gegeniiber Japan ist immer feindlich. 

Schon 1882 riihmt er die Koreaner wegen ihres stets sich gleich 
bleibenden Widerwillens gegen die schmutzigen Nipponesen mit 
ihrer hochmiitigen Art und torichten AnmaBung. Er verschont einen 
Mann, den er sonst gern hatte hinrichten lassen, lediglich wegen 
seines eingefleischten Hasses gegen die „zwerghaften, aufgeblasenen 
Japaner". 23 Jahre spater denkt er bei der kleinen, ihm von Krupp 
geschenkten Batterie: „wenn wir je einmal wieder mit den Japanern 
Krieg fiihren miissen, werden wir besser vorbereitet sein", und bei 
dem Anblick der deutschen Kriegsschiffe in Bremerhaven: „wenn 
sie uns gehorten, hatten wir die Japaner geschlagen". Und im 



- 213 — 

Jahre 1896 bekennt er: „mein Herz war voUer HaB gegen die 
Japaner, damals (1882), wie zu jeder andern Zeit", und faBt sein 
Urteil dahin zusammen: „Die Japaner sind die Verachtetsten aller 
Ausl^nder; trotzdem wissen wir Chinesen, daB sie keine Christen 
sind, sie haben auch in keiner Weise die guten Charakterzuge der 
christlichen Nationen, Regierungen und Volker. Im Qegenteil. Die 
Japaner sind uns beziiglich der Religion vielfach sehr ahnlich, in 
Philosophic und Ethik, trotzdem hassen wir sie, und sie verachten 
uns. Obgleich sie in Kunst, Literatur, Wissenschaft alles, was sie 
haben, von China erhalten haben, dunken sie sich viel mehr zu sein 
wie wir; und anstatt dankbar zu sein fUr alles, was China an ihnen 
getan hat, mochten sie ihm die Federn vom Hals bis zum Schwanz 
auspeiBen und, wenn sich die Qelegenheit bote, am liebsten mit dem 
ganzen Vogel davonlaufen." 

In wie ganz anderm Lichte steht nach der Auswahl der 
Memoiren A m e r i k a da! Zwar fehlt es auch da nicht an kritischen 
Bemerkungen. Ein ungenannter Professor von Massachusetts, der 
an der neuen chinesischen UniversitSt wirken will, aber ohne acht- 
zehn groBe BSnde seiner Biicher „verloren" ist, wird beschSmt durch 
den Hinweis auf die 130 Telle des P'ei Wen Yiin Fu, eine Qeschichte, 
fiber die Chinesen und Nichtchinesen, beide in ihrem Sinne, lachen 
werden. Das rastlose, unermiidliche und ermiidende Treiben des 
amerikanischen Lebens wird festgestellt. Die Wolkenkratzer ge- 
fallen dem chinesischen Urteil nicht. Li bedauert, daB die Ein- 
wanderung in Amerika den Chinesen gesetzlich verboten ist. Als 
ihm der Btirgermeister von New York den Schlussel der Stadt iiber- 
reicht, schreibt Li Hung Tschang auf, daB die Zeremonie eigentUch 
besage, er konne hingehen, wohin er wolle, essen und kaufen, was 
ihm passe, aber in Wirklichkeit „durfte ich niemals dahin gehen, 
wohin ich gern wollte, und nicht einen Pfennig konnte ich ausgeben." 
Vor allem aber kritisiert er den Nerv des amerikanischen Lebens: 
Jn Amerika ist alles Qeschaft, selbst bis zur Kunst des Schrift- 
stellerns. Niemand in Amerika schreibt aus Liebe zu dieser Arbeit. 
Nein, das unsterblichste Gedicht oder die herrlichste Erzahlung von 
treuer Liebe und Heroismus muB bezahlt werden, ehe der Verfasser 
sein Werk aus den Handen laBt." Die Amerikaner, die nicht wie 
die Engiander anders scheinen wollen als sie sind, werden in dem 
alien nicht eine ernste Kritik, sondern nur die Feststellung einer be- 
rechtigten Eigentiimlichkeit empfinden. 

Aber abgesehen davon wird Amerika mit Lobspriichen bedacht 



■ - 214 - > /-'C:'! 

wie kein anderes Land. Nicht nur, daB hier eine ganze Anzahl heN 
vorragender Personlichkeiten gewurdigt und charakterisiert werden 
— der verstorbene General Grant, der China besucht hat, der 
General Hastings, der fur Li das Ideal eines Herrschers darstellt, 
der Prasident Cleveland, den er neben Bismarck stellt, der Oberst 
Ward, der die Taipings hat bekampf en helf en, und dessen Tod von 
Li mit Tranen betrauert wird; der joviale Burgermeister von Phila- 
delphia, Mr. Warrick, der Oberst Conger von der Gesandtschaft der 
Vereinigten Staaten in China, der mehr als einmal riihmend erwahnt 
wird, und Mr. Foster, der Herausgeber der „Memoiren", der in 
schwerer Stunde Li Hung Tschang beratend, trostend und helfend 
zur Seite stand. Auch im allgemeinen erfreut sich Amerika des 
besonderen Wohlwollens Li Hung Tschangs. Bei der Weltreise be- 
handelt das Tagebuch Amerika allein mit ebensoviel Seiten, wie 
alle europaischen Staaten zusammen. Seine Freundschaft scheint 
ihm allein zu gelten. Die amerikanische Rastlosigkeit ermiidet ihn 
wohl, und amerikanische Zudringlichkeit befremdet ihn, aber mit 
beiden findet er sich ab, und zwar so, daB sein Witz angeregt wird. 
Als Li in Bremerhaven die deutschen Kriegsschiffe bewundert, 
imponieren ihm einige Amerikaner mit der renommierenden Be- 
merkung, sie waren so reich, daB sie eine ganze Flotte solcher herr- 
licher Kriegsschiffe kaufen konnten. In Frankreich empfangt er die 
Einladung des amerikanischen Prasidenten und die Versicherung, 
daB sein Empfang in Amerika sehr herzlich sein werde. Li be- 
dauert, daB seine Einladung, nach China zu kommen, von Cleve- 
land abgelehnt wird und begreift nicht, daB in der Republik der 
Prasident nach seiner Amtszeit sich ins Privatleben zuriickzieht. 
Auf der Ozeanfahrt schon gefallen ihm die Amerikaner besser als 
alle anderen. Der bildhiibschen Tochter des Obersten Marwin 
gegenuber laBt er sich zum HandkuB herbei, den er der Zarin nicht 
geg^ben hat. Die Aufnahme in Amerika erfullt ihn mit Stolz und 
veranlaBt ihn, eine besondere Depesche fiir 1500 Taels an die chinesi- 
sche Regierung zu schicken, in der GewiBheit, daB das groBen Ein- 
druck in China machen werde. „Flaggen und Myriaden von j'ungen 
Leuten und Kindern schwenkten kleine Fahnen aus gelber Seide, 
auf welche der Drachen gemalt war, und wunderschone Frauen und 
Kinder brachten Hochs aus auf China und klatschten mit ihren 
schonen Handen. Es war alles sehr hubsch und befriedigend fiir 
mich und meine Umgebung, und ich weiB, es wird weit und breit in 
China dar fiber gesprochen werden." 



- 215 — 

Bei dem Einlaufen seines Dampfers in New York wird er von 
einem Heer zudringlicher Journaiisten und Reporter umringt, die 
mit familiarer Ungeniertheit, mit Handeschiitteln und Ausfragen 
Aui ihn eindrangen, ihm dann aber freilich auf seinen Wunsch alle 
notige Aufkiarung geben. Solange er in Amerika weilt, sind sie, 
wenn er wach ist, allezeit um ihn. Er fiihlt sich in ihrer Mitte selbst 
als Journalist, laBt sich von ihrem Witz und Wesen anstecken, 
fragt aus und laBt sich ausfragen, pariert allzu dreistes Gebaren 
mit schlagfertiger Scharfe, bringt die Lacher auf seine Seite, fuhlt 
sich sehr geehrt, daB die Zeitungen wahrend seiner Anwesenheit 
lange Aufsatze iiber China und ihn bringen und gewinnt bei alledem 
den Eindruck, „daB dies Land in Wahrheit die Demokratie der Welt 
darstellt". Zugleich spricht er aus: „Die groBen Vereinigten Staaten 
waren uns befreundet in der Vergangenheit, obgleich sie die Aus- 
wanderer ausschlossen, und einst wird Amerika unser starker 
Freund in der Not sein." 

Clevelands Gattin nennt er „die Mutter der Qute und die 
Schwester der Himmlischen Liebe". Clevelands Bildnis erfreut ihn 
wie alle seine Aufmerksamkeiten iiberhaupt. Wahrend er einen 
impertinenten Reporter, der ihn nach der Zahl seiner Frauen fragt, 
durch die Qegenfrage, wie viele er selbst habe, und auf die Antwort 
„keine" durch die Bemerkung abfertigt: „Sch6n, Sie sehen auch aus, 
als ob Sie gerade fflr so viele sorgen konnten", freut er sich uber 
Clevelands Witz, daB, um mit einem amerikanischen Madchen fertig 
zu werden, ein Mann dazu gehore, der 16 bis 18 chinesische Frauen 
regieren konne. In pietatvoUer Verehrung und warmem Qedenken 
weilt er am Qrabe des Generals Grant. Ober Washington und 
Philadelphia, iiber die Unabhangigkeitshalle und die Freiheitsglocke 
ergeht er sich in enthusiastischen Bemerkungen, auf die Liberty 
Bell macht er ein stimmungsvoUes Gedicht. Daneben passiert es 
ihm bei dem feierlichen Empfang in Philadelphia, daB er, der An- 
geredete und Gefeierte, wahrend der langen Rede des Burger- 
meisters einschlaft, aber dann erwachend auf die launige Bemerkung 
des Redners mit einem guten Witze antwortet und ^o durch sein 
Schlafen wie durch sein Erwachen die Lacher auf seine Seite bringt. 
Den riesenhaften General Hastings fragt er, wieviel er ohne Kleider 
wiege. Ein kostliches chinesisches Mahl wird ihm vorgesetzt, das 
amerikanische Getrank sagt ihm zu. Die rasch entwickelte Kultur 
des Westens imponiert ihm schlieBlich gewaltig, wiewohl sie der 
chinesischen Kultur gegeniiber wie ein Saugling ist. SchlieBlich 



- 216 - 

ermahnt er seine Landsleute, „die Qesetze in den Vereinigtettj 
Staaten treu zu erfullen, in Frieden und Eintracht mit ihrer Uni4 
gebung zu leben, ihr Geld zu sparen und womoglich nach dem Landej 
ihrer Ahnen zuriickzukehren. 

Wichtiger als alle diese Reiseeindriicke sind freilich die Auf- 
zeichnungen, die Li Hung Tschang in politischen Entscheidungs 
stunden fiber amerikanische Politiker seinem Tagebuche einver-| 
leibte. So heiBt es 1895 von dem Herausgeber der „Memoiren", 
Mr. Foster, der ihm bei den japanischen Friedensverhandlungen be- 
hilflich war: „China darf es nie vergessen, welch ein groBer natio- 
naler Freund er ihm war, ebenso wie ich ihn als einen treuen, hilf- 
reichen personlichen Freund ansehen werde. Ich zogere nicht, es 
auszusprechen, daB ohne Mr. Foster unsere Sache leicht kost- 
spieliger fur uns abgelaufen ware, obgleich er in keiner Weise ein- 
seitig in seinen Ansichten war, in verschiedenen Punkten sogar direkt 
die Anschauung der Japaner teilte." Ahnlich sagt er 1900 uber 
den amerikanischen Botschafter in China, Conger: „Er war, von 
seiner Regierung unterstiitzt, ein treuer Freund unseres Landes in 
jenen schrecklichen Wochen (des Boxeraufstandes). Ich zittere noch 
bei dem Qedanken, was Chinas Schicksal geworden ware, wenn die 
amerikanische Regierung einen andern Standpunkt eingenommen 
hatte." Wahrend Li im Anfang jener internationalen Verwick- 
lungen die Befiirchtung ausgesprochen hatte: „Selbst die Vereinigten 

Staaten, bisher unsere Freunde, werden Armeen und Flotten gegen 
uns senden," schreibt er spater: „Es scheint, als ob alle auswartigen 
Machte gegen uns sind. Nein, eine Ausnahme gibt es, und diese 
Ausnahme ist vielleicht die Rettung, daB wir nicht wie eine Wasser- 
melone zerfleischt werden. Die Amerikaner tun naturlich dasselbe 
wie Frankreich, RuBland, England, Deutschland und Japan, aber ich 
habe doch gleichzeitig vom amerikanischen Befehlshaber und von 
der Regierung in Washington Versicherungen erhalten, daB die Ver- 
einigten Staaten moralisch und physisch, wenn notwendig, sich der 
Teilung Chinas entgegenstellen werden." Und spater: „Die Stellung, 
die Amerika in der Sache eingenommen hat, heiBt soviel wie die 
Unantastbarkeit Chinas. Die Vereinigten Staaten haben die andern 
Machte zu ihrer Auffassung gewonnen." Diese Auffassung unter- 
streicht aber der Herausgeber Foster noch besonders, wenn er am 
Schlusse seiner Einleitung sagt: „Es ist fur Amerikaner erfreulich 
zu horen, daB Li in seinem Tagebuch es hoch anerkennt, daB sie ihm 



X 



- 217 — 

half en, sein Land vor Zerstiickelung zu bewahren und vor schweren 
Lasten zu schutzen." 

Ich fasse zusammen. Welcher Eindruck soil sich durch diese 
amerikanische Bearbeitung der Memoiren Li Hung Tschangs in der 
Offentlichkeit festsetzen? — Die Japaner sind die geborenen Feinde 
Chinas, die Russen zugleich eigenniitzige Freunde und gefahrliche 
Oegner, die Englander in manchen Personlichkeiten hochst achtens- 
wert, aber in ihrer Politik gefahrlich, skrupellos und verwerflich, die 
Franzosen eine sehr liebenswurdige, aber politisch nicht kraftvolle 
Nation, die Deutschen sehr begabt und zielbewuBt, aber von niederer 
Kultur und voller Welteroberungsplane. Wer ist also der einzige 
wahre Freund Chinas, fahig, ihm die Segnungen der westlichen 
KuUur zu vermitteln, ohne es zu deniiitigen und politisch zu 
schadigen? Amerika! 

Da die Obersetzung der „Memoiren" zurzeit unkontroUierbar, 
die Auswahl, Anordnung und Bearbeitung des Stoffes aber einseitig 
amerikanischen Ursprungs ist, so kann man es uns nicht verdenken, 
wenn wir das hochst interessante Werk vorlaufig nicht als eine 
einwandfreie Urkundensammlung fur die Vergangenheit, sondern 
als eine geschickte politische Tendenzschrift fiir die Zukunft be- 
trachten. Ob Li Hung Tschang selbst heutzutage diese Veroffent- 
lichung billigen wiirde, ist mindestens zweifelhaft. Es handelt sich 
bei ihr nicht um „die Memoiren Li Hung Tschangs", sondern um 
einseitig ausgewShlte und wohl auch nicht einmal ganz genau 
wiedergegebene Proben aus den Memoiren, — um Bruchstucke, zu- 
mal wenn man die ganze Fulle der politischen Ereignisse und Ent- 
wicklungen bedenkt, die Li als Mithandelnder erlebt hat. 



Aus der Mission der Gegenwart. 

HirteiilMiefe indisdier Bisdiofe. 

In dem „Evangelischen Missionsmagazin" macht L. J. Frohnmeyer weitere 
Mitteilungen iiber Kundgebungen englischer Missionsmanner in Indian gegen 
Deutschland. E>anach hat der Bischof von Madras, Dr. Whitehead, am 
14. August V. J. ein Rundschreiben an seine Diozese erlassen, fiber dessen Qe- 
dankengang Frohnmeyer folgendes mitteilt: 

„Fur den Bischof steht fast: Erstens, daB schon sett Jahren das Britische 
Reich, Belgien, Frankreich und RuBland mit einem ganzen System deutscher 
Spionage heimgesucht worden sei, und das in solcher Weise, daB man nicht 
sicher sein konne, ob nicht irgendein Kaufmann oder Missionar ein Spion ge- 
wesen sei. Von dieser Tatsache mil^se ausgegangen werden. £>er ELozeine 



•#-. 



- 218 - 

moge vertrauenswflrdige Freunde unter den Deutschen haben, aber die britische 
Regierung musse in Kriegszeiten wenigstens, wo man nicht jeden als un- 
schuldig betrachten konne, dessen Schuld nicht erwiesen sei, jeden als schuidig 
ansehen. Zweitens handle es sich nicht um einen Kampf der Volker urn ihre 
nationalen Interessen, sondern um die Qrundsatze der christlichen Sittlichkeit 
unter den christlichen Staaten. Im deutschen Staate stehe den iibrigen Machten 
eine groBe antichristliche Weltmacht gegeniiber, und ein Sieg Deutschlands 
wUrde eine Riickkehr zu dem barbarischen Qrundsatz, daB Macht Recht sei, 
bedeuten. In diesem Zusammenhang erwahnt der Bischof all die „fiirchter- 
lichen Qreueltaten", die die Deutschen mit Billigung ihrer militarischen Autori- 
taten begangen haben sollen, bis zur Brunnenvergiftung und der grausamen Be- 
handlung von Qefangenen. Zum dritten babe man zu bedenken, daB das deut- 
sche Volk als Qanzes fest zu seiner Regierung stehe und alles billige, was in 
diesem Krieg von Deutschland verbrochen worden sei. Es lasse sich nicht ent- 
scheiden, wie weit es von seiner Regierung getauscht und wie weit es bewuBt 
fiir die MaBnahmen der deutschen Politik und Kriegfiihrung eintrete, aber Tat- 
sache sei, daB es sich seibst an den Kaiser und die Militarkaste gekettet habe 
und darum verantwortlich gemacht werden miisse. Der Bischof bespricht so- 
dann die MaBnahmen seiner Regierung den Missionaren gegeniiber. Er billigt 
ihre Internierung, besonders auf den Blauen Bergen und an der Westkiiste. 
Der Patriotismus der deutschen Missionare bedeute bei der Lange des Krieges 
eine Oefahr. Was die Zukunft betrifft, so wamt er vor einem vorschnellen 
Urteil. Es handle sich da um wichtige sittliche und religiose Erwagungen. Fahre 
das Deutsche Reich mit Spionage und antichristlicher Politik in bisheriger 
Weise fort, dann bleibe natiirlich nichts anderes iibrig, als jeden Deutschen, ob 
Kaufmann oder Missionar, aus britischen Gebieten auszuschlieBen. Jedoch der 
Bischof wagt zu hoffen, daB das Endresultat dieses fiirchterlichen Kampfes 
eine moralische und soziale Revolution in Deutschland sein werde. An Stelle 
des antichristlichen Militarismus wiirde dann ein freies Deutschland treten, und 
fur diesen Ausgang des Ringens gelte es zu beten. „Wir wiinschen emstlich, 
daB Deutschland niedergeworfen und seine Militarmacht zermalmt werdej aber 
wir wiinschen nicht und durfen es nicht wiinschen, daB Deutschland unbuB- 
fertig und ohnmachtig zum Guten aus diesem Kampf hervorgehe. Im Gegenteil, 
wir hoffen und bitten, daB Deutschland kiinftighin ebenso machtvoll fur das 
Gute sein moge, als es gegenwartig fiir das Bose erscheint." Es moge das 
manchem als ein unerreichbares Ideal vorkommen, aber bei Gott sei kein Ding 
nnmogUch. Fiir den einzelrlen Deutschen in Indien macht er zum SchluB 
mildemde Umstande geltend, wenn man auch ihre Haltung nicht immer ver- 
stehen konne. Ober die deutsche Nation als Qanzes miisse ein strenges Urteil 
gef^llt werden; die einzelnen miisse man dem Qericht Qottes iiberlassen und 
seiner Barmherzigkeit und Giite befehlen. Die Lage derer unter ihnen, die 
gleichzeitig gute Patrioten und gute Christen sein wollen, miisse Ja auBerst 
peinlich und schwierig sein. Sie konnen der Politik ihrer Regierung keine 
moralische Unterstiitzung geben, ohne ihre christlichen Qrundsatze preiszu 
geben." 

, • „Die anglikanischen Bischofe — schreibt Frohnmeyer welter — sind, von 
ruhmlichen Ausnahmen abgesehen, nicht glUcklich in ihren Veroffentlichungen. 



X 



, « 219 - 

Man denke nur an den Bischof von London. Auch der Bischof von Bombay, 
der ungliicklicherweise glaubt, die deutsche Sprache zu verstehen, hat schon 
unbegreifliche AuBeningen getan. Er versteht nicht, was das deutsche Volk 
unter dem Ausdruck: „der alte Gott lebt noch", versteht; denn er denkt dabei 
an Wodan. Und in einem Artikel des hochkirchiichen Missionsblattes „The 
East and the West" (Oktober 1915) will er den angeblichen Anspruch Deutsch- 
lands, die ganze Welt zu beherrschen, damit beweisen, daB die Deutschen 
singen : „Deutschland, Deutschland ii b e r alles." Leider hat ach auch der 
beriihmte alte Missionar und Schulniann Dr. Miller noch einmal horen lassen, 
und zwar wiederum in einem Hirtenbrief an seine fruheren Studenten im 
Christian College in Madras. Der Brief wurde vor einer auserlesenen Zu- 
horerschaft am 27. Dezember in Madras verlesen. Es ist zu bedauem, daB 
Dr. Miller seine Anschauungen nicht wesentlich geandert hat. Er driickt sich 
etwas vorsichtiger aus, insbesondere hinsichtlich des militarischen Erfolges der 
Oegner Deutschlands, aber er bleibt immer noch auf dem Qrundsatz stehen, 
daB es sich auf der Seite der Zentralmachte um materielie Macht und auf dei 
anderen Seite um sittliche Ziele handle. Auch er glaubt die unerwiesenen 
Qreueltaten der Deutschen und kennt keine Greueltaten in OstpreuBen. Er 
gibt sich dem Aberglauben hin, daB auf seiten der Entente die ErwSgungen 
von Sittlichkeit und Humanitat maBgebend seien. An dem Kampf der Nord- 
und Siidstaaten in Nordamerika illustriert er, daB der preuBische Geist, in dem 
er das Prinzip der Sklaverei verkorpert sieht, ebenso sicher unterliegen miissb, 
wie die Siidstaaten Amerikas. Ober das deutsche Volk denkt er freundlicher 
als der Bischof von Madras. Er glaubt, daB die alte Sittlichkeit im Volk noch 
nicht ganz erstorben sei. Aber um so scharfer urteilt er iiber die Regierung, 
insbesondere iiber den preuBischen Militarismus. Man habe dem Volk die 
Meinung beigebracht, es sei auf Deutschlands Zertriimmerung abgesehen ge- 
wesen. Zur Vernunft werde Deutschland nur durch eine voUige Niederlage 
kommen. Dr. Miller scheut sich nicht, sein Schreiben abzuschlieOen mit den 
Worten: „Nlcht die, die sich auf brutale Qewalt verlassen, werden schUeBlich 
das Erdreich besitzen, sondem die Sanftmiitigen." 

Der Wahrheit gemaB muB dazu bemerkt werden, daB englische und 
amerikanische Missionare schon lange vor dem Kriege sich in den nichtchrist- 
lichen Landern in deutschfeindlicher, haBlicher Weise oft genug geSuBert tind 
die Bevolkerung in deutschfeindlichem Geist zu beeinflussen versucht haben, 
in Buchern und Zeitschriften. Leider woUten weite deutsche Missionskreise vor 
dem Kriege davon nichts horen um der internationalen Missionsbeziehungen 
willen. Dr. J. W i 1 1 e. 



Das Schuiwesefi In der TiirkeL 

Im Friihjahr 1914 waren an islamischen Regierungsschulen, zumeist Koran- 
schulen, in denen der Koran auswendig gelernt und gelesen wird, 3083 Knaben- 
und 388 Madchenvolksschulen, sowie 80 gehobene Schulen vorhanden, die von 
202 990 Knaben und 40 455 MSdchen, zusammen von 243 445 Kindern besucht 
wurden. Dazu kamen 94 hohere Schulen, 17 Hochschulen, femer fiir jedes 
Wilajet ein Lehrerseminar und in Konstantinopel ein hoheres Lehrer- und 
Lehrerinnenseminar. Daneben steht das groBe christliche Schulwesen der 



- 220 — 

orientalischen Kirchen und der Missionen. Ersteres ist von auBerordentlicher 
Mannigfaltigkeit. Neben den verschiedenen griechisch-orthodoxen stehen die 
unierten, rdmisch-katholischen Kirchen unter besonderen Patriarchen, die bis 
ietzt auch politische Rechte, namentiich die Gerichtsbarkeit, besaBen. Der 1882 
gegrQndete russische Palastina-Verein, der auch kirchenpolitische Zieie ver- 
folgt, unterhielt allein in Syrien und Palastina 105 Schulen mit 12 000 Schulern, 
wShrend Deutschland im ganzen Orient nur 23 Schulen 
mit 3000 Schulern aufzuweisen hat. Die Zahl der rdmisch- 
katholischen Missionsschulen, namentiich franzosische und italienische, die 
ebenfalis zum Teil im Dienste der Politik standen, wurde 1908 auf 764 Volks- 
schulen mit 56 843 Schiilern und 47 gehobene Anstalten mit 7828 Zoglingen an- 
gegeben. An protestantischen Schulen wurden in demselben Jahre 561 Volks- 
schulen mit 33621 Schiilem, 85 Mittelschulen mit 6583 Schiilern und 11 Colleges 
mit 1419 Zoglingen gezShlt Die von Frankreich, Italien, England und RuB- 
land unterstiitzten Schulen sind durch den Eintritt der Tiirkei in den Krieg ge- 
schlossen und ihre Lehrer ausgewiesen, wahrend die von Deutschland und Nord- 
amerika eingerichteten Schulen fortbestehen. Aber auch fiir diese scheinen 
manche Schwierigkeiten aus den am 18. September 1914 und am 20. August 
1915 erlassenen tiirkischen Schulverofdnungen zu erwachsen, die fiir alle 
Privatschulen u. a. staatliche Qenehmigung und Aufsicht, tiirkische Unterrichts- 
sprache und tiirkische Staatsangehorigkeit des Lehrpersonals, Beschr&ikung 
des Religionsunterrichts fordern. 

Bemerkt sei dazu, daB der Bildungswert der Koranschulen sehr gering 
anzusetzen ist. Professor Becker (Bonn) teilt mit, daB selbst die „gebildeten" 
Turken oft von ihrer eigenen Qeschichte nichts wissen, daB viele „Qe- 
bildete" nicht einmal den Namen Saladin kennen usw. Es ware sehr zu be- 
dauern, wenn die Tiirkei durch Qesetze die so wertvoUen Missionsschulen 
schadigte und in ihrem Bestand bedrohte. Sie wurde sich damit am meisten 
schaden. ^ ^ 

Interessant ist, was Professor Becker iiber die neue deutsche Universitat 
in Konstantinopel mitteilt. Der Plan zur Qrfindung dieser Universitat war 
bereits vor dem Kriege fertig. Zu Professoren waren franzosische Qe- 
lehrte bestimmt. Als der politische Umschwung kam, wurden deutsche 
Professoren berufen. Die Deutschen muBten natiirlich auf diesen Plan ein- 
gehen. Aber die Bedeutung dieser Griindung solle man nicht iiberschStzen. 
Sie befriedige die tiirkische Eitclkeit, ihr praktischer Wert sei vorlaufig gering. 
Denn es fehlt ihr an alien Unterbauten niederer und hoherer Schulen. Volks- 
schulen und VolksschuUehrer-Seminare seien am notigsten. Dr. J. W i 1 1 e. 



Ebie auBerordentliche einmalige Bhte um Hilfe fur unbeschreibliches Elend. 

Zu den unglucklichsten Opfern des Welkrieges gehoren jene Volker, die, 
auf fremde, benachbarte, einander feindliche Staaten verteilt, in deren Kampfen 
zerrieben werden. Wir rufen das Erbarmen der deutschen Christen fur die 
Not der Armenieran. 

. Als christliches Volk unter islamischer Herrschaft stehend, waren die in 

der Tiirkei lebenden Armenier von jeher auf den Schutz und Beistand der euro- 

*,. 

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- 221 — 

pSischen christlichen Vdlker angewiesen, die leider diesen EinfluB nur zu oft 
unter dem Schein der Selbstlosigkeit und christlichen Humanitat miBbrauchten, 
urn eigene wirtschaftliche und politische Ziele za verfolgen, und zwischen den 
christlichen Schutzvolkern und ihrer turkischen Obrigkeit das MlBtrauen und 
die Abneigung noch nShrten. Abzumessen, wie die Schuld an dem Elend, das 
heute zum Himmel schreit, sich auf die einzelnen zusammenwirkenden Taktoren 
verteilt, steht uns nicht zu. Wir erheben unsere Stimme nicht, um irgendeine 
Seite anzuklagen. Wir stehen erschuttert vor einer der furchtbarsten Kata- 
strophen, die die Geschichte kennt, und suchen als Christen Kilfe fiir ein 
sterbendes christliches Volk. . 

Im Veriauf der kriegerischen Ereignisse ist die armenische Bevolkerung 
aus den Provinzen Ost- und West-Anatolien, Sizilien und Mesopotamien, d. h. 
mehr als eine Million Menschen, gewaltsam verschickt worden. Wie zahl- 
reiche Berichte von Augenzeugen einwandfrei und iibereinstimmend dartun, sind 
bei dieser Deportation Hunderttausende umgekommen, und noch heute rafft der 
bitterste Mangel ungezShlte Scharen, zumal von Frauen und Kindem, dahin. 
Eine der Sltesten christlichen Kirchen, ein Volk, dem die Teilnahme der 
deutschen Christen seit lange gehdrt, droht unterzugehen. 

Wir wtirden es nicht wagen, in dieser Zeit, da so vid eigene Not in der 
Heimat und unter unsern deutschen Brudern in fremden Landern unser Volk in 
Anspruch nimmt, fiir fremden Mangel die deutschen Christen aufzurufen, wenn 
hier nicht ein Elend ohnegleichen uns dazu zwSnge. Mit der Liebe zum 
eigenra Volk und der Treue gegen unsere Bundesgenossen muB auch das 
christliche Gemeingefflhl, die Bruderliebe derer, die eines Glaubens sind, zum 
Recht kommen durfen. Qerade wir, die wir Freunde und Bundesgenossen der 
Turkei sind, wir deutsche Christen, wtirden dereinst nicht mit ruhigem Ge- 
wissen auf diesen Krieg zurQckblicken konnen, wenn wir uns nicht bereit 
fSnden, unsern Olaubensgenossen im osmanischen Reich in SuBerster Not zu 
helfen. 

Einzelheiten fiber diese Not mitzuteilen, verbietet die gegenwartige Lage. 
Wir wagen es zu hoffen, daB man auch ohne solche Schilderung uns glaubt, daB 
unsere Bitte dringUch und wohlbegriindet ist, und wir Wege fiir schnelle, wirk- 
same Hilfeleistung zu suchen wissen werden. Eine einmalige, reichliche Gabe, 
durch die aber die Unterstutzung anderer christlicher Liebesarbeiten und Mis- 
sionen nicht gekurzt werden darf, bitten wir mit dem Vermerk „Armenierhilfe" 
an den mitunterzeichneten Direktor A. W. Schreiber, Steglitz, Humboldtstr. 14, 
zu schicken. „StSrke das andere, das sterben will!" V f| 

Im Mai 1916. ^ ^^ 

Missionsdirektor D. Karl AxenfeM, Berlin- Professor D. a Hausleiter, Halle. 
Mis»on^spektor Held, Wiesbaden. Missionsdirektor Bischof Heonig, Herrn 
hut. Professor D. Julias Richter, Steglitz. Pastor Rdbbelen, Hermannsburg. 
Direktor A. W. SchreB)^, Steglitz. Pastor Gottfried Simon, Barmen. Pastor 

Ewald Stier, Marburg. 



-- 222 - 

Aus unserem Vereinsleben. 



Unser neues Bareau. 

Vom 3 0. August an ist die Adresse unseres Zentral< 
bureaus: Berlki W 57, PallasstraBe 8/9, Gartenhaus. 

Briefe an Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte bitten wir zu richten nach: 
Berlin - S t e g 1 i t z , SedanstraBe 40. 

Briefe an Missionsinspektor K n o d t bitten wir zu richten nach Berlin- 
Friedenau, StubenrauchstraBe 17. 



Bucherbesprechungen. 



Professor C. H. Becker, Das turkische BilduiiKsproblein. Akade- 
mische Rede, gehalten an Kaisersgeburtstag 1916 in der Aula der Universitat 
zu Bonn. Bonn, 1916. Verlag von Friedrich Cohen. 38 S. 1,50 M. 

Es ware gut, wenn alle die diese Rede lesen wiirden, die an ubermaBiger, 
auBerlicher Schwarmerei fiir die Turkei und Idealisierung des Islams leiden. Hier 
spricht einer der besten Kenner des Orients, ein Fachmann. Er ist kein Flau- 
macher, aber ein niichterner Mann, der die groBen Schwierigkeiten sieht, die 
unser deutsch-turkisches Bundnis mit sich bringt geradc fiir die zukunftige 
Friedensaufgabe der wirtschaftlichen und kuiturellen Annaherung beider Lander. 
Deutlich tritt heraus, daB auf seiten der Tiirkei die Schwierigkeiten im Islam 
liegen. Aut deutscher Seite bedarf es vieles Taktes: „Mit lautem Schneid und 
herrischem Kulturdiinkel wird der Orient ebensowenig geistig gewonnen, wie 
mit Jovialitat oder plumper Vertraulichkeit. Mit ernster Wurde, mit Zuruck- 
haltung will der Orient behandelt sein." Man lese diese feiiien, vorsichtigen 
und doch klar alles kennzeichnenden Ausfiihrungen. Man mochte wiinschen, 
daB diese Rede in einer anderen Ausgabe weite Verbreitung fande. 

. Dr. J. Witte. 

Professor D. Carl Mirbt, Islam und Christentum in dem segen- 
wartisen Weltkrieg. Sonderabdruck aus dem Jahrbuch der SSchsischen Mis- 
sionskonferenz, 1915. H. Q. Wallmann, Leipzig. 

Die vorliegenden Ausfiihrungen sind als Vortrag auf der Sachsischen Mis- 
sionskonferenz in Dresden 1915 dargeboten worden. Es beriihrt wohltuend, 
eine AbgeklSrtheit und Ruhe des Urteils zu finden, die das prinzipielle Verhalt- 
nis von Christentum und Islam genau so beurteilt, als gabe es kein deutsch- 
tiirkisches Bundnis: „Es ist nicht ein BUndnis zwischen Christentum und Islam." 
Zuerst wird ein Oberblick gegeben iiber die geschichtlichen Beziehungen beider 
Religionen, unter starker Hervorhebung der Propaganda des Islams in der 
Qegenwart durch seine religiose Mission und unter gerechter Wurdigung der 
oft vom Islam bewiesenen Toleranz. Sodann wird vom heiligen Kriege und 
seinen Wirkungen auf die Welt des Islams gesprochen und schlieBUch von den 
nun sich anbahnenden engen Beziehungen zwischen dem Orient und uns: „Da6 
das Christentum dem Orient nicht vorenthalten werden darf, wenn wir ihm die 
intellektuellen, technischen, kuiturellen Errungenschaften des Abendlandes zu- 
fuhren, kann freilich nicht zweifelhaft sein." Es wird Vorsicht des Vorgehens 



-.223 - 

und Anknupfung an die schon bestehenden praktischen Liebeswerke der Mission 
empfohlen. Der Artikel gibt einen ausgezeichneten Rundblick iiber das ganze 
Problem. Dr. J. Witt e. 

Die ReligkNi des Islams tn Urkunden. I. Von Mohammed bis 
li a z a 11. Obersetzt und eingeleitet von Jos. Hell. Jena, Eugen 
Diederichs, 1915. Brosch. 4 M., in Leinw. geb. 5,20 M. 

Die Arbeit hat, wie die ganze Sammlung „Religidse Stimmen der Volker", 
den Zweck, die religiosen Stimmen der Volker „zu alien sprechen zu lassen, die 
sJe hSren wollen". Sie soil weder bloBe Unterhaltungslektiire, noch wissen* 
schaftliche Abhandlung sein. Diesem Zweck entspricht das vorliegende Band- 
chen. FUr den gebildeten Leser bedurfte es daher einer geschichtlichen Ein* 
leitung, die in kurzen, aber doch klaren Ziigen die Entwicklung des Islams dar- 
legt. Was Hell bei aller Knappheit ausfUhrt, ist durchaus klar und richtig. Neben 
dem Hanifentum hatte zwar auch die monotheistische Stromung in Siidarabien 
vor Mohammed genannt werden sollen. Ebenso hatte mit ein paar Worten ge- 
zeigt werden soUen, w i e „aus dem edlen Eiferer und Ehilder von Mekka ein 
niichterner, zielbewuBter, bisweilen tyrannischer und rachesiichtiger Herrscher" 
wurde. Es wird im allgemeinen zu wenig beachtet, daB der straffe monotheisti- 
sche Gottesglaube von vornherein einen politisch-nationalen Beigeschmack hat 
Der eine Volksgott umfaBt alle Stamme und bringt sie zu einer Einheit. Es 
braucht aber sehr wenig, um den religiosen Einschlag zu vemachlasslgen und 
ailein den politischen Zettel zu pflegen. Nicht besonders gluckllch ist der Satz 
auf derselben p. VII: „Die RoUe des Propheten behielt Mohammed bei bis zu 
seinem Tode." Man sollte doch einmal vollig frei werden von der Beurteilung des 
Propheten als einem Betruger und Heuchler. Er hat es zeitlebens mit seinem 
Beruf ernst genommen, wenn auch die Politik in Meduia alle AuBerungen reli- 
giosen Lebens verdrSngt hat 

Die Texte, die Hell bietet stammen aus dem Koran, AbQ Hanifa Ahmed 
Ibn Mohammed at-Tahawi, Abu'l-Hasan, al-Ashari, Abu Laith as-Sarmakandi, 
Abu Hamid Mohammed al-Qhazali. Fast ausnahmslos Texte, die bis j'etzt in 
deutscher Obersetzung nicht zuganglich waren. Die Abschnitte aus dem Koran, 
die Hell auch in einer selbstandigen Obersetzung gibt sind mit groBem Geschick 
ausgewShlt und stofflich geordnet. Ich habe nur ein paar Stellen uberChristen- 
tum und Islam vermiBt gestehe aber gem, daB Passendes schwierig zu finden 
wSre. Die Erlauterungen p. 138 — 154 beschranken sich auf das Allernot- 
wendigste. Fiir manchen Ausdruck schlagt man vergeblich nach. Was wir 
auszustellen haben, ist oben schon bemerkt worden. Sprachlich w^re eine noch 
groBere Freiheit von Fremdwortem zu wHnschen. Der gebildete Leser wrd 
das Buchlein mit groBem Qewinn lesen und wird gerade am Mangel die GroBe 
des christlichen Glaubens erkennen. Valentin Nuesch. 



Dr. Kurt Schultze, Jena, Der Kampf um Tsinstau. Vortrag, ge- 
halten am 28. Dezember 1914 im Klub „Concordia" in Schanghai. Jena 1915. 
Verlag von Gustav Fischer. 16 S. 30 Pf. 

Der Verfasser hat den Kampf von Tsingtau selbst erlebt Er gibt feine 
Schilderungen vom Verlauf der Belagerung und von der in Tsmgtau herrschen- 
den Stimmung. Auffallend ist in dieser, wie in mancher anderen Schrift iiber- 
Tsingtaus Heldenkampf die vornehme, ruhige Art des Urteils iiber die Japaner. 



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— 224 — 

Dasegen tritt stark heraus die Bitterkeit des Urteiis iiber England. Eine Reihe 
Kleiner personlicher Erlebnisse vervoUstandigt das sonst alien bekannte Bild 
der VorgSnge. Der Reinertrag des Heftes ist fiir die Hinterbliebenen der 
Marine bestimmt. Dr. J. W i 1 1 e. 

D. Aug. Kind t. Von den ersten Bliittern der BibeL Evangelischer 
Verlag, Heidelberg, 1915. 

Ein letztes schriftstelierisches Vermachtnis sind diese feinsinnigen, tief- 
durchdachten Ausfiihrungen des im Vorjahre verewigten Theologen und Mis- 
sionsfreundes. D. Aug. Kind hatte sich mit seinen kleinen erbaulichen Schriften, 
wie er sie wohl zu nennen ptlegte, eine groBere Gemeinde herangebildet, die 
weit iiber den Kreis seiner engeren Berliner Kirchengemeinde hinausging. Der 
aus voUer Schaftenskraft Heimgegangene hatte die vortreffliche Gabe, die Er- 
gebnisse theologischer Wissenschaft volkstiimlich und allgemein verstandlich 
darzustellen. Dazu trieb ihn der eine Beweggnind, das Buch der Biicher den 
Menschen der Gegenwart immer wieder lieb zu machen. Er suchte die innere 
religiose Wahrheit gleich dem fruchtbringenden Kern aus den Umhiillungen 
herauszuschalen. Ihm war es zur GewiBheit geworden, daB Erz^lungen wie 
die von der Schopfung, dem Siindenfall, dem Brudermord Kains, der Sintflut 
und dem Turmbau zu Babel, sobald sie als Dichtungen aufgefaBt wurden, ewige 
Wahrheiten in anschaulicher Form darstellten. Dabei beseelte ihn zugleich der 
Wunsch, die graue Vergangenheit mit der Gegenwart in Uchtvolle Beziehung 
zu setzen. Heilige, himmelwarts strebende und fuhrende Krafte webten und 
walteten ihm in der Menschheit. Er wollte zeigen, daB langsam, aber unwider- 
stehlich die Machte der Finsternis zurQckgedrangt wiirden, daB der Ruhm des 
Christentums, der Welt die Erlosung gebracht zu haben, kein bloBes Wort sel 
„Das Alte Testament redet am Schlusse seiner allgemeinen Einleitung von dem 
Auseinandergehen und der gegenseitigen Entfremdung der Volker. Das Neue 
Testament eroffnet uns als den Willen Qottes die Aussicht, daB die Einheit 
wieder hergestellt und daB durch Christus eine Geistes- und Gesinnungsgemein- 
schaft herbeigeiiihrt wird." Solche warmherzigen, echt christlichen Erwagun- 
gen durchziehen auch gerade diese letzte Schrift des ehemaligen Prasidenten 
des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins, dessen Werbe- 
arbeit der Ertrag des trefflichen Werkes zugute kommen soil. Ein jeder, der 
die lehrreiche Schrift sich zueignet, wird iiber dem Lesen einen wahren GenuB 
empfinden und zugleich eine Missionsarbeit fordern helfen, der noch eine groBe 
Zukunft winkt. 

Hamburg. D. Rudolf M e i n c k e. 



Eingegangene Bficher: 

D^Dr. Paul KirmB, Das Reich muB uns doch bleiben. 
5. Reihe der Kriegspredigten. Hutten-Verlag, G. m. b. H. Berlin 1916. 
Preis 0,60 Mark. ^ 

. Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 
Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Gorlitz, Demianiplatz 28. 

' - . . V - ,._ . . 






Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. ^ 

Von Professor Dr. Hans Haas. 
(Fortsetzung.) 

Unser Luther ist noch ganz Kirchenmann gewesen. Er hat iiber 
Luhammed und seine Lehre nicht anders gedacht als seine 
^rimmsten Qegner innerhalb der romischen Kirche, wie er denn 
fiberhaupt keine Sympathie aufbringen konnte fiir einen anderen 
Olauben als der war, dessen geistesgewaltiger Prophet er selbst zu 
sein von Qott berufen worden. Die Juden galten ihm, wenigstens 
spdter, als grundverstockt und Liigner. Die Heidenvolker, die in 
seinen Tagen entdeckt worden, blieben seinem Interesse bekannt- 
lich so fern, daB er, der QrSBte im Reiche Qottes seiner Zeit, in der 
Qeschichte der christlichen Heidenmission ungenannt bleiben kann: 
Das Heidentum, mit dem er' sich denkend auseinanderzusetzen und 
das zu iiberwinden er sich verpflichtet fiihlte, war das im Katholizis- 
mus steckende. Ebenso harte Worte wie gegen die Papisten aber 
hat er auch gegen die Tiirken gebraucht. Ihre Religion gait ihm 
reinweg eine Erfindung des Teufels, ihr Stifter selber als des Satans 
Erstgeborener. Urkraftig sind zum Teil die Qlossen, mit denen er 
1540 die von ihm herausgegebene deutsche Obersetzung von 
Richards, des Dominikanermonchs, Improbatio Alcorani begleitete. 

Auch Melanchthon, der sanfte, leisetretende, identifiziert Muham- 
med mit dem Qog und Magog der Apokalypse (20, 8) und mit dem 
kleinen Horn in Daniels Traumgesicht, das Augen hatte „wie 
Menschenaugen, und ein Maul, das redete groBe Dinge" (Dan. 7, 8). 

Sonderlich wundern wird uns das ja nicht wohl konnen. Waren 
doch in diesen Tagen eben die Tiirken die gefahrlichsten Bedroher 
des Friedens von Europa, und hatte man doch iiber ihre Religion und 
deren Stifter bis dahin wenig mehr als Ammenmarchen nur ver- 
nommen. 

Aber noch ehe Luther heimging, ist auch ein Werk geschrieben 
worden, das beide besser konnte verstehen lehren: WiUielm Postels 
De orbis terrae concordia. Professor Arnold Meyer-Ziirich hat den 
Autor, der als begleitender Arzt einer Gesandtschaft den Islam an 
der Quelle, in Konstantinopel, hatte kennen lernen, den ersten Reli- 

Zeitsdnift fBr Minioiuknnde and RcliKimttwisseBschaft. 31. Jahrgang. Heft 8. 



I - 226 - 

gionsvergleicher genannt. Damit geschieht dem geistreichen Fran- 
zosen zu viel Ehre. TatsSchlich ist doch auch er nur von apologeti- 
schem Interesse geleitet. Mit seinem Werke hat er es einzig darauf 
abgesehen, die Richtigkeit der christlichen Lehre auch durch den 
consensus gentium zu erweisen. Zu dieser christlichen Lehre sind die 
Muhammedaner zu bekehren. Eine solche Bekehrung aber scheint 
ihm nicht anders moglicb als durch wissenschaftliche Oberzeugung, 
nur durch die Auflosung der fremden Religion in das Christentum. 
Daher denn auch sein Werk in der Ermahnung an die Christen 
gipfelt, den Islam zu studieren. Nicht wundernehmen kann es, daB 
er selbst, ein wirklicher Kenner des Islam, diesen im einzelnen un- 
befangener wiirdigt, als das bislang geschehen war *) 

Noch freier, unvoreingenommener steht, wie anderen Religionen 
tiberhaupt, so auch der islamischen gegenuber Jean Bodin in seinem 
Heptaplomeres, in dem Lessing, wenn er es gekannt hatte, seine 
Wolfenbutteler Fragmente und die leitende Tendenz seines Nathan 
hatte voraufgenommen linden miissen, ein Werk, das zeigen will, 
daB alle geschichtlich bestehenden Religionen und Sekten, und also 
auch der Islam, auch ihr inneres objektives Recht des Bestehens 
haben. 

Weder Postel noch Bodin waren Protestanten. Von Postel 
wissen wir das sicher. Er ist eine Zeitlang sogar Mitglied der da- 
mals erst begrundeten Qesellschaft Jesu gewesen. Aber auch Bodin, 
dem in der BartholomMusnacht als einem Hugenottenfreunde der Tod 
zugedacht war, ist wohl nicht selber ein Hugenotte, wofur ihn Bayle 
hat halten woUen, sondern nur eben ein Katholik mit protestantischen 
Qesinnungen gewesen. Zu seinen Lebzeiten hat er beiden, Katho- 
liken wie Protestanten, als ein Erzketzer gegolten, und hinter eine 
Heptaplomeres-Handschrift, die sich in der Pariser Bibliothek be- 
findet, hat ein Unbekannter den Vermerk gesetzt: Qui tot religiones 
laudavit, nullam habuit. 

Man sieht, es war riskant, nicht mit den Wolfen zu heulen. Und 
auch protestantische Autoren hielten es anfangs noch fiir geraten, 
behutsam zu sein mit Urteilskundgebungen, die nicht glattweg 



*) GewissermaBen einen Vorganjjer hat Postel mit sdnen Anschaa- 
tins;en bereits in einem jrelehrten englischen Scholastiker des 13. Jahr- 
hunderts, dem frellich auch als Ketzer beargwohnten Oxforder Franzfe- 
kanermonch Roger Bacon (1214 — 1294), der in seinem allerdings erst 
Ranze 500 Jahre spater (1773) durch Druclt veroffentlichten Opus 
majus in seltener Vorurtedlslosigkeit einraumte, daB auch die.Ausbrei- 
tutig des Muhammedaiiismus rhr Qutes geiiabt. 

■ -■• . ■ A ,; ■- .-.-■■ ■-■ ■ K ' • ■ ''-" 'i-'^ 



- 227 - 

Muhammed in der hergebrachten Weise traktierten. MuBten in 
Deutschland doch selbst Aspiranten auf eine Professur fiir Arabisch 
das Qeldbnis ablegen, iiire Kenntnisse zur Widerlegung der Irrtiimer 
der Religion Muliammeds anzuwenden. *=; 

Es ist bezeichnend, wie der Reformierte J. H. flottinger, der 
1651 in Zurich eine Historia orientalis ersciieinen iieB, in der Vorrede 
ein langes und breites sich entschuldigen zu miissen fiir notig er- 
achtet, daB er eine Darstellung der muhammedanischen Lehre gibt, 
und wie er zur Reclitfertigung seines Unternehmens auf zeitge- 
nossische Beriihmtheiten sich beruft, die ihn dazu ermutigt hatten. 
Er erwahnt u. a. einen Brief des Leydener Professors L'Empereur, 
worin dieser Breitinger beschwort (per viscera Christi), dem jungen 
Mann zur Vollendung seiner Studien iiber die Reli^on der Muham- 
medaner behilflich zu sein, die bislang in so sinnloser Weise behandelt 
worden sei. L'Empereur erhoffte sich von diesen Studien, insofern 
durch dieselben eine ausgedehntere Kenntnis der Sitten und Qe- 
brSuche des Morgenlandes zu erlangen sei, die Qewinnung eines 
vollstandigeren Verstandnisses der Heiligen Schrift. Hottinger selbst 
— es sei verstattet, hier einem Referate Snouclc Hurgronjes zu 
folgen — hatte ein anderes im Auge. Ihm war es nicht nur um eine 
Forderung der Exegetilc, Apologetik und der allgemeinen Qeschichte 
zu tun, er verfolgte mit seiner Historia orientalis daruber hinaus zwei 
weitere Ziele. Die Romisch-Katholischen gingen in ihrer Kontro- 
verse mit dem Protestantismus zuweilen darauf aus, die reformierte 
Lehre zu verdachtigen, indem sie sie der Verwandtschaft mit der 
muslimischen Doktrin bezichtigten *). Diesen Vorwurf des Krypto- 



*) Marracci, Vivaldus und andere romische Autoren zeigen 
dretzehn oder mehr Ketzereaen auf, in denen die Lutheraner mit den An- 
hangem des Islam zusammensthninen. Eine der Hauptahnlichkeiten wird in 
der LeuKnuni; des freien Wiilens eefunden, andere in der Verwerfung der 
Bilderverehrung und des HdliKendienstes usw. Der Ehehandel des Land- 
srafen PWiipp von Hessen muB dazu herhaiten, die AnhSnger Luthers auch 
als Verteidiger der Poiygamie den Muslimen zu gesellen. Ubrigens hat 
es auch ein fanatischer Lutheraner fertig gebracht, ein Buch zu schreiben, 
das- dem Nachweis dienen sollte, daB die verfluchten Calvinisten, mit 
deren Pradestmattonslehre audi die Romischen den Fatalisrous der 
Muihammedaner in Vergleich setzten, 666 (die apokalypttsche Zahl!) SStze 
mit den Tlirken gemein haben. Paralleien zwischen Lutheranern und 
Muttammedanern auch in Thomas a Jesu, De vocatione gentium. 
Antwerpen 1613. Autoren von Literatur dteser Art simi es ferner offen- 
bar, die Fatoricius in seinem Dilectus argumentorum, S- 741, auffiihrt 
mit dem Hinzufiieen: et alii putidarum cakmniarum fabri vel recoctores, 
quos noUm ad Mattiaei Sutlivii vel Thomae Mortoni Turcopapismum 
ablegare, sed rogare, «t ipsi secum cogitent num criminationibus ejus 
nio(K causa reiigionis religiose, recte ac feliciter agatur? 






— 228 — 

Muhammedanismus will Hottinger den Katholiken „talionis lege" 
zuruckgeben *), und er wendet nicht weniger als ein ganzes Kapitel 
an den Nachweis, daB die Argumente Bellarmins zur Verteidigung 
der Kirchenlehre der muslimischen Dogmatik entlehnt sind. NSchst- 
dem aber lieg^t es ihm nicht weniger wie einst einem Bibliander an, 
durch seine Widerlegung des Koran beizutragen „in oppugnationem 
Mahometanae perfidiae et Turcici regni". In dem damaligen Europa 
war der tiirkische Name gefiirchtet: man wuBte sehr wohl, welche 
Bedeutung fur die Erhaltung der tiirkischen Macht der Religion zu- 
kam. So sicherte das politische Interesse dem Werke Hottingers 
seinen weiten Leserkreis. Nichtsdestoweniger stoBt man doch in 
seiner Darstellung alle Augenblicke auf die Spuren der Bedenken, die 
damals noch ein Qelehrter tragen muBte, ein Qebiet emsthaft zu er- 
forschen, das die groBe Mehrzahl seiner Qenossen als des Interesses 
ermangelnd und voller Absurditaten erachtete. Nie, und namentlich 
dann nicht, wenn er von Muhammed etwas Lobliches zu sagen hat, 
verfehlt er, gegen Unannehmlichkeiten, die ihm daraus erwachsen 
konnten, sich vorzusehen, indem er eine Reihe von Injurien anftigt. 
Nie fiihrt er den Namen des falschen Propheten an, ohne Ausdriicke 
anzuschlieBen wie etwa den: „ad cuius profecto mentionem inhorres- 
cere nobis debet animus". 

Aber, das ist denn doch nicht zu verkennen, bei Hottinger waltet 
trotz allem das Bestreben vor, dem Islam und seinem Stifter nach 
Moglichkeit gerecht zu werden. 

Erst recht ist das der Fall bei dem gelehrten Utrechter Orienta- 
listen Hadrian Reland in seinem erstmalig 1705 erschienenen Buche 
De religione Mohammedica. Er steht nicht an, offen herauszusagen, 
daB Muhammed bis dahin Unbill widerfahren sei die Menge, und daB 
nie eine Religion mehr verleumdet worden sei als seine. Zwar auch 
er meint sich noch dagegen verwahren zu miissen, daB man ihm die 



*) Auch der eleich hjernach zu nennende Calvinist Reland findet, 
WiederverReltttnR libetid, eine canze Anzahl Analogien zu romisciien Irr- 
ttknern, so in den muhammedanisdien Qebeten fur die Toten, im Aiif- 
sucfaen der ProphetensTraber, in den Pilgerfahrten nach Mekka, im 
Glauben an die Interzession von Engehi oder toten HeHigen, in bestimmten 
Fastenzeit^i, in UnterscbeidunK der Speisen, verdiejistlichem Almosen- 
geben usw. Von einem E. H u n n i u s gibt es eine Disputatio de duotous 
Antichristis primariis. Mahumete et Pontifice Romano (Marpurgi 1590). 
Verwandten Oharakters ist ein 1664 gedruckter „Ausszujt Auss Joiiannis 
W a 1 1 a c h i i Biichldn, darinnen er beweiset, wie der Ortentalische Anti- 
Ch.iist mit dem Occidentalischen zu vergleichen sey, und wie ateo der Ertz- 
Anti-Christ als ein zweykopfichtes Monstrum, seiner Haupter eins in Orient, 
das ander in Ocwdent strecke." 



- 229 - 

Absicht unterstelle, diese rehabilitieren zu wollen, und wenn er in 
seiner Schrift Muhammed einen Propheten nennt, so will er, daB der 
Leser dabei nicht iibersehe, mit welchem Vorbehalte das bei ihm 
geschehe. Faktisch wird das Buch des kritischen Autors doch zu 
einer echten, rechten Ehrenrettung. Nie und nimmer, meint er, 
hatte der Islam, ware er wirklich so sinnlos, wie er christlicherseits 
immer und immer wieder hingestellt worden sei, Millionen von An- 
hingern linden konnen. Ein Unding uberhaupt, von einer anderen 
Religion sich eine Vorstellung zu bilden auf Qrund von Schilderun- 
gen ihrer Gegner. Und so musse man denn auch den Islam von 
dessen Bekennern sich beschreiben lassen. Solange man ihn nicht 
richtig kenne, sei gar nicht daran zu denken, daB man ihn wirksam 
soUte widerlegen konnen. Dem wahren Qlauben werde man die 
Muslims auch viel eher als durch torichtes und boswilliges Ver- 
dachtigen gewinnen, indem man dem ihrigen in den religiosen Dis- 
kussionen mit einigem Wohlwollen entgegentrete. Eine genauere 
Kenntnis des Islam und seiner Bekenner werde an die Stelle unseref 
seibstgefalligen Oberhebung ein Qefiihl des Dankes gegen Qott treten 
lassen, der uns das Christentum geschenkt aus reiner Qnade. Hatte 
es sich darum gehandelt, es zu verdienen, so hatten die Muham- 
medaner wie oft! ein reicheres MaB von Tugenden aufzuweisen ge- 
habt: es gebe doch zu denken, daB der Tiirke, wenn er von einem 
seiner Qlaubensgenossen der Liige oder des Betrugs verdachtigt 
werde, dem oft begegne mit dem Ausruf der Entriistung: „Haltst du 
mich denn fiir einen Christen?" — ein trauriges Zeichen dafiir, in 
welch uble Reputation die Christen durch ihre Lebensfiihrung sich 
im Orient gesetzt! 

Reland, sei das hier nebehbei bemerkt, ist keineswegs der erste, 
der der auBeren Zuchtigkeit der Anhanger des Propheten An- 
erkennung zoUt und es wagt, sie in Vergleich mit der der Durch- 
schnittschristen zu setzen. Ein halbes Jahrhundert vor dem Er- 
scheinen seines Kompendiums der Islamlehre ging von England ein 
Werk aus, das gemeinhin als die erste Allgemeine Religionsgeschichte 
angesprochen wird, Alexander RoB* „Pansebeia" (1653). RoB be- 
kundet in dieser auch ins Deutsche iibersetzten Kompilation wenig 
Sympathie mit fremden Qlaubensweisen, und besonders fiir die 
islamische hat er sehr wenig iiber. Widmet er gleich einen be- 
sonderen Abschnitt seines Bucbes dem theologischen Nachweis, daB 
Muhammed nicht der groBe Antichrist von 2. Thess. 2 und der Apo- 
kalypse gewesen sei, der am Ende der Welt kommen soil, so will er 



- 230 - 

gleichwohl nicht leugnen, „daB er ein Antichrist gewesen, indem 
er eine Lehre hat auf die Bahne gebracht, welche wider die Qottheit 
Christi streitet". Sei doch auch die Zahl des Tieres, 666, in seinem 
Namen zu finden, und man moge wohl schlieBen, daB er bezeichnet 
werde durch den Tod, der nach Apok. 6, 8 geritten auf dem fahlen 
Pferde, und die Holle folgete ihm nach, dem da ward Macht gegeben 
iiber das vierte Teil der Erden usw. So mehr nur will es denn be- 
sagen, wenn man bei unserem Autor, indem er den Ursachen nach- 
forscht, aus denen sich die weite Verbreitung des muhammedani- 
schen Aberglaubens erklart, u. a. zu lesen bekommt: eine seiche 
Ursache sei das bose und argerliche Leben der Christen, sowohl der 
Qeistlichen als der Weltlichen; denn die Muhammedaner seien ins- 
gemein viel eifriger in den Werken des Qottesdienstes und viel ge- 
rechter in ihrem Handel und Wandel; oder: die Leute wiirden ein- 
genommen durch die auBerliche Sittsamkeit, in der die Tiirken die 
Christen iibertrafen, denn sie seien insgemein viel sittsamer in ihrer 
Konversation als wir; Manner und Weiber gingen nicht dergestali 
miteinander um als bei uns; sie seien weniger iippig in ihrem Hauser- 
bauen, weniger verschwenderisch und verniinftiger in ihrer Kleidung, 
maBiger im Essen und Trinken, ein vieles andachtiger und ehrerbieti- 
ger in ihren Kirchen, eingezogener in ihren Reden und QebSrden und 
ihrer Obrigkeit weit gehorsamer als wir. 

Es ist natiirlich: einem besinnlichen Leser, dem noch irgend gait: 
'' „an ihren Friichten sollt ihr sie erkennen" und „ein fauler Baum 
kann nicht gute Friichte bringen", „auch so liest man nicht Trauben 
von den Hecken", muBte es doch einigermaBen schwer werden, in 
Muhammed, der als Lehrer seiche Friichte an den Seelen zu schaffen 
vermogend gewesen sein sellte, nur den reiBenden Wolf, d. h. den 
falschen Propheten zu erblicken, wenn er ihm gleich von einem 
Alexander ReB nech als selcher gemalt wurde. Zum mindesten muBte 
jedem Nachdenkenden der Satz des heiligen Augustin in den Sinn 
kommen: ,,Nulla falsa doctrina est, quae non aliquid veri per- 
misceat." ■■-■■-■'-"■ '^■-'"''-' '^'''— " "^■'''■■■■-'^' If 

- Geradezu zur Devise machte sich dieses Wort Augustins der 
englische Orientalist Sale, der 1734 mit einer englischen Keranuber- 
setzung hervortrat, in dem dieser verausgeschickten Preliminary 
Discourse, der dem Propheten geflissentlich alle Qerechtigkeit 
widerfahren lieB. — >^ v • 

• Zu diesem Punkt etwa war die Muhammedforschung in der 
abendlSndischen Christenheit gelangt, als Voltaire sich beifallen lieB, 



- 231 - 

den blutdiirstigen Schurken auf die Biiline zu stellen, als der uns der 
Prophet in seinem Trauerspiel entgegentritt, den von Fleischeslust 
getriebenen Tyrannen und schamlosenHeuchler und Betruger, der es 
halt mit dem Worte: mundus vult decipi. Er kannte das Urteil, zu 
dem unvoreingenommene Betrachtung die protestantischen Forscher 
gefiihrt hatte. Des Englanders Sale z. B. tut ein Brief von ihm an 
den preuBischen Konig Friedrich den GroBen vom 20. Januar 1742 
Erwahnung mit dem Bemerken, dieser woUe Muhammed angesehen 
wissen wie einen Numa oder einen Theseus; er kannte natiirlich 
Bayle, der in seinem Dictionnaire Mahomet eine von keinen kon- 
fessionellen Riicksichten behinderte Wiirdigung gewidmet hatte, 
und der eben angezogene Brief, gerichtet an Friedrich den QroBen, 
zeigt, daB er auch die 1730 in London erschienene Muhammed- 
biographie des Qrafen von Boulainvillers, auf die nachher noch ein- 
zugehen sein wird, gelesen hatte. „Der Graf von Boulainvillers", 
liest man da, „schrieb vor einigen Jahren das Leben des Propheten. 
Er unternahm es, ihn als einen GroBen hinzustellen, den die Vor- 
sehung erwShlt habe, die Christen zu strafen und emem Teil der 
Welt ein anderes Qesicht zu geben." 

Voltaire wuBte nur zu gut, daB das Bild, das er von dem Helden 
seines Trauerspiels gab, der Wirklichkeit nicht glich *). AUe die 
NiedertrSchtigkeiten des Buhnenmuhammed, die ganze Intrige, auf 
der die Handlung des Stiickes beruht, hat er, der Dichter, frei er- 
funden. Aber um nichts auch ist es ihm weniger zu tun gewesen 
als darum, mit der historischen Wahrheit in Einklang sich zu halten. 
Was ging ihn der Prophet von Mekka an? Nicht ihn war er ge- 
sonnen eintausend Jahre nach seinem Tode zum Abscheu eines 
europ^schen Theaterpublikums zu machen. Sein Absehen ging auf 
ein viel, viel anderes. Der Dichter Lessing weiland schrieb, indem 
er sich an die Bearbeitung seines „Nathan" machte, seinem Bruder, 
er hoffe gewlB, damit den Theologen einen argeren Possen zu spielen, 
als mit zehn Wolfenbiitteler Fragmenten. Solcher Absicht etwa war 
Voltaire, als er seinen „Mahomet" schrieb. Das ganze Stack, ein 
dramatisches dcrasez Tinfame, ist gegen das katholische Christen- 
tum, ist gegen die Religion uberhaupt gerichtet, als gegen Priester- 
trug und Aberglauben, daraus mit Notwendigkeit Heuchelei er- 



*) Voltaire wurde jedenfalls sehr verwundert sein, zu lesen, was noch 
1896 Robert Falke in seinem sonst nidit schlechten Buche ,3uddha, 
Mohammed, Christus", Bd. I, S. 169, schrMbt: er habe den Propheten in 
seinem glelchnamigen (sic) Trauerspiele richtig charakterisiert. 



- 232 - 

wachse und jener Fanatismus, der vor den argsten Verbrechen nicht 
zuriickschrecke, um niederzutreten, was sich weigert, von dem Be- 
truge sich einfangen zu lassen, und, wenn das nicht, doch Freunde 
entzweie, Verwandte auseinander bringe, Weisen den Mund stopfe. 
Hatte Voltaire den Mut dazu gefunden, so hStte er den Stoff fur 
seine Tragodie in unserer eigenen Qeschichte finden raSgen. Das 
schien ihm zu riskant. Sein Ziel zu erreichen, muBte er scheinbar 
in etwas abirren von eben diesem Ziele. So kam er darauf, Mekka 
zu nehmen als eine kommode Bezeichnung fur Rom, und so kam 
er darauf, Muhammed zu wahlen als den Stifter einer fremden Reli- 
gion, dessen Fanatismus er ohne Qefahr meinte angreifen zu konnen. 
Ihm unterschiebt er Verbrechen, wie sie einem falschen Propheten 
zuzutrauen sind, dem der Zweck die Mittel heiligt und der sich nicht 
bedenkt, zu jedem Trug und zu jegiicher Qewalttat zu greifen, nur 
um sich selber durchzusetzen. 

Trotz aller Vorsicht und trotz aller Verschleierung der Absicht 
hat der franzosische Klerus sehr bald Unrat gewittert. Schon nach 
der dritten hauptstadtischen Auffiihrung wurde das Stiick auf hoheren 
Befehl als religionsgefahrdend vom Spielplan abgesetzt, und fiber 
die wahre Tendenz desselben hat sich die Kirche auch nicht tSuschen 
lassen, als der Philosoph die Stirne hatte, die (wie es in dem Zu- 
eignungsschreiben heiBt) gegen den Stifter einer falschen und bar- 
barischen Religion gerichtete Schrift dem Oberhaupt der wahren 
, Religion zu widmen. 

Voltaire zu FUBen des Heiligen Vaters! Das konnte in der Tat 
nicht anders empfunden werden denn als eine ergotzliche Karikatur. 
Ob Benedikt XIV. dariiber und iiber die impertinent geniale Bosheit, 
die schon in der nackten Tatsache der Widmung allein gelegen war, 
sich klar gewesen, wird sich nicht entscheiden lassen. Wohl oder 
iibel muBte er dem angesehenen Obersender mit seinem apostoli- 
schen Segen danken. Voltaire aber wuBte das Dankschreiben Bene- 
dikts auszubeuten als eine pSpstliche Approbation seines Stiickes, das 
so in der Folge wieder den Weg auf die Biihne fand und von hier aus 
J erst, nur arg vergrobert, das Bild des Propheten in die breiten 
Schichten trug, das altere kirchliche Schriftsteller von ihm ent- 
worfen hatten, entworfen in Werken, die schlieBlich doch eigent- 
lich nicht an das Volk gedrungen waren. 

Wir haben von dem selben Voltaire noch ein anderes Bild des 
arabischen Propheten, ebensowenig ein echter Voltah-e freilich wie 
dies erste, in hinterhSltiger Absicht kflnstlich gestaltete, sondern. 



- 233 - 

wie dieses, auch nichts welter als Kopie. Dieses andere Bild findet 
sicii in seinem beruhmten Essai sur les moeurs (1756), besonders 
in Kap. VI. In diesem Werk, in dem die Zivilisationen des Ostens 
uberhaupt einen breiten Raum einnehmen, ist ein vieles die Rede 
auch vom Islam. Vergleiclit man die diesbezugiichen Reflexionen 
Voltaires hier mit seinen friiheren Auslassungen, so itann man kaum 
giauben, daB man es mit einem und demselben Autor zu tun hat. Vor- 
mals ver&chtlich gemacht als eine IScherliche Sekte, wird hier die 
Religion Muhammeds charakterisiert als eine der groBten Tatsachen 
der Weltgeschichte. Der Koran, in Voltaires Brief an den PreuBen- 
konig vom 20. Januar 1742 „ce livre inintellegible qui fait fremir le 
sens commun k chaque page", heiBt zwar auch im Essai (Kap. VII) 
npch „une declamation incoh^rente", gilt aber jetzt doch als ein aus- 
gezeichnetes Buch, das sublime Stellen und sehr gute Qesetze ent- 
halt. Und so ist ihm nun auch der Autor dieses Buches nicht mehr 
„Tartufe le Grand", der „Tartufe les armes k la main", sondern „le 
grand homme", der groBe Mann, ein anderer Cromwell, der, Er- 
oberer, Qesetzgeber, Herrscher And Priester in einem, die groBte 
Rolle gespielt hat, die einer hier auf Erden spielen kann. Aus dem 
frechen Betriiger ist ein uberzeugter Enthusiast geworden, aus dem 
grausamen Fanatiker ein Apostel der Toleranz. 

Ich habe es bereits gesagt: auch mit dieser Charakterisierung , 
Muhammeds ist Voltaire nicht original. Wie hier, so prSsentiert sich 
uns der Prophet der Araber bereits in der Muhammedbiographie 
des Qrafen Bottlainyllliers, die Voltaire bereits kannte, als er die 
Tragodie schrieb. 

Qegen Boulainvilliers war 1732 der Franzose Jean Gagnier auf 
den Plan getreten, der, weiland Kanonikus der Abtei der heiligen 
Qenoveva in Paris, in England zur protestaintischen Lehre iiber- 
getreten war und dort in Oxford als Nachfolger des beruhmten 
Pococke eine Professur fiir orientalische Sprachen bekleidete. Er 
tat's in einem neuen „Leben Mahomets". Der Polemik gegen 
Boulainvilliers ist hier nur die Einleitung gewidmet. Die Biographic 
selbst hatte es keineswegs darauf abgesehen, Muhammed zu 
schildern, wie er war, sondern nur darauf, die Europaer mit dem 
bekannt zu machen, was die orthodoxen Muslims von ihrem Pro- 
pheten erzShlen und giauben. Qagnier selber tat sich nicht wenig 
zu gut auf seine absolute Unparteilichkeit. DaB es mit dieser in 
Wirklichkeit nicht allzuweit her ist, bekundet schon die Vorrede, in 
der von Muhammed gesprochen wird als von dem ruchlosesten aller 



— 234 - 

Menschen und dem groBten Todfeind Qottes. Immerhin war es 
doch ein Quellenbild, was er einem bloBen Phantasiegebilde ent- 
gegenstellte. Und nicht mit Unrecht hat er Boulainvilliers' Pan- 
egyrikus fiir gefahrlich gehalten. Seine antiklerikale Tendenz war 
in der Tat nicht zu verkennen. Der Islam wird hier, bei Boulain- 
villiers, faktisch auf Kosten des Christentums erhoben und sein 
Stifter gepriesen als ein Weiser, der sein Volk zivilisiert, als ein 
Werkzeug Qottes, der eine verniinftige Religion eingefiihrt habe. 

In Deutschland hat es die sogenannte Aufklarung, zahm wie der 
englische Deismus, im Qrunde nur auf eine Lauterung der ortho- 
doxen Kirchenlehre abgesehen. Anders bekanntlich war's in 
Frankreich. Da wurde die Aufklarung, wo nicht, wie vielfach genug, 
zu voUer, runder Ablehnung a 1 1 e r Religion (sei es, daB man sie 
hinstellt als riickstandiges Uberlebsel aus der Kindheit und geistigen 
Unmiindigkeit der Menschheit, oder aber daB man sie erklSrt als 
schlaue Priestererfindung), so doch jedenfalls zur Parteinahme fur 
die anderen Religionen gegendiechristliche. 
"\^ B eider Kampfweisen hat der Freigeist Voltaire sich bedient, 
zuerst der einen, dann der andern. 

Hatte der Effekthascher mit seinem Trauerspiele nicht so ganz 
den Erfolg, den er sich von ihm versprochen, so desto mehr mit 
dieser neuen Qlorifizierung des Propheten nach dem Vorgang des 
Grafen von Boulainvilliers. Hatte er ihn erst, freilich ohne eigent- 
lich ihn selber damit treffen zu wollen, an den Pranger gestellt, so 
brachte er ihn jetzt in Mode. Muhammed hatte es im Mittelalter 
sich gefallen lassen miissen, mit Mose und mit Jesus zu einem Klee- 
blatt von Betriigern vereinigt zu werden. Fortab bildet er fiir eine 
Periode zusammen mit Zoroaster und Konfuzius die Trias der drei 
groBten Qesetzgeber der Welt. 

Auch die gelehrte Welt schien zu denken: „Wo alles Hebt, kann 
Karl allein nicht hassen." 1786 schrieb die Acad6mie des Inscrip- 
tions et Belles-Lettres als Preisaufgabe aus: „Zoroastre, Confucius 
et Mahomet compares comme Sectaires, Legislateurs et Moralistes", 
und 1805 stelite das franzosische Nationalinstitut zum Wettbewerb 
das Thema auf: „De I'influence de Mahomet pendant les trois 
premiers si^cles de I'Hegire". Der preisgekronte Bearbeiter dieser 
letzteren Aufgabe war ein Deutscher, K. E. Oelsner. Jakob Minor 
teilt mit, daB Klinger, nachdem er Oelsners Buch bloB aus einer An- 
zeige in der Jenaer Literaturzeitung, kennen gelemt hatte, an 
Morgenstern geschrieben: „Welche MSnner enthSlt Deutschland! 






- 235 - 

Ein Jahrtausend wurde fiber Mahomet geschimpft und gefaselt. — 
Der Deutsche kam, um den Einzigen, der er war, darzustellen, und 
alle vorigen zu Boden zu treten." QewiB ist dieses Lob, wie schon 
Minor bemerkt, iiberschwenglich, wie es auch ungerecht in der Ver- 
urteilung der Auslander zu nennen ist. Aber auch wenn es zutrafe, 
konnte doch in diesem fluchtigen Oberblicke iiber diese Preisschrift 
von 1809 hinweggeglitten werden. Dies darum, weil nach dem Be- 
kenntnis Qoethes Oeisner vollkommen mit der Idee zusammenge- 
troffen, die er sich von dem auBerordentlichen Manne gemacht habe, 
und weil wir doch Qoethes Auffassung auf jeden Fall uns naher 
werden betrachten mussen. 

Auch bei dem Franzosen Turpin, der in den Jahren 1773 und 
1779 drei Bande einer viel gelesenen Qeschichte des Lebens Muham- 
meds veroffentlicht hat, brauchen wir uns nicht langer aufzuhalten. 
Es mag geniigen, zu bemerken, daB auch er von Voltaires Essai sur 
les moeurs sich stark beeinfluBt zeigt. 

Mit Turpin hinwiederum aber stimmt in der Hauptsache auch 
der englische Qeschichtsschreiber Edward Gibbon iiberein, der 
sich im 50. Kapitel seines 1776—1787 veroffentlichten Meisterwerkes 
„History of the decline and fall of the Roman empire" iiber Muham- 
med ausl^Bt. Sein Urteil fiber ihn, das er, ohne selbst Arabist zu 
sein, auf Grund der damals in lateinischen, franzosischen und eng- 
lischen Obersetzungen zuganglichen Quellen sich gebildet, zu- 
sammenfassend, schwankt er, ob „diesem auBerordentlichen Manne 
eher der Titel eines Enthusiasten oder aber eines Betrugers zu- 
kommt. . . . Nur allzugroB ist die Gefahr, von Schwarmerei hinuber- 
zugleiten zum Betrug; ein Schritt, ein einziger, genfigt. Das Dai- 
monion des Sokrates bietet ein denkwfirdiges Beispiel dafur dar, 
wie es selbst bei vortrefflichen Anlagen, bei Weisheit und Qfite des 
Herzens, moglich ist, sich und andere zu hintergehen, und wie leicht 
das Gewissen, in einem gemischten und mittleren Zustand zwischen 
eigenem Wahn und vorsStzlicher Tauschung, einschlummert." 
„Seiner Mittel Abscheulichkeit wurde ihn mit Schauder erffillt haben, 
wenn ihn nicht die Wichtigkeit und Gerechtigkeit des Endzweckes 
beruhigt hatte." 

Von Frankreich und England wenden wir uns endlich auch nach 
Deutschland. Der schon einmal von mir genannte Literarhistoriker 
Jakob Minor, dessen Monographic „Goethes Mahomet" uns hier zu- 
statten kommt, erinnert daran, daB schon Leibniz in seiner 
Theodicee (1710) Muhammed nachruhmt, daB er in nichts von der 



— 236 - 

naturlichen Religion abgewichen sei, deren groBe LehrsStze, von 
Abraham und Moses aufgestellt, von Jesus zur Qeltung eines allge- 
mein anerkannten Dogmas gefiihrt worden seien. Muhammeds An- 
hangern komme das Verdienst zu, die Religion der Weisen, die 
durch Jesus zur Religion der Volker geworden, unter den ent- 
legensten Nationen Asiens und Afrikas verbreitet und in vlelen 
Landern den heidnischen Aberglauben zerstort zu haben, der dem 
Glauben an einen einigen guten Qott, den Schopfer aller Dinge, und 
der wahrhaften Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und einer 
Vergeltung in einem anderen Leben widersprach. Und das ist, kann 
Minor konstatieren, auch das Urteil iiber den Islam in der Auf- 
klSrungsperiode geblieben. 

DaB der Dichter des t^Nathan**, der sich von einem Reland und 
Sale uber Muhammed hat unterrichten lassen, in diesem keinen 
bloBen Impostor erblicken mochte, kann nicht wundernehmen. Schon 
in einem lateinischenSchiileraufsatz des 12jahrigenQotthold Ephraim, 
der uns erhalten ist, lesen wir: „Deus ipse dixit: Ne judicate, ne dam- 
nate! Nolumus damnare Mahometanos; etiam inter Mahometanos 
probi homines sunt." Und diesem Sinne ist Lessing treu ge- 
blieben. Der Islam, der in seinen Tagen noch so vielfach als unge- 
reimt verschrieene, gilt ihm als durchaus vernunftgemSB. 

Auch der Wolfenbiittler Unbekannte findet im Koran alle wesent- 
lichen Artikel der naturlichen Religion, betrachtet als dessen Qrund- 
dogma die Lehre von der Einheit Qottes und meint, daB seine 
ethischen Vorschriften sich recht wohl auch einem Christen emp- 
fehlen mochten. Reimarus beruft sich auf den EnglSnder Hyde, der 
Muhammed den Wiederhersteller der wahren Religion des Abraham 
genannt hatte. 

Der erste deutsche Qelehrte, der den Koran direkt aus dem 
Urtext in die deutsche Sprache iibertrug, der Frankfurter Professor 
Megerlin, nannte die Bibel des Islam ein ,J-ugenbuch", und sein 
Autor war ihm noch der falsche Prophet und der Antichrist. Qanz 
andcrs aber als er urteilte der Quedlinburger Konsistorialrat Boysen, 
der ein Jahr darauf (1773) mit seiner Verdeutschung hervortrat. Er 
ist entsetzt daruber, daB man eine Schrift, die mit der tiefsten Ver- 
ehrung von Qott rede, als eine gottlose Schrift schmaht, und erachtet 
es an der Zeit, von falschen Vorurteilen sich endlich loszuringen. 
In Wahrheit sei der Islam nach der christlichen die vemiinftigste 
Lehre, wie es denn seinem Verkiinder uberhaupt nur darum zu tun 
gewesen sei, eine „philosophische Religion" einzufiihren. Damit 



- 237 - 

habe er der Menschheit einen groBen Dienst geleistet, und habe er 
sich auch durch das Vorgeben, seine Offenbarungen von dem Engel 
Gabriel empfangen zu haben, eines Betruges schuldig gemacht, so 
sei doch nicht auBeracht zu lassen, daB er eben gemeint: anders als 
durch solches Mittel wtirde sein holier Endzweck nicht zu er- 
reichen sein. 

Natiirlich, daB auch Herder, er, der, mit Kahnis zu reden, nicht 
seinesgleichen hatte an Empfanglichkeit fiir alle Lebenselemente der 
Menschheit, fiir alle Lebensgeister der Qeschichte, zu dem Pro- 
pheten der Araber Stellung zu nehmen nicht unterlassen hat. Und 
natiirlich auch, daB ein Qeist von diesem Lebensreichtum und von 
dieser Scharfe der Reflexion das in etwas anderer Weise tat als die 
M^ner aus dem Lager der Aufklarung, wie er andererseits auch 
nicht anstand, das Voltairesche Sttick als eine Versundigung gegen 
diei Menschheit und gegen die Qeschichte zurtickzuweisen. In seinen 
„Ideen zur Philosophic der Qeschichte der Menschheit" (1791) be- 
zeichnet er Muhammed als eine sonderbare Mischung alles dessen, 
was Nation, Stamm, Zeit und Qegend gewahren konnte, Kaufmann, 
Prophet, Redner, Dichter, Held und Oesetzgeber, alles nach arabi- 
scher Weise. „Lobspriiche, die man ihm als einem auBerordent- 
lichen Junglinge erteilt hatte, die Wflrde seines Stammes und Qe- 
schlechtes, sein eignes friihes QeschSft bei der Kaaba selbst hatten 
sich ihm ohne Zweifel in die Seele gegraben; die Eindriicke, die er 
vom Zustande der Christenheit empfangen hatte, fugten sich dazu, 
der Berg Sinai, gekront mit hundert Sagen aus der alten Qeschichte, 
stand vor ihm; der Qlaube an eine gottliche Begeisterung und 
Sendung war alien diesen Religionen gemein, der Denkart seines 
Volkes einheimisch, seinem eigenen Charakter schmeichelhaft; 
wahrscheinlich wirkte dies alles wahrend der fiinfzehn Jahre, in 
welchen er ein anschauliches Leben ftihrte, so tief auf seine Seele, 
daB er sich, den Koreischiten, sich, den ausgezeichneten Mann, 
erwahlt glaubte, die Religion seiner Vater in Lehren und Pflichten 
wieder herzustellen und sich als einen Knecht Qottes zu offenbaren. 
Nicht etwa nur der Traum seiner himmlischen Reise, sein Leben 
und der Koran selbst zeigen, wie gluhend seine Phantasie gewesen, 
und daB es zum Wahn seines Prophetenberufs keines kiinstlich ab- 
geredeten Betrugs bedurft habe. . . . Wenn also der HaB gegen 
Qreuel des Qotzendienstes, die er in seinem Stamme sah und auch 
im Christentum zu finden glaubte, nebst einer hohen Begeisterung 
fur die Lehre von Einem Qott und die Weise, ihm durch Reinigkett, 



- 238 - 

Andacht und Guttatigkeit zu dienen, der Grund seines Propheten- 
berufs gewesen zu sein scheinen; so waren verderbte Traditionen 
des Juden- und Christentums, die poetische Denkart seiner Nation, 
die Mundart seines Stammes und seine personlichen Gaben gleich- 
sam die Fittiche, die ihn uber und auBer sich selbst forttrugen. Sein 
Koran, dies sonderbare Qemisch von Dichtkunst, Beredsamkeit, Un- 
wissenlieit, Klugheit und AnmaBung, ist ein Spiegel seiner Seele, 
der seine Gaben und Mangel, seine Neigungen und Fehler, den 
Selbstbetrug und die Notbehelfe, mit denen er sich und andere 
tauschte, klarer als irgend ein anderer Koran eines Propheten 
zeiget. Bei verarilassenden Umstanden, oder wenn er aus einer be- 
schauenden Entztickung zu sich kam, sagte er ihn in einzelnen 
Stiicken her, ohne dabei an ein schriftliches System zu denken; es 
waren ErgieBungen seiner Phantasie oder ermunternde, strafende 
Prophetenreden, die er zu andrer Zeit als etwas, das uber seine 
Krafte ging, als eine gottliche, ihm nur verliehene Gabe selbst an- 
staunte. Daher forderte er, wie alle mit sich getauschte starke Qe- 
mtiter, Glauben, den er zuletzt auch von seinen bittersten Feinden 
zu erpressen wuBte. Kaum war er Herr von Arabien, so sandte er 
schon an alle benachbarten Reiche, Persien, Athiopien, Yemen, ja den 
griechischen Kaiser selbst, Apostel seiner Lehre, well er diese, so 
national sie war, als die Religion aller Volker ansah. Die harten 
Worte, die ihm bei der Ruckkunft dieser Gesandten, als er die 
Weigerung der Konige horte, entfielen, nebst jener beriihmten Stelle 
des Korans im Kapitel der BuBe *), waren seinen Nachfolgem 
Qrundes genug, das auszufiihren, was dem Propheten selbst sein 
frtiher Tod untersagte, die Bekehrung der Volker. Leider ging ihnen 
auch hierin das Christentum vor, das unter alien Religionen zuerst 
seinen Glauben als die notwendige Bedingung zur Seligkeit fremden 
Volkern aufdrang; nur der Araber bekehrte nicht durch Schleich- 
handel, Weiber und Monche, sondern wie es dem Mann der Wiiste 
geziemte, mit dem Schwert in der Hand und mit der fordemden 
Stimme: „Tribut oder Glaube!"" 

Der letzte der hier angefiihrten SStze verrSt, daB Herder B^le 
gekannt. Auch dieser hat in seinem oben schon erwahnten Diction- 
naire-Artikel Muhammed dafur gelobt, daB er seine Religion nicht 



) „Streitet wider Die, die weder an Oott, noch an den Tag des Ge- 
richts jjlauben, und Das nicht fur straflich halten. was Qott und sein Aoostel 
verboten hat. Auch wider Judeti und Christen streitet so lange, bis sie sich 
bequemen, Tribut zu bezahlen und ach zu unterwerfen." 



— 239 - 

wie andere mittels Weiberranken, sondern mit tapferen Soldaten 
durchgesetzt habe. So stehen die Deutschen dieser Periode, die sich 
uber Muhammed auslassen, iiberhaupt durch die Banlc mehr oder 
weniger unter dem EinfluB franzosisclier Literatenurteile. Auch von 
dem anderen GroBen von Weimar gilt das. (Fortsetzung folgt.) 



Zur Wissenschaftslehre der Religionsgeschichte. 
Deren Einordnung in die Geschichtstheorie. 

Von Lie. Dr. Hugo Lehman n. 
(Fortsetzung.) 

* . 5. DiemythischeScheu. ;> 

Vor der Totalisation des mythischen Bestandes zieht man sich 
scheu zur&ck und beschrankt sich auf eine Materialisierung der 
RealitSt in affektbetonten Einzelheiten, um auf dem Wege der An- 
eignung im einzelnen die Abwehr des groBen Qanzen in Zukehr zu 
irgendeiner Obliegenheit zu wandein und somit werktagliche 
Wiinsche zu befriedigen, nachdem die Furcht vor Unbegreiflichkeit 
und Unnennbarkeit dadurch zuriickgedrangt isf*). Vor einem 
Totalitatsbezug der instinktiven Motivation hat man Scheu. Was 
der naturgesetzlich und historisch Qebildete mit Andacht zu nennen 
vermag, das bleibt dem noch nicht kultursystematisch in den Zu- 
sammenhang der Verhaltnisse Eingedrungenen in der UngewiBheit. 
In bezug auf die Urvater und besonders die AUvater '), in bezug auf 
Machte *) und Schicksale, in bezug auf die Zitierung von Qottheiten 
vorzeitigt die mythische UngewiBheit eine indissolute Abneigung 
gegen das BewuBtsein ihrer Totalitat, und erst in historischen Zeiten 



•) Zur Veranschaulichung gebrauclie ich z. B. die Vorgeschichte der 
Nennung eines Baumes. Angenommen, derselbe stande einsam und fiele 
eInem Prlmitiven auf, der noch nie einen Baum gesehen hat, so wurde sich 
derseibe vor der Unbegriffcnheit furchtsam und scheu fluchten, einmal und 
mehrmals, bis diese Abkehr von einer noch unbestimmten Magic sich durch 
die Zukehr zu einer Qebrauchsmoglichkeit des Baumes, etwa seines 
Schattens, oder seines Abfalls des Holzes, oder seiner Blatter wandelt und 
damit die mythische Indissolutheit sich in Betatigungsmagie verwandelt 
hat. Nun erst kennt man sich mit dem Baume aus und gibt ihm einen 
Namen. 

■) Vergl. N. Soderblom : Tieles Compendium der Religionsgeschichte *, 
S. 36/37 Nr. 14. S. a. ,Das Werden des uottesglaubens" von N. Soderblom, 
Leipzig, Hinrichs. 

*) Ebenda S. 24 Nr. 10, S. 26 f. Nr. II, 12, S. 39 Nr. 16 f , S. 45 f. Nr. 18. 



— 240 - 

kommt eine totalisierende Konzentration der Wissensbeziehungen 
zu einer Allwissenschaft; eine Konzentration der Anschauungen zu 
einer Weltanschauung; der Beobachtungen zu einer allmSglichen 
Disponibilitat der Kultur, eine Totalisation der Machte zu einer 
Allmacht; der Vergegenwartigungen zu einer raumzeitlichen All- 
gegenwart; die Macht der Urvater dehnt sich aus zu einem 
sozialpolitisch rechtlichen Organismus usw. Dann in der Zu- 
kehr zu einer rechtlich und sittlich begrundeten Wahrheits- 
offenbarung und Heilsschopfung lost sich die Scheu vor totali- 
sierender Konzentration aus mythischer UngeklSrtheit heraus zur all- 
schopferischen Andacht. Auch der Polytheismus begnugt sich noch 
mit der Nebeneinandernennung von Namen und belaBt den Hinter- 
grund mythischer TotalitSt ungenannt. Umfassende Weltanschauung 
erscheint wie ein Frevel, allmogliche Disponibilitat der Kultur, wie 
ein unberechtigter Turmbau, den die Obermacht der Unbegreiflich- 
keit durch eine babylonische Sprachverwirrung der Kulturtr^er 
rScht Ohne den Zusammenhang aufzukl^en, begniigt man sich 
mit vereinzeltem Wissen und der Einzelwissenschaft erfahrbaren 
Beliebens. In der Vorzeitlichkeit vor der allschopferischen Qeistes- 
bildung, bei fehlender Andacht totalisierender Konzentration, ist die 
wissenschaftliche Extension und Objektion noch dem Belieben zu- 
falliger Motivation ausgesetzt. 

^ 6. Unfertigkeitscharakter der Vorbegrifflich- 

keitbeimMythus. 

Die mythische Totalitat ist somit eine Umgrenzung des Wider- 
spieles kulturhistorischer Priniipienbildung. Eine solche Begriffen- 
heit der prahistorischen Noch-nicht-begrifflichkeit ist nicht anzu- 
setzen, ohne daB die Auflosung mythischer Totalitat in die Diffe- 
renziertheiten eines historischen Kulturzusammenhanges nicht zu- 
gleich auch mit angesetzt wird. Ja, die Aufgabe einer Analysierung 
mythischer Unbegrifflichkeit veranlaBt schon die Ansetzung eines 
Begriffs vom Unbegriff: Die mythische, zunachst noch vorethische, 
Totalitat ist nichts als ein furchtgehindertes, sehnendes Verlangen 
nach Sitten ordnungsgemaBer Zweckbildung. Die mythische, zu- 
nachst noch vorasthetische, Totalitat ist nichts als ein phantastisch 
suchendes, noch unkonzentriertes und zerstreutes Sichausstrecken 
nach einem Raum und Zeit gestaltenden Bildungszweck. Die 
mythische, zunachst noch vorwissenschaftliche Totalitat ist nichts 
als unzusammenh^ngendes, in seiner Vereinzelung nicht die Kon- 



' . . ' ' ' '4k- /' ■ .' ■■■■/ ■ ■ '/--"ii-Jixi'". ' .. 

tinuierlichkeit historischer Bedeutung findendes, prinzipfernes Ver- 
suchen einer doch nicht dauerhaften, well vorgesetzlichen, Ver- 
gegenst^dlichung. Der Mythus ist unfertig in sich selbst, nur eine 
Weissagung der Zukunft, er ist, ohne kuiturbestimmte und be- 
stimmende Religion, der Verganglichkeit verfallen, die ihm denn 
auch im Verlauf der affektbetonten Motivation bereitet wird, ver- 
moge deren er tiber sich selbst hinausstrebt im ethischen Werk- 
gegensatz. In mythischer Indissolutheit der Motivation, Undeutbar- 
keit der Raumzeitlichkeit und Unbegriffenheit der Sachlichkeit ist 
das noch phantastische BewuBtsein mit sich selbst nneinig. 

Der vorethische Sinn und Wert ist ein Zufallsprodukt der Phan- 
tasie, welche im steten Wechsel der Bedeutung ihre affektiv-moti- 
vierten Ideale symbolisiert, und erst unter der sich selbst bewuBten 
Kulturdisponibilitat vermag der Kunstler sachliche Ideale enthu- 
siastisch anschaulich, der Denker systematisch gegenstandlich zu 
verwirklichen. 

7. V o r b i e k t i V i t a t »). 

Die mythische Ungekiartheit kennt die Objektivitat noch nicht. 
Ihre Zweckbildungen sind noch willkiirlich, ihre Bildungszwecke 
sind phantastisch. Die Zufalligkeit des Erfolges wandelt Sinn und 
Bedeutung im phantastischen Spiel und in affektiver Abzweckung. 
Es gibt weder eine klarumrissene Qegenstandlichkeit, noch eine 
selbstbewuBte Zustandlichkeit, noch individualisiert sich der Mensch 
aus einem Zustand der Indifferenziertheit heraus. Empfindungen und 
Qefiihle gehen mit der Umgebung zusammen, ohne klare Absonde- 
rung einer Qegebenheit im einzelnen oder Begebenheit als epoche- 
machendes Ereignis. Eine geistige Qebundenheit umschlieBt Ein- 
gebung und Umgebung und verschlieBt Aussicht und Einsicht. 
Abwehr oder Zukehr sind noch ohne klare Unterscheidung ihrer 
Motive, in komplexen Affekten befangen, Reaktion oder Aktion wird 
willkiirlich gezaubert und verzaubert. Empfindung erbringt noch 
nicht im klaren psychologischen ErkennungsprozeB eine ent- 
sprechende stoffliche Qegebenheit, die im Qefuhl zu deutlicher Auf- 
gegebenheit einer Reaktion oder Aktion in Abwehr und Zukehr 
reflektiert wird. Noch nicht kommt mit klarem, psychologischem 
ProzeB die Qegebenheit zur Aufgegebenheit in deutliche Beziehung. 



*) Zu vergl. Wundts: System der Philosophic • I, S. 208: , — wir 
einen Wahmehmungsinhalt voraussetzen, an dem wir alle Arbeit des 
Denkens als noch nicht ausgefiihrt" vorstellen. 



■?^ ST^x^'^^^"^ •^ >^ -^^ 



— 242 — 

Somit geht auch noch nicht aus dem BewuBtsein das SelbstbewuBt- 
sein hervor. Alle Exegese auf eine Einzelheit als wissentlicher Ur- 
sache zur Motivation, wie die Exegese auf Seelenglauben (Animis- 
mus), Oder auf Belebung der Natur mit lebendigen Wesen (Ani- 
matismus), oder auf Astrallehre, oder auf zauberisch-bestimmte 
Kulthandlung, rechnet nicht mit der Indissolutheit mangelnder 
Fixiertheit des Zweckes im einzelnen. 



Bemerkung iiber den erkenntnismateriallstischen JVlifitM'aiich des 

My thus. 

Es ist von dem mythisch Ungebildeten der Denkmaterialist zu 
unterscheiden. 

1. Entwiclclungswidrigkeit der Vorstellungen 
yon Qegenstandenaufierhalb des Wahrnehmungs- 

proz esses. 

Die denkmaterialistische Annahme, daB „die Qegenstande un- 
abhSngig vom wahrnehmenden Menschen existieren, wShrend in 
der Tat ihre Auffassung durch den WahrnehmungsprozeB bedingt 
ist ')", wird vielfach als spezifisch-mythisch fundiert mlBverstanden. 
Aber ein solches, seitab von den wahrnehmenden Menschen, als 
tabu Oder als heilig hinstellen eines Vorstellungsgegenstandes ge- 
schieht ebenso haufig bei einer aus mythischer Indifferenziertheit 
schon voUig herausgearbeiteten Zielsetzung wissenschaftlicher Ver- 
gegenstandlichung. 

2. F e t i s c h i s m u s. 

Auf der mythischen Vorstufe konkretisiert sich nun der Denk- 
materialismus zum sinnendinglichen Fetischismus und wird auBer- 
dem innerhalb einer volkischen und sozialen Qebundenheit auf- 
fSlliger. Inmitten der Umgebung eines lebendigen Kulturzusammen- 
hanges mit historisch-schopferischer Qeistesbildung dagegen korri- 
giert sich das Seitab-hinstellen eiries Vorstellungsgegenstandes in 
der Annahme seiner Unabhangigkeit von der Auffassung durch den 
WahrnehmungsprozeB. Die kulturumgebene Erstarrung der Ver- 
gegenstandlichung im einzelnen in eine Qedankenmaterie als in einen 



*) 0. F. Lipps: „Mythenbildung und Erkenntnis*, aus der Teubnerschen 
Sanunlung: ,Wissenschaft und Hypothese", Bd. 3, S. 20. 



gedankendinglichen Fetisch ist allerdings mehr noch als auf mythi- 
schem Hintergrunde auf dem Hintergrunde des Kulturdenkens eine 
schwere Hemmung der Erkenntnis in ihrem methodischen Qang; sie 
hindert die methodische Konvergenz zur Erkenntnis des Vorstel- 
lungsobjektes in seiner indifferenten Konzentration und ist eine Ab- 
irrung sowohl vom Mythus wie von der objektivierenden Erkennt- 
nisformation. Es wird der Weg zum Qegenstand der Erkenntnis 
versperrt. . ^- v-sa^:-^. -..:■ <! 

3. Beseitigung jeder Hemmung des Umbildungs- 

prozessesvom Mythus zur Erkenntnis. 

Ohne solche Abirrung ist der Mythus in seinem Obersichhinaus- 
streben eine Forderung des Erkenntnisprozesses. Das Beiseite- 
hinstellen eines Vorstellungsgegenstandes, abseits von seiner Auf- 
fassung durch den WahrnehmungsprozeB, ist eine nicht notwendige 
Hemmung seiner, die Kultur vorbereitenden Bedeutung. Es ist nicht 
angebracht, „die Religion", z. B. „bei den Qriechen" '), wie Samter 
tut, mit dem Fetischismus beginnen zu lassen, der doch gerade eine 
Hemmung ihres Entwicklungsganges bedeutet. Es kommt auch dies 
einer Art von Qedankenfetischismus oder einer Gedankenlosigkeit 
und der Verwechselung eines erstarrten Vorstellungsgegenstandes 
mit wissenschaftlicher Qegenstandlichkeit gleich und ist diese Art 
materiaiisierender Verwissenschaftlichung der Religion, sowie ihres 
vorgeschichtlichen Bestandes eine dem zur Verhandlung stehenden 
sinnendinglichen Fetisch analoge Verkdrperung der Vorstellungs- 
vergegenstandlichung des betreffenden Religionsgeschichtlers. " 

4. Wider die Materialisierung des Qedankensinns 

in der Formgebung des Mythus. j 

Nur einen Irrweg in der Qestaltung des Materials betrifft eine 
derartige Materialisierung des Mythus sowohl, wie der Efkcnntnis- 
formation; sie ist nicht das Charakteristisch-unterscheidende des 
Mythus, sondern nur eine Materialisierung des Vorstellungsobjektes, 
die eine Gefahr auch der Zivilisation in sich schlieBt. Es genuge, 
diesen Abweg von der normalen Entwicklung des Kontrastes mythi- 
scher Vorkulturstufe mit kritischer Bemessung der Erkenntnis zu 
kennzeichnen. 



*) In der Sammlung: „Aus Natur- und Qeisteswdt", von mir besprochen 
in der Zeitschr. fiir Phil, nnd phil. Kritik, Bd. 158, S. 241 f. 



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V. 



. - 244 - 

II. 

Die Disponibilitat der Kultur in der allgemeinen Itritisclien Reiigions- 

geschictite. 

A. Herausarbeitung des historisch-kritischen Er- 

kennungsprozesses aus der mythischen Ver- 

webungderDingeundVerhaltnisse. 

1. Die Entwicklu n g spotenz des Mythusiiber sich 
selbsthinauszumkuitur- und religionsgeschicht- 

lichenProzeB. 

Die mythische Ungeklartheit mag in ihrem Satz und Gegensatz, 
in dem Ansatz der Indifferenziertheit und in dem Gegensatz ihrer 
motivsetzenden Abzweckung im einzelnen jeder kulturwissenschaft- 
lichen Theorie widersprechen. Die Religionsgeschichtswissenschaft 
ist dennoch genotigt, eine solche Theorie zu versuchen und gegen- 
iiber dem Mythus eine Beigriffsfiihrung zu betreiben, die nicht so- 
wohl in dem Mythus an sich selbst ') liegt, wohl aber in der inner- 
halb seines Lebensgebietes vorgezeitigten Sehnsucht begriindet er- 
scheint, die fiber sich selbst und die UngeklSrtheit der Wirklichkeit 
bis hin zur wissenschaftlichen Qegenst^dlichkeit hinaus will. Es ist 
der Ansatz eines erkennungs-prozessualen Vorganges und damit der 
Ansatz einer Kulturdisponibilit^t, der auch die Herausentwicklung 
aus der mythischen Scheu zur kulturreligiosen Andacht begleitet und 
fur das Lebensgebiet der Kulturreligionen, besonders in deren ethi- 
schen Postulierungen einer Achtung vor sittlichen Ordnungen im 
Kontrast zu der Vorgegebenheit des Mythus, die natur- und ge- 
schichts-kritische Erkennungs-begriffsbildung proponiert. Im er- 
kennungs-prozessualen Hergang gibt die Religionsgeschichtswissen- 
schaft besonders der kulturhistorischen Prinzipienwissenschaft das 
BewuBtsein ihrer Notwendigkeit. Es ist die Notwendigkeit, die 
kultursystematische Differenziertheit der unterschiedenen Bildungen 



■) Die Vorkulturdisponibilitat des Mythus steht, wie gesagt, im Gegen- 
satz zur KulturindisponibilitSt des Erkenntnismaterialismus; zwar ist sie 
keine Disposition des Mythus selbst und ist der mythischen Kultur noch 
unterbewuBt; aber sie ist eine Disposition der sachgemaQ genetischen 
Herausentwicklung der natur- und geschichtskritischen Qeistesbildung aus 
dem Mythus heraus; sie ist das Widerspiel der im Mythus zur Disposition 
stehenden Motivation. Die Kulturdisponibilitat ist die Bedingung fur die 
charakteristische Herausarbeitung einer Qenese historisch-kritischer Er- 
kennungsbildung aus der mythischen Vorkultur dnrch deren Bedeutnngs- 
wandel. 



;■>■-■; ;;;r'::;^ -■■■-.- 245 -;,.^:;; 

aus der phantasievollen Totalitat sich herausbilden zu lassen, und sie 
logisch und ethisch zu geschichtlichem Bestande zu entwickeln. 

Wir kniipfen den historiologischen ErkennungsprozeB an die Er- 
drterung der Kulturdisponibilitat an. 

Ehe wir dieselbe aber, unter speziell religionsgeschichtlichem 
Gesichtspunkt (in dem konzentrierenden Moment der Andaclit und 
in der historiologisch-kultursystematischen und zugleich auch 
speziell religionsgeschichtlichen Voraussetzung der mythus-um- 
bildenden und dadurch universal sich ausweitenden, persdnlich 
durchbildenden Individualitat) stellen, mussen wir den Entwicklungs- 
prozeB der historischen Erkenntnis historiologisch genetisch er- 
drtern. 
» ' 

2. Das Beispiel der Wahrnehmungswiderspruche 
als Veranlassung des kritischen Erkennungs- 

problems. 

Beispielsweise beginnen wir mit der Darstellung eines sich not- 
wendig heranbildenden BewuBtseins von Widersprtichen in der 
mythischen Wahrnehmung. Das ist nur ein Beispiel. Es lieBen sich 
mehrere anfiihren zur Bezeichnung der Art und Weise, wie sich die 
Tendenz zum ObjektivierungsprozeB auf eine wissenschaftliche 
Qegenstandlichkeit hin aus dem mythischen Hintergrund her aus 
konsolidiert. 

Unter Wahmehmungswiderspruchen verstehen wir n§mlich die 
mannigfaltig sich verSndernden Formen der Wahrnehmungsvorstel- 
lung, da doch die Sufieren Eindriicke dieselben bleiben. Bald ver- 
selbstSndigen sich die Erinnerungsbilder zu besonderen Wahrneh- 
mungsvorstellungen, unmittelbar z. B. dann, wenn die lebendige 
BUtzschlange als sich windende Schlange wahrgenommen wird, 
bald verweben sie sich mit den Eindriicken zi;^ einem Komplex, z. B. 
wenn der Blitz als solcher schlangenformig erscheint. In dem Falle, 
da sich die Erinnerungsbilder zu besonderen Wahrnehmungsbildem 
verselbstandigen, kontrastieren die BewuBtseinszustande, eigen- 
tiimlich mit der Inharenz des Vergangenen im Qegenwartigen. In 
alien Fallen sagt sich das an diesen Beobachtungen sich schirfende 
BewuBtsein, daB das Wesen der Qegenstande, das den VerSnde- 
rungen und Bewegungen zugrunde liegt, nicht in widerspruchsvollen 
Wahrnehmungen heraustreten kann, sondem anderen Ursprung 
haben muB. So drSngt die Beobachtung der Wahrnehmungswider^ 



' - 246 - 

spruche aus dem mythischen Hintergrund heraus und in eine kultur- 
systematische Verarbeitung hinein. 

Dieses Beispiel zeigt die Notwendigkeit der Aufl5sung mythi- 
scherUnbegrifflichkeit in demProzeB fortschreitenderDifferenzierung 
zu widerspruchsloser Vergegenstandlichung, im Verfolg gegen ein- 
ander abmessender raumzeitlicher Fixierung der Vorstellungen. Es 
kommt zu einer Brechung mythischer Indifferenziertheit durch die 
wissenschaftliche Forschung. Die vorwissenschaftliche Unbestimmt- 
heit iost sich in einem Erkennungsprozefi. 

3. Erkennungsprozessuale Herausentwicklung 
aus der mythischen Noch-nicht-TotalitSt. 

Q. F. Lipps schildert diesen ErkennungsprozeB genetisch als 
Herausentwicklung aus der mythischen Totalitat: „Stets wird der 
Mensch selbst in den seine Personlichkeit begriindenden ver- 
gangenen Erlebnissen aufleben, wenn er die Dinge und Qeschehnisse 
der Welt, in der er lebt, betrachtet. Es verwebt sich dann sein Ich 
mit dem Sein und Werden der ihn umgebenden Welt •)." Mil diesen 
Worten wird die mythische Totalitat als ErlebnistotalitSt von Natur- 
und Qeschichtsverhaltnissen in ihrer genetischen Herausentwicklung 
geschildert. Es ist dies der die kritische Sonde herausfordernde An- 
satz aller Erkenntnisformung in der Erlebnisindifferenz. Das in der- 
selben sich gebende Material will gestaltet werden. Aus der Qe- 
fangenschaft der Verwebung des Ich mit dem Sein und Werden der 
das Ich umgebenden Welt arbeitet sich der Mensch unter der Agide 
der kritischen Qeistesbildung heraus. Es soil einmal nicht mehr 
heiBen: „Diese Verwebung iibt ihren Reiz und nimmt den Menschen 
gefangen." Der natur- und geschichtskritische ErkennungsprozeB 
benutzt vielmehr diese Verwebung zur Zielsetzung seiner Heraus- 
arbeitung eines kultursystematischen Zusammenhanges. Aus der 
mythischen Verwebung wird die Voraussetzung der naturgesetz- 
lichen Kausalitat einerseits, der historiologischen Kontinuitfit 
andererseits. 

4. MythischeVerwebung in der His tori k. 

In dieser Weise bekommt die mythische Verwebung als Vor- 
stufe Wert fiir die Formation kritischer Erkenntnis. Auch entnimmt 
der Historiker dieser Vorstufe seine Darstellungsmittel, bel der 



•) Mythenbildung und Erkenntnis, S. 305, s. S. 52/53. 



_.' 



'>t("jW'^:-r''''y:— 247 ~ 

Losung seiner Aufgabe, irgendein Qebilde der Vergangenheit in 
seiner individuellen Auspragung zu ideeller Qegenwartigkeit neu zu 
beleben "). In bezug auf die Art der Darstellungsmittel der Objek- 
tivitat ist eine gewisse Verwandtschaft der Qeschichte mit der 
Poesie, nur daB der Historiker sich an die Darsteliung gegebener Tat- 
sachen gebunden weiB, wShrend der Dichter nicht bloB die Voraus- 
setzung der mythischen Verwebung aller Dinge und Verhaltnisse 
dem mythischen Hintergrunde entnimmt, sondern auch die Mythen- 
bildung im einzelnen in der Kunst und Dichtung weiter ihre Pflege 
findet. Letzteres ware im Zusammenhange mit der Verwandiungs- 
phase mythus-disponibler Motivation in den Biidungszweck der 
Mythendarstellung zu erortern. An dieser Stelle geht uns nur die 
Voraussetzung des Mythus im allgemeinen f Ur die asthetischen For- 
mationen der Historik an. ' -i' 

5. DasOberhaupt-gegebene. 

„Wir erleben in jedem Augenblick, in dem wir uns dieser Welt 
hingeben und uns ihr gegeniiber nicht begehrend, noch wollend, noch 
reflektierend, sondern rein anschauend verhalten", den Erkenntnis- 
akt noch nicht bewuBt, sondern in einer indifferenten Qegebenheit. 
Es ist diese Haltung des Historikers eine Art „interesselosen Wohl- 
gefallens"") am Stoff, eine Art Zweckbiidung ohne Zweck, in 
welcher der mythische Hintergrund (nun ohne vorurteilsvoll in 
Affektivitat, Rit^alitat, Permutabiliat wirksame Abzweckung der 
Abkehr Oder Zukehr) lebendig ist. Fur dieses „uberhaupt Qe- 
gebene" des historischen Erkennungsprozesses ist die Bezeich- 
nung desselben als „unmittelbare Anschauung" vielleicht noch an- 
gebrachter, ais in bezug auf die empirische Psychologic^*). 

Ausdrticklich sei darauf hingewiesen, daB das „Uberhaupt- 
gegebene" der m der unmittelbaren Anschauung sich bezeugenden 
asthetischen Beziehungsart der kulturdisponiblen Historik durchaus 
keine andere Voraussetzung enthalt als die Voraussetzung des prS- 
historischien Mythus in seiner Totalitat als der noch undifferenzierten 
psychophysischen Wirklichkeit. Ja, in dem luimotiviert Qegebenen 
des historischen Erkennungsprozesses ist es vornehmlich mitbe- 
griindet, daB wir hinter den motivierten Dingen und Verhaltnissen 



") Windelband: .Qeschichte und Naturwissenschaff, Prfiladien » S. 396. 

") Kant; .Kritik der Urteilskraft". 

"; Wundt, z. B. QnindriB der Psychologic, § 1, 2. 



— 248 - 

im einzelnen und also hinter der mythusdisponiblen prahistorischen 
Motivation einen Grund mythischer Totalitat anzusetzen haben. Mit 
dieser Ansetzung wird die Ausschaltung affektiver Hemmungen der 
Vorurteilslosigkeit, an welcher historische Zeiten und der Historiker 
derseiben Anteil haben, aus dem, den Hintergrund bildenden, Total- 
gefuhi erklart. Auch wird mit dem „Oberhaupt-Qegebenen" zu- 
gleich die vorurteilslose Verarbeitung des Qegebenen im einzelnen 
und sodann die kontinuierliche Darstellung des Sinnzusammenhanges 
in dieser Ansetzung der objektiven Wirklichkeit im Mythus mitge- 
geben. Das unmotiviert Gegebene des Mythus begrundet, daB die 
Qeschichte diejenige Wissenschaft ist, „die mit dem Inhalt ihrer Be- 
griffe der objektiven Wirklichkeit naher steht, als jede Wissenschaft 
von allgemeinen Qesetzen" "). 

6. Historische Spezifizierung des mythischen 

Totalgefuhls. 

Dabei ist das mythische TotalgefUhl als Hintergrundsvoraus- 
setzung von der individuellen Abzweckung des historischen Inhaltes 
zu unterscheiden. Allemal voUzieht sich im historischen Erkennungs- 
proze£ bereits eine Umbildung psychophysischer Wirklichkeitsvor- 
aussetzungen zu geschichtlich Qegebenem. Dann erscheint der 
Mythus nur noch wie „eine spezifische Ausdrucksform des Menschen 
als eines sinnlich vernunftigen Wesens von beschr^kter Erkenntnis- 
^ organisation und dem starken Willen zur Gesamtiibersicht zu ge- 
langen""). 

B. Der spezifisch religionsgeschichtliche Ura- 
bildungsprozefi des Mythus und seine Bedeutung 
fiir das Selbstbe wuBtsein der Kulturdisponi- 

bilitat. 

1. Die Objektivierung der Religion. 

An dieser Stelle wird auch die kulturdisponible, spezifisch reli- 
gionsgeschichtliche Bedeutung der Voraussetzung des Mythus klar. 
Die religiosen Vorstellungen zeigen sich in der geschichtlichen Zeit 



*■) Rickert: ,Der Qegenstand der Erkenntnis" • S. 225. Zu vergl.: ,Die 
Qrenzen der naturwissenschaftlichen BegriSsbildung*. S. 307 : Die von der 
Totalvoraussetzung zu unterscheidende ,teleoloeiscbe Begriffsbildung*, 
welche dutch die Beziehungen der Objekte auf Werte zustande konunt 
and. den individuellen Inhalt als solchen konstituiert. 

-; **) Eibl, Hans: ,Metaphysik und Qeschichte*, S. 24. 



V 



- 249 - 

dem affektbetonten Drang nach Befriedigung eigner Wunsche und 
damit der mythusdisponiblen Motivation enthoben und mit dem 
Hauche jener historischen Objektivitat umkleidet, welche sie ftir die 
groBen Zwecke der Kulturentwicklung als Wahrheitsoffenbarung 
brauchbar gestaltet. Da ist dann nicht die affektive Zweckbildung 
aller Empfindungen und Wahrnehmungen mit ihren Qefuhls- 
erregungen und magischen Vorstellungen das Wesentliche, wie bei 
der mythus-disponiblen Motivation der Vorzeit; sondern nur die 
vorurteilslose mythische Verwebung aller Dinge und Verhaitnisse 
in ihrer Totalitat ist Voraussetzung der religionsgeschichtlich ge- 
gebenen Umbildung der psychophysischen Wirklichkeit des Mythus. 
In ihrer geschichtlichen Zeit werden die religiosen Vorstellungen 
dem affektbetonten Drang nach Befriedigung eigner Wunsche ent- 
hoben und mit dem Hauche jener Objektivitdt umkleidet, welcher 
sie fiir die groBen Zwecke der Kulturentwicklung brauchbar ge- 
staltet, wo irgendwie eine Ordnung mythischer Traditionen einge- 
tretenist"). .--"M:;-» (Fortsetzung folgt.) 

Zar Geschichte der chinesischen Revolution 1911/12. 

Von Pfr. Martin Schmidt, Holzhausen a. d. Heide (Nassau). 

Es liegen uns zwei groBere Werke aus englischer Feder vor, 
die sich mit der chinesischen Revolution befassen und etwa zu 
gleicher Zeit geschrieben sind: 

Recent Events and Present Policies in China 
by J. O. P. Bland, Joint author, with E. Backhouse, of „China 
under the empress dowager", illustrated. London. William Heine- 
mann, 1912 (XI u. 482 Seiten); und 

The Passing ofthe Manchus by Percy Horace Kent, 
M. A. (Oxon) London. Edward Arnold, 1912 (XI u. 404 Seiten). 

Das zuerst genannte Buch ist das umfassendere. Es sind eine 
Anzahl von Artikeln in es hineingearbeitet, die ursprunglich fur ver- 
schiedene englische Zeitschriften und fur die „Times" geschrieben 
waren. Zwar reizt die Darstellung, die J. 0. P. Bland gibt, hdufig 
zum Widerspruch, aber well sie von so ausgepragt englischem 



") Wundt spezialisiert dieses genetisch-historiologischeCharakteristikum 
der Ordnung, in Verfolg dessen er die Typen der charakteristischen Reiigionen 
vom Mvthus unterscheidet, in ethischer Hinsicht. S. Volkerpsychologie * IV, 
S. 602 (. Zu vergl. auch meine Dissertation: ,Das Apriori der Qeistesbildung 
und dessen Betonung als Andacht*, S. 21. Abgednickt in der Zeitschr. fftr 
ReUgionspsychologie, Bd. 6. Heft 10—12, S. 347. Verlag: J. A. Earth, Leipzig. 



I ^ - 250 - 

Standpunkt ausgeht, ist sie gerade jetzt fur uns von hohem Inter- 
esse. Sie begnugt sich nicht mit einer AufzShlung der Ereignissc 
wahrend der Revolution, sondern das Ende der Mandschudynastie 
ist in groBere Zusammenhange hineingestellt, und wir erhalten eine 
vom Qeiste Herbert Spencers geleitete Aufroliung der Probleme, 
die China uns bietet. Damit glauben wir schon auf denjenigen 
Punkt hingewiesen zu haben, der die StSrke und zugleich die 
Schwache des Buches ausmacht. Denn wo, wie bei Herbert Spencer, 
das Leben in der bestandigen Anpassung innerer an SuBere Bezie- 
hungen gesehen wird, da pflegt fiir Herzenswarme, geschweige 
denn fiir „leidenschaftliclie Interessiertheit" gegeniiber den Fragen 
der Religion und dem Werke der Mission kein Raum zu sein. Im 
besten Falle kommt es wie bei Spencer selbst zu einer gewissen 
Achtung gegeniiber der iiberlieferten Religion, die doch nun einmal 
zur vorgefundenen Wirklichkeit gehort und deren Einrichtungen 
sich bisweilen fuhlbar machen. Wir erkennen aber trotzdeni an, 
daB die geistvoUe Anwendung des Spencerschen Schemas auf die 
Betrachtung der chinesischen Revolution durch Bland zu einer FuUe 
von interessanten Beobachtungen und wichtigen Erkenntnissen 
ftihrt. Jedenfalls muB man zugeben, daB durch die Ereignisse der 
letzten vier Jahre Blands Ansichten vielfach ihre Bestatigung er- 
halten haben. Er hatte recht, wenn er schon damals (1912) spottete 
fiber die abendlandischen Gelehrten, die in ihrem Enthusiasmus 
meinten, es sei mit der Aufrichtung der Republik eine plotzliche 
Anderung von Grund auf eingetreten. Ihm erschienen die Revolu- 
tion und die Vertreibung der Mandschus als schwere Symptome der 
allgememen Unordnung und der chronischen Unruhe des 
politischen Lebens in China. Modeme politische Ideen 
sind keineswegs als die treibenden Krafte anzusehen. Jene chroni- 
sche Unruhe gilt es zu verstehen, und sie muB verstanden werden 
als die Folge des okonomischen Druckes und der Neigung zur Ober- 
volkerung, die seit der Zeit Wilhelms des Eroberers auf China lasten. 
Konfuzius und der Ahnendienst haben der Unbekiimmertheit in dei 
Volksvermehrung Vorschub geleistet, und so muBte der Kampf urns 
Dasein auBerordentlich schwer werden. Oberschwemmungen und 
Massentod brachten wohl manchmal Erleichterung, aber bald kehrte 
der Druck und mit ihm die Rebellion wieder. Daneben sind als 
Ursachen der letzten Revolution anzuerkennen RuBlands Nieder- 
' lage im Kriege gegen Japan, die SchwSche der Mandschus, das 
Fehlen religioser Inspiration — denn Konfuzius hat alien Enthu- 



- 251 - * 

siasmus weggenommen, und es fehlt an der stetigen, fuhrenden Kraft 
einer lebendigen Religion — und schlieBlich das Fehlen einer autori- 
tativen Aristokratie. Mit philanthropischen Bestrebungen kann 
China nicht geholfen werden. Man muB vorgehen gegen die Kinder- 
ehe, die Polygamie und die Oberfruchtbarkeit. 

Aus dem Abschnitt uber „Symptome der Unruhe" notieren wir, 
daS das RSuberwesen zu Land und zur See als das notwendige Er- 
gebnis des okonomischen Druckes auf „das unterdruckte Zehntel" 
erscheint. DaB die Auslander verschont werden, beruht auf der 
Furcht, fremde Einmischung konnte dem Rauberwesen ein Ende 
machen. 

Ober Jungchina urteilt Bland bisweilen geradezu ver- 
nichtend. Das alte System der Beamtenprufungen war eine Quelle 
nationalen Zusammenhaltes. Mit einem Seitenblick auf Indien mit 
seinen analogen Verhaltnissen wird behauptet, daB die Resultate der 
neuen hoheren Bildung in politischer Demoralisation und Unruhe be- 
stehen. Es bildet sich ein Stand brotloser, modern gebildeter Aka- 
demiker von zweifelhaften ethischen Qualitaten, der eine Quelle 
steter Unruhe ist. Das unter Kaufleuten verbreitete Urteil wird 
weitergegeben, daB auch die Zoglinge der Missionsschulen keine 
Ausnahme bilden. Im offentlichen Leben zeigt sich ein groBer 
Mangel an Ehrenhaftigkeit, die Ziigellosigkeit wachst, und das unge- 
ziigelte Qefuhlsleben schafft sich in chauvinistischen Phrasen Luft. 
Sun Yat-sen erscheint zwar als ehrlicher Charakter, aber als ein 
TrSumer mit unverdauten sozialistischen Ideen, dem es an ge- 
schichtlichem Sinn fehlt. DaB die Republik zustande kam, ist ein 
zuf^liges Ergebnis der Revolution, die an sich nicht auf dieses Ziel 
gerichtet war. Ein Vergleich Chinas mit der Ttirkei fiihrt zu dem 
Resultat, daB beide noch im Mittelalter stecken, aber der Unter- 
schied besteht darin, daB die Jungtiirken ein militarisches Ideal und 
einen religidsen Qlauben haben, wahrend die Jungchinesen ein 
studentisch-politisches Ideal haben und religios indifferent sind. 

Die Begrundung der Republik besteht in der Ubertragung des 
willkiirlichen Despotismus von einer Gruppe politischer Abenteurer 
auf eine andere. Man weiB nicht, ob der Vorgang als eine Tragodie 
Oder eine Farce anzusehen ist. Jedenfalls handelt es sich um eine 
zuf^lige und vorubergehende Erscheinung. In naher Zukunft kommt 
die absolute Monarchic oder der „Mann des Schicksals". Das gilt 
um so mehr als ausgemacht, da die Reformer selbst bis kurz vor 
den entscheidenden Ereignissen selbst nicht an die Qriindung einer 



^ - 252 — * 

Republik dachten, sondern es ihnen nur urn cine starke Politik zu 
tun war. Dafi es zur Aufrichtung der Republik kam, war das Resultat 
einer unerwartet gunstigen Qelegenheit. Yuan-Schi-Kai woUte eine 
verfassungsmaBig begrenzte Monarchic. Aber da ihn die Wcst- 
m^chte im Stiche lieBen und ihm im rechten Augenblick keine An- 
leihe gewahrten, muBte er die Republik annehmen. Er hat seine 
F*flicht getan und fiir den Thron, wenn auch nicht fiir die Mandschus, 
gekampft, aber er hat verloren. China ist jedoch keineswegs reif 
fiir eine republikanische Staatsverfassung. Es bedarf ein Jahr- 
hundert der Erziehung, bis die Traume Sun Yat-sen's praktische Be- 
deutung gewinnen konnen. 

Wenn man die Ereignisse in China richtig beurteilen will, so muB 
man vor allem den Qegensatz zwischen Nord- und Sudchina be- 
achten. Bland behandelt deshalb in einem besonderen, hochst inter- 
essanten Kapitel („Die Kantonpartei") diesen Qegensatz. Er geht 
den natiirlichen Ursachen nach, die Kanton zum Quell und Herd der 
chinesischen Unruhen machen. Er weist hin auf die geographische 
Isoliertheit gegeniiber dem Norden, auf die Tatsache, daB die 
Mandschudynastie im Siiden spater als im Norden Anerkennung 
fund und daB diese Tatsache in der Erinnerung des Siidens lange 
nachwirkte, auf den Umstand, daB der Siiden infolge seiner geo- 
graphischen Lage friiher uberseeische Handelsbeziehungen bekam 
und deshalb frcmde Einfliisse aufnehmen muBte. Doch alle diese 
Umstande sind in unserer Frage nur als sekundar anzusehen, Als 
tiefster Qrund der Neigung zur Unruhe muB die bedruckte wirt- 
schaftHche Lage der Bevolkerung Kantons und seines Hinterlandes 
bezeichnet warden. Nirgends in China sind die schlimmen Folgen 
der Obervolkerung so offenkundig wie in Kanton, wo die vor- 
handenen Subsistenzmittel und Daseinsmoglichkeiten in schreiendem 
MiBverhaltnis stehen zu der vorhandenen Menschenmasse. «Bei 
einem so angestrengten Kampf urns Dasein entstehen Piraten, 
Qcsetzlose und Abenteurer wie Maden im K^se — und in den oberen 
Schichten entstehen hungrige Stellensucher und Abenteurer vom 
politischen Typ." Im ubrigen wird dem Volkscharakter der Kan- 
tonesen ein gutes Zeugnis ausgestellt. 

Das chinesische Nationalgefiihl wird fiir wcscntlich passiver und 
philosophischcr Art crklart. Es hat seine Wurzehi im Konfuzianis- 
mus und dem monarchischen Prinzip. Deshalb ist es im Qrunde 
unvcreinbar mit der radikalen republikanischen Qesinnung Sun 
Vat-sen's. 



- 253 — 

Die britische Politik in China wird von Bland sehr stark kriti- 
siert. Es wird ihr vorgeworfen, sie sei zu wenig national gewesen 
und fiihre zum Kosmopolitismus. Die Hochfinanz sei in der Tat 
kosmopolitisch und nur dem Namen ^ach englisch. Die deutschen 
Finanzunterneiiniung^en werden mit starkem SelbstbewuBtsein als 
„Intrigen" abgetan. Die japanische Expansion nach Westen ist bio- 
logisch notwendig, ebenso das Oberfluten Chinas nach Norden. Da- 
gegen wird RuBland bei seiner Orientpolitik nicht durch Lebensnot- 
wendigkeiten, sondern durch Ehrgeiz und QroBenwahn geleitet. Die 
Ansicht, daB die Internationale Finanz die Rolle eines Friedens- 
stifters spiele, wird mit Hohn iibergossen. In Wahrheit enthalt sie 
mehr Keime zur Unruhe und zum Streit als alle religiosen Dispute 
djBs Mittelalters. Auch das Schlagwort von der „gelben Qefahr" 
erscheint Bland als ein armseliger Popanz. Dieses Urteil ist bei 
ihm begriindet durch seine groBe Skepsis gegenuber einer geistigen 
Umwandlung des Ostens. Es fehlt an der Einheit, auch ist der Zwie- 
spalt zwischen den Worten und Taten der Reformer zu groB. So- 
dann hat man die Bevolkerungsziffer iiberschatzt (i. J. 1910 nicht 
400, sondern 320 Millionen), und schlieBlich ist der Chinese kein 
Soldat. Nicht von einer geistigen oder militarischen gelben Qefahr 
diirfe man reden, sondern nur von einer wirtschaftlichen. Denn 
der gelbe Mann ist dem weiBen in GeschSften, im wirtschaftlichen 
Kampf urns Dasein iiberlegen. 

In der Opiumfrage urteilt Bland: „Der Appell Chinas an Eng- 
lands Moral und Edelmut ist Heuchelei." Den Jungchinesen sei es 
nicht ernst mit der Antiopiumbewegung. Es sei nur darauf abge- 
sehen, die britische Einfuhr aus Indian zu verbieten und ein Monopol 
einzufiihren als eine Quelle der Bereicherung fur mancherlei Beamte. 
Die ethische Beurteilung der Frage von missionarischer Seite wird 
kiihl vom reinen Interessenstandpunkt aus zuruckgewiesen (well 
meaning but short-sighted missionary bodies). — Die Missions- 
schulen werden gelegentlich als wichtiges politisches Mittel ge- 
wertet. — 

Verglichen mit Blands Sammlung groBziigiger politischer Artikel 
aus sehr bewegter Zeit ist das andere Buch „The Passing of the 
Manchus" von P. H. Kent weit weniger blendend und nicht so reich 
an scharfen Pointen. Es ist ein niichterner, allerdings sehr fruh- 
zeitig unternommener Versuch, die chinesische Revolution chrono- 
logisch darzustellen und geschichtlich zu erfassen. Kent leitet die 



'-j-rT-J-a.^— ••«■• *, ■• - - •^:-^^3Ff?~^VW>^f^\r^X. 



~ 254 - 

Revolution aus drei Ursachen ab, ndmlich der Auflehnung gegen die 
schlechte Regierung, dem RassenhaB und dem Naturgesetz, daB die 
Nationen entweder vorwarts gehen miissen oder ihren Platz ver- 
lieren. Das Reformstreben und die Offenheit fiir moderne Ideen 
schatzt er hoher ein als Bland. Auch fiir die ethische Seite des Anti- 
opiumgesetzes hat er ein besseres VerstSndnis. Die Interna tionali- 
sierung des Kapitals in China erscheint ihm im Gegensatz zu Bland 
als ein gutes Werk. Das Urteil iiber Yuan-Schi-Kai bleibt offen, 
doch neigt er mehr zu einer gunstigen Beurteilung. Die Arbeit der 
christlichen Mission wird gewiirdigt und ihre Notwendigkeit an- 
erkannt. Fiir das Studium der chinesischen Revolution wird das 
Werk von Kent wegen seiner Ausfuhrlichkeit gute Dienste leisten. 



Ans der Mission der Gegenwart. 



Lebt un ge n der evangeHsdien Mission fai Deutsch-Ostairlka. 

„Fflhrer durch die evangelische Mission in Deutsch-Ostafrika", lautet der 
Titel eines Biichieins, das, in der Missionsdmckerei zu Wuga gednickt, fiir die 
Besucher der im August 1914 geplanten Landesausstellung bestinunt war. Man 
kann das Buch, von dem unseres Wissens nur ein Exemplar nach monatelangen 
Irrfahrten in Deutschland angekommen ist, nur mit Wehmut betrachten. In 
seinem ersten Tail berichten die Leiter der in der Kolonie tStigen evangelischen 
Gesellschaften (Berlin, Bethel, Brecklum, Briidergemeine, Leipzig, NeuWrchen, 
englische Kirchenmission) iiber die Entwicklung der Arbeit im Zeitraum von 
1891 bis 1913, die folgende Obersicht verdeutlicht: - sj 



."""-. : " ^! . ■ ■- ^ 


1891 


1913 




1891 1913 


Missionare 


9 


119 


Volksschulen 


6 985 


Laienbriider 


7 


54 


Seminare 


_ 7 


Arzte 


~> 


3 


Handw.- u. Acke rbausch. 


_ 9 


Schwestem 




25 


Hospitaler 


_ 18 


Eingebor. Qehiifen 


9 


966 


Druckereien 


_ 4 


Hauptstationen 


7 


79 


Christen 


61 13224 


Nebenstationen 


-^ 


833 


Schfiler 


112 50275 



Das Schidwesen in dw TflrkeL 

Zu der Mitteilung, die die letzte Nummer unserer Zeitschrift unter obiger 
Oberschrift brachte, schreibt uns Pfarrer Stier in Marburg, daB die Angaben 
ungenau seien. Seine in dieser Zeitschrift (1915, 8) gegebenen Zahlen seien 
die richtigeren. Wir hatten die Mitteilung einer sonst zuverlassigen Korre- 
spondenz entnonunen, geben aber gem obiger Stimme Raum. 



- 255 - 
Aus unserem Vereinsleben. 



Unser neues Biireao. 

1. Vom 20. August an ist die Adresse unseres Zentral- 
bureaus: Berlin W S7, PallasstraBe 8/9, Gartenhaus. 

Briefe an Missionsdirektor Lie. Dr. J. W i 1 1 e bitten wir zu richten nach 
Berlin - S t e g 11 1 z , SedanstraBe 40. 

Briefe an Missionsinspektor K n o d t bitten wir zu richten nach Berlin- 
Friedenau, StubenranchstraBe 17. 



Neueste Nadiriditeii aus Ostasieo. 

2. Aus Japan gehen Nachrichten von D. Schiller ein, die sich besorgt 
dariiber SuBem, dafi man nicht sicher sein konne, daB die Japaner ihre freund- 
liohe Stellung zu den Deutschen und damit auch zu unserer Mission beibehielten. 
In Deutschland hat die Stimmung der Offentiichkdt Japan gegeniiber sprung- 
haft gewechselt Zu Anfang herrschte eine zum Teil zu starke Verbitterung, 
dann schlug die Stimmung dahin um, daB man zum Teil von Japan fur die Zeit 
nach dem Kriege erne freundschaftliche AnnSherung an Deutschland bestimmt 
erwartete. DaB eine solche AnnSherung moglich ist, kann niemand leugnen. 
Aber sie ist keinesfalls sicher. AUes h^gt von vielen noch ganz unberechen- 
baren Faktoren ab. Augenblicklich schlieBt sich Japan stoker an die Qegner 
Deutschiands an (russisch-japanischer Vertrag). Die Haltung der 
Japaner den Deutschen und unserer Mission gegenuber 
hat sich im Laufe des Krieges verscharft D. Schiller lafit sogar 
leise die Befurchtung anklingen, daB man die personiiche Freiheit unserer 
Missionare unter Umstanden antasten und unsere Arbeit stillegen konne. Wir 
woUen uns Jedenfalls auf alle Moglichkeiten gefaBt machen, uns aber durch 
nichts verbittem lassen. Unsere Stellung zu Japan bleibt die gleiche, mag 
Japan sich stellen, wie es will (1. Kor. 13, 5 u. 7). Solange Japan selbst uns 
die Arbeit nicht unmoglich macht, bleiben wir unserer Aufgabe mnerlich ver- 
pflichtet 

Bficherbesprechungen. 

J. W i 1 1 e . Lie. theoL Dr. phil, Missionsdirektor, Das Bucli des Marco 
Polo ab Quelle fiir die Religkmsgescliiclite. Hutten-Verlag, Berlin SW IL 
1916. S. 126. Qeh. 2,50 M. 

Wie der Wustenwanderer sich Qber jede Oase, auch die kleinste, freut, 
so freut sich der Religionsgeschichtler, der eine Religion durch die Jahr- 
hunderte hindurch zu verlolgen wiinscht, flber iede, auch die kleinste Nachricht 
aus friiheren Jahrhunderten. Denn wie es in der Wtiste fur den Wanderer 
nur wenige RuheplStze gibt, so gibt es ftir den Religionsgeschichtler iiber 
manche Religion nur spSrliche Nachrichten, die es ihm erlauben, ein voll- 
stSndiges Bild von ihrer Entwicklung zu gewinnen. In dem vorliegenden 
Buche bietet Witte der religions-geschichtlichen Wissenschaft eine Fiille von 
Nachrichten tiber mehrere Religionen eines grofien Teiles Ostasiens aus dem 



x", ,..-;.,.■: - 256 - . : ^:. ;■ 

13< Jahrhundert. Qesch6pft sind ^e ans dem Buche des Venetianers Marco 
Polo, der in dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts am Hofe des Kaisers 
Kablai, des groBen Begriinders der Mongolen-Dynastie auf dem chineaschen 
Thron, weilte. Von Kaipingfu (Schangtu), der Residenzstadt Kublais, an der 
Qrenze der Iieutigen Mongolei gelegen, unternalim Marco Polo wdte Reisen, 
die ihn nach Westen iiin bis Tibet, nach Siiden bis Cocliincliina und nach Norden 
bis Karalcorum fiihrten. Auf der RQckreise nach der Heimat wurde er ISngere 
Zeit in Sumatra und Sudindien festgelialten, was ihm Qelegenheit gab, auch 
diese Lander kennen zu lemen. Was Marco Polo in seinen umfangreichen 
Reisebeschreibungen uber religiose Dinge bald hier, bald dort berichtet, stellt 
Witte in seinem Buche zusammen. Damit begniigt er sich aber nicht Er 
untersucht auch die Angaben Marco Polos auf ihre Qlaubwiirdigkeit hin, indem 
er namentlich die Berichte anderer Reisender aus benachbarten Jahrhunderten 
heranzieht Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist fiir die Qlaubwiirdigkeit 
Marco Polos durchweg ein sehr giinstiges. 

Am meisten erfahren wir iiber den Buddhismus bezw. Lamaismus. Was 
uns iiber denselben in Ceylon, China, besonders dem westlichen Telle Chinas, 
in Kaschmir, Japan und Burma berichtet wird, gewShrt dem Religions- 
geschichtler manchen wichtigen Fmgerzeig fflr die Beurteilung desselbcn im 
13. Jahrhundert, obgleich Marco Polo in dem, was er berichtet, hauptsSchlfch 
bei dem AuBeren, bei den Sitten und Gebrauchen, stehen bleibt und das Qebiet 
der Lehre kaum beriihrt Bedeutend liickenhafter ist das, was Marco Polo 
iiber die ursprungliche Religion der Mongolen, iiber die nichtbuddhistischen 
Religionen der Chinesen, den Hinduismus, den Islam, das Judentum in Indien, 
Abessinien und China, den Parsismus und die Religion auf Sumatra berichtet 
Aber so gering an sich auch die Ausbeute fiir diese Religionen ist, so wird der 
Religionsgeschichtler das Wenige doch auch dankbar entgegennehmen und 
sein Material berdchem. ^1 

Nicht weniger als der Religionsgeschichtler wrd der Missionshistoriker 
durch die Lektiire des Witteschen Buches auf seine Rechnung kommen, da 
»ch in demselben nicht wenige Angaben iiber die Verbreitung des Christen- 
tums im femen Osten finden. 

Werm Witte im Vorwort die Hoffnung ausspricht, auch im Krdse der 
: Missionsfreunde Leser fur sein Buch zu finden, so mdchte ich zu dieser Hoff- 
nung den Wunsch hinzufugen, daB das der Fall sein mdchte. Nichts kann die 
Missionsliebe mehr starken, als intensive Beschaftigung mit den religiosen Ver- 
haitnissen der nicht-christlichen Volker. Langweilen wird den Missionsfreund 
das Wittesche Buch nicht Dazu bietet es zu viele interessante Einzelheiten und 
Schilderungen. Lie. theol. H. W. S c h o m e r u s. 



Eingegangene Bficheri 

Pfarrer W. Hiickel, Sieh' nach den Sterne n. Trostgedanken 
in Wort nnd Lied fOr christliche Kriegsleidtragende. Huttcn-Veriag, 
Q. m. b. H. Berlin 1916. 

Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 

Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann & Reiber, Oorlitz, Demianiplatz 28. 



Zeiehnet die fBnfte Xriegsanleihe!! 



Einladung zur 32. Jahresversammlung 

des 

Allgemeinen Evangelisch - Protestantischen Missionsvereins 

in Wiesbaden 

vom 15. bis 17. Oktober 1916. 



Sonntag, den 15. Oktober: 

Vormittags: Gottesdienste in den Kirchen Wiesbadens und der 
Nachbargemeinden. 

Montag, den 16. Oktober: 

Nachmittags 4 Uhr: Versammlung der Missionsfreunde aus Nassau 
im Qemeindesaal der Lutherkirche; 

Abends 8 Uhr: Erste Sitzung des Zentralvorstandes 
im Biirgersaal des Rathauses. 

Dienstag, den 17. Oktober: 

Vormittags 9 Uhr: Zweite Sitzung des Zentral- 
vorstandes im Biirgersaal des Rathauses ; 

um 1 Uhr: Delegierten-und Qeneralversammlung, 
daselbst; 

um 2 Uhr: Mittagessen im Kurhaus; 

um 8 Uhr: Offentliche Versammlung im Saal der Turn- 
gesellschaft, Schwalbacher StraBe. BegruBung: Herr Dekan 
Schmidt, Hochst a. M.; Vortrag: Herr Dr. Rohrbach; 
SchluBwort: Herr Pfarrer Veesenmeyer, Wiesbaden. 



Zum Wohnen wird das Hotel ^.Griiner Wald" am Markt 
empfohlen. (Nachtlager mit Friihstiick 3,75 Mark.) Anmeldungen 
bitten wir dorthin zu richten. 

Der Zentralvorstand. 



Zeiischrift fSr Missionskunde und Religionswissenschaft. 31.Jahrgang. Heft 9. 



^-^ #C^A-VI^*«.^- 



- 258 - 
Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. 

Von Professor Dr. H a n s H a a s. 
(Fortsetzung.) 
Goethe hat bekanntlich Voltaires Tragodie „Le Fanatisme" ins 
Deutsche iibersetzt. Es ware falsch, daraus den SchluB zu Ziehen, 
daB er selbst wenigstens Qeist und Tendenz des franzosischen 
StUckes, tiber dessen dichterische Schwachen er sich klar sein 
muBte, irgend gebilligt hatte. Zu seiner Bearbeitung fiir die deutsche 
Buhne lieB er sich im Herbst 1799 nur auf Wunsch des Herzogs Karl 
August herbei, „gegen seine Natur und Oberzeugung". Als einen 
Betriiger hat er nach seiner eigenen ausdriicklichen Versicherung 
Muhammed nie angesehen. Beschaftigt hat er sich viel mit dem 
arabischen Propheten, wie das neuerdings besonders Minor in ein- 
gehender Untersuchung aufgezeigt hat. ^ 

Schon im Herbst 1773 erschien im Lenorenalmanach das wunder- 
volle Preislied auf den Propheten, das in des Dichters Werken heute 
als „Mahomets Gesang" seinen Platz unter den Vermischten Qe- 
dichten hat. Dem immerfort wachsenden Strome verglichen, der, 
in seinem Schlangenlaufe dutch die Ebene Segen spendend, unauf- 
haltsam einem Ziel entgegenstrebt, dem ewigen Ozean, dem er auch 
die von gleichem Hingebungsdrang wie er getriebenen B^che und 
kleineren Flusse zufiihrt, erscheint hier der Prophet als der Starke, 
der die schwachen Bruder mit sich fortreiBt zu dem alten, ewigen, 
mit ausgespannten Liebesarmen seiner Kinder wartenden Vater, zu 
dem sie wie er selbst sich sehnen, doch ohne ihn, den heldenhaften 
Bahnbrecher und Fiihrer, den Weg nicht und die Kraft nicht finden 
wiirden. 

Seht den Felsenquell. 

Freudehell, 

Wie ein Sternenblick; 

Ober Wolken 

Nahrten seine Jugend 

Gute Geister 

Zwischen KHppen im Gebiisch. 

Junglingfrisch 
Tanzt er aus der Wolke 
Auf die Marmorfelsen nieder, 
' ' Jauchzet wieder 

Nach dem Himmel. 



— 259 - 

Durch die Qipfelgange 
Jagt er bunten Kieseln nach, 
Und mit fruhem Fuhrertritt 
ReiBt er seine Bruderquellen 
Mit sich fort. 

Drunten werden in dem Tal 
Unter seinem FuBtritt Blumen, 
Und die Wiese 
Lebt von seinem hmich,-\:-w'^^rt^-:^ 

Doch ihh halt Icein Scliattental, 
Keine Blumen, 

Die ihm seine Knie' umschlingen, 
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln: 
Nach der Eb'ne dringt sein Lauf, 
Schlangenwandelnd. 

Bache schmiegen 
Sich gesellig an. Nun tritt er 
In die Eb'ne silberprangend, 
Und die Eb'ne prangt mit ihm, 
Und die Flusse von der Eb'ne 
Und die Bache von den Bergen 
Jauchzen ihm und rufen: Bruderl 
Bruder, nimm die Briider mit, 
Mit zu deinem alten Vater, 
Zu dem ew'gen Ozean, 
Der mit ausgespannten Armen 
Unser wartet. 

Die sich, ach! vergebens offnen, 
Seine Sehnenden zu fassen; 
Denn uns friBt in oder Wuste 
Qier'ger Sand; die Sonne droben 
Saugt an unserm Blut; ein Hiigel 
Hemmet uns zum Teiche! Bruder, 
Nimm die Bruder von der Eb'ne, 
Nimm die Bruder von den Bergen 
Mit, zu deinem Vater mit! 



— 260 - 

Kommt ihr alle! — 
Und nun schwillt er 
Herrlicher; ein ganz Qeschlechte 
TrSgt den Fiirsten hoch empor! 
Und im rollenden Triumphe 
Qibt er Landern Namen, Stadte 
Werden unter seinem FuB. 

Unaufhaltsam rauscht er weiter, 
LaBt der Tiirme Flammengipfel, 
MarmorhSuser, eine Schopfung 
Seiner Fiille, hinter sich, 

Zedernhauser tragt der Atlas 
Auf den Riesenschultern; sausend 
Wehen iiber seinem Haupte 
Tausend Flaggen durch die Liifte, 
Zeugen seiner Herrlichkeit. 

Und so tragt er seine Briider, 
Seine Schatze, seine Kinder, 
Dem erwartenden Erzeuger 
Freudebrausend an das Herz. 

In seiner Selbstbiographie will Qoethe spdter (1813), dieser 
Preisgesang sei urspriinglich als lyrische Einlage eines von ihm ge- 
plant gewesenen Mahometdramas gedacht gewesen. Die Stelle, in 
der sich der Dichter iiber diesen seinen Plan n§her ausl&Bt, findet 
sich im dritten Teil von Dichtung und Wahrheit, am Ende des 
14. Buches. AUes, was das Genie durch Charakter und Qeist iiber 
die Menschen vermag, soUte dargestellt werden, und wie das Qenie 
dabei gewinnt und verliert. Muhammeds V e r 1 i e r e n sollte darin 
liegen, daB der religiose Reformator, da doch nicht alles durch Kraft 

i zu tun ist, nach Niederwerfung der ihm entgegenstehenden Wider- 
stande sich genotigt sah, auch zur List seine Zuflucht zu nehmen, daB 
also das Irdische wuchs und sich ausbreitete, wahrend das Qottliche 

: t in ihm zuriickgetreten und getrtibt werden sei, derart, daB ihm im 

/ Verfolge seiner Eroberungen die Lehre mehr bloBer Vorwand als 

■ Zweck geworden sei und daB er alle denkbaren Mittel habe beniitzen 

miissen, nicht zuriickschreckend auch vor Qrausamkeiten. Zum 



- 261 - 

Schlusse aber wollte der Dichter den Propheten angesichts des 
Todes die Wiederkehr zu sich selbst, zum hoheren Sinne, linden 
lassen. 

Zur Ausftihrung dieses Planes ist Goethe bedauerlicherweise 
nicht gekommen. Nur ein paar kurze, erst nach seinem Tode aus 
dem NachlaB der Frau von Stein veroffentlichte Fragmente aus dem 
Jahre 1773 liegen von ihm vor. Die Idee zu dem Mahometdrama, 
meinte er, als er seine Selbstbiographie diktierte, sei ihm aus seinem 
freundschaftlichen Verkehre mit Lavater und Basedow erwachsen. 
Ihm namlich sei es nicht unbemerkt geblieben, „daB beide Manner, 
jeder auf seine Art, indem sie zu lehren, zu unterrichten und zu uber- 
zeugen bemiiht waren, doch auch gewisse Absichten im Hinterhalt 
yerbargen, an deren BefSrderung ihnen sehr gelegen war. Lavater 
ging zart und klug, Basedow heftig, frevelhaft, sogar plump zu 
Werke; auch waren beide von ihren Liebhabereien, Untemehmun- 
gen und von der Vortrefflichkeit ihres Treibens so iiberzeugt, daB 
man sie fiir redliche M^ner halten, sie lieben und verehren muBte. 
Lavatern besonders konnte man zum Ruhme nachsagen, daB er 
wirklich hohere Zwecke hatte und, wenn er weltkiug handelte, wohl 
glauben durfte, der Zweck heilige die Mittel. Indem ich nun beide 
beobachtete, ja ihnen frei heraus meine Meinung gestand, und die 
ihrige dagegen vernahm, so wurde der Qedanke rege, daB freilich 
der vorziigliche Mensch das Qottliche, was in ihm ist, auch auBer 
sich verbreiten mochte. Dann aber trifft er auf die rohe Welt, und 
urn auf sie zu wirken, muB er sich ihr gleichstellen; hierdurch aber 
vergibt er jenen hohen Vorzugen gar sehr, und am Ende begibt er 
sich ihrer ganzlich. Das Himmlische, Ewige wird m den Korper 
irdischer Absichten eingesenkt und zu verg^glichen Schicksalen 
mit fortgerissen. Nun betrachtete ich den Lebensgang beider M^ner 
aus diesem Qesichtspunkte, und sie schienen mir ebenso ehrwurdig 
als bedauemswert: denn ich glaubte vorauszusehen, daB beide sich 
genotigt finden konnten, das Obere dem Unteren aufzuopfern." Und 
so denn will im Jahre 1813 Goethe, indem er, iiber die eigene enge 
Erfahrung hinaus nach ahnlichen Fallen in der Geschichte sich um- 
sehend, auf Muhammed gefiihrt worden sei, auf den Gedanken ge- 
kommen sein, die von ihm in Wirklichkeit so lebhaft geschauten 
Wege dramatisch darzustellen. 

Minor in seiner Schrift „Goethes Mahomet" hat gezeigt, daB der 
Verfasser von Dichtung und Wahrheit sich geirrt; daB ihm in Wirk- 
lichkeit nicht Muhammed als ein Lavater, sondem umgekehrt der 



.'^•'- ^/f':; J^ijw^j'^-vi ;5v^ 



— 262 - 

lange von ihm verehrte Lavater, nachdem er ihn, spSt genug, ganz 
durchschaut hatte, als ein Muhammed erschienen ist. Der Muham- 
med aber, den er im Qeiste trug, als Dichtung und Wahrheit ent- 
stand, ist unverkennbar der Muhammed von Voltaires Essai sur les 
moeurs. „Es ist anzunehmen," liest man in diesem (Kap. 6), „daB 
Mahomet, wie alle Enthusiasten, machtiglich ergriffen von seinen 
Ideen, diese anfangs in gutem Qlauben vertrat, durch TrSumereien 
verfestigte, sich selber tauschte, indem er andere betrog, und schlieB- 
lich eine Lehre, die er fur gut hielt, durch Betrug zu schiitzen sich 
genotigt sah." Indem Goethe dieser Auffassung sich anschioB, stand 
er unverkennbar im Banne von Ideen der Aufklarungszeit, deren 
hervorragendster literarischer Wortfiihrer eben Voltaire war. Einig 
geht er auch mit diesem wie mit Oelsner in der Meinung, daB 
Muhammed seine Erfolge nicht nur oder hauptsachlich dem Schwerte 
zu verdanken gehabt habe. sondern in erster Linie dem Wort. 

„Nur durch den Begriff des Einen 
Hat er alle Welt bezwungen" 

heiBt es ausdriicklich in Divanversen der westostlichen Periode, und 
bekannt ist Qoethes Urteil tiber das Buch, in dem uns das Wort des 
Propheten vorliegt, dieses Buch, „das uns, so oft wir auch daran 
gehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen 
setzt und am Ende Verehrung abnotigt." Ob wahr, ob falsch, ob 
niitzlich oder schadlich, sei seine Lehre doch tief in der menschlichen 
Natur begriindet und auch mit dem Christentum in voUkommener 
Obereinstimmung. Denn auch das „Kein Sperling fallt vom Dache 
ohne den Willen eures Vaters" sei aus derselben Quelle hervorge- 
gangen und deute auf eine Vorsehung, die das Kleinste im Auge be- 
halt und ohne deren Willen und Zulassen nichts geschehen konne. 
„Zuversicht und Ergebung sind die echten Grundlagen jeder besseren 
Religion und die Unterordnung unter einen hoheren, die Ereignisse 
ordnenden Willen, den wir nicht begreifen, eben well er hoher als 
unsere Vemunft und unser Verstand ist. Der Islam und die refor- 
mierte Religion sind sich hierin am nSchsten." 

„Wenn Islam Gott ergeben heiBt, * 

„Im Islam leben und sterben wir alle." — 

Blickt man von hier zuriick auf das vorhergegangene Jahr- 
hundert, so wird man tatsSchlich mit QaB sagen konnen, dafi in 
diesem mehr geschehen, als die sittlich historische Qerechtigkeit not- 



j 



— 263 — 

wendig erfordert hatte. Indem die religiose Denkart der Zeit sich 
von dem positiven und supranaturalen Inhalt des Qlaubens und des 
Dogmas entfernte, gelangte sie zu einer bedeutenden Annaherung an 
denjenigen Deismus und Moralismus, welchen der Islam, wenn auch 
in nationaler Beschrankung, historisch darstellte. Zur Empfehlung 
gereicht ihm jetzt, was friiher seine Verdammnis begriindet hatte, die 
Indifferenz gegen das schwer Begreifliche und Mysteriose, die ge- 
niigsame tiaushaltung mit wenigen Qrundsatzen einer monotheisti- 
schen Frommigkeit, die gleichmaBige Schatzung des Propheten als 
Beforderer der Qottesverehrung. 

Die Frage ist nur: wuBte man endlich, was es ist um den arabi- 
schen Propheten? 

Es scheint nicht so. 

Im Jahre 1837 macht in Heidelberg ein Universitatsdozent sich 
dran, ein Kollegienheft iiber das Leben Muhammeds auszuarbeiten, 
ein Mann, der seinen jugendlichen Horern — viel werden's ihrer 
nicht gewesen sein — etwas wirklich Solides zu bieten den wissen- 
schaftlichen Ehrgeiz hat. Er nimmt es emst mit seiner Vorberei- 
tung. Orientalist, der er ist, kennt er natiirlich in etwas die Arbeiten 
der Vergangenheit auf dem Qebiete. Aber — aus dem ganzen 
Biicherhauf, der seit den Tagen eines Johannes Damascenus sich bei 
uns aufgeschichtet, vermag der Sucher nur e i n Werk, ein einziges, 
zu linden, das ihm nach koranischem Ausdruck emigermaBen als 
wLeitung" dienen konnte. Es war die etwa ein Jahrhundert vorher 
erschienene, oben schon genannte Mubammedbiographie des Fran- 
zosen Qagnier, das Werk, das seitdem die Qnmdlage aller spateren 
Biographien des Propheten geblieben war, aus dem jeder, je nach 
dem Umfange seines eigenen Baches, einfadi mehr oder weniger 
aufgenommen, seine Arbeit, je nach seinem politischen oder kirch- 
lichen Parteigeiste bald auf dieses, bald auf jenes Bruchstuck aus 
dem kolossalen LehrgebSude stutzend und als unbranchbaren Schutt 
beiseite lassend, was seinem Buche erne zu groBe Ausdehnung ge- 
geben hStte oder mit seiner Ansicht nicht ubereinstimmte. Je welter 
Qustav Well, Bibliothekar an der Unlversitfit Heidelberg, der be- 
kannte Obersetzer der „Tausend und eine Nacht" — denn er war 
der Dozent, von dem ich rede — in der Ausarbeitung seines Kol- 
legienheftes voranschritt, um so fester wurde in ihm der EntschluB, 
das Leben und die Lehre des auBerordentlichen Mannes zum be- 
sonderen Qegenstand seines Studiums zu machen und, um, so viel es 
in seiner Kraft lage, eine wirkliche Lticke auszufiillen, die Resultate 



^ — 264 — 

einem groBeren gelehrten Publikum vorzutragen. Muhammed blieb, 
wie er selber sagte, von da ab der vertraute Qefahrte seiner Qe- 
danken und der Koran mit dem Kommentare des Djalalein und den 
gelehrten, wenn auch nicht immer richtigen Anmerkungen des Mar- 
raccius und Sale fortwahrender Qegenstand seines Stadiums. Von 
neuem las er den arabischen Muhammedbiographen Abulfeda in der 
Ausgabe und Obersetzung von Noel de Vergers wieder, auch ver- 
schiedene kleinere europaische Lebensbeschreibungen, unter denen 
er die von Reinaud im ersten Bande der „Monuments Arabes, Per- 
sanes et Turcs du cabinet de M. le Due de Blacas" (p. 189—229) be- 
sonders hervorhebt, femer die ruhmlich bekannten Schriften 
Qeigers und Gerocks iiber das Verhaltnis des Muhammedanismus 
zum Juden- und Christentum und sammelte nach und nach, was die 
Werke von Hottinger, Reland, Pococke, die M6ni. de I'Acad^mie de 
Paris, die Tiibinger Zeitschrift fur Theologie und andere ahnliche 
Schriften iiber Muhammed enthielten. Ihm aber als Orientalisten 
lag es an, die Wissenschaft mit neuen Tatsachen und Aufschliissen 
zu bereichem. Und er wuBte auch wirklich bisher ungenutzte 
Quellenhandschriften aufzutreiben, deren Verarbeitung ihm dazu 
diensam schien. 

Die Frucht seiner Studien legte er der Offentlichkeit vor in einer 
1843 erschienenen Muhammedbiographie, einem Werke, das das 
Verdienst hat, die neue, nachmals von Sprenger, Muir und Noldeke 
ausgebaute Ara der Betrachtung einzuleiten. 

Es gehore, so beginnt er seine Vorrede, zu den wesentlichen 
Fortschritten erst der neueren Zeit, daB die historische Kritik die 
iiberkommenen Anschauungen welthistorischer Charaktere aus den 
Quellen revidiere, berichtige und sodann in ihrer Totalitat von 
neuem darstelle. Auffallend sei es, daB Muhammed, dessen politi- 
sche und religiose Umwaizung so tief eingriff und so weit um sich 
griff, hierin bisiang so sehr vernachlassigt worden. QewiB verdiene 
doch ein Mann, der ein Reich grundete, das bald nach seinem Tode 
das persische verschlang und dem byzantinischen die tiefsten 
Wunden schlug, der eine Religion gestiftet, die noch jetzt den 
schonsten Teil der alten Welt zu Bekennern zShlt, von alien Seiten, 
sowohl in den geschichtlichen Tatsachen als in den uber ihn kur- 
sierenden My then, genau gekannt zu werden. Er selber habe das 
tatenreiche Leben Muhammeds ohne Vorurteii irgendeiner Art er- 
forscht und prufend Schritt fiir Schritt in den Quellen verfolgt und 
eifrigst danach gestrebt, die historische Wahrheit aus dem Nimbus, 



- 265 - 

in den sie gehtillt ist, hervorzuziehen. Ob ihm freilich die Schilde- 

Tung dieses rdtselhaften Charakters ebenso geiungen sei wie die 

Ergrundung der Quelien, fiir die ihm sein eigenes BewuBtsein Zeug- 

nis ablege, miisse er dem Urteil unbefangener Kenner iiberlassen. 

Weils Buch ist Sr. Konigl. Hoheit dem QroBherzog Leopold von 

Baden gewidmet, und in der Zueignung spricht der Verfasser den 

Wunsch aus, seine Arbeit, die Spuren eines ernsten Studiums an 

sich trage, moge den Anforderungen der deutschen Wissenschaft 

entsprechen. DaB sie das tut oder doch jedenfalls zur Zeit ihres 

Erscheinens es getan, ist klar ausgesprochen in der Kritik eines kom- 

petenten ausl^dischen Fachgelehrten, eines Meisters der Islam- 

wissenschaft, Snouck Hurgronje, der 1894 schrieb: „Wahrend des 

halben Jahrhunderts, das seit dem Erscheinen von Weils Buch ver- 
» 

flossen ist, haben die orientalischen Studien riesige Fortschritte ge- 
macht, ungemindert bleibt aber sein Verdienst, als erster eine un- 
parteiische historisch-kritische Forschung angestellt zu haben."- 

Das Urteil uber den Propheten, zu dem solches Forschen den 
deutschen Orientalisten hat gelangen lassen, hat Weil am Schlusse 
seines Buches zusammengefaBt: 

„Die Lehre von Qott und der hoheren Bestimmung des Men- 
schen, welche Mohammed uber ein Land verbreitete, das dem 
grobsten Qotzendienste ergeben war, und das kaum eine Ahnung 
von der Unsterblichkeit der Seele hatte, muB uns daher schon, trotz 
aller seiner Schwachen und Mangel, um so eher mit ihm aussohnen, 
da sein eigenes Leben keinen nachteiligen EinfluB auf die Bekenner 
seines Qlaubens iiben konnte; denn weit entfernt, sich als Muster 
aufzustellen, woUte er als eine besondere, von Qott selbst zur Ober- 
tretung der gewohnlichen Qesetze privilegierte Person angesehen 
sein, und ward auch als seiche immer mehr angesehen. Wir wSren 
aber ungerecht oder verblendet, wenn wir nicht anerkennen woUten,' 
daB ihm sein Volk noch manches andere Wahre, Qute und Schone 
verdankt. Er vereinigte die in unzahlige Stamme feindlich geteilten 
Araber zu einer im Qlauben an Qott verbriiderten groBen Nation: 
er setzte an die Stelle der Willkiir, des Faustrechts und der Selbst- 
hilfe ein unumstoBliches Recht, das trotz seiner UnvoUkommenheit 
doch noch immer die Qrundlage aller Qesetze des islamitischen 
Reichs bildet; er beschrankte die Blutrache, welche vor ihm bis zu 
den entferntesten Verwandten sich ausdehnte, auf das von den 
Richtern als Morder anerkannte Individuum allein. Besonders ver- 
dient hat er sich um das schone Qeschlecht gemacht, indem er nicht 



' — 266 - 

nur die M a d c h e n , welche haufig bei der Qeburt von ihren eigenen 
Vatern ermordet wurden, gegen eine solche barbarische Sitte 
schutzte, sondern auch die Frauen gegen die Verwandten ihres ver- 
storbenen Qatten, die sie wie eine Sache erbten, und uberhaupt 
gegen schlechte, ungerechte Behandlung der Manner. Er beschrankte 
die Polygamie, indem er den Qlaubigen nur vier Qattinnen ge- 
stattete, statt acht bis zelin, wie es vor ihm, besonders in Medina 
Sitte war, und selbst diese Zaiil erlaubte er nur denjenigen M^nern, 
welche die Mittel liaben, sie anstandig zu verpflegen, verbot ihnen 
aber auch in irgendeiner Beziehung die eine auf Kosten der andern 
zu bevorzugen. Nur wenig das Qesetz streng beobachtende 
Manner Iconnen daher mehrere Qattinnen zugleich besitzen woUen. 
Die Strafe, welche auf Buhlerei gesetzt ist, schiitzt auch die Frau 
gegen jede andere Untreue des Qatten, und Konkubinen sind, nach 
dem Buchstaben des Korans, nur unverheirateten, unbemittelten 
Mannern erlaubt. Auch die Sklaven wurden zwar von Mohammed 
nicht vollstandig emanzipiert, doch enthalt der Koran manche Be- 
stimmung zu ihren Qunsten; ihre Befreiung wird als ein gott- 
gefailiges Werk dargestellt, und als Suhne fiir manche Vergehen 
vorgeschrieben, auch ihre Qleichheit mit den Freien vor den Augen 
Qottes bestimmt ausgesprochen, Fiir die Armen ward nicht nur 
durch immer wiederkehrende Ermahnungen zur Wohltatigkeit, 
sondern durch eine formliche Armensteuer und den ihnen ange- 
wiesenen Anteil an Beute und Tribut gesorgt. Durch das Verbot 
des Spiels, des Weines und anderer berauschender Qetranke wurde 
manchen Lastern und Ausschweifungen, besonders aber Zank und 
Hader vorgebeugt. Harte, Stolz, Hochmut, Luge, Verschwendung, 
Qeiz, Ostentation, Verleumdung, Spott und andere Untugenden, 
welche den Menschen selbst erniedrigen und storend in den ge- 

' selligen Verkehr eintreten, werden in meisterhaften Spruchen als 
gottlos erklart, Menschenfreundlichkeit, Beschetdenheit, Nachsicht, 
Aufrichtigkeit, Keuschheit in Wort und Tat, und vor allem Wahrheit 
und I^edlichkeit als die hochste Tugend empfohlen. Wenn wir daher 
auch Mohammed nicht als einen wahren Propheten anerkennen, weil 
er zur Verbreitung seiner Religion gewaltsame und unlautere Mittel 
gebrauchte, weil er zu schwach war, sich dem allgemeinen Qesetze 

' zu unterwerfen, und trotz der Erklarung, daB Qott das selbst Qe- 
gebene durch etwas Besseres ersetzen konne, sich das Siegel der 
Propheten nannte, so mag er doch, insofem er die schdnsten Lehren 
des Alten und Neuen Testaments unter ein Volk verpflanzte, das 



— 267 - 

von keinem Sonnenstrahl des Qlaubens erieuchtet war, auch in den 
Augen der Nicht-Mohammedaner als „Qesandter Qottes" angesehen 
werden*)." 

Dieser Auslassung Weils seien noch zwei andere angeschlossen. 
die sich in seinem nur ein Jahr sp^ter (1844, 2. A. 1878) verdffent- 
iichten kleinen Werkchen „Historisch-kritische Einleitung in den 
Koran" finden, die erste S. 39 ff.: „Die BloBe, die sich Mohammed 
in seinem Verhaltnisse zum weiblichen Qeschlecht gab, und die aller- 
dings schon geniigt, um auf seinen Charakter als Prophet ein hochst 
zweideutiges Licht zu werfen, ist ubrigens die einzige, welche wir 
an seinem Privatleben wahrnehmen. Er war in Jeder Beziehung ein 
Muster hSusiicher und geselliger Tugend. In seiner Wohnung, Nah- 
,rung und Kost herrschte die groBte Einfachheit, zuweilen sogai 
Mangel und Armut. Er war so anspruchslos, daB er sich nicht nur 
jede auBerliche Ehrerbietung von seinen Qefahrten verbat, sondern 
nicht einmal von seinen Sklaven Dienste annahm, die er selbst ver- 
richten konnte, so daB er haufig selbst auf den Markt ging, um 
Lebensmittel einzukaufen, sie selbst zubereitete, seine Kleider flickte, 
seine Ziege melkte und sogar seine Wohnung auskehrte. Jedermann 
erhielt zu jeder Zeit Zutritt zu ihm, und sogar auf der StraBe 
schenkte er jedem Bittenden Qehor. Seine Wohltatigkeit und Frei- 
gebigkeit kannte keine Qrenzen, so daB er, trotz dem groBen Anteil 
an jeder Beute, doch stets arm ' lieb und bei seinem Tode nur wenige 
Dinare hinterlieB. Aber nicht nur gegen Arme auBerte sich seine 
MildtStigkeit, sondern er suchte auch alle anderen Leidenden auf 
jede mogliche Weise zu trosten. Niemand war in Medina krank, den 
er nicht besuchte, niemand starb, dessen Leichenzug er nicht be- 
gleitete, niemandem widerfuhr eine Ungerechtigkeit, dem er nicht 
zu Hilfe eilte, besonders wo es gait, den Schwachen gegen den 
StSrkeren zu verteidigen. Nur wo es die Politik gebot, konnte er 
sich zu den grofiten Grausamkeiten hinreiBen lassen, in alien ubrigen 
FSllen zeigte er sich SuBerst nachsichtsvoU und groBmiitig. Es 
kommen wohl manche Hinrichtungen einzelner Verbrecher oder 
tfitiger Feinde des Islams vor, doch ist, im Verhaltnisse zur Dauer 
seiner Herrschaft, ihre Zahl sehr gering. Eine eigentliche Metzelei 
fand nur bei den Benu Kureiza statt. Qegen diese war er un- 



*) Ganz ahnlich wie Weil urteilt, und zwar unabhangig von ihm, 
Causin de Perceval in seinem Essai sur I'histoire des Arabes avant 
IMslamisme, pendant I'epoquc de Mahomet et jusqu' a la reduction de toiites 
1^ tribus sous la loi musulmane. 



^^ - -v.; — 268 - 

erbittlich, nicht aus ReligionshaB, sondern weil sie ihn im Augen- 
blicke der Qefahr verlassen und zum Feinde iibergegangen waren 
und ihn dadurch dem Untergange sehr nahe gebracht hatten. MuBten 
wir daher Mohammed, der sich einen Propheten und Qesandten 
Qottes nennt, nicht strenger beurteilen, als einen gewohnlichen 
AraberhMuptling, so wiirden in unseren Augen die Flecken, welche 
wir in seiner Lebensgeschichte wahmehmen, um so eher ver- 
schwinden, ais sie sich groBtenteiis durch die Gebrauche und Sitten 
seiner Zeit rechtfertigen lassen. Wir wiirden ihn einen schlauen 
Staatsmann nennen, welcher teils aus Liebe zu seinem Volke, teils 
aus Ehrgeiz Qrofies vollbracht. Auch als Reformator des Juden- 
und Christentums, als Sittenverbesserer, als Verkiindiger des reinen 

Monotheismus und der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und 
Vergeltung, welche in Arabien erst durch ihn Wurzel fafite, konnten 
Wir ihm unsern Beifall und, in Anbetracht semer vielen Leiden in 
der ersten Zeit, sogar unsere Bewunderung nicht versagen. Dafi 
er aber der.Rolle eines neuen Religionsstifters und Qesetzgebers 
kehieswegs gewachsen war, ergibt sich aus einer n^eren Unter- 
suchung des Korans nicht weniger als aus seinem Leben." 

Seite 114 ff. aber heiBt es: „Wir sind zwar weit entfernt . . ., 
den Stifter des Islams dem des Christentums an die Seite setzen zu 
wollen; aber nach unserer Ansicht liegt der Unterschied weniger 
in den Dogmen als in der Personlichkeit. Hatten sich die Mutazal 
ebenso frei entwickeln konnen wie die Protestanten, so wSre gewiB 
aus dem Koran eine Theologie hervorgegangen, welche wenigstens 
den Anforderungen der menschlichen Vernunft ebenso genugt hatte, 
wie der aus dem Evangelium abgeleitete christliche Rationalismus. 
In der Personlichkeit Mohammeds, welche erst bei seinem Aufent- 
halte in Medina recht ans Licht tritt, nicht in der verschiedenen Auf- 
fassung der Lehre vom SUndenfall und von der Erlosung oder im 
Leugnen der Trinitat, namentlich der Trinitat, wie sie zu seiner 
Zeit gelehrt wurde, ist der Verfall und einstige Untergang des Islams 
zu suchen. Christus blieb sich in alien seinen Lehren konsequent 
und besiegelte sie durch seinen Tod, Mohammed aber wich der ihm 
drohenden Qefahr aus und suchte durch allerlei R^ke und zuletzt 
durch Qewalt sich und seiner Religion die Oberhand zu verschaffen. 
Auch begniigte er sich spater nicht damit, allgemeine QIaubenslehren 
im Namen Qottes zu verbreiten, sondern auch seine positiven Qe- 
setze und Verordnungen sollten als Emanationen des Himmels be- 
trachtet werden, obgleich er selbst durch UmstSnde genotigt ward, 



- 269 - 

sie zu ^dern, und zu wenig Herrschaft uber sich selbst hatte, urn 
sich ihnen zuerst zu unterwerfen. Weil Mohammed selbst den 
QlSubigen nicht nur kein Vermittler zwischen Qott und den 
Menschen, sondern nicht einmal ein Vorbild der Tugend sein Icann, 
ist seine Offenbarung zum toten Buchstaben geworden, unfahig, die 
innere Seele mit wahrer ReligiositSt zu beleben. Wenn der Koran 
im Verhaitnis zum Evangelium wie ein Anachronismus vor uns liegt, 
so ist es nicht, weil er einzelne Dogmen bestreitet, deren innere Be- 
deutung zu seiner Zeit noch gar nicht gekannt war, sondern weil er, 
wie die Bucher Mosis, Bestimmungen enth^lt, welche weder fiir alle 
Lfinder und Menschen, noch fiir alle Zeiten niitzlich und anwendbar 
Sind. AlS Reformator, was Mohammed ursprunglich war und sein 
wollte, verdient er unsere voile Anerkennung und Bewunderung. 
Em Araber, welcher die Schattenseite des damaligen Juden- und 
Christentums aufdeckte und nicht ohne Lebensgefahr den Poly- 
theismus zu verdrangen und die Lehre von der Unsterblichkeit der 
Seele seinem Volke einzuprSgen suchte, verdient er nicht nur den 
groBten MSnnern der Qeschichte an die Seite gesetzt zu werden, 
sondern auch den Namen eines Propheten. Sobald er aber aufhort ein 
Duldender zu sein, sobald er der Wahrheit durch das Schwert den 
Sieg zu verschaffen sucht und im Namen Qottes neue Zeremonial-, 
Zivil-, Polizei- und Kriminalgesetze erteilt, driickt er sich und seinem 
Worte den Stempel menschlicher SchwSche und Vergangiich- 
keit auf." (Fortsetzung folgt.) 

Zur Wissenschaftslehre der Religionsgeschichte. 
Deren Einordnung in die Geschichtstheorie. 

Von Lie. Dr. HugoLehmann. 

(Fortsetzung.) 

2. Allgemeine historiologische Bedeutung des 
religiosen Umbildungsprozesses. 

Als die jonischen Naturphilosophen die mythologische und 
dichterische Phantasie nicht mehr und die Reflexionen noch nicht 
bei der Auffassung der Dinge den Ausschlag geben lieBen, als sie 
ohne Affekt der Furcht oder des Wunsches emerseits und ohne Re- 
flexion einzelwissenschaftlicher Analyse andererseits den Dingen 
mit Andacht gegenubertretend, alles Qegebene in unmittelbarer 
Wirklichkeit einheitlich auffafiten, so war schon das erste Erwachen 



■ ' ■ ' ~ 270 - ' ' 1 

auf wissenschaftliche Vergegenstandlichung abzielender Betrach- 
tung der Natur an religiose Umwaizungen gebunden. So ist eine 
vorurteilslose und in diesem Sinne urspriingliche Betrachtung der 
Naturdinge an eine Zuriickschiebung mythologisch motivierter Vor- 
stellungen gebunden. Die gleiche Zuriickschiebung affektiver und 
magischer Motivation ist aucli bei einer auf wissenschaftliche Ob- 
jektivitat abzielenden Betrachtung der geschichtlichen VerhSltnisse 
Voraussetzung. Die Indifferenziertheit des mythischen Hinter- 
grundes wird nicht mehr nach subjektivem Belieben abgezweckt, 
vielmehr wird sie nach objektiven Qesichtspunkten bearbeitet. In 
diesem Sinne erhalt sich die Indifferenz rein von aller auf Irrwege 
abfiihrenden Abzweckung. Aus der Indifferenziertheit des Mythus 
wird umgekehrt die Qeftihlsindifferenz des vorurteilsfreien Be- 
urteilers. fv 

Die andachtbetonten „Momente der voUendeten Qleichgtiltig- 
keit ")" beseitigen irrefiihrende mythologisch affizierte Vorstellungs- 
weisen. Die Scheu vor den Elementen ") und die Motive der Furcht 
konnen der schopferischen Qeistesbildung nicht mehr drein reden. 
Es eroffnet sich die eigentliche geschichtliche Religion und in ihr die 
Moglichkeit einer Qeschichte der Religionen. 

3. Natur- und geschichtskritische Konzentration. 
Die natur- und geschichtskritische Erkennungsbildung hat im 
Zentrum ihrer vorausgesetzten Qefiihlsindifferenz die Beziehung reli- 
gioser Andacht. Die Voraussetzung des Mythus wendet sich in der 
Indifferenz der Affekte zur geschichtlichen Religion. In dieser ruht, 
zentral-garantiert, die Voraussetzungslosigkeit des historischen 
Forschers ebensowohl wie des Naturforschers. So wird die religions- 
geschichtliche Formung der Religion begrifflich umgrenzt durch die 
Totalitat des Erkenntnisprozesses im Kulturzusammenhang. Von 
der religiosen Beziehung der konzentrierten Erkenntnisformung 
kulturgeschichtlicher Zeiten ist vorreligionsgeschichtliche Motivation 
aber in der Weise unterschieden, daB die letztere eine jedesmal ein- 
seitige Abzweckung, die erstere aber die ziel-leitende Totalwendung 
der Voraussetzung des Mythus bedeutet. Der zielleitende Religions- 
begriff, welcher der Religionsgeschichte ihre Aufgabe stellt, veran- 
schaulicht sich in aquivalenter Annaherung nur in den eigentlichen. 



'•) Wundt: ^Sinnliche und Ubersinnliche Welt", S. 16. 

") Vergl. auch Qalater-Brief 4,3. eroixila tov xonfiov. Romer-Brief 8, 15. 
jtviv/itt iovln'as. 



S0:-: 



- 271 - 

vom Mutterstamm des Mythus losgelQsten, Religionen, welche die 
kulturelle Struktur konzentrierender Andacht in jeder geistigen Bil- 
dung auf ihrem Lebensgebiet aufweisen. An religiSse Umkehr ist 
jede groBe Erneuerung der Erkenntnis religionsgeschichtlich ge- 
bunden. 

4. Konzentration und Motivation. 

Das andachtsvolle Weltbild ") Uberschneidet die Motivation der 
Mythenbildung durch die natur- und geschiclitskritische Erkenntnis- 
formung. In der Kontrastierung beider, als im Schnittpunkt von 
Kultur und Vorkultur, erleben wir die Momente der voliendeten 
Indifferenz, deren Voraussetzung die Vorgegebenheit der mythischen 
Indifferenziertheit ist. '- ^ t - 

5. Religionsgescliichtswissenschaft und norma- 
tive Kritik der Weltgeschichte. 

So kommt die Vorurteilslosigkeit der historischen Forschung in 
dem religionsgesctiiclitlich zu analysierenden Oberschneidungspunkt 
mit der Voraussetzung des Mythus zu sich selbst. Die sachliche An- 
dacht des Historikers ist kritisch religionsgeschichtlich zu fundieren. 

In Hinsicht auf eine normativ-kritische Historiologie spezialisiert 
auch Ernst Troltsch das enge Verhaltnis der Historik zu religioser 
Position. In „Moderne Qeschichtsphilosophie" ") wirft er die Frage 
auf, „wie tiberhaupt Normen aus der Historie sich gewinnen lassen". 
Nach ihm trifft „die Theologie, die mit der Moglichkeit des Erweises 
allgemeiner Normen und WertmaBstabe steht und fSllt", dieses 
Problem am schwersten. Es handelt sich um die schon seit Beginn 
der christlichen Entwicklung durch die Patristik neben der begriff- 
lichen Auseinandersetzung mit dem „wissenschaftlichen Weltbild 
der Kosmologie" ins Auge gefaBte „Fixierung des Rechtes des 
Qlaubens an die christlich-religiose Wahrheit gegenuber anders- 
artigen, ebenfalls historisch-positiv begrundeten Qlaubensweisen und 
ethischen Lebensanschauungen". Durch die „Lehre von der iiber- 
natiirlichen Offenbarung" ist bis in die Neuzeit hinein das christliche 



") Wundt kennzeichnet dasselbe als .naives Weltbild* und unter- 
scheidet dieses Weltbild der Wissenschaftsgenese im Ansatz vom Mythus. 
Vergl.: ,Sinnliche und iibersinnliche Welt*, S. 16 f. 

•") ,Oesammelte Schriften", 1913, Bd. 2. -Zur religiosen Lage«, 
,Religionsphilosophie und Ethik", S. 676 f. Die Abhandlung stand zuerst in 
der ,Theologischen Rundschau", VI, 1904, und enthSIt das Bekenntnis zu 
Rickerts ,logischer Einleitung in die historischen Wissenschaften* : ,Die 
Qrenzen der naturwissenschanlichen Begriffsbildung". 



— 272 - 
Lebensprinzip iiberhistorisch und historisch isoliert worden. Eine 

derartige aristokratische Erhebung iiber den profanen historischen 
Stoff und der damit gegebene Wundererweis historischer Einzig- 
artigkeit tritt in der Qegenwart zuruck hinter dem evolutionistisch- 
historiologischen Erweis religionsgeschichtlicher Oberordnungs- 
^moglichkeit der Christlichkeit innerhalb der historisch-kritischen 
„Durchfuhrung eines universal-historischen gleichartigen Qeschichts- 
zusammenhanges". Nun hat dieses letztere Prinzip einer Bewertung 
der „Qesamtheit des geschichtlichen Prozesses" eben auch die 
christliche Philosophie in der Patristik siegreich gegen den Helle- 
nismus behauptet"). In Christus ist eine zielleitende Einzigartig- 
keit der menschheitsgeschichtlichen Qesamtheit festgestellt und der 
Qedanke einer fortschreitenden Entwicklung gegenuber dem vor- 
christlich gedachten Kreislauf des Qeschehens und der „Anarchie 
der Werte" moglich geworden, wie ihn dann besonders Augustin 
bezeugt hat *^). So kann Troltsch mit Recht „ini letzten Grunde die 
rehgiose Stellung zur Welt entscheidend" sein lassen „fur den 
Qlauben an Normen und den Qehorsam gegen Normen" nicht nur, 
sondern auch fur die „Erarbeitung von Normen" auf alien Qebieten 
des historischen Kulturprozesses. 

C. Die sowohl entwicklungs-genetisch, als auch 
kul tur-sy stematisch hinsichtlich des indivi- 
duellenUniversalismusanzusetzendeVorgegen 

s t a n d 1 i c h k e i t. 

1. Kritik als Attribut der schopferischen Per- 

sonlichkeit ^ , 

Doch nicht geradlinig oder in direkter Abspiegelung „aus der 
Historie und ihrem alles Einzelne endlich bedingenden und relati- 
vierenden Zusammenhang" konnen „absolute Normen" herausent- 
wickelt werden. Wenn Troltsch das in Rede stehende Problem so 
formuliert, so ist dasselbe zu kurzartig gestellt, um 15sbar zu werden. 
Die Spiegel ung der historischen Entwicklung in der historischen Pro- 
blematik geschieht nie direkt als Abbild des geschichtlichen Lebens. 
Die Lebensformung vollzieht sich vielmehr gebrochen durch person- 



*0 Windelband: „Geschichte und Naturwissenschaft", Praiudien, S. 375. 

") Heinrich Scholz: „Glaube und Unglaube in der Weltgeschichte." 
Ein Kommentar zu Augustins ,De civitate Dei*." 



- 273 - 

liche Instan2en hindurch. Der kritisch-normative KulturprozeB hat 

seine ffir das Oanze und das Einzelne einer historischen Entwicklung 
dynamische Bedeutung in der Oberschneidung der unterschiedenen 
SinnzusammenhSnge durch die kultur-dynamisch konzentrierte Per- 
sonlichkeit. In dieser wird das ganz individuelle Qeruste historischer 
Zusammenhange sichtbar. Es kommt das Qefuge der uber-, unter- 
and nebengeordneten IndividualitSten zur Qeltung. Historisch zu 
veranschaulichenden Normen und Werten ist stets die Kategorie der 
Individualitat vorausgesetzt. An der Qrenze historisch zu er- 
forschender Entwicklung steht als Idealbegriff der IndividualitSt die 
schopferische Personlichkeit, in welcher sich samtliche Beziehungs- 
linien der Kulturbildung iiberschneiden, 

2. Oberindividuelie Wirklichkeitsbesinnung in 

individueller Besinnlichkeit. 
Die auf iiberhidividuelle BildungsmSchte gerichtete kultur- 
systematische Wirklichkeitsbesinnung ist in der individuellen 
Intuition verankert, die sich in dem historiologisch-kultursystemati- 
schen Auswahlverfahren der Historik von allem Bodensatz reinigt 
Oder mit Anknupfung an einen beruhmt gewordenen Ausspruch 
Rankes das eigene Selbst ausloscht zugunsten der entwicklungs- 
genetisch-historiologischen Interpretation des Ereignisses, mit Hilfe 
iiberindividuellen Verstehens der in der Qeschichte entgegentreten- 
den fremden Individualitaten. 

3. Forschung und Betrachtungin Historiographie 
K und Histor iologie. 

Mit Hilfe dieser Kulturdisponibilitat kommt es zu einer, dem 
Stoff sachlich gerecht werdenden, ausgewShlten Darstellung dessen, 
was geschehen ist. Dies ist die Historiographie, welche auf der einen 
Seite die geschichtliche Forschung (thematisch) im einzelnen und im 
ganzen ansetzt, auf der anderen Seite den nach sachlichen Qesichts- 
punkten gesammelten Stoff dg^ Betrachtung darreicht, welche die 
Austwahl des Qeschehenen symbolisiert und dadurch Qeschichte 
wirksam gestaltet. Die Kulturdisponibilitat halt beides kategoria^ 
ftuseinander: Die zur Historiographie historiologisch hinleitende, den 
Stoff sammelnde und ordnende Forschung und die, solche Forschung 
behufs Kultursystematik ideal historiologisch verarbeitende, Be- 
trachtung. Die Kulturdisponibilitat ISBt beides sich uberschneiden: . 
Forschung und Betrachtung, Qegenstand und Auswahl: Die Be- 



-^-S*P -<?'^^tc* 



- 274 — 

stimmonsen des Objekts und die Belebungen des Subjekts, das ge- 
schichtlich Wesentliche und das Wesen des Qeschichtlichen, das 
durch die wissensciiaftlicii notwendige Exaktheit geforderte Formu- 
lieren des in der Oberlieferung Vorgefundenen als des Stoffes ge- 
schichtiicher Erkenntnis und das prinzipielle Formen der teleologi- 
schen Bedeutung als der, den Umkreis der Kulturbildung fdrdernden 
und ausweitenden, Darreichung. Die wissenschaftliche Forschung 
der Historik zielt auf historiographisclie Extension. Die ethiscti sicli 
in den Strukturzusammenliang des geschichtlichen Wardens bewuBt 
hineinversetzende kultursystematisclie Auseinanderlegung von 
W|£ten geschiclitliclien Belebens zielt auf liistoriologisclie Intention. 
In der tiistoriographisclien Extension tritt zum forsclienden Re- 
ferieren meistens entwicklungs-genetische Historienordnung. Es 
ergibt sicii namlich eine anschauliche Linienfiilirung der Qesctiichts- 
sclireibung zum Zwecke der, eine kontinuierliche Entwicklung er- 
arbeitenden,Abstraktion, welche das Typische an den Ersclieinungen 
festli^t und es auf den evolutionistiscli-genetischen Zusammenhang 
ansieht. Man kann diese immanente Bemessung historischer In- 
stanzen aucli liistoriograpliiscii-genetisclie Historiologie nennen; sie 
mu£ aber von der teleologisctien Historiologie wohl unterschieden 
werden. Jene ist nocti kulturhistorisclie, diese sclion kultur-syste- 
matische Funktion. KulturdisponibilitSt steht an der Wegscheide 
beider. r 

4. Das kultur- und universal-geschichtlich Indi- 
viduelle als die Wegscheide der Kulturdisponi- 

bilitat 
Wechselweise konvergieren: jene Typenbildung, welclie das 
historisch Qegebene veranschaulicht und diese Begriffsbildung, 
welche das historisch Zielleitende festsetzt. Beides charakterisiert 
die „Individualwissenschaft" der Qeschichte in Unterscheidung von 
der begrifflich verallgemeinemden Gesetzeswissenschaft der Natur- 
Die zur Qeschichtswissenschaft erhobene IndividualitSt erfShrt all- 
seitige universal-geschichtliche Ausweitung und Idealsetzung ethi- 
scher Personlichkeit; dies ist kultursystematisch universaler Indi- 
vidualismus. Die spezialisierende Wissenschaft aber griindet auf 
die Qeltung der Individualkategorie das Postulat der Individualisiei- 
t>arkeit des Tatsachlichen, das Vertrauen, daB sich die konkrete 
Wirklichkeit anschaulich-allgemein erfassen und in Individual- 
systeme einfiigen lasse, ein Vertrauen> das wieder durch die wissen- 



— 275 — 

schaftliche Arbeit selbst tausend- und abertausendfach bewahr- 
heitet" wird«*). 

5. Analysierung der Verwebung von Dingen und 
VerhSltnissen mit Hilfe zentral orientierter Be« 
herrschung des Materials, die wie naturwissen- 
schaftlich durch die kausale Qesetzlichkeit, S3 
geschichtswissenschaf tlich durcli die entwick- 
lungs-genetische Kontinuitat der Individualitdt 
einerseits und durch die kultur-systematische 
KontiguitSt der IndividualitSt andererseits ge- 

schieht. 

Pieser Zweiseitigkeit der fiir die Geschiclite vorauszusetzenden 
Individualitdt mufi eine zwiefache Methode entsprechen. Hier ist 
die Stelle, wo R. Eucken von einer „noologischen" Methode der 
kultursystematischen Qeisteswissenschaften und einer „psycho- 
genetischen" Methode der kulturhistorischen Forschung spricht 
3eide Methoden, weit genug auseinander zu halten, dafi die Be- 
trachtungen nicht zusammenrinnen, und sie so mit einander festzu- 
halten, daB sie sich fruchtbar erg^zen, das ist die Hauptbedingung 
einer glucklichen Behandlung dieser Fragen")." 

Damit deutet Eucken aber auch schon auf das hdhere Dritte 
einer zentralen Auffassung des Problems der Qeschichte. Diese 
zentrale Orientierung miiBte, an das aus der Voraussetzung des 
Mythus dem Historiker durch die Vorurteilslosigkeit des erkennungs- 
prozessualen Ursprungs in unmittelbarer Anschaulichkeit Qegebene 
ankniipfend, nun diesen gegebenen Vorhalt kulturdisponibel werden 
lassen in einer Spannung zwischen dem kultursystematisch-historio- 
logischen Qrundbegriff des infinitesimalen BewuBtseinsverhaitnisses 
und dem die Historiographie zielleftenden evolutionalen Grundbegriff 
ernes Progressivums in der Qeschichte. 

Das Infinitesimale mag als die Qrundlage der Wissenschaftslogik 
in mathematische Qeltung gekommen sein. Gs ist aber nicht ein 
bloBes Qrundprinzip mathematischer Naturwissenschaft, vielmehr 
ein Qrundprinzip allseitiger Wissenschaftslehre in ihren differen- 
ziertesten Qeltungen, insofern sie sich von der universalen Kon- 
zentration ableiten. Insofern das Infinitesimale eine allseitige Limi- 



") Heinrich Maier: Rede zur Feier des Qeburtstages S. M. des Kaisers, 
27. Januar 1914, Qottingen : ,Das geschichtliche Erkennen". 

") Rudolf Eucken: ,Der Wahrheitsgehalt der Religion*. 1901. 



\ - 276 - m 

tierung des unendlich Kleinen reprSsentiert, transformiert sich das 
mathematisch-naturwissenschaftliche Prinzip moderneF Wissen- 
schaftslehre auch in and ere Arten neuzeitlicher Qeistesbildung; so 
auch in das BewuBtseinsverhaltnis. In ethischer Intention wird es 
mit seinem intellegiblen Charakter fixiert zum individuellen Univer- 
salismus. In asthetischer Formation wird es zum AusmaB der be- 
wegenden Anschaulichkeit. In psychologischer Qualifikation geht 
es einerseits in die Endlichkeit der Empfindungsschwelligkeit ein 
vermoge des Reizes, der von einem hypothetischen Qegenstand aus- 
geht. Andererseits scheidet es, durch den Kontrast der Qefiihle, 
aniafilich der Empfindungsschwelligkeit des hypothetischen Qegen- 
standes, sich realisierend, zwischen Reaktion und Aktion und wird 
zum faktischen Symbol der raumzeitlichen Lokaltsierung und 
Aktualisierung des Qegenstandes sowohl wie zum Qrenzwert der 
RealitSt von Gegebenheits- und Zustandsgeltung; so auch besteht 
eine infinitesimale Spannung zwischen dem die Historiographie ziel- 
leitenden evolutionistisch-historiologischen Qrundbegriff eines Pro- 
gressismus in der Qeschichte und dem kultursystematisch- historio- 
logisdien Qrundbegriff des individuellen Universalismus. Der eine 
ist die Funktion des anderen. (SchluB folgt.) 



„Meinc Tibetreise"*). 

Dreiundeinhalbes Jahr hat der deutsche Arzt und Qeograph 
Albert Tafel auf eine Reise verwandt, die er, nachdem er schon vor- 
her mit Leutant Filchner und dessen Frau langer als ein Jahr West- 
china und Osttibet durchzogen hatte, allein im Westen Chinas, der 
inneren Mongolei und Osttibet ausgefiihrt hat. Dr. Tafel ist zunachst 
von Schanghai aus den Yangtse aufwSrts bis Hankou gefahren. Dort 
hat er ein Hausboot gemietet, das ihn, den Han-FluB aufwSrts, bis 
Hsiang yang gebracht hat. Dort beginnt der erste Hauptabschnitt 
seiner Landreise, zwischen den Provinzen Schansi und Schensi den 
Nord-Sud-Lauf des Hoangho hinauf und dann an der Nordwestgrenzc 
von Schensi entlang durch die Mongolei nach Lantschou und 
Hsiningfu. Die zweite Reise von Hsiningfu aus brachte den groBen 
VorstoB nach Westen in das tibetische Hochland. Dieser VorstoB 



i •) Dr. Albert Tafel, Meine Tibetreise. Eine Studienfahrt durch 6as 

nordwestliche China und durch die innere Mongolei in das ostHche Tibet. 
Mit zahlreichen Abbildungen. 2 Bande. 698 S. Union, Deutsche Verlags- 
gesellschaft, Stuttgart/Berlin. Leipzig 1914. 24 Mark. 



- 277 - 

fand sein Ende in der Kuku-schili-Kette. Eine vollstandige Aus- 
plunderung durch tibetische Rauber notigte Dr. Tafel zur Ruckkehr 
durch die Marco-Polo-Kette und das Qebiet des Kukunor-Sees nach 
Dankar und Hsiningfu. Der dritte Reiseabschnitt fiihrte Dr. Tafel 
in sudwestlicher Richtung zum Oberlauf des Yangtse und in weitem 
Bogen von dort nach Sudosten bis Tatsieniu und von dort direkt 
nach Norden an seinen Ausgangspunkt zuriick. 

Das groBe, vorliegende Raise werk bringt nicht die besonderen 
wissenschaftlichen Fachergebnisse dieser Reise in geographischer 
Hinsicht. Die sind in einem noch groBeren, von der Qesellschaft 
fiir Erdkunde in Berlin herausgegebenen Sonderwerk niedergelegt. 
So ist das hier zur Besprechung vorliegende Werk von dem Schwer- 
gewicht des reinen Fachmaterials frei und gibt ein fur weite Kreise 
verstandliches Reisebuch. £s ist nicht die alles menschliche MaB 
fast ubersteigende Majestat des Transhimalaja, die Sven Hedin uns 
erschlossen hat, aber es ist doch auch tibetisches, gewaltiges Ge- 
birgshochland, in dem Dr. Tafel viele Monate lang in einer Hohe der 
QebirgsflSchen gelebt hat, die nur die hochsten Qipfel Europas gerade 
erreichen. Und eine Wildheit des Lebens tritt uns hier entgegen, die 
zu dem Abenteuerlichsten gehort, das man sich denken kann. DaB 
er nicht noch weiter nach Westen gelangt ist und uberhaupt nicht 
noch mehr mit seiner Reise erreicht hat, dafiir gibt Dr. Tafel dem 
Umstande schuld, daB er von der Vertretung Deutschlands in Peking 
nicht die Unterstiitzung erfahren hat, die Qlieder anderer Volker 
durch ihre Vertreter gern gewShrt erhielten. 

Hier gilt es nicht zu erwagen, was Dr. Tafel unter anderen Um- 
stdnden hatte erreichen k 6 n n e n , vielmehr das wagend zu werten, 
was er gesehen, erlebt und nun in seinem Buch uns gegeben hat. Das 
ist wahrlich genug, eine Piille des Quten. 

Dies Qute wird vom Verlag des Buches in einer Form geboten, 
die ganz vortrefflich ist. Mit 193 Bildern, Planen und Karten, 
darunter sehr vielen geradezu prachtvoUen Photographien aus der 
tibetischen Qebirgswelt und aus dem Volksleben der durchquerten 
LSnder, in einem Papier, das, gottlob, nicht, wie bei so manchen 
Btichern, die Arme des Lesenden ermtidet, wird das Buch zu einem 
Preise geboten, der erstaunlich billig ist. Dies glanzende Werk eines 
deutschen Forschers, eines Schiilers F. v. Richthofens, sollte jede 
deutsche Bibliothek erwerben, soliten viele Familien sich schenken. 

Ein einzelner Deutscher, nur ausgeriistet mit beschrankten 
Mitteln und einem alten PaB, leistet hier, immer nur von unbekannten 



- 278 - 

Chinesen und Mongolen unterstutzt, so QroBes, da£ man nicht genug 
staunen kann iiber diese Kraft, Z^gkeit und Ausdauer. Der Leser 
bekommt den Eindruck, daB Dr. Tafel fiir solche Unternehmungen 
ein selten begabter Mann ist. AUe Seiten der Natur, die ihn umgibt, 
wei£ er zu geniefien und fruchtbar zu machen. Er ist Qelehrter und 
fein beobachtender Naturfreund in einer Person, ein Mann dazu, der 
dichterische Qaben iiat in dem Belauschen des still webenden Waltens 
der heimliclien KrSfte des Lebens. Und wie kann der Mann sehen, 
wo er es mit Menschen zu tun hat. Welch ein Humor selbst in harten 
Erlebnissen und schweren Wider wartigkeiten. Welch eine Qabe des 
anschauUchen schriftstellerischen Lebens in fesselnder, stets unter- 
haltender und doch nie flacher Darstellung! Welch eine Qriindlich- 
keit des historischen und volkerkundlichen Wissens! Und schliefilich 
dabei welch eine Schlichtheit des Wesens, die ohne Prahlen und 
Effekthaschen sich wahr und natiirlich gibt und ohne Ruckhalt die 
Qrenzen des Erreichten aufweist. ^ 

GroBe Telle des Buches wiirden das Entziicken unserer Knaben- 
welt werden, so fast dramatisch und bewegt sind teilweise Dr. Tafels 
Erlebnisse. Die mehrfachen Oberfaile durch die wilden RSuber Tibets, 
das unsichere Leben aus den chinesischen Flussen, die Jagdabenteuer 
mit den Wolfen imd Baren, die verwegenen FluBiibergSnge und Ritte. 
die bunten Schilderungen der chinesischen QroBstSdte und des mon- 
golischen Nomadenlebens, die lebendigen Ausmalungen der Qebirge, 
das alles wunschte man zusammengefaBt: es gabe ein im besten Sinne 
spannendes und dabei lehrreiches Jugendbuch. Auch andere Forscher 
haben ihre Erlebnisse so der Jugend zuganglich gemacht und ver- 
dienen daftir Dank. Das Buch ist also schon als reine Reiseschilde- 
rung erne Musterleistung. 

Was es fiir die Volkerkunde im wissenschaftlichen Sinn bedeutet 
durch seine Beobachtungen iiber die tibetischen StSmme und die Be- 
volkerung des ^uBersten Westens Chinas, das mogen die Fachmtoner 
der Volkerkunde entscheiden. Uns interessieren naturgem^ am 
meisten die Telle des Buches, in denen die geistigen, sozialen, sitt- 
lichen und religiosen Zustande in China und Tibet dargelegt werden, 
und in denen Dr. Tafels Erlebnisse mit den Menschen Riickschliisse 
erlauben iiber ihren Charakter und die Tiefe oder Hohe ihres Innen- 
lebens. Daraus die Folgerungen im unsere Missionsarbeit zu Ziehen, 
liegt fiir uns zu nahe, als daB wir das unterlassen konnen. 

Wir diirfen das in dieser ilinsicht von Dr. Tafel gebotene Material 
um so berechtigter verwerten, als es ihm ganz fern liegt, das Leben 



~ 279 - 

der V61ker unter dem Qesichtspunkt des religiosen Bedurfnisses oder 
des sittlichen Abwagens zu schildern. Er gibt wieder, objektiv, was 
er gesehen, gehSrt und beobachtet hat, naturlich mit der Subjektivi- 
tftt, ohne die es menschliches Beobachten uberhaupt nicht gibt und 
durch die es doch iiberhaupt erst Wert hat. Diese Subjektivitat Dr. 
Tafels ist keineswegs fiir die Mission voreingenommen. Zwar dankt 
er den vielen Missionaren sehr warm, die ihn im Innern des Landes 
hilfreich unterstutzt haben. Auch klingt durch manches, was er von 
den Leiden der Missionare in der Boxerzeit und aus eigenen Be- 
obachtungen berichtet, eine wirkliche Bewunderung ihrer Aufopfe- 
rung und Selbstlosigkeit hindureh (I, S. 89, 93, 94), und wird auch 
einmal von ihm zu starkem Ausdruck gebracht (II, 84). Aber der 
eig;entlichen religiosen und sittlichen Arbeit der Mission steht er 
scheinbar ziemlich kiihl gegeniiber (I, 8, 109 ff.). Es tritt nie bei ihm, 
trotz der Fiille der religiosen Stoffe, die er behandelt, eine eigene reli- 
giSse Aufierung hervor, wie bei Richthofen, Sven Hedin, B. L. 
voni Makay, Alfons Paquet u. a. So hat er auch nur an einigen Stellen 
angedeutet, daB er die sittlich-religiosen Erfolge der Missions- 
arbeit fiir sehr gering halt. Es ist ihm natiirlich auch ein Leichtes, 
bdse Erfahrungen mit chinesischen „Christen" und Mangel an dem 
jungen chinesischen Christentum herauszufinden. Es bedarf in dieser 
ZeitSChrift keines Hinweises darauf, daB seiche Dinge gar nicht 
g e g e n die Mission beweisen und fiir ein Urteil iiber die sittlich- 
religiose Wirkung des Christentums in China ganz belanglos sind. 
Aber es racht sich in solchen Urteilen der gebildeten Laien an der 
Mission ein Fehler, den die aitere pietistische Mission begangen hat. 
Durch die Theorie von der (wohl gar plotzlichen) „Bekehrung" der 
,41eiden" zu augenblicklich gottinnigem Leben hat sie es selbst ver- 
schuldet, daB die Praxis der schnellen und vielen Taufen die unge- 
duldigen Fragen nach der Zahl der Qetauften befriedigen soUte und 
muBte, und daB Fernerstehende natiirlich von diesen — wie behauptet 
wurde — griindlich „bekehrten" Chinesen ein sittlich einwandfreies 
Leben forderten. Leider ist ja dieser schwere Fehler m weiten 
Missionskreisen auch heute noch nicht beseitigt. Wahrend in ein- 
zekien Kreisen der aiteren Mission — unsere Mission hat ja seit je 
nuchtem geurteilt — offenbar eine wahrhaftigere, niichternere An- 
schauung Boden gewinnt *), wachst der alte Irrtum wieder starker 



•) Siehe z. B. das Buch des MIssionars R.Oiesel, Fuidschu, im Kampf* 
um eine stolze Stadt. Beriin 1916. 



— 280 — 

in einer anderen kirchlichen Str5mung, die in der Heimat uiid in der 
Mission die gieiclien unlialtbaren Tlieorien vertritt. 

Bei dieser Sachlage darf man sich nicht wundefn, daB so viele 
wohlwollende und den Missionaren personlich freundlich gesiniite 
Forscher uber die Arbeit der Mission im Urteil so zuriickhalterid 
sind Oder schiefe Urteile abgeben. 

Nacli seiner Stellung zur Mission Icann also niemand meinen. Dr. 
Tafel urteile iiber die Verhaitnisse Chinas oder Tibets vom missionari- 
schen Qesichtspunkt aus. 

Vm so wertvoller wird gerade fUr solche Kreise, die der Mission 
noch fern stehen, das sein, was er sagt. 

Er sciiildert uns das heutige, lebendige, gegenwartige Volksleben 
und die Menschen, wie sie wirklich sind, wie er sie selbst erfahren 
hat. Mit dieser lebendigen Qegenwart hat es das Christentum ja mit 
seiner Mission zu tun. 

Nicht die alten Klassiker und die heilige religiose Literatur des 
Buddhismus, die Chinas beste Qedanken und geistige Qrundlage ent- 

haiten, sind Objekt der Missionsarbeit, sondern das Leben, das auf 
der geistigen Basis dieser Schriften erwachsen ist. Dies Leben, 
das mehr als 2000 JahreZeit gehabt hat, sich zu 

entfalten, ist der Priifstein fiir den wirklichen 
Wert Oder Unwert jener Schriften. Das darf gesagt 
werden ohne Vemachlassigung der Wahrheit, daB alle Beweise aus 
der geschichtlichen Wirklichkeit nur relative Beweiskraft haben. 
Dieser China betreffende Beweis hat Kraft, denn die Periode der 

alleinigen Wirksamkeit der geistigen Krafte der alten Kultur Chinas 
ist abgeschlossen. Mit dem Jahre 1900 hat eine neue Zeit fiir China 
begonnen, die Zeit des Eindringens der westiandisch-christlichen 
Kultur. 

Der Etadruck, den die Qe^mtheit der Schildeningen und Be- 
obachtungen Dr. Tafels hinterlaBt, ist der einer trostlosen Unordnung 
und Qesunkenheit des offentlichen Lebens Chinas und eines unbe- 
schreiblich armseligen Elendes der groBen Masse der Bevolkerung in 
wirtschaftlicher, sozialer und am meisten in religiSs-sittlicher Hin- 
sicht. Das Vorhandensein der diinnen wohlhabenden und geistig ge- 
bildeten Oberschicht beweist dagegen nichis. Was ist eine Kultur 
wert, die eine kleine Herrengruppe verhaltnismSBig hoch emporhebt, 
aber die vielen Volksmillionen m unsagbarer Not ISBt, und zwar ohne 
daB die fuhrenden Kreise ernstlich um die Hebung der Menge sich 
Jniihten? 



— 281 - 

Wer hatte nicht Freude wie an Homer, Sokrates, Plato und 
Aristoteles, an Konfuzius, Mencius imd den andern groBen Chinesen? 
Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Wer freute sich nicht iiber 
die tiichtige Kraft, die im chinesischen Volke lebt! . 

Aber dafi dies tiichtige Volk es so traurig hat, so niederliegt in 
Unwissenheit, N6ten und torichtem Aberglauben, das ist der Jammer. 
Da will die Mission helfen, sie kann helfen, denn das Christentum, das 
in seinen heiligen Schriften gar keine seiche groBe Qelehrsamkeit und 
theoretische Lebensweisheit enth^t, wie Alt-Qriechenland und Alt- 
china, hat eins: die Kraft der Liebe, die iiberall hilft, wo Not ist, Not 
alier Art, und die neues Leben scbafft. 

Kaum je hat ein Reisewerk uber China einen so tiefen Eindruck 
da<ron hinterlassen, wie ndtig in China das Christentum ist, wie Dr. 
Tafels Werk. Er iibertreibt nicht. Er bringt nicht einmal viel Neues 
in dieser Hinsicht. Aber daB dieser Mann, ein Arzt, kein Missionar, 
es sagt, und die Art, wie er es sagt, das gibt seinen Worten solch 
Qewicht. 

Er erzShlt von den Hungersn6ten, die viele, viele Tausende von 
Menschen hinraffen, und er sieht selbst Verhungerte am Wege liegen 
(I, 91; 64 f.). Er sieht die unbegraben fortgeworfenen Kinderleichen 
(I, 38; II, 84) und erlebt bei einer jungen Mutter, der er bei der Ent- 
bindung hilft, daB sie ihr Tdchterchen selbst dazu verurteilt, im FluB 
ertrSnkt zu werden (I, 72). Er sieht das Elend der Frauen, die man 
wie Tiere verhandelt (I, 51), die fiir unheilvoll und unrein gelten 
(I, 241, 222), ganz zu schweigen von der tibetanischen Polyandrie 
(II, 122 bis 126). Er hort das Wimmern der Madchen, denen man die 
FuBe bindet (I, 6), und sieht, wie die Frauen mit den KriippelfiiBen 
sich bei Wallfahrten steile Berge hochquSlen, zum Tell auf den Knien 
rutschend (I, 28, 31). Er kann vor Mitleid kaum mit ansehen die ent- 
setzliche Verkommenheit der entmenschten Bettlerscharen (I, 25; 
II, 149), der Blinden, Auss^tzigen und Kruppel, „die unglucklichsten 
QeschOpfe der Erde". Er schildert, wie man sich um Fleisch und 
Knochen eines toten Tigers formlich reiBt, um sie gegen allerlei Leiden 
als Medizin zu verwenden (1, 16), und lieber die sinnlosen teuren Mix- 
turen der chinesischen „Arzte" trinkt, als Dr. Tafels Arzneien zu 
verwenden (I, 67). Er sieht die mittelalterlich-grausame Justiz, die 
im qualvollen Toten der Verbrecher und Martern der Zeugen gipfelt 
(I, 36, 95, 124), er sieht, wie Spielwut und Opium unheilvoll das Volk 
zerrutten (I, 144, 253, 285). 



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■ - V- ,- ■ :-- 282 -* 

DsLS Wichtigste aber fur uns sind Dr. Tafels lebendige Schilde- 
rungen des religiosen Lebens. Von dem torichten Wert des Aber- 
glaubens, der den FluBg6ttern opfert aus Angst vor ihrem Zorn 
(I, 5, 9), der die harmlose Schlange anbetet, und als sie flieht, tot- 
wirft (I, 38), der die Berge anbetet (I, 202, 311), ja einer verrosteten 
Kruppschen Kanone Verehrung erweist, erzahlt er Beispiele in FtiUe. 
Mit feiner Anschaulichkeit entwirft er lebensvoUe Bilder von dem 
bunten Qetriebe in den groBen Klostern und Tempeln und effafit er 
mitfiihlend die Stimmung in den Qotterhailen und an den Wallfahrts- 
orten (I, 69, 78, 139, 29, 210 ff., 280 ff., 239 f.). Das bedeutsaraste Er- 
lebnis war fiir ihn eine Unterredung mit dem Dalai Lamai, dem er 
vorgesteiit wurde, als derselbe aus China nach Tibet heimkehrte 
(II, 88ff.). 

Aus diesem reichen religiosen Stoff, der viele interessante Einzel- 
heiten aus den Qottesdiensten und Klostern gibt, sowie aus den 
religiosen Ubungen der Mongolen, kann aber nicht nur unser Volk 
lernen, daB in jenen Landem Christentum notig ist, sondem auch die 
Religionsgeschichte, die oft Miihe hat, das Qerippe ihrer Einzelunter- 
suchungen mit lebendigem Stoff zu fiillen, hat darin reichen Ertrag. 
Es w^re wohl lohnend, den religionsgeschichtlichen Stoff aus diesem 
Werk hervorzuholen. Am besten tate es Dr. Tafel selbst, der sicher 
noch mehr zu geben hat, als dies Buch bietet. Hier auf Einzel- 
heiten einzugehen, verbietet die Art dieser Besprechung, die mehr 
das allgemein Interessierende fiir unsere Leser herausheben wollte, 
als in die einzelnen Darlegungen eingehen. 

Qanz fehlen muB hier eine Wurdigung alles sonstigen Stoffes, 
der in dem Buch enthalten ist, an dem der Sprachforscher und der 
Naturfreund, der Bota^ker und der Zoologe, der Ethnograph und der 
Volkswh-tschaftler gleiche Freude haben werden, soweit jene Welt 
des Innern Asiens sie interessiert. 

Darum ware es kleinlich, auf einzelne Punkte einzugehen, an 
denen man Ausstellungen machen konnte. Dazu enth^t das Buch 
viel zu viel des Quten, als daB das berechtigt ware. Man wunschte 
wohl, Dr. Tafel schenkte uns als Ertrag neuer'Reisen noch manch 
solch Buch. I 

Dem Verfasser und dem Verlag, beiden sei herzlich fiir diese 
wertvolle Gabe gedankt. Dr. J. W i 1 1 e. 



- 283 - 

Ans der Mission der G^enwart. 



Ermordun^ einet Miuionarsehepaars in Japan. 

Am 16. Juli sind in Karuizawa in Japan der funfunddreiBiEJfihrise 
Missionar W. A. F. Campbell und seine Frau nachts ermordet worden. 
Es handelt sich um einen Raubmord. Eiije Magd wachte von lauten 
Qerfiuschen auf, wurde von dem Morder genotigt, zu sagen, wo Oeld zu 
finden sei. Mit 60 Mark entkam der Morder. Das Missionarsehepaar 
weilte in Karuizawa zur Erholung. Die Ermordeten gehSrten zur kana- 
dischen Methodisten- Mission. Der letzte Mord an einem Missionar *se- 
schah vor 26 Jahren. Damals wurden der Missionar T. A. Large, der 
zn der gleichen Mission gehdrte, und seine Frau in Tokio von Mordem 
Qberfallen. Der Missionar wurde getdtet, seine Frau kam schwerver- 
wundet mit dem Leben davon. Sie blieb in Japan im Missionsdienst. 
Aach damals handelte es sich nm einen Raubmord. Dr. J. Witte. 



BMchrSnkungen schwedlsclier Mtesiooen dnrdi EmAand and ItaBen. 

Der Krieg bringt auch neutrale Mis»onen in Schwierigkeiten. Die Vater- 
landsstiftung in Stockholm, die im Herbst 1915 dringend notwendige Ver* 
stftrkungen auf ihr indisches Arbdtsfeld schicken wollte, erhldt von der eng- 
Uschen Regierung die Nachricht, daB deren Landung nicht gestattet werden 
kdnnte. Im Sommer 1916 wurde Missionaren des Schwedischen Missionsbundes, 
die nach dem Kongo unterwegs waren, die Landung in Newcastle erst nach 
mebrt&giger ZOgerung gestattet und den etwas spfiter reisenden Kongo- 
missionarra die Durchreise durch England verboten. Auch die italienische 
Kolonialregierung in Erythraa ist gegen die dortigen schwedischen Missionare 
vorgegangen. Zwei Missionare der Vateriandsstiftung sind Ende 1915 aus 
Kumama ausgewiesen worden auf Qrund falscher Beschuldigungen, ^e hfttten 
zu den Leuten von Siegeii der Osterreicher iiber die Italiener und von ihrem Ein- 
druigen in Italien gesprochen. Ebenso sind Missionare der „Bibelgl^ubigen 
Freunde" in Stockholm aus der Kolonie ausgewiesen worden, darunter &a eben 
angekommener Missionsarzt 

Bficiierbesprecliangen. 

Professor Dr. Q i e s e , Die Toteranz des Islam. Weunar 1915. Verlag 
Qustav Kiepenhauer. Deutsche Orientbiicherei von E. Jftckh, VIII. 37 S. 
0,75 Mark. 4 

Der Verfasser rSumt mit Recht mit dem alten Irrtum auf, als habe der 
Islam seine Religion mit Feuer und Schwert ausgebreitet, und stellt fest, 
daB nach den Lehren seuies Stifters eine Ausrottung oder gewaltsame Be- 
kdirung der Andersgl&ubigen keineswegs befohloi und auch kdneswegs er- 
folgt ist. Das kleme Heft ist voll anregender Bemerkungen und wichtiger 
Nachweise. Auch ist es richtig, wenn er hervorhebt, daB Toleranz innerhalb 
der christlichen Volker eine sehr junge Blute ist und auch heute noch nicht allzu.- 
weit verbreitet. Zwei Ausstellungen aber seien gestattet Zuerst: es hfitte 



-;5f. 



- -_ ■ -,'-■/' -v-yi:/'-^ 284 - 

klarer herausgestellt werden konnen der Unterschied zwischen dem Streben 
des Islam, eine theokratisch-politische Herrschaft fiber die ganze 
Welt zu erreichen und dem Streben, durch friedliche Mittel die 
Menschen fiir seine R e 1 i g i o n zu gewinnen durch religiose Missionsarbeit An 
dieser letzteren, religiosen Missionsarbeit hat es dem Islam nie gefehlt) sie ist 
heute sogar sehr verbreitet und will doch auch religi6s „die ganze Welt 
gewinnen". Sodann: Die religiose Lage der heutigen Tfirkei ist doch wohl nicht 
ganz so rosig, wie Dr. Qiese sie darstellt, auch die Armenierfrage nicht so dn- 
fach. Doch ist dariiber zu reden heute nicht die rechte Zeit. Das Heft ist sehr 
lesenswert. Dr. J. W i 1 1 e. 

Richard Frdhlich, Missionar, Tamuysche VoIksreUsioii. Ein Bei- 
trag zu ihrer Darstellung und Kritik. Leipzig, 1915. Verlag der Evang.-luth. 
Mission. 62 S. Mit 12 Abbildungen. / < : 

Der Verfasser handelt von dem religi6sen Empfindungsleben, dem reli- 
gi5sen Vorstellen und den religiosen Leistungen der Tamulen. Das Buch bringt 
eine Fiille anschaulichen Materials aus dem wirklichen Leben der heutigen Volks* 
religion. Solche Darstellungen der wirklichen Praxis sind als Erglnzung und 
zur Belebung der theoretischen Erdrterungen der Religionswissenschaft sehr 
wichtig. Die fromme Beurteilung hStte getrost fortbleiben kSnnen. Nicht, 
well sie iiberfliissig wSre, sie ist hier nur nicht am rechten Ori Da sie nur 
fluchtig ist, wirkt sie nicht uberzeugend. Es ist doch im wesentlichen erne Dar- 
stellung der Religion. Die Kritik h^tte, wenn sie wirklich erfolgen sollte, grlind- 
licher und klarer sein miissen, auch geordneter. Aber das nur nebenbeL Der 
Wert des Buches ist hoch zu schfttzen. Das Buch gibt gute Einblicke ui das 
wirkliche religidse Leben. r, I /^e r Dr. J. Witte. 

-^ R. Q i e s e 1 , Missionar, Faidsdiii, Im Kampfe um doe stolze Stadt 
Berlin, 1916. Buchhandlung der Berliner Missionsgesellschalt Berlin NO, 
QeorgenkirchstraBe 70. 126 S. 1 M. 

Das Buch berichtet von der Entwicklung der BerUner Missionsarbeit in 
der etwa 150 000 Emwohner zShlendoi Stadt Fuidschu in der Kanton-Provinz. 
Man mag ja heute fiber das ganze Vorgehen der Slteren Mission in China anders 
denken als der Verfasser: den Mut und die ZShigkeit des Opfersinns der Mis- 
sionary die alle moglichen Widrigkeiten ertragen, muB jeder mit Anerkennung 
bewundern. Heute ist diese Zeit langst vorliber, daB es solcher Opfer bedfirfte. 
Zwar hat die chinesische Revolution emige Qefahren auch dort gebrachi Aber 
behagUch liegt das hfibsche Missionshaus da, ein schones Schulgeb^de birgt 
die Mittelschule: gottlob, daB ietzt freie Bahn ist ffir das Christentum. Das 
Buch ist lebendig und packend geschildert, man liest es mit Freude. Eine Menge 
spannender Erlebnisse reizen zum Weiterlesen. Es eignet sich gut zum Vor- 
lesen. Sdir erfreulich ist bei starker relispdser Wfirme das nfichteme Urteil: 
nWir wollen unsere Christen nicht schoner malen als sie sind. Wir haben keine 
Auswahlgemeinden, in denen alle von Herzen bekehrte und heilige Menschen 
wSren. Solche Gemeinden hat es nie gegeben. Der Durchschnitt der Christen 
hat wohl den groBen, wichtigen Schritt von den toten Qotzen zu dem lebendigen 
Qott bin gemacht, aber ein inniges, personliches VerhSltnis zu ihm und seinem 
Sohn hat sich kaum entwickelt" (S. 68.) nDenn gerade an der SQndenerkenntnis 
und der tiefen BeUgung vor Qott fehlt es den meisten unserer Christen." (S. 66-) 



- 285 - 

„Und auch im spSteren Ldme kommt es selten zu einer rechten Stellung dem 
heiligen Qott gegenuber." (S. 66.) Erst das iung in die Hfinde der Misaon 
(durch die Schulen) gekommene Qeschlecht verspreche bessere Frucht Mit 
Schmerz sieht er die groBartigen amerikanischen Missionen die deutsche Cber- 

flugeln. Der Konfuzianismus wird sicherlich seine Herrschaft dem Qeiste 

Jesu abtreten, wie der Verfasser schreibi Aber als Einschlag wird er bleiben, 
wie der Qeist Qriechenlands und Roms bd uns. Dr. J. Witt e. 

Qanga-rao Brahmputr, Indlen. Seine SteUuniE zam Weltkries 
und zo sdner Zukunft Ein Beltrag zur Aufklarung fiber indische Verhaltnisse 
der Jetztzeit: Indiens Stellung zum Weltkrieg, zum „Heiligen Krieg" aller 
Mohammedaner und zur Frage seiner Befreiung. Tiibingen, 1916. Verlag der 
Buchhandlung Kloeres. 72 S. 

Der Verfasser, der einen vomeiimen Brahmanen zum Vater und eine 
Deutsche zur Mutter hat, gibt hier eine so hervorragend klare, sachkundige und 
einleuchtende Darstellung der indischen VerhSltnisse und der Stelhmg Indiens 
zum Kriege, daB man dringend wiinschen mochte, esmSchten 
recht viele gebildete Deutsche diese treffliche Schrift 
b a 1 d 1 e s e n. Der Verfasser handelt zuerst orientierend von den Vdlkem, den 
Religionen und den Kasten Indiens, schildert dann das groBe Qescliick der Indien 
aussaugenden englischen Herrschaft und spricht dann von dem zielbe\vu6ten 
Vorgehen der Inder zur Erlangung der Freiheit. Sie woUen keinen Aufstand, 
sondern ein friedliches Erringen der Selbstandigkeit Sie sind daran schon in 
mancher Hinsicht vorangekommen. Wenn jetzt etwa England gSnzlich ge- 
schlagen werden soUte, w&rde Indien in Verlegenheit sdn. Einen andem 
Herm wurden sie noch ungemer haben als England und frei zu sdn, hStten sie 
noch nicht die Kraft 

Uber die Mission wird sdir freundlich geurteilt: Die Brahmanen und audi 
die EnglSnder hStten fflr die Hebung der tiefstehenden unteren Klassen nichts 
getan, hStten ae vielmehr ^nur immer weiter in ihren Schmutz und die Be- 
drficknng hineingetrieben'*. .JErst der privaten MJldtStigkeit edeldenkender 
christlicher Misaonare war es vorbehalten, ffir die Hebung dieser armsten aller 
Menschen etwas zu tun, und geme sei es gesagt, daB die Missionare hierin 
ganz Her> orragendes geleistet haben." Er vermiBt an der Misaon eine rechte 
Stellung zu den oberen Klassen, zu denen die Misaon bisher wenig Beaehungen 
und auf die sie wenig EinfluB habe. Er lobt dann noch die gut orientierenden 
Werke der Missionare fiber indische VerhSltnisse. 

Diese Schrift sei unsem Lesem warm empfohlen. Dr. J. Witte. 



Neue Schriften fur unsere Mission. 

1. Professor D. Bornemann, Konfurius, seine Personlichkeit und seine 
Qrundanschauungen hach dem Lun Yii. 2. erweiterte Auflage. 60 Pi 
2: MiSSionsdirektor Lie. Dr. W i 1 1 e , Volkeniot und VSIkeriiille. 30 PL 

3. Pfarrer H G c k e 1 , Das Los der Madchen und Franen in Ostasien. 2. Auflage. 
. 50 Pfennige. 

4. Dr. H. Smid, Japan and der Westen. 50 Pf. 

5. Missionsinspektor K n d t , Chinesisclie G5tter. 40 Pf. 



- 286 - : I 

6. Pfarrer Devaranne, Das deutsche Qiristefituffl und sein WeltbeniL 

30 PfeimiKe. 

7. Missionsinspektor K n o d t , BHder aitt imerer CUna-JVUsskm. 10 Pf. 

8. Missionsinspektor K n o d t , BUder aits imserer Japan-JVUsskm. 10 Pf. 

9. Unsere MisskMisarbeit Im Krieg^ahr 1915, Jahresbericht des Allgemeinen 

Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins, 50 Pf.^^-:^: 

Alle diese Schriften kdnnen won unserm Zentralbureau, Berlin W 57, 
PaUasstraBe 8/9 bezogen werden. 



Eingegangene Bflchert 

Hamburgisches Kolonialinstitut und allgemeines Vor- 
lesangswesen. Verzeichnis der Vorlesungen im Sommer 1916. 
Verlag Lutcke & Wulff, Hamburger Senats-Buchdruckerei. Preis 50 Pf. 

Kunstgaben fiir Schule und Haus. Herausgegeben von 

W. Qfinther, Hamburg. 1. Vater unser. 2. Unser tSgiich Bret. 

3. Sommer. Preis des einzelnen Heftes 15 Pf. Verlag von Qeorg 
Wigand in Leipzig. 

Seeberg, Volkserhaltung und Volksmehrung. Preis 60 Pf. 
Verlag Karl Curtius, Berlin. 

Die deutsche Kolonialliteratur im Jahre 1914. Verlag der 
Deutschen Kolonialgesellscbaft. Preis 1,50 M. 

Hamburgisches Kolonialinstitut. Bericht iiber das Winter- 
semester 1914/15 und das Sommersemester 1915. Bericht iiber die 
Entwicklung der Zentralstelle und Bericht iiber die Nachrichtenstelle 
des Hamburgischen Kolonialinstituts. Verlag Otto Meifiner, Hamburg. 

Lie. Dr. Bruno Violet, Religion und Kultur des Islam. 
Hutten -Verlag a.m. b.H.. Berlin. Preis 0,50 Mark. 

Hamburgisches Kolonialinstitut und allgemeines Vor- 
lesungswesen. Winterhalbjahr 1916/17. Preis 0,50 M. 

Dr. V. C a m p e , Hildesheim, M. d. A., H e i 1 i g e r H a B. Kriegshefte aus dem 

Industriebeark 17. Essen, 1916. Q. D. Baedeker, Verlagshandlnng. 

58 S. 80 Pf. 
Ds W. troeltsch, Die deutschen Industriekartelle vor 

und seit dem Kriege. Kriegshefte aus dem Industriebezirk 18. 

Essen, 1916. Q. D. Baedecker, Verlagshandlnng. 74 S. 1 M. 

W. Jutzi, Kohl, MarkwShrung und Auslandswfthrungen im 
Kriege. Kriegshefte aus dem Industriebezirk 19. Essen, 1916. G. D. 
Baedecker, Verlagshandlnng. 31 S. 1 M. 

M. Fafibender,Wollen, einekoniglicheKunst Gedanken iiber 
Ziel und Methode der Willensbildung und Selbsterziehung. 4. und 5. Auf- 

^ lage. Freiburg L B., 1916. Herdersche Verlagshandlnng. 284 S. 2,60 M. 

M. V. Faulhaber, Bischof, Waffen des Lichts. Qesammelte 
Kriegsreden. 4. AufL Freiburg i. B., 1916. Herdersche Verlagshandlung. 
181 S. 1,60 M, 



- 287 - 

H. J. Radermacher, Militarismus nnd religioses Leben 
im Weltkrieg. Dargestellt an der Seelsorge einer Heimatgarnison. 
2. Aun. M.-Gladbach, 1916. Volksvereins-Verlag. 112 S. 1,90 M. 



Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 

Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann & Reiser. Qorlitz, Deniianiplatz 28. 



^flnfte ^rieg^anleiDe. 

i% Mint )li!il|tin(i(, miiMn M lei. 

i^A Sntllc nfimsfiUliiiiitifniKiL 

S^t 8eftreitnttg ^er ^uxdi den flriefi entmilfeiteit Vndgabett wtthtn 
mtittxt 5% editaatyfrfdireilnttoeii deiS 9lei(^d nita 4y2% 9lei<9df(4a^ 
tnmeiftiitgrti ^temtit jnr offentiic^ett ^eidHmttig attfgelrgt 

tit SdiiilftiierfdreiBititgeit fittH fdtend ded 9lei(l|d iid pum 1. Ok 
tiler 19*^4 nidit (fiitdliar; ltd lalitt fantt alfo and ilr ^itudfnl^ niilt 
leralgefe^t nttntiu tit ^it|afier tdnnen felofl filer lie 6(|iills 
lerfilreilnngeit mte filer jeled anlere 93ert)iii|ier lelergeit (Inrdi Btxs 
UmU 8er)ifjiitlitng nfio.) lerffigett. 

IB e b t n g tt n g e li. " 

1. «»« 3(id|nv<tfl^f<(K( ^ft ^^c 9ietf|diaiit. getc^nungen tverbcn 

ttiilwc iiQtt ^yiontag^ len 4« ^eptemleir, l>td ^onner^tag, lev 5, OHohet 
**'» wittag« 1 mt, 

bei bent fiontar 5rr Hetft)0t)an|itbank fitr ^tripapitrt in Berlin (^oftfc^edf^ 
fonto ^telin 9'Jr. 99) unb bei aflen Btonganftaltnt irr Rrtd|6baiik mit 
5?a[feneinriclitung entgegengenommen. 2)ic 3cic^n«ngcn fonnen aber auc^ 
burc^ 3,krnutt(ung 
ber iiimgUi^m Bretiaoblnng (^reumic^en Staat^ban!) unb bet ))rfn6t^(l)n 
Cnttral-^rttofTirafi^oftBkafre in Berlin, ber fiiimglulnt iQaufitlanb ti 
/^ Unrnbfrg unb i^rer ^wjetganftalten, fonjte 
famtli^er beutjd)cn £aitkrn, Bankxtts unb iljrcr ^iliolen, 
jamtlic^er beutjcfien ofentltiifii SpttrkttfTni unb i^rer )3trlaitbr. 
1. jeber beutfc^en i^rbrn0O(r|til)tnra000rfettf4)afi> 

jeber beutfc^en ftrebttantDfTntrdajl unb 

jeber beutfc^en ^oftannalt crforgen. SSegen ber ^oftjeic^nungen fie^e Qi^et 7. 

3«f^n"«g^f^ctne finb bet alien t)orgenannten (Stellen ju ^abcn. S)ie 

3^^"U"9^" fonnen aber auc^ o^ne ^enuenbung t)on 3^(^nungdf(^einen brief (ic^ 

erf (gen. 

2 ffitt. 2)ic HeuftsaiiUi^f ift in ©tucfen ju 20000, 10000, 5000, 2000, 1000 

tdlmg. 500, 200 unb 100 aj/arf mit 3inSfc^einen -^a^Ibar am 1. Wf>ni unb 1. Oftober 

StafcH' jebei Sci^re^ auSgcfertigt $)er 3infcntfl"f bcginnt am 1. ^ril 1917, ber erfte 

Iwif. 3ingf(^ein ift am 1. Oftober 1917 faHig. 

^ie ^(^a^atiiDftfimaett ftnb in 10 (Serien eingeteilt unb ebenfalld in 
©turfcn 5u: 20000, lOOdO. 5000, 2000, 1000. 500, 200 unb 100 2Rort 
aber mit 3in^[<^cinen ja^Ibar am 2. Sanuar unb 1. 3uU jebeS Sa^re* au^ 
gefertigt. 5)er 3infenlauf beginnt am 1. Sanuar 1917, ber crfte 3in^ft^cin ift 
am 1. 3uH 1917 faflig. SBelc^er <Serie bie einjetnc ©c^a^ann^etfung ange^ort, 
ift aud ijbrcm ^eyt erfic^tlic^. 
VM' ^^^ ^t^gung ber ©c^o^antueifungen erfolgt bun^ ^uSlofung t)on je einer 

l#f«ng. ©trie in ben 3a§rcn 1923 bi8' 1932. ^e StuStofungcn finben im Sauuor 

(^ortfe^ung fie^e 3. ttinfc^(ag'6ctte.) 



Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiien. 

I Von Professor Dr. Hans Haas. 

(Fortsetzung.) . 

Ungefahr um dieselbe Zeit, als in Deutschland die beiden Bucher 
Weils erschienen, veroffentlichte in England Thomas Carlyle seine 
beruhmten geschichtsphilosophischen Betrachtungen, in denen er die 
Theorie verficht, daB alles QroBe in der Welt durch Heroen, durch 
auBerordentliche Menschen gestiftet worden sei. („QroBe Manner 
sind die inspirierten Texte jenes gottlichen Offenbarungsbuches, von 
welchem von Epoche zu Epoche ein Kapitel fertig wird.") Die zweite 
der sechs klassischen Vorlesungen ist bekanntlich Mahomet ge- 
widmet, der nach ihm unter diesen Heroen eine hervorragende Stelle 
einnimmt. Von den ersten rohen Zeiten des Heidentums unter den 
Skandinaviern im Norden, von der ersten oder altesten Phase der 
Heldenverehrung, da man emen grofien Mann, den man einst neben 
sich gesehen hatte, Odin, zum Qotte machte, zur zweiten iibergehend, 
zu einer ganz verschiedenen relig^iosen Periode, wo der Held nicht 
mehr als einGott unter seinenMitmenschen erscheint, sondem als ein 
Gottbegeisterter, empfahl sich ihm als Paradigma keiner mehr als 
Muhammed, er nicht als der groBte der Propheten, sondern nur als 
der eine unter ihnen, iiber den sich ein Schriftsteller bei uns am 
ireiesten aussprechen konne. 

„Unsere vielverbreitete Annahme, daB Mahomet ein rankevoller 
Betriiger, die Inkarnation der Luge war, daB seine Religion ein bloBes 
Gemisch von Schwindel sei und Albernheit, wird allmahlich fiir 
jedermann unhaltbar", sagt Carlyle. Das hatte auch Gustav Weil 
sagen konnen. Aber wenn Weil das Urteil failt, einen Gottgesandten 
konne man den Araber gelten lassen, nicht anerkennen konne man 
ihn dagegen als einen wahren Propheten, so sagt der groBe Schotte 
von ihm: der wahrste der Propheten moge er immerhin nicht sein, 
fiir einen wahren halte er ihn doch. Und, so fShrt er fort, „da fiir 
uns keinerlei Gefahr vorliegt, muhammedanisch zu werden, so will 
ich alles Gute iiber ihn sagen, das ich gerechterweise nur immer von 
ihm sagen kann**. 

DaB Carlyle in der Tat nichts, auch nicht ein Einziges vergessen, 
was G u t e s iiber seinen Helden irgend nur zu sagen ist, das, meine 
ich, wird jeder ihm bezeugen, der seinen Vortrag je gelesen. Das 

Zeitschrift ffir Miniontknnde und Relisionswissensdiaft 31. Jahrgang. Heft 10. 



- 290 - 

B o s e aber, das ihm nachzusagen ist, die offenkundigen Fehler, ja 
Unaufrichtigkeiten des Propheten? — „Was sind Fehler," fragt Car- 
lyle, „was die auBeren Einzelheiten des Lebens, wenn man dessen 
inneres Qeheimnis, die Gewissensbisse, die Anfechtungen, die auf- 
richtigen, oft vergeblichen, aber nie endenden Kampfe dariiber ver- 
giBt?" „Wen nennt ^Jdie Bibel einen ,Mann nach dem Hefzen 
Qottes'? David, den Konig der Israeliten, der doch in Siinde ver- 
fallen war, ja in schwarzeste Verbrechen, bei dem kein Mangel an 
Siinden war." Muhammed hat seiner Religion mit dem Schwerte 
Eingang verschafft! Aber, erinnert sein schottischer Anwalt, wir 
linden auch nicht, daB die christliche Religion das Schwert immer 
verschmaht hat, wenn sie eins bekommen konnte. ,4(arls des 
GroBen Belehrung der Sachsen geschah nicht durch Predigt." | 

Worauf es Carlyle sichtlich allem anderen voran angekommen, ' 
das war aber doch das, seinen Helden gegen den Vorwurf, er sei ein 
religioser Schwindler gewesen, in Schutz zu nehmen. QewiB, es 
gibt Schwindel auch auf dem Gebiete der Religion. Carlyle ist nicht 
blind gegen die Tatsache, daB sich solcher in geradezu erschrecked- 
der Weise geltend macht, hauptsachlich in den vorgeriickteren 
Stadien des Verfalls einer Religion. Das aber steht ihm lest: nie- 
mals hat Betrug schaffenden EinfluB auf diesem Gebiete ausgeiibt, 
niemals irgendwelchem Glauben zum Leben verholfen. Und so will 
er auch alles andere eher sich einreden lassen als das, daB es der 
Betrug eines bloBen Gauklers gewesen sei, der Millionen von Ge- 
schopfen der gottlichen Ailmacht habe einfangen konnen: eine gott- 
losere Theorie sei niemals auf dieser Erde verkiindet worden. „Ein 
unwahrer Mensch soil eine Religion begriindet haben! Kann ein 
solcher doch nicht einmal ein Haus aus Backsteinen erbauen! Wenn 
er nicht griindlich die Eigenschaften des Mortels, des gebrannten 
Tons und womit er sonst arbeitet, kennt und beachtet, so wird es 
kein Haus, was er schafft, sondern ein Schutthaufen. Es wird nicht 
zwolf Jahrhunderte stehen, um hundertundachtzig Millionen zu be> 
herbergen, es wird bald zusammenfallen." 

Die wissenschaftliche Forschung in der Folge hat diesem 
Enthusiasmus einen Dampfer aufgesetzt Nachdem ein paar Jahr- 
zehnte hindurch weiter an der ErschlieBung neuer Quellen gearbeitet 
worden war, traten um 1860 herum ungefahr gleichzeitig drei 
Orientalisten mit zusammenfassenden Arbeiten iiber Muhammed 
hervor, ein Englander, Muir, und zwei Deutsche, Sprenger 
und Noldeke. 



j — 291 - 

Nicht wohl iibergehen aber darf ich hier noch einen anderen 
englischen Autor, von dem ebenfalls 1859 erstmalig ein Buch aus- 
ging, das eine Reihe von Auflagen eriebte und 1878 auch in einer 
deutschen, vom Verfasser autorisierten Obersetzung erschien: John 
MiUileisen Arnold, Lizentiat der Theologie, der Philosophic und 
Theologie Doktor. Prutz in seiner Kulturgeschichte der Kreuzzuge 
kennzeichnet sein Werk als Pamphlet der iibelsten Art. Das ist es 
nun nach meinem Dafiirhalten ganz gewiB nicht. Aber auch wenn 
Prutz mit seinem allzu harten Urteil ihm nicht Unbill tate, konnte ich 
es in diesem 'Oberblick fiiglich nicht unbeachtet lassen. Auch 
Pamphlete konnen von Bedeutung sein. Und dieses „Pamphlet'* 
jedenfalls ist es gewesen. Auf seine Rechnung darf es, wie W. Qer- 
maiMi, der die deutsche, auf Wunsch der Redaktion der Allgemeinen 
Missionszeitschrift hergestellte Ausgabe des in England zu einem 
beliebten Handbuch gewordenen, einfluBreichen Werkes bevor- 
wortet hat, hervorhebt, mit gesetzt werden, daB die Whigs in ihren 
Bemiihungen, einen englischen Krieg zugunsten der Tiirkei zu ver- 
bindern, durch eine starke kirchliche Stromung gestiitzt wurden. Und 
es hat welter den praktischen Erfolg gehabt, daB sich eine Moslem 
Mission Society zur Bekehrung der Muhammedaner bildete, die den 
Verfasser, der selbst schon in seiner friiheren Stellung als Kaplan 
des britischen Konsulats in Batavia unter den Muhammedanem von 
Java missioniert hatte und hernach wieder als Missionar unter den 
Muhammedanem in Siidafrika wirkte, zum Honorary Secretary er- 
wahlte. Das Urteil, zu dem er kommt, ist typisch fiir die christlich- 
theologische Befangenheit, gegen die ein Carlyle in England in seiner 
Lecture angegangen war, und in kirchlichen Kreisen wird es, ab- 
fallig wie es lautet, noch immer von nur allzu vielen nicht nur in^ 
England, auch bei uns in Deutschland unterschrieben werden. 

„Niemals wohl", so laBt Arnold sich aus, „ist ein Charakter ver- 
schiedenartiger und widersprechender dargestellt worden. Die 
einen finden keinen Ausdruck zu hart, um seine Schlechtigkeit zu 
bezeichnen, andern ist er ein Vorbild alles dessen, was groB, schon, 
tugendhaft ist. Dieser Widerspruch der Ansichten darf nicht tiber- 
raschen, da meistens eine Obertreibung die andere nach sich zieht: 
die naturliche Folge der verletzten Wahrheit und Qerechtigkeit ist 
immer die Reaktion. 

In der Tat ist es auch nicht leicht, einem solchen durchaus 
doppelsinnigen Charakter die gerechte Wurdigung angedeihen zu 
lassen. Sehen wir in Muhammed nur den Betruger, der seine RoUe 



m 



mit voUem BewuBtsein spielt, oder glauben wir in ihm ein Unge- 
heuer von Qrausamkeit und Ungerechtigkeit zu erblicken, so werden 
wir mit dieser Auffassung seiner Personlichkeit die AuBerungen 
wirklicher Frommigkeit, wie sie in seinem Leben hie und da blitz- 
Shnlich aufleuchten, kaum in Einklang zu bringen vermogen; ebenso 
schwer wurde auch die von ilim in so erstaunlich kurzer Zeit durch- 
geftihrte Umgestaltung der Religion und der Sitten unter den Voikern 
Asiens und Afrikas sich erklaren lassen. Ware der Ehrgeiz die 
Haupttriebfeder in Muhammeds Wesen gewesen, so darf nicht ver- 
gessen werden, daB die Herrschsucht einer Partei immer den Wider- 
stand der zu beherrschenden hervorruft. Wiirde in seinem Werk 
und Wesen nicht eine gewisse Wahrheit enthalten gewesen sein, 
oder hatte nicht ein gewisses ungestilltes Verlangen sich fuhlbar ge- 
macht, so hatte wohl keiner seinen Anordnungen sich gefiigt, und 
seine Leidenschaft zu herrschen wiirde wenig Erfolg gehabt haben. 

Nach der Art zu urteilen, in w etcher Muhammed immer wieder 
seine Meinung kundgibt, daB Juden und Christen ihre heiligen 
Schriften verfalscht hatten, geht hervor, daB er zu einer Zeit seines 
Lebens geglaubt haben muB, die alten Propheten hatten von ihm 
als dem letzten Propheten geweissagt, und daB er nie fur notwendig 
erachtet, den Beweis fiir ihr unredliches Verfahren zu liefern, sondern 
es als wohlbekannte Tatsache angenommen hat. Er beschuldigt sie 
der Bestechung durch ihre geistlichen Ratgeber, um die auf ihn be- 
ztiglichen Prophezeiungen zu unterdriicken. Er tadelt die Eifersucht 
der Juden, welche nicht zugeben wollten, daB aus einer andem Nation 
als der ihrigen em Prophet fiir die Welt hervorgehen konne. Da sie 
ihre Propheten getotet* behauptet er, durfe sich niemand wundem, 
wenn sie, um ihn zu verwerfen, ihre Schriften fSlschten. Den 
Christen dagegen sagt er, sie konnten seine gottliche Sendung in 
ihren Biichern mit Sicherheit erkennen, wie ein Vater die Ziige seines 
Sohnes erkenne; in ihrer Herzenshartigkeit aber verleugneten sie ihn. 

Ziehen wir nun dies alles in Betracht, so konnen wir unmoglich 
auf die Seite derjenigen uns stellen, welche Muhammed am Beginu 
seiner Laufbahn schon fiir einen Betriiger halten, der sich des Be- 
truges voUkommen bewuBt war. Wird daher die Frage aufgeworfen, 
ob er fiir einen Betriiger oder fiir einen irregeleiteten Fanatiker zu 
halten sei, so antworten wir, daB er keines von beiden vollstSndig, 
wohl aber beides zusammen war. Muhammed begann seme Lauf- 
bahn in redlicher Absicht, und der Beweis, er sei von Anfang an ein 
verworfener Betruger gewesen, ist noch zu liefern. E>er Mensch 



- 293 — 

kann irren und es doch aufrichtig meinen; die, welche die Propheten 
und Apostel getotet haben, glaubten, Qott einen Dienst damit zu tun; 
der Pharisaer Saul meinte es aufrichtig, als er gegen die Kirche 
Christi wiitete und ihre Qlieder verfolgte. 

Wir wissen, daB Muliammed von Kindheit an mit epileptischen 
Anfallen behaftet war; andere glaubten selbst, er sei von einem 
Damon besessen. Er unterwarf sich der Behandlung eines Be- 
schworers, um den DSmon austreiben zu lassen. Seine vermeint- 
lichen Offenbarungen waren anfangs von denselben krampfhaften 
Zuckungen begleitet, die ihn schon friiher befallen, und der Prophet 
selbst sowohl als seine Freunde waren der Meinung, er stehe unter 
dem EinfluB eines bosen Qeistes. Wahrscheinlich die Furcht, den 
offenbarten Aberglauben der eingeborenen Araber zu sanktionieren, 
ist schuld, daB diese Tatsachen bei der Wiirdigung von Muhammeds 
Charakter g^zlich iibergangen wurden. Mag er ein Besessener ge- 
wesen sein Oder nicht, immer deuten diese Zufalle darauf hin, daB 
eine Storung des Qehirn- oder Nervensystems ihn zu Halluzinationen 
und zu Visionen des Engels Gabriel und der Qeisterwelt disponierte. 

Nimmt man an, daB Muhammed ein Engel erschienen ist, so muB 
auch zugestanden werden, daB er sein Reformationswerk redlicher 
Absicht unternahm und nicht als bewuBter Betruger auftrat. Be- 
denkt man, wie die von Natur feurige Einbildungskraft zu einer Zeit, 
in der sein Volk einen Propheten erwartete, in ihm rege war, das 
Mannesalter, in dem erst er seine Sendung verkiindigte, wie Kha- 
didscha, Abubeker, Omar und andere, die seinen wahren Seelen- 
zustand richtig zu beurteilen imstande waren, ihre Oberieugung be- 
kannten, wie er zwolf Jahre lang Schmahung, Beschimpfung und 
Verfolgung aller Art ertrug, wie er Reichtum und Macht zuriickwies, 
wo sie ihm geboten wurden, wenn er seiner Verblendung entsage, 
die Einfachheit seines Lebens bis zur letzten Stunde — dann kanu 
man nicht glauben, daB Muhammed an sein Werk gegangen sei als 
ehrgeiziger Eroberer oder niedriger Betriiger, der weder Qlauben 
an sich selbst noch an seine Sendung gehabt habe. 

Er mag einer beispiellosen Selbsttauschung zum Opfer gefallen 
sein, welche m ihren Folgen der Kirche Christi den krSftigsten und 
dauemdsten Widerstand entgegenstellen soUte, durch einen uber- 
menschlichen Trieb in seinem Werke vorwSrts gedrSngt worden 
sem, den er im Lauf der Zeit fiir eine Eingebung des Himmels ge- 
halten haben mag, in seiner Begeisterung mag der Erfolg ihm das 
Zeichen gottlicher Qunst und gottlichen Beistandes gewesen sein. 



- 294 - 

Die neue Religion stand ihm als das passendste Mittei zur Einigung 
der drei damals im Lande vorherrsclienden Qlaubensbekenntnisse 
vor der Seele und solite als solche einem dringenden Bedtirfnis 
abhelfen. 

In welcher Weise aber auch die Frage iiber seine individuelle 
Schuld bei Beginn des Unternehmens gelost werden mag, an einer 
Schuld bei der weiteren Reife seiner Plane ist nicht zu zweifeln. 
Die spateren angeblichen Offenbarungen stempeln ihn unwiderleg- 
lich zu einem falschen Propheten. Erstlich die Sure, welche die 
Unschuld Ajeschas erweisen soil; dann die ihm gelegene Ermachti- 
gung, das Weib seines Pflegesohnes Zaid fiir sich zu nehmen oder 
seinen Harem nach Belieben zu erweitern und einen groBeren Teil 
der von seinem Heer gemachten Beute zu behalten. Der erste in 
seinem Namen wahrend der heiligen Monate von Abdallah vei- 
gossene Blutstropfen bezeichnet ihn als einen Menschen, der wissent- 
lich den Weg zur Ausfiihrung eines groben Betruges betreten hat. 
Moglich ist immerhin, daB er im Qeiste Moses zu handeln glaubte, 
indem er den UnglSubigen den Krieg erklarte, auch einzelne Falle 
von Mord lassen sich aus dem Herkommen jener Zeit und jenes 
Landes rechtfertigen, die heiligen Monate aber durfte er durch Raub 
und BlutvergieBen nicht entweihen, ohne durch eine wirkliche oder 
vorgebliche Offenbarung sein Tun zu sanktionieren. Aber selbst die 
am meisten orthodoxen Biographen erzahlen, daB diese Sanktion erst 
Jange nach der Riickkehr Abdallahs von dem Unternehmen erteilt 
worden sei. Ebenso stempelt ihn die geheimnisvoUe Weise, mit 
welcher er ihm einen im doppelten Sinne geschriebenen Brief mit 
der Weisung anvertraut, ihn erst einige Tagereisen fern von Medina 
zu offnen, zu einem Betriiger, der eine ungerechte verraterische 
Handlung mit voUem BewuBtsein beging. 

Die „Sure von Joseph", welche Muhammed vor seiner FluCht 
In Mekka verfaBte, wird als direkte und unmittelbare Offenbarung 
vom Himmel ausgegeben und als Beweis seiner gottlichen Sendung 
angerufen, obwohl unwiderleglich bewiesen ist, daB sie teils der 
Bibel und noch mehr rabbinischen Traditionen entnommen ist. Da 
war keine Tauschung, keine satanische Eingebung, welche fSlschlich 
als gottliche Offenbarung gelten konnte, sondern wissentlich Betrug 
und handgreifliche Tauschung. Selbst angenommen, daB er vor 
seiner Flucht die schlechten Mittei durch den guten Zweck zu recht- 
fertigen glaubte, immer zeigt er sich arglistig, unbestandig, kurzr 
sichtig wahrend seines Aufenthalts in Medina. 



^ — 295 - 

Erst schmeichelt er den Juden iind macht ihnen iiberraschende 
Zugestandnisse, um sie fiir seine Sache zu gewinnen; da seine Er- 
wartungen nicht in Erfiillung gehen, zieht er alle zu ihren Qunsten 
gemachte Zugestandnisse zuriick und wird ihr Todfeind. Einigen 
lafit er aus Furcht vor Abdallah Verzeihung angedeihen, andere 
schlachtet er wie eine Herde Schafe. Heute beschrankt er die Zahl 
seiner Weiber, morgen ubertritt er das von ihm selbst gegebene 
Gebot im Namen Qottes. Der Morder kann sein Leben durch Lose- 
geld erkaufen, dem Diebe aber wird die Hand abgehauen. In kriti- 
schen Fallen sucht er den Rat anderer und fuhrt ihn mit Widerwillen 
aus. Wie unbegreiflich kurzsichtig er in seinen Zukunftsplanen ge- 
wesen, trat darin auch zutage, daB er versaumte, einen Nachfolger 
zu bestimmen. 

Eigentlich konnte Muhammed nicht schwer fallen, sich in seiner 
Prophetenwurde von seinen heidnischen Landsleuten auch ohne her- 
vorragende Talente anerkannt zu sehen, denn jedenfalls war seine 
religiose Auffassung von hoherer Art als die ihrige; sein anziehendes 
Benehmen, seine Beredsamkeit, Freigebigkeit und Rechtlichkeit im 
allgemeinen reichte hin, ihm viefe Bewunderer zu sichern. 

Sein Erfolg in Medina war mehr den giinstigen Verhaltnissen 
und Beziehungen, der Hoffnung auf Beute, der Uneinigkeit der 
Stamme und seiner Kunst zu tauschen als seiner personlichen Tapfer- 
keit und seinem Feldhermtalent zuzuschreiben. Wo er die Macht 
und den Mut hatte, sich eines Feindes zu entledigen, war ihm kein 
Mittel zu schlecht. Seine Kunst bestand darin, sich moglichst ein- 
gehend uber alles zu unterrichten und dann den Feind zu iiber- 
raschen; daher beobachtete er bei alien Anlassen das tlefste Qe- 
heimnis, nur in einem Falle teilte er dem Heere Plan und Ziel des 
Unternehmens schon vorher mit. Es war das bei der Expedition 
gegen die Qriechen nach Tabak. 

Wir miissen daher notwendig zu dem Schlusse kommen, daB 
Muhammeds Charakter sich entschieden verschlimmert hat, seit 
er das Prophetenamt sich anmaBte. Diese Tatsache 
darf durchaus nicht auBer acht gelassen werden. Die ersten Re- 
formen in der Religion unternahm er als redlicher Fanatiker, indem 
er irrigerweise traumhafte Visionen und satanische Einwirkungen 
fiir gottliche Inspiration hielt, dann aber schloB er seine Laufbahn 
als Betriiger, der seine falschlichen Offenbarungen immer zur Hand 
hatte, wenn es eine Ungerechtigkeit zu rechtfertigen gait." 

(Fortsetzung folgt.) 



.. — 296 - . 

Ku Hung Ming, Der Geist des chinesischen Volkes und 
der Ausweg aus dem Kriege*). 

.^ Von Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte, Berlin-Steglitz. 

Ku Hung Ming ist den Lesern dieser Zeitschrift bekannt. Eugen 
Diederichs hat schon 1911 ein Buch von ihm verlegt: „Chinas Ver- 
teidigung gegen europaische Ideen. Kritische Aufsatze." Das waren 
im wesentlichen Ausziige aus Ku Hung Mings englischem, 1901 ge- 
schriebenem Buch „Papers from a Viceroys Yamen". Bekannt ist 
auch ein anderes englisches Werk Ku Hung Mings, das den Titel 
ffihrt „Discurses and sayings of Confucius, a new special trans- 
lation with quotations from Goethe and other writers" 
(Schanghai, 1898). 

Ku Hung Ming stammt aus einer Kaufmannsfamilie in Singapore. 
Er hat zuerst in England, dann in Leipzig studiert, ist auch vie! in 
Jena gewesen. SpSter war er SekretSr des hochbedeutenden Vize- 
konigs von Wuchang Chang Chi Tung. Nachdem er kurze Zeit 
andere Amter gehabt hatte, lebt er seit der Revolution in Peking als 
Privatmann. 

Ku Hung Ming ist — das liegt schon in seiner Entwicklung bc- 
griindet -— fiir alles europaische Wissen und Leben ganz erschlossen. 
Er verfiigt iiber eine Fiille von Wissensstoff aus einzelnen Klassikern 
und Philosophen Europas und Amerikas. Auch die Bibel nebst 
Luthers Werken kennt er gut. Die europaische Qeschichte hat er 
eifrig studiert. Sein gutes chinesisches Qedachtnis ermoglicht ihm 
eine erstaunliche Benutzung von Zitaten aus den studierten Schriften 
in seinen eigenen Veroffentlichungen. Diese Zitate von Goethe und 
Bismarck, aus der Bibel und Luther, von Mathew Arnold und 
Herbert Spencer und Ruskin, von Kant, Emerson und Carlyle und 
zahlreichen anderen bekannten und weniger bekannten Schrift- 
stellem gehen bunt durcheinander. Er ist auch wohlvertraut mit 
den neueren westiandischen Veroffentlichungen iiber China. 

Dabei gehort er keineswegs zu den Chinesen, die ihre alt^n 
Kulturgiiter verachten. Er steht vielmehr zu diesen „modernen** 
Chinesen, die das ehrwiirdige Geisteserbe Chinas vemachl^sigen 
und sich dem Kultus des Neuen begeistert hingeben, in einem starken 
Qegensatz. Er ist ein gliihender Verehrer des Konfuzius und der 
chinesischen Sitten und Anschauungen, ist ein ausgesprochener 



•) Verlag von Eugen Diederichs, Jena, 1916. 182 S. 3,80 M., geb. 4,80 M. 



— 297 — 

Monarchist und daher ein schroffer Qegner der modernen chinesi- 
schen Republik. Daher ist er bei „ Jung-China" nicht gerade beliebt. 
Aber man achtet ihn als einen gelehrten und charaktervoUen Mann. 
Es ist ja auch noch garnicht ausgemacht, ob nicht die ganze republi- 
kanische Stromung doch eines Tages bankerott machen wird und 
dann Yuan Schi Kais jetzt durch seinen Tod vereitelter Plan, China 
wieder zur Monarchic auszugestalten, doch noch als letzte und 
einzige Rettung zur Durchfuhrung kommen wird. Ku Hung Ming 
steht also augenblicklich zu der Entwicklung Chinas in innerem 
Qegensatz. Er hat als Warner und Mahner, daB man das Alte, Be- 
wShrte nicht friiher preisgeben soil, bevor man, nicht besseren Ersatz 
hat, und daB man nicht sinnlos eigene gute Brauche fortwerfen soil, 
sicherlich in China einen Beruf zu erfiillen. Denn es ist in dieser Hin- 
sicht in China in den letzten Jahren schon genug gesundigt worden. 
Durch Zopfabschneiden, europaische Miitzen und Kleidnng, selbst 
durch Zerschlagen der Qotterfiguren und Einziehung von Tempeln 
ist wenig geniitzt. Es ist wilde Zeit in China, garendes, leidenschaft- 
Hches Kampfen von Altem und Neuem, Eine unserer Schiilerinnen 
aus Schanghai schrieb jtingst: „In China ist es jetzt auch sehr un- 
ruhig wie in einem Krieg." Das wird noch lange so bleiben. In 
solcher Zeit sind Manner wie Ku Hung Ming von groBem Wert, 
selbst eine gewisse Einseitigkeit in der Verehrung Alt-Chinas schadet 
dabei nichts. 

Ku Hung Ming hat die ganzen groBen Erschiitterungen Chinas 
in den letzten zwanzig Jahren mit groBer innerer Anteilnahme durch- 
lebt. Aus dieser tiefen inneren Teilnahme erklaren sich die scharfen 
AuBerungen, die gleich nach der Boxerzeit in seinem Buch „Papers 
from a Viceroys Yamen" gesammelt herausgegeben sind. In dem 
deutschen Buch „Chinas Verteidigung gegen europaische Ideen" 
kommt der Qesamtinhalt der englischen Schrift doch nur teilweise 
zum Ausdruck. Die fur viele Leser interessanten Stiicke fehlen zum 
Teil. Qemeint sind nicht nur die hochst interessanten Ausfiihrungen 
iiber das Christentum und die Mission in China, sondern auch 
manches andere in seinen ausftihrlichen Darlegungen fiber die Ent- 
wicklung und die kennzeichnenden Eigentiimlichkeiten der einzelnen 
grofien Volker Europas. Diese Abschnitte werden bei der Be- 
sprechung des nun vorliegenden neuesten Buches, das Qegenstand 
dieser Zeilen ist, zur Erlauterung herangezogen werden. 

In dem n e u e n Buch findet sich ein von beiBender Ironie durch- 
zogener Artikel gegen das Angelsachsentum in China unter der Ober- 



- 298 - 

schrift „John Smith in China", und unter dem Motto des Qoethe- 
Wortes: „Der Philister negiert nicht nur andere Zust^de ais der 
^einige ist, er will auch, daB alie ubrigen Menschen auf seine Weise 
existieren sollen." Es besteht wohl zu recht, wenn Ku Hung Ming 
damit den angelsachsischen Diinkel geiBeln will, der die ganze Welt 
nach seiner Art gestalten mochte und mit Qeringschatzung sich 
wenig Mtihe gibt, dem Wesen fremder Volker gerecht zu werden 
poder gar ihm Berechtigung zuzugestehen. Aber es iibersteigt doch 
das Mafi berechtigter Kritik, wenn er aus der angelsachsischen 
Literatur uber China und die Beziehungen der Angelsachsen zu 
China folgenden „Katechismus angelsachsischer Ideale" zu- 
sammenstellt: , ; /-^ -^^n^^^' 'm^^^ ^ '-:■'-:■:--:-■'-''■' ' ^ 

1. Was ist das Hauptziei des Menschen? — Das Britenreich zu 
verherrlichen. 

2. Qlaubst du an Qott? — Ja, wenn ich in die Kirche gehe. 

3. An wen glaubst du, wenn du nicht in der Kirche bist? — Ich 
glaube an Zinsen, an das, was sich bezahlt macht. 

4. Was ist Rechtfertigung durch den Qlauben? — Zu glauben:. 
Jeder ist sich selbst der Nachste. 

5. Was ist Rechtfertigung durch Werke? — Tue Qeld in deinen 
Beutel. 

6. Was ist der Himmei? — fiimmel bedeutet, in der Lage zu sein, 
am Bubbling-Well (vomehmste Qegend Schanghais)-Weg zu 
wohnen und in Viktorias zu fahren. 

7. Was ist die HoUe? — Holle bedeutet erfolglos sein. 

8. Was ist ein Zustand menschlicher VoUkommenheit? — Sir 
Robert Harts ZoUdienst in China. 

9. Was ist Qotteslasterung? — Zu sagen, daB Sir Robert Hart kein 
groBes Gejrie ist. 

10. Was ist die abscheulichste Sunde? — Den britischen Handel 
zu hindern. 

11. Zu welchem Zweck schuf Qott die vierhundert Miilionen 
CWnesen? — Damit die Englander mit ihnen Handel treiben 
konnen. 

12. Wie lautet dein Qebet? — Wir danken dir, o Herr, daB wir nicht 
sind wie die gottlosen Russen und die gewalttatigen Deutschen, 
die die Teilung Chinas wiinschen. 

13. Wer ist der groBe Apostel angelsachsischer Ideale in China? — 
. ; .; Dr. Norman, der Berichterstatter der „Times" in Peking. 



- 299 - 

Ku Hung Ming schrankt die Wirkung dieses Spottes selbst ein, 
indem er sagt, nicht die angelsachsischen Ideale an sich wolle er 
darait wiedergeben, sondern die Durchschnittsmeinung der einfluB- 
reichen angelsachsischen Kreise in China und der angelsMchsischen 
Literatur tiber China (Putnam Weales, Artur Smith u. a.). 

Aber man wird ehrlicherweise sagen miissen, dafi, abgesehen 
von Qelehrten, Lehrern, Missionaren, Konsuln, manchen Kaufleuten 
und anderen gebildeten MSnnern, der Durchschnitt der Leute aus 
den anderen Volkern, die in China vertreten sind, nicht viel anders 
denkt. Mit welcher Entriistung redet man von dem schnellen Macht- 
anwachsen Japans? Als sei es von Japan ein Unrecht, daB es seine 
Kraft regt und seinen Vorteil sucht. Was ist den meisten China? 
Objekt ihres die Kaufkraft oder Bodensch&tze Chinas ausnutzenden 
Qesch^tssinnes. Wenn China eines Tages wirklich QroBmacht- 
stellung begehrt, wird sich diese Entrustung auch gegen China 
kehren. Past mit Emporung redet man auch heute in weiten Kreisen 
von dem Hochkommen der „gelben Rasse", als sei es ein Verbrechen, 
daB diese Volker emporstreben (siehe dagegen gerichtet: O. Franke, 
Deutschland und China vor, in und nach dem Weltkriege, Hamburg, 
1915, S. 22 a.). Das ist in Deutschland selbst und bei vielen Deutschen 
in China nicht ein biBchen anders. Das ist der gleiche Neid, den 
England, RuBland, Frankreich und Amerika gegen das hoch- 
kommende Deutschland empfinden und den nun viele Deutsche 
leider auch gegen andere emporstrebende Volker empfinden 
und, was um der Wirkung willen noch mehr zu bedauern ist, auch 
aussprechen. DaB es gar nicht dem deutschen Wesen ent- 
spricht und gar nicht dem nationalen Vorteil dient, so zu reden, be> 
xiarf hier keines Beweises. 

Qleichwohl bleibt an der Kritik Ku Hung Mings das Berechtigte, 
daB die Angelsachsen infoige ihrer fabelhaften Weltentwicklung 
diesen Dtinkel der AUeinberechtigung in noch weit starkerem MaBe 
haben als irgendein anderes westl&idisches Volk. 

Ku Hung Ming ist in seinem Urteil fiber England im Lauf der 
Jahre scharfer geworden. Im Jahre 1901 hat er in den „Papers 
from a Viceroys Yamen" wohl auch an England schon scharfe Kritik 
geiibt, aber sie klingt anders aus, wenn er dort (S. 108) sagt, daB nach 
Ausmerzung einiger SchSden „der Bau des wahren englischen Im- 
perialismus aufgerichtet werden wird, bleibender und schoner viel- 
leicht als der altromische war, denn der neue Imperialismus wird 
in sich das streng betonte christliche Element enthalten, das der 



- 300 - 

romische Imperialismus nicht oder nicht in dem Grade hatte. Dieser 
vahre neue Imperialismus QroB-Britanniens wird in Verbindung mit 
andern Volkern . . . fiber der Zivilisation der Welt wachen." 

Wie Ku Hung Ming England, wohl infolge der Erfahrungen 
Chinas mit der englischen Politik, fernergeruckt ist, so ist er im Laufe 
der Jahre Deutschland offensichtlich nahergeruckt. Zwar war er 
seit seinen Studien in Deutschland ein begeisterter Verehrer deut- 
scher Literatur und Wissenschaft, aber er war fruher so sehr im 
Bann englischen Urteilens, daB er noch die Phrase nachbetete, 
Deutschland sei von seinem wahren, guten Wesen, dem Schillers 
und Qoethes abgewichen und nun im Bann der wilden Machtgier. 
Dem deutschen Volk, das unter alien grofien Volkern am spatesten 
und am bescheidensten Kolonialpolitik getrieben hat, wurde diese 
Kolonialpolitik als das Scheusal hingestellt, von dem es sich be- 
herrschen lasse. Den EnglSndern und Pranzosen und den anderen 
wurde ihre Kolonialpolitik nicht verubelt, sondern nur den Deutschen 
(Papers, S. 120, 121, 123). Es heiBt doch, die Wahrheit auf den Kopf 
stellen, wenn dort von ihnen gesagt wird: „Wie das „Erl6sungswort" 
fiir GroBbritannien „offene Tiir" ist, ist in der Tat das (Erlosungs- 
wort) Deutschlands „Vergr6Berung" (expansion). In welch haB- 
licher, fiir einen Chinesen ganz unbegrundeter Weise wird von Bis- 
marck gesprochen (S. 117), der nicht wie England einen konstitu- 
tionellen, sondern einen militarischen Imperialismus erstrebt habe 
(S. 118), er, „der Mann ohne Phantasie, mit der egoistischen Ader 
und dem furchtbaren Appetit eines pommerschen starken Essers" 
(S. 118). Dagegen wird Heinrich Heine von ihm geriihmt als ein 
wahrhaft edler deutscher (?!) Ritter in der Verfechtung der 
Menschheitsbefreiung. In ihm wehe dem chinesischen kongenialer 
Oeist (S. 126, 127). Ihn stellt er dem deutschen Kolonialpolitiker 
gegenuber, „der Jesus Christus zu einem fleischfressenden Tier 
machen will" (126). Trotzdem er aber an vielem in Deutschland 
und auch an dem Aufruf des Deutschen Kaisers an die Volker 
Europas, ihre heiligsten Giiter zu wahren, schweren AnstoB ge- 
nommen hat und er ihn fiir die „Kolonialpolitik" stark schuldig weiB, 
hat er doch fur die Entwicklung Deutschlands gerade auf ihn Hoff- 
nung gesetzt. Denn des Kaisers Telegramm an den Pr^sidenten 
Kriiger zeige eine vornehme, iiber das H^liche des Vorgehens 
Chamberlains empdrte, ritterliche Gesinnung. Darum hoffe er auf 
eine gute Mitwirkung des Kaisers zu einer friedlichen Losung der 
chinesischen Frage (S. 125). 



- 301 ~ 

Nun ist der Krieg gekommen und hat, wohl auch infolge der vor- 
nehmen deutsch-chinesischen Politik der letzten Zeit, dahin gewirkt, 
seine Neigung zu Deutschland zu verstarken. Jetzt urteilt er: 
„Dieser Qeist des Kommerzialismus in alien Landern, ins- 
besondere in GroBbritannien und Amerika, und nicht der preuBische 
Militarismus ist der wahre, der groBte Feind der heutigen Welt. Denn 
der Kommerzialismus, diese Verbindung von Selbstsucht und Feig- 
heit, hat die Religion der Pobelverehrung in GroBbritannien ge- 
schaffen, die die Ursache der Machtverehrung in Deutschland wurde, 
des deutschen Militarismus, der schlieBUch zu dem Kriege gefiihrt 
hat." (S. 26). So ist also nach Ku Hung Ming der Kommerzialismus 
der tiefste Qrund, der deutsche Militarismus der AnlaB des Krieges. 
Denn dabei bleibt er auch jetzt, daB „die gegenwartige, unmittelbare 
Verantwortung fiir diesen Krieg mehr dem deutschen Volke zuge- 
schoben wird, als irgend jemand sonst; und warum? Weil Macht 
Verantwortung bedeutet" (S. 20). In einem kurzen Oberblick iiber 
die Entwicklung PreuBens und Deutschlands zeigt er, daB er die 
Starke militarische Riistung Deutschlands als notwendig erkennt. 
Aber er meint, dies nun erstarkte Deutschland habe keine andem 
wirkungsvoUen Faktoren mehr gekannt, als diese militarische Macht. 
Auch das versteht er: „Nun lassen Sie mith vor allem andem sagen, 
daB die moralischeAder in der deutschen Nation, ihre hoch- 
gradige Liebe zur Qerechtigkeit und infolgedessen ihr ebenso hoch- 
gradiger HaB gegen Ungerechtigkeit, gegen jegliche Unsauberheit 
und Unordnung das deutsche Volk veranlaBt hat, die Macht zu ver- 
ehren und an sie zu glauben" (S. 14). So sei der HaB gegen England 
in Deutschland aus diesem HaB gegen die Ungerechtigkeiten der eng- 
lischen Pobelherrschaft entstanden und daraus der Wunsch er- 
wachsen, England niederzudriicken. 

Aber dieser HaB gegen Unsauberkeit und Unordnung fuhre stets, 
wenn er zu stark werde, zu jildisch-alttestamentlichem Zelotismus, 
zu hartem, absprechendem, engem Wesen, das von der Milde Jesu 
sich weit entferne. Darum habe das Starke Deutschland keinen Weg 
zu den Herzen der Volker gefunden, habe nie verstanden, Zuneigung 
zu gewinnen. Wie toricht sei z. B. das Verhalten der deutschen 
Diplomaten in China fruher gewesen, wie unklug und taktlos die 
Errichtung des Kettlerbogens in Peking (S. 23)! Deutschland hatte 
die Pflicht gehabt, dank seiner Macht eine friedliche AnnSberung 
der Volker anzubahnen. Anstatt dessen habe es sich nur das eine" 
Ziel vorgesetzt, den englischen Kommerzialismus, der den Pobel 



- 302 ~ 

politisch vor seinen Wagen spanne, zu bekampfen. Mit Ausnahme 
vielleicht des Deutschen Kaisers hatten ja die Regierenden die Ent- 
scbeidung von Krieg und Frieden nicht in der Hand, sondern die 
groBen Qeldmanner, die sich dem Pobel verbruderten, um ihn zu be- 
nutzen und ihn doch zugleich fiirchteten (S. 162 ff.). 
■ fDer einzige SuBere Ausweg aus diesem Dilemma der P6bel» 
verehrung sei der, daB den Regierenden wieder wirkliche Macht ge- 
geben werde. Dann werde auch bald der von alien ersehnte Friede 
zustandekommen, den die jetzigen Puppen-Machthaber aller Lander 
aus Angst vor ihrem Pobel nicht zu schlieBen wagten. 

Off en bleibt die entscheidende Frage, wer denn den Regierenden 
diese Macht geben soil, sowie der Zweifel, ob die Regierenden der 
aiKlern Volker, auBer Deutschland, einen Frieden, der nicht Deutsch- 
lands Vernichtung einschlieBt, wollen? 

Auf die erste Frage scheint Ku Hung Ming eine die Schwierig- 
keit s c h n e 1 1 losende Antwort nicht zu wissen. Eine Antwort hat 
er, aber das von ihm vorgeschlagene Mittel wirkt, selbst wenn es 
richtig ist, auf keinen Fall schnell, kommt fiir diesen Krieg auf jeden 
Fall zu spat. DiesMittelheiBt:EuropamuBdenQeist 
des chinesischen Volkes, d. h. den Konfuzianismus 
aufnehmen und annehmen. Dann wird es von alien seinen 
Leiden frei werden — wovon unten zu reden sein wird — , und es 
wird von der Pobelverehrung zu wahrer Treue gegen die Regieren- 
den zuriickkehren. Im Konfuzianismus ist die Treue gegen den 
Herrscher oberstes Gesetz (S. 169). Japan dankt diesem Qeist des 
Konfuzianismus seine starke monarchische, gesunde Verfassung 
(S. 174). 

In China habe augenblicklich der Pobel die Herrschaft. Das sei 
abfer auch schon eine Folge des schadlichen Eindringens des europai- 
schen Qeistes. Vor der Revolution war in China der chinesische 
Geist stark. Dann kam durch den „europaischen Pobel" in Schanghai 
und dem sonstigen China der Pobelgeist zur Macht (S. 16). China 
kann, wie der ganzen Welt, nur geholfen werden 
durch neue Durchdringung mit echt chinesischem » 
Geist. 

Die unzivilisierte Menschheit baute ihre Beziehungen auf auf 
dem Grunde der physischen Kraft. Aber mit dem Fortschreiten der 
Zivilisation entdeckte die Menschheit etwas Gewaltigeres und Wirk- 
sameres, namlich die m o r a I i s c h e K r a f t. Die moralische Kraft, 
die in der Vergangenheit wirksam war, um die menschlichen Leiden- 



:i^i 



- 303 - 

schaften der europaischen Bevolkerung zu bezwingen und zu be- 
aufsichtigen, ist das Christentum. Aber derjetzigeKrieg 
und die ihm vorhergehende Rustung scheint zu 
zeigen, daB das Christentum alsmoralische Kraft 
nicht mehr wirksam genug gewesen ist." (Von uns 
gesperrt.) Die Volker Europas fielen zuruck in den Qebrauch physi- 
scher Kraft (Krieg). So stecken sie in einem Dilemma: Ohne Mili- 
tarismus (physische Kraft) hort jede Ordnung auf. Wenden sie sie 
aber an, so zerstort dieser Militarismus ihre Zivilisation. Wurde 
man jetzt den deutschen Militarismus zerstoren, so wtirde nur ein 
neuer. ein englischer Militarismus ihn ablosen. 

Es gibt nur einen Ausweg aus diesem Dilemma, „daietztdas 
Christentum nicht mehr wirksam genug ist", nSm- 
lich den chinesischen Qeist (S. 33), den Qeist der Liebe und Qerechtig- 
keit, den echten Qeist wirklich moralischer Kraft. 

Mit dem Christentum hat Ku Hung Ming sich viel beschaftigt. 
Nach der Boxerzeit hat er in einer „Defensio populi ad populos" sich 
mit der christlichen Mission, wie er sie damals richtig zu beurteilen 
glaubte, auseinandergesetzt (Papers from a Viceroys Yamen, S. 35 
bis 50). Er fuhrt dort aus, die Mission befasse sich mit drei Aufgaben. 
Es sind dies: 1. Moralische Hebung des Volkes. 2. Intellektuelle 
Forderung des Volkes. 3. Werke der Liebe. Zu diesen drei Auf- 
gaben auBert er sich in stark kritischen Bemerkungen. Die mora- 
lische Besserung der der Hebung bediirf tigen Klassen werde 
durch die Mission nicht erreicht. Die nichtchristlichen guten Kreise 
Chinas standen sittlich hoher als die „Bekehrten". Der MiBerfolg 
auf diesem Qebiet habe die Missionare bewogen, das Schwergewicht 
ihrer Arbeit in letzter Zeit auf die beiden anderen Aufgaben zu legen. 
Die intellektuelle Hebung des Volkes zu bewerkstelligen, 
seien aber die christlichen Missionare gar nicht die rechten Leute. 
Das Christentum habe in Europa sehr hSufig sogar mit Gewalt die 
FSrderung der Wissenschaften erschwert. Heute seien die Fiihrer 
des Qeisteslebens in Europa der Kirche ganz entfremdet. Auch sei 
die Art des Unterrichts in den Missionsschulen nicht geeignet, die 
Schiller zu fordern. Auf der einen Seite lehne man die altchinesische 
Astrologie ab und wolle die Schuler in die moderne Naturwissen- 
schaft einfiihren, aber zu gleicher Zeit lehre man, daB auf Befehl eines 
hebr&ischen Generals die Sonne stillgestanden habe, und daB das 
Buch, worin das stehe, durch das Diktat des Weltschopfers ent- 
standen sei. Die Missionare lachten freilich dariiber, wenn die 



- 304 - 

Chinesen sagten, daB der Drache den Regen verursache, aber wenn 
ein christHcher Bischof erklare, Bileams Eselin habe wie ein Mensch 
geredet, dann lachten sie nicht, sondern glauben es. Die von der 
Mission geleisteten Liebeswerke seien China sehr teuer zu 
stehen gekommen. Denn das Eindringen der Mission in China unter 
dem Schutz der Kanonen und die daraus entspringenden Wirren und 
die dann zu zahlenden Entschadigungen wogen das Qeleistete bei 
weitem auf. DaB er auch personliche Verunglimpfungen der Mis- 
sionare ausspricht, muB man ihm aus der nachzittemden Erregung 
der Boxerzeit zugute halten. So kommt er zu einem die ganze Mis- 
sionsarbeit in ihrem damaligen Bestand und Ziel ablehnenden Urteil. 
Wir brauchen die Arbeit unseres Missionsvereins gegen 
dies Urteii nicht zu verteidigen. Denn das, was an Ku Hung Mings 
Urteilen berechtigt ist, trifft auf unsere Arbeit nicht zu. 

Ku Hung Ming urteilt damit auch nicht iiber das Christentum 
schlechthin ab. Das Christentum ist ihm eine hohe, gute Sache: „Der 
wahre Christ ist ein Mensch, der Christ ist, weil „es seine Natur ist, 
so zu sein", weil er Heiligkeit liebt und alles, was am Christentum 
liebenswert ist." „Der falsche Christ ist ein Mensch, der ein Christ 
zu sein begehrt, weil er die Holle fiirchtet" (S. 140). Aber er be- 
urteilt die SchSden des europaischen Kirchentums streng und lehnt 
deshalb dies ab: „Der Priester der alten romisch-katholischen Kirche 
wurde ein falscher Christ, als er nicht Qottes Gesetz, sondern das 
Gesetz seiner Kirche lehrte. Der spStere protestantische Prediger 
wurde ein falscher Christ, als er nicht Qottes Gesetz, sondern das 
Gesetz seiner Bibel lehrte, vielmehr seine laute, nachdruckliche Be- 
hauptung von der Korrektheit seiner Auslegung der Bibel." „Die 
wahre Kirche ist nicht die christliche Priesterkirche. Die wahre 
Kirche der Gegenwart und aller Zeiten ist die Kirche, welche das 
wahre Gesetz oder den Willen Gottes lehrt." „Das Gesetz unseres 
Seins ist das allein wahre Gesetz Gottes." „Das Gesetz unseres 
Seins ist . . ., wie Emerson sagt, das der „schlichtesten und reinsten 
Geister" auf der Welt." „Kurz, die wahre Kirche, die wahre katholi- 
sche Kirche der Gegenwart, wird, obwohl sie nicht organisiert und 
sichtbar ist, gebildet von alien bestgebildeten Mannern, von alien 
schlichtesten und reinsten Geistern aller Volker" (S. 170 f.). Von 
Deutschland urteilt er: „Heute ist das Christentum in Deutschland so 
tot wie ein Dodo *). Jesus, so meint er, hStte anders gehandelt, als 



•) Ein ausgestorbener Vogel. 



- 305 - 

Bischof Anzer in der Kiautschou-Sache und hStte anders geurteilt, 
als die deutschen Zeitungen, z. B. die „Zukunft", in der Boxerzeit, die 
Unbarmherzigkeit und Grausamkeit gegen die Chinesen predigten. 
Denn sonst, nach dem Verhalten seiner Priester, wiirde sich Jesus 
in ein fleischfressendes Tier verwandeln (S. 122). 

Seit Ku flung Ming das alles Uber das Christentum und tiber die 
Ausbreitung des Christentums in China geschrieben hat, hat sich 
mancherlei gewandeit Er hat verstandnisvoller urteilen gelemt, 
die Mission hat viel hinzugelernt, die Beziehungen zwischen West 
und Ost sind durch griindlicheres Sichverstehen freundschaftlicher 
geworden. Ku Hung Ming hat sich mit unserm Pfarrer Dr. Wilhelm 
angefreundet, und dieser hat uns das Wort von ihm ubermittelt: 
„Wir Chinesen brauchen das Christentum. Nicht in der Form 
irgendeiner der bestehenden Konfessionen. Die sind um der 
Menschen willen da, nicht aber die Menschen um ihretwillen, wie sie 
sich so gem den Anschein geben. Aberwaswirnichthaben, 
und was nicht entbehrt werden kann, das ist die 
Kraft der Liebe, die in Jesus liegt. (Von uns gesperrt.) 
Alle modernen Errungenschaften, mit denen man China gegeniiber 
so freigebig ist, konnte ich leichten Merzens entbehren. Haben wir 
keine Eisenbahnen, so geht man zu FuB. Darunter leidet die wahre 
Kultur viel weniger, als wemi man die Mittel des Lebens so sehr 

uberschatzt, wie das gegenwartig in Europa der Fall zu sein scheint." 
„An Kultur und Wissen fehlt es uns nicht, was die Maschinenzivili- 
sation anbelangt, so wird die auch kommen, mit oder ohne Christen- 
tum, aber was uns fehlt, das ist die Liebe" (Missionsblatt 1910, 
S. 129). 

Nun scheint der Krieg ihn in dieser HochschStzung des Christen- 
tums etwas schwankend gemacht zu haben. Von tiefem, innerlichem 
Urteilen zeugt das gerade nicht. Denn der Krieg hat doch hochstens 
dies erwiesen, daB das Christentum in den Volkern Europas noch 
keine wirklich alles beherrschende Macht geworden ist. Ist es das 
bisher nicht geworden, so liegt die Schuld nicht an den Ideen und 
Kraften des Christentums, daB diese nicht rein; und stark genug 
waren, sondern daran, daB die Menschen in Europa diese Ideen und 
Krafte sich leider noch viel zu wenig angeeignet haben. 

Ku Hung Ming ist seiner Sache auch nicht sehr sicher. Er sagt, 
„es scheint", als geniige das Christentum nicht mehr. Er spricht dies 
Urteil auch sicherlich nicht etwa aus, um das Christentum herabzu- 
setzen, sondern er benutzt die gegenwSrtige Lage der Welt, die das 



— 306 — 

Christentum „scheinbar" (d. h. doch in Wirklichkeit nur fur ober- 
flachliche Leute) in Anklagezustand versetzt, um als alleiniges Heil 
fiir die Welt den Konfuzianismus anzupreisen. 

Im Konfuzianismus liegt ja in der Tat eine weltumspannende 
Idee. Er erstrebt die Verwirklichung einer alle Menschen um- 
spannenden geistig-sittlichen Qemeinschaft, die edle Tugenden 
pflegt, alle Lebensgebiete mit guten KrSften durchdringt, die Be- 
ziehungen der Menschen zu einander durch Qiite regelt und alle 
Volker im Weltfrieden eint. Darin liegt naturlich auch fiir den Kon- 
fuzianismus die Weltmissionsaufgabe eingeschlossen. In der Ver- 
gangenheit hat China sich iiber deren Ausfiihrung hinweggesetzt 
und hinweggetauscht durch die Fiktion, daB faktisch alle Volker der 
Erde China als Vasallen unterworfen seien und daher an dem Segen 
des Konfuzianismus teilhStten. Sobald die neue Zeit am Ende des 
vorigen Jahrhunderts die Unhaltbarkeit dieser Fiktion ergab, und 
man erkannte, daB die nicht-chinesische Welt von ganz andern Qe- 
danken beherrscht war, erwachte in den heutigen Konfuzianern der 
Missionsgedanke und stellte ein Programm der Weltevangelisation 
des Konfuzianismus auf: Der Reformer Kang You Wei schrieb 1898 
, in einer Schrift^ die es als dringend notwendig bezeichnet, die ganze 
Welt mit der Lehre des Konfuzius zu durchdringen: „Wenn hervor- 
ragende Manner den Konfuzianismus im Auslande verbreiten wollen, 
so soUen ihnen durch kaiserliche Edikte Ermutigungen, Auszeich- 
nungen und amtliche Titel beigelegt werden, der Staat soil ihnen mit 
Qeldmitteln behilflich sein, und Gesandte und Konsuln sollen sich 
ihren Schutz angelegen sein lassen." „Wenn man so die heilige Lehre 
den wilden Barbarenstammen zuteil werden laBt, so kann man in 
der Tat mit dem chinesischen Worte sagen: (das heiBt,) mit der 
Kultur des heiligen China die Barbaren zivilisieren" (O. Franke, 
Ostasiatische Neubildungen, Hamburg, 1911, S. 29). 

Hier tritt nun bei Ku Hung Ming der gleiche Qedanke hervor, 
der zu starkem und breitem Ausdruck kommt. 

Was er vom Konfuzianismus als dem Heil der Welt riihmt, 1st 
ein Doppeltes, seine veredelnde Wirkung auf das Innere des ein- 
zelnen Menschen und sein Wert fiir die Staaten und ihre Beziehun- 
gen unter einander. 

Der wahre, durch den Konfuzianismus gebildete Chinese zeichnet 
sich durch eine ihn ganz und gar beherrschende Freundlichkeit aus, 
„eine unaussprechliche Freundlichkeit". Durch diese trSgt sein Be- 
nehmen das Merkmal der Sanftheit, selbst in seinen Schattenseiten^ 



— 307 - 

seinen Fehlern: „Der wirkliche Chinese mag derb sein, aber es ist 
keine Qrobheit in seiner Derbheit; er mag haBlich sein, aber es ist 
keine Qehassigkeit in seiner HaBlichkeit; er kann gemein sein, aber 
es ist nichts Herausforderndes, Larmendes in seiner Qemeinheit; er 
mag dumm sein, aber es ist keine Abgeschmacktheit in seiner Dumm- 
heit; er mag listig sein, aber es ist keine tiefe Bosartigkjeit in seiner 
List" (S. 45). 

Diese durch ihre Sanftheit so verklarend wirkende Freundlich- 
keit weist auf das tiefste Wesen des echten Chinesen, aus dem sie 
geboren ist, das ist seine Herzlichkeit. Er lebt fast ganz ein Leben 
des Herzens, des Qemfits (S. 49). „Der wirkliche Chinese lebt mehr 
ein Leben des Herzens, der Seele, daB er manchmal sogar mehr, ais 
gut ist, die notwendigen Erfordernisse des Sinnenlebens eines 
Menschen vernachlSssigt, der in der Welt lebt und aus Leib und 
Seele besteht. Dies ist die wahre Erklarung der Unempfindlichkeit 
des Chinesen den leiblichen Unbequemlichkeiten, der unsauberen 
Umgebung und dem Mangel an Verfeinerung gegentiber" (S. 48). 
Aber dieses Wesen gewinnt dem Chinesen auch so leicht die Herzen 
anderer, dafi auch die Fremden sich in China je langer, um so heimi- 
scher fuhlen: „Die Augen und der Verstand des Fremden bemerken in 
China viele Fehler und Mangel in Qewohnheiten und Charakter des 
Chinesen, aber sein Herz fiihlt sich hingezogen zu ihm" (S. 49). 

So ist das chinesische Volk wie ein Volk von Kindern, well es ein 
Leben des Herzens lebt, aber zugleich hat es eine hohe Intelligenz, 
die es befahigt hat, alle schwierigen Fragen des soziaien Lebens, 
der Regierung und der Zivilisation zu losen. 

Die Chinesen haben keine Religion im Sinne des Abendlandes: 
„Die Tempel, BrSuche und Formen des Taoismus und Buddhismus 
sind mehr Qegenstand der Erholung, als der Erbauung; fie ergreifen 
sozusagen den asthetischen Sinn mehr als den moralischen oder reli- 
giosen, sie wenden sich mehr an die Einbildungskraft als an das Herz 
Oder die Seele. Aber anstatt zu sagen, daB die Chinesen keine 
Religion haben, ware es richtiger zu sagen, daB sie keine Religion 
brauchen, kein Bedurfnis danach fiihlen" (S. 56). „Manche sagen, 
der Konfuzianismus sei keine Religion, und er ist es auch nicht im 
europaischen Sinn des Wortes; aber darin, sage ich, liegt 
gerade seine GroBe, daB er keine Religion ist und 
doch die Stelle der Religion einnehmen kann, daB 
er die Menschen ohne Religion anzuerkennen" 
I e h r t " (S. 58). (Von uns gesperrt.) 



- 308 - 

^ Dazu ist der Konfuzianismus imstande durch seine auf der Tiefe 
seines Gemiitslebens basiefende, straff geordnete Familien- und 
Staatsordnung, die gipfelt „in der gottlichen Pflicht der Treue gegen 
den Kaiser". Hierdurcli gibt er seinen Anhangern „dasselbe Qefiihl 
der Siclierlieit und Fortdauer wie die Religion". Im Familiensystem 
liegt z. B. die Ahnenverehrung eingeschlossen: „Wenn ein Chinese 
stirbt, so ist er nicht getrost im Glauben, daB er nach diesem ein 
anderes Leben leben wird, sondern im Qlauben, daB seine Kinder, 
Enkel und Urenkei, alle die, die ihm am teuersten sind, seiner ge- 
denken und ihn allezeit lieben werden, und in dieser Einbildung ist 
fiir ihn das Sterben wie das Antreten einer langen, langen Reise, 
mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen. (Von uns ge- 
sperrt.) So gibt der Kultus der Ahnenverehrung dem Chinesen den- 
selben Trost im Tod, den der Qlaube an ein zukunftiges Leben der 
Menschheit in andern LUndern gibt" (S. 80 f.). 

Daher vertrete der Konfuzianismus liickenlos die Stelle der 
Religion gemaB dem treff lichen Worte Luthers: „Ein Qott ist einfach 
das, worauf das menschliche Herz ruht mit Vertrauen, Qlauben, 
Hoffnung und Liebe. Ist die Ruhe richtig, dann ist auch der Qott 
richtig, ist die Ruhe schlecht, dann ist auch der Qott eine Tauschung." 

Die Ruhe, die der Konfuzianismus verleihe, bestehe diese Probe 

Wie nach der religiosen, so sei auch nach der sittlichen Seite der 
Konfuzianismus eine voUkommene Lebensbasis. Er gebe durch die 
Qemutstiefe, die er im Chinesen wirke, der „g6ttlichen Verpflichtung 
der Treue gegen den Kaiser" eine solche innere Starke, daB der 
echte Chinese die feinste Sittlichkeit entfalte. ^^ . 

T. Diese Sittlichkeit sei in ihrem Wesen wertvoller als die christ- 
liche. „Die chinesische Bibel, die fiinf Kanons und vier Bucher in 
China, der Zivilisationsplan, den Konfuzius fiir uns bewahrte, lehrt 
dasselbe (wie die christliche Bibel), aber ftigt hinzu: Liebt die Qe- 
rechtigkeit, seid rechtliche Menschen, tut recht — aber mit gutem 
" Qeschmack. Kurz, die europaische Religion sagt: Sei ein guter 
Mensch. Aber die chinesische Religion sagt: Sei ein guter Menscb 
mit gutem Qeschmack. Das Christentum sagt: Liebe die Menschen. 
Aber Konfuzius sagt: Liebe die Menschheit mit gutem Qeschmack" 
(S. 24 0. Dies Zartgefiihl, das dem Chinesen einen ungemein feinen 
Takt verleiht, ist die Schwester jener ungeimeinen Freundlichkeit, 
von der schon die Rede war. 



- 309 - 

In ihren Wirkungen sei diese Sittlichkeit der christlichen 
deshalb iiberlegen, weil das Christentum lehre, ein guter M e n s c h 
zu sein, Konfuzius aber, ein guter B ii r g e r zu sein. „Der christlich^ 
Katechismus fragt: "Was ist der hochste Zweck des Menschen?, aber 
der konfuzianische Katechismus fragt: was ist der hochste Zweck 
des Burgers?" .^Der Christ beantwortet diese I'rage: Der hochste 
Zweck des Menschen ist, Qott zu preisen. Der Konfuzianist ant- 
wortet: Der hochste Zweck des Menschen ist, ein gehorsamer Sohn 
und guter Burger zu sein" (S. 67). „Mit andem Worten, die Religion 
im europSischen Sinn sagt: Wenn du Religion haben willst, muBt du 
ein Heiliger, ein Buddha, ein Engel sem; wahrend der Konfuzianis- 
mus sagt: Wenn du als gehorsamer Sohn und guter Biirg«r lebst, 
daiin hast du Religion" (S. 67 f.). 

„So waren denn auch bisher die Zustande in China ausgezeichnet. 
In China ist derMensch geschiitzt durch den Qerechtigkeitsisinn seines 
Nachbarn, durch die Bereitwilligkeit seines Mitmenschen, dem Qe- 
fuhi der moralischen Verpflichtung zu folgen. Er ist sicher, daB 
Recht und Qerechtigkeit von jedermann als eine Kraft, die hSher 
steht als die physische, anerkannt werden, und daB die moralische 
Verpflichtung als etwas anerkannt wird, dem gehorcht werden muB. 
Wenn man nun die ganze Menschheit dazu bringen kann, das anzu- 
erkennen, so wird der Qebrauch der physischen Kraft unnotig 
werden, und es wird keinen Militarismus mehr in der Welt geben. 
Aber es wird in jedem Land einige Leute, Verbrecher, geben und 
iiberall ein paar Wilde, die das nicht anerkennen wollen oder unfahig 
dazu sind. Qegen diese wird ein gewisses Aufgebot von physischer 
Oder Polizeikraft oder Militarismus immer in jedem Lande notwendig 
sein (S. 34 f.). 

Darum gibt er den Volkern Europas jetzt im Kriege den Rat: 
„Ruft den Chinesen, den wahren Chinesen mit 
seiner Religion des guten Burgers und seiner Er- 
fahrungvon 2500 Jahren, wie man ohne Priester 
undSoldateninFriedenlebenkann"(S. 39). Das groBe 
chinesische Qesetz der Treue wird, wenn alle Volker es annehmen, 
diese Volker „befahigen, nicht nur die biirgerliche Ordnung in ihren 
eigenen Landem aufrecht zu erhalten, sondern auch den 
Weltfriedenzuwahren""(S. 178). (Von uns gesperrt.) 

Diese Ausfuhrungen Ku Hung Mings iiber die Religion und das 
Leben in China fordern in mehrfacher Hinsicht zu scharfer Kritik 
heraus. Es ist keineswegs so, daB die Qotter und Tempel in China 



- 310 - 



keine spezifisch religiose Bedeutung hatten. Man muB nur einmal 
die angstvoll auf ihren Knien betenden Chinesen in den Tempeln ge- 
selien liaben, und wird sofort erkennen: da rufen Menschenseelen 
aus groBer Not zu den Qottern, die ihnen letzte Zuflucht sind. Es ist 
ja auch ferner gar nicht so, daB die Ahnenverehrung die Sehnsucht 
der Menschen nach einem ewigen Leben befriedige. Das hat dem 
Buddhismus in Ostasien die Tore geoff net und gibt ihm im Volke \ 
solchen Anhang, daB in ihm — in der dort verbreiteten Form — eine 
Hoffnung lebt auf eine Erlosung aus dem Tode. Ku Hung Ming redet 
ja auch plotzlich bei der Ahnenverehrung (siehe oben) von einer 
Hoffnung auf ein Wiedersehen, einer Hoffnung, die in der Ahnen- 
verehrwig schlechterdings unbegriindet ist, wenn damit ein Wieder- 
sehen in einem schoneren Leben gemeint ist. Ein Wiedersehen in 
dem bei der Ahnenverehrung den Toten zugedachten Fortleben hat 
nichts Lockendes. ' 

Ober seine Kritik des Christentums im Verhaltnis zum Konfu- 
zianismus ist es nicht notig, hier eingehend zu handeln. Nur auf zwei 
Punkte sei hier hingewiesen. Das Erne ist dies: die Forderung des 
Christentums, ein guter Mensch zu sein, schlieBt selbstverstandlich 
die Pflicht ein, ein guter Sohn und Burger zu sein; die christliche 
Ethik greift aber noch weiter, bietet also viel groBere Aussichten, 
daB die Menschen der verschiedenen Volker und dadurch die ganzen 
Voiker sich befreunden, denn das Christentum verpflichtet seine An- 
hanger zur Liebe gegen a 1 1 e Menschen a 1 1 e r Volker, selbst wenn 
sie uns feind sind. Und an Zartheit, an „gutem Oeschmack" laBt 
sich wahre christliche Liebe durch nichts iiberbieten. Das liegt in 
ihrem Wesen. ^ 

Das andere ist dies: die Verwischung der Qrenzen zwischen den 
Religionen durch die Erklarung, die wahre Kirche bestehe aus alien 
bestgebildeten und reinsten Menschen auf der Erde, birgt ja gewiB 
einen Wahrheitsfunken insofern, als es sittliche Qemeinschaft unter 
alien edlen Menschen der Erde gibt. Aber die Behauptung ist doch 
schief und im ganzen unrichtig. Denn es gibt keine Vollendung 
des Menschenlebens in sittlicher Hinsicht ohne Qott und es gibt keine 
vollendete Mensch^ngemeinschaft ohne das gemeinsame Ver- 
haltnis zu Oott. 

Es ist ja auch gar nicht so, daB die Zustande in China jemals so 
gewesen waren oder heute so seien, wie Ku.Hung Ming sie (S. 34) 
schildert. In China ist durch das straffe Familien- und Staatssystem 
erreicht, daB China verhaltnismSBig wenig Beamte hat, aber es 



— 311 - 

herrscht wahrlich weder mustergiiltige Ordnung, noch Respekt vor 
dem andern und seinem Eigentum, noch redliche Treue der Beamten. 
In der Behauptung Ku Hung Mings liegt eine uber 
allerWirklichkeitinderLuftschwebendeldeali- 
sierung Chinas. Besonders kraB tritt diese Idealisierung zu- 
tage bei einem besonderen Abschnitt in dem neuen Buch iiber die 
chinesischeFrau. Hier vergiBt er auf der einen Seite sowohl 
die grundsatzliche Qeringschatzung der Frau in der gesamten ost- 
asiatischen Kultur, als auch die iiber alle MaBen traurige Wirklichkeit 
des Frauenlebens, auf der andern Seite rechtfertigt er das 
Konkubinat. Die rechtmafiige Qattin gebe ihrem Manne aus 
Liebezuihm Nebenfrauen. Das sei ein sehr harmonischer, guter 
ZuStand. Der Begriff der Keuschheit und der Einehe besteht nicht 
fur ihn, wenigstens nicht fiir den Mann. 

Nimmt man aber einmal die Idee, die Ku Hung Ming vertritt, 
als V^orschiag zur Herbeifiihrung gedeihlicher Zust^de in Europa 
an, so bleibt die letzte, entscheidende Frage off en: Wie erfiillen wir 
die Menschen mit der gepriesenen Herzensgute? Wie bewegen 
wir sie zu der Treue gegen den Kaiser? In China hat die konfu- 
zianische Grundlage doch gerade in iiingster Zeit die Probe nicht 
bjstanden. Das Kaisertum ist beseitigt. Die europaischen Ideen 
haben die konfuzianischen Ordnungen leider viel zu leicht gesprengt. 
Ku Hung Ming fiihit selbst das Gewicht dieser Frage. Er sagt: 

„Aber man wird mich fragen, wie ich die Menschheit dazu 
bringen will, Recht und Gerechtigkeit als eine Kraft anzuerkennen, 
die hoher steht als physische Kraft. Dazu muB man zuerst die 
Menschheit von der Wirksamkeit von Recht und Gerechtigkeit uber- 
zeugen, sie von derMacht der Giite iiberzeugen. Um das zu 
errcichen, lehrt die Religion des guten Biirgers in China jedes Kind, 
sobald es fahig ist, den Sinn der Worte zu fassen, daB die N a t u r 
des Menschen gut ist"*) (S. 35). Der Qlaube an die Macht 
der Giite, die Eltern und Kinder und Herrscher und Volk in Harmoiiie 
und Treue verbindet, ist die Kraft, die es zu entziinden gilt (S. 40). 
Und wodurch? Durch das Lehren, daB es so ist, durch verstandes- 
niaBigen Nachweis der Nutzlichkeit, die die Menschen dazu bewegt, 
daran zu glauben. 



*) ,Das ist der erste Satz des ersten Buches, das in die Hand eines 
jeden Kindes in China gelegt wird, das zur Schule geht." 



— 312 - 

Dies ist die Antwort, die auch die alten chine^schen Klassilcer 
selbst auf diese Frage gegeben haben, nictit nur Konfuzius, sondern 
auch Micius. DaB sie ungenugend ist, dafi man durch solciie rationa- 
listische, rein innerweltlich-moralisierende Leiirt&tigkeit nichts er- 
rciclit, bedarf hier keines Nachweises. Es gibt nur eine Antwort, die 
dir obige Frage wirklicii lost, das ist die: Niciit Belehning irgend- 
welclier Art vermag das zu leisten, sondern nur eine Frommigkeit, 
die sicli an Qott und das Oberweltliclie halt, und die Qefuhl und 
Sehnsucht wie die Willenskrafte ergreift. Die Vollendung aller Re- 
ligion ist das Christentum. Das hat China nicht. Wir haben es, und 
es ist die Kraft unseres Lebens. Daran hat der Krieg nichts geSndert. 

Ku Hung Ming versteht im Qrunde gar nicht, was Religion ist 
und was sie dem Menschen und der Menschheit ist. Ihm ist, was er 
..Religion" nennt, im wesentlichen ein Mittel, die Menschen *zu 
regieren und die Lebens verbal tnisse gut zu ordnen, so wie manche 
Politiker bei uns Religion ansehen und einschatzen. Er selbst 
aber fuhlt sich iiber alle diese Dinge erhaben in seinem auf alles 
Oberweltliche verzichtenden, rein innerweltlichen Ethi^ismus. 

Das Buch Ku Hung Mings ist sehr lehrreich zu lesen, ein Spiegel- 
bild der Qesinnung und Stimmung der edelsten nichtchristlichen 
Kreise in China. Storend ist nur die Sprunghaftigkeit der Qedanken, 
die ein wenig zu ordnen und in den unsere Leser am meisten inter- 
essierenden Qrundztigen wiederzugeben, liier versucht ist. Der Her- 
ausgeber und der Verlag verdienen Dank, daB sie uns dies Buch ge- 
geben haben. Mochte es viel gelesen werden. * 



^ Aus der Mission der Gegenwart. 

StaatUche Anerkamuiis des Christentums fai Japan. 

Einer der feinsinnigsten,* erfahrensten Misaonare in Japan, der Ameri- 
kaner Dr. Sidney Quiich, hat sich iiber die Bedeutung der Christiani- 
sierung Japans geauBert: „Durch die gottliche Vorsehung hat Japan einen 
einzigartigen Rang unter den nichtchristlichen Volkern erreicht. Es hat zu- 
erst unter ihnen eine faktisch christliche Zivilisation einzufithren versucht. Aber 
es versucht dies, ohne die (dieser Zivilisation) zugrunde liegenden Fundamente 
anzunehmen und ohne den besonderen Qlauben, auf dem diese Zivilisation auf- 
gebaut ist Seine konstitutionelle Verfassung, seine Volkserziehung, seine Tages- 
presse, seine Verlagsanstalten, seine modeme Rechtsprechung, seine Post- und 
Telegraphensysteme, seine Eisenbahnen, seine westl^dischen industriellen und 
konuneraellen Methoden, seine weltweitoi Erforschnngra und zahllosen Unter- 
nehmungen bringen neues Leben in Japan hervor. Wer kann zweifeln, daB sie 



— 313 - 

ungeheure Bedeutung haben fiir das Kommen des Reiches Qottes und den end- 
lichen Sieg Jesu Christi? Die Erreichung dieses Zieles wird in nicht geringem 
Mafie abhangen von der Qeschicklichkeit, mit der die Christen ihr Verhalten 
zu den fiihrenden Kreisen Japans einrichten. 

M&chtige Widerstande sind noch zu iiberwinden. Und wenn wir Japan 
nicht zu Christus bringen konnen, das so aufgeschlossen und so bereit ist, das 
Beste zu lernen, das der Westen zu lehren hat, welche Hoffnung haben wir 
dann, China oder Indien zu christianisieren? Das Christentum hat, glaube ich, 
in Japan eine so gunstige Gelegenheit wie in keinem anderen modernen nicht- 
christlichen Volk/' 

Dem japanischen Parlament liegt ein Gesetz vor, daB das Christentum 
staatlich als LandesreU^on neben Shintoismus und Buddhismus anerkannt 
werden soil. Schonidie Tatsache, daB dies Gesetz mit dem 
Willen der Regijerung zur Verhandiung kommt, ist doch 
ein. ganz ungeheurer Triumph fiir das Christentum. Das 
ist erreicht nach nur f unf zigi ahriger Missionsa r belt 
in Japan! Mag die japanische Regierung das Christentum dadurch enger 
an sich zu ketten suchen, um es zu beherrschen: so wird es ja am Christentum 
liegen, ob es sich nuBbrauchen ISBt oder nicht Jedenfalls ist, wenn mit dem 
Qesetz selbst nicht eine enge Knebeiung des Christentums gegeben ist, was 
nicht wahrscheiniich ist, der Vorteil einer gesetzlichen Anerkennung des 
Christentums sehr groB. Man denke an die bisherigen Schwierigkeiten fiir 
Lehrer und Beamte, Christen zu sein. Die ramiUenkonflikte sind nicht mehr im 
bisherigen Mafie moglich, wenn das Christentum staatlich anerkannt und ge- 
achtet ist. Das Christentum wird zu ganz neuen Kreisen Zugang bekommen. 

Darum ist es nicht gut zu verstehen, was der „Missionary Herald" (1916, 
S. 314) berichtet, daB eine Gruppe angesehener christlicher Fiihrer in Japan 
sich gegen das geplante Gesetz erkltrt hat, als beemtrSchtige es das Christen- 
tum: „Wenn eine Religion nicht ohne behordUchen Schutz vorwartskommen 
kann, so ist das ein Zeichen, daB es ihr an wahrer Kraft fehlt." 

Was wolien diese MSnner? Das Christentum will doch das ganze iapa- 
nische Volk in alien seinen Lebensaufierungen und Einrichtungen mit dem Geist 
Christi erfiillen. Soil denn alles andere christlich werdoi und die machtvollste, 
einfluBreichste und eingreiiendste Yolkseinrichtung, seine Regierung nicht? 

Wird die Regierung nicht christlich, so sind auch ihre Erlasse und Gesetze 
nicht von diesem Geist durchdrungen. 

Wenn nun die regierenden Manner sogar Christen wiirden, soUten dann die 
Erlasse dieser Manner das Christentum ignorieren? Zu behaupten, auch jetzt 
schon sei in Japan das Christentum frei genug und angesehen genug, das heiBt, 
sich der Wahrheit der Tatsachen verschlieBen. Bei der Kaiserkronung z. B. war 
es ausgeschlossen. fiir h o h e Beamte ist es sehr schwer, ihr Christentum zu 
bekennen. 

Zu dieser Ablehnung des neuen Gesetzes paBt so gar nicht die Klage, die 
sehr laut erhoben ist, daB die japanische Regierung den Missionsschulen in 
Chosen (Korea) den Religionsunterricht entziehe und sie dadurch schSdige. So- 
lange das Christentum auBerhalb der Gesetze steht, kann man eine Ehildung 
dieses Unterrichts doch gar nicht erwarten. Im iibrigen gibt es doch auch 
christliche Lander mit Schulen ohne Religionsunterricht. Die Missionsschulen 



— 314 — 

m Japan gedeOien gut ohne Religionsuntefricht. Denn es gibt Qeiegenheit 
genug, das Christentum doch zur Qeltung zu bringen. AuBerdem sind die 
Sonntage ia frei. 

-" Man hemme durch Widerspruch nicht eine Entwicklung, die dem Christen- 
tum wie ein Geschenk Qottes in den SchoB fallt und das Beste verspricht. 
Noch steht freilich die Entscheidung des japanischen Parlaments aus. 

Dr.J.Witte. 

! '- . Der neue Prasident Chinas. 

Der Goieral Li Juan Hung ist 1864 in der Provinz Hupek geboren. Er be- 
suchte die Marineschule in Peiyang und nahm als Seeoffizier am Chinesisch- 
Japanischen Kriege teil. Dann ging er zum Landheer iiber. Beim Beginn der 
Revolution trat er an die Spitze der revolutionaren Truppen in Wuchang. Er 
wirkte versohnend zwischen Nord und Sud. Die schon 1912 von vielen ameri- 
kanischen BlSttern gebrachte bestimmte Nachricht, Li Juan Hung sei Christ, 
wird widerrufen. Er sei kein Christ, aber er stehe — wie Yiian Schi Kai — dem 
Christentum freundlich gegeniiber. Dr. J. W i 1 1 e. 

Rabindnmatfa Tagore fiber das Chrisieiif^B. 

In einem Artikel des Blattes „Harvest Field" fiihrt Rabindranath Tagore 
aus: „Die, welche die Lehre Jesu in Wahrheit angenommen haben, konnen ihre 
Zdt nicht mit einer Anbetung verbringen, die nur in Zeremonien besteht. Fiir 
sie ist der Dienst an den Menschen die wahre Anbetung. Dire Aufgabe, die sie 
sich seibst gestellt haben, ist schwer. Sie haben ihre bequemen und leichten 
Lager verlassen, haben ihre Lebensliebe geheiligt und ihr Leben dem Dienst an 
Menschenfressern und AussStzigen in fernen LSndern geweiht. Denn ihr Herr, 
der sie erfuUt hat, ist der .jyienschensohn", und m seinem Kommen ist Qottes 
Liebe zu den Menschen klar offenbart worden. Denn wer hat so wie er auf 
alle Weise die Menschen verherrlicht?" / 

Die Schriitieitung des „l!arvert Field" sagt dazu, der Dichter erkenne 
wohl an, daB Indien Jesu Lehre notig habe. Aber „er verschlieBt seine Augen 
gegen die Nachtseite des menschlichen Leb^is. Siinde findet sich nicht m des 
Dichters Wortschatz- Indien braucht keinen Erloser." Dr. J. W i 1 1 e. 



Aus unserem Vereinsleben. 



32.Jahresversaminlung des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen 

Missionsvereins zu Wiesbaden. 

Vom 15. bis 17. Oktober fand in Wiesbaden unsre Jahresversammlung 
statt. Durch die aufopfernde Bemuhung unsrer Wiesbadener Freunde, 
vor allem unsres hochverehrtcn Dekans Bickel, ist es gelungen, trotz des 
Krieges diese Versammtung zu einer sehr wirkungsvoUen Kundgebung 
auszugestalten. Die Qottesdienste in den vier Kirchen Wiesbadens und 
der Vortrag Dr. Rohrbachs waren gut besucht und batten auch guten, 
sichtbaren Erfolg. QroB war die Zahl der Pfarrer, die zu der Versammlung 



- 315 — 

tinsrer Freunde aus Nassau erschienen waren, und die zum Teii auch an 
den anderen Veranstaltungen teilnahmen. Aus den Verhandlungen des 
Zentralvorstandes ist zu erwahnen, daB PfarrerHabicht (Berlin) zum zweiten 
VizeprSsidenten gewShlt wurde, und daB die Wahl folgender neuer Mit- 
glieder des Zentralvorstandes von der Hauptversammlung gebilligt wurde: 
Wirkl. Qeh. Rat von K5mer (Berlin), Wirkl. Oeh. Rat Raschdau (Berlin), 
Professor Qressmann (Berlin -Zehlendorf), Professor Rade (Marburg). 

Eingehend wurde eine neue Dienst- und Pensionsordnung fur die 
Angestellten auf den Missionsfeldern beraten. Mit Freude wurde fest- 
gestellt, daB trotz der LSnge des Krieges die ' Einnahmen in der Heimat 
nicht erheblich zurQckgegangen sind, daB freilich nach dem Kriege sehr 
groBe Aufgaben unsrer warten. Mit voller Zuversichtlichkeit, daB es 
gelingen wird, durch ernste Arbeit diese Aufgaben zu erfullen. gingen 

die Teilnehtner voneinander. Dr.J. Witte. 

• 

Neue Nachrichten aus China. 

Aus China haben wir wieder Nachrichten vom Maf und Juni erhalten. Es 
sind dieselben zum groBen Teil leider recht wenig erfreulicher Art Sowohl die 
politischen als auch die personlichen Verhaltnisse scheinen immer driickender 
zu werden. In der Zeit vor Yflan Schi Kais Tod miissen die Unruhen in 
Schanghai ziemiich schlimm gewesen sein. Die besseren Chinesen, auch die 
Familie unserer Schfllerin Wang J, zogen alle aus der inneren Chinesenstadt 
heraus ins EuropSische, well sie vor RSubem und Schlagereien der Revolu- 
tionSre ihres Lebens nicht mehr sicher war. Wie wenig YUan Schi Kai cUe gute 
Meinung, die man eine Zeitiang von ihm hegte, verdiente und mit was fur 
Mittebi er in letzter Zeit arbeitete, zeigt folgende Begebenheit. Am 19. Mai 
kamen mehrere Abgesandte vom Pekinger Hof nach Schanghai, angeblich urn 
mit Tschen Ki-me wichtige Aegelegenheiten in einer Bergbausache zu be- 
sprechen. (Tschen Ki-me ist einer der Revolutionsanfiihrer.) Nachdem sie eine 
Stunde iang auis eingehendste beraten hatten, verabschiedeten sich die Qe- 
sandten wieder und schickten sich an, zu gehen. An der Tiire zogen sie jedoch 
plotzlich Revolver heraus und begannen zu schieBen. Tschen Ki-me sowie alle 
zu Hilfe eilenden Leute wurden kurzerhand niedergeknailt Bis auf einen sind 
die Morder alle entkommen. 

Die GehSssigkeiten und Schikanen der Englander gegen die Deutschen in 
Ostasien werden immer schlimmer. Herr Professor Buck, der Dirigent des 
„internationalen" Stadtorchesters in Schanghai, ist mit samt seinen deutschan 
Musikem einfach kaltgestellt worden. Solange ihre Kontrakte dauem, be- 
kommen sie noch ihr Gehalt, mussen auch die Proben alle mitmachen; offentlich 
in den Konzerten auftreten dtirfen sie jedoch nicht mehr. 

An die neugemietete Wohnung von Frau Wilhelm grenzen Hauser, die 
von Englandem bewohnt werden, und die Kinder sind h§ufig den Schmahungen 
und Beschimpfungen englischer Knaben ausgesetzt. Auch sonst scheint die 
Wohnung nicht besonders gunstig zu sein. In den Sommermonaten ist so feucht 
und heiB, daB man, ohne seiner Qesundheit zu schaden, nicht darin wohnen 
bleiben kann. Frau Wilhelm und Fraulein Blumhardt sahen sich daher- 
gezwungen, wahrend der Ferien Schanghai zu verlassen und in die 
Berge zu reisen. Da sie niemand fanden, der wahrend diese r Zeit 



- 316 — 

die Wohnung getnietet hatte, und da ihnen selbst das Qeld knapp 
ist, muBten sie sich entschlieBen, die Wohnung ganz aufzugeben. Wo 
sie nun nach ihrer Riickkunft aus den Bergen vom 1. Oktober an wohnen 
werden, ist noch ungewiB. Wir hoffen, daB die Bekannten ihnen helfen, etwas 
Neues zu finden. Auch Herr D. Wilhelm scheint sehr in Qeldnot zu sein. Seit 
Januar 1916 konnten keine Qehalter mehr ausgezahlt werden. Einige treue 
Lehrer scheinen trotzdem noch auszuhalten; auch das Hospital geht unter Bei- 
hilfe von Dr. Weicher bis ietzt noch weiter. Die Last der vielen Arbeit, die 
Herr D. Wilhelm nun schon so lange so ganz allein zu tragen hat, i&ngi an, seine 
Qesundheit recht anzugreifen- Im Mai schleppte er sich wochenlang mit Fieber 
herum. Im Juni ging es eine Zeitlang gar nicht mehr, so daB er sich iegen muBte. 
Nachdem schien es wieder etwas besser zu gehen. 

Wir werden erneut versuchen, nach China Geld zu iibersenden, damit 
unsere Missionare nicht Not leiden. Wir sehen, daB das Leben fttr sie drauBen 
jetzt sehr hart und schwer ist, so diirfen wir sie wenigstens mit Qeld nicht 
darben lassen. r , Dr. Witt e. 



Bficherbesprechungen. 



L. Scherman, Zur altchfaiesischen Plastflc Erlduterungen einiger Neu- 
zugange im Miinchener Ethnographischen Museum. Mit 22 Abbildungen. 
Sitzungsberichte der Koniglich Bayerischen Akademie der Wissenschaften, philo- 
soplilsch-philoiogische Klasse, Jahrgang 1915, 6. Abhandlung. Munchen 1915. 

Ein kleines archaologisches Lehrbuch nennt treffend ein berufener Be- 
urteiler. Professor O. Franke (Hamburg), diese in den Sitzungsberichten der 
Kgl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften veroffentUchte Abhandlung. 
Sie selber gibt sich als bloBe Erlauterung einiger Neuzugange im Miinchener 
Ethnographischen Museum, dessen Direktor der Venasser ist. Es ware zu be- 
dauern, wenn der wirklich ganz und gar nicht anmaBliche Titel, der eigentUch 
nicht mehr als nur ein Stiick wissenschaftiichen Katalogs erwarten lassen muB, 
einen der ohnehin nicht eben allzu zahlreichen Interessenten an dieser sehr ge- 
diegenen Publikation voriibergehen lieBe. Ich selber habe ae mit Qewinn ge- 
lesen und mir nicht nur aus den 52 Seiten Haupttext, sondem auch aus den 
11 Seiten angefiigter Anmerkungen mehr herausgeholt als sonst wohl aus 
manchem beleibten und anspruchsvoll auftretenden Buchband. In dem Appendix 
smd es hauptsachUch die Literatumachweise, die manchem von Wert sein 
diirften, Literatumachweise, die in ihrem Reichtum | den Leser sofort darauf 
fuhren werden, daB er es in dem Autor mit dem litei^aturkundlgen Herausgeber 
der „Orientalischen Bibliographie" zu tun hat Wenn ich an diesem Orte auf 
Schermans Abhandlung empfehlend hinweise, so geschieht dies nicht nur deshalb, 
well eben innerhalb des Leserkreises dieser Zeitschrift Interesse fQr (Ue er- 
ISuterten chinesbchen Skulpturen religionsgeschichtlicher Natur — es handelt 
sich um exhumierte toneme Grabbeigaben (Topfereiarbeiten) aus der vor- 
buddhistischen Han-Periode und um erne Anzahl Buddha- und Bodhisattva-Dar- 
stellungen aus dem 5- bis 9. nachchristlichen Jahrhundert — von vornherein vor- 
auszusetzen ist, sondem noch aus einem besmideren Grande. Es ist ein Missionar, 
der Amerikaner Th. Torrance, dem das Miinchener Museum die fur die Frflh- 
periode der chinesischen Kunstentfaltung tyjMSchen Stiicke verdankt, ein Mis- 



— 317 - 

sionar, der nun freilich nicht aus freien Stiicken darauf gekommen ware, einem 
deutschen wissenschaftlichen Institute diese instruktive Sammlung alter Plastiken 
zuzufuhren, ach aber bereitwiUig in Dienst nehmen lieB, als ein umsichtiger 
Museumsleiter, durch einen von Torrance im ..Journal of the North-China 
Branch of the Royal Asiatic Society 41" ( 1910) veroffentUchten Aufsatz auf den 
nichtziinftigen Archdologen aufmerksam geworden, in wissenschaftlichen Brief- 
wechsel mit dem Manne trat. So ist die vorliegende Publikation, in der sich 
Scherman sachkundig uber die von Torrance und eine Anzahl durch andere er- 
wirkte Neuerwerbungen auslSBt, zu einem guten Telle die Frucht wissenschaft- 
lichen Zusammengehens des Universitatsprofessors mit dem Missionsarbeiter. Die 
erl^utertenStiicke werden demLeser in beigegebenen deutlichenAbbildungen vors 
Auge gefiihrt' Angesichts der von Torrance der Han-Zeit zugewiesenen mensch- 
lichen Figuren und Kopfe in ihrer relativ doch noch recht groben Herausarbeitung 
weiB man nicht, was man — dieErinnerung daran kommt mir selbst Uber demAn- 
schaven der hier mitgeteilten Abbildungen — aus der bei Lieh-tsze zu lesenden 
sonderbaren Qeschichte von dem Andrdden des Mechanikers Ning SchI machen 
soil (siehe Faber, Der Naturalismus bei den alten Chinesen, S. 123 ff. oder Wil- 
helm, Lis Dsi, S. 591. und S. 138). Ein Ratsel gibt auch die von Scherman, 
S. 58, Anmerk. 61, angezogene Skulptur aut eine iiberlebensgroBe Buddha- 
statue in Holz, die vor 25 Jahren Dr. Max Buchner von einem japanischen 
H^dler in Kobe fur das Ethnographische Museum in Miinchen erworben hat, 
ein Unikum darin, daB ihr als Scheitelfigur eine genaue MiniaturrepUk der 
stehenden Ganzfigur aus dem schematisch geringelten Haar hervorwachst. DaB 
hier, was man neuerdings hat argwohnen woUen, an die profane Erfindung eines 
neuzeitUchen frivolen Bildschnitzers zu denken ware, kann ich jedenfalls nicht 
glauben. HansHaas, Leipzig. 

Die Reste der pfimitiven ReBgimi im altesten Ctuistentum. Von D. Dr. 
Carl Clemen, Professor an der Universitat Bonn. Verlag von Alfred 
Topelmann in QieBen, 1916. Preis geh. 7 M., geb. 8,25 M. 

Das neue Buch von Carl Clemen ist dne Weiterausfiihrung der Qedankeii, 
die sein Verfasser in dem im Januarheft dieser Zeitschrift veroffentUchten Auf- 
satze ausgesprochen und am Ende desselben selber auch schon kurz zusammen- 
gefaBt hat Das uberhebt den Referenten der Notwendigkeit, hier erst angeben 
zu miissen, was die dargebotenen Ausfiihrungen wdlen. WoUte er sich nun 
aber weiterhin auf die zweite Ofienbarung beschranken, daB im Buche, einem 
Bande von 172 Seiten, durchaus auch die in jenem Aufsatze von nur 11 Seiten 
befolgte Qedanken- und Stoffdisponierung beibehalten ist, so ware — die Be- 
fiirchtung liegt nicht allzufem — die Anzeige am Ende gerade ganz angetan, dem 
Verfasser Leser „abzuspanen", anstatt ihm solche zuzufiihren. Das zu ver- 
hiiten, sei gleich hervorgehoben, daB das Buch inhaltlich ein ganz betrSchtliches 
mehr gibt als der Embryo, aus dem es erreifte, ja — im Vorwort wird das schon 
verraten — mehr enthalt, als sein Titel kann erwarten lassen. Der dgentlichen 
Untersuchung schickt Clemen im Buche (S. 6ff. und S. 106 6.) eine Schilderung 
der primitiven Religion selbst, soweit diese fiir jene in Betracht kommt, voraus. 
Wohl getan ist das, will mir scheinen, schon in Ansehung dessen, daB Clemen 
als Leser in der Hauptsache christliche Theologen finden wird, von denenim 
allgemeinen (man denke an das bose, nicht so ganz unverdiente Kap. Ill „Die 
Stellungnahme der theologischen Kreise" in P. W. Schmidts Ursprung der 



— 318 - 

Gottesidee!) nicht vorauszusetzen ist, daB sie mit dem gegenwartigen Stand der 
ethnologischen Forschung eben so allerbestens vertraut sind. Es mag sehr wohl 
sein, daB mehr als einer von ihnen erst diesen einleitenden, unterbauenden Dar- 
legimgen Clemens die Belehrung verdanken wird, daB die lange Zeit fast aus- 
schlieBlich in Qeltung gewesene animistische Thedrie, die mit dem Namen 
Tylors unlosUch verkniipfte, nachdem sie angefangen, auch den Theologen ge- 
iSuiig zu werden, der religionsgeschichtlichen Forschung allbereits so etwas wie 
ein uberwundener Standpunkt ist, iiberwunden, heiBt das, insofern, als diese jetzt 
gegen die Herleitung aller Religion aus einem angebiich urspriinglichen Seelen- 
giauben und Seelenkult entschiedenst Einspruch tut Zur Stunde — gewiB auch 
wieder nicht definitiv — hat man, um nicht als ruckst^dig zu gelten oder wirk- 
lich hinter dem Fortschritt nachzuhinken, P r a - Ammist zu sein, d. h. einer 
dynamistischen Anschauung zu huldigen und muB mit Begriffen wie mana, 
orenda, manitu, wakonda Fangball spielen konnen und auf grausen Zauber aller 
Art sich wohl verstehen. 

Es wird nicht mehr als zehn Jahre her sein, daB vom Verlage J. C. B. Mohr, 
Tubingen, die Veroffentlichung eines Werkes mit dem Titel „Primitive Religion 
bei Natur- und Kulturvolkem" in Aussicht genommen war. Soviel ich weiB, ist 
davon bis ietzt nichts weiter als eine gleichbetitelte Skizze zum Druck gefordert 
worden, dies zwar in Qestalt eines Eisenacher Gymnasialprogramms. Sein Ver- 
fasser. Otto Schmiedel, wird des am Ende nicht eben unzuf rieden sein. 
Denn: wdre das Buch erschienen, es w3re, der publizierten Skizze nach zu ur- 
teUen, die von der ganzen neuesten Phase der modemen Richtung, dem Ratten- 
konig aufetrebender praanimistischer Zaubertheorien, noch keinerlei Notiz ge- 
nommen, alsbald auch schon antiquiert gewesen. Nachdem nun Clemen, wohl 
ohne von Schmiedels Plan iiberhaupt etwas zu wissen — wenigstens Jande ich 
das Eisenacher Qymnasialprogramm bei ihm nirgends angezogen — mit seinem 
Werke hervorgetreten ist, wird dieser — verdrossen oder resigniert — sich 
darein zu finden wissen, daB ein produktiverer Forschungsgenosse ihm zuvorge- 
kommen und seine eigene Arbeit iiberiliissig gemacht hat Moglich auch, daB 
es ihm eine Freude ist, die Aufgabe, die ihm von lange her vorgeschwebt, von 

Clemen geldstet zu sehen, wenigstens zu einem Telle geleistet zu sehen- 
Denn: wollte e r, wie er es fluchtig auch schon in seiner Skizze tut das Nach- 
wirken der „Naturreligion" (wie er sich ausdriickt) nacheinander in den Kultur- 
religionen von Indien, China, Japan, Babylon, Qriechenland und Germanien ver- 
folgen, um erst danach zu zeigen, daB auch das Judentum und selbst dessen 
Tochter, das Christentum, der primitiven Religion ihren Zoll gezahlt daB als 
Unterstromung diese auch hier noch sich erhalten hat so hat Clemen 
sich von vomherein auf die Auf spii rung nur der im altesten Christentum, im 
wesentlichen nur der im Neuen Testament nachweisbaren primitiven Anschau- 
ungen und Brauche beschrankt. Sein neues Buch, in dem er sich kluglich auf 
einem Gebiet halt wo er sich wissenschaftlich voU zu Hause wissen konnte, 
bildet so die Erganzung zu seinem friiheren Werke „ReligionsgeschichtUche Er- 
klSrung des Neuen Testaments", das die Abhangigkeit des Sltesten Christentums 
von nichtjiidischen Kulturreligionen und philosophischen Systemen durchzu- 
prufen unternommen hatte, Aber: ist dort em gewisses Widerstreben, auBer- 
christliches Lehngut zuzugeben, unverkennbar, und bezeichnet es Clemen auch 
ietzt wieder etwas recht scharf als eine ungeheuerliche Obertreibung, schon 



- 319 - 

das Urchristentum eine synkretistische Religion zu nennen, so belnindet sich in 
der gegenwartigen Untersuchung vielfach, sehr vielfach eine wohl nicht nur mir 
zu weit gehende Bereitschaft, um nicht zu sagen Idiosynlcrasie, auf Schritt und 
Tritt im Neuen Testament Reste der primitiven Religion zu wittem, Und wird 
natiirlich von Clemen auch nicht verkannt, dafi es sich bei diesen Spuren sehr 
oft um ganz unschuldige Rudimente, um Ausdrucke oder BrSuche handelt, die 
bereits bei ihrer Aufnahme in das Neue Testament ihren urspriinglichen Sinn 
verloren hatten, bei denen man »ch uiberhaupt nichts mehr oder ganz etwas 
anderes dachte, so halte ich meinerseits es schon fiir ein Wagnis, 2ai dem ich 
selbst den Mut nicht aufbrSchte, auch nur bestimmen zu woUen, was die Primi- 
tiven selbst bei den betreffenden Dingen wirklich im Sinne gehabt. Von dem aus 
aller Welt zusammengelesenen ethnologischen Material gilt doch tatsachlich, 
daB kein Mensch sicher weiB noch wisseh kann, was es jemals faktisch bedeutet 
hat. In die primitiven Religionen konnen wir Kulturmenschen uns trotz alien 
EinfOblnngsvermogens mid -wiUens wirklich wohl kaum je wieder recht hinein- 
finden, und sicher hat da 1 1 o recht, wenn er (Kant-Friessche Religionsphilo- 
sophie, S. 197) sagt: „Was Buddha woUte, konnen wir zu verstehen vielleicht 
noch einmal erreichen. Was aber Totem und Tabu fiir die „Primitiven" wirklich 
bedeuteten, wahrscheinlich nie." Die Arbeit, die Clemen hier getan hat, m u fi t e 
einmal getan warden, und dafi er sie geleistet, gibt ihm ein Anrecht auf unsere 
Dankbarkeit Es ist aber wohl ganz im Sinne des Verfassers selbst, wenn der 
Referent die Leser, die er der Arbeit wiinscht und wirbt, darauf aufmerksam 
macht, daB es jedem von ihnen unbenommen ist, die Buchrabatten, d. h. die 
Seitenrander, mit Privatfragezeichen zu besSen. 

Der ungemein belesene Antor macht in den Anmerkungen eine Unmenge 
von ihm verwerteter oder wenigstens nach seiner Meinung tiefer in die Materie 
fuhrender Literatur aller Sprachen namhaft: e i n Buch finde ich nicht angefiihrt, 
auf das ich verweisen mochte: George Foucart, Histoire des religions 
et m6thode comparative, Paris, 1912. S. Introduction (in der 2. A.) p. XLVff. 
und pp. 29 bis 46. 

Der praktischen Verwertbarkdt des Clemenschen Buches sehr diensam ist 
das Register der von ihm mit primitiven Anschauungoi in Zusammenhang ge- 
brachten alt- und neutestamentlichen Stellen. Im Sachregister vermiBte ich 
den S. 9 erwShnten wichtigen Terminus man a. HansHaas. 

Friedrich Schwenn, Die MCTscfaenopfer bei den Griecliea und 
Romern. Religionsgeschichtiiche Versuche und Vorarbeiten. XV. Band, 3. Heft 
QieBen, 1915. Verlag von Alfred Topelmann (vormals J. Ricker). Preis 
geheftet 7 Mark. 

„Das", so schUefit das neueste Heft der nach Richard Wiinschs Tod fortab 
von Ludolf Malten und Otto Weinreich in Verbmdung mit Ludwig Deubner her- 
ausgegebenen ROW. und faBt damit selbst kurz dessen Inhalt zusammen, „ist 
die Qeschichte der griechischen und romischen Menschenopfer. Aus sich selbst 
heraus, auf Qrund ihrer eigenen religiosen Vorstellungen und Bedflrfnisse haben 
beide Volker den Brauch erschaffen, aus sich selbst haben sie ihn auch iiber- 
wunden. Qerade die Beseitigung des blutigen Branches aus eigener Kraft hebt 
bdde aus der groBen Masse iener menschenopfernden Volker heraus, die erst 
unter SuBerem EinfluB und Zwang von der alten Sitte ablassen konnten. Es 



— 320 - 

wirkte darin • dieselbe Kraft, die auch die weltgeschichtliche Stellung beider 
Volker begriindet hat" Durchsichtig und ohne Weitschweifigkeit wie diese 
SchluBsStze sind, uberall den klaren Denker bekundend, die geschickt und 
griindlich gefiihrten Untersuchungen der vorausgehenden 195 Seiten. Ein lite- 

rarischer Erstling, an dem kein Unreifes ist. Die Seiten 18 — 81 waren unter dem 

Titel ..Qriechische Mensch«iopfer" bereits als Rostocker Dissertation 1915 er- 
scluenen. Der durch Behandlung der Menschenopfer bei den RSmern erweiterten 
Arbeit liegt eine Abhandlung zugrunde, die von der Rostocker UniversitSt mit 
einem Preise gekront ward, eine Auszeichnung, die dem vielversprechenden 
Verfasser nicht unverdientermaBen zuteil geworden ist. Seiner eigenen Dar- 
legung der Brauche, die noch in historischer Zeit yollzogen wurden, der Er- 
klSrung derselben aus ihren geschichtlichen Qrundlagen, der Beantwortung der 
Fragen nach der geschichtlichen Entwickhing des Brauches bis zur Einffihrung 
von Ersatzmittebi fiir wirkliche Menschenopfer und dem Ausleben der Sitte, wie 
es noch in den Sagen zu belauschen ist, hat er in einer Einleitung in groBen Zugen 
einen Oberblick iiber die Tendenzen, die sich b i s h e r in der Untersuchung fiber 
das Menschenopfer im Altertum geltend gemacht haben, vorausgeschickt Be- 
sonders verwiesen sei noch auf den SchluBabschnitt fiber das Fortieben des 
Menschenopfers im Aberglaut)en, in dem Schwenn auch kurz auf den gegen 
Juden und Christen erhobenen Vorwurf des Rituaimordes zu sprechen kommt 

Hans Haas. 

Indien unter der britischm Faust. Englische Kolonialwirtschaft bn eng- 
lischen Urteil. Herausgegeben von der Indischen NationalparteL Veriag von 
Karl Curtius in Berlin. 2. Auflage, 1916. 100 S. 1 M. 

Nach einem kurzen Uberblick fiber die Entwicklung der englischen 
Kolonialherrschaft in Indien und ihre Methoden gibt das Heft Zengnis an Zeugnis 
aus englischem Munde, von Forschem, Missionaren und den englischen hochsten 
Beamten in Indien, die alle unter vielem anderen, was sie schreiben, auch das 
offen aussprechen, daB die englische Herrschaft fiber Indien wohl England reich 
gemacht, auch in Indien einem kleinen Volksteil hoheres Leben erschlossen, aber 
das Land im groBen elend und arm gemacht habe. Es ist ergreifend und natur- 
gemSB niederdrfickend, dieses groBe Material auf sich einwirken zu lassen. Aber 
es ist ja notig, der Wahrheit ins Qesicht zu sehen. Mochten nur andere Kolonial- 
vdlker, auch Deutschland, daran lemen, daB nicht auch fiber sie einmal solch 
Oericht ergeht. Ein Wunsch an den Veriag: zu veranlassen, daB die einzelnen 
Zeugnisse in besserer Zeitordnung sich aufreihen mochten. Das kann geschehen 
ohne Schaden ffir den Inhalt. Auch konnte eine deutlichere Gruppierung nichts 
schaden. Dr. J. W i 1 1 e. 

Eingegangene Bflchert 

Heinrich Mohr, Die Seele im Herrgottswinkel, Preis 2 M.;* 
derselbe, DasDorfinderHimmelssonne. Preis 2,50 M. Frei- 
burg i. B., Herdersohe Veriagsbuchhandlung. 



Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lie. Dr. J. Witte 

Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Druck von Hoffmann &. Reiber, Qorlitz, Demianiplatz 28. 



Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. 

Von Professor Dr. HansHaas. 
(Portsetzung.) 

Muirs Werk — urn nun zu dem groBen Muhammedbiographen- 
Dreigestirn iiberzu^ehen — gilt in England noch heute als standard- 
work, auf dem die ganze Heerschar popularisierender Muhammed- 
biographen jenseits des Kanales fuBt. Auch von nichtenglischen 
Fachgelehrten wird es seiner kritischen Untersuchungen wegen als 
ein ^erk von dauerndem Werte anerkannt. Was Muirs Beurteilung 
Muhammeds anlangt, so gesteht er dessen Ehrlichkeit und seinen 
Eifer als ein Reformer und Warner fur die erste Periode seiner 
Wirksamkeit zu, nimmt aber an, daS er in der Folge, mehr und mehr, 
in Selbstverblendung gefallen sei. „Qern," sagt er, „kdnnen wir 
zugeben, daB seine Offenbarungen von einer gottlichen Macht 
diktiert waren. In seiner mekkanischen Periode jedenfalls ist nichts 
zu entdecken von persSnlichen Zwecken oder unwfirdigen Motiven, 
was diesem SchluB entgegenstande. Da war der Prophet, als was 
er sich gab, ein einfacher Prediger und Warner, er war der ver- 
achtete und verworfene Lehrer eines widersetzlicheiv Volkes, dem 
augenscheinlich nichts welter anlag als dieses Volkes Emeuerung. 
. . . Ein ganz anderer dagegen steht er vor uns in Medina. Dem 
groBen Strebeziel des friiheren Lebens des Propheten mischt hier 
sich Sucht nach Macht, Erhebung und Selbstverherrlichung. . . Und 
kecklich werden Botschaften vom tlimmel dazu aufgeboten, sein 
politisches Tun und Lassen zu rechtfertigen. . . . Unter dem Vor- 
wande der Sanktion des AUmSchtigen wurden Schlachten ge- 
schlagen, Hinrichtungen en masse voUzogen und Lande annektiert 
Ja selbst niedrigere Handlungen wurden durch vorgeblich gottliche 
QutheiBung oder Anordnung nicht nur entschuldigt, sondem auch 
angestiftet. . . . Wer der Qeschichte seines Lebens nachgeht, wird 
von selbst gewahr werden, wie das lautere und erhabene Streben 
durch halb unbewuBten Selbstbetrug zuerst getrubt und dann nach 
und nach heruntergezerrt wurde, und wie in diesem Prozesse Wahr- 
heit versank in Falschheit, Aufrichtigkeit in Arglist — diese gegen- 
satzlichen Prinzipien, die doch oft neben- und miteinander be- 
stimmend auf sein Tun und Lassen einwirkten. Der Leser wh^d 

Zdtsdnift ffir Mtsdontkntide and ReligiontwisMuduft ai.Jahrgaiig. Heft 11. 



— 322 - 

wahrnehmen, daB zugleich mit dem Flammeneifer, den Qotzendienst 
auszurotten und Religion wie Tugend in der Welt hoch zu bringen, 
im Herzen des Propheten ungebSndigte Zugellosigkeit sich breit 
machte, bis er am Ende, pochend auf die Qunst, in der er beim 
Himmel stehe, bei den flagrantesten sittlichen Obertretungen sich 
durch „Offenbarungen" von Qott rechtfertigte. . . . Den Schliissel 
zu vielen Schwierigkeiten dieser Art darf man, glaube ich, in dem 
Kapitel „uber Muhammeds Qlauben an seine Inspiration" finden. 
Als er sich einmal erkeckte, den Namen Qottes des H5chsten als des 
Siegels und der Autoritat seiner eigenen Worte und Handlungen zu 
falschen, da war der Keim gelegt, aus dem die Irrtumer seines 
kpSteren Lebens sich ungehemmt und verhangnisvoll entwickelten." 

Die dogmatische Befangenheit seines englischen Orthodoxismus 
liefi Muir geradezu annehmen, daB Muhammed in seiner zweiten 
Periode unter dem faktischen Einflusse von Machtwirkungen des 
Satans auf sein Inneres gestanden habe, auf die sein Qlaube an seine 
Inspiration zuriickzufiihren sei, eine Ansicht also, nach der Muham- 
med nichts anderes gewesen, als wofiir schon die ersten Widersacher 
des islamischen Qlaubens ihn gehalten, ein Besessener, ein Werk- 
zeug des Teufels. . ~ 

A. Sprenger hat ihr in der Vorrede zum ersten Bande seiner 
eigenen dreibandigen Muhammedbiographie gleichwohl nachriihmen 
zu miissen gemeint, sie sei, so sehr sie den Anschauungen unserer 
Zeit widerstrebe, doch die einzige, welcher man mannlichen Ernst 
und logische Konsequenz zusprechen konne. „Von dem orthodoxen 
christUchen Standpunkte aus betrachtet," meint er, „hat Mohammad 
so viel Unkraut unter den Weizen gesat, daB man mehr als mensch- 
liche Kraft und Berechnung in seinem Werk erblicken muB, und 
wenn man einmal an einen Teufel und Verfiihrer glaubt, so muB man 
ihm doch auch Beschaftigung zuerteilen. Und wenn ich daher irgend- 
einer der (von ihm im Vorhergehenden) genannten Ansichten bei- 
pflichtete, so ware es die des Herrn Muir, dem ich schon deswegen 
meine Verehrung zolle, well er den Mut gehabt hat, eine Oberzeu- 
gung auszusprechen, von der er sicher sein konnte, daB sie wenig 
Beifall finden werde." 

Natiirlich hat Muirs Ansicht, die sich ja tatsachlich aller wissen- 
schaftlichen Kritik entzieht, auch Sprengers Beifall nicht im Ernste. 
Nach ihm braucht man weder dem Teufel einen EinfluB auf den Ur- 
spruhg des Islam zuzuschreiben, noch anderen Kraften, die in unserer 
Zeit zu wirken aufgehort. Ihm haben seine Forschungen die Ober- 



- 323 - 

zeugung bestatigt, daB der Islam „nicht aus dem Qeblut, noch aus 
dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes", 
sondern aus den Bedurfnissen der Zeit entsprungen ist, und er be- 
miiht sich, diese Uberzeugung auch seinen Lesern einzufloBen und zu 
beweisen, daB Muhammed weder ein Hero im Sinne Carlyles, noch 
ein Werkzeug des Teufels gewesen ist. 

Carlyle, indem er an seinen Helden herantrat, sagte: „Ich will 
alles Qute fiber ihn sagen, das ich gerechterweise nur immer von 
ihm sagen kann; das ist der beste Weg, sein Qeheimnis zu er- 
grunden." Einen ganz anderen, den gerade entgegengesetzten Weg 
schlSgt Sprenger ein. Er sieht es recht geflissentlich darauf ab, den 
Leser auf alle menschlichen Schwachen und Niicken und Tucken 
Muhammeds aufmerksam zu machen: wir hatten keine anderen 
Nachrichten fiber ihn als die von seinen Verehrern; solle er denn 
nicht zum schatteiilosen Schlemihl werden, so musse wohl oder ubel 
der Biograph die gehtssige Rolle des Advocatus diaboli auf sich 
nehmen und aus den Lobreden der arabischen Autoren die Schatten- 
seiten seines Charakters herausklauben. Das aber ist eine RoUe, 
die Sprengem sicherlich liegt. 

Weil hatte sich bemuht, Zeugnisse beizubringen, die erweisen 
soiiten, daB das Leiden derEpilepsie, mit dem schon nachTheophanes 
Confessor Muhammed behaftet gewesen sein soil, nicht wohl als 
eine bloBe Fiktion der christlichen Oberlieferung angesehen werden 
konne *). Sprenger erklart, er sei ein Hysteriker gewesen, habe 
also an einer Krankheit des Qeistes gelitten, die auf einer fixen Idee 
beruhte, vor der alle anderen Tatigkeiten und Leidenschaften zu- 
riickgetreten seien. Seine Offenbarungen seien zu beurteilen als 
Halluzinationen eines Wachtraumenden, Halluzinationen, die unter 
dem Einflusse des in dem Krankhaften vorherrschenden Religions- 
instinktes zu richtigen Visionen hatten werden mtissen wie bei 



*) Wie weit verbreitet <Ue nrit Vorltebe gecen die Prophetenwurde 
Muhammeds geltend gemachte Ai«icht von seiner BeJiaftung mit Epilepsia 
war, zeigen die Anluhrungen bed Noldeke-Schwally, Qeschichte des Oorans, 
S. 24, Anm. 5. Schon Gagnier (a. a. O. I, 90, 91) hatte die Epilepsie des 
Propheten bestritten, und in der Fc^e war dieser Punkt von den Orienta- 
listen iedenfa^ls gar nicht mehr erwahnt worden. Epileptiker erlnnem sich 
nie ihrer Paroxysmen, wahrervd Muhammed ja gerade bei seinen Anfailen 
innerlich erlebt, was er danach seiner Qemeinde kund gab. Weil glaubte 
iibrigens nicht wie Theophanes, daB Muhammed, «m seine Krankheit zu ver- 
bergen, die Erscheinung Gabriels vorschob. sondern im Gegenteil, daB er 
durch (Keses Obel selbst veranlaBt ward, daran zu glauben. Vgl. NoWeke- 
SchwaUy a. a. 0., S. 24 ff. Andere einschlSgige Uteratur verzeichnet 
Chauvin, Bibliogr. des ouvrages Arabes. tome XI, sub No. 737. 



Si 



k 



- 324 - 

Swedenborg. Uhd Menschen, die es zu Fertigkeit gebracht hStten, 
auf so grobe Art sich selbst zu tSuschen, wurden unfShig, uberhaupt 
zu unterscheiden zwischen Trug und Wahrheit, sie seien durch die 
Bank Betriiger. Die Eigentiimiichkeit alier Frommler und anderer 
in Schafsh§ute gehtiliter Schurken, selbst wenn sie nicht geistes- 
krank seien, bestehe darin, daB sie sich ganz in die einmal gew^iilte 
Rolle hineinleben. 

Fragt man nun aber, wie ein krankhafter Hysteriker, ein im- 
beziller Qeist, ein versclilagener Betriiger und ausschweifender 
Wiistling den Orient habe entflammen und zu so groBen Taten be- 
fahigen konnen, wenn niclit doch etwas Ubermenscliliches in ihm 
gewesen, so antwortet Sprenger, eben seinen pathologischen Zu- 
standen verdanke Muhammed seine welthistorische Bedeutung. Die 
Araber bedurften eines Propheten, und die hysterischen Anlagen 
Muhammeds erfiiilten ilin selbst und seine Qemeinde mit der Zuver- 
sicht, daB er ein solcher sei. Ein grober Irrtum, will Sprenger, sei 
es, die Qriindung des Islam dem Qenie des Propheten zuzuschreiben. 
„In alien seinen Lehren, insofern sie die Frucht seines Genius sind, 
vermag ich weder Originalitat, noch Genie, noch kluge Berechnung 
zu entdecken. Der Geist der Schule, aus der er hervorgegangen und 
« deren EinfluB ihm bis an sein Lebensende anhing, ist mdnchische 
Entsagung und Schwarmerei, der Geist der Schule, welche er 
stiftete, ist siegesgewisse Kraft und Klarheit. Nicht ihm, sondem 
tatkraftigen Mannem . . ., deren es in Arabien so viele gibt, noch 
mehr aber den auBeren Verhaltnissen verdankt seine Lehre diesen 
Umschwung." Seine hysterischen Anlagen stempelten den Muham- 
med nicht nur zum Propheten, „sie gaben ihm andere Eigenschaften, 
welche unter den obwaltenden Umst^den einem Fiihrer sehr nfltz- 
lich, fast unentbehrlich waren; aber wohlgemerkt: diese Eigen- 
schaften sind meistens negativ. Der hysterische Prophet unterschied 
sich nur wenig von einer gewissen Klasse von hysterischen Frauen. 
Seine Begriffe waren weder klar noch scharf bestimmt, flossen aber 
alle aus einer Idee oder vielmehr aus einem Gefiihle. Diese 
Idee erfaBte er mit Warme und sprach sie mit weibischer Ober- 
schwanglichkeit und prophetischer Verwirrtheit aus. Er war so 
zSh, aber auch so abh^ngig von seinen Freunden wie eine Frau, und 
infolge der divinatorischen Empfmdsamkeit, welche der Hysteric 
eigentiimlich ist, nahm er den leisesten Hauch der offentlichen Mei- 
nung wahr; dazu kamen die oft erw^nte SelbsttSuschung und die 
damit verwandte Verstellungsgabe und Gewandtheit in Ausfliichten. 



- 325 - 

Ein passenderer Fuhrer fiir eine Qemeinde voll Tatkraft und ein ge- 
eigneteres Organ fur die zeitgemSBe Qestaltung und Verkorperung 
der national-relisriosen Qefuhle ist nicht denkbar. Wenn der Qeist der 
Araber der Vater des Isldms ist, ist Mohammad die Mutter. Seine 
Qrdfie liegt in seinen Schw^chen.** 

Sprengers Werk ist anerkannt als das Fundament der ganzen 
neueren Muhammedbiographie. Seiner so auBerst abtraglichen Be- 
urteilung des Propheten aber als eines nach Leib und Seeie des- 
organisierten, zerriitteten Menschen und frommelnden Schurken 
stimmt wohl kaum ein Orientalist mehr zu. „Sehen wir einmal ganz 
ab von der Schwache der Daten, auf die sich Sprengers Diagnostik 
stutzt," bemerkt in dieser Hinsicht Snouck Hurgronje, „so wird man 
doch ohne weiteres erkennen, daB die besondere Bedeutung Muham- 
meds in dem bestanden haben muB, was ihn von anderen Hysterikern 
unterscheidet, und nicht in den krankhaften Zustanden, die er mit 
ihnen gemein hatte. Sprenger fuhrt, was an Muhammed Urspriing- 
liches ist, zuriick zum Teil auf andere Personen, zum Teil auf die 
Umstande. Er macht sich so dessen schuldig, was er anderen vor- 
wirft: an Stelle einer ErklSrung gibt er uns nichts anderes als ein 
Wort. ... Da wSre es doch besser, man beschrankte sich darauf, 
den Qriinder des Islam ganz einfach Muhammed zu nennen. Jede 
andere Bezeichnung ISuft ja schlieBlich doch nur darauf hinaus, ihn 
mit anderen in e i n e Kategorie zu stellen, wahrend er doch in Wirk- 
Hchkeit einzig ist in seiner Art." Was ubrigens die pathologischen 
Momente anlangt, die in Muhammed das OffenbarungsbewuBtsein 
erregten und festigten, kann man sich mit Qoldziher erinnern an das 
Wort Harnacks iiber „Krankheiten, von denen nur die Obermenschen 
befallen werden, und sie schdpfen aus dieser Krankheit ein bisher 
ungeahntes neues Leben, eine alle Hemmnisse niederwerfende 
Energie und den Eifer des Propheten oder Apostels." 

Auch Theodor Noldeke, den wir nunmehr zu Worte wollen 
kommen lassen, kehrt sich wohl allbereits, auch wenn er dessen 
Werk in der Vorrede als eine vortreffliche Arbeit, als griindlich, 
scharfsinnig und geistreich anerkennt, gegen Sprenger, indem er in 
seiner knappen, popularen, doch quellenmafiigen Darstellung der Qe- 
schichte des Propheten sich vernehmen ISBt, beide, die moderne 
Aufklarung wie die altkirchliche Anschauung taten dem Manne, der 
sich als Gesandter Qottes und als solcher unter dem heiligen Zwange 
eines hoheren MuB gefiihlt, schweres Unrecht, wenn sie ihn kurzweg 
als Betriiger, vielleicht als einen betrogenen Betriiger ansShen, sei 



- 326 - 

er gleich an geistiger H6he nicht mit den groBen Propheten des 
Alten Testaments zu vergleichen, und sei gleich in seiner gewaltigen 
Erregung von Anfang an etwas Krankhaftes gewesen. Auch in deqi 
bescheidenen Satze: „Ich bin zu wenig Arzt, um die Art der Krank- 
heit genauer bestimmen zu konnen, an der Muhammed litt, und weiB 
auch nicht, ob die iiberlieferten Beschreibungen seiner Anf^le Itir 
einen Arzt hinreichen, dies zu tun," birgt sich wohl eine feine Polemik 
gegen Sprengers autoritare Medizinerdiagnosierung auf Hysteria 
muscularis, verbunden mit Hysteria cephalica. Wichtiger ist uns 
der Abschnitt seines Buches, in dem der nuchterne, von keinem 
anderen Interesse als dem der baren historischen Wahrheit geleitete 
Forscher sich selber auslaBt iiber Muhammeds Charakter, e r wirk- 
lich sine ira et studio, was von dem temperamentvoUen, draul- 
gangerischen Sprenger sich mit dem besten Willen doch wohl kaum 
behaupten laBt. Der Abdruck der einschlagigen Seiten wird 
manchem Leser um so mehr willkommen sein, als das kleine Werk- 
chen, dem sie entnommen sind, 1863 bereits erschienen und neu in- 
zwischen niemals aufgelegt, durch den Buchhandel langst nimmer 
zu beziehen ist. 

„Aus dem bisher Qesagten," — so schreibt Noldeke — wird dem 
Leser hoffentlich so viel klar geworden sein, daB der Mann, der so 
AuBerordentliches getan, nicht ein gewohnlicher Betriiger gewesen 
sein kann. Aber es ist noch zu bemerken, daB eine rasche ErzShlung 
der politischen Ereignisse aus der Zeit nach der Flucht seinen Cha- 
rakter leicht in einem zu ungiinstigenLicht erscheinen laBt-Wir sehen 
hier vielfachZiige von planmaBigerTauschung, vonHinterlist,Doppel- 
ziingigkeit, ja zuweilen sogar von wilder Rachsucht. So hat man 
denn, da man dergleichen Ziige in der friiheren Zeit nicht fand, wohl 
gesagt, Muhammeds Charakter, der bei alien Trubsalen der ersten 
Periode fest geblieben, ware den Verfiihrungen der Macht und Herr- 
schaft erlegen. Aber ein solcher Wechsel des Charakters findet sich 
bei ihm ebensowenig, wie bei einigen anderen bedeutenden Mannern, 
von denen man Ahnliches behauptet hat. Von alien diesen Fehlern 
zeigen sich bei ihm die Wurzeln von Anfang an. Sie sind eben in 
seiner Auffassung des Prophetentums, in dem Mangel eines streng 
sittlichen BewuBtseins, in der Unklarheit seiner Denkweise iiber 
rein geistige Dinge bei groBer praktischer Klugheit gegriindet. Sie 
erklSren sich noch besonders aus dem Charakter seines Volkes und 
der Vorderasiaten iiberhaupt *). Der Besitz^der Macht gab den 

*) Man versidcfae den Charakter eines David. Wdche Radisupht, 
Qrausamkeit, Hintertist neben den edelsten Eigenschafteai! 



— 327 — 

schllmmen Seiten seines Charakters nur mehr Qelegenheit, sich zu 
zeigen imd zu entwickeln. Nur die mit dem Alter steigende und ihn 
zu manchem falschen Sctiritt hinreifiende Leidenschaft fiir das weib- 
liche Qesclilecht ist ein Zug, von dem sich aus der f ruheren Zeit keine 
Spur findet, wenn man nicht die schon in den Slteren Koranstiicken 
mit Vorliebe wiederkehrenden Schilderungen der schwarzaugigen 
himmlischen MSdchen (Huri) hierlier Ziehen will. 

Um Muhammed gerecht zu beurteilen, muB man ihn nicht bloB 
in seinem Leben als Prophet, Prediger und Furst, sondem auch im 
Umgange mit seinen AnhSngem und Freunden und in seinem tag- 
lichen Leben iiberhaupt betrachten. Zahllose gut beglaubigte Ziige 
zeigen ihn hier in einem erfreulichen Lichte. Obwohl von Haus aus 
emst und vielem QesprSch abgeneigt, ging er doch mit dem ge- 
ringsten Araber freundlich um und erkundigte sich teilnehmend nach 
seinen VerhSltnissen, ohne dabei je etwas von seiner Wurde zu ver- 
lieren, durch welche er alien imponierte, die ihn zuerst sahen. Mit 
dem jedem Araber angeborenen Anstand des Benehmens vereinigte 
er eine Naturlichkeit, welche jedem Eindruck nachgab. Trotz seines 
Emstes konnte er herzlich lachen, wenn er etwas LScherliches sah; 
der Kummer um geliebte Verwandte entlockte ihm bittere Zahren, 
aber auch gluhender Zorn ergriff ihn rasch, und seine Anhanger er- 
bebten, wenn sie die Ader zwischen seinen Augenbrauen anschwellen 
sahen. Er schlug ungern eine Bitte ab und, wo zwei Entscheidungen 
moglich waren, war seme fast immer die mildere. Eiserne Kon- 
sequenz war ihm durchaus fremd im Leben, wie in der Lehre. Einem 
besiegten Feind vergab er stets, und Beispiele, wie die Niedermetze- 
lung der Kuraiza, sind sehr seiten. Nie trat er gegen seine Anhanger 
tyrannisch auf; die Ehrenbezeugungen, welche er verlangte, waren 
die allereinfachsten und konnten den festgewurzelten Freiheitssinn 
der Araber nicht verleteen. 

Als Konig aller Araber und Besitzer groBer Privatgiiter lebte er 
noch eben so einfach, wie als allgemein verspotieter Prediger in 
Mekka. Seine bedeutenden Einkunfte wandte er ganz fur Staats- 
und Religionszwecke auf, und Abu Bekr sprach daher mit Recht 
Muhammeds Besitzungen seiner Tochter ab, da diese von ihm nicht 
als Privat-, sondem als Staatseigentum erworben und benutzt waren. 
Er lebte mit seinen Frauen in elenden Hiitten aus Lehm und Palm- 
zweigen, deren Dacher man mit den HSnden erreichen konnte. 
Datteln, Brot, Milch, seiten Fleisch bildeten seine Nahrung, aber nie- 
mals bestand seine Mahlzeit aus mehr als einem Qericht zurzeit 



— 328 - 

Sein Hausgerat wie seine Kleidung waren einlach; er haBte alien 
Prunk. Staunend blickten die vornehmen Araber, die in Syrien, 
Persien und Agypten an den raffiniertesten Luxus gewohnt waren, 
schon nach einem Menschenalter auf die einfache Lebensweise 
zuriick, welche dem Propheten und seinen Qemalilinnen genugt 
hatte. Bei den Arabem, denen die Hofe der kleinen persischen und 
byzantinischen Vasallenfiirsten an den SSumen der Wiiste als iiber- 
aus gldnzend vorkamen, lebte der angesehene tIauptUng nicht viel 
anders als der Freigelassene. Niemand land etwas AnstoBiges darin, 
wenn Muhammed und die beiden ersten Kalifen sich selbst ihre 
Kleider und Schuhe flickten und sonst eigenhlndig QeschSfte ab- 
machten, zu denen schon ihre n^chsten Nachfolger Scharen , von 
Dienem um sich hatten. Darum brauchte er auch keine Sklaven. 
Seine und seiner Frauen Hande genugten ihm, neben den freiwilligen 
Dienstleistungen der Qldubigen, und die ihm zuteil werdenden 
Sclaven wurden alle nach und nach freigelassen. Sein einziger 
Luxus war der Qebrauch von Wohlgeriichen. 

In seiner Freundschaft war er treu. Seine Frauen behandelte er 
nach morgenlandischer Sitte als Herr, aber als milder Herr, und 
trotz der immer neu hinzutretenden Nebenbuhlerinnen hingen sie 
zSrttich an ihm. Das Andenken, welches er der alten Chadidscha 
bewahrte und welches noch lange nach dem Tode derselben die 
Aischa eifersiichtig machte, ehrt ihn und sie. 

In den Vorurteilen seiner Zeit und seines Volkes aufgewachsen 
und ohne alle literarische Bildung, war er, der den Aberglauben zu 
bekSmpfen auftrat, in vielen Stiicken noch sehr aberglSubisch. Er 
fnrchtete sich vor bosen Qeistem und gab viel auf Vorzeichen und 
Traume. Die Phantasie und das Qefuhl herrschten bei ihm zu sehr 
yor und umnebelten seinen Blick, wenn er in das Qebiet des Qeistes 
und in die Qeschichte der Vergangenheit schaute. 

Es fehlte Muhammed an eigentlichem physischen Mut; um so 
mehr zu bewundem ist die Standhaftigkeit, mit der er so lange selbst 
unter den allerungfinstigsten Aussichten der stillen Verachtung und 
dem lauten Hohn Trotz bot, bis er durch sie die Widersacher 
iiberwand. 

Muhammeds Charakter hat viel R&tselhaftes. Bei vielen be- 
deutenden Mannem fmden sich scheinbar einander widersprechende 
CharakterzUge, aber selten in solchem Qrade wie bei ihm. Je nach- 
dem man die eine oder die andere Seite seines Wesens mehr be- 
trachtet, wird die Beurteilung daher verschieden ausfallen, auch wo 



- 329 - 

diese nicht durch Voreingenommenhtit irgendeiner Art bestimmt 
wird. Aber es bleibt noch eine andereArt der Beurteilung moglich, 
die nach den Folgen seiner Wirksamkeit. Und von diesem Stand- 
punkt aus wird man geneigt sein, ihn kurzweg zu verurteilen. Die 
Unterdriickung des Christentums, die Verodung der vormals bluhen- 
den Lender, die Sittenverderbnis durcti Vielweiberei und Sklaverei, 
der Untergang aller Bildung sclireien laut. Aber man hiite sich, vor- 
schnell zu urteilen. Es ware ungerecht, Muiiammed fur Dinge ver- 
antwortlich zu machen, die, wenn auch notwendige Folgen seiner 
Lehre, doch als solche von ilim durchaus nicht vorausgesehen, noch 
gewollt wurden. Sodann sehe man doch recht zu, ob alle diese 
Dinge denn wirklich reine Erzeugnisse des Islams sind. Der sitt- 
lich^ Zustand des byzantinischen Reichs und der meisten vom 
Islam unterjbchten Lender war vor der Eroberung schwerlich viel 
besser als nachher. Die Sklaverei bestand noch iiberall auch vor 
dem Islam, die Vielweiberei war wenigstens keine durch diesen ein- 
geffihrte Neuerung. Fiir die Laster, mit welchen die Araber durch 
die Perser und andere sittlich gesunkene Volker bekannt gemacht 
wurden, kann man ihre Religion nicht verantwortlich machen. Das 
in Formelwesen und Qotzendienst versunkene Christentum der 
orientalischen Volker wird bei unbefangener Prufung den Vergleich 
mit dem Islam in vielen Stucken durchaus nicht herausfordern. An 
der Verodung der islamischen L^der haben die friiheren Besitzer 
und die rohen nordischen Volker, welche die arabische Religion an- 
nahmeii, die Hauptschuld, nicht diese selbst. Wenn die Wissenschaft 
m diesen Landern jetzt tie! gesunken ist, so darf man nicht ver- 
gessen, daB sie in ihnen bliihte, als das christliche Europa noch in 
Nacht und Nebel lag. 

Aber freilich die schlimmsten Schaden der muslimischen Welt 
lassen sich unmittelbar auf Muhammed zuruckfuhren. Der Mangel 
eines streng sittlichen Qefiihls, der Qeist des Fanatismus, der jede 
wahre Duldung ausschliefit, die ganz buchsttbliche Auffassung der 
Offenbarung, welche jede freiere Auffassung verhindert und daher 
die Wissenschaft nur so weit fortschreiten laBt, wie sie mit dem 
starren Buchstaben des Korans nicht in Widerspruch gerSt, dies alles 
findet sich schon in Muhammed selbst und hat sich bei seinen An- 
hSngem verhangnisvoll entwickelt. 

Die wenigen wahren Fortschritte, welche der Islam manchen 
Vdlkem gebracht hat, wie Aufhebung des Qotzendienstes und Ab- 
schaffung barbarischer Sitten, kdirnen dagegen nicht in Anschlag 



— 330 - 

kommen. Der Islam vermag einmal gesunkene V6lker nur nodi 
zum Fanatismus zu entflammen; einer wirklichen geistigen und sitt- 
-lichen Erhebung wird er immer im Wege stehen. 

Aber, wie schlimm auch die Folgen des Islams fiir die ganze 
Menschheit gewesen sein mogen: wir miissen immer bedenken, daB 
die Fehler Muhammeds, auf welche dieselben zuriickgehen, zum 
grofien Teil die seiner Zeit und seines Volkes waren, daB er daneben 
die edelsten Zuge zeigt, und daB er selbst von seinem Beruf iiber- 
zeugt war, seine Mitmenschen durch Bekehrung zum wahren 
Qlauben vor ewiger Strafe zu retten und der himmlischen Freuden 
teilhaftig zu machen." « r:,i}-'^'w&--^--k^.-' 

Die wissenschaftlichen Qrundlagen de^r Muhammed-Vita, der 
diese Charakterisierung des Propheten entnommen ist, sind im 
wesentlichen die der ersten Abschnitte von Noldekes drei Jahre vor- 
her veroffentlichter Qeschichte des Qorans, einer von der Pariser 
Academic des Inscriptions gekronten Preisschrift. Auch in dieser 
schon hat er sich am Anfang iiber Muhammed als Prophet ausge- 
sprochen. Ein halbes Jahrhundert spater hat es Professor Schwally 
auf sich genommen, eine Neubearbeitung dieses in der wissenschaft- 
lichen Welt als standard-work angesehenen Buches vorzunehmen, 
bei der er bestrebt war, den Text, wenn auch nur durch moglichst 
germge Eingriffe mit dem gegenw§rtigen Stande der Forschung in 
Einklang zu bringen. Ein Vergleich der beiden Auflagen erweist, 
daB der Neubearbeiter den Eroffnungsabschnitt fast ganz . unver- 
andert wieder verwendet un^ nur einige Zusatze aus seinem Eigenen 
demselben eingegliedert hat. Ich gebe den Passus in der neuen 
Fassung wieder, weil er so zugleich auch als das Votum eines 
neueren Forschers gelten darf. 

Er lautet so: 

,„DaB Muhammed ein echter Prophet war, muB man zugestehen, 
wenn man seinen Charakter unbefangen und sorgfSltig untersucht 
und den Begrlff der Prophetic richtig faBt. Man wirft vielleicht ein, 
die Hauptsatze von Muhammeds Lehre seien nicht aus seinem 
eigenen Qeiste entsprungen, sondem stammten von Juden und 
Christen. QewiB haben die besten Telle des Islam diesen Ursprung, 
aber die Art, wie Muhammed sich dieselben geistig aneignete, und 
wie er sie als eine von Qott herabgekommene Offenbarung ansah, 
die er den Menschen predigen m u B t e , macht ihn zu einem wahren 
Propheten. Wenn nur ganz neue, unerhorte Ideen fiir einen solchen 
paBten, wiirde da nicht der Mehrzahl, ja der Qesamtheit aller Qottes- 



- 331 - 

manner und Religionsstifter die Prophetenschaft abzusprechen sein? 
Wenn Muhammed aber das von Fremden Empfangene in langer Ein- 
samkeit mit sich herumtrug, es auf seine Denkweise wirken und 
nach dieser wieder sich umformen lieB, bis ihn endlich die ent- 
schiedene innere Stimme zwang, trotz Qefahr und Spott damit vor 
seine Landsleute zu treten, um sie zu bekehren, so mussen wir darin 
den oft bis zum Fanatismus gesteigerten Propheteneifer erkennen. 
Je genauer man die besten Biographien und die unverfalschte Quelle 
fiir die Erkenntnis seines Qeistes, den Qoran, kennen lernt, desto 
fester wird man davon uberzeugt, daB Muhammed innig an die 
Wahrheit seines Berufs glaubte, den falschen Qotzendienst der 
Araber durch eine hohere, seligmachende Religion zu ersetzen. Wie 
hatte er sonst im Qoran mit solchem Feuer gegen die Liigner 
predigen konnen, denen er die schrecklichsten HoUenstrafen ver- 
spricht, so daB er erklart, er wtirde selbst der gottlichen Strafe ver- 
f alien sein, wenn er nicht die ganze Offenbarung verkundete? Wie 
hatten ihm so viele edle und verstandige Muslime, vorziiglich seine 
nachsten Freunde Abu Bekr und Omar, in Qliick und Ungliick mit 
ausdauernder Treue zur Seite stehen konnen, wenn er bloB ein 
Qaukler gewesen ware? Qanz besonders erhoht den Wert des 
Zeugnisses vieler Anhanger noch der Umstand, daB sie, Manner aus 
angesehenen Familien, in allem Qeschlechtshochmut des durch und 
durch aristokratischen Arabers aufgewachsen, aus Begeisterung fiir 
den Propheten und seine Lehre sich einer Sekte anschlossen, die 
groBtenteils aus Sklaven, Freigelassenen und anderen Leuten der 
niedrigsten Klasse bestand, obgleich ihnen dies von ihren Lands- 
leuten zur groBten Schande angerechnet wurde. Dazu kommt noch 
die Tatsache, welche freilich die Muslime zu verdecken suchen, daB 
Muhammed von Natur weich, ja furchtsam war, so daB er zuerst gar 
nicht wagte, offentlich aufzutreten; aber die innere Stimme lieB ihm 
''eine Ruhe: er muBte predigen und muBte sich, so oft er den 
Mut hatte sinken lassen, immer wieder emporraffen, trotz der 
SchmShungen und Beleidigungen von seiten seiner fruheren Freunde. 

Aber der Qeist Muhammeds ist mit zwei groBen Mangeln be- 
haftet, die seine Hoheit sehr beeintrachtigen. Wenn uberhaupt die 
Prophetic mehr aus der erregten Phantasie und unmittelbaren Ein- 
gebungen des Qefuhls entspringt, als aus der spekulierenden Ver- 
nunft, so fehlte es Muhammed ganz besonders an dieser. Wahrend 
er eine groBe praktische Klugheit besaB, ohne die es ihm nie gelungen 
w^e, uber alle Feinde zu triumphieren, ermangelte er fast ganzlich 



- 332 - 

des logischen Abstraktionsvermogens. Darum hielt er das, was sein 
Inneres bewegte, fur etwas ganz SuBerlich vom Himmel her Hinein- 
gelegtes und priifte nie seinen Qlauben, sondern folgte dem Instinkt, 
der ihn bald hierhin, bald dorthin trieb; denn er hielt ja gerade diesen 
fiir Qottes Stimme, die ihm besonders zuteil wurde. Daher kommt 
auch jene auBerliche, buchstabliche Auffassung der Offenbariing, die 
dem Islam zugrunde liegt. 

Hiermit hangt zusammen, daB Muhammed Suren, die er nach- 
weisbar mit bewuBter Oberlegung und Benutzung fremder EtzSh- 
lungen anfertigte, ganz wie die ersten Erzeugnisse seines gliihend 
erregten Qemiites fiir wirkliche Qottesbotschaften ausgab. Indessen 
konnte dieser Vorwurf auch den israelitischen Propheten gemacht 
werden, welche ihre schriftstellerischen Erzeugnisse als „Worte von 
Jahve Zebaoth" publizierten. Im allgemeinen aber wird solche For- 
mulierung, hier wie dort, nicht von der bewuBten Absicht, zu 
tauschen, eingegeben sein, sondern von dem naiven Qlauben. Die 
Propheten sind ja nicht nur in der Ekstase Medien der Qottheit, viel- 
mehr kann ihnen ihr ganzes Denken und Tun als unmittelbarer Aus- 
fluB gottlichen Wirkens erscheinen. Trotzdem hat Muhammed . . . 
weder jede Offenbarung zur Aufnahme in den Qoran bestimmt, noch 
viel weniger seine Ausspriiche alle fiir Offenbarungen ausgegeben. 

Da er nicht imstande war, Geistliches und Weltliches scharf aus- 
einanderzuhalten, gebrauchte er die Autoritat des Qorans oft, um 
Dinge anzuordnen, die nichts mit der Religion zu tun hatten. Man 
darf aber bei der Beurteilung dieser Tatsache nicht ubersehen, daB 
fiir seine Zeit Religion und Qesellschaftsordnung noch enge mitein- 
ander verbunden waren, und daB das Herabziehen Qottes in die 
allermenschlichsten Angelegenheiten auf der anderen Seite das All- 
tagsleben in eine hohere, gottliche SphSre erhebt. 

Ein naiver Danker, wie er war, muBte Muhammed alles fiir er- 
laubt halten, was der Stimme seines Herzens nicht geradezu wider- 
sprach. Und da er nicht den zarten und festen Sinn fiir das Qute und 
Bose besaB, der allein den, welcher auf der Menschheit Hohen 
wandelt, vor den bedenklichsten Fehltritten bewahren kann, so 
schreckte er nicht davor zuruck, auch verwerfliche Mittel, ja 
frommen Betrug zur Ausbreitung seines Qlaubens anzuwenden. 
Wahrend die muslimischen Schriftsteller diese Zuge gern verhullen, 
sind die europaischen Biographen des Propheten leicht geneigt, aus 
emer moralischen Entrustung in die andere zu fallen. Beide Auf- 
fassungen skid gleichermaBen unhistorisch. Es miiBte ja wunder- 



't 



- 333 - 

bar zugehen, wenn ein Prophet ohne Fehl und Siinde ware, und zu- 
mal einer, der wie Muhammed daneben noch Feldherr und Staats- 
mann ist. Kennten wir das Privatleben anderer Propheten so genau 
wie das seinige, so stunde mancher von ihnen nicht so erhaben da, 
wie es auf Qrund einer fragmentarisch erhaltenen und in vielen 
Jahrhunderten unzShligemal durchgesichteten Literatur jetzt den An- 
schein hat. Muhammed war keln Heiliger und woUte keiner sein 
(Sure 47, 21; 48, 2 usw.). Wie viel aber von dem, was wir an ihm 
auszusetzen haben, auf die Rechnung des halbbarbarischenZeitalters, 
seines guten Qlaubens oder der Schwache seines Charakters zu 
setzen ist, das vermogen wir fast nie mit Sicherheit zu sagen. Die 
Hauptsache bleibt doch, daB er bis zum letzten Atemzuge fiir seinen 
Qot^ und das Seelenheil seines Volkes, ja der ganzen Menschheit ge- 
eifert, und daB er die feste QewiBheit von seiner gottiichen Sendung 
nie verloren hat" 

„So viel Fehler er auch besessen hat," fugt Schwally auf einer 
spateren Seite des Buches dem Noldekeschen Texte ein, „sein Leben 
und sein Werk haben die Aufrichtigkeit seiner Verkiindigung zur 
unbedingten Voraussetzung " — (SchluB folgt.) 



Zur Wissenschaftslehre der Religionsgeschichte. 
Deren Einordnting in die Geschichtstheorie. 

Von Lie. Dr. HugoLehmann. 

(SchluB.) 

D. Das Ideal einer allgemeinen kritischen Reli- 
gionsgeschichte. Das Zuruckbleiben des kultur- 
historischen Evolutionismus hinter der kultur- 
disponiblen Moglichkeit sowohl der Religion 

wiederHistorik. 

1. Die Teleologie der Doppelseitigkeit. 
Hier ist der Ort, einem MiBverstSndnis der religionsgeschicht- 
lichen Stellungnahme Schleiermachers ") zu wehren und, durch diese 
Abwehr, der religionsgeschichtlichen Stellungnahme in bezug auf die 



"*) SchleicrmacBer: ,Der christliche Qlaube nach den QrandsStzen der 
cvangelischen Kirche*. * Bd. 1, a. a. 0. § 9i „Denkmale" bei Dilthey, S. 100: 
,4>ie Historic ist immer religids, und die Religion muB ilirer Natnr nach 
historisch sein*. 



~ 334 - 

WahrheitsgewiBheit, z. B. von Heim und Ihmels"), gerecht zu 
werden. 

Ich knupfe an „Christentum und Qeschichte bei Schleier- 
macher" ^") an, Hier nennt Siifikind S. 12 den „Progressismus in der 
Qeschichte" teleologisch. Demgegeniiber habe ich zu bemerken, 
daB der Ausdruck teleologisch dem kultursystematischen Struktur- 
zusammenhangsdenken entlehnt ist und erst von der Zielrichtung 
des historisch sich ausweitenden Bildungsstrebens der sittlich orien- 
tierten Personlichkeit aus iibertragen wird auf das, was sich inner- 
halb der evolutionistisch-genetischen Stoffaneignung erreichen laBt 
Wenn Schleiermacher also z. B. seine „prinzipielle Oberordnung der 
teleologischen fiber die asthetische Fr5mmigkeit aus seiner allge- 
meinen philosophischen Qrundanschauung" weg in die evolutionisti- 
sche Qestaltung des historischen Forschungsmaterials hinein zu 
projizieren unterlaBt, so ist diese keusche Zuriickhaltung um so mehr 
verstSndlich, als dieses „Qeschaft einer allgemeinen kritischen Reli- 
gionsgeschichte" ") nicbt ungebrochen weder einer historisch in der 
Vergangenheit vorliegenden TatsSchlichkeit forschend entnommeii 
werden, noch auch einer bestimmten dogmatischen Konstellation des 
zentralen Momentes angepaBt werden kann. Dann, wenn der kultur-, 
systematische Strukturzusammenhang auf unterschiedliche dog- 
matische oder auch dem Material nach historische Konstellationen 
stoBt, bleibt ein Erweis des kritisch religionsgeschichtlichen Piin- 
zipes nicht nur praktisch wirkungslos (im Blick auf die Oberzeugbar- 
keit eines fremden Qlaubensgenossen von der Wahrheit), sondem 
verhiillt auch leicht das Prinzip des kultursystematisch-historiologi- 
schen Strukturzusammenhanges in seiner EHsponibilitat und l§Bt also 
oft mehr das Wesen der betreffenden personlichen (Jberzeugung als 
die rein formale Sachlichkeit der kulturdisponiblen Wahrheitsinten- 
tion erkennen. Das hohere Dritte der zentralen Religionsauffassung 
aus der kultursystematisch-konzentrierten Problemstellung der Qe- 



") Ludwig Ihmels: „Die christliche WahrheitsgewiBheit**, S.Aufl., 1914. 
Karl Helm: „Das GewiBheitsproblem in der systematischen Theologie bis zu 
Schleiermacher", 1911. Leitfaden d. Dogm., 1912. ,GlaubensgewiBheit", 1916. 

^ ,Die geschichtsphilosophischen Qrundtagen der Schleiermacherschen 
Theologie", untersucht von Herrmann SQBkind. I. „Die Absolutheit des 
Christentums und die Religionsphilosophie", 1911. Die Schrift SiiBkinds 
gibt sich als Ausfuhrung der Anregungen von Ernst Troeltsch in dessen Be- 
sprechung von Mulert: ,Schleiermachers geschichtsphilosophische Ansichten 
in ihrer Bedeutung fur seine Theologie". (Studien zur Qeschichte des 
neueren Protestantismus.) 1907. 

•0 Schleiermacher: „Der christliche Qlaube" ' § 9, 2, S. 54. 



- 335 - 

sc^ichte bringt der historische Evolutiontsmus nicht zum eindeutigen 
Ausdruck. 

Der historische Aufweis einer Teleologie in der Evolution ist nur 
in emem ganz beschrSnkten Sinne giiltig, nur dann, wenn die ver- 
schieden gerichteten Methoden der Darstellung und die unter- 
schiedentliche Auffassungsmoglichkeit der Begriffe weit genug aus- 
einander gehalten warden und so die allseitige Konzentrationsmog- 
lichkeit geschichtsproblematischer Individuaiitat auf die kultursyste- 
matische UniversalitSt hin gewahrt wird. Jedenfalls darf die „indi- 
viduelle Wirklichkeit" nicht in einer „geschichtlichen Abstraktion" 
evolutionistisch verkiimmern. „Obiektiv giiltig ist die historische 
Verallgemeinerung nur, wenn und soweit sie durch den Stoff selbst 
gefordert und begriindet ist, wenn und soweit in dem geschichtlichen 
Material ein Recht und eine Aufforderung zu der abstrahierenden 
Auswahl liegt^*)." Eine allgemeine kritische Religionsgeschichte 
durfte auf keinen Fall versuchen, eine ethnisch oder chronisch 
andersartig bedingte, von einer etwaigen eignen religionsgeschicht- 
Hch abweichende Stellungnahme durch sich historiographisch- 
gebende historiologische Deduktion einer angeblichen Minderwertig- 
keit zu verletzen und dabei sowohl den systematisch-kritischen 
Sinn der WertmaBstSbe, wie auch die historisch-kritische Wahrheit 
der Historiographie zu vernachlSssigen. Zudem wfirde hier die aus 
der Vorzeit iiberlieferte magische und eigensinnigeAffektmotivation 
des religions-geschichtlichen Bestandes auch dann ein objektives 
VerstSndnis der Kritik hindem, wenn das „Qeschaft der allgemeinen 
kritischen Religionsgeschichte" korrekt kulturdisponibel unter 3e- 
achtung des kontinuierlichen Zusammenhanges der jedesmaligen 
Individuaiitat objektiv vollzogen ware. An und fiir sich brauchte die 
personliche Auffassung des Forschers das kritische Verfahren nicht 
nur nicht zu beeintrachtigen, vielmehr miiBte sie, kulturdisponibel 
durchgebildet, sogar das Vehikel zur Bemessung der wissenschaft- 
lichen AUgemeingiihigkeit der historisch vorkommenden Individuali- 
taten abgeben. An und fiir sich miiBte eine historisch-giiltige Kritik 
die Allgemeingiiltigkeit gerade in der Individuaiitat aufweisen, im 
Qegensatz zur naturwissenschaftlich-giiltigen Qesetzlichkeit, und 
dabei miiBte eine je personlichere Auffassung des Forschers ein um 
so brauchbareres heuristisches Instrument zum Anempfinden und 



^ Heinrich Maier: „Das geschichtliche Erkennen^ Gottingen, 1914, 
S. 17. 



^ _ 336 - 

Nachbilden fremder IndividualitSt in ihrer Art der Allgemeingfiltig- 
keit sein. Die in der Qeschichte im kontinuierlichen Struktur- 
zusammenhang proponierte Individualit&t geht fiber das van der 
Biologie hiniibergenommene genetisch evolutionistische Interesse 
der Stoffentwicklung heraus. Das unendliche Problem der Heraus- 
arbeitung eines im einzelnen existenten Qegenstandes, an das die 
Naturgesetzlichkeit nicht vollig heranreicht, das aber in der Qe- 
scbichtswissenschaft im Mittelpunkt des Verstandnisses steht, wtirde 
eine allgemeine kritische Religionsgeschichte zu einer umfassenden 
tlistoriologie der Wissenschaftsentwicklung notigen. 



2. Die Historiologie der umfassenden Wissen- 
schaftsentwicklung. 

Wenn also SiiBkind mit dem evolutionistischen Nachweis der 
fiberlegenen Wahrheit des Christentums erst das ganze Unter- 
nehmen eines religions-philosophischen Unterbaus der Qlaubenslehre 
zu seinem normalen AbschluB gebracht wissen will "), so ware ein 
derartiger AbsChluB, von der KulturdisponibilitSt Schleiermachers 
aus beurteilt, nur die Arbeit auf halbem Wege. Die evolutionistische 
Qeschichtstheorie von der kulturhistorischen Prinzipienwissenschaft 
ist mit ihrer auf zielleitende Herausarbeitung der Durchsetzung nor- 
mativer Religion gerichteten Teleologie allgemeiner Religionsent- 
wicklung nur einseitig normiert. Die allseitige Kulturdisponibilitat 
des individuellen Universalismus hat ein umfassenderes Ziel fiir die 
allgemeine kritische Religionsgeschichte im Auge, das Schleier- 
fmacher in seinem Unterbau der Dogmatik nur andeutet und in seiner 
Ethik '*) nach einigen Seiteniiaher aufklart. £s ist nun aber irrig zu 
behaupten, daB Schleiermacher dieses umfassende Ziel nicht auch 
fiir den umfassenden wissenschaftlichen Wert hielt, den religions- 
geschichtliches Denken ausemander zu legen hatte. Nur ist der 
Dogmatiker in dem Unterbau seiner Lehre noch weniger daran be- 
teiligt als der Ethiker in dem Aufbau seiner Wissenschaft. Daran 
prinzipiell inter essiert ist der Historiologe, der das kultur-disponible 
Prinzip der AUgemeingtiltigkeit in der IndividualitSt darlegt. 



",r 



**) Sufikind: ^Christentum u. Qesch. b. Schl.', S. 3. 

. **) SOBkind: ^Christentum u. Qesch. b. Schl.«, S. 69 f., bes. S. 77: ,Be- 
ziehnng des Beschaulichen und ErfahningsmSBigen aufeinander." .Werk des 
Eigentiimlichsten im Menschen." 



■■A 



— 337 - 

3. Das wissenschafts-methodische Instrumentim 
Personlichkeitscharakter des historischen 

Urteils. 
Nicht eine aus der Qiiltigkeit der Individualitat noch immer 
falschlich abgeleitete wissenschaftliche Minderwertigkeit der Qe- 
schichte und in ihr der Religion wiirde Schleiermacher bedenklich 
gemacht haben gegen den evolutionistischen Aufweis des religions- 
geschichtlichen Prinzips, vielmehr ihm wurde sich die Qeltung des 
Individuums und der Personlichkeit nicht als Personlichkeit im un- 
wissenschaftlichen Sinne darstellen, ihm wiirde sich die individuelle 
Qiiltigkeit in der Totalitat der kultur-prozessualen Individualitaten 
zur historischen Allgemeingiiltigkeit beleben. Qerade der Mangel 
einqr kultur-systematischen Strahlenbrechung durch das geschicht- 
lich und religios fundamentale Individualitatsprinzip laBt den evolu- 
tionistischen Historizismus hinter dem letzten Sinn und der um- 
fassenden Aufgabe allgemeiner kritischer Religionsgeschichte zuriick- 
treten. Qegeniiber dem der Biologie entnommenen wissenschaft- 
lichen Entwicklungserkennen hat die kulturdisponible wissenschaft- 
liche Oberschau als Qeschichtsprinzip den hoheren Wert. Die uni- 
versale Kulturdisponibilitat aber rechnet an erster Stelle mit dem 
Instrument der Individualitatensetzung behufs intensiver historio- 
logischer Beherrschung der historischen Kontinuitat des totalen 
Strukturzusammenhanges. Es ist dies das spezifische intensive 
Instrument der historiologischen Beherrschung, wie die Atomen-, 
Elektronen- oder Moiekulen-Setzung das jedesmalige extensive, 
spezifische Instrument der betreffenden Naturwissenschaften ist 
Mit diesem Instrument formt die Kulturdisponibilitat sowohl kultur- 
systematisch-historiologisches, wie auch historiologisch-genetisches 
Material. 

4. DiemethodischeEtappe in der SelbstgewiBheit 

des religion sgeschichtiichen Endziels. 

Nunmehr wird verstandlich sein, daB auf dem Wege zu einer 
umfassenden kritischen Religionsgeschichte neben dem evolutionisti- 
schen Aufweis emer idealen Normierung die kultursystematisch ab- 
gemessene SelbstgewiBheit der christlich frommen „Erfahrung" **) 
einer historisch orientierten Dogmatik das gleiche wissenschaftliche 
Anrecht hat. Ja, die Zuruckhaltung der letzten Grunde der Wahr- 



") Heinrich Scholz: ,Christentum und Wissenschaft in Schleiermacheri 
<}lanbenslehre', 1909, S. 17 f., 26. 



- 338 - 

beitsgewifiheit, z. B. bei Ihmels, der, dogmatisch korrekt, nicht aus 
dem christlich-spezifizierten Kulturzentrum herausgeht, hat jeden- 
lalls dem evolutionistischen Anspruch eines normalen Abschlusses 
"gegeniiber einen Vorzug prinzipieller Reinlichkeit. 

5.Der Wahrheits- undWertmaBstab fiir Religion 
wie fur Qeschichte inder KulturdisponibilitSt; 
deren kulturell selbstbewuBte Unterscheidung 

vomMythus. 

Die KulturdisponibilitSt eines historischen Verstandnisses nach 
IndividualitSt und KontinuitSt im Verein mit deren religionsgeschicht- 
licher Bedeutung hat in Schleiermacher '*) beredten Ausdruck ge- 
funden. Mit der unendlichen Individualisation des Unendlichen in 
seinen Erscheinungen hat Schleiermacher das Wesen der histori- 
schen Beobachtungswissenschaft ebenso wie das Wesen der Re- 
ligion getroffen. In unendlicher Relationalitat offenbart sich das 
Absolutum der Qeschichte. In und mit dem In-die-Erscheinung- 
treten auch des Wesens personlichster Oberzeugung haben wir 
mikrokosmisch den Kulturmakrokosmos in der Strahlenbrechung 
seines Spiegels. In infinitesimaler Relation iiberschneidet auch das 
hohere Dritte der zentralen Auffassung das Problem der Qeschichte, 
auf welches sowohl alle Kultursystematik, mag sie von Ssthetischer 
ioder ethischer oder logischer Seite ausgehen, als auch alle Entwick- 
lungs-genese historischer Forschungsgegebenheit sich einstellt 

Auseinanderhalten mu6 die Problematik der Qeschichte um so 
differenzierter das kultursystematische Wesen der Qeschichte und 
insbesondere der Religionsgeschichte mit dem geschichtlich Wesent- 
lichen, als dem kontinuierlich herauszuarbeitenden Entwicklungs> 
gang; ob zwar die Voraussetzung der KulturdisponibilitSt den indi- 
viduellen Indifferenzpunkt beider verschiedenseitiger Bearbeitungs- 
weisen, dieseri entwicklungslinearen und jener strahlenformig kon- 
zentrierten, einschlieBt. Auch bei der Religionsgeschichte ist das in 
ihr geschichtlich Wesentliche anders zu formulieren als das Wesen 
des Qeschichtlichen in ihr zu formen ist. In der Entwicklungs-genese 
ist die jedesmalige Erscheinung, z. B. auf christlichem Lebensgebiet, 
nur eine neben der anderen, ohne daB direkt dem geschichtlichen 
Verlauf einer der Phasen die Norm zu entnehmen oder evolu- 
tionistisch herauszuentwickeln ware. Die Auswahlgesichtspunkte 



$3' 



) S. ,Reden uber die Religion", 240 f., 249. 



~ 339 — 

der Qeschichtsforschung mdgen sich nach einer der Phasen in der 
genetischen Entwicklung entscheidend orientieren; doch bliebe diese 
historische „Normierung" in den Entwicklungsgang eingebettet und 
diirfte ihn nicht bestimmen wollen, sondern miiBte die Forschung 
fiber ihn entscheiden lassen. Die Norm an sich ist kultursysteraatisch 
umgrenzt: In ethischer Beziehung bestimmt sie sich durch die Ideale 
der sittlichen Personlichkeit, in asthetischer Beziehung durch die 
Obereinstimmung des Darzustellenden mit dem faktisch Darge- 
stellten, in psychologischer Beziehung durch die Bemessung der aus- 
gelosten seelischen Momente, in wissenschaftlicher Beziehung durch 
das MaB von Objektivitat, in religioser Beziehung durch den Qehalt 
an konzentrierender Totalisation. Diese kulturellen Qesichtspunkte 
ergajizen einander systematisch und sind ein individuell universaier 
Strukturzusammenhang, der die Norm an sich aus sich herausstellt, 
ohne daB sie sich jedesmal in der Geschichte vorfinden iieBe, oder 
ihr Wert sich uberhaupt nach der Moglichkeit ihrer Herausentwick- 
lung aus der Vergangenheit richtete. An sich braucht die Norm der 
Qeschichte sich aus den Resultaten der Forschung in keiner Weise 
zu rechtfertigen und kann doch die Zukunft der Kultur wie der Re- 
ligion bedeuten und fur eine allgemeine kritische Religionsgeschichte 
ungleich bestimmungskraftiger sein, als die dem Entwicklungsgang 
entnommene schematische „Normierung" der Vergangenheit. In 
dieser Weise ist die Voraussetzung der Kulturdisponibilitat erklarter- 
maBen eine Qrenzscheide zwischen Mythus und Religion. Der ge- 
wohnliche Gang der historischen Kritik mag sich derselben zuweilen 
nicht bewuBt bleiben. Fur eine kritische Religionsgeschichte ist das 
SelbstbewuBtsein von dieser Unterscheidung Qrundbedingung. 

6. DasandachtsvolleWeltbild. 

Auch in anderer Hinsicht ist die Religionsgeschichte veranlagt, 
die kulturhistorische Prinzipienwissenschaft ihrer selbst bewuBt zu 
machen. Wir knupfen dabei an schon Qesagtes an. Wenn z. B. 
Wundt") von dem naiven Weltbild das physikalische Weltbiid 
einerseits, das psychologische Weltbild andererseits ausscheidet, 
bleibt ihm das historische Weltbild mit gutem Qrunde unausge- 
schieden. Kulturdisponibel verbleibt das historische Weltbild von 



") Wundt: .Sinnliche und ubersinnliche Welt Eine Aussprache 
Lamprechts besagt: .Die historische Wahrheit der Religion ist eine Un- 
endliche; der Historiker kann sich dariiber beruhigen, auch wenn sie in 
den Qrenzen ihrer Erscheinungsformen nicht zu objektivieren ist , 



- 340 - 

dem andachtsvollen Weltbild unausgeschieden, insofern vom 
Historiker die wissenschaftliche Unbefangenheit nicht in der ent^ 
leerten Abstraktion eriebt wird und insofern in der vorurteilslosen 
Urspriinglichkeit der historisch ausschauenden Strukturzusammen- 
hSnge wie riickschauenden Entwicklungs-genesen die, von der magi- 
schen Motivsetzung affektiver Vorurteile noch unverworrene, mythi- 
sche Verwebung der Dinge und Verhaltnisse (d. i. der idealisierte 
Mythus, wie er in der Kulturreligion im TotalbewuBtsein sich diffe- 
renziert), zur Kulturdisponibilitat eingeht. Die Entwicklung des 
Prozesses historischer Erkenntnis ist geborgen in der Religions- 
geschichte, durch deren Gang die Herausarbeitung aus der mythi- 
schen Indifferenziertheit zu selbst- und kulturbewuBter Lossagung 
von Vorurteilen wird. 

E. DiemethodischeKonvergenz in der Kultur- 
1 ^ g e s c h i c h t s w i s s e n s c h a f t. 

1. Die Konvergenz des erfahrungsgemaBen Ent- 

wicklungsprozesses historischer Kontinuittt 

mit der prinzipiellen Konzentration. 

Damit kommen wir auf den ProzeB historischer Erkennung 
fzuruck, „Die der Vergangenheit angehorigen Erregungszustande 
der Elemente, auf denen das BewuBtsein beruht, inharieren insge^ 
samt und in ihrem ganzen Umfange den gegenwSrtig erfaBten Zu- 
stSnden. Diesem Prinzip der Inharenz zufolge verschwindet ein 
Erregungszustand nicht spurlos, um in einen anderen iiberzugehei^ 
Er behauptet sich vielmehr in jedem folgenden — nicht wie ein 
Summand neben dem anderen, da nicht zwei Wirklichkeiten vor- 
handen sind; auch nicht wie der eine Faktor eines Produktes neben 
dem anderen, da das InhSrierende in dem unmittelbar ErfaBten nur 
hervortritt und nicht mit ihm eine neue WirkUchkeit erzeugt; 
sondern etwa wie ein Wellenzug, der in einem anderen besteht, oder 
wie der Oberton, der zur Klangfarbe des Qrundtones einen Beitrag 
liefert und dabei der abgesonderten Auffassung fShig ist, ohne sie 
unbedingt zu fordem'*)." 



•*) Lipps: .Mythenbilduns: und Erkenntnis*. S. 303. ^Zu vers:!. 
Hugo Lehmann: ,Qlaubensbetrachtung und Qeschichtsforschung*. Zeitschr. 
ffir Phil. u. phil. Kritik, Bd. 148. S,82 f. Wenn auch Cornelius: .Einleituns 
in die Philosophie", Teubner, 1911, §21, a. a. O. S. 181 den Erkennungs- 
prozeB nicht mit Riicksicht auf Mythenbildung beschreibt, so enthSlt sie 
doch eine mit obigen Auslegungen wohlvereinbare Auseinanderlegung der 
Elemente der Erfahning. 



- 341: - 

So etwa laBt sich der EntwicklungsprozeB historischer Konti- 
nuitat kulturpsychologisch beschreiben. 

Das Prinzip der historisch-schopferischen Qeistesbildung beruht 
in der schaffenden Synthese unterschichtlicher Phantasie mit der 
kritischen Erkenntnisformung in eine, auch das Vorbegriffliche zum 
BewuBtsein bringende, Erkennungseinheit. In einheitlicher Konzen- 
tration muB nach vorwSrts die kritische Erkenntnis des Objekts 
und Subjekts, nach riickwarts die mythische Ungeklartheit erfaBt 
werden. Auch die erkenntnisformende Qeistesbildung bleibt ja, auf 
das Material gesehen, nach der Seite ihrer historisch-schopferischen 
Synthese Mytho-logie, nach der Seite ihrer analytischen Ausein- 
anderlegung Psycho-logie. Diese begriffliche Fixierung des vor- 
begrifflichen Materials ist zur tierausstellung des Qegenstandes der 
historischen Erkenntnis und seiner Umgrenzung nutwendig. Die 
zunSchst rekonstruierende und sodann vorkulturell und kulturell ge^ 
richtete Psychologic ist das Hilfsmittel zur Herausstellung des 
Qegenstandes der historischen und insonderheit der prahistorischen 
Erkenntnis. 

Wie zur kritischen Erkennung der historischen Religion es sich 

notwendig erweist, den Begriff fiir das Vorbegriffliche des Mythus 

so anzusetzen, daB die erkennungskritische historische Religion in 
ihrem Kontrast gegen die Mythenbildung heraustritt, so ist auch 
zur kritischen Erkennung der kultur- und vorkultur-psychologischen 
Aufgabe rekonstruktiver Psychologic die Mark i e r ung des im 
kulturprozessualen Zentrum zu formierenden Uberschneidungs- 
punktes mit Hilfe einer Auseinanderlegung insbesondere auch 
psychologischer und phSnomenologischer Vorkultur- und Kultur- 
Beobachtung notig und moglich. 

So etwa wird die prinzipielle Konzentration historischer Indivi- 
dualittt beschrieben werden konnen. Die Voraussetzung der Kon- 
vergenz der Methoden bewahrt sich in der Konvergenz prinzipieller 
Konzentration historischer Individualitat mit dem Entwicklungs- 
prozeB historischer Kontinuitat. 



Atts der Missionsarbeit des American Board. 

Von Pfr. Martin Schmidt, Holzhausen a. d. Heide (Nassau). 

Ein wahrer Schmerzensweg ist es, den die deutschen Missionen 
in der Kriegszeit gefuhrt werden. Aber die ganze Schwere ihrer 
Leiden, die Bitterkeit ihres Entsagenmussens empfindet man erst. 



- 342 - 

wenn man von der Arbeit fremder, zumal neutraler Missionsgesell- 
schaften liest, die zum Teil ruhig ihren Fortgang nimmt, ja zum Tell 
besonders gunstigen Qelegenheiten entgegengeht. Man versteht die 
Wehmut, die so manchen deutschen Missionsberichten in der Qegen- 
wart ihre Farbung gibt, dariiber, daB in dem gewaltigen Chor der 
Zeugen fur das Heiligste da drauBen die deutsche Stimme an vielen 
Orten nun fehlt oder fur eine Zeit von unbestimmter Dauer schweigt. 
Aber es ware falsch, anzunehmen, daB die Arbeit der neutralen Mis- 
sionsgesellschaften vollig ungestort fortgehe. Auch die letzteren 
haben sich den Wirkungen des Krieges nicht ganz entziehen konnen. 
Sowohl von ruhigem Fortgang ais von sehr schweren StSrungen 
und durch den Krieg bedingten Veranderungen lesen wir in dem 
letzten Jahresbericht einer der groBten amerikanischen Missions- 
gesellschaften, des American Board*). 

> A. Von den Arbeitsfeldem. 

Die Arbeit in den britischen und portugiesischen Qebieten von 
Slid- und Westafrika iiat in dem Berichtsjahr keine Storung 
erlitten. Die Wahi Bothas zum Premier der sudafrikanischen Union 
hat nach Ansicht des amerikanischen Berichterstatters eine politi- 
sche Krisis verhindert. ,J(lar und deutlich hat Sudafrika fiir eine 
einheitliche Politik unter britischer Flagge gesprochen." „So hat 
der Krieg einen EinigungsprozeB hervorgerufen." Aus AnlaB der 
Wahlen wurde die Diskussion iiber die Eingeborenenfrage 
lebendig. Die Unionisten betonten ihre Willigkeit gegeniiber den 
Anspriichen der Qebildeten unter den Eingeborenen. Doch laBt sich 
ijber den endgiiltigen EinfluB des Krieges auf die Eingeborenenfrage 
noch nichts sagen. Ober das Schicksal der deutschen Missionen und 
iiber den Krieg gegen unser Kolonialgebiet schweigt der Bericht. 

In Indien ist der Erfolg der Missionsarbeit sehr verschieden 
auf den einzelnen Qebieten. In der Mahratti-Mission in der Qegend. 
von Bombay, im nordlichen Teil der Westkiiste, hat die Bevolkerun^l 
ein starkes nationales SelbstbewuBtsein, sie hSngt hartnackig an denll 
Glauben der Vater und ist nicht so sehr einem tiefstehenden Qe* 
spensterglauben verfallen wie die Bevolkerung des Sudens, sondern 
hat verhSltnismaBig hohe religiose Ideale. Deshalb ist der zahlen-i 



*) The One Hundred and Fifth Annual Report of the American Board 
of Commissioners for Foreign Missions. Together with the minutes of the 
meeting held at New Haven, Connecticut, October 26, 1915. — Congregational 
House, Boston. 



— 343 — 

maBig fafibare Erfolg der Mission dort geringer als im Suden. Den- 
noch hat die christliche Qemeinde schneller zugenommen als die 
missionarische Kraft. Der christliche EinfluB durchdrmgt das Volks- 
leben immer mehr und reicht schon bis an die Qrundlagen des hin- 
duistischen sozialen Systems. Die Madura-Mission im Suden hat in 
dem Berichtsjahr das zweitgroBte Wachstum wShrend der Zeit ihres 
Bestehens aufzuweisen. Von direkten Wirkungen des Krieges auf 
die Mission des American Board in Indien horen wir fast nichts. Die 
Missionsschule in Pasumalai berichtet, daB seit dem Ausbruch des 
Krieges der Lesesaal und die Bibliothek mehr benutzt werden, da die 
Schiiler ungewohnliches Interesse fiir den Verlauf der Ereignisse 
zeigen. „Sie haben ihren Patriotismus gezeigt durch Obersendung 
von Beitragen an den „Madras War Fund" und fur die belgischen 
Dulder." Kern Teil der Missionsarbeit wurde so ernstlich betroffen, 
wie die Srztliche Mission. Der Preis der Arzneimittel stieg sofort 
sehr hoch und viele Arzneimittel waren gar nicht zu haben. Erfreu- 
lich ist es, daB wenigstens der indische Bericht an zwei ver- 
schiedenen Stellen ein freundliches Wort fiir die bedrangte deutsche 
Mission findet (S. 124 und 130). Wenn es auch wahrlich noch 
zuriickhaltend genug ist, so sei es doch nach den vielen Erlebnissen, 
die man taglich mit sehr reservierter, korrekter „Neutralitat" macht, 
dankbar hier notiert. Das eine Wort „Unsere Sympathie richtet sich 
auf alle Qlieder europaischer Missionen mit ihren Schwierigkeiten 
und Verlusten" durfen wir doch wohl auch auf uns beziehen. Die 
andere Stelle lautet „Die Wirkung des Krieges auf die deutschen 
Missionen ist sehr beklagenswert gewesen. Viele von den deutschen 
Missionaren wurden intemiert und das so zuriickgelassene Werk 
wurde zum Teil fiir den Augenblick durch andere Missionen weiter- 
gefiihrt, aber der groBere Teil der Verantwortung fiel auf die indi- 
schen christlichen Arbeiter. Die Regierung hat Mittel bewilligt zur 
Unterstiitzung mancher Erziehungsanstalten. Unsere eigene Mission 
hat alles getan, was in ihrer Macht steht, um ihren deutschen Ge- 
fiihrten (associates) neutralen Beistand zu leisten und das Werk, das 
sie gegriindet haben, vom Erleiden unersetzlicher Verluste zu be- 
wahren." 

Voll groBter Hoffnungen und Zuversicht ist der Bericht uber die 
Arbeit in China trotz der politischen Wirren und der schmach- 
voUen Behandlung Chinas durch Japan nach dem Fall von Tsingtau. 
Wir erfahren, daB die Besitzergreifung der friiheren deutschen Be- 
sitzungen in der Provinz Schantung durch die Japaner zu einer 



~ 344 ~ 

Unterdriickung und Korruption des Lebens in jenen Qegenden gefuhrt 
hat. Fiir die Missionsarbeit war das Jahr giinstiger als alle vorher> 
gehenden. Der europ^sche Krieg und die Erneuerung des Konfu- 
zianismus haben den Blick auf die religiosen Dinge gerichtet. Audi 
wo man politisch und sozial reaktionSr denkt, weist man das Evan- 
gelium nicht ab. Prasident Yuan-Schikai selbst soil zu einem Mis- 
sionar gesagt haben: „Ich bin kein Christ, ich bin Konfuzianer. Aber 
wenn die christliche Ethik nicht die chinesische Qelehrsamkeit be- 
herrscht, dann ist keine Hoffnung fiir die Republik." Die Verwal- 
tungsbefugnisse der chinesischen Christen in den kirchlichen An- 
gelegenheiten wurden erweitert. 

Bei dem Blick auf J a p a n stehen auch fiir die Missionskreise in 
Amefika naturgemaB die politischen VerhSltnisse im Vordergrund. 
Ausbahmegesetze fiir die Japaner in Amerika liegen nicht im Inter- 
esse der Mission. Ein Einwanderungsgesetz, das sich nicht nur 
gegen Japan richten, sondem auch auf Europa Bezug nehmen wiirde, 
wiirde die Empfindlichkeit der Japaner nicht verletzen. Der europii- 
sche Krieg hat wohl die Ansichten mancher Japaner uber die Stellung 
des Christentums in der modernen Kultur beeinfluBt, aber im ganzen 
ist sein EinfluB wider Erwarten gering auf die durchschnittliche Denk- 
weise gewesen. Man hort und liest nur selten eine „Anspielung an 
die Tatsache, dafi der Krieg nicht mit der christlichen Lehre iiber- 
einstimmt". Doch hat der Krieg die Leute vielfach emster gemacht. 
Man macht das Christentum nicht verantwortlich fiir den Krieg, aber 
haufig hort man die Ansicht, daB der Krieg die Notwendigkeit eines 
lebendigeren und tStigeren christlichen Qeistes zeigt. 

Von den Marshallinseln lagen keine Nachrichten vor, da 
die Missionare intemiert waren. 

AuBer der eigentlichen Heidenmission treibt der American Board 
noch ein groBes Werk im vorderen Orient, auf dem Balkan und in 
verschiedenen romisch-katholischen LSndern. Fast ein Drittel seiner 
gesamten Arbeitskraft verwendet er auf die Tiirkei und den 
Balkan. Er treibt Mission unter Mohammedanern, Syrern, 
Armeniem u. a. Da er Stationen besitzt in Sofia, Saloniki, Elbassan, 
Monastir, Konstantinopel, Urfa, Erserum, Wan, am Euphrat und an 
vielen Orten, deren Namen uns durch den Krieg gel^ufig geworden 
sind, so laBt sich leicht verstehen, welche gewaltigen Schwierig- 
keiten ihm hier durch den Krieg erwachsen sind. Die Qeldtiber- 
weisung war schwierig. Unter seinen Missionsarbeitern in der 
Turkei befanden sich 36 britische Staatsangehorige. Die Schul- und 



- 345 - 

KrankenhSuser wurden fur das Rote Kreuz zur Verfiigung gestellt 
Oder muBten fiir militarische Zwecke geraumt werden. Der Brief- 
wechsel muBte sich der Zensur unterwerfen, die fiir kurze Zeit den 
Qebrauch der engiischen Sprache nicht zuiieB. Die Schuler der 
hoheren Bildungsanstalten muBten in das Heer eintreten. Ver- 
schiedene Stationen lagen im Kampfgebiet. In dem damals noch 
serbischen Monastir muBte auf die serbische Empfindlichkeit gegen- 
iiber dem Gebrauch der bulgarischen Sprache Riicksicht genommen 
werden. Vor allem aber ist es verstandlich, daB der American Board, 
der sich seit Jahrzehnten um das armenische Volk bemuht hat und 
viele Opfer fiir es gebracht hat, besonders schwer tragt an den Er- 
eignissen, die mit der Deportation der Armenier zusammenhangen. 
Deanoch schauen die amerikanischen Missionare im vorderen Orient 
vol! Hoffnung in die Zukunft Sie setzen groBe Hoffnung auf das schon 
so oft schwergeprufte armenische Volk fur die Christianisierung des 
vorderen Orients. Allzu optimistisch will es uns erscheinen, wenn 
der Bericht die Lage im Blick ahf die Mohammedaner fiir die Mission 
besonders ermutigend hinstelit. Er begrundet seinen rosigen Aus- 
blick durch den Hinweis auf folgende Punkte: Die SoUdaritat des 
Islam sei gebrochen und das Kalifat habe seine Macht als beherr- 
schende Idee verloren. In den letzten Jahren habe das Neue Testa- 
ment eine groBe Verbreitung unter den Mohammedanern gefunden. 
Das Bediirfnis nach westlicher Bildung sei sehr groB. Die Leidens- 
willtgkeit vieler Armenier habe einen tiefen Eindruck gemacht. Es 
finde sich hSufig religioses Unbefriedigtsein bei den Mohammedanern. 
Armenische Frauen und Madchen bringen oft unabsichtlich christ- 
liches Leben in turkische Harems. Die Wiederherstellung des ge- 
storten Missionswerkes werde unter anderen nationalen Bedingun- 
gen vor sich gehen, als sie bisher waren. Diese von dem American 
Board geltend gemachten Qriinde sind fiir uns zurzeit nicht alle dis- 
kutierbar. Vermutlich wurde bei manchen sich eine wesentliche 
Differenz der Ansichten ergeben. 

Das Werk der Bibelverbreitung in S p a n i e n und — trotz des 
Krieges — inOsterreichhat einen guten Fortgang genommen. 

Besonders interessiert man sich zurzeit in amerikanischen Mis- 
sionskreisen fur die Ausbreitung des Evangeliums in „Lateinisch- 
Amerika". Deshalb gewinnt die Arbeit des American Board in 
M e X i k o an Interesse und Wichtigkeit. Man bemerkt auf einmal, 
daB Siidamerika bisher geistig und religios isoliert war. Es hat aber 
demokratische Ideale gepflegt, von denen aus man nur die Linien 



- 346 - 

znm Evangeliutn hinziehen win. Es leidet unter der unausweichlichen 
sozialen Frage. Die Kirche kann sie nicht losen, aber das Evangelium 
kann die Menschen innerlich umgestalten, dafi sie Hand anlegen 
konnen an diese groBe Aufgabe der Menschheit. Das katholische 
Christentum hat seinen Halt verloren in SUdamerika. Auch der 
katholische Modernismus hat versagt. Bel den Gebildeten ist der 
religiose Zusammenbruch offenkundig. So ist es Zeit fiir die Aus- 
breitung evangelischer Frommigkeit. Allerdings steht ihr das groBe 
MiBtrauen der Mexikaner und Sudamerikaner gegeniiber den Ver- 
einigten Staaten entgegen. Sie glauben nicht an deren Selbstlosig- 
keit. Die Nordamerikaner leiden deshalb hier an der Schwierigkeit, 
von der sie in Asien befreit sind, unter der dort alle Europaer leiden, 
da man bei ihnen stets nationale Eroberungsgeliiste vermutet. Es 
muB deshalb eine Wandlung eintreten in der Art, wie man von seiten 
der Nordamerikaner die „lateinischen Amerikaner" behandelt. — 
Wir bezweifeln nicht die subjektive Aufrichtigkeit dieser Qedanken- 
gange des American Board, wohl aber ihren objektiyen Wert in einer 
Zeit solcher nationaler Spannungen, wie sie auch jenseits des QroBen 
Ozeans doch offenbar vorhanden sind. Vermutlich wird weder eine 
zukiinftige „friedliche Durchdringung" Mexikos, noch ein bewaffnetes 
Eingreifen zur Herstellung der Ordnung den Mexikanern ihr MiB- 
trauen gegeniiber dem machtigen Nachbam nehmen. 

B. Von der Cigenart der Missionsarbeit des American Board. 

Es ist immer wieder reizvoll, durch den langen Jahresbericht 
einer groBen Missionsgesellschaft mit all den vielen kleinen Einzel- 
ziigen hindurch den Spuren des Frommigkeitstypus nachzugehen, 
der das ganze Werk beherrscht. An dem Evangelium von Jesus 
Christus haben alle die verschiedenen Schattierungen ihren Anteil, 
die wir in der christlichen Menschheit finden. Aber groB sind die 
Unterschiede sowohl in der gedanklichen Auspragung des religiosen 
Besitzes, als auch in der Lebensgestaltung und in dem Ausbau des 
Gottesdienstes und der Qemeindeverfassung. Es ist des Staunens 
wert, wenn man sieht nicht nur, wie das Evangelium seine Lebens- 
kraft immer wieder bewahrt, sondern auch wie gleichsam ein be- 
stimmtes Gedankenschema, mit dem es erfaBt wurde, ohne Ruck- 
sicht auf Zeit und Raum seine Wirkung ausiibt. Oder ist es nicht 
erstaunhch, wenn man unter einer kleinen Schar primitiver Menschen 
auf einer kleinen Insel Mikronesiens oder im Inneren Afrikas die- 
selben Ideen wiedererkennt und am Werke sieht, die die englische 



— 347 ~ 

Qeschichte in Bewegung gesetzt haben und 4ie vor Jahrhunderten 
die Pilgervater als ein kostbares Gut im Herzeft mit uber den Ozean 
in das unbekannte Land und in eine ungewisse kukunft hineintrugen? 
Wenn jene Ideen auch heute modernere Qewander angezogen haben, 
erkennbar sind sie dennoch und aus vielen Einzelziigen ist es spiir- 
bar, daB die Arbeit des American Board von kongregationa- 
listischer Art ist. 

So werden wir versichert, daB das Ideal einer sich selbst regie- 
renden und sich selbst ausbreitenden Kirche den Missionaren unter 
den Schwarzen in Angola stets vor Augen steht, wenn auch in vielen 
Qenerationen noch nicht auf die Missionare verzichtet werden kann. 
Jedoch wenn der Wechsel kommt, wird es sich zeigen, wie ^t die 
ersten Pioniere das Werk entworfen haben. Der indische Bericht- 
erstatter freut sich auf die Zeit, wenn die Fiihrung der indischen 
Christenheit in den Handen von Indiern liegen wird. In China hat 
man den eingeborenen Qemeindegliedem nicht nur das Mitbestim- 
mungsrecht iiber die Angelegenheiten der Qemeinde, sondern auch 
in alien groBen Missionsfragen eingeraumt. Sie haben in den be- 
treffenden Korperschaften die gleichen Rechte wie die Missionare 
und sind ihnen an Zahl iiberlegen. In der Madura-Mission in Indien 
ist man immerfort bemtiht, die Rechte und das Qebiet der Verant- 
wortlichkeit der eingeborenen Missionsarbeiter zu erweitern. Auch 
gegeniiber den verworrenen Verhaltnissen in Mexiko halt man sich 
an das Ideal einer innerlich lebendigen, sich selbst regierenden Ein- 
geborenenkirche. Das wichtigste missionarische Problem ist iiberall, 
die Eingeborenenkirche zu entwickeln. Drei Pflichten hat man ihr 
gegeniiber: „Man muB an sie glauben; man muB ihr Verantwortung 
auferlegen und man muB das Qebiet ihrer Selbstbetatigung er- 
weitern!" Wo demokratische Ideale vorhanden sind, kntipft man 
an sie an. Man ist weitherzig gegeniiber anderer Denominationen 
und bereit zum ZusammenschluB zur Erreichung gemeinsamer 
Zwecke. Die Moglichkeit nicht nur religioser Emeuerung, sondern 
auch intellektueller und sozialer Hebung der sogenannten „tiefer- 
stehenden" Menschenrassen wird sehr optimistisch beurteilt. Ober- 
all wird auf die Ausbildung tiichtiger emgeborener Missionsarbeiter 
der allergroBte Wert gelegt. Deshalb wird das hohere Schulwesen 
sorgsam gepflegt. Es gilt als Grundsatz: „Lieber weniger gute 
Schulen, als viele in schlechterem Zustande." Die Leistungen der 
Missionsschulen miissen denen der staatlichen und nationalen zum 
mindesten gleichkommen. 



— 348 — 

". Neben der kongregationalistischen Eigenart tritt die prak- 
tische Art derAmerikaner in der Missionsarbeit des 
American Board oft deutlich zutage. Wir werden unterrichtet iiber 
die^ Bedeutung von Automobil und Motorrad fiir die Missionsarbeit, 
lesen mit Staunen von den vielen landwirtschaftlichen und Qewerbe- 
schulen und der Ausdehnung der arztiichen Mission. Sehr Iiaufig 
ist von der korperlichen Ausbildung und den sportlichen Leistungen 
der Missionsscliuler die Rede. Die eminente Bedeutung der literari- 
schen Arbeit und der Druckerpresse kommt in dem Bericht zu ihrem 
Recht. Besonderen Eindruck macht es, welche Rolle die selbsttndige 
gebildete Frau in der Missionsarbeit spielt. 

SthlieBlich sei nocii eines wichtigen Zuges gedacht, fur den uns 
in dieser Zeit nationalcr Hochspannung die Augen gescharft worden 
sind. Alle diese Mensciien, die im Auftrag des American Board hin- 
ausziehen, um Mission zu treibeh, und mit ihnen zalillose andere von 
anderen Missionsgesellschaften, gehoren zwar einem neutralen 
Staat an, aber sie sprechen engliscli. Oberall in der Welt wird in 
ihren holieren Schulen die englische Sprache gelehrt. Fur 
ihre Zoglinge verbindet sich vielfach mit ihren ersten tiefgehenden 
Eindriicken von christlicher Frommigkeit und westlicher Denkart 
das englische Wortbild, der englische Laut. Diejenigen unter den 
Schiilern, die nicht geistig einrosten, sondern sich spater weiter- 
bilden, sind auf die Erzeugnisse der englischsprechenden Welt an- 
gewiesen. Sprachgemeinschaft bedeutet aber mehr als eine bloB 
auBerliche Beruhrung. Ohne diese Tatsache wSre der Erfolg des 
Liigenfeldzuges, den man mit Presse, Draht und Funkspruch gegen 
unser Volk in der ganzen Welt fiihrt, nicht verstandlicfeu 

1 ^ ' ^ C. Statistisches. -^'-C^'- .^'^-.-'i^"" <.■ 

'*■ Das Bild von der Arbeit des American Board moge durch die 
wichtigsten 2^hlen verdeutlicht werden. Der American Board 
arbeitet auf 103 Stationen mit 1458 Nebenstationen. Unter seinen 
648 Missionsleuten befinden sich 172 ordinierte Missionare und 218 
alleinstehende weibliche Berufsarbeiterinnen. Von den 51 Missions- 
arzten sind 8 zugieich ordinierte Missionare, 11 sind alleinstehende 
Arztinnen und 6 sind Frauen von Missionaren. Ferner stehen in 
seinem Dienst 4777 eingeborene Missionsarbeiter. Die Zahl der 
Kommunikanten betragt 80844, die der „Adherents" 188174. In 
14 theologischen Seminarien werden 295 Zoglinge, in 18 Colleges 
3129 Studenten, in alien Erziehungsanstalten im ganzen 83 592 Per- 



- 349 ~ 

sonen ausgebildet. Die Eingeborenen brachten 367 391 Doll. auf. Mit 
den Einnahmen von 1 105 320,33 Doll, konnten die Ausgaben und ein 
Kleiner Teil des friiheren Defizits gedeckt werden. Die Qaben von 
Einzelpersonen und Kirchen sind etwas zuruckgegangen, die Legate, 
haben zugenommen. 

Wir schlieBen unseren Oberblick mit einem Zitat aus dem Jahres- 
bericht fiber die Arbeit in Mexiko, das den Sinn der Missionsarbeit 
mit folgenden Worten definiert: „Some one has well stated that the 
world has become a neighborhood and it remains for the church to 
make it a brotherhood." 

. * ^ « * Ans der Mission der Gegenwart. 

♦ - ♦ 

Japan fan Kriege. 

Der PrSsident der Deutsch-Asiatischen Qesellschaft, Wirkl. Qeh. Rat 
Raschdau, hat in einem Vortrage folgendes ausgefuhrt: „ Japan wunscht in 
erster Linie, daB dieser Krieg noch recht lange dauere, damit seine Mitbewerber, 
besonders England und RuBland, sich moglichst erschopfen. Wetter aber sucht 
sich das Land gegen alle Gefahren zu sichem und zu kraitigen. Es hat seine 
vor dem Krieg notleidenden Finanzen in Ordnung gebracht, es vermehrt eiligst 
seine Kriegs- und Handelsflotte, vor allem sucht es sich durch Bundnisse zu 
festigen. Diesem Zwecke dient vornehmlich das Abkommen, das es vor wenigen 
M(Miaten mit RuBland geschlossen hat und das man als Bundnis gegen moglichst 
englische und amerikanische Bedrohungen betrachten darf. Auch ist die Mog- 
lichkeit dner Verstandigung mit Deutschland nteht von der Hand zu weisen. 
Wie weit dabel das Unrecht, das uns durch die Besetzung unserer Besitzungen 
in China und in der Siidsee von seiten Japans widerfahren ist, wieder gut ge- 
macht werden kann, muB der Zukunft uberlassen bleiben." 

WenneineVerstandigungDeutschlands mit Japan wohl moglich ist, so ist 
es auch in nationaler Hinsicht gut, daB in Japan in Zukunft deutsche Arbeit sei, 
also ist das Dortbleiben unserer Mission, das aus religiosen Qrflnden erfolgte, 
auch national vorteilhaft Dr. J. W i 1 1 e. 

# 

UberaB^terung der Missfcm? 

Der Jahresbericht der schleswig-holsteinischen Missionsgeselischaft zu 
Breklum fiir 1915 spricht davon, daB Qott die deutschen Missionen nicht ohne 
Qmnd in eine so harte Schule nehme: 

„So stehen wir vor der Frage: Was hat Qott uns zu sagen, was ist unsere 
Schuld? 

Hier wird es mir schwer zu reden. Ichhabe die deutschen Missionen lieb, 
ich schatze vor allem die deutschen Missionare, auch die unsrigen, und s^e zu 
ihnen auf, und wer bin ich, daB ich rede? Aber es sei! 

Als Erstes neraie ich, daB die deutschen Missionen drauBen und daheim 
in der Qefahr stehen, vom Liberalismus beeinfluBt zu werden; und gerade 



- 350 -. 

die deutschen Missionen dQrfen iiicht liberalisiert werden! Die Engllnder und 
Amerikaner verfallen viel ieichter dem Liberalismus. Die deutschen Missionen 
haben eine Gabe auf dem Gebiet der Erkenntnis und Festhaltung der biblischen 
Wahrheit und soUen daheim wie drauBen SSuIen der Wahrheit sein. Wenn s i e 
liberalisiert werden, gereicht es der ganzen evangelischen Mission zum Schaden- 
Die Qefahr ist tatsachlich vorhanden." (S. 24.) 

N5her begrfindet wird diese Behauptung nicht. Dr. V/i 1 1 e. 



Wofiir ^ deutsdira KathoUken von den Franzosoi verantwortfich gemacht 

-■^■''fft: :■■'-'■''. . ■ werdea.. \' 

Der JCdlnischen Volkszeitung" Nr. 731 entnehmen wir die folgenden lehr- 
reiclien Ansfiihrungen: 

„Die Franzosen haben es schon mehrmals versucht, den deutschen Katho- 
Uken die Verantwortung fiir EHnge aufzuburden, mit welchen diese sehr wenig 
zu tun haben, aber das ist nun einmal eine in Frankreich beliebte Taktik, die 
dann regelm&fiig Gelegenheit gibt, einen Entriistungssturm gegen eine besonders 
unbeliebte Adresse zu richten. Nunmehr versucht man es dort, den deutschen 
KathoUken die Schuld fur die Unterdriickung franzosischer Anstalten im Orient 
zuzuschieben. Im ,,Echo de Paris" (31. Aug. 1916) hat der beruhmte Historiker 
Fr6d6ric Masson sich zum Wortfuhrer solcher franzdsischer Klagen aufge- 
worien, wobei er soweit geht, zu behaupten, daB die deutschen Katholiken den 
Untergang des Katholizismus im Orient „mit Beifall begriiBen". Er verweigert 
solchen Katholiken, zu welchen nach ihm auch die Neutralen, die auf dem 
gleichen Standpunkt stehen, gehoren, den Namen von Katholiken. Er s^gt: 
„Solche Leute sind nicht einmal Mohammedaner, sie sind Wilhelmisten, mimlich 
sektiererische Anhinger der evangelischen Religion, deren Hohepriester und 
blutdiirstige Verbreiter der PreuBe ist." 

Zu diesen Ansfiihrungen des franzo^schen Akademikers, die ja nur ein 
Echo iener Stimmung sind, wie sie jetzt in katholischen Kreisen Frankreichs den 
deutschen Katholiken gegeniiber mit besonderer Absicht hervorgerufen wird, 
brauchen wir nicht viel zu bemerken. ZunSchst dilrfte den Franzosen der Nach- 
weis wohl schwer ^en, daB die deutschen Katholiken iiberhaupt in der Lage 
waren, die Unterdriickung franzosischer katholischer Anstalten im Orient zu 
verhindem. Sodann muB hier hingewiesen werden auf einen fiir die Beurteilung 
der ganzen Frage sehr wesentlichen Punkt Jahrzehnte hindurch haben die 
Franzosen ihre katholischen Anstalten im Orient als nationale Anstalten hin- :^| 
gestellt. Sie haben ihnen einen so ausgesprochenen politischen Charakter ge- 
geben, daB selbst kulturkampferische franzosische Regierungen ihnen wegen 
dieser politischen Bedeutung Unterstutzung gewahrten. Man hatte sich in 
Frankreich ganz daran gewohnt, den nationalen Charakter der religiosen Unter- 
nehmnng im Orient so in den Vordergrund zu schieben, daB im ganzen Orient 
niemand mehr dariiber im Zweifel gelassen wurde, am allerwenigsten die Tiirkd 
selbst, gegen deren Bestand sich manche dieser Untemehmungen richteten, so 
besonders jene in Syrien, die ja nach franzosischen Gest&ndnissen selbst das 
dortige politische franzosische Protektorat vorbereiten sollten. Diese Ver- 
quickung von Religion und Politik mufite auf die Dauer fur den Bestand der 
kirchlichen Griindungen im Orient verhSngnisvoU werden. Der schwere Fehler, 



- 351 — 

dcr von einzelnen franzosischen Qenossenschrften begangen wurde, indem sie 
ihre Missionsarbeit als eine Arbeit ausgaben, mb sie in erster Linie fur Frank- 
reich verrichteten, hat sich bitter gerScht Die deutschen Katholiken konnen 
wahrhaftig fOr die nationalistischen Entgleisungen der franzosisctien Katholiken 
und franzosischen Qenossenschaften nicht verantwortlich gemacht werden, denn 
sie selber haben schwer darunter gelitten und oit dariiber Klage gefuhrt 

Nunmehr mochte Fr6d6ric Masson der Welt glauben machen, daB die 
franzosischen Anstalten im Orient ausschlieBUch katholische Anstalten gewesen 
seien (uniqueihent catholiques), darum ware die deutsche R^ierung ver- 
pflichtet gewesen, von der Turkei den Schutz dieser Anstalten zu verlangen. 
Das ist ia ein merkwiirdiger und gar piotzlicher Wechsel in den franzosischen 
Auffassungen! Jetzt woUen diese Anstalten, die friiher den nationalen Charakter 
so scharf betonten und das franzosische Protektorat bei jeder Gelegenheit so 
auffallend herausstrichen, auf einmal rein katholisch sein und verlangen sogar 
dent^hen Schutz fur sich bei der Tiirkei! 

Die deutschen Katholiken empfinden-Hefen Schmerz uber den furchtbaren 
Zttsamm^bruch der katholischen Anstalten im Orient; sie haben diesem 
Schmerz oft genug Ausdruck gegeben. Das allein diirfte den Franzosen schon 
als Beweis geniigen, daB die deutschen Katholiken keinerlei Verantwortung Mr 
die traurigen Ereignisse trifft. Aber euie Lehre soUten die Katholiken der ganzen 
Welt, nicht nur die franzosischen Katiioliken, aus dem Ruin der Orientmission 
Ziehen, nimlich, daB em Aufbaii der Missionen auf einem ausschlieBUch nationalen 
und politischen Untergrund aui die Dauer zu schwerem Unheil fiihren muB, well 
die in einer solchen Auffassung der Mission liegenden scharfen Qegensatze 
unaufhaltsam zur Auflosung des Ganzen fiihren miissen. Ob die franzosischen 
Katholiken das endhch einsehen werden, ist allerdmgs eine Frage, die wir nicht 
beantworten woUen. Vorbedingung dazu wSre, daB die nationalistischen Ziigel- 
losigkeiten, wie der Weltkrieg sie dort in geradezu unerhortem MaBe gezeitigt 
hat, emer wirklich kathoUschen Anschauung fiber die Beziehungen der Volker 
untereinander wieder Platz machen. Die ganze katholische Welt ist berechtigt, 
abzuwarten, ob die Franzosen eine solche Vorbedingung erfuUen werden, bevor 
sie die Klagen und Forderungen franzosischer Katholiken emst nehmen konnen." 



Aus unserem Vereinsleben. 



Aus einem Briete Sap. D. SchUers (Kyoto) vom 7. September 1916. 

Ueber Herr Doktor! Lange, alhnilange habe ich nichts von Ihnen gehort 
Bei uns ist alles m Ordnung. Wir arbeiten in Frieden weiter. Machen Sie sich 
um uns keine Sorge, wenn es auch schwer ist, von der Heimat abgeschlossen 
zu sein. Direkte Postsachen erreichen mich unter der genauen Adresse: Kriegs- 
gefangenenpastor Dr. E. Schiller, Kyoto, Shogouicho, Noboribata 10, freilich 
erst nach vielen Monaten. Aber es ist besser als nichts. So kam z. B. ein 
dh-ekter Brief meiner Matter vom 21. April am 28. August an. GriiBen Sie 
alle Freunde. Wir hoffen, daB Sie noch ein Jahr aushalten konnen. Viele 
OrliBe Ihr ergebener E. Schiller. 



- 352 - 

Neues fiber Piarrer Seufert 

Unser Missionar Pfr. Seufert hat in Tsingtau mitgekampft und ist ietzt im 
Qefangenenlager in Kurume in Japan. Der in Japan arbeitende deutsche Frei- 
missionar Gundert schreibt an die Brant des Missionars QrSf v(hi der Rheini- 
schen Mission folgendes: „Ini Marz pflegte er (Missionar QrSf) mit einem 
andem Missionar, der sich im gleichen Lager befindet, Herm Seufert vom 
AUgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsverein, zusammen einen sehr 
schwer lungenkranken Kameraden. DaB die beiden Missionare trotz der hohen 
Ansteckungsgefahr bestandig um den Kranken waren, hat auf einen oster- 
reichischen Maler, der schwer an den Nerven leidet, einen so groBen Dndruck 
gemacht, daB er ietzt religiose Gesprache mit den beiden sucht" 

Pfarrer Seuferts letzter Brief vom 18. August 1916 lautet wie folgt: 

Ich mochte Dir wieder einmal ein direktes Lebenszeichen geben. Hoffent- 
lich haben meine Angehorigen bisher mdnem Wunsche gemSB die Dich inter- 
essierenden Nachrichten aus meinen Briefen weitergegeben. Aus den Ant- 
worten von zu Hause sehe ich freilich, wie sparlich die Nachrichten sind, die 
in die HSnde der Meinen gelangen. Aber daran ist ietzt leider nlchts ZU andem. 
Zunachst danke ich fur verschiedene Sendungen von 2^itschriften und Biichem, 
die ich erhalten habe. Die groBere Sendnng habe ich seinerzeit an unsere 
Lagerbibliothek gegeben, wo alles Lesbare viel begehrt ist Eine Sendung vom 
Freiburger Verein erhielf ich nach Ostern; es waren groBtenteils Weihnachts- 
flugblatter. Ich habe davon weitergegeben; aber praktisch sind solche Sen- 
dungen auf eine bestimmte Zeit zugeschnittener Blatter nk:ht, da sie zu ganz 
anderer Zeit hier eintreffen. Das Buch von D. Wilhelm habe ich leider nicht 
erhalten. Von mir kann ich nur berichten, daB es mir gesundheitlich gut geht 
Ich arbeite, soweit es augenblicklich bei der groBen Hitze moglich ist. Wir 
kommen ietzt taglich auf die schone Warme von 35 bis 38 Qrad in unsem 
Baracken. Da ist der Mensch sehr stark auf das Vegetieren angewiesen. EKe^ 
Kollegen sind in ihren Sommerwohnorten. Hunziker war im Jnli hier. Von 
ihm erhalte ich regehnSBig mein Qeld. Er sagte mir bei seinem letzten Besuch, 
sie hatten das notige Qeld bei einem Schweizer Bekannten entliehen. Wie es 
D. Wilhelm in dieser liinsicht macht, weiB ich nicht Soviel ich weifi, erh&H 
er aber nichts mehr aus der Schweiz. Auch seine Familie ist ganzlich ohne 
Nachricht von Hause. Sie ist zurzeit inf^Sommeraufenthalt in Moganschan bei 
Hangdschau. Allen geht es gut Dire kurzlich neubelebte Hofbiung, zurfick- 
kehren zu konnen nach Heim und alter Arbeitsstatte, scheint wieder zunichte 
geworden zu sein.*) D. Wilhelm war im Anfang des Sommers ziemlich krank 
Infolge Uberarbeitung, scheint aber ietzt wieder wohl zu sem. Nun noch die 
besten Wunsche fiir allseitiges Wohlergehen und treue QriiBel 

Ddn W. Seufert 



*) Frau Wilhelm ist mit Schwester und Kindern im September nach 
Tsingtau zuriickgekehrt. Dr. J. W i 1 1 e. 



Verantwortlicher Schriftleiter: Missionsdirektor Lic.Dr. J. WIttc 
Berlin- Steglitz, SedanstraBe 40. 

Dmck von Hoffmann & Reiber, Qdrlitz, Demianiplatz 28. 



Das Bild Muhammeds im Wandel der Zeiten. 

Von Professor Dr. H a n s H a a s. 

- "*' ^ (SchluB.y 

Wir erinnern uns, daB die drei Orientalisten, mit deren Ui;teil 
fiber Muhammed wir uns zuletzt bekannt gemacht, Muir, Sprenger 
und Ndldeke, ungefShr gleichzeitig, um 1860, mit ihren Werken, in 
denen die von Qustav Weil eingeleitete neue Ara der Betrachtung 
weijer ausgebaut ward, an die Offentlichkeit getreten sind. Ein 
Menschenalter war seitdem dahingegangen, da mufite oder konnte 
ein so kompetenter Kritiker wie Snouck Hurgronle sich dahin aus- 
sprechen, daB innerhalb dieser ganzen Periode auch nicht e i n Werk 
fiber Muhammed erschienen sei, das irgend als selbstandige Leistung 
gewertet zu werden verdiene. Zu dieser Zeit (1894) lag seit zehn 
Jahren bereits das bekannte „Leben des Muhammed" von Ludolf 
K r e h 1 und in der Onkenschen „Allgemeinen Qeschichte in Einzel- 
darstellungen" auch A. M u 1 1 e r s zweibandiges Werk „Der Islam 
im Morgen- und Abendland" vor. 

Krehls Biographie des Propheten hatte ja nun am Ende aller- 
dings ungeschrieben bleiben konnen, ohne daB wir damit sonderlich 
viel verloren hStten. Ich will hier ^ber doch nicht daruber hinweg- 
gehen, ohne zu bemerken, daB ihr Autor jedenfalls sich beflissen 
zeigte, durch die Widerspruche im Leben und im Charakter Muham- 
meds sich durchzuarbeiten und den wirklichen Kern herauszufinden. 
An seiner Aufrichtigkeit ist nach seiner Meinung nicht zu zweifeln. 
Krehl ISBt nicht auBer acht, daB in den arabischen Oberlieferungen, 
wie sie in den von ihm als Ouellen verwerteten Traditionswerken 
eines BuchSri und Muslim sich finden, ein vieles durch das Vor- 
walten der Sympathie fur Muhammed tendenziSs gefSrbt ist. Das 
aber ist ihm doch unverkennbar, daB das ganze Streben des merk- 
wurdigen Mannes der sittlichen und religiosen Hebung seines Volkes 
gewidmet gewesen ist. Und daB ihm auch wirklich gelungen, was 
er angestrebt, daB er nicht nur der Grunder der arabischen Zivilisa- 
tion geworden, sondem daB durch ihn das ganze Denken und Fuhlen 
seines Volkes eine andere, jedenfalls hohere Richtung genommen, 
ist ihm Beweis dafur, daB er ganz bestimmt nicht der betrugerische, 

Zeitsdhrift ffir Miasioiukunde and ReligimuwisseaMiuft 31. Jitu-gaog;. Hefl 12. 



— 354 — ■ --.s..,--'-^:- ■/ 

scheinheilige Sch warmer und der nur vom Egoismus geleitete ehr- 
geizige Mensch gewesen, den man aus ihm hat machen wollen. 
Einem solchen ware solches nie und nipimer gelungen. Die Macht, 
meint er, welche er errichtet, ware sicher bald nach seinem Tode 
wieder in sich zusammengestiirzt, wenn sie nicht auf eine hohere Idee, 
auf eine Lehre gegrundet gewesen ware, welche noch heute Millionen 
von Menschen geistig beschaftigt und befriedigt, und an welche sich 
im Laufe der Jahrhunderte ein sehr weit ausgedehntes, zum Teil«sehr 
ideenreiches und von hoher geistiger Bildung zeugendes Schrifttum 
angeschlossen hat. Das sind Qedanken, die deutlich an Carlyle an- 
klingen. Und in der Vorrede fuhrt Krehl auch zustimmend eine 
AuBerung dieses Autors aus dessen Essai uber Voltaire an: „Kein 
Charakter ward jemals eher richtig verstanden, als bis man ihn mit 
einem gewissen Qeftihl nicht bloB der Toleranz, sondern auch der 
Sympathie betrachtete. Wir miissen uns iiberzeugen, daB unser 
Feind nicht jenes hassenswerte Wesen ist, als welches wir nur gar 
zu geneigt sind ihn darzustellen. Seine Laster und Schlechtigkeiten 
liegen vor s e i n e n Qedanken in einer ganz anderen Verkettung als 
vor den unsem und in einer Farbung, welche sie mildert, ja viel- 
leicht sogar als Tugenden erscheinen laBt." 

DaB Hurgronje mit seinem angefiihrten kritischen Verdikt auch 
den glanzend geschriebenen BSnden A. Miillers alien Eigenwert hat 
absprechen wollen, mochte ich nicht glauben. Richtig ist ja freilich, 
und eben das war doch auch, was der Verfasser wollte, daB sie 
weniger die Resultate eigner Quellenstudien darbieten, als in zu- 
verlassiger Weise den Stand der Forschung zur Z^it ihres Er- 
scheinens zum Ausdruck bringen. Und richtig wird es welter sein, 
daB dies vor allem fiir die Darstellung des Lebens Muhammeds gilt, 
die innerhalb der Mullerschen Qesamtdarstellung der ganzen Qe- 
schichte des Islam doch nur einen, wenn auch ziemlich ausfuhrlichen 
Abschnitt, die Seiten 40—207, ausmacht. Nicht zu vergessen ist aber 
doch, daB er gerade fiir diese Partie wohl in der Lage war, an der 
Hand der Originalquellen nachzupriifen, was er den VorgSngern ent- 
lehnt, eine Pflicht, die er nicht vemachlassigt hat, wie er ausdruck- 
lich erklart. Eigenen Qedanken des Verfassers begegnet man auch 
in seiner wohlabgewogenen, im ganzen giinstigen Wurdigung des 
Begriinders des Islam. Kapitel 2 des 1. Buchs ist iiberschrieben 
wMohammed der Prophet". Miiller versichert, daB er diese Ober- 
schrift dem Kapitel weder unbedacht, noch auch etwa ironisch vor- 
gesetzt habe. Wem der Name Prophet nur in dem Sinne irgend eines 



r - 355 - 

theologischen Systems eine ..Bedeutung" habe, der brauche sich 
uber die vielbesprochene Frage, ob Muhammed wirklich ein Prophet 
gewesen oder nicht, den Kopf iiberhaupt nicht zu zerbrechen; denn 
I dem sei sie in seiner Dogmatik bereits beantwortet, dem Muham- 
' medaner im bejahenden, dem orthodoxen Juden oder Christen im 
verneinenden Sinne. Im rein historischen Sinne werde man dem 
Muhammed den Namen eines Propheten schwer versagen konnen. 
Freilich sei nicht zu leugnen, daB er infolge seiner auBerordentlich 
^* reizbaren Konstitution allerhand Nervenzufallen ausgesetzt gewesen, 
die sich einigemal bis zu Halluzinationen gesteigert haben. Am 
wahrscheinlichsten sei, daB diese medizinisch noch nicht sicher defi- 
nierten Zufaile, keinesfalls epileptischer Natur, mit den auch sonst 
bekannten Nervenaffektionen religios uberreizter Personen zu- 
sammenzustellen seien. Miilier erinnert daran, daB ja auch Luther 
gelegentlich den Teufel mit eigenen Augen zu sehen geglaubt habe: 
zwischen seiner krSftigen Natur, welche von derartigen Sinnes- 
I tSuschungen nur vorubergehend angewandelt wurde, und den 
I ekstatischen ZustSnden stigmatisierter Jungfrauen werde Muham- 
med vielleicht die Mitte gehalten haben. Pflegten bei ihm diese Zu- 
falle naturgemaB dann einzutreten, wenn die religiose Erregtheit 
seines Inneren am starksten war, „so ist es begreiflich, daB eiristim- 
miger und zweifellos begriindeter Oberlieferung zufolge ihm die 
Offenbarungen wenigstens sehr haufig gleichzeitig mit solchen An- 
iallen kamen. Dem gegeniiber muB aber nachdriicklich betont 
werden, daB unter diesen Zustanden seine voile Zurechnungsfahig- 
keit nicht gelitten hat, und daB noch weniger jene auBerliche An- 
schauung fiir berechtigt gelten darf, nach welcher ungefahr seine 
ganze Lehre auf Halluzinationen und Irrereden hinauskamen. 
Wenigstens in seiner mekkanischen Zeit ist er auch bei normalem 
Befinden nicht weniger von seiner Sache voU, als in den Fallen 
auBergewohnlicher nervoser Reizung." Die konsequente Sicherheit 
seiner Haltung, die Einheitlichkeit seines ganzen Wesens, die nie- 
mals von seinen zeitgenossischen Qegnern bemangelt worden sei, 
trete uns auch heute noch deutlich im Koran entgegen, dessen 
Schwachen die eines logisch ungeschulten Denkens, nicht die einer 
gestorten Psyche seien. Und diirfe man unter% diesen Umstanden 
Muhammeds Offenbarungen nicht einfach als Ausgeburten eines 
kranken Gehirns oder als Faseleien eines albernen Schwarmers bei- 
seite schieben, so konne seine vollkommene Ehrlichkeit in der mek- 
kanischen Periode noch weniger in Zweifel gezogen werden. „Die 






Zustande verzweifelter Angst, welche der entscheidenden Vision 
vorhergingen, die wahrhaft bewunderungswurdige Ausdauer, mit 
welcher der an sich keineswegs mutige Mann iiber ein Jahrzehnt 
unter den schwersten Verfolgungen, zuletzt unter dringender Lebens- 
gefahr, ohne die geringste Aussicht auf einen schlieBlichen Erfolg 
seine Predigt fortgesetzt hat, sind klare Zeugnisse fur die ihm selbst 
im Anfang unheimliche, iiberwSltigende Macht der Idee, welche ihn 
ergriffen hatte, und die unabhangig von seinem Willen ihn zu der 
festen Oberzeugung brachte, die Eingebungen, welche seinem 
Denken sich aufdrangten, seien von Qott selbst geoffenbart." Damit, 
meint Muller, sei das Bild eines echten Propheten gegeben. Ihm 
den Namen zu verweigern sei natiirlich jeder berechtigt, der sich 
in die Qeheimnisse der gottlichen Leitung der Volker so weit ein- 
geweiht glauben darf, daB er sicher weiB: in dieser Zeit ist ein 
Prophet nicht mehr moglich. Eine solche dogmatische Selbst- 
beschrankung des Urteils werde haufig auf den achtungswertesten 
Motiven beruhen, aber nur eine etwas universellere Betrachtungs- 
weise werde imstande sein, dem Qlauben und Denken fremder 
Volker einigermaBen gerecht zu werden. - ^^ 

Schonfarbender Obertreibung macht dabei aber Miiller sich 
keineswegs verdSchtig. Er verfehlt nicht, auch seine Vorbehalte zu 
machen. „Einmal," sagt er, „lehrt eine auch nur oberflachliche Ver- 
gleichung des Korans mit den Schriften der Propheten Israels, daB 
die religiose Idee des Arabers von vergleichsweise geringerem 
Werte gewesen ist. Das ist nicht zu verwundern. Ein langer Weg 
fiihrt von den Propheten, unter welche Saul geriet, zu der Hohe des 
zweiten Jesaja, und Mohammed ist zugleich der letzte wie der erste 
Prophet seines Volkes. Kein Wunder, daB er nur eine Seite des 
gottlichen Wesens erfaBt, daB ihm insbesondere der Begriff der 
H e i 1 i g k e i t vollkommen abgeht, damit aber auch die Qrundlage 
fiir eine irgendwie tief ere Ausgestaltung des Qedankens einer s i 1 1 - 
lichen Lebensordnung. Aber was sich von moralischen Vor- 
schriften doch auch seiner mangelhaften Anschauung ergab, bleibt 
der vielfach geradezu emporenden sittlichen Gleichgliltigkeit seiner 
Zeit gegeniiber ein ganz erheblicher Fortschritt. Daran andert die 
Tatsache nichts, daB er vielfach in den Schranken seiner Nationalitat 
befangen blieb, ja in seinen spateren Jahren derselben immer weitere 
Konzessionen machte, mit welchen er seiner Lehre endgultig das 
Siegel eines niemals zu beseitigenden Partikularismus aufgedrttckt 
hat. Aber diese Befangenheit in den Schranken der Nationalitat fiihrt 



— 357 — 

ihn allm^lich zu Schlimmerem, und das veranlaBt meinen 
z w e i t e n Vorbehalt. Mohammed konnte als Araber nicht be- 
greifen, wie die Wahrheit nicht schon bei seinen Lebzeiten in dieser 
Welt hatte triumphieren soUen; noch weniger konnten ihm Begriffe 
wie Qewissensfreiheit, Unterschied zwischen Staat und Kirche Oder 
dergleichen kommen. Selbst dem Abendlande ist noch im sech- 
zehnten Jahrhundert allgemem der Ketzer gleichzeitig ein Staatsver- 
brecher und wird demgemaB behandelt, um so weniger konnte es 
einem Orientalen des siebenten beikommen, in einem UnglSubigen 
etwas anderes als einen Bosewicht zu erblicken, und schwerlich hat 
in solchem Falle der Prophet daran gedacht, daB sein Herr in seiner 
ersten Offenbarung vom Schreibrohr, nicht vom Schwerte ge- 
sprochen hatte. So diirfen wir uns kaum wundern, wenn seinen 
Feinden gegenuber Mohammed jeglichen moralischen Qefiihles er- 
mangelt. Wahrend er m Mekka selbst in der Bedrangnis lebte, 
konnte diese Seite seines Wesens sich nicht entwickeln, erscheint die 
religiose Idee, welche ihn bewegte, ungetrubt von weltlichen Ereig- 
nissen, analog etwa der Art des Christentums m den ersten Jahr- 
hunderten. Wenn aber das letztere erst durch Konstantin dem Worte 
seines Herrn .JVlein Reich ist nicht von dieser Welt" entfremdet 
wird, so trifft solche Entstellung im Islam schon die Personlichkeit 
des Stifters, und mit Recht hat man betont, daB es ftir das Andenken 
des arabischen Propheten gliicklich gewesen sein wiirde, wenn seine 
Laufbahn mit der Flucht aus Mekka abgeschlossen hStte. Und was 
uns am peinlichsten beriihrt, ist bei weitem nicht die Schonungs- 
losigkeit, mit welcher er oft auf die Vernichtung seiner Feinde aus- 
geht: das war eben altarabische Harte, und man kann fiir ihn an- 
fiihren, daB in einer Anzahl anderer FSlle er eine nicht gewohnliche 
Milde hat walten lassen. Aber was uns bei weitem mehr abstoBtt ist 
die Heimtiicke und systematische Liigenhaftigkeit, welche in Medina 
mehr und mehr bei iljm hervortreten. Wenn er schon in Mekka, be- 
sonders in spaterer Zeit, von dem Spotte und den Qriinden der 
Qegner gedrSngt, bisweilen etwas eigentiimliche Behauptungen auf- 
stellt und bedenkliche Auskunftsmittelchen gebraucht, um sich aus 
allerhand Widerspriichen herauszuwickeln, so kann man das mit 
seiner Ungeiibtheit im logischen Denken geniigend erklaren; aber in 
Medina nimmt rasch eine bewuBte Verlogenheit und Treulosigkeit 
von seinem Innern Besitz, die als Erbteil seines Volkes begreiflich, 
im Verein mit der offiziellen Frommigkeit aber, welche darum nicht 
geheuchelt zu sein braucht, fiir uns unsaglich widerwartig ist. Die 



Religion ist ihm zur Poiitik und nicht bloB zur Kirclienpolitik ge- 
worden; zuerst vielleicht kaum, dann halb, endlich voUkommen be- 
wuBt bedient er sich der Liige, um die Wahrheit durchzus6tzen. Was 
davon personliche Schuld, was Zwang des arabischen Blutes ge- 
wesen, ist eine miiBige, weil unlosbare Frage; war nach beiden 
Seiten ohne Voreingenommenheit zu urteilen sich bemtiht, wird 
weder das eine, noch das andere ausschlieSen konnen." 

Das alles sind Betrachtungen, die Miiller anschlieBt an die ersten 
Offenbarungen, die Muhammed zuteil geworden. Noch einmal wirft 
er nach dem Berichte iiber des Propheten Lebensende, ehe er an die 
Darstellung der weiteren Qeschicke seines Werkes geht, einen 
kurzen Blick auf „die bei aller Fremdartigkeit anziehende und doch 
bei aller QroBe wieder abstoBende Qestalt des merkwiirdigen 
Mannes", zu dessen Bedeutung die zwolfhundertjahrige Qeschichte 
des Islam ein beredter Kommentar sei. „Hatten wir in ihr," so faBt 
er da sein umsichtiges Urteil zusammen, „nur den Propheten von 
Mekka, oder den Staatsmann und Herrscher von Medina zu 
wiirdigen, sie ware uneingeschrankter Bewunderung wert. Seine 
feurige Begeisterung fiir Qottes Sache, seine unverzagte Ausdauer- 
im Bekenntnis zu der religiosen Idee unter jahrzehntelanger Ver- 
folgung und Triibsal muB jeden, der fur selbstloses Suchen nach der 
Wahrheit iiberhaupt Verstandnis besitzt, mit aufrichtiger Teilnahme 
erfiillen; und der politischen Einsicht, der gewaltigen Macht iiber die 
Qemuter der Menschen, der SelbstgewiBheit und Beharrlichkeit, 
welcher es gelang, den in jeder Weise berechtigten Plan der all- 
mahlicben Unterwerfung und Einigung der arabischen Stamme im 
islamischen Staate durchzuftihren, wird niemand gerechte Aner- 
kennung versagen konnen. Und ist diese Durchfuhrung nicht ohne 
manche Qewaltsamkeit und ^interlist gelungen, so darf man doch 
nur in ganz wenigen Fallen ^em Mohammed nutzlose Rachgier und 
in keinem blutdiirstige Grausamkeiten vorwerfen — selbst die Ab- 
schlachtung der armen Juden war zweifellos eine MaBregeL politi- 
scher Berechnung, und er kann mit den 600, wie man treffend her- 
vorgehoben hat, gegen die 4500 Sachsen nicht aufkommen, welche 
der christliche Held Karl der QroBe an der Aller hinrichten lieB. Und 
legt man erst den MaBstab dessen an, was sonst im Orient vor und 
nach Mohammed iiblich gewesen ist, so muB er fiir einen morgen- 
landischen Herrscher geradezu milde genannt werden. Was uns 
schlieBIich trotzdem gegen ihn emport, ist, daB er auch in seiner 
medinischen Zeit eben nicht als bloBer Herrscher, sondern als 



- 399 - 

der Bote Qottes gelten will, daB er in verhangnisvollem Selbst- 
betrug den Namen des Hochsten zum Aushangeschild fiir politische, 
ja schlieBlich fiir ganz personliche Zwecke oftmals unlauterer Art zu 
miBbrauchen fiir erlaubt hSlt, Zwecke, welche selbst unbedenkliche 
Staatsmanner heutzutage nur durch eine traurige Notwendigkeit zu 
entschuldigen wagen. Wer sicli bemuht, an den halbwilden Araber 

des siebenten Jahrhunderts nicht allzu unbillige Aiforderungen zu 

stellen, wird auch hier iiber die Frage nach der Hohie der sittUchen 
Schuld zweifelhaft sein; aber fiir unsere moderne Empfindung ist 
und bleibt eine Personlichkeit solcher Art schlieBlich doch wider- 
wSrtig, und alle seine guten Eigenschaften, die oft zartfiihlende 
Freundlichkeit im Umgange, die Treue in der Anhanglichkeit an 
solche, denen er Dank schuldete, das immer wache BewuBtsein der 
Pflichfen seines hohen Amtes konnen ihm unsere Teilnahme immer 
nur auf Augenblicke sichern, auch wenn wir der unheilvollen 
Schwache vergessen, die ihri gerade in seinen spateren Jahren vor 
jedem glatten Frauengesicht seiner personlichen Wtirde vergessen 
lieB. So widerspruchsvoll aber Mohammeds Charakter durch jene 
traurige Entstellung seiner anfangs so achtungswerten Ziige ge- 
worden ist, sein Werk war ein groBes, im Vergleich zu dem, was 
vor ihm bestand, bewunderungswiirdiges." — 

Das Vorwort zu dem Werke, in dem A. Miiller sich also aus- 
laBt, ist datiert: 9. Juni 1885. So ist es ein Zeitraum von mehr als 
elfhundert Jahren, durch den unser fliichtiger geschichtlicher Ober- 
blick die Wandlungen des Urteils uber den auBerordentlichen Mann 
uns hat verfolgen lassen. Qeflissentlich stehe ich davon ab, dieser 
Riickschau welter auch eine Umschau noch in der Qegenwart hier 
anzuschlieBen. Sie anzustellen bietet slch jedem bequemst die neuere, 
nicht eben sehr reiche, erst zur Stunde eben wieder Zuwachs er- 
fahrende Literatur, die Leser fiir sich selber heischt und nicht fiir 
bloBe Referate uber sie. Bucher wie Hubert Grimmes „Mo- 
hammed. Erster Teil: Das Leben. Zweiter Teil: Einleitung in den 
Koran. System der koranischen Theologie", Miinster 1892, 1895; 
und desselben Autors kurzere Muhammedbiographie „Die 
weltgeschichtliche Bedeutung Arabiens", Munchen 1904; Robert 
Fa Ike, „Buddha, Mohammed, Christus, ein Vergleich der drei 
Personlichkeiten und ihrer Religionen", Qutersloh 1896, 1897; 
O. Pautz, ,JVluhammeds Lehre von der Offenbarung", Leipzig 
1898; H. Reckendorf, „Mohammed und die Seinen", Leipzig 
1907; M. Hartmann, „Der Islam, Qeschichte — Qlaube — 



— 360 - 

Recht", Leipzig 1909; J. Goldziher, „VorIesungen uber den 
Islam", Heidelberg 1910; Ed. Meyer, ..Ursprung und Qeschichte 
der Mormonen", Halle 1912 (dies wegen der darin aufgewiesenen 
sehr instruktiven Parallele zwischen Joseph Smith und Muham- 
med); Traugott Mann, ,J)er Islam einst mid jetzt", Biele- 
feld und Leipzig 1914; H. S. R e h m , „Mohammed und die Welt 
des Islam", Leipzig (Reclams Universalbibliothek) 1915 — ich be- 
schrSnke die Aufzahlung auf die bei uns selbst neuzugeflossene ein- 
schlagige, in ihrem Werte freilich sehr ungleiche Literatur — 
Biicher, wie die genannten, sind keinem unerreichbar. Sei denn nur 
dies bemerkt zum Schlusse: wer etwa, angeregt durch die vorauf- 
gegangenen Seiten, mit dam, was Qegenwartsautoren an Urteilen 
iiber den Begriinder des Islam verlauten lassen, sich bekannt nlachen 
wird, der wird gewahr warden, von einam consensus opinionum sind 
wir hier noch immer weit, sehr weit entfernt. S o weit entfernt, daB 
von den beiden groBen deutschgeschriebenen Handbiichern der All- 
gemeinen Religionsgeschichte, die sich zurzeit dem Lernenden emp- 
fehlen, das eine, das von Chantepie dela Saussaye, 
Muhammed faBt als einen wahren, von seiner gottlichen Berufung 
innerst iiberzeugten Propheten *), das andere, das von O r e 1 1 i , 
es charakteristisch findet, daB das in einem standard- work der pro- 



*) Professor H o u t s m a (Utrecht), von dem der Abschnitt iiber den 
Islam, emer der besten des bekaraiten im Verlag von J. C. B. Mohr in 
lubingen erschienenen Lehrbuches (3. Auil. 1905; 4. Aufl- in VorbereitunK), 
stammt, laBt sich iiber Muhammed aus, wie folgt: 

„Es ist fiir den BioRraph^i Mohammeds nnmer sehr schwierifc gewesen, 
ein gerechtes Urteil iiber seine Person zu fSiien. Das • itann niemanden 
wutidernehmen, weil er ohne Zweifel ein ganz auBergefwohnlicher Mensch 
gewesen ist In seiner Personlichlteit treten zwei Qeistesrichtungen hervor, 
welche sonst nie zusammen vorkommen, ia gewissermaBen einander aus- 
zuscjiUeBen pflegen: ein unerschiitterlicher Enthusiasmus und eine kiihl be- 
rechnende Weltklughdt. Dies wird einigermaBen erklarhch, wenn wir be- 
denken« dafi er bereits im reiferen Maimesaiter stand, als er offenttidi als 
Prediger des Islam auftrat, also in einem Alter, in welchem die Sc^wSrmerei 
und der Enthusiasmus der Jugend entweder bereits voUig verschwunden 
Oder iedenfalis der khigen Berechnung untergeordnet sind. Es wSre e«ne 
Verkennung der historischen Tatsaohen, werm wir iibersehwi woUten, daB 
bereits in der mekkanischen Periode Mohammed mit groBer Schlauheit und 
fekiem Takt die Oefphreii, welche ihm und seiner kleinen Qememde drohten, 
geschickt zu umgehen wuBte, wie es anderseits ebenso verfelilt ware, zu 
vergessen, daB er audi in Medina, ja noch bei der Abschiedswailfahrt mit 
jugendlichem Eifer und ungebrochener Kraft fiir scan sittlich-religidses Ideal 
eingetreten ist. Dennoch geschieht es nur zu oft und sind viele chrtstiiche 
Qeiefarte geneigt gewesen, den einheitlichen Charakter in seiner Biograpiiie 
pretezuge^eo, den mekkanischen Prediger als einen wirklichen Propheten 
gelten zu lassen, den medinenstschen HSuptling als einen Betriiger und Wohl- 
liistling zu verdammen. Man glaubt n^mlich in der spSteren Periode von 
Mohammeds Leb^ Qiarakteriehler zu bemerken, welche fruher gar nlcht 



— 361 - 

testantischen Theoiogie — gemeint ist damit eben das vorgenannte 
— mSglich ist! 

Und wie bei uns, in Deutschland, nicht anders ist es anderw^ts 
in der cliristlichen Welt. Es ist bezeichnend, daB noch immer auch 
in Frankreich ein angesehener Forscher — seine diesbezugliche 
Publikation kenne ich selber nur durch einen Bericht von Professor 
Becker im „Archiv fiir Religionswissenschaft" (1912) — , Lam- 
mens, in allem wissenschaftlichen Emste die Frage aufwerfen 



i^oriianden zu sein schienen und mit seinem proi^etisdien Benife schlechthoi 
In Widerspruch stehen. 

Was nun die letzterwahnte BehauptunK betrifft, so ist es iranz unnutz, 
daruber zu streiten. Wer mit den mohamtnedanischen DoKmatikern mdnt, 
daB ein Prophet notwendijjerweise auch siiitdios sein solle, dem bereitet die 
Biographie Mohammeds manche SchwieriErkeiten, und er kann nicht einmal 
bei dem,' was die Qlaiibi«;en zu seiner EntschuldiKuns vorKebracht haben, 
sich beruhlgen. Einem Araber gilt Mohammed als das Musterbild von 
Mtlde und KluRheit, ihm scheinen die MaBregeln gegen seine personlichen 
Feinde, zezen die Juden Medinas usw. eher zu gelinde als tm strmg, indessen 
ein europaischer Qelehrter hier nur Qrausamkeit Hinterlist und Rachsucht 
zu erblicken vermaii. Niap braucht aber nur an Konig David zu erinnern, 
welcher, obgleich er nicht fur einen Propheten gehalten wird. dennoch bei 
viden irwnmen Leuten im Rufe ernes gottKefalligen Heldenkonigs steht, um 
es begreiflich zu finden, daB es den Glaubigen niemals in den Sinn ge- 
kommen ist, die gottiiche Mission Mohammeds zu bezweifeln, well er die 
nati<Hialen Fehler mit s^nem Voike teilte. Was sie befremdete, ist vielmehr, 
daS er den Krieg in den heiUgen Monaten gestattete. daB er das Wetb seines 
Adoptivsohnes Zakl heiratete usw., kurz Dinge, welche bd den Arabeni 
unerhort waren und mit dem alten Herkommen stritten; und eben darin 
sahen sie den Beweis dafiir, daB fur Mohammed andere Gesetze gailen als 
fur jeden anderen Araber. Wir. die wir diesen Giauben nicht teilen. auch 
wenn wir Mohammed als Propheten gelten lassen, Ubersehen die Schwache 
des Menschen nicht, wenn wir behaupten. daB er, beurteilt nach dem emzig 
gerechten MaBstabe, nach dem seine Zeit- und Volksgenossen zu beurteilen 
and, auch in Medina seinen Beruf auf ehrenvcrfle Weise erfiillt hat. Sdbst 
die ihm oft vorgeworfene Sinnlichkeit, welche ihn, wie man meint, verfiihrte, 
etwa ein Dutzend Frauen zu heiraten, ist schlieBHch eine Hypothese, wdch*» 
mit seiner sonstigen schliciiten und einfachen Lebenswelse nicht im Ein- 
klajn; steht. Vielleicht sind bd diesen Hdraten auch Politik und kluge Be- 
rechnung die Triebfeder gewesen: einen groBen Harem zu halten, gilt im 
Orient — man denke an Komz Salome — als dn Zeichen fiirstlichen An- 
sehens. 

Auch die Bereohtigung des Vorwurfs, daB er durch angebliche gottliche 
Offenbarungen seine Fehler und Schwaohen gutheiBen lieB, kdnnen wir nicht 
ohne Einschrankung gelten lassen. Man muB den logischen Folgen des dn- 
mal angenommenen Berufes dnes Gesandt^i Gottes dabei Rechnung tragen. 
Er wuMe in solchen heiklen Fallen von sdnen Freunden und Fehiden ge- 
drangt, die gottliche Entscheidung kund zu geben, und konnte sich der Er- 
fullung dieser Aufgabe nicht entziehen. Allerdings hStte er in einigen Fallen 
eine Antwort geben k6nnefi, welche in unsern Augen sdnem sittlichen 
Charakter groBere Ehre gemacht hStte. Man wird abei- finden, daB die 
Antwort nie ausschlieBlich sdne personlichen Interessen beriicksichtigt, 
sondern immer klug darauf berechnet war, die Frage, so gut es die Um- 
stSnde nur immer «rlaubten, aus der Welt zu schaffen und iedermann zu be- 
friedigen, so daB er tatsSchlich dabei auf keinen Widerspruch stieB und seiner 
Wurde kdnen Eintrag tat" 



- 362 - ^ 

und als Oberschrift vor eine Untersuchung setzen kann: „Mahomet 

fut-il sincere?" Lammens erortert nach dem genannten Referenten 

die Frage ja allerdings nicht mehr nach Art der alten Polemiker. Er 

'Seziert, das freilich mit unbarmherziger Scharfe, die Psyche dieses 

seltsamen Menschen. Kann, so fragt er, ein Mensch, der in dem 

kaufmannischen Milieu Mekkas aufgewachsen ist und der sich spater 

^ als ein gewiegter Politiker erweist, kann der wohl jemals wirklich 

^\^in religioser Mensch gewesen sein, der an seine Sendung glaubt? 

1st Muhammeds Leben nicht von Anfang an voll von Kompromissen? 

War er wirklich aufrichtig? — Es ist psychologisch unmoglich — 

so antwortet hier der katholische Priester, und man hat, bemerkt 

Becker, die Empfindung, dafi ihn das Resultat seiner Forschung freut. 

Selbst Autosuggestion will er Muhammed nur in beschranktem Um- 

fange zugestehen. Seine religiose Wirkung ist ihm eine poiitische. 

Derselbe Archivbericht bespricht ein 1911 in Paris verlegtes 
Buch von Paul Casanova, „Mohammed et la fin du monde", 
in dem Muhammed als Apokalyptiker verstanden wird, als der ab- 
solut ehrliche Schwarmer, der das Eintreten des von ihm ver- 
kiindeten Endgerichtes noch zu seinen eigenen Lebzeiten mit Sicher- 
heit erwartet; und aber derselbe Bericht hat hinter diesem Buche 
die Tendenzschrift eines judischen Apologetikers und Polemikers, 
Rudolf Leszynsky, „Die Juden in Arabien zur Zeit Moham- 
meds" (1910), zu verzeichnen, der Muhammed alles Schlechte in die 
Schuhe schiebt; erfreulicherweise aber doch auch eine, mir eben- 
falls nicht zugangliche, von ihm als unparteiisch und vornehm ge- 
riihmte Skizze von F. Buhl, „The Character of Mohammed as a 
Prophet" (The Moslem World I, 1911). „Obwohl in einer Missions- 
zeitschrift erschienen, ist diese Studie diktiert von der nuchternen 
Objektivitat des Historikers, der um keines Haares Breite derti ent- 
gegenkommt, was die Mehrzahl seiner Leser nur zu gern von ihm 
gehort hatte ♦)," 



*) Das eftjjene Urt^il CM. Beckers, dessen feines Biichlein ..Christen- 
tum und Islam" (ReKgionsgeschichtUche VolksbUcher III. Reihe, 8. Heft) ich 
nicht verfehlen mochte, im Vorbefeeheti angdegentlichst zur LektQre zu 
empfehlen, firvdet sich zusammengefaBt in dem kurzen, dasbei aber doch sehr 
reiohhaltigen und gediegenen Artikel ..Islam" in Schieles Handwortertouch 
„Die Religion in Oeschidite und Qegenwart", Dd. Ill (Sp. 715 und 718). Er 
will nioht leugnen, daB Muhammed spaterhin, nacbdem aus dem schliohten 
Prediger ein kriegsjiewaltijcer Fiirst geworden. der sich als der letzte und 
hochste der Propheten fiihlt, ihr Siegel, nut dem wachseftden Erfolge immer 
mehr verweltliciite und daB da auch weniger erfreuliche Charaktereigen- 
schaften bei ihm zutage traten. Aber mit unserem moralischen MaSstab 



— 363 - 

Man achte wohl auf diesen letzten Relativsatz mit der bitteren 
Wahrheit — eine solche ist es — , die er fur christliche Eiferer mit 
ihrem antiislamischen Fanatismus enthalt. Es ist schwer, wer 
wollte das verlcennen?, einem fremden QIauben und dem Lehrer 
eines fremden rivalisierenden Qlaubens Qerechtigkeit widerfahren 
zu lassen, schwer insbesondere fiir den, der an seinem eigenen 
Glauben in frommer Oberzeugung und mit ganzer Seele hangt* Viel- 
leicht aber, daB der Krieg, der grimme, in welchem wir noch immer 
stehen, indem er uns in drangvoll schwerer Zeit ein Volk Muham- 
medglaubiger als Alliierte an die Seite stellte, uns deutschen Christen 
dazu hilft, auch dies Schwere noch fertig zu bringen. Es liegt doch 
unverkennbar schon in dieser Richtung, wenn auf der Jahresver- 
sammlung einer Missionskonferenz der Vortragende, ein Pfarrer, 
sich daliin auslaBt, man gehe wohl nicht irre, wenn man annehme, 
^daB der Islam zu jenen geschichtlichen Erscheinungen gehort, die 
wegen ihrer groBen Bedeutung im Ganzen der Weltgeschichte von 
ihrem Schauplatz nicht verschwinden werden. Wie es Gott nicht 
gefallen habe, durch die Reformation dem Papsttum ein rasches 
Ende zu bereiten, ja wie es nicht einmal im Plane der gottlichen Vor- 
sehung gelegen habe, die romische Kirche vom Boden Deutschlands 
verschwinden zu lassen, wie diese vielmehr, durch die Reformation 
aufs neue erstarkt, der evangelischen Kirche zur Priifung, zur Laute- 
rung, zum Ansporn und zur BewShrung habe dienen miissen und 
diene bis auf den heutigen Tag, so werde auch der Islam fur die 
christliche Kirche eine bleibende Bedeutung haben. 

Das sind ja Auslassungen^ an denen, so durchans verstandig sie 
sind, gewiB viele bei uns zurzeit noch schweren AnstoB nehmen 
werden: di e Hoffnung lassen sie doch zu, daB andere, solche, die sie 
bereits vertragen konnen, dahin noch gelangen werden mehr und 



seine GroBe abmessen zu wollen, w§re ein Fehler. Muhammed ist ihm 
nicht ein BetruRer, sondern em Prophet, ein wahrer Prophet, betwit er. 
Reboren in dem Moment als ihm in schweren Kampfen, wohl nicht unbeein- 
fluBt durch innere Qefuhle, die Erkenntnis dammerte. daB Qott ihn dazu er- 
koren habQ. Fflr die mekkanische Zeit jedenfalls sei es sicher ein falsches 
Urteil, daB er bloB ein berechnender Politiker gewesen sei, dem die Religion 
als Maske diente. Dazu gehore ein ungeheueres religioses Erlebnis, bis ein 
VierziKJahriger. der nach schwerer Jujjend in beguterter und gluckUcher Ehe 
Ruhe gefunden, all das oreisgab und in hartem Kampfe, verlacht und be- 
scbimpft, fur Ideen eintrat, die keinerlei politischen, sondern einen durch- 
aus religiosen Hintergrund haben. Auf die Bekehrung seiner Bruder kommt 
es ihm an. Sie soUen sich Gottes Willen, wie er durch seinen Boten ge- 
predigt wird. unterwerfen. „Wir wissen zu viel von Muhammed, urn ihn zu 
idealisieren, zu wenig. um ihm ganz gereoht werden zu konnen." 



— 364 — 

mehr, auch Muhammed gelten zu lassen neben Jesus *). Kann er mit 
ihm, dem Unvergleichlichen, sich auch entfernt nicht wirklich 
messen, darin doch sicherlich ist er ihm gleich, daB er von Qott 
eriesen worden als ein Werkzeug, durch das Qott Qrofies ausge- 
richtet, und gleich auch in dem andern, daB er vor diesem Qott sich 
beugte, gehorsam beide bis zum Tode, der eine wankellos gehorsam 
bis zum Tode am Kreuze, der andere — das ist ja freilich weniger — 



^ *) Bestarkt werde ich in dieser UoibmnK durch eine mir eben erst iiber 
dem Lesen der Korrektur zusekommene kleine, sehr zu empfehlende Schrift 
^Religion und Kultur des Islams" (Hutten-Verlag, Berlin), ein Vortnag, den 
am 9. November 1915 der Pfarrer an der Taborkirche zu Berttn hn Festsaale 
des Abtreordnetenhauses als Referat der MRe^giosen Disikussionsaibende" ge- 
halten. Der VortrageiKle, Lie. Dr. Bruno Violet, der ja nun freilich 
ate Student m StraBburg zu Noldekes FiiBen gesessen, meinte, indem er ate 
Theologe vor einer chrtstlichen Zuhorerschaft iiber den araiMSchen Proplieten 
sich anslieB. keir Bedenken tragen zu brauchen, setn Votutn dahin abzu- 
geben, daB in diesem Manne ein ungeheures, frommes Erlebnis vor sich 
gegangen sein muB, das so nirgends in der Weltgeschiohte vorgekommen 
war. „Der nadi unsere^ Begriffen ungebildete, jedenfalls ungelehrte Mann, 
der nut einem Schauer der Ehrlurcht auf die Besitzer wahrer Qottes- 
erkenntnis Uickte, <Me QroBen der Vergangenrheit, Abraham, Moses, Jesus 
imd andere Proi^ten als Qottes Qesandte anerkamite, und mit unsdglidier 
Scheu das im Bucbe der Juden und der Christen niedergeschriebene Wort 
verehrte, 6b er es gleich nicht kannte, ja vielleioht nie eine ganze Bibel ge- 
sehen hatte, war ganz gewiB von Qott ergriffen und hatte alien Qnind, sidi 
aJs einen zwar irrenden und fehlenden, ^er doch von Qott ate Boten zu 
seinem Volke gesandten Mann zu betraohten. Ganz gewiB stand seine Qottes- 
erkemitnte, seme Gottesliebe. seine Ehrfurcht vor Qott turmhoch iiber dem, 
was seme Sippe, sein Stamm, sein Volk his dahin von Religion ergriffen 
batten. Hier faat sich die Qottheit dn ganz eigenartiges GtefaB erwdhlt, in 
dem Herzen dieses Mannes entstand eine neue Form der Verdirung des 
Einen Qottes." (S. § f.) Violet will dabei nicht leugnen, daB Muhammed 
wechselnden Stinimungen unterworfen gewesen ist, audi nicht, dafi es Zeiten 
in seinem Leben gegeben haben moge, wo die Offenbarungen, die er bekam, 
mehr seinem launisdien Egoismus, ja seiner urwtich^gen Sinnlichkeit ent- 
sprangen, ate er sich und anderen zugeben woUte. Aber ob man «hn nun 
einen hystenschen Schwarmer nenne oder ihn fiir einen geistig gesunden 
Mensoben halten wolle — religiose Ergriffenheit fet von jeher den nicht- 
relijpdsen Menschen als Wahnsinn erschienen — ; „Sicher fet das Eine, daB 
dieser Mann genau so wie alttestamentliche Propheten zu den gottinnigen 
Naturen zu rechnen ist, ai den Menschen, die um Qottes willen bereit sind, 
ihr Qluck, ihr Leben, kurz alles zu wagen; die nicht mehr leben koraien, 
wenn sie nicht mit, in und fiir Gott leben." (S. 6.) 

"' Nicht versagen karai ich rrar, hier ki Anmerkung Violets gehmgene 
assonierende Obersetzupg der ersten Koransure mitzuteilen. ein Qebet das, 
von jedem Muhammedaner Tag fiir Tag bei jeder der fiinf festen Qebets- 
zeiten gesprochen, hautiger noch ate das chrteUiche Vaterunser zum Himmel 
aufsteigt: 

Gelobt sd Qott, der Welten Herr, 
r; r Erbarmer und Barmherziger, 

"" Des Richttages Gebietiger! 

Dir dienen, dioh am'lehen wir, ' 

Den Weg, den graden, du uns fiihr', 

Weg derer, die in Quad' bei dir, 

fntsiihnter, die nidit irren hier! 



— 365 — 

in Schwachheit, selbstbeklagter Schwachheit, sehorsam bis zum 

Tod im SchoBe seiner Lieblingsgattin Aischa. Aber daB man auch 

das noch nicht vergessen wollte: dem Volke Israel kam Jesus nach 
einem Mose und nachdem Qott vor Zeiten manchmal und mancheriei- 
weise geredet zu den Vatern durch die Propheten; dem Volk der 
Araber hat laut vernehmiich derselbe Qott, der niemandem sich un- 
bezeugt laBt, durch seinen Qesandten Muhammad erstmalig sich 
vemehmen lassen. „Wie ein Fremdling trat der metaphysische 
Schwarmer Muhammed in diese Welt" (Becker). 

DaB sie ihn aufgenommen, ist es zu beklagen? — 



Missionsarbeit und Missionsmethode der Heilsarmee. 

Von Pfr. W. Huckel, Lorenzen i. E. 

DaB wir von einer Missionsarbeit der Heilsarmee sprechen 

kdnnen und miissen, wird wohl manchem ,,Kirchenchristen" noch 

fremd sein, und manch einen mag diese Tatsache unangenehm be- 

riihren, wenn er zu horen bekommt, wie energisch und methodisch 

die einzelnen Qlieder dieser Organisation auch in tleideniandem 

vorgehen, um die Menschen fiir Christus zu gewinnen und immer 

neue KSmpfer in ihre Reihen einzustellen. Es ist zur Qeniige be- 

kannt, und wir werden noch darauf zu sprechen kommen, daB die 

Heilsarmee nicht gegrundet worden ist, um Heidenmission in 

unserem Sinne zu treiben, aber ihre Arbeit an den Verkommenen und 

Verlorenen innerhalb der christlichen Gesellschaft selber hat diese 

nreligios-soziale Qemeinschaft" je langer je mehr auch dahin ge- 

ijliihrt, ihr Augenmerk — besonders vom Jahre 1883 an — auf nicht- 

christliche Volker und Lander zu richten, so daB wir auch hier wieder 

aufs deutlichste zu sehen bekommen, wie „Innere" und „AuBere" 

S Mission aufs innigste zusammenhangen, und wie letztere nichts 

^anderes als die Tochter der ersteren ist. Es wird von allgemeinem 

Interesse sein, etwas naher auf diese Tatigkeit der Heilsarmee ein- 

^zugehen und zuerst von der Missionsarbeit, alsdann von der 

rMissionsmethode dieser Qemeinschaft zu reden. 

Als der Qeneral, W. Booth, sein Werk begann, hatte er in keiner 
Weise den Qedanken, Missionare nach Heidenlandern auszusenden. 
Das Werk war eine Heimmission fiir die englischen „Heiden" in den 
Schenken und Slums der QroBstadte. Die Heilsarmee begann ihre 
Arbeit als sogenannte „Innere Mission" in Ost-London, und zwar 



an Trinkern, Prostituierten, entlassenen Qefangenen, und die ur- 
spriingliche „Christliche Mission fUr Ost-London" widmete sich den 
„unteren Zelintausenden" durch Errichtung von Suppenkuchen, 
Nachtherbergen, Magdalenenheimen, durch Fursorge fiir verwahr- 
loste Kinder, sowie fiir Notleidende aller Art; sie nahm sich der 
kirchlosen Massen an, nahm den Kampf auf gegen die MSdchen- 
handler und gegen sonstige Obel, an denen die Menschheit krankt. 
Allmahlich gedachte diese zunachst noch unscheinbare Qemeinschaft 
auch der Heiden auBerhalb Europas, und ihr Arbeitsfeld wurde die 
ganze Welt. Mit beispielloser Anspannungskraft hat die Heilsarmee 
in kurzer Zeit sich Uber die Welt verbreitet, und bietet heute schon 
cine Art Qegenstiick zu dem britischen Imperium. Die „Sekte" ist 
zur geschichtlichen Bewegung geworden und ist bereits unter 60 
Volkerschaften vertreten. Es yersteht sich, daB wir hier nicht von 
ihrer Ausbreitung und Tatigkelt innerhalb „christlicher" Volker zu 
reden gedenken, sondern lediglich von ihrer Missionsarbeit im Sinne 
unserer „AuBeren Mission". I 

Von England aus verbreitete sich diese Bewegung iiber N o r d - 
A m e r i k a. Erwahnenswert ist hier ihre Arbeit unter den Chinesen 
in den Opiumhohlen von San Franzisko. Dort wurde 1896 sogar dn 
chinesisches Korps eroffnet, wie dergleichen fiir Chinesen und 
Japaner an vielen Orten (Kiistenplatze, Inseln usw.) gegriindet 
wurden, die hauptsachlich von Landsleuten als Offizieren geleitet 
werden. Desgleichen wird in Australien Missionsarbeit von 
seiten der Heilsarmee geleistet. Auf Neuseeland z. B. unter- 
halt sie eine bltihende Heidenmission unter den Maori, einem 48000 
Kopfe zahlenden Volksstamm. Die Heilsarmee arbeitet ferner in 
Britisch-Kolumbien, und zwar seit 1899 an der P a z i f i k - 
k ti s t e daselbst unter den Indianern, und bekehrte Indianer setzen 
das Werk unter ihren Landsleuten fort, nicht ohne Erfolg. Wir 
kommen auf ihre Tatigkeit in I n d i e n zu sprechen, wo ein gewisser 
Tucker, frtiher im indischen Zivildienst als Richter tatig, die grund- 
legenden Arbeiten daselbst ausfiihrte. Wie in der Heimat, so begann 
die Armee auch hier ihr Werk unter den niedrigsten Klassen, und 
in den Gebetshallen stellen sich Mohammedaner und Hindus, 
Marathen und Gutschraten, Parser und arabische Handler, Schiffs- 
volk und Soldaten ein. Heute umfaBt das Werk in Indien rund 2500 
Offiziere, Kadetten und Angestellte, welche in 12 Sprachen und 
13 Gebieten tatig sind. Ihre soziale Hilfe bei den haufigen Krank- 
heits- und Hungersnoten ist eine sehr rege, so daB sich die Hells- 



- 367 - 

arniee daselbst die Achtung aller Stande, insbesondere die der Re- 
gierung, erworben hat. Nach Clasen (Der Salutismus) ist Indien 
mit seinen Millionen und Abermillionen fur die Heilsarmee das Land 
der Zukunft und der Siege. Evangelische Missionskreise haben iiber 
die Heilsarmee in Indien nicht dieses giinstige Urteil gefallt. Auch 
inSudafrika handelt es sich fur die Heilsarmee in der Hauptsache 
um Heidenmission, und sowohl in Kapstadt als im Hinterland breitet 
sich das Werk zusehends aus. Seit 1887 hat man die eigentliche 
Heidenmission planniaBig begonnen, und es wird gearbeitet unter den 
Eingeborenen, den Ureinwohnern im Zulu- und Bacaland, sowie seit 
kurzem auch unter den hochentwickelten Basutos. Interessant ist, 
daB der Burenkrieg an der Arbeit unter den Buren nichts geandert 
hat, uijd wie man in jener Zeit in den Versammlungshallen an den 
Wanden in groBer Schrift lesen konnte: „Unter unserem Banner 
sind alle Nationen eins." In Westindien und Mittel- 
A m e r i k a , auf einer Reihe der Kleinen Antillen treffen wir 
die Heilsarmee an, femer in Siid-Amerika, wo die Art der 
Missionierung derjenigen in Siidafrika ahnelt. Hoch zu RoB jagen 
die Heilsarmee-Soldaten iiber die Pampas dahin, um den Qauchos 
die frohe Botschaft zu verkiindigen. Auch auf Java, Sumatra, 
Celebes hat sich die Heilsarmee niedergelassen und iibt hier vor- 
nehmlich soziale Tatigkeit aus in Krankenhausern, Kinderheimen, 
Aussatzigenheimen und ahnlichen charitativenWerken. DieRegierung 
hat in Pelantongan (Java) z. B. der Heilsarmee die Fiirsorge fur 
solch eine Aussatzigenkolonie mit 100 bis 150 Leuten iibertragen und 
stellt alljahrlich 86000 Mark zur Verfiigung. In solcher Achtung 
steht ihr segei^reiches Werk. 1895 kam die Heilsarmee auch nach 
Japan und konnte noch vor Ende des Jahres in Yokohama, Kobe 
und Osaka Korps eroffnen. Ungehindert konnten die Offiziere Feld- 
gottesdienste halten, mit Trommelklang durch die StraBen Ziehen. 
Die Offiziere suchten, sich in allem den Japanern anzupassen, doch 
waren in den ersten Jahren die Erfolge gering, bis endlich mehrere, 
den gebildeten Standen angehorende Japaner sich fiir die Armee 
begeisterten und fur sie rege arbeiteten, wie z. B. der ehemalige Kon- 
fuzianist Jamamuro, der durch des Generals Buch „Darkest England" 
die erste Kunde von der Heilsarmee erhielt. In Tokio lemte er die 
Armee selber kennen und wurde einer ihrer ersten japanischen 
Kadetten. Auch hier gab die soziale Tatigkeit den AnstoB zur Ent- 
faltung ihrer Macht. Bekannt sind die verderbten sittlichen Zu- 
stande jenes Volkes, insbesondere das Los der Prostituierten. Hier 



setzte die Heilsarmee ein und begann das Rettungswerk. Nach an- 
fSnglichem MiBerfolg hat sie durch Wort und Schrift die dffentliche 
Meinung doch beeinfluBt, und durch umfangreiche Qesetze, die durch 
sie zustande kamen, ist die Zahl der Prostituierten bereits bedeutend 
gefallen. Das Hauptquartier befindet sich in Tokio. Sie unterhSlt in 
Japan ein Seemannsheim, ein Studentenheim, ein Wochnerinnen- 
heim, ein Wanderspital u. a. m. Auch dort ist die Armee rasch be- 
kannt geworden, und die Reise des Qenerais 1907 durch das Land 
war ein Triumphzug; der Mikado selber empfing ihn in Audienz. 
Immer weitere Sympathien gewinnt daselbst die Armee, und auch 
unser D. Schiller erwShnt ihre TStigkeit in semem letzten Bericht 
Auch nach Korea und China ist die Heilsarmee vorgedrungen, 
to letzterem Lande allerdings erst in jungster Zeit. So gleicht ihre 
Ausbreitung iiber alle Weltteile in der Tat einem raschen Sieges- 
zug, um den manch eine Kirchengemeinschaft die Heilsarmee be- 
neiden wird. "'-".- ■•^^ '':-■, '. ^^ ■,;:>K^/.;-r-.*.,-v^ -v.,,,,.., : 

Fragen wir uns nun, wodurch dieser rasche Erfolg der Heils- 
armee erzielt wird, so ist es notig, zunSchst etwas n^er auf das 
Wesen dieser Korperschaft einzugehen. Die Heilsarmee ist eine 
religiose Korperschaft, die das Ziel verfolgt, alle Menschen dem 
Willen Qottes zu unterwerfen. Sie entstand aus dem Verlangen, 
den Armen sowohl fur dieses Leben als fiir das zukiinftige ein Segen 
zu sein. „Meine einzige Hoffnung auf dauernde Befreiung der 
Menschheit vom Elend in dieser Welt wie in der anderen ist die 
Wiedergeburt des Einzelnen in der Kraft des heiligen Qeistes durch 
Jesus Christus", sagt W. Booth. Die praktische BewShrung des 
Christentums im sozialen Leben ist fiir den Bestand der Religion 
notwendig, denn: wo ein Feuer ist, da steigt Ranch auf, und wo 
Leben ist, da ist Tatigkeit. Mit Recht lehrt die Heilsarmee: An der 
selbstlosen Liebestatigkeit erkennt die Welt Christi Jiinger; mit 
dogmatischen Beweisen allein wird man die grofie Masse auf die 
Dauer weder religios erhalten, noch zur Religion zuruckfuhrSn 
konnen, und im Sinne der Heilsarmee kann Clasen urteilen: „Was 
der Welt fehlt, sind nicht Theologen, sondem Christen, Manner und 
Frauen, welche die Religion lieben und jenem Christus nacheifem, 
der „Wohltaten spendend einherging", und auf die Frage des 
Johannes: Bist du, der da kommen soil?, dessen Jiingem ant- 
wortete: Qehet hin und verkiindigt dem Johannes, was ihr gesehen 
und gehort habt! Blinde sehen, Lahme gehen, Aussatzige werden 
rein. Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium ver- 



— 369 - 

kiindet." „Die wahre Religion ist parmherzigkeit, das Wesen der 
wahren Religion ist (Nachsten-) Liebe^' Die Heilsarmee kennt keine 
Dogmatik und keine Theologie. W. Booth will kein Religionsstifter 
sein und venvahrt sich mit Recht dagegen, irgend etwas Neues zu 
lehren. Das Neue der Heilsarmee liegt nicht in ihrem religios- 
dogmatischen, sondern in ihrem religios-sozialen Charakter. Das 
Religiose und Soziale sind die beiden Pfeiler, auf denen ihr Qeblude 
ruht. Aber dem Religiosen fehlt eine feste dogmatische Form. Die 
Heilsarmee hat geradezu eine Abneigung gegen alle „Religions- 
theorien". Sie verabscheut von ganzer Seele alle theologischen 
Haarspaltereien. Und wenn ehemalige Kaminfeger und Fuhrknechte 
ihre Missionare werden, so bedarf es kaum des Hinweises, daB W. 
Bootl\ mit solchen Leuten, selbst wenn er es gewollt hatte, keine 

theologischen LehrgebSude aufrichten konnte. Nicht auf Theologie, 
sondem auf Herzensreligion kommt es ihr an. Audi um Qlaubens- 
bekenntnisse kiimmert sie sich nicht. „Wir halten die drei Qlaubens- 
bekenntnisse von ganzem Herzen", sagt Booth. Auf allgemeiner 
christlicher Qrundlage fuBend, ist die Heilsarmee eigentlich kon- 
fessionslos, alien kirchlichen Unterschieden gegeniiber verhait sie 
sich neutral. Die „lebendige Tat" geht ihr iiber alles. A/lit Ober- 
legung ist daher in ihr dieser christliche Synkretismus gepflegt 
worden, denn „in der Schlichtheit des Qlaubensbekenntnisses", 
meint man, „das festeste Band der Einigkeit" zu haben. Synkretismus 
ist also hier nicht im Sinne von „Religionsmengerei" zu verstehen. 
Das Christentum ist alien Konfessionen und Denominationen ge- 
memsam, aber durch ihren Synkretismus will die Heilsarmee „die 
Reaktion des lebendigen Qehaltes gegen die tote Form" der Religion 
sein. Es ist also, nach ihrer Anschauung, von verhaltnismaBig ge- 
ringem Wert, was fur eine dogmatische Theorie ein Mensch besitzt, 
wenn er nur „gerettet" ist. Denn ein Mensch ist entweder gerettet 
Oder er ist es nicht. Ist also die Heilsarmee dogmatisch indifferent, 
so liegt ihr Schwergewicht auf ethischen, charitativen und 
altruistischen Anschauungen. Die Nachstenliebe wird ihr geradezu 
^Religion". Daher bei ihr die groBe Wertschatzung jeglicher Liebes- 
tatigkeit, und das ethische Gebiet ist es auch, auf dem sich die ein- 
zelnen Konfessionen zusammenfinden konnen. 

Damit ist der Weg geebnet, der uns die verschiedenen Missions- 
methoden, die die Heilsarmee anwendet, betrachten laBt. Einen 
groBen Teil ihres Erfolges verdankt die Heilsarmee ihrer strammen 
Organisation. Die offizielle Erklarung lautet: „Die Heilsarmee 



- 370 - 

ist eine Streitmacht von Mannern tind Frauen, verbunden in heiliger 
Liebe und Qemeinschaft, um.die Menschheit dahin zu bringen, dafi 
sie ^ch Qott unterwirft und die ihr von Christus gebotene Rettung 
ergreift. Eine Armee wird sie genannt, weil sie organisiert ist und 
geleitet wird nach dem Muster der groBen, stehenden Armeen der 
Welt, jedoch mit dem Unterschied, daB ihr Zweck nicht ist, zu tdten, 
sondern Menschen zur rettenden Erkenntnis der Wahrheit zu fuhren, 
welche ist in Christus Jesus." Alle Qlieder unterstehen dem General, 
dem sie unbedingten Gehorsam schuldig sind. Die Heilsarmee hat 
also Ahnlichkeit mit der hierarchischen Ordnung der katholischen 
Kirche und insbesondere mit deren Orden. Der General entwirft 
den Feldzugsplan, das Arbeitsfeld wird zunSchst erkundigt, alsdann 
zieht die Armee ein und schltgt an dem bestimmten Ort ihr Arbeits- 
zelt auf. Zweifellos steht mit dieser Kampftruppe der fleilsarmee em 
williges, opferfreudiges Menschenmaterial zu jeder Zeit zur Ver- 
fiigung, mit dem auch wirklich Schlachten geschlagen werden 
kunnen. 

Damit hSngt ein .weiteres zusammen, was wir „a g g r e s s i v e s 
Christentum" nennen konnen. Jeder Bekehrte wird SO bald als 
moglich zu eigener Tatigkeit im Dienst der Armee herangezogen. 
Der beste Weg, mit dem Evangelium an die breiten Massen heran- 
zutreten, liegt nach W. Booth darin, jene als Werkzeuge zu be- 
nutzen, die einst selbst den gleichen Schichten angehSrt hatten. Nie- 
mand wird von der Aufnahme in die Liste der Mitstreiter ausge- 
schlossen. So sagt einmal Frau Booth von den Neubekehrten: „Sie 
sollen nicht allein fflr das Reich Gottes wirken dfirfen, sondern 
miissen. Es muB ihnen klar gemacht werden, daB jeder Christ ein 
Stack Verantwortung tragt, daB es seine Aufgabe ist, Seelen zu 
retten. Und dabei gilt kein Unterschied von Mann und Weib. Wir 
alle sollen Arbeiter sein im Weinberge des Herrn." Und andererorts 
fiihrt Frau W. Booth aus: „Der Herr hat Befehl gegeben: Gehet hin 
in alle Welt und predigt das Evangelium. Wie steht es nun mit der 
Ausfuhrung dieses Befehls? Er ist in der schrecklichsten Weise 
miBachtet worden. Der Satan hat die Christen dahin gebracht, das 
Evangelium mit Qlac6handschuhen anzubieten: Wollen Sie nicht so 
freundlich sein, dieses Buch oder jenen Traktat zu lesen? Mochten 
Sie nicht vielleicht jenen beliebten und volkstiimlichen Redner 
horen? Er wird Ihnen gef alien, auch ganz abgesehen von Religion. 
Diese fuf chtsame Art, die Wahrheit an die Leute zu bringen, ist ge- 
rade das Qegenteil von dem, was der Herr fordert: Gehet hin und 



- 371 - 

predigt das Evangelium aller Kreatur! Das heiBt nicht: Qehet hin 
und baut Kirchen und Kapellen und ladet die Leute ein, hereinzu- 
kommen, und wenn sie nicht wollen, so laBt sie laufen. Nein, du 
sollst sie aufsuchen. Und wen? Alle Kreatur. Es sollen alle ge- 
rettet werden, alle Christo unterworfen werden. Niemand aber ISBt 
sich unterwerfen, wenn er es vermeiden kann. Es steht fest, daB 
y* nicht kommen wollen. Dabei aber darf es nicht bleiben, wenn 
der Befehl des Herrn ausgefiihrt werden soil. Qehe aus auf die 
LandstraBe und an die Z&une und notige sie hereinzukommen. Wo- 
niit? Wodurch? Das ist ein^ Frage zweiter Ordnung und ziem- 
lich gleichgiiltig, wenn sie nur kommen. Wir miissen und diirfen 
den Leuten keine Ruhe lassen, miissen zur Zeit und zur Unzeit auf 
sie eiMdringen, bis sie sich unterworfen und ihre Seelen gerettet sind, 
Oder mit anderen Worten, das Christentum muB aggressiv sein, wie 
es zur Zeit der Apostel gewesen ist." Ahnlich driickt sich die 
al teste Tochter von Frau General Booth aus: „Wollen die Leute 
nicht zu uns kommen, so miissen wif zu ihnen kommen, und zwar 
mit dem Benehmen, den Worten und den Methoden, die ihre Auf- 
merksamkeit zu fesseln vermogen." Diese AggressivitSt entspringt 
dem Heroismus liebetrunkener Menschen. „Seelenretten", sagt der 
Qriinder, „hat uns zu dem gemacht, was wir sind." 

Des weiteren verdankt die Heilsarmee ihre Erfolge ihrem 
„praktischen Christentu m". Dadurch, daB sie gerade den 
AUerarmsten hilft, verbreitet sie iiberall, wo sie hinkommt, Freude 
und Sonnenschein. Diese Wirkung, welche die Heilsarmee auf elende 
Menschen ausiibt, wirkt wie eine Freudenbotschaft. Und dieses 
praktische Christentum auBert sich vor allem in der hohen Wert- 
schatzung der individuellen TStigkeit. Jedem, auch dem Ver- 
kommensten, wird ein liebevolles, personliches Interesse, ein warmes 
Herz entgegengebracht. Die Heilsarmee sieht klar ein, daB der ein- 
zige Weg, die Gesellschaft besser zu machen, der ist, ihre einzelnen 
Qlieder zu bessern. In jedem einzelnen sehen sie ein unschatzbafes 
Gut, dessen man sich annehmen muB. 

Ohne Zweifel verdankt die Armee einen groBen Teil ihrer Er- 
folge del' Stellung, welche sie die Frau in ihren Reihen 
b e k 1 e i d e n 1 a B t. Die Frau ubertrifft von Natur aus unstreitig 
den Mann an Religiositat, d. h. an Sinn fur den „lieben Qott", an 
Fahigkeit, sich fiir andere zu opfern, wie uberhaupt an FShigkeit 
zu leiden. Seit den Tagen des Urchristentums liegt die Hauptlast 






der charitativen Arbeit auf den Schultern der Frauen. So ist in der 
Heilsarmee die Qleichstellung der Qeschlechter praktisch durch- 
gefiihrt, wir finden da weibliche Soldaten und weibliche Offiziere, 
und hier genieBt die Frau auch das Recht, in Versammlungen offent- 
lich aufzutreten und zu reden. So kann Qrafin Blumenthal erklaien: 
..Die Frauen sind die Seele der Heilsarmee", und ein Hilty: „Wesent- 
lich von der starken Beteiligung des weiblichen Qeschlechts riihrt . 
die Lauterkeit her, welche in der Armee alles durchdringt." Etwas 
iibertrieben urteilt Clasen: „So hoch wie das Christentum die Frau 
iiber den Buddhismus erhebt, so hoch erhebt sie der Salutismus 
wieder iiber dieses." , -' 

Die Heilsarmee versteht sich ferner auf Volkspsycho- 
logic, und ihre Leiter wissen sich den Qepflogenheiten derjenigen , 
Volksklassen anzupassen, auf welche ihre Wirksamkeit jeweils be- 
sonders berechnet ist. „Aus dem Volk hervorgegangen, geht die 
Heilsarmee wieder ins Volk hinein mit solchen Methoden, wie sie 
den Verhaltnissen derjenigen* entsprechen, die sie erreichen und 
retten will." Sie eifert um Qott, nicht mit Unverstand, sondern mit 
Verstand. Sie darf sich rtihmen: „In unserem System li^t mehf 
Gottliches, als manche glauben, und in unseren Methoden mehr 
Philosophie, als vornehme Kritiker bei oberflachlicher Betrachtung 
finden." Dieser psychologische Instinkt, der die Massen anzuziehen 
und zu fesseln weiB, findet daher jedes Mittel gut genug. Mit 
Reklame, Kalkulation und Sensation, mit StraBenpredigten, Pro- 
zessionen und Musik suchte schon General Booth das Christentuni 
den modernen Verhaltnissen anzupassen. Und mag man auch in dieser 
Anpassung in erster Zeit zu weit gegangen sein, diese Entgleisungen 
sind auch von der Heilsarmee spSter als solche hingestellt worden. 
Mag auch dem deutschen Gemiit dieses Reklamewesen grotesk und 
ungeheuerlich erscheinen, iff England befremdet es niemanden, hat 
doch flberhaupt das ganze kirchliche Leben in England einen „drasti- 
schen und sensationellen Anstrich". Aber auch der Heilsarmee ist 
die Methode etwas Nebensachliches. „Die alten Methoden mogen 
vergehen, wenn nur der Qeist bleibt." Zur Beliebtheit der Heils- 
armee tragen nicht minder Gesang und Musik bei, wofiir die 
breiten Volkmassen eine leidenschaftliche Vorliebe haben. Die 
Melodien sind in frischem und flottem Ton gehalten, haben oft einen 
Kehrreim. Den Texten sind bekannte Volksmelodien beigegeben, 
so da8 die Leute iiberall gleich mitsingen konnen. General Booth 
sagt einmal: „Die Wichtigkeit guten Singens braucht keinem Heils- 



__ 373 - 

soldaten gezeigt zu werden, wenn man einfach die Tatsache fest- 
stellt, da6*Tausendc und Abertausende dadurch zu Christo gefuhrt 
worden sind." Und ein Pfarrer muBte sogar einmal ausrufen: Diese 
Leute werden sich noch um die ganze Welt herumsingen. Auch der 
Musik wird viel VerstSndnis entgegengebracht; wo es geht, werden 
Musikkorps gegrundet. Und so konnte 1907 Roosevelt zu dem 
General Booth sagen: „Es gibt noch keine wirksamere Methode 
zur Evangelisation der Volker, als die Blechmusik. Ich gestehe, ich 
liebe die Blechmusik, ich liebe Ihre Blechmusik." 

Weiter arbeitet die Heilsarmee auf dem Wege der Presse. 
Mittelst ihrer Druckereien wirft sie jShrlich eine Flut von Schriften 
in die Volkerwelt hinein, denn „sie fiihlt sich ebensosehr verant- 
wortliph, durch Biicher und Zeitungen das Heil zu verkiinden wie 
von der Plattform". An erster Stelle ist der ,JCriegsruf" zu erwahnen, 
der sich uberall noch als der beste Pionier erwiesen und Tausenden 
die erste Kenntnis vom Salutismus gebracht hat Er erscheint in 
vielen Sprachen bereits. Fiir die Kinder erscheint „Der junge Sol- 
dat". Monatsblatter und besonders den Missionen gewidmete 
Hefte „A11 the World" erscheinen regelmaBig. Jahresberichte, aller- 
lei Traktate predigen und verkundigen uberallhin das Evangelium. 
Schnelldampfer und Exprefizug, Telephon und Telegraph, Steno- 
graphic und Schreibmaschine — alles mufi dem einen Zweck dienen, 
Seelen fiir Qott und fiir em frohes, neues Leben zu gewinnen. 

Die Heilsarmee ist ein englisches Qewachs, hat daher viel 
„Engliscbes" an sich. Zu ihrem Erfolg verhilft somit auch der Angli- 
sierungsprozeB der Welt, der immer weiter geht Das Englische 
wird ja mehr und mehr die Weltsprache. Schon heute gibt es 
134 Millionen englisch sprechende Menschen. Durch dies ist der 
Heilsarmee — wie einst dem Christentum durch das rdmische 
Imperium — der Weg gebahnt. 

Damit sind die hauptsSchlichsten Methoden erwihnt, deren sich 
die Heilsarmee bedient, und die ihr zu einem nicht bestreitbaren 
Erfolg m der Menschheit verholfen haben. Es erubrigt uns noch, 
hervorzuheben, was das Kirchenchristentum daraus fur seine 
Missionsarbeit entnehmen kann. Denn daB auch wir von der Heils- 
armee viel lemen konnen und miissen, liegt auf der Hand. Zunachst 
ist es die Lebendigkeit ihrer Religion, die sich nicht 
damit begniigt, dann und wann einmal dieser ihrer Religion sich 
bewuBt zu werden, nein, die Glieder der Heilsarmee sind eben 
tatige, ruhrige, fleiBige, unermiidliche Glieder, die danach brennen. 



„die Welt fiir Jesus" zu gewinnen, wie ihr Wahlspruch lautet. 
Jeder Einzelne fiihlt sich verantwortUch fiir seine Briider hie- 
nieden, und der felsenfeste Qlaube, daB sie einst Rechenschaft fur 
ihre Mitmensclien abzulegen haben — wehe ihnen, wenn ihre Kleider 
am jungsten Tage nicht rein befunden wiirden von deren Biut! — , 
gibt ihnen den steten Antrieb, immer wieder Seelen zu gewinnen. 
Was die Heilarmee weiter vor unserem Kirchenchristentum voraus 
hat, ist der erhebende Opfermut, der bis zum Heroismus sich 
steigem Itann, und der bei alien Qliedern lebendige Opfersinn. 
Femer ist es der militarische Qeist, der die einzelnen 
Glieder mit dem BewuBtsein erfijllt, KSmpfer Christi zu sein. Wohl 
kennen auch wir dieses Bild, und in unz^ligen MissionsUedem 
unserer Kirche kehrt dieser Qedanke wieder: ,,Zieht frohlich hinaus 
zum heiligen Krieg" — „Er sendet euch; geht hin, ihr Treuen, er- 
obert ihm die Welt", und wie alle diese Verse lauten mogen. Nicht , 
zuletzt ist es das Schwergewciht, das die Heilsarmee auf die L i n d e - 
rung sozialer Schaden legt, und gerade dieser Zweig ihrer 
Arbeit wird ihr in Indian, Japan und erst recht in China die Bahn er- 
offnen fiir ihre Bestrebungen. MuB nicht das alles auch fiir uns 
Kirchenchristen ein Ansporn sein, unser Christentum mehr wie bis- 
her zu betatigen bei uns und auch im t1ii\blick auf die Qewinnung 
der Heiden fiir Christus und sein Reich? » 

Was uns nicht zusagt, ist das marktsch^eierische Evangelisieren 
der Heilsarmee. In der Stille unermiidlichen Arbeitens liegt gewiB der 
Keim fiir schonen Erfolg. Und femer nehmen wir AnstoB an ihrer Be- 
kehrungsmethode, die nach Kolde schlieBlich oft nur auf eine Art 
Oberlisten hinauslduft. Denn daB bei der oft raschen Bekehrung bei 
diesen Leuten von einer „christlichen Erkenntnis" nicht die Rede 
sein kann, leuchtet jedermann ein, imd „Qutes tun und Liebe iiben" 
allein ist noch kein Christentum. Der weitgehende Synkretismus, 
den die Heilsarmee an den Tag legt, wird ihr wohl besonders in Ost- 
asien viele neue Qlieder zufiihren, die Massen kann sie fur sich nicht 
allzu schwer gewinnen; aber Religionen wie Buddhismus und Islam 
iiberwindet man nicht so einfach; dazu gehort eine inner e Ausein- 
andersetzung mit den Lehren und philosophischen Qedanken der be- 
treffenden Religionssysteme. Dazu bedarf es aber einer wissen- 
schaftlichen und theologischen Schulung der Missionare. Diese kennt 
Jedoch die Heilsarmee nicht. 

Inwieweit der Heilsarmee der Name einer christlichen Qemein- 
schaft zukommt — Kolde redet von einem Pseudochristentum — , 



— 375 — 

woUen wir hier nicht untersuchen. Es kam uns nur darauf an, zu 
zeigen, daB und mit welchen Mitteln diese Qemeinschaft an der Oe- 
winnung der Heidenwelt arbeitet *). 



Ans der Mission der G^enwart. 

Ein wertvolles UrteO uber die sroBe Bedeutuns der Misskm. 
. In einer 1914 in China erschienenen Schrift, die sich gegen die christliche 
Mis^on in China weudet die von einem modemen Konfuzianer s^chrieben ist 
(„Die Hauptlehren des Konfuzianismus"), muB der chinesische Verfasser ehr- 
licherweise der christlichen Mission folgendes ehrende Zeugnis ausstellen: 

Mlrotzdem ist nicht zu leugnen, daB innerhalb der christlichen Religion an 
praktisfher Unterweisung viel geleistet wird und die christlichen humanitaren 
Bestretungen von tats&chlichem Erfolge gekrdnt sind. Alle UebestStigkeit wird 
zur l!hre Gottes gelibt Wenn nun die christliche Religion auch dne vom Aber- 
glauben verseuchte Irrlehre darstellt, die man un aiigemeinen zu fliehen hat, so 
kann doch andererseits das Qute in ihr nicht verborgen bleiben. So die groB- 
artigen Barmherzigkeitsiibungen der Christen, um den Menschen in ihren 
mancberlei Nuten zu heh'en durch Errichtung von Schulen und Spitalem. An- 
stalten luid Versorgungshausern; femer ihr todesmutiges Verachten aller pe- 
fahren, weun es gilt, ihre Lehre in der ganzen Welt zu verkilndigen. Das alles 
beweist ein Herz voU echter Lutbe» die ungeteiltes Lob verdient." 

?^ ' Ev. Miss.-Mag. 1916, Nr. 10. 

Das HandNtri^tedie Kohudalbistitut. 

Das Hamburgische Kolonialinstitut bietet auch Missionaren und Missions- 
kandidaten Qelegenheit, sich fQr ihre auslandische (iiberseeische) TStigkeit in 
geeigneter Weise vorzubereiten. Bis jetzt haben 75 Misaonare das Kolonial- 
institnt besucht Auch das Voriesungsverzeichnis fur das Wmtersemester 
1916/17, das am 15. Oktober begann, enthSlt wieder ebe groBe Zahl von Vor- 
lesungen und Ubungen, deren Besuch den Missionaren empfohlen werden kann. 
Auf die folgenden Kurse sei besonders hingewiesen: 

Prof. Dr. Keutgen: 1. Allgemeine Kolonialgeschichte der Neuzeit 11. 
Das 19. Jahrhundert Mo. 10 bis 11. 2. Kolonialgeschichtliche Ubungen. 
Mo. 6 bis 7. 

Pro! Dr. K o n o w : Kultur und fremde Eroberung in IniUen. DL 31. Okto- 
ber bis 12. Dezember. 8 bis 9, Hors. J. 

Prot Dr. T s c h u d i : Geschichte der islamischai Reiche. 11. TeiL Vom 
Beginn des Omaijadenchaliiats bis zu den QroBen Seldschuken. Mi. 11 Us 12; 
Hdrs. a Beg. 25. Oktober. 



•) Obige Qedanken verdanke ich zumeist den Werken von Th. Kolde 
(Die Heilsarmee, ihre Qeschichte und ihr Wesen) 2. Anfl., 1899, and von 
P. A. Clasen (Der Salutismus) Jena, 1913. 



— 376 - ' 

Lie. theoL Schlunk, Missioimispektor: 1. £Me Mission in Westafrika, 
ntit besonderer BerQcksichtigung der deutschen Schutzgebiete. Mo. 5 bis 7. 

2. Missionswissenschaitliche Ubungen. Zweistun^g nach Verabredung. 3. Die 
wicHtigsten Aufgaben der kolonialen Missionsarbeit. Fr. 8 bis 9, Hors. C. Be- 
ginii 27. Oktober. 

Prof. Dr. Rath gen: Kolonialpolitik. II. TeiL Koloniale Wirtschafts- 
politik. Di. 10 bis 12 vorm. 

Prof. Dr. V o i g t : Die Nutzpflanzen der Weltwirtschaft, ihre Erzeugnisse 
und ihr Anbau. 1. Teil. Mit Vorfiihnmgen. Mo. 2 bis 4. 

Prof. Dr. M i c h a e 1 s e n : Die Tierwelt unserer af rikanischen Kolcmien 
mit Rtickacht auf ihre Bedeutiuig fur den Menschen. Do. 10 bis 11. 

Prof. Dr. Thilenius : 1. Allgemdne Volkerkunde. Do. 11 bis 1. Be- 
ginn 26. Oktober. 2. Ethnographisches Kolloquium und Anleitung zxan Sammela 
ethnographischen Materials. Zweistundig. 

Dr. Panconcelli-Calzia: 1. Einfuhrung in das linguistische QeUet 
der Phonetik nebst Hor- und Artikulationsiibungen. Di. 4 bis 6. 2. SelbstSndige 
phonetische Arbeiten. Di., Mi., Do., Fr. 

Dr. Panconcelli-Calzia, iinter Mitwirkung von W. Heinitz: 
1. Phonetisches Praktiknm fur AnfSnger. Mi. 4 bis 7. 2. Phonetisches Kolloquhim 
iter Anfanger. Zweisttindig. , 

AfrikanischeSprachen. - 

Pro! D. Meinhof: 1. Duala mit Ubungen. Neunstfindig. Begino 
26. Oktober. 2. Ewe. AnfSngerkursus. Vierstiindig. Beginn 26. Oktober. 

3. Herero- Nach Verabredung. 4. Suaheli mit Ubungen. N^nstiindig. Beginn 
26. Oktober. 

Siidseesprachen. i 

Dr. Hambruch: Qranunatik und Texte der Ponapesprache. Drei- 
stundig. ' X, 

,. '^ Orientalische Sprachen. .•< - f- 

.* '. Proi Dr. T s c h u d i : 1. Turkische Qranunatik fiir AnfSnger mit Sprech- 
und Schreibubungen bei Refik Bey. Funfstiindig. Beginn 30. Oktober. 2. Er- 
klSmng von Texten aus Jacobs Hilfsbuch fQr Vorlesungen uber das Osmanisch- 
Tiirkische mit Sprech- und SchreibQbungen bei Refik Bey. Fiinfstiindig. Be- 
ginn 25. Oktober. II. Kursus. 

* * R e f i k B e y : Knrsorische Lektiire moderner Texte. Mo. 5 Ins 6, Hdrs. E. 
Beginn 23. Oktober. Fur Fortgeschrittene. 

R. R. Z a i d E f e n d i : Obungen im Noiarabischen, gesprochene Sprache, 
IXalekt von Agypten. Fiir AnfSnger Mo. 6 bis 8. Beginn 30. Oktober. FQr 
ForUteschrittene Do. 6 bis 8. Beginn 26. Oktober. 

Proi Dr. Tschudi: Arabisch fiir Fortgeschrittene. ErkHrung von 
Texten aus Briinnow-Fischers Chrestomathie. Do. 4 Ihs 5. Beginn 26. Oktober. 
^ B a k y r o g 1 u : Obungen im Neupersischoi, gesprochene Sprache. 
a) Far Anfanger Do. 4 bis 6, Beginn 26. Oktober; b) fQr Fortgeschrittene Mo. 
3 bis 5, Beginn 30. Oktober. 

n..' Prof. Dr. Tschudi: Persisch fiir Fortgeschrittene. Erkl&rung ausjser 
wShlter Abschnitte aus Firdaus Schahname. Do. 3 Ixs 4. Beginn 26. Oktobcir. 



- 377 — 

Prof. Dr. K o n o w: 1. Sanskrit fur Anfanger. 2. Leichtere Sanskrittexte. 
3. Ausgewahlte Hyninen des Rigveda. Zeit nach Verabrediing. 

ProL Dr. Franke: 1. Chinesisch fUr AnfSnger. DL, Fr. 10 bis 11. 
2. Chinesisch fOr Fortgeschrittene. Di., Fr. 11 Ws 12. 

Schang Yen-Liu: Chinesische Sprech- und SchreibQbangen. Mo., 
Dl, Do.» Fr. in zu vereinbarenden Stunden. 

Proi Dr. F 1 o r e n z : 1. Interpretation der altjapanischen Schinto^ituale. 
Fortsetzung. Di., Do. 9 Ins 10. 2. Lektiire neujapanischer Texte fiir Fort- 
geschrittoie. EK^ Do. 10 1ms 11. 3. Japanisch fOr AnfSnger. Zweilstiindig nach 
Verabredung. ^ 

Englisch. 

FrSulein T a m s e n : 1. Englisch II. Fortsetzung des Sommerkursus fur 
woiiger QeObte. Vierstundig. Beginn 24. Oktober. 2. Englisch III. Ober- 
kursus fiir Fortgeschrittene. Zweistundig. Beginn 25. Oktober. 

".'- * NiederlSndisch. 

1 

Frfiulein Z i j 1 s t r a : 1. Niederlandische Obungen fiir Anf&iger. Do. 8 bis 
10. Beginn 26. Oktober. 2. Niederlandische Obungen fiir Fortgeschrittene. 
Fr. 6 bis 8. Beginn 27. Oktober. 

UnterrichtintechnischenHiifsfSch'ern. 

PrSparator des Zoologischen Museums^: Anldtung zum 
Abbaigen, SkeUttieren, Konservieren und Ausstopfen der hoheren Wirbettiere. 
Zeit nach Vereinbarung. — Anleitung zum ethnographischen Zeichnen. Zwei- 
stiifldig. Zeit nach Verdnbarung. — Kursus der Photographie unter Verein- 
barung mit Bruns, Patriotisches Haus, Qesellschaft zur Forderung der Amateur- 
photographie. 

Neben diesen Vorlesungen haben die Missionare Qelegenheit, noch eine 
Reihe theologische, philosophische, psychologische und padagogische, Ute- 
rarische, sprachwissenschaftliche und geschichtliche Vorlesungen zu horen, die 
in dem Allgemeinen Vorlesungswesen der Oberschulbehdrde abgehalten werden. 

Zur Unterstiitzung des Unterrichts dienen die mit dem Kolonialinstitut ver- 
bundenen wissenschaftlichen Anstalten und Seminare, in doien die Horer Qe- 
legenheit finden, unter Benutzung der fachwissenschaftlichen Bibliotheken, 
Sammlungen und des Demonstrationsmaterials sich in ihr Arbeitsgebiet zu ver- 
tielen und selbst&idige Arbeiten anzufertigen. Auskunft erteilt (He GeschSfts- 
stdle des Kolonialuistituts, Hamburg 36, VorlesungsgebSude, von der audi 
das Vorlesungsverzeichnis unentgeltlich zn bezidien ist 



Bficherbesprechungen. 

otto, Rudolf, D., Professor an der Universitat Bresiau, 
das MIvSmi, eine indische Heilslehre, aus dem Sanskrit, Tubingen, 
Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1916. XIV und 84 S. Oktav. 
M. 2,40. (Sammlung gcmeinverstfindlicher VortrSge und Schriften aus 
ctem Oebiet der Theologie und Religionsgeschichte. 80.) 



- 378 - 

Was die religions- und philosophiegeschichtliche Seite dieser Ver- 
dffentlichuns anbetrifft, so wird kaum notig sein, hervorzuheben, daB sie 
cine gute Leistung darstellt. Was aber bei dem Theologen Otto nicht so 
selbstverstSndlich ist und recht hervorgehoben zu werden verdient. ist 
die Tatsache, daB seine Obersetzung dieses nicht ganz ieicht zu ver- 
stehenden philosophischen Sanskritwerkes so gut ist, daB ein Indoioge 
sie als Qanzes vielleicht nicht besser gemacht hStte. Natiirlich hat in 
Kleinigkeiten Otto hier und da sich ein wenig versehen, vielleicht vor- 
wiegend in der Auffassung sprachlicher Wendungen, die richtig zu ver- 
stehen eine ISngere Qewdhnung an die Cigenheiten der indischen Sprech- 
weise erfordert. Aber auch ein Indoioge wQrde vermutlich nicht ganz 
ohne Versehen davongekommen sein, und Ottos Verdienst wird also durch 
die kleinen Irrtumer noch viel weniger geschmSlert. Freilich bekennt er 
selbst S. XI, daB ihm die Hilfe des gelehrten Indiers Paodita Ch. T. Roy 
zustatten kaih. DaB er aber eine solche Unterstiitzung unuberheblich fQr 
wiinschenswert hielt, sie sich zu sichern und mit so gutem Erfolge zu 
benutzen verstand, ist kaum ein kleineres Verdienst. als es eine Ober- 
setzung g^nz aus eigenen Mittein gewesen sein wiirde. 

Es sei dem Ref. gestattet, einige, verhaitnismaBig wichtigere, von den 
Versehen in den ziemlich groBen Teilen der Obersetzung, die er mit dem 
Originaltext verglichen hat, hicr hervorzuheben. Einige andere wird er 
aufzahlen in einer zweiten Besprechung in der Ostasiatischen Zeitschrift 
(wohl in deren Jahrgang 1917). Dem Ref. stand allerdings nicht die von 
0. benutzte Textausgabe von Ratna Oopal Bhatta, Benares Sanskrit Series 
No. 133, Fasc. 2, sondern die der AnandaSrama Sanskrit Series No. 50, 
Poona 1906. zur Verfiigung, und es laBt sich also nicht iiberall mit volliger 
Sicherheit urteilen. Aus der Obersetzung war aber der Eindruck zu 
gewinnen, daB die Abweichungen beider Ausgaben von einander nicht 
erheblich sein werden. 

Es scheint, daB O. (S. X und S. 84), wenn er nicht noch auf eine 
andere Quelle sich stutzt, die SchluBangaben Qber die Personalien des 
Verf. nicht ganz richtig wiedergegeben hat. Die betreffenden Worte der 
Poona- Ansg. kdnnen, wenn man nicht koniziert, kaum in O.s Weise 
verstanden werden, daB Nivasadasa der erste Diener des OroBmeisters 
Vadhula (S. X, des hehren OroBmeisters Hehr-Vadhilla Sippenzier S. 84, 
wo ^Sippenzier" wohl ein ubersetzter Fjamilienname sein soil?) und der 
Sohn des Acarya Svamin Puskarioi-Oovinda und daB dieser Vater ein 
Diener des Venkata-girinatha, d. h. des Qottes Visou, gewesen sei. 
K u 1 a t i I a k a .Zierde der Familie* ist doch schwerlich Apposition zu 
iri-Vadhula und nicht Qenitiv -Erganzung zu prathama-dasena 
,dem ersten Diener"; statt Pu$karioi hat An. Skr. Ser. pu^karena 
(allerdings mit v. I. puskarioO. was, wennes richtig ist und nicht 
durch puskariol zu ersetzen sein solite, vielmehr ergeben wQrde, 
dafi svamipu$kareoa (als Name oder Epitheton, Titel?) mit 
prathamadasena und Srinivasadasena zu koordinieren wSre. 
Wie aber das alles sachlich zu verstehen bezw. durch Koniektur oder 
freie Auffassung einzurenken ist, ist auch dem Ref. z. T. dunkei. — S. 1 
ubersetzt 0.: .Zu ihm, versehen mit seinem nicht aus der Prakrti (Natur) 



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stammenden Leibe, soil man gelangen". Statt ^Leib* (vermutlich d e h a) 
hat die An. Skr. Scr.-Ausg. deSa (,Qegend", .Teil" usw,), was ja — Ref. 
enthfilt sich cines Urteils — der Notwendigkeit unterliegen mag, in O.s 
Weise korrigiert zu werden. — prapanna gibt O. S. 3 und 62 und 
p r a p a 1 1 i S. 53 wieder mit ,der Qelassene* und .Gelassenheit". in 
Anlehnung an unsere Mystiker (vgl. O.s Arbeit .Die fOnf Artikel des 
Lokacarya* in den .Theolog. Studien und Kritiken* 1916, S. 273). p r a - p a d 
heiBt aber .einen Weg betreten*, ,sich fluchten zu". .gelangen zu", bier 
also ,sich fluchten oder gelangen zu Vi^nu*. O. selbst hebt ja am eben 
angefuhrten Orte hervor, daB wortlich p r a p a 1 1 i .Herzunahung* bedeute. 
Die auf S. 54 der bier vorliegenden Obersetzuog, wo die p r a p a 1 1 i 
erklSrt wird, angegebenen ,funf Qlieder* der p r a p a 1 1 i stimmen ganz 
gut zu diesen Bedeutungen, und S. 54 heiBt p r a p a 1 1 i ja auch geradezu 
.Zufluchtsuchung" (§ a r a o a g a t i S. 64 Z. 13 f. der An. Skr. Ser.- Ausg.), 
und An. Skr. Ser.-Ausg. S. 77 Z. 5 ist prapanna erklSrt mit 
bhaga<yantam a^ritah ,der seine Zuflucht zum Crhabenen ge- 
nommen hat" (auch O. S. 62: .sich an Bhagavant halt"). Obrigens ge- 
h5ren auf Seite 54 die Worte .Die ftinf Qlieder der Qelassenheit" nicht 
mehr zu den dort zitierten Versen, als deren Bestandteil O. sie gedruckt 
hat. — Ebd. ubersetzt O.: „Sie ist wiederholt zu vollziehen" (namlich „die 
Qelassenheit"). Cr hat also aus dem mok$apradasakrtkartavya, 
wie die von ihm benutzte Ausg. zu haben scheint statt mo.ksaprada 
sa.krtkartavya der An. Skr. Ser., offenbar a s a k r t - herausgelesen, 
was orthographiegesetzlich moglich ist. Sachlich durfte es nicht berechtigt 
sein. Es ist auch nicht so, wie 0. S. 54 Anm. 1 es darstellt, daB die 
angebliche Porderung der wiederholten prapatti-Vollziehung spater 
als Irrlehre verworfen wird. In den „funf Artikeln", a. a. O. S. 278/9, 
Unterschied 14 (nicht 15, wie O. angibt) handelt es sich vielmehr genauer 
damm, daB eine Schule behauptet, durch neues Sundigen nach der 
p r a p a 1 1 i werde deren Wiederholung notig gemacht, die andere aber, 
daB solche Sunden die p r a p a 1 1 i nicht aufheben kdnnen, daB diese 
vielmehr unaufgehoben fortbestehe. Zur Sttitze des angebl. a s a k r t - 
ergibt sich aus der Polemik der zwei Schulen nichts. Vielleicht erwSgt 
also der Herr Obersetzer die von seiner Auffassung abweichende 
Moglichkeit s a k r t - noch einmal. — Statt „Als ,Innenwalter' subsistiert 
er bezuglich (der Welt als seines) Leifees* (Otto S. 3) ist zu iibersetzen: 
„ . . . befindet er sich in die einzelnen K5rper verteilt" (prati^ariram 
avasthitah. An. Skr. Ser. S. 3 Z. 10). — sakalamanujanaya- 
navisayatam gato miirtivi^esah (An. Skr. Ser. S. 3 Z. 11) 
heiBt nicht „mlt leiblicher Qestalt (im Kultbilde) versehen, zur Leitung 
aller Menschen" (Otto S. 3), sondern: „ . . . den Augen aller Menschen 
sichtbar", nay an a bedeutet freilich auch Leitung, aber ganz besonders 
auch (das leitende Organ,) „das Auge". — samskara hatte 0. nicht 
(S. 7) mit „Qemutseindruck" iibersetzen sollen. " Selbst wenn er sich des 
Ref. Deutung „Vorstellung" (Quellen der Religionsgeschichte Bd.4, Gottingen 
und Leipzig 1913, S. 307 ff.) nicht anschlieBen woUte, hatte er jedenfalls 
nur von Eindrucken, nicht Qemfltseindrucken sprechen sollen, voraus- 
gesetzt, daB er „QemQt" nicht in dessen umfassendem etymologischen. 



m^- 



sondern im allsremein gebrauchlichen speziellen Sinne me'mU denn die 
Crmnening hat dort vorwiegend mit dem Intellekt, nicht mit dem Qemiit, 
zu tun. — „Qrun" (Otto S. 78) ist wenigstens in der An. Skr. Ser., S. 93 
Z.9, unter den Unterarten des Qelben nicht mit genannt. ^ 

Nivasa's, wohl nach 1300 n. Chr. entstandene (Otto S. X) Dipika fOhrt 
eigentlich den volleren Titel ^riyatipatimatadipika. alias Sdyatlndramata- 
dipika« ..Kompendium der Lehre des hehren Asketen-fQrsten, namlich 
Ramanuja's" (Otto S. 1 Anm. 2), eines beriihniten Philosophen des 12. Jahr- 
hunderts n. Chr., der die Schule der Vedanta-Philosophie schuf, die 
Vi§i5tadvaita (Lehre vom qualifizierten zweitlosen Wesen) im Qegensatz 
zum reinen Advaita (der Lehre vom zweitlosen Wesen) Sankara's (um 800 
n. Chr.) hieB (Otto S. V), und dem zpeziell Vi$Qu ^als dieses groBe Eine 
gait. Tendenz und Inhalt von Nivasa's Kompendium wird durch den 
SchluB-Satz gekennzeichnet: „So ist denn also, daB der durch das Qeistig<r 
Ungeistige charakterisierte. mit Brahman zu bezeichnende, Vi$ou heiBende* 
hochste Vasudeva Narayaoa allein das eine Wesen sei, — das heiBt, die 
Lehre der Viiistadvaitins — erwiesen" (Ottos Obers. S. 84). ^ 

Konigsberg i. Pr. - ' R. Otto Franke. ^ 

M<mg Dsi (Mong Ko.). Aus dem Chinesischen verdeutscht und erl^utert 
von Richard Wilhelm. (XK, 207 S. mit einer Abbildung und einem 
Faksimile.) Jena, E. ENederichs. 1916. 4,50 M., gebunden 5,70 M. f , 

Die Herren Sinologen, in ihrem gegenseitgen Sichbeurteilen nicht eben iiber- 
maBig nachsichtig, haben an den Dbersetzungsbanden Wilhelms, den sie ja frei- 
lich als einen der Ihren miissen gelten lassen und geme als solchen anerkennen, 
ein Vieles auszusetzen. Uns kann das nic^t hindem, iiber das Erschdnen Jeder 
Fortsetzung seiner Sammiung „Die Religion und Philosophie Chinas", mit der 
er sich auch vor das Forum der kritischen Fachgenossen wagt, dankbarst uns 
zu freuen. Der neueste Band bietet als erste vollstandige Verdeutschung vielen 
bei uns uberhaupt erst die Moglichkeit, mit einem der alten Klassiker Chinas, 
dem grofiten der Interpreten des Konfuzhis, ^ch recht bekannt zu machen, 
nachdem er franzosischen und englischen Lesem bereits von linger her durch 
Ganzubertragungen von Couvreur und Legge zugangUch gemacht war. Wir 
hatten bislang nur Fabers Buch „Eine Staatslehre auf ethlscher Qrundiage^ 
und sdt 1912 Heinrich Mootz, „Die chinesische Weltanschauung, darge- 
stellt aui Grund der ethischen Staatslehre des Philosophen Mong dse", das 
letztere nicht mehr als die Wiedergabe nur eines der sieben Bticher der Werke 
des Menaus, das erstere zwar viel mehr von ihnen bietend, aber die einzelnen 
Abschnitte aus dem Zusammenhange losend. Unser D. Faber war der Mdnung, 
daB Menzius wie kein anderer Schriftsteller der Chinesen geeignet sei, die Basis 
zu einer Verst^digung uber die Lehren der evangelischen Wahrheit mit denoi 
des Chinesentums zu iHeten. Wer Ohren hat zu hOren, der hOre! 

H a n s H a a s , Leipzig. 

Der B<Mii Judas. Legenden, M3rchen und ErzShlungen. Qesammelt von 
M.J. binQorion. 6 Bande. 1. Band : Von Liebe und Treue. Leipzig, Insel- 
verlag. 376 Seiten. Gebunden 6 M. und 7,50 M. 1916. 

Die K^uitnis der judischen Qeisteswelt mit ihrer rabt^nlschen Literatnr 
und synanogalen Anschauungswdse ist in der christlichen Theologie noch viel 



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xa wenig verbreitet. Und doch bieten ach Im Talmod und den umfanglichen 
ihm nachfolgenden Werken wichtige und vielffiltige Materiallen zu religions- 
geschichtlichen Vergleichungen, zu sagenkundlichen und folkloristischen 
Studien. Und wer in die Wissenschaft des Judentums aucii nur ein wenig ein- 
gedrungen ist, wird die starke Hochachturig vor dieser sonderbaren, oftmals 
abstnisen, aber auch oftmals tiefsinnigen, gewaltigen FleiB mit umfassendem Qe- 
dSchtnis verbindenden Literatur gewinnen. Daher sind alie die Werke sehr zu be- 
griifien, die unter Befrdung von d«n sprachlichen Schwierigkeiten ienen aus- 
gedehnten und zersplitterten Stoff in ubersichtlicher Ordnung und modemer 
Form zusammenstelien. Unter ihnen neihmen die Arbeiten M- J. bin Qorions 
iraglos eine hervorragende Stella ein. Seit 1913 hat er bei der Literarischen 
Anstalt Frankfurt a. M. ein groB angelegtes Werk „Die Sagen der Juden" zu 
veroffentlichen begonnen, von dem bisher zwei Bande, „Die Urzeit" und „Die 
Erzvater" erschienen sind, und die, gestiitzt auf einen kurzen, aber genauen 
wissenschaftlichen Apparat, die einzelnen Sagen zu den verschiedenen bibli- 
sctien Kapiteln und Personen aneinander reihen und damit ein religionsgeschicht- 
liches Handbuch liefem, dessen Fo