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Full text of "Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisations- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz"

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Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



Rapport über die Konstruktion von 
Situationen und die Organisations- 
und Aktionsbedingungen der 
Internationalen Situationistischen 
Tendenz 

Guy Debord, 1957 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION 
IN DER MODERNEN KULTUR 



Wir meinen zunächst, dass die 
Welt verändert werden muss. 
Wir wollen die am weitesten emanzipie- 
rende Veränderung von der Gesellschaft 
und dem Leben, in die wir eingeschlos- 
sen sind. Wir wissen, dass es möglich 
ist, diese Veränderung durch geeignete 
Aktionen durchzusetzen. Es ist gerade 
unsere Angelegenheit, bestimmte Akti- 
onsmittel anzuwenden und neue zu erfin- 
den, die auf dem Gebiet der Kultur und 
der Lebensweise leichter zu erkennen 
sind, aber mit der Perspektive einer ge- 
genseitigen Beeinflussung aller revolutio- 
nären Veränderungen angewandt 
werden Das, was man Kultur nennt, spie- 
gelt in einer gegebenen Gesellschaft die 
Organisationsmöglichkeiten des Lebens 
wider, es deutet aber auch auf sie hin 
Grundsätzlich wird unsere Epoche 
durch die Verspätung der politischen re- 
volutionären Aktion gegenüber der Ent- 
wicklung der modernen 
Produktionsmöglichkeiten gekennzeich- 
net, die eine höhere Organisation auf 



Weltebene verlangen. Wir erleben eine 
wesentliche Krise der Geschichte, in der 
das Problem der rationellen Beherr- 
schung der neuen Produktivkräfte und 
der Schaffung einer Zivilisation auf 
Weltebene jedes Jahr deutlicher gestellt 
wird. Doch hat die Aktion der internatio- 
nalen Arbeiterbewegung, von der der 
Umsturz der ökonomischen Infrastruk- 
tur der Ausbeutung als Vorbedingung ab- 
hängt, nur lokale Halberfolge erzielt. 
Der Kapitalismus erfindet neue Kampffor- 
men - Marktplanung, Erweiterung des 
Distributionssektors, faschistische Regie- 
rungen -, stützt sich auf die entarteten Ar- 
beiterführungen und vertuscht durch 
verschiedene reformistische Taktiken 
die Klassengegensätze. So konnte er bis- 
her die alten gesellschaftlichen Verhält- 
nisse in der großen Mehrheit der hoch 
entwickelten Länder aufrecht erhalten 
und folglich weiterhin einer Sozialisti- 
sche Gesellschaft die für sie uner- 
läßliche materielle Basis entziehen. 
Dagegen haben die unterentwickelten 



oder kolonisierten Länder, die seit mehr 
als zehn Jahren massenweise einen ein- 
facheren Kampf gegen den Imperialis- 
mus aufgenommen haben, sehr 
wichtige Erfolge erzielt. Diese verschär- 
fen die Widersprüche der kapitalisti- 
schen Wirtschaft und fördern, 
besonders im Fall der Chinesischen Re- 
volution, eine Erneuerung der gesamten 
revolutionären Bewegung. Diese Er- 
neuerung kann sich nicht auf Reformen 
in den kapitalistischen oder antikapitalis- 
tischen Ländern beschränken, sie wird 
im Gegenteil überall Konflikte in Gang 
setzen, die die Machtfrage stellen wer- 
den. 

Die Zersplitterung der modernen 
Kultur wurde auf der Ebene des 
ideologischen Kampfes durch den chao- 
tischen Paroxysmusk dieser Antagonis- 
men erzeugt. Die neuen, sich zur Zeit 
definieren den Begierden haben keinen 
Stützpunkt für ihre Formulierung: zwar 
ermöglichen die Mittel der Epoche ihre 
Verwirklichung, aber die rückständige 
wirtschaftliche Struktur ist nicht imstan- 
de, diese Mittel zur Geltung zu bringen. 
In der gleiche Zeit hat die Ideologie der 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



herrschenden Klasse jede Kohärenz ver- 
loren, durch die Entwertung ihrer aufein- 
ander folgenden Weltanschauungen, die 
sie zum historischen Indeterminismus 
neigen lässt; durch die Koexistenz von 
chronologisch abgestuften und prinzipi- 
ell feindlich gesinnten reaktionären 
Denkweisen wie z. B. dem Christentum 
und der Sozialdemokratie; gleichfalls 
durch die vermischten Beiträge aus meh- 
reren, dem zeitgenössischen Westen 
fremden Zivilisationen, deren Werte erst 
seit kurzer Zeit anerkannt werden. Das 
Hauptziel der Ideologie der herrschen- 
den Klasse ist folglich die Konfusion. 

In der Kultur - wenn wir dieses Wort 
gebrauchen, lassen wir ständig die 
wissenschaftlichen oder pädagogischen 
Aspekte der Kultur beiseite, wenn auch die 
Konfusion offensichtlich auf der Ebene der 
großen wissenschaftlichen Theorien oder 
der allgemeinen Untemchtsauffassungen 
spürbar ist; wir bezeichnen mit diesem 
Wort eine aus der Ästhetik, den Gefüh- 
len und Sitten zusammen gesetzte Ge- 
samtheit, die Reaktion einer Epoche auf 
das alltägliche Leben in der Kultur lau- 
fen die teilweise Annektierung der 
neuen Werte und die absichtlich anti- 
kulturelle Produktion mit den Mitteln 
der Großindustrie (Roman, Film), eine 
natürliche Folge der Verdummung der Ju- 
gend in Schule und Familie, als konfusio- 
nistische, konterrevolutionäre Verfahren 
parallel. Die herrschende Ideologie orga- 
nisiert die Banalisierung der subversiven 
Entdeckungen und verbreitet sie im Über- 
fluss, nachdem sie sie sterilisiert hat ihr ge- 
lingt es sogar, die subversiven Individuen 
zu benutzen: durch Verfälschung ihrer 
Werke, wenn sie tot sind und schon zu 
Lebzeiten durch die gesamte ideologische 
Konfusion, indem sie sie mit einer ihrer 
mystischen Lehren, mit denen sie Han- 
del treibt, wie mit einer Droge narkoti- 
siert. 

So besteht einer der Widersprüche der 
Bourgeoisie in ihrer Liquidierungspha- 
se darin, das Prinzip der geistigen und 
künstlerischen Kreation bestehen zu las- 
sen, diesen Schöpfungen gleich entgegen- 
zutreten, um sie dann doch zu benutzen. 
Sie muss nämlich den Sinn für Kritik und 
Forschung bei einer Minderheit aufrecht 
erhalten, allerdings unter der Bedin- 
gung, dass diese Tätigkeit auf streng zer- 
stückelte, utilitaristischen Fächer hin 
orientiert und jede gesamte Kritik und 
Forschung ferngehalten wird. Auf dem 
Gebiet der Kultur bemüht sich die Bour- 



geoisie darum, die in unserer Epoche 
für sie gefährliche Neigung zum Neuen 
auf bestimmte harmlose und konfuse, 
heruntergekommene Formen der Neu- 
heit abzulenken. Durch die Handels Me- 
chanismen, die die kulturelle Tätigkeit 
beherrschen, werden die Avantgarde Ten- 
denzen von den Fraktionen getrennt, die 
sie unterstützen können, obwohl sie 
schon durch die gesamten gesellschaftli- 
chen Verhältnisse beschränkt werden. 
Die Leute, die sich innerhalb dieser Ten- 
denzen ausgezeichnet haben, werden im 
allgemeinen auf individueller Ebene um 
den Preis der obligatorischen Verleug- 
nung akzeptiert: Kernpunkt der Debatte 
ist immer wieder der Verzicht auf eine Ge- 
samtforderung und die Akzeptiemng ei- 
ner fragmentarischen Arbeit, die 
verschieden interpretiert werden kann. 
Das verleiht dem Ausdmck selbst der 
"Avantgarde", der letzten Endes immer 
wieder von der Bourgeoisie gehandhabt 
wird, etwas Verdächtiges und Lächerli- 
ches. 

Der Begriff selbst der kollektiven 
Avantgarde ist mitsamt dem mit 
enthaltenen militanten Aspekt das neue 
Produkt der historischen Bedingungen, 
die gleichzeitig die Notwendigkeit eines 
kohärenten revolutionären Programms im 
kulturellen Bereich und die des Kampfes 
gegen die Kräfte nach sich ziehen, die die 
Entwicklung dieses Programms verhin- 
dern. Solche Gmppiemngen werden dazu 
gebracht, einige durch die revolutionäre 
Politik erzeugte Organisationsmethoden 
auf ihr Tätigkeitsfeld zu übertragen und 
von nun an kann ihre Aktion nicht mehr 
ohne Verbindung mit einer Kritik der Poli- 
tik verstanden werden. In dieser Hinsicht 
gibt es einen nennenswerten Fortschritt 
vom Futurismus, Dadaismus und Surrealis- 
mus bis zu den nach 1945 entstandenen 
Bewegungen. Jedoch findet man in je- 
dem dieser Stadien denselben universalis- 
tischen Willen zur Veränderung, sowie 
dieselbe schnelle Zersplitterung, wenn die 
Unfähigkeit, die wirkliche Welt tief genug 
zu verändern, einen defensiven Rückzug 
auf die theoretischen Positionen selbst be- 
wirkt, deren Unzulänglichkeit gerade an 
den Tag gebracht worden ist. 

Der Futurismus, dessen Einfluss 
sich in der Zeit vor dem ersten 
Weltkrieg von Italien aus ausbreitete, 
nahm die Haltung der Zerrüttung von Li- 
teratur und Kunst auf, die zwar zahlrei- 
che Form Neuheiten mit sich brachte, 
aber nur auf eine äußerst schematische 



Anwendung des Begriffs eines durch 
die Maschinen erzeugten Fortschritts ge- 
gründet war. 

Der kindisch technische Optimis- 
mus des Futurismus verschwand 
mit der Zeit des bürgerlichen Wohlbefin- 
dens, die ihn getragen hatte. Vom Natio- 
nalismus zum Faschismus brach der 
Italienische Futurismus zusammen ohne 
je zu einem vollständigen Verständnis 
seiner Zeit zu gelangen. Der in Zürich 
und New York von Flüchtlingen und 
Deserteuren aus dem ersten Weltkrieg 
gegründete Dadaismus wollte die Ableh- 
nung aller Werte der bürgerlichen Ge- 
sellschaft verkörpern, deren Bankrott so 
glanzvoll zutage getreten war. Seine ge- 
walttätigen Manifestationen im Deutsch- 
land und Frankreich der Nachkriegszeit 
richteten sich hauptsächlich auf die Zer- 
störung der Kunst und des Schreibens 
sowie in geringerem Maß auf einige Ver- 
haltensweisen (siehe z. B. die absicht- 
lich schwachsinnigen Vorstellungen, 
Reden und Spaziergänge Seine histori- 
sche Rolle ist es, dem herkömmlichen 
Verständnis der Kultur den tödlichen 
Stoß versetzt zu haben. Die fast soforti- 
ge Auflösung des Dadaismus wurde 
durch seine völlig negative Definition 
notwendig. Es ist aber sicher, dass der 
dadaistische Geist einen Teil aller Bewe- 
gungen bestimmt hat, die auf ihn ge- 
folgt sind, und dass sich ein historisch 
dadaistischer Aspekt der Negation in je- 
der späteren konstruktiven Position wie- 
derfinden wird, solange die sozialen 
Verhältnisse nicht abgeschafft worden 
sind, die die Wiederholung von verfaul- 
ten Strukturen erzwingen, deren geisti- 
ger Prozess völlig beendet ist. Die 
Gründer des Surrealismus, die in Frank- 
reich an der Dada-Bewegung teilgenom- 
men hatten, waren darum bemüht, das 
Feld einer konstruktiven Aktion zu be- 
stimmen, indem sie von der morali- 
schen Revolte und dem äußersten 
Verschleiß der traditionellen Kommuni- 
kationsmittel ausgingen, die durch den 
Dadaismus an den Tag gelegt wurden. 
Der Surrealismus ging von einer poeti- 
schen Anwendung der Freudschen Psy- 
chologie aus und übertrug die von ihm 
entdeckten Methoden auf die Malerei, 
den Film und einige Aspekte des alltägli- 
chen Lebens; dann, in einer verschwom- 
menen Form, auch sehr weit darüber 
hinaus. Denn es kommt für ein Unter- 
nehmen solcher Art nicht darauf an, ab- 
solut oder relativ Recht zu haben, 
sondern für eine gewisse Zeit erfolg- 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



reich zum Katalysator der Begierden ei- 
ner Epoche zu werden. Die durch die Li- 
quidierung des Idealismus und einen 
kurzfristigen Anschluss an den dialekti- 
schen Materialismus gekennzeichnete Pe- 
riode des Fortschritts des Surrealismus 
endete kurz nach 1930, aber sein Zerfall 
wurde erst mit dem Ende des zweiten 
Weltkrieges offenbar. Der Surrealismus 
hatte zu dieser Zeit schon in einer größe- 
ren Zahl von Ländern Fuß gefasst. Er hat- 
te außerdem eine Disziplin eingeführt, 
deren durch kommerzielle Erwägungen 
oft gemäßigte Strenge nicht überschätzt 
werden darf, die aber eine wirksame 
Kampfmaßnahme gegen die konfusionis- 
tischen Mechanismen der Bourgeoisie 
darstellte. Das surrealistische Programm 
ist mit seiner Behauptung der Souveräni- 
tät der Begierde und der Überraschung 
und seinem Vorschlag einer neuen An- 
wendung des Lebens viel reicher an kon- 
struktiven Möglichkeiten als man 
allgemein annimmt. Sicher hat der Man- 
gel an materiellen Möglichkeiten den 
Umfang des Surrealismus stark einge- 
grenzt. Aber das spiritistische Ende sei- 
ner ersten Führer und vor allem die 
Mittelmäßigkeit der Epigonen führen 
zwangsläufig dazu, die Ursache für die 
Negation der Weiterentwicklung der sur- 
realistischen Theorie im Ursprung dieser 
Theorie selbst zu suchen. 

Der an der Wurzel des Surrealis- 
mus liegende Irrtum ist die Idee 
des unendlichen Reichtums der unbe- 
wussten Phantasie. Der Grund für den 
ideologischen Misserfolg des Surrealis- 
mus besteht darin, die Wette eingegan- 
gen zu sein, das Unbewusste sei die 
endlich entdeckte große Lebenskraft; 
weiter darin, dass er die Geschichte der 
Ideen dementsprechend überprüft und 
sie nicht weitergeführt hat. Wir wissen 
schließlich, dass die unbewusste Phanta- 
sie arm und die automatische Schrift ein- 
tönig ist, sowie dass eine ganze Art von 
"Ungewöhnlichkeit", die von weitem die 
unveränderliche surrealistische Attitüde 
zur Schau trägt, außerordentlich wenig 
überraschend ist. Jede formale Treue ge- 
genüber diesem Phantasiestil führt letzt- 
lich zu etwas zurück, das den 
modernen Bedingungen des Imaginären 
genau entgegengesetzt ist: zum her- 
kömmlichen Okkultismus. Wie stark der 
Surrealismus von seiner Hypothese über 
das Unbewusste abhängig geblieben ist, 
kann man an der Arbeit der theoreti- 
schen Vertiefung messen, die von der 
zweiten surrealistischen Generation ver- 



sucht wurde: Callas und Mabille verknüpfen 
alles mit den beiden aufeinanderfolgenden 
Aspekten der surrealistischen Praxis des Un- 
bewussten - der erste mit der Psychoanalyse 
und der zweite mit kosmischen Einflüssen. 
Praktisch ist die Entdeckung der Rolle 
des unbewußten eine Überraschung 
und eine Neuigkeit gewesen, aber kein 
Gesetz für zukünftige Überraschungen 
und Neuigkeiten. Das hatte schließlich 
auch Freud entdeckt, als er schrieb: 'Al- 
les das, was bewußt ist, nützt sich ab. 
Das, was unbewusst ist, bleibt unverderb- 
lich. Ist es aber einmal befreit worden, 
wird es nicht auch wieder zerfallen? " 

Indem der Surrealismus einer schein- 
bar irrationalen Gesellschaft entge- 
gen trat, in der der Bruch zwischen der 
Wirklichkeit und den immer noch laut- 
stark verkündeten Werten bis zum Absur- 
den getrieben wurde, benutzte er das 
Irrationale gegen sie, um ihre oberflächli- 
chen logischen Werte zu zerstören. Der 
Erfolg des Surrealismus hat viel zu der 
Tatsache beigetragen, dass die Ideologie 
dieser Gesellschaft in ihrem modernsten 
Aspekt eine strenge Hierarchie künstli- 
cher Werte aufgegeben hat, wiederum 
aber ganz offen das Irrationale und bei 
derselben Gelegenheit auch das be- 
nutzt, was vom Surrealismus übrig geblie- 
ben ist. Vor allem muss die Bourgeoisie 
einen neuen Anfang des revolutionären 
Denkens verhindern. Sie ist sich des ge- 
fährlichen Charakters des Surrealismus 
bewusst gewesen. Jetzt, da sie ihn in 
dem üblichen ästhetischen Handel auflö- 
sen konnte, stellt sie mit Gefallen fest, 
dass er den äußersten Punkt der Zerrüt- 
tung erreicht hatte. So pflegt sie eine Art 
Sehnsucht nach ihm und bringt gleichzeitig 
jede neue Forschung in Verruf, indem sie 
sie automatisch auf das surrealistische Schon- 
da-Gewesene zurückführt - d.h. auf eine Nie- 
derlage, die für sie von niemandem wieder 
in Frage gestellt werden kann. Die Ableh- 
nung der Entfremdung in der Gesell- 
schaft der christlichen Moral hat einige 
Menschen zum Respekt vor der völlig ir- 
rationalen Entfremdung der primitiven 
Gesellschaften gebracht - das ist alles. 
Wir müssen weiter voran gehen und 
mehr Rationalität in die Welt bringen - 
das ist die Vorbedingung, um ihr die Lei- 
denschaft zu bringen. 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



DIE AUFLOSSUNG ALS HÖCHSTES STADIUM 
DES BÜRGERLICHEN DENKENS 



Die beiden Hauptsitze der angeb- 
lich modernen Kultur sind Paris 
und Moskau. Die aus Paris hervorgegan- 
genen Moderichtungen, bei deren Ausar- 
beitung die Franzosen keine Mehrheit 
haben, beeinflussen Europa, Amerika 
und die anderen entwickelten Länder 
der kapitalistischen Zone wie z.B. Ja- 
pan. Die verwaltungsmäßig von Moskau 
aufgezwungenen Moderichtungen beein- 
flussen alle Arbeiterstaaten und wirken 
in einem schwachen Maß auf Paris und 
dessen europäische Einflußzone zurück. 
Moskaus Einfluß hat einen direkt politi- 
schen Ursprung. Um den immer noch 
aufrechterhaltenen, traditionellen Pariser 
Einfluß zu verstehen, muß man den in 
der beruflichen Konzentration gewonne- 
nen Vorsprung berücksichtigen. 

Da das bürgerliche Denken sich in 
der systematischen Konfusion ver- 
loren hat und das marxistische Denken 
in den Arbeiterstaaten tiefgreifend ver- 
fälscht wurde, herrscht sowohl im Os- 



ten als auch im Westen der 
Konservatismus - vor allem auf dem Ge- 
biet der Kultur und der Lebensweise. Er 
stellt sich in Moskau zur Schau, indem 
er das Benehmen übernimmt, das für 
das Kleinbürgertum des 19. Jahrhun- 
derts typisch war. In Paris verkleidet er 
sich als Anarchismus, Zynismus oder Hu- 
mor. Obwohl die beiden herrschenden 
Kulturen grundsätzlich unfähig sind, 
sich die wirklichen Probleme unserer 
Zeit anzueignen, kann man doch sagen, 
daß das Experiment im Westen weiter ge- 
führt wurde und daß die Moskauer Zo- 
ne auf diesem Produktionsgebiet als 
eine unterentwickelte Region erscheint. 

In der bürgerlichen Zone, in der insge- 
samt eine scheinbare interllektuelle 
Freiheit geduldet worden ist, fördern 
die Kenntnis der Ideen Geschichte oder 
die konfuse Einsicht in die vielfachen 
Umweltumgestaltungen das Bewußtwer- 
den einer laufenden Umwälzung, deren 
Triebfedern unkontrollierbar sind. Die 



herrschende Sensibilität versucht, sich 
anzupassen, indem sie gleichzeitig neue 
Veränderungen verhindert, die ihr in letz- 
ter Konsequenz schädlich sein müssen. 
Die gleichzeitig durch die rückschrittli- 
chen Strömungen vorgeschlagenen Lö- 
sungen laufen zwangsläufig auf folgende 
drei Haltungen hinaus: die Ausdehnung 
der Moderichtungen, die durch die da- 
daistisch- surrealistische Krise eingeführt 
wurden (die nichts anderes ist als der 
ausgearbeitete kulturelle Ausdruck einer 
Geistesverfassung, die überall spontan 
entsteht, wenn nach den vergangenen Le- 
bensweisen auch der bis dahin angenom- 
mene Lebenssinn zusammenbricht) die 
Einrichtung in den geistigen Ruinen und 
schließlich die Rückkehr nach weiter zu- 
rück. 

Was die anhaltenden Moderich- 
tungen betrifft, so trifft man ei- 
ne verwässerte Form des Surrealismus 
überall an. Sie enthält alle Geschmacks- 
richtungen der surrealistischen Epoche, 
aber keine ihrer Ideen, Die Wiederho- 
lung macht ihre Ästhetik aus. In diesem 
senil-okkultistischen Stadium sind die 
Überbleibsel der orthodoxen surrealisti- 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



sehen Bewegung genauso unfähig, eine 
ideologische Position zu halten wie ir- 
gend etwas zu erfinden: sie bürgen für 
immer vulgärere Quacksalberei und bit- 
ten sogar um mehr. 

Sich in der Nichtigkeit bequem einzu- 
richten, ist die kulturelle Lösung, 
die sich in den Jahren nach dem zwei- 
ten Weltkrieg am stärksten verbreitet 
hat. Dabei bleibt die Wahl zwischen 
zwei Möglichkeiten offen, die zur Genü- 
ge veranschaulicht wurden: entweder 
die Verheimlichung des Nichts mittels ei- 
ner geeigneten Terminologie oder seine 
ungenierte Behauptung. Die erste Wahl 
ist vor allem seit der existentialistischen 
Literatur berühmt geworden, die unter 
dem Deckmantel einer Philosophie auf 
Pump die mittelmäßigsten Aspekte der 
kulturellen Entwicklung der dreißig vor- 
ausgegangenen Jahre reproduzierte und 
durch Verfälschungen des Marxismus 
oder der Psychoanalyse oder sogar 
durch blindlings wiederholte politische 
Engagements und Rücktritte ihr Interes- 
se von werbungsmäßiger Herkunft auf- 
rechterhielt. Diese Verfahren haben sehr 
viele Mitläufer gehabt, ob sie sich nun 
zur Schau gestellt oder versteckt gehan- 
delt haben. Die immer noch bestehen- 
den abstrakten Maler sowie die 
Theoretiker, die sie definieren, stellen ei- 
ne Tatsache ähnlicher Art und vergleich- 
baren Umfangs dar. 

Die fröhliche Behauptung einer voll- 
kommenen geistigen Nichtigkeit 
kennzeichnet das Phänomen, das in der 
neuzeitlichen Neo-Literatur als "Zynis- 
mus der jungen Romanciers der Rech- 
ten" bezeichnet wird. Er erstreckt sich 
jedoch weit über die Rechte und ihre 
Leute, die Romanciers oder ihre Halbju- 
gend hinaus. 

Unter den Tendenzen, die eine 
Rückkehr zur Vergangenheit ver- 
langen, tut sich die Lehre des sozialisti- 
schen Realismus am dreistesten hervor, 
da sie mit ihrer Behauptung, sich auf 
die Folgerungen einer revolutionären Be- 
wegung zu stützen, auf dem Gebiet der 
kulturellen Schöpfung eine nicht zu ver- 
teidigende Position verfechten kann. 
1948 legte Andrei Schdanov auf der Kon- 
ferenz der Sowjetischen Musiker das 
dar, was bei seiner theoretischen Repres- 
sion auf dem Spiel stand: "Haben wir 
richtig gehandelt, als wir die Schätze 
der klassischen Malerei erhalten und die- 
jenigen aus dem Feld geschlagen ha- 



ben, die die Malerei liquidieren wollten? 
Hätte nicht das Fortleben solcher "Schu- 
len" die Liquidierung der Malerei bedeu- 
tet? " Gegenüber dieser Liquidierung der 
Malerei, sowie vielen sonstigen Liquidie- 
rungen, stellt die entwickelte Bourgeoisie 
den Zusammenbruch all ihrer Wert Syste- 
me fest und setzt aus einer Reaktion der 
Verzweiflung und des politischen Oppor- 
tunismus auf die vollständige ideologi- 
sche Auflösung. Im Gegensatz dazu findet 
sich Schdanov - mit dem für den Empor- 
kömmling charakteristischen Geschmack - 
in dem Kleinbürger wieder, der gegen 
die Auflösung der kulturellen Werte des 
vergangenen Jahrhunderts ist, und will 
nichts anderes versuchen als die autori- 
täre Wiederherstellung dieser Werte. Er 
ist idealistisch genug zu glauben, vorüber- 
gehende und lokalisierte politische Um- 
stände könnten es einem ermöglichen, 
die allgemeinen Probleme einer Epoche 
wegzuzaubern, wenn man sich dazu 
zwingt, die überholten Probleme noch 
einmal zu überdenken, nachdem man hy- 
pothetisch alle Schlußfolgerungen ausge- 
schlossen hat, die die Geschichte zu 
ihrer Zeit aus diesen Problemen gezo- 
gen hat. 

Die herkömmliche Propaganda der 
religiösen Organisation und be- 
sonders der katholischen Kirche steht 
diesem sozialistischen Realismus in ih- 
rer: Form und einigen Aspekten ihres In- 
halts nah. Durch eine unveränderliche 
Propaganda verteidigt der Katholizismus 
eine gesamte ideologische Struktur, die 
er als einzige unter den Mächten der Ver- 
gangenheit immer noch besitzt. Um sich 
aber wieder der immer zahlreicheren 
Sektoren zu bemächtigen, die sich ih- 
rem Einfluß entziehen, treibt die katholi- 
sche Kirche gleich laufend mit ihrer 
traditionellen Propaganda die Beschlag- 
nahme der modernen Formen der Kul- 
tur weiter - vor allem bei denen, die der 
theoretisch komplizierten Nichtigkeit zuge- 
hören, wie z. B die sogenannte "informel- 
le" Malerei. Die katholischen Reaktionäre 
haben im Vergleich mit den anderen bür- 
gerlichen Tendenzen eigentlich den Vor- 
teil, in dem Fach, in dem sie sich 
auszeichnen, um so leichter und fröhli- 
cher bis zum Äußersten gehen zu kön- 
nen, da sie mit Sicherheit über eine 
Hierarchie permanenter Werte verfügen. 

Das gegenwärtige Ergebnis der Kri- 
se der modernen Kultur ist die 
ideologische Auflösung. Nichts Neues 
kann auf diesen Trümmern mehr aufge- 



baut werden und die bloße Ausübung 
des kritischen Geistes wird unmöglich, 
da jedes Urteil gegen die anderen stößt 
und jeder sich auf Überreste aus nicht 
mehr benutzten Gesamtsystemen oder 
persönliche Gefühlsimperative bezieht: 
Die Auflösung ist überall vorgedrungen. 
Es ist schon nicht mehr so, daß ein mas- 
siver Einsatz der kommerziellen Wer- 
bung einen immer größeren Einfluß auf 
die Urteile über die kulturellen Schöp- 
fungen ausübt - das war ein altes Ver- 
fahren. Jetzt ist man zu einem Punkt 
des Mangels an Ideologie gelangt, an 
dem nur die tätige Werbung wirkt, aus- 
schließlich jeden vorherigen kritischen 
Urteils, aber nicht ohne einen bedingten 
Reflex des kritischen Urteils nach sich 
zu ziehen. Das komplizierte Zusammen- 
spiel der Verkaufstechniken führt dazu, 
automatisch und zur allgemeinen Über- 
raschung der Professionellen, Pseudo- 
themen der kulturellen Diskussion 
hervorzubringen. Das macht die soziolo- 
gische Bedeutung des Sagan-Drouet- 
Phänomes aus, ein Experiment, das in 
den drei letzten Jahren in Frankreich 
durchgeführt wurde und dessen Wider- 
hall sogar die Grenze der auf Paris ge- 
richteten Kultur Zone überschritten - 
haben soll, indem es in den Arbeiterstaa- 
ten Interesse erweckte. Die dem Sagan- 
Drouet-Phänomen gegenüber gestellten 
professionellen Kulturkritiker bekom- 
men das unvoraussehbare Resultat von 
Mechanismen zu spüren, die ihnen ent- 
gehen, und erklären es im allgemeinen 
mit der Zirkusreklame. Aus Berufsgrün- 
den aber müssen sie sich durch Phan- 
tomkritiken von diesen Phantomwerken 
absetzen (ein Werk, dessen Interesse 
sich nicht erklären läßt, stellt übrigens 
für die konfusionistische bürgerliche Kri- 
tik das reichhaltigste Thema dar). Not- 
wendigerweise bleibt ihnen die 
Tatsache unbewußt, daß die geistigen 
Mechanismen der Kritik ihnen schon 
lange entgangen waren, bevor äußere 
Mechanismen zur Ausnutzung dieser 
Leere erschienen. Sie verwahren sich da- 
gegen, in Sagan-Drouet die lächerliche 
Kehrseite der Verwandlung der Aus- 
drucksmittel in ein Wirkungsmittel auf 
das alltägliche Leben zu erkennen. Die- 
ser Aufhebungsprozeß hat das Leben 
des Autors immer wichtiger gemacht im 
Verhältnis zu seinem Werk. Als dann 
die Periode der wichtigen Aussagen ih- 
re höchste Reduzierung erreicht hatte, 
ist als einzige Bedeutungsmöglichkeit 
die Person des Autors übriggeblieben, 
der gerade nichts anderes Nennenswer- 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



tes als sein Alter, ein modisches Laster, 
einen früheren pittoresken Beruf usw. 
vorweisen konnte. 

Die jetzt zum Kampf gegen die ideo- 
logische Auflösung zu vereinigen- 
de Opposition darf übrigens nicht 
bestrebt sein, die Possen zu kritisieren, 
die in den verurteilten Formen wie z.B. 
der Lyrik oder dem Roman zum Vor- 
schein kommen. Wir müssen die Aktivitä- 
ten kritisieren, die für die Zukunft 
wichtig sind, diejenigen, die wir benut- 
zen wollen. Die Art und Weise, wie die 
funktionalistische Theorie in der Archi- 
tektur auf die rückschrittlichsten Auffas- 
sungen über die Gesellschaft und die 
Moral gegründet ist, ist ein schlimmes 
Zeichen für die gegenwärtige ideologi- 
sche Auflösung. Das heißt, daß eine 
überaus rückständige Vorstellung des Le- 
bens und seines Rahmens in partielle 
und vorübergehend gültige Beiträge 
vom ersten Bauhaus oder von der Schu- 
le Le Corbusiers ein geschmuggelt wird. 

Seit 1956 deutet jedoch alles darauf 
hin daß wir eine neue Entwicklungs- 
stufe des Kampfes betreten und daß der 
Druck der revolutionären Kräfte, die an 
allen Fronten auf die trostlosesten Hin- 
dernisse stoßen, doch damit beginnt, 
die Verhältnisse der vorherigen Periode 
zu verändern. Gleichzeitig kann man zu- 
sehen, wie der sozialistische Realismus 
in den Ländern des anti-kapitalistischen 
Lagers zusammen mit der stalinistischen 
Reaktion, die ihn hervor Gebracht hatte, 
anfängt zurückzuweichen wie die Sagan- 
Drouet-Kultur eine vermutlich unüber- 
schreitbare Stufe der bürgerlichen Deka- 
denz kennzeichnet; wie man sich 
schließlich im Westen des Ausverkaufs 
der kulturellen Hilfsmittel relativ be- 
wußt wird, die seit dem Ende des zwei- 
ten Weltkrieges benutzt worden sind. 
Die avantgardistische Minderheit kann al- 
so wieder zu einem positiven Wert fin- 
den. 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



DIE ROLLE DER MINORITAREN TENDENZEN 
WÄHREND DES RÜCKLAUF. 



Der Rücklauf der revolutionären Be- 
wegung auf Welt ebene, der eini- 
ge Jahre nach 1920 sichtbar geworden 
ist und bis in die Jahre kurz vor 1950 im- 
mer ausgeprägter wird, folgt mit einem 
Zeit Abstand von fünf oder sechs Jahren 
dem Rücklauf der Bewegungen, die ver- 
sucht haben, emanzipatorische Neuhei- 
ten in der Kultur und im alltäglichen 
Leben zu behaupten Die ideologische 
und materielle Bedeutung solcher Bewe- 
gungen nimmt bis zum Punkt der totalen 
Isoliertheit innerhalb der Gesellschaft un- 
unterbrochen ab. Ihre Wirkung, die un- 
ter günstigeren Bedingungen eine 
plötzliche Erneuerung der Gefühlsstim- 
mung erzeugen kann, wird immer 
schwächer, bis es den konservativen 
Tendenzen gelingt, ihr jedes direkte Ein- 
greifen in das gefälschte Spiel der offizi- 
ellen Kultur zu verbieten. Indem diese 
Bewegungen von ihrer Rolle in der Pro- 
duktion neuer Werte ausgeschlossen wer- 
den, kommen sie allmählich dahin, eine 
Reservearmee der geistigen Arbeit zu bil- 



den, aus der die Bourgeoisie Individuen 
abschöpfen kann, die neue Nuancen in 
ihre Propaganda bringen sollen. 

An diesem Punkt der Auflösung 
kommt der Experimentalavantgar- 
de eine scheinbar geringere Bedeutung 
in der Gesellschaft zu als den pseudo- 
modernistischen Tendenzen, die sich kei- 
neswegs darum bemühen, einen Willen 
zur Veränderung zur Schau zu stellen, 
sondern mit großen Mitteln die moder- 
ne Seite der anerkannten Kultur vertre- 
ten. Alle diejenigen jedoch, die in der 
wirklichen Produktion der modernen 
Kultur einen Platz haben und ihre Inter- 
essen als Produzenten dieser Kultur um- 
so lebhafter entdecken, als sie sich auf 
eine negative Position beschränken müs- 
sen, entwickeln von diesen Angaben 
aus ein Bewusstsein, das den modernisti- 
schen Komödianten der zu Ende gehen- 
den Gesellschaft fehlen muss. Die 
Dürftigkeit der anerkannten Kultur und 
ihr Monopol auf die kulturellen Produkti- 



onsmittel bewirken die verhältnismäßi- 
ge Dürftigkeit der Theorie und der 
Manifestationen der Avantgarde. Nur in- 
nerhalb dieser Avantgarde bildet sich 
aber unmerklich eine neue revolutio- 
näre Auffassung der Kultur. Diese neue 
Auffassung muss sich in dem Augen- 
blick behaupten, in dem die herrschen- 
de Kultur und die Entwürfe einer 
oppositionellen Kultur den äußersten 
Punkt ihrer Trennung und ihrer gegen- 
seitigen Unfähigkeit erreichen. 

Die Geschichte der modernen Kul- 
tur während des revolutionären 
Rücklaufs ist also die Geschichte der 
theoretischen und praktischen Reduzie- 
rung der Bewegung der Erneuerung bis 
zur Absonderung der minoritären Ten- 
denzen und zur ausschließlichen Herr- 
schaft der Auflösung. 

Zwischen 1930 und dem zweiten 
Weltkrieg kann man beobachten, 
wie der Surrealismus als revolutionäre 
Kraft ständig schwindet und gleichzeitig 
seinen Einfluss sehr weit über jede Kon- 
trolle hinaus erweitert. Die Nachkriegs- 
zeit zieht die schnelle Liquidierung des 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



Surrealismus durch die beiden Elemente 
nach sich, die um 1930 seine Weiterent- 
wicklung gebrochen haben - den Mangel 
an Möglichkeiten einer theoretischen Er- 
neuerung und den Rücklauf der Revoluti- 
on, der sich durch die politische und 
kulturelle Reaktion in der Arbeiterbewe- 
gung äußert. So spielt z.B. das zweite 
Element bei der Auflösung der surrealisti- 
schen Gruppe in Rumänien eine unmittel- 
bar ausschlaggebende Rolle. Andererseits 
verurteilt vor allem das erste Element die 
surrealistisch-revolutionäre Bewegung in 
Frankreich und Belgien zu einer schnel- 
len Zersplitterung. Außer in Belgien, wo 
eine aus dem Surrealismus hervorgegan- 
gene Fraktion weiter eine gültige experi- 
mentelle Position behaupten konnte, 
haben sich alle weltweit zerstreuten sur- 
realistischen Tendenzen dem Lager des 
mystischen Idealismus angeschlossen. Ei- 
ne "Internationale der experimentellen 
Künstler" - sie gab die Zeitschrift "Co- 
bra"(Kopenhagen/ Brüssel/Amsterdam) 
heraus - schloss sich einem Teil der sur- 
realistischrevolutionären Bewegung an: 
sie bildete sich zwischen 1949 und 1951 
in Dänemark, Holland und Belgien und 
dehnte sich dann nach Deutschland 
aus. Diese Gruppen haben sich dadurch 
verdient gemacht, dass sie verstanden, 
dass die komplizierten und umfangrei- 
chen aktuellen Probleme eine solche Or- 
ganisation verlangen. Aber der Mangel 
an Ideologiescher Strenge, der hauptsäch- 
lich plastische Aspekt ihrer Forschung 
und vor allem der Mangel an einer Ge- 
samttheorie der Bedingungen und Per- 
spektiven ihres Experiments zogen ihr 
Auseinander gehen nach sich. In Frank- 
reich war der Lettrismus aus einer völli- 
gen Opposition gegen die gesamte 
bekannte ästhetische Bewegung hervor- 
gegangen, deren ständiges Absterben er 
gerade analysierte. Die lettristische Grup- 
pe, die die ununterbrochene Schöpfung 
neuer Formen auf allen Gebieten beab- 
sichtigte, betrieb zwischen 1946 und 
1952 eine heilsame Agitation. Nachdem 
sie aber allgemein die Meinung vertrat, 
dass die verschiedenen ästhetischen 
Zweige einen neuen Anfang in einem 
dem alten ähnlichen, allgemeinen Rah- 
men erfahren sollten, wurden ihre Pro- 
duktionen durch diesen idealistischen 
Irrtum auf einige lächerliche Experimente 
beschränkt. 1952 organisierte sich die lett- 
ristische Linke in der "Lettristischen Interna- 
tionale" und schloss die rückständige 
Fraktion aus. Innerhalb der "Lettristischen 
Internationale" wurde durch lebhafte 
Kämpfe zwischen den Tendenzen die Su- 



che nach neuen Interventionsverfahren 
in das alltägliche Leben fortgesetzt. In Ita- 
lien gelangten Bildungsversuche von 
mit den alten Kunst Perspektiven verbun- 
denen Avantgarden nicht einmal zu ei- 
nem theoretischen Ausdruck - mit der 
Ausnahme der experimentellen anti-funk- 
tionalistischen Gruppe, die 1955 die 
stärkste Sektion der internationalen Be- 
wegung für ein Imaginistisches Bauhaus 
bildete. Unterdessen herrschte von den 
Vereinigten Staaten bis Japan der Geist 
der Nachahmung der westlichen Kultur be- 
züglich dessen, was sie an Harmlosem vor- 
zuweisen hat. (Die Avantgarde aus den 
USA, die gewöhnlich in der amerikani- 
schen Kolonie in Paris zusammenkommt, 
gerät dort in die Isoliertheit des plattesten 
Konformismus vom ideologischen, gesell- 
schaftlichen und ökonomischen Stand- 
punkt aus. ) Die Produktionen der 
Völker, die immer noch einem - oft durch 
politische Unterdrückung bewirkten - kul- 
turellen Kolonialismus unterworfen sind, 
spielen in den fortgeschrittenen Kulturzen- 
tren eine reaktionäre Rolle, wenn sie auch 
in ihren Ländern fortschrittlich sein mö- 
gen. Denn all die Kunstkritiker, deren gan- 
ze Karriere mit überholten Bezugnahmen 
auf die alten Kreationssysteme verbun- 
den ist, tun so, als ob sie für ihr Gefühl 
im griechischen Film oder im Roman aus 
Guatemala Neuheiten finden würden. So- 
mit nehmen sie ihre Zuflucht zu einem 
Exotismus, der gerade anti-exotisch ist, 
da es sich dabei um die Neuerscheinung 
alter, mit Verspätung in anderen Natio- 
nen benutzter Formen handelt, der aber 
recht gut die hauptsächliche Funktion 
des Exotismus hat: die Flucht aus den 
wirklichen Lebens- und Kreationsbedin- 
gungen. 

In den Arbeiterstaaten steht nur das 
von Brecht in Berlin durchgeführte 
Experiment den Konstruktionen nah, 
auf die es uns heute ankommt, da es 
den klassischen Begriff des Schauspiels 
in Frage stellte. Allein Brecht ist es gelun- 
gen, sich der Dummheit des sozialisti- 
schen Realismus an der Macht zu 
widersetzen. 

Jetzt, wo der sozialistische Realismus 
zerfällt, kann man sich vom revolu- 
tionären Durchbruch der Intellektuellen 
der Arbeiterstaaten zu den wirklichen 
Problemen der modernen Kultur alles 
versprechen. Ist der Schdanovismus der 
reinste Ausdruck nicht nur des kulturel- 
len Verfalls der Arbeiterbewegung, son- 
dern auch der der konservativen Kultur 



Position innerhalb der bürgerlichen 
Welt gewesen, so können diejenigen, 
die sich zur Zeit im Osten gegen den 
Schdanovismus auflehnen - welches 
auch immer ihre subjektiven Absichten 
sein mögen - es nicht zugunsten einer 
größeren schöpferischen Freiheit tun, 
die z.B. nur diejenige eines Cocteau 
sein würde. Man muss genau sehen, 
daß der objektive Sinn einer Negation 
des Schdanovismus die Negation der 
schdanovistischen Negation der "Liqui- 
dierung" ist Die einzig mögliche Aufhe- 
bung des Schdanowismus wird die 
Ausübung einer wirklichen Freiheit 
sein, die in der Kenntnis der gegenwärti- 
gen Notwendigkeit besteht. 

Bei uns sind die jüngst vergange- 
nen Jahre gleichfalls höchstens ei- 
ne Periode des konfusen Widerstands 
gegen die konfuse Herrschaft der rück- 
schrittlichen Dummheit gewesen Wir 
waren nicht viele. Wir müssen aber 
nicht bei den Geschmacksrichtungen 
oder den kleinen Fundstücken dieser 
Periode verweilen Die Probleme der kul- 
turellen Schöpfung können nur noch in 
Verbindung mit einem neuen Vorstoß 
der Weltrevolution gelöst werden. 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



PLATTFORM FÜR EINE PROVISORISCHE OPPOSITION 



Das Ziel einer revolutionären Akti- 
on auf dem Gebiet der Kultur 
kann es nicht sein, das Leben wiederzu- 
geben oder zu erklären, sondern es zu 
erweitern. Überall muss das Unglück zu- 
rückgeschlagen werden Die Revolution 
lässt sich nicht in der Frage erfassen, wel- 
che Produktionsstufe die Schwerindustrie 
jetzt erreicht hat und wer sie beherrschen 
wird. Zusammen mit der Ausbeutung des 
Menschen müssen die Leidenschaften, die 
Kompensationen und die Gewohnheiten 
sterben, die Produkte der Ausbeutung wa- 
ren. Es müssen neue, in Zusammenhang 
mit den heutigen Möglichkeiten stehen- 
de Begierden definiert werden. Schon 
heute im heftigsten Grad des Kampfes 
zwischen der gegenwärtigen Gesell- 
schaft und den Kräften, die sie zerstören 
werden, müssen die ersten Elemente ei- 
ner höheren Umwelt Konstruktion und 
neue Verhaltensbedingungen gefunden 
werden; sowohl als Experiment wie 
auch als Propagandamittel, Alles übrige 
gehört der Vergangenheit an und ist ihr 



von Nutzen. 

Jetzt muss eine organisierte kollekti- 
ve Arbeit unternommen werden, 
die eine einheitliche Anwendung aller 
Umwälzungsmittel des alltäglichen Le- 
bens anstrebt. Das heißt, dass wir zuerst 
die gegenseitige Abhängigkeit dieser Mit- 
tel in der Perspektive einer größeren 
Herrschaft über die Natur und einer grö- 
ßeren Freiheit erkennen müssen. Wir 
müssen neue Stimmungen konstruieren, 
die zugleich Produkt und Werkzeug neu- 
er Verhaltensweisen sind. 

Dafür müssen anfangs die heute 
vorhandenen alltäglichen Verhal- 
tensweisen und die Kulturformen empi- 
risch angewandt werden, indem man 
ihnen jeden eigenen Wert aberkennt. 
Das Kriterium selbst der Neuheit, der for- 
malen Erfindung hat im traditionellen 
Rahmen einer Kunst seinen Sinn verlo- 
ren, d. h. im Rahmen eines unzureichen- 
den fragmentarischen Mittels, dessen 



partielle Erneuerungen von vornherein 
überholt - und folglich unmöglich ge- 
worden sind. Wir sollten die moderne 
Kultur nicht ablehnen, sondern in unse- 
ren Besitz bringen, um sie zu vernei- 
nen. Es kann keinen revolutionären 
Intellektuellen geben, wenn er die kultu- 
relle Revolution nicht anerkennt, die 
vor uns steht. Ein schöpferischer Intel- 
lektueller kann nicht dadurch revolutio- 
när sein, daß er einfach die Politik einer 
Partei unterstützt, sei es sogar mit neuar- 
tigen Mitteln, sondern dadurch, daß er 
neben den Parteien auf die notwendige 
Veränderung des gesamten kulturellen 
Überbaus hinarbeitet. Gleichfalls be- 
stimmt in letzter Instanz weder die sozia- 
le Herkunft noch die an geeignete Kultur 
- der gemeinsame Ausgangspunkt für Kri- 
tik und Kreation - sondern die Rolle in- 
nerhalb der Produktion der historisch 
bürgerlichen Formen der Kultur die Eigen- 
schaft eines bürgerlichen Intellektuellen. 
Wenn die bürgerliche Literaturkritik Auto- 
ren lobt, die auf politischer Ebene revolu- 
tionäre Meinungen haben, sollten diese 
danach suchen, welche Fehler sie began- 
gen haben. 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



Die Vereinigung mehrerer experi- 
menteller Tendenzen zu einer re- 
volutionären Front in der Kultur, die auf 
dem Ende 1956 in Alba in Italien veran- 
stalteten Kongress begonnen hat, setzt 
voraus, dass wir drei wichtige Faktoren 
nicht außer acht lassen wollen. 



Gewohnheiten und den Personen noch 
weiter treiben müssen. 



W: 



müssen kollektiv unser Pro- 
gramm definieren und es diszi- 
pliniert und mit allen Mitteln - auch den 
künstlerischen - verwirklichen. 



Zunächst muss eine völlige Überein- 
stimmung zwischen den Personen 
und Gruppen, die an dieser gemeinsa- 
men Aktion teilnehmen, verlangt wer- 
den und diese Übereinstimmung darf 
nicht erleichtert werden, indem man Un- 
klarheiten über einige Konsequenzen die- 
ser Aktion zuläßt. Fernhalten muß man 
die Witzbolde oder Karrieremacher, die 
ahnungslos genug sind, um auf einem 
solchen Weg vorankommen zu wollen. 

Zweitens muss man daran erinnern, 
dass schon oft, wenn auch jedes 
wirklich experimentelle Verhalten benutz- 
bar ist, eine missbräuchliche Anwendung 
dieses Wortes versucht hat, eine künstleri- 
sche Aktion innerhalb einer aktuellen, d. 
h. schon vorher von anderen erfundenen 
Struktur zu rechtfertigen. Dem einzig gülti- 
gen experimentellen Schritt liegt eine ge- 
naue Kritik der bestehenden Verhältnisse 
und deren überlegte Aufhebung zugrun- 
de. Es muss ein für allemal deutlich ge- 
sagt werden, dass man das unmöglich 
eine Schöpfung nennen kann, was nur ei- 
ne persönliche Ausdrucksform im Rah- 
men von Mitteln ist, die von anderen 
geschaffen worden sind. Schaffen heilst 
nicht, Gegenstände und Formen anord- 
nen, sondern neue Gesetze dieser Anord- 
nung erfinden. Schließlich müssen wir die 
Sektiererei unter uns liquidieren, die der 
Aktionseinheit mit möglichen Verbünde- 
ten zu bestimmten Zielen entgegen steht 
und die Unterwanderung paralleler Organi- 
sationen verhindert Zwischen 1952 und 
1955 hat sich die Lettristische Internationa- 
le nach einigen notwendigen Säuberun- 
gen ständig zu einer Art absoluten Strenge 
hin entwickelt, die zu einer gleichsam ab- 
soluten Isolierung und Wirkungslosigkeit 
führte und auf die Dauer eine gewisse Im- 
mobilität und einen Verfall des kritischen 
und erfinderischen Geistes förderte, Wir 
müssen dieses sektiererische Verhalten 
endgültig zugunsten von wirklichen Aktio- 
nen überwinden. Nach diesem einzigen 
Kriterium sollten wir uns Genossen an- 
schließen oder sie verlassen. Natürlich soll 
das nicht bedeuten, dass es zu keinem 
Bruch mehr kommen darf, wozu man uns 
allgemein auffordert. Im Gegenteil mei- 
nen wir, dass wir unseren Bruch mit den 



11 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



AUF DEM WEG ZU EINER SITUATIONISTISCHEN INTERNATIONALE 



Unser Hauptgedanke ist der einer 
Konstruktion von Situationen - d. 
h. der konkreten Konstruktion kurzfristi- 
ger Lebensumgebungen und ihrer Umge- 
staltung in eine höhere Qualität der 
Leidenschaft. Wir müssen eine geordnete 
Intervention in die komplizierten Faktoren 
zweier großer, sich ständig gegenseitig be- 
einflussender Komponenten durchführen: 
die materielle Szenerie des Lebens und 
die Verhaltensweisen, die sie hervorbringt 
und durch die sie erschüttert wird. 

In ihrer letzten Entwicklungsstufe füh- 
ren unsere Perspektiven einer Einwir- 
kung auf die Szenerie zur Konzeption 
eines unitären Urbanismus. Der unitäre 
Urbanismus lässt sich erstens durch die 
Anwendung der gesamten Kunst Richtun- 
gen und Techniken als Mittel definieren, 
die zu einer vollständigen Umweltanord- 
nung zusammen wirken. Diese Gesamt- 
heit muss als unendlich breiter betrachtet 
werden als die alte Herrschaft der Archi- 
tektur über die traditionellen Kunstrichtun- 



gen oder die gegenwärtige gelegentliche 
Anwendung von spezialisierten Techni- 
ken oder wissenschaftlichen Untersuchun- 
gen wie z B der Ökologie auf den 
anarchischen Urbanismus. Der unitäre Ur- 
banismus wird z B sowohl die klangli- 
che Umwelt als auch die Verteilung der 
verschiedenen Getränke oder Essensarten 
beherrschen können. Er wird das Erfin- 
den von neuen Formen und die Zweckent- 
fremdung der bekannten Formen der 
Architektur und des Urbanismus umfassen 
- und gleichfalls die Zweckentfremdung 
der alten Poesie und des alten Films. Die 
integrale Kunst, von der so viel gespro- 
chen wurde, konnte nur auf der Ebene 
des Urbanismus verwirklicht werden. Sie 
konnte allerdings keiner der traditionellen 
Definitionen der Ästhetik mehr entspre- 
chen. In jeder seiner experimentellen 
Städte wird der unitäre Urbanismus 
durch eine bestimmte Anzahl von Kraft- 
feldern wirken, die wir vorübergehend 
durch das klassische Wort "Viertel" be- 
zeichnen können Jedes Viertel wird ei- 



ne genaue Harmonie anstreben, die 
gleichzeitig mit den benachbarten Har- 
monien bricht; oder es wird mit einem 
maximalen Bruch der inneren Harmo- 
nie spielen. 

Zweitens ist der unitäre Urbanismus 
dynamisch, d. h. er steht in einem 
engen Zusammenhang mit Verhaltenssti- 
len. Nicht das Haus ist das kleinste Ele- 
ment des unitären Urbanismus, sondern 
der architektonische Komplex, der aus 
der Zusammenstellung aller Faktoren be- 
steht, die eine Stimmung oder eine Fol- 
ge aufeinander stossender Stimmungen 
im Maßstab der konstruierten Situation 
bedingen. Die räumliche Entwicklung 
muss die Gefühlswirklichkeiten berück- 
sichtigen, die durch die experimentelle 
Stadt bestimmt werden. Einer unserer 
Genossen hat eine Theorie der "Stim- 
mungsviertel" hervorgebracht, nach der 
jedes Stadtviertel die Erzeugung eines 
einfachen Gefühls anstreben sollte, dem 
sich das Subjekt wissentlich aussetzt. An- 
scheinend zieht ein solches Projekt aus 
einer Entwertungsbewegung der zufälli- 
gen primären Gefühle angebrachte 
Schlussfolgerungen und seine Durchfüh- 



12 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



rung kann zur Beschleunigung dieser Be- 
wegung beitragen. Die Genossen, die ei- 
ne neue, freie Architektur fordern, 
müssen verstehen, dass sie in erster Li- 
nie nicht mit Linien und freien poeti- 
schen Formen - in dem Sinne, in dem 
diese Worte heute von denen gebraucht 
werden, die sich auf eine Malerei der "ly- 
rischen Abstraktion" berufen - spielen 
wird, sondern vielmehr mit den Stim- 
mungseffekten von Zimmern, Gängen, 
Straßen usw., wobei die Stimmung mit 
den in ihr enthaltenen Gesten verbun- 
den ist. Der Fortschritt der Architektur 
sollte vielmehr in der Herstellung von 
aufregenden Situationen als in der von 
aufregenden Formen liegen; und die Ex- 
perimente, die sie mit diesem Gegen- 
stand anstellt, werden zu unbekannten 
Formen führen. Somit bekommt also die 
psychogeographische Forschung - die 
"Forschung nach den genauen Gesetzen 
und Wirkungen der bewusst oder unbe- 
wußt eingerichteten geographischen Um- 
welt, die direkt das Gefühlsverhalten 
der Individuen beeinflusst" - ihren dop- 
pelten Sinn als tätige Beobachtung der 
heutigen Stadtbilder und Erstellung von 
Hypothesen über die Struktur einer situa- 
tionistischen Stadt. Der Fortschritt der Psy- 
chogeographie hängt in weiterem Maße 
von der statistischen Erweiterung ihrer Be- 
obachtungsmethoden ab, vor allem aber 
von den Experimenten mit konkreten In- 
terventionen in den Urbanismus. Bis zu 
dieser Entwicklungsstufe kann man der 
objektiven Wahrheit der ersten psycho- 
geographischen Angaben nicht sicher 
sein Wenn diese Angaben aber auch 
falsch sein sollten, so wären sie be- 
stimmt die falschen Lösungen eines wirk- 
lichen Problems. 

Unsere Einwirkung auf das Verhal- 
ten, die in Verbindung mit den an- 
deren, wünschenswerten Aspekten 
einer Revolution der Lebens Gewohnhei- 
ten stellt, kann knapp durch die Erfin- 
dung von Spielen neuer Art definiert 
werden. Das allgemeinste Ziel muss die 
Erweiterung des nicht mittelmäßigen 
Teils des Lebens einerseits und die mög- 
lichst weitgehende Verringerung der lee- 
ren Augenblicke andererseits sein. Man 
kann unsere Einwirkung auf das Verhal- 
ten also als das Unternehmen einer quan- 
titativen Steigerung des menschlichen 
Lebens ansehen, das ernst zunehmender 
ist als die zur Zeit erforschten biologi- 
schen Verfahren. Dadurch hat sie eine 
qualitative Steigerung zu Folge, deren wei- 
tere Entwicklungsmöglichkeiten nicht vor- 
auszusehen sind. Das situationistische 



Spiel unterscheidet sich von der klassi- 
schen Spielauffassung durch die radika- 
le Verneinung der Charakterzüge des 
Wettkampfes und der Trennung vom ge- 
wöhnlichen Leben. Dagegen habt sich 
das situationistische Spiel gegenüber ei- 
ner moralischen Wahl nicht als unter- 
schiedlich hervor, die eigentlich eine 
Parteinahme für das ist, was das zukünfti- 
ge Reich der Freiheit und des Spiels si- 
chert. Offensichtlich ist das, auf der 
Ebene der Produktivkräfte, zu der unse- 
re Epoche gelangt, mit der Gewissheit ei- 
ner ständigen und schnellen Zunahme 
der Freizeit verbunden. Es ist gleichzei- 
tig mit der Anerkennung der Tatsache 
verbunden, dass vor unseren Augen ein 
Kampf um die Freizeit geführt wird, des- 
sen Bedeutung für den Klassenkampf 
nicht genügend analysiert wurde. Heute 
gelingt es der herrschenden Klasse die 
Freizeit zu benutzen, die das revolutio- 
näre Proletariat ihr abgerungen hat, in- 
dem sie einen breiten industriellen 
Freizeitsektor entwickelt, der ein unüber- 
treffliches Werkzeug zur Verdummung 
des Proletariats durch Subprodukte der 
mystifizieren den Ideologie und der bür- 
gerlichen Geschmacksrichtungen dar- 
stellt. Wahrscheinlich muss in diesem 
Überfluss an Fernsehgemeinheiten nach 
einem der Gründe für die Unfähigkeit 
der amerikanischen Arbeiterklasse ge- 
sucht werden, sich zu politisieren. In- 
dem das Proletariat sich durch seinen 
kollektiven Druck eine leichte Erhö- 
hung des Preises für seine Arbeit über 
das Minimum hinaus erkämpft, das zur 
Produktion dieser Arbeit notwendig ist, 
erweitert es nicht nur seine Kampffähig- 
keit, sondern auch das Schlachtfeld. 
Neue Formen dieses Kampfes erschei- 
nen dann parallel zu den direkt ökono- 
mischen und politischen Konflikten. 
Man kann sagen, dass die revolutionäre 
Propaganda bisher ständig in diesen 
Kampfformen in allen Ländern vorherr- 
schend war, in denen die fortgeschritte- 
ne industrielle Entwicklung sie einführt. 
Einige Erfahrungen des 20. Jahrhunderts 
haben leider bewiesen, dass die notwen- 
dige Veränderung des Unterbaus durch 
Fehler und Schwächen auf der Ebene 
des Überbaus verzögert werden kann. 
Neue Kräfte müssen in den Kampf um 
die Freizeit geworfen werden und wir 
werden uns in ihm behaupten. 

Der anfängliche Versuch einer neu- 
en Verhaltensweise ist schon mit 
dem erreicht worden, was wir das Um- 
herschweifen genannt haben und zwar 
zugleich die Praxis einer Entfremdung 



auf dem Gebiet der Leidenschaften 
durch eine eilige Veränderung der Stim- 
mungen und ein Mittel zur Erforschung 
der Psychogeographie und der situatio- 
nistischen Psychologie. Aber die Anwe- 
senheit dieses Willens zur spielerischen 
Schöpfung muss auf alle bekannten For- 
men der menschlichen Beziehungen er- 
weitert werden und z.B. die 
geschichtliche Entwicklung von Gefüh- 
len wie Freundschaft und Liebe beein- 
flussen Alles deutet auf die Annahme 
hin, dass es sich mit der Hypothese der 
Konstruktion von Situationen um den 
wesentlichen Teil unserer Forschung 
handelt. 

Das Leben eines Menschen besteht 
aus einer Folge von zufälligen Si- 
tuationen und wenn auch keine einer 
anderen genau gleicht, so sind zumin- 
dest diese Situationen in ihrer größten 
Mehrheit so undifferenziert und farblos, 
dass sie vollkommen den Eindruck der 
Gleichheit geben. Aus dieser Lage folgt, 
dass die seltenen, packenden Situatio- 
nen, die man erleben kann, dieses Le- 
ben zurückhalten und streng begrenzen 
Wir müssen versuchen, Situationen zu 
konstruieren, d. h kollektive Stimmun- 
gen, eine Gesamtheit von Eindrücken, 
die die Qualität eines Augenblicks be- 
stimmen. Wenn wir das einfache Bei- 
spiel der Zusammenkunft einer Gruppe 
von Individuen für eine bestimmte Zeit 
annehmen, sollte man erforschen - un- 
ter Berücksichtigung der Kenntnisse 
und der materiellen Mittel, die uns zur 
Verfügung stehen -, welche Organisati- 
on des Ortes, welche Auswahl der Betei- 
ligten und welche Provokation von 
Ereignissen der gewünschten Stimmung 
entsprechen. Sicherlich werden sich die 
Möglichkeiten einer Situation sowohl 
zeitlich wie räumlich zusammen mit der 
Durchführung des unitären Urbanismus 
oder der Erziehung einer situationisti- 
schen Generation beträchtlich erwei- 
tern. Die Konstruktion von Situationen 
beginnt mit dem modernen Zusammen- 
bruch des Begriffs des Spektakels. Es 
ist leicht zu sehen, wie sehr gerade das 
Prinzip des Spektakels - die Nicht- Ein- 
mischung mit der Entfremdung der al- 
ten Welt verknüpft ist. Umgekehrt sieht 
man, wie die gültigsten revolutionären 
Forschungen auf dem Gebiet der Kul- 
tur versucht haben, die psychologische 
Identifizierung des Zuschauers mit dem 
Helden zu brechen, um ihn zur Tätig- 
keit zu bringen, indem seine Fähigkei- 
ten, sein eigenes Leben umzugestalten, 
herausgefordert werden. So ist die Si- 



13 



Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



tuation dazu bestimmt, von ihren Kon- 
strukteuren erlebt zu werden. In ihr soll 
die Rolle des - wenn nicht passiven, so 
doch zumindest als bloßer Statist anwe- 
senden - "Publikums" ständig verringert 
werden, während der Anteil derer zuneh- 
men wird, die zwar nicht Schauspieler, 
aber in einem neuen Sinn des Wortes Le- 
bemänner genannt werden können. Man 
muss sozusagen die poetischen Gegen- 
stände und Subjekte vervielfachen, die 
zur Zeit leider so selten sind, dass schon 
die kleinsten eine übertriebene Bedeu- 
tung bekommen; man muss weiter die 
Spiele dieser poetischen Subjekte mitten 
in diesen poetischen Gegenständen orga- 
nisieren. Das ist unser ganzes Programm, 
das wesentlich ein Übergangsprogramm 
ist. Unsere Situationen werden ohne Zu- 
kunft - Durchgangsorte sein. Die Unwan- 
delbarkeit der Kunst - oder irgendetwas 
anderen - hat keinen Platz in unseren Er- 
wägungen, die ernst gemeint sind. Der 
Gedanke der Ewigkeit ist der gröbste, 
den sich ein Mensch über seine Handlun- 
gen machen kann. 

Die situationistischen Techniken 
müssen noch erfunden werden. 
Wir wissen aber, dass eine Aufgabe 
sich nur dort stellt, wo die zu ihrer Ver- 
wirklichung notwendigen materiellen 
Bedingungen schon vorhanden oder we- 
nigstens im Entstehen begriffen sind. 
Wir müssen mit einer beschränkten Ex- 
perimentalstufe beginnen. Vermutlich 
sollten wir, trotz unvermeidlicher an- 
fänglicher Unzulänglichkeiten, Pläne 
von Situationen - wie Drehbücher - vor- 
bereiten. Es wird also notwendig sein, 
ein System zu fördern, dessen Genauig- 
keit in dem Maße steigt, wie wir durch 
unsere Konstruktionsexperimente wei- 
ter kommen. Wir werden Gesetze erfin- 
den oder nachprüfen müssen, wie 
dasjenige, das die situationistische Erre- 
gung von der äußersten Konzentration 
oder Zerstreuung der Gesten abhängig 
macht (wobei die klassische Tragödie 
ein ungefähres Bild für den ersten Fall 
und das Umherschweifen für den zwei- 
ten lieferte. Außer den direkten, zu ih- 
ren genauen Zielen benutzten Mitteln 
wird die Konstruktion von Situationen 
in ihrer Behauptungsphase eine neue An- 
wendung der Reproduktionstechniken 
verlangen. Man kann sich z.B. vorstel- 
len, wie eine Fernsehsendung einige 
Aspekte einer Situation in eine andere 
übertragen und dadurch Änderungen 
und gegenseitige Einwirkungen bewir- 
ken könnte Auf eine einfachere Weise 
aber könnte die sogenannte Wochen- 



schau beginnen, ihrem Namen durch 
die Bildung einer neuen Schule des Do- 
kumentarfilms gerecht zu werden, die 
sich darum bemühen würde, die bedeu- 
tungsvollsten Augenblicke einer Situati- 
on für das situationistische Archiv 
festzuhalten, bevor die Weiterentwick- 
lung ihrer Elemente eine andere, ver- 
schiedenartige Situation hätte entstehen 
lassen. Da die systematische Konstrukti- 
on von Situationen vorher nicht vorhan- 
dene Gefühle erzeugen soll, würde der 
Film seine größte pädagogische Rolle in 
der Verbreitung dieser neuen Leiden- 
schaften haben. Die situationistische 
Theorie behauptet entschieden eine un- 
unterbrochene Lebensauffassung. Der Be- 
griff der Einheitlichkeit wird von der 
Perspektive eines ganzen Lebens- in der 
er eine reaktionäre Mystifizierung ist, 
die sich auf den Glauben an die unsterb- 
liche Seele und in letzter Konsequenz 
auf die Arbeitsteilung gründet - auf die 
vom Leben isolierten Augenblicke und 
die Konstruktion jeden Augenblicks 
durch den einheitlichen Gebrauch der si- 
tuationistischen Mittel verlagert. In einer 
klassenlosen Gesellschaft, kann man sa- 
gen, wird es keine Maler mehr geben, son- 
dern Situationisten, die unter anderem 
auch malen. 

Das schwerwiegendste Gefühlsdra- 
ma des Lebens - der immer währen- 
de Konflikt zwischen Begierde und der 
dieser feindlich gesinnten Wirklichkeit - 
scheint die Empfindung des Ablaufs der 
Zeit zu sein Die situationistische Haltung 
besteht darin, auf die Vergänglichkeit zu 
rechnen im Gegensatz zu den ästheti- 
schen Verfahren, die danach strebten, die 
Emotionen festzuhalten. Die situationisti- 
sche Herausforderung an die vergehen- 
den Emotionen und die Zeit wäre die 
Wette, mit der Veränderung immer wie- 
der zu gewinnen, indem man im Spiel 
und in der Vervielfachung der aufregen- 
den Perioden immer weiter ginge. Es ist 
für uns selbstverständlich zur Zeit nicht 
leicht, eine solche Wette einzugehen. Soll- 
ten wir sie aber auch tausendmal verlie- 
ren, so gibt es für uns doch keine andere 
progressive Haltung zu wählen. 

Die situationistische Minderheitt hat 
sich zuerst als Tendenz innerhalb 
der lettristischen Linken und dann in der 
Lettristischen Internationale gebildet, die 
sie schließlich unter ihre Kontrolle brin- 
gen konnte. Durch dieselbe objektive Be- 
wegung werden andere avantgardistische 
Gruppen der jüngsten Zeit zu ähnlichen 
Schlussfolgerungen kommen. Zusammen 



müssen wir alle übrig gebliebenen Reste 
der nahen Vergangenheit beseitigen. Wir 
meinen heute, dass eine Übereinstim- 
mung für eine einheitliche Aktion der re- 
volutionären Avantgarde in der Kultur auf 
der Basis eines solchen Programms zu- 
stande gebracht werden muss. Wir haben 
weder Rezepte noch endgültige Resultate. 
Wir schlagen nun vor, dass kollektiv eine 
experimentelle Forschung in einige Rich- 
tungen betrieben wird, die wir zur Zeit be- 
stimmen, sowie in andere, die noch zu 
bestimmen sind. Die Schwierigkeit selbst, 
die ersten situationistischen Experimente 
durchzuführen,ist ein Beweis für die Neu- 
heit des Gebietes, in das wir eindringen. 
Alles, was unsere Anschauung der Stra- 
ßen verändert, ist wichtiger als das, was 
unsere Anschauung der Malerei verän- 
dert. Unsere Arbeitshypothesen müssen 
bei jeder zukünftigen Umwälzung, woher 
sie auch immer kommen mag, überprüft 
werden. 

Besonders von der Seite der revolu- 
tionären Intellektuellen und Künst- 
ler aus, die sich aus Geschmacksgründen 
mit einer gewissen Machtlosigkeit abfin- 
den, werden Stimmen laut werden, die 
diesen "Situationismus" für ziemlich unge- 
fällig halten; wir hätten nichts Schönes ge- 
schaffen; man sollte lieber über Gide 
reden; und niemand sehe deutlich Grün- 
de, sich für uns zu interessieren. Man 
wird ausweichen, indem man uns vor- 
wirft, Haltungen zu wiederholen, die 
schon zu viel Staub aufgewirbelt haben 
und den bloßen Wunsch konstatieren, 
wir wollten die Aufmerksamkeit auf uns 
lenken. Man wird sich über das Vorgehen 
entrüsten, das wir bei einigen Gelegenhei- 
ten für richtig gehalten haben, um Ab- 
stand zu wahren oder erneut zu 
gewinnen. Darauf antworten wir es han- 
delt sich nicht darum zu wissen, ob Ihr In- 
teresse dafür habt, sondern ob Ihr selbst 
unter den neuen Bedingungen des kultu- 
rellen Schaffens interessant seid Eure Rol- 
le als revolutionäre Intellektuelle und 
Künstler besteht nicht darin, laut aufzu- 
schreien, es spreche der Freiheit Hohn, 
wenn wir uns weigern, zusammen mit 
den Feinden der Freiheit zu marschieren. 
Ihr braucht nicht die bürgerlichen Ästhe- 
ten nachzuahmen, die versuchen, alles 
auf das schon Getane zu reduzieren, weil 
das schon Getane sie nicht stört. Ihr wisst, 
dass eine Schöpfung niemals rein ist Eure 
Rolle ist es, Euch nach dem umzusehen, 
was die internationale Avantgarde macht, 
Euch an der konstruktiven Kritik ihres Pro- 
gramms zu beteiligen und zu ihrer Unter- 
stützung aufzurufen. 



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Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



UNSERE UNMITTELBAREN AUFGABEN 



Wir müssen in den Arbeiterpartei- 
en oder den in ihnen vorhande- 
nen extremistischen Tendenzen die 
Notwendigkeit verfechten, eine konse- 
quente ideologische Aktion ins Auge zu 
fassen, um auf dem Gebiet der Leiden- 
schaften gegen den Einfluss der Propa- 
ganda Methoden des hoch entwickelten 
Kapitalismus zu kämpfen bei jeder Gele- 
genheit konkret dem Spiegelbild der ka- 
pitalistischen Lebensweise andere, 
wünschenswerte Lebensweisen entgegen- 
setzen; mit allen hyper-politischen Mit- 
teln die bürgerliche Glücksvorstellung 
zerstören. Indem wir in der herrschen- 
den Klasse der Gesellschaften das Vor- 
handensein von Elementen 
berücksichtigen, die aus Langeweile 
und Bedürfnis nach Neuigkeit immer 
wieder zu dem beitragen, was schließ- 
lich die Beseitigung dieser Gesellschaf- 
ten bewirkt, müssen wir gleichzeitig die 
Personen, die einige größere, uns fehlen- 
de Hilfsmittel besitzen, dazu anregen, 
uns die Mittel zu geben, unsere Experi- 



mente durchzuführen, indem sie uns 
einen ähnlichen - und ebenso rentablen 
- Kredit geben wir derjenige, der für die 
wissenschaftliche Forschung investiert 
wird. 

Wir müssen überall eine revolutio- 
näre Alternative zur herrschen- 
den Kultur bieten; alle Forschungen 
koordinieren, die zur Zeit ohne Gesamt- 
perspektive sind; durch Kritik und Propa- 
ganda die fortgeschrittensten Künstler 
und Intellektuellen aller Länder dazu 
bringen, zwecks gemeinsamer Aktion 
den Kontakt zu uns herzustellen. 

Wir müssen uns für bereit erklä- 
ren, die Diskussion auf der Ba- 
sis dieses Programms mit all denen 
wieder aufzunehmen, die, nachdem sie 
sich an einer vorherigen Stufe unserer 
Aktion beteiligt haben, immer noch im- 
stande sind, sich uns anzuschließen. 



Wir müssen die Parolen des uni- 
tären Urbanismus, des experi- 
mentellen Verhaltens, der hyper- 
politischen Propaganda und der Kon- 
struktion von Stimmungen behaupten. 
Die Leidenschaften sind oft genug inter- 
pretiert worden - es kommt jetzt darauf 
an, neue zu finden! 



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Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisation- und Aktionsbedingungen der Internationalen Situationistischen Tendenz. (Von 1957) 



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