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Full text of "Sprachwissenschaftliche Abhandlungen"

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SPRACHWISSENSCHAFTLICHE 

ABHANDLUNGEN. 



I 



Druck von Emil Herrmann senior in Leipzig. 



SPRACHWISSENSCHAFTLICHE 



ABHANDLUNGEN 



VON 



CARL ABEL, Dr. Ph. 




LEIPZIG 1885. 

VERLAG VON WILHELM FRIEDRICH 

KÖNIGL. HOFBUCHHÄNDLER. 



Alle Rechte vorbehalte?t. 



VORWORT. 

Der Grammatik gegenüber, welche die Gedanken- 
verbindungen lehrt, gehen die nachfolgenden 
Abhandlungen zunächst auf das Studium des Wörter- 
schatzes, und in ihm auf das des unabhängigen Ge- 
dankeninhalts der Sprachen. 

Der Nachweis, dass die Bedeutung der Worte 
in jeder Sprache eine eigentümliche sei, und in Be- 
griffsreihen erforscht, die gesamte Weltanschauung 
eines Volkes wiederspiegele, begründet die Unter- 
suchung. Durch den Vergleich solcher BegrifFsreihen 
in verschiedenen Sprachen werden sowohl die Be- 
sonderheit der verghchenen Idiome, als das Wesen der 
verglichenen Ideen erkundet. 

Daran schliesst sich ein Versuch, die gramma- 
tischen Erscheinungen nach ihrer Bedeutung den 
dieselbe Bedeutung in unabhängigen Worten aus- 
drückenden BegrifFsreihen einzuordnen. Tritt der 
üblichen abstrakten Behandlung nach Redeteilen 
die konkrete nach dem Sinn der einzelnen Flexion 
und syntaktischen Verbindung hinzu, so ergibt sich 
durch ihre Aufnahme in die Begriffsreihen des Wörter- 
buchs eine Gesamtansicht der Sprache nach dem In- 
halt, in Ergänzung derjenigen nach grammatischer Form. 



* VI * 

Das Werden des Sinnes in der Urzeit und sein 
Verständnis in der Gegenwart ist der Gegenstand 
einiger, teilweise auf ägyptischer Grundlage ruhender 
Abhandlungen. Die Differenzierung des Bedeutungs- 
inhalts der Wurzeln und Stämme in den verschiedenen 
Zweigen einer Sprachfamilie, und in seiner Entwicke- 
lung zur Schriftsprache, wird am Sla vischen gezeigt; 
der Einfluss, den er selbst auf die äusserlichste Form 
der Syntax, auf die Wortstellung, ausübt, am La- 
teinischen. 

Kritiker, welche es für thunlich g'ehalten haben, 
des Verfassers Stellung zur indo- europäischen Phonetik 
(dieselbe kömmt in einer der nachstehenden Abhand- 
lungen in Betracht) ohne Rücksicht auf die ägypto- 
logische Ansicht von der Erkennbarkeit älterer Laut- 
gesetze zu behandeln, seien auf die Anmerkung zu 
den indo-europäischen Beispielen des ,, Gegensinns der 
Urworte" hingewiesen. 

Mehreres in dem Buche ist neu, vieles verbessert 
und vermehrt. Die Rechtschreibung ist die der Offizin. 

Dresden, im Sommer 1884. 



W&&. 



INHALT. 

Seite 

1 . Über Sprache als Ausdruck nationaler Denkweise. Vorlesung 

gehalten in der Royal Literary Society zu London ... i 

2. Über den Begriff der Liebe in einigen alten und neuen Sprachen 31 

3. Die englischen Verba des Befehls 105 

4. Über die Unterscheidung sinnverwandter Wörter und das 

Werden des Sinnes 189 

5. Philologische Methoden 227 

6. Über die Verbindung zwischen Lexikon und Grammatik . 243 

7. Über den Ursprung der Sprache. Vorlesung gehalten in der 

Royal Asiatic Society zu London 283 

8. Über den Gegensinn der Urworte 311 

9. Koptische Intensivierung. Vorlesung gehalten in der Philo- 

logical Society zu London 369 

10. Über die Möglichkeit einer gemeinsamen Schriftsprache für 

alle Slaven 395 

11. Über einige Grundziige der lateinischen Wortstellung . . 421 

12. Zur ägyptischen Kritik 429 



I. 
ÜBER SPRACHE 

ALS AUSDRUCK NATIONALER DENKWEISE. 



EIN VORTRAG. 



Versetzen wir uns auf einen Augenblick in die 
Kindheit zurück, in jene Jahre, in welchen wir, 
neben manchen anderen nützlichen und saueren Din- 
gen, Französisch lernten. Nehmen wir an, wir sollten 
eine Übersetzung aus dem Deutschen machen, in 
der das Wort „Freund" vorkäme, und wir seien noch 
auf einer so primitiven Stufe gallischer Gelehrsam- 
keit, dass wir dafür das Wörterbuch consultieren 
müssten. Da fänden wir nun aiiii — anii, der Freund 
Wir würden nun das vollste Recht haben, das Wort 
in unserem Exercitium zu gebrauchen, und unser 
Lehrer könnte uns für die Auffindung der richtigen 
Bezeichnung nur loben. Kein Franzose hätte treffen- 
der übersetzen können. Und dennoch ist es zweifel- 
haft, ob irgend ein Franzose, der unsere Übersetzung 
liest, sich dabei genau dasselbe denkt, was wir bei 
dem Lesen des deutschen Originals gedacht haben. 
Freilich heisst anii Freund. Aber die Freundschaft 
ist in Frankreich eben ein ander Ding als in Deutsch- 
land, und so werden auch die Worte, die dort zu 
ihrer Bezeichnung gebraucht werden, eine von den 



entsprechenden deutschen Worten etwas abweichende 
Bedeutung haben müssen. Im Deutschen hat der 
Begriff und darum das Wort „Freund" einen idealen 
Klang. Es kann allerdings auch der Ausdruck einer 
gutmütigen Herablassung sein, bei der nicht einmal 
von Bekanntschaft, viel weniger von Freundschaft 
die Rede ist, wie wenn man ,, lieber Freund" oder 
,, Freundchen" zu einem Untergeordneten sagt. Aber 
diese Anwendung ist selten und hat den edleren 
Sinn des Wortes nicht zu schwächen vermocht. Wenn 
wir über die Bedeutung des Wortes nachdenken, 
finden wir, dass „Freundschaft" uns vorwiegend ein 
Verhältnis ausdrückt, das eben so rein und edel 
wie die Liebe, dasjenige, was ihm an Leidenschaft 
fehlt, durch eine völligere Abwesenheit aller egoisti- 
schen Motive ersetzt. Der deutsche Freund soll einen 
Bund mit demjenigen schliessen, den er sich zum 
Freunde erkoren. Er soll sich durch ähnliche Ge- 
sinnungen zu ihm hingezogen fühlen, soll sich ihm 
langsam ergeben, prüfend, ob der andere der Neigung 
wert, und kämpfend mit der Scheu, die jeder Mensch, 
der sich selbst achtet, empfindet, ehe er sich an einen 
anderen anschliesst. Dann aber soll er treu zu ihm 
stehen für alle Zeit. All das empfinden wir unwill- 
kürlich, wenn wir „Freund" sagen. Ist es da nicht 
erklärlich, dass wir mit dem Worte sparsam umgehen? 
Dass es in Deutschland überhaupt tast nur Jugend- 
freundschaften giebt? Dass wir im reiferen Alter, wo 
wir einseitiger und kälter werden, die Fähigkeit zu 
einer Verbindung dieser innigen Art fast verlieren? 
Wie die Liebe, so gehört die Freundschaft in unserem 
Lande dem Aufgange des Lebens an, den sie mit 



warmem Licht überstrahlt. Beide können dauern, 
sollen dauern. Einmal ausgegangen oder nicht recht- 
zeitig entkeimt, lassen sie sich später schwer zur 
Blüte bringen. Es sind Junirosen, keine Monatsrosen. 
Anders der französische ami. Auch dies Wort 
enthält beide Bedeutungen des deutschen „Freund", 
aber anders verteilt. In ihm überwiegt der bekannt- 
schaftliche Begriff den freundschaftlichen. Auch der 
französische auii kann alles sein, was der deutsche 
,Freund" sein soll; aber er braucht es durchaus 
nicht zu sein, um den Begriff zu erfüllen, den die 
Franzosen mit dem Ausdruck gewöhnlich verbinden. 
Er ist meistens nur ein Bekannter, der einem wohl 
jvill. Oder er ist selbst weniger als das : ein Mann, 
dem wir Gelegenheitsdienste erwiesen haben, oder 
der uns solche erwiesen hat, der gern mit uns plaudert 
und der nichts Schlechtes hinter uns herreden wird. 
Leute, die in Frankreich in solcher Beziehung zu ein- 
ander stehen, nennen sich mnis. Sie sprechen nicht 
allein gegenseitig unter diesem Namen von einander, 
wenn der eine oder der andere nicht dabei ist, son- 
dern sie reden sich, da nach ihrem Gefühle so wenig 
Pathetisches in dem Namen liegt, auch gewohnheits- 
mässig so an. Der Deutsche sagt kaum je zu seinem 
Freunde „Mein Freund". Das Wort deutet ein zu 
inniges Verhältnis an , um leichthin gebraucht zu 
werden. Nur in ernsten oder erregten Augenblicken 
werden wir geneigt sein, unsere zarten Beziehungen 
zu einem anderen durch diese Namensnennung ein- 
zugestehen, zu bestätigen oder zum Hebel eines Appels 
zu machen. Der Franzose ami't sich dagegen den 
ganzen Tag. Die Leute, die sich im Cafe beim -petit 



vcrt'c zu treffen pflegen, gTÜssen sich mit einem com- 
fnent fa va-t-il, mon ami? und wenn wir auf den 
Boulevards mit der lässigen Menge hin- und her- 
schlendern, hören wir alle Augenblicke dasselbe viel- 
gebrauchte, vieldeutige Wort. Zwei burschikose, ihre 
Wechsel vergeudende Studenten reden sich so an, 
und auch zwei vertrocknete, sousweis geldmachende 
epiciers. Den Studenten drückt es die leichten 
kameradschaftlichen Gesinnungen aus, die sie bei ge- 
meinsamem Trinken und Tanzen für einander ge- 
wonnen haben, und die aufhören werden, sowie sie 
nach verschiedenen Stadtteilen ziehen und sich nicht 
mehr sehen; dem epiciers vielleicht die Erinnerung 
an lange Jahre, in denen sie sich eigentlich nicht 
mochten, aber ab und zu mit einander schwatzten, 
schnupften und rauchten. Ein alter Herr wirft das 
tno^i ami einem Knaben in gar zu nonchalanter 
Freundlichkeit hin. Halb lässt er sich herab, halb 
stellt er sich gleich, und das Resultat ist, dass er 
auch dem Kinde die allgemeine Wohlwollens-Titulatur 
des ami zugesteht. Der Ehemann sagt es ganz ernst- 
haft zu seiner Frau, der Dandy scherzend zur Kellneriur 
und sogar der Herr des Hundes caressierend zu seinem 
vierfüssigen Begleiter — eine Sitte, die wir nach- 
ahmen glücklicher- und bezeichnenderweise aber nur 
mit dem französischen Wort, das wir eben nicht mehr 
zu schonen brauchen, als die, die es erfunden und 
geprägt. Man sieht: ami besagt weiter nichts, als 
dass die Leute sich kennen und äusserlich gut mit- 
einander stehen. Die ganze Stufenleiter aller Ver- 
hältnisse, die innerhalb dieser Definition möglich ist^ 
passt in den umfassenden Rahmen des Wortes ami. 



Die Nutzanwendung davon ergiebt sich leicht. Wüssten 
wir auch von der Art und Weise, wie französische 
Menschen mit einander verkehren, weiter nichts, als 
was uns durch diese lexikographischen Beobachtungen 
über den Gebrauch des Wortes ami gelehrt wird, 
so würden wir schon zu dem Schlüsse berechtigt sein 
dass wo ein und derselbe Name zur Bezeichnung der 
innigsten und der losesten Beziehungen dient, und, 
wo er gewöhnlich zur Bezeichnung der letzteren ge- 
braucht wird, auf die ersteren nicht so viel Gewicht 
gelegt werden kann, wie in Deutschland. Die Freund- 
schaft kann dort nicht so warm, die gewöhnliche 
Bekanntschaft nicht so kühl sein, als bei uns. Man 
wird sich seltener so viel wert werden, aber man 
wird sich ebenfalls seltener so gleichgültig bleiben. 
Man wird sich bald nett finden, aber weniger häufig 
schätzenswert. Man wird sich rasch flüchtigen Zu- 
neigungen hingeben, sie aber nicht so manchesmal 
zu einem ernsten Lebensbesitz werden lassen, als 
schwerfalligere und tiefer angelegte Völker. 

Denken wir uns nun einmal, das lernende Kind, 
dessen häusliche Arbeiten den Ausgangspunkt unserer 
Betrachtungen bildeten , hätte in dem Augenblick, 
als wir es belauschten, die Stelle aus Schiller's Bürg- 
schaft: ,,dass der Freund dem Freunde gebrochen 
die Pflicht" zu übersetzen gehabt. Es hätte etwa 
que l'ami a abandonne l'ami sagen müssen, und doch 
wie wenig hätte es damit den Sinn des Deutschen 
wiedergegeben. Hinter dem deutschen Worte „Freund" 
ruht wie Abendsonnenschein die tiefe und schöne 
Stimmung des Bundes edler Menschen; im franzö- 
sischen ami liegen der hohe und der niedere Begriff, 



dessen das "Wort fähig ist, derart neben einander, 
dass der letztere den ersteren wie mit einer farblosen, 
an der Temperatur des gewöhnlichen Lebens erstarrten 
Kruste bedeckt hat. Ein Funken feuriger Sympathie 
glüht wohl noch darin , aber über ihm liegt berge- 
hoch die Lava der Alltäglichkeit. Der Freund, der 
für Moros bürgte, dessentwegen Moros mit den 
Räubern kämpfte, sich in die Wasserfluten stürzte 
und dem Henker darbot, war mehr als ein blosser 
ami. Ein ami ist am Ende jeder, der oft mit uns 
gesprochen, und dabei keinen Grund gehabt hat, 
unhöflich zu werden; ein Freund sucht einen Teil 
seines eigenen Glücks im Glücke seines Freundes. 
Hätten wir die berühmte Stelle in Corneille's Tragödie 
„Soyons ami, Cinna" zu verdeutschen, so würden wir 
demnach richtiger frei übersetzen : „Machen wir Friede, 
Cinna," als wörtlich : „Seien wir Freunde, Cinna". 

Die Begriffe, die der Deutsche mit dem Worte 
„Freund" und der Franzose mit dem Worte ami 
verbindet, decken sich also nicht ganz. So ähnlich 
sie sich beide sind, wiegt doch in der Bedeutung des 
einen die Wärme des Gefühlslebens, in der des 
anderen der verbindliche Umgangston vor. Und wenn 
es noch so fleissig und gescheit gewesen wäre, hätte 
das übersetzende Kind alle Dictionnaires, die je ver- 
fasst sind, nachschlagen können, vom alten Meidinger 
und Thibaut an bis zum neuesten Mozin und Sachs, 
ohne einen französischen Ausdruck zu finden, der, zu- 
mal an der erwähnten, die edle Bedeutung des deutschen 
Wortes so stark betonenden Stelle, dem Franzosen 
genau denselben Eindruck machte, wie dem Deutschen 
sein „Freund". Diese Erscheinung, dass die Worte, 



die in verschiedenen Sprachen angebHch dasselbe be- 
deuten sollen, wenn man sie aufmerksamer betrachtet, 
gewöhnlich etwas von einander abweichende Be- 
deutungen haben, wiederholt sich durch das ganze 
Lexikon hindurch. Und natürlich. Denn da die 
Völker in ihren Gedanken verschieden sind, so werden 
auch die Zeichen, mit denen sie ihre Gedanken aus- 
drücken, die Worte nämlich, eine verschiedene Be- 
deutung haben müssen. Ein französischer ami ist 
eben etwas anderes, als ein deutscher Freund. Mit- 
hin können auch die beiden Worte sich nicht völlig 
entsprechen. Wir müssen allerdings das eine Wort 
mit dem anderen übersetzen, weil es bei den be- 
treffenden Völkern, und mithin in den betreffenden 
Sprachen nichts giebt, was sich ähnlicher wäre, als 
ami und Freund; aber das darf uns nicht zu der An- 
nahme verleiten, beide seien dasselbe, beide drückten 
genau dasselbe aus. So lange der Deutsche kein 
Franzose wird, und umgekehrt der Franzose kein 
Deutscher, wird das, kann das nicht der Fall sein. 

Noch stärker tritt die Verschiedenheit dessen, 
was die verschiedenen Völker denken, thun und mit- 
hin auch reden, in anderen sprachlichen Erscheinungen 
hervor. Sehen wir uns erst wieder ein Beispiel an, 
und versuchen wir uns dann klar zu machen, was 
es bedeutet. Die englische Sprache hat zwei Worte, 
die deutsche nur eins für den Begriff ,, billig" — ich 
meine das ,, billig", welches in dem Sprichwort „was 
dem einen recht, das ist dem andern billig" vorkömmt. 
Die beiden englischen Worte sind fair und equitable. 
Fair bezeichnet die Billigkeit, die einem edel und 
warm angelegten Geiste unwillkürlich zu eigen ist. 



Wenn ich, ohne mich zu besinnen, gegen meinen 
Nebenmenschen gerecht bin, nicht bloss weil ich ehr- 
liche Grundsätze habe, sondern, weil ich zu human 
fühle, um einen anderen zu schädigen, und weil ich 
einen zu zarten Stolz besitze, um auch nur den Ge- 
danken aufkommen zu lassen, dass ich einen anderen 
übervorteilen könnte, dann bin ich, was die Eng- 
länder fair nennen. Equitable ist etwas anderes. 
Ein Mann, der einen jeden nach Verdienst behandelt 
und ihm genau zu teil werden lässt, was ihm zu- 
kommt, nicht mehr und nicht weniger, ist equitable. 
Ein Mann, der fair ist, wird aus Hochgesinntheit 
dem anderen immer etwas mehr zugestehen, als 
was equitable ist; mancher Mann, wenn er auch nicht 
die reine und feine Gesinnung des fair hat, wird 
dennoch aus Grundsatz, Gewohnheit oder Rücksichten 
weltlichen Vorteils eqtiitably handeln. Wer fairness 
zeigt, ist einer, dessen Charakter an seine Stirne ge- 
schrieben ist, dessen wir sicher sind, wenn wir ihn 
nur einigemal handeln gesehen haben; der equitable 
ist allerdings auch einer, mit dem man ganz gern zu 
thun hat, dessen Entscheidung in einem gegebenen 
Falle aber doch immer von einem bedächtig prüfen- 
den Urteil abhängig sein wird, und dessen Prinzip 
zwischen unseren und seinen eigenen Ansprüchen 
genau abzuwägen, uns auch einmal zu kurz konimen 
lassen kann, wo wir nicht ohne Grund dachten, mehr 
beanspruchen zu können. Fair grenzt an grossmütig, 
equitable überschreitet manchmal die unmerkliche 
Grenze, die es von Härte trennt. Die Jugend mit 
ihrem Selbstgefühl in schwierigen Lagen, ihrer Selbst- 
losigkeit in Bezug auf äusseren Vorteil, hat eine 



1 1 



natürliche Neigung- y(7/> zu sein; im Alter bekommen 
es wenige fertig mehr als equitably zu handeln. 
Fair ist ein Wort, das schon jeder englische Knabe, 
wenn er sich prügelt, und den anderen von Beine- 
stellen, Haarzupfen und ähnlichen unwürdigen Listen 
abhalten will, auf den Lippen hat ; equitahle sagt der 
Bankier, wenn er dem Geschäftsgenossen grade so 
viel angesetzt hat, als die Usancen erlauben. So 
schön sondert die englische Sprache jene beiden 
Begriffe, für welche wir nur das eine Wort ,, billig" 
haben. 

Zwar wer die Deutschen kennt, weiss es, dass 
ihr Wort ,, billig" beide Begriffe in sich vereint, und 
dass sie je nach dem Zusammenhang, in welchem sie 
dasselbe gebrauchen , den einen oder den anderen 
Begriff mehr fühlen, mehr hineinlegen, mehr betonen. 
Gehört doch Billigkeit gegen andere grade zu den 
besten Seiten des deutschen Charakters. Wenn wir 
von einem billigen Abkommen sprechen, so meinen 
wir equifable ; wenn wir die edle Billigkeit erwähnen, 
die eine Eigenschaft Wilhelm von Humboldts war, 
haben wir fair im Sinne. Aber trotzdem müssen wir 
gestehen, dass wir uns die wesentliche Differenz 
beider Begriffe nicht zu so prägnanter Anschauung 
gebracht haben, wie die Engländer, und dass unsere 
„Billigkeit", wie wir das Wort gewöhnlich anwenden, 
die zwei Seiten der Sache mehr oder weniger un- 
geschieden , und darum unklar neben einander ent- 
hält. In allen den Fällen, wo es der Zusammenhang 
nicht unzweifelhaft werden lässt, was wir meinen, 
sprechen wir, wenn wir ,, billig" sagen, den höheren 
Begriff des fair und den niederen des equitable, den 



12 



der unwillkürlichen und den der erwogenen Billigkeit, 
auf einmal aus. Giebt deshalb der Zusammenhang, in 
welchem wir das Wort gebrauchen, demselben die 
niedere Bedeutung nicht ganz scharf, so wird die- 
selbe durch die höhere , welche gleichsam mitan- 
klingt, geadelt, und ein Hauch der freien Liberalität 
des /atr fällt auf die ängstliche Peinlichkeit des 
equitable. Umgekehrt, meinen wir fair, bringen aber 
seine frische und franke Natur nicht durch den Sinn 
zur völligen Evidenz, so wird dieselbe durch die 
gleichzeitig mitempfundene Bedeutung des equitable 
zu einer schwereren, überlegteren und weniger an- 
sprechenden Eigenschaft gemacht, als sie sein soll, 
wenn sie sich treu bleibt. Eine eigentümlich inter- 
essante, dem öffentlichen Gewissen aber sicherlich 
nicht zuträgliche Folge davon ist es, dass das Wort 
„billig" gesprächsweise nur noch selten gebraucht 
wird. Billig im Sinne von equitable zu sein , d. h. zu 
wägen und zu messen, hat man ja im aussergeschäft- 
lichen Verkehr nicht allzu oft Gelegenheit, kann also 
in diesem Sinne nicht häufig davon reden. Fair sein, 
das heisst dem anderen sein Recht und noch ein 
gut Teil drüber geben, kann man allerdings immer- 
während, im gesellschaftlichen Umgang, im Gespräch^ 
in tausend kleinen Rücksichten auf seinen Neben- 
menschen. Ein helles Auge erspäht in jedem Augen- 
blick Gelegenheit dazu, ein warmes Herz nimmt sie 
ebenso oft und so rasch auch wahr. Mein Schweigen 
kann fair sein, und mein Reden kann fair sein, je 
nachdem ich damit auf die natürlichen Wünsche, die 
Schwächen und Ansprüche eines anderen Rücksicht 
nehme. Ich bin, fair wenn ich einen kleinen Mann 



* 13 * 

vor mir stehen lasse bei der Parade ; fair, wenn ich 
an der table (Thote wenig esse, damit mein besonders 
hungriger Hintermann genug bekömmt; fair, wenn 
ich einem mit mir konkurrierenden unbehilflichen 
Kollegen ein Buch leihe , das er braucht , sich aber 
nicht verschaffen kann. Ich zeige dieselbe schöne 
Eigenschaft, wenn ich einem schwachen Billardspieler 
gegenüber etwas schwächer spiele als sonst, damit 
er sich auch amüsieren kann; wenn ich einer jungen 
Dame Gelegenheit gebe in den Tanzsaal zu ent- 
wischen , anstatt am Kartentisch bei ihrer ältlichen 
Tante zu bleiben; oder wenn ich meine Schwester 
allein lasse, wenn Besuch kömmt, der ihr interes- 
santer zu werden anfängt, als ich es bin. Aber wer 
wird viel von Billigkeit reden , wenn er die Gross- 
mut , die er damit meint , die freie Grossmut , die 
Rücksicht auf verteidigungslose Interessen 
nimmt, mit einem Worte bezeichnen muss , welches 
den Ton des pedantischen, fast egoistischen equitable 
mit anschlägt ? Von edler Beachtung fremder Wünsche' 
von fairness zu sprechen , braucht sich niemand zu 
schämen ; sich selbst aber oder einen anderen eqtii- 
table, das heisst einen rechtlichen Mann zu nennen 
der das freiwillig giebt , was man ihm sonst etwa 
abprozessieren könnte, klingt teils pomphaft, teils 
beleidigend, da Billigkeit in diesem Sinne bei jedem 
anständigen Menschen selbstverständlich sein muss. 
Da man nun aber, wenn man im Deutschen „billig" 
sagt, so fair man's auch meinen mag, immer zugleich 
equitable mit meint, vermeidet man es überhaupt, viel 
von einer Eigenschaft zu reden, die eine in Bezug 
auf aussergeschäftliche Dinge so zweifelhafte Neben- 



* 14 * 

bedeutung einschliesst. Dass das Wort beide Be- 
griffe decken soll, hat seine Stellung in der deutschen 
Sprache untergraben. Sein heutiger Gebrauch ist im 
wesentlichen auf die Erwähnung wichtigerer und 
kompHzierterer Angelegenheiten beschränkt, über die 
man erst nachdenken muss, ehe man sich über das, 
was die Billigkeit darin erheischt, entscheiden kann. 
An diesem Wort und dem Gewirr seiner Be- 
deutungen hängt ein peinliches Stück deutscher Ge- 
schichte. Vor dem dreissigjährigen Kriege, als es in 
Deutschland noch, wenigstens für die höheren und 
mittleren Stände, eine umfassende persönliche Frei- 
heit gab, hatten auch wir zwei Worte für die ver- 
schiedenen Bedeutungen des equitahle und fair — 
nämlich für equitahle ,, recht", iüx fair , .billig". Das 
Wort ,, recht" bezog sich auf Billigkeit in wichtigeren 
Dingen; das Wort , .billig" auf edle Rücksicht in un- 
wichtigeren. Der Krieg schlug die Bürger , ihren 
Wohlstand und ihre Freiheiten tot. In der schreck- 
lichen Verarmung, welche jeden zwang, gierig für 
sich selbst zu sorgen, verlor sich die Lust zur Billig- 
keit gegen andere; in dem absoluten Regiment, 
das nun ebenmässig auf alle wuchtete, ward über- 
haupt die Möglichkeit, freiwillig zu handeln, merklich 
geschmälert. Alles wurde Zwang der ökonomischen 
und gesetzlichen Notwendigkeit. Was nicht durch 
Hunger und Elend erzwungen wurde, befahl der 
nunmehr zuerst erstehende moderne Staat. So blieb 
nur wenig Spielraum übrig für die Bethätigung der 
Gesinnungen, die man ehedem mit „recht" und mit 
„billig" bezeichnet und unterschieden hatte. Man 
' konnte nicht mehr , wie man wollte : man musste. 



* 15 * 

Mit der materiellen Möglichkeit, edelmütig zu sein, 
war auch die Neigung, rücksichtsvoll zu handeln, ge- 
schwächt; mit der alten, verfassungsmässigen Frei- 
heit, Unrecht zu thun, auch die Möglichkeit, aus 
freien Stücken gerecht zu sein, genommen. So 
sanken und schwanden denn auch die Worte, welche 
diese Gesinnungen repräsentiert hatten. Das Wort 
„recht", welches „billig in wichtigeren Dingen" be- 
deutet hatte, büsste diesen Begriff mehr und mehr 
ein, und fing an „gesetzlich" oder „sittlich" oder 
„verständig" zu bedeuten. Musste man doch in allen 
wichtigeren Dingen so straff der Obrigkeit gehor- 
samen, dass man zum Billigsein wenig mehr kam. 
„Billig" dagegen behielt zunächst seinen Begriff, weil 
sich ja die humane Rücksicht bei tausend mehr oder 
weniger unwesentlichen Anlässen, auf die es sich 
bezog", nimmer durch Gesetze erzwingen lässt, also 
auch in jener Zeit scharfer Zucht auf freier Gewäh- 
rung, auf der Charaktereigenschaft, die damals billig 
genannt wurde, beruhen musste. Liess sich doch 
seine zartere Sphäre von keinen Reglements er- 
reichen, und blieb doch somit diese Art freiwilliger 
Billigkeit , soweit es die damalige ökonomische und 
sittliche Dürftigkeit zuliess, erhalten, also auch das 
Wort dafür nötig. 

Dies war der erste Schritt zur Wandlung beider 
Begriffe. Der zweite, der die Wandlung vollendete, 
folgte später. Je mehr nämlich das Wort ,, recht" 
seine ursprüngliche Bedeutung von „gerecht und 
billig in wichtigeren Dingen" verlor, und die Be- 
deutung „gesetzlich" annahm, desto nötiger wurde 
es ein anderes Wort für die Bezeichnung der Fälle 



* i6 * 

zu finden, in denen man auch in wichtigeren Dingen 
immer noch freiwillig handeln konnte, in denen man 
auch damals nicht billig zu sein brauchte, ausser 
wenn man es aus eigenem Antriebe war. Fälle 
dieser Art mochten nicht mehr zahlreich, können 
nicht mehr zahlreich gewesen sein, da ja sonst das 
Wort „recht" seine alte Bedeutung nicht verloren, 
nicht gegen eine neue, gegen die Bedeutung von 
„gesetzlich" vertauscht haben würde. Indes sie kamen 
natürlich noch vor. Es lässt sich ja auch in wich- 
tigeren Dingen niemals alles durch Gesetze und 
obrigkeitliche Befehle ordnen. Die umfassendsten 
Codices , die schärfsten Polizeimassregeln werden 
immer noch ihre Lücken haben, die etwas Latitüde 
für die freie Handlungsweise des Menschen lassen, 
in denen ein guter Mensch gut, ein schlechter Mensch 
ungestraft schlecht handeln kann. Wenn Fälle solcher 
Art noch vorkamen, wenn rechtschaffene Handlungs- 
weise in ihnen noch beobachtet wurde, so musste 
sie also auch bezeichnet werden. Sie wurde es auch, 
und wie ? Die Sprachgeschichte lehrt , dass solche 
Fälle einfacher Redlichkeit, Fälle des groben Mein 
und Dein allmählich dem Worte billig mit aufge- 
bürdet wurden, obschon dasselbe ursprünglich nur 
die Rücksicht bezeichnet hatte, die ein warmes Ge- 
müt auch in unwesentlichen, juristisch nicht ver- 
pflichtenden Dingen auf den Nebenmenschen nimmt^ 
Dass dies geschehen konnte, dass ein Wort von dem 
feinen Hauch und Duft unseres ursprünglichen „billig'' 
dazu verwendet werden konnte, jene gröbere Billig- 
keit mitzubezeichnen, deren Verletzung den Menschen 
gradezu unehrlich macht, zeigt am besten, dass in 



* 17 * 

den pekuniär und sittlich gedrückten Verhältnissen 
der damaligen Zeit nicht mehr viel Neigung übrig 
geblieben war, billig in unwesentlicheren Dingen, 
billig in zarten Beziehungen, billig gegen unvertei- 
digte und verteidigungslose Interessen zu sein. Das 
Wort ,, billig" musste in seiner ursprünglichen, zarten 
Bedeutung schon geschwächt, oder mindestens selten 
gebraucht worden sein, damit man auf den Gedanken 
kommen konnte, es für „recht" d. h. „redlich" zu 
gebrauchen. Einmal dafür gebraucht, verfiel seine 
ursprüngliche Bedeutung immer mehr. So geschah 
es denn, dass ,, billig" zuletzt dahin gelangte, billig 
sowohl in gröberen als in feineren Dingen, mit 
anderen Worten sowohl ehrlich als rücksichtsvoll zu 
bedeuten, und dass es, durch diese Koppelung ver- 
wandter und doch so verschiedener Begriffe in seinem 
edleren Sinne arg geschädigt, wenig mehr in dem- 
selben verwandt wird. Ein Wort, das in seinem 
heutigen Begriffsgewirr nicht ausgesprochen werden 
kann, ohne an die einfachsten Grundsätze des Mein 
und Dein zu erinnern, kann ja nicht mehr gut auf 
Gewährungen bezogen werden, deren bezeichnender 
Charakterzug grade eine wache Grossmut auch in 
den kleinsten Dingen ist. Der Engländer hat sein 
fair, welches diesem schöneren Sinne des „billig" 
entspricht, immerwährendauf der Zunge; der Deutsche, 
der sein „billig" nicht mehr wohl dafür verwenden 
kann, muss den Begriff so manchesmal unausge- 
sprochen lassen, wenn er sich nicht mit dem rein 
aufs Äusserliche gehenden ,, anständig" oder, wenn 
er Kaufmann ist, mit dem noch nichtssagenderen 
„kulant" behelfen will. Sein „billig" ist durch den 

Abel, Sprachw. Abbalgen. 2 



Aktenstaub für den täglichen Verkehr mehr oder 
weniger unbrauchbar geworden. 

So wichtige Ursachen kann es haben, so lehr- 
reiche Vorgänge im geistigen Leben def Nationen 
kann es widerspiegeln, wenn wir finden, dass ein 
Volk für zwei Schattierungen desselben Begriffes zwei 
Worte, ein anderes nur eins hat. Ami und , .Freund", 
wie Sie sich erinnern wollen, hatten jedes zwei Be- 
deutungen und zwar dieselben Bedeutungen, und der 
ganze Unterschied bestand nur darin, dass in dem 
einen die eine, in dem anderen die andere überwog, 
in „Freund" die warme, in ami die kalte Seite des 
Begriffs mehr hervortrat. In equitahle, fair und 
„billig" ist die Verschiedenheit der nationalen Denk- 
und Ausdrucksweise schon erheblicher, da hier ein 
deutsches Wort zwei Begriffe zu vertreten hat, die 
im Englischen auf zwei Worte verteilt sind. Ami 
imd „Freund" haben jedes zwei Bedeutungen, aber 
die eine tritt so licht hervor, dass die andere, in den 
Schatten gestellte, keinen besonderen Ausdruck zu 
erfordern schien; in fair und equitable, die je nur 
eine enthalten, kommt die höchste Prägnanz des 
sprachlichen Gedankens zur Erscheinung; in „billig" 
vermischen sich zwei zu einem psychologischen Brei. 

Ähnliches geschieht , wenn sich ein Volk für 
zwei verwandte Begriffe ursprünglich zwei verschie- 
dene Worte geschaffen hat, im Laufe seiner Geschichte 
aber, entweder weil ihm überhaupt die Schärfe und 
Frische des Gefühls verblasst, die zu solchen Son- 
derungen führt, oder, weil es sie wenigstens für den 
betreffenden Begriff verliert, diese verschiedenen 
Worte nebeneinander gleichbedeutend braucht. Ich 



glaube, dass sich gegenwärtig kein anderes Kultur- 
volk so sehr in dieser üblen Lage befindet, als das 
deutsche. Seit dem Ende unserer klassischen Litte- 
raturepoche und dem Anfang der modernen Bewegung 
auf allen Gebieten des gesellschaftlichen und geistigen 
Lebens ist die Zahl der gesprächsweise, oder in der 
Tagesschriftstellerei gebrauchten Worte immer ge- 
ringer, die synonymische Unterscheidung derselben 
immer laxer geworden. Man sollte meinen, dass die 
politische und intellektuelle Thätigkeit, welche die 
Nation in den letzten vierzig Jahren so lebhaft erregt 
hat, auch die Sprache bereichert hätte; aber abge- 
sehen von dem Zuwachs zahlreicher, mehr oder weniger 
technischer Ausdrücke, ist das Gegenteil der Fall 
gewesen. Sie können sich leicht davon überzeugen, 
wenn Sie ein Buch der zwanziger Jahre in die Hand 
nehmen, und darin eine Menge Worte entdecken, 
die heute entweder seltener vorkommen, oder aber 
nicht mehr in so genauer Begrenzung ihres Sinnes 
auftreten. Es sind meist feinere Schattierungen von 
Begriffen, die heut durch allgemeinere Ausdrücke 
ersetzt, oder selber zu allgemeineren Ausdrücken 
verwässert worden sind. Es ist, als ob der Geist der 
Nation, der in so vielen Dingen nach neuen Ge- 
staltungen ringt, zu sehr mit dem Umriss des auf- 
zuführenden Gebäudes beschäftigt sei, um für das 
Detail Zeit und Aufmerksamkeit zu behalten. Das 
mag ein unvermeidHches Übel der Übergangsepoche 
sein, in welcher wir leben, eine Rauheit und 
Magerkeit, die von der Periode des Kampfes un- 
zertrennlich ist; aber es ist nichtsdestoweniger ein 
empfindliches Übel und trägt nicht wenig dazu bei, 



* 20 * 

dem heutigen Umgangston die Kahlheit und Leere 
zu geben, unter der mancher schon geseufzt hat, 
ohne es ändern zu können. Die Freude an eingehen- 
der Betrachtung und an den dehkater abgetönten 
Worten, welche dafür erforderlich sind, ist eben vor- 
läufig ausserhalb der Fachkreise erlahmt. Die tief- 
gehende Erneuerung des Nationalgeistes, welche wir 
durchmachen, hat ebenso wie sie uns zwingt, zunächst 
die Hauptgrundlagen unserer politischen, religiösen 
u. s. w. Anschauungen festzustellen, ehe wir uns mit 
ihrem Detail befassen können, auch das Detail der 
Sprache d. h. die feineren synonymischen Unter- 
schiede früherer Zeiten an manchen Stellen ausge- 
bleicht, wo nicht gar verwischt. Hoffen wir, dass 
der Tag nicht fern ist, wo der Saft auch in diese 
vertrockneten Adern wieder schiesst, und machen 
wir uns mittlerweile durch den Contrast mit einer 
andern Sprache klar, wie viel frisches Leben in 
ihnen stockt. 

Die gewöhnlichsten englischen Worte für „Ent- 
schluss" sind Resolution und Determination. Sie 
haben verwandte und doch verschiedene Bedeutungen. 
Ein Mann sieht einen andern ertrinken. Sein erster 
Gedanke ist ihn zu retten. Aber im nächsten Augen- 
blick fällt ihm die Gefahr ein, die er selbst dabei 
laufen würde. Er ist kein Feigling und hat sich noch 
nie gescheut, wo die Umstände es erheischten, sein 
rechtschaffen Teil Gefahr auf sich zu nehmen. Aber 
er hat noch nie jemand aus dem Wasser gezogen, 
er weiss nicht recht, wie er dabei zu verfahren hat, 
erinnert sich dagegen mit der Blitzesschärfe, mit der 
die Gedanken in entscheidenden Augenblicken durch 



den Kopf zu fliegen pflegen, dass der stärkste und 
gewandteste Schwimmer in eine schwierige Lage 
gerät, wenn der Ertrinkende, anstatt sich willenlos 
dem Retter zu überlassen, um sich schlägt, sich aus 
dem Wasser heraushebt und zurücksinkend an ihn 
klammert. Wird er ihn retten können? Wird sein 
guter Wille etwas nützen? Wird er nicht vielleicht 
zu schwach sein , dem Ringenden Hilfe zu bringen, 
und nur sich selber vorzeitig töten, ohne den anderen 
zu erhalten? Und seine Kinder, seine Frau — was 
soll aus ihnen Averden, wenn er verunglückt? Wille, 
Urteil und Gefühl kämpfen in seinem Busen. Der 
Wille zur männlichen, menschenfreundlichen That; die 
Erwägung, ob er dem Unternehmen so weit ge- 
wachsen sei, um es vernünftigerweise wagen zu 
können; und das Gefühl für den Armen, den er auf- 
und niedertauchen, in die haltlose Luft greifen und 
mit einem hässlichen, gurgelnden Ton des Wassers 
untergehen sieht. Dazu die Erinnerung an die eigenen 
Lieben, die wie ein warmer, beengender Hauch plötz- 
lich über ihn fährt — sie alle streiten in seiner Brust. 
Er zaudert. Er steht. Er tritt zurück — und im 
nächsten Augenblick ist er dennoch im Wasser drin, 
rüstig rudernd und helfend nach Kräften. Er hat 
den Kampf der Gründe und Gefühle mit einem 
Entschluss geschlichtet. D e r Entschluss, der nach 
mancherlei Erwägungen zu stände kommt, der die 
Schwierigkeiten nicht achtet, wo Pflicht oder Ehre 
oder Mannesmut rufen, ist es, den enghsch spre- 
chende Menschen Resolution nennen. 

Indes, es gibt noch eine andere Art von Ent- 
schluss, Mitunter wird es uns durch die Umstände 



* 22 * 

SO leicht gemacht, uns zu entschhessen, dass es kaum 
mögUch ist, zu schwanken. Wir entschliessen uns 
auszugehen, weil das Wetter gut und Bewegung ge- 
sund ist. Wir entschliessen uns, einen Kontrakt ab- 
zulehnen oder zu kündigen, weil wir ihn für unvor- 
teilhaft halten. In beiden Fällen werden wir uns 
ganz ohne Besinnen, oder nach kurzem Besinnen 
klar, wie wir handeln müssen. Es sind alltägliche 
Dinge, deren Folgen wir leicht übersehen, die keine 
besonderen Schwierigkeiten mit sich bringen, und 
die jedenfalls mit dem schwankenden Gebiet der 
Empfindungen nichts, oder nur wenig zu thun haben. 
Ebenso rasch fassen wir manchmal auch in ernsten 
Lagen, vorausgesetzt, dass sie ernst genug sind, um 
uns kaum eine Wahl zu lassen, unseren Entschluss, 
Wir entschliessen uns sofort unsere Fähigkeiten 
zum Broderwerb zu benutzen, wenn wir unser Ver- 
mögen verloren haben. Friedrich der Grosse be- 
schloss in Feindes Land einzurücken, als die Dinge 
so weit gekommen waren, dass Verzug nur dem 
Gegner genützt, ihm aber den Krieg nicht erspart 
hätte. Vor einigen Tagen entschlossen sich mehrere 
Engländer, die den Vesuv ersteigen wollten, um die 
Eruption anzuschauen , von dem gewöhnlichen , be- 
quemen Wege abzuweichen, weil er sie zu nahe an 
den immer mächtiger schwellenden Aschenregen ge- 
bracht hätte. In all diesen Fällen kann nur wenig 
geschwankt worden sein. Das Gebot der Notwendig- 
keit war so offenbar, dass der erste Blick es erkennen 
Hess. In demselben Moment, wo die Notwendigkeit 
sich zu entscheiden an die Betreffenden herantrat, 
war die Entscheidung selbst schon gegeben. Was 



gethan werden musste, was die nächste Forderung 
der Selbsterhaltung war, konnte nicht zweifelhaft sein. 
Andere Rücksichten hatten entweder nichts mit dem 
nächsten vorliegenden Bedürfnis zu schaffen, oder 
waren verhältnismässig so unwesentlich, dass sie that- 
sächlich unwirksam wurden. Der Entschluss, der 
aus Gründen der ernsten Notwendigkeit oder auch 
der alltägüchen Konvenienz, ohne viel Besinnen und 
Empfinden, rasch und mit, so zu sagen, selbstver- 
ständlicher Entschlossenheit gefasst wird, wird von 
dem Engländer und Amerikaner deterTnination genannt. 
So das Englische. Auch im Deutschen haben 
wir für die beiden Begriffe resolutio7i und determi- 
nation zwei Worte: ,,Entschluss" und ,,Beschluss"; 
auch im Deutschen sind ihre Bedeutungen etwa in 
derselben Weise gesondert, wie im Englischen. Aber 
das Übel ist, dass wir sie im Gebrauch neuerdings 
nicht mehr recht auseinanderhalten, weil der wich- 
tige Unterschied, welcher sie trennt, sich in unserem 
Bewusstsein zu verwischen begonnen hat. Früher, 
wenn man von Entschlüssen sprach, waren es heisse 
und grosse Entschlüsse — den persönlichen Feind 
vor einem wütenden Eber zu retten, oder den bit- 
teren Kampf der Pflicht und Liebe zu kämpfen. Was 
man geruhig beschloss, war ein Geschäft, ein Ver- 
halten in dieser oder jener Angelegenheit des ge- 
wöhnlichen Lebens, oder höchstens noch eine Fehde 
zu den vielen anderen laufenden oder beendeten 
Fehden. Nach heutigem Sprachgebrauch dagegen 
entschliessen wir uns ebenso oft einen kleinen Aus- 
flug zu machen, als wir es beschliessen; entschliessen 
wir uns etwa ebenso leicht, unseren Schuhmacher 



zu wechseln, als wir es beschliessen. Und doch 
würden wir, wenn wir genauer sprächen, und wenn 
die Würde dessen, was ein Entschluss ist, uns hin- 
reichend gegenwärtig wäre, solche Kleinigkeiten 
höchstens beschliessen, uns aber nimmer dazu ent- 
schliessen. Aber wir sind es müde geworden, in 
diesem und in manchem ähnlichen Punkte Unter- 
scheidungen zu machen, und legen deshalb in unserer 
Umgangssprache dem schweren Entschluss nicht 
mehr durchweg den Adel bei, der ihn über den 
leichten Beschluss erhebt. Es muss wohl sein, 
dass unser heutiges, in bestimmten Geleisen monoton 
verlaufendes, von denselben weltlichen Motiven be- 
wegtes Leben nicht mehr genug Entschlüsse pro- 
duziert, um das, was sie von blossen Beschlüssen 
trennt, im allgemeinen Bewusstsein lebendig zu er- 
halten. So ist denn der Begriff ,, Entschluss" all- 
mählich in den ,,Beschluss" hinabgetaumelt, ohne 
dass der Beschluss von der Superiorität des ehe- 
mahligen Entschlusses merklich erhoben worden 
wäre. Es ist nunmehr fast alles Beschluss geworden, 
ein Vorsatz, der einen nicht besonders erregt, der 
aber auch nichts Besonderes bezweckt. 

In all den Beispielen, die wir bisher gemustert 
haben, fanden wir, dass die betreffenden Völker die- 
selben Gedanken hatten, und, wenn auch in ver- 
schiedener Stärke, so doch immer stark genug, um 
sie ohne Umschreibung mit einem einzigen Worte 
auszudrücken. Denn nur diejenigen Gedanken werden 
ja mit einem einzigen Worte bezeichnet, welche oft 
genug vorkommen und lebhaft genug aufgefasst 
werden, um diese kurze Vortragsweise nötig zu 



* 25 * 

machen. Aber manche Gedanken kommen manchen 
Völkern nicht oft genug vor, oder werden nicht leb- 
haft genug empfunden, um besondere Worte für sie 
nötig zu machen, während sie von anderen Völkern 
für wichtiger gehalten und des Vorzugs besonderer 
"Worte gewürdigt werden. Naturanlage, Umgebung 
und Geschichte entscheiden darüber. Alle Sprachen 
z. B. haben ein besonderes Wort für Vater — gibt's 
doch bei allen Völkern Väter, und sind doch bei 
allen die Väter von jeher wichtig genug gewesen, 
um in der kürzesten und schärfsten Weise, d. h. mit 
einem Worte benannt zu werden. Aber nur manche 
Idiome, in denen verwandtschaftliche Beziehungen 
besonders innig oder besonders streng aufgefasst 
werden, unterscheiden zwischen der Schwester des 
Vaters und der der Mutter. Die meisten sagen für 
beide gemeinsam Tante. Ebenso haben alle Sprachen 
ein Wort für „werfen"; aber manche wilde Völker, 
deren Mitglieder sich ziemlich häufig zu bombardieren 
pflegen, haben verschiedene Ausdrücke für ,, scharf 
und schneidig werfen", für „matt werfen", „im Bogen 
werten" u. s. w. Und wir brauchen gar nicht bis zu 
den Wilden zu gehen, um dieselbe Erfahrung zu 
machen. Haben Sie einmal englische Damen Kleider 
einkaufen gesehen? Es wird Ihnen dann gewiss auf- 
gefallen sein, wie genau sie die verschiedenen Farben- 
schattierungen unterscheiden. In Deutschland be- 
helfen wir uns gewöhnlich mit den allgemeinen Be- 
zeichnungen: rot, grün und gelb, braun und blau, 
und haben höchstens noch ein paar fremde Worte, 
wie lilla, rosa und dergl. für beliebte Mitteltöne. 
Darüber hinausgehende Unterscheidungen macht nur 



* 26 * 

der Maler, der Fabrikant und höchstens die Putz- 
macherin. Für die Masse gewöhnlicher, farbloser 
Menschenkinder wäre es affektiert, ihnen nachzu- 
ahmen. Anders in England. Kein englisches, einiger- 
massen entwickeltes Kind wird die beiden Farben- 
töne rose colour und pink mit einander verwechseln, 
obschon wir beide nur mit „rosa" bezeichnen. Keine 
englische Dame wird es unnatürlich finden, zwischen 
violet und peach d. h. zwischen Veilchen- und 
Pflaumenblütenfarbe zu unterscheiden, obgleich ihre 
deutschen Schwestern die letztere Farbe, so weit 
meine Erfahrung reicht, gar nicht benennen. Kein 
englischer Schriftsteller, der etwas auf treffenden 
Ausdruck hält, wird es unterlassen, hazel hazel, au- 
burn auhurn und bay bay zu nennen, wenn auch ein 
Deutscher, der nicht gesucht erscheinen will, in allen 
drei Fällen nur „braun" zu sagen pflegt. Ein gil- 
tigerer Beweis, dass die sinnliche Naturbetrachtung 
in England lebhafter ist, als bei uns, Hesse sich nicht 
beibringen. In Deutschland wird nur derjenige, der 
ein besonderes Auge für Farben hat, jene Abstu- 
fungen entdecken, und dann mit eigengeschaffenen 
Umschreibungen bezeichnen müssen, die in England 
jedermann als selbstverständlich verschieden ansieht, 
und deshalb mit speziellen, allgemein angenommenen 
und althergebrachten Worten benennen kann. Hier 
hat also der deutsche Sprachschatz geradezu eine 
Lücke im Vergleich zum englischen. Es ist dies 
einer der wesentlichsten Unterschiede, die zwischen 
zwei Sprachen obwalten können, eine jener That- 
sachen, die am schlagendsten zeigen, wie die Sprache 
ein Spiegel ist der Gedanken, die allen Mitghedern 



* 27 * 

eines Volkes gemeinsam sind, und wie verschieden 
sich diese Gedanken und darum die sprachlichen 
Spiegel derselben gestattet haben. 

Wie ein Tropfen zum Ozean, so verhalten sich 
die wenigen Worte, an denen ich mir erlaubt habe, 
das Walten des Sprachgeistes in den Bedeutungen 
darzulegen, zu den mannigfachen anderen Beobach- 
tungen, die darüber gemacht, und zu den Tausenden 
von Beispielen, mit denen sie belegt werden könnten. 
Was ich gesagt habe, wird indes vielleicht genügen, 
um zu erweisen, wie die Sprache die genaueste 
Photographie der den Mitgliedern eines Volkes 
eigentümlichen und gemeinsamen Gedankenwelt ist. 
In der That, wenn wir bedenken, dass alle Worte 
aller Zungen Bedeutungen haben, die nur ihnen zu- 
kommen, und dass die Worte anderer Idiome, die 
dasselbe bedeuten sollen, ihnen fast niemals genau 
entsprechen, so mögen wir danach ermessen, wie 
national unsere Gedanken durch die Sprache gemacht 
werden. Wer im Deutschen ,, Freund" sagt, erkennt 
dadurch den deutschen Begriff der Freundschaft an; 
wer „Entschluss" sagt, den deutschen Begriff von 
Entschluss. Wenn dagegen der Franzose sein anii 
ausspricht, ist es, wie wir gesehen haben, nicht 
genau unser ,, Freund" ; wenn der Engländer resolufion 
gebraucht, nicht genau unser moderner ,, Entschluss". 
Und so fort durch fast alle Wörter, alle Sprachen. 

Eine Folge dieser Verschiedenheit ist es, dass 
dadurch das Übersetzen von einer Sprache in die 
andere nicht allein schwer, sondern, genau ge- 
nommen, unmöglich gemacht wird. Das klingt der 
Flut von Übersetzungen gegenüber, mit der beson- 



* 28 * 

ders unsere deutsche Litteratur überschwemmt wird, 
paradox, ist aber, wenn man unter Übersetzung eine 
völlig exakte Wiedergabe des Originals versteht, 
nichtsdestoweniger gewiss. Wörtliche Übertragung 
ist nach dem, was wir gefunden haben, nicht immer 
genau. Im Gegenteil, je wörtlicher sie ist, desto un- 
genauer wird sie in vielen Fällen sein, wenn wir sie 
mit dem höchsten Massstabe innerlichen, geistigen 
Entsprechens messen. Durch Umschreibungen kann 
man dem Sinne eines fremden Wortes allerdings 
näher kommen, als durch wörtliche Übertragung; ihn 
völlig wiederzugeben, müsste aber die Umschreibung 
eine sehr weitläufige sein. Enthält doch jedes Wort 
einen so zart schattierten Begriff, dass, wollte man 
ihn gehörig zur Anschauung bringen, man seiten- 
lange Erklärungen darüber geben müsste, wie wir 
oben über ami, resolutton u. s. w. Und so lässt sich 
denn doch nicht übersetzen, dass man für jedes 
fremde Wort eine ganze Seite in der eigenen Sprache 
schreibt. Der Zusammenhang des Satzes wenigstens 
würde durch diese Klarheit, die man dem einzelnen 
Worte gäbe, verdunkelt werden, und die Wirkung 
auf das Gefühl, die nur durch die rasche Auffassung 
des Zusammenhangs erzielt werden kann, verloren 
gehen. Indessen, wie wir alle wissen, ist es glück- 
licherweise nicht nötig, so genau zu sein, um ein für 
alle praktischen Zwecke hinreichendes Abbild des- 
jenigen, was in einer Sprache gesagt ist, in einer 
anderen wiederzugeben. 

Eine andere Folge der erwähnten Verschieden- 
heit ist es, dass, wer in die Fremde geht, seine Sprache 
aufgiebt und eine andere annimmt, deshalb mit den 



* 2g * 

Worten auch seine Meinungen unbewusst ändert. 
Er kann die alten Meinungen mit den neuen Worten 
eben nicht genau wiedergeben, während die neuen 
Worte ihm von selbst neue Meinungen in den Mund 
legen. Wer aber zu Hause bleibt und fremde Sprachen 
lernt, braucht seine nationalen Meinungen nicht auf- 
zugeben, kann sie aber durch die Beobachtung der 
fremden bereichern ; er fühlt, dass die fremden Worte 
etwas anderes bedeuten als seine eigenen, und sieht, 
dass sie andere Ansichten voraussetzen. Darum ist 
das Studium fremder Sprachen so bildend für Geist 
und Herz, wenn es ernstlich betrieben wird; darum 
so anregend selbst bei der flüchtigen Methode, die 
wir gewöhnlich befolgt sehen. In Grammatik und 
Lexikon reisen wir gewissermassen nach fremden 
Landen und sehen alle bekannten Dinge, vom Bau- 
stil bis zum Kleiderschnitt, vom feierlichen Ernst bis 
zum heiteren Scherz national verändert, gemodelt und 
maskiert vor uns. Es ist freilich müheloser, solche Be- 
trachtungen in den Londoner und Newyorker Strassen 
zu machen, als im englischen Wörterbuch; aber wer 
nicht lange genug in London bleibt, um die Sprache 
wirklich zu begreifen, kann in Berlin besser aus dem 
Lexikon lernen, was die Engländer sind, als in Lon- 
don aus der Besichtigung aller Merkwürdigkeiten. 

Nichts ist überdies mehr geeignet, uns gegen 
andere Völker gerecht zu machen, als die Erforschung 
der eigentümlichen Gedankenwelt ihrer Sprache. Die 
Nationalcharaktere mancher Völker, oder vielmehr 
einige hervorstechende Züge darin, widerstreben 
uns; mit anderen hat uns die Geschichte in feind- 
liche Berührung gebracht; in beiden Fällen sind wir 



nur allzu geneigt, uns generalisirenden Vorurteilen 
hinzugeben. Wer ihre Sprachen eingehender be- 
trachtet, wird in der Würdigung anderer Nationen 
milder und vorsichtiger werden. Er wird in den Be-^ 
deutungen und Verbindungen der Worte die tieferen 
Seiten der Völker erkennen, ihren Geist pulsieren, 
und mancherlei Warmes, KUuges und Menschliches 
darin walten sehen, was er als Gegengewicht gegen 
missfallige Eigenschaften und Handlungen in An- 
schlag bringen sollte. Er wird auch in weniger ent- 
wickelten Stämmen edle Anlagen schlummernd er- 
blicken, Anlagen, die der weckenden Stimme harren, 
und von dem am ehesten wachgerufen werden, der 
das Gemüt des Volkes, der seine Sprache am besten 
begreift. Er wird es nicht unnatürlich finden, dass 
selbst die unzivilisiertesten unter diesen auf ihre Na- 
tionalität und Sprache, welche ihnen ihre Gedanken- 
welt, ihr eigenes Ich repräsentiert. Gewicht zu legen 
pflegen, und wird sich hüten, den Kampf, den manche 
von ihnen gegen geistig und ökonomisch vorge- 
schrittenere Nachbarn kämpfen, durch Spott und 
Missachtung zu verbittern. Vordringend wird er in 
jeder Sprache den Quell der göttlichen Vernunft 
rieseln sehen, in manchen nur ein Bächlein, in anderen 
schwellend zum weiten, tiefen Strom. Er wird die 
Sprechenden schätzen lernen in der Sprache, und die 
Sprache in den Sprechenden, und den Dichter ver- 
stehen und mit ihm sagen: 

In jedem Wort, wenn wir's erwägen, liegt ein ganzes Buch, 
Und mannigfach ist auszvilegen der einfachste Spruch. 
Viel kann aus wenig Worten lernen, wem es ist verliehn. 
Als wie du kannst aus kleinen Kernen grosse Bäume ziehn. 



n. 

ÜBER DEN 

BEGRIFF DER LIEBE 

IN EINIGEN ALTEN UND NEUEN 
SPRACHEN. 



Da der kürzeste Ausdruck eines Gedankens ein 
Wort ist, so haben die Menschen diejenigen 
Gedanken, welche sie am häufigsten und lebhaftesten 
denken , in dieser gedrungenen Form verkörpert. 
Gedanken, welche seltener oder matter gedacht wer- 
den, müssen durch die Zusammenstellung mehrerer 
Worte, die sich gegenseitig ergänzen, ausgedrückt 
werden. 

Nehmen wir den Gedanken „Mann", so werden 
wir es natürlich finden, ihn, der so häufig vorkommt, 
in allen Sprachen durch ein besonderes Wort ver- 
treten zu finden. Und zerfiele ein Volk in zwei Be- 
standteile, von denen der eine den anderen beträcht- 
lich im Wüchse überragte, oder wäre es selber gross 
und käme in öftere Berührung mit kleineren Leuten, 
so würde es ebenso begreiflich sein, in seiner Sprache 
den Ausdrücken Riese und Zwerg zu begegnen. 
Wäre bei einem anderen Volke dagegen das Durch- 
schnittsmass ein stetiges, und eine andere, anders 
gewachsene Rasse unbekannt, so könnte es nicht 
befremden, wenn die seltenen Ausnahmen, die es 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. 3 



* 34 * 

etwa sähe, anstatt durch besondere Worte, durch 
solche Zusammensetzungen wie etwa ,, grosser Mann, 
kleiner Mann" bezeichnet würden. Damit würden 
die Gedanken ,, gross" und „klein", die als häufig 
vorkommend eigene Worte für sich allein haben, zur 
Bezeichnung zweier Unterarten des Gedankens Mann 
verwendet worden sein, für welche, da sie selten 
gebraucht werden, besondere Worte nicht geschaffen 
worden sind. 

Ebenso verhält es sich mit complicirteren Ge- 
danken. Angenommen ein Volk von gesunder Leibes- 
und Geistesanlage lebte in Verhältnissen, die ihm 
häufige gefährliche Kriege auferlegten. Bei einer so 
gestellten Nation würden wir erwarten, Worte zu 
finden, welche die Eigenschaft, die es am meisten 
bedürfte, bezeichnen. Mut, Herz, Dreistigkeit, Ent- 
schlossenheit, Kühnheit, Unerschrockenheit, Verwegen- 
heit wären Gesinnungen, die es häufig und intensiv 
hegen, und deshalb mit ebenso viel besonderen Worten 
benennen müsste. Ein anderes Volk aber, dem es 
im Frieden zu leben vergönnt gewesen, würde weniger 
Veranlassung gehabt haben, diese Gefühle zu fühlen 
und auszudrücken. Freilich, da der Mut sich nicht 
nur im Kriege, sondern auch in vielen anderen Lagen 
geltend zu machen hat, so ist es wahrscheinlich, dass 
auch ein solches Volk in seiner idyllischen Ruhe ein 
eigenes Wort für diese notwendige oder mindestens 
wünschenswerte Eigenschaft besitzen würde ; aber die 
anderen aufgeführten Worte könnten fehlen, insofern 
die Gelegenheit zu ihrer Entwicklung gemangelt hätte 
— die Gelegenheit, in allerlei Not und Fährnis immer 
andere, immer stärkere Seiten des Mutes zu zeigen 



* 35 * 

und zu üben. Sollte ausnahmsweise einmal ungewöhn- 
licher Mut vonnöten und vorhanden gewesen sein, 
so würde man ihn grosser Mut, aber nicht Kühnheit 
genannt haben. 

Wenn dies richtig ist, so ergiebt sich daraus, 
dass die Worte einer Sprache die gebräuchlichsten 
und empfundensten Gedanken eines Volkes aus- 
drücken; dass sich in ihnen die wesentlichen Züge 
seines seelischen Seins in einem echten und unzweifel- 
haften Abdruck wiedergeben; dass seine natürliche 
Anlage, seine Erlebnisse und seine Geschichte sich in 
diesen authentischen Zeugnissen spiegeln müssen. Ein 
Volk, das viele Worte für irgend eine sinnliche oder 
geistige Vorstellung hat, muss sich viel mit derselben 
beschäftigt, muss sie nach mancherlei Seiten hin ent- 
wickelt und nüancirt haben ; ein Volk , bei dem das 
Gegenteil der Fall ist, lässt uns den entgegengesetzten 
Schluss auf seine äussere und innere Geschichte 
machen. Das Wörterbuch, zumal wenn es die Be- 
deutung der Worte nicht nur oberflächlich angiebt, son- 
dern aus ihrem Gebrauch heraus genau definirt, nimmt 
damit die Gestalt eines psychologischen Repertoriums 
an, und die Erkenntnis seines Inhalts wird zur scharf 
umrissenen Skizze einer nationalen Individualität. 

Zur Skizze, nicht zum Gemälde. Denn da be- 
kanntlich viele Gedanken nicht durch einzelne, son- 
dern durch mehrere zusammengestellte Worte — 
diirch Sätze — ausgedrückt werden, so geben die 
einzelnen Worte nur einen Umriss des nationalen 
Denkens, dessen wechselnde Colorirung und Schattirung 
von alle dem, was mit den Worten zusammen ge- 
dacht wird, geliefert wird. Das Wort ist der Bau- 



* 3Ö * 

stein, der Satz das Gebäude, jedes Buch, jede Rede 
eine Stadt für sich. Dieser Gebäude wechselnden 
Styl zu beschreiben, ist die Aufgabe der Kultur- und 
Litteraturgeschichte ; die Erforschung des Bausteins, 
der, lange dauernd, verhältnismässig wenig im Laufe 
der Zeiten sich verändert, verbleibt der Philologie. 
Ebenso die Beschreibung derjenigen Verbindungen, 
in denen zwei oder mehrere Worte so häufig auf- 
zutreten pflegen , dass sie einen stereotypen , vom 
Volksbewusstsein einheitlich acceptirten Gedanken 
bilden. 

Wir beabsichtigen in den folgenden Blättern ein 
Häuflein dieses nützlichen Materials zu betrachten. 
Es sind die Worte, die die verschiedenen Arten der 
menschlichen Liebe bezeichnen. Eine so mächtige 
und doch so zarte Empfindung schildernd, gestatten 
sie einen tiefen Einblick in das Herz derer, die sie 
geschaffen und gebrauchen. So stark das Gefühl 
in ihnen pocht, so delikat sind die Unterschiede, die 
sie von einander trennen; so gewaltig der ganze 
Begriff, so fein die Teile, in die er sich spaltet. 
Sowohl in der lebhaften Färbung der Worte, die 
die Liebe bezeichnen, als in ihrer Menge und viel- 
fach verschiedenen Bedeutung , tritt das Gewicht 
hervor, welches man auf das Gefühl gelegt, und 
die reichen Mittel, deren man sich zu seinem Aus- 
drucke bedient. Dies macht die Worte der Liebe 
besonders geeignet, den Wert der Sprache als einer 
wahren Selbstschilderung der Völker zu erläutern. 

Die Worte, für die wir uns entschieden haben, 
auch nur in einer Sprache eingehend zu untersuchen, 
würde ein Buch geben. Denn es müssten dann ihre 



* 37 * 

genaue Bedeutung nicht nur mitgeteilt, sondern durch 
viele Vergleiche erst festgestellt, und von etwaigen 
abweichenden Anwendungen losgeschält werden. Es 
müsste vor den Augen des Lesers der Prozess voll- 
zogen werden, durch welchen die Durchschnittsbe- 
deutung eines Wortes von eigentümlichen Anwen- 
dungen, wie sie der Sinn eines einzelnen Satzes und 
die Persönlichkeit der Schriftsteller mit sich bringt, 
gesondert, und das feste Erz ihres Inhalts von der 
täuschenden Hülse dieser oder jener zufälligen Um- 
stände befreit wird. Es müsste auch eine Geschichte 
seiner Bedeutung geschrieben werden. Da wir uns 
darauf beschränken werden, Resultate zu geben, fügen 
wir für diejenigen Leser, die näher einzugehen wün- 
schen, einige Beispiele, die den Durchschnittswert 
der Worte zeigen, in den Anmerkungen des Anhangs 
hinzu. 

Um unseren Gegenstand voller zu fassen, wollen 
wir mehrere Sprachen heranziehen. Wir behandeln 
die Worte, die Liebe bezeichnen, zuerst in jeder 
Sprache allein, und erhalten somit ein Bild desjenigen, 
was das einzelne Volk darüber gedacht; die Neben- 
einanderstellung der so gewonnenen Bilder wird dann 
ergeben, wie die verschiedenen Völker sich unter- 
scheiden, und durch die Vergleichung ähnlicher Worte 
mehrerer Sprachen jedes einzelne Wort noch ge- 
nauer definiren. So werden sowohl die National- 
charaktere hervortreten, als die Natur und Eigentüm- 
lichkeit der Liebe selbst durch diese volkstümlichen 
Anschauungen dargelegt werden. Die vier Sprachen, 
die wir zur Vergleichung gewählt haben, sind verschie- 
denen Stämmen und Perioden entnommen. Ebräisch 



* 3^ * 

soll uns die semitische Urzeit vergegenwärtigen, Latein 
das gebildete europäische Altertum, Englisch die neue 
germanische, und Russisch die aufstrebende slavische 
Welt vertreten. Durch Zeit , Ort , Anlage und Ge- 
schichte contrastirend, werden diese vier Völker um 
so fähiger sein, sich gegenseitig durch starke Schlag- 
lichter zu beleuchten. 

I. Lateinisch. 

Der Römer unterschied in der Liebe zunächst 
die freiwillige und die pflichtmässige Neigung. In 
jeder von diesen beiden sah er wiederum zwei ver- 
schiedene Färbungen. Die freiwillige Neigung be- 
ruhte ihm entweder auf einem Gefühl, in dem sich, 
was zuerst nur Verstandesüberzeugung von dem 
Werte der betreffenden Person war, allmälig zu 
einer wärmeren, aufmerksameren Würdigung der 
Schönheit und Güte ihres Wesens verdichtet hatte. 
Oder sie war reines Gefühl, das aus den geheimnis- 
vollen Tiefen der Seele kommend, bald schwächer 
bald stärker strömend, aber immer der Schranken 
der Überlegung spottend, alle Stufen der Zuneigung 
vom blossen Wohlgefallen bis zu dem gewaltigen 
Zuge der Leidenschaft durchlaufen kann. Die erste, 
erwogenere Art der aus eigenem Antrieb geschenk- 
ten Liebe drükte der Römer durch diligere aus ^) ; 
die zweite, unbewusstere, durch amare.'^-) 

Ebenso wurden in der pflichtmässigen Liebe 
zwei Stufen angenommen, Caritas und pietas. Caritas 
ist die sittliche Gesinnung mit der wir das Band der 
Natur anerkennen, das uns an Eltern, Geschwister 
und bewährte Freunde knüpft, die liebende Treue, 



* 39 * 

die wir denen wahren, die uns zu dauernden Ge- 
fährten auf dem Lebenswege beigegeben sind. •^) 
Pietas steht auf demselben Gebiete, aber höher. Es 
sieht solche edle Treue nicht allein als eine Pflicht 
der sittlichen Gesinnung, sondern als eine Obliegen- 
heit gegen die Götter selber an, und leiht ihr zur 
moralischen Wärme und Reine die erhabenere Weihe 
der Religion. Die Bedeutungssphäre der pietas reicht 
deshalb nicht ganz so tief hinunter, dagegen etwas 
höher hinauf, als die der Caritas; einen mittleren 
Bezirk haben sie beide gemeinsam. Pietas ward selten 
auf die Gefühle angewandt, die der Römer für Freunde 
hegte, da der Freund ihm nur durch den eigenen 
Willen, aber nicht durch das gottgesetzte Band des 
Blutes verbunden war. Desto häufiger ragte die Be- 
deutung des Wortes in die überirdischen Regionen 
hinein, in denen der antike Mensch sich der Gottheit 
ehrfürchtend hinzugeben trachtete. Pietas war recht 
eigentlich die Gesinnung, mit der, aus Demut und 
Dank gemischt, der Mensch sich an die Himmlischen 
gebunden erachten sollte^). Für den Ausdruck der 
Römischen Ergebenheit an Vaterland, Eltern und 
Kinder dagegen dienten Caritas und pietas gemein- 
sam, je nachdem die sittliche oder religiöse Seite 
dieser Pflicht mehr betont wurde. 

Ein allgemeiner und in seiner Allgemeinheit not- 
wendigerweise unbestimmter Ausdruck für fast den 
ganzen Inhalt der eben behandelten Gefühle war 
affcctiis. Ursprünglich nur ein Gefühl der Teilnahme, 
der Erregung ausdrückend, ging es bald zur Bezeich- 
nung einer wärmeren Empfindung über, die aber zu 
flüchtig blieb und sich zu wenig Rechenschaft gab, 



* 40 * 

um durch ein Wort von ausgesprochenerer Färbung 
bezeichnet zu werden, Affectus in diesem Sinne ist 
eine lebhafte Zuneigung, die entweder nicht stätig 
genug ist, um zu einer wirkHchen inneren Ueber- 
zeugung zu reifen, und sich demnach als amor, pietas, 
Caritas oder düectio zu individualisieren, oder die, selbst 
bei längerer Dauer, sich zu sehr als leidenschaftliche 
Laune giebt, als dass sie ihre Wahl zwischen den 
verschiedenen Arten der Liebe treffen, sich für die 
eine oder andere entscheiden, sich zu der einen oder 
anderen ausgestalten könnte. ^) Es ist demnach mehr 
heftig als treu; mehr beteuernd als haltend; mehr 
verlangend als gewährend. Dazu trat aber seiner 
Zeit noch eine andere, bessere Bedeutung. In der 
mittleren Periode der römischen Geschichte, als die 
Standes- und Gesinnungsunterschiede zwischen den 
verschiedenen Klassen, und den einzelnen Menschen 
merklicher wurden, und die Gefühle sich demnach 
zurückhaltender zu äussern anfingen, wurde affectus 
auch für ruhigere und anhaltendere Empfindungen 
gebraucht. Es diente dann dazu, die Liebe, die der 
entwickeltere, von mancherlei socialen und indivi- 
duellen Schranken gehemmte Mensch" nicht mehr so 
leicht sich ergiessen lässt, unter dem weiten Kleide 
seiner Bedeutung zu bergen, ohne dadurch ihre Wahr- 
heit und ihren Wert zu beeinträchtigen. Es wurde 
ein Wort, in dem man gewissermassen andeutungs- 
weise von der Liebe sprach, das die Liebe in sich 
schloss, ohne sie zu erwähnen. '') Es ist bemerkens- 
wert, dass das Wort, als es sich zusammen mit der 
ganzen Stimmung des römischen Geistes auf diese 
Entwickelungsstufe gehoben hatte, ungleich häufiger 



* 41 * 

für die Bezeichnung der Liebe gebraucht wurde, als 
früher, da es deutlicher sprach, aber grade dadurch 
das Unbeständige seines ursprünglichen Sinnes zu 
sehr hervortreten Hess, um für ein bleibendes Gefühl 
gewählt werden zu können. Das alte affectus ist ein 
Hangen nach Personen und Dingen, deren Besitz mit 
unwillkürlichem Trieb erstrebt wird; das spätere 
eine ruhige, innigere Liebe, nicht eben demonstrativ, 
aber verlässlich. Das erstere geht gern auf die 
Schönheit des Weibes ; das letztere oftmals auf 
die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und 
Freunden. 

Ein eigentümlich interessanter Unterschied trennt 
affectus von affectiv. Die beiden Worte kommen 
von demselben Stamme, und die Ableitungssylben 
mit denen sie gebildet sind, unterscheiden sich, all- 
gemein gesprochen, gewöhnlich in der Art, dass tio 
ein Werdendes, tus ein Gewordenes anzeigt. Im 
vorliegenden Fall ist es aber umgekehrt. Affectus 
ist das unbestimmtere Wort, in welchem sich allerlei 
Schattirungen hin- und hertummeln, und ein engerer, 
festerer Bedeutungsniederschlag nur zögernd bildet; 
affectio ist von Anfang an ein genauerer, besser aus- 
geprägter Begriff. Die Erklärung dieser ausnahms- 
weisen Erscheinung dürfen wir wohl in der vagen 
Bedeutung des Stammes suchen, von dem beide ab- 
geleitet sind. Da die Endung tus ein Gewordenes 
anzeigt, so muss affectus, wenn der Stamm eine 
verschwimmende Bedeutung hat, ebenfalls eine weite, 
wenig abgegrenzte Begriffssphäre umfassen. Das 
Gewordene ist dann nur der echte Sohn seines Er- 
zeugers, dessen Züge es in seinem eigenen Gesichte 



* 42 * 

wiedergiebt. Anders mit affectio. Es bedarf keines 
Beweises, dass ein gewisser Grad von absichtlicher 
Sammlung erforderlich ist, um das Werden eines 
Dinges zu beobachten, das, wenn es fertig ist, sich 
nicht als ein rundes, vollkommenes Ganze, sondern 
als ein wallender, fliessender, aus dem nebulösen Zu- 
stande noch nicht vöUig verdichteter Körper zu er- 
kennen giebt. Affectio ist demnach ein Gebilde der 
Reflexion, während der Begriff des affectus der un- 
mittelbaren Wahrnehmung lebendiger, aber wankel- 
mütiger Gefühle entsprungen ist. Dass die letzteren 
existiren, ist eine der häufigsten Erfahrungen, die 
man im Gebiete des Seelenlebens machen kann; dass 
und wie sie werden, kann nur ein aufmerksamer Be- 
obachter erkennen, da sie zu schnell vorüberzugehen 
pflegen , um lange unter der Linse zu bleiben, oder 
den Meisten unter uns eine besondere Anstrengung 
ihrer Sehkraft lohnend zu machen. Je wahrer dies 
ist, desto gewisser wird das Ergebnis der Beobach- 
tung, wo sie überhaupt angestellt wird, eine ver- 
gleichsweise Genauigkeit beanspruchen, und zu ent- 
sprechenden Folgerungen einladen. Affectio hat dem- 
nach eine sichtliche Tendenz, das vorübergehende 
Interesse, aus dem es entspringt, zu einem inten- 
siveren Gefühl zu krystallisieren , und als dauernde 
Neigung aufzufassen. Während das ursprüngliche 
afectus gierig, aber flatterhaft ist, hat affectio, durch 
die Betonung seines Werdens als ein allmälicher 
Vorgang mit erklecklichem Endergebnis angesehen, 
danach gestrebt, weniger gewaltsam aber stätiger zu 
sein. Dieser Unterschied zeigt sich auch in einer 
anderen Seite ihrer Verwendung. Äff actus wird selten 



* 43 * 

für „Liebe" gebraucht, wenn nicht aus dem Zusammen- 
hang diese besondere Bedeutung des vieldeutigen 
Wortes klärHch erhellt; affectio dagegen bildet die 
Bedeutung der Liebe stark genug aus, um sie allein 
wiedergeben zu können, ohne dass es einer erläutern- 
den Umgebung bedarf. ^) 

Es erübrigt noch, eine für das römische Wesen 
charakteristische Art dienstwilliger Zuneigung zu be- 
trachten — das Studium. In den alten Tagen der 
Republik und bis in die Kaiserzeit hinein, galt die 
politisch-gesellschaftliche Gliederung der Stadt — im 
wesentlichen wenigstens, — als ein so gutes, natür- 
liches und ehrwürdiges Ding, dass der Untergeordnete 
die Dienste, die er dem Höherstehenden leistete, als 
eine schöne Pflicht betrachtete, und den Patron liebte, 
der ihm zu dieser, den Menschen mit dem Menschen 
verbindenden Obliegenheit Gelegenheit gab. Diese Ge- 
sinnung beruhte auf dem clanartigen Zusammenhalten 
der verschiedenen grösseren und kleineren Genossen- 
schaften, und wob den Nutzen so mit der Neigung 
zusammen , dass , was Vorteil brachte und Schutz 
verlieh, nicht nur dieser fühlbaren Wohlthaten wegen, 
sondern auch um des heiligenden Verhältnisses halber, 
das zwischen Erzeigen und Anerkennen bestand 
geliebt wurde. Studiuyn war die berechtigte Vor- 
liebe, die jeder für seine nächsten politischen Herren, 
Gönner und Freunde hatte, die enge Anhänglichkeit, 
die er denjenigen widmete, die seine Interessen im 
Staate vertraten, und ihn aus einem vogelfreien Nichts 
— der natürlichen Stellung des Menschen im Alter- 
tum — zu einer gesetzlichen, mit gewissen Befug- 
nissen ausgestatteten Existenz erhoben. Daran schloss 



* 44 * 

sich gleichzeitig die weitere Bedeutung der Ergeben- 
heit fürs Vaterland, für die Partei, für besonders 
wertgeschätzte Personen, denen man, auch ohne ein 
Verhältnis der obgenannten Art, gerne diente. Die 
allgemeinste Bedeutung ist Menschengunst. *) Gegen- 
liebe und Gegendienste werden von dem Worte in 
der Regel vorausgesetzt, da es auf dem Boden eines 
wirksamen, beiderseitig anerkannten Wechselverhält- 
nisses ruht. Auch in den selteneren Fällen, in 
denen es von den Gesinnungen des Höheren gegen 
den Niederen gesagt wird, ist dies die Regel. 

An diese Bemerkungen über den inneren Wert 
knüpfen wir einige Zeilen über die äussere Gestalt 
der behandelten lateinischen Worte. Caritas \xr\d pietas 
sind Haupt Worte, denen entsprechende Eigenschafts- 
worte, aber keine Zeitworte zur Seite stehen. Natür- 
lich. Die Begriffe, die sie ausdrücken, sollen ja ein- 
geborene Eigenschaften der menschlichen Seele sein, 
sollen nicht erst werden, auch nicht im Handeln 
allein sich zeigen, sondern sollen vorhanden sein, so- 
bald der Mensch fähig ist, sie zu denken, und in 
allem wirken und sich geltend machen, was er in 
ihrer Bedeutungssphäre thut. Diligere dagegen ist 
nur Zeitwort, und hat erst in nachklassischer Zeit ein 
selten gebrauchtes, und kaum römisch zu nennendes 
Hauptwort hervorgebracht. Da seine Bedeutung in 
dem Punkte, auf welchen es hier ankommt — ob 
ruhende Gesinnung, ob thätiges Handeln — das Gegen- 
teil von pietas und Caritas ist, so wird sich auch der 
Grund dieses formellen Unterschiedes unschwer er- 
kennen lassen. Pietas und Caritas gegen Freunde, 
Verwandte, Vaterland und Götter waren pflichtmässige 



* 45 * 

Gesinnungen jeder römischen Seele; sie mussten in 
ihr liegen, auch wenn sie sich nicht in jedem Augen- 
blick handelnd zeigten — sind also Substantive. 
Diligere dagegen ist das Lieben aus freiwilliger Wahl 
in Bezug auf Fernstehende, die wir berechtigt sind 
zu beachten oder gleichgültig zu übergehen, je nach- 
dem wir uns entscheiden mögen. Diligere wählt, 
entschliesst sich, zeichnet aus, existirt also überhaupt 
nicht, ausser wenn es sich handelnd äussert — es 
ist also Verbum. Pietas und Caritas sind notwendige 
Tugenden, auch wenn sie nicht immer Gelegenheit 
haben, sich thätig zu zeigen, und manchmal im Schooss 
der Seele zu schlummern scheinen — also Substantive; 
diligere ist eine ausgeübte Fähigkeit — also Verbum. 
Als Ausdruck von formell umfassenderem Sinn und 
deshalb sowohl in Verbal- als in Substantivform treten 
uns die übrigen vier Worte anior, Studium, affectus 
und affectio entgegen. Die Leidenschaft des amor 
ist sowohl eine handelnde Kraft, als ein tief inne- 
wohnender Mischungsbestandteil der Seele selbst, ein 
thätiges imd auch, wenn es einmal nicht thätig wäre, 
ein Seiendes — also ein Verbum, und zugleich ein 
Substantivum. Studium wird ebenfalls von seiner 
innersten Natur getrieben, sich zu bethätigen, während 
es, in seiner ernstlichen Zugethanheit , gleichzeitig 
eine dauernde Wesenheit zu sein beansprucht: ein 
amor, aus dem Idealen in das nüchterne Gebiet der 
gesellschaftlichen Beziehungen versetzt, aber wieder 
geadelt durch die warme Anerkenntnis der gegen- 
seitigen Bedürftigkeit, mit der es den Austausch von 
Diensten und Gefälligkeiten verschönt. Auch dieses 
Wort, thätig und dauernd zugleich, kleidet sich somit 



* 4^ * 

passend in das verbale nicht minder, als in das sub- 
stantivische Gewand. Wir können dieselbe Bemer- 
kung auf affectus und affectio ausdehnen, wenn wir 
dabei beachten, dass das zu ihnen gehörende Verbum 
über den Sinn von „Eindruckmachen" nicht hinaus- 
kömmt. Erst die beiden Substantive haben, dem 
engeren Charakter dieses Redeteils gemäss, den Be- 
griff des Zeitworts afficere prägnanter gefasst, und 
aus einem blossen Eindruckmachen zur fertigen, wenn 
auch flüchtigen Neigung verwandelt. Solange das 
Eindruckmachen fortdauert, wie im Verbum geschieht, 
ist es eben noch keine Liebe geworden; der gemachte 
Eindruck dagegen, den das Hauptwort repräsentirt, 
ist schon etwas Solideres. 

n. Englisch. 

Die Liebe des Engländers ist ein freies Geschenk, 
welches mehr von dem Geber, als von geselligen 
oder verwandtschaftlichen Verhältnissen abhängt. Ihre 
verschiedenen Arten unterscheiden sich mithin nach 
der Wärme und Färbung, die von der jedesmaligen 
persönlichen Empfindung in sie hineingetragen werden ; 
nehmen aber geringere Rücksicht auf die Umstände, 
die die äussere Stellung der Liebenden zum Geliebten 
mit sich bringen. Fast jedes der englischen Liebes- 
worte kann unabhängig von allen sonstigen persön- 
lichen Beziehungen zwischen den betreffenden Per- 
sonen angewandt werden, wenn der Geist dazu treibt. 

Die allgemeinste Bezeichnung ist love. Es ist 
zunächst die heisse Leidenschaft, die besitzen, ge- 
messen, sich der Gegenwart, der Sympathie des Ge- 
liebten erfreuen will. ^* "■ ^) Aber es ist mehr als das. 



* 47 * 

Mit dem Verlangen nach dem süssen Austausch des 
Besitzes und der Hingabe verbindet es einen, je nach 
den Umständen, in denen es gebraucht wird, mehr 
oder weniger hervortretenden geistigen Zug, welcher 
die Leidenschaft veredelt , und in den selbstlosen 
Dienst des vermeintlich gefundenen Ideals nimmt. 
Es ist dann ein wahrer Enthusiasmus für das Gute 
und Schöne an sich, das zeitweilig von dem geliebten 
Gegenstand verkörpert, und von den meisten Men- 
schen überhaupt nur in dieser kurzen Spanne des 
Seelenfrühlings freudig geschaut und anerkannt wird. 
Es ist eine vorübergehende Selbsterhöhung der eigenen 
Natur, die in dem anderen ein Zaubermittel gefunden 
zu haben glaubt, das ihn mühelos und entzückt zu 
einer neuen Freude am Dasein, zu einer neuen Rein- 
heit des Wollens und Tüchtigkeit des Handelns be- 
fähigt. 10) *) 

Hält diese Empfindung an, auch nachdem sie 
sich von den Überschwenglichkeiten befreit, mit denen 
die Sehnsucht nach dem Ideal den geliebten Gegen- 
stand geschmückt, so reift sie zur affeciion. A/fection 
ist die im Feuer des Verstandes geprüfte und ge- 
läuterte Love. Sie tritt ein, wenn, nachdem der 
Schleier der Phantasie gefallen, ein geliebter Gegen- 
stand in der wirklichen , wenn auch mannigfach 
menschlich beschränkten Schönheit seiner Natur er- 



*) Der Unterschied, der zwischen der blossen innigen Liebe für 
ein "Weib und der durch diese Liebe eingeflössten und in ihr ent- 
haltenen idealen Begeisterung für alles Liebenswerte liegt, erscheint 
manchen Sprachen so bedeutend, dass er durch besondere Worte 
markirt wird. Im Dänischen ist die erstere Liebe Kjaer]ighed,9c) die 
letztere Elskov.9d) 



* 4^ * 

kannt, und noch immer der wärmsten Schätzung wert 
gefunden worden ist. Sie kömmt langsam , aber 
beharrt; giebt mehr als sie nimmt; und hat einen 
Hauch zärtlicher Dankbarkeit für tausend wohlthuende 
Handlungen, Erinnerungen und das dauernd gewährte 
Glück. Nach englischen Begriffen soll eine tiefe 
affection, durch deren lauteren Spiegel das Gold der 
alten love sichtbarlich schimmert, die Erfüllung der 
Ehe sein. ^^) 

Beide Worte gehen aber nicht allein auf Geliebte 
und Weib. Was affection betrifft, so bringt die 
Mischung von Erwägung und Gefühl, welche in ihm 
liegt, es allerdings mit sich, dass der Gedanke des 
Wortes sich immer nur auf einzelne Personen be- 
ziehen kann, denen wir nahe genug getreten sind, 
um sie genau kennen zu lernen, und von ihnen vielerlei 
Liebesdienste zu empfangen, und sie ihnen zu ge- 
währen. Solches Wechselverhältnis ist aber nicht 
notwendigerweise auf die Beziehungen zum Weibe 
beschränkt, sondern kann sich auf Verwandte, Freunde 
und nahestehende Personen jeder Art erstrecken — 
Personen, mit denen wir niemals in love gewesen 
sind, die wir aber durch längeres, enges oder inniges 
Zusammenleben mit einem Gefühl umfassen, das dem 
geklärten Residuum der love ähnelt. Eltern und 
Kinder, gute Verwandte und liebe Freunde fühlen 
affection für einander. '•^) Love, in uneigentlichem 
Sinne gebraucht und dann leicht zur Phrase werdend, 
dehnt seine Bedeutimg ebenfalls auf weitere Beziehun- 
gen aus, in denen manchmal weder Leidenschaft noch 
Urteil waltet, sondern nur eine allgemeine, übertrieben 
bezeichnete Zuneigung. ^^) Bemerkenswerter ist ein 



* 49 * 

anderer Gebrauch desselben. Weil es ein erhaben 
Ideales ist, kann es sich auf ganze grosse geistige 
Wahrheiten richten, in deren Existenz und Verbindung 
mit uns wir unsere eigenen höchsten Besitztümer 
erblicken. Man sagt es von unseren Gesinnungen 
für das Vaterland, die Menschheit, und, in seiner 
erhabensten Anwendung, für Gott '^). Um love in 
diesem Sinne von sich aus sagen zu können, muss sich 
der Mensch durch Demut, Begeisterung und Fröm- 
migkeit zur Hingabe an höhere Gewalten weihen, 
denen er durch seinen rechtschaffenen Willen wohl, 
aber nimmer durch seine starke That etwas sein kann. 
Die Zuversicht, die dieser Frömmigkeit entspringt, 
ermutigt den Menschen, sogar von der Liebe Gottes 
zu ihm selber zu sprechen ^^). 

Für eine besondere Seite der allgemeinen Men- 
schenliebe giebt es ein besonderes Wort — charity. 
Es ist so zu sagen die zur affection ermässigte love, 
aber nicht auf ein einzelnes Objekt beschränkt, son- 
dern auf alle unsere Brüder und Schwestern ausge- 
dehnt. Wenn das inbrünstige Wohlwollen, welches 
love, auf alle Menschen angewendet, ausdrückt, durch 
allerlei Erfahrungen und die allmähliche Abkühlung 
unseres Wesens zu ermatten beginnt, so soll es durch 
das gemässigtere und unvergängliche charity ersetzt 
werden. Charity setzt geradezu voraus, dass alle 
Menschen um uns herum, und wir selber nicht am 
wenigsten, schwache, irrende Klreaturen sind, be- 
hauptet aber dennoch die Pflicht der Nächstenliebe 
um Gotteswillen. Charity sagt, dass, da Gott es zu- 
gelassen hat, dass die Menschen sündigen, es dem 
einzelnen Menschen zukomme, mit nachsichtiger Liebe 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. » 



* ^o * 

alle diejenigen zu umfassen, die der Verführung unter- 
liegen. Alle diejenigen sind aber in diesem Fall alle 
durchweg. Wenn affection den einzelnen wert und 
teuer hält, weil es so viele treffliche Eigenschaften 
an ihm erkennt, so liebt charity alle Menschen ins- 
gesammt, weil es die irdischen Schwächen, mit denen 
sie behaftet sind, geringer anschlägt, als die ringende 
Kraft zum Guten, die es in ihnen vorhanden weiss ^'^). 
Das eine geht aus dem Bedürfnis hervor, das Gute 
anzuerkennen; das andere aus der Pflicht, das Schlechte 
zu verzeihen. Das eine ist froh, das andere weh- 
mütig. Das eine menschlich, das andere religiös. 

Drückt charity eine besondere Seite der auf alle 
Menschen gerichteten love aus, so vertritt fondness 
eine eigentümliche Schattiervmg derjenigen Bedeutung 
des Wortes, die sich auf unser Verhältnis zu ein- 
zelnen bezieht. Fondness ist eine starke Liebe ohne 
die überzeugte Wertschätzung des affection, und ohne 
das leidenschaftliche Feuer des love. Es ist eine 
Liebe um der trauten Gewohnheit des Liebens willen, 
die sowohl von dem Wert des Geliebten absieht, 
als auch, wenn es nicht anders sein kann, auf Gegen- 
liebe verzichtet. Es ist eine Art Gebanntheit des 
Gemüts, das von dem Gegenstande, den es einmal 
erkoren , nicht wieder los kann , das ihm alles ver- 
zeiht, ihm nichts versagt, und ihn obenein karessiert, 
wenn er Tadel oder Entfremdung verdient. In seiner 
übertriebenen Zärtlichkeit beschreibt es hauptsächlich 
Verhältnisse zwischen Liebenden, oder zwischen Eltern 
und Kindern, kann aber auch auf Befreundete gehen. 
Es entspringt einem warmen Charakter, von mattem 
Urteil und nicht sehr reger Selbstachtung ; aber ob> 



* 51 * 

schon es geradezu thöricht werden kann, verliert es 
doch niemals die tiefe Farbe der Innigkeit ^^). Dem 
Umstand, dass die letztere in ihm so echt ist, ver- 
dankt das Wort den Vorzug, dass es auch in Fällen 
anwendbar bleibt, die keine übel angebrachte Koserei 
implizieren. Wo durch den Zusammenhang ein jeder 
Verdacht einer solchen Bedeutung ausgeschlossen wird, 
kann fondness für eine Art gesättigter und beruhig- 
ter Liebe gesagt werden, weniger thätig als affectio7i, 
weniger heischend als love, aber ebenso verlässlich 
als beide. Aus demselben Grunde darf, und soll so- 
gar vielleicht, jeder love und affection ein Tropfen nach- 
sichtiger, unwillkürlicher fondness beigemischt sein. 

Passion, Leidenschaft, bezeichnet manchmal em- 
phatisch diejenige Leidenschaft, die am häufigsten 
vorkommt, die Liebe. Sie wird dann als heftig ent- 
wickelt verstanden. 

Schreiten wir jetzt den ganzen Weg zurück, den 
wir gegangen sind, und betreten ein Gebiet, wo es 
sich noch nicht um Liebe, sondern erst um die Ge- 
fühle handelt, welche eventuell zu ihr hinführen können, 
so treffen wir auf liking und atfachi'nent. Liking 
ist nur ein Gernhaben, ein Angesprochensein von 
dem Wesen eines andern, das seiner unbestimmten 
Farbe nach sich zum Angezogensein vertiefen kann, 
aber nicht zu vertiefen braucht. Zwischen jungen 
Leuten verschiedenen Geschlechts hat es allerdings 
eine auffallende Tendenz, die ganze morphologische 
Reihe durchzumachen, deren erster Keim es ist. So 
ist denn sein Gebrauch so mannigfaltig, dass ein be- 
scheidenes Mädchen, selbst wo sie schon love sagen 
möchte , von liking zu sprechen vorziehen wird, 

4* 



während mit ebenso gutem Rechte ein raschlebiger 
Student von einem Standesgenossen, den er heute 
gesehen und morgen vergessen hat, sagen kann: 
/ like the fellow, heg ad! Attachment ist ein Mittel- 
ding zwischen liking und love. Ein enger Anschluss 
an eine dritte Person, bei dem das Gefühl schon 
unmerklich in die Richtung zu ziehen anfangt, an 
deren Ende der Niagara der Liebe wogt. Eine Periode, 
in der das besonnene Wohlwollen noch die Oberhand 
zu haben glaubt, aber bereits unterirdisch von den 
Säften der Leidenschaft genährt wird ^^), Handelt 
es sich dabei um Personen desselben Geschlechts, 
so dass die Leidenschaft ausgeschlossen ist, so wird 
der Gebrauch des Wortes fast ausschhesslich auf die 
Beziehungen zu einem Gleich- oder Höherstehenden 
beschränkt, selten aber auf die zu einem Unterge- 
ordneten ausgedehnt. Attachment ist der Anschluss 
an dasjenige, das gleichartig ist, oder das man sich 
gleichstellt. Liking ist so vag und love so stürmisch, 
dass man sie auch für Untergeordnete empfinden 
kann; affection sorgt so eifrig für den anderen, dass 
es sich gewissermassen liebend über ihn stellen, ihn 
in seine Obhut nehmen will; attachment dagegen 
möchte eine bedächtige Hingabe sein — eine Hin- 
gabe, weil eine ausgesprochene Neigung vorhanden 
ist, und bedächtig, weil das Selbstgefühl wünscht, 
sie nicht über einen gewissen Grad hinausgehen zu 
lassen. Die bewusste Zurückhaltung, die der empfun- 
denen Wärme das Gegengewicht hält, wird sich aber 
gegen Untergeordnete noch stärker äussern, als gegen 
Gleichstehende, und das Wort in Beziehung auf erstere 
unanwendbar machen. 



53 



ni. Ebräisch. 

Wie das naive Altertum von der gebildeten 
Neuzeit, wie ein dem Übersinnlichen ernstlich zu- 
gethanes Volk von der skeptischen Gegenwart, so 
unterscheidet sich die altjüdische Liebe von den Ge- 
staltungen desselben Begriffes im modernen Europa. 
Der Ebräer unterschied die verschiedenen Arten der 
Liebe, die zwischen den Menschen möglich sind, als 
abstrakte und konkrete, als unthätige und thätige. 
Die erstere Art der Liebe erschien ihm in allen Fällen 
dasselbe Gefühl; die letztere sonderte er nach der 
Gesinnung und den Anlässen, aus denen sie hervor- 
geht. So lange die Liebe als blosses Gefühl be- 
zeichnet ward, genügte ihm demnach ein Wort für 
all die verschiedenen Beziehungen zwischen Mensch 
und Mensch, in denen sie sich zeigen kann; wo aber 
die wohlthätigen Absichten betont wiirden, die die 
Liebe begleiten, und die erfreulichen Folgen, die sie 
nach sich zieht, sah er die mannigfachen Abstufungen 
des Gefühls nach Stärke und Anlass so scharf, dass er 
mehrere Worte zum Ausdrucke seiner Beobachtungen 
bedurfte, deren Synonymik ihm durchaus eigentüm- 
lich ist. Wenn diese Auffassung einerseits die ein- 
fachen Verhältnisse der Urzeit wiedergiebt, in denen 
weniger die gute Gesinnung, als die Gutthat beachtet 
wurde, so wird doch die Idee der letzteren dadurch 
geadelt, dass sie eben Liebe ist, und aus Liebe förder- 
lich werden will. Und damit stimmt schön überein 
die Anwendung des Begriffs in allen seinen ver- 
schiedenen ebräischen Farben auf Jehova selbst, und 
die Zurückführung der irdischen Liebe auf das Gebot 



* 54 * 

des göttlichen Urquells, dem ihre Heiligung im täg- 
lichen Leben entspringt. 

Ahav, die Liebe als reines Gefühl, — die sich 
zwar auch bethätigen kann, es aber nicht zu thun 
braucht, um ihrem Begriff zu genügen, — bedeutet 
sowohl die Liebe zwischen Mann und Weib, als auch 
zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern, zwischen 
Freunden, Genossen und Bekannten, und allen Men- 
schen überhaupt. Bildlich auch die Liebe zu Sachen, 
die Neigung zu gewissen Handlungen, wo sein Begriff 
sich zum Gernhaben abschwächt. Es drückt eine 
innige Zuneigung aus, ohne sich über die Ursache 
derselben zu äussern, und hat, da es diesen Punkt 
unbestimmt lässt, eine Tendenz, eher an eine Regung 
des warmen Herzens, als an eine erwogene und er- 
prüfte Wertschätzung glauben zu lassen. Zwischen 
Mann und Weib ist es sowohl Leidenschaft, als ruhige 
eheliche Neigung. Als Leidenschaft ist ahav der 
höchsten dichterischen Ausschmückung fähig, wie wir 
uns aus dem Hohen Lied erinnern, wo die Liebe 
„als Panier über den Geliebten gehalten", und die 
ganze Natur zur würdigen Schilderung ihrer Süssig- 
keit durchsucht wird. Auch die Hingebung der Liebe, 
die dem geliebten Wesen gerne dient, und keine 
Mühe in seinem Dienste scheut, oder auch nur em- 
pfindet, ist der Bedeutung des Wortes von den 
ältesten Zeiten an beigemischt ^'^). Darüber noch 
hinaus bezeichnet es eine glühende Leidenschaft, die 
sich höher schätzt, als alles irdische Gut, und reicht 
damit in eine Sphäre hinein, in welcher die Liebe 
als das Ideal des Lebens erscheint^''). Doch wurde 
das Wort in diesem Sinne, der allen europäischen 



* 55 * 

Dichtern nunmehr so geläufig geworden ist, vormals 
nur selten gebraucht. Das jüdische Altertum kannte 
dies Gefühl, das das Leben verschleudert, um der 
Liebe zu dienen, wohl als eine rauschende jugend- 
liche Aufwallung, aber noch nicht als eine ausge- 
sprochene Gesinnung, die mit dem Bewusstsein der 
Berechtigung auftritt, oder als eine rezipierte Tändelei. 
Die weite Bedeutung des Wortes schliesst die 
Liebe Gottes zum Menschen ^^), die Liebe des Men- 
schen zu Gott '^-), und die Nächstenliebe ein •^•'). Alle 
drei Begriffe wohnen der jüdischen Denkweise und 
Sprache seit den Tagen der ältesten geschichtlichen 
Denkmäler des Volkes inne. Sie werden je nach dem 
religiösen Charakter der verschiedenen Perioden 
stärker oder schwächer, und trennen sich allerdings 
niemals, selbst in den Zeiten des neuen Testamentes 
nicht, von der gleichzeitigen Auffassung Gottes als 
eines strafenden Richters, oder der Pflicht des Men- 
schen, das Schwert zu führen gegen die Bösen. Aber 
schon in den fi-ühesten und rauhesten Epochen, wo 
die letztere eifervolle Anschauung noch stark war im 
Volke Israel, tritt mildernd die höchste Idee hinzu, 
zu welcher der Mensch sich in bezug auf die Züch- 
tigungen Gottes erheben kann. Gott wird ein Vater 
genannt, der seine Kinder straft, um sie zu bessern. 
5. Mos. 8, 5. Gott liebt also, selbst wo er straft. Er 
zürnt also nicht, weil er die Missachtung seines Wil- 
lens empfindlich aufnimmt, sondern nur unserer selbst 
wegen, weil er unsere Fehler durch Rüge und Zucht 
zu entfernen sucht. Ein Gott, der liebt, selbst wo wir 
gegen ihn gesündigt, wird auch vom Menschen Hilfe, 
Nachsicht und Verzeihung gegen seines Gleichen 



* 5^ * 

wollen. So bedeutet denn ahav auch das allgemeine 
Band der Nächstenliebe, das die Menschen zusammen- 
halten soll, und das zu knüpfen als eines der haupt- 
sächlichsten Gebote des Ewigen hingestellt wird^*). 
Je weiter zurück in das um Land und Leben käm- 
pfende Altertum hinein, desto mehr ist diese Gesinnung 
auf das eigene Volk beschränkt; je weiter vorwärts 
aber die Festigung des Staats und die Entwickelung 
des Glaubens schritt, desto mehr strebte sie sich zu 
der weltumfassenden Stärke zu entwickeln , die sie 
nachmals in der neutestamentlichen Zeit gewonnen 
und in allen Landen geltend zu machen gesucht hat ^^). 
Aus dieser Quelle ist der Gedanke der göttlichen 
Liebe, und der allgemeinen brüderlichen Gesinnung 
aller Geschaffenen in die Stätten der heutigen Zivi- 
lisation geflossen. Die Geschichte des ebräischen 
Wortes ahav bildet ein heiliges Kapitel in der Ge- 
schichte der Menschheit. 

Wir gehen nun zu den Begriffen der thätigen 
Liebe über. Das erste Wort, dem wir begegnen, 
zeigt eine edelmütige Verbindung von Liebe und 
Gnade an. Cheset ist eine Gnade aus gutem Willen, 
häufig auf dem Boden der Liebe erwachsend. Eine 
Gesinnung, die gerne wohlthut, weil sie die thätige 
Liebe, die in dem Wohlthun liegt, als das schöne Vor- 
recht des Mächtigen betrachtet ^^). Eine Stimmung 
und eine Handlung, die auch unter Gleichgestellten 
stattfinden kann, und dann, indem der beigemischte 
Ton der Herablassung etwas zurücktritt, um so nach- 
drücklicher eine grosse Liebe bezeichnet, welche aus 
reinem Wohlwollen entsprungen, dem anderen recht 
sehr zu nützen bestimmt ist. Eine Huld, die, ob sie 



* 57 * 

nun von einem Höheren oder Gleichen ausgehe, er- 
spriesslich wird, und an deren Erspriesslichkeit der 
Geber oftmals einen warmen inneren Anteil nimmt. 
Diese Herzensgüte des Wortes tritt besonders in den 
Fällen hervor, in welchen derjenige, dem die Huld 
erwiesen wird, sich keineswegs in einer Bedrängnis 
befindet, sondern nur aus dem freien Impuls des 
anderen eine Gunst empfängt ^^); oder wo es sich 
nicht einmal um eine spezielle Gewährung, sondern 
nur um eine allgemeine freundschaftliche Gesinnung 
handelt, welche zwischen zwei Personen herrscht "^^y, 
oder wo das Wort geradezu Frömmigkeit d. h. Liebe 
zu Gott bedeutet, und durch die unerreichbare Er- 
habenheit des Geliebten somit nicht einmal die Mög-^ 
lichkeit einer Gunstbezeigung gegeben ist^^). Der- 
selbe Grundzug erwärmt auch den Charakter des 
Wortes in den unzähligen Stellen, wo es von Gott 
in seiner Beziehung zu den Menschen gesagt wird, 
und den himmhschen Wohlthäter zu dem liebenden 
Freunde unseres Geschlechts macht. Überall ist es 
eine gewährende, und gewöhnlich eine gern gewäh- 
rende Gnade. 

An die freundliche Huld des cheset schliesst sich 
das liebende Erbarmen des racham. Wie cheset mehr 
ist als blosse Gnade, so ist racham mehr als blosses 
Mitleid. Das eine freut sich gnädig sein zu können; 
das andere hilft nicht nur dem Unglücklichen, sondern 
liebt ihn, weil er unglücklich ist. Racham. heisst in 
der That ebenso sehr gefühlvoll und zart, als wohl- 
thätig; will ebenso schonen, als helfen'"'); und kömmt 
mitunter sogar in der Bedeutung der heissesten und 
dennoch unwohlthätigsten Liebe vor, die der Mensch 



* 5^ * 

hegen kann — der Liebe zu Gott*)^*). Auch Gott 
selber übt die Thätigkeit des racham gegen die 
irrenden Menschen, denen er verzeiht, und gegen die 
er mitleidige Gnade für Recht ergehen lässt. Von 
den anderen biblischen Büchern nicht zu sprechen, 
ist Jesaias in seinen stürmischen Ergüssen über die 
Austreibung und Rückkehr der Juden voll von diesem 
Gebrauch des Wortes. 

Beides, racham und cheset sind Worte von einer 
eigentümlich weichen Färbung, die den Spezial- 
begriffen der Gnade und des Mitleids, denen sie 
dienen, die Wärme eines allgemeineren und leicht 
hervorquellenden Gefühles mitteilt. Sie wollen nur 
besondere, praktisch angewandte Arten einer allum- 
fassenden Liebe sein, die immer rege und je nach 
dem gegebenen Anlass in immer neue Formen sich 
zu kleiden dürstet. Diese Sehnsucht, nach allen Seiten 
hin zu erfreuen und wohlzuthun, die in den Worten 
liegt, hat einem von ihnen ein drittes Wort zur Be- 
zeichnung noch einer anderen Art derselben Thätig- 
keit zur Seite gestellt. Racham freilich erlaubt diese 
Ergänzung nicht; als erbarmende Milde gegen Un- 
glückliche lässt es keine Unterscheidung der Fälle 
zu, unter denen es einzutreten hat, sondern besteht 
darauf, alle Leidenden, wie ihr Leiden auch entstan- 
den sein mag, als gleich bedürftig, als gleich würdig 
der Hilfe anzusehen. Es füllt also allein den ganzen 
Begriff aus, den es bezeichnet. Anders cheset. Seine 
Huld, wie wir gesehen haben, gilt nicht nur den 
Darbenden und Traurigen, sondern auch den Reichen 



*) Arabisch .^/*^\ racham, emphatisch Freund. 



* 59 * 

und Glücklichen, denen ja trotz aller Güter, die sie 
besitzen, immer noch so viel zu wünschen übrig bleibt. 
Da aber das Gefühl zur Unterstützung dieser ge- 
mächUch situierten Klasse weniger zwingend treibt, 
als zu der der Armen und Elenden, so werden da- 
bei auch die Umstände, unter denen die Hilfe er- 
wiesen wird, leichter unterschieden, und je nach der 
Stimmung des Gebenden und der Grösse der Gabe 
gesondert. Dieser ruhigeren, weniger impulsiven 
Bedeutung des cheset verdanken wir den Gebrauch 
des chen, chanan in dem hier in Betracht kommenden 
Sinne. Chen, chanan ist ein ermässigtes cheset. Ist 
letzteres liebende Gnade, so ist ersteres nur liebende 
Gunst. Beruht letzteres auf der ganzen gütigen Ge- 
sinnung des Gewährenden, achtet es wenig auf das 
Verdienst desjenigen, dem gewährt wird, und er- 
weist es grosse Gnaden, die einen beträchtlichen Ein- 
fluss auf das Geschick des anderen haben; so ent- 
springt ersteres dagegen nur einem Wohlwollen, das 
aus dem sinnlichen oder geistigen Wohlgefallen an 
dem anderen hervorgeht, und sich häufig wenigstens 
in weniger wesentlichen, und nur im gewöhnHchen 
weltlichen Sinne vorteilhaften Gunstbezeigungen 
manifestiert. In cheset fällt die grössere Gabe mit 
der grösseren Gesinnung zusammen; in chen genügt 
für die geringere Erweisung ein weniger weites Herz. 
Chen, chanan wird allerdings auch von Gott gesagt, 
wo dann gewöhnlich ein vertrauliches Verhältnis 
Gottes zum Menschen angedeutet wird, aus dem sich 
die erzeigte Gunst wie natürlich erklärt "^^ Es ist aber 
ebenso oft die Gefälligkeit, die einer dem anderen 
erweist, von dem er sich angesprochen fühlt, und die 



* 6o * 

je nach den Umständen von substantieller, oder auch 
von einer weniger bedeutenden Natur sein kann. 
Es ist chen, wenn die Ägypter den Juden Silber und 
Gold geben, 2. Mose 3, 21; es ist ebenso chen, wenn 
Saul dem David erlaubt, ihn mit Zitherpiel zu imter- 
halten. i. Sam. 16, 22. Man muss gestehen, dass in 
den Verhältnissen des Altertums, in denen der Kampf 
mit der Natur, mit den eigenen Stammesgenossen 
und fremden Völkern ein harter war, die meisten 
Gefälligkeiten wesentlichere Dienste in sich schlössen, 
als heute, wo man sich mancherlei gegenseitig er- 
weist, das der andere sich fast ebenso leicht selbst 
verschaffen kann, als man es ihm zukommen lässt. 
Indessen gab es natürlich auch damals schon kleinere 
Freundlichkeiten, die, grade weil ihre Versagung zu 
ertragen w^ar, da wo sie erzeigt wurden, einen dop- 
pelt angenehmen Eindruck machten, und den ge- 
wöhnlichen Geschäften des Lebens einen Schimmer 
humaner Gesinnung mitteilten. So werden Bitten, 
denen man heutzutage vielleicht ein ,,Wenn es Ihnen 
beliebt" voranschickt, gerne eingeleitet mit „Wenn 
ich chen gefunden habe in deinen Augen". So steht 
chen mit Vorliebe, wo es sich um diese oder jene 
kleinere Leistung handelt, die sich aus den augen- 
blicklichen Umständen ergiebt. So dient es, in einer 
noch höflicheren, aber noch weniger buchstäblich 
gemeinten Redeweise ,,Möge ich chen finden in 
deinen Augen", zu Höherstehenden gesagt, fast als 
ein „Ich empfehle mich Ihnen, leben Sie wohl". 
I. Sam. 1, 18. 

Aber wie wir aus den Fällen entnehmen können, 
in denen dieselbe oder eine ähnliche Formel zu ernsten 



* 6i * 

beschwörenden Aufforderungen gebraucht wurde ^^), 
muss selbst da, wo sie eine mattere Bedeutung hatte, 
der Grundton des Wortes mit angeklungen haben, 
der durchaus auf eine thätige, aus Wohlgefallen er- 
zeugte Liebe hinausging. War er doch so stark darin 
enthalten, dass das Wort gelegentlich geradezu als 
„lieben" und „Hebkosen" gebraucht wird.^**) Diese 
letztere Eigenschaft sichert dem Wort seinen Platz 
in der Begriffsreihe, die wir behandeln, und seinen 
Wert in der Psychologie des Volkes, das es geschaffen. 

IV. Russisch. 

ÄhnHch den unmittelbar vorhergehenden lassen 
sich die russischen Liebesworte am ehesten einteilen 
in solche, die ein reines Gefühl, und in solche, die 
gleichzeitig die liebende Wohlthat oder die Hebende 
Absicht der Wohlthat bezeichen. Doch kann die 
Sonderung weder nach diesen, noch nach anderen 
Kennzeichen eine genaue sein, da die Bedeutungen 
meistens zu weit sind, und zu vielfach ineinander 
hinein spielen, um sich an Kategorieen zu binden. 
Nimmt man die genannten Klassen an, so bilden 
lubov und sasnoba die erste, milost imd blagost die 
zweite derselben. 

Lubov, lubitj „Liebe, lieben" ist die unwillkür- 
liche, unanalisierte Zuneigung zu einem Menschen 
oder Dinge, vom blossen Gefallen an bis zur heisse- 
sten Leidenschaft. Noch umfassender als das deutsche 
„Liebe", dem es näher steht, als einem der vorer- 
örterten Worte, drückt es aUe Schattierungen des 
Gemhabens durch die ganze Stufenleiter des Gefühls 
aus, und überlässt es dem Zusammenhange allein. 



* 62 * 

ihm seinen jedesmaligen speziellen Sinn zuzuweisen. 
Das Kind liebt den Zucker ^■^), die Frau den Mann ^^). 
Der Schmetterling liebt die Sonne, der Vater den 
Sohn, der Patriot sein Land. In jedem dieser Bei- 
spiele waltet eine andere Empfindung — Geschlechts- 
liebe, Elternliebe, Vaterlandsliebe, Näscherei und der 
physische Zug eines mit einem zweifelhaften Minimum 
von Selbstbestimmung begabten Geschöpfes. Nicht 
einmal Wohlwollen und gute Wünsche für den ge- 
liebten Gegenstand, die doch ein so natürlicher Be- 
standteil der Liebe zu sein scheinen, sind diesen Ge- 
fühlen gemeinsam. Ihr knüpfendes Band finden sie 
nur in dem allgemeinen Begriff des Angezogenseins 
und Besitzenwollens , der dann durch die Worte, in 
deren Umgebung er erscheint, seine jedesmalige 
Sonderbestimmung erhält. AUes was ihm gefallt, 
„liebt" der Russe, ohne damit notwendigerweise mehr 
als eben ein egoistisches Gefallen auszudrücken. 

Doch geht die Bedeutung des lubitj noch darüber 
hinaus. Nicht einmal ein Besitzenwollen ist nötig, 
damit das Wort passend angewendet werden kann: 
es drückt nicht nur den Wunsch aus, etwas zu haben, 
sondern auch den etwas zu thun, schliesst also ein 
verhältnismässig uninteressiertes Mögen der Seele in 
ein und demselben Ausdruck mit dem selbstsüchtig- 
sten Verlangen der Leidenschaft zusammen ^^). Ja es 
heisst schliesslich sogar gutfinden, billigen^*).*) 



*) Um sich die Vielheit dieser ineinanderfliessenden Bedeutungen 
in übersichtlicher Weise klar zu machen, vergleiche man damit die 
vier ungarischen Ausdrücke für die hauptsächlichen Seiten des einen 
luhov : Buja, Liebe, erotisch ; szerelem, das Liebegefühl zwischen Mann 



Ein Wort, das ein Geneigtsein in so unbestimm- 
ter Weise anzeigt, kann über den Grund desselben 
natürlich nichts aussagen: ist er doch in jedem ein- 
zelnen Fall ein anderer. Es verdient indess besonders 
bemerkt zu werden, dass der Begriff des Wortes, 
obschon er die höchste Achtung nicht ausschliesst, 
auch nicht die kleinste bewusste Beimischung dieses 
Ingrediens zu enthalten braucht. Darum verbindet 
es sich gern mit Worten der Achtung, wo dieselbe 
ausser der Liebe bezeigt werden soll^^). 

Die vorstehenden Bemerkungen ziehen sich so- 
wohl auf das Zeitwort lubitj, als auf das Hauptwort 
luhov. Eigentümlicherweise finden dieselben keine 
Anwendung auf die zahlreichen Eigenschafts- und 
Thäterwörter, welche von ihnen abgeleitet sind. 
Zeigt der ursprüngliche Stamm sowohl in Haupt- 
ais in Zeitwort die denkbar grösste Unbestimmtheit 
in seinem Sinn, so sind die Derivative dagegen be- 
grifflich vielfach gesondert, und enthalten eine über- 
raschende Mannigfaltigkeit von Schattierungen. Es 
entspricht dies einer durchgehenden Eigenschaft der 
russischen Sprache, welche die Begriffe in der be- 
weglicheren Form des Zeitworts häufig in verschwim- 
mender Breite fasst, die ruhende und unbewegliche 
Bedeutung der Eigenschaftswörter dagegen auf das 
verschiedenartigste koloriert; welche auch abstrakte 
Hauptwörter häufig unbestimmten Sinnes lässt, da- 
gegen den konkreten Ableitungen davon vielerlei 



und Weib; szeretet, Liebesgefühl für andere liebenswerte Personen 
und ideale Abstracta, Freiheit, Vaterland, Menschheit; kedv, die Liebe 
als Gefallen an dem Anziehenden eines Menschen oder einer Sache. 



.. 64 * 

unterschiedliche Werte beizulegen weiss. Man darf" 
aus dieser interessanten Thatsache den Schluss ziehen, 
dass das Russische die Frische einer jugendlichen 
Sprache besitzt, welche mehr beobachtet als reflektiert, 
mehr auf gegenständliche Wahrnehmungen ausgeht, 
als auf die Umgestaltung derselben in abgezogene 
Begriffe. Es sieht und scheidet die verschiedenen 
Arten von liebenden und geliebten Menschen, aber 
wenn es vom Lieben an sich spricht, so kennt es 
scheinbar nur eine Gattung desselben. 

Demgemäss finden Avir neben dem unbestimmten 
luhov und lubitj, die Liebe und lieben, folgende klassi- 
fizierte Eigenschaftswörter: hcbesnt^^^), geliebt wegen 
wirklich liebenswürdiger Eigenschaften, die nicht bloss 
durch das Gefühl empfunden, sondern auch durch 
das Urteil erkannt sind; lubimi, geliebt aus Willkür 
als eine Art Favorit; luboi, geliebt als Geschmack- 
sache, beliebig; lub, lieb aus angesprochener Neigung. 
Dazu gesellen sich folgende Leider- und Thäterwörter 
— Wörter, welche mit der Eigenschaft, die sie Per- 
sonen zuschreiben, so gesättigt sind, dass sie die ganze 
Persönlichkeit als in ihnen aufgegangen bezeichnen, 
und nur unter dem Gesichtspunkt der betreffenden 
Eigenschaft betrachten: Lubini, der geliebte Mann 
vom liebenden Weibe gesagt; lubtmez, ebenfalls der 
geliebte Mann, aber ein schwächeres Wort, so dass 
es auch Günstling heissen, und eine geringschätzige 
Nebenbedeutung annehmen kann; lubovmk, der ero- 
tische Liebhaber, der es noch nicht bis zum lubnn 
gebracht zu haben braucht; lubesnik, einer der noch 
weiter zurück ist, und erst die Kur macht ; vlubtschivi, 
einer von verliebtem Wesen, der oft lubesnik und 



lubovnik spielt; lubitel, einer der seine Lust nicht 
am Weibe, sondern an einem Gegenstand der wissen- 
schaftlichen Erkenntnis hat, den er mit Einsicht und 
Geschmack zu würdigen weiss, wie z. B. der Lieb- 
haber der schönen Künste u. s. w. *) 

Mit demselben realistischen Zuge der russischen 



*) Es ist wahr, von manchen dieser begiifflich bestimmteren 
Worte werden wiederum Zeitwörter und auch Hauptwörter, die Zu- 
stände in abstrakter Weise bezeichnen, abgeleitet, was der Beobach- 
tung, die durch die angeführten Beispiele illustriert werden soll, zu 
widersprechen scheint. Aber auch nur scheint. Denn gehen solche 
Ableitungen von einem Eigenschaftsworte mit leidender Bedeutung aus, 
so erhalten sie einen Sinn, der sich von demjenigen des ursprünglichen 
Stammes weit entfernt, und somit keine Bereicherung und bestimmtere 
Nüancierung des iirsprünglichen Begriffes in abstrakter Form zu Wege 
bringt. So wird von lubesni, dem ersten unserer Beispiele, allerdings 
ein Zeitwort lubesnitschatj gebildet; aber da lubesni nach AVahl und 
Urteil geliebt bedeutet, kann lubesnitschatj nicht nach Wahl und 
Urteil lieben heissen, sondern wird vielmehr als ,.geliebt sein, liebens- 
würdig sein, sich liebenswürdig machen" gebraucht. Ebenso das da- 
von abgezweigte Zustandswort lubesnitschanie, welches Liebenswürdig- 
macherei bedeutet, und fast auf Kurmacherei, also auf das Gegenteil 
des wählenden, prüfenden und ernsten Elements hinausläuft, das dem 
Eigenschaftswort hihesni seinen Sonderwert gab. Die Adjektiva mit 
aktiver Bedeutung, sowie die Nomina agentia liefern derartige Ab- 
leitungen seltener und können ihren etwas steifen Sprösslingen über- 
dies keine grosse Popularität verschaffen. Denn da sie als Aktiva den 
ursprünglichen Begriff des Stammes festzuhalten haben, so raffinieren 
sie ihn durch die mehrfache Ableitung zu sehr, um ihn volkstümlich 
zu lassen. Zum Beispiel lubov, die Liebe, bildet lubovnik, Liebhaber, 
das seinerseits lubovnitschatj, liebhabern, hervorbringt. In einer jugend- 
lichen Sprache wird aber ein solches gekünsteltes Wort nur schwer 
mit dem einfachen lubitf, lieben, konkurrieren können. Sollte das 
erotische Lieben, das lubovnitschatj bezeichnet, ein Verbum für sich 
allein haben, so musste es in einer einfacheren, wurzelhafteren Weise 
gebildet werden. 

Abel, Sprachvv. Abbalgen . r 



* 66 * 

Sprache hängt die Bildung kosender Diminutive zu- 
sammen, welche, durch ungemein zahlreiche Abände- 
rungen des Eigennamens oder Schmeichelnamens 
eine immer andere Art der Liebe und Zärtlichkeit 
andeuten wollen. Nehmen wir Ltihov , Liebchen, 
welches in der Gesellschaft ein weiblicher Eigennamen 
ist, im Volke aber jedem Schätzchen, ja jedem an- 
deren weiblichen Wesen beigelegt werden kann, heisse 
es wie es wolle. Die erste, aber da sie lange nicht 
zärtlich und kosig genug ist, keineswegs die gebräuch- 
lichste, Abkürzung ist Luba. Dann folgt Luhka, eine 
beliebte, vertrauliche Anrede bei den Bauern, die 
bei den Gebildeten (wie alle auf die Bauernendung 
ka auslaufenden Eigennamen) einen geringschätzigen 
Beigeschmack hat und nur angewandt wird, wenn 
man denselben zu kosten geben will. Ebenso ist 
meist auf ländlichen Gebrauch, beschränkt Lubascha, 
das von einem zärtlichen Vater zu einer grossen, 
tüchtigen Tochter gesagt wird. Zwei Diminutiva 
dieses letzteren, einen gewissen GrössenbegriiF tän- 
delnd einschliessenden Diminutivs, Lubaschenka und 
Lubaschetschka , werden dagegen von gebildeten 
Damen ihren ganz kleinen Töchterchen beigelegt, 
wo dann die Idee des Derben wiederum ermässigt 
wird, und unter der des Niedlichen allerliebst hervor- 
lauscht. Gegen eine nicht so ganz kleine Tochter, 
und ohne den Nebenbegriff des Derben und Prächtig- 
runden, bedient sich eine Dame wohl auch des JLu- 
botschka. Lubuschka, dem noch süsser spielend Lubu- 
schenka, und das vergrössernd-verkleinernde Litbu- 
schetschka sekundieren, heisst zärtlich „Mein Schatz"; 
Lubonka beansprucht die gute Gesellschaft für sich 



allein als ein elegantes Kosewort für eine junge Dame 
namens Lubov. Das Verzeichnis Hesse sich fortsetzen, 
und auf viele ähnliche Eigen- und Schmeichelnamen 
ausdehnen. Allein von Mila „Mein Nettchen" zählt 
man 23 Diminutiva, die ebenso viele, und so zarte 
Färbungen des Gefühls ausdrücken, dass sie manch- 
mal fast zu blossen Schattierungen des Gehörs werden. 

Eine dem Russischen allein zugehörige Abart 
des Liebens bezeichnet htbovatsja^''^'^), mit den Augen 
lieben, d. h. ästhetisch bewundern, bewundernd an- 
gaffen, wie z. B. eine schöne Frau, ein Bild, eine 
Aussicht u. s. w. 

Sasnoba, ein unter dem Volk sehr gebräuchliches 
Wort, ist die beginnende Liebe mit ihren süssen 
Schauern und zarten Hoffnungen. Es heisst eigent- 
lich „Schauer", wird aber ohne Betonung des Bild- 
lichen für die junge Liebe gesagt. Man sieht, zu so 
vielerlei Deutungen sich das allgemeine Wort hibov, 
Liebe, auch hergeben musste, so vielerlei verschiedene 
Empfindungen auch darauf als auf einen gemein- 
samen Mittelpunkt reduzirt worden sind, eine hat es 
gegeben, die als zu eigenartig gefühlt worden ist, 
um sich in dem umfassenden Sammelausdruck mit 
unterbringen zu lassen. 

Wir verlassen damit das Gebiet der Worte, die 
das Lieben überwiegend als ein Gefühl betrachten, 
oder, soweit sie sich auf einen thätigen Ausdruck 
desselben beziehen, mehr heischen als gewähren. Es 
erübrigt diejenigen zu untersuchen, bei denen das 
umgekehrte Verhältnis obwaltet. 

Wie lubov in seinem, so ist milost in diesem 
Gebiete fast alleinherrschend. Vom blossen Wohl- 



* 68 * 

■wollen, das der Gutartigkeit des durchschnittlichen 
Menschen entspringt, oder auch als eine reine Höf- 
lichkeitsphrase nur vorausgesetzt wird, bis zur hin- 
gehendsten Liebe, ja bis zur göttlichen Gnade selber 
heisst alles freundliche Gewähren milost. Wo nur 
immer eine Gunst, sei sie überschwenglich gross, 
oder verschwindend klein, aus warmem Herzen er- 
zeigt wird, ist es 7?iilost; wo nur eine günstige Ge- 
sinnung gehegt , oder als vorhanden angenommen 
wird, ist es wieder milost. Einige Sprossen der 
Skala, die das Wort durchläuft, werden wenigstens 
die äussersten Punkte markieren, die sie miteinander 
verbindet. „Wir bitten um milosf'^'^), sagt man zu 
angenehmem Besuch^ als ganz gewöhnliche Anrede, 
die nicht mehr bedeutet, als , »seien Sie uns will- 
kommen". ,,Thuen Sie uns /ntlosf"^'^) heisst „seien 
Sie so gütig" beim Erbitten einer geringfügigen Ge- 
fälligkeit. „Er hat mir milost erwiesen", von einem 
Bekannten gesagt, heisst Gewogenheit, von einem 
Fremden aber Nächstenliebe'*^). In „milost geht vor 
Recht" ''^) haben wir dasselbe vieldeutige Wort da- 
gegen als höchste menschliche Barmherzigkeit dem 
Schuldigen gegenüber, und die Formel „durch Gottes 
m-ilost*'^^) im kaiserlichen Titel gründet die Allgewalt 
des Alleinherrschers aller Reussen sogar auf über- 
irdische, auf himmlische Huld. Da dem Wort keine 
spezialisierenden Nebenausdrücke zu Hilfe kommen, 
welche die verschiedenen Nuancen thätiger Liebe 
genauer bezeichnen *), so wird man nicht irre gehen, 



*) Blagovolenie Wohlwollen, blagosklonnostj Wohlgeneigtheit, 
blagoshelatelstvo Sympathie, blagoraspoloshenie Wohlgesinntheit, sind 
alle viel passiver. 



* 69 * 

wenn man seinen zwischen dem bloss Freundlichen 
und unermessHch Huldvollen schwankenden Sinn auf 
die grosse Beweglichkeit des russischen Charakters, 
und die früheren sozialen Verhältnisse zurückführt, 
welche dieser Beweglichkeit einen nur allzu freien 
Spielraum gestatteten. Man kann annehmen, dass 
Dank der Agrarischen und Justiz-Reform des Kaiser 
Alexander ü. die gegenseitigen Beziehungen zwischen 
Mensch und Mensch sich fester gestaltet haben, und 
dass nicht mehr so viele Gelegenheit vorhanden ist, 
wo man durch eine Gefälligkeit erfreut, durch eine 
Gnade auch allenfalls zu erretten. Damit ist die 
logische Grundlage geschaffen, auf der das Wort 
niilost sich auf eine oder einige Bedeutungen aus 
dem übermässigen Umkreis seines Sinnes zurückziehen 
kann. Welchen es einmal den Vorzug giebt, und wie 
schnell oder langsam dieser konzentrierende Prozess 
verläuft, wird vom Standpunkt der Kulturgeschichte 
ebenso bemerkenswert sein, als von dem der Sprach- 
forschung. 

In drei mit unserem Worte zusammenhängenden 
Wörtern, dem Eigenschaftswort mili und den beiden 
Zeitwörtern milovdtj und inilovafj, kommt jetzt schon 
je eine entgegengesetzte Seite des milosf zur haupt- 
sächlichen, wenn nicht zur ausschliesslichen Geltung. 
Mili heisst „lieb, weil angenehm"; milovdtj bedeutet 
liebkosen; milovatj dagegen sich erbarmen, herab- 
lassende Liebe erweisen ^^), dem Sünder verzeihen^'). 
Welche Fülle von Verschiedenheiten dicht nebenein- 
ander! Was einmal nur angenehm ist, verstärkt sich 
das anderemal zum Kosigen, und geht im dritten 
Grade zum mitleidigen Vergeben über. Mili, das 



durch seine Bedeutung in die erste Klasse der rus- 
sischen Liebeswörter gehört, und hier nur aufgeführt 
wird, um zu zeigen, mit welcher Leichtigkeit die 
"Worte seines Stammes ihre Begriffe schillern lassen, 
kann indes fast als eine adjektivische Ergänzung des 
lubov angesehen werden. Denn obschon es eigentlich 
als „angenehm, ansprechend und darum geliebt"*^) 
zu verstehen ist, so erstreckt sich seine Anwendung 
doch einerseits ebenfalls auf Sachen und Personen 
gleichmässig, und lässt andererseits in manchen Fällen 
eine wärmere, zärthchere Schattierung zu, als ursprüng- 
lich in ihm liegt. Es hängt eben wieder alles von 
den Umständen, d. h. von den begleitenden Worten 
ab. Ein Fremder, der auf flüchtige Berührung hin müi 
genannt wird, ist angenehm; ein Bekannter, dem diese 
Eigenschaft zugeschrieben wird, nachdem er uns einen 
Dienst geleistet, ist gefällig, gütig, oder sehr gütig, 
je nachdem er uns mehr oder weniger unterstützt; 
ein Gesicht, das mü-i heisst, wird, da seine Züge leb- 
haft sprechen müssen, um diesen Eindruck zu machen, 
als liebreich aufgefasst; der Bruder als mili ist der 
Teure ^^); und ,,mein mili'''^^) heisst mit sprungartiger 
Steigerung ,,mein herzallerliebster Schatz". Und alles 
das, obschon sich der überwiegende Gebrauch des 
Wortes in einer viel gemässigteren Sphäre hält. 

Wir sind bei dem letzten Worte unserer Reihe 
angelangt. Wie sich dem allgemeinen lubov die sas- 
noha als ein Unterbegriff angehängt, dessen Eigen- 
tümlichkeit und Stärke unabweisbar einen besonderen 
Ausdruck für sich allein verlangt, so gesellt sich zur 
7nilost die blagust. Und zwar mit dem schönen und 
verständlichen Unterschied, dass, wenn die fühlende 



* 7 1 * 

Liebe des lubov in ihrem Nebenwort einen speziellen 
Ausdruck für die Bezeichnung der fühlendsten Stufe 
dieser menschlichen Leidenschaft erhielt, die thätige 
Liebe des milost durch ein Sonderwort spezialisiert 
wird, das die göttliche Huld in ihrer ganzen Güte, 
Wärme und Unerschöpflichkeit bedeutet. Das ist 
blagost, ein Wort, welches so hoch über der Launen- 
haftigkeit des luho7) und milost steht, wie der Himmel 
über der Erde; welches, wie es durch das Schwan- 
kende der beiden letzteren Bezeichnungen notwendig 
gemacht wurde, wenn die ewige Gnade Gottes mit 
der täuschenden Gutmütigkeit der Menschen nicht in 
einen widerspruchsvollen Ausdruck verschmolzen 
werden sollte, so auch durch seine blosse Existenz 
die Frömmigkeit derjenigen erweist, die seine Not- 
wendigkeit eingesehen, und die Lücke, welche die 
Sprache ohne dasselbe darbieten würde, ausgefüllt 
haben. Ein entsprechendes Adjektivum blagi steht 
ihm zur Seite '''). 

V. Ergebnis. 

Versuchen wir nun, einige Ergebnisse der vor- 
stehenden Bemerkungen übersichtlich zusammenzu- 
fassen, so finden wir, dass sich dabei zweierlei Ver>- 
fahren einschlagen lassen. Das eine nimmt die Auf- 
fassung des behandelten Begriffs bei jedem einzelnen 
Volke als ein Ganzes für sich, und vergleicht sie mit 
den Auffassungen der anderen Völker: diese Methode 
dient der Völkerpsychologie. Das andere betrachtet 
aUe vorhandenen Worte, unabhängig davon welchem 
Volk sie gehören, als Erzeugnisse der einen mensch- 
lichen Seele, und ordnet sie nach ihrem inneren 



* 7- * 

Zusammenhange, um so zu einer möglichst reichen 
und vollständigen Anschauung^der Idee zu gelangen: 
damit wird zunächst die reine Psychologie und Phi- 
losophie gefordert. Da jede Methode andere Wörter 
mit einander vergleicht, so zeigt sie auch andere 
Seiten derselben. Für diejenigen Züge eines Begriffs, 
die eine Sprache besonders emsig bearbeitet hat, 
und die ihre nationale Eigentümlichkeit demnach am 
meisten hervortreten lassen, wird sie die näheren 
Synonyma in sich selber finden, und zu genaueren 
Unterscheidungen verwerten; für andere Teile, die 
weniger reich bedacht, nur von einem oder einigen 
Worten vertreten werden, liefert das nächstliegende 
Wort gewöhnlich eine fremde Sprache, und bietet 
somit ein Prüfungs- und Bestimmungsmittel, das dem 
eigenen Idiom des geprüften Wortes abgeht. Wir 
geben eine Skizze beider Methoden innerhalb der 
Grenzen, die wir bisher innegehalten haben. 

Die starke Seite der ebräischen Sprache in der 
vorliegenden Gedankenreihe ist die Liebe Gottes zum 
Menschen, die Liebe des Menschen zu Gott, imd die 
allgemeine Liebe der Menschen untereinander. Der 
letztere Begriff wird vorwiegend als thätige, helfende 
Liebe genommen, und so mannigfaltig nuanciert, dass 
drei Worte zu seiner Vertretung vonnöten sind. Die 
Huld des Höheren, die aus gütigem Charakter kommt, 
und sich auch äussert, um den Glücklichen noch 
glücklicher zu machen; die Gunst, die durch Wohl- 
gefallen erworben wird; und die Barmherzigkeit, die 
dem Leidenden weichen und willigen Herzens naht 
— jedes hat seinen besonderen Ausdruck [Cheset, 
Chen, RachamJ. Man sieht, es ist ein religiöses Volk 



von erregbarem, expansivem Temperament gewesen, 
das seine Liebe nach diesen Kriterien verteilt hat. 
Das Lateinische glänzt durch das Pflichtgefühl, 
das es in die Liebe legt. Die Familienliebe als eine 
natürliche Folge des aus der Blutsverwandtschaft ent- 
springenden Austausches von gegenseitigen Diensten 
und Freundlichkeiten; dieselbe als eine göttliche 
Satzung, auch auf andere geheihgte Neigungen zu 
den dauernden Obmächten des Lebens, den Göttern 
und dem Vaterlande ausgedehnt; und der eifervolle 
Anschluss, der dem Freunde, Parteigenossen, oder 
dem durch sonstiges gemeinsame Interesse uns Ver- 
bundenen zu nützen sucht: dies sind die charakte- 
ristischen Worte des Lateinischen. (Caritas, pietas, 
studiitm.) Dazu kommen die Liebe aus erwogener 
Wertschätzung, und einige unbestimmte, reservierte 
Ausdrücke, die leidenschaftlich sein können, aber 
häufig die Neigung mehr andeuten als bedeuten 
(diligere, affectus, affectio). Wir haben damit ein 
Volk vor uns, das ungewöhnlich viel Bewusstsein 
und Absicht in die Liebe hineintrug. Ein Volk, das, 
obschon es die unbestimmteren Gefühle derselben 
Art gut genug kannte, sie auf ein möglichst enges 
Gebiet einzuschränken suchte, und neben ihnen feste, 
unzweideutige Kategorieen vorschriftsmässiger Liebe 
aufstellte. Ein Volk überdies, das auch für die leiden- 
schaftlichen, weniger disziphnierten Gefühle derselben 
Art Worte erfand, deren vages Wesen durch ein 
vornehm zurückhaltendes Gepräge ermässigt, und 
gewissermassen in sein Gegenteil gewendet wurde. 
Wer sieht nicht darin den stolzen Römer? Den im 
Staats-, Stammes- und Familienleben aufgehenden 



* 74 * 

civis, der sich zu ehren und lieben ehrlich verpflichtet 
fühlt, was sein Wohlergehen fördert, aber wenig 
Mitgefühl aufzuwenden hat für die, die ihm ferner 
stehen? Und welch ein Unterschied von den Juden, 
deren spezielle Liebesworte nicht wie die der Römer 
Dankbarkeit für die Erzeigungen der Nächstverbun- 
denen, sondern im Gegenteil Herablassung zu den 
Bedürftigen der ganzen weiten Welt voraussetzen, 
also andersgeartet sind sowohl in dem, auf den sie 
gehen, als in dem, von dem sie ausgehen. Während 
der eine liebend vergalt, was ihm von seinen nächsten 
Verwandten und Genossen erwiesen wurde, öffnete 
der andere sein Herz der allgemeinen Sympathie, 
und suchte liebend zu helfen allen, die es brauchen 
konnten. Die politische Natur des Lateiners, die 
religiös-sentimentale des Ebräers können nicht treffen- 
der geschildert werden , als in der Differenz dieser 
paar Synonyma. 

Im Englischen begegnen wir einer sich gleich- 
massig nach allen Seiten hin edel und einsichtig er- 
streckenden Ausarbeitung unseres Begriffs. Eine 
Neigung, die mit dem Gefallen anfängt, zum An- 
schluss übergeht, in Liebe auflodert, und in inniger, 
überzeugter Wertschätzung endet, wird in ihren vier 
Stufen durch ebenso viele Worte markiert. (Liking, 
attachment, love, affection.) Daneben ist die Nächsten- 
liebe vertreten, welche die Gutthat und das milde, 
liebende Urteil über den anderen in einem Worte 
vereint. (Charity.) Das Hängen an einem teuren 
Wesen, das, einmal geliebt, immer weiter geliebt 
wird, ohne Leidenschaft, aber auch ohne Kritik, 
erfordert ein anderes, von den wärmsten Strahlen 



* 75 * 

des menschlichen Herzens beleuchtetes Wort (Fond- 
nessj. Hier haben wir allerdings weder die mannig- 
faltige Entwicklung der jüdischen Nächstenliebe, noch 
den besonders starken Familien- und Genossenschafts- 
sinn des Römers; aber wir finden beide Farben in 
je einem breiten Auftrag vertreten, und viele andere 
oben ein. Wird nur eine Art Nächstenliebe für alle 
unsere Mitmenschen statuiert, so ist sie dafür so 
umfassend in ihren Pflichten, so milde in ihrem 
Denken und Thun, dass sie das altebräische reichlich 
aufwiegt, und, insofern sie sich nicht nach den Um- 
ständen modifiziert, wie diese, sie noch übertrifft. 
Diese englische Nächstenliebe ist eine gegen reich 
und arm, und gut und schlecht; eine gegen alle, 
von allen, und in allen Verhältnissen; eine in dem 
Wunsch unter allen Umständen zu beglücken, und 
das Beste zu denken. Charity hat den Sinn der un- 
unterschiedlichen Menschenfreundlichkeit, wie er sich 
in den letzten Zeiten des judenchristlichen Jerusalem 
gestaltet, aber, da das Neue Testament griechisch 
geschrieben ist, im Ebräischen keinen prägnanten 
Ausdruck erhalten hat.*) Für die Familienliebe des 
Römers sodann tritt im Englischen affection ein; 
nicht ein pflichtmässiges, sondern ein durch längeren 



*) Griechisch aya-r,. Für diejenigen, welche eine Wurzelverwandt- 
schaft zwischen Semitisch und Aiisch annehmen, Hegt die Nebenein- 
anderstellung dieses griechischen Wortes mit dem ebräischen „ahav" 
nahe. Wer sich für berechtigt hält, die Sprachen der ganzen kauka- 
sichen Rasse zu vergleichen , wird dem englischen „ love ", nächst 
dem deutschen „Liebe" das ägyptische l/öe „begehren, verlangen 
lieben" gesellen. Die englische Nebenform lief entspricht mathete- 
siert dem griechischen (piXo;. 



intimen Umgang und den Austausch von freundlichen 
Gesinnungen und Diensten in guten und schlechten 
Tagen gefestigtes Gefühl; nicht eine bürgerliche und 
religiöse Obliegenheit, die durch die Notwendigkeit 
der gegenseitigen Unterstützung in einer rauhen 
Welt gefordert und genährt wird, sondern das na- 
türliche Resultat enger verwandtschaftlicher Bezie- 
hungen zwischen gutgearteten und rücksichtsvollen 
Menschen. In dieser Verschiedenheit sehen wir einen 
nicht unbedeutenden Teil der Kluft, welche nicht 
nur den Römer von dem Engländer, sondern die 
ganze alte Zeit von der neuen trennt. Dort straffer 
Zusammenschluss der Bluts- und Stammverwandten, 
die gemeinsam gegen alle anderen in einer um die 
ersten Bedingungen des Lebens und der Freiheit 
kämpfenden AVeit stehen; hier die freie Anhänglich- 
keit der Verwandten aneinander, die sich nicht mehr 
zu so unumgänglichen Hilfeleistungen bedürfen, aber 
in dem edlen Verkehr einer gesitteten Zeit auch bei 
geringerem Zwang äusserer Verhältnisse Grund genug 
finden, sich ernstlich und aufrichtig schätzen und 
lieben zu lernen. Die römische Verwandtenliebe war 
auf harte soziale Gegensätze gegründet, und wurde 
heilig durch die absolute Notwendigkeit, die alle 
gleichmässig empfanden, ihr zu gehorchen; die eng- 
lische beruht umgekehrt auf den schönen Beziehungen, 
die sich spontan zwischen den Mitgliedern eines ge- 
deihlichen Hauses zu gestalten pflegen, wenn sie die 
Durchschnittseigenschaften des heutigen britischen 
Menschen besitzen. 

Auch das Russische ist nicht ohne seine nennens- 
werten Besonderheiten. Ausser dem, allen behan- 



77 



delten Sprachen mehr oder weniger gemeinsamen 
Ausdruck für die verschiedenen Stufen des Liebe- 
gefühls hat es noch ein anderes, ihm eigentümhches 
Wort für die verschiedenen Grade der thätigen Liebe. 
Müost ist nicht allein Nächstenliebe, sondern auch 
Höf Uchkeit und hohe, herablassende Huld aus eigenem 
Ermessen, ohne Rücksicht auf die göttlichen Gebote. 
Wir haben die Ursachen, welche diesen Sammel- 
ausdruck im Russischen haben entstehen lassen, oben 
anzudeuten gesucht: sie liegen in politischen und 
gesellschaftlichen Zuständen, welche das Land nun- 
mehr zu überwinden begonnen hat, und als deren 
verwitterndes Denkmal das Wort noch in seiner 
Sprache aufgestellt ist. Wie es mit solchen Reliquien 
der Vergangenheit zugehen pflegt, so wird müos vc. 
seiner bisherigen weiten Bedeutung noch eine Weile 
weiter vegetieren, bis es, im Fortschritt der Zeit, un- 
passend erscheinen wird, aus purer „Höflichkeit" um 
Gnade" zu bitten, wo das vieldeutige Wort sich dann 
ffir die eine oder die andere Seite seines Sinnes entschei- 
den muss. Und wer könnte die Diminutiva vergessen, 
die dem Russischen allein zukommen, wer die ebenso 
charakteristische Bezeichnung für den ersten Schuttel- 
frost des jungen Herzens? In der zärtUchen Schmeiche- 
lei in der lebhaften Empfindung des Liebefiebers 
st Jht das Russische damit allen vergUchenen Sprachen 
voran War des Römers Liebe ernst auf die Nächsten 
gerichtet, die des Juden weich auf den Nächsten, 
die des Engländers gefühlvoll gewählt auf beide, je 
nach ihrer Art, so ist die russische kosig und be- 
günstigend, wenn auch unbewusster, unerwogener, 
unsicherer schwankend sowohl gegen den emzelnen. 



als gegen alle. Aber was die russische Auffassung 
am meisten auszeichnet, ist die emphatische Hervor- 
hebung der göttlichen Liebe zum menschlichen Ge- 
schlechte (Blagost). Mag dies Wort auch durch die 
Instabilität der die verschiedenen Arten der mensch- 
lichen Liebe bezeichnenden Ausdrücke mit veran- 
lasst sein, es ist nunmehr da, und bildet einen Vor- 
zug der Sprache, der die Schwächen, die es schaffen 
geholfen, überdauern wird. 

Soweit was die vier Sprachen hauptsächlich von 
einander trennt. Nunmehr was sie in ebenso be- 
merkenswerter Weise eint. Mit Ausnahme des Eng- 
lischen, stimmen sie in einem wichtigen Punkt über- 
ein. Sie haben alle ein Wort, das sämtliche Schat- 
tierungen der Liebe vom ersten Gernhaben bis zum 
stürmischen Besitzenwollen ausdrückt. Sie haben alle 
ein Wort, das die ganze Skala der Liebe umfasst, 
von der ersten Neigung bis zu dem gewaltigen Zuge 
der Leidenschaft, der zwei Wesen willenlos anein- 
ander treibt, und ihr Urteil über den gegenseitigen 
Wert zu einem unwillkürlichen, unbewussten Akt der 
Seele gestaltet. Sie erkennen damit an, dass Zu- 
neigungen, seien sie stark oder schwach, in einem 
Punkte einander ungemein ähnlich, einander wesent- 
lich identisch sind. Sie dehnen diese Auffassung 
sogar auf das Lieben von Sachen und abstrakten 
Begriffen aus, und, was für unsere linguistischen 
Zwecke das Wichtigste ist, sie zeigen gleichzeitig den 
Grund dafür an. Denn indem sie Liebe als etwas so 
ausserordentlich Umfassendes betrachten, deuten sie 
darauf hin , wie sich uns jede Art derselben, ohne 
die Verpflichtung eines Beweises für ihre Berechtigung 



* 79 * 

auch nur zuzugeben, zunächst als eine vage Empfin- 
dung der Sympathie, unerörtert und dennoch in zwin- 
gender Sicherheit aufzudrängen pflegt. Sie erinnern 
uns damit daran, dass die Liebe in der That aus dem 
gesammelten Niederschlag aller unserer früheren Mei- 
nungen und Erfahrungen entspringt, der in dem 
dunklen Hintergrunde der Seele gelagert, unser 
eigenstes Ich ausmacht, und sich deshalb ebenso sehr 
der Analyse entzieht, wie er sie empfindlich ver- 
weigert. Wir haben also das untrügliche Zeugnis der 
Sprache für eine wichtige psychologische Thatsache. 
Der alte, seinen Gottesglauben schwer erringende 
Jude, der kalt verständige Römer, und der weichere 
moderne Russe, obschon durch Anlage und eigen- 
tümliche Gesittung so weit von einander getrennt, 
vereinen sich in der Erkenntnis einer grossen see- 
lischen Wahrheit und geben damit den entsprechen- 
den Beobachtungen des einzelnen den Stempel eines 
wahren consensus popttlorum. 

Der Engländer allein weicht einigermassen von 
dieser Anschauung ab. Wie wir wissen, ist ihm, 
schon im Besitz einer ausgebildeten Sprache, das 
Französische von fremden Eroberern, die es selbst 
als fremde Sprache sprachen, aufgezwungen worden. 
Zu stark, um das eigene Idiom untergehen zu lassen, 
zu schwach, um sich des fremden völlig zu erwehren, 
hat er die angenommenen französischen Worte lange 
als Fremdworte behandelt, und ihnen, gleich tech- 
nischen Ausdrücken, eine enge Bedeutung und einen 
unveränderlichen Sinn beigelegt. Zusammen mit dem 
Bedürfnis eines reichbegabten Volkes, viele Gedanken 
auszudrücken, hat ihm diese enge Fassung des Wort- 



* 8o * 

sinns viele Worte nötig gemacht, und die Kraft zu 
ungemein scharfen synonymischen Unterscheidungen 
gegeben. Diese Erscheinung, wie sie seine ganze 
Sprache durchzieht, hat auch ihre Rückwirkung auf 
das ursprüngüch angelsächsische Element derselben 
geäussert, und die Worte dieser Abstammung zu 
merklich schärferen Bedeutungen zugespitzt, als sie 
in anderen germanischen Sprachen haben. Ihr dürfen 
wir die Erhaltung des dem Englischen eigentümlichen 
Wortes like, , .gernhaben, massig lieben",*) zuschreiben. 
Es bezeichnet eine Vorstufe zu love, dem die höheren 
Grade desselben Gefühls reserviert sind. Diese Ver- 
teilung bringt es erklärhcherweise mit sich, dass das 
kühlere like sowohl für Personen als Sachen, das 
wärmere love aber vorzugsweise in bezug auf Per- 
sonen und ideale Begriffe gesagt wird^^). Der Um- 
kreis des love wird dadurch ein begrenzterer, bleibt 
aber immer noch weit genug, um der Folgerung, 
die wir aus den unbestimmten Auffassungen der drei 
anderen Sprachen zogen, auch für das Englische eine 
gewisse allgemeine Giltigkeit zu bewahren. Denn 
obschon man im Englischen nicht so leicht sagen 



*) Englisch like^ Angelsächsisch licj'an, bedeutet eigentlich „ge- 
fallen". Ursprünglich auch im Gotischen vorhanden als leikan, Ahd. 
liehen, güichen, ist es Nhd. untergegangen, oder vielmehr nur mund- 
artlich erhalten. So im Polnischjuden deutsch, das viele Züge des Alt- 
fränkischen bewahrt ,,Das ist sehr gleich" für ,,Das ist wahr und 
treffend und gefällt mir". Die Verwandlung des Sinnes des licj'an 
aus „gefallen" in „massig lieben" wurde durch die normannische Ein- 
wanderung begünstigt, welche zwei einander unverständliche Völker 
in täglichen Verkehr brachte , und dadurch, neben anderem formellen 
Wirrwarr, transitive und intransitive Verba leicht verwechseln und in 
einander übergehen Hess. 



kann wie im Russischen „Ich Hebe diesen Wald, 
dieses Buch" ''•') u. d. m., so wird love, innerhalb seiner 
wärmeren Sphäre, dennoch für so viele verschiedene 
Schattierungen des Ernstes und der Innigkeit, des 
Scherzes und der Laune gebraucht, dass seine Be- 
deutung immerhin eine schwanke, und damit das 
ganze Gefühl, das es ausdrückt, ein rätselhaftes bleibt. 
Auch dass es affecfioii, charify und fondness als be- 
stimmtere Begriffe einer warmen Liebe neben sich 
hat, zeigt das Bedürfnis der Sprache, seinem vagen 
Wesen genauere Gedanken zur Seite zu stellen. 

Mehr oder weniger übereinstimmend in diesem 
Punkte, sind die allgemeinen Bezeichnungen der 
Liebe in anderen verschieden. Erwähnen wir nur 
zwei Unterschiede. Der Römer verstieg sich kaum 
je zu der Behauptung, dass die Götter ihn lieben, 
obschon er oft genug wünschte, dass sie ihn lieben 
möchten; der Jude schreibt seinem Gott die Liebe 
zum auserwählten Volk, und allmählich zur ganzen 
Menschheit zu. Der Heide hatte , eben nicht das Ver- 
trauen in seine menschlichen Götter, wie der Jude 
in seinen einen, schon frühzeitig ungleich erhabener 
erkannten Gott. Dass sie selber ihre Götter und ihren 
Gott lieben, ist dagegen beiden Völkern gemeinsam. 
Soweit war auch schon der Römer gekommen. Indes 
nicht ohne Misstrauen in seine Befugnis. Wenn er sich 
den Gewaltigen der Höhe und Tiefe so nahe zu 
stellen wagte, dass er von seiner Liebe für sie sprach, 
pflegte er gerne hinzuzufügen, dass er sie nicht nur 
liebe, sondern auch fürchte. Der Jude seinerseits aber 
redete selten von seiner Furcht, wenn er von seiner 
Liebe zu Gott zu sagen und zu singen hatte: das 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. ' 5 



* 82 * 

Gefühl der Hingebung war ihm ein so inbrünstiges, 
dass er, so lange er sich ihm überliess, der Gegen- 
liebe seines Gottes sicher zu sein glaubte, und mithin 
keine Furcht empfand. Von der englischen und rus- 
sischen Sprache ist es unnötig zu bemerken, dass sie 
auf dem christlichen Standpunkt stehen. 

Ein anderer Diiferenzpunkt dieser allgemeinen 
Bezeichnungen der Liebe ist die ideale Kraft, die 
der Geschlechtsliebe in den modernen Sprachen, als 
deren Vertreter wir das Englische und Russische hier 
vor uns haben, im Gegensatz zu den alten innewohnt. 
Auch im Ebräischen und Lateinischen kann die Liebe 
ein verzehrendes Gefühl sein, welches alle Güter des 
Lebens wegwirft, um den geliebten Gegenstand zu 
besitzen. Seltener zwar, aber erkenntlich genug, 
kann sie auch die höhere Leidenschaft werden, welche 
ihr Glück nur im Glück des anderen sucht, und, im 
Bewusstsein der eigenen selbstlosen Reinheit ihr 
Verlangen als ein edles , über den gewöhnlichen 
Beweggründen des menschlichen Handelns erhabenes 
ansieht ^^). Aber es dürfte schwer sein, eine Beleg- 
stelle dafür aufzufinden, dass die Liebe zum anderen 
Geschlecht diesen alten Völkern jene innere Erhöhung 
und Läuterung bedeutet habe, als die sie in ihrer 
höchsten Potenzierung heute gekannt ist. Dass der 
Mensch durch dieses völlige Aufgehen in einem 
anderen selber besser werden, dass er dadurch die 
Schönheit einer liebenden Annäherung an alle Neben- 
menschen begreifen, und die ganze Welt in dem ver- 
klärten Lichte eines inneren Gefühlszusammenhanges 
schauen und schätzen lerne, war den Alten noch 
nicht zum Bewusstsein gekommen. Heut haben die 



* 83 * 

Poeten so viel davon zu erzählen, dass jeder es 
gehört hat, wenn er auch sonst nichts davon weiss. 

Wir gehen zum letzten Teil unserer Aufgabe 
über. Für diesen Zweck sehen wir davon ab, dass 
wir es mit vier verschiedenen Völkern zu thun haben, 
die, ein jedes in seiner eigenen Anlage und Geschichte 
stehend, jedes eine eigentümliche Anschauung des 
vorliegenden Begriffs entwickelt haben. Wir betrachten 
diese Völker vielmehr als zur einen und unteilbaren 
Menschheit gehörig, eines Ganzen, dessen Glieder, wie 
mannigfaltig sie auch sein mögen, dennoch wesentlich 
gleichartig sind, und gleichartiges, obschon in ver- 
schiedener Stärke und Vollkommenheit, denken und 
fühlen. Die Berechtigung beider Gesichtspunkte liegt 
auf der Hand. Spricht doch eine jede Nation von 
Liebe und Hass und meint damit etwas, das der Auf- 
fassung der anderen nahesteht, wenn es ihr auch nie 
völlig identisch ist. 

Diese Auffassung erlaubt uns demnach die Worte 
eines Begriffes, von welcher Sprache sie auch ur- 
sprünglich erzeugt sein mögen, als Worte der einen 
menschlichen Sprache anzusehen, und sie unter ein- 
ander nach ihrem inneren Zusammenhange zu ordnen. 
Das Mosaik, welches wir damit zusammenstellen, 
wird den Begriff in einer mannigfaltigeren Färbung 
und Zeichnung zeigen, als eine einzelne Sprache es 
vermag. Es wird das räumlich und zeithch Getrennte 
verbinden, und es sich gegenseitig ergänzen lassen. 
Es wird die verschiedenen Seiten der Sache, wie sie 
hier und da gesehen worden sind, in einem Gesammt- 
tableau gruppieren, und damit einen Beitrag sowohl 
zur Kenntnis des behandelten Begriffs, als der mensch- 
en 



* 84 * 

liehen Denkarbeit überhaupt liefern. Liesse sich dies 
synthetische Verfahren auf alle vorhandenen und 
untergegangenen Sprachen ausdehnen, so würden 
wir eine Einsicht erlangen in alles, was die Mensch- 
heit als Ganzes je von der Liebe gedacht und ge- 
sagt hat. Bescheiden wir uns quantitativ und quali- 
tativ mit einigen andeutenden Bemerkungen. 

In Bezug auf das allgemeine, und in seiner Un- 
bestimmtheit so umfassende Liebeswort der vier 
Sprachen dürfen wir auf das unmittelbar Vorher- 
gehende verweisen. Dort sehen wir, was ahav, amare, 
love, lubitj verbindet, und was sie trennt. 

In der Nächstenliebe danach haben wir den 
weitesten Ausdruck im englischen charity, das die 
Liebe im Denken und Handeln umfasst, und sie un- 
abhängig von jedem besonderen Anlass als eine 
immerwährende köstliche Menschenpflicht auferlegt. 
Es ist ebenso die Liebe des Glücklichen zum Glück- 
lichen und Unglücklichen, wie des Unglücklichen 
zum Unglücklichen und Glücklichen. Es ist gleicher- 
gestalt die Liebe des Guten zum Guten und Bösen, 
wie des Bösen, sobald er zum Bewusstsein seiner 
selbst erwacht, zum Bösen und Guten. Zunächst im 
Handeln, wenn auch nicht in der Gesinnung, steht 
ihm das russische milost, das alles thun kann, was 
charity thut, aber nicht notwendigerweise dieselben 
Motive dafür zu haben braucht. Milost handelt mehr 
aus einer freundlichen Sinnesweise, die, von den Um- 
ständen angeregt, aktiv wird, als aus dem Bewusst- 
sein einer immerwährenden und immer erfreulichen 
Obliegenheit. Es ist deshalb sowohl in seinem Ur- 
sprung, als seiner Dauer weniger zuverlässig als 



* 85 * 

charity ; es misst auch eher ab, wieviel es giebt, und 
lässt sich, während es giebt, als eine willige viel- 
leicht, aber nichtsdestoweniger als eine willkürliche 
Gunst empfinden, die auch entzogen werden könnte. 
Charity aber muss, weil es nicht anders darf, und 
weil es, auch wenn es anders dürfte, nicht anders 
könnte. Von den drei ebräischen Worten chen, cheset, 
racham gehen die beiden ersten ihrer Gesinnung 
nach mit milost, das letztere mit clLarity. Die beiden 
ersten, liebende Gnade und Gunst, richten sich gleich- 
massig auf Glückliche und Unglückliche, auf Be- 
dürftige und Nichtbedürftige, und sehen in dieser 
Freigebigkeit eine Berechtigung zu wählen, wem sie 
sich zu gute kommen lassen wollen; das letztere, 
das nur dem Unglücklichen hilft, wird von ihm un- 
widerstehlich angezogen, und verlangt nichts Besseres, 
als die Gelegenheit zu trösten und zu retten. Nach 
diesen verschiedenen Beweggründen variiert auch der 
Grad der Liebe, den sie enthalten. Cheset, als von 
dem — dauernd oder zeitweilig — Mächtigeren aus- 
gehend, hat deren die wenigste; chen, das nicht die 
Macht, sondern die durch Wohlgefallen, durch eine 
gewisse innere Billigung erwachte Gunst des Gewäh- 
renden betont, zeigt eine grössere Beimischung des 
drängenden Gefühls; und racham geht gänzlich darin 
auf. Während also charity^ fromme Glut alle Be- 
ziehungen gemeinsam umfasst, und mtlost's leichtes 
Angesprochensein dies ebenfalls zu thun vermag, 
aber nicht braucht, teilen sich chen, cheset und racha?n 
in die Nächstenliebe je nach den Umständen, unter 
denen sie in die Erscheinung tritt, und lassen sie je 
nach denselben kühler oder heisser werden. 



* 86 * 

Das Entstehen der Liebe für eine einzelne Person 
wird in den folgenden vier Phasen geschildert: liktng, 
attachment, affecfiis, sasnoba. Die drei ersten können 
auch auf Personen desselben Geschlechts gehen; das 
letzte nur auf eine Person des anderen Geschlechts. 
Liktng, das erste unwillkürliche Gefallen an diesem 
oder jenem Zuge in dem Wesen und der Persönlich- 
keit des anderen; attachment, der Anschluss an ihn 
als einen, der uns geistig ähnlich und demnach sym- 
pathisch ist; affectus, der warme Drang der zuge- 
neigten Seele, der uns zu einem anderen zieht, sei 
es, dass der ruhigere Anschluss lange genug gedauert 
und intim genug gewesen ist, um allmählich zu einer 
tieferen Färbung zu reifen, sei es, dass dieses Mittel- 
stadium durch das strömende Gefühl verdeckt, und wie 
in einem Katarakt der Empfindungen übersprungen 
worden ist; und sasnoba, des Jünglings und der Jung- 
frau erste Liebe. Sollten wir diese vier Grade nach 
ihrer Intensität beschreiben, so würden wir sagen 
vorübergehend erwärmt; warm; wärmer, mit einer 
verhaltenen Glut, die nur auf eine Gelegenheit zum 
Auflodern wartet; fliegende Hitze. Man sieht, es 
ergiebt sich schon in den wenigen verglichenen 
Sprachen eine eng zusammenhängende Kette der 
Begriffsentwicklung. 

Die nächste Gruppe bilden die Worte, die eine 
starke Liebe aus erwogener Wertschätzung, und die- 
jenigen, welche eine ebensolche Liebe aus uner- 
wogenem, unwillkürlichem Nichtanderskönnen be- 
zeichnen. Die ersteren sind zwei, diligcre und af- 
fection. In der Hauptsache übereinstimmend, sind sie 
in einem untergeordneten Punkte einander entgegen- 



* Sy * 

gesetzt. Das lateinische diligere fängt gar nicht eher 
an, zu Heben, als es die Würdigkeit des anderen 
urteilend erkannt hat; das englische affection dagegen 
ist der lautere Rückstand der unwillkürlichen love, 
wenn dieses blinde Gefühl allmählich zu einer stehen- 
den Überzeugung von dem Werte und der Güte des 
Geliebten gereift ist. Das eine ist erst kühl und dann 
warm, das andere erst heiss und dann innig; das eine 
erst Verstand und dann Gefühl, das andere erst 
Leidenschaft und dann tiefe Empfindung. Dem einen 
huldigt ein Mensch, der, obschon vorsichtig im Prüfen, 
aus eigener Bravheit geneigt ist, sich aufrichtig an 
das Bewährte zu schliessen; das andere erwächst in 
der Seele, die, lebhaft in ihrer Neigung, dennoch 
Grundsätze genug hat, die Bestätigung derselben in 
dem Wert des anderen zu suchen, und glücklich 
genug ist, sie zu finden. Das eine ist römisch, das 
andere englisch; das eine antik gemessen, das andere 
modern human. Zu beiden in grellem Widerspruch 
stehen die Worte der starken, aber unkontrollierten, 
unwiderstehlichen Neigung. Es sind ihrer drei, af- 
fectus, afectio, fondness. Das erste in seiner ur- 
sprünglichen Bedeutung ein jäher Hang des Gemüts, 
manchmal so stark, aber gewöhnlich nicht so dauernd, 
so eingestanden, wie ajiior ; das zweite eine mildere 
Neigung, zuerst weniger warm, und nachmals weniger 
unstät; das dritte ein süsses Schwelgen im Gefühl, 
das manchesmal mehr das eigene Bedürfnis zu lieben 
befriedigt, als die Gesinnungen und den Wert des 
anderen beachtet. Fondness und affectus betonen 
beide das Unwillkürliche ihrer Empfindung; aber 
während das letztere sich gewaltig gezogen fühlt, 



klammert sich das andere in stiller, stetiger Innigkeit 
an das Wesen, dem es sich einmal geschenkt; wäh- 
rend das letztere mit Stürmen droht, wird das erstere 
in seinem unveränderlichen Hangen verharren, selbst 
auf die Gefahr hin, einfältig zu werden. Es sind beides 
Worte von ausgesprochenem Gemüt, aber das eine 
an die Leidenschaft grenzend und ihr häufig vorher- 
gehend, das andere in seine eigenste Eigentümlichkeit 
lautlos versunken; das eine einem antiken und männ- 
lichen Volk gehörig, das andere aus ebenso männ- 
licher, aber moderner Wurzel entsprossen, und dem- 
selben seelischen Drucke unterthan, obschon er in 
ihm ruhig und sich so zu sagen Selbstzweck ge- 
worden ist. Hieran könnte man affectus und affectio 
noch einmal in ihren zweiten Bedeutungen reihen, 
und dazu auch affedion und diltgere, ebenfalls in 
sekundärem Sinn, aus einer anderen Klasse herüber- 
nehmen. Das gäbe dann eine besondere Unterab- 
teilung für den mehr oder weniger reservierten Aus- 
druck inniger Neigung, sei es, dass sie aus dem 
Gefühl entquollen ist (affectus, affectio, affection), sei 
es, dass der Verstand gleich zuerst sein Wort mit- 
gesprochen hat (diligere). Es ist bemerkenswert, dass 
die vier Worte dieser vornehmen Unterabteilung 
sämtlich römisch und englisch sind — dass sie Men- 
schen von accentuierter Selbstachtung angehören, 
die verständlicherweise auch, wo sie sich hingeben, 
die Thatsache schamhaft zu verschleiern suchen. 

Die nächste Klasse der pflichtmässigen Liebe 
als Begleiterin gewisser verwandtschaftlicher oder 
anderer äusserer Beziehungen ist ausschliesslich rö- 
misch. Caritas, Pietas, Shidiiim. Caritas die Liebe 



für das eigene Fleisch und Blut, oder den Freund, 
den wir uns ebenso nahe stellen; pietas, die ehrer- 
bietige Liebe für die Götter, die Eltern, das Vaterland 
als die dauernden Wohlthäter des Menschen; Studium^ 
d,ie Liebe, die aus der politischen oder persönlichen 
Verbindung für weltliche Zwecke hervorgehen soll, 
weil diese Verbindung die Stellung des einzelnen 
schirmt und schützt, und insofern der Vergeltung 
durch ein waches, eifriges Gefühl wert erscheint. Hier 
haben wir den Römer vor uns, wie er leibte und 
lebte. Die nächsten Ucitürlichen Beziehungen aus- 
nützend, aber gleichzeitig respektierend; sie ver- 
wertend, aber auch mit aufrichtiger Neigung ver- 
ehrend. Verbindungen eingestandenermassen zu 
gegenseitigem Vorteil eingehend, aber sie warm um- 
fassend, wenn er sie als nützlich und erhaben erkannt. 
Seine Liebe dahin wendend, von wo seine Förderung 
im Leben kam, und es als eine teure Pflicht be- 
trachtend, mit Linigkeit zu lohnen, wo man ihm half. 
Ein Volk, das solchergestalt dem irdischen Vorteil 
eine Art Heiligung bereitete, und die selbstischen 
Antriebe der menschlichen Natur mit den höheren 
in völlige Übereinstimmung zu setzen verstand, musste 
gedeihen. 

Blagost, die Liebe Gottes zum Menschen, gehört 
dem Russischen allein. Von den anderen verglichenen 
Sprachen haben Englisch und Ebräisch den Gedanken, 
aber keinen besonderen Ausdruck dafür. Dem La- 
teinischen fehlt selbst der Gedanke fast ganz. Fast, 
aber nicht ganz. Während die gewöhnliche Rede des 
Römers seinen Liebesworten kaum eine Anwendung 
auf die Beziehungen zwischen Göttern und Menschen 



* go * 

gestattete, erhoben sich erlesene Geister zu der er- 
habenen Idee und teilten sie den lesenden Klassen 
in ihren Schriften mit. Von den wenigen Belegstellen 
dieser denkwürdigen Thatsache genüge es, eine be- 
sonders beweiskräftige anzuführen. In Juvenals zehnter 
Satire begegnen wir diesem frommen Spruche : „Nicht 
deine Wünsche, sondern was dir frommt, gewähren 
dir die Götter. Siehe, sie lieben dich mehr als du 
dich selber liebst" ^^). Die gebrauchte Vocabel ist 
„carus^', ein Wort, welches die religiöse Empfindung 
des Dichters weit über seine gewöhnliche Beziehung 
auf Verwandten- und Freundesliebe hinaushebt. 



Anhang. 



Beispiele. 

t) a. Itaque quamquam et Pompeio plunmum, te quidem prae- 
dicatoie ac teste, debebam , et eum non solum beneficio, sed amore 
etiani et perpetiio ijuodam judicio diligebam. 

Cic. Fam. i, 9, 6. 

Obschon ich dem Pompejus , wie du selber weisst und gerühmt 
hast, soviel verdanke, und ihm meine Liebe nicht nur thatsächlich 
zeigte, sondern immer neuen und überzeugten Anlass dafür fand. 

!>• Dicebas quondam solum te nosse Catullum 
Lesbia, nee prae me velle tenere lovem. 
Dilexi tum te non tantuni ut vulgus amicam 
Sed pater ut gnatos diligit et generös. 

CatuU. 72, I. 
Einstmals sagtest du mir, du kenntest allein den Catullus, 
Schätztest Jupiter selbst nicht wie deinen Catull. 
Damals liebte ich dich nicht als ein flüchtiges Liebchen, 
Nein, wie ein Vater den Sohn, und wie er die Eidame liebt. 



2) a. Persuasit nox, amor, vinum, adolescentia — 
Humanuni 'st. 

Terent. Ad. 3, 4, 471. 
Der Wein, die Liebe und die Jugend haben's gethan. 'S ist 
menschlich . 



l>- Non vestem amatores mulieris amant sed vestis furtum. 

Plaut. Most. 1, 3, 13. 
Nicht die Kleider des Weibes liebt wer das Weib liebt, 
Sondern was in den Kleidern drinsteckt. 



* g2 * 

c. Ac mihi videtur matrem valde ut debet amare teque mirifice. 

Cic. Att. 6, 2, 2. 
Mir scheint doch, als ob er die Mutter liebe, -wie sichs gebührt, 
und auch dich auf das innigste schätze. 



3) a- Ex ea caritate quae est inter natos et parentes, quae dirimi 
nisi detestabili scelere non potest. 

Cic. Am. 8, 27. 
Um jener Liebe willen, die zwischen Kindern und Eltern besteht 
und die ohne abscheuliche Sünde nicht gelöst werden kann. 

t. Oblitaque ingenitae erga patriam caritatis, dummodo virum 
honoratura videret, consilium migrandi ab Tarquiniis cepit. 

Liv. I, 34, 5. 
Sie legte mehr Gewicht auf die angesehene Stellung ihres Mannes 
als auf die angeborene Liebe zum Vaterland, und entschloss sich dem- 
nach von Tarquinii auszuwandern. 

4) a. Est enim pietas justitia adversum deos: cum quibus quid 
potest nobis esse juris, quum homini nuUa cum deo sit comunitas. 

■ Cic. Nat. D. I, 41, 116. 
Wenn wir die Götter lieben, thun wir nur was recht ist. Rechts- 
beziehungen dagegen können wir keine mit ihneh unterhalten, haben 
wir doch nichts mit ihnen gemeinsam. 



b. Mi pater, tua pietas plane nobis auxilio fuit. 

Plaut. Poen. 5, 4, 107, 
Vater, deine Liebe hat mir sichtlich genützt. 



c. lustitiam cole et pietatem, quae quum magna sit in paren- 
tibus et propinquis, tum in patria maxima est. 

Cic. R. P. 6, 15. 
Übe Gerechtigkeit und ehrfürchtige Liebe gegen Eltern imd 
Vei-wandte, und vor allem gegen das Vaterland. 

5) a- Si res ampla domi similisque affectibus esset. 

luv. Sat. 12, 10. 
Hätte ich Geld genug um meinen Empfindungen gerecht zu 
werden. 



* 93 * 

^- Tu quoque victorem complecti, barbara, velles ; 
Obstitit incepto pudor: et complexa fuisses, 
Sed te ne faceres tenuit reverentia famae. 
Quod licet, affectu tacito laetaris. 

Ov. Met. 7> 144. 
Gerne hättest du, Maid, dem Sieger die Wange geboten. 
Aber es warnte die Scham. Und du durftest sehnenden Herzens 
vSeines Anbliclts allein in schweigender Liebe geniessen. 



6) »• Non modo principis soUicitudinem. sed et parentis affectum 
tinicuni praestitit. Suet. Tit. 8. 

Er zeigte nicht allein die Fürsorge des Fürsten, sondern die 
ganze Liebe eines Vaters. 



b- Nisi si Gallos et Germanos et , pudet dictu , Britannoriun 
plerosque, licet dominationi alienae sanguinem commodent, fide et 
affectu teneri putatis. Tac. Agric. 32. 

Wenn ihr nicht etwa wähnt, dass Gallier, Germanen und Bri- 
tannier, die dem übermächtigen Feinde mit ihrem Blut dienen, durch 
Treue und Hingebung an ihn gefesselt sind. 



c- Neque enim affectibus meis uno libello carissimam mihi et 
sanctissimam memoriam prosequi satis est. 

Plin. Ep. 3, 10. 
Meiner warmen Empfindung ist es nicht genug mit einem Büch- 
lein dies teure Andenken zu bewahren. 



7) a- Simiarum generi praecipua erga fetum affectio. 

Plin. H. N. 8, 54. 
Der Affe hat eine ausserordentliche Neigung für seine Jungen. 



b- Ob adfectionem et pietatem in se eximiam. 

Grut. Inscr. 459, 4. 
Um der grossen Liebe und Ehrerbietung willen. 

8) a- Quam vellem Bruto " Studium tuum navare potuisses. 

Cic. Att. 15, 4. 
Wie sehr wünschte ich , du hättest dem Brutus deine gute 1 
Dienste widmen können. 



* 94 * 

b. Siudiuua et fides erga clientes ne juveni quidem defuerunt. 

Suet. lul. 71. 
Treue und stetige Freundschaft gegen die Klienten übte er schon 
als Jüngling. 

c Nihil est enim remuneratione benevolentiae, nihil vicissitudine 
studionim officiorumque jucundius. Cic. Am. 14, 19. 

Nichts ist schöner, als gegenseitiges Wohlwollen und der Aus- 
tausch von Liebesdiensten. 



9) »■ O love, o fire! Once he drew 

With one long kiss my whole soul thro' 
My lips, as sunlight drinketh dew. 

Tennyson, Fatima. 
O Liebe, o Feuer! Wie das Licht der Sonne 
Den Thau trinkt, so mit einem langen Kusse 
Zog meine ganze Seele er aus meinen Lippen. 

^- Were I crowned the most imperial monarch, 
Thereof most worthy — were I the fairest youth, 
That ever made eye swerve — had force and knowledge, 
More than was ever man's — I would not prize them 
Without her love. For her employ them all, 
Commend them and condemn them to her Service, 
Or to their own perdition. 

Shakespeares Winter's Tale. 
Dass, war' zum grössten Kaiser ich gekrönet, 
War' ich der Würdigste dafür; war' ich 
Der schönste Jüngling, der jemalen schweifen 
Ein Aug' gemacht; hätt' Wissen ich und Kraft 
Mehr als ein Mensch jemals besass; für nichts 
Wollt' ich es schätzen ohne ihre Liebe. 
Für sie wollt' ich, was mein gehört, verwenden, 
Wollt's ihrem Dienst verehren und verdammen — 
Oder dem Verderben. 



c- Kjärligheden giör mangen Byrde let og meget byttert södt. 
J. C. Tode, Kjärlighed's Nytte. 
Die Liebe macht manche Bürde leicht und manches Bittere süss. 



* 95 * 

d. Min Else er sa trofast, som den ranke Lilienvand 
Der sjätter eders Hjerte i en evig Elskovsbrand. 

Christian Winther, Henrik og Else. • 
Meine Else, treu wie eine Fee, die euer Herz in einen ewigen 
Liebesbrand setzt. 



10) I love her — 

Her whose gentle will has changed my fate 
And made my life a perfumed altar-flame. 

Tennyson, Maud. 
Ich liebe sie, 

Sie, deren sanftes Sein mein ganzes Sein gewandelt, 
Mein Leben hat gemacht zur duft'gen Altarsflamme. 



II) But conjugal afiection 

Prevailing over fear and timorous doubt 
Hath led me on, desirous to behold 
Once more thy face, and know of thy estate, 
If aught in my ability may ser\'e 
To lighten what thou sufFerest, and appease 
Thy mind with what amends is in my power. 

Milton, Samson Agonistes. 
Der Ehe Treu 

Besiegend Furcht und Zweifel bringt mich her. 

Dass einmal noch ich in dein Antlitz schaue, 

Dass einmal noch ich höre, wie du's treibst, 

Und ob dein Leiden ich erleichtern, 

Ob deinen Schmerz ich mildern mag 

Mit aller Kraft, die mein. 



12) Worthless men and women to the very bottom of whose hearts 
he saw and whom he knew to be destitute of affection for him, could 
wheedle him out of titles , places , domains , state-secrets and pardons. 
Macaulay, History of England. Chapt. i. 
Unwürdige Männer und Weiber, deren Herz er durchschaute, und 
die, wie er wohl wusste, keinen Funken Liebe für ihn hatten, konnten 
ihm dennoch Ehre und Güter, Staatsgeheimnisse und Amnestieen ab- 
schmeicheln. 



* 9^ * 

13) — Their love 

Lies in their purses. And \\'hoso empties them 
By so much, fills their hearts with deadly hate. 

Shakespeare, Ricliard II. 
Ihre Liebe 
Liegt in ihrer Börse. Um so viel du diese leerest, 
Füllt sich mit Hass ihr Herz. 



Sir Lionel was a man, whom he could in no wise respect and 
could hardly love. 

Anthony Trollope, The Bertrams 2, il. 
Sir Lionel war ein Mann, den er durchaus nicht achten und kaum 
lieben konnte. 

14) a. Thou shalt love the Lord thy God with all thy soul. 
Thou shalt love thy neighbour as thyself. To keep these two 
comraandments is the whole duty of man. 

Dr. J. Hamilton. 
Du sollst den Herrn deinen Gott mit deiner ganzen Seele lieben. 
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selber. In diesen beiden 
Geboten liegt das ganze Gesetz. 



b- From his youth up he was distinguished by love of country 
pure, simple, honest and upright. 

New York Tribüne May 30, 1872. 
Von seiner Jugend an zeichnete er sich durch seine ehrliche 
Vaterlandsliebe aus. 



15) In his pity and in his love God redeemed them. 

Isaiah 63, 9. 
Gott erlöst sie darum, dass er sie liebt und ihrer schont. 

16) a. Charity is friendship to all the world. 

Bishop Taylor. 
Nächstenliebe ist Freundschaft gegen Jedermann. 



b- Let US put the finger of charity upon the scar of the 
Christian, as we look at him, whatever it may be — the finger 



* 97 * 

Of a tender and forbearing charity, and see in spite of it and under 
it the image of Christ notwithstanding. 

Dr. Curaming. 
Lasst uns den Finger der Liebe auf die Wunde des Christen legen 
— den Finger einer zarten und vergebenden Liebe, und unter der 
heilenden Narbe, und trotz ihrer, Christi Bildnis schauen. 

17) a- I am a foolish fond wife. 

Addison. 
Bin nur ein thöricht liebend Weib. 

*>• Wherever I roam, whatever realms I see 
My heart, untravell'd, fondly turns to thee. 

Goldsmith, The Traveller. 
Ich wandre in die Ferne 
Ich schM^eife weit hinaus, 
Doch meine Liebe bleibet 
Bei Dir, Marie, zu Haus. 

18) She really seems to have been a veiy charming young 
woman, with a üttle tum for coquetry, which was yet perfectly compa- 
tible with warm and disinterested attachment, and a little tum for 
Satire, which yet seldom passed the bounds of good nature. 

Macaulay, Sir William Temple. 

Sie scheint wirklich ein allerliebstes Weibchen gewesen zu sein, 
mit etwas Hang zur Koketterie, die indessen mit einer warmen und 
uninteressirten Zuneigung, und einer gewissen Freude an gutmütiger 
Neckerei vereinbar war. 



19) onnN c'D^D Vj^v^ rn^i c^jii; v^^ i'nn^ apy^ mv) 

I Moses 29, 20. 
Also diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und sie deuchten ihm, 
als wären's einzelne Tage, denn er liebte sie. 



20) )b r\)'2^ fn ri2nN*2 in^2 pn ^d pn w^ü ih^gn 

Hohelied, 8, 7. 
Abel, Sprachw. Abhdlgen j 



* 9^ * 

Gäbe ein Mann seines Hauses ganzes Gut um Liebe, man würde 
ihn nur verachten. 



2i) bNi^"» ^jn nx nin^ nnnxD 

Hosea 3, i. 
Gott hat die Kinder Israel geUebt. 



. 22) ^nx72 bjyi "]U!d: b^yi ']nn^ ^Dn yrbü nin^ nx nnnNi 

5 Mos. 6, 5. 
Und du sollst den Herrn deinen Gott Heb haben von ganzem Herzen, 
von ganzer Seele und von allem Vermögen. 



23) n^nx noDH d^v^d bj bvi 

Sprüche 10, 12. 
Liebe deckt zu alle Übertretimgen. 



24) mn"» '':n ^ii^d i^vb nzinazi'pv ''js nx nton xSi Gpn n*^ 

3 Mos. 19, 18. 
Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder 

deines Volkes. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Denn 

Ich bin der Herr. 

25) a. Din^ iDBu;}2 'mv DM^xn ^rha xin dd^h^x mrr' o 
^j i3n nx cn^nxi : nb)2W on^ )b r\rh na snxi hjä^xi 

D''"iiitt px2 cn^n Dna 

5 Mos. 10, 18, 19. 
Denn der Herr euer Gott ist ein Gott über alle Götter. Er schafft 
Recht den "Waisen und Witwen, und hat die Fremdlinge lieb, dass er 
ihnen Speise und Kleider gebe. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge 
lieben; denn Fremdlinge seid ihr selber gewesen in Ägyptenland. 



l>- '0 -ö-eo? ayoLTZT] satv 

I Joh. 4, 16. 
Gott ist die Liebe. 



26) w)}2^ üb "|nxö -nom n:)^Diün mvDjn"' wii^'^ Dnnn ^d 
nin^ npn'','^ n?DX üiion x^ ^i^ibu; nnm 

Jesaias 54, 10, 



* 99 * 

Denn es sollen wohl Berge weichen vind Hügel fallen; aber meine 
Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soU 
nicht hinfällig werden, spricht der Herr, dein Erbarmer. 

27) üx'' -»b n'^r\ ^3-ix n« n^Dxi -lon w^^v üj^^ dx nnyi 

bNttii' bv 1« r^' bv njDxi ^b iTan n^ 

I Mos. 24, 49. 
Wenn ihr an meinem Herrn Liebe und .Treue üben wollt, so saget 
mir's; wo nicht, saget mir's ebenfalls, dass ich mich wende zur Rechten 
oder zur Linken. 

28) r\i2i<) iDH -yov iJ^^VT y\^^ nx ):b nin^ nns hmi 

Josua 2, 14. 
Und es soll geschehen, wenn der Herr uns das Land giebt, so 
werden wir dir Liebe und Treue erweisen. 

29) n^nn ^r\^wv lu^x ^lon ni2D '^xi nxi bv )rhi< ^^ n-iD( 

Nehemia 13, 14. 
Gedenke meiner deshalb, mein Gott, und lösche nicht aus meine 
Liebeswerke, die ich geübt habe am Hause meines Gottes und an seinen 
Abteilungen. 

30) r«i^ bv mn^ Gm ü^jn bv ^^ omr 

Psalm 103, 13. 
Wie sich ein Vater seiner Kinder erbarmet, so erbarmet sich der 
Herr über die, so ihn fürchten. 

Psalm 18, 2. 
Und sprach: Herzlich lieb habe ich dich, Herr, meine Stärke. 

32) nwvü mm nwt^ nin "imn nx c: r\wi:> ^n mn^ ij^n^i 

2 Mos. 33, 17. 
Der Herr sprach zu Moses: Was du jetzt geredet hast, will ich 
thun. Denn du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne 
dich mit Namen. 



Gen. 47, 28. 
Und rief seinen Sohn Joseph und sprach zu ihm : Habe ich Gnade 
vor dir funden, so lege deine Hand iinter meine Hüfte, dass du die 
Liebe und Treue an mir thust, und begrabest mich nicht in Ägypten. 



34) •'jton ^jni? ^m:m ^nivab rnj ^nn 

Hiob 19, 17. 
Meine Neigung ist zuwider meinem Weibe , und mein Liebkosen 
den Kindern meines Leibes. 

35) Kto bhhi];o .MOÖHTTb, caM-L ceöfl ryÖHTX. 

HapoAHaÄ nocjiOBHii;a. 

Wer den Wein liebt, richtet sich zu Grunde. 



36) a- KaKX, TpHropin MHxaHjrHyi., bbi . . . HpHHa xoiKe 

He MOrJia ^OKOHIHTt pi^T., H npHCJEOHHUIHBCK KT. CHHK^ KpeCJa, 

noAHecjra ki. rjaaaMi. 06^ pyKH. Bli . . . Menn JtioÖHTe? 

TypreneBT), Jlfiiwh. 
„Wie, Gregor Michailitsch, ihr" . . . Jrina konnte ihre Rede 
nicht beendigen, und bedeckte, in den Armstuhl lehnend, ihr Gesicht 
mit den Händen. „Ihr . . . Ihr liebt mich?" 



b. Bt BTOMT) CTUJia. H ÖyAyuiHOCTfc PoCClfi, fl^ÄÄ KOTOpOH 

TaKTb HeycTaHHO, ct> TaKoio jyÖOBio paöoTajrt üexpi) BejrHKiä. 

Toäoct,, 6 IiOHH 1872. 

Hierin liegt die Kraft imd Zukunft Russlands, für die Peter der 
Grosse so unermüdlich, und mit solcher Liebe gearbeitet hat. 



37) H jEioÖHTfc He jiioöjrio, oxKasaxB ne Mory. 

Ich liebe das Lieben nicht, imd möcht's doch nicht weigern. 



38) ^ero Bt ^pyroiwB ne äköhuit,, xoro h caMi. ne ^i&jraH. 
Was du an einem andern nicht gern hast, thue auch selber nicht. 



39) H xaKT. jrioöJK), ysaacaio h qxy öpaxa AjieKcaHApa, 



* lOI * 

^TO He Mory ÖesTb ropecxH, ^aace öeai. yacaca, Boo6pa3HTi> 
ceöa B03M0HH0CTt saHJiTi) ero Micxo. 

BapoHt Kop*!), BocmecTBie na npecTOJii HivinepaTopa 
HHKOjraa lo. 

Ich liebe, schätze und ehre meinen Bruder Alexander so sehr, dass 
ich mir nicht ohne Kummer, ja ohne Abscheu die Möglichkeit vor- 
stellen kann, einmal seine Stelle einzunehmen. 



40) a- H ero Bcero paaa ABa BH^'^^a, h ohi. noKaaajECÄ 
MHi npejuGÖesHbiMT. KaeajiepoMx, npinTHofi Hapy»:HOCTH, a 
fi,Äii FyöepHaTopa, eme MOjrOAt. 

ryöepHaxopcKaa PesHsifl 1, 8. 

Ich habe ihn im ganzen zweimal gesehen, und er hat sich als 
ein äusserst liebenswürdiger Kavalier gezeigt, von angenehmem Äussern, 
und — wenn man bedenkt, dass er schon Gouverneur ist — noch 
recht jugendlichem Alter. 

b. üyöjiHKa ycTpeMHJiacL k'b Micxy Ka,xoyRflfima. öoTHKa 
H Morjia JiyöoBaTCii hmt. böähsu. 

MocKOBCKm B^AOMOCTH, Man 30, 1872, 
Das Publikum drängte sich zum Boot, und konnte sich in der 
Nähe an seinem Anblick weiden. 



41) MhJIOCTH npOCHMT). 
Wir bitten um Huld. 

42) CA^JiaHTe MHJOCTH. 
Thun Sie mir die Gnade. 



43) CKOJtKO HH HCKaXt, a MHJIOCXH y ÄmjIfiW. He CLIKaXS. 

Hapo^Haü IIocjroBHita. 

Soviel man auch sucht, Liebe findet man keine bei den Menschen. 



44) MH.IOCXL H Ha cy^i XBajrHXCH. 
Die Gnade preist man auch am Richter. 



45) Boacieio MHJiocxtK). 
Durch Gottes Gnade. 



* I02 * 



46) TßOe BOJia MHJIOBaTI, JIHÖO KaSHHTL. 

üpHBiTL EoHpOBTE. I]|apiO. 
Dein ist das Recht in Gnaden zu gewähren oder zu strafen. 



47) IToMHJIOBaH'L MaHH'teCTOM'I). 
Durch Kaiserliches Iklanifest amnestirt. 

48) He no xopomy MHjn,, a no MHJiy xopomi.. 

nocjioBHi];a. 
Nicht weil es gut ist, ist es mir lieb, sondern weU es mir lieb 
ist, ist es gut. 

49) "y^TO TH, cyAapTj, noMH.iyS, 
9to öpaxei];'!. moh mhjlih, 

JI^suiTi no^apoKT) na c^iacxie name: 
Hm-l xeöi yroacy n 
HmI) xeÖH CHapHJKy h 
CxapwH, 6jflfim,Ty MOjo^eHBKHX'B Kpaiue! 

B. EypeHHHi. (B'£cxhhki> EBponti 1872, 4.) 
Erbarme dich, Herr, dies ist mein lieber Bruder. Er hat Geschenke 
für unser Glück gebracht u. s. w. 

50) a. CKy^HO, MaxyiuKa, BecHOio aciixL oahoh, 

A CKy^iHeH xoro Hefi^ex'B ko mh^ mhjioh! 

HapoAHaH n^cHB. 

Lang%veilig ist's allein 

Im grünen Lenz zu sein, 

Und was noch wen'ger frommt: 

Ist ein Liebster, der nicht kommt. 

b- He acejaio cjiaBLT, sjiaxa 
K CTiHxaio HX1. Me^xoH, 
K CTiacxjiHBa h öoraxa 
Kor^a MH^ieHLKifi co mhoh 
Kor^a MHjreHLKiH co mhoh ! 

HapoAHaH nicHfc. 



lo.- 



Nicht Ruhm noch Gold begehre ich, 
Sie dünken mir ein Traum. 
Umfängt der Arm des Liebsten mich, 
Zerrinnt die Welt in Schaum, 
Zerrinnt die Welt in Schaum. 

c. lOHoma MHJiiH ! na MHn> th bt, naiuH HrpLi Bwi&majicE! 

P03§ n0Ä06HHH KpaCOH, KaKT. *IO0M^.Iia TLI n^ÄT,. 

Cko;ilko jhoÖobt, noxepMa bt. xeöi noyijiyeBT, h 

niceHTb, 
Ckojilko «ejiaHiH h jacKt hobhxt., npenpaciiLixi,, 

KaKT) Tbl. 

EapoHT> JleÄhBnvT,, Ha oiepT-L BeHexHHOBa. 

Liebender Jüngling, wie rasch bist unseren Spielen entflohen. 
Du wie die Rose so schön, wie die Nachtigall süss. 
Du bist dahin, und dein Tod beraubt die sehnende Liebe 
Deines zärtlichen Blicks, Deines erglühten Gesangs. 

a. Kt MHJOMy H CeMT, BepCT-B He OKOJIH^a 

Hapo^HaK IIoMOBHi^a. 

Zum Liebsten hin sind auch sieben Werst kein Umweg. 

51) Hhkto Ke ÖJiari. tokmo eÄHiii. Eon>. 

EBBaHre./iie ott. MapKa 10, 18. 
Niemand ist gut, denn der einige Gott. 

Jl2i6hl B% rpHÄyn^HXT, BfeaXT. flBHUIL npeH306HJIH0e 

ÖoraxcTBO 6.)iaroAaTii CnoeH bt. ÖJiarocTH kt. Haan, bo 
XpHCTi Ilcyci. üocjiaHie kt> E*eceiiM'B. 2, 7. 

Auf dass er erzeigt in den zukünftigen Zeiten den überschwänglichen 
Reichtum seiner Gnade, durch seine Güte über uns in Christo Jesu. 

52) I think some people love the young gentleman better than 

our lord likes. * 

James, Ehrenstein Chap. XVI. 

Gewisse Leute haben den jungen Mann lieber, als unser Herr 
gerne sieht. 



* I04 * 

53 *• I love to have time to consider all things. 

James, Ehrenstein Chap. XLVIII. 
Ich lasse mir gerne Zeit alles zu erwägen. 



^- You love a book and have read enough of history to be 
interested in these echoes of a famous year. 

Holme Lee, Echoes of a famous year, 
Sie lieben Bücher, und haben genug Geschichte gelernt um sich 
für diese Erinnerungen an ein merkwürdiges Jahr zu interessiren. 



54) Quisquis amore tenetur, eat tutus sacerque 
Qualibet; insidias non timuisse decet. 

Tibull I, 2. 
Von der Liebe geleitet, schreite sicher und geheiligt dahin. Fürchte 
nichts, du bist gefeit. 



55) Nam pro jucundis aptissima quaeque dabunt Di: 
Carior est illis homo quam sibi. 

Inven. Sat. 10. 347. 
Nicht deine Wünsche, nicht was dir angenehm ist, sondern was 
dir frommt, gewähren dir die Götter. Siehe, sie lieben den Menschen 
mehr, als er sich selber liebt. 



III. 

DIE ENGLISCHEN 

VERBA DES BEFEHLS. 



Die Worte der englischen Sprache zeichnen sich 
im Vergleich zu denen der meisten anderen 
europäischen Idiome durch bestimmte, fein nuancierte 
und entsprechend enge Bedeutungen aus. Da sie 
aber von einem reichen Volksgeist geschaffen sind, 
der mannigfache Auffassungen und Gedanken allen 
seinen Angehörigen mitzuteilen hat, so sind sie, eben 
wegen ihrer Bestimmtheit, Feinheit und Enge, unge- 
mein zahlreich geworden. 

Diese vier, sich auseinander entwickelnden Be- 
dingungen machen die englische Sprache zu einem 
besonders dankbaren Gegenstand synonymischer 
Studien. Viele Schattierungen eines Gedankens, alle 
bestimmt, zart und durch ihre Knappheit leicht er- 
kennbar — welch lohnenderen Vorwurf könnte sich 
ein Synonymik er wünschen? Reich, verständig scharf 
und klar ist eine so seltene Verbindung ausgezeich- 
neter Eigenschaften in einem Geisteswesen, dass sie 
den höchsten Reiz auf den Beobachter ausüben muss. 

Freilich ist es nicht ausgemacht, dass andere 
Sprachen ärmer sind, weil ihr Reichtum ein anders- 



* io8 * 

gearteter ist, oder weniger zu tage liegt. Hätte eine 
Sprache ebenso enge Bedeutungen, aber weniger 
Worte, als das Englische, so würde sie allerdings 
eine geringere Anzahl volkstümlicher Gedanken ver- 
körpern, also, allgemein und ohne Rücksicht auf die 
besondere Qualität der Gedanken gesprochen, ärmer 
sein. Zählte dagegen ein Idiom weniger Worte mit 
weiteren, in all ihrem Detail lebhaft empfundenen 
Bedeutungen, so könnte es sich mit dem Englischen 
an Gedankenreichtum etwa messen, und würde, was 
es an Bestimmtheit einbüsst, vielleicht an tropischer 
Kraft gewinnen. Oder wäre eine Zunge ebenso reich 
an Worten, verwendete aber einen verhältnismässig 
kleineren Teil für die Bedürfhisse des täglichen Lebens, 
und hielte den grösseren für den höheren geistigen 
Verkehr in Wort und Schrift zurück, und erteilte 
demselben eine entsprechend gedankliche Färbung, 
so würde die Fülle vorhanden, aber anders gebraucht 
und verwertet sein. Diese drei Stufen werden un- 
gefähr vom Französischen, Italienischen und Deutschen 
in ihrem Verhältnis zum Englischen angenommen — 
eine leicht nachweisbare Beziehung, welche mit dem 
unbedingten Vorzug, den Jakob Grimm in einer 
bekannten Äusserung dem Englischen über das 
Deutsche zuerkennen zu wollen scheint, unvereinbar 
ist. So sind noch viele andere, zartere Unterschiede 
möglich, welche die durch die auffallendsten Eigen- 
schaften, die Zahl und Klarheit der Worte, geschaffenen 
Sprachcharaktere wesentlich beeinflussen. Übrigens 
ist keine Sprache auf allen Gebieten gleich rein, fein 
imd bestimmt, und es ergeben sich somit Unter- 
schiede innerhalb der Unterschiede. 



* log * 

Wir stehen erst am Anfang dieser vergleichen- 
den Studien, welche das Innere der Volksgeister er- 
schliessen, und allen einmal neue Gedanken über die 
Dinge und mehr Anerkennung für einander geben 
werden. In diesem Anfang ist die Erforschung des 
Englischen der erwähnten Eigenschaften wegen 
doppelt wichtig. An sich selbst ungemein erkennens- 
wert, tragen seine Fülle und Schärfe gleichmässig 
dazu bei, es zu einem umfassenden und überaus durch- 
sichtigen Kategorieenverzeichnis zu machen, welches 
einen handlichen Massstab für die Bedeutungen 
anderer, zumal ärmerer oder weniger sondernder 
Sprachen bietet. Die folgende Skizze ist eine Studie 
in dieser Richtung. Sie behandelt die eilf wichtigsten 
Worte des englischen Befehls, zuerst einzeln, und 
danach in einer vergleichenden Übersicht, die den 
ganzen Gedanken, wie er vom englischen Volksgeist 
gefasst und ausgesprochen wird, in einem, jeder 
einzelnen Nuance ihre richtige Stellung anweisenden 
Gesamtbilde zeigen soll. Den Schluss bilden er- 
läuternde Beispiele. 

I. Co mm and. 

Command setzt den Besitz absoluter Macht vor- 
aus, und den Willen, sie nach eigenem Ermessen zu 
gebrauchen. Es stützt sich auf seine Gewalt, übt sie, 
wenn es ihm beliebt, und lehnt alle Auskunft über 
Ursprung und Zweck derselben ab. 

Entschieden wie seine Willkür waltet, wird sie 
gehemmt von einem Selbstgefühl, das zu gross ist, 
um es der Mühe wert zu achten, sich in unbedeuten- 
den Dingen geltend zu machen. Nur wo etwas ge- 



I lO 



schehen soll, das für einigermassen wichtig gehalten 
wird, ist das Wort an seinem rechten Platz. Es greift 
dann in den Gang der Ereignisse, weil die gewöhn- 
lichen, gelinderen Vorschriften nicht auszureichen 
scheinen; weil sie ungewöhnlichen Nachdruck er- 
halten sollen; oder weil die Willkür, sich selber 
fröhnend, keine Schranke anerkennt. Es handelt, 
weil die Dinge zu ernst sind, um sich selber über- 
lassen zu werden , oder das Machtbewusstsein zu 
lebendig ist, um sie sich selber zu überlassen. Es 
ordnet das tägHche Leben mit herrschender Hand, 
sowohl wo es dessen bedarf, als wo es den Starken 
dazu reizt. Es gebietet, weil es zu gebieten vermag, 
obschon nicht ohne den Anlass für gegeben, für 
seiner würdig zu erachten. 

Cormnand kann seine . Gewalt von einer inneren 
Berechtigung des Befehlenden herleiten, aber es be- 
darf dessen nicht. Wo diese innere Berechtigung 
eine dauernde ist, kann sie, dem herrischen Charakter 
des Wortes gemäss, nur den höchsten Gewalten zu- 
kommen, deren Befehle immer ernste und gewichtige 
sind, was sie auch betreffen mögen. Dann giebt die 
hohe Stellung des Gebietenden den Nachdruck, den 
die Sache an sich nicht zu haben scheint. Bei Gott 
ist ja kein Ding gering; bei den Spitzen der welt- 
lichen Behörden nichts unbedeutend, das sie über- 
haupt beachten. Ist deshalb diese dauernde Berech- 
tigung religiöser Natur, so gehört sie dem Allmäch- 
tigen, Christus, den überirdischen Geistern, Propheten 
und Patriarchen; entspringt sie sittlichen oder so- 
zialen Quellen, so wird sie den absoluten geistlichen 
und weltlichen Machthabern, den Königen, Gouver- 



* III * 

neuren, Offizieren u. s. w. zu eigen sein. Religiösen, 
sittlichen und sozialen Quellen gemeinsam entfliesst 
die Autorität des Vaters, wenn er es für gut hält, 
die ganzen Befugnisse seiner Stellung geltend zu 
machen. Ein anderes ist die zeitweilige Berechtigung 
dieser inneren, gebieterischen Art, die nur von dem 
Bewusstsein , im Namen überirdischer Mächte zu 
sprechen, erteilt werden kann. So wird die Tugend, 
dem Schlechten gegenübergestellt, in entscheidenden 
Augenblicken auch dem Schwachen den souveränen 
Mut des cofnmand geben. Unter keinen Umständen 
aber hat das Wort Rede zu stehen über sein Recht. 
Sein Recht ist unfraglich. Es herrscht, sowohl weil 
es sicher auf sich selber beruht, als weil es, wenn 
es sich zu bethätigen beliebt, die Sache zu ernst 
nimmt, um seiner spotten zu lassen. 

Innere Berechtigung wohnt dem Worte nicht 
notwendigerweise bei. Es ist ein freier Herr. Es 
freut sich seiner Stärke, wie sie auch erworben sein 
mag, und verschmäht es, sich von irgend etwas ab- 
hängig zu machen. Auch ein Bösewicht kann sich 
seiner bedienen, frohlockend ob seiner unbändigen 
Kraft. Ein Räuber commands, der sein Schlacht- 
opfer in die Höhle schleppt; ein König co?nmands, 
der sein Volk liebend beglückt. Der Besitz der un- 
bezweifelten Gewalt genügt für beide, wie verschieden 
ihre sonstige Stellung und Gesinnung. 

Dem freien und sittlichen Zuge englisch reden- 
der Menschen entsprechend, wird das Wort indessen 
überwiegend in solchen Fällen angewendet, in denen 
das Compulsorische in seiner Bedeutung durch eine 
anerkannte moralische, politische oder soziale Be- 



1 12 



rechtigung begründet ist. Der Staat commands öfter 
als der Rebell; der Besonnene häufiger als der Leiden- 
schaftliche. Die Wucht des Wortes hat eine Neigung 
nach der guten Seite hin in die Wagschaale zu fallen. 
Zumal in neuerer Zeit hat die Verwendung des 
Wortes in denjenigen Fällen, in denen die innere 
Berechtigung nicht in Betracht gezogen wird, abge- 
nommen. In unseren unbotmässigen Tagen wagt 
die Gewalt nur selten to command, ausser wo sie 
sich ihres eigenen Wertes bewusst ist. Aus der Ver- 
gangenheit dagegen, wo die Gesellschaft permanent 
in Herren und Diener geteilt war, und das Befehlen 
leichter und stätiger vor sich ging, stammen noch 
allerlei devote Höflichkeitsformeln, die jetzt etwas 
obsolet geworden sind. So at your co^nmand, to 
command ,,zu Befehl", bought at command ,,auf Be- 
stellung gekauft" u. s. w. 

Dem Command muss man gehorchen, entweder 
weil man nicht zu widerstehen vermag, oder weil 
Widersetzlichkeit, soweit sie sich versuchen lässt, 
sündhaft und verbrecherisch wäre. Die völlige Herr- 
schaft, die derjenige ausübt, der commands, zeigt sich 
charakteristisch darin, dass kein spezieller Gegen- 
stand des Befehls in Verbindung mit diesem Wort 
genannt zu werden braucht. Es heisst nicht allein 
he commands my Services — meine Dienste stehen 
ihm ein für allemal zur Verfügung — sondern auch 
ganz ohne Objekt Command me white I live Shakesp., 
Two Gentlemen 3, i, „Gebiete mir alles, was du 
willst, so lange ich lebe" und He witl command his 
chitdren and they wilt keep the way of the Lord 
(Genesis), „er wird seinen Kindern gebieten, und sie 



werden im Pfade des Herrn bleiben". Diese Bei- 
spiele erweisen sichtlich eine allumfassende Ober- 
herrschaft des Befehlenden; und da command meistens 
in Bezug auf die Ausführung einzelner, speziell ge- 
nannter Aufträge gebraucht wird, so giebt die grosse 
Bestimmtheit, die dem Worte von dieser eigentlichen 
Verwendung her innewohnt, denjenigen selteneren 
Fällen, in welchen es eine allgemeine Suprematie, 
ohne Hervorhebung eines besonderen Auftrages be- 
zeichnet, eine doppelte Stärke. Command heisst dann 
über das ganze Sein und Haben des anderen eine 
so bestimmende Gewalt ausüben, wie es gewöhnlich 
nur in Bezug auf einzelne, besonders vorgeschriebene 
Akte geschieht. 

Eine bildliche Anwendung dieses letzteren Sinnes, 
der die Stärke des Wortes am intensivsten zeigt, 
geben solche Wendungen, wie a wtndow commands 
a i'iew, a battery commands a position, a virtnons man 
commands our respcct („ein Fenster beherrscht eine 
Aussicht, eine Batterie eine Position, ein tugendhafter 
Mann hat unsere ganze Achtung"). Gänzliche Ab- 
hängigkeit, Unterordnung und Hingabe können nicht 
wirksamer ausgedrückt werden. 

IL Order. 

Auch Order ist der iVusfluss einer höheren 
Stellung des Befehlenden. Aber die höhere Stellung, 
die es voraussetzt, beruht nicht auf einer hohen per- 
sönlichen oder erworbenen Würde oder überschwäng- 
lichen Gewalt, sondern auf einem massigen Rang. 
Der Offizier orders den Soldaten; der Richter den 
Polizisten; der Herr den Diener. Es ist allerdings 

Abel, Sprachw. Abbalgen. 8 



* 114 * 

ein peremtorischer Befehl, der seine Berechtigung- 
aber allein aus der Gliederung der menschlichen Ge- 
sellschaft zieht, und mit dieser nüchternen Grundlage 
zufrieden, es unnötig findet, einen höheren morali- 
schen Titel zu beanspruchen. Es ist ein Befehl, der 
die Geschäfte des täglichen Lebens ordnet, der, seiner 
unmittelbaren Wirksamkeit sicher, sich mit derselben 
begnügt und darauf verzichtet, eine besondere Weihe 
oder Furchtbarkeit zu reklamieren. Order leitet die 
Schritte derer, die die Anweisung ihrer anerkannten 
Vorgesetzten auszuführen haben : wenn es sich auch 
von keiner überirdischen Autorität herleitet, und 
keine ungewöhnlichen Zwecke im Auge hat, so be- 
herrscht es doch das unendliche, sich immer neu 
gebärende Detail des Lebens, aus dem die grössten 
Ereignisse sich zusammensetzen. Ursprünglich heisst 
es auch nur „ordnen, vernünftig regeln", während 
bei command gleich die erste englische Bedeutung 
auf's Befehlen geht. 

Entgegengesetzt dem gewaltigeren und erhabe- 
neren command hat order immer einen einzelnen be- 
stimmten Auftrag im Auge. Es ist eine Anweisung 
dies oder das zu thun, von befugter Seite gegeben, 
in Bezug auf allerlei alltägliche, wechselnde Dinge, 
die immer neue Behandlung und Vorschriften er- 
fordern. Wie stark accentuiert der Zweck, dass etwas 
Bestimmtes geschehe, in order ist, lehrt die substan- 
tivische Verbindung in order io, ,,um zu". 

Weil die Superiorität , die in order liegt, eine 
Conventionelle ist, und weniger auf persönlichem 
Verdienst, als auf dem Platz beruht, der uns durch 
eine Verbindung von mancherlei Umständen in der 



* 115 * 

menschlichen Gesellschaft zu teil geworden ist, so 
wird der, der die „order" empfängt, gelegentlich ge- 
neigt sein, sie in Bezug auf ihre Zweckmässigkeit 
und die innere und äussere Berechtigung des Be- 
ordernden zu prüfen. Dem gewaltigen conimand 
gegenüber wäre eine solche Kritik ohnmächtig oder 
unrecht; order, mit seiner trivialeren Bedeutung, lässt 
sie zu, obschon sie bei der abhängigen Stellung des 
Beorderten nicht allzu oft laut wird. 

In abgeschwächtem Gebrauch bezieht sich order 
auch auf Aufträge, die, ohne wirklichen Unterschied 
in der gegenseitigen Stellung, auf Grund eines der- 
artigen Verkehrs zwischen Mann und Mann gegeben 
werden, dass ihre Ausführung sicher erwartet werden 
kann. So in geschäftlichen Beziehungen, wo order 
nichts Befehlendes mehr an sich hat, dennoch aber 
gewiss prompter Willigkeit begegnet. Der Gast im 
Wirtshaus orders ein Beafsteak; der Käufer im Laden 
Orders einen Rock oder eine Kiste Zigarren; und 
der Wechsel des Herrn Schulze ist auf order des 
Herrn Müller ausgestellt. 

in. Ordain. 

Noch höher als command steht ordain. Wenn 
der Befehl des command gewöhnlich ein berechtigter 
ist, aber es nicht notwendigerweise zu sein braucht, 
so ist das Gebot des ordain immer ein heiliges. Ein 
heiliges sowohl in Bezug auf die Quelle, aus der es 
stammt, als in Bezug auf die Absicht, mit der es 
erteilt wird. Es kann nur von den höchsten himm- 
lischen und irdischen Gewalten ausgehen, und von 

letzteren auch nur insofern, als ihnen zugeschrieben 

8* 



* 1 16 =>= 

wird, im Einklang mit den weihevollen Gesetzen der 
höchsten Wahrheit und Sittlichkeit zu stehen und 
zu handeln. Es kann nur mit der Absicht auf unser 
Bestes geltend gemacht werden, so dass sein Zwang 
zur bethätigten Liebe wird. Indem es so die höchste 
Macht und Weisheit in sich vereint, und sie allein 
gebraucht, um uns zu unserem Heil anzuhalten, ist 
dieses edle Wort die Perle in der ganzen Kette des 
Befehlens. 

Seinem erhabenen Sinne gemäss wird es nur 
ausnahmsweise für einzelne, bestimmte Aufträge ge- 
braucht. Selbst die Bibel mit ihrer ernsten Sprache 
hat nur selten Sätze, welche dem Folgenden ent- 
sprechen: The king ordained the captain to lead the 
troops against the enemy „Der König befahl dem 
Hauptmann, die Truppen an den Feind zu führen". 
Ein derartiger Befehl ist zu weltlich, um in der gross- 
artigen Weise des ordain gegeben zu werden, und 
bezieht sich zu sehr auf eine einzelne, vorübergehende 
Handlung, um die schwere, auf die ewige Natur der 
Dinge gegründete Wucht dieses Wortes zu bedürfen 
oder zu ertragen. Wird ordain deshalb überhaupt in Be- 
zug auf eine einzelne Handlung gebraucht, so kann das 
in der Regel nur in Bezug auf eine von Gott und seinen 
Vertretern vorgeschriebene Handlung geschehen, in 
welchem Fall die verhältnismässige Geringfügigkeit 
des gebotenen Thuns durch die Würde des Gebie- 
tenden zur Sphäre unseres Wortes erhoben wird. So 
Dan. 2, 24: The king had ordained him to destroy 
the wise men of Babylon, „Der König hatte ihm be- 
fohlen, die Weisen zu Babel umzubringen". Gewöhn- 
lich ist es nur die Ankündigung allgemeiner reli- 



giöser und sittlicher Vorschriften, welche durch ordain 
eingeleitet wird; oder das Gebot von weltlichen 
Handlungen, welche religiösen Ceremonien gleich 
geachtet werden. To ofer the offerings as it was 
ordained by David 2. Chronicles z^^, 18, „Zu opfern 
wie es anbefohlen war von David". And Jeroboa^n 
ordained a feast i. Kings 12, 32, ,,Und Jerobeam 
setzte ein Fest ein." When first this order was 
ordained, knights of the garfer were of noble birth 
Shakesp., Henry VI. Part i, 4, i, „Bei der Stiftung 
dieses Ordens mussten die Ritter von Adel sein". 

Die Allgemeingültigkeit dieser Art Befehl bringt 
es mit sich, dass sie keinem einzelnen, sondern der 
ganzen Menschheit, oder ganzen Völkern, oder ganzen 
Klassen gegeben werden. Hier finden wir den Über- 
gang zu einer noch höheren Bedeutung des Wortes. 
Vom Gebot, das zur Nachachtung erlassen wird, 
schwingt es sich zur Prädestination empor; vom ein- 
maligen ausgesprochenen Befehl zu einer dauernden 
Fügung, die über uns allen waltet, und, ohne zu 
reden, zwingt. Ordaiji ist dann ein von Ewigkeit 
gegebener Befehl, der niemals verkündet, dennoch 
immer wirksam war; ein integrierender Teil des vor- 
bestimmten Weltenplanes, der, von der Menge un- 
gesehen, von den Weisen geahnt, schweigend seine 
eherne Sendung erfüllt. Ye haue not chosen me 
biet I liave chosen yoii-, and ordained yoit fhat yoii 
should go and bring forth fruit Joh. 15, 16, ,,Ihr 
habt nicht mich, sondern ich habe euch erwählt, 
und euch bestimmt und befohlen, dass ihr Frucht 
traget". The moon and the stars ivhich thou Jiast 
ordained Psalms 8, 3, ,,Mond und Sterne, die du 



* 1 18 * 

eingesetzt und denen du geboten hast, zu sein und 
zu leuchten". 

Wird diese Prädestination ausdrückHch verkündet, 
so erhalten wir diejenige Anwendung des Wortes, 
in welchem seine Bedeutung gipfelt, und sein Ge- 
brauch am häufigsten ist. In diesem Sinn behält 
einerseits das Gebot seinen höchsten ewigen Gehalt, 
andererseits tritt es in einer verständlichen Weise 
hervor, welche den gewöhnlichen Sterblichen befähigt, 
es aufzufassen, und danach zu handeln. Es ist nun 
ein offenbartes göttliches Geheimnis mit unmittelbarer 
Anwendung auf uns selbst, eine lautgewordene Vor- 
sehung, die gesprochen hat, die geboten hat, um uns 
zu leiten. IVe speak fhe wisdom of God, even tlie 
hidden wisdom, "which God ordained before the world 
unto oiir glory i. Cor., 2, 7, „Sondern wir reden von 
der heimlichen verborgenen Weisheit Gottes, welche 
Gott verordnet hat vor der AVeit zu unserer Herr- 
lichkeit". / 7vill ordain a place for my people Israel 
and ivill plant thevi and tJiey sliall dzoell in their 
place I. Chronicles 17, 9, ,,Ich werde meinem Volke 
Israel eine Stätte anbefehlen, und sie sollen da wohnen". 
Und mit blasphemierendem Hohn sagt Glocester, nach- 
dem er König Heinrich ermordet: For tJiis ainongst 
the rest was I ordained Shakesp., Henry VI, Part. 3, 
5, 6, ,,Dies w^ar mir unter anderem göttlich aufge- 
tragen". Eine bildliche Anwendung dieses Gebrauchs, 
die nicht selten ist, findet sich bei Shakespeare, Taming 
of the Shrew 3,1: To know the cause why niusic 
was ordai?ied, „Warum ist Musik eingesetzt, geschaffen 
und uns anbefohlen? 

Eine besonders emphatische Form derselben Be- 



* 1 1 g •■■'^ 

deutung ist es, wenn ordain für „Weihen, Einweihen 
zu einem bestimmten Amt, zu einer bestimmten 
Pflicht" gebraucht wird. In diesem Fall erhält es 
ein Gebot der Vorsehung, das grosse und erhabene 
Zwecke betrifft, und das an den Einzelnen, und zwar 
nicht nur für einmal, sondern für immer ergeht. 
/ ordained tJiee to he apostle to the nations ]e.r. i, 5, 
„Ich habe dich den Nationen zum Apostel gesetzt und 
geweiht". / am ordained preacher i. Tim. 2, 7, ,,Ich 
bin geweihter Priester". 

IV. Deere e. 

Nahe verwandt mit ordain, und dennoch — da 
in dieser hohen Sphäre schon eine kleine Unter- 
scheidung einen grossen Unterschied verursacht — 
sehr verschieden von ihm, ist decree. Beider Befehle 
sind zu umfassend, zu dauernd, um leicht an einzelne 
Personen verschwendet zu werden ; beide gelten vor- 
züglich von den Anordnungen der höchsten irdischen 
und überirdischen Autoritäten, die das Rechte in 
ganzen Ländern, Welten und Zeiten zu fördern be- 
stimmt sind; aber während, wie wir gesehen haben, 
das eine die Erhabenheit und Weisheit des Befehlen- 
den betont, legt das andere den Nachdruck auf die 
unwiderstehliche, unanfechtbare Gewalt. Es ist etwas 
ordained um die hehren Absichten Gottes zu verwirk- 
lichen ; es ist decreed, damit die Macht des Schöpfers 
das überwiegende Moment in allen Geschehnissen 
bleibe. Ein König kann ordain nur dann, wenn er 
im Zusammenhang mit der Gottheit zu sein bean- ■ 
sprucht; er decree s immer, wenn er ein absoluter 
Herrscher ist, und die ganze Fülle seiner Macht auf- 
zuwenden für gut hält. 



I20 



Diese Betonung der Gewalt hat die Folge, dass 
dccree häufig'er für Entscheidungen über die laufenden 
Geschäfte der Welt gebraucht wird, während ordain 
mehr die allgemeinen, unveränderlichen Grundgesetze 
der Schöpfung ausspricht. Es ist im Zwang der Ge- 
walt etwas, das an die Ordnungsbedürftigkeit der 
menschlichen Gesellschaft erinnert, und das ein Wort, 
welches so massiv auf der Grundlage des Herrschens 
ruht, in dem Kreise weltlicher Dinge zu halten strebt. 
By me Kings reign and frinces decree justice Prov. 
8, 15, „Durch mich regieren die Könige und hand- 
haben die Fürsten Gerechtigkeit". Ein Schritt weiter 
in derselben Richtung, und die Gewalt, auf die Ord- 
nung weltlicher Angelegenheiten gelenkt, nimmt die 
Färbung der freien Entscheidung, des willkürlichen 
Beliebens in sich auf. King Ahasverus rememhered 
Vashti, and wkat she had done and what was decreed 
against her Esther 2, i. „König Ahasver erinnert 
sich der Vaschti, was sie gethan hatte und was über 
sie verhängt worden", wo das Verhängnis in nichts 
anderem, als in einem Verbannungsbefehl besteht, 
den der König auf gut orientalisch gegen sie ge- 
schleudert, weil sie zu sittsam war für seine trunkene 
Laune. Decree ist aber ein zu gewaltiges Wort, als 
dass man ihm erlauben könnte, launenhaft zu sein; 
seine Befehle sind zu dauernd, um willkührlich sein 
zu dürfen. Dem zu wehren, und da der einzelne, 
der sich im Besitz solcher schrankenlosen, solcher 
lang nachwirkenden Licenz befände, sich kaum davor 
hüten könnte, sie zu missbrauchen, so wird decree in 
diesem Sinne gewöhnlich auf die Erlasse gesetzgeben- 
der oder gerichtlicher Körperschaften eingeschränkt. 



* 121 * 

Dadurch wird die Willkür, welche sich nun auf mehrere 
Personen verteilt, die beraten und gemeinsam be- 
schliessen, so weit gemildert, dass die unwidersteh- 
liche und perennierende Gewalt, von der sie begleitet 
ist, in ihrer alten Würde erhalten bleibt. In dieser 
Restriktion spiegelt sich ein Charakterzug englisch 
redender Menschen. Ihr Freisinn vertraut die Macht 
des decree nicht leicht einem einzelnen an, und ihre 
historische Neigung", die öffentliche Gewalt so zu 
constituieren, dass sie respektabel bleibe, trägt dazu 
bei, sie, wo sie absolut und mit nachhaltigem Druck 
aufzutreten hat, zu teilen. The Senate decrees the 
Court of Justice decrees. 

Entscheidungsfreiheit und Machtfülle vereint fin- 
den wir besonders deutlich ausgedrückt in dem tech- 
nischen Gebrauch des Wortes für die Entscheidungen 
der Courts of Equity. Die Gerichtshöfe, die diesen 
Namen tragen, unterscheiden sich bekanntlich von 
den Courts of Law dadurch, dass, während in den 
letzteren der Buchstabe des Gesetzes gilt, die ersteren 
das Recht haben, die vielerlei Fälle, welche der Ge- 
setzgeber nicht vorhersehen kann, durch Folgerungen 
aus den bestehenden Statuten zu schlichten. Eine 
solche Entscheidung, bei der gar manches der Dis- 
kretion des Gerichtshofes überlassen bleiben muss, 
heisst Decree, im Gegensatz zu dem Judgmenf des 
Court of Law. 

V. Enjoin. 

Ein Befehl, der zwar bindend ist, aber auf einem 
Appell an unser sittliches Ich beruht, und von einem 
ausgeht, den wir genügend achten, um ihm zu ge- 



statten, einen solchen moralischen Zwang auf uns 
auszuüben. Es ist ein edles Wort, welches das Perem- 
torische seiner Bedeutung durch das moralische 
Element derselben erhält, und gleichzeitig eben da- 
durch ermässigt. Wenn derjenige der e7ijoms, in 
einem solchen Verhältnis zu uns steht, dass er nur 
ermahnen, nicht befehlen kann oder will, so tritt der 
Zwang, der der Bedeutung des Wortes unvertilgbar 
beigemischt ist, desto schöner als das Ergebnis mora- 
lischer Klräfte hervor; hat aber derjenige, der enjoins, 
eine höhere gesellschaftliche Stellung, die ihn zu 
materieller Coercion befähigen und befugen würde, 
und accentuiert sich dadurch die befehlende Seite der 
Bedeutung, so wird man um so lebhafter daran er- 
innert, dass die Gewalt nicht wirklich gebraucht, 
sondern durch eine Berufung an Gewissen und Ein- 
sicht in ernster und menschlicher Weise ersetzt wird. 
Den ersten Fall haben wir, wenn enjoi7i gebraucht 
wird von Vätern in Bezug auf ihre Kinder; von 
älteren und würdigeren Leuten in Bezug auf jüngere 
und unvollkommenere; von Gott in Bezug auf Men- 
schen. ■ Hier will der Befehlende nicht ein Despot, 
sondern ein dringender Mahner sein, der uns durch 
das sittliche Gewicht seiner Vorhaltungen bindet. Je 
milder aber das Mittel, das eine so starke Wirkung 
hat, desto mehr muss es sich an die reinen Tiefen 
unserer Seele wenden. Den zweiten Fall finden wir 
belegt, wo enjoin angewendet wird, von einem Herr- 
scher, einem weltlichen Vorgesetzten. So sagt Leontes 
in Shakespeare's Winternachtsmähr (11, 3): We eiijoin 
ihee as thoit ai't liegenian to tis , „Wir befehlen dir 
bei deiner Verpflichtung als unser Vasall". Als König 



hätte er conunand sagen, hätte er commandieren können ; 
aber er spricht zu einem Vertrauten, behandelt eine 
dehkate Sache, die ihn bekümmert, und zieht es des- 
halb vor, nicht nur Gehorsam zu verlangen, sondern 
sich auch des freiwilligen Eifers zu versichern, der 
aus der überzeugten Mitwirkung des Untergebenen 
entspringt. On thy soul's pertl and ihy body's torture, 
,,Bei deinem Seelenheil und deinem Leben", wie er, 
diesen sittlichen Appell bestätigend, hinzufügt. 

Da in dem ersten, eigentlicheren Gebrauch des 
Wortes die moralische Seite der Bedeutung mehr 
als die gebieterische in Betracht kommt, so ist das 
Objekt des Befehls in diesem Fall häufiger eine all- 
gemeine sittliche Pflicht, als eine bestimmte einzelne 
Handlung; z. B. Father enjoined düigence and reti- 
cence upon us, „Vater befahl uns Fleiss und Schweig- 
samkeit an" ; seltener Father enjoined tis to quit this 
iown after his deat.h, ,, Vater befahl uns an, diese 
Stadt nach seinem Tode zu verlassen". 

VI. Charge. 

Eine feierliche Auflage machen, und den anderen 
für ihre Erfüllung verbindlich halten. Die Verant- 
wortlichkeit, die es auferlegt, ist das Spezifische für 
dieses, der amtlichen Sprache entnommene Wort. 
Sein Heischen zu missachten ist pflichtvergessen, ist 
die Vernachlässigung einer sittlichen oder sozialen 
Obliegenheit. Deshalb, wenn es ein Gleichstehender 
oder Untergeordneter ist, der den Gleichstehenden 
oder Höheren charges, so kann die vorgetragene 
dringende Forderung nur durch einen Appell an das 
Gewissen des anderen begründet werden, und nähert 



* 124 * 

sich dann dem Charakter einer religiösen Beschwörung. 
A foor man may charge a ktng to teil the truth, 
„Ein armer Mann kann es selbst einem König be- 
fehlend auf die Seele binden, die Wahrheit zu sagen". 
Bedient sich dagegen der Höhere gegen den Niederen 
dieser ernsten Fassung des Befehls, so tritt die Be- 
rufung an das Gewissen zurück, und die Erinnerung 
an die abhängige Stellung des anderen, die Drohung 
mit irdischer Strafe nimmt ihre Stelle ein. As you 
love our favour, I the king, charge yozi to forget this 
^2/(2^;'^/ Shakespeare, Henry VI, i, 4, i, „Bei Unserer 
Gunst befehlen Wir euch, den Streit zu lassen". Doch 
schliesst die Hindeutung auf äussere empfindliche 
Folgen des Ungehorsams nicht notwendigerweise die 
Mahnung an den inneren Menschen aus, und der Zu- 
sammenhang entscheidet, ob der Redende sich mehr 
an das Gewissen, ob er sich mehr an die Furcht des 
Angeredeten wendet. 

Diese Entscheidung ist nicht immer eine leichte. 
In den folgenden vier Beispielen zeigen sich die vier 
möglichen Fälle. Im ersten werden beide Hebel der 
gemachten Berufung, Furcht und Gewissen, gieich- 
mässig in Bewegung gesetzt; im zweiten bleibt es 
ungewiss, ob nicht der eine stärker in Anwendung 
gebracht wird, als der andere; im dritten und vierten 
wirkt jedesmal einer vorzugsweise. And the Lord 
charged hivi to do hts bidding, as he valtied his life 
and the life 0/ his sotcl, „Und Gott befahl ihm zu 
gehorchen, bei seinem Leben und dem Leben seiner 
Seele". Gott, dem beide, die Seelen und die Leiber, 
unterthan sind, wird beide strafen, wenn er sein Ge- 
bot missachtet sieht. Strong as the rchels ivere, the 



gener al cliarged them to lay doimi arms, reminding 
theiii of tlieir duty fowards the coiintry, and alluding 
to the possibility of severe repression , „So stark die 
Rebellen auch waren, forderte der General sie dennoch 
auf, sich zu ergeben, indem er sie an ihre Pflicht 
gegen das Vaterland erinnerte, und auch von der 
Möglichkeit eines strengen Einschreitens der bewaff- 
neten Macht sprach". Was hat er am meisten her- 
vorgehoben , die Pflicht des Patriotismus , oder die 
Rätlichkeit, der Gewalt zu weichen? Die Fassung 
des Satzes sagt wenig darüber aus. Er hat sowohl 
von Patriotismus als auch von Gewalt gesprochen, 
ohne dem einen oder anderen ein merkliches Über- 
gewicht zu geben. Allerdings hat er den Patriotis- 
mus zuerst erwähnt, und das scheint darauf hinzu- 
deuten, dass er ihn vorzugsweise betont hat. Aber 
über den Patriotismus haben Rebellen ihre eigenen, 
abweichenden Ansichten, und er kann nicht darauf 
rechnen, mit diesem Argument besonderen Eindruck 
auf sie zu machen. Der General weisst also auf die 
Gewalt, was unter den obwaltenden Verhältnissen 
das sicherere ist, und sich ihm, dessen Beruf das 
Zwingen ist, doppelt empfehlen muss. Aber die Ge- 
walt kann er wiederum nur von weitem zeigen, da 
sie sich nicht zur Stelle befindet. Somit ist das 
schwächere Motiv dasjenige, welches zuvörderst ins 
Feld geführt wird, während das stärkere nur in zweiter 
Linie erwähnt werden kann, weil es durch ungünstige 
Umstände an der unmittelbaren Aktion gehindert 
wird. Durch diese sich gegenseitig neutralisierende 
Verschränkung der Dinge wird die Frage nach der 
stärkeren Accentuation des einen oder anderen Motivs 



* 126 -Jf 

unlöslich. Anders, wenn es heisst: The General 
charged the rebels to lay duimi arnis, tellmg them 
distindhj that his troops were ready for attack, and 
also speaking of the duty of the subject to obey the 
behests 0/ the hing, „Der General befahl den Rebellen 
die Waffen niederzulegen, indem er ihnen bestimmt 
ankündigte, dass er sie sonst sofort angreifen würde, 
und überdies von der Pflicht des Gehorsams gegen 
die Regierung sprach". Hier ist alles klar. Der 
General ist in der Sphäre seines gewaltsamen Berufs; 
er hat auch die erforderlichen Mittel zur A'^erfügung; 
und er lässt in seinen Ausserung'en keinen Zweifel 
darüber, dass er sich zumeist auf das Schwert stützt, 
obschon er die Ermahnung nicht ganz unversucht 
lassen will. Ebenso umgekehrt : Tlie clei'gyman 
charged the rebels to lay down arms, dwelling in a 
long and earnest speech upon their duty towards the 
hing, and windiiig up with a hint at the probable 
disastroiis consequences of continued disobedience, „Der 
Geistliche forderte die Rebellen auf, die Waffen nieder- 
zulegen, indem er lange und warm über die Pflicht 
des Gehorsams sprach, und mit einer x\nspielung an 
die möglichen schlimmen Folgen ihrer Auflehnung 
schloss". Auch hier ist kein Zweifel möglich, ob die 
Pflicht oder die Furcht am meisten helfen soll. Es 
ist des Geistlichen Amt, die Seelen zu bewegen, und 
es wird deutlich erzählt, dass er dies eindringlich 
gethan, und nur nebenbei auf die unangenehmen 
Folgen, die der Widerstand gegen die weltliche Macht 
haben könnte, hingedeutet. 

Dem ernsten Appell gemäss, den es enthält, hat 
Charge immer einen gewichtigen Zweck. Ob seine 



* 12 7 * 

Auflage eine einmalige Handlung, oder ein dauerndes 
Verhalten betrifft, ihr Gegenstand ist ein bedeutender. 
Wo der Höherstehende chargcs, befiehlt er mit nach- 
drücklicher Betonung des Wertes, den er auf die 
Ausführung seines Befehls legt, und stellt den Befehl 
selber als notwendig, als unumgänglich dar. Der 
Appell an die Pflicht im anderen hält die Willkür 
in der eigenen Brust im Zaum. In dieser Qualifi- 
zierung des Befehls liegt etwas wie eine sittliche Be- 
stätigung desselben, das ihn selbst in denjenigen 
Fällen, wo der Befehl im reinen Interesse des Be- 
fehlenden gegeben wird, als sein Recht, und gewisser- 
massen als im Einklang mit dem allgemeinen Recht 
erscheinen lässt. Diese Seite des Wortes kommt 
zur vollen Geltung in den häufigen Beispielen, in 
denen das allgemeine Beste der Endzweck der er- 
teilten Befehle ist. Ebenso, und noch sprechender, 
wo der Niedere den Höheren charges. Wie könnte 
er wagen, sich den Höherstehenden durch den Zwang 
des Gewissens unterwerfen zu wollen, w^äre er sich 
nicht bewusst, dass Wahrheit und Tugend auf seiner 
Seite kämpfen? 

Vn. Dictate. 

Eine harsche Vorschrift, die von der Willkür 
ausgeht, welcher die Macht zur Seite steht, aber das 
Recht nicht innezuwohnen braucht. 

Das Unterscheidende in der Bedeutung des Wortes 
ist der Nachdruck, der auf die Willkür gelegt wird. 
Wird es deshalb von einem gesagt, der eine Berech- 
tigung zum Befehlen hat, so macht sich der unan- 
genehme Grundton seiner Bedeutung darin geltend, 



* 128 ^ 

dass der Befehlende als hart und anspruchsvoll im 
Gegenstand seiner Forderung, zum mindesten aber 
als herrisch in der Form derselben dargestellt wird. 
Dieser Grundton schlägt durch, selbst da, wo die Be- 
rechtigung eine sittliche ist, und klingt noch lauter 
an, wo sie auf sozialen oder sonstigen äusseren Um- 
ständen beruht. FafJier zvas a little inclined fo dicfate 
to US, ,, Vater war etwas geneigt, uns anzuherrschen". 
An imperious master is apt to die täte to those, whom 
he liad better consult, ,,Ein herrischer Vorgesetzter 
befiehlt gerne, wo er besser gemeinsam überlegte". 
Die häufigere Anwendung ist indessen die, dass nicht 
bloss das Mass des Befehlens als übertrieben, sondern 
das Befehlen selbst als eine unrechtmässige, auf dem 
zufalligen Besitz der Macht gegründete Gewaltthat 
erscheint. An arrogant inühonaire is in the habit 
of dictating to his betters, ,,Ein anmassender Geldsack 
pflegt selbst diejenigen anzuherrschen, die in wesent- 
licheren Dingen, als Geld ist, über ihm stehen". 

Eine Macht, die sich solche Dinge gestatten kann, 
ist imposant: Einerseits muss man ihr gehorchen, 
andererseits findet sie selber es unnötig, einzelne, vor- 
übergehende Handlungen, seien sie selbst wichtiger 
Art, mit dem Aufwand von Strenge und drohendem 
Hochmut anzuordnen, der in unserem Worte liegt. 
Dictate giebt deshalb gewöhnlich Verhaltungsregeln 
für längere Zeit, Vorschriften nicht für den Moment, 
sondern für ganze Perioden oder für immer. He 
dictate d the rules, by which we were to be guided, 
,,Er gab uns die Vorschriften, nach denen wir uns 
richten sollten". 

Wenn so die Willkür des Wortes zu gross und 



* 129 * 

zu selbstbewusst ist, um sich zu Anordnungen herab- 
zulassen, die, einmal ausgeführt, schon obsolet werden, 
so ist sie doch wiederum zu eifervoll, um die allge- 
meinen Vorschriften, die sie giebt, genau abzufassen 
Es ist im Gegenteil ein eigentümlicher Zug des Wortes, 
der sein anspruchvolles Wesen recht hervortreten 
lässt, dass es liebt, detaillierte Befehle über Gegen- 
stände allgemeiner Natur zu geben. Ich kann nicht 
sagen: / the General dictate to you to lead on the 
troops, „Ich, der General, schreibe dir vor, anzugreifen" 
— das hiesse, die trotzige Oberherrschaft des dictate 
an einen Fall wegwerfen, der durch die ruhigere 
und regelmässigere Autorität des command hinreichend 
bewältigt wird; aber wenn ich sage: Hamng defeated 
the enemy I shall dictate the terms of peace, ,,Als 
Sieger werde ich die Friedensbedingungen diktieren", 
so liegt darin die Absicht, in einer erheblichen Ver- 
handlung scharf und bis ins einzelne hinein meinen 
Willen dem Überwundenen aufzuerlegen. 

Wenn das dictate auf einem Recht beruht, braucht 
es nicht im Interesse des Diktierenden, ja es kann 
sogar in diesem Falle zum Besten desjenigen, dem 
diktiert wird, ausgeübt werden. So wenn es von Gott, 
von Herrschern, von den Eltern, von der Vernunft 
und der Tugend ausgesagt wird. Wo dagegen die 
schiere Gewalt die Grundlage seiner Befehle bildet, 
mischt sich leicht eine Färbung hinein, als ob sie so 
rücksichtslos gebraucht würde, weil der Befehlende 
auf Kosten des Befohlenen sich selber nützen wolle. 
Wer der eigenen Willkür kein Hehl hat, denkt schwer- 
lich an die Interessen des Anderen. Der Kontext 
entscheidet darüber, wie weit der Eigennutz seinen 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. q 



* I30 * 

Msslichen Leib aus der Brandung des Hochmuts 
emporhebt. Geschieht es in ganzer Länge, so ist 
dictate die Rede des unnachsichtigen Siegers an den 
Besiegten. 

Vin. Prescribe. 

Ein auf das Gebiet des Rechts und des Wohl- 
wollens erhobenes dictate. Gleich diesem giebt es 
meist Regeln für dauerndes Verhalten ; aber es zieht 
seine Autorität nicht aus der Gewalt, sondern aus 
der besseren Einsicht, und es wird nicht von der 
Willkür, sondern von dem Wunsche, das Gute zu 
fördern, geleitet. Es giebt deshalb vorwiegend Sitten- 
lehren, während dictate allerlei Zwecken dient. 

Wo es das Gute desjenigen gilt, dem die Vor- 
schrift erteilt wird, ist das Autoritative in der Be- 
deutung des Wortes weniger fühlbar, und der Appell 
an die Vernunft des Angeredeten desto merklicher: 

Wrath-kindled gentlemen, he ruled by nie. 

Lefs purge this choler, wifhout letting blood; 

This zve prescribe, though no physician: 

Forget, forgive. 

(Shakespeare Rieh. 11, i, i.) 
„Erregte Herren, lasst euch warnen, dass ihr vom 
Zorn abstehet, ehe es zum Blutvergiessen kommt. 
Dies verordne ich euch, obschon ich kein Arzt bin: 
Vergesst und vergebt." 

Wo dagegen durch Vorschriften an einen ein- 
zelnen das allgemeine Beste erreicht werden soll, 
achten wir mehr auf die Vernünftigkeit des Befehls 
an sich, und weisen dem, der ihn auszuführen hat, 
die Rolle des Gehorchenden zu. To the blaitk moon 



* 131 * 

her office they prescribed, „Dem bleichen Mond wiesen 
sie sein Amt an", Milton, Parad. Lost. 

In beiden Fällen wird die gewissenhafte Beobach- 
tung der Vorschrift vorausgesetzt: im ersten Fall 
durch die überzeugte Mitwirkung des Angeredeten, 
im zweiten, weil die innere Vernunft der gegebenen 
Anweisung so werkt und wirkt, dass die Ausführung 
nicht von dem einzelnen, dem sie aufgetragen wurde, 
abzuhängen scheint, sondern wie von der ganzen 
Natur der Dinge gewollt ist. Ähnlich : / have alwqys 
held, tliat to prescribe to the teachers is to ensiire the 
welfare of the children , „Ich habe immer geglaubt, 
dass die Lehrer lehren die Kinder beglücken heisst". 
Im Zwingenden des prescribe liegt der Triumph des 
Rationellen; in der Sicherheit, mit der es seines 
Effektes gewiss ist, sehen wir Unwissenheit, Leiden- 
schaft und bösen Willen vom Rechten und Richtigen 
zu Paaren getrieben. 

Abgesehen von Gott, haben weise Leute ein 
wirkliches Recht zu prescribe. Indessen werden auch 
sie ihre Weisheit nicht nur in der Trefflichkeit der 
gegebenen prescription zeigen, sondern auch darin, 
dass sie keine geben, ausser wo sie eine gewisse 
Anerkennung des Vernünftigen auf der anderen Seite 
voraussetzen können. Man kann es unternehmen, 
einem irrenden Volke to prescribe laws, „erspriessliche 
Gesetze vorzuschreiben": wie sehr es auch fehl gehe, 
so lässt sich erwarten, dass im Auf und Nieder der 
mancherlei Kräfte, aus denen das Volksleben sich 
zusammensetzt, die Nützlichkeit der ergangenen Er- 
lasse schliesslich durchdringen werde. Aber niemand 
wird es einfallen, die logische Thätigkeit des prescribe 



* 132 * 

auszuüben, wenn er sich einem Wütenden gegen- 
über sieht. 

Der mahnende Befehl, die befehlende Mahnung, 
welche dem Wort sein autoritatives Gepräge giebt, 
veranlasst seinen häufigen Gebrauch in zweierlei be- 
sonderen Redeweisen, die sich entgegengesetzt sind, 
einer eigentlichen und einer uneigentlichen. Prescribe 
wird gerne von denjenigen gesagt, welche einen 
äusseren Anspruch auf die Herrschaft haben, wenn 
man ihnen gleichzeitig die innere Berechtigung zu 
befehlen, die sich von der Weisheit herschreibt, zu- 
erkennen will. So von Königen, und noch mehr von 
theokratischen Priestern, welche die irdische Gewalt 
mit der höheren Erleuchtung verbinden. Es ist ver- 
hältnismässig so selten, dass ein Sterblicher, bloss 
aus sich heraus, und auf keinem anderen Piedestale, 
als dem seiner endlichen Vernunft stehend, das Recht 
zum prescribe hat, dass die Menschheit, die sich nach 
einer unzweifelhaften Richtschnur ihrer Handlungen 
sehnt, es liebt, denjenigen, die sie beherrschen, die 
Befähigung zuzuschreiben, ihr dieses unschätzbare 
Gut zu gewähren. The Jews called upon their king 
asking htm to prescribe the ordinances which were to 
govern them, „Die Juden forderten ihren König auf, 
die (weisen) Anordnungen zu treffen, welche fortan 
Gesetz sein sollten". Und dann auch gewohnheits- 
mässig für jede dauernde Bestimmung, die von hoch- 
stehenden Personen ausgeht, selbst wenn sie Dinge 
betrifft, die sich ohne besondere Klugheit ordnen 
lassen. I Artaxerxes, the king, do make a decree to 
all the treastirers , that whatever Esra shall require 
of you be done speedily, unto a hiuidred talents of 



* 133 * 

silver, and to a hundred baths of oil, and sali without 
frescribing how much, „Ich, Artaxerxes, der König, 
befehle allen Schatzmeistern, dass sie den Anforde- 
rungen des Esra Folge leisten, bis auf hundert Talent 
Silber, hundert Mass Öl, und Salz, ohne ihnen vor- 
zuschreiben, wie viel", Esra 7, 22. Die dadurch noch 
mehr in's Gebietende gezogene Bedeutung des Wortes 
lässt dann oft eine ironische Verkehrung in ihr halbes 
Gegenteil zu. Das Gebietende bleibt, aber nur, um 
als unvernünftig dargestellt zu werden. In Beispielen 
dieser Art wird prescribe geradezu von denen ge- 
braucht, die keine andere Berechtigung haben, uns 
ratend zu befehlen, als ihre eigene Eitelkeit imd Über- 
hebung. So wenn: A coxcomb sets to prescribing to 
ivise fnen, „Ein aufgeblasener Narr, der klugen Leuten 
Vorschriften machen will". Nothing so tyrannical 
as tgnorance, where time and long possession enable 
it to prescribe South 4, 9, „Nichts so tyrannisch als 
eingerostete Unwissenheit, die sich aufs Stolzieren 
und Diktieren legt". 

IX. Direct. 

Ein auf die gewöhnlichen Geschäfte des Lebens 
übertragenes und in der Kraft seines Befehls ent- 
sprechend ermässigtes prescribe ist direct. Ebenso 
wie prescribe zieht es seine Autorität aus dem Besser- 
wissen; ebenso wie dieses wendet es sich zunächst 
an die mitwirkende Einsicht des anderen; aber da 
es sich gewöhnlich nicht mit dauernden Verhältnissen, 
welche allgemeine Verhaltungsregeln erfordern, son- 
dern mit vorübergehenden Umständen befasst, die 
einmalige Anordnungen erheischen, so ist seine KIlug- 



* 134 * 

heit eine weltlichere, und sein Gebot ein weniger 
absolutes. Sein Wirkungskreis liegt in der Sphäre 
des Verständigen, sowohl was den Dirigierenden, als 
auch was den Dirigierten und den Gegenstand betrifft, 
um den es sich bei der Direktion handelt. Der Diri- 
gierende weist dem andern den Weg an, der in einem 
bestimmten vorliegenden Falle eingeschlagen werden 
muss, und den er selber schon einmal gegangen ist. 
Der Dirigierte begreift die Instruktion, erkennt sie als 
sachgemäss, und führt sie aus. Die Direktion selbst 
endlich, obschon sie sich auf die Ziele des täglichen 
Lebens zu richten pflegt, ist doch derartig, dass sie 
eine eingehende Anweisung erfordert, da ja sonst 
keine Veranlassung wäre, das geistige Band zwischen 
Instruktor und Instruiertem zu betonen. Direct in 
seinem eigentlichen Gebrauch beschränkt sich des- 
halb auf Angelegenheiten, in denen der nackte Be- 
fehl nicht viel ausrichten würde, Angelegenheiten, 
die dem Dirigierten zu neu oder zu verwickelt sind, 
um sich von ihm bewältigen zu lassen, es sei denn, 
dass das Geheiss durch die Beigabe erläuternder Be- 
merkimgen ausführbar gemacht worden ist. I direct 
an Ignorant man to per form his work, „Ich heisse 
einen Unwissenden seine Arbeit thun und gebe ihm 
die erforderliche Anweisung dazu". Das blosse Order 
würde nichts helfen, wenn der Betreffende der Sache 
nicht schon gewachsen ist. Ebenso: Wisdom is pro- 
fitable to direct Eccles. lo, lo, „Die Weisheit ist 
nützlich, um uns zu leiten". Und mit ausdrücklicher 
Hinweisung auf die folgende Erläuterung: Fll first 
direct my men, what they shall do with the basket, 
„Ich will erst meine Leute anweisen, was sie mit 



* 135 * 

dem Korbe thun sollen", Shakesp., Merry Wives 4, 2. 
W^ll direct \her, how His best to hear it Shakesp., 
AU's well 3, 7, „Wir werden sie anweisen, wie sie's 
am besten zu nehmen hat". 

Wo derjenige der directs eine Respektsperson 
ist, kommt das Wort dem Befehlen nahe. So nahe 
in der That, dass es in Fällen dieser Art manchmal 
für befehlen gebraucht wird, und in dieser Bedeutung, 
die etwas Überwältigendes in sich hat, aufgehen 
würde, behielte es nicht von seinem ursprünglichen, 
aufs Überzeugen angelegten Sinne eine mildere Farbe 
bei, als das grelle command. Wenn ich sage: The 
garde?ier directed his assistant to prune the trees, 
„Der Gärtner trug seinem Gehilfen auf, die Bäume 
zu beschneiden", so ist es schwer abzuwägen, wie- 
viel in diesem Geheiss eines Vorgesetzten informierende 
Unterweisung, wieviel einfacher Befehl ist. Die Ent- 
scheidung hängt davon ab, wieviel der Gehilfe von 
der Gärtnerei versteht. Kennt er seine Arbeit schon, 
so genügt der Befehl; wo nicht, so musste der Be- 
fehl durch die Anweisung ergänzt werden. Schreibt 
aber der Sekretär eines Ministers in kurzen Worten: 
/ am directed by Lord A. to request you to accord 
htm the pleasure of an early interview. Yours truly 
etc., „Ich bin von Lord A. beauftragt, Sie um das 
Vergnügen eines baldigen Besuches zu bitten. Er- 
gebenst u. s. w.", so haben wir es klärlich nicht 
mehr mit einer eingehenden Instruktion, sondern mit 
einem lakonischen Auftrag zu thun, bestimmt und 
rücksichtsvoll genug, um mit direct bezeichnet zu 
werden, obschon nicht so peremptorisch, um ein 
command zu verdienen. 



* 136 * 

Auch wo der Dirigierte dem Dirigierenden gleich- 
berechtigt gegenübersteht, übt das vernünftige Weisen, 
das der Grundzug in der Bedeutung des Wortes ist, 
einen drängenden Einfluss aus, dem wir meinen, uns 
unterwerfen zu müssen. In reply to my inquiry the 
gentleman directed 7)ie to take the second ttirning to 
the left and than proceed due South, ,,Auf meine 
Frage wies mich der Herr an, die zweite Querstrasse 
links zu nehmen und dann in südlicher Richtung 
weiter zu gehen". Natürlich folge ich ihm. Er weiss 
Bescheid, ich nicht. 

Je nach den wechselseitigen Verhältnissen zwischen 
Dirigierenden und Dirigierten bestimmt sich die Absicht 
der Direction. Spricht der Vorgesetzte zum Unter- 
geordneten, so kann er sein eigenes Interesse, oder, 
wenn er ein Beamter ist, das des öffentlichen Dienstes 
im Auge haben; spricht der Gleiche zum Gleichen, 
so kann der Nutzen des einen wie des anderen das 
Motiv der gegebenen Anweisung sein; desgleichen, 
wird ein sittliches oder unsittliches Ziel speziell er- 
wähnt, so steht auch dessen Verbindung mit direct 
nichts im Wege. Das Wort ist in dieser Richtung 
völlig indifferent, und bietet sich als verständiges 
Werkzeug und Förderungsmittel jedem Zwecke mit 
gleicher Bereitwilligkeit dar. Es ist ein gescheidtes 
Wort, das -lieber belehrt als befiehlt, lieber über- 
zeugt als überwältigt. Aber seine Kunst, mit Men- 
schen umzugehen, übertrifft seinen Eifer, dem Guten 
zu dienen. Das Wozu? ist ihm gleichgültig. 



* 137 * 

X. Appoint. 
Afpoint giebt einen detaillierten Auftrag nach 
freiem Belieben, mit der Betonung eines vernünftigen 
Zweckes, und der Anwendimg sachgemässer Mittel, 
um ihn zu erreichen. Seine Autorität beruht auf 
der superioren Stellung des Bestimmenden, die eine 
dauernde sein, oder sich auch aus vorübergehenden 
Umständen ergeben kann. Wer dem anderen unter- 
geordnet ist , oder sich ihm aus diesen oder jenen 
Gründen zeitweilig unterzuordnen hat, wird in der 
Lage sein, derartige Bestimmungen von ihm anzu- 
nehmen. Eine höhere Würde oder Tugend, oder 
eine bessere Einsicht, als der dritte, den es beordert, 
beansprucht das Wort an sich nicht, obschon beides 
durch den Context hineingelegt werden kann. Auch 
die Willkür, die es voraussetzt, wird dadurch, dass 
sie einen accentuierten Zweck verfolgt und genaue 
Vorschriften zu seiner Erreichung erteilt, ermässigt, 
und in den Schranken des Überlegten gehalten. Mit 
anderen Worten, die Macht, welche die Möglichkeit 
giebt, die Schritte und Tritte des anderen zu lenken, 
wird durch den vernünftigen und eingehenden Ge- 
brauch, der von ihr gemacht wird, und durch die 
Überlegung, die sich notwendigerweise an eine 
solche Anwendung knüpft, gezügelt. Durch dieses 
Keimen der Reflexion in der Willkür ist das ganze 
Niveau des Wortes allmählig verändert worden, und 
aus den wogenden Wassern des Herrischen in das 
ruhigere Land des Zweckmässigen emporgestiegen. 
So hat sich, von einem günstigen Punkte in seiner 
Organisation ausgehend, ein innerer Hebungsprozess 
an der Bedeutung des Wortes vollzogen, dessen 



* 138 * 

Verlauf sich geschichtlich verfolgen lässt. Man sagte 
früher nicht selten: / appoint that you shall do a 
thing, „Ich bestimme befehlend, dass Du etwas thun 
sollst", wovon z. B. Shakespeare in den Merry Wives 
4, 6 und ähnlich die Bibel 2. Sam. 15, 15 noch 
Beispiele haben : heute dagegen ist die vorschrei- 
tende Vernünftigung des Wortsinns so weit gediehen, 
dass man nicht mehr jemandem appoints (befiehlt), 
sondern jemand appoints (bestimmend erwählt), etwas 
zu verrichten. Es wird einer nicht mehr beordert, 
sondern er wird, nach vorangegangener Wahl, erlesen. 
Die Wahl, das Resultat der Verstandesthätigkeit, tritt 
dem Befehl, der eine blosse Äusserung des Willens 
ist, gleichberechtigt zur Seite. 

Noch über diese Linie hinaus hat das Wort 
einen Schritt gethan, und damit ein Gebiet betreten, 
das es seinem ursprünglichen Kreise völlig entzieht. 
Es bedeutet heutzutage nicht nur „bestimmend 
erwählen", sondern ebenso oft „bestimmend über- 
einkommen". Der Befehl ist durch die sachgemässe 
Überlegung, die er einschliesst , ausgetrieben, und 
durch die Beratung mit demjenigen , dem man 
sonst gebot, ersetzt worden. Darin liegt ein Stück 
Historie. 

Interessant ist die Vergleichung mit direct. Auch 
dieses giebt einen detaillierten Befehl, hat sich aber 
durch die höhere Einsicht, die es beansprucht, in 
der Sphäre des Gebietens gehalten. Appoint da- 
gegen, das die Dinge eingehend ordnen wollte, ohne 
sie besser zu verstehen, hat sich mit der wachsenden 
Gesittung naturgemäss zu einer anderen Stellung be- 
quemen müssen. 



* 139 * 

In einer anderen Beziehung gehen direct und 
appoint Hand in Hand. Bei appoint aus den eben 
angeführten Ursachen, bei direct, weil es nicht nur 
befiehlt, sondern vernünftig befiehlt, ist dem Befehl 
die Härte, die in der Möglichkeit einer launenhaften 
Willensäusserung liegt, genommen. Beide sind da- 
durch in die Terminologie des modernen Amtsstils 
gekommen, der, wenn er von der Regierung spricht, 
die Gewalt derselben als eine vernünftige und zweck- 
mässige darzustellen hat. 

XL Bid. 

Ein Wort von weiter Bedeutung, das die ganze 
Skala des Heischens umfasst, die zwischen bitten, 
wünschen, auffordern und befehlen liegt. Der Grund- 
ton, der in all diesen Modulationen durchschlägt, ist 
ein dringendes Verlangen, das Gewährung erwartet. 
Diese Zuversicht auf Erfüllung des vorgetragenen 
Anspruchs, die in dem Worte liegt, hat es allerdings 
mit sich gebracht, dass sich seine Bedeutung im 
Laufe der Zeit mehr und mehr nach der Seite des 
Befehlens hin verschob, auf der Seite des Bittens 
dagegen allmählich verblich. Noch bei Shakespeare 
(Macbeth i, 6) heisst König Duncan Lady Macbeth 
Gott bitten: ,,/ teacli you how you shall bid God^^. 
Eine etwas stärkere Art von Verlangen, gemischt 
aus Mahnen und Raten, ist es schon, wenn in Much 
ado about notJmtg (Viel Lärmen um nichts, 3, i) die 
Dienerin ihre Herrin auffordern soll, sich nach der 
Laube zu begeben, um zu lauschen: bid her steal 
into the pleached bower. Einen weiteren Fortschritt 
in der Intensität bezeichnet eine Stelle Numeri 14, 



* 140 =* 

lo, wo die Juden Moses und Aaron, ihre Führer, in 
leidenschaftlicher Erregung auffordern, die nach Canaan 
vorausgesendeten Späher steinigen zu lassen: All 
the congregation bade stone them with stones. Auch 
hier haben wir immer noch ein Ersuchen, das an 
Höherstehende gerichtet ist, das aber durch die 
tumultuarische Vortragsweise und die drohende Em- 
pörung schon den Charakter eines bestimmten Ver- 
langens annimmt. In den weiteren Stadien, die der 
Sinn des Wortes durchlaufen hat, macht sich das 
Fordern immer emphatischer geltend , und wird 
schliesslich zum Befehl, der bereiten Gehorsam vor- 
aussetzt. Den Übergang zu dieser stärksten Färbung 
zeigt eine Stelle in Shakespeares Richard DI, 2, i : 
Bid me kill myself and I'll do it, „Befiehl mir, mich 
zu töten, und ich will es thun". Hier wird Ge- 
horsam freiwillig angeboten, die Nichtbeachtung des 
Befehls wäre also noch möglich. Ein ähnliches An- 
gebot des Gehorsams ist stillschweigend enthalten, 
und demnach schon als etwas Selbstverständliches an- 
gesehen, das keiner weiteren Motivierung bedarf, in 
Petri Rede, Matthäus 14, 28: Lord, if it be thou, 
bid me come to thee on the water, „Herr, wenn Du 
es bist, heisse mich zu Dir aufs Wasser kommen". 
Darüber hinaus und bis zum ausdrücklichen Einge- 
ständnis der Verpflichtung des Gehorchens geht es, 
wenn die Altesten zu Jesu sagen (2. Könige 10, 5): 
We are thy servants, and will do all that thöu shalt 
bid US, ,,Wir sind Deine Diener, und werden alles 
thun, das Du uns heissen wirst". Und jede Veran- 
lassung zu einem solchen Eingeständnis fällt weg, 
wo Gott selber spricht und völlige Unterwürfigkeit 



* 141 * 

geboten ist: And JosJiua did unto them, as the Lord 
bade him (Josua ii, 9), „Und Josua that ihnen, wie 
ihm Gott befohlen hatte". 

Ein gewisser Gebrauch des bid vereinigt in 
einem Atem den grösseren Teil der eben aufge- 
zählten Bedeutungen, und ist somit besonders charak- 
teristisch für den schwankenden Sinn des Wortes. 
Man sagt bid mit nachdrücklichem, halb drohenden 
Accent, wenn man etwas heftig fordert, und sofort 
gethan sehen will, das der Andere zu verweigern 
geneigt ist. Hier wird der mangelnde Berechtigungs- 
nachweis durch den Affekt so sehr ersetzt, dass das 
zornige Heischen des unlegitimierten bid fast an das 
ruhige Fordern des selbstbewussten command grenzt; 
gleichzeitig wird aber durch die implicierte Weige- 
rung des anderen wieder etwas Unsicheres in die 
Wirksamkeit des Befehls hineingebracht , welches 
dem gesteigerten Heischen ein Gegengewicht bietet 
und den ganzen Sinn des Wortes ins Halbdunkel 
zurückfallen lässt. Das Wort ist eben seinem innersten 
Sinne nach in ein solches Clairobscur getaucht, dass 
der Versuch, die unklar gelassene Autorität seines 
Befehls durch leidenschaftlichen Nachdruck zu er- 
höhen, sofort den Zweifel gebiert, wie es denn mit 
dem Gehorsam stehen werde. Das Befehlende im 
Wort, straffer gegeben als gewöhnlich, durch die 
heftige Vortragsweise aber in seiner zweifelhaften 
Berechtigung enthüllt, ruft durch diese gewaltsame 
Erhöhung des Sinnes den Gedanken an eine Weigerung 
des Angesprochenen wach, die sonst nicht in bid liegt. 
Drink, servanl inonster, lühen I bid ihee Shakesp., 
Tempest 3, 2, „Trink, Ungeheuer, wenn ich dich's heiss". 



* 142 * 

Die drei letzten Beispiele der obigen Aufzählung 
fixieren etwa die Punkte, auf welchen die Bedeutung 
des Wortes sich am häufigsten hält. Ohne sich in 
Bezug auf seine Autorität genauer zu legitimieren, 
äussert derjenige, welcher bids, ein Verlangen in der 
Voraussetzung, dass demselben entsprochen wird. Je 
nach dem Verhältnis des Sprechenden und der augen- 
blicklichen Situation ist dies Verlangen eine lebhafte 
Aufforderung, oder ein bestimmtes Geheiss. Es kann 
sich demnach sowohl an das Gefühl und die Einsicht, 
wie an die Pflicht des Angesprochenen richten. In 
den beiden ersten Fällen tritt die Persönlichkeit des 
Heischenden, im dritten seine Stellung in den Vor- 
dergrund. Bid her have good heart, „Sage ihr, sie 
soll nicht traurig sein" ^Shakespeare , Antonius und 
Cleopatra 5, i, ist nur eine warme Aufforderung; 
/ bade him reflect, ,,ich ersuchte ihn, zu erwägen", 
ist ein dringender Appell an den Verstand des 
anderen ; she bade him lay three Covers , ,,sie trug 
ihm auf, drei Couverts zu legen", ist ein Geheiss an 
einen Untergebenen, dessen Abhängigkeit seine Will- 
fährigkeit gewährleistet. 

Weil es die Berechtigung des Heischenden un- 
bestimmt lässt, ist bid kein Wort für Offiziere, Be- 
amte und Eltern. Ausser im Affekt, oder wo sie 
sich dem Ungehorsam gegenüber befinden, werden 
diese ihre Autorität für zu sicher begründet halten, 
um sie in ein so vieldeutiges Gewand zu kleiden. 
Auch in denjenigen Fällen, wo bid ans Befehlen 
grenzt, dient es mehr für Ansprüche, die sich aus 
den zeitweiligen Verhältnissen zweier, gewöhnUch 
von einander unabhängiger Leute ergeben {My friend 



* 143 * 

bade me attack one robber, and leave the hoo others 
to htm, „Mein Freund forderte mich auf, den einen 
Räuber anzugreifen, und die beiden anderen ihm zu 
überlassen") ; oder es bezieht sich, wo es gegen einen 
Abhängigen gebraucht wird , überwiegend auf klei- 
nere, unbedeutendere Aufträge , die es nicht nötig 
machen, das Recht des Befehlens besonders zu be- 
tonen {Bid the servant pass oii before us, „Lass den 
Diener vorgehen" i. Samuel 9, 27), Letztere An- 
wendung ist eine sehr gebräuchliche. Es ist charak- 
teristisch für die Änderung der Sitten, dass bid in 
früheren Jahrhunderten viel mehr gesagt wurde, als 
im jetzigen. Vormals wurde es zu dringenden Forde- 
rungen gegen mehr oder weniger Gleichgestellte 
und zur Andeutung des Befehls gegen Unterge- 
ordnete gebraucht: heute verlangt es die Höflichkeit, 
Gleichgestellte weniger zu pressieren, während das 
Selbstgefühl der Untergeordneten sich dagegen ver- 
wahrt, dass man, auch wenn man ihnen befiehlt, 
allzu oft vom Befehlen spricht. Im Verkehr mit 
Gleichgestellten bittet man heutzutage , ersucht 
man, und stellt vor [ask, request, represent); Unter- 
geordneten „sagt" man, was man vordem heischte 
[teil, nicht mehr bid). 

Was den Gebrauch des bid fürs Militär unge- 
eignet macht, verschafft ihm desto grössere Gunst in 
der Poesie. Wenn der Major seine Berechtigung 
zum Kommandieren unzweifelhaft in der Tasche hat, 
so geht der Dichter nicht mit Soldaten, sondern mit 
Gefühlen um, die allerlei wirken und heischen, ohne 
dass ihre Autorität gerade immer genau untersucht 
oder allgemein anerkannt ist. Ein starkes Gefühl 



* 144 * 

findet aber die Berechtigung seiner Wirksamkeit in 
sich selbst, und wird es heben, mit einem Worte zu 
fordern, das prosaische Ausweise über den Grund 
seiner Befugnis verweigert, aber dennoch etwas vom 
Imperativ an sich hat. Frie^idship bids ine, honour 
bids me, love bids me (Freundschaft, Ehre, Liebe heisst 
mich dies und das thun) sind Betheuerungen, die 
Shakespeare seinen Helden in den Mund legt. Noch 
weiter gehende Abstraktionen, wie the minute bids 
vie, his labours bid him u. s. w. (die Minute heisst 
ihn, seine Mühsal heisst ihn zu . . .) fehlen ebenfalls 
nicht bei dem „göttlichen William". Bei allen Dichtern 
nach ihm bis auf den heutigen Tag ist bid ein Lieb- 
lingswort geblieben. Aus dem täglichen Leben fast 
verschwunden, weil es die gesellschaftlichen Bezie- 
hungen teils unklar lässt, teils nach einer Seite hin 
accentuiert, die der modernen Gleichberechtigung 
nicht mundet, lebt es eben wegen seiner vagen und 
dennoch dringenden Natur im Reich der Verse un- 
sterblich fort. 

Um den Gedankeninhalt des Wortes in seinem gan- 
zen weitläuftigen Umfang zu zeigen, sei noch bemerkt, 
dass es, nebenden eben erörterten mannigfachen Schat- 
tierungen des Forderns, auch noch den entgegengesetz- 
ten Sinn des Gebens, des Anbietens hat. Ob beide Be- 
deutungen aus einer Wurzel entsprungen sind, ob sie 
Homonyme sind, oder ob zwei dem Sinn und Laut 
nach ursprünglich verschiedene Wurzeln sich nur zu- 
fäUig beide auf den einen Lautkomplex bid abge- 
schliffen haben, ist ein ungelöstes etymologisches 
Rätsel. Ist das erstere der Fall, so bietet bid ein 
Beispiel aus jener primitiven Periode, in welcher der 



* 145 * 

menschliche Geist mit dem Problem der Sprach- 
schöpfung rang, und in seiner mühseligen Arbeit sich 
nicht anders zu helfen wusste, als dass er ein Ding 
und sein Gegenteil mit demselben Laute bezeichnete. 
Des Verf. „Gegensinn der Urworte" handelt hiervon. 

Übersicht. 

Um einen Gesamtüberblick über die Bedeu- 
tungen der vorstehenden Worte zu gewinnen, ist es 
erforderlich, sie vergleichend nebeneinander zu stellen. 

Je nach ihrem Zweck kann diese Vergleichung 
in mannigfaltiger Weise angestellt werden. Jedes 
Wort kann zunächst gegen jedes andere gehalten, 
und in Bezug auf alle seine Ähnlichkeiten und Ver- 
schiedenheiten untersucht werden. Oder es können 
die gemeinsamen Züge, die sich in allen diesen Worten 
wiederfinden, beobachtet, und in ihrer verschiedenen 
Stärke und Färbung dargelegt werden. Oder es 
werden die Bedeutungsnüancen, die einzelnen Worten 
innewohnen, gesammelt. Oder man teilt die Worte 
nach den wichtigsten Bedeutungsschattierungen in 
Klassen, und befolgt dann innerhalb des engeren 
Rahmens dieser Unterabteilungen das erste, zweite 
oder dritte Verfahren, oder alle drei. 

Jede Methode hat ihre besonderen Vorzüge. Die 
erste gibt die buntesten Bilder. Da sie sowohl die 
ähnlichen als die unähnlichen Worte durcheinander 
vergleicht, so entsteht ein Gemisch von ungleich- 
artigen Ergebnissen. Während die einen sich in 
in leisen Distinktionen ergehen, sind die anderen von 
grellen Gegensätzen bewegt. Die ersteren finden 
sich in der vierten Methode wieder, und zwar in ver- 

Abel, Sprach w Abbalgen. 10 



* 146 * 

bessertet Gestalt, insofern dort besonders ergibige 
Ausgangspunkte der Vergleichung des Verwandten 
gewählt werden; die letzteren haben ein geringe- 
res Interesse, da je verschiedener die Worte, desto 
unnötiger die Vergleichung. So Dinge, wie Worte 
müssen sich in einem gewissen Grade nahestehen, 
damit aus ihrer Unterscheidung geistige Förderung 
erwachse. Allerdings pflegen sich die Worte der- 
selben Gruppe innerhalb einer Linie zu halten, die 
das Mass der kennenswerten Verwandtschaft nicht 
überschreitet. Die zweite und dritte Methode bringen 
Übersicht in das bunte Bild der ersten. Sie heben 
die einzelnen Punkte der Bedeutung nach einander 
heraus, verfolgen ihre Spuren in dem verschlungenen 
Gewebe des Sinnes, und konstatieren ihre Anwesen- 
heit und Stärke, mit oder ohne Rücksicht auf das 
Ganze des Wortinhalts. Diese Methoden gehören 
mehr der abstrakten Thätigkeit des Metaphysikers, 
der die Welt in Kategorieen zerfällt, um die allge- 
meinen Begriffe, losgelöst von den wechselnden Er- 
scheinungen, zu gewinnen. Sie können allerdings 
die nationale Färbung, die, wenn man nur genau 
genug zusieht, jedem Teile einer Wortbedeutung 
beigemischt ist, nicht ignorieren ; aber indem sie den 
Zusammenhang zwischen den verschiedenen Teilen 
der Wortbedeutung lockern, lassen sie das Spezifische, 
das gewöhnlich mehr in der Mischung des Wortin- 
halts, als in den einzelnen Teilen desselben liegt, 
zurücktreten. Um ein Beispiel aus unserem eigenen 
Gebiet zu wählen, so ist das Herrische, das in Com- 
mand liegt, in entsprechenden Ausdrücken anderer 
Idiome in ähnlicher Weise enthalten. Was der Be- 



* 147 * 

deutung des Command den besonderen englischen 
Stempel aufdrückt, ist die Verbindung dieses Herri- 
schen mit der Berechtigung, auf der es beruht, und 
den Zwecken, die es erfüllt. Dies findet sich in 
keiner anderen Sprache in ganz derselben Weise 
wieder. Der Erkenntnis in dieser Richtung kann es 
aber nicht dienlich sein, wenn man erst das Herrische 
in allen Worten der Gruppe prüft, nachher die Be- 
rechtigung und sodann den Zweck. Selbst wenn man 
bei der einen Untersuchung die beiden anderen nicht 
aus dem Auge lässt, so wird dadurch, dass die ver- 
schiedenen Punkte gleichberechtigt hintereinander 
auftreten, das Gefühl für das Vorwiegen des einen 
oder anderen geschwächt, und der ganze Befund, 
anstatt die Beschreibung eines organischen Wesens 
zu sein, zur Analyse seiner zerstückelten Glieder ge- 
macht. In der vierten Methode haben wir das wirk- 
samste Mittel, die Eigentümlichkeiten in der Denk- 
weise einer Sprache durch synonymische Zusammen- 
stellung zu erkennen. Indem wir die Worte nach 
den wesentlichsten Ingredienzien ihrer Bedeutung 
klassifizieren, erhalten wir den Ausgangspunkt für 
eine Betrachtung, die der Natur unseres lebendigen 
Objektes entspricht. Wir legen das entscheidende 
Gewicht auf das Charakteristische, und erwähnen 
untergeordnete Punkte nur nach dem Masse ihres 
geringeren Wertes. Wir gehen z. B. bei der Kllassi- 
fizierung von Command nicht vom Begriff der Nütz- 
lichkeit aus^ der schwach in ihm ist, sondern von dem 
Gedanken des Auftrages, der in ihm überwiegt. Um- 
gekehrt fangen wir die Betrachtung von prescribe nicht 
mit dem Begriff des Auftrags an, weil er verschwindet 

10* 



im Verhältnis zu dem der Nützlichkeit, der in dem Da- 
sein, und folglich auch in der Untersuchung des 
Wortes den Vorrang behauptet. Solche Begriffe, 
wenn sie mehreren Worten gemeinsam sind, bieten 
sich als natürliche Gattungsbegriffe dar, unter die 
sich die betreffenden Worte einordnen und auf Grund 
ihres innersten Seins zusammenfassen lassen. Manch- 
mal, wenn mehrere Bedeutungen eines Wortes be- 
sonders charakteristisch für dasselbe sind, wird es 
unter mehreren Gattungsbegriffen , d. h. von ver- 
schiedenen Gesichtspunkten aus, behandelt werden 
müssen. Wir lassen somit in dieser vierten Methode 
nicht allein jede Sprache ihre eigenen Kategorieen 
auffinden, was in der zweiten und dritten ebenfalls 
geschah, sondern auch den einzelnen Worten ihr be- 
sonderes Recht zu teil werden, indem wir sie den- 
jenigen Klassen zuweisen, denen sie sich am natür- 
lichsten anschliessen. In den Klassen- oder Gattungs- 
begriffen erhalten wir, was man hauptsächlich hat 
ausdrücken wollen; in dem Verhältnis der Gattungs- 
begriffe zu den einzelnen Wortbedeutungen sehen 
wir, wie man es gethan, und diese oder jene Neben- 
färbung hinzugemischt. So verbindet sich am meisten 
in dieser Methode das Geistige mit dem Übersicht- 
lichen, das Verständige mit dem Verständlichen. 

Wir beabsichtigen, von allen vier Methoden für 
unsere Betrachtung Nutzen zu ziehen. Der ersten 
ist insofern in den vorstehenden Einzeldefinitionen 
genügt, als die allgemeinsten Gesichtspunkte, die 
sich bei allen Worten der Gruppe wiederholen, bei 
allen erwähnt, und in Beziehung zu dem besonderen 
Wortinhalt gesetzt worden sind. Was noch erübrigt, 



* 149 * 

wird durch die zweite, dritte und vierte Methode 
im Folgenden nachgeholt. Die Darlegung der starken 
Unterschiede zwischen den verhältnismässig am wenig- 
sten verwandten Worten ergiebt sich aus den Ta- 
bellen der zweiten und dritten Methode, wenn die- 
selben vertikal gelesen werden; die engeren Ver- 
wandtschaften aber sondert die vierte Methode zweck- 
mässiger, als derjenige Teil der ersten, der sich auf 
sie bezieht. 

Die zweite und dritte Methode ist in gemein- 
samen Tabellen behandelt, weil die Resultate dieser 
zersetzenden Auffassung am klarsten werden, wenn sie 
schematisch vorHegen. Vertikal gelesen, gibt die Ta- 
belle Auskunft über das Vorkommen einer und dersel- 
ben Bedeutungsnüance in den verschiedenen Worten ; 
in horizontaler Richtung einen vollständigen Wortin- 
halt nach seinen verscliiedenen Bestandteilen darstel- 
lend, dient sie zur Vervollständigung und Kontrolle der 
ersten und vierten Methode. Wenn zwei solche Wort- 
inhalte untereinander gestellt werden, so zeigt sie ihre 
Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten in schlagender 
Weise, und ergänzt somit, was von der ersten, allerlei 
vergleichenden Methode, nach dem, was die Einzel- 
definitionen darüber enthalten, noch zu sagen bleibt. 
Durch die gleiche Aneinanderreihung soll sie be- 
stätigen, was die vierte Methode über die geringeren 
Unterschiede nahe verbundener Worte auszusagen 
hat. Schliesslich empfahl sich die Tabellarisierung 
der zweiten und dritten Methode auch, weil sie Wie- 
derholungen am ehesten vermeidet. Wollte sie nicht 
Fetzen geben, so würde eine beschreibende Dar- 
stellung dieser Methoden bei der Beleuchtung eines 



* 150 * 

Punktes der Bedeutung jedesmal die anderen Punkte 
haben miterwähnen müssen. Dadurch würde es not- 
wendig werden, die allgemeine Kontur des Wortin- 
halts immer von neuem zu zeichnen, und zwar jedes- 
mal von einem neuen Gesichtspunkt aus und nach 
einer neuen Visierlinie hin. 





Befehl beruht auf: 

1 


Art der 
Berechtigung : 


Bindend oder 
nicht bindend: 


Command. 


Hohe persön- 


Meistens , aber 


Bindend. 




liche oder erwor- 


nicht notwendiger- 






bene "Würde, oder 


weise sittlich. Kann 






überschwengliche 


auch auf hoher so- 






Gewalt. 


zialer Stellung oder 
überschwänglicher 
Gewalt beruhen. 




Order. 


Massiger, erwor- 


Soziale, oder 


Bindend, oder 




bener Rang; oder 


blos konventio- 


wird konventionel- 




eine soziale oder 


nelle Berechtigung. 


lerweise so aufge- 




merkantile Bezie- 




fasst. Geschaffen 




hung , die , wenn 




durch Arrange- 




auch nur ganz vor- 




ments, die gerin- 




übergehend , eine 




gere Dinge betref- 




Art Übergewicht 




fen, also leicht ge- 




verleiht. 




ändert werden kön- 
nen. 



* 151 * 

Wir lassen zunächst die der zweiten und dritten 
Methode dienenden Tabellen folgen. Der Übersicht- 
lichkeit wegen sind sie möglichst knapp gehalten, 
und bedürfen deshalb des Hinweises auf die vor- und 
nachstehenden Erläuterungen. 



Zweck, betont oder 
nicht betont: 




Geht aus von: 



Der Zweck liegt in 
der reinen Willkür des 
Befehlenden, und wird, 
da dies eingestandener- 
weise der Fall, und die 
Stellung des Befehlen- 
den so erhaben ist, 
nicht hervorgehoben. 



Zweck betont; und 
zwar der Zweck, die 
Routine des sozialen 
Lebens in Gang zu 
halten. Kein beson- 
deres eigenes Nach- 
denken über den Zweck 
oder die Mittel. 



"Wichtige sittliche 
und weltliche Auf- 
träge. 



Aufträge für die ge- 
wöhnlichen Geschäfte 
des Lebens, und zwar 
meist untergeordneter 
Art. 



i) Von Gott. 

2) Von hohen welt- 
lichen Gewalthabern. 

3) Von sittlichen 
Menschen, die im Af- 
fekt der guten Hand- 
lung hohe weltliche 
Gewalt beanspruchen. 

4) Von jedem, dem 
die augenblicklichen 
Umstände erlauben, 
absolut zu gebieten. 

i) Personen, die 
einen massig höheren 
Rang in der sozialen 
Skala haben, oder 
augenblicklich zu ha- 
ben beanspruchen. 

2) Kaufleuten, Kun- 
den u. s. w., die sich 
nur vorübergehend in 
einer Art superiorer 
Stellung befinden. 



152 



Befehl beruht auf: 



Art der 
Berechtigung 



Bindend oder 
nicht bindend: 



Enjoin. 



Bid. 



Ordain, 



Appell an unser 
sittliches Ich, an 
unsere Überzeu- 
gung von dem, was 
recht und gut ist. 



Dringendes Ver- 
langen, in der Vor- 
aussetzung, dass 
ihm entsprochen 
wird. 



Starkes Mahnen 
an Gott, Tugend 

und sittliche 
Pflicht. 



Soziale oder sitt- 
liche Ursachen ; ge- 
wöhnlich erstere. 



Höchste Berechtjgimg der Macht, 
"Weisheit und Güte, die nur den höch- 
sten himmlischen imd irdischen Ge- 
walten innewohnen kann. 



Bindend. Der 
sittliche Appell ist 
stark genug, um 
peremptorisch zu 
wirken. 



Lebhafte Auf- 
forderung, oder be- 
stimmtes Geheiss, 
je nach dem wech- 
selseitigen Verhält- 
nis der handelnden 
Personen, und der 
augenblicklichen 
Situation. 



Bindend. 



153 



Zweck, betont oder 
nicht betont? 



Welcher Zweck? 



Geht aus von: 



Nicht betont, oder 
doch nur insofern, als 
jede sittlicheHandlung 
sich Selbstzweck ist. 



Nicht betont; oder 
doch nur insofern, als 
das dringende Hei- 
schen ein Interesse an 
der Erfüllung voraus- 
setzt. 



Geht von zu erha- 
bener Quelle aus, um 
eine Hervorhebung des 
Zweckes zu bedürfen. 
Es ist selbstverständ- 
lich, dass nur unser 
Heil, und das der gan- 
zen Welt sein Zweck 
sein kann. 



Häufiger eine allge- 
meine, sittliche Pflicht, 
als eine einzelne ernste, 
sittliche Handlung. 



Einzelner Akt, so- 
zialer, sittlicher oder 
geistiger Art. Die bei- 
den letzteren Arten 
passen, weil sie sich 
nicht absolut befehlen 
lassen , besonders gut 
für den unklaren In- 
tensitätsgrad dieser 
Wortbedeutung. (I 
bid you reflect ; he 
bade Mm mind his 
duty.) 



Uns zu unserem Heil 
anzuhalten. Gewöhn- 
lich grosse religiöse 
oder sitthche Pflichten, 
selten einzelne Hand- 
lungen ; gewöhnlich 
ganzen Völkern und 
Welten vorgeschrie- 
ben, nicht einzelnen 
Menschen. 



Jede Person, die wir 
genügend achten, um 
ihr einen solchen Ap- 
pell an unser sittliches 
Ich zu gestatten. 



Von solchen , die 
mehr ihren Willen, 
als ihre Berechtigung 
betonen, obschon so- 
ziale, persönliche oder 
sittliche Berechtigimg 
vorhanden sein kann. 



Siehe erste und 
zweite Kolumne. 



154 





Befehl beruht auf: 


Art der 
Berechtigung : 


Bindend oder 
nicht bindend: 


Decree. 


Unwidersteh- 


Sittlich oder un- 


Bindend. 




liche, unanfecht- 


sittlich. Um so 






bare Gewalt, die 


furchtbare Gewalt 






aus freier Ent- 


sittlich zu halten, 






schliessung han- 


auf Erden gewöhn- 






delt. 


lich nicht von ein- 
zelnen Herrschern, 
sondern von gan- 
zen Körperschaf- 
ten ausgehend. 




Dictate. 


Harsche Will- 


Welcher Art 


Bindend , so 




kür, bis in's ein- 


auch die Berechti- 


lange die Ob- 




zelne hinein , auf 


gung nach Ko- 


macht des Befeh- 




persönlicher, phy- 
sischer oder sozia- 


lumne I sein mag, 
sie wird zu über- 


lenden währt. 




ler Obmacht be- 


triebener Forde- 






ruhend. 


rung und harter 
Auferlegung miss- 
braucht. 





155 



Zweck, betont oder 
nicht betont: 



Welcher Zweck? 



Geht aus von: 



Zu gewaltig , um 
dessen zu bedürfen ; 
zu anspruchsvoll, um 
es ganz zu unterlassen. 
Will die Ordnung der 
Staaten regeln durch 
Befehl. 



Gewöhnlich das In- 
teresse des Befehlen- 
den ; seltener der 
Nutzen und die För- 
derung desjenigen, dem 
befohlen wird. 



Sowohl die ewigen 
Geschicke , als die 
laufenden Geschäfte 
der Welt zu ordnen, 
zu bestimmen , und 
endgiltig zu schlichten. 



Gewöhnlich nicht 
Vorschriften für den 
Moment, sondern Ver- 
bal tungsmassregeln 
für längere Zeit. Der 
Machtaufwand ist zu 
gross , um einzelne 
Handlungen dirigieren 
zu wollen. 



Höchste irdische und 
überirdische Gewalten. 



Von jedem, der die 
Gewalt hat, die keine 
legitim erworbene, 
oder lang andauernde 
zu sein braucht. 



156 * 



Befehl beruht auf: 



Art der 
Berechtigung : 



Bindend oder nicht 
bindend : 



Prescribe. 



Direct. 



Bessere Ein- 
sicht , und der 
Wunsch, das Gute 
zu fördern, gewöhn- 
lich gepaart mit 

einer Stellung, 
welche andere ver- 
anlasst, dem Han- 
delnden diese Ei- 
genschaften willig 
zuzugestehen. 



Besseres Wis- 
sen , und demge- 
mässer Appell an 
die Einsicht des 
anderen. 



Die sitt- 
liche Berech- 
tigung, die dem 
Wunsche, das 
Beste des Ne- 
benmenschen 
einsichtig zu 
fordern, ent- 
springt. 



Unerwähnt, 
doch in der Be- 
stimmtheit, 
mit der Gehor- 
sam erwartet 
wird , häufig 
eingeschlossen. 



Appelliert an die 
Einsicht imd den Cha- 
rakter des einzelnen. 
Zwingt durch das ra- 
tionelle Wesen seiner 
Vorschriften, und ist 
deshalb seines Erfolges 
sicher, wo der, dem 
diese Vorschriften er- 
teilt werden, ein Durch- 
schnittsmass der Ver- 
nünftigkeit und rech- 
ten Handlungsweise 
besitzt. 



Das Wort giebt 
pointiert vernünftige 
Anordnungen für die 
Einzelheiten des all- 
täglichen Lebens, und 
setzt gleichzeitig vor- 
aus, dass der Ange- 
redete sowohl die 
Korrektheit des An- 
geordneten , als seine 
Stellung zu einem so 
korrekten Befehl , sei 
sie sozial, sei sie in- 
tellektuell inferior, ge- 
hörig würdigt. Des- 
halb meistens bindend. 



157 



Zweck, betont oder 
nicht betont? 



"Welcher Zweck? 



Geht aus von: 



Sittenlehren ; aber 
auch einzelne Hand- 
lungen geschäftlicher 
Art, wo sie einen 
ernsten Einfluss auf 
die Umstände und das 
Wohlbefinden desjeni- 
gen ausüben, dem be- 
fohlen wird. 



Betont , und zwar 
das Richtigmachen. 
Kaim im Interesse so- 
wohl des Dirigieren- 
den als des Dirigier- 
ten liegen; je nach 
ihrem Verhältnis. 



Das Beste eines oder 
aller, gewöhnlich nur 
in Bezug auf ihr irdi- 
sches Wohlergehen. 



Vorübergehende 
Umstände durch ein- 
maUge Anordnungen 
zu beherrschen und 
zu regeln. 



Von Einsichtigen 
und Guten, Von Mäch- 
tigen, die einsichtig 
und gut sind, und als 
solche, nicht als Mäch- 
tige wirken wollen. 
Die Macht, die sie 
besitzen, ist die der 
persönhchen oder so- 
zialen Stellimg , nie- 
mals die der blossen 
Gewalt. 



Von dem, der es 
besser weiss, und da- 
durch eine, vielleicht 
auch durch soziale Be- 
ziehungen unterstützte, 
Superiorität bean- 
sprucht. 



158 





Befehl beruht auf: 


Art der 
Berechtigung : 


Bindend oder 
nicht bindend: 


Charge. 


Die Macht, den 


Sittliche Gründe 


Bindend. Die 




anderen verant- 


oder soziale Bezie- 


Verantwortlichkeit 




wortlich zu 


hungen. Siehe Ko- 


gegen irdische oder 




machen. 


lumne 4. 


überirdische Ge- 
walt ganz beson- 
ders betont. 


Appoint. 


Sachgemässheit, 


Unerwähnt. 


Bindend , inso- 




ohne eine beson- 




fern sachgemäss. 




dere Einsicht in 




Würden sich die 




Anspruch nehmen 




Umstände ändern, 




zu wollen. 




unter denen etwas 
appointed wurde, 
so würde man viel- 
leicht erwarten, 
dass der, der die 
Anordnung em- 
pfing, sie der neuen 
Sachlage gemäss 
modifizierte. 



159 



Zweck, betont oder 
nicht betont: 



Welcher Zweck? 



Geht aus von: 



Zweck betont. Und 
zwar der Zweck, das 
Rechte , Gute , oder 
wenigstens das für das 
Wohlergehen einzel- 
ner oder vieler absolut 
Nötige zur Geltung 
zu bringen. Häufig 
in Bezug auf das all- 
gemeine Beste ; selte- 
ner in Bezug auf per- 
sönliche Interessen, 
die dann gleichsam 
als erheblich für das 
Allgemeine , als im 
Einklang mit sittlichen 
Forderungen darge- 
stellt werden. 



Der verständige 
Zweck , die sachge- 
mässe Übereinstim- 
mung des Angeordne- 
ten mit den Erforder- 
nissen der Lage sind 
die Hauptzüge des 
Wortes und treten 
als solche am stärk- 
sten hervor. 



Siehe Kolumne 4. 



Weltliche Angele- 
genheiten, die fürwich- 
tig genug gehalten wer- 
den, um eine aufmerk- 
same und sachgemässe 
Behandlung zu erfor- 
dern. 



Geht aus von einem, 
der in Rang oder Stel- 
lung so hoch steht, dass 
er persönliche Strafge- 
walt besitzt oder bean- 
spruchen kann. Oder 
von Gleichgestellten 
oder selbst Niederen, 
die Gott oder ihre 
bedrängte Lage für 
sich sprechen lassen, 
und damit eine zwin- 
gende Gewalt ausüben 
wollen. 



Höherstehende, 
oder solche, denen 
wir uns im sachlichen 
Interesse zeitweilig 
unterordnen, und die 
weniger befehlen, als 
erwägen und bestim- 
men, was unter den 
Umständen verständi- 
gerweise zu thun sei. 
Ein afpointmeiit kann 
gegenseitig sein. 



* i6o * 

Im Sinne der vierten Methode die wesentlichsten 
Züge nunmehr in einem gemeinsamen Bilde vereinend, 
finden wir zunächst, dass auf einer vorgeschrittenen 
Stufe der gesellschaftlichen Entwickelung die meisten 
Anordnungen der anerkannten Natur und eigenen 
inneren Ordnung der Dinge entspringen , und dem- 
nach wenig Willkürliches in sich haben. Sind doch 
die verschiedenen Berufe und Verrichtungen in einem 
einigermassen entwickelten Lande so fest geordnet, 
dass das, was im gewöhnlichen Laufe der Dinge zu 
thun ist, sich meistens von selbst ergibt. Ist doch 
ferner die geistige Befähigung der Menschen, die 
derselben Klasse angehören, durchschnittlich sich so 
ähnlich, dass, so lange die Dinge im Geleise gehen, 
nur wenige von den allgemeinen Satzungen und Ge- 
bräuchen ihres Standes abweichen, und anders han- 
deln, als ihresgleichen auch sonst. Und ist doch 
obenein der Befehligte politisch frei, und in Ländern, 
welche so vielen ihrer Kinder lohnenden Erwerb ge- 
währen, auch pekuniär und sozial nur in geringem 
Grade abhängig. Die meisten Befehle des bürger- 
lichen Lebens sind also vielmehr Aufträge in Bezug 
auf das Detail der praktischen Ausführung, als will- 
kürliche Gebote, die eine neue und unerwartete For- 
derung stellen. Wenn der Bäckermeister dem Bäcker- 
gesellen Orders vor Tagesanbruch aufzustehen, um zu 
backen, so ist der Befehl selbstverständlich, und es 
kann sich nur darum handeln, ob es eine halbe Stunde 
früher oder später geschehen soll, was von den Um- 
ständen des Geschäftsbetriebs abhängt. Nur darauf, 
wie diese Umstände vom Meister behandelt, und der 
Arbeit seiner Gesellen angepasst werden, beziehen 



* i6i * 

sich also seine Befehle; nur darin zeigt sich seine 
höhere Stellung; und auch darin ist die Freiheit seiner 
Wahl beschränkt durch die feststehenden Gewohn- 
heiten des Handwerks, der Käufer u. s. w. Der 
Untergeordnete, der solche Befehle empfängt, fühlt 
sich demnach nicht gezwungen, sondern nur soweit 
geleitet, als es bei jeder gemeinsamen Handlung 
mehrerer notwendigerweise zu geschehen hat. Das 
Minimum von Unterordnung, welches er etwa em- 
pfindet, wird noch verringert durch das Bewusstsein, 
dass die sozialen Verhältnisse der Zeit ihm leicht 
einmal die Möglichkeit geben können, sich selbst 
zur Stellung eines solchen Befehlenden aufzuschwin- 
gen, der die allgemeinen Übungen seines Standes 
auf die jedesmaligen Umstände anwendet, und danach 
seine Anordnungen gibt. All das macht ihn mehr 
zum Gehilfen als zum Diener. In dieser Lage ver- 
mittelt die nötigen Aufträge an ihn das Zeitwort order. 
Command ist ein seltenes Wort in der englischen 
Sprache geworden, und man kann ganze Bücher 
durchlesen , ohne ihm einmal zu begegnen. Wo es 
noch gebraucht wird, deutet es häufiger auf die hohe 
Würde des Befehlenden, als dass es eine besondere 
Willkür mit sich bringt. Allein die Königin, die 
Präsidenten und höheren bürgerlichen Behörden — 
von den militärischen nicht zu reden — bedienen sich 
regelmässig eines Ausdrucks, den vormals jeder Stand 
gegen alle anderen, unter ihm stehenden Stände ge- 
brauchte. Sonst erscheint es in der guten Gesellschaft 
nur noch, wo extreme Lagen ein so extremes Mittel, 
wie es die unbedingte Herrschaft des einen über 
den anderen in englisch sprechenden Ländern ge- 

Abel, Sprachw. Abbalgen. II 



* 102 * 

worden ist, zu rechtfertigen scheinen. In Gefahren, 
im Affekt, wird auch heute noch ein Gentleman com- 
7nand, und das vielleicht Personen, denen er sonst 
nicht einmal mit order nahen könnte. In allen ande- 
ren Situationen ist das Wort verpönt, und nur für 
den Gewaltsamen, wenn nicht geradezu für den Bru- 
talen, allein geeignet. Dafür haben die abstrakten 
Eigenschaften edlerer Art, die Tugend, die Klugheit, 
die Vorsicht u. s. w. es sich um so mehr angewöhnt, 
zu kommandieren. Die Gewalt des Menschen über 
den Menschen sinkt; die Gewalt des Geistigen über 
den Menschen steigt. 

Com?nand hat seiner Willkür gemäss eine Macht, 
die so gross ist, dass sie die Frage nach der Zweck- 
mässigkeit des Befehls nicht einmal aufwirft. Order, 
als auf Erledigung der laufenden Geschäfte gerichtet, 
hat eine konventionelle, und demnach geringere Ge- 
walt, die so selbstverständlich den vernünftigen 
Zwecken der Gesellschaft dient, dass sie dies nicht 
erst besonders zu betonen braucht. Hervorgehoben 
dagegen wird der Zweck und das sachgemässe Mittel 
zu seiner Erreichung in appoint und direct. Im ersten 
spricht einer, der so viel höher gestellt ist, dass er 
unbedingt befehlen könnte, der aber so verständig, 
oder so herablassend ist, dass er anzuzeigen wünscht, 
er befehle nichts, als was seiner Ansicht nach sach- 
gemäss sei; im zweiten hören wir einen, der die Sache 
wirklich besser versteht, der wirklich richtige Wei- 
sungen gibt, und der seine Ansprüche auf Gehorsam 
auf seine Einsicht gründend, nicht notwendigerweise 
sozial über uns zu stehen braucht, um uns sachlich 
überlegen zu sein. So tritt in diesen vier Worten 



* 163 * 

die Gewalt in demselben Masse zurück, als die 
Zweckmässigkeit, und die Einsicht, die ihr mit ver- 
nünftigen Mitteln dient, stärker und stärker wird. 
Beide letzteren werden übrigens bezeichnenderweise 
mehr gegen gebildete Personen von einigem Rang 
gebraucht, als gegen Diener: sind die ersteren auch 
in Wahrheit weniger untergeben, als die letzteren, 
so nimmt man dennoch an, dass während sie durch 
Amt oder Vertrag ihre Dienste zur Verfügung stellen, 
sie sich durch Ehre und Einsicht gebundener halten 
werden, sich gehorsamer bezeigen werden, als Per- 
sonen der unteren, rasch gemieteten und entlassenen 
Klassen es heutzutage zu thun pflegen. Ein Herr, 
der seinen Diener appoints oder direds, spricht von 
seinem Verstand oder Benehmen mit Achtung. 

Je zwei und zwei der genannten vier Worte 
haben ein näheres Verhältnis zu einander. Appoint 
ist ein command, in das die Absicht des vernünftigen 
Zwecks hineingetragen ist; direct ist ein oi'der , in 
dem der vernünftige Zweck, der in letzterem Worte 
latent ist, ausdrücklich ausgesprochen wird. Appoint 
und command sind meist zu stolz, als dass ersteres 
die Vernünftigkeit seines Zweckes der Beurteilung 
dritter überlassen, oder auch nur von einem allge- 
meinen Massstabe des Richtigen und Guten abhängig 
machen sollte; direct und order sind zu verständig, 
um sich nicht den allgemeinen Regeln und That- 
sachen des Lebens einzuordnen. In direct wird diese 
Färbung so lebhaft, dass sie eine neue, lichte Neben- 
bedeutung gebiert: die, zum Besten des anderen, des 
Untergeordneten, zu befehlen. 

Wir gedenken bei dieser Gelegenheit einer eigen- 



* 164 * 

tümlichen Art von Synekdoche, welche sich in der 
enghschen Sprache häufig wiederholt. Appoint und 
direct werden nicht selten für die allgemeineren Aus- 
drücke command und order gebraucht, auch wo kein 
ersichtlicher Grund vorhanden ist, die eigentümlichen 
Züge ihrer Bedeutungen — das Zweckgemässe , das 
Besserwissen oder die Fürsorge für den dritten — 
zum Ausdruck zu bringen. Ihre Anwendung in sol- 
chen Fällen erklärt sich durch die ausgesprochene 
Neigung des englischen Idioms, Worte von umfassen- 
derem Inhalt, wenn ihre Bedeutung eine solche ist, 
dass sie einem anderen zu nahe treten könnte, durch 
Ausdrücke von ähnlichem, aber engeren Sinne zu 
ersetzen. Der Grund ist klar. Worte der genannten 
Art von umfassendem Inhalt sprechen meistens zum 
Gefühl; Ausdrücke von engerem Sinne dagegen 
wenden sich immer an den unterscheidenden Ver- 
stand, bekennen dadurch die Thatsache der geschehe- 
nen Überlegung und lassen selbst eine gewisse Be- 
reitwiUigkeit zu weiteren Erwägungen durchblicken. 
So wird das Grelle des allgemeinen Ausdruckes 
durch das Reflektierte des engeren gemildert; so 
wird die lebhaftere Tonart des unbestimmteren, wei- 
teren Wortes durch das Eintreten des kälteren und 
knapperen gedämpft. Dies ist die Höflichkeit einer 
gebildeten Sprache, Wenn ein General, von einem 
Lieutenant sprechend, und ohne auf das Sachliche 
des Befehls weiter einzugehen, sagt : / had appointed 
that he should attack the village, „Ich hatte bestimmt, 
dass er das Dorf angreifen sollte", so gebraucht er 
bloss deshalb nicht command, sondern appoint, weil 
er es vorzieht, in den gewählten Ausdrücken der 



* 165 * 

Mässigung zu reden, und sich nicht durch das hoch- 
mächtige command unnötigerweise glorifizieren möchte. 
Desgleichen, wenn ein Minister seinen Sekretär directs, 
einen Brief zu schreiben, so ist der Grund davon zu- 
meist nicht, dass er ihm besonders eingehende An- 
weisungen über den Inhalt gibt, sondern dass er 
einen zu edlen Umgangston hat, um bei einer so ge- 
ringfügigen Gelegenheit mit commands um sich zu 
werfen, oder dass er sich dem Gentleman gegenüber 
zu sehr als Gentleman fühlt, um auf das dienstliche 
Verhältnis des order zurückzugreifen. 

Ein neuer Zug tritt in den Gesamtbegriff dieser 
Klasse durch charge, das die Verantwortlichkeit des- 
jenigen, dem befohlen wird, betont. Command und 
Order machen ebenfalls verantwortlich, aber ohne es 
auszusprechen: command ist zu gebieterisch, um erst 
ausdrücklich zu erwähnen, dass es strafen werde, falls 
man ihm nicht gehorcht, order ist zu alltäglich, um 
an die geringe Rüge, die es verhängen kann, und 
in seiner methodischen Weise wahrscheinlich in aller 
Ruhe verhängen würde, gleich von vornherein zu 
erinnern. Es bedarf deshalb eines besonderen Wor- 
tes, das weder durch die übermässige Gewalt seines 
Befehls zu hoch erhoben, noch durch die all zu grosse 
Trivialität desselben zu abgestumpft ist, um die dro- 
hende Hinweisung auf die Verantwortlichkeit des 
Untergebenen in sich aufkommen zu lassen. Charge, 
welches diese Lücke ausfüllt, hat immer einen ernsten^ 
erwogenen Hintergrund. 

Die sittliche Berechtigung zum Befehle in diesen 
vier Worten steht in engem Verhältnis zu den son- 
stigen Teilen ihrer Bedeutung. Mit der Erledigung. 



* i66 * 

der laufenden Geschäfte des Lebens befasst, die sich 
in eingefahrenen und allgemein anerkannten Geleisen 
bewegen, hält keines derselben es für nötig, seine 
sittliche Befugnis besonders nachzuweisen. Jedes von 
ihnen kann diesen höheren Ursprung seiner Macht 
sogar ganz entbehren; aber soweit es auf denselben 
hinweist, machen wir die erfreuliche Wahrnehmung, 
dass er nach dem Masse der Kraft und der Ver- 
ständigkeit, das dem Worte innewohnt, lauter und 
lauter accentuiert wird. Appoint hat am wenigsten 
davon. Es begnügt sich damit, seinen eigenen An- 
schauungen von dem, was zweckmässig erscheint, zu 
folgen, und findet darin, kühl und selbstgewiss , die 
Berechtigung zur Ausübung der Gewalt, die es be- 
sitzt. Dann kommt order, das seine Gewalt aus der 
Gliederung der menschlichen Gesellschaft ziehend, 
die im grossen und ganzen als sittlich gilt, seine Be- 
rechtigung ebenfalls unerwähnt lassen kann, ohne 
sich in seinem Selbstgefühl zu beunruhigen. Bei 
command dagegen ist die besessene Gewalt so gross, 
dass, wo sie auf Grund gesellschaftlicher Überlegen- 
heit gehandhabt wird, das Mannesgefühl ihre Über- 
einstimmung mit den Forderungen des natürlichen 
Rechtes verlangt. Eine englische oder amerikanische 
Regierung, die comviands, ohne sittlich berechtigt zu 
sein, wäre eine unerträgliche Despotie. Charge und 
dtrect sind in diesem Punkt dem command insofern 
ähnlich, als auch sie die Bedeutung der inneren Be- 
rechtigung nicht immer haben, aber dieselbe da, wo 
sie ihnen innewohnt, lebhaft aus der Gesamtheit ihres 
edleren Sinnes hervorbrechen lassen. Wo die Kühn- 
heit des Charge von dem Untergeordneten gegen den 



* 167 * 

Höheren gewagt wird, kann sie nur auf moralischem 
Boden erwachsen sein; wo direct den anderen nicht 
bloss aus besserer Kenntnis belehren, sondern ihm 
durch Belehrung nützen will, wird sein guter Wille 
zum besten Recht. 

Giebt sich appoint als zweckmässige Anordnung; 
wendet sich direct erklärend an unsere Einsicht ; 
macht Charge uns verantwortlich, mit einem ernsten 
Hinweis auf innere oder äussere Pflicht : so will e^i- 
join nur an unser Gewissen appellieren. Weil es 
sich nur an diesen seelischen Rektor wendet, ist es 
stark und schwach zugleich: Zwang für den Guten, 
eine gleichgiltige Phrase für den Schlechten. Des- 
halb wird es mehr gebraucht in Bezug auf dauernde, 
sittliche Pflichten, als für einmalige und vorüber- 
gehende Handlungen; mehr von einem durch Alter, 
inneren Wert und sonstige anerkannte Eigenschaften 
Hochstehenden, der es wagen darf, uns lehren zu 
wollen, was unsere Pflichten sind, als von gleich 
oder niedriger Stehenden, die kaum im Affekt Über- 
legung und Gewicht genug beanspruchen für die 
erwogene Gewalt dieses Wortes; und niemals, ohne 
dass die vorübergehenden Handlungen, auf die es 
sich etwa bezieht, von wesentlicher sittlicher Bedeu- 
tung sind. 

Wo dem Begriff enj'oin die höchste, weihevolle 
Gewalt des Königs, Priesters oder Weisen sich ge- 
sellt, wird es ordain. Es ist dann so erhaben, dass 
es zwischen vorübergehenden und dauernden Vor- 
schriften nicht unterscheidet: alles, was von ihm aus- 
geht, ist gleichermassen heilig durch die Reinheit 
und Würde, durch die himmlische Macht der Quelle, 



* i68 * 

von der es herrührt. Es ist es ebenso durch den 
hohen Anspruch, das letzte Gute der Welt und des 
einzelnen zu fördern, an den es herantritt. Es ist 
furchtbar dazu durch die Kraft, die das Wahre und 
Ewige hat, auch wo es sich zunächst nur als das 
Weise und Richtige gibt. 

Im letzteren Punkte trennt es sich von decree, 
das ebenso gut auf die höchsten Zwecke gerichtet 
sein kann, wie ordain, es aber seltener ist, weil es 
nicht sowohl die Weisheit und Würde, als die Ge- 
walt und herrschende Macht des. Befehlenden betont. 
Somit der äusseren Seite des Befehls zugewendet, 
und dennoch gewöhnlich, wenn auch nicht mehr 
durchaus von innerem Werte gefüllt, dient es zu- 
meist den nachdrücklichen Verfügungen der Kö- 
nige und Gerichtshöfe. Im Herrischen seines Tones 
kann die bessere Seite seines Wesens untergehen; 
aber es bleibt immerhin edel genug, um sowohl 
dauernde als vorübergehende Vorschriften umfassen 
und durch die eigene Würde ebenmässig erhöhen 
zu können. 

Scheidet sich decree von ordain in der Hervor- 
hebung der Gewalt neben der Weisheit und Würde, 
so ist der Punkt, an dem prescribe und ordaiii aus- 
einandergehen, der entgegengesetzte. Auf seinem 
Sondergebiet beansprucht prescribe ebenfalls höhere 
Einsicht und wohlwollende Absicht, lässt dagegen 
die Macht des Zwanges so sehr zurücktreten, dass 
sie ihm ganz entweichen kann. Einsichtige Männer, 
deren Berechtigung, im Kontrast zu der göttlichen 
Weihe des ordain, wesentlich auf Verstand und mensch- 
licher Teilnahme beruht, üben die Thätigkeit des 



* i6g * 

prescribe aus, um sittliche Vorschriften, oder seltener 
auch, um Anweisungen zu bestimmten Handlungen 
zu geben. Wo es von wirklichen Gewalthabern ge- 
sagt wird, involviert es die schmeichelhafte Annahme 
dass sie mehr zu leiten und mahnen, als zu zwingen 
und gebieten wünschen und vermögen. Vom Arzt 
ist es selbstverständlich; vom Erzieher wünschens- 
wert; von einem absoluten Herrscher besonders ver- 
dienstlich. 

Man nehme dem decree seine innere Würde, 
lasse ihm aber seine äussere Macht, so wird sich der 
Gebrauch derselben zu einer Willkür steigern, welche 
das Bezeichnende des didate ist. Was es an Ein- 
sicht und Wohlwollen verliert, wird durch herrische 
Weisung ersetzt; wo es an dauernden Zwecken ein- 
büsst, tritt leicht die Freude an kleinlichem Meistern 
ein. Aus dem umgekehrten Grunde von ordain und 
decree, denen keinerlei Auftrag zu gering ist, um 
nicht den hohen Zielen, die sie im Auge haben, 
dienbar gemacht zu werden, beansprucht didate eben- 
falls alle Gebiete zu beherrschen. So die dauernde 
Weisung, wie das Handeln in einem speziellen Fall; 
so der einigermassen berechtigte, wie der gänzlich 
unberechtigte Auftrag; so die Lehre, wie der Macht- 
spruch — alles fällt in sein Gebiet. Es befiehlt eben 
zu gern, um einen Unterschied zwischen den ver- 
schiedenen Arten und Zwecken der Weisung zu 
machen. Glücklicherweise ist das Wort in einer freien 
und gesitteten Gesellschaft ebenso selten und extra- 
vagant, wie Order häufig und verständig ist. Wo 
es nicht aus einem Missbrauch verwandtschaftlicher 
Verhältnisse hervorgeht, entspringt es im heutigen 



bürgerlichen Leben wohl nur noch einer feigen Un- 
terwürfigkeit, die sich Ungehöriges bieten lässt, um 
schmutzige Vorteile zu erlangen. Damit sind wir 
zu dem, unserem Ausgangspunkte gegenüberliegen- 
den Ziele zurückgelangt. 



Beispiele. 



I. Appoint. 

My master has appointed me to go to Saint Lukes to bid the 
priest be ready to come, 

Shakespeare, Taming of the Shrew IV, 4. 

His Majesty, 
Tendering my person's safety, hath appointed 
This conduct to convey me to the Tower. 

Shakespeare, King Richard III. i, i. 

A Committee is immediately appointed to draw up the Address, 
which is usually brought in the next day and ordered to be presented 
to Her Majesty. 

The Times, January 24, 1872. 

Colonel Hutchinson has been appointed to inquire into the acci- 
dents at Clayton-bridge and Glasgow. 

The Times, August 6, 1873. 

Unless he can prevail upon Lord Derby to fiU the vacancy caused 
by the retirement of Lord Caims, he must appoint some peer of secon- 
dary political rank to the place of leader in the House of Lords. 

Saturday Review, January i, 1870. 

Being appointed Home Secretary in the Aberdeen Ministry in 
1852, his prompt and effective action in every part of his charge was 
a relief and confort to the whole kingdom. 

Miss Harriet Martineau: Lord Palmerston. 



* 172 * 

He had been appointed pilot of the harbour by the newly con- 
stituted authorities. 

Melville, Typee, Chap. II. 

The amendment to the fifth article of the Constitution, giving 
the Govemor power to appoint the State officers , was defeated in the 
Assembly today by a vote of 76 to 42. Mr. Davis, of Washington 
was the only democrat who voted for it. 

New York Evening Post, February 18, 1874. 

Senator Johnson is ready to be heard on the pro rata freight 
bill, and the Senate Railroad Committee will appoint a day this week 
for the hearing. 

New York Herald. 

It was a Monday that was appointed for the celebration of the 
nuptials , and Miss Amelia Martin was invited , among others , to 
honour the wedding-dinner with her presence. 

Dickens: Sketches; Characters, Chap. 8. 

This is the place I appointed. 

Shakespeare, Merry Wives HI, l. 

It was by him that money was coined, that weights and measures- 
were fixed, that marts and havens were appointed, 

Macaulay: History of England, Chap. I. 

However the more spiritual minds may be able to rise and soar, 
the common man during his mortal career is tethered to the globe 
hat is his appointed dwelling place; and the more his affections are 
pure and holy, the more they seem to blend with the outward and 
visible world. 

Kinglake, Hist. of the Crimean war. Vol. I. 

His article on Dr. Francia was a panegyric of the halter, in 
which the gratitude of mankind is invoked for the seif — appointed 
dictator who had discovered in Paraguay a tree more beneficent than. 
that which produced the Jesuits Bark. 

Lowell, My study Windows, Carlyle. 

Dr. Tempest said he would be punctual to his appointment. ' 
Trollope, Last Chronicle of Barset. 



173 



n. Bid. 

Tailor: You bid me make it orderly and well 
According to the fashion of the time, 

Shakespeare, Taming of the Shrew IV, 4. 

And bid them bring the trumpets to the gate. 

Shakespeare, Measure for Measure IV, 5. 

Ride forth and bid the deep 
Within appointed bounds be heaven and earth. 

Milton, Paradise Lost VII, 166. 

Love bade me swear and love bids me forswear. 

Shakespeare, Two Gentlemen of Verona II, 6. 

Less than half we find express'd, 
Envy bid conceal the rest. 

Milton, Arcades 14. 

Unjustly thou depravest it with the name 
Of servitude to serve whom God ordains 
Or Natura: God and Nature bid the same 
When he who rules is worthiest and excels 
Them whom he govems. 

Milton, Paradise Lost VI, 175. 

Be it so, since he 
Who now is sovran can dispose and bid 
What shall be right. 

Milton, Paradise Lost i, 246. 

,,What is an Englishman? Is he to be trampled upon by everj' 
oppressor? Is he to be knocked down at every body's bidding? 
What's freedom? Not a standing army." 

Dickens: Sketches; Characters, Chap. 5. 

Bid the dishonest man mend. 

Shakespeare, Twelfth Night I, 5. 



* 174 * 

You may as well spread out the unsunned heaps 
Of miser's treasure by an outlaw's den. 
And teil me it is safe, as bid me hope 
Danger will wink on opportunity 
And let a single helpless maiden pass 
Uninjured in tbis wild surro Unding waste. 

Milton, Comus 408. 

Wben Meantragupta bears tbis be disguises bimself as an ascetic, 
proceeds to tbe king's court, and induces the amorous sovereign to 
follow bis instructions, These are tbat tbe king sball visit a certain 
tank at midnight and bathe in its waters. By tbis means be will 
acquire „a new and beautiful body acceptable to tbe lady and sbe 
will no more be troubled witb tbe evil spirit". Tbe monarcb does 
as be is bid and is puUed under water and strangled by bis instructor» 
wbo bas lain in wait for bim in a hole constructed for tbe purpose 
in tbe dam. 

The Atbenaeum, April 12, 1873. 

In cboosing a site for a vinery, we are bidden to seek a soutb 
slope sbeltered from tbe north and east, but not shaded, and to avoid 
a low damp Situation witb tbe cbance of stagnant water — inimical 
to all fruits as a baue only equalled by tbe dry gravelly subsoil, 
wbicb sufFers most and quiekest from drought. 

The Saturday Review, April 19, 1873. 

Tbe squire , wbo did not as yet understand it all , bade bim a 
formal adieu. 

TroUope, Last Cbronicle of Barset. 

General Trocbu, in bis last speecb, when bidding farewell to 
public life, wamed bis countrymen against tbe danger of legends, and 
the Stars and spangles of over-patriotic bistorians. 

Fall Mall Gazette, March 4, 1873. 



175 



m. Charge. 

I do in justice charge thee, 
On thy soul's peril and thy body's torhire 
That thou commend it strangely to some place 
Where chance may nurse or end it. 

Shakespeare, Winter's Tale II, 3. 

I Charge thee, 
As Heaven shall work in me for thine avail, 
To teil me truly. 

Shakespeare, All's weU that ends well I, 3. 

Say, from whence 
You owe this stränge intelligence ? or why 
Upon this blasted heath you stop our way 
With such prophetic greeting? Speak, I charge you. 

Shakespeare, Macbeth I, 3. 

Adam and his race 
Charg'd not to touch the interdicted tree. 

Milton, Paradise Lost VII, 46. 



IV. Co mm and. 

Commanded by Nero to put himself to death , and having 
selected bleeding in a warm bath as the mode of his death, we have 
a description of him to the last moment of consciousness , and we 
know that he made not the least mention in any way of the doctrines 
of Christianity. 

"Westm. Review, January 1873. 

Circumstances might eventually induce the Emperor to command 
that &c. 

Sir A.Buchanan to Earl Clarendon. Central Asian papers l873,p. 24. 



* 176 * 

The vessel will be commanded by Captain Edington, who has 
had mucli experience in ocean cable-laying expeditions , having been 
engaged in that description of work since the year 1866. 

The Times, May 19, 1873. 

No qualification could be more important to a man whose life 
was to be passed in organizing great alliances, and in commanding 
armies assembled from difFerent countries, 

Macaulay, "William, Prince of Orange. 

„I would give", he once exclaimed , „a good part of my estates 
to have served a few campaigns under the Prince Conde, before I 
had to command against him". 

Macaulay, "William, Prince of Orange, 

The Emperor of Russia and the King of Prussia were present, 

and gave Orders independently of each other and of the general 

nominally in command. 

The Saturday Review, April 19, 1873. 

A stripling of few years sers-ice who has through the interest of 
a man, who commands a borough, been suddenly raised over the 
heads of his brethren to a lucrative pOst. 

niustr. Review, February 20, 1873. 

These important works enabled Russia to dominate the 

westem portion of the steppe and to command the great routes of 

communication with Central Asia, 

Quarterly Review 1865. 

This phalanx of Ultramontanes and Home Rulers will command 

the Situation. 

Pall Mall Gazette, March 19, 1873. 

You are indeed monarch of these kingdoms, said Margaret; but 
is it necessary to remind your Majesty, that it is but as I am Queen 
of England, in which I have not an acre of land, and cannot com- 
mand a penny of revenue? 

Scott, Anne of Geierstein. 

In a balanced parliament this party would be simply omnipotent, 
and might command for their countrj' all the blessings for which 
she has long struggled without success. 

The Daily News. 



* 177 * 
V. D ec r ee. 

Father eternal, thine is to decree, 

Mine, both in heaven and earth, to do thy will. 

Müton, Parad, Lost. 
If of my Reign prophetic Writ hath told 
That it shall never end; so when begin 
The Father in his purpose hath decreed. 

Milton, Par. Regained III, i86. 

What he decreed 
He effected. Man he made and for him built 
Magnificent this world. 

Milton, Par. Lost IX, 151. 

All hast thou spoken as my thoughts are, all 
As my eternal pmpose has decreed. 

Milton, Par. Lost in, 171. 

Fate, show thy force : ourselves we do not owe ; 
What is decreed must be, and be this so. 

Shakespeare, Twelfth Night II, i. 

We are decreed 
Reserved and destined to eternal woe. 

Milton, Par. Lost II, 160. 

It provides that the sheriff may seil real estate, under a decree 
of the court; and if the sale is made by a referee, there shall no 
greater charge be made than the fees of the sheriff would be. 

New York Evening Post, February 18, 1874. 

An officer by decree notities tliat a credit of 500,000 francs has 

been opened in the budget of the city of Paris to establish additional 

soup-kitchens, 

Hlustiated London News, December 31, 1870. 

The French Academy containing the great body of the distinguished 
literary men of France, once sought to exercise such a domination 
over their own language, and if any could have succeeded, might have 
hoped to do so. But the language recked of their decrees as little, 
as the advancing ocean did of those of Canute. 

Trench, Study of Words IV. 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. 12 



178 



VI. Die täte. 

The physician and divine are often heaid to dictate in private 
Company with the same authority which they exercise over their patients 
and disciples, 

Budgell. 

Russia appears to believe that her greater power gives her a 
right to dictate. 

Sir A. Buchanan to Earl Clarendon. Central Asian Papers 1873. 

For many centuries, by its verj- Situation, Nuremberg was able 
to dictate the traffic of Europe. 

North American Review (Nuremberg). 

He was averse to dictate wlien the place did not seem to him 
to justify dictation. 

Trollope, Barchester Towers, Vol. I, Ch. 20. 

— Yet the commonest dictates of natural justice might at least 
require that an author's family should not be beggared of their 
inheritance as soon as his own capacity to provide for them may 
have ceased. 

John Forster, Life of Goldsmith. 

Reason will dictate unto me what is for my own good and 
benefit. 

State Trials. 

Thus the clearest dictates of reason are made to yield to a long 
succession of follies. 

Edwatd Everett, Prospects of Reform. 

If the prudence of reserve and decorum dictates silence in some 
circumstances , in others prudence of a higher order may justify us in 
speaking our thoughts. 

Burke, Reflections on the Revolution in France. 

His refusal to attempt to form a ^Ministry at the present tirae 
was no doubt dictated by the conviction that his temporary selfdenial 
would soon receive its reward. 

Westminster Review. 



* 179 * 

The feelings, which then dictated his proceedings were those of 
a young man at an agitating period. 

Scott, Waverley. 

Willi regard to the action of the Government in not dealing 
with the subject before, this had been dictated by public consideratiöns 
and the necessity for giving priority to matters of a pressing political 
haracter. 

Daily Telegraph. 

This was the idee mere, as he often calls it, of his great work 

on the American Democracy: this engrossed and coloured all his 

thoughts and actions while an active politician: this dictated his last 

iiterary effort, L'ancien Regime, and haunted him to his latest hour. 

Gregg, Literary and Social Judgments, M. De Tocqueville. 

They seldom improved or risked their great opportimity to demand 
obedience, in all cases, to the Dictates of the golden Rule. 

Greeley: The American Conflict, Vol. I, Chap. II. 

His stout English heart swelled at the thought that the govern- 
ment of his country should be subject to French dictation. 

Macaulay, Hist. of England. 

She could not be led by Lily's advice. Her letter, whatever it 
might be, must be her own letter. She would admit of no dictation. 

TroUope, Last Chronicle of Barset. 

Let them be taught, as matter of fact, that there is a book 
caUed the Old Testament which is recognised by the Jews and by 
Christian nations as a sacred book; that this book is made up of a 
number of ancient books or writings written from time to time by 
men of the Hebrew nation, the latest of them being the writings of 
Malachi , who lived during the fifth Century before the Christian era ; 
that the writers are belle ved by Jews, and by many Christians, to 
have written the works under the Inspiration, guidance, or dictation 
of God. 

Westm. Review. January 1873. 



i8o 



Vn. Direct. 

He had at first been minded to go on to Allington at once and 
get his work done , and then retum home or remain there, or find 
the nearest inn with a decent bed, as circumstances miglit direct. 

Trollope, Last Chronicle of Barset. 

There is a story of a French married lady, who desired to have 
a Portrait of her lover, but directed the painter to make it as unlike 
him as possible, so that her husband might not recognize the features. 

Saturday Review. 

Mr. Henry Atarner (?), a Montreal banker, has attended on a 

subpoena before the Pacific Raüway Investigating Committee and 

produced certain documents, together with an order directing him 

to hold them until ten days after the rising of the Dominion Par- 

liament. 

The Times, May 19, 1873. 

He was then fumished with money, to make an expeditious 

joumey, and directed to get on board the ship by means of bribing 

a fishing boat, which he easily effected. (Kriegsgefangener, den 

Waverley entwischen lässt, um ihn in seinem eigenen Interesse als 

Boten zu brauchen.) 

Scott, "Waverley. 

Formal Instructions given to the French Consul direct him to 
cooperate wth Sir Bartle Frere. 

Times Telegram, April li, 1873. 

He further directs me to request that the contents of this note 
be mentioned to no person whatsoever, and that the importance of 
total secrecy, even as to any meeting being held or your attendance 
there, will be q\iite apparent to you at the interview. 

New York Tribüne. 

These are merely a few of an infinity of points which would 
have to be definitively settled before it would be possible to direct 
by positive enactment, on what principle and to what eifect the 
Bible should be explained, as part of a national system of Biblica 

teaching. 

Westm. Review, January 1873. 



In Order to make such an enactment legally effectual the law 
mnst also direct that the violation of the enactment shall be legally 
punishable by some of its ordinary known punishments of whipping, 
fine, and imprisonment, which can only be inflicted by the ordinarj 
course of legal prosecution and trial. 

Westm. Review, January 1873. 

A chief who mighty nations guides, 
Directs in Council and in war presides. 

Pope. 

It is the business of religion and philosophy not so much to 
extinguish our passions as to regulate and direct them to valuable 
well chosen objects. 

Addison. 

Wisdom is profitable to direct. 

Eccles. X, 10. 

It required some exertion in Emmeline and Ellen, to pursue their 
studies with any perseverance, now that the kind friend, who had 
directed and encouraged them, had departed. 

Aguilar, Mother's Recompense. 

It was chiefly from the prevailing epidemic of licentiousness — 
from the reckless patronage of novelty for the indefinite amount of 
excitement it promised — araong the ruling and prominent classes 
of Society that Inspiration flowed upon the dii^ecting mind of France. 

Westm. Review, January 1873. 



Vin. Enjoin. 

"We enjoin thee, 
As thou art liegeman to us, that thou carry 
This female bastard hence. 

Shakespeare, "Winter's Tale 11, 3. 

The Doctor magnanimously suppressed Ins own inclinations, in 
deference to the rights of hospitality, which enjoined him to forbear 
interference with the pleasurable pursuits of his young friend. 

Scott, The Abbot, Chpt. 27. 



^ l82 >, 

At length, that grounded maxim. 
So rife and celebrated in the mouths 
Of wisest men, that — To the public good 
Private respects must yield — with grave authority 
Took füll possession of me, and prevailed; 
Virtue, as I thought, and truth and duty so enjoining. 

Milton, Samson Ag. 870, 

Adam, well may we labour still to dress 

This garden, still to tend plant, herb and flower 

Our pleasant task enjoined. 

Milton, Par. Lost IX, 205. 

When any chance 
Relieves me from my task of servile toil 
Daily in the common prison eise enjoin'd me. 

Milton, Samson Agonistes 6. 

Raphael 
After a short pause assenting, thus began : 
High matter thou enjoin'st me, O prime of men, 
Sad task and hard. 

Milton, Parad. Lost V, 563. 

Wherefore, though I might be much bold in Christ to enjoin 
Ihee that which is convenient. 

PhUem. 8. 

He had no occasion to exercise that evening the duty enjoined 
upon him by his Christian Faith. 

W. Scott, Bride of Lammermoor. 

It endeavours to secure every man's interest by enjoining that 
truth and fidelity be inviolably preserved. 

Tillotson. 



IX. Ordain, 

As many as were ordained to eternal life believed. 

Acts XIII, 4^- 

The feasl is leady, which the careful Titus 

Hath ordained to an honourable end 

For love, for peace, for league and good to Rome. 

Shakespeare, Titus Andronicus V, 3- 

For this did the Angel twice descend. For this 

Ordained thy nurture holy, as of a plant 

Select and sacred, glorious, for a while 

The miracle of men. 

Milton, Samson Agon. 360. 

_- neither sea nor shore, nor air, nor fire 
But all these in their pregnant causes mixed 
Confusedly, and which thus must ever fight, 
Unless the Almighty Maker them ordain 
His dark materials to create more worlds. 

Milton, Par. Lost II, 9I5- 

Unjustly thou depravest it with the name 
Of servitude to serve whom God ordains 

Or Nature. 

Milton, Paradise Lost VI, I75- 

But to a kingdom thou art born, ordained 
To Sit upon thy father David's throne. 

Milton, Par. Reg. HI, 152- 

Wast thou ordained, dear father, 
To lose thy youth in peace, and to achieve 
The silver livery of advised age, 
And in thy reverence and in thy chair-days, thus 

To die in ruffian battle? 

Shakespeare, 2, Henry VI, V, 3. 

Preposterous ass, that never read so far 

To know the cause why music was ordained. 

Was it not to refresh the mind of man? 

Shakespeare, Taming of the Shrew HI, l. 



* 1 84 * 

And let them be for lights, as I ordain 
Their office in tlie firmament of heaven. 

Milton, Par. Lost VII, 343. 

For other things mild Heaven a time ordains. 

Milton, Sonnets XVI, 11. 

Our ancestor was tliat Malmirtius, which 
Ordained our laws. 

Shakespeare, Cj-mbeline III, i. 

God will himself ordain them laws. 

Milton, P. L. 

Meletius was ordained by Arian bishops, and yet his Ordination 
was never questioned. 

Stillingfleet. 

When Henry died, the Archbishop and his suffragans took out 
fresh commissions, empowering them to ordain and to govern the 
Church tili the new sovereign should think fit to order otherwise. 
Macaulay : History of England, Vol. I. 



X, Order. 



The rays of the sun cannot shoot across the sky more swiftly 
than they will bear his chariot across the piain; but the necessity 
which Orders all things is stronger and swifter stiU. 

Edinburgh Review, January 1865. 

It shows the genius of the Middle Age at its divine task, rear- 
ranging a world of ruin, correcting pagan profligacy by its religious 
spirit, and pagan Insubordination by its military spirit, and ordering 
both through its two great faculties of fidelity and strength. 

The Nation, March 13, 1873. 

Hast thou forgotten the order from thy Superior, subjecting thee 
to me in these matters? 

Scott, The Abbot, Chpt. 12. 



* i85 .. 

What have j'ou to say, why I should not order you to be ducked 
in the loch? 

Scott, The Abbot, Chpt. 27. 

At the preliminaiy examination in arts in the University of 
Edinburgh the day before yesterday , the ladies were ordered to take 
their pLices in the Library Hall, where all the male students were 
assembled, and this without any notice whatever having been given 
to them that such would be the case. 

The Scotsman, March 19, 1873. 

I can only say that I have heard nothing from the Bishop as yet. 
Of course, if he thinks well to order it, the inquiry niust be made. 

Trollope, Last Chronicle of Barset. 

He Said he should ask the House on Thursday to order that a 
new writ be issued for Tipperary, the election of O'Donovan (Rossa), 
as a convicted felon, being void, and he gave notice that on Tuesday 
veek he -vvould ask leave to bring in his Land Bill. 

The Times, Februaiy 9, 1870. 

The party would Support the new Cabinet if it showed a desire 
for the definitive establishment of a Republic, and the chairman 
of the meting was ordered to transmit the resolutions adopted to 
M. Thiers. 

The Times, May 19, 1873. 

The physician ordered me to be let blood. 

Defoe, Robinson. 

He consulted a Doctor in London, who ^pronounced the brain 
overworked, and ordered total rest". 

The Athenaeum, April 26, 1873. 

Just before the concert commenced. !Mr. Samuel Wilkins ordered 
two glasses rum and water. 

Dickens: Sketches; Characters, Chap. 4. 

The Emperor gave precise orders to the effect that the arrival 
of the missing regiments should be pushed, but he was obeyed 
slowly , excuse being made that it was impossible to leave Paris, 
Algeria and Lyons without garrisons. 

War Correspondence of the Daily News, Chap. I. 



* i86 * 

Order was restored by the treaty of Balta Liman, which took 
away from the Roumanians all guarantee of freedom, suspended their 
assemblies, and gave them only the privilege of executing the Joint 
Orders of the Sultan and the Czar. 

North American Review, The Danubian Principalities, 1857. 

After a decent resistance, the crafty tyrant submitted to the 
Orders of the Senate. 
Gibbon, History of the Decline and Fall of the Roman Empire, Ch. 3. 

We insist that the General (in dealing with the Indians) shall 
not be hampered with temporizing Orders from Washington. 

New York Tribüne, November 23, 1871. 

The commissaiy of police said you and M. Emile w^ere dangers 
to the gouveinment and that he had got his orders about you from 
the Prefect. 

Trois Etoiles, Member for Paris I, 8. 

Too well bred was M. Demarais (my valet) to testify any other 
sentiment than pleasure at the news; and he received my Orders and 
directions for the next day wilh more than the graceful urb^nity, 
which msde one always feel quite honoured by his attentions. 

Bulwer, Devereux 3, 6. 

I will not seil it without order of a phj-sician. 

Scott, Kenilworth Chapt. 13. 

The appellant, beirg informed that the case had been decided 
against him by the Supreme Court , asked the proper officer if any 
thing further could be done, and was told that nothing further could 
be done, and that the sums mentioned in the decree must be paid 
in hard money or an order of execution would at once be issued 
against the propeity of his bondsmen. 

New York Evening Post, February 18, 1874. 

It is true that when the Penny Stamp Act was passed, the 
Ministry of the time wäre weak enough to yield to a pressure from 
the banking Community, and inserted a clause entirely opposed to 
every existing legal principle, declaring that a banker pavang a eheck 
to Order with a forged endorsement should not be liable. 

The Times, May 19, 1873. 



i87 



XI. Prescribe. 

In the form which is prescribed to us (the Lords Prayei) we 
only pray for that happiness which is our chief good and the great 
end of our existence, when we petition the Supreme for the Coming 
of his kingdom. 

Addison. 

AVhy hast thou, Satan, broke the bounds prescribed 
To thy transgressions? 

Milton, Par. Lost IV, 877. 

To the blank moon 
Her Office they prescribed. 

Milton, Par. Lost X, 656. 

Prescribe not us our duties. 

Shakespeare. 

This is tme , but these parochial schools were then under the 
control and Jurisdiction of the Established Church of Scotland, which 
had power to enforce religious teaching according to its own doctrines 
and confessions, and which had also power to try and to dismiss 
schoolmasters who failed to do so. This Jurisdiction on the part of 
the Church of Scotland is now at an end, and the civil law has no 
Standard, either there or elsewhere, by which to try questions of 
doctrine, except thus as may be prescribed to it by the Legislature. 

Westm. Review, January 1873. 

The matter cannot be passed over in silence. If it is to be a 
subject of specific legislation the whole of the points which have been 
mentioned, and a great many more, must be confronted, and specific 
direction must be given as to the manner in which each is to be 
dealt with , with specific punishments or penalties in case any point 
shall be treated in any respect differently from what the law may 
prescribe. 

Westm. Review, January 1873. 

The utUitarian doctrine at the utmost prescribes only impartial 
justice. 

The Saturday Review, April 19, 1873. 



It is difficull to say wether Mr. John Dounce's red countenance, 
illuminated as it was by the flickering gas-light in the window before 
which he paused, excited the lady's risibility, or whether a natural 
exuberance of animal spirits proved too much for that staidness of 
demeanour which the forms of society rather dictatorially prescribe. 

Dickens: Sketches, 



IV. 

ÜBER DIE UNTERSCHEIDUNG 

SINNVERWANDTER WÖRTER 

UND DAS WERDEN DES SINNES. 



Beim Lesen synonymischer Wörterbücher wird 
man gelegentlich von einem hässlichen Gedanken 
beschlichen. Je feinere Unterscheidungen gemacht 
werden, je geistiger und überraschender die aufge- 
deckten Bedeutungen sich darstellen, desto unwahr- 
scheinlicher wird die ganze Sache. Die Sprache lebt 
schliesslich doch in den Menschen die sie sprechen. 
Ist aber die Menge, ist auch nur die Mehrheit eines 
Volkes einsichtig und feinfühlig genug , so genaue 
Begriffe zu haben, und sie so scharf von ein- 
ander zu scheiden ? Ist nicht Synonymik vielleicht ein 
geistreiches Spiel einiger weniger tiftelnder Schrift- 
steller? Oder ist sie etwa nur von grübelnden 
Grammatikern erfunden, die, um ihren Witz zu üben 
und ihre Studien wertvoller erscheinen zu lassen, 
als sie sind, mehr in die Worte hineinlegten, als 
darin liegt? 

Synonymen , oder um den seit Ende vorigen 
Jahrhunderts eingebürgerten deutschen Ausdruck zu 
gebrauchen, sinnverwandte Worte, sind Worte der- 
selben Sprache, welche in einem Teile ihres Begriffes 



* igz * 

gleich, in einem anderen aber verschieden sind. 
Nehmen wir z. B. die beiden Worte hoch und schlank. 
Beide beziehen sich auf die Höhe ; aber hoch ist die 
allgemeinere Bezeichnung, welche jede Ausdehnung 
fast jeden Dinges nach oben besagt, sei sie nun 
gering oder gross; schlank dagegen bezeichnet eine 
verhältnismässig beträchtliche Höhe und Dünne ge- 
wisser Arten von Dingen. Beide Worte gehen von 
verschiedenen Gesichtspunkten in der Betrachtung 
desselben Begriffes aus: das eine sieht nur auf die 
Höhe; das andere bezieht sich sowohl auf Höhe als 
auf Dünne, stellt beide als ziemlich merklich dar und 
vergleicht sie mit den Dimensionen anderer, ähnlicher 
Dinge, die als weniger hoch und dünn gekennzeichnet 
werden. ^) 

Daraus folgt, dass es Fälle giebt, in welchen 
man die Höhe entweder nur mit hoch, oder nur mit 
schlank bezeichnen kann, je nachdem die bezeichneten 
Dinge demjenigen Begriffsteil von hoch und schlank, 
welcher jedem von ihnen ausschliesslich zukommt, 
entsprechen; während in anderen Fällen, in denen der 
beiden Worten gemeinsame Begriffsteil zur Anwen- 
dung gelangt, je nachdem die bezeichneten Dinge dem 
Begriif hoch oder schlank überwiegend zu entsprechen 
scheinen, sowohl das eine als das andere gebraucht wer- 
den kann. Ein Berg ist hoch, aber nicht schlank; eine 
Maus ist einige Zoll hoch und durch diese geringe 
Höhe von Schlankheit ein für allemal ausgeschlossen; 
ein Mann dagegen ist schlank, aber nicht hoch; eine 
Kiefer schliesslich kann sowohl hoch als schlank ge- 
nannt werden. Bezeichnen wir die Bedeutung des 
hoch durch den Kreis a, die Bedeutung des schlank 



193 



durch den Kreis b, so erhalten wir für ihre Be- 
zeichnungen folgende Bilder: 




b 


a b 


schlank 


hoch schlank 




ab 




hoch und schlank 



hoch 



Die beiden ersten Bilder geben jede Bedeutung 
einzeln. Das dritte Bild, in welchem die beiden 
Kreise sich mit einem Teil ihres Umfanges schneiden, 
einen anderen Teil aber separat behalten, stellt dar, 
worin ihre Bedeutungen getrennt, und worin sie ge- 
meinschaftlich sind. Was von a und b in diesem 
Bilde ausserhalb a b liegt , repräsentirt die Fälle , in 
denen man nur hoch oder nur schlank sagen kann; 
ab dagegen enthält das Gemeinsame in den Be- 
deutungen beider Worte und vertritt demnach die 
Fälle, in denen sowohl das eine wie das andere 
Wort stehen kann. Je grösser der Umfang dieses 
a b , desto mehr sind sich die Worte gleich , desto 
häufiger werden sie verwechselt werden können; je 
kleiner, desto ferner stehen sie sich, und desto seltener 
wird das eine für das aridere zu verwenden sein. 
In den beiden folgenden Bildern entspricht das grosse 
ab einem Abschnitt, der von den Worten Knecht- 
schaft und Sklaverei gebildet worden, die so ziemlich 
auf dasselbe hinauslaufen ; das kleinere a b dagegen 
zeigt das Zusammentreffen etwa von Knechtschaft 
und Unterordnung, die nur wenig miteinander gemein 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. I -3 



194 



haben, da Unterordnung auch mit Freiheit verträg- 
lich ist. 





Knechtschaft 



ab 



b 
Sklaverei 



Knechtschaft Unterordnung 



ab 



Knechtschaft und Sklaverei Knechtschaft und Unterordnung 

Ebenso kann sich nun auch eine grössere An- 
zahl von Worten zu einander verhalten. Fliehen (a), 
entrinnen (b), entwischen (c) können 




odei 



a b b c 

fliehen entrinnen entrinnen entwischen 
abc 
fliehen, entrinnen und entwischen 

dargestellt werden, wo dann abc denjenigen Teil 
ihrer Bedeutungen ausmacht, in dem sie übereinstim- 
men. Fliehen heisst sich von irgend etwas, das zu 
meiden ist, entfernen ; entrinnen und entwischen fügen 
zu diesem allgemeineren Begriff, das eine die Neben- 
bedeutung des raschen und gefahrvollen Entlaufens, 
das andere die Färbung des listigen, verschlagenen 
Entschlüpfen s im letzten Augenblick, a fliehen ist 



* ig5 * 

der weiteste Begriff; b entrinnen und c entwischen 
sind je ein engerer Begriff; abc dasjenige, was die 
beiden engeren unter sich und mit dem weiteren ge- 
meinsam haben. Man entflieht oder entrinnt oder 
entwischt der Gefahr (a und abc). Man entrinnt 
dem sicheren Tode (b). Der Dieb entwischt Hstig 
den aufgestellten Häschern (c). 

Es ist durchaus nicht nötig, dass Synonyma zu 
einander im Verhältniss von weiterem und engerem 
Begriff stehen; sie können jedes von etwa gleichem 
Umfang sein, und dennoch teilweis übereinstimmen 
und teil weis abweichen. Ein Mensch sinkt unter der 
Bürde, oder unter der Last zusammen; aber die Bürde 
ist gewöhnlich eine sittliche Obliegenheit, die wir 
freiwillig auf uns nehmen, die Last meistens ein Ge- 
wicht, das uns andere aufladen. Beide bedrücken, 
beide werden gefühlt; aber das eine hat viel mehr 
Tendenz als das andere, aus Gründen innerer Selbst- 
beherrschung willig hingenommen zu werden. Beides 
sind Synonyma, die neben einander stehen, und von 
denen keines der untergeordnete Begriff des anderen 
ist; beide treffen sich allerdings in einem dritten Be- 
griff, Gewicht, welcher aber gleichmässig über beiden 
steht, und dessen Verhältnis zu ihnen entweder dar- 
gestellt werden kann, wie oben 




abc 

Bürde Last Gewicht 

abc 

der allen dreien gemeinsame Bedeutungsteil 



196 



oder mit Rücksicht auf die gemeinsame Unterordnimg 
zweier Begriffe unter einen dritten: 




bc 



b 



Tiiirrio Bürde und Last uud ^ . 
^^^" Gewicht Gewicht ^^^ 
c 
Gewicht 

Im ersten Büd ist a Bürde, b Last, c Gewicht 
imd abc der allen dreien gemeinsame Bedeutungs- 
teil; im zweiten Bild ist a Bürde, b Last, c Gewicht 
während ac und bc dasjenige repräsentiren , dessen 
Darstellung im ersten Bude abc zufallt. 

Desgleichen können drei oder mehrere Worte 
so miteinander verwandt sein, dass jedes von ihnen 
mit einem in näherer Beziehung steht, als mit den 
anderen, also durch dieses Mittelglied sich an ein 
drittes schliesst , welches sich seinerseits ebenso an 
ein viertes knüpft, das wiederum ein fünftes vor- 
zieht u. s. w. 




a b c d 

handeln verrichten verbrechen sündigen 

ab bc cd 

handeln und verrichten und verbrechen und 
verrichten verbrechen sündigen 



* 197 * 

Wenn a handeln bedeutet, b verrichten, c ver- 
brechen und d sündigen, so haben wir ein Beispiel 
einer solchen Kette, a, handeln, ist der allgemeinste 
Ausdruck; b, verrichten, geht auf einen bestimmten 
Zweck; c, verbrechen, specificirt den Zweck als 
einen bösen; d, sündigen, zieht das Resultat. Die 
Punkte, in denen je zwei dieser Worte sich begegnen, 
sind ab , bc , cd. Während a, handeln , mit c, ver- 
brechen, und d, sündigen, keine direkte Verbindung 
hat, erhält es doch eine indirekte mit ihnen durch 
b, verrichten, b, verrichten, ist seinerseits ebenso 
indirekt mit d, sündigen, verwandt, obschon es direkte 
Beziehungen nur zu a, handeln, und c, verbrechen, 
hat; d, sündigen, wiederum knüpft sich an c, ver- 
brechen, durch welche es mit b verrichten, und a, 
handeln, in Zusammenhang gelangt. 

Wie man aus diesem letzten Beispiel sieht, können, 
alle Worte einer Sprache als synonym behandelt 
werden, wenn man die Kette nur lang genug macht, 
und die dazwischen liegenden Intervalle durch die 
geeigneten Bindeglieder ausfüllt. Es giebt keine 
zwei Begriffe , die sich nicht an einander ketten 
lassen, wenn man die ganze dazwischen liegende 
Reihe ihrer Verbindungsglieder aufsucht. Geist kann 
als ein Synonym von Katze angesehen werden, wenn 
man sie durch Instinkt verbindet; das Weltall als 
ein Synonym von Schwefelholz , wenn in Betracht 
gezogen wird, dass beide der grossen Kategorie der 
Materie, zugehören ; während sogar weiss und schwarz, 
schön und hässlich, hoch und niedrig ebenfalls sinn- 
verwandt sind, sofern man ihre Qualität als Eigen- 
schaft gewisser Dinge ins Auge fasst. Natürlich 



wird dem Worte synonym diese mehr systematische 
als praktische und brauchbare Ausdehnung- gewöhn- 
lich nicht gegeben. Man gebraucht es vielmehr nur 
zur Bezeichnung der sich am nächsten stehenden 
Begriffe, und auch hier nur für diejenigen, welche 
geistige Thätigkeiten , oder geistige, abstrakte Auf- 
fassungen sinnlicher Dinge , aber nicht sinnfällige 
Dinge selbst ausdrücken. Denken, sinnen, erwägen 
sind verwandte geistige Thätigkeiten, welche nur 
durch einige Überlegung definirend geschieden wer- 
den können; schlank, hehr, erhaben sind geistige An- 
schauungen sinnlicher Dinge, weil sie über den blossen 
Augenschein hinaus die Art und die Ursache der 
Höhe und ihre Beziehung zur umgebenden Welt 
bezeichnen; aber Schuh und Stiefel, obschon genau 
genommen ebenfalls synonym, da sie verschieden- 
artige Fussbedeckungen sind, werden, da das Auge 
zu ihrer ledernen Unterscheidung genügt , nicht als 
solche behandelt. 

Eine Prüfung der genannten Wörter ergiebt den 
Ursprung der Synonymen. Neben allen Dingen, 
Eigenschaften und Thätigkeiten stehen andere, die 
ihnen ähnlich und dennoch von ihnen verschieden 
sind ; und was in der Welt der Dinge und Begriffe 
eine Spielart ist, wird in der Welt der Sprache ein 
Synonym.^) Neben der Schippe steht der Spaten; 
neben dem Bach der Fluss und Strom ; neben dem 
Lande die Gegend, der Gau, die Provinz ; neben dem 
Geist der Verstand, die Vernunft, die Seele; neben 
schön — hübsch, nett, anmutig; neben begreifen — 
auffassen, verstehen; neben folgern — schliessen, 
erweisen. Bei sinnlichen Dingen belehrt der Augen- 



* igg * 

schein über dieses gegenseitige Verhältniss der be- 
treffenden Vergleichsobjekte; wo wir aber die Eigen- 
schaften und Thätigkeiten der Dinge, oder die innere 
Welt des menschlichen Geistes besprechen, werden 
die Unterscheidungen so fein, die Beziehungen so 
vielfach, dass ihr Verständniss nur nach dem Masse 
der ganzen geistigen Kultur des einzelnen erlangt 
werden kann. Die intellectuelle Sphäre, in welcher 
ein Mensch lebt , bestimmt ebenso seine ganze Auf- 
fassung der Welt, wie auch seine Kenntnis der 
eigenen Sprache. Es liegt auf der Hand, dass eine 
Näherin gewöhnlich nichts von der Hegel'schen 
Terminologie, oder um berlinisch zu reden' der Bauer 
nichts von dem Gurkensalat versteht. 

Es ist ein gewöhnlicher, aber nichts destoweniger 
ein grosser Irrtum, dass alle Deutschen Deutsch, 
alle Engländer englisch, alle Franzosen französisch 
sprechen können. In Wahrheit spricht jeder nur 
denjenigen Teil seiner Sprache, mit dem er vertraut 
ist. Jeder Ackerknecht kennt und unterscheidet 
Schippe und Spaten, jeder Zimmermann Axt und 
Beil, weil er sie täglich benützt, und zwar zu Zwecken 
benützt, welche ihr Wesen erklären, ihre Unterschiede 
darlegen und keinerlei Zweifel über Berührung und 
Abweichung lassen. Beide kennen und sondern auch 
ebenso leicht die Worte ,, hacken" und , »schlagen", 
weil sie beide Handlungen häufig vollziehen, und die 
Resultate derselben von einander stark abzuweichen 
pflegen. Sie verwechseln auch nicht leicht Worte 
wie eben und glatt, weil die Sinne sie lehren, dass 
das erste ohne das zweite, das zweite aber nicht 
ohne das erste sein kann. Ebenso werden sie sich 



* 200 * 

auch nicht leicht in der Bedeutung von Wünschen 
und Befehlen irren, weil das letztere nur von ihrem 
Brodherrn, der für das Privileg bezahlen muss, das 
erstere aber von jedem andern , nichtbezahlenden 
Menschen zum Ausdruck eines an sie gestellten 
Verlangens gebraucht wird. Aber, wie wenige Be- 
grifFsunterscheidungen werden sie überhaupt in der 
Lage sein zu machen, und wie noch viel wenigere 
können sich auf Bezeichnung geistiger Thätigkeit 
beziehen, wenn es in einem so hochgebildeten Volk, 
wie dem englischen, ganze Dörfer giebt, in denen, 
nach genau angestellten Beobachtungen, die Tage- 
löhner überhaupt nur etwa 300 Worte gebrauchen 
und aussprechen? In Deutschland, wo der' Schul- 
unterricht obligat ist, wo demnach eine grosse An- 
zahl von AVorten , die über die unmittelbaren länd- 
lichen Beschäftigungen hinausgehen , jedem Kinde 
mitgeteilt und eingeprägt werden, können die Leute so 
einsilbig nicht werden; auch sind sie schon von 
Natur mehr geneigt , als die Engländer , über 
das nächste Geschäft hinaus sich umzuschauen , zu 
denken, oder wenigstens zu plaudern. Aber einen 
wie kleinen Schritt in das grosse Wörterbuch ihrer 
Sprache hinein werden auch sie schliesslich thun! 
Wie oft spricht wohl der norddeutsche Landmann 
die Worte Vernunft, Geist, Seele, Gemüt, die in der 
Litteratursprache seiner Nation ständig wiederhallen, 
überhaupt aus? Und wissen wir nicht, dass der 
französische Landmann ganze Reihen von Zeitwörtern 
gewohnheitsgemäss durch das vage faire und dire 
— machen und sagen — ersetzt? Wo aber so wenig 
Begriffe vorhanden sind, können die vorhandenen 



* 20I * 

nur die genau gekannten Dinge des eigenen täglichen 
Lebens oder ein paar zerstreute Bruchstücke aus dem 
Leben und Denken Gebildeter betreffen. Eine be- 
sonders glänzende Fähigkeit zur genauen Auffassung 
sachlicher und geistiger Details, oder, was dasselbe 
ist, zur Unterscheidung sinnverwandter Worte, kann 
also für ihr Denken und Sprechen nicht erforderlich sein. 
Diese Wortarmut der ungebildeteren Stände in 
den höchstcivilisirten Ländern ist um so erstaunlicher, 
als sie einem weniger civilisirten , aber dennoch 
wortreicheren Zustande gefolgt ist. Wie aus den 
gesprochenen Idiomen primitiver Völker erhellt, ist 
der Mensch in der Zwischenstufe, welche der ersten, 
vagen Spracherfindung folgt und der Erlangung der 
umfassendsten Denkkraft vorangeht, unfähig, das All- 
gemeine in den Erscheinungen zu sehen und zu be- 
nennen. So befremdend es für unsere eigene Auf- 
fassung klingen mag, so gibt es noch heute ganze 
Weltteile, deren Urbewohner weder Baum, noch 
Busch, noch Tier, noch Fisch, noch Vogel sagen 
können. Für alle diese, scheinbar allergewöhnlichsten 
Dinge haben sie gar keine Worte. Was sie können, 
ist jede Baumart, jede Tierart für sich benennen; 
was sie nicht vermögen, ist die gemeinsamen Eigen- 
schaften jeder Art erkennen, sie von der Be- 
sonderheit der einzelnen Erscheinungen loslösen und 
die so gewonnenen Abstractionen in Klassennamen 
niederlegen. Sie unterschheiden Karpfen, Aal, Hecht, 
Forelle u. s. w., können sich aber nicht zu dem, das 
Gemeinsame in ihnen ausdrückenden Gedanken und 
Wort des Fisches erheben. Sie bemerken und be- 
nennen Adler, Eule, Falke, Strauss und Papagei, 



202 



sind aber ausser stände, sich zu dem GesammtbegrifF 
und Wort des Vogels aufzuschwingen. Auch die 
Palme ist ihnen nur Palme , und die Ceder nur 
Ceder, und die Banane nur Banane, ohne dass eine 
davon jemals als Baum erkannt, und unter diesem 
Gattungsnamen begriffen werden könnte. Noch viel 
weniger sind sie im stände, menschliche Thätigkeiten in 
abstrakter Weise zu bezeichnen. Es giebt in Asien 
Nationen, welche keine Worte für Gehen oder Kommen 
haben, wohl aber einige 40 Worte für die verschiedenen 
Arten des Gehens, und einige 30 für verschiedene 
Arten des Kommens. Gerade gehen, krumm gehen» 
langsam gehen, rüstig zuschreiten u. s. w. u. s. w. — 
jedes tritt ihnen als eine so selbstständige, so besondere 
Art des Gehens entgegen, dass es mit den andern 
Arten nichts Gemeinsames zu haben scheint, und 
deshalb auch nicht gemeinsam benannt werden kann; 
der augenblickliche Sinneneindruck überwiegt, die 
Abstractionsfähigkeit ist nicht vorhanden. Ja, in 
Afrika hört man von Völkern, welche dieselben Thätig- 
keiten mit verschiedenen Worten benennen, je nach- 
dem sie von Männern oder Frauen verrichtet werden, 
weil die Eingeborenen, ich weiss nicht ob aus Höf- 
lichkeit oder Unhöflichkeit gegen das schöne Ge- 
schlecht, der Ansicht zu sein scheinen, dass ein radicaler 
Unterschied zwischen Männer- und Frauen - Arbeit 
bestehe. Am unfähigsten in gewisser Beziehung, 
jedes Wesen in seine einzelnen Teile zu zerlegen und 
nach seinen verschiedenen Beziehungen zu unter- 
scheiden, sind die amerikanischen Indianer. Diese 
Ärmsten vermögen sich nicht einmal vorzustellen, wie 
ein Mensch „Hand" sagen kann; oder Kopf, Fuss, 



* 203 * 

Kleid, Schuh sagen kann. Alle diese schönen Dinge 
immer nur im Besitz bestimmter Menschen sehend, 
ist es ihnen unerfassHch, wie man sie von ihrem Be- 
sitzer zu trennen vermag. Sie können deshalb immer 
nur sprechen: „mein Kopf, dein Kopf, sein Kopf, 
unsere Köpfe, eure Köpfe, ihre Köpfe", aber niemals 
Kopf allein. Desgleichen mein Fuss, dein Fuss, sein 
Fuss, aber nicht Fuss ohne pronomen possessivum. 

Die Bewohner eines ganzen Continents, welche 
Hand, Fuss, Kopf nicht einmal so weit vom Körper 
zu trennen verstehen, dass sie dieselben ohne Eigen- 
tümer auch nur auszusprechen vermögen — welch 
ein Bild! Man erhält eine Idee davon, was es heisst 
ein Mensch zu sein, wenn man erfährt, wie schwierig 
es war, einer zu werden ! Alle diese unentwickelten 
Rassen haben demnach reichhaltige Vokabularien, 
weil sie scharf beobachten, aber matt denken; viel 
sehen, aber wenig überlegen; rasch das Phänomen 
auffassen, aber nur langsam die wesentlichen Züge 
desselben loslösen , und in anderen , ähnlichen aber 
nicht identischen Phänomenen wiedererkennen. 

Im modernen Europa ist es anders. Eine ge- 
wisse Abstractionsfähigkeit ist hier das Gemeingut 
aller Klassen der Gesellschaft. Auch der Unwis- 
sendste und Beschränkteste hat die Vorstellung 
und den Namen solch' einfacher Klassenbegriffe, wie 
Thier, Vogel, Fisch, Pflanze, Blume, Kleid, Waffe 
u. s. w. Aber dafür ist, nachdem diese Gemeinbe- 
griffe einmal wiedererrungen worden sind, die Detailauf- 
fassung ihrerseits erlahmt. Die Ungebildeten zumal, 
die durch den geistigen Fortschritt ihrer Nation zu 
so handlichen Gemeinbegriffen wie thun, sagen, gehen, 



* 204 * 

kommen, wollen u. s. w. hinaufgestiegen sind, finden 
es nunmehr bequem, die paar errungenen allgemeinen 
Ausdrücke anstatt aller Einzelangaben und Einzel- 
nuancen immerwährend im Munde zu führen. Die 
Erreichung der Abstraction hat ihr Auge für das 
Concrete um so mehr geschwächt, als das Concrete 
in den Ländern der Arbeits- und Standesteilung zu- 
meist das Einförmige zu sein pflegt. Die Routine 
ihres gewöhnlichen Lebens, wie es sich täglich in 
demselben Geleise abzuspielen hat, verlangt keine 
sehr genaue Beschreibung, um verständlich zu sein. 
Wozu sollten sie noch 30 Arten von Gehen unter- 
scheiden, da es sich fast immer um dasselbe Gehen 
von und zu der gewohnten Arbeit handelt? 

Und die Gebildeten? Gebrauchen sie etwa die 
150000 Worte, welche das englische, die 200000, 
welche das russische, und die noch mehreren, welche 
das deutsche Wörterbuch ihnen zur Verfügung stellt ? 
Um der Beantwortung dieser bedeutsamen Frage 
näher zu treten, suchen wir uns zunächst die Ent- 
stehung jener grossen Wörterfülle zu erklären. Nach 
dem Zeugniss der ältesten, untersuchbaren Sprache, 
der ägyptischen, welches wir, weil es die Sprach- 
schöpfung allein rationell erklärt, verallgemeinern 
dürfen, sind zuerst eine grosse Anzahl von Wörtern 
für jeden Begriff, und zwar, mit ziemlich unbestimmtem 
Inhalt geschaffen worden. Es gab also eine Menge 
Worte für gehen, geben, schlagen u. s. w., die jedes 
mancherlei Arten des Gehens, Gebens, Schiagens 
bedeuten konnten, und ungeschieden und mehr oder 
weniger gleichbedeutend nebeneinander standen. Nach- 
mals, als der sprachschöpfende Sinn genügend ent- 



205 

wickelt war , um sich für gewisse Worte aus der 
grossen, zuerst verssuchweise gebildeten Zahl zu ent- 
scheiden , wählte man einige für jeden Begriff und 
liess die übrigen fallen. Und nun trat, wie aus der 
Vergleichung erhaltener, primitiver Sprachen erhellt, 
der durchgreifende Unterschied ein , dass die be- 
gabteren Völker sowohl Klassenbegriffe bildeten, als 
auch die einzelnen Erscheinungen in jeder Klasse 
besonders benannten, während die unbegabteren mehr 
oder weniger nur das Letztere vermochten. Die be- 
gabteren hatten also den Gesammtbegriff gehen, und 
darunter die Unterbegriffe eilen, zögern, hasten, laufen, 
rennen u. s. w.; die unbegabteren besassen nur diese 
letzteren Worte , ohne das Gesammtwort gehen. 
Ebenso gelangten die besser angelegten Nationen zu 
der geistigen Errungenschaft, Fisch zu sagen und 
gleichzeitig Aal, Hecht, Karpfen u. s. w., zu unter- 
scheiden; die weniger geistig ausgestatteten kamen über 
Einzelnamen, wie Aal, Hecht, Karpfen nicht hinaus, 
und konnten sich zu dem schwierigen Gesammtge- 
danken des Fisches neben der Unterscheidung nicht 
mehr vernünftigen. Die Unterscheidung sinnverwandter 
Worte gestaltete sich bei diesen beiden Völkerklassen 
nun so, dass die unbegabteren die ersten Sinnesein- 
drücke, auf deren Bezeichnung sich ihre Sprache fast 
ausschliesslich beschränkte, ausserordentlich genau aus- 
bildeten, so dass ihre Gedanken sich zwar nur in einer 
engen Sphäre bewegten, innerhalb dieser aber sehr 
mannigfaltigund sehr scharf gefasst waren. Da es keine 
Gebildeten und Ungebildeten bei diesen geistesarmen 
Nationen giebt, so blieb der Sprachschatz arm an Um- 
fang, während anderseits alle Gedanken, die er hatte, 



* 2o6 * 

und die ganze Feinheit ihrer synonymischen Unter- 
scheidungen allen Volksangehörigen mehr oder minder 
gemeinsam waren und sind. Sie erhielten sich auch 
in hohem Grade die Fähigkeit des Urmenschen, 
neue bedeutsame Lautverbindungen , d. h. neue 
Wurzelworte zu schaffen , und sie von ihrem ganzen 
Stamm verstanden und angenommen zu sehen, 
wie denn beispielsweise die Hottentotten und andere 
afrikanische Menschen die europäischen Ansiedler in 
ihrer Nähe noch heutigen Tages alle Augenblicke 
durch plötzliche, unerhörte Supplemente zu ihrem 
Nationaldictionaire in Erstaunen setzen. Aber, wie 
fruchtbar sie auch in der Lautschöpfung blieben, sie 
kommen über concrete Sinnesausdrücke nicht heraus, 
kommen an Abstractionen nicht heran , und sind so- 
mit in ihrer Denkfähigkeit wesentlich auf dem alten 
Standpunkt festgehalten. Das Umgekehrte von alle- 
dem fand bei den geistiger angelegten Völkern statt. 
Als diese aus dem Zustand, wie er sich mehr oder 
minder noch heute bei manchen Wilden und Halb- 
wilden findet, zur Abstractionsfähigkeit übergingen, 
warfen sie eine viel grössere Zahl concreter Bezeich- 
nungen für Sinneserscheinungen über Bord, als die 
Wilden, hielten sich aber dafür durch die neuen Ge- 
sammtbegriffe schadlos , welche die gemeinsamen 
Züge der Dinge mit den oberwähnten Klassennamen 
(wie Thier, Fisch, Baum, geben, nehmen u. s. w.) be- 
legten. Weiter vorschreitend schufen sie später jene 
reiche Nomenclatur für all das mannigfaltige Empfinden 
Denken, Urteilen und Wollen der menschlichen Seele, 
welche, von den niedrigen Rassen fast gar nicht be- 
sessen, von den höheren so tief erkannt und so stätig 



* 207 * 

ausgebildet wurde, dass sie nunmehr den grösseren 
Teil des grossen Umfanges ihrer Wörterbücher aus- 
macht. Alles auch, was das gemeinsame Leben einer 
entwickelten Gesellschaft und die in den gebildeteren 
Ständen eines civilisirten Volkes so zahlreichen und 
verwickelten Wechselbeziehungen zwischen Mensch 
und Mensch, und Klasse und Klasse mit sich bringt, 
führte zu einer neuen Steigerung der Anschauungen 
und Ausdrücke. Obenein wurden die Klassennamen 
ausserordentlich vermehrt, indem nicht nur jede Klasse 
von Erscheinungen unter ihre allgemeinen Gesichts- 
punkte gebracht, sondern die allgemeinen Bezüge 
aller Erscheinungen erkannt und benannt wurden. 
Man entdeck teni cht nur die Namen Mensch, Thier, 
Kind, Vogel, Fisch u. s. w.; man fand auch die Be- 
griffe von Zeit, Zahl, Raum, Ursache, Zweck, Existenz, 
Beziehung, Bewegung, Werden, Geschehen, und mit 
ihnen die Quelle für einen gewaltigen Strom und 
Niederschlag weiterer grundlegender Worte. Diese 
ganze ungeheure Vermehrung des Wörterschatzes 
durch Abstraction wurde ohne Schaffung neuer 
Wurzeln, teils durch Ableitungen, Zusammensetzungen 
und bildliche Anwendungen vorhandener Worte, teils 
durch die Aufnahme dialektischer Worte in die Lite- 
ratursprache, oder durch Einführung von Fremd- 
worten vollzogen. Mit andern Worten, die verhält- 
nismässig wenigen Wurzeln welche die begabteren 
Völker nach Erlangung der ersten und primitivsten 
Abstractionsfähigkeit übrig behielten, hatten, als 
Einsicht und Gesittung unter ihnen zunahm, den 
Grundstoff für die ganzen grossen Thesauren zu Hefern, 
zu welchen ihre Vokabularien nachmals anwuchsen. 



2o8 



Durch Eintritt der Abstractionsfähigkeit in einem 
unwissenden Zeitalter verarmte die Sprache ; durch 
die Erhöhung derselben mit steigender Kenntniss und 
Gesittung brachen aus den wenigen erhaltenen Wurzeln 
unzählige Stämme, Äste und Zweige hervor. 

Aber dieses grossartige Wachstum hatte seine 
Schattenseiten. Naturgemäss konnte sich an der Ent- 
wickelung des Gedanken- und Wörterschatzes der 
begabteren Völker nicht die ganze Nation, wie bei 
den unbegabteren und stationären, gleichmässig mit- 
beteihgen. Wo nach eingetretener Arbeitsteilung 
die Mehrheit der Menschen mit Hand- oder Routine- 
Arbeit und nur die Minderheit mit mehr oder minder 
geistigen Dingen beschäftigt ist, muss die letztere 
schneller vorschreiten, als die erstere. Zumal seitdem 
durch Erfindung der Buchdruckerkunst die Gedanken- 
und Wortbildungen der Schriftsteller den lesenden 
Klassen allgemein zugänglich gemacht wurden, ist 
der Sprachunterschied zwischen Gebildeten und Un- 
gebildeten immer grösser geworden. Denn die Schrift- 
steller sind, seitdem sie zuerst aufgetreten, bei vor- 
schreitenden Völkern von jeher die berufensten und 
fruchtbarsten Sprachmehrer gewesen. IViit der ein- 
gehenden Erörterung sachlicher Gegenstände befasst, 
oder in das Meer der Phantasie und der Empfindungen 
tauchend, haben sie als Forscher ebenso sehr das 
Bedürfniss empfunden, genau und treffend zu sprechen, 
wie sie als Dichter die reichen Farben der Natur 
imd die reicheren des menschlichen Gemüts wieder- 
zugeben sich getrieben fühlten. Dadurch ist ihnen 
in einer Aufgabe, in der es sich um die schärfere 
und zartere Ausbildung gegebener Grundbegri£Fe 



* 2og * 

handelt, die Führung von selbst zugefallen. Um nur 
einige Beispiele aus der deutschen Geschichte zu er- 
wähnen, wie ungelenk, plump und hart hat Luther 
die deutsche Prosa angetroffen, imd welch edle Klar- 
heit, Wärme und Stärke hat er ihr, vielfach nach 
religiösen hebräischen und lateinischen Mustern, ge- 
geben ! Und mit wie blanker Schneide hat Lessing 
den kalten Schwulst entfernt, welcher nach der Ver- 
wilderung des dreissigj ährigen Krieges eingerissen 
war! Und wie ist im ersten Teile des Faust die so- 
mit vernünftigte Sprache unter Goethes Händen zu 
jener Verbindung von Tiefsinn, Zartsinn und lauschen- 
dem Feingefühl aufgewachsen, welches ewig zu den 
höchsten Schöpfungen der menschlichen Rede gezählt 
werden wird. Aber nicht alle Schriftsteller sind mit 
den neuen Worten , die sie schufen , und mit den 
neuen Bedeutungen, die sie alten gaben, so erfolg- 
reich gewesen wie Luther , Lessing und Goethe. 
Tausende von Worten sind von Tausenden von 
Schriftstellern erfunden und gebraucht worden, ohne 
sich die Anerkennung der Zeitgenossen zu erwerben 
und in die Litteratur oder den Volksmund überzu- 
gehen. •^) Nur was der Sinnesweise der Nation, oder 
was neuerdings dem gebildeten, lesenden und schreiben- 
den Teile derselben entspricht, wird in die Sprache 
aufgenommen. Jede alte Wurzel, jede neue Ableitung, 
Zusammensetzung und bildliche Anwendung ist von 
einzelnen geschaffen und vorgeschlagen, aber nur 
dann zur Sprache der Gesamtheit, oder eines Teiles 
derselben geworden, wenn sie von den Hörern und 
Lesern gebilligt ward.*) Wie die Sprachen der Bildungs- 
völker jetzt vor uns liegen, sind sie das Resultat 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. ia 



einer Arbeit von Jahrtausenden, an welcher sich die 
besten Geister der Nation erfindend beteiligten, und 
an welcher jeder einzelne Bestandteil von anderen 
Gleichbegabten accipiert und von grossen Kreisen der 
Einsichtigeren ratificiert sein musste, um lebensfähig 
zu werden. 

Indem wir nunmehr zur Beantwortung der an- 
fänglich gestellten Frage zurückkehren, müssen wir 
nach erlangtem geschichtlichen Überblick allerdings 
zugestehen, dass die meisten feiner nuancierten Worte 
der Synonymik von feineren Köpfen in litterarischen 
Werken geschaffen und auch teilweis auf dies Ge- 
biet beschränkt geblieben sind. Aber obschon eben- 
falls von bevorzugten Denkern ersonnen , ist ein 
immerhin sehr grosser Teil derartiger Worte in die 
gewöhnliche Rede und noch mehr in die Schreib- 
weise der Unterrichteten übergegangen, und wir 
haben uns demnach mit der Thatsache abzufinden, 
dass wenigstens die gebildete Minderheit der Nationen 
eine Fülle von klug, delikat und geistreich schattierten 
Ausdrücken gebraucht, die der einzelne, wie er sie 
zu erfinden unfähig war, ebenso zu definieren nicht 
selten recht schwierig finden würde. Es ist wahr, 
die verschiedenen Nationen sind je nach Anlage und 
Entwickelung sehr verschieden in der Klarheit, Be- 
stimmtheit , Gescheidtheit und Empfindsamkeit des 
Sinnes, den sie ihren Worten beilegen ; aber da selbst 
die einfachsten Synonymen sicher zu scheiden die 
Kräfte vieler, die sie sicher verstehen, übersteigt, 
so kommen wir noch immer über denselben schein- 
baren Widerspruch nicht hinaus, dass etwas ver- 
standen und verständig gebraucht wird, was man 



* 211 * 

nicht erklären kann , und dass dieses Etwas sogar 
ein Teil des allergewöhnlichsten Ideen- und Wörter- 
bedarfs ist, aus dem sich unser tägliches Denken 
und Reden zusammensetzt. Jeder Deutsche weiss, 
was thun heisst; jeder gebildete Deutsche glaubt, sich 
ebenso klar zu sein, was verrichten und vollbringen 
besagt; aber wie gross ist wohl die Zahl derer im 
Verhältnis zur Gesamtheit, welche die Bedeutungen 
dieser drei einfachen Worte ebenso rasch bestimmen 
und von einander scheiden können, als sie dieselben 
ohne Besinnen und dennoch richtig gebrauchen? 
Und um wie viel grösser wird diese Schwierigkeit 
wenn wir die Definition abstrakter Worte, wie Geist, 
Seele, Gemüt, oder klug, weise, verständig, vernünftig, 
gescheidt, verlangten ? 

Die Lösung der Schwierigkeit liegt in dem Unter- 
schied zwischen Sprachgefühl und Spracherkenntnis. 
Die Bedeutungen der Worte werden uns durch den 
Zusammenhang, in welchem wir sie hören und lesen, 
angewöhnt, sodass wir sie dadurch verstehen und in 
ähnlichen Zusammenhängen mit mehr oder weniger 
Sicherheit, je nach unserer individuellen Begabung 
und Bildung, gebrauchen lernen. Wir lernen, was 
Kopf, Hals und Rumpf sind, d. h. wir lernen Kopf 
und Hals vom Rumpf trennen, und jedes von den 
Dreien als etwas Besonderes auifassen, das der selb- 
ständigen Bezeichnung bedarf, wenn wir andere 
Menschen von ihnen demg'emäss sprechen hören, und 
die dergestalt uns überlieferten drei Worte mit den 
gesehenen Thatsachen vergleichen. Wir bekommen 
ebenso die Anschauung und das Wort des Werfens, 

weil uns beide gleichzeitig oder in genügender Ver- 

14* 



* 2 12 * 

bindung beigebracht werden. Wir sehen das Werfen 
und hören das Wort. Wir erfahren desgleichen, was 
ein Tier ist, weil der Name von denen, die den Be- 
griff bereits früher auf dieselbe Weise erworben 
haben, so oft auf gewisse leicht erkennbare Objekte 
angewandt wurde, dass wir über die bestimmenden 
Kennzeichen nicht lange im Unklaren bleiben konnten. 
Ebenso verhält es sich mit den intellektuellen Worten 
der höheren, abstrakten Gedankenkreise. Auch hier 
schliessen wir durch den Gebrauch, den andere von 
solchen Worten, wie weise, vernünftig, klug, gescheidt 
u. s. w. , machen, was jeder einzelne Ausdruck be- 
sagt , und werden uns nicht leicht in seiner Wahl 
vergreifen. Wer von Kindheit auf gewisse Hand- 
lungen als weise , gewisse andere als klug oder ge- 
scheidt hat bezeichnen hören, erlangt aus dem häufigen 
Vorkommen derselben ein mehr oder minder sicheres 
Gefühl für den Wert jedes einzelnen, und damit 
gleichzeitig für die Unterscheidung aller. Und so ist 
es allen Generationen seit den eigentlich wurzel- 
bildenden gegangen, welche ihrerseits unbestimmte 
Begriffe mit schwankenden Lauten verbanden , und 
nur sehr allmählich beide bestimmt fassen und ver- 
knüpfen lernten. Sprechen und Verstehen würde 
demnach in der Vorzeit schwieriger gewesen sein, 
als jetzt, wenn nicht die Angelegenheiten, über die 
man damals sprach, sehr wenige und sehr leicht be- 
griffene gewesen wären. Auch heute noch würde 
Sprechen und zumal Sprechenlernen viel mühevoller 
sein, als es in Wahrheit ist, erklärte nicht ein Wort 
im Satze immer das andere, erklärte nicht der Absatz 
den Satz, erklärte nicht die Situation die ganze Rede. 



* 213 * 

Wissen wir nicht, wie leicht wir Sätze einer halber- 
lernten Sprache aus dem Kontext des Ganzen ver- 
stehen? Und wie gut wir uns mit einigen Brocken 
in einem fremden Lande zu verständigen pflegen, 
vorausgesetzt dass der Gegenstand der Unterhaltung 
uns und der anderen Partei klar ist ? Und sehen wir 
nicht, wie selbst unbegabte Kinder rasch ziemlich 
abstrakte Worte annähernd begreifen, und in der 
ungefähren Auffassung gebrauchen lernen, über welche 
sie vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht hinaus 
gelangen ? 

Sollen wir aber, die wir uns ein ganzes Lexikon 
somit gesprächsweise angeeignet haben, die einzelnen, 
uns durch dasselbe angeübten Worte ihrem Inhalt 
nach separat erklären, so finden wir uns vor eine 
ganz neue Aufgabe gestellt. Wir haben nun das 
Wort nicht mehr im Zusammenhang mit anderen 
Worten vor uns, in welchem ein Wort das andere 
erklärt, und jeder Teil durch den Sinn des Ganzen 
verstanden wird. Wir haben es nun nicht mehr mit 
einem Satz zu thun, dessen einzelne Bestandteile 
uns durch den Inhalt der Gesamtaussage zum Be- 
wusstsein gelangen und dessen nuancierte Worte 
bis in ihre feinsten Schattierungen hinein von dem 
ganzen Zusammenhange beleuchtet und erhellt werden. 
Vor uns steht vielmehr das einzelne Wort, der 
einzelne Begriff, losgelöst von jedem erläuternden 
Zusammenhang, und zu verstehen nur durch Ver- 
gleichung mit ähnlichen Dingen, und durch Sonde- 
rung von ihnen. Aber die Dinge , Eigenschaften, 
Thätigkeiten , Abstraktionen u. s. w., wie sie von 
den Worten der Sprache ausgedrückt werden, sind 



* 2 14 * 

mit so vielen anderen, mehr oder weniger ähnlichen 
Dingen so nahe verwandt, dass um sie in ihrer Eigen- 
tümlichkeit aufzufassen, sie von za.hlreichen näheren 
und ferneren Bezügen begrifflich gar genau geschieden 
und ein jedes in seiner vollen Besonderheit dargestellt 
werden müssen. Zu diesem Zweck sind die mannig- 
fachen Eigenschaften eines jeden durch die Erinnerung 
in unser Gedächtnis zurückzurufen, folgerichtig zu 
ordnen und mit den teils gleichen, teils ungleichen 
Eigenschaften verwandter Dinge zu vergleichen und 
von ihnen zu scheiden. Die dabei bemerkten Unter- 
schiede leiten zu dem Begriff eines jeden einzelnen. 
So leicht er aussieht, ist dieser Prozess ein einiger- 
massen verwickelter selbst beiden einfachsten Worten. 
Was kennen wir besser als Katze und Hund ? Welche 
zwei Worte begreifen und unterscheiden wir leichter 
im Sprechen als diese? Wollen wir eins oder das 
andere aber definieren, so werden wir sie in so vielen 
Dingen mit vielen anderen ähnlich finden, dass wir 
ihre gleichzeitigen Verschiedenheiten sehr genau zu 
beachten haben, wenn wir ein getroffenes Bild eines 
jeden von ihnen zu zeichnen wünschen. Was ein 
Tier ist, ist leicht gesagt; was ein Vierfüssler ist, 
ebenfalls ; aber so wie wir nun auf die feineren Diffe- 
renzen zwischen den verschiedenen Arten von Vier- 
füsslern kommen, zumal zwischen den einander nahe- 
stehenden Arten, so heisst es exakt sein, wenn Wir 
Verwechselungen ausschliessen, oder gar jemanden, der 
die Tiere noch nicht gesehen, ein wirkliches ge- 
sprochenes Porträt derselben übermitteln wollen. 
Alle Wortmalerei oder vielmehr alle Begriffsmalerei 
mit Worten ist schwer, weil gar zu viele Einzelheiten 



* 215 * 

in Betracht gezogen und in ihrer markanten Be- 
sonderheit geschildert werden müssen, wenn das Bild- 
nis nicht für ein halbes Dutzend verwandter Begriffe 
ebenfalls passend sein soll. 

Erfordert aber dieses begriffliche Auseinander- 
halten einige geistige Anstrengung, wo wir es mit 
unseren oft gesehenen, und in ihren wesentlichen 
Zügen so wohlbekannten Haustieren zu thun haben, 
wie viel mehr wird das der Fall sein, wenn wir zur 
Erläuterung geistiger Worte, wie Vernunft, Verstand, 
Gemüt schreiten? Oder sittlicher, wie ehrlich, redlich, 
bieder? Hier handelt es sich um seelische Äusse- 
rungen, die schwerer beobachtet, schwerer verstanden 
und gesondert sind, als die körperlichen Dinge der 
Sinnenwelt. Hier ist das Verhältnis des Individuums 
sowohl zum Ganzen, zu Gott, Menschheit, Gesellschaft 
und Universum, wie zu einzelnen Nebenmenschen — 
zu begreifen , ehe die Worte , welche die einzelnen 
Teile dieses Verhältnisses wiedergeben sollen, präzis 
gefasst und erläutert werden können. Hier sind so- 
dann nicht gesehene Körper, sondern geschaute Hand- 
lungen, gehörte Worte und daraus gezogene Schlüsse 
in das Gedächtnis zurückzurufen, ehe die Grundkräfte 
unseres Innern, von denen sie veranlasst wurden, in 
der durch unsere Muttersprache beliebten Auffassung 
gewürdigt werden können. 

Und ist nicht das Gleiche in Bezug auf den 
grössten Teil des Wörterbuches der Fall ? Sind nicht 
die meisten Worte abgezogene Begriffe, welche vielen 
Dingen und Personen gemeinsam zukommen, und 
deren Inhalt erst umrissen werden kann, wenn man 
sich ihre Wirkung in jedem einzelnen Falle vergegen- 



* 2 l6 * 

wärtigt? Was z. B. ist nicht alles gut oder schlecht? 
Ein Käse, ein Verstand und ein Hausarzt; die Be- 
griffe gut und schlecht müssen also so definiert werden, 
dass sie allen drei Dingen entsprechen, und noch 
vielen anderen ebenso heterogenen dazu. Das ist 
ein nachdenklich Stück Arbeit und nicht jedermanns 
Sache. 

Zahlreich und fein gesondert wie die Worte der 
Kultursprachen sind, jede in ihnen enthaltene Bedeu- 
tung pflegt dennoch einer grossen Menge verschie- 
dener Dinge gemeinsam zuzukommen. Bei weitem 
die meisten Worte bezeichnen allgemeine Begriffe, 
welche durch die Beobachtung vieler einzelner, in 
gewissen Punkten ähnlicher Dinge gebildet worden 
sind. Jeder erkennt die Schönheit, wenn er sie 
sieht; jeder benennt sie so; aber nur wenige ver- 
mögen es , ihr Wesen ohne einiges Nachdenken 
zu erklären. So rasch ihre konkrete Erscheinung 
erfasst wird , so bedarf es doch einigerAnstren- 
gung, um ihre allgemeinen Züge aus der Mannig- 
faltigkeit der verschiedenen Substrate , an denen 
sie auftreten, abzusondern und als gleichartig zu 
erweisen. Die Schönheit des Weibes ist verschie- 
den von der Schönheit einer Landschaft; dennoch 
giebt es zwischen beiden Berührungspunkte, welche 
aufgefasst und erkannt zu werden hatten , ehe 
der umfassende Begriff ,, Schönheit" gefunden und 
auf beide gemeinsam angewendet werden konnte. 
Allerdings, sobald die wertvolle Entdeckung einmal 
von einem logischen Genie der Urzeit gemacht, und 
von der geistigen Aristokratie jener frühen Tage bei- 
fallig aufgenommen worden war, ging sie mühelos 



* 217 * 

auf alle späteren Geschlechter über, welche die Ge- 
samtschönheit der Dinge somit geschenkt bekamen, 
ohne sie selbst aus den einzelnen Erscheinungen 
extrahieren zu müssen. Um den Begriff der Schön- 
heit auf Weib und Natur gemeinsam anzuwenden, 
war es nunmehr nur nötig, ihre Ähnlichkeit zu 
empfinden, auch wenn man sie nicht durch bestimmte 
Zusammenstellungen und Sonderungen zu analysieren 
vermochte. 

Forschen, Urteilen und Schliessen sind durchaus 
nicht die einzigen Prozesse , durch welche Wissen 
erlangt wird, und unsere Begriffe verlieren keines- 
wegs dadurch an Sicherheit, dass sie gewöhnlich das 
Ergebnis unvollkommener Auffassung, lebhafter Ein- 
bildungskraft und eines regen Nachahmungssinnes 
sind. Im Gegenteil werden sie gerade durch den 
halbverschleierten Zustand, in welchem sie in den 
nationalen Gedankenvorrat übergehen, um so selbst- 
verständlicher und unwiderleglicher, Die herrschende 
Unfa.higkeit , Wortbedeutungen zu sezieren, hindert 
uns demnach keineswegs, diejenigen, die überhaupt 
in unseren Gedankenkreis fallen , angemessen und 
geschickt zu handhaben ; und wo der Sinn zweier 
verwandter Worte einmal in solcher Weise erfühlt 
und gebrauchsweise erprobt worden ist, folgt be- 
wusste, wenn auch Undefinierte synonymische Unter- 
scheidung von selbst. Und zwar in desto höherem 
Grade, je schneidiger — eine Eigenschaft, die nicht 
immer Tiefe und Weite einzuschliessen braucht — 
eine Nation sich zu denken gewöhnt hat. Louis XVIII. 
verriet keinen geringen politischen und linguistischen 
Scharfsinn, als er in Bezug auf seine Franzosen diese 



* 2l8 * 

denkwürdigen Worte äusserte : „Que de choses dans 
une epithete! J'ai toujours ete de l'avis de Bossuet, 
qui a dit quelque part que lorsqu'on n'est pas scrupuleux 
dans le choix des mots, on donne ä penser, qu'on ne 
Test pas davantage sur les choses. Mon peuple est 
bien persuad6 de cette verite, et les sifflets ne man- 
quent jamais ä ceux, qui negligent la propriete des 
termes. II faut savoir la grammaire et connaitre les 
synonymes lorsqu'on veut etre Roi de France." 

Andererseits ist es allerdings nur zu wahr, dass 
das Durchschnittsgespräch jeder gesellschaftlichen 
Periode und Klasse sich in ausgefahrenen Geleisen 
bewegt, und in der Regel keine genaue Sprechweise 
bedarf, um allen wesentlichen Zwecken der Mittei- 
lung zu genügen. Ob man sich über persönliche 
oder allgemeine Dinge, über Geschäft oder Politik 
unterhalte , die Summe der verfügbaren Ideen ist 
gemeinhin weder sehr gross, noch sehr originell. 
Wozu sollte man es da der Mühe wert halten, aus- 
führlich zu beschreiben, was in ein paar Gemeinplätzen 
völlig verständlich gemacht werden kann? Warum 
sollte man sich mehr als verständlich machen wollen 
da doch Verständlichkeit innerhalb der gemeinsamen 
gesellschaftlichen Gedankensphäre so leicht, so allusiv 
zu erreichen ist? Warum in gewählter Sprache 
wiedergeben , was dem Hörer doch von vornherein 
gang und gebe zu sein pflegte? In der Erörterung 
alltäglicher Dinge schwingt man sich demnach nicht 
oft zur Region der spezialisierten Worte auf. Man 
sagt, man sehe, wenn man meint, man bemerkt. 
Man spricht vom Gehen, wenn man in der Abreise 
begriffen ist. Man deutet an, dass man etwas haben 



* 2 19 * 

möchte, wenn man alle seine Kräfte anstrengt, um 
zu erwerben, zu erlangen, zu ergattern. Man will 
sich mit der Präzision nicht selber quälen , und andern 
nicht obenein pedantisch erscheinen. So zahlreiche 
Synonymen demnach für feinere Auffassung erfunden, 
und seit der Verallgemeinerung" der Bildung weiten 
Kreisen zugänglich gemacht worden sind, so ist doch 
nur ein verhältnismässig geringer Teil in das Unter- 
haltungswörterbuch der Nation übergegangen. So 
reich, so bestimmt und so zart die Büchersprache 
seit dem Ausgang des Mittelalters sich entfaltet hat, 
das Tagesgespräch hat nur in begrenztem Masse 
den ungeheuren Erwerb in Mitbesitz genommen. 
Das Niveau der üblichen Redeweise ist unzweifelhaft 
mit dem Wachstum der Einsichten und Gefühle ge- 
stiegen ; da aber die litterarische Komposition an 
Kraft, Klarheit und Schmuck noch gewaltiger zuge- 
nommen , so ist der Unterschied zwischen ihrer, an 
das Publikum gerichteten öffentlichen Rede und dem 
Privataustausch der Meinungen grösser geworden, 
als er in weniger vorgeschrittenen Zeitaltern war. 
Von NichtSchriftstellern und Nichtrednern werden 
die meisten Synonymen - Nuancen , wenn auch wohl 
verstanden, so doch thatsächlich wenig angewendet. 
Vielleicht besteht der Reiz des Briefschreibens für 
manchen darin, dass er ihn zu einer entwickelteren 
Ausdrucksweise veranlasst, und, während die Feder 
über das Papier fliegt , den Gedankenschatz seiner 
Nation selbstthätiger mitgeniessen lässt, als im Be- 
rufsgespräch oder in der Plauderei sonst wohl ge- 
schehen mag. 

Für die logische Definition unserer eigenen Syno- 



* 220 * 

nymen tritt eine weitere Erschwerung hinzu. Indem 
wir unsere Muttersprache lernen, empfangen wir nicht 
etwa Worte, sondern noch vielmehr den Sinn, welchen 
sie ausdrücken, und machen die Anschauungen, welche 
sie erhalten, zu unseren eigenen. Wer etwa glaubt, 
dass jeder von uns Begriffe selber bildet und nur 
die Worte dafür von seinen Eltern und Volksgenossen 
erfährt, gibt sich einer äusserst schmeichelhaften, 
aber nicht weniger gigantischen Täuschung über 
seine eigene jugendliche Geistesthätigkeit hin. 

Nur ein Wunderkind, wie es die Menschheit nie 
hervorgebracht, würde die tausendjährige Denkarbeit 
der Nation in seinem eigenen winzigen Gehirn noch 
einmal vollziehen können. Dass wir beim Sprechen- 
lernen annehmen, aber nicht schaffen , lässt sich — 
um von metaphysischen Erörterungen abzusehen — 
am leichtesten aus der Vergleichung mit anderen 
Sprachen zeigen. 

Um bei dem einfachsten der oberwähnten Bei- 
spiele zu bleiben, so unterscheidet der Engländer 
nicht bloss Kopf, Hals, Rumpf, sondern hat noch ein 
besonders Wort für den Hinterhals, das er ganz ge- 
wöhnlich im Munde führt, während es dem Polen, 
wenn er nicht etwa Anatomie studiert hat, nie in den 
Sinn kommt, diese Partie separat zu bezeichnen. 
Was sodann das Werfen — unser zweites Beispiel 
— betrifft, so haben die Engländer nicht weniger 
als zehn "W orte für verschiedene Arten des Werfens, 
die sie regelmässig gebrauchen {throw, cast, fiing, 
j'erk, chuck, toss, pitch, shy, hurl, heave, propel, projecf) 
wo die Deutschen gemeinhin nur Werfen und 
Schleudern sagen. Der Berliner hat allerdings ausser- 



221 



dem noch sein „Schmeissen" ; aber dies hat schon eine 
speziell Berlinische, auf die Offensive gerichtete Neben- 
bedeutung, ist demnach nicht mehr mechanisch, sondern 
moralisch, oder manchmal sogar unmoralisch. Und 
wie viel stärker noch werden die Auffassungsunter- 
schiede der verschiedenen Völker und Sprachen bei 
Bezeichnung von Geistesthätigkeiten. Lernten wir nun 
nur Worte, indem wir Sprache lernen, bildeten uns 
aber jeder seine eigenen Begriffe unabhängig von 
den gelernten Worten, warum würde es dann nicht 
jedem Deutschen einfallen, die englischen Unterschei- 
dungen aus persönlicher Einsicht ebenfalls zu machen, 
und durch mehrere Worte, wie scharf werfen, kurz 
werfen, mit einem Ruck werfen und dgl. wiederzu- 
geben, da sie sie mit einem Worte in ihrer Sprache 
nicht zu benennen vermögen? Oder warum schufen 
sich begabtere Engländer im Sprechen über seelische 
Thätigkeiten nicht ein Äquivalent für unser deutsches 
Wort ,, Gemüt", welches ihnen wiederum ihre Sprache 
nicht bietet ? Warum fällt es keinem Franzosen bei, 
Liebe und Huld in einem Worte unterzubringen, 
wie der Russe es thut, und keinem Russen, viel und 
gut für gleichbedeutende Begriffe zu halten, wie der 
alte Ägypter pflegte? All dergleichen geschieht be- 
kanntlich verhältnismässig sehr selten. 

Im Erlernen unserer Muttersprache nehmen wir 
also nicht allein Worte an, sondern empfangen viel- 
mehr ein vollständiges Register fertiger Begriffe für 
alle hauptsächlichen Erscheinungen der Welt. Besser 
gesagt, alle hauptsächlichen Erscheinungen der Welt, 
wie sie die Sprache in ihren fertigen Worten ver- 
zeichnet, werden von uns vermittelst dieser Worte 



und in dem Sinne, den die Bedeutungen dieser Worte 
ihnen geben, aufgefasst. Die Deutschen lernen also 
überhaupt keine andern Arten des Werfens kennen 
als die des Werfens und Schleuderns, während der 
Engländer acht andere Arten dazu kennen lernt. 
Ebenso machen sich die Polen nicht klar, dass es 
einen als selbständig aufzufassenden Hinterhals giebt, 
bei dem man jemanden bequem packen und hinaus- 
werfen kann , wie der Engländer unter Umständen 
mit Vorliebe zu thun pflegt. Umgekehrt, fasst der 
Engländer das geistige Wesen des Menschen als 
Seele , Geist , Vernunft , Verstand und Gefühl auf, 
lernt aber den gemischten Niederschlag v.on Vernunft 
und Gefühl, welchen der Deutsche Gemüt nennt, aus 
seiner Sprache, und somit ohne besondere psychologi- 
sche Studien überhaupt nicht k ennen. Kurz , das 
Wörterbuch unserer Sprache ist das Bild, welches 
uns von den Dingen und Kräften der Welt über- 
liefert wird, ist die Gestalt, in der wir demgemäss 
die dauernden Wesen, Eigenschaften und Vorkomm- 
nisse des Universums erkennen. Darüber hinaus 
gehen nur begabte Selbstdenker, welche neue Begriffe 
durch eigentümliche Zusammenstellung oder Abände- 
rung alter schaffen. 

Deutsche Worte definieren heisst demnach für 
den Deutschen die eigensten Grundanschauungen 
seines Verstandes nach ihrem Wesen prüfen und be- 
schreiben. Unser Ich selbst sollen wir in dieser 
Definition zergliedern, erläutern, erweisen. Auf den 
ersten Bhck scheint das ebenso unnötig (da wir ja 
alle zu wissen glauben, was unsere eigenen Gedanken 
und Worte bedeuten), als es auf den zweiten Blick 



* 223 * 

(sobald wir einmal ans Definieren gehen) schwierig 
wird. 

Diesem inneren, scheinbar nicht zu vereinenden 
Widerspruch entspringt die letzte Beantwortung der 
Frage, deren Untersuchung uns beschäftigte. Jedem von 
uns ist der innerhalb seines Bildungsgrades gelegene 
Teil seiner Muttersprache verständlich, weil er ihm 
selbstverständlich ist , weil er seine eigene Vernunft 
und seinen eigenen Verstand ausmacht. Wir brauchen 
den Sinn unserer Worte uns nicht durch Erklärungen 
klar zu machen, weil wir, wenn unser Blick nicht 
durch besondere Studien erweitert wird, überhaupt 
nichts anderes wissen von den Kräften der Welt, als 
ihn , als diesen Sinn. Und wir können ihn uns 
schwer klar machen, weil er, obschon beim Gebrauch 
in allen seinen wesentlichen Punkten auf einmal ge- 
kannt und empfunden, nur aus einer längern und 
aufmerksam zergliedernden Überlegung seines viel- 
fachen und verschiedenartigen Vorkommens gegen- 
ständlich festgestellt werden kann. Wo wir selber 
so sehr Subjekt sind, wie beim Sprechen unserer 
Sprache, brauchen wir uns nicht Objekt zu werden, 
um zu wissen, was wir wollen. 



ANMERKUNGEN. 



l) "Words without exactly coinciding in sense may nevertheless 
relate to one and the same tMng regarded in two difFerent points of 
view. An ülustration of this is afforded in the relation which exists 
beetween tlie words 'inference' and 'proof. Whoever justly infers, 
proves ; whoever proves, infers ; but the word 'inference' leads the mind 
frora the premises which have been assumed to the conclusion which 
foUows from them; while the word ,prool' foUows a reverse process, 
and leads the mind from the conclusion to the premises. We say 
'what do you infer from this? and how do you prove that?' Another 
Illustration may be quoted in the synonyms 'expense' and 'cost'. The 
same article may be expensive and costly; but we speak of expense 
in reference to the means of the purchaser; of cost in reference to the 
actual value of the article." 

Whately, English Synonyms VIIT. 



2) „Quamquam enim vocabula prope idem valere videantur, 
tarnen quia res differebant, nomina rerum distare voluerunt." 

Cic. Top. 8, 34. 

„Pluribus autem nominibus in eadem re vulgo utimur; quae tamen 
si diducas, suam propriam quandam vim ostendent. Nam et urbanitas 
dicitur: qua quidem significari video sermonem prae se ferentem in 
verbis et sono et usu propriam quendam gestum urbis, et sumptam 
ex conversatione doctorum tacitam eruditionem, et denique cui con- 
traria sit rusticitas." 

Quint. Inst. Or. 6, 3, 17. 



* 225 * 

3) ,,I1 est aise de sentir que nous ne.pouvons avoir d'usage ecrit 
moderne; il n'appartient qu'aux auteurs classiques de le former, et las 
auteurs ne deviennent classiques que lorsque la postMte les a honores 
de ce titre; eile a le droit de juger ceux dont les exemples doivent 
faire regle pour eile .... II n'en est pas ainsi de l'usage parle; in- 
certain et fugitif il n'a sur la posterite aucune influence positive; 
l'histoire de la langue est le seul rapport sous lequel il puisse l'in- 
teresser. Forme presqu'au hasard, fonde souvent sur des motifs de 
peu de valeur, il n'oblige que les contemporains qui eux-memes en 
sont plutot les temoins que les juges; c'est ä eux ä transmettre aux 
generations ä venir les raodifications qu'il fait subir aiix mots, puis- 
qu'elles sont des reglos pour eux, et ne seront peut-etre pour elles que 
des faits isoles et sans pouvoir." 

Guizot, Synonymes de la langue fran9aise. XVIII. 



4) Gebildete Sprachen verlangen die Ausmerzung von Doubletten. 
Mr. Taylor sagt in seiner bekannten Schrift über die Doubletten im 
Englischen — einer Sprache, in welcher so viele Quellen aus ver- 
schiedenen Richtimgen zusammenfliessen: "English abounds with dupli- 
cates, one of which is borrowed from some Gothic, and the other 
from some Roman dialect .... In such languages many words are 
■whoUy equivalent .... and it depends on a writer's choice whether 
the Northern or the Southern diction shall predominate .... Wherein 
lies the difference between a gotch and a pitcher, but that the one 
is a Hollandish and the other a French term for a water-crock? Such 
double term are always at first commutable, and may continue so for 
generations; but when new objects are discovered, or new shades of 
idea, which such words are fitted to depict, it at length happens that 
a Separation of meanings is made between them. Thus 'to blanch' 
and 'to whiten' are insensibly acquiring a distinct purport, 'to blanch' 
being now only applied where some stain or colouring matter is with- 
drawn which concealed the natural whiteness. Thus, again, 'whole' 
^nd 'entire', 'worth' and 'merit', 'understanding' and 'intellect' are 
tending to a discriminate meaning." 

Jane Whately giebt einen anderen Grund für die allmähliche Son- 
derung: "In the case of such duplicates as have no assignable diffe- 
rence, it may happen, from the mere fact of the greater or less fami- 
Abel, Sprachw. Abhdlgen. je 



* 226 * 

liarity, which one word presents to the mind, that although it be in 
most cases indififerent which we use, yet in some instances custom 
makes a difference in their employement." 

Im Französischen sind manche völlig gleichbedeutende Worte 
nach Girard, dem ältesten Synonymiker der Sprache, erst im klassischen 
Zeitalter Ludwig XIV. verschwunden. Demgemäss glaubt CondiUac 
die Vermutung wagen zu können, „que la langue fran^aise est peut- 
etre la seule langue qui ne connaisse point de synonymes (d. h. hier 
jVÖllig identische') Worte." 

Heyse, im ..System der Sprachwissenschaft", spricht ebenfalls vom 
Verschwinden gleichbedeutender Ausdrücke: ,Die gebildete Sprache 
duldet keinen Überfluss, und weiss einen jeden, durch äussere Umstände 
entstandenen zu ihrem Vorteil, zu schärferer BegrifFsonderung und feine- 
rer Nüancierung des Ausdrucks zu verwenden." 

Bruder Berthold, der bayrische Missionar des 13. Jahrhunderts, 
welcher in allen Teilen Süddeutschlands predigte, erzählt, dass er seine 
Sprache der Mundart jeder Provinz anzupassen hatte. Um ^Hoffnung* 
auszudrücken, hatte er in einem Gau ^Hoflhimge*, in einem anderen 
„Zuoversicht", in einem dritten „Gedinge" zu sagen. Von diesen drei, 
damals provinziell verteilten, aber geichbedeutenden Worten fanden 
zwei nachmals ihren Weg in die allgemeine deutsche Litteratursprache, 
das eine als „Hof&ung", das andere spezialisiert als ,, Vertrauen". So 
haben die Dialekte häufig das Rohmaterial geliefert, welchem das 
Idiom der gebildeten Klassen seine mannigfacheren und entwickelteren 
Bedeutungen unterlegte. Manchmal ist die Unterscheidung überwie- 
gend ästhetisch, wie zwischen parens imd pater, ,,Ross" und ,, Pferd", 
,,Gattin" und ,,Weib", ,, Jungfrau" und ,, Jungfer" u. s. w. 



V. 
ÜBER 



PHILOLOGISCHE METHODEN, 

I 



Die allgemeinsten Ansichten eines ganzen Volkes 
von den Dingen und ihren Eigenschaften, Ver- 
hältnissen und Kräften spiegeln sich in den Bedeu- 
tungen der Worte und ihrer Verbindungen. Nur ein 
Gedanke, der Gemeingut eines ganzen Volkes oder 
wesentlicher Schichten desselben wird, gelangt dazu, 
in einem einzigen Worte, oder in stehenden, geregel- 
ten Verbindungen mehrerer Worte ausgedrückt zu 
werden. Nur ein solcher hat auch die Kraft, Worten, 
die vormals einen anderen Sinn hatten, im Laufe der 
Geschichte eiae neue Bedeutung unterzuschieben. Wo 
eines oder das andere hiervon geschieht, hat die 
Stimme des Volkes gesprochen und den betreffenden 
Gedanken in die gangbare Münze des Wörterbuchs 
und der Grammatik ausgeprägt ; wo es nicht geschieht, 
wird entweder der Gedanke nicht anerkannt genug, 
um sich die kurze und schlagende Form des Worts 
oder der stehenden Wörterverbindung zu schaffen; 
oder er bleibt auf kleinere Teile der Nation beschränkt, 
deren Einfluss nicht so weit reicht, um den neuen 



* 230 * 

geistigen Erwerb aus der schwankenden Hülle der 
Erklärungen und Umschreibungen in den festen Kern 
eines acceptierten Wortes zu verdichten. 

Nehmen wir ein Beispiel. Erst als der Begriff 
der Freiheit einer grossen Anzahl von Deutschen be- 
kannt und fühlbar genug geworden war, um einen 
wesentlichen Teil ihrer Anschauungen über das Ver- 
hältnis von Mensch zu Mensch zu bilden, lag ein An- 
lass vor, das Wort zu schaffen, das den Gedanken 
benannte. Erst als das, was man konstitutionelle 
Freiheit nennt, im Gegensatz zu Republik und reiner 
Monarchie , in Gang kam , konnte sich die stehende 
Verbindung der beiden Worte bilden, die diese neue 
Art des politischen Daseins bezeichnet. Für nicht 
eigentümlich genug gehalten, um ein neues Wort 
hervorzubringen, vermochte der auftauchende Begriff 
sich doch soweit geltend zu machen, dass er zwei 
alte in eine stehende Verbindung knüpfte, die, jedem 
ihrer beiden Glieder eine neue Nuance gebend, ein 
drittes besonderes erzeugte. Als aber in diese Art 
politischer Verfassung das allgemeine Stimmrecht 
eingeführt und wiederum ein Neues geschaffen wurde, 
war , der Unterschied zwischen dem letzten und vor- 
letzten Stadium zu gering geachtet, um ihn durch 
irgend einen neuen Terminus zu verkörpern. Für die 
Bezeichnung des jüngsten Zustandes ist man demnach 
auf eine ausführliche Schilderung angewiesen, etwa 
wie sie in den Worten liegt: Konstitutionelle Frei- 
heit, verbunden mit allgemeinem Stimmrecht. Ein 
ganzer Satz, der in seiner definierenden Länge be- 
weist, für wieviel weniger eigentümlich diese Phase 
des politischen Daseins gehalten wird, als die Monarchie, 



* 231 * 

die konstitutionelle Monarchie oder die Republik. 
Um auch ein Beispiel von Bedeutungsveränderung 
zu geben, wer, der heute das Wort „Arbeiter" aus- 
spricht, ist sich nicht bewusst, damit etwas anderes 
zu sagen, als sein Grossvater vor fünfzig Jahren? 

Ebenso verhält es sich mit der Grammatik. So 
lange der Unterschied zwischen Wirklichkeit und 
Möglichkeit nicht stark genug empfunden war, um 
das Auseinanderhalten beider wünschenswert zu ma- 
chen, konnten weder das englische if der Bedingung, 
noch das lateinische tit der Absicht den Konjunktiv 
regieren. Ja der ganze Konjunktiv konnte, ehe die 
geistige Kategorie des Fakultativen vorhanden war, 
nicht existieren. Er konnte vielmehr erst gemeinsam 
mit ihr entstehen als der lautliche Ausdruck ihres 
Aufkeimens im Geiste; er konnte sich erst geltend 
machen und allgemein einführen, nachdem die neue 
Erkenntnis von Tausenden begriffen und gebilligt war. 
Desgleichen würde der zweite Fall des englischen 
und deutschen Wortes man, Mann, niemals sein aus- 
lautendes, unterscheidendes s, s, bekommen haben, 
wäre das Verhältnis der Zugehörigkeit, welches da- 
durch ausgedrückt wird, nicht ein so allgemein ein- 
gesehenes, zugestandenes und gewürdigtes gewesen, 
dass ihm eine spezielle Erscheinungsform gewidmet 
wurde. Mit anderen Worten, es würde ohne diese 
Prämissen diese Art des Genitivs nicht entstanden 
sein. Und so mit allem Dasein und Bedeuten aller 
Worte und aller grammatischen Formen, die ja, gleich 
den Worten, nur lautliche Ausdrücke von Begriffen 
sind, wenn sie auch, verschieden von den Worten 
im engeren Sinne, die Selbständigeres ausdrücken. 



* 2^2 * 

diesen nur Modifikationen der Zeit, des Ortes, des 
Verhältnisses u. s. w. hinzufügen. 

Hat nun eine Sprache das verkörpert, was ein 
Volk gedacht, und zwar allgemein und anhaltend 
genug gedacht hat, um ihm eine solche linguistische 
Verkörperung zu teil werden zu lassen , so werden 
die verschiedenen Sprachen, da ja die verschiedenen 
Völker so verschieden angelegt sind und sich so 
mannigfach entwickelt haben, sehr Verschiedenes zum 
Ausdruck bringen müssen. Dieser naheliegende 
Schluss wird durch das Studium der Sprachen be- 
stätigt. Es giebt nur wenige Worte, die sich in zwei 
Sprachen gänzlich decken. Man sollte meinen, dass 
ein Berg ein Berg wäre, und dass ein Wort, welches 
in einer Sprache diesen Gegenstand bezeichnet, den- 
jenigen Worten, die denselben Gegenstand in ande- 
ren Sprachen benennen, völlig entsprechen müsse. 
Und dennoch ist dies nicht der Fall. Das englische 
mounfam z. B. stellt gewöhnlich eine höhere Kuppe 
dar, als das deutsche „Berg" zu thun braucht; das 
dem mountain zunächst stehende hill dagegen wird 
leicht zu niedrig für das deutsche Wort, dessen Mittel- 
begrifF sich mithin in einem englischen Worte nicht 
treffend ausgedrückt findet. Ist das bei einem so 
sinnlichen und verhältnismässig so wenige Verschie- 
denheiten der Auffassung zulassenden Dinge wie 
eine Erhöhung der Erdoberfläche der Fall, so lässt 
sich denken, um wie viel mehr es bei geistigeren 
Dingen geschieht. Auf geistigem Gebiet hängt ja 
alles von der Richtung und Schärfe des Urteils, von 
Erfahrung, Gesinnung und Temperament ab. Spricht 
demnach der Deutsche von Tugend, so meint er nicht 



* 233 * 

entfernt die auf Tüchtigkeit beruhende virtus des 
Römers, meint ebensowenig die auf ein bewussteres, 
absichtlicheres Wirken gehende virhie des Englän- 
ders : er meint eine Gesinnung, deren Kraft in ihrer 
Reinheit liegt, und der die That unwillkürlich ent- 
springt, wie dem Felsen der Quell. Gleicherweise, 
wenn der Engländer bei der Erwähnung eines be- 
stimmten vergangenen Zeitpunktes das Verbum ins 
Imperfektum setzen muss, der Deutsche dagegen 
neben derselben Grundanschauung aus allerlei Grün- 
den der Emphase, des Pathos und der sinnlichen 
Verlebendigung — von denen des nachlässigen Aus- 
drucks nicht zu reden — auch das Perfektum ge- 
brauchen kann, so ist der Beweis geliefert, dass es 
dem ersteren auf die Klarlegung der äusseren Be- 
dingungen des Ereignisses, dem letzteren auf die 
Hervorhebung der begleitenden Umstände ankommt. 
Oder wenn wir sehen, dass das griechische Zeitwort 
einen besonderen Modus für den Ausdruck des 
Wunsches hat, den im Englischen und Deutschen 
der Konjunktiv, als die allgemeine Möglichkeits- imd 
Abhängigkeitsform, mitübernimmt, so erklärt sich 
dieser grössere Reichtum durch eine lebhafte Beto- 
nung des persönlichen Elements in Bitte, Hoffnung 
und Verlangen. 

Von diesen Beobachtungen finden wir uns zu der 
Folgerung geleitet, dass, um die in der Sprache nieder- 
gelegten Anschauungen eines Volkes kennen zu ler- 
nen, wir sie nach ihrem Inhalt zu gruppieren, und jede 
Klasse zunächst für sich, darnach im Zusammenhang 
mit den verwandten, und, in vorschreitender Erwei- 
terung des Kreises, in ihrem Verhältnis zu allem 



* 234 * 

übrigen zu erforschen haben. Nehmen wir an, es 
handele sich darum, zu wissen, was die Engländer 
über Freiheit denken, so werden wir die Bedeutun- 
gen der Worte, die frei, ungebunden, unabhängig, 
selbständig u. s. w. besagen, zusammenstellen, in 
Bezug auf ihre gegenseitige Ergänzung und Beschrän- 
kung zu erforschen, und schliesslich in eine Gesamt- 
übersicht zu vereinigen haben, welche, jeder Nuance 
ihre Stelle anweisend, den ganzen Gedanken in einem 
zusammenhängenden Bilde zeigt. Und wollten wir 
erkunden, was dasselbe Volk über den Zeitbegriff 
gedacht, so würden wir zunächst die Bedeutung der 
Worte Zeit, Stunde, Jahr, wann, vor, nach, bald, früh, 
spät, kurz, lang, flüchtig, vergänglich, ewig, werden, 
sein, vergehen und vieler anderer in derselben Weise 
erörtern müssen. Daran würden wir eine ergänzende 
Betrachtung der grammatischen Formen zu knüpfen 
haben, die in Deklination, Konjugation, Satzbildung 
u. s. w. dem Ausdruck des Zeitbegriffs dienen. Denn 
da die Konjugation im wesentlichen eine Verbindung 
von That- oder Zustandsbegriffen mit Persönlichkeits- 
und Zeitbegriffen ist, so wäre die Aussonderung der 
letzteren und ihre Einschaltung in das aus den die 
Zeitbegriffe selbständig ausdrückenden Worten ge- 
wonnene Gemälde vonnöten, wollten wir unser Thema 
erschöpfen. Denken wir uns mehrere Sprachen in 
dieser Weise bearbeitet und die Ergebnisse ver- 
glichen, so werden wir sowohl eine eingehende Ein- 
sicht in die verschiedenen Auffassungen und Charaktere 
der Nationen, als auch — da die Mannigfaltigkeit der 
verschiedenen Volksauffassungen alles, was der ein- 
zelne innerhalb einer bestimmten Auffassung Stehende 



:35 



denken kann, weit übersteigt - eine wahre Berei- 
cherung unserer eigenen Anschauungen, und damit 
eine neue Erkenntnis der geistigen und sinnlichen 
Dinge davontragen. Eine die verschiedenen Sprach- 
perioden geschichtlich erforschende Betrachtung die- 
ser Art würde die wichtigsten Aufschlüsse über die 
Veränderung der Gedanken und Gesinnungen den 
Fortschritt und Rückschritt, das Blühen und Welken 
der Nationen ergeben müssen. 

Studieren wir nun Sprachen in dieser Weise. 
Wir thun es nicht, und zum Teil aus guten Gründen 
nicht Die erste Notwendigkeit beim Erlernen emer 
fremden Sprache ist, sich mit denjenigen Eigentüm- 
lichkeiten bekannt zu machen, welche sie von ande- 
ren Sprachen am auffallendsten unterscheiden. Diese 
bestehen in der Art und Weise, wie sie die gebrauch- 
lichsten Gedankenverbindungen, die gewohnhchsten 
logischen Beziehungen ganzer Wörter- und Satze- 
klassen ausdrückt, mit anderen Worten, in der Gram- 
matik. In den europäischen Sprachen zumeist durch 
Zusammensetzung gegeben, sind die einzelnen feüe 
dieser Komposita durch den häufigen Gebrauch m 
ihrem Lautbestande zu sehr verwittert und vermin- 
dert um dem unwissenschaftlichen Auge erkennbar 
zu sein, und müssen demnach als tote „Formen" 
auswendig gelernt werden. Zeit-, Zahl-^ Personen-, 
Möghchkeits-, Wirklichkeits- und andere Beziehungen 
werden in den europäischen Sprachen durch die Ver- 
änderungen des Verbi ausgedrückt, welche wir Kon- 
jugation nennen; Ort-, Zahl-, Richtungs- und Ange- 
hörigkeitsverhältnisse geben sich in den Modifikationen 
der Haupt- und Eigenschaftswörter zu erkennen, die 



* 236 * 

als Deklination unsere ersten Schuljahre zu beunruhi- 
gen pflegen; während wechselseitige Abhängigkeit 
und Unterordnung der Gedanken u. a. durch Präpo- 
sitionen, Konjunktionen und die syntaktischen Mittel 
der Satzbildung vermittelt werden. Hat der Lernende 
sich die diesen Zwecken dienenden Veränderungs- 
formen der Wörter und ihren wesentlichen Gebrauch 
eingeprägt, so nimmt er das Lexikon zur Hand und 
versucht zu übersetzen. Dass die Übersetzung der 
fremden Wortbedeutungen in seine eigene Sprache, 
wie er sie im Wörterbuch findet, nicht genau ist, 
weil sie ohne seitenlange Erklärungen nicht genau 
gegeben werden kann, stört ihn nicht. Findet er 
sich ja doch in den meisten europäischen Sprachen, 
die der seinigen mehr oder weniger verwandt zu sein 
pflegen, leicht soweit in den einzelnen Wortbedeu- 
tungen zurecht, dass der allgemeine Sinn des Satzes 
ihm zugänglich wird; und merkt er es doch gewöhn- 
lich nicht einmal, dass er diesem allgemeinen Sinn 
die Färbung unterschiebt, die er in seiner eigenen 
Sprache haben würde, die er in der fremden aller- 
dings nicht hat und deren ausländische Variante ken- 
nen zu lernen ein so wesentlicher Nutzen des Sprach- 
studiums sein müsste. Je weiter sein Studium vor- 
schreitet, desto mehr beginnt er wohl die Verschie- 
denheit dieser Nuancen herauszufühlen, und gelangt 
unwillkürlich zu der Ahnung der Schärfung, Erweite- 
rung und Verfeinerung, die sein Geist damit empfängt. 
Doch begnügt er sich meistens mit der vagen Em- 
pfindung und geht in eine bewusste Apperception 
nur in den Fällen über, in denen zwei Sprachen den- 
selben Gedanken auf eine sehr verschiedene Weise 



* 237 * 

geben und sogenannte Redensarten und idiomatische 
Phrasen bilden. Für das Einüben einer fremden 
Sprache zu Gespräch und Lektüre ist diese Methode, 
wenn auch nicht für alle Schüler die beste, doch 
ausreichend. Dass sie es ist, und dass Sprachen ver- 
hältnismässig selten zu anderen Zwecken gelernt 
werden, hat unseren Grammatiken die wohlbekannte 
Gestalt gegeben, die sie haben. 

Diese Gestalt, überwiegend auf praktische Zwecke 
gerichtet, ist der eingehenderen Erkenntnis des Be- 
deutungsgehalts der Worte, Formen und Verbindun- 
gen ungünstig. Anstatt die Beziehungen von Zeit, 
Zahl, Ort, Unterordnung, Abhängigkeit u. s. w., die 
die Grammatik enthält, aus ihren verschiedenen Er- 
scheinungsformen in Konjugation, Deklination, Kom- 
paration, Satzbildung u. a. m. auszusondern, und jede 
einzeln zu einem Ganzen zu vereinen , last sie die- 
selben unter die genannten grammatischen Katego- 
rieen verteilt und verhindert damit eine bewusste, 
ganze und gegliederte Erkenntnis. Noch weniger als 
um die genaue Bedeutung der Formen kümmert sie 
sich um die der Worte, oder stellt sie diejenigen 
Worte, welche die in grammatischen Formen ausge- 
drückten logischen Beziehungen zu ihrem selbständi- 
gen Inhalt haben, mit den betreffenden Formen zu 
einem anschaulichen und verständlichen Ganzen zu- 
sammen. Sie beabsichtigt nur, den allgemeinen Sinn 
der fremden Sprache zum Zweck ungefähren Über- 
setzens zu lehren, oder, wo sie tiefer greift, isolierte 
Punkte der Etymologie, Synonymik oder Syntax zu 
erklären, ohne den das Geistige erst recht aufdecken- 
den Zusammenhang mit allem verwandten Geistigen, 



gleichviel in welchem Redeteil es erscheint, ob es 
selbständiges Wort oder blosses Bildungselement 
sei, zur Geltung zu bringen. Aber es leuchtet ein, 
dass, so interessant es sein mag, zu wissen, wann 
shall, wann will gebraucht wird, man es doch erst 
dann in allen seinen Ursachen begreifen kann, wenn 
man sich sämtliche andere englischen Ausdrucks- 
formen des Sollens, Wollens, Müssens gleichfalls ver- 
gegenwärtigt hat, da sie ja sämtlich von einem 
Sprachgeist geschaffen, sich sämtlich gegenseitig er- 
gänzen und beschränken. 

Wir sehen in dieser Ausführung davon ab, dass 
die grammatischen Kategorieen der Deklination, Kon- 
jugation, Wort- und Satzbildung u. s. w. als solche 
sich ebenfalls zu einem Gegenstand fruchtbarer Er- 
kenntnis machen lassen. Es ist allerdings ein wert- 
volles, und teilweis in die höchsten Regionen ab- 
strakter Logik reichendes Wissen, welchen Rede- 
teilen ein Begriff zugewiesen ist, und welche andere 
Begriffe ihm als so natürlich inhärent, als so regel- 
mässig und wichtig' modificierend zugedacht worden 
sind, dass sie ihm durch blosse Formveränderung 
beigegeben werden können. Dass für „sein du" — 
„bist" gesagt wird, weist die unlösliche Verbindung 
auf, in welche der deutsche Gedanke diesen Zustand 
und die in ihm befindliche Person gesetzt hat; wäre 
keine solche Verbindung vorhanden, sondern stünden 
nur zwei reine, volle Wurzeln neben einander, wie 
im Chinesischen, so würde die Sonderung zu be- 
achten und in ihrer Ursache zu erforschen sein. Dem 
entsprechend ist die Frage, mit welchen anderen 
Formen sich Begriff und Laut des Verbi, Substantivi, 



* 2 39 * 

Adjectivi u. s. w. in ähnlicher unlöshcher Weise zu 
vereinen vermögen , von ernster wissenschaftlicher 
Tragweite. Desgleichen was alles den Konjunktiv 
regiert, was den Optativ, was den Genitiv, Dativ 
Akkusativ, Ablativ. Aber wir wissen wohl, dass 
unsere gebräuchlichen Grammatiken diese Unter- 
suchungen entweder nicht, oder nur in geringem 
Maasse anstellen, und meist die Formen und ihre Ge- 
brauchsweisen nur sammeln, um sie zu übersichtlichem 
Erlernen darzubieten. Anfang'sgrammatiken werden 
das immer thun ; aber sollte man sich dem erkannten 
Ziele der Philologie gegenüber auch in anderen, ein- 
gehenderen Lehrbüchern grossenteils auf dieselbe Me- 
thode beschränken müssen? 

Es lässt sich nicht verkennen, dass diese Frage 
vorläufig noch, wenn auch nicht mit einem vollen, 
so doch mit einem ziemlich umfassenden Ja beant- 
wortet zu werden hat. Ist es für die Kunde der 
Wortbedeutungen wichtig, ihrer Vergangenheit nach- 
zugehen, um ihre Gegenwart zu begreifen, so ist die 
Einsicht in das geschichtliche Werden der Formbe- 
deutungen, auf denen die Grammatik der uns nächst- 
stehenden Sprachen beruht, geradezu unumgänglich, 
Wortbedeutungen lassen sich in jedem gegebenen 
Augenblick ihres Daseins durch den Gebrauch fest- 
stellen ; die durch den Satzsinn erläuterte Anwendung 
eines Wortes zeigt sicher den Gedanken, den es ent- 
hält, wie immer er auch hineingekommen sein mag. 
Anders bei grammatischen Formen. Ihre Bedeu- 
tung ist meistens so einfach, dass das geistige 
Interesse mehr in dem Werden , als in dem Inhalt 



* 240 * 

liegt. Nun sind aber die Formen da sie nur 
Modifikationen des Wortsinns enthalten, allmählich 
aus vollen, gleichberechtigten Wurzeln zu wenigen 
andeutenden Lauten zusammengeschrumpft. We- 
nigstens ist dies in den entwickelteren Sprachen 
geschehen, die damit den selbständigen Gedanken 
des Stammes und den modificierend hinzutretenden 
der Form in das ihrem gegenseitigen Wert ent- 
sprechende richtige lautliche Verhältnis zu einander 
gesetzt haben. Fragen wir nun nach dem Bedeu- 
tungsinhalt der Formen, so legt uns diese Abschlei- 
fung erhebliche Schwierigkeiten in den Weg. Viele 
Formen, ursprünglich verschieden, sind im Laufe der 
Zeit auf denselben Laut zusammengeschmolzen, stellen 
sich somit als eine dar; andere haben sich später 
gespalten und zeigen nun mehrerlei, wo früher eines 
gewesen ist. In beiden Fällen werden wir leicht 
irre geleitet. Beschäftigen wir uns z. B. mit dem 
lateinischen Ablativ des Orts, so werden wir in Er- 
wägung, dass derselbe Fall auch zur Angabe des 
Mittels gebraucht wird, leicht zu dem Schluss gedrängt, 
dass Ort und Mittel in diesem Fall nicht unterschie- 
den, also beide nur in einer unbestimmten verschwim- 
menden Weise aufgefasst worden sind. Mit der Wahr- 
heit würde das aber nicht übereinstimmen. Die Ety- 
mologie, welche die alten Formen wiederherstellt, 
lehrt vielmehr, dass in dem Ablativ zwei, anfänglich 
verschieden lautende Kasus enthalten sind, die durch 
phonetischen Verfall auf denselben verstümmelten 
Rest herabgebracht wurden. Ort und Mittel sind 
also nicht im Lateinischen verwirrt worden. Oder 
wir finden im Ägyptischen einen weiblichen Artikel 



241 * 

t, und ein stammverlängerndes, zumal an transitive 
Verben häufig tretendes Suffix f, und notieren sie 
als verschiedene Bildungselemente, bis uns ein Ein- 
blick in die älteren Formen die gemeinsame Her- 
kunft beider aus dem sächlichen Demonstrativum /, 
und damit die ursprüngliche Behandlung alles Nicht - 
maskulinen als Femininum-Neutrum zeigt. So ist die 
Formenlehre voller Fallen für den, der sie ohne 
Untersuchung ihrer Geschichte nach ihrer Bedeutung 
ordnen will. Diese Untersuchung ist die Etymologie, 
eine so junge, so schwankende, und, wenn sie Siche- 
res leisten will, auf die gleichzeitige Erforschimg so 
vieler Sprachen angewiesene Wissenschaft, dass eine 
Benutzung ihrer Resultate für die oben erwähnte 
Methode vorderhand nur in beschränktem Masse 
möglich wird. 

Mit diesem Zugeständnis fällt die Hoffnung, die 
psychologische Methode unmittelbar auf die ganze 
Grammatik auszudehnen. Der Zukunft — einer bei 
der vergleichenden Ausbeutung immer neuer Sprachen 
allgemach nahenden Zukunft — wird es vorbehalten 
sein, so viele Formen zu erklären, dass eine sehr 
grosse Zahl derselben in die Behandlung der ihrem 
Bedeutungsinhalt zunächststehenden Worte frucht- 
bar hineingezogen werden können. Was wir mitt- 
lerweile zu thun vermögen, ist, den Bedeutungen der 
selbständigen Worte eine umfassende Bearbeitung 
zukommen zu lassen, und von der Vergleichung eini- 
ger weniger Synonymen auf die gemeinsame Be- 
handlung der Worte ganzer Gedankenklassen über- 
zugehen,' gleichgiltig welchem Redeteil sie angehören. 

Dazu hat jetzt schon die Grammatik, als den Wort- 
Abel, Sprachw. Abbalgen. 16 



* 242 * 

begriff durch die Überweisung an einen bestimmten 
Redeteil, durch Bildung, Flexion und Konstruktion 
erläuternd, hinzuzutreten, soweit sie es auf der gegen- 
wärtigen Stufe der Etymologie vermag. So grosse 
Vorsicht auch noch nötig ist, will man die Flexionen 
in die Untersuchung der in ihrem Bedeutungsinhalt 
ihnen am nächsten stehenden Worte hineinziehen, sinte- 
mal viele noch nicht sicher erschlossen sind, so ist es 
doch bei der Behandlung aller andern Worte schon 
viel tunlicher, auf die Grammatik zurückzugreifen, 
da die Etymologie auf diesem Gebiet, wie wir gesehen 
haben, eine weniger wichtige Rolle spielt, andererseits 
aber viele einzelne Punkte der Wortbildimg bereits 
sicher löst. Überdies erläutert die Syntax die Be- 
deutungen durch das Zeugnis der Konstruktion. So 
verspricht sich ein Sprachstudium anzubahnen, welches 
Lexikon und Grammatik, die beide von einem Geist 
für einen Zweck geschaffen worden sind, auch in 
der Behandlung vereint und sich gegenseitig erklären 
lässt. 



VI. 
ÜBER DIE VERBINDUNG 

VON 

LEXIKON UND GRAMMATIK. 



i6* 



Alle Grammatik ist Syntax. Was in flektierten 
Sprachen Formenlehre und Syntax genannt 
wird, ist nur darin von einander verschieden, dass 
die erstere die Verbindung ganzer "Wörterklassen 
mit ihren häufigsten Nebenbestimmungen, die letztere 
wechselndere Verbindungen ganzer Wörterklassen, 
sowie einzelner Teile derselben mit anderen Wörter- 
klassen oder einzelnen Teilen derselben regelt. Auf 
Verbindung mehrerer Sprachgedanken zu einem läuft 
es in beiden Fällen hinaus. 

Bei der Zuweisung an Redeteil und Geschlecht 
beginnt diese grammatische Komposition. Ob Nomina 
durch Suffixe, oder nach phonetischer Korruption 
derselben durch präfigierte Artikel, als selbständige 
Wesen oder Eigenschaften bezeichnet und gleich- 
zeitig geschlechtlich bestimmt werden, die Verbin- 
jiung eines sachlichen mit einem formellen Element 
findet jedesmal statt. An alle drei Arten der Nomina 
gleichmässig heftet die Deklination die gebräuch- 
lichsten Nebenbestimmungen des Ortes und der Zeit, 
des Ursprungs und Zieles, der Mitteilung, Anwirkung, 
Angehörigkeit u. s. w. 



* 246 * 

Ebenso werden die Thun-, Seins- oder Leidens- 
begrifFe der Verben mit zahlreichen Suffixen und 
Präfixen verbunden, um ihnen die gangbarsten Be- 
stimmungen der Persönlichkeit und der Zeit, der Wirk- 
lichkeit, Möglichkeit, Notwendigkeit,Wünschenswertig- 
keit, Abhängigkeit u. s. w. in einer ein für allemal 
feststehenden , kurzen und konventionell präzisen 
Weise anzufügen. Sowohl in der Deklination als in 
der Konjugation werden diese Nebenbestimmungen 
für so imerlässlich gehalten, dass ohne die eine oder 
die andere von ihnen die Wurzel überhaupt nicht 
ausgesprochen werden kann. 

Die imflektierbaren Redeteile sind teilweis reine 
Wurzeln, und gehören insofern weder der Formen- 
lehre noch der Syntax zu. Soweit sie nicht reine 
Wurzeln sind, sondern aus Verbal- oder Nominal- 
formen zu Partikeln gebildet wurden, fallen sie unter 
das Gesetz ihrer ursprünglichen Redeteile und geben 
wie diese schon in der Formenlehre Syntax. 

Die im engeren und eigentlichen Sinne soge- 
nannte Syntax ist demnach von der Formenlehre 
nicht sowohl in der Art, als in der Anwendung ein 
und desselben Bildvmgsmittels, der Zusammensetzung, 
verschieden. Handelt es sich in der Formenlehre 
um Ergänzung der Wurzeln durch einen derjenigen 
weiterbildenden Zusätze, ohne welche die Wurzel in 
dem gegenwärtigen Zustand der Sprache überhaupt 
nicht mehr aussprechbar ist, so wird in der Syntax 
die somit an die Tracht eines bestimmten Redeteils 
gebundene Wurzel mit anderen, ähnlich eingekleideten 
Wurzeln weiter verknüpft. In den Worten legere, 
legebat und lector erscheint dieselbe Wurzel, die in 



* 247 * 

der Entwickelung der lateinischen Sprache nackt un- 
erwähnbar geworden ist, in drei von den hundert 
verschiedenen Gewändern, die zu ihrer Verfügung 
stehen und deren je eines sie jedesmal als notwendige 
Nebenbestimmung von Ort, Zeit, Person u. s. w. zu 
tragen hat ; in der Phrase legebat lector werden zwei 
dieser Composita {leg-e-bat lec-tor d. h. lesen-that 
lesen - thäter) zu einer weiteren Zusammensetzung 
vereint, welche, Entfernteres verbindend, nicht mehr 
ein "Wort, sondern ein Satz genannt wird. Schieben 
wir zwischen diese beiden Arten der Gedankenver- 
bindung noch die dritte, die der eigentlichen Composita 
ein , so haben wir in zusammenhängender Stufen- 
folge i) die Flexion, welche der Wurzel imumgäng- 
lich erachtete Nebenbestimmungen — meist in abge- 
kürzter Form — anfügend das Wort bildet, 2) die 
Komposition, welche zwei häufig, aber nicht notwen- 
digerweise verbundene Worte — meist beide voller- 
halten — zu einem eint ; und die Syntax, welche die 
durch solche Komposition mit dem Verwandtesten 
geschaffenen Worte in Verbindung mit entfernter 
liegenden Begriffen setzt, und dabei die reich ent- 
wickelten Nebenbestimmungen des einen mit denen 
des anderen zu einem kunstreichen Gewebe verflicht. 
In agglutinierten und reinen Wurzelsprachen ver- 
schieben sich diese Verhältnisse , insofern als in den 
ersteren alles Komposition und Syntax, in den letzteren 
alles Syntax wird; aber der Grundsatz, dass alle 
Grammatik auf der Nebeneinanderstellung , auf 
der An- und Ineinanderfügung ursprünglich selb- 
ständiger Wortelemente beruhe, bewährt sich auch hier. 
Wenn der Grammatik somit die Regelung der 



* 248 * 

Gedankenverbindungen unterworfen ist, so verbleibt 
die höhere Aufgabe der Schaffung der Gedanken 
dem Wörterbuch. Es ist der Zweck einiger vor- 
stehender Abhandlungen gewesen zu zeigen , wie 
verschieden diese Gedanken in den verschiedenen 
Sprachen gestaltet sind; wie ihre scheinbare Gleich- 
heit bei genauerer Untersuchung in eine bunte Mannig- 
faltigkeit zerstiebt; und wie den Geist einer Sprache 
zu erkennen ein eingehendes, und nach Begriflfsklassen 
geordnetes Studium ihrer Wortbedeutungen uner- 
lässlich wird. Wenn indes, wie wir eben gesehen 
haben, die Grammatik auch nur von Sprachgedanken, 
obschon ausschliesslich vom Gesichtspunkt ihrer Zu- 
sammensetzung aus, handelt, so ergiebt sich daraus 
die weitere Schlussfolge, dass, sollen die Begriffs- 
klassen des Wörterbuchs vollständig sein, die der 
Grammatik ihnen eingeordnet zu werden haben. 
Sind doch Ort, Zeit, Person, Ziel, Ursprung, Richtung, 
Wirklichkeit, Möglichkeit, Notwendigkeit, Wünschens- 
wertigkeit und die vielen andern nächsten Nebenbe- 
stimmungen , die mit Nominal- und Verbalbegriffen 
unlöslich verbunden zu werden pflegen , wahrlich 
wichtig genug, um in dem Studium der Sprachge- 
danken nicht übersehen zu werden. Betreffen sie 
doch grade die allgemeinsten Wesenheiten der Dinge, 
welche ihrer unvermeidHchen Gegenwart wegen in 
der konventionell abgekürzten Weise, die wir Flexion 
nennen, bezeichnet worden sind. Wie könnten wir 
erwarten, ihre Bezeichnung durch die selbständigen 
Worte des Lexikons richtig zu erfassen, wollten wir 
die durch die Flexion vermittelte vernachlässig'en ? 
Besteht die Flexion nicht ebenfalls aus selbständi- 



gen, obschon durch regelmässige Anhängung und 
Unterordnung lautlich verkümmerten Worten? Und 
muss nicht zwischen den verschiedenen Ausdrucks- 
mitteln desselben Begriffes, den lexikalischen und den 
grammatikalischen, die ja nur der lautlichen Form, 
aber nicht dem geistigen Inhalt nach verschieden 
sind, ein inneres Band existieren, welches sie ver- 
knüpft, vereint und von einander abhängig macht? 
Wenn sich ein Volksgeist seine Sprache schafft, muss 
nicht diese Sprache ein zusammenhängendes System 
bilden, und muss nicht um so mehr jeder einzelne 
Begriff in seinen verschiedenen Darstellungsweisen 
gleichmässig, und erst in ihnen allen zusammen zu 
seiner ganzen Erscheinung gelangen? Wäre es 
anders, so hätte das menschliche Gehirn keinen Zu- 
sammenhang ; so hätte die formelle Ausbildung nach 
Stämmen, Redeteilen und Flexionen — an sich so 
viel jünger als die Wurzeln und ihr Bedeutungskern 
— dad Band des Sinnes zwischen den Wortarten 
zerschnitten. Die Absurdität dieser Annahme liegt 
auf der Hand; die Notwendigkeit, die eine Ver- 
körperung eines Begriffes mit den anderen zu ver- 
binden, durch die anderen zu erklären, ebenso. 

Also werden wir dahin geführt, die einzelnen 
Kasus und Tempora nach ihrer Bedeutung zu imter- 
suchen, und je nach derselben den betreffenden Be- 
griffsklassen des Lexikons einzuordnen. Ihre ursprüng- 
liche Bedeutung lehrt die bildende Etymologie; ihre 
geschichtlich gewordene die anwendende Syntax. Wir 
werden mithin den Genitiv und seine Verwendung über- 
w^iegend gemeinsam mit den Worten, die Zugehörig- 
keit und Ursprung bezeichnen, behandeln. Wir werden 



* 250 * 

den Dativ mit anderen Ausdrücken des Gebens, 
Mitteilens und Anwirkens erörtern. Wir werden den 
Lokativ mit den Darstellungen des Orts, den In- 
strumental mit denen des Mittels, den Dual und 
Plural mit denen der Mehrheit zusammen untersuchen 
und verstehen. Dieselbe Methode auf das Verbum 
ausdehnend,, werden uns Personen, Tempora und 
Modi in die entsprechenden lexikalischen Begriffs- 
kategorien treten , als da sind Persönlichkeit, Einheit 
und Mehrheit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, 
Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit, Un- 
abhängigkeit, Thun und Leiden u. s. w. Ähnlich 
verteilen sich die Adjektiv- und Pronominalformen 
unter die Eigenschafts-, Steigerungs-, Selbständigkeits- 
und Verhältnisbezeichnungen des Wörterbuchs. 

Wie die Flexion und ihre Bedeutung mit den, 
denselben Begriff selbständig verkörpernden Worten 
als einer Gedankenklasse angehörig betrachtet 
werden, so ergiebt sich die Notwendigkeit des Ab- 
sehens von anderen formellen Unterschieden in der 
Herstellung der Gesamtbegriffskategorieen einer 
Sprache. Der Redeteilunterschied tritt also in dieser 
Betrachtungsweise vor der Begriffsgleichheit zunächst 
in den Hintergrund , um erst in zweiter Linie , inso- 
fern er dem Begriffe etwa eine Sonderschattierung 
verleiht, zur Geltung zu kommen. Der Zeitbegrifif 
wird mithin ebenso aus den Temporibus des Verbi 
und ihrem Gebrauch, wie aus den Nominibus und 
Partikeln jeder Art und ihrer Bedeutung extrahiert. 
Bei der Analyse des Ortsbegrififs werden gleich- 
massig Kasus und Tempora , wie Präpositionen, 
Konjunktionen, Adverbien und das ganze Heer der 



* 251 * 

Verba iind Nomina herangezogen, indem überall die 
Gleichartigkeit des ausgedrückten Gedankens die 
formelle Verschiedenheit überwiegt, und was sich 
geistig am nächsten steht ohne Rücksicht auf äussere 
Gestalt in die Verbindung gesetzt wird, die ihm der 
Sprachgeist gab. Desgleichen geschieht natürlich 
ebenfalls wenn die betreffenden Begriffe keine 
grammatikalischen, sondern nur lexikalische Vertreter 
haben, wie das ja bei der ungeheueren Mehrheit 
aller Begriffe der Fall ist. Auch hier werden die 
Worte zunächst nach ihren Bedeutungen, ohne Be- 
achtung des Redeteils, gruppiert, um erst später der 
Untersuchung zu unterliegen, wie weit die Bedeutung 
durch ihre Zuweisung an einen bestimmten Rede- 
teil beeinflusst worden sein könnte. Um beispiels- 
halber den Schlechtigkeitsgedanken einer Sprache zu 
definieren, werden alle Worte, welche auf denselben 
Bezug haben, seien sie Zeit-, Haupt- oder Eigen- 
schaftsworte oder was sonst, auf ihre ideellen Fär- 
bungen geprüft, nach denselben geordnet, und in einen 
Gedankengliedbau gebracht, welcher was die be- 
treffende Nation von der Sache gehalten, in einem 
anschaulichen und sich gegenseitig interpretierenden 
Bilde vereint. 

Einer so durchgeführten Verbindung von Wörter- 
buch und Grammatik entspringt eine Einsicht in den 
Gedankeninhalt eines Idioms, welche man auf anderem 
Wege vergeblich suchen würde. Die übliche Be- 
handlimg des selbständigen Gedankeninhalts in 
alphabetischen Wörterbüchern, und des abhängigen 
und verbundenen in einer nach Redeteilen geordne- 
ten Grammatik, so nötig sie für Elementarzwecke 



* 252 * 

ist, gewährt keinen Ersatz. Das Wörterbuch zer- 
trümmert die Ansichten seiner Nation in einzehie 
Bruchstücke, und giebt, wo Erkenntnis nur aus der 
gemeinsamen Betrachtung aller, einem Begriffe zu- 
gehörigen Worte gewonnen werden kann, Bröckel- 
steine anstatt eines Gebäudes. Selbst die herge- 
brachte Synonymik mit ihrer Vergleichung der 
nächstzusammengehörigen Bedeutungen innerhalb 
desselben Redeteils gewährt wenig mehr. Die Be- 
schränkung in Bezug auf Zahl und Redeteil nimmt 
ihr den grössten Teil ihres geistigen Wertes und 
lässt, was die Darstellung einer ganzen nationalen 
Gedankenschicht sein sollte, zu einer Übung des 
Scharfsinns und einer Vorschule für den Stil sich 
vereengen. Was aber die Grammatik betrifft, so 
ist es offenbar, dass eine Behandlung nach Rede- 
teilen und den Teilen der Redeteile den Bedeutungs- 
inhalt der Worte und Flexionen einem formellen 
Gesichtspunkt unterordnet, welcher ebenso wie die 
Alphabetik des Lexikons , das Sachliche zerreisst, 
um der äusseren Gestalt Rechnung zu tragen. 
Welcherlei durchgreifende Erkenntnis kann darin 
liegen, den Zeitbegriff des Lateinischen im Ablativ, 
in den Präpositionen, in der Consecufio temporum, der 
Conjugatio periphrastica und dem idiomatischen Ge- 
brauch des Futuri exadi jedesmal gesondert zu 
studieren? Wird nicht Sein, Werden und Folge in 
römischer Fassung nur dann verstanden werden 
können, wenn ihre Bezeichnungsarten aus den ver- 
schiedenen Redeteilen herausgeschält, und das Gleich- 
artige an das Gleichartige gereiht, und aus den ge- 
sammelten Teildarstellungen das Ganze erbaut wird? 



-Oj 



Wird nicht der Ablativ der Eigenschaft mit dem 
Genitiv der Eigenschaft, den Pronominibus possessivis 
und den betreffenden Präpositionen in fortlaufende, 
einander gegenseitig ergänzende und beleuchtende 
Reihen gesetzt zu werden haben, um eine Übersicht 
über den ganzen Begriff, seine Teile und ihren 
organischen Zusammenhang zu erlangen? So wichtig 
das Studium der Grammatik nach Redeteilen , abge- 
sehen von elementaren Zwecken, für die reine Logik 
und ihre Erkenntnis des Verhältnisses zwischen Form 
und Inhalt ist, so wenig kann es das psychologische 
Studium aufwiegen, welches vorzugsweise nach dem 
Inhalt fragt. 

Werden mehrere Sprachen nach diesem Ver- 
fahren untersucht, so gelangen wir, durch die Gegen- 
überstellung ihrer systematisch geordneten und er- 
kannten Wörterschätze , zu einer vergleichende 
Lexikographie, welche der bestehenden vergleichenden 
Grammatik eine wechselseitige Messung des Wort- 
bedeutungsinhalts an die Seite setzt. Eine solche 
vergleichende Lexikographie zeichnet das schärfste 
Bild der analysierten und synthetisierten Sprachen; 
erkundet die tiefsten und dauerndsten Züge der 
konfrontierten Nationen; und liefert wesentliche Bei- 
träge zur bewussten Erkenntnis der zergliederten 
Begriffe und ihrer mannigfachen möglichen Spielarten. 
Tritt hierzu, an den rechten Stellen eingeschaltet, die 
Flexion und ihr Gebrauch, so ergiebt sich ein volles 
Gedankenbild jeder Sprache, welches, gegen eine 
andere Sprache gehalten, die tiefste gegenseitige 
Schätzung beider Völker gestattet, und die abstrakte 
Erkenntnis der Dinge nicht weniger, als die konkrete 



* 254 * 

der Philologie, der Psychologie, Anthropologie und 
Ethnologie fördert und erhöht. 

Dass trotzdem die Grammatik mehr als das 
Wörterbuch studiert wird , entspringt sowohl der 
praktischen Notwendigkeit, als, in manchen Fällen, 
einem prinzipiellen Irrtum in der Schätzung beider. 
Beim Anfang des Studiuns muss die Flexion durch- 
aus erlernt werden, da sie sich in ihrer unlöslichen 
Verbindung mit dem Stamm im Wörterbuch nicht 
nachschlagen lässt. Desgleichen hat die Bedeutung 
der Flexion in der Syntax speziell erlernt zu werden, 
weil der Gebrauch, den die verschiedenen Sprachen 
von ihr für die Satzbildung machen, selbst da, wo 
die Flexionen sich mehr oder weniger entsprechen, 
ein ausserordentlich verschiedener ist. Der Russe ge- 
braucht seinen Genitivus als Partitivus nach Zahlworten, 
der Deutsche nicht ; Franzose undEngländer haben beide 
bestimmte und unbestimmte Artikel, wenden sie aber 
teilweis geradezu in der umgekehrten Weise an, so 
dass der eine l' komme sagt , wo der andere a man 
setzen würde; Lateiner sowohl als Griechen besitzen 
Perfekt und Imperfekt, verwerten sie aber jeder in 
seiner eigenen Weise, weil beim Griechen noch die 
Aoriste als dritte Vergangenheitsform dazu kommen. 
Der Wortvorrat dagegen bietet dem ersten Blick 
analoge Schwierigkeiten nicht dar. Wozu ist das 
handliche Lexikon vorhanden, als um unbekannte 
Worte im Moment zu erklären? Und hat man sie 
in ihrer alphabetischen Ordnung mit leichter Mühe 
gefunden, und die beigefügte Verdolmetschung ge- 
lesen, was bleibt da weiter an ihnen zu begreifen? 
Lässt sich nicht mit der gefundenen Verdolmetschung 



* 255 * 

flott übersetzen, und was will man mehr? Dass diese 
Verdolmetschung nur annähernd die fremde Bedeu- 
tung wiederzugeben vermag; dass das entsprechende 
Wort unserer eigenen Sprache allerdings das dem 
fremden Wort in unserem Idiom nächste, aber des- 
halb durchaus noch nicht mit ihm identisch ist; und 
dass gerade die Differenz ihres Bedeutungsinhalts 
das eigenthümliche , neue und lehrreiche an dem 
fremden Worte bildet, wird gewöhnlich nicht leicht 
erkannt, und, wenn erkannt, mehr der unbestimmten 
Gefühlswahrnehmung als der bewussten Verstandes- 
einsicht überlassen. Und dennoch ist es nicht weniger 
als der ganze Gedankenvorrat einer Sprache, um 
dessen Erkenntnis im Wörterbuch es sich handelt, 
während die Grammatik nur die Verbindungen dieser 
Gedanken und die Bedeutungen einiger häufiger 
Nebenbestimmungen lehrt. Und dennoch würde, eine 
so ungeheuere Aufgabe die Erkenntnis einer einzigen 
ganzen Sprache nach der vorgeschlagenen Methode 
sein müsste, die vergleichende Zergliederung einer 
Anzahl fremder und eigener Begriffe , wären sie 
richtig gewählt , sich schon auf elementarer Stufe 
durchführen lassen, und neben praktischer Förderung 
einen tiefsten Einblick in das Wesen der beiden 
Sprachen, in das Wesen aller Sprachen gewähren.*) 
Was die Begriffsklassen betrifft, nach denen die 
Worte einer Sprache zu den genannten Zwecken 



■*) Still more useful would be a conjunction of these methodical 
compilations in two languages, the French and English, for instance; the 
columns of each being placed in parallel juxtaposition. No means yet 
devised would so greatly facilitate the acquisition of the one language 
by those who are acquainted with the other: none would afford such 



* 256 * 

geordnet und untersucht zu werden haben, so werden 
sie teils von den philosophischen Kategorieentafeln, 
welche den gegenwärtigen Stand unserer gesammten 
Erkenntnis formulieren, teils von dem Wortvorrat und 
seinem Bedeutungscharakter in jeder Sprache selbst 
geliefert. Die wissenschaftliche Erkenntnis der Welt 
in den letzten zweihundert Jahren hat den Katego- 
rieentafeln so wesentlich gleiche Grundzüge verliehen, 
dass linguistisch erhebliche Zweifel über diesen Punkt 
nicht wohl mehr stattfinden können. Dasein, Stoff, 
Geist, Ursache, Beziehung; Zahl, Zeit, Raum, Be- 
wegung, Wechsel, Grösse, Ordnung u. s. w. bilden 
den Rahmen. Unzählige Unterabteilungen, nach allge- 
mein anerkannten Ergebnissen der Forschung ge- 
gliedert, füllen ihn aus. In einem Idiom in einer Unter- 
abteilung besonders zahlreich und zart, sind es die 
Begriffe in einem anderen in einer anderen; in vielen 
fehlen eine Anzahl genauerer Unterabteilungen ganz. 
Wie reich sich dieses Verzeichnis in einer nach den 
verschiedensten Richtungen hin wohlausgebildeten 
und deshalb zum allgemeinen Massstab besonders 
geeigneten Sprache — im Englischen — gestaltet, 
möge man aus der Übersicht von Roget's Thesaurus 
of English Words and Phrases, in der (hier teilweis ver- 
änderten Schlessing'schen Übersetzung) ersehen : *) 



ample assistance to the translator in either language ; and none would 
supply such ready and efFectual means of instituting an accurate 
comparison between them, and of fairly appreciating their respective 
merits and defects. In a still higher degree would those advantages 
be combined in a Polyglot Lexicon constructed on this System. 
Reget, Introduction. XXVIII. 

*) Das Verzeichniss ist zu grösserer Übersichtlichkeit und Ver- 



* 257 * 
Allgemeine Einteilung. 
Klasse. Abteilung. 

( I. Dasein. 2. Beziehung. 

I. Abstrakte Be- 3. Menge. 4. Ordnung. 

Ziehungen • ■ • ! 5. Zahl. 6. Zeit. 

I 7. Veränderung. 8. Ursache und Wir- 

[ kung. 

_, ( I. Im allgemeinen. 2. Ausdehnung. 

n. Raum { ^, ^ 

l 3. Gestalt. 4. Bewegung. 

gleichbarkeit in antithetische Gruppen gereiht. Über einen Vorzug 
dieser Anordnung sagt Hume im Essay on the populousness of 
ancient notions: „It is a universal Observation which we may form 
upon language , that where two related parts of a whole bear any 
Proportion to eachother in numbers , rank or consideration , there are 
correlative terms invented which answer to both the parts and express 
their mutual relation. If tliey bear no proportion to eachother, the 
term is only invented for the less, and marks its distinction from the 
whole, Thus man and woman, master and servant, father and son, 
prince and subject, stranger and Citizen are correlative terms. But the 
words Seaman , carpenter , smith , tailor &c have no correspondent 
terms, which express those who are no seamen, no carpenters &c. 
Languages differ very much with regard to the particular words, where 
this distinction obtains; and may theiice afford very strong inferences 
concerning the manners and customs of different nations. The mi- 
litary government of the Roman Emperors exalted the soldiery so 
high, that they balanced all the other orders of the State: hence 
miles and paganus became relative .terms, a thing tili then unknovra 
to ancient, and still so to modern languages. The term for a slave, 
born and bred in the family, was verna. As servus was the name 
of the genus, and verna of the species without any correlative, this 
forms a strong presumption that the latter were by far the least 
numerous. From the same principles I infer, that if the number of slaves 
brought by the Romans from foreign countries nad not extremely 
exceeded those which were bred at home, verna would have had a 
correlative, which would have expressed the former species of slaves. 
But these, it would seem, composed the main body of the ancient 
slaves, and the latter were but a few exceptions." 

Abel, Spiachw. Abhdlgen. ^7 



* 258 * 



III. Stoff 



{I. Im allgemeinen. 2. Unorganisch. 
3. 



3. Organisch. 

IV. Geist I. Begreifen. 2. Mitteilen. 

f I. Persönlich. 2. Anwirkung. 

' l 3. 



V. Wille . 



3. In Bezug auf Besitz. 



( I. Allgemein. 
VI. Empfinden. . . ^ 3- Gesellig. 



\ 



5. Rechtlich. 



2. Persönlich. 
4. Sittlich. 
6, Religiös. 



Genauere Einteilung. 
Klasse I. Abstrakte Beziehungen. 



Abteil. I. Dasein. 

a. Abstrakt . . . . 

b. Konkret , . . . 

c. bezügl. Beschaf- 
fenheit 

d. bezügl. Art und 
Weise 

Abteil. II. Beziehung. 



a. Absolut 



I. Existenz. 
3. Wesenheit. 

5. Inneres Wesen. 

Absolut. 
7. Stand. 

9. Beziehung. 

1 1 . Verwandtschaft. 

12. Gegenseitigkeit. 

13. Identität. 



2 Inexistenz. 
4. Unwesenheife. 

6. Äusserlichkeit. 

Relativ, 
8. Umstand. 

10. Beziehungslosigkeit. 



14. Gegensatz. 

15. Unterschied. 

b. Stetige Bezieh- 
ung 16. Gleichförmigkeit. i6a. Abwesenheit oder 

Mangel an Gleich- 



c. Partielle Be- 
ziehung . . . 



'17. Ähnlichkeit. 
19. Nachahmung. 



förmigkeit. 
18. Unähnlichkeit. 

{Nicht -Nach- 
ahmung. 
Verschiedenheit. 
22. Vorbild. 



21. Kooie. 

d. Allgemeine Be- 
ziehung 23. Übereinstimmung. 24. Nicht -Übereinstim- 
mung. 



* 259 * 



Abteil. III. Menge. 

Absolut. Relativ, 

a. Einfache Quan- 

titcät 25. Menge. 26. Grad. 

27. Gleichheit. 28. Ungleichheit, 

29. Mittelmass. 

30. Ausgleichung. 
Vergleichend : 

31. Grösse. 32. Kleinheit. 
Im Vergleiche mit einem ähnlichen Gegen- 
stand. 

33. Superiorität. 34. Inferiorität. 

Quantitäts- Veränderung. 
35. Zunahme. 36. Abnahme. 



b. im Vergleiche . i 



c. in Bezug auf 
Verbindung . 



37. Hinzufügung. 
39. Zusatz. 



d. an und für sich ' 



38. Abziehung. 
40. Übriges. 

{Hinwegzuneh- 
mendes. 
Abzuziehendes. 
41. Mischung. 42. Unverraischtheit. 

43. Verbindung. 44. Trennung. 

45. Bindemittel. 

46. Zusammenhang. 47- Zusammenhangs- 

losigkeit. 
48. Zusammensetzung. 49. Auflösung. 

'50. Ganzheit, 51, Teil. 

52, Vollständigkeit. 53, Unvollständigkeit. 
54. Einschluss, 55. Ausschluss, 



56. Bestandtteil. 



57 



(Nicht-Bestandteil. 
iFremdartigkeit, 



Abteil. IV. Ordnung, 

. [58. Ordnung 

a. allgemein . . . \ ^ 

160, Anordnui 



b. in Bezug auf 
Reihenfolge . 



59. Unordnung. 
61. Verwinung. 
63, Nachfolge. 
65. Folge. 
67. Ende. 



Anordnung. 
62. Vorangehen. 
64. Vorläufer. 
66. Anfang. 

68. Mitte. 

69. Ununterbrochenheit- 70. Unterbrechung. 
71. Stellung. 

17* 



26o 



c. in Bezug auf 
Gesamtheit . . 

d. in Bezug auf 
Einteilung . . 

e. in Bezug au fRe- 
gelmässigkeit. 



72. Gesamtheit. 

74. Sammelort. 
'75. Klasse. 
76. Inbegriff. 
78. Allgemeinheit. 
^80. Regel. 
82. Einklang. 



/■Nicht- Gesamt- 

73,- l lieit- 

IVerstreuung. 



77. Ausschliessung. 
79. Besonderheit. 
81. Vielförmigkeit. 
83. Ungleichförmigkeit. 



Abteil. V. Zahl. 

a. abstrakt (an und 
für sich) 



b. bestimmte Zahl 



c. unbestimmt e 
Zahl 



Abteil. VI. Zeit. 



a. absolut 



b. relativ Zeitfolge 



|'84. Zahl. 
J85. Zählung. 
86. Liste. 
■87. Einheit. 

89. Dualität. 

90. Verdoppelung. 

92. Dreiheit. 

93. Verdreifachung. 

(Vier. 

l Vierzahl. 
96. Vervierfachung. 
98. Fünf etc. 
100. Mehrheit. 

102. Menge. 

104. Wiederholung. 

105. Unzählbarkeit, 



106. Dauer, 

Bestimmte Dauer. 
108. Periode. 
HO. Langwierigkeit. 
112. Beständigkeit. 

114, Zeitmass. 
116, Priorität, 
1 1 8. Gegenwart. 
120. Gleichzeitigkeit. 
12 r. Zukunft. 



88. Begleitung. 
91. Zweiteilung. 
94. Dreiteilung. 



97. Vierteilung. 
99. Fünfteilung etc', 
lOOa. Bruchteil, 
10 1, Null. 
103. Wenigkeit. 



107. Zeitlosigkeit. 

Unbestimmte Dauer. 
109. Zeitlauf. 
III. Flüchtigkeit. 
113. Augenblicklich- 
keit. 
115. Anachronismus. 
117. Posteriorität. 
119. Nichtgegenwart. 

122. Vergangenheit. 



201 



b. rela- 
tiv , 



2. in Bezug auf (^123. Neuheit, 
einen besonde- 125. Morgen, 
ren Zeitpunkt •' 127. Jugend, 
oder Zeitraum 129. Säugling. 

3. in Bezug auf VI31. Mannbarkeit. 
Wirkung oder (132. Frühzeitigkeit. 
Zweck . . . . I134. Gri 



c. in Bezug auf 
Wiederholung 



34. Gelegenheit. 
136. Häufigkeit. 

iPeriodicität. 
/ Regelmässige 
I Wiederkehr. 



138 



Abteil. VII. Veränderung, 



a. einfache Ver- 
änderung . . . 



124. Altertum. 
126. Abend. 
128. Alter. 
130. Greis. 

133. Verspätung. 
135. Unzeitigkeit. 

137. Seltenheit. 

(Irregularität. 
139. N unregelmässige 

\ Wiederkehr, 

141. Beständigkeit. 
143. Fortsetzung. 
145. Rückverwandlung. 



b. komplicierte 
Veränderung 
(deren Anlass und 
Folge). 



140. Veränderung. 
142. Aufhören, 
144, Umwandlung. 

, (Plötzliche, heftige Veränderung. 
{Revolution. 

{Substitution. 
Stellvertretung. ^^S. Verwechslung. 
)i49. Veränderlichkeit. 150. Un Veränderlich- 
keit. 



jGegenwärtige ^Zukünftige 

151, < Ereignisse. 152, ! eignisse. 

[Eventualität, I : 
Abteil, VIII. Ursache und Wirkung. 



Er- 



eignisse. 
Schicksal. 



a. Beständigkeit 
in Folge von 
Ereignissen . , 

b. Zusammenhang 
zwischen Ur- 
sach eu.Wirkung 



j- (Vorhergehendes: f Nachfolgendes: 

[Ursache. " [Wirkung. 



{Bestimmbare 
Verursachung : 1 56. < 
Zuschreibung. 



'Abwesenheit 
bestimmbarer 
Ursachen : 
Zufall. 



c. Wirkende Kraft 



157. Kraft j^g /Impotenz. 

lUnveiTnögen. 
Grad der Stärke: 
159, Gewalt, 160. Schwäche. 

161, Erzeugung, 162. Zerstörung. 

, f Reproduktion. 
\ Wiedererzeugung 
164. Erzeuger 165. Zerstörer, 

166. Vaterschaft. 167, Nachkommen- 

schaft, 



202 



c. Wirkende Kraft« 



j^^ /Energie. 

I Thätigkeit. 
173. Heftigkeit. 

d. indirekte Kraft 4i75- Einfluss. 

jiyö. Neigung. 

e. z u s a m m e n w i r- 



168. Fruchtbarkeit. 169. Unfruchtbarkeit. 
{Wirkende Kraft. 
Agens. 



170. < 



172. Trägheit. 

174. Massigkeit. 

175a. Einflusslosigkeit. 

177. Verpflichtung. 



kende Ursache 



n ^78. 



Zusammentreffen. 179. Gegenwirkung. 



Klasse IL Raum. 

Abteil. I. Raum im allgemeinen. 



a. abstrakt 



b. relativ (bezieh- 
ungsweise) .... 



180. ( 



\rs 



Unbegrenzter 
Raum: 



c. Existenz im 

Raum ^188. Einwohner. 

^190. Inhalt 

Abteil. II. Raumausdehnung. 

192. Umfang. 



i8oa.|^''^^^^"'^°"- 

l Raumlosigkeit. 

( Begrenzter 

181. < Raum: 
n. (Region. 

182. {P'^^- 
l Lokalität. 

.183. Lage. 

g fLokaUsierung. „ fDislocierung. 

1 Platzanweisung. \VerrückuDg. 

186. Anwesenheit. 187. Abwesenheit. 



a. im allgemeinen ' 



194. Ausdehnung. 

196. Entfernung. 
198. Zwischenraum. 



b. line ar 



,200. Länge. 
J202. Breite. 
1^204. Schichte. 



189. Wohnort. 
191. Behälter. 



193. Kleinheit. 

(Kontraktion. 
Zusammenzie- 
hung. 
197, Nähe. 

{Angrenzung. 
Berührung. 
201. Kürze. 
203. Schmalheit. 
205. Faser, 



203 



b. linear (Forts.) 



212. 



206. Höhe. 

208. Tiefe. 

210. Gipfel. 

jVertikalität, 
\ Senkrechtheit. 

214. Schweben. 

, (Parallelität. 
216. ) 

I Gleichlauf. 

„ lUmkehrung. 

j Inversion. 

219. Durchkreuzung. 

2?o. Äusseres. 

i Centralität. 



213. 



;. in Be- 
zug auf 
einCen-' 
trum 



207. Niedrigkeit. 
209. Seichtigkeit. 
211. Fundament. 

{Horizontalität. 
Wagerechtheit. 
215. Stütze. 

{Divergenz. 
Abweichung. 



22 I . Inneres 



{ Mittelpunktsvereinigung. 



I . allgemein < 



2. speciell 



223. Bedeckung. 

225. Bekleidung. 
227. Umliegendes. 

229. Begrenzung. 

230. Umfassung. 

231. Rand. 

232. Umhegung. 

233. Grenze. 

234. Vorderseite. 
236. Seitenlage. 
238. Rechts. 



•Futter. 
224. I 

(Füllung. 

226. Entkleidung. 

228. Zwischenliegendes. 



235. Rückseite. 
237. Gegenüber. 
239. Links. 



Abteil, ni. Form. 



a. allgemein 



• I242. 



b. sp eciell 



c. in Bezug auf 
Oberfläche . . 



240. Form. 241. Formlosigkeit. 

Regelmässigkeit , Unregelmässigkeit 

der Form: 243. der Form: 

Symmetrie. ' Verzerrung. 
(244. Winkeligkeit. 

245. Krümmung. 246. Geradheit. 

(Zusammengesetzte 

_^,. _-,- Kreisform. 

form. \ Aufrollung. 

249. Rundheit. 251. Flachheit. 

I (Konvexität. (Konkavität. 

1250. { 252. J 

\ (Wölbung. I Vertiefung. 

(253. Schärfe. 254. Stumpfheit, 



264 



c. in Bezug auf 
Oberfläche (Forts.) 



255. Glätte. 

257. Einschnitt. 

258. Falte. 

259. Furche. 

260. Öffnung. 
262. Bohrer. 



256. Rauheit. 



261. Geschlossenheit. 
263. Verschluss. 



Abteil. IV. Bewegung. 



264. Bewegung. 



265, 



(Ruhezustand. 



zu Lande: 
266. Reise. 



\Ruhe(-Ort). 
Ortsveränderung 

zu Wasser, durch die Luft: 



a. allgemein 



J268. Reisender. 
J270. Übertragung. 

1271. Träger. 

1272. Fahrzeug. 

b. in Bezug aul ^y^. SchneUigkeit. 

Geschwindigkeit \ 



r j Schifffahrt. 
J Luftfahrt. 
269. Schifffahrev. 



273. Schiff. 

275. Langsamkeit. 



c. in Verbindung 
mit Kraft 



276. [ ™P^ ^* 277. Rückprall. 

ITriebkraft. " ^ 



d. mit Bezug auf 
Richtung . . . 



278. Richtung. 
280. Leitung. 
282. Vorwärtsbewe- 
gung- 
284. Stossen. 
286. Annähening. 
288. Anziehung. 

[Zusammenlaufen. { 

290. <^ 291. >* laufen 

(Konvergenz. 

292. Ankunft. 

295. Eintritt. 

296. Empfang. 
298. Speise. 

Erzwungener 



300. l Eingang. 

[^Einschaltung. 
302. Durchgang. 



279. Abweichung. 
281. Nachfolger. 
283. Rückwärtsbewe- 
gung 
285. Ziehen. 
287. Fortbewegung. 
289. Abstossimg. 

Auseinander- 
291. } 

[^Divergenz. 
293. Abreise. 
295. Austritt. 
297. Ausstossung. 
299. Entleerung. 

j Erzwungener 
301. \ Ausgang. 
Ausziehung. 



26.S 



d. mit Bezug auf 
Richtung (Forts.) 



303. Überschreitung. 

305. Aufgang. 

307. Erhöhung. 

309. Sprung. 

311. Kreisbewegung. 

312. Umdrehung. 

314. Schwingung. 

315. Erschütterung. 



304. Kürzung. 
306. Herabsteigen. 
308. Erniedrigung, 
310. Sturz. 

313. Rückdrehung. 



Klasse IH. Stoff. 

I Stoff lichlceit. 



316. 



' Materialität. 



Q I Universum. 
1 Welt. 



Abteil. I. Stoff im 
allgemeinen . . 

[319. Schwere. 
Abtheil. II. Unorganischer Stoff. 

321. Dichtheit. 
323. Hartheit. 
325. Elasticität. 
J327. Zähigkeit. 

329. Gelüge. 

330. Pulverigkeit. 

331. Reibung. 

33 i- Flüssigkeit. 



1. feste Körpe r 



, tStoftlosigkeit. 
316. { 

'Immatenahtät. 



320. Leichtheit. 

322. Undichtheit. 
324. Weichheit. 
326. Inelasticität. 
328. Sprödigkeit, 



33^ 



[Abwesenheit der 
\ Reibung. 
l( 



I. allgemein S^^^^ Flüssigmachung. 336. Verdunstung 



Glätte. 
334. Gasförmigkeit 



337. Wasser. 
339. Feuchtigkeit. 
341. Ocean. 



keiten I 



338. Luft. 

340. Trockenheit. 

342. Land. 

344. Flachland. 



2. speciell . ^-^^ ' 
b. Flüssig- 1 Golf, 

1 -^^ i ^43- T 1 A 

lulandsee. 

[345. Sumpf. 346. Insel. 

^347. Strömung. 

3. in Bewe- J348. Fluss. 
gun-T . . \ ( Wasserdurchlass. 

^^ J Wasserleitung. 

{Semifluidum. 
Dickflüssigkeit. 

354.|^7^'f.' 355. Fett,gkeit. 

I Pulpositat. 

356. Oel. 356a. Harz. 



Wind. 
I Luftweg, 
l Luftröhre. 



c. unvollkommene 
Flüssigkeiten . 



349 
351 
353. Blase. 



266 



Abteil, in. Organische Welt. 



a.Vitalität 



357- 
359. 



I . allgemein / 



2. speciell , 



I. allgemein . . . . 



I. Berüh- 
rung . 



2. Wärme . ' 






2. spe- 
l. ciell . 



Ge- 
schmack 



364. 
366. 
368. 

370. 

372. 
1373. 

375- 

,377. 
379. 

380. 

382. 
384. 

386. 

388. 
I389. 
'390. 

392. 
393. 
394. 



Organisation. 
Leben. 



Tierleben. 

Tier. 

Tierkunde. 

{Zähmung. 
Züchtung. 
Menschheit. 
Mann. 

Phys. Empfin- 
dung. 
Gefühl. 
Genus s, 
Berührung. 

I Gefühl der Be- 
rührung. 
Kitzel. 

Hitze. 
Erwärmung. 

Ofen. 

Brennmaterial. 
Thermometer, 
Geschmack. 



358. 
360, 

361. 

362, 
363. 
365. 
367. 
369. 



Unorgan. Welt, 
Tod, 

( Lebenszerstörung. 
iMord. 
Leiche, 
Beerdigung. 
Pflanzenleben. 
Pflanze. 
Pflanzenkunde. 



371. Landwirthschaft. 



374- Weib. 



376. 
378. 

381. 

383. 

385- 

387. 
391 



Empfindungslosig- 
keit. 
Missbehagen. 

[Unempfindlich- 
keit gegen Be- 
rührung. 
Erstarrung. 
Kälte. 
Abkühlimg. 
( Refiigerator. 
1 Abkühler. 



I Schmackl osigkeit . 
I Ungeschmack. 



396. 
|398. 
4. Geruch . \300. 



402. 
404. 



Schärfe. 
Würze. 
Schmackhaf tigkeit. 395- 

Süsse. 397. 

Geruch. 399. 

Wohlgeruch. 401. 



Unschmackhaftig- 
keit. 
Säure. 

Geruchlosigkeit. 
Gestank. 



I. Schall im allgemeinen. 

Schall. 403, Lautlosigkeit. 

T .1 -^ „, {Schwacher Schall, 

Lautheit. 405. 



iLei 



se. 



267 



5- Schall 



2. Specielle Laute. 



406. Krach. 

„ I Wiederhall. 
408. J 

I Resonanz. 



407. Geroll. 

408a. "Nicht-Resonanz. 

409. Gezische. 

410. Misston, 

411. Menschliche Töne.4 12. Tierlaute. 

3. Musikalische Töne. 
Melodie. 4I4- Missklang. 

Musik. 
Musiker. 
Musikinstrument. 



413- 

415- 
416. 
417. 



2. speciell 
(Forts.) 



4. Wahrnehmung des Sciialles. 
418. Gehörsinn. 419. Taubheit. 

I. Licht im allgemeinen. 
420. Licht. 421. Dunkelheit, 

422. Düsterkeit, 
423. Lichtquelle. 424. Schatten. 

425. Durchsichtigkeit. 426.Undurchsichtigkeit. 
Semitransparenz, 
Halbdurchsichtig- 



'{ 



427. _ 

keit. 

Specielles Licht. 

429. Farblosigkeit, 
Schwarz. 
Braun. 
Grün. 
Purpur. 
Orange. 



431- 
433- 
435- 
437- 
439- 



428. Farbe. 

430. Weiss. 

6. Licht. ^432. Grau. 

434, Röte. 

436. Gelb. 

438. Blau. 

440. Buntfarbigkeit. 

3. Wahrnehmung des Lichtes. 

f Sehen. 442. Blindheit. 

441./ 

I Sehvermögen. 443. 

444. Zuschauer. 

445. Optische Instrumente. 

446. Sichtbarkeit. 447, 



Unvollliommenes 
Sehvermögen. 

Unsichtbarkeit. 



448. Erscheinung. 440. Verschwindung. 



268 



Klasse IV. Geistige Fähigkeiten. 



Abteil. I. Begriffsbildung. 



450. Verstand. 



a. allgemein 



451. Gedanken. 
453. Gedachtes. 

455. Wissbegierde. 



b, Bedingungen 

der Begriffsbil- •I461. Forschung, 
dun? 



454- 



450a. Abwesenheit des 

Verstandes. 
452. Gedankenlosigkeit. 

Thema. 

Gegenstand. 

r I Interesselosigkeit. 
I Teilnahmlosigkeit 
457. Aufmerksamkeit. 458. Unaufmerksamkeit. 
459. Sorgfalt. 460. Nachlässigkeit. 

462. Antwort. 
463. Experiment. 464. Vergleich. 

465. Unterscheidung. 465a. Nicht-Unter- 

scheidung. 

466. Erwägung. 

467. Beweis. 



c. Anlass für Beur- 
teilungjSchluss- J 
folgung .... 



470. Möglichkeit. 



468. Gegenbeweis. 

469. Qualificierung. 
471. Unmöglichkeit. 



Beurteilende 
Thätigkeit , 



Resultat de r ur- 
teilenden Thä- 
tigkeit 



472. Wahrscheinlich- 473. Unwahrscheinlich- 

keit. keit. 

474. Gewissheit. 475. Ungewissheit. 

, ^^ ., (Instinkt. 

476. Urteilen. 477. ,) 

^' j Naturtrieb. 

478. Beweisführung. 479. Widerlegung. 

480. Urteil. 481. Vorurteil. 

480a. Resultat der Forschung: Entdeckung. 
482. Überschätzung 483. Unterschätzung. 
484. Glaube. 485. Unglaube. 

486. Leichtgläubigkeit.487. Ungläubigkeit. 
488. Übereinstimmung.489. Meinungsverschie- 
denheit. 
491. Unwissen. 

I Ignorant, 
493- { 

I Nichtswisser. 

495. Iirtum. 

j Absurdität. 



490. Kenntnis. 
492. Gelehrter. 
494, Wahrheit. 
496. Grundsatz 



497. 



\ Ungereimtheit. 



26g 






498. 



Fähigkeiten. 

Verständnis. ^ ^„ Unfähigkeit. 

499- 
Weisheit. Thorheit. 

J500. Weiser. 501- Thor. 

502. GesunderVerstand.503. Narrheit. 

504. Narr. 



mit Bezug 
auf Ver- 
gangenheit 



2. Zukunft 



g. Schöpferischer 
Gedanke 



505- 


Gedächtnis. 


506. Vergessenheit. 


'507- 


Erwartung. 


508. Erwartungslosig- 

keit. 

509. Enttäuschung. 


510. 


Vorhersicht. 




511- 


Vorhersagung. 




512. 


Wahrzeichen. 
Omen. 




513- 


Orakel. 




514- 


Vermutung. 




515- 


Einbildung. 





Abteil, n. Mitteilung von Begriffen. 





516. 


Bedeutung. 


517 


Bedeutungslosig- 
keit. 


Fassung undBe- 


518 


Verständlichkeit 


519 


Unverständlichkeit 


schaffenheit des 


520 

521 


Zweideutigkeit. 






Begriffs- Aus- 


Metapher. 






druckes 


Anspielung. 








522. 


Auslegung. 


523 


Missdeutung. 




524- 


Ausleger. 








'525- 


Offenbarung. 


526. 


Verborgenheit. 




527- 


Nachricht. 


528. 


Geheimhaltung. 




529. 


Enthüllung. 
Publicierung. 


530. 


Hmterhalt. 


Art und Weise 


531- 


Öffentlichkeit. 






der Mitteilung. 


532. 


Neuigkeit. 


533. 


Geheimnis. 


534- 


Botschafter. 








535- 


Bejahung. 


536. 


Verneinung. 




537- 


Belehrung. 


538. 
539- 


Irrlehre. 
Lernen. 




540. 


Lehrer. 


541. 


Lernender. 


1 




542. Schule. 





270 * 



543- Wahrhaftigkeit. 



547. Betrogener. 
l 

Abteil. III. Mittel zur Gedanken-Mitteilung. 
'550. Anzeichen. 



544. Falschheit. 

545. Täuschung. 

546. Unwahrheit. 

548. Betrüger. 

549. Übertreibung. 



a. Natürliche 
Mittel . , . . 



b. Sprache. 



55 



^Geschichte. 
I. I Chronik. 
(Notiz. 
553. Berichterstattung. 



552. 



555- 



I. im allge- 
meinen . 



554. Darstellung. 

556. Malerei. 

557. Bildhauerei. 

558. Kunststecherei. 

i.5S9- Künstler. 

560. Sprache. 

561. Buchstabe. 

562. "Wort. 563. 
564. Benennung. 565. 

566. Satz. 

567. Grammatik. 

569. Stil. 

Stilarten 

570. Deutlichkeit. 571. 
572. Kürze. 573. 
574. Stärke. 575. 
576. Einfachheit. 577. 



^Vernichtung der 
■v Zeichen. 
*-Spurlosigkeit, 
Unricht. Darstel- 
) lung. 
1 Verzerrung. 



Sprachneuerung. 
Missbenennimg. 



568. Sprachfehler. 



2. D. (münd- 
liche) 
Sprechen. 



578. Anmut. 

[580. Stimme. 
582. Rede. 



584. Redseligkeit. 
586. Anrede. 
588. Unterhaltung. 
590. Schrift. 
592. Korrespondenz. 



579. 

581. 
583. 

585. 
587 
589 
591 
593 



UnverständUchkeit. 
Weitschweifigkeit. 
Schwäche. 
Ausschmückung. 

{Geschmacklosig- 
keit. 
Unzierlichkeit. 
Stimmlosigkeit. 

{Undeutl. Rede. 
Stammeln. 
Schweigsamkeit. 
. Erwiederung. 
. Selbstgespräch. 

Druck. 
Buch. 



271 



c. S chrift und 
Druck .... 



595- 



594. Beschreibung. 

Gelehrte Abhandlung. 

Dissertation. 

< 596. Auszug. 

597. Dichtung. 598. Prosa. 

Theater. 
599- 

Drama. 



Klasse V. Wille. 



Abteil. I. Persönliches Wollen.*) 

röoo. Wollen. 



S 



I. Willensakt 



601. Notwendigkeit. 
602. Bereitwilligkeit. 603. Abgeneigtheit. 
604. Entschlossenheit. 6o5.Unentschlossenheit. 
^04a. Beharrlichkeit. 
606. Halsstarrigkeit. 607. Sinneswechsel. 

608. Launenhaftigkeit. 



612. 



609a. Nichtwahl. 
610. Nichtannahme. 

Impuls. 

Einfall. 
614. Entwöhnung. 

{Fehlen des Be- 
weggrundes. 
Grundlosigkeit. 
[■Abhalten. 
616. A Abreden. 

''Einwendung. 

{Nachteil. 
Übel. 
Verhängnis. 
jAbsichtslosigkeit 
, ^2'- tzufall. 

b. Wollen bezüglich .^22_ U^^^^^^j^^^^g^ 623. Untemehmungs- 
d. zu Erreichenden. 1 losigkeit. 



2. Veranlassung 
zum Wollen 



3, Ergebnis des 
> Wollens . . 



609. Wahl. 

6 1 1 ._ Vorherbestim- 
mung. 
613. Gewohnheit. 

'615. Beweggrund. 



617. Scheingrund. 



618. Vorteil. 



620. 



Absicht. 



l 



624. Entsagung. 



*) i. e. Wille in Bezug auf die wollende Person. 



r625. Geschäft, 
b. Wollen bezüg- 626. Plan, 
lieh d. zu Errei- ^627. Methode, 
chenden. (Forts.) 628. Mittelrichtung. 
1^630. Erfordernis. 



629. Umweg. 



I. Dienliches, Be- 
förderliches . . 



2. Grad der Dien- 
lichkeit 



631. 

632. 
633- 
634. 
635- 
636. 

637- 
639. 
641. 

642. 
644. 
646. 



650. 

654- 

656. 

^658. 

660. 

662. 
664. 

666. 
668. 
669. 
670. 
671. 
672. 



/"Wirken. 

\Mitwirkung. 

Mittel. 

Weikzeug. 

Ersatzmittel. 

Stoff. 

Vorrat. 

Versorgung. 

r Genüge. 

\Hinlänglichkeit. 

Überfluss, 



638. Verbrauch. 
jUngenüge. 
' I Unzulänglichkeit. 



Wichtigkeit. 643. 

Nützlichkeit. 645. 

Zweckmässigkeit. 647. 

Güte. 649. 

Vollkommenheit. 651, 



Reinlichkeit. 
Gesundheit. 
Heilsamkeit. 
Besserung. 
Wiederherstel- 
lung. 
Heilmittel. 
Sicherheit. 
Zuflucht. 
Warnung. 
Allarm. 
Erhaltimg. 
Entkommen. 
Erlösung. 



653. 
655. 
657- 
659- 
661. 

663. 
665. 
667. 



Unwichtigkeit. 
Nutzlosigkeit. 
Unzweckmässig- 

keit. 
Schlechtigkeit. 
UnvoUkommen- 

heit. 
Unreinlichkeit. 
Krankheit. 
Ungesundlieit, 
Verschlimmerung. 
Rückfall. 

Gift. 

Gefahr. 

Schlinge. 






-O In 



H 



Vorhergehen 
de, einleitende 
Schritte zur 
Zweck - Errei 
chung . . . 



673. Vorbereitung. 674. 



,675. 
676. 



Versuch. 
Untemehmun£: 



677. Benutzung. 



I. An und für 1 
sich . . . 



^680. 
682. 
68/^. 



^,686. 
688. 



Bezüglich der 
Art u. Weise 



691. 
692. 
693. 
694. 
695. 
696. 



697. 
698. 



Das Thun. 

Thätigkeit. 

Eile. 

Anstrengung. 

Ermattung. 

Thäter. 

Arbeitslokal. 

Handlungsweise. 

Führung. 

Vorsteher. 

Ratschlag. 

Ratsversamm- 

lung 
Vorschril t. 
Geschicklichkeit. 



678. 

679. 
681. 
683. 
685. 
687. 
689. 



/■Nicht - Vorberei- 
j tung. 
l.Unbereitschaft. 



j Nicht-Benutzung. 
I Entsagung. 
Missbrauch. 
Das Nichtthun. 
Unthätigkeit. 
Musse(zeit). 
Ruhe. 
Erholung. 



699. 



I. Zustand 



2. Handlung 
e. Widerstand . . . 



722. Kriegfülirung. 
'24. Vermittelung. 
725. Unterwerfung. 
I726 . Kämpfer. 
Abel, Sprachw. Abhdlgen 



700. Sachverständiger. 
702. Schlauheit. 
704. Schwierigkeit. 
706 Verhinderang, 
708. Opposition. 
710. Opponent. 

712. Genossenschaft. 

713. Zwietracht. 

715. Herausforderung. 

716. Angriff. 717. 
718. AViedervergeltung.719. 



701. 
703- 

705. 
707. 
709. 
711. 



Ungeschicklich- 
keit. 
Pfuscher. 
Einfalt. 

Leichtigkeit. 
Beistand. 
Kooperation. 
Helfer. 



14. Eintracht. 



720. Streit. 



721. 
723- 



Verteidigung. 
Widerstand. 
Friede. 
Friedensstiftuno;. 



* 2 74 



e. Widerstand . . . 727. Waffen. 

(Forts.) 728. Kriegsplatz. 

'729. VoUführung, 
731. Erfolg. 

f. Resultate \733- Trophäe. 

734. Glück. 
[736. Mittelstrasse 

Abteil. II. Wille mit Bezug auf andere Personen. 

737. Autorität, 738. Schlaffheit 

739. Strenge. 

741. Befehl. 

742. Ungehorsam. 
744. Zwang. 



/Herr. 
'^^^' l Gebieter. 
747. Scepter. 
a. im allgemeinen ^74^. Freiheit. 
750. Befreiung. 



730. NichtvoUführung. 
732. Misslingen. 

735- Unglück. 



740. Milde. 
743. Gehorsam. 



746. Diener. 

749. Unterwerfung. 

751. Freiheitsberau- 

bung. 

752. Gefängniss. 
753. Wächter. 754. Gefangener. ^ 
755. Bevollmächtigung.756. AbsetzTing. 

757. Resignirung. 

758. Bevollmächtigter. 

759. Stellvertreter. 



'760. Erlaubnis, 
762. Zustimmung. 

b. speziell {7^3- Anerbieten. 

765. Bitte. 

767. Bittsteller. 

768. Versprechen. 

769. Vertrag. 

770. Bedingung. 

771. Sicherheit. 



c. bedingt 



772. Ausführung. 

(Vergleich. 
774. \^ ^ 

[ Kompromiss. 



761. Verbot. 

764. Ablehnimg. 
766. Abbitte. 

768a. Verzichtleistung. 



Nicht -Ausfuh- 
773. rung, 

Unterlassung. 



^/5 



Abteil, in. Wille in Bezug auf Besitz. 
775. Erwerbung. 



a. Besitz im allge- 
meinen 



b. Übertragung d. 
Besitzes 



c. Austausch des 
Besitzes 



Geldbeziehun- 
gen 



777. Das Besitzen. 

779. Besitzer. 

780. Eigentum. 
.781. Das Behalten. 

783. Übertragung. 

784. Das Geben. 

786. Verteilung. 

787. Das Verleihen. 
789. Das Nehmen. 

791. Das Stehlen. 

792. Dieb. 

793. Beute. 

794. Tausch. 

795. Kauf. 

797. Handelswelt. 

798. Handelsartikel. 

799. Markt. 

800. Geld. 

801. Schatzmeister. 

802. Schatzkammer. 

803. Reichtum. 
805. Kredit. 
807. Bezahlung. 
809. Ausgabe. 
8„^ /Budget. 

^Verrechnung. 

812. Kaufpreis. 

814. Kostspieligkeit. 
816. Freigebigkeit. 
818. Verschwendung. 



776. Verlust. 
778. Gemeingut. 



782. Das Aufgeben, 
785. Das Empfangen. 

788. Das Borgen. 
790. Zurückgabe. 



796. Verkauf. 



804. Armut. 

806. Geldschuld. 

808. Nicht-Bezahlung. 

810. Einnahme. 



/Rabatt. 
■^ \Abzug. 

815. Wohlfeilheit. 

816. Sparsamkeit. 
819. Geiz. 



Klasse VI. Gefühle, Neigungen, Gemüts- 
bewegungen. 
Abteil. I, Im allgemeinen. 

820. Gemüt. 

821. Empfindung. 



276 



822. Empfindlichkeit. 823. 

824. /^"«g^^g- 
l Anregung. 



Unempfindlich - 
keit. 



825. Reizbarkeit. 826. Unerregbarkeit. 

Abteil. II. In Bezug auf die empfindende Person. 



a. in Bezug auf 
Stimmung . . 



827. Vergnügen. 828. 

829. Annehmlichlceit. 830. 
831. Zufriedenheit. 832. 

833. 

835. 

837. 

839. 

841. 
843- 

846. 
848. 
849. 
851. 

853. 
854- 
855- 
856. 

857- 

859. 

860. 
862. 
864. 
866. 
867. 
868. 

869. 

d. in Bezug aufUn- 870. Verwunderung. 871. 
erwartetes .... 872. Wunder. 



b. in Bezug auf Ge- 
schmacksrichtung . 



834. Lindenmg. 
836. Heiterkeit. 
838. Freudenbezeu- 
gung. 
840. Unterhaltung. 
842. Witz. 

844. Humorist. 

845. Schönheit. 
847. Zier. 

850 Geschmack. 

. 852. Mode. 



l 



c. in Bezug auf be- 
vorstehende Er- 



eignisse 



858. Hoffnung. 



861. Mut. 

863. Tollkühnheit, 

865. Wunsch. 



Schmerz. 

Schmerzhaftigkeit» 

Unzufriedenheit. 

Bedauern. 

Verschlimmerung, 

Trübsinn, 

Schmerzausbruch . 

Langeweile. 
Witzlosigkeit, 

Hässlichkeit. 

Verunstaltung. 

Einfachheit. 

Geschmackswid- 
rigkeit. 

Lächerlichkeit. 

Geck. 

Geziertheit. 

Spott. 

Zielscheibe des 
Spottes. 

Hoffnungslosig- 
keit. 

Furcht. 

Feigheit. 

Behutsamkeit. 

Gleichgültijgkeit. 

Missfälligkeit, 

Wählerisches 
Wesen. 

Sattheit. 

Erwartung. 



277 





873, Ruf; Reputatior 


.874. Ruhmlosigkeit. 




875. Kaste. 


876. Das gemeine Vc 




877. Titel, 




e. in Bezug auf äus- 
serliche Merk- 
male 


878, Stolz. 
880. Eitelkeit. 

882. Schaugepränge. 

883. Ehrenerweisung. 

884. Prahlerei. 


879. Demut. 

881, Bescheidenheit. 




885. Überhebung, 


886. Servilität. 




887, Unverschämter. 




Abteil. III. Empfindung in Bezug auf Sympathie und Antipathie. 


888. Freundschaft. 


889. Feindschaft. 


890. Freund. 


891, Feind, 


892, Geselligkeit. 


893. Ungeselligkeit, 


894. Höflichkeit, 


895. Unhöflichkeit. 


896. Beglückwiin- 




schung. 




897. Liebe, 


898. Hass. 


899, Liebling. 






900 Unwille, 


902. Liebkosung. 


901. Reizbarkeit. 


903. Ehe. 


904. Missehe. 




905. Ehescheidung. 


906. Wohlwollen. 


907. Übelwollen. 




908. Verwünschung. 




909, Drohung, 


910. Menschenliebe. 


911. Menschenhass, 


912. Wohlthäter. 


913. Übelthäter. 


914. Mitgefühl. 


915. Gefühllosigkeit 


916. Dankbarkeit, 


917. Undankbarkeit, 


918. Vergebung. 


919. Rache. 




920. Eifersucht, 






921, Neid. 



Abteil. IV. Sittliche Empfindungen und Gefühle. 

'922, Recht, 923. Unrecht. 

924, Berechtigung. 925. Isichtberechti- 

gung. 

/Pflichtverletzung. 
927. w 

J^Imraunität. 



I. Verpflichtend 



926. Pflicht. 



278 



928. Achtung, 



2. Empfunden. 



931. Beifall. 
933. Schmeichelei. 
935. Schmeichler. 
937. Rechtfertigung 
939. RechtschafFenheit.940 
941, 



929. 
930. 
932. 
934. 
936. 
938. 



3, Zuständlich . . . ' 



942 Selbstlosigkeit. 
944. Tugend. 
946. Unschuld. 



943. 
945- 
947. 



„ /Guter Mensch. 
948. <T,, 949. 

VE-hrenmann, 



4. Thätig < 



950 Reue. 

952. Sühne. 

953. Massigkeit. 

955. Ascetismus. 

956. Fasten. 

958. Nüchternheit. 
960. Keuschheit. 



951. 

954^ 
955 
957' 
959. 
961, 
962, 



Missachtung. 

Verachtung. 

Missbilligimg. 

Verleumdung, 

Verleumder. 

Beschuldigung, 

Unrechtlichkeit, 

Charakterloser 

Mensch. 
Selbstsucht. 
Laster. 
Schuld, 
r Schlechter 
/ Mensch 
(Bösewicht. 
, Reuelosigkeit. 

, Unmässigkeit. 
a. Sensualist. 
. Gefrässigkeit. 
, Trunksucht. 

Unkeuschheit. 

Wüstling. 



5. Rechtsinstitutionen. 



964. Ungesetzlichkeit. 



963. Gesetzlichkeit. 

965. Rechtsprechung. 

966. Gericht. 

967. Richter, 

968. Rechtsgelehrter. 

969. Prozess. 

970. Freisprechung. 971. Verurteilung. 

972. Verurteilter. 
973, Belohnung, 974. Bestrafung. 

975. Strafinstrument. 
Abteil. V. Religiöse Empfindungen und Einrichtungen. 

(976. Gottheit. 
977. Mythologie. 
.. ^^ — -«^ ■v978. Engel. 979. Teufel. 

gionen 980. Dämon. 

981. Himmel. 982. Hölle. 



b. Religionslehre. 



!79 * 

'983. Gotteslehre. 

983a. Rechtgläubigkeit. 984. Irrgläubigkeit. 

985. Monotheist. 

/Heilige Schrift. 

vOfFenbarung. 



Religiöse Ge- [^987. Frömmigkeit. 988. Gottlosigkeit. 

fühle j 989. Irreligiosität, 

J990. Gottesdienst, 



d. Religiöse Hand- 
lungen 



991. Götzendienst. 

992. Zauberei. 

993. Zauberformel. 

994. Zauberer. 



e. Religiöse Ein- 
richtungen . . . , 



995. Kirchentum. 

996. Geistlichkeit. 

998. Kirchenbrauch. 

999. Geistliches Ornat, 

1000. Gotteshaus. 



f Laienschaft. 
^^'^^ (weltlicher Stand. 



Die Individualität jedes Idioms kommt bei dieser 
Behandlung der gleichartigen Anordnimg zur Geltung^ 
Ein Idiom füllt die eine Unterabteilung, das andere 
eine andere reichhaltiger aus. In manchen fehlt die 
eine oder die andere Unterabteilung ganz. In anderen 
tauchen eigentümliche Unterabteilungen auf, welche auf 
besonderen nationalen Gedankenverbindungen ruhend, 
ihnen mehr oder weniger allein gehören. In allen 
aber sind der Begriffsumfang und die begriffliche Fär- 
bung der einzelnen Ausdrücke zumeist verschieden 
geartet; in allen lässt die metaphorische Weiterbil- 
dung aus sinnlichen Wurzeln, welche in entwickelten 
Sprachen die grosse Überzahl der Worte liefert, die 
schlagendsten Verschiedenheiten zu; in allen wird 
demnach die begriffliche Anordnung, wenn sie von 
erschöpfender Ergründung des Wortsinns begleitet 



* 28o * 

ist , sowohl in Bezug auf den Gesamtinhalt und 
Charakter jedes Begriffs, als in Bezug auf die Be- 
deutungsgeschichte eines jeden Teiles desselben die 
lehrreichste Mannigfaltigkeit darlegen. In der be- 
grifflichen Anordnung wird dasselbe Wort, je nach 
der Ausdehnung seines Inhalts, an mehreren Stellen 
des Wörterschatzes , und zwar in verschiedenen 
Sprachen an verschiedenen, erscheinen; in der Be- 
deutungsgeschichte, die jedes einzelne Auftreten 
desselben, soll es vollwichtig sein , zu begleiten und 
zu erklären hat, sammeln sich die vielerlei Bedeu- 
tungsteile zu einer lebendigen Einheit, und gewähren 
sonach mit verwandten, ebenso behandelten Worten 
zusammengestellt, eine Begriffsgeschichte nach den, 
dem betreffenden Idiom durchaus eigentümlichen Ka- 
tegorieen. Bei dem gegenwärtigen Stande der Sprach- 
wissenschaft wird sich in diesem umfassenden Plan vor- 
erst wenig mehr erreichen lassen, als die Erforschung 
einiger geschlossener Perioden der bestgekannten 
Idiome; aber auch dies, obschon ein erreichbares, 
ist noch ein ebenso fernes, wie lohnendes Ziel. 

Der erste Versuch eines Begriffswörterbuchs 
scheint das vor etwa tausend Jahren geschriebene 
Amera Cosha, oder Systematisches Vocabular der 
Sanskritsprache von Amera Sinha, gewesen zu sein. 
Von Colebrooke in einer engHschen Übersetzung zu 
Serampore 1 808 veröffentlicht , zeigt die Crudität 
seiner Anordnung die der damaligen Auffassungen 
nur allzu sehr: Feuer wird unter dem Kapitel der 
Dämonen abgehandelt, Wasser unter dem der Erde ; 
die Ursache gehört zur Bestimmung, die sinnliche 
Erkenntnis mischt sich mit der geistigen in einen unent- 



* 28 1 * 

wirrbaren Knäuel u. s. w. Von den pasigraphischen 
Versuchen des 17. und 18. Jahrhunderts abgesehen,*) 
welche ihrer Natur nach Kategorientafeln zu ent- 
werfen hatten, ist Fulda's „Abstammung germanischer 
Wurzelwörter nach der Reihe menschlicher Begriffe" 
die erste nennenswerte neuere Arbeit auf demselben 
Gebiet. Leider ist die geistvolle Schrift in ihrer 
grösseren Fassung durch Verteilung der Begriffe 
auf supponierte lautliche Typen von ihrer eigent- 
lichen Richtung abgelenkt. Mehr oder minder be- 
achtete Beiträge enthalten Jenisch, philosophisch- 
kritische Würdigung von vierzehn älteren und neueren 
Sprachen Europas; Bouhours, Entretiens d'Ariste et 
d'Eugenie ; Stephan, sur la precellence de la Langue 
fran9aise; und Trendelenburg, Preisschrift über 
Griechisch, Latein und Deutsch — sämtlich aus der 
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Von 
neueren Schriften sind besonders Roget, Thesaurus 
of the English Language, Boissiere Dictionnaire ana- 
logique de la langue francaise, Robertson, Dictio- 
nnaire Ideologique de la Langue francaise und Sanders, 
Deutscher Sprachschatz zu nennen. Letzteres ist in 
der Fülle seiner Worte , Wortverbindungen und 
Phrasen, sowie in dem Scharfsinn und der Sorgfalt 
seiner Anordnung eines unermesslichen Inhalts ein 
Musterwerk, das schwer übertroffen werden wird. 
Kürzeres in straffer und handlicher Form bietet 
Schlessing's verdienstlicher Deutscher Wörterschatz. 



*) Wilkins, An Essay towards a real character and a philoso- 
phical language. 1668. — Pasigraphie ou Elements du nouvel Art- 
Sience d'ecrire une langue de raaniere ä etre lu et entendu dans toute 
autre langue sans traduction 1798. 



* 282 * 

Solche Verzeichnisse im Sinne vorstehender Er- 
örterungen zu erläutern, zu ergänzen und auszufüllen 
lind damit Gesamtgedankenbilder ^der betreffenden 
Sprachen zu zeichnen, ist eine Aufgabe, deren Höhe 
nicht minder anzieht, weil sie nur allgemach erstiegen 
werden kann. 



vn. 

ÜBER DEN 

URSPRUNG DER SPRACHE. 



I 



Seitdem die griechischen Philosophen darüber stritten, 
ob die Worte von den Menschen instinktiv, und 
mit einer für alle Individuen gleichmässig wirkenden 
Naturnotwendigkeit hervorgebracht, oder aber durch 
Übereinkunft gemeinsam festgesetzt worden seien, 
ist man bei dergleichen Untersuchungen gewöhnlich 
von der Annahme ausgegangen, die Sprache sei 
immer so verständlich gewesen wie heut. Scheint 
doch unverständliche Sprache ein Widerspruch in sich 
selber zu sein. Scheint doch Sprache, so lange sie 
nicht verstanden wird, diejenigen Eigenschaften zu 
entbehren, die wir an der wunderbaren Vereinigung 
von Laut und Geist bei der Frage nach dem Ur- 
sprung aller menschlichen Rede zu erklären suchen. 
Wie aber, wenn das, was im Munde begabter 
Völker ein so vollendetes Mittel des Gedankenaus- 
drucks und der gegenseitigen Verständigung gewor- 
den ist, nicht immer so gewesen wäre ? Wie, wenn 
den mannigfachen Spuren einer ehemals unvollkomm^ 
neren Auffassung abgezogener und selbst sinnlicher 



* 286 * 

Begriffe, die wir in den entwickeltsten Sprachen ver- 
folgen können, eine noch mangelhaftere vorausge- 
gangen wäre, welche nicht nur Verwandtes vermischt, 
sondern selbst Fremdes gleichmässig bezeichnet hätte? 
In der gotischen Wurzel Hub sind noch die Bedeu- 
tungen Glaube, Liebe und Hoffnung verbunden; in 
dem gotischen Worte leik die Bedeutungen Leiche 
und Leib gemeint. Nehmen wir an, liub und leik 
bezeichneten ausserdem noch allerlei Dinge, die zu 
den genannten in keiner Beziehung stehen, und alle 
anderen, oder viele andere Worte des Gotischen 
wären ebenso vieldeutig, wie diese, so würden wir 
damit die Sprachperiode erreicht haben, welche wir 
die unverständliche nannten. Ob sie möglich sei, ob 
sie wirklich unverständlich gewesen sei, und was sich 
daraus über den Ursprung der Sprache ergebe, soll 
die folgende Skizze an der Hand der Erfahrung zu 
zeigen versuchen. 

Das Ägyptische ist eine Sprache, welche sich 
in den hieroglyphischen Schriften bis etwa 4000 Jahre 
vor Christus, und in den koptischen bis etwa 1000 
Jahre nach Christus verfolgen lässt. Es gewährt so- 
mit die Gunst, eine ungemein lange Periode sprach- 
licher Entwickelung — wahrscheinlich die längste, 
welche in irgend einer Sprache übersehbar ist — 
darzulegen. Da die primitive Gestalt, in welcher es 
bei seinem ersten Auftreten erscheint, überdies durch 
eine einfache Bildung und Weiterbildung unserem 
Verständnis nahegelegt wird, so eint es dem Vorzuge 
der Altertümlichkeit und langen Entwickelung den 
weiteren, der Untersuchung ein offenes, in seinen 
wesentlichen Zügen erkennbares Antlitz zu bieten. 



* 287 * 

Das Ägyptische in seiner alten hieroglyphischen 
Zeit ist in so hohem Grade eine Sprache der Homo- 
nymen, dass man, nach heutigen Ansprüchen messend, 
versucht wäre, es für unverständlich zu halten. Einige 
wenige Beispiele werden diese, durch unzählige andere 
belegte Eigenschaft erläutern : ab *) heisst tanzen, 
Herz, Kalb, Mauer, fortgehen, verlangen, linke Hand, 
Figur; äp-t heisst Brot, Kornmass, Klrug, Stock, 
SchifFsteil, Hippopotamus; uah heisst setzen, legen, 
arbeiten, Guirlande, Korn, Fisch; uet' heisst grün, 
Pflanze, Gefass, Steinart, Opferkuchen, Szepter, 
Augenwasser, verletzen; bä heisst Holz, Palme, 
Klinge, Steinart, heilige Barke, Opferbrot; mäk 
heisst bedecken (beschützen), anschauen (weil, denn), 
Leinwand, Boot, freuen; hes heisst KJrug, an- 
schauen, durchdringen, singen, jubeln, befehlen, 
Exkremente; xe^X^b heisst öffiien, niederschlagen, 
Vase; ^emt heisst drei, ermangeln, verlangen, gehen, 
Feuer, heizen, Wurfspiess; xer heisst umstürzen, an- 
genehm, Opferstier, Myrrhe, Begräbnis, also, Prozes- 
sionsbarke, schreien, Feind, Bösewicht, Unterthan, 
tragen, Nahrungsmittel, bezüglich, durch, während; 
Sensen heisst atmen, wiederhallen, Geruch, Vereini- 
gung, glücklich, angenehm ; set heisst bewirken, tren- 
nen, (wählen, retten), ein Gewicht, nähren, lesen; 
tebh heisst nützlich (notwendig, Gerät), bitten, schlies- 
sen, Opfergabe, Korn, Gefäss u. s. w. 



*) Die Haken, Punkte und Striche an den Buchstaben, mit wel- 
chen die ägyptischen Worte transkribiert sind, betreffen die Aussprache, 
ä z. B. ist das ebräische ^^, ä der lange, a der gewöhnliche Vokal; 
h ist h, h = hh; t = t; t' = ebräisch [ und \j- • t = 6, dj, d; 
B =: seh u. s. w. 



* 288 * 

Zu der Verwirrung, welche durch diese Viel- 
deutigkeit der Worte, oder vielmehr, da die hetero- 
gensten Bedeutungen nicht verwandt sein können, 
durch diese Bezeichnung der verschiedensten Dinge 
mit demselben Lautkomplex angerichtet wird, kommt 
eine andere, ebenso grosse. Entgegengesetzt der 
ebengenannten, entspringt sie dem Gebrauch einer 
Menge verschiedener Worte für ein und denselben, 
oder ziemlich denselben Begriff. Das zweite Phänomen 
ist nicht weniger ausserordentlich als das erste. Zum 
Beispiel heisst schneiden äse/, an, ten, (tent, tenu, 
tena, ätn), tem (temu, tem), mtes, sä, sät, setä, set, 
nesp, peht, pe/, be/n, behi, sau, us, ush, ust, tes, /ab, 
/eb, xebs, /et, hebt, hent, hesb, sek, se/, usx, ase/, 
seha, kasa u. s. w. ; rufen heisst /en, semä, sen, 
t'aäuk, hun, ätu, am, ämam, akeb, äs u. s. w.; salben 
heisst sesenäu, skenen, sbek, tehs, ürhu, üarh, urh 
ur, uru, merh; Schiff, Boot heisst karo, barl, kaka 
kakau, kek, kebn, kebni, sehir, t'a, t'ai, tl, u, uä, uäa, 
uäu, iua, äaut, teks, tep, tepi, ätpa, äpt, mens, hä, 
hau, häl ; Schmutz heisst sehu, seheräu, hes, het', ämä, 
ämem u. s, w. ; Nacht heisst us, u/a, u/au, uhau, ä/e/, 
ä//u, /au, /aiu, t'äu, ut'u, mesi, kerh, kerhu u. s. w. ; 
nackt heisst hauum, hauu, beka, bes, kal, ha, sha, hha; 
stark, mächtig heisst tar, tenr, tenro, ut'ro, nes, näst, 
ne/t, ne/I, ne/tä, ken u. s. w. Auch der Beispiele 
dieser Art Hessen sich für fast jeden geläufigen Be- 
griff eine ausserordentlich grosse Zahl anführen. Beide 
Erscheinungen zusammengehalten, wird es da wunder- 
nehmen, dass der erste Blick in ein Hieroglyphen- 
wörterbuch mitunter die staunende Frage hervorge- 
rufen hat, ob wirklich die meisten Lautkomplexe die 



meisten Dinge bedeuten, und die meisten Bedeutun- 
gen durch allerlei beliebige Lautkomplexe gegeben 
werden können ? 

Eine Einschränkung erhält die Beweiskraft der 
Citate allerdings. Nicht alle Bedeutungen sind sicher; 
nicht alle vieldeutigen Worte sind in allen ihren Be- 
deutungen gleichzeitig und an denselben Stellen ge- 
braucht worden ; nicht überall ist gleichzeitig dasselbe 
Ding mit einer solchen überreichen Nomenklatur be- 
dacht gewesen. Indessen, selbst wenn man diesen 
Restriktionen, deren Tragweite sich in dem gegen- 
wärtigen Stand der Wissenschaft nicht genau über- 
sehen lässt, Raum giebt, so bleibt die Thatsache zahl- 
reicher, gleichzeitiger und gleichortiger Homonymen 
nichtsdestoweniger unzweifelhaft bestehen. Wir stehen 
also in der That vor einem flutenden Wörtergewirr, 
in welchem viele Worte vielerlei bezeichnen, und 
vieles durch vielerlei Worte bezeichnet werden kann. 
Mit einem Wort, wir stehen vor der scheinbaren Un- 
verständlichkeit. 

Um das Rätsel zu lösen, erinnern wir uns, wie 
das gegenwärtige Geschlecht Hieroglyphen lesen ge- 
lernt hat. Abgesehen von der Entdeckung des Alpha- 
bets und Syllabariums, welche allem anderen voraus- 
zugehen hatte , ist die Enträtselung der Hieroglyphen 
durch nichts mehr gefördert worden, als durch die 
erklärenden Bilder, welche die Ägypter dem buch- 
stabierten Lautwert eines Wortes hinzuzufügen pfleg- 
ten. Alle Hieroglyphenschrift ist Text mit begleiten- 
der Illustration. Gewisse grammatische Abstracta 
ausgenommen, die sofort verständlich sein mussten, 
wird jedes Wort erst buchstabenmässig geschrieben 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. jq 



* 2go * 

und dann durch ein Bildchen, welches die Begriifs- 
klasse, zu der es gehört, bezeichnet, des Weiteren 
erläutert und sichergestellt. Hinter dem buchstabier- 
ten Namen einer Blume steht das Pflanzenbild; hinter 
dem buchstabierten Worte der Krankheit das Un- 
glücks- oder Unreinheitsbild ; hinter der buchstabier- 
ten Bezeichnung irgend einer Arbeit das Thätigkeits- 
bild. Da es solcher determinierender Illustrationen 
mehrere Hunderte gibt, welche sich als ebenso viel 
stehende Zeichen fortwährend wiederholen, so ist die 
Zuweisung eines Wortes an seine Begriffsklasse ver- 
hältnismässig leicht, und der allgemeine Sinn des- 
selben, was auch der spezielle sein möge, gewöhnlich 
bald ersehen. Und was den Nachlebenden (denen 
übrigens noch andere Hilfsmittel zu Gebote stehen) 
die Entzifferung ermöglicht, hat sie auch für die 
Ägypter erleichtert. 

Hätten ihre Worte bereits eine feste Form, hätte 
jeder ihrer Wortgedanken bereits nur diese eine Form 
gehabt, oder, anders ausgedrückt, hätte ihre Sprache 
bereits die Klarheit und Bestimmtheit der unsrigen 
besessen, so würde keine Veranlassung vorgelegen 
haben, eine Litteratur von lauter Bilderbüchern zu 
verfassen. Wollte man gegen diesen Schluss viel- 
leicht einwenden, dass das priesterliche Schrifttum, 
wie an die Sprache, so auch an die Schriftmethode 
der alten Zeit traditionell gebunden war, und sich 
demnach anhaltend einer Deutlichkeit befliss, welche 
nur in vorhistorischer, unentwickelter Sprech- und 
Schreibperiode wirklich vonnöten gewesen, so Hesse 
sich erwidern, dass wenn es auch in der historischen 
Zeit viele , genügend individualisierte Worte giebt, 



* 291 * 

deren Sinn auch ohne Illustration keinem Zweifel unter- 
liegt, der anderen, die eine Erklärung bedürfen, den- 
noch Legion ist. Die determinierenden Bildchen sind 
demnach weder blosser Archaismus, noch Zierrat. 
Sie sind vielmehr wirkliche Hilfsmittel zum Verständ- 
nis, und die UnvoUkommenheit der Sprache, welche 
sie den Ägyptern aufzwang, hat auch uns den Sinn, 
welcher sonst in den meisten Fällen unenträtselbar 
geblieben sein müsste, enthüllt, oder der Enthüllung 
genähert. 

Wenn die geschriebene Sprache mithin des Bil- 
des bedurfte, um verständlich zu sein, wie konnte 
die gesprochene sich anders helfen, als durch die 
Geste? Da es nicht anders gewesen sein kann, so 
würden wir uns zu der Annahme gedrängt sehen, 
dass es so gewesen sein muss, selbst wenn dieselbe 
mehr Schwierigkeiten hätte, als in der That der Fall 
ist. Ist die Geste weniger unterscheidend, als das 
Bild, so ist die gesprochene Rede eines primitiven 
Volkes dieser Unterscheidung auch weniger bedürf- 
tig, als die geschriebene. Sein Gedankenschatz ist 
so eng , ist auf so wenige , so sinnliche , so leicht 
mimetisch angedeutete, und so rasch aus der ganzen 
Situation der Sprechenden verstandene Dinge ge- 
richtet, dass er nicht vieler Worte bedarf. Selbst 
die letzten Stadien des eigentlich Hieroglyphischen 
zeigen noch wenig entwickelte Abstraktionen: Die 
Liebe ist noch Verlangen, das Wollen Befehl, die 
Ehre Furcht oder Lob. Je weiter zurück, desto sinn- 
licher muss die tägliche Rede der Menge gewesen, 
desto eher durch Gebärden vermittelt und begleitet 

worden sein. Ja, da genug von dieser Periode im 

19* 



* 292 * 

Ägyptischen erhalten ist, um uns zu überzeugen, dass 
zuerst fast jeder nationale Laut fast jedes Ding zu 
bezeichnen vermochte, so muss die Geberde, das be- 
gleitende Bild ursprünglich etwa ebenso wichtig ge- 
wesen sein, als das Wort. Halbverständliche Rede 
w^rd von der verstandenen Gebärde erläutert, be- 
ziehungsweise ersetzt. Wo die Geste nicht hinreichte, 
wo die Situation sich nicht selbst erklärte, und das Wort 
noch nicht fixiert genug war, um einen bestimmten 
Gedanken mitzuteilen, wird keine, oder mangelhafte 
Verständigung erreicht worden sein. Auch die Sprache 
hatte zu werden. 

Indem wir von laut- und begriffsbestimmten 
Worten sprechen, gelangen wir zu einer höheren Stufe, 
welche schon im Alt-Ägyptischen neben dem homo- 
nymen und synonymen Gewirr vorhanden gewesen 
ist. Schon in ihm gibt es zahlreiche Lautkomplexe, 
welche nur eine Bedeutung haben können; schon 
in ihm finden wir Begriffe, welche sich nur durch 
einen einzigen Lautkomplex ausdrücken lassen. Der 
Schritt von der niederen zur höheren Stufe kann 
nur dadurch geschehen sein, dass schliesslich ein ge- 
wisser Lautkomplex zur Bezeichnung eines gewissen 
Dinges oder Gedankens besonders geeignet geschienen 
hat. Aber diese Bestimmung ist, wie wir gesehen, 
nicht ursprünglich geschehen. Also muss sie das 
Ergebnis einer fortgesetzten Wahl gewesen sein. 
Also muss sie der vereinte Erwerb einer allmählich 
errungenen genaueren Fassung der Gedanken, und 
eines nach und nach gebildeten nationalen Gehörs, 
welches gewisse Gedanken als besonders entsprechend 
auf gewisse Laute beziehen gelernt hatte, gewesen sein. 



* 293 * 

Und so sehen wir denn auch den späteren histo- 
rischen Teil des Vorgangs sich vor unseren Augen 
vollziehen. Während die älteste Sprache schon fixierte 
Worte neben der homonymen und synonymen Fülle 
hat, heben sich aus der letzteren im Laufe der Ge- 
schichte immer neue, immer unterschiedenere Laut- 
gestalten, immer engere Bedeutungen hervor, so die 
äussere Form, wie den inneren Sinn differenzierend. 
Die Beobachtung des Prozesses ist allerdings dadurch 
erschwert, dass die hieroglyphische Litteratur an einen 
alten, den sogenannten „heiligen Dialekt" gebunden, 
die neben ihr fortschreitende Differenzierung der 
Volkssprache verhältnismässig wenig in sich aufzu- 
nehmen vermochte. Aber die Totalsumme der ge- 
schehenen Veränderungen steht im Koptischen in 
beredter Klarheit und Schärfe vor uns. Die Kopten, 
wie die Ägypter bald nach Annahme des Christen- 
tums genannt wurden, gaben mit der alten Religion 
auch die Schriftsprache des ehemaligen Priestertums 
auf, und übersetzten die Bibel in die Volkssprache 
des Landes. Und siehe! die Volkssprache war we- 
sentlich eine andere geworden, als die alte, aus der 
Urzeit überlieferte und so lange ehrerbietig gewahrte 
Sprache der Wissenschaft und Religion. Eine Un- 
zahl von Homonymen und Synonymen waren ver- 
schwunden. Die Homonymen waren entweder mit 
Stumpf und Stiel untergegangen, oder hatten, wo 
die Wurzeln lebendig blieben, meist unterschied- 
liche, lautlich gesonderte Triebe erzeugt. Die Syno- 
nymen waren ebenso sehr zusammengeschmolzen 
durch den Untergang einer ungeheueren Zahl von 
Worten, als durch die Verengerung des Begriffs in 



* 2g4 * 

den erhaltenen. Um sich die ganze Grösse der Re- 
volution vorzustellen, vergleiche man in Bezug auf 
die Homonymie die vielen, für hieroglyphisches /er 
obangeführten Bedeutungen: umstürzen , nieder- 
schlagen, angenehm, Opferstier, Myrrhe, Begräbnis,also, 
Prozessionsbarke, schreien, Feind, Bösewicht u. s. w. 
mit den wenigen, auf welche sich koptisches xer zu 
beschränken hat: herausschlagen, herauswerfen, zer- 
stören. Betreffs der Synonymen- Verringerung stelle 
man zusammen die Schaar der 37 obgenannten 
hieroglyphischen Worte für Schneiden : asex, an, ten, 
tent, tenu, tenä, ätn, tem, temu, mtes, sä, sät, setä, 
set, nesp, peht, pe^, be/n, behi, sau, us, ush, ust, tes, 
Xab, xeb, xebs, /et, hebt, hent, hesb, sek, sex, usx, 
äsex, seha, kesa u. s. w., und betrachte sodann die 
zehn koptischen derselben Bedeutung: nuker, fekh, 
fekhi, sat, söt, böc, pah, cetcöt, cetcöth, 2ec, (zu welchen 
sich freilich noch einige andere für den Begriff „zer- 
schneiden , zernichten" fügen Hessen). Dagegen ist 
diese Beschränkung der Gleichlauter und Gleichbe- 
deuter ersetzt durch Differenzierung von Laut und 
Sinn, soweit nicht völliger Schwund eingetreten ist. 
Das xer, welches hieroglyphisch promiscue umstürzen, 
niederschlagen , angenehm , Opferstier , Myrrhe , Be- 
g'räbnis, also, Prozessionsbarke, Schreien, Feind, Böse- 
wicht, Unterthan, tragen, Nahrungsmittel, bezüglich, 
durch , während bedeutete , erscheint koptisch (mit 
seinen Wurzelverwandten) geschieden in /er nieder- 
schlagen, creht Zerstörung, saar, cari, sorser zerstören, 
hole angenehm, susousi, kholkhel Opfer, sal Myrrhe, 
hrau Geschrei*), von welchen letzteren Worten teil- 
*) Die genannten koptischen Worte lassen sich nach ägyptischen 



* 295 * 

weis schon Ansätze im Hieroglyphischen enthalten 
sind, sich aber noch nicht genügend geltend zu machen 
wussten, um das allgemeine ^er schon damals in eine 
engere Position zurückzudrängen. Ähnlich ist auch 
die Synonymik der angeführten Worte für Schneiden 
mit der Beschränkung der Wortzahl eine genauere 
geworden. Können wir nun diese Beobachtungen, 
wie leicht nachzuweisen wäre, auf eine grosse An- 
zahl der ägyptischen Wurzeln ausdehnen, so ist der 
Gang der ägyptischen Sprachentwickelung in seinen 
wesentlichen Zügen erkannt , und durch vorhandene 
und untergegangene Wörterdenkmale gleichmässig 
bezeichnet. Anfänglich Homonymie und Synonymie 
in erkenntnisarmer vieldeutiger Wirre. Danach, bei 
wachsender Vernunft, Scheidung der Begriffe und 
Lautgestalten, und entsprechendes Zurücktreten der 
erklärenden Geste. Untergang der meisten Homonyme, 
oder Ersatz durch phonetische Differenzierung; Un- 
tergang tausender von losen Synonymen und Ver- 
engung und Schärfung des Begriffs der überleben- 
den. Kurz, allmähliches Auftauchen aus vagem Ton 
und Sinn in gesonderten Laut und präzisierte Be- 
deutung. Erhellung der Psyche und korrespondierende 
Scheidung der Phonetik. 

Es ist wahrscheinlich, dass sich ähnliche Vor- 
gänge in anderen Sprachen zahlreich darlegen Hessen, 
könnten wir sie weit genug zurück verfolgen. Nach- 
weisbar von einer niederen Stufe zu der Höhe einer 
der begabtesten Nationen aufsteigend, haben die 
Ägypter die Leiter des menschlichen Fortschritts bi& 

Laut- vind Wortbildungsgesetzen neben hieroglyphisches yer , und 
Wurzelverwandte des /er, stellen. 



* 2g6 * 

zu einem Punkt erstiegen, der über die Erforder- 
nisse einer vollkommeneren Sprachbildung hinaus- 
liegt. Sie stehen somit in ihren Anfangen auf dem 
Niveau der Naturvölker, ohne in ihren Zielen der 
Schwungkraft der Kulturvölker zu entbehren. Sie 
geben beides in ihrer Sprache, soweit es für unsere 
Zwecke in Betracht kommt, den Anfang und das 
Ende. Zu diesen allgemeinen Vorgängen tritt be- 
stätigend ein besonderer. Sehen wir auch davon 
ab, dass die Ägypter mit den Semiten und Ariern 
wahrscheinlich urverwandt sind, so findet sich doch 
in den Sprachen dieser letzteren, geistigsten Rassen 
eine unverkennbare Analogie der Erscheinungen, 
welche auf eine Analogie der Geschichte weist. Mit 
der Fülle der unzweifelhaften ägyptischen Homonymien 
vor uns, wird man sich nicht femer abzumühen 
brauchen, gewisse vieldeutige Verben des Sanskrit, 
Arabischen und Ebräischen auf angebliche centrale 
Grundbedeutungen zurückzuführen , die wohl der 
Professor, nicht aber der Urmensch erdenken oder 
verstehen konnte*). Mit dem wilden Gestrüpp der 
altägyptischen Synonymik vor Augen, wird man 
fernerhin zwei ähnlichbedeutende Worte nicht not- 
wendigerweise in jeder Periode als zwei verschiedene 
Nuancen einer Bedeutung anzusehen haben. Es ist 
eben in einer Zeit, in der man den Plan der Pflan- 
zung noch nicht übersah, mehr gewachsen, als nach- 
mals gebraucht wurde; und nicht überall hat man 
nachher sorgfältig gerodet. Die Ähnlichkeit der 
Anfänge in verschiedenen Sprachen zieht aber eine 

*) Nichtbeachtung der Homonymie hat auch Ägyptische Lexiko- 
graphen zur halsbrechendsten Divination metaphorischer Bedeutungsüber- 
gänge verfuhrt. 



* 297 '' 

grundsätzliche Ähnlichkeit der Entwickelung nach 
sich, obschon sowohl das Lautgefühl, das einem Laut- 
komplex gewisse Bedeutungen zueignete, als die 
Mittel der späteren Differenzierung mehr oder weniger 
andere gewesen sein können, und in Wirklichkeit 
auch gewesen sind. 

Damit ist die Frage, warum gewisse Begriffe 
durch gewisse Laute oder Lautkomplexe ausgedrückt 
werden, warum der Mann Mann und die Frau Frau 
heisst, anstatt dass der Mann Frau und die Frau 
Mann genannt wird, von der der Sprachschöpfung 
getrennt und in eine verhältnismässig späte Periode 
gerückt. Damit ergibt sich , dass unter den vielen 
Worten, die von verschiedenen Menschen und Ge- 
schlechtern zuerst tentativ für Mann und Frau er- 
funden worden sind, anhaltend gewählt wurde, bis 
die dem Sprachgehör der Nation am geeignetsten 
erscheinenden allgemeine Anerkennung erhielten, und 
die anderen , unnötig geworden und verworfen, ab- 
starben, und in Vergessenheit gerieten. Wie weit 
sich die ungesiebte Wörterfülle der ersten, willkür- 
licheren Periode schon innerhalb eines national be- 
schränkten Sprachgefühls gehalten, und dadurch eben- 
so im Ägyptischen, wie in jedem anderen Völker- 
stamme eine eigentümliche gewesen sei, lässt sich 
bei dem Mangel aller Zeugnisse aus jener fernsten 
Urzeit nicht untersuchen. Genug, dass das Sprach- 
gefühl, selbst wenn es vom ersten Anfang an stamm - 
weis geschieden gewesen ist, nach ägyptischem Zeug- 
nis innerhalb dieser Scheidung ein unsicheres sein, 
und einer langen Bildung bedürfen konnte, ehe es 
seinen Zweck, bestimmte Dinge mit bestimmtem 



* 2g8 * 

Laute zu bezeichnen, erreichte. Wo derselbe Be- 
griff demselben Volke ursprünglich durch eine Un- 
zahl von Worten ausgedrückt werden konnte, wo 
diese Worte gleichzeitig einer Unzahl anderer Be- 
griffe dienen konnten, kann die Sprache weder plötz- 
lich als eine allgemeine Inspiration uniform aus den 
Köpfen der Gesammtheit hervorgebrochen sein, noch 
das Sprachgefühl, welches schliesslich einen Laut 
einem Begriffe zuwies, von Anfang an bestanden 
haben. Erst die fortgesetzte Wahl vieler Geschlechter 
muss vielmehr über den Zusammenhang zwischen Laut 
und Begriff entschieden haben. 

Im Ägyptischen haben wir den greifbaren etymo- 
logischen Beweis für dieses allmähliche Werden; in 
anderen Sprachen erhellt, abgesehen von ähnlichen 
Spuren, der nachweisbare ägyptische Vorgang eben- 
falls was in ihnen selbst ein unlösbares Geheimnis 
geblieben sein müsste — die Zuweisung bestimmter 
Gedanken an bestimmte Laute zu einer Zeit, in der 
die Sprache, durch welche allein diese Verständignng 
erfolgen zu können scheint, noch nicht existierte. 

Der Wert, welchen das ägyptische Sprachstudium 
somit für alle Sprachgeschichte erhält, rechtfertigt 
die Erwähnung zweier anderer, die Ursprünge der 
menschhchen Vernunft erhellenden Züge, die auf den 
ersten Blick ebenso fremdartig erscheinen werden, 
als die genannten. Im Ägyptischen können die 
Worte — wir wollen zunächst sagen, scheinbar — 
sowohl Laut wie Sinn umdrehen. Angenommen, das 
deutsche Wort gut wäre ägyptisch, so könnte es 
neben gut auch schlecht bedeuten, neben gut auch 
tug lauten. Tug wiederum könnte ebenfalls sowohl 



* 299 * 

gut als schlecht besagen , und in einer geringen, 
lautlichen Modifikation, wie sie sich so leicht im 
Leben der Sprache ergibt, — etwa zu tuch — Ver- 
anlassung zu erneuter Umdrehung in chut erblicken, 
welches seinerseits noch einmal beide Bedeutungen 
zu vereinigen vermöchte. Was kann unglaublicher 
sein? 

Da man sich bei der Würdigung von Mirakeln 
zunächst mit dem Thatbestande bekannt zu machen 
hat, so sei die Bemerkung gestattet, dass des Ver- 
fassers Koptische Untersuchungen ein 90 Seiten langes 
Verzeichnis derartiger Metathesen enthalten. Bei- 
spielshalber seien einige wenige angeführt, i) Laut- 
metathese; ab /\ ba, Stein; am /\ ma komm; n A 
na Verzeichniss ; är /\ rä machen; ken A nek zer- 
schlagen, zerstossen; konh A hnek blühen; penh A 
Xenp fangen, nehmen; teb A bet Feige; sär A ras 
zerschneiden theilen; fes A sef reinigen, waschen; 
peh A hep gehen; snä A ans Wind, wehen. 2) Sinn- 
wechsel: kef nehmen A liegen lassen; ken stark V 
schwach; men stehen n/ menmen sich bewegen; tüa 
ehren V verachten; tem zerschneiden V verbinden; 
terp nehmen V geben; x^^ stehen V gehen; neh 
trennen, zerschneiden V noh Band. 3) Laut- und 
Sinnwechsel ; sos geziemend, <^ ses ungeziemend; seb 
mischen <Q> pes trennen ; hn binden neh trennen ; 
hot zerbröckeln ^ toh festigen ; ben nicht vorhanden 
sein <^ neb alle ö'erp zusammennähen O preö zer- 
brechen, zerteilen u. s. w. Wie man an einigen 
dieser Beispiele bemerken wird, kann Lautwandel 
die Erscheinung begleiten*). 

*) Diese Erscheinungen sind ausführlicher behandelt und auf 



* 3o<^ * 

Kann somit über die Thatsache kein Zweifel 
sein, so stehen wir vor der Frage nach einer ratio- 
nellen Erklärung. Im Lichte der beobachteten Homo- 
nymie bietet sich zunächst eine ausweichende Ant- 
wort dar. Wie wenn wir nur scheinbar Laut- und 
Sinnverkehrungen , in Wahrheit aber verschiedene 
Wurzeln vor uns hätten, welche sich nur zufallig in den 
genannten Weisen entsprechen ? Dies gälte besonders 
in Bezug auf die Sinnverkehrung. Wenn es eine 
Menge gleichlautender Wurzeln giebt , die verschie- 
denes bedeuten, so könnte ja unter ihnen eine An- 
zahl vorhanden sein, die sich geradezu widersprechen. 
Wenn ken alles mögliche bedeuten kann, warum 
sollte es nicht neben „stark", zufällig auch ,, schwach" 
besagen? Einer absichtlichen, bewussten Sinnver- 
kehrung hätte es unter solchen Umständen nicht be- 
durft. 

Ohne zu leugnen, dass eine Anzahl Sinnver- 
kehrungen in dieser Weise entstanden sein können, 
lässt eä sich dennoch nicht annehmen, dass sie alle so 
mechanisch geschaffen , oder angewendet worden 
sind. Man stelle sich einmal vor, es habe sich ein 
ken ,, stark", und ein ken ,, schwach" im Wege zu- 
fälliger Homonymie ergeben, so würde sofort die 
Neigung, wenn nicht die Nötigung eingetreten sein, der 
Verständlichkeit halber eines der beiden Worte fallen 
zu lassen, und sich mit den vielen anderen vorhandenen 
Ausdrücken für „stark" und „schwach" zu begnügen. 



Semitisch und Indo-Europäisch ausgedehnt in des Verfassers Oxford 
Ilchester Lectures, London 1883, und „Gegensinn der Urworte"' 
Leipzig 1884. 



30I 



Ist das in diesem Fall, ist es in so vielen ähnlichen 
Fällen nicht geschehen, so sehen wir uns gezwungen, 
eine bewusste Verbindung zwischen den gegenfüss- 
lerischen Worten vorauszusetzen. Der Frage nach 
dem Grunde lässt sich mithin nicht entgehen. Zu 
ihrer Beantwortung leitet wiederum die ägyptische 
Schrift. Indem sie ken „stark" von ken „schwach" 
dadurch unterscheidet , dass sie dem buchstaben- 
mässig geschriebenen Laut werte beider Worte je 
nachdem ein determinierendes Bildchen der Stärke 
oder Schwäche hinzufügt, indiziert sie den logischen 
Grrimd der Erscheinung. Unsere Urteile bilden sich 
nur durch Vergleich und Antithese. So wenig wir, 
wenn wir den Begriff der Stärke einmal gefasst 
haben, an die Schwäche zu denken brauchen, um 
uns die Stärke klar zu machen, so gewiss hat die 
Stärke ursprünglich nicht konzipiert werden können, 
ohne sie von der Schwäche loszuheben, ohne sie an 
der Schwäche gegensätzlich zu messen. Man ver- 
suche es, über die Gedanken hinaus, welche uns 
durch bekannte Wortbedeutungen angewöhnt worden 
sind, ohne dass wir sie selbst zu finden brauchten, 
eine einzige neue Idee zu fassen, und man wird sich 
von der Natur des geistigen Vorgangs überzeugen. 
Jedermann wird heutigentags mit der Stärke be- 
kannt, ohne sein eigenes Urteil anzustrengen, weil 
der Begriff einmal in der Sprache existiert, weil er 
ihm von Kindheit auf zur Bezeichnung gewisser 
leicht beobachteter Leistungen, Dinge und Personen 
angeübt worden ist. Sobald wir aber, das Gebiet 
der AlltägHchkeit und die derselben entsprechenden 
Worte verlassend, eigene Gedanken zu bilden, oder 



•s 302 * 

seltenere, weniger gehörte Gedanken anderer nach- 
zudenken versuchen , befinden wir uns vor der 
Nötigung zur bewussten Antithese. Um bei Wort- 
gedanken zu bleiben, so hat kein Schüler den stumpfen, 
spitzen und rechten Winkel begriffen, ohne die drei 
in bewussten Gegensatz zu bringen ; kein Student 
das Hegeische Sein aufgefasst, ohne es mit dem 
Nichtsein zu konfrontieren; überhaupt niemand eine 
iremde Sprache einigermassen eingehend gelernt, 
ohne diejenigen Wortbedeutungen , die von den 
heimischen abweichen , durch Vergleich mit den 
letzteren sich zu erläutern. In jene Kindheitsperiode 
der Menschheit nun, in welcher die ersten, gewöhn- 
lichsten Begriffe in dieser reflektierenden Weise er- 
rungen zu werden hatten, führt uns das Ägyptische 
zurück. Um die Stärke denken zu lernen, hatte man 
sie von der Schwäche zu scheiden ; um das Dunkel zube- 
greifen, das Licht davon zu sondern; um „viel" zu 
fassen, „wenig" im Geiste dagegen zu halten. Die- 
jenigen ägyptischen Worte, welche, in ihr Gegenteil 
umschlagend, die beiden Glieder des ursprünglichen 
Vergleichs erhalten zeigen, gewähren einen Einblick in 
die mühselige Werkstatt, in welcher die ersten und nötig- 
sten Gedanken — heute die geläufigsten und am mühe- 
losesten übernommenen — geschmiedet wurden. In der 
gesprochenen Rede können hier nur der Zusammen- 
hang imd die Geste gezeigt haben, was gemeint war. 
Übrigens ist die Zahl der erhaltenen ägyptischen 
Worte, welche Sinnwandel ohne Lautwandel erleiden, 
keine allzu grosse. Meist sind die entgegengesetzten 
Bedeutungen durch phonetische Modifikationen aus- 
einandergehalten; mitunter geht auch die phonetische 



\o^ 



Differenzierung erst in geschichtlicher Zeit vor sich. 
Von ersterem ist me^ leer V meh voll , ein gutes 
Beispiel; von letzterem zeugt men, das hieroglyphisch 
sowohl „stehen" als redupliziert oder in der Form 
menu „gehen" bedeutet, koptisch aber durch moni 
für die Bedeutung „stehen" und durch monmen für 
„gehen" abgelöst wird. 

Es ist ein glücklicher Umstand für die Erkennt- 
nis dieses Teils der Sprachschöpfung, dass sich der 
Beweis für die bewusste Sinnverkehrung, abgesehen 
von ihrer inneren Rechtfertigung, geschichtlich und 
sachlich abschliessend führen lässt. In einem ägypti- 
schen Redeteile abstrakter Bedeutung finden sich 
eine Anzahl Worte, welche die Schwierigkeit, abge- 
zogene Begriffe zu fassen, dadurch zu überwinden 
gesucht haben, dass sie ihren Sinn und sein Gegen- 
teil gemeinsam enthalten, und somit die Konzeption 
ihrer Bedeutung aus These und Antithese zum dauern- 
den Ausdruck gelangen lassen. Dies sind die Prä- 
positionen. So heisst hieroglyphisch m sowohl „in 
etwas drin" als „zu etwas hin" als „von etwas weg", 
jenach dem Zusammenhang des jedesmaligen Kontexts; 
er heisst sowohl ,,von etwas weg" als ,,zu etwas hin" 
als „mit etwas zusammen" ; hr und ^eft bedeuten so- 
wohl ,,für" als „gegen"; x^nt „in" „unter" u. s. w. 
Koptisch besagen ute und sa sowohl „von etwas 
weg" als ,,in etwas drin"; kha ist ,,über" und „unter"; 
ha „über, unter" und „zu etwas hin", „von etwas 
weg" ; hi ,,zu etwas hin", „von etwas weg", „in etwas 
drin" u. s. w. Wenn dies nichts anderes ist, als 
derselbe polarische Bedeutungswechsel, der sich bei 
vielen anderen Worten beobachten lässt, so hat es 



doch eine stärkere Beweiskraft. Hatten wir bei der 
Vieldeutigkeit ägyptischer Lautkomplexe zu bedenken, 
dass sich gleichlautende zufällig und ohne innere 
Beziehung mit antithetischem Sinn gegenüberstehen 
können , so ist diese Möglichkeit bei Präpositionen 
äusserst gering anzuschlagen. Wären von so schwieri- 
gen Begriffen , wie sie Präpositionen ausdrücken, 
zwei entgegengesetzte zufällig in demselben Laut 
zusammengetroffen, so würde der eine oder andere 
im Interesse der Deutlichkeit aufgegeben, und bei 
der wuchernden Triebkraft der alten Sprache leicht 
durch einen anderen Laut übernommen worden sein. 
Man bringt nicht „für" und „wider" in demselben 
Worte unter, es sei denn absichtlich, und weil man 
das eine nur denken kann, indem man das andere 
mitdenkt und es von seinem Gegenfüssler abhebt. 
Die Logik dieser Erwägung wird durch eine ver- 
wandte, in dem überlieferten Sprachmaterial erhaltene 
Erscheinung bestätigt. Neben seinen einfachen Prä- 
positionen hat das Ägyptische eine grosse Anzahl 
zusammengesetzter, deren nicht wenige zwei Glieder 
von entgegengesetzter Bedeutung verbinden, um den 
durch das eine oder andere bezeichneten Sinn zu 
desto klarerem Verständnis zu bringen. Hier haben 
wir mithin die absichtliche Gegenüberstellung ent- 
gegengesetzter Begriffe zur Erfassung des einen oder 
anderen endgültig erhärtet. Man sehe : Die Präpo- 
sition ebol, zusammengesetzt aus e „zu etwas hin" 
und bol „von etwas weg" bedeutet „von etwas weg". 
Die Präposition ebolkhen zusammengesetzt aus ebol 
„von etwas weg" und khen „in etwas drin" be- 
sagt „von etwas weg"; ebolute, komponiert aus 



* 305 * 

ebol ,,von etwas weg" und ute, sowohl ,,von etwas 
weg" als ,,in etwas drin", heisst „von etwas weg", 
„vor etwas"; ehraihm, gebildet aus ehrai „in", zu 
etwas hin" und hm ,,in etwas" wird zu „in" und 
„von etwas weg". Diese beredten, die Frage lösen- 
den Beispiele Hessen sich leicht vermehren. 

Es fehlt nicht an Spuren ähnlicher Vorgänge in 
anderen Sprachen. Das Arabische hat polarischen 
Bedeutungswechsel in grosser Fülle ; im Chinesischen 
wird die durch den Tiu Li markierte Litteraturperiode 
(2000 vor Christus) geradezu durch dasselbe Phänomen 
charakterisiert; und was ist es anders, als ein auf 
vergleichende Zusammenstellung gebautes Urteil, 
wenn der Engländer noch heut without, d. h. mitohne 
sagt, um ohne auszudrücken? Spricht nicht heute 
noch der Ostpreusse , gerade wie der alte Ägypter 
und moderne Engländer „mitohne" für „ohne"? Und 
hat nicht with selbst ursprüngHch sowohl „mit" als 
„ohne" geheissen, wie noch aus withdraw „fortgehen", 
withgo „gesondert, zuwider gehen", withhold „ent- 
ziehen" u. a. zu ersehen ist ? Erkennen wir nicht auch 
dieselbe Wandlung noch heute in dem deutschen „wi- 
der" (gegen) und „wieder" (zusammen mit)? Dass der- 
artige Spuren alter Denkmühen (die übrigens zahl- 
reicher sind, als man glauben oder hier leicht nach- 
weisen möchte. Siehe die nächstfolgende Abhand- 
lung.) sich in vorschreitenden und logisch analysie- 
renden Sprachen grösstenteils verlieren mussten, be- 
greift sich leicht. 

Obschon wir uns eher in die Psyche, als in das 
Sensorium des Altertums zurückversetzen können, 
lässt sich die Lautumdrehung ebenfalls aus dem er- 

Abel, Sprachw. Abhdlgen. 20 



>h 306 * 

kennbaren Teile der ägyptischen Sprachgeschichte 
erklären. Es kann allerding einerseits ein, durch den 
ursprünglichen Überreichtum -an Wurzeln verursach- 
tes Spiel d6s Zufalls sein, dass lautliche Metathesen 
sich in der Bedeutung entsprechen, oder widersprechen; 
um so mehr, als sie häufig keines von beiden thun. 
Da es ein ma gibt, das „Sehen" bedeutet, welches 
mit einem anderen ma „Kommen" nicht verAvandt 
sein kann, warum soll am ,, Kommen" nicht ebenso 
selbständig entstanden sein können, wie ma Sehen, 
ohne von am ,, Kommen" durch Metathese abgeleitet 
zu sein? Andererseits ist begriffliches Entsprechen 
selbst bei selteneren, metathesierten Lautkomplexen 
eine so gewöhnhche Erscheinung, dass es schwer 
fällt, der Annahme begrifflichen Zusammenhangs zu 
entsagen, ja dass die Wahrscheinlichkeit ins Auge 
gefasst werden muss, der sprachgeschichtliche Be- 
weis für den Zusammenhang lautverkehrter Worte 
werde sich dadurch führen lassen, dass die grosse 
Mehrheit solcher phonetischen Metathesen als sinn- 
verwandt nachgewiesen wird. Mittlerweile bietet sich 
schon eine Erklärung begrifflichen Zusammenhangs in 
einer Wurzelbildungsmethode, deren einzelne Stufen 
völlig zu Tage liegen. Ägyptische Wurzeln sind fast 
ausnahmslos der Weiterbildung fähig durch Anlaut- 
wiederholung im Anlaut oder Auslaut, oder Auslaut- 
wiederholung im Auslaut. Das heisst, aus einem 
fes kann in regelmässiger und ungemein häufiger 
Wandlung ein ffes, fesf und fess werden; aus einem 
ein mmet, metm, mett etc. Bedeutungsänderung ist 
dabei keineswegs stets erkennbar — es handelt sich 
sichtlich darum, der Lust an der Erfindung immer 



* 307 * 

neuer Worte , der Freiheit in der Hervorbringung 
immer neuer Bildungen die Zügel schiessen zu lassen. 
Die Periode, in der, innerhalb gewisser nationaler 
Grenzen, jeder jeden Laut für jedes Ding ausstossen 
durfte, ist auf dieser Stufe bereits vorüber; die Ent- 
scheidung für bestimmte Laute für bestimmte Dinge 
getroffen; aber die Möglichkeit ist gelassen, die so 
gewählten Laute, die Wurzeln, durch Wandel und 
Wiederholung ihrer einzelnen Bestandteile weiter zu 
gestalten. Darf man es dieser Lizenz , welche das 
noch flüssige Material der Sprache in wechselnde 
Formen giesst, darf man es diesem Ohr, welches fein 
genug war , den Anlaut im Auslaut noch einmal 
hören , und damit den musikalischen Effekt des 
Wortes harmonisch abrunden zu wollen , gemäss 
halten , dass der Gedanke des Ganzen auch in der 
zweiten, lautlich korrespondierenden Silbe des somit 
aus dem einsilbigen geschaffenen zweisilbigen Laut- 
komplexes allein gefühlt werden konnte, so haben 
wir die Umkehrung nicht als Umkehrung, sondern 
als Doppelung erklärt. Wir haben die Reihe fes, 
fesf, fes-sef, sef aufzustellen, deren zwei Anfangs- 
glieder und Endglied erhalten sind, während das 
dritte Glied fes-sef aus fesf zu ergänzen ist , und 
allerdings mit Leichtigkeit ergänzt werden kann. 
Haben wir aber einmal fes-sef, so steht dem Schluss, 
von dieser bereits vollzogenen Metathese habe jedes 
Glied allein genügt, um den Sinn der ursprünglichen, 
so wie der zweiteilig -verkehrten Wurzel zu ver- 
körpern, keine sichtliche phonetische oder logische 
Schwierigkeit entgegen. Der wie ein Reim zusam- 
menstimmende, wie Voraussetzung und Schluss sich 



* 3o8 * 

ergänzende Kllang beider Glieder des Gesamtwortes 
fessef konnte jedem von ihnen leicht den Wert und 
die Bedeutung des Ganzen verleihen. Die ersten 
beiden Stadien dieses Vorgangs, fes, fesf, sind auch 
in den indogermanischen Sprachen unter dem Namen 
der gebrochenen Reduplikation bekannt. Wir ent- 
halten uns der Erörterung, warum diese Erklärung 
der Methathese der dreikonsonantigen nur scheinbar 
widerspricht. 

Lautumdrehung bei begriffsbezogenen Wörtern 
ist auch in den arischen und semitischen Sprachen 
reichlich vorhanden, und wird von denen, welche 
eine Verwandtschaft dieser Familie mit dem Ägypti- 
schen annehmen, auf ägyptischer Grundlage, erklärt 
werden dürfen, auch wenn jene lang fixierten, und 
in ihrer früheren, flüssigeren Periode nicht erhaltenen 
Idiome den Laut- und Begriffszusammenhang aus 
ihrem eigenen, gegenwärtig vorliegenden Material 
nicht nachzuweisen gestatten. Um zunächst beim 
Germanischen zu bleiben, so bemerke man: Top-f 
A pot; boat A tub; pit <C> tip; rise A soar; Berg <^ 
Grub-e;gripe A prig; wait A täuw-en; hur-ry <3> Ruhe; 
care A reck; Block, Balk-en A Klob-e, club u. s. 
w. Vergleicht man die verschiedenen indoeuropä- 
ischen oder auch nur die verschiedenen slavischen 
Sprachen miteinander, so lassen sich (zumal wenn 
Lautwandelungen in Betracht gezogen werden) die 
einschlagenden Fälle rasch vermehren. Z. B. capere 
A packen; ()iv A nar; ren A Niere; tog-a A x^twj^; 
Russ. /reb-et A Berg; Letto-slav. pol-a A lap-as, 
lup-en, Laub; the leaf A fol-ium; dum-a, d-v^-og A 
Sanscr. medh, müdh-a, Muth; nrjX-dg A Sanscr. 



* 309 * 

lip (beschmutzen) ; Lettoslav. palk-a, plak-ti A klop-f-en, 
klep-ati; the rav-en A Russ. vor-on; Rauchen A Russ. 
kur-iti; clam-are <^ Russ. molc-ati (schweigen); Russ. 
ves A Serb. sav (alle); kreischen A to shriek; the 
leech, Russ. lek-ar, lec-iti A to heal, heilen. Über das 
Begriffliche und Phonetische dieser und weiterer An- 
führungen vergleiche man die nächstfolgende Abhand- 
lung. Die grosse Menge von Beispielen, welche, ob- 
schon natürlich auf die primitivsten Begriffe beschränkt, 
sich in dieser Richtung beibringen lässt, erhärtet so- 
wohl die ägyptische Erscheinung, als sie sich durch 
dieselbe erklärt. 

Dem Geschlecht, das die Mühsal seiner ersten 
Anfänge vergessen, einen geschichtlichen Einblick in 
die allmähliche Erarbeitung von bestimmtem Laut und 
Begriff zu gewähren, ist das Verdienst der ägypti- 
schen Grammatik. 



VIII. 
ÜBER DEN 

GEGENSINN DER URWORTE. 



^-«':•K--^^ ^^' ^~ -■ -■ - ■-' -^-•- iT^.y-'^-.rrK^ /^r-„ ,.<•, ^--., ^' -■ ^^-ra- ^"i«r ^-v- ^— „ ,-•_ s-'/ir^?^ 



Wäre Jemand thöricht genug einer jungen Schönheit 
zu sagen, dass er sie für ausserordentlich hässlich 
halte, so würde ihm ein sarkastisches Lächeln und ein 
Zweifel an seinem gesunden Gesichtssinn die verdiente 
Antwort geben. Oder wollte Jemand den Amerikanern 
weisszumachen suchen, dass er sie für langsam, schläfrig 
und ununternehmend ansähe, so würde er bei ihnen mehr 
Heiterkeit, als Widerspruch erregen. Zu verneinen, was 
jeder sieht; zu leugnen, was alle gemeinsam erkennen, 
gilt mit Recht als ein Zeichen physischer oder geistiger 
Blindheit. Die jugendliche Schönheit würde den Men- 
schen gerade so schön, und Onkel Sam gerade so 
muthig und erfolgreich erscheinen, wie vorher, ehe der 
ohnmächtige Einspruch geschah. Thatsachen sind eben 
Thatsachen, und können durch blosse Einreden nicht 
geändert werden. 

Die Sache scheint so selbstverständlich, dass man 
den Gedanken, die Menschen hätten sie jemals anders 
betrachtet, nicht zu fassen vermag. Es scheint unglaub- 
lich, dass es einmal eine Zeit gegeben habe, in welcher 
ein Mann, im freundlichen Gespräch mit seinem Nach- 



- 314 - 

bar, jene blühende junge Dame hässlich , und einen 
berühmten Recken seiner Gegend einen schwächlichen 
Feigling genannt haben könne. Es ist ebenso schwer 
zu verstehen, dass der Nachbar, dem diese ausser- 
ordenthchen Meinungen mitgetheilt wurden, sie nicht 
verlacht, sondern gebilligt und als völlig erwiesen an- 
gesehen haben sollte. Und es ist sicherlich das Unbe- 
greiflichste von allem, dass während die Beiden hässlich 
nannten, was schön war, und schwach, was stark war, 
sie eigentlich gar nicht einmal meinten, das Schöne sei 
hässlich, und das Starke schwach, sondern vielmehr 
eine ganz richtige Ansicht von den Dingen hegten, 
und nur im Ausdruck, in der Bezeichnung so sonderbar 
fehl gingen. Die Sache sieht zu absurd aus, um mög- 
lich zu sein. Und dennoch haben wir den vollen ge- 
schichtlichen Beweis in Händen, dass es eine Periode 
gegeben hat, in welcher so wirre Gespräche geführt, 
und zwar mit allseitiger Zustimmung geführt worden 
sind. Ich spreche von der Periode, in welcher der 
Mensch seine Begriffe zu bilden begann, von den längst 
vergangenen Tagen, in welchen unser Geschlecht mit 
der Schwierigkeit, seine Gedanken zu fassen und aus- 
zudrücken rang. Ich spreche von der Urzeit des Men- 
schengeschlechts, und der allmähligen Schöpfung der 
Sprache. 

Die ältesten erhaltenen Proben menschlicher Rede 
sind uns in den ägyptischen Hieroglyphen überHefert. 
Bis zu 4000 Jahren vor Chriftus zurückgehend, da die 
ersten historischen Dynastieen das Nilthal beherrschten, 
geben die Hieroglyphen in Wahrheit eine noch viel 
ältere Sprache, als diejenige, die zur Zeit der frühesten 
Inschriften gesprochen wurde. Der Beweis für das 



* 315 ^ 

höhere Alter ist leicht geführt. Einerseits zeigen die 
ältesten Inschriften ein völlig ausgebildetes System der 
Lexikographie und Schrift, das zu entwickeln die Arbeit 
vieler Geschlechter gekostet haben muss. Anderer- 
seits sehen wir dieses System die Tausende von histo- 
rischen Jahren, die wir es nachmals beobachten können, 
in allen wesentlichen Punkten unverändert erhalten, 
und als einen heiligen Schatz von einer priesterlichen 
Generation der anderen überUefert. So sehr die Sprache 
sich in diesen langen Zeiträumen vermehrte, verklärte 
und verfestigte, die Hieroglyphik blieb wesentlich bei 
ihrem alten Wortvorrath und ihrer alten Grammatik 
stehen. Wie sie sich vorhistorisch gebildet, so erhielt 
sie sich in ihren hauptsächlichen Zügen bis in die spä- 
testen Zeiten, um zuletzt, bei Annahme des Chriflen- 
thums, allmählich unterzugehen und die mittlerweile 
stark veränderte Volkssprache zur Schriftsprache werden 
zu lassen. 

In der ägyptischen Sprache nun , dieser einzigen 
Reliquie einer primitiven Welt, findet sich eine ziem- 
liche Anzahl von Worten mit zwei Bedeutungen, deren 
eine das gerade Gegentheil der anderen besagt. Man 
denke sich, wenn man solch augenscheinlichen Unsinn 
zu denken vermag, dass das Wort „stark" in der deut- 
schen Sprache sowohl „stark"' als „schwach" bedeute; 
dass das Nomen „Licht" in Berhn gebraucht werde, 
um sowohl „Licht" als „Dunkelheit" zu bezeichnen; 
dass ein Münchener Bürger das Bier „Bier" nannte, 
während ein anderer dasselbe Wort anwendete, wenn 
er vom Wasser spräche, und man hat die erstaunliche 
Praxis, welcher sich die alten Aegypter in ihrer Sprache 
gewohnheitsmässig hinzugeben pflegten. Wem kann 



man es verargen, wenn er dazu den Kopf schüttelt? 
Wen kann man ungläubig schelten, wenn er hinter dieser 
Behauptung eine philologische Paradoxe vermuthetr 
Indessen es giebt bekanntlich mehr Dinge zwischen 
Himmel und Erde, als man sich träumen lässt, und 
so wird auch die folgende Liste zunächst um geneig- 
tes Gehör bitten dürfen. Sie enthält einige wenige 
Beispiele von solchen sich selbst widersprechenden 
Worten, wie sie so häufig in den Inschriften der ägypti- 
schen Tempelgebäude gelesen, und wie sie hier, wahl- 
los entnommen, Belegs halber mitgeteilt werden. 
Wollten die Aegypter „decken, bedecken, einwickeln" 

sagen, so sprachen sie uny ( ^^ ® 1; wollten sie aber 

„aufdecken, biosiegen" sagen, so gebrauchten sie den- 
selben Laut (vielleicht mit einer leichten, schwer nach- 
weisbaren phonetischen Modification) unli i,^^ '^ 

^ iiiiiiiii I 

oTiig). Ebenso gebrauchten sie das Wort at (vielleicht 
in ähnlicher Weise modificiert) für die entgegengesetzten 

Bedeutungen „hören" und ,,taub sein" 1°'-='^ ■ '^ ■■ äl' 

hören; n f^ at, taub"; zu der Bedeutung ,, hören" 

trat obenein noch die der ,, gesprochenen Worte", also 
eine weitere Umkehrung, hinzu. Aehnlich wurde sneh 

„trennen" ^f| '^ ^ sneh) von ZZZ |- — ^ s"^li 

„binden" kaum erkenntlich gesondert. Absolut der- 
selbe Laut bezeichnete aber ,, stark" und ,, stark": ken 

{^ ^ qen, stark; ^ ^ qen, schwach). Ein völlig 

gleicher Laut diente ebenso dazu „oben" und „unten" 



V. 317 - 
auszudrücken: an (^^ fj Q dJ ^''' ' ^^'f^^eigen; 
^^ (j (1 '^ äri, Boden). Ein und dasselbe Wort an 
(\\ AAAAAA an) besagte „wegbringen", „wegnehmen" oder 

„hinbringen", „geleiten", ohne jede lautliche Unter- 
scheidung beider Bedeutungen. Eine andere merkwür- 
dige Vokabel dieser Art tem hiess sowohl „einschlies- 

sen" (o ^ 15) als „ausschliessen" ( ^ ^^^)' 

ohne dass die wichtige Differenz dieser Bedeutungen 
in der Aussprache irgendwie markiert wurde. Ja, die- 
selbe geistige Eigenschaft, welche diese widersprüch- 
lichen Vokabeln schuf, und welche wir auf der gegen- 
wärtigen Stufe unserer Untersuchung nur als eine heillose 
Confusion bezeichnen können, erreicht eine solche Höhe, 
dass der Laut hr {<%) ununterschieden angewendet wurde, 
um sowohl „zu" als „von" auszudrücken. Ein anderes 
hr hatte die nicht minder irreführende Eigentümlich- 
keit einmal „mit" (<|=> hr), und ein anderesmal ,,ohne" 
( "^ ^A ) ^'■' bedeuten, und es dem Hörer zu über- 
lassen, das Richtige in jedem einzelnen Falle heraus- 
zufinden. In späteren Zeiten wurde der Laut u als 
unbestimmter Artikel „ein" dem Hauptwort vorgesetzt; 
nachgesetzt bildete derselbe Laut den Plural; ein Bei- 
spiel, welches indess durch die Verschiedenheit der 
Stellung sowie aus anderen Gründen nicht genau in 
die Kategorie der vorhergehenden fällt. Angesichts 
dieser und vieler ähnlicher Fälle antithetischer Bedeu- 
tung (siehe Anhang) kann es keinem Zweifel unter- 
liegen, dass es in einer Sprache wenigstens eine Fülle 



^ 3i8 V 

von Worten gegeben hat, welche ein Ding, und das 
Gegenteil dieses Dinges gleichzeitig bezeichneten. Wie 
erstaunlich es sei, wir stehen vor der Thatsache, und 
haben damit zu rechnen. 

Oder ist es vielleicht nur zufälliger Gleichlaut? 
Könnten nicht in einer Sprache, in der es so viele 
andere Homonymen giebt, deren Bedeutungen nichts 
miteinander zu schaffen haben, zwei Worte von völlig 
entgegengesetztem Sinne sich zufälHg in demselben 
Laut begegnet haben? Die Möglichkeit ist nicht zu 
leugnen; die Wahrscheinlichkeit indess von vornherein 
eine geringe. Man stelle sich vor, ein und dasselbe 
Wort habe, wie es thatsächlich bis in die spätesten 
Zeiten der ägyptischen Sprache mit srfe (cpqe) der Fall 
war, von Ungefähr „arbeiten" und „faullenzen" be- 
deutet. Oder vielmehr, was bei der angenommenen 
Hypothese die richtigere Auffassung sein würde, für 
die genannten beiden Begriffe wäre von ungefähr, und 
ohne irgend eine absichtliche Uebereinstimmung, der 
gleiche Laut srfe gewählt worden. Man denke sich 
desgleichen, derselbe sonderbare Zufall hätte für die 
entgegengesetzten Präpositionen ,,mit" und „ohne" ein 
und denselben Laut her, und ebenso für die nicht min- 
der verschiedenen „von" und „zu" ein und dieselbe 
Silbe her bestimmt. Würde man in einem solchen Fall 
die Homonymie entgegengesetzter Begriffe nicht als 
eine unerträgliche Verwirrung empfunden haben? Würde 
man, wenn die entgegengesetzten Bedeutungen des- 
selben Lautes nichts mit einander zu thun hatten, nicht 
für die eine von beiden irgend einen anderen Laut ge- 
wählt haben, um den Verwechslungen und Missverständ- 
nissen zu entgehen, welche die zufällige Homonymie 



* 319 * 

solcher Gegenfüssler im Gefolge haben musste? Würde 
dieses in allen Idiomen bereite Mittel nicht zumal in einer 
Sprache ergriffen worden sein, welche in ihrer ältesten 
erkennbaren Periode für fast jeden Begriff eine grosse 
Anzahl von Worten besass, und somit leicht diejenigen 
Vokabeln, die aus irgend einem Grunde unbequem 
wurden, fallen lassen und durch andere ersetzen konnte? 
Es ist klar, für die Bejahung dieser Fragen spricht die 
vernünftige Wahrscheinlichkeit lebhaft genug, um uns 
die Annahme eines absichtlichen intellectuellen Zusam- 
menhanges widersinniger Gleichlauter nahezulegen, und 
die Fortsetzung der Untersuchung in dieser Richtung 
aufzunötigen. 

Damit wären wir also zum scheinbaren Unsinn, zu 
einer contradictio, die nicht blos in adjecto, sondern in 
nomine stattgefunden haben müsste, zurückgekehrt. 
Nun war aber Aegypten nichts weniger, als eine Hei- 
mat des Unsinns. Es war im Gegenteil eine der 
frühesten Entwickelungsstätten der menschlichen Ver- 
nunft. Es erfreute sich einer hohen Gesittung zu einer 
Zeit, in welcher der Rest des Erdballs meist noch bar- 
barisch war. Es hatte bedeutende mechanische und 
chemische Kenntnisse, als es rings herum noch wenig 
andere Künste gab, als^die des Tödtens. Es kannte 
eine reine und würdevolle Moral und hatte einen grossen 
Theil der Zehn Gebote formulirt, als diejenigen Völker, 
welchen die heutige Civilisation gehört, blutdürstigen 
Idolen Menschenopfer zu schlachten pflegten. Ein Volk, 
welches die Fackel der Gerechtigkeit und Cultur in so 
dunkelen Zeiten entzündete, kann doch in seinem all- 
täglichen Reden und Denken nicht geradezu stupid ge- 
wesen sein. Da es Tugend und Wissenschaft so früh 



* 320 * 

erwarb, kann es doch in den einfachsten Verstandes- 
operationen nicht unfähig bis zur Albernheit gewesen 
und gebUeben sein. Wer Glas machen und ungeheuere 
Blöcke maschinenmässig zu heben und bewegen ver- 
mochte, muss doch mindestens Vernunft genug gehabt 
haben, um ein Ding nicht für sich selbst und gleich- 
zeitig für sein Gegentheil anzusehen. Wie vereinen wir 
es nun damit, dass die Aegypter sich eine so sonder- 
bare contradictorische Sprache gestatteten? Dass sie 
„ausschliessen" sagten, wenn sie „einschliessen" meinten, 
weil sie unverständlicherweise beide Begrifife in dem- 
selben Laute untergebracht hatten? Dass sie überhaupt 
den feindlichsten Gedanken ein und denselben lautlichen 
Träger zu geben, und das, was sich gegenseitig am 
stärksten opponierte, in einer Art unlöslicher Union zu 
verbinden pflegten? Wie gesagt, wir haben diesen That- 
sachen ins Gesicht zu sehen, wenn wir die Frage zu 
lösen unternehmen. 

Den ersten Faden, der uns aus dem Labyrinth in 
das Licht der menschlichen Vernunft zurückzuführen 
verspricht, liefert die ägyptische Sprache in einer Stei- 
gerung ihres unbegreifHchen Verfahrens. Von allen 
Excentricitäten des ägyptischen Lexikons ist es viel- 
leicht die ausserordentlichste, dass es, ausser den Worten, 
die entgegengesetzte Bedeutungen in sich vereinen, 
andere, zusammengesetzte Worte besitzt, in denen zwei 
Vokabeln von einsinniger, aber einander widersprechen- 
der Bedeutung zu einem Compositum vereint werden, 
welches die Bedeutung nur eines von seinen beiden 
konstituierenden GHedern besitzt. Es giebt also in dieser 
ausserordentlichen Sprache nicht allein Worte, die so- 
wohl ,, stark" als , .schwach", oder sowohl „befehlen" 



* 321 * 

als „gehorchen" besagen; es gibt auch Composita wie 
„altjung" (khel seri = khel [alt] + seri [jung]) „fern- 
nah", (ues0ön = ue [fern] -f- 0ön [nah]j „bindentren- 
nen" (latbes = lat [binden] -)- bes [trennen]), „aussen- 
innen" (ebolkhen = ebol [aussen] -f- khen [innen], 
(^eAujHpi, oTrec^wn, Ad^TÄec, efeoAien etc. s. Anhang) die 
trotz ihrer, das Verschiedenste einschliessenden Zu- 
sammensetzung das erste nur „jung", das zweite nur 
„nah", das dritte nur ,, verbinden", das vierte nur ,, in- 
nen" bedeuteten. Während die unzusammengesetzten 
Worte mit entgegengesetzten Bedeutungen noch die 
Erklärung einer zufälligen Homonymie zuliessen, hat 
man also bei diesen zusammengesetzten Worten be- 
griffliche Widersprüche geradezu absichtlich vereint, 
nicht um einen dritten Begriff zu schaffen, wie im Chi- 
nesischen mitunter geschieht, sondern nur um durch 
das Compositum die Bedeutung eines seiner beiden 
contradictorischen Glieder, das allein dasselbe bedeutet 
haben würde, auszudrücken. Die Sache scheint damit 
immer dunkler zu werden. Eine Aeusserung zu machen, 
sie sofort zu widerrufen, und dann zu erwarten, dass 
der Hörer sie dennoch als gemacht ansehe, geht sicht- 
lich über die Grenzen hinaus, die sich der gesunde 
Menschenverstand im 19. Jahrhundert, und in allen 
einigermassen bekannten Jahrhunderten, gesetzt. 

Ehe wir das in dieser Steigerung doppelt befremd- 
liche Phänomen als sicher annehmen dürfen, bleibt indes 
noch eine Schwierigkeit zu lösen. Wenn die Urworte 
eine so starke Tendenz zum Gegenfmn hatten, wie 
wiffen wir, dass jene antithetischen Composita nicht zu 
einer Zeit gebildet wurden, in welcher die Bedeutung 
ihrer beiden Glieder noch so dehn- und wandelbar ge- 

Abel, Sprachw. Abhdlgn. 2 1 



* 322 * 

wesen ist, dass sie in beiden dieselbe sein konnte? Dass 
die meisten dieser contradictorischen Composita erst 
in der neueren Sprache auftreten, schwächt unser Be- 
denken nicht ab; dann da der in der hieroglyphischen 
Schriftsprache verwendete Theil des ägyptischen Wörter- 
buchs in allen Perioden ein ziemlich begränzter und 
gleichmässiger blieb, so kann die neuere Sprache, wie 
sie teilweis ältere Lautformen enthält, als der ver- 
zeichnete Theil der alten*), ebenso auch eine Anzahl 
alter Worte oder Bedeutungen enthalten, die in dem 
recipierten hieroglyphischen Codex nicht zum Vorschein 
kommen. In der That lässt sich dieser Rückschluss in 
einigen Fällen sachlich unterstützen. In dem kopti- 
schen, also neusprachlichen Worte khelseri (^eTvujHpi) 
heisst khel allerdings ,, Greis" und „ser ,,jung", während 
das ganze Compositum nur ,,jung"' bedeutet; aber im 
Hieroglyphischen heisst ^el noch beides, ,,alt" und 
,,jung", kann also, wenn es schon damals zu dem schon 
damals allein ,,jung" bedeutenden ser gefügt wurde, 
in der Bedeutung „jung" copuliert worden sein, und so- 
mit keinen Gegensatz zu ser, sondern nur eine ver- 
stärkende Wiederholung des Begriffes von ser in sich 
geschlossen haben. Ebenso könnte es sich in anderen 
weniger oder gar nicht untersuchbaren Fällen verhalten 
haben. Stark wie dieser Einwand erscheint, ist er den- 
noch hinfällig. Denn einmal stützt er sich auf die An- 
nahme desselben, in einem Worte auftretenden Gegen- 
sinns, den im Compositum zu widerlegen er gemünzt ifl:; 
und andererseits kann er dieThatsache späteren, in einem 
Compositum erscheinenden Gegensinns durch die blosse 



*) Siehe des Verf. „Zur ägyptischen Etymologie.'' Berlin 1877. 



- 323 * 

Vermuthung früheren Gleichsinns unmöghch entkräften. 
Geben wir einen AugenbHck zu, dass khel dem ser 
in der Bedeutung „jung" copuHert wurde, so bleibt es 
deshalb nicht weniger wahr, dass khel hieroglyphisch 
beides, sowohl ,,alt" als „jung" bedeutete, und dass es 
koptisch, wo wir dem Compositum khelser zuerst begeg- 
nen, ,,alt" und zwar nur ,,alt" besagte. Es bliebe also 
immerhin die Thatsache bestehen, dass man zu einer 
gewissen Periode ,, altjung" für „jung" gesagt hat, selbst 
wenn dieses Compositum zu einer früheren Zeit ,, jung- 
jung" bedeutet haben sollte. Da aber das erste Glied 
des Compositums schon in jener früheren Zeit sowohl 
,,alt" als ,,jung" bedeutete, wie können wir ihm die 
Bedeutung ,,alt", die es in dem Compositum ,, altjung" 
dem Sinne der neueren Sprache nach unzweifelhaft be- 
sass, für jene ältere Periode absprechen wollen? Das 
eigentümliche Rätsel wird demnach auch durch diese 
scheinbare Einwendung nicht gehoben. 

Indes löst es sich bei näherer Betrachtung leicht 
genug in sich selbst. Da wir nach den letztgenannten 
Beispielen an der Thatsache einer gewollten, überlegten 
und für vernünftig gehaltenen Antithese begrifflicher 
Gegensätzezum Ausdruck eines der beiden contrastierten 
Begriffe nicht mehr zweifeln dürfen, so erinnern wir 
uns allgemach, dass unsere Begriffe durch Vergleichung 
entstehen. Wäre es immer hell, so würden wir zwi- 
schen hell und dunkel nicht unterscheiden, und dem- 
gemäss weder den Begriff, noch das Wort der Hellig- 
keit haben können. Wären alle Dinge um uns her von 
demselben Umfang, so würden die Begriffe „gross" und 
„klein" sich niemals dem menschlichen Auge oder Ver- 
stände dargeboten haben. Wäre die Temperatur der 



^^ 324 * 

Atmosphäre und unseres Blutes immer gleich, und 
immer dieselbe, so würden „kalt" und „warm" Empfin- 
dungen und Vokabeln sein, welche der Mensch niemals 
kennen gelernt hätte. Wäre Jeder und Jedes vollkom- 
men, so würden „gut" und ,, schlecht" keine Existenz, 
und mithin auch keine Nomenclatur in unserer Mitte 
besitzen. Es gäbe keine Tugend, weil es kein Laster 
gäbe; es gäbe keine Rechtschaffenheit, weil die Sünde 
unmöglich wäre. Man würde den Gedanken der Barm- 
herzigkeit nicht fassen können, weil man die Freiheit 
nicht hätte, grausam zu sein. Man würde überhaupt 
kein Unrecht thun können, weil man keine Wahl hätte, 
anders als recht zu handeln. Es ifl offenbar, alles auf 
diesem Planeten ist relativ, und hat unabhängige Exi- 
stenz nur insofern es in seinen Beziehungen zu und 
von anderen Dingen unterschieden wird. Da bei dieser 
relativen Anordnung des Universums die Eigentüm- 
lichkeit eines jeden Dinges durch seine Beziehung zu 
anderen, ähnlich, aber dennoch andersgearteten Dingen 
erkannt wird, so konnte nichts unvermeidlicher sein, 
als dass ein Ding ursprünglich im Hinblick auf diejeni- 
gen Dinge aufgefasst wurde, ohne deren verschiedene 
Eigenschaften es überhaupt nicht bemerkt worden wäre. 
Wenn Kälte überhaupt nicht existiert, ausser insofern 
wir sie von Wärme unterscheiden, wie konnte sie anders 
vorgestellt werden, als indem man sich auf die Wärme 
bezog? Wenn die Grösse ein Begriff ist, der uns erst 
durch den Kontrast mit kleinen Dingen entsteht, wie 
vermochte sie anders erfasst zu werden, als eben durch 
diesen Kontrast? Wenn die Erscheinung der Krumm- 
heit nur durch die Existenz der Gradheit entdeckt wird, 
was anders konnte der ringende Gedanke thun, als die 



* 325 ->=- 

enge Verbindung, die die beiden in der Natur der 
Dinge zeigen, nachahmen, und das eine als ein Corre- 
lativum des anderen auffassen? Da jeder Begriff so- 
mit der Zwilling seines Gegensatzes ist, wie konnte er 
zuerst gedacht, wie konnte er anderen, die ihn zu denken 
versuchten, mitgeteilt werden, wenn nicht durch die 
Messung an seinem Gegensatz? 

Wie sie diese Erwägungen veranlasst, so wird die 
ägyptische Inversion durch dieselben auch aufgeklärt. 
Die Worte mit entgegengesetzten Bedeutungen erläutern 
das Werden von Begriff und Sprache in primitiver Zeit. 
Da die Gegenwart zweier entgegengesetzter Ideen im 
Geiste ursprünglich notwendig war, um die eine fas- 
sen zu lernen, so kamen beide gleichmässig zur Gel- 
tung in gewissen Worten des ältesten erhaltenen Idioms, 
deren Natur und Umfang wir weiterhin genauer erörtern 
werden. Da man den Begriff der Stärke nicht conci- 
pieren konnte, ausser im Gegensatz zur Schwäche, so 
enthielt das Wort, welches „stark" besagte, eine gleich- 
zeitige Erinnerung an ,, schwach", als durch welche es 
erst zum Dasein gelangte. Wenn, wie wir gesehen, in 
späteren Zeiten, als die Begriffe schon lange geschaffen, 
gesondert und in selbständigen Worten untergebracht 
waren, zwei solcher selbständiger, eindeutiger Worte 
antithetisch verbunden wurden, um den Begriff eines 
von ihnen klarzustellen, so ist im Lichte der kontra- 
stierenden Logik und angesichts der zahlreich vorhan- 
denen, syntaktisch einfachen, aber begrifflich zwei- 
deutigen Worte der Rückschluss auf die bewusste 
Gegensätzlichkeit der Urbedeutung dieser Worte ebenso 
notwendig, als erwiesen. 

Es ergibt fich, dass der Mensch seine ältesten und 



* 326 * 

einfachsten Begrifife nicht anders hat erringen können, 
als im Gegensatz zu ihrem Gegensatz, und dass er erst 
allmählich die beiden Seiten der Antithese sondern und 
die eine ohne bewusste Messung an der anderen denken 
gelernt hat. Das Wort, welches die Begriffe stark und 
schwach ursprünglich vereinte, bezeichnete in Wahrheit 
weder stark noch schwach, sondern nur die Beziehung 
beider, und den Unterschied beider, welcher beide 
gleichmässig erschuf. Es enthielt in seinem weiten Um- 
fang, und erinnerte den Hörer an, die ganze Kategorie 
der Kraft mit all ihren mannigfachen Arten und Stufen 
in ungesonderter Fülle. Es war ein blosses Mittel des 
Verhältnismasses innerhalb des Gesamtbegrififes stark- 
schwach , der je nach der Hervorhebung der einen 
oder der anderen Seite als relativ stark d. h. als stark, 
oder als relativ schwach d. h, als schwach gefasst zu wer- 
den hatte, um seine Sonderung überhaupt zuzulassen. 
Eine ähnliche halbbewusste Messung ist ja noch heute 
vorhanden: wir nennen „stark" nur, was stärker ist als 
ähnliches, und „gross" nur, was grösser ist, als das damit 
in Gedanken Verglichene. Wir bezeichnen als gehend, 
was nicht steht, und als bindend, was nicht teilt. Wir 
werden uns dieser Vergleichung allerdings gegenwärtig 
um so weniger bewusst, als die zahlreichste Wörter- 
klasse — die der Hauptwörter — häufig unverständ- 
liche Namen aufzuzeigen hat, indem die Eigenschaften, 
nach denen diese Namen gegeben wurden, durch die 
Bedeutungs-V^erdunkelung der betreffenden Wurzeln un- 
erkennbar geworden sind. Wir nennen Messer, was 
schneidet; aber wir erinnern uns nicht, dass das be- 
treffende Wort ursprünglich ,,das Schneidende" bedeu- 
tete, weil wir die Wurzel, von der es abgeleitet ist, 



* 327 * 
heute nicht mehr für „Schneiden", sondern nur noch in 
dem Hauptwort „Messer" und etwa in einer Nebenform 
für „Schlachten" gebrauchen. Wir nennen die Sonne 
„die Leuchte", weil sie leuchtender ist als alles andere; 
obschon wir freilich lange vergessen haben, dass das 
Wort diese allgemeine Bedeutung der Leuchte besass, 
ehe es die specielle der Sonne annahm, und erst nach- 
mals, weil man die grösste Leuchte besonders benen- 
nen wollte, durch diese stolze Verwendung zur Bezeich- 
nung aller anderen Leuchten untauglich wurde. So 
hindert der Untergang oder die starke Laut- oder Be- 
deutungsveränderung so vieler, allgemeine Eigenschaften 
bezeichnenden Wurzeln die Erkennbarkeit der Bedeutung 
ihrer konkreten Derivaten und die auf ihr beruhende 
ursprüngUche Messung am Gegensatz. In vielen ande- 
ren Fällen haben die Wurzeln allmählig abstracte oder 
metaphorische Bedeutungen angenommen, welehe, ent- 
wickelteren Anschauungen dienend, den Gegensatz nicht 
so offenbar neben sich hegen haben, und in der That 
lange nach der Periode des Gegensinns entstanden sind. 
Als Liebe Begehren war, stand das Verwerfen ihr noch 
dicht gegenüber; da sie zur seehgen Schwärmerei ge- 
worden, wich der Gegensatz zu weit zurück, um sich 
zeigen zu dürfen. Als das Spitze zuerst vom Stumpfen 
unterschieden wurde, lagen beide dicht im menschlichen 
Gehirn bei einander; da man von spitzen Reden sprach, 
ward, abgesehen von der bereits vollzogenen Sonderung 
der Begriffe, die Idee der Stumpfheit durch die bild- 
liche Anwendung der Spitzigkeit in verschwimmende 
Ferne gerückt. 

An diesem Punkte angelangt, empfiehlt es sich noch 
einen möglichen Einwurf zu erledigen, der sich der fluch- 



tigsten Erwägung darbietet, und der, wenn er gegründet 
wäre, jede weitere Erörterung überflüssig zu machen 
scheint. Gut, wird man sagen, da in den ältesten er- 
haltenen Sprachproben so viele Worte mit entgegenge- 
setzten Bedeutungen vorhanden sind, und obenein rationell 
erklärt werden können, so muss man wohl zu der 
Conclusion gelangen , dass der menschliche Geist in 
seiner Kindheit in dieser unerwarteten, und für unseren 
heutigen Vernunftstolz unschmeichelhaften Weise denken 
gelernt habe. Aber wie sehr er die Antithese auch zu 
seinen eigenen ersten Denkoperationen bedürfen mochte, 
der Mensch, indem er sprach, hatte nicht nur das Be- 
dürfnis, einen Gedanken zu fassen, sondern auch den 
darüber hinausgehenden Wunsch, denselben seinen Mit- 
menschen mitzuteilen. Sowohl sich selbst, als seinen 
Mitmenschen nun, muss er in jedem einzelnen Falle eine 
Seite der bewussten unvermeidlichen Antithese vorzugs- 
weise zu accentuieren gewünscht haben. Wenn er in 
seinen eigenen Gedanken auch genau genug wusste, 
welche Seite des Zwitterbegriffes er jedesmal meinte, 
wie hat er dies dem Nebenmensehen zu erkennen ge- 
geben? Wenn der Urägypter qen aussprach, welches 
sowohl „stark" wie ,, schwach" bedeuten konnte, wie 
hat er seine ebenso zweideutigen Genossen wissen lassen, 
für welche Auffassung er sich in dem betreffenden Falle 
entschied? Er konnte doch nicht Beides zugleich mei- 
nen. Es muss einmal dies, und das andere mal jenes 
gewesen sein, was er mit dem unklaren Laut bezeich- 
nete, und da der Laut in beiden Fällen der gleiche war, 
so muss er doch über ein Mittel verfügt haben, den 
Unterschied kenntlich zu machen. Mit welchen Nöten 
seine Logik auch einen Gedanken hergestellt haben 



* 329 * 

möge, man muss dem stammelnden Halbwilden die 
Gerechtigkeit widerfahren lassen anzunehmen, dass nach- 
dem er einmal wusste, was er wollte, dieses und nicht 
etwa das baare Gegenteil auszusprechen, oder auch nur 
ein unklares Halbdunkel zuzulassen von ihm beabsich- 
tigt worden sein kann. 

Die Beantwortung der aufgeworfenen Frage ist wie- 
derum eine einfachere, als man glauben möchte. Wie 
die Hieroglyphen unverkennbar zeigen, und die Beobach- 
tung ganzer Völker- und Menschenklassen noch heute 
lehrt, ist die Geste stets ein wesentliches Hülfsmittel in 
der Unterhaltung einfacher, aber lebhafter Leute gewesen. 
Wenn das ägyptische Wort qen „stark" bedeuten soll, 
steht hinter seinem alphabetisch geschriebenen Laut das 

Bild eines aufrechten, bewaffneten Mannes y,,,^ n); 

wenn dasselbe Wort „schwach" auszudrücken hat, folgt 
den Buchstaben, die den Laut darstellen, das Bild eines 

hockenden lässigen Menschen. (,^^£^ AA) In ähnlicher 
Weise werden die meisten anderen zweideutigen Worte 
von erklärenden Bildern begleitet. Tem „einschhessen" 
hat die Schlinge, das hieroglyphische Zeichen des Bin- 
dens, (o ^.15) hinter sich; tem „ausschliessen'' 
den Unglücksvogel (s^ ^x ^^). das allgemeine Zei- 
chen des Übels. Dem Worte äri ,, aufsteigen" folgt die 
determinierende Vignette der Treppe (<:3>üüj/]' 
demselben Worte, wenn es ,, unten" bezeichnen soll, 
die Darstellung einer fallenden Mauer (- — '^ (1 (1 'NS<,j- 

Hinter un^, dem der Begriff des ,,Bedeckens" inne- 
wohnt, erscheint eine Binde, welche Gerolltes und Ver- 



* 330 * 

schlungenes anzuzeigen pflegt i^^ cS, ); „unh" „auf- 
decken", wird dagegen von dem Thürflügel, dem Zei- 
chen des Öfifnens, erläutert ( /wwv\ '^j. Wenn diese, den 

Worten beigegebenen Illustrationen den Sinn des Ge- 
schriebenen unzweifelhaft bestimmen, so ist es klar, 
dass die entsprechende Geste in der mündlichen Rede 
dasselbe thun konnte. Die Unterhaltung primitiver 
Menschen bezieht sich ja zumeist auf sinnliche Gegen- 
stände , die leicht äusserlich anzugeben sind. Kef 
,, nehmen" ist von Kef ,, weglegen" durch entsprechende 
Handbewegungen rasch geschieden. Tna „anbeten", 

o -TL ^\ , 

, wird von tiia ,, verfluchen" (Demot.) das 



f] 



eine durch Bücken, das andere durch Wegstossen, un- 
schwer gesondert worden sein. Wen ;^en ,, stillstehen" 

(^ ^ -^)' ^"^ '^^"" ^' „hingehen" (^ | J\) 
besagte, vermochten die menschlichen Beine ebenso 
untrüglich als schnell zu erklären. Und so dürfen wir 
uns auch darauf verlassen, dass der junge Mann, der 
seinen Schatz ,, schön" nennen wollte, indem er das 
bedenkliche Wort sa (•=»MS<' cev) aussprach, welches die 
verrätherische Nebenbedeutung von „gewöhnlich" 
(g^^ '^^) einschliesst, sich mit einer nicht misszuver- 
stehenden Geberde über den Inhalt seiner Gesinnungen 
und Synonymik commentierend geäussert haben wird. 
Das Eintreten der Geste kann übrigens nicht nur bei 
den sinnverkehrten Worten erforderlich gewesen sein: 
es war eben so unumgänglich bei der Unzahl von 
ägyptischen Homonymen , deren Bedeutung keinen 



* 33^ * 

erkennbaren Zusammenhang hat. Wo (wie in meinem 
„Ursprung der Sprache" gezeigt ist) ein und das- 
selbe Wort „tanzen, Herz, Kalb, Wasser, fortgehen, 
verlangen, linke Hand und Figur" bezeichnen konnte; 
wo ein anderes Wort ,,Brod, Kornmass, Krug, Stock, 
Schififsteil undHippopotamus" auszudrücken vermochte; 
und wo die gleiche Vieldeutigkeit sich in vielen anderen 
Worten wiederholte, muss die Geberde überhaupt eine 
stete und unerlässliche Begleitung des Sprechens ge- 
bildet haben. Auch wird ja in den wenigen und 
immer wiederkehrenden Situationen der Urwelt der 
Sinn der meisten Worte ebenso sehr durch die leicht 
erkennbare Natur der Umstände wie durch das demon- 
strative Verhalten der Sprechenden verständlich ge- 
worden sein. Wovon anders werden die Leute ge- 
redet haben, als von Kälte, Hunger, Feind, Tier, Tödten 
und w^as dazu gehört? Und können nicht manche ge- 
dankenarme Wilde und Halbwilde, Orientalen und Halb- 
orientalen, noch gegenwärtig fast so viel mit den Händen 
wie mit dem Munde reden? Aus Oberst Mallery's be- 
rühmtem Werk über die Geberdensprache der nord- 
amerikanischen Indianer erfahren wir, dass Rothäute 
verschiedener Stämme und Idiome noch heute alle 
Gegenstände, die sie überhaupt interessieren, mit Leich- 
tigkeit mimetisch verhandeln können. Die rasch er- 
kannte, zumeist sinnHche Natur der Umstände, und die 
verhältnismässig wenigen und gleichartigen Erwägungen, 
die sich auf dieser Gesittungsstufe darbieten, gestat- 
ten unmittelbare Verständigung. Selbst verwickeitere 
Dinge verhandelnd pflegen die zungenlosen Diener im 
Stambuler Serail einander, und sogar Dritten, alles 
mitteilen zu können, was das (demnach vergeblich) 



* 332 .. 

abgeschnittene Glied unverstümmelten Menschen zu 
sagen gestattet. Ebenso haben unsere eigenen intelli- 
genteren Taubstummen die Gewohnheit, das Finger- 
alphabet so viel wie möglich durch Wort- und Gedan- 
kenzeichen zu ersetzen, und hantieren damit leidlich 
so flüssig, wie unsereins mit dem Munde. In Rom, wo 
die Pantomime früh zur Kunst entwickelt wurde, schickte 
man seiner Zeit besonders gewandte Schweigredner des 
Theaters zu den Numidern und anderen Völkerschaften, 
deren Sprachen man nicht kannte. Diese ausserordent- 
lichen Gesandten verstanden Friedens- und Kriegsunter- 
handlungen mit Erfolg zu führen, ohne den Mund zu 
öffnen. Ihre Nachfolger blühen noch heut in Italien, 
zumal in Neapel. All das lehrt die zureichende Bedeu- 
tung der Geste für primitive Unterhaltung, welche der 
nordische Mensch, im Geist entwickelt und im Tempera- 
ment erkältet, allmählich vergisst. Begriffe muffen aller- 
dings vorhanden sein, um ausgedrückt werden zu 
können; sie bilden zu helfen diente ursprünglich eben 
der gegensinnige Laut, der, zur Begriffsbildung unerläss- 
lich, zur Mitteilung über die erklärende Geberde verfügte. 
Wir erlangen hiermit die beruhigende Gewissheit, 
dass der alte Ägypter durch die geistige Mühsal, der 
er sich bei der Bildung seiner Gedanken zu unterziehen 
hatte, weder um die eigene Klarheit, noch um die Ver- 
ständlichkeit anderen gegenüber gebracht worden ist. 
Man wusste also auch in jenen frühen Zeiten ganz gut, 
was man wollte, und suchte es rationell genug mitzu- 
teilen. Wenn die Ausdrucksweise zuerst etwas mühsam 
und umständlich war, so müssen wir dies der Kindheit 
des Menschengeschlechts und den ihr innewohnenden 
Schwächen schon zu gute halten. Sind doch die Ge- 



^^ 333 * 

spräche, welche wir eben skizzierten, vor mehr als 5000 
Jahren gehalten worden. So dürfen wir nicht erwarten, 
dass sie sich ganz so fliessend abgespielt haben werden, 
als was wir uns in unseren eigenen redseligen Zeiten 
mitzuteilen wissen, in denen Sprechen ein geschätzter 
Luxus geworden ist. 

Ist das Auftauchen der Bedeutungsantithese und 
ihre Verständlichkeit trotz scheinbarer Unverständlich- 
keit somit erhärtet, so haben wir uns nunmehr mit 
ihrem Verschwinden, und dem Eintritt des gegenwärti- 
gen, eindeutigen Zustandes der Wörter zu befassen. Das 
eine ist so natürlich wie das andere geschehen; das 
eine ist in der Sprache so deutlich wie das andere zu 
verfolgen. Lassen wir zunächst wieder die Fakten für 
sich selber sprechen. Während in der alten Sprache 
qen sowohl „stark" als „schwach" bedeutete, traten in 
der jüngeren Periode zwei verschiedene phonetische 
Modifikationen für diese verschiedenen Bedeutungen des 
einen Lautes ein: im Koptischen heisst (5'ste (tschne) 
„stark" und (S'ne.v (tschnau) „schwach". Schon im 
Hieroglyphischen selbst spaltet sich qen ,, starkschwach" 

in qen „stark" ( /i ^) und kan „schwach'' ( S ^ Ö m) 



J 

rvvvvvx -<-j 

In derselben Weise wird das hieroglyphische tem 

(ci VV^' welches ,,einausschliessen" bedeutet, im 

Koptischen als „einschliessen" durch stam (ujTisM), als 
„ausschiiessen" durch das Compositum stamro (iyTd.Avpoj) 
„excludere foras" vertreten. Ebenso wurde das hiero- 
glyphische snh n T^ „bindentrennen" in der späteren 

Rede durch senh (cett^) für „binden" und durch blosses 
neh(ne£) (nach Abwerfung des denThäter anzeigenden s) 



- 334 * 

für „trennen" ersetzt. Desgleichen wird für hierogly- 
phisches tna „anbetenverfluchen" anstatt der ersten Be- 
deutung nachmals taio (täwIo), anstatt der zweiten djeua 
CXeoTÄ.) gesagt. 

Im Lichte dieser und vieler ähnlicher Beispiele 
werden wir Sinn und Laut differenzierende Varianten 
desselben Urwortes, wie die folgenden, leicht verstehen: 

1 JU-:^^ \\ seb „schneiden", „abhauen", ,, abtrennen" 

und cHqi (sefi) ,,das Schwerdt"; ^_^^ ^ hir ,,oberst" 



^ >^^'' „uriterst"; '^-^^ cd feq ,,voll" und 
'^"^^ I^ "^ O fe(n)ka „leer" ; mu (mot) „Wasser" und 

mue (MOTe) „Feuer"; toh (to^) „laufen" und taho (t*.^co~i 
„ruhen"; kelp (Ke?Vn) „entwenden" und tschölp (ö'uj'iVrt) 
„darlegen"; nahb (nd^gfi) „Knecht sein" und nahm (««-^m) 
„befreien" u. s. w. 

Wir sehen es, die ursprünglich doppelsinnigen Worte 
legen sich in der späteren Sprache in je zwei einsinnige 
auseinander, indem jeder der beiden entgegengesetzten 
Sinne je eine lautliche Ermässigung derselben Wurzel 
für sich allein occupiert. Es bildet sich aus der ursprüng- 
lichen Doppelsinnigkeit, die in der alten Sprache abun- 
diert, in der neuen aber verhältnismässig selten ist, allmäh- 
lich eine Einsinnigkeit heraus, und nimmt, eine jede für 
sich, einen besonderen Laut zu ihrem Ausdruck in An- 
spruch.*) Mit anderen Worten, die Begriffe, die nur anti- 

*) In den ältesten erhaltenen ägyptischen Sprachproben zeigt die 
Mehrheit der Worte bereits Eindeutigkeit. Doch ist Zweideutigkeit und 
stufenweise Entwicklung derselben zur Eindeutigkeit noch häufig zu 
beobachten. 



^ 335 * 

thetisch gefunden werden konnten, werden dem menschli- 
chen Geist im Laufe derZeit genügend angeübt, um jedem 
ihrer beiden Teile eine selbständige Existenz zu er- 
möglichen, und jedem somit seinen separaten lautlichen 
Vertreter zu verschaffen. Nachdem der Begriff der Stärke 
durch den Gegensatz gegen die Schwäche entdeckt, und 
der Gesamtbegriff beider durch die gemeinsame Vor- 
stellung von „starkschwach" geläufig geworden war, kön- 
nen endlich Stärke und Schwäche jedes allein gedacht 
werden, ohne sichbewusst an ihrem Widerspiel zu messen. 
Damit entsteht Sprache im modernen Sinne, in welchem 
jedes Wort, wenn es auch immer noch relativ, und 
damit mehrsinnig zu bleiben pflegt, doch wenigstens 
nicht absolute Gegensinne einschliesst. 

Die mit der vorschreitenden begrifflichen Sonderung 
erfolgende lautliche Differenzierung ist einer etwaigen 
Hypothese, dass die beiden Seiten des Gegensinns ur- 
sprünglich nach dem Muster der chinesischen Homo- 
nymen durch Accent oder Tonhöhe auseinandergehal- 
ten worden seien, nicht günstig. Wozu hätte es phone- 
tischer Differenzierung bedurft, wenn eine musikalische 
vorhanden war? Ist die phonetische nicht durch die musi- 
kalische im Chinesischen verhindert worden? Übrigens 
würde musikalische Differenzierung, selbst wenn sie vor- 
handen und nachweisbar wäre, den Gegensinn nicht auf- 
heben, sondern im Gegentheil, ebenso wie die gesticu- 
lierende und phonetische, des weiteren erweisen. Denn es 
bliebe immer derselbe Lautkomplex für entgegengesetzte 
Begriffe bestehen, und der Wunsch durch Nebenhilfs- 
mittel zu unterscheiden, was im Wesentlichen — im 
Laut — noch nicht getrennt werden konnte. 

Der ganze Vorgang wurde durch die Natur des 



ältesten Sprachinhalts ausserordentlich erleichtert. Was 
der Urmensch sah, waren nur die wesentlichsten, die 
am meisten in die Augen fallenden Eigenschaften der 
Dinge. Nach diesen benannte er sie. Somit schuf er, 
obschon er nur Konkretes bemerkte, unwillkürUch die 
allgemeinsten sinnlichen Kategorien. Er nannte Messer, 
Schwert und Beil mit einem Namen: scharf.*) Er 
hiess Sonne, Mond und Sterne gleichmässig: Licht.**) 
Er gab Vogel, Regen, Rauch und Wolke dieselbe Be- 
zeichnung: Flieger. Kurz, er beachtete nur das Wich- 
tigste ; bezeichnete dies nach den hauptsächlichsten 
Kennzeichen, die sich an den Dingen gleichartig wie- 
derholen; und erfand somit eine Anzahl von Wur- 
zeln, deren jede eine verhältnismässig grosse Menge 
von Gegenständen zu benamsen verwendet wurde. Diese 
ältesten Wurzeln, deren Bedeutungen sich in allen 
Sprachen innerhalb der nötigsten allgemeinen Begriffe 
zu halten pflegen, und deren Ideenregister somit in 
keiner Sprache ein grosses ist, sind es nun, an denen 
die Erscheinung des antithetischen Doppelsinns beobach- 
tet wird. Sowohl die Zeit ihrer Entstehung, als das 
Wesen der betreffenden Begriffe erklärt die Beschrän- 
kung des Phänomens auf diesen Teil des Wörterbuchs. 
Einerseits war zur Auffindung der ersten Begriffe der 
bewusste Gegensatz am nötigsten, und bot sich auch 
am unmittelbarsten dar, weil zu einer Zeit in der noch 
nicht ohne Antithese gedacht werden konnte, durch die 



*) Ägyptisch: Messer und Schwerdt: korbi (Kopfii^! Beil: kelebin 
(KC^efc — J«); körf, tschorf, horb (ucopq, (3'opq, ^opfi) zerschneiden, 
zerstören. 

**) Sonne: Griech. r^kiOC, (hell); Mond: Lat. luna (lue — na, Licht); 
Sterne: Russ. svesda (svet, Licht). 



* 337 * 

Einfachheit des Gedachten die Antithese sofort auch 
bei der Hand war. Andererseits konnten, nachdem ein- 
mal die nächstliegenden allgemeinen Gedanken doppel- 
deutig gefunden, und allmählich bis zur Eindeutigkeit 
eingeübt worden waren, ähnliche allgemeine und spe- 
ciellere Gedanken mit halbbewusster und unausgedrück- 
ter Vergleichung von vornherein eindeutig geschaffen, 
und die Tausende von Derivativen, welche die unge- 
heuere Masse jedes Wörterbuchs ausmachen, von den 
somit eindeutig verselbständigten Wurzeln ebenfalls 
eindeutig abgeleitet werden.*) Krumm und grad hatten 
überall in demselben Moment geboren und in einigen 
Sprachen wenigstens zunächst in demselben Wort unter- 
gebracht zu werden; aber lange ehe man gewisse Ma- 
schinenteile nach ihnen benannte, waren beide getrennt 
genug, um in den betreffenden Terminis nur eine Seite 
ihres ursprünglichen Gesamtgedankens zum Vorschein 
kommen zu lassen. Ebenso verhält es es sich mit der 
weit überwiegenden Mehrheit aller nachgeborenen d. h. 
aller überhaupt entstandenen Wörter. Sie wurden ein- 
deutig geschaffen von Geschlechtern, welche die wesent- 
lichsten Worte und Begriffe bereits eindeutig empfan- 
gen und deshalb nicht mehr durch eigenes Deuten aus 
der Zweideutigkeit auszusondern gehabt hatten. 

Der für das Ägyptische geführte Nachweis contra- 
diktorischer Urbedeutungen wird in den Beispielen des 
Anhangs auf die indoeuropäischen und semitischen 



*) Im Arabischen, dessen Semasiologie ein grossentheils unerforsch- 
tes Mysterium ist, dehnt sich der Gegensinn auf abgeleitete Gedanken 
aus. Wahrscheinlich hat die Arabische Höflichkeits- und Religionssitte, 
Ungünstiges durch Günstiges zu bezeichnen, darauf noch in späteren 
Zeiten Einfluss gehabt. 

Abel. Sprachw. Abhdlgn. 22 



* 338 * 

Sprachen, also auf die gesamte noachidisch-kaukasische 
Familie ausgedehnt. Wie weit dieses in anderen Sprach- 
familien geschehen kann, bleibt abzuwarten; denn ob- 
schon der Gegensinn ursprünglich den Denkenden jeder 
Rasse gegenwärtig gewesen sein muss, so braucht der- 
selbe nicht überall in den Bedeutungen stark erkennbar 
geworden, oder erkennbar erhalten zu sein. Es lässt sich 
denken, dass eine Rasse, obschon sie ihre ersten Begriffe 
mit bewusster Scheidung vom Gegenteil fassen gemusst^ 
wie jede andere, diesen Gegensinn in ihren Wort- 
bedeutungen zu schwach zum Ausdruck gebracht, 
um uns sichtliche Spuren davon zu hinterlassen. Die 
Sprachen indess, in welchen Gegensinn erkennbar er- 
halten ist, bevorzugen gemeinsam gewisse Begriffe in 
dieser Richtung — ein neuer Beweis sowohl ihrer Ver- 
wandtschaft als der bewussten Antithese. Als da sind: 
Seinnichtsein; allekeiner; einerkeiner; mitohne; zer- 
schlagenverbinden; gebennehmen; haltenlassen; fassen- 
wegwerfen; gehenstehen; sprechenhören; schreien- 
schweigen; zeigenverbergen; grossklein; ganzentzwei; 
vollleer; gradkrumm; weiteng; fürwider; freiunfrei; 
raschlangsam; starkschwach; altjung; helldunkel; kalt- 
warm; hochtief; fernnah; forther; biossbedeckt; nass- 
trocken; lautstill; ausseninnen; müssigfleissig; reinun- 
rein; heiligverflucht u. s. w. Die Begriffe, in welchen 
sich der Gegensinn am allgemeinsten geltend macht 
und am längsten erhielt, müssen diejenigen sein, die 
ursprünglich zu fassen, und nachmals in ihre beiden 
Teile zu sondern, am schwierigsten war. 

Was das Hamitische betrifft, so verweist der Ver- 
fasser auf die ausführlichen ägyptischen Inversionsver- 
zeichnisse in seinen „Koptischen Untersuchungen" (Ber- 



'■■' 339 '■' 

lin 1876), sowie auf die Behandlung teils derselben, 
teils anderer Seiten der Erscheinung in seinen Oxforder 
Ilchester Lectures (London 1883), Linguistic Essays 
(London 1882) und dem vorstehenden „Ursprung der 
Sprache". Die in seinen Koptischen Untersuchungen 
gegebenen 90 Seiten langen ägyptischen Inversionsver- 
zeichnisse schliessen zahlreiche Lautmetathesen ein, 
in denen, als der ursprünglichen Wurzelform gleich- 
wertig, die Sinnmetathese sich eben so zeigt, wie in 
der ursprünglichen Wurzelform selbst. 

Im Semitischen ist die Sinnverkehrung eine häufige, 
von den einheimischen Grammatikern längst beob- 
achtete Erscheinung. (Cf. Redslob, die arabischen 
Wörter mit entgegengesetztem Sinn). Da das Semi- 
tische aber kein Material bewahrt hat, aus dem der 
Zusammenhang der entgegengesetzten Bedeutungen 
historisch nachgewiesen werden könnte, so hat man 
sich damit geholfen, die Erscheinung durch Homonymie, 
oder durch eine mutmassliche Verteilung der Gleich- 
lauter über verschiedene Dialekte zu erklären*;. Die 
erste Erklärung wird durch die Erkenntnis der ägypti- 
schen Erscheinung noch unwahrscheinlicher und un- 
nötiger gemacht, als sie selbst den Arabern immer 
gewesen ist; die zweite ist für gewisse Worte be- 
legt, für andere, sogen. Lexikographenworte, welche 
die Literatur nicht kennt, nur supponiert. Angenom- 
men, sie wäre allgemein statthaft, so hätten wir ent- 
weder spätere lokale Differenzierung einer ursprünglich 
einheitlichen Bedeutung, und damit etwas unverständ- 



*) Über örtliche und zeitliche Scheidung der Gleichlauter in Ägypten 
siehe „Ursprung der Sprache" S. 289. 



lieberes, als Gegensinn in alter Zeit, und fortschreitende 
Ersetzung desselben durch bestimmtere Auffassung im 
Wachstum der menschlichen Vernunft; oder stamm- 
weis einseitige Übernahme einer ursprünglich zwei- 
teiligen Bedeutung, was mit den obigen Ausführungen 
stimmt und der häufigen Verteilung der entgegenge- 
setzten Bedeutungen über die verschiedenen Sprachen 
der indoeuropäischen Familie entspricht. 

Von den angehängten Beispielssammlungen der 
drei noachidischen Sprachstämme wird die Indoeuro- 
päische am auffallendsten sein. Je vorgeschrittener 
eine Sprache, desto mehr wird alte Unbestimmtheit 
durch genauere Fassung der Begriffe ersetzt, desto 
völliger schwindet also auch der Gegensinn. Dennoch 
finden sich auch in den Idiomen der civilisiertesten 
Völker noch zahlreiche Beispiele desselben, die, so lange 
Sinnverkehrung für unmöglich galt, für Homonymie 
genommen wurden, durch die Thatsache der ägypti- 
schen Erscheinung aber in ein anderes Licht gerückt 
werden. 

Es verdient dankbare Beachtung, dass, wie Mr. Herbert 
Morton Baynes kürzlich in einer Kritik mehrerer meiner 
obgenannten Schriften (Mind, April 1883) gezeigt, von 
Prof. Bain die DoppelaufFassung der Sprache, wie es 
scheint, ohne Kenntnis des thatsächlichen Phänomens, 
und aus rein theoretischen Gründen als eine logische 
Notwendigkeit gefordert worden ist. In seiner Logik 
I, 54 lässt sich das Haupt der heutigen Schottischen 
Philosophischen Schule in den folgenden inhaltsschwe- 
ren Worten vernehmen: 

„The essential Relativity of all knowledge, thought 
or consciousness cannot but show itself in language. If 



* 341 * 

everything that we can know is viewed as a transition 
from something eise, every experience must have two 
sides; and either every name must have a double mean- 
ing, or eise for every meaning there must be two names. 
We cannot have the conception light, except as pass- 
ing out of the dark; we are made conscious in a parti- 
cular way by passing from light to dark, and from 
dark to light. The name light has no meaning without 
what is implied in the name dark. We distinguish the 
two opposite transitions, Hght to dark, and dark to 
light, and this distinction is the only difiference of mean- 
ing in the two terms: light is emergence from dark; 
dark is emergence from light. Now the doubleness of 
the transition is likely to occasion double names being 
given all through the universe of things; languages 
should be made up, not of individual names, but of 
couples of names." 

Zu dem logischen Anspruch dieser Doppelauffas- 
sung tritt die philologische Erkenntnis, dass sie sich in 
den Sprachen der nachmals civilisiertesten Völker ur- 
sprünglich in einem gegensinnigen Wort vollzog. 

Ähnlich spricht Tobler in seinem „Versuch eines 
Systems der Etymologie" Lazarus und Steinthal, Zeit- 
schrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft 
(Band I, S. 360): 

„Schon bei der ersten Sprachbildung mochte es 
ferner vorkommen, dass gewisse, ihrer objektiven Natur 
nach doppelseitige Anschauungen sprachlich in einer 
und derselben Wurzel fixiert wurden, der dann also 
eine doppelte, fast entgegengesetzte Bedeutung zuzu- 
kommen scheint. Denn dass sich die eine von diesen 
aus der anderen erst im Verlauf entwickelt habe, ist 



* 342 * 

nicht anzunehmen, wenigstens da, wo beide Bedeutun- 
gen innerhalb der sinnhchen Sphäre hegen; vielmehr 
entspringen beide gleichzeitig aus einer, in sich polaren 
Grundbedeutung, welche eben, wie ein elektro-magne- 
tisches Wesen, nur in dieser Spaltung ihre eigentliche 
Existenz hat. Die meisten dieser Fälle betreften räum- 
liche Anschauungen ; die Relativität aber und blos sub- 
jektive Geltung der gewöhnhchen Raumbestimmungen 
konnte schon der natürlichen Anschauung vorschweben, 
wie denn der, späteren Forschungen durch unmittelbare 
Spürkraft vorauseilende Tiefsinn des Sprachgeists in 
noch höheren Gebieten vielfach anerkannt werden muss." 
Es folgen dann eine Anzahl Beispiele räumlichen 
Gegensinns, und darauf andere, „aus räumlichem in be- 
griffliches Wechselverhältnis spielende." Die obigen 
Untersuchungen dehnen den Nachweis der polarischen 
Do'ppelgrundbedeutung von dem Sinnenmass der Raum- 
vorstellungen auf andere sinnliche und begriffliche Auf- 
fassungen der ursprünglichen Sprachbildung aus. 



Anhang von Beispielen 

des 

Ägyptischen, Indoeuropäischen und Arabi- 
schen Gegensinns. 



Ägyptische Beispiele des Gegensinns^). 



äft aufspringen \/ ruhen 
an wegbringen \/ hinzu- 
bringen 
äpu her „ohne + mit" = 

ohne 
äri aufsteigen \/ an, Boden 
äs würdig \/ äs elend, ge- 

wöhnHch 
ät geben \/ ät, mangelnd 

V mangelhabend 
ät' hören V Wort V at. 

taub sein 
bäh, voll Y bak fehlen, 

mangeln 
bök gehen \/ bek-a sitzen 
ebol (e hinzu, bol, hinweg) 

= hinwee 



ebolute (ebol, hinweg, ute 
hinweg \/ hinein) = 
hinweg 
ebolkhen ausseninnen (ebol 
aussen, khen innen) = 
heraus 
ehraihm (ehrai, in, hinzu, 
hm in) = in Y hinweg 
fek voll V fenka, leeren 
fenh entführen \/ zurück- 
führen 
kb kalt V (köb) kep, warm 
kef nehmen V weglegen 
kek Feuer, Licht \/ Dunkel- 
keit 
kelp stehlen V tschölp, dar- 
legen 



*) Das obige Verzeichnis enthält eine Auswahl aus des Verf. Kopt. 
Untersuchungen; die meisten seiner Worte finden sich in den ägyptischen 
Handwörterbüchern verzeichnet. Die Zahl der Beispiele wächst ausser- 
ordentUch, wenn Lautwandel (Kopt. Unters. 617) und Lautmetathese 
(s. vorsteh. „Ursprung der Sprache" und Kopt. Unters. 694) in Betracht 
gezogen wird. Der ursprünglichen Wurzelform gleichwertig und dennoch 
von ihr geschieden, boten sich gebrochene Reduplication und die aus ihr 
hervorgehende Lautmetathese als ein bereites Mittel für den Ausdruck eines 
zweiten Sinnes bei gleichzeitiger erhaltener Erinnerung an den ersten dar. 



34Ö 



ken, qen starkschwach \/ 

kan schwach 
ken starkschwach V tschne 

stark \/ tschnau, schwach 
ken stark V schwach 
laau etwas V nichts 
laau Jemand \/ Niemand 
laus Kummer V les-i Freude 
latbes bindentrennen (lat 

binden, bes trennen) = 
m mit V von [binden 

men nicht \/ und 
men nicht \/ Teil 
men stillstehen \/ mon, 

heranbewegen 
men stehen \/ menmen sich 

bewegen 
me/ leer \/ meli voll 
mo nehmen \/ moi geben 
moni stehen V monmen 

gehen 
moni wegnehmen \/ her- 
anbringen 
mu Wasser V Ufer, Insel 
mu Wasser \/ mue Feuer 
net's klein V nats, nes-t 

gross, stark 
nahb, Joch, Knecht sein \/ 

nahm befreien 
net' zermalmen V net', 

ganz 
neh trennen \/ noh, Band 



nuh Band V nuh-e, zer- 
schmettern, trennen 
orp festhalten Y uorp los- 
lassen 
uesöön fernnah (ues fern, 

öön nah) = nah 
un^ bedecken, verdecken 

V unli, darlegen 
Ute wegvon V hinzu 
r wegvon V hinzu 
sa wegvon V hinzu 
sa schön V gemein, niedrig 
sam dunkel V sem sichtbar 
set wegwerfen \/ erlangen 
sat wegwerfen \/ set, weg- 
werfen, erlangen 
sah-e entfernen V seuh 

verbinden 
ses ziemlich (Hierogl.) V 

sös (Kopt.) unziemlich 
se^ trennen V seh-u ver- 
binden 
sme Stimme V Gehör 
sneh binden V sneh trennen 
snh, bindentrennen, senh 
binden V neh, trennen 
srfe müssig sein N/ arbeiten 
djof brennen \/ djaf kalt 
taho dabeistehen V hinzu- 
bringen 
tahno festhalten \/ sich 
enthalten 



347 



tem einschliessen \/ aus- 

schliessen 
tem einausschliessen, stam 
einschliessen \/ stamro 
ausschliessen 
tem zerschneiden \/ ver- 
binden 
tem schneiden \/ tem-i, töm 

verbinden 
terp nehmen V geben 
testes verlassen \/ mischen 
teh laufen V taho ruhen 
tem Jemand V nicht sein 
töm hinzufügen \/ anhän- 
gen V tm nicht sein, 
nicht thun 
tna anbeten V verfluchen 
tna anbetenverfluchen, taio 
anbeten \/ djeua ver- 
fluchen 
yeh für XJ wider 
ye\ alt V jung 
yen stillstehen Y hingehen 
yen stehen \/ hun sich 

bewegen 
yers zerstreuen V yers 

bündeln 
Xont in \/ unter 
Xrem-s Dunkel V Zröm 
Feuer 



kha über \/ unter 
khelseri altjung (khel alt, 

seri jung) = jung 
khotb schneiden V hötp 

zusammenbinden 
khröu schreien \/ huröu 

still 
seu weit V tseu, eng 
sep nehmen V empfangen 
som schwach \/ djom stark 
sönf verbinden \/ senf 

schneiden 
suo fliessen \/ austrocknen 
ha über \/ unter Y hinzu 
hb-a dunkel Y zb-s Lampe 
hi hinzu Y wegvon 
hön befehlen Y gehorchen 
hun hingehen Y weggehen 
höp verbergen Y enthüllen 
hir oberst \J /er unterst 
hr mitsammt Y entfernt von 
hr mit Y Ur ausgenommen 
lir von Y 2u 
djol, Mauer, Umgebung Y 

Oeffnung, Loch 
djölh, kleiden, umwickeln 

Y entblössen 
tschnau rüstig V träge 
tschöldj anhängen Y ab- 
stehen Y abschneiden. 



Beispiele Indo-Europäischen Gegensinns^). 



Lat. altus (hoch V tief) 
Ags. ämetig (müssig) \/ 

AHD. emazic (emsig) 
Sanscr. arät (fern) \/ (nah) 
Alts, bat (gut) V Engl bad, 

(schlecht) 
Slov. berl-eti (brennen) \/ 

Lith. ber-as (dunkelj 
Slov. bez-ati (verbinden) 

V bez (ohne) 



Sanscr. bhrgu (Fels) \/ (Ab- 
grund) 

Engl, to bid (fordern) Y 
(bieten) 

Goth. binah (müssen \/ 
dürfen) 

Ags. blaec (schwarz) \/ 
(weiss; (Engl. black 
schwarz , bleak unbe- 
stimmtes farbloses grau) 



*) Unter den angeführten indoeuropäischen Worten bedürfen einige, deren 
Vergleichung den recipierten Lautgesetzen ihrer Sprachfamilie nicht ent- 
spricht, der Erläuterung, Mit Bunsen, Lepsius, Brugsch, Rossi, Ancessi, 
Drival und fast allen anderen ägyptischen Etymologen nimmt der Verf. eine 
der indoeuropäischen vorausgehende weitere Sprächeinheit an, welche (wie 
einige wollen) Sem und Ham, oder (wie andere behaupten) Sem, Ham und 
Japhet miteinander verband. In diese frühere Periode, deren Gesetze 
der Verf. im Ägyptischen für teilweis erkennbar hält, fällt die Erschei- 
nung des Gegensinns, die ihrem ganzen Wesen nach in die Zeit der 
ältesten Sprachbildung gehört. Diesen Gesetzen gehorcht demnach der 
Gegensinn auch phonetisch, ohne bei ihrem teilweisen Übergang in die 
drei späteren Sondergruppen den Gesetzen der letzteren notwendigerweise 
zu widersprechen. Bis zu einer baldigen ausführlicheren Behandlung des 
Gegenstandes sind die wenigen, den anerkannten Lautgesetzen nicht 
adäquaten Beispiele des obigen Verzeichnisses als „Wurzelvarianten" auf- 
genommen worden. Für den Erweis des Gegensinns in dem betreffenden 
Sprachstamm völlig unnötig, hätten die wenigen Beispiele dieser Art 



349 * 



Russ. blagi (gut und 
schlecht) 

Ags. bhcan (funkeln) V 
blac (bleich) 

A. N. blakk-i (Glanz) V the 
black-ness (Schwärze) 

Boden (oberstes) \/ (unter- 
stes im Hause) 

bös (schlecht) \/ bass 
(gut) 

E. to boot (nützen) \/ Busse 
(Nutzen für andere, Scha- 
den für sich) 

Lat. cedere (Gehen V Kom- 
men) 

Lat. clamare (schreien) \/ 
clam (leise, still) 

Kl. Russ. dobrischtsche 
(grosses Gut, grosses 
Uebel) 

Pol. do-starcz-yc (darbieten. 



gewähren) V Czech. ob- 

drz-eti (erhalten) 
Engl, down (niedrig) V the 

down (der Berg) 
Litt, dreg-nas (nass) \/ 

trocken 
An. drekka, Goth. drigkan 

(trinken) V Ags. drig, 

(trocken) 
NHD. dünn V ^^d. dun 

(dickj 
E. End V the farther end 
AHD. Ende (Ende V An- 
fang) 
Griech. tQ^toO-ai (Gehen V 

Kommen) 
An. fä (geben V nehmen) 
An, geta (geben V nehmen) 
Engl, gleam (Glanz) V glim 

(halbdunkel) V gloom 

(dunkel) 



ebenso gut wegbleiben können, wäre es nicht einerseits angemessen er- 
schienen, die Thatsache einer älteren Lautgesetzschicht in der Behand- 
lung eines so primitiven Phänomens, wie der Gegensinn, nicht unerwähnt 
zu lassen, und würde nicht andererseits mit dieser Erwähnung der Weg 
zur Definition des vieldeutigen Wurzelvariantenbegriffs angebahnt. Die 
herrschende Praxis, unter diesem wenig definierten, aber ziemlich allge- 
mein zugelassenem Begriff gewisse Analogieen zu subsumieren, die un- 
zweifelhaft vorhanden und dennoch aus indoeuropäischer oder semitischer 
Laut- und Stammbildungslehre unerklärbar sind , wird sich durch die 
Erkenntnis der älteren Gesetze gerechtfertigt zeigen. Letztere wird auch 
die nachweisbaren Fälle des Gegensinns im Indoeuropäischen ausser- 
ordentlich vermehren. 



350 



Russ. golubi (blau) V D 

gelb 
Slov. greb-en (Berg) \/ D, 

Grab 
Lat. herus (Herr) \/ Griech. 

yjgrjg (Untergebener) 
Engl. Highlows (?) 
Berlinisch : Janein für „nein" 
Sanscr. käl-a (dunkel) \/ 

Pol. sz-kl-o (Glas) 
Slov. kal-en (dunkel) cal-igo 

V hell 

Sanscr. kar-ka (weiss) \/ 
R. ^er-nyi (schwarz) 

Gr. /£/()£n' (abschneiden) \y 
Lat. cer-a (Wachs) 

D. kleben \/ klieben (spal- 
ten), to cleave 

Slov. klep-ati (zerschlagen) 

V Litt, kilp-a (Strick) 
Slov. kol (Spalt) V kl-ej 

(Leim) 

Russ. kon-ec (Ende) \/ be- 
ginn-en 

Serb. kraj (Ende) \J (nahe- 
bei) 

Sanscr. kuhara (Klang) Y 
(Kehle) V (Ohr) 

XaTiitco (zerreissen) \/ Lat. 
laqu€us (Strick) 

Russ. lek-ar (Arzt) V Litt, 
ligg-a (Krankheit) 1 



Engl, to let = to hinder 

and Y to permit 
Lat. lippus (trübäugig, 

blind) Y li-m-p-idus (hell) 
Engl, to lock (schliessen) 

V Lücke, Loch 
AHD. lühhan (schliessen) Y 

MHD. liechen (öffnen) 
Litt, mac-nas (stark) Y 

mefik-as (schwach) 
Griech. [.läla (sehr) Russ. 

malo (wenig) 
Ostpreuss. Mitohnefürohne 
Goth. motjan (müssen Y 

dürfen) 
A. N. mörk-r (dunkel) Y 

Morgen 
Slov. mut (stumm) Lat. 
mutus Y mutt-ire (mur- 
meln) 
Lat. must-us (jung und 
frisch) D. Most V Engl, 
musty (alt und abgestan- 
den) 
Gr. j'f'/'f"' (geben Y nehmen) 
AHD. Ort (Anfang Y Ende) 
Serb. pa-tul-jak (Zwerg) Y 

Sanscr. tul (erhöhen) 
Gr. nn]yvvvai (durchbohren) 

Y (befestigen) 
Slov. poc (Spalt) Y opos- 
nik (Band) 



351 



Litt, plyszti (trennen) \/ R. 

plesti (verflechten) 
Pol. po (über) \/ Litt, po 

(unter) 
Lat.poll-uere(beschmutzen) 

V pullus (rein) \/ (unrein) 
Russ. prazd-nyi (müssig) \/ 

u-praz-nyatsya (arbeiten), 

TTQaaoeiv (arbeiten) 
Russ. prigoditi (nützen) V 

prigodsiti (schaden) 
AHD. risan (steigen V 

sinken) 
Poln. ruch (bewegen) \J D. 

Ruh-e 
Serb. rumen Russ. rum- 

janyi (roth) V Slov. (gelb) 

V Poln. przy-rum-ienic 
(verdunkeln) 

Lat. sacer (heilig V ver- 
flucht) 

Lat. serere (verbinden) V 
sarrire (ausreissen) 

Lat. sicc-us (trocken) \/ 
sickern 

D, Sinn (das Auffassende) 

V (das Aufgefasste) 
Slov. s-klep-ec (Messer) V 

s-klep-ati (verbinden) 
Russ. skorbiti (stärken \J 

skorbeti (schwach sein) 
Gross Russ. Slovo (Wort) 



\/ Klein Russ. slovo (Ge- 
heimniss) 

Slov. stop-nice (Treppe) Y 
to stoop 

Russ. söel-i (Spalt) Y sil- 
ok (Band, Strick) 

Slov. s-verk-niti (zerschmet- 
tern) V Czech, pro-vlek- 
ati (verknüpfen) 

Gr. oyoh\ (Müsse Y Fleiss) 

Kl. R. /udi (Arm), /udobä 
Armut V zudöba Reich- 
tum 

Russ. chorosij (gut) Y -^1- 
R. girsch (schlecht) Y 
Poln. gorsze (schlechter) 

Sans, tan (glänzen) Y Russ. 
teni (Schatten) 

Gr. TBivco (ausstrecken) Y 
Gxevng (eng) 

Czech. tem-e (Gipfel) V 
Slov. tem-en (tief) 

Serb. toz-iti (klagen) Y 
Slov. ta^-iti (trösten) 

Slov. tre-ti (zerbrechen) Y 
s-ter-niti (zusammenbin- 
den) 

Sanscr. tul (erheben), Slov. 
stul-a (Höhe, Gipfel) Y 
Serb. pa-tul-jak (Zwerg) 

Slov. u-met-ek (Fett) Y 
med-el (mager) 



352 



Schwed. uti (ut aus, i in) in 

Sanscr, vara (gut, besser) 
Goth.*wair-is,wairs,Engl. 
worse (schlechter) 

Slov. vek (Stärke) V E. the 
weak-ness (Schwäche) 

An. velja (geben \/ neh- 
men) 

Wider (hin \/ zurück) 



wider (gegen) V wieder 

(zusammen mit) 
E. with (mit) \/ (weg von) 
Engl, without (mitohne) 
(with mit, out ohne) = 
ohne 
Engl, yet schon \J noch 
MHD. zogen (eilen \/ zö- 
gern). 



Beispiele arabischen Gegensinns nach Redslob's 
Abu Bakr Ibn al-Anbäris Kitäb al-addad^). 

abbana^ tadeln, loben. 

iaattaina, sündigen, sich der Sünde enthalten. 

azj'un. Stärke, Schwäche. 

asida, den Löwen fürchten, ängstlich sein, dem Löwen 

(an Mut) ähnlich sein. 
afida^ eilen, zögern, afidim, eilend, zögernd. 
afaj'a, behende sein, fett werden (v. Kameel). 
alija, carnosas habuit clunes, schwanzlos sein (v. Schaf) 

Anb. 
amamun, kleine Sache, grosse Sache. 
ala^ dick werden, dünn werden. 
aimun, AnnehmHchkeit, Abspannung. 
batta, abschneiden, volikommen machen. 
abtara, schenken, verweigern. 
batrun, viel, wenig. 



*) Die ob verzeichneten Worte sind in einer Bedeutung meistens 
in der Literatur bekannt, in der anderen dagegen nur von den Lexiko- 
graphen verzeichnet, oder von den Grammatikern der Vulgärsprache 
dieses oder jenes Stammes zugeschrieben. Eine Anzahl kommen jedoch 
auch in der Literatur in beiden Bedeutungen vor, obschon auch dann 
die eine zu überwiegen pflegt. Z. B. rag'ä hoffen, fürchten, meist 
hoffen; häfa, fürchten, hoffen, meist fürchten; asarra geheimhalten, ver- 
breiten, meist geheimhalten u. s. w. 

Abel, Spr.ichw. Abhdlgn. 23 



* 354 * 

bithhirijjiin und buhturun, kurz, gross. 

badana, stark werden (v. Körper), baddana, schwach 
werden. 

barilia^ verschwinden, zum Vorschein kommen. 

barada, kalt machen, erhitzen (?) 

barrada, kalt machen, erhitzen. Anb. 

absala, verbieten, gewähren. 

baslun, unerlaubt, erlaubt. 

batala, nichtig sein, bapila, tüchtig sein. 

battähm, träge, rüstig. 

bakka, zusammengedrängt sein, trennen. 

balaga, öffnen, schliessen (die Thür;. 

ablahu, einfältig, klug. 

bannatun^ Unangenehmer Geruch, angenehmer Ge- 
ruch. 

abaa, verweilen, entfliehen. 

bajjada, füllen (ein Gefäss), entleeren. 

baidatu ^Ibaladi, Vornehmster, Niedrigster. 

baa (med. i), verkaufen, kaufen. 

bana (med. i), getrennt sein, verbunden sein. 

bahmn, Trennung, Verbindung. 

tCibbun, stark, schwach. 

tabiun, Client, Patron. 

tarraba, viel Schätze haben, wenig Schätze haben. 

tafila, übel riechen, gut riechen. 

tal'^atmt^ Hochebene, Tiefebene. 

tald, folgen, verlassen. 

tataa, tränken (die Kameele), dürsten lassen. 

tabbata, träge machen, begierig machen. 

atjjara und tac/ara, die ersten Zähne bekommen, die- 
selben verlieren. 

talla 'arsa fulanin, den Thron Jemandes umstürzen, den 



^^ 355 ^^ 

Thron Jemandes wiederherstellen (letzteres n. Qatrub 
nur in IV). 

tjindun, Lob, Tadel. 

tßnna\ loben, tadeln. 

gabaa, sich verbergen, herauskommen (aus dem Schlupf- 
winkel). 

g ab^un, tiefe Wassergrube, Hügel. 

g'abnin, König, Sklave. 

g'nddini, ein Brunnen mit vielem Wasser, desgl. mit 
wenig Wasser. 

g' adidiin^ neu (vom Kleide), abgenutzt (vom Zeuge , Anb. 

"^, ' ein Geschenk begehren, schenken. 
g adä, J 

gadun, freigebig, geizig. 

g'usavmn, klein und dick, gross und dick. 

g'ttsüsim, klein, lang. 

g cifarun, kleiner Fluss, grosser Fluss, 

g'afda, schliessen (die Thür), öffnen (die Thür). 

ag'alla, stark sein, schwach sein. 

ig'ldabba, auf der Seite liegen, ausgestreckt sein. 

g amun, und g'um'un (mätat big'am'in oder big'um'in), 

die Kameeistute ist mit einer Leibesfrucht gestorben, 

sie ist ohne solche gestorben. 
g' anaba u. g'änaba, Jem. zur Seite sein, fern von Jem. 

sein. 
g' ada, von reichlichem Regen getränkt sein (v. d. Erde), 

dürsten. 

g'anmtn, weiss, schwarz (v. Pferden und Kameelen). 

\ag' ä, bleiben, vorübergehen. 

hadamänun, Schnelligkeit, Langsamkeit. 

\arasa, bewachen, stehlen. 

haifun, schwaches, starkes Kameel. 

23* 



,. 356 * 

liiifatiin, Erwerb, Nichterwerb. 

hazwanin, Jüngling, Greis. 

hausabtm, mit schlankem Bauch, mit grossem B. ver- 
sehen. 

Imsalatun, die Hülse des Getreides, das Korn desselben. 

ahlnlliadßrati, Städter, Wüstenbewohner. 

hnßlun, milchreiche, m.ilcharme Kameelin. 

hafd, geben, verweigern. 

Jiamhmm, heisses, kaltes Wasser. 

ahanmui, weiss, schwarz. 

tahannata, sich eines Verbrechens enthalten, ein Ver- 
brechen begehen. 

ahnada, mehr Wasser als Wein, weniger Wasser als 
Wein beim Mischen anwenden. 

inahaniqu, magere, fette Kameele. 

häza (med. u), leise, heftig vorwärtstreiben. 

liaizun, leiser, heftiger Antrieb. 

habitun, schlafend, mit dem Fusse die Erde stampfend. 

liabä, ausgelöscht sein, glühen (vom Feuer). 

hagilun^ breites, langes Zeug. 

hariqun, heftig, sanft wehender Wind. 

hastbun, unfertiges, blankgeschliffnes Schwerdt. 

hasaba, schmieden, blankschleifen (das Schwerdt). 

Jtasara, von Unsauberkeiten säubern, dies, zurücklassen. 

ahdaru, grün, schwarz. 

imiliadramtin, unbeschnitten, beschnitten. 

ahfaru, Beschützer, Schützling. 

hafä^ verborgen sein, offenbar sein. 

alialla, male fructifera fuit, noch unreife Datteln tragen 
(vom Palmbaum). 

halhm, mager, fett. 

Mli'jin, dürr, belaubt (vom Baum). 



^^ 357 ^^ 

ahlafa, Versprechen nicht halten, halten. 

halfun, schlechter Sohn, halafini, guter Sohn. 

hajjiin kulüfim, abwesender Stamm, anwesender Stamm. 

innhlifim, eine regnende, nicht regnende (Wolke). 

hindiäun, Hengst, castratus. 

hannaunin, Unglück, Glück. 

häwaaa, übereinstimmen, uneins sein. 

ahzvasu, tiefer Brunnen, Anhöhe. 

häfa, (med. u), fürchten, hoffen. 

liaiftin^ furchtsam, Furcht einflössend. 

ahwa'. fett werden (vom Vieh), hungern. 

haitiin, Schwärze der Nacht, das Weiss der Morgen- 
dämmerung. 

dadaa, in Bewegung, in Ruhe versetzen, 

dahiluji, dickbäuchig, schlaff bäuchig. 

duhbäun, treu, unter Fremde sich mischend. 

dadanim, stumpfes, scharfes (Seh wer dt). 
däraa, sich milde, freundlich zeigen, zurückstossen. 
adrdu (lajälin dur'un), Nächte, deren Anfang hell, deren 
Ende dunkel ist, Nächte, deren Anfang dunkel, deren 
Ende hell ist. 
dizäjahui, kurz, lang. 
nmdattdim, edel, unedel (vom Kameel). 
didgatiin, (sara dulg'atun) zu Anfang, gegen Ende der 

Nacht reisen. 
ddma (med. u), ruhig sein, Anb.: sich hin und her be- 
wegen. 
dünun, düna, dünu, unterhalb, oberhalb. 
däna (med. i), Schuldner, Gläubiger — gehorsam, un- 
gehorsam sein — dienen, herrschen. 
midjdnun, stark verschuldet. Anderen viel borgend. 
adig'a, schnell schlürfen, langsam trinken. 



.. 358 .- 

aariba^ verdorben sein, gesund sein (vom Magen). 

aarabun, Verdorbenheit, Gesundheit (des Magens). 

aafanin, guter, übler Geruch. 

birun danihmui^ Brunnen, in dem viel, wenig Wasser ist. 

ard\ klug werden, die Dummheit auf dem Gesicht tragen. 

rabibun, Sklave, König. 

rata, aufbinden, zubinden (den Schlauch). 

j'agä, hoffen, fürchten. 

arda% Jemandem helfen. Jemand zu Grunde richten. 

riddtun, Freigebigkeit, Geiz." 

rafsa, Frieden schliessen, Zwietracht anstiften. 

rafjtbnn, begierig nach, nicht begierig nach etwas. 

raqda, Zwietracht anstiften, Frieden schliessen. 

rimniatiin und aranuna, morsch sein, markig sein {yow 

Knochen). 
7'aina', helfen (von Gott), Jemandes Hand oder Nase 

beschädigen (von demselben). 
rahwatun, hochgelegener, tiefgelegener Ort. 
7'dihaiun, guter, übler Geruch. 
rasa (med. u), viel essen, wenig essen. 
rajjid^m, gezähmt, ungezähmt. 
räga (med. u), sich abwenden, sich hinwenden. 
arwanänun, schwerer, leichter (Tag). 
zubjatun, Anhöhe, Löwengrube. 
zaliaka und azliaka, nahe sein, fern sein. 
sdmun, wahres, falsches Wort. 
ziimijjiin, wahrhaft, lügnerisch. 
miir amatun, fett, nicht fett. 
zdwnun, sehr fett, nicht sehr fett. 
zajnda, schnell sein, langsam gehen. 
zanda, behend sein, einen Berg besteigen — ruhig an 

einem Orte verweilen. 



* 359 * 

zahiqun^ marklos, markig (vom Kameel). 

zdhama, sich von Jemandem trennen, sich Jem. nähern. 

tazajjania, verteilt sein — nicht verteilt sein (v. Fleische), 

dick sein. 
sabaJia, ruhen, — sich beschäftigen, auch: wandern. 
sabbada, das Haar abschneiden, es lang wachsen lassen. 
sag'ada, sich beugen, aufrecht stehen. 
inasg tirun, voll, leer. 

sudfatiin u. sadfatun, Mündung, Verschluss der Mündung. 
asarra, geheimhalten, verbreiten. 
särihui, sich entfernend, gegenwärtig. 
sarbackatun, Munterkeit, langsamer Gang. 
sdnatun, gefeit, ungefeit. 
asfa^, über die Stirn herabhängende Haarbüschel habend, 

solche nicht habend, Anb. 
säqibiin, nah, fern. 

salfwi, grosser Ranzen, kleiner Ranzen. 
salumin, unversehrt, gebissen (v. d. Schlange). 
samada (sämidun), spielen, scherzen — traurig sein. 
sann im, gehorchend, gehorsamt. 
siing atu7i, weisse Farbe mit schwarzen Flecken, schwarze 

Farbe mit weissen Flecken. 
sandanjßm, vortrefflich, gemein. 
asäda, einen Sohn zeugen, der sich zum Haupt der 

Familie eignet, — einen schwarzen Sohn zeugen. 
shva'n, ein Anderer als er selbst, er selber, 
siimun, weisse, schwarze (Kameele). 
inusibbitn^ Jüngling, Greis. 
hig äim, stark, schwach. Anb. 
sahsahujt, was durch viel, durch wenig Regen zum Fluss 

gebracht wird. 
saJiähun, desgleichen. 



ashana, in die Scheide stecken, aus der Scheide ziehen 
(das Schwerdt). 

asraba, getränkte, dürstende Kameele haben. 

sariba, trinken, dürsten. 

saräsini^ Liebe, Last z. B. in der Wendung alqai 'alaihi 
sarasira. Anb. 

saratun^ niedrige, edle Männer. 

sarafun, Erhebung, Senkung. Anb. 

sa7'ä, kaufen, verkaufen. 

sarätun, schlechtes, vorzügliches (Vieh), desgl. saran. 

sisiin, kleine, grosse Menge Vieh. 

sdbun, gesammelte, zerstreute Menschenmenge. 

sd aba, sammeln, trennen. 

saßa, vermehrt, vermindert sein. 

safifjin^ kalter Regen, heftiger Sonnenbrand. 

safatnn., wenig bittend, durch Bitten lästig werdend, 

aska, den Klagenden beruhigen, ihn schelten. 

sambin, Trennung, Sammlung. 

aswa/m, hässlich schön. 

saha (med. i), sich fürchten, tapfer sein. 

saina (med. i), das Schwerdt in die Scheide stecken, aus 
ihr herausziehen. 

1/nisahsihun, treue Freundschaft hegend, mit Eitlem um- 
gehend. 

istaliaina^ gelb werden, kräftig- grünen (v. d. Pflanze)?. 

iasaddaqa, Almosen spenden, um Almosen bitten. 

sarichim und säricJmn, um Hilfe bittend, Hilfe bringend. 

sarida, ins Ziel trefl"en, es verfehlen (v. Pfeil). 

misrddun, die Kälte ertragend, sie nicht ertragend. 

sarimun, Morgenröte, Nacht. 

safaqa^ die Thüren schliessen, sie öffnen. 

saqabitn, Nähe, Ferne. 



* 301 * 

saqaba, nahe, fern sein. 

särUf sammeln, trennen. 

adabba, schweigen, — reden, rufen. 

dadidun und (liddun. entgegengesetzt, ähnHch. 

(Jai-auii, freie, nackte, — mit Bäumen bes. Gegend. Anb. 

ad^afa, verdoppehi, Pass. das Doppelte empfangen. 

damdtm, feucht, trocken. 

tdhm, erhaben, am Boden liegend. 

tariba, fröhlich, traurig sein. 

tald a, sich nähern, sich entfernen. 

tazallajna, Unrecht zufügen, sich über zugef. Unrecht 

beklagen. 
tazähara, sich gegenseitig unterstützen, sich im Stich 

lassen. 
zihäratun, häufig mit bi^änatun verwechselt, daher das 

Äussere und das Innere des Gewandes. 
mti abbadwi, untergeordnet, edel (v. Kameel). 
^abalun, abfallende, erst emporspriessende Blätter. 
dbala, solche Blätter haben (v. Baum). 
mti attahun, dumm, klug. 
^ag'baii, ein wegen seiner Schönheit oder Hässlichkeit 

auffallendes Ding. 
draba, eine edle, eine unedle Sprache führen. 
^an\bun, dem Gatten zugethan, gegen ihn sich aufleh- 
nend (v. d. Frau). 
^irbiddun, eine schädliche, eine unschädliche Schlangenart. 
irsammun, mager kräftig. 
^azzara und " azara, in Ehren halten, helfen — hindern, 

tadeln. 
'^asasa, die Nacht fängt an zu dunkeln, fängt an zu 

schwinden. 
'^ äia, nehmen, geben. 



^aziratwi, empfangend, nicht empfangend (v. d. Kameei- 
stute). 

""afä, viel sein, den Boden bedecken, — spurlos ent- 
fernt s. 

'aqügun, trächtig, nicht empfangend (v. d. Stute). 

'^ anabänun, leicht, munter — schwerfällig. 

cinada, gegen Jem. freundl., Jem. feindlich sich zeigen. 

'^anwatun, Gewalt, Liebe, Freundschaft. 

''ahana, an einem Orte bleiben, denselben verlassen. 

dxuaru, einäugig, mit gesunden beiden Augen. Anb. 

'^ ajjinun, neu, abgenutzt, Anb. 

gabara, verweilen, weggehen. 

agbani, verwischt, neu (v. Wege). 

gurratun, Vornehmer, Sklave. 

garraba, weisse, schwarze Söhne zeugen. 

garrada und garada, anfüllen, ausschöpfen (ein Gefäss"). 

ganmun^ Schuldner, Gläubiger. 

tagdsmara^ ungerecht handeln, mit Gerechtigkeit ver- 
fahren. 

gädm, dunkel, hell (v. d. Nacht). 

gafaj-a, gesunden (v. einer Krankheit;, Rückfall erleiden. 

mugallabun, oft besiegt, siegreich. 

gamida^ wasserreich, wasserarm sein (v. Brunnen). 

agdrn, den Feind überfallen, den Stamm verteidigen. 

fädiriin, alter, junger Bock. 

afraha, erheitern, bekümmern. 

farsachun, Zwischenraum, ohne Zwischenraum. 

färidun, eine nicht kranke, eine kranke Kuh. 

tafdrata und afrata (um die Wette) eilen, zurückbleiben. 

farda^ hinaufsteigen, hinabsteigen. 

fara}, abschneiden, um einen Gegenstand zurecht zu 
machen, oder um ihn zu vernichten. 



^^ 363 * 

fazda, helfen, um Hilfe bitten. 

ofzci a, Furcht einflössen, Furcht verscheuchen. 

tafakkaJia, die Frucht essen, sich derselben enthalten. 
falada, reichhch und freigebig geben, einmal geben. 
fdda (med, u und i;, schwinden, dauern (v. Reichtum). 
faza (med. u), sich retten, umkommen. 
fauztm, Rettung, Untergang. 

iiiafäzatun, Entkommen, Wüste als Ort des Untergangs. 
fauqti, oberhalb, unterhalb. 

qittun, Gegner, Genosse. 

agdßi und qadda', Splitter ins Auge werfen, denselben 
aus dem Auge ziehen. 

qarim, Menstruation, Reinheit. 

aqrda, an der Menstruation leiden, von ihr frei sein. 

gtcrliännn, nie von Blattern befallen, beuhg (v. Knaben). 

qarrada, den Genossen loben, tadeln. 

qarraza, Jemanden bei Lebzeiten loben, tadeln. 

aqrda, gehorchen, sich widersetzen. 

qasata, vom Rechten abweichen, mit Gerechtigkeit ver- 
fahren. 

qasibttn, neu, abgenutzt. 

qasara, teuer sein, billig sein. 

istaqsa\ abkürzen, ohne Auslassung bis zu Ende führen 
(von Erzählung;. 

qd ata, geizig, freigebig sein. 

qdada, sitzen, stehen. 

qtidjLdtin^ der mit dem Stammvater am nächsten, am 
fernsten verwandt ist. 

gdanim, unförmige Kürze der Nase, Höhe der Nase 
(eine Schönheit bei den Arabern). 

qifwatun, angenehme, unangenehme Sache. 

qidlatwi, grosses Wassergefäss, kleiner Wasserkrug. 



^ 364 y^ 

qalasa, steigen (v. Wasser;, zurückweichen, fallen von 
Schatten). 

qamitui, abschüssig, aufsteigend. 

aqJiama, Abscheu vor einer Speise haben, Verlangen 
nach ihr haben. 

qäba (med. u), fliehen, nahe sein. 

iqwärra, schlank sein, fett sein. 

qäzvama, auf Jem. Seite stehen, ihm gegenüber- 
stehen. 

aqäma, an einem Orte verweilen, ihn verlassen. 

aqwa'^ reich, arm sein. 

viaqtaivmun, Herr, Diener. 

kataha, sammeln, zerstreuen. 

akra, sich vermehren, sich vermindern. 

karijjun, schläfrig, schlafend. 

aJsata, schnell weggehen, sich niedersetzen. 

kallala, vorausschreiten, um anzugreifen — furchtsam 
zurückweichen. 

kullun, das Ganze, ein Teil. 

kalla, keineswegs, durchaus. 

takallaha, eine strenge Miene haben, lächeln. 

kallasa, Angriff machen, fliehen, 

talahlalia, bleiben, weggehen. 

lahnun, falsche Aussprache der Wörter, das Rechte. 

lainaqu, schreiben, Geschriebenes auslöschen. 

matimoi, stark, schwach. 

matala, aufrecht stehen, am Boden liegen. 

machmin, kurz, schlank (v. Menschen). 

marrada, Jemanden krank machen, — für den Kranken 
sorgen, ihn pflegen. 

istaviarra, weitergehen, bleiben. 

masthnn, glatt, rauhes Tuch. 



iiiasaha, masahahu 'llähu, Gott hat ihn zum Glück, zum 
Unglück geschaffen. 

fjiakfidwi, milchreiche, milcharme Kameelin. 

Dianinun, schwach, stark. 

iniiiiiiatuii, Stärke, Schwäche. 

fiabahm, kleine Steine, grosse Steine. 

nabahnn, ungesucht gefundenes Ding, gesucht gefunde- 
nes Ding, 

ang aba, einen edlen Sohn, einen unedlen Sohn zeugen. 

ming äbiin, edle Söhne, unedle Söhne gebärend. 

nag almtiin, Freigebigkeit, Geiz. 

nag idun, hurtig, saumselig. 

nag'ida, saumselig sein, iiag'uda, wacker sein. 

nag hm, Sohn, Erzeuger. 

aug aiiia, anfangen, aufhören. 

iiahäliatiin, Freigebigkeit, Geiz. 

nalilhun, freigebig, geizig. 

nahidun, fleischig, mager. 

naliada, mager sein, nahuda, fleischig sein. 

maiihüdiui, mager, fleischig. 

anchaba , einen furchtsamen, einen tapferen Sohn 
zeugen. 

nichivärun, edel, schwach. 

niddtin, ähnlich, entgegengesetzt. 

nadä, beisammen sein, — zerstreut, fern sein. 

nasala, ausfallen, hervorkommen (von der Feder). 

nasaha, trinken, aber nicht genug zur Stillung des 
Durstes — sattsam trinken. 

ansada, um Auskunft über eine verlorene Sache bitten, 
dieselbe erteilen. 

nassala, den Pfeil der Spitze berauben, mit solcher ver- 
sehen. 



nadäha, weniger trinken, als zur Stillung des Durstes 
nötig ist, — sattsam trinken. 

nd Jirun, kalten Luftzug in der Wärme, warmen Luftzug 
in der Kälte herbeiführend v. Winde), 

ndfim, Anhöhe, Niederung. 

anfasa, mit Verlangen erfüllen, gefallen (v. einer Sache,. 

intafaqa, den Schlupfwinkel verlassen, in dens. hinein- 
gehen. 

naqadun, kleine, grosse Schafe. Anb. 

nakddu, milchreiche, milcharme Kameelin. 

nakira, nicht kennen, missbilligen. 

nakda, Jemandem etwas abschlagen, geben. 

naiiiaqn, schreiben, Geschriebenes auslöschen. 

naJnkitn, durch Krankheit geschwächt, kräftig. 

näJiihin, sich satt getrunken habend, dürstend. 

nahlämi, desgleichen. 

nd a (med, u), sich mit einer Last erheben, von ihr 
niedergedrückt werden, 

tahag'g ada, schlafen, wachen. 

/ladddiin, Ebene, schwieriger Bergaufstieg, 

halubun, Gattin, die den Gatten liebt und um ihn ist, — 
Gattin, die ihm abgeneigt ist und sich von ihm fern 
hält. 

aJnnada, bleiben an einem Ort, weitergehen. 

hannada, schmähen, Schmähungen ertragen. 

ahnafa, lachen, weinen. 

hawd, hinaufsteigen, hinabsteigen. Anb. 

zvdd, versprechen, drohen, 

ivataba, springen, sitzen. 

andda, zur Aufbewahrung geben, empfangen. 

waraun, was vorn ist, was hinten ist. 

icarrada, blühen, abblühen. 



* 367 * 

wiräpin, Getrenntes vereinigen, Vereinigtes trennen. 

auraqa, Blätter bekommen, reich sein, — nichts erlan- 
gen (vom Jäger u. A.). 

mizda, antreiben, zurückhalten. 

tawassada 'Iqu/äna, sich der Lektüre des Korans be- 
fleissigen, sie vernachlässigen. Anb. 

wasalun, wenig Wasser, viel Wasser. 

zvci ada und mtada, versprechen, drohen. 

zvaqimin, schnell, langsam. 

wäla^ verbinden, trennen (zwei Dinge oder Teile). 

mauian, Herr, Sklave. 

jadijßin, weit, eng. 



IX. 

KOPTISCHE INTENSIVIERUNG. 



Die Eroberung Ägyptens durch die im Geleite 
griechischer Bildung marschierenden Macedonier 
versetzte der alten ägyptischen Religion, und der 
mit ihr identifizierten Cultur, einen schweren Schlag. 
Vor den fremden Gedanken erblichen die einheimi- 
schen, ohne dass die fremden tief genug in das Ge- 
müt des Volkes sanken, neue Wurzeln zu schlagen 
und neue Blüten zu treiben. Erst durch das Christen- 
tum wurde Ägypten zu regerem Leben wiederer- 
weckt. Nach Eusebius begab sich der Evangelist 
Markus unter der Regierung Neros nach Ägypten, 
und bekehrte Tausende der aus Griechen, Juden und 
Ägyptern gemischten Bevölkerung des Niederlandes. 
Er fand einen empfanglichen Boden für den Samen, 
den er streute. Um das Zeremonialgesetz mit ihrer 
neuen, halbheidnischen Gesittung in Einklang zu 
setzen, hatten die Juden des Landes zu künstlichen 
Interpretationen ihre Zuflucht genommen und waren 
in einen mystischen Piatonismus verfallen, welcher 
ihren Scharfsinn mehr befriedigte, als ihr Gemüt. 

Die Griechen ihrerseits waren sowohl mit ihrer Religion, 

24* 



* 372 * 

als mit der Kritik derselben zu Ende, ohne zu volks- 
tümlichen Überzeugungen gelangt zu sein, welche 
inmitten der steigenden Tyrannei und Ausbeutung 
seitens des herrschenden Römertums den Massen 
einen Stab und eine Stütze boten. Den Ägyptern 
nun gar, die ihre alten Götter auf eigenem Boden 
durch den Fremdling verachtet sahen, war der Glaube 
gesunken, ohne dass das Bedürfnis des Glaubens, 
das die Rasse von jeher so tief empfand, wesentlich 
geschwächt gewesen wäre. So vorbereitet, wurde 
Ägypten rasch ein christliches Land. Nur siebenzig 
Jahre nach Markus fand Justinus Martyr die neue 
Religion schon herrschend im Nilthal. Was noch 
heidnisch war, adorierte hauptsächlich den Gott 
Serapis, den Richter im Jenseits — ein Kult, der 
Rettung von den Sünden und Leiden des Erdenlebens 
erstrebend, Christi Sendung thatsächlich anerkannte 
und ihr neue seelische Brücken schlug. 

Somit die erste, in ihrer Gesamtheit christiani- 
sierte Nation, wurde der Ägypter Einfluss auf die Ent- 
wickelung der jungen Religion ein entscheidender. 
Ihre Stimmen beherrschten die Konzilien der alten 
Kirche. Ihr afrikanisches Sonderkonzil zu Hippo- 
regius wurde Muster und Vorbild des Nicänischen. 
Ihrer alten Lehre von den Dreieinigkeiten sich er- 
innernd, war Athanasius, ein ägyptischer Priester, 
besonders geeignet, die grundlegende Anerkennung 
der KonsubstantiaHtät gegen die Arianische Häresie 
zu vertreten. Schon vorher wurden die ägyptischen 
Christen Doketen genannt, weil sie glaubten, der Er- 
löser sei nur scheinbar gekreuzigt worden. Schon 
vorher war von dem verlornen Evangelium an die 



* 373 * 

Ägypter die Ehelosigkeit gepredigt, und das Mönchs- 
wesen von den halbjüdischen Therapeuten zu Alexan- 
dria eingeführt und in Gang gebracht worden. Nächst 
dem Zeugnis der Kirchenväter und der ägyptisch- 
christlichen Litteratur beweisen diese Thatsachen zur 
Genüge, welcher Anteil den Ägyptern an der Fest- 
stellung der ersten christlichen Dogmen und Institu- 
tionen zufiel. 

Es ist zweifelhaft, ob die ägyptischen Bibelüber- 
setzungen älter als das dritte Jahrhundert sind, Sie 
sind jedenfalls nicht jünger, und tragen die Spuren 
ihres Altertums so sichtlich an sich, dass sie zur 
Emendierung des griechischen Textes mit Nutzen 
verwendet werden können. Um diesen neuen Mittel- 
punkt des ägyptischen Geistes bildete sich eine grosse 
Litteratur. Die Barmherzigkeitslehre Christi mit den 
dogmatischen Gewohnheiten ihres Volkes vereinend, 
schufen die kaum bekehrten Ägypter die gnostische 
Philosophie, und bewahrten so ihren alten Mystizismus 
in dem Liebeslichte der neuen Lehre. Glaubenslehre, 
Kirchengeschichte und Klosterchronik nahmen den 
grössten Teil ihres sonstigen christlichen Schrifttums 
ein. Doch fehlten auch Predigten, Gebete und moral- 
theologische Abhandlungen nicht; Briefe, Verträge 
und Medizinisches bilden den Rest, Wertvolle Manu- 
skriptsammlungen dieser Litteratur sind nach London, 
Paris, Berlin, Oxford und neuerdings auch nach Wien 
gelangt ; vieles ist gedruckt, das Wichtigste vielleicht, 
was die Vatikanische Bibliothek von den Traditionen 
und Legenden der alten Kirche enthält, bleibt noch 
zu veröffentlichen. Durch den kürzlich gemachten 
Fund eines ganzen ägyptischen Provinzialarchivs mit 



* 374 * 

tausenden von Urkunden in einheimischen und fremden 
Sprachen muss die schon erstorbene Hoffnung-, weitere 
Sprach- und Gel ehrsamkeitspr oben in dem altlitte- 
rarischen Lande zu entdecken, aufs neue belebt werden. 

Bedenkt man die Kürze der Periode, in welcher 
diese Litteratur entstand, so ist das was man von ihrer 
Ausdehnung schon gegenwärtig weiss, nicht wenig 
erstaunlich- Nur 400 Jahre nach seiner Christiani- 
sierung durch eigene Glaubenskraft wurde das Land 
von den Arabern erobert und allmählich gewaltsam 
muhamedanisiert. Damit kam die christliche Litteratur 
rasch ins Stocken, und verschwand endlich mit der 
Sprache selbst. Während noch im fünfzehnten Jahrhun- 
dert jedermann, wenigstens in Oberägypten, ägyptisch 
sprach, war das alte Idiom im sechszehnten Jahr- 
hundert völlig verschwunden, und ist gegenwärtig im 
ganzen Lande ungekannt. Ägypten ist ein arabisch 
sprechendes Land geworden. Der geringe Rest 
ägyptischer Christen — man schätzt sie auf etwa 
eine halbe Million — betet zwar noch in der Zunge 
seiner Vorfahren, versteht den Inhalt dieser Gebete 
aber nur, wenn das Psalmbuch eine arabische Über- 
setzung hinzufügt. 

Von diesen Christen, welche seit altersher Kopten i) 
genannt wurden, sind die ganze neuägyptische Litte- 
ratur und Sprache seit Einführung des Christentums 
als koptisch bezeichnet worden. Diese, vergleichs- 
weise gesprochen, neuägyptische Litteratur unter- 



^) Ebenso wie das Griechische .■JiyDTzioi, scheint Kopt die korrum- 
pierte Abkürzung des einheimischen Namens Kahi Ptah ,,Land des 
Gottes Ptah". Der vorherrschende einheimische Name in vorchristlicher 
Zeit war Kemi ,, Schwarzerde". 



* 375 * 

scheidet sich von der alten äusserhch ebenso sehr 
als innerlich, Sie ist christlich, während die alte ein 
unklares Gewirr polytheistischer und monotheistischer 
Elemente umfing. Sie ist überwiegend religiös, spe- 
kulativ und unnational, während die alte grossenteils 
geschichtlich, politisch und durchaus volkstümlich be- 
schränkt gewesen war. Und sie ist mit gänzlicher 
Aufgabe der hieroglyphischen und der verschiedenen, 
aus ihr entwickelten Kurzschriften, im griechischen 
Alphabet geschrieben, welches die Ägypter gleich- 
zeitig mit dem Christentum angenommen und all- 
mählich zu ihrer ausschliesslichen Schrift gemacht 
hatten. So g'änzlich eins waren Wissen und Glauben 
in dieser tiefangelegten Menschenart gewesen, dass, 
als die einheimische Religion unterging, die ganze 
nationale Gelehrsamkeit, das Alphabet mit einge- 
schlossen, in dem Sturz des ursprünglichen Geistes- 
lebens versank. Es schien unmöglich, die fremde 
Lehre in den Buchstaben niederzulegen, in welchen 
die einheimischen Götter gefeiert worden waren; als 
Thot erblich, mussten die Lettern die er erfunden 
haben sollte, aufhören zu leben. Bis auf sieben, aus 
der Hieroglyphik herübergenommene Zeichen für 
eigentümlich ägyptische Laute, ist demnach das 
Alphabet der koptischen, oder neuägyptischen Litte- 
ratur das griechische. Ebenso ist die Sprache dieser 
Litteratur die damalige Volkssprache, im Gegensatz 
zu dem, vom Hieroglyphischen mehr oder minder ge- 
treu bewahrten Idiom einer längst vergangenen Zeit. 
In der Annahme des griechischen Alphabets 
durch die Ägypter vollzog sich ein merkwürdiger 
Kreislauf der Zivilisation. Etwa ein Jahrtausend 



* 37^ * 

früher drang das ägyptische Alphabet, ein Wunder 
urmenschlichen Scharfsinns, wie es sich nur an 
wenigen bevorzugten Stellen ereignete, zu Phöniziern 
und Juden, und von diesen zu den der orientalischen 
Zivilisation damals bedürftigen und von ihr genährten 
Griechen. Tausend Jahre darauf kehrte dasselbe 
Alphabet, gräzisiert und weiter entwickelt, mit dem 
mittlerweile zur Weltsprache gewordenen Griechischen 
nach Ägypten zurück, und ersetzte das einheimische, 
dessen Sprache und Nation eines ähnlichen Fort- 
schritts unfähig gewesen waren. So wurde das Ge- 
schenk, das das altzivilisierte Ägypten Griechenland 
seiner Zeit mit der Buchstabenerfindung gemacht, 
von Griechenland, als es die Höhe seiner Kultur er- 
stiegen, mit den höchsten Zinsen zurückgezahlt. 

Die Volkssprache der ägyptisch-christlichen Pe- 
riode, das Koptische, zerfällt in drei wenig verschiedene 
Mundarten : das Thebanische oder Sahidische, welches 
in Oberägypten gesprochen wurde, das Memphitische 
oder eigentlich Koptische, das den Niederlanden an- 
gehörte, und das Baschmurische, so genannt von 
einem Bezirk des Delta. Von diesen dreien ist das 
Sahidische in Laut und Sinn zumeist das altertüm- 
lichste; das Memphitische phonetisch und begrifflich 
das entwickeltste; das Baschmurische das jüngste, 
welches verderbenden Einflüssen am meisten unterlag. 

Gleiche Flexion ist bekanntlich ein sichereres 
Zeichen der Sprachverwandtschaft, als Ähnlichkeit 
der Wurzeln. Wo dieselbe Art der Abwandlung ge- 
wählt, und dieselben Stämme zu Flexionszwecken ver- 
wendet werden, liegt die Gemeinschaft zweier Idiome 
in einem ganzen begrifflichen System vor Augen, 



* 377 * 

während ursprünglicher Gesamtbesitz an Wurzeln, 
an verschiedenen Stellen verschiedene Einbussen und 
Veränderungen erleidend, auch in den verwandtesten 
Sprachen sich immer nur noch teilweis entsprechen kann. 
Wie weit dieses Entsprechen zu gehen hat, um eine 
Verwandtschaft zu begründen, ist aber zunächst noch 
strittig. Legen wir den Flexions-Massstab an, so 
stellt sich sofort heraus, dass Alt- und Neuägyptisch, 
Hieroglyphisch und Koptisch, dem Semitischen näher 
stehen, als dem Indoeuropäischen. In verschiedenen, 
besonders wichtigen Punkten ist Koptisch mit dem 
Ebräischen , Arabischen und Äthiopischen nahezu 
gleichlautend. Das suffigierte Pronomen der ersten 
Person ist im Ägyptischen und Ebräischen dasselbe. 
Das Pronomen der zweiten Person, Ägyptisch und 
Arabisch /-, wird im Ebräischen durch einen anderen 
Palatal mit untergelegtem Vokal repräsentiert, cha. 
Die dritte Person, Koptisch/", Ebräisch v, ist wesent- 
lich dieselbe. Ebenso zeigt die Konjugation schlagende 
Analogieen. Die ursprüngliche Form des Verbi, die 
asl der Araber, dient in beiden Sprachen vorwiegend 
dem Perfekt. Korrespondierende Suffixe zu Zwecken 
der Abwandlung sind in beiden Sprachen erhalten; 
Pronominal-Präfixe, nach dem Muster des Koptischen 
ei, ek u. s. w., bilden das Arabische Präsens. Die 
Hilfsverben für das Perfektum, den Subjunktiv und 
andere Formen (Arabisch kan, leitni, Koptisch nei, 
nti) sind in fast übereinstimmender Weise geordnet. 
Das Präsens des Verbi ,,sein-' wird in beiden Sprachen 
für die Gegenwart häufig ausgelassen, für die Zukunft 
gesetzt. Das Arabische incha allah , welches die 
Futurbedeutung des Präsens verstärkend zu letzterem 



* 378 * 

hinzutritt, hat sein Gegenstück in der Koptischen 
Futurbildung mit tare, „wollen, begehren". Ja, die 
ganze Modusbildung des Passivs wird in einer Form 
desselben, der mit infigiertem, den ursprünglichen 
Wurzelvokal ersetzenden langen ^(i), dem arabischen 
Passiv ungemein ähnlich. 

Ohne in eine Frage genauer einzugehen, deren 
Entscheidung lautliche und begriffliche Erörterungen 
erfordert, welche noch kaum genügend angestellt 
sind, wird die gegenwärtige Sachlage dadurch be- 
zeichnet, dass die Etymologen unter den Agyptologen 
sich sehr überwiegend für eine Verwandtschaft des 
Semitischen und Hamitischen (um die Noachidische 
Terminologie beizubehalten) ausgesprochen haben. 
Von Rossi bis auf Bunsen, von Bunsen bis auf 
Lepsius, von Lepsius bis auf Maspero, Ancessi und 
Brugsch hat die Ägyptologie den Anspruch auf Ver- 
wandtschaft mit dem Semitismus erhoben. Es ist 
wahr, die Semitisten haben ebenso wenig auf diese, 
wie auf ähnliche Avancen einiger Indogermanisten 
bisher ein besonderes Entgegenkommen gezeigt: die 
geringe Verbreitung der ägyptischen Studien, die 
Unfertigkeit der Untersuchung und die Schwierigkeit, 
neue und weitere Kriterien für Sprachverwandt- 
schaft aufzustellen, als innerhalb des verhältnismässig 
engvereinten Indogermanischen Gebiets bisher gegol- 
ten hatten, haben dies gleichmässig gehindert. Aber 
dennoch ist es eine, selbst auf der gegenwärtigen 
Stufe unserer Studien handgreifliche Thatsache, dass 
eine grosse Anzahl hamitischer Wurzeln mit den 
semitischen geradezu identisch ist. Eine andere, viel 
grössere Zahl lässt sich durch Anwendung der eigen- 



* 379 * 

tümlichen Gesetze ägyptischer Phonetik auf semitische 
Typen reduciren. Wenn diese Gesetze eine, im 
Semitischen und Japhetitischen unerhörte Fülle und 
Leichtigkeit des Stamm- und Lautwandels in sich 
schhessen , so sind sie dennoch so klärlich zu erweisen, 
dass die grosse Veränderlichkeit der ägyptischen Wur- 
zeln in vielen Fällen die ebräische Form derselben 
als blosse Variante eines gemeinsamen Urworts er- 
scheinen lässt. Im Ebräischen sind die Gesetze, welche 
die Veränderung des Urworts beherrschten, allerdings 
nicht erhalten ; da sie im Ägyptischen aber erkennbar 
vorliegen, und ihre Anwendung auf die ebräischen 
Stämme diese dem Gesamtbesitz beider Sprachen mit 
Leichtigkeit einordnet, so wird die Verwandtschaft, 
obschon sie, früher unterbrochen als die Indogerma- 
nische, jeder einzelnen Sprache eine freiere und selbst- 
ständigere Entwickelung gestattete, dennoch schUess- 
lich anerkannt werden müssen. Der Verf. verweist 
hier auf die Anmerkung zum Indoeuropäischen Bei- 
spielverzeichnis der vorstehenden Abhandlung. 

Mit den semitischen Sprachen stimmt das Ägyp- 
tisch-Koptische auch in der Zuerteilung eines er- 
kennbaren Bedeutungswertes an die Vocale überein. 
Der Gebrauch, der in ihm von diesem, in unsern 
indogermanischen Sprachen nur wenig hervortretenden 
Mittel gemacht wird, zeugt von einer erstaunlichen 
Feinheit des sinngebenden Sprach- und Hörgefühls. 
An weniger musikalische Sprachen gewöhnt, können 
wie diese sinnlich-geistige Zartheit schwer verstehen, 
wenn wir zuerst ihre Bekanntschaft machen; je mehr 
wie mit ihr vertraut werden, desto höher steigt unsere 
Bewunderung für eine Feinheit der Zunge und des 



* 380 * 

Ohrs, welche der Schattierung des Begriffs die äusseren 
Mittel des Ausdrucks und der Verständlichkeit so be- 
reit entgegen brachte. Wie an vielen Punkten des 
Ägyptischen, treten wir auch hier an das Geheimnis 
der Sprachschöpfung, welches ja zum grossen Teil 
in der Wahl bestimmter Laute für bestimmte Ge- 
danken besteht, heran. 

Nach dem, was in des Verf Koptischen Unter- 
suchungen eingehend gezeigt worden ist, wies das 
zarte Ohr des Ägypters jedem Vokal eine gewisse 
Bedeutungssphäre zu. Ein kurzes, halbhörbares e als 
Charakter vokal der ursprünglich einsilbigen Wurzel, 
bezeichnete Sinnesauffassungen der einfachsten und 
materiellsten Art. Sollte die Bedeutung erhöht 
und verstärkt werden, so trat an die Stelle des 
dumpfen und unbedeutenden e ein klangvolles o\ 
während, wo eine geistige, bildlichere Auffassung 
beabsichtigt ward, e und o dem sanfteren a zu weichen 
hatten. Andere Sonderwerte waren dem ?, 7, ai und 
ou zuerteilt; sogar zwischen ö und ö bestand noch 
ein Unterschied in der Wortmusik des Nils. 

Den Begriffswert der verschiedenen Vokale zu 
schätzen gestatten uns die erhaltenen Parallelformen 
der Zeitwörter. Während in anderen, bereits ein- 
seitig verhärteten Sprachen die Wurzeln nur auf 
einen Vokal lauten, und denselben entweder gar 
nicht, oder nur selten und dann nur für untergeordnete 
Sinnesmodifikationen wechseln können, ist im Kop- 
tischen das Gegenteil der Fall. Je nachdem die eine 
oder die andere Bedeutung ausgedrückt werden soll, 
wird in dieser, den Lautsinn wahrenden Sprache der 
Wurzelvokal gewechselt. Ein Wort, das jetzt mit e 



* 3^1 * 

erscheint, tritt in dem nächsten Moment bei ent- 
sprechendem Sinnwechsel mit o auf, um sofort wieder 
a, t, l zu enthalten, wie der Satz und sein Zusammen- 
hang es verlangt. Einige Beispiele werden die wunder- 
bare Thatsache erhärten, und die obige allgemeine 
Angabe der Vokalbedeutung genauer bestimmen. 

„Bei" heisst lockern, lösen; „böl" dagegen be- 
deutet die Wirkung und Absicht des Lösens: befreien. 
Ebenso „esch", schreien, rufen; „ösch'', erklären, an- 
rufen, beten. „Schep", empfangen, annehmen; „schöp". 
kaufen, zu Herzen nehmen, bewillkommnen. „E7ns'\ 
untertauchen; „öms^' taufen. „Fesh", brechen; „fösch" 
teilen. „Mesch" schlagen; „inischi'\ die Empfindungen 
verwunden. „Esch, ischi" aufhängen; „aschi", ab- 
hängig sein, anhänglich sein. „Ales", erzeugen; mist, 
geistig produzieren etc. 

Ebenso die causativen Verba, welche indes den 
Charaktervokal in den Auslaut setzen: „Tale" setzen; 
„talo", Schmach, Pflichten, geistige Bürden auferlegen. 
„Talfsche", Krankheit heilen; „taltscho", Sorgen lin- 
dern. „Take" nehmen; „taho" mieten. „Tasche", 
mehren; „tascho" fortfahren etwas zu thun, Kraft und 
Thätigkeit steigern, „Tsabe" mitteilen; „tsabo"\Q\ir&n. 
„Take" töten; „tako" alles völHg zerstören u. s. w. 

Wie man bemerkt haben wird, enthält in diesen 
Parellelformen die o Variante eine Vermehrung, Er- 
höhung, oder Wirkung der von der e Variante be- 
zeichneten sinnlichen Handlung. Eine solche Er- 
höhung und Wirkung kann aber entweder sinnlich 
und unmittelbar, oder bildlich und mittelbar ge- 
schehen; während im ersteren Fall o eintritt, wird 
im letzteren a erfordert; i dagegen ist unsicher, 



* 3^2 * 

und schwankt zwischen beiden nach bereits ziem- 
lich verdunkelten Gesetzen. "Wo Ausnahmen statt- 
finden, entstehen sie häufiger durch die Inten- 
sivierung der e Variante , als durch das Herabsinken 
der o und a Varianten auf die ursprüngliche schwache 
Bedeutung des <?; indessen wird auch die e Variante 
in solchen Fällen gewöhnlich von einer begleitenden 
Partikel gestützt, wie diese in der That auch der o 
Variante häufig zu folgen pflegt. 

Übrigens lassen sich weder alle Wurzeln mit 
allen Vokalen nachweisen, noch verkörpern die ver- 
schiedenen Vokale, selbst wo sie in derselben Wurzel 
nebeneinander vorkommen, jedesmal verschiedene Be- 
deutungen. Es lässt sich leicht verstehen, dass die 
erste Bedeutung einer Wurzel auf ihre Intensivier- 
barkeit vom grössten Einflüsse sein, und dass ein 
Prozess, den die eine Bedeutung durchzuführen ge- 
stattet, von einer anderen abgelehnt, oder unmöglich 
gemacht werden musste. In manchen anderen Fällen 
werden Wurzelvarianten, die den Bedeutungswechsel 
zuliessen und zeigten, verloren gegangen sein, ehe das 
Wörterbuch einen gewissen Halt und Stamm erlangte. 
Wieder in anderen Fällen werden Wurzeln und 
Stämme (die letzteren sehen wir in der ägyptischen 
Sprachgeschichte noch zahlreich werden) in einer 
späteren Zeit entstanden sein, in welcher das Laut- 
gefühl, das die ältere Sprachschöpfung begleitete 
imd in der That allein ermöglichte, unter dem irre- 
machenden Einfluss des Laut Verfalls, der jedes fertige 
Wort zersetzt, nicht mehr lebendig genug geblieben 
sein konnte, um den Lautsinn zur Erscheinung ge- 
langen zu lassen. Oder die Zahl der gebräuchlichen 



* 3^3 * 

Wurzeln, und der in ihnen spezialisierten Bedeutungen 
wird allmählich zu gross und zu bestimmt geworden 
sein, um in jeder Wurzel verschiedene Bedeutungen 
und Formen lebendig zu erhalten. Oder endHch ist 
es nicht der blosse Zufall, der die eine Form in über- 
lieferten Schriftstücken bewahrt und die andere im 
Feuer und Schutt der Jahrtausende begraben hat? 
Bei alledem ist die Menge der vollerhaltenen Beispiele 
so ausserordentlich gross, dass die Thatsache und 
Kraft des Beg^ffstons in diesem Idiom überreich be- 
zeugt wird. 

Die angeführten Beispiele erschöpfen die Aus- 
dehnung des Vokalsinns noch nicht. Indem sie auch 
Passiv und Intransitiv, ja Substantiv und Adjektiv als 
Sinnerhöhungen der ursprünglichen Wurzel betrach- 
teten, fügten die Ägypter den von den alten vokal- 
wechselnden Verben abgeleiteten Worten dieser Kate- 
gorieen ebenfalls ihre bezeichnenden l, ö, ö und a ein. 
Was zunächst das Passiv betrifft, so wird das kurze 
e der Wurzel, welches nur dem Aktiv gehört, in ihm 
durch f, o, ö und a ersetzt. «, welches nur äusserst 
selten in transitiven Verben vorkommt, zeigt deshalb 
durch seine Gegenwart fast immer das Passiv oder 
Intransitiv an; ö, o und a dagegen, da sie, wie wir 
gesehen, auch eine gesteigerte Aktivbedeutung ver- 
leihen können, werden nur durch den Zusammenhang 
als Aktiv oder Passiv bestimmt. Die grosse Zahl der 
diesem Doppelsinn unterliegenden o, ö und a Formen 
würde die Leichtigkeit des Verständnisses erheblich 
beeinträchtigen, träte die eigentümliche Auffassung 
des Passivs, welche die Schwierigkeit schafft, nicht 
wieder erläuternd ein. Bei genauerer Beobachtung 



* 384 * 

finden sich die o, ö und a Formen als Passiva fast 
ausschliesslich auf die dritte Person beschränkt. Die 
Ursache ist unschwer aus dem Wesen des ganzen 
Steigerungsvorganges zu ersehen. Wie öms „taufen" 
das erhöhende und vollendende Ergebnis von ems 
untertauchen ist, so ist wiederum Ö7ns „er ist getauft", 
das Resultat von öms „taufen". Die Steigerung 
schreitet stufenweis von Wirkung zu Wirkung vor: 
untertauchen, taufen, getauft sein. Ihrer Natur nach 
auf Vollendung gehend, wird die letzte Gestalt der 
Steigerung , welche das Schlussergebnis darstellt, 
am geeignetsten in der dritten Person vorhanden 
sein : bewirkt untertauchen taufen , so erzeugt erst 
die Taufe den Getauften. Während die erste und 
zweite Person zu viel handelndes Element in sich haben, 
um in dieser letzten Erscheinungsform des Verbi, so zu 
sagen dem verbalen Superlativ, statthaft zu sein, gibt die 
dritte Person das Prädikat und wird dadurch der rich- 
tige Abschluss des Prozesses. Es ist unmöglich, besser 
zu folgern, als die ägyptische Intensivierungs-Logik. 
In Verben dieser Art werden die erste und zweite 
Person Passivi gewöhnlich aktivisch umschrieben. 

Eine ähnliche Auffassung sieht Intransitiva , Ad- 
jectiva und Substantiva als Intensiva an. Der Ge- 
sichtspunkt ist derselbe, wie bei der Verbalinten- 
sivierung. Während das transitive Verbum eine 
zeitweilige Handlung besagt, ist das aus einem Tran- 
sitivum gebildete Intransitiv entweder die Wirkung 
oder die Fortdauer derselben. Man sehe: Sehet 
„fordern", schat, bedürfen , ermangeln ; ouom ,, kauen", 
ouam essen, sich nähren; ouö/i „verfolgen", ouah 
^,einholen, erreichen" ; hnt ,, nahen", hani ,,nahe sein" ; 



* 3^5 * 

dshekm, „waschen", ö'j^ö'>^A//,,nass sein", ^nke^ „glauben", 
tnhot „glaublich sein" u. s. w. 

Für die gleiche Gestaltung der Beiwörter ist es 
unnötig eine andere Begründung zu suchen, als dass 
sie als 3. Personen, oder Participia Passivi angesehen 
werden, und in der That gewöhnlich so entstehen. 
Z. B. tntii ,, anähneln", tntan „ähnlich" ; sehet ,, fordern", 
sehöt „erforderlich"; feh „erstreben", föh „reif". 

Substantiva, welche dem Charakter ihres Redeteils 
gemäss die zeitweihge Bethätigung des Wurzelbegriffs 
in einen längeren, oder abgeschlosseneren Vorgang 
verwandeln, und in vielen Fällen die letzte Wirkung 
mit einschliessen , sind vom ägyptischen Standpunkt 
geborene Intensiva. Z. B. ems, öms ,, untertauchen, 
taufen", öms „die Untertauchung, Taufe" ; tehm, föhm 
„rufen", töhm ,,der Schrei"; teseh, tösch „aufstellen", 
töseh „die Einrichtung, Verfassung" ; tadj're, „bestätigen", 
tadjro ,, Bestätigung"; schel, sehöl „rauben", schöl 
„der Raub"; schep , sehöp „empfangen", sehöp ,,der 
Empfang"; fet „zerstören", /o/ „die Zerstörung"; dj'nt, 
djönt „versuchen", djönt „Erfahrung*, etc. 

So bemerkenswert wie die Thatsache, ist die 
Geschichte der Vokalbedeutung. In der hieroglyphi- 
schen Periode des Ägyptischen begegnen wir einer 
grossen Anzahl zweikonsonantiger Worte ohne jeden 
Vokal. Neben ihnen erscheinen andere Formen der- 
selben Wurzel, denen entweder Vokale angehängt 
oder eingefügt sind ; im Fall der Einfügung ver- 
schwindet die Anhängung in der Regel. Als da 
sf, sfl, slf „Knabe" ; snb, snbt, snib „heilen" ; /x> ^X^» 
tui „wässern" u. s. w. Vergleichen wir diesen Sach- 
verhalt mit der späteren , koptischen Periode, so 
finden wir in dieser ebenfalls eine Fülle von un- 

Abel, Sprachw. Abhdlgn. 2S 



* ^8b * 

vokalisierten Wurzeln, welche ihrerseits den mit kurzem 
e geschriebenen in der Bedeutung gleich, und im 
Gebrauch alternativ sind. Andererseits stossen wir 
im Koptischen auf eine noch viel grössere Anzahl 
vokalisierter Wurzeln als im Hieroglyphischen, finden 
dagegen die mit angehängtem Vokal so ziemlich ver- 
schwunden. Erinnern wir uns nun, dass die unvoka- 
lisierte oder e Variante der koptischen Wurzeln ihre 
erste , sinnlichste Bedeutung enthält , und dass die 
vokalisierten a, o, i Varianten einen gesteigerten, ent- 
wickelten und bildlichen Sinn mit sich bringen, so 
liegt der Vorgang in seinem ganzen Verlauf vor 
Augen. Die ältesten Sprachformen waren vorwiegend 
konsonantisch: der einfachste, sinnlichste Sinn heftete 
sich an ein konsonantisches Wurzelskelett, dem ein 
dumpfer Vokal die Möglichkeit des Zusammenhalts 
und der Aussprache, aber weder Farbe noch Schattie- 
rung verleihen konnte. Später hängten sich die 
Vokale an, manchmal nur einer, manchmal ganze 
Reihen von wiederholten a, i, u — eine Zuthat, die, 
bis es gelingt, sie aus der Bedeutung suffigierter 
Hieroglyphenworte unmittelbar zu erklären, sowohl aus 
ihrem lautlichen Charakter wie aus ihrer Geschichte 
in dem verständlicheren Koptisch mittelbar als eine 
nachdrückliche und emphatische Verstärkung des Aus- 
gesagten zu verstehen ist. Der vokalische Theil des 
Wortes schuf ja erst die Möglichkeit einer nachdrück- 
licheren Aussprache, indem er sowohl die Zeit als die 
Unterlage dafür gewährte. Im Koptischen verschwin- 
den diese musikalischen Suffixe, die schon im Hierogly- 
phischen teilweise in den Wortkörper übergehen, fast 
ganz , treten meist in die Mitte der zweikonsonanti- 



* 387 * 

gen Wurzel ein und verleihen ihr stufen- und artweise 
differenzierte Mehrung und Steigerung des Sinns. 

Nach demselben einfachen, und doch so be- 
deutsamen Schema vollzog sich die Bildung des 
Plurals. Eine sichtliche Vermehrung des Singulars, 
wurde er durch angehängte Suffixa, die sich später 
ebenfalls zu Infixen umwandelten, besonders zweck- 
mässig bezeichnet. Die Intensivierung, die dem be- 
wegteren Verbalbegriff eine Erhöhung der Qualität 
brachte, begnügte sich dem geschlosseneren Gedanken 
des Substantivs einen Zuwachs der Quantität zu er- 
teilen. Dieselbe Auffassung und Methode, welche 
aus rekh ,, brennen" stufenweis rekhu und rokh ,, ver- 
brennen" und rökh ,, verbrannt werden" entwickelte, 
konnte im Hauptwort rekh ,,die Flamme" nichts 
weiter erwirken als rekhui ,,die Flammen". Es wäre 
eine gewagte Behauptung, dass Konsonanten und 
Vokale ursprünglich in allen, oder in vielen Sprachen, 
oder auch nur in sämtlichen der noachidischen 
Gruppe dasselbe Bedeutungsverhältnis gehabt hätten, 
wie im Ägyptischen, indem der eigentliche Begriff sich 
an das Knochengerüst der Mitlauter, seine Erhöhung, 
Färbung und Ausgestaltung dagegen an die weicheren 
Empfindungstöne der Selbstlauter hing; aber wir 
haben in den beiden vorstehenden Abhandlungen ge- 
sehen, dass aus dem Ägyptischen mehr über ursprach- 
liche Dinge zu entnehmen ist, als aus irgend einem 
anderen bekannten und bearbeiteten Idiom. 

Primitive Unfähigkeit zwischen Erhöhung der 
Zahl und Art zu unterscheiden, zeigt sich ferner in 
dem Gebrauch eines und desselben Suffixes für Plural- 

und Passivbildung. Dies ist das Suffix uf oder tu, 

25* 



* 388 * 

ein sehr gewichtiges Wörtchen , welches das Zeit- 
wort in einen vollendet leidenden, das Hauptwort 
in einen ausgiebig vermehrten Zustand hineinversetzt. 
Als in der späteren Sprache Quantität und Qualität 
besser unterschieden wurden, hatten ut und tu der 
Bezeichnung des Plurals zu entsagen und sich auf 
die des Passivs zurückzuziehen. 

Wurde der Plural somit in der Sphäre des 
Nomens, gerade wie das Passiv in der des Verbs, 
als die oberste Sprosse der Leiter angesehen, so ist 
es natürlich , dass , wie beide in vokalischen Anhän- 
gungen ihren ersten Ausdruck fanden , die zweite 
Ausdrucksphase, die die Anhängung in das Innere 
des Wortes versetzte, nicht auf das Passivum be- 
schränkt blieb. Ursprung und Ausgestaltung des 
Plurals sind auf jeder Stufe belegt. Wir haben Fälle, 
in denen die Vokalendung angehängt ist ; wir haben 
andere, in denen sie am Ende abgestossen und in 
die Mitte hineingenommen ist; wir haben wieder 
andere, in denen sie schon in die Mitte gedrungen, 
am Ende aber noch erhalten ist. Z. B. Hieroglyphisch: 
tasch ,, Grenze, Plural taschu und tausch; scheb „Nah- 
rung", Plural schehu, schabu; mn „Schäfer", Plural 
äaumu; Koptisch: son ,, Bruder" Plural snlw, schom 
„Stiefvater", Plural schmou ; tschalodsch „Fuss", Plural 
tschalaudsch; mkah „Kummer", Plural mkauh; ethosch 
Äthiopier, Plural ethausch. Der emphatischen Auf- 
fassung aller Vokale gemäss, wurde der Plural übrigens 
ursprünglich nicht bloss durch angehängtes u (obschon 
vorwiegend durch dieses) , sondern ebenso durch 
andere vokalische Affixe bezeichnet: in allen Fällen 



* 389 * 

diente der lyrische Vokal den Sinn des logischen 
Konsonantenkomplexes zu dehnen, zu verlängern 
und zu heben. Z. B. Suffixe : schhöt „Rute", Plural 
schboti; haltt „Vogel", Plural halati ; sobt, ,, Mauer", 
Plural sebthaiou; eschö „Schwein", Plural eschau; 
Infixe: abot „Monat" Plural ablf; uhor „Hund", Plural 
uhoor ; urit „Wächter", Plural uraate u. s. w. In 
späteren Zeiten, da der Artikel dem Hauptwort regel- 
mässig beigefügt wurde, genügte derselbe auch zur 
Bezeichnung des Plurals, und brachte damit sowohl 
die Suffixe, als die Infixe, die früher diesem Zwecke 
gedient hatten, zu Fall. Die wenigen Worte, welche 
fortfuhren auf alte Weise zu deklinieren, galten dann 
für Anomala. Als solche erscheinen sie jetzt in 
unseren Grammatiken. 

Die Neigung der Sprache, was zuerst sinnver- 
stärkend und bestimmend angehängt wurde, allmälich 
in den Wortkörper hineinzunehmen und zu einem 
Teil desselben zu machen, wird aus dem vorstehen- 
den genügend erhellen. Ihm verdankt der Ägypter 
die Umwandlung des ersten unklaren Geplärrs in 
artikulierten Laut und genaueren Sinn. Nicht das- 
selbe, aber ein ähnliches und, wie es scheint, ver- 
wandtes Phänomen bieten Konjugation und Genus. 
Die altägyptische Sprache hängt, ebenso wie das 
Indoeuropäische, die Pronomina dem Verbum in der 
Konjugation an; das Koptische dagegen rückt sie 
von hinten nach vorn. So macht sich beispielshalber 
die Konjugation des Verbi kasch „brechen" im 
Hieroglyphischen und Koptischen folgendermassen 
verschieden : 



390 



Hieroglyphisch 


Koptisch 


Hieroglyph. 


Kopt. 






Präfix 


Suffix 


kascha ich breche 


eikasch 


a 


ei 


kaschk du brichst 


ekkasch 


k 


ek 


kaschf er bricht 


efkasch 


f 


ef 


kaschs sie bricht 


eskasch 


S 


es 


kaschn wir brechen 


enkasch 


n 


en 


kaschtn ihr brecht 


tenkasch 


tu 


ten 


kascheu sie brechen 


eukasch 


eu 


eu 



In g-leicher Weise geschieht die Perfektbildung 
mit ai „ich bin gewesen", die Imperfektbildung mit 
nei „ich komme" und die Futurbildung mit eie [ci-^e 
„ich bin zu". Andere, seltener gebrauchte Hilfsverben 
folgen wesentUch demselben Schema. Die ursprüng- 
liche Abwandelung mit Suffixen ist indes im Kop- 
tischen in einigen Fällen bewahrt, in denen alltäg- 
lichste Bedeutung" und häufigster Gebrauch in dieser, 
wie in anderen Sprachen, eine erhaltende Wirkung 
ausgeübt zu haben scheinen. Peje ,, sagen", ///r^„thun" 
und niare „wünschen" flektieren auch im Koptischen 
im Aus-, nicht im Anlaut. 

Was das Geschlecht betrifft, so ward es in alten 
Zeiten durch ein angehängtes Fürwort bezeichnet^ 
welches den doppelten Zweck erfüllte, der Wurzel 
sowohl die Eigenschaft eines Hauptwortes, als diesem 
ein bestimmtes Genus zu verleihen. Das Koptische 
Hess das Suffix fallen, bildete daraus einen präfigierten 
Artikel, und nahm die blosse, allerdings häufiger 
Vokalsteigerung unterliegende Wurzel als Substantiv. 
Nur in verhältnismässig wenigen Fällen sind die 
früheren Substantivendungen (/ für das Masculin, 
s, t, e für das Feminin) beibehalten. Zumal die 



* 391 * 

Zahlwörter folgen aus demselben Grunde wie die 
obengenannten drei Verben von besonders zäher 
Natur der altertümlichen Suffigierung. 

Der allgemeinen Wanderung von hinten nach 
vorn schlössen sich die Possessivpronomina an. Suffixe 
im Hieroglyphischen, werden sie selbständige, vor- 
gesetzte Worte im Koptischen. Hieroglyphisch uro 
— s „ihr König' wird im Koptischen zu pcs — uro, 
indem das angehängte Femininum s „sie" sich mit 
dem männlichen Artikel /> zu pes „der sie" d. h. „der 
ihrige" verbindet. Ebenso bildeten sich die anderen 
hieroglyphischen, im Possessivsinn angehängten Pro- 
nomina mit dem männlichen Artikel p zu pek „der 
deinige", pe/ „der seinige" pen „der unsrige" u. s. w. 
Der Vorgang stellt sich als eine um so stärkere Be- 
stätigung des Wandertriebes der Nebenbestimmungen 
dar, als dasselbe angehängte Pronomen, welches dem 
Substantiv ein Possessivum hinzufügt, dem Verbum 
blosse Personalbestimmung gab, und dennoch in beiden 
Fällen denselben Weg- von hinten nach vorn zurück- 
legte. Während z. B. das hieroglyphische uro — s 
„König sie" d. h. ,,ihr König" im Koptischen zu pes 
uro ,,der ihrige König" wird, gestaltet sich hiero- 
glyphisch rech- — j- „wissen sie", d. h. „sie weiss" zu 
koptisch es rech „sie wissen" d. h. „sie weiss". 

ZumSchluss. Unteranderen geistvollen Theorieen, 
schreibt Plato in seinem Kratylus jedem einzelnen 
Buchstaben des griechischen Alphabets eine besondere 
begriffliche Bedeutung zu. Dem a erteilt er einen 
vollen Klang, welcher sich für die Bezeichnung grosser 
und mächtiger Dinge eigne. Für den dünneren Laut 
des i nimmt er das Kleine und Feine in Anspruch ; o 



* 392 * 

soll das Runde spiegeln; j- das Flüssige; o- das Glatte 
u. s. w. In diesen Ansichten haben die Grammatiker 
aller Zeiten mehr feinfühlige Empfindsamkeit, als 
sachliche Wahrheit gefunden. In der That ist es 
nicht schwer, für jedes Beispiel, welches zur Stütze 
der platonischen Aufstellungen angeführt werden 
könnte , ein Dutzend widersprechender zu zi- 
tieren. Und dennoch erhellt aus allem obigen nun- 
mehr, dass der Philosoph prinzipiell durchaus nicht 
im Unrecht war. Wenn er darin irrte, in dem hoch 
gebildeten, und im Laufe seiner begrifflichen Ent- 
wickelung phonetisch verfallenen Griechisch einen 
stätigen Lautsinn nachweisen zu wollen, so enthält 
das einfachere und altertümlichere Ägyptisch wenig- 
stens einige unverkennbare Spuren der alten Er- 
scheinung; wenn er als hellenischer Metaphysiker in 
der Fülle seines nationalen Genies, und in der Enge 
der demselben zugänglichen Mittel , eine allum- 
fassende Begriffsklangtheorie entwarf und dieselbe 
auf seine eigene Sprache gründete, so kommt ihm 
der koptische Grammatiker zu Hilfe und rettet den 
Grundsatz, indem er die Nachweisbarkeit desselben 
auf älteres und knapperes Gebiet beschränkt. Der 
Wahrscheinlichkeit, dass einst in jeder Sprache be- 
stimmten Lauten bestimmte Begriffsschichten vor- 
zugsweise entsprochen hätten, und dass dieses Entspre- 
chen nur durch späteren Lautverfall verdunkelt worden 
sei — einer Wahrscheinlichkeit, welche aus der Vernunft 
der Sprachschöpfung hervorgehend durch die Klang- 
malerei aUer Idiome unterstützt wird — tritt somit 
eine thatsächliche historische Erkenntnis, örtlich und 



* 393 * 

begrifflich beschränkt, aber sicher und handgreiflich 
bestätigend, zur Seite. 

Dass der ägyptische Lautsinn in den Vokalen, 
nicht in den Konsonanten erkennbar erhalten ist, er- 
klärt sich leicht. Ägyptische (wie alle noachidischen) 
Wurzeln haben meistens mehrere Konsonanten, aber 
nur einen Vokal. Einzeln gefasst, verdunkeln sich dem- 
nach die Konsonanten gegenseitig in ihrer Bedeutung, 
in Gruppen genommen , bilden sie eine Menge von 
Einheiten, welche, schon durch ihre grosse Zahl 
schwer bestimmbar, ursprünglich überdies eine Un- 
masse von Homonymen enthielten , die sich erst bei 
allmählich wachsendem Lautsinn differenzierten, um 
später, sobald die Sprachschöpfung im wesentlichen 
vollendet war, wieder zu monotoneren Formen ge- 
meinsam herabzusinken.*) Die Periode, in welcher 
der Lautsinn am thätigsten war, ist demnach die am 
wenigsten erkennbare. Den Wurzel vokalen ist eher 
beizukommen. Sie stehen meistens allein und lassen 
sich ein jeder nach seinem ungemischten Wert prüfen. 
Sie sind sodann nicht eigentlich bedeutungsbildend, 
sondern nur bedeutungsnüancierend. Eine Grad- 
messung- in wenigen vokalischen Stufen ist unschwer 
anzustellen; eine völlige Begriffsbestimmung nach 
umfassenden Lautkomplexen dagegen hat so viel ver- 
schiedene Begriffe in so viel verschiedene Lautkom- 
plexe einzuordnen, dass die Aufgabe eine schwierige 
sein müsste , selbst wenn die verwendeten Laute 
alle erhalten, oder aUe wiederherstellbar wären, oder 
wenn die Gesichtspunkte, unter denen die Urzeit 



*) „S. d. Ursprung der Sprache." 



* 394 * 

ihre Begriife fasste, für uns überhaupt noch alle er- 
kenntlich sein könnten. Da diese Bedingungen un- 
möglich erfüllt werden können, so sind der Forschung 
auf diesem Gebiet in allen Idiomen unübersteig- 
liche Grenzen gesetzt. Was hätte Plato anfangen 
wollen, wenn man ihm zugemutet hätte, die englischen 
Worte bat, bei, bite, beat, beet, but, boat, boot, die sich 
nur durch den Vokal unterscheiden, aber dennoch 
die verschiedensten Dinge bezeichnen, auf die Be- 
deutungswerte ihrer Konsonanten zu klassifizieren und 
unter irgend eiijen gemeinsamen Begriff zu bringen? 
Oder lack, lick, leak, leek, lock, look, luck ? Oder 
great, grate, grit, greet, grout? Fulda, welcher in 
seiner merkwürdigen ,, Abstammung germanischer 
Wurzelwörter nach der Reihe menschlicher Begriffe" 
(Halle, 1776) .Lautsinnreihen aufzustellen versuchte, 
vermochte mit allem Geist und Fleiss das Gewirr 
nicht zu lösen. Dass einzelne Konsonanten und Kon- 
sonantenkomplexe in einzelnen Fällen als bedeutungs- 
gebend nachgewiesen werden können, bleibt immer- 
hin wahr. Im Englischen, und in den meisten indo- 
germanischen Sprachen, beginnt das Wort für Mund 
mit einem Lippenlaut, das Wort für Nase mit einem 
Nasenlaut, das Wort für Zahn mit einem Dental. 

Eine ausführlichere Darstellung der Intensivierung 
findet sich in des Verfassers Koptischen Unter- 
suchungen; eine Übersicht früherer Arbeiten über 
den Lautsinn in Bindseils Abhandlungen (Hamburg 
1838). An den Germanischen Ablaut und seine Ana- 
logien braucht nur erinnert zu werden. 



X. 

ÜBER 

DIE MÖGLICHKEIT 

EINER 

GESAMTSLA VISCHEN SCHRIFTSPRACHE. 

(Frühjahr 1876.) 



I 



Ihre russischen Majestäten empfingen am 26. Mai 
1867 eine Anzalü bekannter slavischer Politiker 
aus Österreich, Serbien und der Türkei, welche sich 
auf der Durchreise zur Moskauer slavisch- ethno- 
graphischen Ausstellung in St. Petersburg befanden. 
Nachdem die Vorstellung beendet war und die Serben 
eine Adresse überreicht hatten, in welcher sie den 
Zaren als ihren ständigen Protektor begrüssten, und 
das Glück aller Slaven von dem Ergehen Russlands 
abhängig machten, nahmen Ihre Majestäten Veran- 
lassung die Herren einzeln anzureden. Bei dieser 
Gelegenheit drückte die Kaiserin ihr Bedauern aus, 
dass die slavischen Völker noch immer ein gemein- 
sames Alphabet und eine gemeinsame Orthographie 
entbehrten. Es wurden einige Worte in demselben 
Sinn erwidert, worauf der Kaiser die Audienz mit 
den Worten schloss: „Ich danke Ihnen für Ihre guten 
Wünsche. Wir haben die Serben immer als unsere 
Brüder angesehen, und ich hoffe Gott wird es zu- 
lassen, dass Ihre Angelegenheiten in der nächsten 
Zeit eine günstigere Wendung nehmen. Mögen alle 



* 3Q8 * 

Ihre Wünsche sich rasch erfüllen. Ich begrüsse Sie alle 
meine werten slavischen Brüder noch einmal auf diesem 
unserem gemeinsamen slavischen Boden, und hoffe, 
dass Sie mit Ihrem Empfang in Moskau und St. Peters- 
burg zufrieden sein werden. Auf Wiedersehen!" 

Wie alles, was bei dieser denkwürdigen Audienz 
geschah , einen tiefen Eindruck auf die Versam- 
melten machte, so auch die von der Kaiserin an- 
geregte Frage der Gemeinsamkeit von Alphabet 
und Orthographie. Vor und nach der Audienz öfter 
in slavischen Kreisen erwogen, ist diese Frage — 
ein Teil der orientalischen — bisher dem Schicksal 
der ganzen verwickelten Angelegenheit verfallen und 
ungelöst geblieben. Die Bewegung, welche neuer- 
dings in den illyrischen Dingen eingetreten ist, macht 
die grammatische Seite derselben allgemeiner be- 
achtenswert. 

Was zunächst das Alphabet betrifft, so ge- 
brauchen die Slaven gegenwärtig dreierlei Schrift. 
Russisch, Ruthenisch und Serbisch wird mit cyril- 
lischen Lettern in den schlanken und klaren Formen 
gedruckt, die ihnen die Russen gegeben haben. Bul- 
garisch bedient sich einer älteren, primitiven Gattung 
derselben Schrift. Polnisch, Tschechisch, Wendisch, 
Kroatisch, Slovakisch und Slo venisch haben lateinische 
Buchstaben, die durch mannigfaltige Haken, Striche 
und Punkte nuanciert und zwar in den verschiedenen 
Idiomen verschieden nuanciert werden. Daneben 
kommt die deutsche Type, als letzte Spur ihrer ehe- 
maligen Verbreitung im Polnischen und Tschechischen, 
noch in den Bibeln und Gebetbüchern dieser Sprachen 
(vornehmlich des Masurisch- Protestantischen) vor. 



Die Orthodoxen ehren das überHeferte Gewand ihrer 
religiösen Schriften durch eine ähnHche Bevorzugung" 
des altcyrilHschen Alphabets. 

Von diesen Alphabeten ist das russische das für 
slavische Sprachen geeignetste. Für das Altbulga- 
rische erfunden, für das Russische weiter gebildet, 
stellt es die reiche Lautentwicklung dieser Idiome 
durch Buchstaben allein, ohne modifizierende Neben- 
zeichen, dar. Die Annahme desselben würde Polen, 
Tschechen und Kroaten für die vielen Laute, die sie 
mit den Russen gemeinsam haben, von den Punkten, 
Strichen und Haken befreien, die gegenwärtig ihren 
Druck belasten, ihre Handschrift verlangsamen; für 
die wenigen Laute, die ihnen besonders zukommen, 
würde es thunlich sein die existierenden Zeichen bei- 
zubehalten oder durch ähnliche im cyrillischen Ge- 
schmack zu ersetzen. Wendisch und Slovenisch punk- 
tiert, strichelt und hakt etwas weniger als Polnisch 
und Tschechisch, aber immer noch genug um die 
Vorteile einer Änderung fühlbar zu machen. Slo- 
vakisch geht überwiegend mit dem Tschechischen, 
dem es am nächsten steht. Die umgekehrte Ände- 
rung, d. h. die Annahme des lateinischen Alphabets 
seitens der Cyrilliker, wäre dagegen aus linguistischen 
und praktischen Gründen verwerflich. Das lateinische 
Alphabet hat für die viel mannigfaltigeren slavischen 
Laute nur durch jene helfenden Nebenlinien über und 
unter der Zeile hergerichtet werden können, welche 
dem Polnischen und noch mehr dem Tschechischen 
nach seiner neuen, genaueren Orthographie eine so 
krause Gestalt geben. So viel die Tschechen und 
Polen gewännen, wenn sie sich russischer Lettern 



bedienten, so viel würden Russen und Serben ver- 
lieren, wollten sie sich das mühselig erdachte tsche- 
chisch-polnische Alphabet aneignen. 

Über die Nützlichkeit der Annahme eines ge- 
meinsamen Alphabets, und über die Richtung, in 
welcher die Neuerung sich zu bewegen hätte, liesse 
sich demnach leicht entscheiden. Anders verhält es 
sich mit der Orthographie. Eine gemeinsame Ortho- 
graphie in verschiedene, wenn auch verwandte, 
Sprachen einzuführen, ist wenig thunlich. Die sla- 
vischen Idiome sind allerdings eng verwandt, haben 
viele Wurzeln gemeinsam, und scheinen die Forde- 
rung, dass die gleichlautenden gleichmässig ge- 
schrieben werden, zu einer natürlichen zu machen. 
Indessen würden sich eine völlige Gleichheit ganzer 
"Wörter nur in denjenigen Fällen ergeben, in denen 
nicht allein die Wurzel, sondern auch die Endung 
— die stammbildende sowohl als die beugende — 
gleichlautend sind. Solche Fälle sind aber verhältnis- 
mässig ungemein selten. Meistens sind die Wurzeln, 
selbst wo sie gleich lauten, in den verschiedenen Idio- 
men mit verschiedenen Endungen versehen; oder 
sie treten, was das häufigste ist, in den verschiedenen 
Idiomen in verschiedenen Gestalten auf. In Fällen 
der ersteren Art liesse sich die Wurzel, aber nicht 
die Endung, gleichmässig schreiben; in den ungleich 
zahlreicheren Fällen der letzteren Art dagegen , in 
denen die Wurzel sich in jedem Dialekt lautlich anders 
differenziert, würde nicht einmal dieser Teil der 
Wörter eine gemeinsame Orthographie erlauben, es 
sei denn man nähme dem einen oder anderen Idiom 
seine Eigenart, und unterdrückte sie zu gunsten einer 



dritten. Wenn der Russe kur-it^, der Pole hir-zic für 
„rauchen" sagt, wenn der Russe „waschen" mit kup- 
atl, der Tscheche mit kup-ati (koupati) bezeichnet, 
so ist in bezug auf den ersten, wurzelhaften und in 
beiden Sprachen gleichlautenden TeU dieser Wörter 
eine orthographische Übereinstimmung rasch zu er- 
zielen; dieselbe auf die Endung — Infinitiv oder 
Flexion — auszudehnen, hiesse aber entweder Rus- 
sisch, oder Polnisch, oder Tschechisch für alleinbe- 
rechtigt erklären, und die beiden andern Sprachen, 
zunächst in diesen Punkten, abschaffen. Und handelt 
es sich gar um Formen, wie russisch tem-ny und 
polnisch ciem-ny, „dunkel," oder serbisch sev-ati, 
russisch sve-iüi, „leuchten", oder slovenisch kuh-att, 
russisch zec-i, „brennen, glühen, braten", so sind nicht 
nur die Endungen, sondern die Wurzeln, oder beide, 
Wurzeln und Endungen, jedesmal anders gewendet, 
und könnten, ohne die eine Sprache der andern zu 
substituieren, auf eine gemeinsame Form nicht ge- 
bracht werden. Was die verschiedenen slavischen 
Idiome lautlich und formell scheidet, ist eben diese 
individuelle Gestaltung eines ursprünglich Gemein- 
samen. Die Beseitigung desselben würde mithin nicht 
eine Änderung der Orthographie, sondern eine teil- 
weise Ausserdienstsetzung des einen oder des andern 
Idioms bedeuten. Wir stehen hier nicht vor einer 
graphischen, sondern vor einer linguistischen, natio- 
nalen und politischen Umgestaltung. 

So weite Dimensionen würde die Neuerung um 
so eher gewinnen, als sie sich innerhalb der er- 
wähnten Grenzen nicht einmal vollziehen könnte, son- 
dern sie überfluten oder innerhalb derselben versiegen 

Abel, Sprachw. Abhdlgn. 35 



müsste. Radikal wie die Neuerung wäre, sie wäre 
dennoch nicht umfassend genug, um lebenskräftig, 
um den Zwecken der nationalen Einigung wirklich 
dienlich zu sein. Was nützt es ähnlich lautende Wur- 
zeln und Endungen auf einen gemeinsamen äussern 
Standard zu bringen, so lange nicht ihre Bedeutung 
ebenfalls in allen slavischen Idiomen dieselbe würde? 
Was wäre erreicht, wollte man das slo venische ku- 
hati und das russische zigatl auf eine Form reduzieren, 
müsste aber dem ersteren seine vorwiegende Bedeu- 
tung des Kochens, dem letzteren die des Brennens und 
Glühens lassen? Was, würden serbisches disati und 
slovenisches zdihati auf einen einzigen Lautkomplex 
gebracht, dem einen aber der weitere Sinn des Atmens, 
dem andern der engere Sinn des Seufzens, wie bis- 
her, überlassen? Nicht die lautliche Gestalt allein ist 
es, welche die gemeinsamen Wurzeln der slavischen 
Sprachen im Laufe der Zeiten gesondert hat, sondern 
ebenso die Verschiedenheit der Bedeutungsnuancen, 
welche ein jedes Idiom aus dem ursprünglich umfas- 
senderen, vageren Sinnesumfang der gemeinsamen 
Wurzeln gezogen hat. Worte, welche völlig gleich- 
bedeutend sind, finden sich, selbst wenn man die 
Bedeutungen nur oberflächlich misst, eben so selten 
wie solche, die völlig gleich lauten. 

Neben der Schar der ähnlich lautenden Wurzeln 
und Stämme haben die slavischen, wie alle ver- 
wandten, aber getrennt entwickelten Sprachen, über- 
dies jede einen eigenen Wortvorrat, der jeder allein 
zukommt und sich in den Schwester -Idiomen nicht 
wiederfindet. Dies sind einerseits eigentümliche 
Ableitungen von gemeinsamen Wurzeln, die den 



* 403 * 

Stämmen und Zweigen jeder Sprache ein Sonderge- 
präge geben; sodann "Wurzeln, die in einer oder 
mehreren Sprachen allein erscheinen, entweder weil 
sie — das gewöhnliche — in den andern unterge- 
gangen, oder — das seltenere — von denselben 
niemals besessen worden sind. Man vergegenwärtige 
sich nun dass schon die ähnlich lautenden Wurzeln 
in den verschiedenen Idiomen keineswegs dasselbe 
bedeuten, und nehme dazu, dass sie verschiedene Ab- 
leitungen entwickeln und von eigentümlichen, jedem 
Idiom allein zustehenden, Sonderwurzeln umgeben 
sind, und man wird zugestehen, dass der Begriffs- 
inhalt der mannigfachen Idiome ein vielfach geson- 
derter und, selbst wo er der gleiche, auf seine laut- 
lichen Träger verschieden verteilt ist. Auf die für die 
Syntax sich hieraus ergebenden Folgerungen gehen 
wir nicht ein. 

Die gemeinsame Lautform würde also auch in 
den wenigen bezeichneten Fällen, in denen sie sich 
herstellen liesse, wenig für eine sprachliche Einigung 
thun. Die Worte blieben andere, auch wenn man 
denjenigen, deren ähnliche Statur die Uniformierung 
erlaubte, gleichmässige Röcke anzöge. Und wie 
sollten sie sich einführen? Patriotische Gelehrte 
könnten die neue Lautgestalt ordnen und gebrauchen, 
würden aber dadurch den Gebildeten das Lesen er- 
schweren, dem Volk verleiden. Sprechen würde nie- 
mand, was nur den alten Sinn in einer neuen, unge- 
wohnten Form enthielte; was auf einen verhältnis- 
mässig kleinen Teil des Wortschatzes beschränkt, 
nicht einmal eine thatsächliche und verwendbare, 

sondern nur eine theoretische Annäherung an die 

26* 



* 404 * 

Schwestersprachen enthielte; was überdies eine rein 
äusserliche Reform ohne innere AnähnHchung und 
Verschmelzung darstellte. Allerdings, Sprachen unter- 
liegen der Gewalt. Man könnte die alte Sprache zu 
drucken verbieten, die neue allein in den Schulen 
lehren und sie allmählich ins Leben einzuführen suchen. 
Immerhin würde die Einführung der neuen Kunst- 
sprache aber politische Bedingungen voraussetzen, die, 
sollten sie überhaupt vorhanden sein, einfachere und 
durchgreifendere Massnahmen gestatten möchten. 

Betrachten wir den Gegenstand von letzterem 
Gesichtspunkt aus, so handelt es sich um die Frage, 
ob die Möglichkeit gegeben sei, die mannigfachen 
slavischen Idiome zu Gunsten eines einzigen, das als 
ausschliessliche Schriftsprache zu dienen hätte und 
demnach überwiegende Umgangssprache der Gebil- 
deten werden würde, zu Mundarten herabzudrücken. 
Mit andern Worten : ob die verschiedenen slavischen 
Idiome sich nahe genug stehen, um das in einem von 
ihnen aufwachsende Volk zu befähigen ein anderes 
als Schriftsprache zu erlernen, zu verstehen und im 
Verkehr mit Gebildeten allmählich zu gebrauchen. 
Setzen wir voraus, dass in einem oder dem andern 
slavischen Idiom eine resignierte Geneigtheit zu 
solcher Änderung entstände, oder dass die Macht 
vorhanden wäre den Versuch zu erzwingen, so ist 
ja gewiss, dass, wenn sich ein Verhältnis wie zwischen 
Volksdialekt und Kultursprache herstellen Hesse, die 
Neuannahme der letzteren ungleich rascher von statten 
gehen würde, als die eben behandelte teilweise Um- 
gestaltung des eigenen Idioms. Der Volksdialekt 
würde das wesentliche Wurzel- und Formenmaterial, 



* 405 * 

die Kultursprache die reichere Ausbildung und An- 
wendung desselben liefern: das Verhältnis wäre wie 
zwischen Schwäbisch oder Niedersächsisch und Hoch- 
deutsch. Eine ganze Sprache neu annehmen, ist über- 
dies leichter als seine alte halb verändern. Eine 
ganze Sprache neu annehmen, heisst eine neue Ge- 
dankenwelt adoptieren, die, sobald sie einmal natür- 
lich geworden ist, den ganzen Geist infiziert und un- 
widerstehlich okkupiert; eine halbe Änderung ver- 
wirrt und lässt die Kraft des Widerstandes gegen 
das Neue fortbestehen. Man kann die meisten Menschen 
und Völker viel eher zum Sprachwechsel bringen als 
man heutzutage häufig annimmt. Man veranstalte nur, 
dass sie das neue Idiom täglich lesen oder hören und 
in einigem Grade selbst gebrauchen; sonst ist der 
Prozess allerdings endlos. Das Unbewusste, was in 
der Sprache liegt und sie zu einem Teil unseres 
eigenen Ich macht, wirkt mit organischer Gewalt zu 
gunsten des alten Idioms solang es überwiegt; fallt 
der Schwerpunkt einmal auf die andere Seite, so 
fördert dieselbe Naturkraft das Neue. Um wie viel 
mächtiger müsste dies in dem vorliegenden Fall 
geschehen, wäre eine Wechselbeziehung zwischen alt 
und neu, wie zwischen Dialekt und Gesellschafts- 
sprache, aus inneren Gründen zu erwarten. 

Bei Erwägimg dieser Möglichkeit werden wir von 
der Voraussetzung ausgehen müssen, dass das Idiom, 
welches anderen als Schriftsprache dienen soll, reicher 
und entwickelter sei als dasjenige oder diejenigen, 
die sich ihm mundartlich unterzuordnen haben. Denn 
nur in der Annahme einer gebildeteren Rede läge 
geistiger Gewinn und die Gewähr einer raschen, wirk- 



* 4o6 * 

samen und den Gesittungsansprüchen der Zeit ent- 
sprechenden Durchführung der Bewegung. Danach 
könnte es sich nur um die Erhebung des Russischen, 
Polnischen oder Tschechischen zur gesamtslavischen 
Schriftsprache handeln. Russisch, Polnisch, Tsche- 
chisch sind in Wortvorrat, Syntax und gebildetem 
Stil den verwandten Idiomen so weit voraus, besitzen 
eine so viel ältere, mannigfaltigere und wertvollere 
Litteratur, dass weder Serbisch noch Kroatisch, weder 
Slovenisch noch Slovakisch, weder Wendisch noch 
Ruthenisch und Bulgarisch als Mitbewerber neben ihnen 
in Betracht kommen könnten. Von Russisch, Polnisch 
und Tschechisch empfehlen sich aber die beiden letz- 
teren schon deshalb weniger, weil sie mit dem Slova- 
kischen (und dem absterbenden, nicht mehr zählen- 
den Wendischen) die einzigen Glieder des westlichen 
Zweiges der slavischen Sprachen sind, der, lautlich 
und wurzelhaft eigentümlich, von dem östlichen Zweig 
einigermassen gesondert dasteht. Würde Polnisch 
oder Tschechisch gewählt, so würden also nur zwei 
Sprachen, demselben Zweig angehörend, es bequem 
finden die Neuerung mitzumachen; wird dagegen 
Russisch zum Haupt erlesen, so fällt derselbe Vor- 
teil dem Ruthenischen und Bulgarischen, dem Ser- 
bisch-Kroatischen und Slo venischen, den vier Sprachen 
des östlichen Zweigs, also der doppelten Anzahl, zu. 
Dazu kommt, dass im letzteren Falle die betroffenen 
Sprachen weniger entwickelte sind, welche eine solche 
Förderung am meisten bedürfen und am ehesten ge- 
nehmigen; während im ersteren Fall, von den zwei 
Idiomen, die sich der Reform mühelos anschliessen 
könnten, eines mindestens eben so weit entwickelt ist 



* 407 * 

wie das verwandte, hinter dem es zurückzutreten hätte. 
Obenein sind tschechische und polnische Litteratur 
grossenteils römisch, also der Ungeheuern Überzahl 
der Slaven zuwider; obenein ist das polnische Schrift- 
tum seit fünfzig Jahren wesentlich geschwächt, und 
hat das Tschechische, bei der Zweisprachigkeit seiner 
gebildeten Anhänger, ebenfalls eine schwierige Lage; 
während die politische Stellung weder der Tschechen 
noch der Polen eine solche ist, dass sie ihren litte- 
rarischen Erzeugnissen ein über ihren inneren Wert 
hinausgehendes nationales Gewicht verliehe. 

Diesen Nachteilen tritt das Russische mit eben 
so vielen Vorzügen gegenüber. Eine mannigfach 
beschränkte und dennoch bis in die neueste Zeit er- 
heblich wachsende Litteratur; eine nationale und 
religiöse Richtung, die den meisten Slaven behagt, 
und dahinter die riesige Macht des russischen Kaiser- 
tums mit allem was die nationale Sehnsucht von ihm 
erwartet und hofft — zumal für jene Südslaven hofft, 
deren Idiome am wenigsten vorgeschritten sind, am 
meisten der Stütze bedürfen. Auch wenn die Süd- 
slaven den Tschechen sprachlich näher stünden als 
den Russen, wäre es unter diesen Umständen zu 
erwarten, dass sie, zur Wahl einer gesamtslavischen 
Litteratursprache veranlasst, das Russische dem Tsche- 
chischen vorzögen; da aber der Serbe und Kroate, 
der Slovene und Bulgare linguistisch eher nach Mos- 
kau gravitieren als nach Warschau oder Königinhof, 
so lässt sich unschwer berechnen wofür sie sich, träte 
die Entscheidung an sie heran, entschliessen würden. 
Allerdings würde ihre Wahl von dem östlichen Zweige, 
dem polnisch-tschechischen, schwerlich gebilligt werden. 



Polen und Tschechen stehen dem Russischen ferner 
und würden es sich langsamer aneignen können; 
beide hätten hoch entwickelte, eigentümliche und ge- 
liebte Schriftsprachen zu opfern; beide hätten auch 
spezielle Gegengründe, da der Pole freiwillig nichts 
russisches adoptiert und der Zwang bisher wenig 
gegen ihn vermocht hat, der Tscheche aber, dem die 
deutsche Litteratur mit gehört, geringere Veranlassung 
fühlt sich die russische zugänglich zu machen. Während 
somit Polen und Tschechen der Wandlung mehr oder 
weniger abgeneigt sein werden, würden die Südslaven 
linguistische, litterarische und politische Gründe für die 
Hegemonie der russischen Schriftsprache anführen 
können. Die Südslaven in dieser Beziehung sind aber 
wesentlich die Serben — Ruthenisch ist zu einem russi- 
schen Dialekt herabgedrückt. Bulgarisch so gut wie 
ohne Litteratur, Slo venisch dem Serbischen nahezu 
und Kroatisch ihm fast ganz identisch. Auf die Frage, 
welche Aussicht die genannte Metamorphose hätte 
sich im Serbischen wirksam und stetig zu vollziehen, 
reduziert sich demnach die allgemeinere, welche die 
Überschrift, dieser Bemerkungen bildet. 

Um zu einer linguistischen Ansicht hierüber zu 
gelangen, werfen wir zunächst einen vergleichenden 
Blick auf die Flexion der beiden wesentlich in Be- 
tracht kommenden Sprachen. Die männlichen Haupt- 
wörter auf harten Endkonsonanten haben von den 
sieben Fällen des Singularis im Russischen und Ser- 
bischen sechs gleich, den siebenten fast gleich; von 
den sieben Fällen des Pluralis vier gleich, die drei 
anderen so wenig verschieden, dass die Identiät der 
Flexionen sich dem Ohr sofort zu erkennen giebt. 



* 4^9 * 

Etwa dasselbe Verhältnis findet bei den männlichen 
Hauptwörtern auf weichen durch nachschlagendes i, 
% gemilderten Endkonsonanten statt. Bei den weib- 
lichen, vokalisch endenden Substantiven können von 
den vierzehn Fällen des Singular und Plural da- 
gegen nur fünf oder sechs im Serbischen und Rus- 
sischen als gleich betrachtet werden; die Unterschiede 
der andern sind indes rein vokalisch. Die Deklina- 
tion der konsonantisch endenden Feminina, sowie 
der Neutra, ist in beiden Sprachen wesentlich iden- 
tisch. In der Deklination der Adjektiva sind die Masc. 
Sing, der abgekürzten Form in sechs Fällen identisch, 
im siebenten verschieden; im Plural in fünf Fällen 
identisch, in zwei verschieden. Die Feminina gehen 
durch die starke Abschleifung ihrer Endungen im 
Serbischen auch in diesem Redeteil ziemlich ausein- 
ander; die Neutra sind fast gleichlautend. Ahnlich 
verhält es sich mit der vollen Endungsform der Ad- 
jektiv-Deklination, nur dass hier das serbische Femi- 
nium besser erhalten, also dem Russischen ähnlicher 
ist. Von den sieben Fällen des Singularis stimmen 
vier überein, drei weichen ab. Die Stämme und 
Beugungen der persönlichen Pronomina sind bis auf 
den Vorschlag eines n in den vokalisch anlautenden 
casibus obliquis, den das Serbische beliebt, in beiden 
Sprachen die gleichen. Ebenso die Possessiva; die 
Demonstrativa stehen sich so nahe, dass, obschon 
das Russische häufig einen Vokal vorschlägt und die 
serbischen Flexionen reduzierter sind als die rus- 
sischen, dennoch in den wichtigsten Punkten Über- 
einstimmung herrscht. 

Zur Konjugation übergehend, finden wir im Hilfs- 



verbum „sein" Präsens, Futurum, Infinitiv, Imperativ 
und Participia identisch. Perfekt fast identisch, Im- 
perfekt verschieden. Die Konjugation der regel- 
mässigen Verben geht scheinbar in vielerlei Punkten 
auseinander, entspricht sich aber in den Hauptzügen 
so vollkommen, dass Serbe und Russe über den 
Sinn ihrer Beugungen nur selten im Zweifel sein 
können. Die Präsentia, Participia, meist auch Infini- 
tive und Imperative sind dieselben ; die Perfekte und 
Imperfekte weichen teilweise stark von einander ab 
und müssen erlernt werden; die zusammengesetzten 
Tempora sind ebenfalls verschieden, lassen sich aber 
durch die unzusammengesetzten verstehen. Das Fu- 
tur wird, wo es nicht durch das Präsens gegeben 
ist, im Russischen durch Zusammensetzung mit esse, 
im Serbischen durch Komposition mit velle gebildet. 
Die Flexionen beider Sprachen sind demnach 
entweder identisch oder stehen sich so nahe, dass 
einiger Gebrauch sie den Angehörigen beider Gebiete 
wechselseitig mit Leichtigkeit einprägen wird. Anders 
der Wortvorrat. Der Lautstand allerdings, in welchem 
West- und Ostslavisch so erheblich von einander ab- 
weichen, ist in den Sprachen des westslavischen 
Zweiges einander ähnlicher als in Hoch- und Nieder- 
deutsch. Ja, er kann in manchen Beziehungen ver- 
wandter genannt werden als es je die verschiedenen 
Dialekte anderer grosser Sprachfamilien unterein- 
ander gewesen sind. Sind die Unterschiede auch 
immer noch viel zu gross für eine g^emeinsame Or- 
thographie, so sind sie doch klein für das Ohr, kleiner 
für den auffassenden Verstand. Dennoch tritt ein 
anderes dazwischen und hindert die Verständigung. 



* 4^1 * 

In jener Periode der Sprachbildung, in welcher die 
Lautbestände noch flüssiger waren als heut, konnte 
eine Wurzel in mannigfacher Weise gewendet, ver- 
ändert und durch zutretende oder abfallende Buch- 
staben gestärkt oder geschwächt werden. Diesen, 
einen allgemeinen Begriff verschieden individuali- 
sierenden Prozess zu beobachten, vergleiche man die 
folgenden deutschen Beispiele, in denen je mehrere 
Worte dieselbe Wurzel in verschiedener Laut- und 
Bedeutungsform enthalten: Kern, Korn; bring — en, 
brach — te; Rad, rund; leiben, leben; Welle, Walze; 
fragen, forschen; gleissen, glitzen, glänzen; Fliege, 
Vogel, flattern; Decke, Dach, Tuch; frisch, frei, froh, 
frech, frank. Im Deutschen vergleichsweise selten, 
sind die Spuren dieses Vorgangs in den slavischen 
Sprachen ungemein zahlreich. Infolge dessen werden 
verwandte Begriffe in ihnen häufig durch solche or- 
ganische Variationen bezeichnet, wo wir Ableitungen, 
Zusammensetzungen oder verschiedene Wurzeln ge- 
brauchen. Ist dies schon innerhalb desselben Idioms 
der Fall, so wird sich die Erscheinung in dem Wech- 
selverhältnis der Schwesteridiome, deren jedes ein 
langes Sonderleben hinter sich hat, noch sichtlicher 
zeigen. Die gleichen Wurzeln werden in den Schwester- 
Idiomen manchmal in den gleichen, manchmal in laut- 
lich differenzierten Formen auftreten, selbst wo sie die 
gleiche Bedeutung haben. Z. B. in Laut und Bedeu- 
tung beider Sprachen gleich : voäa Wasser, kraj Rand, 
Grenze, koza Ziege, dati geben, kovati schmieden; 
aber lautlich differenziert bei gleicher Bedeutung: 
serbisch turifi, russisch u-dariti, stossen, hauen; ser- 
bisch fiik, russisch polk Schar; serbisch zao, russisch 



* 4-12 * 

zli böse; serbisch ves, sev, russisch ves, alle; und so 
weiter durch das ganze vielgestaltige Wörterbuch 
hindurch. Andererseits wird durch die wuchernde 
Begriffs-Differenzierung eine Fülle neuer Schattierun- 
gen geschaffen, in welcher nicht immer diejenigen 
Wörter, die sich in beiden Sprachen lautlich am 
nächsten stehen, auch im Sinn am verwandtesten 
sind. Was hier ,, kochen" heisst, wird, wie wir oben 
gesehen, dort zu „glühen"; was an der einen Stelle 
allgemeines „atmen" geblieben ist, spezifizierte sich 
an der anderen zu ,, seufzen". Russisch iskati „suchen" 
ist serbisch „bedürfen"; serbisch lasiti „gehen" ist 
russisch „steigen". Russisch gubiti „vernichten", be- 
deutet serbisch intransitiv „verderben, verlustig gehen"; 
serbisch plav „das Schiff", besagt im Russischen, das 
für ,, Schiff" eine andere Wurzel gebraucht, nur „die 
Schiffahrt, das Schiffen". Wirken nun beide Prozesse, 
lautliche und geistige Differenzierung, zusammen, so 
wird der Zusammenhang der betreffenden Wörter, 
der bei dem Einzelauftreten jedes Prozesses dem 
Sprachgefühl verständlich bleibt, verdunkelt. Es ent- 
stehen dann scheinbare Gegensätze, wie russisch 
russisch soxa Pflug, serbisch seci schneiden, russisch 
polzti schleichen, serbisch spui Schnecke, u. s. w. 
Wie man sieht, treten Präfixe und verschiedene 
Ableitungssuffixe irreführend hinzu. 

Ferner hat die Geschichte beide Nationen ge- 
waltig auseinander gerissen. Die eine hat das ausge- 
dehnteste Reich der Welt gegründet, eine ansehnliche 
Litteratur und eine gebildete Gesellschaft geschaffen ; 
die andere hatte ihre Selbständigkeit lange verloren, 
war in Armut und Unwissenheit gesunken und sucht 



* 413 * 

sich eben mühsam emporzuringen. Die eine hat ihre 
Sprache nach den Mustern des Auslandes und mit 
dem Erwerb des eigenen geistigen Fortschritts ausser- 
ordenthch bereichert, und vielen neuen Gedanken 
Worte und syntaktische Verbindungen gegeben; die 
andere ist bis unlängst auf einem ziemlich primitiven 
Standpunkt geblieben und sucht erst seit wenigen Gene- 
rationen die Sprache der Bauern in eine der Bildung 
umzugestalten. Wie fruchtbar dies den Wörterschatz 
der glücklicheren von beiden vermehrt , wie viel 
schärfer es ihn definiert und, im vielseitigen Leben 
gewachsen, wiederum mit bunten Metaphern ver- 
sehen hat, lässt sich leicht ermessen. Wie sehr das 
umgekehrte Verhältnis die andere zwingt sich mit 
wenigeren Worten zu begnügen, ihre Gedanken 
weniger genau zu fassen , und ihren , der derben 
Sinnenwelt entnommenen Tropen eine demonstra- 
tive Deutlichkeit zu geben , ist ebenfalls unschwer 
zu begreifen. Das Ergebnis ist eine Divergenz beider 
Sprachen, in welcher der Serbe und Russe sich 
über die notwendigsten Dinge, die lange vor der 
Trennung benannt und gesondert waren, allen- 
falls verständigen können, in der aber keiner von 
beiden die Drucksachen des anderen, die grossen- 
teils später und getrennt entwickelte Gedanken be- 
treffen, versteht. 

Lässt sich nach alle dem erwarten, dass das 
Russische einmal serbische Schriftsprache werden 
könne? Dass das gesprochene Serbisch einmal als 
eine mundartliche Variante des Russischen gelte? 
Was sie gegenwärtig trennt, ist mehr als jene g^eringe 
Verschiedenheit zwischen Dialekt und Dialekt, die 



* 4^4 * 

einem Volksgenossen die Bedeutung selten verhehlt, 
hat er einmal die Gesetze des Lautwandels erkannt, 
oder durch einige Übung empfinden gelernt. Es ist, 
bei aller Gleichheit vieler primitiver "Wörter, eine 
zwar auf derselben Wurzel gewachsene, aber häufig 
bis zur Unkenntlichkeit getriebene Differenzierung 
der Lautform vieler anderer, hauptsächlich späterer 
Wörter. Es ist die wurzelhaft gleiche, aber thatsäch- 
lich verschieden individualisierte Bedeutung noch 
anderer Wörter. Es ist schliesslich der Kontrast 
zwischen einer entwickelten und einer angehenden 
Litteratursprache. 

Indes, der Wille und die Umstände vermögen 
viel. Nach den herrschenden Stimmungen ist zu er- 
warten, dass der Versuch dem Russischen eine 
litter arische und damit allmählich auch eine gesell- 
schaftliche Stellung in serbischen Landen zu geben, 
unter gewissen Verhältnissen gemacht werden würde. 
Die Entfernung der Sprachen wird durch die Intimi- 
tät der Politik vermindert. Gelegentlich einer Erör- 
terung der orientalischen Frage sagte vor einigen 
Tagen der St. Petersburger ,,Golos": 

„Die slavische Rasse ist die zahlreichste in Eu- 
ropa, und die Bildung einer slavischen Föderation 
wird ihr wahrscheinlich die Rolle im europäischen 
Konzert geben, die ihrem numerischen Übergewicht 
entspricht. Eine slavische Föderation oder slavische 
Staaten mittlerer Grösse werden unfehlbar zu Russ- 
land, dem mächtigsten Vertreter des Slaventums, 
gravitieren, in Russland ihren Verteidiger und Be- 
schützer sehen und die ohnehin schon furchtbare 
Macht des russischen Reiches mit ihren eigenen 



* 415 * 

Kräften vermehren. Das wird sowohl in London als 
in Pest, sowohl in Wien und Berlin als in Paris be- 
griffen, obschon die einen es mehr fürchten als die 
anderen. Darum schreckt Europa zusammen, sobald 
die Slaven von ihren Rechten zu reden anfangen. . . 
Wir Russen, die wir, in glücklicherweise ver- 
gangenen Zeiten, als Eroberer auf der Balkan-Halb- 
insel aufzutreten schienen, sind jetzt überzeugt, dass 
wir weder Konstantinopel noch eine Spanne Landes 
in jenen Gegenden zu erwerben brauchen u. s. w." 

Ahnliche Andeutungen sind neuerlich in der 
russischen Presse mehrfach gegeben worden. Sollte 
die Verwirklichung dieses Programms einmal unter- 
nommen werden, so würde sich sowohl durch das 
was es Russland gewährt, als durch das was es ihm 
vorenthält, eine Tendenz erzeugen auf den Gedanken 
begleitender linguistischer Annäherungen zurückzu- 
kommen. Wäre eine Föderation gestiftet, so würde 
sie einer Geschäftssprache bedürfen, und könnte, vor 
die Wahl zwischen Russisch und Serbisch gestellt, 
kaum schwanken; wäre keine Föderation da, so 
würde es nahe liegen durch geistige Bande, die für 
möglich gehalten werden, zu ersetzen was an po- 
litischen abgeht. Russischer Unterricht in der 
Schule würde gebildete Serben rasch zum Lesen der 
Schwestersprache befähigen. So wenig sie das Rus- 
sische ohne vorgängiges Studium bemeistern können, 
so leicht werden sie es nach einigem Lernen ver- 
stehen und allgemach handhaben. Die nahe Ver- 
wandtschaft beider Sprachen und die Lebendigkeit 
und Adaptabilität des slavischen Kopfes, die wir so 
oft im Gebrauch fernstehender Idiome bewundern, 



würden sich mit nationalen Gesinnungen verbinden, 
um zu diesem Ergebnis zusammenzuwirken. Der 
Genuss eine vollendetere Sprache zu gebrauchen, das 
Bewusstsein sie für die Zwecke der steigenden Bil- 
dung besser verwerten zu können als die eigene, 
und der grosse und edle Vorzug einer Zunge anzu- 
gehören, die von vielen Millionen geredet, in ihren 
Worten und Büchern starke Bindemittel besitzt, 
würden ebenfalls das ihrige thun. Gearbeitet wurde 
in dieser Richtung bereits seit längerer Zeit. Um 
nur einige der interessantesten slavischen Äusse- 
rungen über diesen Gegenstand anzuführen, geben 
wir zunächst einen Auszug aus einem Schreiben, 
welches Hr. D. Tomitschek, ein tschechischer Patriot, 
am I. April 1872 in dem Prager ,,Slovansky Svet" 
veröffentlichte : 

. . . „Wir Slaven sind der mächtigste Stamm in 
Europa, aber in viele Zweige gespalten, deren jeder 
sein eigenes Leben lebt, seine eigenen Früchte giebt. 
Jedes slavische Volk hat seine eigene Rede, Litte- 
ratur, Wissenschaft und Politik. Diese Teilung ist 
der Grund, dass die Slaven noch der Geltung im 
Rate der Völker entbehren, die ihnen sowohl ihr 
numerisches Gewicht als ihre geistigen Leistungen 
gewähren sollten. Das grösste Hindernis gemeinsamer 
Entwicklung ist zweifellos die Sprachverschiedenheit, 
welche dem unmittelbaren Wechselverkehr der sla- 
vischen Völker hemmend in den Weg tritt. Uns 
eine gemeinsame Sprache zu schaffen ist deshalb 
nötigstes Bedürfnis. Wie wir dabei zu Werke zu 
gehen haben, lehrt das Beispiel der Natur. Wie das 
Gravitationsgesetz in der Natur den kleineren Körper 



* 4^7 * 

zum grösseren treibt, so müssen sich die slavischen 
Sprachen an das Russische schliessen. Das russische 
Volk hat, gestützt auf seine politische Stellung, seine 
Sprache zu ungemeiner Vollkommenheit entwickelt, 
eine Litteratur geschaffen, welche sich der deutschen 
und der französischen gleichberechtigt zur Seite stellt 
und die Erde mit geistigen Produkten beschenkt 
welche die Bewunderung des ganzen zivilisierten Eu- 
ropa erregt haben .... Um den gewünschten An- 
schluss der slavischen Völker an das russische zu 
erzielen, ist es zunächst erforderlich die Kenntnis der 
russischen Sprache unter ihnen möglichst zu ver- 
breiten .... Vor allem müssen in den nicht-russisch 
slavischen Ländern Gesellschaften gestiftet werden, 
welche Lehrer der russischen Sprache sowohl für 
öffentliche Vorträge als für Schulen bilden. Diese 
Gesellschaften müssten dahin streben, dass in allen 
höheren Lehranstalten wie auch in allen Präparanden- 
Anstalten für Volksschullehrer öffentliche Lehrstühle 
für russische Sprache und Litteratur gestiftet würden. 
Neben der eigenen müsste die russische Sprache als 
Lehrgegenstand in mittleren und niederen Schulen 
eingeführt werden," 

Es folgen Vorschläge für die Veröffentlichung 
von Lehrbüchern, den Gebrauch des Theaters, die 
häufige Anberaumung slavischer Ausstellungen u. s. w. 

Dieselbe Zeitschrift, welche zur besseren Vorbe- 
reitung dieses Zieles in zwei Sprachen, tschechisch 
und russisch erschien, enthielt in ihrem Prospektus 
einen Bericht über die Schritte, welche der Moskauer 
Kongress that um die Wünsche der Zarina ins 
Praktische zu übersetzen: 

Abel, Sprachw. Abhdlgo. 27 



* 4i8 * 

„Dem slavischen Kongress in Moskau (der er- 
wähnten Ausstellungsversammlung) war es vorbe- 
halten die Sache der slavischen Solidarität einen 
tüchtigen Schritt vorwärts zu bringen. Dieser denk- 
würdigen panslavistischen Versammlung haben wir 
es zu danken, dass die slavische Solidarität aufgehört 
hat eine wohltönende Phrase zu sein und eine that- 
sächliche Wirklichkeit geworden ist. Die Teilnehmer 
an dieser slavischen Pilgerfahrt nach Russland, die 
hervorragendsten Männer aller slavischen Völker, 
haben erklärt, dass sie von der unvermeidlichen Not- 
wendigkeit überzeugt sind, eine slavische Sprache zur 
gemeinsamen Sprache aller slavischen Völker zu 
machen, und dass sie darin übereinstimmen, die rus- 
sische Sprache für diesen Zweck zu wählen. Diese 
Erklärung ist von der ganzen slavischen Presse ge- 
billigt worden." 

Als den Zweck dieser Änderung giebt derselbe, 
von J. J. Touzimski erlassene, Prospekt u. a. an: 

„Den grossen dem Slaventum drohenden Ge- 
fahren gegenüber muss es heissen: einer für alle, 
alle für einen. Es kann den Russen nicht gleich- 
giltig sein, dass der Tscheche und Slovene das Opfer 
fremder Eroberer wird, dass der preussische Soldat 
sich an der Donau häuslich niederlässt, und der 
Schlüssel zum Osten in Berliner Hände gerät. Eben 
so wenig können die österreichischen Slaven erlauben, 
dass Osterreich, ein überwiegend slavischer Staat, die 
Eroberungspläne der Berliner Politik gegen das sla- 
vische Russland unterstützt. Im Slaventum, im Er- 
folge des Slaventums, liegt die Kraft Russlands und 
könnte die Kraft Österreichs liegen .... Die Pflege 



* 4^9 * 

dieses Bundes wird unzweifelhaft dazu führen, dass jenes 
denkwürdige Wort, welches zuerst auf dem Moskauer 
Slaven-Kongress ausgesprochen wurde: „Nicht eine 
einzige slavische Hütte werden wir den Fremden lassen" 
— der Ruf des ganzen russischen Volkes wird." 

Hier haben wir die methodische hnguistische Vor- 
bereitung der vom ,,Golos" in der gegenwärtigen 
orientalischen Kampagne gezeichneten politischen Zu- 
kunftsskizze. Geleistet wurde allerdings bisher nur 
wenig, da eine vorzeitige Aktion auf sprachlichem 
Gebiete die politischen Neuerungen, die ihr den Weg 
zu bahnen haben, erschwert haben müsste. Reift aber 
die Saat unter einer politischen Sonne, welche es 
erlaubt unabhängiger vorzugehen, so sind, nach allem 
was wir gefunden, die linguistischen Bedingungen des 
Erfolges vorhanden. Das Lesen russischer Bücher 
und Zeitungen würde sich durch russische Lehrer 
innerhalb weiterer Kreise des heranwachsenden Ge- 
schlechts erreichen und in einer späteren Generation 
verallgemeinern und befestigen lassen. Dauert die 
politische Situation, deren Eintritt dem Experiment 
vorauszugehen hätte, an, so würde, schneller oder 
langsamer, je nach der Gunst der Lage und dem Ein- 
treten bedeutender Persönlichkeiten für oder wider, der 
weitere Schritt zum Drucken russischer Journale und 
Litteratur auf serbischem Boden gethan werden können. 
Daran würde sich, bei weiterer Konsolidation der 
politischen Verhältnisse und dem entsprechend zu- 
nehmenden Verkehr zwischen Serben und Russen, 
der Gebrauch des Russischen seitens gebildeter 
Serben schliessen und somit der Anfang seiner Ver- 
breitung im Lande gemacht sein. Die Ausdehnung 



der letzteren zu bestimmen, würde dem Gang der 
politischen und nationalen Entwicklung in späteren 
Zeiten überlassen bleiben. Wie weit sie sich auch 
erstreckte, Serbisch würde allerdings nie ein Dialekt 
des Russischen werden, möchte aber wohl eine Vor- 
stufe zur geschwinden Aneignung desselben durch 
Lesen, Sprechen und Schreiben bilden. Mittlerweile 
würde das Land international repräsentiert durch die 
Sprache seiner Litteratur und Politik.*) 

Dass die Kroaten, oder römisch-katholischen 
Serben , und die Slovenen , ihre nächsten Vettern, 
sich einer solchen Bewegung anschlössen, liegt po- 
litisch, rehgiös, und bei der weiten Verbreitung, die 
das Deutsche unter ihnen erlangt hat, auch aus litte- 
rarischen Gründen viel ferner. Sie würden es indes 
pekuniär noch schwieriger finden als bisher in ihrer 
eigenen Sprache zu drucken, wäre ihnen der ser- 
bische Markt geschmälert. 



*) Die russische Regierung hindert auf eigenem Boden schon heute 
im Interesse der nationalen Einheit alles Dialekt-Drucken. Das Klein- 
russische, das in Österreich gedruckt wird und lange in dem galizi- 
schen Kloster Bjela Kriniza gepflegt wurde, ist in Russland von der 
Presse thatsächlich ausgeschlossen. Von dem eigentümlichen Verhältnis 
zwischen Gross- und Klein-Russisch ist in des Verf. Oxford Ilchester 
Lectures, welche demnächst in deutscher Übertragung erscheinen werden, 
eingehender gehandelt. Auch das Polnische wird bereits als ein zu 
assimilierender Dialekt betrachtet und darf amtlich nur noch wenig gespro- 
chen und fast nicht mehr gedruckt werden. Ähnlich das Litauische. 

Ausserhalb Russlands förderte der Ausgang des Orientalischen 
Krieges von 1876 ein unmittelbares linguistisches Vorgehen wenig. 
Im Juni 1883 berichtete indes die Wiener „Presse", dass das Mos- 
kauer Panslavistische Comit6 wieder ins Leben gerufen sei, um für 
die Annahme der Russischen Sprache als Gelehrtensprache aller Slaven 
thätig zu sein. Also wird das grosse Ziel thatsächlich in Angriff ge- 
nommen. 



XI. 

ÜBER 

EINIGE GRUNDZÜGE 

DER 

LATEINISCHEN WORTSTELLUNG 



$ 



Die Gedanken der Menschen ordnen sich durch 
geistige Thätigkeit in Abschnitte, welche einen 
Gegenstand und ein Verhalten desselben umfassen, 
in Sätze. Eines solchen einzelne Teile, die Worte, 
sind sämtlich im Bewusstsein des Geistes enthalten, 
sobald er das erste aussprechen macht, weil er dies 
schon in Absicht und Bezug auf die folgenden thut; 
und zwar sind sie es in der Reihenfolge, in welcher 
eines jeden Wert für das ganze Urteil, den Satz, 
ihm erscheint. 

Die Gedankengänge verschiedener Völker sind 
hierin dadurch verschieden, dass sich alle Erschei- 
nungen entweder in dasselbe Gesetz des Grundes 
zergliedern lassen, nach welchem die Ursache vor 
der Wirkung, das Ganze vor dem Teil da ist; oder 
dass man sie dagegen als eine Zusammensetzung bei- 
geordneter Punkte insofern denken kann, als die 
ganze Erscheinung auch ohne den kleinsten ihrer 
Teile nicht zu bestehen vermöchte, und so das Ge- 
ringere des Wichtigeren Mitgrund eben so gut ist, 
als umgekehrt. Die erste Ansicht hat für die meisten 
Fälle eine bestimmte Wortfolge und ist als die zer- 



* 424 * 

setzende diejenige, welcher analysierende Völker, 
oder solche, die eine fremde Sprache annehmen, am 
ehesten folgen werden. Neben ihr steht die zweite, 
welche, an sich imaginativer, je nach der Indivi- 
dualität der Völker von verschiedener Art und Stärke 
erscheint, überall wohl die ursprüngliche war und 
von keiner Sprache so fein durchgebildet, von keiner 
durchgebildeten Sprache so reich bewahrt wurde, 
wie von der lateinischen. Dabei blieb ihr die erste 
in solchem Masse erhalten, dass den verschiedensten 
Urteilsverbindungen Genüge geschah. Während für 
auflösende Auseinandersetzung, wie sie wissenschaft- 
liche Forschung oder ernste Belehrung wollen, die 
erste Auffassung zu Gebot stand, wob sich in der 
zweiten dem Dichter die Welt zum bunt ver- 
schlungenen Kranze. Zwischen beiden hielt sich die 
Weise gewöhnlicher Rede als der eigentliche Aus- 
druck römischen Geistes. 

Die Alten haben eine gute Wortstellung durchaus 
gefordert, damit sowohl der Gedanke einen organischen 
Ausdruck, als das Ohr einen angenehmen Klang 
empfange. Cic. Or. 69, 22g. 70, 233. 65. 220. 49. 
163. Quintil. inst. 8, 4, 45. g, 4. 24. Indem ihre 
Rede nun das gemeinsame Ergebnis beider Ansprüche 
enthält, stellt sie der Untersuchung über das Wirken 
je eines derselben grosse Schwierigkeiten entgegen; 
und dennoch kann bei der ansehnlichen Verschieden- 
heit beider Punkte nur in ihrer Sonderung eine Er- 
kenntnis sein. Es schien mir, diese würde am wenig- 
sten durch die Vergleichung ganzer Sätze unter 
einander gelingen, weil dieselben an sich sehr ver- 
schiedene Urteile enthalten und wieder in eine An- 



* 425 * 

zahl von Urteilen zerfallen, deren je eines wieder 
aus mehreren Worten bestehen kann; so dass, was 
hier der logische Grund wirkte, sowohl durch gene- 
relle Verschiedenheit des Ganzen, als durch die vielen 
gegenseitigen Einflüsse der Teile verdunkelt erscheint. 
Nimmt man dagegen einzeln das Verhalten verschie- 
dener Begriffsarten heraus, so werden die trotz ver- 
schiedener Verbindung, trotz verschiedenem Klang und 
Fall gleichmässig oder überwiegend wiederkehrenden 
Erscheinungen sich als die einfachsten logischen Ge- 
setze der lateinischen Wortstellung ergeben. In 
dieser Art einige Punkte zu betrachten, wollte der 
vorliegende Versuch unternehmen. 

Eine Beobachtung, welche in allen spezielle- 
ren Untersuchungen eine so schnelle Bestätigung 
findet, dass man sie als einen gefahrlosen Ausgangs- 
punkt der ganzen Betrachtung annehmen darf, lässt 
sich leicht machen und logisch erklären. Die Einigung 
zweier Begriffe zu einem Urteile erscheint in der 
lateinischen Sprache durch Voraussetzung des Ab- 
hängigen dargestellt, als welches durch Sinn und 
Form den Schluss des Gedankens bis zum Erscheinen 
des Selbständigen aufschiebt. Die umgekehrte Stellung 
findet statt, wenn der Gedanke in der Weise ge- 
trennt werden soll, dass wir den zweiten Teil als eine 
selbständige Abstraktion der ersten, ebenfalls selb- 
ständigen hinzufügen, wo er im Deutschen etwa auch 
durch „und zwar" angeknüpft werden könnte. Da- 
durch ist in dieser Stellung die Kraft beider Teile 
eine gleiche; es kann aber, ebenso wie in der erst- 
genannten, wo sie an sich nur eine ist, die des Vor- 
gestellten überwiegen, sobald eine zu dem Wert 



* 426 * 

seines Begriffs noch hinzukommende Ausschliessung- 
durch einen Gegensatz geweckt wird. Hiernach steht 
I. jedes Urteil für sich betrachtet, das Adjectivum, 
Pronomen und Partizipium, wenn es mit seinem Sub- 
stantiv eine Einheit bildet, vor demselben, und ebenso 
abhängige Casus vor ihrem regierenden Substantivum 
oder Adjectivum; und 2. im Verhältnis zu anderen 
betrachtet, wenn einer der beiden Teile von einem 
Gegensatz getroffen wird, dieser voraus. Die Präpo- 
sitionen gehen meistens voraus. 

a) Adjektiv beim Substantiv. 

Neben dem Grundzug, nach welchem die ge- 
wöhnliche Rede dasselbe als eine inwohnende Eigen- 
schaft, die mit seinem Träger ein Ganzes macht, auf- 
zufassen, also vorauszustellen pflegt, wenn dieser 
Träger nicht durch Gegensatz in besonderen Betracht 
kommt, hat die Bedeutung von Adjektiven darauf 
folgenden Einfluss. Diejenigen, welche eine unbe- 
stimmte Menge, Grösse, Stärke als einen lebhaft im- 
ponierenden, aber wenig genau berechneten Eindruck 
anzeigen, nehmen die erste Stelle in Anspruch. Denn 
sie möchten in der zweiten den Redenden biosssteilen. 
Omnes, multus, magnus, amplus, vastus, celsus, clarus, 
splendidus, magnificus, grandis, immanis, ingens, 
immensus, infinitus, vehemens und alle Superlative 
gehen allermeist vorauf Ebenso oft dagegen folgen 
die begrenzten und erwogenen Eigenschaften : aptus, 
idoneus, alle Zahlwörter und alles, was einen ziem- 
lichen Grad anzeigt, nämlich 1. die absoluten Kom- 
parative (gloria in rebus majoribus administrandi, in 
ziemlich grossen Dingen, Cic. Off. 2. 9. 31. Pertur- 



* 427 * 

batio est appetitus vehementior , Cic. Tusc, 4. 21. 
46). 2. Die Adjektiv- und Partizipverbindungen mit 
paulo, aliquante, quatenus; 3, durch Verneinung be- 
stärkte Bejahung, so lange sie einen massigen Grad 
bezeichnet (Lucumo vir impiger, ein tüchtiger Mann, 
Liv. 34, I, ebenso mit haud: Ingenium ejus haud 
absurdum, Sali. Cat. 3, i*); ferner ebenso als die 
späteren Ergebnisse begrifflicher Erwägung alle Com- 
posita mit Ausnahme ihrer sehr geläufigen einfachsten 
Art, der verneinenden mit in. 

Wo ein Adjectivum eine wesentliche und oft in 
bestimmter Weise gebrauchte Ergänzung eines Sub- 
stantivs enthielt, haben beide Stellungen einen von 
einander stark verschiedenen Sinn erhalten: homo 
urbanus heisst „Städter", urbanus homo ,, Schöngeist" 
(urbanus homo erit cujus multa bene dicta responsa- 
que erunt, Domit. Marf. b. Quintil. Inst. 6. 3. 105); 
mensa secunda der zweite Tisch, secunda mensa 
Nachtisch (Cic. Att. 14. 6); partus secundae zweite 
Niederkunft, secundae partus Nachgeburt (Plin A. N. 
9. 3. 15); res mala schlechtes Ding, mala res die 
Kreuzigung (Ter. And. 2. i. 17); Carmen malum 
schlechtes Gedicht, malum Carmen Zauberspruch 
(Leg. XII. tab. ap. Plin. 28. 2. 4); Dea bona eine 
gute Göttin, Bona Dea die Ceres (Juven. 2. 84); 



*) In beiden Arten dieses dritten Falles findet, wie der jeweilige 
Zusammenhang zeigt, die umgekehrte Stellung statt, sobald ein zwar 
nicht genau gemessener, aber jedenfalls für stark gehaltener Grad be- 
zeichnet werden soll : Jugurtha ut erat impigro :itque acri ingenio 
rastlos und heftig, Sali. Jug. 7, 4. Haud mediocris hie ut ego qui- 
dem intelligo vir fuit, keineswegs ein gewöhnlicher Mensch, wenig- 
stens nach meinem Dafürhalten. Cic. Rep. 2. 3, 



* 428 * 

verba bona eine gute Rede, bona verba Worte 
günstiger Vorbedeutung (TibuU. 2, 2, i) und a. m. 
Überall steht hier im neugebildeten Begriff das Ad- 
jektiv zuerst, weil von ihm die Bedeutungsänderung 
des zweiten Wortes, das sonst etwas anderes besagen 
würde, ausgeht. 

In vielen häufig in solcher bestimmten Weise 
einem Substantiv inhärent voraufstehenden Adjektiven 
hatte sich der ganze Begriff so festgesetzt, dass man 
später für ihn das Substantiv fortliess. So manus 
hinter dextra, sinistra ; febris hinter tertiana, quartana ; 
praedium hinter suburbanum, Tusculanum. Ähnlich 
ist auch das Voraufgehen der Adjectiva in vielen 
terminis technicis des römischen Rechts: Theodo- 
sianus codex, calatis comitiis, regius curator, virilis 
portio u. a. 

Eine Anzahl Substantiva weicht, obgleich begriff- 
liche Inhärenz bildend, von dieser Stellung insofern 
ab, als ihre allgemeinen, nähere Bestimmung fordern- 
den Gattungsbegriffe dieselben gewöhnlich hinter 
sich setzen: res domestica, militaris, familiaris, privata, 
publica; vir egregius, vir impiger; Urbs Roma, po- 
pulus Romanus; genus humanum, genus agreste; die 
Ortsnamen Via Appia, prata Quintia, Saxa Rubra; 
Porta Collina, Naevia (dies sogar in einer Art von 
Gegensatz: hinc a porta Collina, illinc ab Naevia 
redditus clamor, Liv. 2. 11). In einer mehr concreten 
Bedeutung (überdies in Gegensätzen) stehen sie auch 
nach, Cic, Div. 1. i huic praestantissimae rei, Cic. 
Div. I. 36 in amplificanda re, wo zwar der Super- 
lativ, aber wohl auch res in der Bedeutung ,, Gegen- 
stand" wirksam war; vir Mann, nicht Mensch; via 



* 429 * 

Weg", nicht Römische Strasse, ebenso pratum, saxum. 
Desgleichen steht der Name der famiUa nach dem 
der gens, welchem der gewöhnliche Unterscheidungs- 
name voraufging, ein etwa später erworbener Zuname 
aber folgte: Publius Cornelius Scipio Africanus. 

Der ersten Grundansicht gehört ferner die Appo- 
sition, weil auf ihre, einander mehr ergänzenden als 
bestimmenden Teile die Regel der Einheit sich nicht 
erstreckt. Ihr logisches Objekt geht vorauf; was 
hinzutritt, folgt (Miltiades, Cimonis filius, Atheniensis, 
Nep. I. I. An Scythes Anacharsis potuit pro nihilo 
ducere pecuniam, nostrates philosophi quod faere non 
potuerunt, Cic. Tusc. 5, 2)2, 93)- Bei Amtsbezeich- 
nung'en galt in der Republik der Eigenname für das 
erste, zur Kaiserzeit der der Würde: Cicero consul, 
Imperator Augustus. Ebenso musste man fratres 
gemini, mulier ancilla, digitus pollex sagen, denn, 
wie Quint. 9. 4. 29 bemerkt, quaedam ordine per- 
mutato fiunt supervacua, ut fratres gemini. Nam si 
praecesserint gemini, fratres addere non est necesse. 

b) Partizip beim Substantiv, 

Das adjektivisch gebrauchte Partizip steht ge- 
wöhnlich nach, weil es nicht eine dauernde, in- 
wohnende Eigenschaft, sondern eine vorübergehende 
Handlung oder einen ebensolchen Zustand anzeigt. 
Dictator triumphans in urbem rediit, Liv. 10. 5, 
Centuriones armati Mettium circumsistunt, Liv. i. 28. 
Von einem Gegensatz getroffen wird aber auch sein 
Begriff der zumeist in Betracht gezogene und geht 
voraus. Temeritas est florentis aetatis, prudentia 
senescentis, Cic. de sen. 20. Mitatae res facile e me- 



* 430 ♦ 

moria elabuntur, insignes et novae manent diutius 
Auct. ad Her. 3. 22. 35. 

c) Pronomen beim Substantiv. 

Die persönlichen Pronomina entfernen sich sehr 
oft von ihrem Substantiv (und auch ebenso vom 
Verbum) , um eigentHch Zusammengehöriges zu 
trennen ; weil sie, materiell zu klein, um dessen Teile 
zu zerreisen, und von zu klarer Beziehung auf die- 
selben, um einer ordnungsmässigeren Stellung aus 
Rücksichten der Deutlichkeit zu bedürfen, durch diese 
übermütig spielende Versetzung nur jedes andere 
Glied des Satzes und zugleich sich selber besonders 
hervorheben. Res tuae quotidie faciliores mihi et 
meliores videntur, Cic. Fam, 6, 5. Sed quae sunt 
ea quae te dicis majoris moliri, Cic. Tusc. i. 8. 16. 
Die Demonstrativen stehen teils natürlich vor dem 
Begriff, auf welchen sie hinweisen, teils können sie 
— ille, iste und selbst hie und is — mit dem aller- 
grössten Nachdruck hinter ihn treten, indem dadurch 
aus dem Hinweisen eine besondere Abstraktion ge- 
macht wird. Treten jedoch noch weitere Bestimmungen 
zu dem Substantivum, so können sie diesen letzten 
Platz nicht länger behaupten, sondern müssen auf 
den mittleren oder ersten. Hoc a te peto, ut sub- 
venias huic meae sollicitudini et huic meae laudi, 
Cic. ad fam. 2, 6. 10. Ex suo regno sie Mithridates 
profugit, ut ex eodem Ponto Medea illa profugisse 
dicitur, jene berüchtigte Medea, Cic. p. leg. Man. g. 
22. Captis Syracusis initium licentiae huic sacra 
profanaque omnia vulgo spoliandi factum est, Liv. 
25. 40. Quam fuit imbecillus P. Africani filius is 



* 431 * 

qui te adoptavit, Cic. sen. ii. 35. Incendium auriae, 
oppugnationem aedium M. Lepidi, caedem hanc ipsam 
contra rempublicam senatus factam esse decreverat, 
Cic. p. Mil. 5. 9. Catulus non antiquo illo more, sed 
hoc nostro fuit eruditus, Cic. Brut. 35, 132. Von 
diesem letzten Fall ist es eine nur scheinbare Aus- 
nahme, wenn Cic. p. Dej. 13, 36 sagt: Antiochus 
Magnus ille rex, da man hier das ille entweder auf 
rex oder Magnus beziehen , oder das Magnus als 
schon damals zu einem stehenden Beinamen geworden 
ansehen kann. Die Possessiva stehen bei weitem 
mehr vor ihrem Hauptwort als nach, weil sie dem- 
selben nur in dem Fall beigegeben werden, dass ein 
besonderer Nachdruck auf ihnen ruht; aber wegfallen, 
sobald die aus dem Zusammenhang mögliche Ergän- 
zung genügt. Deshalb heisst es immer: mea manu, 
mea sponte, mea auctoritate, mea, tua, sua causa 
(ebenso mihi crede). Die Indefinita verhalten sich, 
wenn sie allein attribuieren , wie Adjektiva; wenn 
mit einem Adjektivum zusammen, so weichen sie 
gewöhnlich dessen grösserer Bedeutung, so dass sie 
umschlossen werden; oder treten seltener, wenn sie 
eine Hinweisung enthalten, vorauf. Est gloria solida 
quaedam res et expressa, non adumbrata, Cic. Tusc. 
3. 2. Est quaedam certa vox Romani generis, Cic. 
de Or. 3, 12, 44. Den Interrogativis und Relativis 
gehört ihrer Bedeutung nach die erste Stelle des 
Satzes; wenn sie dieselbe verlieren, so kann 
dieses deshalb nur zum Vorteil eines ganz besonders 
hervorzuhebenden Wortes geschehen. Quis clarior 
in Graecia Themistocle, quis potentior, Cic. Lael. 12. 
Quis sim, ex eo quem ad te misi, cognosces. Sali. 



* 432 * :. 

Cat. 44, 5. Qui esset ignoratus, Cic. in Verr. 5, 64. 
Ego cetera qui animo aequo fero, unum vereor, Cic. 
fam. 9. 16. 7. Sed haec quis mulier est? Plaut. 
Truc. I. I. 76. Libet interponere, nimia fiducia 
quantae calamitate soleat esse, Nep. 16. 3. 

Quisque und ipse stehen fast niemals vor ihrer 
Ergänzung und nehmen, wenn sie beide zusammen- 
treffen, dieselbe in ihre Mitte, damit keines Nach- 
druck leide: quanti quisque se ipse fecit, Cic. Lael 16, 56. 

d) Substantiv mit abhängigem Casus. 

Der von einem Substantiv abhängige Genitiv 
bezeichnet den Besitzer oder Veranlasser eines durch 
das Substantiv ausgedrückten Zubehörs, welches 
I. eine stetige Eigenschaft oder doch so oft wieder- 
holte Handlung sein kann, dass man sie als Eigen- 
schaft betrachten mag, oder 2. eine zeitige Handlung. 
In beiden Fällen lässt sich Rectum und Regens ent- 
weder gesondert betrachten oder als ein Begriff, 
welcher im ersten Falle ein näherer, schon in eins 
verwachsener, im zweiten ein zeitig zusammen- 
gekommener ist. Die gesonderte Betrachtung nun 
nimmt zuerst das Zubehör als eine Abstraktion für 
sich und fügt dann den Besitzer nur insofern hinzu, 
als von ihm eben jener Teil in Betracht kommt. Sie 
ist demnach die gewöhnliche im zweiten Falle und 
wird von den meistens stark aktiven Substantiven 
auf tor, trix, tio, tus bei weitem öfter befolgt als die 
geeinigte. Aber auch der erste Fall pflegt in der 
ruhigen Rede die Eigenschaft, welche er doch auch 
hauptsächlich in Betracht zieht, abzusondern: officia 
sunt consolantium tollere aegritudinem funditus aut 



* 433 * 

levare, Cic. Tusc. 3, 75, und immer wenn dieselbe 
Gegensatz einer anderen ist: Oratio conformanda 
est non solum electione, sed etiam constructione ver- 
borum, C. Or. i, 17. Die geeinigte Betrachtimg 
stellt, da sie entweder das Zubehör nur für diesen 
Besitzer betrachtet oder lebhaft diesen mit jenem 
zugleich erwähnen will, denselben vorauf und kommt 
deshalb so oft dem ersten, wie selten dem zweiten 
Falle zu. Nulla est excusatio peccati, si amici causa 
peccaveris, Cic. Am. 37. Adjungatur haec juris in- 
terpretatio, quae non tarn mihi molesta sit propter 
laborem, quam quod dicendi cogitationem aufert, 
Cic. leg. I. 4. 12. Lacedaemoniorum gens fortis fuit, 
dum Lycurgi leges vigebant, Cic. Tusc. 1. loi. Ne 
videres liberalissimi hominis meique amantissimi volun- 
tati erga me diffidere, Cic. ad fam. 7. 10. 3. Der 
von allen diesen Arten des Genitivs unterschiedene 
Objektsgenitiv, zu welchem das regierende Substantiv 
in ein Verbalverhältnis tritt, unterscheidet sich auch 
durch die Stellung dergestalt, dass er fast immer 
nachsteht, z. B. in folgendem einem vorstehenden 
Subjektsgenitiv gegenüber: Caesar pro veteribus 
Helvetiorum injuriis populi Romani ab iis poenas 
bello repetierat, Caes. B. Gall. i. 30. Die ganz sel- 
tenen Ausnahmen, in denen er vorsteht, finden nur 
bei Wörtern statt, die häufig mit ihm konstruiert 
werden oder in einem Zusammenhange stehen, welcher 
den Sinn nicht bezweifeln lässt: Quod erat insitus 
menti cognitionis amor, Cic. d. fin. 4, 7, 18. 

Der vom Substantiv abhängige Dativ steht zu 
ihm nicht wie der Genitiv im nahen Verhältnis des 
Teils, sondern im weiteren, objektiven des Ziels und 

Abel, Sprach w. Abhdlgn. 28 



* 434 * 

folgt fast durchgehends : Homo frugi, Cic. Dej. 9. 
26. Fin. 2. 28. go. Justitia est obtemperatio scriptis 
legibus institutisque, Cic. leg. i. 5. 42. Tegimenta 
galeis, Caes. B. civ. 3. 62. munimentum libertati, 
Liv. 3. 37. 5. Die Amtsnamen decemviri legibus 
scribendis, litibus judicandis, agris dividendis, sacris 
faciendis. Als ganz seltene Ausnahme von dieser 
Stellung hat Liv. 34, 22 Questus est Achaeos, Phi- 
lippo quondam milites, Corinthum recepisse; ferner 
Cic. de or. 2, 248 ebenso frugi, das aber nach Quint. 
I. 6. 17 nicht mehr als Dativ, sondern als Adjektiv 
gleich frugalis angesehen wurde. 

Die wenigen Fälle, in denen ein Akkusativ der 
Richtung von einem Substantiv abhängig ist, haben 
denselben voraufgehend, wahrscheinlich weil diese 
förmüch transitive Verbalkraft im Substantivum zu 
schwach schien, um nicht bei einer Sonderung Zweifel 
über die Zusammengehörigkeit überhaupt zuzulassen. 
So domum reditio, Caes. B. Gall. i. 5. domum con- 
cursus, B. civile i. 53. domum itionem Cic. Div. i. 32. 

Der von einem Substantiv abhängige Ablativ 
kann nur der der Eigenschaft sein und verhält sich 
als solcher gleich dem Adjektivum. Eximia forma 
pueros delectos, Cic. Tusc. 5. 21. 61. Aber Iccius 
Remus summa nobilitate et gratia inter suos, Caes. 
B. Gall. 2. 6. Vielleicht einzig ist der — ebendes- 
halb voraufgehende — Ablativ der Richtung bei 
Cic. Phil. 2. 30. 76: Narbone reditus. 

e) Substantiv mit Präpositionen. 
Die von einem Substantiv abhängigen Casus mit 
Präpositionen stehen zu demselben dem Begriff nach 



* 435 * 

in noch engerem Verhältnis als die Adjectiva. Denn 
diese lassen sich, da sie eine stetige, vielen Dingen 
gemeinsame Eigenschaft anzeigen, als solche abstra- 
hieren und geben so der verschiedenen Stellung Raum ; 
jene aber drücken eine Örtlichkeit oder Richtung 
aus, welcher ohne das Regens Ausgang oder Ziel 
fehlt, die also, um überhaupt eine zu sein, mit dem 
Regens zu einem Gesamtbegriff zu verschmelzen 
hatte. Den Römern muss aber dennoch ein allein- 
stehendes Substantivum zu wesentlich und zugleich 
zu schwach geschienen haben, um es durch eine so 
starke, weil spezielle, Inhärenz verdunkeln zu können; 
denn sie setzen es immer zuerst. Cursus ad gloriam, 
Cic. Ranc. 67. Transmissus ex Gallia in Britanniam, 
Caes. B. civ. 5. 13. (Doch hat Livius 43. i in einem 
Gegensatze, wie der des letzten Beispieles, einmal 
ex Italia itinera in Macedoniam.) Wie sie aber die 
Bedeutung dieser Inhärenz würdigten, lässt sich daraus 
sehen, dass sie einem solchen Regens überaus häufig 
eine Adjektivs- oder Genitivsbestimmung vorsetzten 
und die Inhärenz dann in die so gebildete Einheit 
aufnahmen. Expeditus ad suos receptus, Caes. B. 
gall. 4. ^^-j perjucunda a proposita oratione digressio, 
Cic. Brut. 85, 292; Caesaris in se beneficia, Caes. 
B. gall. 7, 63. So wahrscheinlich bloss zu diesem 
Zweck vorgesetzt is und quidam : In hoc spatio et 
in iis (wo auch his gelesen wird) post aedilitatem 
annis, Cic. Brut. 93, 321. Quaedam ad meliorem 
spem inclinatio, Cic. p. Sext. 31, 67. Gegen die 
ungemein grosse Anzahl solcher Beispiele gibt es 
nur wenige Ausnahmen: Liv. 38, 21 ab Attalo Cre- 
tenses funditores, wo aber des Attalus Truppen 



* 436 * 

gegenüber den Römern, Trailern und Thrakern in 
besonderen Betracht kommen. 

f) Adjectiv mit Casus. 

Von Adjektiven, die einen Casus regieren, ist 
die Bedeutung folgendermassen von Einfluss auf ihre 
Stellung. 

Alle diejenigen, welche ein Mass, sei es bestimmt 
oder unbestimmt, anzeigen, regieren den Genitiv, 
wenn ein Teil von einem Ganzen gesondert, also als 
Ergebnis einer Berechnung gedacht werden soll; 
(denn hat ein Ganzes als solches ihren Zusatz, so, 
stehen sie mit demselben im gleichen Kasus, so: 
Alexander cum nullo hostium unquam congressus 
quem non vicerit , Justin. 12, 16. 11, aber dagegen 
Hominibus opus est eruditis qui adhuc in hoc quidem 
genere nostri nulH fuerunt, Cic. de or. 3. 24. 95) und 
stehen in diesem Fall fast durchgängig in der Ad- 
härenz. Das sind für Raum, Zeit und Zahl multum, 
plus , plurimum , minus minimum , nimium , tantum, 
quantum, aliquantum, summum, exiguum, quid, quid- 
quid, aliquid, quidquam, dann multi, plures, plurimi, 
pauci, nonnulli, singuli, dann die bestimmten id, idem, 
reliquum, alter, uter, neuter, uterque, ultimus, extre- 
mus, postremus und die Numeralia*); ferner für den 
Raum allein noch andere, die nicht auf die Grösse, 
sondern mannigfaltige Eigenschaften je seines Trägers 



*) Die Adverbien dieser Begriffe haben den Genitiv immer 
hinter sich. So loci, locorum, terranim, gentium hinter ibi, ubi, 
ubicunque, hie, huc, illuc, unquam , eo , quo (selten auch inde, interea 
und postea loci: inde loci mortalia saecla creavit, Lucr. 5. 789. In- 
terea loci nunquam quicquam feci pejus, Plaut. Men. ^. i. i. postea 



* 437 * 

gehen und stets zuerst stehen, wie obliqua, eminentia, 
quassata u. a. m., s. Drakenb. ad Liv, 37, 58. 

Nach ihrer Analogie und in gleicher Stellung 
konnte sich später jegliche Eigenschaft einer Gattung 
für eine Anzahl Individuen absondern. Nigrae lanarum, 
Plin. H. N- 8, 48. Degeneres canum, id. ibid. 11. 51. 
Diese selbe spätere Neigung der Sprache, Ober- und 
Unterabteilungen zu machen , hat in noch einem 
anderen Falle mit gleichem Erfolg für die Stellung 
gewirkt. Substantiva nämlich, die einen Grund oder 
eine Richtung von Adjektiven ausdrückend ihnen 
sonst durch Präpositionen verbunden waren, wurden 
nachmals als abstrakte Collectiva gefasst und zu 
diesen Adjektiven als individuellen Trägern in den 
Genitiv gesetzt. So besonders bei Tacitus: lassus 
laborum, dubius itineris, aeger timoris, anxius consilii, 
promptus belli, strenuus militiae u. a. immer in dieser 
Stellung. 

Ebenso entschieden dagegen haben die Adjectiva, 
welche eine Teilhaftigkeit ausdrücken, also erst mit 
ihrer Ergänzung zusammen mehr als eine Abstraktion 
sind, dieselbe vor sich. Es sind besonders compos, 
impos, particeps, potens, impotens, consors, exsors, 
expers, suetus, assuetus, insuetus, insolitus und capax; 
weniger entschieden die bloss eine starke Hinneigung 
bezeichnenden, wie tenax, edax, ferax, cupidus, ava- 
rus, oder Mangel und Fülle, wie inops, inanis, egens, 



loci consul pervenit in oppidum. Sali. Jug. 102); femer huc, eo, quo 
vor jedem Genitiv des Grades in Verbindung mit Verben der Bewe- 
gung : quoad ejus bei Cic. ad Att, II. 12, ad fam. 3. 2. Inv. 2, 6. 
Div. 39, 45 ; tum und tunc temporis nachaugusteisch für klassisches 
id, idem temporis. 



plenus, dives, refertus. Diejenigen aber der Gleich- 
heit oder Verwandtschaft, welche sowohl mit Genitiv 
als Dativ verbunden werden können, haben den 
Genitiv kaum jemalen hinter sich: similis, dissimilis, 
par, dispar, aequalis, communis, affinis, proprius, 
alienus, amicus und inimicus. Auch im 

Dativ ist ihre Stellung sehr überwiegend dieselbe, 
während sie sich bei ihren begriffsschwächeren Ver- 
wandten erschüttert. Solche sind in absteigender 
Linie proximus, congruus, consentiens, Concors, 
propinquus, cognatus, conjunctus, aptus, idoneus, utilis, 
noxius mit ihren Synonymen. 

Der einzige Akkusativ, welchen Adjectiva regie- 
ren können, ist der der räumlichen Ausdehnung bei 
Bezeichnungen der Länge, Breite, Dicke, Höhe, Tiefe, 
wie longus, latus, altus, crassus, depressus, demissus. 
Er enthält eine Zahlenangabe und steht zumeist nach. 
Eine Ausnahme von longus ist bei Plin. H. N. 6. 34. 
39, wo sie aber der Gegensatz veranlasst: umbilicus 
Septem pedes longus umbram non amplius quatuor 
pedes reddit; femer bei Caes. B. gall. 7. 73. latus, 
id. ibid, 72 und öfter — jedoch nur bei nicht zu- 
sammengesetzten, also kürzeren Zahlen — in diesen 
technischen Schilderungen; demissus bei Sallust. 
Cat. 55. 3. 

Für den Ablativ eine Regel festzustellen möchte 
unmöglich sein: so viele Beispiele finden sich für 
jede Seite. Es lässt sich denken, dass er als Bezeich- 
nung des Grundes und der Veranlassung einesteils 
Neigung zur Inhärenz gehabt ; dass aber anderenteils 
die begründete, veranlasste Eigenschaft nicht als so 
augenbHcklich, so allein in Bezug auf die Veranlassung 



* 439 * 

gefasst worden sei, um nicht ebenso gut Adhärenz 
zu ermöglichen. Auch sind in diesem Casus bekannt- 
Hch mehrere frühere vereint. Allein bei den reinen 
Grössen vergleichungen mit par, major, maximus, minor, 
minimus, longior, altior, latior u. d. überwog der erste 
Grund stets, während er, sobald ein solches Verhältnis 
in Bezug auf eine innere Eigenschaft beobachtet ward, 
also bei jedem anderen Komparativ, wieder zurück- 
trat. Auch die Alterbezeichnungen major, maximus, 
minor, minimus, grandior, grandis haben ihr natu 
stets hinter sich; ebenso macte seinen Ablativ. 

g) Casus bei Präpositionen. 

Von den Präpositionen setzt der Redende die- 
jenige, welche ein Vereinsverhältnis seiner oder des 
Angeredeten anzeigt, cum, immer hinter das Pronomen. 
Ebenso steht sie hinter dem Relativum und tritt, 
wenn sie ein mit Adjektiv versehenes Substantiv 
regiert, meistens in beider Mitte. Versus, tenus, 
causa, gratia, erga und instar folgen stets. Dem 
anknüpfenden Pronomen folgen ex, ob, de, per, ad 
und in mitunter, contra, ultra, juxta, circa, propter, 
subter, penes und adversus in einzelnen Fällen. Sonst 
geht eine mit einem einzelnen Casus verbundene 
Präposition demselben stets vorauf. 

Jede Präposition muss, wenn sie hinter ihrem 
Casus steht , diesem unmittelbar folgen ; voraus- 
gehend kann sie von demselben nur durch ihm zu- 
gehörige Casus (an welche sich wieder Abhängiges 
schliessen kann) oder durch Adverbia oder die satz- 
verbindenden Konjunktionen autem, vero, tamen, 
quidem und enim getrennt werden. Ad judiciorum 



* 440 * 

certamen, Cic. Or. 12. cum ignominia dignis, Cic. ad 
fam. 7. 12. in bella gerentibus, Cic. Brut. 12. propter 
Hispanorum apud quos consul fuerat injurias, Cic. 
Div. 20. ad beate vivendum, Cic. Tusc. 5. 5. post 
ero SuUae" victoriam, Cic. ofF. 2. 8. Eine alleinige 
Ausnahme machen per in der Beschwörung, und ex 
ante, in ante, post ante bei Zeitangaben : per ego te 
deos oro et obsecro, Ter. Andr. 5. 15. ex ante diem 
Vidus Octobr., Liv. 45. 2. comitia in ante diem VI 
calend. dilata sunt, Cic. ad Att. i. 16. 

h) Stellung der Konjunktionen. 

Diejenigen, welche einen Gedanken besonders 
eng an einen andern anschliessen sollen, stehen einem 
Teile des letzteren nach, so dass derselbe sich un- 
mittelbar seinem Vorgänger zufügt. Es sind dies bei 
Gleichartigem que, quoque und ve, von denen que 
und ve sogar meistens nicht der Präposition, sondern 
ihrem Casus angehängt werden, wenn auch jene den 
Satz beginnt; ferner autem, vero, tamen, tandem, 
enim in lebhaft fortschreitender Folgerung, und in 
gleicher Stellung die ähnlich gebrauchten Einschie- 
bungen von inquam, credo, censeo, arbitror, opinor, 
obsecro, quaeso, ratus und des Vokativs. Wo da- 
gegen die ruhigere Rede Gleichartiges als Gleich- 
berechtigtes anschliesst, oder Abgeleitetes und Ent- 
gegengesetztes als solches deduziert, da steht voran: 
et, quare, idcirco, inde, deinde, nam, namque, sed, 
verum, at, tamen, attamen. Igitur, ergo und tamen 
treten, wenn sie sich auf ein Wort zumeist beziehen 
sollen, hinter dieses; aber dem ganzen Satz voran, 
wenn sie diesem gehören. 



* 441 * 

Ut tritt häufig seine Anfangsstelle einem anderen 
Worte ab, damit dieses ganz besonderen Nachdruck 
erhalte; seltener ebenso si, etiamsi, ne, quomodo, das 
fragende ne, cur, utrum, qua, ubi, und zwar alle 
höchstens drei Wörtern. Id ille ut audivit, domum 
reverti noluit, Nep. 7. 7. Crassus eam admirationem 
assensionemque commovit dixisse ut nemo contra 
videretur, Cic. Brut. 53 und so iis ut, Cic. Tusc. 2. 
4. 12. te ut, Cic. ad fam. 5. 17. 3. ulla ut, Cic. Tusc. 
I. 31. 76. nihil ut, Cic. Tusc. i. 42. 99 und ad fam. 

6. 3. 3. Tantum moneo hoc tempus si amiseris, Cic. 
fam, 7. 7, IG. Ubi igitur locus fuit errori deorum? 
Nam patrimonia spe bene tradendi relinquimus, qua 
possumus falli: Deus falli qui potuit, Cic. Nat. deor. 
3. 31. Non id quaeritur, sintne aliqui, qui deos esse 
putent: dii utrum sint necne quaeritur, Cic. N. Deor. 

7, 17. Antonii leges etiamsi sine vi essent rogatae 
censerem tamen abrogandas. Nunc vero cur non 
abrogandas censeam, quas judico non rogatas ? Cic. 
Philipp. 5. 6. 17. Nonne liebt diese Nachstellung 
sehr und kann sie sogar hinter ganzen Satzteilen 
dulden: Cyrenaeum Theodorum philosophum non 
ignobilem nonne miramur ? Cic. Tusc. i. 43. 102. 
Quid paulo ante dixerim nonne meministi? Cic. de 
fin. 2. 3. 10. Nescio an, haud scio an, dubito an 
haben sie ebenso in der Bedeutung „vielleicht" ganz 
gewöhnlich : Num igitur eorum senectus miserabilis 
qui se agri cultione delectabant? Mea quidem sen- 
tentia haud scio an nulla beatior esse possit, Cic. de 
sen. i6. 56. 

Quum tritt immer hinter sein Subjekt, indem es 
einen eigenen Zwischensatz bildet ; und hat der Haupt- 



* 442 * 

satz ein anderes Subjekt und sein eigenes kann, weil 
es im Verbo liegt, ihm nicht voraufgehen, so pflegt 
es wenigstens einen Objektsakkusativ vor sich zu 
nehmen. So stark ist seine Neigung, Ursache und 
Wirkung in einen Knäuel zusammenzuwickeln. An- 
tiochus quum adversus Seleucum Lysimachumque 
dimicat in proelio occisus est, Nep. 21, 3. 2. Plura 
quum scribere veUem, nunciatum est vim mihi parari, 
Sali. Cat. 35. 5. Dagegen steht quum stets zu An- 
fang, wenn sich ein tum darauf bezieht; und auch 
ohne dieses, wenn es als Zeitpartikel den Indikativ 
regiert. Quum multae res in philosophia nequaquam 
satis adhuc explicatae sint, tum perdifficilis est et 
perobscura quaestio de natura deorum, Cic. Nat. D^ 
I. I. Tum quum haberet haec respublica Luscinos, 
Colatinos, Acidinos, et tum quum erant Catones, 
Philippi, Laelii, tamen hujuscemodi res commissa 
nemini est, Cic. de leg. agr. 2. 24. 62. Quum ver 
esse coeperat, Verres dabat se labori atque itineribus, 
Cic. Verr. 5. 10. 

i) Verbum mit abhängigem Casus. 

Bei keinem Redeteile ist das logische Gesetz der 
Stellung zum Abhängigen schwerer zu erkennen, als 
beim Verb. Denn der Schlussteil des Satzes, in 
welchem es gewöhnhch steht, unterliegt sowohl ganz 
besonders den Einflüssen von Rhythmus und Sonus,*) 
als auch, weil er in logischer Hinsicht dem ganzen 



*) Et in omni quidem corpore totoque ut ita dixerira tractu nu- 
merus insertus est ; magis tamen et desideratur in clausulis et apparet, 
Cic. Or. 63 u. Quint. 9. 4. 93 u. ff. führen sogar Vokale und Metra 
für kräftigen und zarten Ausgang an. 



* 443 * 

Gedanken wichtig ist, dessen mannigfaltigen, häufig 
unter einander verschiedenen Bedürfnissen. Wir 
sehen nämlich im Ausdruck ruhiger, keinen Teil be- 
sonders hervorhebender Gedanken das Verbum zuletzt 
und können dies sowohl nach Quint. Inst. g. 4. 29. 
30.**) aus seiner Wichtigkeit für den ganzen Satz — 
als dessen Abschluss — erklären, als auch aus seinem 
Verhältnis zu dem von ihm Abhängigen. Denn, wenn 
schon, wie es sich oben zeigte, Substantiva mit Ad- 
jektiven oder anderen Substantiven, also Begriffe 
festgestalteter Wesen oder Abstraktionen mit denen 
von Eigenschaften oder gar gleich festen anderen 
eine Einheit eingingen, indem die Ergänzung vorauf- 
trat: um wie viel mehr muss dieses beim Verbo 
geschehen, dessen Begriffe als dem nie abgeschlossenen 
Sein's oder Thun's jede Nebenbestimmung noch viel 
wesentlicher ist? Und in der That ist dieses auch 
um so öfter der Fall. Aber — abgesehen von den 
Wirkungen des Klanges — indem teils einzelne 
Wörter ganz besonders sich hervorheben sollen, so 
treten sie über das Verbum hinaus; oder indem der 
Gedanke in sich oder mit anderen Gegensätze bildet, 
verrücken diese seine Stellung noch weiter. Dennoch 
ist in folgenden Fällen das Verhältnis des Verbi zu 



**) Saepe tarnen est vehemens aliquis sensus in verbo; quod si 
in media parte sententiae latet, transire intentionem et obscurari cir- 
cumjacentibus solet : in clausula positum assignatur auditori ; quäle 
Ulud est Ciceronis : „Ut tibi necesse esset in conspectu populi Romani 
vomere postridie." Transfer hoc ultimum, minus valebit, Nam totus 
ductus hie est quasi mucro, ut per se foeda vomendi necessitas, jam 
nihil ultra exspectantibus, hanc quoque adjiceret deformitatem, ut cibus 
teneri non posset postridie u. s. w. 



* 444 * 

den von ihm regierten Casus so stark gewesen, 
dass es eine vorwiegende Stellung zu denselben be- 
gründet hat. 

I. Genitiv. 

Der Genitiv als der Casus derjenigen Verhält- 
nisse, welche am wenigsten eine unmittelbare Wirk- 
samkeit des Verbi enthalten, sondern entweder eine 
tropische (wie bei den Geistesthätigkeiten) oder eine 
nur als Teilhaftigkeit gedachte (wie bei den Wert- 
oder Besitzesbestimmungen) ist derjenige Casus, 
welcher sich am wenigsten vom Verbo entfernt. 
Von den Verbis des ersten Falles pudet, piget, poe- 
nitet, taedet, miseret, misereri, miserescere, pertaesum 
est, meminisse, reminisci, recordari, oblivisci, monere, 
commonere, commonefacere und admonere lässt sich 
nur sagen , dass er entweder vor oder hinter, aber 
jedenfalls sehr überwiegend unmittelbar neben ihm 
steht; ebenso oft unmittelbar vor sich haben ihn 
dagegen die Verben des zweiten Falles accusare, 
incusare, deferre, postulare, interrogare, agere, arguere, 
coarguere, teuere, convincere, damnare, condemnare, 
solvere, absolvere, purgare und liberare. 

Der Genitiv des Besitzes bei esse, fieri, aestimare, 
existimare, habere, ducere, pendere, putare und ihren 
Passivis nebst dem von videre trennt sich nur äusserst 
selten von der unmittelbaren Stellung neben dem 
Verbo und geht demselben viel öfter vorauf, als er 
ihm folgt. Omnia quae mulieris fuerunt, viri fiunt, 
dotis nomine. Cic. Top. 4. 2^. Quam multi sunt, 
qui superstitionem imbecilli animi atque anilis putent, 
Cic. Div. 2, 60. 125. Ebenso verhält sich der Genitiv 
des Preises bei den genannten Verbis des Schätzens, 



* 445 * 

ferner bei denen des Kaufens und Verkaufens {emo, 
vendo), Mietens und Vermietens (conducere, locare) 
und Kostens (stare, constare, venire und tropisch bei 
esse), wenn derselbe absolut hinzugefügt wird; im 
Vergleich dagegen entfernt er sich oft vom Verb 
zum anderen Gliede hin. Emit Cassius hortos tanti 
quanti Pythius voluit, Cic. Off. 3. 14. 59. Est uUa 
res tanti aut commodum ullum tam expetendum, ut 
viri boni splendorem et nomen amittas? Cic. off. 3. 
20. 82. 

Interest und refert haben den Genitiv des Wertes 
stets vor sich und zwar mit ganz seltenen Ausnahmen 
unmittelbar vor sich; den Genitiv des Besitzes vor 
oder hinter sich, im letzten Falle stets unmittelbar. 
Quod permagni interest pro necessario saepe habetur, 
Cic. Part. 24. 84. Magni ad honorem nostrum inter- 
est, quam primun ad urbem me venire, Cic. fam. 16. 
I. I. Caesar dicere solebat, non tam sua quam rei- 
publicae Interesse ut salvus esset, Suet. Jul. 86. Inter- 
est omnium recte facere, Cic. finn. 2. 22. 'j2. Die 
Ablative der Pronomina possessiva, welche bei inter- 
est und refert den Genitiv der Personalia vertreten, 
stehen, wenn allein, immer vor denselben ; in Ver- 
bindung mit anderen im gleichen Verhältnis zu inter- 
est stehenden Genitiven können sie auch nachstehen. 
Sulla regi Boccho patefecit faciendum aliquid quod 
Romanorum magis, quam sua retulisse videretur. 
Sali. Jug. III. I . Magni interest Ciceronis , vel mea 
potius, vel mehercule utriusque me intervenire dis- 
centi, Cic. ad. Att. 14. 7. 



* 44^ * 

2. Dativ. 
Hier lassen sich alle die zahlreichen Verba kör- 
perlicher oder geistiger Annäherung nicht bestimmen, 
sondern nur der Dativus commodi und incommodi, 
sowie der des Zwecks oder Ziels, bei den Verbis 
esse, dare, accipere, mittere, relinquere, ire, venire, 
proficisci, habere, dicere, eligere, destinare, constituere 
u. d., ferner bei dare, tribuere, habere, vertere, ducere, 
accipere in der Bedeutung „wofür halten". Diese 
werden selten von der Stelle unmittelbar neben dem 
Verbo geschieden ; und zwar stehen sie meistens vor 
ihm. Pisistratus quasi sibi non patriae vicisset, tyran- 
nidem per dolum occupat, Justin. 2. 8. 6. Est mihi 
magnae curae ut ita erudiatur Lucullus ut patri re- 
spondeat, Cic. finn. 3. 2. Dagegen Pausanias venit 
Atticis auxilio, Nep. 8. 3. i. Feststehende Verbin- 
dungen sind foenori dare, religioni habere, receptui 
canere. 

3. Akkusativ. 

Wie beim Genitiv, so fordern auch hier die- 
jenigen Verba, deren transitive Wirksamkeit am 
schwächsten ist, am meisten die inhärente Nähe des 
Objekts. Adhärent gruppiert würde der Satz ausein- 
anderfallen. Folgende eigentlich intransitive nämlich 
haben in transitiver Konstruktion ihr Objekt sehr 
selten anders als unmittelbar vor sich : gaudere, ridere, 
laetari, gratulari, gloriari, assentiri, lugere, dolere, 
maerere, flere, lacrimare plorare, queri, lamentari, 
indignari, aversari, parere, horrere, pallere, trepidare, 
ardere, calere, saper e resipere, olere, redolere, sitire, 
spirare, anhelare, sudare, manare, clamare, sonare 
resonare, vincere (causam, Judicium). Bei denjenigen 



* 447 * 

Verbis, welche einen doppelten Akkusativ regieren, 
pflegt zwar einer von beiden unmittelbar zu stehen ; 
bei einer Art von ihnen aber muss in passivischer 
Konstruktion der nun zum Nominativ gewordene 
Akkusativ stets dicht neben dem Verbo, und zwar 
meist vor ihm sein. Dies ist der Fall bei den Passivis 
der Verben „nennen" und „ernennen", nominare, nun- 
cupare, vocare,appellare, compellare, praedicare, dicere, 
legere, eligere, facere, efficere, reddere, constituere, 
declarare und designare. 

Die Altersjahre stehen immer unmittelbar bei 
natus. 

4. Ablativ. 

Hier erscheint dieselbe Schwierigkeit, wie beim 
Abhängen dieses Casus von Adjektiven, so stark, 
dass von den ungemein vielen Fällen seiner An- 
wendung nur folgende der Bestimmung verbleiben. 
Der Ablativ bei den Verben der Fülle und des 
Mangels, ebenso der bei uti, frui, vesci, fungi und 
potiri wird sehr selten von seinem Verbo überhaupt 
getrennt und niemals durch anderes, als ein kurzes 
Subjekt. Duobus vitiis diversis, avaritia et luxuria 
civitas laborat, Liv. 34. 4. Vacat aetas muneribus 
iis quae non possunt sine viribus sustineri, Cic. sen. 
II. 34. Id est cujusque proprium quo quisque fruitur 
atque utitur, Cic. fam. 7. 30. 2. Natura fecit ut iis 
faveamus qui eadem pericula quibus nos perfuncti 
sumus ingrediantur, Cic. Mur. 2. 4. Ebenso verhalten 
sich femer die vielen Verben des Entfernens, sowohl 
transitive als intransitive, die Verben des Entstehens 
und Abstammens: nasci, gigni, oriri, pro venire und 
proficisci, und die Verben des Bestehens: compositum 



esse, concretum esse, constare und factum esse : alle, 
wenn sie den alleinigen Ablativ regieren, während 
derselbe mit einer Präposition (ab, ex, de) freie Stel- 
lung hat. Und schliesslich ist dieses auch die nur 
selten verletzte Stellung des Ablativ qualitatis 
bei esse. 



XII. 



ZUR ÄGYPTISCHEN KRITIK. 



Abel,' Sprachw. Abhdign. 29 



m^c- 



Mr. P. Le Page Renouf hat in der Londoner 
„Academy" vom 27. Juli 1878 eine Anzeige meiner 
Koptischen Untersuchungen veröfifentHcht, welche sich 
auf drei Punkte bezieht. 

Der erste Punkt ist die Etymologie von mc, welche 
er in folgendem Passus verwirft: 

„The first chapter of the first book is devoted to 
the Sahidic word mc, „truth", ,,truthful". This, like 
almost all other Coptic words relating to truth and 
justice, is derived from the old Egyptian mät, and no 
one has hitherto attempted to trace the etymology 
further back. Dr. Abel treats us to the following spe- 
culation. 

The old Egyptian word dek signifies „stick", „beat", 

and has its equivalents in the Coptic ne^g^, concutere, 

&*.K(j)n, baculus. The change of letter from n and & 

into M is extremely frequent; we are consequently justi- 

fied in referring Me^^i, brachium, to öeA , pulsare, pe/i, 

assequi, p^xa, percutere, scindere. mö^^i, brachium, be- 

comes ,,cubitus", and in the (orms em^a, meüri^mäk, consi- 

derare, acquires the meanings ,,measure, weigh, consider". 

29* 



* 452 * 

The next step which our root takes is to drop its guttural, 
and Dr. Abel gives us instances of the loss of gutturals 
both in the anlaut and in the auslaut of words. We 
thus obtain the words via, metiri, pariter, aequahtas, mö., 
Mei, MH, quahtas, quantitas, substantia, as immediately 
derived from mö^^i, brachium, and mediately from beJi, 
Hivg, fed^Kam, pulsare, baculus. 

Of this highly wrought chain there is not a single 
Hnk which on being tested does not at once crumble 
into dust. The old Egyptian beJi does not signify „stick, 
beat". The noun beJiet signifies a fan, and the verb beh 
means ,,blow away", ,,scatter", „disperse", not with a 
stick, but with the wind of a fan. There is no such 
Coptic word as n*.g, concutere, pulsare. The only au- 
thority for it which I know is a reference in Peyron's 
Lexicon to Sirach XXII, 13, where, according to a cer- 
tain MS. eqiye.itn*^^'^ corresponds to the Greek Iv %(7t 
EVTixayfxi^ avTOv. But as the natural Coptic equivalent 
here is equj*wn«d.2q there is reason to suspect a clerical 
error, and on referring to Tattam's Lexicon it will be 
found that Sirach XXII, 13, is the very place quoted 
as the authority for ne^o. The confusion between the 
letters n and n is not uncommon in MSS. feewKCDii is 
not baculus but a ,,hammer" in the Sahidic text of 
Job XXI, 20, corresponding to the Greek arpvQa. It has 
no connexion whatever with beh, peh, ox pey_a; nor has 
beh, to „blow away", the least connexion with pch, to 
„arrive at". There is no such word either in Old 
Egyptian or in Coptic as A\e.^i, brachium, though such 
a word may be found in Dr. Seyffarth's imaginary 
vocabulary. There is such a word in the sense of cu- 
bit, but there is no evidence of its being etymologically 



* 453 * 

allied either to the word which Dr. Abel calls emya, 
or to the word which he reads emek\ nor is there the 
least relationship between these two words. The in- 
stances which he quotes in evidence of the fall of the 
guttural at the beginning or end of words are all wrong-, 
bellet, a fan, has no connexion with baa, a palm branch, 
which is probably an older word; no Coptic word con- 
nected with x*^'^"> abscondere, has dropped its guttural, 
cofiuj signifies ,,sleep", and is in no way derived from it; 
ton, numerus, comes from the Old Egxptian ap, whereas 
Ktofi, multiplex, comes from another Egyptian root keb: 
sTto^ •^wg, from the older qäJiii, have not dropped their 
aspirate to become c&o, •lii. The latter word really 
means „take", and comes from the old Egyptian t'ai.^'- 

Sehen wir der Reihe nach zu, wie es sich mit die- 
sen Einwendungen verhält. 

I. ,,The old Egyptian word bch does not signify 
stick, beat. The noun beJiet signifies a fan, and the verb 
beJi means blow away, scatter, disperse, not with a stick, 
but with the wind of a fan." 

beJi, beJi-a, beh-t wird von B rüg seh „Stock mit 
Wedel" übersetzt, und mit fee^g, ramus palmae, ver- 
glichen, ,da die ersten Wedel sicher Palmzweige waren, 
wie sie es noch heut in Ägypten sind". Da nun ein 
Wort, das sowohl Zweig, als Fächer bedeutet, zuerst 
Zweig bedeutet haben muss, und dieser Schluss durch 
&HT, ramus, arbor, bes-t, fustis (\/ sb-t^ sp-t-u, uj^-io-t, 
fustis, scipio, kcf, Kd.q, x*^M) ramus Kopt. Unters. 6i8) 
erhärtet wird, so habe ich auf Grund des Obigen „Zweig", 
Stock" übersetzt. 

Was das Verbum betrifft, so soll es ein be/i, schla- 
gen, nicht geben. Ich verweise d.n{ beh-n, beh-n-t, schlagen, 



* 454 * 

fechten, kämpfen; beh,bch-u, beh-i, niederschlagen, tödten 
im Kampf, durch Messer und Schlagarm determiniert, 
je nachdem; und beli-s, töten auf der Jagd (\/ kebkeb-t, 
niederschlagen). Die Grundbedeutung einer Wurzel, die 
schlagen, kämpfen und töten bedeutet, ist niederschla- 
gen. Die der Wurzel folgenden Laute u, i, s, n, t, nt 
erklären sich als regelmässige Suffigierungen, teilweis 
vielleicht auch als gebrochene Reduplikation. (Kopt. Unt. 
280 etc.) Das Verbum beh „wegfächeln " können wir 
somit unerörtert lassen. 

2. „There is no such Coptic word as ne^o, concu- 
tere. The only authority for it which I know is a re- 
ference in Peyron's Lexicon to Sirach XXII, 13, where, 
according to a certain MS. eq uje^n ne^gq corresponds 
to the Greek ev tw ivTiray^un avxnv. But as the natural 
Coptic equivalent here is eq ty^^n nd.oq there is reason 
to suspect a clerical error, and on referring to Tattam's 
Lexicon it will be found that Sirach XXII, 13 is the very 
place quoted as the authority for ne^o. The confusion 
between the letters n and \\ is not uncommon in MSS." 

Peyron's Wörterbuch hat ne^g, findere, scindere, 
rumpere, ntoo-c lacerare, ne^^-c venatio, res venando 
capta et lacerata. ne^g, das rumpere und scindere in 
seiner Bedeutung vereint, ist in der etymologischen Ge- 
samtbedeutung als concutere angesetzt, weil Schlagen, 
Niederschlagen, Zerschmettern, Zerreissen, Zerstören, 
Beschädigen der ägyptischen Etymologie auf das engste 
verbundene Begriffe sind. Mansche: be]\-n, beh-n-t, nie- 
derschlagen, kämpen; beh, beh-u, beh-i, töten, durch 
Schneiden oder Schlagen, je nachdem mit Messer oder 
Schlagarm determiniert; beh-s, töten auf der Jagd (\/ keb- 
keb-t, niederschlagen); mog rumpere, scindere, lacerare; 



*- 455 * 

pey_, scindere, secare, rumpere, caedere; pek , dividere 
neuj pes, frangere, rumpere, dividere; nco(3'e, rumpere 
separare, fragmentum; c^toi, rumpere, scindere, lace- 
rare; Aot-c, pugnare; bet-s, injuriam inferre; bes^ vulne- 
rare; bes-t, pugnare, hostis; bet-k, percutere, vincere (?); 
nö.^, excutere, concutere, separare; nek, percutere, fe- 
rire, injuriam inferre; mit', percutere, destruere; miy_, 
Auuji, percutere, pugnare etc., — welche alle auf den 
Begriff des Zerschmetterns, also auf den Schlag zurück- 
führen. Sonach ist keine Nötigung vorhanden, die 
Sirachstelle für den Sinn des Schiagens heranzuziehen, 
welcher ohnedies etymologisch sichergestellt ist; eben- 
sowenig ist zwingende Veranlassung, ein ud.^ anstatt nevg 
anzusetzen, obschon njy^ allerdings in dieser Bedeutung 
gebräuchlicher ist. 

In Bezug auf die in den vor- und nachstehenden 
Beispielen vorkommenden Lautwechsel verweise ich auf 
meine Kopt. Unters. S. 617 ff. 

3. „fie^Kwrt is not baculus, but a hammer, in the 
sahidic text of Job XLI, 20, corresponding to the Greek 
OffVQa. It has no connection whatever with beh, peh, 
or peia.'- Das griechische Wort örpvoa bedeutet be- 
kanntlich nicht nur Hammer, sondern auch Schlägel, 
Klöpfel, Hacke. Da diese verschiedenen Bedeutungen 
auf die gemeinsame des Schiagens zurückführen, so ist 
fse^KO)« diesem Begriff etymologisch subsumiert worden. 

&*.KO)n erklärt sich regelmässig als gebrochene Re- 
duplikation von bek für *bek-b (Kopt. Unters. S. 618, 
cf. bes-t, fustis), und führt somit, nachdem seine Be- 
deutung als „Schlägel'" festgestellt worden ist, gerade- 
wegs auf die eben angeführte Reihe des concutere, 
percutere zurück. 



* 456 * 

4. ,There is no such word either in Old Egyptian 
or in Coptic as av*.^^ brachium, though such a word 
may be found in Doctor Seyfarth's imaginary voca- 
bulary. There is such a word in the sense of cubit; 
but there is no evidence of its being etymologically 
allied either to the w^ord which Dr. Abel calls enixcr, 
or to the word, which he reads emek\ nor is there the 
least relationship between these two words** 

Aid.g;i brachium wird in Kircher's Scala und 
Edward's Dictionarium angeführt, und ist in dieser Be- 
deutung in die Wörterbücher Parthey's und Tattam's 
übergegangen. Dass es im Namen einer Mondstation 
armus leonis vorkömmt, dient dieser Angabe zur Stütze. 
Dieselbe Bedeutung wird dadurch bestätigt, dass das 
den Arm determinierende, auch allein für -Arm'' stehende, 
also sicher den Arm bedeutende Bild des Armes hiero- 
glyphisch u. a. meh lautet, und dass ineJi, e..-.uA.g-i 
prehendere heissen. Sie wird ferner durch die gewöhn- 
lichere „cubitus* nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern 
weiter erhärtet, insofern i^emen und Kd.-s-noc ebenfalls 
beide Bedeutungen vereinigend sowohl brachium als 
cubitus besagen. Ob Seyffahrt das Wort aufführt, 
und weitere Belege beizubringen vermag, ist mir nicht 
bekannt. Besagtes Wort nun. Arm und Elle, habe ich 
mit anderen zusammengestellt, die, in ihrer äusseren 
Gestalt durch regelmässigen Lautwechsel ihm verwandt, 
.Messen" bedeuten. Wäre es erforderlich, dies zu ver- 
teidigen, so Hesse sich anführen, dass dem Aie^gi, emek, 
em/a, lautlich und begrifflich iri^X Arm und Elle, 
begrifflich allein Elle, ulna, und lolhy^ entsprechen, 
welche sämtlich den Sinn von Arm und Mass ver- 
binden. 



* 457 ■* 

Was die angedeutete Kritik der Lesarten em/a und 
emek angeht, so ist dies die von Brugsch auf Grund 
vielfacher Varianten für die Eule mit durchgelegtem Arm 
vorgeschlagene Entzifferuug. Birch und andere ziehen 
ma vor. Wer mit der Natur des ägyptischen Vokalis- 
mus vertraut ist, wird die Frage für verhältnismässig 
untergeordnet halten. 

5. .The instances which Dr. Abel quotes in evi- 
dence of the fall of the guttural at the beginning or 
end of words are all wrong. behet, a fan, has no 
connection with baa, a palm brauch, which is probably 
an older word. No Coptic word connected with 'x_^<m 
abscondere, has dropped its guttural, co&uj signifies 
sleep and is in no way derived from it. ton, numerus, 
comes from the Old Egyptian ap, whereas Ktofe multiplex, 
comes from another Egyptian root Af^. 6'cog^, "Xo^, 
from the older qähii, have not dropped their aspirate, 
to become Xo, Xi. The latter word really means take, 
and comes from the Old Egyatian fai.'^ 

Da Mr. LePageRenouf den Abfall der Gutturale 
in An- und Auslaut nicht im allgemeinen, sondern nur 
meine an dieser Stelle gegebenen Beispiele der Erschei- 
nung zu bezweifeln scheint, so genüge es zum Zweck 
der Begründung auf meine Kopt. Unters. S. 617 (ge^AevK, 
Ä^AekK annulus, ovog, e^Tto etc.) zu verweisen. Auch 
Schwartze, Gramm. S. 312, hat zahlreiche Beispiele 
für den Anlaut; die S. 313 von ihm für den Auslaut 
angeführten Fälle sind meistens irrig, insofern der be- 
treffende Guttural, wo er erscheint, durch gebrochene 
Reduplikation erzeugt worden ist, also, wo er fehlt, 
niemals gestanden hat. 

Auf Grund dieser somit festgestellten und als an- 



4r- 458 * 

erkannt nachgewiesenen Regel reihe ich nun beh, Stock 
mit Wedel/ an fie.g, ^d., ba, welches den noch heut 
als Wedelstock gebrauchten Palmzweig bedeutet. Ob- 
schon diese Zusammenstellung lautlich, begrifflich und 
geschichtlich gerechtfertigt ist, und sich überdies teils 
auf Brugsch's hieroglyphisches, teils auf Peyron's 
koptisches Wörterbuch stützt, werde ich von meinem 
Kritiker belehrt, dass beh und ba keinerlei Verbindung 
haben ba wird „wahrscheinlich älter" genannt. Warum? 
wird beidemal nicht mitgeteilt. 

6. „No Coptic Word connected with x'^'^^i abscon- 
dere has dropped its guttural; K)£iig signifies sleep, and 
is in no way derived frcm it.*" loiiy heisst nach Peyron's 
zahlreichen Belegen dormire, oblivisci, occultum esse, 
latere.** Durch die beiden letzten Bedeutungen ist es 
in regelmässiger ägyptischer Weise, welche Aktiv und 
Passiv häufig in eine Form zusammenwirft, und doch 
wieder auf das zarteste scheidet (Kopt, Unters. S. 832. 
833), begriffhch mit abscondere eins. Die gebrochene 
Reduplikation (Kopt. Unters. S. 61 8j ergiebt aber von 
X*^"n eine Form *5(|^ton-iy als regelmässige Ableitung, 
welche, da Gutturalabfall im Anlaut nachgewiesen ist, 
auf contg hinführt. Zum Überfluss ist eine Form gion 
erhalten, mit einem Anlaut wie er den Gutturalabfall 
gewöhnlich vermittelt. 

Eutsprechende Beispiele giebt es viele: y.er-t^ yer-s, 
fascia; y,ep-t, yep-s, femur; ycbyeb, ycp-s caedere; kein, 
kam-s, crinis; kar, kor-s^ precari; rak-t, o-lk, curvare, 
iok-s, obliquus u. s. w. Übrigens kann die Weiterbildung 
von Ktofi auch durch Metathese, anstatt durch gebrochene 
Reduplikation geschehen sein, was sich bei der ungemeinen 
Wandelbarkeit des ägyptischen Lautstandes nicht ent- 



* 459 * 

scheiden lässt. Begriff- und Lautverwandtschaft von 'x.ion 
undconujwürdendadurchnichtbeeinflusst, dawirdannto-nu} 
f'^'y^iMu hätten, anstatt, wie angesetzt, x*^'^"? *x*^'^""m, t^nuj. 

7. „lon, numerus, comes from the Old Egyptian ap, 
whereas ko)& multiplex, comes from another Egyptian 
root /ced.- Da Gutturalabfall im Anlaut nachgewiesen 
ist, sind wir berechtigt, alle diese Wörter als zusammen- 
hängend anzusehen. Und zwar lassen sie sich, da an- 
lautender Guttural wohl abfallen, aber nicht hinzugesetzt 
werden kann, sämtlich auf ursprüngliches keb zurüek- 
führen. In der invertierten Wurzel ist der Übergang 
Schritt für Schritt zu belegen : ot^^^, augere \/ o-ye>.o, ovo. unus. 

8. ,,6'cv)g, "iCog, from the older qä/iu have not 
dropped their aspirate to besome "Xo, "Xi. The latter 
Word really means take and comes from the Old Egyptian 
t'ai." 6'wo, "Xog, nach Peyron tangere, attingere, nach 
Tattam für amsiv, amsoS^ai, ist mit l^i, sumere, zu- 
sammengestellt. Der begriffHche Zusammenhang wird 
durch die genannten Bedeutungen gegeben; der lautliche 
durch das Gesetz, welches den Abfall des auslautenden 
Gutturals statuiert. Dass ich beide Worte mit qähu und 
t'ai für verwandt erklären, und das Ganze als eine fortlau- 
fende Reihe qahu, ö'iog, t'ai, Xi ansehen muss, ergiebt sich 
aus meiner Gutturalverwandlungsregel, vermöge deren q 

k) in 6", "X, und manchmal t übergehen, oder sich zu g 
erweichen und abfallen kann. (Kopt. Unters. S. 617.) 
Allerdings sind qahu und t'ai die hieroglyphischen Äqui- 
valente für ö'tog, Xi; da sich aber qahu nicht allein mit 
(Tog, sondern auch mit t'ai in der angegebenen Weise 
als verwandt herausstellt, so gehören auch ö'cog und "Xi 
zusammen. Nach dem Obigen ist es unnötig zu zeigen, 
dass die ursprüngliche Wurzel möglicherweise qa ge- 



* 460 - 

lautet, und qah erst als gebrochene Reduplikation er- 
zeugt haben kann. 

Es ist somit eine jede der vorstehenden zwanzig 
Ausstellungen, welche, bis auf zwei, als blosse Behaup- 
tungen ohne den Versuch einer Begründung durch 
eigene oder fremde Doktrin auftreten, durch Anführung 
lautlicher, begrifflicher und geschichtlicher Gründe, 
die auf zusammenhängende Forschungen zurückgehen, 
widerlegt worden. 

Der zweite Punkt von Mr. Le Page Renouf's 
Detailkritik wird durch folgende Worte eingeführt: 

„I now pass to another portion of Dr. Abel's 
work, and here we shall find ourselves on purely Copic 
ground. He wishes at page 313 to show how the 
sense of words is modified by the addition of the 
Suffix I in the Memphitic, or e in the Sahidic dialect. 
The examples to which he refers us are these: — 
negn, plangere, ne^ni, deplorare; oq, premere, coqe, 
domare; cfc, sapere ^ cfio), discere, c*.&e , docere; ceu, 
trahere, cojki, decerpere, messem facere; toxs', inserere, 
7co(?'e, plantare; c^wuj, dividere, c^co-^üi, rumpere; c^«»uj, 
<^Ä.igi, bifariam dividere; ujton, accipere, ujtoni, emere, 
Qinc, acquirere; *iok, tondere, *coki, mordere; •^ie'A, in- 
duere, (S'e^e.'Ae, amicire; -xe'A, deponere, -liioco'Ae, coUigere 
uvas, •2Lt.)0)'Ai, deponere se, hospitari; oico-ii, abscindere, 
ö'io'xe, efifodere. -A general nation applied to some- 
thing definite acquires strength corresponding to the 
activity which it calls into play." -Beklagen wird be- 
weinen; drängen wird zwingen; wissen wird lehren; 
teilen wird brechen; pflücken wird ernten ; nehmen wird 
kaufen und erlangen, u. s. w." Let us now verify some 
of these instances." 



-:r 46 1 ^;- 

Dann folgen seine Ausstellungen, welche ich nach 
der Reihe durchgehe: 

«What authority is there for ne^n, and for distin- 
guishing it from neoni? Peyron simply refers to Joel 
I, 13, apud La Croze. But on referring to Joel I, 13 
in Tattam's edition of the Minor Prophets, the reading 
there is nconi, and plangere, deplorare, turn out to be 
merely translations of the same word." 

In der Einleitung zu der betreffenden Bedeutungs- 
regel (Kopt. Unters. S. 310) sage ich, dass der Begriff 
der Verben durch i Suffix modificiert werden kann, 
aber nicht modificiert, sondern nur objectiviert zu 
werden braucht. Da nun auch die unsuffigierten Formen 
meistens durch Vokalwandel, seltener ohne denselben, 
Bedeutungswandel haben, aber nicht immer zu haben, 
oder wenigstens im erhaltenen Sprachstand nicht immer 
zu zeigen brauchen, so wird die Wirkung des i sich 
nur da sicher feststellen lassen, wo suffigierte und un- 
suffigierte Formen in ihrem Sinne völlig geschieden 
sind. (Kopt. Unters. S. 835 s. v. Verbum. Wie die 
eben citierte Ausstellung zeigt, hat Mr. Le Page Re- 
nouf sowohl die Regel, als die Methode ihrer Verifi- 
cierung verkannt. Angenommen, es stünde an der- 
selben Stelle einmal ue^n, das anderemal neoni, so 
würde das nach dem eben Gesagten, vorausgesetzt die 
modificierende Kraft des 1 wäre durch eine genügende 
Anzahl anderer, klarerer Beispiele erhärtet, meine Regel 
nicht erschüttern. Es ist demnach möglich, dass Tat- 
tam's Manuscript ne^ni, Lacroze's ncgn gelesen hat, 
und dass beides richtig ist; es ist ebenso möglich, dass, 
da «egni sonst transitiv ,.beklagen'' zu heissen pflegt, 
es von Tattam's Manuscript oder Drucker irrig für 



-^ 462 * 

ue^n gesetzt worden ist. Mit Lacroze's Lesart negn, 
und dem gewöhnlich davon geschiedenen Gebrauch des 
itegni vor mir, war ich berechtigt, das Wort in meine 
Liste aufzunehmen. 

„Oq is not simply premere. It corresponds to the 
very energetic word e/.i)^XIßtiv in the only passage, 
where I can find it Gen. Ii, ii; and the Arabic ,^a.£, 
which has exactly the same signification, is given by 
the Sahidic Scala as the meaning of cofie, the equivalent 
of the Memphitic coqi." Mr. Le Page Renouf wieder- 
holt mein eigenes Argument, um damit das Gegenteil 
zu beweisen. Er sieht „bändigen, züchtigen" für keine 
Bedeutungssteigerung von , drücken" an, ohne seine 
Meinung eines auf Erkenntnis ägyptischer Auffassung 
gestützten, oder irgend eines anderen Beweises für be- 
dürftig zu halten. Ich sehe darin eine ägyptische Be- 
deutungssteigerung, und begründe meine Ansicht damit, 
dass verallgemeinernde Weiterentwickelungen engerer 
sinnlicher Begriffe in dieser Sprache als Intensivierun- 
gen aufgefasst werden (worüber in meinen Kopt. Unter- 
suchungen ausführlich gehandelt wird, cf. S. 835 ) 

„Where has ccoki the force of messem facere? 
Both ccK and ccki have among other meanings that 
of gathering, and they are certainly used synonymously. 
Jacob says to his sons Gen. 31, 46: Gather stones and 
they gathered stones and made a heap cck u)ni ovog 

d^TT CCOKI n OJvn OJHI." 

Meine lateinische Übersetzung kann nur denjenigen 
irreführen, der auf das Wort, nicht aber auf den Sinn 
des ganzen Satzes sieht. ctoKi heisst nicht messem 
facere in Bezug auf Getreide, sondern decerpere fructus, 
in Bezug auf das Sammeln von Früchten; dass es in 



* 463 * 

dem letzteren Sinne gemeint war, ergibt sich aus seiner 
Nebeneinanderstellung mit trahere. Die synonyme 
Verwechselung von cck und ccoki in dem von Mr. Le 
Page Renouf angeführten Satz erklärt sich in mehr- 
facher Weise. Einmal zieht der Imperativ die e-Form 
vor, welche in diesem Verbum suffigiert nicht existiert 
(Kopt. Unters. S. 386); andererseits gehört cck zu den- 
jenigen Verben, welche in stehenden Verbindungen den 
Artikel weglassen, und dann immer in ihrer einsylbigen 
Form auftreten: cck poKg, ceK .uoov, cck ««>£& (Kopt. 
Unters. S. 98). Dies rechtfertigt das erste cck, wo man 
sonst CCOKI oder ctoK erwarten sollte; während das fol- 
gende CCOKI unter meine Regel fällt. 

„It is not true that tco(S' commonly means inserere, 
as distinguished from tcoiS'c, plantare." Diese Bemerkung 
ist zuzugeben. Auch tcois' kömmt schon als plantare 
vor, und die Regel ist somit in diesem Fall nicht nach- 
weisbar. 

,c^es>iy, c^oi.)uj and t^co'2ii equally signifies dividing and 
breaking." Nach Ausweis von Peyron, Lex. heisst 
«^coui dividere, c^co^xi rumpere. 

„ujcon means buy quite as muchi as ujion!. All 
countries came to Egypt to buy e ujcon from Joseph, 
Gen. 41, 57. cTujton is a purchaser, The form ujoni 
occurs very rarely indeed, except with a totally different 
etymology, but ujcoitc n toot is simply manum sus- 
cipere." Dass ujum ebenfalls schon emere heissen 
kann, obschon es gewöhnlich nur suscipere bedeutet, 
wird von meiner Regel nicht verneint; dass ujconi aus- 
schliesslich emere besagt, bestätigt meine Regel. Siehe 
S. 310. 

„Why does Dr. Abel confine himself to sScokI, 



when he has te forms of oe.c.Ke, gcKc, gccKc, gDcoKc 
before him: Can these be shown to have a meaning 
distinct from that of .^cok?'- Wiederum kann ich Mr. 
Le Page Renouf nur ersuchen, meine Regel anzu- 
sehen. Ich sage S. 310, dass der Begriff der Verba 
durch I Suffix in der betreffenden Weise verändert 
werden kann, aber nicht verändert zu werden braucht, 
vindicire dem Vorgang gleichzeitig einen blossen Ob- 
jektcharakter, und gebe, den oberörterten Schwierig- 
keiten der Unterscheidung gemäss, aus der grossen 
Zahl der mit i suffigierten nur eine kleine Liste von 
Verben, die den Prozess zu beobachten gestatten. 

„Induere and amicire are absolutely identical terms 
when they represent 'Xe'A or 6'evö>'Ae.^ Doch nicht. 

6'e.d.Ae ist vorzugsweise bekleiden, 'Xc'K vorzugs- 
weis umwickeln. 

„Is "XeTv, deponere. connected with Xtow'Ae, coUi- 
gere uvas? I think not; but at all events it is not the 
final e, which gives the sense of vintage, for this sense 
is found both in 6'e'A and in ö'o/A and in the cognate 
ö'ioA." Beantwortet sich, wie ujom, ujcmi. Siehe 
S. 310. 

."XioX has the sense of hewing outwhich in certain 
contexts is equivalent to digging — e. g. digging or 
hewing out a well. That the sense of digging is ac- 
quired through the employment of e as a suffix is a 
gratuitous assumption''. Da 'Xto'X nur als hauen, 'Xeo'xi 
aber sowohl als hauen wie als graben vorkömmt, so 
hegt die willkührliche Annahme auf derjenigen Seite, 
die das i, c für gleichgültig hält. 

Von den zehn Bemängelungen der zweiten Kate- 
gorie ist demnach nur eine zu concedieren gewesen, 



-:v 465 * 

und auch diese nicht als regelerschütternd, sondern 
nur als nicht regelerweisend. Die anderen beruhen 
teils auf Missverständnis einer in klaren Worten hinge- 
stellten Regel, teils auf irrigen, aus dem Wörterbuch 
leicht zu berichtigenden Behauptungen in Bezug auf 
den Sprachgebrauch. 

Der dritte und letzte Punkt, den Mr. Le Page Re- 
nouf mir vorhält, ist eine hieroglyphische Lesung 
AVd^ttji. Es wäre überflüssig meine Gründe dafür aus- 
einanderzusetzen, seitdem ich diese Lesung an einer 
späteren Stelle desselben Buches zurückgezogen, und 
eine andere — die gewöhnliche — etymologisch in 
einer neuen Weise begründet habe, welche mir ihre 
Annahme gestattet, was die hergebrachte Begründung 
nicht that. Da ich mich indess fast durchgängig 
an acceptierte Versionen halte, so würde es richtiger 
gewesen sein, für erwähnte Abweichung spezielle Gründe 
vorauszusetzen, als sie einen Seyffarthismus zu nennen. 
Seyffarth hat den Durchbruch des Syllabarprincips 
gefördert, als nicht alle, die heut damit erfolgreich 
arbeiten, von seiner Anwendbarkeit, oder dem ganzen 
Umfang derselben überzeugt waren; das Detail seiner 
im ersten Schutte wühlenden Mühsal heute für mass- 
gebend halten, hiesse die letzten 25 Jahre einer, end- 
lich in richtiger Linie sich bewegenden, und von so 
vielen Kräften gemeinsam betriebenen exacten Forsch- 
ung übersehen. 

Ziehen wir die Summe der obigen Erörterungen. 
In der etymologischen Parthie wird die Existenz von 
hieroglyphischen und koptischen Worten verneint, ent- 
weder weil sie nur in wenigen Zeugnissen erhalten, ob- 
schon durch eine Reihe von begleitenden Umständen 

Abel, Sprachw, AbhdI-n. 31^ 



* 466 * 

gestützt sind (ai».^i), oder weil ihre Bedeutung unge- 
nügend aufgefasst (beh, beh-n, percutere, nÄ.^, rumpere, 
scindere, concutere, fid^Kton, baculus „Schlägel"), oder 
weil sie Wörterbuch und Sprachgebrauch zum Trotz 
geläugnet wird (to&uj occultum esse). In derselben 
Partie werden Bedeutungsübergänge wie Arm, Messer 
— Kämpfen, Töten, Niederschlagen — Hammer, Schlä- 
gel — Palmzweig, Zweig, Stock übersehen, oder als 
keinen Zusammenhang statuierend angesehen. In der- 
selben Partie werden eine grosse Anzahl Worte durch 
Behauptung als lautlich verbunden oder geschieden auf- 
gestellt, ohne dass auch nur der Versuch gemacht wird, 
anerkannte Lautgesetze dafür beizubringen, eine eigene 
Phonetik darzulegen oder die meinige anzufechten. Aus 
diesen durch Wissen oder auch nur den Versuch des 
Wissens ungestützten, allein auf der stylistischen Kraft 
ihres peremptorischen Englisch beruhenden Aussagen 
besteht der grösste Teil der ganzen Partie. Und dies, 
obschon Mr. Le Page Renouf im Eingang seines 
Artikels die Notwendigkeit von Lautgesetzen, gegen- 
über der allzu häufigen Ägyptischen Naturetymologie 
zu betonen beflissen ist; und obschon die von ihm an- 
griffenen Etymologieen auf Grund eigener Ergebnisse 
Schritt für Schritt lautlich belegt sind. 

In der synonymischen Partie der Kritik wird die 
aufgestellte Regel missverstanden, die Eigentümlichkeit 
des ägyptischen Bedeutungswandels übersehen, der Ein- 
fluss von Modus und Syntax auf den Sprachgebrauch 
nicht gekannt, und falsche Bedeutung angegeben. 

In der hieroglyphischen Partie wird eine, in meinem 
eigenen Buche bereits aufgegebene Lesart gerügt und 
ausserdem in allgemeiner Weise bedauert, dass eine 



* dß'J * 

Anzahl Worte zur Vergleichung herangezogen seien, 
deren Bedeutung noch nicht völlig feststehe. Unzwei- 
felhaft lässt sich über die Bedeutung mancher Worte 
rechten. Ich habe indess prinzipiell nur acceptierte 
Versionen berücksichtigt, und behaupte, dass wenn 
zweifelhafte mitunterlaufen, wie es nach meines Kriti- 
kers Geständnis bei dem gegenwärtigen Stande des 
Wissens nicht anders sein kann, sie nicht im Entfern- 
testen zahlreich oder wichtig genug sind, um die auf- 
gestellten Regeln zu entkräften. Darauf allein aber 
kommt es für grammatische Zwecke an; darum allein 
war meine Arbeit schon gegenwärtig zu unternehmen; 
und das Gegenteil war nicht zu behaupten, sondern zu 
erweisen, und zwar zu erweisen nicht in Bezug auf 
einzelne Beispiele (obschon auch dies nicht geschehen 
ist), sondern in Bezug auf Gesamtwert der gegebenen 
Beispiele und der ihnen entnommenen Regeln. Ich bin 
übrigens der Meinung, dass durch den festerkannten 
Teil des Wortschatzes, durch koptische Vergleichung, 
Varianten, Determinative und Zusammenhang gefördert, 
die Worterklärung nicht der schwächste Punkt der 
gegenwärtigen Hieroglyphenentzifferung sei. Dieser ist 
die Grammatik, 

Hiernach ergibt sich, was von den Äusserungen des 
Mr. Le Page Renouf zu halten sei. 

Der Eindruck seines Redens wird durch sein Schwei- 
gen verstärkt. Mr. Le Page Renouf's Anzeige beschäf- 
tigt sich mit i i/2Seiten eines 840 Seiten starken Buches. 
In diesem Buche sind, abgesehen von einer linguistischen 
Methode, deren Ziel das Formelle dem Sachlichen unter- 
zuordnen, ihm entgeht, da er sie nur nebenher als „in- 
teressant" erwähnt, die Intensivierung, die Passivierung 

30* 



* 4^8 * 

der Bedeutungs- und Wertunterschied der Vokale, die 
Lautstandverkehrung, die Sinnverkehrung, die Redeteil- 
bildung und eine Reihe anderer fundamentaler Fragen von 
der höchsten ägyptischen und allgemein philologischen 
und logischen Wichtigkeit zum erstenmal aufgeworfen, 
behandelt und grundsätzlich beantwortet worden. Mr. 
LePage Renouf schreibt eine Anzeige, in weicherer 
allen diesen fundamentalen Punkten, die den grössten 
Teil des Buches einnehmen, aus dem Wege geht, ihre 
geschehene Auffindung und Behandlung völlig igno- 
riert und es demnach auch gänzlich vermeidet eine 
Meinung über die gewonnenen, entweder anzuerkennen- 
den oder zu berichtigenden Ergebnisse zu äussern. 
Statt dessen hält er sich an eine Etymologie, eine 
delikate, s}monymische Nuance, und eine von mir be- 
reits aufgegebene hieroglyphische Lesart, behandelt die 
erste in der gekennzeichneten einfach behauptenden 
Weise, missversteht die zweite, glossiert die nicht mehr 
existierende dritte, und teilt mit, was sich ihm auf Grund 
so gewählten, so verstandenen und so gebrauchten Ma- 
terials darzubieten vermocht hat. Eine stärkere Selbst- 
kritik hat selten ein Kritiker vollzogen. Auf wenig be- 
tretenem Gebiet liegt die Versuchung freilich nahe, und 
ihr unterliegt mehr als einer. Die Steinthal- Lazarus- 
sche Zeitschrift für Sprachwissenschaft hat Mr. Le Page 
Renouf's „Gewissenlosigkeit" gebührend gewürdigt. 



University of British Columbia Library 



DUE 


DATE 
































1 


























1 

FORM 310 



WALTER STEIN 

BUCHBINDEREI 
DRESDEN A 19 

. BERGMANNSTR,38HtrS. 



UNIVERSITY OF B.C. LIBRARY 




M1"PZ96 



3 9424 01183 5862