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Full text of "Studien zur Spätscholastik"

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Sitzungsberichte 
der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 

Stiftung Heinrich Lanz 
Philosophisch-historische Klasse 

= Jahrgang 1921. 4. Abhandlung = 



Studien zur Spätscholastik 

i. 

Marsilius von Inghen 
und die okkamistische Schule in Deutschland 



Von 



GERHARD RITTER 



Eingegangen am 12. September 1921 



Vorgelegt von H. ONCKEN 




Verlags-Nr. 166(5 



Heidelberg 1921 
Carl Winters Universitätsbuchhandlung 




I 7 oo o 



Heidelberger universitätsgeschichtliche Forschungen. 

Erster Teil: Studien zur Spätscholastik. 

1. Studie. 



Vorwort. 

Die hier veröffentlichte Abhandlung' ist mir aus den Vor- 
studien zu einer umfassenden Geschichte der Universität Heidel- 
berg erwachsen, an der ich seit dem Sommer 1919 im Auftrage der 
Heidelberger Akademie der Wissenschaften arbeite — insbesondere 
aus dem Bedürfnis nach allgemeinerer geistesgeschichtlicher Orien- 
tierung, das jeder Bearbeiter derartiger Aufgaben empfinden wird, 
der die Behandlung seines Gegenstandes über das rein lokal- 
geschichtliche Interesse hinauszuheben wünscht. Ich beginne damit 
eine Serie ,, Heidelberger universitätsgeschichtlicher Forschungen", 
die ich im Fortschreiten jener größeren Arbeit weiterzuführen hoffe, 
je nachdem sich weitere Lücken unseres allgemeineren historischen 
Wissens zeigen werden, die deren Fortgang hindern. Von den 
„Studien zur Spätscholastik", die als erste Gruppe dieser Serie 
gedacht sind, soll ein zweites, bereits druckfertig vollendetes Heft 
demnächst erscheinen, das die Entstehung, den Gegenstand und 
die allgemeinere historische Bedeutung des Schulstreites der via 
antiqua und via modema auf breiter Quellengrundlage erörtert 
und dessen Inhalt als eine Art Fortsetzung, ja als sinngemäßer 
Abschluß dieser Abhandlung zu betrachten ist. Für die Druck- 
legung dieses ersten Heftes bin ich außer der Akademie auch der 
badischen Staatsregierung zu ehrerbietigem Dank verpflichtet, 
deren finanzielle Unterstützung sein baldiges Erscheinen ermög- 
licht hat. 



Einleitung. 

Seit Prantls gründlichen Untersuchungen über die Logik des 
Mittelalters ist der Gegensatz der „älteren" und ,, neueren" 
philosophischen Schule {via antiqua bzw. modernd) als die weitaus 
wichtigste Kontroverse innerhalb der deutschen Universitäts- 
wissenschaft am Ausgang des Mittelalters erkannt und nach Inhalt. 
Tragweite und philosophischer Bedeutsamkeit überaus verschieden- 
artig bestimmt worden. Es steht hier nicht nur der Ausklang der 
Scholastik überhaupt in Frage - da der Gegensatz über die 
Grenzen Deutschlands hinausgreift — , sondern gleichzeitig der 
Übergang zu den Denk- und Lehrformen des 16. Jahrhunderts. 
wie sie nach Überwindung der humanistischen Reaktion (oder viel- 
mehr ihrer Eingliederung in das Herkommen) durch Neuanknüp- 
fung an die scholastische Vergangenheit sich gestalten. Ja man hat 
neuerdings in der via antiqua den unmittelbaren Vorläufer des 
Humanismus erkennen wollen, in ihrer Theologie nichts Geringeres 
als eine innerscholastische Reformbewegung zur Selbstreinigung 
des Katholizismus, dieeine Quelle späterer humanistischer Frömmig- 
keitsideale gewesen sein und letztlich in einer Linie stehen soll 
mit all den gemäßigten Reformbestrebungen, die im Konzil von 
Trient ihren kirchengeschichtlichen Abschluß gefunden haben 1 . 
Und wenn auch diese zugespitzte These sich als irrig erweisen wird, 
so ist doch kein Zweifel, daß zum mindesten der Ekel an den 
sophistischen Haarspaltereien und an dem Gezänk der beiden 
Schulen für die Ausbreitung humanistischer Reformbestrebungen 
eine wesentliche Bedeutung besessen hat. Man kann die Ge- 
schichte des Humanismus nicht schreiben, ohne das Wesen 
derjenigen Scholastik zu kennen, mit der die Neuerer im 
Kampfe lagen; das Maß geschichtlicher Wertschätzung, das man 
ihnen zuteil werden läßt, hängt zu einem erheblichen Teil von 
dem Urteil über ihre wissenschaftlichen Leistungen im Vergleich 
inil der vielgeschmähten Scholastik ab. Wer den Verlauf 
der humanistischen Reformbewegung an Schule und Universität 

1 Hermelink. Die religiösen Reformbestrebungen des deutschen 
Humanismus. Tübingen 1907. 



Einleitung. 5 

des 16. Jahrhunderts beurteilen will, muß zuvor die Frage 
beantworten können, bis zu welchem Grade die Reformer über- 
haupt imstande waren, den scholastischen Lehrbetrieb durch 
Besseres zu ersetzen. Aber darüber hinaus ruhen die Wurzeln des 
modernen Denkens mit feinen, noch längst nicht genügend erforsch- 
ten Fäden so tief verstrickt in dem Prozeß der Selbstzersetzung 
der Scholastik, wie er sich im 15. Jahrhundert auswirkt, daß man 
gar nicht einmal das Figeninteresse, das jede Epoche menschlichen 
Denkens für sich in Anspruch nehmen darf, anzurufen braucht, 
um die geschichtliche Betrachtung dieser Dinge zu rechtfertigen. 

Insbesondere wird die Geschichte einer deutschen Universität 
im 14. und 15. Jahrhundert, die mehr sein will, als eine Zusammen- 
stellung statutarischer Bestimmungen und eine Aufzählung von 
Gelehrtennamen und Büchern, nicht umhin können, sich mit den 
Problemen der Spätscholastik intensiv zu beschäftigen. Schon 
Prantl 1 hat es ausgesprochen, daß eine solche Darstellung n'cht 
um die Beantwortung der Frage herumkomme, wie denn der 
Gegensatz der via moderna und via aniiqua von innen her zu er- 
stehen sei. Mir lag fast als erste Pflicht auf, mich in diese Fragen 
zu versenken. 

Soviel ich sehe, ist seit Prantl trotz dessen Mahnung überaus 
wenig geschehen, um die spätscholastischen Schulrichtungen an 
der Quelle zu studieren. Prantl selbst hielt sich an die Drucke 
älterer scholastischer Werke, die das späte 15. und angehende 
16. Jahrhundert nachträglich veröffentlicht hat, die er -- wie ich 
mehrfach an den von ihm benutzten Exemplaren feststellen konnte 
- mit erstaunlicher Gründlichkeit verarbeitete. Immerhin ist die 
Auswahl und Formgebung der Werke, die man um 1500 druckte 
insbesondere in den parteiischen Titelanpreisungen — , nicht 
immer unabhängig von den kleinlichen Gesichtspunkten des all- 
mählich in Plattheiten versandenden Streites, wie er zurzeit der 
Drucklegung bestand, und so hat Prantl selbst eine Ergänzung 
seiner Forschungen verlangt. Spätere Bearbeiter indessen, soweit 
sie überhaupt eigene Quellenstudien unternahmen, hielten sich 
meist an die leichter zugänglichen Universitätsakten, einzelne 
Streitschriften, biographische Notizen und Buchtitel, um danach 
ihre Auffassung der Sachlage zu konstruieren. Überraschend wenig 
sind die deutschen Scholastiker in ihren Originalwerken aufgesucht 

1 IV, 185, N. 61. 

B 

7^ o 

.K 6 zu 



6 Einleitung. 

worden. Und doch kann eine tiefer dringende Forschung nicht 
umhin, bis zu diesen verschütteten Quellen vorzustoßen. 

Den Lehrinhalt der via antiqua kennen wir wenigstens in den 
Umrissen: es handelt sich um eine Erneuerung des Thomas oder 
Duns Skotus, der bestbeleuchteten Gestalten mittelalterlicher 
Wissenschaft. Da für mich aus Gründen der Selbstbeschränkung 
im wesentlichen nur der Vorstoß an einem Punkte in Frage kam, 
zog ich es vor, zunächst einen ,, Modernen" mir zum Ziel zu setzen; 
liegt doch unsere Kenntnis dessen, was wir ,, spätscholastischen 
Nominalismus" nennen, besonders arg im Nebel. Im übrigen ergab 
es sich von selbst, daß ich den Gründer der Universität Heidelberg, 
Marsilius von Inghen, als Vertreter seiner Schule ins Auge faßte: 
eine höchst bemerkenswerte Figur nicht nur als Musterbeispiel, 
sondern seiner Eigenbedeutung nach. Freilich nicht gerade ein 
Geist ersten oder zweiten Ranges; aber immerhin unzweifelhaft 
der bedeutendste Vertreter seiner Fakultät in den ersten vier 
Menschenaltern ihres Bestehens; vor allem aber der Mann, dessen 
Leben tiefer als das der meisten Zeitgenossen verflochten ist in 
die schicksalsvollste Wendung der Geschichte der deutschen Wissen- 
schaft: in die ungeheure kirchliche Krisis, die das universale System 
des Mittelalters zum ersten Male in seinen Fundamenten erschüt- 
terte und damit auch die europäische Zentrale scholastischer 
Wissenschaft, die Universität Paris, auseinandersprengte. 

Das Leben dieses Mannes wird uns den zeitgeschichtlichen 
Hintergrund malen, auf dem sich das System der nominalistischen 
Lehre abliebt. Die Betrachtung seiner Werke wird uns das Ver- 
ständnis der Kämpfe zwischen via antiqua und via moderna er- 
schließen. 



I. TEIL. 
Biographisches. 

Marsilius de Inghen 1 ist geborener Niederländer. Daß der 
Name de Inghen die Familie und nicht den Geburtsort bezeichnet, 
hat Toepke sehr wahrscheinlich gemacht, ebenso die Herkunft aus 
der Nähe von Nymwegen, aus einem unbekannten Ort der Utrechter 
Diözese 2 . Über Geburtsjahr 3 und soziale Herkunft läßt sich nichts 
bestimmtes ausmachen. Auffallend ist die frühe Zugehörigkeit des 
Magisters als Kanoniker zu niederrheinischen Stiftern; dabei 
scheint es sich um Kollegien ohne adligen Charakter zu handeln. 
Die van Inghens mögen eine angesehene und am Niederrhein weit 
verzweigte Familie gewesen sein, wie denn heute noch ihr Name 
in den Niederlanden fortbesteht; vielleicht erklärt sich so die 

1 Auch Marcilius, Marcellius, Marcelius, Mercilius sowie de Inguen, Ingwen 
u. ä. in den mss. Den Vornamen Johannes Marcilius bringt ein Druck der Phy- 
sik, Lugduni 1518, /.it. bei Duhem, serie I., 260, N. 4. 

2 III. 882. Die Herkunft de Novimagio wird auch durch Denifle, 
Auct. t, 293, 3 (z. J. 1364, jan. 28) bestätigt. Ein Willermus (Wilhelmus) 
de Inghen erscheint 1385 bzw. 1391 als Kanoniker an St. Severin in Köln bei 
Sauerland VI., nr. 58 u 444 u. Joh. Hess, p. 190.— Die zahlreichen Gelehr- 
tengeschichten, Sammelwerke und Universitätsschriften des 17. u. 18. Jhrh., 
die über Marsilius handeln, stellen im Anschluß an Trithemius Scriptores 
Ecclesiastici p. 120 meist recht windige Kombinationen über die Herkunft 
des M. an, die wir übergehen können. Aufzählung dieser Literatur bei Che- 
valier u. bei Andreae. Das anonyme Programm C. G. Wuindts v. 1775 
ist gleichfalls nur Compilation älterer Vorlagen. Ad. Jellinek ist keine 
Biographie, sondern bringt nur einen Quellenbeleg (s.Teil III, Hs. nr.12 u. 79); 
der kurze Artikel in der A. D. B. XX, 441 (von Prantl) ist völlig antiquiert. 

3 Auf 1342 würde die Vermutung des Zeitgenossen Nik. Prowin (Grab- 
rede, bei Adam p. 131), daß er forte (!) ante 20. aetatis sitae annum zum mag. in 
art. promovierte, in Verbindung mit dem Promotionsdatum, Denifle, Auct. I. 
272, 4, führen. Die Zulassung zum Magisterexamen erfolgte normal nicht 
vor dem 21. Lebensjahre, doch waren frühere Promotionen nicht selten; vgl. 
Denifle, Chart. I, p. XX. Bulaeus IV, 274. Auf die Lobsprüche Prowins 
wird indessen nicht viel zu geben sein. Für ein höheres Alter scheint zu 
sprechen : 1. Die angesehene Stellung des M. in Paris schon 1363 (s. u.) 2. Die Er- 
wähnung als senior der nalio Anglicana 1376 (Denifle, Auct. I i83). 3. Der 
frühe Tod 1396 



g ( ;erh \ rd Ritter: 

Häufung der heimischen geistlichen Pfründen, deren sich der fern 
in Paris und Heidelberg lebende Professor erfreute 1 . Auf behäbige 
äußere Lebensumstände weisen auch manche Züge seiner Tätig- 
keit schon in Paris: offenbar gehörte er einer gehobenen sozialen 
Schicht an, die unter den deutschen Studierenden in Paris nicht 
gerade zahlreich vertreten war. 

Niederrheinische Landsleute bildeten um die Mitte des 15. Jahr- 
hunderts den Hauptbestandteil der natio Anglicana (später Aleman- 
nica genannt) an der Pariser Universität. Ihr auffallendes Über- 
gewicht, wie der starke Anteil der rheinischen Gegenden überhaupt 
an den gelehrten Auslandsstudien vor Begründung der rheinischen 
Hochschulen 2 weist auf den großen Gang des europäischen Kultur- 

1 Zwischen 1362 — 4 quittiert der päpstliche Kollektor de Weveling- 
hoven über eine Pfründenabgabe von 20 t'l. von einem Marsilius, canonicus 
ecclesie S. Georgii Coloniensis: identisch mit M. v. I. ? (s. Kirsch, p. 328). — 
1362, Nov. 27. bittet M. v. I., kaum mag. in art. geworden (in artibus acut 
regens) in dem Pariser rotulus um ein Kanonikat von S. Severin in Köln 
(Demflk, Chart. III. 135. nr. 1310) und erhält es am gleichen Tage über- 
tragen (Mitt. a. d. Vatikan. Registern von Sauerland: Jahrb. der Ges. f. 
lothr. Gesch. u. Altert. Kde. XV (1903) p. 472 u. Urk. u. Reg. z. Gesch. d. 
Rhldes. V, nr. 35) - 1369. Mai 29 überträgt ihm Urban V. ein Kanonikat 
eclesie Monasteriensis (Denifle, 1. c. III. nr. 1356, p. 188), im gleichen Jahre. 
Juni 30, ein Kanonikat an S. Cassius in Bonn (Jahrb. f. lothr. Gesch. XV, 
p. 172 u. Sauerland, Urk. u. Reg.V, nr. 653), nach dessen Erwerb der An- 
spruch auf die Münsterer Pfründe erlöschen soll. — 1380, Febr. 10 wird er 
von Clemens VII. eines Kanonikats mit Pfründe und Chorstuhl an St. Severin 
in Köln entsetzt, ebenso, aber nachweislich ohne praktischen Erfolg, eines 
Kanonikats mit Pfründe an St. Cassius in Bonn, ferner 1382, April 10 auf 
Ansuchen des Grafen Adolf von Gleve (vom 10. März 1382), eines Kanonikats 
in Emmerich (N. Valois, I., 282, Sauerland VI, nr. 1363 u. 871 u. Reper- 
torium Germamcum, p. 108 ii. 111*, nach Suppl. -Register 54, 31, bzw. 61, 
105).— 1386 ist er canonicus et thesaurarius ecclesie s. Andree Coloniensis (U.B.I, 
nr. 1). Eine Pfarrpfründe an der Kirche St. Gangolf in Bonn mit 20 in. Jahres- 
ertrag hat er quondam gegen ein Kanonikat mit Pfründe an der Kirche zu 
Münstereifel getauscht (Urk. v. 1396, okt. 6, bei Sauerland VI, nr. 891). 
ebenso quondam ein Kanonikat mit Pfründe der Kirche SS. Crisanti et Darie 
in Münstereifel mit 20 m. Ertrag gegen eine Altarstelle des St. Mauritius 
in der Kirche Mariae ad ortiun in Köln, (ibidem VI, nr. 890). 1396, sept. 17 
wird über die durch seinen Tod erledigte Scholasterstelle des Stiftes von 
St. Dionysius in Lüttich neu verfügt (Sauerland in Jb. d. Ges. f. lothr. 
Cesch. XXI, 2, p. 351). -- Das sind nur zufällig erhaltene, also vermutlich 
unvollständige Belege! 

2 Für Paris lassen sich keine genauen Zahlen ermitteln, doch zeigt 
das Auct. I. dem Betrachter ohne weiteres das Überwiegen des niederfrän- 
kischen Elementes. Der Anteil der Rheinländer im weitesten Sinne an der 



St mlicn zur Spätscholastik. I. 9 

fortschrittes hin, der von Italien ausgehend über Frankreich und 
Burgund zuerst nach dem deutschen Westen gelangt. Auf der Höhe 
des deutschen Mittelalters mochte kein Ort so sehr wie Köln, der Sitz 
Alberts und des großen Duns Scotus, zur ersten deutschen Univer- 
sitätsstadt vorbestimmt erscheinen. Wenn irgendwo in Deutschland, 
so bestanden hier wissenschaftliche Traditionen und geistige Fühlung 
mit Paris, der alma mater der europäischen Philosophie und Theologie. 
Das äußere Leben der deutschen Artistenzunft an dieser Bil- 
dungsstätte läßt sich aus Denifles Aktenpublikationen mit aller 
wünschenswerten Farbigkeit erkennen. Es ist ein enger persön- 
licher und beruflicher Zusammenhang, der die Genossen umschließt, 
alle äußeren Lebensbedingungen umspannend, im ganzen aber 
mehr der wirtschaftlichen Sicherung seiner Mitglieder und verwal- 
tungstechnischen Aufgaben, als der Überlieferung wissenschaft- 
licher Zunftgebräuche und Lehrstoffe zugewandt. Die Aufgabe 
der Korporation entsteht naturgemäß aus dem Leben der Genossen 
fern von den heimischen Pfründen; nie verlernen sie es ganz, 
sich hier als Fremdlinge zu fühlen. Kaum ein Dutzend „Regenten" 
erscheint als dauernd ansäßig, führt die eigentlichen Geschäfte, 
sorgt für den ordentlichen Fortgang der Vorlesungen und Examina, 
rät und beschließt regelmäßig in den Versammlungen -- der Rat 
der Meister gleichsam, umgeben von äußerst zahlreichen Gesellen, 
die auf Wanderschaft bis zur Erledigung des Meisterstückes sich 
hier aufhalten. Das Kommen und Gehen war überaus wechselvoll 
in diesem Kreise. Es läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit 
sagen, wann Marsilius von Inghen hier eintrat und ob er etwa den 
Grad des Bakkalars und Lizentiaten in artibus anderswo erwarb. 
Zum ersten Male wird er am 27. September 1362 in den Akten 
der natio anglicana erwähnt, bei Gelegenheit seiner Antritts- 
vorlesung als Magister 1 ; es ging damals bei der Aufnahme der 

Bologneser deutschen Korporation beträgt in der Zeit zwischen 1289 und 
1401 zwischen 40 u. 63 %! Der niederrheinische Anteil ist auch an der Heidel- 
berger Neugründung auffallend stark bis zur Gründung der Kölner Univer- 
sität. Von 579 Immatrikulierten d. J. 1386/87 stammen 162, also fast 28 ° , 
von 247 Intitulierten des nächsten Jahres 106, also fast 43 % aus den Diö- 
zesen Köln, Lüttich, Antwerpen, Cambrai u. aus Hennegau u. Flandern. Vgl. 
B. Scharnke, Soziale Zusammensetzung der Heidelberger Universitäts- 
angehörigen im XV. Jhd. Hger. Diss. 1921. 

1 ineepit sub mg. Wilhelmo Buser (dem nuntius für den rolulus!) Auct. I, 
272. — Chart. III, 93, N. 30 wird M. ohne ausdrückliche Zitierung Sorbonicus 
genannt. Geht diese Notiz auf den rotulus von 1362 zurück? Die Sorbonne 
nahm erst nach der artistischen Promotion den mag. art. auf. 



]u Gerhard Ritter: 

neuen .Magister etwas hastig zu: Innocenz VI. war soeben in Avig- 
non gestorben, und die Universität beeilte sich, einen rotulus inner- 
halb von acht Tagen fertigzustellen. Da drängten sich die Magi- 
stranden um Zulassung und Antrittsvorlesung, um so einen Platz 
auf der großen Supplik zu erlangen, die den Akademikern die 
heißbegehrten Pfründen in lockende, wenn auch unsichere Aus- 
sicht stellte 1 . Auswärts wohnende ältere Graduierte strömten her- 
bei und stritten mit den jüngsten Kollegen um die besseren Plätze 
auf dem rotulus. Um möglichst zahlreichen Genossen die Beteili- 
gung zu ermöglichen, beschloß die Artistenfakultät erhebliche 
Erleichterungen bei der Magisteraufnahme; selbst die det er minatio 
als Bakkalar wurde in einigen Fällen erlassen. So beteiligte sich 
Marsilius gleich mit sieben anderen Magistranden an diesem Wett- 
rennen; nur für einen Teil von ihnen läßt sich der Erwerb des 
niederen Grades in Paris nachweisen; freilich sind die Akten keines- 
wegs vollständig geführt und erhalten. 

Es ist nicht leicht, sich von der geistigen Atmosphäre des 
engeren Kreises ein Bild zu machen, in den Marsilius nun eintrat; 
denn die Mehrzahl dieser Landsleute vom Niederrhein, die Jordanus 
und Thomas de Clivis, Wilhelmus Wadenaue, Henricus de Thenis 
u. a. m. haben in der Geschichte der Logik keinerlei erkennbare 
Spuren hinterlassen. Die natio Anglicana befand sich damals in 
schnellem Rückgang. Seit die Engländer sich auf ihre eigenen 
Bildungsstätten zurückgezogen hatten und im Osten die Prager 
Hochschule vielen Zuzug ablenkte, war sie, die einst den Welt- 
ruhm der Pariser Hochschule am weitesten über Frankreich hinaus- 
getragen hatte, in der Hauptsache auf ihre deutschen Mitglieder 
mit einigem schottischen, nord- und osteuropäischen Anhang 
zusammengeschrumpft. Aber auch die Pariser Philosophie stand 
nicht mehr ganz auf der Höhe ihrer großen Zeit. Der gewaltige 
Anstoß, den die revolutionären Ideen Wilhelm von Okkams dem 
gesamten abendländischen Denken in der ersten Hälfte des Jahr- 
hunderts gegeben hatten, wirkte freilich noch mächtig nach. Die 
Verbote des Papstes und der Universität hatten zwar die radikal- 
sten Ideen, wie die des Nikolaus von Autrecourt, aus der akade- 
mischen Tradition ausschließen, aber nicht das Entstehen jener 
glänzenden okkamistischen Schule hindern können, deren geschicht- 
liehe Bedeutung wir erst seit den letzten Jahrzehnten zu erfassen 

1 Vgl. hierzu: Amt. I. 271 — 4 passim and Register. 



Studien zur Spätscholastik. I. 11 

beginnen. Indessen wirkte von den großen Vertretern dieser Gene- 
ration in den 60er Jahren nur noch Nikolaus von Oresme, der 
Physiker, Mathematiker und Nationalökonom, in Paris -- weitaus 
der leuchtendste Stern unter den Doktoren der theologischen 
Fakultät 1 . Gregor von Rimini war als General prior des Augu- 
stiner-Eremitenordens bereits 1358 gestorben 2 . Da Marsilius 
von Inghen erst seit etwa 1366 Theologie studierte 3 , dürfen wir in 
keinem Falle mehr ein unmittelbares Schülerverhältnis zu ihm an- 
nehmen, so sehr dies dem Eindruck der späteren theologischen 
Schrift unseres Philosophen entsprechen würde 4 . Wahrscheinlich 
ist dagegen seine persönliche Bekanntschaft mit Johannes Buri- 
dan, von dem er als Logiker und Physiker so vieles übernommen 
hat : er bezeichnet ihn gelegentlich und zwar mit Nachdruck (passio- 
natus) als magister meus. Eine solche Annahme würde freilich ein 
Pariser Studium des Marsilius vor 1362 voraussetzen; wenigstens 
ist von Buridans Leben bisher als letztes Datum nur bekannt, daß' 
er 1358, hoch betagt, bei einem Abkommen zwischen der aleman- 
nischen und der pikardischen Nation, der er selber angehörte, als 
Fakultätsvertreter mitgewirkt hat, und das spätere Schweigen der 
Akten läßt vermuten, daß er in den nächsten Jahren gestorben ist 3 . 
Noch wahrscheinlicher ist eine nahe Berührung des Marsilius mit 
seinem Landsmann Albert von Helmstedt. Zwar bricht dessen 

1 Noch 1375 beteiligt an dein berühmten Prozeß gegen die frz. Über- 
setzung des Mars. v. Padua u. Joh. v. Jandun. Chart. III, p. 223. 1372 
prüfte er u. a. als Deputierter der theologischen Fakultät die von M. v. I. 
verfochtene Beschwerde der natio Anglicana wegen Zurücksetzung und kam 
mit den andern theolog. Deputierten zu einem für die Deutschen günstigen 
Resultat. Dieses Zusammentreffen mit M. v. I. ist nicht ohne Interesse. 
Chart. III, p. 203-5. 

2 Demi'le Chart. 11,1, p. 557 N. u. III p. 70 N. 

:J Chart. III, nr. 1356, p. 188; 1369, Mai 29: s. theologiae a tribus fere 
annis citra Scolaris fuit. 

4 S. darüber d. Betrachtung der Theologie im II. Teil. — üb. sent. I. 
qu. 2, art. 3 Bl. 13a, sp. 1 wird Gregorius genannt: frater magister noster. 

5 Chart. III, p. 58; Bulaeus IV 348; Auct. I, 235. - Die Fabel von der 
geineinsamen Flucht Buridans und des M. v. I. aus Paris und von Buridans 
Mitwirkung bei der Gründung der Wiener Universität ist durch Chart. 11,1, 
p. 646, nr. 29 erledigt. Sie galt bisher als Erfindung Aventins (Annal. duc. 
Boi., opera ed. Riezler II, 474 u. 200). Ich kann indessen aus Cod. lat. 
Mon. 7080, fol. 366 nachweisen, daß B. bereits 1469 als Gründer der Wiener 
Hochschule angesehen wurde (s. Anhang 1, II meiner zweiten Studie). 
Fine ähnliche Notiz in dem Druck nr. 15 von 1501, Bl. lb (s. u. Teil III). 
Magister meus: Druck nr. 10, fol. M 3b, sp. 2 (1. II, qu. VI. art. I). 



12 Gerhard Ritter: 

— bis dahin überaus rege -- Tätigkeit in der natio Anglicana fast 
genau mit dem Zeitpunkt ab, in dem Marsilius dort eintritt 1 ; er 
wuchs mit seinem Ruhme allmählich weit über die Genossen hinaus, 
wurde bald im diplomatischen Auftrage Rudolfs IV. von Öster- 
reich nach Avignon und später -- als der geistige Begründer der 
neuen Universität Wien (1365) - nach Österreich entführt, um 
schließlich als deutscher Bischof seine glänzende Laufbahn zu enden. 
Es scheint aber, daß er noch einige Jahre nach 1362 dem Theologie- 
studium in Paris gewidmet hat 2 , und so dürfen wir uns bei der 
engen landsmannschaftlichen Verbundenheit der Deutschen, die 
sich aus allen Zeugnissen ergibt, ein fortdauerndes näheres Ver- 
hältnis zu den alten Genossen auch nach 1362 vorstellen — um so 
mehr, als sein Bruder Johann, Bremer Domherr und zur Zeit der 
Rezeption des Marsilius gerade Prokurator der Nation, dieser nach- 
weislich noch bis 1378 angehörte 3 . Noch enger aber und für das 
spätere Schicksal des Marsilius entscheidend war seine Berührung 
mit Heinrich von Langenstein, wohl dem einzigen eben- 
bürtigen Genossen innerhalb der natio Anglicana. Ein paar Monate 
nach der inceptio des Marsilius, im Februar 1363, erwarb Heinrich 
den Grad des artistischen Bakkalars, stieg aber noch in demselben 
Jahre bis zum Prokurator auf 4 . Seine in Paris entstandenen astro- 
nomischen Schriften 5 zeigen ebenso wie die häufige Erwähnung im 
Register der Nation in den nächsten 10 Jahren, daß er an den 
artistischen Studien hervorragenden Anteil genommen hat: und 
wenn er auch seit seiner Promotion zum Lizentiaten der Theologie 



1 Letzte Erwähnung in den Akten der Nation : J 362, nov. 2 (Auct. I. 275). 

- Vgl. über ihn Auct. 1, Register, zul. Sp. 275. - Auct. III, p. 91, 93 
\ 29 und Duhem I, 318 ff. Den Versuch Duiiems, einen Albertus <le Saxonia 
und de Hicmestorp zu unterscheiden, betrachte ich mit Bai hg vis i 'ner (t ber- 
weg II 10 622) nach Vergleich der Quellenbelege als unzureichend begründet. 
Übrigens war nach Chart. III. p. 135 nicht Albert, sondern Johann von Ric- 
rnestorp 1363 Rektor (gegen Duhem I, 327). — Das theologische Studium 
(nicht Doktorat! ) Alberts ergibt sich aus den päpstlichen Registern. S.Chart .11!. 
p. 93, N. 29. Aschbachs Angaben (p. 121 sind gänzlich unzuverlässig. 

; Auct. I 270, 358. 

4 Vgl. hierzu und zum Folgenden: Auct. I. 279, 289, 178, 510, 530 und 
öfters (Register), ferner Chart. III. p. 133, X. 14. Die Untersuchung Hartwigs 
I, 2 ff. über die soziale Herkunft Langensteins wird u. a. durch die Tatsache 
berichtigt, daß L. 1363 keinen ., Wechsel" (bursa) besaß und noch 1376 wegen 
Geldschwierigkeiten Nachlaß von der Nation erhielt. Vgl. Auct. I, 279, 284, 485. 

5 Ihre Untersuchung und Vergieichung u. a. mit Nik. v. Oresme wäre 
sehr zu wünschen! 



Studien zur Spätscholastik. I. 13 

(um 1375) dem artistischen Lehrbetrieb ganz entzogen wurde, so 
blieb er doch bis dahin Angehöriger der Nation. Der energische 
und politisch begabte Mann genoß offenbar eine besondere Beliebt- 
heit unter den Landsleuten: seine Tätigkeit als Schiedsrichter 
zwischen streitenden Kollegen und noch 1378 als Fürsprecher der 
Nation bei Kaiser Karl IV. zeigt ihn in ähnlichen Vertrauens- 
stellungen, wie sie Marsilius zu bekleiden pflegte. Ein freund- 
schaftliches Verhältnis scheint Langenstein mit Gerhard von 
Kaikar verbunden zu haben, einem der ständigen Regenten der 
natio Anglicana (1365 — 1382), der ihm später nach Wien nach- 
folgte 1 . Der westfälische Theologe Heinrich von Oyta dagegen, 
den man als Pariser Kollegen Langensteins anzuführen pflegt, 
scheint sich nur ganz kurz und erst seit 1380 ständig hier auf- 
gehalten zu haben; der natio Anglicana hat er vielleicht nur ein 
paar Monate wirklich angehört 2 , da diese grundsätzlich nur Artisten 
umfaßte, wenngleich der enge Zusammenhalt der Deutschen prak- 
tisch dahin führte, daß auch Theologen Aufnahme und Unter- 
stützung finden konnten, die ja fast immer auch die artistischen 
Grade besaßen. Oft übten solche Mitglieder in der Nation keine 
besondere Tätigkeit aus, sondern wollten nur die praktischen Vor- 
teile der Korporation mitgenießen. Der Name des berühmtesten 
niederländischen Theologen dieser Zeit, des Gerhard Groote 
von Deventer, erscheint so neben dem des Marsilius auf dem 
Rotulus von 1362 3 . 

1 Briet' an Langenstein, s. Denifle, Univers. 1, 619. Hartwig I, 65 
N. 1. Vgl. auch Auct, I, p. XLIII, N. 4. 

2 Seine Zulassung zur natio Anglicana wird 1377, Nov. 12 beantragt; 
dabei wird er ausdrücklich als nicht in Paris Promovierter bezeichnet. 1378 
jan. 11 erhält er einen Vertrauensauftrag der Nation, vermutlich als Theo- 
loge, ist aber bereits 1378, April 22 wieder in Prag. 1380, Sept. 12 bittet er 
dann (mündlich?) um Unterstützung der Universität und Nation im Kampf 
um seine Osnabrücker Domherrnpfrüude und findet sich in demselben Jahre 
als lic. th. im Pariser theol. Licentiatenverzeichnis. Chart. III, p. 514, N. 4. 
Auct. I 527, 530, 540, 592. Danach sind die früheren Angaben auch bei Baum- 
gartner (Überweg II 10 627) zu berichtigen. 1383, Dez. 30 ist er Mitglied der 
theol. Fak. in Prag. s. Sommerfeldt Mitt. 25, 581. — Oyta ist ein westfälischer, 
nicht friesischer Ort, wie gewöhnlich versichert wird (nach frdl. Mitteilg. 
v. Prof. H. Oncken) 

3 Chart. III, p. 92. — Außer den Genannten verdient hier noch eine 
Erwähnung der ausWestphalen stammende Magister Themo, ,,Sohn des Juden" 
genannt, dessen große Bedeutung als Physiker und Astronom erst kürzlich 
durch Dühem (I 159 ff.) neu entdeckt ist. Er war noch 1360 Kassenwart und 
Nuntius der Nation, wird aber seitdem nicht mehr genannt 



14 Gerhard Ritter: 

Das war die Umgebung, in der Marsilius seine Studien trieb. 
Einen näheren Einblick in den Inhalt seiner Lehrtätigkeit wird uns 
die spätere Analyse seiner Bücher verschaffen. Einstweilen aber 
lassen uns die Pariser Akten ziemlich deutlich das Charakterbild 
des Mannes erkennen, der in diesen Jahren nicht nur zur beherr- 
schenden Persönlichkeit seiner engeren Genossenschaft, sondern zu 
einem der stärksten Charakterköpfe innerhalb des ganzen gewaltigen 
Studienbetriebs heranwuchs. Wir sehen eine tatkräftige, herzhafte 
Persönlichkeit, nicht minder gewandt in Rechts- und Organisations- 
fragen als in den Disputationen der „modernen" Logik, geneigt und 
befähigt, alle Fragen auf eine klare, eindeutige Formel zu bringen 
und dann mit Energie das Erkannte durchzuführen, und somit 
berufen zum Vertrauensmann seiner Genossen, zum Vorkämpfer 
der Deutschen vor Universität, Kanzler und Papst. 

Es ist in der Tat überraschend, wie schnell es Marsilius zu An- 
sehen unter den Genossen gebracht hat. Wenn man ihm schon 
1363 das Prokuratorenamt, eine Art Dekanat, übertrug, so ist das 
vielleicht nur ein Zeichen seiner Wohlhabenheit. Doch gelangte er 
auch bald in die einträglichere Stellung eines Examinators, die er 
oft bekleidete, und gehörte überhaupt zu den am häufigsten 
gewählten Würdenträgern der Nation 1 . Seit 1369 erscheint sein 
Name fast immer an erster Stelle, wenn es gilt, eine Kommission 
zur Schlichtung innerer Streitigkeiten, zur Lösung und Durch- 
fechtung von Rechtsangelegenheiten, zur Aufstellung der Bewerber- 
listen für den Rotulus einzusetzen; wie selbstverständlich über- 
nimmt er gelegentlich den Vorsitz im Magisterrate bei Verhinderung 
des Prokurators 2 . Mehrfach erscheint er als Vertreter der Nation 
bei der Rektorwahl und bekleidet selber zweimal (1367 und 1371) 
das ehrenvolle, aber müh- und anspruchsvolle Amt eines Rektors 
der Pariser Universität, dessen Repräsentationskosten gewiß nicht 
jeder Magister zu tragen imstande war 3 ; stritt doch der Rektor 
bei öffentlichen Prozessionen mit dem Bischof von Paris um den 
Vortritt und genoß den Vorzug, vom Könige mit den höchsten 

1 Prokurator '. mal: 1363, 1373, 1374, 1375 (Auct. I 285-6, 426, 458. 
177). Examinator 8 mal: ibidem 293, 307, 408, 419-20, 443, 462, 481, 511. 
Kassenverwaltcr (reeeptor) 1364: ibid. 298 — 0. 

- 1369, febr. 10: Auct. I 326. Vgl. ferner Chart. III, p. 135: Auct. I. 
'.ii'.t. '.in. 136, 440, '.',2, 448, 472, 483, 486. 

:i Intrans: Chart. III, p. 160, 212; Auct. I 450, 491. Rektor: Chart. III, 
p. 166, 200; charakteristisch beide Male sein Stoßseufzer über labores und 
expensae! Vgl. auch Budzinsky, 37. 



Studien zur Spätscholastik. I. 15 

Standespersonen Frankreichs in das Pariser Parlament berufen zu 
werden! Noch kostspieliger war das Ehrenamt des Gesandten zur 
Kurie, das er im Auftrage von Universität und Nation zweimal 
(1369 und 1377/78) übernahm; dafür wurde er aber auch durch 
sorgfältig berechnete Umlagen aller Pfründenbewerber entschädigt 
und erreichte für sich selbst die Belehnung mit einer Domherren- 
pfründe 1 . Auf Papst Urban V., der sie ihm verlieh, scheint die 
Persönlichkeit des Gesandten einen bedeutenden Eindruck gemacht 
zu haben; er berief ihn sogleich — doch ohne Erfolg — auf einen 
Lehrstuhl an der Universität Montpellier 2 . 

Sein Ruf als Lehrer entsprach diesem äußeren Ansehen. Seine 
Anziehungskraft auf die Scholaren beweist schon die hohe Zahl 
der unter ihm promovierenden Determinanden und Magistranden 3 . 
Die Schar seiner Zuhörer macht 1372 die Zuteilung besonders großer 
Auditorien nötig; bei der Verteilung der Hörsäle wird er in erster 
Linie berücksichtigt. 1374 erhält er gar das Recht, der zahlreichen 
Hörer wegen, die keinen Platz mehr finden, auf jedes große Audi- 
torium Beschlag zu legen, das ein Kollege irgend entbehren kann 4 . 
Wenn der Inhalt seiner Vorlesungen dem seiner Bücher entsprach, 
so dürfen wir vermuten, daß die didaktische Klarheit seiner Dar- 
stellung an diesen Lehrerfolgen mitbeteiligt war. Die logischen und 
physikalischen Lehrbücher, deren Entstehung vermutlich in die 
Pariser Zeit fällt, weisen besonders deutlich einen Zug zu handlicher 
Kürze und Eindeutigkeit auf. 

Es mag sein, daß die hohe Zahl der Kollegbesucher zu dem 
äußeren Wohlstand unseres Philosophen beigetragen hat. Doch 
scheinen ihn von Anfang an die wirtschaftlichen Sorgen nicht ebenso 

1 Chart. III, p.187, N. 10, Auct. I, 321. Chart. III, p. 188, Auct.I, 326, 
328, 329, 341, 360, 502-4, 508, 516 ff. 

2 Chart. III, 92, nr. 7, 1369, juli 13. Genauerer Abdruck aus den 
vatik. Registern durch Sauerland, Jahrb. d. Ges. f. lothr. Gesch. XV, p. 473. 
Der Papst bot 100 Goldgulden Gehalt, Exemtion von allen Gerichten, Unter- 
stellung unmittelbar unter die kuriale Iurisdiktion, Befreiung von allen Ver- 
pflichtungen zur Teilnahme an Fakultäts- und Universitäts-Versammlungen. 

3 Vgl. Auct. I, 294, 298, 308, 309, 310, 312, 313, 314. 320, 324, 326, 330, 
331, 335, 351 (Determination in absencia, von Denifle Auct. I, 557, N. 2 
übersehen!) 399, 401, 411, 427, 444, 454, 455, 464, 471, 475, 486, 487, 512, 558. 

4 Verhandlung 1372 Sept. 12 u. 22 (1. c 415): Thomas deClivis wünscht 
das frühere Auditorium des M. zu erhalten, falls er eine große Hörerzahl 
haben wird; 1373, Sept. 16 Zuteilung des neuen Schullokals an M. u. Th. de 
Clivis (I.e. 430); 1474, Sept. 29 Vorzugsrecht des M. (1. c. 459). Vgl. auch 
Verhandlungen von 1369, 1. c. 337. 



[6 Gerhard Rittbr: 

bedrängt zu haben, wie so viele seiner Kollegen. Wenn er beim 
Antritt der Magisterschaft seinen wöchentlichen Geldverbrauch auf 
8 solidi angab, so war das vielleicht schon über dem Durchschnitt, 
mindestens aber normal 1 . Dem entspricht der verhältnismäßig- 
hohe Geldverbrauch bei den zahllosen Gelegenheiten, die das 
akademische Leben diesen trinkfesten Rheinländern zu einer fröh- 
lichen Feier bot, sei es nun ein Frühschoppen (prandium) oder eine 
„Fuchsenfeier" {beiauniujn), ein „Willkommen" (propina) oder ein 
,, Lebewohl" {bene valete), sei es die Feier des Genossenschaf ts- 
patrones, des heiligen Edmund, dessen Jahrestag etwa in der Art 
eines heutigen studentischen Stiftungsfestes mit besonders großem 
Kommerse begangen werden mußte, oder auch ein Zutrunk ohne 
besonderen Anlaß, einfach weil die Kasse des Magisterkollegiums 
einmal ausnahmsweise wieder Geld hatte, das vertrunken werden 
mußte (perpotare)' 2 . Die Leistungsfähigkeit der venerabiles magistri 
in diesen Dingen ist in der Tat erstaunlich (von den Scholaren 
erfahren wir nichts Näheres), und soweit Pariser Topographie in 
Frage kommt, unterrichten uns die Akten der natio Anglicana 
über nichts so genau, wie über die Schenken: „zum Bilde der 
heiligen Jungfrau", ,,zu den zwei Schwertern", „zum Ritter", und 
wie sie alle heißen''. Wer das deutsche Bürgertum des ausgehenden 
Mittelalters kennt, wird nicht erstaunt sein, daß diesen feuchten 
Genüssen ein ebenso ausgiebiges Schwelgen in Festmählern ent- 
sprach, und auch Marsilius verstand sich offenbar vortrefflich auf 
den Einkauf von Fischen und die Vorbereitung festlicher Schmause 4 . 
Unzweifelhaft wußte er fröhlich zu sein mit den Fröhlichen, und 
wenn er, ohne ängstliches Rechnen, für einen sparsamen jüngeren 
Kollegen, der sich zu zahlen weigerte, beim W r irte gut sprach, 
damit das „bejaunium" nicht etwa ausfalle, oder wenn erder stets 
bedürftigen Kasse der Nation mit Vorschüssen aushalf 5 , so erhöhten 

1 Ami . I 272. Die Berechnung der Taxen erfolgte auf Grund des Wochen- 
wechsels (bursa.) 

2 Vgl. hierzu und zum Folgenden: Auct. I, 273 (Feier des Magisteriums), 
289 (Feier der ersten Prokuratorenwahl); 330 (Abschiedsschmaus 1369); 397 — 8, 
103 (Willkommtrünke 1371 u. Abrechnung); 426 (Kosten bei der Feier der 
2. Prokuratenwahl, höher als üblich); 483 (eingegangenes Geld sofort ver- 
trunken). 

3 Denifle zahlt Amt. I. p. LV1 nicht weniger als 40 meist öfter be- 
suchte Lokale auf. 

4 Auct. I, 405, 460, 498. 

■'• Auct. |. ','iT S: Vorschüsse: ibid. 426, 465, 314. 



Studien zur Spätscholastik. I. 17 

solche Züge vermutlich noch seine Beliebtheit unter den Zech- 
genossen. So begreift sich leicht die Tatsache, daß seine Rück- 
kehr von der ersten Gesandtschaft nachAvignon gleich zweimal 
gefeiert wurde und nachher bei der Rechnungslegung eine böse 
Ebbe in der Zunftkasse zutage trat ob allzu großer Fröhlichkeit 
bei diesem ,, Willkomm". Man ist versucht, hinter allen diesen 
Einzelheiten den Charakterzug eines kräftigen Behagens am irdi- 
schen Dasein zu erkennen, wie er zu den eigentümlichen Anlagen 
des niederländischen Stammes gehört 1 . Jedenfalls paßt das alles 
wenig zu dem mönchischen Idealbilde des sich kasteienden From- 
men, das später sein Leichenredner von ihm den bewundernden 
Zuhörern ausmalte 2 . Wenigstens in der Pariser Zeit scheint Mar- 
silius auch innerlich ganz zu dem recht weltlichen Kreise der deut- 
schen Zunftgenossen gehört zu haben. Dafür spricht auch das 
einzige Selbstzeugnis persönlicher Art, das wir von ihm besitzen: 
sein Schreiben aus Tivoli von der zweiten Gesandtschaft 1378, in 
dem er — freilich aus großen Gefahren heraus — sich fortsehnt zu 
den Pariser Kollegen und gerne zwei Jahre lang auf das Fleisch- 
essen verzichten würde, wenn er nur wieder unter ihnen sein könnte 3 . 

Und so erscheint er denn auch als der anerkannte Führer 
der deutschen Magister in den Kämpfen, die sie um ihre Gleich- 
berechtigung an dem Pariser Studienbetriebe zu führen hatten 
und die zunehmend ernsthafter wurden. Man pflegt den Ursprung 
dieser Kämpfe in den großen Spannungen des kirchlichen Schismas 
zu erblicken. Jedoch läßt sich erkennen, daß schon vorher die 
Stellung der deutschen Nation schwierig zu werden begann. 

Von der Ausdehnung und dem gegenseitigen Zahlenverhältnis 
der Pariser akademischen Korporationen um die Mitte des 14. Jahr- 
hunderts haben wir keine bestimmte Vorstellung. Im Vergleich zu 
den späteren deutschen Universitäten war die Gesamtzahl zweifellos 
gewaltig; die Zahl der Scholaren dürfte, nach der Besetzung der 
etwa 50 Kollegienhäuser zu schließen, zwischen 1—2000 liegen 4 ; 

1 Es ist vielleicht doch kein Zufall, daß die Akten der Nation nur ein 
einziges Mal über eine Festfeier des bekanntlich überaus ernst, ja asketisch 
gerichteten Heinrich von Langenstein berichten; dabei handelt es sich um die 
offizielle Feier seines theologischen Grades, und wir hören nur von Geldver- 
legenheit, in der er sich befand. (Auct. I, 485.) 

2 Adam, 125-132. S. u. p. 40. 

3 Chart. III, p. 554. 

4 Vgl. Denifle Univ. I 96, ferner Einleitg. z. Chart. III, Auct. I u. ö. 
Budzinsky p. 6 ff. Thurot 127, 33. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Abli. 2 



18 Gerhard Ritter: 

die der Magister erscheint z. B. in dem rotulus von 1362 ungeheuer- 
lich groß: allein 441 Artisten werden aufgezählt, davon 55 An- 
gehörige der natio Anglieana. Sicher ist diese Zahl durch Zulauf 
von abwesenden und ausgeschiedenen Pariser Akademikern stark 
auf geschwellt; doch wird sie auch so das Verhältnis der englisch - 
deutschen zu den übrigen Nationen zutreffend bezeichnen. Nur 
vergrößert sich der Abstand durch die Tatsache, daß von den oberen 
Fakultäten nur die theologische eine nennenswerte Zahl deutscher 
Mitglieder enthielt. So fühlte sich die natio Anglieana als die 
kleinste, ja eigentlich als die einzige nicht-französische neben 
Pikarden 1 , Normannen und Galliern, von dem Übergewichte der 
Romanen stark eingeengt. Solange keine Reibungen eintraten, 
nahmen die deutschen Pfründenbewerber gerne Anteil an den 
günstigen Aussichten, die den Pariser Universitätsmitgliedern die 
Nähe der Curie in Avignon und deren besonderes Schirmverhältnis 
zu der großen Pariser Korporation bot. Die einflußreiche Stellung 
der Universität am Hofe, ja im Staate und der Kirche Frankreichs, 
ihr universales europäisches Ansehen in theologischen Fragen, die 
in Deutschland unbekannte Weite und Größe der Lebensverhält- 
nisse einer nationalen Hauptstadt, die viel nähere Beziehung zu 
der neuen italienischen Renaissancekultur — alles das mußte eine 
Anziehungskraft auf die begabtesten deutschen Köpfe ausüben, 
wie sie noch in den entzückten Worten Konrads von Gelnhausen 
an den königlichen Kanzler Philipp de Mezieres - durch alle 

phrasenhafte Schmeichelei hindurch — zu spüren ist: Parisius 

omnium, que humanuni decorant vitam, admirabilis consurgit pulchri- 
tudo, ut non tarn Parisius, quam Paradisius congrue vocitetur; 
quorum odoris dulcis flagrancia huc de Longinquis me exiguum allexit 
et revexifi. Es wird für die deutschen Lehrer günstig gewesen sein, 
daß Karl IV. im Gegensatz zu seinem Vorgänger auf gute Bezie- 
hungen sowohl nach Avignon wie nach Paris Wert legte. Aber je 
mehr im Laufe der Jahrzehnte französisches Königtum und avig- 
nonesisches Papsttum einander unentbehrlich wurden, um so mehr 
konnte das enge Verhältnis zur Kurie als ein französisches Vor- 
recht erscheinen. Der französische Klerus bekam die Folgen der 
wachsenden Abhängigkeit des Papstes vom Hofe an sich selbst 
in vermindertem Schutz gegenüber den Ansprüchen der könig- 

1 Die pikardische umfaßte neben Wallonen, Vlamen und gewissen nord- 
französischen Landschaften auch die westlich der Mosel wohnenden Deutschen. 

2 18. 7. 1379, ed. Schmitz, Rom. Quartalschr. 9. 



Studien zur Spätscholastik. I. 19 

liehen Gewalt an seinen Besitz zu fühlen 1 , und so ist es vielleicht 
nicht zufällig, daß die französischen Korporationen an der Univer- 
sität seit den 60er Jahren entschiedener als früher die Ansprüche 
der Deutschen zurückzudrängen suchten. Rangstreitigkeiten waren 
freilich zwischen den Nationen nichts Neues, aber sie scheinen 
jetzt an Häufigkeit und Zähigkeit zuzunehmen. Denkt man an 
den vergeblichen Versuch Karls IV., den Papst nach Rom zurück- 
zuführen (1367/70) und die savoyischen Grenzlande für das Reich 
zu erhalten (1365), so könnten die Kämpfe der englisch-deutschen 
mit den übrigen Magisterzünften um die Grenzen ihres Rekru- 
tierungsgebietes oder gegen das ,,Tribulieren" deutscher Kandi- 
daten bei den Examina 2 fast wie ein verkleinertes Abbild jener 
politischen Vorgänge erscheinen, in denen die französische Einfluß- 
sphäre damals unablässig weiter gegen die deutsche Reichsmacht 
Raum gewann. Die Deutschen sind infolge ihrer Minderzahl in 
schwieriger Lage; aber mit großer Zähigkeit beharren sie auf 
ihren wirklichen oder vermeintlichen „Privilegien", in zuweilen 
sich jahrzehntelang fortschleppenden Verhandlungen. Besonders 
hartnäckig wurde der Streit um das ,, Examen von St. Genovei'a" 
geführt, dessen ursprünglicher Anlaß nicht ganz deutlich zu er- 
kennen ist 3 . 

Das Examen im Kloster St. Genevieve hatte für die natio 
Anglicana eine größere Bedeutung als das ,, obere" Examen bei 
Notredame; ihre Bakkalare zogen jene Prüfung meist vor, weil die 
Nation auf die Besetzung der dortigen Examenskommission einen 
größeren Einfluß besaß 4 . Es scheint nun 5 , daß der Vizekanzler von 
St. Genevieve (vielleicht ein vom Kanzler ernannter gallischer Pro- 
fessor ?) bei den Prüfungen 1370 einen angeblichen Anspruch der 
Gallier auf Vorrang ihrer Prüflinge entgegen der Ansicht der deut- 
schen Examinatoren durchzusetzen suchte. Nach einem vergeb- 



1 Vgl. J. Haller, 2. Kapitel. 

2 1358: Auct. I, 212, 233, Chart. III, p. 58; 1364-1380: Auct. I, 295, 
297, 298, 316, 591; 1369: Auct. I, 345. Ferner s. ff. Anm. 

3 Über die Examina bei St. Genevieve und Notredame s. Kaufmann I 
262/3 u. Thurot, 53 ff. 

4 Denifle im Auct. I, p. XXXI. 

5 Vgl. Denifle im Auct. I, p. LXII, in Vbdg. mit ibid. 179 (Klage 
von 1355, März 17). Aus dem Verlangen der Deutschen, ut bacchalarios licen- 
ciandos seeundum tenorem bullae et depositionem examinatorum solummodo 
licenciaret ist kaum ein Anhalt zu gewinnen. Auct. I, 351; ferner ibid. 350, 
352, 355-60. 362. 



20 Gerhard Ritter: 

liehen Versuche, auf den Kanzler der Klosterkirche einzuwirken, 
erhob die Nation Beschwerde beim Kanzler von Paris (Notredame), 
in der Fakultätsversammlung und vor dem Rektor. Schließlich 
wandte sie sich, unterstützt von der pikardischenund normannischen 
Nation, an den schottischen Bischof Golterus de Wardelaw, der 
gerade zur Kurie reiste, um durch ihn auf den Papst einzuwirken; 
man vergaß auch nicht, den Sekretär des hohen Herrn durch ein 
jocale von 4 Franken für die deutsche Sache zu gewinnen. Mar- 
silius, der gerade als Gesandter in Avignon weilte, wurde schriftlich 
aufgefordert, eine günstige Entscheidung des Papstes zu erwirken. 
Die Sache scheint bald darauf vorläufig in einer brüderlichen Ver- 
ständigung mit den Galliern begraben zu sein. Aber 1372 gab es 
neuen Streit. Die französische Majorität der Universität wünschte 
den Papst zu bitten, er möge die Pfründengesuche im Falle der 
Bewerbung von zwei Magistern um dieselbe Stelle nach der Reihen- 
folge des Rotulus berücksichtigen. Da nun die Deutschen als 
kleinste Nation herkömmlich stets an letzter Stelle auf dem Rotulus 
erschienen, so protestierten sie heftig 1 . Diesmal ging es um eine 
gewichtige Frage der wirtschaftlichen Existenz. Marsilius war der 
Sprecher seiner Landsleute in der Universitätsversammlung. Die 
Beratung in zwei Sitzungen zeigte bereits deutlich die nationalen 
Gegensätze, wie sie ähnlich später im kirchlichen Schisma heraus- 
treten sollten: die pikardische (flämisch-wallonische) Nation auf 
Seiten der Deutschen, die Theologen zu friedlichem Ausgleich der 
Gegensätze geneigt, entsprechend ihrer eigenen national gemischten 
Zusammensetzung, alle andern Gruppen außer den Juristen, die 
sich von den Theologen überzeugen ließen, auf der Gegenseite. 
Da ein Mehrheitsbeschluß nach mittelalterlicher Weise anscheinend 
vermieden wurde, hören wir nichts über den Ausgang. Marsilius 
ließ beide Male ein notarielles Protokoll aufnehmen, aus dem wir 
erfahren, daß er sehr energisch gesprochen hat: die geplante Ord- 
nung sei contra deum et Justitium! 

Wenige Jahre später gab wieder das Examen von St. Genovefa 
Anlaß zum Zwist. In der Frühjahrsprüfung 1376 weigerten sich 
die Examinatoren (offenbar die Kommissionsmitglieder der galli- 
schen Nation), solche deutsche Bakkalare zur Prüfung zuzulassen, 

1 Chart. III, p. 208-5. 1372 März 17, bzw. Mai 3. Vgl. ibid. p. 269; 
Quae quidem natio ultimo inrotulari consuevit, non quia posterior dignitate 
apud nos existat, sed quia antiquitati placuit hunc ordinem observare. (rotulus 
von 1379). Auct. I. 410-11. 



Studien zur Spätscholastik. I. 21 

die ihren Grad nicht in Paris erworben hatten, obwohl die Statuten 
eine solche Beschränkung nicht verlangten. Marsilius wurde zu- 
sammen mit dem Prokurator beauftragt, eine günstige Entschei- 
dung durch Rektor und Fakultät zu erwirken; wirklich setzte er 
die schleunige Berufung einer Fakultätsversammlung durch und 
verfocht hier wie auf einer zweiten Sitzung am folgenden Tage 
,,mit klaren Gründen, indem er zahlreiche Belege aus Fakultäts- 
statuten und Herkommen beibrachte und die Belege der gallischen 
Nation zerpflückte", die Sache seiner Zunft. Wiederum ergab sich 
die Parteistellung nach Nationalitäten: Pikarden auf der deutschen, 
Normannen auf der gallischen Seite; doch fanden die Gegner den 
Ausweg, aus Gefälligkeit (graciose) und ausnahmsweise, jedoch 
nicht grundsätzlich nachzugeben 1 . Aber das Examen von St. Gene- 
vieve blieb der Zankapfel der Nationen. Als Karl IV. im Januar 
1378 einige Tage in hochpolitischen Angelegenheiten in Paris weilte, 
baten ihn die Deutschen durch den Mund Heinrichs von Langen- 
stein, beim Papste die Beseitigung ihrer ungerechten Behandlung 
in St. Genovefa zu erwirken sccundum quod nostri vocarentur secun- 
dum merita personaram; offenbar glaubten sie also bei den Beru- 
fungen des Kanzlers zur Examenskommission benachteiligt zu 
werden 2 . Ihr weiterer Wunsch, den Namen „alemannische" statt 
„englische" Nation zu führen, zeigt, daß sie sich des vorwiegend 
deutschen Charakters ihrer Korporation bewußt waren 3 . 

Inzwischen aber bereitete sich schon das universale Ereignis 
vor, das die bestehenden Spannungen an der Pariser Universität 
schließlich zur Katastrophe steigern sollte. Um die offene Empö- 
rung Italiens zu beschwichtigen und der wilden Anarchie im Kirchen- 
staat zu steuern, hatte Gregor XI. schon Ende 1376 dorthin über- 
siedeln müssen; und angesichts der blutigen Kämpfe, in die er sich 
alsbald verstrickt sah, wurde die Fortdauer des avignonesischen 
Papsttums immer unwahrscheinlicher. Sicherlich hatte die Pariser 
Universität, auch wenn sie diese Entwicklung nicht voraussah, allen 
Grund, ihre alten engen Beziehungen zur Kurie jetzt mit verdoppel- 
tem Eifer zu pflegen. Spätestens seit Herbst 1376 plante sie eine 

1 1376, März 10 u. 11. Auct. I, 488-90. 

2 Über diese Verhältnisse vgl. Auct. I, p. XXXI.; das dort genannte 
primum examen ist das temptamen (nach Chart III, p. 307). Der Kanzler 
hatte also indirekten Einfluß auf die Zulassung zu den Prüfungen. 

3 Auct. I, 530 Ein dritter Wunsch ging auf Errichtung eines deutschen 
Kollegiums. 



22 Gerhard Ritter: 

neue Gesandtschaft an den Papst, deren näherer Zweck nicht 
bekannt ist; in der Hauptsache scheint es sich um die Sicherung 
irgendwelcher bedrohter Privilegien gehandelt zu haben 1 , jeden- 
falls aber nicht um einen Rotulus, obwohl man bei der Kränklich- 
keit Gregors XI. einen baldigen Papstwechsel erwarten mochte 2 . 
Es bezeichnet wiederum die angesehene Stellung des Marsilius, 
daß er in diesem wichtigen Augenblick zum ersten Gesandten 
bestimmt wurde. Anfang Mai 1377 war er noch in Paris anwesend; 
am 3. Juli wurde ein Reisebrief des Gesandten vor der Universität, 
Fakultät und Nation verlesen, am 26. ein zweiter, aus Avignon 
datiert, vor der Nation, auf den man am 7. August zu antworten 
beschloß, ohne daß uns der Inhalt aller dieser Schreiben erhalten 
wäre. Es müssen längere Verhandlungen mit den in Avignon 
gebliebenen Behörden der Kurie stattgefunden haben, denn noch 
Ende November erhielt die Universität von dort einen Brief des 
Marsilius 3 . Vermutlich erwartete er hier noch die Rückkehr Gre- 
gors XI. nach Frankreich. Erstaunlich, wie lange die Angelegen- 
heit sich fortschleppte: als Gregor im März 1378 starb, befanden 
sich die Gesandten noch immer an der Kurie und erlebten vielleicht 
die stürmische Wahl des Erzbischofs von Bari am 8. April aus 
nächster Nähe mit. Am 13. Juni beschloß die Nation an Marsilius 
und Heinrich von Thenis, seinen deutschen Mitgesandten, beide an 
der Kurie weilend, eine Aufforderung zu schicken, sie sollten alles 
aufbieten, um die noch immer nicht erledigte Beschwerde über das 
Examen von St. Genovefa zu betreiben; Kosten sollten nicht 
gespart werden 4 . 



1 Das Schreiben des Gesandten von 1378, Juli 27 fordert rechtskräftige 
Copien gewisser, nicht näher bezeichneter Privilegienbriefe, da die mitge- 
nommenen litterae publicae des Gonservators nicht ausreichen. Chart. III. p. 
554. 

2 Auct. I, 502 — 4, 508, 516 — 7. M. v. I. ließ sich am 5. V. 1377 vor der 
Abreise einen Platz auf dem Rotulus zusichern, si contigerit ipso existente 
in curia rotulum fieri seu papam mori. Ibid. 519. Daß der Auftrag an erster 
Stelle von der Universität, nicht von der Nation ausging, ergibt sich u. a. aus 
den Verhandlungen über die Finanzierung der Reise. Frühere Darstellungen 
wie Kneer und Thorbecke, setzten den Beginn der Reise ohne Kenntnis der 
Denifleschen Akten erst auf Frühjahr 1378 an. 

3 Auct. I, 523,529. Man beschloß Nov. 23 zu antworten ex superhabun- 
danti. 

4 Auct. I, 558 — 9. Über Henricus de Thenis s. auch Chart. III, nr. 1417, 
X. 1 — Eine Denkschrift über das Examen von St. Genovefa wurde mitge- 
schickt. 



Studien zur Spätscholastik. I. 23 

Solange der neugewählte Papst Urban VI. in seiner Würde 
nicht bestritten wurde, trug niemand in Paris Bedenken, sich um 
seine Gnadenbeweise zu bemühen. Bereits im April, noch ehe ihr 
der Vollzug der Papstwahl bekannt war, hatte die Universität 
einen Rotulus zusammengestellt; Gerhard von Calkar wurde zum 
Gesandten der alemannischen Nation gewählt 1 . Aber obgleich die 
Nuntien schon im Juni abreisten 2 , kamen sie zu spät. Noch vor 
ihrer Ankunft hatten sich die französischen Kardinäle, erbittert 
durch Urbaris brutales Auftreten gegen die Macht ihres Kollegiums 
und andere politische Ungeschicklichkeiten, nach Anagni begeben 
und brüteten dort über Plänen zu seinem Sturze. Die große Kirchen- 
spaltung bereitete sich vor. 

Aus diesem Augenblicke höchster Spannung besitzen wir ein 
Schreiben des Marsilius, datiert aus Tivoli^ den 27. Juli 3 , an die 
Universität und an alle ihre Nuntien gerichtet. Es atmet größte 
Aufregung, ja fast Verzweiflung. In hundert Jahren war die Kirche 
Gottes nicht in solcher Gefahr des Schismas, wie heute; möchte 
Gott das Unheil abwenden! Der Papst hat heil, aber sorgen- 
bedrängt und nur von vier italienischen Kardinälen begleitet, hier 
in Tivoli Residenz genommen. Des Marsilius eigene Verbindung 
mit dem päpstlichen Hofe scheint nicht allzu eng zu sein, denn er 
weiß nicht, daß drei der Herren bereits am Tage vorher nach 
Anagni abgereist waren. Er hat nur gehört, daß die 13 abgefal- 
lenen Kardinäle in Anagni dunkle Pläne schmieden und ihre 
italienischen Kollegen von Tivoli zu sich berufen haben. Auch 
daß der Abfall bereits seit einigen Tagen beschlossene Sache und 
schon am 15. Juli ein Bote aus Anagni zur Pariser Universität 
abgegangen war 4 , ist ihm nicht bekannt. Er gibt in der Haupt- 
sache nur Gerüchte wieder: ganz Italien und das Römervolk soll 
Urban als den rechtmäßigen Papst anerkennen; in Anagni da- 
gegen soll man eine Neuwahl planen, da die Wahl Urbans nicht in 
Freiheit erfolgt sei. Es ist aber nichts Bestimmtes darüber zu 
erfahren, und doch wäre Klarheit so dringend nötig! Jetzt hat die 
Königin von Sizilien (Johanna von Anjou, die spätere Feindin 

1 April 17: Auct. I, 538 — 9. Der rotulus sollte gerichtet sein ad p apain 
eligendum. Auch G. v C. wurde die Betreibung des gravamen super examine 
S. Genovefae aufgetragen. 

2 Am 12. VI. war G. v. C. noch in Paris, Auct. I, 557 — 9. 

3 Chart. III, nr. 1608, p. 553-5 

4 Lindner, I 88; Chart. III, nr. 1607; Valois I, 96, 101. 



24 Gerhard Ritter: 

Urbans) dem Papste bewaffnete Hilfe geschickt zu seinem Schutze 1 ,, 
und man sagt, daß er in 8 Tagen nach Rom zurückkehren wird. 
Ob es wahr wird ? Auch die Kardinäle zu Anagni haben sich mit 
Söldnerhaufen umgeben, meist Bretonen, man weiß nicht recht 
wozu, angeblich nur zu ihrem Schutze; beim Durchzug durch Rom 
hat dieses wüste Volk eine Menge Römer ums Leben gebracht (hier 
berichtet der Gesandte historische Tatsachen), und ein furchtbarer 
Haß der Römer gegen die Fremden, insbesondere die Franzosen,, 
ist die Folge; schon hat dieser Haß zahlreiche blutige Opfer gefor- 
dert. Kein Wunder, daß dem deutschen Professor übel zu Mute 
ist in dieser Umgebung! Könnte er nur bald wieder heim zu den 
Kollegen! Zum Dank gegen Gott würde er zwei Jahre lang kein 
Fleisch essen. Unerträglich sind die Kosten, überaus ernst die 
Gefahren dieser Reise. Und in der Tat muß das Reisen in Italien 
damals keine Freude gewesen sein: klagte doch noch nach Jahren 
der einzige Nuntius der Universität, von dem wir wissen, daß er 
außer Marsilius bis zur Kurie vordrang, Wilhelm von Oesterzeele,. 
über „große Mühe, viel Schaden und Widerwärtigkeit ohne Ende" 2 . 
Was tun in dieser Lage ? Marsilius wagt und vermag nicht, 
eine eigene Entscheidung zu treffen. Er bittet dringend um recht 
baldige Instruktion, zugleich um Ergänzung seiner nicht aus- 
reichenden Prozeßakten. Hier ist er von aller Welt abgeschnitten: 
der Advokat der Universität steckt in Anagni, der Prokurator auf 
dem Wege nach Avignon. Von dem Rotulus ist auch nichts zu 
hören; nur Wilhelm von Oesterzeele (der vermutlich im Auftrag 
der Mediziner reiste) war in Rom, ist aber auch nach Anagni mit 
den dissentierenden Kardinälen gezogen; die anderen Nuntien soll 
man in Avignon gesehen haben. Von einer „eindringlichen Mah- 
nung des Marsilius, an dem erwählten Papste festzuhalten", kann 
keine Rede sein 3 ; er ist selbst noch unsicher; in aufgeregtem 
Durcheinander der Erzählung schreibt er; aber freilich läßt sich 
wohl erkennen, auf welcher Seite seine Sympathien stehen. In 
allem Unglück, das er ringsum sich verbreiten sieht, weiß er doch 
ein Erfreuliches zu berichten: gestern hat der Papst feierlich die 
Wahl des jungen deutschen Königs approbiert und ihn zum künf- 
tigen Kaiser bestimmt, ohne . daß der Kaiser hierfür Gesandte 



1 Erst Ende August fiel sie von Urban ab, vgl. Valois I, 77. 

2 Chart. III, 1612. 

3 Gegen Thorbecke, p. 9, der den Abdruck von Boulaeus, IV. 466 
benutzte. 



Studien zur Spätscholastik. I. 25 

geschickt hätte. Der Wortlaut dieser Mitteilung 1 schließt nicht 
aus, daß Marsilius Kenntnis hatte von den monatelangen Bemü- 
hungen einer kaiserlichen Gesandtschaft unter Konrad von Wesel, 
die päpstliche Approbation für Wenzel zu erlangen. Die Herren 
hatten ihre 40000 Gulden Kauf summe vorschnell an Gregor XI. 
ausgegeben und saßen seit der Neuwahl mit leeren Händen da; 
von Urban noch im Juni in schroffstem Tone abgewiesen, waren 
sie zum Teil abgereist, während der Führer sich zu den dissen- 
tierenden Kardinälen nach Anagni begeben hatte und erst in der 
höchsten Bedrängnis des Papstes, als Urban von den meisten Kar- 
dinälen verlassen war, nach Tivoli zurückgerufen wurde. Die eilige 
und notgedrungen formlose Art, in der nunmehr Urban die Appro- 
bation dem Gesandten Konrad von Wesel geradezu aufnötigte, ohne 
das Eintreffen der früher von ihm verlangten feierlichen Gesandt- 
schaft abzuwarten, fiel auch andern Beobachtern auf 2 . Falls unser 
Professor mit den deutschen Gesandten schon in Rom Verbindung 
angeknüpft hat, wird er vielleicht auch den gelehrten Bischof 
Eckard von Dersch kennen gelernt haben, der später bei der Grün- 
dung der Heidelberger Universität eine so erhebliche Rolle spielen 
sollte 3 . 

Für seine Biographie ist schon die Tatsache interessant, daß 
er es vorzog, nicht mit Wilhelm von Oesterzeele nach Anagni, 
sondern mit Urban VI. nach Tivoli zu gehen. Das Verhalten der 
verschiedenen Nuntien der Pariser Universität macht es überhaupt 
wahrscheinlich, daß sie schon frühzeitig den politischen Charakter 
der Opposition gegen Urban durch alle Vertuschung hindurch- 
fühlten: Italien stand auf Seite Urbans, der deutsche König ver- 
handelte mit ihm als rechtmäßigem Papste und entfaltete sofort 
nach Bekanntwerden der Spaltung des Kardinalskollegiums eine 



1 Chart. III, 554; Papa heri publice in consistorio confirmavit elec- 
tionem factam de rege Almanorum per electores et ipsum pronunciavit futurum 
ünperatorem, quamvis ex parte imperatoris nulli ambassiatores pro illo fuerinU 
missi. Das pro illo könnte sich auf den feierlichen Akt der Approbation allein 
beziehen. S. d. Folgende. 

2 Steinherz, p. 616 — 619 nach dem Bericht Konrads von Wesel (bei 
Gayet II, 179 — 181). Übrigens handelte es sich vorerst nur um eine münd- 
liche Approbation, während Urban mit der Approb. -Urkunde noch weiter 
Schacher trieb. 

3 Nach Steinherz p. 611 traf Eckard bereits Mitte Juni wieder bei 
Karl IV. ein. Vgl. auch D. R. T. A. I. nr. 85 und danach Wiemann, der 
indessen das Zusammentreffen mit M. v. I. nicht erkennt. 



26 Gerhard Ritter: 

lebhafte Agitation für ihn 1 — die französischen Kardinäle waren es, 
von denen die Opposition ausging. Und da entschied nun — soweit 
sich erkennen läßt — nicht so sehr die gemeinsame Zugehörigkeit 
zu der französischen Hochschule, als die nationale Herkunft über 
das Verhalten der einzelnen Gesandten: während die der nicht- 
deutschen Nationen unentschlossen in Südfrankreich die Rückkehr 
des Papstes nach Avignon erwarteten oder gar sich der Opposition 
in Anagni in die Arme warfen, kehrte Gerhard von Calkar ohne 
Erledigung seines Auftrags noch vor Ende September nach Paris 
zurück 2 . Marsilius von Inghen aber, der am 21. Februar 1379 
durch einen Kollegen in der deutschen Nation sich vertreten ließ, 
also wohl noch nicht in Paris weilte 3 , erscheint seitdem überhaupt 
nicht mehr in den Akten der Universität. 

Es bleibt dunkel, aus welchem Grunde. An ein vorwiegend 
theologisches Studium zu denken, das ihn der Teilnahme an den 
Geschäften seiner Nation und damit ihren Aktenmitteilungen ent- 
zogen hätte, verbietet schon die Tatsache, daß er 1386 noch nicht 
als Bakkalar der Theologie bezeichnet wird. Aber auch seine 
ungenaue Kenntnis der späteren Vorgänge an der Universität, wie 
sie seine Darstellung von 1391 zeigt, die ich unten im Anhang 
abdrucke, spricht mehr gegen als für die Annahme eines weiteren 
Pariser Studiums. Eher möchte man einen längeren Aufenthalt 
in Italien vermuten, da dieselbe Denkschrift eine immerhin auf- 
fallende Kenntnis einzelner italienischer Ereignisse der nächsten 
Jahre zeigt. Entscheidend aber ist für unser Urteil die Entwicklung 
der Verhältnisse an der Pariser Universität: es ist schlechthin 
undenkbar, daß Marsilius in der nun folgenden Epoche gewaltigster 
Spannung, deren Verlauf wir aus den Akten bis ins einzelne ver- 
folgen können, keinerlei Rolle gespielt haben sollte, falls er noch 
Pariser Lehrer war. Da er aber später zu diesen Dingen theoretisch 
und praktisch sehr entschieden Stellung genommen hat, müssen 
wir gleichwohl noch einen Blick auf ihre Entwicklung werfen. 



1 Lindner I, 91. 

2 Auct. I, 562 — 3. Chart. III, nr. 1419 N. Das nationalfranzösische 
Interesse an der Wahl Clemens' VII., insbesondere bei Karl V., halten die 
deutschen Forscher gegen den Widerspruch von N. Valois für erwiesen. 
Vgl. Haller, cap. 2; B. Bess, p. 48 ff. ; Hauck, K. G. V, 2, 682 ff. 

3 Auct. I, 570. Es handelt sich um die Anforderung von rückständigen 
20 Franken Reisegeld für eine Gesandschaft nach Avignon zu Gregor XI. 
(wohl 1377). 



Studien zur Spätscholastik. I. 27 

Alles, was bisher schon die Nationen an der Hochschule gegen- 
seitig in Harnisch gebracht hatte, erhielt für die Deutschen jetzt 
vollends seine erbitternde Schärfe, seit das am 20. September 1378 
neu erstandene avignonesische Papsttum infolge der Beschränkt- 
heit seines Wirkungsbereiches zu einem Werkzeug der französischen 
Politik herabsank. Auch für die gallische Kirche wurde das schis- 
matische Papsttum, das mit seinen ungemessenen finanziellen An- 
sprüchen auf ihr allein lastete, bald genug zu einer seufzend 
ertragenen Last, und es sollte der Tag kommen, an dem niemand 
eifriger die von deutschen Professoren zuerst verkündeten konzi- 
liaren Reformideen verfocht, als die Hochschule Frankreichs. Aber 
in den ersten Jahren des Schismas empfanden die französischen 
Lehrer weit mehr die Annehmlichkeit, als treue Söhne ihres natio- 
nalen Papstes mit Pfründen wohl versorgt zu werden, während die 
Stellung der Deutschen von Anfang an beengt war. Als Inhaber 
deutscher Benefizien und Pfründen konnten sie nicht anders, als 
dem römischen Papste anhängen, soweit ihre Landesherren und 
damit regelmäßig auch ihre heimischen Kirchenbehörden dieser 
Obedienz folgten. Der französische König aber und ihm folgend 
die Universität forderten und gelobten Treue gegen Clemens VIL, 
der seinerseits mit allen Machtmitteln solche Gefolgschaft zu er- 
zwingen suchte. Eine Zeitlang mochte man hoffen, mit Neutralitäts- 
erklärungen auszukommen, solange nämlich, als der politische 
Druck noch gelinde war und die Universität selbst noch in ihrer 
Haltung schwankte. Konrad von Gelnhausen und Heinrich von 
Langenstein, jetzt als Gerhard von Calkars Freund an Stelle des 
Marsilius der Berater der deutschen Nation, versuchten die Univer- 
sität für einen solchen Ausweg zu gewinnen; sie proklamierten 
über die passive Neutralität hinaus das Konzil als Entscheidungs- 
instanz. Im Grunde war aber diese Lösung des Problems für die 
Deutschen schon erschwert durch die offizielle Entscheidung des 
deutschen Kurfürstentages für Rom vom 27. Februar 1379, die 
auf die Pariser Magister sichtlich großen Eindruck machte 1 . 
Durch ihre berühmten Denk- und Flugschriften suchten deshalb 
Langenstein und Konrad von Gelnhausen vergeblich Karl V. und die 
deutschen Fürsten für ein Konzil umzustimmen, und es ist neuer- 
dings sehr wahrscheinlich gemacht 2 , daß Gelnhausens beide Trak- 

1 Deutsche Reichstagsakten I, 232 ff. Beschlüsse d. deutschen Nation 
vom 30. April: Auct. I, 578-9. 

2 Bliemetzrieder, Literar. Polemik, p. 88 ff. 



28 Gerhard Ritter: 

täte mit einem Begleitschreiben schon 1380 oder 1381 auch an 
Kurfürst Ruprecht I. von der Pfalz abgingen; hier knüpft sich 
ein erstes sichtbares Band von dem Kreise dieser Pariser Magister 
nach Heidelberg hinüber. — Aber auch als die gesamte Univer- 
sität, in ihrem Selbstbewußtsein gehoben durch ihren großen 
Erfolg im Streite mit dem Probst von Paris Ende 1380 und viel- 
leicht bedrängt durch den Doppeldruck hoher geistlicher und welt- 
licher Steuern 1 , zu Anfang 1381 auf den Boden der Konzilsidee 
übertrat, wagten die deutschen Artisten keine so klare Entschei- 
dung: sie behielten sich ausdrücklich vor, auf die Meinung ihrer 
urbanistisch gesonnenen heimischen Landesherren Rücksicht zu 
nehmen 2 . Die bald darauf einsetzende brutale Verfolgung aller 
Anhänger der Konzilsidee und aller Urbanisten durch den Regenten 
Ludwig von Anjou traf auch die andern Nationen; allein die 
Deutschen vermochten nicht wie die andern durch Rückkehr zu 
Clemens VII. dem Sturm auszuweichen und eine günstigere Welle 
der innerpolitischen Wirrnisse Frankreichs abzuwarten. Ihnen 
wurde der Boden immer heißer. Ihr Verzicht auf die Teilnahme 
an den rotuli, notwendig geworden seit ihrer Isolierung (zusammen 
mit den Vlamen) im Mai 1379, war an sich schon ein schwerer 
Entschluß; unbequem war besonders für die Theologen, daß 
Clemens VII. seit 1379 wie selbstverständlich ebenso in Universitäts- 
fragen hineinregierte, wie sein Vorgänger 3 . Die päpstliche Ermäch- 
tigung für den Bischof von Paris, den urbanistischen Universitäts- 
mitgliedern ihre Pfründen (in seiner Diözese?) zugunsten clemen- 
tistischer zu nehmen, traf die Deutschen wohl nicht unmittel- 
bar, war aber immerhin eine schwere Drohung 1 . Aus dem 
Jahre 1383 ist uns die Klage erhalten, daß zureisende deutsche 
Studierende in Frankreich angehalten und als Schismatiker 



1 Dieses Motiv wird gegen Denifle bestritten durch N. Valois I, 337. 

2 Auct. I, 608. 1381 Mai 20 Es ist in diesem Zusammenhang interessant, 
daß die beiden einzigen deutschen Magister, die sich in den an Clemens VII. 
gerichteten rotulus von 1379 eintrugen, ihre Pfründen in Diözesen zweifel- 
hafter Obedienz, nämlich Constanz u. Straßburg liegen hatten! Vgl. über 
diese Diözesen H. Haupt, p. 29 ff. u. 273 ff ■- Den Beschluß d. natio Angl. 
vom 20. V. 81 bringt Bliemetzrieder Generalkonzil p. 89, in Verbindung mit 
der im Frühjahr 1381 in Paris weilenden Gesandschaft Wenzels, die für 
Urban VI. warb. 

3 Beispiele aufgezählt von Denifle. Chart. III, p. XXIII. 

4 Chart. III nr. 1638. Dazu die Mahnung Clemens' VII. an die Theo- 
logen: ibid. nr. 1643. 



Studien zur Spätscholastik. I. 29 

ihrer Habe beraubt würden 1 . Zur entscheidenden Krisis aber 
führte auch jetzt wieder der Streit um die Promotionen. Der 
von Clemens VII. im Juli 1381 eingesetzte, übrigens persönlich 
unwürdige Kanzler von Notredame Johannes Blanchart 2 hatte 
apostolischen Auftrag, keinen Urbanisten zur Promotion zuzu- 
lassen, und die Deutschen weigerten sich infolgedessen ihrer- 
seits, die von ihm Promovierten anzuerkennen 3 . Dieser Kampf 
war umso gefährlicher, als gleichzeitig die Kurie von Avignon den 
urbanistisch gesinnten Kanzler von St. Genovefa absetzen und 
durch einen ihrer Anhänger ersetzen ließ. Der Versuch der Deut- 
schen, trotz dieses Eingriffs unter ihrem früheren Kanzler Prü- 
fungen und Promotionen abzuhalten, scheiterte ungeachtet der 
Unterstützung durch Pikarden und Normannen (die anscheinend 
durch die Ungewöhnlichkeit des Verfahrens aufgebracht waren). 
Auf Beschwerde der gallischen Nation verurteilte das Pariser 
Parlament im Juli 1382 kostenpflichtig die obstruierenden Nati- 
onen 4 . Damit war den Anhängern des römischen Papstes jede 
Möglichkeit zur Promotion in Paris genommen. Eine ungeheure 
Erregung der Deutschen war die Folge; mit Mühe mußten die 
Scholaren von blutigen Gewalttätigkeiten gegen die Magister der 
französischen Nation zurückgehalten werden. Schon seit Beginn 
des Schismas hatten dauernd einzelne deutsche Magister die Hoch- 
schule verlassen. Aus dem Jahre 1381 hören wir von dem Plane 
König Wenzels, mit Hilfe der Vertriebenen in Prag eine Art 
Gegenuniversität zu begründen 5 . Im folgenden Jahre kam eine 
solche Gegengründung wirklich zustande: in Wien, und nicht 
weniger als neun Pariser Lehrer siedelten sogleich dorthin über. 
Die große Auswanderung der Deutschen erreichte jetzt ihren Höhe- 
punkt. Im September 1382 weist die Aufzählung der Regenten 
der natio Anglicana fast lauter neue Namen auf 6 . Begreiflich! 
denn die Atmosphäre wurde seit dem Spruch des Parlamentes 



1 Auct. I, 654. 

2 Die Darstellung von Hartwig I 49 über ihn ist in allen Punkten nach 
Chart. III, insbesondere p. 340, zu berichtigen. 

3 Chart. III, 1461, N. ; Auct. I, 618-21. 

4 Auct. I, 614-19, 624. Chart. III nr. 1468. 

5 Chart. III, nr. 1642 nach Höfler, Hus.-Vgl. auch Auct. I, 659 N. 5, 
wo Denifle seine eigene frühere Darstellung (Universitäten I 613 ff.) still- 
schweigend antiquiert. Neue Quellen für das allmähliche Eintreffen der Ma- 
gister in Wien 1379 — 82 hat K. Schrauf, p. 975 ff. erschlossen. 

6 Auct. I, 625. 



30 Gerhard Ritter: 

unerträglich. Höchst unerquickliche Streitigkeiten innerhalb der 
Korporation, mit den schottischen und einigen clementistisch geson- 
nenen, intrigierenden deutschen Mitgliedern, verschärften die Lage 
noch mehr. Schon seit 1381 verlangte die Universität Teilung in 
der Verwaltung des Archivs zwischen deutschen und schottischen 
Magistern : so stark war das gegenseitige Mißtrauen schon gestiegen 1 ! 
Jetzt, im Oktober 1382, kam es zu offenem Bruch. Bei der Beratung 
über die Frage, ob ein Rotulus an Clemens VII. abzusenden sei, 
gingen die Unzufriedenen in offener Universitätsversammlung in 
das Lager der Gegner über: sie riefen den Rektor und die Uni- 
versität zu Hilfe gegen ihre eigene Korporation, deren Mehrheit 
auf dem alten Standpunkt verharrte, und hatten damit vollen 
Erfolg: in rücksichtsloser, ja demütigender Form, ohne Beachtung 
zwang der Rektor Johannes Luqueti der Nation die Zurücknahme 
ihrer Beschlüsse auf: sie mußte die Promotionen des schismatischen 
Kanzlers nachträglich sämtlich anerkennen; ja man drohte ihr 
mit Vornahme des Aktes vor versammelter Universität, ihrem 
Kassenwart, dem alten Jordanis de Clivis, mit Haftbarkeit für alle 
nicht eingezogenen Gebühren 2 ! Die Opposition hatte ihr Ziel 
erreicht. Gegen Ende des Jahres besaß sie die unbestrittene Mehr- 
heit im Konvent, und Johannes Luqueti, der auf allgemeine Betei- 
ligung an dem neuen Rotulus gedrängt hatte, sah jeden Wider- 
stand beseitigt. Selbst einer offenen Erklärung der Universität 
für den Gegenpapst widersprach die natio Anglicana, wenn auch 
unter gewissen Klauseln, nicht länger 3 . Aber mit ihrer äußeren 
und inneren Bedeutung war es zu Ende. Von der Unwissenheit 
des neuen Prokurators zeugt das Latein seiner Akten; kleinliche 
Gehässigkeiten erfüllen jetzt die Verhandlungen. Zu Anfang des 
neuen Jahres fehlte der Kasse sogar das Geld nicht nur zu den 
gewohnten Frühschoppen, sondern ebenso zur Bestellung des 
gewöhnlichen Gesandten und zur gemeinsamen Bestreitung der 
Kosten des Rotulus 1 . Bald schweigen die Akten völlig, um erst 
im Jahr 1392 von neuen, für die Gegner Avignons weit günstigeren 
Verhältnissen zu erzählen. Bis dahin überließen die Deutschen 
den andern das Feld. Die Periode höchsten politischen Glanzes 



1 Auct. I, 672. 2 Ibidem 628-32. 

3 Auct. I, 636-7, 640-52 passim, 654. Chart. III, nr. 1650-1. 

4 Verhandlungen: Auct. I, 633, 644-6, 651, Leere Kasse: ibid. 653, 
651, 643. Der rotulus von 1387 weist nur 4 Mitglieder der natio Anglicana auf. 



Studien zur Spätscholastik. 1. 31 

bei wissenschaftlichem Rückgang begann für die französische Uni- 
versität: die Periode Peter d'Aillys, des politischen Strebertums. 
So geschah es, daß die universale Hochschule der abendländi- 
schen Christenheit ebenso auseinander brach, wie der Bau der 
kirchlichen Hierarchie selber. Was Italien mit seinen alten Univer- 
sitäten von jeher besaß, was England sich längst in der Stille 
geschaffen hatte, das begannen jetzt auch die Deutschen, von 
außen her auf sich selbst zurückgeworfen, sich zu begründen: eine 
nationale Wissenschaft. Niemand hat die Größe dieses Vorgangs 
lebendiger empfunden als Heinrich von Langenstein, der Gründer 
von Wien: jelix scisma, nimiumqiie beatum, quo sie elevamur..., 
quo lauter sedentibus in tenebris effulsit lumen sapiencieJ 1 Wenn er 
in einem offenen Briefe den deutschen König von Paris aus 
aufruft, dem Kaisertum neuen Glanz zu geben durch Beseitigung 
des Schismas, so bricht in seiner Polemik gegen den unerträglichen 
Dünkel der Franzosen, die auf die rohen, unwissenden Deutschen 
so tief herabblicken, durch alle Petrarca nachgesprochenen Wen- 
dungen doch ein eigenes nationales Pathos durch, das überraschend 
wirkt und die Heftigkeit der Gegensätze noch heute spüren läßt 2 . 
Wie verhielt sich zu alledem Marsilius von Inghen ? Er hat 
keine umfangreiche publizistische Tätigkeit entfaltet wie Langen- 
stein; offenbar war er in höherem Maße reiner Gelehrter als dieser 
streitbare Kirchenmann. Eine Denkschrift von 1390, die er wahr- 
scheinlich für den pfälzischen Kurfürsten schrieb, zeigt ihn uns 

1 Aus dein Sehreiben an Friedr. v. Brixen, ed. Sommerfeldt Mitt. d. 
öst. Inst., Erg. Bd. 7, p. 469. Die Stelle ist wiederholt in dem Schreiben an 
Pfalzgraf Ruprecht, ed. Sommerfeldt Z. G. O. 22, p. 311. Die Datierung des 
erstgenannten Schreibens auf 1384 halte ich für unsicher. Die p. 469 genannten 
3 Universitäten sind doch wohl Wien (dessen Glanz p. 366/67 erwähnt wird!), 
Prag, Heidelberg (1386), sicher nicht Köln (gegründet 1388/9)! Da Leopold 
III. 1386 starb, müßte also Heinrich den Heidelberger oder Erfurter Grün- 
dungsplan gekannt haben? 

2 Vermutlich 1381; nur als Ergänzung zu einer Konzilsschrift begreiflich, 
da ohne ausgesprochenes polit. Ziel, ed. Sommerfeldt, Mitt. d. östr. Inst., 
Erg. Bd. 7, 436 ff. Das interessante Schreiben bedarf dringend einer quellen- 
kritischen Untersuchung. Große Stücke sind aus Petrarca, de vita solitaria, 
lib. II, cap. II — VI wörtlich entnommen (Opera, Basel 1554, p. 305 ff.). - 
Ein interessantes Schlaglicht auf das Anwachsen der nationalen Gegensätze 
an der Pariser Universität im XV. Jahrhundert wirft u. a. eine Notiz aus dem 
Jahre 1444: bei der Rektorwahl geraten französische und normannische Ver- 
treter so heftig aneinander, daß der Franzose dem anderen die Kehle zudrückt 
u. die Hand verwundet! Budzinsky, 38 (nach Jourdain, index chartarum). 



32 Gerhard Ritter: 

aber als heftigen Gegner Clemens' VII. Sie steht in bewußtem 
Gegensatz zu den Konzilsideen Heinrichs von Langenstein, dessen 
Zweifel, ob die Rechtmäßigkeit eines der Päpste sich erkennen lasse, 
sie widerlegen will; und wenn sie tatsächlich als Gegenschrift 
gegen Heinrichs Aufruf an den Pfalzgrafen bestimmt war 1 , so 
stellt sich Marsilius geradezu den Versuchen des Publizisten in den 
Weg, die deutschen Fürsten für eine Behebung des Schismas durch 
ein Konzil zu gewinnen. Man kann sich darum vorstellen, warum 
er als einer der ersten Deutschen Paris nach Ausbruch des Schismas 
verlassen hat: der Weg der Neutralität und des Konzils war für 
ihn nicht gangbar; er war von der Sache Urbans überzeugt. Auch 
persönlich hat er die Feindschaft des Avignonesers erfahren: auf 
Anzeige des clementistischen Grafen von Cleve, der ihn als einen 
der eifrigsten Urbanisten denunzierte, wurde ihm 1382 durch päpst- 
liches Dekret eine Pfründe in Emmerich entzogen — ob mit 
Erfolg, wissen wir nicht — und ähnlich erging es ihm mit Kölner 
und Bonner Pfründen, die er aber zum Teil bei seinem Tode noch 
tatsächlich innehatte 2 . Seinen lebhaften Anteil an den Pariser 
Ereignissen zeigt die genannte Denkschrift sehr deutlich: er meinte 
sieb das Verfahren des Rektors Luqueti nur durch Bestechung mit 
einer Pfründe erklären zu können 3 , und er berichtet über die aus- 
gewanderten Magister mit sichtlicher Kenntnis, vor allem über 
die Auswanderung der ersten Jahre. Alles in allem gehört die 
Denkschrift zu den heftigsten Äußerungen urbanistischer Gesin- 
nung, die wir besitzen. Auch den Haß der deutschen Magister 
gegen den Kanzler Johannes Blanchart hat er offenbar redlich 
geteilt ; es wird nicht ohne seine Mitwirkung geschehen sein, wenn 
die junge Universität Heidelberg gleich im ersten Jahre ihres 
Bestehens den aussichtslosen Versuch machte, den Kardinallegaten 
Urbans VI., Philippe d'Alencon, zu einer Nichtigkeitserklärung aller 
Promotionen dieses Kanzlers für die Länder urbanistischer Obe- 
dienz zu veranlassen, und wenn sie praktisch diese Ablehnung 
gegenüber 6 Pariser Magistern durchführte 4 . 

1 Über diese Frage wie über die Datierung s. Anhang I. 

2 Vgl. oben S. 8 N. 1. Vgl. auch die Dekrete CT. VII. an die Grafen 
von Cleve u. Mark 1382 bzw. 1385, die Urbanisten ihres Territoriums durch 
Pfründenentziehung zu verfolgen. Sauerland VI, nr. 1404 — 8, nr. 1420 — 24. 

3 S. Anhang I, auch über die Frage, welchen rotulus M. v. I. an dieser 
Stelle gemeint habe und über die strittige Richtigkeit seines Verdachtes. 

4 A. u. I, fol. 40-41. Toepke I, 20, Hautz II. 334, U. B. II, nr. 35, 39; 
s. auch Chart. III, nr. 1655 — 8. 



Studien zur Spätscholastik. I 33 

Völlig unklar bleibt der Aufenthalt des Marsilius während 
dieser Jahre. Man möchte ihn für den Pariser Magister halten, 
der 1381 mit König Wenzel und Johann von Jenzenstein in Frank- 
furt über eine urbanistische Gegengründung gegen die Pariser 
Universität beriet 1 ; doch fehlt hierfür jeder positive Anhalt. Nach 
Prag deutet eine Erfurter Handschrift 2 , doch schweigen die ge- 
druckten Akten der dortigen Universität so völlig, daß auch diese 
Spur sich sogleich ins Dunkel verliert und ungangbar erscheint. 
Vielleicht hilft uns eine Notiz seines großen Sentenzenwerkes auf 
den richtigen Weg: er nennt gelegentlich einen Jacob us de 
Erbaco, Verfasser eines Sentenzenkommentars, als seinen Lehrer 3 ; 
sollte damit etwa der gelehrte Abt von Eberbach, Jakob von Elt- 
ville gemeint sein, der um 1383 den aus Paris ausgewanderten 
Heinrich von Langenstein bis zu seiner Übersiedlung nach Wien 
beherbergte ? Da Abt Jakob sein Studium in Paris an dem St. Bern- 
hardskolleg des Zisterzienserordens betrieb, läßt sich ein Lehrer- 



1 Chart. III, nr. 1642. Heinrich von Langenstein ist wohl nicht gemeint, 
da er erst 1382/3 nach Deutschland ausgewandert zu sein scheint. (Hand- 
schriftennotizen bei Kne er, p. 89, N. 2, Hartwig I, 57/58 u. II, 31, Sommer- 
feldt Mitt. 29, 291 ff., Erg. Bd. 7, 436. Schrauf, Stadt Wien II, 2 p. 976, 
980). Für Heinrich von Oyta spricht seine frühere Lehrtätigkeit in Prag. 

Vgl. SOMMERFELDT, Mitt. 25, p. 581 ff. 

2 Hs. nr. 11, Bl. 142: Expl. quest. libri priorum reverendi magistri Mar- 
silii reportata Präge per manus Ulrici dicti Murnawer sub a. D. 138-5 in 
vigilia s. Galli [oct. 15] hora quinta. Handelt es sich um Abschrift nach frem- 
den Heften oder um eine kurze Gastrolle des M. v. I. in Prag, der ja schon 
1386 den ersten Lehrer aus Prag herüberzog? Auffallend ist auch das Er- 
scheinen einer logischen Vorlesung des M. v. I. unter den um 1380 in Prag 
gesammelten Kollegheften des B. Zalow (dessen Hand läßt sich mit hoher 
Wahrscheinlichkeit vermuten, wie ich durch Prof. Thiele, Stettin erfahre) 
in cod. 5 des Marienstiftsgymnasiums Stettin, Bl. 194 — 211. (Lemcke, p. 5) 
s. u. Hs. nr. 20. 

3 1. s. IV, qu. 1, art. III, Bl. 475 v : hone memorie, unter Anführung einer 
Stelle aus dessen Sentenzenkommentar. Ein Sentenziar dieses Namens ist 
m. W. nicht bekannt. Sollte nicht der Jacobus de Elbach, ord. Cist., der zur 
Zeit des Joh. de Calore, 1370 — 81, in Paris promovierte und zum Ordens- 
general der Augustinereremiten anscheinend Beziehungen unterhielt (M. v. 
I. teilte die wissenschaftliche Grundrichtung dieses Ordens!) — Chart. III, 
p. 412 — gleichfalls identisch sein mit Jacobus de Altavilla, der 1373 ebendort 
promovierte, dem späteren Eberbacher Abte? Auf letzteren paßt das bone 
memorie, da M. v. I. um die Zeit seines Todes (1393) schrieb (s. u.!). Über 
ihn u. seinen (verlorenen) Sentenzenkommentar s. Tritheim, Script, eccl. 
259, Roth, H. Ib. VII, 227. Falk, ibid. XV, 520. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Abh. 3 



34 Gerhard Ritter: 

Verhältnis zu unserm Professor eher in dem gastfreien rheinischen 
Kloster als dort an der Universität vorstellen. 

Dann hätten wir also in der Tat hier am Mittelrhein ein enges 
Zusammenleben der bedeutendsten, aus Paris vertriebenen deut- 
schen Gelehrten, die Pläne schmiedend ihrer Stunde warteten. 
Denn von Langenstein wissen wir, daß er damals bei mehreren 
rheinischen Prälaten verkehrte und zum mindesten briefliche Be- 
ziehungen unterhielt zum Hofe des Wormser Bischofs Eckard von 
Dersch 1 , an dem er Konrad von Gelnhausen, den Wormser Dom- 
probst und Mitkämpfer im Streite für das Generalkonzil, wieder- 
traf. Wie leicht konnte dieser Kreis bedeutender Männer aus dem 
nahen Ladenburg hinüberwirken zum Heidelberger Hofe, mit dem 
Konrad von Gelnhausen schon seit langen Jahren in engster Ver- 
bindung stand! 2 

Und somit schlägt sich — wenigstens in den Umrissen erkenn- 
bar — eine Brücke hinüber zu dem neuen Wirkungskreise unseres 
Gelehrten. Sein Erscheinen am Hofe des Pfalzgrafen bei Rhein 
ist weitaus die wichtigste Tatsache seines Lebens. Hier war er be- 
rufen, mit der Tat das Monopol der schismatisch gewordenen Pariser 
Universität für den deutschen Westen zu erschüttern und darüber 
hinaus an der Loslösung der deutschen Wissenschaft vom Auslands- 
studium überhaupt mitzuwirken. Denn die Neugründung der 
Heidelberger wie der fast gleichzeitig erneuerten Wiener Hoch- 
schule wurde gleichsam das Signal für eine schnelle Folge deutscher 
Universitätsgründungen, die längst als ein Bedürfnis der Zeit 
erkannt war und jetzt sich verwirklichte. 



1 Notiz auf einer Wiener Hs., zitiert bei Denis I, col. 321 u. 820. 
Danach bei Hartwig I 58 n. 1 u. II, 3; Aschbach I, 375 u. oft wiederholt 
andernorts. Der Abdruck des betr. Schreibens an Eckard von Dersch durch 
Sommerfeldt Hist. Jb. 30, p. 43 bringt diese wichtige Notiz nicht; es scheint 
also, daß der Herausgeber nur eine Prager Abschrift benutzt hat! Vgl. ferner 
Falk, p. 517 ff. — Gottlob u. Wiemann bringen nichts wesentlich Neues. 
Der von Wiemann p. 67 als angebliches Mitglied des Wormser Prälatenkreises 
genannte Heinrich de Hassia der Jüngere kam erst 1400 nach Heidelberg 
(Toepke I, 75) und besaß die Neuhauser Pfründe als Heidelberger Lehrer! — 
Die von Thorbecke p. 6* a. 10 zitierte Stelle bei Aschbach ist offensichtlich 
wertlos und geht vermutlich auf eine irrige Auslegung d. Jenzensteinschen, 
aus Frankfurt datierten Briefes v. 1381 (Chart. IIP nr. 1642) zurück. 

2 In einer Supplik der päpstl. Register von 1360, Jan. 7 erscheint er 
bereits als servitor Ruperti senioris comitis Rheni Palatini. Jahrb. d. G. f. 
lothr. Gesch. XXI, 2, p. 350. 



Studien zur Spätscholastik. I. 35 

Die Darstellung der allgemeinen geschichtlichen und der beson- 
deren politischen Zusammenhänge, in denen die Gründung der 
Universität Heidelberg erfolgte, muß der Geschichte dieser Hoch- 
schule selbst überlassen bleiben. Auch die organisatorische Tätig- 
keit ihres ersten Rektors habe ich im einzelnen erst dort zu erörtern. 
Hier soll nur in den Hauptzügen der engere Lauf seines Lebens 
weiter verfolgt werden. 

Obgleich uns die Motive des alten Pfalzgrafen Ruprecht I. für 
die Stiftung seiner Universität nicht ausdrücklich überliefert sind, 
so ist doch keine Frage, daß die bewußte Gegnerschaft gegen das 
avignonesische Papsttum dabei eine höchst wesentliche Rolle ge- 
spielt hat. Keiner unter den deutschen Fürsten hat mit solcher 
Entschiedenheit den Kampf mit diesem Gegner geführt wie der 
Pfälzer. Die Gefahr des kirchlichen Schismas wurde hier am Rhein 
unmittelbar zu einer politischen: am Bodensee, im Elsaß, in Loth- 
ringen, in der Westpfalz und endlich am Niederrhein — überall 
bedeutete der Abfall nach Avignon zugleich ein Vordringen fran- 
zösischen Einflusses. Während des Kampfes mit dem schismati- 
schen Erzbischof Adolf von Mainz (1380), in dessen Diözese fast 
gleichzeitig Clemens VII. die Universität Erfurt zu begründen 
suchte und dessen Ernennung für Speier das Schisma in Ruprechts 
nächste Nähe trug, war die kirchliche Verwirrung in den Ländern 
des Kurfürsten ganz unerträglich geworden 1 . Dem gegenüber gab 
es für den Pfälzer nur eine Politik: Stärkung und Ausbreitung der 
römischen Obedienz mit allen Mitteln. Sein Schreiben an den 
französischen König von 1379, seine Haltung auf den Reichstagen 
der nächsten Jahre, seine führende Rolle in dem ,,Urbans- 
bunde" von 1379 und dem späteren Weseler „Kurfürstenbund" zur 
Abwehr des Schismas — das alles läßt an seinen politischen Ab- 
sichten gar keinen Zweifel. In diesem Zusammenhang mögen die 
Wormser Prälaten den Pfalzgrafen unmittelbar auf Marsilius von 
Inghen als Gehilfen bei der Begründung der geplanten urbani- 
stischen Universität hingewiesen haben 2 . Freilich vertrat dieser die 
Gefolgschaft des römischen Papstes viel entschlossener als Langen- 
stein und Konrad von Gelnhausen. Aber eben darum war er der 
rechte Mann für die Pläne Ruprechts I. 

1 Flugschrift aus der Mainzer Diözese um 1380, hg. v. Bliemetzrieder. 
Mitt. 30, 509; ähnlich das Chronicon Maguntinum, ed. Hegel, p. 45/6. 

2 Über Gelnhausens Schreiben an Ruprecht I. 1380/1 s. o. p. 28. Über 
Heinrich von Langensteins Sendschreiben an den Pfalzgrafen von 1390/1 s. 
Anhang I. 



36 Gerhard Ritter: 

Ob er schon 1385 bei der Supplik an Urban VI. um Genehmi- 
gung und Privilegierung des neuen Generalstudiums mitgewirkt 
hat, läßt sich nicht entscheiden. Am 26. Juni 1386, zwei Tage 
nach Eintreffen der päpstlichen Stiftungsbulle auf Schloß Wersau, 
wird er bereits in den ,, geschworenen Rat" des Kurfürsten auf- 
genommen und mit einem festen Gehalt von 200 Gulden, also 
ganz auffallend hoch im Vergleich zu den sonstigen Professoren- 
gehältern 1 , besoldet, und zwar aus regelmäßigen kurfürstlichen 
Einnahmequellen, nicht aus den üblichen kirchlichen Pfründen 2 . 
Als pfafje des Pfalzgrafen wird er angestellt, unsers Studiums 
ein anlieber und regirer zu sein. Der früheste Bericht über die 
Anfänge der neuen Hochschule stammt aus seiner Feder, wohl im 
Frühjahr 1387 niedergeschrieben, knapp und klar im Stil, aber 
nicht frei von Versehen in Einzelheiten der Datierung, ähnlich also 
dem Schreiben aus Tivoli von 1378 und der Denkschrift von 1390 3 . 
Die grundlegenden Privilegien des Kurfürsten, zugleich die ersten 
Statuten des Generalstudiums, wurden instante magistro Marsilio 
ausgestellt und also wohl auch von ihm oder vielleicht von Konrad 
von Gelnhausen, dem Juristen und ersten Kanzler, entworfen. 
Ihr Inhalt zeigt Schritt für Schritt die langjährige Erfahrung und 
die Vertrautheit des Verfassers mit den Pariser Traditionen 1 , denen 
man die neue Schule bewußt nachbildete. Selbst an der in Paris 
historisch begründeten, aber für Heidelberg zwecklosen Bestim- 
mung, daß der Rektor nur aus den Artisten gewählt werden dürfe, 
hielt Marsilius gegen mancherlei Widerstand jahrelang fest" 5 , und 
es war selbstverständlich, daß er als erster und späterhin weitaus 
am häufigsten das Rektorat führte 6 . 

Im übrigen bedarf es keiner besonderen Erörterung, um dar- 
zulegen, daß der geistige Begründer und Organisator des neuen 
Studiums hier in noch viel höherem Maße als einst in Paris die 



1 Die besten Stellen im Heiliggeiststift schwankten 1410 zwischen 
Ulli und 120 iL, (Hai tz II, Anhang 369) nach den Vorschlägen der Univer- 
sität 1405 zwischen 120 und 150 fl. (ü. B. I, nr. 60) ; die Beschaffung von 150 fl. 
für Math, von Krakau machte schon ersichtlich Schwierigkeiten. (U. B. I, 
nr. 38). 

- Urkunde datiert juni 29, U. B. I, nr. 3. Anweisung auf die Herbststeuer 
der Stadt Heidelberg. 

3 U. B. I, nr. 1. 

4 Darüber s. im 1. Bande der Univ. -Gesch. 

5 U. B. I, nr. 17, II, nr. 31. 

6 Im ganzen neunmal, Toepke II 607 — 8. 



Studien zur Spätscholastik. I. 37 

führende Rolle spielte. Beinahe jede Seite der Universitätsakten 
legt Zeugnis davon ab. In der allmählichen, aus praktischen Be- 
dürfnissen erwachsenden Ausbildung statutarischer Bestimmungen 
war sein Einfluß sehr bedeutend; Vertrauensposten, die man ihm 
übertrug 1 , Geldvorschüsse, die der wohlhabende Stiftsherr und 
kurfürstliche Rat mehrfach der Universität leistete 2 , erinnern an 
ähnliche Züge der Pariser Jahre; daß man es auch in Heidelberg 
bei den gelehrten Geschäften nicht an tüchtigem Zutrank fehlen 
ließ, zeigen die Promotionsbestimmungen der Fakultäten und die 
Abrechnungen des Rektors 3 . Auch die von Paris aus gesammelten 
Erfahrungen an der Kurie konnte Marsilius zugunsten der Heidel- 
berger Kollegen verwerten: als Nuntius überbrachte er 1389/90 den 
Rotulus der Universität zusammen mit Konrad von Soltau nach 
Rom zur Thronbesteigung Bonifaz 1 IX 4 . Für unsern biographischen 
Zweck indessen ist wichtiger als alles dies die Betrachtung seiner 
wissenschaftlichen Tätigkeit. 

Das Dunkel, in dem diese bisher lag, beginnt sich ein wenig 
zu lichten. Über den Inhalt seiner Pariser Lehrtätigkeit läßt sich 
nur soviel mit Bestimmtheit sagen, daß er außer den traditionellen 
logischen auch physikalische Vorlesungen gehalten hat 5 ; seine 
kurzen logischen und physikalischen Handbücher {abbreviationes), 
deren Verwendung im Heidelberger Unterricht später traditionell 

1 Beispiele: Treuhänder des Gelnhausenschen Nachlasses: U. B. I, 
nr. 28, des Kurfürsten: U. B. I, nr. 29, der Universität: A. u. I, 61, Toepke I 
677; U. B. I, p. 59 (notarius). 

2 Beispiele: U. B. II, 40, Toepke I, 27, 38; L", B. II, 77, Toepke I, 676. 

3 Abrechnung d.M. v.l.: Toepke I, 53, nr. 3. 

4 A. f. a. I,B1. 205; Haitz I, 176, II, 358; Toepke I, 38. Die Anwesenheit 
des M. v. I. in Rom 1390 ergibt sich aus einer Notiz auf cod. 9 des Stettiner 
Marienstiftsgymnasiums Bl. 519 von der Hand des Prager Magisters Berserus 
Zalow: Hec audivi a mag. Marsilio de Ingwen de Reno et hoc Rome in loco 
consistoriali pape. Die Handschrift ist nach Bl. 518 v abgeschlossen in Rom 
1390, oct. 15. S. Lemcke, p. 23. Berserus Zalow ist ein Schüler Konrad 
Soltaus, vgl. Mon. Hist. Un.Prag. I, 185. Leider war die Verwaltung der ge- 
nannten Schulbibliothek nicht zu bewegen, mir den betr. Codex zugänglich 
zu machen, um zunächst einmal den Inhalt der Mitteilung des M. v. I. fest- 
zustellen. — Den Aufenthalt Konrad von Soltaus in Rom bezeugt eine Notiz 
auf der Rückseite des Originals der Bulle von 1389, Nov. 9. (Diese Datierung 
auf den Tag der coronatio Bonifaz' IX. ist natürlich Rückdatierung!): detur 
hec bulla magistro Conrado universitatis procuratori in audieneiis curie Romane 
moranti (von Winkelmann U. B. I, p. 48 unvollständig entziffert). 

5 Die Vorlage zu Druck nr. 10 war spätestens 1385 abgeschlossen (s. d. 
Katalog der Schriften). Druck nr. 13 Bl. 2, a verspricht den „in Paris 



38 Gerhard Ritter: 

wurde 1 , mögen zum Teil dem Bedürfnis nach modernen Lehr- 
büchern an der neuen Hochschule entsprungen sein. Über das 
urkundlich bezeugte Pariser theologische Studium 2 erfahren wir 
nichts Näheres; als seine theologischen Lehrer nennt er außer 
Jakob von Eberbach (Erbach) nur noch zwei Heidelberger Kollegen: 
Heilmann Wunnenberger aus Worms und Johannes Holzsadel aus 
Witzenhausen, Mitglied des Wilhelmitanerordens 3 . Das ist auf- 
fallend; und die Vermutung ist verlockend, daß vielleicht der 
Aufenthalt im Kloster Eberbach und der Einfluß des eifrigen, 
kirchenfrommen Theologen Heinrich von Langenstein 1 seine theo- 
logischen Interessen verstärkt haben möchten. Das philosophische 
Interesse bleibt jedoch auch in der Darstellung seines theologischen 
Systems stark vorwaltend, wie sich besonders deutlich zeigt, wenn 
man seinen Sentenzenkommentar mit dem eines vorwiegend prak- 
tischen Theologen wie Konrad von Soltaus vergleicht 5 , der fast 
gleichzeitig mit ihm in Heidelberg schrieb, oder gar mit den erbau- 
lichen und kirchenpolitischen Flugschriften seines Kollegen Mat- 
thäus von Krakau. Übrigens kann weder Heilmann von Worms 
noch Hans Holzsadel für die theologische Bildung des Marsilius 
viel bedeutet haben; beide haben nicht einmal in der Bibliothek 
ihres Hörers erkennbare Spuren hinterlassen. Magister Heilmann, 
ein Schüler Soltaus in Prag und Dekan des Stiftes Neuhausen bei 
Worms, kam schon im Juni 1386 nach Heidelberg herüber und las 
1387 erst den cursus als Bakkalar, war also selbst noch Anfänger; 
seit 1392 scheint er ganz in den Kirchendienst übergegangen zu 
sein 6 . Von Johannes Holzsadel, der vielleicht erst in Heidelberg 
den niederen theologischen Grad erwarb, wissen wir, daß er erst 



üblichen" Lehrstoff zu geben; Bl. 29 v erscheinen die Türme von Notredame, 
Bl. 62, a Paris u. Avignon als Beispiel; Druck nr. 7 benutzt 1. I, qu. 15 
die Seine als Beispiel. Vgl. ferner Hss. nr. 5 u. 7. 

1 a. f. a. III., Bl. 76 (um 1501); vgl. ferner die Anm zu Hs. nr. 26. Über 
logische und physikalische Vorlesungen in Hdbg. geben Nachricht Hs. 2 u. 64. 

2 Chart. III, nr. 1356 (s. o. p. 11, N. 3). 

3 Lib. sent. I, qu. 1, Bl. 1, d. Vgl. dazu indessen: Gregorius (Ari- 
minensis) magister noster ibid. Bl. 13, a! 

4 Vgl. bes. dessen Schreiben an Eberhard v. Ippelbrunn u. Johann v. 
Eberstein mit ihrem fast asketischen Eifern! 

5 Clm. 18 359 Über diese Schrift vgl. d. zweite dieser „Studien". 

6 Abbruch seines Rektorates: Toepke I, 52. Vgl. ibid. I, p. 7, 46, 
a 1, U. B. I, nr. 1 und die bei Thorbecke anm. 27 zu S 14 angeführten No- 
tizen; ferner Mon. Hist. univ. Prag. I, 1, 168. 



Studien zur Spätscholastik. I. 3 l .> 

nach Marsilius zum Doktor der Theologie promoviert worden ist 1 . 
So muß es auffallen, daß nicht vielmehr Konrad von Soltau, der 
«inzige bedeutende Kopf der Fakultät, ja der ganzen Universität 
neben Marsilius von Inghen vor dem Erscheinen des Matthäus von 
Krakau (1394), als sein Lehrer genannt wird. Freilich war das ein 
anspruchsvoller Herr von weltmännischem Auftreten und starkem 
Selbstbewußtsein, dessen Gegnerschaft im Streit um die Rektor- 
wahl zu sichtbaren Zusammenstößen mit unserm Philosophen 
führte und dessen Ehrgeiz auf ganz andere Dinge hinauswollte 
#ls auf die bescheidene Stellung eines Heidelberger Professors — 
möglich also, daß hier Fragen der persönlichen Konkurrenz mit 
hineinspielten, die wir nicht übersehen. Übrigens wirft der Eifer, 
mit dem Marsilius später für die Befreiung des in Gefangenschaft 
geratenen Kollegen eintrat, sogar unter Aufwendung persönlicher 
Mittel, ein günstiges Licht auf die Stärke des korporativen Gemein- 
schafts-Bewußtseins trotz innerer Gegensätze 2 . 

In den Akten erscheint Marsilius zuerst im April /Mai 1393 
als theologischer Bakkalar; da er schon im nächsten Jahre als 
baccalarius formatus bezeichnet wird 1 , muß er spätestens 1394 seine 
Vorlesung über die beiden ersten Bücher der Sentenzen beendigt 
haben; nach den ältesten Bestimmungen der Fakultät würde das 
ein mindestens neunjähriges theologisches Studium voraussetzen 4 . 
Jedenfalls haben wir mit diesen Daten einen Anhalt für die Ent- 
stehungszeit seines großen Sentenzenwerkes, das unzweifelhaft 
Heidelberger Vorlesungen seinen Ursprung verdankt"'. Frühestens 
zwei Jahre nach Beendigung dieser Lektüre durfte sich statuten- 
mäßig der Bakkalar um die Zulassung zur Lizenz bewerben, der 

1 ToepkeI, 3 ; ferner p. 675; U. B. I, p.81, II,nr.l41. - Der erste Heidel- 
berger Theologe, der belgische Zisterziensermönch Reginald von Alna, war 
wohl nur eine erste Aushilfe; 1390 erscheint er auf dem Kölner Rotulus. S. 
die Notizen bei Thorbecke, Anm. 28 z. S. 14. 

2 Gegensätze: a. f. a. I 18; U. B. I, nr. 31; Befreiung Soltaus: Toepke 
I, 676. 

3 U. B. I, p. 53; 59. 

4 U. B. I, nr. 20 - 5 J. Scholar, 2 J. cursor, 1 J. Vakanz, 1 J. Sen- 
tenzen I— II. 

5 S. 1. II qu. 16, art. 4, Bl. 280, a: ist von auditores mei die Rede; 
Eingang des 3. Buches, Bl. 349: disputata; in studio heydelbergensi edita - 
vielleicht erst Zusatz des Druckers; 1. I., qu. 41 bricht unvollendet ab mit 
Vermerk, daß der Tod die Beendigung verhindert habe (Bl. 175, sp. 2). Auch 
andere Stellen lassen auf mündliche Erörterung in Heidelberg schließen, 
z. B. 1. I, qu. I, art. 1, in fine (Bl. 4, b). 



40 Gerhard Ritter: 

die Verleihung des Doktorhutes auf Wunsch sogleich folgen konnte. 
Marsilius muß indessen schon zwischen 17. Juni 1395 und 23. Juni 
1396 promoviert haben ; es war die erste feierliche Doktorpromotion 
der Theologen in Heidelberg, und mit sichtlichem Nachdruck ver- 
merken die Akten dieses große Ereignis 1 . So gab der Begründer 
der Universität persönlich den Anlaß zu einer Feierlichkeit, deren 
Vollzug in den Augen der gelehrten Welt die Gleichberechtigung 
des neuen Generalstudiums neben der alma mater Parisiensis erst 
wirklich besiegelte. 

Es war der Schlußakt seines Lebenswerkes in einem doppelten 
Sinne. Denn wenige Monate nach Empfang der höchsten akade- 
mischen Würde starb er, am 20. August 1396 2 . Die Universität 
muß seinen Verlust wie den eines Vaters empfunden haben. Alle 
Todesvermerke in den Akten geben dieser Trauer Ausdruck; die 
Seelenmesse, durch seinen Kollegen und Lehrer Johannes Holzsadel 
vermutlich am 23. August in der Heiliggeistkirche gelesen, gab dem 
theologischen Professor Nikolaus Prowin Anlaß zu einer Leichen- 
rede voll stärkster Lobsprüche 3 . Ihr biographischer W T ert ist schwer 
zu beurteilen. Wir erfahren von einer letzten Krankheit, die er 
geduldig ertragen habe 1 , und von großer persönlicher Frömmigkeit; 
unmittelbar lebensnahe klingt der Hinweis auf seinen eifrigen Besuch 
der akademischen Gottesdienste, ita ut velut alter pastor capellam 
universitatis rexerit divinis. Auch das Lob seiner Mildtätigkeit, mit 
der er stets zu Hilfeleistung in medicina, in consolatione et cetera 
bereit gewesen sei, mag um so mehr Glauben finden, als von Frei- 
gebigkeit auffallenderweise nicht die Rede ist. Anderes wirkt stark 
konventionell, wie die Ausmalung seines unerhört asketischen 
Lebens: da soll er jeden Freitag bei Wasser und Brot zugebracht, 
durch härene Untergewänder, durch reichliche Nachtwachen, durch 
Fasten und geistliche Übungen das sündige Fleisch bis zur Schwä- 



1 A. u. I 60-61, s. Toepke I, 3 nr. 6., 636, 678. 

- A. u. 61 v , Matrikel I 43 v , Kai. I,s. Toepke 1,62,636, 678, U.B.II, 88. 
Zeichnung der Grabplatte: A. u. I 61 v . Grabschrift bei Adamus, p. 54. 

3 U. B. II, 89. Druck in dem typographischen Prachtwerke Adams 
p. 125 — 132 u. dem Wiegendruck von 1499: Ad ülustrissimum Bavarie ducem 
usw. (Hain 10 781), Bl. 19b — 22. Über N. Prowin ist sonst wenig bekannt; 
er erscheint selten in den Akten. — Das Datum der Feier ist nicht sicher 
(mittwoch) ; auch die Drucke haben es nicht. Doch berichten A. u. I 62b be- 
reits am 1. IX. von dem dabei verbrauchten Wachs. 

4 Vom 13. VII. dadiert noch eine eigenhändige Eintragung in die Ma- 
trikel. Toepke I, 62. 



Studien zur Spätscholastik. I. \ I 

chung kasteit haben. Mißtrauisch stimmt diesen Dingen gegen- 
über schon die rethorische Verwendung biblischer Tugendkataloge 
(Tim. 3, 2 ff. ; Tit. 1, 7—8 u. a.), noch mehr die Erinnerung an so 
manche gut bezeugte Stunde fröhlichen Schlemmens. Sollte Mar- 
silius, der Theologe, so gänzlich ein Mönch geworden sein ? Wer 
vermag freilich heute die Möglichkeiten und Wandlungen einer 
mittelalterlich frommen Seele noch zu ermessen und abzugrenzen! 
Eine völlige Verzerrung so kurz nach dem Tode des Geschilderten 
vor Augenzeugen ist nicht leicht vorzustellen; und so verdient 
vielleicht doch die späte, angeblich mündliche Tradition eine 
gewisse Beachtung, er sei den Heidelbergern Zeit seines Lebens 
fast wie ein Heiliger erschienen 1 . Es gibt Nachrichten genug, die 
vermuten lassen, allzu schwer sei das in dieser Umgebung nicht 
gewesen. 

Die Erinnerung an den selig Verstorbenen als den „Gründer 
und Anfänger" der Universität wurde ebenso wie das Andenken 
an Konrad von Gelnhausen und Kurfürst Ruprecht I. durch eine 
jährliche Seelenmesse gefeiert 2 , die noch 1528 abgehalten worden 
ist. Als die Anhänger der von ihm in Heidelberg begründeten via 
moderna Ende des 15. Jahrhunderts ihre Stellung gegen Realisten 
und Humanisten verteidigen wollten, entstand eine ganze Samm- 
lung von überschwänglichen Lobsprüchen, Distichen und andern 
Versen zu seinem Preise in humanistischem Latein 3 . 

Marsilius von Inghen hinterließ der Universität ein kost- 
bares Vermächtnis : außer andern nicht genannten Erbstücken seine 
große Bibliothek 4 . Ihr Inhalt führt uns höchst anschaulich noch 
einmal die ganze Ausdehnung seiner vielseitigen Studien vor 
Augen. Die Sammlung ist reicher als die irgend eines andern 
Professors, der seine Bücher in diesem und dem folgenden Jahr- 
hundert der Universität vermacht hat; reicher nicht nur an 
Bändezahl 5 , sondern vor allem an Mannigfaltigkeit der Gegen- 

1 In dem eben genannten Druck v. 1499, f. 18a: Graves viri asseverant 
aeeepisse sese ex eis, qui M. novere, fuisse eum humanuni, mansuetum, humilem, 
juisseque communem omnium de eo existimationem, ut vivens adhuc in hoc 
seeulo sanetitate preditus dijudicaretur. 

2 Toepke I, 628, 636; weitere Notizen bei Thorbecke, anm. 16 u. 17 
zu S. 9. 

3 S. den eben genannten Inkunabeldruck. 

4 Toepke I, 636; Katalog: 678. A. u. I, 61 v . 

5 Im ganzen 236 Werke; selbst die große Stiftung Konrad von Geln- 
hausens umfaßte nur 211 Werke. 



42 Gerhard Ritter: 

stände. Soweit sich bis heute übersehen läßt, darf man sie geradezu 
als die stattlichste alier uns bekannten gelehrten Privatbibliotheken 
in dem Deutschland des 14. Jahrhunderts bezeichnen. Zusammen mit 
der reichen Stiftung Konrads von Gelnhausen bildete sie den ältesten 
Grundstock der aufblühenden jungen Universitätsbibliothek. Alle 
Fakultäten finden sich in ihr vereinigt; am stärksten indessen ist 
die Theologie vertreten. Dabei überwiegen keineswegs, wie sonst 
in diesen ältesten Bücherverzeichnissen der Heidelberger Bibliothek, 
die Bibelkommentare und praktischen Handbücher; die Haupt- 
rolle spielt vielmehr die Systematik: die meisten der Sentenzen- 
kommentare und verwandten Werke, die wir von ihm zitiert finden, 
erscheinen auch hier: von den älteren wie Thomas von Aquino, 
Petrus de Tharentasia und Heinrich von Gent bis zu den Okka- 
misten und Neu-Augustinern: Robert Holkot, Gregor von Rimini, 
Thomas von Straßburg. Auch Thomisten wie Herveus Natalis 
sind vertreten. Nicht genannt wird Egidius Romanus, der sonst 
so beliebte; noch auffallender ist das völlige Fehlen der Original- 
schriften Okkamsi Im übrigen finden wir Schriften der älteren 
Mystiker, wie Bernhard, Richard von St. Victor und ein excerptum 
de Dyonisio (Areopagita?); verhältnismäßig wenig von den alten 
Kirchenvätern, die sonst das Gros theologischer Bibliotheken aus- 
machen; Augustin aber ist — wie zu erwarten — mit mehreren 
Schriften vertreten. Unter den Neueren treffen wir die Pariser 
Bekannten wieder: Heinrich von Langenstein und Oyta, von eigenen 
Schriften des Marsilius den großen Sentenzenkommentar in zwei 
Bänden, der noch 1461 sich vorfand, eine Einleitungsvorlesung dazu 
und ein jetzt verlorenes Kollegheft über das Buch Daniel, dagegen 
nicht die 1461 und noch heute erhaltene Vorlesung über Matthäus 1 . 
Einige juristische und medizinische Handbücher sind wohl nur als 
Nebensache aufzufassen; um so interessanter ist die Angabe, daß 
er seinen Vorlesungen in Metaphysik, Ethik, Naturwissenschaften 
und Logik einen aristotelischen Originaltext, also nicht moderne 
Bearbeiter zugrunde zu legen pflegte 2 . Buridan ist in allen diesen 
Fächern vertreten; daneben am stärksten Albert der Große, 
Thomas und Walther Burleigh; Albert von Sachsen wird merk- 
würdigerweise nicht genannt, wohl aber Nikolaus von Oresme und 
Avicenna. Auch mathematische und astrologische Schriften, Tafeln 



1 Cod. Heid. 358, 47, Bl. 3 V , 6 V ; Cod. Pal. Lat. Vatik. nr. 142 (Ste- 
venson I ) . 

2 Toepke I, p. 681 ff., nr. 466, 472, 508, 590. 



Studien zur Spätscholastik. I. 43 

und Figuren treten auf, darunter besonders interessant der Oxforder 
Mathematiker Thomas Bradwardine, ferner Heinrich von Langen- 
stein und der phantastische Name des Hermes Trismegistos. Ver- 
hältnismäßig groß ist die Zahl der rhetorischen, poetischen und 
historischen Schriften; vor allem aber ist bemerkenswert die starke 
Vertretung der Antike. Da finden wir nicht nur die mittelalter- 
lichen Troja- und Alexanderromane, Piatons Timäus, Euklid, Galen, 
Aristoteles und die wohlbekannten spätantiken Logiker: Boethius 
und Isidor, sondern ebensogut einige Lieblinge der Humanisten: 
Ovid, Cicero und Seneka; Lukan und Ganfridus super Lucanum, 
Vegetius (de re militari), Valerius Maximus und Macrobius (de 
somno Scipionis) vervollständigen das Bild. Sollte die Liste dieser 
Namen nicht irgendwie zurückweisen auf die Anfänge des Huma- 
nismus in Italien, Avignon und Paris ? Unzweifelhaft konnte der 
Gesamtbestand einer solchen Bibliothek, wie sie Marsilius ver- 
erbte, damals nur auf Reisen in Frankreich und Italien zusammen- 
gebracht werden. Die gewerbsmäßige Schreibertätigkeit im Dienste 
der Wissenschaft war in Deutschland noch verhältnismäßig jung. 
Erst der Aufschwung des deutschen Universitätswesens brachte sie 
auf die spätere Höhe; eben das ist eine der wichtigen sozialen 
Folgen der neuen akademischen Massen-Bildung. Überall an den 
bestehenden und neu sich bildenden Universitäten konzentrierte 
sich die Schreibertätigkeit; bisher galt der Erfurter Amplonius 
Ratinck als der früheste deutsche gelehrte Büchersammler. In 
kleinerem Stile wird man Marsilius als seinen Vorgänger bezeichnen 
dürfen. Es ist wohl kein Zufall, daß die Liste der antiken Schriften, 
die er besaß, eine gewisse Übereinstimmung mit dem gleichzeitigen 
Bestände der Bibliothek des Prager Karolinums aufweist, die einen 
Kenner wie K. Burdach so lebhaft an Petrarcas antike Belesenheit 
erinnerte 1 . Wir haben hier offenbar den wesentlichen Bestand 
dessen vor uns, was im 14. Jahrhundert noch oder bereits wieder 
an klassischen Autoren lebendig war. Aber wir erinnern uns auch 
daran, daß uns Petrarka bereits einmal in der nächsten Umgebung 
unseres Scholastikers begegnet ist: in dem Schreiben Heinrich von 
Langensteins an König Wenzel 2 . 

Jedenfalls bestätigt die Durchsicht der Bücher des Marsilius 
durchaus den Eindruck der regen, lebendigen Persönlichkeit, die 
wir aus den Geschehnissen seines Lebens, aus den Taten des Organi- 

1 L. c. 120. 

2 S. o. p. 31, N. 2. 



14 Gerhard Ritter: 

sators zu erkennen meinen. Die vielfache Empfänglichkeit für alle 
Zweige des Wissens seiner Zeit setzt in Erstaunen. In der Tat hat 
keiner seiner Pariser Studiengenossen sich mit solcher Gleich- 
mäßigkeit wie er über alle Gebiete philosophisch-theologischer 
Bildung verbreitet. Es war von großer Bedeutung, daß dieser 
Mann berufen wurde, eine neue Epoche akademischer Bildung in 
Deutschland eröffnen zu helfen. Wie weit war die Philosophie des 
Mittelalters dank des neuen Zustroms antiken Wissensstoffes im 
13. Jahrhundert über den alten engen Umkreis der artes liberales 
hinausgeschritten! Von der rhetorisch-dialektischen Vorschule des 
Denkens bis zu den höchsten Problemen der Metaphysik wagte sie 
sich jetzt an alle Dinge im Himmel und auf Erden und unter der 
Erde. Wenige seiner Zeitgenossen verkörperten so wie Marsilius 
die allseitige Wissensfreudigkeit aristotelischer Bildung. Nicht als 
Neuschöpfer, aber als Vermittler, der die mannigfaltigen Anre- 
gungen energisch zu verarbeiten wußte, war er zu wirken berufen. 
Wie das geschah, ob und wieweit er dabei eigene Wege ging, welche 
besondere Richtung und Farbe sein Denken trug — das alles ist 
noch zu erörtern, um seine historische Bedeutung als Denker zu 
begreifen. 



II. TEIL. 
Historische Bedeutung der Schriften. 

Eine eingehende Analyse der Schriften desMarsilius vonlnghen, 
soweit sie im Interesse der geschichtlichen Erkenntnis notwendig 
sein sollte, muß ich mich bescheiden, der Spezialforschung zu über- 
lassen. Wer den Stand der Vorarbeiten auf dem Gebiete der Ge- 
schichte der spätscholastischen Philosophie, die Sprödigkeit und 
den Umfang des in Frage kommenden Materials kennt, der weiß, 
daß derartige Aufgaben nicht ohne ausgiebige und spezielle Fach- 
kenntnisse zu erledigen sind. Hier soll nur der Versuch gemacht 
werden, gewisse deutlicher erkennbare Gesichtspunkte heraus- 
zuarbeiten und dadurch die historische Stellung unseres Philo- 
sophen im Rahmen der geistigen Bewegung seiner Tage näher zu 
bestimmen. 

Es ist denn auch weniger der geistige Eigengehalt dieses 
wissenschaftlichen Lebenswerkes als solcher, der seine Betrachtung 
notwendig macht, als seine höchst interessante geistesgeschicht- 
liche Stellung und seine tatsächliche Wirkung auf Zeitgenossen 
und Spätere. Nicht immer üben die Neuschöpfer die stärkste 
historische Wirkung in die Breite aus; oft sind ihre Nachtreter 
und Vermittler in höherem Grade dazu berufen. Gerade das Mittel- 
alter bietet Beispiele dieser Art: Hieronymus, den Lombarden, 
Petrus Hispanus und noch manchen anderen. Eine ähnliche Stel- 
lung wie der letztgenannte scheint Marsilius für die Entwicklung 
der logischen Disziplin an deutschen Universitäten gewonnen zu 
haben. Schon das unten aufgestellte Verzeichnis der Handschriften 
und Drucke läßt die starke Verbreitung seiner logischen Hand- 
büchlein in Deutschland erkennen. Würden einmal sämtliche auf 
deutschen Bibliotheken erhaltenen anonymen Traktate über die 
Künste der log ca moderna auf ihre Herkunft untersucht, so müßte 
die Bedeutung dieser Schulbücher unseres Philosophen noch unge- 
mein deutlicher heraustreten. In Heidelberg hat er den logischen 
und physikalischen Unterricht der via moderna bis in das 16. Jahr- 
hundert bestimmt; die Statuten der Artisten schreiben noch um 



46 Gerhard Ritter: 

1501 ausdrücklich den Gebrauch seiner Abhandlungen über conse- 
quentiae, obligatoria und insolubilia und der kleinen physikalischen 
Schriften im akademischen Unterricht vor 1 ; gelegentlich wird die 
via modema geradezu via Marsiliana genannt 2 . Aber auch auf 
andern deutschen Universitäten der „modernen" Richtung fand 
seine Lehre eifrige Pflege, wie die große Zahl der Handschriften 
der Amploniana für Erfurt und die Wiener Abschriften und Drucke 
für die dortige Universität beweisen. Die Betrachtung der bei 
Prantl aufgezählten logischen Druckschriften der „Modernen" 
zeigt schon an den Titeln, daß Marsilius für die deutsche Logik 
noch um 1500 eine ähnliche Stellung einnahm wie etwa Paulus 
Venetus für die italienische, Buridan für die französische 3 . Das ist 
begreiflich. Er stand am Anfang einer selbständigen deutschen 
Schultradition und wirkte persönlich auf eine Schülergeneration 
ein; demgegenüber besaß nur die Kölner Universität eine eigene 
alte Lehrtradition von den Dominikanerstudien her und hielt folge- 
recht gegen die Modernen an ihr fest, als Hochburg des Albertismus 
und Thomismus, während Prag und Leipzig mehr abseits von diesen 
Gegensätzen ältere und neuere Lehrstoffe nebeneinander pflegten. 
Betrachtet man dies Überwuchern des Interesses an der 
Logik, das die ganze Spätscholastik, insbesondere aber die 
deutsche kennzeichnet, so erscheint es doppelt bemerkenswert, 
daß die naturwissenschaftlichen Schriften des Marsilius 
von Inghen noch um 1500 in Frankreich und vor allem in Italien 
vielfache Druckausgaben erlebten 4 . In der Tat ergibt sich aus den 
vergleichenden Studien Duhems, daß unser Philosoph nicht nur 
den deutschen Universitäten die physikalischen Lehren der „Mo- 
dernen" vermittelt hat, sondern auch in Italien als einer der wich- 
tigsten Vertreter der Pariser Schule noch lange Beachtung fand: 
bei den averroistischen Gegnern wie Nicoleto Vernias und bei ver- 
mittelnden Gelehrten wie Gaetan von Tiena, Jakob de Forii (Gia- 
como della Torre) und Paulus Venetus, die stark von ihm beein- 
flußt wurden; für das Fortwirken seines Einflusses in Frankreich 
zeugen die physikalischen Schriften des Scotisten Petrus Tarta- 
retus wie die Lehren der Pariser Eklektiker des 16. Jahrhunderts: 



1 A. f. a. III, 7b. 

2 Ad iliustr. Bavarie ducem usw. (1499). Bl. 2b. 

3 Prantl IV, 185 ff. N. — Auf französischen Bibliotheken konnte 
ich bisher keine Hss. des M. v. I. nachweisen. 

4 Druck nr. 1, 6, 7, 9, 10, 11, 12, 13, 14. 



Studien zur Spätscholastik. I. 47 

Joh. de Celaya, Joh. Majoris und anderer. Ja es läßt sieh bestimmt 
nachweisen, daß er den großen Bahnbrechern der modernen Natur- 
wissenschaft bekannt gewesen ist: Leonardo da Vinci hat sein 
physikalisches Compendium, Galilei seine Schrift de generatione et 
corruptione studiert und benutzt. 

Ob auch die theologischen Abhandlungen des Marsilius 
handschriftlich verbreitet waren, läßt der Befund durchaus zweifel- 
haft. Der erste Druck des Sentenzenkommentars, von dem wir 
hören, sollte nach der Heidelberger Originalhandschrift ausgeführt 
werden 1 . Immerhin spricht schon die. Tatsache der Straßburger 
Drucklegung von 1501 wie die große Verbreitung dieser Ausgabe 
für das Ansehen des Werkes; und es ist mindestens höchst wahr- 
scheinlich, daß es die Heidelberger Theologen stark benutzten; die 
mehrfach erwähnte panegyrische Druckschrift von 1499 2 versichert 
das; sie verrät eine zweifellose Kenntnis des Inhalts und erzählt 
(allerdings ohne nähere Angaben) auch von Abschriften auf Kosten 
auswärtiger Gelehrter. 

Doch das alles berührt vorläufig nur die Frage nach der äußeren 
Stellung unseres Philosophen. Wichtiger ist es, in den Zusammen- 
hang seiner Werke selbst einzudringen. Und da erfordert es die 
Natur des Stoffes, unsere Aufmerksamkeit zunächst seiner Logik 
zuzuwenden. 

1. Logik. 

Die Aufgabe, die logischen Lehren des Marsilius von Inghen 
im einzelnen mit Früheren und Zeitgenossen zu vergleichen, ist im 
wesentlichen bereits durch Prantl gelöst 3 . Freilich standen ihm 
nur wenige Drucke hierfür zur Verfügung. Für die Lehre vom 
Urteil und vom Schlüsse, also für die älteren Materien der Logik, 
benutzte er außer dem Sentenzenkommentar (Druck nr. 15) die 
Analytik (Druck nr. 1), für die parva logicalia eine überarbeitete 
Wiener Ausgabe (Druck nr. 4, übereinstimmend mit nr. 3). Die 
letztere stimmt in ihrem Kerntext wörtlich überein mit einer 
Krakauer Ausgabe (Druck nr. 2), die sich selbst als noviter abbre- 
viatus bezeichnet; nur hat der Wiener Herausgeber Konrad 
Pschlacher eigene Zusätze beigefügt, eine trübe Mischung aus 
Petrus, älteren Kommentatoren und selbsterfundenen schemati- 



1 S. Anmerk. 1. zu Hs. nr. 83. 

2 Ad illustr. Bavarie ducem. . . Bl. 4 ff. Bl. 2 a. 

3 L. c. IV, 94 ff. 



48 Gerhard Ritter: 

sehen Einteilungen, dif> zum Teil den Sinn des Marsilius miß- 
verständlich entstellen, aber sich leicht von dem eigentlichen Text 
loslösen lassen. Unzweifelhaft haben wir also in diesem Text eine 
beliebte Form des „terministischen" logischen Schulbuchs vor uns. 
Zur Ergänzung ließen sich für diesen Teil der Logik die von Prantl 
verloren geglaubten insolubilia und obligatoria (Hs. nr. 36), für die 
ars vetus die gleichfalls bisher unbekannten Traktate der Hss. 
nr. 3 — 12, für die ars nova die sämtlich unbekannten Abhand- 
lungen der Hs-i. nr. 15—24 heranziehen. Aus äußeren Gründen 
muß ich auf diese umfängliche Erweiterung verzichten. In den 
Grundzügen ist die Behandlung dieser Materien in den spätschola- 
stischen Lehrbüchern aus anderen Beispielen bereits bekannt. 
Anders scheint es mit dem Traktat de confusionibus zu stehen; 
jedenfalls ist Prantl eine Abhandlung dieses Titels offenbar 
nirgends in der Spätscholastik begegnet. Das Erfurter Fragment 
(Hs. nr. 50) verdient darum einige Aufmerksamkeit 1 . Dem Mar- 
silius selbst ist es in der erhaltenen Fassung freilich nicht zuzu- 
schreiben. Allenfalls könnte es sich um einen anonymen Kommen- 
tar zu einer verlorenen Abhandlung unseres Logikers handeln; 
doch fehlt zu solcher Annahme einstweilen jeder positive Anhalt 2 . 
Der Text erweist sich deutlich als eine schulmäßige Worterklärung 
einer stückweise zitierten Vorlage — eine Darstellungsmethode, 
die dem Marsilius unseres Wissens in diesen Dingen ganz fern lag. 
Immerhin reicht, was erhalten ist, aus, um Inhalt und Geistes- 
verwandtschaft des verlorenen Originaltraktates in Umrissen aus- 
zudeuten. Wir erkennen die gesonderte Ausgestaltung eines wich- 
tigen Unterteiles der Lehre von den ,,Suppositionen". Es werden 

1 Ich gebe einen Auszug des Inhalts im Anhang 2. — Eine anonyme 
Abhandlung de confusionibus in Verbindung mit Traktaten des M. v. I. findet 
sich auch Clm. 4385, f. 97. Sie ist mir nicht bekannt. 

2 Auf welche Anhaltspunkte sich die bestimmten Angaben Schums 
(Beschr. Verzeichnis der amplonian. Handschr. Sammlung zu Erfurt, p. 769.) 
über die Autorschaft des M. v. I. zu allen 3 Stücken der Sammelhandschr. 
cod. Ampi. 12°, nr. 13 stützen, ist mir unerfindlich. Ich kann nirgends eine 
Spur entdecken, aus der sich die von S. selbstgewählten Titel der Traktate 
(s. Katal. d. Sehr., Hss. nr. 48 — 50) rechtfertigen ließen, außer der Notiz auf 
Bl. 78b: Sequitur M. (undeutlich!) libellum confusionum etc. (!). Nr. 48 
behandelt 10 recht müßige Fragen über den Erfinder (!) und den Zweck 
der Logik, nr. 49 ist ebenso wie nr. 50 wörtliche Erklärung eines anonymen, 
stückweise zitierten Textes und behandelt die Supposition. Ob irgend eine 
innere Beziehung der Stücke nr. 48/49 auf M. v I. besteht, bedürfte erst 
einer umständlichen Untersuchung. 



Studien zur Spätscholastik. I. 49 

solche Urteilssätze betrachtet, die eine „verworren-allgemeine" 
Aussage enthalten (suppositio communis confusa), und es wird im 
besondern untersucht, auf welchen grammatischen Verhältnissen 
die „Verworrenheit'' beruht und wie sie sich abwandeln kann; 
dabei kommt besonders die Bedeutung der„synkategoreumatischen" 
Satzteile omnis, totus usw. in Frage. Das theoretische Interesse an 
dem Stoff ist natürlich durch die hier hineinspielende Universalien- 
frage bestimmt; gilt es doch die Bildung unbestimmter Allgemein- 
begriffe grammatisch = logisch zu erläutern! Im einzelnen klingt 
die Untersuchung so deutlich an die sonst bekannte Einteilung der 
suppositio durch Buridan und Marsilius an 1 , daß wir das Stück 
- das im übrigen wenig Interessantes enthält — zwar nicht einem 
dieser Philosophen selbst, doch ihrer Schule zuschreiben dürfen. 
Historisch bedeutet es einen neuen Beleg für das unablässige Fort- 
wuchern der „modernen" logischen Schulstoffe über ihren ursprüng- 
lichen Rahmen hinaus. 

In der Betrachtung der übrigen logischen Arbeiten des Mar- 
silius darf ich mich, gegenüber Prantls bisher nicht übertroffener 
Sachkenntnis, im allgemeinen auf die Hervorhebung der wichtig- 
sten Tatsachen und Zusammenhänge beschränken. 

Die Behandlung der ersten Analytik 2 zeigt im wesentlichen 
engen Anschluß an Albert von Sachsen, dessen Lehren zum Teil 
eine Erweiterung und Ergänzung erfahren; daneben haben auch 
Okkam und Buridan Pate gestanden. Die von Prantl hervor- 
gehobene Kenntnis der averroistischen Schriften wird auch durch 
zahlreiche Stellen des Sentenzenkommentars und der übrigen Werke 
bestätigt. Im ganzen handelt es sich um eine schulmäßige Fort- 
bildung der Traditionen ohne erhebliche Neuerungen. Wichtiger 
für unsere Betrachtung ist der Inhalt der parva log calia. Die Be- 
handlung dieser Dinge als solche beweist noch nichts für die Zu- 
gehörigkeit zur „modernen" Richtung der Philosophie. Mag man 
nun die Durchsetzung der logischen Überlegung durch grammatische 
Motive mit Prantl aus byzantinisch-stoischer Überlieferung ab- 
leiten, oder darin nichts anderes sehen als eine systematische 
Fortbildung von Elementen der spätlateinischen Grammatik, kom- 



1 Vgl. Prantl IV, 28, N. 106/7 (Buridan) und p. 100 (Marsilius), sowie 
die erste Abhandlung in dem unten besprochenen Druck nr. 2 mit der Ein- 
teilung des in Anhang 2 auszugsweise wiedergegebenen Stückes. 

2 Ich benutzte Druck nr. 1. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philo?. -hist. Kl. 1921- 4. Abli. 4 



50 Gerhard Ritter: 

piliert mit aristotelischen und vereinzelten stoischen Einwirkungen 1 , 
— jedenfalls war die Hauptmasse des so gewonnenen Lehrstoffes 
seit der Mitte des 14. Jahrhunderts nicht bloß Eigentum einer 
bestimmten Schule, sondern beherrschte das logische Interesse ganz 
allgemein. Selbst als hundert Jahre später die bewußte Reak- 
tion gegen das Überwuchern dieser Spitzfindigkeiten auf stärkere 
Betonung der Texte des Aristoteles, Porphyrius und der Traktate 1 
bis 6 des Petrus hindrängte, blieb doch der Grundstock der pro- 
prietates terminorum mit samt ihren Erweiterungen über Petrus 
Hispanus hinaus auch in zahlreichen Lehrbüchern der via antiqua 
erhalten 2 . Es kommt also auf die Art der Behandlung dieser Fragen 
an, um die philosophische Richtung des Autors näher zu bestimmen. 
Der von mir benutzte Druck nr. 2 zeigt eine völlig freie Bear- 
beitung seiner Gegenstände ohne Anlehnung an irgend einen Text, 
auch ohne die sonst übliche Form der ,,Quaestionen u ; man erkennt 
sogleich, daß in diesen Neuerungen der selbständigen Erfindung 
des Verfassers noch freiere Hand geblieben ist, als in den Kommen- 
taren zum älteren Kanon. Im einzelnen hat Prantl wieder starke 
Abhängigkeit von Buridan und Albert von Sachsen nachgewiesen; 
doch zeigt die von Prantl getadelte Anordnung des Ganzen, wie 
mir scheint, engeren Anschluß an das ursprüngliche Vorbild, an 
Petrus Hispanus, die Einteilung der suppositiones eine Verbindung 
von Elementen aus Petrus, Okkam und Buridan. Größere Selb- 
ständigkeit entwickelt der Abschnitt de consequentiis, was auch 
dessen auffallende Verbreitung erklären mag. Für uns am wich- 
tigsten ist der Wegfall der suppositio simplex und dessen Begrün- 
dung. Es handelt sich bei dieser Frage im Zusammenhang der 
terministischen Erörterung um das Problem, ob der im Prädikat 
eines Urteils stehende Allgemeinbegriff einerseits als terminus für 
eine durch ihn bezeichnete Sache ohne Beziehung auf die in seinem 
Umfang liegenden, ihm untergeordneten Einzeldinge „supponieren"" 
könne (suppositio simplex), andrerseits aber, in einer zweiten Art 
der Supposition, die Summe der in ihm enthaltenen Einzeldinge zu 

1 Vgl. Scheel I 2 , p. 302, nr. 48 und die bei Überweg-Bai mgartner 
II 10 135* zu § 32, III aufgeführte Literatur. 

2 In Heidelberg waren insolubilia und obligatoria noch um 1501 Pflicht- 
vorlesungen für beideWege! a.f.a. II 176a und IIl7b. Näheres hierüber vgl. 
in meiner Abhandlung Via antiqua u. via moderna (Teil II dieser Studien)! 
Dieselbe Auffassung vertritt Scheel I 2 301, N. 39 gegen Hermelink auf 
Grund von Wittenberger Akten. Vgl. auch die Aufnahme der parva logicalia 
durch Skotisten und Thomisten. Prantl IV, 204, 211, 219, 224-5 u. ö. 



Studien zur Spätscholastik. I. 51 

vertreten imstande sei (suppositio personalis confusa). Hinter diesen 
halbgrammatischen Erwägungen, die einst schon Psellos = Petrus 
Hispanus Schwierigkeiten gemacht hatten 1 , verbirgt sich das alte 
Universalienproblem, und indem nun Marsilius mit Buridan die 
suppositio simplex verwirft, vereinfacht er nicht nur das ältere 
Schema ganz wesentlich, sondern leugnet auch bewußt und aus- 
drücklich die selbständige Existenz von Allgemeinbegriffen extra 
animam 2 . Unwesentlich ist dabei seine Polemik gegen Albert von 
Sachsen und Okkam, der die suppositio simplex durch Anwendung 
dieses Ausdrucks auf die Supposition eines ,, geschriebenen oder 
gesprochenen" Allgemeinbegriffs für einen (wenn auch nicht „eigent- 
lich" oder endgültig dadurch bezeichneten) allgemeinen conceptus 
mentalis hatte retten wollen 3 . Denn die erkenntnistheoretische 
Absicht Okkams erreicht er gleichfalls durch seine Definition der 
suppositio pro significato non ultimato; sie stellt eine Art Verbin- 
dung der suppositio simplex mit der schon bei Okkam ähnlich defi- 
nierten suppositio materialis dar: in dieser soll der Terminus im 
Urteile supponieren für ein gesprochenes oder geschriebenes Wort 4 , 
in jener (pro significato non ultimato), offenbar viel allgemeiner, der 
(gesprochene bezw. geschriebene bezw. gedachte) Terminus für sich 
selbst (als gedachter bezw. geschriebener bezw. gesprochener Be- 
griff) oder für einen ähnlichen oder gleichwertigen oder korre- 
spondierenden Begriff 5 . Die suppositio simplex und suppositio mate- 

1 Prantl II, 282 ff. 

2 Druck nr. 2, Bl. 2. Teilweises Zitat bei Prantl IV, 100, N. 401. 

3 Auch Okkam tat das, nicht nur Albert! Vgl. die Stelle bei Prantl III, 
374, N. 877. Gedacht ist das logische Verhältnis so, daß z. B. das Wort 
homo für den (nur vorgestellten, nicht extramental wirklichen) Allgemein- 
begriff homo eintritt. Dieser Allgemeinbegriff ist nicht das „eigentliche" 
significatum, weil das eigentliche significatum (der Mensch) extra animam 
liegen sollte, das aber ist wiederum nicht möglich, da ein allgemeiner Mensch 
abgesehen von den einzelnen Menschen nicht extra animam existiert. 

4 Der erkennfnistheoretische Zweck dieser suppositio materialis ist die 
Erklärung der wissenschaftlichen Begriffsbildungen auf Grund eines rein 
mentalen Vorstellungsmaterials; z. B. wenn der Allgemeinbegriff genus auf 
nomina wie homo, asinus usw. angewendet wird. Suppos. materialis und 
simplex kennt Okkam nur für die secunda intentio; für die intentio prima 
(Beziehung der Vorstellung auf das reale Ding) läßt er nur suppositio perso- 
nalis gelten. Vgl. Prantl III, 342, 356 anm. 806. 

5 Druck nr. 2, B1.2 V : Significatum non Ultimatum termini vocatur ipsemet 
terminus aut sibi similis aut equivalens aut correspondens; significatum Ulti- 
matum termini dicitur res, quam talis terminus significat e.v impositione, seu 
cm us est naturalis similitudo, si est terminus mentalis. 

4* 



52 Gerhard Ritter: 

rialis Okkams und Albert s würden also nur Spezialfälle dieser 
suppositio pro significato non ultimato darstellen 1 , die ihrerseits nicht 
als besondere Art, sondern als modus der übrigen Arten von Suppo- 
sitionsbildung aufgefaßt zu werden scheint. 

Das Wesentliche aus alledem ist die schon jetzt erkennbare 
erkennt nistheoretische Stellung des Marsilius. Das Beispiel des 
Petrus Hispanus zeigt, -- was nicht immer beachtet wird — daß 
man terministischer Logiker sein konnte, ohne deshalb die Frage 
nach der realen Existenz der Allgemeinbegriffe zu verneinen: die 
suppositio simplex bezeichnet dort die Vertretung der Gattung als 
solcher im Urteil 2 , ohne Beziehung auf die in ihr enthaltenen Einzel- 
arten bzw. Individuen, also — so ließ sich folgern — als für sich 
bestehende res. Jedenfalls faßte Marsilius den Sachverhalt so auf. 
Okkam dagegen und seine Schule, zu der wir nunmehr in diesen 
Dingen auch Marsilius rechnen dürfen, benutzte den Begriffs- 
apparat der terministischen Logik zu einer erkenntnistheoretischen 
und metaphysischen Wendung: die Aussage von Allgemeinbegriffen 
im LTteil ohne Beziehung auf die Summe der darin enthaltenen 
Einzelvorstellungen war unmöglich, weil gleichzeitig die Erkenn- 
barkeit und die reale Existenz solcher abgesonderter Allgemein- 
begriffe geleugnet wurde. Die suppositio simplex bezeichnete schon 
bei Okkam nicht mehr ein Verhältnis von Vorstellung (Element 
des Urteils) und Realität, sondern ein höchst künstliches Verhältnis 
von Wort und rein mentaler Vorstellung. Marsilius von Inghen 
und Buridan ließen sie ganz fallen. Erst mit dieser Umgestaltung, 
nicht mit der Aufnahme der terministischen Logik an sich, wurde 
die Wendung zum Nominalismus vollzogen. 

Damit leitet unsere Betrachtung von selbst zur Erkenntnis- 
theorie hinüber. 

2. Erkenntnislehre. 

Die allgemeinere Bedeutung der durch den „terministischen 
Nominalismus" Okkams begründeten Erkenntnislehre beruht auf 
ihrer grundsätzlich neuen Bestimmung des Verhältnisses von 
Glauben und Wissen, ihr spezifisch philosophisches Interesse auf der 

1 terminus vocalis vel scriptus pro tali conceptu mentali supponens (ge- 
meint ist die suppositio simplex des Okkam!) supponil pro suo significato non 
ultimato; ideo . . . talem terminum sie supponentem repulo supponere materia- 
liter. (1. c.j 

2 Prantl IL 281, 284. 



Studien zur Spätscholastik. I. 53 

Ausbildung einer genetischen Theorie des Erkenntnisprozesses von 
sehr weitreichender historischer Wirkung. Die skeptische Ant- 
wort Okkams auf die Frage nach der rationalen Beweiskraft der 
Glaubenssätze, verbunden mit kirchlichem und dogmatischem 
Positivismus und starker Betonung der biblischen Autorität, hat 
das geschlossene philosophisch-theologische System der Hoch- 
scholastik ins Wanken gebracht und in erheblichem Umfange den 
theologischen Ideen der Reformation vorgearbeitet; der okka- 
mistische Wissenschaftsbegriff mit seinen sensualistisch-empiri- 
stischen Tendenzen und seiner Abneigung gegen die metaphysische 
Konstruktion kann als Vorläufer der englischen Aufklärung des 
17. Jahrhunderts gelten. Mit den Sammelnamen ,, Nominalismus" 
und ,, Terminismus" ist der Inhalt dieser Erkenntnislehre nur sehr 
mangelhaft bezeichnet; der „terministischen" Logik verdankte sie 
nur die methodische Form, nicht den Anlaß und Inhalt 1 . Inner- 
halb der ,,okkamistischen" Schule waren überdies die verschieden- 
sten Färbungen möglich. Um die Tragweite der prinzipiellen Wen- 
dung zum Nominalismus für die Lehre des Marsilius zu begreifen, 
wird es deshalb nicht genügen, seine theoretische Meinung über 
Ursprung und Werdegang der Erkenntnis zu studieren, sondern es 
gilt seine grundsätzliche Stellungnahme zu dem Problem: Empiris- 
mus oder Rationalismus ? durch eine Betrachtung seiner natur- 
wissenschaftlichen Leistungen zu ergänzen, seine Antwort auf die 
Frage des Verhältnisses von Glauben und Wissen aus seiner theo- 
logischen Arbeit zu eruieren. 

Erst von diesem Punkte aus übersehen wir die ganze Trag- 
weite unserer Untersuchung. Welche Bedeutung hat das Denken 
Okkams für die nähere Gestaltung der deutschen Wissenschaft seit 
dem Ende des 14. Jahrhunderts gewonnen ? Was ist eigentlich der 
Lehrinhalt der so vielgenannten „modernen" Doktrin auf deutschen 
Universitäten, in der Physik, Metaphysik und Theologie ? Keine 
dieser Fragen ist bisher zureichend beantwortet. In der Tat liegen 



1 Das wird mit Recht von Scheel I 2 , 180 und 305, anm. 83 betont; seine 
Polemik gegen Siebeck (A. f. Ph. X, 321) ist jedoch nicht durchweg ver- 
ständlich. Siebeck behauptet ja nicht mehr, als daß die „byzantinische 
Logik" dem Nominalismus Okkams „hauptsächlich" die „methodische Aus- 
prägung" verliehen habe, was sich doch garnicht bestreiten läßt! — Daß 
der dogmatische Glaubensbegriff des Okkamismus nicht mit der modernen 
Theorie der Werturteile zusammengebracht werden darf, ist allerdings durch- 
aus zutreffend. 



54 Gerhard Ritter: 

bisher gründliche Untersuchungen in der Hauptsache nur für die 
spätesten deutschen Vertreter des Okkamismus vor; Gabriel Biel 
und die Erfurter um 1500 hat das Interesse der Lutherforschung 
beleuchtet; im übrigen herrscht mehr oder weniger das Halb- 
dunkel. Keiner dieser Lehrer des Reformators war mehr als 
Spezialist auf einem Fachgebiete — oder mehreren verwandten. 
Die Zeit des philosophisch-theologischen Universalismus war da- 
mals längst im Verwelken. Ist es nicht eine ganz einseitige Auf- 
fassung, wenn wir nach dem Bilde dieser Spätesten die ganze 
deutsche Entwicklung zu beurteilen gewöhnt sind ? Am Anfang 
dieser Entwicklung steht Marsilius von Inghen, alle wesentlichen 
Interessen der Scholastik zugleich umfassend, weithin wirkend als 
Organisator, Lehrer und Autor. Er muß sich besser als jene zur 
Aufhellung der wenig betretenen Pfade eignen, denen die Forschung 
hier nachzugehen hat. 

Darüber, daß Marsilius von Inghen als Erkenntnistheoretiker 
grundsätzlich im Strome der nominalistischen Überlieferung 
schwimmt, hat bereits unsere Betrachtung seiner Logik keinen 
Zweifel gelassen. Seine Stellung zur Universalienfrage wird am 
klarsten in seinem Abriß der Physik ausgesprochen 1 . Dort unter- 
scheidet er — in wörtlicher Anlehnung an Buridan, Albert von 
Sachsen und Antonius Andreas 2 — zwischen dem universale in 
causando, das als gemeinsame Ursache mehrerer Wirkungen (wie 
z. B. Gott als ens universalissimum) in der Metaphysik zu behandeln 
sei, und dem universale in praedicando de pluribus suppositis com- 
mune, das für die Logik und Erkenntnislehre allein in Betracht 
komme. Dagegen wird das Allgemeine in essendo, als eine Realität 
außerhalb der Seele, auch in der Form der gemeinschaftlichen 
Wesenheit mehrerer Einzeldinge 3 , ausdrücklich geleugnet. Die 
Lösung der Universalienfrage mit Hilfe der Suppositionstheorie 
ist also vollzogen, Sicher erkennbare Anklänge speziell an Okkams 
Lehre dagegen zeigen die Schriften unseres Philosophen im ein- 
zelnen nicht. Es ist mir überhaupt fraglich, ob er Okkams Schriften 
im Original ausführlich gekannt hat; die spärlichen Zitate aus 



1 abbreviation.es libri physicorum, Druck nr. 13, Bl. 4. 

2 Vgl. Prantl III, 278, N. 458. IV, 16, 64. 

3 Nämlich als res extra animam existens, . . . idem et unum pluribus singu- 
laribus loco et situ differenübus communicatum. (1. c.) Ähnliche Ablehnung 
des Wirklichkeitscharakters des universale in essendo in Hb. sent. I, qu. 6, 
art. 2 Bl. 38, b (zitiert bei Prantl, IV, 94, N 370). 



Studien zur Spätscholastik. I. 55 

dem Sentenzenkommentar zwingen nicht zu dieser Annahme 1 . 
Jedenfalls werden wir gut tun, die okkamistisch klingenden Sätze 
lieber aus der Tradition der Pariser Schule als aus den Ansichten 
des englischen Philosophen zu erklären. Überdies erinnert die auf- 
fallend glatte und unschematische Darstellungsform der Erkenntnis- 
lehre lebhaft an gewisse Teile der (später zu besprechenden) Physik, 
in denen die neueste Pariser Lehrmeinung eindeutig zu erkennen ist 2 . 
Das wesentlich Neue der Erkenntnislehre Okkams: die Besei- 
tigung der überlieferten Lehre von den Abbildern der singulären 
und der allgemeinen Realitäten in der Seele (species sensibiles bezw. 
species intelligibiles), auf deren Verarbeitung die Erkenntnis der 
Wirklichkeit beruhen sollte, sowie die statt dessen eingeführte Vor- 
stellung, das Verhältnis der erkennenden Seele zum erkannten 
Objekt beruhe auf der „Supposition" der Bewußtseinsinhalte 
(termini) als „Zeichen" für die dadurch vertretenen außermentalen 
Objekte — das alles ist in demjenigen Stadium der Pariser Tradition, 
das Marsilius vertritt, bereits zu einer kaum noch erörterten Voraus- 
setzung geworden 3 . Auch die Frage nach der Möglichkeit der Ein- 
wirkung des objektiven Seins auf das Subjekt wird von Marsilius 
nicht berührt. Das ist umso merkwürdiger, als er die Hetero- 
genität des „Denkenden und Ausgedehnten" mit einer Bestimmt- 
heit erfaßt hat, die in ihrer Terminologie unmittelbar an Descartes 
erinnert und im Grunde jede unmittelbare Einwirkung des Äußeren 
auf das Innere ausschließt 4 . Trotzdem spricht er ganz unbefangen 
und unerklärt von einer Einwirkung der äußeren Dinge auf die 
Sinne und von der Umsetzung der so entstehenden Eindrücke in 
psychische Qualitäten. Auch Wilhelm Okkam hatte in unent- 
schiedenem Nebeneinander die produktive Aktivität des erkennen- 
den Intellekts und die Einwirkung der äußeren Dinge auf das 



1 Ein genau bezeichnetes Zitat habe ich nur 1. sent. I, qu. 2, art. 3, 
Bl. 12, b bemerkt. Das Fehlen aller Schriften Okkams in der Bibliothek 
des M. v. I. wurde schon oben festgestellt. War am Ende das Studium der 
Originalschriften des gefährlichen Revolutionärs um 1370 in Paris noch 
ungewöhnlich? 

2 Die Lehre vom impetus, s. u. p 104 ff. 

3 Gelegentliche Erörterung: üb. sent. I, qu. 12, art. 1. Bl. 58 v . 

4 De generatione et corruptione, 1. I, qu. 17, art. 1 (Druck nr. 7) : Intelli- 
gibde non polest producere virtute proprio, proprium actum intelligendi. Pro- 
batur: quia intelligibile presentatum sensui semper est divisibile, intellectus autem 
indwisibilis; quare non sunt eiusdem materie seu generis; ergo ununi non polest 
agere in alium .... Intellectus de per se producit in se proprium actum intelli- 
gendi. 



56 Gerhard Ritter: 

Subjekt bestehen lassen. Aber er hatte doch wenigstens den 
Versuch gemacht, mit Hilfe der Suppositionstheorie sich eine Vor- 
stellung zu bilden von der „natürlichen" gegenseitigen Beziehung 
des Draußen und Drinnen. Das alles läßt die Darstellung des 
Marsilius beiseite, und die halbfertigen Ansätze Okkams zu einer 
Erfassung der Wirklichkeit als Phänomen bleiben damit abermals 
stecken. Das ganze Interesse wendet sich vielmehr der genauen 
Darstellung des genetischen Erkenntnisprozesses zu, der von den 
sinnlichen Eindrücken bis zur wissenschaftlichen Abstraktion 
aufsteigt. 

Die herkömmliche Unterscheidung zwischen sinnlicher und 
intellektiver Erkenntnis findet sich auch hier, ebenso der okka- 
mistische Grundsatz, daß alle Vernunfterkenntnis sich auf sinn- 
licher Wahrnehmung aufbaut. Ähnlich wie bei Okkam 1 spielt 
die Frage nach dem Zustandekommen der Wahrnehmung und dem 
hierbei erfolgenden Zusammenwirken von Sinnesvermögen und 
Intellekt die Hauptrolle. Die reine Wahrnehmung der äußeren 
Sinne (sensiis exterior) erfaßt das Objekt als singulare Erschei- 
nung (singulare) in einem einfachen Akte der Perzeption (appre- 
hensio), ohne zwischen den Elementen des Wahrgenommenen eine 
Beziehung zu setzen (incomplexe), und zwar immer in unbestimmter 
Weise (vagum). Z. B. wird im bloßen Sehen ohne Mitwirkung des 
Verstandes nur der unbestimmte Einzeleindruck eines so oder so 
Gefärbten mitsamt allen seinen individuellen Eigentümlichkeiten 
wahrgenommen, soweit sie in den Umkreis des vom Sehvermögen 
Erfaßbaren fallen: also außer der Farbe noch Ausdehnung, Gestalt, 
Lage, numerische Einheit usw., aber alles dies nicht vom Gesamt- 
eindruck unterschieden, sondern in ungeschiedener Einheit des 
Sinneseindrucks zusammengefaßt (circumjlexe, implicite) 2 . Eben 
diese Ungeschiedenheit der Eindrücke ist der Grund, weshalb der 
rein sinnliche Eindruck niemals unter eine bestimmte Kategorie 
fällt: im Sehen z. B. werden gewisse Bestimmungen der Qualität, 
der Quantität, des Zustandes und des Ortes zugleich erfaßt. Über 
diese Unbestimmtheit kann sich die bloße Sinnlichkeit niemals 
erheben. Wohl kann auch der äußere Sinn, z. B. der Tastsinn, in 
gewissem Sinne „urteilen" über das von ihm wahrgenommene 



1 Vgl. Siereck, Arch. f. Ph. X (1897) 334. Weiterhin über Okkam: 
Stöckl II 988 ff. Prantl 111,331 ff. Kühtmann 14 ff. L. Ki gler, bes. 17 ff. 

2 lib. sent. II, qu. 16, art. 1, Bl. 273. Vgl. ferner ibid. 1. I, qu. 2, art. 1, 
Bl. 10b ff; abbrev. phys., Druck nr. 13, Bl. 4a ff. 



Studien zur Spätscholastik. I. 57 

Objekt 1 , aber das Urteil geht immer nur auf ein einzelnes Wahr- 
nehmungselement ohne synthetische Zuordnung, ist also ,, in- 
komplex". Eine ,, komplexe" Erkenntnis entsteht aber immer nur 
da, wo Subjekt und Prädikat im Urteil einander zugeordnet werden, 
wie z. B. in dem Satze: „Dieses Sichtbare ist süß". Das erfordert 
schon eine gewisse abstraktive Tätigkeit, zu der die Sinnlichkeit 
unfähig ist. Jeder einzelne Sinn ist vielmehr gebunden an die 
bloße „Demonstration", d. h. die Feststellung der tatsächlichen 
Existenz des wahrgenommenen Objekts innerhalb seiner begrenzten 
Wahrnehmungssphäre 2 . 

Höher stehen die Fähigkeiten des „inneren Sinnes", der bereits 
zu einer unterscheidenden und verbindenden (komplexen) Urteils- 
bildung imstande ist. Was ist unter diesem „inneren Sinne" zu 
verstehen? Offenbar nicht etwas, das dem augustinischen und 
dem modernen Begriff der „inneren Erfahrung", zu dem die An- 
sätze bei Okkam sich finden 3 , ohne weiteres analog wäre; denn 
nicht die psychischen Zustände (oder doch nicht sie allein) sollen 
von diesem „Sinn" aufgefaßt werden, sondern gleichfalls die 
äußeren Dinge, über die er sowohl „inkomplex" als „komplex" 
urteilen kann 4 . Ganz eindeutig ist die psychologische Stellung 
dieses „Sinnes" nicht bestimmt; doch ergibt sich aus seiner Be- 
zeichnung als Vermögen der sinnlichen Seele, seiner Abhängigkeit 
von der äußeren Sinnestätigkeit 5 und seiner Gleichstellung mit dem 
„Gemeinsinn", daß hier die „4 inneren Sinne" gemeint sind, die 
im Anschluß an die aristotelische Psychologie schon Thomas zu 
den „apprehensiven Seelenkräften" rechnete: Gemeinsinn, Ein- 
bildungskraft, vis aesümativa und Gedächtnis. Zahlreiche Hin- 
weise auf die Schrift de anima verstärken den Eindruck, daß hier 
ein Stück Aristoteles nicht ganz einwandfrei in die „moderne" 
Erkenntnislehre hineingearbeitet ist. 

Echt okkamistisch ist dagegen die Feststellung, daß und wie 
in aller Wahrnehmung sogleich der Verstand mitwirkt. Jede 



1 lib. sent. I, qu. 2, art. 1, Bl. 10c. 

2 Dabei ist der Tastsinn der „unvollkommenste und materiellste'', lib. 
sent. I, qu. 2, Bl. lOd. 

3 Vgl. darüber Siebeck, A. f. Ph. X, 328. 

4 lib. sent. Bl. 10b, prop. 4: Sensus interior iudicat complexe et ineom- 
plexe, palet de sensu communi dicente: hoc alburn est dulce etc. 

5 I.e. Bl. 10 d: Sensus exterior est prior quam interior, quod exteriorem 
interior presupponit. 



58 Gerhard Ritter: 

inkomplexe und singulare Perzeption des Sinnes ruft unmittelbar 
eine entsprechende Wahrnehmung des Intellekts hervor 1 . Auch 
hier stoßen wir auf einen oft erörterten aristotelischen Begriff: 
das phantasma, die Einbildungsvorstellung, deren Dasein die Tätig- 
keit des Intellekts erst ermöglicht. Die metaphysische Natur 
dieses Zwischengliedes, die Okkam soviel Schwierigkeiten gemacht 
hatte 2 , wird hier nicht näher erörtert. Nur soviel zeigt sich, daß 
es als „innere sinnliche Vorstellung" (cognitio interior sensitiva) mit 
der Körperlichkeit des erkennenden Subjekts zusammenhängt, den 
ihm entsprechenden objektiven Inhalt im Sinne der terministi- 
schen Logik „repräsentiert" und offenbar berufen ist, die scharfe 
Trennung der okkamistischen Psychologie zwischen Intellekt und 
Sinnlichkeit zu überbrücken; überdies scheint es zur Aufbewahrung 
der Sinneseindrücke für die Erinnerung zu dienen, da es auch im 
Schlafe erhalten bleibt. 

Analog den in dem phantasma niedergelegten einzelnen und 
unbestimmten Sinneseindrücken bildet nun der Intellekt zunächst 
ebenso unbestimmte Einzelbegriffe {conceptus singulares vagi), und 
zwar vermittels einer Intuition {intuitive), die auf eben jene sinn- 
lichen Vorstellungsbilder (phantasmata) gerichtet ist 3 . Dabei besteht 
eine Reihenfolge zunehmender Deutlichkeit des Begriffs je nach 
dem Grade seiner Allgemeinheit, analog der Deutlichkeit der sinn- 
lichen Wahrnehmung. Das hierfür zur Veranschaulichung gewählte 
Beispiel gehört zu den seit Avicenna traditionellen Lehrstücken der 
Scholastik. Wenn ich einen Menseben erblicke, der auf mich zu- 



1 1. C. Bl. 10b: Aliqua est noticia intellectiva singularis et incomplexa. . . 
patet de illa, quam dieta sensitiva immediate generat in intellectu . . . quod Uli 
proporcionabilem intellectus ab ea in se format, quod sie intellectus rem 
primc intelligit, sicut eam primo in fantasmatibus pereipit. Ibid. 
Bl. 272 d: Eo modo, quo '-es primo sentitur, sie primo intelligitur; patet, quod 
intellectus, quamdiu est in corpore, phanlasmatibus intelligit, idest cognitionibus 
sensitivis interioribus, ut dicetur III. de anima. Et patet in somno perfecto, 
quando sensus non est in actu nee intellectus actu aliquid intelligit. 

2 Prantl III, 336 ff. 

3 abbrev. phys. 1. c. Bl. 3: Intellectus mspiciens fanlasma incomplexum 
sensus, genitum ex praesentiali obiectione sensibili, generat in se similem con- 
ceptum incomplexum, mediante phantasmate Mo, adaequate representante idem 
quod fanlasma. M. v. I. legt Wert darauf, daß auch die intellektive An- 
schauung mit unbestimmten Einzelwahrnehmungen beginnt; anders die Dar- 
stellung Siebecks 1. c. 332 von der Erkenntnislehre Okkams, der das con- 
jusum des Intellekts in seinen Teilen stets distinkt sein läßt, im Unterschied 
zur Sinnlichkeit. 



Studien zur Spätscholastik. I. 59 

kommt, so bilde ich nacheinander etwa folgende Begriffe: Dies 
Sichtbare, dies Ausgedehnte, dieser Körper, dieses Lebewesen, 
dieser Mensch, Sokrates 1 . Nur die ersten Begriffe einer solchen 
Reihe sind im strengen Sinne „unbestimmt" (vagus), die folgenden 
gehören bereits zu den ,,distinkten" Begriffen, deren Deutlichkeit 
umgekehrt proportional dem Grad ihrer Allgemeinheit zunimmt. 
Eben in dieser zunehmenden Herausschäl ung der Begriffe aus der 
Fülle ihrer anfänglichen Bestimmungen betätigt sich das abstrak- 
tive Vermögen des Verstandes, das von der Tatsächlichkeit der 
sinnlichen Wahrnehmung abzusehen vermag 2 , im Gegensatz zu der 
bloßen intellektiven Anschauung (intuitio). Und zwar besteht das 
eigentümliche Verhältnis, daß der unbestimmte Einzelbegriff (con- 
ceptus singularis vagus) im Abstraktionsprozesse früher erscheint 
als der eigentliche Allgemeinbegriff der Gattung, Art usw.; so hat 
der Begriff hoc prospectum die genetische Priorität vor dem Uni- 
versale: hoc corpus; von da bewegt sich die Stufenfolge aufwärts 
zu immer speziellerer Bestimmung der individuellen Besonderheit; 
der bestimmte Einzelbegriff, das Individuum, ist die höchste und 
darum letzte Abstraktion der Wahrnehmung 3 . So erklärt sich die 
Entstehung der Allgemeinbegriffe aus der Aktivität des Intellekts 
ohne Zuhilfenahme einer objektiven Realität des Allgemeinen in 
den Dingen. Sie werden gleichsam herausgeschält aus der „Ver- 
worrenheit der Bestimmungen" (ex conjusione accidentium), die in 
der sinnlichen Einzelvorstellung dem Verstand sich darbietet, mit 
Hilfe der Vergleichung verschiedener irgendwie einander ähnlicher 
Einzelvorstellungen untereinander, deren Gemeinsamkeiten als 
Allgemeinbegriffe herausgehoben werden, so daß gleichzeitig die 
Besonderheit des einzelnen conceptus immer deutlicher heraustritt. 
Damit löst sich Marsilius in interessanter Weise von Aristoteles los 
zugunsten eines zukunftsreichen Gedankens, der seit Duns Scotus 
immer schärfer herausgearbeitet war. Die viel zitierte und viel- 



1 abbrev. phys. Bl. 4, b. Ähnlich im Sentenzenkommentar. 

2 Die Sinnlichkeit ist darauf angewiesen, ihre Wahrnehmungen demon- 
strative als tatsächlich zu erweisen; das Produkt der Abstraktion, der Begriff, 
bedarf nicht dieses „Hinweises" (non includit demonstrationem) 1. sent. II, 
16, Bl. 273b. 

3 abbrev. phys. Bl. 4a: Res prius ab intellectu cognoscitur conceptu 
singulari vago quam universali . . . prius universaliter quam conceptu singulari 
determinato . . . Cognicio rei secundum conceptum determinatum est . . . distinc- 
tissima et difficillima et ideo ultimo advenit. Vgl. ähnliche Darlegungen Okkams: 
Stöckl II. 990/1. 



60 Gerhard Ritter: 

deutige Einleitung zur Physik des Stagiriten bezeichnete das 
universale als das magis notum für das erkennende Subjekt, das 
einzelne dagegen als das Spätere im Erkennen, obgleich im Zu- 
sammenhang der Natur die einzelnen elementa principiaque das 
Frühere seien 1 . Marsilius dagegen gibt sich — ohne ausdrückliche 
Polemik gegen den philosophus — viel Mühe, um zu beweisen, daß 
noch vor dem universale das singulare vagum vom Intellekt erfaßt 
werde. Unmöglich kann das Allgemeine früher in die Seele ein- 
treten als das einzelne: wie sollte es wahrgenommen werden, und 
wie sollte der Intellekt aus der vollendeten Anschauung des All- 
gemeinen herabsteigen zur Wahrnehmung des verworrenen Ein- 
zelnen ? Damit ist der erkenntnistheoretische Rationalismus deut- 
lich abgewiesen. Das Allgemeine geht letztlich hervor aus der 
sinnlichen Erfahrung. Die Parallelen dieser Erkenntnisgenese zu 
dem modernen Empirismus eines Hobbes und Locke liegen auf der 
Hand. Auch der Nominalismus ist ganz deutlich: das universale 
ist ontologisch betrachtet nichts als ein subjektives Denkgebilde 2 . 
Indessen zeigt sich hier in besonders charakteristischer Weise, daß 
unser Philosoph ganz unbefangen eine genaue Analogie des Ver- 
hältnisses zwischen den Begriffen mit dem gegenseitigen Verhältnis 
der objektiven Dinge voraussetzt. Es ist nämlich nicht nur die 
gegenseitige Ähnlichkeit der einein universale untergeordneten 
Begriffe, sondern ganz ebenso die Ähnlichkeit der von ihnen ver- 
tretenen Dinge, aus der der Allgemeinbegriff hervorgehen soll; ja 
gelegentlich wird sogar — mit einer bedenklich zweideutigen Wen- 
dung — diese Ähnlichkeit als die „Wesenheit" der Einzeldinge 
bezeichnet, insofern diese Wesenheiten einander ähnliche Wir- 
kungen in der Natur hervorbringen 3 . Schon Okkam hatte eine 
teilweise Übereinstimmung der außermentalen Einzeldinge unter- 

1 Ex universalibus ad singularia proficiscamur oportet; ipsum namque 
totum sensu notius est, universale vero totum est quoddam. Übers, d. Jon. Argy- 
ropylus, Ausg. Lugduni 1558, p. 3. 

2 lib. sent. I, 1. c. Bl. 10, d: Noticia communis est Simplex apprehensio 
rei ex modo sue significationis communis multis suppositis. 

3 abbrev. phys. Bl. 4, d wird die Frage nach der metaphysischen We- 
senheit des Allgemeinbegriffs homo als Oberbegriff von Sokrates und Plato 
beantwortet: Hec est essentia Socratis, in quantum ab illa lotaliter similes 
effectus [secundum naluram] essentialiter nati sunt fieri effectibus essentie Pia- 
tonis. Vgl. lib. sent. I, I.e. Bl. 10, d: Licet non sint res universales in essendo, 
tarnen res singulares aliquae sunt equaliter similiores quam alique, et ab ipsis . . . 
sumuntur coneeptus universales. 



Studien zur Spätscholastik. I. 61 

einander {convenientia) als objektiven Grund für die Bildung der 
subjektiven Allgemeinbegriffe anerkannt 1 und damit eine meta- 
physische Behauptung aufgestellt, die den Rahmen der Darstel- 
lung des rein subjektiven Erkenntnisvorganges durchbrach. Mar- 
silius von Inghen war noch weniger als sein (gegen alle Metaphysik 
skeptisch gestimmter) englischer Vorgänger geneigt, auf die Er- 
kenntnis des objektiven Zusammenhangs der Dinge zu verzichten. 
Mit alledem befinden wir uns (wie bei Okkam) noch im Gebiet 
der gleichsam automatisch wirkenden Verstandestätigkeit: denn 
die Abstraktion der Allgemeinbegriffe erfolgt „von selbst (naturali- 
ter), nicht freiwillig", d. h. ohne bewußtes, vom Willen bestimmtes 
Nachdenken; und da es sich um Einzelbegriffe handelt, ist diese 
Abstraktion als ,, inkomplex" zu betrachten. Erst die „komplexe" 
Erkenntnis setzt die so gewonnenen Einzelbegriffe zueinander in 
Beziehung, entweder „unmittelbar" d. h. ohne formelle Urteils- 
bildung, wie in dem synthetischen Begriff „der weiße Mensch" 
(complexio non propositionalis vel indistans) oder „mittelbar" im 
formellen Urteil {complexio proportionalis vel distans). Erst auf 
dieser Stufe des Prozesses kommt es zu einer eigentlichen Asso- 
ziation der Vorstellungen (/wticia intellectwa compositiva), z. B. in 
der Verbindung der Elemente homo und animal zu dem Urteil: 
Homo est animal 2 . Im Akt des Urteilens, der deshalb im Mittel- 
punkt der „modernen" Logik steht, vollendet sich die verstandes- 
mäßige Erkenntnis. Dabei ist zu unterscheiden zwischen der bloß 
„apprehensiven" Konstatierung der bestehenden Begriffsverbin- 
dung als einer seelischen Tatsache 3 und ihrer Annahme im bejahen- 
den Urteil 4 , das seinerseits wieder mit oder ohne vorgängigen 
Beweis erfolgen kann. Nirgends in dieser Beschreibung des Er- 
kenntnisprozesses ist von der für Okkams System so fundamental 
bedeutsamen augustinischen Mitwirkung des Willens im Urteil die 
Rede, und wenn dieser Vorgänger den Unterschied der automati- 

1 Vgl. die Zitate bei Überweg-Baumgartner II 10 , p. 602. 

2 abbrev. phys. Bl. 3. Dort wird unterschieden zwischen: twticia 
intellectwa, intuitiva, abstractiva, compositiva und elicitiva. Die letztere ist 
der tierische Instinkt, mit dem z. B das Schaf eine inkomplexe Vorstellung- 
von der Gefahr hat, wenn es Farbe, Gestalt usw. des Wolfes erblickt. 

3 lib. sent. I, qu. 2, Bl. 10, d — 11, a: Noticia propositionali apprehensiva 
. . . apprehenditur sententia, quam propositio iuxta significationem suorum 
terminorum importat . . . Est. autern apprehensiva ipsamet propositio intellecta. 

4 ibid. Bl. 11: Alia est {noticia) assensiva, qua propositioni apprehensac 
assentimus. 



62 Gerhard Ritter: 

sehen und der bewußten Verstandestätigkeit geradezu aus der Wirk- 
samkeit von zwei verschiedenen Seelenvermögen erklären wollte 1 , 
so findet sich davon bei Marsilius nur ein schwacher Nachhall in 
der Unterscheidung des komplexen vom inkomplexen, des appre- 
hensiven vom assensiven Erkennen 2 . 

In der beweisenden Urteilstätigkeit wird die höchste Stufe des 
verstandesmäßigen Erkennens erreicht, und mit der Bemerkung, 
daß alle Verstandeserkenntnis entweder aktiv erfolgen (noticia 
actualis) oder aber als zuständliche Wirkung des Erkenntnisaktes 
der Seele verbleiben kann {noticia habitualisf , ist die Beschreibung 
des Erkenntnisprozesses abgeschlossen. Es erhebt sich nunmehr 
die wichtige Frage, nach welchen Prinzipien denn die Annahme 
oder Ablehnung der vom Intellekt im ,,apprehendierenden" Urteil 
aufgestellten Begriffsverbindungen durch das „assensive" Urteil zu 
erfolgen hat, d. h. was der Grund der Bejahung oder Verneinung 
im Urteil und schließlich was überhaupt der Grund der Wahrheit 
des Urteils und des Irrtums sei. Die Frage scheint für diese 
Erkenntnistheorie schwierig zu beantworten, da ja der ganze 
Erkenntnisprozeß nur seinen ersten Anstoß (in der sinnlichen 
Wahrnehmung) von den Dingen der Außenwelt empfängt, in 
seinem weiteren Verlauf aber ganz innerhalb des erkennenden 
Bewußtseins verläuft, sodaß insbesondere das eigentliche Material 
des Urteilens, die Begriffe und ihre komplexen Verbindungen, sich 
nicht wie in der älteren Psychologie als Spiegelungen der Wirk- 
lichkeit, sondern als Produkte des erkennenden Verstandes selbst 
darstellen. Marsilius legt besonderen Wert auf diesen Fortschritt 
der neuen Erkenntnislehre: der unmittelbare Gegenstand des 
Wissens ist niemals das Ding selber als etwas Außermentales, 
sondern die propositio apprehensiva als etwas Seelisches. Unter 
ausdrücklicher Berufung auf den Sentenzenkommentar Okkams. 
der hier die communis opinio darstelle, wird diese Ansicht gegen 
die „entweder allzu subtile oder einfach unlogische" Meinung 
Gregors von Rimini verteidigt, der die Verwendbarkeit einer bloß 



1 Siebeck 1. c. 329/30. 

2 Über das Verhältnis des Willens zum Intellekt vgl. die Willenslehre 
(unten in cap. 4, c). 

3 lib. sent. I, Bl. 11, a — b: Noticia habitualis . . . est illa quae manet 
ex actu etiam ipso acta cessante, sicut dormitione scientis. In diesem kurzen 
Satze wird offenbar eine Erklärung des Erinnerns und Vergessens angedeutet, 
ähnlich derjenigen Okkams (Siebeck 1. c. 335). 



Studien zur Spätscholastik. I. 63 

seelischen Qualität als Gegenstand der Erkenntnis leugnete 1 . Der 
Einzelbegriff des Urteils wird als entfernter, die durch ihn ver- 
tretene Sache als entferntester Gegenstand des Wissens bezeichnet 
(obiectum remotum bezw. remotissimum assensus) — offenbar eine 
selbstgebaute Lieblingsdistinktion unseres Autors, die er bei jeder 
Gelegenheit wiederholt 2 . Man darf sie wohl als einen Versuch be- 
trachten, trotz der ausschließlich subjektiven Gestaltung des Denk- 
prozesses das objektive Ding als Gegenstand des Wissens zu retten, 
wenn auch nur als den „entferntesten". 

In der Tat zeigt sich in diesem nahen Verhältnis der sub- 
jektiven Begriffswelt zu den objektiven Dingen der Ausweg aus 
der soeben berührten Schwierigkeit, den Grund für Bejahung bezw. 
Verneinung des Urteils zu finden. Es besteht nicht der mindeste 
grundsätzliche Zweifel, daß der Erkenntnisprozeß trotz seiner 
Subjektivität dem sachlichen Verhältnis der äußeren Dinge unter- 
einander entspricht. Das wird am klarsten in der handschriftlich 
überlieferten „Metaphysik" ausgesprochen. Sehr einfach liegt 
dieses Verhältnis zunächst für die inkomplexen Einzelbegriffe, die 
primi actus intellectus. die er aus den phantasmata der sinnlichen 
Wahrnehmung bildet; sie können gar nicht „falsch" sein, da sie 
„auf natürlichem Wege" aus den Dingen selbst entstehen 3 . Und 

1 L. c. Bl 12, b ff Die sehr ausführliche Polemik zeigt eine dem M. 
v. I. sonst ungewöhnliche Heftigkeit, die wohl aus gewissen Bl. 12, c angedeu- 
teten Erfahrungen in der Disputation zu erklären ist. Sachlich ist die Differenz 
garnicht so groß. Gregor, der die interessante Debatte auf eine wirklich 
philosophische Höhe hebt (In I. lib. sent. prol., qu. 1, art. 1., concl. 1 — 3, 
Bl. 2 — 2 V ) bekämpft die extrem nominalistische Meinung einerseits, der 
Gegenstand des Wissens sei die conclusio demonstrationis selbst (so Okkam), 
die realistische Meinung andrerseits, es sei eine res extra animam; er selbst 
bezeichnet als Gegenstand des Wissens das significatum totale conclusionis, 
also den sachlichen Inhalt der im Urteil ausgesprochenen Aussage; das Urteil 
zielt niemals auf sich selbst, sondern auf seinen Gegenstand. Man sieht: hier 
wird der Wahrheitsgrund des Erkennens sehr ernsthaft gesucht! Nun will 
auch M. v. I. einen sachlichen Grund des Urteils in den Dingen selbst finden. 
Seine Lösung (s. sogleich im Text!) ist aber viel äußerlicher. Prantl IV, 13, 
N. 49, 78, N. 301 u. 98, N. 398 bringt die Stelle bei Gregor mißverständlich 
mit den Ansichten Alberts von Sachsen und des M. v. I. zusammen. Mit 
Gregor scheint Albert übereinzustimmen, aber nicht mit M. v. I.! 

2 Z. B. lib. I prior, analyt., qu. 1, Bl. 1, a; abbrev. phys. Bl 3, c; lib. 
sent. III, qu. 14, art. 2, N. 1, Bl. 453 u. ö. 

3 metaphysica (Hs. nr. 75) 1. VI, qu. 6 (Register nr. 42) art. 3, concl. 1, 
Bl. 77, d: Omnis primus actus intellectus est verus . . . quod fundatur in re et 
causatur mente vel in mente a re. Er kann nicht „falsch" sein, da er non habet 



64 Gerhard Ritter: 

in den Dingen extra animam gibt es nicht „wahr und falsch" 1 . Aber 
auch die komplexen Begriffsbildungen, soweit sie es mit der Kom- 
bination und Trennung von Einzelbegriffen zu tun haben, die aus 
sinnlicher Erfahrung herstammen, erhalten ihre Begründung aus 
dem sachlichen Verhältnis der außermentalen Dinge untereinander 
(ex correspondentia rei qualis per conceptum representatur) : der 
Knabe, der seine Mutter kommen sieht, bildet eine „naturgemäß" 
richtige Kombination von Subjekt und Prädikat in dem Urteil: 
„die Mutter kommt" 2 ; jedes irrige Urteil dieser Art beruht auf 
einer Kombination sachlich nicht zusammengehöriger Elemente. 
Und umgekehrt beruht die Richtigkeit des negativen Erfahrungs- 
urteils darauf, daß es Einzelbegriffe voneinander trennt, die nicht 
als Prädikat und Subjekt desselben Urteils bestehen können, da 
sie nicht pro eodem supponunft . 

Mit alledem befinden wir uns im Gebiet der „zufälligen Einzel- 
wahrheiten" der bloßen Erfahrung 4 . Anders steht es mit den 
„allgemeinen Wahrheiten", die aus der Abstraktion im höheren 
Sinne hervorgehen, d. h. aus Allgemeinbegriffen kombiniert werden. 
Für sie gilt die logische Evidenz. Es gibt nämlich eine Reihe von 
derartigen Urteilen, die schlechthin „notwendig" sind, ohne daß 
es einer besonderen „Erklärung" bedürfte; z. B. ist der Satz: „Es 
gibt eine Substanz" oder der Satz des Widerspruchs (als primum 
principiunv') keines Beweises bedürftig. Es sind die allgemeinsten 
und obersten Inhalte der wissenschaftlichen Überlieferung, und 
indem nun mit Hilfe des logischen Schlußverfahrens aus ihnen 
weitere Sätze abgeleitet werden, entsteht „Wissenschaft" im eigent- 



[ causam] corruptwam in re. Ganz ähnlich in der sehr lehrreichen quaeslio 
8 des VI. Buches (Register nr. 44) art. 1, Bl. 79, b: Coneeptus. . . primi sunt 
veri, quod generaniur a rebus mente vel in mente. 

1 qu. 42 art. 4, concl. 3, Bl. 78, a. 

2 lib. II, qu. 1, art. 3, Bl. 13 v . 

3 1. c. lib. VI, qu. 7, Bl. 79, a. 

4 i. c. lib. II, qu. 1. art. 3. Bl. 13, c: Prime veritates a nobis cog- 
nite quoad tempus sunt propositiones singulares contingentes, que cognoscu/iiiir 
mente sensu. 

5 1. e. lib. IV, qu. 12 (Register 24). Lib. sent. III, qu. 14, art. 1, 
pars 3, dubium 1, concl. 1, prob. 5, Bl. 449, c erscheint der Satz des Wider- 
spruchs als primum prineipium luminis naturalis in logischer und ontologi- 
scher Fassung. 



Studien zur Spätscholastik. I. 65 

liehen Sinne, die über „zufällige" Wahrheiten sich erhebt 1 . Wäh- 
rend alles Geschehen sich am einzelnen vollzieht, handelt die 
Wissenschaft nur vom allgemeinen 2 . 

Man sieht: es sind die Kernsätze der aristotelischen Analytik, 
die hier unbekümmert um alle scheinbare Subjektivierung des 
Erkenntnisprozesses festgehalten werden. Erfahrung und logische 
Evidenz als die Pfeiler alles Erkennens scheinen auch durch die 
ausführlichere Darstellung hindurch, die der Sentenzenkommentar 
von der Genesis und Begründung des zustimmenden Urteils ent- 
wirft. Ohne formellen Beweis, d. h. unmittelbar läßt sich die Zu- 
stimmung aussprechen auf Grund der sinnlichen Wahrnehmung 
(z. B. in dem Urteil: ,,Dies Betastete ist warm"), oder auf Grund 
der sinnlichen Wahrnehmung mit Hilfe des abstrahierenden Ver- 
standes (z. B. ,, Alles Feuer ist warm"), oder aus Prinzipien, die 
eine „notwendige" Beziehung zwischen den Begriffen setzen (z. B. 
„Das Ganze ist größer als sein Teil"), oder endlich im Vertrauen 
auf eine Autorität, wie gegenüber dem Glaubenssatze von der 
göttlichen Trinität. Die unbefangene Nebeneinanderstellung von 
Autoritäts- und Erfahrungsbeweis in dieser Aufzählung erhält ihre 
besondere Bedeutung und nähere Ausführung in dem theologischen 
System, von dem noch die Rede sein wird. Auch von den „Be- 
weisen", die zu dem nicht unmittelbar evidenten, sondern abgelei- 
teten assensiven Urteil hinführen, gibt es vier Arten; denn wenn 
auch alle „Wissenschaft" in streng logischen Ableitungen (Schlüs- 
sen) aus sicher erkennbaren Prinzipien besteht, so gibt es doch 
außer ihr noch ein weniger strenges Wissen abgestuften Gewiß- 
heitsgrades: die Vermutung auf Grund gewisser unsicherer Ein- 



1 Metaph. lib. II, qu. 1, art. 3, Bl. 13, d: [Intellectus] per abstraclionem 
a singularibus coneeptibus sumit coneeptus communes, qui combinati faciunt 
propositiones necessarias, sieud sund iste: „Sübstantia est", vel ,,aliquid est" . . . 
Cum tales fuerint evidentes, eo quod termini eorum evidentem veritatem in se 
includunt ex parte sue significationis, intellectus eis formal is statim sine qua- 
cumque declaratione assentit, eo quod naturaliter inclinatur ad veritatem. . . . 
Huius modi paucas intellectus per se componit, sed multas per instruetionem ab 
<ilio.. . . Ex Ulis formatis . . . devenit ad noticiam conclusionum ex Ulis inferri- 
bilium, ad quod plurimum confert doctrina ab alio scientie, quomodo prineipia 
debent disponi ad illacionem suarum conclusionum, quod hoc difficiliter in- 
venit homo per scriptum. 

2 1. c. lib. I, qu. 6, art. 4: Philosophus voluit . . . quod ars et scientia 
sunt universalia, quod sunt de rebus solum seeundum coneeptus suos universales, 
. . . quod actus sunt circa singularia. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Abli. 5 



66 Gerhard Ritter: 

sichten (suspicio), die „Ansicht" (opinio), aus nur wahrscheinlich 
gültigen Voraussetzungen logisch zwingend abgeleitet, und end- 
lich das theologische Wissen, dessen formales Schlußverfahren der 
„natürlichen" Wissenschaft entspricht, dessen oberste Grundsätze 
aber nicht in sich evident, sondern durch den Glauben begründet 
sind 1 . Auch hier läßt sich das Vorbild aristotelischer Sätze (Analytik 
und Topik) deutlich erkennen. Und überhaupt ist ja das Wesent- 
liche aus all diesen Einzelheiten die überlieferte Doppelpoligkeit 
der peripatetischen Erkenntnislehre :Erfahrung und logische Gewiß- 
heit, induktive und deduktive Methode sollen nebeneinander zur 
Wahrheit führen 2 . Die Gültigkeit dieser obersten Prinzipien selbst 
wird nicht als ein Problem empfunden. Wie sich ihr Ineinander- 
wirken im einzelnen gestaltet, wie weit die Tragweite einerseits 
der aus sinnlichen Wahrnehmungen abgezogenen Begriffe, zum 
andern der rein logischen Einsichten reicht, das muß sich aus der 
Betrachtung einmal der physikalischen, andererseits der meta- 
physischen Arbeiten unseres Philosophen ergeben. 

Soviel aber läßt sich jetzt schon erkennen, daß von irgend- 
einem grundsätzlichen Zweifel oder einer Gleichgültigkeit des- 
Okkamisten gegenüber den Realitäten der Erfahrungswelt gar nicht 
die Rede sein kann. An ihnen muß sich ja die Richtigkeit der nicht- 
abstrakten Urteile bewähren! Es ist ein schwer begreifliches Miß- 
verständnis dieser Erkenntnislehre, wenn man ihr nachsagt, sie 
habe es verhindert, daß die Okkamisten ,,eine inhaltlich bestimmte 
selbständige Wissenschaft von den res betrieben" 3 . Was verschlägt 
es, daß die „Wissenschaft" im strengen aristotelischen Sinne sich 
auf Abstraktionen, auf Allgemeinbegriffen aufbaut, deren gegen- 
seitiges Verhältnis sich nicht erfahrungsmäßig, sondern nur logisch 
bestimmen läßt ? Oder ist etwa die Leugnung der außermentalen 
Realität der Allgemeinbegriffe identisch mit der Leugnung der 
außermentalen Realitäten überhaupt ? Innerhalb ihres Bereiches 

1 lib. sent. I, qu. 2, art. 1, Bl. 11, a. 

2 Ganz deutlich z. B. lib. sent. I, qu. 42, art. 2, Bl. 176, c. Der Intellekt 
kann zustimmen his que cadunt: a) sub sensu et principiis, quorum noticiam 
habet cum sensu; b) principiis notis e.r implicatione evidenti veritatis in signi- 
ficatione terminorum et conclusionibus, que ex talibus possunt inferri. — Ähnlich : 
lib. sent. II, qu. 1, art. 2, Bl. 205, b. 

3 Hermelink Theolog. Fakultät Tübingen, 105. Dagegen im wesent- 
lichen richtig: Scheel I 2 , 184 — 9. Im einzelnen scheint mir die Scheelsche 
Darstellung der Erfurter Erkenntnislehre nicht ganz klar; ist z. B. für Trut- 
vetter wirklich der „komplexe" Begriff früher als der „inkomplexe"? (p. 187). 



Studien zur Spätscholastik. I. 67 

besitzt für Marsilius auch die reine Erfahrungswissenschaft eine 
durchaus zureichende „Evidenz"; unsere gesamte Naturerkenntnis 
läßt sich aus ihr ableiten 1 . 

Und ebensowenig ist in den Sätzen dieser Erkenntnislehre not- 
wendig ein grundsätzlicher Zweifel an der Möglichkeit meta- 
physischer Erkenntnisse enthalten. Gewiß ist seit der Zerstörung 
der „realistischen" Vorstellung, das Allgemeine existiere außer- 
halb des erkennenden Bewußtseins in den Dingen selbst, das Ver- 
hältnis zwischen begrifflicher und „realer" Welt nicht mehr so 
eindeutig bestimmt wie früher. Aber von einer „prinzipiellen Los- 
lösung der Logik von der Metaphysik" 2 könnte man doch nur dann 
sprechen, wenn die ontologische Bedeutung der Allgemeinbegriffe, 
d. h. ihre Fähigkeit, das „Wesen" der Dinge im Sinne des Aristo- 
teles zu erfassen, in der nominalistischen Grundthese geleugnet 
würde. Erst das Studium einer nominalistisch-„modernen" Meta- 
physik, wie es bisher noch nicht versucht worden ist, und zu dem 
uns die metaphysische Arbeit unseres Philosophen Gelegenheit 
geben wird, kann über diesen Punkt aufklären. Die nominalistische 
Ablehnung der Vorstellung, als ob die Allgemeinbegriffe irgendwie 
von außen her in der Seele erzeugt oder abgespiegelt würden, 
besagt noch nichts darüber. Und ebensowenig kann die Vorliebe 
Okkams für den Erfahrungsbeweis ins Feld geführt werden. Er 
selbst begnügte sich keineswegs damit, die Sätze der „natürlichen 
Theologie" darum zu bestreiten, weil für sie die „Intuition", d. h. 
die sinnliche Erfahrung ihrer Objekte fehle; vielmehr legte er als 
echter Aristoteliker den Hauptwert auf den Nachweis der logischen 
Unmöglichkeit, ihren Inhalt aus notwendig gültigen Aussagen all- 
gemeiner Natur abzuleiten. Es kam also alles darauf an, welche 
Tragweite man den Kombinationen universaler Begriffe im Urteil 
zutraute: war es möglich, mit ihrer Hilfe zu einer begrifflichen 
Konstruktion des allgemeinsten Zusammenhangs der Wirklichkeit 
zu gelangen ? Okkams Zutrauen war gering, und es ist nicht ein- 
zusehen, warum das nicht letztlich mit der „echt englischen Eigen- 



1 Vgl. Ökkam, super üb. 1 sentent., dist. 2, qu. 4 AD: Nihil refert ad 
scientiam realem, an termini propositionis scite sint res extra animam vel tantum 
sunt in anima, dummodo Stent et supponant pro ipsis rebus extra. 

2 H. Maier, Melanchton als Philosoph, A. f. PH. Abt. I, Bd. X (1897) 
p. 444. Mißverständlich auch Windelband Gesch. d. Phil. 4 272: „Die Welt 
des Bewußtseins ist eine andere als die Welt der Dinge . . . Die Dinge sind 
anders als unsere Vorstellungen von ihnen." 



68 Gerhard Ritter: 

art seines Wesens" zusammenhängen soll, die sich mit der empiri- 
rischen „Ermittlung der an der Oberfläche des Daseins sich heraus- 
stellenden Gesetzmäßigkeit" begnügt, ohne in höherem Grade das 
Bedürfnis nach wissenschaftlicher Erhärtung der Glaubenssätze zu 
besitzen. Man braucht darum noch nicht zu leugnen, daß seine 
wesentlich auf der sinnlichen Erfahrung aufgebaute Erkenntnis- 
theorie diesen Neigungen entgegenkam 1 . Das Beispiel des Mar- 
silius lehrt indessen, daß ein deutscher Philosoph mit andern 
inneren Voraussetzungen trotz der okkamistischen Erkenntnis- 
theorie zu sehr weitgehenden metaphysischen Schlüssen, ja zu 
einer Erneuerung thomistisch-augustinischer Sätze über die Erkenn- 
barkeit Gottes gelangen konnte. Die Betrachtung seines physi- 
kalischen, metaphysischen und theologischen Systems wird uns 
zeigen, daß es nicht angeht, die „Okkamisten" in Bausch und 
Bogen mit dem Schlagwort ihrer mittelalterlichen Gegner als „Ver- 
ächter der realen Disziplinen" zu brandmarken. 

Die Betrachtung der Physik mag darin den Anfang machen. 

3. Physik. 

Es gehört zu den am weitesten verbreiteten Irrtümern über 
die Spätscholastik, daß die naturwissenschaftlichen Interessen der 
okkamistischen Schule stärker als in den Reihen ihrer Gegner 
durch inhaltleeres logisches Spintisieren erstickt worden seien. Die 
„terministische Logik" soll im besondern daran schuld sein. Sie 
habe zu einem einseitigen Ausbau des logischen Formensystems 

' Gegen Scheel I 2 § 15,4 — 6. — Zitate: Siebeck I.e. 321/2. Seh. be- 
streitet jeden Zusammenhang zwischen der Erkenntnistheorie Okkams und 
seiner inneren Stellung zur Metaphysik und dem Problem: „Vernunft und 
Offenbarung" und will alles auf die (schon von Thomas angebahnte) Er- 
neuerung des „aristotelischen Wissenschaftsbegriffes" zurückführen, dessen 
Bedeutung auch von mir oben hervorgehoben ist. Indessen wie vieldeutig 
dieser Begriff war, zeigt die Geschichte der Scholastik seit Thomas; in der 
Tiefe müssen noch andere Motive gewirkt haben, die von Siebeck nur zum 
Teil angedeutet sind (weitere Motive sind: die Zeitströmung der „Pariser 
Artikel" von 1277 — s. unten! — R. Bacons Empirismus, die Übertreibung der 
metaphysischen Distinktionen durch Duns Skotus u. a. m.). Den M. v. I. 
hat der „aristotelische Wissenschaftsbegriff" nicht an einer Erneuerung älterer 
Gottesbeweise gehindert; seine innere Einstellung ist gerade in diesen Dingen 
grundsätzlich anders als bei den von Seh. geschilderten Erfurter „Okkamisten". 
Soll etwa die aristotelische Lehre „eine Wissenschaft von den Dingen" im 
Sinne der Naturwissenschaft oder der Metaphysik verhindert oder erschwert 
haben? Oder was will Seh. sonst aus diesem Wissenschaftsbegriff erklären? 



Studien zur Spätscholastik. I. 69 

unter Vernachlässigung der materialen Disziplinen der Philosophie 
geführt 1 . Soweit sich dieses Urteil über den zunehmenden gram- 
matischen Schematismus der „modernen" Logik beklagt, wird es 
von keiner Seite Widerspruch erfahren — obschon in dem Ausbau 
des ,,terministischen" Systems während des 15. Jahrhunderts 
zwischen Thomisten, Skotisten und Okkamisten nur graduelle 
Unterschiede bestanden. Für die Naturwissenschaften ist es 
schlechthin irrig. Daß die rationalistischen Ansätze der okkamisti- 
schen Erkenntnistheorie durch mindestens ebenso starke empiri- 
stische aufgewogen wurden, haben wir bereits gesehen. Aber auch 
abgesehen von aller Theorie ist nicht zu erkennen, daß die „Mo- 
dernen" grundsätzlich die Naturwissenschaften besonders arg ver- 
nachlässigt hätten. Viel eher könnte man sagen, daß Okkams 
radikale Scheidung der Gebiete von Glauben und Wissen gerade 
zur Verselbständigung so rein weltlicher Wissenschalten wie der 
Naturbetrachtung beigetragen hat. Nun hat sich gewiß die Spät- 
scholastik in gewissem Sinne (wir erwähnten es bereits) von den 
naturwissenschaftlichen Realitäten fortentwickelt. Aber an den 
,,nominalistischen" Grundsätzen kann das nicht gelegen haben. 
Was hätten denn die Vertreter des thomistischert, skotistischen oder 
averroistischen „Realismus", die Erneuerer der via antiqua im 
15. Jahrhundert, an sachlichen Leistungen in der physikalischen 
Weltbetrachtung vor den moderni voraus ? Soweit sie nicht ein- 
fach die älteren Traditionen wieder aufwärmten, haben sie sich 
vor Entlehnungen aus den Schriften ihrer nominalistischen Gegner 
keineswegs gescheut 2 . Die Schwierigkeit des mittelalterlichen Den- 
kens, zu eigenen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen, 
ist ja nicht auf die Spätscholastik beschränkt: sie ist letztlich in 
dem Gegensatz scholastischer, d. h. schulmäßiger, nur nachdenken- 
der Wissenschaft zum Erfahrnngsprinzip der modernen Welt über- 
haupt begründet. Seit dem 14. Jahrhundert verschärft sie sich 
allerdings nicht unwesentlich durch eine Übersteigerung der dialek- 
tischen Forschungs- und Darstellungsmethode mit ihrer „buch- 
gelehrten Diskussion der Autoritäten" 3 , die wir an den physikali- 
schen und theologischen Werken des Marsilius noch studieren 



1 So etwa Hermelink a. a. ü. 97. Die von H. bekämpfte Ansieht 
Windelbands 1. c. 287) kommt der Wahrheit sehr viel näher, obgleich W. 
die Forschungen Duhems noch nicht kannte. 

2 Belege s. bei P. Duhem III, 97 ff. 

3 Windelband, Gesch. d. Phil. 4 , 287. 



70 Gerhard Ritter: 

worden. Aber das hat mit den „terministisehen" Formen der 
Erkenntnistheorie höchstens indirekt zu tun. Vielmehr hat uns 
eine überraschende Entdeckung Duhems gezeigt, daß gerade die 
raffinierte Ausbildung logischer Unterscheidungen, wie sie die 
Schule Okkams im 14. Jahrhundert betrieb, ihr eine in gewissem 
Grad selbständige Nachprüfung des überlieferten aristotelischen 
Weltbildes ermöglichte, die in einigen ihrer Ergebnisse als unmittel- 
bare Vorarbeit der modernen Naturwissenschaft zu gelten hat. 
Es kann also keine Rede davon sein, die naturwissenschaftlichen 
Interessen der ,,Okkamisten" geringer einzuschätzen als die irgend- 
welcher anderer Scholastiker 1 ; viel mehr noch : ihren mathematisch- 
physikalischen Leistungen gegenüber verblaßt nicht nur aller 
angebliche „Realismus" der späteren via antiqua, sondern — es 
ist kaum zuviel gesagt -- ein recht erheblicher Teil des humani- 
stischen Fortschrittsgeredes zu luftigem Dilettantismus. 

Wir werden den allgemeineren historischen Zusammenhang 
dieser Tatsachen noch eingehender zu betrachten haben. Zunächst 
wenden wir uns den naturwissenschaftlichen Schriften unseres 
Philosophen im einzelnen zu. 

Den wichtigsten Bestand bilden die oft gedruckten Quästionen 
de generatione et corruptione und zwei verschiedene Ausgaben des 
Kommentars (Quästionen) zur aristotelischen Physik, auf die ich 
sogleich zurückkomme. Daneben zeigt das Handschriftenverzeichnis 

1 Die ansehnliche Stellung der Naturphilosophie im Rahmen der „mo- 
dernen "Wissenschaft ergibt sich u. a. aus dem encyklopädischen Schema, 
das Marsilius seinem „Abriß der Physik" voranschickt. Er unterscheidet: 
1. philosophia principalis, bestehend aus: a) phü. prima = Metaphysik, b) 
pfui, naturalis, c) phil. moralis. — 2. philosophia adminiculativa (Vorschule) 
= 7 artes liberales. Dabei erscheint die Theologie als eine Unterabteilung 
(scientia subaltemata) der Metaphysik, die Jurisprudenz als Spezialfach der 
Ethik, die Medizin als Sonderfach der Naturphilosophie, die Logik nur als 
Vorschule! Doch soll „Unterabteilung" nicht eine Herabdrückung im Range, 
sondern nur eine zweckmäßige Arbeitsteilung bedeuten, {quanto specialior, 
tanto perfectior). Immerhin zeigt sich, welche überragende Stelle die Philo- 
sophie innerhalb der Spätscholastik beansprucht! — Druck nr. 13, Bl. 2a. 
Die eben dort folgende systematische Einteilung der Naturwissenschaften, die 
all»- Schriften des Aristoteles u. Alberts d. Gr. zur Naturphilosophie in ein 
kunstvolles encyklopäd. Schema bringt (8 Sonderdisziplinen), findet sich 
noch ausführlicher in: de gener. et corr., L. 1, qu. 1, Druck nr. 7, Bl. g 3. - 
Die ältere Unterscheidung „sermozinaler und realer" Wissenschaften enthält 
der Sentenzenkommentar, 1. I, qu. 2, Druck nr. 15, Bl. 10. Sehr bezeichnend 
für den Nominalismus sind die dort gebrauchten Termini: scientiae signorum — 
seientiae rerum. 



Studien zur Spätscholastik. I. 71 

ungedruckte Abhandlungen zu weiteren physikalischen Schriften 
des Stagiriten: de sphera (verloren), de celo et mundo, de parvorum 
naturalium libris und daraus insbesondere de sensu et sensato; diese 
Manuskripte sind mir sämtlich unbekannt und würden zweifellos 
noch manche Ausbeute ergeben. Für die vorliegende Untersuchung 
benutzte ich die Schriften über „Werden und Vergehen" in dem 
Abdruck nr. 7 und das gedruckte physikalische Compendium (ab- 
breviationes libri physicorum) in dem einzigen mir bekannten deut- 
schen Exemplar der Jenaer Universitätsbibliothek (Druck nr. 13). 
Außer dieser abgekürzten Ausgabe der Physik existiert nun noch 
ein ausführlicher Kommentar in einem späten, von Duhem benutz- 
ten und in Deutschland bisher nicht ermittelten französischen 
Abdruck (nr. i\), mit dem es eine eigene Bewandtnis hat. Einmal 
ist diese Fassung durch eine sonderbare Verwechslung in Aus- 
gaben des 17. Jahrhunderts unter die Werke des Duns Skotus 
geraten 1 ; sodann zeigen die von Duhem daraus zitierten Stellen 
häufig eine konfuse und von den sonst bekannten Lehrmeinungen 
unseres Philosophen und seiner Schule abweichende Auffassung, 
die mit dem Inhalt der abbreviationes und entsprechender Stellen 
des Sentenzenkommentars nicht zu vereinigen ist 2 . Duhem sucht 
diese Unterschiede mit der verschiedenen Entstehungszeit zu er- 
klären: das ausführliche Werk sei in Paris entstanden, das abge- 
kürzte für Heidelberger Lehrzwecke geschrieben; dem wider- 
spricht schon die Tatsache, daß die abbreviationes unverkennbare 
Hinweise auf Pariser Verhältnisse enthalten 3 ; vor allem aber ist 
nicht einzusehen, warum denn unser Magister in Paris stärker von 
der Pariser Tradition abgewichen sein soll als später ? Sollte es 
sich nicht vielmehr in dem Lyoner Druck (nr. 11) um eine verderbte 
oder überarbeitete Ausgabe durch die eklektisch gerichteten Schulen 
des 16. Jahrhunderts handeln ? Erst eine Vergleichung des — mir 
unzugänglichen — Druckes mit den Handschriften könnte hier 
Klarheit schaffen. 

Formal betrachtet stellen beide Schriften: de generatione et 
corruptione und über die Physik den Typus des „modernen" Kom- 

1 s. Duhem II, 9, N. 1. 

2 Vgl. Duhem II, 30: Bestimmung der Maximalwerte im Verhältnis 
gegensätzl. Kräfte; ibid. II, 45/6: das unendlich Große, dazu lib. sent. I, 
qu. 42. (Bl. 47); Duhem II, 343: Theorie der Schwere; ibid. III, 404: Messung- 
ungleichförmiger Geschwindigkeiten. 

3 Druck nr. 13, Bl. 29, d: werden die Türme von Notredame, Bl. 62, a: 
Paris und Avignon zur Veranschaulichung verwendet. 



72 Gerhard Ritter: 

mentars dar; recht deutlich zeigt vor allem die venetianische 
Ausgabe der erstgenannten Abhandlung (Druck nr. 6-7) den Unter- 
schied gegen die älteren scholastischen Methoden. Hier ist die 
Arbeit des Marsilius mit einem gleichlaufenden Kommentar des 
Egidius Romanus verbunden; während dieser sich nun müht, 
den — durch mechanische Wortübersetzung fast sinnlos entstellten 
— lateinischen Text des Aristoteles wörtlich und sachlich zu 
erläutern, stellt Marsilius ohne formelle Anlehnung an die Vorlage 
eine Reihe von Quästionen auf, die in dem umständlichen Schema- 
tismus der spätscholastischen Dialektiker hin- und hergewendet 
werden. Da dasselbe Verfahren in allen noch zu besprechenden 
Schriften wiederkehrt (der kurze Abriß der oben betrachteten parva 
logicalia war davon frei geblieben) 1 , verweilen wir einen Augenblick 
bei der Betrachtung dieser Darstellungsmethode. 

Die Wurzeln ihrer Entstehung in den Schultraditionen der 
lectio, dispatatio, der Autoritätenmethode, dem sie et won-Verfahren 
Abälards, der aristotelischen Dialektik und der älteren kanoni- 
stischen Literatur lassen wir hier unberührt 2 . Ihre wuchernde Ent- 
wicklung im späteren Mittelalter kann man am bequemsten an den 
Sentenzenkommentaren seit Thomas von Aquino verfolgen. Bei 
Thomas ist die ursprüngliche Beziehung zum Text der Vorlage noch 
deutlich zu erkennen. Der Wortlaut des Lombarden wird stück- 
weise (je eine distinetio) vorgelegt, alsdann sprachlich und inhalt- 
lich erläutert (expositio textus) und eingeteilt (divisio); dann erst 
folgt die Aufstellung der Quästionen, deren jede sogleich in Unter- 
fragen (articuli) sich zerlegt. Nun erst folgt die eigentliche Erör- 
terung in dem bekannten dreigliedrigen Schema der Dialektik: 
Aufstellung bejahender Propositionen und Autoritäten, Entgegen- 
stellung verneinender bzw. umgekehrt, Lösung, zunächst des 
Problems (solutio), alsdann der aufgestellten Gegengründe (rationes). 
Das alles geht knapp und rasch vor sich; jede Proposition hat ihre 
Prämissen and ihre Konklusion, aber deren Aufstellung erfordert 



1 Dagegen zeigt Druck nr. 1 gleichfalls das noch zu besprechende Schema. 
Bemerkenswert ist hier jedoch die Anlehnung der Quaestionen an den stück- 
weise abgedruckten Text des Aristoteles. Eine rein hermeneutische Text- 
behandlung durch Egidius hat auch in diesem Falle der Herausgeber voraus- 
geschickt. 

2 Vgl. über diese ältere Entwicklung M. Grabmann, Geschichte der 
scholastisch. -ii Methode II, Teil 2, cap. 2 bes. 219 ff., ferner 425 ff. u. M. de 
Wt lf Histoire de la philos. medievale, livre III, 173 ff. 



Studien zur Spätscholastik. 1. 73 

nur ausnahmsweise eine besondere Begründung; ergänzende Cor- 
relarien finden sich selten oder gar nicht 1 . 

Bei Okkam ist der Text des Lombarden verschwunden; die 
dialektische Erörterung beherrscht ausschließlich das Feld; immer- 
hin ist die Einteilung in Distinktionen noch festgehalten; öfter als 
später findet sich direkte Berufung auf die Fragestellung des 
Petrus. Eine umständliche Überprüfung jedes Syllogismus ver- 
langsamt den Gedankenfortschritt; endlose dubia, opiniones und 
Unterteile schleppen das Problem zu Tode. Dennoch wirkt das 
Ganze nicht unlebendig; eine geniale Sicherheit der Fragestellung 
leuchtet oft hindurch ; unbekümmert sprengt zuweilen die Energie 
des Gedankens den starren Panzer der dialektischen Rüstung: 
nebensächliche Erörterungen fallen aus oder werden mit rascher 
Handbewegung abgetan. 

Weit schulmäßiger finden wir das alles bei Marsilius von Inghen 
wieder. Am regelrechtesten und umständlichsten ist das Schema 
durchgebildet in der letzten Schrift, dem Sentenzenkommentar. 
Hier war das rechte Feld für systematische Weltbetrachtung und 
damit für die deduzierende Methode des Syllogismus. Der normale 
Verlauf der Erörterung beginnt mit der Zerlegung der quaestio in 
Voraussetzungen (supposita) und Ziel (quaesitum) der Frage. Häufig 
ist die Frage schon so künstlich gestellt, daß möglichst zahlreiche 
Voraussetzungen hineingepackt werden. Weiterhin hat sich dann 
die schon bei Thomas übliche Gegenüberstellung bejahender und 
verneinender Thesen zu einer vollständigen Doppelbehandlung des 
Problems ausgewachsen. Regelmäßig folgen nämlich unmittelbar 
auf die Zerlegung der quaestio eine Reihe thesenartig aufgestellter 
Argumente (rationes principales) in schneller Reihenfolge mit 
verhältnismäßig kurzer Begründung durch je etwa 1 — 5 Syllogis- 
men (propositiones) ; Autoritäten werden hierbei sparsamer als 
sonst zitiert. Das Ziel dieser ersten, gewissermaßen einleitenden 
Erörterung ist regelmäßig der erst später erkennbaren Meinung 
des Autors entgegengesetzt. Wenn die quaestio endgültig mit ,,Ja" 
beantwortet wird, finden wir hier also die verneinende These und 
umgekehrt. Was bei Thomas Thesis bzw. Antithesis war, ist hier 
zu einem gar nicht ernst gemeinten Präludium geworden; es sind 
gewissermaßen die Scheinargumente des Opponenten in der Dispu- 
tation, die der respondierende Magister in der Haupterörterung 



1 Sancti Thomae opera, Parisiis 1660, tom. VII. 



7 i Gerhard Ritter: 

abtun wird. Slipposita und quaesitum der quaestio werden nach- 
einander erörtert. Am Schlüsse, an der Stelle, wo bei Thomas 
meist vollständigere Gegenargumente einsetzen, wird nur kurz, 
gleichsam den Inhalt des folgenden Hauptteils im voraus zusammen- 
fassend, die Opposition gegen die soeben ausgesprochenen Beja- 
hungen bzw. Verneinungen von supposita und quaesitum mit je 
einem Satze erhoben. Kann sich der Autor dabei auf seine Vorlage 
berufen (im Sentenzenkommentar auf den magister, in der Physik 
auf den Aristoteles), so genügt meistens dessen Zitierung ohne 
weitere Begründung. (In oppositum est magister bzw. philosophus; 
folgt Stellenzitat.) Für den modernen Leser, dem es auf die wirk- 
lichen Ansichten des Autors ankommt, ist die Lektüre dieses ersten 
Teiles in den meisten Fällen ganz unergiebig. 

Deutlicher noch als bei Thomas hebt sich sodann der Haupt- 
teil der Argumentation aus dem übrigen heraus, nachdrücklich ein- 
geleitet durch eine Einteilung der Haupt erörterung in Unterteile 
(In hac questione erunt 3 — bzw. 4 usw. — articuli), die ihrerseits 
meist, aber nicht immer, der anfangs vorgenommenen Zerlegung 
der quaestio in supposita und quaesita entsprechen. Die Einleitungs- 
formel, wie sie z. B. bei Gregor von Rimini sich findet: Respondeo 
ad istas rationes usw. erinnert deutlich an die Argumentation des 
in der Disputation ,,respondierenden", d. h. die Hauptlast der 
Erörterung tragenden Magisters. Jeder Artikel zerfällt häufig 
wieder in partes, innerhalb deren die Erörterung von Lehrsatz zu 
Lehrsatz (propositio, conclusio, ratio) fortschreitet. Jede Reihe von 
Lehrsätzen wird gewöhnlich durch zahlreiche Vorbemerkungen 
(notandum) vorbereitet, jeder einzelne Lehrsatz in der Form des 
Syllogismus bewiesen (probatur, patet, demonstratur, intellegitur) 
jede Prämisse und jeder Schluß auf seine Gültigkeit überprüft und 
umständlich begründet (consequentia tenet, et major patet . . . et 
minor patet ....). Das wesentlich Neue aber gegenüber dem frü- 
heren Darstellungsverfahren ist die Ausdehnung der dialektischen 
Methode auf immer weitere Unterteile der Argumentation: nicht 
nur die Hauptargumente, sondern jeder einzelne Lehrsatz, ja dessen 
syllogistische Begründungssätze können durch Gegenüberstellung 
konträrer Lehrmeinungen (in oppositum, contra arguitur) mit Be- 
gründung (confirmatur) und deren Widerlegung (solutio) bewiesen 
werden 1 . Nimmt man hinzu, daß die Lehrsätze gleichsam um- 

1 Zuweilen (so üb. III, qu. 14, art. 1) entwickelt sich das ganze Schema 
von rationes, oppositio, Hauptteil und solutio rationum sogar innerhalb der 



Studien zur Spätscholastik. I. 75 

schwärmt sind von massenhaften Ergänzungssätzen (correlaria) mit 
Begründung, von Erweiterungsfragen (dubia), und deren Lösungen, 
von einleuchtenden Wahrscheinlichkeitssätzen (opiniones probabiles) 
und Zitaten {autoritates), so ergibt sich das Bild eines äußerst schwer- 
fälligen Mechanismus, der sich kaum noch übersehen läßt. Seine 
ganze Unbehilflichkeit tritt erst ins rechte Licht beim Vergleich 
mit der genialen, völlig selbstherrlichen und in der Tat modern 
anmutenden Freiheit, mit der Duns Skotus in dem opus Oxoniense 
dieselbe Materie abhandelt: in wechselnder Form je nach der 
Bedeutung und Schwierigkeit des Gegenstandes, unter Verzicht 
auf alle syllogistische Spielerei, unter Beschränkung allein auf die 
großen wissenschaftlichen und religiösen Kontroversen. 

Den Schluß jeder Quästio bildet wiederum eine Scheinargumen- 
tation: die Auflösung der im Präludium aufgestellten Gegenargu- 
mente (ad rationes principales), wie sip das dialektische Schema 
erfordert. Würde der Schwerpunkt der Erörterung in diesen Teil 
verlegt, der dann die Überwindung der Gegensätze in einer höheren 
Einheit enthalten müßte, so ließe der Gedankenfortschritt sich 
weit einfacher und einleuchtender gestalten. Statt dessen ist das 
Interesse durch die Argumente des zweiten Teiles in Wahrheit 
erschöpft, und es folgt ein leeres zu-Ende- Haspeln der logischen 
Maschinerie mit häufigen Wiederholungen; diese Anordnung be- 
währt sich um so weniger, als häufig die Fragestell ung der Quaestio 
von vornherein gar nicht eine runde Verneinung und Bejahung 
ermöglicht, so daß das dialektische Schema nur gewaltsam fest- 
gehalten werden kann 1 . Wohltätig wirkt dem allen gegenüber das 
vereinfachte Schema der abbreviationes zur Physik: da wird jedes 
Buch knapp und klar in Traktate eingeteilt, an deren Spitze die 
wichtigsten Argumente des Aristoteles und Averroes aufgeführt 
werden; die unmittelbar folgende Aufstellung erläuternder Quae- 
stionen des Marsilius entspricht dem wesentlichen Inhalt dieser 
Argumente; ihre Abhandlung erfolgt zwar in der üblichen Form 

verschiedenen „Artikel" einer Quaestion oder sogar in deren Unterteilen 
{partes). 

1 Das oben geschilderte Schema findet sich mit gewissen Abweichungen 
auch bei Gregor von Rimini, der die Erledigung der rationes principales meist 
knapper abtut als M. v. I., und bei Peter d'Ailly, der ausführliche Prunkreden 
als Einleitungsvorlesungen jedem Buche des Sentenzenkommentars voran- 
stellt und sich mit weit weniger quaestiones begnügt als M. v. I.; beide zählen 
ihre Quästionen nach den „Distinktionen" des Magisters, was unser Autor 
unterläßt. (Drucke: Gregor: Venedig 1503, Peter v. Ailly: Straßburg 1470.) 



76 Gerhard Ritter: 

der syllogistisch bewiesenen Lehrsätze mit Vorbemerkungen, Gegen- 
argumenten nebst Auflösung, Nebensätzen und Zweifeln (dubia), 
aber doch weit rascher und handlicher als in dem theologischen 
Werke. 

Bei dieser Vereinfachung mag außer dem Charakter des kurzen 
Lehrbuches noch ein tieferer Grund mitwirken; denn auch die 
Abhandlung de generatione et corruptione ist immerhin erheblich 
weniger umständlich gebaut als der Sentenzenkommentar. Es ist 
klar, daß die ganze streng syllogistische Methode des Argumen- 
tierens auf der deduzierenden Ableitung des Lehrinhalts aus fest- 
stehenden Vordersätzen beruht, die ihrerseits durch Autoritäten 
oder Vernunftaxiome gestützt sind. So sehr eine solche Methode 
der metaphysisch-theologischen Systembildung zu Hilfe kam, so 
wenig paßte sie im Grunde auf das naturwissenschaftliche Er- 
kennen. Häufig lassen sich denn auch die physikalischen Lehr- 
sätze des Marsilius nicht aus autoritativen Äußerungen des Aristo- 
teles und seines Kommentators Averroes ableiten — sei es, daß sie 
der späteren arabischen Tradition, sei es, daß sie der Beobachtung 
neuerer Scholastiker seit Albert dem Großen entstammen. In 
solchen Fällen wird dann regelmäßig versucht, eine Übereinstim- 
mung wenigstens mit Prinzipien des Stagiriten nachzuweisen; 
häufig wird aber das ganze syllogistische Schema über Bord gewor- 
fen und einfach der Erfahrungsbeweis (per experientiam) angerufen 1 . 
Marsilius ist sich auch theoretisch mit Aristoteles klar darüber, 
daß der Induktionsbeweis, der aus den Wirkungen auf die Ursachen 
schließt, in der Naturphilosophie ein besseres Recht habe, als die 
umgekehrte Demonstration, die von den Ursachen zu den Wir- 
kungen vorschreiten will; jene Beweismethode stützt sich auf die 
unmittelbare Erfahrung (experientia sensibilis); die Erkenntnis 
der Ursachen dagegen sei stets eine abgeleitete, obgleich die wissen- 
schaftlich wertvollere 2 . Sie greift also bereits über den Rahmen 
der rein physikalischen Wissenschaft hinaus. Damit ist gewiß 
nicht eigentlich der Gegensatz zwischen deduktiver und induktiver 
Methode bezeichnet; indessen gewinnen diese Sätze doch ihre 

1 Das deutlichste Beispiel bildet die anti-aristotelische Lehre vom 
Impetus, Druck nr. 13, Bl. 80/1. S. darüber unten S. 104 ff. 

2 Druck nr. 13, Bl. 3, a: Seil dices: secundum quem processum [nämlich: 
ii causis ad causata oder ab effectibus ad causas] oportet procedi ordine doc- 
trine in scientia naturali? Dico, quod secundum processum secundum, quia 
oportet prius ex effectibus demonstrare causas esse et tunc oportet tales effectus 
esse proprer tales causas usw. Verbindung mit der experientia: ibid. Bl. 3, c. 



Studien zur Spätscholastik. I. 7 7 

Bedeutung, wenn man sich erinnert, daß für Aristoteles das Kausal- 
verhältnis mit dem der logischen Unterordnung zusammenfällt, 
also Priorität der Wirkung gegenüber der Ursache zugleich Priorität 
des Besonderen gegenüber dem Allgemeinen bedeutet. Ganz deut- 
lich wird das Erfahrungsprinzip an einer anderen Stelle des Buches 
ausgesprochen; dort gilt der Satz: Philosophia naturalis fundatur 
super experientiam als Voraussetzung, die keines Beweises bedarf 1 . 
Und ähnliche Sätze finden sich in .dem Traktat de generatione et 
corruptione, der (echt aristotelisch) die Selbstevidenz der logischen 
Axiome als „höchste Evidenz" der aus Erfahrung und Sinnes- 
eindrücken entstammenden „natürlichen Evidenz" gegenüberstellt ; 
die letztere führt freilich nur zur Erkenntnis der äußeren Dinge 
als solcher, nicht ihrer metaphysischen Wesenheit. Aber sie genügt 
für den Naturphilosophen 2 . Und an anderer Stelle wird die „logi- 
sche" Betrachtungsweise geradezu in Gegensatz gebracht zur 
„physikalischen" 3 . So zeigt sich, daß die empiristischen Motive 
der „modernen" Erkenntnislehre keineswegs durch „logischen For- 
malismus" oder rationalistische Theorien erstickt sind. Ein anderes 
ist die Frage, ob auch in der praktischen Durchführung der physi- 
kalischen Weltbetrachtung die Erfahrung das letzte Wort behält 
oder ob und wie weit etwa hier die empiristische Theorie versagt 
zugunsten autoritativer Überlieferung und logisch-metaphysischer 
Konstruktionen, wie sie der antike Vernunftoptimismus in den 
Mittelpunkt auch der physikalischen Erörterung gestellt hatte. 

Die Forschungen Duhems über das physikalische Weltbild 
der Pariser Nominalisten des 14. Jahrhunderts suchen die These 
zu begründen, es sei damals eine grundsätzliche Reaktion gegen 
die überlieferte aristotelische W 7 eltvorstellung erfolgt. Duhem sieht 
den ersten Anstoß zu dieser Reaktion in den sogenannten articuli 
Parisienses von 1277 4 , in denen der Pariser Bischof Stephan 
Tempier im Auftrage Johanns XXI. und nach Verhandlung mit 



1 Druck nr. 13, Bl. 32, d. 

2 Druck nr. 7, 1. I, qu. 2, art. 3, Bl. g 4 V : Summa vocatur evidentia, quae 
habita de aliqua propositione, et habens eam eredendo illam non polest decipi, et 
tali evidentia seit quisque se esse et prineipia communia et sie de aliis. Naturalis 
vero dicitur, quae habetur ex experientiis et coniecturationibus sensibihbus for- 
tioribus ad unam partem contradietionis quam ad aliam . . . Evidentia naturalis 
. . . sufficit ad philosophum naturalem. 

3 ibid. 1. I, qu. 5, in oppositum, divisio des Hauptteils. 

4 Abdruck: Demfle, Chart. I, 543 ff. Vgl. Duhem II, 75 u. Anhäng- 
te ff. 



78 Gerhard Ritter: 

den Theologen der Universität 219 Sätze der peripatetisch-averro- 
istischen Lehre als ketzerisch verdammte. Ähnliche Verbote waren 
ohne Erfolg im XIII. Jahrhundert schon mehrfach ergangen 1 : 
diesmal richtete sich das Verdammungsurteil insbesondere gegen 
zahlreiche Sätze des Averroisten Siger von Brabant und gegen 
einzelne Lehren des Thomas von Aquino, wodurch die Angelegen- 
heit zu einer Streitfrage größten Stiles unter den philosophischen 
Parteien wurde 2 . Erweist sich die These von der einflußreichen 
Mitwirkung des Heinrich von Gent bei der Aufstellung der „Pariser- 
Artikel", die Duhem wahrscheinlich macht, als haltbar, so eröffnet 
sich eine historische Perspektive von großer Reichweite. 

Heinrich von Gent vertritt als Gegner des Thomas gewisse 
Motive der augustinischen Weltanschauung, die in der anti- 
thomistischen Literatur immer wieder eine Rolle spielen und vor 
allem von den großen Franziskanern aufgenommen werden: haupt- 
sächlich die antiintellektualistische Behauptung des Willens- 
primates und die starke Betonung der Schrankenlosigkeit des gött- 
lichen Willens. Gegenüber der aristotelischen Physik, wie sie Albert 
und Thomas im wesentlichen vertreten, bedeutete das die Ableh- 
nung einiger entscheidender Grundzüge antiker Weltbetrachtung: 
die Begrenztheit des Universums und seine geozentrische Einmalig- 
keit war mit der Unendlichkeit des göttlichen Schöpferwillens, die 
Ewigkeit der Materie mit der zeitlich bestimmten Weltschöpfimg 
schwer in Einklang zu bringen. Heinrich von Gent selbst behaup- 
tete die Möglichkeit, daß Gott mehrere Welten schaffen könne: 
in der Fortsetzung dieses Gedankens eröffnete sich den Pariser 
Naturforschern der Ausblick auf neue Weltsysteme, die nicht mehr 
geozentrisch orientiert waren. Das Problem des Unendlichen wurde 
zum Lieblingsgegenstand scharfsinniger Überlegungen der termini- 
stischen Logiker; die radikalsten unter ihnen verfochten die Fähig- 
keit des Schöpfers, auch das Unendliche zu realisieren. Und mit 
dieser Durchbrechung der aristotelischen Autorität ergab sich — so 
glaubt Duhem bewiesen zu haben — die Möglichkeit zu weiteren 
Fortschritten über die antike und arabische Naturwissenschaft 
hinaus. Was in diesen Gegensätzen zutage tritt, wäre also letzten 



1 8. d. Zusammenstellung bei L iseru eg-Baumgart.n er II 10 , 409/10, 
ferner 509/11. 

2 Die Bedeutung dieser Artikel erhellt u. a. daraus, daß sie den meisten 
Ausgaben des Petrus Lombardus als Anhang beigegeben wurden. S. Prantl 
III, 184, X. 10. Eine Revision erfolgte 1323: Stöcke II, 779/80. 



Studien zur Spätscholastik. I. 79 

Endes nichts anderes als die polare Spannung zwischen heidnisch- 
antikem und christlich-abendländischem Denken, an deren Über- 
windung in gewissem Sinne das ganze Mittelalter gearbeitet hat, 
die aber immer wieder, und meist unter dem Wahrzeichen Augu- 
stins, hervorgebrochen ist. Bliebe nicht trotz aller solcher Span- 
nungen endgültig die Kontinuität der wissenschaftlichen Entwick- 
lung gewahrt und lägen nicht die Zusammenhänge im einzelnen 
viel zu kompliziert, als daß sie sich in einfache Gegensatzpaare 
auflösen ließen, so könnte man versucht sein, das moderne Schlag- 
wort von der „antiken" und der „faustischen Seele" hier anzu- 
wenden, die in dem Kontrast der endlichen und der unendlichen 
Weltvorstellung sich voneinander abheben 1 . 

Ohne uns in derartige Allgemeinheiten zu verlieren, haben 
wir hier zunächst zu ermitteln, ob und inwieweit auch bei Marsilius 
von Inghen von einer Durchbrechung des aristotelischen Welt- 
bildes die Rede sein kann. Darf er doch als der letzte namhafte 
Physiker des Pariser Kreises gelten. 

Die articuli Parisienses spielen in der Tat in seinen Schriften 
eine große Rolle; vor allem da werden sie als unbedingte Autorität 
zitiert, wo die Unendlichkeit der göttlichen Allmacht in Frage 
steht 2 . Indessen kann nicht die Rede davon sein, daß sich etwa 
Marsilius bewußt wäre, grundsätzlich den Rahmen der aristote- 
lischen Weltbetrachtung zu verlassen. Sein ängstliches Bemühen, 
die Übereinstimmung mit Aristoteles stets festzuhalten, beweist das 
Gegenteil. Sobald freilich Glaubensinteressen in Frage kommen, 
scheut er sich nicht, die „natürliche" Erkenntnis des Philosophen 
deutlich in Gegensatz zu der offenbarten Wahrheit des Glaubens 
zu stellen — darin ein echter Schüler Okkams 3 . Aber das gilt ihm 

1 Osw. Spengler, Untergang des Abendlandes I 4 , cap. 1 hat sich die 
Bestätigung seiner Theorie durch Duhem — wie er sie auffassen würde - 
entgehen lassen. Er scheint nur die Anfänge der analytischen Geometrie bei 
Nik. v. Oresme und die Vorläufer der Infinitesimalrechnung bei Nik. Cusanus 
zu kennen (I.e. 105, 103) — vermutlich aus Moritz Cantors Vorlesungen über 
Geschichte der Mathematik. 

2 Z. B. Druck nr. 13 (abbrev. 1. phys.) Bl. 17, d; Bl. 64 v ; Druck nr. 15 
(Sentenzenkommentar) Bl. 212 v , 274 v , 276, d, 284, a. 

3 Beispiele: abbrev. phys., Druck nr. 13, Bl. 7, b (Schöpfungsakt aus 
dem Nichts); ibid. Bl. 16, b: (Gott kann ohne intermediäre Ursachen wirken); 
ibid. Bl. 33, d (vaeuum); Bl. 62, b (unendliche Dauer des Geschaffenen) ; de 
gen. et corr., 1. II, qu. 18 (eigentlich 19): Ewigkeit der aristot. Materie, Kreis- 
lauf der Formen der generatio und Auferstehungslehre. Vgl. ferner die spätere 
Einzelerörterung im Text. 



80 Gerhard Ritter: 

immer nur als Sonderfall — eine grundsätzliche Umgestaltung des 
peripatetischen Weltbildes wird nirgends beabsichtigt. Zu den 
radikalen Geistern von der Art des Johannes de Bassolis 1 und 
Nicolaus d'Autrecourt hat unser Philosoph zweifellos nicht gehört. 

Unter den naturwissenschaftlichen Einzel problemen, an denen 
sich der Scharfsinn der Pariser Modernen erprobte, steht das 
Problem des Unendlichen in erster Linie. Das hochentwickelte 
logische Abstraktionsvermögen, ihr bestes Rüstzeug, bewährte sich 
diesem Gegenstand gegenüber am meisten. In der Lehre des 
Aristoteles wurde das Unendliche als rein mathematische (geo- 
metrische) Hilfsvorstellung anerkannt; als physikalische Wirk- 
lichkeit aber blieb jede Größe durch die Begrenztheit des sphäri- 
schen Himmelsraumes auf eine endliche Ausdehnung beschränkt. 
Das unendlich Große wurde sowohl als unrealisierte Möglichkeit 
(Suvafxei, in potentia) der Übersteigerung jeder denkbaren Größe, 
wie als Wirklichkeit (in acta) geleugnet. Dagegen ließ der Philosoph 
die theoretische Möglichkeit einer ständig fortgesetzten Teilung 
der Materie gelten; auch der kleinste Teil sollte noch teilbar sein. 
Das bedeutete freilich nicht die Realität solcher Geteiltheit in 
unendlich kleine Teile. Vielmehr legte Aristoteles Wert darauf, 
in Polemik gegen den Atomismus die Vorstellung zu bekämpfen, 
als ob die physikalischen Körper aus unteilbar kleinen Punkten, 
Linien und Oberflächen sich zusammensetzen ließen. Demgegen- 
über blieb der Zahlbegriff nach unten begrenzt: die Eins erschien 
als kleinste Zahl ; nach oben gab es keine Grenze des Zählens. Ent- 
sprechend war die Zeit (als das gezählte Maß der Bewegung in 
bezug auf das Früher und Später 2 ) und damit die Bewegung als 
das allgemeinste Prinzip der Natur von unbegrenzter Dauer. 

Auf dem Grunde dieser Überlieferungen bildeten sich die Lehr- 
nieinungen der Scholastik. Die Verwerfung der Atomistik wurde 
fast einstimmig festgehalten, wenn auch einige Außenseiter, wie 
Robert Holkot und Nicolaus d'Autrecourt, die epikuräische Lehre 
von den Atomen erneuerten. Duns Skotus und Thomas von Brad- 
wardina lieferten die scharfsinnigsten, meist mathematischen Argu- 
mente gegen diese Lehre. Auch Marsilius von Inghen bewegte sich 
im Fahrwasser ihrer Tradition, die von Okkam und Albert von 
Sachsen durchaus festgehalten war. Er zählt alle die Argumente 

1 Über ihn s. Duhem II, :\1'.\U., 416/7. 

- ö /$.wjc api9-[jio<; eoti xiWjoecix; xarA rö 7tp6rspov xalücrrepov. Überweg- 
Praechteh Grundriß I". 400. Ferner Duhem II, 4 — 7. 



Studien zur Spätscholastik. I. 81 

auf, die zur Feststellung des rein mathematischen Charakters des 
Punktes, der Linie usw. führen 1 . Damit war aber noch nichts 
gesagt über die Realität einer unendlich fortgesetzten Teilung. 
Marsilius leugnet sie, wenigstens im „uneingeschränkten" Sinne, 
weil eine solche Teilung niemals zu Ende kommt 2 , im Gegensatz zu 
Gregor von Rimini 3 , der diese logische Schwierigkeit beseitigt. 
Aber er kennt auch ein praktisches Hindernis der Teilung. Eine von 
Egidius Romanus und Johann von Jandun 4 stammende Tradition 
behauptete die Notwendigkeit eines Existenzminimums zwar nicht 
der (ungestalteten) materia prima, wohl aber der (gestalteten) 
materia sensibilis, dessen weitere Teilung bei Trennung der ein- 
zelnen Teile zur Zerstörung der Form und zur Umwandlung in 
eine andere species führen müsse. Albert von Sachsen erkannte 
dieses Minimum an, wenn auch nicht absolut, so doch in seiner 
Größe bestimmt durch Umstände und Einwirkung der Umgebung 
auf die betreffende Substanz. In der mir unbekannten ausführlichen 
Physik übernimmt Marsilius (nach Duhem) 5 diese Fassung der 
Tradition; in dem „Abriß" läßt er das Minimum gelten für „hetero- 
gene" Dinge; für „homogene" dagegen kennt er keine Grenze der 
Teilbarkeit 6 . Das wäre also eine neue Wendung des Gedankens, 
keineswegs eine einfache Leugnung des Existenzminimums, wie 
Duhem will 7 . Noch einen weiteren, eigenartigen Beweis gegen die 



1 abbrev. phys. 1. VI, Druck nr. 13, Bl. 51 v ff. Ibid. 53, a: Nulla puncto 
indivisibilia sunt in linea vel in continuo — non est nunc indivisibile in tempore — 
non sunt linee indivisibiles secundum latitudinem, nee superficies indivisibiles 
secundum profunditatem. Nach Duhem II, 9 ähnliche Argumentation im 
großen Physikkommentar (Druck nr. 11) 1. VI, qu. 1. Eine eindeutige Be- 
stimmung des Punktes usw. als mathematische Hilfsvorstellung, wie bei 
Gregor von Rimini, ist in den abbrev. phys. nicht zu finden. 

2 Druck nr. 13, Bl. 54, b, prop. 5: Non potesl continuum esse in infinitum 
divisum. Diese Leugnung gilt aber nur im „kategoreumatischen" Sinne; 
s ynkategoreumatice ist die unendliche Teilung, wie das Unendliche überhaupt, 
recht wohl möglich. Darüber s. sogleich unten! 

3 Duhem II, 389. 

4 M. v. I. besaß mehrere logische und naturphilos. Schriften des Joh. 
v. Jandun und Egidius. Toepke I, 682/3: nr. 518, 519, 530, 542, 543, 544, 
549, 594. Egidius wird öfter von ihm zitiert. 

5 1. c. II, 15. 

6 In rebus heterogeneis est dare minimam materiam, ex qua. forma polest 
produci quo ad esse — . Ex infinite modica (= parva) materia potest forma 
rei homogenee produci. Druck nr. 13, Bl. 6, c. 

7 1. c. II, 16. 

Sitzungsberichte der Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Abh. 6 



82 ('.Erhard Ritter: 

Möglichkeit des unendlich kleinen Körpers bringt Marsilius bei. Er 
untersucht die Qualitätsveränderungen, die sich bei fortgesetzter 
Teilung ergeben. Nimmt man die absolute Größe der Qualität 
(z. B. der Wärme) als unveränderlich trotz der Teilung an, so 
ergibt sich eine Antinomie. Denn einerseits würde das unendlich 
Kleine die endliche Anfangsintensität aufweisen müssen, anderer- 
seits wäre dieselbe Intensität, auf eine unendlich verkleinerte Aus- 
dehnung gebracht, der Wirkung nach als unendlich gesteigert anzu- 
nehmen. Setzt man dagegen voraus, daß die Verminderung der 
Extension auch eine proportionale Schwächung der Intensität des 
Qualitativen zur Folge hat, so würde die Qualität des unendlich 
Kleinen unendlich gering, d. h. vernichtet sein; das indivisibile 
müßte mit dem Aufhören jeder Eigenschaft und Wirkung auf- 
hören, ein ,, Etwas" (quäle) zu sein 1 . 

Aber damit war das Problem keineswegs erschöpft. Schon die 
aristotelische Anerkennung der unendlich fortgesetzten Teilung bei 
gleichzeitiger Ablehnung des unendlich kleinen Teils mußte auf den 
geheimen Doppelsinn aufmerksam machen, der im Begriff des 
Unendlichen steckt. Die Erörterung dieses Problems entwickelte 
sich zunächst an der Theorie des unendlich Großen. Hier stießen 
antike und christliche Weltvorstellung unmittelbar aufeinander. 
Aristoteles hatte das unendlich Große als Möglichkeit wie als Wirk- 
lichkeit geleugnet, Averroes die Wirklichkeit als unbedingte Kon- 
sequenz der Möglichkeit hingestellt und beide miteinander ver- 
worfen. Die ganze Scholastik mühte sich ab, dieses endliche Welt- 
bild mit dem unendlichen Schöpferwillen des christlichen Gottes in 
Einklang zu bringen. Die Mehrzahl der antithomistischen Dok- 
toren suchte zwischen Bejahung und Verneinung der aristotelischen 
Lehre einen Mittelweg: wie gewöhnlich mit Hilfe neuer scholasti- 
scher Distinktionen. Man unterschied zwischen einer Möglichkeit 
des Unendlichen in facto esse, d. h. der Möglichkeit abschließender 
Realisation, und einer potentia in fieri, bei der das Unendliche immer 
ein Ziel der Bewegung blieb, ein bloßes ,,Mehr-als-Endlich". Die 
einzelnen Färbungen dieser, vor allem durch Duns Skotus, R. 
Bakon und W. Burley geförderten Überlegung 2 interessieren hier 
nicht; sie erinnern oft lebhaft an die Versuche der Philosophie 
unserer Tage, die unendliche Lebensbewegung in Begriffen zu 
erfassen, noch deutlicher an die kantische Antinomie zwischen dem 



1 de gener. et corr. 1. I, qu. 20, Druck nr. 6, Bl. k \ ff. 

2 Vgl. darüber Dihem II, 18 ff. 



Studien zur Spätscholastik. I. 83 

Begriff des vollendeten und des unvollendeten Unendlichen. Die 
Möglichkeit des Unendlichen in fieri wurde festgehalten, die in 
facto esse aufgegeben. Gott konnte also über alle endlichen Grenzen 
hinaus seinen Schöpferwillen betätigen, aber nicht das eigentlich 
„Unendliche" schaffen. Die Unterscheidung der „modernen" Logik 
zwischen uneingeschränkt (cathegoreumatice) und eingeschränkt {syn, 
cathegoreumatice) gültigen Sätzen kam diesen Distinktionen zu Hilfe. 
Indem man sie zugleich auf das Problem der unendlichen Teilbar- 
keit des Raumes und der Zeit anwandte, entstanden ausgedehnte 
Betrachtungen in Anknüpfung an antike und neuere Sophismen, 
die sich auch bei Marsilius reichlich vertreten finden 1 . Ihre besondere 
Form gewinnen sie durch die Verbindung zwischen dem Problem 
des unendlichen Raumes und der unendlichen Zeit einerseits, dem 
unendlich Großen und der unendlichen Teilbarkeit andererseits, 
wie sie sich bei den Vorläufern Okkams und seinen Nachfolgern 
ausgebildet hatte 2 . Der innere Widerspruch zwischen der End- 
lichkeit des aristotelischen Universums und seiner ewigen Dauer 
war der Scholastik nicht verborgen geblieben. Wenn die Welt von 
Ewigkeit her bestand, warum sollte der Schöpfer nicht unendlich 
Großes schaffen können ? Brauchte er doch nur in jedem beliebigen 
Teil der unendlichen Zeit einen Körper, z. B. einen Stein von end- 
licher Größe zu schaffen; die schließliche Summierung dieser 
Steine hätte einen unendlich ausgedehnten Körper ergeben. In 
anderer Wendung des Gedankens ließ sich auch ein endlicher Zeit- 
abschnitt, z. B. eine Stunde, in geometrisch absteigender Proportion 
in unendlich viele Teile zerlegen, deren jeder durch einen Schöp- 
fungsakt ausgefüllt wurde, um zu demselben Ergebnis zu gelangen. 
In der Tat gab es einzelne Lehrer, wie Johannes de Bassolis, die 
mit Hilfe dieser Überlegungen die mathematisch-logischen Argu- 
mentationen des Aristoteles über den Haufen warfen und geradezu 
die Möglichkeit des Unendlichen in actu zu beweisen versuchten. 
Aber die communis opinio der Okkamisten war das nicht 3 . Okkam 
selbst, Buridan und Albert von Sachsen waren viel zu sehr durch- 
drungen von der Macht der im Begriff des Unendlichen liegenden 
Schwierigkeiten, um die eben genannten Gedankengänge glattweg 
anzuerkennen. Außerhalb ihres engeren Kreises stand Gregor von 



1 z. B. abbrev. phys. 1. VI, qu. 3-4, Bl. 55 v ff. 

2 Die Entstehungsgeschichte dieser komplizierten Theorien bei Diu km 
II. 368—407. 

3 So der Ausdruck des Marsilius, Hb. seilt. 1, qu. 42, art. 3 Bl. 180 c. 



6* 



84 Gerhard Ritter: 

Rimini, in dem das christliche Motiv der Allmacht Gottes am mäch- 
tigsten gewirkt zu haben scheint. Mit ungewöhnlichem Aufgebot 
von Scharfsinn, in Gedankengängen, die zuweilen an Begriffs- 
bildungen der modernen Mathematik zu streifen scheinen, suchte 
er die logischen Schwierigkeiten zu beseitigen, die sich letzten 
Endes alle aus dem Doppelsinn des vollendeten und des unvoll- 
endeten Unendlichen ergaben 1 . Da Gregor als Theologe stark auf 
Marsilius von Inghen gewirkt hat, ist es besonders wichtig, die 
Meinung unseres Philosophen in diesen Fragen kennen zu lernen. 
Mit großer Klarheit und Ausführlichkeit, weit eindeutiger als 
in dem allzu knappen physikalischen Abriß, wird das Problem im 
ersten Buche des Sentenzenkommentars, in Frage 42 abgehandelt 
— unzweifelhaft einem klassischen Musterstück „moderner" Natur- 
philosophie. Mit absoluter Schärfe trennt Marsilius die Erkenntnis 
des lumen naturale, deren beide Quellen nach Aristoteles angegeben 
werden, von der Glaubenserkenntnis. Das Dasein Gottes ist auf 
natürlichem Wege beweisbar, nicht seine Allmacht. Vielmehr wird 
die naturhafte Gebundenheit des aristotelischen primus motor uner- 
bittlich hell beleuchtet: er ist an das einmal gesetzte Maß der 
Weltbewegung gebunden, unfähig zur Schöpfung und Vernichtung, 
zur Unterbrechung seiner erhaltenden Tätigkeit, besitzt nicht die 
Freiheit, das Entgegengesetzte zu wollen und hat eine begrenzte 
Kraft des Wirkens. Gewiß: das alles sind Irrtümer vom Stand- 
punkt des Glaubens; aber sie ergeben sich völlig konsequent aus 
den Voraussetzungen der natürlichen Erkenntnis 2 . Die Schöp- 
fung philosophisch beweisen zu wollen, ist nicht leichter, als zu 
beweisen, daß ein Esel fliegen kann. 3 Allerdings sind ansehnliche 

1 Vgl. darüber die Einzelangaben bei Duhem II, .'{85 ff. 

2 Verum est, quod in multis horum deficit lumen naturale a catholica 
veritate, sed experientia et principia, quibus rationes naturales innituntur, ad 
altiora dedurere non possunt. 1. c. BI. 179, a. 

3 1. e. Bl. 177, c. Ganz analoge Ausführungen üb. sent. II qu. 1, art. 2 
(sehr gründlich) und abbrev. phys. Bl. 78 — 79. Die thomistische Unterschei- 
dung der göttlichen virtus separata a inagnitudine, die im Unterschiede von 
der virtus externa in inagnitudine unendlich, d. li. frei im Sinne der Willkür 
sein sollte erklärt Marsilius für nutzlos; Aristoteles würde auch diese einge- 
schränkte Bejahung der willkürlichen Allmacht nicht anerkennen (1. c. Bl. 
78, b, Terne 1 3). - Die aristotelischen Gründe für die ewige Dauer der Welt- 
bewegung ,, dürfen einen katholischen Sinn nicht bewegen' 4 , und wenn sie 
noch viel stärker wären! Denn: 1. sind sie sophistisch. 2. quod ad hoc' ten- 
dunt, ut mens humana iudicia dei ac divine voluntatis secreta immensa et pro- 
funda, scilicet quare quandoque motum facit et non ante, cum deus sit omnipotens, 



Studien zur Spätscholastik. I. 85 

Doktoren anderer Meinung: sie wollen die Allmacht Gottes mit 
natürlichen Gründen wenigstens wahrscheinlich machen. Marsilius 
zählt einige auf: Egidius Romanus, Thomas von Straßburg, die 
Unendlichkeitsargumente des Gregor von Rimini, endlich Anselms 
Gottesbeweis, und fügt zahlreiche anonyme Argumente hinzu. Aus 
der umständlichen Widerlegung interessiert besonders die Auf- 
lösung des berühmten anseimischen Arguments mit Mitteln der 
okkamistischen Erkenntnislehre: die Existenz der Vorstellung einer 
unendlichen Vollkommenheit im Intellekt bedingt keineswegs die 
außermentale Realität der zugehörigen Sache 1 . 

Auf natürlichem Wege läßt sich nach alledem die Allmacht 
Gottes nicht beweisen; wohl aber ist sein Dasein, seine unendliche 
Vollkommenheit (perfectio essentialis) im Vergleich zu dem Ge- 
schaffenen, ferner die Unendlichkeit seiner Dauer, seine Allwissen- 
heit mit bloßen Vernunftgründen zu erschließen 2 . An anderer 
Stelle erfahren wir genauer, daß und warum sich mit Gründen der 
„natürlichen Vernunft" die unendliche Vollkommenheit, die ewige 
Dauer der Kraft und das Dasein Gottes beweisen lassen, die All- 
gegenwart dagegen nur als möglich oder wahrscheinlich zu erschlie- 
ßen, und die Allmacht nur durch den Glauben zu erkennen ist 3 . 
Doch schon die These als solche genügt, um uns eine höchst bemer- 
kenswerte, im Grunde inkonsequente Abweichung unseres Autors 
von Okkam im Sinne der augustinischen und älteren scholastischen 
Tradition erkennen zu lassen. 

Es bleibt noch die Frage, ob die Möglichkeit einer Schöpfung 

valeat perscrutari, cuius contrarium sancta determinat ecclesia. Menüs enim 
humane acies invalida in tarn excellenti lumine non figitur, nisi prius per fidem 
illustretur. (I.e. Bl. 67, d). Also schroffste Ablehnung aller Rationalisierung 
des göttlichen Willens, cuius non est ratio querenda nee assignanda. (ibid. 
Bl. 70, b, Terne k). 

1 1. c. Bl. 179, d: Der erste anseimische Satz lautet: vigor, quo maior 
exeogitari non potest, est in intellectu. Dagegen diceret gentilis, quod si subi- 
ectuni supponit personaliter , ipsa [propositio] est falsa, quia omni vigore etiam 
divino diceret posse imaginari maiorem ad bonum intellectum (z. B. wenn der 
Himmel mit doppelter Schnelligkeit als de facto bewegt vorgestellt würde); 
si vero subiectum staret materialiter, concederet quod illa oratio esset in intellectu 
et quod ei ex parte rei nihil corresponderet quoad eins totalem signifirationem. 
Potest enim intellectus combinare coneeptus false imaginatio)ii*. 

2 1. c. Bl. 180, b. i. f. Wichtig ferner Bl. 170, d: Hec conclusio: „deus 
est 11 probalur metaphijsicaliter . . . ex esse effectuum, quod prima causa efficiens 
vel etiam finalis est, sicut patet XII. metaphys. 

3 abbrev. phys., 1. c. 79 v . 



86 Gerhard Ritter: 

des unendlich Großen und unendlich Wirksamen in actu rational 
beweisbar ist 1 . Wir erhalten zunächst eine Definition des ein- 
geschränkt und uneingeschränkt Unendlichen, die sich ganz ähn- 
lich im physikalischen Abriß findet und ausdrücklich einer älteren, 
minderwertigen Definition gegenüber gestellt wird 2 ; es ist leicht 
zu erkennen, daß es sich hierbei um die von Gregor von Rimini 
eingeführten Verbesserungen handelt 3 . Unter den üblichen Be- 
weisen für die Möglichkeit der Schöpfung des actu Unendlichen, 
die Marsilius wiedergibt, spielt im Sentenzenkommentar die Haupt- 
rolle das Beispiel des Gottes, der in unendlich kleinen Teilen einer 
Stunde unendlich viele Steine hervorbringt, in dem Abriß zur 
Physik die ebenfalls herkömmliche und ähnlich schon von Albert 
von Sachsen angestellte* Untersuchung, ob eine unendlich lange 
Schraubenlinie verwirklicht werden könne, die in immer dichteren 
Windungen (die gegenseitigen Abstände der Windungen in geo- 
metrischer Progression abnehmend) um einen zylindrischen Körper 
herumgeführt wird 5 . Das Ergebnis der Betrachtung ist in beiden 
Fällen das gleiche: nur im eingeschränkten (synkategoreumatischen) 
Sinne kann von einem Unendlichen die Rede sein. Denn die 
unendliche Teilung, um die es sich in beiden Fällen handelt, ist 
ihrem Wesen nach niemals de facto zu Ende zu führen; keiner 
der Teile kann der letzte sein, und nur im distributiven Sinne, 
d. h. im Hinblick auf jeden einzelnen Teil, nicht aber kollektiv 
kann von einer Gesamtheit „aller" Teile die Rede sein, eben weil 
diese Gesamtheit keinen Abschluß besitzt 6 . Die logischen W T ider- 

1 Inhalt des art. 3 der qu. 42; 1. c. Bl. 180 v ff. 

2 Verworfen wird die Definition des „synkategorematisch" Unendlichen: 
Aliquantum et non tantum quin malus, weil sie auch auf Teile einer endlichen 
Größe paßt; die neuere Definition lautet: Aliquantum et quantumlibet maius. 
I.e. Bl. 180, c. Ähnlich in abbrev. phys. Dort lautet die ältere Definition: 
[Aliquantum] , cuius nihil est extra, die verbesserte: Tantum quid est, cuius 
qualitatem aeeipientibus semper contingit aliquid ultra accipere non recipiendo 
idem. (1. c. Bl. 24, c); an anderer Stelle (Bl. 25, d) lauten beide Definitionen 
ebenso wie die des Sentenzenkommentars. Das „kategorematisch" Unend- 
liche heißt in beiden Werken einfach Extensum sine termino. 

'■'- c.regor verwirft die in voriger Anm. zuerst genannte Definition und 
ersetzt sie durch Quantocunque finita majus. Duhem II, 388/9. 

4 S. Duhem II, i3. 

5 Druck nr. 13, Bl. 23, b-d. 

6 lib. sent. I, 1. c. Bl. 182, a: Quamvis deus omnes partes continui noverit 
capiendo „omnes" distributive, tarnen contradict ionein implicat, quod omnes 
noverit sumendo „omnes" collcctive. (concl. 9) Auch diese Distinktion ist tra- 
ditionell und schon bei Gregor von Rimini u. Albert v. Sachsen zu finden. 



Studien zur Spätscholastik. I. 87 

Sprüche, die hier innerhalb des Unendlichkeitsbegriffes aufgedeckt 
werden, finden sich schon in dem alten Sophisma Zenons von 
Achilles und der Schildkröte, das in veränderter Form auch von 
Marsilius aufgewärmt wird 1 . Im Sentenzenkommentar erhält die 
Betrachtung noch eine theologische Wendung: Die Schöpfung 
eines Unendlichen ist u. a. auch darum undenkbar, weil damit 
Gott eine sich selbst gleichwertige Wesenheit aus sich heraussetzen 
würde 2 . Im physikalischen Abriß werden auch die Zahlen in paral- 
leler Betrachtung untersucht, deren Fähigkeit zu unendlicher Ver- 
vielfachung mit aristotelischen Gründen auf den bloß intellektiven 
Charakter der Tätigkeit des Zählens zurückzuführen sei 3 . Und 
anschließend erfährt die aristotelische Behauptung von der unend- 
lichen Dauer der Zeit und der Weltbewegung eine sehr eingehende 
Untersuchung: Die Ewigkeit der göttlichen Macht wird danach 
als rationabiliter beweisbar angenommen, die Unendlichkeit der 
Weltbewegung dagegen im Interesse des Glaubens verworfen, ob- 
schon sie Aristoteles mit natürlichen Vernunftgründen bewiesen 
hat und obschon sie im „synkategoreumatischen" Sinne besteht, 
d. h. obschon es wahr ist. daß ,,zu aller Zeit" Bewegung war und sein 
wird, ohne daß damit über die Dauer dieser Zeit etwas ausgesagt ist 4 . 
Das Wesentliche aus alledem ist für uns die eindeutige Fest- 
stellung, daß Marsilius ebenso wie Buridan und Albert von Sachsen 
die Argumente Gregors ablehnt, mit deren Hilfe die inneren Wider- 
sprüche des Unendlichkeitsbegriffs zugunsten der göttlichen All- 
macht beseitigt werden sollten. Wie seine Pariser Lehrer und 
Kollegen zeigt er sich demnach stärker in der aristotelischen Begriffs- 
welt befangen, als der Augustiner-Theologe. Dagegen ist es un- 
richtig, daß er die Argumentation Alberts von Sachsen durch 



1 üb. seilt. I.e., Bl. 182 v , concl. 15. 2 I.e. Bl. 180, d. 

3 abbrev. phys., I.e. Bl. 25, c: Philosophus voluit omni numero dato 
posse dare maiorem ad illum intellectum, quod inter quo! veritates anima est 
discretiva, adhuc inter plures potest esse discretiva. 

4 abbrev. phys. Bl. 68, d: Quoad experientias videtur semper fuisse 
motum - - tarnen seeundum veritatem motus ineepit. Bl. 69 bezüglich der- 
selben Sache: Quamvis conformiter apparentiis hae raliones et conclusiones 
procedant, tarnen false sunt simpliciter — — hoc enim ponit facta fides ex rece- 
latwne s. spiritus. Bl. 69, d: In infinito sive perpetuo tempore potest esse motus, 
tenendo infinitum syncathegorcumatice. — Prout hoc adverhium „semper" 
precise tantum [capiturj, videlicet sie ut: „omni tempore" , tunesem per fuit motus, 
similiter semper est et erit motus. — Untersuchungen über das Verhältnis von 
Ewigkeit und Zeit auch lib. sent. II, qu. 1, art. 1. 



88 Gerhard Ritter: 

inkonsequente Abweichung verderbt habe, wie Duhem irrig aus 
einer Stelle des physikalischen Abrisses schließt. Das Ergebnis 
der Betrachtungen ist vielmehr dies: die unendliche Ausdehnung, 
die unendliche Teilung des continuum und die unendlich große 
Zahl existieren in acht weder im „synkategoreumatischen" noch 
im „kategoreumatischen" Sinne 1 ; rein natürlich gesprochen, d. h. 
ohne Annahme einer göttlichen Allmacht, ist auch die Erschaffung 
des unendlich Großen nicht möglich. Aristoteles würde sagen, daß 
es nichts größeres geben könne, als das begrenzte Universum 2 . 
Wird indessen die göttliche Allmacht eingeräumt, so läßt sich die 
Erschaffung des unendlich Großen nur im „synkategoreumatischen" 
Sinne als möglich denken 3 . In diesem letzteren Sinne, und nur in 
diesem, existiert tatsächlich ein „Unendliches": es ist die unendlich 
lange Linie, d. i. die Schraubenlinie mit proportional sich ver- 
engernden Windungen 4 ; die unendliche Teilbarkeit jeder Größe 
und die unendlich große Zahl sind konsequenterweise gleichfalls 
möglich im „eingeschränkten" Sinne der endlosen Fortsetzung des- 
teilenden bzw. zählenden Aktes. Die unendliche Dauer der gött- 
lichen Allmacht ist rational' beweisbar, die göttliche Allmacht 
selber nur durch den Glauben. Eine unendliche Bewegung gibt es 
nur in dem Sinne, daß zu aller wirklichen Zeit Bewegung war und 
sein wird. 

Man sieht : hier werden fast alle aristotelischen Bestimmungen 
mit Hilfe des synkathegoreumatice festgehalten. Die etwas eilige 
und unvollständige Gegenüberstellung eines Teils dieser Sätze in 
dem knappen „Abriß" hat Duhem zu der Annahme verführt, 
Marsilius behaupte „kategorisch", also inkonsequent die Existenz 



1 abbrev. phys., J. c. Bl. 26, a: Sincathegoreumatice hec [conclusio] est 
falsa: infinitum in magnitudine est... quod nihil est wams universo. 

2 abbrev. phys. 1. c. Bl. 6, b: Loquendo naturaliter est dare maximum 
quod polest esse; palet, quod Aristoteles diceret, quod non polest esse maius uni- 
verso. 

3 ibid. Bl. 27, b: Infinitum corpus polest esse, tenendo infinitum sin- 
cathegorematice, per potenliam divinam. 

4 ibid., Bl. 23, d: Infinita est... linea girativa tenendo infinitum sin- 
cathegorematice. Mißverständlich, weil ohne den (nach dem Zusammenhang 
aber als selbstverständlich vorausgesetzten) Zusatz syncathegorematice 
heißt es Bl. 26, a: Infinita est longitudo, palet, quod infinita est linea girativa, 
und Bl. 27, b: Infinita longitudo curva de facto est, patet de linea girativa. 
Ähnliche Unklarheiten infolge übertriebener Kürze finden sich zahlreich in 
dem ,, Abriß". 



Studien zur Spätscholastik. I. 89 

einer unendlich langen Linie. Sonderbar genug wirkt ja die Be- 
hauptung ihrer faktischen Existenz; aber sie kann nicht anders 
als „synkategoreumatisch" gemeint sein; der ganze Zusammen- 
hang der logischen Überlegungen steht dem entgegen 1 . Wenn des- 
halb tatsächlich in dem ausführlichen Physikkommentar (in der 
dubiosen Lyoner Ausgabe) die logischen Argumente so völlig zu- 
gunsten der Schöpferallmacht Gottes verwischt und entstellt 
werden, wie Duhem mitteilt 2 , so bedeutet das einen klaren Wider- 
spruch gegen den Inhalt der sicheren Überlieferung. In den mir 
zugänglichen Quellen ist eine wesentliche Abweichung von den 
halbaristotelischenTheorienAlbertsund Buridans nicht zu bemerken. 

Das alles scheint also wenig über die aristotelische Überliefe- 
rung hinauszuführen. Immerhin lag in der unermüdlichen und 
vielseitigen Bearbeitung der Antinomie des Endlich-Unendlichen, 
wie sie gerade Marsilius von Inghen getreu den Überlieferungen 
seiner Schule ausgiebig betrieb, der fruchtbare Keim für spätere 
Problembildungen. Die Tradition dieser nachokkamistischen Natur- 
philosophie hat auch den größten Schüler der mittelalterlichen 
Heidelberger Universität berührt: Nikolaus von Cues, der später 
eben diese Antinomie zum Ausgangspunkt seines mächtigen Ge- 
dankensystems nahm. Indem er sie nicht auflöste, sondern ihre 
Irrationalität mit vollem Bewußtsein in den Mittelpunkt der Welt- 
betrachtung stellte, leuchtete er weit tiefer in die dunkle Proble- 
matik des unendlichen Lebensstromes hinein, als den scholastischen 
Aristotelikern des 14. Jahrhunderts gelungen war. Aber letzten 
Endes ist er doch nur als die Schwelle zu betrachten, die von jenen 
zur modernen Naturphilosophie hinüberführt 3 . 

Eine besondere Anwendung auf physikalische Einzelprobleine 
erhielt die Theorie des Unendlichen durch die Lehre des Johann 
von Jandun und Albert von Sachsen vom maximum der Kraft 
und des Widerstandes 4 . In der Formulierung Alberts gibt es 



1 Vgl. die vorigen Anmerkungen! — Hiernach ist auch die von Duhem 
II, 405 angenommene Beziehung des Joh. Majoris zu M. v. I. hinfällig. 

2 1. c. II, 45/6. 

3 Das hat im einzelnen Duhem II. 100 ff. gezeigt. Die von ihm p. 157 
aus den abbrev. phys. des M. v. I. zitierten Stellen, aus denen die Subjekti- 
vität des Zeitbegriffes erhellt, scheinen mir ebensowenig wie die ganze 
Behandlung dieses Problems von der Lehre des Aristoles abzuweichen. Wieso 
gerade M. v. I. die Antinomie des Endlich-Unendlichen für unlösbar erklärt 
haben soll (p. 126) ist mir nicht deutlich geworden. 

4 Duhem II, 25 ff. 



90 Gerhard Ritter: 

vier Formen, das Maß einer bestimmten Kraft durch Vergleich 
mit dem von ihr überwundenen Widerstand genau zu bestimmen: 
entweder man erfaßt das maximum des eben noch überwindbaren 
Widerstandes (maximum in quod sie), oder das minimum der zu 
Überwindung noch ausreichenden Kraft (minimum in quod sie), 
oder das maximum der zur Überwindung eben nicht mehr aus- 
reichenden Kraft (maximum in quod non), oder endlich das minimum 
des nicht mehr überwindbaren Widerstandes (minimum in quod 
non). Schon Johann von Jandun hatte erkannt, daß diese Be- 
stimmungen nicht alle nebeneinander gelten können. Das Maximum 
des noch überwindbaren und das Minimum des nicht mehr über- 
windbaren Widerstandes decken sich nicht, da bei aktueller Kon- 
kurrenz so bestimmter Kräfte bezw. Gegenwirkungen im ersten 
Falle eine Bewegung erfolgt, im letzten Falle Kraft und Gegen- 
kraft sich lähmen; die Bestimmung der Differenz führt aber in 
unüberwindliche logische Schwierigkeiten, da diese nur als unteilbar 
klein gedacht werden kann, das unendlich Kleine (indwisibile) aber, 
wie früher dargelegt, aus den physikalischen Begriffen auszuschal- 
ten ist. Eine scharfsinnige Überlegung führte deshalb Albert zu 
der — modernen physikalischen Anschauungen entsprechenden — 
Erkenntnis, daß zur Bestimmung des genauen Kraftmaßes nur die 
beiden letzten unter den vier genannten Formen sich eignen: nur 
sie erfassen das Kräfteverhältnis in dem Augenblick, in dem Kraft 
und Widerstand sich absolut gleich sind, d. h. sich gegenseitig- 
lahmen. Es ist sonderbar, daß der ausführliche Physikkommentar 
des Marsilius auch diese Theorie verwässert hat und zwar durch 
synkretistische Nebeneinanderstellung aller 4 modi 1 . In der son- 
stigen Überlieferung erscheint unser Autor deutlicher als Schüler 
Alberts. Die knappen Sätze des „Abrisses" gestatten allerdings 
kein sicheres Urteil; hier werden nur die 4 modi ohne irgend einen 
bestimmenden Zusatz aufgeführt; die Formulierung im einzelnen 
weicht bewußt von Albert ab 2 . Dagegen läßt die Schrift über 

1 DüHEM II, 30. 

2 Er formuliert: abbrev. phys. 1. c. Bl. 6, a: maximum in quod potest. = 
in hoc polest et in nulluni maius potest; minimum in quod potest = in hoc 
potest et in nulluni minus potest: maximum in quod non potest; = in hoc 
potest, et in quodlibet maius potest; minimum in quod non potest = in hoc non 
potest, et in quodlibet minus potest. Für die beiden letzten Formen führt er auch 
die Formulierung an: quolihet maiore dato datur minus, in quod potest bzw. 
quolibet minori dato datur maius, in quod potest. Eben das war die Formu- 
lierung- Alberts; M v. I. lehnt sie ab: In his ultimis duobus primi duo modi 



Studien zur Spätscholastik. I. 91 

,, Entstehen und Vergehen" nur die vierte der Formen (minimum 
per quod non) als zureichend gelten. Die Anwendung ist freilich in 
diesem Falle reichlich künstlich : die genaue Lebensdauer des durch 
normale Ursachen sterbenden Menschen soll durch das Mindest- 
maß der Zeit bestimmt werden, die er nicht leben kann 1 : eine 
Behauptung, die in ihrer Formulierung so gut wie sinnlos wirkt, 
da von einem Kampf lebenserhaltender und -zerstörender Kräfte 
nicht die Rede ist und von einer gegenseitigen Kompensierung 
solcher Kräfte ja auch nicht sinnvoll die Rede sein kann. Um so 
deutlicher zeigt das unglückliche Beispiel, wie fest die Schul- 
formeln Alberts in der Denkgewohnheit unseres Autors verankert 
waren. Doch scheint es in der Tat, daß hier eine erste Trübung 
der ursprünglich so klar formulierten Regel begonnen hat, die dann 
im Laufe des folgenden Jahrhunderts durch Mißverständnis und 
formale Schulgewohnheiten zu vielfach arg verblassenden Formeln 
führte 2 . Der Wert dieser jahrhundertelang fortdisputierten Lehren 
für die Herausbildung des modernen Grenzbegriffes bleibt darum 
doch bestehen. 

Vielleicht noch folgenreicher für die Entwicklung der physi- 
kalischen Begriffe war die umfangreiche, durch die gesamte nach- 
thomistische Scholastik sich hinziehende Diskussion über Steige- 
rung und Minderung der Formen (de intensione et remissione for- 
marurn). Es handelt sich dabei in der Hauptsache um die nähere 
Bestimmung des Qualitativen im Verhältnis zum Quantitativen. 
Ohne alle Färbungen und Wendungen der Debatte, deren natur- 
wissenschaftliches Interesse erst durch Duhem klargelegt ist, hier 
zu verfolgen, genügt es, das wichtigste der Gegensatzpaare heraus- 
zuheben. Auf der einen Seite (bei Thomas, Heinrich von Gent, 
Durandus u. a.) eine scharfe Unterscheidung zwischen Qualität 



sunt meliores. Dihem hat das anscheinend so mißverstanden, als ob die 
beiden letzten Formen den beiden ersten vorgezogen würden und schließt 
daraus die genaue Übernahme der Formeln Alberts (1. c. II, 31). Aber auch in 
der Schrift „de gen. et corr." erklärt M. v. I. seine zuerst genannte Erläuterung 
des min. und max. quod non für die grammatice richtige gegenüber gewissen 
aliler exponenies (Druck nr. 6, Bl. 4, verso, sp. 1; 1. II, qu. 17). 

1 capiatur totum tempus medium inter primum instans sui esse et primum 
instans sui non 'esse . . . et est minimum tempus per quod homo non potest durare. 

- 1. c, folg. Bl., sp. 1. — Allgemeinere Erwägungen über die Grenzbestim- 
mung gegeneinander wirkender Kräfte s. ibid. 1. I, qu. 19. 

2 Besonders bei den italienischen Naturphilosophen und Humanisten. 
S. darüber Duhem II, 35 ff. 



'.12 Gerhard Ritter: 

und Quantität, zwischen Intension und Extension: jede Vermeh- 
rung und Verminderung des Ausgedehnten, das sich immer als 
eine Summe von Einheiten auffassen läßt, geschieht durch Addition 
bzw. Substraktion diskreter Teile; jede Steigerung oder Minde- 
rung der Intensität dagegen erfolgt innerhalb einer gewissen 
Spannungsweite (latitudo) und ohne daß von Addition oder Teil- 
barkeit die Rede sein könnte; ein bestimmter Wärmegrad z. B. 
wird nicht durch Addition anderer Wärmegrade vermehrt; jeder 
Intensitätsgrad bildet vielmehr ein fest bestimmtes, unteilbares 
Ganzes. Auf der Gegenseite (u. a. bei Skotus, Okkam, Gregor 
von Rimini) sucht man den Gegensatz zwischen Qualität und 
Quantität möglichst auszugleichen: es wird zwar anerkannt, daß 
jede Qualität in jedem Intensitätsgrade eine völlig neue Einheit 
(forma) bildet, daß ihre Vermehrung bezw. Verminderung kon- 
tinuierlich ist und immer an demselben Substrat (subiectum) haftet, 
also nicht wie bei der Quantität durch Hinzufügung bzw. Weg- 
nahme diskreter, qualitativ bestimmter Teilsubstanzen verändert 
werden kann. Aber dennoch kann ähnlich wie bei der Quantität 
von einer Teilbarkeit und Addition bestimmter Qualitätsmengen 
(quantitas vigoris im Gegensatz zu quantitas molis) die Rede sein. 
Die Steigerung z. B. der Wärme geschieht durch die Addition 
neuer Wärmemengen von Grad zu Grad, mag man nun mit Petrus 
Aureoli diese hinzukommenden Qualitätsmengen für unfähig er- 
klären, als losgelöste Realitäten für sich zu existieren, oder ihnen 
mit Okkam die volle Realität zusprechen. Gewissermaßen quer 
durch diese Debatte lief ein weiterer Gegensatz, der den Träger 
der qualitativen Veränderung zum Streitobjekt nahm 1 : ist es die 
forma qualitatis selbst, die gesteigert wird, oder ist diese in ihrem 
W T esen unveränderlich, so daß die Steigerung bzw. Abnahme 
durch die wechselnde Stärke der Rezeption der forma in dem kon- 
kreten Träger der Formen (subiectum) begründet wird ? Okkam 
bejahte die letztere These, und seine Entscheidung wurde die vor- 
herrschende in der „modernen" Schule. 

In den mir bekannten naturwissenschaftlichen Schriften unse- 
res Autors finde ich keine ganz klare Stellungnahme zu dem Pro- 
blem. Deutlicher wird seine Auffassung, wenn wir vom Sentenzen- 
kommentar ausgehen. Die Erörterung erfolgt hier nicht, wie üblich 
und auch von Gregor von Rimini durchgeführt, bei der Bespre- 

1 Vgl. Prantl III, 223, 263, 273 f., 361 u. ö. (Register unter: forma) 
IV, 5, 11, 95, 105. 



Studien zur Spätscholastik. I. 03 

chung der charitas und ihrer Steigerungsfähigkeit 1 , sondern bei 
der mit der Theodizee verwandten Frage, ob Gott die Vollkommen- 
heit aller Teile des Universums steigern könne 2 . Zunächst ist die 
Widerlegung der (durch Gottfried von Fontaines, W. Burley u. a. 
vertretenen 3 ) Auffassung bemerkenswert, nach der jeder höhere 
Intensitätsgrad bei seinem Auftreten die Vernichtung aller früheren 
bedeutet, so daß er in jedem Falle eine völlig neue forma darstellt 4 . 
Demgegenüber behauptet Marsilius, daß die Form während der 
Steigerung dieselbe bleibt, allerdings nicht in allen Teilen, da neue 
Teile einer wesensähnlichen Qualität zu denen des anfänglichen 
Grades durch Addition hinzukommen, aber doch in einigen: eben 
denen des Anfangsgrades 5 . Damit stehen wir auf dem Boden der 
modernen, auch durch Okkam vertretenen Lehre. Ist erst einmal 
anerkannt, daß der geringere Grad der Intensität zu dem höheren 
ein analoges Verhältnis hat wie die geringere Ausdehnung zu der 
größeren, so ist der Weg nicht mehr weit zu der Erkenntnis, daß 
es eine intensive Größe gibt wie eine extensive, daß Qualität und 
Quantität in dem Begriff des Maßes ihre Einheit finden 6 . Ein 
wesentlicher logischer und methodologischer Fortschritt über die 
scharfe aristotelische Scheidung der beiden Kategorien ist erreicht. 
Die quantitative Bestimmung der Intensitäten, wie sie die moderne 
Naturforschung kennt, ist im Prinzip ermöglicht, ohne den eigen- 
tümlichen Charakter der Qualität in der W-eise des antiken Atomis- 
mus zugunsten des Quantitativen zu verwischen. Darin liegt die 
außerordentliche Bedeutung dieser scholastischen Überlegungen. 
Viel weniger deutlich als in dieser Kernfrage ist die Meinung 
des Marsilius über den Träger der Intensitätsänderungen zu ermit- 



1 Trotz der Ankündigung Bl. 201, c, oben. Wenigstens habe ich die 
versprochene Darlegung nicht gefunden. 

2 lib. sent. I, qu. 43, art. 1 (1. c. Bl. 183 ff.). 

3 Dihem III, 324 ff. 

4 1. c. oppos. 3: Cum fit intensio caliditatis vel alterius qualitatis, non 
manet eadem post, quae prius. 

5 1. c. ad 3, Bl. 183, c: In intensione forma manet eadem, licet non in 
omnimoda suarum partium totali identitate, tauten in partium suarum addi- 
tione primam qualitalem perficientium. . . . Gradus precedens manet et . . . sie 
intensior per similis qualitatis additionein. Ähnlich lib. sent. II, qu. 1, 1. c. 
Bl. 201, a: Intensio in qualitatibus remanentibus fit per additionem gradus ad 
gradutn. 

6 Der Begriff des Maßes erscheint ganz klar bei Xik. v. Oresme, s. 
Duhem III, 391. 



94 Gerhard Ritter: 

teln. Zunächst erfahren wir, daß die Substanzen (substantiae indivi- 
sibiles) und die „substanziellen Formen" diesen Änderungen nicht 
unterliegen 1 ; wenigstens sei das die verbreitetste und wahrschein- 
lichere Ansicht, trotz der gegenteiligen Meinung des Averroes; 
dieser leugnet zwar ebenfalls die Steigerungsfähigkeit der substan- 
tiellen Formen im allgemeinen, bejaht sie aber für die substantiellen 
Formen der Elemente, da diese streng genommen in der Mitte 
liegen zwischen substantieller und akzidenteller Form 2 . Es ist 
charakteristisch für die eklektische Unsicherheit unseres Autors 
(die öfters auffällt), wenn er die averroistische Ansicht für bene 
probabilis erklärt und gleichsam zur Auswahl mit andern anbietet 3 . 
Einleuchtender freilich findet er die „neuere" Meinung, nach der 
nicht die substantiellen, sondern die akzidentellen Formen intensiv 
variabel sind, vor allem also zahlreiche Qualitäten 4 . Könnte man 
hiernach vermuten, daß eben doch die forma qualitatis ihrem Wesen 
nach als Träger der Veränderung gelten soll, so scheinen andere 
Hinweise mehr auf die Ansicht Okkams zu deuten, nach der die 
wechselnde Rezeptionsfähigkeit des konkreten subiectum der For- 
men die entscheidende Rolle spielt 5 . Zu einer zweifellosen Fest- 
stellung reicht das mir vorliegende Quellenmaterial nicht ans. 



1 1. c. Bl. 183, d. Die auch hier versprochene nähere Ausführung- im 
3. Buch habe ich nicht gefunden. Ähnlich 1. II qu. 11, art. 3, von Prantl 
IV, 95 irrig als art. 4 zitiert und ungenau mit der Ansicht Okkams (Prantl III, 
361, not. 819) über den Träger der Intensitätsveränderung ohne weiteres 
identifiziert, obwohl davon hier gar nicht die Rede ist. 

2 de gen. et corr., 1. I, qu. 21, art. 1 : Forme elementales sunt quasi medie 
inier substantielles et accidentales et partim convenientes cum aeeidentalibus . 

3 1. c. Ende des art. 1. Ähnlich üb. sent.. BL 183, d. 

4 de gen. et corr., 1. I, qu. 21, art. 2. — lib sent. II, qu. 1, art. 1, riota 
7: Plurime res accidentales in sua essentia possunl intendi et remitti, patet. . . 
quod qualitas suseipit mngis et minus. — concl. 2: multarum qualitatum essen- 
tialis perfectio polest intendi et remitti. - Ganz ähnlich übrigens z. B. der 
Thomist Herveus \atalis, s. Prantl III, 273. 

5 de gen. et corr., 1. c. art. 3, ad seeundum: Negalur quod omnis acqui- 
sitio j< rme succesiva fit ratione inlensionis et remissionis illius forme. Immo 
acquisilio successiva fil frequenter propter successsivam dispositionem quan- 
titativorum pertinentium materie, ul quando ignis generaretur ex lignis, materia 
propinquior generanti citius disponitur et remotior tardius, ergo in propinquiore 
citius generatur ignis usw. Das kann freilich auch als Beweis dafür angesehen 
werden, daß normalerweise eben doch eine intensm formae vorkommt. - 
abbrev. phys., 1. c Bl. 50 erklärt, daß zur Einheit des motus (also nach 
aristotel. Sprachgebrauch auch der Intensitätssteigerung) die Einheit des 
subiectiim inhesionis motus d. i. im Gegensatz zum subiectum denominal ionis 



Studien zur Spätscholastik. I. 95 

Der Fortschritt der logischen Theorie hatte sogleich konkrete 
Ergebnisse zur Folge. Die Anwendung quantitativer Bestimmungen 
auf die Untersuchung qualitativer Verhältnisse wurde schon von 
den Pariser und Oxforder Scholastikern des 14. Jahrhunderts an- 
gebahnt. Sie zeigt sich besonders fruchtbar auf dem Gebiete der 
Bewegungslehre, indem man die Begriffe der Gleichförmigkeit, des 
Wechsels, der Ausdehnung usw. der lokalen Bewegung auf die 
Qualitätsveränderungen übertrug und umgekehrt den Begriff der 
Intensität auf die Bestimmung der Geschwindigkeit anwendete. 
Zu solchen Übertragungen mußte schon die aristotelische Über- 
lieferung anregen, die nicht nur die lokale Bewegung, sondern 
ebenso die generatio, augmentatio und alter atio unter dem Gesamt- 
begriff des motus zusammenfaßte. Auf dem Gebiete der Dynamik, 
Kinematik und Statik erzielte deshalb die logisch-mathe- 
matische Forschungsmethode der Spätscholastik ihre besten Er- 
folge. Die Literatur dieser Disziplinen reicht über den Umkreis 
der aristotelischen Universitätswissenschaft noch hinaus: eine 
eigene scientia de ponderibus entwickelte sich im Anschluß an spät- 
antike und arabische mathematische Traditionen, die besonders für 
statische und dynamische Probleme zu außerordentlich bedeut- 
samen Ergebnissen gelangte 1 . Marsilius scheint sie gelegentlich 
benutzt zu haben 2 . Aus der Fülle der in Du he ms Darstellung 
dieser Gegenstände behandelten Fragen heben wir nur diejenigen 
heraus, die auch in den Schriften unseres Philosophen eine Rolle 
spielen. Ich zweifle nicht, daß ein Studium der handschriftlichen 
Abhandlungen de celo et mundo und de sphera gerade für diesen 
Fragenkomplex wesentliche Ergänzungen des bisher Bekannten 
bringen würde. Fraglich ist dagegen, ob sich der Gesamteindruck 
der physikalischen Schriften dadurch ändern würde: auch in der 
Dynamik erscheint Marsilius vertraut mit den wissenschaftlichen 
Fortschritten seiner Schule und seiner Zeit, aber eigentlich nirgends 
als schöpferischer Geist von wesentlicher selbständiger Bedeutung; 
freilich sind die naturphilosophischen Bestrebungen seiner Schule 
noch nicht so gründlich durchforscht, daß sich ein letztes Urteil 
sprechen ließe. 



nicht die fertige Einzelsubstanz, sondern z. B. bei den Körpern ihre Materie, 
gehöre; damit ist wohl der konkrete Träger der Formen gemeint; andrerseits 
wird auch unitas numeralis formae gefordert. 

1 Duhem I, 259 ff. 

2 Duhem I, 260: Zitat aus dem großen Physikkommentar, mir nicht 
zu sanglich. 



96 Gerhard Ritter: 

Wohl die glänzendste methodische Leistung der Okkamisten 
auf den genannten Gebieten ist die (zuerst von M. Curtze in ihrer 
Bedeutung erkannte) Verwendung eines rechtwinkligen Koordi- 
natensystems zur graphischen Darstellung von Qualitäten in ihrer 
Extension innerhalb des qualitativ bestimmten Körpers (extensio 
dargestellt durch die iongitudo = Abszisse) und ihrer Intensität 
(dargestellt durch die latitudo, eine Art Ordinate) die Nikolaus von 
Oresme zuerst durchführte. Er verwendete sie auch zur Darstellung 
von Bewegungen in ihrer örtlichen Lage oder zeitlichen Dauer und 
ihrer Geschwindigkeit und gelangte in der Berechnung der gesuch- 
ten Größen mit Hilfe der sich ergebenden geometrischen Größen- 
verhältnisse, wenigstens im Prinzip, zur Erfindung gewisser Hilfs- 
mittel der analytischen Geometrie 1 . 

Die Anwendung dieser geometrischen Methode auf die Unter- 
suchung qualitativer Verhältnisse hat auch Marsilius von Inghen 
unternommen, indem er ebenso wie Nikolaus von Oresme die selt- 
same Buridansche Wärmetheorie geometrisch darstellte. Jede 
Wärmeminderung eines Körpers sollte danach eine proportionale 
Steigerung der Kältegrade an denselben Punkten des betr. Körpers 
zur Voraussetzung haben, so daß die Gesamtsumme der stets ver- 
einigt auftretenden Kälte- und Wärmegrade jederzeit in jedem 
Punkte identisch bliebe. Marsilius trägt diese Theorie unter eifriger 
Berufung auf seinen „Lehrer" Buridan vor; eine veranschau- 
lichende, sehr einfache Figur (Rechteck, durch Senkrechte in acht 
gleiche Felder geteilt, quer durch eine Diagonale durchschnitten, die 
die Senkrechten aufsteigend im Verhältnis 1:9, 2:8 usw. bis 9: 10 in 
Abschnitte zerlegt) findet sich in dem Druck nr. 10; doch ist nicht 
eigentlich die Rede von einem ungleichmäßig erhitzten Körper, 
wie ihn Oresme geometrisch veranschaulicht, sondern ganz all- 
gemein von dem Wechsel der Wärme-Intensitäten und der zu- 
sammengesetzten Natur der Wärme überhaupt 2 . 



1 Duhem I II, 385 ff. M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathe- 
matik II 2 , 132 warnt mit sehr einleuchtenden Gründen vor der Überschätzung 
dieser Neuerungen, die gleichwohl bei D. sich findet. Nach Cantor lag die 
Hauptleistung Oresmes auf dem Gebiete der. Arithmetik (Einführung von 
Potenzgrößen mit gebrochenen Exponenten u. a. m.). 

2 1. c. lib. II, qu. 6, art. 1, Druck nr. 10. Eine ähnliche Darlegung über 
das Zusammensein von Kalt und Warm s. abbrev. phys. 1. c. Bl. 17. — 
Über die starke Wirkung dieser Lehre in der Fassung d. M. v. I. auf die ita- 
lienische Naturphilosophie (Paulus Venetus) vgl. Dihem III 481/2. 



Studien zur Spätscholastik. I. 97 

Geometrische Figuren zur Veranschauliehung der Wärme- 
theorie wendet unser Autor auch an andern Stellen des Traktates 
über „Werden und Vergehen" an. So untersucht er die Verschieden- 
heit der Wirkung aktiver Wärme in einem verdünnten bzw. kon- 
densierten Medium, indem er die Größe der aktiven Kraft durch 
eine bestimmte Strecke einer Geraden darstellt, die im Falle der 
Verdünnung länger, im Falle der Verdichtung kürzer angenommen 
wird, und zwar so, daß beide Strecken denselben Mittelpunkt 
besitzen; das Objekt der Einwirkung der Wärme bezeichnet ein 
Punkt außerhalb der Geraden. Indem nun der Mittelpunkt und 
die Endpunkte der beiden Strecken und, zwar der größeren wie der 
kleineren, mit dem Punkte, der das passwum darstellt, geradlinig 
verbunden werden, ergeben sich vier Dreiecke. Mit Hilfe Euklids 
läßt sich dann beweisen, daß die äußeren Seitenlängen der beiden 
äußeren Dreiecke größer sind als die entsprechenden Seitenlängen 
der inneren, d. h. daß die Wirkung der Wärme im verdünnten 
Medium auf größere Entfernung erfolgt und darum schwächer ist, 
als im Falle der Verdichtung 1 . Wie man sieht, enthält diese Dar- 
legung keinerlei Anwendung der Koordinaten des Oresme, wie 
Duhem behauptet 2 . Die mutmaßliche Quelle dieser Methode ein- 
facher geometrischer Veranschaulichung wird vielmehr deutlicher 
an einer andern Stelle desselben Traktates. Dort zeigt Marsilius 
in altherkömmlicher Weise an einer geometrischen Figur, daß die 
Summe der arithmetischen Reihe 1, 2, 3 usf. stets gleich der Hälfte 
aus dem Produkt des letzten Gliedes mit dem nächstgrößern der 
fortgesetzten Reihe ist 3 . Er beruft sich hierbei auf eine Stelle im 
„Kommentar des Jordanus" 4 . Sollte das nicht jener unbekannte 
Autor sein, der die scientia de ponderibus des Jordanus Nemora- 



1 1. c. 1. I, qu. 18, art. 1. Die Buridansche Theorie von dem Zusammen 
der Wärme und Kälte wird auch in dieser Quästion vorausgesetzt, das quan- 
titative Verhältnis von Wirkung und Gegenwirkung der elementaren Qua- 
litäten (warm, kalt, trocken, feucht) genau untersucht. Auch aus der medi- 
zinischen Erfahrung werden Beweise herbeigeholt, wie denn überhaupt für 
M. v. I. medizinische Autoritäten (z. B. ibid. 1. II, qu. 15 Avicennas Canon, 
lib. sent. II, qu. 13 die medici) eine beträchtliche Rolle spielen. 

2 1. c. III, 403, no. 2. 

3 1. c. lib. II, qu. 12, art. 1. -- Es handelt sich um die herkömm- 
lichen Punktdreiecke des mathematischen Schulunterrichts zur Veranschau- 
lichung von Reihen, Variationen, Kombinationen usw. Vgl. Günther Mathe- 
mat. Unterricht im Mittelalter, p. 178. 

4 Commento VI. conclusionis VIII. Jordani. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Aldi. 7 



98 Gerhard Ritter: 

rius 1 mit der peripatetischen Physik in Übereinstimmung zu bringen 
suchte ? Mir scheint, daß sich diese Figuren durchaus nicht von 
dem altenSchema der mittelalterlichenSchulbuchliteratur entfernen. 

Das wichtigste Problem, an dem sich die „moderne" Dynamik 
bewährte, ist die Theorie des Falls. Tatsächlich gelang es der 
Pariser Schule, das Fallgesetz Galileis zwar nicht einwandfrei zu 
formulieren, wohl aber — durch exakte Definition und Berechnung 
der beschleunigten Bewegung einerseits und durch die Erkenntnis 
der Ursache der Beschleunigung andererseits — vorzubereiten. 

Für die Berechnung der ungleichförmigen Bewegungen be- 
standen im 14. Jahrhundert traditionelle Regeln, die zunächst für 
solche Bewegungen bestimmt waren, die, wie die Rotation, an den 
verschiedenen Punkten eines und desselben Körpers eine verschie- 
den große Geschwindigkeit besitzen. Soweit es sich hierbei um 
eine gleichmäßig wachsende Verschiedenheit handelte, analog der 
Zunahme der lokalen Entfernung vom unbewegten Punkte, sollte 
die Geschwindigkeit des Ganzen nach dem Maß der Geschwindig- 
keit des in mittlerer Entfernung vom Unbewegten liegenden Punk- 
tes berechnet werden; eine andere Tradition, von Thomas Brad- 
wardina ausgehend und auch von Albert von Sachsen übernommen, 
nahm (irrig) den am schnellsten bewegten Punkt zum Ausgangs- 
punkt der Berechnung. Marsilius folgte ihr nicht ; in seinem physi- 
kalischen Abriß setzt er die Berechnung nach dem mittleren Punkte 
als allein richtig voraus, und es ist sehr interessant, wie er diese 
Regel ganz gleichmäßig auf Geschwindigkeiten und Farbenquali- 
täten anwendet 2 . Auch in der Abhandlung über „Werden und 
Vergehen" ist häufig von dem mittleren Maß der Intensitäten die 
Rede, das für die quantitative Bestimmung einer ungleichförmige 
im Körper verteilten Qualität maßgebend sein soll 3 . Diese Über- 

1 (her ihn s. Duhem I, 263. M. Cantor 1. c. II 2 , 60 u. die dort ange- 
führte Literatur. Die gelegentliche Benützung der scientia de ponderibus 
durch M. v. I. wurde bereits oben p. 95 erwähnt. 

2 1. c. Bl. 54, d: Latitudo difformis non debet denominari o puncto inten- 
siori, sed magis o puncto medio 'im Verhältnis von schwarz und weiß an einem 
verschiedenfarbigen Körper). Velocitas motus attenditur, tanquam penes 
effectum penes s pactum Unedle descriptum a puncto suo media scilicet centrali 
vel proportionall centro. Entsprechende Berechnung der Winkelgeschwindig- 
keiten Bl. 55. Teilweise zit. bei Di hem III, 404. 

3 z. B. 1. c. lib. I, qu. 20, ratio 7. M. v. I. übernimmt also die Regel des 
anonymen Traktates De proportionalitate motuum et magnitudinum. Die ab- 
weichende und obendrein in sich inkonsequente Auffassung des größeren 
Physikkommentars (Duhem II, 404) ist damit wiederum nicht zu vereinen. 



Studien zur Spätscholastik. I. 99 

tragung der Regel von der lokalen Bewegung auf den Wechsel 
der Intensitäten war durch Nikolaus von Oresme — vielleicht 
unter dem Einfluß gewisser Oxforder Theorien — schon früher 
vollzogen worden 1 , und zwar mit Hilfe seines Koordinatensystems; 
dieses System hatte es ihm ermöglicht, nicht nur solche Geschwin- 
digkeiten zu erfassen, die in zeitlichem Nacheinander der Bewegung 
unverändert bleiben (motus uniformis, regularis), sondern ebenso 
die wechselnden Geschwindigkeiten ungleichförmiger Bewegungen 
(motus difformis, irregularis) in jedem Augenblick als wechselnde 
Intensitäten der Geschwindigkeit aufzufassen und zu berechnen. 
Und so war er zu der wichtigen Feststellung gelangt, die für das 
Fallgesetz später bedeutend wurde, daß die Durchschnittsgeschwin- 
digkeit einer gleichmäßig beschleunigten Bewegung sich darstelle in 
dem mittleren Maße der erreichten Geschwindigkeiten, und dem- 
nach der in einer solchen Bewegung durchlaufene Raum gleich sei 
demjenigen, der in einer gleichförmigen Bewegung von derselben 
Dauer mit der Geschwindigkeit des mittleren Zeitpunktes der ersten 
Bewegung durchlaufen worden wäre. In dieser Form ist die Regel 
in den besprochenen Schriften des Marsilius nicht aufgestellt; 
als eine besonders deutliche Anspielung darf indessen die Dar- 
legung angesehen werden, daß die Durchschnittsgewindigkeit eines 
im zeitlichen Nacheinander mit gleichförmig wachsender Kraft 
bewegten Körpers nach der Intensität der mittleren Geschwindig- 
keit zu berechnen sei 2 . 

Ohne sich die wertvolle Erkenntnis Oresmes anzueignen, hatte 
gleichzeitig Albert von Sachsen die Entdeckung gemacht, daß die 
Fallbewegung als eine gleichmäßig beschleunigte Bewegung an- 
zusehen sei, deren Geschwindigkeiten sich durch Vergleichung mit 
den durchmessenen Raum = bzw. Zeitstrecken bestimmen ließen. 
Auch dieser Gedanke ist bei Marsilius nicht mit Sicherheit nach- 
zuweisen. Dagegen entwickelt unser Autor in Übereinstimmung 
mit den wichtigsten Häuptern seiner Schule ausführlich eine Theorie 
zur Erklärung der Beschleunigung des Falles, die als Vorstufe 



1 Jedenfalls vor 1370. Duhem III, 398. 

2 abbrev. phys. lib. VII, 1. c. Bl. 66, b. (Terne i, Bl. 3) Potentia augeatur 
per aliquod totum tempus. . . In tali casu manet. . . proportio [potentiae motive 
supra resistentiam] difformis, quae denominatur a proportione media; item non 
manet eadem velocitas uniformis, sed difformis correspondens etiam sun gradui 
media vel. alii, si non sit uniformiter difformis. Bei Duhem III, 404, wie alle 
Zitate, nur in französischer Übersetzung wiedergegeben. 



100 Gerhard Ritter: 

des modernen Trägheitsgesetzes anzusehen ist : die Lehre vom 
Impetus. Damit hängt eng zusammen die Theorie des Schwer- 
gewichts. 

Was ist das Wesen der Schwerkraft ? Aristoteles hatte von 
einem ,, natürlichen Orte" aller Dinge gesprochen, an dem sie ohne 
gewaltsame Ortsveränderung in Ruhe verharren und dem sie zu- 
streben, sobald sie gewaltsam in eine andere Lage gebracht sind. 
Für das Feuer ist der Umkreis des Himmels, für die Erde das 
Zentrum der Welt dieser „natürliche Ort". In der Ausdeutung und 
Fortbildung dieser Theorie standen sich innerhalb der Pariser 
Schule in der Hauptsache zwei Auffassungen gegenüber. Die eine, 
vor allem durch Okkam und Buridan vertreten, ging von der 
physikalischen Irrealität des Punktes aus, verwarf demgemäß die 
angebliche Anziehungskraft des Erdzentrums und betrachtete den 
gesamten Umfang der Erdkugel als locus naturalis der Körper und 
Sitz der Schwerkraft. Noch kühner faßte Nikolaus von Oresme, 
in Fortbildung platonischer Ideen, den Begriff des Schweren als 
reine Relation des Körpers zu seiner Umgebung und gelangte von 
da aus zu Folgerungen, die in ihrer letzten Konsequenz die geo- 
zentrische Weltvorstellung zerstören und unmittelbar zu Koper- 
nikus hinüber führen sollten. Weit konservativer war demgegen- 
über die Lehre Alberts von Sachsen. Sie hielt daran fest, daß der 
locus naturalis der Erde dann erreicht sei, wenn ihr Schwergewichts- 
zentrum mit dem des Universums zusammenfällt. In der Bewegung 
auf diesem Punkt äußert sich ihre eigene Schwere; alles Schwere, 
losgelöst von der Erdkugel, strebt nach diesem Punkte 1 . 

Auch Marsilius erklärt das Zentrum der Welt für den natür- 
lichen Ort der Erdkugel, und zwar in dem Sinne, daß sie dahin 
strebt, ihr eigenes Schwergewichtszentrum unmittelbar mit dem 
Weltzentrum zu vereinigen 2 . Sie befindet sich ununterbrochen in 
absteigender Bewegung auf dieses Ziel hin, da beständig Schwan- 
kungen ihres Schwergewichts eintreten 3 . Damit wird auf eine 
höchst eigenartige Theorie der geologischen Vorgänge an- 
gespielt, die Albert von Sachsen anscheinend selbständig ausge- 



1 Duhem II, 59 ff., III, 23 ff. 

2 abbrev. phys. 1. c, Bl. 31: Terra dicitur natura liier collocari circa 
centrum mundi immediate. Vgl. ferner die ff. Anm. 

3 1. c. Bl. 72, a. (Terne k 3). Tota terra movetur conlinuo motu locali 
descensus . . . quod continue centrum gravitatis terre est extra centrum mundi, 
ergo continue descendit. 




Studien zur Spätscholastik. I. 101 

bildet hatte, im Gegensatz zu der üblichen Auffassung der Erd- 
verschiebungen, wie sie Averroes und Albertus Magnus über- 
lieferten. Von den italienischen Averroisten des 15. Jahrhunderts 
viel bekämpft, wirkte sie im 16. stark auf Lionardo da Vinci und 
seine Nachfolger ein, und zwar vermutlich auch gerade in der Fas- 
sung des Marsilius von Inghen 1 . Die Erosion, so erklärt Albert, 
sucht die Berge zu nivellieren. Die Folge müßte eine Ausbreitung 
der Meere über die „unbedeckten" Teile des Erdballs sein, wenn 
dem nicht eine beständige langsame Hebung der festen Erdmassen 
entgegenwirkte. Sie wird hervorgerufen durch eine andauernde 
Verschiebung des Schwergewichtszentrums. Diese wiederum hat 
nach Marsilius zur Ursache eine wechselnde Verdünnung der Erd- 
massen infolge der Sonnenbestrahlung, Ausdünstungs- oder Ver- 
dunstungsvorgänge 2 , und (nach Albert) wiederum eben die 
Erosion, die dazu beitragen, daß beständig das Gleichgewicht der 
beiden Erdhälften gestört wird und durch innere Umbildungen 
des Erdkörpers wiederhergestellt werden muß 3 . 

Doch kehren wir zur näheren Betrachtung des Schwergewichtes 
zurück! Der „natürliche Ort" der Erde ist keineswegs identisch 
mit dem Schwergewichtszentrum oder dem Zentrum der Welt. 
Denn die Erde ist kein Punkt, sondern ein ausgedehnter Körper. 

1 Duhem II, 343 ff., I, 13 ff. 

2 Sehr naiv ist die von Dihem II, 343 zitierte Erklärung des größeren 
Physikkommentars: danach sollen Überschwemmungen, der Bau von Städten 
u. dgl. das Gleichgewicht verschieben! Also wiederum eine seltsame Ver- 
dunkelung bemerkenswerter Erkenntnisse! 

3 abbrev. phys. 1. c. Bl. 72, a. (Terne k 3). Cum terra naturaliter m<>- 
veatur ad medium simpliciter, ipsa appetit, ut ex omni latere medii sit equalis 
gravitatis, igitur quando sie non est et non est impedimentum, terra movet se, 
ut sue gravitatis medium sit medium mundi ; modo constat, quod respectu tante 
gravitatis , quanta est tocius terre, nequit per naturam esse impedimentum as- 
sumptum; palet quod continue pars terre discooperta fit levior, ergo continue 
fit centrum gravitatis terre extra centrum mundi. . . quod radii solis continue 
levificant partes terre discoopertas . Es folgt die Erledigung des Einwandes, eine 
geringe Gleichgewichtsverschiebung könne den Widerstand der gravitas tocius 
terre und der Luft nicht überwinden: Non solus ille parvus excessus, qui 
additur, nititur seit appetit movere terram, sed tota terramet ita appetit locari. - 
ibidem Bl. 30, c: Supponendo, quod iam centrum gravitatis terre esset centrum 
mundi, statim per exhalationes et levificationes terre immediate discooperte aquis 
fiat minor gravitas circa centrum quam ultra, ergo nullo tempore manet centrum 
gravitatis terre centrum mundi. Ibid. Bl. 31, b: Sicut haec medietas continue 
levificatur, ita Iota terra movetur vel continue istam medietatem terre discoopertum 
aquis sursum et aliam deorsum [movet]. 



102 Gerhard Ritter: 

Die Teile eines Körpers streben aber nicht etwa danach, daß jeder 
einzelne für sich das Ziel erreicht — solange sie mit dem Körper 
verbunden sind — , sondern daß das Ganze seinen natürlichen 
Platz erhält 1 ; andernfalls würden sich ja in der Tat die einzelnen 
Teile gegenseitig von diesem Orte verdrängen und dadurch den 
Fall verlangsamen, wie z. B. Roger Bacon behauptet hatte 2 . In 
Wahrheit ist es aber nur der Widerstand der umgebenden Luft, 
der den Fall aufhält (genau so hatte Aristoteles gelehrt, ohne den 
Begriff der Masse und ihrer Trägheit zu kennen) und im Vakuum 
würde der schwere Körper mit unendlicher Geschwindigkeit fallen 3 . 
So ist denn auch der locus naturalis der Erde — diese als die Summe 
ihrer einzelnen Teilkörper begriffen — nichts anderes als ihre 
Oberfläche: für das Wasser und die feste Erde die konkave Ober- 
fläche der sie umspülenden Luft, für die Luft der Raum zwischen 
der konkaven Oberfläche des Feuers als des himmlischen Elemen- 
tes, und der konvexen des Wassers, für das Feuer entsprechend 
der Raum zwischen der irdischen und der lunarischen Sphäre 1 . So 
ruht und erhält sich jedes Element an seinem natürlichen Orte 
ohne gewaltsame Spannung. 

Wie man sieht, ist in all diesen Ausführungen wieder das 
aristotelische Weltbild in weitem Umfang festgehalten; im übrigen 
stimmen sie bis in alle Einzelheiten so genau mit der Lehre Alberts 
von Sachsen überein 5 , daß an einer Abhängigkeit des Marsilius 



1 I.e. B1.35, a (quaterne c 4): Non appetunt partes existentes in toto des- 
cendere per lineam brevissimam; non enim quelibel appetit esse in centro mundi, 
quin hoc esset impossibile, sed solum, ut centrum tocius sit centrum mundi et ul 
totum per lineam brevissimam descendat; partes enim inclinantur conjormüer toti. 

- Duhem III, 25. 

3 1. c. Bl. 35, a: Gravi simplici descendenti nihil resistit nisi medium 
saltem de per se. . . . Si non esset resistentia nedii, ipsum non moveretur. Doch 
wird von dem grave simplex das grave mixtum unterschieden, d. i. ein Körper, 
in dem das schwere Element Erde mit dem leichten, dem Feuer, gemischt ist. 

4 1. c. Bl. 31, a: Aer naturaliter quiescit injra coneavum ignis et convexum 
aque, similiter ignis inter convexum aeris et coneavum lune. — Ibid. Bl. 30, c: 
Superficies coneava aeris contingens terram est locus naturalis terre. Est aulem 
centrum gravitatis terre punetus injra terram dereliquens ex omni latere sui 
equalem gravilatem terre, sicut centrum magnitudinis est punetus ex omni latere 
suo eque distans ab extrem itate terre. Auch diese Unterscheidung der beiden 
Zentren findet sich bei Albert v. Sachsen! — Ferner ibid.: Omnis superficies 
immediate continens maximam quantilatem terre sie, quod centritrica gravi- 
tas ipsius terre est centrum mundi, est locus naturalis terre quoad naturam eius 
proprium. Ähnlich: de gen. et corr. 1. II, qu. 1, art. 1. 

: ' Vgl. deren Darstellung bei Duhem I, 7 ff. 



Studien zur Spätscholastik. I. 103 

von diesem Landsmann kein Zweifel sein kann. Nur daß diese 
Einzelheiten bei Albert in einem weiten und höchst originellen 
Zusammenhang stehen, der in der abgekürzten Darstellung des 
Marsilius nicht sichtbar wird. 

Doch das Problem der Schwerkraft ist noch nicht erschöpft. 
Handelt es sich um eine Fernwirkung des locus naturalis auf die 
schweren Körper oder um eine diesen innewohnende besondere 
virtus, vermöge deren sie dem Orte zustreben, an dem sie ihre 
höchste Vollkommenheit erreichen ? Aristoteles hatte die letztere 
These aufgestellt und die Unveränderlichkeit der virtus im fallenden 
Körper bei abnehmender Entfernung vom locus naturalis behauptet. 
Da er indessen die Beschleunigung der Fallgeschwindigkeit nicht 
ganz eindeutig zu erklären verstand, waren die Commentatoren 
verschiedener Ansicht. Okkam sprach von einer Fernwirkung des 
Magneten auf das Eisen ohne vermittelnde Berührung einer species 
magnetica 1 ; ähnlich ließ sich die Anziehungskraft der Erde er- 
klären. Seine Nachfolger Buridan und Albert zeigten sich in dieser 
Frage wiederum konservativer in der Fortbildung aristotelisch- 
averroistischer Traditionen, als der radikale inceptor. Sie hielten 
fest an der virtus, die den fallenden Körper seinem natürlichen Orte 
zutreibt, hauptsächlich aus dem Motive heraus, die Unveränder- 
lichkeit der Stärke des Antriebs trotz wechselnder Entfernung vom 
Erdboden begreiflich zu machen. Marsilius zeigt sich als ihr 
getreuer Schüler. Von der Möglichkeit einer Fernwirkung hat er 
keine Vorstellung. Streng hält er mit Aristoteles daran fest, daß 
alle Bewegung durch Berührung (unmittelbare oder mittelbare) 
des Bewegenden mit dem Bewegten geschehe, und führt das auch 
für die Kraft des Magneten aus, der durch allseitige Ausstrahlung 
(circulariter) seine virtus fortpflanze 2 . Was also den fallenden Stein 
treibt, wohnt diesem unmittelbar inne: es ist einmal die Schwere 
(gravitas) selbst, als causa instrumentalis, sodann die forma sub- 
stantialis, die auf Erreichung des Ortes derhöchstenVollkommenheit 



1 Duhem II s 86. Kann man das wirklich als eine Vorbereitung des mo- 
dernen Gravitationsgesetzes betrachten? Ich habe zuweilen doch den Ein- 
druck, daß D. seine These von der Bedeutung der „Pariser" Theorien des 
XIV. Jhrh. für die moderne Naturwissenschaft überspannt. 

2 abbrev. phys. 62; ähnlich für den Torpedofisch, die Strahlen der 
Sonne und der Gestirne. Die magische Fernwirkung (von Paris nach Avignon!) 
geschehe dagegen durch schnellreisende böse Geister mit göttlicher Zulassung. 

- De gen. et corr., 1. II, qu. 16 heißt es, daß ein tactus des Bewegers mit 
dem Bewegten „metaphorisch" gesprochen notwendig sei. 



104 Gerhard Ritter: 

drängt, als causa principalis, nicht die Fernwirkung des locus- 
naturalis 1 . Magnetismus und Schwerkraft sind nicht miteinander 
verwandt — wie könnte sonst die Anfangsgeschwindigkeit des fal- 
lenden Körpers auf alle Entfernungen vom Erdboden die gleiche 
sein ? 

Das alles bedeutet keine sehr erhebliche Abweichung von Ari- 
stoteles. Der wichtigste Fortschritt ist wohl die absolut eindeutige, 
übrigens schon von Buridan und Albert festgelegte Erkenntnis, 
daß die Annäherung an den locus naturalis in keiner Weise als 
Ursache der Beschleunigung des Falles anzusehen sei. In der Er- 
mittlung der wirklichen Ursache waren die Pariser Okkamisten 
— in Fortsetzung einer mit W. Burley aufdämmernden glücklichen 
Hypothese — ein gutes Stück vorangekommen. Im Gegensatz zu 
den sehr unzulänglichen Theorien des Aristoteles, der alles aus 
der Mitwirkung der umgebenden Luft erklären wollte, hatten sie 
eine Art Schwungkraft (impetus) entdeckt, die dem fallenden, 
ebenso wie dem geschleuderten Körper sich mitteile. In der Aus- 
gestaltung dieser Entdeckung überschreitet Marsilius am weitesten 
die Grenzen der aristotelischen Naturwissenschaft. 

Die Anwendung der neuen Lehre zur Erklärung der Fall- 
beschleunigung freilich geschieht nur ganz kurz: nicht der locus- 
naturalis, sondern die während des Falles entstandene Schwung- 
kraft beschleunigt diese Bewegung 2 . Für die nähere Ausführung 
verweist Marsilius auf die Abhandlung de celo et mundo; deren 
Studium müßte denn auch ergeben, ob und wie weit etwa unser 
Autor der kühnen Anwendung der Lehre vom impetus auf die 
Theorie der Himmelskörper gefolgt ist, wie sie von Albert, Buridan 
und Nikolaus von Oresme, später auch von dem Cusaner ausgebaut 



1 abbrev. phys. Bl. 73, a: [Grave] non movetur effective deorsum a suo 
loco naturali ipsum grave ad se trahente; patet, quod talis tractiis esset fortior 
prope locum naturalem quam distans ab eo. ... et per consequens idem grave 
numero plus ponderaret super terram quam super turres beate Marie. (Das tradi- 
tionelle Beispiel!) Grave motum deorsum naturaliter movetur immediate a sua 
gravitate tanquam instrumento et sua forma substantiali tanquam principaliter 
agenle. 

2 abbrev. phys. Bl. 73, a: Si petatur: si non ab tractione loci naturalis 
[grave] sie movetur, unde tunc movetur velocius versus finem? Respondetur quod 
hoc est propter impetum acquisitum per motum, et post dicetur et forte magis 
habetur in primo celi. Hiernach wäre also die Abhandlung de celo et mundo 
nach den abbrev. entstanden ! — Die größere Physik schweigt nach Duhem III, 
93 über den impetus beim Falle völlig! 



Studien zur Spätscholastik. I. 105 

wurde. Die entschlossene, ja radikale Konsequenz insbesondere 
des Franzosen Nik. von Oresme schritt andeutungsweise bereits zu 
einer rationalen Mechanisierung der gesamten Weltbewegung fort, 
die, einmal angetrieben, durch ihre eigene Schwungkraft sich auch 
selbst erhalten könnte ohne den beständigen Antrieb des Schöpfers 
und Erhalters 1 . Von alledem ist in der Lehre des Marsilius keine 
Andeutung zu finden 2 . Es scheint auch nicht, daß er eine zurei- 
chende Vorstellung von der Tragweite der Impetus-Theorie hatte. 
Wenn er in der Erörterung der aristotelischen These, daß zu jeder 
Bewegung eine „Berührung" des Bewegers mit dem Bewegten 
notwendig sei, die Lehre vom impetus nicht einmal erwähnt 3 , und 
wenn er an anderer Stelle die Tatsache der Loslösung des durch 
„Schwungkraft" fortgetriebenen, geschleuderten Körpers von 
seinem ursprünglichen Antrieb so wenig begreift, daß er das un- 
mittelbare Innewohnen des impetus in dem bewegten Körper 
geradezu für eine Stütze der genannten aristotelischen These hält 4 , 
so wird klar, daß er die im Begriff des impetus schlummernde 
moderne Vorstellung von der Trägheit der Masse nicht verstanden 
hat. Okkam war auch an diesem Punkte radikaler fortgeschritten, 
als seine Nachfolger: er dachte sich die Bewegung des Geschosses 
nach dem Abschuß als eine unmittelbare Fortsetzung der Anfangs- 
bewegung, ohne daß es einer besonderen neuen Erklärung bedürfte 5 . 
Marsilius glaubte, durch den impetus die Absicht des Aristoteles 
auf einem verbesserten Wege, aber doch mit dem aristotelischen 
Ziele vor Augen, zu erreichen. 

Ebensowenig geht es aus den von uns betrachteten natur- 
wissenschaftlichen Schriften hervor, ob unser Autor die neuen 
Theorien seiner Schule über die Schwerkraft auf das vielerörterte 
Problem der Pluralität der Welten angewandt hat. Aristoteles 
hatte für die Einmaligkeit des Universums außer der Undenkbar- 
keit des Raumes jenseits unserer begrenzten Welt vor allem die 
Anziehungskraft des Schwergewichtszentrums unserer Welt auf 

1 Duhem III, 350ff. 

2 Das zeigt insbesondere die Erörterung der conservatio mundi durch 
Gott, lib. sent. II, qu. 1, art. 2, Bl. 202 ff 

3 Abbrev. phys. 62, s. o. S. 103, Not. 2. 

4 Ibid. Bl. 80a: Proiectum movetur a virtute sibi impresso, a proiciente, 
quam aliqui et communiter vocant impetum . . . non ab aere . . . non a proiciente 
immediate . . . Cum proiciens non est simul cum moto, igitur non videtur, a quo 
movetur, nisi a tali re. 

5 Duhem II, 193. 



106 Gerhard Ritter: 

jede zweite geltend gemacht. Der Thomismus hatte dementspre- 
chend sich bemüht, die in der Einmaligkeit des Universums liegende 
Begrenztheit der Schöpfung mit der Allmacht Gottes in Einklang 
zu bringen. Die Pariser Artikel verdammten diese Sätze als 
ketzerisch, und in ihrer Folge behauptete die moderne Schule, 
Gottes Allmacht könne auch eine zweite Erde oder ein zweites 
Universum schaffen 1 . Das geschah nur teilweise mit rein theolo- 
gischen Motiven. Buridan und Albert von Sachsen bemühten sich, 
die Pluralität der Welten naturwissenschaftlich wenigstens begreif- 
lich zu machen. So erklärte Albert, eine Mehrheit von Welten sei, 
rein physikalisch betrachtet, nur möglich bei konzentrischer Ge- 
staltung, indem alle ein gemeinsames Schwergewichtszentrum be- 
säßen. Von diesen Überlegungen findet sich bei Marsilius nichts 
an der Stelle, an der er diese Frage behandelt 2 . Er begnügt sich 
durchaus mit der Berufung auf den hier stark betonten Grundsatz 
der schrankenlosen Allmacht Gottes. Die Argumentation des Ari- 
stoteles gegen die Annahme der realen Existenz eines spatium 
außerhalb der begrenzten Welt hält er trotzdem ganz unbefangen 
fest, denn wenn auch unsere Welt notwendig begrenzt ist, so kann 
doch Gott, wenn er will, einen Raum für die Unterbringung einer 
zweiten Welt von unendlicher Ausdehnung (im synkategoreu- 
matischen Sinne) schaffen 3 . 

Um so ausgiebiger wird die Bedeutung der Schwungkraft für 
die Bewegung eines geschleuderten Körpers erörtert. Aristoteles 
hatte auch diese Bewegung seltsamerweise auf den Antrieb der 
umgebenden Luft zurückgeführt, um die Berührung des Bewegers 
mit dem Bewegten festhalten zu können. W T enn nun auch Mar- 
silius, wie wir gesehen haben, an dieser Berührungstheorie weiter- 
baut, so ist er sich doch sehr wohl bewußt, daß seine Erklärung 
mit der des phüosophus nicht zu vereinigen ist 4 . Er stellt die Theorie 



1 Ibid. II, 59-82, 411 iL 

2 lib. sent. I, qu. 43, art. 2, concl. 2, corell., BI. 184, b. Dens potesl pro- 
ducere Universum specie specialissima dislinctum ab isto universo. 

3 abbrev. phys. Bl. 22 v : Extra celum de facto nullum est spacium. In- 
finitum spacium posset esse extra celum tenendo infinitum syncathegoreumatice. 
Die Möglichkeit einer Schöpfung des unendlichen spacium ,. in actu" wird gleich 
darauf abgelehnt. 

4 abbrev. phys. Bl. 80, b: Et si dicatur, quod hoc est contra philosophum, 
dicetur, quod non sum astrictus tenere eum, ubi expresse dictum suum dissonum 
juerit veritati vel dicatur. quod hoc ponit incidentaliter more aliorum et non 
secundum opinionem proprium. 



Studien zur Spätscholastik. I. 107 

des Stagiriten ausführlich dar 1 , um sie sogleich mit einer ganzen 
Reihe von Erfahrungsbeweisen zu widerlegen: sie vermöge weder 
zu erklären, warum auch rotierende Bewegungen nach Aufhören 
des Anstoßes sich fortsetzen, noch warum die ganze Bewegung 
nur von begrenzter Dauer ist; sie gerate in Widerspruch mit den 
Erfahrungstatsachen, z. B. der, daß die Bewegung des geschleu- 
derten Körpers viel weiterreicht als die nachweisbare Luftbewegung, 
daß der Wind auf den Flug des Pfeiles kaum merkbaren Einfluß 
hat usw.; auch das schon bei Albert von Sachsen vorkommende 
Beispiel des Schleppkahns wird angeführt, der seine Bewegung 
eine Weile gegen Strömung und Wind fortsetzt trotz Stockens 
der Zugkraft 2 . Indem er demgegenüber die Theorie des Impetus 
entwickelt, bieten seine Ausführungen im Vergleich mit Albert 
von Sachsen zunächst nicht viel Neues und Eigenes. Die Unter- 
scheidung zwischen „natürlichem" impetus (beim fallenden Körper) 
und „gewaltsamem" (beim aufwärts geworfenen) wird in der 
üblichen Weise vorgetragen, das Gegeneinanderwirken von Schwere 
und Schwungkraft im aufwärts gerichteten Wurf eines schweren 
Körpers für jeden Augenblick der Bewegung und für die zwischen 
Auf und Ab liegende Ruhepause zahlenmäßig berechnet, ähnlich 
das Gegeneinander aufprallender und reflektierender Kräfte beim 
Aufschlagen des Balles auf den Erdboden oder an die Wand, wobei 
die Zusammenpressung des reflektierenden Widerstandes dem im- 
petus des Balles einen zweiten impetus entgegensetzt 3 . Überhaupt 
erfährt die reflektierende Bewegung eine sorgfältige Betrachtung. 
Dabei benutzt Marsilius eine ihm eigene Theorie von der sukzes- 
siven Verteilung des impetus. Dieser verbreitet sich nämlich erst 
nach und nach auf die verschiedenen Teile des bewegten Körpers; 
sonach ist es nötig, daß die ursprünglich treibende Kraft einige 
Zeit auf diesen Körper unmittelbar einwirkt 4 , um ihm die Schwung- 
kraft mitzuteilen, und es erklärt sich, daß der vom Boden reflek- 
tierte Ball einen Augenblick zwischen Auftreffen und Zurück- 
springen ruht — so lange nämlich, als der noch abwärts drängende 

1 1. c. Bl. 78, c. 

2 1. c. Bl. 80. 

3 I.e. Bl. 75 v — 76. Doch bleibt nach Bl. 80 v der impetus des Balles 
während der Vor- und Rückbewegung derselbe. Nach Duhem II, 213 scheinen 
gerade diese Ausführungen unmittelbar auf Lionardo da Vinci eingewirkt 
zu haben. 

4 1. c. Bl. 76, a: Impetus non subito, sed successive generatur in proiectum 
ideo oportet proieiens per aliquid tempus esse simul cum proiecto. 



108 Gerhard Ritter: 

Schwung der oberen Teile des Balles dem bereits aufwärtsdrängen- 
den impetus der unteren zu widerstehen vermag 1 . Vor allem aber 
läßt sich so die von Aristoteles behauptete, durch Buridan und 
Albert ignorierte, aber von Oresme wieder anerkannte angebliche 
Erfahrungstatsache erklären, daß das Wurfgeschoß einige Zeit nach 
dem Abschuß sich schneller bewegt, als unmittelbar zu Beginn 
des Fluges. Durch die Annahme, daß erst nach und nach die 
sämtlichen Teile des Geschosses vom impetus erfaßt werden, läßt 
sich diese Beobachtung besser erklären, als durch die aristotelische 
Mitwirkung der Luft 2 . Sollte die Hypothese des Marsilius wirklich 
durch ähnliche Betrachtungen der scientia de ponderibus angeregt 
sein, wie Duhem vermutet 3 , so hat sie doch jedenfalls in seiner 
Fassung auf die italienische, deutsche und französische Natur- 
wissenschaft bis zum 16. Jahrhundert weitergewirkt 4 ; es scheint 
also, daß wir in ihr ein Kennzeichen besitzen, um die Spuren seines 
Einflusses auf die physikalischen Lehrer der „modernen" Schule 
zu verfolgen. 

Gegenüber der Erkenntnis Okkams kann man diese ganze 
Lehre vom impetus als einen Rückschritt auffassen; immerhin 
führte sie näher an den Begriff der Trägheit heran, als die aristo- 
telische Tradition. Das wird besonders deutlich aus dem engen 
Zusammenhang, den Marsilius zwischen der Masse des bewegten 
Körpers und der Stärke des impetus herstellt: je größer die Masse, 

1 I.e. BJ. 76. 

2 1. c. Bl. 81 (letztes Blatt) : Licet impetus in instand primo, quo proieiens 
desinit längere proiectum, esset fortissimum, tarnen non eque bene est appheatus 
ad ipsum movere, sed applicatur continue melius ad aliquam distantiam .... 
Hoc est natura impetus, successive melius applicari ad aliquam distantiam. . . . 
Impetus in prineipio est notabiliter formalis impressus in partem, quam tettgit 
proieiens, sed in partes distantiores adhuc est parvus et remissus usw. 

3 I.e. III, 96, I, 281, 286. Die von D. angeführten Vergleichstellen aus 
dem anonymen traetatus de ponderibus überzeugen indessen durchaus nicht. 
In dem traetatus ist die Rede nicht von dem impetus, sondern von der kompri- 
mierenden Wirkung eines äußeren Anstoßes auf einen Körper, und an anderer 
Stelle von dem schwersten Punkte des gestoßenen Körpers, der immer zuerst 
vorandränge: nichts davon findet sich bei M. v. I.! Ebensowenig spricht er 
von der Wirkung des Stoßes im flüssigen oder elastischen Medium; die von 
Duhem hier gesuchte Analogie seiner Hypothesf zu modernen Theorien trifft 
also nicht zu. 

4 Duhem III, 97, 100 ff. Besonders interessant ist es, daß die Theorie 
des impetus mit deutlichen Anklängen an M. v. I. sich ebensogut bei dem 
Vertreter der via antiqua (Konrad Si mmenhart), wie bei dem ,, Modernen" 
Fr. Sunczel finde! ! 



Studien zur Spätscholastik. I. 109 

um so mehr kann sie vom impetus aufnehmen, um so weiter reicht 
demnach der Wurf, um so stärker ist die Wucht des Geschosses 1 . 
Damit ist freilich schwer zu vereinbaren seine Erklärung für die 
zeitliche Begrenztheit der Schwungkraft: sie ist den Körpern 
gewaltsam eingeprägt und wird darum beständig von ihnen auf- 
gezehrt und endlich vernichtet 2 . Immerhin bedeutet schon die 
klare Trennung dieser „Eigenschaft" des bewegten Körpers von 
der Bewegung selbst einen Fortschritt des Erkennens. Marsilius 
bemüht sich um eine sichere Definition des impetus im Sinne der 
aristotelischen Kategorienlehre und rechnet ihn zu den Quali- 
täten der ersten und dritten Art (habitus bzw. leidende Beschaffen- 
heit), doch könne er auch zur Kategorie des Handelns 3 gerechnet 
werden — eine metaphysische Frage, die Albert von Sachsen nicht 
hatte entscheiden wollen 4 . Ihre Beantwortung ist demnach als 
Eigentum unseres Philosophen anzusehen. 

So mündet schließlich jede physikalische Betrachtung wieder 
in aristotelische Gedankengänge aus. Das ist am Ende doch der 
stärkste Eindruck, den die Analyse dieser ,,terministischen" Physik 
hinterläßt. Wer nicht die feineren Unterschiede aufsucht, mag die 
Abweichung von dem Weltbilde der peri patetischen Tradition kaum 
bemerken. Dafür besitzen wir einen klassischen Zeugen aus dem 

1 I.e. Bl. 66, b; Bl. 80 v 81: Propter defectum impetus non potest ad 
tantam distantiam proiei faba ab eodem homine, sieul plurnbum semilibre, quod 
deficit in reeipiendo propter parvitatem möbilis seu quantitatis sue. 

2 1. c Bl. 80, d. 

3 I.e. Bl. 80, c: Vgl. damit Aristoteles' Kategorien, cap. 8 (Kirch- 
manns philos. Bibl. Bd. 70 I p. 22ff.). Ähnliche Unterscheidung von 4 species 
qualitatum: abbrev. phys. Bl. 61 u. 62. — Bei dieser Gelegenheit sei angemerkt, 
daß die von Baeumker Archiv für Philos. Abt. I, Bd. 21/22 (1908/9) klar- 
gelegte scholastische Bezeichnung der vier elementaren Qualitäten: trocken, 
feucht, kalt und warm als primae qualitates im Unterschied zu allen andern, 
aus ihnen abgeleiteten, „in de gener. et corr." 1. II, qu. 1 ausführlich begründet 
wird ; ders. Ausdruck wird abbrev. phys. Bl. 1 7 ohne Erklärung im selben Sinne 
gebraucht. Als qualitates seeundae bezeichnet M. v. I. de gen. et corr. 1. I, 
qu. 1, Bl. l,b: durum, molle, congelabile, liquefactibile, digestibile, indigestibile, 
Avorüber in de 4 libris metheororum gehandelt werden solle. Also etwa die- 
selbe Terminologie, wie bei Albert d. Gr.! 

4 Aus der Bemerkung: Impetus ipsemet est motus alterationis, cum 
inducitur, sicut scientia, cum inducitur anime, est motus alterationis, quo alterat ur 
anima - - will Duhem II, 197 den großartigen Vergleich ableiten, den Nik. 
v. Cues zwischen der Belebung des Körpers durch den impetus und der Besee- 
lung des Alls durch die Bewegung anstellt. Mir scheint dazu der Anlaß nicht 
ausreichend. 



DO Gerhard Ritter: 

15. Jahrhundert: Nikoleto Vernias von Chieti, um 1490 zu Padua 
Lehrer der Naturwissenschaften als Nachfolger des Gaetan von 
Tiena, einer der eifrigsten Averroisten, der die Lehre der „Pariser" 
vom impetus heftig bekämpfte und Albert von Sachsen nicht 
anders als Albertus parvus und Albertutius nannte 1 , trug doch nicht 
das geringste Bedenken, die Schrift unseres Autors über „Werden 
und Vergehen" in Druck zu geben. Ja, er hoffte, gerade sie werde 
den allmählich in Verfall geratenen Aristotelismus wieder zu Ehren 
bringen 2 ! Aber auch der moderne Leser wird kaum anders urteilen. 
Neben Aristoteles tritt freilich auch der massenhafte, seit der Spät- 
antike (Heron!), den Arabern, Bacon und Albert dem Großen 
angesammelte Stoff von Erfahrungstatsachen und exper mentell 
gewonnenen Einsichten gelegentlich hervor 3 , und die fruchtbaren 
Keime einer späteren Entwicklung, die in der nominalistischen 
Oppositionsstellung gegen den Thomismus begründet liegen, haben 
sich uns mehrfach gezeigt. Aber gerade die genauere Betrachtung 
dieser Dinge hat uns immer wieder zur Vorsicht gegenüber den 
glänzenden Thesen Duhems und vor allem gegen eine Verall- 
gemeinerung seiner Ergebnisse gemahnt. Der Grundzug der Physik 
des Marsilius ist unzweifelhaft konservativ, und wenn schon die 
Pariser Schultradition infolge der Einseitigkeit vorwiegend logischer 
Forschungsmethoden im 15. Jahrhundert zu verkümmern begann, 
so ist erst recht schwer vorstellbar, wie aus den naturwissenschaft- 
lichen Schriften des Marsilius ein frisches, neues Leben hätte empor- 
sprießen können. Die Frage, mit der wir an die Betrachtung dieser 
Dinge herangingen, ist im wesentlichen negativ zu beantworten. 
Es sind freilich nicht die nominalistischen Grundsätze, überhaupt 
keine erkenntnistheoretischen Vorurteile, die den Physiker Mar- 
silius an der selbständigen Beobachtung der Natur hindern; es 
ist einfach die erdrückende Macht der Tradition, der aristotelischen 
Methoden insbesondere, es ist die Schwäche des eigenen Könnens, 
die den Scholastiker im Bann des Schulwissens festhalten. Das 
Mittelalter hat immer nur einzelne Sonderbegabungen hervor- 
gebracht, die eigenwillig und stark genug waren, diesen ungeheuer 

1 Über ihn s. Di heu II u. III Register. 

2 Druck nr. 7, Widmungsblatt am Schluß. 

3 Beispiele experimentaler Beweise: de gen. et corr. II, 9, art. 1: Ver- 
dampfung von Quecksilber; ibid. I, 15, art. 1 : Verdünnung der Luft und des 
Wassers durch Erhitzung im Kolben; abbrev. phys. Bl. 32: Unmöglichkeit 
des vacuum: der verstopfte Blasebalg läßt sich durch die Kraft von 100 Pferden 
nicht aufbiegen. Ibid. Bl. 34 u. ö. Zitate aus Avempace, Averroes, Avicenna. 



Studien zur Spätscholastik. I. 111 

zwingenden Bann in der Richtung auf die unmittelbare Natur- 
beobachtung zu durchbrechen und das allgemeine Niveau für künf- 
tige Generationen zu erhöhen. Marsilius hat nicht zu ihnen gezählt. 

4. Metaphysik und Theologie. 

a) Das Erkenntnisproblem einer nominalistischen 
Metaphysik. 

Die Macht der aristotelischen Tradition hat sich in den Fragen 
der Naturerkenntnis für Marsilius von Inghen weit stärker erwiesen, 
als die so oft überschätzten Ansätze der nominalistischen Erkenntnis- 
theorie zu einem logischen Rationalismus der bloßen Denkformen. 
Der naive Empirismus dieses Okkamisten wendet aber sein Inter- 
esse keineswegs nur den sinnlich erfahrbaren Einzeldingen zu: 
er steigt mit der ganzen unbefangenen Zuversicht des hellenischen 
Intellektualismus sogleich zu den metaphysischen Ursachen der 
Weltbewegung auf. Das ganze physikalische Weltbild steckt voller 
ausgesprochener oder unausgesprochener metaphysischer Voraus- 
setzungen, die weit über die sinnliche Erfahrbarkeit hinausliegen. 
Oder wie sollten solche Sätze wie die von der Notwendigkeit des 
primus motor, von dem Streben aller Dinge nach dem Ort ihrer 
höchsten Vollkommenheit u. a. in. ohne solche Voraussetzungen 
bestehen können ? 

Schon diese Beobachtung stimmt bedenklich gegenüber der 
fast einstimmigen Behauptung, die nominalistische Grundrichtung 
der Schule Okkams habe sie an der Ausbildung eines metaphysischen 
Weltbildes gehindert oder sie zum mindesten skeptisch gestimmt 
gegen die Beweisbarkeit metaphysischer Sätze. Rein logisch an- 
gesehen besteht natürlich eine unleugbare Schwierigkeit, trotz der 
nachdrücklichen Ablehnung jeder außermentalen Realität der 
Allgemeinbegriffe zu einer Erfassung der allgemeinen Zusammen- 
hänge des Wirklichen zu gelangen. Und in der Tat zeigt sich in 
Okkams eigenen Schriften eine entschiedene Abneigung gegen weit- 
gehende metaphysische und theologische Spekulationen. Er war 
als Philosoph wesentlich Logiker. Er begriff die Wissenschaft mit 
Aristoteles als eine Summe von Urteilen, die aus evidenten obersten 
Prinzipien im Schlußverfahren ableitbar sind. Die Kette der Syl- 
logismen knüpfte er mit gleich starkem Gliede einerseits an solche 
oberste Sätze an, die in der bloßen Erfahrung begründet waren, 



112 Gerhard Ritter: 

wie andererseits an selbstevidente Prinzipien 1 . Es scheint, daß ihm 
der Begriff einer Wissenschaft vorschwebte, die von induktiven 
Grundlagen aufstieg, die allgemeine Gültigkeit ihrer zunächst nur 
, Kontingenten" Sätze aber irgendwie aus evidenten rationalen 
Prinzipien ableitete 2 . Dabei lag für ihn der Nachdruck fühlbar auf 
den Erfahrungsbeweisen. Aber wenn er z. B. die Schwierigkeiten 
darlegte, Gottes Wesenheit metaphysisch näher zu bestimmen, so 
berief er sich nicht platterweise einfach auf die Unmöglichkeit der 
natürlichen Erfahrung, der intellektiven Anschauung Gottes, son- 
dern betonte viel nachdrücklicher die logischen Schwächen des 
Versuches, mit rein syllogistischen Mitteln aus dem bloßen Begriff 
der göttlichen Wesenheit anderes als Selbstverständlichkeiten 
herauszuholen, und legte dar, wie in Wahrheit dieser Versuch nur 
durch Übertragung von Abstraktionen kreatürlicher Dinge auf den 
Schöpfer gelingen könne 3 . Im einzelnen bedürfte es noch der 
genaueren Untersuchung, wie sich Okkam auf Grund seines „No- 
minalismus" prinzipiell zu dem Problem der Metaphysik gestellt 
hat ; ich kann nicht finden, daß diese Frage in der bisherigen Lite- 
ratur befriedigend gelöst ist. 

Man muß sich in diesen Dingen stets gegenwärtig halten, daß 
aus dem Bannkreis der aristotelischen Überlieferung gar nicht so 
ohne weiteres loszukommen war. War wirklich die Stellung des 
großen Bevolutionärs zu den metaphysischen Problemen unbedingt 
maßgebend für seine Nachfolger ? Wenn die gesamte okkamistische 
Schule der Metaphysik grundsätzlich abhold gewesen ist, wie kommt 
es dann, daß auf den „modernen" Universitäten, wie Heidelberg 
und Erfurt, ebensogut wie auf allen andern die metaphysischen 
Bücher des Stagiriten zu den wichtigsten Pflichtvorlesungen ge- 



1 Definition der scientia: Est noticia evidens veri necessaria nata causari 
per premissas applicatas ad ipsum per discursum syllogisticum. (In pr. libr. 
sent. prol. qu. 2 K. — unvollst. Ausg. der Heidelberger Univ.-Bibl. von 1483.) 
Ibid. G: Aliqua eonclusio est demonstrabilis per se nota ita, quod ultimata reso- 
lutio stat ad prineipia per se nota. Aliqua autem stat ad prineipia non per se 
nota, sed ad prineipia nota lantum per experientiam . . . sicut quod calor est 
calefactivus usw. 

2 1. c. AL-N: Erfahrung und logische Demonstration sollen zusammen- 
wirken: sicut si primo in ligno producatur calor per solem et post intendatur per 
ignem, z. B. in dem Syllogismus: ,,Hec herba sanat, omnia agentia eiusdem 
speciei specialissime sunt effectiva efjectuum eiusdem rationis, ergo omnis herba 
eiusdem sp. sp. sanat'' zeigen die beiden Prämissen dieses Zusammenwirken. 

3 L. c. S. ff. (art. 3). 



Studien zur Spätscholastik. I. 113 

hörten 1 ? Oder war etwa der Inhalt dieserVorlesnngen zu mehr oder 
weniger rein logischen Betrachtungen zusammengeschrumpft ? Das 
metaphysische Compendium des Marsilius von Inghen soll uns die 
Antwort auf diese Frage geben. Außer der gedruckten Meta- 
physik Buridans ist dieses Handbuch die einzige metaphysische 
Schrift der Okkamistenschule, deren Existenz mir bekannt ist; 
untersucht hat diese Dinge m. W. bisher niemand. 

Von den drei mir bekannten Handschriften benutzte ich die 
vollständige Wiener Abschrift (Hs. nr. 75) — durch ihre gewerbs- 
mäßige Herstellung, die Zeit ihrer Entstehung (1409) und ihre 
Zugehörigkeit zu den Schätzen der Wiener Universität ein Doku- 
ment der Verbreitung dieses Lehrbuches an den „modernen" Uni- 
versitäten 2 . Denn um ein akademisches Lehrbuch handelt es sich 
unzweifelhaft: der Verfasser spricht es selbst aus 3 , die knappe 
Fassung — oft bis zur Dunkelheit zusammengedrängt -- und die 
häufig eingeschalteten Erwiderungen auf Einwände der Scholaren 
bestätigen es. Nach einer kurzen Einleitung, die durch ihr „Thema" : 
eine Stelle aus den moralischen Briefen Senekas und die mehrfache 
Zitierung antiker Autoren wie Isidor und Valerius Maximus In- 
teresse erweckt, wird der wesentliche Inhalt der aristotelischen 
Metaphysik in 102 Quästionen abgehandelt. Uns interessiert in 
erster Linie die erkenntnis-theoretische Bedeutung, dip der Ver- 
fasser dem Gegenstand seines Buches zuspricht. 

Da zeigt sich denn sogleich eine gewisse Mischung der wissen- 
schaftlichen Motive, die unter dem mächtigen Druck der aristo- 
telischen Tradition trotz der erkenntnis-kritischen Einsichten der 
okkamistischen Schule die alte Stellung der Metaphysik an der 
Spitze der „natürlichen Wissenschaften" behaupten sollen. Zu- 
nächst wird sie mit Aristoteles als sapientia definiert und auf die 
„allgemeinsten Prinzipien" zurückgeführt, aus denen ihre Lehr- 

1 Für Heidelberg vgl. U-B. I, 38 (um 1390); 152/3 (1444). Ich zweifle 
nicht, daß handschriftlich noch zahlreiche, bisher unbekannte Traktate zur 
Metaphysik der „modernen" Schule existieren müssen. 

2 Cod. Pal. Vindobon. 5297, Papier, 186 Bll., fol., 2-sp., vorgeheftetes 
Halbblatt: Questiones Marsilii super metaphysicam. Constat 62 grossos. Ladislai 
de Czap. Bl. 184 v : Expliciunt questiones usw. Marsilii. Scripte et finite sunt 
post jeslum beute Margarethe virginis anno d. 1409. Bl. 184 — 186: Register der 
Quästionen. Bl. 186: Petrus de spinis. 

3 Bl. 1 : [Dei] ad honorem et pro felici incremento studii universitatis 
heydelbergensis ac etiam ut scolares illius ad facultates ceteras altissimas et (ad) 
sacram theologiam divinitus adaptenlur — schreibt der Autor das Lehrbuch. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., pbilos.-hist. Kl. 1921. 4. Abh 8 



114 Gerhard Ritter: 

sätze, insbesondere über Gott und die ,, ersten Ursachen", im syllo- 
gistischen Schlußverfahren sich ableiten lassen 1 . Diese „allgemein- 
sten Prinzipien" sind zugleich die Grundlage aller Einzelwissen- 
schaften, die zwar nicht ohne weiteres aus ihnen ableitbar sind, 
deren oberste Sätze indessen mit der Metaphysik im Einklang 
stehen müssen 2 . Nun ist aber die Erkenntnis dieser obersten Prin- 
zipien das Höchste, was dem menschlichen Geiste überhaupt 
erreichbar ist. Sie ist nicht jedem zugänglich; denn die Sinnlich- 
keit steht dem reinen Erkennen im Wege, obwohl sie in anderer 
Hinsicht die Quelle aller menschlichen Einsicht bildet. Aber aus 
ihr entspringt auch der appetitus sensitivus, den der Erkennende 
restlos der reinen Vernunft unterworfen haben muß, wenn er zur 
Erkenntnis Gottes und der causae separatae vordringen will, soweit 
diese überhaupt im „natürlichen Lichte" erkennbar sind 3 . Diese 
stark und wiederholt betonte Voraussetzung metaphysischer Er- 
kenntnis erinnert lebhaft an die Erkenntnistheorie der älteren 
Eranziskanerschule, insbesondere Bonaventuras 4 ; doch stellt unser 
Autor die Definition der Weisheit, wie sie Bonaventura gibt, al& 
eine Mischung aus intellektueller und praktischer Erfassung Gottes, 
ausdrücklich außerhalb der Diskussion 5 — begreiflich, da die rein 
weltliche Theorie des Aristoteles eine intuitive Erfahrung Gottes 
im Sinne der Franziskaner natürlich nicht kannte. Die so be- 
stimmte Erkenntnis stellt die höchste Stufe menschlichen Verhal- 
tens überhaupt dar: sowohl nach dem Rang ihres Gegenstandes 
wie nach der beglückenden Wirkung auf das Gemüt; nur die Theo- 
logie ist ihr überlegen, die alle andern Wissenschaften als ihre 
Dienerinnen voraussetzt, und zwar an Rang, an Gewißheit und an 
affektiver Wirkung ; doch kann sie nicht bestehen ohne das Wunder- 



1 Bl. 2, b: Sapientia est cognitio scientifica procedens ex principiis com- 
niunissimis ad conclusiones speciales presertim de deo et de pritnis causis tales, 
ad quales non potest ascendere aliquis, nisi appetitus fuit perjecte subieetus rede 
rationi. (1. I, qu. 1, a. 2.) 

2 Bl. l,d: Principia communissima, que considerat metaphysica . . . tante 
sunt virtutis, quod omnium particularium scientiarum principia possunt declarare 
et etiam negans aliquid eorum ad contradictorium ducere, er dictis ipsius licet . . . 
simpliciter probari non possint (ibidem a. 2). 

3 Bl. l,d: Quamdiu appetitus sensitivus non est debile subiectus recte 
rationi sive purgatus ab irrationalibus passionibus, principia, que ducunt ad 
cognitionern per scientiam dei et causarum separatarum in lumine naturah 
homini possibilem, homini sunt incognita. 

4 Vgl. Seeberg, III 2 334/5. 5 Bl. 2, a. 



Studien zur Spätscholastik. I. 115 

geschenk des Glaubens 1 . Unter den rein natürlichen Wissens- 
zweigen dagegen besitzt die Metaphysik außer dem höchsten Rang 
in gewissem Sinne auch die höchste Gewißheit, insofern sie nämlich 
die schlechthin ersten und allgemeinsten Prinzipien behandelt, den 
am wenigsten veränderlichen Gegenstand des Wissens, nämlich 
Gott und die ersten Ursachen zum Objekt hat und nicht nur das 
Sein, sondern auch die Gründe des Seins erkennt 2 . Die Sicherheit 
ihres Schlußverfahrens wird allerdings durch den mathematischen 
Beweis übertroffen, und in dieser Hinsicht ist sie nicht frei von der 
Möglichkeit des Irrtums: zwischen principia prima und conclu- 
siones können sich Fehler einschleichen 3 . Und insofern sinnliche 
Erfahrung Gewißheit gibt, ist die Metaphysik weniger sicher, als 
jede der Sinnlichkeit näher stehende Wissensart; doch gebraucht 
hier unser Autor ,, sicherer" und ,, leichter", d. h. der menschlichen 
Erkenntnis leichter zugänglich, vollständig synonym 4 . Ein grund- 
sätzlicher Zweifel an der Zuverlässigkeit metaphysischer Sätze soll 
dadurch nicht begründet werden. Immerhin gibt es eine deutlich 
bestimmbare Abstufung der Gewißheitsgrade für die verschiedenen 
Arten der Wissenschaft. 

Erinnern wir uns des Wahrheitsbegriffes, zu dem die Erkenntnis- 
lehre des Marsilius hingeführt hatte (oben S. 62 ff.). Alles Wissen 
ist Ableitung aus obersten Prinzipien. Als solche treten auf die 
„zufälligen", in der Sinnlichkeit begründeten Wahrheiten der 
bloßen Erfahrung (z. B. „alles Feuer ist warm") auf der einen, die 
notwendigen allgemeinen Urteile des abstrakten Denkens (z. B. 
der Satz des Widerspruches) auf der andern Seite. Den höchsten 
Gewißheitsgrad (summa evidentia) besitzen nur diese notwendigen 
Urteile selbst; ihnen gegenüber kann das assensive Urteil niemals 
irren 5 . Dabei ist es höchst interessant, wie unter den logischen 

1 Bl. 2,d,concl.4bezw. Bl. 3,a, art. 4. 2 Bl. 4 ; 1. 1, qu. 2,a. l.concl. 1 — 2. 

3 ibid. concl. 3 — 4. Berufung auf Aristoteles, anal. post. I. Skeptischer 
klingt eine Stelle des Sentenzenwerkes (1. I, qu. 1, a. 2J Bl. 4, c): Juxta passe 
conabor, ut persuadeantur [conclusiones] probabilioribus rationibus, quam eorum 
contradictorie persuaderi possint, et hoc in materia metaphysicali debel sufficere; 
nam certitudo mathematica non est ubilibet ex petendo, ut habetur seeundo meta- 
physice. 

4 ibid. co. 5: [Scientia experimentalis] modo feiusj certitudinis , que est 
de sensibus, magis aliis dicitur certior, patet quod est facilior. 

5 L. II, qu. 1, a. 2, co. 3, Bl. 13. c: Certitudo assensus ex parte summe 
evidetitie est homini possibilis, patet de primis principiis evidentibus in se, quod 
nulla [propositio] posita facere posset, ut assentiendo talibus principiis hämo 
erraret, prout assentiendo huic: „Quodlibet est vel non est" usw. 



116 Gerhard Ritter: 

Axiomen des Aristoteles ganz unvermittelt die augustinischeSelbst- 
gewißheit des erkennenden Subjekts erscheint — gleichsam als 
Vertreter einer neuen, über die Antike hinausführenden Gedanken- 
welt, ohne daß ihm die Spekulation dieser angeblich subjekti- 
vistischen Erkenntnislehre die volle Auswirkung gestattete: da 
diese Selbstgewißheit immer nur subjektive Bedeutung hat, ist sie 
als eine „rein kontingente" Wahrheit ohne metaphysische Bedeu- 
tung zu werten 1 . 

Außer dieser „höchsten 1 '' Evidenz gibt es aber noch eine ab- 
gestufte (in genere). Sie kommt den Einzelschlüssen der verschie- 
denen Wissenschaften zu, und es ist klar, daß unter ihnen die 
Mathematik die erste Stelle einnimmt, da sie auf den sichersten 
Unterlagen aufbaut; an zweiter Stelle steht die Naturphilosophie, 
aus den Erfahrungsprinzipien abgeleitet, und noch geringer (adhuc 
minor) ist die Gewißheit der Metaphysik (prima philosophia), da 
ihre abstrakte und schwierige Materie die Sicherheit des Schluß- 
verfahrens beeinträchtigt; am niedersten endlich ist der Gewiß- 
heitsgrad der moralischen Wissenschaften, da diese einen wandel- 
baren Gegenstand bearbeiten 2 . Wenn in dieser Anordnung die 
Metaphysik erst an dritter Stelle erscheint, so wird doch ausdrück- 
lich unterstrichen, daß auch die Erfahrungswissenschaft der höch- 
sten Evidenz ermangelt. Zwar bieten die Sinne bei normalem Zu- 
stand der menschlichen Organe eine zuverlässige Erfahrung 3 ; aber 
was bedeutet die Richtigkeit der Wahrnehmung äußerer Dinge 
gegenüber der theologischen Wahrheit, daß es in Gottes Allmacht 
liegt, jederzeit den Naturzusammenhang nach Belieben zu ändern! 
Wie leicht ist da ein Irrtum unseres Urteils möglich 4 ! So erscheint 

J ibid. co. 1, Bl. 13, b: Data fpropositionej: ,,Hec anima est" demon- 
strando illam animam, in qua est illa propositio vera, credendo Main anima 
nequit decipi usw. Corel!. 1 bezeichnet diese Wahrheit als purum contingens, 
corell. 2 betont ihre rein subjektive Geltung. 

2 ibid. a. 2, Bl. 13, b: [Est evident ia] in mathematica principiorum et 
conclusionum suppositis principiis evidencia in majori genere, in philosophia 
naturali minor, in f philosophia] prima in online ad modum cognoscendi ex 
primis principiis adhuc minor, et minima in morali, quod maleria subjecta 
mutabilis existens evidenciam minimam admittit inier genera sciendi. 

3 ibid. Die „raciones principales" behandeln ausführlich und interessant 
die Möglichkeit der verschiedenen Sinnestäuschungen. 

4 ibid. a. 2, co. 5: De principiis per experienciam notis coinmuniter non 
est evidencia summa . . . quia staret . . . per aliquant probationem credentem sie 
decipi, ul, si deus omnern ignem conservarcl sine caliditate, credens hanc fproposi- 
cionemj: .,Omnis ignis est calidus", deeiperetur. 



Studien zur Spatscholastik. I. 117 

plötzlich wieder in feierlicher Majestät hinter all den vergänglichen 
Bildern irdischer Gedankenarbeit die überragende Macht der reli- 
giösen Idee. Aber zunächst bildet das „natürliche" Denken ein in 
sich geschlossenes und auf sich selbst ruhendes System des Wissens 
um die Dinge, das bis zu deren innersten Zusammenhängen vor- 
dringt und in dem die Logik die formal richtigeVermittlnng zwischen 
den „Prinzipien" und den daraus abgeleiteten Sätzen überwacht. 
Wie man sieht, macht die Leugnung der außermentalen Exi- 
stenz der Liniversalien dieser Metaphysik keine Sorgen. Wie ist das 
zu begreifen? Wie können die „allgemeinsten Prinzipien", aus 
denen das metaphysische Wessen abzuleiten ist, eine tragfähige 
Grundlage sachlicher Erkenntnis abgeben, da sie doch offenbar 
nichts anderes als „notwendige" Verbindungen allgemeiner Begriffe 
darstellen und diese allgemeinen Begriffe wiederum bloße Gedanken- 
gebilde sind ? Aristoteles hatte das Allgemeine als das in höherem 
Sinne Wirkliche definiert, das den Einzelsubstanzen als das Wesent- 
liche innewohne; so war begreiflich gemacht, daß die Wissenschaft 
stets von der Erkenntnis des Einzelnen ausgeht und doch nur das 
Allgemeine, d. h. das begriffliche Wesen der Dinge zu ihrem Gegen- 
stand nimmt. Sie erfaßt in der Erkenntnis das Allgemeine im 
Einzelnen. Diese Lösung schien die nominalistische Theorie zu 
verbauen, indem sie die reale Existenz des universale in essendo 
in jeder Form leugnete 1 . Der Intellekt kann nicht das Allgemeine 
in den Dingen auffassen, da dieses Allgemeine nicht in den Dingen 
existiert. Es gibt nur eine Wahrnehmung des Einzelnen und deren 
Verarbeitung durch die Abstraktion des Verstandes. Wohl gibt es 
ein universale in den außermentalen Dingen, aber nicht ein univer- 
sale in essendo, sondern nur in causando, d. h. ein Ding kann zu- 
gleich für mehrere andere Ursache sein; darum ist es selbst doch 
ein Einzelnes, und in diesem Sinne ist auch Gott als die allgemeinste 
Ursache zugleich das singularissimum, nicht als Begriff, sondern 
als objektiver Gegenstand der Erkenntnis 2 . Denn der Begriff kann 

1 L. VII, qu. 15 (Register nr. 63), a. 3, Bl. 107, b: mit ausdrücklicher 
Wendung gegen das universale in rebus der antiqui, unter denen Albert 
und Thomas besonders genannt werden. Natürlich hält M. v. I. diese Theorie 
(wie schon Okkam) für echt aristotelisch. Ausführlich ferner: 1. VII, qu. 16 
(Register nr. 64) Bl. 108 v . 

2 L. VII, qu. 15 (Register nr. 63), a. 3, co. 3 — 4, Bl. 107, b: Universale 
in causando est distinetum a singulari in predicando, patet, quia Laie non est 
ter minus. . . . [sed] non est distinetum a singulari in essendo. Deus enim, qui est 
universalissimus in causando, est singularissimum in essendo. Vgl. auch oben 



118 Gerhard Ritter: 

singulär oder universal sein, das Objekt „außerhalb der Seele" 
immer nur singulär. Ist aber damit nicht der Weg versperrt zur 
Erkenntnis des „Wesens" der Dinge, das doch nach Aristoteles 
eben in dem begrifflich Allgemeinen bestehen soll, das ihnen inne- 
wohnt ? Ist damit nicht die Metaphysik unmöglich geworden ? 
Es scheint nur so. Denn die abstraktive Tätigkeit des Verstan- 
des, der die allgemeinen Begriffe hervorbringt, ist ja keine Willkür. 
Sie beruht auf einer sachlichen „Ähnlichkeit" der Einzeldinge, in 
der sich ihr „Wesen" ausdrückt 1 . Nicht das außermentale Einzel- 
ding enthält das „Wesen", das „Allgemeine", aber sein psychischer 
Stellvertreter, der conceptus oder terminus. Aus den unbestimmten 
Einzelbegriffen abstrahiert der Intellekt das „Wesen" des Dinges. 
Wir erfassen die Substanz, d. h. das „Einzelding seinem Wesen 
nach" nicht sogleich als solches, sondern nur durch Vermittlung 
der mannigfaltigen Akzidenzien; aber wir abstrahieren es aus der 
Fülle der Bestimmungen heraus, die der unbestimmte Einzelbegriff 
mit sich führt 2 . In diesem Zusammenhang ist gelegentlich von der 
durch den Allgemeinbegriff „vertretenen" Wesenheit des ein- 
zelnen in einer Form die Rede, als wäre sie geradezu eine res 3 , 
die durch Abstraktion erkannt wird. Marsilius verwahrt sich aus- 
drücklich gegen das Mißverständnis, als ob die Allgemeinbegriffe 
nur eine sprachlich-grammatische Bedeutung hätten: es handelt 
sich in ihnen nicht um sprachliche, sondern um logische Suppo- 
sitionen für die „Wesenheit" der Einzeldinge 4 . 

Jetzt erst wird völlig klar, warum der „bestimmte Einzel- 
begriff" als letztes und höchstes Produkt der inkomplexen Abstrak- 

p. 54. Der Fortschritt dieser neueren Unterscheidung- gegenüber der aristote- 
lischen Lehre mit ihrer Vermischung des logischen und kausalen Grundes ist 
nicht zu verkennen! 

1 Vgl. das Zitat oben p. 60, Anni. 3 aus abbrev. phys. 

2 Metaph. 1. VII, qu. 17 (Register nr. 65) a. 1, co. 5, Bl. lll v : Intellectus 
noster es! potentie talis abstractive, quod prospecta re conceptu singulari vago 
potest abstrahere conceptum essende istius rei communiter et similiter ab omnibus 
proprietatibus accidentalibus, que possunt sibi convenire. Istud apparet, quod 
alias nun possent in nobis produei isti conceptus, quibus correspondent termini 
,,subslantia, animal" etc. Narn non videmus res(\) per tales terminos signifi- 
catas, nisi per accidentia; non enini percipimus substantiam sub racione sub- 
stancie, sed per accidentia. Vgl auch Scheel P, 188. 

;; Vgl. die vorige Aniu. Ferner: 1. II, qu. 21 (Reg. nr. 69), a. 1. prop. 1, 
Bl. 116. b: Termini roinmunes . . . vere sunt species et genera. 
J Mb. VII, qu. 17, a. 1, not. 4, Bl. 111 v . 



Studien zur Spätscholastik. I. 119 

tion dargestellt wurde (s.o. S.59). Aristoteles hatte in „eigentüm- 
lich schillernder Doppelbedeutung" 1 des Substanzbegriffes das 
,, Wesentliche" bald in der Gattung erblickt, an der das Einzelding 
Anteil nimmt, bald in dem Einzelnen selber, sofern es seinen akzi- 
dentellen Bestimmungen gegenüber als das Allgemeine erscheint. 
Beiden Bedeutungen wurde die Schultheorie des Marsilius gerecht. 
In den Gattungsbegriffen abstrahiert der Verstand das Allgemeine 
aus den Einzelerscheinungen, in den bestimmten Einzelbegriffen 
(conceptus determinati singulares), in denen alles bloß Akzidentelle 
durch Abstraktion überwunden ist, erfaßt er das Einzel ding in 
seiner Wesenheit, als prima substanlia 2 . 

Somit ist alles deutlich. Der Allgemeinbegriff und der „be- 
stimmte" Einzelbegriff sind als Produkte der verstandesmäßigen 
Abstraktion keine willkürlichen Fiktionen. Beide haben ihre sach- 
liche Beziehung zu den außermentalen Einzeldingen: jener erfaßt 
ihre allgemeine, dieser ihre individuelle „Wesenheit". Sie gewinnen 
die Möglichkeit dazu vermöge der wesentlichen Bedeutsamkeit der 
die Einzeldinge in der Seele „vertretenden" unbestimmten Einzel - 
begriffe, in denen Wesentliches und Unwesentliches ungeschieden 
nebeneinander liegt, nicht durch eine direkte Einwirkung außer- 
mentaler allgemeiner Wesenheiten auf das erkennende Bewußt- 
sein. Die erkenntnistheoretische Absicht dieser Unterscheidung 
leuchtet ein: der Erkenntnisvorgang wird nicht mehr passiv, sondern 
aktiv geschildert. Der Intellekt nimmt das Allgemeine nicht mehr 
aus den äußeren Dingen gleichsam entgegen, sondern er erarbeitet 
es selbsttätig durch Abstraktion aus der Fülle der ihm vermittels 
der Wahrnehmung zuströmenden unbestimmten Einzelbegriffe 3 . 
Das war unaristotelisch. Aber man begreift, daß die Vertreter 



1 Windelband, Lehrbuch 4 , 118. 

2 lib. VII, qu. 17, a. 2, Bl. 111 v , prob. 3: Per abstractionem intellectus 
polest a conveniencia concepluum sive generali sive speciali trahere conceptum 
generalem . . . a conveniencia individuali . . . conceptum essentialem et singularem. 
— ibid. prob. 1 : Duplex est conceptus singularis, scilicet determinatus et con- 
ceptus singularis vagus, et quid caperet [commentator] per conceptum singularem 
determinatum nisi conceptum essentialem? Quando scilicet accidentia convocal 
rerum, videtur dici vagus. Ferner 1. II, qu. 21 (Reg. nr. 69), a. 2, supp. 3, 
Bl. 116 v : Conceptus singulares determinati . . . correspondent prime substantie 
supponentes in mente pro substancia simplici sine alicuiia extrinscci convo- 
cacione. 

3 Diesen Gegensatz betont M. v. I. selbst: 1. VII, qu. 16 (Reg. nr, 64) 
a. 2, co. 3, Bl. 109, b. 



120 Gerhard Ritter: 

dieser Theorie glauben konnten, mit ihrem philosophischen Vorbild 
in Einklang zu stehen. Daß letztlich das reale Einzelding substan- 
tiellen Wert besitzt, und daß andererseits die Wissenschaft im 
strengen Sinne nur auf abstraktiven Sätzen allgemeiner Art fußt 
- das entsprach ganz den Grundsätzen ihrer Lehre. Und was die 
Metaphysik im besonderen betrifft, so hielten sie an dem eigent- 
lichen Fundament der peripatetischen Theorie fest: die Verstandes- 
tätigkeit dringt in das Wesen der Dinge ein; mögen es auch nicht 
die Dinge selbst sein, die ihr unmittelbar als Material dienen, 
sondern nur ihre „Zeichen" oder „Begriffe", so steht doch fest 
(sowenig das auch noch erklärt sein mag), daß die Wesenheit der 
Dinge selbst, nicht ein leeres Begriffsspiel in der Abstraktion der 
Metaphysik zur Darstellung kommt. Die Übereinstimmung von 
logisch richtigem Denken und außermentaler Wirklichkeit steht 
außer Zweifel. Marsilius spricht wohl gelegentlich davon, die Meta- 
physik habe den abstrakten Begriff „Sein" zum Gegenstand 1 (also 
nicht das Sein selber); aber im Grunde ist es ihm nicht zweifel- 
haft, daß damit zugleich eine Erkenntnis wirklichen „Seins" gegeben 
ist. Oder wenn er den Begriff der Substanz so definiert, daß sie 
nicht als realer Träger akzidenteller Bestimmungen, sondern nur 
als Subjekt akzidenteller Aussagen (Prädikate) im Urteil zu denken 
sei, so hindert ihn das nicht, über die Substantialität des göttlichen 
Wesens ausgiebig zu philosophieren 2 . 

Diese reale Bedeutung der begrifflichen Abstraktionen tritt 
auch im einzelnen hervor, so z. B. in der Auffassung der Natur- 
kräfte. Rein als Möglichkeit natürlicher Kausalwirkungen betrach- 
tet, sind sie Allgemeinbegriffe, also bloß psychische Realitäten; 
ihrer Tätigkeit nach {acta) dagegen sind sie äußere Wirklichkeit, 
die sich aus lauter Einzelvorgängen an Einzeldingen zusammen- 
setzt und erst in der abstraktiven Bearbeitung der hierdurch ent- 
stehenden Einzelbegriffe durch den Verstand zu einer Einheit ver- 
schmilzt 3 . Der Allgemeinbegriff ist das ergänzende Gegenbild der 
Wirklichkeit und als solches unentbehrlich. 

1 L. II, qu. 4, Bl. 21, c: Iste terminus „ens" consideratus m sua communi'- 

täte est subjectum huius seiende. 

- lib.sent. I, qu. 12, a. 2. no. 4. Bl. 58, d; zitiert bei Prantl, IV. 94, 
no. 369. 

3 L. I, qu. 6. a. 2, Bl. 10, co. 1: Omnis potentia naturalis inquantum 
consideratur sub sola racione polencie, est universalium et non singularium . . . 
ut calefactivum individualiter quodlibet calefactibile natum est calefacere . . . 
Co. 2: Potencia naturalis inquantum conjungitur actui est circa singularia, patet 



Studien zur Spätscholastik. I. 121 

So betrachtet zeigt die nominalistische Lösung des Univer- 
salienproblems wieder alle ihre erkenntnistheoretischen Vorzüge 
gegenüber den älteren scholastischen Systemen. In metaphysischer 
Hinsicht aber erscheint sie bei Marsilius weit harmloser als in der 
kritischen und zerstörenden Handhabung durch Okkam. Die 
Universalien sind keine außermentalen Dinge; aber sie erfassen 
den „wesentlichen" Zusammenhang der Dinge. Damit begründen 
sie echte Wissenschaft von der Wirklichkeit. Gewiß gibt es im 
einzelnen noch manche Schwierigkeit, die beiden Erkenntnis- 
quellen der „Erfahrung" und abstrakten Vernunft miteinander in 
Einklang zu bringen. Das zentrale Problem dieser Art, die Lehre 
von der natürlichen Gotteserkenntnis, werden wir bei der Betrach- 
tung des theologischen Systems sogleich kennen lernen. Aber 
schon jetzt läßt sich übersehen, in welcher Richtung die Lösung 
der eingangs gestellten Frage zu suchen ist : wie es nämlich möglich 
war, daß die „moderne" Schultradition trotz ihres Nominalismus 
den gesamten Umfang der peripatetischen Wissenschaft als Lehr- 
stoff weiter verarbeitete. Es ist eine Frage von größter Bedeutung 
für die Universitätswissenschaft des 15. Jahrhunderts, und ihre 
völlige Aufhellung durch ergänzende Untersuchungen verwandter 
Werke dringend zu wünschen 1 . Sollte die Metaphysik der Erfurter 
Lehrer Luthers wesentlich anders ausgesehen haben ? 

Wer seine geschichtliche Anschauung von den geistigen Strö- 
mungen einer Zeit in der Hauptsache an den großen Erscheinungen 
der Denker ersten Ranges orientiert, wird leicht in die Gefahr 
kommen, die Zähigkeit der Tradition in den Regionen des schul- 
mäßigen Wissenschaftsbetriebes zu unterschätzen oder zu über- 
sehen. Nun ist es gewiß die schönere Aufgabe des Geschichts- 
schreibers, ja in tieferem Sinne seine höchste und endgültige, die 
Entfaltung des Geistes in seinen klassischen Epochen darzulegen, 
nicht in allem Unwesentlichen, um mich scholastisch auszudrücken, 
der „kontingenten" Wirklichkeit. Aber gerade der Historiker wird, 
vielleicht nicht ohne einen gewissen Gegensatz zum zünftigen Philo- 

quia calefaciens determinatum calefactibüe calefacit et calefaciens a determinalo 
calefactivo calefit sie quod non ab alio; vocandum est calefactivum omnia, que 
active coneurrerunt ad eins calefactionem, et sie in aliis. 

1 In Betracht kämen vor allem Buridan und Gregor von Rimini. Der 
letztere entwickelte offenbar ganz ähnlich wie M. v. I. die aristotelische Meta- 
physik auf der Grundlage der okkamistischen Erkenntnislehre. (Vgl. Werner 
III, 53ff.) 



122 Gerhard Ritter: 

sophen (wenn es erlaubt ist, aus diesem Einzelfall so allgemeine 
Nutzanwendung zu ziehen), darauf hinweisen dürfen, daß die 
geschichtliche Bedeutung auch der großen revolutionären Gedanken- 
massen erst dann als begriffen gelten kann, wenn das Neue ihres 
Inhalts in seinem inneren Verhältnis zum Herkommen und in 
seiner Wirkung auf die Zeit richtig erfaßt ist. Eine zukunftsreiche 
Idee kann so tief in ältere gedankliche Zusammenhänge verstrickt 
sein, daß ihre Wirkung auf uns Spätere größer ist als auf die Zeit- 
genossen oder sogar auf ihren Urheber selbst. Mit den subjekti- 
vistischen Ansätzen der Lehre Okkams scheint es mir so zu stehen. 
In der Fassung des Marsilius von Inghen jedenfalls hatte diese 
Lehre nichts revolutionäres mehr an sich. Die Vieldeutigkeit des 
Begriffes „Wesenheit" ist dazu benutzt, um unter der Maske des 
Nominalismus doch wieder die Vorstellung einer irgendwie objek- 
tiven Gültigkeit der Universalien einzuführen. Damit ist der 
aristotelischen Metaphysik Tor und Tür geöffnet. Der konservative 
Zug, den wir an unserm Autor bei Betrachtung seiner physikali- 
schen Schriften beobachten konnten, bestätigt sich auch hier. 

b) Metaphysische Einzelprobleme. 

Ihre volle Wirkung entfalten diese metaphysischen Grundsätze 
erst im Zusammenhang der theologischen Probleme, unter denen 
die Frage nach dem Wesen Gottes im Mittelpunkt steht. Sie ist 
das Kernproblem aller Theologie. 

Die Metaphysik hat in erster Linie zu fragen, ob und auf 
welchem Wege überhaupt Gottes Wesen erkennbar sei. Dieses 
Thema wird in der mittelalterlichen Gotteslehre vor allem in den 
Untersuchungen über das Verhältnis von Glauben und Wissen, 
von supranaturaler und „natürlicher" Theologie erörtert und kann 
in dieser Gestalt als das beste Kennzeichen zur Charakterisierung 
der großen Epochen der Scholastik verwandt werden. Ich erinnere 
nur an die Haupttypen: bei Anselm die natürliche Erkennbarkeit 
aller wesentlichen Glaubenstatsachen, bei Abälard grundsätzlich 
die Anerkennung nur der dialektisch beweisbaren Dogmen, bei 
Albert und Thomas bereits die Einsicht, daß die natürliche Ver- 
nunft einer supranaturalen Ergänzung bedarf, bei Okkam endlich 
die scharfe Trennung der beiden Erkenntnisquellen: nicht einmal 
das Dasein Gottes (etwa als erste Ursache) läßt sich rational mehr 
als wahrscheinlich machen, der Inhalt seines Wesens nicht ohne 
Offenbarung deuten. Der Glaube ruht durchaus auf eigenen Funda- 



Studien zur Spätscholastik. I. 123 

menten, die tiefer liegen, als der Grund rationalen Denkens; die 
Vernunft hat sich widerspruchslos dem verstandesmäßig Unbegreif- 
lichen zu fügen. 

Man hat oft betont, daß in dieser „Selbstzersetzung" der an 
Aristoteles orientierten Theologie der Beginn des modernen Den- 
kens begründet liege, in dem sich das Wissen vom Glauben emanzi- 
piert habe. Wenn wir in Marsilius einen typischen Vertreter der 
akademischen Theologie nominalistischer Richtung erblicken dür- 
fen, so ist hier nichts geringeres als die Frage zu behandeln: Welche 
Stellung nehmen diese Universitätstheologen innerhalb des erwähn- 
ten Zersetzungsprozesses ein ? Verbreitern sie oder verkleben sie 
die klaffenden Risse des theologischen Gedankengebäudes, das in 
Renaissance und Reformation dereinst auseinanderbersten sollte ? 

Aus den physikalischen Schriften unseres Autors wissen wir 
bereits, daß auch er den Umkreis der beweisbaren Aussagen über 
das göttliche Wesen gegenüber der älteren Theologie einschränkte 
(s.o. S. 84 f.): die Unendlichkeit der göttlichen Macht, die Welt- 
schöpfung aus dem Nichts und ähnliche Dogmen sind nicht rational 
zu begreifen - also in der Hauptsache die Glaubenssätze von 
Gottes schrankenloser Allmacht, die seit der Erneuerung augusti- 
nischer Gedanken in den antithomistischen Systemen der Franzis- 
kaner mit verstärkter religiöser Kraft zur Geltung gekommen 
waren. Dagegen sollen das Dasein Gottes, seine Vollkommenheit, 
seine Ewigkeit und Allwissenheit auf natürlichem Wege beweisbar 
sein. Wie ist diese Mittelstellung metaphysisch begründet ? 

Für den Erkenntnistheoretiker stellt sich die Frage nach der 
Erkennbarkeit Gottes in der Form dar, ob ein zureichender d. h. 
das Wesen Gottes erfassender, bestimmter Einzelbegriff im erken- 
nenden Bewußtsein sich bilden lasse. Die Bejahung auf dem 
Wege, daß die Einmaligkeit Gottes die Singularität seines Begriffes 
bedinge, ist natürlich unzureichend; denn auch der Allgemein- 
begriff kann eine nur einmal vorkommende Art oder Gattung 
bezeichnen, ohne deshalb singulär im logischen Sinne zu sein 1 . 
Vielmehr liegt die eigentliche Schwierigkeit der Frage darin, daß 
alle ,, inkomplexen" Einzelbegriffe, die Elemente unseres Urteilens, 
irgendwie aus der sinnlichen Wahrnehmung herstammen müssen 2 . 

1 Metaphys. J. II, qu. 21 (Heg. nr. 69) a. 1, co. 1, 2, 7, 8, BI. 116, c. 

2 ibid. a. 2, supp. 1: Omnis conceptus noster inlellectivus fit mente vel 
in mente a cognitione fantasmatnrum . Zitat aus III. de anima: Nihil est in 
intellectu, nisi prius fueril in sensu. 



124 Gerhard Ritter: 

Aus ihr führen im ganzen 4 Wege zur „inkomplexen" Begriffs- 
bildung: die Anschauung der in den phantasmata dargebotenen 
(unbestimmten) Wahrnehmungen, die Abstraktion der Allgemein- 
begrifft' aus ihnen, die Bildung „kopulativer" Begriffe zur Ver- 
bindung der Urteilselemente und endlich (nach Aristoteles) der 
„Instinktbegriff" des Tieres 1 . In jedem Falle wird die sinnliche 
Wahrnehmung vorausgesetzt, und so ist nicht einzusehen, wie 
„nach der üblichen Erklärung" des Erkenntnisvorganges ein in- 
komplexer Einzelbegriff in uns entstehen soll, ohne daß eine sinn- 
liche Wahrnehmung der durch ihn „vertretenen" Sache vorher- 
gegangen ist 2 . Auch ist es aussichtslos, etwa einen durch Abstrak- 
tion gewonnenen Allgemeinbegriff nachträglich durch irgendwelche 
„Demonstration" anschaulich machen und damit zum Einzel- 
begriff umstempeln zu wollen 3 . 

In der Tat liegt in diesen Schwierigkeiten der Grund für die 
Tatsache, daß unsere Begriffe von Gott niemals zureichen, sein 
Wesen völlig zu erfa sen. Einen inkomplexen bestimmten Einzel- 
begriff Gottes in dem Sinne, wie wir etwa die sinnlich erfahrbare 
Einzelsubstanz in ihrem ., Wesen" begreifen, gibt es nicht 1 . Die 
Anschauung Gottes ist ja dem „Erdenpilger" nicht möglich; erst 
im jenseitigen „Vaterland" wird sie eintreten. Darum sind alle 
unsere irdischen Begriffe nicht fähig, Gott ganz zu begreifen: der 
Begriff des Unendlichen übersteigt, in seiner ganzen, geheimnis- 
vollen Wirklichkeit erfaßt, das endliche Fassungsvermögen; Gottes 
Wesen ist überhaupt streng genommen nicht vergleichbar mit 
irdischen Vorstellungen, von denen alle natürliche Gotteserkenntnis 

1 ibid. supp. 2: Conceptus . . . incomplexi haben/ fieri intuitive . . . vel 
elicitive, ut ovis ex motu et figura et calore lupi elicit inimicitiam, esto, quod 
nunquam prius vidisset lupum . . . vel abstractive . . . vel composilive, scilicet 
quod habitis eonceptibus subiecti et predicali intellectus format in se conceptum 
simplicem copularem componenlern subiectum cum predicato. — Ahnlich abbrev. 
phys. Bl. 3. Vgl. oben p. 61. \. 2. Der Instinktbegriff stammt offenbar 
aus Aristoteles ,,de anima" . 

' Metaph. 1. II, qu. 21, a. 2, co. responsalis, Bl. 117: Secundum quod 
videtur solitum et consuetum, non posstimus habere conceptum singularem incom- 
plexum de re, nisi sentiatur vel ante fuerit sensata. — A. 3 bringt auf Grund 
dieser Feststellung sehr vernünftige und nüchterne Warnungen vor begriff- 
lichen Phantastereien, wie Traumdeutungen, Sinnestäuschungen, Magie usw. 

3 ibid. a. 3, dub. 8. 

4 L. XII, qu. 13 (Reg. nr. 100), a. 2, co. respons., Bl. 179 v : In lumine 
naturali non est possibile alicui conceptus proprius et essentialis dei. Dazu die 
Beweise Bl. 1811. 



Studien zur Spätscholastik I. 125 

ausgeht man kann nicht das Unendliche vom Endlichen abstra- 
hieren. So betrachtet haben auch die großen Heiden, Aristoteles 
an der Spitze, nur den terminus der göttlichen Substanz, nicht 
diese Substanz selbst in ihrer ganzen Fülle erkannt; die Vorstel- 
lung aber ist der vorgestellten Sache nur soweit ähnlich, wie die 
Wirkung ihrer Ursache, nicht ihr „wesensähnlich 1 ' 1 . 

Wie man sieht, finden sich philosophische und religiöse Motive 
in dieser Argumentation gemischt. Aber der Grundgedanke ist 
nicht eigentümlich okkamistisch, sondern Gemeingut der neueren 
Scholastik. Auf die okkamistische Erkenntnistheorie weisen nur 
die Bemühungen hin, den Unterschied zwischen begrifflicher Kon- 
struktion und anschaulicher Erkenntnis Gottes recht klar und 
scharf herauszuarbeiten 2 . Auch Thomas hatte schon die Möglichkeit 
geleugnet, in lumine natwrali Gottes Wesenheit zu erkennen. Wenn 
also Marsilius von einer gegenteiligen opinio antiqua spricht, der 
auch noch einige moderni doctores solempnes anhängen 3 , so kann 
das wohl kaum auf die Thomisten zielen. Die entscheidende Wen- 
dung der Frage lag vielmehr an einer andern Stelle. 

Ist auch kein ,, inkomplexer", eigentlicher und wesentlicher 
Einzelbegriff Gottes der natürlichen Einsicht erreichbar, so ermög- 
licht uns doch das abstraktive Urteil eine gewissermaßen indirekte 
Erkenntnis seiner Existenz und seines Wesens. Schon Thomas 
ging in der Weise des Aristoteles von der erfahrbaren Wirklichkeit 
aus, um von da auf einen ersten Urheber des wirklichen Geschehens, 
eine erste Ursache des wirklichen, d. h. geschaffenen Seins zurück- 
zuschließen. Ähnlich suchte Okkam den Inhalt der göttlichen 
Wesenheit aus der Übertragung gewisser Allgemeinbegriffe, die aus 
der Erfahrungskenntnis der geschöpflichen Dinge abstrahiert sind 
(wie Weisheit, Güte usf.), auf den Schöpfer abzuleiten 4 . Aber er 

1 ibid. Bl. 180: Quidquid est signurn rei in representando, est signum 
eius rei representale non in similitudine essentialia sed in depetidencia essentiali; 
est etiim. conceptus hominis effectus hominis; modo effectus est similis sue cause 
quantum ad dependenciam essentialem. Darum gilt auch das Argument nicht, 
man könne einen zureichenden Begriff von einer Sache haben, ohne diese 
vor Augen zu haben. Der Begriff selbst ist Wirkung der Sache. 

2 ibid. Bl. 179, a. 

3 ibid. Bl. 179, a: Opinio antiqua erat, . ... quod in lumine naturali possit 
haberi conceptus proprius dei naturaliter significabilis et essentialis, et hec opinio 
sumitur a commenlatore II huius. 

4 lib. sent. I, dist. 3, qu. 2, H ff. (bei Stöcrl II, 1009—10, no. 2 u. 1 
und danach bei Übervveg-Baiimgartner II 10 603/5 irrig mit F zitiert). 



126 Gerhard Rjtter: 

maß diesen Urteilen eine sehr geringe Tragkraft bei. An dieser 
Stelle setzte seine eigentliche Kritik ein. Unsere allgemeinen Urteile 
über Gottes Dasein und Wesen sind nicht in strengem Sinne 
beweisbar, da ihre metaphysischen Prämissen dem kritischen Zweifel 
nicht standhalten. Schon die entscheidende Stelle der ganzen 
Argumentation ist nicht über eine gewisse Wahrscheinlichkeit 
hinaus zu befestigen: der Satz nämlich, daß es in der Reihe der 
wirkenden Ursachen eine prima causa geben müsse, und daß diese 
in Gott zu suchen sei. Rein rational läßt sich das Weltbild auch ohne 
diese Anfangsursache konstruieren. Und wie hier, so zeigt sich an 
fast allen Stellen der „natürlichen Theologie", daß die meta- 
physischen Voraussetzungen in Wahrheit nicht aus den „selbst- 
evidenten" Prinzipien des Denkens hervorgegangen sind. 

An diesem Kernpunkt der ganzen Frage erweist sich nun 
Marsilius wieder als konservativer gegenüber Aristoteles und der 
theologischen Tradition des 13. Jahrhunderts. Es bedürfte gar 
nicht der ausdrücklichen Berufung auf die Gottesbeweise des Duns 
Skotus 1 , um uns das erkennen zu lassen. Die Notwendigkeit des 
primus motur ist für ihn mit Hilfe der Physik, die der prima causa 
in der Metaphysik rational erweisbar 2 . Ein streng mathematischer 
Beweis ist freilich in metaphysischen Dingen überhaupt nicht 
möglich; aber es genügt, daß sich die besseren Gründe für die 
Begrenztheit der Kausalkette in einer prima causa aufbringen 
lassen, als für das Gegenteil 3 . Sieht es hiernach so aus, als wäre 
eben doch nur ein Wahrscheinlichkeitsbeweis möglich, so wird an 
anderer Stelle nachdrücklich versichert, die Existenz der prima 
causa efficiens et finalis und damit zahlreiche hievon abzuleitende 
Aussagen über Gott und sein Verhältnis zu den abhängigen Dingen 
seien „beweisbar" (demonstrabiles) 4 . 



1 lib. sent. I, qu. 5, a. 1, co. 3, Bl. 34. c. 

2 Metaph. 1. II, qu. 4 (Reg. nr. 11). 

3 L. XII, qu. 13, a. 1, not. 5, Bl. 178, c: Licet non demonstrentur metaphy- 
sice, tarnen satis probat ratio philosophi et magis id quam sui oppositum. Vgl. 
auch ibid. a. 1. no. 1: Lumen naturale . . . est noticia . . . per se notorum 
principiorum probabiliorum quam suum oppositum . . . cum in meta- 
physica non possint fieri demonstrationes mathematice ( ?) usw. — Dieselbe 
Unterscheidung zwischen dem modus demonstrandi naturalis, melaphysicalis 
(beides sind Rückschlüsse) und mathematicus (Ableitung aus allgemeinen Sätzen 
von axiomatischer Geltung) s. 1. sent. I, qu. 42, a. 2, Bl. 176, c. 

4 ibid. co. 4 (Bl. 178, d): In lumine naturali hec [ propositio] est demon- 
strabilis: Primuni principium entium est prima causa finalis et prima causa 
efficiens usw. — Die Lösung des scheinbaren Widerspruchs findet sich l.sent. I 



Studien zur Spätscholastik. I. L27 

Damit ist zunächst der „natürliche" Beweis für das Dasein 
Gottes gesichert 1 . Aber auch über sein Wesen lassen sich eine 
Menge verschiedener Aussagen ohne übernatürliche Erleuchtung 
aufstellen. Da sind zunächst die „erschlossenen" Begriffe (conceptus 
connotativi), die aus der endlichen Erfahrung durch Opposition oder 
durch Kombination gewonnen werden: so z. B. aus dem Begriff 
des Abhängigen die absolute Independenz, aus der Bewegung die 
Unveränderlichkeit, aus der Vielheit die Einheit, aus den Begriffen 
des „Ersten" und der „Substanz" die prima substantia 2 . Gewiß 
ist in diesen Schlüssen Irrtum möglich, und auch Aristoteles hat 
darin geirrt, indem er z. B. die Ewigkeit den Himmelskörpern zu- 
schrieb 3 ; unzweifelhaft betrachtet sie Marsilius nicht als streng- 
wissenschaftliche Syllogismen; aber einen gewissen Wahrheits- 
wert sollen sie doch besitzen. Wohl fehlt den „abhängigen" Dingen 
die Vollkommenheit des göttlichen Wesens; sie sind diesem gegen- 
über inkommensurabel; aber immerhin besitzen sie als seine „Wir- 
kungen" eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer Ursache, sodaß der 
Analogieschluß nicht aller Wahrheit entbehrt 4 . 

Bleiben wir hier in halben Beweisen stecken, so geht unser 
Autor andernorts, deutlicher erkennbar, noch über die Gottes- 
beweise des Thomas — den er in diesen Dingen auffallend häufig 
zitiert — hinaus. Thomas hatte den Schluß von dem Verursachten 
(der Weltbewegung) auf den Urheber nur zum Beweise der Existenz 
Gottes, nicht zu der Bestimmung seines Wesens ausnutzen wollen; 
denn die quidditas sei entweder nur a priori, d. h. aus ihrer Ursache, 
oder intuitiv oder endlich durch species propria zu erkennen. Alle 
drei Wege seien hier versperrt 5 . Das will Marsilius nur insofern 
gelten lassen, als in der Tat (wir hörten es schon) ein „wesenhafter 
Eigenbegriff" (conceptus quidditatwus essentialis et proprius) Gottes 
dem viator nicht möglich ist; auch eine „apriorische" Erkenntnis 
der göttlichen Wesenheit ist undenkbar, da sie nicht aus einer 
übergeordneten causa abgeleitet werden kann; erkennen wir Gott 



qu. 5, a. 1, Bl. 34, b no. 2: Der Gottesbeweis ist wie alle metaphysische 
Erkenntnis nicht mathematisch möglich, aber secundo modo, quod probetur 
sufficienter ex principiis seiende iuxta modum ille seiende correspondentem , 
et fortius quam suum oppositum possit probari. 

1 Metaph. 1. XII, qu. 13, a. 1, co. 5. 

2 ibid. co. 3. 3 ibid. co. 6 u. 3. 

4 L. II, qu. 3. (Reg. nr. 10), a. 3, ad 5. rationem, Bl. 17. 

5 ibid. a. 2, Bl. 16, d. 



128 Gerhard Ritter: 

doch selbst nur ab effectibus! Aber darum sind wir doch nicht auf 
die bloße Kenntnis Gottes quod est beschränkt; vielmehr gestattet 
der Schluß von den Wirkungen rückwärts recht wohl eine Bestim- 
mung der res, que est quiddilas dei. Ist doch Gottes Wesen von 
.seinem Sein gar nicht zu trennen 1 ! So ist es leicht zu schließen, 
daß die prima causa nicht accidens, sondern Substanz sein muß. 
Weiterhin aber lassen sich auf diesem Wege überhaupt solche 
allgemeinen Wesensbestimmungen aufstellen, die Gott und „andern 
Dingen" gemeinsam sind, und die aus allgemeinen metaphysischen 
Gründen der prima causa zugeschrieben werden müssen 2 . Da es 
sich nicht um Einzel-, sondern Allgemeinbegriffe handelt, die aus 
erfahrbaren Dingen abstrahiert sind, steht nichts im Wege, sie 
ebensowohl in inkomplexer wie in Urteilsform von Gott zu prä- 
dizieren 3 . Marsilius zählt eine Reihe solcher „inkomplexer All- 
gemeinbegriffe" auf, die sich von Gottes Wesen aussagen lassen: 
Substanz, Sein, Identität, Ursache, Unabhängigkeit, Einheit usw. 4 . 
Er bestreitet auch die Behauptung aller mystischen und „negati- 
ven" Theologie, daß jede kategorische Aussage über Gottes Wesen- 
heit eine Beschränkung bedeute: weder die superlativischen posi- 
tiven Aussagen (der Mächtigste, Erste, Weiseste usf.), noch die 
negativen Bezeichnungen (der Unabhängige, Eine) oder die rela- 
tivischen Prädikate (idem, pater et filius), auch nicht die Kausal- 
bezeichnungen (posse agere, posse conservare, causa finalis) und nicht 
die termini der Substanzkategorie bedeuten eine solche Be- 
schränkung 5 . 

So ist das Ergebnis eine weitgehende „rein natürliche" Speku- 
lation über Gott und das göttliche Wesen. Die Gewißheitsgrade 
der einzelnen Aussagen sind mannigfaltig abgestuft und im ein- 

1 Ibid. a. 'S, co. 1: Homo potesi quidditatem dei . . . cognoscere, patet .... 
quod deurn [ = primam causam] polest cognoscere . . . et ipse [est] sua quidditas, 
ergo ... — Ascendendo ab effectu ad causam bene possumus cognoscere id, quod 
in re est quiddilas cause. 

2 ibid. Bl. 17, a: Ad cognoscendum predicatum de aliquo predicabile „in 
quid" sujficit, quod possit [cognosci] solum conceptus essenlialis communis ei 
et aliis, sicud a qualibet substancia sensibili polest solum conceptus generari 
substantie. Dasselbe Motiv findet sich schon bei Okkam. 

3 L. XII, qu. 13, a. 1, no. 2. 

4 ibid. co. 1 : In lumine naturali facilis est nobis conceptus incomplexus 
communis de deo. 

5 ibid. no. 4: Non videtur verum, quod omnes termini predicatorum signi- 
ficant I imitative. 



Studien zur Sp itseholastik. I. I2v> 

zelnen nicht leicht zu bestimmen. Das war auch in der älteren 
Scholastik nicht viel anders. Uns interessiert darum wenig, welche 
göttlichen Eigenschaften nun im besonderen Marsilius für beweisbar 
hält, welche nicht, und wie er sie abzuleiten sucht 1 . Die Haupt- 
sache ist bereits deutlich: die grundsätzlich skeptische Haltung 
Okkams diesen Dingen gegenüber ist aufgegeben 2 . Glauben und 
Wissen sollen wieder miteinander versöhnt werden; die zerstörte 
aristotelische Brücke über den Abgrund wird neu zusammengeflickt. 
Die Lösung der metaphysischen Kernfrage wird auf einer eigenen 
Linie weit rechts von der nominalistischen Kritik gesucht. Hier 
stoßen wir zum ersten Male auf die geistige Verwandtschaft unseres 
Theologen mit dem Augustinergeneral Gregor von Rimini, der von 
ähnlichen Voraussetzungen her — der okkamistischen Erkenntnis- 
theorie -- ebenfalls ohne das kritische Bedürfnis Okkams an die 
theologischen Gedankenmassen herantrat und in einem ganz ähn- 
lichen Beweisverfahren zu fast denselben Schlüssen über die natür- 
liche Erkennbarkeit Gottes gelangte 3 . Marsilius war nicht der 
einzige Vermittlungstheologe der okkamistischen Schule. 

Der Gesamteindruck eines halben Thomismus bestätigt sich 
sogleich bei der näheren Betrachtung der Gottesidee. Hier kommt 
vor allem das Verhältnis der göttlichen Ideen zur Kreatur in Frage 
— dasjenige Problem also, in dessen Behandlung die Nachwirkung 
der in Augustin lebenden neuplatonischen Motive am stärksten zur 
Geltung kam. Im Grunde hatte Augustin einfach die platonische 
Ideenlehre christlich umgebildet, indem er die „Urbilder" der 
kreatürlichen Dinge als ratione.s aeternae des Schöpfers erscheinen 

1 S. besonders 1. I sent., qu. 42, a. 2; lib. spiU. I, qu. 5, a. 1 ; lib. sent.II, 
qu. 1, a. 2. abbrev. phys. Bl. 79. 

2 Es ist sehr bemerkenswert, daß nach Hermelink, Th. Fak. 111 auch 
Biet eine Reibe von „natürlichen" Urteilen über Gottes Dasein und Wesen 
gelten läßt. Warum das „zu keinem weiteren Ziel führen" soll, unterläßt H. 
zu erklären. Im übrigen ist die Behauptung, daß Okkam einen quidditativen. 
aber nicht einen connotativen Begriff Gottes anerkannt habe (!), ebenso 
rätselhaft wie die Erklärung von „connotatio" und „qualitas" (1. c. anm. 1). 
Vgl. damit Okkam 1. sent. I, dist. 3, qu. 2, H! Eine Erklärung der Scholastik 
ohne zureichend exakte Kenntnis ihrer logischen Terminologie ist aussichtslos. 
Im übrigen, scheint mir, ist noch vieles zu tun, bis die deutschen „Okkamisten" 
gehörig von der Lehre ihres Meisters unterschieden sind. 

3 In prim.sent. dist. 3, qu.4, Bl. 49 des Druckes Venedig 1503. (Berliner 
Staatsbibl.) über den Weg, auf dem Gregor aus der nominalistischen Er- 
kenntnistheorie zur Metaphysik zu gelangen suchte, vgl. oben p. 63, N. 1. 
Eine genauere Untersuchung würde sehr lohnen. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad.. philos.-hist. KI. 1921. 4. Alili. 9 



L30 Gerhard Ritter: 

ließ. Aus der Erfassung dieser ewigen Wahrheiten durch den 
menschlichen Geist leitete die ältere Franziskanerschule mit 
Augustin die Gewißheit unseres Denkens ab; und auch Thomas 
ließ die Ideen der Dinge als Gedanken Gottes, als „reine Formen'' 
und Urheber der niederen Formen gelten. Während er aber, im 
Zusammenhang seiner realistischen Grundanschauung, den all- 
gemeinen Ideen vor den besonderen die metaphysische Priorität 
und den Ideen überhaupt eine von den Dingen gesonderte Existenz 
im göttlichen Geiste zuschrieb, gleichsam als Mittler der göttlichen 
Erkenntnis (species intelligibiles), lehnten Duns Skotus und Okkam 
diese Sonderexistenz ab und wollten in den Ideen Gottes nichts 
anderes sehen, als die Dinge selbst, als Gedanken Gottes aufgefaßt. 
In dieser seltsam anmutenden Kontroverse kam doch nichts Gerin- 
geres zum Ausdruck als das innere Verhältnis der verschiedenen 
Schulrichtungen zur neuplatonischen Ideenlehre. Der intellektuali- 
stische Realismus des Thomas stand -- wie das extreme Beispiel 
des Thomisten Eckhart zeigt — dieser Lehre doch innerlich näher, 
als der energische Individualismus und Voluntarismus der beiden 
Engländer. Die allgemeinen Ideen der Dinge besaßen für Thomas 
im Geiste Gottes ihre metaphysische Priorität vor der kreatür- 
lichen Erscheinung (ante res); demgegenüber zeigte sich der Nomi- 
nalismus Okkams am schroffsten gerade darin, daß er nur die 
Einzeldinge sich in der göttlichen Erkenntnis abspiegeln ließ. 
Höchst bezeichnend ist deshalb die Antwort des Marsilius von 
Inghen auf diese Fragen 1 . Die gesonderte Existenz der Univer- 
salien im Sinne Piatos lehnt er als echter Nominalist natürlich ab 2 . 
Aber obwohl er die innere Verwandtschaft zwischen Plato und 
Augustin deutlich erkennt 3 , folgt er doch in der Auffassung der 
göttlichen Ideen dem Thomas und Heinrich von Gent unter 
längerer Polemik gegen Okkam. Die Ideen sind nichts anderes als 
die göttliche Wesenheit selbst, und deshalb von innen her betrachtet 
(intrinsece) eine ungeschiedene Einheit, aber von außen betrachtet 
(extrinsece), d. h. als Objekte des göttlichen Geistes eine unendliche 

1 Abgehandelt in den Einleitungsquästionen zu den drei ersten Büchern 
des Sentenzenwerkes, die nach akademischem Brauch als eine Art von Antritts- 
vorlesungen des Sentenziars ausgestaltet sind, einige Verbeugungen vor den 
theologischen Lehrern des Vortragenden enthalten und eine Masse akademi- 
schen Schulstoffes anhäufen. 

2 L. I, qu. 1, a. 1, Bl. 2. 

! Art. 1. not. 3, conditiones nr. 12 (Bl. 2, c). 



Studien zur Spätscholastik. I. 131 

Mannigfaltigkeit 1 . Es ist durchaus irrig, auf Grund dieser und 
anderer Übereinstimmungen mit Thomas den Marsilius einfach 
als Thomisten abzustempeln, wie es die ältere (katholische) Dar- 
stellung von Stöckl tut 2 ; viel näher liegt der Vergleich mit der 
Augustiner-Eremitenschule (Thomas von Straßburg) 3 , der uns noch 
öfter beschäftigen wird. Und ganz unsinnig ist die Behauptung 
„pantheistischer Konsequenzen" 4 . Aber freilich zeigt sich an diesem 
Punkte in besonders interessanter Weise, wie die innere Neigung 
dieses deutschen „Okkamisten" nach metaphysischer Hyposta- 
sierung der Begriffe hinüberdrängt. 

Die zentrale Bedeutung der Gottesvorstellung erweist sich am 
deutlichsten in der Mannigfaltigkeit ihrer Problematik. Ist Gott 
als eine Substanz zu denken, oder ist er wie über alle Kategorien, 
so auch über die der Substanz erhaben ? Wenn er Substanz ist, wird 
er dann wie andere Substanzen durch Akzidenzien bestimmt, oder 
widerspricht das der Einfachheit und Unbegrenztheit seines 
Wesens ? Gehört er einer Gattung an, so daß ein und derselbe 
Begriff in gleicher Weise von ihm und den geschöpflichen Dingen 
prädiziert werden kann ? In der Untersuchung dieser heiklen 
Fragen wehrte sich die kirchliche Scholastik gegen eine panthei- 
stische Gleichsetzung des persönlichen Gottes mit dem allgemein- 
sten ,,Sein" auf der einen und gegen seine unterschiedslose Ver- 
mischung mit den geschöpflichen Substanzen auf der anderen 
Seite. Aus der ausführlichen Argumentation des Marsilius, die 



1 Art. 1, pars 1, co. 1, prob. 3, Bl. 2: Essentia divina vere et proprio 
«st. idea omnium producibilium. - Ibid. pars 2, co. 1: Mulle idee sunt in deo 
distincte intrinsece et realiter sive formaliter. — Co. 2: In deo sunt infinite idee 
eoctrinsece et obiectivaliter. 

- II, 1050ff. Damit fällt auch die in Anin. 2 aus Teweman.ns Geschichte 
der Philosophie 8, II, p. 909 übernommene Ansicht hin, die übliche Be- 
zeichnung des M. v. I. als Okkamist beruhe auf einer Verwechslung mit 
Marsilius von Padua. 

3 Stöckl II, 1048. 

* Hermelink, Th. Fak. 107. Ebendort wird die Ideenlehre in der Fas- 
sung Biel-Okkams als „verwandt der Mystik im engeren Sinne" hingestellt. 
Das dürfte viel eher auf die Gegenpartei, etwa auf die Richtung Bonaventuras 
zutreffen, als auf die von Grund auf nüchterne, unspekulative Theologie 
gerade Okkams. Auch ist es mißverständlich (p. 111), daß die „aristotelische 
Scholastik bis auf Duns Skotus den Übergang vom unterschiedslosen einfachen 
Sein Gottes zu den Einzeldingen durch eine Stufenfolge vom Allgemeinen 
zum Besonderen vermittelt" habe. Einen solchen Neuplatonismus hatte z.B. 
Thomas abgelehnt. 



132 Gerhard Ritter: 

mit allen Mitteln terministischer Logik geführt wird, interessiert 
uns hier nur das Ergebnis. Er lehnt ebenso wie etwa Thomas 
oder Skotus die Unterscheidung von substancia und accidens im 
göttlichen Wesen ab; Gott ist absolut einfach 1 . Nimmt man aber 
den Begriff „Substanz" im Sinne des principaliter existere, nulli 
inniti tamquam accidens, so ist Gott eine species der Kategorie der 
Substanz. Ohne diese Annahme würde überhaupt keine kategori- 
sche Aussage über ihn gemacht werden können 2 . Und doch fällt 
sein Begriff notwendig unter die Kategorien der Substanz, der 
Relation und des Handelns 3 . Daß die kategorischen Prädizie- 
rungen seines Wesens keine Beschränkung zu bedeuten brauchen, 
haben wir bereits gehört (oben S. 128); außer den genannten sind 
aber im strengen Sinne keine weiteren Kategorien auf ihn anwend- 
bar; vielmehr handelt es sich bei Aussagen z. B. über Gottes 
Größe, Weisheit usw. nicht um quantitative usw. Bezeichnungen, 
sondern um eine Art metaphorischer Übertragung von Allgemein- 
begriffen der geschöpflichen Welt auf sein Wesen 4 . Eine Ver- 
wischung der absoluten Unvergleichbarkeit zwischen Geschaffenem 
und Ungeschaffenem ist darum nicht zu befürchten. Halten sich 
diese Ausführungen im ganzen auf der Linie der älteren scholasti- 
schen Tradition, so gilt dasselbe in erhöhtem Maße für die meta- 
physische Definition der göttlichen Attribute. Die absolute Ein- 
heit des göttlichen Wesens erfordert es, allen realen und auch 
„formalen" Unterschied zwischen den verschiedenen Attributen 
und Gottes Wesen zu leugnen. Darin waren sich auch Okkam und 
Thomas gegenüber der formalistischen Lehre des Duns Skotus 
einig gewesen. Aber während die überall auf Vereinfachung der 
Begriffe drängende Theologie Okkams die Unterscheidung der 
Attribute einfach in das menschliche Denken verlegte, konstruierte 
der Aquinate einen höchst komplizierten Zusammenhang, wonach 
doch eine gewisse sachliche Begründung (ratio) ihrer Verschieden- 
heit im göttlichen Wesen selbst, nicht nur in der Vernunft des 
menschlichen Betrachters liegen sollte"'. Und auch an diesem Punkte 
kehrt Marsilius zu der älteren Lehre zurück — indem er wiederum 

1 1. spnt. I, qu. 12, a. 2, co. 3, corr., Bl. 59. 

2 ibid. co. 4 ff. 

3 ibid. co. 5 — 7. 

* ibid. concl. 8. Ganz ähnlich Thomas, lib I sent., dist. 8, qu. 4, art. :t 
fopera ed. 1560, tom. VII, p. 85). 

5 Zitate bei Stöckl II 509 Anm 



Studien zur Spätscholastik. I. 133 

(ganz ähnlich wie Thomas) die logische Unterscheidung der Attri- 
bute gleichsam ins Metaphysische projiziert 1 . 

Einige weitere metaphysische Einzelfragen, in denen die 
Parteiunterschiede des 14. Jahrhunderts zum Ausdruck kommen, 
genügt es flüchtig zu skizzieren. Ihre tiefere philosophische Be- 
deutung haben sie in dem Schulstreit, an dem sich unser Autor 
beteiligt, bereits verloren, wie seine durchaus eklektische Haltung 
zeigt; oft genug bietet er die verschiedenen Ansichten zur Auswahl 
an, ohne sich klar zu entscheiden, und meist bewegt sich die 
Argumentation in der Sphäre eines recht unfruchtbaren logischen 
Hin- und Herwendens 2 . So wird die berühmte Streitfrage nach 
dem Prinzip der Individuation gegen das thomistische Material- 
prinzip entschieden, und entsprechend wird auch die Individualität 
der reinen, materiallosen Intelligenzen (der Engel) für wahrschein- 
lich erklärt; dabei verwirft er aber charakteristischerweise durch- 
aus nicht grundsätzlich die Frage nach dem Individualionsprinzip, 
wie es von dem Nominalisten eigentlich zu erwarten wäre (ohne 
freilich eine eigene Begründung der Individualität zu suchen), 
führt. gegen Thomas überhaupt eine sehr laue, halbe Polemik, und 
betont stark die göttliche Willkür in Sachen des Engelreiches 3 . 

In der Frage nach der metaphysischen Bedeutung der Materie 
bewegt er sich im großen und ganzen auf den Spuren des Duns 
Skotus: er schreibt ihr eine größere substantielle Bedeutung zu, 
als Thomas, und meint, sie könne auch wohl ohne Form erhalten 
bleiben 4 . Im einzelnen erinnert seine Darstellung an ähnliche 
Gedankengänge Gregors von Rimini 5 . Vor allem ist beiden Theo- 
logen in diesen wie in andern Fragen das entscheidende Motiv 
gemeinsam: die „natürliche" Ordnung des Weltzusammenhangs 
nirgends in Konflikt geraten zu lassen mit der unbeschränkten 



1 lib. sent. I, qu. 12, art. 3. Ausführlich zitiert und richtig dargestellt 
bei Stöckl II, 1051/2. Auch hier zeigen sich Anklänge an Thomas von Straß- 
burg ! 

2 Ein Beispiel erschreckend inhaltleerer Spekulation ist 1. I, qu. 22, in 
dem sich M. v. I. müht, mit Argumenten der „terministischen" Erkenntnis- 
theorie und Logik gegen Thomas von Aquino, Thomas von Straßburg, Bona- 
ventura u. a. m. zu erweisen, quod relatio dei ad creaturam nee formaliter nee 
realiter distinguitur ab essentia diina. 

3 lib. sent. II, qu. 3, art. 1, Bl. 212ff. 

Sehr ausführlich darüber: lib. sent. I, qu. 1, art. 2, pars 6; lib. II, 
qu. 8. Einige Zitate daraus bei Stöckl II. 1052. 
5 Über ihn s. Werner III, 84 ff. 



134 Gerhard Ritter: 

Freiheit des göttlichen Willens, der über alle Naturordnung erhaben 
ist. Beide verbinden diesen religiösen, aus Augustin übernommenen 
Kerngedanken mit einer entschieden aristotelischen Weltauffas- 
sung. Doch ist für Gregor, den Ordensgeneral der Augustiner- 
eremiten und Theologen, die göttliche Allmacht noch mehr zentrales 
Motiv des Denkens als für unseren Philosophen. Wir hörten schon, 
daß er nicht davor zurückscheute, selbst die Möglichkeit der Schöp- 
fung des actu Unendlichen zu bejahen (s. oben S. 84). In dieser 
Richtung war ihm unser Aristoteliker nur auf halbem Wege gefolgt. 
Aber auch Marsilius war der Meinung, Gott könne, wenn er wolle, 
den ganzen Weltraum mit ungeformter Materie füllen, neben der 
unseren noch andere Welten schaffen (s.o.S. 106), die Engel je nach 
Willkür als individuelle Wesen oder als species gestalten; und ähn- 
lich werden zahlreiche verwandte Rätselfragen des scholastischen 
Weltsystems auf einfache Weise gelöst. Die Betonung der gött- 
lichen Willkür war freilich auch ein Erbstück der skotistisch- 
okkamistischen Tradition. Aber für Gregor wie für Marsilius ist 
es bezeichnend, daß sie diese Willkür nicht wie Okkam zur grund- 
sätzlichen Kritik an der rationalen Metaphysik, sondern zur end- 
gültigen Entscheidung der metaphysischen Zweifelsfragen ver- 
wenden. Beide sind Aristoteliker im Metaphysischen, Okkamisten 
in der Erkenntnislehre, Augustiner in der Theologie. 

In der Tat erörtert Marsilius die metaphysischen Einzelfragen 
mit Vorliebe in Auseinandersetzung mit den Augustinereremiten: 
Egidius, Thomas von Straßburg, Gregor von Rimini. Wenn er 
dagegen in der halb metaphysischen, halb physikalischen Frage 
nach der Natur des Himmels ihre und Okkams fortgeschrittene 
Auffassung (der Himmel besteht aus derselben geformten Materie 
wie die sublunarische Sphäre) zugunsten einer älteren Theorie ver- 
läßt, die sich dem Averroes enger anschließt (der Himmel ist frei 
von irdischer Materie), so liegt es nahe, den Einfluß seines physi- 
kalischen Lehrers Albert von Sachsen hierfür verantwortlich zu 
machen 1 . 

Bedeutsamer ist die Abweichung von Okkam in der meta- 
physischen Psychologie. Hatte Thomas die menschliche Seele in 
der Stufenfolge der aufsteigenden Formen als das verbindende 
Mittelglied definiert, in dem sich geistige und materielle Welt 
innerhalb einer einheitlichen forma begegnen, so war diese weit- 

1 üb. sent. IL qu. 8, art. 1. Über die analoge Himmelstheorie Albert 
v S. vgl. Duhem II. cap. 3 (Nik.'Cusanus und Lionardo). 



Studien zur Spätscholastik. I. 135 

tragende metaphysische Bestimmung von Duns Skotus und Okkam 
wieder zerschlagen worden. Letzterer unterschied unter dem 
starken Eindruck des Gegensatzes von Geistigkeit und Sinnlich- 
keit in dem Menschenwesen drei gesonderte Formen: die geistige, 
sinnliche und körperliche, obschon er im Grunde abgeneigt war, 
überhaupt über die Konstatierung der mannigfaltigen Bewußtseins- 
zustände hinauszugehen. Völlig eindeutig hält demgegenüber Mar- 
silius an der thomistischen unitas formae fest. Zunächst bekämpft 
■er die franziskanische Annahme einer forma corporeitatis mit ganz 
ähnlichen Argumenten, wie sie schon Thomas vorgebracht hatte: 
es ist undenkbar, daß in demselben Individuum sich mehrere 
substantielle Formen nebeneinander finden 1 . Die Annahme einer 
solchen pluritas formarum überhaupt führt zu unnützen Verdop- 
pelungen der Begriffe auch dann, wenn man die höheren Formen 
zu den niederen in das Verhältnis des actus zur potentia setzt, 
so daß die oberste als die abschließende Individualform erscheint. 
Bei konsequenter Durchführung des Prinzips, jede Stufe auf dem 
Wege vom genus, dem das Individuum angehört, bis zur species 
specialissima durch eine besondere „Form" repräsentiert zu denken, 
würde man zu den absurdesten Begriffskonstruktionen, ja zu einer 
unendlichen Vervielfachung der Formen gelangen 2 . Richtet sich 
diese Polemik offensichtlich gegen die skotistische Lehre von den 
formalitates (der doch bei Duns Skotus selber die psychologische 
Lehre von der Einheit der seelischen Form, allerdings neben einer 
gesonderten forma corporeitatis gegenüberstand), so wird in dem- 
selben Zusammenhang auch die okkamistische Dreiheit der Formen 
im menschlichen Individuum bekämpft. Die Unterscheidung einer 
besonderen substantiellen ,,Form der Sinnlichkeit" neben der 
intellektiven Seele ist nicht nur aus den eben erörterten meta- 
physischen Gründen hinfällig, sondern erschwert auch die theolo- 



1 lib. sent. III, qu. 13, art. 1, concl. 2, Bl. 440, d. 

2 Metaphys. lib. VII, qu. 14 (Register nr. 62), art. 1, not. 3, Bl. 104, c 
(Darlegung der — ungenannten — skotistischen Lehre von der Stufenfolge 
der formalitates im Individuationsprozeß). — Ibid. art. 2: Widerlegung dieser 
Theorie. — De gen. et corr. I, qu. 6, art. 1: Non est ponenda pluralitas forma- 
rum substantialium subordinatarum secundum ordinem predicatorum quiddi- 
tativorum . . , quod in eodem composito tres essent formae vegitative [sc. nutritwa, 
augmentativa, generativa?] et sie due superfluerent . . . et due forme sensitive 
[sc. apprehensiva et motrix?] usf. ins Unendliche. Ähnlich metaphys. 1. c. art. 2, 
concl. 3. 



136 Gerhard Ritter: 

gische Erklärung der Auferstehung Christi 1 und ist darum als 
nnkatholisch zu verwerfen. Im Grunde liegt diese Antwort auf 
die berühmte Streitfrage in der Richtung der Prinzipien Okkams 
selber, der ja überall auf Vereinfachung der Begriffe drängte und 
eine „formelle" Unterscheidung nur da gelten lassen wollte, wo 
eine reale zugrunde liege 2 . Aber wie sich nun einmal die Lehre 
Okkams tatsächlich gestaltet hatte, ist die Verwerfung der realen 
und formalen Trennung von Geist und Sinnlichkeit durch Mar- 
silius nicht als Fortbildung dieser Lehre, sondern eher als Rück- 
kehr zu den älteren Traditionen aufzufassen 3 . Im übrigen ist auch 
an diesem Punkte die Übereinstimmung mit Gregor von Rimini 
zu konstatieren; ja der Gang der Erörterung legt die Vermutung- 
nahe, daß dessen Argumentation geradezu als Vorbild gedient hat 4 . 
Und ähnlich steht es mit der metaphysischen Beurteilung der 
Seelenvermögen in ihrem Verhältnis zur Seelensubstanz. Überein- 
stimmend mit Gregor = Augustin wie mit Okkam und Skotus 
verwirft Marsilius jede reale Unterscheidung zwischen dem Wesen 
der Seele und ihren Vermögen 5 ; in diesem Zusammenhang erinnert 
die Ausmalung der augustinischen Analogie zwischen der gött- 
lichen Trinität und der Dreiheit von Intellekt, Gedächtnis und 
Wille besonders lebhaft an Gregor 6 . 

Damit sei der Überblick über die metaphysischen Einzel- 
probleme abgeschlossen. Alles in allem hat uns ihr Studium be- 
stätigt, was die Betrachtung der erkenntnistheoretischen Grund- 
fragen vermuten ließ: Das Ganze dieser Metaphysik ist eine gerad- 

1 Metaphys. üb. VII, qu. 14, art. 2, concl. 2. Anima semitiva in Christo 
non fuil distincta a forma ratio nah ipsius . . . nee in ahis hominibus . . . quod 
( 'hristus fuit homo sicut alii homines. Christus der Auferstandene hatte Sinnes- 
eindrücke; wäre seine sinnliche Seele von der geistigen geschieden, also sterb- 
lich gewesen, so hätte sie nicht den Tod überdauert. 

- Vgl. Prantl III, 360. 

'■'■ Gegen Prantl IV, 95, not. 371. 

4 In II üb. seilt., dist. XVI, qu. 2, art. 1, ßl 76 v . Über verwandte 
Sätze Buridans vgl. Prantl, IV, 17: vgl. ferner Werner III, 143/4. 

5 lib seit. I, qu. 7, art. 3, Bl. 43 v l'f . Polemik gegen Thomas von 
Straßburg und Egidius. Die Identifizierung der „Vermögen" mit der Seele 
selbst sei die übliche Ansicht der Metaphysiker „de facultate artium" , die 
weniger stark durch theologische Motive (Dreiheit der göttlichen Personen 
analog der Dreiheit der Vermögen) bestimmt sind. 

6 ibid. art. 2, Bl. 42 v . Natürlich hat M. v. I. Mühe, die memoria 
trotz seiner „modernen" Psychologie als gleichwertiges „Vermögen" neben 
den beiden anderen zu rechtfertigen: sie gehört ja eigentlich zur „Sinnlich- 
keit". 



Studien zur Spätscholastik. I. 137 

linige Fortbildung der Traditionen, die der Aristotelismus der Hoch- 
scholastik geschaffen hatte. Von Kritik und Selbstauflösung ist 
wenig zu spüren. Im einzelnen hat sich die Begründung geändert, 
manches ist umgebogen - im wesentlichen ist die alte Fassade 
über den neuen Fundamenten erhalten geblieben. 

c) Theologie. 

Als Marsilius von Inghen sein metaphysisches Handbuch schrieb 
(um 1390), bestimmte er es in erster Linie für solche Artisten der 
jungen Hochschule, die sich auf das theologische Studium vor- 
bereiteten und denen ein kurzgefaßtes Lehrbuch noch fehlen mochte. 
Er selbst gehörte zu ihnen; und so hat er auch den Ertrag seiner 
theologischen Studien in jedem Stadium des Aufstieges zur Doktor- 
würde in schriftlichen Ausarbeitungen niedergelegt. 

Wir besitzen von ihm eine kommentierende Vorlesung über 
das Matthäusevangelium (Hs. nr. 80), während der Danielkommen- 
tar (Hs. nr. 81—82) verloren scheint; weit wichtiger ist das große 
gedruckte Sentenzenwerk (Druck nr. 15). Die Handschrift des 
Matthäuskommentars ist 1623 mit dem großen Raube aus 
Heidelberg nach Rom gewandert; ich habe den Anfang (Bl. 27 
bis 33) aus der vatikanischen Handschrift cod. Pal. lat. 142 photo- 
graphieren lassen; das Stück gibt eine deutliche Vorstellung von 
der Anlage des Ganzen. Es handelt sich um eine eigenhändige 
Niederschrift des Marsilius von Inghen, wie der Vergleich der 
Schriftzüge mit entsprechenden Stellen des ersten Heidelberger 
Matrikelbands zweifelsfrei erweist. Der Wechsel zwischen ein- 
und zweispaltiger Schreibweise und andere Unregelmäßigkeiten 
sprechen für die Annahme, daß uns nicht eine Abschrift, sondern 
eine erste Niederschrift vorliegt; zahlreiche Korrekturen und Zu- 
sätze am Rande, besonders mit Zitaten aus Kirchenvätern, zeigen 
die nachträglich bessernde Hand des Autors. Wir besitzen also 
hier vermutlich ein für die Bibelvorlesung bestimmtes Kollegheft 
oder jedenfalls eine Arbeit, die im Zu ammenhang der Vorlesungen 
entstanden ist. Denn die Art, wie hier die Erklärung Satz für Satz 
bezw. Wort für Wort der Vorlage bruchstückweise nachgeht, ent- 
spricht sehr genau dem, was wir über den Inhalt dieses Lehr- 
betriebs aus andern Quellen wissen. Der Gang der Erörterung ist 
zu rasch, als daß es sich um die große statarische Vorlesung eines 
theologischen Hauptprofessors handeln könnte, die nach den 
Heidelberger Statuten von 1469 z. B. für die 4 Evangelien nicht 



138 Gerhard Rittkr: 

weniger als 12 Jahre dauerte 1 , während die „kursorische" Bibel- 
lektüre des Bakkalars in jedem Jahre 80 Kapitel umfassen sollte. 
Danach hätten wir das Musterbeispiel einer theologischen Anfänger- 
vorlesung um 1393 vor uns. 

Einige einleitende questiuncule über Namen, Heilszweck und 
religiöse Autorität der Evangelien und über ihre Stellung im 
Rahmen der Heilsgeschichte scheinen selbständig aufgestellt und 
beantwortet; doch wird der Matthäuskommentar des Hieronymus 2 
und noch stärker Augustin benutzt. Es folgt eine Einzelerörterung 
(Literalkommentar) des pseudohieronymischen Prologs zu dem 
gewöhnlichen Vulgatatext, die sich im allgemeinen mit der ein- 
fachsten Wort- und Sinneserklärung begnügt; gelegentlich 3 scheint 
ein Stück der anseimischen Rechtfertigungslehre hindurch; nirgends 
aber erhebt sich die Erörterung über die Tradition hinaus, wie sie 
etwa das viel zitierte Muster des Nikolaus von Lyra bieten mochte. 
Auch in der anschließenden Erläuterung des eigentlichen Vulgata- 
textes findet sich (in dem mir bekannten Teil) nur Traditionelles 
vorgebracht; der Kommentar des Hieronymus wird auch hier 
stark benutzt; aber weit darüber hinaus hat sich eine große Menge 
historischer, „moralischer" und allegorischer Deutungen in der 
Überlieferung aufgehäuft, die nun mit einem deutlichen Geschick 
übersichtlicher Gliederung weitergegeben werden. Es ist für den 
Nichttheologen kaum möglich, aus alledem eine eigene Linien- 
führung oder wenigstens charakteristische Schulmeinungen heraus- 
zufinden. Die ängstliche Anlehnung an den Text der Vorlage ist 
hier verlassen. Eine Übersicht über die Gesamterzählung des 
Matthäus, sein Verhältnis zu den übrigen Evangelisten, die zu- 
sammenhängende Erörterung solcher Probleme wie: ,, Warum ist 
die Stammtafel Jesu von Bedeutung?" u. ä., auch kurze erbauliche 
Betrachtungen über die Heilstat Christi u. dgl. ergänzen den gründ- 
lichen Wort- und Sachkommentar. Jede Gelegenheit wird benutzt, 
um das kirchliche Dogma, z. B. das von der Inkarnation und der 
Doppelnatur des Erlösers, mit biblischen Gründen zu erhärten. 
Als Autoritäten erscheinen vorwiegend die schon genannten: 
Augustin, Hieronymus und Nikolaus von Lyra. Alles in allem wird 

1 U.B.l nr. 126. Heinrich von Langenstein schrieb über die ersten drei 
Kapitel der Genesis nicht weniger als 9 Bände! 

2 Migne, Patrologia f. 26, sp. 15ff. 

3 Bl. 28 v : Sicut t'ansfigendo litera obligationis destruitur, sie fixiva 
manuum ei peduum Christi ad crucem obligatio ad penain credentibus est ablata. 



Studien zur Spätscholastik. I. 139 

man urteilen dürfen, daß diese Vorlesung vollkommen und gründ- 
lich ihren Zweck erfüllte: den angehenden Theologen in den Zu- 
sammenhang der biblischen Texte und in die kirchliche Auffassung 
der Heilsgeschichte einzuführen. Für die theologische Partei- 
stellung des Marsilius von Inghen vermag ich ihr nichts zu ent- 
nehmen. 

Um so mehr Ergebnisse verspricht das Studium des großen 
(von uns bereits mehrfach zitierten) Sentenzenkommentars, 
einer höchst umfänglichen Leistung theologischer Gelehrsam- 
keit, wie sie innerhalb der Schule Okkams nicht ganz ge- 
wöhnlich war. Behandelt doch dieses Werk in seinen 2372 
eng und mit Abbreviaturen gedruckten Textspalten nicht nur 
alle die logischen, erkenntnistheoretischen, physikalischen und 
metaphysischen Probleme, die man zum ersten Buche des Lom- 
barden zu erörtern pflegte, sondern kaum weniger ausführlich den 
ganzen Umkreis der theologischen Fragen, den die drei letzten 
Bücher enthalten. Und das alles in der bereits geschilderten (S.73 ff.) 
vollkommen regelrechten Darstellungsmethode! Seitdem den spät- 
scholastischen Theologen der Stoff durch Einbeziehung der ent- 
legensten philosophischen Probleme so ungeheuerlich aufgeschwol- 
len war, kamen viele von ihnen nicht mehr über das erste oder die 
beiden ersten Bücher des Lombarden hinaus. Marsilius besaß die 
Zähigkeit, das Ganze in aller Umständlichkeit 1 zu verarbeiten. 

Wir betrachten daraus hier nur diejenigen Teile, in denen die 
grundsätzliche Stellungnahme unseres Autors zu den Leitmotiven 
der vorreformatorischen Theologie zum Ausdruck kommt. 

Da erhebt sich zunächst die Frage nach dem wissenschaft- 
lichen Charakter der Theologie. Das Vordringen des aristotelischen 
Wissenschaftsbegriffs hatte schon seit dem 13. Jahrhundert die 
naive Überzeugung der älteren Franziskanerschule von dem letzt- 
lich mystischen Charakter aller höheren Wahrheitserkenntnis, der 
die Theologie unbezweifelt als echte Wis enschaft erscheinen ließ, 
ins Wanken gebracht. Ist die Theologie aber keine eigentliche 
Wissenschaft, was ist sie dann ? Für Thomas gingen natürliche 
und Glaubenserkenntnis aufweite Strecken zusammen; so behielt 
die Theologie, indem sie die auch der natürlichen Vernunft zugäng- 
lichen Teile der Gotteslehre erörterte und den übervernünftigen 



1 Vgl. damit z. B. den Sentenzenkommentar P. d'Aülys, der nur eine 
beschränkte Auswahl von Quaestionen bearbeitet. 



140 Gerhard Ritter: 

Offenbarungsinhalt (der ja nirgends mit der ratio in direktem 
Gegensatz stehen sollte), erklärend und apologetisch bearbeitete, 
ein weites Feld wissenschaftlicher Tätigkeit. Auch dieser „fromme 
Rationalismus" 1 war im Grundsatz durch Skotus und vollends 
durch Okkam zerstört worden. Die Theologie ist keine Wissen- 
schaft im strengen Sinne mehr. Das erkennt auch Marsilius an. 
Das theologische Wissen geht ja nicht auf die beiden einzig gültigen 
Quellen der „natürlichen" Erkenntnis, Erfahrung und logische 
Evidenz, zurück, sondern auf geoffenbarte Wahrheiten: in erster 
Linie auf den Inhalt des biblischen Kanons, der im Glauben an- 
genommen wird; aus diesen obersten, ohne wissenschaftlichen 
„Beweis" gültigen Wahrheiten leitet die Theologie ihre Sätze in 
konkretem Schlußverfahren ab, ähnlich wie die kanonische Rechts- 
wissenschaft die ihrigen aus den Dekretalien 2 . Eine supranaturale 
Erkenntnis von Glaubenswahrheiten (etwa im Sinne Bonaventuras 
oder der Mystik), die als echtes „Wissen", nicht als „Glauben" 
anzusprechen wäre, lehnt unser Philosoph nicht ohne einen leichten 
Unterton von Ironie ausdrücklich ab 3 . Er vertritt durchaus den 
nüchternen, strengen Aristotelismus, wie er Gemeingut der „mo- 
dernen" Schule war; auch Gregor von Rimini argumentierte ganz 
ähnlich 1 . Aber Marsilius geht sogleich über diese negative Bestim- 
mung hinaus. Es gibt „sehr viele" Sätze, die zugleich philosophisch 
und theologisch wahr sind 3 . Die wichtigsten dieser Sätze sind die 
„natürlichen" Urteile über Gotte , Dasein und Wesen. Von ihnen 
n. a. m. kann man zuerst eine wissenschaftliche und danach eine 
Glaubenserkenntnis haben. Damit wird das Verdienst des Glaubens 
durchaus nicht geschmälert; denn das Verdienstliche am Glauben 
ist nicht die Erkenntnis, sondern der Glaubenswille, der durch die 
Einsicht nicht geschwächt, sondern eher gestärkt wird 6 . Wir 

1 Seeberg, Dogmengesch. IIP, 354. 

2 üb. sent. I, qu. 2, art. 2, not. 2, Bl. 11 : art. 3 SCiendum 3, Bl. 12, a; 
ibid. concl. 9, Bl. 18 v ; vgl. auch oben p. 66 

3 ibid. art. 3, contra concl. 7 — 8, Bl. 18: De articulis fidei non habetur 
a viatoribus communiter, sive sint doctores, sive devoll viri, illiquid lumen nisi 
fidei . . . Signum enim sapientis est posse dicere; modo non est inventus, qui 
posiet doctrina sua wliculos fidei facere intellectos evidenter, nisi solum creditos. 

* In lib. sent. I. prob, qu. 1. art. 4, concl. 1 — 2. 

5 lib. sent. I, qu. 2, art. 3, supp. 2. 

6 1. c. art. 3, prop. I, Bl. 13, d: Fidelis fide meretur volendo credere, 
que voluntas non aufertur per medium scieniificum, sed forte roboralur. Eine 
Annäherung an den reformatorischen Glaubensbegriff liegt in dieser Wen- 



Studien zur Spätscholastik. I. 141 

kennen bereits diese Wendung der Argumentation. Sie enthält 
nichts Geringeres als die grundsätzliche Abkehr von der kritischen 
Handhabung der Erkenntnislehre durch Okkam. Glauben und 
Wissen sind trotz allem keine Gegensätze. Doch gibt es freilich 
zahlreiche Glaubenswahrheiten, die von keiner Wissenschaft „er- 
reicht" werden 1 : so die Trinität Gottes, die Schöpfung aus dem 
Nichts, die Inkarnation und Auferstehung Christi u. a. m. Um sie 
zu begreifen, muß zuvor der Glaube die christliche Offenbarung 
annehmen, und Marsilius verwendet viel Fleiß und Scharfsinn auf 
den Nachweis, daß diese Dogmen der außerchristlichen Welt nie- 
mals erreichbar sind und waren 2 . Der Christ kann aber dieses 
Ziel erreichen, ohne im mindesten gelehrt zu sein; kann doch ein 
einfaches Weib an solcher Glaubenserkenntnis einen reicheren 
Schatz für ihr Leben besitzen, als alle Philosophen zusammen an 
ihrer „natürlichen" Wissenschaft 3 . So steht der Glaube immer 
höher als das theologische Wissen, und schon darum kann die 
Theologie „als solche" (ipsa ut sie), d. h. abgesehen von ihren 
auch der Metaphysik zugänglichen Teilen, nicht als Wissenschaft 
gelten 4 . Darum fehlt es ihr aber doch nicht an wissenschaftlichen 
Aufgaben. Zunächst gilt es die verschiedenen Sätze der hl. Schrift 
gegenseitig sich erklären zu lassen, richtig zu interpretieren und 
gegen ketzerische Meinungen apologetisch zu verwenden 5 ; daraus 

düng natürlich nicht vor; überhaupt spielt der Wille im (ilaubensvorgang 
sonst keine erkennbare Rolle, wie sich unten zeigen wird. 

1 1. c. prop. 2, Bl. 14: De multis est fides, ad quae scientia proprie dieta 
nullo modo pertingit, immo ad quae. humana investlgatio in puro lu/nine naturali 
non potest pervenire. Das hindert aber nicht den Versuch, diese Sätze durch 
logische Untersuchung der Vernunft zugänglich zu machen. M. v. I. versucht 
dies z. B. für die Trinität mit Mitteln terministischer Logik, 1. sent. I, qu. 8, 
Bl. 46, c: die Logik des Aristoteles soll danach mit der Trinitätslehre vereinbar 
sein, tlber die Art des Beweises vgl. Prantl IV 99, no. 394/5, p. 94, no. 308. 

2 Bl. 14b — 17a. Die interessanten Ausführungen zeigen eine auffallende 
Kenntnis nich' nur der seh lastischen, sondern auch der antiken und orien- 

alischen Literatur. Zitiert werden u. a. auch Plato, Ovid, Macrobius (som- 
nium Scipionis), Hermes Trismegistus, Hau Habenrail (? — glossa quadri- 
partiti Plolemaei), Rieh, von St. Viktor. Vgl. den Bibliothekskatalog des 
M. v. L, Toepke I, 6781t. 

3 Bl. 14, b, corell. 3. 

4 1. c. art. 3, concl. 7, Bl. 17 v ; Auswahl der Lehrmeinungen von Thomas 
v. Aquino und von Straßburg, Skotus, Durandus Porretanus, Petrus von Taren - 
tasia, Egidius Romanus, Petrus von Alumnia, Aureolus. ibid. Bl. 17. 

5 1. c. co. 3, Bl. 17. 



142 Gerhard Ritter: 

ergibt sich eine systematische Kombination der Glaubenswahr- 
heiten (Dogmatik), wie sie dem gläubigen Laien denn doch fehlt. 
Weiterhin lassen sich aus den offenbarten Prinzipien durch regel- 
rechte Syllogistik Schlüsse ziehen, die in der Offenbarung selbst 
nicht enthalten sind, z. B. daß die „Materie" im philosophischen 
Sinne durch das Wort Gottes geschaffen ist. Das sind „extensive" 
Erweiterungen der Offenbarung, wenn sie auch gewiß keine Stei- 
gerung der Glaubensgewißheit bedeuten 1 . Aber noch eine Unter- 
scheidung (sie stammte von Duns Skotus) 2 beleuchtet die wissen- 
schaftliche Bedeutung der Theologie: diese läßt nämlich erkennen, 
welche Glaubensartikel „notwendig", d. h. in Gottes Wesen be- 
gründet sind (wie die Trinität, die Jungfrauengeburt u. a.), und 
welche andern als , Kontingente" Wahrheiten von Gottes freiem 
Willen abhängen (wie das jüngste Gericht); es ist klar, daß jene 
sich besser eignen, der Theologie wissenschaftlichen Charakter zu 
verleihen, als diese 3 . Ist dieser Charakter auch nach allem Voraus- 
gegangenen wesentlich supranatural, so befähigt er doch gerade 
vermöge seiner Erhabenheit die Theologie dazu, alle andern Wissen- 
schaften, ihre Dienerinnen, zu ergänzen — gleichsam dem wissen- 
schaftlichen Weltbild den krönenden Abschluß zu geben. Doch 
sind ihre Prinzipien streng von denen der Metaphysik zu scheiden: 
nicht das Sein schlechthin, sondern Gottes Dasein ist die oberste 
ihrer Prämissen; Gott als höchstes Gut die zweite; die Wahrheit 
des ganzen Inhalts der göttlichen Offenbarung, die Aufzeichnung 
dieser Offenbarung im Kanon der Schrift und den Glaubensartikeln 
sind die weiteren Vordersätze des theologischen Schlußverfahrens. 
In ihrer Ordnung, Verarbeitung und Verteidigung besteht das 
Wesen der Theologie 4 . 

Es ist nicht schwer zu erkennen, daß diese Ausführungen in 
ihrer Gesamtheit eine Mischung von Elementen verschiedenartiger 
Herkunft darstellen, wie sie ungefähr der communis opinio der nach- 
thomistischen Scholastik entsprechen mochte. Von Okkam unter- 
scheiden sie sich, abgesehen von dem Festhalten an einem Rudi- 
mente „natürlicher Theologie", mehr in der Gesamthaltung als in 
den einzelnen Sätzen. Kirchlicher Positivismus, aristotelischer 
Wissenschaftsbegriff, Betonung der biblischen Autorität und eine 
gewisse rationalisierende Tendenz der Dogmatik finden sich auch 
bei Okkam. Aber die letzte Absicht ist dort, das theologische Wissen 

1 ibid. concl. 4 u. 6. - Seeberg, Duns Skotus 133. 

3 lib. sent. I. c. conü. 8, Bl. 18. 4 1. c. art. 3 finis, Bl. 18 v —19. 



Studien zur Spätscholastik. I. 143 

möglichst scharf vom natürlichen zu trennen und auf eigene Funda- 
mente zu stellen. Marsilius entzieht sich dieser Zeitströmung nicht. 
Aber er sucht auch hier wieder einen möglichst harmonischen Aus- 
gleich zwischen Glauben und Wissen. Ihm fehlt der kritische 
Grundtrieb des okkamistischen Denkens. 

So schließt er sich denn auch in der Antwort auf die Frage: 
ob die Theologie als eine praktische oder spekulative Disziplin zu 
betrachten sei, gegen alle Überlieferung der neueren Theologie 
ausdrücklich an Thomas von Aquino an. Die theologische Entwick- 
lung drängte mit Macht auf eine innere Loslösung der Theologie 
von der metaphysischen Spekulation. Die großen englischen Theo- 
logen, Duns und Okkam, hatten ihre Aufgabe als eine wesentlich 
praktische bestimmt, wenn auch Okkam daneben (stärker als Duns) 
die Bedeutung einer vom wissenschaftlichen Denken getrennten 
bzw. ihm entgegengesetzten religiösen Erkenntnis betont hatte. 
Zweifellos kam diese veränderte Zielsetzung einem praktischen 
religiösen Bedürfnis entgegen. Auch Gregor von Rimini, in dem 
diese innerlichen Motive offenbar besonders lebendig waren, erklärte 
die Theologie für eine wesentlich praktische Disziplin 1 . Daneben 
zeigt aber die große Erscheinung der deutschen Mystik mitsamt 
allen ihren Mitläufern, daß (auf deutschem Boden jedenfalls) die 
neuen religiösen Triebkräfte auch gerade in einer verstärkten Speku- 
lation, in einer wesentlich kontemplativen Haltung Befriedigung 
finden konnten; nur daß freilich diese mystische Spekulation 
gegenüber der älteren scholastisch-aristotelischen (unbeschadet 
ihrer Abstammung von Thomas) durch Vereinfachung, platoni- 
sierende Umgestaltung und Konzentration auf die innerlichsten 
religiösen Probleme an Kraft und Lebendigkeit ungemein viel 
gewonnen hatte. Die Stellung des Marsilius innerhalb dieser 
großen Gegensätze der Zeit zu bestimmen, ist nicht leicht. Von 
aller Mystik hält ihn die nüchterne, antiplatonische Tendenz seines 
wissenschaftlichen Denkens weit entfernt; auch die Hyposta- 
sierung der urbildlichen „Ideen" als Realitäten im Geiste Gottes 
(s. o. S. 130) war ja nicht im Sinne neuplatonischer Tendenzen, 
sondern ausschließlich im Anschluß an Thomas und Augustin 
gedacht. Thomistisch ist auch seine Begründung für den Satz, 
das oberste Ziel sei die Erkenntnis Gottes, nicht die praktische 
Anleitung des Menschen zur Seligkeit; die Theologie hat freilich 



In I. üb. sent., prol. qu. 5, a. 4, Bl. 23 v der zitierten Ausgabe. 



144 Gerhard Ritter: 

auch praktische Aufgaben, aber sie sind den theoretischen unter- 
geordnet 1 . Marsilius ist sich bewußt, damit im Widerspruch zu der 
gesamten „modernen" Tradition zu stehen 2 , und so ist man zu- 
nächst geneigt, eine einfache Reaktion im Sinne des älteren Aristo- 
telismus anzunehmen. Doch liegt die Gefahr eines Mißverständ- 
nisse? sehr nahe. Wir werden nämlich später sehen, daß unser 
Theologe den wertvollsten Fortschritt der skotistischen Theologie 
über den Intellektualismus des Thomas hinaus, die energische 
Betonung des affektiven Charakters der religiösen Erkenntnis und 
des religiösen Lebens überhaupt, den metaphysischen Primat des 
Willens über den Intellekt, mit Kraft und Erfolg aufgenommen hat. 
Hier dagegen ist nicht von dem letzten Ziel des religiösen Erkennens, 
sondern von dem wissenschaftlichen Charakter des theologischen 
Denkens die Rede 3 , und es fragt sich, ob Marsilius im Sinne Okkams 
bereit ist, auf die Möglichkeit gesicherter, wissenschaftlicher, d. h. 
metaphysischer Betrachtungen über den Inhalt des durch einen 
religiösen Erkenntnisakt (den Glauben) erfaßten Vorstellungs- 
kreises zu verzichten. Wird das Problem so gefaßt, dann kann die 
Antwort nicht zweifelhaft sein! Der Metaphysiker Marsilius wird 
es gar nicht lassen können, über Gott und die göttlichen Dinge auch 
als Christ eine logisch begründete, d. h. eben theologische Er- 
kenntnis zu suchen. 

Diese höchst interessante Überwindung der die Zeit bewegen- 
den Gegensätze begreift sich am einfachsten durch die Annahme 
einer unmittelbaren Abhängigkeit von Augustin. Das darf jetzt 
schon ausgesprochen werden, obgleich erst der weitere Verlauf 
unserer Untersuchung diese Annahme bestätigen muß. Der Name 
Augustins ist das Panier, unter dem beide Parteien fechten: die 
Vorkämpfer des W'illensprimats, wie die Theologen der kontem- 
plativen Gottesbetrachtung. Es sind die inneren Widersprüche der 
augustinischen L°hre selbst, die in ihrem Streite ausgetragen wer- 
den: die starke Betonung der Willensseite des menschlichen Seelen- 
lebens hatte den großen Kirchenlehrer doch nicht gehindert, als 

1 üb. sent. I, qu. 3, a. 5, Bl. 27, c. " 1. c. a. 1, Bl. 21, d. 

'■' Nur in diesem Zusammenhang darf die Stelle gewertet werden: Düectio 
Dei non est praxis sive actio . . . sed pars vite contemplative (1. c. art. 5, CO. 5, 
Bl. 26, b), nämlich als Beweis gegen die Notwendigkeit, der Theologie den 
theoretischen Charakter abzusprechen. Andernfalls entstünde ein Wider- 
spruch gegen 1. II, qu. 22, a. 2, bes. solche Stellen wie: Düectio [dei] est actus 
foluntatis. (Bl. 338, a, i. f.) 



Studien zur Spätscholastik. I. 145 

das letzte Ziel des Christen die kontemplative Versenkung in Gottes 
Wesen hinzustellen und das menschliche Erkennen mit der Gottes- 
erkenntnis in einer tiefsinnig ausgedachten Einheit zu verknüpfen. 
Aus dieser traditionell gewordenen Gedankenmasse betonte die 
Schule Okkams vorwiegend das praktische Moment zum Schaden 
des theoretischen, während der Thomismus unter dem Einfluß des 
Aristoteles eher der umgekehrten Einseitigkeit verfiel. Den Mar- 
silius sehen wir beiden Motiven der Tradition in seiner Weise 
gerecht werden. Die Theologie soll es mit vorwiegend spekulativen 
Aufgaben zu tun haben; aber das hindert ihn nicht, der Tätigkeit 
des Willens im Bereich des religiösen Lebens prinzipiell den Vorzug 
einzuräumen. So bleibt er trotz seiner spekulativen Neigungen 
innerhalb der Linie der großen kirchlich theologischen Entwick- 
lung, die von der Scholastik zur Reformation hinüberführt. Denn 
im Zeichen Augustins begann auch der Umbau des kirchlichen 
Gedankensystems, der die Anfänge Luthers bezeichnet, während 
die Mystik von Anfang an mehr oder weniger ein Sonderleben inner - 
und außerhalb der Kirche geführt hat. 

Wenn denn aber nach alledem die Theologie der Metaphysik 
so nahe verwandt sein soll, worin besteht dann noch der Unter- 
schied der beiden Disziplinen ? Darin, daß jene Gott nur insofern 
zum Gegenstand hat, als er das Ziel unseres Heilsstrebens ist, die 
Metaphysik dagegen denselben Gott in seiner absoluten Bedeutung 
als causa prima und independentes Sein. In seiner ganzen Fülle 
erfaßt auch die irdische Theologie den Gottesbegriff mit nichten; 
das ist erst der Theologie der Seligen möglich. Wir müssen uns 
genügen lassen, das für unser Heil von Gott Wissenswerte in der 
Offenbarung zu empfangen 1 . Eine ähnliche Unterscheidung hatte 
schon Duns Skotus aufgestellt 2 ; aber Marsilius selbst zitiert diesen 
Vorgänger in anderem Sinne 3 , und die ganz und gar intellektua- 
listische Fassung seines Glaubensbegriffes zeigt sogleich 
wieder eine stärkere Abweichung. 

Hier ist jede Erinnerung an das lebendige Ergreifen der gött- 
lichen Wirklichkeit, wie es als Erbstück der Franziskaner sich bei 
Duns Skotus, wenn auch stark abgewandelt, noch erhalten hatte, 



1 lib. sent. I, qu. 2, art. 5, prop. 2 — 3, Bl. 20. Hie terminus deus nequil 
esse subiectum [theologie] sub sua ratione essentiali et absoluta et de theologia 
nostra. — Deus est subiectum s. theologie, inquantum est finis vite viatoris fide 
formata attingibilis. Ferner ibid. no. 6. 

2 Vgl. Seebkrg, Duns Skotus 126. 3 1. c. no. 4, opin. 6. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl 1921. 4. Abb.. 10 



146 Gerhard Ritter: 

durch die kirchlich sakramentale Überlieferung erstickt. Zugleich 
aber steht an diesem Punkte tatsächlich die im Innersten irreligiöse, 
rein weltliche Erkenntnislehre der „Modernen" dem Verständnis 
des religiösen Erlebnisses im Wege. Nicht Gottes Wirklichkeit, 
sondern nur der „vertretende Terminus Gott" ist Gegenstand der 
Glaubenserkenntnis 1 . Die von unserm Philosophen so liebevoll 
gepflegte Distinktion zwischen dem unmittelbaren, entfernten und 
entferntesten Gegenstand des Wissens (s. o. S. 63) spukt auch in 
diese Dinge hinein. Und das Mißverständnis wird auch dadurch 
nicht viel gebessert, daß Marsilius zugibt, der „eingegossene Glaube" 
gehe unmittelbar von Gott als der prima veritas selber aus, sodaß 

— umgekehrt wie im natürlichen Erkennen — die Genesis der 
Glaubenserkenntnis mit dem „entferntesten Gegenstand" des 
Wissens anhebt 2 . Der „eingegossene Glaube" bedeutet ja selber 
nicht die lebendige Erfahrung einer Realität, sondern nur die über- 
natürlich gewirkte Zuneigung des Verstandes zu gewissen obersten 
theologischen Lehrsätzen, über Gottes Dasein, seine Eigenschaft 
als höchstes Gut und die unfehlbare Richtigkeit seiner Offenbarung 

— zu jenen Sätzen also, die wir bereits als die „Prinzipien" des 
theologischen Schlußverfahrens kennen (s. o. S. 1 42) a . Und zwischen 
den Gläubigen und seinen Gott hat sich das kirchliche Sakrament 
mit einer physisch gedachten Wunderkraft eingeschoben: im Sakra- 
ment erfolgt jene unbegreifliche Hinwendung des Verstandes zur 
Wahrheitserkenntnis, die es bewirkt, daß der kleine Täufling, so- 
bald er den Gebrauch seiner geistigen Fähigkeiten erlangt, ohne 
weiteres den ihm vorgehaltenen Glaubensartikeln zustimmt 4 . Das 
Mirakel und die Verstandestätigkeit sind an die Stelle getreten, 
die das erschütterndste und tiefste menschliche Erleben umschrei- 
ben sollte! Der Urvorgang der Gotteserfahrung hat sich in diesem 
Stadium der theologischen Überlieferung allmählich zu beängstigend 
blassen Formeln verflüchtigt. 

Immerhin steckt hinter der fides infusa ursprünglich eine echte 
religiöse Idee: der Erdenpilger erfährt die Wahrheit der göttlichen 



1 üb. sent. I, qu. 2, art. 5, concl. 1, corell. 3, Bl. 19 v . 

2 lib. III, qu. 14, art. 2, no. 3, BI. 453: Fides infusa immediate et sine 
medio est a veritale prima. 

3 ibid. art. 2, nota 2, Bl. 453: Fides infusa fidelem inclinat. ut assentiat 
proposilionibus credendis, ut huic: Deus est trinus et unus usw. — Ausführlicher: 
art. 1, pars 3, concl. 1, Bl. 449. 

4 ibid. art. 1, pars 3, concl. 1, prob. 3, Bl. 449. 



Studien zur Spätscholastik. I. 147 

Offenbarimg nicht aus eigener Kraft, sondern nimmt sie als ein 
Geschenk von oben entgegen. Die Unzulänglichkeit des mensch- 
lichen Vermögens kommt kräftig zum Ausdruck. Der Intellek- 
tualismus der durch Thomas inaugurierten Theologie war Schuld, 
wenn der Vorgang der Eingießung in zunehmendem Maße von den 
affektiven menschlichen Seelenkräften abgetrennt und auf den 
Verstand beschränkt wurde. Man begreift, daß der „fromme Ratio- 
nalismus" des Thomas auf die supranaturale Ergänzung der natür- 
lichen Erkenntnis stärkeres Gewicht legte, als auf die Mitwirkung 
des Willens bei diesem Vorgang; daß aber auch Duns Skotus und 
Okkam, denen die Superiorität des Willens über den Verstand so 
sicher feststand, derselben Einseitigkeit verfielen, zeigt deutlicher 
als irgend etwas anderes, wie stark diese Theolpgie trotz ihrer 
kritischen Haltung innerlich noch immer an die scholastische Ver- 
mischung von Glauben und Wissen gebunden war. Auch Okkam 
dachte nicht an eine Trennung der beiden Gebiete im Sinne der 
doppelten W T ahrheit oder gar der theoretischen und praktischen 
Vernunft: die religiöse Erkenntnis hatte ihre Quelle außerhalb 
des natürlichen Intellekts; aber darum verzichtete sie so wenig 
auf verstandesmäßiges Wissen, daß ihre ratio vielmehr die natür- 
liche Vernunft ohne weiteres verschlingen konnte. 

Nun ist freilich der eingegossene Glaube in seiner vollkommen- 
sten Gestalt, als fides formata, stets mit einer supranaturalen Ge- 
staltung des Willens, der charilas infusa, verbunden 1 . Diese ist in 
„attributivem Sinne" seine Form; zwar nicht so, wie etwa die 
Seele dem Körper als ihrem Subjekt inhäriert, aber doch im Sinne 
einer "gewissen inneren Zusammengehörigkeit; der rechte Glaube 
ist ohne charitative Werke ebensowenig denkbar, wie ohne dilectio 
dei 2 . Aber im Grunde bleibt dieses Nebeneinander doch recht 
äußerlich. Das zeigt sogleich die (herkömmliche) Unterscheidung 
der fides finfusaj informis von der fides formata. Ein Gläubiger 
kann z. B. in Todsünde fallen, und dadurch die charitas verlieren, 
darum behält er doch den „eingegossenen Glauben" als fides 
informis, d. h. seine richtige religiöse Erkenntnis wird dadurch 
nicht geändert 3 ; diese besitzt sogar ein gewisses, wenn auch nicht 
zureichendes Verdienst 4 . Man sieht: der Gedanke, daß die Sünde 



1 ibid. art. 1, pars 2, concl. 3. 

2 ibid. art. 1, pars 3, dubium 2, concl. 1 — 2, Bl. 450 v . — lib. I, qu. 3. 
art. 5, concl. 5, prob. 4, Bl. 26 v . 

3 ibid art. 1, pars 1, not. 2; pars 3. dub. 3, concl. 1, Bl. 451. 

4 ibid. art. 1, pars 2, concl. 2. 

in* 



148 Gerhard Ritter: 

das persönliche, im Glaubensakt begründete Verhältnis des Sünders 
zu Gott zerstört, kommt innerhalb dieser Gedankenreihe gar nicht 
in Frage. 

Ihre besondere historisch wirksame Gestalt erhält diese Lehre 
von der fides infusa bei Okkam durch die starke Betonung der 
positiven Offenbarung als Inhalt der Glaubenserkenntnis. Der 
Glaube verwirklicht sich immer nur in der Zustimmung zu den 
einzelnen Glaubensartikeln, den mannigfaltigen Lehrsätzen der 
biblischen und kirchlichen Überlieferung. Die Summe dieser assen- 
sus macht den Inhalt der fides aquisita aus. Eine verbindende Ein- 
heit oberhalb dieser einzelnen Akte verstandesmäßiger Zustim- 
mungen — eine religiöse Lebensentscheidung also — wollte Okkam 
nicht auf Grund der Erfahrung, sondern nur mit Rücksicht auf die 
kirchliche Lehre annehmen. Die fides infusa soll diese Einheit 
darstellen: sie ist im wesentlichen nichts anderes als die allgemeine 
Überzeugung von der Wahrheit der Offenbarung, verleiht aber als 
solche den einzelnen Akten des assensus erst den Charakter als 
Glauben. Die fides aquisita entsteht in dem Menschen auf natürliche 
psychologische Weise durch einfaches Vertrauen auf die Glaub- 
würdigkeit der biblischen Schriftsteller, und es bezeichnet die 
nominalistische Grundstellung Okkams ebensowohl wie die eigen- 
tümliche Enge und Nüchternheit seines Glaubensbegriffes, daß er 
diese Art von Glauben für allein beweisbar, d. h. mit natürlichen 
Mitteln erfahrbar hält; die psychologische Tatsache einer fides 
infusa betrachtet er als übervernünftig. In der Tat: wenn der 
Nachdruck der theologischen Betrachtung auf diese natürliche 
psychologische Vermittlung der Glaubenserkenntnis in der gut- 
willigen Hinnahme der kirchlichen Lehrartikel gelegt wurde, so 
mußte ein ganz unspekulativer Positivismus des religiösen Denkens 
die Folge sein. ,, Nicht Gott, sondern die Bibel ist für Okkam das 
direkte Objekt des religiösen Glaubens 1 ." Es gilt als ein historisch 
besonders bedeutsames Kennzeichen der „modernen" Schul- 
theologie, daß sie den Offenbarungsglauben nicht auf Vernunft 
und nicht auf intuitive Schau, sondern auf die Bibel begründet 
hat. In der lutherischen Dogmatik, sagt man, sei noch die 
Wirkung davon zu spüren. 

Um so interessanter ist die Abweichung des Marsilius von 
dieser Lehre. Sie bestätigt durchaus unsere bisherigen Eindrücke. 



1 Seeberg, Dogmengeschichte IIP, 620. 



Studien zur Spätscholastik. I. 149 

Wir hörten schon seine abweichende Definition der Erkenntnis, die 
der ,, eingegossene Glaube" bewirkt: in erster Linie stand nicht 
einfach die Wahrheit des Offenbarungsinhaltes, sondern da fanden 
wir jene allgemeinsten Sätze über Gottes Dasein und Wesen, mit 
denen die theologische Spekulation anhebt. Wichtiger ist seine 
völlig veränderte Auffassung der fides aquisita. Sie besitzt nicht 
die geringste Selbständigkeit neben der eingegossenen Erkenntnis. 
Eine natürliche Zustimmung zu den Glaubensartikeln einfach auf 
Grund des Zutrauens zur biblischen oder kirchlichen Autorität 
scheint unser Aristoteliker gar nicht zu kennen; jedenfalls legt er 
nicht den geringsten Wert darauf 1 . W 7 as er fides aquisita im theolo- 
gischen Sinne nennt, ist einfach die weitere Ausdeutung der in der 
fides infusa begriffenen obersten Wahrheiten, im Sinne des theolo- 
gischen Schlußverfahrens oder auch der praktischen religiösen 
Einzelerfahrung, und er legt besonderen Wert auf den Nachweis, 
daß die Vielheit der auf diesem Wege entstehenden religiösen 
Einzelurteile keinerlei Selbständigkeit besitzt 2 . Es gibt in dem 
Gläubigen nur einen Glauben, begründet durch das wunderbare 
Erlebnis der Eingießung. Gott selbst ist sein Urheber. Er ver- 
leiht in diesem einen Akte die ganze Fülle der Wahrheit. Wohl 
kann (nicht muß!) sie der Gläubige nachträglich im einzelnen ent- 
wickeln, und insofern erwirbt er sich seinen Glauben 3 . Aber das 
hebt die innere Einheit der religiösen Gedankenwelt mitnichten 
auf. Was den Inhalt von Offenbarung und kirchlicher Lehr- 
tradition ausmacht, sind nur Teilwahrheiten der einen Erkenntnis 
des Glaubens von Gott und den göttlichen Dingen. Es ist dasselbe 
Verhältnis wie zwischen den Leitsätzen der Metaphysik und ihren 
einzelnen Konklusionen 4 . Jeder Einzelsatz, dessen Ableitung dem 



1 lib. sent. III, qu. 14, art. 1, not. 2: Es soll nur von fides infusa die 
Rede sein, quod non est nobis magna vis de aliis, nisi quod propter equivocat ionein 
vilandam ponitur distinctio. Als Beispiel der ,,credulitas ex auctoritate" erscheint 
ein Satz der Naturerkenntnis: credo quod lumen movetur in excentrieo usw., 
nicht ein religiöser Satz. 

2 1. c. art. 1, pars 3 ; dub. 1, Bl. 449-450. 

3 ibid. concl. 3: Fides acquisita polest in anima fideli esse multiplices 
habitus in specie iuxta multiplicitatem processuum deducentium sibi articulos 
diversos credendos. 

4 ibid. concl. 1, prob. 6, concl. 2, prob. 1: Sicut est de diversis proposi- 
tionibus scibilibus sub eodem universali contentis cognitis per processus scienti- 
ficos, ita polest esse de diversis propositionibus credibilibus cognitis per diversos 
Processus fidei. 



150 Gerhard Ritter: 

Erkennenden einmal bewiesen ist, hinterläßt in der Seele ein 
gewisses bleibendes Wissen; durch die Summe solcher bleibender 
Kenntnisse wird die fides aqiüsita zum habitus aquisitus 1 . Der 
Glaubensirrtum beruht genau wie der Irrtum des Denkens auf 
Fehlern des Schlußverfahrens zwischen Prämissen und Konklu- 
sionen 2 , und wie die Logik (so wird man diesen Gedanken fort- 
spinnen dürfen) die Richtigkeit des wissenschaftlichen Denkens 
überwacht, so die Theologie die Korrektheit der Glaubenserkenntnis. 
Im Hinblick auf ihren ,, inkomplexen" Gegenstand, auf Gott, kann 
die Glaubenserkenntnis gar nicht irren; darin ist sie nicht nur 
unendlich viel reicher, sondern auch sicherer als das „natürliche" 
metaphysische Erkennen. Zwar ist zuzugeben, daß die wissen- 
schaftliche Spekulation auf ihrem ihr eigenen Gebiete dem Wesen 
des Verstandes mehr entspricht und insofern in ihren Grenzen eine 
höhere Sicherheit besitzt, als die Glaubensmeinung; aber praktisch 
ist dieser Gedanke bedeutungslos, da ja im Konfliktsfall der Glaube 
stets die „höhere" Erkenntnis darstellt 3 . 

Von hier aus läßt sich das Verhältnis der beiden Theologen 
Okkam und Marsilius gut übersehen. Was die charakteristische 
Eigenart des Engländers ausmacht: die opportunistische Anpas- 
sung an den positiven Inhalt der Kirchenlehre, der Verzicht auf 
Systembildung in Glaubensdingen, der Unterton von Skepsis gegen- 
über der Tragweite des theologisch-metaphysischen Denkens - 
das gerade unterscheidet ihn von dem Deutschen. Bei dem ist die 
viel straffere und zuversichtlichere Art der älteren Theologen noch 
lebendig. Welche ungemein bedeutsame Stelle behauptet für ihn 
die Theologie innerhalb des religiösen Lebens! In der Tat: das 
Gewand der neuen Erkenntnislehre läßt auch hier wieder den 
Thomismus durchscheinen. Und auch die historisch so wirksame 
Betonung der biblischen Autorität als der letztlich allein zu- 
verlässigen Quelle der Glaubenserkenntnis suchen wir bei Marsilius 
vergebens: für seine Denkart war in erster Linie nicht so sehr der 
Buchstabe der Offenbarung, als der systematische Zusammenhang 
des theologischen Gedankengebäudes als kritischer Maßstab wichtig. 
Es hat darum historisch ebensowenig Bedeutung, wenn er gelegent- 



1 ibid. concl. 2. 

2 1. c. concl. 3 ad arg. opp. 3, Bl. 450, a: Errores acquisiti . . . non pro- 
cessu fidei acquiruntur, [sed] eo, quod syllogismi, quibus acquiruntur, peceant in 
maleria vel in forma, cum conclusio eorum sit falsa. 

2 1. c. art. 3, dub. 4. concl. 2 u. 4, Bl. 452; art. 2, Bl. 453 ff. 



Studien zur Spätscholastik. I. 151 

lieh die biblische Autorität in den Vordergrund stellt, als wenn er 
daneben mit Selbstverständlichkeit die ganze kirchliche Über- 
lieferung bis zu den Heiligenleben, Konzilsbeschlüssen und Dekre- 
talien als Glaubensobjekte betrachtet und die Unterwerfung des 
Gläubigen unter die kanonische Meinung der Kirche gar nicht oft 
genug fordern kann 1 . Diese ängstliche Kirchlichkeit ist allen theolo- 
gischen Richtungen der Zeit mehr oder weniger gemeinsam. Okkam 
selbst und seine getreuesten Schüler verwandten nur gelegentlich 
die biblische Autorität zur Kritik der Kirche, und grundsätzlich 
nicht in Glaubensdingen. Noch ist der Subjektivismus des sich 
vom Herkommen emanzipierenden Denkens nicht bis in die inner- 
sten Heiligtümer der Kirche vorgedrungen. Wenigstens nicht auf 
den Lehrstühlen der Universitäten. 

Psychologischer Exkurs: Die Willenslehre. 

Bis zu diesem Punkte erscheint die Theologie des Marsilius 
von Inghen wesentlich durch spekulative Motive bestimmt. Der 
aristotelische Intellektualismus treibt zu einer ähnlichen Lösung 
der methodologischen Probleme, wie schon bei Thomas. Die Ant- 
wort auf die Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen, 
die Bestimmung der enzyklopädischen Stellung und der speziellen 
Aufgaben des theologischen Wissens, die Definition des Glaubens 
- alles das weist mehr auf eine rationale als auf eine praktische 
Ausdeutung der religiösen Lebensinhalte hin. Wenn die unspeku- 
lative Theologie Okkams (und ähnlich schon die des Duns) in 
ihren letzten Bestimmungen von der Irrationalität des ethisch- 
religiösen Gutes, von der reinen Kontingenz des göttlichen Willens 
ausging, so könnte man von Marsilius eher erwarten, er werde die 
rationale Begründung der ethischen Norm, die perseitas boni und 
eine durchgehende Bestimmung des göttlichen Willens durch die 
höchste Vernunft verfechten. 

Indessen je mehr wir uns den ethisch-religiösen Kernsätzen 
der Theologie, der Lehre von Gnade und Erlösung -nähern, um so 



1 üb. sent. I, qu. 2, art. 2, ad. 3. not., Bl. 11, d. — Ergänzend sei hier 
angefügt, daß die Lehre des M. v. I. von der fides explicita et implicita (lib. 
sent. III, qu. 14, art. 3, co. 1 — 5, Bl. 455/6) im ganzen etwa thomistische Züge 
trägt, aber nichts ungewöhnliches bietet. Interessant sind in diesem Zusammen- 
hang Sätze wie der auf Bl. 453 v , daß man den einfachen Laien gegenüber 
gewisse theologische Zweifel (z. B. ob das jüngste Gericht notwendig oder 
kontingent sei) verschweigen müsse, um sie nicht innerlich unsicher zu machen. 



152 Gerhard Ritter: 

stärker tritt jenes andere Moment seines Denkens hervor, dem wir 
schon einmal, bei den Lehren von der Schöpfung und Erhaltung 
(oben S. 106) begegnet sind: die augustinische Vorstellung von der 
Unbeschränktheit der göttlichen Allmacht, verbunden mit der - 
jetzt erst hinzutretenden, aber bereits oben (S. 144) angedeuteten - 
Lehre vom Primat des Willens über den Verstand. Von hier aus 
verschiebt sich allmählich das ganze Bild. Beide Ideen gehörten 
zu den Leitmotiven der skotistisch-okkamistischen Schule. Aber 
die Art, wie sie Marsilius miteinander und mit dem Ganzen seiner 
Theologie in Einklang bringt und psychologisch zu begründen 
weiß, enthält doch wieder so viel Eigenes, daß die Erörterung dieser 
Dinge unbedenklich als der wertvollste Bestandteil seiner gesamten 
philosophisch-theologischen Arbeit gelten kann. Um hier auf festen 
Grund zu kommen, ist eine Abschweifung in die psychologische 
Theorie vom Willen und der Willensfreiheit nicht zu um- 
gehen. 

Für diese Fragen stehen zwei besonders ausführliche Quä- 
stionen des Sentenzenkommentars (II, 16 u. 22) zur Verfügung, 
deren Lektüre sogleich eine Überraschung bringt: an Stelle des 
üblichen, vorwiegend logischen Hin- und Herwendens der Gedanken 
findet sich hier eine solche Fülle lebendiger und scharfsinniger 
Beobachtung, eine so unbefangene Auffassung der psychologischen 
Wirklichkeit, daß man sofort empfindet: hier bewegt sich der 
Autor auf dem Boden wohlvertrauter Erfahrung. In der Tat ist 
die psychologische Erforschung des Willensproblems — nach dem 
Urteil Siebecks 1 -- die klassische Leistung der nominalistischen 
Schule, in der sie einen „innerhalb des Zeitraums von Augustin bis 
zu und nach Leibniz herab" sonst unerreichten Höhepunkt erklom- 
men und der modernen Psychologie die fruchtbarsten Anregungen 
gegeben hat. 

Im einzelnen erinnern die Ausführungen des Marsilius, wie 
Siebeck gezeigt hat 2 , am stärksten an Buridan, der als „eigent- 
licher psychologischer Fachmann" unter den Okkamisten zu gelten 
habe. Die radikale Einseitigkeit, mit der Duns den Vorrang des 
Willens über den Intellekt verfochten hatte, ist hier zugunsten 
einer sorgfältig abwägenden und eindringenden Untersuchung über 
das Zusammenwirken der beiden Seelenkräfte überwunden. Die 
augustinische Einheit der Seele, der gegenüber die verschiedenen 

1 Zs. für Phil. u. philos. Kritik. X. F. Bd. 112 (1898), p. 215. 

2 ibid. 207. 



Studien zur Spätscholastik. I. 153 

Vermögen (im Gegensatz zur thomistischen Psychologie) nur als 
die verschiedenen Seiten einer und derselben Sache erscheinen, 
wird in der denkbar schroffsten Weise formuliert 1 ; häufig spricht 
Marsilius von der ,, Seele, insofern sie Wille ist" u. ä. statt von 
,, Willen", um ja keinen Zweifel an seiner Absicht zu lassen. Jeder 
Erkenntnisakt ist mit Wollungen verknüpft und umgekehrt. Da- 
mit wird sogleich die große scholastische Debatte über den Primat 
des Willens oder des Verstandes und über das Verhältnis der 
„Freiheit" zu den beiden Seelenvermögen aus der metaphysischen 
Sphäre auf den Boden der psychologischen Untersuchung herunter- 
geholt 2 . Sodann aber wird das gesamte Problem durch eine sorg- 
fältige Scheidung der bewußten Willensakte von den niederen 
Stufen der Begehrung und durch deren eindringende Untersuchung 
aufgehellt. Im Anschluß an Buridan wendet hier Marsilius dieselbe 
genetische Betrachtungsweise an, die uns von der Erkenntnislehre 
her vertraut ist. 

Keinesfalls ist die Seele (Sinnlichkeit und Verstand) allein als 
Sitz der Begehrungen zu betrachten; die sündige Konkupiszenz 
geht vielmehr aus dem gesamten, beseelten Organismus hervor 3 . 
Die aristotelische Naturbetrachtung wird hier mit Glück aus- 
gesponnen. Es gibt im Menschen einen dreifachen appetitus: Natur- 
trieb (appetitus naturalis), sinnliches und intellektives Begehren 
(appetitus sensitivus bezw. intellectwus), letztere beiden als seelisches 
Vermögen (animalis) zusammengefaßt. Den ersten teilt er mit der 
gesamten belebten und unbelebten Natur; er ist durchaus unbe- 
wußt. Außer dem metaphysischen Streben aller Dinge nach der 
eigenen Vollkommenheit und nach der causa jinalis, nach Gott, 
ferner außer der Tendenz aller Körper nach ihrem „natürlichen 
Ort" kommt das Streben der Organismen nach Erhaltung der 
Art in Betracht; es äußert sich auch bei den Tieren durchaus 
unbewußt 4 : sie ahnen nicht, weshalb sie Nester bauen, sie kennen 
nicht den tieferen Sinn ihres Gattungstriebes usw. Dabei wird die 

1 üb. sent. II, qu. 22, art. 2, pars 1, Bl. 329ff. Voluntas et intellectus 
sunt in eodem nomine penitus idem . . . Omnis actus intellectus est actus volun- 
tatis et econtra. Ebendort deutliche Polemik gegen die thomistische Psychologie. 

2 ibid. concl. responsalis Bl. 329, c: Non plus dependet Überlas hominis 
ex parte intellectus, quam voluntatis, nee econtrario. 

3 lib. II, qu. 19, art. 3, not. 3, Bl. 308, a; auch von Siebeck a.a.O. 
zitiert. 

4 Als appetitus naturalis, nicht animalis; qu. 22, art. 1, Bl. 326 — 27. 
Zitate z. T. bei Siebeck, 1. c. 208. 



154 Gerhard Ritter: 

feine Beobachtung gemacht, daß der natürliche Trieb des Tieres 
im Gegensatz zum Menschen niemals in Widerspruch mit seiner 
höheren Naturbestimmung geraten kann: z. B. kann nur der 
Mensch die Begattung ohne ihre natürlichen Folgen wünschen 1 . 

Eine Stufe höher steht die sensuale Begehrung, die als natür- 
liche Reaktion auf die Sinneswahrnehmungen aufzufassen ist. Schon 
die einfachsten, inkomplexen Elemente dieser Wahrnehmung können 
eine solche Reaktion hervorrufen, ohne jede Mitwirkung des In- 
tellekts: es gibt Muscheltiere, die nur Tastempfindung besitzen und 
sich sofort zusammenziehen wenn der Felsen zu warm wird, an 
dem sie kleben 2 . Und wiederum über dieses sinnliche Triebleben 
erhebt sich der Wille des Menschen: nur wo eine durch den Intellekt 
vermittelte Einwirkung eines Objektes die Seele erregt, kann von 
„Willen" die Rede sein, und die voluntas ist nichts anderes, als 
die Seele selbst im Zustande solcher Erregtheit 3 . Die sensuale 
Begehrung kann aber auch im vernunftbegabten Menschen, nicht 
nur bei Kindern und Geisteskranken, stärker sein als alle ver- 
nünftige Überlegung: die Leidenschaft fragt nicht nach Verstandes- 
gründen und überrumpelt selbst den freien Willen. Was nun die 
eigentliche Wülenstätigkeit angeht, so kann ihr ebensowohl die 
inkomplexe Einzel Vorstellung wie der Syllogismus practicus, die 
geordnete Überlegung, zum Motiv werden. In keinem Fall ist die 
aristotelische Anschauung zutreffend, nach der einem jeden Willens- 
entschluß der Syllogismus practicus voraufgehen sollte 4 . 

Marsilius legt besonderes Gewicht auf den Nachweis dieses 
Satzes. Oft erregt der bloße Sinneseindruck oder die inkomplexe 
Einzelvorstellung des Intellekts ein so mächtiges Wohlgefallen 
(bezw. Mißfallen), daß die vernünftige Überlegung gar nicht erst 
in Tätigkeit tritt: der Hungrige verlangt und verzehrt die vom 
Intellekt bezeichnete Speise ohne jede Besinnung. Aber auch wenn 
der Syllogismus practicus wirklich zustande kommt, erweist er sich 
in vielen Fällen als ohnmächtig gegenüber der Gefühlswirkung der 
von ihm beurteilten Einzelvorstellungen. Was nützt mir die sorg- 
fältigste Überlegung, der außereheliche Geschlechtsverkehr sei als 
ungeziemend (inhonestum) zu verwerfen, wenn der Anreiz zur 



1 Hier schließen sich ausführliche ethische Betrachtungen über Prohi- 
bition usw. an. 2 Qu. 16, art. 1, Bl. 273, c. 

3 Qu. 16, art. 1, Bl. 272, d: Anima dicitur voluntas, inquantum sequitur 
cognitionem sensitivam iminediate. — Das Folgende ibid. art. 1. 

* ' '-«'gen EthicaVII.— Art. 5, Bl. 284, a, ad 3 — 4. Umdeutung und Polemik. 



Studien zur Spätscholastik. I. 155 

Sünde stärker ist als die Scheu vor ihr 1 ! Ich kann das Gute voll- 
kommen einwandfrei erkennen und doch das Böse mit vollem 
Wissen tun. Marsilius fühlt wohl das ethisch Gefährliche des 
Satzes. Noch Buridan wagte ihn nicht zu vertreten 2 . Aber unser 
Autor häuft die Beispiele aus der Erfahrung zum Belege seiner 
Ansicht und beruft sich auf Augustin und Bernhard. Und über- 
dies: wie oft vermag der Verstand gar nicht eindeutig zu entschei- 
den! Wie häufig schwankt er in seinem Urteil zwischen der Ab- 
lehnung des Ganzen und der Befürwortung der annehmlichen Teil- 
vorstellungen, zwischen dem größeren und dem kleineren Übel; 
wie oft irrt er, verführt durch die Neigungen des Willens, schlechte 
Gewohnheiten oder sonstige Trübungen! 3 Kann doch der Wille 
durch fortgesetzte schlechte Gewöhnung die Vernunft selbst ver- 
derben! 4 Gewiß wird jede Willensentscheidung durch eine Vor- 
stellung bestimmt, die uns irgendwie sub rtaione boni erscheint; 
aber es ist der grundlegende Irrtum der „üblichen Ethik" 5 , diese 
ratio boni mit dem Ergebnis der vernünftigen Überlegung (sijllo- 
gismus practicus) zu identifizieren. Tatsächlich gibt es eine ganze 
Welt von Willensentschlüssen, die dieser geordneten Vernunft 
bewußt entgegenlaufen. Gerade die gründliche Überlegung des 
sittlichen Entschlusses führt unter Umständen in größte Gefahr, 
indem sie das Lockende der Sünde mit der rauhen Strenge der 
Tugend in Vergleich stellt; und selbst das Gebet für die, mit denen 
wir gesündigt haben, kann uns zum Fallstrick werden. Derartige 
Betrachtungen werden immer von neuem ausgesponnen, und man 
kann sich schwer dem Eindruck entziehen, daß hier ein Mann 
spricht, der die alles übertäubende Macht der Leidenschaften im 
eigenen Innern leidend erfahren hat. 

1 Art. 5, concl. 2, Bl. 281, c. — Die immer wiederkehrende Erörterung- 
gerade der sexuellen Sünden legt dem modernen Leser die Erinnerung an das 
Zölibat der mittelalterlichen Universitätslehrer nahe. 

2 Siebeck, 1. c. 203. 

3 Bl. 282a — b: Idem Syllogismus practicus aliquid ostendit non faciendum 
ratione totius et ad idem faciendum inclinat ratione partis. — Saepe voluntas 
male eligit et tarnen nullus error in ratione existit. — Voluntas potest eligere 
contra iudicium rationis practice complexum in universali et particulari usw. 

4 Bl. 284, b. 

5 Bl. 282, d. Obiectio: Opinio communior et in questionibus ethicorum 
communiter scripta; dazu Bl. 283, b: Motiva opinionis contrarie . . . fundant 
se super hoc, quod omni tempore, quo voluntas aliquid vult, quod illud velit per 
syllogismum practicum concludentem illud esse bonum. — 



156 C.krhard Ritter: 

Im übrigen sind es keineswegs nur die niederen Seelenregungen, 
die sich ohne verstandesmäßige Überlegung auswirken. Der Künstler 
schafft einfach aus den inneren Antrieben seiner Kunst heraus 1 ; 
auch wäre es kindlich, zu behaupten, der Denker sei sich aller ein- 
zelnen Sätze und Prädikate bewußt, mit denen er bei seinen Speku- 
lationen operiert 2 . Und wie viele Handlungen gehen aus einfacher 
mechanischer Gewöhnung hervor! 

Man sieht: hier wird dem unbewußten und halbbewußten 
Leben der Seele mit vielem Erfolge Raum erkämpft neben der 
Helle des aristotelischen Intellektualismus. 

Wie verläuft nun der Willensvorgang in jedem einzelnen Falle ? 
Marsilius beschreibt ihn, nach dem Vorbilde Buridans 3 , in voll- 
kommener Kongruenz mit der Analyse der intellektiven Vorgänge: 
wie der Intellekt in einem primus actus die phantasmata rezeptiv 
entgegennimmt, um sie dann in einem zweiten Akte aktiv zu ver- 
arbeiten, so verhält sich auch der Wille gegenüber den vom Ver- 
stand ihm dargebotenen Vorstellungen zunächst passiv: er emp- 
findet Gefallen oder Mißfallen; es folgt der aktive Entschluß: 
Annahme oder Verwerfung, und endlich, als dritter Akt, die 
Gefühlsbetonung des Ergebnisses: Lust bezw. Unlust 4 . 

Von hier aus wird nun das Problem der Willensfreiheit in 
Angriff genommen. Zunächst ist rundweg anzuerkennen, daß die 
,, ersten Akte" des W'illens nicht frei erfolgen; niemand hat es 
in der Hand, die complacentia oder displicentia zu verhindern, die 
z. B. der Anblick des Weibes in ihm erweckt. Theologisch aus- 
gedrückt: die läßliche Sünde des Wohlgefallens an etwas Bösem 
kann im Stande der Erdenpilgerschaft nicht ganz vermieden werden, 
da wir rings von Versuchungen umgeben sind 5 . Auch gegenüber 
den komplexen Willensvorgängen trifft das zu: der Intellekt kann 
ja irrig etwas Böses als Gut empfehlen, poch bedeutet das noch 
nicht Unfreiheit des Willens, auch nicht bedingungslose Abhängig- 
keit von der Darbietung des Verstandes. Der Wille kann in vielen 

1 Qu. 16, art. 2, Bl. 277, a. Ille volitiones inferiores, quibus [artifex] sie 
vult agere, ut ars exigit, sunt actus voluntatis. Die Stelle ist schon von Siebeck 
(208) bemerkt. 

2 ibidem: Si quis vult studere vel speculari bene, puerile esset dicere, quod 
omnein propositionem, quam format, formaret per previam /so statt: primam] 
dfliberationem vel etiam omne predicatum, quod predicat. 

3 Vgl. Siebeck, I.e. 201. 

4 Qu. 16, art. 1, Bl. 274, c. 

5 Qu. 16, art. 1, Bl. 275, b. 



Studien zur Spätscholastik. I. 157 

Fällen das Auftauchen bestimmter Vorstellungen vermeiden (z. B. 
indem er den Besuch des Hurenhauses verhindert), sodann aber, 
und das ist wichtiger: er braucht dem ersten Akt nicht den zweiten 
folgen zu lassen. Seine Freiheit besteht nicht gegenüber den ersten 
Regungen, aber sie ist Freiheit des Entschlusses -- nicht Freiheit 
des (passiven) Gefühls, aber Freiheit des (aktiven) Handelns. Nur 
im Entschlüsse tritt der ,, Wille" im strengsten Sinne des Wortes 
zutage 1 . Was befähigt ihn zu solcher Loslösung von der Einwir- 
kung des vorgestellten Objekts? Marsilius folgt auch hier den 
Spuren Buridans. Die sittliche Verantwortlichkeit des Menschen 
beruht darauf, daß er imstande ist, den Intellekt zu zwingen 
(cohibere), ihm ein begehrtes Objekt nicht sub ratione boni, sondern 
malt zu zeigen 2 , und dann dem nunmehr besser Erkannten zu folgen. 
Das bedarf der näheren Betrachtung. 

Zunächst gilt es das Problem absolut scharf zu formulieren. 
Es handelt sich um den Begriff der sittlichen Freiheit, nicht um 
die , Kontingente" Willkür, um die innere, nicht um die äußere 
Freiheit. Das äußere Handeln der Menschen steht unter dem 
Zwang äußerer Verhältnisse, die nicht völlig in seiner Macht liegen; 
hier soll nur von dem Willensentschluß die Rede sein 3 . Und es 
ist auch gänzlich uninteressant, ob der Mensch grundlos bald so. 
bald so handeln, bald diese, bald jene Vorstellung auf seinen Willen 
wirken lassen kann. Das gehört in das Gebiet natürlicher Zufällig- 
keiten 4 . Vielmehr ist die Frage: ist der Wille gezwungen, das ihm 
vom Verstand sub ratione boni vorgehaltene Objekt in jedem Falle, 
also vor allem wenn das bonum ein sittliches malum ist, nicht nur 
mit Wohlgefallen bezw. Mißfallen zu betrachten, sondern auch 
anzunehmen bezw. abzulehnen ? Oder ist ihm ein neutrales Ver- 
halten, eine einfache Abwendung von dem vorgestellten Gegen- 
stand möglich ? Es ist die entscheidende Frage des großen Streites 
der Scholastiker über den Einfluß des Intellekts auf den Willen, 
und indem Marsilius im Gegensatz zu Thomas die zweite Alter- 
native bejaht, beruft er sich nicht nur auf die „Pariser Artikel" 
Stephan Tempiers von 1277, sondern vor allem auf die Selbst- 
beobachtung: ich kann, wenn ich will, den Wlllensentschluß suspen- 



1 1. c. art. 3, concl. 3, cont'., Bl. 280, d. Im actus primus ist nicht der 
Wille als solcher, sondern der Intellekt causa efficiens, der Wille nur soweit, 
als Wille und Verstand im Grunde identisch sind. 

2 1. c. art. 1, Bl. 275, b. 

3 1. c. art. 2 ,concl. 2, Bl. 276, b. 4 ibid. concl. 3. 



158 Gerhard Ritter: 

eueren 1 . Wie ist das möglich ? An dieser entscheidenden Stelle der 
ganzen Argumentation tritt der Charakter der Freiheit als sitt- 
licher Freiheit auf das deutlichste heraus. Ich kann nur dann von 
dem Gegenstand meines Wohlgefallens mich abkehren, wenn irgend 
eine malicia damit verbunden ist von gleichstarkem Gewicht, sodaß 
der Wille sich zwei konträren, sich wechselseitig aufhebenden 
Kräften der Anziehung und Abstoßung gegenübersieht 2 . Die 
psychologische Mechanik, diese historisch so wirksame Theorie, 
der wir bereits in der Erkenntnislehre begegneten, wird hier beson- 
ders deutlich. Die sittliche Freiheit ist nur dann gesichert, wenn 
die sittlichen Motive ebensostark in der Seele des Menschen sind, 
wie die Anreize der Versuchung. 

Aber damit ist nur ein neutrales Verhalten, noch kein sitt- 
liches Handeln ermöglicht. In der Tat besitzt der Mensch noch 
eine weitere Freiheit: er kann den aufgeschobenen Entschluß, ist 
einmal der erste Anreiz durch das Gegengewicht der sittlichen 
malicia aufgehoben, nach seinem Willen zum Guten lenken, indem 
er dem Verstände eine neue und gründlichere Überlegung aufgibt 3 . 
Erst dann, wenn diese Revision zum Ziele führt und nunmehr 
das wahrhaft Gute sub ratione boni bezw. das sittlich Verwerfliche 
sub ratione mali vorgestellt wird, kann die endgültige Entscheidung 
erfolgen. Damit ist der sittliche Entschluß vollendet. 

Der Rückblick auf diese Genese des sittlichen Wollens* zeigt, 
daß weder eine (sinnliche) Begehrung noch eine (intellektive) Wol- 
lung entstehen kann ohne vorausgehende cognitio des begehrten 
Gegenstandes. Im ersten Falle ist sie gegeben durch den sinnlichen 
Eindruck, im zweiten durch die inkomplexe Vorstellung bezw. die 
rationale Überlegung. An und für sich betrachtet sind die reinen 
Begehrungen und Wollungen (appetitus) immer „blind" und be- 
dürfen der näheren Bestimmung durch die Einsicht. Somit erweist 
sich die Gewalt der Vorstellungen über den Willen als sehr bedeu- 
tend, und es entsteht die Frage, ob nach alledem überhaupt noch 
von Willensfreiheit im strengen Sinn die Rede sein kann. Zur 
Antwort erhalten wir noch einmal eine genaue Definition dieses 
Begriffes 5 . Die Freiheit unseres Willens besteht weder darin, 



1 Qu. 16, art. 2, Bl. 276, d. - ibid. art. 4, Bl. 279ff. 

3 ibid. Bl. 280, a. M. v. I. betrachtet diese Ansicht als die allein kirch- 
lich korrekte und verteidigt sie mit großer Lebhaftigkeit; er spricht aber selbst 
aus, daß eine restlose Lösung des Problems der Freiheit über seine Kräfte geht. 

4 Qu. 16, art. 5, Bl. 281 ff. 5 Bl. 285b-c, concl. 1-10. 



Studien zur Spätscholastik. I. 159 

sündigen zu können (sonst wäre Gott unfrei), noch in der Fähig- 
keit äußeren freien Handelns; ebensowenig verhindert sie die 
Möglichkeit, daß sich der böse Wille in der Verstockung endgültig 
zum Bösen determiniert. Ihr eigentliches Wesen liegt vielmehr in 
der Fähigkeit, ein vorgestelltes Gut annehmen oder nicht annehmen, 
sondern neutral betrachten zu können 1 bis zum Erscheinen einer 
berichtigten (mit dem der sittlichen Norm entsprechenden Gefühls- 
gehalt geladenen) Vorstellung. Diese Fähigkeit besteht trotz aller 
niederdrückenden Erfahrung sittlicher Niederlagen. Es gibt einen 
sittlichen Willen, dessen Kraft aller Versuchung zu widerstehen 
imstande ist. Wo er lebendig ist, vermag keine Macht der Welt 
ihn zum Wollen oder Nichtwollen zu zwingen 2 . Die Geschichte der 
Heiligen und Märtyrer beweist das mit überzeugender Klarheit. 
Nur Gott vermag in seiner absoluten Macht (de lege absoluta) diese 
Freiheit aufzuheben ; er würde, auch ohne den Willen des Menschen 
zu zerstören, diesem die Freiheit des Handelns rauben können, 
indem er seine — sonst stets mittätige -- Mitwirkung als causa 
prima versagte. Aber abgesehen davon, daß er de lege ordinata 
uns die Freiheit läßt — ein solcher Eingriff ist immer nur tatsäch- 
lich, nicht grundsätzlich. Das Wesen der sittlichen Freiheit läßt 
diese Einschränkung unberührt 3 . 

Die Folgerichtigkeit dieses ganzen Gedankenzusammenhangs 4 
kann man nicht ohne Bewunderung anerkennen. Die Problem- 
verschlingung, in der die Diskussion zwischen Deterministen und 
Indeterministen stecken geblieben war, ist hier deutlich aufgelöst: 



1 Die Einschränkung der Freiheit, daß der Wille das klar erschaute 
oberste Ziel alles Wollens — Gott — nicht ablehnen kann, gilt erst für das 
jenseitige Leben. 

2 Bl. 285, c, concl. 7: Nee virtus creala voluntatem cogere potest ad intra 
ad volendum vel nolendum. 

3 Es ist im Interesse der Prädestinationslehre sehr wichtig, hier festzu- 
stellen: 1. M. v. I. hält einen Eingriff Gottes in das Spiel des freien Willens 
im Sinne einer Festlegung für Gut oder Böse de lege absoluta für ausgeschlossen, 
solange überhaupt noch von Willen des Menschen die Rede sein kann [volun- 
tate remanenle). 2. Eine Versagung der Mitwirkung Gottes als prima causa 
im Handeln ist de lege ordinata gleichfalls ausgeschlossen. 3. In der Prä- 
destination kann es sich also keinesfalls um einen dieser Eingriffe handeln, 
sondern nur um eine Versagung, bezw. Gewährung der gratia, die den sitt- 
lichen Erfolg des Menschen durch Paralysierung der bösen Sinnesreizungen 
erst ermöglicht. Vgl. 1. c, co. 8 — 10, Bl. 285, c — d. 

4 Die knappe Darstellung Stöckls II 1053 ist unrichtig, da sie die wich- 
tigsten Gedanken übersieht 



160 Gerhard Ritter: 

ausschließlich die Freiheit des sittlichen Handelns steht noch in 
Frage und wird einleuchtend erklärt. Auch der Rest von dog- 
matischer Befangenheit, in dem Buridan das „schlechthin Gute" 
für ein zwingendes Motiv erklärt hatte 1 , ist hier überwunden. Zu- 
gleich ist das psychologische Verhältnis von Wille und Verstand 
jetzt in weitem Maße aufgeklärt: wiederWille von den dargebotenen 
Vorstellungen, so ist der Intellekt von den ablehnenden oder 
annehmenden Entscheidungen des Willens abhängig. Es ist ein 
vollkommenes Wechselverhältnis, ein Zusammenwirken an dem 
Hervorbringen einer jeden einzelnen Handlung. Soll die Frage 
nach dem Primat überhaupt noch einen Sinn behalten, so kann 
ihre Lösung allein im Metaphysischen gesucht werden. Es handelt 
sich jetzt nicht mehr darum, ob eines der beiden Vermögen vom 
andern abhängt, sondern um die Frage, welches von beiden die 
metaphysisch betrachtet - wertvollere Aufgabe zu erfüllen 
hat und darum im Range höher zu achten ist. Daneben allerdings 
läuft nun doch wieder eine halb metaphysische, halb psycholo- 
gische Betrachtung, die ermitteln soll, ob Wille oder Verstand 
mit besserem Rechte als „frei" bezeichnet werden kann, um daraus 
das Rangverhältnis abzuleiten. 

Diese zweite Betrachtung stützt sich auf eine wichtige Unter- 
scheidung im Begriff der Freiheit. Es gibt die Freiheit, das eine 
oder das andere zu wollen (libertas oppositionis) und die Freiheit 
der selbständigen Zielsetzung (libertas finalis ordinationis). Jene 
ist die Freiheit des Entschlusses im psychologischen Sinne, die wir 
schon kennen; sie besteht in der Möglichkeit, das dargebotene 
Objekt anzunehmen oder die Entscheidung zu neuer Überlegung 
hinauszuschieben und kommt praktisch nur als Freiheit des sitt- 
lichen Entschlusses zur Geltung. Die libertas finalis ordinationis 
dagegen, die von Siebeck als „Freiheit des durch den Zweck- 
gedanken geleiteten Handelns" aufgefaßt, mit dem herb artischen 
Begriff der inneren Freiheit in nahe Beziehung gebracht und als 
glänzendste Leistung der nominalistischen Ethik gepriesen wurde 2 , 



1 Siebeck 1. c. 203. 

2 1. c. 216, 207 u. 205. Die Ausführungen p. 207 (bes. Anm. 4) über 
das Verhältnis der beiden Freiheitsbegriffe zueinander sind durchaus schief, 
wie sich aus meiner Darstellung ergibt. In flüchtiger Lektüre des Textes hat 
S. Anm. 3 als agens superius [voluntale] libere concurrens den Intellekt gesetzt, 
wo M. v. I. ganz deutlich Gott meint! Daraus entsteht natürlich ein arges 
Mißverständnis der Sache 



Studien zur Spätscholastik. I. 161 

entpuppt sich bei näherer Betrachtung als rein metaphysische 
Bestimmung von zweifelhaftem Charakter. Sie bedeutet nichts 
anderes, als die metaphysische Selbständigkeit des Individuums, 
um eigener, nicht fremder Zwecke willen zu handeln 1 und fällt 
im Wesen zusammen mit der an anderer Stelle 2 so genannten 
libertas complacentie. Im eigentlichen Sinne (primaria intentione) 
kommt diese Bestimmung nur Gott zu, der ja als causa prima 
efficiens et finalis sowohl oberste Ursache als oberster Zweck alles 
menschlichen Handelns ist, und auch das böse Handeln verursacht, 
das er stets zum Guten zu lenken weiß 3 . Erst an zweiter Stelle 
ist der Mensch fähig, sich selbst Zwecke zu setzen, und da (nach 
der aristotelischen Vorstellung) alle Menschen, als Entelechien be- 
trachtet, auf das höchste Gut zustreben, so ergibt es sich von selbst, 
daß die libertas finalis ordinationis in der Erfüllung des Sitten- 
gebotes zum Ausdruck kommt; denn das Gute allein ist dem Men- 
schen in Hinsicht seiner finalis ordinatio förderlich, die Sünde 
dagegen macht ihn elend und unglücklich 4 . 

Die metaphysische Betrachtung ergibt sogleich, daß diese Art 
von Freiheit sowohl der praktischen wie der theoretischen Ver- 
nunft zukommt: beide stehen unter derselben letzten Bestimmung. 
Anders liegt die Frage für die (psychologische) libertas oppositionis. 
Daß sich der Wille ihres Besitzes erfreut, nicht in seinen primi, 
wohl aber in seinen secundi actus, wissen wir schon. Der Verstand 
dagegen hat nicht die Möglichkeit, bald dieser, bald jener Ent- 
scheidung sich zuzuwenden. Seine inkomplexen Vorstellungen 
gehen mit gesetzlicher Folgerichtigkeit (naturaliter) aus den phan- 
tasmata hervor; aber auch die secundi actus intellectus, die Urteile, 
erfolgen häufig mit Notwendigkeit, da sie auf ein anschauliches 
sachliches Verhältnis der Objekte des Erkennens untereinander 
oder auf logischen Zwang aufgebaut sind. Eine gewisse Freiheit 
des actus primus besteht nur darin, daß der Intellekt dem Sinnes- 
eindruck oder seiner Auffassung im inkomplexen Begriff zuweilen 



1 lib. II, qu. 22, art. 2, Bl. 330, a: Si agat [voluntas] cum cognitione 
intellectiva finaliter et ordinale gratia sui. Serviliter vero agere dicitur, si primaria 
intentione ordinale agendo agit gratia alterius. 

2 Qu. 16, art. 2, Bl. 275, d. 

3 Ausführlich hierüber qu. 16, art. 3, Bl. 277 sq., bes. concl. 1, Bl. 277, b, 
278, b und ibid. art. 2, concl. 1, Bl. 276, a. 

4 Qu. 22, art. 2, concl. 9, Bl. 332, d. An dieser Stelle liegen die Ansatz- 
punkte zu der gemeinscholastischen Lehre von der lex naturalis und synderesis. 

Sitzungsberichte d. Heklelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Abh. 11 



162 Gerhard Ritter: 

ausweichen kann 1 . Inwiefern eine begrenzte oder teilweise Frei- 
heit der „zweiten Akte", der Vorstellungsverbindungen, möglich 
sein soll, wird nicht weiter ausgeführt; vielleicht dachte Marsilius 
an die lockere Form des Urteilens in der Bildung von Meinungen, 
Vermutungen u. dgl. Doch ist er grundsätzlich geneigt, innerhalb 
des gesamten Abstraktions- und Urteilsprozesses zwangsläufige 
Zusammenhänge vorauszusetzen, die uns freilich nicht immer 
erkennbar seien. Oft nehmen wir eine freie Urteilstätigkeit an, 
wo in Wahrheit die bedingende Ursache in Denkgewohnheiten, dem 
natürlich-geheimnisvollen injluxus celi, unverstandenen persön- 
lichen Wesenseigentümlichkeiten (habitus) oder anderen Partikular- 
motiven verborgen liegt. So erscheint jeder einzelne Denkakt, je 
nach Ort und Zeit verschieden, durch das Zusammenwirken un- 
zähliger versteckter Teilmotive bestimmt 2 . Das sind überraschend 
modern anmutende Betrachtungen. Sie bestätigen uns zugleich, 
was die Erkenntnislehre schon vermuten ließ (s. o. S.60 f.): daß 
Marsilius eine Mitwirkung des Willens im Erkenntnisakte aus- 
drücklich ablehnt 3 . Zwar treibt der Wille den Verstand zur Denk- 
tätigkeit überhaupt oder zur Bildung eines einzelnen Syllogismus 
als solchen an, aber niemals mischt er sich in den Zusammenhang 
dieser Tätigkeit selber ein, und oft geschieht es, daß der Intellekt 
ganz ohne unsern Willen, ja wider unsere Absicht spekuliert. Wie 

1 ibid. concl. 5, Bl. 331, b. 

2 ibid. Bl. 332, a, ad confirm.: Intelleclus determinatur potius ad unam 
figuram, quam ad aliam, non quod liber est libertate oppositionis, nee etiatn 
oportet quod ex voluntate , sed potius ex aliqua causa particulari coneur- 
rente, que potest esse coneursus phantasmatum potius actus ad unam figuram 
quam ad aliam; cuius coneursus potest esse causa influxus celi, vel consuetudo sie 
syllogisandi vel habitus promptificans plus ad unam figuram quam ad aliam et 
infinita alia particularia, que huismodi singularis actus pro loco et tempore 
possunt esse cause, que impossibile est sermonibus explicari. 

3 ibid. Bl. 332, b: Habitus speculativi et practici dirigunt immediate intel- 
lectum ad agendum et non voluntas [so statt: voluntatem] et sie non est 
voluntas eorum dominus. — Sieb eck umschreibt die Meinung des M. v. I. 
p. 207: „Schon als erkennend ist die Seele auch begehrend oder ablehnend; 
jeder Akt des Intellekts ist zugleich ein Akt des Willens und umgekehrt." 
In der Tat kommen ähnliche Sätze bei M. v. I. vor. Sie sollen aber in ihrem 
Zusammenhang nicht mehr ausdrücken, als die Einheit der Seelensubstanz. 
Keinesfalls darf daraus etwa eine Beeinflussung des Erkenntnisvorganges 
durch den Willen im Sinne des Duns gefolgert werden. Vgl. auch oben p. 157, 
N. 1. Sehr hübsch bezeichnet M. v. I. Bl. 335, d (in fine) das Verhältnis des 
Verstandes zum Willen folgendermaßen : Intellectus ostendit agenda per modum 
ronsulis suadentis bonum, non per modum imperantis. 



Studien zur Spätscholastik. I. 163 

oft laufen nicht unsere Gedanken beim Absingen der Hören oder 
dem Avemaria davon, um über die Gnadenfülle der Gottesmutter 
u. a. nachzusinnen; wie oft versucht der Teufel die Betenden mit 
bösen Gedanken 1 ! 

Nach alledem ist es aber doch einleuchtend, daß der Verstand 
weit mehr gebunden ist, an einen zwangsläufigen Naturprozeß der 
Vorstellungsbewegungen, als der Wille an die ihn erregenden 
Objekte. Dem Intellekt als solchem fehlt durchaus die Wahl 
zwischen Zustimmung und Ablehnung; selbst da, wo er einmal 
willkürliche Vorstellungsverbindungen knüpft, z. B. in der Bildung 
von in sich kontradiktorischen Urteilen, tut er es nicht freiwillig, 
sondern in demselben Verhältnis der Abhängigkeit vom Willen, 
wie etwa die Glieder libere imperati ihre Bewegungen nach dessen 
Geheiß ausführen; und von einer Wahlfreiheit der Zustimmung 
oder Ablehnung solchen Urteilen gegenüber kann nicht die Rede sein. 

Noch deutlicher wird der durch dieses Ergebnis festgestellte 
Vorrang des Willens in der rein metaphysischen Betrachtung 
erkannt. Hier verlassen wir den festen Boden der Psychologie und 
treten wieder auf das Gebiet der theologisch-metaphysischen Spe- 
kulation hinüber. Was steht höher im Rang: die Erkenntnis, 
oder die Liebe, die Schau Gottes (visio) oder die liebende Ver- 
senkung in sein ewiges W 7 esen (fruitio) ? Was führt unmittelbarer 
zur ewigen Seligkeit, die rechte Erkenntnis, oder der rechte Wille ? 
Schon die Fragestellung zeigt, daß hier nicht mehr der strenge 
Aristoteliker spricht, sondern der von religiösem Eifer erfüllte 
Christ. Wird die Antwort im Sinne des Thomas und Augustinus 
ausfallen, der alles lebende Streben der Frommen endlich doch in 
der reinen, vom Willen erlösten Schau des Ewigen ausklingen ließ ? 
So mancher theologische Zug, dem wir bisher begegneten, läßt es 
uns erwarten. Und in der Tat wird auch jetzt wieder die Aufgabe 
der Theologie in diesem Sinne bestimmt 2 . Aber im Hinblick auf 
das Leben des Christen hören wir ganz im Sinne der Franziskaner 
das Apostelwort verwendet: „Nun aber bleiben Glaube, Liebe, 
Hoffnung, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen 3 ." 
Marsilius hält den augustinischen Willensprimat theologisch ebenso 
konsequent fest (konsequenter als der große Kirchenlehrer selbst), 
wie die skotistisch-okkamistische Tradition. Es hat wenig Interesse, 



1 Bl. 332, c-d. - ibid. co. 3, Bl. 333, d und Bl. 338, a ad 2. rat. 

:J Qu. 22, art. 2, pars 3, Bl. 333, d. 



ip 



164 Gerhard Ritter: 

die ausgiebige hier anknüpfende Erörterung im einzelnen zu ver- 
folgen; sie weist nur an zwei Stellen eigene Züge auf. 

Zunächst ist die abermalige Verwendung des Begriffes der 
überlas jinalis ordinationis bemerkenswert, die hier vollends ihre 
rein metaphysische Natur erweist 1 . Wir hörten schon, daß sie 
- absolut genommen -- beiden konkurrierenden Seelenvermögen 
zukommen soll. Jetzt erfahren wir, daß der Wille sich dieser Frei- 
heit in höherem Maße erfreut als der Intellekt, da er der endgül- 
tigen Bestimmung des Erdenpilgers {jinalis ordinatio) seinem Wesen 
nach näher steht als jener. 

Interessanter ist eine kurze Betrachtung, die ebensoviel prak- 
tischen Lebenssinn wie religiöse Wärme des Autors verrät: das 
abschließend höchste Ideal des Christen kann nicht die fromme 
Spekulation sein. Wie sollte der Bauer und einfache Handwerker 
sonst sein Leben über das „Arbeiten, um sich zu nähren, und sich 
nähren, um zu arbeiten" hinausbringen ? Die Liebe Gottes 
und des Nächsten ist Jesu einfaches Gebot; das vermag auch der 
Ärmste im Geiste zu erfüllen. Die Tiefe der Spekulation ist immer 
nur wenigen, auserlesenen Geistern möglich. Der Glaube ist nur 
Erkenntnis Gottes; darum steht die Liebe nach dem Spruch des 
Apostels noch über ihm 2 . Somit haben wir auch hier wieder im 
Begriff der Liebe die unentbehrliche Ergänzung zu dem streng 
intellektualistisch gefaßten Glaubensbegriff. Zugleich aber emp- 
findet man lebhaft inmitten der W 7 üste dialektischer Erörterungen, 
wie hier einmal der Professor die Schranke der akademischen 
Formeln durchbricht und ein Stück praktischer franziskanischer 
Seelsorge sich zu eigen macht; man spürt auch von hier aus beson- 
ders deutlich den Abgrund, der sich damals im täglichen kirch- 
lichen Leben auftun mochte zwischen den spekulativen Bemü- 
hungen der gelehrten Dominikaner, in Deutschland insbesondere 
der Mystiker, Eckhards und der gebildeten „Gottesfreunde", und 
(auf der Gegenseite) der Alltagspredigt dieser Bettelmönche, die 
ihre wissenschaftliche Tradition von den willenskräftigen, unspeku- 
lativen englischen Theologen bezogen. Die große Kontroverse der 
akademischen Schulen ist hier einmal auf die Fläche des prak- 
tischen religiösen Lebens projiziert. 

Und somit stehen wir beinahe unvermerkt wieder mitten in 
der Theologie. 



Qu. 22, art. 3, concl. 2ii'.. Bl. 337, a. - ibid. Bl. 333, b. 



Studien zur Spätscholastik. I. 165 

Das dogmengeschichtliche Interesse an der deutschen Theo- 
logie des ausgehenden Mittelalters konzentriert sich naturgemäß 
in besonderem Maße auf diejenigen Lehren, in deren Bezirk sich 
später das Feuer der lutherischen Reformation entzünden sollte: 
auf die Gedankenkreise von Gnade, Rechtfertigung, Ver- 
söhnung und Prädestination. Seit die extremen Angriffe 
katholischer Forscher auf die Lehre und Persönlichkeit des Refor- 
mators die evangelische Theologie zur Verteidigung ihres Helden 
auf den Plan gerufen haben, ist nicht wenig geschehen, um das 
innere Verhältnis Luthers zu diesen Problemen der Scholastik auf- 
zuklären. Die neueste zusammenfassende Biographie von Scheel 
legt Zeugnis dafür ab. Soviel ich zu übersehen vermag, hat man 
dabei außer der Hochscholastik, Duns Skotus und Okkam haupt- 
sächlich Gabriel Biel und die Erfurter Modernen ins Auge gefaßt; 
über die Theologen unter den Erfurter Augustiner-Eremiten, 
Luthers unmittelbare Lehrer, ist so gut wie nichts bekannt, über 
Gregor von Rimini, den Luther um seiner Gnadenielire willen 
bekanntlich allein aus der massa perditionis der scholastischen 
,, Sautheologen" ausnehmen wollte, bisher recht wenig. In Er- 
kenntnis dieser Lücke hat sich neuestens eine lebhafte Kontroverse 
entsponnen, veranlaßt durch die sehr temperamentvollen Angriffe 
des früheren Dominikaners A. V. Müller auf Denifle-Grisar einer-, 
Scheel andererseits. Müller sucht nachzuweisen, daß die luthe- 
rische Theologie in wesentlichen Grundzügen unmittelbar an die 
von der Forschung bisher wenig beachtete Ordenstheologie der 
Augustinereremiten angeknüpft habe, die im Gegensatz zu dem 
Semipelagianismus der späteren Okkamisten unmittelbar auf eine 
Erneuerung Augustins aus gewesen sei 1 . Das hieße also nichts 
Geringeres, als die reformatorische Theologie unmittelbar aus der 
Scholastik ableiten, und es ist vorauszusehen, daß von dieser zu- 
gespitzten Fassung der These nicht alles wird bestehen können, 
um so weniger, als die großen Ordenslehrer der Augustiner, Egidius, 
Thomas von Straßburg, Gregor u. a. unter sich gerade an den 
entscheidenden Stellen durchaus keine einheitliche Front bilden. 



1 A. V. Müller, Luthers theologische Quellen, Gießen 1912; ders., 
Luthers Werdegang bis zum Turmerlebnis, Gotha 1920. Angekündigt- ist: 
Luther und der mittelalterliche Augustinismus. -- Über die Theologie der 
Augustinereremiten s. die von modern-scholastischem Standpunkt geschrie- 
bene, übrigens kaum lesbare Darstellung von K. Werner 1. c. III. — Die Be- 
deutung dieser Theologie wird lebhaft betont von Seeiserg III 3 , 62111'. 



166 Gerhard Ritter: 

Für unsere Untersuchung indessen besitzt diese Kontroverse noch 
ein besonderes Interesse. Wir kennen bereits die innere Verwandt- 
schaft, die unsern Autor mit Gregor von Rimini verbindet. Gelingt 
uns der Nachweis, daß diese Verwandtschaft auch gegenüber dem 
weittragendsten und innerlichsten theologischen Problem, der Frage 
nach Sünde und Gnade, sich bewährt, so wird man es aufgeben 
müssen, mit dem parteiisch urteilenden Reformator 1 Gregor von 
Rimini als einen Eigenbrödler unter den Spätscholastikern zu beur- 
teilen. Zugleich würde sich erweisen, daß der bisher von uns 
beobachtete Gegensatz der philosophischen und religiösen Grund- 
stimmung zwischen Okkam und unserm Theologen (trotz so man- 
cher Übereinstimmung im einzelnen) in die letzten Tiefen der Welt- 
n nd Gottesanschauung hinabreicht. 

Unsere Betrachtung der Willenslehre des Marsilius ermöglicht 
uns sogleich ein zureichendes Verständnis der hier grund- 
legenden Theorie der Erbs ü n d e. Die dogmengeschichtlich 
entscheidende Frage ist. ob sich unser Autor der Auffassung 
Okkams anschließt, der, skotistischen Anregungen folgend, 
aber zugleich seiner eigenen empiristischen Abneigung gegen 
spekulative Konstruktionen getreu, die Sünde als einen Be- 
griff, nicht als eine psychologische oder gar metaphysische Realität 
betrachten wollte. Eine gewisse krankhafte Verderbnis unserer 
Anlage {jomes peccati) wollte er anerkennen; aber die Sünde sollte 
nur in den einzelnen bösen Handlungen zum Ausdruck kommen, 
die Erbschuld in der rein ideellen Zurechnung der Schuld und Strafe 
Adams bestehen; eine physische Vererbung wurde in Abrede 
gestellt 2 . Die Willensfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen 
wurde nicht wesentlich durch die Erbsünde eingeengt. 

Nun wissen wir bereits, wie lebendig Marsilius die tatsächliche 
Einengung unseres Willens durch die Macht der sensualen Be- 
gehrungen empfindet und zu schildern weiß. Dem entspricht auf 
das Genaueste seine Sündenlehre. Der Widerstreit zwischen Ver- 
nunft und Sinnlichkeit ist mit dem rein natürlichen Dasein der beiden 
Seelenstufen selbst gegeben. Würde Gott heute einen Menschen 
schaffen, in puris naturalibus, ohne jeden Zusammenhang mit dem 
Adamsgeschlecht, so würde sich in seiner Brust sogleich derselbe 
Kampf der ,,zwei Seelen" erheben, der uns allen täglich das Leben 
zerreißt 3 . Auch die ersten Menschen vor dem Sündenfall wären 



1 Scheel II 2 , 90. 2 Seeberg IIP, 644. 

'■' lib. sent. II. qu. 19, art. 2. Bl. 304 v ff. 



Studien zur Spätscholastik. I. 167 

davon nicht verschont geblieben, hätte ihnen Gott nicht aus beson- 
derer Gnade jene wundervolle, erst durch den Sündenfall für immer 
zerstörte Harmonie von Leiblichem und Geistigem verliehen, die 
das Leben zum Paradiese machte. Freilich ist die Eingießung 
dieser Gnade nicht in demselben Sinne zu verstehen, wie sie uns 
Sündern im Sakrament der Versöhnung zuteil wird: sie bedurften 
nicht der gratia gratum faciens, die gratia gratis data (donum dei 
gratiiitum) genügte 1 . Aber ohne solch übernatürliches Geschenk 
wäre Adam schon vor dem Sündenfall von derselben Konkupiszenz 
bedrängt worden, die uns alle quält. 

Es bedurfte also nicht einer besonderen Verderbnis der ur- 
sprünglichen Menschennatur durch Adams Sündenfall, um die 
iusticia originalis zu zerstören. Diese ursprüngliche Gerechtigkeit 
wird ähnlich wie bei Thomas durch den dreifachen Vorzug des 
rechten Willens, der rechten Erkenntnis und des vollkommenen 
Gehorsams der niederen Seelenkräfte gegenüber der Vernunft 
näher bestimmt 2 . Da Gott sie unsern Voreltern verliehen hat, 
verlangt er sie auch von uns. Aber durch Adams Fall ist sie dem 
Menschengeschlecht verloren gegangen, und insofern ist unsere 
Natur durch die Sünde „verwundet". Die Begehrlichkeit (concupis- 
cibilitas) waltet seitdem, sich selbst überlassen, im natürlichen 
Zustand, ungehemmt durch die Gnade. Als Sünde ist sie indessen 
nur um jenes göttlichen Gebotes willen, nicht ihrem natürlichen 
Wesen nach, zu betrachten 3 . Sie wird psychologisch genau definiert 4 . 
Als Naturanlage (habitus) ist sie nicht identisch mit den einzelnen 
Begierden (actus concupiscentiae), sondern jene wohlbekannte Ge- 
neigtheit unserer Natur, dem Einfluß der Sinnesreizungen stärker 
nachzugeben, als dem Gebote Gottes und der Vernunft. Ihren Sitz 
hat sie nicht eigentlich im Willen, sondern in dem gesamten beseel- 
ten Organismus (s. o. S. 153), der in diesem Sinne als das „Fleisch" 
im Gegensatz zum Geist bezeichnet wird. Soweit intellektive Vor- 

1 II, qu. 16, art. 5, Bl. 286. Das wäre also wohl das adjutorium Augu- 
stins, vgl. A. Dorner, Augustin, 118. Auch Thomas von Aquino nahm an, 
daß Adam im Paradiese die Gnade besaß, und zwar (abweichend) die gratia 
gratum faciens. L. II, qu. 16, art. 5 ; dazu Stöckl II. 706. Gregor urteilt 
ebenso wie M. v. I.: 1. II, dist. 19, qu. 1, art. 1, concl. 1 — 3, Bl. 95/6. 

2 ]. II, qu. 19, art. 3, Bl. 309, d, ad tertium opp. 

3 ibid. concl. 3, corell. 3, Bl. 308, c. 

4 Art. 3, concl. 1 — 2, Bl. 308, b: Conen piscentia aptitudinalis [= habi- 
tudinalis] sive coneupiseibilitas vel etiam pronitas ad coneupiscendum. Das 
folgende: Bl. 208 c— d. 



168 Gerhard Ritter: 

Stellungen bei der Begehrung mitwirken, zieht sie freilich auch den 
Willen in ihren Bann; dann steigt gleichsam der Herrscher unter 
den Seelenkräften eine Stufe herab zu seinen wilden freien Dienern, 
den Trieben. Beim Zustandekommen jedes einzelnen Aktes der 
sündhaften Begehrung wirken außer der sündhaften Anlage noch 
bestimmte körperliche und Charakterverhältnisse des begehrenden 
Individuums und die Eigentümlichkeiten des begehrten Objektes 
mit. Sonach gestaltet sich jeder Akt des Begehrens je nach Um- 
ständen verschieden an Stärke und Richtung. Jeder bestimmte 
Mensch, jeder bestimmte Charakter, jedes bestimmte Tempera- 
ment hat seine besonderen Schwächen, in denen man den Zwang 
seiner Naturanlage besonders lebhaft empfindet. 

Wir sehen schon jetzt, daß die Theorie Okkams hier verlassen 
ist. Die Erbsünde erscheint nicht mehr bloß als rein begriffliche 
Anrechnung (imputatio)emer idealen Schuld auf das ganze Menschen- 
geschlecht, sondern als eine höchst lebendige Realität im täglichen 
Ringen des strebenden Menschen um sittliche Vollkommenheit. 
Die kräftige religiöse Empfindung Augustins und der älteren Scho- 
lastik bis auf Thomas von der sündhaften Anlage unseres Wesens, 
die Luther bei den Erfurter Modernen vermißte, ist hier wieder 
lebendig. Im einzelnen entspricht das meiste den Lehren der Hoch- 
scholastik. Doch ordnet Marsilius alles mit Klarheit in den festen 
Rahmen seiner natürlichen Psychologie ein. Die Erbsünde hat in 
ihrer realen Erscheinung materialiter) nichts Geheimnisvolles: es 
ist einfach die natürliche Schwäche unseres Willens gegenüber 
den Anreizen der Sinne, die in jedem einzelnen Falle zur Schuld 
wird, indem die sittlichen (rationalen) Motive unserer Seele sich 
schwächer erweisen als die entgegengerichteten. Nicht daß wir 
so schwach sind, sondern daß die ursprüngliche Gnade Gottes (die 
iustitia originalis) dieser Schwäche nicht mehr zu Hilfe kommt, 
ist als Folge und Strafe der Verfehlung Adams zu betrachten 1 . 
Von einer Verderbtheit {deformitas) unserer Natur 2 , einem fomes 
peccati, kann nur in einem mehr bildlichen als eigentlichen Sinne 
die Rede sein. Unsere Verantwortlichkeit für unsere Handlungen 
bleibt bestehen, insofern unser Wille trotz seiner ständigen Ge- 



1 1. c. art. 2, Bl. 306, a, „ad 2". 

2 Der Ausdruck kommt vor 1. c. art. 1, Bl. 304, b, wo das Wesen der 
Erbsünde als culpa erörtert wird; von culpa kann nur die Rede sein, soweit 
der freie Wille Adams mit im Spiel ist: Peccatum originale est deformitas aliquo 
modo voluntaria. 



Studien zur Spätscholastik. I. 169 

fährdimg durch die Konkupiszenz als frei zu betrachten ist. Inwie- 
fern das möglich sein soll, bedarf freilich noch der späteren Er- 
örterung. 

Bei alledem ist die massive Art, wie etwa Gregor von Rimini 
und in der Hauptsache auch Luther 1 Erbsünde und Konkupiszenz 
einander gleichsetzten, bewußt vermieden. Zunächst ist schon die 
Begehrlichkeit (concupiscibilitas), wie wir gesehen haben, nicht 
identisch mit der Konkupiszenz, dem sinnlichen Trieb (noch weniger 
natürlich mit der sexuellen Sinnlichkeit), sondern erstreckt sich 
auf alle Körper- und Seelenkräfte: durch bewußte Willensakte 
wird sie immer wieder zur persönlichen Schuld gestaltet. Sodann 
aber ist die Erbsünde ihrem Wesen nach (formaliter) gar nicht 
selbst Begehrlichkeit, sondern Mangel der ursprünglichen Har- 
monie der Seelenkräfte, der bewirkt, daß die egoistischen Motive 
im sittlichen Kampfe stärker bleiben als die moralischen 2 . Die 
Begehrlichkeit ist also nicht ihr Wesen, sondern ihre Folge oder 
ihre materielle Erscheinungsform. Vor allem ist sie keine positive 
oder negative Qualität des Leibes, die etwa durch den Samen fort- 
gepflanzt würde (wie könnte sie sonst Schuld sein!) 3 , sondern im 
Wesen etwas Geistiges: nämlich der Mangel einer (im Paradiese 
einst vorhandenen) geistigen Qualität. Ihr Charakter als Schuld 
beruht in diesem Zusammenhang darauf, daß wir als Adamskinder 
durch Gottes Zurechnung an Adams Schuld teilhaben 4 , und nur 
so ist zu begreifen, daß schon die Neugeborenen als ,, Kinder des 
Zorns" zur Welt kommen. Würde ein solches Kind durch Mirakel 
auch ohne Konkupiszenz geboren, so wäre es doch ohne Gottes 
Gnadeneingießung den Verdammten zuzurechnen. Von dieser 
Seite betrachtet, erscheint in der Tat die Erbsünde (im Sinne 
Okkams) als rein begriffliches Verhältnis. Aber schon die Hoch- 
scholastik behauptete, auf den Fußspuren Augustins, ihren doppel- 
ten Charakter als concupiscentia in der Erscheinung und als carentia 



1 Seeberg IV, F, 165. 

2 Qu. 19, art. 2, Bl. 307, b: Post peccatum caro concupwit ad sua bona 
et non ad bonum rationis. Ferner art. 3, pars 2, Bl. 309, a ff. 

3 ibid. art. 3, concl. 2, Bl. 309, a: Nee peccatum originale est aliqua 
dispositio positica vel privativa existens in corpore sie, quod non in anima ; 
probatur, quod si sie, non esset peccatum. 

4 Das darf aber nicht so verstanden werden, als ob Adam die Erbsünde 
wie ein heimliches Gift als positio macule vererbt hätte; vererbt hat er nur 
decoris ablationem, sc. iusticie originalis. — 1. c. Bl. 309, a, concl. 4. 



170 Gerhard Ritter: 

iiisticie debile im Wesen. Für die religiöse Praxis und für die theo- 
logische Stellung des Marsilius ist deshalb allein entscheidend, daß 
er zwar nicht das Wesen der Erbsünde, wohl aber ihre Folge und 
materielle Erscheinungsform, die Konkupiszibilität als eine seelische 
Tatsache von höchster Bedeutung empfand und darstellte. Ihr 
natürlich-psychologischer Charakter bewährte sich ihm auch darin, 
daß ihre Vererblichkeit — gewissermaßen als eine allen Menschen 
gemeinsame, wenn auch in Stärke und Richtung wechselnde 
Charakteranlage auf rein naturwissenschaftlichem Wege be- 

gründet werden sollte 1 . 

Für Luthers inneres Erleben war es später entscheidend, daß 
er die aus der Erbsünde entspringenden Taten trotz ihrer Begrün- 
dung in dem Verhängnis der erblichen Konkupiszenz aufs stärkste 
als persönliche Schuld empfand. Ein ähnliches Interesse an der 
persönlichen Verantwortlichkeit trieb Okkam, den Charakter der 
Erbsünde als einheitliche Disposition des natürlichen Willens auf- 
zugeben und statt dessen sich an die einzelnen sündhaften Taten 
zu halten. Die psychologische Lehre des Marsilius dagegen er- 
möglichte es, in der Art der älteren Theologie, die religiöse Er- 
kenntnis unserer sündhaften Naturanlage mit der Betonung der 
menschlichen Willensfreiheit und Verantwortlichkeit zu verbinden, 
ohne den natürlichen Kräften des Menschen zuviel Vertrauen zu 
schenken. Das Maß dieses Zutrauens wird über sein inneres Ver- 
hältnis zu der religiösen Leitidee des späteren Reformators in erster 
Linie entscheiden. Das führt uns sogleich hinüber zur Gnadenlehre. 

Die eigentümlich gebundene Anschauung der scholastischen 
Theologie, nach der die Gnadengewährung nicht wie bei Luther 
als ein Vorgang höchst persönlicher Art zwischen dem Christen und 
seinem Gotte erscheint, sondern als eine sakramentale Handlung, 
gebunden an die offizielle Mitwirkung der kirchlichen Beamten 
und mit dem Ziel der magischen Veränderung der sündhaften 
Seele, wird natürlich auch von unserem Theologen vertreten. Zwar 
hören wir gelegentlich den okkamistischen Satz, daß Gott de lege 
absoluta auch ohne die offizielle sakramentale Eingießung der 
Gnade den Sünder annehmen könne 2 ; aber so wenig wie für Okkam, 

1 1. c. Bl. 310, a — b. Beobachtung größerer Sinnlichkeit bei unehe- 
lichen Kindern, als bei ehelichen; Einfluß des Vorstellungslebens der schwan- 
geren Mutter auf die Frucht usw. 

2 üb. II, qu. 17, art. 2, concl. 2, Bl. 291. -■ Lib. I, qu. 20, art. 20, 
Bl. 84, b werden diese Überlegungen als „logische Subtilitäten" ohne eigent- 
lich theologischen Wert bezeichne! ! 



Studien zur Spätscholastik. I. 171 

der sich schließlich überall in diesen Dingen der Kirchenlehre 
anpaßte, spielt das hier eine Rolle: de lege ordinata ist eben die 
sakramentale Gnadenwirkung doch unentbehrlich. Ja dieser Vor- 
gang erscheint hier sogar noch starrer, unpersönlicher als üblich. 
Nach der gangbaren scholastischen Tradition war die Gnaden- 
eingießung mit der Rechtfertigung dadurch verbunden, daß ihr 
eine Tilgung der Sünde im Sinne der Nichtanrechnung der Schuld 
Adams und Austreibung des erblichen Sündenhabitus voraus- 
ging bzw. nachfolgte. Während nun Thomas und Skotus hierbei 
auf das Moment der Vergebung besonderes Gewicht legten und die 
gesamte Tradition das zeitliche und logische Verhältnis von Infusio 
gratiae und remissio peccatorum erörterte, geschieht dieser Dinge 
in der Darstellung des Marsilius kaum Erwähnung. An Stelle der 
Rechtfertigung hat sich das ganze Interesse ausschließlich auf die 
sittliche Erneuerung des Menschen konzentriert. Der religiöse 
Gedanke persönlicher Verschuldung und ihrer störenden Wirkung 
auf das Verhältnis zu Gott ist hier wieder ganz zurückgetreten. 

Im einzelnen wird die Eingießung der rechtfertigenden Gnade 
(gratia gratum faciens) im Sakrament (und deren Wesen) mit den- 
selben, wesentlich augustinischen Formeln geschildert, wie in der 
Hochscholastik; sie ist ihrem Wesen nach identisch mit der Liebe 
und vollendet demgemäß (außer der Erneuerung des Willens) als 
forma informans die fides informis, die ihrer Eingießung notwendig 
vorausgeht 1 . Indem so das ganze Wesen des Menschen durch ihre 
Einwirkung erneuert wird, wendet sich doch das Hauptinteresse 
der Umgestaltung des Willens zu. Wir begreifen aus dem Zusammen- 
hang der psychologischen Erörterung, welche Rolle ihr hier zufallen 
wird: die sittlichen Antriebe so zu stärken, daß der Wille in der 
Lage ist, dem ersten Anlauf der Versuchung nicht zu erliegen, 
sondern seine sittliche Freiheit zur Geltung zu bringen. Die theo- 
logisch entscheidende Frage ist, wo der Wirkungsbereich der natür- 
lichen Kräfte und ihres sittlichen Antriebes aufhört, wo die Mit- 
wirkung der Gnade anfängt, und wie dabei das Verhältnis von 
göttlicher und menschlicher Wirksamkeit vorzustellen ist. 

Schon die ältere Franziskanerschule hatte versucht, den 
mirakelhaften Vorgang der Gnadeneingießung mit dem lebendigen 
religiösen Erlebnis in engere Beziehung zu setzen, indem sie eine 
psychologische Vorbereitung des Aktes durch das rege Bemühen 



1 ibid. art. 1, no 5, Bl. 290, a. Ferner cond. 2 u. art. 2. 



172 Gerhard Ritter: 

des Menschen um Erleuchtung seines Glaubens und Reinigung 
seines Willens voraussetzte. Gott wird dem, der tut, was in seinen 
Kräften steht, die Gnade nicht versagen. Freilich konnte schon 
dieses Bemühen nicht ohne spezielle Hilfe Gottes {gratia gratis 
data), vor allem bestehend in der Einwirkung seines Wortes, zum 
Ziele führen. Dennoch wurde diese Annahme zum Ausgangspunkt 
jener Kontroverse um semipelagianische Formeln, die für die 
dogmengeschichtliche Beurteilung der lutherischen Neuerung die 
größte Bedeutung besitzt. Während Thomas, in strenger Ver- 
tretung der Alleinwirksamkeit der Gnade, schon in dem vorberei- 
tenden Stadium des Heilsweges die selbständige Mitwirkung des 
Willens ausschloß, trieb die Ausgestaltung der psychologischen 
Arbeit am Begriff der Willensfreiheit bei den Franziskanern Duns 
und Okkam dahin, daß die gratia gratis data gänzlich fiel. Aus 
natürlichen Kräften vermag der Mensch sich auf den Empfang 
der Gnade vorzubereiten und sich in solchem Handeln gewisse, 
wenn auch nicht zureichende (de condigno), so doch die Hoffnung 
auf Belohnung immerhin begründende (de congruo) Verdienste zu 
erwerben. Das war die Lehre, an der Luthers religiöser Ernst 
so argen Anstoß nahm. 

In der Lehre des Marsilius finden wir die gratia gratis data 
wieder hergestellt. Es ist ein recht vieldeutiger Begriff, der im 
ganzen weniger die Berufung durch das Wort als eine Reihe von 
halb natürlichen, halb geistlichen Gaben Gottes zu umfassen 
scheint, die nur teilweise zur Vorbereitung des Christen auf den 
Gnadenempfang dienen. Die wichtigste dieser Gaben ist die fides 
informis, die ja, wie wir gesehen haben (S. 147), nicht ohne beson- 
dere Gnadenwirkung zu erlangen ist 1 . Was nötigt aber zur Annahme 
dieser zweiten Gnadenwirkung Gottes neben der rechtfertigenden 
Gnade ? 

Sie ist zunächst streng zu unterscheiden von der,, allgemeinen" 
Mitwirkung Gottes als prima ausa, die in allen geschöpflichen 
Dingen sich geltend macht, durch Vermittlung der „zweiten Ur- 
sachen", der Himmelskörper, in den körperlichen Dingen, ohne 
Vermittlung in den geistigen Substanzen. Diese influentia generalis 
gehört der rein natürlichen Lebenssphäre an; wir sind ihr bereits 

1 1. II, qu. 17, art. 1, Bl. 289, d: Gratia gratis data . . . est bonum additum 
nature per Deum, quo tarnen posito non oportet esse deo gratuin, sicut fides informis, 
vel spes seiende, donum prophetie, eloquentie et virtutes morales, immo et bona 
utilia exteriora ! 



Studien zur Spätscholastik. 1. 173 

in der Willenslehre anläßlich des Begriffes der libertas finalis ordina- 
tionis begegnet (s. o. S. 161). Aus augustinischen und aristotelischen 
Motiven herstammend, spielt sie in der älteren Lehre von der Prä- 
destination eine Rolle; für die Gnaden- und Verdiensttheorie des 
Marsilius dagegen scheidet sie zunächst als rein natürliche An- 
gelegenheit aus 1 . 

Wenn es nun außer dieser allgemeinen Mitwirkung Gottes noch 
eine spezielle Gnadenwirkung geben soll, so muß sie einen speziellen 
Zweck verfolgen. Sie erweckt in uns jene lockenden und warnenden 
Stimmen, mit deren Hilfe auch vor Eingießung der charitas die 
göttliche Liebe und Weisheit uns zum Guten antreibt, vom Bösen 
fernzuhalten sucht. Es gibt eine ganze Summe von solchen mora- 
lischen Antrieben des natürlichen Willens, die auch ohne eigent- 
lich christliche Erleuchtung wirken. Alle Tugenden der heid- 
nischen Philosophen beruhen auf ihnen. Aber Gott hat sie ihnen 
und uns durch besondere Gnade ins Herz gelegt 2 . Sie sind der 
Grund, wenn es dem Menschen hie und da auch ohne die recht- 
fertigende Gnade gelingt, einzelne Gebote Gottes zu erfüllen. So 
reicht denn die gratia gratis data hin, mit Hilfe der praktischen 
Vernunft (ratione pract ca complexa) im alttestamentlichen Sinne 
zur Liebe Gottes und des Nächsten zu gelangen 3 : Handlungen, die 
eigentlich nur der echten, durch Eingießung gewirkten Liebe zu- 
stehen. 

Die Absicht der speziellen Gnade wird jetzt schon deutlicher. 
Gregor von Rimini hatte in bewußter Erneuerung der strengen 
augustinischen Lehre die okkamistische Selbsttätigkeit des natür- 
lichen Menschen bei der Vorbereitung auf die Gnade verworfen 
und den Satz aufgestellt, daß ohne besondere, von dem iufluxus 
communis unterschiedene Gnade Gottes niemand eine gute Hand- 
lung ausführen könne. Marsilius hat diese Lehre offenbar über- 
nommen, wenn er auch den zitierten Satz nicht ausdrücklich 
wiederholt 4 . Ohne spezielle Gnade ist nicht einmal die natürliche 



1 1. II, qu. 18, art. 1, Bl. 295, b, 296, d. Gott wirkt auch in den irrigen 
Denk- und sündigen Willensakten mit, jedoch nur per accidens, nicht de per se. 
Ähnlich 1. I, qu. 20, art. 3, Bl. 84, d. — Vgl. ferner unten die Prädestinations- 
lehre! 

2 1. II, qu. 18, a. 1, Bl. 296, b; 1. I, qu. 20, a. 3, Bl. 85a-b. 

3 Qu. 18, a. 2, concl. 2, Bl. 297, c. 

4 Vgl. indessen Bl. 298, a: Existens extra gratiam nee aliquid mandatorum 
\dei] sine gratia iuxta mentem preeipientis potent adimplere. Für (Iregor vgl.: 
1. II sent. dist. 19, qu. 1, a. 2, Bl. 96, d-97. 



17 'i (Iehhard Ritter: 

Willensregung möglich. Allerdings ist der Kreis dessen, was alles 
unter die gratia gratis data fallen soll, so weit gespannt, daß ihr 
Wesen kaum noch zu bestimmen ist. Marsilius legt auch anschei- 
nend kein großes Gewicht auf ihre Verwandtschaft mit de» eigent- 
lichen Gnade 1 . Aber soviel ist doch zu erkennen: auch der Umkreis 
der scheinbar natürlichen Sittlichkeit soll als Wirkung Gottes be- 
zeichnet werden. 

Doch betrachten wir das Zusammenwirken des menschlichen 
Willens mit der Gnade Gottes noch etwas genauer! Mit stärkstem 
Nachdruck wird betont, daß der Mensch seit Adams Fall ohne die 
eingegossene Gnade nicht imstande ist, auch nur eine Zeitlang 
Gottes Gebote nicht zu übertreten. Soweit keine gratia gratis data 
im Spiel ist, mag er zwar eine Zeitlang direkte Verstöße gegen die 
Verbote der zweiten Tafel vermeiden können; aber zur Erfüllung 
der positiven Vorschriften des Gesetzes im Sinne des Gesetzgebers 
ist er ebensowenig imstande, wie zu längerem Beharren im Ge- 
horsam gegen die Verbote 2 . Schon der bloße Mangel an Reue und 
Buße nach begangener Todsünde ist eine Fortsetzung dieser Sünde, 
wenn nicht eine besondere Hilfe Gottes den Sünder auf den rechten 
Weg bringt. Der Wirkungskreis der natürlichen Sittlichkeit ist also 
auf das äußerste beschränkt. Aus eigener Kraft vermögen wir 
Gottes Gesetz, das Gesetz des alten Bundes nicht zu erfüllen. Aber 
auch die „umsonst verliehene Gnade" hilft noch nicht viel weiter. 
Zwar reicht sie unter Umständen hin (wir hörten es schon) zur Er- 
füllung einiger positiver Vorschriften Gottes, wie des Gebotes der 
Gottes- und Nächstenliebe, und es ist nicht zu leugnen, daß vielen der 
heidnischen Philosophen dies in ihrer Art gelungen ist. Die schroffe 
Strenge Augustins, der diese Leistungen der Unchristen (angesichts 
der blasierten Tugendphilosophie der Spätantike!) als „glänzende 
Laster" brandmarkte, ist also immerhin gemildert. Aber wie gering 
ist die Kraft dieser anfänglichen Sittlichkeit, solange nicht das 
Bußsakrament eine gründliche Säuberung der Seele bewirkt hat! 
Jede einmal begangene und nicht durch Buße ausgetriebene Sünde 
verschlimmert den Zustand des Willens und treibt unfehlbar zu 
neuer Sünde, wenn Gott nicht abermals eingreift. Wir kennen die 
Schilderung dieses Zustandes aus der Psychologie des Willens. 



1 Bl. 289, (1: de his omnibus [sc. Inhalt der gratia gratuita] non est ad 
presens. Vgl. vor allem die sehwankende Bestimmung des Inhalts und der 
Bezeichnung. 

2 Qu. 18, a. 2, Bl. 298a-b. 



Studien zur Spätscholastik. I. 175 

Wie ein Seemann auf klippenreichem Meer, geschwächt und gehin- 
dert an freiem Handeln, sein Fahrzeug wilden Stürmen preis- 
gegeben sieht und zittern muß, weil er jeden Augenblick scheitern 
kann, so ist der Mensch vor seiner Wiedergeburt im Sakrament 1 . 
Es geschieht nur selten und dann nur dank besonderer Hilfe Gottes, 
daß in solchem Zustand der freie Wille ausreicht, einmal eine 
Klippe zu umsegeln. Mit einem andern Bilde: eine furchtbare Last 
hat der natürliche Mensch stets mit sich umherzuschleppen. Kommt 
nicht Hilfe von oben, so muß er notwendig auf die Dauer zusammen- 
brechen. 

Aber wenn denn alles auf die gnädige Hilfe Gottes ankommt, 
warum dann diese prinzipielle Scheidung zwischen den beiden 
Arten der Gnade ? Ist einmal das religiöse Interesse an der Allein- 
wirksamkeit Gottes sichergestellt, indem auch die Gewissens- 
regungen auf ihn zurückgeführt werden, so sollte man meinen, es 
bedürfte nur der graduellen Steigerung dieser Gnadenhilfe, um den 
Sünder ans Ziel gelangen zu lassen. Wozu dient die völlige Neu- 
orientierung vermittels der „eingegossenen" oder „rechtfertigen- 
den" Gnade ? Die Sache erscheint in der Darstellung des Marsilius 
um so rätselhafter, als bei ihm der sonst entscheidende Akt der 
remissio culpae, mag diese nun mehr als Austreibung oder als Ver- 
gebung gedacht sein, keine Erwähnung findet. Damit ist aber der 
religiöse Charakter des Vorganges, der prinzipielle Unterschied 
zwischen bloßer Sittlichkeit und religiöser Lebendigkeit, vollends 
verwischt. Das persönliche Verhältnis zwischen dem Sünder und 
Gott ist ganz juristisch gebunden an den sakramentalen Vorgang. 
Die gratia gratum faciens ist von der Vorstufe darum zu unter- 
scheiden, weil nur sie im Sakrament offiziell verliehen wird. Das 
kommt auch zum Ausdruck in der Lehre von der Verdienstlich- 
keit unseres Handelns, auf die sich das Hauptinteresse dieser 
Theologie konzentriert. 

Der Endzweck alles sittlichen Lebens ist die Verklärung des 
Menschen in der Vereinigung mit Gott. Das Urteil über alle unsere 
Handlungen muß sich letztlich danach richten, welchen Wert sie 
im Hinblick auf dieses Ziel, d. h. welche Gestalt als „Verdienst" 
sie besitzen. Das klingt sehr nach Werkgerechtigkeit. Aber die 
theologische Ausführung setzt alles daran, dem „Verdienst" diesen 

1 1. c. Bl. 298, d bis 299, a. Ebendort ausführliche Schilderung von dem 
aussichtslosen Kampf des Gewissens und der Vernunft gegen Leidenschaft. 
Welt und Teufel. 



176 Gerhard Ritter: 

Charakter zu nehmen. Streng genommen ist die Annahme eines 
Verdienstes ausschließlich Sache Gottes. Nach seiner absoluten 
Macht könnte er den Menschen auch ohne Erfüllung seiner Gebote 
annehmen, mit Rücksicht auf das Maß dessen, was der Erden- 
pilger ex puris naturalibus zu leisten imstande ist 1 . Nun hat er 
freilich in der Heilsordnung (de lege ordinata) die Erfüllung der 
iustit a originalis, also die Innehaltung seiner Gebote verlangt. 
Aber diese Aufgabe vermögen wir ja gar nicht zu leisten ohne seine 
Hilfe. In jedem verdienstlichen Werke sind demnach drei Momente 
zu unterscheiden: zuerst und als das wichtigste Stück die zuvor- 
kommende Gnade, die unserm Willen eigentlich erst den Charakter 
als gut verleiht; sodann der innere Entschluß des freien Willens, 
der mit dieser Hilfe das Gute statt des Bösen wählt; und endlich 
die Annahme dieser Leistung durch Gottes gnädigen, freien Willen 2 . 
Nichts nötigt Gott zu dieser Annahme; die acceptatio selbst ist es, 
die als principale (oder als formale) das Werk verdienstlich macht, 
während die gratia preveniens und voluntas hominis in dieser Hin- 
sicht nur als accessoria (bzw. materielle) erscheinen. Der mensch- 
liche Wille ist überhaupt nur als Substanz (entitas), also gewisser- 
maßen als Schauplatz des Vorgangs zu betrachten, nicht als Ursache 
des Verdienstes; Gott ist immer die causa prineipalior. Das ist 
offenbar jene Unterscheidung, mit der Duns Skotus die relative 
Verdienstlichkeit unserer W r erke zu begründen versucht hatte 3 . 
Aber die Absicht ist nicht, den Verdienstcharakter zu betonen, 
sondern ihn abzuschwächen. Das zeigt sogleich die weitere Be- 
trachtung. 

Zunächst ist klar, daß von einer Verdienstlichkeit der rein 
natürlichen Werke, die dem Sittengebot entsprechen, nicht die 
Rede sein kann. Gottes Gnade ist ja nicht an ihnen beteiligt. Auch 
von einem Verdienst, das, ohne einen Anspruch zu begründen, 
doch den ewigen Lohn als angemessen erscheinen läßt (meritum de 
congruo), kann nicht die Rede sein 4 ; allenfalls kommt ein rein 
zeitlicher (innerer oder äußerer) Lohn in Betracht 5 . Damit ist die 
als semipelagianisch verschriene gegenteilige Lehre Okkams bewußt 



1 1. II, qu. 18, a. 2, Bl. 297, a; 1. I, qu. 20, a. 3, concl. 8, Bl. 86, a. 

2 1. II, qu. 17, a. 3, concl. 2, Bl. 292, b. Ebendort das Folgende. 

3 Vgl. Seeberg, Dogmengesch. IIP, 587. 

4 1. II, qu. 18, a. 3, concl. 3, Bl. 299, c, 

5 I. I, qu. 20, a. 3, prop. 6, Bl. 85, d. 



Studien zur Spätscholastik. I. 177 

abgelehnt 1 . Andererseits wird aus der Definition des Verdienstes 
konsequent gefolgert, daß die mit Hilfe der gratia gratis data zu- 
stande gekommenen Werke ein Verdienst de congruo besitzen 
müssen 2 : wie sollte Gottes Mitwirkung anders zu werten sein? 
Gottes Barmherzigkeit läßt es als angemessen erscheinen, daß er 
dem verlorenen Sohne, der seiner Lockung folgend dem Vater- 
hause mit allen Kräften zustrebt, seine Gnade nicht verschließt. 
Gewiß: auch jetzt noch ist die Sünde des Verlorenen größer als 
seine sittliche Leistung. Aber wir dürfen hoffen, daß Gott aus 
Gnaden darüber hinwegsehen wird. Mit dem eindrucksvollen tradi- 
tionellen Bilde: der in den Abgrund des Verderbens Gestürzte müht 
sich aus allen Kräften, wieder ans Licht emporzuklimmen, und der 
Retter hilft ihm mit starkem Arme; gewiß ist das Schwergewicht 
des Elenden, das ihn immer wieder in die Tiefe niederreißt, stärker 
als alle seine Anstrengungen. Aber wenn er sich nur redlich müht, 
sollte ihm darum die Hilfe versagt bleiben 3 ? Man empfindet ohne 
weiteres, wie viel näher diese Lehre bereits den ursprünglichen Ideen 
neutestamentlicher Frömmigkeit steht, nach denen der verzwei- 
felnde Mönch in der Erfurter Klosterzelle die Hände ausstreckte, 
als die religiöse Flachheit des okkamistischen Voluntarismus. Die 
Theologie der alten, vorskotistischen Franziskanerschule ist auch 
an diesem Punkte wieder lebendig geworden. Von pelagianischen 
Vorstellungen kann im Ernste nicht mehr die Rede sein. 

Das wird vollends deutlich in der Betrachtung des neuen, sitt- 
lichen Lebens, das die gratia gratum faciens begründet. Die älteren 
Franziskaner wollten dem Wiedergeborenen wirklich zureichende 
Verdienste (de condigno) zusprechen, mit denen er sich eine Art 
Anspruch auf den Himmel erwerben könne; nach Austreibung der 
alten Erbschuld im Sakrament sollte ein heiliges Leben im eigent- 
lichen Sinne möglich sein. Die kirchengeschichtlichen Folgen dieser 
Lehre sind bekannt genug. Marsilius lehnt diese Vorstellung a limine 
ab 4 . Wie sollte Gott in irgend einer Weise zu irgend etwas ver- 
pflichtet sein auf Grund einer Handlung seines Geschöpfes ? Das 



1 Es versteht sich, daß auch die Möglichkeit verschwindet, die attritio 
oder gar contritio aus natürlichen Kräften zu erwerben. Erstere setzt die 
gratia gratuita, letztere den Besitz der rechtfertigenden Gnade voraus. 1. IV, 
qu. Id. a. 1, Bl. 558, a. 

2 1. II, qu. 18, a. .'{. concl. 2 u. '» Bl. 299, c u. 300, a. 

3 ibid. Bl. 300, b. 

1 1. II, qu. 18, a. 4, concl. 1, Bl. 30(1, c: De condigno nullus /><>tcsi mereri 
etiam per quantameumque gratiam gloriam. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Abb. 12 



1 7 s Gerhard Ritter: 

widerspräche nicht nur seiner Majestät, sondern ebensogut dem 
Begriff der Gerechtigkeit. Ist doch alles, was wir besitzen und 
leisten, von den Regungen des natürlichen Gewissens bis zur Hei- 
ligung im Sakramente, nichts als sein Geschenk. Was haben wir 
Armen ihm also zu bieten? Unsere Schuld an ihn ist so groß: je 
mehr wir davon abzahlen, desto größer wird sie nur 1 . Und steht 
es denn nicht so, daß der Gerechtfertigte auch nach der Eingießung 
der Liebe dem sündigen Fleische verhaftet bleibt ? 2 Wenn also die 
Werke des Gerechtfertigten den Anspruch erheben können, in 
irgend einer Weise als verdienstlich de condigno zu gelten, so kann 
wiederum nur die freie Annahme der göttlichen Gnade dafür der 
Grund sein, die uns armen Sündern das Verdienst des Leidens 
Christi zugute kommen läßt; und zwar so, daß diese Anrechnung 
ursprünglich aus dem Verdienste Christi, nicht dem unseren, hervor- 
geht 3 . Niemals kann Gott gleichsam unser Schuldner werden 4 . So 
ist es richtiger, die Werke des Begnadigten nicht de condigno, son- 
dern de congruo verdienstlich zu nennen: Gottes Annahme allein 
ist es, die sie zu Verdiensten erhebt 5 . 

Diese abschließenden Bestimmungen über das menschliche 
Verdienst sind von größter Bedeutung für die dogmengeschicht- 
liche Stellung unseres Theologen. Auch Thomas hatte die „Ver- 
dienste" des im Besitze der gratia gratum faciens stehenden Men- 
schen ähnlich bestimmt : als menschliche Verdienste betrachtet, 
sollten sie nur de congruo Wert haben; nur im Hinblick auf die in 
ihnen zur Geltung kommende Mitwirkung des heiligen Geistes 
könne man von einem „zureichenden" Verdienste (de condigno) 
sprechen. Die Formulierung des Marsilius ist vielleicht noch ein- 
deutiger: in den W T erken selbst liegt überhaupt kein Verdienst. Das 
sola gratia, die Alleinwirksamkeit Gottes im Sinne Augustins ist 
mit einer Energie festgehalten, die keiner Steigerung mehr fähig ist. 



1 ]. c. Bl. 300, d: Talis est obligatio (-venture ad denin. quod quanto plus 
solvit, tanto plus tenetur. 

- 1. I, qu. 20, a. 3, prop. 7, Bl. 86, a. 

a 1. c. a. 4, concl. 2, Bl. 301, a: Huismodi opera possunt dici vite eterne 
meritoria de condigno ex acceptatione divina originaliter procedente ex 
inerito passionis Christi. Probat ur sie: quia finaliter in gratia persistentes 
digni sunt vita eterna, vel ergo pro qualitate operum, et hoc non, . . . vel per dei 
aeeeptationem, et habetur propositum. 

4 I.e. Bl. 301, b. 

5 1. c. concl. 3, Bl. 301, c: Opera facta ex gratia merentur vitam eternam 
de congruo ex liberal/ dei dispositione, qua disposuit ea sie premiare. 



Studien zur Spatscholastik. I. 1 7 '. > 

Gregor von Rimini hat die zuletzt besprochenen Fragen in den allein 
überlieferten beiden ersten Büchern seines Sentenzenwerkes, soviel 
ich sehe, nicht mehr behandelt. Aber der ganze Aufriß dieser 
Gnadenlehre des Marsilius entspricht dem Geiste des Augustin, 
der die beiden Theologen innerlich verbindet, in hohem Maße 1 . 
Und so ist es denn nicht weiter verwunderlich, wenn Marsilius in 
der Lehre von der Prädestination, die wir als Abschluß dieser 
theologischen Gedankenreihe noch betrachten wollen, mit offenem 
Visier auf die Seite des Augustinergenerals tritt, dessen Sätze er 
ohne wesentliche Veränderung übernehmen wolle 2 . 

Alle Motive der Gnaden- und Willenslehre laufen in dieser, 
die ganze Theologie beherrschenden Krönung des Systems zu- 
sammen. Der unauflösliche Widerspruch zwischen den beiden Ge- 
dankenreihen der AlleinwirksamkeH Gottes und der menschlichen 
Verantwortlichkeit (im letzten Grunde das Rätsel aller geistigeren 
Religiosität) der schon das System Augustins so widerspruchs- 
voll gestaltet hatte, war der Anstoß immer erneuter Gedanken- 
arbeit des Mittelalters gewesen. Die Antwort fiel verschieden aus, 
je nachdem die eine oder die andere Ideenreihe für den Betrachter 
mehr im Vordergrund stand. Für die skotistisch-okkamistische 
Schule lag die Sache besonders schwierig, weil ihr beide Motive 
Augustins, die menschliche Willensfreiheit so gut wie die unbe- 
schränkte Allmacht, ja Willkür Gottes, wichtig waren. Die Lösung 
Okkams blieb deshalb recht unbefriedigend; er wußte vor allem 
nicht recht zu erklären, wie die Fähigkeit des .Menschen zu verdienst- 
lichen Taten mit dem dunkeln Verhängnis der göttlicher Vorher- 
bestimmung zum Verderben in Einklang zu bringen sei. Es scheint, 
daß die innere Unsicherheit über das Maß und den Erfolg der 
eigenen Taten, die aus dieser Lehre in der Fassung der Erfurter 
Okkamisten entspringen mußte, das wichtigste unter den Motiven 
war, die den jungen Luther in die Verzweiflung hineinstießen 3 . 



1 Gregor läßt auch den durch die eingegossene Gnade Erneuerten die 
Sünde nur mit Hilfe einer jedesmal erneuten und besonderen Gnade Gottes 
vermeiden. Diese ans Physische streifende, das geistige Moment der Erneu- 
erung ganz unterdrückende Konsequenz findet sich bei M. v. I. nicht! Vgl. 
Gregor in 1. II sent., dist. 26-28, qu. 2, art. 2, Bl. 93, c. Häufiger als den 
Gregor zitiert M. v. I. in der Gnadenlehre den Augustiner Thomas von Straß- 
burg. 

2 1. I, qu. 41, a. 2, Bl. 173, a. 

3 Scheel II 2 , 151. Noch schärfer formuliert von A. \ . Mi u.iii. Luthers 
Werdegang. 



180 Gebhard Ritter: 

Auch Marsilius empfindet den Ernst des Problems, dessen Er- 
örterung weit über die theologischen Kreise hinaus brennendes 
Interesse erwecke, und die Schwierigkeit der Lösung so lebhaft, 
daß er nur stammelnd (balbutiendo) und unter zahlreichen Vor- 
behalten eine Antwort wagt 1 . Trotzdem ist von vornherein deut- 
lich, daß ihm mit seinem stark eingeschränkten Freiheitsbegriff die 
Auflösung der Widersprüche erheblich leichter fallen muß, als den 
okkamistischen Theologen. 

So kann er denn die Idee der Prädestination unbesorgt in den 
radikalen Formeln entwickeln, wie sie etwa Duns Skotus benutzte. 
Das leitende Motiv ist durchaus, die irrationale Freiheit und Kon- 
tingenz des göttlichen Willens unter allen Umständen zu behaupten. 
Etwa entgegenstehende Einwände der „sophistischen Logik" müssen 
schweigen 2 . Da Gottes Willen kontingent ist, muß auch das Ge- 
schehen kontingent sein; ein gesetzlicher Zusammenhang des Welt- 
geschehens im Sinne zwangsläufiger Vorherbestimmung wider- 
spricht Gottes freier Allmacht 3 . Wie ist aber damit das Vorher- 
wissen Gottes zu vereinigen ? Die Lösung ist eine doppelte. Wenn 
Gott voraus weiß, was geschehen wird, so weiß er auch, daß alles 
kontingent geschieht ; alle möglichen Änderungen müssen also in 
seinem Wessen mit enthalten sein. Das wird ausführlich nach ver- 
schiedenen Seiten hin erörtert. Aber logisch vorstellbar wird die 
Sache dadurch nicht; sie ist schlechthin unbegreiflich, irrational 4 . 
Darum folgt noch ein zweiter Lösungsversuch; es ist die augu- 
stinische Formung des Ewigkeitsbegriffs: nicht die Unendlichkeil 
der Zeit, sondern die Zeitlosigkeit soll darunter verstanden werden. 
Die Schwierigkeit für unser Denken beruht nur darauf, daß wir 
die Vorausbestimmung als etwas zeitlich Früheres betrachten, 

1 I. I. qu. '.<>. a. 2, Bl. 168, a. 

- ibid., rationes, Bl. 165, c. Das folgende art. 2, HJ. 166ff. 

; Diese Lehre der „Modernen" von den fulura contingentia hat eine 
gewisse nachträgliche Berühmtheit dadurch erlangt, daß sie 1473 zum Gegen- 
stand eines Streits zwischen Nominalisten und Realisten an der Pariser 
i niversität wurde, in dem die Realisten den Aristoteles gegen sie ins Feld 
führten. Bali zu s, Miscellanea II 293ff. Vgl. darüber die II. dieser Studien, 
i'ber die Lehre Okkams von den futura contingentia vgl. Prantl III, 418, 
im. 1039. Prantl macht Bd. IV. ( .i8 auf eine „dem M. v. I. sehr ähnliche" 
Darlegung über futura contingentia des Ricardus de Capsalo in Okkams E\- 
jMisit'm aurea aufmerksam. 

1 II. qu. 'Hl. a. •_'. III. L68, a. 



Studien zur Spätscholastik. I. 181 

während sie als ,, ewige" ebensogut gegenwärtig genannt werden 
darf. Non praevidentia, sed Providentia dicitur 1 . 

Das wird sehr wichtig für die Erklärung der Vorherb estim- 
mnng der freien Handinngen des Menschen. Wenn Gott alles 
vorherbestimmt hat, wie kann dann die Freiheit bestehen ? Wenn 
er die prima causa aller Handinngen ist, wirkt er dann auch in den 
Irrtümern des menschlichen Intellekts, in den bösen Entschlüssen 
des Willens mit 2 ? Die Kontingenz seines Handelns umschließt 
unendlich viel mehr Möglichkeiten, als tatsächlich verwirklicht 
werden. So bleibt Spielraum genug für den wahlfreien Entschluß 
des Menschen. Wir kennen schon die Art, wie Gott in diesem mit- 
wirkt. Einmal als prima causa alles Naturgeschehens. In dieser 
Hinsicht ist er auch Mitursache der bösen Handlungen, jedoch nur 
insofern, als auch in dein Bösen ein positiver Wesensgehalt (entitas) 
steckt, dessen Zustandekommen nicht ohne die prima causa zu 
denken ist ; das Böse beruht dann auf einem Mangel, den Gott 
zuläßt, nicht auf einer eigentlichen macula; letztere hat niemals 
Gott zur Ursache 3 . Es gibt aber noch eine zweite Art der Mit- 
wirkung Gottes am menschlichen Willensentschluß : den Weg der 
besonderen Gnadenerweisungen. Dieser steht allein in Frage 
wenn von der Erwählung zum ewigen Heil die Rede ist. Daß Gott 
mit solcher Gnadenerweisung unsere Freiheit nicht einengt, leuchtet 
ohne weiteres ein: diese Freiheit besteht ja nur in der Fähigkeil, 
das Böse um des Guten willen zurückzuweisen, und eben diese 
Fähigkeit besitzen wir nur dank ([cv Mitwirkung der göttlichen 
Gnade. Der göttliche Wille Gottes, weit entfernt, unsere Freiheit 
zu zerstören, ermöglicht erst ihre Existenz. 

Damit ist das eigentliche Problem der Prädestination freilich 
nicht gelöst, sondern nur auf einen andern Boden gestellt. Wenn 
denn alles von Gottes Gnade abhängt, warum läßt er sie nicht 
allen zuteil weiden.' Warum bestimmt er die einen zum Heil, die 
andern zum Verderben.' Kann noch von Verantwortlichkeit des 
Menschen die Hede sein, wenn er, ohnmächtig, dem Bösen aus 

1 ibid. Hl. L68, d. - ibid. a. 2, pars :;. Bl. 168. 

:! ibid. Bl. L68, c. Der oben erheiterte Unterschied des malum concre- 
tivum und malum abstractivum (letzteres ist die macula) wird ausführlich be- 
handelt in I. I. qu. i<>. a. 2, Bl. 191ff. Die Mitwirkung Gottes am Bösen wird 
offenbar im Interesse des monistischen Weltprinzips festgehalten. Doch wird 
die radikalere Lösung R. Holkots abgewiesen und gewarnt, den Gegenstand 
vor Laien zu erörtern. Vgl. ferner oben S. 159, N. 3. 



182 Gerhard Ritter: 

eigener Kraft zu widerstehen, auf die Hilfe der göttlichen Gnade 
warten muß, um einen wahrhaft guten Entschluß fassen zu können ? 
Ganz sicher weiß Marsilius solche Fragen nicht zu beantworten. 
Er muß zugeben, daß niemand mit Sicherheit wissen kann, ob er 
zu den Erwählten oder zu den Verdammten gehört. Mag sein sitt- 
liches Verdienst, seine Liebe zu Gott und seinem Worte noch so 
groß sein: wer weiß, ob sie aus der allein rettenden gratia infusa 
oder nur aus der gratia gratis data gewirkt ist 1 ? Doch braucht das 
nicht zur Verzweiflung zu treiben. Wir hörten schon, daß Gott 
dem redlich sich Mühenden zu Hilfe kommen wird. Gottes Er- 
barmen ist größer als alle Bosheit der Welt. Es ist doch nicht 
umsonst, wenn wir unsere Hände nach ihm ausstrecken. Die reli- 
giöse Bedeutung der merita de congruo wird jetzt klar. Der ewige 
Ratschluß Gottes ist nicht als längst vor unserm Leben festgesetzt 
zu denken: er ist unzeitlich, gegenwärtig in jedem Augenblick. 
Gottes Wille ist niemals determiniert, selbst nicht durch seine 
eigene Vorausbestimmung; er bleibt ewig kontingent. Selbst der 
Verdammte kann noch gerettet werden, wenn Gott es so will 2 . So 
wird die Furcht vor Gottes unerforschlichem Ratschluß nicht zur 
Lähmung, sondern gerade zum stärksten Stachel der Seele, sich 
durch merita de congruo zum Empfang der rettenden Gnade würdig 
zu machen. Die Geschichte hat später in der gewaltigen Erschei- 
nung des Calvinismus bewiesen, daß in der Tat eine solche Ideen- 
verbindung zwischen Prädestination und praktischer Moral lebens- 
fähig ist. 

So erscheint das System dieser Theologie gleichsam gekrönt 
durch eine Reihe von Sätzen, die mit monumentaler Wucht die 
unvergleichliche Erhabenheit Gottes über die Kreatur zum Aus- 
druck bringen. Niemals kann der W'ille des Geschöpfes die Willens- 
richtung des Schöpfers bestimmen. Niemand ist zum Heile be- 
stimmt wegen des guten Gebrauches seiner Freiheit, weder de 
condigno, noch de congruo 3 ; niemand aus dem Grunde, weil Gott 
vorhersieht, daß er der Gnade nicht den ,, Riegel" der Sünde vor- 
schieben wird. Keiner ist von Ewigkeit her verworfen wegen seiner 
bösenTaten, keiner auch deshalb, weil Gott den „Riegel" der Sünde 

1 1. II. qu. 18. a. -1. Bl. 298, a. - I. I. qu 41, a. 1. Bl. 172a-b. 

:: Dieser Satz wendet sich ausdrücklich gegen die vermittelnde Theologie 
des Thomas von Straßburg, der Gottes Gerechtigkeit nur dann gerettet glaubte, 
wenn für Erwählung bezw. Verwerfung ein Grund seitens der Kreatur vor- 
liege. I.e. Pd. 172. rl . Ebendort und ff. die übrigen hier angeführten Sätze. 



S Indien zur Spätscholastik. 1. 183 

vorhersieht, den er der Gnade vorschieben wird. Ausschließlich 
Gottes freier Wille und nichts anderes ist Motiv der Erwählung wie 
der Verwerfung. Das sola gratia ist das A und dieser Theologie. 
Der Geist Augustins, der sie durchdringt, in Verbindung mit den 
philosophischen Elementen der nominalistischen Erkenntnislehre 
war auch das Kennzeichen der theologischen Bildung, die dereinst 
das Denken Martin Luthers in den Anfängen seiner theologischen 
Lehrtätigkeit beherrschen sollte. 



Es ist ein langer und vielverschlungener Gedankenpfad, den 
wir haben verfolgen müssen, durch alle Höhen und Tiefen schola- 
stischer Wissenschaft hindurch. Zuweilen hat er durch ein Stück 
W üste geführt, und nicht einmal alle Dornen, die am Wege standen, 
sind hier sichtbar geworden. Aber das ist schließlich die Eigenart 
aller Wissenschaft, daß ihre bleibenden Ideen nicht ohne einen 
Haufen vergänglichen Schuttes ans Licht gefördert werden können. 
Wieviel des Fruchtbaren, geschichtlich Wirksamen in dem Staub 
dieser alten Folianten verborgen liegt, wird immer wieder mit 
Überraschung wahrnehmen, wer sich an ihr Studium heranwagt. 
Man wird angesichts des wissenschaftlichen Weltbildes, das sich 
uns soeben entrollt hat, geneigt sein, von Eklektizismus zu sprechen. 
Auf erhebliche Teile des Ganzen trifft das sicherlich zu. Aber für 
den philosophischen Kern, die Versöhnung des Nominalismus mit 
der aristotelischen Metaphysik, für die Willenslehre und ihre Ver- 
bindung mit den wichtigsten Teilen der Theologie möchte ich doch 
eine gewisse Originalität in Anspruch nehmen, solange nicht auch 
hierfür Vorbilder nachgewiesen sind. Was ist freilich Originalität 
im Schulbetrieb des Mittelalters! Kaum eine Wendung, kaum ein 
Gedanke in diesen Riesenkompilationen, der nicht irgendwo sein 
Vorbild fände ! Nicht die Selbständigkeit des Denkens in modernem 
Sinn, sondern die Fähigkeit umfassendster Systembildung mit Hilfe 
rein logischer, vielfach noch primitiver wissenschaftlicher Hilfs- 
mittel ist der eigentümliche Vorzug dieser Denker. Und ich gestehe 
gern, daß mich nicht selten die geistige Energie mit Bewunderung 
erfüllt hat, die unsern Autor befähigt, auf den verschiedensten 



184 Gerhard Ritter: 

Wissensgebieten die einmal erfaßten Prinzipien mit Zähigkeit zur 
Anwendung zu bringen. Diese Schulgelehrten -- wenn denn ein- 
mal Schulweisheit die Scholastik kennzeichnen soll besaßen 
jedenfalls ein ungeheuer solides Wissen, das ihnen nie versagte. 

Aber nicht das biographische, sondern das zeitgeschichtliche 
Interesse hat diese Untersuchung A^eranlaßt. Ist Marsilius von 
Inghen wirklich ein Eklektiker gewesen, so liegt gerade der Reiz 
und die geschichtliche Bedeutung seiner Gedankenarbeit darin, daß 
in ihrer Entfaltung fast alle wesentlichen Motive philosophischen 
und theologischen Denkens zur Geltung kommen (nur die Mystik 
fehlt ganz), die das geistige Leben Deutschlands zu seiner Zeit 
aufzuweisen hatte. Eins ist dabei vor allem deutlich geworden: die 
wissenschaftliche Bewegung des ausgehenden Mittelalters ist unend- 
lich viel reicher, als daß sie sich in das herkömmliche Begriffspaar 
von Nominalismus und Realismin einspannen ließe. Der Gegen- 
satz dieser Erkenntnisprinzipien besteht. Aber er kann entfernt 
nicht die Tragweite gehabt haben, die man ihm zuzuschreiben 
gewöhnt ist. Das ist keine ganz neue Erkenntnis. Aber sie kann 
nur dann zur Geltung kommen, wenn durch immer erneute Einzel- 
forschung die wirklichen, tieferliegenden Reibungsflächen auf- 
gezeigt werden, an denen sich der Fortschritt des Denkens ent- 
zündet hat. Sie liegen auf jedem Wissensgebiet wieder an anderer 
Stelle, obschon sie sich gewiß in letzter Linie auf ursprüngliche 
Gegensätze philosophischer Prinzipien zurückführen lassen, die den 
Wandel der Zeiten überdauern, weil sie in der Eigenart des mensch- 
lichen Denkens überhaupt begründet sind. 

Aber wie die Universalität dieser Ideen durch die besondere 
Materie des von ihnen durchleuchteten Erkenntnisgebietes, durch 
die persönliche und nationale Eigenart ihres Trägers (gerade das 
nationale Moment ist in unserem Falle bedeutend!) in immer wech- 
selndem Farbenspiel gleichsam gebrochen wird und zu individueller 
Besonderheit sieh gestaltet — darin liegt der unvergleichliche Reiz 
der geschichtlichen Wirklichkeit beschlossen. 

Schließlich begründet das ja überhaupt die besondere Auf- 
gabe der historischen Arbeit im Rahmen der Geisteswissenschaften: 
die Selbstverwirklichung des menschlichen Geistes im zeitlichen 
Geschehen in ihrer ganzen Fülle und niemals rastenden Bewegung 
zu erkennen, wie sie aller Formen und Systeme spottet, die wir von 
außen an ihre Betrachtung herantragen. 



III. TEIL. 
Katalog der Schriften. 

Das nachfolgende Verzeichnis erhebt nicht den Anspruch auf Vollständig- 
keit. Ich konnte nur die gedruckten Handschriftenkataloge der deutschen und 
ausländischen Bibliotheken, soweit sie mir erreichbar waren, durchsehen. 
Zweifellos würde eine genaue Vergleichung der Handschriftenbestände selbst 
ergeben, daß äußerst zahlreiche anonyme Traktate Kopien nach Marsilius von 
Inghen darstellen; die Angaben des Erfurter Kataloges lassen das z. B. ver- 
muten für cod. Ampi. 4°, 283, nr. 7, cod. Ampi. 4°, 245 (bes. „de restrictionibus", 
vgl. 4°, 277. 4), 4". 271, 1 : bes. wahrscheinlich i°, 313 u. a. in. Mit den Ver- 
zeichnissen anderer Bibliotheken verhält es sich ähnlich. Auch der genaue 
Inhalt der in den Überschriften bezeichneten Stücke würde sich eist aus einer 
Einsicht in die Hss. selbst ergeben. Mittelalterliche Titelbezeichnungen führen 
oft irre. 

Indessen lag eine Untersuchung des gegenseitigen Abhängigkeitsverhält- 
nisses der von mir festgestellten Handschriften u. dgl. nicht in meinem Plane. 
Schon die hier gebotene Übersicht läßt das biographisch und historisch Wesent- 
liche erkennen. Der Gesamtumfang der Überlieferung ist erheblich reicher als 
bisher angenommen wurde 1 , unbekannt war vor allem die Existenz eines 
Teiles der logischen Schriften und der Metaphysik, sowie der auffallend große 
Anteil Erfurts an der Überlieferung. Besonders beliebt scheinen das kurze 
Schulbuch (Hs.nr. 7) und das „moderne" Compendium (Hss. nr. 30 ff.) gewesen 
zu sein; einen ähnlichen Typ stellt der gedruckte Abriß der Dialektik (Druck 
nr. 2) dar, dessen Text wörtlich in den Drucken nr. 3 und 4 wiederkehrt. 
Diese kurze Fassung der in tract. VII des Petrus Hispanus behandelten logi- 
schen Materie gilt im XV. Jh. fast als klassisch und erfährt ihrerseits weitere 
Kommentierung. 

Die von mir vorgenommene Einteilung der Handschriften folgt dem 
im 14. und 15. Jahrhundert an den Universitäten üblichen encyklopä- 
dischen Schema. Eine gewisse Unklarheit kann hier dadurch entstehen, daß 
sich aus den bloßen Überschriften und Anfängen nicht immer erkennen läßt, 
ob der Verfasser seinen Kommentaren zur „vetus ars" den Text des Aristo- 
teles oder die damit in Parallele gestellten Abschnitte der „summula" des Petrus 
Hispanus (tract. I — III) zugrunde gelegt hat, wie dies bei nr. 19 der Fall zu 
sein scheint. Ähnlich steht es mit den Gegenstanden der .,nova ars" (=summula 
IV VI). So würde sich vielleicht manches Stück aus den Rubriken I 1 — 2 
unter Kommentaren des Petrus Hispanus aufführen lassen; ich habe darum 
ausdrücklieh die Rubrik I, 3 auf solche Stücke besehrankt, die zweifellos zu 
summula VII, dem Lieblingstraktat der Spätscholastik, gehören. Soweit mir 
die Traktate bekannt sind, handelt es sich übrigens bei der Bearbeitung von 

1 Vgl. Überweg-Bai mgartner II 1 ", 626; Prantl IV, 94, in:: 



186 Gerhard Ritter: 

tract. VII des Petrus Hispanus um selbständige Abhandlungen und Regeln 
des Marsilius ohne unmittelbare Anlehnung an eine fremde Textvorlage. 

Die Angaben des gedruckten Münchener Handschriftenkatalogs berich- 
tigte und ergänzte mir gütigst Herr Prof. Paul Lehmann aus den Hss. selbst. 

Den Nachweis der Fundorte für die Drucke verdanke ich z. T. der Ver- 
mittlung des deutschen Gesamtkatalogs. In den Nachschlagewerken pflegt 
unter dem Stichwort Marsilius von Inghen auch die Inkunabel „Ad illustris- 
simum Bavarie ducem" usw. von 1499 (s. Literaturverzeichnis) zu erscheinen. 
Ich habe sie hier fortgelassen, da sie nichts von Marsilius stammendes enthält. 
Über ihren Inhalt vgl. Thorbecke, Anm. 19 zu S. 9 und die zweite dieser 
Studien (über via antiqua und via moderna). 



A. Handschriftliche Überlieferung. 
I. Logik. 

1. ars ve t us. 

(a. = Isagoge des Porphyrius. b. = categoriae (praedicamenta) c. = de 

interpretatione.) 

J. a— b. Nachlaß Konrad v. Gelnhausen 1396: Toepke I, 668, nr. 303, 
2. a— c? Nachlaß Mars. v. Inghen 1396: Toepke I, 684, nr. 600. 

„quaestiones, quas ipse legit". 
:;. a-c? Wien, cod. Pal. 5455, f. Iff. (Tab. cod. IV, p. 127). 

„abbreviata s. nova et antiqua logica". 
', a-c? Wolfenbüttel, cod. Aug. 3163, f. 147ff. 

„logica vetus et nova". dat. 1462. 

5. a-c. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 246, f. 1-137. 

1387. „questiones — Compilate Parysius" ; der Schreiber Nie. Tor- 
natoris war nicht in Hdbg. immatrikuliert. 

6. a-c. Erfurt, cod. Ampi. Fol. 306, f. 1 — 27. 

1385? Kommentare z. Text d. Aristoteles bzw. Porphyrius. 

7. a -c. Erfurt, cod. Ampi 4°, 273, f. 50-58. 

1426. Compendium commentarii. Der Anfang beruft sich auf die 
Pariser Traditionen und zeigt, daß es sich um ein Schulbuch für 
Anfänger handelt. 

8. a-c. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 284, 1.1-13. 

1 in 1392, „abbreviata", Anfang gleichlautend mit nr. 7. 

9. a c? Wien, cod. Pal. 5455 (Univ. 912), f. 61 — 116. (Tab. cod. IV, p. 127.) 

,, abbreviata s. nova et antiqua logica", Anfang gleichlautend mit 
nr. 7. 

10. a-c? Wien, ibidem f. 1—55. 

Titel gleichlautend mit nr. 9; anderer Anfang. 

11. c. Stettin. Marienstiftsgymnasium, cod. 5, f. 194— 211. 

,lectura", in einer Sammlung von Prager Kollegheften des B. Zalow 
von L380. 



Studien zur Spätscholastik. I. 187 

1 2. c. Wien = nr. 19. 

Eine hebräische Übersetzung von 34 quaestiones zu a. u. 31 quae- 

stiones zu b., durch R. Abraham Schaluni, befand sich 1859 im 
Besitz des Prof. Pinsker aus Odessa (nach Jellinek, M. v. I.l. 

2 . a rs n o v a . 

(a. = analyticorum priorum über. b. = idem posteriorum. c. = topicorum. 
d. = sophisticorum elenchi.) 

13. a. Nachlaß Konrad von Worms 1396: Toepke I, 668, nr. 310. 

„quaestiones". 

14. a. Commentum, im Katalog des Amplonianum Erfurt von 1412. 

jetzt verloren; s. Schum, p. 796. 

15. ad. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 284, f. 13-104. 

Um 1392; „commentarii". 
16—18. a— d? S. nr. 4, 9, 10 

19. a-b. d. Wien, cod. Pal. 5467. (Univ. 895; Tab. cod. IV, p. 129.) 

XV. sc. — Quaestiones super veterem(?) artem, id est logicales 
circa Petri hermenias, [super] libros Priorum et Posteriorum et 
Elenchorum [Druckfehler: Elementorum] Aristotelis. 

20. a-b? d. Venedig, cod. Marc, 24, f. 110-169. (Valentinelli IV, 19.) 

XV. sc. „optimae quaestiones". Die anonymen Stücke f. 170 — 198, 
198 bis 223 über a — b scheinen (nach den Anlangen) ebenfalls dem 
M. v. I. anzugehören. 

21. a. Erfurt, cod. Ampi. Fol. 306, f. 91-142. 

1385. „quaestiones — reportate Präge per manus ülrici dicti Murr- 
nawer". 

22. a. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 275a, f. 99 — 159. 

Um 1420. Quaestiones. Anfang gleichlautend mit nr. 21. 

23. a. Wien. cod. Pal. 5159, f. 220-310. (Tab. cod. IV, p. 44.) 

Handschr. XVI. sc. „quaestiones". 

24. d. Wien, cod. Pal. 5342, (Univ. 888), f. 1-72 (Tab. cod. IV, p. 105). 

XV. sc. Marcilius Erfordensis [unbekannt, vermutlich späte Ver- 
wechseluno- mit M. v. I.]: Quaestiones circa Aristotelis librum eleu, 
chorum. (Folgen anonyme quaestiones zu a — b.) 

3. Zum tr acta tus VII der summula Petri Hispani und deren spät- 
scholastischen Erweiterungen. 

(a. = suppositiones. b. = ampliationes. c. = appellationes. d. = restric- 
tiones e = obligatoria. f. = insolubilia. g. = consequentiae.) 

25. a — c. Nachlaß Konrad v. Gelnhausen 1396: Toepke I, 665, nr. 2 1 1 . 

26. a— c. g. Nachlaß Gerhardus Emelissa 1396: Toepke I, 670, nr. 345 1 . 

27. g. Nachlaß Konrad v. Worms 1396: Toepke I, 669, nr. 318. 

28. a-g? Nachlaß Johann Muntzinger 1417: Toepke I, 691, nr. 810. 



1 A. f. a. II, 174 v berichten a. d.J. 1501, daß die insolubilia des M. v I. 
in der Bibliothek der Artisten vermißt und gesuchl wurden: Neuabschrift 
war vorgesehen — ein Beweis für die fortdauernde Wirkung der Schrift. 



188 Gerhard Ritter: 

29. a— g. München Clin. 7709. (Katal. I 3, nr. 1514), 71 fol. 

1412. (Beginnt mit der Lehre von den supposiciones.) 

30. a — d. g. Erfurt, cod. Ampi. i°, 04. 

Um 1422, 158 Bll. „ Quaestifcteies" ; „commentum". Die Autorschaft 
des M. v. I. ist auf f 77 und 89 v bezeugt (nach l'rdl. Mitteil, von 
Herrn Prof. Si chier, Erfurt). 

31. a— c. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 30, fol. 12t- 138. 

Ende XIY. sc. ..traetatus". 

32. a-c. g. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 280. fol. 132 -178. 

1. Hl. d. XV. sc. „Commentarius". Anfang gleichlautend mit nr. ::i . 

33. a— d. g? Göttingen, U. B., cod. Lüneb. 06, I; 82 Bll. 

14 14. parva logicalia (5 Traktate) mit anonymem Kommentar /.u 
dem Text d. M. v. I. 
:;',. a d. g. Erfurt cod. Ampi 4°. 277. f. I -71. 

1421. Scriptor: Fr. Arenbuer, Heidelberger Student, seit 1420 
lic. art. is. Toepke I, 152. 11,376); ..tractalus". 

35. a-b. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 283, fol. 107 128. 

Mitte XV.SC, ., commentarius"; b. anonym, doch im Anfang und 
Ende gleichlautend mit dem entspr. traetatus in nr. 32. 

36. a c. g. e. f. Wien, cod. Pal. 5162, f. 72-174. (Tab. cod. IV, p. 45). 

XV.sc. ..traetatus cum notis marginalibus". 

37. a. München, Clin. 4385 (Katal. 1, 2, nr. 1065), f. 45. 

XIV.— XV.sc. ,. traetatus' - . Incipit: Circa traetatum de suppo- 
sitionibus primo in generali videndum est de aliquibus supposicio- 
m ii in diffinicionibus. Die Angabe des Katalogs ist also ungenau. 

38. a c. München, Clin. 7058 (Katal. I. 3, nr. 1404). f. 221 (nicht 219). 

XV. sc. . traetatus". incipit wie nr. 37. 

39. a? g. München, Clin. L9844 (Katal. 11, 3, nr. 2205), f. 60. 

Um 15(10. Quästionen zu g., von Georgius Eysenhuet? Name des 
ML v.l. ist nur im Inhaltsverzeichnis des Bandes genannt. Anfang 
f. 60: ..Circa primam partem consequenciarum queritur utrum . . .". 

',o. a. Wien. od. Pal. 4698 (Univ. 251), f. 12'.» 130 (Tab. cod. III. p. 355). 

XIV.SC. ..traetatus"'. in l'ine mutilus. 

41. a. Erfurt, cod. Ampi. 4°, 320, f. 118 138. 

Ende XIV. sc, mit anonymem Kommentar zu der Abhandlung des 
M. v. I. Anfang und Ende des Textes des M. v I. gleichlautend 
mit nr. 34, a 

'i . Logische Traktate ohne nähere Bezeichnung. 

'i2. Abbreviata loyce. 

Nachlaß Konr. v. Gelnhausen 1396: Toepke I 665, nr. 21:;. 

13. Abbreviata super loycam cum quibusdam, que ascribuntur eidem. 
Nachlaß Konr. \. Worms 1396: Toepke I. cos. nr. 312. 

14. Cou ntarii in Aristotelis libros logicales. 

Wien Cod. Pal. 4998. (Tab. cod. 111. p. i66.) XV. sc. 
'(5. Abbreviata super principales textus tocius Aristotelis logicae. 

Wien. cod. Pal. 5402 (1 niv. 914), f. I -81 (Tab. cod. IV. p. HOL 
Anfang gleichlautend mit dem Erfurter Schulbuch nr. 7. 



Studien zur Spätscholastik. I. 189 

5. Kommentare zu den logischen Schriften des Marsilius von 

I nghen. 

46. Lectura circa parva loycalia Marcilii. 

Berlin. Katalog Rose, Bd. 13, 3 (II, 3), nr. 973, f. 287 -300. Anonym. 

47. Scholae et sophismata a mag. Johanne de Gemunden Suevo de suppo- 

sitionibus, ampliationibus, restrictionibus, appellationibus, conse- 

quentiis M. de I. instituta. 
Erfurt Cod. Ampi. 4°, 278, i. 1-94. 
1412. Es handelt sich wohl um den berühmten Wiener Mathematiker und 

Astronomen Johann de Gemunden („Suevo" ist dann irrig); über 

ihn s. d. Lit. bei Aschbach 455 — 67. 

48. Quaestiones X de parvis logicis M. de l.| ?] institutae 
Erfurt, cod. Ampi. 12°, 13, f. 1 — 19. 

1. Hl. XV. sc, anonym. Vgl. über dieses und die beiden folgenden Stinke: 
oben p. 48 und Anhang 2 dieser Studie. 

49. Tractatus eiusdem| ?] de suppositionibus. 
Erfurt, cod. Ampi. 12°, 13, f. 9-78; s. nr. 48. 
Kommentar zu der gleichnamigen Abhandlung des M. v. 1 ? 

50. Fragmentum tractatus de confusionibus a Marsilio[?| scripti. 
Erfurt, cod. Ampi. 12°. 13, !'. 79 -80 v ; s. nr. 48. 

51. Gommentarius in M. de I. tractatus de suppos., ampl., restrict., aliena- 

tionibus scriptos. 
Erfurt, cod. Ampi. 12°, 14, f. 1- 126. 
XV. sc. anonym. Zu der bei Buridan und M. v. I. vorkommenden log. 

Form der „alienatio" vgl. Prantl IV. 30 u. 101. In der Druckschrift 

nr. 2 findet sich ebenfalls dieser Abschnitt. 

52. Commentarius in tractatus I et IV summulae log. I*. II. el in parva logi- 

calia mag. Marsilii. 

München Clin. 14888 (Katal. II, 2, nr. 1842). F. 1 -13 v : Tractatus I 

Petri Hispani im Original. F. 14— 114 v : Kommentar zu tract. I et 

IV des P. H. F. 114 v — 268 : Kommentar zu den parva logicalia des 
M. v. I. — F. 268 v : Dicta Harrer in parvis loycalibus. Vgl. damit 

den unten an letzter Stelle genannten Druck, Ilagenau 1503! 

53. Handnoten zu den parva logicalia: s. nr. 36. 

54. Anonymer Kommentar zu den parva logicalia: s. nr. :s::. 



II. Physik und Metaphysik: 

55. Questiones de generatione, quas propria mann scripsit. 
Nachlaß Mars. v. Inghen L396: Toepke I. «82. nr. 521. 

56. Questiones super libro de generacione. 

Nachlaß Konrad v. Worms: Toepke I. 667, nr. 249. 

57. Idem: Nachlaß Juli. Muntzinger L417: Toepke I. 691, nr. 806. 

58. Reportala metaphysice M. d. I. in Heidelberga. 
Nachlaß Gerhardus Emelissa L396: Toepke I. 670, nr. 356. 

59. Tractatus de spera, quem scripsit propria manu. 
Nachlaß Mars v. Inghen 1396: Toepke I, 684, nr. 560. 



190 Studien zur Spätscholastik. I. 

60. Acortata super physicorum. 

Nachlaß Konrad v. Worms 1396: Toepke I, 667, nr. 253. 

61. Abbreviationes super physicorum 

Nachlaß Gerhardus Emelissa 1396: Toepke I, 670, nr. 360. 

62. In librum de coelo et mundo. 

München Clm. 26929. (Katal. II, 4, nr. 2451), f. 252. 

63. Abbreviata super de celo et mundo. 

Prag. U.B.. cod. lat. 2606. f 35—57 (finis deest). 

Um 1394? 
i^4. Commentarius de Aristotelis libris de generatione et corruptione. I — II. 

München Clin. 1375 Katal. I, 2, nr. 1056), f. 157-231. 

Die Angaben des gedruckten Katalogs sind ungenau. F. 231: „Expl. que- 
stiones super primum et secundum de generatione et corruptione de 
ultima lectura mag. Marsilii de Ingen pronunciate in studio Heidel- 
bergensi a. d. 1389. Finite autem sunt huiusmodi scripture Colonie 
sub a. d. 1394, 7 id. febr. hora vesperarum. Deo gratias." (Rot:) 
..Rubricatura completa in aug. . . . a. d. 1419 in octava assumptionis 

b. M. virg. in domo '" Unklare Abbreviatur. Auflösung „sororis" 

ist unrichtig). — F. 232 v : ,,Istum librum emi Colonie s. a. d. 1395 
in die Erhardi episcopi pro 15 albis" — diese Notiz bezieht sich nur 
auf den ursprünglich besonders foliierten Traktat des M. v. I! (No- 
tizen aus Tborbeckes Nachlaß. i 
65 Quaestiones in 1. de generatione et corruptione. 

München, Clm. 26929 (Katal. II, 4. nr. 2451). f. 88 

a. 1407 Pragae finita»'. 

66. Questiones breves de generatione et corruptione. 
Erfurt, cod. Ampi. 4°. 311, f. 1-74. 

1412 „lectae et finite Daventrie"; Besitz des Erfurter coli. <le porta coeli. 

67. Abbreviata super libro physicorum. 
Erfurt, cod. Ampi. 8°, 78, f. 41-132. 

Datierung des Sammelbandes ,,um 1346" kann für dieses Stück nicht 
richtig sein (Schüm p. 735). Besitz der ältesten amplonianischen 
Bibliothek. Anfang ahnlich wie nr. 68. 

68. Abbreviata super octo libris phisicorum. 
Erfurt, cod. Ampi. 4°, 314, 106 Bll. 

1394 geschrieben. Anfang gleichlautend mit Druck nr. 13. Besitz der 
ältesten amplonianischen Bibliothek. 

69. Questiones de parvorum naturalium libris Aristotelis institutis. 
Erfurt, cod. Ampi. Fol. 334, f. 1-61. 

Um 1421. Besitz des Erfurter collegium de porta coeli. 

70. Questiones circa parva naturalia Aristotelis. 
Wolfenbüttel, cod. Aug. 2782, f. 128 - 173. 
XV. sc. Leipziger Abschrift. 

71. Questiones in parva naturalia. 

München, Clm. 26929 Katal. II. '.. nr. 245h. f. 194. 
XV. sc. 

72. Commentarius in Aristotelis libros parvorum naturalium. 
Erfurt, cod. Ampi. Fol 334, f. 168 195. 

Fm 1421. [S. nr. 69.) 



Studien zur Spätscholastik. I. 191 

73. Quaestiones Marsilii [de Inghen?] de Sensu et sensato; mutilus in fine. 
Schlettstadt cod. 113 (Catalogue generale III, 595). 

XVI. sc. 

74. Questiones super libros metaphysices Aristotelis. 
Wolfenbüttel, cod. Aug. 2747, f. 1 — 182. 

XV. sc. Leipziger Abschrift. 
75 Questiones super metaphysicam Aristotelis cum registro adjecto. 
Wien, cod. Pal. 5297 (Univ. 894), 186 Bll. (Tab. cod. IV, p. 91). 
1409. Vgl. oben p. 113. 

76. Questionum metaphysicarum libri 9 ab initio mutili. 

Wien, cod. Pal. 5376 (Univ. 906). 143 Bll. (Tab. cod. IV, p. 112). 

XV. sc. 

III. Ethik. 

77. Morales diverse. 

Nachlaß Konrad von Gelnhausen 1396: Toepke I, 665, nr. 210. 
(78.) Quaestiones [Marsilii?] primi et secundi libri Ethicorum Aristotelis. 
Schlettstadt, cod. 113 (Catalogue generale III, p. 595). 

XVI. sc. Steht zusammen mit nr. 73 verzeichnet, aber anonym. 

IV. Rhetorik. 

79. 13 quaestiones zur Rhetorik des Aristoteles, erhalten in hebräischer Über- 

setzung des R. Abraham Schalum, im Besitz des Professor Pinsker 
aus Odessa in Wien. (Jelltnek, M. v. I. 1859.) 

V. Theologie. 

80. Lectura in Matthaeum. 

Heidelberger Bibliothekskatalog von 1461 : cod. Heid. 358. 47, Bl. 3 v ; er- 
halten in Cod. Pal. Lat. Vatic. nr. 142, fol. 27-172. (Stevenson I, 23.) 

81. Principium super Danielem cum aliis diversis. 
Nachlaß des M. v. I. 1396; Toepke I, 679, nr. 422. 

82. Scriptum super Danielem. 
Ibidem; Toepke I, 680, nr. 434. 

Noch 1499 ebenso wie nr. 80 in der Univ.-Bibl. vorhanden; s. dielnkunabel: 
„Ad illustrissimum Bavarie ducem usw." f. 7 v . 

83. Questiones super sentencias, in 2 voluminibus. 
Ibidem; Toepke I, 680, nr. 433; genauer: 

tom. I super I et II sententiarum in papiro 
„ n „ HI „ IV 
Heidelberger Bibl. -Katalog v. 1461, cod. Heid. 358, 47, Bl. 6 v l . 

84. Principium super sentencias. 

Nachlaß des M. v. I. 1396: Toepke I, 679, nr. 420. 



1 A. u. III, 300 teilen mit: 1489, sept. 30 wird den Mainzern mag. 
Florentius Diel de Spyra und Herman aus der unteren Univ. Bibliothek das 
Exemplar der questiones usw., das von der Hand des M. v. I. geschrieben ist, 



192 Gerhard Ritter: 

VI. Sonstige Seh ritten. 

85. Schreiben aus Tivoli 1378, Juli 27, an die Universität Paris. 
Bibl. nat. Paris, ms. lat. 14 644, f. 177 v . 

Abdruck: Chart. III, p. 553-5. 

86. Denkschrift über die rechtmäßige Wahl UrbansVI. von 1394. 
Wolfenbüttel, cod. Aug. 2738, 1.178 — 180. 

Abdruck: Chart. III. p. 587 — 8 und unten Anhang 1. 



B. Drucke. 

1. Reverendi Magistri Egidii Romani in libros Priorum analeticorum 

(sie!) Aristotelis Expositio et interpretatio sum. per quam diligenter 
visa recognita erroribusque purgata. Et quantum armiti ars potuit 
fideliter impressa cum textu. Questiones Marsilii in eosdem. 
Questio Joannis antonii Scoti de potissima demo(n)stratione. Lauren- 
tianus Florentinus in librum Aristotelis de elocutione. 

86 40+10 BH.jfoliiert, 2°. Schlußblatt: Venetiisimpensis Heredum quon- 
dam Nobilis viri domini Octaviani Scoti Modoetiensis et sociorum. 
Die 5. Junii 1516. 

Nachweis: Prantl III, 257, N. 357: IV, 94, N. 365. 

Vorhanden: S.-B. München. 

Der Herausgeber, fr. Hieronymus de Genacano, ,,lector Padue in conventu 
fratrum Eremitarum S. Augustini", hat Bl. 37 v — 38 v des 2. Stückes 
eine eigene Quästion hinzugefügt und berichtet Bl. l v , er habe die 
Quästionen des M. v. I. „pulvere delitescentes et blattis obnoxias" 
gefunden. 

2. Textus dialectices Marsilii de suppositionibus, ampliationibus, appella- 

tionibus, restrictionibus, alienationibus et consequentiarum partibus 
pro communi omnium utilitate noviter abbreviatus. 

s. a., 26. Bll. unfoliiert 4°; Bl. 26 v Wappen, Bl. 26 r : Cracovie impressum 
per Florianuni Unglerium et Volgangum Lern. 

Nachweis: Gesamtkatalog der Wiegendrucke, Berlin. 

Vorhanden: U. B. Bonn. 

3. Compendiarius parvorum logicalium über, continens . . . Petri Hispani 

traetatus priores sex et . . . Marsilii dialectices documenta cum . . . 

commentariis per . . . Chunradum Pschlacher. Viennae 1512, 4°. 
Nachweis: Prantl III 40, DO. 143 U. 
Vorhanden: S.-B. München. 
Enthält die parva logicalia des M. v. I. an Stelle von traetatus \'ll des P.D. 

zum Abschreiben und Drucken auf ein Jahr überlassen, unter der Bedingung, 
daß die Bücher nicht beschädigt werden, und unter genannten Bürgen. Ein 
Druckexemplar soll später der Universität zugehen. — Cod. 1090, f. 47 der 
Univ.-Bibl. Leipzig enthält „tituli questionum super primo sententiarum 
domini M. de I." (Katal VI. 3.) 



Studien zur Spätscholastik. I. 193 

4. Idem ut nr. 3. 

Viennae 1516. 4°. I. Singrenius. 

Nachweis: Panzer IX, p. 30. Prantl III, 40, no. 143 V. 

Vorhanden: U.-B. Breslau. 

5. Suppositiones, prodierunt sub nomine Marsilii Parisiensis Taurini 1792 

cura F. A. Zuccarini. 
Nachweis: Hurter II 3 673. 

6. Quaestiones super libros Aristotelis de generatione et corruptione. 

Imp. l'ol., ohne Seitenzahlen Lagen signiert. 

Fol. 2: Textus Aristotelis de gen. et corr. cum expositione . . . Egidii 
romani feliciter incipit. Es folgt die Vorrede des Egidius, dann der 
aristotel. Text mit Kommentar, beginnend mit dem ersten Buche. 
Expl.: textus Aristotelis de gen. et corr. una cum expositionibus 
Egidii de roma ordinis heremitarum. Lage A: Folgen die Quästionen 
des M. v. I. zum 2. Buche ohne besondere Kennzeichnung. Drittletztes 
Blatt, verso: Expl. quaestiones super libris de gen. et corr. Arist. 
per excellentissimum philosophum Marsilium de inguen disputate. 
Ac etiam emendate per . . . Nicoletum verniam theatinum. . . Ac etiam 
impresse venetiis per magistrum Bernardinum de Tridino ex monte 
ferrato Anno d. 14 93, die 20. dec. Angehängt ist (auf 2 B1I.) eine 
Einleitungsquästion des Nie. Vernias. 

Vorhanden: U. B. Heidelberg. 

7. Quaestiones super libris de generatione et corruptione Aristotelis (cum 
expositione Egidii) . . . emendate per . . . Nicoletum Verniam (1453) . . . 
Venetiis 1500. Otinus de Luna. Fol. 

Nachweis: Graesse IV, p. 418. Hain 10782. 

Vorhanden: S. B. München, S. B. Wien, Hof B. Detmold, St.-B. Mem- 
mingen, Kreis-B. Regensburg. 

8. Questiones exquisitae in libros Aristotelis de generatione et corruptione. 
(Argentorati) 1501. Martinus Flach. Fol. 

Nachweis: Panzer, Annales typogr. VI,p. 26. — C. C.Wundt, Programm 
1775. — Hurter II 3 , 673 zitiert eine sonst unbekannte Ausgabe von 
1504 (?) desselben Druckers. 

Vorhanden: S.-B. München, Stadt-B. Hamburg, U.-B. Tübingen. 

9. Idem ut nr. 8. 
Patavii 1480. 

Nachweis: Panzer, Annales typogr. VI, p. 26. 

Vorhanden: Hof-B. Wien. 
10. Egidius cum marsilio et alberto de generatione. 

Commentaria fidelissimi expositoris B. Egidii Romani in libros de genera- 
tione et corruptione Aristotelis cum textu intercluso sinerulis locis. - 
Questiones item subtilissime eiusdem doctoris super primo libro de 
generatione; nunc quidem primum in publicum prodeuntes -- Que- 
stiones quoque clarissimi doctoris Marsilii Inguen in prefatos 
libros de generatione. Item questiones subtilissime magistri 

Alberti de saxonia in eosdem libros de generatione ultra nusquam 
impresse. — Omnia aecuratissime revisa atque castigata ac quantum 
ars anniit [sie!] potuit fideliter Impressa. Cum gratia. 

Sitzungsberichte d. HeideJb. Akad., phüos.-hist. Kl. 1921. 1. Abh. 13 



194 Gerhard Ritter: 

fr.]. 156a: Explicit tabula totius libri de gen. et corr. Deo gratias. Amen. 
1385 die 13. aprilis. Impressum Venetiis per Gregorium de Grego- 
riis X. cal. Dec. 1505. Fol. 

Vorhanden: U.-B. Heidelberg (nicht im Katalog!). 

10. a. Idem ut nr. 10, mit verbessertem Titelblatt: „nusquam alias" st. ..ultra 

nusquam", „eniti" st. ,.anniit". 
Venetiis, mandato . . . nobilis viri Luceantonii de giunta florentini. A. d. 

1518, die XII. mensis Februarii. Fol. 
Nachweis: Duhem Etudes III 401; Panzer Ann. typogr. VIII, 449. 
Vorhanden: U.-B. Leipzig. 

11. Quaestiones subtilissime Johannis Marcilii Inguen super octo libros physi- 

corum secundum nominalium viam. 

Lugduni 1518. Johannes Marion. Fol. 

Nachweis: Panzer Ann. typogr. VII, p. 322; genauer: Duhem 1 260, 
N. 4, II 9, N. 1. 

Vorhanden: Im Berliner Gesamtkatalog nicht vorhanden. Die Angabe 
bei Wundt, der 2. Teil dieses Werkes finde sich auf der U.-B. Jena, 
ist nach Auskunft der Bibliothek ein Irrtum. Wundt meint offenbar 
nr. 13, da dieser Druck sich auf Bl. 2 r als ,.secunda pars" eines Com- 
pendiums (abbreviationes) bezeichnet, dessen erster Teil nach Bl. 3 r , 
Sp. 2 die Analytiken enthalten zu haben scheint (oder vielleicht das 
Buch de generatione et corruptione?). Auch in der Metaphysik (Hs. 
nr. 75, Bl. 18, a) beruft sich M. v. I. auf eigene ,,abbreviata 
secundi [analyticorum] posteriorum." 

12. Abbreviationes libri Physicorum. 

Venetiis 1521, ed. Aug. Monsfalconio apud haeredes Andreae Scoti. 
Fol. 
Nachweis: Panzer, Ann. typogr. VIII, p. 464. — Hurter, II 3 673. 

13. Idem ut nr. 12. 

s 1. et a., nach Reichling vermutlich Venetiis circa 1490, Otinus de Luna, 
nach Duhem vermutlich Pavia, Antonius de Carcano, circa 1490. 

Nachweis: Graesse IV r p. 418; Hain, 10780; Reichling, append. III, 
103; Duhem III, 404, N. 1 u. ö. 

Vorhanden: Bibl. Vict. Eman. Romana. — U.-B. Jena (vgl. Bemer- 
kungen zum Druck nr. 11). 

14. Jo. Duns Scoti ... in VIII libros Physicorum . . . quaestiones et expositio 

in . . . Parisiensium Academia . . . perlectae, nunc primum . . . editae 

a . . . Francisco de Pitigianis Arretino . . . Venetiis 1617. Johannes 

Guerilius. 
Nachweis: Duhem II, 9,N. 1. Enthältnach Duhem einen Wiederabdruck 

von nr. 11, so daß diese Schrift des M. v. I. unter die Werke des Duns 

geraten ist (Ausg. von 1639, t. II). So löst sich die Verwirrung bei 

Hurtfr II 3 , 673 auf. 
] 5. Questiones super IV libros sententiarum. Argen torati 1501. Martinus Flach. 
Nachweis: Panzer, Ann. typogr. VI, p.26. Copinger II, vol. 1, nr. 3885 

(Bruchstück). 
Vorhanden: Stifts-B. Aschaffenburg; S.-B. Berlin; U.-B. Heidelberg: 

U.-B. Breslau; U.-B. Halle; U.-B. Göttingen. 



Studien zur Spätscholastik. I. 195 

16. [dem ut nr. 15. 

Hagenovae 1497, 2 tonii. 

Nachweis: C C. Wundt, 1 c. (nach Com. a Beughem, incub. typogr. 

p. 88). 
Aus den logischen Druckschriften, die Teile der Logik des M. v. I. ver- 
wenden oder kommentieren und großenteils bei Praxtl aufgeführt werden, 
zitiere ich: 

Commentarium secundum Modernam doctrinam in tractatus logices Petri 
Hispani 1 et IV. Item Commentarium in Tractatus parvorum logi- 
calium Marsilii, usw. Hagenau (Henricus (Iran) 1503. (Von Johann 
v. Glogau ?) 
Siehe Prantl IV, 244, N. 399 u. 291, V 725. 
Vorhanden: U.-B. Heidelberg. 



IV. TEIL. 
ANLAGEN. 



1 . K i r c h e n p o 1 i t i s c h e Denkschrift des Marsilius von 
Inghen von 1391. 

Die nachfolgende Denkschrift ist bereits teilweise gedruckt von 
DENiFFE-Chatelain im Chartularium univ.Paris. t.III, p. 587 f., nr.1648, 
jedoch nur in den die Universität Paris betreffenden Teilen; ich mache 
die bisher ungedruckten Teile durch Fußnoten kenntlich. 

Ihr Zweck ergibt sich aus ihrer nahen Beziehung zu einem undatier- 
ten Sendschreiben Heinrichs von Langenstein an Kurfürst Ruprecht 
von der Pfalz, auf das die (einzige bisher bekannte) Wolfenbütteler Ab- 
schrift unseres Stückes in der Überschrift Bezug nimmt („occasione 
precedentis epistole"). Das Schreiben Langensteins (in dem genannten 
Wolfenbütteler Sammelband Bl. 173 v — 179 v ) befand sich auch im 
Besitz des Marsilius von Inghen (s. Toepke I 679, nr. 422) — eine Tat- 
sache, durch die sich die Wahrscheinlichkeit der Zusammengehörigkeit 
beider Stücke noch erhöht. Es ist gedruckt von Sommerfeldt, Zeit- 
schrift f. Gesch. des Oberrheins, N. F. 22 (1907), S. 291 ff. 

Langensteins Schreiben ist eines der zahlreichen Sendschreiben an 
Fürsten und Prälaten Deutschlands, mit denen dieser eifrige Kirchen- 
politiker seit dem Ausbruch des Schismas die politische Welt für den 
Gedanken eines Konzils zu gewinnen suchte — gleich lebhaft im natio- 
nalen wie im kirchlichen Pathos. Er ist entrüstet, daß die großen Herren 
sich ohne kanonische Entscheidung der kritischen Rechtsfrage vor- 
schnell damit zufrieden geben, an ihrem römischen Papste festzuhalten 
Warum hat man nicht zuvor wenigstens die Bischöfe zu einem Konvent 
berufen ? Warum ziehen die deutschen Fürsten nicht heilige und auf- 
richtige Männer der Kirche, sondern nur ihre weltliche Umgebung 
zu Rate ? Warum läßt man nicht die Streitpunkte der beiden Partei - 
lager durch Beauftragte von beiden Seiten gemeinsam besprechen und 
klären ? Wenn denn Frankreichs Könige durch Eigensinn und Eigen- 
nutz die Kirche schmählich zerstören, so mögen Deutschlands Fürsten, 
der tapfere Pf älzer voran, sich erheben, den alten Ruhm deutscher Tapfer- 
keit wahr machen und für das große Werk der Kircheneinigung sorgen ! 
Ist es nicht ein unerhörtes Ereignis, daß das Licht der Wissenschaft 



Gerhard Ritter: Studien zur Spätscholastik. I. 107 

jetzt von den Franken gewichen und zu den Deutschen gekommen ist, 
die vorher im Finstern saßen und jetzt bereits vier blühende Universi- 
täten besitzen ? Mögen die deutschen Fürsten den großen Moment nicht 
versäumen, und, gestützt auf den Ruhm und die Weisheit ihrer Hoch- 
schulen, die Berufung eines Konzils durchsetzen, damit endlich der 
reißende Wolf entlarvt werde, der die Herde des Herrn verstört! 

Man begreift ohne weiteres, daß der Empfänger dieses Schreibens 
das Bedürfnis fühlte, ein Gutachten von der kompetenten Heidelberger 
Autorität, Marsilius von Inghen, einzufordern. Ich vermute, daß die 
untenstehende Denkschrift unmittelbar für den Kurfürsten bestimmt war. 

Der „magister meus" des ersten Satzes wäre dann Heinrich von 
Langenstein selber, des Marsilius alter Kollege ; der Autor beruft sich 
dem Kurfürsten gegenüber auf diese Bekanntschaft. Langenstein hatte 
(S. 306 des Abdrucks) das gegenwärtige Schisma mit der Kirchen- 
spaltung von 1130 verglichen; damals hatte Gott seinen Willen kund 
getan, indem er die hartnäckigsten Anhänger der falschen Partei hinweg- 
raffte. Ist es nicht auffallend, daß man diesmal nichts derartiges gehört 
hat ? Sollte das nicht ein Zeichen sein, daß die Rechtsfrage doch nicht 
so einfach liegt, wie die Anhänger Urbans VI. unbesehen annehmen ? 
Ja sind nicht sogar mehrere von den (durch Urban 1378 ernannten) 
„neuen" Kardinälen eines unvermuteten Todes gestorben, während die 
alten (jetzt clementistischen) noch alle leben ? Die Absicht ist deutlich: 
des Kurfürsten innen 1 Sicherheit gegenüber der urban istischen Sache 
soll erschüttert werden. Hier setzt -- begreiflich! -- der Theologe 
Marsilius mit seinen Gegenargumenten ein. Langenstein vermißt „Zei- 
chen" für die Rechtmäßigkeit Urbans? Gut, er soll sie haben! Und 
nun wird zusammengetragen, was sich aus der Kirchengeschichte des 
letzten Jahrzehnts nur immer anführen läßt, um Gottes Absicht als 
Begünstigung Urbans auszudeuten. Die auch hier auffallende klare 
schematische Gliederung des Stoffes kennen wir schon aus den Schriften 
unseres Autors. Die Fülle des historischen Details bringt uns seine 
italienischen Reisen von 1378 und 1389/90 in Erinnerung. 

Der hier vermutete Zusammenhang erscheint mir so einleuchtend, 
daß ich auf Sommerfeldts nicht näher begründete Hypothese, das 
Schriftstück sei für einen befreundeten Magister, vielleicht gar Langen - 
stein selber bestimmt gewesen (a. a. 0. 296). nicht eingehe. Auch Thor- 
beckes Inhaltsangabe (Univ. H. 9), Marsilius setze hier die Gründe für 
sein eigenes Handeln während des Schismas auseinander, beruht auf 
einem Mißverständnis; eine derartige Rechtfertigung hatte M. v. I. 
in Heidelberg nicht nötig. 

Die Datierung ergibt sich ziemlich eindeutig aus dem Text der 
Denkschrift: am Schluß des Unterteils I 1 ist von dem „presens jubi- 
leum" die Rede. Damit kann nur das große Kirchenjubiläum von 1390 



198 Gerhard Ritter: 

gemeint sein, an dem M. in Rom selbst teilnahm und das Ruprecht II. 
Anlaß zu einer großen Schenkung für die Universität gab (TJ B.I, nr. 29). 
Terminus a quo ist das Frühjahr 1391, da die Pläne Karls VI. zu 
einer Italienfahrt und ihr Scheitern (März 1391) als das Neueste (,,quid 
nunc novi"') erwähnt werden (s. u. S. 203, N. 1). Gegen eine wesent- 
lich spätere Datierung spricht außer dem eben erwähnten Ausdruck 
und dem „presens jubileum" auch die Mitteilung weiterer „Neuigkeiten", 
die noch zu Lebzeiten Urbans in Rom passiert sind und die wohl noch 
als Reiseerinnerungen von 1390 zu gelten haben. Dieser Datierung ent- 
spricht auch der Inhalt des Langensteinschen Schreibens: darin ist 
S. 306 von einer 13 jährigen Dauer des Schismas die Rede, was auf 1390 
oder 1391 hinweist (auf ein paar Monate wird es dem Autor nicht an- 
gekommen sein), und S. 311 wird von 4 deutschen Universitäten ge- 
sprochen; das weist auf die Zeit zwischen 1389 (Gründung Kölns) und 
1392 (Erfurt) hin. Vorher gab es 3, nachher 5 deutsche Hochschulen. 
Ich denke mir also, daß Langenstein sich bald nach Ruprechts des 
Alten Tode (1390, Febr. 17) an den neuen Kurfürsten wandte und dieser 
nun von dem geistigen Haupte der Universität, seinem „pfaffen" (der 
übrigens Okt. 1391 zum 6. Male Rektor war), ein Gutachten einforderte, 
das bald nach dem März 1391 erstattet wurde und hier vorliegt. 

Den genannten Daten gegenüber erscheint der wunderliche Versuch 
Sommerfeldts, beide Schriftstücke „mit ziemlicher Sicherheit" auf das 
Jahr 1394 umzudatieren, als aussichtlos. Was will S. mit der Angabe, 
Langenstein habe 1393 ein Gedicht in Hexametern „de pace" gegen das 
Schisma verfaßt (S. 208) und Ruprecht III. sei 1394 in Prag zur Be- 
freiung Wenzels erschienen und habe dort einen vorzüglichen Eindruck 
gemacht (S. 209) ? Soll das irgend etwas besagen für die Abfassungszeit 
des Langensteinschen Sclireibens ? Auch die Hypothese, nicht Rup- 
recht IL, sondern Ruprecht III, sei der Adressat, scheint mir noch durch- 
aus unbewiesen. Die Vermutung, daß der spätere König Ruprecht 
größeres Bildungsinteresse besessen habe als sein Vater, besagt doch 
nichts gegenüber der Tatsache, daß 1390 — 98 dieser und nicht jener 
regierender Herr war! Die Angabe des Schreibers der Wolfenbütteler 
Handschrift (um 1405) „nunc Romanorum regi" kann leicht eine Ver- 
wechselung sein. Auf solche Schreibernotizen ist ohnedies nicht viel zu 
geben. Darum nutzt auch die breite Erörterung der Frage, ob Rup- 
recht IL nach 1390 noch (entsprechend denAngaben allerllss.) als „junior" 
gelten konnte, oder ob ihm sogleich das Prädikat ..senior" zukam, 
gar nichts, solange nicht klar erwiesen ist, daß man ihn im Vergleich 
mit der eindrucksvollen Gestalt Ruprechts des Alten nicht noch lange 
als ..junior" empfand oder wenigstens im Sprachgebrauch so weiter 
bezeichnete. Im übrigen ist die Frage nach dem Adressaten überhaupt 
nebensächlich: eenue: der Pfälzer Hof war gemeint. Wie künstlich 



Studien zur Spätscholastik. I. 199 

aber die Umdatierung durch S. in Wahrheit ist, zeigt deutlich die Tat- 
sache, daß er sich genötigt sieht, die Angabe, das Schisma dauere jetzt 
13 Jahre, als angebliche Interpolation aus einem andern Stück des 
Wolfenbütteler Sammelbands (!) wegzuinterpretieren, sowie das „presens 
jubileum" des Marsilius ganz zu übersehen. 

Cod. Guelferbytairos August. 76, 14, fol: 180»- 182«. 

(Sammelband des XV. sc; II einemann, D. Hss. der herzogl. Bibl. zu 
Wolfenbüttel, II. Abt.: Aug. Hss., nr.2738, Abs. 32.) 

Marsilii de Ingen rationes, cur Urbano Pontifici electo adhaeren- 
dum a ). 

Quedam signa pro Urbano notata per magistrum Marsilium de 
Ingen occasione b ) precedentis epistole. 

Signa petit magister meus, quibus persuaderi potest iustitia partis 
iuste, cui firmiter adheremus. Primo dabo, que contigerunt domino 
nostro in persona. Secundo ea, que evenerunt hiis, quibus maledicebat 
seu contra quos extendit claves iurisdiccionis. Et tercio hec, que pos- 
sunt in eo videre attendi expost secuta disposicione mundi. 

Primum, quod sibi contigit. 

Anno primo de mense Augusti, quando c ) derelictus ab omnibus 
cardinalibus preterquam a bone memorie viro domino Francisco car- 
dinali de sancto Petro 1 , cardinalibus de Francia cum multitudine arma- 
torum residentibus in Anagnya et aliis cardinalibus ytalicis secum veren- 
tibus redire Romam, Romanis pluribus interfectis in quodam ponte 
Tyberis et cast.ro angeli fortissimo obtento per Britones, partis adverse 
adiutores, coctidie d ) Romanos invadentes, solus cum curtizanis partium 
harum et Anglie Romam reversus est. Unde tanta dubitacio facta fuit 
Oriente tunc scismate, quod vix aliquis litteras suas curavit acceptare. 
Quo tempore in consistorio generali existens sabbato quattuor temporum 
Septembris 2 sedentibus episcopis ad pedes eius XXIX novos creavit 
cardinales, quorum multi et maior pars ab ipso pilleum acceperunt, 
quibus curiam clesolatam viriliter erexit. Unde debita prior obedientia 
prius infirmata in mentibus curtisanorum valide resurrexit. Numquid 
hoc fecit vi militari hominum armatorum, quorum admodum paucos 
protunc secum adduxit e ), quod ad nichil magni suffecisset ? Numquid 

a) Moderne Hand. Bl. 180 a oben. Das folgende bis epistole ist ein 
nachträglicher titulus von einer nicht mit dem Hauptschreiber identischen Hand 
des XV. sc. -- Denijle druckt den Anfang bis N. e. b) Denijle: ratione. 

Lesefehler. e) ms: quod. d) Denijle: cottidie. e) Von hier 

ab ungedruckt bis N. h. 

1 Franciscus de Tibaldeschi, card. S. Sabinae, dietus S. Petri ab anno 
1368, sept. 22. [Anmerkung Deniflc*.) 
- Sept. IS. 



200 Gerhard Ritter: 

potencia naturalis tum simplex militaris exstitit ? Etregina Neapolitana, 
domina singularis, cum parte adversa [eratjS) federata. Numquid hu- 
mana sapientia suffecit ? Que vere in tanto casu etiam totius curie nul- 
latenus suffecisset! Quo igitur hoc facere inspiratus fuit, nisi quia suc- 
cessor verus Petri oracione petre rogantis pro Petro, ne deficeret fides 
sua? Prevaluit in adversis, obtinuit castrum angeli 1 ), intercedente car- 
dinalide Francia pepercit inexistentibus et ad locatuta remisit inimicos h ). 
Secundum quod per duorum annorum primorum spacium 2 num- 
quam rex Francie minis, promissis sive promocionibus tantum facere 
potuit, quod universitas Parisiensis infra illud spacium rotulum vellet 
mittere ad Robertum antipapam 3 , donec elapso dicto termino, mortuo 
magistro Richardo Barbe 4 vel saltem absente, fugientibus valencioribus 
suppositis Parisiensis universitatis, sicud cantore Parisiensi, domino 
Johanne Egidii, magistro Johanne Ruysch, doctoribus in theologia vel 
legibus de regno Francie existentibus et aliis valentibus 5 , seducto rectore 
pro prebenda sancti Quintini et trecentis florenis 6 . aliisque remanen- 



f) So wohl statt: natali. g) undeutlich. h) Von hier ab wieder 

Abdruck Denifles bis N. k. 

1 Nach dem Gefecht von Marino [1379, april, 29) kapitulierte die Engels- 
burg vor den päpstlichen Truppen. 

2 Gemeint sind offenbar die 2 ersten Regierungsjahre Karls VI. [16. 9. 1380 
bis 1382), s. An/n. 3 

3 Die Universität sandte den ersten Rotulus an Clemens VII. schon im 
Okt. 1379 ab, an dem sich aber die deutsche Nation offiziell nicht beteiligte. (De- 
nifle, Ch. III, nr. 1633) M. v. I . ist offenbar nicht genau orientiert; jedenfalls 
kann er diesen Rotulus hier nicht im Sinne haben, da die von ihm erwähnten 
Streitigkeiten erst im Sommer 1381 sich abspielten. Ein zweiter Rotulus unter 
Reteiligung der {inzwischen durch Abwanderung verödeten) deutschen Nation 
ging im Okt. 1382 ab (Denifle, Auct. I, p. 628). Vgl. auch Chart. III, nr. 1648, 
X. 4. 

4 Richardus dictus Barbe wird als mag. theol. Ende 1375 in den Akten 
erwähnt (Denifle, Chart. III, nr. 1406). Bei der Erklärung der Univers, für 
Clemens im Mai 1379 ist er nicht beteiligt. 

Ä Die Genannten und andere verließen Paris im Sommer 1381 wahrend 
der Kämpfe der auf ein Konzil drängenden Universität mit dem Regenten Ludwig 
von Anjou. Chart. III, nr. 1640. 

6 Rektor Okt. 1382 war Johannes Luqueti; abgesandt wurde der Rotulus 
unter dem Rektor Egidius de Asperomonte. Für beide ist der Resitz der genannten 
Pfründe nicht nachweisbar — auch nicht in dem Pfründenverzeichnis des Joh. 
Luqueti im rotulus von 1403 (s. Denifle, Chart. III, nr. 1648 N. 6 und 
Chart. IV, nr. 1403) — Okt. 1379 war Rektor Joh. de Roncuric, für den dasselbe 
gilt. Doch bilden diese Talsachen keinen Gegenbeweis gegen die Richtigkeit der 
Behauptungen des Mars., der sich vermutlich auf Mitteilungen seiner Pariser 
Kollegen Stützt 's. dazu An in. 9). 



Studien zur Spätscholastik. I. 201 

tibus, primo ad antipapam renitente nacione nostra 1 rotulus est con- 
clusus. Rogo: quid monet hos sapientes, nisi vel cognicio juris Urbani, 
vel Spiritus sanctus suarum mencium inhabitator, ad sie constanter 
remanendum cum Urbano primo electo 2 ? 

Tercium, quod communis populus Francie tune et adhuc seeundum 
difl'itetur et confitetur primum et suum successorem, publice quem 
tenerent, sinon timerent regem, et unde hoc, sinon spiritu saneto in- 
spirante ? Unde et multi Francigene pro indulgenciis presentis jubilei 
Romam advenerunt 3 . 

Quartum: quid monet eos 4 , quod nos in divinis suis (= nostris) 
non prohibent, sieud nos eosdem, nisi quod dietante sibi 'Onsciencia, 
iuste nos moneri ? 

Quintum: quod sapientia Gallicorum, potencia defuneti regis 5 , vis 
armorum regis presentis, munera et promissa insuper et ficciones nun- 
ciorum 1 ) iniquissime nunquam poterant movere, taceo prineipes Alma- 
norum vel communem populum, communem [populum] k ) Flandrie sibi 
subiectum 6 . Ubi, queso, est sapiencia, que suasit pro Urbano, ubi 
potencia regalis laborans pro eodem, ubi promissiones peceuniarum , 
quas non habuit ? Quinymo ubi sibi quicumque prineipum auxiliator, 
sieud anthipape rex Francorum et alii plures 7 ? Quis igitur manutenuit 
hunc in sede Petri nisi petra vicarium Petri ? 

i) ms: nuneciorum, was Deniflc nunciatorum liest, k) fehlt. I) Von hier 
ab ungedruckt bis zum Schluß. 



1 12. Okt. 1382 beschloß die deutsche Nation, sich nicht an dem an Cl. VII. 
zu sendende)! rotulus zu beteiligen (Auct. I, 628), jedoch kam es darüber und 
über verwandte Fragen innerhalb der Nation zu offenem Bruch, der dem Rektor 
.loh. Luqueti Anlaß zu gewaltsamem Eingriff in die Gerechtsame der Nation gab 
[Auct. I 630—632). Ein Nachklang der damaligen Erregung, die zu neuer Ver- 
ödung der Nation durch Abwanderung eines Teiles ihrer Mitglieder geführt zu 
haben scheint, dürfte in der obigen Verdächtigung des Rektors durch Mars, zu 
erkennen sein . 

2 Tatsächlich war natürlich die Stellungnahme der deutschen Heimat und 
ihrer weltlichen Gewalten im Schisma wesentlich bestimmend für die Magister, 
die um ihre Pfründen bangten. 

3 Chron. du Religieux de St. Denis versichert das Gegenteil. Clemens VII 
verbot mit schwersten Strafen 1389, Nov. 27 den Besuch Roms (Reg. Vat. Cl. VII, 
nr. 301, f. 18 b sq.) ,Anm. Denifi.es. Doch spricht M. v. I. als Augenzeuge! 

4 sc. die Atihänger Clemens' 1 VII. 

5 sc. Karls V. 

6 Flandern, traditionell mit England verbündet, nahm im Schisma Stellung 
auf Seiten Urbans VI. trotz aller französischen Gegenpropaganda und trotz der 
clementistischen Gesinnung des Episkopats. S. Valois, La France et le grand 
schisme de Voccident I, 254ff. 

7 Kastilien, Aragon, Navarra, Neapel. 



202 Gerhard Ritter: 

Sextum: quod in Castro Lucerie in medio suorum inimicorum iam 
conspiracione fratrum suorum concepta et adimpleta 1 tradondus in mani- 
bus tunc regis Karoli 2 per unum conspirancium liberatus est et conspira- 
tores detenti. 

Septimum : quod pot^ncia regali ibi obsessus 3 solus cum paucis 
clericis sine hominibus armorum longissimo tempore eastrum tenuit et 
post per Almannos et Britones parti adverse adherentes rleliberatus 4 et 
Januam sanus cum numero suorum fratrum dei misericordia est reductus, 
quasi dicente nobis domino: ,,Quoniam in me , peravit, liberabo eum." 
Unde per inimicos suos certissime liberatus est et demum volens redire 
Neapolim prohibitus et Romam reductus est; loco beati Petri ut verus 
eius successor in domino obdormivit. 

Circa secundum attendat magister meus dominam Johannam, 
antiquam reginam Neapolitanam! Primo ab eodem domino nostro 
propter adhesionem [antipape]" 1 ) excommunicatam et auctoritative 
privatam regno ; secundo per Karolum de pace 5 , quem in regem coronavit, 
momentanee sine extraccione gladii fere regno privatam, capto domino 
Ottone de Brunsewic 6 illustri cum nongentis lanceatis, pluribus et meli- 
oribus, quales habuit pars adversa, postea captam 11 ) et ut refertur in 
captivitate vitam laqueo finientem ! Qui Karolus prospere egit, quamdiu 
in obediencia mansit, postquam autem se pape in dicta conspiracione, 
sede et aliis contraposuit, coronatum in regem Ungarie et excommuni- 
catum in Janua per dictum dominum nostrum post infra decem dies 7 
miserabiliter interemptum [videmus] m ). Item, quod pompam quondam 
rlucis Andegavensis [dispersit]" 1 ), qua regnum intravit Neapolitanum, qui 
iu eo die, quo prope Romam ad quatuor leucas extitit, processibus apo- 
stolicis innodatus est per dominum Urbanum, nee in Romam nee papam 
manum mittens infra regnum exercitu suo in omnem ventum disperso 
tarn ipse, quam illustris comes Sabandie 8 morte misera defuneti sunt. 
Que potencia hie defendit Urbanum, si non divina ? Que stravit hos 
potentes ? Que enervavit tantum exercitum, si non petra successorem 
Petri ? Verum unde Bamabas 9 vicedominus Mediolanensis fertur 



in) ji j hlt. n) ms : capta. 



1 Verschwörung der Kardinäle Ende 1384. 

- Karl von Durrazzo. 

:i Belagerung in Nocera durch Karl von Durazzo, Februar bis Juli 1385. 

4 Flucht aus Nocera 1385, Juli 7. 

"' Karl von Durazzo, genannt della ]>ace, der Friedfertige. 

6 Der 4. Gemahl Johannas. 

7 Ermordung in Ungarn, 1386, Febr. 7 bzw. 24. 

8 Amadeus von Savoyen, Bundesgenosse Ludwigs von Anjou, erlag einer 
Seuche am 22. 3. 1383. Ludwig selbst starb 21. 9. 1384 zu Bari. 

'■' Barnabo Visconti; die Visconti waren mit Urban VI. verbündet. 



Studien zur Spätscholastik. I. 203 

dixisse de domino nostro: „Nescio, si papa sit an non; sed cum fert 
sentencias, in quemquam paratus est executor earum." ? Quid nunc in 
Roma novum ? Ultimo vite sue termino quendam de communitate 
potentem volentem impedire, ne senatorem institueret, quem volebat, 
quod tarnen de iure pertinet ad papam, secrete in capella mane excom- 
municavit. Et in momento post exiens domum, ut se contraponoret 
intencioni pape, ante propriam ianuam morte subitanea defunctus est! 
Et quid nunc novi ? Voluit rex Francorum ydolum suum, ut dicitur, 
introducere Romain: liabuib pro se comitem virtutum et verisimiliter 
Rononienses et Floren tinos et fere totam Tusciam et cognita malicia 
erritus dissipata [in] ) exercitu »uo mansit in regno domino dissipanto 
onsilia prineipum Petri successorem volentium perturbare 1 . Et huius- 
modi casus innumerabiles sunt, ubi Urbanus suos adversarios non vi 
humana, sed dispensacione divina noscitur enervasse. 

Quo ad disposicionem mundi secutam palam est, quod pro Avinio- 
nensi et parte iniusta cottidie laboravit regaiis potencia 2 lmmana sapien 
cia, data principibus, dona frequantata et multiplicata; et rogo: Quid 
pro parte ista laboravit, nisi fides Petri ? Ymmo forte dominus noster 
defunctus plures suo rigone terruit, dominus noster modernus 3 fortasse 
nimia sua dementia gratias facit infructuosas quidem ex indirecto, quam- 
vis ipse non intendat, studia diminuit et destruit. Ubi apud istos 4 
aliquis potens princeps secularis fidelis zelator ? Ubi humana sapientia ? 
Ubi donaria data vel danda ? Attende, quomodo succedit comiti Cly- 
vensi 5 , iam detento parti p ) alteri faventi! Quomodo successit 
cuidam 6 potentissimo inter Alamanie principes q ), peccunia alteri parti 
obligato et a rusticis eciam paucioribus numero interfecto! Attende, 
quod omnes aliis adherentes de Almania redduntur miseri fere et parti 
faventes nostre sive Urbani iugiter elevantur. Attendatur. quod Avini- 



o) jeldt. p) ms: parte. q) ms. eingeschoben: quod. 

1 Anspielung auf die Pläne Karls VI., seinen Papst Clemens VII. gewalt- 
sam nach Rom zu führen. Der Plan entstand in den letzten Tagen d. I . 1390 
und wurde plötzlich und unerwartet März 1391 aufgegeben, vermutlich infolge 
neuer Kombinationen des englisch- französischen Verhältnisses. Vgl. Valois 
a.a.O. II 176/9. Comes virtutum: Herzog von Mailand? 

2 sc. des französischen Königs. 

3 BonifazIX. 

4 sc. den Anhängern der römischen Obedienz. 

5 Graf Adolf von Cleve, Anhänger Clemens' VII. stand im Solde Frank- 
reichs gegen England, denunzierte den Marsilius in Avignon als Vrbanisten; 
tatsächlich wurde dem Marsilius eine Pfründe durch Clemens VII. genommen. 
Vgl. o. p. 8 N. 1. 

6 Leopold III. von Österreich, gefallen 1386, juli 9 bei Sempach im Kampfe 
mit den Schweizern. 



204 Gerhard Ritter: 

onenses raissis suis pseudoapostolis nisi sunt persuadere nequiter ! Romam 
accederet ad Bonifacium seu curaret annum iubileum per Urbanum 
institutum, et nunquam visum est Romam tantum venisse populum 
copiosum. non solum partis obedientis, sed eciam multitudinem Galli- 
corum, ymmo et maximam multitudinem elericorum. Et si forte alii 
in sua tali pace quiete i'ruantur temporali, quis de hoc causam reddet, 
ignoro. Cum vero pace potitus sit et beatus Petrus crucifixus, dicam 
l'inaliter: 1 ,Hoc zelavi super iniquos pacem peccatorum videns". 

2. Anonymer Litteralkommentar zu einem unbekannten 

Traktat ,,de conf usionibus", angeblich von Marsilius 

von I n g h e n herrührend. 

(Vgl. üben S. i8, X. 1-2.1 

Erfurter cod. Ampi. 12°, nr. 13. Pap., 1. Hl. des XV. sc, 80 Bll. Schum, 
Beschr. Verz. p. 769: ,,Bl. 79 — 80: Fragmentum tractatus de confusionibus a 
Marsilio scripü: rohe Cursive, ohne Horizontalen". Der Text ist sehr korrupt 
und nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren. Ergänzungen durch den Hg. sind 
durch eckige [], zu eliminierende Stellen durch runde Klammern () bezeichnet. 

Bl. 78 v > : . . et hoc ad materiam supradictam suppositionum sufficiat 
Sequitur M. ( ? sehr undeutlich) libellum confusionum etc. 

Bl. 79 T >: Circa inicium libri confusionum videndum est primo de subiecto 
scientie libri confusionum, et igitur communiter dicitur, quod littera confusio 
sit subiectum pro illo, et notandum, quod confusio capitur dupliciter: unomodo 
realiter, te talis confusio est duorum: quaedam realiter et propria, et est ali- 
quorum simul ad invicem vel ad eundem locum fusio; alia est realiter et trans- 
sumptiva, et est idem, quod diffamatio, et de illa [non] ad propositum. Alio- 
modo capitur loyce, et hoc dicitur unomodo active, aliomodo passive. Passiva 
est taliter. quod supposiciones confuse tantum vel distributive; istis sie stan- 
tibus autem dicitur, quod confusio capta loyce, [que] active instituitur, est 
subiectum scientie libri confusionum. 

Et seeundum aliquos describitur sie: Est significatum faciens terminum 
stare communiter, non determinate; vel seeundum aliquos sie: Est signifi- 
catum faciens terminum stare disiunetim vel copulatim vel commune. Simi- 
liter „confundere" est: terminum communiter, non determinate [facere stare], 
vel sie est: terminum facere stare disiunetim copulatim vel copulative (? com- 
mune? undeutlich). Sed an noticia confusionum sit sciencia? Respondetur, 
quod est sciencia capiendo scienciam communiter, et est sciencia demonstra- 
tiva, non ideo, quod insunt alique demonstraciones explicite, quia hoc non 
requiritur ad scienciam demonstrativam, sed dicitur ideo sciencia demonstra- 
tiva, quia imponuntur multe regule, ex quibus multe demonstraciones colligi 
possunt. 

Es folgt nunmehr der Literalkommentar eines abschnittweise zitierten 
Textes, dessen Titel sogleich besprochen wird; die divisio ergibt eine pars 
prohemialis und einen aus 7 Kapiteln bestehenden Hauptteil: 

1 Psalm 72. 3. 



Studien zur Spätscholastik. I. 205 

In primo ponit regulas generales, in secundo speciales, in tercio deter- 
minat de istis sinkategorematibus : „sicud, magis quam". In quarto de genera- 
libus comparationibus, videlicet de eomparativo, superlativo. In quinto deter- 
minat de quibusdam terminis, qui quinque tenentur kategoreumatice, aliqui 
sinkategoreumatice. In sexto determinat de sinkategoreumatibus plurimos 
terminos vim confundendi habentibus. In septimo determinat de Ulis verbis: 
„incipit, desinit". 

Die divisio schließt mit der Aufzählung der 7 Kapitelanfänge. Alsdann 
beginnt die eigentliche Worterklärung, von der der Anfang als Probe zugleich 
des akademischen logischen Schulunterrichts und der logischen Materie hier 
folgen mag: 

Primum capitulum dividitur in octo partes, secundum quod ponit octo 
regulas; partes procedebunt in procedendo. Rationabiliter ( ?) igitur ad 
primum. Prima regula est talis: „sinkategoreumatica", et ista debet sie poni 
informata: „Omne purum sinkategoreuma universale affirmativum faciens 
propositio[nem] universale[m] quemlibet terminum supponentem communiter 
in manifeste sequentem confundit confuse distributive, terminum vero mani- 
feste sequentia in eadem proposicione kategoreumatica supponentem commu- 
niter de per se coni'usionaliter ( ?), circa quem non impeditur, confundit confuse 
tantum, dum[modo] sinkategoreuma non prineipalius ipsum determinat et non 
sit determinacio tantum precedentis et non feratur super ipsum et precedens 
per modum unius signi. ' Dicitur primo: „Omne purum sinkategoreuma", 
quia sinkategoreuma impurum sepius non distribuit terminum in manifeste 
sequentia, sed confundit confusione tantum; additur ,, universale" propter Sig- 
num particulare. Additur ,, affirmativum" propter negativum. Additur „faciens 
propositio[nem] universale[m]" propter signum universale; „affirmativum" te- 
netur(?) collective, quod ut sie non confundit propter opinionem communem; 
dicitur: „quemlibet terminum supponentem" propter terminos victos(?) ; dicitur 
„communiter" propter terminos singulares; dicitur „in manifeste sequentem" 
propter terminum sequentem manifeste, quia illum non distribuit, sed „confun- 
dit confusione tantum", ut dicit seeunda pars regule; dicitur „in eadem pro- 
posicione kategoreumatica" propter terminum supponentem sequentia in alia 
propositione; dicitur „de per se confusionaliter ( ?)" propter relativum, quod 
quandoque sequitur et non confunditur, ex eo, quod suum antecedens non 
confunditur; dicitur: „circa quem non impeditur" propter illam [sc.proposi- 
tionemj et consimile[m] : „eciam hoc non est aliud", in(?) qua(?) littera „alia" 
sequitur manifeste et tarnen littera „eciam" ipsam non confundit confusione 
tantum, quia impeditur per negacionem; dicitur „terminum manifeste sequen- 
tem" propter „terminum [in] manifeste sequentem", quia illum non confundit 
confusione tantum, sed distributive. Tunc dicitur „scitur ipsum stare confuse 
tantum" ad exeludendum modum confundendi distributive; [dicitur] „dum- 
modo sinkategoreuma non prineipalius ipsum determinat" propter talem 
[sc. propositiojiem] et consimilem: „quilibet equus currit", igitur equus 
manifeste sequitur, sed quod littera „quilibet" prineipalius eum deter- 
minat, ergo non stat confuse tantum, sed confuse distributive. Sequi- 
tur „dummodo non sit determinacio precedentis" ut in: „quilibet asinus horuni 
currit" littera „horum" sequitur manifeste, sed quia est determinacio prece- 
dentis, tarnen immo stabil confuse distributive et non confuse tantum. Dicitur 



206 Gerhard Ritter: 

„dummodo nun feratur super ipsum", ut in: „omnis homo vel asinus currit", 
igitur „homo" communis, „homo vel asinus", distributive, et tantum asinus 
sequitur manifeste, sed quod (in) illud Signum scilicet „omnis" fertur super 
ipsum [et] precedentem per modum unius signi, (et) igitur [confundit] ambos 
confuse distributive. 

Es folgen in ähnlichem Stil Regel 2—6, die aber z. T. mit entsprechenden 
Regeln der Suppositionslehre gleichlauten. Mit Regel 6, bricht das Fragment ab. 

3. Alphabetisches Verzeichnis der abgekürzt zitierten 

Schriften. 

I. Handschriften und Frühdrucke. 

A. u. I. = Annales universitatis (Heidelbergensis), t. I; eigtl acta lac. juris 

darstellend = cod. Heid. 362, 1. 
a. f. a. = Annales facultatis artium, cod. Heid. 358, 72. 
U. A. = Repertorium des Heidelberger Univ. -Archivs. 
Gm. = Codex latinus Monacensis, bez. nach dem gedruckten Catalogus codicum 

latinorum Bibliothecae Regiae Monacensis, 2. A„ 1894 ff. 
1. sent. = Questiones Marsilii super quattuor libros sententiarum, Straßburg, 

M. Flach, 1501. 
Ad illustrissimum Bavarie ducem Philippum usw., Wiegendruck der Schöf- 

ferschen Presse von 1499. Heidelberg, Kurpfälzisches Museum, S. Panzer 

II, 1, nr. 10781. 
Metaph = Cod. Pal. Vindob. 5297: Marsilius ab Inghen, Qu. super meta- 

physicam. 
Titel usw. der übrigen zitierten Hss. u. Inkunabeln s. im Text. 

II. Sonstige Druckschriften. 

Adam, Apographum monumentorum Heidelbergensium. Heidelberg 1612. 
J. H. Andreae, Riesmannus redivivus . . . de . . . prineiporum Palatinorum 

Origine . . Heidelberg 1787/8. 
. Commentatio historica ... de quibusdam eruditorum luminibus .... 

Festschr. v. 1774. 
Aschbach, J„ Geschichte der Wiener Universität im l. Jahrhundert ihres 

Bestehens. Wien 1865. 
Bliemetzrieder, Literarische Polemik zu Beginn des abendländ. Schismas. 

Publ. d. österr. histor. Inst, in Rom, Bd. I. Wien/Leipzig 1909. 
- Das abendländ. Schisma in der Mainzer Erzdiözese. Mitt. d. Inst, für 

österr. Geschichtsforschung. Bd. 30, 1909, S. 502-510. 
Bess, Bernh., Frankreich und sein Papst, von 1378—1394. Zeitschr. für 

Kirchengeschichte, ed. Brieger, B. 25, 1904, S. 48 ff. 
Bi dzinszky, Die Universität Paris und die Fremden an derselben im Mittel- 
alter. Berlin 1876. 
Bi laeus, Historia universitatis Parisiensis, t. IV. Paris 1668. 
Burdach, K., Vom Mittelalter zur Reformation. Halle 1894. 
Catalogue generale des manuscrits des bibliotheques publiques des departe- 

ments. t. III. Paris 1861. 



Studien zur Spätscholastik. I. 207 

Chevalier, Repertoire des sources historiques du moyen-age. Bio-Biblio- 
graphie. Paris 1905. 
Chronicon Moguntinum, ed. Hegel. Hannover 1885. (Scr. rer. Germ, in 

usum scholarum.) 
Copinger, W. A., Supplement to Hains rep. bibl., p. II. vol. I. 
Denifle, H., Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis L400. 

Berlin 1885. B. I. 
Denifle-Chatelain, Chartularium universitatis Parisiensis, t. III-IV, 1894/8, 

und Auctarium Chartularii universitatis Par., t. I. 1894. 
Deutsehe ÄeichsTags-^lkten, ed. Weizsäcker, t. I. 1867. 
Duhem, P., Etudes sur Leonard de Vinci, 2.— 3. serie. Paris 1909/101::. 
Falk, F., Der mittelrhein. Freundeskreis des Heinr. v. Langenstein. Hist. 

Jahrb. B. XV., 1894, S. 517-528. 
J. G. Tu. Graesse, Tresor de livres rares et precieux ou nouveau dictionnaire 

bibliographique. Dresde 1863. 
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N. F.. V. (1890). 
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Hurter, Nomenclator literarius theologiae catholicae. IV Bde. Oeniponte 

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Lindner, Tu., Geschichte des Deutschen Reiches unter König Wenzel. 2 Bde. 

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Reichling, Appendices ad Hainii-Gopingeri Repert. bibliogr., t. III. Monachii 

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208 Gerhard Ritter: 

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1913; Bd. IV, l 3 (Luther), ebd. 1917. 
— Die Theologie des J. Duns Scotus. (Studien zur Gesch. der Theologie und 
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Siebeck, H., Okkams Erkenntnislehre in ihrer histor. Stellung. Arch. für 
Geschichte der Phil. X, N. F. 3, 1897, S. 317 f. 
- Die Willenslehre bei Duns Scotus und seinen Nachfolgern. Zs. f. Phil. 112, 
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Shmmerfeldt, G., Zwei Schismatraktate Heinr. v. Langenstein. Mitt. des 
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Ruprecht III. von der Pfalz und die deutsche Publizistik. Zeitschr. für 
Geschichte des Oberrheins 22, S. 291 ff. 1907. 

Aus der Zeit der Begründung der Universität Wien, I. Mitt. des Inst, für 
österr. Geschichtsforschung. Bd. 29 (1908), S. 289 ff. 
Zu Heinrich Totting von Oyta. ibidem Bd. 25 (1905). 
Die Prophetien der hl. Hildegard von Bingen usw. Histor. Jb. Bd. 30, 
S. 43 u. 297. 
Stkinherz, Das Schisma von 1378 und die Haltung Karls IV. Mitt. des Inst. 

für österr. Geschichtsforschung 21, 1900, S. 606 ff. 
Stevenson, H. et de Rrssi, Codices Palatini Latini Bibliothecae Vaticanae, 

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Tabulae codicum manu scriptorum ... in bibl. Palatina Vindobonensi 

asservatorum. Vindobonae 1869 ff. 
Thorbecke, A., Geschichte der Universität Heidelberg, Abt. I: 1386 — 1449. 

Heidelberg 1886. 
Tik rot, Ch.. De P Organisation de Fenseignement dans Tuniversite de Paris. 

Paris 1850. 
Toepke, G., Die Matrikel der Universität Heidelberg, Teil I — III. Heidel- 
berg 1884-1889. 



1 Die 3. Aufl. d. I. Bandes (1921) kam mir erst während der Druck- 
Legung zu Gesicht. Sie nötigt mich nicht zu sachlichen Änderungen. 



Studien zur Spätscholastik. I. 209 

Tritenhem, Jon., Abb. Spanhemensis : Catalogus scriptorum ecclesiasticorum. 

Ausg. v. 1531. 
U.-B. = Urkundenbuch der Universität Heidelberg. 2 Bde., hrsg. von Ed. 

Winkelmann. Heidelberg 1886. 
Ueberwegs, Grundriß der Geschichte der Philosophie der pa trist und scholast. 

Zeit (10. Aufl.). bes. von M. Baumgartner. Berlin 1915. 
Valentinelli, J., Bibl. manuscripta ad S. Marci Venetiarum, Venetiis 1871, 

t. IV. 
Valois, N., La France et le grand schisme de l'occident. 4 vol. Paris 1896. 
Wenck, K., Konrad von Gelnhausen und die Quellen der konziliaren Theorie. 

H. Z. Bd. 76 (1896), S. 6-61. 
Werner, K., Die Scholastik des späteren Mittelalters. 2. Bd.: Die nach- 

skotistische Scholastik; 3. Bd.: Der Augustinisinus in der Scholastik des 

späteren Mittelalters. Wien 1881 — 4. 
Wiemann, K., Eckard von Ders, Bischof von Worms. 1370 — 1405. Hallesche 

Beitr. zur Geschichtsforschung. H. III. Halle 1893. 
(C. C. Wundt) anonym: Commentatio historica de Marsilio ab Inghen .... 

Heidelberger Programm von 1775. 



Nachtrag zu Seite 194. 

Statt der unter nr. 12 stehenden Angaben ist zu lesen: 
12. Marsilii inguen Doctoris resolutissimi abbreviationes super octo libros 
physicorum Aristotelis etc. 

Fol., foliiert Bl. 2 — 40, 2 sp. Bl. l v : Widmungsschreiben des Heraus- 
gebers, F. Augustinus Montifalconius, ord. Eremit, s. August., an 
mag. Nicolaus Venetus, Dr. th., eiusdem ord., dat. 18. Jan. 1521. 
Anfang des Textes gleichlautend mit nr. 13. — Bl. 40, d: Expl. 
. . . abbreviationes . . . emendate diligentissimeque recognite: 
maxime a secundo libro citra per Magistrum Augustinum monti- 
falconium . . . Bl. 41, d: Venetiis Heredum nobilis viri . q . 
Domini Octaviani Scoti civis ac Patricii Modoetiensis et sociorum. 
Anno . . . 1521, Die primo Februarii. . . . Signet. 

Nachweis: Panzer, Ann. typ. VIII, p. 464. - - Hurter, II 3 , 673. 

Vorhanden: U.B. Heidelberg (nicht im Katalog!). 



Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1921. 4. Abb 14 



Inhaltsübersicht. 

Seite 

Vorwort 3 

Einleitung '« 

I. Teil: Biographisches 7 

II. Teil: Historische Bedeutung - der Schriften 45 

Vorbemerkungen 45 

1. Logik 47 

2. Erkenntnislehre 52 

3. Physik 68 

4. Metaphysik und Theologie 111 

a) Das Erkenntnisproblem einer nominalistisr-hen Metaphysik . 111 

b) Metaphysische Einzelprobleme 122 

c) Theologie - .... 137 

Psychologischer Excurs: Die Willenslehre 151 — 164 

Schlußbemerkungen 183 

III. Teil: Katalog der Schriften 185 

IV. Teil: Anlagen 196 

1. Kirchenpolitische Denkschrift des Marsilius von Inghen von 1391 196 

2. Anonymer Literalkommentar zu einem unbekannten logischen 

Traktat de confusionibus, angeblich von Marsilius von Inghen 

herrührend 204 

:;. Alphabetisches Verzeichnis der abgekürzt zitierten Schritten . . 206 



Sitzungsberichte 
der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 

Stiftung Heinrich Lanz 
Philosophisch - historische Klasse 

= Jahrgang 1922. 7. Abhandlung = 



Studien zur Spätscholastik 

IL 

Via antiqua und via moderna auf den 
deutschen Universitäten des XV. Jahrhunderts 

Von 

GERHARD RITTER 



Eingegangen am 15. März 1922 



Vorgelegt von H. Oncken 




Heidelberg 1922 
Carl Winters Universitätsbuchhandlung 



Verlags-Nr. 172S 



Heidelberger universitätsgeschichtliche Forschungen. 

Erster Teil: Studien zur Spätscholastik. 

2. Studie. 



Vorbemerkung. 

Die vorliegende Arbeit ist als Abschluß meiner „Studien zur 
Spätscholastik" (= Heidelberger universitätsgeschichtliche For- 
schungen, Erster Teil) zu betrachten. Ihr verspätetes Erscheinen 
ist ausschließlich durch äußere Hindernisse verschuldet. Erst 
durch die finanzielle Unterstützung, die die „Gesellschaft der 
Freunde der Universität Heidelberg" meiner Arbeit (als einer 
Vorstudie zu der schon früher angekündigten umfassenden Ge- 
schichte unserer Universität) in hochherziger Weise zuwandte, ist 
die Drucklegung des schon längst abgeschlossenen Manuskriptes 
ermöglicht worden. Der genannten Gesellschaft bin ich dafür zu 
tiefgefühltem Dank verpflichtet. 

Wo im folgenden von „Studie I" die Rede ist, beziehe ich mich 
auf die erste dieser „Studien", die unter dem Titel: „Marsilius von 
InghenunddieokkamistischeSchuleinDeutschland"inden Sitzungs- 
berichten der Heidelberger Akademie, Jahrg. 1921, 4. Abhandlung, 
erschienen ist. Ebendort findet man S. 206ff. ein „alphabetisches 
Verzeichnis der abgekürzt zitierten Schriften", auf das auch diese 
Arbeit Bezug nimmt, soweit sie die zitierten Handschriften und 
Drucke nicht selbst näher erläutert (vgl. besonders das Einleitungs- 
kapitel!). 



I. Prolegomena. 
1. Literaturgeschichte des Problems. 

Über den Kampf der via antiqua und moderna an den deut- 
schen Universitäten des 15. Jahrhunderts ist unendlich viel in der 
Compendienliteratur geschrieben worden. Eigene Quellenstudien 
liegen nur wenigen dieser Betrachtungen zugrunde. Es genügt, 
diese wenigen hervorzuheben, um den Stand des geschichtlichen 
Problems zu fixieren. 

Die älteren Darstellungen (vor dem Erscheinen von Prantls 
Geschichte der Logik im Abendlande) pflegten sich häufig auf den 
späten Bericht des bayerischen Humanisten Aventin zu stützen 1 , 
der bei der Erwähnung des Roscellinus (11. Jhd.) auf den alten 
Gegensatz des Nominalismus und Realismus stößt und den Anlaß 
in längerer Abschweifung benützt, um die scholastischen Partei- 
gegensätze seiner eigenen Zeit aus diesen alten Kontroversen 
historisch zu erklären. Seine geschichtlichen Kenntnisse sind auf 
diesem Gebiete sehr wenig exakt 2 ; doch galt es lange als selbst- 
verständlich, in der Weise Aventins den Gegensatz der beiden 
,,Wege" des 15. Jahrhunderts ohne weiteres auf die ältere Partei- 
spaltung in der Universalienfrage zurückzuführen — ein Verfahren, 
das auch durch die Tradition der Gelehrtengeschichten des 17. 
und 18. Jahrhunderts unterstützt wurde. 

Über diese rein literaturgeschichtlichen Zusammenhänge ver- 
suchte Fr. Zarncke 3 hinauszukommen, indem er die ganze Be- 
wegung mit den großen politischen Ereignissen der Epoche der 
Reformkonzilien in nahe Verbindung brachte. Er konstruierte 
einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der scholastischen 
Reaktionspartei der via antiqua seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, 
insbesondere an deutschen Universitäten, und dem etwa gleich- 
zeitig erfolgenden Vordringen papaler Reaktionsbestrebungen im 
Rückschlag gegen die Reformtendenzen der großen Konzilien. Die 
Erneuerung des Thomismus sollte danach zur Stärkung des Papst - 

1 Annales ducum Boiariae, ed. Riezler, opera III, 1, üb. VI, p. 200ff. 
Entstehungszeit: 1519 — 21. 2 Vgl. meine Studie I, p. 11, N. 5. 3 Ein- 
leitung zum „Narrenschiff" Seb. Biants, Leipzig 1854. 



Gerhard Ritter: Studien zur Spätscholastik. II. 5 

tums dienen, wie der Nominalismus eines Okkam und seiner Ge- 
nossen einst die gefährlichsten Waffen zur Zerstörung des weltum- 
spannenden geistigen Systems hatte liefern müssen, auf dem die 
Herrschaft der mittelalterlichen Papstkirche ruhte. Wortführer des 
Okkamismus, wie Pierre d'Ailly und Johannes Gerson, hatten auf dem 
Konstanzer Konzil die Hauptrolle gespielt; seit dem Scheitern 
ihrer kirchenpolitischen Pläne sollte (nach Zarncke) auch ihre theo- 
logisch-philosophische Lehre durch eine Neuerweckung derHochscho- 
lastik des 13. Jahrhunderts verdrängt worden sein. Das alles blieb 
eine glänzende vorläufige Konstruktion, der die Quellenbeweise nicht 
nachfolgten. Auf die spätere Literatur hat diese Anregung im 
ganzen (soviel ich sehe) auffallend wenig gewirkt, vermutlich unter 
dem Einfluß der Prantl sehen, wieder rein literaturgeschichtlichen 
Untersuchungen. Um so stärker wirkte eine zweite Hypothese 
Zarnckes. Die enge Verbindung zwischen den Baseler Schola- 
stikern „realistischer" Richtung (Joh. Heynlin vom Stein u. a.) 
mit den dortigen Frühhumanisten (Brant, Geiler von Kaisersperg, 
Agricola) brachte ihn auf den Gedanken, die humanistischen Be- 
strebungen zur Erneuerung der antiken Autoren könnten mit den 
rückwärts gerichteten Tendenzen der via antiqua eine innere Ver- 
wandtschaft besessen haben. Indem er dann, von hier ausgehend, 
in dem oberrheinischen Humanistenkreise der Brant, Wimpfeling, 
Geiler u. a. eine ähnliche Stimmung rückwärts gewandter, „senti- 
mentaler, zurückgehaltener Wehmut", moralisierende Neigungen 
zur inneren Erneuerung des Katholizismus wahrzunehmen glaubte, 
wie in den Kreisen der via antiqua, gelangte er zu jener Unterschei- 
dung eines älteren, kirchenfrommen von einem Jüngern, radikal 
reformlustigen Humanismus, die Jahrzehnte lang fast allen Dar- 
stellungen des deutschen Humanismus zugrunde gelegt 1 und erst 
auffallend spät von der Forschung überwunden worden ist. 

Gleichwohl hatten schon Prantls Forschungen zur Geschichte 
der Logik 2 mit ihrer umfassenden Quellenkenntnis die Unterlagen 
dieser Hypothesen als großenteils brüchig erwiesen. Auf seinen 
Untersuchungen fußen alle Späteren, und zwar in einem Maße, 
daß auch gegnerische Auffassungen genötigt waren, wesentlich mit 
dem Material seiner Fußnoten zu arbeiten. Dabei war die Gefahr 
einer gewissen Einseitigkeit in der Auffassung Prantls schon 

1 Mit besonderem Eifer aufgenommen von Janssen Gesch. d. dtsch- 
Volkes, I 6 , 55, II, 1 — 5, dem die ganze Theorie vorzüglich in seine antiluthe- 
rische Tendenz paßte. 2 IV, 185, N. 61 (Leipzig 1870). 



6 Gerhard Ritter: 

dadurch nahegelegt, daß er sich im wesentlichen auf logische 
Schriften und auf Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts beschränkte; 
weiterhin aber durch die unverhüllte, urwüchsige Abneigung des 
modernen Rationalisten gegen die Scholastik überhaupt und gegen 
die Nachrichten aus thomistischer Quelle insbesondere. Hegte er 
doch gegen die Thomisten des 15. Jahrhunderts, die er als die 
,, geborenen Vorläufer der Jesuiten" betrachtete und die ihm 
,, einen unheimlichen und widerlichen Eindruck" 1 machten, das 
stärkste Mißtrauen: jede Art von Perfidie und Verdrehung in der 
Berichterstattung über die Lehre ihrer (in der Lösung der ratio 
aus den Fesseln des irrationalen Dogmas weiter fortgeschrittenen) 
Gegner traute er ihnen zu. Die Quellen mochten noch so eindeutig 
als Differenzpunkt der beiden Schulrichtungen wesentlich die 
Universalienfrage bezeichnen: Prantl war stets geneigt, in solchen 
Angaben „perfide Entstellung" thomistischer Autoren zu wittern, 
die ihre Hand überall da im Spiele haben sollten, wo der (häufig 
ganz unbefangen gebrauchte) „alte Ketzername" nominales für die 
„Terministen" okkamistischer Richtung auftauchte. Das hing mit 
seiner Auffassung Okkams zusammen. 

Es war Prantls Entdeckung, daß der Ausbau der „byzantini- 
schen" Logik des „Terminismus" als „grundsätzlicher Basis" des ge- 
samten philosophischen Systems die wichtigste philosophische Neu- 
erung Okkams gewesen sei 2 . Die Umgestaltung der Logik durch 
diese neue Lehre, die den Begriff (terminus) an Stelle des Urteils in den 
Mittelpunkt der Betrachtung rückte, erschien dem Historiker der 
Logik in ihren philosophischenWirkungen so wichtig, daß ihm darüber 
die sonstigen prinzipiellen Neuerungen des Okkamismus zu sekun- 
dären Erscheinungen wurden. Galten bis dahin als die wichtigsten 
Merkmale dieser Schule ihre erkenntnistheoretische Grundstellung: 
die Erneuerung des Nominalismus, die damit zusammenhängende 
kritische Haltung gegenüber der Tragweite metaphysischer Er- 
kenntnisse und die innere Loslösimg der theologischen von der 
philosophischen Spekulation, so leugnete auch Prantl diese Tat- 
sachen nicht ; aber seine ausgedehnte Beschäftigung mit der logi- 
schen Compendienliteratur des 14. und 15. Jahrhunderts führte 
ihn dazu, als wichtigstes Merkmal der nachokkamistischen Epoche 
nicht die Beantwortung jener erkenntnistheoretischen und onto- 
logischen Fragen, sondern den immer üppigeren Ausbau der „ter- 
ministischen Logik" zu betrachten, deren Ursprung aus dem Ein- 

1 IV, 193, N. 84. 2 III, 328. 



Studien zur Spätscholastik. II. 7 

dringen byzantinisch-stoischer Traditionen in das Abendland durch 
Vermittlung des Michael Psellos er nachgewiesen zu haben glaubte. 
Die Entwicklung dieses Terminismus, dessen „Formalismus und 
Abstrusität, ja dessen Sinnlosigkeit" (in seinen späteren Phasen) 
nach Prantls Ansicht ,,fast alle Vorstellung übersteigt" 1 , verfolgte 
er mit dem gereizten Interesse eines aufrichtigen Hasses. Diesem 
,, verstandlosen Treiben" gegenüber schien ihm das eigentlich philo- 
sophische, das spekulative Interesse mehr und mehr aus der spät- 
scholastischen Literatur insbesondere okkamistischer Richtung zu 
verschwinden, und so zog er den Gesamtnamen ,, Terminismus" 
der üblichen, aus der Erkenntnistheorie abgeleiteten Bezeichnung 
„Nominalismus" vor. Trotz dieser Abneigung gegen den „Ter- 
minismus" als solchen gehörten seine offen ausgesprochenen Sym- 
pathien der gleichfalls von Okkam durchgeführten nominalistischen 
Trennung von Metaphysik und Theologie 2 ; er suchte sie gegen den 
Vorwurf älterer katholischer Forscher zu verteidigen, sie habe in 
ihren Konsequenzen zur inneren Auflösung des scholastischen 
Systems überhaupt geführt und erklärte sie (wohl gerade aus diesen 
Sympathien heraus) für eine Teilerscheinung weitverbreiteter scho- 
lastischer Richtungen, nicht für ein spezielles Merkmal des Ok- 
kamismus. 

Nur aus diesen Voraussetzungen ist seine Auffassung vom 
Wesen des Gegensatzes zwischen via antiqua und via moderna zu 
verstehen. Er sieht ihn „wesentlichst nur im Lehrstoffe begründet, 
nicht aber in der Universalienfrage" 3 . „Die antiqui sind die- 
jenigen, welche in Inhalt und Form sich an die thomistische und 
skotistische Literatur anschließen; moderni hingegen sind jene, 
welche, welche der an Okkam anknüpfenden Strömung folgen und 
hiedurch bei einem übermäßigen Betriebe der proprietates termino- 
rum und der damit verbundenen Sophismen, Insolubilia, Obli- 
gatoria, Consequentiae sich den nicht ungerechtfertigten Vorwurf 
hohler und leerer Sophisterei zuziehen." „Soll die Parteistellung 
durch die Worte ^reales' und ^nominales 1, bezeichnet werden, so 
ist dies nur in jenem Sinne zulässig, in welchem man auch von 
scientiae reales und scientiae sermocinales sprach, d. h. die antiqui 
beschäftigten sich im Hinblicke auf ihre Vorbilder auch mit den 
realen Disziplinen (Metaphysik, Physik, Ethik) und schätzten daher 

1 IV, 1. 2 III, 328. 3 IV, 187. Vgl. auch die knappe Zusammen- 
fassung in „Gesch. der Ludw. -Maxim. -Universität in Ingolstadt, Landshut, 
München" I, 53ff. (1872). 



8 Gerhard Ritter: 

jene Teile der Logik höher, welche eine Brücke zu den realen Wesen- 
heiten darboten (also Universalien und Kategorien); hingegen die 
moderni verweilten einseitig bei jenen Gruppen der Logik, welche 
sich auf die Wortformen der Begriffe und auf die Eigenschaften 
des Satzbaus beziehen. Eine abgeleitete (!) Folge dieser beider- 
seitigen Lieblingsbeschäftigungen war es, daß die einen den Sprach- 
ausdruck der Universalien, und die anderen den realen Inhalt der- 
selben beiseite setzten" 1 . Also die moderni werden von Thomisten 
und Skotisten wesentlich darum bekämpft, weil sie die meta- 
physisch-ontologischen Disziplinen der Philosophie zugunsten der 
lediglich „sermozinalen" vernachlässigen. Gleichwohl erklärt es 
Prantl für eine ,, perfide Verdrehung vom theologischen Stand- 
punkt aus", wenn die antiqui für diese Erscheinung den erkenntnis- 
theoretischen Standpunkt ihrer Gegner, nämlich den „Nominalis- 
mus" verantwortlich machten. Der „pfäffische Haß" der Thomi- 
sten habe „nicht sehen und nicht hören wollen, daß die Termini- 
st en .. . den ontologisch-met aphysischen Standpunkt wohl einem 
andern Zweige der Philosophie zuschieben, darum aber noch lange 
nicht schlechthin verneinen" 2 . 

Das ist ein wichtiger Untersatz der Prantl sehen These, und 
unsere Untersuchung der Metaphysik des Marsilius von Inghen 3 
hat uns bestätigt, daß es in der Tat vom Nominalismus der deut- 
schen Okkamisten Brücken nicht nur zur erkenntnistheoretischen 
Grundlegung der Naturphilosophie, sondern ebenso zur Metaphysik 
hinüber gab. Gleichwohl hat die Prantl sehe These in gewissem 
Sinne verhängnisvoll auf die spätere Forschung gewirkt. Zwar ist 
die außerordentliche Bedeutung der nominalistischen Beant- 
wortung des Univers&lienproblems durch Okkam und der damit 
zusammenhängenden Umgestaltung des Verhältnisses zwischen 
Theologie und Metaphysik in den philosophiegeschichtlichen Dar- 
stellungen m. W. nirgends verkannt worden. Wohl aber setzte sich 
— oft unter Vergröberung der Prantl sehen Auffassung — viel- 
fach die Meinung fest, als ob die antiqui die echten und eigent- 
lichen Vertreter „realer" Wissenschaft im ausgehenden Mittelalter 
gewesen seien, die Weisheit der „Modernen" dagegen sich in 
unfruchtbaren logisch-grammatischen Spitzfindigkeiten erschöpft 
habe. Die ärgste Verzeichnung des wirklichen Sachverhalts 
in dieser Richtung brachten die Studien des Kirchenhistorikers 
Hermelink, dessen ältere Arbeiten unter einer gefährlichen Nei- 

1 IV, 193. Ähnlich p. 148. 2 Ibidem. 3 Studie I, p. 111 ff. 



Studien zur Spätscholastik. II. 9 

gung zu voreiligen Konstruktionen leiden, — einer Neigung, die 
übrigens für gewisse Richtungen der modernen geistesgeschicht- 
lichen Forschung charakteristisch ist 1 . Noch in anderer Richtung 
griff Hermelink fehl. Schon Prantl hatte die These, daß der 
Okkamismus im wesentlichen an der Anwendung der termini- 
stischen Logik zu erkennen sei, nur mit zahlreichen Einschrän- 
kungen durchführen können. Die Quelle dieser Logik, das „stoisch- 
byzantinische" Lehrbuch des Petrus Hispanus, stammt bereits aus 
dem 13. Jahrhundert ; die Anfänge einer „terministischen" Be- 
griffslehre in dem modus significandi desDuns Skotus hatte Prantl 
selbst geschildert 2 , und die Tatsache, daß diese Begriffslehre - 
in verschiedenen Schattierungen und Abstufungen — seit der 
zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von allen philosophischen 
Schulen betrieben wurde, hatte er nicht übersehen können; er 
hatte sich damit geholfen, daß er die gesamte logische Literatur 
der via antiqua, soweit sie sich mit dem „terministischen" Lehrstoff 
befaßte, durch die Annahme synkretistischer Verwischung des ur- 
sprünglichen Parteiunterschiedes zu erklären versuchte. Eine der- 
artig komplizierte Gruppierung der historischen Erscheinungen 
hätte notwendig die Forschung auf die Frage führen müssen, ob 



1 Die theologische Fakultät in Tübingen vor der Reformation 1477 bis 
1534 (1906); Anfänge des Humanismus in Tübingen (Württ. Vierteljahrsh. 
f. Landesgesch., N. F. XV, 1906, 319ff.); Relig. Reformbestrebungen des 
dtsch. Humanismus (1907). Vgl. z. B. Theol. Fak. S. 97: „Kaum ein Name 
aus der Schule Okkams läßt sich während deren zweihundertjährigen Dauer 
nachweisen, dessen Träger Sinn für die realen Wissenschaften gehabt oder 
der auch nur die naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles studiert 
hätte." (!) — Ich bin im Laufe der folgenden Untersuchung genötigt, mich 
an vielen Stellen kritisch mit Hermelinks Thesen auseinanderzusetzen. Die 
vorsichtigere Formulierung einzelner seiner Sätze in dem 1912 erschienenen 
„Handbuch der Kirchengeschichte für Studierende" II. Tl. § 41 u. § 49, III. Tl. 
§ 7, 2 u. 6 läßt zwar — wie ich erst kurz vor der Drucklegung sehe — darauf 
schließen, daß H. selber nicht mehr alle Positionen seiner früheren Schrif- 
ten als haltbar betrachten mag; solange er indessen diese nicht ausdrücklich 
verleugnet und umstellt (dazu bietet das genannte „Handbuch" entfernt nicht 
genügenden Raum), scheint mir eine kritische Auseinandersetzung mit diesen 
Schriften, deren Existenz und vielfältige Weiterwirkung in der Literatur sich 
nicht einfach ignorieren läßt, im Interesse der Forschung unvermeidlich. Es 
geschieht ja nicht selten, daß irrige vorläufige Kombinationen zur Quelle 
richtiger gegenteiliger Erkenntnisse werden, und ich bin gern bereit, dies auch 
von den H. sehen Thesen anzuerkennen, die unzweifelhaft zur Belebung der 
wissenschaftlichen Debatte das Ihrige beigetragen haben. 

2 III, 204, 209. 



10 Gerhard Ritter: 

denn überhaupt die terministische Logik als solche zur Kenn- 
zeichnung einer einzelnen Schule geeignet und nicht vielmehr als 
typische Gesamt erscheinung der Spätscholastik aufzufassen sei. 
Statt dessen übertrieb Hermelink die bei Prantl vorsichtig einge- 
schränkte These von dem okkamistischen Charakter dieser Logik 
durch die erstaunliche Behauptung, ihr „klassisches Lehrbuch, 
die Parva logicalia des Petrus Hispanus" (also der VII. Trak- 
tat von dessen summula) sei nur von den „Modernen" „als Grund- 
lage ihrer Studien benützt" worden 1 . Die antiqui hätten sich 
demgegenüber (auf südwestdeutschen Universitäten) „vorwiegend" 
an die „formalistische" Logik des Duns Skotus gehalten 2 . Ander- 
seits polemisiert er gegen Prantls Beschränkung des Gegensatzes 
auf die methodische und stoffliche Differenz im beiderseitigen 
Betrieb der Logik. Allerdings handle es sich in erster Linie um einen 
solchen „rein literarischen" Gegensatz; „doch solche literarische 
Gegensätze führen leicht zu sachlichen über". Zunächst ist die 
Rede von nicht näher definierten „Unterschieden der Erziehungs- 
und Unterrichtsmethode", die mit dem Prantl sehen Gegensatz 
im Stofflichen zusammenzufallen scheinen 3 . An anderer Stelle 
hören wir, daß Okkam zwar nicht den Nominalismus erneuert, 
wohl aber die „stoisch-byzantinische Logik" dazu benützt habe, 
um die Gebiete des Glaubens und Wissens scharf gegeneinander 
abzugrenzen; darin sei die eigentliche historische Bedeutung des 
Mannes zu suchen; in der Einzelausführung dieser Fragen durch 
den Okkamismus sei „sowohl positiv, als noch mehr negativ die 
reformatorische Entwicklung Luthers vorbereitet worden", sodaß 
(die stoische Herkunft des Terminismus vorausgesetzt) „durch ein 
neues Hereinfluten griechisch-stoischen Geistes (in der termini- 
stischen Logik und Ethik) die deutsche Tat der Reformation ver- 
anlaßt worden wäre(!)" 4 . Der Gegensatz zu der via antiqua in 
diesen theologischen Fragen soll vor allem darin zutage treten, 
daß „mit der terministisch-stoischen Logik die , moderne' Lehre 
von der Willkür in Gott und dem liberum arbitrium indifferentiae 
in die Wissenschaft des Abendlandes eingedrungen ist. Auch hier 
streiten, wie überhaupt in dem Kampf zwischen moderni und 
antiqui, Stoizismus und Aristotelismus gegeneinander" 5 . Wie man 

1 Theol. Fakultät 99. Ähnlich 142: „Während die einen mehr den Por- 
phyrios und Aristoteles traktieren, holen die andern ihre Weisheit aus den 
Parva logicalia des Petrus Hispanus" (also nicht aus Aristoteles?!). 

2 I.e. 136 3 I.e. 145. 4 I.e. 133. 5 I.e. 147. 



Studien zur Spätscholastik. II. 11 

sieht, erweitert sich hier der Gegensatz, der eben noch als ein 
,,in erster Linie literarischer" bezeichnet wurde, plötzlich zu einem 
tiefgehenden Zwiespalt der Weltanschauungen: Thomas und Ari- 
stoteles auf der einen Seite, Okkam, stoische Ethik und Logik und 
— Duns Skotus mit seiner gleichfalls ,,terministisch-stoischen" 
Willenslehre auf der andern. Und alle diese theologischen Kon- 
sequenzen sollen mit der terministischen Logik irgendwie zusammen- 
hängen! Aber der „vorwiegend literarische" Gegensatz greift noch 
weiter um sich. Aus der terministischen Logik entwickelt sich eine 
Erkenntnistheorie, die „eine Erforschung der konkreten Einzel- 
dinge direkt ausschloß" 1 , während die Vertreter der via antiqua — 
jetzt wieder im Anschluß an Duns Skotus — sich um den erkenntnis- 
theoretischen Nachweis von der Realität der Einzeldinge im onto- 
logischen Sinne und von ihrer Erkennbarkeit bemühen. Während 
also die moderni nicht nur aus Mangel an Interesse, sondern aus 
ganz prinzipiellen Gründen von der Beschäftigung mit den Real- 
wissenschaften ausgeschlossen und auf Logik „und allenfalls" Rhe- 
torik und Grammatik beschränkt bleiben, wenden sich ihre Gegner 
mit Eifer „den Dingen" zu: sie glauben nicht nur „an die Mög- 
lichkeit einer selbständigen Metaphysik und einer rationalen Unter- 
stützung der Glaubenslehre" (da sie ja die Allgemeinbegriffe für 
real halten), sondern treiben auch (als Verfechter der Realität der 
Einzeldinge) mit solchem Eifer „vorzugsweise" Physik, Ethik, 
Mathematik, Geometrie und Astronomie, daß man genötigt ist, 
diese „skotistische Reaktion der via antiqua" geradezu als einen 
„Fortschritt in der Geschichte der Kultur", als eine unmittelbare 
Vorbereitung „für die Naturforschung des Humanismus" zu be- 
trachten. Und damit gelingt es denn Hermelink, auch die 
ZARNCKESche These von der vorbereitenden Bedeutung der via 
antiqua für den Humanismus in seine Konstruktionen hinein- 
zubauen. Nicht nur für die „humanistischen" Naturwissenschaften, 
sondern viel weitergehend: für die Reinigung der lateinischen 
Grammatik von logischen Spitzfindigkeiten und sogar für die 
eigentliche Hauptleistung des Humanismus: für den Rückgang auf 
die Antike sollen die antiqui den Boden geebnet haben. „Nachdem 
einmal der Ruf ertönt war: Zurück zur via antiqua, zu besseren 
Vorbildern der Theologie, da gab es keinen Stillstand, bis die via 

1 1. c. 97. Unverständlich bleibt, wieso dann die antiqui doch ein ge- 
wisses Recht gehabt haben sollen, ihre Gegner als nominales zu bezeichnen 

(p. 144). 



12 Gerhard Ritter: 

antiquissima erfaßt war. Man wanderte den weiten Weg den Strom 
entlang zurück, bis man an der reinen Quelle stand" 1 . Damit 
aber eröffneten sich immer weitere historische Perspektiven. Die 
„Reinigung" der Theologie von den „Sophismen der Neueren" 
wurde in Verbindung gebracht mit all den Versuchen des aus- 
gehenden Mittelalters zur Vereinfachung des theologischen Ap- 
parates, zur innerkatholischen Selbstreinigung der alten Kirche, 
zur Erweckung schlichter, praktischer Frömmigkeit, zur Bele- 
bung des Studiums der Bibel als der reinen, ursprünglichen Quelle 
christlichen Lebens, zur praktischen und erbaulichen Wendung der 
theologischen Arbeit usw. — Versuchen, wie sie in der Tat zahl- 
reichen spät scholastischen Gelehrten mit den altern deutschen 
Humanisten gemeinsam sind. Hier hatte Maurenbrecher bereits 
eine besonders enge Verbindung zwischen den kirchlichen 
Reformbestrebungen des Humanismus und dem „Realismus" der 
Spätscholastik behauptet, ja er hatte geradezu von einer Neu- 
befruchtung der absterbenden Scholastik durch das Eindringen 
humanistisch-kirchlicher Reformtendenzen gesprochen 2 . Und so 
mag auch Maurenbrecher die Anregung gegeben haben zu Her- 
melinks weiteren Konstruktionen, die all diese Reformtendenzen 
in letzter Linie in der großen Bewegung der Gegenreformation ein- 
münden ließen, die zu einer inneren Selbstreinigung des Katholi- 
zismus auf dem Tridentiner Konzil geführt hat. 

Es fragt sich, wieviel von diesem wirkungsvollen Aufbau 
historischer Kulissen sich halten läßt. Angriffe dagegen erfolgten 
bereits von mehreren Seiten her. Die früh einsetzende Polemik 
gegen Prantls Hypothese vom byzantinisch-stoischen Charakter 
der „terministischen" Logik und die Kontroverse über das gegen- 
seitige Verhältnis von Psellos und Petrus Hispanus kann hier außer 
Betracht bleiben, da sie unser Problem nur sehr mittelbar berührt 3 . 
Weit wichtiger ist der grundsätzliche Widerspruch gegen die In- 
anspruchnahme dieser Logik als ausschließliches oder vorwiegendes 
Stoffgebiet des Okkamismus, wie er von 0. Scheel erhoben wird 4 , 
mit ähnlichen Argumenten, wie sie uns selbst schon bei der Be- 
trachtung der Logik des Marsilius von Inghen aufstießen. Auch die 



1 Relig. Reformbestrebungen 12. — Da sich H. an anderen Stellen 
gelegentlich auf Janssen beruft, möchte ich vermuten, daß ihn nicht Zarncke 
selbst, sondern zunächst Janssen (z. B. I 6 , 55, 84) auf diesen Einfall ge- 
bracht hat. 2 Gesch. d. kathol. Reformation p. 68, 65 ff. 3 Die Literatur 
s. bei Überweg-Bai mi.artner 10 , p. 135*. 4 Luther P, 180ff. 



Studien zur Spätscholastik. II. 13 

Behauptung von der Unfähigkeit der via moderna zur wissenschaft- 
lichen Bearbeitung naturwissenschaftlicher „Realitäten" widerlegt 
Scheel mit guten Gründen aus den Quellen der Erfurter Universi- 
tätsgeschichte. Über ihr Verhältnis zur Metaphysik kommt man 
bei ihm nicht ganz ins Klare. Weiterhin ist dann auch die angeb- 
liche, u. a. von Troeltsch übernommene Verbindung zwischen 
via antiqua und Humanismus nicht unbestritten geblieben: der im 
Kriege gefallene junge Kirchenhistoriker Paul Mestwerdt hat in 
seiner gedankenvollen und ungewöhnlich sorgsam gearbeiteten 
Monographie über die Anfänge des Erasmus 1 eine ganze Reihe von 
voreiligen Konstruktionen zerstört, die Hermelink zu ihrem Nach- 
weis errichtet hatte. Endlich aber ist ein überaus kecker Angriff 
auf das ganze bisherige Geschichtsbild der Spätscholastik durch 
den jugendlichen, gleichfalls im Felde gebliebenen Erfurter Lokal- 
historiker Friedrich Benary erfolgt, dessen Arbeit über via 
antiqua und via moderna 2 , ein Fragment aus umfassenden Studien 
zur Erfurter Universitätsgeschichte, bisher die einzige mono- 
graphische Behandlung unseres Themas darstellt. 

Seine Kritik an Prantls Theorie der Unterscheidung beider 
viae nach dem Lehrstoff erweitert Benary zu einem prinzipiellen 
Angriff gegen die PRANTLSche Arbeit überhaupt — leider nicht 
ohne rabulistische Entstellung der Argumente seines Gegners. Es 
ist nicht schwer, schon aus Prantls Geschichte der Ingolstädter 
Universität zu beweisen, daß beide viae neben dem logisch-rhetori- 
schen Lehrstoff auch physikalische, mathematische und meta- 
physische Disziplinen pflegten und daraus einfach zu folgern: ,,Im 
Lehrstoff kann der Unterschied nicht gelegen haben" 3 . Aber obwohl 
der Wortlaut mancher Prantl scher Sätze zu einer so engen Aus- 
legung seiner These verführen kann, erscheint es mir bei der Soli- 
dität seiner Kenntnisse durchaus zweifelhaft, ob Prantl mehr als 
eine vorwiegende Neigung der moderni zu den sermozinalen, den 
antiqui zu den „realen" Disziplinen habe behaupten wollen. Jeden- 
falls trägt das von Benary angegriffene Geschichtsbild weit mehr 
die vergröberten Züge der Hermelink sehen Copie als die des 



1 Studien zur Kultur und Geschichte der Reformation, Bd. II (1917). 

2 Zur Geschichte der Stadt und der Universität Erfurt am Ausgang des 
Mittelalters. Teil III: Via antiqua und via moderna auf den deutschen Hoch- 
schulen des Mittelalters mit besonderer Berücksichtigung der Universität 
Erfurt. 1919. Der Herausgeber A. Overmann hat leider unzählige grobe 
Druckfehler stehen lassen. 3 1. c. 26. 



14 Gerhard Ritter: 

Originals. Es ist auch nicht richtig, daß Prantl seine Wegetheorie, 
ja die Gruppierung seines IV. Bandes wesentlich oder gar aus- 
schließlich auf die „ganz trübe Quelle" des Heidelberger manuale 
scholarium von 1486/91 aufgebaut habe 1 , auf das er freilich großen 
Wert legt ; die enorme Quellenkenntnis des älteren Autors sollte 
ihn vor so leichtfertigen Beschuldigungen schützen, zumal gegen- 
über einem Schriftsteller, dessen Kenntnisse in der scholastischen 
Literatur offensichtlich flüchtig zusammengerafft sind 2 . Wer „vor 
der Benützung des Prantl sehen Werkes nur auf das nachdrück- 
lichste warnen" zu müssen glaubt 3 , sollte zum mindesten gleich- 
wertige Gegenargumente vorzubringen haben. Aber Benary macht 
sich die Sache leicht. Weil er aus den Studien Bauchs über den 
Erfurter Frühhumanismus gelernt hat, daß ein ausgesprochener 
Gegensatz zwischen Humanismus und Scholastik in Erfurt nicht 
bestand, glaubt er das Recht zu haben, den Begriff des Humanis- 
mus kurzweg über Bord zu werfen; weil er in dem de WuLFSchen 
Handbuch keine eindeutige Definition der „Scholastik" finden kann 
(die ja in der Tat als historischer Sammelbegriff nur anschaulich 
gemacht, nicht streng logisch definiert werden kann — wie übri- 
gens alle historischen Begriffe, die nicht mit formallogischen All- 
gemeinbegriffen zusammenfallen) läßt er auch diesen Begriff als 
„Schlagwort und gehaltlose Bezeichnung" glatt zu Boden fallen; 
und ähnlich meint er Prantls Glaubwürdigkeit erschüttert zu 
haben, wenn er den Zeugenwert seiner angeblichen Hauptquelle, 
des manuale scholarium, als zweifelhaft nachweisen kann. Er sucht 
die Auseinandersetzungen dieses studentischen Gesprächbüchleins 
über den Unterschied der beiden viae, — Erörterungen, die Prantl 
als unmittelbarstes Zeugnis des 15. Jahrhunderts für die Durch- 
schnitt smeinung des damaligen akademischen Publikums wertete 
— einerseits als bloßen „Ulk" eines nicht ernst zu nehmenden 
Spaßvogels, anderseits als versteckte und darum moralisch ver- 
werfliche, gegen die Scholastik gerichtete Satire eines humani- 
stischen Spötters, mit heimlicher Parteinahme für die via antiqua, 
zu deuten. Ich halte diesen Versuch für mißlungen, glaube aber 



1 I.e. 47. — Veröffentlicht ist das m. seh. durch Zariscke: Die deut- 
schen Universitäten im Mittelalter I, Leipzig 1857. 

2 Vgl. s. Abhängigkeit von de Wulf (der aber gleichwohl seinen Fuß- 
tritt erhält!), die Bezeichnung der gesamten Dialektik und Rhetorik als 
Gegenstand der Trivialschulen (S. 46), sowie meine Ausführungen im Texte 
Kap. II 2, b u. 3, a! 3 1. c 50. 



Studien zur Spätscholastik. II. 15 

auch, daß die fragliche Quelle zur Feststellung der sachlichen Lehr- 
unterschiede zwischen beiden Wegen nicht verwendbar ist; in- 
dessen besitzt sie erheblichen Wert als kultur- und sittengeschicht- 
liches Dokument und als Zeugnis für lokale Leipziger — nicht 
Heidelberger! — Universitätsverhältnisse 1 . Und wie in diesem 
Falle, so sind auch in andern die Angriffe Benarys auf Prantls 
angeblich zweifelhafte Quellen und Methoden selber höchst mangel- 
haft fundiert 2 . 

Benary versucht aber auch eine eigene positive Lösung, die 
die er vorsichtigerweise als bloße „Arbeitshypothese" bezeichnet. 
Er konstruiert zunächst den historischen Sachverhalt so, daß es 
Thomisten, Skotisten und Okkamisten sowohl auf Seiten der via 
moderna wie unter den antiqui gegeben habe. Dieses überraschende 
Ergebnis gewinnt er einmal durch Umdeutung der Titel jener aus- 
gedehnten logischen Literatur, die eine Mischform „skotistischer" 
und „terministischer" Elemente darstellt und die Prantl als 
„synkretistisch" bezeichnet hatte, sodann aber aus der Beobach- 
tung, daß an „modernen" Universitäten wie Erfurt in der Theo- 
logie erkennbare thomistische Lehrformen und thomistisch ge- 
richtete Persönlichkeiten auftauchen, während umgekehrt an den 
Universitäten des alten ,, Weges", wie in Köln, „moderne" Ein- 
flüsse nicht ganz zu fehlen scheinen. Von dieser umstürzenden 
Theorie aus wird eine Reihe von Quellenzeugnissen umgedeutet, 
die schon Prantl für seine Auffassung herangezogen hatte. Wenn 
demnach die Differenz der beiden „Wege" mit den Gegensätzen 
der großen philosophischen Schulen nichts zu tun hat und nicht 
im Lehrstoff begründet liegt, bleibt nur übrig, ihr Wesen in 
methodologischen Verschiedenheiten zu suchen. Das geschieht im 
Anschluß an ein Prantl sches Zitat aus Johannes Gerson 3 — 
d. h. auf Grund eines Quellenzeugnisses, dessen ausgesprochene 
Tendenz gerade die Versöhnung und Verwischung der bestehenden 
Parteigegensätze ist. Benary deutet die kurze Stelle so, daß die 
via antiqua den Weg „aphoristischer" Forschungsmethode, die via 



1 Vgl. darüber meinen, soeben in der „Zeitschrift f. Geschichte des 
Oberrheins" (1923, H. 1) erscheinenden Aufsatz: „Über Quellenwert und Ver- 
fasserschaft des sogenannten Heidelberger Gesprächbüchleins für Studenten". 

2 S. unten Kapitel II, 2, Abschn. a. 

3 Prantl IV, 144, N. 596, aus ,,de conceptibus" : Concipiens res naturales 
. . polest duabus viis quasi contrariis incedere et ordinem scientiis dare; una 

via est ex parte rerum cognoscibilium a priori, altera est ex parte cognoscentium 
a posteriori. 



16 Gerhard Ritter: 

moderna das „aposterioristische" Verfahren bedeuten solle. Nun 
haben die Ausdrücke a priori und a posteriori innerhalb der okka- 
mistischen Logik ihre ganz bestimmte traditionelle Bedeutung 1 : 
sie bezeichnen genau den Gegensatz der aristotelischen Analytik 
zwischen deduzierbarem „Wissen" und (durch die Sinne vermit- 
telter) „Erfahrung". Für Gerson erhält dieses Begriffspaar da- 
durch seine besondere Wichtigkeit, daß es ihm darauf ankommt, 
an allem Seienden die Doppelexistenz als „reales" und als „subjek- 
tives" Sein {esse reale et esse obiectale) nachzuweisen — und entspre- 
chend alles Wissen einerseits auf das Erfassen einer extramentalen 
Realität (suppositio personalis), anderseits auf die rein intramenta- 
len Vorgänge logischer Verknüpfung und Verarbeitung (suppositio 
materialis) zurückzuführen; durch diese Parallelstellung „realer" 
und „sermozinaler" Wissenschaft hofft er eine Versöhnung der 
erkenntnis-theoretischen Parteigegensätze herbeizuführen. Be- 
nary dagegen, offenbar ohne nähere Kenntnis dieser Zusammen- 
hänge, legt sich die in ihrer Kürze mehrdeutige Gersonstelle so 
zurecht, daß er dem „aprioristischen" Prinzip diejenige Methode 
zuweist, die „von den Dingen ausgeht". Dieser Weg, sagt B., „stößt 
auf sachliche Schwierigkeiten, die er aus den gegebenen Tatsachen 
wiederum zu erklären sich bemühen muß. Er setzt dabei voraus, 
daß die menschliche Erkenntnis den Dingen entspricht. Erkenntnis- 
theoretisch ist dieser Weg daher recht anfechtbar." Eine nähere 
Erklärung dieser dunkeln Andeutungen sieht man vergebens. Im 
Gegensatz dazu soll die via moderna nichts anderes sein, als das 
bekannte scholastische Beweisverfahren, das von gegebenen Auto- 
ritäten ausgeht, deren Meinungen gegeneinander abwägt und aus 
dieser Erörterung zum Schlüsse gelangt. Dabei scheint es Benary 
unbekannt geblieben zu sein, daß er mit dieser angeblich „modernen" 
Methode nichts anderes beschreibt, als das in der gesamten Schola- 
stik, insbesondere seit Abälards Zeiten, übliche Darstellungs- und 
Beweisverfahren. Er stellt zur Veranschaulichung zwei (inhaltlich 
gleichgültige und einander durchaus nicht berührende) Teilstücke 
scholastischer Erörterungen nebeneinander: eine quaestio des „mo- 



1 Vgl. Albert von Sachsen, Prantl IV, 78, N. 302, Marsilius von Inghen 
ibid. 98, N. 390 und oft im Sentenzenkommentar. Übrigens finde ich bereits 
im prologus zum Sentenzenkommentar Okkams eine ausführliche Erörterung 
der Frage, utrum omnis passio demonstrabilis sit de suo subiecto primo a priori, 
oder ob das nur per experiantiam möglich sei. Danach ist der Sprachgebrauch 
alter als von Prantl IV 78 angenommen. 



Studien zur Spätscholastik. II. 17 

dernen Thomisten"(!) Nikolaus Magni und eine difficultas des 
„Aprioristen" Konrad Summenhart, deren eine deutlich jenes be- 
kannte Schema des sie et now-Verfahrens zeigt, während die andere 
in schlichterem und knapperem Fortschreiten mehr eine inhaltliche 
Erörterung bietet. Irgendwie beweiskräftig würde diese Neben- 
einanderstellung natürlich nur dann sein, wenn sich beweisen ließe, 
daß die via antiqua prinzipiell jenes ältere Schema in ihren Demon- 
strationen aufgegeben hätte. Die Frage wird uns noch zu beschäf- 
tigen haben. Aber auch im Falle ihrer Bejahung würde die eigent- 
liche Kernfrage offen bleiben: sollte die Einführung der via antiqua 
nichts weiter bedeutet haben als eine gewisse Vereinfachung des 
überkommenen Demonstrationsverfahrens? Benary, der in dieser 
Vereinfachung eine grundsätzliche (freilich nicht näher definierte) 
Umgestaltung der Methode erblickt und das Wesen der via anti- 
qua darin erschöpft sieht, hat naturgemäß die größten, von ihm 
selbst aber nicht voll erkannten Schwierigkeiten, diese Auffassung 
mit den zahlreichen entgegenstehenden Äußerungen der Quellen zu 
vereinigen, die so gut wie ausnahmslos eine zunächst logische Dif- 
ferenz der beiden „Wege" mit den weitergreifenden Gegensätzen 
der großen philosophischen Schulen in Verbindung bringen. 

Unsere Fragestellung ist nunmehr deutlich: handelt es sich 
bei dem Unterschied der via antiqua und moderna um das alte 
Universalienproblem (Aventin), um eine Verschiedenheit mehr 
des Lehrstoffes als der philosophischen Theorie (Prantl), um eine 
literarische Fehde, die sich zu tiefgreifenden Gegensätzen des 
philosophisch-theologischen Systems und der Weltanschauung aus- 
wächst (Hermelink), oder endlich um einen bloß logisch-methodo- 
logischen Gegensatz philosophisch neutraler Art (Benary) ? Und 
weiterhin: ist die Einführung der via antiqua auf den deutschen Uni- 
versitäten als eine Art Vorspiel bezw. als Parallelerscheinung zum 
Eindringen des innerlich ihr verwandten Humanismus zu betrach- 
ten (Zarncke, Janssen, Hermelink), steht sie im Zusammenhang 
mit den innerkatholischen Reformversuchen des 15. Jahrhunderts 
(Maurenbrecher) und stellt sie eine Reaktion dar gegen den 
Triumph der nominalistischen Geistesrichtung in der Epoche der 
. großen Reformkonzilien (Zarncke) ? 

Unser Überblick hat uns gezeigt, daß die Beantwortung dieser 
Fragen bisher im wesentlichen nur nach systematischen Gesichts- 
punkten versucht worden ist. Man sah die Gegensätze zwischen 
Okkamismus, Thomismus und Skotismus sowie den zwischen via 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1922. 7. Abh. 2 



18 Gerhard Ritter: 

moderna und via antiqua, fragte unmittelbar nach dem gegenseitigen 
sachlichen (nicht historisch-genetischen) Verhältnis dieser Gegen- 
sätze, suchte gleichzeitig den Inhalt der verschiedenen Debatten 
zwischen den Parteien auf eine gemeinsame, alle Einzelprobleme 
lösende Formel zu bringen und hielt weder die zeitlichen Epochen 
noch die verschiedenen nationalen und lokalen Schauplätze des 
Streites auseinander. Das Ergebnis dieser Forschungen ist eine 
scheinbar unauflösliche Verwirrung der Ansichten. Nun liegen un- 
leugbar für eine historisch-genetische Betrachtung dieser Dinge 
große Schwierigkeiten vor: schon in der Beschaffenheit des Quellen- 
materials. Die Akten der verschiedenen Universitäten sind erst 
zum kleinsten Teile zugänglich gemacht. Insbesondere für die 
romanischen Länder fehlt es an ausreichenden Vorarbeiten und 
Quellenpublikationen, um das dortige Verhältnis der beiden Schu- 
len genauer verfolgen zu können 1 . Und doch wäre z. B. für die 
Darstellung der Entwicklung des Neuthomismus im 15. und 16. 
Jahrhundert eine genauere Kenntnis der spanischen Universitäts- 
verhältnisse besonders erwünscht. In dieser Ausdehnung beab- 
sichtigt die nachfolgende Untersuchung das Problem nicht aufzu- 
nehmen; sie begnügt sich grundsätzlich mit der Aufhellung der 
deutschen Verhältnisse. Aber diese sind nicht zu verstehen, ohne 
zum mindesten die Parteikämpfe an der Pariser Universität im 
14. und 15. Jahrhundert zu studieren; denn zwischen den deut- 
schen Universitäten und Paris bestanden bis zur Reformation die 
engsten Wechselwirkungen. Nun sind die Akten der Pariser Uni- 
versität bis 1452 musterhaft ediert ; aber gerade für die folgenden 
Jahrzehnte, in denen sich die wichtigsten Kämpfe der beiden 
Schulen in Deutschland abspielen, läßt uns die Edition bisher im 
Stich. Eine neuere quellenmäßige Darstellung der Pariser Uni- 
versität sgeschichte existiert nicht; die Angaben bei Boulaeus, 
von dem alle späteren Darstellungen abhängen, sind für unsere 
Frage wertvoll, aber unzureichend. Auch für Deutschland ist das 
bisher bekannt gewordene Quellenmaterial dürftig genug. Vor 
allem ist die Zerstreuung der Quellen zur Kölner Universitäts- 



1 Was die Vorgeschichte des Wegestreites seit dem 14. Jahrhundert 
anlangt, so bedaure ich lebhaft, die vom Aschendorffschen Verlage ange- 
kündigte Untersuchung P. Ehrles: „Der Sentenzenkommentar Peters v. Can- 
dia, des Pisaner Papstes Alexander V., ein Beitrag zur Scheidung der Schulen 
in der Scholastik des 14. Jahrhunderts und zur Geschichte des Wegestreites" 
(Franziskan. Studien, Beihefte) nicht mehr benützen zu können. 



Studien zur Spätscholastik. II. 19 

geschieht e zu bedauern; die in dem Hansen sehen Regestenwerk 
neuerdings gesammelten Überreste geben für unsere Frage nicht 
allzuviel her. Überhaupt bieten die Materialien aus Universitäts- 
archiven meist nur dürftige äußerliche Notizen; der Inhalt des 
Lehrunterschiedes wird kaum einmal angedeutet. Man muß schon, 
wie es Prantl tat, in die beiderseitigen Lehrbücher und sonstigen 
Schriften eindringen, um auf festen Grund zu kommen. Immerhin 
läßt sich, wie mir scheint, auf diesem Wege und durch Ergänzung 
des bisher Bekannten aus ungedruckten Heidelberger Quellen 
(Heidelberg spielt ja in unserer Frage eine besonders wichtige 
Rolle!) schon jetzt eine Art Entstehungsgeschichte des Schul- 
streites statt einer bloßen Definition der Gegensätze zustande 
bringen. Der Versuch dazu wird auf den folgenden Blättern unter- 
nommen. Ist die Genesis und das Wesen des Schulgegensatzes 
erst einmal klar gelegt, so mag die Schilderung seines Fortlebens 
und Absterbens der Geschichte der einzelnen Hochschulen über- 
lassen bleiben. 

2. Kämpfe 
um den Okkamismus an der Pariser Universität. 

Über die Kämpfe der Pariser Universität gegen die philo- 
sophischen und theologischen Neuerungen Okkams im 14. Jahr- 
hundert stehen uns bisher nur vereinzelte, zufällig erhaltene Zeug- 
nisse zur Verfügung. Die ältesten dieser Quellenstücke lassen so- 
gleich eine doppelte Front der akademischen Körperschaften gegen- 
über der neuen Lehre erkennen: die theologische Fakultät wehrt 
sich gegen gewisse radikale Konsequenzen aus der antirationali- 
stischen Gotteslehre Okkams, die artistische gegen eine sophistisch- 
skeptische Ausnutzung seiner erkenntnistheoretischen Doktrin. Die 
Verurteilung von 40 Thesen des Johann von Mirecourt aus dem 
Jahre 1347 1 durch die Pariser Theologen wendet sich in der Haupt- 
sache gegen eine ethisch bedenkliche Übertreibung des Gedankens der 
unbegrenzten Willkür Gottes. Damit ist ein Motiv angeschlagen, das 
wir noch 1473 in den Kämpfen der Pariser und Löwener Theologen 
(s. u!) sich wiederholen hören: der alte Gegensatz zwischen rational- 
spekulativer und irrational-ethischer Fassung der Gottesidee, Pri- 
mat des Verstandes contra Primat des Willens — nur daß dieser 
Gegensatz hier abnorm zugespitzt ist durch den extremen Radi- 

1 Denifle, Chart. Univ. Paris. II, 1, p. 610 — 14. Literatur über Joh. 
v. M. bei Überweg-Baumgartner II 10 . 

2* 



20 Gerhard Ritter: 

kalismus Johanns von Mirecourt, eines echt französischen Theologen. 
Unsere Betrachtungen zur Theologie des Marsilius von Inghen 
haben uns bereits gezeigt, daß dieser Radikalismus nicht als typisch 
gelten darf für die okkamistische Schultheologie: in deren Bereich 
gab es zahlreiche Vermittlungen zwischen der voluntaristischen und 
intellektualistischen Doktrin. Wichtiger für unsere Frage sind 
deshalb die Beschlüsse der Pariser Artistenfakultät von 1339 und 
1340 gegen die okkamistische Logik. 

Soweit diesen Beschlüssen eine nähere Begründung und Aus- 
führung beigegeben ist 1 , läßt sich erkennen, was den Hauptanstoß 
erregt: einige Magister üben an den Texten ihrer Vorlagen Kritik, 
indem sie eine wörtliche (sermozinale) Bedeutung der Text- 
worte von einer sachlichen unterscheiden. Vielfach werde dann 
der „sermozinale" Sinn der betreffenden Stelle als falsch erwiesen, 
während doch die sachliche Meinung des Autors gar nicht zu miß- 
deuten und unbezweifelbar richtig sei; der Sprachgebrauch (sermo) 
besitze ja gar keine selbständige Bedeutung: nur auf den materiel- 
len Inhalt des Textes komme es an; über den Sprachgebrauch 
entscheide einfach die Absicht des Autors 2 . In andern Fällen wird 
die Unterscheidung der verschiedenen Arten von ,,Supposition" 
des terminus zu ähnlichen sophistischen Mißdeutungen des Autors 
benutzt: z. B. wird ihm „personale Supposition" (also unmittel- 
bare Beziehung des Ausdrucks auf ein Einzelding) untergeschoben, 
während er vielleicht ein ganz anderes Verhältnis von Ausdruck 
und zugehöriger Sache im Sinne hatte; oder man leugnet die 
Möglichkeit zu einer Distinktion verschiedener Beziehungen, in 
denen ein Urteil stehen kann, indem man blos die nächstliegende 
Bedeutung (sensus proprius) anerkennt und so das zu erklärende 
Urteil absichtlich mißversteht. Das alles seien Sophistereien, die 
sich gewaltsam an den Sprachausdruck klammern, statt sich an 
die Sache zu halten; damit werde der Wahrheit nicht gedient: in 
Wahrheit sei die Sache immer wichtiger als der Name dafür 3 . 

1 Denifle, Chart. II, 1, Nr. 1023 (1339, ohne nähere Ausführung); 
Xr. 1042 (1340) ausführlicher. — Auszüge daraus bei Stöckl II 1036ff.. 
K. Werner Gesch. des Thomismus 125f. 

2 1. c. p. 505/6: Et quia sermo non habet virtutem, nisi ex impositione et 
usu communi auctorum vel aliorum, ideo talis est virtus sermonis, qualiter eo 
auctores uluntur et qualem exigit materia, cum sermones sinl recipiendi penes 
materiam subiectam. 

3 Disputationes dyalectice et doctrinales, que ad inquisitionein veritatis 
intendunl, modicam habent de nominibus sollicitudinem. 



Studien zur Spätscholastik. II. 21 

Man sieht ganz deutlich: liier wird das Aufkommen einer neuen 
Methode der Textauslegung im akademischen Unterricht bekämpft, 
die sich nicht mit einer Besprechimg des Sachinhalts der Vor- 
lagen begnügt, sondern den Sprachausdrnck logisch bearbeitet und 
alle Hilfsmittel der terministischen Logik dazu benützt, um künst- 
liche Schwierigkeiten der Auslegung zu schaffen und ebenso spitz- 
findig zu lösen. Zum erstenmal kann man hier das spätere Schlag- 
wort der „Realisten" anklingen hören: Nos imus ad res, de terminis 
non curamus!" Es richtet sich hier gegen einen übertreibenden 
Mißbrauch der neuen logischen Hilfsmittel, die der „Terminis- 
mus" bot, ohne daß die Träger der bekämpften Methode nament- 
lich sichtbar würden. Zu beachten ist insbesondere, daß weder 
der Terminismus selbst noch seine übertreibende Anwendung aus- 
drücklich mit dem Namen Okkams in Verbindung gebracht wird, 
wenn auch die Fakultät am Schluß des Aktenstückes ein älteres all- 
gemeines Verbot des Okkamismus erneuert. Daß nun gerade die 
Anfänge der neuen logischen Methode nicht frei blieben von sophi- 
stischen Entgleisungen, ist nicht schwer vorzustellen. Dagegen 
würde ich nach meiner Kenntnis okkamistisch-,, moderner" Schrif- 
ten des 15. Jahrhunderts nicht wagen, die hier gegebene Beschrei- 
bung der Methode „terministischer" Kommentare auf die ganze 
Schule Okkams ohne weiteres für anwendbar zu erklären. Bei 
Marsilius von Inghen z. B. findet sich die gerügte Neigung zu 
künstlicher „sermozinaler" Mißdeutung des Autors keineswegs; 
da aber diese methodische Neuerung ganz offenbar mit der Ein- 
führung der terministischen Logik zusammenhängt, werden wir 
darauf zu achten haben, wieweit sie etwa als Unterscheidungs- 
merkmal in die späteren Entwicklungsstadien hineinreicht. 

Wesentlich leichter ist die historische Fixierung eines weiteren — 
erkenntnistheoretischen — Differenzpunktes zwischen Herkommen 
und Reformern. Die Fakultät verbietet nämlich die Verkündung 
der Lehre, alle Wissenschaft handle nur von den „Zeichen", nicht 
von den „Dingen"; in Wahrheit seien die „Zeichen" nur als 
Mittel zur wissenschaftlichen Erkenntnis der Dinge, nicht selbst 
als Gegenstand der Erkenntnis zu betrachten 1 . Damit ist ganz 
eindeutig die Lehre Okkams von dem rein intramentalen Charakter 



1 Item, quod malus dicat scientiam nullam esse de rebus, que non sunt 
signa, id est que non sunt termini vel orationes, quoniam in scientus utimür 
terminis pro rebus, quas portare non possumus ad disputaciones. Ideo scientiam 
habemus de rebus, licet mediantibus terminis vel orationibus. 



22 Gerhard Ritter: 

des Erkennens bezeichnet, das Haupt stück der neuen Erkenntnis- 
theorie 1 . Warum wird sie so lebhaft bekämpft ? Der nächste Satz 
zeigt es deutlich: hinter der Lehre vom subjektiven Charakter 
der Erkenntnis droht die Leugnung der realen Bedeutung der 
metaphysischen Begriffe, wie sie eben damals Nikolaus von Autre- 
court bis zu extremer Negation aller Metaphysik trieb. Es wird 
vor einem leicht mißzuverstehenden Lehrsatz gewarnt, der sich in 
fast wörtlicher Wiederholung unter den ein paar Jahre später zu 
Avignon verdammten und widerrufenen „Ketzereien" des Niko- 
laus von Autrecourt findet 2 . Damit aber wird uns das Interesse 
der Pariser Aristoteliker an dem Verbote der gefährlichen okkami- 
stischen Doktrin erst ganz deutlich: der in Avignon Verketzerte 
hatte nichts anderes getan, als mit echt französischem Radikalis- 
mus der logischen Konsequenz aus den empiristischen und sub- 
jektivistischen Sätzen der Erkenntnislehre Okkams skeptische Fol- 
gerungen gezogen, die das Fundament der ganzen aristotelischen 
Metaphysik über den Haufen warfen. Indem er die Erkenntnis 
als rein innerseelischen Vorgang von der Einwirkung des ,, Ob- 
jektes" völlig loslöste 3 und als einziges Prinzip der logischen 
Denkoperationen den Widerspruchssatz in logischer und metaphysi- 
scher Formulierung gelten ließ, gelangte er zu einem ignoramus 
gegenüber den fundamentalen Begriffen der Metaphysik: der Sub- 
stanz, Kausalität, Finalität, der metaphysischen Priorität usw., ja 
zu einer skeptischen Haltung gegenüber aller Erkenntnis der Außen- 
welt überhaupt 4 . 

Hier haben wir also den Gegensatz der „Realisten", denen es 
um die Aufrechterhaltung der Grundlagen ihres metaphysischen 
Systems zu tun ist, und eines höchst zweifelsüchtigen „Nominalis- 
mus" in schroffster Form. Die Verkündung des päpstlichen Ver- 
dammungsurteils gegen den Magister Nikolaus erfolgte im Mai 
1346; am 20. desselben Monats erging eine päpstliche Bulle an 
die Universität Paris 5 , die ohne nähere Bezeichnung vor den un- 
nützen und irrigen Doktrinen gewisser „auswärtiger" Lehrer 
warnte, insbesondere vor ihrer Verachtung und Vernachlässigung 
der Texte des Aristoteles „und anderer Meister" und der „alten" 



1 Vgl. Studie I, p. 62. 2 Demfle, Chart. II, p. 507: quod deus et 

creature nihil sunt; vgl. ibid. Nr. 1124, Lehrsatz 32. 3 Ibid. 580, Lehrsatz 48. 
4 Vgl. Cl. Baeumker, Areh. f. Gesch. d. Philos. X, 252 — 4 und die bei Ueber- 
weg-Baumgartner 10 609, 615 ff. zitierte Literatur. 5 Chart. II, 1, p. 587, 
Nr. 1125. 



Studien zur Spätscholastik. II. 23 

Kommentatoren. Das wird schwerlich ohne Zusammenhang mit 
dem Prozeß des Nikolaus von Autrecourt geschehen sein. Wenn 
aber gleichzeitig die Theologen ermahnt werden, den Text der 
Bibel und der Kirchenväter nicht zu vernachlässigen zugunsten 
höchst unnützer philosophischer Quästionen und anderer curiosae 
disputationes et suspectae opiniones doctrinaeque peregrinae et variae, 
so muß man sich hüten, auch diesen Tadel ohne weiteres und aus- 
schließlich als Absage an die okkamistische Schule auszudeuten. 
Das Überwuchern formallogischer und metaphysischer Argumen- 
tationen ist eine Erscheinung, die im späteren Mittelalter in allen 
Wissensdisziplinen sich bemerkbar macht und nicht auf bestimmte 
Schulrichtungen beschränkt bleibt. Sie hängt mit dem ganzen 
scholastischen Lehrbetrieb, insbesondere den Disputationen, auf 
das genaueste zusammen und hat ihre eigentliche Wurzel, wie die 
Quellen gelegentlich versichern, in der Pariser Lehrtradition, die 
das magisterium in artibus und damit eine ungemein gründliche 
formallogische Schulung zur Voraussetzung alles höheren Studiums 
machte. Der Kampf gegen das Übermaß rein logischer Argumen- 
tationen innerhalb der Theologie, aber auch der Jurisprudenz, 
wird von den Einsichtigen aller Fakultäten und aller Parteilager 
(auf Seiten der ,, Modernen" ist Joh. Gerson das bekannteste Bei- 
spiel) immer wieder aufgenommen 1 , offenbar ohne durchgreifenden 
Erfolg, wie noch zahlreiche Lehrbücher des 15. Jahrhunderts aus 
allen Parteilagern zeigen. Bemerkenswert ist, daß dieselben Über- 
treibungen der syllogistischen Methode schon im 13. Jahrhundert 
den italienischen Juristen Anlaß zu heftiger Polemik gaben gegen 
die französische Rechtsschule, die ihren Hauptsitz in Orleans 
hatte 2 . Schon diese Tatsache sollte vor den Versuchen neuerer 



1 Dem entspricht die Bestimmung der vom Papste 1366 gegebenen 
Statuten, in den Sentenzenvorlesungen sich streng an den Text des Lombarden 
zu halten, logische und rein artistische Quästionen zu vermeiden, allen Nach- 
druck auf die theologisch-moralische Auslegung zu verwenden usw. Chart. 
III, Nr. 1319. 

2 Vgl. E. M. Meijers De universiteit van Orleans in de XIII. e eeuw, 
Tijdschrift voor rechtsgeschiedenis, Deel II, afl. 4, p. 489 ff. Ibidem 491, 
N. 2 eine Stelle aus dem proemium zu dem Digestenkommentar des Albericus 
de Rosate, die die Ansicht des Ricardus Malumbia (Padua) widergibt: Ipse 
enim irridebat aliquos doctores contemporaneos suos, qui studebant tradere scien- 
tiam nostram modo sillogistico , sophistico et dialectico , et dicebat con- 
siderari debere, quod scientia nostra tradi non debet hoc modo . . . et non reperietur, 
quod ipsi iurisconsulti arguerint modo, quomodo arguunt doctores moderni et 



24 Gerhard Ritter: 

Darsteller warnen, diese gemeinscholastische Entartungserschei- 
nung einseitig auf das Schuldkonto der „terministischen" Schule 
zu setzen. 

Vergeblich blieben aber auch die oben geschilderten Versuche 
der Pariser Artistenfakultät und des Papstes, den Einfluß okkami- 
stischer Ideen auf die Pariser Lehrtradition zurückzudrängen. War- 
um? Letzten Endes doch wohl deshalb, weil die okkamistische 
Strömung sich einzufügen wußte in das eingefahrene Strombett 
der aristotelischen Traditionen. Die Buridan, Oresme, Albert von 
Sachsen, Marsilius von Inghen und Gregor von Rimini waren weit 
davon entfernt, die peripatetische Metaphysik in ihren Grund- 
lagen anzuzweifeln; die Realität der Außenwelt und die Zu- 
verlässigkeit physikalischer Erkenntnis stand ihnen ebenso fest 
wie nur irgendeinem Thomisten der alten Schule. Eine kritische 
Mißdeutung der überlieferten logischen Lehrbücher mit sophisti- 
schen Mitteln und ein grundsätzlicher Zweifel an dem kanonischen 
Werte der aristotelischen Philosophie und der „alten" Commen- 
tatoren findet sich nirgends in ihren Schriften. Und ebensowenig 
hielt die okkamistische Theologie an allen extremen theologischen 
Lehrsätzen Okkams fest, wie man denn überhaupt die theologi- 
schen Schulen nicht so einfach nach Schulhäuptern und logischen 
Prinzipien trennen darf, wie das meist geschieht; der umfassende 
Gesichtskreis des theologisch-metaphysischen Denkens ermöglichte 
mannigfaltigere Kombinationen, als sie im Bereich mehr elemen- 
tarer Disziplinen üblich waren 1 . 

In diesem eingeschränkten Sinne kann an einem Siege der 
,,okkamistischen Richtung" in Paris etwa seit der Mitte des 
14. Jahrhunderts kein Zweifel sein; alle wirklich bedeutenden 



discipulos instituunt, et quod originem habuit a doctoribus ultramontanis (d. i. 
v. d. Franzosen) qui . . . aliqui fuerunt magis subtiles quam utiles . . .; arguere 
enim in scientia nostra ad decapitationem de formato et forma, substantia 
et accidenti et similibus modis et argumentis sillogisticis non credere bene 
tutum . . . Die „moderni" dieser Polemik sind natürlich nicht die Okka- 
misten. 

1 Für diese Abschwächung der Schulgegensätze ist sehr interessant das 
Ergebnis der Studie von Heidingsfelder über Albert v. Sachsen (Baeum- 
kers Beiträge XXII, 1921), nach der der Ethikkommentar Alberts als skla- 
vische Nachahmung des Kommentars v. Walter Burleigh zur nikomach. Ethik 
des Aristoteles zu betrachten ist. W. Burleigh war heftiger Gegner des Nomi- 
nalismus und ein Schüler des Duns Skotus — das hinderte nicht ein Plagiat 
seiner ethischen Schrift durch einen Okkamisten. 



Studien zur Spätscholastik. IL 25 

Lehrer gehörten ihr an. Auch nach dem Abzug der Deutschen 
beim Ausbruch des kirchlichen Schismas 1 vertraten die glänzend- 
sten Häupter der Universität, die neuen Führer der konziliaren 
Bewegung, Petrus de Alliaco und Johannes Gerson, den „Nomi- 
nalismus" der Schule Okkams. Nur ist freilich der Nominalismus 
Gersons von eigener Art, und in seinen Schriften spiegeln sich 
die philosophischen und theologischen Gegensätze der Zeit auf 
eine so besondere Weise, daß wir einen Augenblick bei ihrer Be- 
trachtung verweilen müssen. Das für uns Wesentliche enthalten 
die Abhandlungen De modis signijicandi und De concordia meta- 
physice cum logica 2 , die zugleich ein helles Schlaglicht auf den Stand 
der Parteigegensätze um 1426 werfen. 

Das ganze Interesse Gersons ist auf den Nachweis gerichtet, 
daß auch vom Standpunkt der nominalistischen Erkenntnistheorie 
eine christliche Metaphysik möglich ist, ja daß die nominalistische 
Lehre das unbeirrte Festhalten an den supranaturalen Wahrheiten 
des christlichen Dogmas der Vernunft leichter macht, als es der 
Realismus vermag. Er betont immer wieder den Dualismus alles 
Seins als „Seiendes an sich" (ens pro natura rei in seipsa) und 
als „subjektive Vorstellung" des menschlichen oder göttlichen 
Bewußtseins (prout habet esse objectale seu repraesentativum in 
ordine ad intellectum creatum vel increatum) — wobei die Voraus- 
setzung des göttlichen Bewußtseins (schon in dieser fundamentalen 
Distinktion!) sogleich die Naivetät des erkenntnistheoretischen 
Standpunktes zeigt. Dabei ist das „Seiende an sich" gewisser- 
maßen als Stoff oder Substrat der subjektiven Vorstellung (quasi 
materia vel substratum vel subiectum rationis obiectalis) zu betrachten: 
beide sind notwendig aufeinander bezogen, und in dieser Bezie- 
hung liegt der Schlüssel zur Versöhnung im Streit der beiden 
erkenntnistheoretischen Schulen: der „Formalisten" (formalizantes) 
und „Terministen" 3 . 

Alle hierhergehörigen Äußerungen Gersons 4 lassen darauf 
schließen, daß hier als „Formalisten" und Gegner der „Termini- 
sten" die Anfänger der skotistischen Metaphysik mit ihrer Über- 
fülle subtil erdachter metaphysischer Seinsformen (formalitates) 
bezeichnet werden sollen; die Beseitigung dieser „unnützen Kuriosi- 



1 S. Studie I, p. 29ff. 2 Opera, ed. Du Pin, tom. IV, ed. 2 (1738), 

sp. 816 bezw. 821ff. Datum: 1426 (sp. 830). Dazu vgl. Prantl IV 141 und 

Schwab Joh. Gerson, 293 ff. 3 1. c. 821/2. 4 Vgl. insbes. Prantl IV, 144, 
X. 595. 



26 Gerhard Ritter: 

täten" gehörte bekanntlich zu den Hauptzielen der okkamistischen 
Lehre. Wie denkt sich nun Gerson die Auflösung dieses Schul- 
streites ? Alle Wissenschaft, sagt er, kann sich immer nur auf den 
subjektiven Vorstellungen (rationes objectales), nicht auf den Dingen 
selbst aufbauen. Diese Vorstellungen aber sind nur begriffliche, 
nicht reale „Formen" der Dinge (formae rerum nonreales, sedinten- 
tionales, conceptibiles vel intelligibiles). Es ist darum eine unbe- 
gründete Voraussetzung, anzunehmen, daß den logischen Denk- 
operationen, die der Intellekt mit den Vorstellungen vornimmt 
(z. B. in der Abstraktion), ohne weiteres gewisse reale Veränderun- 
gen oder Unterscheidungen in der Welt des objektiven Seins ent- 
sprechen müßten — eine Voraussetzung, die ganz offenbar die 
(skotistischen) „Formalisten" zu Irrtümern verführt, indem sie 
ihre logischen Distinktionen ohne weiteres als metaphysische Reali- 
täten in der Welt der objektiven Dinge betrachten, nicht in erster 
Linie als subjektive Denkgebilde; sie bauen ihre metaphysischen 
Konstruktionen in die leere Luft, indem sie ihre Gedanken bilden 
gewissermaßen ohne Rücksicht auf die Natur des Denkens 1 . Ander- 
seits fehlt es nun aber den logischen Operationen des wissenschaft- 
lichen Denkens keineswegs an jeder Beziehung zu den sachlichen 
Verhältnissen der objektiven Welt. Diese wird vielmehr in der 
sappositio personalis vermittelt, indem jeder Begriff als Zeichen 
dient für eine durch ihn bezeichnete extramentale Wirklichkeit. 

An dieser Stelle spielt die Lehre von der Supposition und den 
modi signijicandi ihre Rolle; Gerson baut sie nicht ohne Verwer- 
tung skotistischer Gedanken auf, mit der charakteristischen Ver- 
mischung sprachlich-grammatischer und logischer Überlegungen, 
die dem Terminismus eigen ist. Das wissenschaftliche Denken baut 
sich in seinen letzten Elementen auf sprachlichen Bezeichnungen 
des Gedachten auf. Jeder Sprachausdruck (dictio) kann aufgefaßt 
werden entweder als bloßer Schall oder Schriftzeichen oder als 
Objekt des Willens oder aber als „Bezeichnung" (significatio). 



1 Ens non mutatur in suo esse reali neque divers ificatur per mutationem 
vel divers itaiem sui esse obiectalis. Et hie est lapsus volentium formalizare vel 
metaphysicare in suo esse reali, secludendo illud esse, quod habent obiectale, quasi 
si quis vellet intelligere sine intellectu vel raliocinari sine ratione. Res enim non 
ratiocinantur in seipsis, nee praescindunt, nee universalizantur , nee signantur, 
nee abstrahunt, nee abstrahuntur, quoniam istae sunt operationes intellectus, non 
rerum ipsarum — quamvis sint pro rebus huiusmodi operationes, seeundum sup- 
positionem personalem et quasi formalem, nee non ex parte rei, si ita placet, rei. 
I.e. 822. 



Studien zur Spätscholastik. II. 27 

Nur in dieser letzten Bedeutung ist der Sprachausdruck hier zu 
betrachten. Er kann entweder sich selbst (als Sprachausdruck, als 
Vorstellung oder als Begriff) „bezeichnen" (z. B. der Ausdruck 
equus die Vorstellung „Pferd" oder das Substantivum masc. gen. 
equus) oder aber eine (extramentale) Sache für das Bewußtsein 
„vertreten". Im ersteren Falle findet suppositio materialis statt, 
die zu den Wissenschaften der Logik, Grammatik und Rhetorik, 
den „sermozinalen" Wissenschaften hinführt; im letzteren liegt 
suppositio personalis vor, auf der sich alle „realen" Disziplinen 
(Ethik, Mathematik, Physik, Metaphysik) aufbauen. Die Unter- 
scheidung zwischen einem indirekten Verhältnis des Begriffs zur 
Sache und einem direkten {impositio secundae bzw. primae inten- 
tionis) fällt mit der eben genannten Distinktion zusammen. Die 
Betrachtung dieser verschiedenen Arten der Bezeichnung (modi 
significandi) und der damit identischen Natur der subjektiven Vor- 
stellungen (rationes obiectales) ist darum für das richtige Verständnis 
und die gegenseitige Abgrenzung der verschiedenen Disziplinen 
höchst notwendig. Auch die Metaphysik und die Realwissenschaft 
überhaupt darf sich diesen Betrachtungen nicht verschließen, wenn- 
gleich sie selbst die Begriffe vermöge der suppositio personalis nur 
nach ihrer real-sachlichen, nicht nach ihrer grammatisch-logischen 
Bedeutung verwendet. Denn aus der Mißachtung der erkenntnis- 
theoretischen Unterlagen der metaphysischen Konstruktion ent- 
steht nur zu oft heillose Verwirrung: insbesondere die (schon be- 
rührte) Verwechselung der Produkte des eigenen Denkens mit 
metaphysischen Realitäten, die in ihren phantastischen Formen 
geradezu als Wahnsinn bezeichnet wird. Statt dessen gilt es auch 
für den Metaphysiker, die Rolle und die Natur des Erkenntnis- 
vermögens zu studieren, um die Tragweite seiner Schlüsse recht zu 
verstehen 1 . Anderseits ist aber auch vor dem barbarischen Un- 
verstand gewisser „Terministen" zu warnen, die den Begriff nur 
nach seiner grammatisch-logischen Bedeutung (secundum modum 
significandi materialiter), nicht nach seiner realen Sachbedeutung zu 
verarbeiten wissen und deshalb mit gutem Grunde die Verachtung 
der „Metaphysiker" (metaphysici) sich zuziehen. In Wahrheit hat 
die subjektive Vorstellung zugleich ihre Beziehung auf das Objek- 



1 Subtilitas Metaphysicantium debet aüendere conditionem et naturam 
virtutis cognitwae praesertim intellectivae, quoniam secundum diversitates opera- 
tionum cognitivarum, maxime intellectualium, accipienda est varietas rationum 
objectalium, seu modorum significandi formalium, vel ex natura rei. L. c. 824. 



28 Gerhard Ritter: 

tive, und selbst die Allgemeinbegriffe (der eigentliche Gegenstand 
der Wissenschaft), so wenig ihnen als solchen eine reale Existenz 
außerhalb der Seele zukommt, sind doch sachlich in einer gewissen 
aptitudo der Einzeldinge gegründet 1 . 

Die Unentbehrlichkeit der Erkenntnislehre für den Meta- 
physiker wird sogleich an einem Beispiel gezeigt. Sie bewahrt ihn 
nämlich vor dem Irrtum, etwa anzunehmen, Gott erkenne die 
Dinge materialiter, contingenter , mutabiliter, dependenter usw., darum 
weil die Dinge ab extra materiell, dependentes, contingentes, mutabiles 
usw. sind. Die Einsicht in die grundsätzliche Wesensverschieden- 
heit von Sein und Erkennen wird einen solchen Irrtum verhindern. 
Aber es gilt auch, die Grenzen metaphysischen Denkens überhaupt 
in erkenntnistheoretischer Einsicht zu begreifen. So muß der Meta- 
physiker sich hüten, auf Grund seiner logischen Konstruktionen 
ohne weiteres theologische Fragen entscheiden zu wollen: er würde 
etwa in rein logischer Abstraktion zu dem Schlüsse kommen, daß 
Gott als oberstes universale immutabilis et necessitate unicus sei, 
während ihn doch die übernatürliche Einsicht, wie sie die Gnade 
Gottes uns einflößt, von der dreifaltigen Natur Gottes und seiner 
freien W'illkür überzeugen sollte. Ein anderes Beispiel: wer das 
Sein als Vorstellung (esse obiectale) mit dem realen Sein (esse reale) 
identifiziert, würde zu dem falschen Schlüsse kommen, daß die 
geschaffenen Dinge darum, weil sie als Ideen von Ewigkeit her im 
Geiste Gottes waren, auch realiter „ewig" (also nicht in der Zeit 
geschaffen) seien, was der Offenbarung widerspricht. 

Also gegenseitige Ergänzung der „sermozinalen" und „realen" 
Disziplinen an Stelle des Kampfes wird hier gepredigt. Was die 
Skotisten den „Terminist en" vorwerfen, kennen wir schon aus dem 
Statut der Pariser Artistenfakultät von 1340 (s. o. p. 20): es ist die 
Lehre Okkams, daß alle Wissenschaft nur von den „Zeichen", nicht 
von den „Dingen" handle. Indem Gerson dieser Lehre zustimmt 
und die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen dem Sein in der 
Vorstellung und dem „realen Sein an sich" für die Metaphysik 
und Theologie betont, will er doch gleichzeitig daran festhalten, 
daß die Zeichen nicht nur subjektive Gebilde sind, sondern zugleich 
eine reale Bezogenheit auf die „äußere" Welt besitzen, so daß auch 
vom Boden der „terministischen" Erkenntnislehre 2 aus ein Aufbau 

1 I.e. 824/5. Prantl N. 589-90, 603. 

2 Er selbst spricht von terministae und meint damit die okkamistische 
Erkenntnistheorie und Logik; an sich ist der von Prantl aufgenommene Aus- 
druck irreführend und besser zu vermeiden (vgl. Studie I, p. 52 f., bes. 53 N.l). 



Studien zur Spätscholastik. II. 29 

der „realen" Disziplinen, insbesondere der Metaphysik, möglich ist. 
Wir wissen bereits aus der früheren Betrachtung, daß Gerson mit 
dieser Auffassung innerhalb der okkamistischen Schule keineswegs 
alleinstand. Die okkamistische Erkenntnislehre hatte längst ihre 
gefährliche Zuspitzung verloren. Dennoch sind die alten Bedenken 
gegen sie offenbar noch immer nicht ausgestorben; noch immer 
scheint der Kampfruf der Gegner zu lauten: reale Sachwissenschaft 
contra sermozinale Logik. Wir werden ihn bis zum Ende des Jahr- 
hunderts immer wieder ertönen hören. 

Was Gerson seinerseits den Gegnern vom andern Lager vor- 
wirft, sind im wesentlichen ihre skotistischen „Subtilitäten", ihre 
Willkür in der Hypostasierung logischer Begriffe zu metaphysischen 
Realitäten. Damit verfallen sie einem viel ärgeren Begriffsspiel als 
die von ihnen gescholtenen ,,Terministen ul , komplizieren willkürlich 
die echte, einfache aristotelische Logik und verwirren alle Wissen- 
schaften, insbesondere die Theologie, durch die grundstürzende Ver- 
änderung der herkömmlichen Bezeichnungen. Also hier erscheinen 
gerade die ,,Skotisten", nicht die ,,Terministen", als die Sophisten, 
denen die Theologie ihre Überfüllung mit logischen Spitzfindig- 
keiten verdankt 2 . 

Nach alledem kann an dem Wesenskern des Gegensatzes, den 
Gerson überwinden möchte, kein Zweifel sein: hinter der Ausein- 
andersetzung von Real- und Sermozinalwissenschaften steckt letz- 
ten Endes ein Streit um erkenntnistheoretische Grundfragen. Und 
dieses Ergebnis bestätigt sich dadurch, daß die ganze Auseinander- 
setzung in eine Besprechung des Universalienproblems ausläuft. Die 
Behandlung dieses Problems im einzelnen ist durchweg wieder von 
theologischen, nicht philosophischen Interessen bestimmt. Sie sucht 
zu erweisen, daß der Realismus leicht zu pantheistischen und damit 
ketzerischen Konsequenzen, zu einer Vermischung der Unterschiede 
zwischen Gott und Kreatur in dem allgemeinsten Begriff des „Seins" 
führe; seine Aufzählung kirchlicher, gegen den extremen Realis- 



1 Beleg bei Prantl IV, 144, N. 595: ipsi longe grandiorem terminorum 
congeriem multiplicare compelluntur. 

2 Gerson, Opp. IV, 819ff . Prantl hat das infolge eines Lesefehlers 
mißverstanden: 1. e. p. 146, N. 608 liest er: ... dum repugnantes eos vocant 
. . . terministas statt repugnantes eis vocant terministas ; repugnantes ist also 
Akkusativ, nicht Nominativ, und Gerson hält nicht die Terministen, wie 
Prantl im Text annimmt, sondern ihre Gegner für Verderber der einfachen 
theologischen Wahrheit. 



30 Gerhard Ritter: 

mus gerichteter Edikte erinnert den Leser sogleich an die Bekämp- 
fung wiklifitisch-hussitischer Lehren auf dem Konstanzer Konzil. 
Wir brauchen dem allen in unserem Zusammenhang nicht nach- 
zugehen 1 ; wichtig ist indessen die Feststellung der engen, von 
Prantl merkwürdigerweise ganz übersehenen 2 Verbindung, die 
zwischen diesen Erörterungen und der Tendenz der ganzen Betrach- 
tung besteht: wenn der herkömmliche Haupteinwand gegen den 
Nominalismus okkamistischer Richtung darin bestand, daß man 
ihm seine angebliche Feindschaft gegen die Metaphysik (und damit 
gegen die „natürliche Theologie"), seine Beschränkung auf rein 
„begriffliche" statt „sachliche" Erörterung vorwarf, so suchte 
Gerson umgekehrt nachzuweisen, daß gerade die Metaphysik der 
skotistischen Realisten mit ihren „phantastischen" Konstruktionen 
der wahren Theologie gefährlich werde; in immer neuen Wen- 
dungen sucht er die Notwendigkeit zu erweisen, metaphysische 
Konstruktionen und Glaubenserkenntnis auseinanderzuhalten, die 
Betrachtung der Glaubenswahrheiten freizuhalten von willkürlichen 
Erfindungen des natürlichen Scharfsinns. Er ist kein Feind der 
Metaphysik; aber sie soll sich auf logische und grammatische Ein- 
sichten stützen und sich ihrer Grenzen bewußt bleiben 3 ; letzten 
Endes ist die theologische Einsicht doch aus andern Quellen gespeist. 
Damit ist denn freilich klar, daß wir es hier mit einem Theo- 
logen zu tun haben, der (aus wesentlich religiösen Motiven) an der 
Erweiterung jenes Risses arbeitet, den zuerst Okkam in das kunst- 
voll harmonische Gefüge der hochscholastischen Systeme gesprengt 
hatte: an der beginnenden Spaltung zwischen Glauben und Wissen. 
Aber zugleich ist es wichtig zu erkennen, daß diese Spaltung nicht 
in der geraden Richtung fort schritt, wie man sich das gewöhnlich 
vorstellt. Die Macht der Überlieferung, der fortdauernde Einfluß 
der aristotelischen Metaphysik erweist sich auch hier als überaus 
kräftig; in höchst seltsamer Verschrägung erscheinen die originalen 
Motive der philosophischen Bewegung unter dem Druck dieser 
Tradition. Die ganze Schwierigkeit des Problems, dem wir hier 
nachgehen, ist in diesen Verschlingungen begründet. 



1 Gute und ausführliche Wiedergabe bei Schwab 295 ff. 

2 IV, 148, erster Absatz. Prantl beachtet nur den Gegensatz „realer" 
und „sermozinaler" Wissenschaftstheorie und baut darauf seine These von 
der grundlegenden Bedeutung des Lehrstoffes für den Unterschied der viae 
auf; die Bedeutung der Universalienfrage leugnet er geradezu. 

3 I.e. Spalte 828; häufige Berufung auf die „Pariser Artikel" des 
Stephan Tempier von 1273 (dazu vgl» Studie I, 77 f.). 



Studien zur Spätscholastik. II. 31 

Über den weiteren Verlauf der Streitigkeiten beider Schul- 
richtungen an der Pariser Universität steht uns nur eine höchst 
summarische Darstellung zur Verfügung, die im Jahre 1473 von 
den Pariser Nominalisten im Rahmen einer apologetischen, für 
König Ludwig XI. bestimmten Denkschrift zur historischen Recht- 
fertigung ihrer Partei aufgesetzt wurde 1 . Sie berührt auch die 
Kämpfe des 14. Jahrhunderts und bringt die damalige Verfolgung 
Okkams an der Pariser Universität mit den kirchenpolitischen 
Kämpfen zwischen Johann XXII. und Ludwig dem Baiern in enge 
Verbindung; die Art, wie hier Okkam als Vorkämpfer der könig- 
lichen Souveränität in temporalibus gegen den Papst gerühmt wird, 
ist zu deutlich auf die politischen Wünsche des Adressaten be- 
rechnet, als daß uns diese ganze Darstellung unverdächtig erscheinen 
könnte 2 . Wichtig ist indessen, daß hier — deutlicher als bei Gerson 
Wilhelm Okkam als Urheber der „nominalistischen" Schul- 
richtung bezeichnet wird; Johannes Gerson und Petrus de Alliaco 
erscheinen als seine Parteigänger. Davon, daß der Name nomi- 
nales als Schimpfname oder böswillige Verleumdung der Thomisten 
empfunden würde, wie Prantl will 3 , findet sich keine Andeutung; 
er wird vielmehr als ganz passend und selbstverständlich fort- 
während gebraucht . 

Folgen wir den Angaben dieser Denkschrift, so ging die nomi- 
nalistische Lehre in Paris gleichzeitig mit dem allgemeinen Verfall 
der Hochschule zurück, als dessen Ursache die seit der Ermordung 
des Herzogs von Orleans (November 1407) einsetzenden franzö- 
sischen Bürgerkriege bezeichnet werden. Damals hätten sich die 
meisten bedeutenden Lehrer zerstreut, und es blieben nur wenige 
Albertisten übrig, die, ohne Widerstand zu finden, den Nominalis- 
mus beseitigten. Unmöglich erscheint das nicht, wenn man den 
trostlosen Zustand bedenkt, in den die Pariser Universität während 
jener Jahrzehnte tiefster politischer Schwäche Frankreichs versank, 



1 Abdruck bei Stephanus Baluzius, Miscellanea novo ordine digesta. 
t. II (Lucae 1761), p. 293 ff. 

2 Es ist u. a. von „4 Artikeln" die Rede, die laut Auskunft des Über 
Rectoris von der Artistenfakultät damals als errores Okkam verboten worden 
seien, von denen aber der erste gar nicht von Okkam stamme. Ein Cardinal 
Johanns XXII. habe nichts daran als ketzerisch zu verdammen gewagt. 
Johann XXII. starb 1334. Das Deniflesche Chartularium enthält nichts von 
diesen — vermutlich verlorenen — Akten. 

3 IV 187. Uli doctores nominales dicti sunt, qui . . . das soll heißen: 
böswillig von ihren Gegnern zu Nominalisten gestempelt (!). 



32 Gerhard Ritter: 

die das Regiment Karls VI. und die Anfänge Karls VII. kenn- 
zeichnet. Ihre würdelose Unterwürfigkeit gegenüber den in Paris 
einrückenden Engländern und ihre unpatriotische Haltung beim 
Prozeß der Johanna Darc waren nur äußerliche Symptome eines 
inneren Verfalls, der durch die Ausschließung nichtfranzösischer 
Kleriker von französischen Pfründen in der pragmatischen Sanktion 
von Bourges (1438) und die dadurch veranlaßte Fernhaltung aus- 
ländischer Gelehrter 1 noch gesteigert wurde. Es wird allgemein 
anerkannt, daß die lebhafte politische Tätigkeit der Universität auf 
den großen Reformkonzilien der Kirche ihrer wissenschaftlichen 
Leistung in keiner Weise entsprach. Bemerken wir vor allem, daß 
die Pariser Nominalisten selbst von einem Überwiegen ihrer Partei 
während dieser Epoche nichts zu berichten wissen 2 ! Den Zustand 
des Pariser Lehrbetriebes um die Mitte des Jahrhunderts kenn- 
zeichnet nichts besser als die große Reform von 1452 3 , die Karl VII. 
mit Hilfe des päpstlichen Kardinallegaten d'Estouteville durch- 
setzte. Da ist nicht die Rede von der Erneuerung des Thomismus 
u. dgl., sondern von weit mehr elementaren Dingen: man müht sich 
um die Abstellung der schlimmsten Ärgernisse, wie Faulheit, Völ- 
lerei, Zuchtlosigkeit der Lehrer, Vernachlässigung aller Statuten 
insbesondere bei den Anforderungen an Examinanden und Stu- 
dierende; man verbietet Mißbräuche wie den, statt eigenen Vortrags 
in den Kollegstunden irgend ein fremdes Heft von einem Studenten 
vorlesen zu lassen u. dgl. ! In der Tat ist es wichtig, bei der Betrach- 
tung der Schulstreitigkeiten in der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts sich stets vor Augen zu halten, daß wir es hier mit einem 
Geschlecht von Epigonen zu tun haben, deren wissenschaftliche 
Leistungen aller und jeder Originalität entbehren 4 . Je geringer 
die eigene Produktivität, um so gläubiger pflegt die Verehrung der 
Schulhäupter und Vorbilder aus alter Zeit zu sein, um so erbitterter 
dementsprechend die Parteilichkeit. Übrigens sollte man nach der 
These Zarnckes, der die Erneuerung des Thomismus seit etwa 1450 
mit der Wiedererhebung des Papsttums in enge Verbindung bringt, 
eigentlich erwarten, daß der päpstliche Legat sich 1452 bemüht 



1 Vgl. Denifle, Auctarium tom. II. introductio. - Gegen die oben 
S. 5 mitgeteilte These Zarnckes (Narrenschiff, p. XIVff.). 3 Bulaeus 
V, 562 ff. 4 Das ist der stärkste Eindruck, den die Durchsicht der bei 
Prantl IV 174 ff. aufgezählten Schulbuchliteratur hinterläßt. Vgl. auch 
die Schilderungen Duhems, Etudes sur Leon, da Vinci, bes. III, 97 ff., 
161 ff. und Prantl IV, 1. 



Studien zur Spätscholastik. II. 33 

haben werde, den Nominalismus in Paris gänzlich zu beseitigen. 
Statt dessen hören wir gerade umgekehrt, daß von diesem Jahre 
her 1 die Erneuerung okkamistischer Lehren an der Universität 
datiere. 

Das erste Anzeichen neuer Kämpfe zwischen Nominalisten und 
Realisten (so nennen sie sich auf diesem Boden selbst) 2 stammt aus 
dem Jahre 1465 3 . Zu größter Erbitterung steigern sie sich 1473 
bei der Wahl des Prokurators der gallischen Nation — also zu einer 
Zeit, als der Gegensatz zwischen via moderna und antiqua an deut- 
schen Universitäten längst bestand. Um so mehr muß es auf- 
fallen, daß diese in Deutschland übliche Bezeichnung in den bisher 
bekannt gewordenen Pariser Streitakten nicht ein einziges Mal 
vorkommt. Sollten etwa auch sachlich die Gegensätze hier und 
dort nicht genau dieselben sein ? 4 Darüber wird erst der weitere 
Verlauf unserer Untersuchung Klarheit bringen. Wichtig ist aber 
hier schon die Beobachtung, daß den Anlaß zum Ausbruch des 
Streites in Paris nicht eine Auseinandersetzung der Artistenschulen, 
sondern eine theologische Streitfrage bildet. Wenigstens führen die 
Nominalisten den Ausbruch des offenen Kampfes darauf zurück. 

In dem Streit der Löwener Theologen de futuris contingentibus, 
der sich um eine Spezialfrage bewegte, die zwischen Okkamisten 
und Thomisten seit langem strittig war 5 , hatte die Löwener Uni- 



1 Denkschrift von 1473: a 20 annis; entsprechend Edikt Ludwigs XL: 
1473, jan. 13, bei Bulaeus V, 707. 

2 Und zwar ganz unbefangen (s. o. p. 31, N. 3). Das beweisen auch die 
bei Prantl aufgezählten Titel in Frankreich erschienener Druckschriften von 
Nominalisten; so auch die Physik des Mars. v. Inghen, Lyon 1518, secundum 
nominalium viam. Benary 49, N. 1 hat ganz Recht, diese Tatsachen mit 
Prantls Hypothese, nominales sei durchaus und überall ein Schimpfname 
gewesen, unvereinbar zu finden. In Heidelberg allerdings muß die Bezeich- 
nung um 1499 einen verächtlichen Beigeschmack gehabt haben. Vgl. darüber 
unten S. 76, N. 3. 

3 Betr. Lehren des mag. Joh. Fabri, 1465, märz 19, Bulaeus V, 678. 

4 Die Tatsache, daß der vielgenannte Heynlin vom Stein, der schon 
1464 die via antiqua in Basel aufgebracht haben soll, 1473 in Paris auf seiten 
der „Realisten" steht, brauchte an sich noch nicht zu der Folgerung zu zwin- 
gen, via antiqua und Pariser Realismus sei genau dasselbe gewesen. 

5 Es handelt sich um den Streit zwischen dem Löwener thomistisch- 
realistischen Artistenmagister Petrus de Rivo und dem dortigen okkamisti- 
schen Theologen Henricus de Zomeren über die Frage, ob auch zukünftige 
Zufallsereignisse in der göttlichen Voraussicht enthalten seien. Das war ein 
von altersher beliebter Zankapfel zwischen Thomisten und Okkamisten: 
Okkam stellte an diesem Punkte einen Widerspruch fest, wie er es liebte, 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad.. philos.-hist. Kl. 1922. 7. Abh. 3 



34 Gerhard Ritter: 

versität die Pariser Theologen um ein Gutachten angegangen. Die 
Pariser Okkamisten hatten zwar verhindert, daß die Antwort der 
Fakultät einstimmig ausfiel; doch hatten sich 24 Pariser „Rea- 
listen" zugunsten der thomistisch-aristotelischen Lehrmeinung er- 
klärt (1471); als diese dennoch zwei Jahre später in einem Prozeß 
vor der Kurie für ketzerisch erklärt wurde, waren auch die Pariser 
,, Realisten" öffentlich bloßgestellt, und aus Rache — so behaupten 
ihre nominalistischen Gegner — 1 unternahmen sie nun einen Vor- 
stoß in der entgegengesetzten Richtung. Es gelang ihnen, den 
König durch Vermittlung seines Beichtvaters Joh. Boucard davon 
zu überzeugen, daß der unleugbare Verfall der 'Pariser schola- 
stischen Studien wesentlich auf Rechnung der nominalistischen 
Neuerungen zu setzen sei, die ein Abweichen von altem Brauch 
und Herkommen bedeuteten und erst seit 20 Jahren aufgekommen 



zwischen der veritas fidei, die jede Einschränkung der göttlichen Voraussicht 
und Willkür leugnen, und der aristotelischen Philosophie, die logische Ein- 
wände gegen diese Unbeschränktheit erheben müsse. Für die Okkamisten bot 
sich hier eine günstige Gelegenheit, den strengeren Aristotelismus ihrer Gegner 
als ketzerisch zu verdächtigen; verfänglich war z. B. die Fragestellung, ob 
Christus in streng logischem Sinne die „Wahrheit" gesagt habe, als er dem 
Petrus seine künftige Verleugnung des Meisters vor dem dritten Hahnenschrei 
voraussagte ? In der Tat haben sich scholastische Kampfhähne dieser Argu- 
mentationen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert immer wieder bedient (vgl. 
Prantl III, 418, N. 1039 - Okkam; IV, 98, N. 387 — Marsilius von 
Inghen; IV, 259 — R. Caubraith), und die Löwener Theologen haben damit 
noch 1586 gegen den Neuthomismus der spanischen Jesuiten gestritten. Vgl. 
die ausführliche Darstellung der Löwener Streitigkeiten durch J. Laminne, 
Bulletins de la Classe des lettres de l'Acad. royale de Belgique 1906, nr. 8, 
377 — 438; die zugehörigen Universitätsakten publ. von P. Fredericq, ibid. 
1905, Nr. 1, p. 11 ff. ; die Streitschriften bei Baluze, 1. c. und Duplessis 
d'Argentre, Coli, iudic. de novis erroribus, Paris 1728, I, 2, p. 286ff. Für 
unsere Fragestellung ist die Geschichte des ganzen Streites, der von 1446 — 77 
andauerte, unergiebig, da er sich nur um das genannte theologische Einzel- 
problem dreht, ohne die tieferen philosophischen Gegensätze aufzurühren. 
H. Zomeren war offenbar ein streitsüchtiger outsider., der zwar in dieser Einzel- 
frage einen Teil seiner theologischen Kollegen auf seine Seite zog, im übrigen 
aber in Löwen wenig Anhang besaß. Die Universität hatte sich (ähnlich wie 
Köln) von Anfang an streng auf den „Realismus" festgelegt. Schon die Tat- 
sache, daß P. de Rivo kein Bedenken trug, sich für seine Lehrmeinung auf den 
vorokkamistischen Nominalisten Petrus Aureoli zu berufen (Fredericq 1. c. 
p. 51), sollte davor warnen, die Bedeutung dieser Zänkereien für die Geschichte 
des Wegestreites zu überschätzen. 

1 In der gen. Denkschrift von 1473. Die Gutachten der 24 Pariser 
Realisten s. ibid. sogleich anschließend. 



Studien zur Spätscholastik. II. 35 

seien. Das war nun freilich eine recht grobe Entstellung der Tat- 
sachen. Aber sie tat gute Wirkung. Am 1. März 1473 erließ der 
König nach Anhörung einer aus allen Fakultäten, doch namentlich 
aus Theologen zusammengesetzten Kommission jenes vielbespro- 
chene scharfe Verbot nominalistischer Lehren, durch das sogar die 
Einziehung und gerichtliche Verwahrung der sämtlichen Schriften 
nominalistischer Autoren angeordnet wurde — jene ,, Ankettung 
harmloser Bibliotheksbände nach der Art wilder Tiere," über die 
sich damals der Humanist Robert Gaguin so lustig machte 1 . Der 
sofort erfolgende Protest der Universität gegen die restlose Be- 
schlagnahme der Bücher, sodann die nur sehr unvollständige Durch- 
führung dieser Bestimmung und ihre erhebliche Milderung im näch- 
sten Jahre auf Betreiben der Universität zeigt, daß die ganze 
Aktion mit einseitiger Parteileidenschaft betrieben war und der 
tatsächlichen Bedeutung der nominalistischen Literatur nicht ent- 
sprach. Die Pariser Bibliotheken hätten sehr bedenklich entleert 
werden müssen, wollte man diese gewaltsame „Reinigung" wirk- 
lich durchführen. Schon 1481 wurde denn auch das ganze Verbot 
wieder rückgängig gemacht — zum größten Jubel der aleman- 
nischen und pikardischen Nation, wie Bulaeus berichtet 2 : Sollten 
etwa gegenseitige Eifersüchteleien der landsmannschaftlichen Kor- 
porationen hier mit hineingespielt haben ? Stecken überhaupt poli- 
tische Tendenzen hinter dem Vorgehen des Königs? Welcher Art 
könnten sie sein? Zarncke suchte auch diesen Vorgang mit der 
hohen Kirchenpolitik in Verbindung zu bringen. Der „bigotte 
König Ludwig", meint er, dem die päpstliche Partei bereits den 
Widerruf der pragmatischen Sanktion abgedrungen hatte, ließ sich 
nun auch dieses Edikt ,, gegen den gesamten Nominalismus" ent- 
locken 3 . Nun hat die Kurie aber in dem Streite mit den Löwener 
Theologen die Nominalisten, nicht ihre Gegner, unterstützt. Und 
wie stand es mit der Kirchenpolitik Ludwigs ? Seine persönliche 

1 Abdruck des Verbots und zugehöriger Akten: Boulaeus V 705 — 712. 
Ibid. 711 Brief R. Gaguins an Fichetus vom 26. 2. 1473. 2 V 739/41. 

3 1. c. p. XV/XVI. Die alemannische Nation sei dadurch besonders hart 
getroffen worden, und nur die nahe Verwandtschaft des Humanismus zum 
Realismus mache es begreiflich, daß Heynlin a Lapide es habe wagen dürfen, 
,, nicht zufrieden mit dem Siege seiner Partei" mit seinen Schülern nach Basel 
zu gehen, um dort die via antiqua einzuführen. Heynlin war aber schon 1464 
nach Basel gekommen und war 1473 als Theologe in Paris nicht mehr Mit- 
glied der natio Almanica. Vgl. Vischer, Gesch. der Universität Basel (1860), 
p. 143 u. 162. 



36 Gerhard Ritter: 

devote Frömmigkeit hinderte ihn nicht an jener zähen, auch weite 
Umwege nicht scheuenden Verfolgung rein politischer Macht ziele, 
die seine Regierungsweise überhaupt charakterisiert. Die Ideen der 
gallikanischen Kirchenfreiheit dienten ihm ausschließlich als Mittel 
zur Vermehrung der politischen Macht des Königtums. Je nachdem 
er den Papst auf diesen Wegen als Bundesgenosse brauchte oder 
nicht, ließ er sie fallen oder nahm er sie wieder auf. Es ist wahr: 
gerade vor wenigen Monaten hatte damals der Abschluß des Kon- 
kordates von 1472 eine Art Annäherung zwischen Kurie und König- 
tum gebracht: beide einigten sich auf eine Teilung ihrer Herrschaft 
über die französische Kirche, von der sie beide erhebliche finanzielle 
Vorteile erhofften. Aber die Universität hatte sofort dagegen pro- 
testiert; und der Widerstand der französischen Prälaten hinderte 
die Ausführung des Konkordates, auf das Ludwig selbst sehr bald 
nach dem Abschluß keinen großen Wert mehr legte, da ihm der 
Papst inzwischen politisch wieder entbehrlicher geworden war 1 . 
Das alles gibt nicht den mindesten Anhalt zu einer kirchenpoliti- 
schen Erklärung jenes Ediktes von 1473. Wenn überhaupt mehr 
als die Absicht einer Reform der Studien durch gewaltsame Besei- 
tigung der immer gehaltloser werdenden Schulzänkereien und ver- 
einfachende Reform der Theologie dahinter stand, so vermag ich 
diese politischen Absichten aus dem vorliegenden Quellenmaterial 
nicht herauszudeuten. 

Wie stellt sich aber nun inhaltlich der Gegenstand des Streites 
dar ? Im Edikt des Königs hören wir nur die alte Klage über den 
Verfall und die künstliche Verwickelung der großen theologischen 
Traditionen des 13. Jahrhunderts durch unnütze Zusätze neuerer 
Lehrer — Beschwerden also, die wir schon aus Gersons Schriften 
kennen. Hier sind sie zur Parteisache der Thomisten und Skotisten 
gegen die Okkamisten gemacht; die erstgenannten Schulen treten 
gemeinsam auf, obwohl sie — wie uns Gaguinus berichtet — unter- 
einander genug zu streiten hatten. Die Autoritäten der sich be- 
kämpfenden Parteien werden einander gegenübergestellt: Aristo- 
teles, Averroes, Albert, Thomas, Ägidius Romanus, Alexander Ha- 
lensis, Skotus und Bonaventura auf der einen, Okkam und die 
Okkamisten Gregor von Rimini 2 , Buridan, Pierre d'Ailly, Marsi- 



1 Jos. Combet, Louis XI et le saint-siege, 1461-83 (1903) p. 120ff 
Petit-Di taillis (= Lavisse, Hist. de Fr. IV, 2) 414 ff. 

2 ,,Monachi Cisterciensis de Arimino" Gregor war Augustiner-Eremit. 
Liegt ein Irrtum vor oder handelt es sich, wie Hermelink iTheol. Fak. 138, 
X. 1) will, um zwei Autoren, deren erster unbekannt wäre? 






Studien zur Spätscholastik. II. 37 

lius, Adam Dorp und Albert von Sachsen auf der andern Seite. 
Diese Zusammenstellung läßt keinen Zweifel, um welche Gegen- 
sätze es sich hier handelt: theologisch betrachtet, bilden die auf- 
gezählten Okkamisten gar keine eigentliche Gruppe, da nur ein 
Teil von ihnen der Theologie überhaupt angehört; es kann also 
nichts anderes sein, als die ihnen gemeinsame erkenntnistheore- 
tische Grundlage, die sie den Gegnern tarn in jacultate artium quam 
theologiae verdächtig macht. Daß der Name Johannes Gersons auf 
der Liste der Verketzerten fehlt, mag in dem so laut verkündeten 
Wunsch nach einer vereinfachenden Reform der Theologie seinen 
Grund haben, der hier mit hineinspielt. 

Auch die Verteidigungsschrift der Nominalisten 1 birgt für uns 
keine Überraschung. Was sie als Differenzpunkt angeben, ist genau 
dasselbe, was wir schon bei Gerson hervorgehoben fanden: sie 
streiten gegen die „Formalitäten" der skotistischen Theologie 2 und 
rühmen sich einer Lösung des Universalienproblems, die der kirch- 
lichen Gotteslehre besser angemessen sei als die der Realisten. 
Überdies legen sie großen Wert auf die Ausbildung der Lehre von 
den Begriffen (proprietates terminorum), wie sie die Lehrbücher der 
terminist ischen Logik bieten, während die Realisten über das alles 
sich hinwegsetzen mit der Ausrede: Nos imus ad res, de terminis 
non curamus. Hier haben wir nun denjenigen Quellenbeleg, auf den 
vor allen andern PRANTLiind ihn vergröbernd Hermelink die These 
aufgebaut haben, daß primär der Unterschied des Lehrstoffes die 
Abweichung der beiden viae voneinander bestimme. Und doch ist 
gar nicht zu verkennen -- schon die ausdrückliche Berufung auf 
eine Stelle bei Gerson zeigt es 3 — , daß diese Nominalisten ihre Be- 
schäftigung mit terministischer Logik nur als exaktere erkenntnis- 
theoretische Fundamentierung der realwissenschaftlichen Erkennt- 
nis betrachten, nicht etwa als Selbstzweck. Mit keinem Worte ist 
davon die Rede, daß sie jenen „realen" Disziplinen ferner zu stehen 
glauben, als ihre Gegner. Die ganze Stelle hat keinen andern Sinn, 
als eine Rechtfertigung zu bieten für die von den Gegnern be- 
strittene Verwendung der terministischen Logik zu einer neuen 
Erkenntnislehre: zu jener grundsätzlichen Scheidung des begriff - 



1 Bei Baluze 1. c. Abdruck der wichtigsten Stellen auch bei Prantl 
IV, 187, N. 63. 2 Z. B. Nominales dicunt, quod deitas et sapientia sint una 
res et eadem omnino, quia omne quod est in Deo, Dens est. Reales autem dicunt, 
quod sapientia divina dividitur a deitate. 3 Dum vos ad res itis terminis neg- 
lectis, in lotam rei caditis isnorantiam. 



38 Gerhard Ritter: Studien zur Spätscholastik. II. 

liehen Denkens von seinen sachlichen Inhalten, die seit dem ersten 
Auftreten des Okkamismus immer von neuem Widerspruch her- 
vorrief. 

Damit dürfen wir die Untersuchung der scholastischen Partei- 
verhältnisse auf französischem Boden abschließen. Der Kern des 
in Frage stehenden Gegensatzes hat sich uns während des ganzen 
betrachteten Zeitraumes wesentlich unverändert gezeigt: es ist 
primär ein Streit um die erkenntnistheoretische Grundlage aller 
wissenschaftlichen Arbeit. Was diesem Streit seine Schärfe gibt, 
ist weniger das Universalienproblem an sich, dessen Bedeutung seit 
dem Auftreten der großen theologischen Systeme und Kämpfe des 
13. Jahrhunderts hinter zahlreichen neuen Problemstellungen zu- 
rückgetreten war — es ist vielmehr die grundsätzliche Frage nach 
der Tragweite der „natürlichen" Erkenntnis in Metaphysik und 
Theologie. Die Möglichkeit metaphysischer Erkenntnis glauben die 
Gegner des Okkamismus durch die „nominalistische" Lehre bedroht. 

Es w T ird die Frage sein, ob die Verhältnisse in Deutschland 
ähnlich lagen. 



II. Via antiqua 
und via moderna auf den deutschen Universitäten. 

1 . Die Entsteh ungdes Schulstreits. 

Die erste bekannt gewordene Nachricht über einen Streit zwi- 
schen „älterer" und „neuerer" Richtung der Schulphilosophie auf 
deutschen Universitäten stammt aus Köln. Die dortige Universität 
verwahrte sich im Jahre 1425 gegen eine ihr durch Vermittlung 
des Rates (domini civitatis) zugegangene kurfürstliche Aufforderung, 
an Stelle der bisher üblichen Methode {via) des Unterrichts nach 
Thomas, Albert dem Großen und anderen ,, alten Doktoren" von 
jetzt ab den „neueren" Autoritäten zu folgen, wie Buridan, Mar- 
silius und ihren Genossen und Nachfolgern 1 . Jene Methode — so 
hieß es in dem kurfürstlichen Schreiben — sei auf deutschen Hoch- 
schulen nicht üblich, auch in Köln anfangs nicht befolgt worden; 
sie übersteige die Fassungskraft der jungen Leute, und so führten 
ihre mißverstandenen subtilia dicta et alta principia in den ver- 
wirrten jugendlichen Köpfen leicht zu verderblichen Irrtümern, 
wie das Beispiel von Prag lehren könne; die Prager Ketzereien 
wären aus eben dieser Doktrin entsprungen. Dagegen hätten die 
genannten neueren Lehrer eine schlichtere, verständlichere Aus- 
drucksweise in die Schulphilosophie eingeführt, die zugleich jene 
Mißverständnisse ausschließe 2 . 

Wir haben hier das erste Beispiel einer Einmischung weltlicher 
Obrigkeiten in die Substanz des wissenschaftlichen Lehrbetriebes in 
Deutschland vor uns. Die Sache ist um so merkwürdiger, als es 
sich nicht um eine Anweisung des Kölner Erzbischofs handelt, der 
immerhin das geistliche Oberhaupt des Kölner Klerus (wenn auch 
nicht der Patron der Universität) war, sondern (was die historische 
Literatur, Prantl blindlings folgend, meist übersehen hat) um 
eine Mahnung und Warnung „der deutschen Kurfürsten" (im 



1 Abdruck: Duplessis d'Argentre, Collectio iudiciorum de novis errori- 
bus, (Paris 1728) I, pars 2, p. 220 — 23. Auszug bei Prantl IV 148ff. 

2 Doctrinam arlium reduxerunt ad alium stilum humiliorem et ad alios 
terminos et modos legendi, ex quibus nulluni derivari possit erroris conlagium. 
Da von doctrina artium die Rede ist, bezieht sich das Ganze also primär auf 
die philosophische Disziplin, erst sekundär {derivando) auf die Theologie. 



40 Gerhard Ritter: 

Plural!) 1 . Keussen hat neuerdings aus dem Pariser Original die 
Namen der beteiligten Herren mitgeteilt: Konrad von Mainz, 
Dietrich von Köln, Otto von Trier, Pfalzgraf Ludwig und Herzog 
Friedrich zu Sachsen 2 . Wie kamen aber die deutschen Kurfürsten 
dazu, sich in die wissenschaftlichen Meinungen der Kölner Magister 
einzumischen und ihnen die Einführung okkamistischer Philo- 
sophie aufzudrängen ? Irgendeine Denunziation muß vorgelegen 
haben, und es ist nicht schwer zu vermuten, woher sie gekommen 
sein mag. Eben in jenen Jahren erfüllt die Sorge vor der Aus- 
breitung der hussitischen Ketzerei alle geistliche und weltliche 
Politik; die Rüstungen zum Kampfe gegen die böhmischen Unruhe- 
stifter sind der Gegenstand aller Tagungen fürstlicher und städti- 
scher Reichsstände. Gerade um 1424 benützen die Kurfürsten, zu- 
mal die rheinischen, die schwierige Lage des Kaisers Sigmund zu 
engerem gegenseitigen Zusammenschluß, der ebenso die Förderung 
ihrer oligarchischen Bestrebungen wie die gründliche Ausrottung 
der hussitischen Ketzereien zum Ziel hat. Wir hören u. a. aus 
oberrheinischen und anderen Städten von der Abnahme besonderer 
„Ketzereide" von der Bürgerschaft auf Veranlassung der Kur- 
fürsten 3 . Nun beruhte die hussitische und wiklifitische Lehre auf 
einem extremen philosophischen Realismus, der in der Tat im 
Sinne des kirchlichen Dogmas zu argen Ketzereien führte. An 
der Heidelberger Universität spielte die Bekämpfung dieser Prager 
Ketzereien fortdauernd eine große Rolle 4 . Das Aufblühen der 
pfälzischen Hochschule in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens 
beruhte zum guten Teil auf ihrem zugleich rechtgläubigen und 
„modernen", also antirealistischen Charakter, der ihr reichen Zu- 
zug von verdrängten deutschen Akademikern aus Prag gebracht 
hatte. Gleichzeitig machte sich aber die Konkurrenz des 1389 
gegründeten Kölner Studiums in der Abnahme des Zulaufs von 
Studierenden aus dem Rheinland stark bemerkbar. Sollte diese 



1 Prantl IV, 149, N. 616 behauptete fälschlich, Bianco habe diese 
Angelegenheit mit Stillschweigen übergangen. Bianco (I, 238 — 41) hat richtig 
die rhein. Kurfürsten als Verfasser des betr. Schreibens genannt. 

2 Regesten und Ausz. z. Gesch. d. Universität Köln 1388 — 1559, Nr. 434 
(Mitt. a. d. Stadtarchiv von Köln XV, 1918). 

3 Deutsche Reichstagsakten VIII, Xr. 295, Xr. 89ff. u. passim. 

4 Bekämpfung der „modernen Lehre" durch Hieronymus von Prag 1406 
und dessen Ausschließung in Heidelberg 1406: ÜB II, 161; Hautz I 232; 
ferner vgl. ÜB I Nr. 70, ÜB II, 210 und meine Darstellung im ersten Bande 
der Heidelberger Universitätsgeschichte. 



Studien zur Spätscholastik. II. 41 

Situation etwa Veranlassung geworden sein zu einer Verdächtigung 
der Kölner „Realisten" wenn auch nicht als Ketzer, so doch als 
Anhänger einer Lehre, die mit den böhmischen Ketzereien eine 
unter Umständen gefährliche Verwandtschaft besitze ? Die strenge 
Kirchlichkeit des Pfälzer Kurfürsten Ludwig scheint das gewöhn- 
liche Maß überschritten zu haben. Sein enges Verhältnis zu seiner 
Universität, insbesondere zu deren Theologen, die bedeutsame 
Rolle, die er auf dem Konstanzer Konzil spielte, der Reformeifer 
seiner Heidelberger Theologen, voran des Nikolaus von Jauer — 
das alles würde zu der angedeuteten Annahme stimmen; Kurfürst 
Ludwig und Erzbischof Dietrich, heißt es in dem Schreiben der 
Herren an die Stadt Köln, haben sich bereits vergeblich bei den 
xMeistern um eine Änderung bemüht. Offenbar war es den Heidel- 
bergern gelungen, die kirchlichen Besorgnisse der — in gelehrten 
Dingen natürlich unerfahrenen — rheinischen Kurfürsten zu einem 
Druck auf die Kölner Universität auszunutzen 1 . Die Klagen jenes 
kurfürstlichen Erlasses über die schwierige „Subtilität" der reali- 
stischen Lehre, das Lob der viel einfacheren und faßlicheren „mo- 
dernen" Doktrin klingen uns merkwürdig bekannt: sie erinnern an 
die alten Streitsätze der Pariser Nominalisten gegen die „forma- 
listische" Lehre des doctor subtilis, Duns Scotus; wir kennen sie 
längst von Johannes Gerson her. 

Natürlich war es für die Kölner Magister nicht schwer, die 
Grundlosigkeit der gegen sie erhobenen Beschuldigungen nachzu- 
weisen. Sie wiesen vor allem mit Nachdruck auf die für beide 
Schulen gemeinsame aristotelische Grundlage des Unterrichts hin. 
Von Anfang an habe man in Köln wie anderswo die aristotelischen 
Texte zugrunde gelegt und mit quaestiones et dubia circa eosdem 
incidentes erläutert. Dabei sei es niemandem verwehrt, neuere 
Autoren neben den altern heranzuziehen: neben dem Aristoteles den 
Averroes, Avicenna, Eustatius, Boethius, Themistius, Thomas, Al- 
bert, Egid, Buridan oder andere, je nachdem es der behandelten 
Materie am besten entspräche. Von dieser Erlaubnis werde auch 
ausgiebig Gebrauch gemacht : niemandem sei die via modernorum 
verwehrt, und bei der Abfassung von Quästionen (componendj 
libros quaestionaliter) pflegten die Kölner Magister sogar sehr häu- 



1 Auch die Kölner Universität vermutet, daß hinter der ganzen Aktion 
irgendwelche heimlichen informatores litterati stecken und bittet darum, diese 
ans Licht zu ziehen; man fühlt ihre Verwunderung, quod generosi . . . prin- 
cipes in hac materia loquuntur, prout clam ab aliis . . . informantur. 



42 Gerhard Ritter: 

fige Zitate neuerer Autoritäten einzuflechten. Auch die Ansichten 
des Buridan und Marsilius würden gern benutzt, um sie in den 
Quästionen der Lehre der alten Meister gegenüberzustellen und so 
die Materie noch besser zu erläutern. Ganz ähnlich sei übrigens die 
Ordnung auf den anderen deutschen, italienischen, französischen 
und englischen Universitäten: nirgends bestünde ein grundsätz- 
liches Verbot, die neueren Autoren neben den alten heranzuziehen 
— soweit sie nur mit Maßen (sobrie) und ohne Schmähung der 
Gegenseite verwendet würden. 

Das sind offenbar recht sophistische Ausflüchte, die den Kern 
der Sache umgehen: die Frage nämlich, ob die via modemorum 
auch als Grundlage des Unterrichts, nicht nur in Zitaten, in Köln 
Gleichberechtigung genieße ? Zweifellos war das nicht der Fall. 
Die ältesten Statuten der Kölner Artisten hatten es freilich offen 
gelassen, wenigstens die summula des Petrus Hispanus mit Be- 
nützung Buridans zu traktieren 1 . Seit 1415 aber hatte sich die 
Fakultät ganz eindeutig auf den bei ihr herkömmlichen modus 
legendi (d. h. nach thomistisch-albertistischer Lehre) festgelegt, 
unter ausdrücklichem Ausschluß der „ehemals verachteten, ver- 
worfenen und abgeschafften, jetzt aber von gewissen Parisern 
erneut eingeführten" Methode der moderni 2 : (Offenbar war es 
dieses Vorgehen der Kölner, das wenige Jahre später in Löwen 
Nachahmung fand, als die Artistenfakultät der dortigen, eben erst 
gegründeten Universität alle nominalistische Doktrin streng unter- 
sagte 3 .) Man weiß darum nicht recht, was man von der weiteren 
Versicherung der Kölner Magister halten soll: jeder Scholar könne 



1 Bianco I, 64 und 71. 

2 Quod modus legendi, doctrinandi et libros philosophi exponendi, qui ab 
initio studii assumptus erat, deinceps servari deberet et quod nullus presumeret 
Mo modo derelicto alium modum de novo a quibusdam Parisiensibus introductum 
et resumptum, quondam spretum, reprobatum et abolitum . . . inducere. Aus dem 
lib. fac. art. I, fol. 58 1:) mitget. von L. Korth, Annalen des histor. Ver. f. d. 
Niederrhein 50, p. 68 (1890). 

3 Gründung der Löwener Universität: 1425; schon 1427 verbot die 
dortige Artistenfakultät die Lehren „des Buridan, Marsilius, Okkam und 
ihrer Parteigenossen"; 1480 bestrafte sie einige ihrer Mitglieder wegen okka- 
mistischer Interpretation des Aristoteles und schritt 1486 in ähnlicher Weise 
gegen nominalistische Äußerungen eines Univ. -Angehörigen ein. — Vgl. La- 
minne, Bull, de l'Acad. royale de Belgique, Cl. des lettres 1906, p. 383/4 nach 
Molanus, Hist. Lovaniensium libri XVI, ed. de Rani, I, 582. Vgl. ferner: 
H. de Jongh, L'ancienne faculte de theologie de Louvain 1432 — 1540, Löwen 
1911 u d. dort zitierte Literatur zur Löwener LTniversitätsgeschichte. 



Studien zur Spätscholastik. II. 43 

sich in Köln entsprechend seiner via prüfen und promovieren 
lassen; eine nähere Erläuterung, wie das gemeint sei, wird nicht 
gegeben. 

Die Magister können denn auch nicht ganz leugnen, daß 
die Lehre des Thomas und Albert — trotz jener angeblichen 
Lehrfreiheit — tatsächlich das Kölner Studium beherrscht. Auch 
die benachbarten Partikularschulen, sagen sie, sind auf „die hier 
übliche Methode" {via in Colonia currens) eingeübt, und schon 
darum ist ihre Abschaffung undurchführbar. Aber das Haupt- 
interesse ist doch — und damit blicken wir tiefer in die Substanz 
des dortigen Lehrbetriebes hinein — das theologische. Wollte man 
den Artisten den heiligen Thomas verbieten, so würde man auch 
den Theologen den Zugang zu ihm versperren 1 . Was sind aber 
Buridan, Marsilius und andere simple Artistenmagister (simplices 
magistri artium) gegen diesen großen Kirchenmann und Gelehrten ? 
Nicht ohne leise Ironie wird der Versuch abgetan, den großen 
Kirchenheiligen und Dominikanermönch häretisch bedenklicher 
Lehren zu bezichtigen. Daß die thomistische Philosophie nicht 
schwerer zu lernen sei als die moderne, und daß die hussitische 
Ketzerei aus Wiklifs Einfluß und aus nationalen Reibungen, nicht 
aber aus dem Realismus zu erklären sei, wird recht eindrucksvoll 
nachgewiesen. Nebenbei erfahren wir, daß in Paris seit „etwa 20 
Jahren" — nach vorübergehender Herrschaft des Nominalismus — 
ausschließlich die ältere Philosophie thomistischer Richtung gelte 
(was ausgezeichnet zu der Pariser Denkschrift von 1473 stimmt); 
somit würde ein Verbot des Thomismus nur eine Abwanderung 
zahlreicher Scholaren nach Frankreich zur Folge haben. 

Es ist zu vermuten, daß diese letzte Warnung auf die Landes- 
herren der Universität den stärksten Eindruck gemacht hat und daß 
die Hochschule in ihrem Herkommen unbehindert geblieben ist. Für 
uns ist vor allem wichtig, daß hiernach der Gegensatz Nominalismus- 
Realismus sich schon zu Anfang des Jahrhunderts nach Deutsch- 
land übertragen hat und in der natürlichen Rivalität der beiden 
rheinischen Hochschulen zum Ausdruck kommt, die später beim 
Ausbruch der Streitigkeiten zwischen via moderna und via antiqua 
die Hauptrolle spielten. Zugleich wird deutlich, daß die philo- 
sophische Kontroverse auf Seiten der via antiqua schon in diesem 

1 Facultatis artium cum facultate theologiae tarn insolubilis est connexio, 
quod per idem valere est prohibere huius doctrinae usum in artibus et in theologia 
et permittere in theologia et in artibus. 



44 Gerhard Ritter: 

Stadium wesentlich durch das theologische Interesse bestimmt wird. 
Die Frage ist, ob der spätere Ausbruch des Schulstreites auf den 
deutschen Universitäten etwa von der Theologie aus veranlaßt 
wurde ? Das führt von selbst zu der Vorfrage, wie es mit den theo- 
logischen Parteiverhältnissen während der ersten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts in Deutschland stand, und ob die als „modern", d. h. 
als okkamistisch geltenden Universitäten theologisch ebenso ein- 
seitig festgelegt waren, wie die Kölner Magister auf ihren Albert 
und Thomas. 

Für die meisten der älteren deutschen Universitäten wird sich 
diese Vorfrage nicht mit völliger Sicherheit beantworten lassen, 
weil es an den nötigen Quellenstudien gebricht. Selbst was wir 
von den Anfängen der Wiener theologischen Fakultät wissen — 
von Heinrich von Langenstein und seinem Genossen Heinrich von 
Oyta — reicht kaum über den Umkreis der kirchenpolitischen und 
praktisch-erbaulichen Schriften dieser Autoren hinaus. Wir hören 
von starken naturwissenschaftlichen Interessen Langensteins, von 
mystischen Neigungen, von zahlreichen Anweisungen für die kirch- 
liche Praxis und erbaulichen Schriften, von sozialethischen und 
volkswirtschaftlichen Versuchen 1 , von politischen Traktaten — aber 
aus alledem ist eine scharf ausgeprägte philosophisch-theologische 
Parteifarbe des Autors nicht zu erkennen; seine dogmatischen und 
exegetischen Arbeiten — offenbar nicht der wichtigste Teil seines 
Lebenswerkes — sind inhaltlich noch ganz unbekannt. Es scheint 
aber aus kleinerenTraktaten hervorzugehen 2 , daß er dem heiligen 
Bernhard innerlich nahestand. Trifft das zu, dann würde es jeden- 
falls nicht für eine extrem okkamistische Theologie sprechen. Seine 
allgemeine — eigentlich auch mehr vorausgesetzte als bewiesene — 
Zugehörigkeit zur Pariser Okkamistenschule beweist theologisch 
nicht allzuviel, wie das Beispiel des Marsilius von Inghen zeigt. 
Von den Wiener Kollegen und Nachfolgern Langensteins zu An- 
fang des 15. Jahrhunderts kennt man bis heute überhaupt nicht 
viel mehr als ihre Namen und einige Titel ihrer Schriften. 

Für Erfurt ist das Vorwiegen der okkamistischen Tradition 
innerhalb der artistischen Fakultät durch soviele Quellen überein- 



1 Die volkswirtschaftlich-sozialeth. Studien der Okkamisten seit Nik. 
von Oresme verdienten eine besondere Untersuchung. In den „Soziallehren 
der christl. Kirchen" von E. Troeltsch sind sie ganz übergangen. 

2 Hartwig, H. v. Langenstein, 73 u. 78 ff. 



Studien zur Spätscholastik. II. 45 

stimmend bezeugt, daß es nicht ernstlich bezweifelt werden kann 1 . 
Die dortige Theologie pflegt man unbesehen unter dasselbe Schema 
zu bringen, und in der Tat sind gegen Ende des Jahrhunderts die 
Usingen und Trudvetter, die Lehrer Luthers, auch als theologische 
Fachvertreter waschechte Okkamisten. Wie aber, wenn es sich bei 
ihnen ähnlich wie bei ihrem Zeitgenossen Gabriel Biel, dem Tübin- 
ger, um eine späte und bewußte Erneuerung des echten Okkamis- 
mus handelte, nicht um eine lebendig-kontinuierliche Schultradi- 
tion ? Jedenfalls beweist die streng okkamistische Haltung dieser 
spätesten Erfurter noch nicht, daß schon zu Anfang des Jahr- 
hunderts die Parteifarbe der dortigen Theologie ebenso deutlich 
sichtbar war — mag auch damals im Bezirk der Logik der Okka- 
mismus vorgewaltet haben. Und in der Tat zeigen sich starke 
Spuren thomistischer Theologie auch auf diesem Boden: die Sta- 
tuten des großen collegium Amplonianum zielen ausgesprochener- 
maßen auf nichts anderes ab als auf eine Einführung der Studie- 
renden in die Theologie des doctor sanctus. Weniger bedeutsam 
erscheint mir das Auftauchen einzelner thomistischer Schriften im 
Besitz von Erfurter Lehrern oder die Apologetik des Thomismus 
durch den Karthäusermönch Johannes vom Hagen, der eine Zeit- 
lang in Erfurt studiert hat — Notizen, auf die Benary ein über- 
trieben großes Gewicht legt 2 . Dergleichen Dinge kamen schließlich 

1 Benary 1. c. tut so, als ob diese Ansicht sich ausschließlich auf eine 
(übrigens ganz eindeutige) Stelle des Heidelberger manuale scholarium stützte, 
das er nicht ernst nehmen möchte. Aber was er selbst gegen diese auch von 
Bauch (Universität Erfurt im Zeitalter des Frühhumanismus) und von 
Kampschulte, also immerhin von gründlichen Kennern dieser Verhältnisse 
geteilte Annahme vorbringt, ist größtenteils kraftlos. Er stützt sich mit Vor- 
liebe auf Matrikelnotizen u. dgl.; Erfurter Studierende und Magister, die nach 
Köln gehen oder von dort herkommen, beweisen ihm, daß auch die thomi- 
stische Doktrin in Erfurt gelehrt worden sei, und umgekehrt. Aber solche 
Übersiedelungen, wie sie zumal unter den zahlreichen Ordensmitgliedern der 
Erfurter Universität ganz selbstverständlich sind — genau so auch z. B. in 
Heidelberg vor der Einführung der via antiqual — , beweisen wenig oder nichts. 
Wer will wissen, ob die Verwandtschaft der Schulen und nicht irgendein 
ganz äußerliches Motiv den Anlaß zur Übersiedlung gab ? Wie häufig war der 
- auch in den Statuten regelmäßig vorgesehene — Übertritt von einer via 
zur andern! (B.p. 35 ff.). Im einzelnen finden sich bei B. noch zahlreiche Schief- 
heiten (bes. p. 61 ff.), deren Widerlegung nicht immer lohnt. Woher weiß er 
z. B., daß die Franziskaner im Normalfall immer Skotisten waren? Auch 
Okkam war bekanntlich Franziskaner! 

2 1. c. 27, 35 ff. Über das Amplonianum die Nachweise ibid. 61 ff. Die 
kräftige Betonung der thomistischen Haltung des Ampi, ist ein zweifelloses 



46 Gerhard Ritter: 

überall vor, ohne daß man daraus Rückschlüsse auf den Geist der 
ganzen Universität ziehen dürfte. Soviel aber scheint erwiesen, 
daß in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Erfurt thomi- 
stische Theologie in weitem Umfange gelehrt und gelernt wurde, 
während gleichzeitig (und zwar ebenfalls im Amplonianum, wie 
dessen Bücherbestände noch heute erweisen 1 ) logische und physi- 
kalische Handbücher der modernen Schule auf das eifrigste benutzt 
wurden. Ältere Darsteller haben gemeint, diese thomistischen Ten- 
denzen als eine merkwürdige „Unterströmung" der eigentlich okka- 
mistischen Erfurter Tradition oder als bedeutungslose Abweichung 
vom echten Erfurter Geist auffassen zu müssen 2 . Benary hat in 
berechtigtem, aber allzu radikalem Widerspruch dagegen der Er- 
furter Universität jedes nähere Verhältnis zum Okkamismus ab- 
gesprochen. Hält man aber die verschiedenen Epochen und Wissens- 
disziplinen gehörig auseinander, so bietet das Bild der Erfurter Ver- 
hältnisse — im einzelnen noch der Aufhellung bedürftig — dem 
historischen Verständnis keine besonderen Schwierigkeiten. Es be- 
stätigt nur unseren früheren, schon aus dem Studium des Marsilius 
von Inghen gewonnenen Eindruck, daß man auf deutschem Boden 
die logische Grundlegung der Philosophie mit den Mitteln der okka- 
mistischen Schule nicht ohne weiteres als unvereinbar empfand mit 
dem Aufbau einer zu Thomas neigenden Theologie. 

Es ist wichtig, sich dieses Schlummern der Gegensätze vor dem 
Ausbruch der späteren Kämpfe recht deutlich zu machen, um deren 
historische Tragweite richtig einschätzen zu können. Die deutschen 
Universitäten im Osten und Norden (Leipzig, Rostock, Greifswald) 
haben nach Auskunft ihrer bisher bekannt gewordenen Akten einen 
eigentlichen Kampf zwischen via moderna und antiqua überhaupt 
nicht erlebt 3 : der Inhalt der dort überlieferten Lehre ist im ein- 



Verdienst Benarys gegenüber der Einseitigkeit früherer Darstellungen. In- 
teressant ist besonders der Haß des Amplonius gegen den extremen Realismus 
der Prager Ketzereien bei vorwiegend thomistischer Geisteshaltung: als histo- 
rische Tatsache eine vorzügliche Widerlegung der 1425 gegen die Kölner 
erhobenen Beschuldigungen. 

1 Vgl. z. B. die frühen Erfurter Abschriften nach Marsilius von Inghen 
in dem Handschriftenverzeichnis meiner I. Studie! 

2 Am sonderbarsten wieder Hermelink, Theol. Fak. 194, A. 5, der von 
..lautloser Überwindung des Terminismus" u. dgl. redet. 

3 Vgl. für Leipzig die sehr interessanten Mitteilungen von Helssig in: 
Beiträge zur Geschichte der Universität Leipzig im 15. Jahrhundert (Fest- 
gabe 1909) II, 30/31. — Nach Mitteilung des manuale scholarium (vgl. darüber 



Studien zur Spätscholastik. II. 47 

zelnen noch unerforscht. Ihre Aufhellung müßte uns erst recht 
begreiflich machen, wieso jenes reibungslose Zusammenarbeiten 
einander widerstrebender Tendenzen, die man aus der scholasti- 
schen Tradition übernahm, überhaupt möglich war. Für den Aus- 
bruch des Kampfes dagegen kommen nur die beiden Rivalinnen 
am Rhein in Betracht: Köln und Heidelberg. Man vermutet so- 
gleich, daß ihre Beziehungen untereinander und zu der mütterlichen 
Pariser Korporation dabei eine erhebliche Rolle spielen werden. 
Der Ausbruch des Kampfes erfolgte in Heidelberg. Alle andern 
deutschen Universitäten, auf die er sich später ausbreitete, wurden 
erst gegründet, als in Heidelberg das Nebeneinander der beiden 
Wege längst geregelt war, und das Heidelberger Vorbild war für 
den Verlauf der Auseinandersetzung notwendigerweise höchst be- 
deutsam. Die Betrachtung der Heidelberger Verhältnisse ist 
deshalb für das Verständnis des Ganzen entscheidend. 



Leider fließen auch hier die Quellen spärlich. Für die beiden 
ersten Jahrzehnte nach der Gründung freilich können wir uns eine 
einigermaßen zureichende Vorstellung von dem Inhalt der hier 
gelehrten Philosophie und Theologie bilden. Dann läßt die Ergie- 
bigkeit der noch erreichbaren Quellen rasch nach 1 . 

Die Theologie des Marsilius von Inghen kennen wir und wissen, 
daß sie den hochscholastischen Systemen, insbesondere dem Tho- 
mismus, bei weitem nicht so fern stand wie die Lehre Okkams. Von 
seinen nächsten Kollegen hat Konrad von Soltau einen Sentenzen- 
kommentar hinterlassen, der uns handschriftlich erhalten ist 2 . Der 
Inhalt, über den ich an anderer Stelle zu berichten gedenke, zeigt 
eine ziemlich unselbständige, eklektische Haltung des Autors, der 
gelegentlich zwischen thomistischen und skotistischen Gedanken- 
reihen schwankt, im ganzen aber kein Hehl daraus macht, daß er 
dem Thomas von Straßburg in allen wesentlichen Fragen sich an- 
schließt. Nun gehört das vielgelesene Sentenzenwerk des genannten 
Augustinertheologen selber zu den scholastischen Leistungen zwei- 
ten Ranges: es folgt im ganzen dem Aquinaten oder dessen Ver- 



meine oben S. 15 angekündigte Sonderabhandlung!) hätte zu Anfang des 
15. Jahrhunderts auch in Leipzig der (wohl von Paris über Prag eingewanderte) 
Okkamismus überwogen, seit der Mitte des Jahrhunderts dagegen der Thomis- 
mus die andern Schulen in den Schatten gestellt. 

1 Die nähere Ausführung behalte ich mir für meine Universitäts- 
geschichte vor. 2 Glm. 18 359. 



48 Gerhard Ritter: 

ehrer Aegidius von Rom 1 , ist aber bereits mehr praktisch-religiös 
als philosophisch interessiert und wenig original. Wir haben es also 
bei Konrad von Soltau sozusagen mit einer Theologie aus dritter 
oder vierter Hand zu tun. Sein Buch steht auf der Grenze zwischen 
ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit und bloßem Schulbuch. Kon- 
rads eigentliche Leistung lag auf dem Gebiete der hohen Politik 
im Dienste König Ruprechts und als Unterhändler der Universität. 
Aber die dogmatische Theologie scheint überhaupt nicht die Stärke 
dieser, Jahrzehnte hindurch recht ansehnlichen Fakultät gewesen 
zu sein. Sie weist in ihrer Art bedeutende Gestalten auf; Männer 
wie Konrad von Soest, Matthäus von Krakau, Heinrich der Jüngere 
von Hessen, Nikolaus Magni von Jauer, Johannes von Frankfurt 
gehören zu den namhaften deutschen Theologen, deren Andenken 
noch gegen Ende des Jahrhunderts nicht erloschen war; einzelne 
ihrer Schriften haben sogar noch eine Auferstehung im Druck 
erlebt. Es wird auch von dogmatischen Schriften (Sentenzen- 
kommentaren) aus diesem Kreise berichtet; Stücke davon haben 
sich handschriftlich erhalten 2 . Aber die wesentliche Bedeutung 
dieser Männer beruht durchweg auf ihrer praktischen Tätigkeit und 
ihren Schriften zu praktischen Fragen des religiösen und kirch- 
lichen Lebens. Nichts berechtigt uns zu der Annahme (die der 
herkömmlichen Vorstellung von diesen Verhältnissen entsprechen 
würde), daß der aus Paris nach Heidelberg verpflanzte „Okkamis- 
mus" nun sogleich eine theologische Richtung von irgendwie her- 
vortretender Parteifarbe im Sinne der großen theologischen Kontro- 
versen des 13. und 14. Jahrhunderts erzeugt habe. Alles, was uns 
von diesen Dingen bekannt ist, macht es unwahrscheinlich, daß in 
diesen ersten Heidelberger Theologengenerationen die alten dogma- 
tischen Gegensätze überhaupt eine bedeutende Rolle gespielt haben: 
Sehr bedeutend ist ihr Anteil an den Bestrebungen zur Reform des 
Klerus und des ganzen kirchlichen Lebens. Eine der berühmtesten 
und heftigsten unter den damaligen reformatorischen Flugschriften, 
der Traktat De squaloribus curiae Romanae, stammt wahrschein- 
lich (trotz mancher literarhistorischer Bedenken) in sehr wesent- 
lichen Teilen von Matthäus von Krakau, dessen Prager Synodal- 
reden schon dieselbe Leidenschaft im Kampfe gegen die Verwelt- 
lichung des Klerus zeigen. Politische Missionen im Dienste des 



1 Über ihn vgl. Seeberg DG. III 3 , 622 und K. Werner, Die Scholastik 
des spätem MA. III. 2 So von Konr. v. Soest, z. II. u. III. Buche; 

Clm. 14202. 



Studien zur Spätscholastik. II. 49 

pfälzischen Landesherrn brachten den Magister in intime Berüh- 
rung mit dem großen Pfründenschacher in Rom; das scheint für 
ihn der Anlaß gewesen zu sein zum Fortschreiten über die For- 
derung der Reform an den „Gliedern" hinaus zur Kritik am 
,, Haupte" der Kirche. Kirchliche Reformideen erfüllen auch seinen 
Kollegen Nikolaus Magni von Jauer aufs stärkste und klingen über- 
haupt immer wieder in den Schriften der Heidelberger Theologen 
an. Es sind die Traditionen eines Konrad von Gelnhausen und 
Heinrich von Langenstein, die aufregenden Probleme des kirch- 
lichen Schismas, die damals in diesem Kreise am lebendigsten fort 
wirken. Dahinter treten die dogmatischen Gegensätze fühlbar 
zurück 1 . Vielleicht darf man sogar in besonderem Sinne von dog- 
matischer Weitherzigkeit der Heidelberger Universität sprechen. 
Während der neuentdeckte Bücherkatalog der Kölner Artisten- 
fakultät eine annähernd vollständige Ausschließung nichtrealisti- 
scher Literatur erkennen läßt, ist von solcher Einseitigkeit in Heidel- 
berg nicht die Rede. Sowohl die Bücherstiftungen aus dem Nach- 
laß einzelner Professoren zu Anfang des Jahrhunderts, wie die große 
kurfürstliche Bücherschenkung von 1438 2 und die Bibliotheks- 
kataloge von 1461 3 zeigen, daß der Gesichtskreis der Theologen 
durchaus nicht auf den Bezirk einer bestimmten Partei beschränkt 
blieb: da spielen die dogmatischen Werke nicht okkamistischer Her- 
kunft mindestens eine ebenso große Rolle, wie die der „modernen" 
Schule. Matthäus von Krakau z. B. besitzt an Sentenzenwerken 
überhaupt nur Thomas, Bonaventura und „Adam" (Goddam?). 
Die summa contra gentiles des Thomas und andere thomistische 
Werke sind ganz auffallend stark vertreten und zeigen, welche Be- 
deutung der Kirchenheilige damals schon für die ganze schola- 
stische Theologie besaß. Weit überwiegend freilich finden wir 
Kirchenväter, Homilien-, Erbauungswerke und Bibelkommentare 
vor; man muß sich überhaupt vorstellen, daß dieTheologie auf den 
Universitäten als Lehrfach weit mehr dem Bibelstudium und 



1 In Fragen der theologischen Praxis spielen die dogmatischen Gegen- 
sätze naturgemäß kaum eine Rolle. Es beweist darum für die theologische 
Parteifarbe noch nichts, wenn Nik. Magni sich dem hl. Thomas in der Be- 
kämpfung des Aberglaubens eng anschließt. Sein modern-katholischer Bio- 
graph Ad. Franz rechnet ihn (und die ganze Heidelberger Fakultät!) gleich- 
wohl kurzerhand zum Thomismus. Das ist voreilig. Doch spielt Thomas 
in der Tat eine auffallend große Rolle in der Heidelberger Theologie — darüber 
vgl. das folgende im Text. 2 Toepke I 653ff.: Ludwigs III. Stiftung: Acta 
Palat. I (1766) p. 406—420. 3 Cod. Heid. 358, 47. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philoa.-hist. Kl. 1922. 7. Abh. -1 



50 Gerhard Ritter: 

praktisch-kirchlichen Zwecken, als der Förderung theoretischer 
Dogmatik diente. Dazu mag beigetragen haben, daß die Sentenzen- 
vorlesung als Pflichtvorlesung der Bakkalare betrachtet wurde, die 
Ordinarien dagegen nur zu kommentierenden Bibelvorlesungen ver- 
pflichtet waren. 

Im übrigen versiegt seit etwa 1420 die literarische Überliefe- 
rung — und vermutlich auch Tätigkeit — der Heidelberger Theo- 
logen bereits bedenklich. Sieht man von einer Unmasse erhaltener 
Predigtliteratur und akademischer Prunk- und Gelegenheitsreden 
aus diesen Jahren ab — was mir davon zu Gesicht gekommen ist, 
trägt durchweg theologisch gar keine Farbe — , so bleibt eigentlich 
nur eine Gestalt als wissenschaftlicher Charakter erkennbar: die 
des Pariser Magisters Johannes Wenck aus Herrenberg, der seit 1427 
der Heidelberger theologischen Fakultät angehörte. Er trat hier 
ein unter der Ägide des Nikolaus Magni von Jauer, damals wohl 
des bedeutendsten Heidelberger Theologen, und erwarb sich wäh- 
rend der Jahrzehnte bis 1460 — dreimal zum Rektor gewählt — 
eine führende Stellung in Fakultät und Universität. Während des 
Baseler Konzils hielt er — nach dem Zeugnis des Nikolaus von 
Cues — auch dann noch zur konziliaren Partei, als Eugen IV. sich 
von der Versammlung losgesagt hatte und die ganze übrige Uni- 
versität zu vorsichtiger Neutralität übergegangen war. In dieser 
Haltung ist er vielleicht dem großen Cusaner persönlich entgegen- 
getreten 1 . Das Verzeichnis der von ihm verfaßten Schriften, die er 
der Universität vermachte, weist außer einer Reihe von exegeti- 
schen Arbeiten zum alten Testament, Predigten und erbaulichen 
Abhandlungen u. a. eine Vorlesung über die „himmlische Hierarchie 
des Dionysius Areopagita" auf 2 , die schon ihrem Titel nach aus 



1 Vgl. Nik. Cusani Apologia de docta ignorantia (in der 2 bändigen un- 
datierten Ausgabe der Heidelb. U.B., ohne Titelbl., veranstaltet von Rolan- 
dus Marchio Pallavicinus, ca. 1502, Bl. 94 b — unsigniert — ): ... ille wenck, 
qui ab universis doctoribus heydelbergensis studii abierat et partem damnatam 
basiliensium sumpsit, in qua fortassis pertinaciter persistit, veritatis defensorem 
(i. e. Nie. Cusanum) pseudo-apostolum nominare non erubuit. Curavit enim, 
ut eum ipsum . . . eunetis odiosujn . . . jaceret. 

2 Circa dyonisium de celesti Jerarchia cum textibus dyonisii novissime 
translationis (erhalten: Cod. pal. lat. Vat. 149, Bl. 1 — 139, datiert 1455). 
Ferner: Kommentare zu Jeremiä Klagliedern, Genesis, Exodus, Leviticus; 
ein exercicium in theologia; ein memoriale divinarum officiorum tarn de tempore 
quam de sanetis (erhalten: in Karlsruhe Nr. 1036, in Mainz d. Original = cod. 
Carthus. 132, in München Clm. 8868, Ostermontag 1446 vollendet); sermones 



Studien zur Spätscholastik. II. 51 

dem Rahmen der üblichen akademischen Lektionen herausfällt; 
vieles von diesen Schriften ist erhalten geblieben. Außerdem besit- 
zen wir neuerdings seine Streitschrift gegen die docta ignorantia des 
Nikolaus von Cues: De ignota litteratura, die Vansteenberghe in 
einer Mainzer Sammelhandschrift entdeckt und herausgegeben hat 1 ; 
sie bildete die Veranlassung zu einer Replik, die unter dem Titel 
Apologia doctae ignorantiae in allen alten Druckausgaben der Werke 
des Cusaners der verteidigten Hauptschrift beigefügt wurde; ein 
vertrauter Schüler des großen Denkers schildert darin einem andern 
Adepten den Verlauf eines Gespräches, in dem er den Meister zu 
polemischen Erwiderungen auf den Angriff Johannes Wencks ver- 
anlaßt hat. Die Geistesart unseres Heidelberger Professors ist aus 
alledem mit einiger Deutlichkeit zu erkennen. Zugleich aber fällt 
von hier aus ein überraschend helles Schlaglicht auf das Verhalten 
der Universitätsgelehrsamkeit gegenüber den großen geistigen Strö- 
mungen der Zeit. 

Johannes Wenck überragte sicherlich den Durchschnitt seiner 
Heidelberger Kollegen. Er mochte sogar als ein hervorragend zeit- 
gemäßer Theologe gelten. Den neuplatonisch-mystischen Neigun- 
gen des Zeitalters kann er nicht ganz fern gestanden haben; an 
den in und nach der Konzilsepoche neu einsetzenden Bestrebungen 
zur Vereinfachung und Verinnerlichung der theologischen Schul- 
gelehrsamkeit hat er sich mit Eifer beteiligt. Und doch stellt er 
sich mit sehr geringem Verständnis, als überzeugter und typischer 
Verteidiger der Schulzunft und Schultradition, dem überragend 
genialen Denker, der gerade die zukunftsreichsten Ideen der Epoche 
in seinem Geiste wie in einem Brennspiegel sammelte und zu einem 
originellen System verband, in den Weg. Im innersten blieb diese 
Schulweisheit gebunden an das Herkommen, nach Formund Inhalt, 
mochte sie sich noch so reformfreudig geberden. 

Schon in den Predigten Wencks fällt die häufige Berufung auf 
die neu platonischen Schriften des Dionysius Areopagita auf; sie 



et collaciones; ein tractatus „credile ewangelio" etc. — A. u. III, 73b (1460, 
juni 7). Predigten und Reden sind in großer Zahl erhalten: Cod. Pal. Lat. 
Vat. 149, 486, 600, Hdbg. U.B. Cod. Pal. Lat. 454, München Clm.. 7080, 
Wolfenbüttel cod. Weißb. 94. 

1 Le ,,de ignota litteratura" de Jean Wenck de Herrenberg contre 
Nicolas de Cuse, Bäumkers Beitr. VIII, H. 6, 1910, aus dem Cod. Cartus. 307 
der Mainzer Bibl. Ebendort ein Briefwechsel Wencks mit dem Abte Joh. 
von Gelnhausen. 



52 C.erhard Ritter: 

entsprach schwerlich den Traditionen des Heidelberger Okkamis- 
mus. Eine besondere Predigt ist dem Dionysius und seinen Ge- 
nossen gewidmet 1 . Vollends der Kommentar zur „himmlischen Hier- 
archie" erinnert uns daran, daß um dieselbe Zeit einer der frömm- 
sten, belesensten und reformerisch tätigsten Männer Deutschlands, 
Nikolaus von Cusas Vertrauter, der Karthäuser Dionysius Rickel, 
seinen Namenspatron als seinen Doctor electissimus betrachtete und 
ausführlich kommentierte 2 . Von dem Wenckschen Kommentar ist 
mir nur die Einleitung und ein kurzes Stück des Hauptteils aus 
Photographien bekannt; daraus läßt sich eine eigene Stellung- 
nahme des Autors zu den Ideen der Mystik nicht mit Sicherheit 
entnehmen; er herichtet in der Hauptsache nur über seine Vorlage. 
Immerhin lassen einzelne Stellen darauf schließen, daß er den 
religiösen Wert dieser Ideen begriffen hat ; er verwertet sie erbau- 
lich, freilich in streng biblischer, dogmatisch gewissermaßen unver- 
fänglicher Form 3 . Um so deutlicher wird das Verlangen ausge- 
sprochen — das sich gleichfalls bei Dionysius Rickel wiederfindet — , 
eine streng und nüchtern biblische, von allen eitlen Sophismen und 
Erfindungen des bloßen menschlichen Scharfsinnes befreite Theo- 
logie zu begründen 4 . Das wird mehrfach stark betont. Uns sind 
diese Bestrebungen schon von Johannes Gerson her bekannt; wir 



1 Zitat a. d. celestis hierarchia in einer collacio von 1434. Wolfenbütteler 
Cod. Weißb. 94, Bl. 113 a. Predigt über den hl. Dionys.:Cod. Pal. Lat. Vat. 149, 
Bl. 243/4 von 1457 (theologisch unergiebig). 

2 Werner, Scholastik d. späteren MA. IV, 210ff. — A. Mougel, Dio- 
nysius der Karthäuser (deutsche Übers.), Mülheim 1898, 29ff. 

3 Bl. 3a: Die „Gabe Gottes", Jak. 1,17 wird gedeutet: Ad quid (sunt 
dona dei) quam ad uniendum nos deo, ad cuius ymaginem et similitudinem 
facti sumus, quod nequaquam ignorabat . . . beatus Petrus (2. P. 1, 4), cum dixit: 
Deum nobis donasse maxima . . . promissa, ut per hoc efficiamur divine con- 
sortes nature, non quideni per natura»!, sed per gratiam. Die so entstandene 
Religion bändigt unsere vorher ungebundenen Affekte und fügt sie zur Ord- 
nung. Quem ordinem lex exprimit divina, que studet nos deo et adinvicem unire. 
Denn aus der gemeinsamen Gottesliebe vieler homines rationales entsteht die 
harmonia spiritualis deo placens. 

4 Bl. lb: Er warnt vor aller Spekulation, die nicht fest auf die Bibel 
begründet ist: querere debet (in sc ipturis sanctis) contemplationem non nudam 
ei vanam, sed lucentern scientiam et ardentem dilectionem. Scientia enim et 
dilectione contemplacio redditur alata, ut ascendere valeat valenter in ea, que 
divine similitudinis sind et ymittationis, ut racio exigit yerarchie posterius 
edocenda., quoniam ex nuda et vana divinaruni rerum speculatione sugunt impii 
interpretes scripturarum. Folgt ein Zitat aus Hilarius über die Gefahr will- 
kürlicher Exegese (Bl. 2a ff.): et incerto doctrinarum vento vasamur . . . sim- 



Studien zur Spätscholastik. II. 53 

werden später ihre Rolle im Schulstreit der via antiqua und via 
moderna genauer zu verfolgen haben. In diesem Streite gehörte 
Johannes Wenck -- wie sich gleichfalls später zeigen wird — zu 
den Führern der via antiqua. Um so gespannter ist unser Interesse 
an der Frage, wie er sich zu den Problemen des Universalien- 
streites stellte und welcher von den großen philosophischen Schulen 
des Spätmittelalters er am nächsten stand. Aus den mir bekannten 
Bruchstücken seiner Schriften ist darauf nicht ohne weiteres zu 
antworten. Einzelnes scheint auf thomistische Vorstellungen hin- 
zuweisen 1 ; in der Ignota litteratura dagegen polemisiert er in einer 
Weise gegen die universalizantes, die den Herausgeber auf die Mei- 
nung gebracht hat, er sei Nominalist gewesen 2 . In Wahrheit läßt 
der Zusammenhang der betreffenden Stellen keinen Zweifel, daß 
gar nicht von dem Universalienproblem im allgemeinen die Rede 
ist, sondern von der mystischen Verflüchtigung der Gottesvorstel- 
lung zu einem leeren Allgemeinbegriff, die ja in der Tat einer 



plicium aures verbis fallentibus illudimus .... Salvator ait: „Scrutamini scrip- 
turas!". Quoniam, ut ait Hilarius . . .: „Fides non de novis cartulis, sed de 
dei libris scitur, que non est in questione philosophica, sed in ewangelii doctruui ." 
Weiterhin wird gescholten über die curiosi, superbi et arrogantes scioli; Simon 
von Cassia wird zitiert gegen die von Eitelkeit aufgeblähten Theologen, qui 
maiorem arbitranlur se habere intelligenciam in investigacione doctrine, quam 
concedatur gratie, infusione et acquisicione studii, subtilitate ingenii, arte silogi- 
sandi, inani pericia disputandi eminentiora invenire se credunt, quam virtuti 
oralionis et inspiracionis concedatur. Multi novitate loqu ndi, miscendo cum 
supranaturali theologia naturam, cum scriptura divina philosophicam historiam 
atque poeticam et quod certum est. in dubium revocantes per „utrum", quod 
questione non indiget ad verborum controversiam revocare, per „utrum" modum 
loquendi propheticiun, Christi, apostolorum et verorum sanctorum correxerunt 
per silogismos, quasi, pulchrior sit et aplior modus loquendi philosophicus et 
Aristotelicus et dialecticus, rheioricus atque salhiricus, quam prophetarum et 
apostolorum, dicentes atque credentes hii, theologica non possent apprehendi, nisi 
ceco Aristotele duce et viam prebente opaco Piatone atque ceteris . . . philosophis 
veris, privatis luminibus solum innitentibus, baculis scientie naturalis, non atten- 

dentes scripture usw Quapropter valde cavenda est in divinis verbis ex- 

tranea exposicio ab ea, que sequentibus verbis ipsamet scriptura divina con- 
suevit adicere, cum in legittimo textu sequentia declaratoria sint precedentium. 

1 Vgl. Predigt von 1434, Wolfenbütteler Cod. Weißenb. 94, Bl. 109 b : 
Ipsam voluntalem, omnium virium anime motricem . . . non impetum in aliquod 
opus virtutis facere nisi previa potencia denunciante, que intellectus est (Beru- 
fung auf Arist. de anima III) Nani voluntas velle non potest, cum de se ceca 
sit, quod nullatenus ei innotuit. Das braucht natürlich nicht notwendig thoini- 
stisch gemeint zu sein, entspricht aber jedenfalls der thomistischen Tradition. 

2 I.e. p. 14/15. 



54 • Gerhard Ritter: 

,, negativen Theologie", die Gott sowohl dem All wie dem Nichts 
gleichsetzt, immer naheliegt und für ihre Christlichkeit die ernsteste 
Gefahr bedeutet 1 . Es spricht hier der christliche Dogmatiker, der 
für die Idee der Persönlichkeit Gottes und für die absolute Unter- 
schiedenheit des Schöpfers vom Geschaffenen kämpft — nicht der 
Nominalist, der ja auch viel weniger leicht, als der Realist, zu jenem 
relativen Verständnis der mystischen Grundideen hätte gelangen 
können, das Wenck immerhin aufgebracht zu haben scheint 2 . 

Aber wir haben deutlichere Zeugnisse für die philosophische 
Part eist ellung unseres Theologen. Johannes Wenck hinterließ bei 
seinem Tode ein Haus mit Hof und Grundstück als Anwesen der 
sogenannten Prediger- oder ,, Realist en"burse. Die Statuten dieser 
Burse wurden 1486 vom Testamentsvollstrecker des „Meisters 
Hans Wenck", dem Heidelberger Prediger und Theologie-Professor 
Jodocus Aichman von Kalw, einem der Begründer und hervor- 
ragendsten Vertreter der via antiqua in Heidelberg, aufgesetzt 3 . 
Danach diente dieses Institut der Unterbringung und Unterweisung 
von Scholaren de via Realistariun und wurde der Aufsicht der 
theologischen Fakultät, insbesondere eines Delegierten dieser Körper- 
schaft aus der Realistenpartei unterstellt — soweit ein solcher unter 
den Ordinarien zu finden sei; die Bursenmeister aber sollen auch 
lessen und leren viam antiquam, als Thome, Alberti und die den selben 
nach schriben. 

Hier haben wir also ein Bekenntnis der via antiqua über sich 
selbst, wie es deutlicher nicht zu wünschen ist. Es entspricht genau 
dem Eindruck, den eine handschriftlich erhaltene Quästion des 



1 1. c. p. 26: Universalizantes ob simplicitatem universalis nature, quam 
ponunt in re, representant omnia essencialiter deificari in huiusmodi precisa 
abstraccione, quod ta/nen et dünne repugnat simplicitati et composicionem realem 
Deo ex creaturis inducit. — Ibid. p. 38: Et ita . . Ihesum dehonorat [Cusanus] 
dolosa calliditate eum universalizans ; ähnlich p. 40 oben. — p. 40, 3; Corol- 
larium [Nicolai] . . . omnes homines singulariter ydemptificat, insinuans uni- 
versale reale ydemptice multiplicatum, quod est erroneum, cum soli nature divine 
conveniat in ydemptitate nature se multiplicare suppositaliter seu personaliter . 

2 Die Beschäftigung Wencks mit den Dionysischen Schriften ist schon 
1434 bezeugt (s. o. S. 52 N. 1 ; der Versuch Vansteenberghes (p. 5), zwischen 
der Ignota litteratura (undatiert, doch nach 1440) und dem Kommentar 
z. Dionysius (1455) eine Sinnesänderung anzunehmen, ist also schlecht be- 
gründet, m. E. aber auch unnötig. Mit humanistischen Gegnern, wie V. p. 6 
meint, kämpft W. in den oben S. 52, X. 4 zitierten Sätzen ganz gewiß nicht. 
Vielmehr stand er selbst dem Humanismus nahe (s. u. S. 67f.). 

3 Statutorum burse Realium Über, Univ. arch. I, 3, 38, insbes. f. 9v. 



Studien zur Spätscholastik. II. 55 

Magisters Jodokus über das natürliche sittliche Vermögen des 
Menschen hinterläßt : er stellt sich darin als ein durchaus ernst zu 
nehmender Thomist von solider scholastischer Bildung dar. Die 
Quästion ist besonders interessant durch die nahe Beziehung, in 
die hier die artistischen (logisch-metaphysischen) Erörterungen zur 
Theologie gesetzt sind. Jodokus trug sie (wie die Handschrift ver- 
muten läßt) im Jahre 1445 oder wenig später als magister artium 
im Rahmen einer quodlibetarischen Disputation vor 1 und hält sich 
denn auch streng im Rahmen seiner artistischen Kompetenz; z. B. 
wird die gratia gratis data in dieser ethischen Erörterung nicht 
erwähnt. Aber seine Folgerungen streifen bereits hart an das theo- 
logische Gebiet, und vor allem ist die ganze Fragestellung offensicht- 
lich durch theologische Interessen veranlaßt. 

Damit hätten wir eine in thomistischem Geiste gehaltene Schul- 
disputation etwa sieben Jahre vor der offiziellen Einführung der 
via antiqua in Heidelberg festgestellt, überdies zwei Dozenten, einen 
Artisten und einen Theologen, die zu demselben Zeitpunkt einer neu- 
thomistischen Richtung bereits zuneigten. Johannes Wenck könnte 
durch seine Pariser Erziehung thomistisch beeinflußt sein — in jenen 
Jahrzehnten fehlte ja, wie wir hörten, die okkamistische Schul- 
richtung in Paris. Jodokus dagegen ist ganz als Heidelberger Zög- 
ling aufgewachsen. Fand er hier bereits unter den Artisten Lehrer 
vor, die ihm den thomistischen Geist einflößten? Noch ein dritter 
Vertreter der „Realisten" läßt sich vor der offiziellen Spaltung der 
beiden Wege in Heidelberg nachweisen: der Kölner Artistenmagister 
Simon de Amsterdam, später ein Parteiführer der via antiqua, 1448 
immatrikuliert 2 . Mit unbedingter Ausschließlichkeit kann also be- 
reits in den vierziger Jahren die via moderna nicht mehr geherrscht 
haben. Bestand damals ein friedliches Nebeneinander beider Rich- 
tungen, oder geschah das Eindringen der via antiqua von Anfang 
an unter Kämpfen und Kritik an der Tradition des Schulbetriebes ? 
Mit Sicherheit läßt es sich nicht sagen. An und für sich enthielten 
ja die Statuten der Fakultät keinerlei Zwang zur Befolgung der 
via Marsiliana; das Herkommen, nicht die Vorschrift regelte den 
Studienbetrieb im einzelnen 3 , und es ließe sich wohl vorstellen, 
daß gelegentliche Abweichungen von der Tradition ohne besondere 



1 Cod. Pal. Lat. Vatik. 376, fol. 271-4. Das Stück steht am Ende 
einer Reihe von quodlibetar. Questionen des Jahres 1445. 1444 war Jodokus 
zum mag. art. promoviert. Vgl. Toepke II 387, III 877. 2 Toepke I, 257. 
3 Das hat Benary 56£. richtig gesehen. 



56 Gerhard Ritter: 

Schwierigkeiten ertragen wurden. Anderseits erscheinen aber die 
antiqui von Anfang an als Kritiker des Herkommens, als aggressive 
Reformer; und so hören wir schon früh von Reibungen und Gegen- 
sätzen der Parteien. 

Zum ersten Male im April 1444: also in demselben Jahre, in 
dem die besprochene Disputation des Jodokus Aichmann statt- 
fand und in dem Johannes Wenck zum zweiten Male Rektor war. 
Eine ganze Anzahl ungenannter Magister bemühte sich damals, die 
..Methode (via) der Alten" einzuführen, und zwar „nicht nur die 
des Thomas, sondern auch Alberts (des Großen)" 1 . Die Fakultät 
lehnte die Zulassung ab und setzte eigens eine Kommission ein, 
die auf Mittel und Wege zur Abwehr der Neuerung sinnen sollte. 
Es erschien also offenbar recht schwierig, das Eindringen des ent- 
schiedenen Thomismus in die Lehrvorträge der Magister zu verhin- 
dern. In der Tat steckte wohl noch etwas anderes hinter dem Vorstoß 
der Thomisten. Im selben Jahre war eine allgemeine Reform der 
Universitätsstatuten im Gang — eine jener „Reformationen", wie 
sie immer von Zeit zu Zeit nötig wurden, um den in Schlendrian 
versinkenden Unterrichtsbetrieb wieder für eine Zeitlang neu zu 
beleben. Vielleicht hofften die Heidelberger Thomisten bei dieser 
Gelegenheit eine Reform des artistischen Unterrichts im Sinne ihrer 
Lehre durchzusetzen und suchten auch den Kurfürsten, der die 
Statutenänderung veranlaßt hatte, davon zu überzeugen, daß eine 
solche Umgestaltung zum „Wachstum und zur Mehrung" 2 der 
Fakultät beitragen würde. Diese aber bestand darauf, die aristo- 
telischen Texte sollten ,,an der Hand der üblichen Kompendien, 
mit Kommentierung" 3 , durchgenommen werden; ihre eigenen Vor- 
schläge zur Reform des Lehrbetriebes bezogen sich ausschließlich 
auf die Abstellung von offenbaren Mißbräuchen, auf zweckmäßigere 
Gestaltung des didaktischen Verfahrens entsprechend der Fassungs- 
kraft der Schüler u. dgl. mehr äußerliche Dinge. Eine entschei- 
dende Reform erfolgte damals nicht. Wohl aber scheint eine latente 
Spannung zwischen den Parteien Ende der vierziger Jahre fort- 
bestanden zu haben. Darauf deuten wenigstens einzelne Tatsachen 



1 Man bemüht sich ad obviandum cunctis, qui niterentur istam viam anti- 
quorum adducere, et non solum sti. Thome, sed et Alberli. a. f. a. I, 224 b — 225. 
Auszug der Verhandlung bei Wumdt, s. Prantl IV, 188. 

2 Pro incremenlo et augmento. 1. c. 

3 ÜB I, p. 152, Z. 27: Legat libros secundum communes titulos magistro- 
rum cum commento. Der Ausdruck kehrt wörtlich wieder i. J. 1452. 



Studien zur Spätscholastik. II. 57 

hin: Burckard Wenck, einer der meistgenannten antiqui, war schon 
1449 in Heidelberg immatrikuliert, scheint aber dann in Paris 
promoviert zu haben und taucht erst 1453 als Pariser magister hier 
wieder auf 1 ; Simon von Amsterdam, immatrikuliert bereits 1448, 
wird erst 1453, kurz nach offizieller Einführung der via antiqua, in 
den Fakultätsrat aufgenommen 2 . Die Fakultätsstatuten aber - 
immer schweigsam, wenn es sich nicht um Pfründenversorgung und 
Promotionsgelder handelt — erwähnen den ganzen Streit erst zum 
Jahre 1452 wieder 3 . Wiederum war damals eine Statutenänderung 
in Vorbereitung: die große Reform Friedrichs I., die dann für ein 
volles Jahrhundert die Grundzüge der Organisation festgelegt hat. 
Wahrscheinlich hängt es mit den Vorberatungen zu dieser Reform 
zusammen, wenn nunmehr jene Spannung plötzlich zum Ausbruch 
kam. Anfang April 1452, in einer (wohl absichtlich) nicht protokol- 
lierten Fakultätssitzung erhoben sich zwei Anhänger des ,, alten 
Weges", Jodokus Aichmann von Kalw und Marcellus Geist von 
Atzenheim „nicht allein gegen die Person ihrer Kollegen, sondern 
auch gegen die ganze Fakultät als solche, unter Schmähungen 
gegen den statutenmäßigen Lehrbetrieb". Ein junger, erst vor 
einem Jahre promovierter Landsmann des Jodokus, Magister Petrus 
von Calw, ließ sich in derselben Sitzung zu ganz ungebührlichen 
Äußerungen hinreißen: er wolle der ganzen Fakultät zum Trotz 
der „Methode der Alten" folgen und verachte die Weise der Mo- 
dernen. Übrigens könne und wolle er jedem nur abraten, in Heidel- 
berg zu studieren, bei seinem Eide. Also eine sehr erregte Sitzung! 
Es scheint nicht viel geholfen zu haben, daß sich die Fakultät mit 
Strafen gegen ihre Angreifer wehrte, sie für ein halbes Jahr von 
der Lehrtätigkeit ausschloß und den Petrus zur Abbitte zwang 4 . 
Sie sah sich sogleich zu weiteren Maßnahmen genötigt. Denn was 
die beiden Magister zur Opposition ermutigt hatte, war sicherlich 
ihre Kenntnis bevorstehender Reformen von oben her. So beschloß 
die Fakultät, allen Magistranden, die künftig um das Barret bitten 
würden, einen Eid abzunehmen, dessen Inhalt für unser Thema 
sehr belehrend ist: der künftige Magister verpflichtet sich danach, 
die herkömmliche Art der Vorlesungen „mit Quästionen und Be- 
denken an der Hand der üblichen Kompendien, mit Kommentierung, 
innezuhalten, und zwar entsprechend den Traditionen der Heidel- 

1 Toepke I 259. - a. f. a. II 23 b — 24^. — a. u. III, 18. 2 a. f. a. II 
22 a , 25 b . 3 Nicht schon 1451, wie Gas. Wumdt (und danach Prantl IV 188) 
behauptete. 4 a. f. a. II, 19 b -20. 1452, april. 12/22 (ÜB. II 362-64). 



58 Gerhard Ritter: 

berger Fakultät, nämlich nach der üblichen Methode der Modernen, 
wie sie durch die Begründer der Fakultät, den Marsilius und die 
andern Modernen eingeführt ist 1 ." Das ist offensichtlich eine Er- 
weiterung, zum mindesten eine schärfere Fassung jenes Status von 
1444, das gleichfalls den Gebrauch der üblichen Kompendien (legere 
secundum communes titulos magistrorum) vorgeschrieben hatte. Die 
spätere Fassung weckt noch stärker als die ältere die Vermutung, 
daß die Anhänger der via antiqua eine Rückkehr von den Kompen- 
dien zu den ursprünglichen Texten des Aristoteles gefordert hatten 2 ; 
der Hauptnachdruck liegt aber offenbar auf dem Inhaltlichen: auf 
der Behauptung der maßgebenden Autorität des Marsilius und seiner 
Schule im Gegensatz zum Thomismus und Albertismus. Man bot 
jetzt alles auf, um das Eindringen dieser Lehren in den Unterricht 
gewaltsam fernzuhalten, seit sich ihre Vertreter als so unbequeme 
Opponenten erwiesen hatten. An der Stelle des ungeschriebenen 
Herkommens sollte jetzt der Zwang die Lehrmeinung vorschreiben, 
und im Gefühl, damit eine große Neuerung einzuführen, beruft sich 
die Fakultät auf (angebliche) ähnliche Bestimmungen anderer Uni- 
versitäten 3 . Abermals wird eine Kommission zur Beratung positiver 
Abwehrmaßnahmen gegen die via realistarum (dieser Name ist sehr 
zu beachten!) niedergesetzt. Ihr gehören die namhaftesten Mit- 
glieder der Fakultät an, mehrere von ihnen graduierte Theologen, 
darunter Rudolf von Rüdesheym, damals schon Lizentiat der Theo- 
logie, von dem uns sechs rhetorisch gewandte, aber theologisch 
völlig farblose Vorlesungen zu den vier Büchern der Sentenzen des 
Lombarden erhalten sind — Musterbeispiele einer rein formalen, 
inhaltsleeren Rhetorik, die sich in gedankenlosem Ausmalen von 
Bildern und Vergleichen erschöpft und in ihren schulmäßig-künst- 
lichen Fragestellungen gelegentlich ans Komische streift 4 . Dürfte 



1 a. f. a. II, 19 b , auch ÜB II, 364; Quod modum legendi cum questionibus 
et dubiis secundum communes titulos magistrorum et cum commendo observent, 
sicut in principio studii in nostra facultate legi est consuetum, in via videlicet 
communi modernorum per primevos nostre facultatis patres Marsilium et alios 
modernos introducta. 

2 Benary 52 ff. baut auf diese Stelle seine ganze (oben p. 15 ff. bespro- 
chene) Hypothese auf, nach der die beiden viae nichts anderes als 2 verschie- 
dene Methoden des Demonstrationsverfahrens darstellen sollen. Vgl. darüber 
ausführlich unten cap. II, 3, a. 

3 Id quod et aliarum universitatum magistris iniungitur. 

4 Cod. Pal. Lat. Vat. 370, fol. 97-123. Vgl. f. 121 b die ernsthaft er- 
örterte quaestio: Quonam modo magister [Petrus Lombardus] regem regum 



Studien zur Spätscholastik. II. 59 

man diese Reden als typisch auffassen für den Lehrbetrieb der 
damaligen „modernen" Schule, so wäre allerdings an ihrer Reform- 
bedürftigkeit kein Zweifel. Aber es fehlt diesen „Modernen" auch 
nicht an erfreulicheren Zügen. Jener Kommission gehörte auch 
der Magister Hans Hafner oder Schröder (Johannes Lutifiguli) an, 
Bakkalar des Kirchenrechts, ein Heidelberger Bürgerssohn, der sich 
aus kleinen Verhältnissen im kurfürstlichen Dienste zum ange- 
sehenen Juristen emporgearbeitet hat; noch in demselben Jahre ist 
er — wahrscheinlich mit Unterstützung des Pfälzer Hofes — nach 
Italien gezogen, um von dort als erster Vertreter des wieder ein- 
geführten Zivilrechts nach Heidelberg zurückzukehren. SeinLeichen- 
redner rühmt ihm später nach, daß er — sehr im Unterschiede zu 
den sonstigen Heidelbergern — ungewöhnlichen wissenschaftlichen 
Eifer und feine Bildung (humanitatem) besessen habe 1 . Die übrigen 
Kommissionsmitglieder sind für uns bloße Namen. Um so lehr- 
reicher sind die Beschlüsse dieser Kommission, als Kennzeichen der 
ganzen Lage. 

Man verhehlt sich nicht, daß der bisherige ungeordnete Zu- 
stand des Vorlesungswesens so nicht weitergehen darf, wenn man 
den Reformern mit Aussicht auf Erfolg entgegen treten will. Vor 
allen Dingen müssen wirklich brauchbare Lehrbücher für den ganzen 
Umkreis der für Scholaren und Bakkalare bestimmten Unterrichts- 
gegenstände beschafft werden, Kommentare, die den (aristoteli- 
schen) Text von Wort zu Wort auflösen und erläutern (in den gang- 
baren lateinischen Übersetzungen waren diese Texte ja bis zur 
Sinnlosigkeit entstellt und ohne kommentierende Umschreibung 
gar nicht zu verstehen!); sodann müssen sich die Lehrer sorgfältig 
an die Materie ihres Textes halten (das zielt wohl auf die beliebten 
Abschweifungen sophistischer Art ab, die wir aus spätscholasti- 
schen Lehrbüchern sattsam kennen), und die Scholaren müssen an- 
gehalten werden, wenigstens für die gangbaren Bücher sich selbst, 
mindestens zu zweit oder dritt, einen eigenen Text zu beschaffen, 

super excelsum solium thronum sedere consentiat, cum tarnen idem, ut propheta 
ait, semper rectus est et nusquam ad modum sedentis se incurvet? ( !). — Es handelt 
sich um Prunkreden, Schluß- bzw. Einleitungsvorlesungen zu jedem ein- 
zelnen Buche der Sentenzen: herkömmlich wurde darin immer wieder (also 
sechsmal!) dasselbe Thema fortgesponnen. Das entschuldigt viel Geschwätz. 
Aber wieviel inhaltreicher wußte noch Marsilius diese Reden zu gestalten! 
1 Lebensdaten bei Thorbecke 87 f.; Leichenrede: Clm. 7080, 226 — 29. 
Ebendort heißt es: Cum alii civium H eidelbergensium liberi fere omnes ignavia 
torpeant atque humiles permaneant ... 



60 Gerhard Ritter: 

damit sie den Vorlesungen folgen können. Das sind Vorschläge, 
die unsere frühere Vermutung erneut bestätigen, daß die Vertreter 
der via antiquorum nicht nur gegen den Okkamismus Sturm liefen, 
sondern ebenso gegen den technischen Verfall des herkömmlichen 
Unterricht sbetriebes. Diesem Ansturm zu begegnen, will sich die 
Fakultät gleich an die entscheidende Stelle wenden: der Kurfürst 
soll gebeten werden, keine grundsätzliche Neuerung zu genehmigen, 
sondern alles beim alten Herkommen zu lassen, wie es von Anfang 
an friedlich (pacifice) bestanden habe 1 . 

Ehe indessen diese Vorschläge von der Fakultät beraten wer- 
den konnten, war die ganze Sachlage durch das Eingreifen des 
Kurfürsten bereits verändert. Vom 29. Mai datiert die große Neu- 
ordnung der Statuten durch Friedrich I.; der Universität scheint 
sie Anfang Juni zugegangen zu sein. Sie warf das „gute alte Her- 
kommen" an mehr als einem Punkte über den Haufen, und die 
Fakultätsakten zeigen deutlich die große Bestürzung der Magister. 
Die Zulassung der via antiqua, die ja der Kirchenlehre nicht zu- 
wider sei, und die völlige Gleichstellung beider Wege war kurzweg 
angeordnet, jeder gegenseitige Streit ernstlich verboten, eine künftige 
Regelung der Zusammenarbeit beider „Wege" vorgesehen 2 . An- 
gesichts dieser Bestimmungen wundert man sich, daß die Artisten 
noch so kurz zuvor es gewagt hatten, mit so energischen Bestim- 
mungen gegen die „Realisten" vorzugehen. Es wird also wohl ein 
erbitterter Kampf der Parteien um den Einfluß auf die kurfürst- 
lichen Räte stattgefunden haben. Aber die Gegenpartei gewann 
das Spiel. Vergebens faßten die Artisten ihre zahlreichen Ein- 
wände in einer langen Liste von Abänderungswünschen zusammen, 
unter denen die Bitte um Ausschluß „derer vom alten W T ege" 
erscheint 3 . Vergeblich rief man den Rat von allen möglichen älteren 
erfahrenen Kollegen an, deren Einfluß man vielleicht zur Einwir- 
kung auf die pfälzische Regierung aufzubieten dachte. Man hatte 
am Hofe Erfahrungen mit der Widerspenstigkeit und Bedenklich- 
keit dieser vielköpfigen Korporation, die bisher noch jede Reform 
ihrer Statuten hinzuziehen verstanden hatte. Die Antwort des Kur- 
fürsten, in feierlicher Sitzung durch den Kanzler Johann Gulden- 
kopf verlesen, gehört zu den stärksten Beweisen landesfürstlicher 



1 a. f. a. II. fol. 19 b — 20. 1452, mai 21, juni 1/2 . . Zu beachten ist die 
Betonung der Friedlichkeit des früheren Zustandes, die mit unserer früher 
ausgesprochenen Ansicht von jener Epoche übereinstimmt. 2 ÜB I, p. 163. 
3 a. f. a. II, 20 v , juni 18. Leider ist die Begründung der Bitte nicht mitauf- 
gezeichnet. 



Studien zur Spätscholastik. II. 61 

Selbstherrlichkeit gegenüber der Landesuniversität: wer sich nicht 
bedingungslos fügen wolle, hieß es, möge die Stadt verlassen und 
nicht zurückkehren 1 . 

Die Magister haben sich dann gehorsam ihrem ,,allergnädigsten 
Herrn" gefügt. Die Zulassung der bisherigen Gegner „vom alten 
Wege" ging freilich nicht ohne Reibungen vor sich. Die Verbote 
gegenseitiger Streitereien durch den Rektor sind viele Jahrzehnte 
lang immer wiederholt worden und, wie die meisten akademischen 
Disziplinarmaßnahmen, im ganzen erfolglos geblieben. Jodokus 
von Calw mußte im Juli 1453 durch erneutes kurfürstliches Ein- 
greifen vor der lärmenden Opposition von Studenten aus dem 
andern Lager geschützt werden, die ihn mehrmals am Lesen gehin- 
dert hatten 2 ; (wir dürfen daraus wohl entnehmen, daß er als einer 
der Haupturheber der Neuerung galt). Aber die Artistenfakultät 
hielt sich streng an die neue Vorschrift, nahm den Jodokus zwei 
Tage nach dem zuletzt erwähnten Eingreifen des Landesherrn in 
ihren Rat wieder auf (allerdings nach Abbitte seiner früheren Be- 
leidigungen) 3 , duldete den Zuzug immer zahlreicherer Realisten 
und fand im Laufe der Zeit auch einen modus vivendi für das Neben- 
einander der beiden Wege im Rahmen der für beide gemeinsam 
bleibenden Fakultätsverfassung 4 . Für die Frequenz von Heidel- 
berg war die neu anerkannte Parität der beiden Wege unzweifelhaft 
günstig: mit den Kölner Magistern und Bakkalaren zogen jetzt 
(außer vereinzelten Pariser Akademikern) recht zahlreiche nieder- 
rheinische Scholaren in der Neckarstadt ein (übrigens spricht auch 
diese Tatsache für den thomistisch -realistischen Charakter der 
neuen Bewegung) 5 . Im ganzen freilich blieb die neue Schul - 



1 ÜB II, 369. juli 17. 2 a. u. III 17 b . 1453, juli 30. 3 1453, juli 31, 
a. f. a. II, 23 b . 4 Bei der Aufstellung dieser statutarischen Ordnung scheint 
wiederum Jodocus Aichmann besonders stark beteiligt gewesen zu sein: vgl. s. 
Verhandlung in. d. Univers. -Versammlung. 1453, okt. 2: a. u. III, 19 a . 
5 1449 — 63 promovierten in Heidelberg nachweislich mindestens 14 Stu- 
dierende zum mag. art., die als Kölner Bakkalar? immatrikuliert waren (da- 
neben 5 aus Wien, 1 aus Erfurt, 1 aus Paris). Sehr viel größer aber ist die 
Zahl der Promovenden dieser Jahre, deren Namen auf niederrheinische Her- 
kunft schließen lassen. Vgl. auch die Kölner bzw. Pariser Herkunft der 
weiter oben erwähnten Führer der Realistenpartei: Joh. Wenck, Simon und 
Herwich von Amsterdam, Burkard Wenck, Johann Petri. -- Die Zahl der 
Immatrikulationen aus den Diözesen Köln, Lüttich, Antwerpen hebt sich von 
i. J. 1450/1 auf 11 i. J. 1452, weiter 12, .16, 23, 15 in den folgenden Jahren. 
- Daß die Heidelberger Theologen den Kölner Thomisten Joh. Versor noch 
im 16. Jahrh. benützten, bezeugt Jak. Wimpfeling, s. ÜB. I, S. 217, Z. 38. 



62 Gerhard Ritter: 

richtung der antiqui zahlenmäßig der älteren, „modernen" Partei 
unterlegen 1 . 

Auch jetzt, nach der offiziellen Zulassung des Thomismus an 
der Universität, verlautet nichts von einer förmlichen Spaltung 
innerhalb der theologischen Fakultät. Daß die von der via antiqua 
herkommenden Theologen indessen auch nach ihrem endgültigen 
Übertritt in die obere Fakultät sich ihrer Parteistellung bewußt 
blieben, wird durch zahlreiche persönliche Beziehungen von Heidel- 
berger Theologen zum „alten Wege" bezeugt. Bereits ein Jahr 
nach der Reform (30. Sept. 1453) gründet Johannes Wenck seine 
Predigerburse mit Hilfe von zwei jungen, eben aus Paris angekom- 
menen Magistern der via antiqua: Joh. Petri de Dacia und Burckard 
Wenck von Herrenberg. Die Burse soll ad instar paedagogii Pari- 
siensis, also wohl nach dem Muster der Sorbonne, d. h. für Theologen, 
eingerichtet werden 2 . Burckard W r enck ist im Laufe der Jahre zum 
Theologen aufgestiegen und Heidelberger Stadt pfarrer geworden 3 , 
hat also den Lebensweg seiner Zöglinge selber betreten. Daß Jodo- 
kus Aichmann, das Haupt der Reformer von 1452, gleichfalls als 
Theologe und Pfarrer sein Leben beschloß, kam schon zur Sprache 4 . 
Als meistgenannter Führer des alten Weges aber erscheint der 
Kölner Magister Herwicus de Amsterdam, der Ende 1452 gleich 
mit einer ganzen Schar niederrheinischer Schüler herüberkam; er 
wird schon 1458 als lic. theol. erwähnt, schied aber auch dann nicht 
aus den Ämtern des artistischen Lehrers aus, sondern wirkte noch 
1461 als Dekan und 1462 bei den Prüfungen der niederen Fakultät 
mit 5 . Man begreift diese engen persönlichen Zusammenhänge zwi- 
schen der Reform des artistischen Studiums und der Theologie 
ohne Schwierigkeit aus der leitenden Idee der Reformer: der Er- 
neuerung des Thomismus. Soweit diese sich auf erkenntnistheore- 
tische Kontroversen bezog, blieb sie auf den Bereich der artisti- 
schen Fakultät beschränkt ; sofern aber das restaurierte System eine 
umfassende Einheit über die Grenzen der philosophischen Diszi- 
plinen hinaus darstellte, ging die Reform der Artisten auch die 

1 Das wird durch die Promotionszahlen bewiesen. Ich zähle 1454 — 1500 
zus. 435 Promovierte des neuen, 267 des alten Weges. 2 a. f. a. II 23 b — 24 a ; 
a. u. III 18 a " b (Genehmigung der Lektur und Bursenregenz f. d. Genannten); 
a. f. a. II 27 a (1454, XII. 12 Zulassung des Petri zum consil. fac). Joh. Petri 
hat in Paris promoviert, stirbt 1464 als Dekan der Artisten (Toepke I, 274, 
II 401). 3 Toepke I 332, 369; II 614. 4 S. o. p. 54. 5 Daten bei 
Toepke (Register) sowie a. f. a. II 52. Als gestorben erwähnt 1481, mai 15 
(a. u. III, 228 b ). Vgl. auch Keussen, Kölner Matrikel I, 320. 



Studien zur Spätscholastik. II. 63 

Theologen an, wie wir schon von den Kölner Theologen hörten 
(o. p. 43, N. 1). Nun haben wir durchaus keinen Anlaß, anzu- 
nehmen, daß irgendwelche Kontroversen innerhalb der Heidelberger 
theologischen Fakultät den ursprünglichen Anstoß zur Einführung 
der via antiqua gegeben hätten; nirgends ist in den Anfängen der 
Bewegung von der Führung durch Theologen (es käme wohl nur 
Johannes Wenck in Betracht) die Rede 1 ; aber der umfassende 
Charakter des thomistischen Systems, der enge Zusammenhang der 
entscheidenden philosophischen und theologischen Probleme der 
Scholastik überhaupt legte allerdings eine Rückwirkung der von 
den Artisten begonnenen Reform auf die Theologen sehr nahe. 
Sehr bald hören wir denn auch von dem Angriff eines streitsüchtigen 
antiquus auf die „moderne" Theologie. 

Der Provisor des Heidelberger Cisterzienserstiftes zu St. Jakob, 
Doktor der Theologie und Dozent an der Universität, Bruder Arnold, 
aus dem Köln benachbarten (! ) Kloster Heisterbach 2 , schlug 
am 4. Oktober 1453 an den Heidelberger Kirchentüren mehrere 
Streitsätze an, die sich offensichtlich gegen gewisse Lehren der okka- 
mistischen Schule richteten. Es handelte sich einmal um die Trans- 
substiantiationslehre vom Abendmahl, in der Okkam (im Gegen- 
satz zu Thomas) die Möglichkeit einer realen Unterscheidung von 
Quantität und Substanz bestritt und demnach nicht die räumliche, 
sondern die quantitätslose Gegenwart des Leibes Christi in der 
Hostie behauptete 3 ; sodann um die gleichfalls okkamistische (auch 
z. B. von Marsilius von Inghen verfochtene) Lehre von der völligen 
realen Identität der verschiedenen Seelenvermögen mit der Seelen- 
substanz. Beide Theorien bezeichnete der Anschlag als grund- 
verkehrt 4 . In welchem theologischen Lager die Gegner des streit - 



1 Daß in einem viel späteren Stadium in Tübingen (anscheinend nur 
dort!) auch die theolog. Fakultät sich in via antiqua und moderna spaltete 
(Hermelink, Th. F. 79ff.) wird am leichtesten damit zu erklären sein, daß 
damals (1477) im Gegenschlag zum Neuthomismus bzw. = Skotismus auch 
eine bewußte Erneuerung okkamistischer Theologie erfolgt war. Davon ist in 
Heidelberg zunächst keinesfalls die Rede. 

2 Der Name ist in der Matrikel nicht aufzufinden. Die theologischen 
Promotionsakten dieser Jahre fehlen. Er scheint der einzige Heisterbacher 
Ordensangehörige an der Heidelberger Universität gewesen zu sein. 

8 Vgl. darüber Seebfrg DG IIP 664ff., 469/70. 

4 Abdruck der Sätze aus a. u. III 20 im Anhang, 2. Stück. — 
ÜB II 377 behauptet irrig einen Zusammenhang mit dem nominalistisch- 
realistischen Gegensatz und bezieht sich auf den Abdruck des Mediziners 



64 Gerhard Ritter: 

baren Mönches stehen, wird nicht ausdrücklich gesagt; aber es 
kann nur die okkamistische Schule gemeint sein, und so begreift 
man die Erregung der Heidelberger Magister, als sie hier lasen, 
daß die okkamistische Abendmahlslehre (die ja in der Tat eine Art 
logischer Erweichung des starren kirchlichen Transsubstantiations- 
begriffes darstellte) einen Götzendienst bedeute und aus derselben 
Wurzel stamme, wie die verdammte hussitische Ketzerei; daß die 
Logiker und Naturphilosophen hier mit ihren miserablen Grund- 
sätzen die wahre Lehre entstellt hätten und den Geist der Jugend 
fortgesetzt verdürben; daß endlich auch die Lehre von der Einheit 
der Seelenvermögen das rechte Verhältnis von Natur, Gnade und 
Jenseits aufs ärgste verwirre. Große Randverweise der Universitäts- 
akten zeigen deutlich, daß es in erster Linie diese heftigen In- 
vektiven waren, an denen man Anstoß nahm. Sofort ließ der Rektor 
(es war der aus Wien stammende Mediziner Johannes Schwendi) 
die den Frieden der Universität bedrohenden Anschläge herunter- 
reißen und berief die Universitätsversammlung. Diese beschloß 
Suspension Arnolds von allen Handlungen als Mitglied des Lehr- 
körpers — eine Strafe, zu der sie aber vorher durch den Kanzler 
Johann Guldenkopf die Genehmigung des Kurfürsten einholte. Ein 
paar Tage darauf gelang es durch Vermittlung des Kurfürsten, des 
Wormser Propstes (als Universitätskanzler) und des Abtes von 
Schönau (als geistlicher Oberer von St. Jakob) einen feierlichen 
Widerruf Arnolds und seine Rehabilitation durchzusetzen 1 . Der 
Vorfall ist darum lehrreich, weil er zeigt, mit welcher Energie die 
Universität zu verhindern suchte, daß sich der Zwiespalt zwischen 
Thomisten und „Modernen" bis in die theologische Fakultät hinein 
fortsetze. Wenn die weltliche Obrigkeit dieser Abwehr ausdrück- 
lich zustimmte, so handelte sie konsequent im Sinne ihres früheren 
Verlangens der Parität und des friedlichen Nebeneinanderbestehens 
der Parteien. 

Damit stoßen wir bereits auf die letzte Frage, die wir an die 
Universitätsgeschichte des kritischen Jahres 1452/3 zu stellen haben: 
Wie kam der kriegerische Pfalzgraf Friedrich I. und seine — mit 
politischen Sorgen überaus belastete — Regierung zu einem so 
gewaltsamen Eingriff in die Statuten und Gerechtsame der Uni- 



Schoenmezel von 1771. Dieser hat sich die Entzifferung der schwer lesbaren 
und fehlerhaften Schrift erleichtert, indem er alles ihm Unentzifferbare ein- 
fach wegließ ; entsprechend ist sein Abdruck gr. Tis. sinnlos und unverständlich. 
1 a. u. III, f. 19-20. 1453, okt. 4, 6, 9, 10. 



Studien zur Spätscholastik. II. 65 

versität, wie ihn die zwangsweise Aufnötigung der Reform dar- 
stellt ? Und insbesondere: Wie kam er zu der gewaltsamen Ein- 
führung des Neuthomismus an seiner Landesuniversität ? Für die 
Energie seines Handelns war es vielleicht nicht ohne Bedeutung, 
daß er gerade Ende 1451 mit Zustimmung der Landesnotabeln, 
aber gegen die kaiserliche Willenserklärung, seine Befugnisse als 
Landesadministrator in die kurfürstliche Vollgewalt umgewandelt 
hatte. Er ist immer ein rasch entschlossener, kurz angebundener 
Herr auch der Universität gewesen. Was aber mochte ihn in aller 
Welt für die Neuthomisten einnehmen, deren Auftreten er zwar 
nicht veranlaßt hat (wie man öfters zu lesen bekommt), deren 
Reformbestrebungen er aber doch offensichtlich begünstigte ? 

Als ein paar Jahre später der Rat von Basel ähnliche Vor- 
schriften wie Friedrich I. erließ, um die Einführung der via antiqua 
an der dortigen Universität nach Heidelberger Muster zu erzwingen, 
begründete er formell diesen Schritt mit der Rücksicht auf die 
Grenzlage Basels, das sich allen Richtungen offen halten müsse, 
und ähnlichen allgemeinen Erwägungen 1 . Sollten Rücksichten auf 
die Frequenz auch in Heidelberg eine Rolle gespielt haben ? Wahr- 
scheinlich ist es nicht, und wenn solche Rücksichten bestanden, 
dann würden sie eher noch für eine allgemeine Auffrischung der 
Hochschule, als für die spezielle Bestimmung der Zulassung des 
Realismus ein zureichendes Motiv bilden. Die Besucherzahl war 
vor 1452 keineswegs auffallend niedrig, und der Zuwachs von 
Scholaren nachher nicht groß genug, um eine solche Erklärung zu 
rechtfertigen 2 . (Allerdings haben kriegerische Ereignisse bald nach 
1452 störend eingewirkt.) Wie steht es aber mit Zarnckes Ver- 
mutung, daß der Pfalzgraf im Bunde mit dem neuerstarkten Papst- 
tum seiner Universität die realistische Lehre aufgenötigt habe, um 
mit dem Nominalismus zugleich die letzten Spuren freierer kon- 
ziliarer Regungen auszulöschen — „im wohlverstandenen Interesse 
der kirchlichen Herrscher" ? 3 ) Schon der Begriff dieser ,,kirch- 



1 Vischer, Univ. Basel, 146. 

2 Durchschnitt der jährt. Inskriptionen von 1449 — 1463 ist etwa 130; 
1451: 140, 1452: 115, dann steigend 120, 135, 158; 1456: 102, Vor 1400 hatten 
sich die jährt. Zahlen meist unter 100 gehalten, abgesehen von den großen 
Pfründenjahren, in denen rotuli aufgestellt wurden. 

3 Narrenschiff, Einl. p. XV. Der Erfolg dieser „Reaktion" soll sich im 
Ketzerprozeß Joh. v. Wesels gezeigt haben. Aber an diesem Prozeß war 
neben Jodokus Aichmann und Herwich v. Amsterdam auch der alte „Nomi- 
nalist" Nik. v. Wachenheim beteiligt! 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 7. Abh. 1922. 5 



66 Gerhard Ritter: 

liehen Herrscher" ist höchst verschwommen. Ist etwa der Landes- 
herr selber darunter verstanden, so wird man die Gegenfrage stellen 
dürfen, ob etwa der Thomismus den Souveränitätsgelüsten der 
deutschen Territorialherren günstiger war als Okkams Lehre? Im 
übrigen genügt es, zur Antwort auf wenige Tatsachen hinzuweisen. 
Die „nominalistische" Heidelberger Universität hatte sich schon 
seit langen Jahren (spätestens seit 1434) auf den Konzilien äußerst 
zurückhaltend benommen, ja eine geradezu ängstlich papale Hal- 
tung gezeigt; in diesem Papalismus ist sie sich vor wie nach 1452 
unverändert gleich geblieben. Denn das letztlich entscheidende 
Motiv für die Magister war jederzeit die Sorge um ihre Pfründen; 
sie folgten mit ziemlich sicherem Instinkt jederzeit der Partei, von 
der sie mit größerer Sicherheit wirtschaftliche Zuwendungen er- 
warten durften. Ob via moderna oder via anüqua in der Logik — 
wie konnte das in solchen Fragen eine Rolle spielen ? Überdies 
aber ist nichts von einem besonders engen Verhältnis zwischen 
Friedrich I. und dem Papst um 1452 bekannt. Eher könnte man 
vermuten, daß er sich schon damals den durch Martin Mayrs 
Namen gekennzeichneten Bestrebungen des Mainzer Stuhles ge- 
nähert habe, die gravamina der deutschen Kurfürsten gegenüber der 
neu einsetzenden päpstlichen Finanztätigkeit in Deutschland kräftig 
zur Geltung zu bringen; seit 1456 ist seine Beteiligung an diesen 
Abwehrmaßnahmen nachzuweisen 1 . 

Mit einer Begünstigung päpstlicher Machtbestrebungen durch 
den Landesherrn hat also die Reform der Hochschule gewiß nichts 
zu tun. Wohl aber steht sie im engsten Zusammenhang mit dem 
Ganzen seiner inneren Kirchenpolitik. Die Epoche der großen 
Reformkonzilien blieb doch nicht ohne heilsame Folgewirkungen 
für das innere Leben der deutschen Kirche. Seit dem Abschluß 
der Konkordate war der Einfluß der Landesherren auf die Kirchen 
ihres Territoriums von neuem erweitert und gefestigt ; an den seit 
dem Baseler Konzil kräftig einsetzenden Bestrebungen zur Ver- 
besserung des Lebens der Weltkleriker und Ordensleute nahmen 
sie vielfach lebhaften Anteil. Friedrich I. hat mit der ihm eigenen, 
rasch zugreifenden Tatkraft an vielen Stellen für gründliche Reform 
der überkommenen Mißbräuche im Klosterwesen und kirchlichen 
Leben überhaupt gesorgt. Wenn er dem Schlendrian und der Ver- 
weltlichung in den pfälzischen Klöstern entgegentrat, mochte ihm 
die Verbesserung seiner Landeshochschule noch näher am Herzen 



1 Lossen, Staat und Kirche in der Pfalz (Münster 1907), 28ff. 



Studien zur Spätscholastik. II. 67 

liegen. Unter seinen gelehrten Räten oder unter den zu Rate 
gezogenen Vertrauensmännern der Hochschule müssen sich Männer 
befunden haben, die eine solche Verbesserung von der Einführung 
des neubelebten Thomismus, vielleicht auch von der Konkurrenz 
zweier verschiedener Schulrichtungen überhaupt erwarteten. Die 
Frage ist : Wer waren diese Männer ? 

Die Hauptrolle bei der Reform spielte offenbar der kurfürst- 
liche Kanzler Johann Seiler, gen. Guldinkopff aus Speier, ehemali- 
ger Professor des Kirchenrechts und mehrmaliger Rektor; in den 
Verhandlungen erscheint er als Vertreter des Landesherrn vor der 
Universität. Unglücklicherweise finde ich über sein persönliches 
Verhältnis zu dem Streit der Artisten nirgends eine Andeutung 1 . 
Gern möchte man die Namen der damaligen Rektoren zur Er- 
klärung der Vorgänge verwenden: 1451 Johannes Wenck und seit 
Dezember 1452 Johannes Wildenhertz, der JodokusAichmann nahe- 
gestanden haben muß 2 ; aber gerade während der entscheidenden 
Monate, Dezember 1451 bis Weihnachten 1452, führten zwei Ver- 
treter der via moderna das Rektorat 3 . So versagt auch dieser 
Fingerzeig. 

Aber noch eine weitere Kombination ist möglich. Eine Mün- 
chener Sammelhandschrift Luderscher Poeme schreibt das Haupt - 
verdienst an der Einführung der via antiqua und der Universitäts- 
reform von 1452 überhaupt dem Johannes Wenck und einem zwei- 
ten, ungenannten Professor und Gönner des Peter Luder zu. Dieses 
Zeugnis könnte auf mündliche, nur wenig spätere Überlieferung 
(1456—60) in Heidelberg selbst zurückgehen 4 . Wer ist der Un- 

1 Er wurde 1434 von Joh. Rysen zum bace. jur. promoviert (Toepke 
II 510). Rysen kam von Köln her; Joh. Wenck hielt ihm später die Leichen- 
rede. Das ist ein sehr schwacher Verbindungsfaden zur via antiqua. 

2 Vgl. dessen Leichenrede, auszugsweise bei Thorbecke 87*, N. 270. 

3 Nikolaus von Wachenheim, Lehrer und Promotor des „Modernen" 
Rud. v. Rüdesheim, und Joh. Trutzenbach, Mitglied der Kommission zur 
Abwehr der via antiqua. 

4 Elegia Petri Luder ad Panphilam amicam singularein (1460) in: Clm. 
466, f. 293 sq. bei Wattenbach Z. G. O. XXII, 60. 

Fistula namque mihi est, quam non contempuit Yopas 

Cynthius hanc olim laudibus usque tulit, 

Mecenasque tuus iam nunc distractus ab illa 

Jussibus archanis seque dolere docet. 
Dazu anonyme Glossen: Per Yopam et Cinihium denotat duos doctores, qui 
illuminati viri fuerunt et instauraverunt universitatem Heidelbergensem, qui et 
viam antiquam ibidem legere fecerunt, de quibus doetor Wencka unus fuit. Per 



68 Gerhard Ritter: 

genannte ? Außer Johannes Wenck sind uns noch Jodokus Aich- 
mann, Johannes Wildenhertz und eine Anzahl weiterer, insbeson- 
dere juristischer Professoren — darunter wahrscheinlich auch der 
Kanzler Guldenkopf — als Gönner humanistischer Bestrebungen 
bezeugt. Dieser Kreis stand unzweifelhaft in näheren Beziehungen 
zum Hofe Friedrichs I., dessen Vorliebe für seine humanistischen 
Bänkelsänger (Kemnat u. a.) ja bekannt ist. Waren Aichmann und 
Wenck wirklich die geistigen Urheber der Reform, so würde diese 
durch gemeinsame humanistische Interessen begründete Verbin- 
dung ohne Schwierigkeit ihren Einfluß auf die kurfürstlichen Be- 
rater erklären. Die Verwendung akademisch geschulter, insbeson- 
dere in Italien gebildeter Juristen im pfälzischen Staatsdienste ist 
eine ganz regelmäßige Erscheinung. Wir haben es hier offenbar mit 
einem Kreise geistig angeregter, modernen Bildungsbestrebungen zu- 
gänglicher, einflußreicher Männer zu tun, der durch gemeinsame 
Bildungsideale mit jüngeren artistischen Lehrern verbunden ist; 
diese stehen ihrerseits seit Jahren im Kampf um eine Reform der 
philosophischen Studien, wie sie damals in der Luft lag: nach Kölner 
und Pariser Muster. Sollte diese Verbindung die Umgestaltung der 
Hochschule entschieden haben? Die Vermutung ist jedenfalls sehr 
naheliegend. Eine ganz andere Frage ist aber, wie weit etwa eine 
solche äußere Verbindung zwischen humanistischen Tendenzen und 
via antiqua — falls sie tatsächlich wirksam war — in das Sachliche 
des Schulstreites hineinreichte: ob also irgendeine innere Ver- 
wandtschaft zwischen humanistischen und neuthomistischen Ideen 
bestanden habe. Diese Frage läßt sich nur im Zusammenhang 
einer eingehenden Untersuchung der sachlichen Lehrgegensätze 
beantworten, auf denen der ganze Schulstreit beruhte. 

Eine solche Untersuchung ist auch aus anderen Gründen not- 
wendig. Sie wird unsere nächste Aufgabe sein. 

* * 

* 

2. Der Gegenstand des Schulstreites. 

L T nsere bisherige Feststellung, daß die Einführung der via anti- 
qua in Heidelberg als bewußte Erneuerung thomistischer und alber - 
tistischer Lehren aufzufassen sei, stellt noch keine befriedigende 

Mecenatem intelügit eaneellarium palatini, qui multum familiaris sibi fuit. 
Luder lebte in Heidelberg seit spätestens Juni 1456; im November 1456 
wird Guldenkopf als gestorben erwähnt (Toepke II 612) — die letzte An- 
spielung ist also wohl eher auf Matth. Rainung (vgl. Z. G. O. XXII, 43) 
zu deuten. 



Studien zur Spätscholastik. II. 69 

Deutung des geschichtlichen Sachverhaltes dar. Sie ist als Formu- 
lierung dieser historischen Erscheinung zu weit und zu eng zugleich. 
Denn weder beantwortet sie die Frage, in welcher Form man jene 
älteren Autoritäten erneuerte, insbesondere welche ihrer Sätze in 
polemischer Wendung gegen die herkömmliche Schuldoktrin ge- 
richtet wurden, noch dürfen wir glauben, mit der Erklärung der 
Heidelberger Vorgänge von 1452 das Verständnis der ganzen Be- 
wegung in Deutschland eröffnet zu haben. Vor einem solchen Irr- 
tum kann uns schon die Beobachtung warnen, daß außer Thomas 
und Albert auch Duns Skotus eine recht erhebliche Rolle in der 
Literatur der via antiqua gespielt hat! Wir sind also genötigt, in 
das Sachliche des Schulstreites einzudringen, um diesen in seinem 
ganzen Umfang zu verstehen und damit zugleich die von der frü- 
heren historischen Literatur aufgeworfenen Fragen beantworten zu 
können. Die Ergebnisse unseres Studiums der Pariser Verhältnisse 
weisen uns in erster Linie auf die Frage nach der erkenntnis- 
theoretischen Bedeutung des Streites hin. 

a) Die Erkenntnislehre und das Universalienproblem. 

Eine unbefangene Betrachtung der Quellenzeugnisse kann 
nicht in Abrede stellen, daß die Erkenntnislehre und insbesondere 
die Beantwortung des Universalienproblems von den Beteiligten 
selbst als das wichtigste Unterscheidungsmerkmal der „alten" und 
„neuen" Schule betrachtet worden ist. Prantl, der diese Tatsache 
leugnet, war schon bei der Analyse der Gersonschen Schriften (die 
er ohne weiteres in die Darstellung der deutschen Verhältnisse 
hineinzieht) zu gewaltsamen Umdeutungen genötigt 1 . Die deutschen 
Quellen zeugen noch deutlicher gegen ihn. 

In einer Münchener Sammelhandschrift fand ich zwei Reden 
des Heidelberger Theologen, Hofpredigers und Vizekanzlers der 
Universität Stephan Hoest aus Ladenburg, die er als Vertreter des 
W r ormser Propstes bei der Promotion junger Artistenmagister 1468 
bezw. 1469 gehalten hat: das eine Mal vor Anhängern der via 
antiqua, das zweite Mal vor „modernen" Promovenden. Er selbst 
gehörte als Artist zur via moderna 2 und als Theologe — interessanter 
Weise — zu den Skotisten 3 , benutzte aber in beiden Fällen die 
feierliche Gelegenheit, um den frisch Promovierten die besonderen 



1 s. o. p. 30, N. 2. 2 Toepke II 394, 397ff. 3 Modus predicandi Ste- 
phan! Hoest, ed. J. Wimpheling, Argentor. 1513 (Staatsbibl. Berlin). Bl. l b . 



70 Gerhard Ritter: 

Vorzüge ihres „Weges" zu rühmen. Was heben nun diese Reden 
(die auch als frühe Versuche humanistischer Rhetorik sehr bemer- 
kenswert sind und aus denen ich deshalb das Wesentliche im An- 
hang mitteile) als wichtigste Differenzpunkte hervor ? „Einzig und 
allein die Ansicht über die Universalienfrage", so heißt es, „scheidet 
den modernen vom alten Wege; denn alles, worin sie sonst noch 
auseinandergehen, ist aus dieser Frage abzuleiten 1 ." Deutlicher 
kann man sich nicht ausdrücken, und die genaue Sachkenntnis des 
Redners und seiner Hörer erhöht noch wesentlich den Wert dieses 
Zeugnisses 2 . Die moderne Methode — erfahren wir weiter — be- 
gnügt sich nicht mit einer verworrenen und unterscheidungslosen 
Erkenntnis der Dinge, sondern durchforscht und untersucht auf das 
exakteste (distinctissime) die „Wesenheiten" (quidditates) der Einzel- 
dinge, spricht den Dingen die Universalität ab und läßt diese nur 
in der (erkennenden) Seele gelten, als eine Art Begriff (nocio), der 
entsteht als Sammelbegriff aus einer geringen und feinen Ähnlich- 
keit (der Einzeldinge). Dieser Auffassung stimmen auch einige 
(nonnuUi astipulatores) unter den Alten bei 3 . Aber für den Redner 
ist das nicht maßgebend. Im Gegenteil rühmt er es als einen be- 
sonderen Vorzug der via moderna, daß sie den Mut zu Neuerungen, 
zur Fortbildung der älteren Theorien besitze und dem Jünger der 
Wissenschaft den Zugang zu den Höhen der Philosophie wesentlich 
zu erleichtern verstehe. Er ist kein unbedingter Lobredner der alten 
Autoritäten. Haben es nicht die neueren Zeiten (er nennt Baldus 
und Bartholus, also Vertreter des 14. Jahrhunderts) in der Kom- 
mentierung des römischen Kaiserrechts zu höchst bedeutenden Lei- 
stungen gebracht ? Steht es etwa anders auf dem Gebiete des 
Kirchenrechts und der Medizin ? W T arum soll die Philosophie 
grundsätzlich von solchem Fortschreiten ausgeschlossen sein ? Be- 
darf nicht der überaus dunkle Text des Aristoteles allenthalben der 
Kommentierung in leichterem und deutlicherem Stil ? Ein un- 
verkennbarer Schwung humanistischer Zukunft sfreudigkeit weht 
durch diese Ausführungen, und wir können schon hier die Beob- 
achtung machen, daß die neue, aus Ralien herüberdringende Be- 



1 Clm. 7080, fol. 366: s. Beilage 1, II. 2 Vgl. damit das Schreiben 
des Alex. Hegius an Agricola in Heidelberg, 17. 12. 1484: Cupio ... ex te 
scire, an Heidelbergenses titi jam a Marsilio suo dejecerint et universalia ante rem 
iure et post rem et individuationis principia traetent an adhuc partes eius tuean- 
tur. (Zs. d. berg. Gesch. ver. 1876, Bd. 11, S. 6-7.) 3 d.h. - im Zusammen- 
hang — Vertreter der älteren Scholastik, nicht etwa Anhänger der via antiqua. 



Studien zur Spätscholastik. II. 71 

wegung der Geister sich ebensogut mit den Tendenzen der via 
moderna wie mit denen ihrer Gegner verbinden konnte. Im übrigen 
entspricht der Inhalt dieser Sätze durchaus unseren Erwartungen: 
die nominalistische Theorie ist darin ebensowenig mißzuverstehenwie 
der grundsätzliche Widerspruch gegen die neuthomistischeReaktions- 
bewegung. Eine Überraschung dagegen bringt die Aufzählung älterer 
Autoritäten der via moderna: neben Okkam, Marsilius, Buridan und 
(ungenannten) Vätern der großen Reformkonzilien erscheinen hier 
auch „Johannes Skotus" und Heinrich von Gent 1 . Zwar habe erst 
Wilhelm Okkam „den Rost des Alten gänzlich abgetan", aber schon 
vor seiner Erwähnung werden die beiden älteren Antithomisten 
ganz unbefangen zur modernen Partei gerechnet. 

Das ist in der Tat sehr auffallend. Haben wir es etwa mit 
einer bewußten Entstellung zu tun, mit dem Mißverständnis eines 
skotistischen Theologen, der sein theologisches Vorbild auch den 
Artisten aufreden möchte? Durchaus nicht! Magister Stephans 
Auffassung wird durch andere Heidelberger Nachrichten mehrfach 
bestätigt. Die bursa nova zu Heidelberg, ein Sitz der „modernen" 
Schule, scheint sich -- nach einem Briefe Wimpfelings zu schlie- 
ßen — mit den skotistischen jormalitates ausgiebig beschäftigt zu 
haben 2 . Ein logisches Schulbuch der gleichfalls „modernen" Schwa- 
benburse, 1513 gedruckt, zählt schon im Titel den Skotus zur via 
moderna?. Die Akten der artistischen Fakultät bezeichnen 1517 mehr- 
mals diese Partei — um die ältere, dem humanistischen Sprachgefühl 
anstößige Bezeichnung via zu vermeiden — als secta Scotica oder 
haeresis Scotica^, und Jakob Wimpheling nennt in seiner Ausgabe 



1 Beachte auch den Hinweis auf die „modernen" Universitäten Paris, 
Erfurt, Leipzig (i. J. 1469!). 

2 Wimpfeling an Joh. Hoffer, regens der bursa nova, der sich über W.s 
Angriffe auf die Traktierung der formalitat.es beschwert hatte, vermutlich 
13. 8. 1499, mitget. von Knod, Z.G.O., N. F. I, 330. Die nova bursa war 
„modern'" : a. f. a. II 107 b . Allerdings ist der Ausdruck nova bursa mehrdeutig! 

3 Textus parvorum logicalium per mag. Leonardum Dieter i de Erpach, 
collegii Suevorum alias modernorum . . . regentem . . . compilatus ad mentem 
Marsilit, Scoti ceterorumque probatissimorum de via moderna doctorum. Heidel- 
bergae (15)13. ÜB II, 655 nach Büttinghausen. Der Druck ist auf deut- 
schen Bibl. nicht mehr aufzufinden. —Die Schwabenburse gehörte auch nach 
a. f. a. II, 109 b (1483) zur via moderna. Die gegenteilige Nachricht bei Haltz 
I 205 und danach Toepke I, p. XII ist irrig. 

4 a. f. a. III, 78 b , 79 a : 1517, juni 27, 28. Ibid. juli 20 wird ein mag. Steph. 
Rodacker e scotica haeresi genannt, der nach Toepke III 433 als Angehöriger 
der via moderna nachzuweisen ist. 



72 Gerhard Ritter: 

des modus predicandi von Stephan Hoest den Verfasser zwar einen 
Skotisten, zugleich aber auch einen neothericus — mit der üblichen 
humanistischen Umschreibung für den scholastischen Ausdruck 
modernus 1 . Das alles stimmt freilich nicht recht zusammen mit 
den sonst bekannten und insbesondere mit den bei Prantl ange- 
führten Quellen 2 . Prantl stützte seine Auffassung in erster Linie 
auf die von uns bereits erörterten frühesten Quellenzeugnisse: auf 
die Schriften des antiskotistischen „Modernen" Joh. Gerson und 
auf die Denkschrift der Kölner Universität von 1425. Beide stam- 
men aus den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts und von 
einem andern Schauplatz. Will man demgegenüber die genannten 
Heidelberger Nachrichten aus viel späteren Jahrzehnten nicht ein- 
fach ignorieren, so bleibt — wie mir scheint — nur die eine Erklä- 
rung, daß die Skotisten von Hause aus in der Mitte zwischen Tho- 
misten und Okkamisten standen, bald zu den Realisten, bald zu 
den Nominalisten gezählt werden konnten. Zu Anfang der Partei- 
spaltung ist in Heidelberg unter der via antiquorum oder realistarum 
wohl ausschließlich eine thomistische (bezw. albertistische) Rich- 
tung nach Kölner Muster zu verstehen. Wenigstens ist immer nur 
von Thomas und Albert die Rede. Und noch 1498 wird die via 
antiqua gelegentlich via thomistarum genannt 3 . Aber daneben be- 
stand damals schon längst der erneuerte Skotismus. Im manuale 
scholarium, das in den achtziger Jahren entstanden zu sein scheint, 
ist von einem Nebeneinander von Modernen, Thomisten, Alber- 
tisten und Skotisten die Rede, ohne daß die Zugehörigkeit der Letzt- 
genannten zu einem der beiden Wege zu erkennen wäre 4 . Ähnlich 
gab es in Wittenberg nebeneinander Thomisten und Skotisten; 
letztere zählten zu den „Modernen", bis die Berufung des Okka- 



1 l.c.B1.2 a . 2 Die Stelle bei Schreiber, Gesch. d. Univ. Freiburg 160, X. 
aus den Freiburger Fak. -Akten, die für eine Identifikation von Skotisten und 
Modernen zu sprechen scheint (angezweifelt schon von Prantl IV, 190, N. 73), 
beruht auf einem willkürlichen und irrigen Zusatz Schreibers. Die Original- 
akten unterscheiden an den p. 60 u. 62 angeführten Stellen nur zwischen 
reales = Scotistae und nominales, also ganz genau entprechend den Pariser 
Parteiverhältnissen (nach frdl. Mitteilung von Herrn Dr. Schaub-Freiburg).— 
Hermelink Th. Fak. 135ff. nimmt für Südwestdeutschland überhaupt ohne 
weiteres eine Identität von Skotismus und via antiqua an. Das ist zweifellos 
unrichtig. 3 a. f. a. II, 164 b . Gleich darauf: via realistarum. Vgl. auch 
Toepke II 424/5. - 1577: secta divi Thomae. a. f. a. III, 79 b . - 1459, I, 21: 
via Alberti et Thomae a. u. III 66 a . 4 Ausgabe Zarnckes: p. 21 u. 45. Die 
Skotisten und Albertisten gelten als die kleinsten Parteien. 



Studien zur Spätscholastik. II. 7 3 

misten Jod. Trudvetter eine dritte via Guilelmi [sc. OkkamJ er- 
öffnete 1 . Sachlich ist diese Mittelstellung der Skotisten zwischen 
Realisten und Nominalisten durchaus nicht unbegreiflich. Denn 
der starke Nachdruck, den Duns Skotus auf die Tatsächlichkeit 
des in seiner haecceitas unableitbaren Einzelnen (individuum) legte, 
das er als den realen Grund alles Seins betrachtete und gegenüber 
der abgeleiteten Realität der allgemeinen Naturen bevorzugte, hat 
ja historisch ebensogut zur nominalistischen Weltauffassung Ok- 
kams hingeführt, wie die metaphysische Hypostasierung seiner 
jormalitates und andere Gedankenreihen seiner Lehre den Anstoß 
zu realistischen Folgerungen gegeben haben 2 . Daß fast die gesamte 
neuskotistische logische Literatur des 15. Jahrhunderts (Joh. An- 
glicus, Stephanus Brulifer, N. Tinctor, Th. Bricot, G. Bru- 
xellensis, Petrus Tartaretus, Nie. Dorbellus u. a. m.) eine 
gewisse Verwandtschaft mit logischen Werken der „Modernen" 
besitzt, hat auch Prantl bemerkt, der gleichwohl die Skotisten 
ohne Einschränkung zur Partei der antiqui rechnet. Er kannte 
auch ein skotistisches Lehrbuch, das sich im Titel selbst als „mo- 
derne" Parteischrift ankündigt, und sah sich genötigt, diesen Titel 
als „buchhändlerische verlogene Reklame" aufzufassen, um ihn zu 
eliminieren 3 . Ein so gewaltsames Verfahren wird überflüssig, sobald 



1 Scheel Luther P, 305/6 und II 2 § 180f. 

2 Schwieriger dürfte die Aufzählung des augustiniseh-platonisch gerich- 
teten Theologen Heinrich von Gent unter den von Hoest genannten Vätern 
des Nominalismus zu rechtfertigen sein. Vielleicht denkt Hoest nur an die 
gegen Thomas gerichteten theologischen Sätze Heinrichs (vom Willensprimat 
u. dgl.), nicht an seine erkenntnis-theoretische Meinung? Das wäre freilich 
eine arge Unklarheit. 

3 IV, 200, N. 124. Th. Bricot und Georg. Bruxellensis, Textus tocius 
logices, Paris 1494. — Benary sucht die PrantlscIic Erklärung derartiger 
Titel (durch Buchhändler-Reklame) lächerlieh zu machen. Für Georgius 
Bruxellensis und Th. Bricot scheint sie auch mir unnötig. Wenn der Heraus- 
geber des gedruckten Bricotschen Kommentars zum Petrus Hispanus den 
Autor einen Nominalisten nennt (N. 126), so begreift man das ohne Schwierig- 
keit angesichts der Definition, die Bricot vom universale gibt (N. 142). Auch 
die gerügte Zitierung des „Thomisten" Versor als Stoffgrube des Buches 
(N. 126) widerspricht nicht dem „nominalistischen" Charakter des letzteren; 
tatsächlich gehören Versors Lehrbücher (soweit sie mir bekannt sind) zu 
dem Verwaschensten und Farblosesten, das es damals gab. Eben darauf beruhte 
wohl ihre große Verbreitung und ihre Verwendbarkeit als Materialsammlung. 
Übrigens zitiert Pr. selbst (S. 241, N. 380) eine Stelle aus Jod. Trutfeder, 
der Bricot und G. Bruxellensis geradezu als moderne Schulhäupter (prae- 
nobiles inier Neotericoteros!) bezeichnet. — Gänzlich verfehlt dagegen ist 



74 Gerhard Ritter: 

wir annehmen, daß in der Tat skotistische Anhänger der „modernen" 
Schule keine Seltenheit waren 1 . Doch damit erhebt sich sofort eine 
weitere Frage. Man kann ganz allgemein in der logisch-philoso- 
phischen Literatur des ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahr- 
hunderts neben heftigen Streitschriften ein allmählich zunehmendes 
Abstumpfen und Verflachen der Parteigegensätze wahrnehmen, das 
zum Teil auf der Einsicht beruht, die Gegensätze seien künstlich 
übertrieben worden — für solche Erkenntnis dient häufig Joh. 
Gerson als Wegweiser — , zum Teil einfach auf dem Absterben jener 
philosophischen Motive, die den Gegensatz ursprünglich hervor- 



Benarys Polemik an anderen Stellen: Prantls ganze Theorie soll angeblich 
„vernichtet" werden durch den von ihm selbst zitierten Büchertitel: Compen- 
dium m. H. de Gorichem . . . academici Montis gymnasarches primi pro eruditione 
Neothericorum praememorati montis Coloniae (IV, 220, A. 257). B. faßt diesen 
Titel als Beweis dafür auf, daß neotherici, d. h. „Moderne" auf der zweifellos 
thomistischen Montanerburse zu Köln unterrichtet wurden, Thomismus und 
moderna via also prinzipiell zusammenfallen konnten (p. 48). Höchst wahr- 
scheinlich bedeutet aber neotherici hier gar nicht viam modernam sequentes, 
sondern dasselbe wie neophici oder novicii in Anm. 288 auf S. 225, nämlich 
einfach „Neulinge", „Anfänger" auf der Schule. Somit würde also B.s, nicht 
Pr.s „ganze Theorie vernichtet". Denn auch Petrus Bruxellensis, den B. 
als „modernen Thomisten" auffaßt, ist kein stichhaltiger Zeuge : nicht eine 
Normalerscheinung, sondern ein ganz später Eklektiker aus der Zeit des Ab- 
flauens der großen Streitigkeiten, überdies in der von Prantl IV, 275, N. 621 
zitierten Quelle deutlich als eine Art Konvertit gekennzeichnet, der aus der 
via moderna zur antiqua übertrat. 

1 Ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie schwach der Gegensatz 
zwischen Skotismus und Okkamismus empfunden wurde, bietet der Skotist 
Nie. Dorbellus (Summula philos. ration. seu logica, Basilee 1494), der mehr- 
fach in wichtigen logischen Fragen (Unterschied der suppositio und signi- 
ficatio, Definition der suppositio simplex usw.) trotz deren erkenntnis-theoreti- 
scher Tragweite die okkamistische Lösung als „forte verior" gelten läßt (fol. K, 
sp. d; K 2, sp. b; K 3, sp. a). — Für die Mittelstellung der Skotisten be- 
zeichnend ist auch eine Episode im Löwener Nominalistenstreit (s. o. S. 33) : 
der Löwener artist. Magister H. de Zomeren wurde 1446 beschuldigt, das in 
Löwen bestehende Verbot nominalistisch-okkamistischer Lehren in verschie- 
denen Thesen (die sich z. T. wohl auf die futura contingentia bezogen) über- 
treten zu haben. Er berief sich darauf, daß diese Sätze skotistisch seien und 
demnach als erlaubt zu gelten hätten (Laminne, Bull, de l'acad. royale de 
Belgique 1906, p. 384 nach Molanus Hist. Lovan. I 581 ff.). — Die Übernahme 
einzelner okkamistischer Begriffe, wie des significatum non Ultimatum und 
großer Stücke der „terministischen" Logik nach Marsilius u. a. fällt sogar bei 
ausgesprochenen Gegnern des Okkamismus, wie Petrus Tartaretus auf. 
Vgl. über ihn Prantl IV 204ff. und seinen Kommentar „/// summulas P. H. il , 
s. 1. 1506 (U. B. Heidelberg), fol. 91 a - b squ., ferner u. S. 92. 



Studien zur Spätscholastik. II. 75 

gerufen hatten. Denn in dem Maße, als das geistige Niveau der 
Schulkämpfe allmählich immer mehr zu einem bloßen Raufen der 
viae um gutzahlende Burseninsassen und Promotionsgebühren 
herabsank (wie es z. B. in Heidelberg sich um die Jahrhundert- 
wende beobachten läßt), konnte auch die farblose Schulbuch- 
literatur, die bloße Stoffsammlung allmählich jene älteren Kontro- 
versschriften verdrängen 1 . Der Eklektizismus geht sogar noch über 
die Verschmelzung skotistischer und okkamistischer Motive hinaus: 
selbst den Thomas suchte man schließlich mit der „modernen" 
Logik in Übereinstimmung zu bringen 2 . Die Frage ist nun, ob wir 
die „modernen" Skotisten nach der Art des Stephanus Hoest 
bereits zu diesen Eklektikern der Spätzeit zu rechnen haben. Allein 
wenn man bedenkt, daß zur Zeit des Stephanus der Schulkampf in 
Heidelberg und auf anderen deutschen Universitäten noch in voller 
Blüte stand und daß Stephanus Hoest keineswegs eine grund- 
sätzliche Aussöhnung der Parteigegensätze im Auge hat, vielmehr 
seinen Duns Skotus ganz eindeutig der „modernen" Partei zu- 
rechnet, so wird man geneigt sein, diese Frage zu verneinen und 
lieber die von Prantl gezeichnete Gesamtansicht der Parteiverhält - 
nisse erheblich zu revidieren. 

Das erweist sich ohnedies als notwendig. Denn außer Stephan 
Hoest zeugen noch andere Quellen klar und eindeutig für die von 
Prantl geleugnete Wichtigkeit des Universalienproblems in unse- 
rem Schulstreit. Zu den wertvollsten Quellenstücken der Heidel- 
berger Universitätsgeschichte gehört ein (seltener) Schöfferscher 
Druck von 1499, in dem die Heidelberger „Modernen" sich gegen 
alle möglichen Vorwürfe ihrer „realistischen" Gegner verteidigen 
- ein Selbstzeugnis, auf das wir in anderem Zusammenhang noch 
zurückkommen werden. Darin findet sich u. a. eine fingierte Rede 
des Marsilius von Inghen, den katilinarischen Reden Ciceros nach- 
gebildet, zur Verteidigung der von ihm in Heidelberg begründeten 
Schule. Darf man uns einen Vorwurf daraus machen, sagt der 
Redner, daß wir die Universalien nicht als real gelten lassen ? Ist 



1 Nach Hermelink, Theol. Fak. 136, N. 2, war das logische Lehrbuch 
des Joh. Fabri de Werdea in Tübingen Ende des 15. Jhd.s offizielles Lehr- 
buch der moderni. Joh. Fabri gehört nach Prantl IV, 203 zu den termini- 
stischen Skotisten. 

2 Vgl. Petrus Bruxellensis (Prantl IV 275 ff.), Johann Eck, Jo- 
hann v. Glogau u. a. (ibid. 284 ff.). 



"6 Gerhard Ritter: 

das nicht die Lehre der größten Philosophen 7 1 Ist nicht die gegen- 
teilige Meinung in Konstanz verdammt worden, wie Johannes 
Gerson bezeugt ? Aber freilich, man meint diese Lehre mit dem 
Schlagwort „Nominalismus" einfach abtun zu können; man be- 
hauptet, sie beschäftige sich ausschließlich mit Lauten und Be- 
griffen, nicht mit den Dingen selber. Als ob wir so stupide wären, 
nur an die Buchstaben, Silben und bloßen Worte zu denken, wenn 
wir etwa in der Physik vom corpus mobile oder in der Psychologie 
von der Seele reden! 2 Was sollte uns eigentlich daran gelegen sein, 
bloß um der Worte willen so große Bücher zu schreiben ? Habe ich 
(Marsilius) etwa als Theologe das griechische Wort „Christus" an- 
gerufen oder nicht vielmehr den Herrn selber ? Verachten die 
Gegner etwa meine Schule darum, weil wir in der Logik einige 
Verbesserungen aufgebracht haben (in logicis politiora quaedam et 
magis exquisita usurpavimus) ? Auch wir treiben unsere Studien 
über Gott, Welt Schöpfung, Psychologie, Ethik usw. so gut wie die 
andern! Ist es verboten, seine eigene Meinung zu haben über die 
proprietates terminorum — überdies eine, die schon bei Aristoteles 
zu finden ist, von dem wir überhaupt in keinem Punkte abweichen, 
wo uns nicht die Lehre der Kirche dazu zwingt ? Auch Aristoteles 
hat in seiner Syllogistik gelegentlich bloße Buchstaben (A, B, C) 
zur Bezeichnung der Figuren gebraucht; und im Bereich der logi- 
schen Wissenschaften (quae sermocinales sunt), sind doch unzweifel- 
haft sermones ac sermonum partes die Hauptsache, die durch den 
Sprachausdruck bezeichneten Dinge aber (sermonum signijicata) 
nur beiläufig und indirekt (obiter et accessorie) Gegenstand der Be- 
trachtung. Umgekehrt natürlich liegt das Verhältnis in den Sach- 
wissenschaften. W T arum also der Vorwurf leerer Wortklauberei ? 
Es ist empörend, daß man glaubt, uns mit Spott als bloße ,,Ter- 
ministen" oder „Nominalisten" bezeichnen zu dürfen 3 , als ob wir 

1 An nos et opera nostra forsitan abicitis, quod universalia quedam realia 
non asseveramus? Quae quod explodenda sint . , . maximi philosophi nobis asti- 
pulantur. — ,,Ad illustrissimum Bavarie ducem Philippuni . . . epistola". Mainz 
1499. (= Panzer-Copinger II, 1, Nr. 10781), fol. 4 a ff. 

2 Num putatis nie et nostros sequaces dumtaxat de vocibus et terminis agere 
nee, cum verbis inter disserendum utimur, meminisse rerum, quarum signa sunt, 
quas loquendo corani exhibere non possumus? Nos ne tarn stolidos et insensatos 
opinamini, ut quotiens physicale ens vel corpus mobile librorumque de anima 
subiectum, ipsam animam, profitemur, de his solum litteris et syllabis deque nudis 
absque ratione rerum vocabulis herum atque iterum sermones nostros conterere 
studeamus — usf. 

3 Indigne nos (cum ludibrio saltem) terministas aut nominales appellatis. 



Studien zur Spätscholastik. II. 77 

uns nur mit der sermozinalen Oberfläche der Dinge befaßten, ohne 
in ihren Sachgehalt einzudringen. In Wahrheit bauen beide Schu- 
len {viae) auf demselben Fundamente: Priscian in der Grammatik, 
Aristoteles, Boethius, Themistius, Porphyrius in der Logik, und in 
der Theologie besteht auch kein grundsätzlicher Unterschied in der 
Benutzung von Autoritäten 1 . Man könnte uns gerade so gut anti- 
qui nennen, fügt der theologische Bakkalar Jakob Merstetter hinzu, 
so alt sind die aristotelischen Grundlagen unserer Lehre. 

Diese Ausführungen bedürfen keines Kommentars. Wir kennen 
alle diese Erörterungen zur Genüge aus den Kontroversen der fran- 
zösischen Scholastik. Auf Johannes Gerson berufen sich denn auch 
unsere Heidelberger Modernen immer wieder; nur ist es sehr be- 
merkenswert und begreiflich, daß sie seine Polemik gegen die skoti- 
stischen „Formalitäten" nicht berühren. Statt dessen drucken sie 
aus der uns bekannten Schrift De concordia metaphysice cum logica 
den Passus ab, der sich auf das Universalienproblem bezieht und 
gegen den extremen Realismus gerichtet ist 2 . Je deutlicher auch 
hierdurch wieder bezeugt wird, daß tatsächlich der Nominalismue 
und die schon mehrfach erörterte erkenntnistheoretische Grund- 
auffassung des Okkamismus überhaupt das charakteristische Merk- 
mal der modernen Schule bildeten, um so mehr muß ihre lebhafte 
Verwahrung gegen den „Spottnamen" der Terministen und Nomi- 
nalisten auffallen 3 . In der Tat erscheinen diese Ausdrücke zwar 
häufig in der Literatur, aber m. W. nirgends in den Heidelberger 
Universitätsakten als offizielle Bezeichnung, während dort der Aus- 
druck realista geläufig ist 4 . Man wird daraus nicht (mit Prantl) ent- 



1 Über diesen letzteren Punkt vgl. den späteren Abschnitt: „Die via 
antiqua und die Reform der Theologie". 

2 Fol. 18bff. — Als „moderne" Autoritäten erscheinen im übrigen: 
Okkam, Buridan, Gregor v. Rimini, Adam (Goddam?), H. Oyta, H. de Has- 
sia, Matth. von Krakau, Nikol. Oresme, R. Holkot, Albert v. Sachsen, Peter 
d'Ailly, Joh. Gerson, Nik. Cusanus(!), Stephan Proliverius (wohl Brulifer, der 
Skotist!), Gabriel Biel. 

3 Besonders heftig polemisiert der Autor gegen einen Dictionarius predi- 
canlium, der boshafterweise die moderni als Epikureer bezeichne, quoniam 
superficiales sint in artibus liberalibus. Gemeint ist der Artikel „epicureus" 
des vielgedrucktcn Heidelberger vocabularius predicantium von Joh. Melber 
(Hain 11022 — 11044), der aus Predigten Jodocus Aichmanns zusammenge- 
stellt ist. Man mag daraus den Ton der Aichmannschen Polemik entnehmen ! 

4 In Freiburg dagegen wurde die Bezeichnung nominales offiziell ge- 
braucht; vgl. Schreiber I, 62 und acta fac. art. I, fol. 133 b z. J. 1497: in 



78 Gerhard Ritter: 

nehmen dürfen, daß die Universalienfrage von untergeordneter Be- 
deutung für die Unterscheidung der beiden Wege gewesen sei, wohl 
aber, daß die „Nominalisten" sich ihrer sachlichen Mitarbeit an 
den Aufgaben der Metaphysik und der ,, Realwissenschaften" über- 
haupt sehr deutlich bewußt waren. Wie guten Grund sie tatsäch- 
lich hatten, auf eine scharfe Unterscheidung ihrer rein erkenntnis- 
kritisch gemeinten Lehre von dem älteren, ontologisch bestimmten 
Nominalismus eines Roscellin zu dringen, haben wir oft genug 
hervorgehoben 1 . 

Doch es wird nützlich sein, unsere Auffassung der Sachlage 
noch durch einen vergleichenden Umblick in der damaligen Lite- 
ratur außerhalb Heidelbergs nachzuprüfen. Besonders wichtig ist 
für unsere Frage die Abhandlung des Kölner Albertisten Hemeri- 
cus de Gampo über die Differenzpunkte zwischen der Lehre des 
Thomas und Albert s des Großen, die zugleich den Streit zwischen 
altem und neuem Wege bespricht und zugunsten der antiqui ent- 
scheidet 2 . Gleich der erste Satz bestätigt unsere bisherigen Er- 
gebnisse: die Lehre der Modernen, heißt es, weicht vom ersten Ari- 
stoteles hauptsächlich (presertim) in der Universalienfrage ab, die 
den Angelpunkt und die Grundlage aller Kunst und Wissenschaft 
bildet. Insbesondere geht der Streit um folgende Einzel probleme: 
ob die Universalien außerhalb der Seele, ob sie getrennt von den 
Einzeldingen oder auch in diesen existieren, ob sie als Materie, als 
Form oder als ein Zusammengesetztes von beiden bestehen, ob sie 
körperlicher Natur sind und ob sie durch die fünf Prädikabilien des 
Porphyrius erschöpfend dargestellt werden. In der Tat dreht sich 
dann die weitere Erörterung ausschließlich um diese Fragen, und 
sehr bald wird deutlich, daß die uns wohlbekannte Besorgnis, die 
„moderne" Erkenntnistheorie möchte die metaphysische Bedeu- 
tung der auf die Universalbegriffe angewiesenen wissenschaftlichen 

via nominalium. Als „Schimpfname" kann die Bezeichnung nominales also 
nicht durchweg empfunden worden sein. Die moderni vermieden sie aus den 
im Text angedeuteten Gründen zumeist, scheuten sich aber auch nicht, ihren 
Xominalismus bei Gelegenheit offen zu bekennen. Vgl. die Zitate bei Mest- 
werdt, a. a. O. 116 ; N. 3 und die zahlreichen Titel von gedruckten Schul- 
büchern der Modernen, die sich als nominalistisch selber ankündigen (bei 

PRANTL). 

1 Vgl. dazu die zutreffenden Bemerkungen Hermelinks. Theol. Fak. 100, 
A. 5, im Anschluß an Prantl III, 344. A. 780. 

2 Problemata inter albertum magnum et sanctum thomam . , gedr. Köln 1490. 
Münchener St.-Bibl.) Bei Prantl IV 182 ff. besprochen (nach d. Ausgabe 
1406); ibid. Abdruck des Anfangs. 



Studien zur Spätscholastik. II. 79 

Erkenntnis zerstören, als treibendes Motiv hinter dieser Polemik 
steht 1 . Es handelt sich hier um ein verhältnismäßig frühes Zeugnis: 
da der Autor 1460 gestorben ist, fällt die Schrift vermutlich gerade 
in die ersten Jahre der Heidelberger Streitigkeiten. Prantl sucht 
aber den Wert dieser Quelle, die seiner Theorie so überaus unbe- 
quem ist, dadurch herabzusetzen, daß er sie als thomistisches Pro- 
dukt der böswilligen Verleumdung verdächtigt. Aber dazu sehe ich 
keinen Anlaß. Die Schrift bezeichnet sich selbst als einen Leit- 
faden, der den Kölner Scholaren das Zurechtfinden in den ver- 
wickelten Streitigkeiten der verschiedenen Schulen erleichtern soll. 
Warum sollte dieser Leitfaden beabsichtigen, durch künstliche Ver- 
wirrung in die Irre zu führen ? 

Doch Prantl hält einmal die Thomisten für unzuverlässige 
Zeugen in Sachen der via moderna. Gehen wir darum ins andere 
Lager hinüber und hören, wie man dort von dem Schulstreit spricht ! 
Eine besonders klare, auch von Prantl gelobte Darstellung bietet 
der Ingolstädter Professor Johannes Parreudt ( = Bayreuther, 
gest. 1495) 2 , gleichfalls in einem für Studierende bestimmten Hand- 
buch, das den ganzen Wust überkommener Spitzfindigkeiten ab- 
zutun und eine faßliche Einführung in die Logik zu geben ver- 
spricht. In der Tat macht sich Parreudt nicht mehr die Mühe, die 
gesamten — wie er meint, bis zum Ekel häufig erörterten — Streit- 
fragen der Schulen noch einmal durchzufechten, sondern begnügt 
sich mit der Angabe der Differenzpunkte und kurzen Verweisen auf 
Aristoteles, Okkam und andere Autoritäten. Fragt man, was er als 
entscheidende Differenz zwischen „Realisten" und „Modernen" 
angibt (auch dieser „Moderne" vermeidet den Ausdruck nomi- 
nalesl), so erscheinen wieder die bekannten beiden Streitpunkte: 
die Leugnung der realen Existenz der Universalien durch die mo- 
derni und ihre Theorie von dem rein begrifflichen, nicht realen 
Charakter aller Wissenschaft. In der Universalienfrage zeigen sich 



1 ,,Nulla scientia sie [sc. seeundum viam modernorum] esset realis, sed 
omnis esset sermocinalis, intentionalis seu rationalis .... Etiam inane esset 
dictum philosophi . . . quod compositio et divisio coneeptuum in intellectu causata 
est ab aptiliidine componibilitatis sive compossibilitatis et divisibilitatis in re. Et 
etiam falsum diceret . . . quod unumquieque sie se habet ad veritatem, sicut ,se habet 
ad entitatem, et . . quod eadem sunt prineipia essendi et cognoseendi." - 1. c. 
fol. a 3 b . Vgl. auch die heftige Polemik gegen Buridan, Marsilius und Okkam 
bei Prantl 183, N. 52. 

2 Textus veteris artis . . . seeundum doctrinam Modernorum. Hagenau 1501 
(U. B. Heidelberg). - Prantl IV 239. 



80 Gerhard Ritter: 

drei Parteien: Skotisten, Thomisten und Moderne, die für Parreudt 
mit den Okkamisten zusammenzufallen scheinen; denn er selbst 
bekennt sich ausdrücklich zu Gerson, d'Ailly und Okkam 1 . Was 
ihn an die Seite dieser Autoritäten treibt, ist — ganz wie bei Gerson 
— das Bedürfnis nach Vereinfachung der realistischen Begriffs- 
spielerei, die mit humanistischen Wendungen verspottet wird 2 . Auch 
hier wird also der Okkamismus nicht als Steigerung, sondern als 
Einschränkung der logischen Sophistereien empfunden ! Und wieder- 
um ähnlich wie Gerson ist der Autor überzeugt, daß auch die Meta- 
physik und Theologie recht wohl auf dem Fundament der „moder- 
nen" Lehre bestehen können 3 . Denn die Leugnung der universalia 
in essendo braucht keineswegs die metaphysische Bedeutung der 
Allgemeinbegriffe zu berühren; die Logik hat es nur mit vocabula, 
dictiones et termini zu tun, die Metaphysik dagegen mit den Rea- 
litäten 4 . Der nächste und unmittelbare Gegenstand der Aussage im 
Urteil ist zwar immer ein Begriff, der entfernte und mittelbare da- 
gegen eine Sache 5 . 

Prantl konnte die Glaubwürdigkeit dieses Zeugen unmöglich 
in Zweifel ziehen. Er begnügt sich darum mit der Bemerkung, daß 
hier ,,nur von der Spaltung der Ansichten bezüglich der Universa- 
lien" die Rede sei. Also etwa nicht von der großen Schulstreitig- 
keit, obwohl doch ausdrücklich moderni und reales einander gegen- 
übergestellt werden ? Aber vielleicht könnte man die Sache so aus- 
legen, daß die Universalienfrage zwar in den allgemeineren Gegen- 
satz hineinspiele, aber darin nur eine Nebensache darstelle. Fragen 



1 Vgl. Prantl 239, A. 372/3. 

2 Von den Realisten heißt es qu. 1: Quorum quilibet telum ex balista ad 
Signum metae misit, sed quis ex Ulis signum metae tetigit vel propius sagittavit, 
meum Ingenium transcendit . . . Gaudent brevitate moderni. Den Realisten macht 
er zum Vorwurf : quod entia multiplicant sine necessitate. 

3 fol. a 3 b : Famosissimi theologi omnia melius salvabant — etiam ea, quae 
fidem tangunt — sine Ulis universalibus, quam alii, qui ea posuerunt. 

4 Ibid.: Quoddam est universale in predicando — est quod natum est esse 
in pluribus; multi enim textus sie habent: est quod in pluribus natum est predi- 
cari, quod non videtur bene dictum . . . Universale in predicando est categorema 
univocum incomplexum, quod natum est esse in pluribus, id est: quod est 
formaliter commune pluribus . . . Et non est inconveniens exponi diffinitionem de 
signis representatibusn universale reale metaphysicum, ne omnino 
illud universale fictum videatur aliquibus. 

5 fol. 63 b : Subiectum vel predicatum est duplex, sc. propinquum et immedia- 
tum, et est terminus, vel remotum et mediatum, et est res. Vgl. auch Prantl 
1. c. N. 375 (es muß dort heißen qu. 2 statt qu. 5). 



Studien zur Spätscholastik. II. 81 

wir darum einen weiteren Zeitgenossen jener Kämpfe: den Italiener 
Bartolomeus Manzolus, dessen ausgesprochene Absicht die Bei- 
legung des (auch in Italien ausgebrochenen) Streites der Dialek- 
tiker alter und neuer Richtung bildet. Die Auskunft, die wir erhal- 
ten, ist wieder dieselbe: die einen, heißt es, betrachten als nächsten 
Gegenstand der Wissenschaft die Begriffe, die andern dagegen (die 
Realisten) lassen die Wissenschaft unmittelbar von den Sachen 
handeln; denn jenen sind die Allgemeinbegriffe nur begriffliche 
Wesenheiten, diesen sind sie echte, in den Dingen existierende 
Realitäten 1 . Prantl ist moralisch empört über diese Angaben, über 
diese ,, freche thomistische Lüge", diese „böswillige Verdrehung und 
gehässige Verdächtigung" usw. Aber der Leser erfährt nicht, warum 
denn eine solche, von allen Parteien fast gleichlautend gegebene 
Erklärung des Sachverhalts 2 durchaus eine so abscheuliche Ver- 
leumdung darstellen soll — abgesehen davon, daß sie freilich der 
vorgefaßten Theorie des Historikers kräftig widerspricht. Doch das 
ist eine Sünde, an der sich jeder Bearbeiter originaler Geschichts- 
quellen mit Nutzen gelegentlich zu ärgern pflegt — , im Bereiche 
der Philosophie vielleicht noch mehr als in anderen Bezirken des 
Historischen. 

So zeigt sich der Kern des von uns untersuchten Parteigegen- 
satzes im wesentlichen von allen Seiten her in der gleichen Gestalt. 
Gewiß wechselt die Farbentönung je nach der Mischung der ein- 
ander konträren Elemente: da, wo Skotisten und Okkamisten gegen 
den Thomismus zusammenstehen, verschwimmen die Tönungen 
stärker ineinander, als da, wo der Okkamismus seine nominali- 
stische Grundfarbe klarer von der Verbindung realistischer Skoti- 
sten mit den Thomisten absetzt. In diesem zweiten Falle kehrt er 



1 Zitate bei Prantl IV 616. 

2 Dafür noch weitere Belege bei Prantl selbst: Faventinus Menghus, 
ein italienischer „Moderner", unterscheidet reales und terministas nach ihrer 
Stellung zum Universalienproblem (p. 232, N. 326); Barth. Arnoldi von 
Usingen, der bekannte Erfurter Moderne, sieht den Unterschied in der einer- 
seits (bei den Realisten) unmittelbaren, anderseits (bei den Modernen) mittel- 
baren Beziehung der logischen Operationen auf die „Dinge" begründet, also 
in der alten, von uns oft erörterten Unterscheidung zwischen nahem und ent- 
ferntem, unmittelbarem und mittelbarem Gegenstand des Erkennens; diese 
Unterscheidung liegt natürlich in der verschiedenen Auffassung der Univer- 
salien begründet, was P. übersieht (1. c. 244, N. 398). — In der Schrift des 
A. Coronel über die Kategorien (1513) wird zwischen reales und nominales 
unterschieden (p. 253, N. 459). 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1922. 7. Abli. 6 



82 Gerhard Ritter: 

sich schroffer auch gegen die skotistischen fonnalitates, von denen 
im anderen Falle nicht weiter die Rede ist. Und umgekehrt kommt 
es vor, daß die Vertreter des Thomismus die metaphysische Be- 
deutung der „Formalitäten" gegenüber den „Nominalisten" unter- 
streichen (wenn sie die Gemeinsamkeit „realistischer" Ansichten be- 
tonen wollen, die zwischen Thomisten und Skotisten gegenüber dem 
Okkamismus besteht), daß sie aber gleichwohl außer den „Nomina- 
listen" auch die Skotisten zu ihren Gegnern rechnen. Ein Beispiel 
der letzteren Art bietet die Streitschrift des Kölner Thomisten 
Petrus Nigri 1 . So wird das ganze Verhältnis der Schulen gegen- 
einander durch die schwankende Stellung des Skotismus mehrfach 
kompliziert ; und gleichzeitig wird der erkenntnistheoretische Gegen- 
satz im Vergleich zum früheren Mittelalter dadurch umgebogen (und 
in gewissem Sinne gemildert), daß der spätscholastische Nominalis- 
mus nur noch eine rein erkenntnistheoretische, nicht mehr onto- 
logische Bedeutung besitzt. Trotz dieser Einschränkungen wird 
man aber sagen dürfen, daß die seit Aventin herkömmliche Ab- 
leitung der beiden viae aus dem großen Gegensatzpaar Nominalis- 
mus und Realismus entgegen der Meinung neuerer Darsteller der 
Wahrheit immerhin nahekommt 2 . Zu beantworten bleibt noch die 
Frage, ob der Schulstreit darüber hinaus auch für die Methode und 
die Gegenstände des akademischen Unterrichts seine Bedeutung 
gehabt hat. 

b) Reale und sermozinale Wissenschaft. 

Zur Beurteilung der Prantl sehen These von der „wesentlichst 
im Lehrstoff begründeten" Unterscheidung der beiden Schulen steht 



1 Hain 11 887 (Münchener St. -B.) ; Prantl IV221 : Clipeus Thomistarum. 
Nigri definiert fol. ll a als Merkmale der Xominalisten: a) dieunt, quod omnis 
passio et subiectum sola ratione distinguuntur, z. B. bonitas dei et deus (Ablehnung 
der realen Bedeutung der fonnalitates) ; b) Leugnung der universalia in essendo 
c) Behauptung der sermozinalen statt realen Natur des Wissens. — Natürlich 
erklärt Prantl auch diesen Autor für einen „äußerst verbissenen, fanatischen 
Thomisten" und „borniertesten Realisten". 

2 Der richtige Sachverhalt scheint immerhin erkennbar durch die huma- 
nistisch gefärbte, stark verdunkelte Schilderung Aventins (Opp. III, 1, 
p. 200ff.) hindurch. Aventin stellt etwa folgende Streitpunkte heraus: a) reale 
contra sermozinale Wissenschaft; b) Identifikation bzw. Unterscheidung von 
caecus und caecitas (Problem der formalitates); c) scientia in rebus bzw. in 
notionibus vel animi sententiis existens; d) Auffassung der Ideen als selbständig 
existierende Wesen (platonisch) bzw. als bloße Fiktionen (stoisch). Okkam 
wird als Erneuerer der Stoa bezeichnet — das läßt die humanistischen Vor- 
urteile des Verfassers deutlich erkennen. 



Studien zur Spätscholastik. II. 83 

uns das Material bereits großenteils zur Verfügung. Soviel ist jetzt 
schon deutlich und Prantl zuzugeben, daß die Okkamisten mit 
einer gewissen Vorliebe die proprietates terminorum, also die im An- 
schluß an den 7. Traktat des Petrus Hispanus betriebenen Teile der 
Logik, in ihren Schriften behandeln. Von Gerson bis zu jener 
Heidelberger Verteidigungsschrift der Modernen von 1499 rühmen 
sie das als ihre besondere Domäne 1 . Eine ganz andere Frage ist, 
ob sie über dieser Liebhaberei die „realen" Teile der Logik (Kate- 
gorien und Universalien) und die Sachwissenschaften zu kurz kom- 
men lassen, wie mittelalterliche Gegner und moderne Geschichts- 
darsteller ihnen nachsagen. Wie energisch sie selbst derartige Vor- 
würfe von sich weisen, hörten wir schon; selbst den Namen nomi- 
nales möchten sie vermieden sehen, um nur ja nicht den Eindruck 
zu erwecken, als ob ihr Verhältnis zur Metaphysik weniger eng 
wäre, als das ihrer Gegner. Wie steht es aber praktisch mit ihrer 
Pflege der „realen" Wissenschaften? 

Die Frage ist schon mehrfach von uns angerührt, bedarf aber 
noch der zusammenfassenden Erörterung und endgültigen Klärung. 

Die Behauptung Hermelinks (und in beschränkterem Sinne 
Prantls), den „Modernen" habe es an Interesse für die natur- 
wissenschaftlichen Teile der aristotelischen Lehre gefehlt, bedarf 
für uns kaum noch der Widerlegung. Die große Generation der 
Pariser Okkamistenschule des 14. Jahrhunderts, deren naturwissen- 
schaftliche Studien Duhem schildert, ist zwar — wie uns die Unter- 
suchung der Physik des Marsilius zeigte 2 -- im ganzen über die 
peripatetischen Vorstellungen nicht allzu weit hinausgekommen, be- 
deutet aber doch den Höhepunkt naturwissenschaftlicher Forscher- 
leistungen auf den Universitäten für mehr als ein Jahrhundert. Die 
spätere Schulliteratur zeigt demgegenüber zweifellos einen Verfall 3 . 
Aber dieser Verfall erstreckt sich in mindestens derselben Aus- 
dehnung auf die Literatur der via antiqua wie auf die ihrer Gegen- 
partei. Man kann deutlich beobachten, wie in physikalischen Fragen 
die antiqui wichtige Entdeckungen der Pariser Nominalisten ohne 
weiteres als Gemeingut der Spät Scholastik übernehmen und wie 
sie an anderen Stellen, wo sie ihren älteren Vorbildern getreulich 
folgen, jenen Neuentdeckungen gegenüber rückständig werden. Die 
Darstellung der Fallgesetze bei den Skotisten Petrus Tartaretus 
und Nik. Dorbellus und bei dem Thomisten Joh. Versor wirkt 

1 Vgl. oben S. 76. 2 Studie I, p. 68ff. 3 Das zeigt auch Duhem mehr- 
fach, so fit. sur Leonard da Vinci III, 97 ff., 161 ff. u. ö. 



84 Gerhard Ritter: 

gänzlich veraltet angesichts der okkamistischen Entdeckung mathe- 
matisch formulierbarer Regeln 1 . Ein ausgesprochener Vertreter der 
via antiqua in Tübingen, Konrad Summenhart, wendet die Lehre 
der Okkamisten vom impetus bewegter Körper schulgerecht auf 
den Fall an, offenbar ohne sich ihrer Herkunft aus dem andern 
Lager überhaupt bewußt zu sein 2 . Petrus Tartaretus bezeugt 
ausdrücklich, daß die Lehre vom impetus Gemeingut fast aller 
Philosophen sei und übernimmt selbst die Lehre des Marsilius von 
Inghen von der sukzessiven Übertragung des impetus auf die ein- 
zelnen Teile des geschleuderten Geschosses, ohne deren Urheber zu 
nennen (und wohl auch zu kennen) 3 . Ganz rückständig, nämlich 
streng aristotelisch-thomistisch, ist die Darstellung der Bewegung ge- 
schleuderter Projektile bei dem Thomisten Joh. Versor 4 , dessen 
naturphilosophische Schriften 5 auch sonst nicht eine Spur selbstän- 
digen Nachdenkens über ihren Gegenstand erkennen lassen. Ich 
vermag überhaupt nicht zu erraten, wo und wie sich denn eigent- 
lich der von Hermelink so laut gerühmte Eifer der via antiqua für 
die Naturphilosophie (er soll ja geradezu ,, einen Fortschritt in der 
Geschichte der Kultur" hervorgerufen haben!) geäußert haben 
könnte. Alles, was mir an naturphilosophischen Schriften dieser 
Schule zu Gesicht gekommen ist, erschöpft sich in sklavischer Kom- 
mentierung des Aristoteles nach Thomas bzw. Duns Skotus, besten- 
falls unter Ausnutzung der „modernen" Literatur. Und gelegent- 
lich stößt man dann auf solche Äußerungen wie die des Skotisten 
Dorbellus, daß die naturwissenschaftliche Bildung nur in gerin- 
gem Maße für den Theologen notwendig sei und daß ein kurzer, 
vereinfachender Abriß hierfür durchaus genüge 6 — Äußerungen, 
die dem Bestreben der spätmittelalterlichen Theologie nach Selbst- 
reinigung von überflüssigen philosophischen Spekulationen jeden- 
falls besser entsprechen, als die angeblich enorme Verstärkung 
naturwissenschaftlicher Interessen 7 . 



1 Di hem I.e. III 97 ff. - Ibid.; Hermelink, Theol.Fak. 160 vermochte 
diesen Sachverhalt noch nicht zu übersehen. 3 Clarissima . . . totius phi- 
losophiae [naturalis] neenon metaphysice Aristotelis . . . expositio. 1506, s. I. 
Nie. Wolff. (U. B. Heidelberg) — fol. 65, d: Proiecta moventur a virtute ipsis 
impressa a proieiente, quam aliqui communiter vocant impetum . . . et in islo modo 
concordant fere omnes philosophi. 4 Quaestiones super 8 libros physicorum. 

Coloniae 1489, vorletzt ^ quaestio. 5 Hain 16047 (U. B. Heidelberg). G Cur- 
sus philosophie naturalis seeundum viam . . . Scoti. Basel 1494 (pro doctoribus 
theqlogicis compendium) , Pars I [mathematica) Einleitung (U. B. Heidelberg). 
7 Ganz anders zu beurteilen ist natürlich ein Werk wie die naturphilo- 



Studien zur Spätscholastik. II. 85 

Dem stellen freilich auch keine glänzenden Leistungen „mo- 
derner" Naturwissenschaft im 14. Jahrhundert gegenüber. Aber 
darauf darf man immerhin verweisen, daß diejenige deutsche Uni- 
versität des Mittelalters, die dem Aufkommen der neueren Natur- 
forschung am besten vorgearbeitet hat, die Wiener Hochschule, 
ausgesprochen „modernen" Charakter trug und ihre großen natur- 
wissenschaftlichen Traditionen an den „okkamistischen" Theologen 
Heinrich von Langenstein anknüpfen konnte 1 . Hier reichten ein- 
mal diese Interessen über die übliche fromme naturphilosophische 
Betrachtung hinaus in das Gebiet exakter Tatsachenforschung 
hinein. — Weiter zeigen alle Lektionspläne deutscher Universitäten 
und so auch der Heidelberger, daß die Physik mit ihren verschie- 
denen Nebenfächern* (de generatione et corruptione, libri metheoro- 
rum) dem einen wie dem andern Wege als eine der unentbehrlichen 
Hauptvorlesungen galt. Auch die moderni rechnen sie zu den best- 
besuchten und darum lohnendsten Lektionen 2 . Warum sollte auch 
die okkamistische Lehre innerlich diesen Dingen irgendwie ferner 
gestanden haben? Das Beispiel des Nikolaus von Autrecourt 
zeigt deutlich, daß weit eher ein radikaler Empirismus, der die 
Tat Sachenerfahrung an Stelle aller logischen Spekulationen setzte, 
in der natürlichen Konsequenz dieser Erkenntnislehre liegen mochte 3 . 

Nicht anders aber steht es mit der Literatur moralisch-national- 
ökonomischer Traktate, die Hermelink 4 den „realwissenschaft- 
lichen" Interessen der via antiqua gutschreiben möchte. Die mo- 
derni sind an dieser Schrift st eil er ei eher noch stärker beteiligt, als 
ihre Gegner. Es genügt, die Namen Heinrich von Langenstein und 
Nikolaus von Oresme (den „großen Nationalökonomen des 14. Jahr- 



sophisehe Enzyklopädie des Gregor Reisch (Marga/ita philosophiae, 1496), 
der zur via antiqua zählte, aber innerhalb dieser Schule wie innerhalb der 
Spätscholastik so gut wie isoliert dasteht. Solche Ausnahmeerscheinungen, wie 
Gregor Reisch, Vincenz von Beauvais oder den älteren Bacon, in denen ein 
unbefangenes Wirklichkeitsinteresse gewissermaßen plötzlich alle scholastische 
Tradition durchbricht, wird niemand aus den Parteiungen eben dieser Schul- 
tradition erklären wollen. 

1 Vgl. Tannstetters 1514 geschriebene Einleitung zu Peurbachs tabu- 
lae eclypsium und Regiomontani tabulae primi mobilis, bei Duhem 1. c. III, 15. 
2 Heidelberger a. f. a. III 4 a u. 5 a (1501) u. ö. wird sie den ganz jungen 
Magistern darum untersagt. — 1473, jan. 5 müssen die scolares in via antiqua 
von d. Fakultät gezwungen werden: ante eorum promocionem audivisse et libros 
physice sicut Uli de via moderna{\) a. f. a. II 80 a . 3 Vgl. die Sätze des N. 
v. Autrecourt bei Prantl IV, 3, N. 4 u. Chartul.II. 1, p. 507. 4 Theol. Fa- 
kultät 158/9. 



86 Gerhard Ritter: 

hunderts" nach Roschers Ausdruck) zu nennen, um den Anteil 
der Modernen an diesen Dingen ins rechte Licht zu rücken. Aber 
auch auf dem Boden des Heidelberger Okkamismus entstand eine 
ganze Reihe solcher Schriften 1 . 

Aber — wird man einwenden — unter „realer Wissenschaft" 
ist im Sinne des Mittelalters in erster Linie die Metaphysik und 
Ethik, nicht die Naturwissenschaft und nicht praktische Lebens- 
kunde zu verstehen. Ist nicht der Anteil der „Modernen" an der 
metaphysisch-philosophischen Arbeit wirklich auffallend gering ? 
Ist nicht tatsächlich ihr Interesse an diesen Dingen durch ihr"e 
logisch-sophistischen Liebhabereien stark herabgemindert ? 

Wir rühren hier an ein Problem von geradezu zentraler Be- 
deutung für die Beurteilung der spät mittelalterlichen Philosophie, 
und alles kommt darauf an, daß wir hier klare, eindeutige Begriffe 
gewinnen. Alle bisherige Geschichtschreibung dieser Philosophie 
geht von der Beobachtung aus, daß die Kraft der philosophischen 
Spekulation, der theologisch-metaphysischen Systembildung in den 
letzten Jahrhunderten des Mittelalters gewaltig nachläßt, und sucht 
das zumeist aus der antimetaphysischen Haltung der okkamisti- 
schen Erkenntnislehre zu erklären. Die „Modernen", d. h. die Ok- 
kamisten mit ihrem nominalist ischen Zweifel an der realen Gültig- 
keit der (metaphysischen) Allgemeinbegriffe sollen daran schuld 
sein. Sie sollen den Boden unterwühlt haben, auf dem die Hoch- 
scholastik ihre imponierenden, labyrinthisch kunstvollen Systeme 
errichtet hatte. Der Okkamismus soll die Selbst Zersetzung der 
Scholastik und damit ihre Überleitung zu modernen Formen und 
Inhalten des Denkens bedeuten. 

Schon der bisherige Gang unserer Untersuchung hat uns gegen 
diese — auf den ersten Blick so einleuchtende — Konstruktion miß- 
trauisch gemacht. Wir haben Stück für Stück verfolgt, wie sich 
die radikal klingenden, erkenntnistheoretischen Sätze Okkams im 
Munde seiner Anhänger immer harmloser gestalteten, wie die okka- 
mistische Schule sich an der Pariser Universität nur dadurch be- 
haupten konnte, daß der Lehre des venerabilis inceptor die anti- 
metaphysischen Gift zahne ausgebrochen wurden. Zwar ein Jo- 



1 Vgl. auch die sonstige (bei Überweg-Baumgartner 10 624 ff. auf- 
gezählte) Literatur dieser Art, aber auch die oben (p. 74) erwähnte praktisch- 
theologische Schriftstellerei der ersten Heidelberger Lehrer, darunter den 
Traktat des Math. v. Krak.au De contractibus emptionis und ähnliches von 
.Ton. v. Frankfurt (Clm. 11468 u. 18 4<>1 ). 



Studien zur Spätscholastik. II. 87 

hannes Gerson stand fast an der Grenze der Einsicht, die das 
stärkste Motiv der originalen Gedankenarbeit Okkams gebildet 
hatte: daß die religiöse Erkenntnis ihre eigenen Wurzeln in ganz 
anderen Bereichen des Geistes habe, als im natürlichen Intellekt, 
und daß ihr die theologisch-metaphysische Spekulation darum mehr 
schaden als nützen könne. Wäre dieser Gedanke energisch durch- 
geführt worden, so hätte er in der Tat den Tod der Scholastik 
herbeiführen können. Aber dazu kam es noch lange nicht. Gerson 
selber konnte sich nur mit halber Wendung vor jener innigen Ver- 
flechtung religiös-dogmatischer und metaphysisch-logischer Be- 
trachtungen losreißen, die den Kern alles scholastischen Denkens 
bildete. Auch ihn hielt die das ganze Mittelalter beseelende Hoff- 
nung gefangen, den Glauben doch irgendwie durch logisch-meta- 
physische Einsicht zu stützen und zu klären. Er zweifelte nicht 
an der realen metaphysischen Bedeutsamkeit der abstrahierenden 
logischen Begriffsbildung. Und vollends die Untersuchung der 
philosophischen und theologischen Schriften des Marsilius von 
Inghen hat uns ein ganzes geschlossenes wissenschaftliches System 
gezeigt, das auf nominalistischer Basis doch alle wesentlichen Posi- 
tionen der hochscholastischen Metaphysik und Theologie behaup- 
tete. Ihm zur Seite steht eine stattliche Reihe okkamistischer 
Dogmatiker (Sentenziarier): Adam Goddam, Robert Holkot, 
Heinrich von Oyta, Petrus d'Ailly, Gregor von Rimini, Tho- 
mas von Strassburg u. a. Von ihren theologischen Werken ist 
wenig genug, von einzelnen — streng genommen — gar nichts be- 
kannt. Aber wie sollte es ihnen überhaupt möglich gewesen sein, 
ihre theologische Dogmatik zu entwickeln, wenn sie nicht mit 
beiden Füßen auf dem altgewohnten Boden der aristotelischen Meta- 
physik gestanden hätten 1 ? 



1 Daß die Okkamisten nicht ohne weiteres Okkam gleichgestellt werden 
dürfen, ist von Hermelink (Handb. d. K. G. II, 188/9) richtig erfaßt. Er 
sucht der wirklichen Sachlage durch Scheidung von 3 Gruppen der okkami- 
stischen Schule gerecht zu werden: a) formale Logiker und Erkenntnistheore- 
tiker (ohne stärkere theolog. Interessen): Buridan, R. Holkot, Marsilius, Albert 
v. Sachsen, Heinrich v. Langenstein, H. v. Oyta, Nikol. Oresmius u. a.; 
b) mystisch-praktisch gerichtete Theologen von streng kirchlich korrekter 
Haltung: Gerson, P. d'Ailly, Gregor v. Rimini; c) radikale, z. T. durch Augu- 
stin beeinflußte Kritiker des kirchlich-scholastischen Rationalismus: Thomas 
v. Bradwardina, X. d'Autrecourt, Joh. v. Mirecou t. — Dazu ist zu sagen: 
1. Über die Vertreter der Gruppe a) ist bisher viel zu wenig bekannt, um sie 
auf einen Generalnenner bringen zu können. Die traditionelle Vorstellung 



88 Gerhard Ritter: 

Aber vielleicht läßt sich wenigstens innerhalb des Lehrbetriebes 
auf deutschen Universitäten ein Unterschied des Interesses für 
metaphysische Fragen zwischen den beiden Schulrichtungen der 
via antiqua und via moderna feststellen? Aus den Lehrplänen ist 
er in keiner Weise zu entnehmen. Das Studium der Metaphysik 
und Ethik des Aristoteles galt für beide viae als Höhepunkt und 
Abschluß der Vorbereitung auf das artistische Magisterexamen; in 
gewissem Sinne bildeten diese Lehrfächer — wie Marsilius von 
Inghen im Anfang seines metaphysischen Lehrbuchs auseinander- 
setzt — den Übergang zum theologischen Studium. Die Studien- 
ordnung der Heidelberger Universität, wie sie sich um 1400 heraus- 
gebildet hatte, ist weit über ein Jahrhundert mit fast unglaub- 
licher Zähigkeit festgehalten worden. Die späteren Zusätze und 
Änderungen betreffen nirgends grundsätzliche Fragen, sondern ent- 
halten im wesentlichen nur genauere Detailbestimmungen, die in 
der Hauptsache das Ziel verfolgen, Abweichungen vom alten Her- 
kommen, Nachlässigkeiten in dessen exakter Befolgung vorzu- 
beugen. Man darf nicht glauben, daß die Einführung der via 
antiqua hierin einen Wandel gebracht hätte. Die große Zusammen- 
stellung aller Fakultätsstatuten über den Lehrgang in beiden Wegen, 
die man 1501 vornehmen ließ 1 — vermutlich, um der immer mehr 
einreißenden Mißachtung dieses Herkommens zu steuern—, läßt 
deutlich erkennen, daß beide Schulrichtungen ihre Zöglinge im 
wesentlichen denselben Studiengang durchmachen ließen, der von 
Anfang an in Heidelberg üblich war und der den Studienordnungen 
anderer deutscher Universitäten sehr ähnlich sieht 2 . Er beginnt 
mit grammatischen Elementarübungen und den „kleinen Logi- 
kalien" und wird in diesem Anfangsstadium in den Partikular- 
schulen bzw. den Übungen der Bursen abgemacht. Die vor- 
geschriebenen Vorlesungen und Übungen an der Universität um- 
fassen dann das aristotelische Organon und die Physik vor dem 
Bakkalariatsexamen, dazu für die Bakkalare gewisse Teile der 

von diesen Philosophen bedarf nach den Ergebnissen meiner Studie I einer 
gründlichen Revision. Theolog. Interessen und augustin. Einflüsse finden sich 
auch bei Marsilius v. Inghen sehr lebendig, okkamist. Skepsis kaum. 2. Gregor 
v. Rimini steht dem Marsilius doch wohl näher als dem Joh. Gerson. 3. Wesent- 
lich scheint mir für das Verständnis der Entwickelung, daß der Radikalismus 
der Gruppe c) später offenbar überwunden wurde. 

1 a. f. a. II 176 a , III 2-12. Der nach a. f. a. II 39 a i. J. 1464 fest- 
gestellte modus regiminis magistrorum de via antiqua ist nicht erhalten. 

2 a. f. a. III, 5 b ff. 



Studien zur Spätscholastik. II. 89 

terministischen Logik (obligatoria et insolabilia), die kleineren physi- 
kalischen und psychologischen Schriften des Aristoteles, Ethik und 
Metaphysik. Dieser Lehrstoff ist für beide „Wege" derselbe; selbst 
die Dauer der einzelnen Vorlesungen ist für beide genau gleich- 
mäßig festgesetzt. Auch in der Verteilung der logischen Vorlesun- 
gen ist kein erheblicher Unterschied zu entdecken. Die parva logi- 
calia bilden für beide Parteien den Anfang des logischen Unter- 
richts. Darunter verstand man den Inhalt der verschiedenen Ab- 
handlungen über proprietates ter minor um, die das logische Schul- 
buch des Petrus Hispanus im 7. Traktat zusammenfaßte 1 , den 
Kern also der „terministischen" Logik. Nun heißt es aber in den 
Statuten, daß die Scholaren de via moderna diesen Lehrstoff nach 
Marsilius (von Inghen) traktieren sollen, also unzweifelhaft nach 
dessen weitverbreitetem Abriß der Dialektik, der u. a. auch eine 
als spezifisch „modern" geltende Erweiterung des älteren Ter- 
minismus in den Abschnitten alienatio und consequentiae enthielt 2 . 
Die Schüler der via antiqua dagegen sollen den Petrus Hispanus 
selber kennen lernen, und zwar die „kleinen Logikalien" zusammen 
mit den fünf ersten Traktaten {parva logicalia Petri Hispani cum 
quinque primis tractatibus eiusdem). Das bedeutet dem Wortlaute 
nach eine ungeheure Erweiterung des Stoffes; denn die „fünf 
ersten Traktate" behandeln fast den gesamten Umkreis des logi- 
schen Lehrstoffes, den das aristotelische Organon umfaßt, nämlich 
die Lehre vom Urteil, von den Kategorien, die 5 Prädikabilien, die 
Syllogistik und Topik. Wenn alle diese Dinge wirklich schon im 
Vorbereitungskurs durchgegangen wurden, so kann es sich wohl 
nur um eine vorläufige, mehr kursorische Einführung gehandelt 
haben. In jedem Falle ist die Verschiebung des Wertakzentes 
gegenüber dem Lehrplan der „Modernen" bemerkenswert. Daß 
gerade das Kapitel von den proprietates terminorum, dieses abstru- 
seste Produkt formallogischer Gelehrsamkeit, an den Anfang des 
logischen Elementarunterrichts gestellt wurde, gehörte zweifellos 
zu den sonderbarsten Mißverständnissen der spätmittelalterlichen 
Pädagogik. Vielleicht hat die via antiqua dafür ein Gefühl gehabt 
und darum die Lehre von den Kategorien, vom Urteil und von den 



1 Gewöhnlich: suppositio, ampliatio, appellatio, restrictio, distributio, ex- 
ponibilia. Doch werden zu verschiedenen Zeiten noch verschiedene andere 
Teile zu den parva logicalia gerechnet, so bei Mars, von Inghen: alienatio, 
consequentiae. Darüber im einzelnen Prantl III u. IV. — Für Erfurt vgl. 
Scheel I 2 , 159. 2 Vgl. Studie I, p. 188 u. 192, Druck Nr. 2, Hss. Nr. 29ff. 



90 Gerhard Ritter: 

Universalien diesen Erörterungen von Anfang an gleichgeordnet; 
jedenfalls entspricht diese Verschiebung ihrer (von Prantl behaup- 
teten) Neigung, diejenigen Teile der Logik, die den ,, realen" Diszi- 
plinen näher standen, stärker zu betonen. 

Im weiteren Verlaufe des Studienganges ist von einem Unter- 
schiede zwischen der Ordnung der beiden Schulen nicht mehr die 
Rede; das Organon wird nach Aristoteles durchgenommen; die 
Bakkalare hören beiderseits (und das scheint mir sehr bemerkens- 
wert) die in der historischen Literatur gewöhnlich als „moderne 
Zusätze zu Petrus Hispanus" bezeichneten Traktate über obliga- 
ioria et insolubüia, in denen die sophistische Spitzfindigkeit der 
spätscholastischen Logik ihren Gipfel erstieg. Die via moderna legt 
auch hier die entsprechenden Abhandlungen des Marsilius von 
Inghen zugrunde, ihrer Gegenpartei ist die Benutzung irgend eines 
andern Autors freigestellt. Die ganze Angelegenheit rückt erst dann 
in die richtige Beleuchtung, wenn man beachtet, daß die genannten 
beiden Traktate in der ältesten Fassung der Heidelberger Statuten 
(um 1390) noch nicht zu den Pflichtfächern der studierenden Bak- 
kalare gehörten; erst ein späterer (nicht datierbarer) Zusatz ver- 
langte ihre Erledigung, „falls sie gelesen würden" 1 . Statt dessen 
hatte man damals das Studium „einiger ausgewählter, aber voll- 
ständig, nicht bloß teilweise gehörter mathematischer Bücher" 
verlangt; ein jüngerer Zusatz hatte die latitudines jormarum, yco- 
nomica, politica, proporciones — also die mathematischen und 
politisch-ökonomischen Liebüngsfächer der Pariser Schule, ins- 
besondere des Nikolaus von Oresme, hinzugefügt. In den Statuten 
von 1501 ist von alledem nicht mehr die Rede; man begnügt sich 
mit der Lektüre der ersten Bücher des Euklid, „falls sie gelesen 
werden." Es ist nicht gerade ein grundsätzlicher Unterschied zwi- 
schen den beiden Fassungen, aber man spürt doch die Verschie- 
bung der Interessen deutlich heraus: früher schlössen die logischen 
Studien mit dem Bakkalariatsexamen vollständig ab; die Vor- 
bereitung der Bakkalare auf den Magistergrad galt ausschließlich 
den „realen" Disziplinen: Physik, Mathematik, Astronomie, Psy- 
chologie, Ethik und Metaphysik 2 . Ein Jahrhundert später hat sich 



1 T. B. I, p. 38, Z. 25. 

2 Das entspricht durchaus dem Geiste der Pariser Traditionen des 
14. Jhd.s, wie sie sich unter Anpassung an das System der aristotel. Philo- 
sophie (im Gegensatz zu der älteren Lehrverfassung der 7 artes liberales) 
herausgebildet hatten. Entsprechend ließen die Dominikaner in ihren Ordens- 



Studien zur Spätscholastik. II. 91 

das logische Studium auch in den Oberkurs hineingedrängt; die 
mathematischen Studien scheinen dafür im Rückgang begriffen. 
Man sieht den Gang der allgemeinen Entwicklung, den Verfall 
der Scholastik durch immer stärkeres Überwuchern der logischen 
Sophistereien sich in diesem besonderen Ergebnisse abspiegeln. 
Aber die via antiqua hat diese Entwicklung nicht aufzuhalten ver- 
mocht; sie ist selbst aufs stärkste mit hineingezogen. Denn was 
bedeutet schließlich die Benützung anderer Lehrbücher, die Aus- 
dehnung des logischen Elementarkurses auf die mehr „sachlichen" 
Teile der Logik gegenüber dieser weitgehenden Parallelität des 
Studienganges der beiden Schulrichtungen! 

In der Tat ist diese Parallelität das auffallendste Ergebnis 
unserer Betrachtung. Der Unterschied der beiden viae kann un- 
möglich „wesentlichst im Lehrstoff" gelegen haben; dann wäre er 
so unbedeutend gewesen, daß die Entstehung der erbitterten Schul- 
kämpfe uns schlechthin rätselhaft erscheinen müßte. 

Dieses Ergebnis bestätigt sich bei der Durchsicht der philo- 
sophischen Lehrbuchliteratur jener Zeit. Auch wenn man von der 
schärferen Fassung der PRANTLSchen These (via antiqua bedeute: 
Realwissenschaften einschließlich Metaphysik und Ethik contra 
bloße Logik) ganz absieht und sich nur an ihre mildere Form hält 
(Gegensatz der „realen" gegen die bloß „sermozinalen" Teile der 
Logik), so stößt man auf die größten Schwierigkeiten, die von ihr 
behauptete Differenz in den Quellen wiederzufinden. Es hat seine 
Bedenken, der unvergleichlichen Belesenheit Prantls auch auf 
diesem Felde entgegenzutreten, und niemand wird sich anmaßen, 
diese Literatur besser als er zu kennen. Aber wer es überhaupt 
wagt, dieses Labyrinth selbständig zu betreten, kann sich schwer 
dem Eindruck entziehen: den Unterschied der beiden Parteien 
„wesentlichst im Lehrstoffe" suchen, heiße das an sich Verworrene 
und Undeutliche erst vollends verwirren und unverständlich machen. 
Vergeblich bleiben alle Bemühungen, mit Exaktheit zu bestimmen, 
was denn nun eigentlich von der immer wachsenden Masse logi- 
scher Traktate, die sich an den siebenten Hauptteil der summula 
des Petrus Hispanus ansetzen, als „moderner Zusatz", was davon 
als herkömmliches Erbgut älterer Zeit zu gelten habe und auch der 
via antiqua zugehören könne. Wie ungeheuerlich groß ist die Lite- 

studien auf das Studium artium einen höheren Kurs der Naturphilosophie, das 
Studium naturalium, folgen, der genau dieselben Gegenstände umfaßte, die 
der baecal art. an den Universitäten studierte. 



92 Gerhard Ritter: 

ratur, die Prantl als synkretistische, terministisch-skotistische 
oder eklektische Geistesware zu deklarieren sich genötigt sieht, weil 
sie sonst nicht unterzubringen ist! Nicht einmal in der Ausführ- 
lichkeit, mit der die Kommentare beider Parteien den 7. Traktat 
des Petrus Hispanus behandeln, ist ein durchgehender Unterschied 
festzustellen. Viel regelmäßiger scheint es ein Kennzeichen „mo- 
derner" Parteizugehörigkeit zu bilden, daß der Abriß der parva 
logicalia des Marsilius an Stelle der originalen Abhandlung des 
Petrus dem Kommentar zugrunde gelegt wird. Dagegen ist die 
Gründlichkeit, mit der z. B. Petrus Tartaretus, ein ausgespro- 
chener Gegner der Nominalisten und das bedeutendste Schulhaupt 
der Skotisten, diese Dinge erörtert, kaum zu übertreffen; die spezi- 
fischen Erfindungen und charakteristischen termini der termini- 
stischen Schullogik, wie die acceptio termini pro signijicato non ulti- 
mato 1 die intentio prima et secunda, die suppositio confusa tantum 
u. a. m. verwendet er dauernd mit großer Geläufigkeit und Selbst- 
verständlichkeit. Er ist sich auch durchaus bewußt, daß diese 
Neuerungen erst von den moderni logici zum Petrus Hispanus hinzu- 
getan sind, betrachtet sie aber offenbar als unentbehrliches Hand- 
werkszeug einer zeitgemäßen Logik 1 . Auch die angeblich für die 
„Modernen" charakteristischen Abschnitte über insolubilia 2 , con- 
seqiientiae und obligatoria fehlen in seinen Kompendien nicht. Tar- 
taretus lehrte zwischen 1480 und 1490; vergleicht man seine Schrif- 
ten mit dem Kommentar seines älteren Parteigenossen Nikolaus 
Dorrellus (gest. 1455), so sieht man deutlich, wie die Ausführ- 
lichkeit in der Behandlung des 7. Traktates innerhalb der skoti- 
stischen Schule selber gewachsen ist. Jenes ältere Werk 3 macht die 
proprietates terminorum verhältnismäßig knapp (auf 7% Seiten) ab; 
aber auch dort wird der „terministische" Begriffsapparat, den wir 
bei den okkamistischen Logikern finden, mit einer Unbefangenheit 
verwendet, die uns deutlich zeigt — was wir im Laufe unserer 
Untersuchung schon mehrfach betonten 4 — , daß man den Nomi- 



1 Expositio Petri Tatereti in summulas Petri hyspani. 1506 s. 1. (U. B. 
Heidelberg), bes. Bl. 91 ff. — Ferner: P. Tartareti . . . secundum . . . Scoti 
doctrinam atque conformiter ad mentem Stephani pruliferi [Brulifer] . . . summu- 
larutn petri hispania explanationes. Nach dem letzten Blatt emendat per Mar- 
tinum Molenfelt ex Livonia . . in alma univcrs. Friburgensi anno 1494. (U. B. 
Heidelberg.) Über P. T. vgl. Prantl IV 204ff. 2 Dieser in seiner jüngsten 
Gestalt als tractatus de descensu. 3 Summula philosophiae rationalis seu lo- 
gica . . . Nicolai Dorbelli secundum doctrinam . . . Scoti. Basilee 1494 (U.B. 
Heidelberg). 4 Vgl. Studie I, p. 52/3, sowie oben p. 10 u. 28, N. 2. 



Studien zur Spätscholastik. II. 93 

nalismus mit Skotus oder Thomas ablehnen, aber darum doch ein 
,,terministischer" Logiker sein konnte 1 . Es kam nur darauf an, dem 
,, Terminismus" nicht die von Okkam eingeführte erkenntnis- 
theoretische Wendung zu geben. 

Das alles sind Tatsachen, die auch Prantl nicht unbekannt 
bleiben konnten. Er räumt ein, daß „für den logischen Schul- 
unterricht auch die Thomisten ebenso wie die Skotisten Einiges 
aus der Literatur der Modernen aufnahmen", .... daß sie sogar 
„einige Hauptlehren der Modernen über Consequentiae, Obligatoria 
und Insolubilia in die Schule beizogen." Aber, meint er, sie hätten 
„deshalb ihren Parteistandpunkt nicht irgendwie grundsätzlich ver- 
leugnet", sie hätten „wahrlich nicht in das Lager der Terministen 
übergehen oder der übertriebenen Sophistik folgen wollen" 2 . Das 
sind doch recht verlegene Wendungen. Zugegeben, die Vertreter 
der via antiqua hätten nur gelegentlich „Einiges aus der Literatur 
der Modernen aufgenommen" (in W'ahrheit haben sie in weitestem 
Umfang, z. T. weit über die Tradition der „Terministen" hinaus 3 , 
am Ausbau dieser Literatur mitgearbeitet) — so bleibt auch dann 
nicht recht verständlich, wieso es ihnen gelingen konnte, trotzdem 
ihren Parteistandpunkt in vollem Umfang aufrechtzuerhalten — 
wenn eben dieser Parteistandpunkt doch „wesentlichst im Lehr- 
stoffe begründet war" ? Alle Schwierigkeiten dagegen lösen sich 
leicht, wenn wir voraussetzen (was ich im vorigen Kapitel zu be- 
weisen versuchte), daß dieser Parteistandpunkt wesentlich nicht 
im Lehrstoffe, sondern in der verschiedenen Beantwortung der 
Universalienfrage begründet war. Mochten dann die Verfechter der 
via antiqua sich noch so eingehend mit der terminist ischen Logik 
befassen — . solange sie ihren realistischen Standpunkt in der Uni- 
versalienfrage festhielten (mit thomistischer oder skotistischer 
Begründung), blieben sie den entscheidenden Grundsätzen ihrer 
Schule treu. 

Es spricht für die Richtigkeit unserer Auffassung der histo- 
rischen Sachlage, daß sie indirekt durch das Hauptargument 
Prantls, unseres kenntnisreichsten Gegners selber, unterstützt 



1 Dicta Versoris super septem tractatus mag. Petri Hispani . . . s. 1. et a. 
(U. B. Heidelberg), fol. S, sp. c: Suppositio simplex, quae suppositio fit ratione 
termini communis pro re universalis quae quidem natura est simplex et indi- 
visibilis. Über den Thomisten Joh. Versor vgl. Prantl IV 220. Auch er 
behandelt den VII. Traktat am ausführlichsten. 2 IV, 211. 3 Prantl IV, 
207, vorletzte Zeile im Text. 



94 Gerhard Ritter: 

wird. Die Motive seiner Beweisführung vermögen wir jetzt voll 
zu würdigen. Was ihn veranlaßte, den Unterschied der beiden viae 
wesentlich im Lehrstoff zu suchen, statt in der Universalienfrage, 
ist offenbar dieselbe Einsicht, die wir hier verfechten: die Erkenntnis 
nämlich, daß der nominalistischen Erkenntnistheorie im Rahmen 
der „modernen" Schule gar nicht die Tragweite zukommt, die ihre 
Gegner ihr vorwerfen — daß sie gar nicht in dem Sinne gegen das 
metaphysische Denken gerichtet gewesen ist, wie es ihre thomisti- 
schen Gegner glauben machen wollten. Daher Prantls Erregung 
über den „pfäffischen Haß" der Thomisten u. dgl. Statt nun aber 
der sonderbaren Zwitternatur dieses späten Nominalismus nachzu- 
gehen und ihn von innen heraus begreiflich zu machen (dazu gehört 
freilich eine andere seelische Einstellung als Abneigung und Ironie), 
glaubte er sich damit begnügen zu dürfen, daß er die Kennzeichen 
der „modernen" Schule an anderer Stelle suchte: in ihrer Vorliebe 
für die „sermozinale Logik", deren Entstehungsgeschichte er eigent- 
lich erst entdeckt hatte. Ganz in die Irre führte auch dieser Weg nicht. 
Eine Erneuerung des Thomismus konnte in der Tat (mindestens 
theoretisch) auch eine Rückkehr zu den älteren, einfacheren Formen 
der aristotelisch-thomistischen Logik und darum in gewissem Grade 
ein Abstreifen späterer „terministischer" Auswüchse bedeuten — 
um so stärker, je einseitiger und energischer der alte Thomismus 
neu belebt wurde. Duns Skotus, auf den die neuen Formen der 
Logik bereits stärker eingewirkt hatten, stand auch hier in der 
Mitte. Nur darf man über dieser Einsicht zweierlei nicht vergessen: 
einmal, daß der entscheidende Anstoß zur Neubelebung der älteren 
Systeme nicht etwa von den engeren logischen Problemstellungen 
her kam, sondern aus dem Fortleben des alten Universalien- 
problems; zum andern, daß die „terministische Logik" zu der 
Zeit, als der Streit um die viae ausbrach, bereits eine so überragende 
Bedeutung im Universitätsunterricht gewonnen hatte, daß auch die 
Reformer sie nicht mehr entbehren konnten. Der Unterschied des 
„Lehrstoffes" bedeutete deshalb nicht mehr, als höchstens ein 
sekundäres Moment der Spaltung. 



Es scheint, der vielfältig verworrene und dunkle Sachverhalt, 
dem wir in dieser Untersuchung nachgehen, beginnt sich allmäh- 
lich aufzuklären. Der starke Gärungsstoff, den einst Okkam mit 
der nominalistisch-erkenntnistheoretischen Wendung der termini- 
stischen Logik in die scholastischen Gedankenmassen geworfen 



Studien zur Spätscholastik. II. 95 

hatte, wirkte unablässig weiter bis ans Ende des Mittelalters, ob- 
schon Okkams Schüler und Nachfolger es nicht wagten, den Weg 
zu Ende zu gehen, auf den er sie hingewiesen hatte. Sie wagten 
nicht die radikale Scheidung von Glauben und Wissen durchzu- 
führen, die er angebahnt hatte, wagten auch nicht, den Geltungs- 
bereich der metaphysischen, mit rein logischen Hilfsmitteln durch- 
geführten Spekulation in dem Maße einzuschränken, wie er es er- 
möglicht und selbst versucht hatte. Man begreift ihre Zurück- 
haltung. Hätten sie es gewagt — der Boden, auf dem ihre ganze 
Wissenschaft ruhte, wäre ihnen unter den Füßen weggesunken. Auf 
welchem Grunde sollten sie bauen ? Sollten sie als Theologen blind 
der mystischen Eingebung oder dem positiven Inhalt der biblischen 
Offenbarung vertrauen ? Sollten sie als Philosophen und Natur- 
forscher sich auf die Wahrnehmung der Sinne verlassen, da noch 
alle Methoden solcher Erfahrungserkenntnis fehlten, da die Seele 
des Zeitalters noch ganz im Banne der religiösen Probleme stand ? 
Es wäre die Revolution der geistigen Fundamente der mittelalter- 
lichen Kirche gewesen. 

Als nun diese Revolution nicht eintrat, erlahmte doch gleich- 
zeitig der Antrieb zur philosophischen Systembildung großen Stils, 
wie er jene Kultur in den Zeiten ihrer Blüte mit so unvergleich- 
lichem Schwung erfüllt hatte. Die Scholastik begann von innen 
heraus zu verwelken. Die ganze akademische Literatur des 14. Jahr- 
hunderts ist erfüllt von dem Geiste eines Epigonentums, das in der 
Beschwörung großer Schatten aus der Vergangenheit sein einziges 
Heil sieht. Man verzichtet auf originale Lösungsversuche der her- 
kömmlichen Probleme, selbst in dem relativ bescheidenen Maße 
von Originalität, wie sie die Schulen des vorigen Jahrhunderts noch 
zustande gebracht hatten. Man begnügt sich bewußt damit, die 
Meinungen und Argumente eines der großen Schulhäupter fleißig 
zu exzerpieren und zu handlichen Kompendien zu verarbeiten 1 . 



1 Ein Musterbeispiel dieser Literatur bietet der Franziskaner Stephanus 
Bri lifer: Super scripta scti. Bonaventure Directoriwn, Basel 1507 (Hdbg. 
U. B.); formalitatum textus, ibid. 1507 -- der sich streng an seine großen 
Ordensgenossen Bonaventura bzw. Duns Skotus anschließt. Ebenso unselb- 
ständig wirken die Schriften des Pariser Skotisten P. Tartaretus (In sum- 
mulas P. Hispani, Super textu logicae Aristolelis, Exposicio tocius philosophiae) , 
der die Skotuszitate massenweise häuft. Aber auch Dorbellcs, Joh. Versor, 
Lambertus de Monte, und von den „Modernen" z. B. G. Biel lassen keinen 
Zweifel, daß sie sich nur als Nachahmer auffassen. — Besonders lehrreich ist 
die Vorrede des „Modernen" Joh. Parreudt (textus veteris artis, Hagenau 



96 Gerhard Ritter: 

Wo liegen die Ursachen dieses Verfalls? War es ein Zufall, daß die 
großen schöpferischen Geister ausblieben, jene Meisterwerke der 
Hochscholastik fortzuführen? Wurden die äußeren Voraussetzun- 
gen ungünstig mit dem Zerfall der autoritativen, kirchlichen Ein- 
heitskultur des Abendlandes ? Oder war aus inneren Gründen der 
Punkt erreicht, wo die Probleme sich erschöpften, die der mensch- 
liche Scharfsinn aus christlicher Dogmatik und hellenischer Philo- 
sophie mit bloß formallogischen Hilfsmitteln zu ersinnen vermochte ? 
War es ein Vorgang, ähnlich dem Absterben der rationalistischen 
Kultur des 18. Jahrhunderts: daß der europäische Geist sich ab- 
zuwenden begann von den Denkoperationen der bloß logischen Ver- 
nunft, daß die alten Fragen schal und ausgeleiert erschienen, die 
einst das Denken der begabtesten Köpfe tief erregt hatten ? W T er 
will es sagen ? W T er will das Geheimnis der Geschichte auskennen ? 
Jedenfalls: der Verfall ist unleugbar. Was das Zeitalter an großen 
und fruchtbaren Gedanken hervorgebracht hat — die mystische 
Bewegung, die Philosophie des großen Kusaners, die W'iederentdek- 
kung des Altertums, das geistige Leben der italienischen Renais- 
sance überhaupt — ,das sprießt nicht mehr wie früher aus dem Lehr- 
betrieb der Universitäten hervor. Die arbeiteten brav und zunft- 
gerecht, aber gänzlich schwunglos weiter im alten Stile, wie ihn 
das Handwerk von Generation zu Generation forterbte. Die Zeit 
der großen gotischen Kathedralen war auch in der Scholastik vor- 
über — so baute man doch fort nach den herkömmlichen gotischen 
Grundrissen und mit spätgotisch-wunderlichen Gedanken- Schnör- 
keln; nur freilich sah das alles gar nicht mehr heroisch aus, sondern 
recht durchschnittlich, schulmäßig und langweilig. Viel Kleinlich- 
Menschliches wirkte dabei mit. Sieht man in den kleinen Alltags- 
betrieb der Universitäten hinein, so braucht man nicht lange nach 
Gründen zu suchen für das Überwuchern der formallogischen über 
die eigentlich philosophische Literatur. Zu den Vorlesungen über 
das aristotelische Organon (ars vetus und ars novo) drängte sich die 
Masse der Scholaren, die das Studium begannen. Dem entsprach 
die Beliebtheit dieser Lektüren unter den Magistern. Besser be- 
zahlt war freilich die Physik 1 , die gleichfalls zum Unterkurs gehörte 

1501), der die Notwendigkeit seines — übrigens ausgezeichneten — Kom- 
pendiums mit der Überfülle verwickelter Kontroversen begründet, an denen 
das akademische Studium der meisten Studenten zu scheitern pflege. 

1 Das Stipendium betrug in Heidelberg: für vetus ars und für die erste 
Analytik je 3, für die Topik 2%, für 2. Analytik 2 sol. den., für Physik, Ethik, 
Metaphysik je 8 sol. den. 



Studien zur Spätscholastik. II. 97 

und (nach Ausweis der gangbaren Lehrbücher) in einer eiligen, 
kursorischen Kommentierung der verhältnismäßig umfangreichen 
aristotelischen Schrift bestand. Die große Lektur über Physik und 
— aus ähnlichen Gründen — die über Psychologie behaupteten 
darum als einzige Vorlesungen aus den „realen" Fächern ihren 
Platz neben den logischen Hauptkollegs. Man kann den Grad ihrer 
Beliebtheit aus den Bestimmungen derHeidelbergerFakultät entneh- 
men, die ihre Übernahme an gewisse Bedingungen knüpfte (z. B. Mit- 
wirkung in den großen Disputationen undAbleistung der vorgeschrie- 
benen zwei Pflichtjahre des jungen Magisters). Umgekehrt aber 
wiederholen sich durch das ganze Jahrhundert hindurch die müh- 
samsten Versuche der Fakultät, eines ihrer Mitglieder für die Vor- 
lesung über Ethik oder gar über Metaphysik zu gewinnen. Für die 
Ethik fand man den Ausweg, daß immer ein Magister für die 
Bakkalare beider „Wege" zugleich las, abwechselnd je ein Ver- 
treter der via antiqua und der via moderna. Wenn es dann gelegent- 
lich einmal vorkam, daß noch ein zweiter Magister dieselbe Vor- 
lesung halten wollte, erhob sich jedesmal Streit; offenbar reichte 
die Zahl der Hörer nicht hin, um die Vorlesung für zwei Dozenten 
zugleich lohnend zu machen 1 . Schwieriger noch war es, das zeit- 
raubende Kolleg über Metaphysik zustande zu bringen; die 
Zahl der Bakkalare, die sich um den Magistergrad bewarben, war 
oft sehr klein, und die Vorlesung stand am Ende des ganzen arti- 
stischen Studienganges. Man versprach dem Magister, der sich 
dennoch zur Übernahme dieses wenig lohnenden Kollegs entschlie- 
ßen würde, alle möglichen Vergünstigungen, wie das Vorrecht auf 
die große Physikvorlesung im nächsten Jahre, unbeschränkte Frei- 
heit der Auswahl seiner nächsten Lektur u. dgl. Half das alles 
nichts, so sollten die Festbesoldeten oder die Bursenvorstände, die 
sich eines ausreichenden Einkommens erfreuten, der Reihe nach zur 
Übernahme verpflichtet sein, nötigenfalls mit Hilfe zwangsweiser 
Zuteilung der Lektur durch die Fakultät 2 . Doch scheint das alles 
nicht immer zum Ziele geführt zu haben, da auch von Strafbestim- 
mungen für sich weigernde Magister die Rede ist und die Beratun- 
gen der Fakultät über diese Frage kein Ende nehmen. 

So sah die alltägliche Wirklichkeit an den Universitäten aus. 



1 a. f. a. II 18 a (1451, nov. 20); ibid. 41 b (1458, nov. 4.) ; ibid. 50 a 
(1461, april 14); ibid. 55 b (1463, nov. 4); ibid. 104 (1481, sept. 28 = U. B. I 
135); ibid. Hl' 3 (1483, sept. 27). 2 Zusammenstellung derartiger Bestim- 
mungen: a. f. a. III 4 b . 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1922. 7. Abb. 7 



98 Gerhard Ritter: 

Kein Wunder, wenn auch die Produktion und insbesondere der 
Druck logischer und physikalischer Lehrbücher ganz unvergleich- 
lich größeren Umfang annahm, als die Herstellung von Kommen- 
taren zur Ethik und Metaphysik des Aristoteles. Der Absatz mußte 
ja weit größer sein! Daß diese Produktion sich freilich überhaupt 
auf Lehr- und Handbücher beschränkte — dafür liegen die Gründe 
natürlich tiefer, als an der Oberfläche des akademischen Lebens. 
Die Universitäten des ausgehenden Mittelalters haben selber 
den unaufhaltsamen Verfall schmerzlich empfunden. Ihre Kom- 
pendien stöhnen unter der Last der literarischen Tradition, die im 
Laufe der Jahrhunderte unübersehbare Massen von „Autoritäten", 
Meinungen und Kontroversen aufgetürmt hat, deren ewiges Wieder- 
käuen, Gegenüberstellen und Verarbeiten zu neuen (und im Grunde 
doch alten) „Konklusionen" ein endloses Geschäft geworden ist. 
Aus solchen Stoßseufzern kommt der Thomist Petrus Nigri 1 zu 
dem Schlüsse, daß die Rettung der Philosophie nur in der strengen 
und einfachen Rückkehr zum System eines großen Meisters, eben 
des Thomas, zu finden sei: was könne es nützen, ewig die Meinung 
des Vorgängers umzukehren und so aus alten Büchern immerfort 
neue zu machen ? Offenbar traf er damit die Meinung der Zeit und 
insbesondere seiner Parteigenossen vortrefflich. Da, wo die großen 
Systeme der Hochscholastik noch unverändert weiter gepflegt wur- 
den — wie in Köln und Löwen — war man seit langem gewöhnt, 
alles Übel der neuen Zeit auf die verdammten Neuerungen des 
großen Unruhstifters Wilhelm Okkam zu schieben. W T ar es nicht 
ganz deutlich, daß dieser Nominalismus von Hause aus, seinem 
innersten W 7 esen nach, den Todfeind aller echten metaphy- 
sisch-theologischen Spekulation großen Stiles darstellte, wie die 
Väter der großen scholastischen Jahrhunderte sie gepflegt hatten ? 
Mochten diese Okkamisten noch so oft und noch so laut die Harm- 
losigkeit ihrer nominalist ischen Erkenntnistheorie beteuern: ihnen 
war einmal nicht zu trauen! In diesen halbromantischen Stim- 
mungen liegen offenbar die W' T urzeln des Streites, dem wir hier 
nachgehen. Einmal entbrannt, loderte er dann unaufhaltsam von 
selber weiter. Persönliche Reibereien, Gegensätze der Schulen und 
Cliquen, wie sie mit dem akademischen Zunftbetriebe einmal un- 
zertrennbar verbunden scheinen, die übliche dogmatische Ver- 
härtung einander widersprechender Meinungen, deren Kontrast alt 
und herkömmlich geworden ist — alle diese Begleiterscheinungen 

1 Clipeus Thomistarum, Venetiis 1504, fol. 2 b . 



Studien zur Spätscholastik. II. 99 

geistiger Kämpfe mochten hinzukommen: genug, der Streit starb 
nicht mehr aus, obschon die Front der Kämpfer in gewissem Sinne 
erst künstlich geschaffen war. Denn tatsächlich hüteten sich ja die 
Okkamisten recht wohl, die Konsequenzen aus ihrem Nominalis- 
mus zu ziehen, die ihre Gegner ihnen vorwarfen. 

Von Köln also ertönte wohl zuerst der Ruf: zurück zu den 
Alten, zu Albert und Thomas! 1 Im Zusammenhang mit den all- 
gemeinen Bestrebungen zur inneren Reform der Kirche, die nach 
dem Abschluß der großen Konzilien verwirklicht wurden, gewann 
auch dieses Restaurationsprogramm praktische Bedeutung. Heidel- 
berg war die erste der deutschen Universitäten, an der man einen 
Versuch damit wagte. Konnte er gelingen ? Konnte er zu etwas 
anderem führen, als zu einer romantischen Reaktion — einem Seiten- 
stück zu all den bald tragischen, bald rührend-komischen, mit Fleiß 
und Eifer begonnenen und doch im Grunde schwächlichen, krampf- 
haften Bemühungen, die Schatten einer großen Vergangenheit noch 
einmal heraufzubeschwören, wie sie das zu Ende gehende Mittel- 
alter so zahlreich kennt ? Wiederholt sich doch damals in Dich- 
tung und Kunst, im geselligen Leben, im Spiel und in der Tracht, 
in der Weltkirche und im Mönchtum -- überall derselbe Versuch, 
die Ideen und Formen eines verblichenen Lebens, der Kultur des 
christlichen Rittertums, des Minnesangs, der Kreuzzüge, der kirch- 
lichen Weltherrschaft und der Hochgotik neu zu erwecken und fest- 
zuhalten. Gehört nicht auch die via antiqua in diese Reihe ? Uns 
erscheint sie (auf deutschem Boden jedenfalls) als ein Unternehmen, 
das in der Wurzel krank war, krank an Sehnsucht und Illusionen. 
Nicht als der Ansatz zu neuen, fruchtbaren Gedankentrieben, son- 
dern eher als die letzte Lebensregung einer sterbenden Epoche. 

Doch damit ist ein historisches Urteil bereits vorweggenommen, 
das zu seiner Rechtfertigung — wir werden sogleich sehen warum — 
noch weiterer eindringender Begründung bedarf. 



3. Die historische Bedeutung des Schulstreites. 

Unsere Untersuchung hat ihr Hauptziel bereits erreicht: das 
Wesen des Streites zwischen via antiqua und moderna ist in seinem 
Kern klargelegt. Nicht ebenso deutlich ist aus dem bisher Erör- 
terten schon seine historische Bedeutung zu bestimmen. Zwar 



1 Vgl. etwa die oben p. 78 erwähnte Schrift des Heimericus de Campo. 

7* 



100 Gerhard Ritter: 

werden wir einstweilen geneigt sein, diese Bedeutung erheblich 
geringer einzuschätzen, als man das bisher, den Aussagen der 
Quellen ohne eindringende Kritik folgend, zumeist getan hat; wir 
konnten feststellen, daß die Streitenden sich gegenseitig miß- 
verstanden und die Tragweite ihrer Gegensätze künstlich über- 
trieben haben. Indessen wäre es nun recht wohl denkbar, daß sich 
mit jenen — an sich nicht allzu schwerwiegenden — prinzipiellen 
Kontroversen weitere Gegensätze verbunden hätten, seien es Unter- 
schiede der Lehrmethode, sei es eine verschiedenartige Stellung- 
nahme beider Parteien zu den großen geistigen Bewegungen der 
Zeit. In solchen Nebendifferenzen könnte dann die eigentliche histo- 
rische Bedeutung des Schulstreites gelegen haben. 

In der Tat sind derartige Nebenbeziehungen von der bisherigen 
Forschung behauptet, teilweise sogar zur Hauptsache gemacht 
worden. Man hat von Unterschieden der Lehr- und Forschungs- 
methode gesprochen (Benary), hat die via antiqua in eine beson- 
ders enge Verbindung mit dem Humanismus gebracht (Zarncke, 
Hermelink) und ihr eine mehr oder weniger weittragende Bedeu- 
tung für die Geschichte der Theologie und der Kirche beigemessen, 
indem man sie an den kirchlichen und theologischen Reform- 
bestrebungen des 15. Jahrhunderts stärker beteiligt sein ließ, als 
ihre Gegenpartei (Maurenbrecher u. a.). Erst nach Prüfung 
dieser Aufstellungen werden wir ein hinreichend begründetes Urteil 
über die historische Tragweite unseres Schulstreites besitzen. Es 
muß sich dabei zeigen, ob unsere vorhin ausgesprochene vorläufige 
Ansicht zu Recht besteht oder nicht. 

a) Die via antiqua als Reform der Unterrichtsmethode. 

Benary glaubt das Wesen des Schulstreites aus einem metho- 
dologischen Gegensatz innerhalb der verschiedenen philosophischen 
Schulen erklären zu können. Davon soll im folgenden nicht weiter 
die Rede sein. Diese positive „Arbeitshypothese" von der aprio- 
ristischen bzw. aposterioristischen Methode des Denkens (s. o. 
S. 15ff.) lohnt es jetzt nicht mehr*, ausführlich zu widerlegen. In der 
Einleitung ist bereits gezeigt, wie unklar sie in sich selber ist und 
wie gröblich sie die von ihr benutzten Quellen mißversteht. Über- 
dies wird nach allem früher Erörterten von selber einleuchten (ohne 
daß es des umständlichen Nachweises erst bedürfte), daß man die 
Tatsachen auf ganz gewaltsame Weise umdeuten muß, wenn 



Studien zur Spätscholastik. II. 101 

man voraussetzt, es habe Thomisten, Skotisten und Okkamisten 
so gut auf Seiten der einen wie der andern Schulrichtung ge- 
geben 1 . 

Wesentlich anders steht es mit der (durch Benarys Einfall 
angeregten) Frage, ob nicht die tieferen philosophischen Differenzen 
zwischen den beiden Schulen zugleich methodologische Verschieden- 
heiten im Gefolge, als Parallelerscheinimg oder gar als treibendes 
Motiv aufweisen. Es gibt Äußerungen der Quellen — wie sich so- 
gleich zeigen wird — , die eine solche Meinung zu stützen scheinen; 
und jedenfalls ist es für unser Urteil über die historische Bedeutung 
der via antiqua von Wichtigkeit, zu ermitteln, ob mit ihr die Idee 
einer methodischen Reform des Wissenschaftsbetriebes verbunden 
war und wieweit sie mit einer solchen Reform durchdrang. 

Die Vermutung liegt sehr nahe, daß die via antiqua mit ihrer 
allgemeinen Reform des Studiums auch eine Vereinfachung des 
unendlich schwerfälligen Beweis- und Darstellungsverfahrens be- 
zweckt habe, wie es sich in der spätmittelalterlichen Literatur 
findet, in den akademischen Disputationen geübt wurde, unzweifel- 
haft auch den Gang der Vorlesungen verlangsamte und sie inhalt- 
lich verödete 2 . Ein Vergleich der Schriften des Thomas mit denen 
der Spätzeit zeigt ganz deutlich bei dem älteren Autor eine größere 
Knappheit und Sachlichkeit. So sinnlose und törichte Fragen, wie 
sie die spät scholastische Literatur massenhaft darbietet, findet man 
dort nirgends. Der Ballast der angeführten Autoritäten ist viel 
geringer, der Anschluß an den Text des Aristoteles enger, der Gang 
des Beweisverfahrens schneller; zahllose Schnörkel und Pedan- 
terien der späteren Zeit fehlen. War nicht zu erwarten, daß der 
Neuthomismus auch diese Vorzüge seines Meisters erneuern werde ? 

1 Auch Scheel, Luther I 3 , (1921), p. 304 N. 2, lehnt die Hypothese 
Benarys ab. Sie „kranke an der Verwechselung des formal-methodischen 
und erkenntnistheoretischen Problems". Er verweist auf Petrus Hispanus, der 
„Realist" war und doch zu den Schöpfern der von Benary als „modern" 
gekennzeichneten Methode gehört habe. Diesen Einwand würde B. ablehnen, 
da er ja gerade die Möglichkeit einer „realistischen" Erkenntnistheorie in via 
moderna behauptet! Treffender ist Sch.s Hinweis darauf, daß die Quellen 
unbefangen von via Alberti, Thome, Scoti usw. reden, ohne sich streng an den 
von B. betonten Wortsinn der via (= formale Methode) zu halten, insbesondere 
auf das Nebeneinander einer via Scoti und Thome in Wittenberg vor dem dor- 
tigen Auftreten okkamistischer Lehrer. 

2 Schilderung dieses Verfahrens in der Literatur s. Studie I, 72 ff. Für 
die Disputationen und Vorlesungen vgl. Bd. I meiner Gesch. der Univ. 
Heidelberg-. 



102 Gerhard Ritter: 

Benary geht bei der Aufstellung seiner Hypothese von jenem 
(bereits erwähnten) Beschluß der Heidelberger Artistenfakultät 
aus, den sie im April 1452 zur Abwehr der thomistischen Neuerun- 
gen faßte: es solle dabei bleiben, daß die Magister ihre Texte lesen 
cum questionibus et dubiis secundum communes titulos magistrorum 
cum commento. Er legt großes Gewicht darauf, daß hier die Ma- 
gister von der Eigenart ihrer Methode zu sprechen scheinen. Auch 
wir haben schon bei der frühern Besprechung dieser Stelle (o. S. 58) 
anerkannt, daß der Wortlaut in der Tat darauf hinzudeuten scheint, 
daß die Thomisten eine andere Lehrmethode, vermutlich den Rück- 
gang auf die originalen Texte des Aristoteles an Stelle der Häufung 
von Quästionen und der Bevorzugung von Kommentaren gefordert 
hatten. Indessen mahnt es zur Vorsicht, daß dieser Wortlaut, der 
schon in den Beratungen von 1444 ebenso sich aufgezeichnet findet 
(observare modum legendi cum questionibus) einfach aus den alten 
Fakultäts- Statuten herübergenommen ist 1 . Dadurch verliert die 
Stelle an Beweiskraft, und man wird gut tun, den größeren Nach- 
druck auf die unmittelbare Fortsetzung zu legen, in der von dem 
Inhaltlichen, der Lehrtradition des Marsilius, die Rede ist. Immer- 
hin zeigen schon die an derselben Stelle aufgezeichneten Kommis- 
sionsberatungen vom Sommer 1452 (s. o. S. 59), daß man sich sogar 
auf Seiten der via moderna großer pädagogischer und methodischer 
Mängel des herkömmlichen Unterrichtbetriebes bewußt war — ver- 
mutlich also auf der Gegenseite noch stärker. 

Viel beweiskräftiger für die in Rede stehende Vermutung ist 
eine Stelle aus der Rede des Vizekanzlers Stephan Hoest bei der 
Magisterpromotion der via antiqua von 1468 2 . Hier rühmt er, selber 
ein Angehöriger des andern Lagers, als den besonderen Vorzug der 
via antiqua, daß sie sich eng an die aristotelischen Texte und ihre 
Reihenfolge anlehne; das sei die Probe auf ein tieferes Verständnis 
der Sache und besonders auf die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses. 
In den Quästionen, die mühsam aus den Texten eruiert werden 
müssen, bleibe doch nicht der frische Wohlgeschmack (succus) der 
Originale erhalten; auch präge sich fester ein, was man in der Ord- 
nung und Knappheit der Texte zu sich nehme. Ein weiterer Vorzug 
dieser Methode bestehe darin, daß die Originaltexte nur das wirk- 
lich Nützliche und zur Sache Gehörige behandelten, alles Über- 
flüssige und Unnütze aber vermieden. Denn allzuhäufig ließen sich 

1 U. B. I, p. 36, Z. 32, 41 Z. 4. 2 S. Beilage 1, I. 



Studien zur Spätscholastik. II. 103 

die Verfasser von Quästionen und Kommentaren verführen, 
wortreich zu werden, unter dem Anschein des Scharfsinns mit 
überflüssigen und spitzfindigen Erörterungen die Leser und Hörer 
zu ermüden und mehr zu Schwätzern als zu Gelehrten zu erziehen. 
Die richtige Methode aber bestünde darin (wie auch Cicero uns 
lehren könne), sich an den wesentlichen Kern der Texte zu halten 
und nicht lange bei unnötigen Subtilitäten zu verweilen. Nur so 
könne es gelingen, über die unfruchtbaren dialektischen Klopf- 
fechtereien {steriles dialectice clamositatis disputationes) hinauszu- 
kommen und, ohne darüber alt und grau zu werden, die ganze 
Stufenfolge der wissenschaftlichen Disziplinen zu erklimmen — aus 
den logischen Elementen des Wissens also zur Sachwissenschaft zu 
gelangen 1 . Das sind in der Tat sehr lehrreiche Äußerungen. Sie 
werden bestätigt und ergänzt durch parallele Bemerkungen in der 
Ansprache desselben Redners bei der Promotion moderner Magi- 
stranden, ein halbes Jahr später 2 : da betont er, diesmal vor An- 
gehörigen seiner eigenen via mit fühlbar stärkerer Überzeugung, die 
aristotelischen Texte seien trotz ihrer Vortrefflichkeit doch äußerst 
dunkel. Es sei das Verdienst der „Modernen", sie durch Erläu- 
terung in flüssigerer, leichterer Sprache, durch Ausgleich von offen- 
baren Widersprüchen u. dgl., kurz durch moderne Zutaten und 
Umschreibungen in knapper Handbuchform (expedito compendio) 
erst recht zugänglich zu machen. Die Dunkelheiten und Probleme 
der älteren Philosophie aufzuklären, sei überhaupt das Kennzeichen 
der modernen Schule; dazu sei ihr die nominalistische Grund- 
stellung besonders nützlich, indem sie die Verworrenheit der All- 
gemeinbegriffe auflöse. Sie erhebe sich selbständig über das Fun- 
dament der Texte hinweg zur Erörterung der schwierigsten Pro- 
bleme; dabei bestünde dann freilich die Gefahr, daß die solide 
Grundlage des Gedankenbaus ins Schwanken geriete, und der 
Redner mahnt deshalb seine Zuhörer, auf das Studium der aristo- 
telischen Texte mit Hilfe von Kommentaren ja recht großen Wert 
zu legen, damit ihr Wissen die sichere Unterlage nie verliere. — 
Somit erhalten wir eine ziemlich deutliche Anweisung, in welchen 
Punkten sich die Lehrmethoden der beiden viae voneinander unter- 
scheiden: die einen halten sich mehr an den ursprünglichen Wort- 



1 Diese Wendung des Gedankens im Munde eines „modernen" Theologen 
kann zugleich als neuer Beleg dafür dienen (wenn ein solcher noch nötig er- 
scheinen sollte), daß auch den moderni die Sachwissenschaften wichtiger 
waren als die bloße Dialektik. 2 S. Beilage 1, II. 



104 Gerhard Ritter: 

laut des Aristoteles ohne Zusätze neuerer Erklärer, folgen ihm in 
der Ordnung und Kürze des Gedankengangs und vermeiden die 
Weitschweifigkeit des neue en Quästionenwesens und der Kom- 
mentare. Die andern emanzipieren sich stärker von der Vorlage 
und legen den Hauptwert auf eine selbständige und klare Ver- 
arbeitung der aristotelischen Gedanken 1 . Die bekannten beiden 
Grundformen mittelalterlichen Kommentierens: der modus exposi- 
tionis und der modus quaest onum sind als zwei verschiedene Lehr- 
methoden einander gegenübergestellt. 

Ist das die richtige Deutung unserer Quelle, und enthält diese 
hinter ihrem oratorischen Phrasenschwall einen Kern sachlich zu- 
treffender Beschreibung, so wären damit zunächst nur die all- 
gemeinen methodischen Grundsätze der beiden Schulen klargelegt. 
Es bleibt die Frage, wie sich die praktische Durchführung dieser 
Prinzipien im akademischen Lehrbetrieb gestaltet habe. Ich ge- 
stehe, daß ich darauf keine ganz sichere Antwort zu geben weiß. 
Es ist überaus schwer, sich aus den vorliegenden Quellen ein 
genaues Bild von dieser Praxis zu machen. Vergeblich fragt man 
die Akten der Universität danach. Sie handeln immer nur davon, 
wie es gemacht werden soll und überlassen außerdem weitaus das 
Meiste der lebendigen mündlichen Lehrtradition. Die Heidelberger 
Statutenreformen fordern vor 1452 immer dasselbe, was im Kern 
schon die älteste Fassung verlangt: die Vorlesung soll nicht in 
Diktieren ausarten, der Text soll Wort für Wort und deutlich 
vorgelesen werden, damit die Scholaren folgen und ihre eigenen 
Texte verbessern können, der Magister soll den Inhalt ,,nach Art 
der üblichen Kommentare" erläutern, dabei sollen die üblichen ver- 
anschaulichenden Figuren wirklich verwendet werden; bei der Er- 
läuterung der aristotelischen Logik und Physik sollen Quästionen, 
bei der Lektüre der summula Quästionen und Sophismata auf- 
gestellt und erörtert werden 2 . Nach der Einführung der via antiqua, 
i. J. 1464, wird noch besonders bestimmt, daß die Hauptvorlesungen 

1 Vgl. hierzu auch den Vorwurf, den Enea Sylvio den Wiener Uni- 
versitätslehrern macht (in Wien herrschte die ria moderna!) : Qui libros Ari- 
stolelis et aliorum philosophorum habeant, raro invenies, commentariis plerumque 
utuntur. (in: Descriptio urbis Viennensis, in den älteren Ausgaben der Epi- 
stolae Nr. 165, in der Neuausgabe durch R. Wolkan — Fontes rer. Austr. 
II. Abt., Bd. 61 — Nr. 27). — Enea, der Humanist, darf freilich nicht als klas- 
sischer Zeuge für scholastische Parteiverhältnisse gelten; vielleicht hätte er 
denselben Vorwurf auch gegen die Neuthomisten erhoben. 

2 U. B. I, p. 36, 41 (ältestes Statut); ibid. 152 (1444). 



Studien zur Spätscholastik. II. 105 

des Unterkursus (Organon und Physik) „wenigstens über die beiden 
ersten Bücher" (!) so gehalten werden sollen, daß die Scholaren 
imstande sind, sich eine kurze Inhaltsangabe (coniinuacio) aufzu- 
zeichnen und auch den Text 1 zwischen den Zeilen zu glossieren. 
Im Oberkurs soll ebenso verfahren werden in den Haupt Vorlesungen, 
die man in den Bursenübungen zu repetieren pflegt. Jeder Scholar 
bzw. Bakkalar soll sich einen eigenen Text herrichten, den er (in 
der Vorlesung) glossiert, falls er zu schreiben versteht (damit ist 
wohl gemeint: schnell und klein genug mitzuschreiben versteht?). 
Diese Bestimmung wird 1501 wiederholt; für die Scholaren scheint 
sie sich nicht ohne Schwierigkeiten behauptet zu haben 2 ; wenig- 
stens ist 1498 davon die Rede, daß die zum Bakkalariatsexamen 
sich meldenden Scholaren den Mangel eines eigenen Textes durch 
Teilnahme an einer ordentlichen Disputation ausgleichen können 3 . 
Offenbar galt jenes Statut für beide Schulrichtungen; man möchte 
aber vermuten, daß es eine Folge der Reformbestrebungen war, die 
wir seit dem Auftauchen der thomistischen Reformer mehrfach 
beobachten konnten; hatte doch schon die Fakultätskommission 
vom Sommer 1452 außer der Beschaffung guter, den Text Wort 
für Wort erläuternder Kommentare die Bestimmung vorgeschlagen, 
daß auch die Scholaren einen eigenen Text der meistgelesenen aristo- 
telischen Schriften während der Vorlesung vor sich haben sollten, 
mindestens zu zweit oder dritt, und daß die Lehrer sich an den 
Gegenstand des Textes zu halten hätten (s. o. S. 59). Von der 
Art, wie diese Vorschriften von der via antiqua praktisch durch- 
geführt wurden, können wir uns eine deutliche Vorstellung machen 
mit Hilfe eines überaus sauber und sorgsam geschriebenen Schüler- 
textes, den ein Insasse der bursa Wenck, ein Bakkalar der via 
antiqua 4 ', sich 1460 von der ersten Analytik, der Logik und den 
Elenchi hergestellt hat. Der Text des Aristoteles ist (in der uralten 



1 Das eundem der betr. Stelle im Statut (U..B. I, p. 183, Z. 17), das dem 
Herausgeber grammatisch anstößig war, erklärt sich durch ein ausgefallenes 
librum, wie die Kopie der betr. Stelle von 1501 (a. f. a. III, 5) zeigt: ut quilibet 
Scolaris continuationem brevem signare valeat nee non eundem librum inter lineas 
glosare possit. Es kommt natürlich nur ein Glossieren des fertigen Textes, 
nicht der Nachschrift, in Frage. Es hätte ja keinen Sinn gehabt, die eigene 
Nachschrift sogleich zu glossieren! 2 a. f. a. III, 6 b . 3 a. f. a. II, 162 a 
(1498, febr. 2). Diese Bestimmung belegt erneut die Beobachtung, welche 
Mühe man Ende des 15. Jhd.s aufwenden müßte, um den Disputationen 
noch einen erträglichen Besuch zu sichern. 4 Matth. Hörn de Eltingen, im- 
matr. 1458, bacc. art. 1460. - Clm. 6695, fol. 202-461. 



106 Gerhard Ritter: 

Schreibweise mittelalterlicher Vorlesungstexte) mit weiten Zwischen- 
räumen und mit breitem Rande aufgezeichnet. Die Interlinear- 
glosse bringt eine kurze Erläuterung des Wortlautes; fast jedes 
Wort erhält seine eigene Umschreibung; die Marginalglosse besteht 
aus äußerst knappen Paraphrasen des Inhalts, zuweilen fast stich- 
wortartig zusammengedrängt. Die ganze Arbeit bietet nichts als 
eine sklavische Sinnerläuterimg des aristotelischen Textes. Eben 
das scheint also die von Stephan Hoest gerühmte Unterrichts- 
methode zu sein. An den Geist des Lehrers stellte sie keine höheren 
Ansprüche, als daß er zuvor selber den Text des Aristoteles auf 
ähnliche Weise verstehen gelernt und die logischen Bücher des 
philosophus einigermaßen im Gedächtnis habe. War das der ganze 
Inhalt der Vorlesungen, und betrieb die via antiqua die Aufstellung 
und Lösung von Quästionen und Bedenken ausschließlich außer- 
halb der Vorlesungsstunden, in den Übungen und Disputationen ? 
Erörterte die via moderna im Gegensatz dazu ihre Quästionen auch 
im Rahmen der Vorlesung ? Es scheint so. Der modus legendi pro 
via modernorum in der Fassung von 1501 bestimmt, daß jeder 
Lehrer, sobald es nötig ist, in der Vorlesung eine zur Sache gehörige 
Quästion aufstellen soll, die zur Erläuterung der Materie des 
Textes im Sinne des Marsilius oder eines andern Schulhauptes der 
„modernen" Schule dient ; auch soll er, wenn es nützlich und 
angebracht erscheint, etwa aufstoßende Bedenken {dubia) auf- 
greifen und erklären 1 . 

Ist dies das wirkliche Verhältnis der beiden Unterrichts- 
methoden, wie es praktisch in den Vorlesungen gehandhabt wurde, 
dann muß man zweifeln, welcher von beiden man den Vorzug 
geben soll. Denn ungeachtet aller Gefahr sophistischer Weit- 
schweifigkeiten, die das legere cum questionibus unzweifelhaft mit 
sich führte, läßt sich doch recht wohl vorstellen, daß es oft mehr 
war als bloße Neigung zu dialektischer Klopffechterei, was den 
Dozenten zu selbständigen Erörterungen im Anschluß an den Text 
der Vorlage veranlaßte: es mochte wohl auch ein echtes Bedürfnis 
nach wissenschaftlicher Selbstbetätigung und tiefer eindringender 
Erfassung der Probleme dahin drängen. 



1 Item quilibet iuxta materiam textui correspondentem moveat, si opus 
fuerit, titulum questionis, in qua iuxta mentem Marsilii aut alterius principahs 
de via moderna doctoris materiam textus per eum lecti dilucidet et, si expediens 
videatur et locus permittat, dubia occurrentia explanet (a. f. a. III, 7 b ). 



Studien zur Spätscholastik. II. 107 

Indessen bin ich mir bewußt, daß diese ganze Auffassung der 
Sachlage vorläufig noch auf zu schmaler Quellenbasis ruht, um 
bereits als erwiesen zu gelten. Es käme für die weitere Forschung 
darauf an, noch mehr zuverlässige Nachrichten (seien es statu- 
tarische Bestimmungen oder Nachschriften aus Vorlesungen) über 
die Unterrichtsmethode der via antiqua zu gewinnen, um beurteilen 
zu können, ob wirklich ihre artistischen Vorlesungen sich auf eine 
strenge und ausschließliche Erläuterung der aristotelischen Texte 
beschränkten. 

Noch dunkler, zugleich aber historisch weit bedeutsamer ist 
die Frage, ob etwa auch für die oberen Fakultäten die Reaktions- 
bewegung der via antiqua eine ähnliche Reform der Unterrichts- 
methode erstrebt und praktisch durchgeführt habe. Man kennt die 
Bemühungen eines Ulrich Zasius, die scholastische Rechts- 
tradition von scholastischen Schnörkeln und Entstellungen, von 
dem Wust der Kommentare zu befreien und auf die originalen 
Quellen des römischen Rechts zurückzugehen 1 . Sachlich mögen 
sie eine Parallele zu den eben besprochenen Reformbestrebungen 
der Artisten bilden — historisch ist ihr Zusammenhang mit den 
Ideen des Humanismus viel wahrscheinlicher als mit denen der 
via antiqua. Er bedürfte einer eigenen Untersuchung. Die Rechts- 
wissenschaft hat — nach dem Urteil der berufensten Kenner — 
im Ganzen der Scholastik von jeher ihren eigenen, mit den übrigen 
Disziplinen nicht immer parallelen Entwicklungsgang genommen. 
Aufs engste mit den artistischen Studien verschwistert war da- 
gegen die Theologie, und gerade die Thomisten legten auf diesen 
Zusammenhang — wir hörten es schon — den größten Wert. Hat 
die Erneuerung des Thomismus dazu beigetragen, die Methode 
der biblischen Exegese zu vereinfachen, mehr auf religiöse als auf 
logisch-philosophische Probleme hinzulenken und das Studium der 
biblischen Schriften überhaupt wieder mehr in den Vordergrund 
der theologischen Interessen zu rücken ? Daß solche Bestrebungen 
damals kräftig im Gange waren, ist unzweifelhaft. Ihr berühm- 
tester Vertreter war der Karthäuser Dionysius Rickel 2 , der ja gleich- 
zeitig die philosophisch-theologischen Systeme der Hochscholastik 
im größten Umfang erneuerte. Auch an der Heidelberger Hoch- 
schule waren diese Reformtendenzen lebendig; wir hörten den 
Theologen Johannes Wenck auf das eifrigste dafür eintreten 3 . 



1 Vgl. etwa Stintzing, Ulrich Zasius, p. lOOff. 2 Vgl. Mougel, Dio- 
nysius d. Karthäuser (deutsche Ausgabe), 31 f. 3 Ich habe dessen hierher- 
gehörige Äußerungen oben p. 52 f. möglichst ausführlich zitiert. 



108 Gerhard Ritter: 

Die Frage ist nur: einmal, ob und wie weit sie praktischen Erfolg 
hatten, und zum andern, ob wir sie ohne weiteres der via antiqua 
zugute rechnen dürfen. Ähnliche Reformideen tauchten ja seit 
langem immer wieder von Zeit zu Zeit auf; schon Johannes 
Gerson — aus dem Lager der Modernen — hatte sie verfochten. 
Die innerkatholischen Reformbestrebungen des nachkonziliaren 
Zeitalters brachten sie jetzt wieder obenauf. Standen etwa die 
„modernen" Theologen diesen Anschauungen grundsätzlich fern? 
Die Frage wird besser an späterer Stelle zu erörtern sein, wenn wir 
das Verhältnis der via antiqua zur Reform der Theologie und Kirche 
überhaupt, nicht nur ihre Bedeutung für die Methode der Bibel- 
exegese, betrachten werden 1 . Über die Praxis der exegetischen 
Bibelvorlesungen aber fehlt es in Heidelberg für die zweite Hälfte 
des 15. Jahrhunderts durchaus an zureichenden Nachrichten; die 
Bruchstücke kommentierender Schriftstellern, die wir von Jo- 
hannes Wenck kennen, ermöglichen keinen rechten Vergleich mit 
seinen Vorgängern. Im ganzen überwiegt hier wie in aller exegeti- 
schen Literatur der Scholastik so stark dieMasse des traditionellen 
Stoffes, daß es für den Nichtfachmann kaum möglich ist, feinere 
Unterschiede herauszufinden. Nur eine ebenso umfassende wie 
tief eindringende Geschichte der scholastischen Bibelexegese könnte 
hier weiter helfen. 

Drucke spätscholastischer Bibelkommentare aus der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts sind sehr selten. Vermutlich eben des- 
halb, weil hier vor dem Auftreten der Humanisten kein bemerkens- 
werter wissenschaftlicher Fortschritt stattfand; um so massen- 
hafter sind die logischen, naturphilosophischen, ethischen und meta- 
physischen Schulschriften dieser Epoche gedruckt worden, und es 
empfiehlt sich, unsere bisher gewonnene Ansicht von der Unter- 
richtsmethode der via antiqua an dieser Literatur nachzuprüfen. 
Bieten die Lehrbücher auch nicht ein einfaches Abbild des akade- 
mischen Unterrichts, so dürften wir es doch als eine willkommene 
Bestätigung unserer oben ausgesprochenen Vermutungen betrach- 
ten, falls sich etwa ergeben sollte, daß die Kompendien der via 
antiqua im Durchschnitt eine knappere, sachlichere Texterklärung 
aufweisen, als die der „Modernen". 

Soweit mir nun ein Studium dieser Literatur möglich war, 
vermag ich zu keinem ganz eindeutigen Ergebnis zu gelangen. In 
der Tat finden sich nicht wenige neuthomistische und neuskoti- 

1 Vgl. unten Abschnitt 3 C . 



Studien zur Spätscholastik. II. 109 

stische Kommentare, die sich größter Zurückhaltung gegenüber 
ihren Vorlagen befleißigen. Einen solchen Typ stellen z. B. die 
Schriften des Kölner Thomisten Lambertus de Monte zur Physik 
und Psychologie des Aristoteles dar 1 , die nicht mehr bieten als 
einen Abdruck des Textes mit ganz knappen Erläuterungen: oft 
nur Inhaltswiedergaben längerer aristotelischer Stellen in wenigen 
Sätzen; jede Quästion, damit aber auch jede eigentlich wissen- 
schaftliche Erörterung der angerührten Fragen ist vermieden. Es 
gibt von diesem Typus — wir können ihn den ,,quästionenfreien" 
nennen — verschiedene Schattierungen von geringerer und grö- 
ßerer Ausführlichkeit. Vielleicht am knappsten, aber auch am dürf- 
tigsten behandelt seinen Stoff ein skotistischer Abriß der gesamten 
scientia realis von Nik. Dorbellus, dessen Anlage sogleich erken- 
nen läßt, daß er für Zwecke des akademischen Unterrichts bestimmt 
ist 2 . Während die naturphilosophischen Schriften mit erstaunlicher 
Eilfertigkeit und in strenger Sichtung des Notwendigsten abge- 
macht werden (z. B. das 2. Buch von ,,de generatione et corruptione" 
auf 2 Druckseiten!), sind Ethik und Metaphysik weit ausführlicher 
behandelt — genau entsprechend der Zeitdauer, die man im Lek- 
tionsplan der Universitäten für diese Stoffe anzusetzen pflegte. 
Es handelt sich durchweg um eine knappe Umschreibung und Er- 
läuterung der wichtigsten aristotelischen Gedankengänge in völlig 
unschematischer Form. Ähnlich sind die (bereits zitierten) Erläu- 
terungen des Skotisten Petrus Tartaretus zu den ersten sechs 
Traktaten des Petrus Hispanus gehalten, während er sich über die 
parva logicalia mit großer Ausführlichkeit, z. T. ohne Anschluß 
an den Text der Vorlage, mit eigenen weitschweifigen Zusätzen 
verbreitet 3 . Ausführlicher ist sein zweiter Kommentar über das- 
selbe Werk (ad mentem Stephani Bruliferi)* gestaltet; aber auch 
hier wird die Erklärung unschematisch, in einfacher Aufzählung 
der Argumente gegeben (pro declaratione sciendum est primo .... 
secundo usw., contra arguitur, ad 1, ad 2, usf.). Das ist im wesent- 
lichen dieselbe Form, die wir bei dem Thomisten Johannes 
Versor wiederfinden 5 . Fast überall zu beobachten und sachlich 

1 Copulata super tres libros de anima . . . super 8 libros physicorum, s. 1. et a. 
(vermutlich Köln, H. Quentel. — U. B. Hdbg.). 2 Cursus librorum philo- 
sophiae sec. viam . . . Scoti. Basel 1494. (U. B. Hdbg.) Am Anfang steht 
ein kurzer Abriß der wichtigsten mathematischen Elementarbegriffe. 3 s. 1. 
1506 (vgl. o. p. 92). 4 Freiburg 1494 (vgl. o. p. 92). 5 Dicta Versoris super 
7 tractalus P. H. cum textu. s. 1. et a. (U. B. Hdbg.) (vgl. o. p. 93). Ähnlich auch 
der Kommentar zur summula P. H. von Nik. Dorbellus, Basel 1494, der 
sich selbst (f. 2) als Elementarbuch für Jugendliche bezeichnet. 



HO Gerhard Ritter: 

leicht begreiflich ist die Tatsache, daß die Kommentare zu logischen 
Texten ausführlicher ausfallen, als die zu den naturphilosophischen 
Schriften; die angebliche Neigung der antiqua zu den Realwissen- 
schaften an Stelle der sermozinalen Disziplinen rückt dadurch frei- 
lich in eine merkwürdige Beleuchtung. 

Nun ist aber die Erörterung ohne Quästionen durchaus nicht 
die einzige Form der Kommentare neuthomistischer und neu- 
skotistischer Autoren. Vielfach werden zur Erläuterung des Textes 
kürzere oder längere Quästionen in dem üblichen, wenn auch oft 
abgekürzten Schema eingeschoben; gewöhnlich wird dabei der 
Text in kürzere Abschnitte zerlegt, deren wesentlicher Inhalt dann 
in der eingeschobenen Quästion zur Sprache kommt. Diesem 
Typus gehören u. a. an: ein thomistischer Abriß der gesamten 
Naturphilosophie von Johannes Versor 1 und ein umfassendes 
Handbuch der gesamten Philosophie von Petrus Tartaretus, das 
den ganzen Umkreis der akademischen Vorlesungen vom aristo- 
telischen Organon bis zur Metaphysik nach Duns Skotus behan- 
delt, nur die Ethik übergeht und als unmittelbare Fortsetzung 
seiner (bereits erwähnten) Schrift über die summula des Petrus 
Hispanus zu betrachten ist 2 . Verhältnismäßig am ausführlichsten 
sind auch hier die Quästionen zur Logik gehalten; im ganzen aber 
kann man feststellen, daß die Erörterung weniger umständlich ist 
und seltener abschweift, als etwa in den Schriften des Marsilius 
von Inghen. Auch tritt der Text des Aristoteles viel stärker her- 
vor, während er bei Marsilius hinter den selbstgestellten Fragen 
vollständig verschwunden war. Die Quästionen dienen nur noch 
zur Erläuterung des Textes, nicht mehr zur Entwicklung eigener 
Ideen des Kommentators. 

Bedeutete das wenigstens pädagogisch betrachtet einen Fort- 
schritt ? Sicherlich gegenüber einem so unerträglich weitschweifigen 
Werke, wie dem großen Kommentar des Marsilius de generatione et 
corruptione. Andere Schriften dieses Autors dagegen, wie den knap- 
pen, vielstudierten Abriß der Dialektik, die Metaphysik und selbst 
den physikalischen Grundriß 3 möchte ich auch als Lehrbücher eher 
bevorzugen; sie erreichen gerade dank ihrer völligen Loslösung vom 
Text der Vorlage vielfach eine gedrungene Klarheit, eine über- 



1 Hain 16047 (U.B.Heidelberg), Coloniae 1489. Zur Benutzung Ver- 
sors in Heidelberg vgl. U. B. I, p. 217, Z. 38. 2 Totius philosophiae . . . ex- 
positio. Impr. Nik. Wolff alemani, s. 1. 1506. (U. B. Hdbg.) 3 Vgl. Studie I, 

Drucke Xr. 6, 2, 12 (p. 192ff.), Hs. Nr. 75 (p. 191). 



Studien zur Spätscholastik. II. 111 

sichtliche Gliederung des Stoffes, die den reinen Textkommentaren 
naturgemäß versagt bleiben mußte. Auch die spätere Literatur 
der Modernen scheint mir nicht durchweg im Nachteil gegenüber 
den antiqui. Gewiß fehlt es nicht an überaus weitschweifigen Dar- 
stellungen. Die große „Physik" des Paulus Venetus von 1409 1 , ge- 
hört zu den umfänglichsten Leistungen der nominalistischen Schule. 
Doch ist der äußere Umfang dieses riesigen Folianten (ausschl. Re- 
gister 49 Lagen zu je 16—20 zweispaltigen, mit stark kürzenden 
Abbreviaturen eng bedruckten Seiten!) nicht so sehr durch sophi- 
stische Abschweifungen, als durch die fortlaufende Erklärung des 
Averroes neben der des aristotelischen Textes bedingt — ein Ver- 
fahren, das sich aus dem besonderen Ansehen des arabischen Kom- 
mentators in Italien recht wohl begründen läßt. Die Quästionen- 
form dient auch hier nur dazu, den Inhalt der beiden Vorlagen 
knapp und präzise zusammenzufassen und zu erläutern. Seine 
eigenen Zutaten schiebt der Verfasser -- eines der bedeutendsten 
italienischen Schulhäupter der Nominalisten -- ih längeren Erör- 
terungen zwischen die einzelnen capitula „des Philosophen" (Ari- 
stoteles) ein (dubitatur an, respondetur, in oppositum arguitur u. ä.), 
ohne sich dabei an das Quästionenschema 2 zu binden. Viel schul- 
mäßiger wird dieses Schema innegehalten in den (mehrere Genera- 
tionen später geschriebenen) Kommentaren des Thomas Bricot 
und Georgius Bruxellensis zur Logik, Naturphilosophie und 
Metaphysik 3 . Das Verfahren ist aber hier im wesentlichen dasselbe 
wie bei dem Skotisten Petrus Tartaretus: Wort- und Sinnerklärung 



1 Expositio Pauli Veneti super octo libros physicorum Aristotelis nee non 
super comento Auerois cum dubiis eiusdem. Venedig (per Gregorium de Gregoriis) 
1 499. Das Jahr der Abfassung 1409 wird unmittelbar vor dem explicit genannt. 

2 Vgl. darüber Studie I, p. 72 ff. 

3 Logica magistri Georgii inserto textu bricoti. f. 2 a : Quesliones Georgii in 
logicam aristotelis una cum textu eiusdem paucis perstricto atque contracto opera 
. . . Thome bricot . . ., qui omnia recognovit et emendavit ... f. 274: impresse 
Lugduni 1494. Behandelt Porphyrius (Prädikabilien und Prädikamente), Peri- 
hermenias, Analytik I u. II, Topik u. Elenchi. — Textus abbreviatus Aristo- 
telis super octo libris Phisicorum et tota naturali philosophia nuper a magistro 
Thoma bricot . . . compilatus una cum continuatione textus magistri Georgii et 
questionibus eiusdem de recenti ab eodem Thoma bricot revisus atque diligentis- 

sime emendatus Lugduni anno . . . 1486. Dieselbe Ausgabe wiederholt: 

pro ritu famatissime parisiorum Academie a magistro Joanne higman et Vuulf- 
gango hopyl in prememorata universitate laudatissima Anno . . . 1494. Umfaßt 
die naturphilosophischen Schriften und die ersten 6 Bücher der Metaphysik. 
— Alle 3 Drucke U. B. Heidelberg. 



112 Gerhard Ritter: 

der Vorlagen und nach längeren Abschnitten eingeschoben je eine 
regelrecht durchgeführte Quästion. Dazu kommt dann noch als 
besondere Eigentümlichkeit die ausführliche continuatio textus, d. h. 
die zusammenhängende, erläuternde Inhaltswiedergabe des aristo- 
telischen Textes. Irgendein prinzipieller Unterschied der Darstel- 
lungsmethode gegenüber Tartaretus ist nicht zu erkennen; es sei 
denn der, daß sich Petrus Tartaretus von vorneherein (schon im 
Titel!) auf die Ansichten seines Vorbildes Duns Skotus festlegt, 
ja dessen Schriften den aristotelischen Texten ausdrücklich zur 
Seite stellt, während die beiden ,,terministischen Skotisten" Bricot 
und Georgius Bruxellensis sich wenigstens formell größere Frei- 
heit der Auslegung wahren und ausschließlich an die aristotelischen 
Originaltexte halten. Zu wirklichen Ausartungen sophistischen 
Scharfsinns neigt dagegen die „moderne" Lehrbuchliteratur — 
ebenso wie die der antiqui — in den logischen Kommentaren. Ein 
besonders abschreckendes Beispiel dieser Art besitzen wir in der 
Hagenauer „modernen Logik" von 1503, die vielleicht von Johan- 
nes von Glogau stammt 1 ; an Stelle der Quästionen tritt hier 
ein anderes äußerst schwerfälliges Schema schulmäßiger Kom- 
mentierung auf, mit dessen Hilfe unglaublich viel leeres Stroh 
gedroschen wird 2 . Auch das Opus maius des Erfurters Jodocus 
Trudvetter, ein Handbuch der gesamten Logik 3 , leistet das 
Menschenmögliche an umständlicher Erörterung aller nur denk- 
baren logischen Kontroversen im Geiste der „modernen" Schule 
(übrigens ohne pedantische Verwendung des Quästionenschemas). 
Dennoch wäre es voreilig, nach diesenSpätlingen die ganze „mo- 
derne" Lehrbuchliteratur zu beurteilen. Neben Trudvetters logi- 
schem Wälzer steht die knappere Fassung derselben Materie durch 
seinen Parteigenossen und Kollegen Arnoldi 4 und ein so ausge- 
zeichnetes Kompendium wie die „alte Kunst" des Ingolstädter 
„Modernen" Johannes Parreudt, von dem bereits in anderem 
Zusammenhang die Rede war (s. o. S. 79). Er benutzt die Quä- 

1 Commentarium secundum modernorum viam in tractatus P. Hisp. I et IV ; 
item . . . in tractatus parvorum logicalium Marsilii . . . Hagenau (Henricus 
Gran) 1503. Vgl. Prantl IV, 291. X. 725. - Darstellungsschema: littera- 
divisio — intellectio divisionis — arguitur 1°, 2° usf. — contra dicitur — res- 
ponsio ad 1, 2 usf. — solutio — propositiones usf. — Erörtert wird z. B. 
die Frage: Utrum tractatus Marsilii de suppositionibus sit ab aliis tractatibus 
logice distinctus? [!]. 3 Summula tocius logice, quod opus maius appellitare 
libuit . . . Erfurt (Wolfgang Schenck) 1501, U. B. Hdbg.; vgl. Prantl IV, 241. 
4 S. Prantl IV. 243. 



Studien zur Spätscholastik. II. 113 

stionenform ähnlich wie Frühere nur noch zur präziseren Zusammen- 
fassung und Erläuterung des Textinhaltes, ohne sich daran zu 
binden, flicht in freier Erörterung häufig eine übersichtliche Dar- 
legung der bestehenden Kontroversen ein und vertritt herzhaft 
eine eigene Meinung, wobei er es verschmäht, sklavisch den an- 
erkannten Schulautoritäten zu folgen. Während die Erfurter Mo- 
dernen in bewußter Reaktion gegen den Neuthomismus das Pro- 
gramm verfolgen, die Lehren der nominalistischen Schulhäupter 
durch kompendiöse Zusammenstellung ihrer Ansichten zu erneu- 
ern 1 , meint man in dem Buche des Ingolstädter Professors bereits 
ein wenig von dem Geiste humanistisch-aufgeklärter Gesinnung zu 
spüren, die das Gewicht der traditionellen Schulgegensätze nicht 
allzu schwer nehmen möchte und lieber die rein pädagogische Ab- 
sicht betont, das Lehrverfahren so zweckmäßig wie möglich zu 
gestalten. 

Eben dieses Ideal erschien uns ja nun als ein besonderes Kenn- 
zeichen der via antiqua! Liegt hier etwa eine Rückwirkung neu- 
thomistischer (bzw. neuskotistischer) Reformtendenzen auf einen 
freier denkenden Vertreter des andern Lagers vor ? Man sieht, wie 
schwierig es ist, aus der Vergleichung der beiderseitigen Lehrbuch- 
literatur auf ihre Darstellungsmethoden zu einem klaren Ergebnis 
zu gelangen. Was ihren Charakter entscheidend bestimmt, trifft 
man in beiden Lagern an: das Vorherrschen des pädagogischen 
über das wissenschaftliche Interesse. Die Form der summa, des 
Lehr- und Handbuchs, hatte schon seit Jahrhunderten in der schola- 
stischen Literatur immer größere Bedeutung gewonnen und herrschte 
schon im 14. Jahrhundert durchaus vor. Aber unter dieser Form 
war doch damals der Inhalt der Lehrtradition noch dauernd um- 
und fortgebildet worden. Jetzt, d. h. in der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts, hat das so gut wie ganz aufgehört; nur noch 
die logische Disziplin treibt fortwährend neue Blüten, wie die Bil- 
dung neuer Merkverse, die Erfindung neuer Komplikationen des 
„terministischen" Begriffsapparates u. dgl. Alles andere ist jetzt 
völlig zu fester Tradition erstarrt. Indem aber so das pädagogische 
Interesse zum beherrschenden für beide Parteien wird, setzt eine 
gewisse späte Rückbildung der Distinktionen und Kontroversen in 



1 Vgl. Trudvetter 1. c. fol. B l a : nihil solidi atque firmi producere queant 
gloriantes inventorum nuda sanctitate atque vetustate. In Wahrheit gelte von 
den Autoritäten das Wort: Quanto iuniores, tanto perspicatiores, und so solle 
denn dieses sein Buch doctrine recentioris penetralia referare. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1922. 7. Abh. 8 



114 Gerhard Ritter: 

denjenigen Disziplinen ein, die jetzt zu Nebengebieten des akade- 
mischen Unterrichts werden, d. h. eben in den außerlogischen, 
sogen, „realen" (im Gegensatz zu den ,,sermozinalen") Wissens- 
zweigen. Das macht die naturphilosophischen Lehrbücher beider 
Lager vielfach so auffallend dürftig. Wenn aber auch in 
der Logik — und da erst recht — keine durchgreifenden metho- 
dischen Unterschiede zu bemerken sind, so liegt das wohl daran, 
daß beide Parteien — wie wir im vorigen Kapitel gesehen haben — 
an denselben terministischen Begriffsapparat gebunden waren, der 
nun in Wahrheit den Vertretern der via antiqua, zumal den Sko- 
tisten, eine volle Rückkehr zu den Lehrmethoden des 13. Jahr- 
hunderts unmöglich machte. Und endlich setzte bald nach der 
Mitte des Jahrhunderts die humanistische Bewegung an den Uni- 
versitäten ein, die ein weiteres dazu beitrug, den Sinn für die 
methodischen und inhaltlichen Differenzen der streitenden Schulen 
abzuschwächen. In der gedruckten Schulbuchliteratur, deren Pu- 
blikation fast ausnahmslos in die Jahrzehnte von 1485—1510 fällt, 
kommt sie bereits fühlbar zur Geltung: vielleicht stärker, als den 
Parteiverhältnissen der 50er und 60er Jahre entsprechen würde. 
Somit sind wir gezwungen, das Ergebnis unserer Literatur- 
vergleichung 1 mit resignierter Vorsicht zu formulieren. Eine deut- 
liche Verkürzung und Vereinfachung der Darstellungsmethode, eine 
Beschränkung auf reine Erläuterung bzw. Inhaltswiedergabe der 
aristotelischen Texte, wie sie uns als Ideal der Unterrichtsreform 
der antiqui sich zu ergeben schien, läßt sich — weitergehend als 
in „modernen" Lehrbüchern — nur in einzelnen Schriften reali- 
stischer Autoren, wie des Lambertus de Monte und Nikolaus 
Dorbellus, feststellen, und zwar vor allem in solchen „realphilo- 
sophischer" Disziplinen. Die Methoden der logischen Handbücher 
beider Lager ähneln einander stark, und zumal innerhalb der neu- 
skotistischen Richtung ist zwischen den Darstellungsmethoden von 
Autoren realistischer und solchen norninalistischer Herkunft keiner- 
lei Unterschied zu bemerken. Je knapper und schlichter aber die Form 
aller dieser Lehrbücher ist, je strenger sie sich auf die Erläuterung 
der Texte beschränken, um so farbloser und unselbständiger pflegt 
auch der Inhalt zu sein. Eine so knappe Darstellung der Natur- 
philosophie, wie die des Kölner Lambertus und des Nikolaus Dor- 

1 Ich möchte nicht verschweigen, daß die mir zur Verfügung stehende 
Sammlung alter Drucke (U. B. Hdbg., meist aus der Salemer Klosterbibliothek) 
nur eine beschränkte Übersicht ermöglichte. 



Studien zur Spätscholastik. II. 115 

bellus, ist mir unter den „modernen" Schriften nicht begegnet. Zu- 
gleich aber auch keine, die so völlig farblos und unselbständig wäre. 
In der Verteidigung und Erläuterung ihrer großen Schulhäupter 
Albert, Thomas und Duns Skotus haben die Vertreter der via 
antiqua ihre eigentliche Aufgabe erblickt 1 , nicht in der Weiter- 
bildung der von Jenen hinterlassenen Probleme. Nirgends sieht 
man ein Werk dieser Schule, das dem alten Gedankenvorrat irgend- 
eine neue Wendung, irgendeine eigene, zukunftsreiche Idee abzu- 
ringen vermocht hätte. 

b) Die via antiqua und der Humanismus. 

Seit langem ist es in der neueren Geschichtsdarstellung üblich, 
irgendeinen inneren Zusammenhang zwischen dem Schulstreit 
der beiden „Wege" und dem Auftreten des Humanismus an den 
deutschen Universitäten zu konstruieren. Um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts, als der politische Liberalismus die öffentliche Mei- 
nung beherrschte, wurde Kampschultes Darstellung der Erfurter 
Universitätsgeschichte viel bewundert, die mit großer stilistischer 
Gewandtheit das Kunststück fertig brachte, sowohl den Erfurter 
Humanismus wie die Reformation aus den liberalen, „freisinnigen", 
„antihierarchischen" Tendenzen des in Erfurt herrschenden Ok- 
kamismus hervorgehen zu lassen und dennoch den Eindruck zu 
erwecken, als ob dieser phantastische Einfall seine Bestätigung in 
tiefgründiger Quellenforschung gefunden habe. Umgekehrt suchten 
andere Forscher, darunter besonders eindrucksvoll Maurenbrecher 
in seiner Geschichte der katholischen Reformation, die Parallelen 
auf, die sich zwischen den innerkatholischen Reformbestrebungen 
der via antiqua und des deutschen Humanismus zu ergeben schienen. 
Von den Einzelheiten dieser Versuche (Zarncke, Maurenbrecher, 
Hermelink) war schon in der Einleitung dieser Arbeit die Rede. 



1 Vgl. Gerhardus de Monte, Commentatio . . . circa compendium [s. 
Thome] de quidditatibus rerum [sive de ente et essentia], s. 1. et a. — Gerhar- 
dus de Monte, Tractatus ostendens concordantiam s. Thome et . . . Albern. 
s. 1. et a.[Cöln, Quentell] vgl. Prantl IV, 182, N. 49. — Stephanus Brulefer, 
Formalitatum [Scoti] textus unacum ipsius commento. Basel (Jac. de Pfortz- 
heim) 1507. — Petrus Nigri, Clypeus Thomistarum. Venedig (Simon de Lucrc) 
1504. — Hemericus de Campo, Problemata inter albertum magnum et sanetum 
Thomam. Köln 1490; vgl. Prantl IV, 182 ff. Bemerkenswert ist, daß in diesen 
Schriften, die als selbständige Geistesprodukte ihrer Verfasser ohne formelle 
Anlehnung an bestimmte Vorlagen angelegt sind, der Schematismus der 
Quästionenform und des großen dialekt. Beweisverfahrens stark zurücktritt. 



116 Gerhard Ritter: 

Am radikalsten und gewagtesten hat Herme link diese Konstruk- 
tionen ausgebaut. Während die älteren Forscher in der Hauptsache 
nur die religiösen Reformbestrebungen der deutschen Humanisten 
und der neuthomistischen bzw. neuskotistischen Scholastiker im 
Auge hatten und auf die immerhin unleugbare Ideenverwandtschaft 
hinwiesen, die sich zwischen den beiden Gruppen aus der Gemein- 
samkeit des Zieles: der Neubelebung der verfallenden kirchlichen 
Kultur, ergab, suchte Hermelink darüber hinaus geradezu „das 
Entstehen der eigentlich humanistischen Bewegung" (nicht nur 
auf religiösem Gebiete) in Deutschland „aus den Reformations- 
bestrebungen der Kirche an Haupt und Gliedern" zu erklären. 
Der deutsche Humanismus soll danach nicht etwa einen Ableger 
der italienischen Renaissance darstellen, sondern „italienische Re- 
naissance und nordischer Humanismus laufen nebeneinander her, 
als zwei parallele weitverzweigte Stromsysteme." Gewisse „An- 
regungen und Förderungen", die der deutsche Humanismus aus 
Italien empfangen habe, werden nicht geleugnet. „Aber es waren 
nur Zuflüsse; der Ursprung der Bewegung, das Quellgebiet des 
nordischen Stromes ist diesseits der Alpen zu suchen 1 ." Diese Mei- 
nung ist nicht völlig neu. Belgisch-französische Gelehrte haben 
bereits ähnliche Behauptungen für das Auftreten der Renaissance- 
bewegung im französischen und niederländisch-burgundischen Kul- 
turkreis aufgestellt 2 , und insbesondere die Bedeutung der „Brüder 
vom gemeinsamen Leben" und ihrer Schulen für die mehr oder 
weniger selbständige Entwicklung bzw. Vorbereitung des nordi- 
schen Humanismus ist eine vielerörterte Frage 3 . Hermelink 
glaubte — auch hier wieder viel weitergehend als Frühere — die Ent- 
stehung des gesamten deutschen Humanismus aus einer „kirch- 
lichen Laienkultur" in dem geistig selbständig gewordenen Bürger- 
tum der Städte, an Fürstenhöfen und Adelssitzen, bei den Laien- 
brüdern der Bettelorden und in den Frauenklöstern ableiten zu 
können. „Der entscheidende Anlaß und die tiefere Lirsache der 



1 Relig. Reformbestrebungen p. 5/6. — Wesentlich vorsichtiger formu- 
liert im Handb. d. K. G. III, § 7, 2 u. 6. Doch heißt es auch dort, daß in den 
Schulkämpfen der beiden Wege „die Keime der neuen Zeit reif werden". 

2 Vgl. L. Courajod, Le^ons professees ä l'ecole du Louvre, t. II: Ori- 
gines de la renaissance. Paris 1901. — Fierens Gevaert, La renaiss. septen- 
trionale, Brüssel 1905. — A. Roersch, L'humanisme beige ä l'epoque de la 
renaissance, p. 5, 9, 34 (1910) und in der Revue generale, Bruxelles 1906 
(letzterer Artikel mir unzugänglich). 

3 Die Literatur s. bei Mestwerdt, 1. c. 78 ff., 139. 



Studien zur Spätscholastik. II. 117 

Bewegung war das (in Deutschland unabhängig von Italien) ent- 
standene Bedürfnis der durch die sozialen und politischen Ver- 
hältnisse emporgekommene Volksklassen, an der kirchlichen Kultur 
der Gegenwart persönlich teilzunehmen und sich freizumachen von 
der Bevormundung durch die Geistlichkeit." (Allerdings sollen die 
Geistlichen bei der Verbreitung dieser Laienbildung gleichwohl 
stark beteiligt gewesen sein.) Hauptträger dieser neuen Bildung 
sei einerseits die „Brüderschaft vom gemeinsamen Leben", ander- 
seits das Bürgertum der süddeutschen Städte gewesen. Auf den 
Universitäten aber sei die neue Bewegung von den Trägern der 
kirchlichen Reform innerhalb der kirchlichen Wissenschaft, d. h. 
von den Vertretern der via antiqua aufgenommen und am stärksten 
gefördert worden. 

Die Geschichte der Renaissance und des Humanismus ist von 
jeher das dankbarste Tummelfeld für ideenreiche Konstrukteure 
gewesen. Der überaus komplexe Charakter der mit diesen Kennwor- 
ten bezeichneten geschichtlichen Erscheinungen begünstigt die Ent- 
faltung kombinierender Phantasie in besonderem Maße. Die „Re- 
naissance" und der „Humanismus" gehören deshalb zu den ver- 
schwommensten Begriffen der historischen Terminologie überhaupt. 
Wenn irgendwo, so ist hier fruchtbare Arbeit nur möglich, wenn 
man vor aller an sich gewiß notwendigen Kombination das Wesens- 
verschiedene reinlich auseinanderhält. Sicherlich ist es ein frucht- 
bares Unternehmen, den besondern geistigen Nährboden zu unter- 
suchen, auf dem die Saat des deutschen Humanismus später auf- 
ging. Wenn sich dabei herausstellen sollte — die Frage kann hier 
nicht untersucht werden — , daß die mannigfaltigen kirchlichen 
Reformbestrebungen des 15. Jahrhunderts und insbesondere die 
kirchliche Laienkultur direkt oder mindestens vorbereitend bei der 
Entstehung der humanistischen Bewegung mitgewirkt haben, so 
würde das eine sehr wesentliche Hilfe für die Erklärung der reli- 
giösen Tendenzen bilden, die im deutschen Humanismus so beson- 
ders lebendig sind. Aber Humanismus und kirchliche Laienkultur 
darf man nicht ohne weiteres gleichsetzen 1 . Der Humanismus hat 
gewiß in Deutschland Formen angenommen, die seine Verwandt - 



1 Sehr deutlich wird das ausgesprochen und belegt durch Lindeboom, 
Het Bijbelsch Humanisme in Nederland (Leiden 1913) p. 39/40. Ich selber 
habe mich zu diesen Fragen ausführlicher geäußert in einem Aufsatz über 
„Die geschichtliche Bedeutung des deutschen Humanismus", der demnächst 
in der „Historischen Zeitschrift" erscheinen wird. 



118 Gerhard Ritter: 

schaft mit dem Geiste der italienischen Renaissance in extremen 
Fällen fast unkenntlich machten. Aber wenn man mit dem Worte 
überhaupt noch einen Begriff verbinden will, der mehr besagt, als 
spätmittelalterliche Laienbildung als solche, dann muß man doch 
ein bestimmtes Unterscheidungsmerkmal festhalten, das ihm von 
seinem historischen Ursprung her dauernd aufgeprägt blieb: sein 
natürliches, von Hause aus ihm innewohnendes Bestreben auf Er- 
neuerung antiker, nicht mittelalterlich-christlicher Bildung. Das 
darf durch theologische Geschichtschreibung nicht verdunkelt wer- 
den. In dem Kopfe des einzelnen Humanisten kann dieses natür- 
liche Bestreben in sehr mannigfache Kombinationen der geistigen 
Interessen eintreten. Es kann hinter anderen — in Deutschland 
besonders häufig hinter religiösen und theologischen — Interessen 
unter Umständen so stark zurücktreten, daß es psychologisch als 
sekundäres Moment, der kirchliche Einschlag der Bildung als das 
weitaus Wichtigere erscheint. Aber darum ist humanistische Bil- 
dung noch nicht kirchliche Bildung, sondern gegenüber den spezi- 
fisch christlichen Interessen etwas Neutrales, wenn nicht Gegen- 
sätzliches. Diese humanistische Bildung kann in erklärten Wider- 
spruch zum Christentum treten; das kommt in Deutschland kaum 
vor, obwohl auch hier der Typus des religiös gleichgültigen 
Poeten (von Peter Luder bis zu Konrad Mutian) nicht fehlt. 
Sie kann auf der anderen Seite geradezu in den Dienst kirchlicher, 
ja scholastischer Bildimgsinteressen gestellt werden; dann haben 
wir den in Deutschland überaus häufigen Typus des Scholastikers 
mit äußerlich umgehängter humanistischer Bildung; Jakob W T imp- 
feling verkörpert ihn am deutlichsten. Und zwischen diesen beiden 
Polen gibt es eine ganze Skala von Mischformen, deren tiefreichende 
innere Verschiedenheit der historischen Betrachtung gar zu leicht 
unter dem Sammelnamen des „Humanismus" verschwindet. Keine 
dieser Erscheinungen aber kann allein aus dem Bestände der über- 
lieferten mittelalterlichen, kirchlichen Bildung erklärt werden. Diese 
Bildung lebte freilich selber zum guten Teil von antiken Tradi- 
tionen; aber sie hatte diese Traditionen geistig verarbeitet zu 
bloßen Elementen ihrer christlichen Weltanschauung; und das 
charakteristisch Neue des humanistischen Geistes ist gerade die 
bewußte Loslösung dieser Elemente von dieser Verbindung. 
Gleichzeitig werden sie noch erweitert aus den neugehobenen 
Schätzen des Altertums; aber das Wesentliche ist doch eben 
ihre (oft nur halb gelingende) Befreiung aus der Verflech- 



Studien zur Spätscholastik. II. 119 

tung mit christlichen Ideen - eine Säkularisierung also, die 
sich selbst da noch bemerkbar macht, wo der Humanismus 
nun wiederum von neuem und gegen seine ursprüngliche 
Natur in den Dienst der alten christlichen Ideale gezogen 
wird. 

Erst mit dieser Einsicht gelangen wir an den Kern der histo- 
rischen Frage, um die es sich hier handelt. Sie lautet nicht: Woher 
stammt die neue Laienbildung in Deutschland am Ende des Mittel- 
alters ?, sondern so: Woher stammt das Neue, das humanistische 
Element dieser Laienbildung ? Wer es für ein fremdes Import- 
gewächs aus wärmeren Zonen hält, wird nicht viel Mühe haben mit 
der Erklärung dafür, daß dieser Import auf fremdem Boden zu- 
nächst nicht recht gedeihen wollte, Jahrhunderte zur Akklimati- 
sierung brauchte und den vorgefundenen Bestand mittelalterlicher 
Bildung nicht zu überschatten vermochte. Wer dagegen diesem 
Humanismus die ausländische Herkunft abspricht, hat die Ver- 
pflichtung, das Neue seines Wesens anderweitig zu erklären. Her- 
melink empfindet selbst die Schwierigkeit dieser Aufgabe. Er 
beruft sich auf die italienische Parallele: auch dort sei ja die neue 
Kultur (nachTHODE) unmittelbar aus dem christlichen Mittelalter 
hervorgewachsen. Indessen dieser Vergleich zieht nicht. Denn ab- 
gesehen davon, daß die THODESche Hypothese ein (inzwischen fast 
allgemein als verunglückt betrachteter) Versuch war, die Renais- 
sancekultur im weiteren Sinne, insbesondere die künstlerische, aus 
dem Mittelalter abzuleiten, nicht aber den Humanismus, die be- 
wußte literarische, profane Erneuerung des Altertums als Produkt 
kirchlicher Reformbestrebungen zu erklären — so wird doch nie- 
mand leugnen wollen, daß die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen 
und politischen Grundlagen der Kultur in Italien einer Säkulari- 
sierung der Bildung in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters 
auch ohne Einflüsse von außen, insbesondere von der Antike her, 
in ganz anderer Weise günstig waren, als in Deutschland. Es 
müssen also schon auf deutschem Boden andere Kräfte im Spiel 
gewesen sein, wenn Hermelinks These Recht behalten soll. 
Irgendein Motiv muß nachzuweisen sein, das dafür verantwort- 
lich ist, daß die „kirchliche Laienbildung" plötzlich anti- 
kisierende Züge annahm, ästhetisch profane Ideale aufsteckte, 
den lateinischen Stil pflegte und die scholastisch -kirchliche 
Bildung in ihrer bisherigen Form verachtete. Da italienische 
Einflüsse in allen diesen Erscheinungen nur ganz nebensächlich 



120 Gerhard Ritter: 

mitgewirkt haben sollen 1 , was in aller Welt gab sonst den 
Anstoß ? 

Die via antiqua, sagt Hermelink. Sie hat zunächst mit ihrem 
Sinn für die „Realitäten" das Studium der Mathematik, der Natur- 
kunde, der Geschichte (!) wieder belebt. Zwar ist der Eifer der 
Scholastiker für naturwissenschaftliche Dinge in Wien und Erfurt, 
die beide rein okkamistisch waren, nachweislich größer gewesen 
als in Köln, Heidelberg und Basel. Aber gerade das muß zur Be- 
stätigung der These dienen: diese beiden Hochschulen dürfen 
gewissermaßen als Ausnahmen gelten— sie bedurften der via antiqua 
nicht mehr, da sie sich bereits selbständig, zum Teil mit Hilfe 
italienischer Einflüsse, zu den res hingewandt und damit den termi- 
nistischen Formalismus innerlich überwunden (!) hatten 2 . Inwie- 
fern die via antiqua das Geschichtsstudium belebt haben soll, er- 
fahren wir zwar nicht näher; vermutlich hängt aber auch das mit 
dem „Realismus" dieser Schule zusammen (?). In ähnlicher Weise 
wird das stärkste und eigentliche Interesse der Humanisten: 
die Bevorzugung der antiken Autoren vor den mittelalterlichen und 
die Pflege eines ciceronianischen Stiles, aus den Tendenzen der via 
antiqua erklärt. Ihre Verwerfung der modernen Autoren, das be- 
wußte Zurückgehen auf die „Alten", d. h. auf die Scholastik des 
13. Jahrhunderts, ist zwar unleugbar nicht dasselbe wie die 
Wiederentdeckung der Schönheit antiker Poesie, Geschichtschrei- 
bung und Philosophie, die Erneuerung altrömischer und platoni- 
scher Weisheit, die den Humanisten am Herzen lag, aber es ist 
doch gewissermaßen der Anfang dazu; auf dem Wege über die 
Erneuerung der Kirchenväter, des „reinen" Aristoteles und der 
reinen Lehre Christi ließ sich wohl auch zur Antike überhaupt 
gelangen. Das klingt freilich ein wenig vage, zumal die Quellen- 



1 H. fühlt selbst die Gewagtheit seiner These und hat es deshalb an 
nachträglichen Einschränkungen nicht fehlen lassen: „Selbstverständlich darf 
. . . der Verkehr mit Italien in keiner Weise unterschätzt werden" (p. 14) u. ä. 
öfter. Für uns bleibt aber entscheidend, daß diese italienischen Einflüsse nur 
graduelle Steigerungen, nicht erzeugendes Motiv jenes Neuen, für den echten 
Humanismus Charakteristischen bedeuten sollen, das H. selbst folgendermaßen 
umschreibt: „Verselbständigung der Laienbildung gegenüber der Kirche und 
Verselbständigung der Einzelwissenschaften gegenüber der Theologie" (1. c. 
p 13/14). 2 Theol.Fak.153. Württ.Vierteljahrsschr. f. Landesgesch. XV, 326. 
Ibid. 330 scheint H. zu glauben, daß in den Lehrplänen der modernen Uni- 
versitäten vor Einführung der via antiqua die naturwissenschaftlichen Schriften 
des Aristoteles und die mathematischen Schriften Euklids nicht figuriert 
hätten ? 



Studien zur Spätscholastik. II. 121 

belege vollständig fehlen 1 . Um so gelehrter ist der Nachweis dafür, 
daß die via antiqua begonnen habe, die lateinische Grammatik von 
der Verquickimg mit der Logik zu reinigen, wie es die Humanisten 
forderten. Aus einer Stuttgarter Handschrift werden die Titel einer 
Traktatensammlung mitgeteilt, die sich ein in Erfurt studierender 
Franziskaner um 1480 angelegt hat. Darin finden sich nebenein- 
ander anonyme Abhandlungen über die aristotelische Physik, über 
die jormalitates des (Franziskaners!) Duns Skotus, grammatische 
Stücke nach Alexander de Villa Dei, dem bekannten mittelalter- 
lichen Schulbuch, ein Briefsteller nach Perottus, Elegantien nach 
Cicero u. a. m. Aus dieser Zusammenstellung zieht Hermelink die 
verblüffende Folgerung, „daß auch in Erfurt, wo der Skotismus 
offiziell nicht zugelassen wurde, die Hinwendung zu den realen 
Wissenschaften und der Sinn für positive Grammatik und eleganten 
Stil auf dem Umweg der formalistischen' Logik, d. h. durch still- 
schweigende Anerkennung der skot istischen Erkenntnistheorie er- 
möglicht worden ist 2 . 4 ' Er übersieht also (um andere, sehr nahe- 
liegende und sehr erhebliche kritische Einwände zu unterdrücken), 
daß eben die den Humanisten verhaßte „spekulative" Grammatik, 
das Gegenteil der „positiven", durch kein anderes Buch so stark 
gefördert und verbreitet worden ist, wie durch den tractatus de modis 
significandi seu grammatica speculativa desselben Duns Scotus, den 
Hermelink für das Schulhaupt der via antiqua in ganz Südwest- 
deutschland erklärt! Aber es wird uns noch ein besserer Quellen- 
beweis für die Scheidung zwischen Grammatik und Logik durch 
die antiqui geboten. Aus einem Baseler Kollegheft des 15. Jahr- 



1 Vorsichtiger, aber im Kern doch wohl auf dasselbe hinauslaufend formu- 
liert H. im Handb. d. K. G. III, p. 49: Da erscheint die via antiqua als eine 
„Reaktionsbewegung mit realistisch-antikisierender Tendenz, die . . . getreu 
ihrem Namen die via antiqua von Skotus an über Thomas zu den älteren 
und ältesten Quellen einschlägt, wobei sie mit den aus Italien kommenden 
humanistischen Anregungen zusammentrifft." Diese italienischen Anregungen 
werden dann p. 53 ff. offen anerkannt und nachdrücklicher als früher betont; 
die Bestrebungen der Frühhumanisten sollen danach „den Bestrebungen der 
via antiqua begegnen und von deren Vertretern protegiert werden". „Die Ver- 
bindung mit dieser Richtung beeinflußt die Leistungen des Humanismus in 
den realistischen Disziplinen." Das letztere bleibt mir auch hier unverständ- 
lich. Sollen die naturwissenschaftlichen Interessen der (gleich darauf genann- 
ten) Wiener „Modernen" Peuerbach, Regiomontan und Peutinger etwa aus 
der via antiqua abgeleitet werden? Mir erscheint es nicht einmal sicher, wie 
weit sie sich aus ihren humanistischen Neigungen als solchen ableiten lassen! 

2 Württ. Vjschr. XV, 330. 



122 Gerhard Ritter: 

Hunderts werden zwei verschiedene (übrigens auch in den gedruck- 
ten Handbüchern überall ähnlich zu findende) Definitionen der 
suppositio zitiert, eine nach moderner Art. die andere in der Fas- 
sung der antiqui 1 . Die okkamistische Formulierung vermeidet es, 
den Begriff als „Stellvertreter" eines esse reale zu bezeichnen, wie 
die realistische Fassung; offensichtlich geschieht das um des ter- 
minus communis willen, der ja nicht für eine „allgemeine Sache", 
sondern bloß für ein gedachtes Allgemeines supponieren soll (inten- 
tio secunda). Hermelink dagegen zieht aus der „modernen" De- 
finition den mir unverständlichen Schluß: „Hiernach wird der 
Logik in echt okkamistischer Weise die Bildung gültiger Urteile 
und die Konstruktion richtiger Sätze als Aufgabe zuerkannt 2 ." Soll 
das heißen, daß die Skotisten der Logik nicht die Bildung gültiger 
Urteile und die Konstruktion richtiger Sätze als Aufgabe zuer- 
kannt haben? Offenbar! Denn gleich darauf wird die Trennung 
der Logik von der Grammatik (etwa auch von der Sprache?!) als 
besonderer Vorzug der antiqui gerühmt. Man begreift dann nur 
nicht recht, was eigentlich Hermelink selber von der Logik er- 
wartet, da er dieser Wissenschaft die „Konstruktion richtiger Sätze" 
nicht zugestehen mag. Aber er hat noch weitere Beweise für seine 
These: eine bei Prantl zitierte Stelle des Gerson sehen Traktates 
de concordia metaphysice cum logica, die von der objektiv-realen 
Bedeutung des Begriffs in der Metaphysik und seiner bloß subjek- 
tiven in den sermozinalen Wissenschaften handelt 3 , legt er sich so 
zurecht, daß er die Metaphysiker ohne weiteres mit den antiqui, 
die Logiker mit den moderni gleichsetzt; daraus zieht er dann den 
überraschenden Schluß „daß die moderni den Hauptwert auf die 
suppositio materialis legen (Vertretung des gedachten Begriffs durch 
den Sprachausdruck), während die antiqui mehr die suppositio per- 
sonalis gelten lassen" (Vertretung der extramentalen Sache durch 
den Begriff). Das soll dann bei den moderni zu einer Vermengung 
von Grammatik und Logik geführt haben. Als ob nicht beide 
Arten der Supposition beiden Schulrichtungen gleich geläufig ge- 
wesen wären! Jedes beliebige logische Handbuch des Mittelalters 
kann darüber aufklären. Aber man kann diese Aufklärung noch 



1 Die realistische: Suppositio est aeeeptio termini subieetwi pro aliquo esse 
reali. Die moderne: Suppositio est aeeeptio termini in propositione pro aiiquo, 
vel pro aliquibus,de quo et de quibus talis terminus verificatur mediante copula 
illius propositionis. 2 Theol. Fak. 151. 3 Prantl IV, 145, N. 601. Die m. E. 
richtige Auslegung der Stelle und ihres ganzen Zusammenhangs s. o. p. 26 ff. 



Studien zur Spätscholastik. II. 123 

müheloser haben: in Prantls 3. und 4. Bande ist darüber ausführ- 
lich gehandelt. Wie aber in aller Welt ist Hermelink auf den 
unglücklichen Einfall gekommen — das ist sein dritter Beweis — , 
daß nur die antiqui „die sprachliche Bezeichnung (significatio) 
eines Dings scharf von der logischen Supposition für dasselbe ge- 
trennt" und so die „Bahn frei gemacht hätten für die Entwicklung 
der , positiven' praktischen Grammatik" ? Bei Prantl hätte er 
finden können, daß der Okkamist Buridan die Trennung von 
significatio und suppositio gleich an den Anfang seines Kommen- 
tars zu den parva logicalia gestellt hat 1 , daß gerade ein Teil der 
Modernen, voran Peter d'Ailly 2 , dazu gelangt ist, im Gegensatz 
zu den Skotisten die ganze Lehre von den modi significandi als 
überflüssig und verwirrend zu bekämpfen, für die Logik allein den 
„mentalen Begriff", d. h. das Denken selber, nicht seinen Sprach- 
ausdruck, als maßgebend zu betrachten und die Sprache nur als 
ein Mittel gegenseitiger Mitteilung der Menschen untereinander ohne 
unmittelbare logische Bedeutung anzusehen. 

Nein, es war kein glücklicher Gedanke, gerade der via antiqua 
Verdienste um die Reinigung der Grammatik von logischem Ballast 
zuzuschreiben. An kaum einem andern Punkte zeigt sich die Steri- 
lität dieser Reformbewegung so deutlich, wie gerade an diesem. 
Sicherlich wären diese Verehrer des Duns Skotus wenig erbaut ge- 
wesen von dem Lobe, das ihnen Hermelink erteilen möchte: daß 
sie von den modi significandi ihres Meisters nichts hätten wissen 
wollen. Aber auch in den Augen der Humanisten steckt der gram- 
matische Betrieb beider Schulen in genau derselben Verdammnis. 
Wenigstens ist mir noch kein Urteil eines Humanisten vor Augen 
gekommen, das die grammatischen Theorien der antiqui gelobt 
hätte im Gegensatz zu denen der Okkamisten 3 . Wer da will, kann 
bei Wimpfeling im Isidoneus nachlesen, wie der herkömmliche 
Betrieb der Grammatik aussah in beiden Schulen; er wird 
sich dann rasch überzeugen, daß die Humanisten hier wirklich 
etwas Neues wollten, das auf einem anderen Boden gewachsen war, 
als auf dem der Scholastik. Auch die moderni wissen nichts davon, 
daß sich ihr grammatischer Unterricht in irgendeiner Weise von 
dem ihrer Gegner unterscheiden soll. „Haben wir nicht beide den 



1 IV, 25. Mestwerdt 106 u. 162 ist Hermelink in dieser Frage (nur in 
dieser!) gutgläubig gefolgt. 2 Ibid. 106ff. 3 Dagegen vgl. das Verdam- 
mungsurteil des Thomas Morus über die Grammatik des Albertus Magnus, 
z. T. bei Mestwerdt, p. 331, N. 3. 



124 Gerhard Ritter: 

Priscian zum Fundament unserer Grammatik?" fragen die Heidel- 
berger Modernen in ihrer Verteidigungsschrift von 1499 1 . So war 
es in der Tat. Man weiß aus den Forschungen Bauchs zur Geschichte 
des Frühhumanismus, welche unsägliche Mühe es kostete, selbst an 
solchen Universitäten, die eine humanistische Reform des Sprach- 
unterrichts erklärt ermaßen einführen wollten, von den alten, seit 
Jahrhunderten gebrauchten grammatischen Schulbüchern loszu- 
kommen und neue, brauchbare zu beschaffen 2 . In Heidelberg 
schreiben die Statuten noch 1501 3 den Gebrauch des alten Donat 
und Alexander de Villa Dei (und zwar auch von dessen zweitem 
Teil!) für beide viae vor. 

Nach alledem ist der Nachweis eines sachlichen Zusammen- 
hanges zwischen via antiqua und Humanismus in allen den Punk- 
ten, die den historischen Charakter der humanistischen Bewegung 
als solcher ausmachen (und dazu gehört das damals in weitesten 
Kreisen verbreitete Interesse an der Kirchenreform nicht!) als voll- 
ständig mißlungen zu betrachten. Wenn unsere Untersuchung des 
Schulstreites irgend etwas erwiesen hat, so ist es die Tatsache, daß 
die via antiqua genau das Gegenteil von dem erstrebte, was Her- 
melink selbst als die charakteristische Tendenz und Leistung des 
Humanismus auf dem Gebiete der Wissenschaften bezeichnet: 
„Verselbständigung der Einzelwissenschaften gegenüber der Theo- 
logie" 4 . Will man sich das recht anschaulich machen, so braucht 
man nur das Edikt Ludwigs XI. gegen den Okkamismus zu lesen, 
zu dem die Pariser Realisten den König im Jahre 1473 überredeten. 
Schon Papst Gregor, heißt es da, habe das Studium der ciceronia- 
nischen Beredsamkeit an den Hochschulen verboten, weil die Stu- 
dierenden damit ihre beste Zeit verlören. ,,So liegt auch uns die 
Pflicht ob, mit allem Eifer dafür zu sorgen, daß unser Pariser 
Studium, an dem von jeher die Leuchte des Glaubens am hellsten 
gestrahlt hat, eine heilbringende Wissenschaft und die Lehre der 
größten realistischen Autoren blühte, anderer weniger notwendiger 
Unterricht aber ganz und gar beseitigt war, auch fürderhin be- 
ständig zum Lobe Gottes, zur Erbauung seiner Kirche und zur 



1 S. o. p. 75 ff. 2 Vgl. z. B. Bauch, Die Rezeption des Humanismus 
in Wien, 106/7 (Reform von 1504). — In Wien scheint man 1499 die 3 üb- 
lichen Versuche zur Reform des artistischen Studiums gleichzeitig angestellt 
zu haben: zweckmäßige Redigierung der „modernen" Lehrbücher. Zulassung 
des Realismus und humanistische Reform des grammat. Unterrichts — übri- 
gens erfolglos. L. c. 99ff. 3 a. f. a. III 5 b . 4 Relig. Reformbestrebungen, 
p. 14. 



Studien zur Spätscholastik. II. 125 

Mehrung des orthodoxen Glaubens glücklich erleuchtet werde 1 ." 
Das ist genau dieselbe Stimmung des Mißtrauens gegen alles nicht- 
scholastische, d. h. der Theologie nicht dienstbare Wissen, wie es 
in der Kampfschrift des Thomisten Petrus Nigri durch seine Ver- 
wahrung hindurchklingt, er wolle nicht mit rednerischem Wort- 
schwall sich brüsten (modo gravi et oratorio loqui), sondern schlicht 
scholastisch reden, wie es der Philosophie zukommt (piano modo 
atque scholastico, ad philosophiam accommodato) 2 . 

Steht es aber so, wie sind dann die zahlreichen persönlichen 
Beziehungen zwischen Humanismus und via antiqua, die häufige 
Vereinigung beider Tendenzen in einer Person zu erklären, die 
Hermelink ,,in exaktester Forschung von Person zu Person und 
von Schule zu Schule" nachgewiesen zu haben glaubte ? In der Tat 
besteht eine Reihe von solchen Beziehungen, wenn auch ein Teil 
der von Hermelink aufgestellten „Nachweise" inzwischen als 
kecke und unbegründete Kombination enthüllt worden ist 3 . Seine 
Studien gingen aus von der Betrachtung des oberdeutschen, ins- 
besondere des Baseler scholastischen Humanismus, der in Heynlin 
vom Stein einen seiner Hauptvertreter zeitweilig nach Tübingen 
entsandte und durch persönliche (z. T. durch den Westfalen Drin- 
genberg in Schlettstadt vermittelte) Beziehungen auch mit den 
westfälisch-niederrheinischen Humanistenkreisen in Verbindung 
stand. Unzweifelhaft sind Männer wie Magister Heynlin, Geiler von 
Kaisersberg, Sebastian Brant, Paul Scriptoris, Konrad Summenhart 
in Basel, Straßburg und Tübingen, oder Werner Rolewinck in Köln 
und selbst ein Rudolf Agricola Übergangsgestalten, in denen die 
Tradition der via antiqua noch mehr oder weniger deutlich erkenn- 
bar ist. Aber ist damit schon irgend etwas bewiesen für die Be- 
hauptung, die via antiqua habe für den Humanismus eine vor- 
bereitende Bedeutung besessen ? In Wahrheit hat doch die Ver- 
bindung beider Tendenzen durchaus nichts Auffallendes. Wer von 
den westfälischen und niederrheinischen Humanisten und humani- 



1 Bulaeus V, 706 (s. oben p. 35): . . . qua fit, ut nos quoque summopere 
niti deceat . . . quo Parisiense Studium . . . in quo fidei turnen maxime semper 
damit . . . sanaque disciplina ac summorum Realiumque authorum doctrina, 
ceteris minus necessariis doctrinis penitus sublatis, deinceps perpetuo . . . ad Dei 
. . . laudem, ecclesiae suae aedificationem et fidei orthodoxe incrementum feliciter 
illustretur. 2 Hain 11887 (St. B. München) fol. 2 V . 3 Vgl. Mestwerdts 
sorgsame Untersuchungen über eine Reihe der wichtigsten, von H. genannten 
Persönlichkeiten, insbes. für Erasmus und seine Pariser Lehrer und Kolle- 
gen, 1. c. 162ff., 319ff. 



126 Gerhard Ritter: 

stisch gestimmten Scholastikern in Köln oder Löwen studiert hatte, 
mußte natürlich die Elemente der realistischen Philosophie in sich 
aufgenommen haben und behielt sie vielleicht zeitlebens, ohne ihnen 
darum die humanistischen Inhalte seiner Bildung zu verdanken. 
Daß die „devotio moderna", die man auf den Schulen der „Brüder 
vom gemeinsamen Leben", diesen Pflanzstätten des niederländi- 
schen Humanismus, pflegte, im Gegenteil jede Bindung an eine 
der scholastischen Parteien ablehnte, werden wir im folgenden 
Kapitel sehen. Rudolf Agricola, dessen Deutung des Universalien- 
problems die realistische Schulung recht wohl erkennen läßt, be- 
zeugt doch auf jeder Seite seiner inventio dialectica, wie weit er sich 
über die traditionellen Schulstreitigkeiten erhaben glaubt. Aber 
auch der Humanismus der oberdeutschen antiqui bedarf zu seiner 
Erklärung nicht der Hypothese Hermelinks: daß er durch die 
Ideen der via antiqua erzeugt oder mindestens geistig vorbereitet 
sei. Notwendig jedenfalls ist eine solche Vorbereitung nicht ge- 
wesen, um den humanistischen Bildungsidealen den Zutritt zu den 
oberdeutschen Universitäten zu eröffnen. Alle neueren Forschun- 
gen über das Eindringen des Humanismus an den deutschen Uni- 
versitäten zeigen immer wieder, daß die erbitterten Kämpfe zwi- 
schen Scholastikern und Poeten, von denen die gekränkte Eitel- 
keit der humanistischen Literatur so viel zu berichten weiß, in 
Wahrheit — abgesehen von der Dunkelmännerfehde — nur in sehr 
beschränktem Umfang stattgefunden haben und sich fast nirgends 
als prinzipielle Kontroversen darstellen, sondern sich entweder um 
Gehalts- und Examensfragen drehen oder auf gehässige Invek- 
tiven der Reformer zurückgehen oder endlich mit der Tatsache zu- 
sammenhängen, daß der Humanismus mit seinen rhetorisch-poeti- 
schen Liebhaberkünsten nicht ohne weiteres sich als Ersatz für die 
althergebrachten philosophischen und naturwissenschaftlichen Stu- 
dien verwerten ließ 1 . Das humanistische Latein, die Künste des 
Verseschmiedens, des ciceronischen Brief- und Redestils und das 
Studium des Griechischen und Hebräischen drangen fast geräusch- 
los, zum Teil schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, auf den 
Universitäten ein, und keineswegs nur auf denen, die der via anti- 



1 Zu nennen sind vor allem die verschiedenen Schriften G. Bauchs, der 
das Material mit großem Fleiße zusammenträgt, ohne freilich immer die 
richtige Einsicht daraus zu gewinnen. Die im Text vorgetragene Auffassung 
ahnlich schon in Paulsens Gesch. d. gelehrten Unterrichts I und Kaufmanns 
Gesch. d. dtsch. Universit. II. 



Studien zur Spätscholastik. II. 127 

qua Zutritt vergönnten, sondern -- wie Hermelink gelegentlich 
selber zugeben muß — besonders früh und gründlich gerade in den 
Hochburgen des Okkamismus: in Wien und Erfurt. Am Ende des 
15. Jahrhunderts gab es überall Universitätslehrer, die in mehr 
oder weniger nahen Beziehungen zum Humanismus standen, ohne 
deshalb ihrer alten Wissenschaft untreu zu werden, und nichts ver- 
dunkelt den wirklichen Tatbestand mehr, als die landläufige Vor- 
stellung, die „Humanisten" und „Scholastiker" als zwei scharf von- 
einander geschiedene Typen ansieht. 

Der Humanismus ist eben von Anfang an als neues, von Italien 
importiertes Bildungsideal nicht nur in den Kreisen geistig leben- 
diger Laien, in Patrizierhäusern und an einzelnen Fürstenhöfen auf- 
getreten, sondern fast gleichzeitig unter den akademischen Lehrern, 
insonderheit der südwestdeutschen Universitäten, unter denen Basel, 
jahrzehntelang der Sitz des großen Konzils, den italienischen und 
französischen Einflüssen naturgemäß am weitesten offenstand. Die 
Aufzählung humanistisch interessierter Magister aus dem Partei- 
lager der via aniiqua würde also für die in Frage stehende These 
nur dann Beweiskraft haben, wenn sich derartige Typen ausschließ- 
lich unter den Realisten finden würden. Davon kann aber gar 
nicht die Rede sein. Die Vertreter der via moderna standen dem 
Humanismus im allgemeinen genau so nah und genau so fern wie 
ihre realistischen Gegner. Das gilt nicht nur von den moderni in 
Erfurt und Wien. Selbst in dem humanistischen Freundeskreis zu 
Basel, der vor Hermelink schon Zarncke auf die Vermutung einer 
engeren Beziehung zwischen via antiqua und Humanismus gebracht 
hat, fehlten die „Modernen" nicht: der bischöfliche Vikar Christoph 
von Utenheim, Johannes Reuchlin und später Dionysius Reuchlin 
zählten sich zu ihrer Partei, die überdies an der dortigen Univer- 
sität dauernd überwog 1 . Und aus dem Einfluß dieses Freundes- 
kreises haben wir es doch wohl zu erklären, daß man die ganze 
statutarische Unterscheidung der beiden viae in Basel schon 1492 

1 Vischer, Gesch. d. Univ. Basel, 165, 170, 190. Reuchlins „moderne" 
Herkunft vermag auch Hermelink nicht zu leugnen; er sucht (Theol. Fak. 
152, N. 5) den störenden Eindruck dieser Tatsache mit der Erklärung zu ver- 
wischen, daß R. seit seinem Pariser Aufenthalt über den Unterschied der 
beiden Wege „innerlich erhaben" gewesen sei. Sehr richtig! Das waren diese 
Humanisten fast alle. Aber merkt H. nicht, wie er seiner eigenen These damit 
ins Gesicht schlägt? Utenheim rechnet er ebd. ohne Quellenangabe zu den 
antiqui, nachträglich (und ohne Angabe von Beweisen) im Handb. d. K. G. III, 
55 auch Joh. Reuchlin. Warum? 



128 Gerhard Ritter: 

als veraltet aufhob. Ähnlich war es überall: je mehr der Humanis- 
mus mit seiner neuen Ideenrichtung an den deutschen Universi- 
täten vordrang, um so schneller verlor sich das Interesse an dem 
ganzen Schulstreit der Realisten und Nominalisten. Nichts kenn- 
zeichnet stärker die geistige Unfruchtbarkeit der neuthomistischen 
Reaktionsbewegung, als dieses schnelle Verwelken. Wir haben in 
einem früheren Zusammenhang den zunehmenden Eklektizismus 
in der Lehrbuchliteratur der beiden Schulen gegen Ende des Jahr- 
hunderts besprochen (s. o. S. 74 f.). Er steht vermutlich mit dem 
Vordringen des Humanismus in innerem Zusammenhang. 

Mit alledem dürfte erwiesen sein, daß die bloße Tatsache per- 
sönlicher Beziehungen zwischen via antiqua und Humanismus noch 
nichts über deren innere sachliche Zusammengehörigkeit aussagt, 
sondern sich zwanglos aus der allgemeinen Lage des akademischen 
Lebens in Deutschland erklären läßt. Trotz dieser Einsicht und 
trotz unserer früheren Feststellung, daß tiefere sachliche Zusammen- 
hänge zwischen beiden Strömungen sich in der Tat nicht finden 
lassen, bleibt aber nun die Möglichkeit bestehen, daß eine mehr 
äußere, rein psychologisch zu wertende Verknüpfung zwischen ihnen 
in einzelnen Fällen bestand. Man müßte etwa das Leben des Magi- 
sters Heynlin vom Stein genauer studieren, um zu ermitteln, ob 
vielleicht dessen großer Eifer als Reformator der Baseler Univer- 
sität im Sinne der via antiqua psychologisch mit dazu beigetragen 
hat, ihn zugleich für die Neuerungen des Humanismus leichter zu- 
gänglich zu machen. Mehr als eine ganz äußerliche, als zufällig zu 
wertende Verbindungslinie würde dabei jedoch schwerlich sichtbar 
werden. Eine gewisse äußere Berührung der humanistischen und 
neuthomistischen Reformideen scheint ja auch in Heidelberg statt- 
gefunden zu haben: bei der großen Reformation der Universität 
von 1452 und der Einführung der via antiqua. Aber auch da liegt 
der kausale Zusammenhang, den wir konstruieren konnten, nicht 
so, wie ihn Hermelink sich denkt, sondern umgekehrt: nicht die 
via antiqua half dem Humanismus zum Leben, sondern dieser 
scheint — wenn unsere Vermutung recht behält — seinerseits die 
längst bestehenden neuthomistischen Strömungen gefördert zu 
haben 1 . Die Bildung der für den Humanismus interessierten Ju- 



1 S. o. p. 103ff. Hermelink stützt sich für die Darstellung der Vor- 
gänge von 1452 auf einen halbpopulären Aufsatz Hartfelders in der Zeitschr. 
für allg. Gesch. II 177 ff. und greift dessen Behauptung auf, die Humanisten 
auf der Plassenburg hätten die Einführung der via antiqua als einen Sieg ihrer 



Studien zur Spätscholastik. II. 129 

risten am Hofe Friedrichs I. stammte nicht aus Köln oder Paris, 
wie die der meisten thomistischen Magister, sondern aus Italien. 
Köln, der Hauptsitz der via antiqua, ist den Humanisten ja trotz 
Hermelink durchaus nicht als ein Eldorado, sondern als Hoch- 
burg der „Dunkelmänner" erschienen. Wenn nun diese reform- 
lustigen, humanistisch gebildeten Juristen am Hofe Friedrichs I. 
vielleicht durch ihre Freunde und Geistesverwandten von der thomi- 
stischen Partei sich bestimmen ließen, deren Wünsche im Rahmen 
der allgemeinen Universitätsreform durchzusetzen, so ist das ein 
Ereignis, dessen (vielleicht zufällige) persönliche und sachliche Mo- 
tive wir viel zu wenig durchschauen, als daß wir daraus weittragende 
Schlüsse für die innere Verwandtschaft der beiden Geistesströmun- 
gen ziehen dürften. Dauernd und einseitig ist diese Berührung 
auch in Heidelberg keinesfalls geblieben 1 . Schon unter den Gön- 
nern Peter Luders 1457 findet sich der — uns als „Moderner" wohl- 
bekannte (s. o. S. 69) — Theologe Stephanus Hoest 2 . In der 
Verteidigungsschrift von 1499 (s. o. S. 75) wenden die Heidelberger 
„Modernen" alle erdenkliche Mühe auf, um sich dem Kurfürsten 
Philipp und seinem Kanzler Dalberg als gut humanistisch gesinnte 
Leute zu empfehlen. Die dem Marsilius in den Mund gelegte Rede 
wird dem Cicero nachgeahmt ; ihre schönen dictiones, clausulae und 
elegantiae oratoriae werden eigens durch eingeschobene Buchstaben 
hervorgehoben, damit sie nur ja recht auffallen. Man betont mit 
Nachdruck, daß die Schriften des Marsilius sogar in Italien gedruckt 
worden sind! Von sapphischen Strophen, von Distichen und 
Tetrastichen zum Lobe des Schulhauptes wimmelt es geradezu. 



Sache angesehen. Hätte er nach der Quelle dieses von ihm sehr eifrig verwer- 
teten Satzes gefragt, so hätte er gefunden, daß ihm weiter nichts zugrunde 
liegt, als ein von Wattenbach Z.G.O. XXII, 92 veröffentlichter lobhudelnder 
Brief des Arrigino an Friedrich I. von 1457, der in ganz allgemeinen Wendungen 
dessen Verdienste um die Humanitätsstudien preist, womit offenbar die An- 
stellung Peter Luders 1456 gemeint ist, dem Arrigino offenbar selber sehr 
gerne nachfolgen würde. Von der via antiqua ist mit keinem Worte die Rede. 
Ob dieser italienische Landstreicher davon überhaupt etwas gewußt hat? 

1 Hermelink sucht diese Tatsache damit zu erklären, daß der Humanis- 
mus infolge italienischer Einflüsse in Heidelberg die scholastischen Partei- 
gegensätze rascher als anderswo überwunden habe. Wie konnte er das, wenn 
er in so engen Beziehungen zur via antiqua stand ? 

2 Z.G.O. XXII, 44, 62. Es kann nur Hoest gemeint sein. Über dessen 
humanistische Interessen, vgl. den oben S. 69 erwähnten Modus predicandi; 
ferner Z. G. 0. XXVII, 96; Holstein, Zur Gelehrtengesch. Heidelbergs (1893) 
p. 9, 12, 23ff; Geigers Viertelj.-Schr. I, 123-5. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1922. 7. Abh. 9 



130 Gerhard Ritter: 

Schließlich folgt ein Massenaufgebot von dichtenden Magistern und 
Scholaren zu demselben Zwecke. Nicht weniger als fünfzig Epi- 
gramme auf einmal ertönen zum Preise des verstorbenen Meisters. 
Beinahe alles, was die Universität an klangvollen humanistischen 
Namen aufzuweisen hatte, erscheint in diesem Chorus: Jodokus 
Gallus, Theodor Gresemund, Jakob Wimpfeling, Jakob Spiegel, 
Dionysius Reuchlin und andere. Man braucht nicht gerade anzu- 
nehmen, daß sie sich für die Prinzipien der via moderna im Grunde 
sehr ereifert haben; Jakob Wimpfeling, selber ein Zögling dieser 
Schule, hielt und druckte noch in demselben Jahre eine Rede zur 
Versöhnung aller streitenden Parteien, die allen ins Gewissen redet, 
Nominalisten, Realisten und Humanisten, sich gütlich zu vertra- 
gen 1 . Aber vielleicht hat er selber, der Schreiblustige, diese Ver- 
teidigungsschrift veranlaßt und redigiert 2 : den antiqui mochten er 
und seine Freunde doch nicht den Vorrang bei Hofe gönnen; denn 
um einen Wettlauf um die Gunst des Fürsten handelt es sich offen- 
bar; der hatte vielleicht — die Akten schweigen darüber — kurz 
zuvor mit gewaltsamer Unterdrückung der ewigen Zänkereien ge- 
droht. Doch mag dem so sein oder nicht: in jedem Falle beweist 
die Schrift ganz deutlich, daß von einem einseitig bevorzugten 
Verhältnis der via antiqua zum Humanismus in Heidelberg um 
1500 keine Rede sein kann. 

Belege dieser Art ließen sich mühelos weiter häufen. Man 
könnte etwa auf das Epigramm hinweisen, mit dem Pallas Spangel, 
der humanistische Freund Rudolf Agricolas, von Hause aus selber 
ein Angehöriger der via antiqua, die Druckausgabe der Sentenzen- 
vorlesung des Marsilius von Inghen schmückte, und auf die Lob- 
reden, die er dem Meister der Modernen nach derselben Quelle als 
Vizekanzler gehalten hat 3 . Oder man könnte an jene Ode des 
Konrad Celtes erinnern, in der dieser Zögling der via antiqua die 
Theorien beider Wege als sinnlose Sophistereien verständnislos ver- 
spottet 4 , oder an die Stelle in der Utopie des Thomas Morus, in 
der mit gleich bissiger Ironie von den parva logicalia der nuperi 



1 Pro concordia dialecticorum et oratorum usw. s. 1. 1499. Vgl. Knodt 
in Z.G.O. N. F. I, 321. Ich benutzte das Exemplar der Darmstädter L. B. 
2 Darauf bringt mich die auffallende Ähnlichkeit gewisser Gedanken- 
gänge in den beiden eben zitierten Schriften, in denen die Notwendigkeit und 
Unschädlichkeit von Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten be- 
tont wird. 3 Marsilius de Inghen, Quaestiones in IV. libros sententiaruni, 
Argentor. 1501,fol.l b . 4 Bei Bauch, Rezeption des Humanismus in Wien, 135. 



Studien zur Spätscholastik. II. 131 

(= moderni), wie von dem Monstrum honio in communi die Rede 
ist, das der Realismus der antiqui meine demonstrieren zu können 1 . 
Aber fast zu lange schon haben wir uns mit einer Hypothese auf- 
gehalten, deren Unterlagen sich als brüchig erweisen, man mag 
nachfühlen, wo man will. Denn es steht durchaus nicht so, wie 
man den zuletzt genannten Tatsachen gegenüber vielleicht ein- 
wenden könnte: daß erst die spätere Entwicklung des Humanismus 
diesen in Gegensatz zur via antiqua gebracht habe, während zu 
Anfang ein Bewußtsein der Verwandtschaft bestand. Vielmehr im 
Kerne ihres Wesens sind die beiden Bewegungen grundverschieden: 
Ausklang einer verhallenden Symphonie die eine, Vorspiel eines 
mächtigen neuen Werkes die andere. Alles, was man an gemein- 
samen Motiven herauszuhören glaubt, ist nicht mehr, als zufälliger 
Gleichklang im Gewebe der Töne. 

Oder sollten etwa die so grundverschiedenen Weisen in einer 
tieferen Lage, im Bereich des Religiösen, doch noch gemeinsame 
Orgeltöne besitzen ? 

c) Die via antiqua und die Reform der Theologie. 

Nach den vorherigen Ergebnissen unserer Untersuchung stellte 
sich der Gegensatz zwischen via antiqua und via moderna dar als 
einfache Fortsetzung eines alten Schulstreites auf einer Entwick- 
lungsstufe, auf der die ursprünglich ihm zugrunde liegenden philo- 
sophischen Gegensätze eigentlich längst verblaßt waren und nun- 
mehr künstlich und bewußt aufgefrischt wurden. Der Streit selber 
ging in der Hauptsache um Methode und Inhalt der artistischen, 
insbesondere der logischen Studien; aber der Anlaß zu seinem 
Ausbruch kam, wie es scheint, von der Theologie her. Das starke 
Interesse der Theologen an diesen Fragen ergab sich aus den ver- 
schiedensten Quellen immer wieder: aus der Kölner Denkschrift 
von 1425, aus den persönlichen Beziehungen der Heidelberger 
Theologen zur via antiqua und aus den Pariser Vorgängen von 
1473. Der Gegenstand des Streites macht dieses Interesse begreif- 
lich: hinter den logisch-erkenntnistheoretischen Gegensätzen steckte 

1 Ausg. v. Michels-Ziegler (Lat. Literaturdenkmäler, hrsg. von Herr- 
mann) p. 68, in meiner Übersetzung (Klass. d. Politik, Bd. I, 1922) p. 66. 
Eine Reihe ähnlicher Einzeleinwände hat Mestwerdt 1. c. 163ff. sorgsam und 
einleuchtend vorgetragen. Was er trotzdem von Hermelinks These glaubt 
retten zu können, scheint mir durch die obigen Ausführungen nunmehr 
gleichfalls zerstört zu sein. 



132 Gerhard Ritter: 

die Frage, ob es möglich sei, die theologischen Systeme des 13. und 
beginnenden 14. Jahrhunderts in ganzem Umfang zu erneuern. 
Besaßen die Versuche zu solcher Erneuerung eine größere Bedeu- 
tung für die Geschichte der Theologie und der Kirche? Das ist 
die letzte Frage, die wir noch zu beantworten haben. 

Die bisherige dogmengeschichtliche Darstellung neigt dazu, 
diese Dinge allzusehr von einem überscharf konstruierten Begriff 
des Gegensatzes zwischen okkamistischer und thomistischer Theo- 
logie aus zu beurteilen. Wäre es so, wie z. B. Seeberg glaubt, 
daß die okkamistische Theologie des 15. Jahrhunderts wesentlich 
nur „negative Kritik" an der metaphysischen Spekulation oder gar 
nur „dialektische Exerzitien" bot 1 , dann würde man freilich ohne 
weiteres die Erneuerung der älteren Theologie als einen geschicht- 
lichen Fortschritt begrüßen dürfen. Die These Prantls und Her- 
melinks von dem wesentlich ,,sermozinalen" Charakter der via 
moderna hat viel zur Versteifung solcher Vorstellungen beigetragen. 
Sie hat sich uns für das Gebiet der artistischen Studien als irrig 
erwiesen. Aber mir scheint, auch das Bild der Theologen aus der 
okkamistischen Schule wird gründlich verzeichnet, wenn man in 
der Hauptsache die Züge Wilhelm Okkams als Unterlage benutzt. 
Den exakten Nachweis hierfür konnte meine Studie über Mar- 
silius von Inghen wenigstens für einen einzelnen Okkamisten er- 
bringen. Die theologischen Werke, die von den „Modernen" des 
15. Jahrhunderts am meisten als Muster benutzt wurden, waren 
schwerlich Okkams Schriften, sondern viel häufiger jene halb- 
thomistischen Sentenzenkommentare, deren bekanntesten Typus 
der Augustiner Thomas von Straßburg 2 darstellt; auch Gregor 
von Rimini und Johannes Gerson scheinen viel gelesen zu sein. 
Darf man diesen Männern im Ernste nachsagen, ihnen sei das eigent- 
lich theologische Interesse hinter dialektischen Künsten zurück- 
getreten? Oder auch nur, ihr Glaube an die Berechtigung meta- 
physischer Spekulation in theologischen Fragen, der „Realismus 
ihrer Weltanschauung, der die Begriffe als Träger der Sachen 
ansah" (Seeberg), sei ihnen irgendwie schwankend geworden? 
Daß sich dialektische Sophismen in der spätmittelalterlichen theo- 
logischen Literatur unerträglich breitmachen, ist unbestritten 



1 Dogmengeschichte IIP, 630 ff. - Th. v. Str. wurde durch den Heidel- 
berger Theologen Pallas Spangel, der selbst der via antiqua angehörte, heraus- 
gegeben: bezeichnend für die eklektische Haltung des Autors wie des Heraus- 
gebers ! 



Studien zur Spätscholastik. II. 133 

richtig. Wir haben die päpstlichen Erlasse von 1346 und 1366 
gegen diesen Mißbrauch der Philosophie kennen gelernt (s. o. 
S. 22/3), hörten aber noch 1455 den Magister Johannes Wenck, den 
Begründer der via antiqua in Heidelberg, über dasselbe Übel beweg- 
lich klagen und auf Abstellung drängen (s. o. S. 52 N. 4). Es mag 
schon sein, daß auch die Vereinfachung der theologischen Lehr- 
formen, nicht nur der philosophischen, zu den Programmpunkten 
der via antiqua gehört hat 1 . Aber das war ein sehr altes Programm. 
Die Theologie aus dem erstickenden Wust philosophischer Speku- 
lationen zu befreien, hatten schon die ältesten Generalkapitel der 
Dominikaner und Franziskaner vergeblich versucht, indem sie 
ihren Ordensmitgliedern die philosophischen Studien überhaupt ver- 
boten. In ihre eigene Ordenstheologie waren diese Spekulationen 
sogleich wieder eingedrungen. Und dasselbe Übel bestand — weil 
es im Wesen der mittelalterlichen Wissenschaft begründet war — 
in allen Wissenschaften einschließlich der Jurisprudenz. Ist es denn 
wirklich erwiesen, daß nur die ,,Okkamisten" oder wenigstens diese 
in besonderem Maße daran Schuld waren ? Mir scheint nicht; man 
muß sich nur einmal von dem Schlagwort der Realisten: Nos imus 
ad res, de terminis non curamus freimachen (dessen rein erkennt nis- 
theoretische Bedeutung ich glaube erwiesen zu haben), um zu 
erkennen, daß positive Schuldbeweise bisher nicht vorliegen. Wohl 
aber ist bekannt, daß der weitaus Bedeutendste unter den okka- 
mistischen Theologen des 15. Jahrhunderts — vielleicht der größte 
unter den akademischen Theologen dieses Säkulums überhaupt — 
Johannes Gerson, auch der Führer seiner Generation und mancher 
späteren im Kampfe gegen den sophistisch-logischen Ballast in der 
theologischen Wissenschaft war. Was er fordert, entspricht ziem- 
lich genau dem Reformprogramm, das Hermelink den Realisten 
zuschreibt: Konzentration auf die Glaubenswahrheiten, die in den 
drei letzten Büchern des Lombarden zur Sprache kommen, an Stelle 
der metaphysischen Vorfragen des ersten Buches, Rückgang auf 
die einfache Autorität der Bibel, Betonung der praktischen Be- 
dürfnisse der Kirche auch innerhalb der Theologie, kurz: Verein- 
fachung des Methodischen und Verstärkung der religiösen Motive 2 . 
Gerade dieser Nominalist mit seinen erbaulich-gelehrten Schriften, 
seiner Verbindung mystischer, okkamistischer und thomistischer 
Ideen wurde das Vorbild einer ausgedehnten halbpopulären, syn- 

1 Vgl. o. S. 107. 2 Vgl. Joh. Schwab, Joh. Gerson (1858), p. 291 ff., 
Seeberg D.G. III 3 , 627ff. 



134 Gerhard Ritter: 

kretistisch gestimmten theologischen Literatur, die für das ganze 
15. Jahrhundert charakteristisch ist. Wen will man aus dem Lager 
der via antiqua danebenstellen? Und warum sollte eigentlich das 
Programm der Vereinfachung der Theologie den okkamistischen 
Prinzipien widersprechen ? War nicht einer der Hauptgrundsätze 
aller Modernen, den auch die Spätesten unter ihnen immer wieder 
Okkam nachredeten, man dürfe nicht zwei Begriffe setzen, wo einer 
genüge (nulla pluralitas sine necessitate) ? Hatte nicht Okkam einen 
ganzen W T ust von metaphysischen Hirngespinsten, mit denen sich 
Thomas und Skotus herumschlugen, kurzerhand beseitigt ? Wenn 
Johannes Gerson von Vereinfachung der Theologie sprach, so 
dachte er in erster Linie, wie wir gesehen haben (o. S. 25), an die 
unnützen formalitates des Duns Skotus. Lind die Kölner Thomisten 
hatten sich 1425 gegen den Vorwurf der Modernen zu wehren, 
daß ihre Philosophie allzu subtil und schwer faßbar sei (s. o. S. 39). 
Das waren Urteile der Gegenpartei — gewiß! Aber auch der Histo- 
riker wird fragen dürfen, ob es wirklich ein geeignetes Heilmittel 
gegen das Überwuchern logischer Spekulationen war, wenn man 
unbesehens die philosophisch-theologischen Systeme des Thomas 
und vollends des Duns Skotus mit ihrem großen dialektischen 
Apparat erneuerte? Gewiß: die Darstellungsformen des 13. Jahr- 
hunderts waren relativ einfacher gewesen, als die der späteren 
waren, die sich mit einem größeren ererbten Ballast von dialek- 
tischenKünsten zu schleppen hatten. Die theologischen Systeme aber 
als solche waren wohl eher komplizierter als der verwaschene Ok- 
kamismus der Spät zeit. Und warum sollten die Chancen der 
älteren Theologie im Vergleich zu der sogenannten „modernen" 
steigen, wenn es den theologischen Gebildeten des 15. Jahrhunderts 
auf verstärkte Betonung der biblischen Autorität und der augusti- 
nischen Ideen ankam, wie Seeberg meint ? Hatte nicht Okkam 
seiner Schule den Biblizismus eingeimpft ? Und waren nicht augu- 
stinische Gedanken unter den okkamistischen Theologen des Augu- 
stinerordens besonders lebendig? 

Ich denke, die Summe dieser Erwägungen wird uns zu größter 
Vorsicht bestimmen bei der Beurteilung der Frage, ob der via 
antiqua ein besonderes Verdienst um die Reinigung der Theologie 
von überflüssigen dialektischen Erörterungen zukomme. Liest man 
etwa in dem Bonaventurakommentar des Skotisten Stephan Bru- 
lefer, wie er das vierte Buch der Sentenzen, das die Sakraments- 
lehre enthält, als das „nützlichste und wertvollste" (utilis et virtuo- 



Studien zur Spätscholastik. II. 135 

sus) rühmt gegenüber dem „schwierigen und problematischen" 
zweiten (über Weltordnimg und Sündenfall, difficilis et curiosus), 
das gewöhnlich den Anlaß zu naturphilosophischen Spekulationen 
gab 1 , so denkt man zunächst an das in Rede stehende Reform- 
programm der via antiqua. Aber die ganze Unterscheidung ist 
wörtlich aus dem Sentenzenwerk des „Modernen" Peter d'Ailly 
herübergenommen. So verfließen in dieser Frage alle Parteigrenzen. 
Es würde ausgedehnter Einzelvergleichung der „modernen" und 
thomistischen theologischen Werke des 15. Jahrhunderts bedürfen, 
wollte man ein begründetes Urteil über den relativen Anteil der 
beiden Schulen am Überwuchern der dialektischen Erörterungen 
in der Theologie gewinnen; und mehr als eine relative — im Grunde 
also recht belanglose — Schätzung der einen oder anderen Partei 
würde dabei schwerlich herauskommen 2 . 

In Wahrheit ist diese Seite der Frage auch gar nicht entschei- 
dend für das historische Urteil. Gegenüber dem, was die religiösen 
Bedürfnisse der Zeit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt stürmischer for- 
derten, genügte eine Konzentration der Theologie auf ihre engeren 



1 Reportata Stephani Brulifer super scripta s. Bonaventure. Basel 1507. 
Fol. 3 a Einteilung der 4 Bücher des Lombarden; fol. 361 Einleitung - z. 4. Buch: 
Hec[sc. theologiam] non docet grammatica nee logica nee philosophia, sed sutnmus 
theologus deus . . . per sacram scripturam. Bemerkenswert ist die unschemati- 
sche, ausgesprochen populäre Art der Kommentierung; darin scheint sich nun 
doch in der Tat der Einfluß der einfacheren, älteren Darstellungsmethode 
geltend zu machen, wie sie sich bei Bonaventura findet! 

2 Daß im praktischen Schulbetrieb der Universitäten der leere Formalis- 
mus und die ödeste Sophistik auch auf seiten der via antiqua nicht ausblieben, 
dafür ließen sich die Belege mühelos häufen. So finden sich in Clm. 7080, 
fol. 169 — 198 bzw. 164—168 im ganzen 6 Einleitungs- und Schlußreden zur 
Sentenzen Vorlesung (1466/8) und zum Bibelkurs eines theologischen Bakka- 
lars, die das Unerträglichste an leerer Geschwätzigkeit und formallogischem 
Schematismus darstellen, was mir je vor Augen gekommen ist. Thema aller 
dieser Reden sind die drei Worte ego flos campi, die zu den unglaublichsten 
Spielereien verwendet werden; ebenso fade ist die Durchführung der aufge- 
stellten Quästionen über das Verhältnis von Theologie und Metaphysik u. ä., 
denen jeder, aber auch jeder philosophische Gehalt abgeht. Redner ist der 
Karmeliter Leonhardus Romolt, Schüler des Heidelberger Thomisten Her- 
wich von Amsterdam ; es handelt sich sozusagen um Probevorlesungen vor der 
Heidelberger theolog. Fakultät. Rein formale, inhaltleere Rhetorik enthält 
auch die Predigt des Herwich von Amsterdam de Petro et Paulo, seeundum 
formam Tullii rhetoris(l) in Clm. 7080, fol. 150 ff. und die theolog. Dispu- 
tationsrede (Quästion) desselben Redners von 1453, in Cod. Pal. Lat. Vat. 370, 
fol. 338 b . 



136 Gerhard Ritter: 

Aufgaben keineswegs. Diese Selbstbeschränkung kann ebensogut 
als ein Zeichen der Schwäche wie der Reformgesinnung aufgefaßt 
werden. Was ist es anders, als Schwäche der schöpferischen Fähig- 
keiten, wenn die Theologen der via antiqua immer nur Kommen- 
tierungen, Blütenlesen und Verteidigungen ihrer großen Vorbilder, 
des Albert, Thomas oder Skotus zustande brachten ? Auch der 
bedeutendste unter den Autoren, die man zur Restaurationsbewe- 
gung der antiqui im weiteren Sinne rechnen kann, der Karthäuser 
Dionysius Rickel, dessen Produktion vor allem durch ihren Um- 
fang in Erstaunen setzt (etwa 150 Bände handschriftlich, 40 Quart- 
bände im Druck), kam doch über eine neutrale Zusammenstellung 
der Ansichten fast aller größeren Autoren des 13. Jahrhunderts 
nicht hinaus 1 . 

Was die neue Frömmigkeit der deutschen Laienwelt von der 
Theologie verlangte und was bald darauf ein religiöser Genius mit 
ursprünglicher Kraft sich selbst und der Welt eroberte, war nicht 
Erneuerung der alten Formen des theologischen Denkens, sondern 
wo nicht ihre Zerschlagung, so doch ihre Erfüllung mit einem neuen 
Geiste, der sie jeden Augenblick zu sprengen drohte. Ein solcher 
Geist lebte — fast ganz außerhalb der Universitäten — in der 
mystischen Bewegung, in der Laienfrömmigkeit der „Brüder vom 
gemeinsamen Leben" (devotio modernd), in dem Geiste des Nikolaus 
Cusanus und seiner Verehrer; etwas von dieser Gesinnung klang 
auch wider in den Bußrufen und kritischen Mahnungen all der 
zahlreichen, auf Seelsorge und praktische Kirchenreform bedachten 
Theologen, die seit dem Ende der Konzilsepoche immer stärker 
hervortreten: von den Gelehrten des streng asketischen Kartäuser- 
ordens 2 bis zu den ernsthaften, kirchlich gesonnenen Humanisten 



1 Das öfter nachgesprochene Urteil Hermelinks, auf Seiten der via 
antiqua hätten die besseren Köpfe gestanden, scheint mir — wenigstens was 
die theoretischen Teile der Theologie angeht — bisher nicht hinreichend 
begründet. Janssen I, cap. 4 zählt allerdings (mit besonderer Liebe) eine 
Reihe von praktisch-seelsorgerlich gerichteten und auf Sittenreform des Klerus 
bedachten Theologen auf, die überwiegend der via antiqua irgendwie nahe- 
stehen. Wie wenig indessen hervorragende Leistungen auch auf diesem Ge- 
biete der via antiqua allein eigentümlich sind, zeigen (neben der älteren Heidel- 
berger praktisch-erbaulichen Literatur, s. o.!) solche Erscheinungen wie die 
des Gabriel Biel oder Johann Wessel Gansfort. S. darüber sogleich das fol- 
gende im Text! 

2 Die Anziehungskraft dieses Ordens auf gelehrte Köpfe des 15. Jahr- 
hunderts ist ebensogroß wie seine Bedeutung für die kirchenreformatorische 



Studien zur Spätscholastik. II. 137 

und humanistisch angehauchten Theologen des oberrheinischen und 
des westfälisch-niederländischen Kreises, die schon früher einmal 
(oben S. 125) in unsern Gesichtskreis traten. Damit nehmen wir 
das dort angerührte Problem noch einmal von einer anderen Seite 
auf: stand dort die Ableitung der humanistischen Bildungsideale 
aus dem Geiste der via antiqua in Frage, so hier der Zusammen- 
hang der religiösen und kirchlichen Reformideen des Humanismus 
und der vorreformatorischen Epoche überhaupt mit den Ideen des 
scholastischen Realismus. Hermelink, der diesen Zusammenhang 
behauptet, glaubt in der Einwirkung der via antiqua auf die reli- 
giösen und kirchlichen Reformideen der Humanisten eine der wich- 
tigsten historischen Leistungen dieser Schulrichtung zu erblicken. 
Auch hierfür weist er in erster Linie auf den Baseler und Tübinger 
Kreis Heynlins vom Stein hin, der humanistische und religiöse 
Kritik an der Kirche mit der Zugehörigkeit zur via antiqua ver- 
bindet und den deshalb schon Zarncke in einen ähnlichen ge- 
schichtlichen Zusammenhang gestellt hatte. Wie sind diese Auf- 
stellungen zu beurteilen ? Gehen tatsächlich die religiösen und 
kirchlichen Reformideen der deutschen Frühhumanisten aus den 
Bestrebungen der via antiqua ganz oder doch zum Teil hervor ? 

Kirchliche und theologische Reformideen sind in dem Deutsch- 
land des 15. Jahrhunderts dermaßen weit verbreitet, daß ihr bloßes 
Auftauchen unter Vertretern der via antiqua noch nichts für das 
Wesen dieser Schule beweist; sie können aus anderen Zusammen- 
hängen herstammen. Es genügt deshalb keinesfalls, (mit Zarncke) 
auf die romantische, rückwärts gerichtete Sehnsucht der neuthomi- 
stischen Schule hinzuweisen, der eine Erneuerung alten kirchlichen 
Lebens vorgeschwebt habe; ein so unbestimmter Begriff ist nicht 
geeignet, die Frömmigkeitsideale des deutschen Humanismus zu 
charakterisieren. Es wird auch hier alles auf klare Scheidung der 
verschiedenen Strömungen ankommen, die nur in exaktester Einzel- 
forschung zu erreichen ist. Auf diesem Gebiete ist noch überaus 
viel zu leisten, und unsere Betrachtung kann nicht mehr tun, als 
an die Probleme erinnern, die hier vorliegen. 

Soviel sich bisher erkennen läßt, ist allen den genannten Strö- 



Bewegung seit 1450; der Heidelberger Magister Heinrieh von Hessen (gest. 
1427), Heynlin vom Stein, Gregor Reisch, Dionysius Rickel, Werner Role- 
winck sind nur die bekanntesten seiner gelehrten Mitglieder. Sollten die Tradi- 
tionen dieses Ordens für die Genannten nicht bedeutsamer gewesen sein als 
ihre Stellung im Schulstreit der viae? 



138 Gerhard Ritter: 

mungen der vorreformatorischen Epoche mehr oder weniger gemein- 
sam das Verlangen, die Religion persönlicher zu gestalten, den 
Apparat der kirchlichen Heilsvermittlung wo nicht auszuschalten, 
so doch hinter die eigentlich geistigen Beziehungen zwischen dem 
Einzelnen und seinem Gotte zurückzuschieben. Darüber hinaus 
bestehen die größten Verschiedenheiten. Während die Mystik in 
allen möglichen Formen die Loslösung des Einzelich von seiner 
irdischen Gebundenheit und seine Versenkung in das unendliche 
Wesen des Schöpfers als rein geistigen Akt auffaßt, dem die see- 
lische Haltung der Stille, der Gottinnigkeit entspricht, legt die 
devotio moderna den Hauptnachdruck auf eine schlichte, werk- 
tätige Frömmigkeit, betont die Gefühlswerte und die moralischen 
Forderungen der Religion an Stelle der im Mittelpunkt des kirch- 
lichen Systems stehenden dogmatischen Vorstellungen über das 
Erlösungswerk. Der Humanismus endlich, in sich selber, als reli- 
giöse Bewegung betrachtet, keine einheitliche Größe, sondern von 
andern Strömungen aufs stärkste mitbestimmt und darum beson- 
ders vielfarbig schillernd, besitzt doch als eigenes Kennzeichen eine 
gewisse Neigung zu aufgeklärter Revision der kirchlichen Über- 
lieferungen, zur Vereinfachung des traditionellen Heilsapparates 
durch kritische Anwendung der Maßstäbe des Urchristentums, die 
er aus originaler Kenntnis der ältesten Kirchenväter und der Bibel 
in ihren Urtexten zu erschließen hofft; damit verbindet sich — 
nicht ohne Einfluß italienischer und spätantiker Ideen — eine 
Neigung, die dogmatischen Bestimmungen der Religion leicht zu 
nehmen, vorzugsweise ihr moralisches Element zu betonen, und 
somit die Stimmung eines universalen Theismus, der die allgemeine 
gottgläubige Menschheit an Stelle der in viele Konfessionen gespalte- 
nen kultischen Gemeinschaften setzen möchte. Die Frage nach dem 
gegenseitigen Verhältnis dieser verschiedenen Reformideen und nach 
ihrer geschichtlichen Bedeutung — ob und wieweit sie als Anfänge 
des modernen religiösen Denkens, wieweit als Vorstufen der Refor- 
mation, wieweit endlich als Teilerscheinungen einer innerkatholi- 
schen, der Reformation entgegengesetzten Reformbewegung zu be- 
trachten seien — gehört zu den wichtigsten geistesgeschichtlichen 
Problemen der Epoche. Unsere Auffassung des Verhältnisses von Re- 
naissance und Reformation, von mittelalterlichen und modernen 
Elementen dieser Übergangskultur wird stark durch ihre Beantwor- 
tungbestimmt. Indem Troeltsch — in Fortführung von Anregun- 
gen Diltheys — die religiösen Ideen des deutschen Humanismus 



Studien zur Spätscholastik. II. 139 

schärfer von den andern Reformbewegungen des ausgehenden 
Mittelalters sonderte, erschienen sie ihm fortgeschrittener im Sinne 
der späteren Aufklärungsphilosophie, in ihren Wirkungen dem- 
gemäß weiterreichend als diese. Hermelink, der den Humanis- 
mus in enge Verbindung mit der Spätscholastik, eben der via anti- 
qua brachte, beurteilte demgemäß auch seine religiösen Reform- 
ideen wesentlich als ein Stück innerkatholischer Reformbestrebun- 
gen, deren Wirkungen schließlich in der Kultur der Gegenrefor- 
mation enden. 

In diesem weitreichenden Zusammenhang steht also die Frage 
nach der religionsgeschichtlichen Bedeutung der via antiqua. Von 
vornherein ist nun wenig wahrscheinlich, daß eine Bewegung, der 
die Erneuerung der hochscholastischen Systeme als Ziel vor- 
schwebte, innere Verwandtschaft besessen haben sollte mit irgend- 
einer religiösen Strömung, der es auf geistige Überwindung des 
kirchlichen Heilsapparates ankam. Denn eben die geistige Stützung 
der kirchlichen Machtstellung, ihre Begründung mit allen Mitteln 
theologisch-philosophischer Spekulation, war ja der ausgesprochene 
oberste Zweck jener hochscholastischen Systeme. Wie unendlich 
eng, wirtschaftlich (im Pfründnerwesen!) und geistig, waren die 
alten Universitäten an das päpstliche Herrschaftssystem gebunden, 
das doch ganz und gar auf der Unentbehrlichkeit priesterlicher 
Vermittlung in religiösen Dingen beruhte! Wie ängstlich verhielten 
sich die deutschen Universitäten auf den großen Reformkonzilien! 
Wie sorgsam suchten sie jederzeit die engste Fühlung mit der 
Kurie festzuhalten! Im ganzen 15. Jahrhundert, vor wie nach dem 
Aufkommen der via antiqua, haben ihre theologischen Fakultäten 
im Dienste der alten Kirche gegen jede Abweichung vom Schema 
der strengsten kirchlichen Orthodoxie prozessiert. Das thomistische 
Köln stand den religiösen Reformbestrebungen schwerlich näher, 
als die andern Hochschulen 1 . Den Prozeß gegen Johann von Wesel, 
dessen reformerische Kritik den Ideen des Humanismus besonders 
nahegestanden zu haben scheint, führten außer einem „modernen" 
Theologen (dem alten Nikolaus von Wachenheim) die beiden Haupt- 
säulen der via antiqua in Heidelberg, Jodokus Aichmann und Her- 
wich von Amsterdam 2 . Jakob Wimpfeling führte später diesen 
Prozeß geradezu auf dh Feindschaft der beiden Thomisten gegen 
den „Modernen" Johann von Wesel zurück 3 . In jedem Fall sollte 



1 Vgl. Hashagen, Hist. Zs. 124, 204ff. 2 U. B. I, Nr. 132. 3 Con- 
cordia curatorum et fratrum mendicantium (1503) zit. bei Bauch Univ. Er- 
furt, p. 13, Anm. 5. 



140 Gerhard Ritter: 

der Vorgang vor der Annahme eines näheren Verhältnisses der via 
antiqua zu der humanistischen Kritik in religiösen Dingen warnen. 

Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen denn auch die Einzel- 
studien Paul Mestwerdts, der das Verhältnis der via antiqua zur 
devotio moderna und zu einzelnen hervorragenden Vertretern jenes 
religiös gestimmten Humanismus — Agrikola, Hegius, Erasmus — 
mit sorgfältig eindringender und ruhig abwägender Betrachtung 
untersucht hat. Er stellt fest, daß die Frömmigkeitsideale der 
,, Brüder vom gemeinsamen Leben" keinerlei nähere Beziehung zu 
einer der innerscholastischen Parteirichtungen besitzen, daß sie 
vielmehr in ausgesprochenem Gegensatz zu den dogmatischen 
Streitigkeiten der Schulen „grundsätzlich über die Festlegung auf 
irgend (ine theologische Erklärung und Entfaltung der christlichen 
Glaubenstatsachen hinausstrebten" 1 . Aber auch die religiösen 
Ideale der genannten Humanisten erweisen sich bei näherem Zu- 
sehen in ihrem Kerne als wesensverschieden von allem, was der 
scholastische Realismus reformerisch Gesinnten etwa zu bieten 
hatte 2 . Die prinzipielle Wendung gegen die ganze Scholastik, die 
dem Humanismus trotz aller Vermittlungsformen dem Wesen nach 
innewohnt, und die sich gerade auf religiösem Gebiete auswirkt, 
läßt sich schlechterdings nicht aus den Zielen einer Reaktions- 
bewegung ableiten, die zur Hochscholastik zurückstrebte. Die 
grundlegende Voraussetzung, von der die Vermutung Herme- 
links ausgeht: die Behauptung der scholastische Realismus hätte 
von Hause aus ein Zurückgehen auf die ursprünglichen Quellen des 
Christentums, auf die einfachen Gebote Christi und seiner Apostel, 
gefordert 3 , erweist sich — das muß deutlich gesagt werden — als 
eine unbegründete Phrase. 

Somit bleibt von den angeblichen inneren Beziehungen der 
via antiqua zu den religiösen Idealen der Humanisten und der 
devotio moderna, wie es scheint, nichts Greifbares übrig. Vielleicht 
steht es ein wenig anders mit ihrem Verhältnis zur deutschen Mystik. 

1 I.e. 112. 2 Ibid. 168ff. u. passim. 3 Relig. Reformbestrebungen 
p. 12. — Wenn Mestwerdt von Hermelinks Darstellung glaubt soviel fest- 
halten zu dürfen, daß die Realisten im Gegensatz zu den Modernen einen 
„gereinigten" Aristoteles gefordert hätten (p. 326), so ist das offenbar ein 
Mißverständnis ihrer früher besprochenen methodischen Reformbestrebungen. 
Der „gereinigte" Aristoteles ist erst eine Forderung der Humanisten so gut 
wie die gereinigte biblische Überlieferung. Dasselbe gilt von dem angeblich 
„realistischen" Reformprogramm des Latomus für die philosophischen Stu- 
dien (p. 329). 



Studien zur Spätscholastik. II. 141 

Man darf vielleicht sagen, daß die thomistische Philosophie der via 
antiqua wenigstens den neuplatonischen Ideen innerlich näher stand, 
als die okkamistische Theologie der Modernen. Der Heidelberger 
Johannes Wenck mit seiner Verehrung für den Areopagiten (s. o. 
S. 51/2) und eine Erscheinung wie die des Dionysius Rickel weisen 
darauf hin. Mehr wird man vorläufig nicht sagen dürfen. Wessel 
Gansfort, der an den entschieden reformerischen, gegen die schola- 
stische Tradition gerichteten Ideen der Mystik stark beteiligt war, 
scheint zwar im Zusammenhang mit der Heidelberger Reform von 
1452 (also vielleicht auf Veranlassung von Kölner Freunden aus 
der via antiqua) nach Heidelberg berufen zu sein; doch soll er 
dort später von der theologischen Fakultät abgelehnt worden sein 
und hat sich in Paris der via moderna zugewandt — der beste Beweis 
dafür, daß er innerlich über die scholastischen Parteigegensätze 
hinauswuchs, je mehr er seine eigene Linie fand 1 . Mehr als eine 
gelegentliche Berührung können wir also auch hier nicht fest- 
stellen. Eine direkte Förderung der Ideen, die der mystischen 
Bewegung ihre geschichtliche Bedeutung als Befreierin vom schola- 
stischen Denken verliehen, lag naturgemäß außerhalb der Möglich- 
keiten einer streng scholastischen Reformpartei. Bedurfte es dafür 
noch eines ausdrücklichen Zeugnisses, so besitzen wir jetzt ein 
solches, und zwar in klassischer Klarheit, in der schon früher zitier- 
ten Streitschrift des Johannes Wenck gegen die mystischen Ideen 
des Cusaners. Der ganze Inhalt dieses Traktates läßt sich in dem 
einen Satze zusammenfassen: die „negative Theologie" der Mystik 
zerstört die absolute Transcendenz und die Personalität Gottes; 
indem also die Grenzen zwischen Schöpfer und Geschöpf ins Wan- 
ken geraten, fällt die ganze Weltvorstellung zusammen, auf der 
der Bau der kirchlichen Hierarchie dogmatisch begründet ist. 
Sobald die Mystik an die Schranken der kirchlichen Dogmatik auch 
nur zu rühren scheint, findet sie in dem Vorkämpfer der via antiqua 
einen erbitterten Gegner. Meister Eckehart, die ketzerischen Straß- 
burger Begharden von 1317, die Waldenser und die verfluchten 
Wiklifiten stehen für ihn alle auf einer Linie der Verdammnis 2 . 



1 U. B. II 375, 476. - Ferner: Protest. Realencykl. XXI, 131 ff. Mest- 

WERDT 116. 

2 Höchst interessant zeigt sich auch die Verständnislosigkeit des gelehrten 
Scholastikers für die praktisch -religiöse Seite dieser radikalen Mystik in 
einem Briefe .loh. Wencks an Abt Joh. v. Gelnhausen, dessen Bruder, von 
mystisch-asketischen Ideen getrieben, das abgescheiden leben eines waltbruders 



142 Gerhard Ritter: 

Auch innerhalb dieser engeren Schranken gab es nun 
freilich eine kirchlich zwar streng gebundene, aber religiös 
durchaus lebendige Reformbewegung seit dem Abschluß der großen 
Konzilien; sie führte über die Ordensreformen des ausgehenden 
fünfzehnten Jahrhunderts zu den innerkatholischen Reformbestre- 
bungen des sechzehnten hinüber. Vielleicht täte man besser, sie 
„Restauration" statt „Reform" zu nennen. Denn das Vor- 
bild einer nahen, ideal gedachten Vergangenheit, nicht ein geschicht- 
lich neues Moment des religiösen Geistes war ihr treibendes 
Motiv. Innerhalb dieser Bewegung findet auch die via antiqua 
(wie mir scheint) ihren historischen Platz — nicht auf der Seite 
der kirchlichen Opposition, sondern eher an der Seite des Papst- 
tums, das sich nach dem Ansturm der konziliaren Bewegung seit 
der Mitte des Jahrhunderts zu restaurieren begann. Auch hier 
freilich gilt es, nicht voreilig zu kombinieren. Wir haben bereits 
früher gesehen (s. o. S. 32/3), daß durchaus kein unmittelbarer 
kirchenpolitischer Zusammenhang zwischen der Restauration des 
Papsttums und dem Aufkommen der thomistisch-skotistischen Re- 
aktionsbewegung nachzuweisen ist. Man hat es eben mit einem 
Schulstreit zu tun, der von ferne gesehen die Interessen der großen 
kirchenpolitischen Mächte gar nicht zu berühren schien. Dennoch 
ist es zum mindesten sehr wahrscheinlich, daß die Restauration 
desThomismus mit dazu beigetragen hat, diejenigen theologischen 
Vorstellungen erneut zu verfestigen und zu verhärten, auf denen 
das System der mittelalterlichen Papstkirche ruhte. Das fast 
kanonische Ansehen, das Thomas von Aquino schon im 15. Jahr- 
hundert genoß, ist freilich nicht erst durch die via antiqua begründet 
worden. Der Doctor sanctus angelicus und seine Theologie waren 
seit langem einigermaßen über den Streit der Schulen erhaben. Die 
„okkamistische" Universität Heidelberg beschloß schon 1393, das 
Fest des hl. Thomas alljährlich durch Ausfall der Vorlesungen zu 
feiern 1 , und Abweichungen von seiner Lehre begründete Marsilius 
von Inghen stets unter besonderen Respektbezeugungen (salvareve- 
rentia scti. doctoris u. ä.). Immerhin bedeutete es eine gewaltige 
Verstärkung dieser Autorität, wenn das Ganze der thomistischen 



beginnen will; J. W. ist entrüstet über die religiösen Leitsätze des Mystikers 
wie den : Wage mich an got, got waget sich an mich, den er für eine direkte Ver- 
suchung des Teufels erklärt. Ich behalte mir vor, über den Brief (26. 3. 1442, 
im Cod. 190 der Mainzer Stadtbibl., fol. 151 b ff.) an anderer Stelle zu berichten. 
1 U. B. II, 57. 



Studien zur Spätscholastik. II. 143 

Theologie jetzt noch einmal zur Schulbildung führte 1 und in zahl- 
reichen Kommentaren, Polemiken und Auszügen der gelehrten Welt 
als das unübertreffliche Muster wahrer Philosophie und Theologie 
gepriesen wurde. Die Erneuerung der hochscholastischen Systeme 
durch Dionysius Rickel hat diesem Compilator in der katholischen 
Restaurationsbewegung des 16. Jahrhunderts ein nachträgliches An- 
sehen verschafft, das in Erstaunen setzt ; inunzähligenDruckauflagen 
wurden seine Schriften in der Kirche der Gegenreformation ver- 
breitet. Aber diese großen Erfolge gehörten einer viel späteren 
Epoche an und sind zum guten Teil gewiß erst aus der Rück- 
wirkung gegen die kirchliche Revolution Luthers zu erklären. Im 
15. Jahrhundert darf man sich die unmittelbare Wirkung der kirch- 
lichen Restaurationsbewegung auf das deutsche kirchliche Leben 
nicht übertrieben groß vorstellen. Vor allem nicht die Wirkung 
der wissenschaftlichen Restauration auf den Universitäten. Darf 
man den Kartäuser Dionys der via antiqua überhaupt im vollen 
Sinne zuzählen ? Er hat an der Kölner Universität gelernt und 
die Grade erworben, aber nicht längere Zeit an Universitäten 
gelehrt. Sein Leben überragte an bedeutender Wirksamkeit bei 
weitem die Stellung eines durchschnittlichen deutschen Hochschul- 
lehrers; die stickige Luft der deutschen Schulstube hat ihn nicht 
in ihrem Bann gehalten. Für die freie Größe seiner Gesinnung 
spricht sein intimes Verhältnis zu dem großen Cusaner, den unser 
Heidelberger Magister zeternd als Ketzer verschrie. So wird man 
sehr ernstlich Bedenken tragen müssen, diesen Mann bloß um 
seiner — am Niederrhein überdies traditionellen — thomistischen 
Prinzipien willen ohne weiteres zu einem Schulhaupt der via anti- 
qua zu stempeln. Die eigentliche kirchenhistorische Bedeutung des 
Neuthomismus beruht überhaupt nicht auf seiner Wirksamkeit in 
Deutschland, sondern in den romanischen Ländern, insbesondere 
in Spanien. Hier erwies er sich in der Tat als eines der wirksam- 
sten Hilfsmittel jener konservativen Bestrebungen, die auf dem 
Konzil der Gegenreformation, in Trient, zum Ausdruck und zu 
welthistorischer Wirkung kamen. Die Frage, ob und inwiefern der 
Ursprung dieses spanischen Neuthomismus unmittelbar mit der 
geistigen Bewegung in Deutschland, Belgien und Frankreich zu- 
sammenhängt, die uns hier beschäftigt hat, ist meines Wissens noch 

1 Über das Vordringen der neuthomistischen Bewegung bis nach Leipzig 
seit der Mitte des Jahrhunderts vgl. das manuale scholarium und meine oben 
S. 15 angekündigte Sonderabhandlung. 



144 Gerhard Ritter: 

nicht eingehend untersucht worden 1 . In jedem Falle war die so 
viel günstigere Entwicklung des Neuthomismus in Spanien unge- 
mein charakteristisch für die tiefe Verschiedenheit des geistigen 
Lebens dort und in Deutschland. Dort, im Heimatlande des hl. Do- 
minikus und der scholastischen Methode, bedeutete die Erneu- 
erung der Ordenstheologie der Dominikaner nur den angemessen- 
sten wissenschaftlichen Ausdruck jener Restauration mittelalter- 
licher Frömmigkeit, die mit den Reformen der spanischen Kirche 
durch Kardinal Ximenez eingeleitet wurde. Dort lebte noch die 
ganze Glut lebendiger Religiosität hinter den Formeln des schola- 
stischen Lehrgebäudes; in Deutschland strebten gerade die Frömm- 
sten mit der stärksten Leidenschaft aus dem Bannkreis dieser For- 
meln heraus. Das religiöse Leben begann hier aus der scholasti- 
schen Theologie zu weichen; so mußte sie unausbleiblich ver- 
dorren. Die künstliche Erneuerung der hochscholastischen Sy- 
steme blieb hier eine Angelegenheit von Professoren; in Spanien 
war sie ein mächtiges Hilfsmittel zur Erhaltung der überlieferten 
kirchlichen Verhältnisse, obschon (oder gerade weil ?) auch dort die 
Verehrer der alten Meister nicht imstande waren, deren Geistes- 
arbeit selbständig fortzubilden. So wurde Deutschland das Land 
der Reformation, Spanien das der Jesuiten. Wie für die deutsche 
Theologie die Umbiegung des echten Thomismus ins Mystische, für 
Italien der skeptisch-halbheidnische Averroismus charakteristisch 
war, so für Spanien der geistige Konservatismus, der die Kanoni- 
sierung des thomistischen Lehrgebäudes auf dem Trienter Konzil 
durchsetzte. Erst von dort aus ist dann der verjüngte Thomismus 
mit den Jesuiten wieder nach Deutschland eingewandert und hier 
noch einmal eine geistige Macht erster Ordnung geworden. 



Wir stehen am Schluß. Unsere Betrachtung hat auf allen 
Punkten zu der Erkenntnis geführt, daß die historische Bedeutung 
der Schulstreitigkeiten des 15. Jahrhunderts zwischen via antiqua 
und via moderna zum mindesten für Deutschland bisher überschätzt, 
der Gegenstand dieser Kämpfe meist unrichtig beurteilt worden ist. 
Verfolgt man im täglichen Leben der Heidelberger Universität — 
die das Nebeneinander der Schulen am kunstvollsten organisiert 



1 Was Pra\tl über die logische Literatur Spaniens im 15. Jahrhundert 
berichtet, läßt einen geringeren Grad von Spannung zwischen den beiden 
Schulrichtungen vermuten, als er anderswo bestand. 



Studien zur Spätscholastik. II. 145 

hatte und darum solche Beobachtungen am besten ermöglicht — 
wie sich das Zusammenleben der beiden viae praktisch gestaltete, 
so wird das soeben ausgesprochene Ergebnis vollends bestätigt. 
Vor allem fällt auf, wie geringfügig die sachlichen Unterschiede der 
Lehre in Wahrheit gewesen sein müssen bei so vollkommener 
Parallelität der Arbeit. Da kommen dauernd Übertritte von einer 
via zur andern vor, die anfangs verboten, schließlich aber durch 
Erleichterung der Vorbedingungen für das Examen gewissermaßen 
organisiert werden 1 . Die quodlibetarische Disputation, der große 
jährliche Schulakt der Artisten, wird gemeinsam abgehalten 2 , die 
Ethik wird jahrzehntelang von einem Magister für beide Wege 
gelesen 3 . Sogar die Teilnahme von „Modernen" an den Prüfungen 
der antiqui und umgekehrt kann die Fakultät in Ausnahmefällen 
beschließen 4 . Die Gemeinsamkeit des Lehrplanes bis in die Einzel- 
heiten hinein wurde schon früher besprochen. Das alles hindert 
freilich nicht, daß erbitterte Kämpfe zwischen den Parteien be- 
stehen, daß es zu Schimpfworten, ja zu blutigen Schlägereien der 
Scholaren kommt. Soweit es sich dabei um Gegensätze unter den 
Studierenden handelt, nimmt dergleichen nicht wunder. Jugend- 
liche Rauflust bedarf keines ernsthaften Anlasses, und die Paral- 
lelen aus dem Leben heutiger Schulen und Universitäten ließen 
sich leicht finden. Aber auch die Reibungen unter den Magistern 
sind unschwer zu durchschauen. Was zumal gegen Ende des Jahr- 
hunderts das Verhältnis der beiden Schulen immer wieder ver- 
giftet, ist das gegenseitige Wegfangen der Schüler, durch Ein- 
ladung in die Bursen, durch Erleichterung der Prüfungen: wirt- 
schaftlicher und persönlicher Zank ohne Ende. Der sachliche 
Gegenstand des Streites versinkt im Laufe der Zeit in immer nebel- 
haftere Ferne. Die Routine des Schulbetriebs verlangt nach bequem 
faßlichen Handbüchern; auf ein paar Anleihen im anderen Lager 
kommt es dabei nicht mehr an. Die großen philosophischen Kontro- 
versen, denen der Meinungskampf einst entsprungen war, sind ohne- 
dies längst ins Vergessen geraten. Eine neue Generation wächst 
heran, erfüllt von literarisch-ästhetischen Interessen, die nicht 
mehr einzusehen vermag, um was dieser Schulzank eigentlich geht 
und warum er ewig fortdauern soll. Eine Universität nach der 
andern gibt das schal gewordene Herkommen auf, beseitigt die 

1 U.B.I,Nr.H4 (1455); a. f. a. 111,6-7 (1501). 2 a. f. a. II, 32 b (1456, 
Beiziehung von Magistern beider viae zu den Anordnungen). 3 S. o. p. 97. 
4 a. f. a. III, 8. 

Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., philos.-hist. Kl. 1922. 7. Abh. 10 



146 Gerhard Ritter: Studien zur Spätscholastik. II. 

Unterscheidung der Parteien. Der Jahrhunderte alte Streit der 
Nominalisten und Realisten, die Wurzel so vieler und so großer 
Ideengegensätze, vertrocknet fast unmerklich im dürr gewordenen 
Erdreich. 

Das neue Leben des Geistes aber, das in der Renaissance und 
Reformation erblühte, entsprang nicht einfach als Sprößling des 
alten Stammes. Zwar gab es da genug gemeinsames Wurzelgeflecht ; 
unglaublich mühsam entwanden sich die Ideen der neuen Zeit 
dem Dickicht des scholastischen Denkens. Jedes neue Studium 
des deutschen Humanismus läßt das tiefer erkennen. Aber ihre 
eigentliche Kraft sogen diese jugendlichen Ideen dann doch aus 
einem andern Erdreich : aufsprießend auf fremdem, ungeistlichem 
Boden oder aber hinabdringend mit ihren Wurzeln bis in jene 
tieferen Schichten des Geistes, die dem Rationalismus der Spät- 
scholastik längst unzugänglich geworden waren. 



III. Beilagen. 

1 . Aus den Promotionsreden des Professors 

Stephan us Ho est von Ladenburg 1468 — 6 9. 

(Zu S. 69 bzw. 102 ff.) 

I. Cod. lal. Monac. 7080, fol. 361a— 363b. 
Licentia pro antiqua via LXVIII. Luce evangeliste. 

[1468, okt 18KJ 

Infirmitatem humanarum virium scriptura nobis multis in locis 
declarat contestans nos ne ad minimam quidem rem peragendam 
sufficere, nisi de celis presidium afferatur, cuius enim gracia et 
benignitate datum est, ut simus. Ab eiusdem eciam beneficencia 
pendet, ut operemur, ymmo ut cogitemus et animo preformemus, 
quod postea sumus operaturi, dicente ad Corinthios apostolo 2 : ,,Fi- 
duciam talem habemus per Christum ad deum, non quod sufficien- 
tes simus cogitare aliquid a nobis quia ex nobis, sed suificientia 
nostra ex deo est"; itaque non actio tantum ex divino procedit 
munere, sed et conceptio verbi quidem (ut habet Sapiens) 3 est 
omnis inicium operacionis. Ut et digne et iuxta divinam volun- 
tatem quod nunc instat agendum perficiamus, apprecacionem et 
invocacionem divini numinis ordiri constitui; sie etenim fiducia 
prestabitur in reliquis non deficiendi. Itaque, summe deus, qui 
unitatis trinitatisque tue benedictissime signaculo mortalium digna- 
tus es animas effingere: Da, ut ymaginis illius viribus decenter 
valeamus possimusque et meminisse et intelligere, quod eloqui 
decebit ad tui nominis gloriam et magnificenciam sempiternam! 

In hoc autem fundamento celestis observacionis solidati cetera 
nunc fiducius aggrediemur hoc agendorum ordine, ut moris est, 
servato: 

Primo namque licentiandi, quibus id negotii datum est, lectio- 
nes capitales librorum metaphysice, ethice et physice propositis a 
me correspondenter questionibus brevi deliberatione pertraetabunt. 

1 Vizekanzler war 1468 und 1469 Stephan Hoest, s. Toepke II, 404 
2 2. Cor. 3, 4 — 5. 3 Als bibl. Zitat unauffindbar. 

10* 



148 Gerhard Ritter: 

Secimdo oratiuncula quedam habenda est, que laudibus per- 
mixtam habebit exhortacionem. In cuius fine licentie in artibus 
gradum hiis, quos cernitis, quinque viris conferemus. 

Postremum erit, ut in graciarnm actione totius sit negocii actus- 
que presentis consummacio. 

* * 

Ad commendacionem nunc licentiandorum p. 1 perveniendum 
arbitror; ubi iuxta superiorem promissionem hortaciones quoque 
miscebuntur, sicut enim puto utrumque me consecuturum: ut sci- 
licet et vestris dignitatibus cognitum fiat, quod dignitatem licentie 
non indique consequantur, et ipsi insuper ad eam, que adhuc restat, 
studiorum perfectionem reddantur alacriores, quorum alterum lau- 
dibus enucleandum, alterum stimulo adhortacionum effici dubium 
non est. Quas ad res peropportune mihi visum est alludere hodierne 
festivitatis ewangelium ab ipso conscriptum, cuius peragitur cele- 
britas. In eo enim dominus Jesus alios quoque LXXII apostolos 
designavit, binos ad singula loca, quo erat ipse venturus, ire pre- 
cepit, messem quidem uberem, operarios vero paulos esse com- 
monuit 2 . 

Es folgt eine längere Betrachtung dieser Bibelstelle. Die neu 
Graduierten werden den 72 Boten Christi verglichen; wie diese das 
Gotteswort, so haben jene den Samen der Philosophie auszusäen. Hier 
wie dort muß Gott das Gedeihen geben, wenn die Arbeit nicht vergeb- 
lich sein soll. Auch die weltliche Philosophie dient der christlichen 
Erziehung: 

Non est igitur vestra institucio aliena ab eo, de quo ewan- 
gelium sonat apostolatu, sed qui recte perspexerit, iudicabit per 
eam ad ewangelii pergendum esse predicacionem. Preclara nimi- 
rum laus et eximium divini favoris preconium vos quoque a do- 
mino Jesu designatos et similitudine quadam in numerum LXXII 
ascriptos et electos esse, non ad secularia opera, non ad questum 
operarium, non ad ea, que manu administrantur, sed ad excellen- 
tem philosophie gradum. Folgt ein Lob der Philosophie als unicum 
nostre fragilitatis solamen et substentaculum. Ad hanc singulari 
quadam felicitate vos applicuistis, in ea desudastis et quamquam 
perclifficilis videtur ipsa, tarnen arduitatem desiderii magnitudo 
superavit. Xam, ut poeta cecinit, ,,omnia vincit amor", et alibi: 
,, Labor omnia vincit improbus" 3 , et ut legitur apud alium quen- 



1 publicam? 2 Luk. 10. 8 Virgil, Georg. I, 145. 



Studien zur Spätscholastik. II. 149 

dam: „Nichil tarn difficile est, quin querendo possit investigari 1 ." 
Per vepres igitur et spineta et confragosos Aristotelici dogmatis 
montes industria et diligentia viam effecistis, qua vos quoque pos- 
setis tollere humo doctique huiusmodi volitare per ora. Verum- 
tamen hoc vobis inter discendum pro magno adiutorio fuit, quod 
textibus adherentes laudatissimum Aristotelis ordinem perseque- 
bamini, quod proba [est] cum ad intelligentiam profundiorem tum 
potissime ad memorie diuturnitatem. Neque enim omnis summa- 
rum succus transfertur in questiones et suavis accitur, quod labo- 
riose ex textibus eruitur; et firmiter 2 tenetur, quod sub ordine et 
brevitate [textus] imbibitur. Aliud quoque nobis commodum inde 
evenit, quod textus ea tractant modo, que sunt utilia et ad rem 
pertinentia, supervacua autem nihilque profutura devitant. At 
vero questionum et commentariorum verbositas specie persuasa 
subtilitatis circa superflua plerumque versatur curiosiora quam sub- 
tiliora; quibus ingenia frustra deteruntur, cum solum habeant ver- 
borum suavitatem atque immo studiosos sui garrulos pocius quam 
doctos derelinquant. Idem Tullius 3 in officiis de primo honestatis 
fönte pertractans diligentissime cavendum monuit; posuit enim e 
duobus viciis circa discendi Studium evenientibus ,,illud alterum, 
quod quidam", ut inquit, ,,nimis magnum Studium multamque 
operam in res obscuras atque difficiles conferunt easdemque non 
necessarias." Hiis verbis suasit Cicero circa substantialia textuum 
permanendum esse, et non(?) 4 in curiosis supervacuisque ut nomi- 
nant subtilitatibus immorandum. Hoc enim pacto gradatim per 
disciplinas omnes transiri potest, que haud aliter quam unani- 
miter convenientes perfectum virum efficiunt. Alioquin, si scrupu- 
losius et nodosius circa singulas insistitur, fieri non potest, ut ad 
omnes perveniatur. Inde enim putatur esse, quod senescunt qui- 
dam circa primas puerilis infancie litterulas, quidam in sterilibus 
dyalectice clamositatis disputacionibus sicque de aliis, quod scilicet 
circa singula morosi in via herent, non per viam eo, quo tendendum 
est, gradualiter [ascendunt]. Sed de hoc satis. Redeo nunc ad 
caput, unde sermonem exorsi sumus: Dominus Jesus vos quoque, 
iam licentiati, ad similitudinem LXXII designavit usw. 

Es folgen Ermahnungen zur Gottes- und Nächstenliebe, zum Fleiß 
u. a. Tugenden, weitere Betrachtungen des biblischen Themas, Zitate 
aus Cicero, Ennius und Aurelius, Warnungen vor Häresie u. a. m. 



1 Terenz, Heauton timorumenos IV, 2, v. 8. - ins: firmus. 3 De 
officiis I, 19. 4 ms: et vero. 



150 Gerhard Ritter: 

Schluß auf Bl. 363 v : Hoc, inquam, perpendite, cogitate, revol- 
vite, ne domino, qui vobis per graciam ad esse dignatus est, ultro 
sitis vestra negligencia defuturi utque amanti domino omni cura, 
sollicitudine, opera, quantum possibile est vicario amore respon- 
deatis. Quorum et vobis et nobis omnibus prestare dignetur Jesus 
Christus in secula benedictus. 

//. Cod. lat. Monac. 7080, fol. 364a— 366b. 
Licentia pro moderna via LXIX. Letare [1469, märz 12]. 

Dudum cum instaret brumale tempus, quidam veteris ut solet 
dici vie alumpni serto licencie coronabantur, quod nunc verno tem- 
pore via altera, que a novitate nomen accepit, pro suis quoque 
tironibus prestolatur. Quas vices inclyta artium facultas cum sie 
alternandas institueret 1 , credibile est eam temporum illorum quali- 
tatem considerasse et quadam similitudine ad eas partes anni, qui- 
bus hoc peragendum esset, alludere novisse. Nam antiquis insigni- 
endis quis mensis aptior esse posset, quam is, quo animeantiquitate 
et vetustate conseneseunt, contra vero quis pro nova via convenien- 
tior quam is, quo tellus omnis post mortem diuturnam in vitalis 
graciam viriditatis innovatur ? Antiquis itaque autumpnus, mo- 
dernis ver deputatum est, ut professioni utrorumque ipsum quo- 
que tempus congrua videatur applaudere communitate. 

Es folgt zunächst eine ausführliche Schilderung des Herbstes und 
Winters in der Natur und dessen Vergleich mit der antiquitas der 
via antiqua. Alsdann ist von der via moderna und ihrer Beziehung 
zum Frühling die Rede. Ausführlich wird Virgil zitiert: ,,Vere tument 
terre et genitalia semina poseunt" usw. 2 Juxta presentis itaque 
licentie tempus 3 officii mei esse video licentiam in artibus aueto- 
ritate mihi demandata prestare vobis novem in moderna via insti- 
tutis et edoctis. Qua in re ordinem hactenus observatum non im- 
mutabo. Dicet itaque primus . . . [Lücke]. 

Pars, que nunc sequitur, in laudacionem, ut superius promit- 
tebam, peragenda est. Sed quam ad laudandum materiam usur- 
parem ? Über das bisherige Betragen der Kandidaten ist wenig zu 
sagen, da sie noch sub magistrorum ferulis et diseiplina gestanden 
haben, dem Redner auch nicht näher bekannt sind. Er hat darum 
zunächst an ein Lob der Philosophie gedacht. Verum [cum] memi- 



1 Bestimmung von 1464, s. Toepke II 401, N. 4. 2 Georgica II, 324. 
3 ms: temporis. 



Studien zur Spätscholastik. II. 151 

nerim superioribus vicibus me persepius in eius laudacione versatum 
ac per hoc vix quidquam de ea sine auditorii fastidio posse disserere, 
quare philosophia preterita divertendum arbitrabar ad modernam 
viam, que vos instituit . . . Quia enim in superiore licentia viam 
alteram ut potui efferebam dignis eam laudibus non fraudando, 
itidem nunc quoque pro moderna faciendum arbitror, ne stipite 
lau dato et radicibus rami et fructus vituperabiles existimentur. 
Non enim tanta dissident adversitate, ut una commendata neces- 
sarium sit alteram esse vicio obnoxiam. Quin potius virtus unius 
alterius prestat virtuti fulcimentum. Prestantiam igitur et nobili- 
tatem moderna via sua primum ipsius appellacione declarat. Est 
enim „moderna" nuncupata iuxta litterarum inflexionem a „modo", 
quod primitivim (si adverbium accipimus) „moderna" valebat, 
idest: nova, nuper adinventa, paucis „admodum" retro annis 
animadversa. Et hac significatione accipiuntur fere omnes [veri- 
tates ?]. Si vero nomen esse putamusut: „moderna" a „modo", 
idest: mensura dicatur, communis erit [opinio], ut ideo hoc nomen 
meruerit, quod punctis philosophie difficilibus crassa obscuritatis 
nebula caligantibus clare mensuram intelligentie obstitit, ut „mo- 
derna" intelligatur „modificata" aut pocius „modificans" et in 
campo philosophico diversarum limites veritatum constituens. . . . 
Also doppelte etymologische Ableitung: tum ex recentis adinventionis 
tum ex subtilis acumine moderacionis! So etwas kommt auch bei 
anderen Worten vor, z. B. bei „verbum" (vel a „vero" tantum, vel a 
„vero boatu", idest sonitu, vel a „verberando"!). Alles Wertvolle 
kommt erst spät ans Licht: quod novissimis seculis in lucem prodiit, 
quis non singulare ingenuitatis et excellentie iudicium existimaret ? 
Alter des Herkommens bedeutet noch keinen Vorzug. Der Redner 
beruft sich auf den fortwährenden Fortschritt der Menschheit, nennt 
als Beispiele: Malerei, Skulptur, Architektur: quarum hoc tempore 
eminenciam opera testantur nova vetustis comparata, que usque 
adeo inter se distare manifestum est, ut prisca illa necessitatis tan- 
tum, nova vero preter hanc magnificencie quoque et decoris gracia 
fabricata videantur. Der jüngere Aristoteles steht den älteren grie- 
chischen Philosophen: Demokrit, Anaxagoras, Eudoxos u. a. darum 
nicht nach, ebensowenig Cicero oder Virgil ihren Vorgängern. Unde 
Flaccus in satyra 1 acerrime in eos invehitur, qui prisca laudantes 
novos carminum conditores vilificabant, asserens non ita de poema- 
tibus esse sicuti de vino, cuius cum etate augetur eciam bonitas. 

1 Gerneini ist: Horaz Epist. II, 1. 



152 Gerhard Ritter: 

,,Non", inquit, ,,meliora dies ut vina poemata reddit" 1 . Et paulo 
post: ,,Quodsi tarn Grecis novitas invisa fuisset, quam nobis, quid 
nunc esset vetus ? Aut quid haberet, quod legeret terreretque viri- 
tim publicus usus 2 ?" Nam si nova semper contemptui fuissent, 
nichil iam, quod legeretur, antiquum haberemus. Utque de ceteris 
sileam, augustissimum illud opus Prisciani nunquam compareret; 
habuit enim ante se 3 doctissimos grammaticos, Donatum et Ser- 
vium, übertraf ihren Ruhm aber doch usw. Grecia laudem et gloriam 
inveniendarum artium limandeque universe philosophie Latinis 
preripuit. Roma condendis legibus et precipuo dicendi flore excel- 
luit. Successerunt deinde scriptores ecclesiastici, qui in venera- 
bilem turbam librorum eminentissima et sapientia et eloquentia 
scriptitarunt. Nostra vero secula qua in re gloriam queritabant ? 
An omnino obtorpuerunt nichil ve novi commenta sunt nullove 
pacto se vindicabant a probro illo, quo dictum est : miserrima esse 
ingenia, que dumtaxat utuntur inventis per se aut nichil novi 
comminiscuntur ? Immo vero id quod restabat summa industria 
et diligencia perfecerunt, quod liquidius erit, si cogitacionis oculum 
in alias facultates paulisper defigemus. Giviles leges prudentissime 
ac dissertissime editas [et] digestas esse quisneget ? At tarnen opera 
Bartholi 4 , labor Baldi 5 , industria Dini 6 non fuit inanis, quos cum 
suis similibus illius facultatis modernos appello. Folgt das Lob der 
Genannten. Simile esse de iure pontificio et medicina constat Om- 
nibus talium facultatum studiosis. Multo igitur magis id opus fuisse 
putandum est in philosophia, longe omnium gravissima, ut scilicet 
post Aristotelis compilacionem prestantissimam quidem, sed tarnen 
obscurissimam modus quidam novus superadderetur levioris stili, 
clarioris intelligent ie, nodosa resolvens, involuta explicans, appa- 
renter adversa concordans, cuncta ad dicendi proprietatem revo- 
cans, planissime de omnibus disserens sicque expedito compendio 
magnitudinem 7 veritatis producens 8 . Unde et via nominata est, 
quod scilicet per eam ad philosophie arduitatem velut quodam 
transitu conscenditur et „moderna", ut supra aiebam, quod scilicet 
,,modum" et mensuram plane certeque agnicionis exponit. Hec 
via non contentatur confusa et indistincta rerum cognicione, sed 
quidditates singularum rimatur et pervestigat distinctissime, uni- 



1 Epist. II, 1, 33. 2 Horaz, Epist. II, 1, v. 88-90 [90-92). 

3 ms: te. 4 1314-57. 5 Etwa 1327-1400. 6 lud. Rechtslehrer, Bologna, 
um 1290; s. Savigny , Gesch. d. röm. Rechts im MA. V, 447ff. 
7 ? (undeutliche Abbreviatur) 8 ms: perducens. 



Studien zur Spätscholastik. II. 153 

versalitatem rebus auferens in animo dumtaxat collocat nocionem 
quandam ex tenui seu sublimi 1 similitudine eollectam asseverans. 
Qua in re nonnullos ex veteribus 2 habet astipulatores. Hec unica 
de universalibus sententia viam hanc ab antiqua diseriminat cete- 
ris, in quibus dissident, inde profluentibus. Per viam hanc viri 
plurimi singulari nobilitate prediti instituti sunt, edocti sunt et in 
precelsum eruditionis culmen evecti sunt. Et ut de principibus 
moderne invencionis sileam: Henrico scilicet de Gandavo, acutis- 
simo et philosopho et theologo, Johanne Scoto, qui ob sui generalis 
prerogativam acuminis meruit subtilis eognominari, Wilhelmo 
Ockam, qui rubiginem omnis vetustatis detergens hanc viam pri- 
mus dicitur purificasse, recentiores commemorabo. An non claris- 
simi viri et perpetua memoria celebrandi fuerunt Marsilius et Buri- 
danus, quorum alter preclaram hanc nostram, alter insignem 
Wienensium universitatem fundavit legibus quoque et statutis 
prudentissime communivit, varias multiplicesque questiones lucu- 
lentissime perscripsit, ita ut non modo viventes, sed et defuncti in 
publicam aliquam utilitatem conferrent, quo factum est, ut gloria 
eorum longe lateque diffusa nulla umquam emulorum invidia po- 
t[u]erit obscurari? Innumerabiles alios transeo, qui vel nunc eciam 
spirant vel diem suum obierunt, quorum fama non modo in iam 
dictis universitatibus, sed in aliis quoque: Parisiensi, Erthfor- 
diensi, Lipsensi ductu et instructione huius vie illustrata est. In 
promptu esset commemorare, quanta laude et commendacione 
omnium moderni doctores, quorum nonnulli hodie supersunt, in 
generalibus Constanciensi et Basiliensi consiliis versati sunt. Sed 
ut pro more meo brevis sim, ad presens de talibus supersedeo usf. 
Folgen Ermahnungen, durch Eifer und Fleiß die andere via zu über- 
trumpfen. Versandum in animis vestris est et ante oculos mentis 
iugiter constituendum meritum moderne vie, quod scilicet sese 
supra fundamentum primum elevat et circa cacumina difficillima- 
rum difficultatum atque subtilissimarum est occupata. Igitur si 
probrum effugere placet, laborandum est, sudandum est et ab exer- 
cicio nunquam desistendum; simul hoc vos non debet fugere: cul- 
mina edificiorum corruere sublatis fundamentis et subscuntaculis. 
Sublimitates igitur modernas fundamenta textuum fulciant, ad 
quos ope commentariorum penetrabitis. Hoc enim pacto solidi- 
tatem firme erudicionis accipietis, si cum textibus Aristotelicis 
probatissimos quoque modernos didiceritis. De hoc [hjactenus. 

1 ms: sibiliü. 2 ms: veteris. 



154 Gerhard Ritter: 

2. Streitsätze des Zisterziensers Dr. theol. 

Arnold von Heisterbach über dasAbendma hl 

und die Seelen vermögen (1453). 

(Zu Seite 63 ff.) 

Annales universitatis H eidelbergensis, t. III. f. 20 l . 

(Univers, archiv /, 3, nr. 3. = Cod. Heid. 362, 3.) 

Sequitur copia cedule affixe in valvis ecclesiarum 
per dominum doctoYem Arnoldum provisorem domus 
sancti Jacobi. 

Quicumque dicit substantiam quantitatem esse, affirmat sub- 
stantiam panis in sacramento altaris post consecrationem mansisse. 
Iste ydolatriam fovet et meritum fidei removere studet, dialectice 
arti renititur- et ruinam nature nanciscitur. Hinc Huscitarum 
dampnabilis error serpsit, quod synodus sancta(!) Constanciensis 
declaravit. Quorum he[re]siarcha Hus f Omentum suxit, quia int er 
substantiam et quantitatem distinguere nequivit; quem errorem 
traxit, ut in libris puörorum reperit, didicit et docuit, malens 2 mil- 
lesies comburi quam [ut] istum errorem despiciat. 

Est itaque in venerabili sacrificio hostia salutaris transsubstan- 
tiatus 3 panis in dominicum corpus remanentibus naturis acciden- 
cium secundum esse individuale et proprium; quam divina virtus 
disjunxit secundum esse, et naturam prius discrevit distinctam a 
substantia realiter et generice. Manent insuper ibi: qualitas in 
sapore; relatio in dependere; ubi, actio et passio possunt realiter 
concurrere; in quando, in situ nullus katholicus habebit dubitare. 
,.Ex 4 quibus patet corellarie, in omni veritate et mansuetudine, 
quomodo error tarn logicalium quam naturalium fecit exilium per 
ignoranciam ipsi intellectui pessimorum principiorum, quo si capi- 
antur ingenia juvenum propter falsigraphum in conductione talium 
qualium conc'usionum etc." 

Sequitur declaratio alterius veritatis et mihi 5 nar- 
rate videlicet de distinctione potentiarum anime et ab 
anima et inter se etc. 

Docet natura hominem in confinio duarum naturarum con- 
ditum utriusque naturarum perfectionis participatum. 



1 Ganz unzulänglich und lückenhaft gedruckt bei Schoenmezel, fasc. 
alter collectaneorum ad historiam facultatis medicine. 1771., p.lff. 2 ms: volens. 
3 ms: ttanssubslantiata. * Die von mir in Anführungszeichen gesetzten Stellen 
sind im ms. durch Randverweis besonders gekennzeichnet. 5 seil, rectori. 



Studien zur Spätscholastik. II. 155 

Homo essentialiter homo rationalis dicitur, intellectualis par- 
ticipative per depressum, et sensitivus per excessum. 

Docet auctoritas[scripture sacre] hominem adymaginem dei et 
similitudinem factum fore. Est proprietas divine nature cum per- 
sonarum trinitate in unitate essentie consistere. In qua realissime 
persone sunt distincte cum indivisa essentie unitate. Ad cuius yma- 
ginem factus homo habet trinitatem potenciarum realiter distinc- 
tarum et contra essentiam anime in numerum ponentium. Est ita- 
que rationalis assimilatio divine similitudinis et ymaginis in partici- 
patione creati hominis, non in voce vel in scripto tamquam ter- 
minis, sed in reali participatione divine assimilationis in tribus 
potentiis realiter distinctis. 

Qui negat memoriam, intelligentiam et voluntatem reales in 
anima distinctas potentias, bonum hominis tollit et in corde suo 
cum insipiente quod deus non est dicit. 

Per quarum assimilationem recepimus divini vultus super nos 
configurantem assimilationem: patri in memoria, filio in intelli- 
gentia, spiritui sancto in voluntate optima. Sic in ipso [homine] 
per proprium et cum ipso exultat ipsa humana anima toti trinitati 
assimilata. Est 1 quasi sedes maiestatis trinificata in participatione 
insidentis deitatis. 

Qui hanc Spiritus mit sedem maiestatis, dicit: Non est, qui 2 
ostendit bona nobis. 

„Est itaque nedum ex lumine nature distinctio realis poten- 
ciarum anime ponenda, sed etiam 3 fidei nostre necessaria, sine qua- 
rum existencia nee oecurreret beatitudo nostra, quam exspeetamus 
in alia patria. 

Patet itaque ex omnibus clarissime, quod sicut ponere: ,quan- 
titatem fore substantiam' tollit veritatem sacramenti eucaristie, 
ita negare distinetionem potentiarum anime sustulit bona nature, 
gratie et glorie." Quam conferre dignetur dominus Jesus virginis 
filius. Amen. 



1 ms: Et. - ms: que (q). 3 ms: quam etiam; das ergänzende tarn fehlt. 



Inhaltsübersicht. 



Seite 

Vorbemerkung 3 

I. Prolegomena 4 

1. Literaturgeschichte des Problems 4 

2. Kämpfe um den Okkamismus an der Pariser Universität .... 19 
II. Via antiqua und via moderna auf den deutschen Universitäten . . 39 

1. Die Entstehung des Schulstreites 39 

2. Der Gegenstand des Schulstreites 68 

a) Die Erkenntnislehre und das Universalienproblem .... 69 

b) Reale und sermozinale Wissenschaft 82 

3. Die historische Bedeutung des Schulstreites 99 

a) Die via antiqua als Reform der Unterrichtsmethode .... 100 

b) Die via antiqua und der Humanismus 115 

c) Die via antiqua und die Reform der Theologie 131 

Schlußbemerkungen 144 

III. Beilagen 147 

1. Aus den Promotionsreden des Professors Stephanus Hoest von 
Ladenburg (1468/9) 147 

2. Streitsätze des Zisterziensers Dr. theol. Arnold von Heisterbach 
über das Abendmahl und die Seelenvermögen (1453) .... 154 



Sitzungsberichte 

der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 

Philosophisch-historische Klasse 

^==== Jahrgang 1926/27. 5. Abhandlung ^==^=: 



Studien zur Spätscholastik 

in. 

Neue Quellenstücke 
zur Theologie des Johann von Wesel 

Von 

GERHARD RITTER 

in Freiburg i. B. 



Eingegangen am 19. Mai 1927 




Heidelberg 1927 
Carl Winters Universitätsbuchhandlung 



Verlags- Nr. 2013 



Heidelberger universitätsgeschichtliche Forschungen. 

Erster Teil: Studien zur Spätscholastik. 

3. Studie. 



Vorbemerkung. 

Wenn ich die nachfolgende Publikation als eine Art Nachtrag 
meinen früheren „Studien zur Spätscholastik" (Heidelberger Sit- 
zungsberichte, 1921, 4. Abh., u. ebd. 1922, 7. Abh.) anfüge, obwohl 
ich s. Z. deren Abschluß schon mit dem 2. Hefte angekündigt hatte, 
so brauche ich den inneren Zusammenhang dieser Dinge nicht erst 
näher zu erläutern. Aber auch äußerlich gehört die neue Publi- 
kation in den Umkreis meiner „Heidelberger universitätsgeschicht- 
lichen Studien": Die Verurteilung Johann von Wesels ist durch 
ein Ketzergericht erfolgt, das z. T. aus Heidelberger Theologie- 
professoren zusammengesetzt war; eben dies führte mich auf das 
nähere Studium seiner Ketzereien. Daß die Geschichte seines 
Prozesses tief in die Streitigkeiten der via moderna und via antiqua 
und in die Bestrebungen der Humanisten in Heidelberg verwickelt 
worden ist, sucht die nachfolgende Studie zu erweisen. 

Im übrigen ist für die allgemeine geistesgeschichtliche Stellung 
W'esels und für meine Auffassung seiner theologischen Bedeutung 
mein Aufsatz in der von Rothacker herausgegebenen „Deutschen 
Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte", 
Jahrg. V, Heft 2 (1927) über „Romantische und revolutionäre 
Elemente in der deutschen Theologie am Vorabend der Refor- 
mation" zu vergleichen. 

Schließlich habe ich noch der Verwaltung der Königl. Biblio- 
thek Stockholm (Herrn Dr. Wieselgren) für liebenswürdigste 
Unterstützung, Herrn Dr. Fr. MEiNZER-Freiburg für eifrige und 
geschickte Hilfeleistung beim Aufsuchen der Zitate des Textteils 
zu danken. 



I. Prolegomena. 

1. Der Bestand der Überlieferung Weselscher Schriften. 

Die Gestalt des Erfurter Professors und späteren Mainzer Dom- 
pfarrers Johann von Wesel, der im Februar 1479 von einem Ketzer- 
gericht verurteilt und zum Widerruf gezwungen wurde, spielt inner- 
halb der deutschen Spätscholastik eine durchaus singulare Rolle. 
Daß ein auf deutschen Hochschulen erzogener und (zeitweise) als 
Lehrer tätiger deutscher Theologe zu ausgesprochen revolutionären 
Meinungen gelangt, ist innerhalb des 15. Jahrhunderts etwas ganz 
Unerhörtes. Zumal in der zweiten Hälfte dieser Epoche, in der die 
Schule in ihrem Bestreben, die von den Stürmen des Schismas, 
der Konzilien und der hussitischen Ketzereien arg mitgenommene 
Kirche auf den alten Grundlagen bewährter Tradition wieder- 
aufzubauen, zu ausgesprochen romantisch-restaurativen Tendenzen 
gelangt 1 . Man glaubt es denn auch dem Verhalten der Heidelberger 
Professoren, die über ihren Zunft- und Standesgenossen zu Gericht 
sitzen mußten, deutlich anzumerken, wie peinlich und unerhört 
ihnen selber der Vorgang erschien, und einer der überlieferten 
Berichte über den Prozeßverlauf macht aus seiner Empörung über 
die rücksichtslose Art, mit der die Inquisition — geleitet von 
Kölner Bettelmönchen — mit einem ,,so bedeutenden Gelehrten" 
(tanto viro) umgesprungen sei, kein Hehl. 

Einer so auffallenden Erscheinung gegenüber wird man immer 
zuerst zu fragen haben, ob es sich um einen bloßen Sonderling, 
eine geschichtliche Kuriosität ohne tieferes Interesse handelt, oder 
aber um den zwar vereinzelten, aber dennoch als Symptom bedeut- 
samen Ausdruck tiefliegender, sonst nicht ans Licht gelangender 
geistiger Kräfte — um den Träger zukunftsvoller, wenn auch noch 
nicht zu voller geschichtlicher Wirksamkeit herangereifter moderner 
Ideen. Die Frage zu beantworten ist in diesem Falle um so wichtiger, 
als bekanntlich Johann von Wesel von der Forschung in engsten 
Zusammenhang gebracht ist mit der Vorgeschichte der Reformation. 

1 Vgl. darüber meine „Studien zur Spätscholastik" II (1922) und neuer- 
dings: den im Vorwort zitierten Aufsatz. 



Gerhard Ritter: Studien zur Spätscholastik. III. 5 

Zu ihrer Beantwortung standen bisher sehr unzureichende 
Quellen zur Verfügung: Außer den sog. Ketzerakten von teilweise 
recht zweifelhaftem Wert in der Hauptsache nur der große Ablaß- 
traktat Wesels in einer unkritischen, von Lese- und Schreibfehlern 
strotzenden und, wie sich jetzt herausstellt, auch nicht ganz voll- 
ständigen Ausgabe des 18. Jahrhunderts 1 . Darüber hinaus hat 
Paulus einer Exzerptensammlung Usingens ein paar Sätze ent- 
nommen, die einem Briefwechsel Johanns mit dem Mainzer Prediger 
Johann von Kaiserslautern entstammen 2 . Die Schriften Wesels 
aus seiner Erfurter Dozentenzeit, von deren Existenz man schon 
länger weiß, sind bisher unbenutzt geblieben 3 , ebenso seine „Übun- 
gen" (nicht Vorlesungen!) über „alte" und „neue Logik", die ein 
Augsburger Student 1462 in Basel abgeschrieben hat 4 . 

Um nun zunächst über die ursprüngliche scholastische Partei- 
stellung Wesels ins klare zu kommen, habe ich mir die wichtigsten 
dieser Schriften, nämlich die „Logik" und den Sentenzenkommentar, 
vorgenommen 5 . Jene stellt aber, wie ich mich überzeugen mußte, 

1 Sorgsame Aufzählung von Quellen und Literatur durch 0. Clemen in 
PRE 3 , Bd. 21, S. 127ff. (1908). 

2 Paulus, Katholik (1898), I, 55f., nach dem cod. M. eh. o. 34 Bl. 69 
bis 71 der Würzburger U.-B. 

3 Es sind: Quaestiones (exercicium) de libris physicorum Aristotelis, 
Quartband 307 der Amploniana zu Erfurt (S. Schum, Beschreibendes Ver- 
zeichnis der amplonianischen Handschriftensammlung 543); Sentenzen- Kom- 
mentar 1. I— III, Berlin. Staatsbibl. theol. lat. fol. nr. 97 (s. Val. Rose II, 1, 
nr. 572), Papierhs. (nicht: ,,chart.", wie Clemen a. a. O. 130 angibt) des 
15. Jahrhunderts. Ein zweites Exemplar dieses Kommentars findet sich, was 
Clemen übersehen hat, in der Vatikana: Cod. Pal. lat. 337 (= Stevenson I, 
p. 90). Leider fehlt auch hier das vierte Buch. Die Angabe Stevensons 
(1. I — IV) ist ungenau, wie mir die Verwaltung der vatikanischen Bibliothek 
(Mons. Mercati) freundlichst mitteilt. Die Bezeichnung des Pal. lat. 336 als 
eine Schrift Wesels ist unbegründet und von Stevenson ohne Nachprüfung aus 
einem Katalog des 17. Jahrhunderts übernommen. 

4 Cod. lat. Monac. 6971, vgl. N. Paulus, Z. f. kath. Theol. 27, S. 601f. 
Die Bezeichnung „exercicium" ausdrücklich auf fol. 78. Über den Unterschied 
von lectio und exercicium werde ich Näheres in meiner Heidelberger Uni- 
versitätsgeschichte beibringen. — Das Stück „de anima" (bei Clemen a. a. O. 
130, Druckfehler: de omnial) fol. 158 a — 194 b ist zwar von der gleichen'Hand 
geschrieben, wie die vorhergehenden, weist aber durch sonst nichts auf die 
Autorschaft Wesels hin! ich möchte es also bis auf weiteres ganz fallen lassen. 

5 Auf die „Physik" konnte ich schon aus dem Grunde verzichten, weil 
in diesen Kommentaren überall eine ganz äußerliche Schultradition ohne 
eigene Stellungnahme zu philosophischen Problemen vorgetragen zu werden 
pflegt, zumal in den „exercicia" . 



6 Gerhard Ritter: 

nichts anderes dar, als einen ganz schulmäßigen Repetitionskurs 
des üblichen logischen Lehrstoffs und ergibt für die Zugehörigkeit 
ihres Autors zu der einen oder anderen philosophischen Schulweise 
gar nichts. Nicht einmal den Schluß, den man aus den Über- und 
Unterschriften dieser „Hefte" gezogen hat, daß Johann von Wesel 
in den Jahren 1462/3 zu Basel über Logik, also einen Gegenstand 
der artistischen Fakultät, gelesen haben müsse, obwohl er nach- 
weislich als Theologieprofessor dorthin berufen war — eine höchst 
sonderbare Erscheinung! — möchte ich für zwingend halten 1 . 
Schulhefte wie die hier überlieferten pflegten diktiert, nicht „nach- 
geschrieben" zu werden; daß eine „Nachschrift" in der Tat nicht 
in Frage kommt, zeigt zum Überfluß der Duktus der Handschrift. 
Überdies wanderten sie in Abschrift von Hand zu Hand, ja unter 
Namen bekannter Lehrer von Ort zu Ort. Mit Sicherheit läßt sich 
nach alledem nur sagen, daß man in Baseler Studentenkreisen 1462 
ein logisches Schulbuch unter dem Namen des 1461 dorthin beru- 
fenen Doktors der Theologie Wesel kopierte. Das ist alles. 

Wesentlich mehr läßt sich aus dem — mit ziemlich großer 
Sicherheit nach Erfurt, und zwar vor 1458, zu datierenden 2 — 
Sentenzenkommentar entnehmen, obwohl er leider in den uns 
erhaltenen Exemplaren das wichtige vierte Buch, in dem u. a. auch 
die Lehre von Buße und Ablaß hätte behandelt werden müssen, 
nicht enthält 3 . Die unten nachfolgende Textpublikation bringt aus 
der Berliner Handschrift einige charakteristische Proben. 

Eine Notiz Konrad Burdachs 4 machte nun kürzlich darauf 



1 Hier mag noch ein anderer Irrtum berichtigt werden. Der Wortlaut 
der von Clemen, DZGW, Neue F. II, Viertelj. hefte (1898), S. 149, Anm. 6, 
nach Gudenus wiedergegebenen cedula rectoris zwingt keineswegs zu dem 
Schluß, daß Wesel am 24. 3. 1460 nach Erfurt zurückgekehrt sei. Im Gegen- 
teil : da man procuratores sive syndicos in einer Klagesache gegen ihn bestellen 
wollte, ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß er abwesend war. Viel- 
leicht hatte er noch unbeglichene Schulden aus der Rektoratszeit an die 
Universitätskasse oder sonstige uneingelöste Verpflichtungen, vielleicht auch 
ohne Genehmigung der Universität Erfurt verlassen ? Derartige Fälle sind 
mir in Heidelberg häufig begegnet. 

2 Die Abhaltung einer Sentenzenvorlesung gehörte zu den Pflichten des 
theologischen Bakkalars; Wesel promovierte in Erfurt vor 1458 zum lic. theol. 

3 Die von Rose a. a. O. 507 angedeutete Vermutung absichtlicher Weg- 
lassung in den Abschriften hat angesichts der streng kirchlichen Haltung der 
ersten drei Bücher wenig Wahrscheinlichkeit für sich. 

4 Über die nationale Aneignung der Bibel und die Anfänge der germani- 
schen Philologie, Festschr. f. Mogk, 1924, S. 259, Nr. 1 (auch separat er- 
schienen). 



Studien zur Spätscholastik. III. 7 

aufmerksam, daß die Stockholmer Papierhandschrift des 15. Jahr- 
hunderts, Philos. in folio nr. 1, jetzt V. a. 2., eine ganze Reihe 
bisher unbenutzter, z. T. ganz unbekannter Abhandlungen Johann 
von Wesels enthalte. Es sind die im Textteil dieser Abhandlung 
unter B 1 — 11 publizierten bzw. inhaltlich beschriebenen Stücke, 
deren Photographien sich in meinem Besitz befinden. Nach Bur- 
dachs Mitteilung wäre dort auch noch eine Vorlesung Wesels über 
die 10 Bücher der aristotelischen Ethik, quaestiones de politica, 
eine lectura super yconomicorum (alles von Wesel) und ein (ano- 
nymer ?) penarum infernalium tractatulus zu finden. In der Tat 
enthält der Codex (nach Mitteilung der Bibliothek): 

1. Bl. 7 r : Prohemium. Sicut dicit philosophus primo polliticorum in 
animali est . . . 

2. Bl. 8 r : Ethica nicomacia stragelica are t summi peripotheticorum 
principis foeliciter incipit. Omnis ars . . . Expl. Bl. 141 v : DU 
deeque singuli decimi libri Monasticorum Arestotilis de nova 
translatione secundant pedem jauster. 

3. Bl. 152 r : / Politicorum. Circa inicium primi libri polliticorum. 
Queritur primo: [Utrum] intencio propria pollitica sit de summo 
hominis bono . . . Expl. Bl. 234 r : . . . in corpore questionis. Et 
hec de libris polliticorum dicta sufficiant. 

4. Bl. 237 r : Lectura super yconomicorum Arestotilis. Ex quo in 
tota phylosophia consideratur de bono hominis . . . Expl. Bl. 247 v : 
. . . per cuius amorem nos dignos efficiat. Quia Caritas perfecta 
est Jhesus Christus in secula seculorum Amen. 

5. Bl. 248 1- : Yconomia stragelica Nicomacia Arestotelica foeliciter in- 
cipit. Iconomica et pollitica differunt non solum sicut domus et 
civitas . . . Expl. Bl. 253 v : ... ad suam uxorem et filios et parentes. 
Laus Deo. 

6. Bl. 260 r : [ohne Rubrik] Circa penarum infernalium tractatulum 
. . . Querebant eum inter cognatos et notos Luce 2°. Quamvis enim 
illud verbum benedictum . . . Expl. Bl. 267 r : . . . ubi una cum 
dilecta matre tua virgine Maria cum omnibus sanctis et angelis in 
eternum te laudemus, qui es benedictus per infinita secula secu- 
lorum. Amen. 

Die bisher aufgezählten Stücke Johann von Wesel zuzuschrei- 
ben, liegt indessen kein Anlaß vor. Subskriptionen und Noten, die 
dies etwa motivieren könnten, sind nicht vorhanden. (Es scheint, 
daß Burdachs Angaben in diesem Punkte durch summarische Mit- 
teilungen des alten, jetzt kassierten Kataloges veranlaßt sind ?) 



8 Gerhard Ritter: 

Nach einigen kleineren (gleichfalls anonymen) geistlichen Stük- 
ken Bl. 267 ff. folgen Bl. 283—307 die unten sub B 1—11 auf- 
gereihten Weselschen Stücke. Über den weiteren Inhalt des Sammel- 
bandes berichtet Burdach a. a. 0. Für unsere Zwecke genügt es, 
zu erwähnen, daß er eine ganze Anzahl von Abschriften aus klas- 
sisch-römischen Autoren (Cicero, Persius, Horaz, Terenz) und eine 
Platoübersetzung des Lionardo Aretino — dies alles jedoch von 
einer etwas späteren Hand — enthält. Ohne Frage befand er sich 
also zeitweise im Besitz eines humanistisch Gebildeten 1 . 



Indem ich nunmehr aus diesen bisher unbenutzten Quellen das 
mir wichtig Erscheinende vorlege, muß ich seine systematische Aus- 
beutung den theologischen Fachleuten überlassen. Einige vor- 
läufige Bemerkungen indessen zur Hervorhebung des Wesentlichen 
wird man mir gestatten; sie mögen zugleich zur Rechtfertigung 
der von mir getroffenen Auswahl dienen. 

2. Der Erfurter Sentenzenkommentar. 

Das erste, was an dem Erfurter Sentenzenkommentar (Hs. : 
Berlin) auffällt, ist die ungemeine Dürftigkeit des Inhalts wie der 
Form. Nichts von der üppigen Entwicklung eines kunstvollen 
Schematismus der Beweisführung, nichts von der strotzenden Fülle 
spitzfindiger Distinktionen, gelehrter Autoritäten, subtilster Einzel- 
problematik, die die großen Sentenzenkommentare des 14. Jahr- 
hunderts, aber auch noch viele ihrer Nachzügler in der ersten Hälfte 
des 15. aufzuweisen pflegen! Statt dessen ein ganz mageres Schema 
rasch abgehandelter Konklusionen, die Quästionenform rein äußer- 
lich als Mittel benutzt, um aus der viel reicheren Problematik des 
Lombarden diese und jene Einzelfrage — zu jeder „Distinktion" 



1 Herr Dr. Wieselgren, Direktor der Handschriftenabteilung der Stock- 
holmer Königl. Bibliothek, stellt mir folgende Beschreibung des mächtigen 
Folianten zur Verfügung: Höhe 33 cm, Breite 22 cm und Dicke 10 cm. Der 
Einband besteht aus Holzscheiben, 1 cm dick und mit Leder überzogen. Die 
Ornamentik zeigt dasselbe Muster wie so viele andere deutsche Hss. aus dem 
15. Jahrhundert (Bleistiftprobe in meinem Besitz). Wasserzeichen des Papiers: 
Ochsenkopf von oft vorkommendem Typus. Ältere Provenienzmarken fehlen 
infolge moderner Ausbesserung des Rückens (wohl Anf. 19. Jhd.). Der Band 
war nach Ausweis des alten Katalogs (Sign. U 118: 10) schon im 17. Jahr- 
hundert den Königl. Sammlungen auf dem Stockholmer Schloß einverleibt. 
Signatur im Handschriftenkatalog von 1734: Phil, in folio nr. 1. 



Studien zur Spätscholastik. III. 9 

gewöhnlich nur eine — herauszufischen: nur das Allerwichtigste aus 
der Dogmatik soll dem hörenden bzw. lesenden Schüler in möglichst 
handlich-knapper Form vorgesetzt werden 1 . Es handelt sich um 
ein Schulbuch, einen Abriß, und die klare Übersichtlichkeit, die 
gewollte Knappheit auch der sprachlichen Form — fast in jedem 
Satze spürbar — ist wohl der einzige Vorzug, den man diesem Spät- 
werk nachrühmen kann. Aber mit einer unendlichen Masse ge- 
lehrten Ballastes ist zugleich auch der Geist ausgetrieben. Die Ver- 
wirrung des jugendlichen Hörers durch die Häufung kontroverser 
Meinungen und Autoritäten ist glücklich vermieden. Dafür reicht 
aber auch die Gelehrsamkeit des Verfassers kaum noch bis in jene 
Tiefe, wo die großen, prinzipiellen Auseinandersetzungen anheben. 
Es ist ■ — im ganzen — mehr auf eine Darlegung des unbestrittenen 
Gemeingutes aller Schulen, als auf eine ernsthafte Erörterung und 
Lösung viel umkämpfter Probleme abgesehen. Wo solche Fragen 
dennoch zur Sprache kommen, da führt dieses Bestreben leicht zu 
trivialen, ausweichenden Antworten. 

Es ist deshalb nicht leicht, aus dem eintönigen Grau des Schul- 
buchs eine bestimmte Parteifarbe des Autors herauszufinden. Zwar 
fehlt es nicht ganz an Kennzeichen; im ganzen aber bildet die 
Schrift einen neuen Beleg für die Verwaschenheit der Schulgegen- 
sätze in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, für die geringe prin- 
zipielle Bedeutung des eben damals angefachten Streites zwischen 
via moderna und via antiqua. Alle großen Namen der Hoch- 
scholastik werden als Autoritäten nebeneinander angerufen : Thomas 
(am meisten zitiert), Alexander, Bonaventura und Scotus, aber 
auch Spätere, wieEgidius Romanus, Thomas von Straßburg u. a. m. 2 . 
Was uns am meisten interessiert, ist die Stellungnahme Wesels zu 
den Fragen, die er später ketzerisch beantwortet hat. Und wenn 
auch leider das Wichtigste, die Sakramentenlehre, fehlt, so bieten 
sich immerhin einige andere Punkte zur Vergleichung dar. 



1 Im ersten Buch wird zunächst der wesentliche Inhalt jeder ,,Di- 
stinktion" des Lombarden kurz erläutert, und zwar ganz elementar, alsdann 
zum Abschluß je eine quaestio angefügt. Deren Schematik ist sehr einfach: 
divisio (fällt oft weg), notanda, conclusio, argumenta pro (ganz kurz), Einwände 
(dubitaciones) mit kurzer Begründung, responsio (Lösung der Einwände). Vom 
2. Buch an vereinfacht sich dieses Schema noch mehr. Es bleibt gewöhnlich 
bei je einer questio zu jeder Distinktion des Lombarden, und diese wird sofort 
durch conclusiones mit allereinfachsten Argumentationen beantwortet. 

2 Okkams Name ist mir nicht aufgefallen. Okkamistisch ist aber die 
Erbsünden- und Gnadenlehre, s. u.! 



10 Gerhard Ritter: 

Von allen Häresien, die das Inquisitionsgericht später fest- 
stellte, fand der Glossator unseres Prozeßberichtes wirklich gra- 
vierend nur eine: die Leugnung des „filioque" im Meßkanon 1 . 
Nun zeigt die Vergleichung des Sentenzenkommentars (I, 11 u. 29; 
s. Textteil sub A 1) ganz deutlich, daß Johann von Wesel nicht 
nur ursprünglich in dieser Frage durchaus kirchlich korrekt gelehrt 
hat, sondern daß er sich des Ketzerischen seiner späteren Meinung 
voll bewußt gewesen sein muß : er selber zitiert dort aus den Dekre- 
talen den Konzilsbeschluß von Lyon, der die Leugnung des „filio- 
que u (und zwar genau in der späteren Weselschen Formulierung) 
verdammt! Es war also eine bewußte Keckheit, auch in dieser 
Frage sich über Konzilsbeschlüsse und geltendes kirchliches Recht 
hinwegzusetzen. Er berief sich darauf, daß die hl. Schrift von dem 
„filioque" nichts wisse; vielleicht (man möchte sagen: wahrschein- 
lich) hat ihm dafür der Lombarde als Quelle gedient, der eben 
in I 11 u. a. darlegt, daß die griechische Kirche dasselbe Argument 
gebraucht und sogar eine Reihe von Stellen der Evangelien, ins- 
besondere bei Johannes, für sich hat 2 . 

Deutlicher noch klärt sich der Ursprung jener Gedanken auf, 
die ihn später zur Leugnung der Erbsünde (im Ketzerverhör) 
führten. Was Johann von Wesel im Sentenzenkommentar darüber 
lehrt (A 2), läßt sich ohne weiteres als die in der Spätscholastik 
— insbesondere okkamistischer Richtung — weitverbreitete nega- 
tive Auffassung der Erbsünde erkennen: nicht concupiscentia (von 
der gar nicht die Rede ist), nicht eine positive, von Adam her ver- 
erbte Befleckung und Verderbnis der menschlichen Natur soll ihr 
Wesen sein, sondern die rein negative Bestimmung der carentia 
iusticie originalis. Zwar wird (ebenfalls im Sinne der Okkamisten) 
ein fomes peccati anerkannt; dabei schließt sich Wesel, diesmal unter 
ausdrücklicher Berufung auf die moderni im Gegensatz zu den 
antiqui, der okkamistischen Meinung an, daß es sich um einen ver- 
erblichen Zustand des körperlichen, nicht des seelischen Lebens 
handle, der ein gewisses Übergewicht sinnlicher Neigungen über 
das ethische Wollen zur Folge hat. Aber dadurch wird die voll- 



1 Duplessis d'Argentre, Coli, iudic. de novis erroribus (1728) I, 2, 
p. 298. Die Leugnung: Paradoxa, ibid. 292; Verhör Punkt 7: ibid. 294, 296. 
Ebenso bei Clemen , DZGW, N. F. 2 (1897/98), S.167,169. — Über das „filioque" 
im sog. Nicäno-Constantinopolitanum des abendländischen Meßkanons vgl. 
Seeberg, Dogmengesch. II, 151ff . ; III, 59ff . und Loofs Symbolik I, 48 ff., 50 ff. 

2 Vgl. dazu besonders das zweite Verhör, d'Argentre, 1. c, 296, Spalte 2. 



Studien zur Spätscholastik. III. 11 

kommene Willensfreiheit des Menschen so wenig eingeschränkt, 
daß sich gleichwohl der Satz ergibt: peccatum (originale) nichil est 
nee habet causam nisi actuale peccatum primi parentis. Die ganze 
Lehre führt demnach hier noch nicht über die schulmäßig-kirchliche 
Tradition hinaus. Anderseits deutet die Definition der Erbsünde 
als „nihil" bereits auf ihre spätere radikale Leugnung vor; es 
bedarf nur noch des völligen Verzichts auf den fomes peccati, und 
die Ketzerei ist fertig ausgebildet. Wenn (nach dem Sentenzenbuch) 
die „Erbsünde" der noch ungetauften Kinder ausschließlich darin 
bestehen soll, daß sie noch keine guten Werke getan haben, so ist 
der Sprung von da zur völligen Leugnung der Erbsünde in den 
noch Ungeborenen, aber bereits Empfangenen (die man ihm als 
häretisch im Ketzerverhör vorwarf) nicht mehr weit. Übrigens 
wird uns der erste Marientraktat der Stockholmer Handschrift 
(B, 5) über diese Dinge noch viel genaueren Aufschluß geben. 

Der hiernach bereits erkennbar gewordene okkamistische 
Standpunkt des Verfassers bestätigt sich sogleich in der Auffassung 
der Taufe und der sakramentalen Gnade überhaupt: an sich könnte 
Gott die Sünde erlassen auch ohne Eingießung der Gnade, durch 
bloße Nichtanrechnung jener „carentia iusticie originalis u ; aber 
er zieht es (lege ordinata, würde Okkam sagen) vor die gratia gratum 
jaciens als „Äquivalent" der fehlenden iusticia originalis im Sakra- 
ment zu verleihen 1 . Und ebenso erscheint die skotistisch-okkami- 
stische Unbedingtheit der göttlichen Präscienz und Prädestination 
in der üblichen spätscholastischen Formulierung wiederholt (A, 3) 2 . 

Hiernach könnte man eine Wiederholung okkamistischer For- 
meln auch in der Gnadenlehre erwarten. Doch wird die kompila- 
torische und oberflächliche Arbeitsweise des Autors gerade hier, 
diesen meistumstrittenen Problemen gegenüber, besonders fühlbar 
(A, 4). — In der Frage, ob wir die Seligkeit de congruo oder de con- 



1 Ähnlich im großen Marientraktat (B 5, gegen Ende): die parvuli nati 
non habent iusticiam originalem, quia dator iustitie . . . non dedit Ulis, quod non 
voluit. — Aus demselben Motiv entspringt sicherlich der arliculus additionalis 
des Ketzerverhörs (bei d'Argentre 296): Deus polest gratiam conferre habenti 
usum rationis absque omni motu liberi arbitrii . . . Deus potest dare gratiam 
hujusmodi habenti usum rationis non facienti, quod in se est. An das augusti- 
nische sola gratia, wie es Wessel und Goch erneuerten und vertieften, ist hier 
sicherlich nicht zu denken, wohl aber an die potestas absoluta dei im Sinne der 
Skotisten und Okkamisten. 

2 Vgl. auch die entsprechende Stelle der Paradoxa, d'Argentre 291' 
Sp. 2, die sich hiernach erklären dürfte. 



12 Gerhard Ritter: 

digno verdienen, vermeidet er überhaupt eine eigene Stellung- 
nahme und versteckt sich hinter Thomas; die (von einzelnen 
moderni behauptete) Möglichkeit, die Gnade aus eigener Kraft zu 
verdienen, leugnet er radikal auch für die gratia gratis data; und 
was er über die Möglichkeit guter Werke der Menschen sine speciali 
dei adiutorio sagt, sucht offensichtlich zu vermitteln: er hält sich 
an die älteren Formeln der Hochscholastik und vermeidet die pessi- 
mistische Auffassung der Neuaugustinianer; andere Sätze (so der 
unter A 4 zuletzt mitgeteilte) erinnern deutlich an das „facere quod 
in se est" der Okkamisten. Im ganzen erhebt sich die Auffassung 
des Gnaden Vorgangs nicht im geringsten über das Niveau jener 
ganz äußerlichen Kooperanz von menschlicher Willensfreiheit und 
adiutorium dei, wie die vulgäre spätokkamistische Tradition sie 
lehrte. 

3. Die Stockholmer Sammelhandschrift. 

Dieses Bild des typischen, im breiten Strome des Schul- 
okkamismus schwimmenden Vertreters der Spätscholastik ließe sich 
aus den Stücken der Stockholmer Handschrift noch um viele Einzel- 
züge bereichern. Stärker indessen interessiert uns, was sich darin 
an oppositioneller Kritik am dogmatischen Herkommen findet. 

Sämtliche Stücke gehören zu der in Deutschland damals bereits 
stark entwickelten populärtheologischen Schriftstellerei, die unver- 
gleichlich mehr als die eigentliche rein gelehrt-scholastische Arbeit 
das Interesse der deutschen Schultheologen gefangen nahm. Wir 
sehen einen praktischen Seelsorger vor uns, der mit lebhaftem Eifer 
alle möglichen religiösen und kirchenrechtlichen Fragen, wie sie 
ihm sein Beruf täglich vor Augen stellt, ergreift und literarisch 
behandelt. Da wird ein Karthäusermönch beraten, der sich mit 
Skrupeln über gewisse Konsequenzen seines Keuschheitsgelübdes 
quält (B 2), ein Ehemann über seine Pflichten gegenüber seiner 
Frau belehrt, die ehemals Keuschheit gelobt, trotzdem sich aber 
verheiratet hat (B 4). Ein Sermon richtet sich gegen die Einführung 
eines neuen kirchlichen Marienfestes (B 6) 1 , ein größerer Traktat 
nimmt Partei in einer der meisterörterten theologischen Streit- 
fragen der Zeit: er sucht Beweise zusammen für die unbefleckte 
Empfängnis Maria, gestützt auf einen Kanon der Baseler Reform- 



1 Wesels Autorschaft scheint mir nicht nur durch die Stellung des 
Stückes mitten zwischen Weselschen Schriften, sondern vor allem durch die 
enge Verwandtschaft des Inhalts mit den andern Stücken gesichert zu sein. 



Studien zur Spätscholastik. III. 13 

synode (B 5). Eine andere Schrift kämpft gegen den Aberglauben 
der Astrologie (B 3), und eine Synodalpredigt von 1468 gibt uns 
Gelegenheit, die rhetorische Kunst des berühmten Wormser Dom- 
predigers an einem ausgezeichneten Beispiel zu studieren (B 11). 
Der Ablaßtraktat, den wir früher allein im Wortlaut kannten, 
ordnet sich also jetzt in eine ganze Reihe von Arbeiten derselben 
literarischen Gattung ein — auch er (wie man längst erkannt hat), 
ähnlich wie Luthers Ablaßthesen hervorgegangen aus Bedürfnissen 
der seelsorgerlichen Praxis. Von den Schriften, die Wesel selber 
im Verhör als von ihm verfaßt bezeichnete 1 , läßt sich freilich auch 
jetzt nur die über den Ablaß wiedererkennen: das Vernichtungs- 
werk des Ketzerrichters scheint also gründlichen Erfolg gehabt 
zu haben. 

Theologisch am wenigsten ergiebig ist der kleine Traktat über 
die Astrologie (B3). Daß die kirchliche Wissenschaft, und so auch 
die deutsche Theologie des 15. Jahrhunderts, mit Eifer gegen die 
Beschränkung menschlicher und göttlicher Willensfreiheit, gegen 
die Minderung sittlich-religiöser Verantwortlichkeit jedes einzelnen 
für seine Taten angekämpft hat, die aus dem Glauben an die 
Schicksalsgewalt der Sterne zu folgen schien, ist längst bekannt. 
Gerade die okkamistische Schule mit ihrer gesteigerten Betonung 
jener ethischen Grundbegriffe und ihrem nüchternen, streng aristo- 
telischen Wissenschaftsbegriff hat sich gern an diesem Kampf 
beteiligt. So sind unter dem Namen ihres Führers Heinrich von 
Langenstein mehrere Abhandlungen gegen den astrologischen Aber- 
glauben überliefert 2 , und auch die Heidelberger Theologen haben 
mancherlei Traktate zur Bekämpfung des Aberglaubens geschrie- 
ben 3 . Freilich: nicht selten war die ablehnende Haltung der schola- 
stischen Theologen innerlich unsicher — man begnügte sich gern 
mit dem Satze: „inclinant ästra, non necessitant l '\ um so die mensch- 
liche Willensfreiheit mit den astralen Einflüssen zu vereinigen 4 , 



1 1. Super modo obhgationis legum humanarum ad quendam Nicolaum de 
Bohemia vel Polonia. 2. De potestate ecclesiastica. 3. De indulgentiis . 4. De 
ieiuniis . . . Duplessis d'Argentre, a. a. O., I, 2, 293. 

2 Siehe F. W. Roth, Beiheft I, 2 zum Zentralbl. f. Bibliothekwesen 
(1888), S. 97. Veröffentlicht ist von diesen Traktaten m. W. noch nichts. 

3 Darüber Näheres in meiner Universitätsgeschichte. Vgl. einstweilen: 
Hansen, Quellen und Unters, z. Gesch. d. Hexenwahns, 67ff., 71ff. ; Franz, 
Nik. Magni de Jawor, 84ff., 115, 121, 151 ff., 193ff. (über Nik. Magni und Joh. 
v. Frankfurt). 

4 Vgl. Boll-Bezold, Sternglaube und Sterndeutung (3. Aufl. 1926), 39, 



li Gerhard Ritter: 

oder fand andere Kompromißlösungen. Demgegenüber scheint mir 
die unbedingte Entschlossenheit, mit der Johann von Wesel jeden 
Einfluß der Gestirne auf die irdische Welt außer der bloßen illumi- 
nacio ablehnt 1 , recht bemerkenswert - — solange nicht etwa eine 
ältere Vorlage seines Schriftchens nachgewiesen ist. Der Satz: 
„Astra sicut non necessitant inferiora, sie nee inclinant ea" klingt 
fast wie eine bewu