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Full text of "Talmudische Archäologie"

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ZoU. 375 

autonomen Stadtzöllen zu rechnen, und da sich ihr Handel nur 
nach den Städten bewegte (S. 356), so ist es begreiflich, daß 
sie mit den Zöllen viel geplagt wurden. Die Römer pflegten 
ihre Zölle (C^ü2r2 von CZrz, teXy,, vectigalia, portoria), d. h. die 
Abgaben von den ein- und ausgeführten Waren, provinzweise 
an Pächter (puhlicani vgl. o.) ritterlichen Standes zu verpachten, 
die nun ihrerseits den Zoll mit unerbittlicher Strenge durch 
Unterzollbeamten (CDIIT^ TsXwvai visitatores) eintreiben ließen. 
In Jericho z. B. war wegen der dortigen Balsamgärten ein Ober- 
zollbeamter (apyiTslcovY)^) angestellt "^^^. Diese das Volk aus- 
saugenden Beamten werden schon im Munde Jesu mit 
Sündern zusammengestellt. Die Rabbinen stellen sie auf 
eine Stufe mit Straßenräubern und sonst ehrlosen Menschen; 
insofern sie Juden waren, sprechen sie ihnen die Fähigkeit 
zu gerichtlichem Zeugnis ab^^^ Von ihrem Kasten soll man 
sich kein Geld wechseln lassen, weil geraubtes Gut darin sei; 
ihren Umgang soll man, wie den der Sünder, meiden, wie denn 
die Zöllner den Rabbinen w^eit verwerflicher erschienen als die 
Steuereinnehmer^^^. Bezeichnend für das von ihnen getriebene 
Unwesen ist der Umstand, daß sie Diener (eigentlich „Nach- 
läufer" ND2D ^tC^rn) hielten, welche den Reisenden nachliefen, 
mit der falschen Behauptung, der Zoll sei noch nicht entrichtef^^^. 
Mit ihrem Stab (pli't'Z ^p^) wühlten sie die Waren auf, damit 
ihnen ja nichts Verzollbares entgehe '*^^. An den Brückenköpfen 
(S. 329) und den Straßenkreuzungen, wo sie ihr Amtslokal 
(DD1?2 H""!, TsXwviov) hatten, entging ihnen wohl niemand. Bei 
Flußübergängen und auch sonst quittierten sie den entrichteten 
Zoll mit einer beschriebenen oder gesiegelten Marke {pxt; "it^'p 
pDn^), die der Reisende drüben vorzeigen konnte^^^. Haupt- 
sächlich war es auf die Kaufleute abgesehen, während der 
bäuerliche Produzent (vgl. S. 371) hier und da von dem Zoll 
befreit war (""»^m aram. pZ'Z'). Über Empfehlung des hochan- 
gesehenen R. Abbahu wurde einst einem Rabbi der Zoll auf 
13 Jahre erlassen'*^^. Das verhaßte Geschäft lag zuweilen durch 
Generationen in der Hand derselben Familie. Es erregt unsre 
Heiterkeit, wenn wir hören, daß es Leute gab, die sich eigenmächtig 
zu Zöllnern machten und Zoll erhoben. Dabei gab es Waren, 
die keine feste Zolltaxe (M2iip) hatten, der Willkür also großen 



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Digitized by the Internet Archive 

in 2011 with funding from 

University of Toronto 



http://www.archive.org/details/talnnudischearch02krau 



SCHRIFTEN 

herausgegeben von der 

Gesellschalt zur Förderung der Wissenschaft des Judentums 

GEUNDEISS 

der 

Gesamtwissenschaft des Judentums 



TAIMIIDISIHE llR[HiQlOlil[ 



von 



Dr. SAMUEL KRAUSS 

Professor der Isr. theol. Lehranstalt in Wien 



Band II 



LEIPZIG 
BUCHHANDLUNG GUSTAV FOCK G. m. b. H. 

IQIl 






Talmudische Archäologie 



von 



Dr. Samuel Krauss 

Professor der Isr. Iheol. Leliranstalt in Wien 



Band II 



Mit 35 Abbildungen im Text 



V 






LEIPZIG 
BUCHHANDLUNG GUSTxW FOCK G. m. b. H. 

1911 



Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Juden- 
tums überläßt den Herren Autoren die Verantwortung für die 
von ihnen ausgedrückten wissenschaftlichen MeinuDgen. 



Inhalt. 



V. Familienleben, 



Seite 

A. Familie. 

109. Schwangerschaft .... 3 

110. Geburt, Geburtshilfe und 
Wochenbett 5 

111. Das Kind . 7 

112. Das Säugen 9 

113. ßeschneidung 11 

114. Namengebung 12 

115. Erziehung 18 

116. Lebensalter 22 

117. Pubertät 23 

118. Ehewerbung 24 

119. Standesverhältnisse ... 26 

120. Verlobung und Ehe . . . 34 

121. Hochzeitsfeierlichkeiten . . 37 

122. Das Brautgemach .... 42 

123. Die Stellung der Frau . . 43 

124. Ehescheidung 50 

125. Witwe und Erbschaft . . 53 



ß. Trauerriten, 

126. Der Sterbende . 

127. Die Leiche . . 

128. Sarg und Bahre 

129. Beerdigung . . 

130. Der Leichenzug 

131. Trauergebräuche 

132. Begräbnisplätze 

133. Grabmonumente 



54 
55 

58 
60 
62 
70 
71 
79 



Seite 

C. Sklaven und Lohnarbeiter. 

134. Erwerbung der Sklaven . 83 

135. Behandlung 89 

136. Freilassung 98 

137. Hausdiener 101 

138. Lohndiener ..... 102 

139. Lohnarbeiten 105 

140. Agrikole Unternehmer und 
Pächter . .' 108 

D. Hanstiere, Hirten- nnd Jag-dleben. 

141. Nutz- und Luxustiere . . 111 

142. Schaf 112 

143. Ziege 113 

144. Rind 113 

145. Esel 117 

146. Pferd 118 

147. Maultier 119 

148. Kamel 119 

149. Hund usw 120 

150. Geschirre 122 

151. Bedienung und Futter 
(Mästen) 128 

152. Stallungen 132 

153. Milchwirtschaft und Bienen- 
honig 134 

151. Geflügel 137 

155. Hirt 140 

156. Jagd 143 

157. Fischfang 145 



VI 



VI. Landwirtschaft. 



A. Znr Laudeskande. 

158. Klimatische Verhältnisse . 148 

159. Niederschläge (Regen, 
Schnee, Eis, Hagel, Tau) 159 

160. Wolken und Winde . . 154 

161. Bodenkunde 157 

B. Ackerbau. 

162. Der Landmann .... 161 

163. Verbesserung des Bodens 162 

164. Bewässerung 163 

165. Düngung 167 

166. Das Pflügen 169 

167. Die Aussaat 176 

168. Getreidearten und Frucht- 
folge 179 

169. Saatenwachstum und Saa- 
tenschäden 182 

170. Ernte 185 

171. Dreschen und Worfeln . 189 





Seite 


172. Aufbewahrung 


. . 198 


173. Gemüsebau . . . 


. . 198 



C. Wald- und Gartenbau. 

174. Schilf, Wald ..... 200 

175. Obstgärten 202 

176. Kruchtbäumc 206 

D. Öl- und Weinbau. 

177. Ölbau 214 

178. Die Olive 215 

179. Ölpresse 217 

180. Olivenöl 224 

181. Öle 226 

182. Weinbau 227 

183. Trauben 232 

184. Weinpresse 233 

185. Aufbewahrung .... 236 

186. Wein 239 

187. Essig 243 

188. Obstverwertung .... 244 



YIL Gewerbe. 



Seite 

A. Allgemeines vom Gewerbe. 

189. Die Arbeit 249 

190. Das Gewerbe 250 

191. Kunstfertigkeit .... 254 

B. Leder- und Holzarbeiten. 

192. Gerberei 259 

193. Pergament 263 

194. Lederwaren 264 

195. Zimmermannsarbeiten . . 266 

196. Tischlerarbeiten .... 268 

197. Korbflechter und Seiler . 269 



Seite 



C. Ton- und Steinarbeiten. 

198. Töpferei 271 

199. Typische Geechirrformen . 277 

200. Besondere Tonfabrikate . 281 

201. Glasarbeiten 285 

202. Steinarbeiten 287 

203. Ton-, Glas- und Steinwaren 288 

204. Malerei. Bildhauerei . . 295 

D. Metallarbeiten. 

205 Schmiede 299 

206. Goldschmied 307 

207. Arten der Metallwaren . 309 

208. Metall waren 310 



VII 



YIII. Terkehr und Handel. 



A. Verkehr. 

209. Reisen 317 

210. Straßen 323 

211. Brücken 328 

212. Sänfte . 330 

213. Reiten 332 

214. Kamel- und Eseltreiber . 333 

215. Wagen 336 

216. Schiff (Typen, Bau, Be- 
mannung, Befrachtung, 
Reise) 338 



B. Handel. 

217. Anfänge des Handels 

218. Ausbreitung . . . 

219. Märkte 

220. Geschäftsstellen . . 

221. Geschäftsgebaren 



349 
35U 
356 
361 
367 



Seite 

222. Marktbehörde, Steuer, Zölle 372 

223. Waren und Preise ... 376 

C. Maße, Gewichte, Müuzeu. 

224. Maße und Gewichte über- 
haupt 382 

225. Längenmaße 388 

226. Flächenmaße 392 

227. Hohlmaße 392 

228. Gewichte 398 

229. Münzen 404 

230. Geldprägung 409 

231. Geldwechsel 411 

232. Geldaufbewahrung . . , 414 

D. Zeitrechuong. 

233. Von der Zeitrechnung . 416 

234. Zeiteinteilung 418 



Anmerkungen. 





Seite 




Seite 


V. Familienleben , . 


. . 424 


VII. Gewerbe 


. 619 


VI. Landwirtschaft . . 


. . 530 


VIII Verkehr und Handel . 


. 665 



V. Das Familienleben. 



Literatur: Selben, Uxor Ebraiea, Francof. 1673. J. Buxtorf, Be spon- 
salibus et divortiis, Basel 1652. Derselbe: Synagoga Judaica, Basel 1643 
{Beschneidung und dgl.). A. Th. Hartmann, Die Hebräerin am Putztische 
und als Braut, Amsterdam 1809 (s. schon Bd. I, S. 127). — L. G. Levy, La famillo 
dans l'antiquit^ Israälite, Paris 1905. E. Weil, La femme juive, Paris 1874. 
Th. Engert, Ehe- und Familienrecht der Hebräer, München 1905. J. L. Saal- 
schütz, Das mos. Recht, II, Berlin 1848, 725 f. „Eherecht". Z. Frankel, 
Grundlinien des mos.-talmud. Eherechts, Breslau 1860. M. Duschak, Das 
mos.-talmud. Eherecht, Wien 1864. L. Low, Eherechtliche Studien, in Ges. 
Schriften 3,13 — 334. P. Buchholz, Die Familie in rechtlicher und moralischer 
Beziehung nach mos.-talmud. Lehre, Breslau 1867. J, Bergel, Die Ehever- 
hältnisse der alten Juden, Leipzig 1881. N. Klugmann, Vergleichende Studien 
zur Stellung der Frau im Altertum, I. Bd. Die Frau im Talmud, Wien 1898. 
L. Freund, Zur Gesch. des Ehegüterrechtes bei den Semiten, Wien 1909 
(Sitzungsber. Akad. Wien, phil.-hist. Kl. 162. Bd., 1. Abb.). Lelio della 
ToRRE, Scritti sulla Donna Israelita in Scriiti Sparst, Padova 1908, 
I, 421 — 494. Stubbe, Die Ehe im Alten Testament, Jena 1886. J. Wellhausen, 
De gentibus et famiUis Judaeis, Göttingen 1870. Derselbe: Die Ehe beiden 
Arabern, in Gott. Gelehrt. Nachrichten, 1893. W. Robertson Smith, Kinship 
and Marriage in early Aräbia, Cambridge 1885. M. Mielzint:r, The Jewish 
Law of Marriage and Divorce, Cincinnati 1901. H. B. Fassel, Abt, „Familien- 
recht" in Tugend und Rechtslehre, Wien 1848. J. Perles, Die j. Hochzeit 
in nachbiblischer Zeit, Leipzig 1860, SA aus MGWJ 9, 1860. S. Schechter, 
Studies in Judaism, London 1896, „The child in Jewish Literature" p. 343 — 380; 
„Woman in Temple and Synagogue" p. 381 — 396. H. Ploss, Das Kind in 
Brauch und Sitte der Völker, 2. Aufl., Stuttg. 1882. Derselbe: Das Weib in 
der Natur- und Völkerkunde. 6. Aufl., bearbeitet von M. Bartels, Leipzig 1899. 

J. Rabbinowicz, Der Totenkultus bei den Juden, Frankfurt a. M. 1889. 
J. t*ERLES, Die Leichenfeierlichkeiten im nachbiblischen Judentume, Breslau 
(Jahr? SA aus MGWJ 10). J. Preuss, Der Tote und seine Bestattung, 
S. 1 — ^14, SA aus „ Allgem.Medicin. Central-Zeitung" 71. Jahrgang. A. P. Bender, 
Beliefs, rites and customs of the Jews, connected with death, burial and 
mourning, JQR 6, 317—47, 664—71; 7, 101—18, 259—69. S. Klein, Tod und 
Begräbnis in Palästina zur Zeit der Tannaiten, Berlin 1908. Biblisch Yg\, 
C. Grüneisen, Der Ahnenkultus und die Urreligion Israels, Halle 1900. J. Frey, 
Altisraelitische Totentrauer, Dorpat 1898. J. C. Matthes, Die isr. Trauer- 

Krauß, Talm. Arch. II. 1 



gebrauche, SA !S. 1 — 26 aus M. Altschülers „Vierteljahresschrift für Bil)el, 
Talmud und Patristik" 2, Lj)/.. 1906. A. Lods, La croyance a la vie future 
et las cultes des niorts dans l'antiquitös Israölite, 2 tomes, Paris 1906. 
P'ijANKKNBKKG. Isr. uud altarab. Trauergebräuche, in Palästina -Jahrbuch 2, 
64—74, Berlin 1906. E. Rohde, Psyche^ Tübingen 1907. Marquakdt, 
Privatleben, 2. Aufl., S. 341—885 Erman, Ägypten und ägyptisches Leben 
im Altertum (Hbr. der Berliner Museen 1905). Stanley A. Cook, Painted 
Tombs in the Necropolis of Marissa, PEF 1905 (Hellenistisches auf pal. Boden). 

M. MiEi.ziNKR, Die Verhältnisse der Sklaven bei den alten Hebräern, 
Kopenhagen 1859. Grünebaum, Die Sklaven nach rabbinischen Gesetzen, in 
Geigers j. Z. 1872, X, 26 — 45. J. Winter, Die Stellung der Sklaven bei den 
Juden, Halle 1886. Zadoc Kahn, L'esclavage selon la ßible et le Talmud, 
Paris 1867, deutsch von J. Singer, Die Sklaverei nach Bibel und Talmud, 
Prag 1888. Tony Andre, L'esclavage chez les anciens Höbreux, Paris 1892. 
D. Farbstein, Das Recht der unfreien und der freien Arbeiter nach j.-talmud. 
Recht, Frankf. a. M. 1896. A. Grünfeld, Die Stellung der Sklaven bei den 
Juden, Jena 1886. M. Mandl, Das Sklavenrecht des A. T., Hamburg 1886. 
S. Krauss, Sklavenbefreiung in den j.-griech. Inschriften aus Südrußland, in 
Harkavy-Festschrift, St.-Petersburg 1908, L Abteilung, S. 52—67. R. Roberts, 
Das Familien-, Sklaven- und Erbrecht im Qorän, Leipzig 1908. 

S. ßocHART, Hierozoicon, s. ... de animalibus Scripturae Sacrae, London 
1663, — rec. ... E. F. K. Rosenmüller, L. 1793 ff. Fritz Hommel, Die Namen 
der Säugetiere bei den südsem. Völkern, Leipzig 1879. L. Lewysohn, Die 
Zoologie des Talmuds, Frankfurt a. M. 1858. V. Hehn, Kulturpflanzen und 
Haustiere in ihrem Übergang aus Asien ... in Europa, 7. Aufl., Berlin 1902. 
S. Kratjss, La defense d'elever du menu b^tail en Palestine et questions 
connexes, in R£]J 1907, Bd. 53, 14—55. JE camel, cattle, coq, dove, goat, 
hen, ox, poultry, sheep, wolf etc., fish and fishing, hunting. M. Mainzer, Jagd, 
Fischfang und Bienenzucht bei den Juden in der tannäischen Zeit. MGWJ 
1909, Bd. 53, 174—189, 303-327, 453—468 und 539—562. 

A. Familie. 109. Schwangerschaft. 110. Geburt, Geburtshilfe und 
Wochenbett. 111. Das Kind. 112. Das Säugen. 113. Beschneidung. 114. Namen- 
gebung. 115. Die Erziehung. 116. Die Lebensalter. 117. Die Pubertät. 
118, Die Ehewerbung. 119. Standesverhältnisse. 120. Verlobung und Ehe. 
121. Hochzeitsfeierlichkeiten. 122. Das Brautgemach. 123. Die Stellung der 
Frau. 124. Die Ehescheidung. 125. Witwe und Erbschaft. — B. Trauerriten. 
126. Der Sterbende. 127. Die Leiche. 128. Sarg und Bahre. 129. Beerdigung. 
130. Der Leichenzug. 131. Trauergebräuche. 132. Begräbnisplätze. 133. Grab- 
monumente. — C. Sklaven und Lohnarbeiter. 134. Erwerbung der Sklaven. 
135. Behandlung. 136. Freilassung. 137. Hausdiener. 138. Lohndiener. 
139. Lohnarbeiten. 140. Agrikole Unternehmer und Pächter. — D. Haustiere, 
Hirten- und Jagdleben. 141. Nutz- und Luxustiere. 142. Schaf. 143. Ziege_ 
144. Rind. 145. Esel. 146. Pferd. 147. Maultier. 148. Kamel. 149. Hund 
usw. 150. Geschirre. 151. Bedienung und Futter (Mästen). 152. Stallungen. 
153. Milchwirtschaft und Bienenhonig. 154. Geflügel. 155. Hirt. 156. Jagd. 
157. Fischfang. 



A. Familie. 

109. Schwangerschaft 1. Sobald die Frau mit dem Kiude 
schwanger geht, ist sie der Gegenstand besonderer Schonnng 
undFürsoi'ge. Die Last der schweren Arbeit nimmt man ihr nach 
Möglichkeit ab 2, denn die Arbeiten der Mutter bestimmen das 
Gedeihen des Kindes. Hat sie, wie in den meisten Fällen, an 
der Handmühle zu arbeiten (Bd. I, S. 96), werden ihre Kinder epi- 
leptisch-^; hat sie sich beim Landbau zu beschäftigen'^, wird sie 
Kinder mit verrenkten Gliedern haben ^; die in der Weinpresse 
keltert, wird Trunkenbolde (nach anderer Lesart: Kahlköpfe oder 
Krätzige) zur Welt bringen ß. Die Art des keimenden Lebens 
wird ferner bedingt von der Nahrung*^, die sich die schwangere 
Frau zuführt, wobei mit den bekannten besonderen „Gelüsten" 
der Schwangeren zu rechnen ist^. Die Kinder werden Schlemmer, 
wenn sie Senf ißt, bekommen triefende Augen, wenn sie unreife 
Datteln, winzige Auglein, wenn sie kleine Fische, werden häßlich,' 
wenn sie Erdschollen ißt, schwarz, wenn sie Bier trinkt; aber 
gut bekommt es der Frucht ihres Schoßes, wenn sie Fleisch ißt 
und Wein trinkt, denn dann sind die Kinder gesund; ißt sie Eier, 
bekommen die Kinder große Augen (vgl. Bd. I, S. 249), ißt sie eine 
gewisse Sorte Fische, werden ihre ICinder den Gefallen der Leute 
besitzen; ißt sie Petersilie, wird sie strahlend schöne Kinder 
haben; ißt sie Koriander, bringt sie fette, beleibte Kinder zur 
Welt; ißt sie Zitronat- Zitrone, werden ihre Kinder von Wolil- 
geruch duften^. Es ist selbstverständlich, daß nicht alle diese 
Behauptungen physiologisch begründet sind; aber auch andere 
Völker ergehen sich in ähnlichen Vermutungen^^. In An- 
betracht ihrer selbst aß die Schwangere allerlei Leckerbissen 
(pnil ^jV.:)^^ und gönnte sich allerlei Vergnügungen (j''pijDn) '^. 

Das „Versehen" kennen Bibel und Talmud'^. Einer Mohrin, 
die ihrem Manne, einem Mohren, ein weißes Knäblein gebar, 
feoll das passiert sein, weil sie einen weißen Spiegel (§ 43) im 
Zimmer hatte ^^. R. Jochanan ben Nappacha, ein Gelehrter von 
seltener Schönheit (Bd. I, S. 250), saß absichtlich am Ausgange des 
Badehauses, damit sich die dort badenden Frauen an ihm „ver- 
sehen" möchten ^^. Man griff auch zu pharmazeutischen Mitteln 
(CJCD) und Amuletten {V^üpj Bd. I, S. 267), unter denen vorzüglich 
der Blutstein (DlDTl = al[j-airii:Y]?) hervortritt ^^^ Um sich vor 



4 Schwaiii^erschiift. 

Fchl«ieburt zu scluitzen, trugen die Frauen den „Erhaltungsstein" 
(nClpri px), bezw., d<i der dazu geforderte echte Stein gewiß 
sehr selten war, einen Ersatzerhaltungsstein ['Pi \X '^p'Z'ü)] der 
echte ist der Adler- oder Klapperstein {aetites), der, innen hohl, 
Sand oder einen kleineren Stein enthält, gewissermaßen ein Bild 
des Uterus darstellend; ihn kannten bereits die Assyrer, Griechen 
und Kömer, und er hat sich in veränderten Formen bis auf den 
heutigen Tag erhalten. In Palästina auf dem Karmel kannte 
man einen runden Stein, der, einer Frau oder einem Tiere an- 
geliängt, in gleicher Weise zauberkräftig war^^. Man räsonierte 
viel über das Wunder, daß der Uterus, obzwar nach unten ge- 
öffnet, den Fötus nicht herausfallen lasse ^^ Das Abortieren 
('^'•^m) freilich ereignete sich häufig, wie die öfteren Erwähnungen 
beweisen ^^. Das Wesen der Fehlgeburt (bh. und nh. "7^}, aram. 
Nt'"'?: konkret der abgegangene Fötus) in abstraktem Sinne mußte 
sclion wegen der vielen damit verbundenen zivilrechtlichen und kri- 
minellen Fragen genau definiert werden; auch mußte an ihr wegen 
gewisser rituellen Fragen konstatiert werden, ob sie männlichen 
oder w^eiblichen Geschlechts sei^^. Nicht uninteressant ist es, 
daß der konlvrete Fall einer Fehlgeburt gerade bei einer Sklavin 
erwähnt wird, mit der Angabe, das frühzeitige Geschöpf sei in 
eine Grube geworfen worden, wie man denn als Sammelgrab 
der Frühgeburten eine besondere Grube besessen zu haben 
scheint und manche Heidin auch im öffentlichen Bade sich ihrer 
Leibesfrucht entledigte ^'^. 

Die Schwangerschaft hat viel Ungemach ("1>li') im Gefolge 
und macht die Frau häßlich; begreiflich nun, dcnß die Frau, so- 
lange es ging, ihren Zustand zu verbergen suchte ^^ Äußerlich 
ist die Schwangerschaft zu drei Monaten erkennbar "^^; im vor- 
geschrittenen Stadium heißt es spöttisch, die Frau habe den Leib 
(D^r) zwischen den Zähnen ^^. Die Dauer der Schwangerschaft 
wird schon in den ältesten Schriften unserer Periode auf rund 
neun Monate (C^l^•"^^ xoiz zioyriv) angegeben 2"^; genauer ist der 
Arzt Samuel, der nach Tagen zählt, und zwar kann nach ihm 
die Geburt zu 271, 272, 273, nach der palästinischen Tradition 
zu 274 Tagen nach der Konzeption erfolgen 2^. Aus der griechi- 
schen Sprache selbst wurde von einem scharfsinnigen Lehrer 
den griechischen Fragestellern gegenüber bewiesen, daß ein Sieben- 



Geburt. 5 

monatkind leben könne, ein Achtmonatkind dagegen sterbe: 
ein Anklang an die Hebdomadentheorien der griechischen Philo- 
sophen 2^. Die Rabbinen unterscheiden genau zwischen einem 
Embryo ("^I!>;)"^^ bei dem sie übrigens zwei Stadien annehmen-^, 
und dem geborenen Kinde ("'21)'^; wissenschaftlich wird die drei 
Monate alte Frucht Fötus genannt. 

110. Geburt, Geburtshilfe und Wochenbett. Im all- 
gemeinen entbinden die Frauen des Orients viel leichter als ihre 
Genossinnen im Okzident^^, dennoch aber sprechen Bibel und 
Talmud häufig von den Geburtswehen (uT'Sn T^:**)^^, und drohend 
lautet der Ausspruch der Misna, daß in der Geburtsstunde die 
Frauen sterben infolge der Unterlassung von Gesetzen bezüglich 
der Menstruation, der Teighebe und der Sabbatlampe, dreier vor- 
nehmlichen Aufgaben der jüdischen Frau^^. In dtn- kritischen 
Stand(^ befindet sich die Frau in Lebensgefahr^^, und vielem 
Religionsgesetze Averden der Rettung ihres Lebens untergeordnet •^■^. 
Der Angstschrei (ri''^?:), (1(mi di(* Fj'au in ilii'ivr Stunde ausstößt, 
bedeutet in 99 FällcMi von 100 Avw Tod, und oft stirbt sie auf 
dem GebärstuhF'l In diesem Falle Avird ihr die Frucht künst- 
lich genommen mittels des sogenannten Kaiserschnittes, und das 
so gOAVonnene Kind heißt ]?n N^'l\ rino nicht ganz aufgeklärte 
Bezeichimng, dicv etwa „durch die BauchAvand herausgehend" 
besagt ^^. Man übte bei schAvieriger Niedei'kunft auch die 
Embryotom ie ("nn)=^". Die sclnver Gebärende (l?''^ nrp^) lag 
mitunter zAvei und mehr Tage in ihren Wehen ■'^. 

Es ist demnach begreiflich, daß Avir bei den Juden von der 
biblischen Zeit an WeliemüttiM- od(U' Hebammen in Funktion 
finden. Di(^ Geburtshelferin {r^:'p]2, nh. auch nj" „die Lebende'', 
ein Name^ der eigentlich nur der Wöchnerin zukommt, aber auch 
der Hebamme beigelegt Avurde, beidemal im Sinne von bh. n^T} = 
Mutter des Lebens), bezeichnenderweise auch die „Kluge" (r;?2-M, 
sage-femme) genannt ^^ griff bei der Geburt, da begreif licherAveise 
der Beistand eines männlichen Arztes perhorresziert AVurde, tätig 
ein-^^, jedoch erachtete sie auch als ihre Aufgabe, auf die schwer 
Leidende mit beruhigenden Worten einzuwirken, namentlich unter 
Hinweis des großen Glückes, das ihr bevorstand ^^ Nicht immer 
war sie im Orte, sondern mußte, AA^ie auch beim Arzt beobachtet 
werden konnte (§ 107), aus der Fremde geholt AA^erden"^^^ Wenn 



6 GobSrerin. 

nicht nnd(M's, l(^ist(^t(^ v'iuv Sklavin '''^ odd' (>iiu' dev Frauen, die 
die Wöchnerin nnistnnden, Geburtshilf(\ Nur in besonders 
schwierigen Fällen, z. B. Avenn die Frucht zerstückelt (o.) Averden 
mußte, griffen auch männliche Arzte ein, deren VerantAvortung 
genau geregelt Avurde-^^ „Wenn Gebärende und Hebamme sich 
zanken, geht das Kind darüber zugrunde/' Avar eine sprich- 
wörtliche Redensart*\ 

Die Gebärerin verlangt manchmal, Avohl des Nachts, nach 
Lieht, nach Ol und andern Dingen'^^; bald Avird sie so schAA^ach, 
daß sie, am Arme gefaßt, von andern Frauen auf den Gebär- 
stuhl getragen Averden muß'^^. Überhaupt blieb sie keinen 
Augenblick ohne Aufsicht, in erster Reihe zAvar aus aber- 
gläubischen Gründen*^, aber damit Avar auch schon der Beistand 
da. Der Mann Avird auch ängstlich dem Ausgange der ihn so 
nahe betreffenden Sache gelauscht haben '^^, denn wahrscheinlich 
bestand noch die in der Bibel angedeutete Sitte, daß der Vater 
das neugeborene Kind auf die Knie nahm — ursprünglich ließ 
er es auf seinen Knien geboren sein — um es als das seinige 
anzuerkennen^*^. Doch wird zuweilen der Vater erst A^on andern 
verständigt (^t^'^), und begreiflicherweise will er erfahren, ob es 
Junge oder MädeP^. 

Im Momente des Gebarens kniet (V^D) die Frau nieder ^^. 
Dies wird aber nur in primitiven Verhältnissen, auf dem Lande 
oder in der Armut, der Fall gewesen sein, denn dem steht 
gegenüber, daß nach ganz bestimmt lautenden Nachrichten die 
Frau im Momente des Gebarens saß (PiIlJ"'), und zwar auf dem 
Gebärstuhl ("12^72, aram. X"1in?2), der keineswegs bloß bib- 
lische Reminiszenz ist, sondern in unserer Epoche entschieden 
existiert. Zudem ist in der Bibel die Bedeutung des Wortes 
nicht sicher, da es ebensogut einen Teil der mütterlichen 
Geburtswege {matrix, orificium utermum, Muttermund) wie ein 
Gerät bedeuten kann, und dasselbe gilt von CjIN Exod. 1,16, 
aber die rabbinische Tradition sah in diesem CJZl^^ entschieden 
den Gebärstuhl, gewiß auf Grund der tatsächlichen Verhältnisse, 
die sich auch in dem Ausdrucke ,^masher der Gebärenden" 
kundgeben, als ein Gerät hingestellt, das in der Regel nicht zum 
Sitzen dient. Auch spricht man von der Frau, die auf dem 
masber verstorben ist (o. S. 5). Es dürfte ein Stuhl sein, der 



Entbindung. Y 

aus zwei Stein- oder Ziegelgestellen^ vielleicht auch aus Latten- 
werk, geformt war, und der dazu diente, der Gebärenden eine 
halb sitzende, halb liegende Stellung zu gestatten °^. Von der 
Stunde an empfand sie Kälte an den Hüften^'^, die sie auch noch 
einige Tage nach der Entbindung nicht verließ'^'', weshalb man 
in der Regenzeit das Zimmer heizte ^*^. Auch andere Schmerzen 
und Symptome stellen sich ein^^ bis sie sich der Genesung 
erfreut. Wenn es Zwillinge sind, vernimmt man aus dem Munde 
der Hebamme, welches Kind zuerst das Licht der Welt erblickt 
hat, um hernach als erstgeborenes zu gelten^^. Die Hebamme 
ist also eine Vertrauensperson, aber wie sie einerseits treu ihres 
Amtes walten kann, so würde anderseits ein Druck ihrer Hand 
auf die Fontanelle sofort den Tod des Kindes herbeiführen, 
weshalb man bei der Wahl der Hebamme vorsichtig sein soll, 
und namentlich soll man sich keiner heidnischen Hebamme 
anvertrauen''^. Die Hebammen wurden für ihre Dienste natürlich 
entlohnt^^. Auch dieser Beruf, wie so mancher (w. u.), vererbte 
sich von der Mutter auf die Tochter, wie nach der Aggada 
bereits in dem Falle der Sifra und Puca (= Jokhebed und 
Mirjam)^^ 

An den so sehr kritischen Verlauf der Entbindung hefteten 
sich magische Künste und abergläubische Mittelchen. Eine 
Zauberin, die die Entbindung hintertrieb, wird mit Namen ge- 
nannt^-. Als „emoritisch" (s. § 108) verpönte man, ein Stück 
Eisen an die Bettstelle der Wöchnerin zu binden und ihr einen ge- 
deckten Tisch vorzusetzen-, mau gestattete aber, ihr eine Schüssel 
Wasser vorzusetzen oder eine Henne an das Bett anzubinden 
(letzteres wohl ein homöopathisches ]\[ittel durch die Bewegungen 
des Tieres, welche die rasche Niederkunft andeuten sollen) ^^. 
Harmlos dagegen ist das beschwichtigende Flüstern der Hebamme 
mit der Gebärerin; ähnlich stimmten auch die gr. Maiai ([j.aiai) 
beschwörende Gesänge an^^. 

111. Das Kind. Kaum hat sich das Kind dem Schöße 
seiner Mutter entrungen, schmutzig, besudelt, voller Schleim und 
Blut^^, wdrd es auch schon von allen Anwesenden, wohl Frauen 
(o. S. 6), geherzt und geküßt, besonders wenn es ein Knäblein 
ist^^. Die altjüdische Freude am Kindersegen und die Vorliebe 
für männliche Nachkommenschaft kommen darin in gleicher 



S Kind. 

AVeise zum Ausdruck'^'. Aber das kleine Geschöpf wird bald 
vom Schmutze gereinigt*, die Hebamme „verschöuert" {^,^^/*) es^^. 
Das „Verschönern" bestand wohl darin, daß sie die Glieder des 
Kindes zurecht richtete (D^J;)^^, wogegen sich allerdings unser 
moderner Sinn sträuben würde. Nach einer Andeutung nahm 
man das Glätten der auseinandergeratenen Glieder vor (''21CN 
^?p^J^)"^. An manchen Orten war es Sitte, für das Kind einen 
Brei aus unreifen Trauben ('j?^"i?2lJ<) anzurühren und damit sein 
Gehirn (Schädel) zu bestreichen, damit es die Mücken nicht 
„fressen" (stechen)'^. Der Schmutz wird am besten durch ein 
warmes Bad beseitigt, das auch am Sabbat erfolgen konnte"'^; 
im vorgerückteren Stadium nahm man auch Wein zum Bade, 
weil man es für ein Heilmittel hielt'^. Das Baden, dem an Wichtig- 
keit gleich das Einwickeln des Kindes folgt, dauerte ein Jahr lang'"^; 
man salbte das Kind auch mit vorher am Feuer gewärmtem 
Öle, bestreute es mit dem Pulver von zerstoßenen Myrtenblättern'^^, 
wickelte es (^D/) vom Bauch bis an die Füße in Windeln, die in 
vornehmen Häusern aus feinem Melotelinuen (piD Bd. I, S. 161) be- 
standen^^, und legte das Kind in das Kinderbett (Bd. I, S. 65)". Die 
Ausstattung des Kindes kam gar nicht billig zu stehen; jemand, 
allerdings ein Schwärmer, verkaufte Ochsen und Pflug, um dem 
Kinde Wickelkleider kaufen zu können^^. An die Nachgeburt 
(^*'''Pu^•)'^ heften sich abergläubische Praktiken, die dem Kinde 
zugute kommen sollen. Man trug sie in einer Schale hinaus 
und bewahrte sie auf — die Prinzessinnen in Ol, die reichen 
Frauen in wollenen Lappen, die armen in Werg — „damit dem 
Kinde warm werde "^^. Bei scheintoten Kindern erfolgte Ein- 
hauchen des Atems; ein Kind, das keinen Laut von sich gab, 
bekam die Nachgeburt aufgestrichen; w^enn es nicht saugen 
konnte, was auf eine Lähmung durch Erkältung zurückgeführt 
wurde, so hielt man ihm eine Kohlenpfanne vor den Mund^°. 

Zur Feier des Ereignisses pflegte man in Palästina Bäume 
zu pflanzen: eine Zeder, wenn ein Knabe, eine Pinie, wenn ein 
Mädchen geboren wurde^^ Fromme Gelübde begleiteten das be- 
ginnende Leben des Kindes^^. Daß die Juden gewisse Tage 
als glückverheissend, andere als ein böses Omen angesehen 
hätten, ist durch nichts zu beweisen, wohl aber glaubten sie, 
daß der Geburtstag (n"''^n CV) Einfluß auf die Natur des 



Kindersegen. q 

Menschen habe^^. Die Feier des Geburtstages wird stets als 
fremde Sitte erwähnt*^'^. 

Eine Kindesaussetzung konnte bei den Anschauungen des 
jüdischen Volkes nicht eintreten. Dieser im ganzen Altertum 
und vielfach auch noch heute verbreitete Greuel wird auch 
durch Ezech. 16,4 f. nicht bezeugt^^, selbst in der Beschränkung 
nicht, daß etwa überschüssige Mädchen ausgesetzt worden wären. 
Von einem Überschuß der weiblichen Bevölkerung kann bei der 
rechtlichen Geltung der Polygamie nicht gut die Rede sein, 
vielmehr waren die Töchter gegebenen Falls für den Vater eine 
schützbare Arbeitskraft und auch die Mittel des Gewinnes^'^. 
Dagegen ist von Findlingen Os^lDN) die Rede; das sind Kinder, 
die entweder von herzlosen Eltern verlassen oder verloren 
wurden, und gleichwohl sind es fremde Kreise, auf welche hierbei 
verwiesen wird^^ Alte kinderlose Ehepaare mochten sich wohl 
mit solchen Findlingen zu trösten suchen*^^. Daß man ein 
Söhnchen, wie bereits bemerkt, lieber sah als ein Mädchen'^''^, ist 
aus dem religiösen Leben des Judentums begreiflich, da an ihm 
eigentlich nur Männer teilhaben*'". Ein Zivilstandesregistin* 
der Geburten, in Rom durch Mark Aurel eingeführt und in 
Ägypten seit jeher bestehend, figuriert in unseren Quellen 
nicht; wohl aber erwähnen sie ordentliche Geschlechtsregisier 

Kinderlosigkeit, gewöhnlich dem Weibe zugeschrieben^^, 
galt den Juden von jeher als eine besondere Strafe Gottes; 
Kinderreichtum dagegen ist der Stolz und die Stärke einer 
Fauiilie^^. Dennoch kannte man Praktiken, unfruchtbar zu bleiben, 
bezw. bei der Frau die Konzeption zu vermeiden (r"1py D'-)^*; 
empfohlen wurde das für minorenne Frauen, für Schwangere 
und für Säugende'^^; auch ein Abortivmittel kommt vor (o. S. 4). 

112. Das Säugen. Eine der obersten Pflichten der Mutter 
ist, das Kind zu säugen (p^jT] von pj"»). Sie tat das selbst und 
nur in Ausnahmefällen hielt man eine bezahlte Säugamme (Ppj"»^)^'^. 
Das Saugen (p:*") dauerte in biblischer und talmudischer Zeit. 
wie überhaupt noch heute im Orient, viel länger als bei uns, 
nämlich 2 — 3 Jahre^'; als Maximum erwähnen aber die Rab- 
binen auch 4 — 5 Jahre, wobei es ihnen um das Verbot für das 
Kind zu tun ist, sich von da an von Menschen milch zu 



10 Säugen. 

nähren '^^. Die normale Säugezeit wird von einigen auf 18, 
von anderen auf 24 ^[onate angesetzt, dies mit den prak- 
tischen Folgen, dal,) vhw verwitwete Mutter vor Ablauf jener 
Zeit keine zweite Ehe eingehen darf, damit das Leben des 
Kindes durch keine neue Schwangerschaft gefährdet werde''^. 
Schlimmer für das Kind ist es, wenn die Mutter stirbt- da kann nur 
eine Freundin, eine andere Frau, eine Sklavin, oder eine be- 
zahlte Säugamrae helfen^^^. Eine künstliche Ernährung kannten 
die Alten nicht 5 immerhin aber kam es vor, daß eine Frau 
Milch aus ihren Brüsten in einen Becher oder in eine Schale 
ausfließen ließ und so ihr Kind nährte^^^, auch trank das Kind 
zuweilen aus einem Tubus ("IDVl^')^^^, und es wurden Milch, Eier, 
Honig, Ol und andre dem Kinde zuträglichen Speisen auch eigens 
gekauft^^^. Die Kleinen wollen den ganzen Tag unaufhörlich 
trinken^^^, und es ist auch für die Mutter die größte Freude, 
säugen zu können ^°^. Jene ureigenste Natur des Kindes recht- 
fertigt vollauf seinen Namen „Säugling" {p}V aram. p"i:i), und 
mit einem gleichen Worte (mplj\n) wurden Kinder überhaupt 
genannt^^^. 

Das Säugen, als unvermeidliche Leistung an das Kind, 
heißt schlechterdings „Kinderplage" (718^). Die Frau ist ihrem 
Kinde diese Plage ganze 24 Monate schuldig, also die Zeit hin- 
durch, die wir als Säugezeit bereits kennen, und zwar ist es 
einerlei, ob es die Mutter ist mit ihrem Kinde, oder eine Frau, 
die ein Kind zum Säugen übernommen hat^^''. Die bezahlte 
Säugamme darf während der Säugezeit keine schweren Arbeiten 
verrichten, noch auch ein anderes Kind mitübernehmen, auch 
dann nicht, wenn es ihr eigenes Kind wäre^^'^. Wie die Arbeit 
der Säugfähigkeit nachträglich ist, so auch schlechte Speisen; 
als solche gelten Cuscuta, Flechte, kleine Fische, Erde, nach 
anderen auch Palmkohl und der jährliche Zuwachs am Palm- 
baum und Quitten, nach andern Palmkohl mit der Datteltraube, 
wieder nach andern eine gewisse Milchspeise (Nrcz) und ein 
Fischgericht ({<JD"in), und zwar machen einige dieser Nährstoffe 
die Milch ganz versiegen, andere machen sie blos trübe^^^. Auch 
Knoblauch und Zwiebel soll die Säugende nicht essen^^^. Wenn 
das Kind die Mutter bereits kennt, darf man es keiner andern 
Säugamme geben, weil ihm die fremde Brust schaden könnte^^^ 



Bescbneidung. ^\ 

Die Mutter trägt das Kind im Arme, aber ebenso oft, 
besonders wenn es bereits erwachsen ist, „reitet" (21")) es auf 
der Schulter der Mutter und des Vaters, eine Sitte, die jetzt 
noch im Orient herrscht^^^. 

113. Beschnei düng. Im Leben des jüdischen Knaben 
bildet die Beschneidung das erste große Ereignis. Die Schilde- 
rung des Aktes gehört in das Gebiet der biblischen Archäologie, 
so daß hier nur solche Momente zur Erörterung kommen, die 
in rabbinischer Zeit entstanden zu sein scheinen. 

Die Nachrichten, daß ein oder das andre männliche Kind 
beschnitten zur Welt gekommen C^InC "i'P12)^^^, eine Anzahl von 
Details über den Akt selbst, über den Operateur, über die Heil- 
mittel usw., ferner über die stattgehabten Festlichkeiten, treten 
jetzt erst auf. Die ganze Woche, die zwischen die Geburt und 
die Beschneidung fällt, war die Festwoche des Kindes (]Zm yilti*)' 
die vom Schmausen und festlicher Beleuchtung ausgefüllt war, 
so zwar, daß in Zeiten der Verfolgung die Römer an dem Ge- 
klapper der Handmühlen, an dem Lichte und allenfalls auch an 
der Anwesenheit zahlreichen Volkes das häusliche Ereignis 
wahrnehmen konnten^ ^^. Nur in großem Abstände davon mag 
auch die Festwoche des Mägdleins (PIm V'ID Erwähnung 
finden^ ^"\ Außer der normalen Zeit von 8 Tagen konnte die Be- 
sclmeidung zuweilen zu neun, zehn, elf und zwölf Tagen statt- 
finden ; ein krankes Kind wurde überhaupt nicht beschnitten, 
bevor es gesundete, und in ähnlicher Weise nahm man auch 
Rücksicht auf eines, dessen Brüder bereits infolge der Be- 
schneidung das Leben eingebüßt hatten, bei dem also die Familien- 
angehörigkeit (Bd. I, S. 245) eine Gefahr indizierte^^^. Es konnte 
also mit Fug auch von unbeschnitteuen Israeliten gesprochen 
werden^^^. Als wichtige rabbinische Neuerung muß hervor- 
gehoben werden, daß außer der Abtragung der Vorhaut [prae- 
py^tiiim)^ der Beschneidung (H'^V.:) im engeren Sinne, auch eine 
operative Aufdeckung (uy'lD) der Eichel (glans) zu erfolgen hat; 
eine nachträgliche Verheimlichung dieses Umstaudes durch Vor- 
ziehen des Vorhautrestes (£7ui<77ua(j[j.a, 'r\')^:y "C^'^) ^^^"^ im Leben 
hie und da vor^^'. Früher bediente man sich wohl eines stei- 
nernen Messers ^^^ zu der Beschneidung, aber schwerlich aus 
religiösen, sondern aus archaistischen, allgemein kulturellen 



[•2 Namen jjfübuQg. 

Oründeu, so daß bei fortgoschrittencm Gebrauche der Metall- 
g-eriite schon in biblischer Zeit eiserne oder stählerne Messer 
zu vermuten sind, gewiß aber in misnischer Zeit, in welcher 
ohne weiteres vom eisernen Werkzeuge (7]^,2 [^^2]), näher vom 
Messer (JTD, "TirTN) gesprochen wird^^'^. 

üie J>eschneidung vollzog in alter Zeit der Vater an seinem 
Kinde, im Notfalle auch die Mutter; aber in talmudischer Zeit 
hat es bereits berufsmässige Zirkumzisoren (plN, "lTi:i, n'PImD) ge- 
geben. Die Hilfe eines Arztes (NDll) war wohl nur bei Er- 
wachsenen erforderlich^ ^°. Die Wunde wurde mitunter mit 
warmem Wasser, notwendig aber mit einem Verband (n''3':'5:DN 
Bd. I, S 259) behandelt, und über das Grlied wurde auch ein Hemd- 
chen {p)bn Bd. I, S. 162) bezw. ein Beutelchen ({s*riD''D) gezogen^^^ 

Der Akt war mit einer Benediktion verbunden, zu der sich 
auch frei gewählte Segenssprüche und Formeln gesellen konnten, 
die aber bereits mehr der Namengebung galten ^^^. 

114. Mit der Beschneidung war die Namengebung ver- 
bunden-, in alter Zeit jedoch erfolgte die Namengebung unmittel- 
bar nach der Geburt, und bezüglich der Mädchen blieb es bei 
der alten Sitte ^^^. Ehedem war man weit entfernt, den Nach- 
kommen die Namen der Vorfahren zu geben-, unter den 21 
Königen Judas trägt keiner den Namen des Vorgängers; ebenso 
kehrt in der Familie der Aroniden in vorexilischer Zeit derselbe 
Name nicht wieder ^^'*. Aber schon in den Assuanpapyri tragen 
Großvater und Enkel denselben Namen ^^^, und das wird nun in 
makedonischer Zeit, nach griechischem Vorbilde, die herrschende 
Sitte ^^^. In der hohepriesterlichen Familie kehren in dieser 
Zeit die Namen Onias und Simon stets v^ieder; in der hasmonäi- 
schen Dynastie führt Hyrkan IL den Namen seines Großvaters 
Johannes Hyrkan, und in der Familie der Hilleliden, deren 
Wirksamkeit fast die ganze hier zu behandelnde Periode ausfüllt, 
erscheint der Name Gamliel sechsmal, Juda viermal, Simon 
dreimal, Hillel zweimaP-^. Auch hervorragende Verwandte, be- 
sonders der Onkel väterlicherseits, vererbten ihre Namen dem 
jüngeren Geschlechte-, zwei Söhne des Makkabäers Simon, Juda 
und Johannes, trugen die Namen der Brüder ihres Vaters, und 
zwar, wie es scheint, nach deren Ableben i'^'. Aristobul IL (gest. 
49 V. Chr.) ist der Neffe Aristobuls I. (gest. 103). Joseph, 



Verpönte Namen. -ity 

Herodes' des Grosseu Bruder, hatte einen Onkel väterlicherseits, 
Bruder des Antipater, der Joseph hieß^^s Talmudische Nachrichten 
jedoch bezeugen eher die Sitte, das Kind nach der Mutter Bruder 
zu nennen, und zwar noch zu Lebzeiten des Onkels ^2'^. Dasselbe 
ist zu beobachten, wenn Kinder nach Großeltern genannt werden^ 
so werden auch Kinder nach lebenden Wohltätern benannt ^^^. 
Aber auch solche Fälle, in denen das Kind den Namen des noch 
lebenden Vaters führt, kommen vor^^^ Daneben erhält sich 
noch die althebräische Sitte, ein starkes Element des Vaternamens 
im Sohnesnamen fortleben zu lassen ^^^. Ist der Sohn posthum 
geboren, erhält das Kind erst recht den Namen des Vaters ^•^^. 
Ein Gefühl der Loyalität bringt es mit sich, daß immer wieder 
die Namen von Königen, Fürsten und hohen Beamten, von be- 
freiten Sklaven die Namen ihrer ehemaligen Herren angenommen 
werden ^^'^. 

Den Namen bestimmt, wie zu allen Zeiten, der Wille 
der Eltern ^•'^^•, religionsgesetzliche Normen gibt es dafür 
nicht. Was die Rabbinen darüber zu sagen haben, ist nur 
paränetischer Natur, ohne Anspruch auf strikte Befolgung: „Hast 
du je einen Menschen gesehen, der seinen Sohn Pharao, Sisera 
oder Sanherib nennen würde? Wohl aber nennt er ihn Abraham, 
Isaak, Jakob, Rüben, Simeon"^^^. Aber selbst diese An- 
schauung drang nicht durch, denn einen biblischen Böse- 
wicht wollte zAvar niemand zum Namenspatron haben, so daß 
z. B. Es au innerhalb des Judentums nicht mehr figuriert, wohl 
aber Haman^^^, und anderseits ist unter den gewählten Beispielen 
Abraham kaum nachzuw^eisen, und auch Isaak und Jakob 
sind ziemlich spärlich, ebenso Rüben, wogegen Simeon aller- 
dings einer der gebräuchlichsten Namen ist, wie auch duda, wie 
bereits erwähnt^-^^, und Joseph in der Form von Jose ^^'''. Das 
Fehlen des Gebrauches von Abraham, Moses, Aron und David 
wird auf die Scheu, solche verehrungswürdige Namen zu pro- 
fanisieren, zurückzuführen sein, ebenso wie sich auch die Christen 
scheuten und scheuen, sich Jesus zu nennen ^"^^^ 

Ernster ist die Mahnung, keine fremden, d. i. heidnische, zu- 
gleich also fremdsprachige Namen zu tragen, charakteristische 
Namen (ppnDl?^ m?2l^), die sich schon dem Klange nach von den jü- 
dischen abheben und bei denen die Beziehung auf irgendeine Gott- 



14 Biblische Naruen. 

heit naheliegt"'; zugleich aber wird ohne Bitterkeit zugegeben, daß 
di(^ ausländischen Juden, also solche im Bereiche der griechisch- 
römischen und der persischen Kultur, in der Regel fremde Namen 
tragen ^'^-. Es ist ein interessantes Kapitel jüdischer Geschichte, 
wie die Personennamen freniden Kreisen entlehnt w^erden^'^^. In 
Palästina bürgern sich griechische und lateinische, in Babylonien 
persische Namen ein, mitunter in alleiniger Geltung, häufiger 
neben den althergebrachten hebräischen und aramäischen Namen, 
so daß sogenannte Doppelnamen entstehen ^"^"^. Mit der Zeit 
setzen sich für gewisse hebräische Benennungen konstant die- 
selben fremdländischen Namen fest (z. B. Jojakim: Alkimos, 
Jesua: Jason; Hillel: JuUos; Saulus: Paulus), oder aber sucht 
man den einheimischen Namen ein Gepräge zu geben, wie es 
die herrschende Mode verlangte (z. B. Levi: Levitas; Simeon: 
Simon) ^■^^: auch gibt es eine große Gruppe von fremden Namen, 
die dem Sinne nach mit einheimischen Namen zusammenfallen 
(z. B. Ariston — "»Z^C, Boethos = nny, NITV, Justus = p^'l)i, iT"!H, 
Paregoros = CnjD, Philon etw^a n"'"''"i"' und {N'2''2n, Theophilos = 
M''n''"I\ Theodorus = IPiTlHD, Theodotus = "^NjHj, Zygos etwa 
= n'PIV)"^. Aus phönizischen, syrischen, palmyrenischen und puni- 
schen Inschriften läßt sich diese Entwicklung noch weiter ver- 
folgen. Sämtliche Beobachtungen führen zur Aufstellung des 
folgenden Schema im Gebrauche der Personennamen: 

1. Hebräische Namen, und zwar a) altbiblische, b) nenere, 
c) neuhebräische, d. i. neu geprägte oder neu auftretende; 

2. Fremde Namen, und zwar a) aramäische, b) arabische, 
c) griechische und lateinische, letztere auf dem Umwege über 
das Griechische, d) persische (iranische). 

1. a) Absalom, Amram, Anan, Azarja, Benjamin, Berekhja, 
ßezalel, Buzi, Chaggai, Chanan, Chananja, Chezron, Chizkija, 
Dan, Daniel, Ebjathar, Eleazar, Elia, Eliezer, Ephraim, Ezechiel, 
Gamliel, Hillel, Jakob. Jechiel, Joremia, Jesaja, Jesua, Jochanan, 
Jona, Jonathan, Joseph, Josia, Josua, Jozadak, Isaak, Ismael, 
Juda, Levi, Matthia, Machseja, Menachem, Menasse, Mordechai, 
Nachum, Naphtali, Nathan, Nechemja, Obadja, Pinechas, Sabthai, 
Samuel, Saul, Sela, Selemja, Simeon, Ulla, Uzziel, Zadok, Zebuion, 
Zecharja — 60 zumeist stark im Gebrauche stehende Namen, 
gleichw^ohl nur ein Bruchteil der wirklich auffindbaren Namen, 



Fremde Nameu. 



15 



wogegen Zunz, der diesen kulturhistorisch so wichtigen Gegen- 
stand zuerst in Untersuchung gezogen, nur o2 stark gebrauchte 
biblische Namen gezählt hat^"^'. 

b) Seit dem Exil kommen neue Namen auf, viele mit der 
Endung -ai, und mehrere dieser jüngeren Bildungen haben 
sich noch in späteren Epochen erhalten, als: Atlai, Bebai, Illai, 
Sammai, Zakkai; auch wiegt das aramäische Sprachkolorit vor 
in Ezra, Zebina und anderen^"^^. 

c) Admon, Ahaba, Ajo {i\x, vgl. bh. u'^X), Akabja, Azzai, 
Gadis, Gebiha, Gedidim, Kipper, Lakis, Meir, Nachman, Onias, 
Perakhja, Phasael, Poera, Redipha, Roez (|^Vl*l), Samen, Sason, 
Seseth, Setach, Tanchum^'^'-^. 

2. a) Überaus verbreitet, besonders in Babylonien. Abba, 
Acha (Achija, Chija), Ada, Akiba, Amemar, Ammi (Rammi), Assi, 
Avira (N'T'iy), Baba, Bizna, Buta, Chabiba, Chama, Chalaphta, 
Chilfa (Ufa, Ilfai), Chinna, Geniba, Gorjon, Hamnuna, Hun = 
Hunna, Jannai, Kahana (auch hebräisch Kohen), Ketina, Makbai, 
Mari, Nehorai, Nittai, Osaja, Saphra, Simai, Simlai. Tabl^ai, 
Tabjomi, Tachlifa, Ukba, Ukban, Zeira, Zerika^'''^. 

b) Mallukh. 

c) Griechisch: Alexander (Koseform Alexai), Antigonus, 
Antiochus, Antipater, Aristeas, Aristobulos, Ariston, Boethos, 
Bunias, Dorotheos (Dörthaj — ""Nnii"), Dosa, Dositheos, Hyrkanus, 
Leontios,Nannos,Nikanor, Nikodemos,Papias,Theodoros(Thodi'os, 
Thodos = Dimn), Tryphon (jlDluC), Zenon. Lateinisch: Agrippa^ 
Aquila, Domnus, Drusus, Julianus, Justinus, Justus, Romanus, 
Rufus, Titus^^l 

d) Nur wenige ermittelt. Etwa Arjokh, Dari, Daru, Gurtak, 
Rafram, Papa^°^. 

Bei primitiven Verhältnissen genügt zur Bezeichnung des 
Individuums sein schlichter Name; bei mannigfacher Ausgestaltung 
des gesellschaftlichen Lebens jedoch — und die jüdische Gesell- 
schaft der talmudischen Zeit war jedenfalls weit vorgeschritten — 
war es notwendig, dem Rufnamen den Namen des Vaters und 
auch des Großvaters hinzuzufügen, in welchem Falle das Indivi- 
duum „dreifach" bezeichnet (ri'Tii^p) hieß, während bei vier Gene- 
rationen bereits von „Geschlechtern" (nmi) gesprochen wurde^^*, 
ein Umstand, der auf die Familienverhältnisse und auf die 



16 Attribute. 

Lebensdauer (1)01.1, S. 250) Licht zu werten geeignet ist. Es war nicht 
notwendig, zu Familiennamen zu schreiten, und solche dürften 
überhaupt nicht existiert haben, obzwar in nD"'jn schwache Spuren 
davon vorliegen ^'^"^ und auclrdie „Familienzeichen" (nn^li'C ''J?2''D)^^^ 
immerhin ein Mittel der Unterscheidung bilden mochten. 

In sehr vielen Fällen wurde das Individuum mit Hintan- 
setzung des eigenen Namens nur als Sohn des N. N. bezeichnet, 
zudem oft gar nicht mit Nennung des wirklichen Vaters, sondern 
des Großvaters oder eines anderen Ahnen (z. ß. im Falle 
von Ben-Sira)^"; dies in hebräischer Form in den bekannten 
Namen Ben-Sira, Ben-Tigla, Ben-Zoma, Ben-Kamzar, Ben- 
Azzai usw., mehr jedoch in aramäischer Form, wie in den neu- 
testamentlichen Namen Bartholomaeus, Bartimaeus, Barjesus, 
Barabbas, in welchen, wohl nur durch das fremde Idiom, das 
uus diese Namen übermittelt, aus dem genealogischen Verhältnis 
ein festgefügter einheitlicher Name geworden ist^^^; als geschicht- 
liche Person mag auch Bar-Giora^^^ erwähnt werden: vgl. ferner 
Bar-Jochni {':nV "12), Bar-Kokhba, Bar-Silvani^^^, Bar-Kappara, 
Bar-Telamjon^^^ usw\ In dieser Art Bezeichnung liegt ein gemüt- 
licher, wenn nicht gar geringschätzender Ton, z. B. wenn 
Moses „Sohn Amrams", wenn Rom „Sohn Esaus", wenn 
R. Jochanan „Sohn Nappachas" (eigentlich des Schmiedes) ge- 
nannt werden^^^, in letzterem Falle zumal, wo die Beschäftigung 
betont wird. Es tauchen nämlich bereits Attribute auf — an 
der determinativen Partikel leicht zu erkennen (z. B. in R. Jose 
ben ha-Mesullam cWx?n) — die genommen sind teils von der 
Herkunft (z. B. Nathan der Babylonier, Nachum der Meder, Jose 
der Galiläer), teils von der Leibesbeschaffenheit (z. B. der Rote 
Bd. I, S. 253, der Kleine, der Große, die letzteren zwei allmälich in 
moralischem Sinne: der Unbedeutende, der Hervorragende-, jirpH 
auch der Jüngere, im Gegensatz zu (pin dem Alteren, wie auch ':511:im 
den Alteren bedeuten kann), teils von der Beschäftigung (z. B. 
Zekharja Sohn des Fleischers 21ipn, Jochanan der Sandalar, Jose der 
Sohn des Gewalttätigen =]LDinn aus Ephratha, y^ln lU spöttisch Käse- 
sohn, N'^lpu "12 der Landmann, NPIDj "12 der Schmiedesohn, ncn 12 
bezw. ''^Ipn "12 der üattelsohn), teils von dem Charakter (z. B. 
Nechunja Sohn des r^^ipn — N*5pn d. i. des Eiferers, Zelotes, 
vgl. im Neuen Testament Simon Kananites)^^^. Von da zum Ge- 



Frauennamen. ■^'^ 

brauch von symbolischen Namen ist nur ein Schritt (z. B. 
"''PDJ "i2 = vs^psXy) == Wolkensohn, Bezeichnung des Messias; "l^NC = 
der Leuchtende, Name des bekannten Tannaiten, der eigentlich 
Miasa = Moyses = Moses? geheißen haben soll, doch kommt 
Mriipoc, schon bei Josephus vor)^^"^. 

Das alles gestaltete sich bei Frauen viel einfacher, da sie 
im öffentlichen Leben wenig genannt wurden und die Notwendig- 
keit Däherer Bezeichnuugen nicht auftrat, wie überhaupt nur 
wenig Frauennamen aus dieser Zeit auf uns gekommen sind. 
Aus der ganzen Periode zwischen dem Exil und dem Unter- 
gange des weströmischen Reiches kennt Zunz nur etwa fünfzig 
weibliche Namen — eine Zahl, die allerdings bedeutend ver- 
mc'hrt werden könnte — wovon kaum der sechste Teil altbiblisch 
ist, so sehr sprießt aus dem neuen Leben das Neue und Fremde 
hervor. Aus rabbinischen Quellen sind a) altbiblisch: Chogla, 
Judit, Mirjam (syrisch Marjam, durch Josephus auch als 
Mariamma = Mariamme bekannt), Rachel, Selömith, Tamar, Zippor 
(biblisch Zippora)^^^. Bemerkenswert ist, daß eine Mirjam in 
Nehardea von anderen Leuten Sara genannt wurde'^^. b) neu- 
hebräisch: Johana (= Johanna, vgl. Channa = Anna), Kamchith, 
Zophnath; c) aramäisch : Imratha, Martha, Sappira (auch Männer- 
naraen "TiDt:^), Tabitha, Jaltha, Nephatha, Nizzebeth, Papi, Pazi 
(■•ID) ; d) griechisch und römisch : Berurja = Veluria, Ospesta = 
Hospita, Jarmatja^^'. Die peinlichste Genauigkeit in den Namen 
beider Geschlechter mußte dann beobachtet werden, wenn rechts- 
kräftige Dokumente und besonders ein Scheidebrief ausgestellt 
werden sollten; die talmudische Namenkunde betrifft zumeist 
letzteren Umstand^^^. Als bloßer Hinweis ist die Formel N. Sohn 
(bezw. Tochter) N.s (-^yh^ p ^Jl'PD, r\^yh-^ n2 r\^yh^) im Gebrauche^^^ 

Die vielgestaltigen Äußerungen des Lebens lassen auch 
die Beilegung von Spottnamen (VI üTsV Pil?) aufkommen^^o^ wo- 
gegen eine Veränderung in bonam partem (Ct^ mjIJ^') um so wohl- 
tuender berührt^^^ 

Dem Namen wurde eine wichtige Rolle im Leben zuge- 
schrieben. „Immer soll man die Namen untersuchen, denn der 
Name tut viel zur Sache," heißt es in einem Ausspruch^^^. 
R. Meir, der vielleicht selber einen symbolischen Namen trug 
(s. oben), hatte es sich zum Grundsatz gemacht, dem Namen 

Krauß, Talm. Arch. II. 2 



18 Erziehung. 

genau nachzuforschen'"^. Hiermit verband sich ein mystischer Zug, 
der dem Namen einen realen Wert zuschrieb; zu Zauberzwecken 
war die Anrufung des Namens unvermeidlich^^'^. Dazu gehört 
auch die Veränderung des Namens (CI^H "»IjC^) in Krankheits- 
fällen^"'*. Man unterschied sehr wohl häßliche Namen von schönen, 
wie denn unleugbar die Frau auch durch den schönen Namen 
an Wert gewinnt (Bd. I, S. 249), aber immer war die moralische Auf- 
führung der Person die Hauptsache^^^. Den Namen eines bösen 
Menschen soll man nicht auf den Lippen führen ; der Name 
des Gerechten soll stets von einen Segensspruch, der des Bösen 
von einem Fluch begleitet sein^^^ 

Bei einem erstgeborenen Kinde hat am 30. Tage nach der 
Geburt die Zeremonie der Auslösung (pTl p^IS) stattzufinden, 
ein Akt, der vielleicht schon in talmudischer Zeit mit einem 
Festmahle verbunden war; die Kosten der Auslösung, 5 Sekel, 
in talmudischer Zeit wirklich gezahlt, trug natürlich der Vater; 
sie gaben zu allerlei Geldberechnungen Anlaß^'^^. 

115. Die Erziehung. Das rabbinische Gesetz verpflichtet 
den Vater, das ganz kleine Kind zu verköstigen^''^. Demzufolge 
wird von dem kleinen Sohn gesagt, er sei auf des Vaters Tisch 
angewiesen (VZN "phw hv TDD), der größere, von 6 Jahren an, 
ist es zuweilen auch, aber nur ethisch, nicht rechtlich^^^ ; wie 
er denn sonst seinen Lebensunterhalt gewinnt, wird nicht gesagt. 
Aus diesen Bestimmungen entrollt sich uns ein düsteres Bild 
der Armut, das, zusammengehalten mit dem, was über die Un- 
zulänglichkeit der Brotnahrung gesagt wurde (Bd. I, S. 104), ferner 
mit der Seltenheit der Fleischkost (Bd. I, S. 108) und den überaus 
traurigen Bekleidungsverhältnissen (Bd. I, S. 134), uns eine entsetz- 
liche Notlage des jüdischen Volkes oder doch des Gelehrtenstandes 
in ihm zeigt. „Leichter ist es in Galiläa eine Legion an Olbeeren 
aufzuziehen, als in dem (übrigen) Palästina auch nur ein Kind 
zu erziehen" ^^^. Die Armut hatte infolge der hadrianischen Ver- 
folgungen so schrecklich zugenommen, daß die Väter die Er- 
nährung ihrer kleinen Kinder der Gemeinde aufbürdeten; um- 
sonst wurden solche Väter als Schakale, ärger als Raben 
bezeichnet, umsonst suchte man durch Moralsprüche auf die 
Väter einzuwirken, immer noch kam es vor, daß Weib und Kind 
zu Hause hungerten, ja verhungerten, bis nun die Synode von 



Züchtigung. 



19 



Uscha (etwa 140 n. Chr.) kategorisch die Pflicht der Ernährung 
der kleinen Kinder den Vätern auferlegte ^^-. Die Kleinen nun 
wurden damit der Sorge ihrer Väter überantwortet (]^''Z:^5':5 p'PIDIO)^^^, 
und es ist bezeichnend, daß die ganze Sorge der Kinderer- 
ziehung mit demselben Worte (7^8tO) ausgedrückt wird (vgl. oben 
S. 10). Von der Plage (IV^ vgl. o. S. 5) der Kindererziehung wird 
häufig gesprochen^^'^. 

Die Kindererziehung (G''JD ':?1":) ist hauptsächlich auf das 
Praktische gerichtet: auf den Landbau^ auf das Handwerk, auf 
den Handel usw., und namentlich ist es der Handel, der den 
jungen Mann aus dem Haus führt (j^in'p Ni»"'), wovor ihm mitunter 
recht bange ist^^^ Die Beschaffenheit unserer Quellen läßt diese 
Tatsachen nicht gut erkennen, weil in ihnen mit besonderer Em- 
phase immer wieder die religiöse 
Erziehung, richtiger das Thora- 
studium, als oberster Zweck des 
Lebens hingestellt wird^^^. Wehe, 
wenn die Erziehung zu schlech- 
ter Zucht (ny"l ni2in) geführt 
hat^^''. Beide hier berührten 
Ausdrücke ( 7"^ und HS"]) gehen 
zunächst auf die körperliche 
Pflege; erst hernach kommt die 
religiöse und wissenschaftliche 
Anleitung (imn, ID^y^^. Dem 
Fig. 30. Eine römische Dame züchtigt wohlgeratenen Sohn (p:n ]2), 
ihren Sohn mit dem Pantoffel. (Jem tüchtigen (riT, mic) und 

scharfsinnigen (rO'Oü) steht gegenüber der ungeratene (ji:in 1J\N*), 
^der faule ()E}]L') und dumme {^i/BlDY^^. 

Es werden strenge Zucht, Gehorsam gegen die Eltern, 
daneben auch Respekt vor dem älteren Bruder, Fleiß und Arbeit- 
samkeit, Mäßigkeit, Bescheidenheit und sonstige Tugenden^^^ ein- 
geschärft. Zeigte sich das Kind ungehorsam, so wurde es mit 
dem Stock oder dem Riemen und andren Werkzeugen, die bei der 
Züchtigung des Sklaven figurieren (§ 135), geschlagen (nSH) und 
gezüchtigt (n"l"l, 1p?)j wobei es zuweilen an einem Pfeiler an- 
gebunden war (nCD); auch die Holzsandalen vom Fuße des 
Vaters, besonders aber die Korksandalen vom Fuße der Mutter, 

2* 




20 Zilitliclikeit. 

die ihm wohl auch ins Gesicht spuckte, flogen ihm an den Kopf 
('J'vSl y^ mE:::), zur größeren Beschämung auch dann, wenn 
der erwachsene Sohn in Amt und Stellung mit Standesgenossen 
zusammensaß, obzwar anderseits vor der Züchtigung eines 
bereits erwachsenen Sohnes sehr eindringlich gewarnt wurde^^^ 
Übermäßige Strenge, die etwa bis zum Verletzen C^ZH) 
des Kindes geht, wird nicht gestattet^'^^, denn eine potestas über- 
Leben und Tod des Kindes, wie sie das römische Recht kennt, 
anerkennt das Judentum nicht, wohl aber das Recht der Ver- 
pfändung und des Verkaufes^^^. Man verklagt {^2p) den bösen 
Sohn vor dem Gericht und läßt ihm einen Verweis ("lyü) 
geben^^"^. Hauptsächlich soll das Richteramt des Vaters ge- 
recht sein; er soll nicht den einen Sohn vor dem andren be- 
vorzugen, denn das täte nicht gut — wie das Beispiel von 
Joseph lehrt — nach vollzogener Strafe soll er um so milder sein, 
damit die Furcht vor ihm aufhöre; das Versprechen soll man 
auch Kindern gegenüber halten, denn sonst gibt man die Anleitung 
zum Lügen^^^. An Beweisen hingebender Zärtlichkeit der Eltern 
gegen das Kind sind unsere Quellen reich; einen guten Bissen 
legt man eigens für das Kind zur Seite (l^'^nDPl); zu dem fetten 
Fleischstück reicht man ihm guten Wein; während der Vater 
den Becher reicht, beeilt sich die Mutter den Wein aufzugießen 
(:iT;2); und so sind es vornehmlich Speisen, z. B. auch Nüsse 
und sonstiges Obst (Bd. I, S. 113), mit denen man die Kinder ver- 
zäiteh^^^. Vater und Sohn tragen gegenseitig ein heftiges Verlangen 
[""y^jv^) nacheinander^'^'. Die Liebe zur Mutter ist noch größer, 
weil die Mutter oft besänftigend (^"inCPl) für das Kind eintritt^ ^^. 
Den Vater (gewöhnlich aram. S^rx) nennt der Sohn „mein Herr" 
(''^^2) und ist von tiefer Ehrfurcht gegen ihn erfüllt; er sitzt 
nicht auf seinem Platze, spricht nicht in seinem Beisein, wider- 
spricht ihm nicht, Anstandsregeln, die auch der Schüler gegen- 
über dem Lehrer beobachtet^^^. Andre Ehrenbezeugungen sind: 
die Türe vor ihm aufmachen, ihm Trinkwasser bringen, seinen 
Schlaf nicht stören, auf den ersten Ruf herbeieilen usw.^°^. 

Die Abhängigkeit des Sohnes und noch mehr der Tochter 
von dem Vater drückt sich auch darin aus, daß sie, solange sie 
minderjährig sind, keinen selbständigen Besitz haben, und selbst 
das, was sie durch ihrer Hände Arbeit verdienen und, 



Religiöse Anleitung. 2i 

^n verlorenem Gut finden, bei der Tochter auch der Kaufpreis 
beim Eingehen der Ehe, dem Vater gehörf-^^ 

Im Alter freilich kehrt sich das Verhältnis um: der Sohn 
ist der Besitzende und der Vater ist von ihm abhängig^'^"^. Der 
Sohn muß dem alten Vater Speise und Trank reichen, ihn an- 
kleiden, ihm die Schuhe aus- und anziehen, ihn führen, u. z. 
die Speisung auch dann, wenn er die Mittel durch Betteln auftreiben 
müßte (vgl. was o. S. 18 von der Armut gesagt wurde). Der 
Sohn, der es nicht tut, gilt ebenso für grausam, wie der Vater, 
der sein kleines Kind nicht ernährt; er wurde öffentlich be- 
schimpft und auch gerichtlich dazu gezwungen^^'l 

Auch den ersten theoretischen Unterricht erteilt der Vater 
und in Übereinstimmung mit der bereits gemachten WahrnehmuDg 
S. 16) auch der Großvater^^^. Kaum kann der Knabe sprechen, 
so unterrichtet ihn bereits der Vater in der Thora; er nimmt 
ihn in die Synagoge mit, läßt ihn wohl an dem gottesdienst- 
lichen Gesänge teilnehmen und führt ihn allmählich in die reli- 
giöse Praxis (Tjn) ein, so daß der Knabe beim vollendeten 
13. Jahre in diesem Punkte auf sich selbst gestellt ist (DlliO ^2)'^^^. 
Auch die Mutter hat Anteil an der Erziehung, namentlich wohl 
an der der Tochter, doch erhalten die Mädchen wenig theore- 
tischen Unterricht — wir hören, daß sie in vornehmen Familien 
Griechisch lernten — vielmehr wurden sie frühzeitig für die 
Ehe erzogen ^^^. Eltern spielen und unterhalten sich mit ihren 
Kindern (:i:n!}nn), wofür das eine Beispiel angeführt werden mag, 
daß ein vornehmer Lehrer auf allen Vieren kauerte, einen Strick 
im Munde hielt und seinem Knäblein nachlief, welche Erschei- 
nung zu dem charakteristischen Ausspruche führte: „Bei den 
Kindern wird der Mensch völlig zum Narren" "^^^. Einfach und 
zielbewußt ist die theoretische Anleitung. Das Kind sitzt bei 
Tische; der Lehrer fragt: Wem gilt der Dankspruch? Gott, 
dem Erbarmer! Wo wohnt er? Das eine Kind zeigt auf die 
Hausdecke, das andere geht hinaus und zeigt gen Himmel. Das 
Ei erkennt man am Nest, ruft ihnen der Lehrer zu. Oder: 
Die Melone erkennt man am Stumpfe 2°^. Man wußte sehr wohl, 
daß die Kinder von Natur verschieden begabt sind, und daß 
auch jegliches Alter anders beurteilt werden muß^°^. Bei minder- 
jährigen Knaben und Mädchen, deren Gelübde sonst vom Vater 



22 Lebensalter. 

für null und nichtig erklärt wurde, musste man gleichwohl darauf 
achten, ob sie wissen, in wessen Namen das Gelübde getan werde, 
was einzutreffen pflegt, wenn der Knabe 12 Jahre und 1 Tag, das 
Mädchen 11 Jahre und 1 Tag alt ist^^". Man hielt ein Mädchen für 
mehr begabt als einen Knaben, dennoch aber sei im praktischen 
Leben der Mann, der die Welt kennen lernt, gescheiter als die 
Frau-^^ Der Verstand (nD"lV) kommt einem erst zu 20 Jahren^^^. 

116. Die Lebensalter. Die Rabbinen unterscheiden im 
allgemeinen drei Lebensalter: das der Kindheit, der Jugend 
und des Alters; demnach sprechen sie von Kindern (mplüTI oder 
Cpji''), von Jünglingen (ün^J) und von Alten (G^jpi)^^^ Diese 
Dreiteilung liegt zugrunde dem Satze: Jung singt man, er- 
wachsen spricht man Lehren, alt geworden eitles Zeug^^*. Inner- 
halb dieser Altersstufen gibt es mehrere Abstufungen; so das ein- 
tägige Kind (l^V ]2 p^^Tl); Beginn der Gehfähigkeit; Aufhören 
der körperlichen Beschmutzung; Selbstankleiden; Erwachen der 
Verstandesfähigkeit; Schulbesuchszeit usw.^^^. Die Begriffe 
„Säugling" und „Kind" fallen zusammen (o. S. 10), der Begriff 
„Jugend" geht in den der Stärke und Kraft über, wogegen das 
Alter zugleich Schwäche und Niedergang des Lebens bedeutet^^^. 
Dazu kommen noch die Unterschiede der Geschlechter: Knabe 
und Mädchen, Jüngling und Jungfrau, Mann und Weib, Alter 
und Alte, Greis und Greisin ^^^ Zumeist sind es die Personen, die 
als konkrete Lebewesen unterschieden werden; doch gibt es- 
allenfalls auch Abstrakta, z. B. mi'P^ die Jugend, mi^j Jugend- 
alter, rijpT und mjpT Alter, m"]:i2 das mannbare Alter des Mäd- 
chens^^^, und es ist klar, daß solche Abstrakta bereits ein ge- 
schultes Denken voraussetzten. Sie treten auch als Alters- 
bezeichnungen ziemlich zurück; man gebraucht zu deutlicherer 
Bestimmung lieber Zahlenangaben, z. B. nV^Tl p ein zu neun 
Monaten geborenes Kind (vgl. S. 4), cyD'lN p ein vierzig- 
jähriger Mann, cyztT p ein siebzigjähriger Mann 2^^. 

Gewisse Handlungen charakterisieren die Jugend (z. B. 
das Sich-Schmücken, das Kokettieren), andere das Alter (z. B. 
Vorliebe für Wein)^^^. Namentlich ist „alt sein" gleichbedeu- 
tend mit „erfahren sein" und „gelehrt sein" (vgl. S. 16), und das 
Alter ist demgemäß Gegenstand der Ehrfurcht und der Verehrung; 
das Aufstehen vor einem Alten ist ein biblisches Gebot^^^ 



Pubertät. 23 

Gelehrte sind desto gelehrter, je älter sie werden, und um- 
gekehrt Ungebildete, je älter, desto törichter ^2^. Verschieden 
stellt sich auch das Alter ein beim Manne und beim Weibe; 
nach der biblischen Schätzung sinkt das Weib, das über 60 Jahre 
alt ist, auf ein Drittel, der ebenso alte Mann auf mehr als das 
Drittel seines früheren Wertes herunter, denn so lautet der 
Spruch der Leute: Ein Alter im Hause ist eine Last im Hause; 
eine Alte im Hause ist ein Schatz im Hause ^^^. Das Alter hat 
mannigfache Gebrechen im Gefolge, darunter die für die Männer 
der talmudischen Epoche, die außerordentlich viel auf ein gutes 
Gedächtnis hielten, so schreckliche Vergeßlichkeit^^'^. „Nichts 
Liebliches gibt es an den Alten, nicht gibt es Rat bei Kindern" ^^*. 
„Die Jugend ist ein Kranz von Rosen, das Alter ist ein Kranz 
von Schilf." „Wer seine Natur ("lii'') in der Jugend verweich- 
licht (p]3B), dem wird es zur Bitterkeit (bh. ])ji2) gereichen im 
Alter" 22^ Wir haben bereits gesehen (Bd. I, S. 250), wie hoch es 
geschätzt wurde, wenn im Alter die Vollkraft erhalten war. 

117. Die Pubertät^^^. Vor erlangter Pubertät heißt der 
Knabe Jcatön ()^p), das Mädchen hetanna (rütCp); hernach sind 
sie „groß" C^n:!, n"^!"!:!) in technischem Sinne. Während jedoch der 
Knabe rechtlich und hinsichtlich seiner Würde nun einfach in 
die Kategorie des Mannes {VJ"'^) vorrückt, heißt das Mädchen 
vorerst na'ara (m^J), und die Bezeichnung „Frau" (Tl^ii) hat 
überhaupt keinen rechtlichen Charakter, es sei denn, es handle 
sich um eine verheiratete Frau (l^''N Dl^'N). 

Die Natur selbst lehrt bei dem weiblichen Geschlechte die 
Pubertät früher ansetzen als beim Manne; ebenso ist es 
die Natur selbst, die dem Beobachter die Zeichen der Pubertät 
an die Hand gibt. Die Ansetzung der Pubertät beruht also 
zunächst auf körperlicher Untersuchung (indagatio corporis)^ die, 
durch ältere Frauen geübt, in foro maßgebend war; es kennt 
sie das römische und nach ihm auch das deutsche Recht, doch 
wurde sie in Rom zur Zeit Justinians und vielleicht schon früher 
abgeschafft, während sie die Rabbinen stets beibehielten. Die 
Geschlechtsreife tritt in der Regel bei einem Mädchen zu 
12 Jahren und 1 Tag, bei einem Knaben zu 13 Jahren und 
1 Tag ein, d. i. beim Eintritt in das 13. bezw. 14. Lebensjahr ^^s. 
Der tatsächliche Befund lehrt in manchen Fällen, daß die Ge- 



24 Pubertätszeichen. 

schlechtsreife entweder früher oder später eintritt ^^^^ dann wird 
eine besondere Kraft des Körpers, oder eine besondere Schwäche 
angenommen. 

Beim Eintritt der Geschlechtsreife ändert sich der Körper 
des Mädchens; es entwickeln sich die „oberen Zeichen" (G''i?2^D) 
— an der Brust — und die „unteren Zeichen" — die Pubes 
(myc \11J') — letzteres ebenso Zeichen der männlichen Pubertät, 
deren häufiger Erwähnung geschieht, während dem Weibe 
gegenüber, so wird ausdrücklich versichert, sich die Gelehrten 
einer bildlichen Sprache bedienen; so sprechen sie von der 
unreifen, von der reifenden und der völlig entfalteten Frucht ^^^. 
Bei den Mädchen vom Lande entwickeln sich die „oberen 
Zeichen" schneller, weil sie die Handmühle treiben (Bd. I, S. 96), 
wobei sie ihre Arme kräftig hin und her bewegen. Bei den 
Töchtern der Reichen entwickelt sich die rechte Brust früher, 
weil sie sich an dem anliegenden Hemde (^^D■^p''£)^? Bd. I, S. 164) 
ständig reibt; bei den Töchtern der Armen die linke Brust, weil 
sie die Wasserkrüge auf ihr vollschöpfen und ihre kleinen 
Geschwister auf dieser Seite tragen ^^^. Brüste sind bei einem 
Manne eine Abnormität, während die Schönheit der weiblichen 
Brust selbst in unsern so sehr nüchternen Quellen gepriesen 

Die abnormen Erscheinungen in der Geschlechtsreife haben 
wir oben (Bd. I, S. 217) behandelt. Unter den Männern ist der D^^D, 
der natürlich Verschnittene, unter den Frauen die ri''Jl':5">')^^ die Knor- 
rige, unfruchtbar; letztere ist äußerlich daran zu erkennen, daß 
sie keine Brüste hat; auch ist ihre Stimme derart hart, daß sie 
ebensogut die Stimme eines Mannes sein könnte ^^^. Das Weib 
erbringt den Beweis der Pubertät hinlänglich dadurch, daß es 
ein Kind geboren hat^^'^. 

118. Die Ehewerbung. Das jüdische Mädchen genoß 
viel mehr Freiheit als seine Genossinnen im heutigen Orient. 
Es durfte sich ohne Scheu vor Männern zeigen; es ging zum 
Brunnen — und zwar auch noch im mannbaren Alter, weshalb 
es denn gewissen Gefahren ausgesetzt war — ^^^ und auf den 
Markt in der Stadt ^^^, saß im Laden ^^^^ übte einiges Gewerbe 
aus 2^^ und konnte sich im Notfalle selber schützen -^^. Der Mann 
hatte demnach freien Zutritt zum heranwachsenden Mädchen, 



Heirat. 25 

um das er behufs ehelicher Verbindung mit seinen besten Mitteln 
werben ("Ijn, "^V Y^p) mußte; es wäre geradezu unklug und un- 
moralisch gewesen, eine Frau ungesehen zu ehelichen, denn ein 
nachträglich entdeckter Fehler hätte zu ehelichem Zwist und 
füglich zur Ehescheidung geführt, was nicht ausschließt, daß es 
allerdings leichtfertige Väter gab, die die Tochter fast blindlings 
verheirateten^'^". 

Die Heirat selbst ist eine der obersten Pflichten des 
Mannes, die aus den Worten: die Erde — er hat sie zur 
menschlichen Wohnstätte geschaffen (Jes. 45,18) gefolgert 
wurde. Sie wurde auch pünktlich befolgt, bis auf wenige Aus- 
nahmen, die einen scharfen Tadel erfuhren. „Ein Jude, der 
kein Weib hat, ist kein Mensch". Von Gott geächtet ist „ein 
Jude, der kein Weib hat, und auch der, der ein Weib hat, aber 
keine Kinder". „Ein Jude, der kein Weib hat, verbringt ein 
freudenloses und segenloses und ein glückloses Dasein." In 
allen diesen Sätzen bietet der Ausdruck „Jude" ('•"in'') zugleich 
€in religiöses Moment^^^ Gleichwohl kennt die jüdische Gesell- 
schaft auch „leer" gebliebene Männer (Cpn) oder Hagestolze 
(C''V*ni^')^'^^ aber nur zeitweilig ledig gebliebene Frauen (nviji:). 
Abgesehen von den legendenhaften Berichten von einem 
jährlich zweimal wiederkehrenden Feste, das so recht darauf 
angelegt gewesen sein soll, daß sich heiratslustige Jünglinge 
und heiratsfähige Jungfrauen gegenseitig sehen und kennen 
lernten^'^^, haben wir auch sonst noch Kenntnis davon, daß 
eine Art Flirt mit jungen Mädchen nicht unbekannt war 
(ri1plJ\"l2 pnt' ad norman mpl^TlH ^V 1"l^* w. u., wobei zu er- 
innern, daß plnt^' = Spiel prägnant das geschlechthche Spiel 
ist)^**. Es gibt auch ein Beispiel dafür, das jemand sich aufs 
Gebet und Fluchen verlegt, also gleichsam Zauber ausübt, um 
eine Frau zu bekommen '^^^. In der Regel jedoch gingen dem 
Eheschlusse Verhandlungen (H^nn, wovon C^jH) und Verein- 
barungen (G"'31"Il^* von " j'^0 voraus, die, handelt es sich um ein 
minorennes Mädchen, zwischen einer Vertrauensperson des 
Freiers, gewöhnlich dem nachmaligen Paranymphen (pZLJ'ILJ* w. u.), 
aber auch durch einen Vermittler ("l^DID), und dem Vater des 
Mädchens, sonst aber, wenn es sich um eine majorenne Frau 
handelt, zwischen dieser und dem Freier direkt geführt werden. 



26 Ehebedingungen. 

Diese vorhergehenden Besprechungen wurden für die Ersprieß- 
lichkeit der Ehe für so notwendig erachtet, daß ihre Unter- 
lassung scharfen Tadel erfuhr, und da es sich ferner um die 
Knüpfung eines Ehebandes handelt, so durften sie auch am 
Sabbat gepflogen werden. Als Detail erfahren wir, daß be- 
sprochen wurde, was die Frau an Arbeiten zu leisten und dem- 
gemäß welche Art von Verpflegung sie zu beanspruchen habe; 
doch werden außerdem auch andre, mitunter recht bizarre Be- 
dingungen (^XjP "7))) verabredet^^^. Nur minorenne Mädchen 
konnten kraft väterlicher Gewalt von dem Vater auch ohne 
ihre Befragung verheiratet werden; doch konnte das Mädchen 
wünschen, einstweilen zu Hause zu bleiben, und der Vollzug 
der Ehe soll jedenfalls erst nach Eintritt der Pubertät statt- 
finden^*". Wenn die Verheiratung infolge des Ablebens des 
Vaters durch die Mutter oder die älteren Brüder durchgeführt 
wurde, oder selbst beim Leben des Vaters, wenn die minorenne 
PVau bereits eine Witwe oder eine Geschiedene war, stand der 
jungen "Frau, wenn sie großjährig geworden, das Recht der 
Weigerung (j^^<?;^), d. i. der Annullierung der Ehe zu^*^. In 
beiden Fällen ist eine, wenn auch nicht bündige, Zustimmung 
der Braut erforderlich; die Zustimmung gibt sie zu erkennen, 
wenn sie ohne Widerrede anhört, was von ihrem zukünftigen 
Gemahl gesprochen wird, oder wenn man ihr den Thalamos 
zeigt oder den Brautstaat anlegt^*^. Zweck jener durch die 
Mutter und die Brüder erfolgenden Verheiratung, die doch 
eigentlich ungeschehen gemacht werden kann, ist die Versor- 
gung des vaterlos gebliebenen Mädchens; so sagte man geradezu 
auch von älteren Mädchen, man „miete" ihnen ("IDtf') den Mann, 
damit man ihnen den Lebensunterhalt (nDj"lS) bieten könne ^^^. 
Manchmal gelangt ein Mädchen, das als Pfand einem Gläubiger 
(o. S. 20) oder als Geißel in Feindes Hand (pi^cnn und ]r\^^r\) 
überantwortet wurde, auf diesem Wege zur Heirat, und da hat 
ihre Selbstaussage, daß sie ihre „Reinheit" bewahrt habe, volle 
Gültigkeit^si. 

119. Standesverhältnisse. Die polygame Ehe hat 
sowohl in biblischer als talmudischer Zeit zu Recht bestanden, 
und immer hat es einzelne gegeben, die in dieser älteren Ehe- 
form lebten. Anläßlich der Ehen im herodianischen Hause sagt 



Polygamie. 27 

Josephus (Arch. 17, 1, 2 § 15) ausdrücklich, daß es väterliche 
Sitte sei, mehrere Frauen zu gleicher Zeit zu haben, und Josephus 
selbst, der Geburt nach ein Priester und der Erziehung nach 
ein Pharisäer, lebte in Doppelehe ^^^. Von zwei vornehmen priester- 
lichen Familien in Jerusalem war es bekannt, daß sie Sprossen 
von „Rivalinnen" (m"llJ ''12) j d. i. Abkömmlinge von polygamen 
Ehen, seien ^^^. Zwölf kinderlose Brüder hinterliessen zwölf 
Witwen, die alle vom Levir (Dt. 25,5) geehelicht wurden, nach- 
dem zuvor die ökonomischen Bedenken behoben wurden^^^. 
Mit einem Korbe frischer Feigen hat sich jemand fünf Frauen 
angelobt; in Zeiten der Hungersnot hat sich einmal R. Tarphon 
300 Frauen (vielleicht nur Schreibfehler für drei Frauen) an- 
getraut, damit sie das Recht hätten, von der Priesterhebe zu 
essen; und eigentümlich klingt die Nachricht, Rab und R. Nachman 
in Babylonien hätten die Gewohnheit gehabt, in jedem Orte, den 
sie aufsuchten, sich „für den Tag" eine Frau zu nehmen 
(Frau auf Zeit erlaubt auch das arabische Gesetz), wogegen 
allerdings der Lehrsatz angeführt wird: „Nicht heirate man 
eine Frau in der einen Stadt, um dann zu gehen und in einer 
andern Stadt eine andere Frau zu heiraten" -^^. Die Misna ver- 
handelt den Fall, daß einer um den Wert einer peruta(Abschn . VIII) 
sich zwei Frauen angelobt, was allerdings ungültig ist, da der 
Kaufpreis zu gering, aber bei vollem Preise wäre die Zahl der 
Frauen kein Hindernis ^^^. Aber aus moralischen und praktischen 
Gründen suchte man die Polygamie zu verhindern; moralisch 
durch die Mahnung, die neu hinzukommende Frau sei der ersten 
eine Rivalin (bh. und nh. n"lli), die den Frieden des Hauses 
gefährde und in den Familienbesitz Zerrüttung bringe; praktisch 
durch den Hinweis auf die Kosten der Erhaltung mehrerer 
Frauen und eventuell ihrer Kinder, so daß ein babylonischer 
Amoräer des 3. Jahrhunderts in aller Form den Satz aussprach: 
Man kann zur ersten Frau mehrere Frauen hinzunehmen, aber 
nur, wenn man sie ernähren (pi) kann, und ein anderer Ausspruch 
besagt, daß, wer zur ersten Frau eine andere Frau hinzunehme, 
der ersten die Scheidung samt dem Witwengelde geben müsse; 
indes wird diese Bestimmung die Polygamien zwar eingedämmt^ 
aber nicht aus der Welt geschafft haben 2^^. R. Ame und seine 
Schule waren grundsätzlich für die Monogamie. Und in der Tat 



28 Eheleute. 

lebte di(' !Masse der BevölktM'uiig, darunter auch die meisten 
Rabbineu, in niouogauKM- Ehe^ so daß die Rabbinen den ihnen 
von den Kirchenvätern gemachten Vorwurf der Sinnlichkeit nicht 
verdienen-^^. Dabei ist ein Gefühlsmoment nicht zu verachten: 
man spricht immerfort mit inniger Liebe von dem in der Jugend 
geehelichten Weibe ^^^. 

Die Ehen wurden im allgemeinen nicht allzu früh ge- 
schlossen, wenigstens was das männliche Geschlecht anlangt, 
denn die vielen Debatten von den eherechtlichen Verhältnissen 
des haiön (8. 23) sind nur theoretischer Natur, während in der 
Praxis der Jüngling wohl zu 18 — 20 Jahren heiratete, und das 
Alter von 18 Jahren wird auch in F^orm eines Lehrsatzes als 
Zeitpunkt der Ehe angesetzt^^^. Damit stimmt, daß man zu 
40 — 50 Jahren bereits Kindeskinder haben kann^^^ In Zeiten 
der Not heiratete man in Palästina zu 30 und 40 Jahren ^^^. 
Man suchte eben eine Gewähr dafür, daß der junge Mann Weib 
und Kinder ernähren könne, und hierin bestand ein kleiner 
Unterschied zAvischen palästinischer und babylonischer An- 
schauung ^^-^ Vom 18. Jahre seines Lebens an ging der Mann 
zu allen Zeitpunkten, auch im Greisenalter, Ehen ein, denn den 
Mann hielt man bis in das höchste Alter für zeugungsfähig, 
wogegen die Frau in einem bestimmten Alter aus physiologischen 
Gründen zu gebären aufhört^^*. Aus eben diesem Grunde soll 
selbst ein alter Schriftgelehrter durchaus nur eine Jungfrau 
heiraten 2^^. Der Geschmack der Frauen ist das allerdings nicht. 
„Eine Frau hat einen armen Schlucker (J^DD), sofern er jung 
{*nr!2) ist, lieber, als einen reichen Alten"; und das Schriftwort: 
,.Entweihe nicht deine Tochter, sie zur ßuhlerei führend" (Lev. 
19,29) wurde dahin gedeutet, daß das derjenige tue, der seine 
Tochter einem alten Manne zur Frau gibt; ein Übel ist es übrigens 
auch, wenn die Frau einen minorennen Mann bekommt^^^. In letz- 
terem Falle ist es natürlich der Vater, der dem Sohne die Frau 
gibt {^y2b ^l^^^* «"»I^'D), und da der hierfür übliche Ausdruck auch bei 
erwachsenen Söhnen vorkommt, so geht daraus zunächst hervor, 
daß der Jüngling ziemlich jung heiratete, ferner, daß der Vater, 
wenn auch nicht rechtlich, so doch moralisch, einen Einfluß auf 
seine Wahl ausübte. Um so mehr ist das, wie bereits geschildert 
worden, beim Mädchen der Fall. Dieses konnte schon als Kind 



Ehealter. 



29^ 



von drei Jahren verlobt, verheiratet und geehelicht werden; ein 
weiteres Stadium ist das zu sechs Jahren, Zahlen, die wir aus 
wirklichen Vorkommnissen herleiten, denn eine derartige nor- 
male Ehezeit wie für den Jüngling wird für das Mädchen 
nicht gegeben, so daß es aussieht, als gäbe es hierfür nach 
unten keine Grrenze. In Rom wurden die Mädchen oft mit neun 
und zehn Jahren, also lange vor Eintritt der Geschlechtsreife, 
verheiratet, und dasselbe dürfen Avir für das Judentum annehmen, 
zumal hier die Verheiratung der Jcetanna (8. 23) oft besprochen 
wird (S. 26)^^"^. Gleichwohl ist das die Regel nicht, vielmehr 
beweist der in allen Heiratsangelegenheiten des Mädchens ge- 
brauchte Ausdruck nlV^, besonders in nD"^\XD niyj „verlebtes 
Mädchen" (w. u.), der genau auf das Alter von zwölf Jahren und 
sechs Monaten begrenzt ist, daß dieses das normale Heiratsalter 
des jüdischen Mädchens der taliuudischen Epoche ist. Läßt man 
das Mädchen noch über diese Zeit hinaus ledig (PTiIjC) und ver- 
heiratet es erst als „Reife" (nn:jli: vgl. S. 22), so verdient und 
erfährt das bereits Tadel, weil das Mädchen auf Abwege geraten 
kann'-^^. Von den bezeichneten Stadien an sehen wir das Weib 
ausnahmslos, und ohne dem Spott ausgesetzt zu sein, als heirats- 
fähig und heiratslustig figurieren, und selbst ältere Matronen 
wünschen sich das Glück der Ehe, das sie auch finden^^^. 

Ehehindernisse gibt es entAveder durch Blutsverwandtschaft 
(ni"'"!^), deren Zahl, aus der Bibelstelle Lev. 18,6 — 18 heraus- 
gelesen, von Philo, von Josephus, von Pseudo-Phokylides und 
von den Rabbinen je anders bestimmt wird, und zu denen die 
Rabbinen noch Verwandtschaften zweiten Grades ("»"IZID DVjZ' 
D^"1D1D) hinzufügen, oder durch Keuschheitsgründe (so z. B. 
in dem Falle der vertriebenen und wiederverheirateten Frau 
(Dt. 24,4); wenn entlassen infolge unmoralischen Betragens; 
wenn es das Weib ist, mit dem er früher Ehebruch trieb; 
dasselbe für die Zeugen einer Scheidung und für einen, der 
den Tod des fernen Mannes meldet); ferner Konnubium mit 
Angeliörigen fremder Nationen und Bekenntnisse. Außerdem gibt 
es eherechtliche Fragen in bezug auf Ehen zwischen Israeliten 
einerseits und Proselyten und Sklaven und Samaritanern und 
Ketzern anderseits. Dazu kommen noch Beschränkungen in den 
Ehen der Priester 2'^. 



30 Verwandtschaft. 

Die biblischen Verwandtschaftsnamen leben weiter fort; 
also IN Vater, CN Mutter, ]2 Solm, HD Tochter^ HN Bruder, 
mriN Schwester, CV Onkel väterlicherseits, überhaupt jeder Ver- 
wandte, "i" Onkel väterlicherseits, rn)'^ Tante väterlicherseits, 
"in p Neffe, Cn Schwiegervater (Vater des Mannes), nvm 
Schwiegermutter (Mutter des Mannes), )mn Schwiegervater (Vater 
der Frau), nmn Schwiegermutter (Mutter der Frau), jnn Schwieger- 
sohn, Tl^Z Schwiegertochter, 'pxi:i Agnat, 2)^p Verwandter. Als 
neuer, aus dem Aramäischen genommener Name ist anzumerken 
2^2n, nz""!" = Onkel, Tante. Verwandte (pznp) sind: Vater, Bruder, 
des Vaters Bruder, der Mutter Bruder, der Mann der Schwester, 
der Mann der Vatersschwester und der Muttersschwester, der 
Mann der Mutter (= Stiefvater), der Schwiegervater (DP!), D"»:! 
(auch D''!1N) der Schwager (der Mann der Schwester der Frau), 
sie, deren Söhne und Schwiegersöhne und der Stiefsohn (ülin, 
die weibliche Form ist Dlllin Stieftochter), nach anderer Lehr- 
meinung auch der Onkel ("in) und der Sohn des Onkels 
("n"i p = Geschwisterkind) und überhaupt ein jeder, der fähig 
ist, einen zu beerben (ti^l''). Die Liste läßt sich natürlich so- 
wohl in aufsteigender als absteigender Linie fortsetzen; so 
z. B. werden im Gerichtsverfahren auch genannt die Frau und 
der Sohn des Stiefsohnes^'^ Die Familienzusamniengehörigkeit 
zwischen diesen nach einer Misna aufgezählten Verwandten muß 
lebendig im Bewußtsein gelegen haben. Aber an schlimmen 
Symptomen fehlt es nicht; der Reiche will seinen armen Ver- 
wandten nicht kennen, ja, er verleugnet ihn so sehr, daß der 
Arme sich buchstäblich verbirgt ()?2tOJ), um ihm nicht zu Gesichte 
zu kommen^ '^; Zank und Hader zwischen Verwandten kamen 
häufig genug vor^^^. 

Auf Familienreinheit und vornehme Abstammung legte man 
großes Gewicht, und naturgemäß wurden die darauf bezüglichen 
Fragen erörtert, wenn eine neue Ehe und demnächst ein neuer 
Ansatz der Familie begründet werden soll. Die Misna berichtet, 
zehn Geschlechtskategorien (poriT') seien aus dem babylonischen 
Exil heraufgezogen; die ersten drei Kategorien sind Priester, 
Leviten und Israeliten, Schichten, die in der Gesellschaft der 
ganzen talmudischen Epoche sich genau sonderten und eine 
Sonderstellung einnahmen, die in keinem Betracht so ausgeprägt 



Geschlechtskategorien. 3]^ 

war, als eben in der Frage der Eheschließungen-, es kommen 
noch vor Entweihte (d. i. Priester von unwürdiger Abstammung), 
Proselyten, Freigelassene (''"llin, Abkömmlinge von befreiten 
Sklaven), Bastarde (''*l''i^D', das Wort "ITDü war schon damals ein 
schweres Schimpfwort!), Hierodulen OJ^HJ), „Verschwiegene '' 
(^pini^, d. i. solche, die wohl die Mutter, nicht aber den Vater 
kennen), Findlinge ("»DID^^ s. S. 9)^^^. Im allgemeinen spricht man 
von der Ebenbürtigkeit der Parteien, indem der würdige Mann 
(p:in) eine würdige Frau (n^:nn), der Vornehme (CZIlC ]2) eine Vor- 
nehme (D''ZntC HD), der Mann des Adels (CCJi )2) eine Frau des 
Adels (G"'Di:i DD d. i. ysvo?) zu ehelichen sucht, oder, mit dem- 
selben griechischen Worte in gesteigerter Form, der Wohl- 
geborene (DlJ'':i2?< = suY£VY)?)undderHochwohlgeborene (1t2I0D''J31N = 
z6yzviGzoc^O(;) eine passende Verbindung wünscht^'^. Die Bewohner 
ganzer Länder, Landstriche und Orte galten in bezug auf die 
Abstammung für notorisch „rein" ("liriLD), während die „Reinheit" 
andrer dem Zweifel offen stand und wieder andre notorisch mit 
einem Makel (HriDL^D ^IDD, 'D g:C) behaftet waren. In der Bilder- 
sprache sagte man z. B. von gewissen Gegenden in Babylonien: 
„Babel ist gesund, Mesene ist verstorben, Medien ist krank, Elam 
liegt im Sterben "^'^. Dieselbe Beurteilung widerfährt nur noch 
genauer einzelnen Familien und Individuen. Die Adeligen (pCnVO) 
von Pumbeditha heirateten nur aus Beram^^^ „Geht einer aus 
Heiraten, so schämt er sich (li'IZ) manchmal ihrer (der Frau), 
manchmal der Familie (nriDl^'D), manchmal der Verwandten 
(m21"lp); das heißt: sie stehen ihm zu hoch. Manchmal aber 
heiratet man gerade unter dem Drucke der Vornehmheit, weil 
man nicht zurück kann; manchmal allerdings tritt man dennoch 
zurück. Jemand aus dem Hause Pazzi, erwiesenermaßen einer 
achtbaren Familie, war zur Verschwägerung mit dem Patriarchen- 
hause ausersehen, doch lehnte der Erkorene den Antrag ab, 
weil sich jene seiner hätten schämen können"^ '^. In den ein- 
leitenden Verhandlungen zur Schließung einer Ehe bildete 
also der „Jichus"- Punkt eine viel erörterte Frage. Nun gab 
es aber, davon abgesehen, den banalen Unterschied zwischen 
reich und arm, zwischen dem noblen und niedrigen Gewerbe, 
ferner ist der Grad der Bildung ein wesentliches Moment, wie 
denn namentlich Schriftgelehrte (G'^^DH "•T'D'i^n) und Landleute 



32 . Standesunterschiede. 

oder Baueru 11*""^^ V2>) eiuaiider schroff gegenübenstanden, so 
daß Heiraten zwischeu ihueu scharte Beurteilung erfuhren — alles 
in allem ein unerfreuliches Bild gesellschaftlicher Zerklüftung^'^. 
Eine Verbindung (:in') des Israeliten mit einer Priestertochter, 
so lehrt ein berühmter palästinischer Lehrer des 3. Jahrhunderts, 
kann nicht von Glück begleitet sein; man nimmt an, daß sie 
entweder eine Witwe, eine Vertriebene oder eine Kinderlose 
werden würde, ja, daß entweder er sie oder sie ihn begraben 
würde, oder auch, daß sie für ihn die Armut bedeutete. Man 
möge sein ganzes Hab und Gut verkaufen, um nur die Tochter 
eines Schriftgelehrten heiraten zu können, aber nur nicht die 
Tochter eines Bauern; in jenem Falle rankt sich Weinrebe an 
Weinrebe, und das ist eine schöne und gern gesehene Sache; 
im andern Falle rankt sich Weinrebe an Dornstrauchzweig, und 
das ist eine häßliche, unerträgliche Sache. Man möge sein 
ganzes Hab und Gut verkaufen, um nur die Tochter eines 
Schriftgelehrten heiraten zu können; ist das nicht möglich, so 
heirate man die Tochter irgend eines leitenden Mannes der 
Zeit ("inn ''':'"n:i nz), ist auch dies nicht möglich, so heirate man, 
in der gesellschaftlichen Stufenleiter immer abwärts steigend, 
die Tochter eines Synagogenhauptes, eines Armenvaters, eines. 
Schullehrers, nur nicht die Tochter eines Bauern, denn diese 
Leute sind — samt ihren Weibern ein Ekel (^"11^'), und be- 
züglich ihrer Töchter gilt das Wort: „Verflucht, der bei irgend 
einem Tier schläft" (Dt. 21, 21)28o. Dies alles ist aus 
einem einzigen Blatt des Talmuds ausgezogen; wie erst, wenn 
man die hierhergehörigen Aussprüche sammeln wollte! Daß dies 
mehr sind als theoretische Ratschläge, geht daraus hervor, daß 
aus einer Mißheirat die entsprechenden Konsequenzen gezogen 
wurden. Ein Priester in Akko zur Zeit Rabbis erzählt von seinem 
Vater, der sonst für seine Person stolzen Sinn an den Tag legte, daß 
er eine seiner unwürdige Frau (n3:ilM TC^ü) geheiratet habe; 
damit aber habe er ihn, den Sohn dieser Ehe, entweiht C^/Ti), 
und er habe sich nicht mehr als Priester zu betrachten^^^ Natür- 
lich weist auch die Frau die ihr unpassenden Freier ab. Eine 
verwitwete Frau, die von ihrem, ungeratenen Sohn allerlei 
Plackereien zu erdulden hatte, gelobte in ihrem Verdruß, daß sie 
den ersten besten, den ihr der „Himmel" senden würde, nicht 



Ebenbürtigkeit. 33 

abweisen werde; das hörten nun zwei unwürdige Männer und 
bestürmten sie ("'''py lliDp vgl. S. 25); die Gelehrten entschieden 
die Sache dahin, daß sie von vornherein nur den ihrer Würdigen 
gemeint habe. In einem Falle, wo eine „große" (n^1"i:i) und 
zwar in Schönheit ("ilj) „große" Frau von Männern allzusehr be- 
stürmt wurde {Tl^^V "iHDp) und sich nur so ihrer zu erwehren 
hoffte, daß sie dreist behauptete, sie sei bereits jemandem an- 
gelobt, verlobte sich nachher tatsächlich (kJ*~p)*, von den Gelehrten 
wegen dieses anscheinenden Ehebruches zur Rechenschaft ge- 
zogen, redete sie sich wie folgt aus : Solange mich unwürdige 
Männer überliefen ("'^y 1^n2), sagte ich zum bloßen Vorwand, ich 
sei bereits verlobt; nun aber der würdige Mann gekommen, habe 
ich mich faktisch angeloben lassen. So ward auf der Synode von 
Uscha verhandelt, und man ließ ihre Verantwortung (NtTlZTX) 
gelten^^^. Wer sich über die gesellschaftUche Forderung der 
Ebenbürtigkeit hinwegsetzte, sollte im Schöße der eigenen Familie 
und besonders in seineu leiblichen Nachkommen die Strafe er- 
leiden. Die andern Familienglieder gaben einen Protest ab, 
wörtlich eine Ausscheidung (Ni^lip), d. i. N. N. ist von seiner 
Familie ausgeschieden (inr!Di:'^?2 ]^l4pj)'^^^. 

Wurde so auf gesellschaftliche Gleichheit der Ehegatten 
gedrungen, so war es nur noch natürlicher, daß man auch 
ihre körperliche Beschaffenheit, schon im Hinblick auf die 
erhoffte Nachkommenschaft, in Erwägung zog. Namentlich 
suchte sich der Mann zu vergewissern, daß seine Zukünftige 
keine Leibesfehler (C^Clc) habe; er konnte eine Art Untersuchung 
verlangen, die im Warmbade von seinen weiblichen Verwandten 
vorgenommen wurde'^^^. Ekelhafte Leibesfehler, z. B. Geschwür 
(von Aussatz) und Polyp (d. i das Riechen aus ]\Iund und Nase 
s. Bd. I, S. 256) waren auch beim Mann ein Scheidungsgrund; das- 
selbe giltj wenn der Mann ein schmutziges Gewerbe betreibt, z. B. 
Hundekot sammelt, oder in Erz den Berg abhaut, oder ein 
Gerber ist, und die Rücksicht auf die Frau geht so weit, daß 
selbst, wenn er sie von diesen Umständen von Anfang an in 
Kenntnis gesetzt hat, sie hernach die Ausrede gebrauchen kann, 
daß sie gehofft habe, den Mann erträglich zu finden, was aber 
nun nicht der Fall sei; ja, noch mehr: einst starb in Sidon ein 
Gerber, dessen Bruder, gleichfalls ein Gerber, nun als Levir die 

Krauß, Talm. Arch. II. 3 



34 Gloichartiu^keit. 

Witwe hätte heiraten sollen; nach der Meinung der Gelehrten 
kann die Frau sai^en: Deinen Bruder habe ich niogc^n, dich aber 
mag ich nichf^^'. 

Das Natürlichste ist, daß ein Jüngh'ng eine Jungfrau heiratet 
— aber ein Jüngling kann auch eine Witwe, ein Witwer eine 
Jungfrau heiraten. Daß ältere Männer junge Mädchen heirateten, 
war bei den Juden eine alltägliche Erscheinung. In außerjüdischen 
Kreisen fand man den verwerflichen Brauch, ein minorennes 
Mädchen einem Erwachsenen, bezw. eine Erwachsene einem 
minorennen Knaben in die Ehe zu geben, aus welchen Ver- 
bindungen viele Kinder erhofft wurden. Ein Hochgewachsener 
soll keine HochgCAvachsene heiraten, denn es könnte ein „Mast'^ 
(pn)-, ein Zwerg keine Zwergin, denn es könnte ein Däum- 
ling (^>72i»N); ein Weißer keine Weiße, den es könnte ein Albino 
(p7]^2 s. Bd. I, S. 245)*, ein Mohr keine Mohrin, denn es könnte 
ein „Eimer" (rT'DtD?) aus ihrer Verbindung hervorgehen^^^. Die 
physiologische Seite der Sache zu ergründen ist unseres Amtes 
nicht 5 uns dienen diese Daten bloß, ein Bild der damaligen 
jüdischen Gesellschaft zu gewinnen. 

Um sowohl in der Familie als auch in physiologischer Be- 
ziehung keinen Mißgriff zu tun, heiratete man gerne in der bereits 
erprobten Familie, so z. B. nach dem Tode der Frau deren 
Schwester (w^obei freilich auch andre Erwägungen obwalten 
können), die völlige Stiefschw^ester (zusammengebrachte Kinder),, 
ein Geschwisterkind, besonders aber die Schwestertochter, eine 
Sitte, zu der sich sogar parsische Parallelen finden (dagegen 
verbietet der Koran das Heiraten einer Nichte), doch beruht diese 
Sitte wohl nur auf dem natürlichen Umstände, daß die früh ver- 
heiratete Schwester alsbald eine zur Ehe geeignete Tochter haben 
kann^^^ Man behauptete, daß die Kinder aller Ehen meist nach 
den Brüdern der Frau schlagen, so empfahl es sich also, bei 
der Heirat auf diese ein besonderes Augenmerk zu richten^^^; 
auch daraus scheint hervorzugehen, daß die endogamen Ehen 
bei den Juden sehr häufig w^aren. 

120. Verlobung und Ehe. War alles aufs beste ge- 
ordnet, erfolgte die feierliche Verlobung (verloben selten 
bh. T^^ND, oft ItnN nh. D"1N, nom. act. ]^ür\^y^^ , bei einem 
festlichen Mahle {]^D)1i< fimyo), das der Schwiegervater, d. i. 



Verlobung. 35 

der Vater der Braut, gab, und bei deines mitunter hoch herging'^^*^. 
Die Tatsache der Verlobung verbreitete sich schnell (n'l^n t'Tp), 
besonders bei dem weiblichen Teil der Bevölkerung, waren doch 
bei dem feierlichen Akte mehrere Frauen zugegen, die natürlich 
vorher geladen und verständigt sein mußten; von der Stunde an 
hieß die Braut gar nicht anders als „Mädchen des N. N." (aram. 
''Jl'PDI ^*n"'2*l)^^^ Im Festhause brannten Lichter — aber daraus 
folgt nicht, daß die Feier am Abend stattfand, ebensowenig wie 
oben (S. 11) bei der Beschneidung — die Speisesofas (§ 41) 
wurden instandgesetzt, die Frauen spannen in Eile noch bei 
Lampenlicht, zeigten sich der Braut gegenüber freudig erregt und 
riefen aus: die und die verlobt sich heute'^^'^. 

Der Ausdruck für Verlobung in den rabbinischen Texten ist 
\^lp (vgl. S. 33), d. i. der Mann macht sich die Frau zu eigen 
(synonym mit Hp'^, HJp = kaufen), bezw. n^IpPiü die Frau wird 
ihm als eigen erklärt (synonym mit n^^p2), so daß sie für 
jeden andern fremdes, unantastbares Gut ist'^^^. Diese Aneignung 
geschieht mit einem der drei Mittel: 1. durch Übergabe einer 
Wertsache, u. z. im Mindestbetrag von einer Kupfermünze (uL^nSD), 
2. durch ein schriftliches Dokument ("lITt^), 3. durch ehelichen Ver- 
kehr (nN"»!!), entsprechend dem, wie die manus der Römer erworben 
wurde L durch coemtio, 2. durch confarreatio, 3. durch usus. 
Alle drei Handlungen mußten in älterer Zeit vor Zeugen aus- 
geführt werden; doch hören wir, daß Rab in Babylonien (3. Jh.) 
dem Stockhiebe erteilen ließ, der die Angelobung auf der Straße, 
ferner dem, der sie mittels Verkehrs und dem, der sie ohne voran- 
gegangene Verabredungen vornahm^^^. Die Angelobung erwächst 
in Rechtskraft nur dann, wenn sie von dem Manne mit den 
Worten begleitet war: „Du bist mir angelobt durch. . . (folgt die 
Bezeichnung eines der drei „Wege") nach der Sitte (fi") Mosis 
und Israels "■^^^. Jedenfalls steht die jüdische Ehe schon dadurch 
unter den Auspizien der Religion. Ein ferneres religiöses Moment 
besteht darin, daß das Paar — wahrscheinlich vom Vater der 
Braut — über einem Becher Weines noch im Verlobungshause 
(ponN^n r\^2) den Segen empfing (]*DTlvX fliDir.) ; aber schon in 
talmudischer Zeit wurde das anders, indem eigentlich nur von 
derjenigen Bräutigamsbenediktion (Cjnn nr"12) gesprochen 
wird, die im Hause des jungen Ehemannes (D''Jnn n''2) gesprochen 

3* 



36 Heimführung. 

und zwar volle sieben Tage (w. u.) gesprochen wurde. Bei uns- 
in Europa werden bekanntlich jene beiden Benediktionen 
anläßlich des Trauungsaktes zusammen gesprochen^''^'. Für das 
minorenne i\Iädchen empfängt der Vater bezw. empfangen. 
Mutter und Brüder (S. 26) die Wertsache, eine alte Einrichtung, 
die sozusagen den Kaufpreis für das Weib bildet'^^. Die Natur 
der Wertsache wird genau bestimmt, und es verdient angemerkt 
zu werden, daß es einen „Trauring" in der altjüdischen Ehe 
nicht gibt, der erst im Mittelalter über die Wertsache den Sieg 
davonträgt'-'''^. Nach den häufigen Verhandlungen zu urteilen trat 
im Leben oft der Fall ein, daß der Mann sich das Weib durch 
einen betrauten Boten ("'•'Pti^) angelobte'^^^. Alle hierbei von den 
rabbinischen Rechtslehrern geforderten Bestimmungen hatten für 
jedermanns Ehe Rechtskraft, weil man annahm, daß ein jeder 
die Eheschließung im rabbinischen Sinne verstehe^^*^. 

Die Verlobung in talmudischem Sinne machte die Frau> 
zum rechtmäßigen Weibe des Mannes; ein Adulterium mit der 
Verlobten zog die Strafe des Todes nach sich wie jeder Ehe- 
bruch; sollte das Verhältnis gelöst werden, mußte eine regelrechte 
Scheidung mittels Scheidebriefes stattfinden. Aber die Verlobte 
(r;D"^\X^ nipj) blieb einstweilen im elterlichen Hause, und selbst, 
wenn sie der Mann zur Übersiedlung in sein Haus aufforderte 
(V'Zn), ließ man der Jungfrau eine Frist von zwölf Monaten, 
um sich ihre Ausstattung zu besorgen, der W^itwe, die das Nötige 
bereits besaß und wohl auch nicht soviel Staat machte, einen Monat, 
und der Frist von zwölf Monaten bedurfte auch der Mann, um 
für das siebentägige Hochzeitsmahl und das Brautgemach Vor- 
kehrungen zu treffen ^^^ 

Erst die Heimführung in das Haus des Mannes ([""Nlt^'^, bei 
den Römern deductio in dommn mariti) führte endgültig zur 
Vereinigung von Mann und Frau ; die Frau zog hierbei manchmal 
in einen andern Ort. Schon eine Woche oder den Sabbat vorher 
gab es — wohl im Hause des Vaters der Braut — gewisse 
Feierlichkeiten, die man mit dem griechischen Worte N''''c:nt:T!D 
= *:rpa)TOYa[jxTa „Vorfeier der Hochzeit" bezeichnete ^^^. Wer an 
der Vorfeier teilnimmt, ist eo ipso Gast auch beim eigentlichen 
Hochzeitsmahl, genau so wie bei den Griechen •^^^. Durch den 
Ta^ der Vorfeier ist der Tag der Hochzeit von selbst gegeben; für 



Hochzeit. 1^7 

beide Tage scheint, vielleicht nur in heidnischen Kreisen, eine 
Befragung' der Gestirne stattgefunden zu haben, um einen günsti- 
gen Tag bestimmen zu können ^^'^. Merkwürdigerweise haben die 
Kabbinen auch diese so sehr dem privaten Ermessen anheim- 
fallende Sache zu regeln gesucht, indem sie — zu einer bestimmten 
Zeit unserer Epoche — anordneten, daß eine Jungfrau am vierten 
Tage, eine Witwe am fünften Tage der Woche heimgeführt werden 
solle, eine Verfügung, über die sich das Leben gewiß hinweg- 
gesetzt hat, denn die Rabbinen selbst erwähnen z. B. den Sabbat- 
vorabend als Hochzeitstag^*'''. Am Sabbat und an Feiertagen 
fand keine Hochzeit statt; desgleichen an Trauertagen, z. B. 
dem 9. Ab, wie von Späteren angegeben wird^^^. 

Nur in bezug auf diesen Hochzeitstag heißt, wie es scheint, 
der Mann „Bräutigam" (inn), die Frau „Bi'aut" (H/Z), letzteres 
schon vermöge des Ausdruckes, weil utT die Bekränzte heiiU 
und nur am Hochzeitstage die Braut einen Kranz trug (w. u.j. 
Mehr noch als der Bräutigam, der z. B. manchmal mit Emphase 
„völliger Bräutigam" [c'^lZ' jnn) genannt wird, ist die Braut eine 
gefeierte Person, weshalb schon in der Bibel Israel und bei den 
Rabbinen der Sabbat metaphorisch „Braut" (Gottes) heißen"-^^ 
Die Araber in Palästina nennen noch heute die Braut nialaJci 
„Königin" -^08, 

121. Die Hochzeitsfeierlichkeiten nahmen ungefähr 
folgenden Verlauf, vorausgesetzt, daß die Hochzeit mit Pomp 
("»ir^lD = 7uo[j.7rY]), d. i. in öffentlichem Aufzuge und nicht im stillen 
(NVjli) vor sich ging, letzteres etwa in Zeiten der Gefahr, oder 
wenn die Kosten gemieden wurden ^°^. Die Braut wurde von 
Freundinnen oder älteren Frauen im elterlichen Hause sorgfältig 
gewaschen — aus einem gewiß prunkvollen Waschbecken 
(Nn*7^ZL^'^) — bezw. gebadet, gesalbt und geschmückt (tCI^'p) — 
der volle Staat einer Braut (rh^ ^i^^^'Zr^) bestand aus 24 Stücken 
(Bd.I, S. 199) — und mitKränzen (m^lt^V) versehen; siesaß während 
dieser Zeit auf dem „Brautstuhl" {rhz h'^' NCI Bd. I, S. 61), der 
gewiß dem Zwecke angemessen von prachtvoller Arbeit war, wie 
denn überhaupt die Braut in höchstem Maße liebevoll behandelt 
wurde, und sämtliche ihr zukommenden Dienstleistungen auch 
von fremden Leuten freudigen Sinnes ausgeführt wurden^^^*. Mit 
Kränzen war übrigens auch der Bräutigam geschmückt^^^, und 



38 Hochzeitszug. 

wenn auch von seiner sonstigen Kleidung nichts verlautet, so 
warf er sich gewiß auch in seine besten Gewänder. Alsdann 
verließ die Braut das Elternhaus, in einer Sänfte (p''~l"'?N = cpopsTov) 
getragen, auch „Thron" genannt (vgl. oben die Bezeichnung 
„Königin"), beide wohl mit einer Laube von Myrten geschmückt, 
aus der die Braut wie eine liebliche Blume hei-vorstrahlte^^^ 
Daß Mädchen mit Fackeln ihr voranschritten (vgl. faces mqjtiales 
der Römer), erfahren wir bloß aus Matt. 25,1, aber gleichwohl 
ist nicht daran zu zweifeln, wie auch der Umstand, daß ein 
Alabasterkrug mit Wohlgerüchen (]1l:"'''^1D /i:' n^Hl^lJ), der übrigens 
zur ständigen Toilette der vornehmen Damen gehörte (§ 243;, 
und gewiß auch sonstiges Aroma ihren Zug durchduftete (vgl. 
Bd. I, S. 235), nur nebenbei hervortritt, und zwar in der Nach- 
richt, daß in den qualvollen Zeiten der hadrianischen Verfolgung 
auch dieser harmlose Schmuck Gefahr lief, zum Zeichen der 
Trauer unterdrückt zu werden, ebenso wie die Sänfte, doch 
wurden beide wieder freigegeben, wogegen die Brautkränze 
schon nach dem Quietuskriege, die Bräutigamskränze schon nach 
dem Vespasiankriege endgültig abgeschafft wurden; so wurden 
in der Not der punischen Kriege auch in Rom 175 v. Chr. den 
Frauen Purpurgewänder und Wagen verboten ^^^ Das Gefolge 
stellten, abgesehen von der ganzen jüdischen Bevölkerung des 
betreffenden Ortes, die durch Herolde zur Teilnahme aufgefordert 
worden war, die besten Kameraden des Bräutigams, geführt von 
dem Brautbeistande (j'^Zt^ll^' Paranymphios), seinem intimsten 
Freunde, der an diesem Tage überhaupt in den Vordergrund 
tritt ^'^. Sein Abzeichen war wohl ein Myrtenzweig (DIPI 'Pt^* "12, 
auch ^5Ii'2t^ und J^nD'^^ll^, wovon eben der Paranymphios seinen 
nh. Namen hat), mit dem sich aber auch das sonstige Gefolge, 
Männer und Frauen, schmückten ^^'^. Festlich bewegte sich der 
Zug auf der Straße inmitten der Stadt, während die Sänfte 
ehrenhalber von den Vornehmsten getragen wurde^^^. Loblieder 
wurden zu Ehren der Braut angestimmt, wovon die ganze Feier 
den Namen erhielt (iN/l'pn = Loblied, NCiJTl = upivaia)^^^. Man 
pries (Dt'p, pi^') die Braut als brav und schön, auch wenn das 
Lob nicht ganz wahrheitsgemäß war. Wer es nur tun' konnte, 
hielt es für seine Pflicht, sich dem Hochzeitszuge anzuschließen, 
vor der Braut zu tanzen und ihr Artigkeiten zu sagen. Der 



Hochzeitsgesänge. 30 

fromme König Agrippa mischte sich einst in den Zug-, das 
Studium des Gesetzes durfte unterbrochen werden, wie es tat- 
sächlich die Schüler Juda ben Jllais und des Patriarchen Judal. 
taten; R. Tarphon ließ die Braut sogar ins Haus kommen, durch 
seine ^lütter und Frau baden — also ein wiederholtes Baden, 
wie noch heute bei Arabern — salben und schmücken und von 
seinen Schülern unter Tanz und Gesang bis in die Wohnung 
des Bräutigams geleiten. Angesehene Rabbinen tanzten imd 
sangen, den Myrtenzweig in der Hand, vor der Braut; der eine 
oder der andere nahm sie sogar auf die Schulter und tanzte 
mit ihr^^^ Manchmal saß auch die Braut hoch zu Roß oder 
auf einem Elephanten"^^'\ 

Ein Fragment eines dichterischen Zurufes an die Braut hat 
sich noch erhalten: „Der Schminke, der Salbe, des Fucus bedarf 
sie nicht, die anmutige Gazelle" ^^'^. Dafür gab es aber auch 
Neckereien, und die Menge, die dem Hochzeitszuge folgte oder 
zusah, übte ihre Kritik an dem neuvermählten Paare. War der 
Jüngling schön und die Braut häßlich und verhaßt, so zischelten 
die Leute: Dieser Jüngling- geht an diesem Korbe (nt^"";::: ver- 
ächtlich für Sänfte) zugrunde; war die Braut schön und der 
Mann häßlich und zwerghaft, sagte das Volk: Die Braut geht 
an diesem Manne zugrunde ^^^. Ähnlich ist die Neckerei mit 
zwei Bibelversen (NiJD und N-sIc), von denen der eine das Lob, 
der andere die Schmach des Weibes verkündet^"'^ 

Auf dem Wege zum Hochzeitshause ließ man mit Wein 
und Ol gefüllte Gefäße ausströmen, und man warf Nüsse und 
geröstete Ähren umher; letzteres, von symbolischer Natur, unter- 
blieb bei einer Witwe. Mit einem vorangetragenen Faß Wein 
symbolisierte man den Charakter der Braut, ob Jungfrau oder 
Witwe. Nur bei der Hochzeit einer Jungfrau war es ferner in 
Babylonien Sitte, daß auch die Gesetzesjünger, die dem Zuge als 
Gäste anwohnten, sich das Haupthaar reichlich mit Ol salbten. 
Mit der Gerste im Blumentopfe wurde auf die erhoffte Frucht- 
barkeit der Ehe angespielt. Li gewissen Orten trug man den 
Brautleuten ein Hühnerpaar voran. Jene bei der Geburt ge- 
pflanzten Bäume (oben S. 8) wurden gefällt und aus dem Holze 
das Brautbett gezimmert^^^. 

Die Musik, von der in Verknüpfung mit der Hochzeit so 



40 Hochzeitsmusik. 

Ott die Rede ist, ist diejenige des Hocbzeitszuges, nicht etwa 
die im Hause des Bräutigams. Man spielte auf der Flöte, Harte 
und Zither, auch auf Kastagnetten und Pauken, deren Töne sich 
zu einer Harmonie vereinigten; auch klatschte man in die Hände 
(=^I2 '^i*/!»*). Eine metallene Schelle (D1TX = aes-m) wurde seit 
dem vespasianischen Kriege (vgl. oben) abgeschafft, vermutlich, 
weil sie stark an römisches Wesen erinnerte. Das alles zusammen 
ergab die Melodien (j"'L}1Ci^ = [jL£}i(j{j.aira) von Bräutigam und Braut. 
Zum instrumentalen Gesang gesellte sich das Jauchzen und 
Singen des Gefolges ^^^. Besonders dem weiblichen Geschlechte 
war der Zug eine Belustigung; nach dem Sprichwort läuft die 
sechzigjährige Matrone gerade so behende zum Paukenschall 
wie das sechsjährige MädeP^"^. Die Tänze (p"l1p~l) wurden in 
unglaublich vielen Weisen und von beiden Geschlechtern aus- 
geführt, und so wollte die Freude und Lustbarkeit (pHü^', m^sDilt^D) 
gar kein Ende nehmen'^^^, bis man in das Hochzeitshaus (r\^2 

n^jnn, nntr'?^ r^^z, n^in n^n, ^'7^bn ^2, «j^ü ^2) gekommen 226_ 

Der Vater pflegte, wenn sein Haus zu enge w^ar, oder 
auch aus bloßer Aufmerksamkeit, seinem neuvermählten Sohne 
einen eigenen, leicht gebauten Trakt in seinem Hause anzmveisen 
(Bd. I, S. 44). Wir erfahren daraus, daß dei* Neuvermählte in 
sein väterliches Haus zog, das er einst wohl besitzen sollte, nicht 
in das seines SchAvähers. Denjenigen Teil des Hauses, den ihm 
der Vater angewiesen, besitzt er bereits von der Stunde an, d. h. 
die Aufteilung des Familienhauses beginnt, sobald einer der 
Söhne heiratet. Dieser besondere Raum war der Schauplatz 
des Hochzeitsmahles, desjenigen Moments der Hochzeit, das die 
höchste Stufe der Freude ausmachte. In vornehmen Häusern 
diente das Triklinium (Bd. I, S. 49) dazu, selbst wenn das Brautge- 
mach im Schlafzimmer aufgestellt wurde. Es Avar zuweilen nötig. 
Tische von ander^värts sich zu holen. Den starken Brot- und 
Fleischverbrauch beim Hochzeitsmahle konnten Avir schon früher 
beobachten (Bd. I, S. 105, 108). Zum zweiten Sabbat empfing der 
Neuvermählte den Besuch des SchAvähers und seines Hauses, 
so daß nun die Gastereien im Speisesaal aa^oM von neuem 
anfingen ^^^. 

Das Hochzeitsmahl (jnn rniyo) Avar mehr als bloße Be- 
lustigung, es war eine religiöse Satzung. Wahrscheinlich nahm 



Hochzeitsgäste. ^\ 

das ganze Gefolge daran teil. Die Teilnehmer heißen Hochzeits- 
gäste (aramäisch NOj: "'jI, griechisch uloi toü vu[X(pc5voc), und nament- 
lich durfte der frühereParanymphios, der in demselben Orte wohnte, 
auch zu der neuen Hochzeit ohne weiteres erscheinen. Doch hören 
wir, daß spezielle Einladungen dazu ergingen, die wohl von allen 
Mitgliedern der Gemeinde gern angenommen wurden. Nur die 
Jerusalem er waren auch hierin, wie in vielen andern Stücken, 
etwas zurückhaltend. Klassenunterschiede zeigten sich abermals; 
Kabbi z. B. lud zur Hochzeit seines Sohnes Simeon nur die Gelehrten 
ein^^^. Lichter brannten auch jetzt^^^, und gewiß wurde in 
Leckerbissen und Tafelgeschirr das Beste geleistet. Den obersten 
Sitz nahm der Bräutigam ein, während die Braut beim Essen 
schamhaft sich abseits wandte ^^^. Das Mahl wurde, wenn Rabbinen 
anwesend waren, gewiß von ihren Aussprüchen belebt ; aber 
auch sie lauschten aufmerksam spaßigen Fabeln und Schwänken, 
um so mehr die Laien ^^^ Man trank sich betrunken ^^^. Man 
mußte darum sowohl die Kosten des Mahles als die Unterhaltung 
einzudämmen suchen. Ein Lehrer gebrauchte hierzu das Mittel, 
ein kostbares Gefäß zu zerbrechen, ein anderer sang statt eines 
Hochzeitsliedes eine Totenklage. Oft wurden Stücke des Hohen- 
liedes gesungen, sehr zum Arger der Gelehrten, die ein biblisches 
Buch nicht mißbrauchen lassen mochten; sie unterließen es nicht, 
auch den Hochzeitsschmaus mit erbaulichen Betrachtungen zu 
verfolgen ^^^. Vorschrift war es, daß die hochzeitlichen Gelage 
sieben Tage andauern sollen, wobei die Voraussetzung die w^ar 
— wie übrigens auch im Trauerhause (w. u.) — daß stets neue 
Gäste kommen, während welcher Zeit auch die Benediktionen 
stets gesprochen wurden, doch ließ man sichs bei Witwen mit drei 
und sogar einem Tag begnügen ^^'K Die rabbinischen Quellen be- 
richten uns naturgemäß rabbinische Sitten; wie es beim gemeinen 
Mann zuging, wissen wir nicht, vermutlich nur noch lustiger. 
Ein' Teil jenes pomphaften Brautzuges wird in Babylonien in 
Wegfall gekommen sein^^^. 

Die großen Kosten ließen es erwünscht erscheinen, wenn 
sich die Gäste mit Geschenken einstellten ^^^. Selbst der Para- 
nymphios mußte darauf rechnen, daß bei gegebenem Anlasse 
sich sein Freund revanchieren würde, und dieses sein An- 
recht war sogar klagbar ^^^ Auch der Bräutigam wartet dem 



42 Brautgemach. 

Schwiegervater g'leich am Tage uacli der VerlobuDg mit Ge- 
sclienken (Hul^^ID = toc (7U[j-j3o>.a, arrha sponsuliüa) auf, die manch- 
mal enorme Summen repräsentierten; wiji' hören einmal von 
hundert Wagen mit Wein- und Olkrügen, mit Gold- und Silber- 
geräten und Gewändern aus Melotewolle. Der zärtliche Mann 
ist in diesen Geschenken sogar erfinderisch; so z. B. sendet er 
schon Pfingsten neuen Wein, neues Ol, neues Flachszeug, was 
freilich nur in Palästina möglich ist^^^. Dafür speist der Schwieger- 
sohn manchmal im Hause des Schwiegervaters ^^^. Kommt die 
Ehe zum Abschlüsse, behalten beide Parteien das Ihrige; zer- 
schlägt sich aber die Partie, was zu geschehen pflegt, wenn 
an dem Weibe eine Krankheit oder sonst etwas Abstoßendes 
(S. 33) bemerkt wird, so können nicht vergängliche Geschenke 
selbst gerichtlich zurückgefordert werden ^'^°. Gegenseitige Auf- 
merksamkeiten zwischen Bräutigam und Schwiegervater waren 
wohl bis zum letzten Akte der Hochzeit, bis zum Hochzeits- 
mahle, in Gang. 

122. Das Brautgemach. Eine Weile noch vor dem 
Hochzeitsmahl wurden die Brautleute in das Brautzelt geführt, 
und man überließ Braut und Bräutigam zu einem tete ä tete 
(~M^ = vereinzeln) sich selbst; der Bräutigam sollte dadurch 
sich mit seiner Braut vertraut machen und die Herrschaft über 
ihre angeborene Schamhaftigkeit gewinnen ^^^ So verfuhr man 
wenigstens in Judäa, nicht aber in Galiläa. Ebenfalls vor Ein- 
führung in das Brautzelt wurde in Judäa, nicht aber in Galiäa, 
das Brautpaar hygienisch untersucht (u^*Ö*^'5) ^'^^. 

Das Brautgemach (bh. und nh. n^Pi von f]?n, vgl. miptiae 
von nubere) ist wahrscheinlich ein Zelt oder Baldachin, wie 
die bei seiner Verfertigung gebrauchten Tätigkeitswörter ver- 
muten lassen. Es ist die Stätte des vertraulichen Verkehrs 
zwischen den Brautleuten vor und des ehelichen Verkehrs 
zwischen ihnen nach dem Hochzeitsmahl. Als Stätte des Voll- 
zuges der Ehe gibt sie der ganzen Hochzeit den Namen — man 
sagt z. B. die sieben Tage der Chuppa — und findet Erwähnung 
im Segensspruch. Obzwar von Haus aus durchaus nicht jüdische 
Spezialität, ist sie mit der Zeit das Charakteristikum der jüdi- 
schen Ehe geworden, jedoch unter Einbuße ihres ursprüngliclieu 
Charakters als Ehegemach^^^. Wie ein anderes Zelt, war auch 



Mitgift. 43 

die Cliuppa mit teuren Stoffen, und zwar gewöhnlich durchaus 
mit weißem Linnen behangen, das aber mit Goldfäden gewirkt 
und mit vergoldetem Purpur gesclmiückt war; von der Decke 
hingen Früchte herunter ^^^. Die Sprache ergeht sich in poeti- 
schen Bezeichnungen für sie; außer PiDln schlechthin heißt sie 
auch „Zelt der Bräutigame" (CJinn PC'"), „Zelt der Jugend" 
(Cmv'j nein}, „Himmelbett der Bräutigame" (C'':nn n^^r) und 

Dorthin begibt sich das Brautpaar nach vollendetem Mahle. 
Die Brautführer, besonders der eine oberste Vertrauensmann 
des Bräutigams, der Paranymphios, schlafen als Zeugen m dem- 
selben Hause, weshalb denn eine Verirrung der Braut mit einem 
von ihnen, besonders mit dem Paranymphios, nicht ausgeschlossen 
ist, die aber immer als oberste Stufe der Verworfenheit gebrand- 
markt Avird'^'^^ Mit dem Momente, da der junge Ehegemahl 
nicht auf laesae virfjinitatis (C/^n^ rijTC) zu klagen hatte, kann 
die Ehe als normale und glückliche angesehen werden, und 
die Hochzeit findet ihren Abschluß ^'*^. 

123. Die Stellung der Frau. Die Verheiratung einer 
Tochter verursacht dem Vater, trotz der vom Manne gegebenen 
Gegengeschenke (S. 42), beträchtliche Kosten (mN''S*''), und wie 
ein Stoßseufzer hören sich an seine an die Tochter beim An- 
tritt des Lebensweges gerichteten Worte: „Geb's Gott, daß du 
hierher nicht zurückkomm st I"^"^"^ Der Vater gibt nämlich der 
Tochter Mitgift (bh. ("J, aram. {^^Jllj, lat. dos) mit, und zwar 
mindestens bOsu^ (Abschn.VHI); er muß sie jedoch, wenn es seine 
Mittel erlauben, auch mit mehr ausstatten (d:1D), eben ihrem 
Range ("12Z) gemäß ^'^^. Der Stolz der Familie verlangt es auch, 
daß die von der Frau in die Ehe gebrachten Sklaven nicht ver- 
äußert werden, „denn darin besteht der Ruhm ihres Vaterhauses "^'^^. 
Jene Mitgift oder das Eingebrachte der Frau bestand nämlich 
in ' alter Zeit teils aus Sklaven teils aus Grundeigentum, wie die 
nächstfolgenden Termini bcAveisen, und nur zum geringen Teile 
aus beweglichen Gütern; dieses ihr Eingebrachtes, zusammen 
mit dem, was ihr in der Ehe als Erbschaft oder als Geschenk 
zufällt, heißt :^bD ^Dr: oder :5l^^ nzy „Güter" (oder „Sklaven") 
der Nutznießung, die nämlich den Besitz der Frau bilden und 
von denen dem Manne nur die Nutznießung zusteht, wogegen 



44 Kethübbä. 

er für diese iiieht verantwortlich ist; anders das ihr vom 
Manne verschriebene Heiratsgnt (w. u.), über das der Mann frei 
verfügt, für das er jedoch verantwortlich ist, und das eben 
darum ^P.Z )N*^* ^D2: (oder '2 ":^ ^"CV) „Güter" (oder „Sklaven") 
des eisernen Viehes (d. i. des eisernen Bestandes) heißt^^*^. 

Das syrisch-römische Rechtsbuch hebt hervor, daß ein Unter- 
schied bestehe zwischen den Ländern des Westens, in denen 
die Ehe mit einfacher Aussprache (7:app'r](7ia, d. i. mündlich, 
vgl. nh. N''Dm~;s), und den Ländern des Ostens, in denen die 
Ehe durch Schriften zwischen Weib und Mann, welche cpspvai 
heißen, geschlossen werde. Das der Frau darin verschriebene 
Gut heißt gleichfalls ospv/), das der Mann durch Geschenke 
(Bcopsai) vermehren kann. Schon in den Gesetzen Hammurabis 
verschreibt der Mann seiner Gattin schriftlich eine Gabe. Diese 
Pflichtgabe nun samt den Geschenken heißt auch in den rab- 
binischen Quellen genau so J<j"n? und pj"l?"jD = Tuapdccpspvai d. i. 
Zugaben zum Heiratsgut, wogegen das Schriftstück selbst, 
das von den ältesten Zeiten an bis auf den heutigen Tag immer 
nur aramäisch abgefaßt wird, den biblisch-aramäischen Namen 
Kethäbä {Ti2r}2) führt, eine Form, die im Laufe der Zeiten der 
Form nzinr Kcthühbä gewichen ist ; in jüdisch-griechischen Kreisen 
sagte man GUfypoLO'i] (d. i. „Verschreibung") und D^pD''/::^ = 
ya\LiGY.6c, (d. i. Heiratsurkunde) dafür^^^ Das Heiratsinstrument 
ist, wie ausdrücklich zugestanden wird, keine mosaische Insti- 
tution, sondern rabbinische Vorschrift, in der wir nun das Volks- 
recht des ganzen Orients erblicken können. Ohne Ketlmbhä, 
oder auch nur wenn die vorgeschriebene Summe nicht erreicht 
war, gibt es im Judentum kein rechtliches Eheleben; diese 
scharfe Betonung verfolgt den Zweck, dem Manne die Entlassung 
der Frau wirtschaftlich zu erschwerend^*". Es werden ihr seitens 
des Mannes verschrieben 200 ßti^, wenn sie als Jungfrau, 100 
^u^, wenn sie als Witwe die Ehe einging; doch ist das nur das 
Minimum, ein Mehr ist nicht ausgeschlossen, und es wird uns 
berichtet, daß priesterliche Familien, die Aristokratie des Volkes, 
400 ^u^ zu verschreiben pflegten^^^ Außerdem vermehrt der 
Mann die Mitgift seiner Frau um 50 % ("ZinD P^Din), wenn er 
will auch um mehr, so daß in späteren Zeiten unter diesem 
Titel einfach 100% eingeschrieben werden. Dieses Heiratsgut 



Arbeiten der Frau. 45^ 

(donatio propter nuptias) verbleibt der Frau unbedingt, wenn 
sich die Ehe entweder durch Ehescheidung oder den Tod des 
Mannes auflöst, woraus allein schon eine gewisse Selbstherr- 
lichkeit der Frau gegenüber dem Manne folgt, und sie ist be- 
rechtigt, dieses ihr „eisernes" Kapital von allen erreichbaren 
Gütern des Mannes und von allen Erbberechtigten einzutreiben ^^^. 
Nicht von Rechts wegen, aber in notwendiger psychologischer 
Folge, erleichtert sich die Frau ihr Los auch dann, wenn sie, 
wie bereits angedeutet, aus reichem Hause geholt noch sonstige 
Güter, z. B. Mägde, in das Haus des Mannes bringt. 

Die Misna lehrt: „Folgende Arbeiten hat die Frau für den 
Mann zu verrichten: sie mahlt (Bd. I, S. 96), bäckt (S. 93), wäscht 
(S. 155), kocht (S. 122), säugt ihr Kind (Bd. 11, S. 9), richtet das Bett 
zurecht (Bd. 1, S. 64) und arbeitet in Wolle (spinnt usw. S. 148); 
bringt sie ihm eine Sklavin ins Haus, mahlt, bäckt und wäscht 
sie nicht; briogt sie deren zwei, kocht sie nicht und säugt ihr Kind 
nicht-, bringt sie deren drei, braucht sie das Bett ihm nicht zu richten 
und nicht in Wolle zu arbeiten; bringt sie deren vier, kann sie im 
Lehnstuhl sitzen. R. Eliezer meint, selbst wenn sie ihm hundert 
Sklavinnen ins Haus bringt, kann er sie zwingen in Wolle zu 
arbeiten, denn der Müßiggang verleitet sie zu Unzucht. R. 
Simeon b. Gamliel meint, auch derjenige, der seiner Frau durch 
ein Gelübde die Arbeit untersagt, kann schon die Kethühhä aus- 
zahlen (muß sie entlassen), denn der Müßiggang ruft Ver- 
wirrtheit hervor" ^^^. In der Erläuterung dazu wird konstatiert, 
daß diese Auffassung von den Pflichten der Frau im Wider- 
spruche stehe mit folgenden Aussprüchen: „Das Weib ist nur 
da um seiner Schönheit wegen; das Weib ist nur da, um 
Kinder zu. gebären; das Weib ist nur da, weiblichen Schmuck 
zu tragen" (vgl. Bd I, S. 198). Unleugbar kommen echt orienta- 
lische Anschauungen in diesen Sätzen zum Ausdrucke, und 
schwerlich wurden jene Forderungen der Misna strikte ein- 
gehalten, so daß wir hier wie überhaupt im ganzen rabbi- 
nischen Schrifttum die ethische Seite und das wirkliche Leben, 
als der Frau überaus günstig, unterscheiden müssen von den 
rechtlichen Festsetzungen, die allerdings die Frau in vielem 
Betracht dem Manne unterordnen. Gleichwohl fehlt selbst in 
rechtlicher Hinsicht die Forderung, daß die Frau z. B. die 



46 Forderungen der Frau. 

SO sclnvereu Feldarbeiten verrichten müsse, wie es bei vielen 
V()lkern der Fall war und noch heute ist. Im praktischen 
Leben freilich finden Avir viele jüdische Frauen, besonders die 
vom niederen Stande, bei der Feldarbeit^^^. Das von der Frau 
in der Ehe durch Handarbeit Erworbene gehört dem Manne; 
dafür alimentiert er sie, gibt ihr Wohnung, Kleidung und 
Arznei ^^^ Das Leben war schwer genug, um sämtliche Seiten 
der Erhaltung der Frau erwägen zu müssen. Manche Frauen 
beanspruchten außer Kost auch Wein (vielleicht nur als Zu- 
gabe zu Fleischspeisen), Seidenkleider und Schminken ^^2. In 
bezug der pflichtgemäßen Erhaltung gibt es genaue Bestim- 
mungen bezüglich der Speisen, des Bettes und der Kleidung, 
weniger bezüglich der Wohnung, doch wird das alles hinfällig 
durch die Bemerkung, daß es nur für den Ärmsten in Israel 
gelte, während der Angesehene in Gemäßheit seines Ranges 
("IDD S. 43) geben müsse ^^^. 

Der Mann soll die Frau lieben wie sich selbst und ehren 
(153), d. i. mit Kleidern und Schmuck versehen, mehr als sich 
selbst. Der Mann identifiziert sich mit seiner Frau im Punkte 
der Ehre, duldet ihre Herabwürdigung nicht, und will z. B. auch 
nicht, daß sie in einem Prozesse zu Schanden komme ^^*. Speise 
und Trank, Kleider und Schmuck gebühren der Frau in reichem 
Maße^^^. Der Mann will den Körper seiner Frau jugendlich frisch 
erhalten (vgl. Bd. I, S. 199), und ein gleiches tut der Vater mit 
seiner Tochter; die Orientalen lieben eben die Frauen üppig ^'^^. 
Die Frau muß sich dem Manne zuliebe schmücken; manchmal, 
z. B. Rivalinnen gegenüber, hat sie besonderen Grund, sich auf 
Verschönerungskünste zu werfen, um sich die Liebe des Mannes 
zu sichern ^^^ Daß die Frau dem Manne nicht zuwider werde 
und ihm nicht entstellt vorkomme (H'py^ ^V n^:inM) — darauf 
zu achten ist ebenso Pflicht der Behörden wie eine Maßregel 
der Klugheit seitens der Frau^^^. Wegen Mangel an Nahrung, 
Kleidung und Schmuck sind die Frauen zuweilen unzufrieden, 
fluchen und schelten, klagen ("PV h2p) bei den Nachbarn und 
zitieren den Mann sogar vor Gericht ^^^. Die Frau hatte auch 
ihren eignen Willen im Punkte des Aufenthaltsortes, der Wohnung, 
des Ausganges und der Besuche; namentlich sah es der Mann 
nicht gerne, wenn die Frau allzu oft ins elterliche Haus lief — 



Frauencharakter. 47 

der erste Feiertag nach der Hochzeit pflegte ohnedies im elter- 
h'chen Haus gefeiert zu werden — und suchte es ihr zu wehren; 
mehr tyrannisch sieht es aus, wenn er ihr das Erscheinen in 
Trauer- und Hochzeitshäusern verbieten will, wobei er sich 
allerdings darauf ausreden kann, daß er sie vor Fehltritt bewahrt 
wissen möchte; aus demselben Grunde wird ihm auch behördlich 
eingeräumt, ihr das öftere Ausgehen zu verbieten ^"^. Durch das 
Verbot des Essens irgend einer bestimmten Fruchtsorte soll wohl 
eine Geduldprobe erreicht werden, wie sie selbst von Neuver- 
mählten und gerade von diesen mit einer gewissen Logik ihren 
Frauen auferlegt wurde ^^^^ wogegen das Verbot des Tragens 
von gewissen Schmucksachen psychologisch darauf abzielt, die 
Prahlsucht der Frauen ihren Genossinnen gegenüber einzu- 
schränken^^^. 

Wir lernen daraus manche Züge der Frau kennen. Jene, 
die auf oifener Straße mit ihrem Schmuck prahlten (vgl. Bd. I, 
S. 184), sind die Hochmütigen (PVjliMli'), die den Kopf hoch 
tragen und ihre Genossinnen herunterkriegen möchten; durch 
vieles Ausgehen bekommt manche Frau den Namen „Herum- 
läuferin" (n'':iXüT') oder „Pflastertreterin" (r^jD"lD). Die Frauen 
sind schausüchtig, horchsüchtig, schwatzhaft, neidisch, strecken 
nach allem die Hand aus, entwenden auch manch fremdes Gut und 
sind diebisch; sie sind ferner genäschig, gefräßig (nVj"lji:i), faul, 
zanksüchtig, rechthaberisch und leichtfertig (m'^p). All diesen 
Lastern entgeht die im Hause sittsam und bescheiden (m>?1jH) 
ihres Amtes waltende Frau, und dies zu tun, wurde von jeder 
israelitischen Frau gefordert^'-^. 

Im allgemeinen gibt es eine gute und eine böse Frau 
{n2yo nti'N, nyn nr^N); so manche wird geradezu die Böse (nVl^n) 
genannt. R. Meir hatte die vortreffliche Berurja zur Frau, aber 
auch die kam zu Falle. R. Jose der Galiläer hatte eine böse Frau. 
Der ' große Amoräer Rab wurde von seiner Frau schlecht be- 
handelt; wollte er Linsen essen, kochte sie ihm gewiß Erbsen 
und umgekehrt, so daß sein Sohn, als er erwachsen war, 
klugerweise der Mutter gleich das Umgekehrte dessen angab, 
was der Vater haben wollte. Sein Onkel R. Chijja wurde gleich- 
falls schlecht von der Frau behandelt; als er nun eines Tages 
Gelegenheit hatte, ihr ein Geschenk zu machen, das er ihr in 



48 Böses Weib. 

ein Tuch gebunden überreichte, machte Kab die Bemerkung: 
Wozu das? Sie quält dich doch so sehr! Worauf die Antwort: 
Wir müssen froh sein, daß sie unsere Kinder erziehen und uns 
vor Sünde (des bösen Triebes) bewahren. Als böses Weib galt 
eines, das zwar den Tisch „ordnet", aber auch den Mund „ordnet", 
nämlich zum Fluch und Gekreisch. Mit einem bösen Weibe 
zusammenwohnen heißt mit einer Schlange in demselben Korbe 
hausen. Ein böses Weib jage man fort. Man strafe sie nicht 
durch Prügel, sondern durch eine Rivalin. Ein böses Weib ist 
schlimmer als der Tod, wie schon der biblische Prediger sagt 
(Kohel. 7,26, N*ii1D vgl. S. 39)^^^^. Die Frauen, namentlich die 
alten, wurden allgemein beschuldigt, Hexerei zu üben und in Aus- 
übung dieser Kunst zu räuchern (Bd. I, S. 237); „je mehr Frauen, 
je mehr Hexerei", lautet ein alter Spruch ^^^^. Nach Beschaffen- 
heit unserer Quellen muß natürlich auch das religiös-gesetzliche 
Moment hervortreten; vgl. die Scheu vor der Verbindung mit 
der Tochter des Bauern (S. 32), und noch stärker ist das Miß- 
verhältnis, wenn der Mann zur Klasse der Chaherim gehört, die 
Frau aber nicht ^^^^. Von dieser Seite kann allerdings von der 
jüdischen Frau wenig die Rede sein, da sie von einer ganzen 
Kategorie der Gebote dispensiert ist, worin eine nicht zu ver- 
kennende Mißachtung der Frau Hegt, aber auch hierin kam man, 
gewissermaßen aus Höflichkeit, den Frauen entgegen, um ihnen 
nämlich, wie man sagte, ein Vergnügen zu machen ^'^*^. Gleich- 
wohl finden sich Beispiele, daß Frauen nicht nur die religiösen 
Gebote ausübten, sondern sich auch in der Schriftgelahrtheit 
hervortaten ^^^®. 

Vom Weibe wurde nicht nur verlangt, daß es den ver- 
hängnisvollen Schritt, der einen Ehebruch involviert, nicht tue, 
sondern eine weitgehende Ehrbarkeit und Züchtigkeit, hebräisch 
myji»*, ein Wort, das viel mehr umfaßt, als das Äquivalent 
unserer Sprache, das wir etwa dafür setzen; der Gegensatz 
davon ist n'iii''~!D „Ungebundenheit", das jedes Abweichen von 
der jüdischen Sitte in sich schließt. Es gehört zum Wesen des 
jüdischen Weibes, züchtig zu sein. Die Züchtigkeit ist das 
Zeichen des Adels und der Reinheit. So empfahl ein Vater 
seinen Töchtern: Seid züchtig vor euren Männern. Eßt nicht 
Brot in Gegenwart eurer Männer, eßt nicht Grünzeug des Nachts, 



Behandlung der Frau. ^9 

auch nicht Datteln^ und zum Abtritt geht nicht dorthin^ wo eure 
Männer abtreten; ruft jemand an der Türe, sprecht nicht: quis est,. 
sondern qiiae est. Ähnliche weitgehende Forderungen der Züchtig- 
keit finden sich in imseren Quellen in Menge ^"^*. Viele schöne 
Züge werden berichtet von den edlen Frauen (mip"" D^^j) zu 
Jerusalem, darunter, daß sie den Armen und Schriftgelehrten 
Speisen verabreichten. In Babylonien galten die Frauen für 
klug; die Machuzanerinnen arbeiteten nicht; ihre Männer waren 
reich und sahen ihren Frauen manches nach^^^^. 

Die Behandlung der Frau seitens des Manaes hängt viel- 
fach davon ab, welche Gesichtspunkte bei der Heirat vorwalten. 
Einer heiratet des Geldes, der andere der Sinnlichkeit, der dritte 
der Vermehrung seines Ansehens wegen, wo doch das Richtige 
wäre, mit der Ehe die Wahrung der ewigen Gesetze der Natur 
und Gottes zu verbinden ^^*. Es gab sogar Unbeholfene und 
niedrig Denkende, die davon leben wollten, was ihre Frau durch 
Handarbeit, Gewerbe oder Handel verdienen würde. In solchen 
Ehen wohl kam es vor, daß die Frau schwere Lasten trug und 
auch geprügelt wurde. Mitunter „verdiente" (nn^'V) die Frau 
für den Mann zwei-, drei- und vierfach zu gleicher Zeit; dieser 
kasuistisch zugespitzte Fall wird dahin erklärt, daß sie zu 
gleicher Zeit ein Gurkenfeld hütet, Flachs spinnt, Frauen gegen 
Bezahlung im Gesang unterrichtet und im Schoß Hühner- oder 
Seidenraupeneier ausbrütet ^^^ Geradezu verworfen ist es, wenn 
der Mann mit der stillen Absicht heiratet, die Frau zu verab- 
schiedend^*^. 

Wie niedrig es nun ist, wenn der Manu durch die Frau 
emporkommen will, so natürlich ist es, daß die Frau das Empor- 
kommen des Mannes teilt. Es heißt: „Sie steigt mit ihm, aber 
sie sinkt nicht mit ihm." In diesem Betracht ist merkwürdig 
die Sprechweise zweier Städte in Babylonien; in Sura sagte man, 
der Mann ist so Avie die Frau; in Pumbeditha sagte man, die 
Frau ist so wie der Mann. „Spring herbei und kauf ein Feld, 
doch sachte nimm ein Weib; steige eine Stufe niedriger und 
nimm ein Weib, aber steige eine Stufe höher und wähle dir 
einen Kameraden"^". 

Für die Frau ist der Mann ihr „Herr" (2"l); der Mann 
nennt seine Frau sein „Haus" {rP2, oft aram. inn''D"!), zärtlich 

Krauß, Talm. Arch. II 4 



50 Ehescheidung. 

auch soiut^ Tochter. Wie der Mann der H(U'r des Feldes, so 
die Frau die Herrin des Hauses (vgl, röiniseh äomina und den 
Eigennamen Martha). Besonders in der Speisung des Hauses 
waltet sie eigenmächtig, und sie ist es, die auch ohne AYissen 
des Mannes den Armen Almosen gibt; die Frauen sind el)en 

gutherzig (nv:^:-"!)^'^ 

124. Die Ehescheidung. Die Umstände, unter denen 
das talmudische Gesetz die Scheidung zuläßt, waren schon früh 
Gegenstand der Erörterung. Die Schule Schammais lehrte, man 
dürfe die Frau nur dann „vertreiben" (li'i:}), wenn man an ihr 
etwas sittlich Anstößiges gefunden; die Schule Hillels dagegen, 
nach der sich übrigens die Praxis richtet, stellte den scheinbar 
frivolen Satz auf, daß der Mann sie vertreiben dürfe, wxnn sie nur 
sein Gericht hat anbrennen lassen; noch frivoler klingt R. Akibas 
Satz, daß er es tun dürfe, auch wenn er nur eine schönere Frau 
gefunden, und gleichwohl spricht der Wortlaut der Schrift für 
ihn: „wenn sie keine Gunst in seinen Augen gefunden'^ (]n 
„Gunst" ist die Gunst der Schönheit). Nach all dem, wie sich 
der Orientale seine Frau wünscht (S. 46), ist die Schönheit als 
Grund wie der Heirat, so auch der Scheidung recht verständlich, 
und der so sehr verfängliche Umstand, daß „er eine schönere 
gefunden", war und ist unleugbar häufiger ein Grund der 
Scheidung, als die Verlogenheit der neueren Zeit es zuzugeben 
für gut findet. 

Aber auch die im häuslichen Leben und gerade im ein- 
fachen und rationellen Haushalte so sehr wichtige Leistung der 
Frau, die Zubereitung der Speisen, die wir als eine der obersten 
Pflichten des Weibes schon kennen (Bd. I, S. 122), kann unleugbar 
mit gutem Recht als Scheidungsgrund figurieren, denn darin 
gibt sich nicht so sehr die Fähigkeit des Weibes, wie in unseren 
Zeiten, kund, sondern die Achtung gegen den Mann, von der 
ein Mann der primitiven Verhältnisse und besonders ein Orientale 
nicht absehen kann. Daß das Weib über den Mann herrsche, 
galt für unerträglich; ein solcher schreit vergeblich (d. h. es 
geschieht ihm recht) ^^^. Nach Philo und Josephus kann die 
Scheidung aus welcher Ursache immer erfolgen ^^^. Dennoch 
aber ist für unser Gefühl ein Vergehen gegen die Sittlichkeit 
dasjenige Moment, das am meisten zur Scheidung berechtigt. 



Fehltritte. ^i 

Anläßlich der Definition dieser Art Vergehen gewinnen 
wir einen Einblick in das altjüdische Familienleben. So wie es 
Ansichten gibt in der Speise — so sagte man — so gibt es 
Ansichten auch hinsichtlich der Frau. Da gibt es Leute^ die 
den Becher nicht trinken, in den eine Fliege gefallen, trotzdem 
dieselbe hinausgeworfen wurde. Dann gibt es Leute, die die 
Fliege hinauswerfen und den Becher trinken; das ist die Art 
aller Leute, die nämlich ihre Frau mit ihren Brüdern und Ver- 
wandten sprechen lassen. Ein andrer saugt die Fliege sogar 
aus und verspeist sie; das ist die Art eines schlechten Menschen, 
der da sieht, daß seine Frau ausgeht mit entblößtem Kopf 
(vgl. Bd. I, S. 195), daß sie auf der Straße spinnt, während ihre Ober- 
arme unbekleidet sind, auch badet sie mit den Leuten — eine 
solche soll im Sinne der Thora entlassen werden, weil der Be- 
gritf „Anstößiges'^ (1Z1 nnv Dt. 24,1) gegeben ist. Ein solches 
Weib ins Haus zu nehmen, bringt dem zweiten Manne den Tod^^^ 

Den Fehltritt einer Frau erklärte man sich psychologisch: 
vieles macht der Wein, vieles das Flirten (pini:' vgl. S. 25), 
vieles die Leidenschaftlichkeit der Jugend, vieles auch die bösen 
Nachbarn (d. i. das böse Beispiel) ^^^. Die MännerAvelt stellt ihr 
nach (]n"'inx P-IID) und alsbald kommt sie in Verruf^^^ Die 
Aufführung der Frau erregt sittlichen Anstoß, wenn sie sich 
über die Sitte (n"l vgl. S. 35) Mosis und die jüdische Sitte 
hinwegsetzt ; zur ersteren Kategorie gehört, wenn sie dem Manne 
Unverzehntetes zu essen gibt, wenn sie als Nitida {rnT\ p T\12^ 
ist der größte Schimpf, vgl. S. 31) sich ihm hingibt, wenn sie 
die Teighebe nicht abhebt (s. bei der Wöchnerin o. S. 5) und 
wenn sie ihr Gelübde nicht hält; das jüdische, d. i. das 
rabbinische Gesetz, übertritt sie, wenn sie entblößten Hauptes 
ausgeht, auf der Straße spinnt und mit jedermann spricht (oben 
und Bd. I, S. 148); nach andern auch, Avenn sie in des Mannes Bei- 
sein seinen Eltern flucht, ferner wenn sie allzu lärmend ist^^"*. 

Ganz frei von sittlichen Vergehungen war auch die jüdische 
Gesellschaft nicht, aber um so mehr wachten die Führer des 
Volkes. Im Neuen Testament, das für unsre Zeit beweiskräftig 
ist, wird oft von öffentlichen Dirnen und ehebrecherischen Frauen 
gesprochen, und namentlich waren in Galiläa auch nach 

talmudischen Berichten die Sitten lax^^^. In den Städten ging 

4* 



52 Ausschreitungen. 

OS natürlich är^(M- zu als auf dvm Laude •^^^. Oft höreu wir die 
Kla^i^e. daß sieli die EheluMT(Mi mit Mägden eiulicßen^^^, aber 
aueh mit luüdnisehen Frauen kommen Vergehuiigen vor^^^. 
Dennoch aber war man sieh des großen Abstandes zwischen 
israeUtischer und heidnischer Gesellschaft wohl bewußt; die 
Heiden galten durchweg für sittenlos — man lebte ja im 
römischen Reich der Kaiserzeit und in der Nähe des üppigen 
Syrien — und höchstens konnte man ihnen das Lob nachsagen, 
daß sie wenigstens ihre Frauen nicht preisgaben ^^^. Was aber 
das jüdische Haus anlangt, so erkannten die Rabbinen, daß die 
meisten Ausschreitungen durch enges Zusammenleben erfolgen, 
auf welches ja auch die verbotenen Ehen (nV"l^ o. S. 29) zurück- 
zuführen sind. So ist die Warnung zu verstehen: Hüte deine 
Frau vor ihrem ersten Schwiegersohn! Ebenso nahe liegt die 
Gefahr, daß sich der Schwäher an der Schwiegertochter ver- 
gehe. Dem wird am besten vorgebeugt, wenn der Neuvermählte 
sein eigenes Haus bezieht (S. 40); keinesfalls aber soll er im 
Hause des Schwiegervaters wohnen. Bei all dem muß man 
wieder an den Zeitpunkt denken, in dem Männer und Weiber 
ihre Ehen schließen (§ 119); die Schwiegermutter kann eine Frau 
von etlichen zwanzig Jahren sein, und der Schwiegersohn in, 
demselben Alter, aber auch jünger. Haß zwischen Schwieger- 
mutter und Schwiegersohn besteht demnach nicht. Wohl aber haßt 
die SchAviegermutter die Schwiegertochter, und es traf sich ein- 
mal, daß sie deren Feuertod verschuldete. Doch kommen auch. 
Beispiele schöner Eintracht zwischen ihnen vor^^^. 

Außer dem eigenen Verschulden der Frau traf sie das 
Mißgeschick, verabschiedet zu werden, wenn sie dem Manne 
nach zehnjähriger Ehe keine Kinder gebar und sich so durch 
ihre Unfruchtbarkeit den Zwecken der Ehe hinderlich erwies ^^^; 
allerdings ein seltener Fall, denn die Erfahrung hatte gelehrt, daß 
die meisten Frauen konzipieren und gebären, daß sie also nicht 
abortieren, vielmehr lebensfähige Kinder zur Welt bringen^^^. Es 
gibt ferner Fälle, wo die Ehegatten von Rechts wegen gezwungen 
werden, ihre Ehe aufzulösen, so z. B. wenn der Mann die ehe- 
brecherische Frau behalten wollte, oder wenn zwischen ihnen 
auch nur ein rabbinisch verbotener Grad von Verwandtschaft 
besteht^^^. Gewöhnlich ist es der Mann, der die Scheidung; 



A 



Scheidebrief. Witwe. 53 

herbeiführt; nur in ganz wenigen Fällen kann auch die Frau 
auf Scheidung dringen ^^^. 

Die Scheidung geschieht mittels eines bereits im Penta- 
teuch vorgesehenen Scheidebriefes (rabbinisch yet lC:i), dessen 
aramäisches Formular (vgl. S. 44) von der talmudischen Zeit an 
bis heute im wesentlichen gleich geblieben ist. Die mannig- 
fachen dabei obwaltenden Bestimmungen finden sich in den 
Kompendien des rabbinischen Gesetzes. Für uns hat es Inter- 
esse zu wissen, daß der Scheidebrief, sobald die Frau davon 
auch gegen ihren Willen und ohne ihr Wissen Besitz genommen, 
die Ehe löst; der Mann kann ihn der Frau durch einen Boten 
übersenden, ihr in den Schoß, in den Korb oder gar in den 
Hof werfen ^^^. Die geschiedene Frau (ni^ll^), wie auch die ver- 
witwete, zog für gewöhnlich in ihr Vaterhaus zurück^^^. Der 
Verkehr zwischen den geschiedenen Ehegatten war durch das 
Religionsgesetz nicht ganz unmöglich gemacht, und so war ihre 
vom biblischen Gesetz vorhergesehene Wiederverheiratung, ein 
Schritt, der von den Rabbinen als edel und verdienstlich gepriesen 
wird, wohl häufig möglich und wurde auch vollzogen^^'. 

125. Witwe und Erbschaft. In der bereits mitgeteilten 
Höhe des Betrages der Ehepakten (S. 4o) wurde schon mit der 
Heirat einer Witwe (mjC'PN) gerechnet. Tatsächlich gelangten die 
Witwen, über deren Sitten übrigens ängstlich gewacht wurde, zu 
einer sehr ehrbaren zweiten Heirat, und es ist für diese Heirat 
in reiferen Jahren bezeichnend, daß erzählt wird, einer habe der 
von ihm heimzuführenden Witwe sein ganzes Vermögen ver- 
schrieben ^^^. Die Schutzlosigkeit der Witwen rief mannigfache 
gesetzliche und noch mehr ethische Bestimmungen hervor, worin 
die jüdische Gesellschaft wahrhaftig mustergültig genannt werden 
kann^^^. Ein Witwer (i^-^N) soll übrigens drei Feste verstreichen 
lassen, bevor er wieder zur Heirat schreitet, es sei denn, daß 
er kinderlos ist oder kleine Kinder hat, in welchem Falle er es 
schon nach sieben Tagen tun darf; doch wird ihm das 
ehrende Andenken der früheren Frau jedenfalls eingeschärft ^'^'^ 
Für die Witwe in jungen Jahren sind andre Beschränkungen 
geltend (s. S. 10). Die häufigen Ehen der Witwen im Judentum 
sind hervorzuheben angesichts der Erscheinung, daß viele 
■primitive und auch vorgeschrittene Völker die Wieder Verheiratung 



54 Sterbostundo. 

einer Witwe verpönten, so z. B. die Römer, denen univira 
gleieli war mit castissima und bei denen selbst das Gesetz die 
secundae tuiptiae bekämpfte, ein Gedanke, der von dem jungen. 
Christentum, wie es scheint, aufgegriffen wurde, und auch bei 
den alten Germanen waren zweite Heiraten nicht gestattet'^^^ 
Im Judentum genossen auch die Waisenkinder (C''?2in^) eines 
weitgehenden Schutzes. Es w^irde ihnen, wie manchmal auch 
den Witwen, ein Vormund (D1DT1L2"'DN = sTUiirpoTuoi;), der Prokurator 
der Römer, beigegeben^^^. Sehr oft w^urden Waisen liebevoll 
in einem verwandten, aber auch in einem nichtverwandten Hause 
erzogen und die Mädchen von bier aus verheiratet^"^. 

Erbverhältnisse gehören in die Sphäre des Rechts und 
können hier nur insofern berührt werden, als sie das Leben 
der jüdischen Gesellschaft kennzeichnen. Gewöhnlich erben nach 
dem Vater seine männlichen Nachkommen, die Mädchen nur in 
beschränktem Maße; Enterbung des ungeratenen Sohnes kommt 
vor. Jemand setzte die Mutter, dann die Tochter zu Erben 
ein: Grund zu großen Verhandlungen'^^^. 

B. Trauerriten. 

126, Der Sterbende. Der Schwerkranke (^D y^^W) be- 
stellte sein Haus namentlich in Erbschaftsangelegenheiten, und 
es gilt der Satz: Die Worte (bloß mündlich gegebene Ver- 
fügungen) des Schwerkranken sind ebenso giltig, als wenn sie 
niedergeschrieben und (die Gegenstände) bereits eingehändigt 
wären"^"^. In der Todesstunde (nn''D PVir) wurden Psalmen und 
wohl auch Gebete rezitiert; die Rabbinen ließen noch in ihrer 
letzten Stunde Worte der Lehre vernehmen, vorausgesetzt, daß 
sie bei Bewußtsein (^W^^ IIPD) starben und nicht wirren Sinnes 
(nV" =^^1''t22) waren"*"^. Wenn die Agonie eintritt, kann man des 
Todes gewärtig sein, denn „die meisten Agonierenden (pODi:!) 
sterben"'^"^ Gleichwohl gilt der Sterbende in jedem Betracht 
für einen Lebenden mit allen Pflichten und Rechten eines 
solchen-, man vermeidet demzufolge jede Handlung, die dem 
eingetretenen Tod zu folgen pflegt; man zerreißt also die Gewänder 
nicht (w. u.), man entblößt die Schultern nicht, hebt keine 
Totenklage an, bringt den Sarg nicht ins Haus und ordnet über- 
haupt nichts an, was auf den Tod Bezug hat. Man darf auch 



Leiche. 55 

keinen Schwerkranken anrühren oder bewegen, denn das 
könnte seinen Tod beschleunigen; er ist, wie das dabei aus- 
gesprochene Gleichnis lautet, wie die noch glimmende Lampe, 
die beim leisesten Windzug verlischt*^^. 

Wie zu allen Zeiten und in jeder menschlichen Gesell- 
schaft fürchtete man den Tod, und das drückt sich am besten 
in den Euphemismen aus, die man für „Sterben" anwandte 
(bh. Vi;, 2211/, aram. Z""!^', ID", nh. i:ODj, p'PnDj); es drückt sich 
jedoch auch in Taten aus*^^. Die Schrecknisse des Todes 
wurden gemildert durch den Glauben an die Ä.uferstehung und 
in positiver Weise durch die Bergung der Leichen in Gräbern, 
was ja am Ende den Wunsch verrät, auch nach dem Tode fort- 
zubestehen"^^^. 

Ist der Tod eingetreten (li'Dj rivS^ü'' oder u^li'J ">), was man 
durch geeignete Mittel konstatieren kann, werden die Augen des 
Toten, gewöhnlich von dem ältesten Sohne, zugedrückt (yüV), 
der klaffende Mund geschlossen und überhaupt sämtliche 
Offnungen verstopft, damit keine Luft eindringe'^^^ Um 
die rasche Verwesung im heißen Kh'ma aufzuhalten, wurden 
auf den Nabel, d. i. auf den Bauch, kühlende metallene Gefäße 
aufgelegt, aber längstens in drei Tagen fällt der Bauch dennoch 
in sich zusammen und der Lihalt ergißt sich: der Beginn der 
Verwesung'^^^. Der Leichnam wird hierauf auf Sand oder Salz 
gelegt, wiederum, damit er intakt bleibe; am Sabbat, an dem 
auch in den andren Prozeduren gewisse Veränderungen ein- 
treten, geschah das so, daß man das Polster des Sterbebettes 
wegschob und die Leiche auf die Erde gleiten ließ'*^^. Am Kopf- 
ende brannte eine Öllampe ("IJ^^^^. Jede Schändung der 
Leiche (t'nj) wurde selbst bei einem hingerichteten Verbrecher 
strenge verpönt, und zwar sollte die weibliche Leiche nur noch 
mehr davor gehütet werden*^^*. 

127. Die Leiche. Der Tote wird gewaschen (n''"ir!) und 
gesalbt (TD), letzteres nicht mit Ol allein, sondern, wenn es die 
Hinterbliebenen tun konnten, mit wohlriechenden Spezereien 
{C^ü^2)j als welche aus den Evangelien Myrrhe und Aloe be- 
kannt sind"^^^. Nur in seltnen Fällen und nur bei hochge- 
stellten Leuten mag auch eine Einbalsamierung stattgefunden 
haben. Herodes soll die Leiche eines Mädchens zu unmensch- 



56 Leichenbedienung. 

licher Lust (Nekrophilie) sieben Jahre lang in Honig konserviert 
haben. Die Leiche des R. Eleazar b. R. Simeon, der sich mit 
den Rabbinen zerworfen hatte und fürchten mußte, nicht mit ge- 
bührenden Ehren begraben zu werden, soll auf seinen Wunsch 
18 bezw. 22 Jahre von seiner Frau in der oberen Dachstube 
verborgen gehalten worden sein. Chijja b. Abbahu soll den 
Schädel d(^s Königs Jojakhin in Seide gehüllt in seinem Schranke 
verwahrt haben; auch der Schädel R. Ismaels soll einen wahren 
Schatz gebildet haben'^^^. 

Die „Bedienung" der Leiche: das Waschen, das Salbeu, 
das Ankleiden geschah durch Verwandte oder gute Freunde, 
keineswegs durch Leute, die sich ein Gewerbe daraus machten; 
zudem durfte sich ein Mann mit einer weiblichen Leiche auf 
keinen Fall beschäftigen'^^'. Wahrscheinlich noch vor dem 
Waschen wurde dem Toten das Haar abgeschnitten, gewiß 
bloß als Prozeß der Reinigung (n^lHCO der späteren), und der 
Gedanke, das Haar etwa als Reliquie aufzubewahren, lag den 
Juden sicherlich fern, wie denn selbst das kunstvolle Haar von 
verstorbenen Bräuten, das etwa einen fremden Einsatz gehabt 
haben mag (Bd. I, S. 195), ausdrücklich für unbenutzbar erklärt 
wird, als logische Folge des Grundsatzes, daß alles, was von Toten 
herrührt, zum Gebrauche verboten ist"^^^. Der gereinigte Leich- 
nam Avurde nun in Leichenkleider (p3''"lDn) gehüllt^^^. 

Nackt begraben zu werden, galt als große Schande, was 
aber dennoch vorkam, und zwar, wie es scheint, gerade bei 
Reichen, die in ihren steinernen Sarkophagen und gepflasterten 
Grüften gerade nackt sein wollten, während die Armen, auf bloße 
Erde gebettet und in Holzkisten liegend, bekleidet sein wollten"^'^^. 
Nach einem oft beobachteten menschlichen Zuge traf es sich 
auch bei den Juden, daß man aus übermäßiger Liebe zum Toten 
ihm je mehr Kleider und sonstiges Gerät, besonders aber die 
Insignien seines ehemaligen Berufes, einem verstorbenen Bräutigam 
z. B. die Ehepakten, die er auszustellen im Begriffe war, einer 
Frau den Haarkamm (Bd. I, S. 197) mitgab, eigentlich hinwarf (p~lT), 
wogegen Ermahnungen und selbst die erwähnte Bestimmung, daß 
alles dem Toten Gewidmete unbrauchbar geworden ist, nichts 
halfen, da überdies auch noch der Glaube aufkam, daß die Toten 
in der Verfassung auferstehen, in der sie begraben wurden'^''^ 



Leichengewänder. 57 

Die Kosten (niX''ii'' vgl. S. 43j der Leichenbestattung gi-iffen dem- 
zufolije manchem mehr in die Seele als der Todesfall selbst, 
und so M^ar es eine weise Verordnung des (älteren) R. Gamhel, 
daß er sich in schlichten linnenen Kleidern begraben ließ, hiermit 
an eigener Person den Weg zur einfachen Sitte zeigend; ähnlich 
mußte auch in Rom derselbe Luxus eingedämmt werden'^^^. Daß 
nun aber das tägliche Gewand, das allerdings zuvor ausgewaschen 
wurde, das Sterbekleid sein sollte, war auch nicht richtig, und so 
setzte sich die Sitte fest, für den Toten eigene Linnenkleider 
(plD) zu bereiten. Es sind das die auch aus dem Neuen Testament 
bekannten aivBwv und öQ^ovia (Bd. I, S. 132) genannten Zeuge, in 
denen die Leichen eingewickelt (£VTuXt(j(7£iV; "i"l- in pzniP) Avurden; 
ebendaher wissen wir, daß Hände und Füße mit Binden (xsipiai), 
der Kopf mit dem Schweißtuch (aouBapiov = IHID Bd. I, S. 166) 
umwickelt wurden. Die Schuhe an den Füßen (w. u.) vervoll- 
ständigen die Kleidung, doch ist letzteres nur als spezieller Fall 
angegeben, und bei der im Laufe der Zeiten eingetretenen Kleider- 
armut (§ 75) haben wir als feststehend nur die linnene Hülle 
anzusehen'^-^. Es kam so weit, daß das gemeine Volk in Babylonien 
sich in einem (NH^li» genannten) groben Gewände, das nur 1 zus 
kostete, bestatten ließ'^"^'^. Es wird das schwerlich mehr schnee- 
weißes Linnen gewesen s(ün. In der Tat trifft jemand die h^tzt- 
willige Verfügung, weder in weißen noch in schwarzen (jiewändern 
begraben zu werden, aus Rücksicht gegen andere Toten, von 
denen er weder die fröhlichen noch die traurigen durch seine 
Gewänder verletzen wolle, sondern in buntfarbigen Kleidern. 
Ein anderer bestimmte in ähnlicher Weise nicht nur das Kleid, 
das er sich in der Farbe von trockenem Weinlaub, wie sie die 
vestes Ätrebaticae (Bd. I, S. 170) zeigten, wünscht, sondern auch, daß 
er mit Schuhen an den Füßen und mit dem Stabe in der Hand 
und auf der Seite liegend begraben werde, damit er für die Auf- 
erstehung gerüstet sei**^^. 

Das Liegen auf der Seite war nicht die Regel, vielmehr 
dürfte die Forderung, daß der Tote „regelrecht gelegt'' (iriir ZZZ'^ü) 
werde, die Lage eines Schlafenden bezwecken, mit ausgestreckten 
Händen und Füßen und mit aufwärts gerichtetem Gesichte; eine 
zusammengekauerte Lage (l'IK^p), d. i. den Kopf zwischen den 
Knien, wie das bei vielen Völkern Sitte war, litten die Juden 



58 Öarg. 

nicht^'-^. Auch auf der Totenbalire (\v. u.) miiÜ das (Jesiclit frei 
gelegen haben, wenn der Blick der Mensehen darauf fallen konnte; 
es wird nämlich berichtet, daß in früheren Zeiten das Gesicht 
der Reichen aufgedeckt lag, das der Armen jedoch zugedeckt? 
weil ihr Gesicht geschwärzt war vor Hungersnot (vgl. S. 18); 
um nun diesen Unterschied zu verwischen, bestimmte man, etwa 
im 2. Jahrh. n. (^hr., daß das Gesicht ohne Unterschied bedeckt 
werde; das Gesicht eines Bräutigams blieb jedoch, wie es scheint, 
nach wie vor aufgedeckt, nm vielleicht beim Anblicke des jugend- 
lichen Antlitzes tiefere Trauer zu erwecken ■^2'. Das Tuch, mit dem 
das Gesicht bedeckt Avurde, haben wir schon oben erwähnt. 

128 Sarg und Bahre. Die biblische Zeit kennt keinen 
Sarg — die Bestattung Josefs ging nach ägyptischer Landessitte 
vor sich — und auch in rabbinischer Zeit muß die Bestattung 
ohne Sarg noch vorgekommen sein (vgl. S. 56), was durch die 
Beisetzung in den Höhlen gut möglich erscheint, gleichwohl aber 
erw^ähnen unsere Quellen die Besorgung von Särgen im unmittel- 
baren Anschlüsse an die Besorgung von Leichengewändern, beides 
also als notwendige Sache. Der Sarg (bh. und nh. pi^*, aram. 
N*ji"lJ<), auf der Straße oder im Hofe gezimmert, war zumeist aus 
Holz, wenn tunlich aus Zedern (piix), einem vergänglichen Material,, 
das uns nach den bisherigen Funden nicht erhalten geblieben 
ist, doch auch aus Ton und Stein'^^^; die Tonsärge, die gefunden 
Avorden sind, sind jedoch durchweg Ossuarien (w. u.). Von der 
Beschaffenheit namentlich des Holzsarges erfahren wir bloß soviel, 
daß er aus Brettern (CHD-) zusammengefügt und wie natürlich 
mit einem Deckel (""IDZ) versehen war; Öffnung (Pi?) und Hohl- 
raum {^^n) waren mäßig; die Seitenwände liefen entweder gerad- 
linig oder verjüngten sich bald nach oben, bald nach unten; der 
Boden war manchmal gelöchert, damit mit der Erde eine Ver- 
bindung bestehe und die Verwesung rascher vor sich gehe'^^^. 
Die Größe des Sarges richtete sich gewiß nach der Normalgröße 
des Menschen (§ 101) bezw. nach der Größe des betreffenden 
Toten und Avar bei einem Kinde sicherlich kleiner. Ohne Sarg 
begraben zu werden, oder auch nur in einer Binsenmatte begraben 
zu werden — letzteres wohl im Unterschiede von den linnenen 
SterbegCAvändern — galt für schimpf lieh ■^^^. 

Die Überführung der Leiche war je nach dem Alter des Toten 



Bahre. 5g, 

verschieden. Ganz kleine Kinder trug man ohne Sarg und ohne 
Zeremouiej wahrscheinlich aber eingehüllt , „im Schoß" (DTC), 
d. i. wohl unter dem Arm, hinaus; Kinder über einen Monat 
wurden bereits in einen Sarg gelegt, der entweder auf der Schulter 
(^nZD) oder durch zwei Männer in der Hand (CDIINZ) getragen, 
wurde. Bei solchen kleineu Geschöpfen unterblieben auch noch 
andere Kundgebungen der Trauer, wie z. B. das Geleite, die 
Reihenbildung und die Benediktion im Trauerhause (w. u.), wie 
denn nur bei Toten, die auf der Bahre getragen wurden, das 
Publikum sich tätig, trauererfüllt (CjD ^''HiJn) und anteilnehmend 
einstellte *3^ 

Ursprünglich wurde Avohl das Totenbett als Bahre benützt 
und Gelehrte werden auch noch in unsrer Epoche auf ihrem 
Totenbette zu Grabe getragen, wobei man der alten Sitte wohl 
auch darin huldigte, daß man keinen Sarg gebrauchte ^■^'^. Auf das 
Bett als Bahre weist die Bezeichnung bh. und nh. HtTC „Bett" und 
„Bahre" (bh. selten auch 22^72^ nh. auch N''"nD = cpopsTov und 
*XDiy, vgl. xkiYf] und feretrum)] es war wohl das einfache Bett, 
dessen Rahmen mit Stricken bespannt war (c^l^Zu 'Pl^* HuC), und 
nicht das besser konstruierte Bett, dessen Gurten an inneren 
Ösen befestigt waren (Bd. I, S. 66); letzteres existierte in der noch 
feineren Ausführung, die man L^'iTl nannte, ersteres hafte zum 
Vorläufer ein Gerüste (ri2"''P2) aus Stangen oder Zweigen, das 
die denkbar primitivste Tragbahre darstellt und das zur Be- 
festigung des Sarges mit einem spitzen Stumpf (rü"''pr 'PI!'' (1p) 
versehen war"^^^. Außerdem gibt es eine eigene Totenbahre 
("ni"lj), die etwa jochartig konstruiert war'*^ Am meisten wurde 
der darges prächtig ausgestattet, und wir besitzen darüber geradezu 
phantastische Schilderungen '^^^. Anfänglich trug man die Reichen 
auf dieser prächtigen Bahre, die Armen auf jenem ärmlichen 
Gerüste hinaus; da sich nun die Armen darob schämten, ver- 
ordnete man (vgl. S. 58), daß alles, ob reich oder arm, auf dem 
Gerüste hinausgetragen werde ^^^. 

Rings um den Sarg konnten Embleme und dergleichen, die 
den Toten kennzeichnen, gelegt werden. Auf den Sarg von aus- 
gezeichneten Gelehrten wurde eine Thora gelegt, was später so 
modifiziert wurde, daß man sie der Bahre vorantrug, hinweisend, 
daß „jener hielt, was geschrieben ist in dieser" ^^". Auf den 



^0 Beerdigung. 

Sarg des im Banne (^''^"u) (lestorbenen, nicht sowohl Sünders als 
Ungehorsamen, ließ das (Jerichtskollegium durch einen Boten 
einen Stein legen, als Zeichen, daß der Betreffende eigentlich 
Steinigung verdient hätte ■^^^. Dies erinnert an die Scholle palästi- 
nischer Erde, die zuweilen auf den Sarg gelegt wurde"*^^. Auch 
pflegte man dem Toten seinen Schlüssel und sein Geschäftsbuch 
an den Sarg zu hängen, was an die dem Bräutigam mitgegebeneu 
Gegenstände (S. 56) erinnert; dies war dann gefordert, wenn 
der Betreffende kinderlos (ohne Sohn) gestorben war, und sollte 
wohl das Fehlen eines Erbberechtigten andeuten ^^^. Auch Myrten- 
reiser kamen auf den Sarg, ferner wurde im Leichenzuge Räucher- 
werk angebrannt, in alter Zeit nur bei Toten, die an einem 
Magenleiden gestorben waren (wir wissen, daß namentlich Ge- 
lehrte daran starben Bd. I, S. 255), später ohne Unterschied bei 
jedem Toten, und eine Art Libation (^1/* Bd. I, S. 235) von Wohl- 
gerüchen war gleichfalls in Übung, Dinge, mit denen auch Lebende 
geehrt wurden, namentlich das Brautpaar (§ 121), Zeremonien, die 
zum Teil auch bei anderen Völkern, bei Römern und Arabern, zu 
beobachten sind'^"^^ 

129. Beerdigung. Während in Rom um diese Zeit die 
Verbrennung der Leichen üblich war, und während auch im 
Reiche der Parther und Neuperser, dem Lande, in welchem über 
das römische Reich hinaus die Juden sehr zahlreich wohnten, 
als dem klassischen Lande der Feueranbetung die Beerdigung 
sogar verpönt war, können wir bei Juden von Leichenverbrennung 
nicht sprechen '^■^-. Sowohl in Palästina mit seinen wie zu Gräbern 
geschaffenen Höhlen, als auch in Babylonien, wo die Gräber in 
den sandigen Boden gegraben wurden, war durchaus die Beer- 
digung die Sitte der Juden, und diese wurde durch ihre Kata- 
komben in Rom und an anderen Orten auch nach Europa 
verpflanzt und an das junge Christentum vererbt. Eben darum, 
weil sich das Judentum in der Sitte der Beerdigung isoliert sah, 
verfocht es nunmehr diese seine Sonderstellung auch mit religiöser 
Innigkeit. Den Persern gegenüber hatte man einen schweren 
Stand; König Sapores wollte den biblischen Grund dieser jüdischen 
Sitte kennen, und die Rabbinen selber legten sich die Frage vor. 
Mit der Motivierung, das Nichtbeerdigen wäre eine Nichtachtung 
(JPO) der Toten, schien man nicht auszukommen, mehr religiös 



Beerdigung. ßj 

ist der Gesichtspunkt, daß die Versenkung der Leiche in die 
mütterliche Erde dem Menschen zur Sühne (rns.) diene, ein 
Gesichtspunkt, der vornehmlich im Boden Palästinas obwaltete, 
dem man eine besonders sühnende Kraft zuschrieb, und so begann 
schon um diese Zeit, um dann nicht mehr aufzuhören, die Sitte, 
sich aus weiter Ferne, selbst aus dem als die zweite Heimat 
der Juden angesehenen Babylonien, nach Palästina tragen und 
dort beerdigen zu lassen ^'^^. Neben der Pietät für das h. Land 
mag man sich dazu veranlaßt gefühlt haben auch durch die 
Furcht, daß man vor den fanatischen Guebern (j"»"^!") selbst im 
Grabe nicht sicher sei, und in der Tat hören wir Klagen wegen bar- 
barischer Aufwühlung und Schändung der (Jräber CZZC "•iCtCn)'*'''^. 
Eine Leiche auf offener Straße liegen zu sehen war den Juden, 
übrigens auch den Griechen, ein schrecklicher (bedanke; eine 
Leiche, der sich niemand annimmt (m11>?2 HC), war jedermanns 
Pflicht, der Beerdigung zuzuführen, und dieser Liebesdienst 
wurde auch tatsächlich geübt^^"'. Als die Erschlagenen von Bethar 
endlich ihr Grab fanden, wurde von den Rabbinen eine eigene 
Benediktion eingesetzt '^'^'^. Der Tod auf offener See, avo ein Grab 
unmöglich, war schrecklich'*'^'. 

Obzwar im Tode alles gleich — „das große und das kleine 
Maß wälzt sich in die Gruft" — so wurden dennoch Unterschiede 
in der ZuAveisung des Grabes gemacht. Zwar sollen (wenn die 
Deutung der Stelle richtig) Heiden neben Juden begraben werden, 
um des Friedens willen, wie man sagte, aber in der Praxis wird das 
selten gewesen sein. Der Selbstmörder kam fast ohne Sang und 
Klang ins (irab, höchstens tat man ihm das, worin für die Lebenden 
eine Ehrung liegt. Die Hingerichteten wurden still im Herzen von 
ihren Angehörigen betrauert, ein festliches Begräbnis gab es für 
sie nicht; den politisch, d. i. römisch Verurteilten jedoch entzog 
man nichts. Um die Abtrünnigen trauerten selbst die Angehörigen 
nicht; sie wurden still begraben. Der notorische Bösewicht erhielt 
kein Grab neben dem bewährten Frommen. Dagegen wurden 
befreite Sklaven mit rührender Fürsorge in der Herrengruft 
begraben, obzwar auch das Familiengrab unter Fluch und Bann 
jedem Fremden verAvehrt blieb ^"*'^*. 

Vermöge seiner religiösen Vorstellungen ist dem Juden diese 
Welt ein Hospiz gegenüber dem ständigen Heim tC^^^ n''2 schon 



ß2 EhrunfT der Toten. 

Kohel. 12,5 un<l oft nli., .irain. N:r^>^ H^Z), das im Grabe gefunden 
wird; die Stätten dieses Lebens sind Vori-äume, die in den eigent 
liehen Palast führen soUen^"^^. Sowohl hierin als in den mannig- 
fachen Mitgal)en ins Grab erkennt man unschwer die Ähnlichkeit 
mit ägyptisclien Vorstellungen'**^. Der oberste Zug in allen 
jüdischen Trauerriten, die doch so enge mit denen der biblisehi^n 
Zeit zusamnienhängen, ist die Ehrung der Toten, ja Ehrfurcht 
vor der Majestät des Todes, in der Sprache der Rabbinen so 
ausgedrückt, daß dies oder jenes geschehen müsse aus Ehre 
("i12r vgl. S. 48) für den Toten und unterbleiben müsse, damit 
ihm keine Mißachtung ()V*2) widerfahre; nur von hier aus sind 
die manchmal befremdenden Zeremonien auch der biblischen 
Zeit erklärlich, nicht etwa als spontane Ausbrüche des Schmerzes 
auch nicht als Selbstdemütigung, Entstellung der Trauernden, 
Schutz vor den Geistern usw. wie man hat annehmen wollen, 
Motive, die ursprünglich den einen oder den anderen Ritus hervor- 
gerufen haben mögen, die aber in der späteren Zeit so wenig 
ins Bewußtsein treten, daß sie für uns bei den klaren Worten der 
Rabbinen sämtlich wegfallen müssen ^^^. In demselben Gedanken- 
kreise liegt auch die Forderung, die Leichen nicht lange unbeerdigt 
zu lassen. „Auf den Tod hat gleich die Beerdigung (nlllp) zu 
folgen." „Wer seinen Toten über Nacht liegen läßt (Jv^), schändet 
ihn" (^l^). In Jerusalem durfte überhaupt keine Leiche übernachten. 
Verzug tritt nur dann ein, wenn erst das Grab zu graben ist, 
wenn die Leichengewänder von anderswo gebracht werden sollen 
und wenn Verwandte erwartet werden. Die rasche Bestattung 
wird von Neueren mit klimatischen Gründen motiviert; es sollte 
eben die Verwesung der Leiche vermieden werden. Dieses Vor- 
gehen scheint allerdings die Rettung eines Scheintoten unmöglich 
zu machen; dafür aber bestand die Sitte, den Toten in den 
zimmerartigen Höhlengräbern drei Tage hindurch zu besuchen 
und zu bewachen, wodurch ein Scheintod unbedingt entdeckt 
werden mußte; tatsächlich traf es sich, daß einer hernach noch 
25 Jahre lebte, und ein anderer zeugte hernach noch fünf Kinder^'^ 
130. Der Leichenzug. War alles geordnet: Leichengewän- 
der, Sarg, Bahre und sonstige Requisiten beschafft, Leidtragende, 
Gefolge und Klageweiber (w.u.) anwesend, setzte sich der Kondukt 
in Bewegung. -Manchmal war die Türe des Hauses so klein 



Leichenzug. 53 

(Bd. I, S. 24), daß sie die Bahre nicht durchließ; in solchen Fällen 
zog man die Bahre mittels Seilen durch das Dach, oder aber 
riß die Türe ein, oder man legte die Leiche auf eine kleinere 
Bahre; wir wissen jedoch (S. 59), daß ein Gesetzeslehrer auf 
dem Totenbette hinausgetragen wurde, und da verlangte es der 
Anstand, daß er auch durch die Türe getragen werde '^°^. Auf 
die Fälle, wo die Leiche in ungewöhnlicher Weise hinausbefördert 
wurde, können wir weiter nicht eingehen '^^^. 

Dem Zuge folgte in erster Reihe der Leidtragende (p1^<) 
oder die Leidtragenden, die gewöhnlich auch beim Eintritte des 
Todes zugegen waren; in diesem Falle nahmen sie sofort die 
Zeremonie des Einreißens des Obergewandes (uV'^p) vor"*^*. 
Ein wenig bekannter Trauerritus ist das Entblößen der Schulter 
(yilT riZ^^l/n, ^PiD )"'lit'in), das entweder als Überbleibsel der völligen 
Nacktheit oder des Ritzens des Armes zu deuten ist, zwei Zeremo- 
nien, die zum alten kanaanäischen Trauerritus gehörten, von 
denen das Ritzen des Armes nach Zeugnis des Hieronymus sich 
bis in die rabbinische Zeit erhielt ^^^. Unmittelbar darauf folgte 
eine Totenklage, nicht jene feierliche bei der Überführung der 
Leiche, sondern ein Aufschrei (clamor supremus der Römer), 
wie ihn der Schmerz auslöst. War der Leidtragende auf Reisen, 
so erfolgten diese Zeremonien bei Vernehmung der schmerz- 
lichen Kunde (npinn nyic:^*)*^^- 

Alle Ortseinwohner nahmen Anteil an dem Todesfalle, der 
ihnen mittels Posaunenschalles verkündet wurde (vgl. S. 38). 
Solange der Tote noch unbeerdigt lag, enthielten sich alle Ein- 
wohner der Stadt der Arbeit, schwerlich nur zur Bekundung 
der Trauer, sondern auch, um bei den Vorbereitungen zur 
Beerdigung mitzuhelfen. In kleinen Orten, wo man auf alle 
rechnen mußte, sollten sie sich während der Zeit nicht einmal 
grüßen, denn alle waren sie Leidtragende "^^^ Manchmal und be- 
sonders beim Tode eines großen Mannes wurden auch die 
Nachbarorte verständigt (y^ti')"^^^. In allen größeren Orten gab es, 
wohl nach römischem Muster, Bestattungsgesellschaften (nilDn 
aram. xn^lizn), die Vorläufer unserer Ghebra Kadisa, die es sich 
zur Aufgabe stellten, den Dienst um den Toten zu verrichten, 
und in diesem Falle waren die übrigen Ortsansässigen jeder Pflicht 
enthoben ^^^. Aber der zunächst Betroffene, von dem es psycho- 



64 Bahrenträger. 

logisch riclitii;' heißt, er sei vöHio- okkupiert C^IPIZ) durch seinen 
Tt^ten, durfte vor dessen Bestattung* keinerlei Arbeit verrichten, 
ja er wurde sogar von den iälligen religiösen Satzungen, wie z. B. 
dem Gebet, dispensiert, weil er sich ausschließlich dem Toten zu 
widmen hatte"^^^'. Die Zeichen der Trauer vermehrten sich, wenn 
ein Gesetzeslehrer gestorben war, indem auch seine Schule ge- 
schlossen wurde, und bei höherem Range sogar alle Schulen 
der Stadt und selbst alle Schulen des Sprengeis; alle Leute sind 
gewissermaßen seine Leidtragenden, und jeder, der die Kunde 
vernimmt, reißt sich die Kleider ein''^^ 

Die Träger der Bahre hießen ursprünglich „Schultermänner" 
(CSnr), ein Name, der beweist, daß die Bahre ehemals auf der 
bloßen Schulter getragen wurde; auch daß sie barfuß gingen, 
beruht gewiß auf alter Sitte ''^^. In unserer Zeit heißen sie 
„Bahrenträger" (mlTT^m ""NI^Ij), und allem Anscheine nach übten 
sie ihr Amt unentgeltlich aus, weil sie immer freiwillig ab- 
gewechselt wurden (j''Dl/n) und weil Spuren da sind, wonach 
man in letztwilliger Verfügung die Besten seines Kreises zu 
seinen Trägern ausersehen konnte; auch waren sie von den 
fälligen Religionsübungen befreit. Damit sich je mehr Leute 
an dem Liebesdienste beteiligen könnten, wurde die Bahre öfter 
niedergestellt, wobei jedesmal die Totenklage begann; bei der 
Leiche einer Frau unterblieb diese Art Ehrung, damit durch 
einen Zufall die Leiche nicht zur Schau gestellt werde^^^. 

Der Leichenzug (rT'lt'Pi, prosequi) bew^egte sich vom Trauer- 
hause an durch die ganze Stadt, und jeder, der dem Zug be- 
gegnete, schloß sich ihm an, oder erhob sich zumindest von 
seinem Sitze, um den Toten, oder, wie andere wollen, das 
Geleite zu ehren. Es bildete sich so von selbst ein Spalier vom 
Trauerhause bis zum Begräbnisorte ^^*. Auch Frauen nahmen 
an dem Zuge teil, und zwar gingen in einigen Gegenden, wie 
bei den Griechen, die Männer vor, die Frauen hinter der Bahre, 
in andern umgekehrt; wo man die Frauen vorangehen ließ, 
geschah es aus keinem höflichen Grunde"*^^. 

Den ganzen Leichenzug begleiten Klageweiber (bh. und nh. 
niJjlp;^, nh. auch n^'pN pl. nv'pN, praeficae der Römer) ^^^. Zwei 
Flöten (|'''P'''Pn) und ein Klageweib ist das Minimun, und dazu ist 
der Mann verpflichtet, wenn seine Frau stirbt, wie er wohl auch 



Totenklage. ß5 

aadre Sterbereqiüsiten beistellen muß"^^'. Es figurieren mitunter 
auch andere Toninstrumente "^^^j nur wurden die Flöten wegen 
ihres klagenden Tones für besonders geeignet gehalten. Sowohl 
Instrumente als Klageweiber mußten mitunter aus der Fremde 
gebracht werden ^^^. Schon daraus folgt, noch mehr aber aus 
dem Wesen der Sache, daß es geschulte Weiber waren. Sie 
stimmten ihre Klage wohl gleich zu Beginn des Zuges an, sind 
also als wandelnder Chor zu denken, doch setzten sie sich zum 
größeren Nachdruck auch auf die Bahre, auf das Kissen und 
die Polster des Toten (letzteres z. B. bei einem Gelehrten, der 
im Totenbette hinausgetragen wurde, S. 59) und ließen sich bei 
dem vorhin berührten jedesmaligen Absetzen der Bahre ver- 
nehmen ^^^. Bald war es ein Wechselgesang, so daß eine anhub 
und die andern antworteten, bald fielen sie chorartig alle auf 
einmal ein'^'^ Da der Fall vorgesehen ist, daß bloß ein Klage- 
weib mitwirkt, muß den Chor die freiwillige weibliche Begleitung 
gestellt haben. Ihr Standort ist entweder nahe oder fern zur 
Bahre, und zwar entweder voran oder dahinter, wie bereits ge- 
sagt worden"'-. Außer der Totenklage in Form des Gesanges 
(n^y singen) klatschten sie noch in die Hände (n^p), ein Ver- 
fahren, das wohl ebenfalls kunstgerecht gemacht wurde (vgl. 
S. 40)4^1 

Diese Art Totenklage ist eine der bleibenden Erscheinungen 
im Judentum, solange dieses auf seinem angestammten Boden 
oder wenigstens in semitischer Umgebung lebte. Doch dürfte 
einiges, was wir hierüber lesen, nunmehr nur biblische Remi- 
niszenz sein, so wenn das Klagen der Weiber als „Klagelieder 
und Ach" (TIjI C^p), das der Männer (^v. u.) als ein Jammern 
\n''T~in) bezeichnet wird, wohingegen jenes Klatschen in die 
Hände wohl nicht als Novum auftritt, sondern nur zufällig in 
der Bibel fehlt '^''^. Biblisch ist es auch (nach Hiob 3,8), wenn 
gesagt wird, die Frau ,. erwecke" (lliy) ihren „Klagegesang" 

Die in der Trauerversammlung mitziehenden Männer 
blieben auch nicht schweigsam. Ihr Geschäft war es, die Ver- 
dienste (D"'I^yD) des Toten laut zu preisen (i^Li^ vgl. S. 38) bezw. 
zu besingen (D;^p), letzteres in den Berichten häufiger als die 
erstere Art erwähnt, gewiß in wohlgesetzter Rede, doch braucht 

Krauß, Talm. Arch. U. 5 



66 Lobpreisen. 

trotz der beiden Ausdrücke kein Unterschied zu bestehen '^^^. Hier 
sei auf die Erscheinung liingewiesen, daß die im jüdischen Leben 
wolil einzig vorkommenden beiden Aufzüge, der des Braut- und 
Leichenzuges, trotz der inneren Verschiedenheit, äußerh'ch un- 
gefähr denselben Verlauf nehmen; in der Sprache heißen sie 
beide ^"Dm m':'''^: „Liebestat", bei beiden erfolgt eine Mitwir- 
kung der Begleiter in Form der Lobpreisung (pL^* und D'Pp, auch 
n:>), bei beiden figurieren Fackel und Myrten, zum Teil auch 
dieselben Toninstruniente, auch die Libationen sind fast gleich^ 
und zum Überfluß wird in unsern Quellen ausdrücklich her- 
vorgehoben, daß das Linsengericht sowohl das Trauerhaus als. 
das Hochzeitshaus charakterisiere, das aber freilich auf die Dauer 
nui- im Trauerhause geblieben isf^^^ Manchmal kreuzen sich die 
zwei Aufzüge*, in diesem Falle hat der Leichenzug vor dem 
I^rautzug auszuweichen, weil die Ehre der Lebenden vorangeht '^'^^. 
Beiden gemeinsam ist auch die Unterbrechung des Thorastudiums; 
ein Rabbi, so wird erzählt, der von der Straße her einen Toten 
oder eine Braut preisen hörte, veraulaßte seine Schüler mitzu- 
ziehen, denn das gute Werk sei höher zu veranschlagen als das 
Studium "^"'^. Diese Art Beteiligung, nämlich das Lobpreisen,, 
zählt ebenso zu den Liebesdiensten, wie etwa Waschen und 
Salben, und das alles zusammengenommen bildet den Begriff 
des Sichbeschäftigens mit dem Toten (pD^nn)"^^^. 

Ein Lobpreisen geht eigentlich nur au bei Männern, die 
ein wirkliches Leben von „Taten" haben, und das äußere. 
Zeichen dafür, wie bemerkt (S. 5y), ist, daß sie auf der Bahre 
hinausgetragen werden, so ziemlich dasselbe, was auch als „dem 
Publikum bekannt" (CD'lt' "12^) bezeichnet wird*, aber auch schon 
ein etwas selbständiges Kind wird mit seinen eignen Taten 
gepriesen, fehlen solche, geht es ins Jenseits ein mit den Taten 
der Väter (Eltern) bezw. Verwandten; die Braut geht dahin mit 
der Ehre ihres eigenen Vaters oder des Schwiegervaters, je 
nachdem, welche von beiden ihr mehr Lob einträgt. Ganz 
willkürlich, ohne Unterlage, erfolgt keine Lobpreisung — anders 
als bei der Braut (S. 38) — w^ohl aber fügt man hinzu, wenn 
der Ausgangspunkt gegeben ist. Wie präzis das zuging, zeigt 
der Fall, wenn zwei Tote da sind; man trägt sie nur dann auf 
einer Bahre hinaus, wenn ihre Ehre (11-3) und ihre Lobpreisung 



Lobpreisen. qj 

(Dit'p) gleich ist'^^^ Diese Andeutungen lassen erkennen, Avie 
das Leben bedacht sein mußte, das Lob des Toten zu sichern. 
In Jerusalem war man rigoros (vgl. S. 41) und pries nur das, 
was der Tote wirklich aufwies; in Judäa dichtete man etwas 
hinzu '^^^. Eigentümlicherweise durften die hinter der Bahre 
Schreitenden nur der strengen Wahrheit gemäß preisen; daraus 
erklärt sich die Differenz in der Sprechweise derer von Jeru- 
salem und derer von Judäa: Übe Taten aus für das was vor 
der Bahre, . . . was nach der Bahre (gesagt wird)'^^^. Stirbt einer 
im Alter von 20 — 30 Jahren, so klagt man um ihn (wörtlich: 
lobpreist ihn) wie um (einen) Bräutigam; von 30 — 40, wie um 
einen Bruder; von 40 — 50, wie um einen Vater usw. Von 
Frauen ist nicht die Rede ; doch muß ein Mädchen in heirats- 
fähigem Alter (§ 117) wie eine Braut beklagt worden sein, denn 
der Ruf lautete: „Wehe, wehe ob der Bräutigame; wehe, wehe 
ob der Bräute!" Weiter ging eine Frau, die, als ihr einziger 
Sohn starb, vor dessen I^ilde tanzte (~|T.l), ein Vorgehen, das 
bei den Leichenzügen nicht unerhört war und womit abermals 
ein mit der Brautfeierlichkeit gemeinsamer Zug hervortritt 

(S. Aoy^\ 

Es scheint, daß diese Preisung in beliebiger Ordnung in 
beliebigen Worten vorgetragen wurde. Nur die einleitende 
Formel (oder der Refrain?) blieb sich gleich: bh. und uh. ''In *in 
„wehe, wehe" mit dem Charakter des Toten, z. B. Bräutigam 
oder Braut, ganz nach biblischem Muster, nur heißt bh. die 
ganze Totenklage "DD, während die detaillierten späteren Berichte 
folgende Phasen unterscheiden lassen: 

1. T]2^\:^ Klagelied der Klageweiber {naeniae der Römer) nh. 
n|V, "il^y Wechselgesang, in Begleitung von Instrumentalmusik; 

2. Klatschen in die Hände (bh. und nh. selten pDD, nh. 
r\^l2) ebenfalls von Weibern ausgeführt, doch auch von Männern, 
die sich aber auch an das Herz, an die Schulter, an die Hüfte 
und überhaupt an den ganzen Körper schlagen; 

3. Lobpreisen (CV^p von Z^p, auch yji;) der Männer, be- 
gleitet von monotonem (vielleicht rythmischem) Stampfen mit 
den Füßen (bh. ypl); in der Aufwallung des Gefühles rissen 
sie wohl die Sandale vom Fuß und schlugen sich damit, was: 
gefährlich sein konnte; ein dem Trauerfalle angemessenes Tanzen 

5* 



(^S Leichcnrodon. 

("Ipn vgl. S. 67) sowohl der Männer als der Frauen ist nicht 
ausgeschlossen; hier und da wurde beim Lobpreisen auch mit 
Händen und Fingern gestikuliert; 

4. Andre Gesten, wie sie der spontane Ausbruch des 
Schmerzes herbeiführt: Raufen des Haares, Zerreißen des 
Gewandes, Zertrümmern von Geräten usw. 

5. 1E>Dn Leichenrede (w. u.)'^^^ 

Neben den Nänien der Weiber und den Lobpreisungen 
der Männer bezeigte man dem Toten noch damit Ehre, daß ein 
Trauerredner (p^D, XJ~lDD,TLDD^,~^'^1p^) in der in der damaligen Zeit 
üblichen Weise, d. i. haggadisch, mit Anlehnung an Schriftstellen, 
ihm eine Leichenrede hielt, in welche das Volk in irgend einer 
Weise einstimmte ("pjj). Dieser Ehre werden jedoch nur Große 
teilhaftig (auch in Rom waren es nur sxicpavsT^, IvBo'^ot, lionoratiy 
die also betrauert wurden), und das ist, was nh. in engerem Sinne 
„beklagen" heißt ("DDH ni:'p, "ICD: TDDPi, HD hv "l^^CCP), während 
gewöhnliche Leute in einer Art gemeinschaftlicher Gedächtnis- 
feier erwähnt wurden ("l^I^TH, HD ^V "^^'^ zum Ausdruck vgl. 
S. 65). Ob auch Frauen Leichenreden gehalten wurden, kann 
bezweifelt werden. Man spricht dabei von einem doppelten 
Gesichtspunkt: Ehrung der Hinterbliebenen oder Ehrung der 
Toten; letztere Ansicht gelangte zur Herrschaft. Die Leichen- 
rede ist der Spiegel des Lebens des Toten. Der Tote, meinte 
man, höre sein Lob gleichsam im Traume, bis sich das Grab 
über ihm schließe, und so wurde die Leichenrede im vorhinein 
angeordnet"^^^. Der Redner, der auf einer Tribüne stand, 
war nach den uns überkommenen Berichten gewöhnlich ein 
Rabbi — beim niederen Volk sollen ja überhaupt keine Leichen- 
reden gehalten werden — wo möglich, ein naher Verwandter 
des Toten; der berufsmäßige safdan, aus deren Reihe wir noch 
einige mit Namen kennen, wie auch von den Reden manche 
Bruchstücke auf uns gekommen sind, fungierte für Geld — 
worüber manche Anekdoten — selten umsonsf^^^ Einem und dem- 
selben Toten wurden auch mehrere Leichenreden gehalten'^^^. Man 
hielt die Leichenrede entweder auf der Straße bei den einzelnen 
Stationen (S. 64), oder im „Klagehause" ("IDDH n^2, ISOn Dipo) 
vrorunter irgendein Feld, nahe zum Begräbnisplatze, das so- 
genannte „Feld der Weinenden" (CDD mi^'?) zu verstehen sein 



Beisetzung. gg 

wirdj weshalb denn „hinuntergehen zum Klagen" [l^üh 1"^'') 
gesagt wurde, wobei nur ein Teil der Anwesenden die Leiche, 
d. i. deren Sarg, wirklich sahen, während andere fern davon 
standen '^^^. An gewissen freudigen Tagen durften keine 
Leichenreden gehalten werden, während das Begraben selbst an 
solchen Tagen, speziell auch am zweiten „Exils"' -Feiertag, ge- 
stattet war, ein liberaler Zug — freilich veranlaßt durch Ehrung 
des Toten — den die Römer nicht aufweisen '^^°. 

Nach der Beisetzung (w. u.) kamen die letzten Feierlich- 
keiten. Die Trauergäste, die schon beim Hinaustragen der Leiche 
ein mehrfaches Spalier gebildet hatten, stellen sich in einer 
gewissen Entfernung vom Grabe wieder in zwei Reihen (n"llti'') 
auf, durch die der Leidtragende oder ' die Leidtragenden hin- 
durchschritten, um den Trostgruß der Anwesenden zu empfangen. 
Doch gab es Zeiten, wo ein anderes Zeremoniell herrschte; es 
stellten sich nämlich die Leidtragenden auf und das Volk schritt 
an ihnen vorüber; die Würde des Hohenpriesters forderte durch- 
aus dieses letztere Vorgehen. Der Trost wurde gcopendet auf 
dem ganzen Wege vom Grabe an bis zu einem freien Platz, den 
man „Station" (lüVC) nannte und der mindestens 4 Kab um- 
faßte. Das eigentliche Grab, der Weg zum Grab, jene Station 
und das Klagefeld zusammen bildeten den Besitzstand (nD''?n) an 
einem Familiengrabe. Mindestens siebenmal wiederholte sich 
das Stehenbleiben und das Sitzen (21^1721 Ir2vr2) auf der Erde -^^^ 
Irgendeiner, vielleicht ein angesehener Mann oder der Vor- 
sitzende (^ri:i?2D) der Beerdigungsgenossenschaft (S. 63), sprach 
hierbei die Formel: „Bleibt stehen, ihr Werten (Clp''), bleibt 
stehen; setzet euch, ihr Werten, setzet euch." Diese Sitte wird 
nur geübt, wenn unter den Trauergästen Verwandte, nicht 
direkt Leidtragende des Toten sind, nicht aber bei Fremden: 
ferner nur am ersten Tage nach dem Tode, nicht etwa am 
zweiten, und das Ganze ist nur Lokalgebrauch, kein 
allgemeiner'^^^. 

Die Leichenfeierlichkeiten dauerten nach der Beerdigung 
noch sieben Tage fort; bei den alten Arabern dauerte selbst die 
feierliche Klage noch eine Frist über das Begräbnis hinaus. Es 
erschienen immer neue Gäste (nilS^"in CjS vgl. S. 41) im Trauer- 
hause, die als groß und verdienstlich gepriesene Wohltat der 



70 Traueimabl. 

Tröstung (l:^'"''ZX V2iri:r) zu Uhvu. Das in biblisclHU* ZcM't nach 
dem Bi^gräbnis dem Trauernden {^2i<) goreiebte Mahl Ijestand 
in irgend einer Form aucli jetzt noch (PiNI-n n"nyc, auch NH^J"!!»'), 
und es schient. dai.> Verwandte und gute Freunde jetzt noch 
t(Ml daran hatten, wenigstens müssca sie es sein, die im Tisch- 
gebete die Trostbenediktion (C^'PZN nr"12) sprachen. Es bestand 
der Brauch, den Trauernden das Essen ins Haus zu senden ; 
in alter Zeit wurden dazu koztbare Gefäße verwendet; um 
jedocli die Armen nicht zu beschämen, verordnete man (vgl. 
S. 58), die Speisen gleichmäßig für alle in aus Weiden ge- 
flochtenen Körben zu senden"^^^. In jenem ersten Mahle, das 
von den Leichenschmäusen der Griechen, Römer, Germanen 
und Araber sehr verscliieden ist, figurierte ein Linsengericht 
(S. 66), Avie auch die Römer in ihrer cena novendialis Eier, 
Linsen und Salz aßen; in biblischer Zeit werden Brot und Wein 
erwähnt, beides wohl auch für diese Zeit anzunehmen, und was 
den Wem anlangt, so wurden für die sieben Trauertage geradc^zu 
zehn Becher festgesetzt, denn der Wein sei wie beschaffen, den 
Trauernden zu trösten (Cmj)^^*. 

131. Trauergebräuche. Eigentümlich ist der jüdische 
Trauerritus, der in gewissem Sinne schon im IV. Ezra 10,2 be- 
zeugt ist, die Betten im Sterbehause umzustürzen (HDD) und erst 
nach der siebentägigen Trauer, wie auch für Sabbat, wieder 
aufzurichten (^pi). Die Halacha setzt genau den Zeitpunkt fest, 
in dem das Umstürzen einzusetzen hat, wie auch die Art des Um- 
stürzens, je nachdem es sich um ein einfaches Bett (p*^t2) oder 
ein feineres Bett (l^'ü^n) handelt. Die ganze Zeit über schlief 
man auf diesen umgestürzten Betten. Die Begründung lautet 
verschieden: es sei einfach die Fortsetung des Sitzens auf der 
Erde, wie es bei Tag geübt wird, oder als symbolischer Akt 
aufzufassen: ein schönes Bild (Person) hatte ich — Gott — in 
deinem Hause, und das mußte ich durch dein — des Menschen — 
Verschulden umstoßen (töten), also stürze auch du dein Bett 
um; eine Ansicht bemerkt recht realistisch: es geschehe, weil 
das Bett das Medium (HDID) der Menschengeburt ist; wieder 
ein anderer: infolgedessen, daß man auf dem umgestürzten 
Bette schläft, erinnert man sich seiner Trauer '^^^. Aus all dem 
geht hervor, daß man den eigentlichen Grund nicht mehr kannte. 



Trauerriten. 7 j^ 

Yermutlicli ist es ein Ueberbleibsel (vgl. 8. 03) einer Sitte der 
rigorosen alten Zeit, in welcher die Gebrauchsgegenstände des 
Toten, nachdem sie durch den Todesfall verunreinigt wurden, 
völlig vernichtet, am ehesten im Feuer verbrannt wurden; noch 
in talmudischer Zeit befiehlt ein Rabbi in seiner Sterbestunde, 
man möge wegen der ihnen drohenden Unreinheit die Geräte 
(C^^Z) hinausschaffen (n>3)*, eine fernere Ermäßigung dürfte nun 
das Umstürzen sein, das gcnviß auch Lampen und Spiegel be- 
traf, nur ist das Bett als oberster Gebrauchsgegenstand genannt"^^^ 

Die Trauertracht, von Frauen auch im AMtwenstande ge- 
tragen, besteht in alter Zeit im „Sack" (pt^). Verhüllen des Hauptes 
<Bd. I, S. 189 und 196) und Ablegen der Sandalen (Bd. I, S. 183); 
letzteres soll nach Meinung der Modernen Ersatz sein für völlige 
Nacktheit (vgl. S. 63)"^^^. Das Haupthaar wurde geschoren (Bd I, 
S. 196), dem Haupte die Salbung versagt, ihm vielmehr Staub und 
Asche aufgestreut, und auch des l^ades enthielt man sich. Zudem 
setzte man sich auf di(^ Erde"^^'. Ahnliche Kundgebungen er- 
scheinen auch bei anderen traurigen Anlässen, als da sind: 
Kriege, Mißwachs, Hungersnot, rituelles Fasten, Leben im Exil 
und im Banne und beim Vernehmen einer Gotteslästerung '^^^. 

In rabbinischer Zeit kleidete man sich schwarz (Bd.I, S. 145), 
und zwar sowohl was die unteren als was die oberenKleider anlangt 
(bei den Römern gingen schon die Begleiter der Bahre schwarz 
gekleidet) '^''^. Es dauerte noch lange, bis man die rituell einge- 
rissenen Kleider zunähen durfte ('>^n^^ Bd. I, S. 158), je nach dem 
Oliarakter der Trauer, die z. B. schwerer ist nach Eltern als 
nach Geschwistern. Man saß ohne Schuhbekleidung sieben 
Tage auf der Erde. Der Trauernde enthielt sich der schweren 
Arbeiten, in dem Maße wie an Halbfeier tagen, stürzte sich 
in keine neuen Unternehmungen, nahm keine neuen Kleider auf, 
und selbst das Waschen der Leibwäsche war nur soweit erlaubt, 
als' unbedingt nötig war. Eine Menge Details enthalten die 
rabbinischen Kodizes.^^^. 

132. Begräbnisplätze (nnzpn n^2, nnzp n)pi2, niiDp n^z, 

^"IZp "»D, Xp-nzp r?2''^\ poetisch „Todeshof" ^\^ü 1^*n, was 
auch als Ortsname vorkommt) ^^^ durften nicht näher als 
50 Ellen zur Stadt (d. i. Stadt y.a-:' s^o/t^v = Jerusalem) und noch 
weniger in der Stadt selbst angelegt sein, ein aus hygienischen 



i'l 



Bogrilbiiispliltze. 



Gründen (vgl. IUI. I, S. 252) sehr vernünftiges Gesetz, wie es seit 
uralten Zeiten auch in Rdiu und in manchen andern Städten der 
ahen Welt bestand und von dem man in Jerusalem nur zugunsten 
von ganz hochgestellten Personen abwich, eigentlich nur unver- 
änderliche Tatsachen der alten Zeit sanktionierend, wofür aus 
dem Leben andrer Völker gleichfalls Beispiele vorliegen^^^. Auch 
auf offener Straße durfte kein Grab liegen — man nannte 
ein solches Grab sehr passend ein das Publikum schädigendes 
Grab — und es wurde im Notfalle sogar ausgeräumt (n>3); bei Auf- 
lassen eines solchen Grabes traf es sich zuweilen, daß Erde 
und Gebeine auf offener Straße zu liegen kamen^^"^. Davon ist 
die im ganzen Altertum beliebte Sitte zu unterscheiden, die 
Gräber längs der Straße anzulegen (w. u.). 

Einen allgemeinen Begräbnisplatz, das, was man Friedhof 
in unserm Sinne nennen könnte, hat es wenigstens in Palästina 
nicht gegeben; in Babylonien mag es allerdings Gräberfelder 
gegeben haben. Wie in biblischer Zeit, befanden sich die 
Gräber auch jetzt in Gärten, auf Feldern und Grundstücken des 
einzelnen. 

Am meisten dienten in Palästina die natürlichen Höhlen 
(ni"'^^), an denen das Land so reich ist (Bd. I, S. 2), zu Gräbern, 
wie noch heute der Augenschein lehrt^^^. Waren keine natürlichen 
Höhlen da, so suchte man sie, oft noch bei Lebzeiten, künstlich 
zu erbauen, wozu man am liebsten senkrecht oder schräg ab- 
fallende Felswände benützte, um dann, nach Art der ägyptischen 
Hypogäen, horizontal in den Felsen einzudringen; doch mußte 
man oft senkrecht in dem Felsen einen „Hof" (w. u.) aushauen, 
um dann die Grabstätten horizontal weiter aushauen zu können. 
Es handelt sich nämlich in den allermeisten Fällen nicht um Einzel- 
sondern Familiengräber, die sich um den „Hof" ebenso grup- 
pierten, wie die Wohnhäuser, bezw. Zimmer der Lebenden um 
den wirklichen Hof (§ 29). Den Zimmern entsprechen diesmal 
die Höhlen, in deren Wände nach bestimmtem System einzelne 
Stollen eingetrieben wurden, die man mit einem allgemeinen semi- 
tischen Worte küJchin (p-^D) aber auch n^t^^ und ["»ItOVI {= Bi,aiT"/ipiov) 
nannte, ungefähr Nischen (loculi), die gleich steinernen Kasten die 
einzelnen Leichen aufnahmen; dasMÄ/iw-System ist die herrschende 
Gräberanlage in Palästina^^'^^. Die zum Begräbnis dienende 



Familiengräber. 73 

Höhle führt in Palästina auch den Namen „Grab" (iZp) schlechthin, 
gewissermaßen Abkürzung von „Familiengrab" (Pin^l^'C ")2p), 
wogegen in Babylonien PZp das Einzelgrab bedeutet; daneben 
gibt es noch Massengräber, z. B. die Grube ("lIZ, puticuU der 
Römer), in welche die frühgeborenen Kinder geworfen wurden 
(0. S. 4), oder der Graben (ndi^ ~ fossa). in welchem die im 
Kriege Gefallenen beigesetzt wurden, nach der geltenden Satzung", 
daß die im Kriege Gefallenen auf dem Schlachtfelde begraben 
werden sollen, ferner Gräberfelder, wie sie vom Gerichtshof für 
die Hingerichteten und von den städtischen Behörden für die 
Fremden angelegt wurden. Allmählich mußten sich auch 
Privatgrundstücke zu Gräberfeldern verwand eln''*^^. 

Wir haben es, wie gesagt, hauptsächlich mit Familien- 
gräbern zu tun, wie sie die sogenannten Königs- und Richter- 
gräber in Jerusalem und zahlreiche aufgefundene Höhlengräber 
in Palästina darstellend^'. Sie bilden die Sorge und den Stolz 
der Familie, und jedes Familienglied ist bestrebt, dort seine 
Ruhestätte zu finden, weshalb denn manchmal, obzwar sonst 
jede Grabstörung verboten war, selbst eine Überführung ins 
Familiengrab gestattet wurde; es wäre ein Familienmakel 
(nrisTL^'D CÜD vgl. S. 31), wenn ein Zugehöriger nicht bei den 
Seinen ruhen würde. Manchmal war man allerdings gezwungen, 
das Familiengrab zu veräußern, und auch auf diesem Wege ent- 
stehen neue Familiengräber; weit häufiger jedoch hören wir 
vom Ankauf von Grundstücken, in denen eine Familiengruft 
erst angelegt wird^^^. Man wählte dazu trockene und felsige 
Plätze (n''l^'"1L:), wie sie namentlich das Gebiet von Hebron auf- 
wies^°^, natürliche Gruben (bh. und nh. m"Ticnc)°^^, Erdspalten 
(nV"^n^), wie es namentlich in Babylonien der Fall war^^^, doch auch 
ganz einfache Ebenen (VpZJ oder yip2, auch TWp'l)^ auf denen 
die aufgeworfene Erde in Form von Hügeln (n'^^^n) wie eben- 
soviele tumuli die Grabstätten bezeichneten^^^. Eine tannaitische 
Quelle stellt zusammen hükh (d. i. die Grabnische in der kÜDst- 
lichen Höhle), ypi: die zu Gräbern benützte Ebene, wohl dasselbe, 
was sonst pDir mIIJ' ist: Feld mit hineingearbeiteten Nischen, 
und n^:Vü die (natürliche) Höhle^^^ Außerdem wären Kolum- 
barien zu nennen, die man auf palästinischem Boden entdeckt 
zu haben vorgibt, die aber im besten Falle römische Grab- 



74 Kükhin-System. 

anlagen sind, da sie die Verbrennmig der Leiclien voraus- 
setzen, die bei rinden nicht stattfand (S. 60); doch mag Er- 
wähnung finden, daß einmal von einer Grabstätte gesagt ist, sie 
sei wie ein Taubenschlag (12^1^' p^r) angelegt gewesen, was aller- 
dings auf die ragende Felsenspitze gehen kann*, und einmal ist 
von der Urne (^''j"i:i vgl. Bd. I, S. 73) die Rede, die im Gegen- 
satz zum Grabe von Ort zu Ort und von Familie zu Familie 
transferiert werden kann'^"^. 

Den Bau der Gräber aller Systeme führte ein Unternehmer 
aus, vielleicht derselbe, der „Totengräber" (Cfl^O "12lp) heißt, der 
also zugleich die Bestattung besorgte. Einzelne seiner Werkzeuge 
(Cinilp Hacke, nTlD Brecheisen, iX1?2 Spaten, i<b^21 Schaufel, 
M?'''^:;^ Kelle, "^D Korb), die übrigens die aller Steinarbeiter sind 
(Bd. I, S. 22), kennen wir mit Namen''^^. 

Die Anlage im hühhinSjstem. stellt sich nach der Misna 
wie folgt dar: In einer Höhle (Hiy^) von 4 Ellen Höhe, von 
4 (bezw. 6) Ellen Breite und 6 (bezw. 8) Ellen Länge, also jeden- 
falls von oblonger Form, bricht man aus (nP?) 8 (bezw. 13) Nischen 
{pDID), je 3 (bezw. 4) an den Längs wänden und 2 (bezw. 3) an 
der Schmalwand gegenüber der Türe (bezw. noch je 1 rechts 
und links von der Türe), und zwar jede Grabnische 4 Ellen lang 
(entsprechend dem Normalmaß eines Menschen, vgl. S. 325) bei 
Höhe von 7 und Breite von 6 Handbreiten (Tefachim); davor 
befindet sich eine mindestens 4 Ellen hohe (würfelförmige, frei- 
liegende, durch Stufen zu erreichende) Vorhalle (,.Hof" "l^'n, 
auch n: „Kufe" genannt) von 6 Ellen im Quadrat, so daß die 
Bahre und ihre Träger darin Platz fänden, und zwar können 
von dem „Hof*' normalerweise 2 Höhlen, doch auch 4 Höhlen, 
je eine an jeder Seite, ausgehen, was durchaus nur von der 
Beschaffenheit des Felsens (V^D) abhängt, wie ein Lehrer richtig 
bemerkt^^^. Grabanlagen, die fast genau diese Maßverhältnisse 
zeigen, wurden tatsächlich gefunden, doch sind begreiflicherweise 
die meisten Grabanlagen von den örtlichen Verhältnissen be- 
dingt^^'. So ist z. B. von einem Felsen die Rede, der, sich 
weit ausdehnend (C''1''2 NZn d. i. C-p n^rn), von einer Seite des 
„Hofes" aus zwei Höhlen aufnehmen kann; die es ablehnen, 
wollen es wahrscheinlich nur der Symmetrie wegen nicht^^^. 
Eine besondere Symmetrie, wie aus den Angaben ersichtlich, 



Kükhin-System. 



75 



erforderten die küMin, denn da trat das Moment hinzu, daß die 
nach außen gerichteten Köpfe der Leichen in gleichem Niveau 

C 



i-loo 

» """"« t I < I I 1 I 4 • 





Fig. 31. Felsengräber in Dschebata. 



Längenschnitt 
von Norden nach Süden, 
a, Eingang 

R gewölbtes Gemach 
b Gang 
G Felsengemach mit Nischen 



B 

Querschnitt. 

C 

Ansicht der Stirnwand e — f 

D 
Ansicht der Stirnwand c — d 



liegen, weil die Toten gleichmäßig zu behandeln waren ^^9. 
Doch ist auch hier immer mit der Bodenbeschaffenheit zu 
rechnen, und der Gleichmäßigkeit tat gewiß auch der Um- 
stand Abbruch, daß das Familiengrab nicht auf einen Wurf 



76 Ausbau der Grabanlagen. 

entstand, sondern nach Bedarf immer erweitert wurde*, schon 
die Zahl der aus einem „Hof" sich verzweigenden Höhlen wird 
davon bedingt gewesen sein, noch mehr aber die Zahl der Jcükhin, 
von denen einige selbst nach den Quellen neu eröffnet ("jH) 
wurden und die manchmal auch übereinander lagen''^". Zuweilen 
lagen auch die Höhlen übereinander (Doppelhöhlen S. 3) und 
waren bloß durch eine Erdschichte (Vp"lp) getrennt; manchmal 
lagen sie hart nebeneinander und waren bloß durch eine Scheide- 
wand Crmr) getrennt; beide Arten Trennung wiederholen sich bei 
den IcnJikin, deren symmetrische Anlage auch deswegen nötig war, 
damit sie sich nicht kreuzen und Brüche bewirken könnten^^^ Die 
Decke der Höhle war zuweilen flach, zuweilen gewölbt (nmp?2); 
die JcüJcJiin aber, deren Boden und Wände mit Steinfliesen ausgelegt 
sein konnten, versah man immer mit einer mäßigen auf 1 Tefach 
berechneten Wölbung (^82 vgl. Bd. I, S. 27), wodurch das Ein- 
schieben der Leiche erleichtert werden mußte; sie erinnern dadurch 
auch an die Arkosolien der Katakomben^^^. Von einem sonstigen 
architektonischen Aufbau verlautet in unsern Quellen nichts; 
aber nach den Funden läßt sich eine mehr oder weniger monu- 
mental gehaltene Ausgestaltung des Portals annehmen, das auch 
die Inschrift (2712), d. i, den Namen des Besitzers, wovon 
flüchtig die Rede ist, enthalten haben wird; ein fernerer Luxus, 
der nicht selten war, bestand in dem Mosaikboden (Bd. I, S. 36) und 
in der Marmorvertäfelung der Höhle ; dagegen kommen Malereien, 
ob nun gleichgültiger Art oder mit sepulkralen Beziehungen, 
bei den Juden kaum vor, denn die wenigen bemalten Grab- 
höhlen, die mau bisher auf palästinischem Boden gefunden hat, 
rühren wohl von heidnischen Bewohnern her, die prächtigsten, 
die in Marissa, erweisen sich nach den beigegebenen Inschriften 
als der Besitz der dortigen phönizisch-hellenistischen Kolonie 
und sind zudem bedeutend älter als die rabbinische Zeit^^^- 

Die Misna spricht, wie gesagt, zumeist von hüJchin, Schieb- 
gräbern. Doch gibt es auch Senkgräber, wenn nämlich ein 
„Sarg" ()"i"l^*) in den Felsboden eingearbeitet ist; sie können frei 
stehen oder in Höhlen liegen^^*. Sodann gibt es Bank- oder 
Auflegegräber, wenn nämlich längs der Felswand, sicherlich in der 
Höhle, Steinbänke, Marmortafeln oder mit Mosaik belegte Stellen 
laufen, auf welche man die Leichen legte^^^. Endlich Trog- 



Gräberverscbluß. 7Y 

gräber, Tröge vod Körperlänge, die maii in den Stein- oder 
Erdboden bettete'^'-s. 

Vom Verschluß der Höhle — schon zum Schutze vor 
wilden Tieren — hören wir in den Quellen nichts; es wird eben 
der gewöhnliche Verschluß von Wohnhäusern gewesen sein^"^^. 
Dagegen hören wir oft von dem Verschluß der einzelnen Nischen. 
Vor jeder Nische stand ein quadratischer Steinblock (S"?^:)'^-^, 
der, da er nicht eingemauert, d. i. nicht durch Mörtel an der 
Felswand befestigt war, durch einen vorgelegten Stützstein 
(pDin) gehalten wurde; genügte die eine Stütze nicht, so legte man 
noch einen Stein oder mehrere Steine vor^-^. Das wurde in Wirk- 
lichkeit so gefunden in einer Grabkammer auf dem Tel-el-Mutesel- 
lim^^°. Das Grab wurde in bezug auf Unreinheit erst dann für fertig 
erachtet, wenn der Steinblock eingesetzt war ('7'Pi:in n?2"'nD)''^^ 
An dem Vorabend eines Paschafestes, als es sich darum handelte, 
daß die Männer für das Paschaopfer rein blieben, traf es sich, 
daß statt der Männer ihre Frauen in die Höhle gingen und einen 
Strick um den Block banden, an dem die Männer von außen 
zogen, um die Grabnische zu öffnen; die Frauen konnten nun den 
Toten beisetzen, und die Männer konnten noch an demselben 
Tag ihr Paschaopfer darbringen '^^'^ Ein solcher Stein lag 
auch vor Jesu Grab^^^. War in der gewünschten Größe keiner 
da, wurden zwei große Steine vereinigt; manchmal wurde ein 
Balken (nmp) als Grabverschluß angewandt, und zwar konnte der 
Balken aufrecht stehen, an der Seite liegen oder auch mit dem 
Stumpf die Graböffnung schließen; ebenso konnte ein wohlver- 
schlossenesFaß oder einHaufen Kieselsteine den Verschluß bilden, 
wogegen die Verwendung eines lebenden Tieres — etwa eines 
Hundes — zu gleichem Zwecke wohl nur kasuistisch gemeint ist'^^^. 

Äußerlich trug die Grabanlage einen Schmuck von Bäumen 
und Blumen (Rosen, Lilien), die sich zu Gebüschen (niyi?) und 
Laub.en (ni:DrD) verdichten konnten ^^^. Doch durften in der Gräber- 
anlage weder Wasserrinnen (CCH n?2N) noch ein Steg (':^">2W) 
angelegt, noch Holz oder Gras zur Feuerung gesammelt (vgl. Bd. I, 
S. 84), noch das Vieh geweidet und auch nicht spazieren gegangen 
werden ^^^^ Auch die Nachbarschaft der Gräber (ni"12p HJirii*) 
wurde in gewissem Betracht geehrt ^^^; namentlich mußte zu 
dem Familiengrabe ein hinlänglicher Fußsteg von jedermann 



78 



Knochenüberfübrung. 



zugestanden werden ^■^•. Bei größereu Grabanlagen wohnte in 
einem Häuschen ein Wächter^^^. Nicht gern sah man, wenn 
Tritte der Lebenden die Särge der Toten trafen; auch war es 
eine zarte Aufmerksamkeit gegen die Toten, daß man nicht 
mit von Schaufäden behangenen Mänteln über die Särge hin- 
schritt, was einer Beschämung der zur Untätigkeit verdanmiten 
Toten gleichgekommen wäre^^^. Im übrigen wurden die Grräber 
fleißig besucht und waren der Nährboden für abergläubische 
Vorstellungen''"^^. 

Nach einer Kühe von ungefähr einem Jahre, da der Leichnam 
auf dem Begräbnisorte bis auf die Knochen verweste C^INnJ 
"iTVnj, Ti'^Zy M/r), wurde das Nischengrab, welches eigentlich gar 

< -- - on^,G6 - .._ „ _> 




Flg. 32. Jüdisches Ossuarium. 

nicht verschlossen war, geöffnet und die Gebeine behufs neuerer 
Bergung gesammelt (m^^uy LDIp'p)^'^^ Die Sammlung geschah 
entweder durch den Totengräber (oben S. 74), durch die Be- 
erdigungsgenossenschaft (S. 63) oder durch die Angehörigen, 
wie z. B. im Falle der Hingerichteten (S. 73), deren Gebeine aus 
dem Gerichtsfriedhof erst jetzt durch ihre Verwandten in das 
richtige Familiengrab überführt wurden ^'^^. Kinder sollten aus 
schuldiger Ehrfurcht die Gebeine ihrer Eltern nicht sammeln^"^^. 
Die Gebeine wurden wie Mumien mit linnenen Binden umwickelt 
(]^1D2 nnii, T^'pi 1"12) oder in feste Geräte, z. B. in Körbe (niDip) 
oder Säcke (N^pD"""!) gebracht, nachdem sie vorher mit Ol und Wein 
gesalbt worden waren^"^"^. Die Gebeine von Männern sollten nur 
Männer, die von Frauen nur Frauen sammeln ^^^. Die Gebeine 



Knochenfelder. ^g, 

zweier Toten sollten nicht zusammengewürfelt werden; die eines 
jeden kamen in einen besonderen Sarg. Er wurde aus Zedern 
oder Ton und weichem Stein gemacht, hieß „Kiste" (NCpDI^:;), 
weil er natürlich viel kleiner war als der Sarg, und derart sind die 
vielen kleinen Särge aus Ton, die man in Palästina gefunden 
hat und die man sich anfänglich wegen ihrer Kleinheit nicht 
erklären konnte, wo sie doch richtig nur Ossuarien sind^"^^. Es 
sind viereckige Kisten mit einem Deckel, zumeist mit Rosetten, 
und geometrischen Figuren verziert, häufig hebräisch oder grie- 
chisch den Namen des Toten tragend, weshalb sie in unseren 
Museen einen wichtigen Bestandteil der palästinischen Archäologie 
bilden ''^^ Die Gebeine wurden nun unter partieller Wiederholung 
des Trauerrituals (Leichenreden S. 335)''^^ wieder in Höhlen oder 
auf Feldern beigesetzt, welche nun Knochenhäuser (X''CtC "'2) 
hießen^-'». 

In den früheren Begräbnisstätten entstanden nunKenotaphien, 
und es konnte vorkommen, daß ein aufgelassenes Gräberfeld aus 
Versehen oder absichtlich mit dem Pfluge bearbeitet wurde, und 
dann finden sich inmitten der Erdschollen wohl noch zersprengte 
Knochenteile, weshalb das Knochenfeld (dISH H''^) den Charakter 
des Grabes beibehält und durch ein Mal (w. u.) als unrein be- 
zeichnet wird. Die Knochen kamen auch zum Vorschein durch 
das bloße Wegblasen des Staubes; sah man keine, wurde das 
Feld für rein erklärt ^^'^. 

133. Grabmonumente. Damit die Kenotaphien und die 
möglicherweise Knochen enthaltenden Felder kenntlich blieben, 
ließ die Behörde an beiden Enden je einen Stein als Mal (bh. 
und nh. p''^) aufstellen. Dieses Warnungszeichen, der cippus 
der Römer, bezeichnete die Grabarea und sollte Annäherung 
und mithin Verunreinigung am Grabe verhüten. Man bezeichnete 
auch den Platz, auf welchem Steine gelagert waren, die aus 
einem mit Aussatz behafteten Haus herrührten, was allerdings eine 
Seltenheit war (Bd. I, S. 57) ^^^ Das Warnungszeichen wurde all- 
jährlich am 15. Adar, also nach der Regenzeit, neu mit Kalk 
bestrichen ("i^D^ "^C), und wenn mittlerweile wieder Regen fiel, 
abermals verkalkt, eine Arbeit, die auch am Halbfeiertage (des 
Pesach) verrichtet werden durfte, ein Beweis ihrer Wichtigkeit ^^2. 
Des Males bedurfte es nur, wenn die betreffende Stelle zweifei- 



80 Grabdenkmal. 

haft war, also bei aufgelassenen Gräberfeldern, oder wenn das 
Grab durch Laub, Gebüsch und vorkragenden Stein verdeckt 
war, nicht bei auspesprocheneu Gräberfeldern^*'^. Man stellte den 
viereckigen Stein hart am Grabe oder am Gräberfelde auf, denn 
es sollte nur der Fleck allein als unrein bezeichnet werden, 
vom sonstigen Terrain aber nichts eingebüßt werden. Das Be- 
streichen des Steines mit Kalk gab ein Mittel ab, den Gräber- 
stand anzugeben; war das Mal nur auf einer Seite angestrichen, 
so war eben dort das Grab; auf zwei Seiten, waren zwei Gräber- 
stätten da; ebenso wenn auf drei Seiten; waren aber vier Seiten 
angestrichen, so befanden sich die Gräber nicht gerade am Stein, 
sondern auf dem ganzen Feld. Ebenso bezeichnete ein Mal nur 
das, was darunter war; zwei Male hingegen das ganze von ihnen 
begrenzte Feld, wenn nicht Ackerfeld dazwischen lag^^^. Die 
bekalkten Gräber (Toccpoi yw£XOvia[X£voi) kommen auch in den 
Evangelien vor^^^. 

Über oder an dem Grabe befand sich außerdem ein 
monumentaler Bau, den man — auch bei andern Semiten -— 
„Denkmal" (Z'B2 [j.vyj[X£lov) nannte; griechische Inschriften nennen 
es „Stele", „Pyramide", was zugleich über seinen Bau Aufschluß 
gibt°^^. Die ersten Erbauer waren wohl die Phönizier, deren 
Land noch manches dieser Denkmäler aufweist. Dies stimmt 
überein mit der Wahrnehmung, daß die jüdische Bauart über- 
haupt von den Phöniziern abhängig ist, und daß auch speziell im 
Gräberwesen sich die Phönizier hervortaten (Bd. I, S.42 und o. 76). 
Doch kennen wir auch aus der jüdischen Geschichte das 
Denkmal der Makkabäer, welches Simon Makkabi, und das 
Denkmal am Grabe Davids, welches Herodes errichten ließ'''^^ 
Man hatte zwei Arten von Denkmälern: 1. Massive Blöcke 
oder Monolithe (H^OIlTN* t^'^J), die nur als Denksteine dienten, in 
die jedoch mitunter bienenzellenartig Särge eingebaut waren, 
wie wir sie von den Etruskern kennen und als deren Beispiel 
in Jerusalem die Pyramide des Zacharias dienen kann, die frei- 
stehend aus dem natürlichen Felsen gehauen ist; da sie unzu- 
gänglich sind, so waren für etwaigen Aufenthalt von Menschen 
Anbauten, eine Art Schuppen oder Hütten, nötig^^^; 2. Mausoleen 
mit durchbrochenen Wänden, also wohl von Säulen getragen, 
mit einer bewohnbaren Kammer (PH"'"!), in der sich die Be- 



Grabdenkmal. 



Sucher des Grabes, ständig vielleicht der Wächter (S. 78), auf- 
hielten: als Beispiel mag das Absalom-Monument in Jerusalem 




Fig. 33. Phönizischea Grabdenkmal bei Amrit. 



dienen ^•^^. Wenn diese Denkmäler Gräber enthielten, was im 
allgemeinen nicht der Fall war, mußten auch sie mit Kalk be- 
zeichnet werden ^^^. Ihre Herstellung muß teuer gewesen sein — 
€s ist auch ausdrücklich von den Kosten die Rede — und sie 



Krauß, Talm. Arcb. II. 



82 



Gral»d(M)kujal. 



wurden ^eNviß nur Vornehmen gesetzt' 
zälilten nun die Schrifto-elehrten nicht 



Zu diesen Vornehm eit 
sie waren bekanntlich 
sehr arm (vgl. S. 18") — und aus ihrem Kreise findet sich das- 
Wort: „Den Frommen stellt man keine Denkmäler (miiTj); ihre 




Fig. 34. Grab des Zacharias in Jerusalem. 



Worte (= Lehren) bilden ihr Andenken (]nr')"^^l Daraus folgt^ 
daß das Denkmal den Namen des Toten am besten zu verewigen 
geeignet war; man sprach etwa: „Denkmal des und des"; einmal 
findet sich: „Denkmal der Ägypterin", und einmal sogar das 
„Denkmal des Hundes" (NltTI Nl^'E^j), welches nämlich einem 
klugen und treuen Hunde gesetzt wurde"'^^. 



83 

C. Sklaven und Lohnarbeiter. 

134. Erwerbung der Sklaven. Obzwar den Griechen 
und Kömern das Volk der Syrer und der Juden für die geborenen 
Sklaven galten, und obzwar es für sicher gelten kann, daß die 
Juden infolge ihrer vielen UDglücklichen Kriege und der Lage 
ihres Landes ein großes Kontingent zum Sklaventum stellten^^"^, 
so ist anderseits ebenso sicher, daß die Rabbinen mit ihrer 
Behauptung, ein Jude verkaufe sich freiwillig nur in der äußersten 
Not zum Sklaven, recht haben. Er sucht sich zu helfen, indem 
er erst die entbehrlichen Mobilien, dann seine Liegenschaften, 
ja sein Haus, schließlich auch seine Tochter (S. 20), ja auch 
seinen Sohn verkauft, und erst, wenn all das versagt, macht er 
Schulden, den ersten verhängnisvollen Schritt zum völligen lluin, 
indem er sich durch die Schuldenlast genötigt sieht, sich selbst 
zu verkaufen, und zwar an einen im Lande ansässigen Heiden^^^ 
Hätte er sich dem israelitischen Bruder verkauft, würde sein 
Sklaventum nicht viel bedeuten, da er luir eine fixe Zeit und 
gar nicht sklavenmäßig zu dienen hätte. Wenn man überdies 
gewissen Ausspi'üchen im Talmud trauen darf, war bereits 
während der Dauer des zweiten Staatslebens die Sklaverei eines 
Hebräers (bei einem Hebräer) nicht möglich, und danach ist 
alles, was über diese Matei'ie in unsern Quellen gesagt wird, 
imr von theoretischem Interesse. Selbst in der Phraseologie 
„hebräischer Sklave" ("2^) und „hebräische Magd'' (m?2N) spiegeln 
sich durchaus nur biblische, nicht reale Verhältnisse jener Zeit^^^. 
Aber die Tatsachen des wirklichen Lebens brachten die Sklaverei 
des „Hebräers" immer wieder auf; so ein Vorfall unter König 
Schabur von Persien ^^^, und die in religiöser Hinsicht Laxen 
konnten nach der Lehre der Rabbinen selbst zu Leibeigenen 
gemacht werden •'^'^. 

Frauen und Proselyten durften keinen hebräischen Sklaven 
kaufen-, Frauen nicht, damit sie nicht in Verruf kämen — 
doch brachte es die Kasuistik zustande, zu dekretieren, daß 
sie einen heidnischen Sklaven, gerade weil er von lasziven Sitten 
ist, halten dürfen — Proselyten w^ohl darum nicht, auf daß 
Stammesfremde nicht über Israeliten herrschen, schwerlich mehr 
als bloße Theorie. Weibliche Sklaven jedoch konnte sich auch 
eine Frau erwerben^^^. Oft bringt sie diese, wohl" heidnische 



34 ^:^klaveumontre. 

Sklavinnen, in die Khe mit (S. 45). Der \'ei"kaut" eines jüdiselieu 
Mädchens au einen jüdischen Mann kam eo ipso seinerVerheiratung 
gleich'''*'. Von einer jüdischen Frau im Sklavendienste eines 
Heiden wird nicht einmal gesprochen; eine solche Frau, wie 
ül)rigens aucli ein hehräischer Sklave im Dienste eines Heiden, 
wurde von den (ilaubensbrüdern mit allem Eifer ausgelöst (rn?)'''''^ 

Das iüdische Weil) kann sich freiwillig nicht verkaufen, 
und ebensowenig kann es, etwa infolge eines Diebstahles, 1)0- 
hördlich verkauft werden ^'^. Nur in einem Falle wurde eine 
Jüdin zur Sklavin: durch den Willen ihres Vaters, den nur die 
äußerste Armut dazu treibt (S. 83); schon die Mutter hat diese 
potestas nicht. Da solches Verkaufen eigentlich, wie gesagt, ein 
Verheiraten ist, so wird nur die minorenne Tochter davon be- 
troffen, ebenso wie der Vater auch nur die minorenne Tochter 
verheiraten kann (S. 20)°^^. 

Somit kann in der jüdischen Gesellschaft eigentlich nur 
von heidnischen Sklaven und Sklavinnen gesprochen werden; 
ihr Name, gleichfalls biblisch, ist ""J^jD und n''jyj-, „kanaanitischer" 
Sklave und „kanaanitische" Sklavin. Solche treffen wir in großer 
^lenge an, denn obzwar einige riesige Zahlen, wie 400, 4000, 
5000 zunächst nur aggadische Übertreibungen sind, und obzwar 
die Anekdote von 1000 Sklaven und 1000 Sklavinnen, die ein- 
ander ehelichen sollen, im Hause einer römischen Dame spielt, 
so bew-eisen sie doch die Menge von Sklaven und Sklavinnen 
auch in jüdischen Diensten, und ganz reell klingt die Nachricht, 
daß die Sklaven ihren Herrn, den allerdings sehr reichen Eliezer 
b, Charsom (Bd. I, S. 132), persönlich gar nicht kennen, daß ferner 
einem Rabbi 60 Sklaven zum Geschenk gemacht wurden, und 
daß endlich eine Stadt ganz von heidnischen Sklaven bevölkert 
war^^"^. Das Heer von Sklaven in der Hand eines Besitzers 
hat nur Sinn auf Latifundien und in großen Ökonomien, wie im 
Falle des Eliezer b. Charsom, denn da hatte jeder Sklave, rich- 
tiger jede Gruppe von Sklaven, ihre eigenen Aufgaben; in Rom 
galt es bekanntlich für eine Schande, wenn ein Sklave zweierlei 
Verrichtungen versah, und darauf mag beruhen der von den 
Rabbinen so oft vernommene Satz: „Ein Bote verrichtet nicht 
zweierlei Sendungen" ^^^. Gleichwohl gewann die Sklaverei im 
Orient niemals die Bedeutung w^ie in Rom, und in dem benach- 



Sklavenmärkte. ^5 

barten Ägypten z. B. herrschte selbst zur römischen Zeit die 
freie Arbeit vor^'^. 

Die Sklaven komnien in jüdischen Besitz wohl in erster 
Reihe aus der Hand der Heiden, namentlich durch die Phönizier, 
auf deren Märkten (w. u.) die Sklaven erhandelt wurden, und 
auch aus Privatbesitz, denn es galt für verdienstlich, den Heiden 
Sklaven zu entreißen, da es ihnen in jüdischem Besitz jeden- 
falls besser ging"^". Ferner sind auch die im Hause geborenen 
Kinder einer Sklavin Sklaven (w. u.), auch konnte ein Findling, 
dessen heidnischer Charakter sicher, von seinem Annehmer zum 
Sklaven gemacht werden, und endlich der Heide, der sich frei- 
willig verkauft. 

Es gab in Palästina selbst und in der nächsten Umgebung 
von Palästina große Sklavenmärkte, von denen als die vorzüg- 
lichsten Gaza, Akko und Batne (w. u.) und außerdem noch Tyrus 
genannt werden, wogegen der einmalige Sklavenraarkt, der nach 
der Niederwerfung des jüdischen Aufstandes im Jahre 136 n. 
Chr. angeblich bei der Terebinthe von Hebron stattgefunden 
haben soll, richtiger nach der hellenistischen Stadt Neapolis 
(Sichern) gehört und für die ökonomischen Zustände des Landes 
keine Bedeutung hat^'^. Auf diesem Markte sollen vier Juden 
um den Preis von einem Modius Gerste verkauft Avorden sein; 
verläßlicher ist die Nachricht, daß fast 800 Jahre früher im 
Makkäbäerkriege 90 jüdische Sklaven für ein syrisches Talent 
an die phönizischen Sklavenhändler, die sich in großer Anzahl, 
1000 Mann stark, im syrischen Lager eingefunden hatten, aus- 
geboten wurden, was auf den Kopf etwa 10 Taler machen 
würde*, doch kennen wir aus Josephus einen mehr als um das 
doppelte höheren Durchschnittspreis für jüdische Sklaven in 
Agypten^'^. Die Misna nimmt als Maximum 100 Mina, als 
Minimum einen Golddenar an""^^. Mit den Preisschwankungen 
mußte auch bei der so hoch gehaltenen Pflicht des Loskaufes 
(S. 84) gerechnet werden; man sollte immer den geringsten 
Preis berechnen^^^ Der Preis mußte auch nach der Nationalität 
des Sklaven schwanken; für einen Syrer, den man für geschickt 
und namentlich auch als Bäcker und Koch verwendbar hielt^^-, 
wurde gewiß mehr bezahlt als für den schon vermöge seiner 
Religionsgesetze schwer zu behandelnden Juden. Unsere Quellen 



{^() Sklaveuberufe, 

keiiiioii bt^s()iul('i-s die Mohreu als Sklaven; im allgcincincii, so 
heißt es, verkauft derGermaiie(=Weiße) den Mohren (= Schwarzen 
Bd. I S. 245) und nicht umgekehrt; weil der biblische Joseph ein 
Weißer war, so verlangte Potiphar einen Bürgen, daß er Avirklich 
Sklave sei^^^. Auch die schwarze Sklavin (n''i:'i:: nnsii') ist eine 
stehende Figur, wie auch die Mauretanierin, und die Quellen lassen 
durchblicken, daß die schwarzen Schönheiten selbst ihre weißen 
Herrinnen bei den Männern ausstechen'^^^. 

Auf dem Sklaveumarkte erscheinen die Sklavinnen mit ihrem 
schönsten Staat bekleidet und mit Geschmeide geschmückt (vgl. 
Bd. I S. 204) — das Geschmeide gehörte sowenig ihnen, daß wir 
die Bemerkung vernehmen, es sei nicht implicite mitverkauft — 
und es konnte gefordert werden, daß sie sich entkleide, wogegen 
die Kleidung den männlichen Sklaven nur zum Vorteil diente^^^. 
Es ist natürlich ein Unterschied im Preise zwischen einer jung- 
fi'äulichen und deflorierten Sklavin, zwischen der Schönen und 
Nichtschönen; letzteren Unterschied machte man auch bei 
Sklaven ^'^^; ein blinder Sklave, oder einer, dem die Hand ab- 
geschlagen — ein sehr aus dem Leben gegriffenes Beispiel (vgl. 
Bd. I S. 182) — oder der Fuß gebrochen ist, galt natürlich nicht für 
schön. Bei der Sklavin kommt noch in betracht das Stadium 
der baldigen Niederkunft, wodann das Kind dem neuen Herrn 
zufällt, es verringert sich aber ihr Wert, wenn sie säugt ^^^; 
beim Sklaven sieht man darauf, ob er groß (stark) oder klein 
(schwach) sei und welche Profession er ausübe (ein Perlenstecher 
z. B. ist mehr wert als ein Schneider) ^^^, und von einer Profession 
kann füglich auch bei Sklavinnen gesprochen werden, denn 
aus ihrer Mitte nahm man die Haarkräuslerinnen (Bd. I S. 197), 
Musikantinnen,Tänzerinnen usw^^^^. Aus dem griechisch-römischen 
Leben kennt man die Verwend^ung von Sklaven als Lehrmeister 
(Pädagogen) '^'•^^. Man erwähnt Knechte und Mägde in ganz jugend- 
lichem Alter, also Kinder, wobei daran zu erinnern, daß die 
phönizischen und sonstigen Seeräuber häufig Kinder entführten, 
die sie als Sklaven verkauften; dann auch Jünglinge und Jung- 
frauen und ganz alte Sklaven beiderlei Geschlechts, Avorunter 
auch solche, die im Hause ihres Herrn alt geworden sind^^^ 
Da lief mancher Betrug unter; man färbte z. B. den Sklaven 
Haar und Bart, damit sie jugendlicher aussähen (Bd. I S. 190). 



Sklavenkauf. 



87 



Der Sklaveiimarkt ging vor sich auf einem Seitensteg oder 
m einem Gäßchen im Bazar der Stadt, dort, wo auch das V^ieh 
verkauft wurde ''^■'. Der Sklave oder die Sklavin standen geputzt 
(o. S. 86) auf einer Art Mastaba oder auf dem Verkaufsstein 
(np'pn pN) und trugen wahrscheinlich, Avie bei den Römern, 
Täfelchen auf ihrem Leib, die ihre Fähigkeiten usw. anzeigten ^^^. 
Es wurde nun der Kaufpreis vereinbart, der, einmal festgesetzt, 
den Kauf reclitsgiltig machte; eine Annullierung wegen Über- 
vorteilung (^^*J^^^ dolus) fand nicht statt, vielleicht infolge der 
Annahme, daß man für Sklaven und Sklavinnen auch Lieb- 
haberpreise bezahle; doch wurde juristisch ein ganz anderer 
Grund angegeben, daß nämlich Sklaven wie Immobilien an- 
zusehen seien, und es wurde ferner die Formel aufgestellt: 
„Bei Sklaven gibt es keinen Leibesfehler" (jl^^D) in dem Maße, 
■daß der Kauf annulliert werden müßte, denn äußere Fehler 
hätte der Käufer sehen müssen, und an inneren, solchen nämlich, 
die die Arbeit nicht behindern, ist ihm nichts gelegen''^'^, eine 
Anschauung, die den Sklaven zur bloßen Arbeitskraft herab- 
drückt. Die Formen der Besitzergreifung sind tatsächlich die 
der Immobilien: Geldsumme (^DZ), Überreichung eines Kauf- 
briefes (*lt-D'), faktische Besitzergreifung (npiri); nur wenig 
Stimmen lassen ihn auch wie Mobilien: durch Tausch und 
Ansichziehen, gekauft sein^^"*. Da ist daran zu erinnern, daß 
■selbst in der Sprache die Sklaven als „Felder" und „Liegen- 
schaften" bezeichnet werden (S. 44), vom Staudpunkte des 
Altertums insofern richtig, als ja nicht der Leib, sondern nur 
die Arbeitskraft des (hebräischen) Sklaven verkauft war. 

Wie man sich nun in den l^esitz eines Feldes setzt, so 
geschieht es auch beim Sklaven, indem man ihn irgend einen 
charakteristischen Sklavendienst verrichten läßt. Er löst dem 
neuen Herrn die Schuhe, trägt ihm die Wäsche ins Badehaus 
nach, entkleidet, wäscht und salbt ihn, gibt ihm die Massage, 
kleidet ihn an und zieht ihm die Schuhe an, Dinge, die wir als 
die ständigen Ai'beiten des Sklaven an der Person seines Herrn 
ansehen können, worunter z. B. auch das, daß er ihm des 
Morgens das Hemd reicht, wohingegen einige dieser Arbeiten 
-ausdrücklich als diejenigen genannt werden, die der hebräische 
Sklave seinem Herrn nicht tut. Hier mögen gleich die andern 



SS VerkauiVfonnoI. 

Arbeiten des Ilaussklaven erwillint werden: er bedient bei Tisebe^ 
verrichtet hilusHche Arbeiten, nanientHeh die Bedienung des 
Viehes, weckt den llei-rn aus dein Schlaf, trägt ihn auf der 
Sänfte, ist sein Trabant usw.''-'". Man eignet sich ferner den 
Skhiven an. indem man sich von ihm emporbeben läßt, nach 
anderen, indem der Herr ibn emporhebt''^^ Eine der Auf- 
gaben des Sklaven ist es auch, wie wir bereits aus dem ßade- 
leben wissen (Bd. I S. 226), daß er den Herrn beiuj Gehen stützt^^^. 
Von eminent antiquarischem Interesse ist die Formel des 
Sklavenverkaufsbriefes (arani. ''"^^"i '»j''2I "li^C'j, dessen näliere 
Punkte nach dem Talmud zwar erst von einem babylonischen 
Schulhaupte des 3. Jahrb. festgestellt wurden, dessen eigentümlich 
archaistische Sprache jedoch auf direkte Verbindung mit dem 
alten Assyrien hinweist. Der Verkäufer bekundete darin: 
„Dieser Sklave gehört rechtmäßig zur Sklaverei 0"i2y), ist exi- 
miert und beschützt (TtOy ?) vor Manumission (niin vgl. S. Hl), 
vor Einsprüchen ('''i'lt'y), vor Beklamation {''"11*1>7) seitens des 
Königs und der Königin und niemand hat Gewalt • 0*^n) über 
ihn; er ist auch frei von jedem Leibesfehler {U^ü) und von 
Krätze, von da an rückwärts auf vier Jahre (pers. inuCO) ge- 
rechnet" ^^^. Der erste Satz dieser Formel bekundet das Eigen- 
tumsrecht des Verkäufers an dem Sklaven, zu welchem Punkte 
der Midras, der uns den Verkauf des biblischen Joseph schil- 
dert (S. 86), das Analogon bietet, der Herr habe Verdacht ge- 
habt, ob der ihm angebotene Mann auch wirklich ein Sklave 
sei, zu welchem Behufe er die Stellung eines Bürgen (2"iy) ver- 
langte; gemeint sind die Garanten (ßsßaLWTYJps?) des griechischen 
Volksrechtes. Josephs Fall rief den Alten die verkehrte Welt 
in Kohel. 10,7 in Erinnerung: Der Sklave (= Potiphar) kauft, 
der Sohn der Magd (= Ismael) verkauft, und der freie Mann 
(r*lin ^2 d. i. Joseph, vgl. ni^lP! des Formulars) wird beiden 
verkauft^^°. Aus dem syrisch-griechischen Leben geschöpft ist 
folgende Erzählung: „Einer will einen Sklaven kaufen; da spricht 
er zu seinem Herrn: Ist der Sklave, den du verkaufst, von 
schlechter Qualität (pD''"i:iipXp = xaxY] (upzGig) oder von gute]- 
Qualität {yi(xkr\ aipzGic)? Er sagt ihm: Von schlechter Qualität, 
und eben darum verkaufe ich ihn"^^^ Es ergibt sich daraus» 
daß so ein Sklavenverkauf viele Klauseln hat^^^ Nur bei schrift- 



Sklavenniarken. 



89 



lieber VereinbaruDg bilden die berührten Mängel (freier Mann, 
Reklamation usw.) einen dolus, sonst ist der Kauf, wie bereits 
gesagt, auf jeden Fall giltig, auch w^enn' der Sklave ein Falsch- 
spieler, ein Trunkenbold, ein Dieb oder ein mit Leibesfehlern 
behafteter Mensch ist; bei Sklavinnen freilich ist der Leibes- 
fehler (auch Krankheit, Irrsiuu, Epilepsie) schwerer zu beur- 
teilen, und auch bei einem Sklaven der Fall, daß er ein Räuber, 
ein der Regierung Verfallener oder ein zum Tode Verurteilter 
wäre«oi 

Der neue Besitzer drückt dem Sklaven, wahrscheinlich in 
unverwischbarer Weise, wie es z. B. auch der Pfriemenstich der 
Bibel ist, eine Marke {Cli^n) auf, die es verhindern soll, daß 
ihm der Sklave entlaufe ^^"*, hängt ihm in Form eines Siegels 
(cmn Bd. I S. 202) eine Etikette auf, die der Sklave am Halse 
oder am Oberkleide trägt, besonders wenn er außer Hauses zu 
tun hatte, denn da sah es der Herr nicht gerne, wenn er 
ohne Etikette ausging; wenn nun diese vom Oberkhiidc 
abriß, suchte der vor der Strafe sich fürchtende Sklave den 
Abgang so zu verdecken, daß er sein Oberkleid überschlug 
und auf die Schulter nahm^'°\ Auch eine Schelle am Halse oder 
am Oberkleide bezeichnete seineu Stand, beides, Etikette und 
Schelle, aber gewiß auch jenes Brandmal, genau so auch Ver- 
merke des Viehes !^^^ Ein anderes Abzeichen der Sklaven be- 
stand in einem Kopfbund (^512^), einem Stücke, das auch unter 
den weiblichen Schmucksachen figuriert^^^' und vielleicht mit 
dem wollenen Turban (H^Z Bd. I S. 186) identisch ist; vgl. weiter 
unten. Die Anbringung dieser Herrschaftszeichen kam einer 
neuerlichen Besitzergreifung gleich, die man, mit einem wneder 
im syrisch-griechischen Rechte sich vorfindenden Ausdruck DICj = 
yo\i.6c, = vo[j-Yi d. i. Besitzantretung (nicht v6ij.o^ = Gesetz) nannte, 
und wiederum ist dieser Ausdruck derselbe auch bei Besitz- 
ergreifung von Immobilien ^^^. 

135. Behandlung. Ein eigentlicher Sklave ist der 
Hebräer nie; sein Körper (/)ii), wie man sagte, wird nicht Eigentum 
des Herrn, sondern nur seine Arbeitskraft, so daß er also 
persönliche Rechte behält^^^. Er hatte Besitzrecht an dem zur 
Zeit seines Dienstverhältnisses erworbenen äußerordentlichen 
Erwerb (T'T' rZ'V^) und am Funde (PuS^^'C), konnte sich auch 



<J0 Kcc'lite lies hebräischeu Skhivon. 

jt'fltMi Aiig-cnblick loskauirn und konuto iiut' dem Wege der Erb- 
schaft nielit in andern Besitz übergeheu*'^^. Wir wissen bereits, 
daß er ebarakteristische Sklavendicnste (S. 87), als da sind: 
dem Herrn die Füße waschen, ihm die Schuhe an- und aus- 
ziehen, Badewäsche nachtragen, auf der Treppe ihn stützen, in 
der Sänfte, im Sessel und im Tragbett ihn tragen — nicht 
verrichtet. Aber er verrichtet Arbeiten, die ihn nicht herab- 
würdigen: er schneidet dem Herrn das Haar, wäscht ihm 
sein Kleid, bäckt ilnu sein Brot usw. Übt der Sklave ein Ge- 
werbe aus, war er z. B. früher Öffentlicher Badediener, Haar- 
schneider, Koch oder Bäcker (vgl. S. 85), so darf ihn sein 
Herr nicht für Fremde arbeiten lassen; noch weniger zulässig 
ist es, daß ihn der Herr eigens auf das hin eine Profession 
erlernen lasse ^^^*, Die Humanität des Gesetzes steigert sich bis 
zum Ideal; sechs Jahre (w. u.) sind sechs Jahre, sie werden 
ihm angerechnet, auch wenn er auf der Straße spazieren geht 
oder krank ist und zu Bette liegt und höchstens eine leichte Arbeit, 
etwa Näherei (§ 78), leisten kann^^^ Im Dienste eines andern, 
z. B. als Schnitter bei dem nachbarlichen Gutsherrn, ißt er, 
wie ein freier Arbeiter, von den Feldfrüchten des nachbarlichen 
(jrutes^^-. In Speise, Kleidung und Wohnung, nicht zu vergessen 
das gemeinsame Mahl (iDTi) und Bad mit dem Herrn, ist er 
dem Herrn völlig gleichgestellt; die Worte: ,.Mit dir in Speise, 
mit dir in Trank, mit dir in reinlicher Kleidung" sind fast 
zu Schlagworten geworden, und wie das gemeint ist, folgt aus 
der näheren Ausführung: „Daß du nicht etwa äßest weißes Brot 
und er grobes, tränkest alten Wein und er jungen, schliefest auf 
Matratzen und er auf Stroh, wohntest auf dem Lande und er in 
der Stadt, oder du in der Stadt und er auf dem Lande" . . . 
Kein Wunder, wenn all diese Kücksichten in dem Satz gipfeln: 
„Wer sich einen hebräischen Sklaven kauft, kauft sich einen 
Herrn" ^^"^ Dasselbe ist dann ein Punkt auch der mohammeda- 
nischen Ethik geworden^'"*. Es versteht sich von selbst, daß 
der Herr auch die Frau und Kinder seines jüdischen Sklaven 
ernähren muß^^^. Die unglücklichen Sklaven mit abgehauenen 
Händen und Füßen (S.86) mußten um so eher aus Gemeindemitteln 
alimentiert (C^"i?) werden '^^^. Dagegen brauchte der Herr unter 
Umständen seinen kanaanäischen Sklaven nicht zu alimentieren. 



Sklavenbedrückung. gj^ 

indem er ihn auf das öffentliche Mitleid oder auf das Betteln 
verwies; das Herbe dieser Bestimmung* wurde aber durch die 
Praxis gewiß gemildert (vgl. S. 45), denn wir hören z. B. von 
einem Lehrer, daß er seinem Sklaven von dem eigenen fetten 
Bissen und guten Trank reichte, nicht aus Pflicht, so wird hin- 
zugefügt, sondern aus Barmherzigkeit^^^. Ein drastischer Spruch 
lautet: „Der Sklave ist selbst sein Futter nicht wert", allerdings 
hervorgerufen durch ein Inviduum, das sich johlend und sprin- 
gend in den AVeinbuden herumtrieb ^^^''. Einer Sklavin die Kost 
zu entziehen, war ohnedies unmöglich, denn in der jüdischen 
Gesellschaft kannte man keine Frauen, die bettelten '^^^. 

Um heidnische Sklaven stand es überhaupt viel ärger, 
ja, nach einem berechtigten Urteil, schlimmer als im Mosaismus, 
aber im Vergleich mit Rom noch immer erträglich, wie denn 
die Rabbinen nicht verfehlten, auch die tatsächliche Bedrückung 
("112^17) von heidnischen Sklaven zu rügen ^^^. Gesetzlich sind 
sie bloß Sache und gehören ganz dem Hc^-rn. Demnach ge- 
hört sein Erwerb und sein Fund dem Herrn-, treibt er im Dienste 
des Herrn gewinnbringenden Handel, so gehört der Nutzen dem 
Herrn; er hat überhaupt kein peculiiun, oder, wie noch ferner 
das römische Recht so unbarmherzig sagt: nulhun Caput luihet. 
Im Vergleich dazu, wenn auch dasselbe sagend, klingen die 
rabbinischen Formeln mild: „Die Hand ("'') des Sklaven ist 
wie die Hand des Herrn"; „alles was der Sklave erwirbt (^Cp), 
erwirbt der Herr"; ^.jemandes Sklave ist identisch mit ihm 
selbst" ^'-^. Wie ein minderjähriger ist er unfähig zu Rechtshand- 
lungen; er kann nicht kaufen, nicht verkaufen, nicht schenken, 
nicht empfangen (es sei denn, sein Herr gebe ihm die Bewilligung 
dazu, oder er sei von ihm betraut und ausgesandt), kein Testament 
machen und nichts seinen Kindern vererben ^'-^. Der Ersatz, den er 
für von andern erlittenen körperlichen Schmerz (nyii) und für Be- 
schämung (rtJ*-) erhält, gehört dem Herrn''--. Dennoch hat für 
den Schaden, den der Sklave bei andern anrichtet, oder wenn 
er Schulden macht, nicht der Herr, sondern der Sklave aufzu- 
kommen, w^enn er nämlich, nach der Befreiung, erv/erbsfähig 
geworden^^^. Selbst die im Hause von Sklavinnen geborenen 
Kinder erfuhren geringschätzige Behandlung (Z\'7l]h die sich unter 
Inderm darin äußerte, daß man sie Sklaven (cnzy) 



92 Sklavensitten. 

nannte^'-', lu^clit Uitter klingt (>s nun, daß (Wc Sklaven gerade 
bei d(M' ,Jiistilizii>rung den Freien gleich behandelt wurden ^'•^■\ 
Bei kriminellem Prozeß wurd(^ übrigens der Herr ebenfalls 
vorgeladen ^■-'^. 

Ein Spruch der „Väter" lautet: „Viele Sklav(>n, viel Raub", 
ein LIrt(nl, das viel milder ist als die römische Sentenz: „Soviele 
Sklavcm, soviele Feinde"^'-'. Immer lastet auf d(^m Sklaven der 
Verdacht der Hehh^rei (weshalb er denn z. B. k(vin Pfand 
geben kann); selbst das Geld, das vr dem Herrn leiht, verfällt 
diesem auch nach der Freilassung: es ist ja des Herrn Geld^^^. 
Nur wenn er ein oiftmes Geschäft oder eine Industrie seines 
Herrn betreibt, waltet er etwas freier ^'^^. Kanaan, für die Rab- 
binen der Typus des „kanaanäischen" Sklaven, hat nach der 
Aggada seinen Kindern folgendes Vermächtnis hinterlassen: 
„Liebet euch gegenseitig (die Sklaven halten zusammen!], liebet 
den Diebstahl und die Schwelgerei, hasset eure Herren und 
sprechet nicht die Wahrheit" ^^°. Es liat sich demzufolge im 
talmudischen Recht der Satz ausgebildet: „P]s gibt keine W^ahr- 
haftigkeit (XHIjCn) unter Sklaven"; sie können demnach kein 
Zeugnis ablegen und keinen Eid leisten, wie übrigens auch 
Kraucm nicht^^^ ,.Traue keinem Sklaven bis ins zehnte Ge- 
schlecht" 632. Sie sind Spieler und Trunkenbolde (vgl. S. 89), faul, 
schläfrig und frech 6^^. Es ist merkwürdig, daß sie andere Sklaven 
besitzen können^^"^, eine Nachricht, die gewiß dem Leben abge- 
lauscht ist, da in dem Heere von Sklaven der großen Häuser 
eine Rangeinteilung erfolgen mußte. Schließlich ist trotz allem 
auch die Möglichkeit eines eigenen peculium nicht ausgeschlossen, 
da sich ja der Sklave im gegebenen Fall loskaufen kann 6^^. 

In sittlicher Beziehung stehen, das wird mehrfach ausge- 
sprochen, Sklaven und Sklavinnen auf der niedrigsten Stufe. 
Der heidnische Sklave galt, anders als der jüdische, für lasziv 
(mnyz VnS vgl. S. 83) und von hier aus erhält der Satz, die 
Sklaven hätten keine Schande (P'i^D vgl. S. 91), außer dem recht- 
lichen auch noch einen moralischen Sinn^^^. Sie wurden so 
wenig beachtet, daß manche Eheleute ohne Scheu vor ihren 
Sklaven und Mägden ehelich verkehrten 636^ Der Sklave liebt 
die Ausgelassenheit (Ip^Pl), und die Bezeichnung „vagierende 
Sklavin" ("Ip^n nriDli') bedeutet die höchste Verkommenheit 6". 



Sklavenehen. 93 

Daß eine Sklavin ihre Frauenehre bewahrte, wurde fast für unmög- 
lich erklärt; dies erhellt aus folgender Bemerkung : „Warum be- 
wirbt sich [y^p vgl. S. 38) jeder um eine Proselytin, niclit jedoch 
um eine befreite Sklavin? Jene kann für tugendhaft (n"l?2Pl^'?2). 
gelten, diese muß einmal eine Prostituierte (D^pSI^) gewesen sein." 
Manchmal jedoch erfährt auch die gewesene Heidin dieselbe Beur- 
teilung. Die Misna lehrt: „Wer mit einer Sklavin verkehrt zu haben 
beschuldigt wird (ptOj) und sie ist hernach befreit worden, oder 
Aver mit einer Heidin beschuldigt wird und sie ist Pioselytin 
geworden, darf sie nicht als Eheweib heimführen (vgl. S. 29)"; 
ferner „unter Buhlerin (n^lT) der Schrift ist keine andere als die 
Proselytin, die befreite Sklavin oder die sonst in ßuhlierei 
geratene Frau zu verstehen" ^^^. Bei den Sklavinnen rührt die 
sittliche Verkommenheit wohl von dem engen Zusammenleben 
mit männlichen Sklaven her, war es doch eine beliebte Methode 
der Herren, Sklaven und Sklavinnen zu kopulieren, damit 
sie neue Sklaven erhielten; dies wurde fast blindlings ge- 
macht, ohne auch nur darauf zu sehen, die richtigen Paare 
zusammenzubringen, und Avir müssen es als menschenwürdiger 
ansehen, wenn zwei (Jutsherren mit richtiger Wahl gegenseitig 
ihre Sklaven und Sklavinnen kopulieren, wodann die Sklavin auf 
das andre Gut (^<''D'IN = ouaia) verpflanzt wird^^^. Eine rühmliche 
Ausnahme bilden die Fälle, wenn die Verheiratung gerade au^s 
sittlichen Gründen geschieht *'^^. Aber auch die jüdischen Herren 
selbst, bezw. ihre Söhne, mißbrauchen ihre Sklavinnen (vgl. 
S. 52) """^^ Das war nur im Hause der Rabbinen anders; da 
konnte sich z. B. die Magd Rabbis (Bd. I S. 116) vor Entehrung 
retten, und Samuel, der zu ärztlichen Zwecken seine Magd unter- 
suchte, zahlte ihr eine Entschädigung für ihre Einbuße an 
S chamh af tigkeit ^^'^ . 

Ein Konnubium zwischen einem „Israeliten" und einer 
kanaanäischen Sklavin, war nicht zulässig^'^^, ein für das Alter- 
tum selbstverständliches Gesetz, das aber im wirklichen Leben, 
Avie so manche Theorie, durchbrochen wurde, denn „Söhne der 
Magd", wie auch übrigens „Söhne der Heidin", werden in vielen 
religiösen und zivilrechtlichen Beziehungen genaunt^'^'^, so unter 
anderm in dem Satze, „Söhne der Magd" (ncN) und „Söhne der 
Sklavin" (riuDL:') sind wie Bastarde (cniC^ vgl. S. 31) und doch 



t)4 Treue Sklaven. 

nicht Bastarde''^"'. Kinder aus dcv Yerbijiduiig eines Freien mit 
einer Sklavin sind übrio-ens Sklaven, weil die Kinderden Charakter 
der ^luttiM- haben, ein Überbleibsel des Matriarehats, wie in 
manchen andern Fiillen^'^^. Ebenso ist nichtig die Heirat zwischen 
einer freien Jüdin und einem Sklaven, doch sind hier, entsprechend 
dem vorhin erwähnten Prinzip, die Kinder keine Sklaven^'*'. 
Der Sklave kann überhaupt keine Ehe schließen; er hat nur 
geschlechtliche Vermischung, „wie das Tier", folgt in den Quellen^"**^. 
Er hat keine Genealogie (Drii) weder nach oben noch nach unten, 
hat auch keine Brüderschaft (^mriN), und so fort bis zu der un- 
erbittlichen Konsequenz, daß er sich selbst mit Mutter und 
Tochter verbinden könne^"^^. Trauerkundgebungen gebühren den 
Sklaven nicht (S. 59), und der Herr empfängt bei ihrem Tode keine 
Tröstungen, höchstens das nicht sehr schmeichelhafte Beileids- 
wort: „Möge Gott den Schaden gut machen, den du erfahren 
hast!"^'^^. Aber auch das hat sich im Leben viel freundlicher 
gestaltet. So z. B. wird anknüpfend an obige Beileidsformel 
berichtet, daß ein Lehrer wünschte, bei einem ehrbaren Sklaven 
C^Z'Z ^QV)) deren es im Leben gewiß viele gab, als Beileids- 
Ibrniel gesagt werden möge: „Wehe ob des guten und treuen 
Mannes, der sich von seiner Arbeit ernährt hat!" Und die Sache 
selbst, daß nämlich keine Tröstungen erfolgen sollten, war so 
wenig bekannt, daß einst, als einem großen Lehrer eine Magd 
starb, die Schüler, ebenfalls Gelehrte, ihn trösten wollten, dem 
er sich nur mit Mühe entzog. Der Patriarch R. Gamliel, dessen 
treuer Diener Tabi in unsern Quellen oft ehrenvoll genannt 
wird, hat nach dessen Tode tatsächlich Tröstungen angenommen; 
von Rabbi wissen wir, daß er über den Tod einer Magd wie über 
eine Jüdin klagte^''^. In dem Patriarchenhause war es auch, daß 
die Sklaven und die Sklavinnen mit „Herr N.N." und ,,FrauN. N.'' 
angesprochen wurden (X2X und {<C^^)*'^^. Gerade in großen vor- 
nehmen Häusern bemerkt man eine bessere Behandlung der 
Sklaven und demgemäß auch eine rührende Anhänglichkeit der 
Sklaven, wie z. B. die Mägde der Veluria, einer vornehmen Pro- 
selytin, auch nach ihrer Emanzipation im Hause ihrer Herrin 
blieben und ihr dienten^^^. Nebenbei ist zu bemerken, daß 
Tabi {^2lC) und Tabitha (Nn''ZL:) der allgemeine Name von Sklaven 
und Sklavinnen zu sein scheint, und daß auch in diesem 



Sklaven und Religionsgesetz. 95 

Namen (Hirsch, Hirschkuh) sich ein gewisser Zartsinn für die 
Träo-er aus drückt ^■^"^. Auch wurde mancher treue Sklave zum 
Vormunde des minorennen Sohnes bestellt, wenn es letzter 
Wille des Vaters war*^^^. 

Die Stellung der Sklaven zum jüdischen Religionsgeset/, 
deren Details wir hier nicht erörtern können und die im all- 
gemeinen dem Aufgehen des Sklaven im Religionsverbande des 
Herrn gleichkommt, beruht zwar zunächst auf dem Begriff des 
völligen Leibeigentums an dem Sklaven, ist aber zugleich auch 
ein Beweis der geistigen Sorgfalt für den Sklaven und setzt 
seine persönliche Zusammengehörigkeit mit dem Herrn voraus. 
Wie vom Herüberziehen eines jeden Heiden zur jüdischen 
Religion, so wird auch von der Aufnahme der Sklaven und 
Sklavinnen das schöne Wort gebraucht, man nehme sie auf 
unter die Flügel der Gottesherrlichkeit. Allzuviele religiöse 
Übungen verlangte man von ihnen nicht — das wäre ja auch 
mit ihrem Dienstverhältnis unvereinbar — sondern wies ihnen 
in diesem Punkte die Stufe von Minorennen und Frauen an: 
die Begründung ist recht bedeutsam; die Genannten hätten nur 
ein Herz, speziell der Sklave habe nur Herz für den Herrn, 
das heißt, all sein Sinnen und Trachten ist auf den ihm ob- 
liegenden Dienst für seine Herrschaft gerichtet''^^. 

Ein trauriges Kapitel aus dem Sklavenlos ist noch zu be- 
liandeln: die körperlichen Züchtigungen. Schon die Bibel rechnet 
mit dem Fall, daß dem Sklaven Auge und Zahn herausgeschlagen 
werden^^^, und in dem bisherigen berührten wir oft die Angaben 
über verstümmelte Sklaven (pPiCp Bd. I S. 246). Faulheit und 
Widersetzlichkeit zogen für die Sklaven beiderlei Geschlechts 
körperliche Züchtigungen nach sich. Sie werden mit dem Stock 
OpÜ, ^TCIn) geprügelt (es existiert, wie es scheint, ein eigenes 
Verb 1'Cn „prügeln" paßBiJsiv)^'^^ mit einer starken ledernen 
Geißel (nyili"^) gezüchtigt (np^Pi, P""!), oder auch, vielleicht 
weniger wirksam, mit Ruten (Ct^'l^') und Peitschen (p'P'T'.IZ) 
geschlagen, zur Verschärfung jedoch auch so, daß nach der 
Prügelung mit dem Stock noch die furchtbare Geißel geschwungen 
wurde^''^; eine Art Knuten hießen ;^::^?2 = [j,apaYva (im Plural). 
Mitunter wurden nicht weniger als 60 Stockstreiche (pC'PID) aus- 
geteilt^^^. Als furchtbar wird das Marterwerkzeug 2^7 j72 ge- 



<J() Züchtii^ungeu. 



schildert. (Ilmii Xuiiumi nach eine semitische Ej'tindüug-, die als 
ij-ayv^^^i^'^'^ noch im Spätgriechischen imd als ^.^-Lsf mäfflah im 
ägyptischen Arabisch fortleht. Nach der Zusammenstellung uiit 
r^Z-n-- „Hämmer" zu urteilen, die übrigens ebenfalls ein 
^tratSverkzeug waren, dürfte 2^yt2 magiah ein starker Stock sein, 
der am oberen Ende einen Metallbeschlag trägt, den sogenannten 
Stachelring, wie er aus Funden gut bekannt ist. Ein aus dem 
rtiniischen Leben gegriffener Fall, daß ein „König" dem Sklaven 
betiehlt, einem 50 solcher Stachelschläge zu verabreichen (HZII), 
dieser aber 100 gibt, belehrt uns, daß der Herr die Züchtigung 
gewöhnlich einem Obersklaven übertrug, der in seinem Bös- 
willen grausamer verfuhr, als der Befehl erforderte. Kein 
Wunder, wenn der bloße Anblick besonders dieses letzten 
Werkzeuges, des Stachelstockes, die armen Sklaven erzittern 
machte. Mancher als bösartig bekannte Sklave, der neu ge- 
kauft wurde, konnte erst durch Fesseln und Stachelstöcke Mores 
gelehrt werden^^^ Zum Fesseln dienten vor allem große eiserne 
Ketten (niN':'li'':'lJ'), die in einem Verschluß (n'P''yj n''2) zusammen- 
klappten und ein Binden (PiPPS^r) des Sträflings bewirkten. 
Damit nicht genug, w^urde der Hals des Unglücklichen in ein 
Halseisen ("l'^^P = xoXkdpiov — collare) gesteckt, das allein schon 
den Mann, w^ahrscheinlich an den Oberai-men, fesselte (HEDD). Die 
Fesseln (Ct'Zr) nämlich Avai-en bei dem großen Heere der 
Sklaven ein unentbehrliches Mittel der Zucht, schon um das 
Entlaufen der Sklaven zu verhindern. Von jenen phönizischen 
Händlern, die die Juden aufkaufen wollten, heißt es ausdrück- 
lich, daß sie gleich mit Wagen kamen, auf denen sich mehr als 
20000 Handfesseln befanden^es. qj, Hände oder Füße, oder 
beide zugleich gefesselt C^zr, IDN) wurden, wdssen wir nicht^*^^. 
Half alles nicht, wurde der Sträfling zu schweren Arbeiten, 
etwa in Bergwerke, verschickt (]''ni"T'L2)^^* oder ins Gefängnis 
(cmDNTi iTZ, ]h^^p r?2) geworfen (l^'Zn einsperren)^^^. Es kam 
auch Entziehung der Nahrung vor°^^. Wir wissen bereits (S. 19), 
daß die meisten dieser Züchtigungsmittel auch gegen den un- 
folgsamen Sohn augewendet wurden. 

In der jüdischen Gesellschaft, in der es schheßlich die arge 
Sklavenwirtschaft, durch die Rom so berüchtigt ist, nicht gab, 
wurde von all den genannten Strafmitteln nur die Geißel 



Geißelung. 97 

■^nyii*'"!, etwa gleich ^:"1E: = (i^poiyiXkioy — flagellum der Römer), 
stark verwendet, und zwar als Werkzeug der von der Behörde 
vorzunehmenden Züchtigung (nip'PC) nach Gesetzesübertretungen. 
Die Prozedur schildern Misna uud Talmud überaus eingehend, 
und wir dürfen sie auch für die Vorgänge des privaten Lebens 
verwerten. Die Geißel bestand aus einem ziemlich breiten 
Lederriemen aus Ochsen- oder Eselsfell, der in doppelten, ja 
vierfachen Strängen aus einem kurzen Griff ("!"') ausging, und 
zwar hatte der Griff Einschnitte oder Kerben (^<np2^), in denen 
der Riemen entweder straffer oder loser gezogen werden konnte. 
Die Länge des Riemens war so berechnet, daß die Spitze auf 
den Bauch des Gezüchtigten fiel. Dieser lag nämlich niederge- 
worfen, mit beiden Händen um einen Pfahl ("licy) gebunden (nD2), 
mit entblößter Brust, da ihm die Kleider schonungslos herab- 
gerissen wurden, und noch mit einem Stein beschwert; nun trat 
der behördliche Büttel an ihn heran, ein Mann, der sich mehr 
durch Kraft als durch Verstand auszeichnen mußte, schwang 
die Geißel mit beiden Händen und hieb (H-n) auf ihn vierzig- 
mal ein, so daß ein Drittel der vStreiche auf die Brust, zwei 
Drittel auf den Rücken des Gezüchtigten fielen, dem am Schlüsse 
-vor Erschöpfung Harn und Kot abgehen konnte und mit dessen 
Tode gerechnet werden mußte; ein Glück für ihn wars, wenn 
die Geißel riß (pDCJ), da sie in der Prozedur nicht ersetzt 
wurde^^^. 

Dem Sklaven standen zur Selbsthilfe nur wenig Mittel zur 
^"erfügung. Er entzog sich den Peinigungen durch Flucht, warf 
sich räuberischen Horden in die Arme, zündete aus Rache die 
am Felde stehende Frucht seines Herrn oder eines andern Herrn 
an, oder, was wohl wenig nützte, führte Klage bei der Behörde^^^. 
Vor dem Zorn der Frau wurden die Sklavinneu manchmal durch 
den Herrn geschützt^^^. Das Gesetz sichert zwar dem Sklaven 
die, Freiheit zu, wenn ihn der Herr körperlich verletzt, da aber 
dem Sklaven weder Zeugenaussage, noch Schwur, zumal in eigner 
Sache, zugestanden wurde (S. 92), so trat dieser Fall nur ein, 
wenn zufällig Zeugen bei der Züchtigung anwesend waren^'^^. 
Stirbt der Sklave unter seiner Hand, so büßt es der Herr mit 
^em Leben^^^ Die Kastrierung eines Sklaven verschafft ihm 
die Freiheit^^l 

Krauß, Talm. Arch. H. 7 



9S Freilassung. 

136. F rei las s Ulli;-. Die Fälle des Freiweidens des hc- 
])räischen Sklaven sind in der Bibel angegeben: Verstreichen 
von sechs Jahren, Jobeljahr und Loskauf; nur letzterer Modus 
griff ins Leben ein^'^. Wenn der Sklave sieh nicht aus eignen 
Mitteln loskaufen konnte, lastete die Pflicht dazu auf der 
Familie, die dazu sogar gezwungen werden konnte, darüber 
hinaus aber auf jedem Glaubensgenossen; es wurde aber nicht 
losgekauft, wer sich oder seine Söhne an Heiden verkaufte, wohl 
aber wurden die Kinder nach dem Tode des Vaters ausgelöst^^^ 
Der frei gewordene Sklave erhält von seinem Herrn laut bibli- 
schem Gesetz ein Geschenk, dessen Hohe die Rabbinen auf 
30 Selac bemessen und das nach ihnen durchaus in Naturalien 
zu leisten ist^^^ Der Dienst der hebräischen Magd hört auf 
1. durch Verstreichen von sechs Jahren, 2. durch Jobei, 3. durch 
Lösegeld, 4. durch Freilassung, 5. durch Tod ihres Herrn, 6. durch 
erlaugte Pubertät. Auch sie hatte Anrecht auf das Geschenk des 
Herrn^^^ 

Verwickelter gestaltet sich die Freilassung (TiinD', manu- 
'missio) eines heidnischen Sklaven. Vor allem steht nach An- 
sicht namhafter Rabbinen der talmudischen Zeit seiner Frei- 
lassung das biblische Gesetz Lev. 25,46 ,. Immer sollt ihr sie 
knechten" im Wege, das nach andren allerdings nicht apodiktisch, 
sondern potentiell aufgefaßt werden soll; es hielten sich manche 
auch faktisch an das Verbot. Das Verbot soll, wie die neuere 
Forschung meint, einen politischen Hintergrund haben; es soll 
nämlich den Juden zur Zeit der hadrianischen Verfolgungen 
das Recht der freien Verfügung über ihr Veimögen genommen 
worden sein. Aber es gab ein allgemeines, nicht bloß für 
Juden giltiges, römisches Gesetz, das die Sklavenfreilassung zu 
beschränken suchte, einfach zur Wahrung des Eigentums, und 
auch mit Steuer belegte. Unter dem Zwange dieses Gesetzes, 
indem man nämlich den auch sonst mißliebigen Steuern entrinnen 
wollte, betonte man jenes in die Bibel hineingetragene Verbot, 
das gewiß nur theoretisch blieb. Denn nicht nur die Verdienst- 
lichkeit der Freilassung wird hoch gepriesen, sondern es werden 
auch positive Fälle der Freilassung in Menge berichtet, abge- 
sehen von den vielen Verhandlungen über dieses Thema, die 
unmöglich rein akademischer Natur sein können*^". 



k 



Modalitäten der Freilassung, yg 

Die auf die Freilassung bezüglichen rabbinischen Daten 
wurzeln nicht ausschließlich in römischen Rechtsanschauungeu, 
sondern gehören zum Teile^ besonders durch Punkt 3, 4, zur 
Sphäre des syrisch-griechischen Volksrechts, das in der öst- 
lichen Reichshälfte noch zu Recht bestand und dessen Geltung 
bei den Juden sowohl im Ehe- als Sklavenrechte uns nun schon 
mehrfach hervorgetreten ist (S. 44 und 89). Die Freilassung 
erfolgt durch folgende Modalitäten: 1. Durch Loskauf (^Cr). 
Der Sklave hat zwar kein peculmm (S. 91)^ aber es konnte ihm 
das Lösegeld zu Händen des Herrn ausschließlich zu diesem 
Zwecke von einem dritten geschenkt worden sein {per amicos)^ 
und es gibt hierfür noch außerdem einige Möglichkeiten, wie 
sie eben das subtile Rechtsgebareu ausgestaltet^'^. 2. Durch 
freien Willen, besonders durch testamentarische Verfügung [per 
testamentum) des Herrn, vielleicht die häufigste Erscheinung, 
wie sie sowohl durch den Talmud als durch Inschriften in 
hellenistisch-jüdischen Kreisen bezeugt ist^'^. Um den als 
löblich anerkannten Befreiungsakt zu fördern, verfuhr man 
in der Beurteilung der Willensäußerung des Herrn äuf^erst 
liberal, besonders aber sah man bei der testamentarischen Frei- 
lassung, also bei der Anerkennung der Worte eines Sterbenden, 
von Formalitäten ab und verhielt die Erben zur Vollstreckung 
seines Willens, ja er selbst wurde, wenn er hernach genas und 
widerrufen wollte, zur Freilassung gezwungen ^^^. Das Wesen der 
Freilassung besteht in den Worten: „Du bist frei" (piin p), oder 
„Du gehörst dir selbst an," oder „Ich habe kein Anrecht (püV) 
auf dich" und ähnliche Worte — der Ausdruck ist besonders 
wichtig bei Sklavinnen -- die in die unerläßliche Befreiungs- 
urkunde (IlCI^*) eingetragen werden. AVährend jedoch das rö- 
mische Recht aus der Befreiung einen gerichtlichen Akt macht, 
genügt den Rabbinen ein von Zeugen bestätigter Freibrief 
(ni^ini^* ItOL^')^^^ Nebenformen sind Dpj''S: per epistolam und J^'PZl^ 
per mensam ^^^. 3. Durch symbolischen oder fiktiven Verkauf an 
die Gottheit (manumissio per vindidam, NL-pItOjN = vindictaY^^. 
4. Durch Weihung oder Überantwortung an die Gottheit 
(*ii'"'"lpn, Cinn), technisch manumissio in hierodulismum^ nach den 
späteren Verhältnissen des Judentums manumissio ad proseucham 
zu nennen, d. i. Weihung zum Dienste der Synagoge, zugleich 



100 Freigelasseno. 

also Aufnalime ins Judentum, wie in den jüdiscli-giiechischen 
Freilassungsinsehriften am Bosporus '^'^^ 5. Befreiung auf An- 
ordnung des Gesetzes, wenn nämlich der Sklave von seinem 
Herrn eine körperliche Verletzung erfuhr (S. 97), wenn eine 
Sklavin sich der Unzuclit ergab, oder wenn der Sklave zur 
Hälfte befreit ist, was z. B. möglich ist, wenn der Sklave zwei 
Brüdern gehört {servus communis)'''^''. Es gibt endlich durch 
politische Ereignisse herbeigeführte außerordentliche Frei- 
lassungen, die von den Quellen C-'l^c "PL^' m"]^n durch „Könige", 
d. i. von Staats "wegen verfügte Befreiungen genannt werden ^^^. 

Implicite wird der Sklave frei 1. wenn sein Herr bei 
Lebzeiten ihm sein Vermögen abtritt oder es ihm testamentarisch 
vermacht; 2. wenn er ihn für herrenlos ("T>pDn) erklärt, doch 
ist gegen Anfechtung nachträglich ein Freibrief nötig; 3. durch 
Verzicht (IJ'IN"') des Herrn, wenn z. ß. der Sklave in Gefangen- 
schaft geraten ist und der Herr auf sein Wiederkommen nicht 
mehr hofft; 4. wenn der Herr den Sklaven Handlungen voll- 
ziehen läßt, die nur einem freien Manne zukommen; z. B. ihm 
eine Frau gibt, zu seinem Gelübde spricht: „Es soll dir gelöst 
sein", womit er den Sklaven einem freien Manne gleichstellt 
oder ihn in der Thora lesen, Phylakterien anlegen läßt usw. 
Endlich konnte der Sklave sogar gegen den Willen seines Herrn 
frei werden, wenn er nämlich beim rituellen Bade (P,':5''2uD), das 
er beim Eintritte in das jüdische Haus zu nehmen hatte, erklärte, 
er bade sich behufs Bekehrung (m"i:i UW^Y^'^. 

Der Freigelassene (~;"imi^?2 lihertinus) nimmt ein rituelles 
Bad, worauf er ein Israelite wird mit dem Charakter eines 
Proselyten ("i:i)^^^. Er ist nun mit allen Israeliten gleichberechtigt, 
ward aber zu hohen Stellungen, zu denen ein gewisser Adel (DTi"' 
vgl. S. 31) nötig war, nicht zugelassen ^^^; dies war eigentlich 
auch in Rom Gesetz, aber in Wirklichkeit gelangten in Rom, 
wie aus der Geschichte bekannt, die freigelassenen Günstlinge 
zu hohen Ämtern, und auch die Rabbinen wissen zu erzählen, 
daß ein Freigelassener erst lictor und allmählich Senator geworden 
ist^^*\ Der Freigelassene war unter den Juden ferner einigen 
Ehebeschränkungen unterworfen ^^^, aber gerade bei diesem 
Punkte ist hervorzuheben, daß der Freigelassene oft in die 
Famihe seines ehemaligen Herrn einheiratete, indem er die 



Hausdiener. 1Q^ 

Tochter des Hauses zur P>au erhielt^^^ y>[q Anhiiuglicbkeit 
der Freigelassenen an die früheren Herren ist schon bemerkt 
worden (S. 94)^^^. Zum Schlüsse mag erwähnt werden, daß viele 
jüdische Gemeinden der Diaspora, z. B. in Rom^ sich aus 
befreiten Juden zusammensetzten ^'^'^. 

137. Hausdiener. Da es hebräische Sklaven in des 
Wortes eigentlicher Bedeutung nicht gab — die Essener hielten 
grundsätzlich keine Sklaven ^^'^ — und man doch um die eigene 
Person herum nicht gerade einen heidnischen Sklaven haben 
wollte, so gab es für leichtere häusliche Arbeiten ein anderes 
Gesinde, das man (vgl. schon bh.) rp2 "»jI Hausgesinde nannte, 
Hausbediente, die aus der ärmeren Bevölkerung hervorgingen ^^^. 
Solchen im aligemeinen gewiß leichten Dienst nannte man Z'^T^^L^ 
Aufwartung, Bedienung, die dazu bestellte Person I^'p't^ Bedienter 
oder Pii'pii' Bediente ^^', aram, auch ^'^'''''1, ein besonders bei 
Tische aufwartender Diener, doch auch Leibdiener von Rabbinen, 
wie auch NV^'-^'? ^V^Z' (dieses und jenes in unseren Quellen nie 
in weiblicher Form), ein Wort, das den „Hörenden" bedeutet, 
der nämhch dem Rufe des Herrn Folge zu leisten hat, also der 
„Gehorsame" (von „hören")^^^, und es muß auch der Name l"lN"t 
daro hierhergezogen werden, denn dieser scheint ebenso generell 
den Diener überhaupt zu bezeichnen, wie Tabi (S. 94) den 
Sklaven *^^'-^. In manchen Fällen, wo „Sklave" ("CV) und „Magd" 
(n^N) gesagt wird, sind vermutlich ebenfalls nur Hausbediente 
gemeint^^^. Zum Hausgesinde sind in beschränktem Sinne auch 
Insassen, Kleinpächter, Mieter (w. u.j, also vom Gutsherrn ab- 
hängige Personen, zu zählen '^^ Diese Seite des altjüdischen 
Lebens tritt in unsren Quellen nicht klar genug hervor, und dazu 
handelt es sich zumeist um die Bedienung von Gelehrten, bei 
denen wir fast ausschließlich die hier genannten Kategorien von 
Leibdienern antreffen, und die von ihrem Standpunkte aus folge- 
richtig den ungelehrten Bedienten (}^"',Jsri C> Z'r2Z') von dem ge- 
lehrten Diener unterscheiden ; sie mußten gegen den ungelehrten 
Bedienten in ihrer nächsten Nähe soviel Bedenken ritueller Natur 
haben, daß sich mit der Zeit der uns heute allein bekannte 
Zustand ergab, daß der Gelehrte von seinen Schülern oder 
doch von einem dazu ausersehenen Schüler bedient wurde. 
Das Schülerverhältnis selbst wurde jetzt li/^^p „Bedienung'^ 



102 Lobudiener. 

genanut. Alles, so wird versichert, was sonst der Sklave für 
seinen Herrn verrichtet, verrichtet der Schüler für seinen 
Lehrer'*'-; v^l. z. B. des Schülers Assistenz im Bade (Bd. I 
S. 231). Sowohl dem Dienst- als dem Schülerverhältnis ist 
übrigens oemeinsam der Ausdruck ::"1 rah „Meister" und „Lehrer" 
(seltener |1-N Herr)'^^ 

138. Lohndiener. Häusliche und Feldarbeiten (rp^ PrN':5r2, 
mIIJ' niN'??-) müssen unterschieden werden; erstere werden auch 
von Frauen, letztere nur von Männern verrichtet, und es wäre 
grausam, Männerarbeiten von Frauen, Frauenarbeiten von Männern 
verrichten zu lassen; außerdem sind auch industrielle Arbeiten 
von Feldarbeiten zu unterscheiden und jede Branche den ge- 
eigneten Personen anzuweisen '°'*. In diesem Kapitel haben wir 
es vornehmlich mit Feldarbeitern zu tun. 

Für Feldarbeiten hatte man Arbeiter (/^l?, C'py^D, operarü, 
oft auch aram. ^^*py^? und N?^rp', ferner pers. n:iiin ro^'igar), arme 
Leute, die kein eignes Grundstück hatten und nur vom Tagelohn 
lebten, weshalb es denn für einen, der arbeitslos {^122 '^yiS) blieb, 
bitter genug war, und zu einer solchen Zeit, heißt es, wäre der 
Arme froh, auch nur die Hälfte seines gewöhnlichen Tagelohnes 
zu verdienen ^°''; Mietlinge (sing. 1"'rti')) heruntergekommene Klein- 
bauern aus einem nahen Orte, doch auch aus der Fremde, die 
sich zur Regressierung zeitweilig beim Großbauern eindingen, 
um später wieder in ihre Heimat zurückzukehren und am besten 
als dessen Klienten aufzufassen sind, denen gegenüber der 
Gutsherr der Patron (pltC? = TuaTpwv patronus) ist; sie dingen 
sich auf eine bestimmte Zeit ein, auf Stunden, einen halben Tag, 
einen ganzen Tag, auf bestimmte Tage, auf einen Monat, ein 
Jahr, drei Jahre, jedoch höchstens auf sieben Jahre ^°^. Das 
Inpflichtnehmen heißt bei beiden mieten, dingen (121^', ~i:i>n). So- 
dann gibt es landlose Bauern, die ganz und gar, Zeit ihres Lebens, 
in die Klientel eines vermögenden Großbauern treten und dessen 
Insassen (sing, ll^p'l, pl. Hlülp'P) sind; sowohl Klient als Insasse 
wohnen im Hause und auf der Besitzung ihres Schutzherrn ^°^ 

Die Aufnahme erfolgt durch den „Hausherrn" (n''2n 'Py^, 
oixoBo(77:6ty]?, lat. dominus^ locator) d. i. den Ackerbau treibenden 
Grundbesitzer, den wir den Wirt nennen wollen, durch dessen 
Frau, dessen erwachsenen Sohn oder erwachsene Tochter, durch 



Arbeitsvertrag. ][Q3 

•dessen Sklaven und Sklavinnen, weil diese alle mit Verstand 
und Überlegung handeln; ausgeschlossen sind unmündige Kinder 
und Sklaven; manchmal wird mit der Aufnahrpe von anderen 
Tagelöhnern einer der Tagelöhner, zuweilen auch ein befreundeter 
Gutsherr, betraut ''^^. Clara pacta sind auch hier die besten Mittel, 
dem Zwist der Parteien vorzubeugen. Jedes Andern ("^ap) des 
Verti'ages, der zuweilen schriftlich gemacht wird, jeder Vertrags- 
bruch und jedes Zurücktreten (niln) zieht die Pflicht des Schaden- 
ersatzes für beide Teile nach sich, wobei man in zweifelhaften 
Fällen sich mehr auf die Partei des Arbeiters stellte*, daß aber 
der Arbeiter „stets" vom Vertrage einseitig zurücktreten könne 
und auch die bereits begonnene Arbeit einstellen dürfe, wie be- 
hauptet wurde, ist aus den Quellen nicht ersichtlich ^^^. Es ist 
auch nicht richtig, daß der Arbeitsvertrag erst perfekt und der 
Arbeiter [conductor operarum) erst gebunden werde, wenn der 
locator die Arbeit begonnen habe, sondern es bindet bereits die 
mündliche Verabredung ^^^. 

Der Arbeiter hat erst Anspruch auf Lohn, wenn er die 
übernommene Arbeit wirklich geleistet hat. Hierbei ist zu be- 
achten, ob der Arbeiter sich schlechtweg vermietet hat, so daß 
er jede ihm aufgetragene Arbeit zu verrichten hat, die nach 
Ortsgebrauch vom Lohnarbeiter verrichtet zu werden pflegt, oder 
aber nur zu bestimmten Dienstleistungen, in welchem Falle nur 
diese Arbeiten, höchstens andre leichtere, gefordert werden 
können. Eine Arbeit, die ein Gewerbe ist oder eine besondere 
Kunst erfordert, wie auch diejenige, die der Gesundheit des 
Arbeiters schädlich wäre, kann auf keinen Fall gefordert werden '^^ 

Die ganze Arbeitszeit über, mit alleiniger Ausnahme der 
Essens- und Ruhepause, muß der Arbeiter für den Herrn ar- 
beiten; vor Regen jedoch geht er in eine Höhle ^^^. Den Weg 
zum Arbeitsorte rechnet man zur Arbeitszeit; zum Nachhause- 
gehen jedoch verwendet der Arbeiter seine eigene Zeit^^^. Der 
Arbeiter würde den Arbeitgeber berauben, wenn er sich durch 
separate Nachtarbeit oder durch Zuweisung seiner Kost an seine 
Kinder schwächen würde ^^*. Eine Erschlaffung tritt nach zwei 
bis drei Stunden ohnedies ein, und dabei ist von gewissenhaften 
Arbeitern die Rede'^^. Überhaupt galten die jüdischen Arbeiter 
für verläßlich und treu, darum gab man ihnen, wo es nur an- 



1Q4 HohaudluiiLi: der Arbeiter. 

giny-, dem Wirte gegenüber recht, wie schon bemerkt worden "^^; 
Allerdings spricht die Fama auch von lässigen Arbeitern (C^'7V1C^ 

Dvi' berühmten Treue wegen müssen wir die meisten auf 
das Verhilitnis des Arbeiters zum Wirte bezughabenden Rechts- 
lalle als solche juridischer Natur ansehen, denn in Wirklichkeit 
null.), gerade so wie im Eheleben (S. 45) und beim Sklaven (S. 91), 
zwischen d(m Parteien ein trautes Zusammenleben geherrscht und 
das Los der Arbeiter sich überaus günstig gestellt haben. Sie 
arbeiteten Schulter an Schulter mit dem Wirte zusammen auf dem 
Felde und aßen folglich auch das Mahl (das mit ZDPi Symposion 
bezeichnet wird!) mit ihm zusammen, gewiß dieselben Speisen, 
deren vorzügliche Qualität übrigens ausdrücklich betont wird, sind 
es doch Brüder, Söhne Abrahams, Isaaks und Jakobs! Doch war 
in diesem Punkte, wie in diesem Zusammenhange bereits bemerkt 
wurde, der Ortsgebrauch maßgebend; das Minimum war Brot 
und irgendeine Hülsenfruchtspeise. Interessant ist, daß von 
einer gemeinsamen „Krippe" (DIZN) der Arbeiter gesprochen 
wird'^^. Daß es dem Wirt nicht beifiel, den Arbeitern zu wehren,- 
von der Frucht des Feldes zu essen, in dem sie gerade arbeiteten, 
z. B. in der Oliven- und Weinlese, glauben wir demnach den Quellen 
recht gern, obzwar diese nur die juridische Seite der Sache ver- 
handeln ''^'''. Wie Boaz seine Schnitter freundlich grüßt (Ruth 2,4),. 
so tun es, und zwar unter direkter Anknüpfung an jenes idyllische 
Leben, auch spätere Arbeitgeber; ihr Zuruf an den „guten" 
Arbeiter lautet: Tl^^" „Heil!"^2o_ 

Der Lohn wird nachträglich gezahlt^'^^ Nach biblischem 
Gesetz (Lev. 19,13; Dt. 24,15) muß dem Lohndiener noch am 
selben Tage gezahlt werden, und mit vollem Rechte herrscht 
die Annahme (npTn), daß der Arbeitgeber sich auch faktisch 
daran hielt, doch gab es auch Fälle, in denen die Arbeiter ihren 
Lohn ("]-^) erst fordern (VI}n) mußten ; die Situation ist stets die, 
daß die Arbeiter vom Felde in die Stadt ziehen, wo also der Wirt 
wohnhaft war^^'^. Die Pflicht des sofortigen Bezahlens erstreckt 
sich gleichmäßig auf Menschen, Vieh und Geräte, eine Angabe, 
aus der man sieht, daß das Arbeitsvieh und die Werkzeuge 
manchmal vom Arbeiter beigestellt werden ^^^. Man hält es für 
möglich, daß der ohne Bezahlung entlassene arme Arbeiter in. 



Lohnarbeiten. ]^Qhj 

seiner Not sich das Lebeu nehme, wofür moralisch der Wirt 
verantwortlich wäre'-'^. Der mit seinen Arbeitern viel beschäftigte 
und auch geplagte Wirt kann mitunter bei bestem Gewissen der 
Meinung sein, daß er bereits gezahlt habe, weshalb denn der 
Schwur im Streitfalle dem Arbeiter zugeteilt wird'^^. Der 
Lohn, durchschnittlich ein Denar pro Tag und Kopf '^^, soll in 
Geld bezahlt werden, doch kann der Wirt ihm auch ein Deputat 
an Naturalien zuweisen, nach Natur der Sache gewöhnlich von 
der in Arbeit befindlichen Materie, z. B. wenn er in Stroh arbeitet 
und der Wirt ihm sagt: nimm das, was du heute aufgearbeitet 
hast''^'. Auch kann er ihn an einen Krämer oder Geldwechsler 
(Bankier) verweisen (mmCm, l?2Dj; es kommt auch vor, daß der 
Wirt kein kleines Geld bei sich hat und sich durch den Geld- 
wechsler behilft ^^^, zwei Züge, die stark an das moderne Arbeits- 
wesen erinnern. 

139. Lohnarbeiten. Jede Art Arbeit findet gegen Be- 
zahlung ihren Arbeiter, und so sind die Lohnarbeiten eigentlich 
unübersehbar. Die Quellen selbst stellen folgende Kategorien 
auf: 1. Arbeiten an Mobilien oder Immobilien; 2. Arbeiten mit 
der Hand, dem Fuße oder der Schulter '2'^. Wir gewinnen jedoch 
eine bessere Übersicht durch folgende Gruppierung: 1. Feld- 
arbeiten, als da sind: pflügen, jäten, behacken, ernten, einführen, 
dreschen usw.; Einführen des Obstes, Arbeiten in der Kelter 
und in der Presse; Bäume beschneiden und pflegen, Stroh und 
Stoppeln sammeln usw.'^^. Diese Gruppe muß bei einem 
Ackerbau treibenden Volke wie den Juden in die erste Reihe 
gestellt werden, schon darum, weil die meisten Feldarbeiten 
an eine Zeit gebunden sind, wo fremde Arbeitskraft not tut, und 
da im Orient die Sklavenwirtschaft nicht vorherrschte (S. 85), 
so kann die w^eitere Arbeitskraft nur von Freien herrühren; 
doch sei bemerkt, daß die Grundbesitzer auch in eigner Person 
sich gegenseitig aushelfen '^^ — 2. Trägerarbeiten: Rohr und 
Gehölz zu Pfählen in den Weinberg tragen; einem Kranken 
Trauben, Apfel und damaszenische Pfirsiche bringen, den Flachs 
aus der Weiche holen, Personen und Lasten befördern usw.^^-. — 
3. Industrielle Arbeiten, die mit der Technik der Sache so unlöslich 
verbunden sind, daß wir sie indem entsprechendenZusammenhange 
behandeln^^^. — 4. Wächterdienste leisten: Viehhüter, Kinderhüter,^ 



106 Trä.iTor. 

Kvankeiiwärtor, Totenwäcbter, Torhüter, Stadtwächter, Hirten und 
überhaupt die große Klasse der „Hüter" (CIOV^'), unter denen 
im Talmud namentlich die bestimmten „vier Hüter" (nach Exod. 
22,6 f.) abgehandelt werden, sodann andre mit eignen Namen, 
wie der Feld- und Fruchthüter ("^l^jD = aalTapio? saltarius)^ der 
Ökonomos und der Prokurator (vgl. S. 54, D1D1"lL2''t:N = sTuiTpOTuo?) 
und wie die Gütervcrwalter sonst noch heißen "^■^. — 5. Arbeiter 
im Baufach (Bd. 1 S. 20). — 6. Wäscher und Plätter, Badediener, 
Haarschneider usw. — 7. Bäcker, Koch. — 8. Boten (D"'n'''P'^'), 
zu denen auch die Schnelläufer (i'^iCl), Vorreiter (Trabanten) usw\ 
zu zählen'^"'. — 9. Schreiber (sowohl in privaten als in behörd- 
lichen Diensten), Gerichts- und Synagogendiener, Herolde, Lehrer, 
Marktaufseher. — 10. Verwendung im Laden, Betrauung mit 
Ein- und Verkauf, Makler, Sensale usw. '^^^. 

Aus der Gruppe der Träger behandeln wir hier gesondert 
die Lastträger {^y^2 pl. C^^n«; %Z. U^^Zü, aram. \nSi2D, ^LTI^^N, 
''N*'P1pw^') , die einen ebenso schwierigen als notwendigen Beruf 
hatten ^^". Ihre Arbeit war selbst in der Maßbestimmung wichtig-, 
man rechnet nämlich oft nach Menschen-, Kamel- und Esellasten, 
und das biblische Getreidemaß lethehh {^Pi"^) z. B. wurde in dieser 
Zeit dahin bestimmt, daß es 25 Modien (vv. u.) fasse, soviel als 
eine Jungfrau auf den Esel heben kann^^^. Das Paschalamm, das 
im Heiligtum ausgeweidet wurde, hob jeder Opfernde in der Hand, 
schlug es über den Rücken (CIImN':' /"»L^'Dm), wäe es die arabischen 
Händler mit ihren Waren zu machen pflegen '^^. Namentlich wissen 
wir, daß auch Kleider so auf den Markt getragen wurden ^*^. 
Demnach gehört das Tragen und Aufladen von Lasten zu den 
täglichen Vorkommnissen des landwirtschaftlichen, des Hirten- 
und des kommerziellen Lebens. Lange noch bevor die Menschen 
in die Lage kamen, Getreide verfrachten zu müssen, mußte von 
ihnen bald ein lebendes, bald ein getötetes Tier, ein Lamm, ein Bund 
Vögel, ein Fisch auf dem Rücken getragen worden sein, und dies 
blieb auch später so, namentlich im Fleischer- und Auskocherge- 
werbe, und noch wissen unsere Quellen von der außerordentlichen 
Kraft einzelner Priester zu erzählen, die sich in der Handhabung 
aufgestückelter Opfertiere zeigte; eine Kraftprobe war es auch, das 
Faß (w. u.) vom Kopfe her (d. i. von der Schulter) hebend zu den 
Füßen zu legen (= abladen p^^)'^^ Die menschliche Schulter 



Lastträger. ]^QY 

(n05)j ^^^ deren Bezeichniitig auch der Lastträger seinen Namen 
{^r\3, vgl. S. 59) hat, war und ist das natürlichste Mittel des 
Lasttragens, das auch im Tragen des Wüstenheiligtums den 
Dienst eines Teiles der Leviten gebildet hatte, und uusre Quellen 
haben hierin immer diesen Umstand zum Ausgangspunkte. Nun 
blieb es aber nicht bei dem primitiven Verfahren des einfachen 
Aufladens auf die Schultern, sondern man legte auf die Reib- 
fläche ein Polster (HDD) und lud (hH, ]Vl^) die Last (Ntir, ''^ll/ü, 
'^ZD, aram. NJIL: = N^^ltO) auf Stangen (t^lC, HlTV:, m::ic), wie wir 
sie namentlich beim Wassertragen in dem Tragholz (Bd. I S. 82) 
gefunden haben ^'^'^ Proviant, wie Fleisch, Obst und Weinkrüge, 
die als Bedarfsartikel für das Haus oder als Marktware oder als 
Geschenk oft von Haus zu Haus, von Ort zu Ort getragen wurden 
(N''2n, T'^in), beförderte man in Körben (^D) und Butten (uDip), 
die man entweder auf die Schulter (^r\2 -=- C'nnN) nahm, oder 
„vorn" (C^HS}':' im Gegensatz zum „Rücken") im Schoß oder in 
der Hand, abwechselnd bald in der rechten, bald in der linken, 
trug "'^^5 die große Butte mit Stroh wurde lieber über den Rücken 
geschlagen (':5"''lJ'Dm)''^^; doch gab es im Leben Fälle, wo die Lasten 
den ganzen Menschen in Anspruch nahmen, indem er das eine 
Stück auf dem Rücken, ein anderes je in einer Hand trug, und 
es kam, wenn auch als außergewöhnlich, der Fall vor, daß die 
Ware mit dem Fuße, dem Munde, auf dem Ellbogen, auf dem 
Ohr, im Haare (Bd. 1, S. 230), im Gurt, im Hemdzipfel, im Schuh 
oder im Sandal getragen wurde ^^^^. Am Feiertage, an dem die Ver- 
sorgung mit Lebensmitteln nicht eingestellt zu werden brauchte, 
ja infolge des Charakters des Tages nur noch besser einsetzte, 
sollten diejenigen Lasten, die schwer (pnnz) zu tragen (aram. 
Nl") waren, wie Fässer oder Fruchtsäcke, des Unterschiedes 
wegen an einer zweizinkigen Gabel (reinhebräisch "iny s. § 171) 
oder an einem Joch mit zwei hölzernen Stielen oder Zacken, 
die um den Hals genommen wurden (aram. N*^:i"l, d. i. Fuß, in 
Form eines BUpavov oder einer fiirca)^ getragen werden. Die- 
jenigen wieder, die sonst an diesem Joch, sollten an einem 
Tragholz (aramäisch XlÜN), einer in der Mitte krummgebogenen 
Stange, an deren beiden Enden die Last angebracht, jedoch auf 
eine Schulter bloß genommen wurde, getragen werden. Wieder 
diejenigen, die an dem krummen Tragholz, sollten an einem 



108 Lastträger. 

liaudluikeu (NT^wX, auch p':'p:^^•) getragen werden, und abermals 
diejenigen, die an dem J landhaken, sollten, immer des am Feiertag 
gebotenen Lluterschiedes wegen, so getragen werden, daß sie 
mit einem Tuch überdeckt sind"'*'', Angaben, aus denen die immer 
feinere Art des Lasttragens auf der Straße hervorgeht. Auch 
sollten am Feiertage die Lebensmittelausträger nicht, wie zum 
Markte, in einer Reihe (rn'112'*) marschierend durch die Straßen 
ziehen'"^''. Die sonst, z. B. auch beim Wassertragen der Mädchen, 
so beliebte .Vrt des Aufladens auf den Kopf war nach der An- 
gabe des Talmud merkwürdigerweise nur in der babylonischen 
Stadt Huzal üblich; das soll so sehr ein isoliertes Vorgehen 
gewesen sein, daß darauf gar nicht zu achten sei, eine Anschauung, 
die vielleicht auf die dem Orientalen so eigne würdige Haltung 
zurückzuführen ist^"^^. Tief gekränkt müssen sich die Juden und 
auch die übrige Bevölkerung gefühlt haben, daß sie dem Militär 
Spanndienst (iuga) leisten mußten, und zwar sowohl im persischen 
als im römischen Reich ^'^^. Ein talmudischer Satz ist vollständig 
hierherzusetzen: „Nicht ist es einerlei, daß einer sichs gleich 
von der Erde auf die Schulter lädt, oder von der Erde erst auf 
die Knie und von den Knien auf die Schulter; noch ist es einerlei, 
daß er sichs zwar von der Erde auf die Knie, von den Knien 
auf die Schulter lädt, oder es hängt's ihm (aram. T]'>''> "'bri) ein 
andrer auf; noch ist es einerlei, daß es ihm ein andrer aufhängt, 
oder es wird zu zweien getragen" '''^^. Die Lastträger in Machoza 
sind krank geworden, als sie keine Arbeit hatten '^^, wie es bei 
jeder körperlichen Leistung wahrzunehmen ist. Der Lohn des 
Lastträgers (Nn:iX, HDl^') wird so oft erwähnt, daß wir das Metier 
als eines ansehen müssen, das den Mann nährte ^^^ 

140. Agrikole Unternehmer und Pächter. Nicht so sehr 
in Abhängigkeits- als in Vertrags Verhältnis stehen zu dem Guts- 
herrn, dem Wirt, wie wir sagen, folgende Personen: 1. Der Unter- 
nehmer (p2p, t^Sp, redeaiptor, entrepreneur)^ gewöhnlich ein Dörfler, 
der von dem in der Stadt wohnenden (S. 104), sein ferngelegenes 
Landgut nicht selbst bebauenden Wirt ein Feld in Entreprise 
(nij'P-p) nimmt C^Ilp) und zu ihm somit in Vertragsverhältnis tritt, 
dessen wesentliche Bedingungen aus der folgenden, wie gewöhn- 
lich aramäisch (vgl. S. 88) ausgestellten Vertragsurkunde erhellen: 
„Ich mache das Feld urbar, säe, jäte, schneide ab und stelle 



Pachtvertrag. \ Qg 

■den Fruchthauien vor dich; du aber kommst, nimmst die Hälfte 
an Ertrag und Strob, und auch ich nehme die Hälfte für meine 
Arbeit und meine AusIngen." Die Abgaben an die behördlichen 
Organe, an die Feldmesser, Wassergräber, Feldhüter und den 
Ökonom, werden noch vor der Aufteilung geleistet. Natürlich 
ist eine Übernahme von Zuchttieren, von Ol- und Weinpflanzungen 
ebenso im Gange; in letzterem Falle z. B. teilen sie sich u. n. 
in Reben und Pfähle. Ferner kann der Vertrag wohl ebenso- 
gut auf ein Viertel, ein Fünftel usw. lauten '^^. — 2. Der Klein- 
pächter (D''1N oder D"'iy, yswpyd?, colomis), kleiner Bauer, der 
von seinem Grundstück nicht leben kann und darum das fei-nab 
liegende Feld des Großbauern oder des Großgrundbesitzers 
unter schriftlichem Vertrag (mD''"lN "lL2t^) zur Bearbeitung über- 
nimmt und von dem Erträgnis ein gewisses Quantum (die Hälfte, 
ein Drittel, ein Viertel) dem Wirt abliefert; die Art des Ver- 
hältnisses, wie auch beim Unternehmer, unterh'egt sehr dem 
Ortsgebrauch, so wurde z. B. in Babylonien der Kleinpächter 
mit keinem Strohdeputat bedacht; ähnliche Details berühren wir 
im Kapitel „Landwirtschaft". Bekanntlich ist in Italien, trotz der 
Nachteile dieses Systems, vom 1. Jahrhundert an die Kleinpaoht 
die herrschende Form der Bodenbenutzung geworden; bei den 
Juden war das weniger der Fall, weil der jüdische Bauer sein 
kleines Gut selbst bebauen konnte und davon durch nichts ab- 
gelenkt wurde, aber Mißwachs, Steuerdruck, Verheerungen und 
Räuberwesen mögen mitunter auch ihn zur Überantwortung seines 
Gutes an Fremde bestimmt haben, die sich sogar vom Auslande, 
namentlich auch von Syrien, meldeten. Der vermögende Wirt 
stellt die Aussaat, die landwirtschaftlichen Werkzeuge und das 
Arbeitsvieh bei, wogegen der Kleinpächter bloß die Arbeitskraft 
i'n^^'^V^) gibt, aber nach den Andeutungen der Quellen mit soviel 
Verständnis arbeitet, daß außer dem unmittelbaren diesjährigen 
Erträgnis auch noch eine Amelioration des Grundstückes resultiert, 
weshalb wir denn den Wirt in Wertschätzung des Kolonen oft im 
freundschaftlichsten Verkehr mit diesem finden, obwohl er ander- 
seits mit seinen Besuchen auch den Zweck der Überwachung ver- 
bindet '^^^. Doch ist auch ein mißtrauisches und sogar bedrückendes 
Verhalten des Gutsherrn denkbar, wodann die Kolonen zu Gewalt- 
akten neigen und auf Rache sinnen. Diese feindselige Haltung 



1 1 Pächter. 

liegt der boriiliinten Parabel im Evangelium zugrunde (Matth. 
21,33 t'.), wonach die von dem Herrn zur Abholung der Früchte 
— es handelt sich um einen Weinberg — mehrmals ausgesandten 
Sklaven von den erbitterten Koloneu der Reihe nach umgebracht 
werden und schlieBlich auch noch der Sohn, der Gutserbe, von 
der Besitzung hinausgeworfen und getötet wird, in der Hoffnung, 
daß nun sie, die Kolonen, sich in ihren Besitz setzen werden. 
Viel lieblicher klingt ein im Midras befindliches Gleichnis von 
einem Kolonen, der verständig, und einem, der unverständig 
eine Bitte vor dem Herrn vorträgt. Der Verständige, der da 
von sich weiß, daß er sich zu stark in seinem Kolonat (mD^"lN) 
engagiert hat, macht gute Miene, frisiert sein Haar, putzt sich 
die Kleider, nimmt den Stock in die Hand und steckt den 
Siegelring auf den Finger und pilgert zu dem Gutsherrn (aram. 
J<n"1"'2y """IC). Dieser begrüßt ihn freundlich: „Guter Kolone, wie 
ist dein Befinden?" ,Gut/ „Und wie ist es mit dem Felde?" 
,Du wirst das Vergnügen haben, von den Früchten zu essen.' 
„Wie ist es mit den Oclisen?" ,Du wirst das Vergnügen haben, 
von ihrem Fett zu essen. ^ „Wie ist es mit den Ziegen?" ,Du 
wirrst das Vergnügen haben und wirst dich von den Böcklein 
sättigen.' „Was ist also dein Begehr?" ,Könntest du mir zehn 
Denare leihen?^ „Sogar zwanzig, wenn du willst." Der Un- 
verständige jedoch kommt mit wirrem Haar, schmutzigen Kleidern, 
vergrämtem Gesicht. Der Gutsherr fragt ihn: „Wie ist es mit 
dem Felde?" , Möchte ich doch soviel herausschlagen, als ich 
eingelegt habe!' „Wie ist es mit den Ochsen?" , Mager.' „Was 
ist dein Begehr?" , Könntest du mir zehn Denare leihen?' „Schau, 
daß du wegkommst; erstatte mir erst das, was ich schon bei dir 
habe!"^^* Es ist zu bemerken, daß die Kolonen auf ihrem 
Pachtgut wie auf ihrem Eigentum durch mehrere Generationen 
verbleiben, oder, mit einer Midrasstelle zu reden, es bringen 
Braut und Bräutigam je ihre Kolonen mit in die Ehe, was be- 
sonders dann der Fall sein wird, wenn ihre Pachtung vom 
Großgrundbesitz oder einem Latifundium (m2^< Tl^) herrührt"^^^. 
— 3. Der Pächter ("IDin), der sich darin von 4. dem Mieter 
("int^j unterscheidet, daß dieser die Miete in Geld, jener in 
Naturalien zahlt (rnizn Pachtschilling); von dem Unternehmer 
unterscheidet sich der Pächter (und in seiner Weise auch der 



Haustiere. ]^]^2 

Mieter) darin, daß dieser das Ausbedungene dem Wirt zahlt, 
ob das Feld mehr oder weniger oder gar nichts trägt, wonach 
also alles aufs Risiko des Pächters geht, anderseits freilich auch 
aller Gewinn ihm gehört^ während der Unternehmer (und auch 
der Kolone) sein Deputat nur in dem jMaße liefert, wie das Feld 
trägt '^^. Übrigens konnte die Pachtung nicht schon bei der 
Urbarmachung, sondern erst nach der Aussaat beginnen"^'. Die 
Pachtung (m~!''2n, |^"1^l2D1) von Latifundien kommt hier besonders 
zum Ausdrucke, da in den Quellen ausdrücklich von einer zeit- 
weiligen und einer immerwährenden Pachtung {T.y'\L' ^"ITu und 
m^N ^n2 n^rn, d. i. C'^iy^)"'^^ gesprochen wird. Auch ein p^^O'^vX 
(= sixojdTwvY]??) genannter Pächter kommt vor^'^^. Es konnte 
ferner neben der Pacht aus erster Hand auch eine Afterpacht 
bestehen '^^, oder es schlugen sich auch zwei oder mehrere 
Männer zu einer gemeinschaftlichen Pacht zusammen '^^. Die 
Formen der hier behandelten vier Arten gehen üljrigens mehr- 
fach ineinander über'^^. 

D. Haustiere, Hirten- und Jagdlebeii. 

141. Nutz- und Luxustiere. Nächst dem Hausgesinde 
und den Sklaven ergänzt der Mensch seine Arbeitskraft und 
vermehrt seinen Besitz durch Haustiere. Die Zähmung (r'il*'n)'^^ 
von Tieren, die zur Gewinnung von Haustieren führte, figuriert 
in der uns hier beschäftigenden Epoche natürlich nicht mehr bei 
den eigentlichen Haustieren, bei denen die Zähmungsarbeit schon 
längst getan war, sondern bei einigen wilden Tieren, als da 
sind: Wolf, Löwe, Bär, Panther und Pardel, ferner Hyäne und 
Schlangen, von denen namentlich die letzteren in Rom in den 
vornehmen Häusern gehalten wurden'^'^. So wurden auch kleinere 
Arten, wie Affen, Katzen, Iltis, Wiesel usw. nicht so sehr von 
den Juden, als von den herrschenden Griechen und Römern zu 
allerlei Spektakel und zur Kurzweil ihrer Herren verwendet, die 
Affen übrigens auch im jüdischen Hause, in der Beziehung er- 
wähnt^ daß deren Männchen gegen weibliche Personen zudringlich 
sind; daß aber diese kleineren Arten insoferne auch positiven 
Nutzen bringen, daß sie durch Auflesen manchen Gewürms und 
Abfalls zur Reinhaltung (lj?j vgl. Bd. I S. 47) des Hauses beitragen, 
wußten auch die Juden, und in diesem Betracht w^erden von 



112 Tiergattungen. 

ihnen auch die „Dorflnmde" genannt'''^ Es wurden auch 
Vögel, wie Raben und Tauben, domestiziert'''^. Echtes Wild 
verirrte sich manchmal und wai-f Junge in den ,, Paradiesen", 
d. i. in den Tiergarten der Großen^^'. 

Die domestizierten Tiere lieißen ni2"ir "»^Z ,, gezähmte 
Arten", bei Vögeln PilC ''^Z „in menschlicher Herrschaft befind- 
liche Arten'-, wogegen für den Begriff „wild*' ein eigner Aus- 
druck fehlt, es wird nur der betreffenden Spezies das Wort "12 
„Feld" zugesetzt (z. B. "IZPl ^^]I/ wilder Ochse), oder nur 
von „Tier" (PiTi), „bösem Tier" (nV"! n'Tl), allerdings auch von 
.„Feldtieren" (Nn''''"^2 ''Vn) gesprochen, in letzterem Falle jedoch 
nicht immer „Wild" bedeutend, sondern auch Haustiere, insofern 
sie nicht in der Stadt (^"'1''>^ „Städtische"), sondern draußen ihren 
Stand haben (w. u.)'^^. „Tier" (PiTl) ist der Name für sämtliche 
vom Menschen unabhängige Tiergattungen, auch wenn einzelne 
Exemplare derselben sich zufällig in desMenschen Hand befinden; 
ihnen gegenüber steht die Gruppe der Haustiere, „Vieh" (H^rc) 
genannt, in erster Reihe Vierfüßler. Die Bestimmungen über 
rituell „rein" und „unrein" hier übergehend, verzeichnen wir 
bloß, daß der jüdische Landwirtin seinem Gehöfte unterscheidet 
„Großvieh" {TiD^ r\T2'r\2), was wir Hornvieh, Zug- oder Pflugtiere 
nennen würden (z. B. die Kuh mit ihrem Kalb, denn auch das 
Junge wird nicht nach seiner momentanen Größe, sondern nach 
seiner Spezies benannt), auch die Reittiere (Esel, Pferd, Kamel) 
umfassend, und „Kleinvieh" (Pip-i n?2n2), ungefähr das, was bh. 
jN!i: Schaf und Ziege, in gewissem Betracht auch das Schwein, 
dessen Genuß wohl schon längst verpönt, dessen Züchtung je- 
doch erst durch ein historisches Ereignis jüngeren Datums dem 
Volke verleidet wurde ^^^^, und auch Hund und Katze, die jedoch 
neben Schaf und Ziege für etwas Apartes galten und zur Kate- 
gorie „Tier" (HTl) gezählt wurden. Den Unterschied zwischen 
„klein^* (p"i) und „groß'^ (d:) macht man auch bei Vögeln. Das 
Kleinvieh (aram. auch p^p''\ "i^^Z genannt), wird auch nT"m:, das 
ist in Gehöften (ni"in-l) wohnend, bezeichnet^^^. 

142. Schaf. Das Schaf gehört auch jetzt, wie in biblischer 
Zeit, zum Besitzstand des palästinischen Landwirts. Man nennt 
rühmend die Schafe Kedars, d. i. der nomadisierenden Araber, 
doch auch diejenigen von Ägypten, und in Palästina selbst galten 



Schaf. Ziege. 1|3 

für vorzüglich diejenigen von Hebron, während in Sepphoris die 
Größe der Widder auffiel'^*^. Das Schaf weidet auf trockenen 
steinigen Fluren, was ihm besser bekommt als die feuchte Weide; 
es weidet in ganzen Herden (my, aram. "1T:i), häutig mit Ziegen 
zusammen"^ Der Nutzen des Schafes wurde so hoch geschätzt, 
daß man es für vorteilhaft ansah, Felder zu verkaufen und für 
den Erlös sich Schafe anzuschaffen. Dahin gehört der Aus- 
spruch: ,,Wer sich bereichern will, gebe sich mit Kleinvieh ab"''". 
Und in der Tat muß schon die Milch des Schafes, wie übrigens auch 
der Ziege, hingereicht haben, die Familie zu ernähren; die Wolle 
konnte Verarbeitetoder verkauft werden(Bd. IS. 136), und schlachtete 
man es, so gab es schmackhaftes Fleisch, denn das palästinische 
Schaf war eine vorzügliche Sorte, es konnte gemästet werden, 
und der Schwanz, bereits in der Bibel als Opferstück hervor- 
gehoben, galt für etwas Delikates, so daß man das Tier mit 
einem Wägelchen unter dem Schwänze einhergehen ließ''^. Das 
Fell allein, allerdings vom ägyptischen Schaf (oder bereits ge- 
färbt?), war 4 — 5 Selacim wert und trug den Jerusalemern reichen 
Gewinn ein, weil nämlich die Opfernden ihren Gastwirten mit 
dem Fell zahlten' '^. Aus des Widders Hörnern verfertigte man 
Blasinstrumente"''. 

143 Ziege. Die Ziege ist wegen ihrer Milch für den Paläs- 
tiner womöglich noch wichtiger als das Schaf. Auch sie wurde 
in Herden gehalten, was schon das Vorkommen von Leitziegen 
(HTIDI^C) beweist; natürlich wurde der größte Bock (t^*''''n, NTiir) 
dazu genommen"^. Dem unruhigen mutwilligen Tier pflegte man 
die Hörner einzukerben, um einen Strick daran zu befestigen""'. 
Ks gibt schwarze und weiße Ziegen, doch gelten die Ziegen im 
allgemeinen für schwarz gegenüber dem Schaf, das für weil^ 
gilt'^^^. Eine besondere Gattung Ziegen scheint wild gewesen 
zu sein^^^. Fabelhaft ist es, daß Hiobs Ziegen die Wölfe be- 
wältigten und daß die eines verherrlichten Lehrers Bären auf 
ihren Hörnern trugen; doch muß bemerkt werden, daß in Syrien 
und Unterägypten die Ziegen größer sind als die europäischen'^^. 

144. Rind. Das Rind (Ochs und Kuh) gehört ebenfalls 
zum Haushalte des jüdischen Bauern. Obzwar die Kuh schon 
zu einem Jahre trächtig werden kann, so wollte der gute Wirt 
doch erst zu drei Jahren ein Kalb von ihr erzielen, um die 

Krauß, Talm. Arch. H. 8 



114 Kiiid. 

Zucht zu veredeln; überhaupt wurde die B(^gattung vernünftig 
geregelt'^'. Die Kuh trägt neun Monate'^'. Eine schwere Ge- 
burt muß oft beobachtet worden sein, und der teilnehuaende 
Mensch oder der besorgte Wirt fand kein andres Mittel, als 
den Foetus zu zerschneiden; starb das Junge noch im Mutter- 
leib, so griff wohl ein beherzter Hirt in den Bauch der Kuh 
und eutfernte den toten Körper '^'^'\ Aber auch bei normaler 
Geburt half ("!/*?) der Mensch dem kreisenden Tiere, und einige 
hierhergehörigen Arbeiten waren sogar am Feiertage, nicht am 
Sabbat (vgl. beim Menschen S. 5), gestattet. Das bloße Helfen, 
unterschieden von Gebärenlassen ("O]), bestand darin, daß man 
den Foetus herausdrückte, oder aber man streute einen Klumpen 
Salz in den Mutterleib, welches als Reizmittel die Geburt be- 
förderte. Auch hält man das Kalb, damit es nicht zu Boden 
falle, und man bläst ihm in die Nase, denn möglicherw^eise ist 
ihm die Nase von dem mitgehenden Schleim verstopft. Man 
steckt ihm die Zitze in das Maul, damit es sauge; man läßt 
ferner die Säfte der Nachgeburt (vgl. S. 8) auf das Junge 
rinnen, damit das Muttertier sie rieche und sich des Jungen er- 
barme. Das alles geschieht aus Barmherzigkeit gegen das 
Tier"®^. Von der Kuh war es übrigens bekannt, daß sie mehr 
noch als das Kalb zu saugen, ihrerseits zu säugen liebe '^^. Ganz 
wie beim Menschen (S. 8), machte man einen Knoten an der 
Nabelschnur und zerschnitt sie; auch barg man die Nachgeburt 
etwa in dem Kernhaufen nach ausgepreßten Oliven, oder in 
einem Kleid, oder in Stroh, ein homöopathisches Mittel, damit 
das Junge sich nicht erkälte^^'l Beim Schaf dürften dieselben 
Handlungen vorgenommen worden sein, es wird nur nichts davon 
erw^ähnt, weil es zumeist außer Hauses, in der Schafhürde 
warf: soviel ist sicher, daß ihm gleichfalls Hilfe gewährt wurde, 
darunter das Mittel, ihm je eine Kompresse von Ol auf die 
Stirn und auf den Mutterleib zu drücken, damit es sich erw^ärme 
und leichter gebäre''^^. Die Jungen (DI" /l) wurden gerne verspeisf'^^ 
Man kannte weiße und schwarze Stiere; von der roten 
Kuh spricht bereits die Bibel'^^. Das weiße Rind pflügt besser, 
das schwarze ist wertvoll vermöge seiner Haut, das rote wegen 
seines Fleisches'^^^. Der schwarze Stier ist wnlder als irgend- 
ein andrer, besonders im Monate Nisan (Frühjahr), w^o er in- 



Rind. 115 

folge des saftigen Futters mutwillig wird. Der Stier wurde 
überhaupt gefürchtet, so daß bei seinem Herannahen selbst das 
Gebet unterbrochen werden durfte, und es ging ein Sprichwort: 
„Siehst du den Kopf eines Stieres mit dem Futtersack, eile 
rasch auf den Dachboden und wirf die Leiter hinter dir um" ; 
das Anlegen des Heukorbes machte ihn nämlich wild, und so 
auch TrompetenschalF^^. Von dem stößigen Ochsen (n:ij IMl/ 
und =]:;:), von dem ein bekanntes Gesetz der Bibel handelt, ist 
in unsern Quellen häufig die Rede*, aber der Ochs ist nicht nur 
stößig ()n:ijj, sondern schlägt auch mit den Füßen aus (]t2y2), ist 
bissig (pii'j) und lägerig (p'2"l), d. i. richtet mit der Schwere 
seines Körpers Schaden an, und so kommen mannigfache zivil- 
rechtliche Fi-agen zur Verhandlung, besonders in der Beziehung, 
ob der Ochs unschuldig, d. i. gutartig, oder notorisch stößig sei^^^ 
Kein Wunder, daß der Stier, aber nur bei Kömern, auch im 
Stadium Verwendung fand^^^. Ein mutwilliger Ochse wurde mit 
entsprechenden Geschirren versehen, wovon weiter unten. 

Eine besondere Rasse repräsentierten die ägyptischen Ochsen, 
die breitbäuchig waren, so daß 7 — 8 jährige Knaben bequem 
auf ihrem Rücken sitzen konnten; aus diesem Anlaß sei erwähnt 
der Buckelochs (Zebu), der nach Aristoteles und Plinius in 
Syrien vorkam, Avogegen die Misna die zwerghafte Kuh er- 
wähnt''^^. Die Alexandriner waren auf ihre gute Rasse derart 
eifersüchtig, daß sie keine Kuh und keine Sau exportieren ließen, 
sie hätten denn früher deren Uterus (CIN) ausgeschnitten, damit 
ein Fortpflanzen unmöglich sei, doch ließen sie manches junge 
Tier passieren, das dann die Rasse im Auslande fortsetzte^^^. 
Der Vorgang involviert zugleich die den Alten nicht unbekannte 
Kastration an Weibchen '9^. 

Was die Kastration der Hengste und Stiere anlangt, so scheint 
diese Operation, als tätlicher Eingriff in die Gesetze der Natur, 
dem jüdischen Volke von Gesetz wegen verboten gewesen zu sein, 
und Josephus rühmt ausdrücklich diese Humanität des jüdischen 
Gesetzes^^^. Der jüdische Landwirt hätte demzufolge aus seinem 
Stiere keinen für das Ackern so sehr tauglichen und auch zum 
Verbrauche seines Fleisches besser geeigneten Ochsen machen 
können, wenn nicht, was kulturhistorisch sehr merkwürdig ist, 
die heidnischen Nachbarn geholfen hätten, indem der Jude den 



IIH Hind. 

Ochsen von ilnu'ii kaufte oder eintauschte, ein Verfahren, da& 
noch heute vielfach befolgt wird. Ja, noch mehr: die heid- 
nischen Nachbarn stahlen das junge Vieh des Juden niit der 
löblichen Absicht, es zu kastrieren und dem Juden kastriert 
zurückzustellen, ein Umgehen des Gesetzes, das nicht unbemerkt 
blieb. Nun sind aber, nach einer Ansicht, auch die Noachidea' 
(d. i. Heiden") gehalten, keine Kastration (Dll^D von D'^D vgl. Bd. I 
S. 247, doch auch }*i*p und rij^) vorzunehmen, so daß ein Israelit 
auch sie nicht dazu verwenden darf; doch scheinen nur die 
Babylonier es so rigoros gehalten zu haben, während die Pa- 
lästiner das besagte Mittel nicht verschmähten^^'. Ein kastrierter 
Stier repräsentiert sowohl zum Schlachten als zum Verkauf 
einen größeren Wert als der unkastrierte^^^. 

Vielleicht lag es zum Teil an diesen Schwierigkeiten, zum 
Teil aber an der Armut der palästinischen Bevölkerung, die froh 
sein mußte, wenigstens eine Kuh, die ihr Milch gab, wofür 
freilich die Kuh w^eniger wichtig w^ar als die Ziege, im Hause 
zu haben, daß wir die Kuh häufig als Ackertier finden, während 
in der biblischen Zeit hierfür der Ochs mehr genannt wird, 
und das Wort "lp2 für Rind, in erster Reihe aber für Ochs, 
ist ja der Bedeutung nach nichts andres als Pflugtier '^^. Doch 
kennt auch die Bibel die Kuh als Pflugtier und dieselbe auch als. 
Zugvieh ^^'l Dies hat sich aber in talmudischer Zeit dahin ver- 
schoben, daß vor den Pflug zunächst nur die Kuh und erst in 
zweiter Reihe auch der Ochs gespannt wird*^*^^, und auch die 
vielen zivilrechtlichen Abhandlungen über Mieten und Entleihen 
des Pflugtieres, übrigens wieder ein Symptom der Armut der 
Bevölkerung, nehmen als Schulbeispiel immer nur die Kuh an^^^. 
Das Mieten muß teuer gewesen sein, denn der Geizige vermied 
es, zwei Kühe zugleich zu mieten, sondern mietete eine und 
lieh sich die andere aus^*^^, begreiflich nun, daß dem armen 
Kolouen das Pflugtier erst recht beigestellt werden mußte (S. 109).. 
Einzelne Stellen lassen ferner kaum daran zweifeln, daß auch 
mit einem Rinde gepflügt wurde, normal freilich mit einem Paar 
oder Gespann, "C'i, bh. und nh so benannt nach dem Joche, 
welches die beiden Tiere verbindet; doch sagte man nh. auch 
y[] z= ^uyov, nach demselben Gedankengange: Joch und Paar^^*. 
Im Schulbeispiel kostet ein Paar Rind 200 ^uz^''^. Die ackernde- 



Esel. 11^ 

Ivuh folgt in der Kegel willig dem Rufe des Pflügers, doch kanu 
sie auch störrisch sein, oder, weil schw^ach, das Joch überhaupt 
nicht ertragen, bricht auch wohl in der Arbeit zusammen, nur 
eines von den vielen Schäden des pflügenden Tieres, die in 
unsern Quellen verhandelt werden ^"^. Eine etwaige Wunde 
wurde verbunden, und auf einen Bruch des Fußes kam ein 
Verband von Stoppeln oder Erdschollen^^", ein würdiges Seiten- 
stück zu der Sorgfalt in der (j^eburtshilfe! 

So sehen wir denn das Rind in hohem Ansehen in jüdi- 
schem Hause; der Jude sieht in ihm den König der Haustiere, 
und mit Recht nannte es sein Eigentümer seinen „Boden" (vgl. 
S. 87)^^^. Nur ungern vermißte er es in seinem Stall, w^o er 
nur dann ein Pferd einstellte, wenn der Ochs durch einen Unfall 
zugrunde ging^^^. In der Tat ist der Nutzen des Tieres sehr 
groß. Ein pfliigendes Rind (n^''""! N^lP) pflegte man nicht zu 
schlachten; es sind andre Exemplare da, die eigens zum 
Schlachten gehalten wurden ^^^, 

145. Esel. Der Esel ist für den Palästiner ein unent- 
behrliches Tier, und so linden wir ihn in talmudischer Zeit 
geradeso in Verwendung wie zu allen Zeiten in diesem Lande. 
Als echtes Haustier hat er in jeder Altersstufe und in jeder 
Art seine besonderen Namen "'''^: auch finden wir genaue Schil- 
derungen seiner körperlichen Eigenschaften^^'-. Man bediente 
sich seiner, im Gegensatze zum Ochsen, den man vor den Pflug 
spannte, zum Lasttragen, zum Getreidemahlen (Bd. I S. 97) und 
zum Reiten ^^^. Da er einen schweren Gang hat. so kannte man 
auf den Straßen von seinen Füßen gemachte Gruben, die, durch 
Nachzügler immer verbreitert und vertieft, Wasserpfützen bil- 
deten ^^'^. Nach Ablagerung der Last bedeckte man das Tier 
mit einer Decke, damit es sich nicht erkälte. Dem steht nahe 
das Sprichwort: Dem Esel ist auch im Tammuz (Hochsommer) 
kalt''^''. Die Stupidität des Esels war auch schon den Alten 
bekannt^^^. Durch sein Schreien verkündet er die erste Nacht- 
wache^''. 

In Palästina gibt es eine schöne und starke Rasse. Weiße 
Esel, die so sehr geschätzt waren (vgl. Richter 5,10), gab es in 
Pumbeditha in Babylonien^'^. Die Misna nennt die ausländische 
-Rasse Dip^":!";, d. i. Xuxaovi>t6?r Esel aus Lykaonien, im Talmud 



118 PlVrd. 

irrtÜLiilieh als libyscher Esel erklilrt^^'^ Sein Nachkomiue selieiiit 
zu sein «1er nach Syrien aus Bagdad eingeführte große, weii?)e, 
teuer gekaufte Esel^-^\ Jener „libysehe" Esel ist zum Last- 
tragen besonders geeignet, doch muß er wegen seiner Wildheit 
einen Brechzaum tragen ^■'^; Avir wissen ferner, daß auch der 
gemeine Esel gefürchtet war, wie erst der wilde Esel (IZm "iV^n), 
der übrigens auch, wie in der Bibel, ]aröd ("111^) heißt^^-. Als 
Kuriosum wird erzählt, daß auch der wilde Esel vor die Ge- 
treidemühle gespannt wurde^-^. Um die Saaten vor seinem Raub 
sicher zu stellen, machte man Schutzzäune, und ließ außerhalb 
derselben einiges Getreide wachsen, auf daß das Tier in die 
Felder nicht eindringe ^-'^. 

Dunkle Andeutungen liegen darüber vor, daß man Esel, 
Pferd und Kamel auch zu gewissen Kunststücken abrichtete und 
mit ihnen Kurzweil trieb. Darum die Beobachtung, daß das Pferd 
auf den Hinterfüßen, der Esel auf den Vorderfüßen stehen 
könne; so machen es auch unsre Zirkuspferde *^^^. Ein Araber 
erweckt das von ihm durchs Schwert zerhauene Kamel mittels 
Paukenschlages zu neuem Leben^^^. In Alexandrien verwandelte 
sich einmal ein Esel beim Wassertrinken in ein KameP^^ In 
den letzten beiden Fällen waren es vielleicht leblose Figuren; 
vgl. ]i;2t^pJN = ovoc, xaT a)[iov Esel auf der Schulter, eine Esels- 
figur der Possenreißer ^^^. Man hatte auch hölzerne Hündchen ^^^. 
Es ging ein Sprichwort: „In Medien tanzt das Kamel auf einem 
Scheffel" 830. 

146. Pferd. Das Pferd hatte im Haushalte des jüdischen 
Bauern weit weniger Verwendung als der Esel und das Kamel 
und kommt in Syrien noch heute nicht recht zur Geltung. 
Im Anschluß an Zach. 1,8 werden gelbe (Cplll^, Falben) und 
rote Pferde (CCHN, Füchse) erwälint, die beide kriegerischen 
Charakters wären, während das weiße friedlich sei, darum ist 
ein weißes Pferd im Traume ein gutes Omen^^^ Man kannte 
auch scheckige Pferde ^^^. Das weiße Pferd schmückte man 
gern mit einem roten Zaum; überhaupt schmückten die Pferde- 
liebhaber ihre Tiere schon damals möglichst reich und hielten 
ihnen einen Stallmeister (l''''*liriN); sie striegelten sie, beschnitten 
ihnen, wie auch dem Esel, die Hufe, woraus nebenbei folgt, 
daß es noch keine Hufeisen gab (w. u.)^^^ Wenn ein König; 



Maultier. | ] g 

starb, so wurden seinem Pferde die Sehnen an den Hufen 
durchschnitten-, dabei wird merkwürdigerweise gesprochen von der 
Kuh, die den Staatswagen zieht, so daß man annehmen muß, daß 
Wagen der Könige noch immer von Ochsen gezogen wurden^^"^. 
Auch die Sitte, Staatsverbrecher und Feinde an Roßschweifen 
durch dick und dünn schleifen zu lassen, wird erwähnt^^'\ Die 
Wächter einer Stadt waren gewöhnlich beritten; darum das 
Wort: Man wohne in keiner Stadt, in der man das Wiehern 
des Pferdes nicht hört^^^. An Rassen werden erwähnt bh. und 
nh. L^'D") und "i^"!, letzteres eigentlich ein Maultier, dessen Mutter 
eine Stute ist; sarazenisches Pferd ^^'. Oft figuriert die Stute 
(bh. und nh. HDID, auch N''D^D)*, sie soll gut traben ^^^. Auch 
vom verschnittenen Pferd (D''1D) ist die Rede^'"^^. War das Pferd 
alt geworden, nötigte man es noch immer die Mühle zu treiben^"*^. 

147. Maultier. Das Maultier (Bastard von der Stute und 
dem Esel) und der Maulesel (Bastard von der Eselin und dem 
Hengst) ^"^^ werden oft erwähnt. Die Prinzen des davidischen 
Hauses reiten oft auf dem Maultier (1*15); eine gewisse Berühmt- 
heit hatten die Maultiere (zujneist mit dem entlehnten Namen 
niJ^'Pir^ pl. von inida genannt) des Rabbi und seiner Familie ^*^^. 
Der Biß eines weiblichen weißen Maultieres (PuZ*^ u"*!?, NiTjlir 
Nnivri) ist gefährlich, ja, absolut tödlich, und freigelasseUj^würde 
es großes Unheil anrichten, zumal auch der Fußstoß schmerz- 
haft ist, dennoch aber durfte es wegen Tierquälerei nicht ent- 
sehnt werden (~l|"7.J> vgl. oben)^"^^. Die Gefährlichkeit wird auf 
eine Spezies beschränkt, die im übrigen rot, nur an den Knien 
weiß gestreift ist^^"^. Danach darf man wohl einige Spielarten 
annehmen, worauf auch die Verschiedenheit der Namen zu weisen 
scheint. Man liebte das Maultier als Reittier, obwohl es in der 
Jugend den Reiter abwirft. In gebirgigen Gegenden altert es 
schnell. Es diente auch zum Lasttragen ^■^^. Wir finden es nur 
im, Hofe der Großen, die es wohl, w^ie wiederum der fremde 
Name beweist, aus der Fremde importierten, schon wegen der 
Art seiner Abstammung. Fortpflanzen kann es sich nicht, denn 
die Maulstute hat keine Gebärmutter ^^^. In Be-Chozai scheint es, 
wie auch der „libysche" Esel, zuhause gewesen zu sein^^'. 

148. Kamel. Das „Schifi* der Wüste" ist ein den Juden 
wohlbekanntes und von ihnen geschätztes Tier. Auch haben 



120 Kamel. 

^vi^ iur jedes Alter und ( Jcscldcclitj für jede Scliattieruiig eiueii 
besonderen Nanieiij und auch der Körper des Tieres wird im 
einzelnen geschildert ^^^. Das zweibuckelige Tier (Trampeltier) 
ist das häufigere; das Dromedar trägt den bezeichnenden Namen 
,.iiiegendes Kamel"' (NmIC N7?o;i)^^^. Mau unterscheidet das 
arabische und persische Kamel, und zwar sind die arabischen 
Kamele so vorzüglich, daß eine Frau, gerade wie von den 
Immobilien ihres Mannes, ihr Witwengeld ((pspv*/] S. 44) davon 
erheben kann*^^°; vgl. die Benennung „Boden" für das Rind (S. 1 17). 
In Herden gehalten, wird das Kamel hauptsächlich zum Lasttragen 
benützt, weniger zum Reiten; daher das Sprichwort: „Nach dem 
Kamel ist die Last", denn es steht nicht auf, wenn die Last ihm 
zu schwer ist, und „Viele alten Kamele müssen die Häute der 
jungen Kamele tragen" ^^^ Auf schlechte Behandlung weist die 
Erwähnung der Verwundung des Buckels, der Schwielen an den 
Knien und der Brust, denn nach Versicherung von Kennern hat 
das Kamel dort, wo man mit ihm gut umgeht, durchaus keine 
Schwielen, ist wohlbehaart, auch nicht störrisch, sondern freund- 
lich^^-. Erwähnt wird die Möglichkeit der Tollheit; das Dromedar- 
weibchen (npNj) muß einen Maulkorb bekommen; das Kamel 
selbst wird für mutwillig (|*''1D) gehalten, und eins tötet sogar das 
andere ^^^. Es fehlen auch Zeichen der milden Behandlung nicht, 
z. B. die Heilung seiner Reibwunde (HTir) mittels Honigs (Bd. I 
S. 258)^^^, oder die Schonung des Tieres im Alter ^^•^; mehr als das 
jedoch beweisen die zahlreichen vom Kamele kursierenden Sprich- 
wörter ^^^, wie innig der Jude an diesem seinem Haustier hing. 
149. Hund usw. Der Hund (2^2), an Größe und Farbe 
fast dem Wolfe gleich, ist nicht in dem Sinne Haustier, wie bei 
uns — weshalb man ihn nicht zur Gattung „Vieh" (HT^HD), 
sondern zu „Tier" (HTl) zählen will (S. 112) — denn der palästi- 
nische und babylonische Jude achtete ihn gering und hielt ihn 
mehr zum Schutz seiner Herden und zur Begleitung auf Reisen als 
im Hause. Gleichwohl kommt er häufig vor, und es wird voraus- 
gesetzt, daß jeder Israelite seinen Hund habe, und selbst der 
Hohepriester hielt ihn^-^'. Die Hunde sind durch ihr Bellen ge- 
wissermaßen Propheten. Ihr Bellen bezeichnete die menschlichen 
Wohnungen gerade so wie bei uns, und als treue Wächter sah 
man sie gern in den Städten, da es in diesen Räuber und Diebe 



Hund. 121 

gibt; in eine fremde Stadt verpflanzt, bellen sie 7 Jahre nicht; 
doch sind sie untereinander zänkisch ^^^. Ihre Treue und Wach- 
samkeit wird gefeiert (vgl. S. 82). Dennoch finden wir eine 
Art des Verbotes der Hundezucht CP'^), jedoch blos als polizei- 
liche Maßregel, weil mau den Biß des Hundes, ebenso wie den 
der Biene fürchtete: auch mit dem Ochsen und der Schlange 
wird er in diesem Punkte zusammengestellt. In der Tat ist 
der orientalische Hund halb wild und fällt selbst den Menschen 
an, um so mehr Lämmer, und sein bloßes Bellen erschreckt 
die Weiber, so daß sie abortieren; anderseits aber verteidigt 
er die Herde gegen den Wolf^^^. Die Hündin ist noch bissiger: 
die gleiche Beobachtung wie beim Maultier und KameF^^. Dabei 
ist das alles vom normalen Hunde gesagt; von der Gefährlich- 
keit des tollen Hundes sind die rabbinischen Quellen voll. 
Der Hund mußte also hier und da durch ein Halseisen (w. u.) 
gebändigt werden, desgleichen, wenn ein Ochs oder Esel wild 
wird, so daß man sieht, nicht die Spezies an sich sei gefährlich, 
sondern einzelne Exemplare ^""^ Außerdem wird der Hund am 
Tage an die Kette (w. u. S. 124) gelegt und nur bei Nacht frei- 
gelassen, und frei geht er auch in den Grenzstädten, sicherlich 
des Räuberunwesens wegen, herum. Er wurde auch in Baby- 
lonien auf freiem Fuße l^elassen, weil auch da die Zustände 
nicht so geregelt waren wie im römischen Reich. Demnach 
schrumpft jenes Verbot auch quellenmäßig sehr zusammen, aber 
der Natur der Sache nach galt es, wie ebenfalls angedeutet 
wird, nur dem Kulturlande [2^1^*^), wohl des Schadens wegen, 
den die vagabondierenden Hunde in Plantagen, unter dem Haus- 
vieh und unter ackerbauenden Menschen anrichten würden. Nur 
in diesem Sinne wird der Hund von einigen als Feind des Menschen 
hingestellt, und man kannte auch den wirklich wilden Hund^^-. 
Eine Ausnahme mußte ohnedies bilden der ,.Dorfhund", den man 
ja zur Reinhaltung des Hauses (S. 112) halten durfte, und es 
wurden auch von den Hirten Hunde gehalten (§ 155), was freilich 
nichts beweist, weil die Hirten oft ^e^en den Willen der Rabbinen 
handelten, ein Zeugnis dafür, daß die Praxis sich über den 
ganzen Komplex von Verboten, die wir in diesem Belange noch 
zu besprechen, haben werden, hinwegsetzte ^^^. 

Außer als Schäferhund und als Hauswächter wurde der 



12'2 Hand. Katzo. 

11 II ml noch als Lastträger verwendet; er steht natürlich in dieser 
Hinsicht dem Esel bedeutend nacli^^^. Seine Fähiirkeit, hin- 
geworfene Gegenstände in der Luft aufzufangen, zeigt ihn zu 
Künsten abgerichtet (vgl. § 145). Da der Hund ein verächtliches 
Tier, galt es als Schimpf, dem Hunde den Namen von Personen 
zu geben, womit ein Haß gegen die betreffende Person ausgedrückt 
war. Verächtliche Menschen (Verleumder und deren Anhörer, 
wie auch falsche Zeugen) nannte man Hunde, und von ekelhaften, 
nicht zu benützenden Speisen gebrauchte man stets das Wort: 
Wirfs den Hunden hin^'^^! Dies hatte das Gute, daß der Hund 
nicht ganz ohne Nahrung ausging; es galt übrigens als Prinzip, 
daß der Mensch für seine Nahrung zu sorgen habe, und man 
wirft ihm wohl eigens auch ein Stück rohes Fleisch hin, doch 
hält man zugleich den Stock bereit, damit er sich an den Geber 
nicht angewöhne und ihm lästig werde^^^. 

Von den übrigen Haustieren ist wenig zu sagen. Die 
Katze vertilgt Mäuse und selbst Wiesel, und so trifft es sich, 
daß sie einer von dem Nachbar sich ausleiht, sonst ist aber nur 
von ihrer Undankbarkeit, von ihrer Gefräßigkeit, von ihrem 
Biß und ihrem gefährlichen Gift die Kede^^^ Es sollen noch 
genannt werden der "»ir, etwa Bockhirsch^''^^, das Schwein (vgl. 
S. 112) und einiges Geflügel, wovon w. u. 

150. Geschirre, überraschend groß ist die Zahl der 
Geschirre der Haustiere. Ihr allgemeiner Name ist „Geräte" 
(C''':^2), darunter die Gruppe der allgemeinen und speziellen 
Reitrequisiten [22^12 und inVü Z2"1C), Schmucksachen (u:^ti'rn) 
und die Vorrichtung zum Lastauflegen (ptTD)^^^. Wir ordnen 
diese „Geräte" in folgende 5 Gruppen: a) Ausrüstung, b) Len- 
kung und Zähmung, c) Last, Fütterung, d) Schutz, e) Schmuck. 

a) ]. Zum Anschirren eines Paares Pflugrinder diente das 
Joch ("?21>, :ni, "Piy im weiteren Sinne; vgl. S. 116). Es bestand 
vornehmlich aus dem gebogenen Jochbalken ('pij; im engeren 
Sinne) und den zwei Jochstangen (CjIS^D, wahrsch. = Z.zof'ko^)^ 
die den Hals des Tieres im Joche hielten, beides aus Holz; da 
es aber nicht ausgeschlossen war, daß ein junges störrisches 
Rind den Jochbalken zerbrach {'12\L') und die Jochstangen durchriß 
(l^Hp, pDD), so machte man den Jochbalken und wohl auch die 
Jochstangen zuweilen aus Eisen oder doch mit Eisen beschlagen; 



Joch. Sattel. ]^23 

ein verschiebbares Eisen (/i"12) unter dem Hals der Tiere machte 
das Joch geschlossen. Die Jochstangeu heißen auch Jochpflöcke 
(j12"! V-ü). erwähnt in der Beziehung, daß das „eiserne" Joch 
zur Fesselung von Menschen diene (vgl. I'pip S. Uö)^^^. Statt 
des gebogenen Joches (jugum curvtim) gebrauchte man zum An- 
schirren der Pferde, Maultiere und Esel eine gerade Wagenstange 
(z:"lLCp),die an die Brust der Tiere schlug und in deren Mitte, übrigens 
auch im Jochbalken, ein Loch (Ipj), ein hölzerner oder eiserner 
King (]''])) oder eine hänfene Schlinge ("IdC) angebracht war, 
durch welche die Spitze der Deichsel [tenio) gesteckt wurde. 
Die beiden Enden der Wagenstange trugen nach unten gerich- 
tete Zapfen, „Flügel'' (C^JZ) genannt, zur Aufnahme von Riemen 
(n"l>'i>n), die dem Tiere um die Brust geknüpft waren, um als 
Kummet ("i:1m?-, ij.£(7a(jov, suhjughim) zu dienen: andre Stricke 
(ni^y) bildeten den Strang, der die Tiere an den Wagen oder 
an den Pflug koppelte ^'^. — 2. Der Sattel (^-^N* oder ?]I"'X. 

NDnN, \^^o\ '^Kf, arani. auch ^*nED^Z) des Esels, hier und da 
auch des weiblichen Kamels, besteht aus dem eigentlichen Sitz 
(2CV2) und den beiden erhöhten Rändern (D^^D oder DI^P, aram. 
i<?n{<"i N2:j), an denen sich der Reiter anhält; zwei Stricke oder 
Riemen (""^^p^^ vgl. :i"lD, auch riy^':»n), deren einer dem Tiere 
unter dem Schweif läuft, befestigen den Sattel. Ein fremder 
Sattel reibt den Esel. Der Sattel eines jeden Besitzers weist 
Zeichen auf-, d. h. jeder Besitzer gestaltet sich ihn in Kleinig- 
keiten anders aus^^^. Mit oder ohne Sattel dienen als Sitzgelegen- 
heit auch Kissen und Polster {12, ViDZY"'^. — 3. Ein ''3^12 genannter 
Weibersattel wird nur zweimal erwähnt^'"^. Da der Esel auch 
zur Beförderung von Frauen und Kindern diente, so war ein 
Weil)ersattel stets erforderlich, — 4. Ein askalonischer Gurt- 
sattel (*~1T) gehört ebenfalls zur Ausrüstung des Esels. Er be- 
stand vielleicht aus einem platten Holzsitz, der mittels Gurten 
um den Bauch des Tieres befestigt war und in Askalon erzeugt 
oder gebraucht wurde. In gleichem Zusammenhange erscheint 
„der medische Mörser'' (rcn?::), ein Sattel, der aus Holz viel- 
leicht mörserartig gehöhlt und in Medien zuhause war^'^^. ; — 
5. '^Djp = xavQ^*/]Xia ist ein Saumsattel, an dessen beiden Seiten 
Packkörbe hängen^'^. — 6. Desgleichen dürfte sein 12^2]), etwa 
ein korbartiger Sitz, ein spezielles Geschirr des männlichen 



124 llnlfter. Zügel. Ketten. 

Kamels^"; dieses hat ni(^ den ^ZIN genannten Sattel, wohl aber 
die Halfter (^ir?N, s. No. 8) mit dem Esel gemein. 

b) 7. J3ie Halfter (^''Zr^nE) = cpopßeLa) ist der Strick, der 
den Esel und das Pferd an die Krippe bindet, wenn sie fressen, 
auch der Zaum (bh. jD"! und :in^^) selbst, der als solcher aus 
dem Mundstück („Skorpion" 2"lpy) und dem Backenstück (CTit') 
besteht. Auch dem bösartigen Ochsen oder Stier wurde die 
Halfter als Zaum angelegt, namentlich war das in Babylonieu 
Sitte. Als bloße Halfter, ohne Eisenstück, trug es das Vieh 
auch allgemein auf sich, um es anpacken zu können-, es gilt 
der Satz, daß der Kauf perfekt war, wenn der Käufer es dabei 
anpackte ^^^. Rein hebräisch heißt der als Halfter gebrauchte 
Strick auch ulCIC capistrum und ':>2n fimis^^^'^ die cpopßsia dürfte 
ein etwas festeres Maulgestell gewesen sein. — 8. Eine andre 
Halfter, eigentlich das Gebiß oder die Kinnkette, an der die 

Halfter herabhängt, stammt dem Worte nach ("ID^N pers. >Lw.if, 
gY. ^oChov) aus Persien und war hauptsächlich für das Kamel 
bestimmt, doch wurden auch Pferd, Maultier und Esel mittels 
dieser Halfter geleitet (T^'^j); bei dem Hand verhinderte die- 
selbe, daß er seinen Maulkorb (w. u.) zerbiß ^^°. — 9. Der 
Zügel (Dirt'Z = yoCkv^oc,, j''"T'^''^r = )(a}.ivaptov), vorzüglich des 
Pferdes, besteht aus dem Biß (~i:id) und dazu gehörigen Riemen 
•(mVl^n), Ketten (cn^l^') oder Stricken (mrPK^D)^^^ — 10. Das 
so sehr wilde weibliche Kamel (S. 120) trägt einen eisernen 
Nasenring (Ci^n), der auf seine Weise ein eiserner Zaum (n*?2CT 
^^tJilD"!) ist^^2. — 11. Der bissige Hund wird durch einen Maulkorb 
(^^IC) im Zaume gehalten; dasselbe Werkzeug erscheint in Ezech. 
19,9 und in der Misna sonst als Bändiger von wilden Tieren 
und ist dann etwa ein Halseisen^^^. — 12. Der Hund wird 
ferner an die Kette [rb^vhw) gelegt (S. 121). — 13. Auch das 
Pferd und nicht näher bezeichnete andere Tiere tragen eine eherne 
Kette (y^L'), die bei Haustieren leichterer Art gewesen sein wird, 
doch ist es ein Werkzeug, mit dem selbst wilde Tiere gebändigt 
werden können ^^^. — 14. Die Stricke (C^ZP! vgl. No. 7) sind für 
alle Haustiere gut, um sie in einem Rudel zusammenzubinden, 
wenn man sie z. B. auf den Markt führt, wobei nur eines der Tiere 
wirklich am Strick gezogen ("!l^'?03 vgl. No. 8) werden muß, da 
die andern von selbst folgen; das läßt sich auch so machen, 



Binden. Packsäcke. ][25 

daß der Strick jedes Tieres einzeln oder verknüpft in der Hand 
gehalten wurde, wobei wohl das Ende des Strickes oder des 
Bundes frei herunterhing^^^. — 15. Das Kind trug auch einen 
Kiemen (HVl^n) zwischen den Hörnern, nach den darüber ge- 
machten Bemerkungen ungewiß, ob zur Fesselung oder zum 
Schmuck^^^, wie überhaupt die Grenzen zwischen den hier auf- 
gestellten Kategorien fließend sind. — 16. Das Kalb trug auf 
dem Halse ein kleines Joch (ni^J nn) aus Binsen oder Schilf 
{])ü% '•Dü), damit es ans Joch gewöhnt werde ^^'. — 17. Das 
Kamel, möglicherweise auch andre Haustiere, bekam einen 
Lappen (rL>l^M2ü), den man ihm (zum Zeichen? oder als Schutz 
vor Kälte?) um den Schwanz oder um den Schwanz und den 
Höcker oder auch um den After band^^^. Damit es nicht entfliehen 
könne, band man ihm mit einem Strick Hinterfüße und Vordt'r- 
füße ("Opy) oder Schienbein und Schenkel des Vorderfußes zu- 
sammen^^^. — 18. Eine Binde (^^''p''DD = fascid) dient dazu, dem 
„reinen" Haustiere, d. i. dem Rinde, das Gesicht zu verschönern 
(IDl^'), um das Herz gebunden zu werden (ZüH'P) und das Tier zu 
formen (T"*!?); doch wird sie auch unter den Bauch des Esels 
gebunden, zu welchem Zwecke selbst Überreste der Binde taug- 
lich sind; ganz geringe Reste der Binde, etwa nur Fäden, sind 
noch immer tauglich, Packsäcke an dem Esel zu befestigen oder 
dem Rinde (als Zeichen oder als Schmuck) an den Hals gebunden 
zu werden, einerlei, ob einfach oder überschlagen ^^^. 

c) 19. Die soeben genannten Packsäcke lauten im Ori- 
ginal p^lH"!^ = |xap(7Ü7uiov = marsupium, das gewöhnliche Behältnis 
der Marktfahrer, woneben auch N''pD''1 = Bi(7axx,t,ov bisaccium, 
der Doppelsack, sehr oft jedoch das gut hebräische pL^' Sack 
vorkommt. Sie wurden mit Gurten, Stricken und Ketten über 
dem Lasttier befestigt (pin, pin)^^^ 20. Daneben wurden auch 
Körbe (C^'^D) und Bottiche (fllDip) verwendet^^^ j^g jg^ ^jj^ht 
immer sicher, daß die beiden Arten Vorratsgefäße wirklich die 
Ladung ausmachten, denn es kann in ihnen auch das Futter 
des Tieres enthalten gewesen sein. Stroh, Heu und dgl. wurde 
soviel auf den Rücken des Tieres gebracht, daß das Tier den 
Kopf wendend davon schnappen konnte'^^^ 21. Ein kleinerer 
Futter- oder Hafersack ('^'''PC') zum Gebrauche des Tieres wurde 
auf dessen Rücken übergeschlagen; es gab aber auch größere,. 



126 M.iulkorl). Docken. 

lue die La 

abladen, so stemmte der Mensch den Kopf darunter und ließ 
sie zur Erde gleiten, oder er rüttelte den Sattel oder das Sattel- 
kisseu darunter {li::'^^') und ließ sie herabfallen. Dennoch nmß 
der Sack einigen Halt gehabt haben, denn dessen Anpacken 
bedeutet beim Kauf die Besitzergreifung des Tieres*^^^. 22. Junge 
Esels- und Pferdefüllen (pn^C) hatten an ihrem Halse einen 
Futtersack (t'pduT von xapTa7.o? Korb) hängen, aus dem sie 
fraßen (sonst hätten ihnen die Alten von dem Fraß zu wenig 
gegönnt); andres Vieh fraß aus Körben (n^S}""?}!) am Halse^^'l 
2'ö. Die Kuh (das Rind) ging aus mit einem Maulkorb (C^cn, CuH, 
vgl. bh. A'erb CD"), damit sie auf fremdem Gute nicht weiden 
und Schaden (u'Ppn) anrichten könne; erst auf der richtigen Weide 
wurde der Maulkorb abgenommen^'^^. 24. Eine hinten angebrachte 
lederne Tasche (tOlp'PTO oder l^^'^pl^) sollte den Mist des Dresch- 
tieres auffangen^^^ 25. Ein Netz (]^hnZ) oder Korb ('PD) bei 
Kamelen hatte den nämlichen Zweck; vielleicht sollten sie aber 
dadurch auch vor belästigenden Insekten geschützt werden (vgl. 
No. 26)^^^. 26. Die Kuh hatte ihren Euter mit Striemen aus 
Igelhaut ("IDlpn liy) umwickelt, nach einer Angabe, damit nicht 
kriechendes Getier an ihren Zitzen sauge, nach einer andern, 
damit sie ihr Junges nicht säugen könne^^^. 

d) Schon die letzten beiden Nummern und andres mehr 
könnten als Schutzmittel für das Tier angesprochen werden, 
sicher aber gehören in diese Kategorie folgende Stücke: 27. Der 
Esel, der sich nach dem Schweiße von großen Ladungen leicht 
erkälten konnte (S. 117), wurde mit einer groben Decke (nv'""1?2, 
aram. XV'""!?^) zugedeckt, die ihm entweder lose auflag oder an- 
gebunden war. Zuweilen hüllte sich wohl auch der Eseltreiber 
in diese Decke^^". 28. Man hatte auch eine grobe Decke aus 
Ziegenhaar (^p^^p Bd. I S. 188)^01. 29. Während die frühern zwei 
Rückendecken sind, die manchmal zur Verhütung des Reibens 
unter den Sattel oder das Sattelkissen kommen oder auch im 
Regen als Schutzdecke der Waren dienen, dient ein gurtartiges 
Zeug (p2n) als Bauchdecke^oi 30. Lederdecke {n^lCZ' Bd. I S. 58) 
für den Esel, doch auch für andres Vieh; sie wurde auch aus 
abgenutzten Lederschläuchen gemacht^'^^. 31. Reitdecken (l:''?!:, 
D'^^12 = TcitTUY]? -'i]zoc, = Teppich) für Pferd und Esel, die dem Tiere 



Amulett. Schmuck. i^l 

manchmal um den Leib geschlungen wurden. Das Zeug ist 
vornehmlich ein Reitrequisit, doch erfahren wir hierbei die 
interessante Notiz, daß es auch als Sitzgelegenheit diente, indem 
sich nämlich während eines Rennens (jlEDCp = cainpus) der Reiter 
darauf aufstellt, vermutlich um das Stadium besser zu liber- 
blicken^^^. 32. Auch N2H~iy scheint eine Reiterdecke zu sein'^^-''. 
33. Ein Leder (~liy) auf dem Gesichte des Esels soll diesen 
wohl vor Hitze oder stechenden Insekten schützen; vgl. die 
Filzmütze der Araber (Bd. I S. 186)^°^. 34. Merkwürdig sind eine 
Art Sandalen (t^l^D) aus Metall oder Kork, die man dem Rinde 
anlegte, damit es nicht ausgleite. Es kennt sie auch das römisclie 
Altertiim^^^ 35. Daneben figuriert, gerade so wie beim Menschen 
(Bd. 1 S. 204), ein Amulett (ycp), das man dem Tiere umband, um 
es vor Unfall und Krankheit zu schützen. Dem Pferde wurde 
ein Fuchsschweif zwischen die Augen gehängt, damit ihm das 
böse Auge nicht schade^^"^. Die weitgehende Sorge für das 
Wohl des Tieres drückt sich auch darin aus, daß es der Herr 
mit seinem eignen Mantel vor Fliegen (vgl. No. 33) schützt, 
gerade so wie man bei uns die Pferde schützt; das Rind behilft 
sich übrigens auch mit seinem langen Schweife^"^. 

e) 36. Dem Esel und andern Haustieren wurde eine 
Schelle (31T) um den Hals gehängt, damit sie ihren Standort 
verraten oder zum Gehen angeeifert werden; vgl. den Leit- 
hammel (S. 113). Beim Hunde, der an einer Kette (No. 12) 
auch noch eine Schelle trug, hatte diese den Zweck des Lärm- 
machens vor einbrechenden Feinden. Wenn die Schelle an das 
„Kleid" des Haustieres gehängt war, so hatte sie nur die Be- 
deutung des Schmuckes. Sollte sie keinen Ton geben, wurde 
sie verstopft (pp^). Esel, Hund und Schaf trugen auch Glocken 
(p?:y?, IT'pnp)^^^. 37. Als wirklichen Schmuck (^O^l^TP, ""i:) des 
Tieres bezeichnen die Quellen solche Objekte, die auch den 
Menschen zieren: Ketten, Nasenringe, Halsschnüre, Hals- und 
Fuß'ringe. Die Ringe können auch die Reifen sein, durch 
welche die Jochriemen (No. 1) entweder durchgezogen sind oder 
an welchen sie hängen; andre dienen wieder zur Beschwerung 
("i''!22n'p) des Geschirres ^^^ Erwähnt wird die Ausschmückung 
der ägyptischen Pferde mit Gold und Silber; der Esel eines 
Sarazenen hatte einmal sogar eine Perle am Halse ^^^. 38. Ein 



128 Bedienung der Tiere. 

Streifen karniesinfarbeneu Stoffes (n^^iril) diente dem Pferde, 
wohl am Kopfe angebraclit, zum Schmucke^'-^ 

151. Hedieuung und Futter (Mästen). Außerdem berufs- 
mäßigen Hirten (\v. u.) linden wir bei jeder wichtigeren Gattung der 
Haustiere besondere Menschen, die sich ihrer Pflege widmen: das 
Schaf und die Ziege stehen unter der Obhut des Hirten, das Rind hat 
den Viehzüchter (CPiS, VrHD) zu seinem Herrn, und noch größer ist 
bei den Juden die Wichtigkeit des Eseltreibers ("^pn) und Kamel- 
treibers p:?^), deren Rolle wir jedoch erst beim „Handel" schildern 
können, und es wird sogar ein Bärenführer erwähnt, und so 
wird auch das Geflügel seine Annehmer gefunden haben. In 
kleinen Wirtschaften kommt für das alles der Bauer selbst auf. 
Der Viehzüchter galt für einen notorisch ungelehrten Mann, wie 
natürlich, und dasselbe gilt aucb vom Hirten^^*. 

Außer vom Wirt selbst wird das Vieh in der bäuerlichen Wirt- 
schaft vom Sklaven, vom Weibe und von den Kindern des Wirtes 
bedient, und wir glauben es gerne, daß selbst kleine Kinder sich 
an die zahmen Tiere her^nwagten^^^ Gerade in solchen kleinen 
Wirtschaften kommen die milde Behandlung der Tiere, all die 
scheinen Züge, die unsre Quellen diesbezüglich reichlich enthalten, 
zur Geltung. Das Tier läßt sich von der bloßen Stimme seines 
Herrn leiten, sowohl die Zugtiere (ni-"'^MD), welche gelenkt 
(rPiin), als Lasttiere, welche am Stricke gefaßt (S. 124) geführt 
(T'^'Cr,) werden. Auf dem Geröll des Weinbergsteges läßt man 
den Reitesel schrittweise gehen {:i''DDm). Kälber und Füllen läßt 
mau voi-sichtig einherschreiten (mm"). Kommt das Lasttier zu 
Senkungen und Anhöhen, wird ihm tätige Hilfe geleistet (V'^p). 
Allerdings kommt auch ein Laufen (]*T^, mU"*"!) und ein Traben 
der Tiere vor^^^. Versagt das Mittel des Zurufes und der 
Lenkung, tritt der Stock (^p72) in Aktion, so daß besonders die 
pflügende Kuh manchmal Striemen auf dem Rücken hat. Das Pflug- 
tier wird ferner mit dem Ochsenstachel (bh. und. selten nh. p~n 
und "C'P^, nh. V""!?^, aram. NDNC^, Nl!'1D) angetrieben, einem 
langen hölzernen Schaft, der am oberen Ende einen eisernen 
Stift trug, eben die Stachel (p"^" im engerem Sinne, Stimulus)^ 
die das Tier antrieb, ohne es zu verwunden. Dieselbe 
Stachel konnte auch einem Nagelpflock (1CD72) aufgesetzt sein. 
Auch die Geißel {bjT^Z S. 97), an und für sich ein furchtbares 



Natur des Viehes. 



129 



Marterzeugj konnte noch an der Spitze des Stieles mit einem 
Nagelpflock bewehrt sein. Diese und andre Peitschen [Vp^'l2üy 
ypD, V'^^'O) sind sowohl gegen Menschen als Tiere angewandte 
ZuchtmitteP^^. 

Die milde Behandlung der Tiere, bereits in der Bibel ein- 
geschärft, gehört zum religiösen Leben des Judentums, dem 
jede Tierquälerei von Religions wegen verboten ist. Sehr lehr- 
reich sind in diesem Punkte die an Rabbi anknüpfenden Anek- 
doten, und sie erhalten um so mehr Bedeutung, wenn wir wissen, 
daß Rabbi (S.119) Besitzer von großen Stallungen und Herden war. 
Andre Fälle von Viehzucht im großen liegen zahlreich vor^^^ 
Bei solch ausgedehnte i- Viehzucht ist es begreiflich, daß die Natur 
des Viehes (NniTil t<1L^'D) beobachtet und Kenntnisse gesammelt 
werden konnten, die sich unter andrem auch in den zahlreichen 
Tierfabeln des Talmuds kundgeben^^^. Eine rationelle Behandlung 
der Tiere folgt daraus von selbst. Die ihnen geleistete Geburts- 
hilfe, die zahlreichen Fälle des Veterinärheilverfahrens (vgl. S. 120), 
die Verhütung vonVerwundungen und Erkrankungen (S. 127), setzen 
das Leben der Alten ins schönste Licht. Man kannte auch den 
Tierarzt (D1"1lO"DN = kTutairpo?). Im allgemeinen heißt es jedoch, 
daß das Tier gegen gewisse Krankheiten des Menschen immun 
sei^^'J. Daß man es reibt und striegelt (t^'Dli'?, "n:i, Tip, ^K"!p), 
liegt in dem wohlverstandenen Interesse des Besitzers, des- 
gleichen die gute Fütterung (w. u.), aber andre Dinge, z. B. 
daß man ihm die Füße wäscht, die Nägel beschneidet, es zur 
Ader läßt usw. können doch nur das Ziel haben, dem Tiere 
ein Vergnügen zu bereiten^^^. Das Verenden durch Fahrlässig- 
keit gehört aber dennoch zu den viel ventilierten Fragen des 
rabbinischen Zivilrechtes, doch darf bezweifelt werden, daß 
sich in jenen Angaben der wirkliche Zustand spiegelt^^^ 

In zahlreichen Aussprüchen wird die Pflicht, dem Tiere 
die nötige Nahrung zu verabreichen, eingeschärft. Von den 
Haustieren gilt nicht bloß ethisch, sondern auch juristisch, daß 
deren Ernährung (m^llO) dem Wirt obliegt. Man darf nicht essen, 
bevor man seinem Vieh zu essen gegeben hat. „Ich werde 
deinem Vieh Gras geben auf deinem Felde" (Dt. 11, 15) wird 
gedeutet: Du wirst nicht besorgt sein müssen um die, welche 
auf den Triften (nnziD) sind; oder: ijh werde das Futter inner- 

Krauß, Talm. Arch. IJ. 9 



130 Futter. 

hall) der Goniarkimg gcbiMi: oder: während der ganzen Regenzeit 
wirst du die iVisehe Saat abmähen und deinem Vieh hinwei'fen, 
und nur dreil,>ig Tage vor dem Schnitt wirst du sie verschonen, 
und dennoch wird das Getreide nicht wenig sein. Es ist ein 
gutes Omen für den Menschen, wenn sein Vieh satt wird. Es 
ist ein Vergnügen für das Vieh, wenn es auf die Wiese gehen, 
Gras abbeißen und fressen kann, während im Hause zurück- 
behalten zu werden ihm kein Vergnügen, sondern Qual wäre. 
Von einer derartigen Quälung: hungern lassen (2''y"in), strapa- 
zieren (^i!p) und „die Türe vor ihm verschließen" ist in zivil- 
rechtlicher Beziehung oft die Rede. Das Tier hinter Schloß und 
Riegel halten kann unter Umständen dessen Tod sein. Dem 
Tiere wurde vielmehr ein freies Wandeln (^^10) im Hofe vergönnt, 
namentlich, um sich nach der Fütterung auszuschnaufen, und es 
wurde bei vollem Magen niemals zum Traben gezwungen ^^^ 

Das Futter (bh. ^^^SDC, aram. NPDr) sucht sich nach 
obigem das Tier am liebsten selbst. Man läßt es die üppige 
Saat (D'':inri', m^M^ii, nn, ns^nn), die „Mahd^' (nni^^) abweiden, und 
das Pferd frißt frisches Gras (^<2''L}*!) lieber als Heu. All dies 
trifft sich am besten im Frühjahr^^^. Sonst aber wird dem Tiere 
das Futter vorgeworfen {Th^r^, "^nn, b^'lDri, aram. ^"115^), doch auch 
mit der Hand gereicht, im Stalle in die Krippe getan, besonders 
wenn es Gersten, Kleien und dgl. sind. Es wird damit auch 
eine gewisse Manipulation vorgenommen; bei Wicken z. B. ein 
Weichen (Pl^ll^') in Wasser und Schneiden (f]1t5^), denn sie werden 
nicht trocken (■1''*1K) vorgelegt, und ebenso bei Foenum graectim; 
bei Kleien Umrühren, Kneten {^2jt) in Wasser; die Gerste wurde 
mit Händen gereinigt ("!|^p.) und geschält (^<'Pt^^^ w. u.)*, von Stroh, 
Reisern und grünem Zweig, die man in Bündeln ()''':'^2n vgl. Bd. 1, 
S. 84) hinwirft, werden die unbrauchbaren Teile und fremde An- 
lagerungen vorerst wohl entfernt und so zum Fräße rechtgemacht 
(ppnn). Obstgattungen erhielt das Tier in einem Haufen (nD''D5<) ^^'^. 

Man soll dem Vieh die geeigneten Speisen (pN**l p'^'-IN) 
verabreichen, sonst läuft ja das Vieh Gefahr, Schaden zu nehmen, 
und man behauptete z. B. von einem gewissen Gras, daß es 
eine Eselin blind mache ^^^. Als ungeeignet für das Rind gelten 
Weizen, Gerste, tierisches Fleisch (Hühnerkot, Lorbeerblätter, 
schlechtes Wasser sind ihm sogar gefährlich; manches ist ihm 



Futter. y^^ 

'Oift, und Äsa foetida löchert ihm die Gedärme), vielmehr ist 
Gras (2*^*>) oder Heu (THm) das für das Rind allein geeignete Futter, 
wie auch Grünfutter {DH'Z', NnDDDN). Das Samariterland hat nach 
Josephus gutes Viehfutter, und darum sei auch die Milch des dortigen 
Viehes süßer als sonst. Für den Esel sind ungeeignet und sogar ge- 
fährlich Lmsenwicken (nj"'li'"i;j), vielmehr bilden Linsenwicken und 
gemeine Wicken (N''p''2) ein vorzügliches und gewöhnliches Futter 
für Hornvieh, das sich daran erholt, wenn es mager geworden ist 
und das damit sogar gemästet wird^-^. Ebenso gern hat es Foeniim 
graecum (jn'^'n) und Endivien (''2"i:Vi, pC^Dpn^C = i:pa)'^i|iov, 
j''Li'':)iy)92', ^^^^^ ^.g fi-ißt auch geschälte^ (i ersten (N'Pt^in) und sogar 
halbverdorbenes Stroh (j2n), Melonen (pyi'P"!) und Kerne von 
Früchten (]T;;n:i, "''TD^D, Nn''I^p) — - es findet sie haufenweise im 
Stadtgraben — und allerlei frisches und getrocknetes Obst 
(mn^D)^"'^. Es wird behauptet, daß ein (wildes ?j Tier aus Judäa 
nicht fortkonnnen könnte an Früchten (m*T'D) von Galiläa^'^^. 
Der Esel, das Kamel und das Pferd bekommen Gerste — die 
Frucht wird manchmal eigens gekauft — und dem ganz 
jungen Esel muß man das Futter zuvor zerreiben ^^°. Der Esel 
schreit, sobald die Krippe leer ist; aber er ist ein genügsames 
Tier, und auf dem Marsche frißt er Sträucher und Dist(dn (pKIpj, 
was zur Not übrigens auch die andren „draußen lebenden 
Tiere" tun-, vielleicht rührt es von dieser Kost des Esels her, 
daß unter allen Tierexkrementen (n^^HD "•/ /II) seines das schlimmste 
ist^^^ Das Kamel frißt gern Honigklee (nVj~;:;~i:i), Gartenkräuter 
und ihre Stengel, doch frißt es auch Dornsträucher, und die 
weise Vorsehung hat ihm, so behauptet man, darum kurzen 
Schweif gegeben, damit er an den Dornsträuchern nicht verletzt 
werde. In Arabien pflanzte man ihm eigens den Distelkohl 
(mili' "»'^ilp)^^^. Das Pferd hielt man gewöhnlich an der Krippe, 
doch ließ man es auch auf die Wiese ^^^. Schaf und Ziege 
gingen erst recht auf die Weide. Die Ziege frißt Feigen- 
bohnen und Feigenbeeren, noch lieber aber Rüben, geschälte 
Gerste, vergreift sich auch gern am Laube der niedrigen Bäume, 
z. B. des Zimmtbaumes^^"^. Vom Geflügel s. § 154. Auch 
die wilden Tiere werden gespeist, und was wir sonst noch von 
ihrer Nahrung erfahren ^^^, bietet interessante Seiten dar, doch 
gehört es nicht in diesen Rahmen. 

9* 



2^32 Mästen. 

Das Mästen (CZvS* vgl bh. D^2X, CtTD) ist gaug und gäbe- 
uud Avird bei allen Haustieren geübt, doch mehr bei Geflügel (vgl 
Bd. I, S. 109) als beim Rind, selten bei dem Kamel und dem Pferd. 
Das Mästen geschieht entweder durch planmäßige Fütterung, von 
der hier allein die Rede ist, oder das Tier mästete sich an der 
fetten Krippe (D^-N) selbst, und es heißt dann, es stehe in der 
Mastkost^^^. Die gewaltsame Fütterung war entw^eder ein Hinein- 
schütten {l^^])br\), das mit der Hand geschehen konnte, oder ein 
Uineinstampfen (D"!"!) der Speise, durchaus mit einem Werkzeuge 
und recht mühevoll^^'. Außerdem wurden Kälber, von denen 
man fettes Fleisch erzielen wollte, so gefüttert, daß man das 
Tier zur Erde warf, um ihm den Hals (mittels Handgriffes odei- 
mittels eines Hakens) aufzuspreizen (CpE:), worauf ihm Wasser 
und Linsenwicken (vgl. oben) auf einmal so tief hineingestopft 
wurden, daß es sie nicht aufstoßen konnte; doch ließ man es 
auch aufstehen und schüttete ihm Wasser und Linsenwicken 
getrennt ein. Dieses sicher fett machende Stopfen nannte mau 
„Fetimachen" in des Wortes richtiger Bedeutung (nicr, von N"^::: 
in bh. iN''1C Mastochs, Mastkalb)^^^. Mit dem Mästen sollten sich 
Frauen nicht beschäftigen^^^ 

Auch das Tränken ("pi^Ti) des Tieres bildet die Sorge des 
Menschen. Wir wissen bereits, daß man das eine oder das 
andre Futter, z. B. Wicken, in Wasser weichte oder doch mit 
Wasser verabreichte. Ganz schlechtes Wasser trinkt auch das 
Vieh nicht. Es suchte sich das Wasser allein, der Hund erst 
dann, wenn er schon gefressen, denn Wasser, denkt er sich, 
findet er überall, doch wurde das Vieh auch zur Tränkrinne 
(Bd. I, S. 82) geführt '-'■^^ 

152. Stallungen. Schon aus der Bibel sind zahlreiche 
Benennungen für Unterkunft des Viehes bekannt (mII:, r>^Z::, 
mIII-, C^n?lI'C, ni1"^1N), und in talmudischer Zeit vermehrt sicli 
noch unsre Kunde darüber. Die Haustiere befinden sich in 
einer Herde ("llV vgl. S. 113, aram. 1''lC1^P) beisammen, die freien 
Tiere und Vögel des Feldes w^ählen sich ihren Stand (r;:*!?:). 
beides als irgendwie abgegrenzte Orte zu denken; der Mensch 
richtet ihnen einen Verschlag (ri-i''MC), eine Behausung [Tr^:::} 
und überhaupt eine Unterkunft (j'''7t:''DD\N = tczizoLlioy) ein"^^ 
lieben dem umzäunten Platze wäre als leichter Hau auch eine 



Stallungen. 133 

Laubhütte (P2D) Gen. 33,17) geeignet, doch wird sie nicht 
■erwähnt. Nur der fremde Name jv';::^:^}^ = stabulum = Stall dient 
zur Bezeichnung der Unterkunft lür allerlei Haustiere ^"^^, sonst 
aber hat der Stall jeder Gattung seinen besonderen Namen. 
Das Rind steht in dem Rinderstalle (bh. und nh. H^l, 
huhile), der sprichwörtlich klein war, doch finden sich auch 
größere. Um das menschliche Wohnhaus herum wird haupt- 
sächlich nur dieser Stall genannt, begreiflich, da z. B. das Schaf 
weiter draußen auf dem Felde lag^^^. 

Anbauten des jerusalemischen Tempels waren die Kam- 
mern für die ihrer Bestimmung entgegenharrenden Opfer- 
tiere, und eine dieser Kammern, die für die Lämmer, führte 
den Namen C^nn. Unter dem Namen der ("l^"), d. i. Pferch, 
kennen wir die Schafhürde der talmudischen Zeit, und zwar war 
es ein Zaun, der mittels Türe und Schloß verschließbar war, was 
aber weder Diebe noch Raubtiere abhielt, dort einzubrechen. 
Diese Schafhürden lagen gewöhnlich weit von der Stadt oder 
dem Dorf weg, nur ausnahmsweise noch innerhalb ihrer Ge- 
markung. Nach der Tagesweide trieb man das Kleinvieh in 
diesen wohlverwahrten Raum zum Übernachten und des Morgens 
wurde es wohlgezählt wieder hinausgelassen. Mit dem Ver- 
lassen des Pferchs mußte auch eine größere Hut einsetzen^^^. 
Das der ist offenbar gleichbedeutend mit bh. Pil": Schaf- 
hürde, von deren Bau wir die Einzelheit erfahren, daß sich ein 
Zaun (in:i) innerhalb eines andern Zaunes befand, d. h. abge- 
trennte Gänge erleichterten die Kommunikation. Von dieser 
Hürde nennt man das Kleinvieh „Hürdenvieh" (Pi'rri:! S. 112)^^'. 
Für den genügsamen Esel werden keine direkten Stallungen 
genannt, doch hören wir, daß die Eselin, wenn sie wirft, eine 
Lagerstätte (aram. ^*ny2"^?D) braucht, wo sie sich nicht erkältet 
(vgl. S. 126). Es ist aber anzunehmen, daß der Pferdestall 
(Nn\X) auch dem Esel diente, der „Stall" (n';!::':»'^) schlechthin 
auch ihm und andern Tieren, darunter auch dem Kamel, von 
dessen Unterkunft nichts verlautet ^^^. Eine Höhle (nny?0) war 
dafür unschwer zu haben (vgl. Bd. I, S. 3). 

Für Geflügel hatte man Steige, die Tauben wohnten im 
Taubenschlage, wilde Tiere und Fische hatten eigene Be- 
ih älter (w. u.). 



11)4 Milfhwirtschufl. 

Unwt'ii M*\u \{oi\' lialir man von Siaiidcii ciiicii Idteiulerir 
Zaun (Ni>"~i, hinter «Irui sii-l» di«' llauslicrc tuninu'lten'*''. 

l>raul.u'ii auf dtMu Ffldc wurden je nach Ik'darf eine oder 
nudin're Keken t'iir das Kh'invieh nwi' d'w W'idse ab«^-etrennt, 
dal» aus ein» r MauiT von Icieht iihcreiiKUKh'r i;('schieht<'ten 
Steinen, oder aus ^eri(»ehtenen Matten, oder aueh aus an Ptlck'ke 
•;:esj»annten Sirieken eine Unizüunun>; ("^"D) liergestellt wurde, 
hinter welcher sieh das Kleinvieh h»^^ert(^ und mit seinem Miste 
das Feld dün.irte, ein lu'snltat, (his fibrinens aueli bei dem r/er 
eintrat"^''. 

Für das zu mästenile \ ieh wurde, wie es scheint, ein 
eigener Maststall (PlpZ"^) oder „Krippe" (DUN) ein;:rerichtet^^''. 

Als (Jerät des Stalles kann der Bottieh {r,V'p), aus dem 
das Vieh Stroh fraß, uiui die „Krippe" (D^ZN>, aus der es Gerste 
oder Kleien fral.), an«;-esehen w^erden. Aus einem lädierten 
«;;roÜen Troi:;, der in die Stallraauer eingefügt wird, kann auch eine 
Krippe werden. Wir merken daraus, daß das als Krippe ver- 
wendete Gefäß an der Wand befestigt war; doch l^estand die 
Krippe nianehmal aus einer Höhlung in der Erde. An die 
Krippe war das Vieh angel)unden C*\l'p vgl. S. 124) '^''^. 

108. ^l lieh Wirtschaft und Bienenhonig, a) In dem 
Lande, da „Milch und Honig fließt", kommt der Milch (l^") ^i'" 
hrdite Bedeutung zu; aber von Milch und Honig „fließt" eigentlich 
nur das Westjordanland, u. a. z. B. die Gegend von Sepphoris 
in Galiläa, nicht aber das Ostjordanlaud. ^Man trank, wie schon 
in der Bibel (Prov. 27,27) angedeutet, lieber Ziegen- als Kuh- 
milch. Kühe und andere Tiere geben erst Milch, wenn sie ein 
.Jun<;es geworfen haben. Das Junge, obzwar von der Mutter 
gern gesäugt (vgl. S. 114), bekam w^eniger, das meiste verbraucht 
der Mensch. Groß und Klein trinken sie, vielfach sognr als 
Arznei (vgl. Bd. I, S. 258). Milch macht weißen Teint; doch 
wurde sie mehr von der ärmlichen Klasse gebraucht ^'^^ 

Die Kuh melkt man (2?m) jeden Tag regelmäßig; das An- 
schwellen der Milch würde ihr sonst schaden. Die Milch löst 
sich (p1?) von dem Euter los und rinnt in einen Krug (n'Plp)'^''^ 
Es ist das ein im Zelte anzutreffendes emin«mtes Hirtengerät, 
was damit übereinstimmt, daß gerade Hirten melken und mit 



Käsebereituug. -j^o^ 

der Milch einen Handel treiben, allerdings zum Schaden ihres 
Herren ^•^^. 

Die Milch ißt man süß, dick oder geronnen als saure Milch 
(bh. MN*;2ri), heute noch ein beliebtes Getränk der Araber, im 
Talmud jedoch nicht kenntlich gemacht, und als Butter (eben- 
falls bh. mNCm). In talmudischer Zeit kennt man die Reihe: 
reine Milch, zusammengeschlagene Milch (Milchrahm, Butter) 
und Käse. Nur die Milch des „reinen" Viehes, die weiß ist, 
während die des „unreinen" grünlich, verdichtet sich zu Käse^^'^. 
Das Zusammenschlagen geschieht hmite bei den Beduinen so, 
daß zwischen zwei Stangen des Zeltes ein Ziegenfell aufgehängt 
ist, worin die süße Milch solange hin- und hergestoßen wird, 
bis sie sich zur Butter verdickt hat'^''^; derselbe Vorgang dürfte 
auch für die Juden der talmudischen Zeit anzunehmen sein. Nach 
dem Zusammenschlagen oder Pressen (fl!" denomin. von yz^n 
Butter) bleibt Molken (altertümlich C^p., als «"liCpD NZ'^n erklärt, 
aram. i<2hrr\ ^^VCJ, vgl. zhn ^^) zurück '^^^ Die Masse oder die 
Butter (|*2in) wird in geeigneten Stücken auf den Markt gebracht 
und (rein ?) verspeist oder zu verschiedenen Gerichten ge- 
nommen. Etwas von der Milch bleibt in den Augen (Höhlungen) 
des Käses zurück^". 

Der Käse (bh. niD*wJ'?, nh. mj^Z^) wird gemacht ((~a), indem 
in die flüssige Milch, die in einer Schüssel ist, ein Tropfen Lab 
(IDD) gegeben wird, wodurch die Milch gerinnt und sich zu Käse 
verdichtet. Als Lab nimmt man Biestmilch (''Nn'!', ttustlcc, colostruni, 
coagulum), d i. Milchgerinnsel im Magen noch saugender Tiere, 
bei den Römern z. B. im Magen eines Ferkels, was den Käse 
heidnischer Provenienz den Juden bedenklich erscheinen lassen 
mußte; aus dem Vorgang erklärt sich der Name „Magen" (PZp) 
für Lab^'''*. Man verwendete dazu auch den Saft (=]1L^') von 
Bäumen, sowohl fruchtbringenden als wilden, und zwar sowohl 
den Saft der Blätter, als der Wurzeln und der heranreifenden 
Frucht^^^. Der Käse hatte runde, d. i. laibartige Form. Der 
eintägige Käse soll der beste sein; nach einer andern Version 
soll er der schlechteste und nur der alte gut sein ■^'^^. Daß 
es Leute gab, die die Käsebereitung berufsmäßig trieben, ist 
wahrscheinlich und auch durch den Namen Y2T\ "'Z „Buttersohn" 



136 Bienenzucht. 

erhärtet^^^ In Jerusalem soll es ein Käsemachertal {Tyropoiön) 
gegeben haben ^^'^. 

b) Gegen die Bienenzucht richten sich ein paar polizeiliche 
Maßregeln der Rabbineu, z. B. daß die Tiere fünfzig Ellen von 
der Stadt (d. i. xair' £^oy;/]v = Jerusalem, vgl. S. 7i) entfernt werden 
müssen, und ein Lehrer wollte sie überhaupt nicht gezüchtet 
sehen, gerade so wie die Hunde (§ 149), gewiß ihres gefährlichen 
Stiches (|*piy) wegen, denn die orientalischen Bienen lebten 
in großen Schwärmen meist wild und ihr Stich war ge- 
fürchtet. Gleichwohl hat man in der Provinz ohne Zweifel 
Bienenzucht getrieben — sie war eine Lieblingsbeschäftigung 
der Essener — und hart neben jenem Verbote befindet sich eine 
Maßregel zum Schutze der Bienen: man muß den Senf CP""!") 
von den Bienen entfernen ^^^. 

Man hielt sie in Schwärmen (Cll^l ^'^' ^Tu), und stellte 
für sie in Gärten einen Bienenkorb (fimir) auf, den man aus 
Strohhalmen oder Rohr machte, so daß er, schadhaft geworden, 
mit Stroh leicht wieder vermacht werden konnte. Er war, gleich 
dem gleichnamigem Wirtsehaftsgeräte, von runder Form, hatte 
einen Deckel und eine Öffnung und stand, auf die Öffnung 
gestülpt, auf einem Brettgestell l^"?-), auf dessen hervorstehendem 
Teile Wasser für die Bienen bereitet war. Zum Schutze gegen 
Sonne und Regen breitete man auf dem Korbe Tüchej- aus^^"*. 
Hier leben die Bienen unter ihrem Weisel, bereiten von Blunien- 
blüten den Honig, von dem man annahm, daß er nicht durch 
ihren Körper gehe, sondern nur gesammelt werde, in Waben (PT!^" 
^21). Im Sommer entläßt man den Bienenschwaim und nimmt 
die Honigwaben heraus (rrn^ vgl. bei Brot Bd. I, S. 102), deren 
flüssiger Bestandteil in Krügen und irdenen Fässern aufbewahrt 
wird, wogegen die feste Masse das Wachs (^^J/L^^ N'T'p = ccra) 
ergibt^^^. Bei rationeller Wirtschaft erhält man vom Frühjahr 
an mindestens drei vollwertige Brüten (m"T'?), dic^ in neue Stöcke 
kommen. Ins Unendliche wird der ImktT die Generationen 
nicht gedeihen lassen, sondern nach der dritten Brut sie un- 
fruchtbar machen (D*!p), etwa durch Riechen von Senf (w. u., 
vgl. oben), damit die Houigproduktion intensiver betrieben werde 
Wird der Stock geleert, sollen zwcü AA'aben zurückbleiben^^''. 



Geflügel. ][37 

Obzwar nun diese reichlichen Daten vollauf genügen, zu 
beweisen, daß es in Palästina eine Bienenzucht gegeben, so ist 
der in Palästina im Hausgebrauche so sehr verwendete Honig, 
wie auch der in der Bibel in der Phrase „Land, da Milch und 
Honig fließt" gemeinte Honig nicht der Bienenhonig, sondern 
der von Südfrüchten, an denen das Land so reich, und davon 
w4rd erst im Abschnitte der „Landwirtschaft"' zu reden sein. 

154. Geflügel, a) Anscheinend durften die Juden in 
Jerusalem keine Hühner (j"'^"t:ij~in) züchten (^"^j, und das gehört 
zu den zehn Privilegien Jerusalems. Es wird damit motiviert, 
daß die Hühner scharren (li?:, lOlTm) und somit Unreines zum 
Vorschein bringen. Aber auch Gärten und Misthaufen existieren 
laut derselben Privilegien in Jerusalem nicht, was wohl nur auf 
den Tempelberg zu beschränken ist, und daß Hühner jiicht 
gehalten wurden, beschränkt sich wohl gleichfalls auf den Tempel- 
berg. Damit fällt die Schwierigkeit weg, daß ja Petrus in Jerusalem 
den Hahn hat dreimal krähen hören, und so mußte in Jerusalem 
selbst die Hühnerzucht erlaubt sein. Hühner finden wir in Jerusa- 
lem zur Zeit des Tempelbestandes in positiver Weise, und aus 
späterer Zeit besitzen wir einc^ Fülle von Nachrichten über tat- 
sächliche Hühnerzucht, die sogar als rentabel bezeichnet wurde ^^'. 
Die Henne legt nämlich Eier (vgl. Bd. I, S. 124), deren Erlös recht 
beträchtlich sein kann. Als Aufenthaltsort genügt der Misthaufen 
(mSIT'N), der sich auf dem Lande bei jedem Hause findet; dem- 
zufolge lebt das Huhn im Hofe. Hier wird ihm eine Schüssel 
Wasser hingestellt und hier zieht es seine Küchlein (CTiin^N) auf^^^. 

Als Nachtquartier diente dem Huhn eine Hühnersteige (/^'^), 
mit einer Türe versehen, die Luft einließ und den Dunst ab- 
führte, ziemlich hoch angebracht, so daß die Jungen, die noch 
nicht flügge waren, auf einem umgestülpten Korb hinaufstiegen. 
Vor ihren Feinden, dem Marder und dem Wiesel, w^aren hier 
die Hühner nicht sicher, und sie selbst konnten daraus oder 
aus dem Hofe entweichen ^^^. Jener Korb (Pi'^l'Pl), ein bekanntes 
Hausgerät, ist zugleich das Nest (jp) der Henne, in dem sie 
brütet; doch machen sich Huhn und Gans (T^1^<) das Nest auch 
eigenmächtig im Garten. Das „Setzen" (l^LJ'ln) besorgt die 
Hausfrau. Auch Brutöfen kannte man. Die Setzhenne konnte 
förmlich vermietet wei-den^"°. 



138 Tauben. 

Die Hühner werden auch planmäßig gefüttert (D*^C) und 
gemästet (D2N*, CuD s. § 15 1)^^^ Man kannte auch ein wildes 
Huhn'^"2. 

b) Der Hühnerhot' war noch belebt von der Gaus (i^'N), vom 
Fasan (p^CE: vgl. Bd. I, S. 110), vom Pfau {D^)t}, von der Wachtel 
(vom Rebhuhn? V^ü) und von Spatzen (jn^ii vgl. w. u. § 167). Die 
Reichen hielten sich auch Raben (pZl^y), für deren Fraß sie 
sorgten. Die freien Raben wagten sich in den Hof vor und 
pickten dort die Abfälle auf^'^. Überhaupt ist der Talmud reich 
au Nachrichten über Vögel, doch haben wir es hier nur mit den 
Haustieren zu tun. 

c) Die Taube [TuV) ist allgemein beliebt. Im Talmud werden 
ihrer zehn Arten namhaft gemacht, wovon wirkliche Haustauben 
1. Tauben im Taubenschlage (l-'l^ ">^V)j 2. Tauben im Söller 
{T\^^y ^2V), 3. herodianische Tauben (mN"'D"i"lM ""jV), und nament- 
lich diese letzteren galten für besonders gezähmt, so daß sie 
sich leicht fangen ließen, während die im Taubenschlage und 
im Söller zwar allabendlich ihr Nest (21 ^D aufsuchen und von 
ihrem Herrn den Fraß erwarten, sonst aber ziemlich frei sind 
und dem, der sie fangen will, immer wieder entschlüpfen (^''11":); 
noch freier dürften gewesen sein 4. die Turteltauben der „Platte" 
(r\2rn h\^' jmr,, vgl. P)d. I, S. 48), des Hintertraktes des Hofes, der 
bereits ins freie Feld übergiug^'^. Der „herodianisch" genannte 
Schlag gehörte nicht zu den Haustauben (izz^iG^zpoLi), sondern 
zu den Waldtauben {'KzkzKxZz^)-^ der Name soll von König Herodes 
dem Großen herrühren, der diese Tauben zuerst in seinem Parke 
zu Jerusalem gezüchtet und in Türmen (Tujpyoi T:z\zi6ibovA gehalten 
hat. Doch ist auch die Ableitung des Wortes von Rhodos möglich; 
also „rhodische" Tauben'*''. 

Der Taubenschlag (l21l!*, coluniharinm^^ eine Art Turm 
C^lj?.:, Tuüpyoc), stand, wenn nicht iui Garten, den doch nicht jedes 
Haus hatte, unmittelbar am Wohnliause, vielleicht gar mit diesem 
zusammengebaut, war hoch, so daß k^y mittels Leiter (C':>"^^) er- 
stiegen wurde, die manchmal direkt zum Taubenschlag gehörte, 
manchmal aber mit der Leiter, die den Aufstieg in das Ober- 
gemach vermittelte (Bd. I, S. 35), identisch war. Damit die Leiter 
angelehnt (PIlTm) werden könne, bedarf es eines Raumes von vier 
Ellen um den Schlag herum, in den engen Höfen immerhin ein 



Taubenschlag. 5^39 

beträcritlicher Rauiiij obzvvar der Schlag selbst nicht groß war; 
da wird es nun ein Gebot der Klugheit gewesen sein, einen 
öffentlichen gemeinsamen Taubenschlag (TuspiG^spsojv) für den 
ganzen Ort zu errichten, wie man es in Ägypten machte, zumal 
auch der Mist sich dann auf einen Platz beschränkte. In der 
Stadt, d. i. Jerusalem (vgl. S. 136), selbst durfte ohnedies kein 
Taubenschlag errichtet werden, und so entstand, wie der Talmud 
selbst angibt, in einer bestimmten Region außerhalb der Stadt 
eine Art Taubenkolonie (]T!21ti' ^^tr^'"*), die wir uns am besten als 
gemeinsamen Bau denken können, in diesem Falle ziemlich 
umfangreich, so daß von dem Schatten des Taubenschlages 
(l^lL^* ^W 1/K) eines gewissen Ortes (z. B. in Jahne) gesprochen 
werden konnte, den man in der Hitze des Tages gern aufsuchte. 
Bei dem umfangreichen Bau des Taubenschlages werden uns 
auch die talmudischen Debatten über das Einfangen von Tauben 
für den Festtagsverbrauch, Debatten, die eine Menge von eignen 
und fremden miteinander hausenden Tauben voraussetzen, klar 
werden. Da flattern (n"lD) die Tauben von einem Nest (]p) hinaus 
und setzen sich (nij) in ein anderes hinein (als Kuhepunkt diente 
ein vorgelagertes Brett: f]1 vestibidimi)-^ da verdienen sie das 
Lob, für kluge Tiere gehalten zu werden, daß sie gleichwohl 
jede von ihnen ihr Nest, ihre Jungen (pTi:) und Küchelchen 
(l''m"lD^*) kennen und immer beim richtigen Fenster (j^'^n) hinein- 
schlüpfen. Die Taube verläßt ihren Schlag nicht, auch wenn 
ihr die Jungen genommen werden '^^^. Von diesen städtischen 
Tauben sind zu unterscheiden die Landtauben, die zerstreut auf 
den Landsitzen (21LJ''') gehalten wurden und von denen die Misna 
verordnet, dal^ man im Umkreise von dreifoig ris keine Jagd 
auf sie machen dürfe, weil sie im festen Eigentum sind^'^; etwas 
anderes wären Tauben in gebirgigen und waldigen Gegenden. 
Die Tauben sind ein fruchtbares Volk und setzen und 
brüten allmonatlich (auf^er im Adar) Junge zur Welt. Die erste 
Brut (Pr"""!::) pflegte der Landwirt zu schonen und zu Zuchttieren 
zu verwenden. Nach zwei Monaten legt auch schon die junge 
Brut Eier und brütet ihrerseits. Sie wurden in großen Quanti- 
täten gegessen, vornehmlich an Festtagen. Ihr Feind ist der 
Marder (n^"'?23)^". Für ihr Futter sorgt der Wirt, aber sie greifen 
auch die Sämereien der Gärten, besonders den Senf, an und 



140 Hirt. 

picken das zum Trocknen auf dem Dache liegende Getreide auf^ 
was als Schaden empfunden wurde ^^^. Wir hören von Brief- 
tauben und von Taubenwettflug^^^. Wir haben schon angedeutet^ 
daß Jagd auf sie gemacht wurde (w. u.). 

155. Hirt. Neben den reichen Schaf- und Ziegenherden 
(S. 129) muß sich ein eignes Hirtenleben entwickelt haben. Von 
dem Rinderhirten ppn uJ/Tl, ~lp12, "1^2) ist hier weniger die 
Rede^^°. Während der ganzen trockenen Jahreszeit weidete 
das Kleinvieh draußen auf der Trift (~!21?2), die in Ansehung 
Palästinas von zweifacher Art ist: ein waldig-hügeliges Terrain 
(j^l^'lln), wie es die „Wüste" (n2"ID) Judas ist, und der Sand- 
boden (1D^<) am Mittelländischen Meer, hauptsächlich um Akko 
herum. Nach diesem Umstände teilte sich das Kleinvieh in 
Triftenvieh (nviZIT^ ) und häusliches Vieh (fllTl"'''!!), nur schwankte 
hierin der Sprachgebrauch, denn manche nannten „Triftenvieh" 
all das, welches im Frühjahr auszog (NliV) und erst beim Beginne 
der ersten Regenperiode heimkehrte (DjZj), wogegen „häusliches 
Vieh" dasjenige ist, welches zwar außerhalb der Gemarkung 
(Cinn'P Y^n) weidet, aber allabendlich innerhalb der Gemarkung 
übernachtet (p^); andere jedoch nennen beide Kategorien „häus- 
liches Vieh" und nennen „Triften vieh" nur das, welches das 
ganze Jahr, auch in der Regenzeit, draußen weidet und aufs 
Kulturland pVii'\ vgl. S. 139) nicht kommt. Vgl. d\e pasfio agrcsfis 
und pastio villatica der Römer '-^^^ 

Für seine demnach ständige Dienstzeit erbaute sich der 
Hirt eine leichte Hütte (nzp, vgl. Bd. 1, S. 6) aus Laubwerk, um 
in der im Gebirge Juda ziemlich kalten Nachtzeit und vor der 
glühenden Sonnenhitze des Tages ein Obdach zu haben; seine 
Kollegen, die Obst-, Feld- und Getreidehüter, machten es 
ebenso ^^2 Ausgerüstet mit dem Hirtenstab ppD, \^2Z')^ angetan 
mit einem Mantel von einfachem Sackzeug, wohl auch mit einer 
besonderen Art der Fußbekleidung, die Hirtentasche (^^T2'^r) auf 
dem Rücken, verlebte der Hirt hinter seiner Herde einfache, 
aber fröhliche Tage, abgesehen von dem immerhin bedrohlichen 
Einbruch von Wolf, Löwe, Bär, Pardel, Schlange und sonstigen 
wilden Tieren, den er in den meisten Fällen mit Erfolg abwehrte ^'^•'" 
Seine fröhliche Stimmung kam in Gesang (H/^T), Flötenspiel und 
-Schalmei (nV"!"] 212N) zum Ausdrucke, ihm speziell gehört auch 



Hirt. 141 

das Musikiastrument Paadara USinjD = TtavBoöpa), und die Musik 
trug sicherlich dazu bei, das Vieh zusammenzuhalten^^^. Den 
Leithammel kennen wir schon (S. 127), wie auch den treuen 
Schäferhund (S. 120), den besten Freund des Hirten. Er hatte 
auch einen Gehilfen (bh. "Iplls, nh. /"'TH^). In den meisten Fällen 
ist der Hirt nicht sein eigner Herr, sondern steht im Dienste 
eines andern, wie seine bereits genannten Berufsgenossen. Der 
bekannteste Fall ist der des Akiba, der bei Kalba Sabua diente 
und schließlich dessen Tochter heiratete. Es werden Hirten im 
Jünglingsalter genannt, doch auch Greise, die wohl in diesem 
Berufe ergraut sind. Im Schöße der freien Natur lebend, waren 
sie schön und gesund; Josephus berichtet von der Revolte des 
Schafhirten Athronges und seiner vier Brüder und schildert sie 
als kräftig, gewinn- und mordsüchtig. Aber typisch ist nur der 
„gute" Hirte (6 7üot[iY]v 6 xalo? Joh. 10,11). Und in der Tat, die 
Fürsorge des jüdischen Hirten für die ihm anvertraute Herde 
muß keine geringe gewesen sein, nach all dem, was die Sage 
von dem größten Hirten, von Moses, und dem königlichen Hirten, 
von David, berichtet. Ein Sprichwort sagt: „Haßt der Hirt die 
Schafe, so macht er die Leitziege (nIjj) blind", und ein anderes: 
„Der Hirt ist lahm und die Ziegen laufen davon." In eigner 
Regie wurden Schafe und Ziegen auch von der Frau und den 
Kindern des Wirtes gehütet ^^^ Die vielen Praktiken, die wir 
im obigen zum Schutze der Haustiere gefunden haben, dürften 
von den erfahrenen Hirten herrühren, die überhaupt in vielen 
einschlägigen Fragen zu Rate gezogen wurden ^^^. 

Bei d(vn Rabbinen macht sich eine große Mißachtung der 
Hirten bemerkbar, die sich in feindseligen Maßregeln äußert. 
Sie werden gleich den Stcuereinehmern, den Zöllnern und Räubern 
als zur Zeugenaussage unfähig erklärt, quasi als Räuber, weil 
sie absichtlich auf fremden Feldern weiden lassen. Gilt das von 
den selbständigen Hirten, so sind die in Pflicht genommenen 
Hirten noch mehr in Verruf. Bezeichnend ist folgender Fall: 
Einem Hirten wurden die Tiere (NniTi) täglich vor Zeugen über- 
geben-, eines Tages übergab man sie ihm ohne Zeugen, und da 
war er unverfroren genug zu behaupten, die Sache habe gar 
nicht angefangen. Aber Zeugen sagten gegen ihn aus: er habe 
zwei davon aufgegessen^'^^. Weil er so unverläßlich ist, darf 



142 Hirt. 

man von dem Hirten weder Vieh mieten noch entleihen, weil 
anzunehmen ist, es sei geraubte Ware. Man darf von ihm 
keine Wolle, Milch (vgl. S. 134), Zicklein kaufen, und der- 
gleichen Einzelheiten mehr, zusammengefaßt in der Regel: Was 
der Hirt stehlen kann, ohne daß es der Wirt bemerkt, darf 
man von ihm nicht kaufen; wovon aber der Wirt unbedingt 
erfahren muß, darf man von ihm kaufen^^^. Bezüglich dieser 
Mißachtung des Hirten muß eine frühere Wahrnehmung (S. 91) 
wiederholt werden: im Leben gestaltete sich das Verhältnis 
gewiß günstiger. Doch waltet hier, wie es scheint, eine Ver- 
knüpfung mit der Agrarpolitik der Zeit ob. Es handelt sich nicht 
so sehr um einen Raub an dem Herrn, als um einen Raub an 
dem Laude. Die Kriegszüge, die Unsicherheit der Zustände, 
der ßeamtendruck und die Steuerlast mochten nämlich bei der 
bäuerlichen Bevölkerung Palästinas, wie übrigens auch draußen 
im römischen Reich, die Bewirtschaftung des Bodens hintange- 
halten und dafür das Bestreben geweckt haben, sich der leichteren 
und gut rentierenden AVcide wir tschaft zu widmen, was eine Ver- 
ödung, ein Brachliegenlassen des Kulturlandes und insbesondere 
Jerusalems, im Gefolge hätte. Die Rabbinen, besorgt um den 
Wohlstand Palästinas, verfügten daher, daß man in Palästina, 
außer auf Triften und waldig-hügeligen Gebieten, den dafür von 
Natur gegebenen Plätzen, kein Kh^nvieh züchtcm dürfe — schon 
in Syrien, wo jene Rücksicht nicht vorwaltete, gaben si(> die 
Kleinviehzucht fnü, und Babylonien lag damals noch nicht in 
ihrem Gesichtskreise — eine Maßregel, die von der Sorge um 
die Kultur (2V^"i, vgl. S. 140) Palästinas diktiert war und in Rom 
in gleicher Weis(^ auftrat. In dies(M- Zeit nun mag der Hirt(Mi- 
bei'uf, das Unschuld ig(> Mittel der ökonomisch gefährlichen B<'- 
wegung, in Mißkredit gekommen sein, und er blieb es auch 
nachher, als sich die Zustände^ ändertt^i. Jene Maßregel, wahr- 
scheinlich in der letzt(^n Zeit der jüdischen Selbständigkeit von 
der autoritativen jüdischen ßeh()rd(^ (M-lasscm, wurde nämlich 
schon in der nächsten Generation nach der Z(M'störuug Jerusalems 
außer Kraft gestützt, denn d(M-Bod(Mi hatte ja die Hen-en ge\vechs(^lt, 
und die Sorg(^ wendete sich andern Lebensbetätigungen zu Als 
zu Anfang des dritten Jahrhunderts Babylonien den Kern d<'S 
Judentums in sich faßte, wollte eine rabbinische Autorität den 



Jagd. 143 

Schutz der Bodenkultur, also das Verbot der Kleinviehzucht, 
auch auf Babylonien ausgedehnt wissen, doch ist sie damit nicht 
durchgedrungen^^^. 

156. Jagd. Die vom Gesetze geforderte milde Behandlung 
der Tiere (S. 129) und die jüdischen Speisegesetze ließen kein 
sportliches Jagdwesen aufkommen, und umsomehr waren die 
römischen Tierhetzen (]V^2p = ^üv/jy^v, ^^T^p = xuvYiy^a, venatio) 
verhaßt^^^. Dennoch gab es Leute, die die Jagd aus Profession 
übten, also davon lebten. Die Jagd [rn)^ von "ll-a') erstreckt 
sich auf Verbrauchstiere, wie auf Hirsche und Rehe, 
auf die große Kategorie der „reinen" Vögel und Fische (der 
Sprachgebrauch macht für Fische keinen Unterschied), und auf 
die eßbareil Heuschrecken, sodann auf schädliche Tiere: 
Wiesel, Maus, Maulwurf, Schlange, Ameise, endlich auf Raub- 
tiere: Löwe, Bär, Wolf, Adler usw.^^^ Unter „Jäger" ("J^', selten 
T3p = xuv'/jyo«;) verstand man, wie auch der Lateiner mit venafor, 
auch den Vogelsteller und den Fischer, doch zweigt sich 
der Vogelstelh^r (nUL^H) und der Falkenjäger (pers. ]"!N''TN2) 
einigermaßen ab^^^. Auf der Lauer liegt der Jäger in einem 
besonderen Häuschen (■!''''lin n''2), in einer Binsenhütte (nZIZ 
.X?^:iN"l) oder in einer Flechthütte (J^ni»*, vgl. Bd. 1, S. 6) und hatte 
die entsprechende Ausrüstung (vgl. Bd. I, S. 182)^^^. 

Das Wild wird erlegt oder gefangen durch folgende Werk- 
zeuge: 1. Pfeil (yn, aram. N"!'':) und Bogen (ni^'p); für die Pfeile 
gab es einen Köcher (bh. n^tiW*, nh. Ci^nn n"'2). 2. Schleuder 
(bh. und nh. y^p, funda, (jcpsvBovY)), aus einem einzigen Stück 
Leder oder aus drei verknüpften Riemen (r)lin''*^';2) gefertigt, mit 
einer Schleuderpfanne (bh. H-, nh. ^)2p r\^2) zur Aufnahme des 
Steines und einer Schlinge (V2)^i< n"'2), mit der sie angefaßt 
wurde; bei verknüpften Riemen mit einem Schlitz (ypC n"'2) 
zum Ausfliegen des Steines. Wenn als Materie ein gewebter 
Stoff (Vl^) angegeben ist, bedeutet ]^^p bezw. funda ein W^urf- 
netz (gr. aixcpCßT^yjO-'rpov), um Fische im Wasser zu fangen^^"^. 
3. Gemeinsames Fangmittel für alle Tiere: Wild, Vögel, Fische, 
ist das Netz (Blxtuov, re^e. re/?"^) schlechthin (n~1ii?2, m'i^i^^, aram. 
Nn"l!s^), doch zeigt der Sprachgebrauch die Tendenz, in ihm 
hauptsächlich das Fischernetz zu sehen, wie auch in bh. niin, 
^^72'D'O und mC-C, das jetzt speziell ein Netz zum Fange des 



144 Netze. Käfige. 

Fisches ist, in welche^' ErscheinuDg man wohl das Zeichen er- 
blicken darf, daß Wild- und Vogelfang- allmählich aufhören^ 
Fischfang jedoch stärker einsetzt. Wenn Pm'KC das Werkzeug 
des Wildfanges sein soll, wird zur größern Deutlichkeit Pi^'^lD, 
eigentlich „Maschenwerk," dafür gesagt. Das Fischeruetz, ob 
nun M~1i>C oder (bh.) C~^m genannt, ist durchaus ein Grewebe aus 
Garn und dgl., denn nur so kann die Rede davon sein, daß es 
manchmal als Kleidungsstück diente (vgl. Bd. I, S. 162), noch deut- 
licher gemacht durch die Bezeichnung \srrL:'" NniiVrNetz vom Auf- 
zuge des Gewebes; aber die „Glieder" (Ringe, Stangen und dgl.) 
des Netzes (PHIUD ^M^' m'''^n) setzen ein eisernes oder zumindest 
hölzernes Gestell voraus, in welchem Falle von einem Stellnetz 
für großes Wild und für Vögel die Rede sein muL^. Eben von dem 
Stellnetz gilt die Art des Stellens, die man mit „ausbreiten" (ti'"!S)und 
„verstecken" (^''^liin) bezeichnet, während für Fische ein „Werfen" 
am Platze wäre. Hat sich das Tier in d(^m Stellnetz verstrickt^ 
wird es daraus befreit (p*^?), wenn nötig, der schnellfüßige Hirsch 
z. B., gebunden (PETr). Einem Vogel werden wohl die Flügel gestutzt 
— sie zu versengen (IDZC) wäre eine Roheit — und das Tier 
wird nach Hause getragen. Der einmal gemachte Fang war als 
Privateigentum gegen fremde Aneignung gesetzlich geschützt^''^ 
4. Eine Schlinge {2Z'l gewöhnlich PI. :^2'C'j, aram. N2*^':), die, 
gewöhnlich in größerer Anzahl (wie la<jucus und plaga der 
Römer), im Dickicht der Wälder aufgestellt, aus dem Schwanz- 
haar von Pfcrd(m und Kühen, doch auch aus Flachs gedreht 
C:?":) war, diente zum Fange von Wild und Vögelm'^^ 5. Mit 
Stricken (C^Zn) wurden Hirsche gefangen''^'. 6. ^":>*':? = Tüpeccopiov 
^ pressorium, etwa Wurfschlinge, die man über den Kopf des 
Tieres warf'^^^ 7., 8. Ein Flechtwi^-k (vNTi\X, N'^P.iri) und ein 
gesponnenes Netz (N'7T\X)^^^. 9., 10. Fanggrube (bh. r.n£ und 
nnr, nh. XPIC -- NMulli') und Ful.» falle (N":"^:) wahrscheinlich in 
Form eines Holzklotzes, den das verstrickte Tier mitschleppen 
muffte, wodurch es gefangen wurde^^*^*^. 

An Käfigen (bh. Zl'Pr vgl. S. 138) kommen vor: 11. ^p*"'^: 
Ya>.£aYpa (oder ^pni:i = rwypsTov?), ein großer Käfig für wilde 
Tiere, wie Löwen und Wölfe^o^^ 12., 18. Ein Behältnis (pz*Z 
= vivarium) für Wild, Vögel (in diesem Falle dem aviarium ent- 
sprechend) und Fische, doch gab es für letztere auch große 



Vogeljagd. Fischfang. ^^^ 

Fässer (mT:s). Übrigens ist unter ]^'^.2^2 nicht bloß ein Käfig für 
Raubtiere oder ein Behältnis für Fische zu verstehen, sondern 
auch der Tierpark (bei den Griechen, die das Wort von den Persern 
haben, sonst TcapaBstö-o?, bh. und nh. D"i1S:, genannt), der Geflügelhot 
und der Fischteich, letzteres sonst ]^pü^ = piscina}^^^. 

Speziell der Vogelsteller bediente sich folgender Geräte: 
14. des Klappnetzes (bh. DD, aram. NHID, NPiD, ^^^^2, ferner 
^h^p)y 15. des Fallstrickes (bh. Wp)}2, aram. N^pO, iXSipn), 16. des 
Fallbrettes (^"10 vgl. bei Bieneu S. 139), einer sehr einfachen Vor- 
richtung, ähnlich unsern Mausefallen, bestehend aus einem 
schräg aufgestellten, durch einen Holzsparren gestütztem Brett, 
unter welchem eine Lockspeise liegt; TI'P (TlTP) „Sparren" dürfte 
dasselbe sein^^os. ^7. des Fallkorbes (21lO"1) und 18. eines ^pPD'lD 
genannten, anscheinend persischen Netzes ^^^'^. — 19. Andrer 
Art ist die Leimrute {r\2\L'2\^% nDl^'Dt^', ^Z'Z^'), ein auf eine Rute 
gestecktes Reiserbündel, das mit Leim (p2"l) bestrichen war, der 
den ahnungslos sich daraufsetzenden Vogel festhält ^^^'^^. — 

20. Lockvogel (NHn), dessen Käfig CirD = Tcrjyjjia Brettergerüst 
heißt, zugleich eine Falle für die angelockten VögeP^^^. — 

21. Falkenjagd (\N*D "112*^'), zu der sich die Falkenjäger (pN^iJ<2) 
ein eigenes Roß hielten, den Juden nur als Sitte der persischen 
Großen bekannt ^««*^. 

157. Fischfang. Spezielle Werkzeuge (außer No. 2, 3, 
13) des Fischfanges sind: 22. Das Netz (bh. und nh. C"1m, auch 
|lC"in, aram. N?OPn) aus Garn (s. No. 3), dessen unterer enger 
genestelter Teil, der „Sack" (^.'':i), das eigentliche Keceptaculum 
der Fische war. Es war das gewöhnliche Fangnetz der blühenden 
Fischerei am Tiberiassee, wovon die dortigen Fischer ''Cn 
n''"lIi''LD „Netzwerfer von Tiberias" hießen. Es ist die im Evan- 
gelium (Matt. 13,47) so lebhaft beschriebene Fischerei mit der 
sagena ((jayyjvY]). Dieses Schleppnetz war so groß, daß es eine 
beträchtliche Strecke der Seefläche bedeckte {CIJl t'In Nt'^), so 
daß das Fischereirecht der einzelnen danach bemessen wurde, 
indem das eine Ende von einem Boot (mJ^EDD) oder von der 
Küste aus geworfen (D"1D) und damit ein Kreis beschrieben 
wurde, bis die beiden Enden zusammentrafen. Niemand durfte 
nun das Netz werfen und das Boot dirigieren und aufstellen ("■JCyn) 
in dem Netzgebiet eines andern. War das Netz mit Fischen 

Krauß, Talm. Arch. U. 10 



146 Fischfang. 

beladen, zog man es (Pi^pyri) ans Ufer, schüttete den Inhalt aus 
("l^j) und tat die besseren Sorten zum Verkaufe in Schläuche 
(avYsTa) ^*^*^'. — 23. Dagegen durfte im Tiberiassee überall mit 
der Angel (bh. und nh. "30 wovon Pün angeln) und dem 
Fischergarn (r\ir2212 vgl. No. 3) gefischt werden ^"^^. — 24. 25. 
26. Fischen im Fischerkorb (ppX, jlpy = oy^tvo;), Rutenkorb 
(riD''DD) und Faß (Din''£) = 7ütö>o?)^^% vielleicht nichts andres als 
Reusen. 27. Auch ^'^p'^p werden als Fischreusen erklärt ^^^^. — 

28. Eine Methode, den Fluß in einen Graben abzuleiten und in 
dem seichten Wasser die Fische mit den Händen zu fangen, ist 
uns nur aus Babylonien bezeugt ("»"IUI" ^"T'D, daraus ")|13 fischen); 
dasselbe geschieht^ wenn der Fluß oder See von selbst aus den 
Ufern tritt und Fische zurückläßt (mir^ N^^iN '>CpN)^°^^ — 

29. Erwähnt wird das „Netz" der Schleusenarbeiter, ein Gitter 
zur Abfassung des Wassers (C'^IDn nmii?2) '^^2. — 30. Außer 
dem fälschlich y^.2^2 genannten Fischteich (No,. 13) gibt es den 
eigentlichen Fischteich (C*~!n, Cln), die piscina (ppC?) der Römer. 
Vielleicht birgt auch die Bezeichnung C:i"I "l^D* u/TiC „gegrabener 
Fischteich" und n'PiiiD ,, Fischsee" etwas Derartiges ^^'^. 

Der hauptsächlichste Schauplatz der Fischerei ist, wie ge- 
sagt, der See von Tiberias, doch auch das Mittelländische Meer 
— es werden z. B. die Fischer von Akko erwähnt — imd der 
Jordan. Man spricht von ganzen Schwärmen von Fischen 
(G"':i" /t^* '^"•nJ), und nach allem, was wir vom Fischgebrauch 
und Fischhandel der Juden wissen (§ 63), muß in den genannten 
Gewässern ein großer Fischreichtum zur Ausbeutung gekommen 



VI. Landwirtschaft. 

Literatur: Biblische Zeit s. Bexz. Arch.- § 6 „Klima", i? 7 „Pflanzen- 
leben". Nowack, Arch. 1 § 11 „Jahreszeiten und Klima", § 14 „Flora". 
H. Hildp:rscheid, Die Niederschlagsverhältnisse Palästinas in alter und neuer 
Zeit, ZDPV 25,1—105. KLKNCiEL, über das Klima von Palästina, in Globus 
1905, Bd. 8S No. 8. H. Vogklstein, Die Landwirtschaft in Palästina zur Zeit 
der Misnäh, I. Teil (mehr nicht erschienen). Der Getreidebau, Berlin 1894. 
C. Schick, Landwirtschaftliches aus Palästina, in Osterr. Monatsschrift für 
den Orient, 1879 No. 3. S. Funk, Die Juden in Babylonien I, Berlin 1902, 
S. 11 — 18 „Kulturverhältnisse". Brentano, Die wirtschaftlichen Lehren des 
christl. Altertums, Bayr. Akad. d. Wissensch. 1902. J. Seipel, Die wirtschaft- 
lichen Lehren der Kirchenväter, Wien 1907. H. Gummerus, Der römische 
Gutsbetrieb als wirtschaftlicher Organismus nach den Werken des Cato, 
Varro und Colnmella (V. Beiheft zur Zschr. „Klio"), 1906. F. Goldmann, Der Öl- 
bau in Palästica zur Zeit der Misnäh, Preßburg 1907 (SA aus MGWJ 1907). 
I. Benzingkr, Wein and Weinbau, in Prot. RE^, Winer BRwb^ Kelter. 
Benz., Arch.- lA'ii. „Wein- u. Gartenbau" ; Nowack, Arch. 1,235. L. Ander- 
lind, Die Fruchtbäume in Syrien, in ZDPV 11,69—104. Derselbe, Die Rebe 
in Syrien, ib. 11,160—167. M, Stark, Der Wein im jüdischen Schrifttum 
und Kultus, Wien 1902. S. Krauss, Honig in Palästina, in ZDPV 32,151— 
165. I. Low, Aramäische Pflanzennamen, Leipzig 1881. Derselbe, Horticul- 
ture, Plauts und anderes mehr in JE. 

A. Zur Landeskunde. 158. Klimatische Verhältnisse. 159. Nieder- 
schläge (Regen, Schnee, Eis, Hagel, Tau). 160. Wolken und Winde. 161. Boden- 
kunde. — B. Ackerbau. 162. Der Landmann. 163. Verbesserung des Bodens. 
164. Bewässerung. 165. Düngung. 166. Das Pflügen. 167. Die Aussaat. 
168. Getreidearten und Fruchtfolge. 169. Saatenwachstum und Saatenschäden. 
170. Ernte. 171. Dreschen und Worfeln. 172. Aufbewahrung. 173. Ge- 
müsebau. — C. Wald- und Gartenbau. 174. Schilf, Wald. 175. Obstgärten. 
176. Fruchtbäume. — D. Öl- und Weinbau. 177. Ulbau. 178. Die Olive. 
179. Ölpresse. 180. Olivenöl. 181. Öle. 182. Weinbau 183. Trauben. 
184. Weinpresse. 185. Aufbewahrung. 186. Wein. 187. Essig. 188. Ob.-t- 
verwertung. 

10* 



148 

A. Zur Landeskunde. 

158. Klimatische Verhältnisse. Die aus der Bibel 
bekannten klimatischen und Bodenverhähnisse dauern an^, denn 
hierin ist im Laufe der Zeiten keine Veränderung eingetreten. 
Nach beiden Richtungen sind wir durch die rabbinischen Quellen, 
aufs trefflichste unterrichtet, jedoch nur, Avas Palästina anlangt,, 
während Babylonien stark zurücktritt. 

Palästina gehört zum nördlichen Subtropengebiet der alten 
Welt, mit der Haupteigentümlichkeit, daß die Niederschläge auf 
die Wintermonate beschränkt bleiben (vgl. unten) und in der 
andern Jahreshälfte völlige Trockenheit herrscht. Die trockene 
Jahreszeit (21t^'n PVI^, kurz 2"lti'), die etAva von Mai bis Oktober 
dauert, wird nur durch den gegen Morgen fallenden Tau ge- 
mildert, der also für die Vegetation überaus wichtig ist. Die 
Hitze eri'eicht alltäglich um die Mittagszeit ihren Höhepunkt, 
wodann der Aufenthalt im Freien sogar gefährlich werden kann; 
eilig suchen da Menschen und Tiere den kühlenden Schatten 
(h]i, aram. N^iu) aufl 

Die Regenzeit ist zugleich die kalte Jahreszeit {'ru:ir\ rV2\),. 
die bereits im Monate Marchesvan .(=-- Oktober) einsetzt und bis 
Adar (= März) währt. Die Kälte ist die Begleiterscheinung 
des Schnees. Daß Wohnräume geheizt werden, ist nicht unerhört. 
Aber auch m der warmen Jahreszeit können die Abende em- 
pfindlich kalt sein, so daß man sich beim Schlafe bis übei- den 
Kopf in den Mantel hüllt. Die starke Kälte verursacht nicht 
bloß manche Störung der Gesundheit, sondern kann geradezu 
zur Landplage werden "^ Li einem g(^wisseu Sinne sprach man 
auch von Wintertagen (aram. N^P^DI NCV, vgl. bh. IHC) und vom 
Winterhaus (N'in''D "'Z)^. Die Kälte schrieb man dem rauhen 
Nordwhid (w. u.) zu. Interessant ist die Bemerkung, daß man 
in Rom die Marmorstatuen mit Tapeten bedeckt, in der Hitze, 
damit sie nicht springen, in der Kälte, damit sit^ nicht starr 
werden^. 

Es ist nicht richtig, daß es in Palästina zwischen der 
kalten und Avarmen Zeit keinen Übergang gäbe, vielmehr wurde 
die Zeit zwischen dem Pascha- und dem Wochenfest, unser 
Frühling, wenn auch nicht unter besonderem Namen, gut untn*- 
schieden und als die schönste Jalu-eszeit gepriesen, die sich 



Landwirtschaftliche Perioden. 1^49 

'durch schöne Luft (mD'' ~T'\n) und heiteren Himmel ("Ti"l2) aus- 
zeichnet, Avährend die drückende Hitze {2')*\Z') einstweilen noch 
aussteht^. Einen ähnlichen Übergang nahm man auch im Herbst 
wahr' . 

In andrer Beziehung erfolgt eine Vierteilung des Jahres 
durch die Sonnenw^enden (m^lpH) des Nisan, Tammuz, Tisri und 
Tebeth, die ebensovielen landwirtschaftlichen Perioden ent- 
sprechen: die erste liefert die Früchte, die zweite bringt sie zur 
würzhaften Reife, die dritte gestaltet (durch den Regen) die 
Erde zu lauter Schollen, die vierte macht die Erde kahl von 
jeglicher Frucht^. 

In einer Art landwirtschaftlichen Kalenders, der, ähnlieh 
dem in Gezer gefundenen altisraelitischen Kalender^, haupt- 
sächlich von den landwirtschaftlichen Arbeiten ausgeht, werden 
sechs Jahreszeiten unterschieden: 1. Halb Tisri, ^larchesvan und 
halb Kislev: Aussaat (yii); 2. halb Kislev, Tebeth und halb Sebat: 
"Winter (?^n^ri); 3. halb Sebat, Adar und halb Nisan: Frost (Tp); 
4. halb Nisan, Ijjar und halb Sivan: Ernte ("l^ip); 5. halb Sivan, 
Tammuz und halb Ab: Obstlese (K^p); 6. halb Ab, Elul und 
halb Tisri: Hitze (Cin)^". Für gewöhnlich jedoch werden nach 
den eingangs erwähnten Witterungsverhältnissen nur zwei Jahres- 
zeiten unterschieden: die Regenzeit (C;2L^':1m ni?2\ gleichbedeutend 
mit ,, kalter Zeit" S. 148 und die beiden Perioden ,,W^inter" 
und „Frost" umfassend) und die Sonnenzeit (nTCnn P'^C, ghüch- 
bedeutend mit „Hitze'^ S. 148). Feststehende Namen sind das 
nicht, denn daneben gibt es noch die Namen Ergußzeit (""C 
nV^Zl, kurz riV^2l) und Erdtrockenhoit (in^n ^ü''), zwei Bezeich- 
nungen, in denen der Landmann die ihm wichtigsten Momente 
des Jahres treffend zusammenfaßt ^^ 

159. Niederschläge (Regen, Schnee, Eis, Hagel, Tau). 

a) Der Frühregen (bh. und nh. rnv, bh. auch rmc) ist in 
normalen Jahren im ^farchesvan (Oktober), spätestens im Kislev 
(November) zu erwarten, das ist bald nach dem Herbstäquinoc- 
tium^'-. Den Frühregen nennt man wegen seiner die Erde 
tränkenden Wirkung ., Berieselung" oder „Erguß ' (nyi"" von 
>'-"! = y*Z~l, letzteres technisch = berieseln), im Unterschied von 
sonstigem Regen, der über die Erde hinwegbraust (=^t:ii')j Er- 
scheinungen, die der Landmann klnr erfaßt und in seiner Sprache 



150 Frühregen. 

allein ausdrückt, und erst hinterdrein sehen die Rabbinen in dem 
Worte die nach Art der Lebewesen gedachte Befruchtung der 
Erde (/.) durch den Regen (m.), eine poetische Deutung, die 
der Hoffnung des Menschen, nicht der Naturerscheinung Rech- 
nung trägt ^^. Man unterschied drei Perioden (nijiy, vgl. r^'C 
Ci2\l^jr\ S. 149) des Frühregens, die als erster, zweiter oder dritter 
Erguß (nJ1L^J<^, mV^Z!"i, bezw. Pi^'»:!:' und n^^'^hw), oder auch als 
früherer, mittlerer und späterer (PiTr^, iT:ij^2, m':'''DN) bezeichnet 
M'erden. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von etlichen 
vierzehn Tagen. Von dem ersten Erguß nahm man als normal 
das Quantum an, das einen Tefach tief in die Erde dringt; 
von dem zweiten, das die Erde so erweicht, daß mau damit die 
Mündung eines Fasses verschmieren konnte. Eine andre Schätzung 
verlangt von dem ersten Erguß die Füllung eines bestimmten Gefäßes 
bis auf 1 Tefach, von dem zweiten doppelt, von dem dritten drei- 
mal soviel. ^lanchmal scheiden sich die drei Ergüsse nicht, 
und da ersetzt ein ununterbrochen anhaltender Regen von sieben 
Tagen sowohl die erste als zweite und nach einer Meinung sogar 
die dritte Regenperiode. Bei Verwischung der drei Regeuperioden 
scheint der Regen etwas später als gewöhnlich einzusetzen; die 
befürchtete Dürre (n"TiH2) veranlaßt die Gemeinde zu einem 
feierlichen Fasten (fl^jyn), das aber bei erfolgtem Regenguß sofort 
aufhört, vorausgesetzt, daß er so ergiebig ist, daß er in ein 
dürres Ackerland 1 Tefach, in ein mitteltrockenes 2 Tefach. in 
ein aufgebrochenes 3 Tefach tief eindringt. Eine Unterscheidung 
der drei Regenperioden findet hierbei nicht statt, offenbar darum, 
weil der späte Regen nunmehr unterschiedlos fällt. Sehr 
richtig gilt die Annahme, daß bei einem 1 Tefach ins Erdreich 
eindringenden Regen ihm vom Grundwasser (Cirin) 2 Tefach 
entgegenkommeji^^. 

Durch die ganze Dauer der Regenzeit wurde im täglichen 
Gebete des sich im Regen kundgebenden göttlichen AVunders 
(DV:>i:':ri nmi^) Erwähnung getan ("iTin), in Palästina vom 7. 
Marchesvan an, in Babylonien erst vom 60. Tage der Herbstsonnen- 
wende an auch eine Bitte um Regen und Tau ausgesprochen 
('P^<:^'). Trat der Regen nicht rechtzeitig ein — als äußerster 
Zeitpunkt galt, wie bemerkt, der 1. KisK^v — sahen sich einzelne 
Fromme, bei fernerem bangen Erwarten auch die Gemeinden 



Regennot, Ibl 

und schließlich das ganze jüdische Volk Palästinas genötigt. 
Fast- und Bußtage zu halten, die in einem feierlichen Bittgange 
endigten. Bei der bereits angegebenen Regenmenge horte das 
P\asten auf, es setzte jedoch eine Bußveranstaltung von neuem 
ein, wenn sich abermals Regennot zeigte, die man darin erblickte, 
daß es mitten in der Regenzeit 40 Tage hintereinander nicht 
geregnet hatte, und ebenso, wenn der Regen sporadisch auftrat, 
wobei bald die Saaten, bald die Bäume (Ol- und Weinkulturen), 
bald auch die Zisternen und sonstige Wasseransammlungen, je 
auf andern Gebieten gelegen, die nötige Nahrung nicht erhielten ^^. 
So konnten auch einzelne Städte regenlos bleiben, die dann die 
Buße für sich veranstalteten. Hier sei bemerkt, daß auch bei 
andern Landplagen, bei Seuche, bei Brand und Rost des Ge- 
treides, bei Heuschrecken und Krieg ähnliche Bußveranstaltungen 
stattfanden (vgl. auch Bd. I, S. 139) ^^ Man mußte damit rechnen, 
daß selbst bis Nisan kein Regen falle, und es bestand die Furcht, 
daß man Hungers sterben müsse. In außerpalästinischen Orten, 
z. B. in Ninive, kam es vor, daß auch nach dem Paschafest um 
Regen gefastet wurde ^^. Um so mehi- Avurde die Erhörung des 
Gebets um Regen und die Wohltat des Regens selbst in über- 
schwenglicher AVeise gefeiert und gepriesen ^^. 

Die Sache hat auch eine Kehrseite, den allzureichlichen 
Regen (C^^l^'IJ 21"l), der, in Palästina ungefährlich, in dem niedrig 
gelegenen und von Wasserarmen durchzogenen Babylonien Häuser- 
einsturz (ßd.I,S.17A.205) verursachen und darum Anlaß zurBuß- 
veranstaltung werden konnte ^^. Der allzureichliche Regen würde 
das Ackerland mit Sehlamm bedecken (li'LCli'tC) und unfruchtbar 
machen ^^. Am Ende der Regenperiode, also schon nach dem 
Spätregen, erscheint der Boden durch und durch gelöchert (m/I*:?)!) 
wie eine Reuter, und aus dem Sand bilden sich Schollen (m'PlZ)^^ 
Übermäßiger Regen schwemmt fruchtbaren Boden weg (^HD), 
kommt von den Bergen als reißender Gießbach (n'''P""iri = j^apaBpa) 
herunter und zwingt die Menschen, sich auf die Berge oder in 
Höhlen zu flüchten ^^ Der Frühregen ist dann gehörig (iJpTlD), 
gereicht dann zum Segen (riD*12 ''Cl!'':i), Avenn er milde (Hnj^), 
nicht aber stürmisch (=^^12) fällt, denn sonst Avürde er die Obst- 
frucht allzufrüh vom Baume reißen, die Saaten überschwemmen 
und die noch gefüllten Tennen verheeren, doch hielt man in 



152 Spätregen. 

Babylonieii den heftigen Regen (nT i^'n::?:) für ersprießlich für 
Bäume, während das Getreide durchaus nur sauften Regen (^<"ltr?D 
{\TP3) ertrage, vollends aber sei nützlich der Sprühregen (n':?''D"1"IV), 
der selbst den unter der Scholle befindlichen Weinstockkern 
emporsprießen lasse (i^Dj)^^. Von dem Spätregen (bh. und nh. 
li^lp/^:) befürchtete man, daß er Häuser einstürze, Bäume ent- 
wurzle und eine gewisse Art Heuschrecken (''pü) bringe ^^; in 
normalen Zeiten jedoch gereicht auch er zum Segen. 

Die Wirkung des Regens besteht hauptsächlich darin, daß 
er das Erdreich tränkt (Hi^^i^'n) und sättigt (nj"!). nebenbei auch 
düngt 02]), gleichsam körperlich einreibt ("TO vgl. Bd. I, S. 234) 
und geschmeidig macht (j~y); das Ergebnis ist das Wachstum der 
Pflanzen (riTOli)^*. Poetisch, wie wir erwähntem, ist die Annahme, 
daß der Regen die Erde befruchte (>?2l). Der Regen erst gibt 
der Erde das „Gesicht" (CjS^), d. i. überzieht sie mit Pflanzen 
und macht sie ästhetisch schön '^^'^. 

Während nun der Frühregen für die Aussaat und das 
Wachstum nützlich ist. hängt der Ausfall der Ernte von dem 
im Monate Nisan (März-April) fälligen Spätregen ab'-^. Allmählich 
hört der Regen auf (pDD). das Wasser fließt nur schwach von 
den Bergen, bildet Lachen ()"'js"'2) in dtm Tälern, erhält die P>de 
noch feucht (Pin'p), bis sie austrocknet (liC) und dürre wird 
(n2"'nn), sodann auch die Grundwasser, Brunnen, Quellen, Flüsse, 
gänzlich versiegim. Der Boden ist gleichsam gesprungen, und 
der Regen, den er dann empfängt, ist ihm sozusagen eine Stäh- 
lung (CIDp), wie ein in Feuer versetztes Metallgerät erst durch 
AVasser gestählt wird^^. In der trocknen Jahresziut ist der Regen 
äußerst selten (vgl. I. Sam. 12,17\ aber, wie in positiver 
Weise berichtet wird, nicht unerhört'-', und da nimmt er wohl 
die Form des Gewitters an. das sich unter Donner und Blitz 
entlädt-^ 

Nach einem allgemein nu'nschlichen Zuge verlegten sich 
auch die Juden auf Wetterprophezeiungen, und namentlich 
wollten sie aus gewissen Zeichen erkennen, ob das .Fahr reich 
oder arm an Regen sein werde. Es gab alte Leute in Sepphoris, 
die an der Erde rochen und daraus auf die Wasser des Jahres 
schlössen. Ein Erfahrungssatz lautete: Es ist ein gutes Jahr, 
wenn der Monat Tebeth (Januar) ohne Regen bleibt. Ein Sprich- 



WetterprophezeiuDgen. ^q'^ 

wort sagte: Wenn der Regen zum Toraiifsclihiß (= zur Morgeu- 
zeit) kommt — Eseltreiber, bereite dir ein weiches Lager und 
schlafe (denn das Jahr ist dann so gesegnet, daß Getreide- 
handel nicht nötig ist). In Palästina sagte man: Durchscheinendr 
Wolken — wenig Wasser, finstere Wolken — viel A\'asser. Be- 
greiflicherweise prophezeite man in erster Reihe aus den Wolken 
und allenfallaauch noch aus dem AMnde'^*^. Ein klarer Pfingsttag war 
glückverheißend für das ganze Jahr und besonders für das Gedeihen 
von Weizen und Flachs (vgl. Bd. I, 8. 139): ein warmer Neujahrs- 
tag verspricht ein warmes, ein kalter verspricht ein kaltes Jahr'^^^ 
Regeln nach Nisan bedeutet Fluch ^^, begreiflich, denn er stört die 
Ernte. Regen am Laubhütteufest wurde als Ungnade empfunden^-. 
Gern sah man es, wenn der Regen zur Nachtzeit und besonders 
an Sabbatabenden fiel, weil er die Tagesarbeit nicht störte. 
Zu Zeiten der Königin Salempso soll in der Tat der Regen 
von Sabbatabend zu Sabbatabend gefallen sein, und zur Zeit 
des Herodes — das konnte man gut in Erinnerung behalten 
haben — als es galt, den Tempel zu bauen, regnete es immer 
nur in der Nacht, am Morgen aber erstrahlte die Sonne, der 
Wind setzte die Erde trocken, so daß die \\'erkleute ihrer 
Arbeit nachgehen konnten ■^^. 

b) Nach dem, was ül^er die Kälte in Palästina gesagt 
wurde (S. 148), darf auch der Schnee (bh. und nh. j'yZ', aram. 
^^"^Pi) zu den regelmäßigen Erscheinungen dieses Landes ge- 
rechnet werden ^''^. Man spricht zivilrechtlich von dem Fall, daß 
einer durch Schnee- und Eisschollen (Cj'fl) beworfen und 
verwundet wurde, ferner davon, daß ein Fach des Siedegefäßes 
(Bd. I, S. 73) Eis enthalten kann, von der Art des Badens in zugefro- 
renen Zisternen (Bd.I, S.214), daß Schneewasser (C^Sti' ^ü) die 
Erde ebensogut tränke wie Regenwasser, daß man den Schnee 
zerdrücke (pDl) und trinke, oder auch, daß man ihn ganz oder 
zerdrückt zur Kühlung in Getränke und Speisen gebe usw.'^'^ 
Der Schnee hält sich in Palästina bis zum Frühjahr (vgl S. 149). 
Iiji Sommer konnte man Schnee und Eis von den hohen Bergen 
haben. Man hatte das Eis, wie es scheint, in festgeformten 
Stücken (N""^2"; Tn, eigenthch Hagelschollen, vgl. jedoch n^^r 
"""Zu und N""1Z"I ^?T = ""^I ""jZN Hagelsteine, also natürliche 
Formen); so spricht man auch von Schneebaileu C':'*^' ""/^^V)^''. 



154 Tau. Wolken. 

Die Weiße des Schnees steht an erster Stelle unter den weißen 
Farben^'. Von Keif (bh. und nh. "li^z) und gefrorenem Schnee 
("^"Pj) wird wenig gesprochen ^^. 

c) In der heißen Sommerzeit ist der durch die nächtliche 
Abkühlung am Morgen fallende Tau (bh. und nh. ^i:) die einzige 
Labung, die dem schmachtenden Erdreich zugeführt wird. Im 
Gegensatze zum Regen heißt es von ihm, daß er nicht zurück- 
gehalten wird ("^ijy^ 12''N') und sich notwendig einstellt, weshalb 
denn keine Bitte um ihn laut wird; mit dem ebenfalls kühlenden 
Winde (w. u.) verhält es sich ebenso. Nicht unpassend wurde 
nun die ganze Trockenzeit auch Tauzeit (t^icn nyc) genannt. 
Der Tau verleiht den Getreide- und Strohhalmen die schöne 
weiße Farbe, doch will man wahrgenommen haben, daß in der 
uns beschäftigenden Periode diese Wohltat nicht mehr bestand 
und der Tau die Halme eher schwarz machte. Mehr noch als 
der Regen wurde der Tau als wahrer Segen für die Welt auf- 
gefaßt, und selbst im Ritus achtete man darauf, daß der ganze 
Zyklus der Feiertage unter dem Zeichen des Taues ablaufe und 
des Regens nur ganz am Schhiß Erwähnung geschehe^''. 

160. Wolken und Winde sind die von Natur gegebeneu 
Voraussetzungen des Regens. Ein Lehrsatz besagt: Selbst wenn 
der Himmel voller Flecken (p'^IPiZ) ist, bereit, den Regen zu 
entsenden, zieht dennoch ein AVind (bh. und nh. ^^^) herbei 
und macht ihn rein ("1m^)- Manchmal ist der Himmel stumpf 
(nnp) wie ein Eisen und läßt Regen und Tau nicht durch, ja, 
er verrostet völlig (rcnCTi)'*^. Dann gibt es Tage, wo sich der 
Himmel mit Wolken (C'2>) überzieht ("^ir'pnM, aram. "^LTp), die 
bald leicht, bald dicht sind (l^"'/p cirriis, ^*^"'?2D cumulus), doch 
auch beides zugleich, indem die leichten Wolken unter den 
dichten zu flattern scheinen (cirrocmnuliis), in welcher Form man 
von „fliegenden" Wolken (nin"ll?), unsern „Schäfchen", spricht, 
und diese wurden für die richtigen Regenwolken [nimbns) ge- 
halten, für Babylonien freilich, wie bemerkt wird, doch kein 
untrügliches Zeichen ^^ An den leichten Wolken (C^^jp) des 
Morgens liegt nichts"*'-. Man wußte nicht recht, ob das Wasser 
in den Wolken gebunden oder beweglich sei. Man nahm richtig 
an, daß die ganze Welt aus dem Wasser des Ozeans trinke, 
d. i. die aufsteiß-enden Dünste des Ozeans zur Reffenbilduno^ 



Winde. 



155 



führten "^^ Langsam fing es zu tröpfeln an {^"C:) und jeder 
Tropfen (mGlP) nahm seinen eignen Weg, bis der Regen stärker 
einsetzte. Fiel anfänglich staubartiger feiner Regen (n'^TI^), 
konnte man sicher auf den eigentlichen Regen ptCC) hoffen; 
nach dem Regen jedoch bedeutet jener Staubregen das sichere 
Aufhören. Den langsamen Regen hatte man gewiß lieber als 
den geräuschvollen Wasserschwall (~l''"i:iD) ^■*. Wolken und Wind 
blieben zuweilen auch nach dem Regen und sie wurden an 
Nützlichkeit fast dem Regen selbst gleichgeschätzt, noch lieber 
aber sah man das sofortige Aufstrahlen der Sonne. Manchmal 
blieb der Tag auch ohne Regen umwölkt (p^yD CT')'^^. 

Sehr ausgebildet ist die talmudische Windkunde. Gewöhn- 
lich werden nach den vier Himmelsgegenden vier Winde (i?2nj< 
mm~l) angenommen, deren Eigenschaften wie folgt bestimmt 
werden: Der Westwind, durchaus segenvoll, ist das Gerippe der 
Welt; der Nordwind, schon wegen seiner Beziehung zum rauhen 
Norden bei allen Völkern berüchtigt, macht den Himmel dem 
Golde gleich rein ("»pJ, vgl. oben iriLC), d. i. entzieht ihm die 
segenbringenden Wolken; der Ostwind wirbelt ("l^D) die ganze 
Welt auf; der Südwind endlich überzieht den Himmel wie mit 
einem Gewebe, d. i. gibt ihm die regenverheißenden gestückelten 
Wolken, oder, wie es auch heißt, bringt die Regenschauer (bh. 
CIl'^DIj und fördert das Wachstum der Kräuter. Nach den 
Jahreszeiten lautet das Schema wie folgt: Der Nordwind ist 
schön (mD"'), d. i. nützHch, im Sommer (da er doch kühlt), 
schädlich (Hl^'p) in der Regenzeit (da er den Regen vertreibt) 
und umgekehrt der Südwind; der Ostwind ist immer schädlich, 
der Westwind immer schön. Ferner: der Nordwind nützt dem 
zum Drittel reifen Weizen und schadet dem Ölbaum, w^enn er 
Früchte ansetzt; in demselben Zustand der Reife schadet der 
Südwind dem Weizen und nützt dem Ölbaum ^'^. Die Annahme 
von vier Winden findet sich bei allen Alten, doch findet bereits 
Plinius diese Einteilung mangelhaft und verzeichnet eine Menge 
andrer Windrichtungen, darunter den Nordwest (corus), von den 
Griechen Zephyrus und Argestes genannt, unter letzterem Namen 
auch den Rabbinen bekannt (D'':CD:inN* m~l = ocpyzGzric). Am 
kältesten sind auch nach ihm die Nordwinde (aram. NJPDN), 
und Josephus hat uns noch die Einzelheit aufbewahrt, daß die 



156 Winde. 

Händler der Küste vom „schwarzen" Nordwinde sprechen. Den 
Namen des Ostwindes (xaucrcov) finden wir in griechisch-jüdischen 
Schriften (aram. heißt er ^*^^l^')•, er hat in Bibel und Talmud 
zuweilen den Beinamen „glühend heiß" (n"':^*''*!n, (j'jyxaiwv), und 
man wußte von ihm, daß er das Meer zu lauter Furchen (C^tT ) 
schlage und daß er alle andern Winde still mache, d. h. über- 
tönet^. Man war nämlich der Meinung, daß die vier Winde 
jeden Tag wehen, und zwar wehe der Nordwind mit jedem 
mit, denn sonst (ohne diese Abkühlung) hätte die Welt keinen 
Bestand, und ohnedies habe sie unter dem Südwind viel zu 
leiden. Dagegen behauptet eine andre Ansicht, daß jeder 
Wind für sich herrsche '^^. Der Nordwind wehe vornehmlich 
um Mitternacht*^. Einen dem Namen nach strafvollstreckenden 
Wind (n''j1pC^ nri) personifizierte man zu einem Engel, was im 
Hebräischen durch die Gleichheit der Begriffe m"1 = Wind und 
= Geist leichtfällt^^. Im Unterschiede von einem lokalen 
Winde sprach man von einem Weltwinde (j*p''Ci'ip = xo(T[J.ix6v, 
die ganze Welt betreffend)'^'. 

Abgesehen von den bereits berührten Gefahren der See- 
stürme (s. Abschn. VHI) kann der Wind auch landwirtschaftlich von 
Schaden sein, nicht nur in seiner regenverhindernden Kraft, wie 
schon angegeben, sondern auch darin, daß er Bäume entwurzelt, 
Blätter und Früchte abreißt, Getreidehalme knickt, Garben vom 
Felde wegträgt, ja, im Sturmwinde (S'iy'PV) läuft selbst der Mensch 
Gefahr, fortgerissen (^I2n) zu werden^-. Im starken Wind also 
manifestiert sich, ebenso wie im Donner und Blitz, die Allmacht 
Gottes, und er ist Gegenstand eines Segensspruches; natürlich 
wurde der Unterschied zwischen mildem (Pn:) und stürmischem 
(^1^1) Winde stark bemerkt^^. Am Anfange des Jahres, so war 
die Meinung, wird festgesetzt, wieviel Regen, wieviel Tau, wie- 
viel besondere Sonne (r'n\n'' Picn) und wieviel Wind dem Lande 
Palästina zukomme ^^. Wii- wissen bereits, daß der Wind, ebenso 
wie der Tau (S. 154), als Naturgesetz erkannt wurde, und man 
kleidete denselben Gedanken auch in folgende Worte: „Dem 
Wasser wurde die Verheil.Umg zuteil, daß auch in der Sommer- 
hitze der Wind wehen würde" ^^. Tatsächlich wirken die Nord-, 
West- und Nordwestwinde in Palästina in der sommerlichen Hitze 
sehr wohltuend. Den liegen bringt der vom Meere her wehende 



Landschaften. 257- 

Wind, also der Westwind, und noch heute werden der West- 
und Südwestwind von den Arabern des Landes die Väter des 
Regens genaunt^^. Die Formel im täglichen Gebete, die des 
Regens gedenkt (S. 150), lautet: „(Gott) . . ., der da wehen läßt 
(Z}''l^'n von 2l^'j) den Wind und fallen läßt den Regen"; denn der 
Wind ist es, der den Regen herbeiführt^'. 

161. ßodenkunde^*^. Die Misoa läßt Palästina in die 
drei Gebiete (miJ"1wX) von Judäa, GaÜläa und Peräa (piVi "^.ZV)- 
zerfallen; Samaria als Gebiet einer feindlichen Bevölkerung 
wurde nicht im Auge behalten. Jedes dieser Gebiete zerfällt in 
die aus der Bibel wohlbekannten Landschaften des Gebirgslandes 
("in öpstvYj), des Hügellandes {TV^Z' tcsBivy]) und der Tiefebene 
{püy oii)ld)v). Jede Landschaft zeigt eine andere Vegetation; 
charakteristisch für das Bergland ist die Esche, für das Hügel- 
land die Sykomore, für die Tiefebene die Dattelpalme, aber nur 
von letzterer, als einer Kulturpflanze, erfahren wir Näheres, 
indem die „Dattelpalmen der Tiefebenen" und besonders die 
Datteln von Jericho, der Palmenstadt, auch sonst als Eigenart 
erwähnt werden, wie denn auch andere Obst arten, z. B. der 
Granatapfel, in den Tiefebenen vorzüglich gediehen (C^"P?2y '•jVri)'^^. 
Es gehörte zum Ideal, daß jeder Besitzer von allen drei Land-^ 
Schäften etwas sein eigen nenne ^^. Die Abwechslung in der 
Landschaft setzt sich noch fort durch tiefe Flußtäler (C':'nj) 
oder Wadis, die etwa von Rohr bewachsen waren, durch offene 
Täler oder Talebenen (nVpD, ri'y^pz, vgl. Dt. 11,11, aram. ^DVPZ, 
syrisch jMä^s), die eigentlichen Stätten des Getreidebaues, und 
durch Talkessel (m'P^n), die z. B. zum Anbau von Reis geeignet 
M'aren^^ In den Tiefebenen reift das Obst (y^'p) früher als in 
höher gelegenen Gebieten, z. B. in Galiläa ^^; demnach muß auch 
der Geschmack verschieden sein, und in bezug auf Getreide 
wird mit Recht behauptet, daß sein Geschmack nicht nur nach 
Maßgabe des Standortes auf Bergen und in Tiefebenen variiert,, 
sondern daß auch ohne Höhenunterschiede ein jedes Gebiet des 
Landes anders schmeckende Getreidefrucht hervorbringe, wie 
denn auch die Leckerbissen (CT^ViT^^) des Festlandes andere 
seien als die des Meeres ^^. Auch in der Fauna zeigt sich ein 
Unterschied in der Landschaft, denn es wird z. B. der in der 
Ebene lebende Rabe von dem in den Bergen unterschieden^"^,, 



158 Bodenbeschaffenbeit. 

und auch die Menschen richten sich in der Kleidung und gewiß 
auch in andern Lebensäußerungen nach der landschaftlichen 
Beschaffenheit ihres Wohnortes, von der ja das Klima und die 
Nahrungsmittel bedingt sind^^. Die Nähe des Meeres bringt 
ebenfalls Veränderungen in Flora und Fauna mit sich; so sagte 
man z. B. sprichwörtlich: „An dem Meeresstrande ist auch der 
Dornstrauch eine Cypresse", d.h. die Spärlichkeit der A-'egetation 
bringt auch das Unscheinbare zur Geltung^^, eine sehr treffende 
Schilderung besonders der phönizischen Küste, wo hingegen, wie 
war wissen (Bd. 1, S. 146), die Purpurschnecke zuhause war. Von der 
Sandbank am Meere C^Vtry^L:', griechisch p::-]^, ]yc^D = G'jp'zic, 
Syrte) w4rd oft gesprochen^". 

Palästina, insbesondere der judäische Teil, ist auf weiten 
Strecken von Bergen und Felsen bedeckt, mit w^elchem Umstände 
beim Ackerbau sehr gerechnet werden mußte. Oft ffnden sich 
mitten im Ackerland große Felsstücke (V'^D), an die der Pflug 
anstößt, und es ist noch gut, wenn der Pflüger mit seinem Pflug 
sie aus dem Erdreich herausheben (V'yT) und mit vereinten Kräften 
fortschaffen kann; in andern Fällen „schwimmt" (^li;) der Felsen 
frei auf dem Ackei-lande und wird gar nicht fortgeschafft, sondern 
an Ort und Stelle zu einem Steinhaufen ("^Tn) aufgeschichtet, 
ja, mancher Landmann mochte sich bewogen fühlen, sein steiniges 
Feld überhaupt zu einem Steinbruch (ZliTiC, Bd. I, S. 10 f.) umzuge- 
stalten, was aber im Interesse der Kultur des Landes nach Möglich- 
keit hintangehalten wurde *'^. Ein felsiger Boden (j<?2j"ii*) wurde 
nicht für anbaufähig gehalten, es sei denn, daß das Gestein bereits 
in Staub zerfallen ist, wodann das auf diesem fast jungfräulichen 
Boden wachsende Getreide sogar fett (jCl^O wird, wiilirend der 
aus zerfalhmem Ton (n^D"^n) bestehende Boden nur mageres (^p) 
Getreide hervorbringt*''^. Das Land, besonders zur philistäischeu 
Küste zu, wies häufig Erdanschwelluugen (HI/ltT) auf, die der 
kluge Landmann in Körben (ni'PEDC'TO) abtrug (V^*p) und über sein 
Ackerland breitete'^. Als Ackerkrume (Humus, ":?V) wird als 
Mindestmaß drei Finger breit Tiefe (2 Y^, cm) angegeben '. 
Palästina zeichnete sich unter anderm auch darin aus. daß seine 
Berge reichlich Humus hatten, nur mußte vorgesorgt werden, 
daß ihn das herabstrrunende Regenwasser nicht fortschwtuume 



BodengattuDgen. ]59 

Nach dem Vorherrschen der Bodengemengteile spricht man 
1. von einem Lehmboden (mii"1N n''2), der, zwischen Sand- und 
Tonboden stehend, auch Mittelboden heißt und bei mildem Lehm- 
gehalte für alle Pflanzen sehr günstig ist und besonders guten 
Weizenboden abgibt; 2. von einem Sandboden (m^"^rin Pi^'Z), der 
etwa zu Roggen und Gerste geeignet ist (nicht aber dessen 
Unterart, der Flugsand (I^'D'^Im), der in der Nähe des Meeres 
vorzukommen pflegt); H. von dem Humusboden (l^yn P>^2), der, 
mit den andern beiden Gattungen gemengt, den Nachteil hat, 
leicht fortgeschwemmt werden zu können ''\ Einige Kräuter 
{]\Nt:n) wachsen frei auf der Wiese (~^^^<)^'^. Der Güte nach 
unterschied man vorzügliche (P,"'""';?), mittelgute (n"':ij''2) und 
schlechte (nniD^T) Felder, ohne daß wir wüßten, auf welcher 
Beschafi'enheit des Bodens diese Einteilung beruhte'^. In An- 
sehung der Bäume spricht man vom Boden mit guter und 
schlechter Ertragsfähigkeit (bh. und nh. "2)^^. Die Felder waren 
manchmal unterbrochen, teils durch Spalten (cyp^) und Tiefen 
(pers. "•:«::), die Wasser enthielten, teils durch Felsen (C^y'TD) 
und Erdzüge, die „Rückgrat" (^"^"1L^') genannt wurden". Manche 
Stellen enthielten Lehm (^'J''L:^ Clpc), die man, wie bereits be- 
merkt, für gut anbaufähig hielt, vorausgesetzt, daß sie nicht allzu 
feucht (Xjin^) waren; andere Stellen waren trocken (""'n:!" Clp?-), 
wovon man das absichtlich feucht gemachte Feld (r,J:iL:?2 Pm*^'} 
unterschied''^. Nicht nur der Weinkern, sondern auch Getreide 
w^uchs selbst unter einer steinigen Scholle (2^1, N'/p), wenn 
nur lockere Erde (mriip "IDV) darunter war^^, anders als unter 
Kieselsteinen, wovon es auf manchen Feldern ganze Haufen gab 
(pmPii ':'ti' "l'':"i:i), mit denen der Landmann in Talcbenen höchstens 
nur soviel anzufangen wußte, daß er auf ihnen das ausgejätete 
Unkraut aufhäufte, während er auf Bergen und Geröllfeldern, wo es 
kahle Stellen zu diesem Zwecke genug gab, damit nicht anders 
verfahren konnte, als mit sonstigem unnützen Gestein, das er 
hinauswarft^. Geröllfelder (CLD'tO"!) gehören zum landschaftlichen 
Bilde Palästinas, indem sie weite Flächen einnehmen und un- 
fruchtbar machen, da sie nicht anbaufähig (py^li ""j^) sind^^ 
Wenn davon gesprochen wird, daß durch Regenguß (S. 150; ein 
rotes Feld weiß, ein weißes rot gemacht wird, so sind das bloß 
Bezeichnungen von Lehm- bezw. Sandböden und keine be- 
sonderen Bodengattungen ^^ 



\QQ Landstriche. 

Der gute LandmaDn, der mit der Natur des Bodens (^'^'li'^} 
vertraut ist, weiß, welches Joch zur Olpflauzungj welches zu 
Wein, welches zu Feigen usw. sich eigne; er riecht an der Erde, 
ja (^r kostet sie, um ihre Güte zu beurteilend^. Sieht man auf 
dem Felde viele Dornsträucher, so ist es guter Weizenboden; 
trägt es viel Unkraut, so ist es gutes Gerstenfeld^"^; gedeiht der 
Flachs gut darauf, so ist es guter Getreideboden, und man pflegte 
daraufhin das Feld zu erproben, indem man ein Stück mit 
Flachs besäte ^'^ Das Feld galt auch dann für wertvoller, wenn 
es, nach Süden gelegen (ri1?::"m?2 flTi^ki'), gute Sonne hatte. Im 
Orte Baal-Salisa, so heißt es, reifte ("irznn) das Getreide zu 
allererst, auf den Bergen natürlich später als in den Talebenen^^. 
In der Landschaft Edom wuchs derart schlechte Gerste, daß sie 
an Wert zweifach dem Weizen nachstand"^', wahrscheinlich infolge 
der allzu starken Sonne. 

Der Landstrich Idumäa galt überhaupt für wenig frucht- 
bar^^. Ab(n' schon der angrenzende Landstrich, Judäa, war 
gerade in Gerste vorzüglich, während weiter hinaus Benjamin 
sich in Weizen auszeichnete. Am meisten wird die Fruchtbar- 
keit der Gegend des Genesaretsees gepriesen, doch auch die 
ganz Galiläas, dessen Erzeugnisse nach Judäa ausgeführt wurden, 
wi(.' umgekehi't auch Judäa manches in Überfluß hatte. Das Äser 
genannte Gebiet ist ungefähr mit Galiläa gleich; es wai- reich an Ol, 
während Zeljulon sich ob seines Landes zu beklagen hatte ^^. Letz- 
teres rührt daher, daß im zweiten Jahrhundert die Kelter {2p''), also 
Ol- und Weinbau, für vorteilhafter galt als Getreidebau ^°; auch 
gegen die Weidewirtschaft mußte der Landbau geschützt werden 
(S. 142). Gewisse Bodenerzeugnisse waren in Judäa geachtet, 
in Galiläa gering geschätzt; bei andern verhält es sich umge- 
kehrt''^ Es gab außer den Landstrichen auch einzelne Orte, 
die sich in der einen oder der andern Frucht auszeichneten; 
man sprach z. B., wie wir bereits wissen, von den Datteln von 
Jericho (S. 157) und ebenso von den Feigenkuchen in Keila 
und Bostra^^, von der Johannisbrotfrucht in Zalmoua und Giduda^^, 
von den Granaten in Bidän, dem Lauch (^""i»'") in Geba^. den 
Nüssen und Mandeln in Perekh''^, von den Feigen in Bethanien''^ 
und von den Ivüben in Beth-Dagon und andern mehr'^^. Mau 
nennt auch den Weizen von Corduene in Babylonien*-^^*. 



161 

B. Ackerbau. 

162. Der Landmann (bh. und nh. "135S) wird durch jahre- 
lange Erfahrung derart geübt {]r2M< "12N), daß er sich in der 
Natur des Bodens {2)\L'\ S. 160) aufs trefflichste auskennt. Ein 
jeder Landmann arbeitet nach eigner Theorie (Hlin), kennt den 
Turnus der Sämereien, achtet auf die Regen- und Sonnenzeit, 
weiß, wann der Weizen, wann die Gerste, wann Ol und Wein 
zur Einsammlung reif sind, er pflügt, säet, erntet, drischt zur 
gegebenen Zeit und worfelt bei günstigem Winde ^^ Seine ganze 
Sorge bildet das Ackerfeld {Y^i<, S. 159); sein ganzes Gespräch 
dreht sich um dieses: trägt das Feld oder trägt es nicht; all sein 
Beten hat dieses zum Inhalte: Herr, laß das Feld gedeihen, Herr, 
laß das Feld glücklich sein^^. Beten um das Gedeihen der 
Feldfrüchte, am besten ausgeprägt im Regengebete (S. 150), 
findet sich tatsächlich und ist auch bei andern Völkern anzu- 
treffen^^. Der Bauer, der gewöhnlich auf dem Dorfe oder in 
der Stadt wohnt, hält sicli tagsüber auf seinem weit abgelegenen 
Felde (S. 108) auf und kehrt erst abends heim; nachschauen 
muß er, auch wenn er sein Feld durcli andere bestellen läßt, 
und wir vernehmen die Kunde, daß man selbst am Sabbat beim 
Spazierengehen nachsah, was dem Felde nottue. Spöttisch sagte 
man: „Wer sein ererbtes Geld leicht verputzen will, dinge sich 
Taglöhner (Dv^lD, s. S. 102) und sehe ihnen nicht nach." Wenn 
man sich nicht zum Sklaven (12V) des Feldes mache, habe man 
es nie erworben. Dieser Gedankengang ist um so leichter, als 
im Hebräischen der Ackerbau eigentlich „Dienst", „Bedienung 
des Bodens" (rni^y, ^^INH fllizy) heißt, ja metonymisch dient 
die Bezeichnung „Landmann" (nh. n':'!?, eigentlich aram. Nm*:^?) 
zugleich als Ausdruck für „Soldat" ^^^. Es ist eine anstrengende 
Arbeit, sowohl was das Pflügen, als was den Schnitt in sommerlicher 
Hitze anlangt (vgl. Bd. I, S. 129), und der Bauer bekommt davon 
schwielige Hände ^"^*. Gleichwohl ergaben sich auch die Rabbinen 
gern diesen Arbeiten, und manche von ihnen besaßen und be- 
wirtschafteten ausgedehnte Ökonomien. Auch viele auf die Feld- 
arbeit bezügliche Verordnungen kennen wir aus den rabbinischen 
Schulen; sie knüpfen sich an die Namen des R. Gamliel IL, an 
die Synode von Usa und an R. Juda I. Nicht zu verkennen 
in ihnen ist der allmähliche Niedergang der Landwirtschaft und 

Krauß. Talm. Arch. II. 11 



162 Bodenverbesserung. 

die Armut der Landwirte ^*^^^. Ein Gespann Pflugtiere (S. 116) 
war das mindeste, was der Bauer besitzen mußte (vgl. S. 104) ^^^ 
Für jedes nur irgendwie verfügbare Kapital wurde Landbesitz 
{Vp'^p, n"Ii') gekauft j der zu einem kleinen Teile aus einem 
Garten (Pü'':, w. u.) bestand, und die Sprache selbst enthält noch 
Reste, die auf die hohe Wertschätzung des Landbesitzes schließen 
lassen (vgl. S. 87)^^1 Aber im Laufe der Zeiten, infolge des 
politischen Druckes und der zunehmenden Unsicherheit, vollzieht 
sich ein Umschwung in den Lebensanschauungen; es wurde die 
Weidewirtschaft gegenüber dem Landbau, Wein- und Ölbau 
gegenüber dem Ackerbau bevorzugt (S. 160), und man stellte 
den Satz auf: „Es gibt kein schlimmeres Gewerbe als die Be- 
schäftigung mit dem Boden" ^^^. 

163. Verbesserung des Bodens. Der Landmann muß 
außerordentlich viel arbeiten, um den Boden ertragsfähig und im 
letzten Ende auch ergiebiger ("»i^nn n''2) zu machen, Arbeiten, 
die man sämtlich zugunsten des Bodens {Vp'^p D'^-^^Tl) vornahm, 
und durch welche das Feld nicht nur instandgesetzt ((|?n), 
sondern auch verbessert (rcyJ, ""•Zt^u, meliorare) und verschönert 
(HD^) wurde ^°"*. An vielen Stellen, besonders auf Bergabhängen, 
mußte der Natur nachgeholfen werden, und noch heute weist das 
Land zahlreiche Überreste von entsprechenden Bauten auf^°^. 
Es galt, jeden Fleck Boden auszunutzen, und wenn wir hören, 
man habe auf Häuser- und Höhlendächern, in Ruinen (HDIin), 
die sogar regelmäßig gepflügt sein konnten, in einem bestimmten 
Kübel (|^''iiy), der entweder ungelöchert, besser aber gelöchert 
und bodenständig war, und sogar auf einem Schifl" (Plj'CD), das 
merkwürdigerweise nicht immer aus Holz, sondern auch irden 
und zum Wachstum besser geeignet war, angebaut (y"1T), so 
können wir dem die Wirklichkeit nicht absprechend"^. 

Eine Applanierung des Bodens bestand darin, daß man 
Erdschwellungeu (xn^l':'?^) abtrug OpV/) und in Erdsenkungen 
(X"»!?!:) warf (Nll^'). Unebene, Buckeln (min) aufweisende Felder 
wären schwer zu bebauen gewesen ^"^ Oft waren es zwei be- 
nachbarte Besitzer, die in ihren Fehlern, der eine einen Erdriß 
(^"»"in), der andere einen Hügel i^r) hatten, die nun durch gegen- 
seitige Vereinbarung ihre Felder ebneten, oder von denen, wenn nur 
einer von ihnen interessiert war, der eine die Erde seines Hügels, 



Terrassen. Entfernen von Steinen und Dornen. jßß 

der andre den Platz seines Risses ums Geld verkauften ^°^. Aber 
am meisten charakteristisch für Palästina ist der Bau von Ter- 
rassen (bh. und nh. n'i:i~l"lD) auf Bergabhängen, indem man von 
an Ort und Stelle oder in der Nähe gesammelten Steinen eine 
Mauer (y^^n) lose aufschichtete oder regelrecht baute (H^i:), mit 
deren Hilfe nun eine wagrecht abgeplattete Stelle geschaflfen 
wurde. Diese ergab einen neuen Kulturboden, den man mit Humus 
("IDV S. 158) ausstattete (l^D), auf dem nun Getreide, Gemüse 
und Sämereien wuchsen, vornehmlich aber der so berühmte pa- 
lästinische Weinbau heimisch war. Die Terrassen verhüteten 
zugleich, daß die dünne Erdschicht der Berge vom Regen weg- 
gespült wurde. Man pflegte sie alljährlich nach Beendigung der 
Regenzeit zu bauen '^^. 

In dem steinigen Boden Palästinas (S. 158) war ferner bei 
jeder neuen Urbarmachung eines Feldes, doch auch bei bereits 
bebauten Äckern fast alljährlich, ein Entfernen der Steine (b^D) 
nötigt '^. Ebenso mußten die Felder von den sie überwuchernden 
und gerade auf gutem Boden üppig aufschießenden (S. 160) Dorn- 
sträuchern gesäubert (^.'Ip) werden ^^^, wie es übrigens auch mit 
den öffentlichen Straßen geschah (Abschn.VIII). Beachtenswert ist, 
daß Dornen und Gestrüpp, die nicht auf öffentliche Straßen ge- 
worfen werden sollten, von den Frommen in den eigenen Feldern 
vergraben wurden, und zwar so tief, daß sie der Pflug nicht 
heraufziehen konnte ^^-. 

164. Bewässerung. Im Vergleich zu Ägypten, das 
nach dem Ausdruck der Schrift (Dt. 11,10) „mit dem Fuße" 
getränkt werden muß, wie ein Gemüsegarten, was von den 
Rabbinen weiter dahin ausgelegt wird, daß man mit „Spaten und 
Hacke" arbeiten müsse, um das Nilwasser auf die einzelnen 
Felder zu leiten, im Gegensatz auch zu ßabylonien, das 
gleichfalls von seinen Flüssen und Kanälen getränkt werde, un- 
beschadet der Erkenntnis, daß diese Art Tränkung auch ihre 
guten Seiten habe, da das Austreten des Nils die Felder zu 
wiederholten Malen tränke, und es in Babylonien gewisse Flüsse 
gebe, die mit ihren Fluten die Felder lange Zeit überdeckt 
halten, hat Palästina dennoch den großen Vorzug, durch 
Regen wasser, also direkt vom Himmel, getränkt zu werden ^^^. 
Die in Babylonien lebenden Lehrer waren hierüber andrer An- 



164 Regen- und Berieselungsfelder. 

sictit; sie priesen Babyloüien gerade infolge des Wasserreich- 
tums seiner Flüsse, wodurch es so glücklich sei, ohne Regen 
ernten zu können, und überhaupt ein Sumpfland (""j^Zlt^) und 
kein Trockenland (""yL^DV) sei, wodurch z. B. die „babylonische" 
Linsen wiche (n^L^'"!- kursenna) zu hohem Rufe gelangte ^^^. 

In Palästina nun war ein großer Teil der Felder, nament- 
lich solche, die im Tal lagen, auf künstliche Bewässerung nicht 
angewiesen. Man nannte ein durch die Natur getränktes Feld 
h'9'2T\ n''2 „Baalsfeld", offenbar nach dem alten semitischen Gott 
Baal, der als Herr der atmosphärischen Vorgänge selbst den 
seinem Lande notwendigen Regen spendet, eine mythologische 
Beziehung, deren man sich in den Zeiten der Rabbinen nicht 
mehr bewußt war. Die Voraussetzung ist, daß solche Felder, 
allerdings nicht ohne entsprechende Vorkehrungen seitens des 
Menschen, ihre Nahrung teils aus dem Regenwasser, das sich 
auf dem Boden der Täler besondei's lange hält, teils von den 
Wasserläufen (tTiJ, r?^*\^]l/), an deren Ufern sie liegen, teils aus 
dem eignen Grundwasser, das in Form von Quellen (PVC) und 
Brunnen (1X2) aus ihnen hervorbricht, erhielten ^^^. Man nahm 
an, daß Wein und Ol sich von dem Wasser des Vorjahres, 
manches Gemüse aber sich durchaus von dem Wasser des 
laufenden Jahres nähre ^^^. Wir wissen bereits (vS. lo9), dal) 
Zisternen (nm2), Spalten (C^Vp:), Erdrisse (C^iinn) und Gruben 
(mci:i), die sich in den Feldern befanden, gleichfalls Wasser 
enthielten. 

Von den Regenfeldern unterscheiden sich die Berieselungs- 
felder (rn'Pl^'n rr^D, "'pti'*)» dienen das Wasser künstlich zugeführt 
wurde ^^^ Sie lagen gewöhnlich auf Berglehnen, wo sich das 
Regenwasser nicht gut hielt, doch auch in den Talebenen. Es 
gab welche bei Sepphoris, bei Tyrus und an andren Orten ^*^. 
Das als fett gepriesene Gebiet von Jericho ('n''"!'' "IZ' Pul^'l") 
wurde erst dadurch fruchtbar, daß es durch die dortige Quelle 
berieselt wurde ^^'^. Nun konnten aber, wie bereits bemerkt, auch 
die Regenfelder nicht sich selbst überlassen werden, aber für 
sie hatte die Berieselung nur den Zweck, die Fruchtbarkeit zu 
fördern, während die Bcrieselungsfelder erst dadurch fruchtbar 
gemacht wurden ^^^. 



Bewässerungssysteme. -^q^ 

Die Felder „tranken" (Hfli^') oder wurden bewässert (npl^Ti) 
— für Reisfelder war sogar ein Zerrühren (D1?2) der Erde in 
Wasser nötig ^^^ — a) durch Schöpfen (H'P") im Schöpfgerät 
(^?t'^^), wobei das Wasser in der Hand an die erforderliche 
Stelle getragen wurde ^^^, b) durch Schöpf- und Wasserhebevor- 
richtungen, namentlich durch den am Wasserbecken angebrachten 
Pumpenschwengel (]'^^'^p = xyjXcov), in welchem Falle das Feld 
l^^pn iTZ hieß^^^ c) indem mit Spaten und Hacke (S. 163) das 
Wasser irgend eines nahen Wasserbeckens, soweit als die Kraft 
des Wasserlaufes reichte, auf die Felder geleitet (^lü), bezw. 
durch Öffnung eines Dammes losgelassen (pPD) wurde. War 
das Wasserbecken ganz in der Nähe, genügte das Anti-eiben des 
Wassers mit bloßer Hand {^hl vgl. Bd. 1, S. 228)^^^ Für weiter- 
ab liegende Felder legte man Zisternen und Teiche (fUmD) au, 
um das hingeleitete Flußwasser und das erhoffte Regenwasser 
zu sammeln und von hier aus weiterzuleiten, und selbst das 
ßewässerungswasser, welches von höher liegenden Feldern ab- 
lief, wurde gesammelt und neuerdings zur Bewässerung ver- 
wendet ^^^. Von der Sammelstelle nun, vornehmlich aber von 
dem lebenden Wasserlauf, wurden nach palästinischem Brauche 
eine oder mehrere Wasserrinnen (cvm nCN) auf das Feld ge- 
zogen (n|E))5 es konnten aber von der Hauptrinne bezw. direkt 
von dem natürlichen Wasserlauf eine Menge kleiner Rinnen oder 
auch Röhren ()1/''D vgl. Bd. 1, S. 219) kreuz und quer durch das 
Feld auslaufen, so daß das Wasser, wie man sagte, gleich dem 
Tausendfuß genannten Tierchen ("P^u) sich ausnahm. Die Haupt- 
rinne war bei einem Bette von 2 Ellen (etwa 1 m) Breite und 
1 Elle Tiefe ein ganz ansehnlicher Wasserbehälter und nahm 
außer dem Bette durch die aufgeworfene Erde an beiden Ufern 
(□""DÜN*) noch je 1 Elle dem Felde weg. Es bedienten sich ihrer 
eine größere Anzahl von Besitzern, und da waren natürlich die 
Besitzer derjenigen Ländereien, die näher zum Wasserbecken, 
bezw. zur Hauptrinne lagen, vor den andern im Vorteile. Es 
vyar festgesetzt, wann und wie lange einem jeden die Benutzung 
zustand; es kam auch vor, daß die Benutzungszeit (Hjiy) gegen 
Geld einem andern abgetreten wurde. War das Feld hinreichend 
bewässert, so entzog man ihm das Wasser (C^}2 Vj^) auf be- 
stimmte Zeitj eine Angabe, die am besten auf die Wasserrinne 



166 Babylonische Bewässerung. 

paßt, bei der man bloß einen Deich vorzuschieben brauchte^ 
um den Wasserzulauf zu verhindern ^2^. Nach babylonischen 
Verhältnissen lagen die Fruchtfelder an Kanälen (m^lPü, aram. 
sing. NImj), die aus unversiegbaren Seen (C^^IJX) gespeist wurden^ 
und jeder der Anrainer des Kanals ({<"inj ""jZ) hatte das Recht, 
sich des Wassers zu bedienen. Das ging dann gut, wenn der 
Kanal fließend (t^rc) belassen wurde; es entstanden jedoch 
Streitigkeiten, wenn die oberen Anrainer das Wasser aufstauen 
("]2D) ließen, denn da glaubten die unteren Anrainer fordern zu 
können, daß sie das auf sie entfallende Wasser nach Berech- 
nung (Nm^H) verwenden sollten, und da man keinen strikten Rechts- 
bescheid geben konnte, so wurde die Ansicht ausgesprochen: 
der Stärkere obsiegt, wae es im Leben gewiß geschah. Sa 
mancher half sich dadurch, daß er das Wasser dem Kanal in 
der Nacht entnahm. An erforderlichen Stellen wurden Schöpf- 
gräben (N'Pl'n) angelegt, aus denen mehrere Besitzer das Wasser 
bezogen; der Forderung, den Schöpfgraben abzuteilen, wurde 
nur dann stattgegeben, w^enn der Anteil eines jeden Besitzers 
die Schöpfarbeit eines ganzen Tages gewähren würde, weil näm- 
lich zur Arbeit des Schöpfens ein eigener Arbeiter angestellt 
wurde, der ohne Schaden des Besitzers nicht beschäftigungslos 
gelassen werden konnte. Aus dem Hauptkanal oder dem Schöpf- 
graben zieht der Landmann eine Anzahl Zweigkanäle ("'"n^^^ ""Z) 
auf sein Feld, aus denen er das Berieselungswasser nach Be- 
darf schöpft ('"N'P"" NkTIN); noch kleinere Verästelungen hießen 
teils nrJ „Leitungen", teils ^"'jli' 12 „Krümmungen", letztere 
so angelegt, daß die Felder ganz von Wasser umgeben waren ^^. 
Es wird geklagt, daß es in l^abylonien viele Dammrisse Op^I), 
also Überschwemmungen, gebe, und zwar wußte der erfahrene 
Landmann, daß, wenn der Riß auch nicht größer als eine Röhre 
(NIIj'»!») war, sich der Strom doch von selbst erweitcM-te (nin) und 
die Fluten das Feld verwüsteten*-^. 

Die palästinischen Schöpfvorrichtungen waren von dreierlei 
Art: 1. der schon erwähnte Pumpenschwengel (p'^''p), der dem 
sadiif (o^iXci) der alten und modernen Ägypter entspricht ^2^; 
2. die, wie es scheint, ebenfalls aus Ägypten stammende Pump- 
maschine (iX''^t::N = avxXa pl. von avrT.ov), von deren Konstruktion 
wir nur soviel erfahren, daß ein Rad (^j'^j) dazu gehörte; auch 



Schöpf Vorrichtungen. Düngung. H^^'J 

kommt sie in unseren Quellen nur als ein Pumpwerk vor, mit 
welchem das in einen Schiffsraum eingedrungene Wasser, damit 
es dem Weizen und der sonstigen Fracht nicht schade, ins Meer 
hinausgehoben wurde, was aber nicht hindert, es als auch in der 
Landwirtschaft verwendet anzunehmen ^^^5 3. ein Berieselungsrad 

(n?Dl:2), das dem giryillus der Römer und dem nälura (sjlrb) 
der heutigen syrischen Araber entspricht ^^^ Auch aus dem 
Trinkbrunnen, dessen Eimer ebenfalls auf einem 'Rad ging (Bd. I, 
S. 81), und dessen unliebsames Getöse recht auffiel, wurde für 
Garten und Ruine (S. 162), also die dem Hause nächstgelegenen 
Pflanzorte, Wasser geschöpft '^^. Besonders in den Ziergärten 
waren Brunnen ganz allgemein, die auch entsprechend zierlich 
gearbeitet waren (s. § 175). 

Der Wert der Bewässerung drückt sich am besten darin 
aus, daß ein Berieselungsfeld zwei P>nten im Jahre brachte, 
weshalb ein solches Feld zweimal tragend (N"1^V"! = Btcpopoc) oder 
auch beständig tragend p''"in HI^'IV) genannt wurde. So war 
auch die Pachtzeit eines solchen Feldes voUe zwölf Monate, 
während das nur einmal tragende Regenfeld von dem Pächter 
gleich nach Einführung des Getreides verlassen wurde ^^^ 

165. Düngung. Der jüdische Landwirt sowohl der bib- 
lischen als der talmudischen Zeit kannte s(dir wohl den Wert 
des Düngens {^'2'\) für die Fi'uchtfelder, im Gegen satze zu den 
heutigen Fellachen, die ein Düngen höchstens nur beim Gemüse- 
bau und gelegentlich bei Oliven- und Feigenpflanzungen kennen '^'^. 
Der jüdische Landwirt hielt den Dünger für so unerläßlich, daß 
er ihn häufig um schweres Geld kaufte '^^ Den Hauptdünger 
bildet der Stallmist, d. i. die Exkremente mit den entsprechenden 
Streubestandteilen von Pferden, Eseln, Mauleseln, Kamelen, Rind- 
vieh und Kleinvieh, in letzterem Falle in der Form des Horden s 
oder Pferchens (T" s. § 152) und vornehmlich im Getreidebau 
verwendet^^^, sodann gibt es Neben- oder Hilfsdünger, be- 
stehend aus dem Blut von geschlachteten Tieren, ferner aus 
feinem Sand, aus einer Art Mergel (p"? "1?V'), aus Asche (Kali- 
dünger, wozu auch Salz, Weintrester und Olschaum gehören, 
wie auch das Verfahren, die auf dem Felde gebliebenen Stoppeln 
anzuzünden), alles nur im Gartenbau, also für Baum- und Ge- 
müsepflanzungen, verwendet^^^ endlich eine Art Gründüngung,, 



168 Dünger. 

allerdings nicht in der Form, daß schnell wachsende Pflanzen 
angebaut und untergepflügt werden, wohl aber so, daß die Rück- 
stände der Erntepflanzen, Stoppeln und Wurzeln, dem Boden 
auch unbeabsichtigt einverleibt, und daß ihm das herabfallende 
und verrottete Laub von Bäumen, ferner Stroh und Häcksel zu- 
geführt werden ^^^. Die Düngung wurde vornehmlich im Ge- 
treidebau, doch auch für Baumpflanzungen, im Gartenbau und 
im Wiesenbau angewandt, wie schon aus dem bisherigen her- 
vorgeht ^^^. Ein Feld, welches der Düngung bedurfte oder welches 
die Düngung erfahren hatte, heißt „Düngungsfeld'' (C'PITn P"!!)^^^. 
Die Jauche {C'^^l ''12) wurde manchmal zu Heilungszwecken vom 
Menschen getrunken^'* ^ 

Im Hofe hielt man den Dünger einstweilen in irgendeiner 
Ecke (Clp?2), die man besser zu einer regelrecht gebauten Dünger- 
grube (n^L^'N) ausgestaltete, in welche außer dem eigentlichen 
Mist auch allerlei Unrat des Hofes. Lumpen, Scherben und 
Küchenabfälle geworfen wurden. Zudem tat man noch ab- 
sichtlich Stroh und Häcksel hinein, um den Dünger zu ver- 
mehren (n2l), durch diese Zufuhr von pflanzlichen Stofl'en un- 
bewußt auch die Qualität des Düngers hebend, sodann goß man 
Wasser dazu, um die Masse in Gärung zu versetzen (nSn), und 
rührte sie ("liy) mit Karsten und Mistgabeln um, damit die Fette 
allseits ausschlage (n"]^). Man pflegte ferner den Dünger am 
Eingange des Hofes abzuladen (p"i2) und in einem Haufen ("12*:») 
längere Zeit auf der Straße liegen zu lassen, damit er durch 
Tritte von Menschen und Tieren zerbröckelt (T,^) und zerdrückt 
(^Iti') werde; doch durfte das nur zur Zeit der Mistausfuhr 
(c'p^Tn nytJ') geschehen, da doch der öfl'entliche Verkehrsweg 
nicht verstellt werden sollte ^'*"^. Schon die Prägung des Aus- 
druckes „Düngerzeit" lehrt zur Genüge, daß die Mistausfuhr 
(N''liin, Mulsin) im Zyklus der landwirtschaftlichen Arbeiten eine 
wichtige Stelle einnimmt. Daß auch diese Arbeit ihre eignen 
Gesetze hatte, lehrt der Ausdruck „nach Art der Düngerer" 
(C'^DTOn llirV^'^ Es muß schon ein ganz kleiner Landmanu 
gewesen sein, der seinen Dünger in einem Tuch, etwa in der 
groben Eselsdecke (nV"l")r2 S. 126), auf der Schulter hinaustrug; 
richtiger war es, ihn auf dem Pferde, dem Esel, dem Maulesel 
oder dem Kamele hinauszuführen*"^^. War auf dem Pferch 



Dünger. I59 

(S. 133) die Düngung des Bodens erfolgt, so brach man die 
Unizäunungen auf drei Seiten ab {ipV), ließ bloß die zur Mitte 
des Feldes belegene Seite stehen und setzte an diese wiederum 
die Umzäunung an, so daß ein neuer Pferch entstand, und so 
fort, bis das ganze Feld gedüngt war. Sodann stellte man den 
Pferch auf einem andern Felde auf. Man verfuhr jedoch auch 
so, daß man, ohne den Pferch abzubrechen, den Dung aufs 
Feld schaffte und das Kleinvieh zu weiteren Diensten im 
Pferch beließ ^^°. Verschieden von dem Kompost- und Hürden- 
dünger scheint zu sein der reine Rindermist O^^) ohne jede 
Zutat, den man, wie es scheint, in einer Tasche (LDlt'pD S. 126) 
auffing, auf der Straße aufhäufte und nur zuweilen umwendete 
("ISn), um ihn nicht völlig ausdörren zu lassen ^^^. 

Auf dem Felde wurde der Dünger zunächst in mehreren, 
gewöhnlich in drei Mistgarben (PIDDL^'N) aufgestellt, die eine 
Dungmasse von je zehn Körben (w. u.) faßten. Für ein Joch 
(riND n^2) Acker verwendete man el^en die angegebene Dung- 
masse, und es stellt sich heraus, daß die Dungmasse 450 mal so 
groß war wie die Masse des Saatkornes. Von den Mistgarben 
wurde der Dung mittels Körben (p!^^'\ü*t2, ^D), deren Schwere 
auf 1 Lethekh, d.i. auf eine mittelmäßige Menschenlast, angegeben 
wird, über das Feld zerteilt und mittels einer Hacke (^"i^C) 
noch weiter ausgebreitet^^'. Dies geschah vor der Aussaat im 
Herbst. Zweimal tragende Felder (S. 167) wurden vor der 
Sommeraussaat noch einmal gedüngt^'*^. Der Mist lag vor dem 
Unterpflügen zuweilen solange auf dem Acker, daß Grras daraus 
hervorwucherte und starke Stoppeln sich ansammelten; beides 
wurde von dem Landmann entfernt '^^. In manchen Gegenden 
pflügte man die Stoppeln sogleich nach der Ernte unter ^-^^^ 

166. Das Pflügen. Die rabbinische Sage bezeichnet Noe, 
den ersten Landmann, als den Erfinder der Pflugschar (nu^"inc), 
der Sichel, der Hacke und andrer landwirtschaftlicher Geräte 
(D'i'PD)^^^, denn früher habe man jene Arbeiten mit bloßer Hand 
verrichtet. In der Tat liegen noch Spuren vor, wonach manches 
Brachfeld, speziell der lockere Boden des Gemüsegartens, mit 
irgend einem krummen Baumzweig aufgebrochen wurde ^^^. Ob- 
zwar man behauptete, Israel unterscheide sich von den übrigen 
Völkern im Pflügen (nii^''1n), im Säen, im Schnitt, im 



170 



Pfluc 




Fig. 35. Primitiver Pflug mit Sterz. 




FicT. 86. Ägyptischer HakenpÜug mit einem Seil statt Grindel 




Fig. 38. Der Pflug Virgils. 



Pflljrr. 



171 




a buris 
b dentale 
c vomer 
d stiva 
e fulcrum 
f aurcs 



Fi-r. 39. Entwickelter Pflug der Juden. 




Fig. 40, Pflügender Bauer aus Palästina. 



172 Pflug. 

Garbenbinden, im Dreschen, in der Tenne, in der Kelter, im 
Haarschnitt (vgl. Bd. I, S. ^06) und in der Aera^^^, so ist dennoch 
gerade das Pflügen erweislich von derselben Art, wie es in der 
ganzen alten Welt geübt wurde, nämlich ein Aufbrechen der 
Erde mit dem Hakenpfluge ^^'*. Der Pflug, wenigstens in seiner 
besseren Ausführung, war das Werk eines Gewerbetreibenden 
(I^In), stellte also im Besitze des Landmannes einen Wertgegen- 
stand dar, den er aber, obzwar er ihm unentbehrlich war, infolge 
der öfters berührten allgemeinen Verarmung oft verpfänden 
mußte; doch bestand die Vorschrift, daß der Pflug tagsüber 
dem Eigentümer zurückgestellt werden mußte ^^^. 

Der jüdische Pflug besteht aus folgenden Bestandteilen, 
und zwar in der Reihenfolge, wie sie sich dem Beschauer des 
Pfluges darbieten: 1. aus der Sterze (2~1m, stiva), „Schwert"' 
genannt vermutlich darum, weil es dieses Stück ist, das der 
Pflüger anfaßte, um den Pflug zu lenken und die Pflugschar 
tief genug in den Boden zu senken; 2. aus dem knieförmig 
gebogenen Pflugbaum oder Grindel (J1^2, hiiris), der an seinem 
hintern Ende, dem „Haupte", wagerecht auf der Erde lief ('Pii»*% 
dentale) und zuletzt die Pflugschar aufnahm, vorn aber sich auf- 
richtend die Deichsel bildete, an welche die Zugtiere angeschirrt 
wurden ; 3. aus der Pflugschar {vomei\ riC"'"^Mrr im engem 
Sinne), auch jp^p „Krug" genannt, vernuitlich darum, weil die 
Schneide Kanten hatte, die etwas Erde aufgriffen, oder, wie man 
heute sagen würde, ein „Krümeln" des Erdstreifens herbei- 
führten. Neben diesen Hauptbestandteilen hatte der entwickeltere 
Pflug ferner 4. ein Messer (cuUer, bh. PN, Plural C\'^^\ bei den 
Rabbinen plIX, aram. Nj"? PCD, „Pflock des Pfluges"), das, 
auf dem Grindel angebracht, auf sehr festem Boden die Ein- 
schnitte vorzeichnete, die dann die Pflugschar durchbrach; die- 
selbe Vorrichtung (Kolter, Sech) heißt auch nn"» „Pflock" und 
wurde mitunter selbständig gebraucht, f). Die Pflugschar war 
manchmal mit Scholleubrechern (C^IV) und 6. mit nach oben 
gerichteten Fliigeln (aiires „Ohren", C^n'^ ,. Kinnbacken") ver- 
sehen, welche die aufgeworfene Erde zerkleinern sollten. 7. Eine 
Art Keil („Stütze" fulcrum. ]^^]!) heftete das „Haupt" fest an die 
Deichsel. 8. Sterze und Grindel wurden auch mittels eines 
eisernen Ringes (n'"1''2) mit einander verbunden. Durch die Ver- 



Pflügen. 



173 



biadung der Pflugschar mit der Sterze wurde der Pflug zur 
Arbeit eingestellt, um nach der Arbeit auseinander genommen 
zu werden ^^^. 

Zum Anschirren der Zugtiere diente das Joch (§ 150). Die 
Länge des Jochbalkens richtete sich nach dem zu bejDflügenden 
Felde; auf hügeligem Boden wurden die Tiere enger, auf der 
Ebene weiter zusammengekoppelt, und so stellt das Joch auf 
der Ebene Saron, das zwei Ellen (etwa 1 m) lang war, einen 
besonderen Typus dar ("»JT^l^'n '7'^])), dem in diesem Betracht das 
beim Pflügen der Weinberge gebrauchte Joch (cnZn "7)])) ähnlich 
war^". Der Ochsenstachel (yi~iO, § 150) war an dem dickeren 
Ende mit einer kleinen Schaufel (l^nin) versehen, mit der man 
vom Pfluge die klebrige Erde abstreifen ("IVJ) konnte; am Stiele 
des Ochsenstachels war die Schaufel mittels Ose (^^pc) ange- 
macht. Auf großen Besitzungen hielt man zum Pflügen einen 
eigenen Ochsenlenker (xinP,)^^^. 

Das Pflügen hat mehrere Arten. Abgesehen davon, daß 
die Bodenbearbeitung in beschränktem Ausmaß auch durch 
Pflanzenwuchs, also ohne Menschen- und Spannkraft, erfolgen 
kann, z. B. wenn die herbe Lupine (Bd. I, S. 115) als Über- oder 
Schutzfrucht zu einem Kürbiskern gepflanzt wird, damit sie 
diesem den Boden sprenge (ypz:)^^^. wird das Feld auch da- 
durch anbaufähig gemacht, daß Baumsetzlinge darin ausgerissen 
werden (Gm, Vlü), ohne den Boden auch nur einen Tefach tief 
aufzubrechen, und die Reinigung von Wurzeln (^'"il^') kann schon 
nach dem Säen erfolgen ^^° (kahler Abtrieb und Baumroden). 
Weide- und Wiesenlaud wurde urbar gemacht, indem man die 
Grasnarbe mit einem Spaten abschälte ('PCp)^^^ Eigentlich ge- 
pflügt (l^nn, aram. 212, ^^j^, im Süden Palästinas heißt heute 
^L^ ein Pflügen zum bloßen Offnen des Bodens, dasselbe, w^as 
im Norden mit i^LsLcw bezeichnet wird) w^urde nur ein Ackerfeld 

Die Pflugarbeit begann noch in der heißen Jahreszeit ^^^ 
mit dem Unterpflügen der Dornen und Stoppeln {Y'i'\p), deren 
Entfernung übrigens auch mit der bloßen Hand geschehen 
konnte. Dieses erste (HJll^'vSl ni^'nn), grobe Pflügen (d: irnn) 
war berechnet, den Boden zu wenden (IDH), damit die 
aufgedeckten Wurzeln des Unkrautes von der Sonne ver- 



174 Pflügen. 

nichtet und ihr Staub dem Boden zugeführt werde ^^^. In einer 
Betrachtuüg wird die außerordentliche Fruchtbarkeit des 
palästinischen Bodens damit erklärt, daß man ihn teils dünge^ 
teils seine Krume umwende; würde aber die schwere Hand des 
Pflügers den Pflug allzutief in den Boden senken, müßte er 
Salpeter- und Schwefelboden aufdecken, der die Saat verbrennen 
würde ^^^. Dann erst folgt ein feineres Pflügen (p~ C'''"in), \vas 
sich hauptsächlich in der Zahl der Furchen bekundet. Zur 
Ausrodung der Dornen macht man nämlich die Furchen größer, 
aber schon mit dem zweiten Pflügen behandelt man das Feld 
besser (3^tp), indem ein Feld, auf welchem vorhin fünf bezw. 
sechs Furchen gezogen wurden, nun deren sechs bezw. sieben 
aufweist ^^^. Beim groben Pflügen ging man nicht in die Tiefe, 
sondern machte weite Furchen (C'PP pl. C^?2/n), die im Volks- 
munde „Pferdeschweif" hießen, mit der aufgeworfenen Erde 
einander berührten und eher den zur Leitung des Regenwassers 
gezogenen Furchen ("VZ") V^tTi) ähnlich sahen ^^^ Die Felder 
enthielten außerdem noch eine vierte Art Furchen, solche näm- 
lich, die die einzelnen Joche und Beete voneinander trennten. 
Es waren geradlinige, durchgängige Furchen {ll/^)^72 C'^'P), die 
wegen ihrer Weite auch „Spalte" (nTS) hießen. Ihre Weite kam 
annähernd der Länge des oben genannten saronischen Joches 
gleich ^^^. Die Zeit jenes feineren Pflügens ist wohl der Beginn 
der Regenzeit, also unmittelbar vor der Aussaat, und nach der 
Aussaat wurde in Palästina niit seinem harten Boden ein drittes 
Mal gepflügt (Zj*ir), denn sonst hätte man das Saatkorn nicht 
bedecken können ^^^. 

Wir wissen bereits, daß man in Palästina sehr flach pflügte; 
den Boden tiefer aufzuwühlen, hielt man für schädlich. Die 
Normaltiefe der Furche ist für Sämereien ein Tefach (74 mm), 
für Getreide etwa doppelt soviel: wenn man schädliche Sachen, 
wie Dornen und Glas, drei Tefachim tief in das Feld eingrub 
(S. 163), konnte man sicher sein, daß sie der Pflug nicht aufrütteln 
{22V) werde ^'^. Die Furchen wurden in der Länge ("!"i1n) und in der 
Breite (aram. N^TlID) gezogen. Wegen der die Felder oft be- 
deckenden Felsen (S. 158) war ein gerades Pflügen nicht immer 
möglich, sondern der Pflüger mußte manchmal den Pflug aus- 
heben ("Ipy) und den Felsen umgehen ^^^ Dort, wo er umzu- 



Pflugstrecke. Behauen. ][75 

wenden gedenkt, zieht der Pflüger eine Querfurche, die bh. und 
nh. njyc und heute noch im palästinischen Arabisch manä heißt; 
das auf diese Weise umgrenzte Land wird mit einem Joch Ochsen 
gewöhnlich an einem Tag bepflügt, und diese Pflugstrecke heißt 
ebenfalls Hj^D. Die Rabbinen definieren sie als ein Land von 
100 Ellen im Gevierte, was dem ägyptischen „Morgen" von 100 
Ellen und dem römischen actus quadratiis von 120 Fuß im Ge- 
vierte genau entspricht; es ist ein Feld, das nach den Rabbinen 
mit vier nN*D (Abschn.VIII) Frucht besät wird^^^. Natürlich müssen 
diese Maßbestimmungen infolge von Terrainschwierigkeiten und 
nach Beschaffenheit der Spannkraft großen Veränderungen unter- 
liegen. Im Gebirgslande gibt es Äcker, die für ein Gespann 
Zugtiere überhaupt keinen Raum bieten ^'^, und das gleiche gilt 
wohl von allen Terrassenanlagen (s. weiter unten). 

Eine Anzahl Acker wurde ebenso wie Gartenland mit dem 
Karst ("liyc) oder mit der Hacke (CTl";p) bearbeitet; statt 
Pflügen erhielten sie ein Behauen (iny)^^"^. Wirkliches Gartenland 
erfuhr ein Behauen, das man (aram.) pDI „lockern" nannte; 
doch wird hier und da auch das Behauen des Getreidefeldes so 
genannt, und als Effekt des Pflügens überhaupt ein Erweichen 
(HDl) der Erde hingestellt. Als das Werkzeug des „Lockerns" 
kann der Spaten ({<"10) angesehen werden ^'^. Wenn die Erde 
nur stellenweise aufzugraben (iDn) war, bediente man sich eines 
andern Spatens oder einer Picke (1p", ppTi). Eine hölzerne 
Schaufel (HDIIND) genügte zum Graben in der lockern Erde des 
Gemüsegartens, doch gab es auch eiserm^ Schaufeln, welche die 
nebensächliche Arbeit, zu der man manchmal die Schaufel ver- 
wendete, nämlich Pflanzen mitsamt der Wurzel herauszureißen 
("IpJ?), gewiß besser besorgten. So konnte mau auch mit dem 
unteren Teil des Ochsensteckens (mniri, S. 173) die Wurzeln 
weghacken, die dem Pflug hinderlich im Wege standen. All die 
genannten Geräte dienten überhaupt auch zum Jäten (§ 167) und 
unterschieden sich, je nachdem sie zum Hacken oder zum 
Jäten dienten, zumindest durch die Länge des Stieles, doch 
wohl auch in andern Stücken ^^^. 

Dieselben Geräte dienten wahrscheinlich auch zum Zer- 
stückeln der Schollen (:^'i:, aram. t<ni^'i:i"i:i vgl Bd. I, S. 260)^^"^, 
die von dem Pfluge aufgeworfen wurden. Diese wichtige Ver- 



176 Saatkorn. 

richtung (bh. ""t^', nh. vielleiclit plZ) wurde besser durch ein 
eigenes Instrument, durch die Egge (Nfiyzip, lat. hirpex), yqy- 
richtet^^^. 

167. Die Aussaat. Der Landwirt bestrebt sich, gutes 
Saatkorn in den Boden zu geben. Saatkorn von Sämereien 
(Bohnen, Kürbissen, Koriander, Rüben, Rettich usw.) zog man 
in eigenen hierzu bestimmten Feldern ^^^; von Getreidefrucht 
findet sich wohl nur zufällig die gleiche Angabe nicht. Das 
Saatkorn (bh. und nh. yi') war ungleich geachteter als das 
gewöhnliche Korn; es wurde beizeiten gesondert aufbewahrt 
(yjijn, Ü^''p), mitunter jedoch auch unterschiedslos von der Tenne 
genommen, und wer es nicht selbst besaß, entlieh oder kaufte 
es zur Zeit der Aussaat (VT" ny:^')^^^. Vielleicht liegt es daran, 
daß der palästinische Bauer am Ausgange des Paschafestes 
besonders arm war, denn in der Regenzeit hatte er seinen Vorrat 
aufgezehrt, und nun mußte er für das Sommergetreide sein 
Saatkorn um schweres Geld beschaffen. Der Handel mit Saat- 
korn blühte besonders vor und während der Aussaat und außer- 
dem, wie angedeutet wurde, in der Paschazeit ^^^ Wenn 
nicht ausdrücklich zur x\ussaat gekauftes Korn nicht aufging 
(n?2'i i<':^), hatte den Schaden der Käufer und der Kauf blieb 
rechtsgültig, weil der Verkäufer sich auf seine hona fides 
berufen konnte, er habe das Korn zum Verspeisen, d. i. zu Mehl, 
oder zu Heilzwecken (vgl. § 105) verkauft; bei gewissen Säme- 
reien jedoch, deren Korn ungenießbar ist und nur zur Aussaat 
gekauft wird, ist in dem beregten Falle der Verkäufer ersatz- 
pflichtig^^^. Der Kauf wurde abgeschlossen auf Grund eines 
Musters (^SD^n = B£TY[j.a), das der Händler vorlegte ^^=^. Der 
Landmann selbst untersuchte (p"!) das Korn auf seine Keim- 
fähigkeit, indem er es zu rascliem Wüchse in einen mit Mist 
oder doch mit guter Erde gefüllten Kübel (}'^i'>. S. 162) säte, ein 
Verfahren, das man in dem parplsä (NC?"^?) genannten raschen 
Getreideziehen im Hause auch zu völlig andern Zwecken übte^^"*. 
Weizen, Gerste, Linsen und gewiß auch andere Arten säte man 
durchaus in ihren Schalen oder Hülsen (nD^'l'p), womit schwerlich 
die Fruchtschale, sondern die Oberhaut {cpiderniis) gemeint ist. 
da anderseits versichert wird, daß z. B. der Weizen „nackt'' 
(C1"iy) in den Boden gebettet werde, um dann in mehreren Hüllen 



Winter- und Sommerbau. JY? 

(rt^lZ'P) zu erstehen; auch kam es vor, daß der Keimling (m"1Dl) 
des Weizens eingepflanzt wurde ^^^. 

Die Zeit des Winterbaues ("1"'22, ^^S'^^!) wird auf die zwei 
jMonate von Mitte Tisri bis Mitte Kislev, näher auf den Beginn 
der Regenzeit angesetzt. Es wurde empfohlen, die Felder in 
drei Absätzen zu bebauen, nämlich in der ersten, zweiten und 
dritten Regenperiode, da die ersten vom Hagel, die ersten und 
zweiten vom Rost (w, u.) heimgesucht werden könnten, wobei die 
dritten doch noch Hoffnung lassen. Es wurde ferner empfohlen, 
die Gerste, die zur Paschazeit geerntet wurde, erst siebzig Tage 
vor dem Paschafeste zu säen, damit sie alsbald Sonnenschein 
bekomme, in welchem Falle bei kurzem Halme eine lange Ähre 
und demzufolge viel Korn zu erhoffen war. Der Sommerbau 
(N/DN) sollte stattfinden, ehe die Erde die wiuterliche Feuchtig- 
keit verliere, d. i. etwa um die Paschazeit, womit übereinstimmt, 
dal^ manchmal die Frucht bis dahin noch nicht Wurzel ge- 
schlagen hatte ^^^. 

Man übte die breitwürfige und die Reihensaat. Nach der 
ersteren Art streute (y^T, yii S^CH, Hlt^ TH^ V^IT N^ZH, aram. wN"!t^') 
der Pflüger oder ein anderer Mann den Samen mit der Hand 
("!"' n'PIDD) tunlichst ebenmäßig über das ganze Feld aus, w^obei 
er nach eigenem Ermessen, oder wie es von der Natur teils des 
Saatkorns, teils des Bodens bedingt war, entweder dicht (Hliyp) 
oder schütter (p"lV^) säte. In reichen Jahren stand der Weizen 
so dicht, daß sich die Ähren rieben (=^ll^')- Gleichmäßiger, von 
der Unebenheit des Bodens ("l"11^1 u'py^) nicht beeinflußt, war 
die Saat, wenn das Ausstreuen von den pflügenden Rindern 
(cniL^' n'piC^) in der Weise besorgt wurde, daß dem Grindel des 
Pfluges (S. 172) oder den Rindern der unten gelöcherte Frucht- 
sack aufgeladen war und durch die Bewegung die Körner fallen 
ließ^^''. In beiden Fällen mußte man damit rechnen, daß der 
Wind das Saatkorn verwehe ("l^D, T^DH)^^^. Nach der zweiten 
Art säte man so, daß gradlinige Reihen (m"lV^') entstanden; auf 
unterbrochenen Feldern desselben Besitzers, z. B. wenn kleine 
Getreidefelder, sogenannte „Rahmen" (JZ'PD, plinthus), zwischen 
Ölkulturen eingebettet waren, oder beim Terrassenbau (S. 163), 
wo die Zerstücklung von selbst eintrat, doch auch auf größerem 
ebenen Gebiete, wo man zum Baue von verschiedenen Arten 

Krauß, Talra. Arch. H. 12 



178 SaatmeDge. 

eine Anzahl länglicher Fluren (II^d) entstehen ließ, und in dem 
zu Beeten (w. u.) zerstückelten Gemüsebau, setzten sich die 
Keihen in den abgegrenzten Feldern fort (pzmV/^ mill^* ^L^'is"!), 
und nur auf unebenem Terrain wird diejenige Feldspitze ent- 
standen sein, die man in echt bäuerlicher Art „Ochsenkopf" 
("lin L^?<"l) nannte, vermutlich nicht wegen der spitz zulaufenden 
Form, sondern weil das pflügende Rind zwar den Kopf vor- 
stecken, nicht aber den Pflug nachziehen kann^^^. Bei Schwarz- 
kümmel (TOp, aram. ^<ni4p, Bd. I, S. 118) wird der Vorteil des 

Einzelsetzens (tTlt^) gegenüber dem Säen (V"1T) ausdrücklich be- 
merkt^s^a 

Die Saatmenge (n^^'^j) mußte teils von der Beschafi'enheit 
des Bodens, teils von der Saatmethode abhängig sein, denn der 
bessere Boden z. B. braucht weniger Saatgut, und die Hand- 
breitsaat verbraucht davon mehr als die Reihensaat. Sie muß 
sich ferner richten nach der Art des Getreides, und innerhalb 
derselben Art nach der Güte des Samens, wie auch nach andern 
Dingen. Dennoch stand wenigstens für Weizen ein Durchschnitts- 
maß fest; eine Pflugstrecke benötigte, wie wir gesehen haben, 
vier Sa?a Saatgut, aber sehr oft wird der vierte Teil, nämlich 
ein Ackerland, das ein Sa'a Saatgut benötigte (HND r\^2), als 
Einheit genommen, und der dadurch gewonnene allgemein 
bekannte Begriff diente zugleich als Bestimmung eines Flächen- 
maßes. Die genaue Größe des bctreff'enden Ackerlandes kennen 
wir nicht, da die allenfalls gegebenen Gleichsetzungen mit andern 
Längenmaßen gleichfalls unbestimmbar sind^^°. Eine fernere oft 
erwähnte Einheit ist ein Ackerland, das Y^ Kab Saatgut benötigt 
(^21"! n''2), was sich zu der früheren Einheit von einem Sa^a wie 
2500 zu 24 stellt ^^^ Demnach nahm man in den Ackerfeldern große 
Teilungen vor. Auf solche Parzellen scheint zu gehen das Schrift- 
wort: „Er setzt Weizen ein in das abgemessiMie Feld" (ri"J^t:* - 
n"ni^'0, Jes. 28,25); gemeint sind Stücke Landes, die in der Sprache 
der Rabbinen l"»::*? lignin heißen (sing. PO^'P, syrisch ji^j^, arab. 
eUi)^^^. Namentlich war die gesegnete Ebene von Jericho (S. 157) 
in ganz kleine Weizen- und Gerstenfelder aufgeteilt '^^. Am 
weitesten ging man hierin bei Gemüsepflanzungen, die durchaus 
in Beeten (sing. Pl^ny, 7tpa(7!,a) angelegt waren '^*. Der in Palästina 
landesübliche Terrassenbau (S. 163), allenfalls auch der Anbau 



i 



Parzellen und Beete. -j^'^n 

in Ruinen (S. 162) und die Zerstücklung durch Wasserrinnen 
{S. 165) ergaben von selbst die Anlegung von Beeten, und es 
ist begreiflich, daß wir sie auch im Getreide- und Flachsbau 
antreffen ^^^. Parzellen und Beete haben selbstverständlich vier- 
•eckige Form^^^. 

Die Trennung in Parzellen und Beete (trennen = p^n, cnn) 
war schon darum notwendig, weil der Kleinbauer auf die eine 
Saatgattung sogleich eine andere folgen lassen wollte (1?2D), so 
sehr, daß manchmal Getreide sich auf Gemüse, und dieses sich 
auf Getreide neigte (HlOj), ja, oft waren es bloß Reihen (nnil^') 
von verschiedenen Gattungen, die dicht nebeneinander standen. 
Die Trennung bewirkte in den meisten Fällen eine tief und weit 
gezogene Furche, dieselbe, die auch ein ganzes Feld begrenzen 
konnte. Auch die Grenzfurchen ließ man nicht unbenutzt, sondern 
bebaute sie mit einer fremden Gattung, am liebsten mit Flachs. 
Als Grenzscheiden (Hl^TI^D, 'P12:, ^2^:^, "1)^72) von ganzen Acker- 
feldern können gelten: eine Mauer ("l~:i), hölzerne Zäune (^r 1"i: 
C^ii^), Baum- und Schilfhecken (p\X, C^jpH m'nD), ein Erdrücken 
(mC:;), Wasserläufe und Wasserrinnen (S. 164), ein sich vorbei- 
ziehender privater oder öffentlicher Weg oder auch nur Pfad, 
ein Felsen, ein Graben usw. Unter den lebenden Hecken ge- 
brauchte man vorzugsweise das Kraut 21iJn (pl. mz'iiin), etwa 
Himmelsschwaden, weil es schwer auszurotten war und somit 
die Grenzverrückung verhinderte ^^^ Außenteile des Feldes 
{''^2 "»pDC) werden als Reste (n"'''"l''l^') angesehen und genau unter- 
schiedene^^. 

Gleich nach der Aussaat folgte das Einpflügen, was man 
«in „Bedecken" {'TlBri) nannte. Die Araber nennen es teils 
„Arbeiten" (_^i), teils „Ackern" (c-jL^.). Das Bedecken ist 
schon darum notwendig, weil sonst die Vögel und besonders die 
Tauben die offen daliegenden Körner aufpicken würden e^^. 

168. Getreidearten und Fruchtfolge. Von den fünt 
Getreidearten (uNlZP, p", ^.^2V): Weizen, Gerste, Emmer, Kolben- 
hirse und Hafer (Bd.I, S.IOO) waren in Wirklichkeit nur Weizen und 
Gerste stark, Emmer nur mäßig, Kolbenhirse und Hafer nur in 
verschwindendem Maße verbreitet^^^. Vom Weizen werden zwei 
Arten namhaft gemacht, eine helle (HJZ^ sc. P.ion) und dunkle 

(n''ncnii^)^°e, aber im allgemeinen spricht man von mehreren 

12* 



J^gO Fruchtarten. 

Arten (]i?2) Weizen 2^^. In Rom wurde der syrische Weizen sehr 
geschätzt; unter den ausländischen Sorten gab man ihm die dritte 
Stelle 203. Guten Weizen lieferte das Land Benjamin (S. 160), 
doch den besten, den man als a (n*E}'PN) bezeichnete, lieferten 
Mikhmas und Zenöcha in Judäa, den zweitbesten cEfrajin im 
Tale, ein Ort, der wohl zu Benjamin gehörte. Der Weizen von 
cEfrajin hatte nicht nur ungewöhnlich große Ähren, sondern auch 
lange Halme, wie sie der Landmann gern hatte. „Stroh nach 
cEfrajin bringen" bedeutete in jüdischem Munde soviel wie „Eulen 
nach Athen tragen". Nächstdem kennt man guten Weizen aus 
Khorazim und Kefar-?Achim, deren Felder nach dem Süden zu 
lagen, ferner aus dem Tale cEn-Socher und schließlich aus dem 
Tale ^Arbel, sämtlich in Galiläa'^04^ 

Von der Gerste kennen wir bloß die nach der Steppe 
genannte Sorte (n'*izn?2), zu der man als Gegensatz wohl die 
Berggerste ergänzen darf. Das gebirgige Juda galt tatsächlich 
als gutes Gerstenland (S. 160). Außerdem wuchs gute Gerste 
an der Beth-Makleh genannten Stelle im Kidrontale und in 
Gaggoth-Zerifin nördlich von Ramleh^^o 

Ein großer Teil der Ijändereien, insofern sie nicht zur 
Wein- und Ölkultur dienten, war mit Gemüse, das sehr beliebt 
und auch in besonderen Küchengärten gezogen war (Bd. I, S. 1 16), 
mit Flachs (n^JH''- ^2, Bd. I, S. 1^9), mit dem sehr rentablen Sesam 
und Safran und sogar mit Waid (CtCDN, Bd. I, S. 145) besät; auf 
andern ließ man Schilf (§ 173) wachsen. Wir wissen bereits, wie 
die verschiedensten Kultui-en hart aneinander gerückt waren. 
Getreidestriche zwischen Baunikulturen waren etwas Alltägliches 
(S. 177), dagegen hören wir die ausdrückliche Versicherung, daß 
man Sämereien inmitten von Baumkulturen nicht anbaute, ver- 
mutlich darum, weil man das rasche Wachstum der Gemüsearten 
durch den Schatten der Bäume nicht behindern lassen wollte, 
und so wurden ferner auch Zwiebelbeete nicht inmitten von 
Grünzeug angelegt. In die Ebene von Simonias säte man nur 
eine Gattung^^e^ j)^^ richtete sich gewiß nach der Boden- 
beschaffenheit. Aber gewiß lag darin auch eine dem Boden 
wohltuende Abwechslung. 

Schon die Bibel schreibt für jedes siebente Jahr eine Land- 
ruhe vor, und in unserer Epoche, in der die Bodeuergiebigkeit 



Brache. Feldglatzen. \Q\ 

im allgemßinen abDahm, war man zu der Ansicht gekommen, daß 
ein Brachjahr in sieben Jahren nicht genüge, daß der erschöpfte 
Boden viehnehr jedes zweite Jahr die sogenannte schwarze 
Brache (']''j, w. u.) benötige ^^^ In einem von Menschen dicht 
bevölkerten Lande wie Palästina gibt es an der Oberfläche keine 
jungfräuliche Erde (u'^'in^, vgl. Bd. I, S. 19) mehr, sondern nur in 
der Tiefe; dagegen sah man Brachland ("112 miT') genug, wie es 
die i-ationelle Landwirtschaft fordert; aber die Unerträglichkeit 
der Steuerlasten (vgl. )"'l^lLr"1 "•Dm) und die Unfähigkeit mancher 
Landwirte bewirkte noch mehr, uüd auch mancher Pächter 
ließ das gepachtete Feld brachen ("l''2P, "T'Iin), um sich seinen 
Verpflichtungen zu entziehen'^^^. Manchmal kamen die Pächter 
nur dazu, das Stoppelland (^'PC') urbar zu machen (lat. novale, 
^.^j mi^, Verb *1''J), ohne es zu bebauen ^^^. Li diesem urbar 
gemachten, aber nicht besäten Zustande ließ der gute Landwirt 
das Feld jedes zweite Jahr. 

Man übte auch eine Art Zweifelderwirtschaft, indem man 
das eine Jahr die eine Hälfte des Ackers bebaute und die 
andere Hälfte brachen ließ, um im nächsten Jahre die beiden 
Hälften abwechseln zu lassen ''^^^. Auch hielt man mehrere 
Jahre hintereinander Anbau und dann mehrere Jahre hinter- 
einander Brache^^^ Dem steht nahe das Verfahren, das Feld 
durch zwischenliegendes Brachland in eine Anzahl länglicher 
Fluren {l^V, S. 178) zu trennen, die mit verschiedenen Frucht- 
gattungen bestellt waren. Es konnte jedoch zu demselben Zweck 
das Feld auch zu lauter viereckigen „Glatzen" (nrnp nnip) gestaltet 
werden, das heißt, es wurden in ihm zur nachherigen Bebauung 
mit andern Arten, besonders mit Sämereien, z. B. mit Senf 
(^"Ilu, S. 136), kahle Stellen (nnip^) aufgespart, was so weit ging, 
daß z. B. in dem normalen Joch von einem Sa^a Aussaat (D^Z 
TiND, S. 178) nicht weniger als 24 Stück kahle Stellen (nmp^), 
also das Stück zu V4 Kab (VDn n''2, S. 178), aufgespart werden 
konnten, die nachher mit den verschiedensten Gattungen bebaut 
wurden, so daß das ganze Feld buntscheckig aussah, nur geht 
die Bezeichnung der Alten nicht von dem SchlußefFekt, sondern 
von der ursprünglichen Abteilung in „Glatzen" aus"^^^. Wir 
verstehen nun gut, daß ein wahrscheinlich ununterbrochenes 
Getreidefeld wegen des Anblickes, den es zur Zeit der Frucht- 
reife gewährt, „weißes" Feld (pt^H Hll^', p^ "IDV) heißt^^^. 



182 Fruclitwechsel. 

Es fand auch ein Fruchtwechsel statt^ als dessen Beispiel 
die Angabe gelten darf, ein Feld sei im sechsten Jahre des 
Sabbatzyklus mit Zwiebeln, im ersten Jahre des neuen Zyklus 
mit Gerste bebaut gewesen^ doch hätten die Zwiebeln auch noch 
im neuen Jahre ausgeschlagen ^^'^. Es scheint nun, daß man 
annahm, Zwiebel sauge den Boden allzusehr aus (^^y"^^\^ {^CTC, 
S. 159). Dasselbe gilt vom Flachs. Infolge des verschiedenen 
Grades, in welchem die einzelnen Pflanzen die Bodenkraft ver- 
brauchen, war der Pächter gehalten, nur die im Pachtkontrakt 
vereinbarte Fruchtgattung anzubauen; er durfte höchstens eine 
Gattung anbauen, die den Boden minder angriff. Man nahm an, 
daß Sämereien (n''3tOp) den Boden mehr in Anspruch nehmen 
als Getreide (nt^lZin), Sesam mehr als Weizen, Weizen mehr als 
Gerste; doch hielt man in dem wohlbewässerten Babylonien 
(S. 163) den Boden in gleicher Weise für sämtliche Gattungen 
triebkräftig. Eben in Babylonien erblickte man schon darin eine 
Erholung (Verb TD, s. S. 181) für den Boden, wenn das eine 
Jahr Weizen, das andere Jahr Gerste, wenn das eine Jahr in 
der Länge {'^PiW, vgl. "jmx S. 174), das andere Jahr in der Breite 
(2iy, vgl. NTIID S. 174) angebaut wurde, und vollends war es für 
das Feld Aufbesserung genug, wenn ihm die schwarze Brache 
(2"ir, S. 181) und nach der Aussaat die neuere Pflügung (aram. 
"»^n = nJl^ iterarc) gehörig gegeben wurde, im ganzen also eine 
intensivei-e Kultur, die auch nach modernen Begriffen die wirk- 
liche Brache ersetzt^^^. 

169. Saatenwachstum und Saatenschäden. Das in 
die Erde gesenkte Saatkorn geht zunächst in Fäulnis über (V'^^nn) 
und fängt erst nach drei Tagen zu keimen an (yTH), voraus- 
gesetzt, daß es im feuchten Boden liegt, denn im trocknen Boden 
beginnt das Keimen später^'^. Das Korn schlägt nun Wurzeln 
(l^^lL^'Pi), und zwar geht die Annahme dahin, daß die Wurzeln 
des Weizens drei Ellen tief in das ErdrtMch dringen (VpZ)"-'\ 
und mit der Zeit geht der Halm auf (nCi»*, l^ZJ, S. 152), während 
das Samenkorn zunichte wird ("'^r, "CN)'-^^^. Oft wird von dem 
Erlangen des Drittels der Reife (C'^':'!:' N^zn, Z'^'lZ' D^jm) ge- 
sprochim; die Probe darauf ist, daß in einem früheren Stadium 
das Korn, wenn in die Erde gesenkt, nicht zum Wachstum 
kommt (rr'C^'n)-^^. Das noch auf dem Felde stehende GelriMde 



Saatenschäden. ][g3 

heißt (bh. und nh.) n?2p, und erst nach der Ernte heißt die Frucht 
PiNl^n oder pl (vgl. S. 179), das einzehie Korn, wenigstens bei 
Gerste, r\2^V (oder mj>?) „Traubenkorn". Das Getreide, ganz zeitig 
bloß Gras (C^2:^'V), später Stengel {nbp) genannt, schießt in Halm 
("jp, wovon Verb )p{< und daraus NflJpN), der mehrere Knoten 
(1*^p oder r\)i^r2) zeigt und in der Ähre (n'pi^l^', pl. p^2Vki', bei 
beginnender Reife 2''2;n*) endet. Die Ähre trägt die Spindel 
(rmi^' oder niTI^'), die Spelze (li'12/), die Grannen (pV^PD, pN/O, 
NCND) und die Fruchtschale (nE:''':5p). Der ganz reife Halm heißt 
Z'p und N^^ü (w. u.), und „Frucht im Halm" (n:r'p2 mNIZD) be- 
zeichnet das noch nicht ausgedroschene Korn^^". Es mag an- 
gereiht werden, daß die Teile der Hülsengewächse teils dieselben 
(ncp, ^h^:^), teils andere Benennungen (yv Stroh, i£^2'^.Z' Schoten) 
haben 221. 

Das Gedeihen der Saateu ist in erster Reihe von den 
Witterungsverhältnissen bedingt. Regenmangel und auch zu 
reichlicher Regen (S. 151), Hagel (S. 153), Sturm (S. 156) und 
selbst der Tau (S. 154) können Schaden bringen und bisweilen 
die Saaten ganz vernichten. Außerdem droht ihnen Verderben 
von selten gewisser Tiere. Das Schwein wühlt den Boden mit 
dem Rüssel auf (11:3), der Maulwurf (mii'\s) vergräbt sich darin, 
Mäuse (ClIJDy), die manchmal ganze Strecken heimsuchen, be- 
nagen C^rx, yi^^i) die jungen Halme und verzehren auch die 
bereits eingesammelte Frucht, Ameisen (n'T^i, pl. C''':'^j) fressen 
(CDIp) unten die Halme ab und tragen die Körner in ihre Löcher 
(nn), Maden (riD''J2) und andere Würmer (cy'Pin) nisten sich in 
der Frucht ein und bringen sie zur Fäulnis (2''pin), ganz be- 
sonders aber schadet den Saaten die Heuschrecke (n2"lN, ^'''Dn, 
"»^i;!, 2:in), die mitunter in großen Scharen von der Ferne heran- 
zieht und zur Landplage wird, die ebenso wie die gleichartigen 
Kalamitäten (S. 151) öffentliche Bußveranstaltungen hervorriefen ^22. 
Infolge der Terrassenwirtschaft besteht auch die Gefahr, daß 
ein Mauereinsturz die Sämereien bedeckt und erstickt (rÖ)^'Cy^^. 
Dem Feldarbeiter selbst kann beim Umzäunen (w. 11.), beim 
Behacken, im Schnitt, in der Wein- und Ollese die Schlange 
gefährlich werden^^-^. Die Löcher der Ameisen zerstörte man 
(2''inn), indem man sie mit aus andern Ameisenlöchern geholter 
Erde verstopfte, worauf die Ameisen in Streit ausbrachen und 



184 Schutz wälle. 

sich gegenseitig vernichteten; gegen Maulwürfe und Mäuse stellte 
man in Gruben Fallen (nmiiD) SiuP'^^^. Von einer \eder ("n.X) 
genannten Heckenpflanze (vgl. Zllin, S. 179) nahm man an, daß 
ihr Duft Maden und Würmer vom Getreidefelde fernhalte 2"^^. 
Man kannte ferner eine Erdart ((1i:DCin), die nach den Erklärern 
entweder Salpeter oder Sand war, die man in einem bestimmten 
Quantum zur eingespeicherten Frucht mischte (2"iy), wodurch 
diese vor schädlichem Gewürm bewahrt blieb ^^^. Manche bereits 
eingespeicherten Getreide- und Hülsenfruchtarten werden ferner 
angegriffen von dem Kornwurm (Tinea granella, )1::jD':'D = £X[jLtv$, 
-v9'0$), von dem Mehlwurm (H"!''!, r\22), von der Ameise (H'PCJ), 
von dem Linsenwurm (?T) und von dem Erbsenkäfer (t^'T!''), wie 
auch getrocknete Feigen und Datteln gewisse Würmer (py^Plfl) 
zu Feinden haben^'^^. 

Zum Schutze gegen größere Tiere (S. 118)^^^ und wohl 
auch gegen Eindringen von Menschen zog man um das Feld 
einen Graben d^"""!!!}, der etwa zehn Tefach tief und vier Tefach 
breit war^^^, einen Zaun (riiiTl^^, vgl. S. 179) von denselben Maß- 
verhältnissen, der aus pfahlartig in die Erde gestecktem Schilf, 
aus Stroh, Pflanzenstengeln, Binsen, Zweigen, übereinander ge- 
spannten Stricken, Stacketen (pci) und dergleichen, doch auch 
aus lose aneinandergefügten Steinen gemacht war, und zwar 
mußte er, wenn er seinen Zweck erfüllen sollte, mindestens so 
dicht sein, daß ein Böcklein nicht durchschlüpfen (VpZ) konnte, 
und es sollte ferner der aus Zweigen gemachte Zaun kreuz und 
quer, d. i. geflochten, gelegt sein^^°. Eine lebende Hecke (TD, 
davon Verb :1D, Tp) machte man aus zu diesem Zwecke ge- 
pflanzten Bäumen, Dornen, Disteln und sonstigen geeigneten 
Pflanzen (S. 179)^^^ Auf den Zaun drückte zuweilen ein Zweigen- 
geflecht (ti'niD IV^ti') und verwischte die Grenzscheide 2^^. So war 
denn die aus Steinen gebaute Mauer (bh. und nh. "n:i), die in 
der Regel etwa zehn Tefach hoch und entsprechend breit war, 
der beste SchutzwalP^^ 

Bei der Unsicherheit der Zeiten (S. 181), wo es geschehen 
konnte, daß die reife Frucht von Räubern weggetragen wurde -•^^, 
konnte selbst die hohe Mauer, die obendrein mit Dornen und 
Glassplittern gespickt war, keinen genügenden Schutz gewähren, 
und so setzte man in die einzelnen Felder einen Wächter ("IC'wJ*), 



Feldhüter. Jäten. ]^g5 

in die Gemarkung eines ganzen Ortes einen Flurhüter ("IlDjD = 
<jo(.lz6ipio^ = saltuarius, in ßabylonien Nn''''Jiin?3 "12) ein, der von 
einem erhöhten Platz aus, entsprechend dem mantara der Araber, 
die Ländereien überblickte und jeden Angriff abwehrte; daß er 
ständig draußen wohnte, beweist der Umstand, daß er sich eine 
Feldhüterhütte (m^lC, Bd. I, S. 8) baute. Wir vernehmen die 
Einzelheit, daß der Hüter von Sämereien und von Gurkenfeldern 
(niNl^'po, S. 180) die Vögel (S. 179) mit Händeklatschen und das 
Wild mit Hüpfen verscheuchte ^^^. Als höhere Verwalter hatte 
man den Prokurator (D1Dl"lt2''?X, S. 54) und den Aufseher 
(iT2 ]2, w. u.). 

Nächstdem war es notwendig, das Unkraut (C^l^'V), dessen 
häufigste Gattung der Lolch oder das Tollkorn (jlT, ^i'^aviov) war, 
und die Dornen (S. 163) auszurotten C^tCp), eine Arbeit, die man 
in primitiver Weise mit der bloßen Hand verrichtete, indem man 
das wuchernde Gras herauszog (2222), während die allerdings 
festeren Dornen ((''2"'2) mit einer Sichel i^yc) abgehackt ("22) 
wurden; zu beiden jedoch benutzte man besser eine eigene Hacke 
(l^'12''J "PL^ DTlIp), wodurch erst das regelrechte Jäten [Z'^Z^l 
von Verb ]V2j) ermöglicht wui'de. Das Unkraut wurde in Körben 
weggeschafft und entweder als Viehfutter oder zur Düngung 
benutzt, manchmal wohl auch verbrannt-^^. Das Jäten war auch 
im Gemüsebau und Weinbau nötig^^^ 

Gefürchtete, unabwendbare Getreideschäden sind ]^D"'^*, 
etwa Rost, und pp"n\ etwa Brand, beide bereits in der Bibel 
genannt. In manchen Jahren wurde durch sie die ganze Ernte 
vernichtet-^^. 

170. Ernte. Der Begriff „Ernte" (T:»*p, aram. Iljn) wird 
außer auf Getreide auch auf jede andere abzumähende Korn- 
frucht angewendet, und man spricht z. B. von der Reis- und 
Hirsenernte (T^IIN "l'üp und ]m~I 'p) ebenso wie von der Weizen- 
ernte (schon bh. ClCH "i''i>p) und demnach auch Gersten-, Emmer- 
Kolbenhirsen- und Haferernte (vgl. o. S. 179), und selbst das Ab- 
schneiden des Grünfutters (nriw^*) heißt „Ernten". Die Quellen 
selbst sorgen für die genaue Begrenzung des Begriffes „Ernte"; 
demnach fällt unter diesen Begriff alles, was eine Speise ('P21^5) 
ist (wodurch z. B. der „Waid" ausgeschlossen wird, vgl. S. 180), 
was gehütet wird ("IDl^'j, vgl. o.), was sein Wachstum i^^H^l) von 



186 Ernte. 

der Erde hat (wogegen Schwämme und Trüffeln ihre Nahrung aus 
der Luft ziehen, vgl. Bd. I, S. 116), was auf einmal eingesammelt 
wird (pnXr ir)L2''pt', wodurch eine große Klasse der Baumfrächte 
entfällt, da z. B. die Feigen nach Maßgabe ihres Reifwerdens 
nach und nach gesammelt Averden, und so sind, wie auch in 
unserer Sprache, für Wein- und Ollese ganz andere Begriffe in 
Anwendung), und endlich alles, was zur Aufbewahrung (CVp, s. 
§ 172) eingeführt wird (D''jDn), was offenbar von dem schnell 
welkenden Kraut (pl'') nicht gelten kann, obzwar einige Knollen- 
gewächse, z. B. Knoblauch und Zwiebeln, die Aufbewahrung 
sehr gut ertragen, aber der Begriff „Ernte" bleibt dennoch auf 
Getreide- und Hülsenfrüchte (z. B. Bohnen und Linsen) be- 
schränkt 2^^. 

Die Erntezeit (T^^pn DV^ oder rrr:;p 'Z')-^^ fällt mit wenigen 
Ausnahmen 2"^^ sechs Monate später als die Aussaat ^'^^. Am 
frühesten, schon in der Paschawoche, findet die Gerstenernte 
statt, worin es jedoch nach der Lage und der Qualität des 
Bodens Verschiedenheiten gibt^"^^. Bald darauf begann die Weizen- 
ernte, mit der man etwa in der Pfingstwoche fertig wurde ^*'^. 
Die Bezeichnung „weißes Feld" (phn PmI^*, 8. 181), ferner der 
Umstand, daß nirgends erwähnt wird, daß man hätte nach dem 
Schnitt nachreifen lassen, beweist, daß man in Palästina nicht 
„gelbreif", sondern „totreif* erntete'-"*^''. Infolge der heißen Jahres- 
zeit, wo die Sonnenglut so schwer auf den Kopf des Menschen 
herniedersticht (riDp), streift der Schnitter seinen Mantel von sich 
ab, sucht sich vor der Hitze mit einem Lederschurz zu schützen, 
steht zuweilen fast nackend da, nur notdürftig mit Stroh und 
Ähren sich bedeckend (Bd. I, S. 129)2-^^ 

Da man das sogenannte Milchkorn aß (Bd. I, S. 94), wurden 
einzelne Ähren und wohl auch ganze Felder noch vor der völligen 
Reife abgepflückt (bh. und nh. ^up, r^Vlcp, ^rcp)"^*^. Ein Ab- 
schneiden primitiver Art, jedoch vielfach üblich und als regel- 
rechte Ernte angesehen, bestand in dem Ausreißen mit bloßer 
Hand (l^^^n, ni:'''':'n) oder in dem Ausgraben der Wurzel {ipV) 
mit Hilfe einer Hacke (cnnp, S. 173); nach beiden Methoden 
verfuhr man auch bei Flachs und Sesam '^■*'. Letztere Art, das 
Ausgraben, wurde bei Wurzelfrüchten (Knoblauch, Zwiebel, 
Rettich) begreiflicherweise erst recht geübt-^^. Aber für Getreide 



Ernte. 1^7 

bestand die richtige Ernte ("l''^*p) doch nur in dem Abmähen ("liip) 
mit der Sichel (selten bh. '^'ülH, oft b:r2, vgl. S. 185)2^9. Der 
Schnitter fing die abgeschnittenen Halme in der linken Hand auf 
und legte sie erst nieder, wenn er den Arm voll hatte (vgl. 
Ps. 129,7), was ausdrücklich als Schnittersitte (cniJipn l~n) be- 
zeichnet, wird 2''^^. Die Arbeit wurde manchmal auch in der Nacht 
fortgesetzt, obzwar dann nur das Grobe (D:i), nicht auch das 
Kleine (p"l) geschnitten und zu Garben gebunden werden konnte ^^^ 
Der Landwirt konnte es kaum erwarten, den Ertrag seines Feldes 
veräußern zu können; nicht nur nahm er sich bezahlte Schnitter 
zur Aushilfe, was übrigens auch zum Zwecke der Bewältigung 
der Arbeit geschehen, also ein Zeichen des Wohlstandes sein 
konnte, sondern er verkaufte die Frucht noch auf dem Fuße und 
ein anderer schnitt sie ab, oder er brach den Schnitt ab und 
verkaufte den ganzen teils abgeschnittenen, teils noch stehenden 
Ertrag bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit^^^. 

Im Gemüsebau wird es oft vorgekommen sein, daß die 
Pflanzen in Absätzen ausgerissen wurden, wodurch das Feld eine 
bunte, gewebeartige Gestalt erhielt (^IIn), so z. B., wenn ein Teil 
des Zwiebeis als Saisonware frisch auf den Markt gebracht, der 
andere aber, der eingespeichert werden sollte, bis zum Vertrocknen 
auf dem Feld belassen wurde 2^^. Im Getreidebau spricht man 
ganz analog von einem „gesprenkelten" Felde {1122 H''!:, eigentlich 
„Pardelfeld") in dem Sinne, ^daß bei nicht einheitlich gereifter 
Saat das Feld „gepardelt" (IDJ), d. h. vorerst die mit einem Strick 
(^2n) abgetrennten Reifstellen mit Belassung der grünen Halme 
{C^rö CTit^p, vgl. S. 183) abgeschnitten werden 2^^. Die Schnitter 
stellen sich so auf^ daß in der Längsrichtung des Feldes ein 
jeder von ihnen einen Streifen (piN) abmäht, um dann zu dem- 
selben Zwecke an den Vorderrand des Feldes zurückzukehren 

Dem Schnitter folgte auf dem Fuße ein anderer Arbeiter, 
der Garbenbinder (iryc). Die Frucht liegt zunächst in Schwaden 
(bh. CHDii, nh. pD3) auf der Erde, die des bessern Trocknens 
wegen noch an demselben Tage gewendet werden (IDP,) 2^^. 
Futterkräuter, z. B. die Mahd (fin'w^'), foenum graecum (jn^Pn), die 
ägyptische Bohne (Bd. I, S. 115) usw. beließ man überhaupt lose 
('^''Dy, ^'>üV "*rp?), weil man sich in der schweren Arbeitszeit 



188 Garben. 

nicht die Mühe nahm, sie in große Bündel (ni':'''2n) oder gar in 
einzelne noch bessere Bunde (("'"T'T) zu bringen, wohl wissend, 
daß das nach der Einfuhr auch zu Hause geschehen konnte ^^^. 
Bei Getreide aber werden die Schwaden zu Garben (bh. und nb. 
niaS^;) gebunden (C.^n) und in größeren Haufen (CIT^y, verschieden 
von der einzelnen Garbe ~l^i?) aufgestellt ("Itsy, nom. verb. '^,^12])), 
die nach ihrer Form auch Mützen (myzo), Bündel (PID^ir, pl. 
von xwp;), Kuchen oder Rad (rT^ln, ':':it':i) genannt wurden (vgl. 
unsere Getreidepuppen, Getreideprismen, Getreidekreuze, Kreuz- 
mandeln, Garbenkasten usw.) und die vermöge ihrer sinnreichen 
Aufstellung fest genug standen, dennoch aber zu besserem Schutze 
vor Wind und Sturm (S. 156) auch mit einem Strick umfaßt 
sein konnten (HD^ir); die noch nicht aufgestellten oder aus jenen 
Verbänden draußen gebliebenen oder herausgenommenen Garben 
mußten wenigstens lose gebunden sein ("liN) und hießen dem- 
zufolge „Gebunde" (niDnD)-^^. Die Größe der Einzelgarben ("lü^V) 
und danach auch die Größe der aus ihnen gebildeten Haufen 
war sehr verschieden; manche Garbe enthielt ein Jcah, manche 
vier Jcah, manche ein saia, manche zwei saia Fruchtkorn ^^^. 
Die Einzelgarben eines ganzen Feldes lagen zunächst zerstreut 
(D2"liyc) umher, weil man noch nicht wußte, wieviel deren die 
Garbenhaufeu, die sehr symmetrisch gebaut waren, aufnehmen 
und wie viel Garbenhaufen überhaupt entstehen werden; die 
Garbenhaufen selbst wurden nachher in Reihen auf dem Felde 
aufgestellt, deren Zahl von der (iröße und der Fruchtbarkeit 
des Feldes abhing, und in dieser Beziehung ist belehrend das 
Schulbeispiel, daß jemand zehn Reihen (ni~!lli') von je zehn 
Garbenhaufen (CH/^y) hatte 2^^. Wenn keine Garbenhaufen er- 
richtet wurden, sondern die Einzelgarben zur sofortigen Ein- 
führung aufgeschichtet lagen, so entstand ein Gebilde, das man 
(bh. und nh.) lJ*n2 „Schober" nannte, und zwar Weizenschober, 
Gerstenschober, Linsenschober usw.-''^; es konnte ferner das 
Ackerfeld als Tenne (w. u.) dienen, und dann hieß es, daß man 
für die Tenne (pi:) Garben aufschichte (immer nur "^öV)^^^. Bei 
Flachs werden Haufen (|'''i'^p) und Garben (mz':>*?2) erwähnt (Bd. I. 
S. 139); Hülsenfrüchte (Bohnen, Linsen), wie auch Senf und 
dgl., wurden in Büschel und Gebunde (p"»!", ^^T''~nD^*) gelegt; 
vgl. jedoch auch „Schober" von Linsen (0.); Zwiebel und wohl 



Tenne. 189 

auch sonstiges Gemüse wurde in Haufen gebracht ("^12")^^^ und 
in Bunde iTM<, firoiix) gelegt^^^. 

In Judäa erzielte man durchschnittlich fünffachen Ertrag: 
(mNIIP), doch gaben gute Ackerfelder und gute Jahre das Saat- 
korn sogar hundertfach zurück. In einem konkreten Falle wurden 
binnen sieben Jahren aus zwei sa'a Gerste ganze Magazine 
gefüllt^ß^ Als Ertrag wurde auch das Stroh (l^'p, ^^t''':i) augesehen 
und man reebnete auch auf das Stroh (^^'P'':^ und HHy) von Hülsen- 
früchten^^^. Vom reinen Nutzen des Landmanns gehen bekannt- 
lich nach biblischer Vorschrift noch auf dem Felde die den 
Armen zu überlassende Feldecke (PIXS), die Ährenlese {l~p^) und 
die vergessene Garbe (mmZI^), hernach von der Tenne die ver- 
schiedenen Priester- und Levitenabgaben (ri?2l"in und ~^W]J12} 
ab^^''. Denselben Verpflichtungen unterliegen auch die wichtigsten 
Baumkulturen, wie Ol, Wein, Datteln, Johannisbrot, Mandeln, 
Nüsse usw/'^^^ 




Fig. 41. Ägyptische Arbeiter verladen Getreidebottiche auf Lasttiere. 

171. Dreschen und Worfeln'^^^. Schon der Schnitt 
konnte so bewerkstelligt werden, daß die abgemähte Frucht in 
große Bottiche (ni^^p) fiel, was das Gute hatte, daß keine Ähren 
wegfielen, eine Engherzigkeit und Beraubung der Armen, die 
bei den Juden nicht geduldet wurde^'^. Aber auch von der 
Erde wurden die in Garbenhaufen liegenden Bündel in dieselben 
Geräte gesammelt (jDJ) oder gestopft (t^'":i), um auf Lasttiere 
(Kamel, Esel) geladen (]Vl:) zu werden, die dann die Frucht zur 
Tenne (j"i:i aram. {<"l"iN, a}.(oa, BTvo?, area) schafften^^^ Die Tenne 
befand sich entweder auf dem Felde selbst, was den Vorteil 
hatte, daß durch die Überfuhr kein Korn verloren ging, jedoch 
den Nachteil, daß das Feld einstweilen dem Anbau entzogen 
war, oder auf einem hierfür besonders geeigneten, in der Regel 
felsigen Grundstück, das jedenfalls außerhalb der Stadt lag (wes- 
halb dann die Frucht vor Feuersgefahr, s. weiter u., und vor 



190 



Schober 



Haustieren und sogar vor wilden Tieren nicht sicher war), 
häufig kreisrund (P^l^y pi:) und dem Winde zugänglich war; 
da jedoch ein allzu starker Wind beim Worfeln außer der Spreu 
auch Korn weggetragen hätte, so zogen es manche Wirte vor, 
die Tenne in einer Niederung anzulegen (C^pu)^'-. Auf der 
Tenne stand die Frucht in Form eines Schobers (l^"»"!:; o. S. 188), 
der so groß war, daß man in ihm Ackerbaugeräte aufbewahren 
konnte, und es konnte in ihm auch ein Hohlraum geschaffen 
werden, der mehrere Menschen aufnahm^'^. Manchmal w^urden 
sogenannte Dachhaufen gemacht, d. h. zum Schutze vor Regen 
<iem Weizenschober ein „Hut" von Gerstengarben und dem 
Oersteuschober ein „Hut" von Weizengarben aufgesetzt (nBu)^^'*. 




Fig. 42. Alter Drescbwagen. 

Dieser Schutz war darum nötig, weil das Dreschen sich recht 
lange, manchmal bis in die Regenzeit hinein hinzog-'^. Während 
der ziemlich langen Zeit, da der Landwirt nicht immer auf dem 
Felde lagern konnte, geschahen auch jene vielen Feuersbrünste 
auf der Tenne, von denen wir so oft hören ^'^^ Knapp vor dem 
Dreschen wurde der Schober umgeworfen und das Stroh zum 
Trocknen (^^'2'') in der Sonne freigelegt (aram. N"*i^')^^^. 

Das Dreschen (bh. und nh. i:'n, vom. ad. ni^'H, a>.oav, 
TTptßsiv, aX6Y](7ic, tercre, spicas cxcufere, tritura) zur Sommerszeit 
verrichtete man durchaus mit Hilfe von Tieren, hauptsächlich 
Kühen (vgl. beim Pflügen S. 116), Ochsen imd Eseln, von 
denen man das Getreide austreten ließ. Man koppelte zu diesem 
Zwecke auch mehrere Rinder, selbst das Junge mit der Mutter, 
zusammen (np-*l), damit die Arbeit rascher gehe. Nur anfäng- 
lich, wenn für den Hausbedarf ein kleines Quantum neuer Frucht 



Dreschen. ;[g2^ 

(*kinn) benötigt wurde^ und wohl auch zur Winterszeit, drosch 
man auch mit Stöcken (m/p?0, haculum, fustis), was aber der 
palästinische Landmann nicht Dreschen, sondern Schlagen (^bh. 
und nh. tDIPl) nannte, weil es nur primitive Keulen, nicht Flegel 
waren, mit denen er die Halme schlug, und Stöcke wandte er 
auch an, wenn er Hülsenfrüchte aus den Schoten oder Färbekörner 
aus den Kapseln schlug (Flachs s. Bd. I, S. 139)''^'^. Bei Emmer 
und bei Hülsenfrüchten war ferner dasjenige Austretenlassen 
üblich, welches man DI"1, )-"! nannte und das vielleicht darin 
bestand, daß das Vieh an einen festen Mittelpunkt angekoppelt 
war, von dem aus es sich im Kreise drehte ^'^. Man hatte auch 
eine Dreschtafel oder Dreschwalze (bh. und nh. :i~li;2, nh. r\l2^r2 
bllllO ^\l^ = irpißoXo?, lüostelhmi^ traha), die, unten mit spitzen 
Steinen bewehrt, von den Rindern über den Getreidehaufen 
gezogen wurde ''^^^. Das unter die Hufen der Tiere oder unter 
die Dreschtafel geschobene Getreide mußte oft gewendet werden 
(iSTl), damit alle Ähren ausgedroschen würden. Man bediente 
sich dazu eines zweizinkigen Rechens (IPy, vgl. S. 107)^^'\ 

Nach einem bekannten biblischen Verbot durfte das dre- 
schende Tier am Fressen der Ähren nicht gehindert werden 
(CDPi), und da erfahren wir, daß der Vermieter von Dreschtieren 
dieselben vorher hungern ließ, damit sie sich dann auf Kosten 
des Wirtes sättigten; freilich konnte auch der Mieter seine In- 
teressen wahren, indem er den Tieren vorher andres Futter 
verabreichte. Wollte man den Tieren die neuausgedroschene 
Frucht nicht lassen, so konnten ihnen Futtersäcke oder Futter- 
körbe (S. 126) vorgebunden werden, die jedoch Getreide von 
derselben Art enthalten mußten ^^^ Im Laufe eines Arbeitstages 
fraß ein Rind 6 Jcah, ein Esel halb soviel durchschnittlich^^^. 
Die Drescharbeit erhitzt die Hufen der Tiere, und so läßt sie 
der gute Landwirt nach der Arbeit ins kühlende Wasser '^^l 

Das ausgedroschene Getreide wird nun dem Worfeln (bh. 
und nh. HIT, Xtx[j.av, evannare oder evallere, ventilare) zugeführt ^^'^. 
Von den Körnern wurden zunächst Stroh und andrer Abfall 
mittels einer Anzahl von Gabeln oder Rechen i^'lb'Q, "12V^, TiTsl^j 
2i:iO), die fortschreitend immer dichtere Zinken aufwiesen, ab- 
gezogen und beseitigt^^^. Nun erst wurde das Getreide mit der 
Worfschaufel (nn"l, :ttuov oder tttsov, pala, ventilahrum) im Winde 



192 Worfeln. 

geworfelt (HIT aram. iSni, ^"^,"1)2^^. Bei Windstille mußten Reuter 
(nizr) und Siebe (NHil^J) aushelfen (vgl. Bd. I, S. 98); ein kleines 
Quantum Getreide, ferner Hülsenfrüchte, die unmittelbar dem 
Verbrauche zugeführt wurden, wurden in der Regel so gesäubert, 
Hülsenfrüchte allerdings auch so, daß mau sie in eine Schüssel 
("»incn), einen Korb (jljp = xavoüv) oder auf eine Tafel ({</2t2 = 
tabula) gab und die Spreu wie auch die schlechten wurmstichigen 
Körner von ihnen wegblies (ilD^) oder mit der Hand aussonderte 
(nnz)^^^; gab man sie ins Wasser, konnte der Abfall einfach 
abgeschöpft werden (H^li*)^^^. Von der Gerste, die man als Reib- 
ähren aß (m'^^t'D Bd. I, S. 94), wurden die Schalen entfernt (^^R); 
Bohnen und dergl. wurden enthüllst (l"lS) und in der angegebenen 
Weise gesäubert, wenn sie bald darauf gegessen werden sollten ^^^, 
aber bei größeren Mengen zur Einspeicherung setzte auch da 
ein Dreschen und ein Worfeln ein. In das Haus wurde das 
Getreide durchaus nur gereutert (lizr) eingeführt, weil auch das 
geworfelte Getreide nachher noch gereutert wurde ^^^. Nun lag 
das Getreide vorerst in kunstlosen Haufen (j'''^"iZi*) zerstreut 
("lilDC) da und mußte erst in einen Haufen (''"11, Pidy) auf- 
geschichtet werden, der zu einem länglichen Prisma geglättet 
wurde (nie, ri'i"!''^)-^^ Hülsenfrüchte wurden ebenfalls zu Haufen 
geschichtet und geglättet, und die Bezeichnung „Haufen" (rj^iy) 
kommt auch bei Kräutern, Zwiebeln, Melonen und Kürbissen 
yQj.292^ Bei Getreide unterblieb manchmal das Glätten, bei 
Hülsenfrüchten das Reutern '^''^, vermutlich dann, wenn man es 
eilig hatte. Um den Haufen zusammenzuhalten, trieb man 
Pflöcke (H/N, l"^p"l"!) in die Erde, die hernach beim Einspeichern 
herausgerissen wurden (ipy)'-^^. Auch das nach dem Dreschen 
gebliebene und zu Häcksel zerkleinerte Stroh (]Zr) und die nach 
dem Worfeln gebliebene Spreu (Y^'C), die durch Worfeln ebenfalls 
gereinigt wurden, wurden in einen Haufen (PidV) gebracht2^'\ 
Dem Prozeß des Dreschens entschlüpfen zerhackte (CVZTp) und 
seitwärts gestrichene (jm^IDl^') Ähren, und auch im Stroh bleiben 
noch Körner zurück, Reste, die der gute Landwirt mit in Rech- 
nung hält 2^^. Das Stroh wurde in jenen bereits genannten 
Bottichen (m^^p) im Wohuhause selbst gehalten und war zur 
Feuerung bestimmt, desgleichen die Spreu, die aber auch in die 
Düngergrube geworfen wurde '■^^^ Aus dem ungebrochenen Stroh 
wurden auch Stricke (^yc) gemacht'^''^. 



Einapeicherung. ]^93 

172. Aufbewahrung. Sämtliche Arbeiten verrichtet der 
Landmann in der Hoffnung, die Frucht seiner Arbeit auch ein- 
sammeln (DJD, D''JDn aram. t^3iD) zu können. Ein Scheltwort 
lautete: „Wast du anbaust, wirst du nicht einsammeln." Von 
dem älteren Hillel besitzen wir noch den Ausspruch: „Zur Zeit, 
wenn andre einsammeln, streue du aus ("1"1D, d. i. anbauen), und 
wenn andre ausstreuen, sammle du ein"^^^. Von der freudigen 
Erregung, die der Landwirt bei der Arbeit der Einspeicherung 
(riDJjn HDN':'?.}) empfand, klingt noch etwas zu uns herüber. 
Gern hätte er sich gewünscht, daß statt hundert lior Getreide 
zweihundert, daß statt hundert Faß Wein zweihundert eingeführt 
worden wären, ein vergeblicher Wunsch, der nach der Lehre 
der Rabbinen nicht die Form eines Gebetes annehmen sollte, 
doch billigten sie es, wenn der Landwirt betete: „Möchte doch 
in den Vorrat Segen (nZIZ;) einziehen und Fluch (nn\XD) davon 
fern bleiben !"^°^ Die Einfuhr wurde sorgfältig gemessen ("n^). 
Wir kennen die Gebetsformel, die der Landwirt sprach, wenn 
er behufs Messens die Tenne betrat und wenn er mit dem 
Messen begann; für das bereits gemessene Getreide jedoch sollte 
keine Bitte um Segen ausgesprochen werden, denn es galt die 
Annahme, daß der Segen nicht einziehe weder in eine abge- 
wogene, noch abgemessene, noch auch abgezählte Sache, sondern 
nur in solche, die vor dem Auge verhohlen ist (''ICD)^^^ In die 
römische Latifundienwirtschaft versetzt uns folgende Erzählung: 
Ein König hatte mehrere Getreidespeicher (mj"i:i), die aber lauter 
ungesäubertes (=]i:i"'LD) und mit Lolch (pi] o. S. 185) vermischtes 
Getreide enthielten, und so achtete er auf die Menge (pJ^) des 
Vorrats nicht. Als er aber einen schönen Speicher besaß, da 
sprach er zu seinem Verwalter {r?2 ]Z): Jene Speicher dort sind 
ungesäubert und voller Lolch, so brauchst du auf die Menge 
des Vorrats nicht zu achten*, aber dieses hier — nimm auf, 
wieviel lior, wieviel Säcke und wieviel Metzen (n'IN''"l"i?2 = modii) 
darin sind^^^. In jüdischen Händen treffen wir bezeichnender- 
weise niemals ungesäubertes Getreide an, vielmehr wird ver- 
sichert, daß das Getreide bis zu Ende alle Pflege erfuhr, ehe 
es eingespeichert wurde ^^^. Namentlich gehörte auch dazu, daß 
die Frucht ganz trocken (it*^''), d. i. ganz reif, in den Speicher 
kam, was ebenso auch von manchen Gemüsearten gilt^^'^. Die 

Krauß, Talm. Arch. II. 13 



194 



Aufhäufung. 



dauerhafte Sorte (C"'''pnc) war gleichwertig mit der schönen 
Sorte (nS'')^^^. Die Einspeicherung verfolgte eben den Zweck 
der Erhaltung {cvp1> D:z)^^^ 

Das im Hause gehaltene Getreide, das nur von kleinem 
Quantum gewesen sein konnte, wurde in Bottichen (niC^p o. S. 189), 
in Säcken oder in Körben gehalten ^^^. Am vorzüglichsten jedoch 
eignete sich als Aufbewahrungsort und zugleich als Trockenplatz 
der Söller (n"'':'^ Bd. I, S. 32), der zu diesem Zwecke in mehrere 
Kammern (DIIIID) geteilt war, damit Weizen, Gerste, Ol, Wein 
usw. ihren eignen Raum hätten; durch Zufall kam es allerdings 
vor, daß z. B. ein Hetzen Weizen in einen Gerstenhaufen fiel 



^^. 




Fig. 43. Ägyptisches Granarium. 



(•^^^^308^ Vor plötzlichem Kegen wurde durch eine Falltüre 
(n^TlxBd. I, S. 32) das Getreide in das Untergeschoß herabgelassen 
pii^n) oder mit großen Schutzdecken bedeckt (PiC-)^^^. In Form 
von Anbauten (pp"'!»"') hatte man ferner beim Wohnhause selbst 
Strohscheunen und Fruchtkammern (Bd. I, S. 46). Wieder andrer 
Art sind gewisse Schuppen (Cinc, CImL:') aus Flechtwerk ^^^. All 
diese Arten von Aufbewahrung nannte man mit einem von ];" 
selbst gebildeten Worte p" (vgl. ~!:i) „aufhäufen" und ]^^1 „Auf- 
häufung" ^n. 

Solange die Juden Herren in ihrem Lande waren, wurden 
in öffentlichem Interesse, z. B. für das Brachjahr, für Arme usw. 
besondere „Stadtmagazine" (~l"'y2l^' "IH^n) angelegt, in denen von 
*den zu Markte gebrachten Lebensmitteln, in erster Reihe von 
Getreide, große Quantitäten zur Einspeicherung hinterlegt wurden,. 



Magazine. ;]^95 

und es wurden durch Ausgesandte der Behörde auch auf dem 
Lande selbst immer zur Saison ebensolche Mengen von Feigen, 
von Trauben und von Oliven requiriert, die dann in geeigneter 
Weise zur Aufbewahrung gebracht wurden. Mehr auf römische 
Verhältnisse mit der Latifundienwirtschaft weisen die oft er- 
wähnten Scheunen (ni''1iJ< = liorrea) und die damit identischen 
Feldmagazine [TT^^'^W nniiW, vgl. schon I. Chr. 27,25), die groß 
und wichtig genug waren, um ihnen in einem eignen Wohnraum 
(Hin r?^ vgl. S. 78) einen eignen Wächter (vgl. S. 185) zu 
halten, weil sie ihrem Wesen und ihrem Namen nach zumeist 
auf offenem Felde stehende Vorratshäuser waren. Um das Haus 
herum hießen sie Niederlagen (''p''mD{< = a7coD'Y]XYi). Man unterschied 
Privat- und Regierungsmagazine (l^n"» h^ "IHIN und CD^C "lülN), 
letztere offenbar bestimmt, die an das römische Heer zu 
leistenden Naturalienlieferungen aufzunehmen, weshalb wir den 
bezeichnenden Zug erfahren, daß sowohl Israeliten als Heiden 
ihre annona (^<J"iJliS) dorthin liefern (i^ 'P'»:^?!); auch einzelne 
Festungen werden genannt, in denen sich solche ärarische 
Magazine befanden, wie z. B. in Jahne, und es gab welche, in 
denen auch ausländisches, vielleicht gar überseeisches Getreide 
zusammenfloß ^^^. Eine besondere Art stellen die Schuppen (m''iOp'?{< 
Bd. I, S. 7) dar. In Babylonien entsprechen die ''^*2'PZ^^ genannten 
Getreideschuppen ^^l Es sind das durchaus leichte Bauten (Bd. I, 
S. 7), aber dem Zwecke angemessen gehörig ausgestattet. Sie er- 
hielten frische Luft durch Fenster-, da jedoch die Fenster, die 
allerdings die schädlichen Dünste abziehen lassen, anderseits Regen 
und Nässe eindringen lassen würden, so wurden sie mit einem 
Gitterwerk (m:nD Bd. I, S. 42) versehen ^^^ Das Faulen der Frucht- 
körner (2pi, yp"",:!, faules Getreide n^:i2pn)^^^ sollte hintangehalten 
werden. Auch Hitze, Rauch und Ausdünstung von Viehställen 
wurden ferngehalten ^^^. 

Eine andre Art Aufbewahrung ermöglichten die in dem 
Kalkstein des Bodens Palästinas sehr häufig anzutreffenden 
schlauchartigen Schächte, welche die ihnen anvertraute Frucht 
sehr gut erhalten. Man barg also die Frucht auch in der Erde 
(nOTi<D ]r22, "^CD vgl. Bd. I, S. 123)^^"^; vgl. die juatmur (matmare, 
unterirdische Getreidebehälter) der Araber. Auch an den Höhlen 
besaß man vorzügliche Vorratsräume ^^*. Desgleichen an der fast 

13* 



196 Keller. 

ZU jedem Hause gehörigen Zisterne ("112)^^^, doch ist bei weitem 
gebräuchlicher die brunnenartig gebaute Korngrube (ninn, auch 
nnn, nn, syr. Uo,.** vgl. Bd. I, S. 44 und 46), mit regelrechten 
Wänden (C^^ni-), einer Randleiste (V2vh vgl. Bd. I, S. 59) und 
einer Öffnung (uDIi'), die mit einem Brett (1D3) zugedeckt und 
mit einer Türe auch verschlossen (Bd. I, S. 39) sein konnte ^^*^. 




Fig. 4-1. Ivaiuiauilibcher üotreitlekrug. 

Ol- und Weinfässer hielt man in einem Keller (=^n"!r^ w. u.), 
während bei Obstgärten ein Vorratsraum (fT^p ^^ x£>.>.api,ov) vor- 
kommt, der zwar el)enfalls ,.Keller" heißt, aber von jenem ver- 
schieden gewesen sein wird^''. Nach der Vorschrift Varros 
(1,13) sind Wein und Ol auf flacher Erde zu halten, während 
Wicken (faha) und Heu auf Böden (Jabidatum) untergebracht 
werden sollen. Demzufolge dürfen wir auch im mnrtvf der 
Juden keinen unterirdisch gebauten, sondern in dem Flur des 
Hofes liegenden Vorratsraum erblicken, um so mehr, als davon 
die Rede ist, daß der Hausherr mit Gästen daselbst speist 



Aufbewahrun« 



197 



(übrigens auch im Hof Bd. I, S. 45 und im Magazin IKIN); eine 
genaue Scheidung ist übrigens nicht zu erwarten, denn nicht nur 
wurde Essig zusammen mit dem Wein im martef gehalten, 
sondern auch im Weizenmagazin kommen Olkrüge vor, und 
ebenso finden sich Linsen und Wicken im Magazin. Dagegen 
dürfen wir den Dachboden (:i:i) der Oikelter und des Wächter- 
turmes {y'^'XO vgl. I. Chr. 27,25) als vorzüglich für Obst geeignet 
ansehen, nach jener Vorschrift 
allerdings auch für Stroh und 
Hülsenfrüchte. Als kleinere Be- 
wahrungsräume kommen auch 
allerlei „obere" und „untere" 
Nischen oder Löcher (Clin) des 
Wohnhauses in Betracht, und 
sogar unter dem Bette wurden 
Holz und Stein gehalten (vgl. 
Bd. I, S. 63)322. j)i^ Einspeiche- 
rung war im landwirtschaftlichen 
Leben derart wichtig, daß bei 
einem Hauskauf es mit der Be- 
sitzergreifung gleichkam, wenn 
der Käufer daselbst Getreide auf- 
häufte ("12H)32^ Die Waren lagen 
dicht aneinander (r]pi?o, nDpr.)^-^ 
Bei Getreide und Gemüse ist 
nächst -llilN (s. 0.) die umfassendste Yxq. 45. Getreidetopf aus Gezer. 
Bezeichnung gören (plj), ein Wort, 

das sowohl den Vorrat selbst als seinen Einspeicherungsraum 
bezeichnet^^^. 

Zum Wesen der Aufbewahrung gehört, daß die Ware 
ständig und für geraume Zeit (V-p) eingespeichert wurde ^-^. Die 
zur Aufbewahrung bestimmten Früchte, besonders getrocknete 
Feigen und Rosinen, wurden vom Gebrauche ausgesondert (ulsp) 
und hießen nun „Abgesondertes" (niipic, auch ViKpc), das eben 
in dem Absonderungsraum (ebenfalls riHpl?2) lag^-"^. Die Heimlich- 
keit des Ortes (y:iiicr, C^p^ vgl. S. 176) trug dazu bei, daß die 
Frucht gut konserviert wurde, während ein zugänglicher Ort 
(nD*nn Clp?2) nicht zweckdienlich gewesen wäre 3-^. Man nahm an, 




198 Gemüsebau. 

daß in einem regeuarmen Jahre die Früchte sich besser halten 
(noni^'n) ■^^^. Die Schäden, vor denen sie zu bewahren sind, kennen 
wir bereits (S. 184). Wurzelgewächse^ wie z. B. ^^l':', eine JLrwm- 
Art, wurden behufs Konservierung in Erde gesteckt (jCtC vgl. 
Bd. I, S. 110)33«. 

173. Gemüsebau. Den Gemüsebau haben wir auch schon 
bisher berücksichtigt (S. 176. 180), besonders soweit er feldmäßig 
betrieben wurde; hier ist nachzutragen, daß man oft vom Ge- 
müsegarten (vgl. schon bh. p*^'' ]j) und von Gartensämereien 
(n:i: ^:^y~l' Bd. I, S. 116) spricht. Das Gemüsekraut (pT) stammt 
gewöhnlich vom Gemüsegarten, neben dem sich auch andre 
Gärten (m^Il) befinden ^^^ Infolge der intensiven Kultur arbeitet 
hier der Wirt (HTin "7))- ^- 102) nicht allein, sondern hält sich 
einen Gärtner (]£; aram. mNj:i). „Wie der Garten, so der Gärt- 
ner", lautet ein Sprichwort^^'^. Als Gartensämereien gelten solche 
Pflanzen, bei denen nicht der Kern, sondern die eßbare Wurzel 
gegessen wird, also Zwiebel, Knoblauch, Lauch, Muskatnuß, 
weiße Rübe usw. Eine besondere Klasse machen die Salate 
(CXt^n). Diejenigen Pflanzen, deren Samen gegessen wird, wie 
Bohnen, Erbsen, Linsen, Reis, Sesam, Mohn usw. heißen „Klein- 
getreide" (rr^jt^p), nach unsern Begrifi*en „Hülsenfrüchte" ^^^ 

Der Landwirt führt die zur Aussaat bestimmte Saraenmenge 
("»J^T^Z) hinaus (N''i*iM), und zwar in größeren Quantitäten, denn 
mit 1—2 Kernen {^ü^:, pyi:!) verlohnt sichs nicht^^*. Das Feld 
oder den Garten teilt er für die verschiedenen Pflanzengattuugen 
in Beete (m:n*!y S. 178) ab, die wegen des /^//a?w<-Gesetzes ge- 
hörige Zwischenräume haben müssen, damit sich keine Pflanze 
von der andern nähre (pJ"*); bei gewissen Pflanzen ist das Durch- 
einander auch so zu verhindern, daß die Blätter der einen 
Pflanze nach rechts, die der andern nach links geleitet werden ^^s. 
Die Anlage in einzelnen Beeten (nNli'r^ "»"INLJVr), so wird ver- 
sichert, geschieht auch dann, wenn jenes Zweisamengesetz es 
nicht erheischt, einfach aus ästhetischen Gründen (^1j C^tt'C)^^^. 
Melonen, Gurken und Kürbisse, deren Inneres übrigens „Ein- 
geweide"' (''VO heißt, werden nicht gesät, sondern in Reihen 
(nmti') gesetzt (vlTjI, und man wählte als Standort dieser Schling- 
pflanzen aus Raumersparnis d(?n die einzelnen Felder und Beete 
begrenzenden Damm ('T^Zj S. 179\ wie es die palästinischen 



Gemüseerüte. jgg 

Bauern noch heute tun, aber die Rübe (P^}':') sollte auf dem 
Damm nicht gebaut werden, weil der enge Raum von ihren 
Blättern bald voll würde ^^^ Ahnliche Erwägungen führten dazu, 
Melonen, Gurken und Kürbisse in Gruben (}<^i:i) zu setzen ^^^. 
Damit wohl erklärt es sich, daß der Sammelname „Wurzel-'' 
oder „Knollengewächse" (rmDri) auch auf jene Schlingpflanzen 
ausgedehnt wird, weil sie aus der Grube, ihrem Standorte, 
gleichsam „ausgegraben" werden ^^^. Düngen vor der Aussaat. 
Jäten und Behacken waren im Gemüsebau ebenso notwendig 
wie im Getreidebau. Zwiebeln wurden gelichtet (pbri, p^'^nn, vgl. 
nx S. 187), um zur Aufbewahrung (pi:i S. 197) gereiftere Frucht 
zu erzielen ^'^^^ Kurz vor dem Ausreißen wurden die Blätter der 
Zwiebel und des Lauchs an den Stamm gepreßt ijri, |131)^"^^ Man- 
gold (Npt5''D) und Kohl (2nr) wurden gekneipt (2jp, CTPi), d. h. die 
trocknen, faulenden, äußeren Blätter wurden ihnen zur Förderung 
des Wachstums abgerissen. Beim Einsammeln pflegten die Gärtner 
mit allem Gartenkraut ein solches Abputzen (pi'' nD''Jp) vorzu- 
nehmen, um es teils ins Haus, teils auf den Markt gefälliger 
zu liefern; dasselbe Abputzen war auch vor dem Verspeisen 
nötig^'^2. Bei der Zwiebel hieß dieselbe Arbeit „abschälen" 
pDp)^'^^ Ein Feld, das Humus (S. 158) aufgestreut Cf^2"in) er- 
hielt, trug besseres Kraut; auf einem Zwiebelfeld tat man das 
schon darum, damit die Knollen leichter aus der Erde gerissen 
werden könnten ^^^^. 

Grünzeug riß man entweder aus der Erde aus (ipy) oder 
pflückte es ab ('^''^n S. 186). Der Gärtner sammelte es hierauf 
in den uns wohlbekannten Bottichen (p.lClp S. 189), die ver- 
bunden und verschlossen wurden, wenn die Frucht aufbewahrt 
werden sollte. Enggepreßt, wie sie lagen, schlugen die Zwiebeln 
schon in den Bottichen aus (Z'^^i^L'D), noch mehr aber auf dem 
Söller (n'''''P> S. 194), der ihr eigentlicher Aufbewahrungsort 
war^^^. Hier lagen sie in Haufen (Pi.'2"'iy S. 192), doch wurden 
einige Kräuter zu Garben (pSdiTN vgl. S. 109) geschichtet^*^. 
Für den Markt wurden viele Gattungen, besonders Zwiebel und 
Knoblauch, gebunden (~3N), und das Grünzeuggebund (p";*» P"i:x) 
gehört zu den stehenden Marktwaren der Städte^*'. Andres 
wurde zu einem Strang (p1J''l>*) geformt^"^^. Knoblauch wurde, 
um das Geflecht zäher zu machen, mit Wasser benetzt (}*"'2"lPi) 



200 Schilf. 

und verflochten (Vt'p); Gurken und Melonen wurden in Sep- 
phoris sogar mit einem Schwamm abgewischt ^^^. Sie hingen 
an der Türe der Geschäftsläden auf Binsen aufgezogen ^^^. 

C. Wald- und Gartenbau. 

174. Schilf, Wald. Für das Weideland auf das Kapitel 
„Hirtenleben" (§ 155) verweisend, schildern wir hier in kurzen 
Umrissen Schilf und Wald, die zwar zur Physiognomie des Landes 
gehören, aber in der Ökonomie nur wenig hervortreten. 

Das frische Grün gehört nicht zu den landwirtschaftlichen 
Merkmalen Palästinas, obwohl es an Laubwerk nicht fehlt (Bd. I, 
S. 4). Nach der Regenzeit überzieht sich zwar das Land mit 
dem saftigsten Grün und den farbenreichsten Blumen, aber alsbald 
versengt die Sonne die zarten Sprößlinge, und stärkeren Pflanzen- 
wuchs kann man nur durch Kultur erzielen. Doch wächst an 
vielen sumpfigen Stellen Schilf (bh. und nh. PJp, C^Jp arimdo) 
von selbst, das in gewissem Sinne den Wald ersetzt^^^ Man 
spricht von Rohrgebüschen (Cjp nii'^nn) in derselben Weise, wie 
von Holzgebüschen oder dem Gehölze; Schilf und Dornstrauch 
(mo, ]'^T\), Binsenland (C^N, NC:iiN* vgl. bh. )"ic:x juncns oder scir- 
pus, vgl. f]''"!!* Bd. I, S. 6) und A\'ald (ly) gehen zusammen ^^-. 
Das Röhricht kann so groß sein, daß man darin irregeht^^^. Das 
natürliche Röhricht (arundinetiim^ aram. N2N = ZV = Dickicht) wird 
von dem in Kultur genommenen Schilffelde (Cjp PmI^' vgl S. 157) 
unterschieden ^^^. Die Kultur bestand darin, daß man das Feld 
lichtete, entweder so, daß die wilden Schößlinge ausgerissen 
PtCp vgl. S. 185) oder einzelne Rohre abgeschnitten (|*üp) wurden. 
Letzteres geschah mit einer Sichel {^yt2 S. 187), die auch zur 
Anwendung kam, wenn das ganze Feld abgemäht {p'Cp) werden 
sollte ^^^. Die zurückgebliebenen Stumpfe {U^lp niJ*''N oder 'p PlTTl) 
zündete man an (n"'^*n), um mit der Asche den Boden für die 
neuen Triebe zu düngen (vgl. S. löS)-"^^^. Nicht sowohl das 
Wasserrohr, als das stärkere Holzrolir (arimdo donai) eignet sich 
in gespaltenem Zustande (Pup "Tl^' kTC'i"lp) zu Messern, und eine 
gewisse Rohrart {{<?r:iN"! ^^''J^C''D) w^ird sogar als zu Schlachtmessern 
tauglich bezeichnet^". Ein Lehrer hebt mit Stolz hervor: „Selbst 
Rohr zu Pfeilen (Oin hz' C^jp) fehlt in Palästina nicht" ^^^ Eine 
andre Art dürfte sein das Schreibrohr {arimdo scriptoria)^ das 



Wald. . 201 

die Araber nach seiner stärksten Verwendung — man macht 
den Schreibstift (eben das „Schreibrohr") aus ihm (DlD^lp = xa- 
Xa[xo?w. u.) — Ä;a?am(*-U) nennen. Das Rohr liefert ferner Pfälile 
für die Landwirtschaft (pjipnn C'':p vgl. S. 179), Avie auch 
Stäbe, in denen sich der arme Mann, indem er das lockere Mark 
("»Tr) herausnahm, auf der Wanderung Wasser hielt ^•^''. Auch 
Matten (rh)Sr\l2) wurden aus Rohr und einer Art Riedgras (%N5:'?n 
p^tri) gewonnen^^^. lowieweit Binsen und Riedgräser {'^'Oa Bd. 1, 
S. 263, ]E:''N, x::;1\X, nc^l^' oder nD^t^r., ::?2 usw.) und auch Weiden 
als nützliches Binde- und Flechtmaterial (vgl. Bd. I, S. 142) Gegen- 
stände der Kultur waren (vgl. viminetum und salicetum der Römer), 
entzieht sich unsrer Kenntnis; sicher ist es, daß Stricke (C'PZm) 
aus ihnen gemacht wurden. In Babylonien wurden gewisse 
Ebenen nach den auf ihnen wachsenden Weiden benannt (z. B. 
ni21Vn iNnpE))^^^ Aus Papyrus (Bd. I, S. 141) wurden nebst 
vielen nützlichen Hausgeräten insbesondere auch leichte Kähne 
verfertigt ^^'^. 

Das Schilf diente zum Versteck der wilden Tiere (vgl. 
Ps. 68,31) und von verfolgten Menschen ^^^, nicht so das in unsern 
Quellen „Wald" (vgl. bh. I^'^^n) genannte Gebüsch (::mn, pi^mn, 
Silva pascua)^ das vielmehr den zahmen Weidetieren, Schafen 
und Ziegen, als Weideplatz diente (S. 142)^^"^. Doch läßt der 
Begriff „ausroden" (pwtniDD rn2) auch hier Bäume von einiger 
Stärke vermuten ^^"\ Wirkliche Widder gab es vielleicht schon 
in talmudischer Zeit, außer am Libanon, am Tabor, am Karmel 
und auf andern Bergen, nicht, obzwar der damalige Zustand 
von Palästina gewiß auch in diesem Punkte günstiger war als 
der heutige ^^^. Viele Bäume soll es in Sodom gegeben haben^^^^ 
In Babylonien herrschte die Meinung, daß gewisse Wälder von 
Steinpalmen seit Adams Tagen bestünden, also Urwälder seien, 
und das Land habe eben darum den Charakter des Kulturlandes 
(^l^"" vgl. S. 142) gewonnen, was auch auf die Schätzung von 
fruchtlosen Bäumen einen günstigen Rückschluß zu ziehen ge- 
stattet^^^ Die Schonung der Bäume, für Fruchtbäume (tTN^ ^J'?''N) 
ein religiöses Gebot, kam gewiß auch den Waldbäumen (plD "'^'P\x) 
zugute, von denen man übrigens sehr gut wußte, daß sie im 
Kriege gute Dienste leisten ^^^. Doch beruht ihr Wert vornehmlich 
in ihrer Eignung zur Feuerung (Bd. I, S. 84). „Wenn keine Wald- 



202 - Obstgärten. 

bäume wären, woher nähme ich Holz zu Warmbädern (das. S. 219) 
und zu Kalköfen", lautet ein Ausspruch ^^^. Desgleichen: „Woher 
sonst Holz nehmen, meinen Weingarten einzuzäunen" (l"i:i vgl. 
S. 184)^^^. Jeder Waldbaum in Palästina soll zwei Eselslasten 
Holz geliefert haben ^'^ Außer dem Holze liefern die W^ald- 
bäume allerlei Harz (^"11^*): ^- ß- ^^^ ^^^ Käsebereitung dienliche 
Harz (§ 153), und auch der Mastix (Bd. I, S. 240) ist nichts andres 
als das Harz des Mastixbaumes (Pistacia Lentiscus), das in Palä- 
stina wie in ganz Syrien heimisch ist^^^. Vgl. auch das Balsam- 
harz (Bd. I, S. 236). Der Feind der Bäume ist der Wurm (nV^ir), 
der z. B. auch die mächtige Zeder angreift; Ölbaum und Wein- 
stock wie auch andere Bäume werden je von andern Würmern 
angegriffen^'^. Bei Fruchtbäumen wurde deshalb ein Raupen 
vorgenommen (w. u.). Auch Fruchtbäume, wenn sie wurmig, 
alt oder sonst unnütz geworden waren, wurden zum Fällen (nii^i'p) 
bestimmt ^^'^. Für das Fällen der Bäume in den dazu bestimmten 
Wäldern (siha caedua) wurden gewisse Zeiten des Jahres an- 
gesetzt, und es beschäftigten sich damit die Hauer (Cli^p) berufs- 
mäßig^^^- Bauholz (§ 10). Schiffsmaterial und Holz zu Schreiner- 
arbeiten waren in Palästina genug vorhanden. 

175. Obstgärten (pomaria). Die aggadische, aber au sich 
wichtige Auffassung, daß der Besitz Kanaans gebunden sei an 
die Bepflanzung (VtD?2) des Landes, führte zu ausgedehnten 
Fruchtbaumpflanzungen, deren Standort, etwa die Hälfte des 
anbaufähigen Landes, als Pflanzungs- oder I^aumfeld (ytCj n^2, 
p\Nri n"»! nii:', m^t'W^n n^2, i^Wr; rr\\i; ager arhustus der Römer) 
unterschieden war von dem Ackerland (yiT nlli*) und nocli mehr 
als dieses zum landschaftlichen Bilde des Landes gehörte. Bei 
dem „Baumfeld" wird in erster Reihe an den 01V)aum zu denken 
sein, dessen Standort speziell auch ,. Olivenfeld" (CP"») PmLJ') 
heißt, von welchem sich wieder das „Weinfeld" {C^2 mii' vhic- 
ium der Römer, unterschieden von C"^r vi)wa) abhebt^"^. Die 
Baumfelder wird man vornehmlich an Bergabhängen und auf 
Bergplateaus angelegt haben, und da sie eine intensive Kultur er- 
forderten, so erhielten sie allmählich Gartencharakter (D1"l? HTk^'), 
trotzdem sie von den Wohnungen entfernt waren ^". Waren sie 
nahe zu den Wohnungen, so hießen sie Gärten (n"l3:) und Parks 
(C^D""!?). Da standen wohl außer Nutzbäunnm auch Zierbäume 



Parks. 203 

{nn^l^ ^'^ nj/^'t-J). die einfache AValdbäume sein konnten ^'^. Zur 
Verschönerung der Städte wurden Wäldchen oder Haine (DID^N = 
al(70?) angelegt^'^. In Jerusalem stand von alters her ein Rosen- 
garten (ümi nj^i), der bezeichnenderweise auch Feigenbäume 
enthielt^^o. Wenn aber von „Gärten der Stadt" (-^-lyn D^::) ge- 
sprochen wird, oder davon, daß die Stadt von Gärten und Parks 
umgeben ist (^"'pPl), oder selbst wenn Stadt und Park zu einem 
Namen verbunden sind, wie z. B. in „Pardes von Bostra", so 
sind nicht Zier-, sondern Nutzgärten gemeint^^^ Dies erhellt 
schon daraus, daß zu dem Begriffe „Park" oft auch die Frucht- 
art tritt, die in ihm gezogen wird, z. B. in der Bezeichnung 
CjICI D"I"1D „Granatenpark" ^^^. In Babylonien war mehr das 
persische Wort hostan (]nDl-) gebräuchlich, wie übrigens auch 
Din^, TuapaSsKTO^ der Griechen, ursprünglich aus Persien stammt ^'^■^. 
Immer aber sind es Baumgärten, die von den Gemüsegärten 
(§ 173) zu unterscheiden sind. 

Es gab mitunter recht große Obstgärten. Manchmal war 
in den größeren Garten noch ein kleinerer geschoben ^^'^. Zur 
besseren Überwachung hielt man darin einen oder mehrere Hüter 
(^'t2^]i; vgl. S. 184), die auf Türmen (C^H:^) ihren Posten hatten ^^\ 
Sonst hüten der Eigentümer oder dessen erwachsene Kinder ^''*^. 
Ein Heer von Arbeitern war in den Gärten beschäftigt, denn 
schon das Entdorneu (S. 163) erforderte mehrere Arbeiter ^^'. 
Es wurden die Gärten auch an Pächter (§ 140) vermietet und 
als wertvolles Objekt auch als Hypothek gegeben ^^^. 

Was alles in einem Obstgarten war, veranschaulicht fol- 
gende Schilderung: In einem Park (D"'!?) hatte ein „König" je 
eine Allee von Feigenbäumen, von Weinstöcken, von Granat- 
und Apfelbäumen und übergab ihn einem Pächter. Eines Tages 
kam der König nachzusehen, was er wohl gearbeitet hätte, und 
fand den Park voller Dornen und Disteln. Da ließ er Holzfäller 
(CiJiJp 0. S. 202) kommen, um den Garten umzuhauen. Als 
er jedoch zwischen den Dornen eine liebliche Lilie (Pu'^'T^') 
bemerkte, nahm er sie, roch daran und beruhigte sich: Wegen 
dieser Lilie soll der ganze Park verschont werden ^^^. In einem 
andern Falle finden wir einen Apfelbaum (msp) im Parke, von 
dem man nebst der Frucht auch den Schatten wertschätzte ^^*^. 
Andere Gärten enthielten nur Feigenbäume ^^^ Summarisch wird 



204 Luxuspflanzen. 

oft gesagt^ daß in dem Obstgarten allerlei Bäume stünden, die 
allerlei köstliche Früchte (bh. und nh. CHIJD) gäben ^^^^ jjj ^^^j^ 
Lande des Opobalsamum (Bd. I, S. 234) wurden in den Gärten auch 
allerlei aromatische Pflanzen ('•pDI^CiS) gezogen, und zwar Seite 
an Seite mit jenen köstlichen Früchten, und da der Ausdruck 
nach Persien weist, so ist ein Gewürzbau für Babylonien um 
so eher anzunehmen, wie er auch tatsächlich in einigen Fällen 
erwähnt wird. AVir kennen in diesem Betracht den Anbau von 
p^ n"l^ (n'P^DnnD) und von Pfeffer (Bd. I, S. 118), für dessen Bewir- 
tung die Arbeiter am besten belohnt wurden ^^^. Liebhaber ließen 
in der ganzen Welt nach exotischen Pflanzen nachfragend^'*. Dar- 
auf wohl beruht die Annahme, daß die Fruchtbäume der ganzen 
Erde auf dem Wege von Setzlingen (w. u.) aus dem Paradies 
stammten. Ein mit Namen genannter palästinischer Rabbi Heß 
sich die ausländischen Pflanzen mitsamt ihren Erdballen {Z'^'i 
S. 175) holen und setzte sie zuliause ein^^**'^. Die gottgesegnete 
Euphratgegend wies Bäume auf, die dreißig Tage nach der 
Pflanzung schon Früchte trugen (nli'y), mehr zu verwundern, als 
wenn es von derselben Gegend heißt, daß Gemüse schon nach 
drei Tagen hervorsprießen ("I^V)^'-''*^. Das ging schon über die 
Verfolgung des Nutzens hinaus und war bloß Spielerei. So hören 
wir auch, daß Bäume ineinander verschlungen waren (Tir, p^-~), 
von andern ließ man die Zweige emporranken (ntJUC), wieder 
andere waren teils in Gefäßen (Topfpflanzen vgl. S. 176), teils 
auf der Dachterrasse (solar ia) untergebracht, lauter Zeichen einer 
bereits ausgearteten Gärtnerei, Avie sie von den Römern betrieben 
wurde ^^^. 

Einige Gärten werden namentlich erwähnt, so die Parks 
von Bostra (oben), von Sebaste, von Jericho, von Askalon, und 
wir dürfen sie eigentlich Zubehör einer jeden Stadt nennen ^^^. 
Gutes Obst gab es in Skythopolis. dem alten Beth-Se^an, und 
sehr gerühmt werden die Früchte am Genesarcthsee^^'. Außer- 
halb Palästinas rühmt man die Obstgärten von Beth-Gerem in 
der Provinz Arabia; zwischen den Strömen, d. i. in Mesopotamien, 
die von Dumask; in Babylonien die Früchte am rechten Ufer 
des Euphrats, mit denen nur die von Harpauja wetteiferten^^-. 
Überhaupt machte man die richtige Wahrnehmung, daß die Früchte 
je nacli den Landteilen ein verschiedenes Aroma besitzen '^®^. 



Baumfrevel. 205 

Außer dem Obstertrag gewährte der Garten den Nutzen 
der angenehmen Kühlung im Sommer, wie bezüglich des Apfel- 
baumes bemerkt wurde (vgl. Bd. I, S. 52, eine Spur von Fenster- 
gärten das. S. 43). Vornehme Leute hatten hier unter Laub- 
dach ihren Speisesaal (S. 50j, auch wohl ein Bad (vgl. das Bad 
der Susanna S. 214), wie denn überhaupt Springbrunnen den 
Garten belebten (w. unten). Der große Garten des Kalba 
Sabu^a war mit Gold ausgelegt ■^^^. 

Der Garten hatte, wenn auch nicht überall, einen Zaun (rc) 
oder eine Umfassungsmauer ("^":i vgl. S. 184). Fiel der Zaun 
oder die Mauer ein, so standen die Pflanzungen in Gefahr zer- 
treten (vgl. Jes. 5,5) oder gar abgehauen (y}ip vgl. S. 203) zu 
werden '^^^ Die Armen durften die Gärten bis zur zweiten 
Regenperiode betreten (S. 150)'*°"'^. Es stand übrigens jedermann 
frei, aufs Feld zu gehen und sich an Trauben, Feigen, Granaten 
und an anderem Obst satt zu essen '*^^: vgl. das Gesetz Dt. 23,25 f. 

Dagegen wurde das mutwillige Abhauen von Edelbaum- 
pflanzungen (PiIVujZ y^p)^ schon im Hammurabigesetz. in den 
Zwölftafeln Roms und auch im armenischen Gesetz strenge ver- 
boten, von den Juden für einen großen Frevel gehalten, so daß 
der Zuruf „Baumfrevler" {y'Ü'^p ]2 y^i'^p) ein großer Schimpf war*^"^. 
Für das Abhauen einer besonders edlen Dattelart (NIl^'p) mußte 
der Frevler, allerdings nach persischem Gesetz, mehr als den 
dreiunddreißigfachen Wert bezahlen, und als er an das jüdische 
Gesetz appellierte, verurteilte man ihn zu dem sechzigfachen 
Wertlos j)as Abhauen pflegte mit der Hacke (Cn"!p S. 175; 
oder mit der Axt (n:;~!3) ausgeführt zu werden ■^'^^. Am Wein- 
stock kann die Beschädigung darin bestehen, daß teils die Ranken 
abgepflückt (=^wSp). teils die Spitzen abgeschnitten (z:t), teils auch 
der Weinstock selbst entwurzelt (^[p.V) wird. Bei andern Bäumen 
entsteht die Beschädigung durch Abschneiden ("l":;) und Ab- 
stumpfen (C"2, CT:i). Auch die völlige Vernichtung durch 
römische Legionen, die die Bäume aushauen (y"!l), vermelden 
unsere Quellen, gewiß mit gutem Grunde ■^°'. Wenn das nährende 
Wasser freventlich abgeleitet wurde (l^ü). mußten die Pflanzen 
vertrocknen {^'Z\ 2"^")'*°'*. Nicht des blinden Zerstörens wegen, 
sondern aus Raubsucht eigneten sich niedrige Individuen Baum- 
zweige an; sie hießen „Baumschlitzer" (r,'i:/\X ':C2^) und „Dorn- 



206 Fruchtbäume. 

busclisteclier" ("»m ^Dp^?:^), letzteres dann von Übel, wenn die 
Dornsträucher die Einfriedigung von Saatfeldern gebildet hatten 
(vgl. S. 184). Planmäßig können jedoch beide Tätigkeiten (w. 
unten) von Nutzen sein^^^. 

176. Fruchtbäume. Der fruchttragende Baum bedarf 
ebenso der Pflege (]'P''^<^ mi-V vgl. S. 161) wie das Ackerland'*'^^. 
Er gedeiht besser auf einem gedüngten und berieselten Felde ^^"^-^ 
auch Humus (*)Dy S. 158) wird dem Baumfelde zugeführt, besonders 
dann, wenn infolge der Entkräftung des Bodens (S. 182) das 
Baumfeld zur „Ruine" (n2"lin), das ist zur Wüste geworden, 
weshalb denn der Humus im Wirtschaftshofe stets bereit gehalten 
wurde^^^ Das Entdornen keonen wir bereits *^2, wie auch das 
Entfernen von herumliegenden Steinen ("PpD vgl. S. 163 u. 203)'^^^ 
Die Bewässerung besorgt ein Radbrunnen f:?:*;: Bd. I, S. 81) oder 
eine Quelle (TS} = tt'/jY'')? ^^^- '{'^V^ S. 164), deren Wasser in schmalen 
Rinnen von Baum zu Baum geleitet wurde, und es konnte sich 
am Fuße des Stammes auch eine kleine Grube, ein Gießrand, 
(riÜ^V w. unten) belinden, in denen sich das Wasser besser hielt^*"^. 
Besonders wichtig waren dieselben Gruben (p"^"!!, aram. 'Z^Z 
genannt) an den Wurzeln der Oliven und der Weinstöcke, die 
naturgemäß nur noch intensiver^' Kultur erheischten. Die Gruben 
hielten sich nur ein Jahr lang und mußten im nächsten Jahre 
neu aufgeworfen Averden. Hauptsächlich nach diesen Gruben- 
arbeiten sprach man von „bearbeiteten" Weinbergen (C^HIZy CC"!!), 
und die auf solche Weise zweimal im Jahre bearbeiteten Wein- 
berge lieferten einen vorzüglichen Wein^^"^^. Nebst der Wurzel- 
berieselung übte man die Asteberieselung, besonders bei jungen 
Pflanzen, indem man das Wasser von oben her goß"^^*. Man 
hatte dazu eine Spritzkanne (X':?!'^)^^^. Ferner war ein Behauen 
(my S. 175) nötig. Ein Lehrsatz lautet: Man berieselt unter- 
schiedlos das ganze Feld, aber behauen wird man nur die lebens- 
tüchtige Pflanze"^' ^ Jäten war im Weinberg nötig (S. 185). 

Die Bäume wurden nach verschiedenen Methoden gezogen. 
1. Durch Samen (;':5\N ""Vli), besonders beim Weinstock, der sich 
vielmals durch den Traubenkern (bh. und nh. pTi) vermehrt*^^ 
Der Keimling oder Sämling mußte nachher gepfropft werden (w. 
unten). 2. Durch Ableger oder Absenker (prop<uiines^ TiZ''":!, 
Z'hrc^, auch C^b\n::', vgl. bh. ■••':?^nI:•)*^^ die gebogen platt auf die 



Setzlinge. 207 

Erde gelegt werden (T'l^n)'^^'^, um sie nachher, wenn sie Wurzel 
gefaßt haben, auszureißen (ipV) und zu verpflanzen (pikieren, 
VIOj, H^lO:, vgl. S. 139)*^^^ Die Setzlinge von edlen Gattungen 
wurden, wie andere Aufmerksamkeiten, an befreundete Landwirte 
verschenkt, auf dem Markte verkauft und auch ins Ausland gesandt 
oder vom Ausland geholt, wie bereits berichtet wurde '^^^. Die 
fremdländischen Gewächse wurden mitsamt ihrem Erdballen (ID^U 
S. 204) emgesetzt (aram. ^iJJ)'*^'^. Die Versetzung konnte einst- 
weilen in Baumschulen (ebenfalls mVlCj) geschehen, die übrigens 
auch bei der Fortpflanzung durch Samen angelegt werden konn- 
ten *^'^. Auf diese Baumschulen wohl bezieht sich der oft erwähnte 
Frevel des Abhauens (yi^p S. 205). Auch der Eigentümer selbst 
durfte Baumschulen nicht abhauen ; man begründete dies, wenigstens 
was den Olbau anlangt, mit der notwendigen Rücksicht auf die 
Kultur (D^l:"' S. 201) Palästinas ^^^ Da die Versetzung gewisse 
Kenntnisse erforderte, so befaßte sich damit berufsmäßig der. 
Verpflanzer (N^pn^i*)"*-^. Allzu dicht sollten die Bäume nicht ver- 
setzt werden, denn nicht nur würden die Wurzeln (CL^■^L^') des 
einen vo^ den Wurzeln des andern „leben" (uTC HI CTi), d. h. 
einander die Nahrung entziehen, sondern es würde bei einem 
Windbruch (IJ^) der Fall des einen auch den Bruch des andern 
herbeiführen"^^^. Der normale Zwischenraum betrug soviel, daß 
ein Rind mit dem Pfluge durchschreiten konnte. Diese Ansetzung 
erklärt sich daraus, daß zwischen den Baumreihen sich kleine 
Saatstellen befanden (S. 177), die natürlich gepflügt werden muß- 
ten"^^^. Die Bäume standen übrigens nicht nur in Reihen (mmii'j, 
sondern auch durcheinander (~in^o)^-^. Die Art der Gruppierung 
war durchaus Ortsgebrauch; in manchen Orten pflanzte man 
Vierer-, in andern Fünfer-, Sechser- und Siebenerreihen. Die 
ungrade Gruppierung hat wohl den in der Gärtnerei bekannten 
Sinn des „Verbandes", d. h. die Bäume einer jeden Reihe stehen 
vor der Mitte der Zwischenräume der Nachbarreihen '^^'^. Mehr 
der Einfassung als der Bepflanzung eines Feldes kommt gleich, 
wenn ein Feld von einem se^ah Erträgnis (S. 175) im ganzen nur 
zehn Bäume (m^V V^^) aufwies, in den Quellen übrigens nur 
als Maximum der seichten Bebauung erwähnf^^^. Die Reihen 
konnten durch ihren Wuchs ein Spalier bilden und noch dazu 
mit Girlanden (n"l[oy) überzogen sein, so z. B., wenn von Baum 



208 Baumpflanzung. 

zu Baum eine Rebe gespannt war (n"1lC* nno). Ein kleiner 
Garten konnte ganz und gar von einer Weinlaube (D''"iy w. u.) 
umgeben sein (^plD)^^-. Wie lange die Setzlinge den Charakter 
einer jungen Pflanzung (nytOJ) haben, war unter den Lehrern 
kontrovers; der eine nennt vier, der andere sieben Jahre, was 
leicht auszugleichen ist, da der kleinere Zeitraum auf schnell 
wachsende Bäume, wie Weinstock und Feige, der Zeitraum von 
sieben Jahren speziell auf den Ölbaum geht, von dem es bekannt 
ist, daß er erst spät einen Ertrag gibt. Mit der Bemerkung, den 
Zeitraum ergebe der Begriff „Pflanzung" (Pi^'^r PIVuCj), verweist 
ein dritter Lehrer mit Recht auf den landwirtschaftlichen Sprach- 
gebrauch, der in solchen Fällen allein maßgebend sein kann. 
Für die Feige existiert außerdem eine andere Art Zeitbestimmung, 
nämlich die, daß sie aufhört „Pflanzung" zu sein, wenn sie soweit 
erstarkt ist, daß sie den Pflug aufhält (2rV, vgl. S. IQSy^K — 

3. Durch Ausreißer {avidsio)^ wenn man z. B. den Feigen- 
schoß (IIm'') versetzt^^^ Daß man auf solche Weise Feigen und 
Weinstöcke verpflanzt, wissen wir auch aus Plinius (17,13). 

4. Beim Weinstock fand ein spezielles Pfropfen statt, indem das 
Pfropfreis gar nicht abgeschnitten wurde, sondern, lang wie es 
war, zum andern Weinstock geleitet und dort eingesetzt wurde 
(CJD:!?! pi^D)-, der so gepfropfte Weinstock konnte von anderer 
Seite wieder gepfropft werden. 5. Durch Sprößlinge (p^^'T") 
entweder der Wurzeln (a radicc) oder des Stammes (VUj, was 
man ein Selbstsprießen (=]''':?nM, 'l'''P}<D n':'V) nannte-, das Auf- 
sprießen aus den Wurzeln kann auf dem ganzen Raum, den 
der Baum mit seiner Krone beschattet, und noch darüber hin- 
aus, erfolgen; die Quellen nennen diesen Raum „den Umfang 
des Feigenpflückers und seines Korbes" (l'PDI nniNPl N'lJC)'*^^. 

Nicht alle Setzlinge entwickelten sich zu Fruchtbäumen, 
manche Stücke blieben leer (mvNIlZ)^^^. Auf das Veredeln durch 
Pfropfen {insitio ZT^P,, nznn, rci"??:) verstand mau sich sehr 
gut, nur mußten die Juden infolge des Zweisamengesetzes 
(Lev. 19,19) acht darauf haben, nicht Heterogenes zu verbinden. 
Das Pfropfreis (calamns ZZ"^, bei der Feige ~Tin'' oder ZlnD) wurde 
in den Spalt (ni^lE^i:') des zu veredelnden eingeschnittenen ("inn) 
Baumes eingesteckt (V'^Z) und die Schnittstelle mit einer Masse 
von feuchter Myrte, mit einem Absud von Lorbeerblatt und 



Pfropfen. 209 

Gerstenmehlj das weniger als 40 Tage alt war^ verschmiertj 
nachdem sie vorher verkocht (rT'Pnn) worden waren, und in drei 
Tagen erfolgte das Verwachsen {l2^p, H'^^'^p). Ohne dieses Ver- 
schmieren hätte das Reis sofort vertrocknen ("»INlk) und absterben 
müssen. Man führte das Eeis nicht zwischen die aufgeritzte 
(ItOL^') Rinde und das Holz ein, was wohl bei der Feige üblich 
war und ,. einhängen'' (H/n) hieß, sondern setzte es iNIL^') geraden 
Weges in das Mark (d'P, mc) ein, aus welcher Methode neben- 
bei folgt, daß es nur ein Reis Avar, denn das Mark kann nicht 
mehr fassen. In beiden Fällen wurde das Reis mit dem Stamm 
mittels Weidenruten oder Bast verbunden ("1"11J). Es kommt 
Veredlung der Olive, des Weinstocks, des Johannisbrotbaumes 
und der Birne vor. Das von Plinius (17,12) hervorgehobene 
Wunder der Natur, daß gleich wilden Tieren auch Avilde Bäume 
unter der Hand der Menschen zalim werden, war den Juden 
nicht unbekannt, denn auch sie berichten, allerdings von einem 
Heiden, er habe einen Edelbaum ("pr^C yV) auf einen Wildbaum 
(pHD yV vgl. S. 201) gepfropft. Insbesondere erhält man durch 
das Pfropfen von Olivenzweigen auf wilde Bäume auch von 
diesen eßbare Früchte (Römer 11, 17 — 24:). Durch jenes Ver- 
schmieren Avurden übrigens auch halb abgerissene Zweige 
wieder mit dem Stamm vereinigt. Riß der Stamm selbst entzwei 
(m'^Dj), verband man ihn ("lii'p) wahrscheinlich mit Binsen, da- 
mit der Riß nicht Aveiter gehe, vielmehr heile (u'py); doch Avurde 
ein solcher Baum auch umgehauen. Wenn die Rinde einer Feige 
abgeschält Avurde (^^p), verschmierte man fnliC) die Wunde mit 
Ton. Heute ist das Pfropfen in Palästina nicht in Brauch, son- 
dern das Okulieren, Avorüber Avieder aus dem Talnmd nichts 
verlautet '^^''. 

Das Kaprifizieren i'Ü^), das ist künstliche Befruchtung ein- 
geschlechtiger Blüten, kommt bei der Feige vor; die kaprifizierte 
Frucht hieß n''id Bei der Dattel Avurde die Datteltraube (iN^Dir, 
rih. pl. nV^DD) des männlichen Baumes (kSlin) in die Blüten- 
scheide (iN^nn?^) des Aveiblichen Baumes (N*n-pi:i) eingeführt 
(n:i?2)^^^. In der Palmenstadt Jericho (S. 156) ließ man sichs 
nicht nehmen, die Dattelpalme AA^ährend der ganzen Dauer des 
14. Tages in Nisan, knapp vor dem Feiertage, zu befruchten, 
gewiß darum, Aveil der Baum im Frühjahr am saftigsten AA^ar und 

Krauß, Talm. Arch. H. 14 



210 Baumteile. 

durch die folgende Festwoche nicht trocken werden sollte. Der 
edle Schlag der Jerichopalme wird veranschaulicht in einer Er- 
zählung, nach der eine Palme in Amathus so lange keine Früchte 
trug, bis sie von einer Jerichopalme befruchtet wurde. Dagegen 
benötigten die babylonischen Palmen keine Befruchtung^^^^. 

Wir lassen hier eine kurze botanische Schilderung eines- 
Baumes folgen, um die üblichen Bezeichnungen kennen zu 
lernen. 1. "^|Ty Wurzel. 2. y*: Stamm (der Weinstock aram.. 
NDip § 182). wXili:; Stamm, Stumpf, Zweig. Die Rinde (':?l^• ]nn 
^p^) des jungen Baumes ist sehr grün. 3. =]1j Zweig. Ein Ge- 
flecht von Zweigen ()/''^? "»"iZi")) dient den Vögeln zum Nisten. 
Am Weinstocke hat man Schösse (mp^V), Spitzen (auch bei 
anderen Bäumen m1^*?), zarte Ranken (ni'7pip:> = m:plJp, auch 
p:"lT Ranken der Trauben); Reis (n*jD1:"i J^l^'Z^r). Myrtenreis vgl. 
S. 38. Ein Zweig des Ölbaums heißt iT^n: (w. u.). DVin 
Zweig der Palme und ähnlicher Bäume (gr. |''''N2 = ßaVov). "IIm"" 
Feigenschoß; auch ^n""!": Auswuchs. Der biblische ^ezöb (21TJ< 
Origanum Bd.I, S. 118) hat folgende Teile: n^p Stengel (vgl. S. 183), 
CDTl^ Stümpfe (d. i. was am Stengel sitzen bleibt, wenn die 
Köpfchen mit der Zeit abbröckeln); die Köpfchen heißen je 
nach dem Stadium n^pj"!"» oder rii"^cn; 4. }'''?1V2: Blütenköpfchen, 

5. yj Blumenkrone. Letzteres, die Blumenkrone, auch bei ver- 
schiedenen andern Pflanzen, z. B. bei der Gurke, dem Granat- 
apfel, der Olive, dem Apfelbaum („Der Apfelbaum bringt seine 
Blüte vor seinen Blättern hervor"). Der Blütenstand der 
Palme heißt Pl-iJCr, des Weinstockes -n?:D (n\n:i\X -= o^vocvSt,). 

6. *-N (gewöhnlich mit Suffixen, z. B. [""»ZJ^Z) Blütenknospe. 

7. Blätter (Ct';/') bei den verschiedensten Bäumen (vgl. o. beim 
Apfelbaum), auch bei Getreide und Gemüse. Die Namen 
der Früchte, der Kerne, des Harzes usw. behandeln wir ge- 
legentlich "^^^''. 

Die Bäume erhielten mannigfache Pflege. Durch allzu 
dichtes Wachsen würden sich die Stämme in der gegenseitigen 
Entwicklung hemmen, und so wurde besonders bei Ölbaum 
und Weinstock ein Lichten (p'''^nn vgl. bei Gemüse S. 199) 
vorgenommen, wobei mindestens drei nebeneinander stehende 
Stämme oder Stöcke entfernt Avurden; weniger radikal war das 
Vermindern (/*?"), wobei nur zerstreut stehende, ein oder zwei 



Baumpflege. 211 

Stämme oder Stöcke entfernt wurden. Entfernt wurden sie ent- 
weder durch Umhauen des Baumes (Cü^) oder durch Ausgraben 
mitsamt der Wurzel (t^ni^*)^^'^. Auch wurde der Baum gestutzt 
(HDIJ*); um ihn von überflüssigen Zweigen zu befreien '^^^. Das 
Abschneiden einzelner Zweige war, nach der Verschiedenheit 
der Ausdrücke zu urteilen ("l"!!, C]:i, t^DD, y^p, ^LDp, nno), in der 
Art der Ausführung (mittels Schere, Säge oder Hacke) wie auch 
in bezug auf die Baumarten sehr ungleich; beim Weinstock 
heißt dieselbe wichtige Tätigkeit "l^T"^^^. Dürre Zweige wurden 
abgebrochen (CD^p)'*"^'^. Die beschnittenen Stellen wurden mit Ol 
bestrichen (11D), mit Erde (isy) bedeckt (nSH vgl. o. m^), zur Not 
auch mit Steinen und Stroh geschützt"^"*^. Schmarotzer (n^12'') 
wurden von dem Stamm sorgfältig entfernt ('l''2yn, '^t?1)*'^'^- Dürre 
Blätter wurden abgeschüttelt {^^^V^ "~^\ p'^-)? überflüssige, die etwa 
die Frucht verdeckt und die schädliche Regentraufe herbeigeführt 
hätten, abgeschnitten (pt'V^ C*:;)'^'^''. Es werden nämlich an dem 
Baume eine Menge Arbeiten verrichtet, um der Frucht die Reife 
(t^Tlzn) zu sichern ■^^^. Bei der Olive pflegt es vorzukommen, 
daß sie wie auf Wurzelfüßen dasteht, da sich auf dem felsigen 
Boden die dünne Erdschicht leicht von ihren Wurzeln löst. Sie 
werden deshalb mit Erde bedeckt (pIlN), die Risse (cypH, ""^^E:) 
in der Erde gefüllt (^br2) oder verstopft (CHD)"^^'. Ist das bei 
alten Stämmen notwendig, so erfordern die jungen Pflanzen 
(niy''LDJ 0.) nur noch größere Pflege. Vor dem Einnisten des 
Ungeziefers, daß besonders für die Olive gefährlich war, schützte 
man sie durch Bestreichen (CHT) mit ranzigem Ol (w. u.), was 
nicht nur den Bestand (aram. inf. ''^pIN) des Baumes, sondern 
auch sein Erstarken ("'"'112) sichern sollte'*'*^. Man suchte übrigens 
die Raupen auch durch ein Beräuchern (|^"y) des Baumes oder 
direkt mit der Hand zu töten (Vv'ri)'*'^^^. Sodann wurden sie vor 
Sonnenglut und nächtlicher Kälte mit geeigneten Stoffen, etwa 
mit Stroh und Bast umwickelt (T^r) und bekamen gegen den 
Wind ein Schutzgehäuse (D'^z)'^^^. Von Zeit zu Zeit wurden sie 
gestutzt (CLrp vgl. 0.)"^^°. Drohte der alte Baum abzubrechen, 
oder sollte er vor Beschädigung geschützt werden, Avurden Steine 
um seinen Stamm gelegt {jl^'C, NHii*)? ^i® ™^^ ^^ heute z. B. bei 
dem traditionellen Jesajabaum bei Jerusalem sieht^^^ Das Be- 
laden mit Steinen wird aber im Talmud anders erklärt: bis 

14* 



212 Gartenbesuch. 

soll Entfettung herbeigeführt werden, denn durch übermäßige 
Fette fielen die Früchte ab'^^^ Gegen Obstfall hatten übrigens 
sowohl Juden als Römer die Vorkehrung, die Bäume mit roter 
Farbe {rubrica, i»s"lp''D) zu bestreichen (~lpD). Dieses sicherlich 
abergläubische Vorgehen legt der Tahnud dahin aus, daß die 
Leute die Farbe sehen und für den kranken Baum beten '^^^. 
Dasselbe soll erreicht werden^ wenn man dem die Frucht ab- 
schüttelnden Dattelbaume den Blütenknäuel (nDZ;!!) anhäugt^^^. 
Bei allgemein schlechtem Stande der Obstbäume wurden öffent- 
liche Bittgänge veranstaltet'^^^ Der unfruchtbare Baum wurde 
behauen und mit Dünger reichlich versehen (vgl. Luk. 13,8)"^°^. 
Die Arbeiten des Obstgartens versieht zumeist der Land- 
wirt selbst, doch hält er auch Tagelöhner (S. 102) dazu, und 
namentlich die Fruchtlese geht besser durch fremde Arbeiter 
vonstatten. Die Gärten befinden sich auch oft in der Hand 
von Unternehmern. Immer aber muß der Landwirt fleißig nach- 
sehen, wenn er sein Interesse wahren will, und selbst den von 
ihm eingesetzten Wächter (S. 203) muß er überwachen^'''. In 
seinen Rundgängen, zuweilen auch zweimal des Tags, bemerkt 
er sowohl Schäden"*^^ als erfreuliches Gedeihen ■^"^'^. Gern ent- 
deckt oder ließ er sich zeigen die frühreifen (ni^^riSZ) Stücke 
der Feige, der Granate, der Olive und des Weinstockes, die er 
mit irgend einem Band (nri''IJ72, lTIm), am besten mit einem 
Binsenfaden (Vr:i S. 201), bezeichnet oder in die er einen Span 
(GD''p) steckt (inn), weil er sie besonders in Rechnung hält, 
teils um sie auf die eigene Tafel oder auf die eines von ihm 
zu beschenkenden vornehmen Mannes zu bringen — so ehrte 
auch der Pächter den Gutsherrn mit Überreichung der früh- 
reifen Frucht — teils auch, um sie auf den Markt zu werfen-*^". 
Am Baume hängende Früchte gab es eigentlich durchs ganze 
Jahr, so daß wegen gewisser religionsgesetzlicher Bestimmungen 
die Zeitgrenze angegeben werden mußte, wann man es mit alter 
und wann man es mit neuer Frucht zu tun habe. Als solche 
Grenze galt der 15. Sebat (Februar). Namentlich für die Feige, 
die in einem Jahre zwei Triebe (niZ''"lZ, N1^'^" S. 167) hatte, 
galt der Satz, daß die bis zum 15. Sebat bis zu einer gewissen 
Reife (t^Jn w. u.) gediehenen Früchte dem Vorjahre, die nachlier 
heranreifenden Früchte dem neuen Jahre angehören. Olive, 



Fruchtreifö. 213 

Dattel und Johannisbrotbaum trieben nur einmal aus, dennoch 
aber zeigten sie bereits vor jenem Datum heranreifende Früchte^^^ 
Von der Feige, die in vielen Fällen in unsern Quellen 
„der Baum" schlechthin ist, berichtet ein erfahrener Landwirt^^-, 
daß je 50 Tage, zusammen dreimal 50 Tage, vergehen von 
dem Ausschlagen der Blätter (p^pyri rivSiiin)'^^^ bis zum Er- 
scheinen der Fruchtknoten (p?), von da an bis sich Ab- 
fallendes (nitaj) einstellt und von da an bis zu den wirklichen 
Feigen (c^:^^-l)^^2. Der Prozeß des Eeifens (132, l^^H, IJC) ist 
nicht nur bei den einzelnen Baumgattungen, sondern auch inner- 
halb derselben bei den einzelnen Spielarten verschieden^^^. Die 
landwirtschaftliche Erfahrung hat für jede Fruchtsorte ein andres 
Kennzeichen der Reife und demgemäß auch die Sprache andere 
Bezeichnungen, die uns heute nicht mehr verständlich sind. An 
Stadien der Keife werden erwähnt 1. bei der Feige: HJD (s. oben), 
nmn schimmern, ^7)2 CPTIin o.) = m^^m hervorbrechen = sich ent- 
wickeln (daher "^mz die reifende Frucht), t'??;** die entfaltete 
Frucht; 2. beim Sumak (:iNj und der Maulbeere (nip,): die Zeit, 
wenn sie rot werden (ClNPl), was auch für sämtliche rotfarbigen 
Früchte (C^Q1"IX) gilt; 3. beim Granatapfel das Erweichen {DDt2, 
die Ableitung dieses Wortes von gr. yi^.iG6 „zur Hälfte" ist nur 
aggadisch); 4. bei Datteln der Zeitpunkt, wenn sie Spalten 
werfen wie der Teig (1^Nl^' ^^tCH); 5. bei Pfirsichen (ppDlCN 
= 7üsp(jiX(x), wenn sie Adern (p"^:!) bringen, d. i. rötliche Adern 
hervorschimmern lassen; 6. Nüsse zeigen die Reife, wenn sie 
ihr „Häuschen" (n"]l3?2) erhalten, das ist entweder, daß sie ihre 
Kerben zeigen oder daß sich das Steinhaus von der grünen 
Hülle trennt; ein andres Kennzeichen ist, und dies für Nüsse 
und Mandeln in gleicher Weise, daß ihre innere Haut (n2"'t'p) 
ausgebildet ist; 7. beim Johannisbrot (-lln) beginnt die Reife, 
wenn es sich fleckt (T'pjn), d. h. wenn die ursprünglich grüne 
Schote bereits dunkle Flecken aufweist, bis sie gänzlich schwarz 
wh'd, und dasselbe Kennzeichen gilt für sämtliche schwarzfarbigen 
Früchte (CllnC); S. Birnen, Cnistunmmm pir um, Mispel (|''L^''1p) 
und jH'^iiy, die anfangs mit Härchen überzogen sind, verraten 
die beginnende Reife, wenn sie kahl werden ("''"Ipri), und das- 
selbe gilt für alle weißfarbigen Früchte (C^Zl'P); dieselbe Er- 
scheinung der Enthaarung (ür^B) zeigt die Reife von Gurken, 



214 ' Fruchtlese. 

Kürbissen und Melonen an, woraus dann auch auf die Zeit der 
Reife von Oliven und Trauben geschlossen werden kann 5 9. bei 
Oliven wird ein Viertel und ein Drittel und ein zwischen beiden 
liegendes Stadium der Reife angegeben; Omphaziumöl z. B. wird 
aus noch nicht bis zum Drittel der Reife gediehenen Oliven be- 
reitet; 10. bei Trauben spricht man von dem Erkennbarwerden 
der Frucht (n^H yilVL^'^o), doch ist das früheste eßbare Stadium, 
wenn die harten Herlinge (bh. und nh. 1D^2) Saft {C^ü) be- 
kommen; in einem späteren Zeitpunkt (:i'''N2n) haben sie bereits 
säuerlichen Geschmack. Angereiht mag werden, daß man auch 
das Reifen (p^n, ^H) von gewissen Spezereien (Dl'N, n''3"j1p Bd. I, 
S. 118) aufmerksam verfolgt hat; beim Getreide sprach man 
ebenfalls vom Drittel der Reife (S. 182), bei Grasarten (z. B. jn^Tl 
S. 131) vom bloßen Wachsen (nDii)'*^'^. Was man reife Frucht 
("n?3:i, mnvoa) nannte, mußte in Wirklichkeit ganz reif sein 

Auf die Weizenernte folgte die Weinlese (T'liD), auf die 
Weinlese die Olivenernte (p''C^)"^^^. Das Einsammeln der übrigen 
Früchte hatte keine bestimmte Zeit und erfolgte gewiß juir 
gelegentlich, und zwar von Pfingsten an, in der sogenannten 
„Baumperiode" (p''^ plB S. 161). Nur von dem Einsammeln 
der Feigen wird oft gesprochen, und auch diese Verrichtung, 
wie Wein- und Öllese, war mit einem besondern Namen (mit 
ni^< = Pflücken) belegt, wenn auch mitunter andres Obst als 
„gepflückt" bezeichnet wird"*^'. Das Einsammeln der Datteln 
hieß „verwahren" ("1"i:i) '**^''*. Die Früchte wurden ferner ab- 
geschlagen (r]top, L:2n, ?]p:) und abgcrüttelt ("V"^, ITIm)-*^^. Auf- 
bewahrung s. S. 193 f., Obstverwertung s. § 188. 



D. Ol- 1111(1 Weinbau. 

177. 01b au. „Die Dattelpalme und der Ölbaum sind die 
Hauptrepräsentanten der alten Flora des h. Landes"''^^. Ihre 
Wichtigkeit im jüdischen Leben drückt sich auch darin aus, 
daß eben Dattel (nDPID) und Olive (n""!) in Fragen des religiösen 
Lebens am häufigsten die Maßeinheit abgeben, wonach Maß- 
bestimmungen getroffen werden, daneben allenfalls auch die ge- 



Ölbau. 215 

trocknete Feige, der Granatapfel, die Walnuß. Linsen und 
Graupen, die aber gegen jene sämtlich zurücktreten'^''^. Beim 
festlichen Zuge, der die Erstlinge nach Jerusalem brachte, wurde 
das Opfertier mit Olivenlaub (Pi"'' y\L' TDl^V) bekränzf^'^ Das 
Olivenblatt ist auch Zeichen des Friedens '^"^. Es fällt Sommer 
und Winter nicht ab ("lIJ'j)'^^^ und bleibt wohl immer grün. Syrien 
ist die Heimat der Olive, deren Stamm hier stärker und älter, 
deren Laub voller und dunkler wird als in andern Ländern'^''*. 

Der Ölbaum war zwar in ganz Palästina zu Hause, aber 
der beste Schlag stand in Galiläa, und hier besonders in den 
Orten Netofa, Sifkhon und Besau (Skythopolis), doch zog man 
auch in Peräa gutes Ol, wohin auch die an Ol reichen Orte 
Regeb und Gischala gehören. Als „Alfa" des 01s wurde das 
z\i Tekö^a in Galiläa bezeichnet'^''^. Aber auch bei Jerusalem 
künden „Olberg" und „Gethsemane" reichen Olbau, und so gibt 
es auch andre Punkte im Lande, deren Namen von dem Ölbau 
genommen sind"^'*". Einigen Ölbau wies auch Babylonien auf*^^'. 
doch wurde hier die Dattel mehr kultiviert '^'^. Im Gefolge der 
kriegerischen Ereignisse unter Hadrian wurde die Ölkultur des 
ganzen Landes Palästina verwüstet, ein furchtbarer Schlag, von 
dem sich jedoch das gesegnete Land bald erholte '^^^. 

Ein normaler Ölbaum trug V'^ Mh Öl (etwa 1 l). Dieser 
Ertrag verlieh ihm den Chai'akter des Edelbaumes (zyc p^^)^ von 
dem das Gesetz bestimmte, daß ei" nicht umgehauen (]^*li*p S. 205) 
werden dürfe"^^^. Doch wechselte der Ertrag sehr nach den 
einzelnen Bäumen '^'^^ Es gab nämlich sehr viele Spielarten. 
Schon die oben genannten Standorte bezeichnen ebenso viele 
Ölsorten. Wir kennen zudem eine Art feuchter Oliven (p"*"!!:), 
ferner zwei Arten m:iN und "»Dnzx, die vielleicht nur zu Unrecht 
identifiziert werden und die nach Orten benannt zu sein scheinen, 
und endlich kennt man auch ausländische Oliven"*^-. 

, 178. Die Olive. Der Ölbaum (nv, Nn""', Olea europaea L.) 
liebt felsigen Boden auf sonnigen Bergabhängen, doch steht er 
auch auf niedriger gelegenen Orten, an denen er zwar ebenfalls 
gedeiht, aber der Gefahr ausgesetzt ist, von ausgetretenen Flüssen 
fortgerissen {^12Z' vgl. S. 158) zu werden'^^^. Er bedeckt ganze 
Strecken (rT"* PmLJ' S. 202), doch muß er sich zuweilen mit dem 
Band der Getreidefelder begnügen, wo er in Reihen steht. Um- 



216 Ölbaum. 

gekehrt kann auch das Getreide zwischen den Öh-eihen ein- 
gebettet sein (vgl. S. 207)-*^^. Zu empfehlen ist das nicht, denn 
solche an ihrer Nahrung verkürzte Oliven liefern nur minder- 
wertiges ÖV^^. 

Außer „Pflanzung" (nV^l^: S. 207) heißen die jungen Öl- 
setzlinge auch „Stöcke" (pLClL^Z'^:')^^^. Sie erhalten all die oben 
angegebenen Schutzarbeiten. Ihr Wachstum wurde von der 
Blüte (aram. N''li3) bis zur Zeit, da die Olive zum Abschlagen 
reif wird (N^Zm vgl. unten), aufmerksam verfolgt '*^^*. Solange 
der Ölbaum fruchttragend ist, darf er nicht umgehauen werden 
(o.), wohl aber wird er zur Hebung seiner Tragfähigkeit in einer 
über das Beschneiden und Stutzen andrer Bäume hinausgehenden 
Weise bis auf den Stamm abgeschnitten (nVZ V''p2ri)"^^^ und erst 
wenn er alt geworden {]p'), ganz gefällt"*^^. Zur Feuerung und 
zu Geräten scheint das Olivenholz nicht sonderlich verwendet 
worden zu sein, was daran liegen mag, daß man Holz und Blätter 
für bitter hielt; wurde der Ast (n''?'i~!:i) zu Gefäßen verschnitten, 
mußte er früher ausgekocht (p^C) werden, damit seine Bitterkeit 
die zur Aufbewahrung hineingegebenen Dinge, etwa Speisen, 
nicht anstecke"*^^. 

Die Frucht kommt in neun IMonatcn zur Keife und wird 
vor der zweiten Regenperiode (S. 150) eingesammelt, denn die 
noch ausstehenden Niederschläge würden der Qualität des Öls 
schaden ^^^. Es begann nun in dem landwirtschaftlichen Kalender 
ein besonderer Zeitabschnitt, den man einfach .,01iven" (C^n^TD) 
nannte"^'^'; doch hieß derselbe Zeitabschnitt auch ..01ivenlese"\ 
für die man nach der hauptsäclilichsten Art des Einsammelns 
das besondere Wort mäsiJc ip^Cü vgl. 8. 214) hatte. Dieses 
Wort kommt von pDü ^- abstreifen, ein Ausdruck, der sich nur 
auf das Einbringen der Olive beschränkte^-. Man erstieg auf 
Leitern die Krone des Baumes und streifte die Beeren sanft 
vom Baume herab. Rascher mußte die Arbeit gehen, wenn man 
mittels einer Stange (nZmC), die vielleicht nur ein leichter Rohrstiel 
war, die Beeren vom Erdboden aus abklopfte (^^pj)^^^. Die ab- 
geklopften Oliven i^^pj \TT) waren minder gut zur Ölbereitung"**'*. 
Das Abschlagen (uZri) mußte wohl die Ölbereitung nur noch 
mehr beeinträchtigen'''''. Zuweilen wurden die l^eeren auch 
einzeln mit der Hand ..gelesen" (uTp*^)"*'-^^, doch mußte dies ein 



Oliven. 217 

langwieriges und darum selten befolgtes Verfahren sein. Die 
abgeschlagenen Oliven wurden zunächst zu einem Haufen ("1121^) 
aufgeschichtet und in Botten (HDlp) und Körben ("70), den be- 
kannten landwirtschaftlichen Geräten, zur Kelter getragen "^^^ 

Man unterscheidet Öl- und Speiseoliven {]12\1' Tl"'* und 
n'l^TN M""'). Zum Essen nimmt man die j^DD'!':'p (= y^oluik^occ, 
colynihas) genannte Art, die sich durch Größe und hartes Fleisch 
auszeichnet '^^^. Außerdem spricht man von einzelnen gut oder 
schlecht geratenen Stücken. Es gibt welche, die sich leicht 
vom Kern (py"i:i) lösen (cn'Pm CP'»!) ■^^^. Andre schrumpfen 
und trocknen zusammen und heißen verächtlich .,die Beere" 
(n:i"!:i) ^^^ ; wieder andre, die vorzeitig verhärtet waren, hießen 
„ausgeartete Oliven" (CTT"! ^^"'"ID)^^^; zur Olbereitung waren sie 
beide nicht gut tauglich. Die Oliven verzehrte man entweder 
frisch oder eingelegt (vgl. Bd. I, S. 114) oder auch getrocknet 
(s. § 188)*, es kam auch vor, daß man sie gekocht {p^^"^) aß'^"^ 

179. Die Ölpresse. Es mag eine Zeit gegeben haben, 
Avo man die Oliven zur Gewinnung des Öles geradeso mit den 
Füßen trat ("J"1"i, D-2'i) wie die Trauben^^^. Doch mußte man 
bald davon abkommen. Man sah ein, daß ..Trauben weich seien 
und ihren Wein ausschieden, während die Oliven hart (Hl^'p) 
seien und ihr Öl nicht ausschieden" (pPj), es vielmehr nur durch 
Zerquetschen (nPMr) hci-ausgäben (N"'i»iri) •^^'^. So hatte man also 
Q.uetsch- oder Mahlvorrichtungen und im letzten Ende auch die 
Ölpresse. 

Noch vor der Hauptolivenlese pflegte man sich ein wenig 
Ol herzustellen und benutzte dazu eine in den Felsen gehauene 
flache Schale (PI""'"!!), in der man mit den Händen die Oliven 
zerdrückte (t^TlZ). Nach einer andern Methode zermalmte man 
die Oliven mit einem Stein auf der Felsplatte, setzte dann ein 
damit gefülltes Gefäß in eine Bodenvertiefung, goß heißes Wasser 
darauf, und das Öl stieg nach oben^^^. Ein größeres Quantum 
Öl wurde durch die Ixötes {pr^2) genannte Vorrichtung gewonnen. 
Dem Worte nach kann diese Vorrichtung zunächst ein Mörser (vgl. 
nti^n-ü Bd. I, S. 94) sein, dessen Gebrauch genau so zu beurteilen 
ist wie bei Getreide: ein primitives Verfahren, das sich zuweilen 
neben der kunstvolleren Gewinnung einstellt. Da z. B. die 
Oliven, die der Baum im Erlaßjahr bringt, keine gcAverbsmäßige 



218 



Ölp 




Verarbeitung erfahren sollten , 
so wurden sie in primitiver 
Weise bloß im Mörser zer- 
quetscht^^^ Zudem sollte das 
für den Tempeileuchter nötige 
Öl durchaus nur von zer- 
stoßenen Oliven (r\^r\2 ]r2'^') 
.gewonnen werden, was außer 
dem im Tempelkiütus zu be- 
obachtenden archaistischen 
Zug auch noch den prakti- 
schen Sinn hat, feineres Öl 
in V^erwendung zu bringen, 
Fig. 46. Ölpresse aus Gezer da im Mörser nur das Fleisch, 

nicht der harte Kern der Olive zerstoßen wurde ^^'. AVenn 
nämlich die Oliven im Mörser zerdrückt 
sind, legt man den Brei in einen Korb 
{'^'D), aus dessen Löchern nun das feine 
Öl in eine dai'untergestellte IMulde (ri-ny) 
von selbst abläuft'^^^. Es läßt sich jedoch 
nicht verkennen, daß dieselbe Icötes ge- 
ninnte Vorrichtung, für welche die Oliven 
vorher in einer Weidenpresse (l^'^ir) 
weich gemacht wurden (lO^r), zugleich 
eine Stampfraühle darstellt, in welcher I^'ig -^^ 
die Oliven gewissermaßen gemahlen wurden (|riL2), um dann in 

die Ölpresse zu wan- 
dern, so daß dieses 
Vorfahren eine Vor- 
stufe des Kelterns ge- 
nannt werden kann^^"'. 
Das Gerät entspricht 
wörtlich und sachlicli 

dem indicula der 
Köm er, welches eine 
Maschine war, in wel- 
cher die Oliven zer- 
den Steinen losgelöst 




Alle Weinkelter 




Fiff. 47. Ölmühle. 



stampft wurden, bis das Fleisch von 



Ölpresse. 219 

war, um dann in die Presse {torciilar) zu kommen. Hiervon 
unterscheidet sich nur wenig die Öbnühle [mola olearia), die in 
unseren Quellen entweder „Öhnühle'' (c\nT h'\l* CTH) oder ohne 
jede Beifügung einfach „die Mühle'" (C^n"!) heißt^^° und die 
ebenfalls auch in dem längern Verfahren in der Olkelter ge- 
braucht wurde, die aber auch selbständige Arbeit verrichtete, 
wenn das Ol nur aus dem Fleische der Olive gewonnen werden 
sollte, ohne einstweilen die Kerne zu berühren. 

Eine Misua (Menach. 8,4) gibt uns sehr dankenswerte Auf- 
schlüsse über die Olbereitung. Danach konnten die zur Olbereitung 
verwendeten Oliven auf dreierlei Weise ausgereift sein, und jede 
dieser Olivensorten konnte zur dreifachen Ausnützung heran- 
gezogen werden. „Bei der ersten Olive" (pi:'N"iri n"»'?!), d. i. 
bei der ersten Olivensorte, verfährt man so, daß man die Frucht 
von der Krone des Baumes mit der Hand herunterholt ("i:ii:j), sie 
in der vorhin beschriebenen Weise zerstampft (l^'^D) und in einen 
Korb gibt, was natürlich dahin zu ergänzen ist, daß nun das Ol 
von selbst ausfließt; die Bemerkung eines Lehrers: „rings um 
den Korb" (/DH niZ''IjD) will besagen, daß es der Qualität des 
Öles keinen Abbruch tut, wenn der zurückgebliebene Olivenbrei 
durch Aufdrücken auf den Kor])rand zu ergiebigerem Olfluß 
gebracht wird. Die zweite Ausnützung Avird durch Beschweren 
mit dem Preßbalken (w. u.) bezw. mit Preßsteinen (w. u.) herbei- 
geführt; da mußten auch die Kerne ihr Ol hergeben. Wird die 
Masse abermals gemahlen (]ml2; entspricht dem li'nr des ersten 
Preßganges) und abermals beschwert (j^'l^), entsteht die dritte 
Ausnützung. „Die zweite Olive'' ("»^l^'n ri''*ri) wurde auf dem 
Dach zur völligen Reife gebracht (lünü) und mit ihr wurden die- 
selben drei Preßgänge vollführt. „Die dritte Olive" (''LJ"''7Ii'ri HTi), 
d. i. nicht bloß der Behandlung nach die dritte, sondern in der 
Aufeinanderfolge des Pflückens auch zeitlich die dritte, dem- 
nach zu einer Zeit eingesammelt, in welcher ein Liegenlassen 
unter freiem Himmel nicht mehr möglich ist — und in dieser 
vorgeschrittenen Jahreszeit wurde die Hauptmasse der Oliven 
eingesammelt (s. S. 214) — mußte bereits im Hause selbst in 
geeigneter Weise (w. u.) aufgehäuft werden (pV), wm sie zum 
Faulen (Hpt'), d. i. zur Gärung zu bringen; sie wurde dann auf 
das Dach gebracht (m^>Ti) und daselbst getrocknet (22j), worauf 



220 Ölpresse. 

mit ihr dieselben drei Preßgänge vorgenommen wurden. Das 
im ersten Preßgang erzielte Ol (das sogenannte Jungfernöl) war 
tauglich für den Tempelleuchter, während die andern beiden 
Preßgänge nur mindergutes Ol lieferten, das nur zu den Speise- 
opfern genommen werden konnte; es war das Ol des gewöhnlichen 
Lebens, das noch immer fein genug sein mochte ^^^ Genau so 
werden auch in dem Diokletianischen Edikt von den Preisen der 
Lebensmittel und andern Waren drei Olsorten unterschieden: 
olei flos [llocioy ö[j.cpaxLvov, vgl. S. 214), oleum sequens (l^^aiov 
BsDTspou yz6[}.oizQ(;) und oleum ciharium (D.aiov yuhcaov). 

Das soeben berührte Aufhäufen der Oliven geschieht im 
Hause — bei gutem Wetter auf dem Dache oder im Söller des 
Hauses — oder in der Kelter. Zweck des Verfahrens ist, wie 
das Wort besagt (|L^y = (^ia..a), die Oliven erweichen zu lassen, 
dasselbe, was teils auch „faulen" (Plp/ o.), teils auch „aufplatzen" 
iVj^^) heißt; genau so heißt es auch von den Trauben, daß sie 
bei längerem Liegen „aufplatzen" ^'2. Die heutigen Araber drücken 
dasselbe mit „in Gärung geraten" [y^^) aus, und in der Tat wird 
die Masse, sobald sie in Gärung gekommen, auch von den Rab- 
binen "ICID d. i. „erhitzter Haufen" genannt^'^, einerlei, ob von 
Oliven, von Trauben oder von Feigen die Rede ist. Die in 
Behandlung stehenden Oliven (i'':''L:y) bilden einen Haufen (]iCy^), 
der auf irgendeiner Unterlage (ebenfalls ^CVO), auf Matten oder 
auf einer Lederdecke (D^Cini, liegt^'"^. Den vollendeten Gärungs- 
prozeß erkennt man daran, daß der Haufen, gewöhnlich in drei 
Tagen, Olschaum ausschwitzt (jlC>?2m rV'), und die ganze Masse 
feucht wird. Zur größeren Sicherheit überzeugt man sich davon 
auch so, daß man einen Stab (CHT t'l^' Hjp) oder einen Holzspan 
(CDp) hineinsteckt^^^. Den Prozeß zu fördern muß die Masse 
mit einem Spaten ("in"") einigemal gewendet werden (l?n)^^^. Nun 
stehen die einzelnen Oliven zusammen (IzriPiM) und bilden eine 
feste Masse (li^i:i), nicht jedoch ohne auch losere Stellen (pins) 
zu lassen'^'^ Eben der Härte der Masse wegen muß hernach, 
wenn Teile davon in die Kelter getragen werden sollen, jeweils 
das betreffende Stück mit Hacken (mcnnp) losgehauen werden 
(^\;p)5i8 £^ ^^'^y^ nicht der ganze Schober (CvN oder c:\n) auf 
einmal in die Kelter genommen ("Ipy), sondern immer nur soviel, 
wie jedesmal für einen Preßgang (iz) notwendig ist. Das ab- 



Ölkelter. 221 

getrennte Stück mußte auf dem Dach vorher getrocknet werden 
(2^2), damit der ausgeschwitzte Ölschaum nicht in das Ol gerate ■^^9. 
Man formte nun aus jedem Teilstück einen Ballen, den man „Dattel*' 
(mIDH, vgl. m^n in der Weinkelter) nannte, und in dieser Form 
wurde nun die Masse in die Ölpresse geschafft, nachdem vor- 
her jede Ladung mit Olivenblättern bedeckt worden war (uBn), 
vermutlich, um das fernere Schwitzen zu verhüten ^2°. 

Die Ölkelter ("IDPi n^2, auch "12, aram. iX"12 allein, ßa^B^/]?) 
befand sich zumeist auf felsigem Boden iu der Olpflanzung 
selbst oder doch in der Nähe, ganz so wie die Weinkelter, mit der 
sie manchmal identisch war; doch konnte sich die Ölkelter in Form 
eines Anbaues {y^"» Bd. I, S. 46) auch im Hofraume befinden^^^ 
Ursprünglich bestand die Ölkelter aus einer geeigneten Höhlung 
oder Schale im Felsboden, in welche das durch einen Preß- 
balken ("lü, nilp) ausgepreßte Öl floß; von diesem einzig v/ich- 
tigen Bestandteil erhielt der ganze Raum den Namen had (""C)^^^. 
Die Höhlung oder die Schale hieß bh. jelceb {2p^), wovon auch 
noch nh. schwache Spuren vorhanden sind, und auch dieses 
Wort diente einst zur Benennung des ganzen Raumes ^^^. Mit 
dem steigenden Bedarf jedoch mußte die Anlage besser aus- 
gestaltet werden; jene freiliegende, primitive Kelter hieß nun 
nT"lD (oder nTim) „die kleine Kelter", während in ausgestalteter 
Form eine Höhle dazu diente oder ein eigenes Kelterhaus (n''2 
"IDH, selten pi/p"lL: = i:opx£X>.apiov, torcularium) gebaut wurde, ein 
Bau mit Lichtöffnungen und mit verschließbaren Türen, mit 
einem Innenraum (^^n), der die Preßgeräte aufnehmen, mit 
einem Dach, worauf die Olivenernte zum Gären (S. 220) aus- 
gebreitet sein, und mit einer Kammer, in der das Öl aufbewahrt 
(vgl. S. 196) werden konnte^^*. Der größere Betrieb zeigte sich 
auch in der Beschäftigung von Kelterern (p"l"i2)'''-^ besonders 
aber darin, daß die Ölkelter nun eine Reihe von Bestandteilen 
aufwies, die in den Quellen selbst in feste und bewegliche 
geteilt werden; jene (1 — 6) sind notwendige, diese (7 — 10) nur 
ausgestaltende Stücke der Kelter. 

1. Die Kufe (Dp'', häufiger C = Meer, von ihrer Form 
auch nt^nv = ^^^?';?L^ = Linse genannt), und zwar zunächst nur die 
untere Kufe (vgl. bei der Weinkelter n^innn n:i), die das fertige 
Öl aufnimmt; wollte man mit „Meer" die obere Kufe bezeichnen, 



-222 i^"fe. Mühle. 

sagte mau eben zur Uuterscheidung ..die Liuse". Diejeuigen 
Erklärer, die iu C den gehöhlten Lagerstein der Ölmühle sehen, 
fassen die Öhnühle als selbständige Preßvorrichtung auf, wo doch 
Mühle und Presse klugerweise gewöhnlich miteinander verbunden 
waren ^-^. Überhaupt muß bemerkt werden, daß hier alte Aus- 
drücke der Landwirtschaft vorliegen, die in Palästina während 
unsres ganzen Zeitraums bekaunt waren, daher im palästinischen 
Talmud gar nicht erklärt werdeu; erst im babylonischen Talmud 
erhalten sie erklärende Äquivalente, die aber nicht immer zutreffeu. 

2. Die obere Kufe ('7Cü)j nach einer verläßlichen alten 
Erklärung soviel wie ..Grube" (?12), in der man die Oliven 
zerquetscht, um den Abfluß im ..Meere" aufzunehmen. Die 
babylonische Erklärung dafür lautet Nrr":?C, d. i. (von der 
Wurzel ""!? ..reiben", ..stoßen") der seukrechte Mühlstein, der 
in jenem vorhin erwähnten wagrechten Lagerstein die Oliven 
zu einem Brei zermalmt. Wiederum wurde hier ein Bestand- 
teil der alten freiliegendeu Kelter auf eiuen Teil der im Preß- 
hause aufgestellten Ölmühle übertragen^'-". 

3. Die Holzpfosten (ni':5in2, arbores, sorores, gemelli\ in der 
Gemara richtig mit ..Zedernpfeiler, auf welche man den Preß- 
balken stützt" erklärt, sind ohne Zweifel die beiden stark in 
die Erde getriebenen Pfosten (stipites), auf denen der Preßbalken 
ruhte, der mittels einer Winde {sucula) auf die Oliven (oder die 
Trauben) niedergedrückt wurde ^"'^. Der Preßbalken ruht heute 
bei den Arabern mit dem dicken Ende gewöhnlich auf einer 
Steinsäule ^■-^. 

4. Ein Kutenverschlag {"T-py), der zwischen den beiden 
Pfosten einen umgrenzten Ort schuf, in den man in Körben die 
Oliven ^oder die Trauben) stellte und durch jene Dämme (C^Z?, 
reyulac) derart fest zusammenhielt, daß sie trotz des Druckes 
des Preßbaumes nicht zur Seite ausweichen konnten. Der Ver- 
schlag war gewöhnlich aus Weidenruten (C"'"'*:>*:, C^'^C:, C'^i*) 
und aus Weinreben gemacht, doch mag er auch aus Stricken 
geflochten und aus Latten (C'^uj?) zusammengefügt gewesen 
seiu^^^. 

5. Eine ]\Iiihle (CTH vgl. S. 219), bestehend aus zwei 
Mühlsteinen, einem oberen und einem unteren'^^ In der heutigen 
arabischen Ölmühle heißen dieselben zwei Steine ..Keitsteiu" 



Presser, Krouzhaspel. 223- 

( ^wi v^Ä.) und „Preßstein" {ix? j:s\ä^)°^-; Griechen und Römer 
nannten den unteren Stein „Mörser" (6X[j.oi, ö'usia, mortarmm), 
den oberen Stein „Rad" (Tpo/o?, orhis)^^^. Unter der Mühle, die 
manchmal selbständige Arbeit verrichtete und gar nicht im Preß- 
hause stand, befand sich zur Aufnahme des Öles ein großes 
Schaff (n^D), das in die Erde eingelassen war^^^. 

6. Eine kleine Kufe (rn''1!2 oder rn''"!^, Diminutiv von "2, 
vgl. S. 221) hatte denselben Zweck wie das vorhin erwähnte 
Schaff-, sie ist das letzte Stück der festen Bestandteile der 
Kelter ^^^. 

7. cn''2y (nicht pT^'!), runde Platten von festem Holz, 
die man über die Masse der gequetschten C>liven oder bereits 
mit den Füßen ausgetretenen Weintrauben (vgl. J^^^j]^ § 184) legte, 
wenn man sie unter die Presse tat, damit sich der Druck gleich- 
mäßig über die ganze Oberfläche verbreiten konnte. Vgl. opog 
und orbis oleariiis der Griechen und Römer, auch TpiTUTvip d. i. 
der Drücker genannt, so daß dieses Werkzeug im Talmud völlig 
richtig als '•'^'22 ..Presser" erklärt wird"^-^^. Als Werkzeug ähn- 
licher Bestimmung hat sich daneben in schwachen Spuren das 
Wort C''"1?2y = Säulen erhalten, womit oftenbar zwei die Oliven- 
masse zusammenhaltende Pfosten gemeint sind, also ähnliche 
Vorrichtungen, • wie wir sie in den „Dämmen" (CD^) kennen 
gelernt haben ''•^'. Wir ersehen aus diesem Umstände, daß die 
Einrichtung der Kelter bei demselben Grundgedanken in der 
Ausführung verschieden sein konnte. Der oben erwähnte Ruten- 
verschlag i^pV) war bei Anbringung der „Säulen" und vielleicht 
auch nur der „Dämme" gar nicht notwendig. 

8. t'^'P:; wahrscheinlich die Winde oder Kreuzhaspel, ver- 
mittels welcher, wie erwähnt, der Preßbaum niedergedrückt 
wurde. Der Talmud, der ^<ni^in dafür setzt, meint offenbar 
dasselbe, und nicht nur hier, sondern auch bei anderen Vor- 
richtungen, drücken beide Worte ('7i':^:j und NPl^in) den Sinn 
„Schraube", „Winde" zur Genüge aus. Doch muß die Mög- 
lichkeit zugegeben Averden, daß die beiden rabbinischen Be- 
zeichnungen unter sich in der Weise verschieden sein können, 
wie sich bei derselben Vorrichtung sucida (gr. ovo^) und Cochlea 
der Römer unterscheiden ^^^. 



224 Preßbalken. 

9. Der Preßbalken (Pmp prelimi) wird als der Haupt- 
bestandteil der Öl- und Weinpresse bezeichnet (vgl. o. S. 221), 
was aber nur für das ausgestaltete Preßhaus zutrifft, denn in 
dem Mörser (^PID o. S. 217) war die Ölbereitung auch ohne 
Preßbalken möglich ^^^. Die Spitze (lingula) des Balkens scheint 
„Skorpion" {2^.pV) geheißen zu haben ^*^. Dieselbe Spitze konnte 
mit Steinen (G^::DN*) beschwert sein; wenn ein Steinblock 02uC^p) 
organisch damit verbunden war, war das Preßverfahren viel 
nachhaltiger '^"^^ 

10. Körbe (C^D), Botten (niETip), Säcke {cy^% Beutel 
(j''D1K?^ = marsupium) und andere Geräte standen im Preßhause 
bereit^^^. In ihnen trug man die Oliven in die Kelter, stellte 
sie unter die Presse und schaffte die Trester weg. Wie in der 
Weinkelter, war gewiß auch ein Schöpfgefäß {^^72) und ein 
Trichter ("^l^'D) vorhanden ^"^l Mit Matten {rh)ir\l2) wurden sowohl 
Früchte als Öl zugedeckt, denn in beiden hätten sich sonst 
Würmer eingenistet^'^"*. 

11 — 14. Feste Bestandteile, aber nicht unbedingt zur KeltiM- 
gehörig, sind ferner: a) eine Zisterne {p^2) oder ein Brunnen 
("1N2), b) eine Grube ("''U'), denen man das Wasser entnahm, 
das für die Reinigung der Kelterer, der Kufen und der Preß- 
geräte nötig war (w. u.), c) Erdlöcher (mMTiPi) und d) Höhlen 
(nnV7^), Orte, die zur Aufbewahrung des Öls [cellae oleariae) 
dienten^"*-\ 

Das Preßverfahren selbst ging etwa wie folgt vor sich: 
Die in großen Geräten (in Körben, Botten und Mulden) herbei- 
geschaffcen Oliven wurden in der Ölmühle (C^T!"!) im groben 
gequetscht, ohne daß vorerst die Steinkerne zermalmt wurden. In 
diesem Stadium hatte man erst ein Mahlen {]r:c) vollführe'*'^. Die 
nun in „Datteln'- (S. 221) geformte Olivenmasse wurde hierauf 
entweder in Körben (C'TD) oder in dem Rutenverschlag (Tp>) 
unter den Preßbalken gestellt; wenn trotz der geeigneten Vor- 
richtung etwas von der Masse zur Seite wich, wurde es wiedei* 
zurückgedrängt (D:r)-'^'. Die Arbeit des Preßbalkens hieß ..be- 
schweren'- Qy::) odc^- ..pressen'- (ir'Zr)""*^ und brachte auch aus 
den Steinkernen das Öl heraus. Der Preßl)alken wurde ge- 
wöhnlich mittels der Winde (':>t>'^ o.) niedergedrückt, doch auch 
durch unmittelbare menschliclH^ Kraft, indem man darauf schlui;- 



Preßverf'aliren. 



225 



V^'^"^n), wodurch der Balken eine schwingende Bewegung (PHp"!) 
machte, oder mit dem Fuße darauf trat (L2''Dri), und echt reaHstisch 
ist auch der Zug, daß man sich sowohl auf den Balken, als 
auch auf den ihm angebundenen Steinblock (^ZCCip o.) setzte (2l^*''), 
ja, sich auf ihnen einen Sitz zurecht machte (V2p), um sie zu 
beschweren, was um so leichter ging, als ja mehrere Kelterer 
(|i"i:; 0.) die Arbeit versahen ^"^^. Zur Verstärkung des Druckes, 
unter dem aber der Balken manchmal brach, konnten auch 
mehrere Balken verwendet werden, von denen einer auf den 
anderen drückte'^^'^. Damit schon ergoß sich (y^iZ) das Öl von 
allen Seiten '^^^ Der Druck des Balkens wurde nach bestimmter 
Angabe noch einmal, vermutlich aber auch mehrmals wieder- 
holt (luLn *lTn). Der Balken mußte dann gehoben (ri""!:?!) bezw. 
gelockert (p~l5}) werden, um die Olivenmasse neuerlich daruuter- 
z uschieben '''^■-. Schon durch die Pressung iui Rutenverschlag 
sickerte Öl hervor (cn"»! V2), eine klebrige Flüssigkeit (hn^ü, bnV:), 
bei der es zunächst noch zweifelhaft war, ob sie feinere Öl- 
tiopfen (p*^* Til^^nü) enthalte ^'^^. Denn erst durch den Druck 
des Preßbalkens kam wirkliches Öl reichlich hervor, das in einer 
€lrube (npiy), bei richtig ausgebauten Keltern in der oberen Kufe 
(o. S. 222), aufgefangen wurde; zu bemerken ist, daß die Namen 
„Grube" und „Kufe" nicht gerade eine Erdhöhluug bedeuten 
müssen, sondern auch in die Erde eingebettete große Mulden 
{vgl. hND 0.) bezeichnen können, nicht anders als TpiTUTvip und lacus 
der Griechen und Römer •''■'''^. AVirkliche Erdhöhlung dürfte nur 
mit „Zisterne" (ID) gemeint sein^^^. Hier beließ man das Öl, 
bis es sich klärte (//Kj)^^^. Kaum war es geklärt, so nahm man 
bereits von dem frischen Gut zu Gebäck und zum Gericht, und 
namentlich taten das die gedungenen Kelterer, denen gemäß 
der milden Behandlung der Arbeiter (S. 104) kleine Begünstigungen 
gern gewährt wurden^^^ Sodann wurde das Öl in die große 
untere Kufe (C^ o. S. 221) geleitet^^^, der Ölschaum (amurca) 
abgeschöpft (HEDp) imd das nunmehr reine Öl (pplTD ]f2Z\ "T, ""p:) 
mittels Schöpfgefäßen und Trichter (o.) in große Ölschläuche 
(pVj' "»Zii:) und Ölkrüge {]ü'^' '"C) verschüttet ^^^^ In der Kufe 
und auch in den Vorratsgefäßen bleibt Hefe (C^"1D*^') oder Boden- 
satz (n^icp^ = TT-rjZToc?) zurück ^^0. 

Auch die harten Oliven (C\n''i ^^'ni) o. S. 217), die der 

Krauß, Talm. Arch. II. 15 



226 Öle. 

Preßbftlkeu zuerst nicht zermalmen konnte, Aviirden abermals 
unter die Presse gegeben ^^^ Der sonstige Olbrei, der nach 
der letzten Pressung übrig blieb, wurde zerbröckelt, in einem 
großen Kessel imv ycdySow) mit heißem Wasser aufgegossen, 
von dessen Oberfläche dann das Öl abgeschöpft wurde; das so 
gewonnene Öl galt allerdings für minderwertig^^^. Diese wenig-- 
lohnende Arbeit verrichteten Ölsieder (C\n^T ^p*;'C')°^^. Minder- 
wertiges Öl ergaben auch solche Oliven, die man, etwa weil sie 
eingeschrumpft waren, in Wasser weichen ließ (^1"'k^' p^')? auch 
die als Speise eingemachten Oliven (Cl^'ir) ließen ein wenig 
Öl ausfließen ■^^^*. Immerhin mußte nach all dem verschieden- 
artigen Verfahren eine große Menge Öls erzielt werden ^^^. Der 
Rückstand von zerrissenen Schalen und zermalmten Kernen hieß 
wie bei den Trauben .,Trester" (n?:i), und auch daraus konnte 
noch Öl gepreßt werden. Der noch außerdem verbleibende 
Rückstand diente zur Feuerung (Bd. I, S. 85) und als Vieh- 
futter^^^. Die Arbeitsverrichtungen mit den Oliven, die man ihrer 
Menge wegen nicht auf einmal pressen konnte (s. oben), dauerten 
lange, so daß die Kelterzeit (C"iZn nVL^*) sich in den Winter 
hineinzog; doch war der Abschluß der Arl)citen {'^:72^) nach 
Gegenden verschieden"^''^. 

Das Olivenöl bildete einen wichtigen Handelsartikel. Es 
findet Verwendung als Nahrungsmittel (IUI. F. S. 118), als Salbmittel 
(Bd. [, S. 229), als Heilmittel (Bd. I, S. 234) und als Brennmaterial 
(Bd. I, S. 68), wozu es sich unter alU-n ()len am vorzüglichsten 
eignet^^'. Eben in der Frage der Tauglichkeit zu P)eleuchtungs- 
zwecken werden auch andere Öle namhaft gemacht, die wir hier 
anhangsweise behandeln wollen. 

181. Öle. 1. In Babylonien, avo es Olivenöl nicht gab, 
brannte man Sesamöl (jVri^'Cli:' ]12*C'), das auch zu Speisen gebraucht 
werden konnte ^^^^. 2. Walnußöl (C^n^vX JCD brannte man in Me- 
dien^^^. 3. Rettichöl (ni:i:^* "fl'C, ca^avsXaiov. oIcidu raphaninniu) 
in Alexandrien uiul wohl auch im übrigen Ägypten''"'^, wo man 
übrigens auch Sesamöl und 4. Kikiöl (p"'p ]12Z\ oIchui cici)ium) 
oder Rizinusöl hatte^'^ 5. In Kappadokicn hatte man Koloquintenöl 
(myipD ]ü\^% eXaiov xoXoxuvO^ivov) ^'^'- und 6. mineralisches Öl (lTE::, 
voccpQ'a, Naphta)^^^. Ferner besaß man 7. TeenU (pLrV)^"^, 8. Fisch- 
tran (c^:" jCii')^'^ 9. aufgelöstes Fett ('TL^'izc 2br^. imPir^ z'rm, 



Weinbau. 227 

besonders vom Schwaczstück (M'''^^s) genommen, und es konnte 
das Fett durch eine Beigabe von Olivenöl brennfälliger gemacht 
werden '^'^^ Ausdrücklich wird auch das Fett der Gans (xn^L^*^ 
xmx") genannt"'''. ErAvähnenswert ist, daß auch der Moschus 
(p'^M2j vgl. Bd. I, S. 238) als Tieröl (n^n p:^') bezeichnet wird'"*^. 
10. „Balsaniöl" (Bd. I, S. 235). Einlegung von Sesam und Balsam- 
holz miteinander ergab das Einlegeöl (^^t^"'2^ {^nt^'^D); waren sie 
pulverisiert und hierauf mit Spezereien gemengt worden, erhielt 
man das „Stauböl" (N*:''"^: NmL^*?2); eine noch stärkere Mischung 
von ölhaltigen Wurzeln mit Spezereien ergab das ..zurecht- 
gemachte" (xn^ll^C) oder das KunstöP"^''''^. Ähnlich spricht man 
auch von dem .,gekochten'- Ol (Np'''Pl^' Nflu^'C), das nämlich durch 
Mischen {21V) und Kochen (p^t^') zustandegekomnien ist^^^. Da- 
von ist zu unterscheiden die regelrechte Mischung (CluD) der 
Spezereien (Bd. I, S. 241)'^^^ 11., 12., 13. Myrrhenöl und Rosenöl 
s. Bd. I, S. 236; Nardenöl S. 237. Die letzten vier Nummern 
sind kosmetische Mittel. 14,, 15. Pistazienöl (CJuZ" nrc) und 
Mandelöl (Clpti'1 nl^'C), wovon sich ein anderes ^landelöl (riZ'r2 
□''llt'n) nur unbedeutend unterscheidet, dienten entweder rein zum 
Ess(m oder Avurden mit Gerichten verkocht ^'^-. 

182. Weinbau. Den Weingarten (C12, S. 202) legte man 
mit Vorliebe auf Bergrücken und Bergabhängen an^^^, und vor- 
nehmlich den Zwecken des Weinbaus dienten die in Palästina 
so häuhgen Terrassen (S. 163). Doch wird der Standort des 
Weinstockes in zahlreichen Fällen auch als Ebene (nVp^) be- 
zeichnet (so unter anderm in dem Ortsnamen hihiatli beth 
kereniY^^y und namentlich kann das an Obst so reiche Gene- 
sarethtal ("IDi^j nVp2, vgl. S. 157) auch als Weinland angesehen 
werden ^^^. Auf dasselbe führt die Gegenüberstellung des Karmel- 
und des Saronweines^^^. Die flache Saronebene, landschaftlich 
von dem Karmel so sehr verschieden, und weiter südlich das 
alte Philistäerland, waren in rabbinischer Zeit und zu Ausgange 
des Altertums berühmte Weingegenden, deren Produkte weit in 
das Ausland vertrieben wurden ■''^'. Im Philistäerland sind die 
Städte Askalon und Gaza, weiterhin Lydda, das schon zur 
Saronebene gehört, besonders zu nennen ''^^. Die Misna be- 
zeichnet Keruchim und CJiähdim als ..Alfa'- (vgl. S. 215) des 
Weines, während im zweiten Range nach ihnen Beth Hima und 

15* 



228 Weinberg. 

Beth Laban im Gebirge, Kefar Signa in der Ebene folgen, 
Orte, die man am besten im Saron zu suchen hat'^^^. Erwähnt 
AYird noch der Weinberg von Kefar cAsi^ und der Wein von 
Ferugitha^'^^ . 

Weinberge in dem heutigen Sinne des Wortes gab es 
eigentlich in Palästina nicht, sondern nur Obstgärten (S. 202), 
in denen allerlei Fruchtbäume nebeneinander standen, und selbst 
das ausgesprochene Weinfeld {ÜD2 P"il^') wurde in rationeller 
Fruchtfolge (S. 181) zuweilen mit Grünzeug (pl'') besät, näher, 
wie in einem konkreten Falle angegeben ist, unter dem Wein- 
stock selbst mit Rüben und Rettich bestellt, der Fälle, da sich 
hart neben dem Weinfelde ein Gemüsefeld befand, nicht zu 
gedenken^^^ In dem Weinberge und zwischen den Weiustock- 
reihen, die wir uns wohl noch als jung und ertraglos denken 
müssen, dehnten sich auch Weizen-, Gersten- und Safranfelder 
(vgl. S. 180) aus^^^, denn das Küahn-Gesetz (S. 198) verw^ehrte nur 
das Pflanzen von Weizen, Gerste und Weinkern in derselben 
Setzgrube ^^^. Zwischen dem Weingarten und den Saatfeldern 
schlängelte sich ein Pfad (C^CID h\l/ h''2\l/) hin (vgl. S. 179) und 
so auch zwischen den einzelnen Weinbergen und im Weinberge 
selbst, und da ist es, wo der vorsorgliche Landwirt sein Gut 
besichtigte (vgl. S. 212) bezw. an Feiertagen sich den Genuß 
eines Spazierganges {^^i'^c) gönnte. Zuweilen mündete das Gäßchen 
der Stadt direkt in den Weinberg. In größeren Städten führten 
prachtvolle vierteilige Tore {DvhE}'^i2l^ = rtzpoLTZulov) in den Wein- 
berg, der gewdß der Schauplatz von fröhlichen Festen Avar'"'^^*. 
Sonst ist nur noch daran zu erinnern, daß der Weinberg 
unbedingt mit einem Schutzwall umgeben war (S. 205), daß 
ein Wächter darin saß (S. 203) und daß eine Kelter darin 
stand (w. u.)^^"^. 

Der Weinberg konnte nach obigem Weinberg heißen, aucli 
wenn kein einziger Weinstock in ihm stand. Es konnte also 
einer rechtsgültig den Weinberg (hier in Anbetracht der Umgangs- 
sprache aram. ND"ir genannt) verkaufen, auch wenn er keine 
Stöcke enthielt, weil er nur den Namen (CC*). d. i. bloß das 
Weinberg genannte Terrain, verkauft hat, und dasselbe ist mit 
den baumlosen Obstgärten (XDniS S. 202) der Fall^'^^ Wenn 
bepflanzt, hatte der Weinberg gleichwohl wenig Stöcke, etwa 



Weinstöcke. 229 

H — 4, denn bei fünf Stöcken war schon eine ansehnliche Menge 
von Frucht da, so daß man auch weniger als fünf Stöcke 
kannte ^^^. Bezeichnend hierfür ist folgende Anekdote: In einem 
Weinberge mit 100 Stöcken gewann man jährlich 100 Faß 
Wein; der Bestand fiel dann auf 50, 40, 30, 20, 10, 1 Stöcke, 
ohne daß der Wein weniger wurde; d. h. ein Stock trug soviel 
wie 100 Stöcke-^^^ Es wäre leicht, diese Angabe in das Ge- 
biet der phantastischen Aggada zu ver^veisen, um so mehr, als 
sich tatsächlich exorbitante Schilderungen des Weinsegens vor- 
finden ^^^; aber die Erfahrung lehrt, daß einzelne in Höfen oder 
an Häusern gepflanzte Weinstöcke in der Tat den ganzen Hof 
überschatten oder die ganze Hauswand überkleiden, und solche 
Riesenexemplare von Weinstöcken schwebten wohl dem Psal- 
misten vor (Ps. 80,9 — 12', wenn er das von iigypten nach 
Palästina verpflanzte jüdische Volk dem Weinstocke vergleicht, 
der das ganze Land überwuchert, dessen Schatten die Berge 
bedeckt, dessen Ranken das Meer erreichen ^^^. Jedenfalls 
lohnte der palästinische Weinberg die Arbeit und ernährte den 
Mann^^^. Palästina war von jeher das klassische Land des 
Weinbaues, doch bemerken wir etw^as Weinbau auch in Baby- 
lonien^°^ 

Da in Palästina der Weinstock vorzüglich auf Terrassen 
gezogen wurde (o.), so war die geradlinige oder gar quadratische 
Anordnung von selbst gegeben, und so hatte der Weingarten 
eine bestimmte Form (CD^irPi n''3Zin)^°^. Die Stöcke standen in 
genau abgepaßten Reihen (mjnr?2 m"llt^'), indem man sie wohl 
an Spalieren zog, und wenn sie genug erstarkt waren, ließ man 
sie auf dem Gitterwerk schattenspendende Lauben (D''1V, jugatae 
vineae) bilden, die manchmal spitz ausliefen und wie ein Tauben- 
turm (S. 138) aussahen. Der Zweck bestand einzig und allein 
in der Verschönerung des Gartens ("'12'^, vgl. o. S. 198)^^^. Zur 
Spalierbildung benützte man am besten Rohrstengel (CJp) oder 
Holzstäbe (p^lpn = Boxaptov, bei den Griechen ^apa^)? die unten 
zugespitzt (^<DL^'), oben aber gespalten (p'Tinc) waren, so daß sie 
wie Zweizinken (forcillae) aussahen ; nicht selten mußten sie von 
anderswo und zwar um teures Geld herbeigeschafft werden ^^^*. 
Aber man ließ die Reben auch auf Bäume oder auf andere hohe 
Gegenstände, die gerade daneben standen, hinauflaufen (ri^"in) 



230 Weinstöcke. 

und sprach dann von rankenden Weinstöcken (n''*P"l, m"''P"i, 
avaBsvBpa?, a[j.ap5t?)^°^^ In einer Reihe standen, wie es 
scheint, zumindest fünf Stöcke, und ein regeh-echter Weinberg 
wurde zumindest von zwei Reihen gebildet ^°^. Die gewünschte 
gerade Linie wurde durch eine an den Stämmen ausgespannte 
Schnur (lOin) erzielt. Nun war es freilich leichter den Stamm 
(rmr, niir) in Reih und Glied zu stellen, als die rankenden 
Zweige (^1J), und so wurden sie verdichtet (mDJ/m, hI^), d. h. an 
Stamm und Schnur verflochten ^^^. Das Verdichten wurde 
entweder belassen, weil man aonahm, daß ein heuer üppig 
strotzender Weinstock künftig ertragsfähiger sein werde, oder 
man ließ die Ranken nur vorläufig wuchern, um zu geeigneter 
Zeit ein gründhches Lichten p~n, vgl. bei Obstbäumen S. 210. 
bei Getreide S- 187) vorzunehmen; man erhielt damit einen 
„gelichteten" Weinberg (^Tcn C"1D)^^^^ Die durch das Lichten 
gewonnenen Reiser, wie auch das durch das Beschneiden ("^CT 
S. 211) gewonnene Holz, wurden entweder im Hause zur 
Feuerung verbraucht, oder auf dem Markte zur Pfropfung- 
Verkauf t*^^^^. Nur die geradlinige Pflanzung ergab einen regel- 
rechten Weinberg (nnr/H-), während er sonst „wirr durchein- 
ander" (N^DIZ^y^) hieß^"^. Letzteres muß immer der Fall sein, 
wenn man die jungen Weiustocksetzlinge am Boden hinwachsen 
läßt (n"»/:!!"], ypi.[jXziq, orthanipelos), oder wenn einzelne Stöcke 
außerhalb des Weingartens angesetzt werden *''^'. Die heutigen 
Fellachen lassen die zur AVeinbereitung bestimmten Loden auf 
der Erde hinwachsen, während sie die zum Versi)eisen be- 
stimmten an Pfählen emporziehen ^^^. Der Abstand der ein- 
zelnen Stecklinge nach allen Richtungen ist bei ihnen 3 m, 
und ungefähr dasselbe resultiert auch von der misnischen An- 
gabe, daß ein Weinberg, der nach einem System von weniger 
als vier Ellen oder nach einem System von mehr als aclit 
Ellen gepflanzt ist, kein Weinberg heiße, denn dann bestand 
die normale Entfernung etwa in sechs Ellen, was ziemlich 
genau 3 m ausmacht. Eine völlige Einheitlichkeit in diesem 
Punkte besteht heute nicht und bestand in alter Zeit nicht, wie 
die Latitude von 4 — 8 Ellen beweist; mit jener Angabe ist nur 
soviel gesagt, daß bei ganz kleinem Zwischenraum sich keine 
Reihen entwickeln, bei zu großem Zwischenraum die Reihen 



Weinstöcke. 231 

nicht zur Geltung kommen köürien*^*^''\ Die Beschränkung des 
Begriifes „Weinberg-" auf gewisse Formen der Anpflanzung 
verfolgt den Zweck, dem K'ilaim- oder dem Zweisaatengesetz 
zu entgehen, da der Kleinbauer nicht umhin konnte, sein kleines 
Gut mit mehreren Saaten zu bestellen. So wird auch bezüglich 
der Gruppenpflanzuiig, die neben der Reihenpflanzung gewiß 
sehr üblich war, betont, daß nur das Gegenüber von zwei Paaren 

mit einem „Schweif" I 2j* o o I einen Weinberg bilde, und nach 

o / 
dieser Form wurde auch in Palästina tatsächlich bis in die jüngste 

Zeit hinein gepflanzt, während die Gruppierung von zwei und 

. . / ^' ' *^\ 

zwei mit einem Einschiebsel Icnj""!: 1 oder die Grup- 



o o 



pierung von zwei und zweirait einem mittleren Stock I "^"^"C^ o 



den Begriff „Weinberg" aufhöbe^^^. Man sieht, daß die Beispiele 
immer auf die eingangs erwähnten fünf Stöcke lauten, in denen 
wir den normalen Stand eines Weingartens erkennen müssen. 
Der große Abstand in den Weinstockreihen ermöglichte die 
Bearbeitung des Reblandes mit dem Pfluge; nur in Ausnahme- 
fällen kam die Hacke in Anwendung. Auch die Leerlassung 
eines beträchtlichen Raumes zwischen zwei Weingärten, den man 
„Umkreis" C^InC, conflnium der Römer) nannte, hatte ihren 
Grund in der Notwendigkeit, den Pflugtieren und hernach den 
Zugtieren in der Weinlese Raum zu lassen*^^^. Ein großer Wein- 
berg C:?!"!:! 02) wies die vorhin erwähnte Gruppierung der Stöcke 
nach dem Schweifsystem, und ein kleiner Weinberg (jup C"ll) 
wies den Umkreis nicht auf. Bei einem großen Weinberge 
stellte sich manchmal eine ..Kahlheit" (nn""p, vgl. S. 181) ein^ 
d. h., die Mitte des Weinberges starb aus (21", vgl. S. 205, 
darum :;"nn opp. V^^d) und es blieben nur 4 — 5 Weinstöcke 
— wiederum dieselbe Zahl — einerlei, ob an allen vier, an drei 
oder an zwei Seiten verteilt, doch bleibt der Charakter des 
Weinberges nur dann gewahrt, wenn wenigstens zwei der Stöcke 
sich gegenüberstehen (11 "üJr li, auch ]lir?^, vgl. o.)*"^^. Beim 
Aussterben der Weinstöcke, was außer durch Witterungs- und 
Insektenschäden (vgl. S. 156 und S. 211) infolge des Alters 
'eintreten kann, sprach man von einem „armseligen" Weinberg 



232 Trauben. 

(*?"! C^ir)''^^. Alt gewordene Stöcke (n*2D N^lp) wurden aus^ 
gerissen, um neuen Platz zu machen ^^'^. 

183. Trauben. Die Arbeiten an dem Weinstock (S. 211)^ 
in dem Weinberge (S. 185), Beschreibung der Pflaiize (S. 210), 
Stadien der Reife (S. 213) s. in den betreffenden Abschnitten. 
Wie bei jeder Frucht, haben wir auch hier Erstlinge (C^liri! 
vgl. S. 212) und Spätlinge (PV^^PD vgl. bei anderen Früchten 
mi)^''D undS. 177); unter nv^l^"^ (rv'.ülü', riV:^^2^) will man Beeren 
verstehen, die von den Trauben herabfallen (vgl. m/ü'!: S. 213) 
und wie Rosinen aussehen^^^. Die Nachlese (bh. und nh. n':?'^!^), 
die beim Bug (HDirnN) der Rebe und oft als einziges Korn 
("i:!"!:; vgl. S. 217) zu wachsen pflegt, hat weder den mittleren 
Stil („Schulter" r]nz ojij.oc, vgl. i::'2'^Z' S. 183), noch den Busch 
(^lOJ, Tropfen, d. i. die an der Spitze sitzenden Beeren) der 
Traube, sondern sitzt nur an dem Stengel (t^T^S), den auch 
jede Traube hat^^^. Die kleine, von Blättern {(d6X>.ov) bedeckte 
Traube, die bei der Weinlese übersehen wird und für den 
Nachleser sitzen bleibt, heißt aram NP^^lT^l: pl. N*P'>':'::it2, imml- 
'\i(;^^\ Dagegen besteht die normale Traube i^PC^'N aram. ^<'^^JD) 
aus mehreren Zweigchen (ITDC sing, "rc?), auf welchen mehrere 
Beeren (CZ^jV) sitzen ^^*^. Mitten darin schlängeln sich zarte 
Ranken hin (^)y^*i<2\L^' Dvh'^)'"'^''. In den durchsichtigen Häuten 
[n^^l) der Beeren sitzen mehrere Kerne (C jiiTi) ^2*^. So mancher 
Stock stand vertrocknet ("»uTpinjC = TpuyrjT"/]) trostlos da^-^, hin- 
gegen war ein beladener \A'einst()ck (rui^tC j?:) ein freudiger 
Anblick und im Traume ein gutes Omen*^"^. 

Die Weinlese (T:»*D, n^i»*2, ni''ii2) folgt auf die Ernte und 
geht der Öllese voran (S. 214); am Lauhhüttenfeste mag sie 
bereits beendet gewesen sein, aber das Keltern und die Ein- 
speicherung des Weines zog sich gewiß noch längere Zeit hin- 
aus ^'^^. Wie die Arbeit der Ernte und der Öllese wurde auch 
die Weinlese in Akkord gegeben ^^^ Der Winzer ("^i'^D) kniff 
die Trauben ab (ypV), wozu er sich wohl der Winzermesser 
(Pi1"1DiD) bediente^^^. In der Lese flel so manche der reifen 
Beeren ab (""L^'J), die als Abfall (u"15) den Armen überlassen 
wurden; nun konnten sich aber auch durch die Erschütterung 
des Abkneifens, durch Anschlagen an Blätter und dadurch, daß 
der Winzer die eine oder die andere Traube zur Erde fallen 



Weinlese. 233 

ließ, Beeren loslösen, und da gebrauchten manche Landwirte 
die Vorsicht, große Körbe (nt'D':'^) unter die Weinstöcke zu 
stellen, was wegen Beraubung der Armen scharf getadelt wurde ^'^^. 
So manche saftige Beere ging dadurch zugrunde, daß bei dem 
reichen Segen die Trauben ineinander bissen (mit^'lj), d. h. auf- 
einander drückten und gewaltsam getrennt werden mußten ^^^. 
Die Trauben wurden in Körben (p'PD) und Botten (m?1p) weg- 
getragen ^^^j und zwar wie die phantastische Nennung von Wagen 
und Schiffen beweist, gewiß auch in großen Tier- und Wagen- 
ladungen ^^^; vgl. die Bestimniung des „Umkreises" CplnC S. 231). 
Ein Teil der Trauben Avanderte als Tafeltrauben (vgl. S. 212) 
auf den Markt (p)^'^ ^^'-), und da wurden die weißeu den 
schwarzen Trauben vorgezogen ^^°, während für die Presse ge- 
wiß die schwarzen beliebt waren, so daß in rabbinischer Zeit 
ebenso wie zur Zeit der Bibel der rote Wein als der landes- 
übliche angesehen werden muß^^^ Wieder ein anderer Teil 
Avurde zu Rosinen (§ 188) getrocknet. Viele der Trauben wurden 
sofort beim Ablesen durch Ausdrücken (HLDTiC) zum Getränk ge- 
macht und sogar aus der Hand getrunken, doch auch in einem 
Becher (DID) oder sonst in einem Clerät aufgefangen ^^^. 

184. Wein presse. Das Keltern als wichtige landwirt- 
schaftliche Arbeit gab dem ganzen betreffenden Jahresabschnitt 
den Namen (nin:in nyt^S kurz n^, vgl. bei Oliven S. 216)^^1 
Die Kelter (n:i, nriPi n^2, mn: n^2, aram. NHii^y?:, Nn-^Hy?o ^i:, 
NniHy)^^"^ war gewöhnlich in dem Weingarten selbst oder hart 
daneben in dem felsigen Terrain angelegt^^^. Am richtigsten war 
es, die Kufe oder die Kufen — es waren mindestens zwei 
Kufen da — aus dem Felsen selbst auszuhauen, wodurch man 
ein ideales Behältnis für die Flüssigkeit erhielt^^^, doch wurde 
auch in die Erde gegraben, in welchem Falle die entstandenen 
Kufen etweder mit Steinen ausgemauert (pN ^*\l' P^) oder mit 
Holz ausgelegt [y]) ^\I/ n:)) und der Risse wegen alljährlich vor 
der Benützung verpicht Averden mußten '^^^ Dasselbe mußte ge- 
schehen, wenn große Krüge (C3pJp), Fässer (m''2n) oder Tröge 
{mD''"nV) in die Erde eingebettet wurden ^^^. All diese Behält- 
nisse hatten unten eine vergitterte Öffnung, um den ausgetretenen 
Saft durchfließen zu lassen ^^^. Die Weinkelter in ihrer alten 
ursprünglichen Form bestand aus einer oberen Kufe (n^l oder 



234 Weinkelter. 

nn:i im engeren Sinne, bh. H^T?, >.T|vd^, lacus vmarius, doch aucli 
deutlicher ujl^'^yn n2, Tupo'XYjviov), aus welcher der Saft in eine 
niedriger gelegene untere Kufe (bh. 2p\ nh. POinnriM n:i, utco- 
l'i]vioy, oft auch ^12 = Cxrabe genannt) floß^^^; die Verbindung 
machte eine Rinne (11JK), die man nur verstopfen (pp^) mußte, 
um eine verschlossene Kufe (npipD n:i) zu erhalten ^^^ In älterer 
Zeit lagen die Kufen frei, wie wir es auch bei der Ölkelter 
gesehen haben (S. 221), aber der Ausdruck „Haus" (7)^2) be- 
weist, daß man in unsrer Zeit vielfach gebaute Keltern hatte, 
die aber ebensogut in einer Höhle (rrV^) untergebracht sein 
konnten. Auf diese verschlossenen Keltern bezieht sich die An- 
gabe, daß im Räume der oberen Kufe viele aus- und eingingen 
- in erster Reihe die vielen mit dem Austreten und dem 
Herbeischaffen der Geräte beschäftigten Arbeiter (C'^pD) — 
während der Raum der untern Kufe nur für den Eigentümer 
und seinen engern Kreis betretbar war^^'^. 

Die zum Verarbeiten bestimmten Trauben lagen in großen 
Mulden (l^''^^) bereit, in denen durch das Liegen und Pressen 
auch schon vorher sich etwas Wein zu bihlen pflegte ^'*'^; vgl. 
bei Oliven (S. 220). Von hier wurden sie in die obere Kufe 
oder in die Preßfässer (s. oben) gebracht, die dieser entsprachen. 
Die Kufen wurden verlier sorgfältig mit Wasser gespült und 
gereinigt, ja, wenn es anging, wurde das \\'asser direkt vom 
Bache hineingeleitet*''*"^. Das Pech (n^T), mit dem die ausgelegten 
Kufen (s, oben) verschmiert wurden, wurde abgeschabt (^'Tp), und 
die A\'ände wurden getrocknet (2.:;j)^^^^. All das fällt unter den 
Begriff „Reinigen" (^n)^'^'*^ Durch Aufdrücken (D":"l) an den 
Rand konnte hier schon etwas Wein erzeugt werden ^■^^. Aber 
das ]-ichtige Verfahren bestand durchaus darin, daß die Trauben 
durch Menschen ausgetreten ("{"n, "^^V) oder ausgestampft (lTVI. 
noy) w^urden, wozu man sich berufsmäßige Treter (mZP") be- 
stellte'^^', die in der Masse längere Zeit kreuz und quer einher- 
gingen (">'n), bis der Saft, der erst rieselnd (^T^'^^m*? '^''Tinr. 
aram. 1:13^) dann fließend ("I"T») austritt, ganz ausgedrückt war^^". 

Das Austreten konnte nicht allen Saft entfernen, der sich 
noch in Kernen und Häuten befand. So wurden denn ähnliche 
Preßeiurichtungen angewandt, wie sie für die Oliven bestanden 
(S. 221). Dazugehören: 1. ein Preßbalken (rp.ip)^^^. 2. Bretter 



Weinpresse. 235 

(pS"!, C^mi/, DlDl)j mit denen die ausgedrückte Traubenmasse, 
die vorher in eine Apfel- oder Brotform (mE:n und C"/; vgl. 
„Dattel" bei Oliven S. 22i) gebracht worden war^^^, bedeckt 
wurde, damit der ausgeübte Druck einheitlich sei^-^°. 3. Auf 
die Bretter kommen schwere dicke Walzen (p'Pl^y), die in Form 
eines Mühlsteins von Lehm, Stroh und Flachs geknetet waren 
und nur von mehreren Männern gehoben werden konnten ^^'. 
Räder oder Winden, die den Preßbalken heruntergedrückt 
hätten, wurden nicht angewendet ^^^. Vornehmlich auf das Ver- 
fahren mit dem Preßbalken bezieht sich der in unsrer Zeit mehr 
als „Treten" gebrauchte Ausdruck „Pressen" (li^y, Presse NrT:»>'D, 
Presser pliuy)*^^^. Es konnten mit diesen Preß Vorrichtungen 
mehrere Preßgänge getan werden; zumindest wurde zweimal 
gepreßt ö'^-*. 

Der Vorgang gestaltete sich ungefähr wie folgt: Nach dem 
Austreten mit den Füßen, wobei der Saft in die untere Kufe 
stetig abrinnt, stehen Häute und Kerne in der oberen Kufe zu 
einer dicken Masse zusammen (n?p), die man abschöpft (rblL^Y''''. 
Die am Boden zurückbleibenden Häute und Kerne werden mit 
der bloßen Hand zu einem Knäuel oder einer Kugel geformt, die 
entweder im ersten oder im zweiten Preßgange „Brot" (Cn*^) oder 
„Apfel" (nlE^n) hießen. Diese kommen nun in Gruben (TVC^^^:!). 
Werden mit Brettern überdeckt''"*^ und mit den Walzen beschwei-t 
(J>/lO)^'°'. Der Preßbalken wird daraufgedrückt und der teure 
Saft nach Tiinlichkeit ausgepreßt. Der Wein, der durch den 
Gitterboden der oberen Kufe ein wenig filtriert werden mußte 
(vgl. YpiJ.oc, und colum)^'^^, floß stetig ab, bis die untere Kufe von 
ihm voll wurde. Von da an erst hieß der Saft ..Wein" (p"*)*^'^'*, 
in der Beziehung, daß ihn di(3 Hantierung eines Heiden zu ver- 
botenem Libatiouswein ("jDJ ]"''') machte ^^°. Doch war er der 
Qualität nach vorerst nur Most (L^'T^Tl), der gewiß sehr süß war, 
da er zu den Süßigkeiten (npT^ ^j^ü, vgl. Bd. I, S. 108) gezählt 
wurde ^^^ Kein Wunder, daß ihn die Bienen umschwärmten, 
(Jie mit einem Rohrstab hinausgeschleudert wurden. Es ist der- 
selbe Rohrstab (rijp), mit dem der Weininhalt der untern Kufe, 
wohl auf öfeine Dichtigkeit hin, gemessen wurde ("Ti;^)^^-. Der 
Weinspiegel wurde hier und da auch von anderem Geschmeiß 
1^*11^) verunreinigt, das entfernt werden mußte '^^^. Auch in der 



236 Weinaufbewahrung. 

Rinne und in der untern Kufe warf der Wein Schaum aus 
(TiDp vgl. o.)^*^^, und es verging einige Zeit, bis er sich legte. 
Sodann wurde er mittels Schöpfgefäß und Trichter {ynü und 
1DL:''2, vgl. S. 224) in große Vorratsgefäße (w. u.) verschöpft 
(n'pyri) bezw., besonders wenn man beim Rest hielt, mit der 
Hand hinausgetrieben (=^^T)^^l Aber auch in den Vorrats- 
gefäßen schäumte (nni) und gährte (CCfl) der Wein in einem 
fort und mußte oft abgeschöpft werden (u'P*^*) ^^^. Zur Aus- 
scheidung der Hefe (ClCt^, pers. N"im"I) wurde der Wein mehrmals 
in andre Krüge abgezogen iriBl^')] von dieser Tätigkeit erhielt 
der Weinausschenker oder der Kipper einen entsprechenden 
Namen (\\82')6*^^'\ 

185. Aufbewahrung. Die dem A\ein dienenden Vor- 
ratsgeräte sind größtenteils identisch mit denen des 01s. Am 
häufigsten kommen vor: 1. der Schlauch (11j), der je nach der 
Form verschiedene Namen führt (n^n, ^22. 2^X N2pn)^^^ In 
den meisten Fällen waren diese Geräte verpicht (rCh =]?T)^'''^, wie 
es die Landwirte auch in Italien taten, wofür Pliuius den Grund 
angibt, daß das schwarze Pech den Wein milde mache, und in 
den Most, dessen Gährung 9 Tage dauere, werde eigens Pech 
hineingestreut, damit der Wein davon den Geruch und einen 
scharfen Geschmack annehme^^^^. Den Verschluß bildete ein 
mit Bast oder Papyrus umwickelter Knochenzapfen *^'*^, doch 
wurden sie auch mit einer Schnur (NjD^I) verbunden, wie es 
namentlich bei dem (jod (~i:, N"':) genannten Schlauch erwähnt 
wird^'^ In eben diesen Geräten wurde der Wein auch zu Markte 
getragen, wie es wenigstens bei einer gewissen Art Schlauch 
(Pip""') erwähnt Avird^'-. Alle Schlauchgeräte hatte das Üble, daß 
sie leicht rissen (y'2) oder sprangen (VpZ)'"'^. — 2. Das Faß 
(n""!!", auch DIlC? = mB-oc), wofür in Babylonien ein vielleicht 
anders konstruiertes Faß (Nj~) im Gebrauche war. Sie sind 
als Ton-, nicht als Holzf asser zu denken^"*. Zehn Fässer bilden 
bereits ein Lager (11»'^N*), doch kommen in (M*nem Besitz auch 
400 Fässer vor^'^. Auch in großen Zubern (C'P'n: C^ZiTl), die 
sonst vornehmlich Wasserbehälter waren (Bd. I, S. 81), hielt mau 
Wein^'^^. Während jedoch alle Arten Fässer bauchige Geräte 
waren, hatte man in den Kübeln (p^^n^") ein Gerät, welches 
etwa walzenfcirmig gemacht war'^''. Der weite l^auch (""^IN) des 



Weinfässer. 237 

Fasses machte es, daß der Inhalt nur so entleert werden konnte, 
daß das Gerät auf die Seiten (pllü) gelegt (i2^ü) wurde ^'^. .Das 
Faß hatte ferner einen Boden (n~np"1p), lief also nicht spitz aus, 
wie manche Krüge, und dem gegenüber einen Deckel (^^DD)^^^. 
Der Deckel trug einen Hals ("IN'IK), an dessen Ende sich die 
Mündung (n''2n "»D) oder das Loch (MP^) befand ^^^ j)[q Fässer 
sollten nicht nur darum nicht offen (mnE) bleiben, weil der edle 
Saft herausrinnen könnte, sondern auch darum, weil das Aroma 
entweichen würde. Ein gelöchertes Faß wirft übrigens auch 
Blasen auf (^712^2). Man hat es also in den meisten Fällen mit 
verschlossenen Fässern (m^iPD PVin) zu tun*"^^, was ebenso von 
den andern Vorratsgefäßen gilt^^^. So hatte denn das Falo 
einen tönernen Spund (nB;ip), der sich nach unten zapfenartig 
verlängerte und in den Hals des Gefäßes eingriff, doch ist es 
möglich, daß der (n^:;^) genannte Verschluß ein nach unten 
sich verschmälerndes, oben weitbauchig ausladendes Gefäßchen 
war, an dem man zugleich ein Probierschälchen hatte. Beide 
Ai'ten kommen im Altertum vor. Der Verschluß wurde gewöhn- 
lich durch Gips, Lehm, Pech oder Kalk mit dem Gefäß zu- 
sammengeklebt (H'^n, plii*, VT^% was einen vollständigen Ver- 
schluß (bh. und nh. "PT.^ 1^12)^,) ergab ^^^ Manchmal wurde das 
Faß mit der Mundseite zum Erdboden oder zur Mauer gestülpt 
(nE}D) und mit ihnen verschmiert (PlID)^^'^. Weniger gut wai- 
der Verschluß, wenn ein Lederstück oder Papyrus üljer die 
Faßmündung gespannt war, selbst wenn sie durch eine Schnur 
(^^''t^'D) um die Einkehlung befestigt waren (iC'p)^^'^ Noch 
weniger galt das Verstopfen (pp^) durch einen Lappen, durcli 
einen Binsenknäuel, durch ein Stück Holz (als Beispiel wird die 
Rebe genannt, weil dies naheliegt, wenn es sich um ein Wein- 
faß handelt), es sei denn, daß man diese Verstopfungsmittel von 
allen Seiten gut verschmiert hätte^^^. Zinn und Blei würden 
nur einen Deckel ("P^n^), aber keinen hermetischen Verschluß 
(TOii) bilden: begreiflich, da sie sich mit dem Tongefäß nicht 
,gut verbinden ^^'. Unsere Korkstöpsel kannte man im Altertum 
nicht, aus dem einfachen Grunde, weil die Korkeiche in den 
Ländern des klassischen Altertums kaum gekannt war; es ist 
also schwerlich richtig, wenn man in j''?2rci*, das beim Verschluß 
der Ofenöffnuno; o-enannt wird. Kork erkennen wilF^^. Bloß 



238 Weinfässer. 

überdeckt konnte die Faßmündung auch durch einen Stein (jIN) 
werden "^^^j und ebenso gewiß auch durch ein Brett; ein Ver- 
schmieren wäre natürlich auch hier denkbar. In der zum Ver- 
schmieren dienenden Materie konnte vor dem Hartwerden eine 
Siegelform abgedrückt (cr.n), oder es konnten Schriftzüge an- 
gebracht (2nr) werden, deren Unverletztheit den Besitzer oder 
den Empfänger völlig sicherstellt, daß ein unbefugter Eingriff 
nicht erfolgt ist^^*^. Lange vor den Juden gebrauchten schon 
die Assyrer Tonhüllen, mit denen sie ihre Dokumententafeln 
umgaben-, da die Tonhüllen beschrieben und gesiegelt Avaren, 
war ein Betrug mit der innern Tafel, solange die Siegel der 
äußern Hülle unzerstört waren, nicht möglich. Griechen und 
Römer versiegelten ihre Amphoren mit Ton^^^ Die Juden ver- 
schmierten (:)t}i2) ferner Fässer und große Krüge mit einem 
feuchten Gras, das Pt'^^Z^ (arab. J^^jj beißt; doch sehen manche 
auch hierin eine Gattung Lehm. Die Siegelerde (rir2"iN), die 
natürlich ebenfalls gebraucht wurde, gehört mehr in das Kapitel 
der Schriftenversiegelung^'^'-. Damit, daß die Verschalung ab- 
springe (=]/pnnj, mußte man immer rechnen ^''-^ wie auch damit, 
daß der gährende Wein den Spund aufstoße (mTB)^^"^. Manches 
F'aß zerbi-ach noch in der Kelter; andere teilten sich in der 
Mitte oder bekamen ein Loch*^*-^''. Der Spund hatte eine Hand- 
habe, mit der man ihn herausziehen konnte; saß er zu fest, ge- 
brauchte man einen Nngel ("!r2C?r) dazu*"''^. Die Dauer der drei 
Tätigkeiten, daß man ein Faß öffnet (CPl^'j, verschließt (cm 
und den Verschluß eintrocknen läßt (Zjj), bildet in unsern 
Quellen eine oft gebrauchte Zeitbestimmung''^'. — 3. Krüge in den 
verschiedensten Ausführungen (~r, ]p^p, ""^^"^i»*, r^j''j\ namentlich 
Bauchkrüge (p^'^l^i), von denen es heißt, daß es Brauch sei, 
70 Tage vor dem Keltern sich um deren Beschaffung zu be- 
mühen ''''^^. Auch diese Gruppen von Vorratsgefäßen pflegten ver- 
picht zu sein^^-'. Bezüglich des Kellers und sonstiger Orte der 
Aufbewahrung verweisen wir auf di(^ Autliewahrungsorte von ( )1 
(S. 225) und von Getreide (S. 193 i\). 

Der eingelagerte Weih bedurfte einer gewissen Pflege"'^". 
Zu dem bereits genannten Abziehen gehörte eine i\rt Heber, 
der auf folgende Weise konstruiert Avar: Man steckte zwei hohle 
Röhren, deren eine lang (NPiii':;) und deren andere kurz (NPC'j PI) 



Wein. 



239 



war, schiefwinklig zusammen und ließ sie durch ein Loch 
kommunizieren. Beim Gebrauche setzte man das eine Ende 
des Hebers in das volle, das andre Ende in das leere Wein- 
faß, hielt das Loch . des Buges zum Munde und zog (D /^n) den 
Wein von einem Faß ins andre ''^^ Nichts andres dürfte sein 
der Doppelheber (tC^ZV" = Biaß^/jTY]?) der Griechen ''^2. Einfacher 
dürfte gewesen sein der „Säugerin" (npj''?^) genannte Heber, der 
auch nicht aus Glas wie jene, sondern aus festem Stoffe, etwa 
aus Bronze, verfertigt war, so daß man mit ihm die Faßwand 
durchboren (rnp) konnte ^°'^. Den Trichter haben wir schon in 
Verwendung gefunden (S. 236). 

186. Wein. Vom Weine geben uns unsere Quellen 
überreiche Nachrichten, aus denen hier nur das Notwendigste 
berührt werden kann, a) Der Entstehung nach gibt es schlechte 
W^einsorten, die man 1. aus der Nachlese (m'7'^iy 0. S. 232), 2. aus 
den Trestern (n?:, vgl. S. 226, NCDC) preßte; letzteres hieß 
icn = temetum Tresternaufguß ''^'^, aus dem auch Essig entstand 
(w. u.). 3. Aus der Traube des wilden Weinstockes {Vitis 
luhrusca L.) bereitet man die Oenanthe (n"'njl':^X =^-- otvavö-ri 0. S.210); 
man pflückt sie zur Zeit der Blüte ("IICD S. 210) ab, d. i. wenn 
sie am besten riecht, trocknet sie im Schatten auf Leinwand 
und tut sie in Gefäße. Die zweitbeste Sorte kommt nach 
Plinius (12,61) von Antiochien und Laodicea in Syrien, also von 
einer den Juden nahegelegenen Gegend. Als Arzneimittel, das 
die Oenanthe in unsren Quellen gewöhnlich ist, eignet sich 
am besten die medische^^"*. 4. Wenn man die Trauben vor 
dem Austreten einige Tage an der Sonne dörren läßt, was man 
in Hebron noch heute tut, erhält man den JIlCC'PN = "/]7^ia(7Tdv 
(d. i. der Sonne ausgesetzt) genannten Ausbruch, der sehr ge- 
schätzt wird'°^\ 5. Wenn die Beeren von der Größe einer 
Kichererbse sind, d. i. sobald die Trauben weich werden (vgl. 
S. 214), wird ihnen der Saft genommen und an der Sonne ge- 
zeitigt; man erhält damit den Rosinenwein (CpICH (''\ Psythia 
oder Amminea der Römer) '^^ 6. 7. Schlecht sind der Hefen- 
wein (C^Cl^' p), d. i. der unmittelbar von der Hefe abgezogen 
wurde, und der übelriechende Wein (V"l in''*l), vielleicht der, der 
von der oben erwähnten Verpichung oder sonstwie schlechten 
Geruch an sich gezogen hat^^^. 8. „Dreiblättrigen Wein'' 



240 Wein. 

\^D*1lC {<n/n ^2) naünte man den AVein von dreijährigem Wuchs, 
d. i. von Weinstöcken, die bereits dreimal Blätter getrieben. 
Man glaubte in ihm, wie überhaupt in allem Wein, einen guten 
Trank im Aderlaß (Bd. I. S. 251 vgl. 257) zu haben '»9. Es scheint 
übrigens, daß man den Wein auf die eigenen Blätter (p'py S. 210j, 
d. i. auf Rebenblätter, zu legen pflegte '^'^. 

b) Der Herkunft nach kennen wir eine Menge Weine. 
9. — 11. In Palästina selbst werden hauptsächlich der Karmel- 
und der Saronwein (""jm^'H j^Tl) erwähnt. Mit dem Saronwein 
fallen gewiß zusammen die Weine, die in außerjüdischen Quellen 
nach Askalon und Gaza benannt werden und einen mächtigen 
Ausfuhrartikel bildeten (S. 227). W^ir haben auch Kenntnis 
sowohl von den im Saron als von den zu Askalon und Gaza 
gebrauchten eigenen Weinkrügen, Avas auch an sich auf intensiven 
Weinbau weist ''^ Dunkel ist, was damit gemeint sei, daß ein 
„König" seinem Sklaven verbiete, Wein von Tiberias, Caesarea 
und Sepphoris zu trinken, woraus von selbst folge, daß der 
Wein der dazwischen liegenden Orte gestattet sei^^-. Andre 
palästinische Orte haben wir bereits oben (S. 227 f.) genannt. — 
Ausländische Weine werden in überraschend großer Zahl ge- 
nannt, daraus folgt aber nicht, daß sie nach Palästina importiert 
Avurden, denn dazu war gc^wiß kein Anlaß da, sondern nur, daß 
man diesen Zweig der Landwirtschaft mit großem Inter(^ss(> ver- 
folgte. Aus der Aggada, daß im Hofe des persischen Groß- 
königs jedem Gaste Wein seines eigenen Landes (Mj"'ir^ p) 
vorgesetzt wurde '^^ geht hervor, daß man annahm, jeder trinke 
den ihm gewohnten Wv'iu am liebsten. Es ist freilich wenig 
wahrscheinlich, daß in allen Satrapien des weiten Reiches der 
Wein gedieh. Daß es in d(Mn nördlich gelegenen Sarmatike keintMi 
Wein gab, wußte man'^^. 12. Es konnte nicht fehlen, daß der 
italische Wein (''p^L:''Nri )"•'•) mehrfach erwähnt werde Ihn trank(Mi 
einmal R. Gamliel und seine Begleiter, als sie an der philistäischen 
Küste unterwegs waren, was damit zusammenhängen mag, daß 
in den Herbergen nur dieser Wein feilg(>b()ten wurde. Ein 
Viertelmaß diest^s Weines schon machtr betrunken ("!2^'), und 
erst die AYegstrecke von (^twa (^iner Stundt^ trieb den Rausch 
davon (r^P). Die Sache stellt sich anders dar, wenn wir in 
der Beifügung „italisch" nicht den AVeiu, sondern das Maß be- 



Weine. 241 

zeichnet finden ^^^. 13. Man nennt auch den cilicischen Wein 
("ip^''p pi) in Kleinasien ^^^. 14. 15. Man kannte einen prononziert 
weißen und einen prononziert schwarzen Wein, und man ge- 
brauchte danach einen Ausdruck in frivoler Sprechweise für den 
Umgang mit einer blonden oder einer brünetten Frau. Die beiden 
Weine hießen nach ihrem Bezugsorte "'':5-i"iU I'"» und "»^"in y"''^^\ 

c) Der Farbe nach kennen wir 16. 17. den weißen, richtiger 
weißlichen (aram. pmn "icn) und den schwarzen {1)r]'2/ ]''\ ^^ün 
^*DD^^^) Wein'^^^. Der alte, weißliche Wein fand Verwendung im 
Heiligtum bei der Bereitung des Räucherwerks (Bd. I, S. 237) 
als Ersatz für den Kapris-We'm (pon^p p"»), für den Fall, daß 
dieser nicht zu haben war. Von dem Kapris-Wein ist es nicht 
sicher, ob der Saft der Kappernfrucht oder Kyproswein gemeint 
sei^'^. 18. Der rote Wein (Np^iD "ICfl) wird bei seiner anzu- 
nehmenden Häufigkeit in Palästina in den Quellen zu wenig 
genannt. Man trank ihn im Aderlaß (vgl. No. S) infolge der 
Formel: „Rotes für Rotes" (simile per similia)'^'^. 19. Die 
Bezeichnung „äthiopischer Wein" (""t^'C p) dürfte schwerlich die 
Herkunft aus Äthiopien besagen wollen, sondern den „mohren- 
farbenen Wein", ein glänzendes Schwarz (p"12), wie in der Quelle 
selbst beigefügt wird. Vielleicht darf damit zusammengestellt 
werden die in Babylonien mit Hilfe eines persischen Ausdrucks 
gegebene folgende Erklärung: „Unter süß em Wein (pIPD) ist der 
jBara^-Wein (:*1N2 ""D) zu verstehen", wo auch das Wort ""Q nicht 
Wasser, sondern eben persisch Wein bedeutet '^^ 20 21. Hier 
verzeichnen wir noch die allgemeinen Ausdrücke „klarer" und 
„trüber" Wein ('7^^)i p und '^^2V PV'"^'- 

d) An dem Weine wurden eine Menge Veränderungen vor- 
genommen. Im Gegensatze 22. zu dem Naturweine (^n p'' 
= roher Wein) steht 23. entweder der gekochte Weiji ('^'^"Zlp ]y, 
bei dem man natürlich an Quantum verliert (CCyT^n), während 
man die Qualität verbessert (""'Zt^Tl), was sich auch im Ausmaß 
des Trinkens zeigen mußte, denn während man zu einer Mahlzeit 
normalerweise zwei log Rohwein trank, trank man vom Glüh- 
wein etwa nur die Hälfte '^^, 24. oder der mit Wasser vermischte 
Wein (:nTQ )'•'', bh. :iT^, lat. miscere, vinum temperatum), und den 
Wein zu mischen, war sogar die Regel, denn besonders den 
alten Wein konnte man ungemischt gar nicht vertragen. Zu einem 

Krauß, Talm. Arch. II. 16 



242 Weine. 

Drittel alten Saronweine wurden zwei Drittel Wasser genommen, 
und da war der vermischte Saronwein noch immer so stark wie 
der Karmelwein in Natur. Demnach zählte der Saronwein, wie 
die Griechen gesagt hätten, zu den „vielduldenden" (TuoXucpopa), 
der Karmelwein zu den „wenigduldenden" (öXtyocpöpa) Weinen. 
Ein durchaus einheitliches Verhältnis in der Mischung konnte 
demzufolge bei der Verschiedenheit der Weine nicht bestehen, 
dennoch aber wurde es sowohl bei Juden als bei Römern fast 
zur Regel, in dem oben berührten Verhältnis von 1 : 2 zu mischen. 
Unter „Wein" (p'') schlechthin wollte man durchaus nur den 
vermischten Wein verstehen, während das biblische "12:^* «Be- 
rauschendes" auf den rohen Wein bezogen wurde ^2^^. Man 
mischte auch mit Schnee und Eis, die man (im Sommer) vom 
Libanon nahm (S. 153). 25. Auf den eingekühlten Wein bezieht 
sich vielleicht der Ausdruck „geronnener'' oder „erstarrter" Wein 
(li'np r^j^^ö — j^ij^g große Stelle nimmt die Veredelung (n^2l^Ti 
vgl. o.) und die „Fettmachung" (ClT? vgl. Bd. I, S. 241 f.) des Weines 
ein, wodurch der parfümierte Wein (bh. np"l p nh. Cl^'Zrr j''^ 
auch ^^^nn'''*! &<'icn) entsteht, der nebst dem bessern Geschmack 
den Vorzug hat, sich besser zu halten. Man erhielt dadurch 
26. den Konditwein (ptcnjip = [vinum] conditnni), der besonders 
mit Honig versetzt war und einen vorzüglichen Tafelwein abgab. 
Doch wurden auch Gewürze (p'r'Zn), wie Pfeifer (j"'':?^':?^) und 
Weihrauch (n^izy), hineingegeben "^2^. 27. Ganz dasselbe gilt von 
dem Honigwein (p':5?2i:j< = 6iv6[jly]7;Ov -- 6iv6\kz>dV^' . 28. Dazu 
kommt noch der Kräuterwein (NJIp^''), mehr bekannt unter dem 
Namen Wermutwein (]''nJ''DDf< = ac}»ivD«Lov = d^'ivö'tTY)?), ein Wein 
nämlich, der auf bittere Kräuter gelegt wird und die Klasse 
des bitteren AVeines (10 opp. p^r\r2 o.) abgibt'^». 29. In i<:^^p 
scheint sich carenum, abgekochter Most, zu bergen'-^. 30. Es 
gibt auch einen geräucherten Wein*^^^. 

Der Wein, der im Tempelkultus Verwendung gefunden, 
mußte bei den Juden schon darum in großem Werte stehen. 
Auch in der tempellosen Zeit gab es Anlässe genug, da mit 
dem Weinbecher (p Dir) eine rituelle Handlung vollzogen 
wurde; so an jedem Sabbat- und Festtage zur P^inweihuug 
(l^np) und zur Verabschiedung (H'^IDm) des Tages, und noch 
besonders am Peßachabend — der zu diesen Riten verwandte 



Essig. 243 

Rebensaft mußte Geschmack (GVLO) und Farbe (HiSID) des 
Weines haben — im Hochzeits- und Trauerhause (S. 70) und 
pflichtgemäß in dem bis zum Rausch zu treibenden Purimgelage'^^ 
Die richtige Festfreude war nach Männerart nur im Weine 
gelegen, während die Frauen an Kleidern ihr Genüge fanden '^■^. 
Aber das Weintrinken war den Frauen auch durch die gute 
Sitte nicht verboten "^^. Für Kranke (Bd. I, S. 257) und alte Leute 
galt der Wein für sehr bekömmlich und auch gegen Magenleiden 
für sehr nützlich ''^'^. Vornehmlich war es der alte Wein {]1l/'> ]*% 
aram. pTiy, opp. Wlli), der hygienisch in Betracht kam'^^^. Man 
erwähnt den vorjährigen, den vier-, den fünf- und mehrjährigen 
Wein^^l Man fand, daß Wein nähre (p""!), labe ("l^D) und 
erheitere (nü^^), drei Eigenschaften, die sich weder in Ol, noch 
in Brot vereint fänden ^^^*. Gegen die Meinung, daß es Ver- 
schwendung wäre, Wein zu trinken, wenn man Fruchtsaft 
("lDt^' w. u.) hat, wird geistreich bemerkt, daß das Schwinden 
des Körpers durch Entziehung des Weines noch ärger wäre'^^^. 
Vor dem Genüsse pflegte man den Wein durch ein Tuch 
(n"^Ot^'^, pilID) oder durch ein Weidengeflecht (nni^Q n^''^^) zu 
seihen (]3p, ppT, BioXi^siv), um ihn von Hefen und kleinen 
Insekten (p'^'in^"") zu reinigen ^^'. Den unbedeckt gelassenen 
Wein (nip;3& V^) mochte man ebensowenig trinken, wie das 
unbedeckt gelassene Wasser (Bd. I, S. 252)'^^. Vergifteten Wein 
kannte man auch in der jüdischen Gesellschaft'^^. 

187. Essig. Der Essig (bh. und nh. yr2T\, aram. N^n, 

]J:^4*, J^) der Alten rührte bis auf wenigen Obstessig durchaus 
vom schlechten Wein {vinum culpatiim) her, woraus sich die 
Redeweise erklärt, den ungeratenen Sohn eines vortrefl'lichen 
Mannes „Essig, des Weines Sohn" zu nennen (p'' ]2 V*^^n, 
{<"icn 12 ^?t'^)^^^. Der Essig war gewissermaßen ein Zeichen 
des Fluches, und man merkte sich die Namen der Glücklichen, 
deren Wein nie zu Essig wurde (V'''^"'^)'^S denn bei andern 
kam es allerdings vor, daß ein ganzer Keller von Wein verdarb, 
und einem wurden gar 400 Fässer Wein herbe (p)pn)'^^ Dreimal 
im Jahre untersuchte man den Wein im Kellei-, ob er sich 
ausgäre und nicht zu Essig werde ''*^. Die Schäden im Weine 
bestehen darin, daß er kahmig wird (D''"lpn), d. h. auf seiner Decke 

16* 



244 ObstverwertuDg. 

sich ein Pilz bildet, der den Oxydationsprozeß herbeiführt '*\ 
und der, da er wie ein ausgegossener Teig über dem Weine 
liegt, auch Mehl (pn^p PL) heißt ^^^, ferner darin, daß der Wein 
„stumpf" wird (nnp), d. i., daß sich sein Alkoholgehalt auflöst 
("Ipy), und zwar wußte mau, daß der Auflösungsprozeß von oben, 
d. h. von der der Luft ausgesetzten Seite, beginne'"*^; vgl. die 
Bezeichnung o\oc,y eigentlich = scharf '^'^^ 

Mau bereitet jedoch den Essig auch absichtlich, indem 
man Gerste in den Wein gibt, ein Verfahren, das unsrem 
gegornem Malzauszug vergleichbar ist'^^. Zur Zeit der Misna 
verfuhr man in der Provinz Edom (= Idumäa) so, und daher 
kam der „edomitische Essig"' CCTlJ^n l'Cin)''*^. Auch den 
Tresterwein ("!^n vgl. S. 226) mag man sofort zu Essig bestimmt 
haben ^^^. Wein und Essig wurden durchaus als eine und die- 
selbe Nahrungsgattung angesehen '^^ Der Essig galt als ein 
erfrischendes und stärkendes Getränk '^^ und wurde in der 
Kochkunst stark verwendet "^^. 

188. Obstverwertung. Mit dem vorhin erwähnten 
edomitischen Essig wird zugleich als sauerteighaltig genannt 
1. das medische Bier ("121^'), von dessen Bereitung verlautet, es 
sei eine Mischung von je einem Drittel Gerste (nach andren: 
Weizen), die in Wasser geweicht, also notwendig zur Säuerung 
gebracht wurden, von gerösteten Saflorsaraen und von pulveri- 
siertem Salz, und 2. der ägyptische Zythos (DIP^T = ^üö^o?, zythum), 
gleichfalls ein bierartiges Getränk aus Gerste, das in seinem 
Heimatlande ein Surrogat für Wein war '^■*. Auch in Babylonien 
gab es Orte, wo das Bier das landesübliche Getränk (mj''"C ^Cm) 
und darum auch zu rituellen Handlungen (z. B. zu Pi'^'^zn S. 242) 
geeignet war'^% doch ist die Art des gemeinten Bieres nicht 
sicher festzustellen. 3. Eins hieß NC1P?, das nach gewöhnlicher 
Annahme ein Gerstenbier Avar '^^. 4. Die Cuscuta (mi^T, NPIttT) 
wächst auf einem Dornstrauch (NCTTl), wurde auf diese sonder- 
bare Weise, wie Plinius berichtet, in Babylonien eigens gezüchtet, 
an den Palm wein gelegt und so zu dem „Dornenbier*" 0]L* "IC* 
^üVn) verarbeitet^'"'. 5. Ihm nahe steht ein andres babylonisches 
Bier, das "':dn (von HJD, Dornstrauch) heißt und von der Frucht 
des gemeinen Dornstrauches herrühren soll''^. Es dürfte aber 
von dem Dornstrauch selbst gezogen worden sein, wie z. B. 



Bier. 245 

auch das Trinken des Saftes des Dattelbaumes (c'^p"! ^12) vor- 
kommt^^^. 6., 7. Man braute Bier von der Frucht des Lorbeer- 
baumes (WC"!)"^^^. Auch von den Blättern des Laurus Mala- 
hathruni' {T\ü) wurde Bier gemacht'^^^ 8. Ein Dattelbier wurde, 
gleichfalls in Babylonien, durch dreizehumaligen Wasseraufguß 
gewonnen; es wird als gutschmeckend (CDZ) beschrieben, hatte 
aber den Nachteil, Durchfall zu verursachen'^*'^. Es ist zu 
bemerken, daß das gewöhnliche babylonische Bier eben von 
Datteln (C^ICH iri^', cpoivixtT/]?, Dattelwein) gezogen wurde ^^^. 
Der Bereitungsort hieß N3TD "»2, d. i. Block- oder Stampfstätte-, 
im Talmud selbst wird NjHD freilich dahin erklärt, daß in dieser 
Bierbereitung ein gutes Geschäftsgeheimnis stecke, denn die 
Brauer würden davon reich ^^'^. Dieselbe Werkstätte hieß auch 
^sfl"'''!^ "i^, „Brauerei", wahrscheinlich von den Kernen (Gerste 
oder Datteln), die gebraut wurden. Doch hieß auch der große 
Bottich, in welchem gebraut wurde und der mit einem Stöpsel 
(XIDID^) versehen war, gleichfalls {<n''''H Zur Brauarbeit sind, 
wie es ausdrücklich heißt, drei Dinge erforderlich: der Bottich 
O'PD, Gerät), die Braumasse ("PDI^^, die Speise) und der Wasser- 
aufguß (npl^'^D, das Getränk). Zur Warmhaltung wurde der 
Bottich mit einer Matte abgedeckt. R. Papa, als Bierbrauer 
bekannt, litt einmal am Kinnladen; da ging er in die Brauerei, 
stieß den Bottich um (pPD), trank das gärende Getränk und 
wurde gesund^^^. Sonst aber pflegte man das Bier erst in die 
Fässer zu übergießen ("»^li') und vor dem Gebrauch durch ein 
Holzsieb (Nr."'''2K) zu seihen (vgl. bei Wein S. 243), teils um den 
Satz auszuscheiden, teils um die sich etwa zeigenden Würmer 
zu entfernen ^*'^. Alle Arten Bier sind als berauschend zu 
denken. Das biblische „Berauschendes" ("IIL^', vgl. o., (jL/wSpa, 
sicera) wird um diese Zeit von Hieronymus, einem Kenner 
Palästinas, wie folgt definiert: ^^Sicera heißt hebräisch jedes 
Getränk, welches berauschen kann, sei es nun, daß es mit 
Getreide oder mit Obstsaft angemacht wird oder daß es mit 
Honigscheiben zu einem süßen, allerdings barbarischen, Getränk 
abgekocht wird, wie auch, daß Palmenfrucht zu einer Flüssigkeit 
ausgepreßt wird, oder daß aus gekochten Früchten ein fettes 
farbiges Wasser bereitet wird"^^^ Nach römischem Sprach- 
gebrauch müßte man all diese Getränke „Weine" nennen. 9. Bei 



246 Getrocknete Datteln, Feigen, Trauben. 

den Rabbinen jedoch entspricht nur der „Apfelwein" (D^ni^H p"") 
dieser Forderung^^^. 10., 11. Unter „Fruchtsaft" (nn"'E) "»D, 
vgl. sapa, passum, defrutum der Römer) ist wohl bloße Aus- 
kochung ohne Gärung zu verstehen. Es kommt Maulbeersaft 
(D^mn ^d) und Granatensaft (G^^ID^ ^ü) vor^^^. ^^i ^^^ g^f^ 
unreifer Trauben (S. 239). 

Ganz anderer Art ist die Obstverwertung auf dem Wege 
des Eintrocknens, wobei vornehmlich die längere Erhaltung der 
Früchte beabsichtigt ist. 12. Die getrocknete Dattel (n^mz), 
die als Maßbestimmung diente, namentlich in ihrer nach dem 
Orte Nimra benannten Varietät (vgl. S. 214), die aber selbst in 
ihrer größten Spielart kleiner als ein Ei war, bildete eine vor- 
zügliche Speise, von der selbst ein Stück den Heißhunger stillte, 
und so wurde sie, wahrscheinlich eingestampft (Dil w. u.)^ 
auch als Kriegsproviant gebraucht^"^. 13. Getrocknete Feigen 
heißen DI"!:!!"!:! (caricae pressae), wahrscheinlich von ihrer völligen 
Reife so genannt'^^^ Sie mußten in einer Mulde oder in sonst 
einem Gerät fest eingestampft worden sein (l^l^'", D"n), da das 
Auseinandernehmen ein Abreißen (Viip) heißt, mit einer Hacke 
ausgeführt wurde, einen bestimmten Abschnitt des Jahres in 
Anspruch nahm (npijp PVl^'j und durch gedungene Arbeiter 
versehen wurde^'^. Man riß wahrscheinlich einheitliche Stücke 
zu einem Pfund (niy^'p N^L!''':') von der Masse ab, formte in 
einem Mörser (^L^'^^r2) mittels eines Stößels (''t'y) Feigenkuchen 
(bh. und nh. Pl'PD"!) daraus, die entweder plattrund waren, wie 
ein Mühlstein (nt'2"i Tl':'?), oder kreisrund, wie ein Brotlaib 
(n'^DI '''^l^y), oder auch viereckig, wie ein Fensterrahmen 
(pJDt'C)^^^. Es gab kreisrunde Feigenbrote, an denen zwei 
Personen zu tragen hatten''''^. Im allgemeinen gab es kleine 
und große Feigenbrote-, kleine werden besonders aus der Stadt 
Bostra genannt^^^ Die bestimmten Angaben von der Farbe 
(weiße und schwarze, d. i. blaue )"^**, der Größe und der Form 
lassen vermuten, daß die Feigenbrote ein gesuchter Handels- 
artikel waren. Wir hören übrigens, daß es Leute gab, die die 
getrockneten Feigen „Most" (l^'n^'n) nannten''^. 14. Die Trauben 
wurden zu Rosinen (CplCiJ, vgl. S. 239 uvae passae) ein- 
getrocknet "^ Die Art des Eintrocknens der hier berührten 
drei Hauptfruchtarten (Datteln, Feigen, Trauben) von Palästina 



Fruchthonig. 247 

dürfte ungefähr gleich sein, nämlich ein Ausbreiten in der Sonne, 
nicht aber ein Dörren im Ofen^^^; die Verschiedenheit der Aus- 
drücke (Tr2\ in:, vgl. bei Oliven S. 219, pi2:i) hängt mit dem 
Reichtum des landwirtschaftlichen Sprachschatzes zusammen, 
den wir auch sonst beobachten konnten, bedingt aber keine 
Verschiedenheit des Verfahrens, wie auch daraus ersichtlich, daß 
pOÜ (eigentlich „Einschrumpfen", vgl. auch von Gerichten Bd. I, 
S. 123) auch von der Feige gebraucht wird. Eine getrocknete 
Frucht kann unter Umständen wieder aufdunsen (riDn) oder 
frisch werden ^^^. Die Zeit des Eintrocknens jedoch ist bei all 
den genannten Früchten, einschließlich Oliven, verschieden ^^^. 
Sehr wichtig ist die Honigbereitung vom eingetrockneten 
Obste. Schon das bloße Liegen von trocknen Datteln und Feigen 
läßt diese ein wenig in Honig übergehn, ebenso wie die Oliven 
in Öl, die Trauben in Wein übergehn ^^^ Man kannte aber einen 
absichtlich herbeigeführten Prozeß der Honigentstehung, den 
man ^*5"1 „zu Honig machen" nannte ^^^; die nähere Manipulation 
ist leider nicht angegeben. Es kommen vor: 15. Dattelhonig 
(Gn^n ^2'\)y 16. Feigenhonig (C^J^XD 1^2^), 17. Johannisbrot- 
honig^^^ und 18. Traubenhonig '^^*. Zur Erklärung der biblischen 
Phrase: „Land, da Milch und Honig fließt", denkt man, was 
den Honig anlangt, schon längst an den Traubensyrup, den 
dibs [ü^i^) der Araber (ein Wort, das auch etymologisch mit 
hebr. '^'2^ zusammenfällt); doch kann das für die alte Zeit nicht 
richtig sein, weil der Traubenhonig in der Ökonomie Palästinas 
den breiten Raum, den jene Phrase voraussetzt, nicht einnimmt, 
zumal auch bei den Rabbinen gerade der Traubenhonig nur 
schwach bezeugt ist. Dagegen sprechen die Rabbinen sehr viel 
von dem Dattelhonig und geben auch ausdrücklich an, daß in 
jener biblischen Phrase unter Honig der Dattelhonig zu ver- 
stehen sei, und da sie sowohl die authentischen Interpreten der 
h. Schrift als auch die besten Kenner des Landes sind, so muß 
ihren Worten unbedingter Glaube beigemessen werden '^^ 



VII. Das Gewerbe. 

Literatur: Philosophisch s. M. B. Friedenthal, Das Eigentum und die 
Arbeit nach den Grundprincipien der Offenbarung (aus dem Hebr.), Lpz. 
1850. — M. Ehrentheil, Geist des Talmud, Budapest 1887, „Die Arbeit" 
S. 46 — 51. — L. Herzfeld, Zwei Vorträge über die Kunstleistungen der 
Hebräer und der alten Juden, Lpz. 1864. — J. S. Bloch, Der Arbeiterstand, 
bei den Palästinensern, Griechen und Römern, Wien 1882. — M. H. Fried- 
länder, Die Arbeit nach der Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen der 
Weisen in Israel, Pisek 1890. — Franz Delitzsch, Jüdisches Handwerkerleben 
zur Zeit Jesu, 2, Aufl., Erlangen 1875 (auch englisch: Jewish Artisan Life usw. 
London 1907). — H. Gollancz, The dignity of Labour as taught in the Talmud 
(in The Imperial and Asiatic Quart. Review, July 1891). — S. Meyer, Arbeit 
und Handwerk im Talmud, Berlin 1878. — S. Krauss, Parallelen im Hand- 
werke (SA 1 — 11 aus Vierteljahresschrift für ßibelkunde, talmud. und patr. 
Studien 1907, 3,67-77). — Hamburger, RE I. Abt. Arbeit. JE labor, arii- 
sans (mit den hebr. Namen der meisten im Talmud genannten Arbeiter 
und Verweisung auf die Artikel agricuUure, baking, batlis, bottle, cooking^ 
copper, cotton, dyeing, embroidery, engraving, ßax, fuller, glass, iroii, labor, 
leather, metals, pottery, shipbuilding, sjnnning, iveaving, wool). Die techno- 
logischen Monographien von G. Lövvy (1.78) und P. Rieger, Versuch einer 
Technologie und Terminologie der Handwerke in der Misnäh, I. Teil: 
Spinnen, Färben, Weben, Walken, Berlin 1894 (nicht mehr erschienen) 
wurden hier in Abschn. II und III verwertet. Blümner s. 1,1. E. Babelon, 
Manual of Oriental Antiquities, including the Architecture, Sculpture and 
industrial Arts, new edition, London 1906. — A. Kisa, Das Glas im Alter- 
tume, I-III, Lpz. 1908. 

A. Allgemeines vom Gewerbe. 189. Die Arbeit. 190. Das Gewerbe. 
191. Kunstfertigkeit. — B. Leder- und Holzarbeiten. 192. Gerberei. 193. 
Pergament. 194. Lederwaren. 195. Zimmermannsarbeiten. 196. Tischler- 
arbeiten. 197. Korbflechter und Seiler. — C. Ton- und Steinarbeiten. 
198. Töpferei. 199. Typische Geschirrformen. 200. Besondere Tonfabrikate. 
201. Glasarbeiten. 202. Steinarbeiten. 203. Ton-, Glas- und Steinwaren. 
204. Malerei, Bildhauerei. — D. Metallarbeiten. 205. Die Schmiede. 206. 
Der Goldschmied. 207. Arten der Metallwaren. 208. Metallwaren. 



249 

A. Allgemeines vom Gewerbe. 

189. Die Arbeit. Des Preises der Arbeit sind unsre 
Quellen voll, und diese Lichtseite des altjüdischen Lebens wurde 
bereits in zahlreichen Darstellungen mehrfach hervorgehoben. 
Schon der weise Sirach spricht: „Hasse nicht die mühsame Feld- 
arbeit (nn^DV PiIjN/^ vgl. S. 161) und den Landbau, der vom 
Höchsten ins Leben gerufen ist."^ Gleich eindringlich mahnt 
ein alter Rabbi: „Liebe die Arbeit (nDN'P^) und hasse die Meister- 
schaft (niJ2"l) und strebe nicht nach Herrschaft (mt^''^)."^ Mehrere 
Tannaiten führen den Spruch im Munde: prN/C p':'!"!:! „Groß 
ist die Arbeit" oder nrN^on N'Tl n2''2n „Geschätzt ist die Arbeit'-, 
beides mit entsprechenden Ergänzungen, z. B. „Groß ist die 
Arbeit, denn sie ehrt ihren Meister (c'^y::)"; „Groß ist die 
Arbeit, denn sie erwärmt ihren Meister" (der den Ausspruch tat, 
schleppte schwere Balken herbei, worauf er wie im Dampfbade 
schwitzte; ein andrer trug Mühlsteine herbei)^. Die Arbeitslosig- 
keit ist schon darum ein Übel, weil sie notwendig zur Aneig- 
nung fremden Gutes, also zu Raub führt. „Groß ist die Arbeit, 
denn das Geschlecht der Sintflut wurde erst bestraft, als es zu 
Raub schritt." Umgekehrt erblickt man den Wert der Arbeit 
darin, daß der auf dem Felde beschäftigte Arbeiter ruhig von 
den Feldfrüchten des Arbeitgebers essen darf (S. 205), ohne 
einen Raub zu begehen; durfte doch selbst dem Dreschtiere 
kein Maulkorb angelegt werden (S. 191)*. Als Gott sprach: 
„Dornen und Disteln wird dir die Erde hervorbringen", brach 
Adam in Tränen aus: Ich und meiu Esel (vgl. 8. 131) sollen 
aus einer Krippe essen! Als er ihm aber sagte: „Im Schweiße 
deines Antlitzes sollst du Brot essen", da beruhigte er sich^. 

Namentlich wurde gefordert, daß der Lebensunterhalt (mDjI^, 
rHjITC)^ nur durch Arbeit gewonnen werde, daß also weder 
die Gelehrsamkeit die Quelle des Broterwerbes sei, noch die 
Armenkasse in Anspruch genommen werde (vgl. Bd. I, S. 246). 
Im Namen der die edle Würde hochhaltenden Jerusalemer (S. 
62) wird der Satz mitgeteilt: „Mache selbst deinen Sabbat zum 
Wochentag, nur daß du nicht auf Menschen angewiesen seist." ^ 
Paradox klingt der Satz: „Man verdinge sich selbst zum 
Götzendienst (nachträglich „zu einem fremden Dienst" abge- 
schwächt), um nur nicht auf Menschen angewiesen zu sein"^. 



250 Arbeit. 

Wenn nicht anders, soll man um Lohn das Fell der verendeten 
Tiere auf offener Straße abziehen (das Gerberhandwerk war 
verachtet! w. unten), und die Ausflucht, man sei ein Priester^ 
man sei ein großer Mann, dem jene Arbeit widerstrebe, kann 
nicht gelten gelassen werden^. Selbst in dem Strafausmaß für 
den Dieb eines Ochsen oder Lammes wird auf die geleistete 
Arbeit Rücksicht genommen, indem für den Diebstahl eines auf 
eigenen Füßen gehenden Rindes der fünffache, für den Dieb- 
stahl eines vom Menschen getragenen Lammes nur der vierfache 
Wert als Strafe festgesetzt wird^^ Das hohe Ansehen der Arbeit 
kommt am besten darin zum Ausdruck, daß sie in der Formel: 
„Deine Arbeit ist eine göttliche Arbeit" geradezu mit Gott ver- 
knüpft wird, und es ist wohl nur Zufall, daß dieser Gesichts- 
punkt bei der Schreibung von Thorarollen bekannt gegeben 
wird, denn in Wirklichkeit gilt er von jeder menschlichen Be- 
tätigung. „Wer sich von semer Hände Arbeit (V^^'^) ernährt, steht 
höher als der Gottesfürchtige." ^^ 

190. Das Gewerbe. Die so sehr verherrlichte Arbeit 
wird zuweilen näher als Handwerk bezeichnet, z. B. in dem 
Satze, der Segen ruhe nur auf dem Handwerke (CT nZ'V^)^'^ 
Die Arbeit bildet die praktische Seite im menschlichen Leben 
und heißt gegenüber dem Thorastudium, als der theoretischen 
Seite, .,der Erdenlauf" (|^^? l"Ti)*^- Die unbegrenzte Hingabe 
der Wortführer unserer Zeit an das Thorastudium hinderte sie 
nicht, der broterwerbenden Arbeit einen großen Wert zuzu- 
schreiben^^. Wenn ihnen zwar als solche in erster Reihe der 
Ackerbau vorschwebte, so traten bereits auch das Handwerk 
und der Handel [pC])) genügend in ihren Gesichtskreis. Das 
biblische Wort: „Erwähle dir das Leben" wurde gedeutet: „Das 
ist das Handwerk" (mJC^X)^^. Wer seinem Sohn kein Handwerk 
beibringt, lehrt ihn eo ipso das Räuberhandwerk (vgl. S. 19). 
Wer ein Handwerk besitzt, gleicht einem Weingarten, der eine 
Schutzmauer, und einer Grube, die einen Wall hat^^. 

Arbeit und Handwerk sind zunächst Mittel der Ernährung. 
Bezeichnend ist das Sprichwort: „Sieben Jahre mag die Hungers- 
not dauern, aber an die Türe des Handwerkers kommt sie nicht."'' 
Das Handwerk ist eine solche Macht, daß das Nichtgelingen 
einer Sache sprichwörtlich wie folgt ausgedrückt wird: „Was 



Gewerbe. 251 

hilft dem Meister seine Meisterschaft (nij^iJ^)?"^^ Arbeitslosig- 
keit führt zum MangeP^, zur geistigen Zerrüttung (S. 45), jay 
für den, der an Arbeit gewohnt war, zum Zerfall der physischen 
Kräfte (S. 108). Die geistige Beschäftigung hat vor der physi- 
schen nichts voraus. Folgemler Ausspruch war geläufig in dem 
Munde der Rabbinen zu Jahne: „Ich bin ein Mensch, und mein 
Genosse ist ein Mensch; ich habe meine Arbeit in der Stadt, 
und er hat sie auf dem Felde (vgl. S. 108); ich mache mich 
zeitlich zur Arbeit auf (C-I^Ti), und er macht sich zeitlich zur 
Arbeit auf; so wie er sich mit seiner Arbeit nicht groß macht, 
so darf auch ich mich nicht groß machen mit meiner Arbeit. "^^ 
Man sieht hier nebenbei ein selbstverständliches Erfordernis, 
jeder Arbeit: den Fleiß und die Ausdauer. „Fleißige Betriebe" 
(nnplt^ nVJ^OlN) ist eine stehende Redensart^^ Wir haben be- 
reits gefunden (Bd. I, S. 149), daß mancher Gewerbetreibende 
auch bei Nacht arbeitete. Jener Jabnesche Spruch zeigt uns 
ferner, daß die Rabbinen die Handwerker mit sich selbst auf 
gleiche Stufe stellten, was in jenen Zeiten viel besagen will. 
Den mit den Erstlingsopfern im festlichen Zuge nach Jerusalem 
Pilgernden gingen die Statthalter, Fürsten und Tempelbeamten 
entgegen, und selbst die Gewerbetreibenden (PiV^^lN ^^V^), die 
doch ihre Zeit so sehr brauchten, machten Pause und standen 
vor ihnen auf. Dagegen brauchten sie inmitten der Arbeit vor 
den Gelehrten nicht aufzustehen, wozu sonst ein jeder verhalten 
war, denn eine Störung (':'V^2) in der Arbeit konnte und durfte 
von ihnen nicht gefordert werden-^. So wurde auf Arbeiter und 
Gewerbetreibende auch in der Erfüllung sonstiger religiöser 
Pflichten, z. B. wenn sie ihre Arbeit zur anberaumten Gebet- 
stunde unterbrechen sollen, Rücksicht genommen; dies jedoch 
nur, wenn die Arbeit tatsächlich im Gange ist, nicht aber, wenn 
die Arbeit ruht (/t22)^^, eine Bemerkung, die uns nebenbei ver- 
rät, daß man begreiflicherweise nicht den ganzen Tag fortarbeitete, 
sondern Pausen eintreten ließ (vgl. S. 103). Die Ruhezeit tritt 
uns übrigens mehr bei Feldarbeitern entgegen, weil diese als 
Taglöhner arbeiteten, weniger bei Gewerbetreibenden, die die 
übernommeneu Arbeiten in Akkord ausführten und bezüglich 
ihrer Zeitanwendung niemandem Rechenschaft zu geben schul- 
deten, auch dann nicht, wenn sie, wie es gewiß in den meisten 



252 Gewerbearien. 

Fällen geschah, und wie es noch heute im Orient Sitte ist, die 
bestellte Arbeit im Hause des Auftraggebers verrichteten^^*. 
Auch ist nur ^122 /Vl^ „der unbeschäftigte Feldarbeiter" eine ste- 
hende Figur, weil es naturgemäß Zeiten im Jahre gibt, in denen 
der Landwirt keine Feldarbeit zu vergeben hat, aber „ein un- 
beschäftigter Industrieller" figuriert nie, weil die Industrie ihrem 
Wesen nach ohne Unterlaß immer betrieben werden kann. 
Unsre Quellen versäumen auch nicht, darauf hinzuweisen, daß 
die meisten Urprodukte an sich zum Verbrauch untauglich sind. 
z. B. das Getreide und die Kleidungsstoffe, und daß erst die 
Arbeit, eigentlich das Handwerk, kommen müsse, um sie in der 
dem Menschen nötigen Weise zu verarbeiten 2"^. 

Vom Standpunkte des Lebensunterhaltes ist jede Beschäfti- 
gung, in erster Reihe natürlich auch der Landbau, ein „Ge- 
werbe" (m:i701J<), und so wird ferner derselbe Begriff auf eine 
Keibe anderer Beschäftigungen ausgedehnt, die die moderne 
Sprache nicht als Gewerbe zu bezeichnen pflegt, z. B. die Arbeit 
des Arztes (vgl. p\x, NjCIN = Bader, Chirurg Bd. I, S. 265) ^^ 
und der Handel (pcy vgl. o. 250). Oft werden die verschiedenen 
Beschäftigungen gegeneinander abgewogen. Während ein Lehrer 
die Erwartung ausspricht, daß einst alle Gewerbetreibenden 
sich auf die Erde stellen (d. i. stützen) würden, meint ein 
anderer, daß der Handel besser den Mann nähre, und einer 
wendet sich direkt gegen die Erde und spiicht: „Sich mit Handel 
abzugeben, ist besser als mit dir", gewiß der Groll eines Mannes, 
der von dem Ertrag seines Bodens nicht zufriedengestellt wurde ^^. 
Ein Spruch lautete: „Hundert su2! im Geschäfte — gibts jeden 
Tag Fleisch und Wein; hundert Z9(z in der Erde — Kraut und 
Gras"! Ein ferneres Übel: Bei der Bodenpflege muß man auf 
der Erde schlafen, und sie bringt einen in Hader mit den übi"igen 
Menschen (wegen Grenzstreitigkeiten) — ein wichtiges Moment 
zur Wertschätzung des Handels, der die Menschen einander 
näher bringt. Ein Lehrer, der vom Bierbrauen reich geworden 
(S. 245), empfahl dagegen: „Baue nur dein Feld immerhin an 
und verkauf" es nicht, selbst wenn der Erlös der Frucht gleich- 
käme, denn die Frucht kann Segen erfahren, aber »lein Kleid 
kauf fertig und web' es nicht", ein Satz, der da beweist, wie 
sehr sich der Produzent auf die Industrie stützte-'. 



Gewerbearten. 253. 

Ein reinliches und leichtes Gewerbe {Tibp^ JT'pj niJDlN), 
als dessen Typen die Kunststickerei und die Perlenbohrerei 
gelten können und das demzufolge auch den Lebensunterhalt 
schön und leicht macht, ist einem schmutzigen und schweren 
Gewerbe vorzuziehen. Als verächtliches Gewerbe galt dasjenige 
des Esel- und Kameltreibers, des Töpfers, des Schiffers, des Hirten 
und des Krämers, weil es sich auf Raub (d. i. auf Betrug) richtet; 
schlimmer daran sind der Bader oder der Chirurg, der Bade- 
diener und der Gerber, die ein schmutziges Gewerbe betreiben; 
dem armen Gerber, wie auch dem Erzbergarbeiter und dem 
Hundekotsammler haftet noch außerdem auch körperlich der 
Geruch seines Gewerbes an, so daß ihn selbst die eigne Frau 
für abstoßend hält (vgl. S. 31). Die Welt braucht sowohl den 
Gerber als den Parfümhändler (Bd. I, S. 242); wohl dem, dessen 
Los es ist, Parfümhändler zu sein, und wehe dem, dessen Los 
es ist, Gerber zu sein! Eine Schlußbetrachtung, die in unsren 
Quellen zu erwarten war, meint jedoch, das beste Handwerk 
sei die Thora^^. Den Kindern tat es wehe, wenn sie die 
Eltern in einem schäbigen oder minderwertigen Gewerbe sahen 
(n^l^S: mj?2\S ,'rn)']'' 'ws*)^^, schon darum, weil sie gewöhnlich den- 
selben Beruf ergreifen mußten (w. u.). Deshalb eben heißt es, 
daß ein Gewerbe, sei es noch so schlimm, nie ganz von der Welt 
verschwinde^^. Es wurde natürlich auch die Einträglichkeit des 
Gewerbes (nt'IVC HIj^In) in Erwägung gezogen ^^ Nur wenige 
waren in der glücklichen Lage, arbeitslos und müßig leben zu 
können (C^'^''''L2, CJ'PlO^), waren aber nicht sonderlich geachtet ^^. 
Auch diejenigen Gewerbetreibenden, die beruflich mit Weibern 
zu tun hatten, standen in Verruf (vgl. Bd. I, S. 149). Man 
soll den Sohn nicht zu solchen „Weiberberufen" (C't^'^M mj?2\x) 
heranbilden. Als solche gelten der Beruf der Goldschmiede, 
der Seidenweber, der Balsamhäudler, der Weber, der Walker, 
der Haarschneider, der Kleidernäher und der Tuchhändler ^^ 
Für all diese Anschauungen können im Leben der Römer voll- 
vv^ertige Analogien gefunden werden ^■^. 

Wenn auch manches Gewerbe minder angesehen war, so 
war keines zu schlecht, wenn man es des Lebensunterhaltes 
wegen betrieb. Der Abdecker auf Öffentlicher Straße steht 
gewiß selbst dem Gerber nach, und dennoch wurde, wie wir 



254 Gelehrte im Gewerbe. 

gesehen haben, selbst der Priester und der Gelehrte an dieselbe 
Beschäftigung verwiesen. In der Tat finden wir die namhaftesten 
Gelehrten gerade in höchst untergeordneten Berufen und nur 
selten in höheren Gewerben. Hillel war Holzhauer ^^, Jochanan 
ben Zakkai Geschäftsmann, Abba Chilkija Taglöhner^^, Nechunja 
Zisternengräber, Hyrkanos Ackerbauer, Josua ben Chananja 
Schmied ^■^, Abba Saul Totengräber, früher Weinhändler ^^, Cha- 
nan Geldwechsler, Akiba früher Hirt, dann Holzhauer, Abba 
Josef Baumeister, Adi Feldmesser, Jose ben Chalafta Gerber, 
Isaak Schmied, Meir Schreiber, Juda ben Illai Böttcher, Simon 
Weber oder Goldfadendreher ^^, Nechemja Töpfer, Chanina 
Straßenmeister, Juda Bäcker, ein andrer Juda Schneider, ^vieder 
ein andrer Juda Parfümhändler, Jochanan Schreiber und Siegel- 
stecher, ein anderer Jochanan Sandalar oder Schuster"^^, Josua 
Gräupner^^, Rab Marktaufseher '*^, Josef Müller, Ika^ Weinhändler, 
Dimaj Dattelhändler'^^, Chisda und Papa Bierbrauer, Abin Tischler, 
Eleazar Haarschneider '^'^ usw. Unter den bestbekannten jüdischen 
Personen des Neuen Testaments waren dem Gewerbe nach Jesus 
und sein Vater Zimmermann, Paulus Teppichmacher, Simon 
■Gerber, Alexander zu Ephesus Schmied*^. Die Juden in der 
kleinasiatischen und europäischen Diaspora waren sehr oftHändler. 
Karawanenzügler und Seeleute; es finden sich unter ihnen auch 
Purpurfärber, Seidenweber, Bäcker, Goldgießer, Maurer, Schuster. 
Balsambereiter, Geldwechsler, xArzte^^. 

191. Kunstfertigkeit. Wir hatten bereits die Angabe, 
daß der Vater dem Sohn ein Handwerk, wohl sein Handwerk, 
beibrachte (~P/), und sahen auch, daß den Söhnen der Beruf 
der Eltern zuweilen mißliebig war: daraus folgt, daß die P>e- 
schäftigung des Vaters sich gewöhnlich auf den Sohn übertrug. 
Dasselbe folgt aus der Redensart: Zimmermann ("12j) und Zimmer- 
mannssohn (vgl. biblisch Prophet und Prophetensohn). So sehen 
wir gerade in jenem sprichwörtlichen Beruf Jesus und seinen 
Vater als Zimmerleute; Mutter und Tochter sind Hebammen 
(S. 5), der Arzt überträgt seine Kunst auf seinen Sohn^". 
In Jerusalem gab es ganze Geschlechter, in denen sich die- 
selbe Kunstfertigkeit erblich fortsetzte, z. B. die Bereitung des 
Räucherwerks (Bd. I, S. 241)'^^. Da in alten Zeiten die Nach- 
kömmlinge einer einzigen Familie die alleinigen Bewohner eines 



Kunstfertigkeit. 255 

ganzen Ortes waren, so war demgemäß auch die Erscheinung 
zu erwarten, daß ganze Orte, wie ihr Name zeigt, dasselbe Ge- 
werbe ausübten, z. B. in „Magdala der Färber", in Bethzaida 
(Ort der Fischer), in „dem Dorfe der Insassen" (d. i. Miets- 
bauern, vgl. S. 102) und allem Anscheine nach in Nazareth, 
das wohl nichts andres ist als die Zimmerraannstadf^^. Das 
Festhalten am Althergebrachten brachte es mit sich, daß sich 
ein gesellschaftliches Vorurteil gegen den wendete, der den 
Beruf seines Vaters aufgab. An einem Beispiel wollen wir das 
vorführen. Einst starb ein Walker (liip Bd. I, S. 153) und 
hinterließ einen Sohn. Die Mutter führte ihn einem Gewerbe 
zu, aber er entlief; sie führte ihn der Schule zu, aber er entlief 
(p*lV). Da sprach sie: Nun bleibt nichts andres übrig, als daß 
ich ihn das Gewerbe seines Vaters lernen lasse. Sie brachte 
ihn zu dem Zunftgenossen des Vaters und sprach: Hier, nimm 
ihn und lehre ihn (^'PX) das Gewerbe seines Vaters! Er führte 
ihn in die Werkstätte, da aber der Junge früher etwas Chirur- 
gisches aufgeschnappt hatte, so ging ihm immer darauf der 
Sinn; er sagte auch richtig: Dem tut der Kopf weh (aber es tat 
ihm der Fuß weh), dem tut der Fuß weh (aber es tat ihm der Kopf 
weh) usw., da brachte ihn der Kleister zur Mutter zurück und 
sagte ihr: Da hast du deinen Sohn, begrab' ihn, da er einmal den 
Beruf seines Vaters aufgegeben hatte !^° Es wird auch in Form 
eines Lehrsatzes eingeprägt, daß man seinen und seiner Väter 
Beruf nicht ändern (H^^) möge^^, und daß Gott selbst es ist, der 
jedem seinen Beruf schön erscheinen läßt {TiB^)'^'^. 

Die Tatsache, daß das Handwerk gelernt werden müsse, 
tritt aus all dem genügend hervor. Nach der Legende lehrt 
Gott selbst Adam alle Kunstfertigkeiten (PT'JCIN, vgl. Buch der 
Jubil. 3, 35), sogar das Liniieren der Schriften ^^, und auch die 
Zange (§ 205), das oberste Werkzeug aller Erzarbeiten, geht 
unmittelbar aus Gottes Hand hervor. Im realen Leben jedoch, 
wie wir bereits andeuteten, erhielt der Sohn die Ausbildung 
vom Vater (vgl. S. 18). War ein andrer Beruf zu erwählen, 
was wieder vom Vater ausging, oder in den zahlreichen vom 
Leben gezeitigten Fällen, in denen, wie angedeutet wurde, der 
Vater bestimmend nicht eingreifen konnte, ging der angehende 
Gewerksmann zu einem fremden Mann in die Lehre, zu einem 



256 Meister und Lehrling. 

Meister (2"l), dessen Schüler (TiD/P) er nun wurde ^^. Beim 
Einstehen verabredete man die Lehrzeit. Es kann uns über- 
raschen, daß Betriebe, die scheinbar wenig Kunstfertigkeit er- 
forderten, wie die Walkerei (s. oben) und Auskocherei (w. unten), 
gelehrt und gelernt wurden. Es traf sich, daß eine Frau in 
Caesarea (der Mann war wahrscheinlich gestorben) ihren Sohn 
zu einem Auskocher (cmnj s. Bd. I. S. 93) in die Lehre gab 
(T*^*!*^)? indem sie zu ihm sprach: Lehre meinen Sohn das Ge- 
werbe! Jener sprach zu ihr: Er hat fünf Jahre bei mir zuzu- 
bringen (pncn), dann lehre ich ihn 500 Gerichte aus Weizenmehl. 
Das ist auch geschehen. Nach fünf Jahren sprach er: Er möge 
weitere fünf Jahre bei mir bleiben (21^'^), dann lehre ich ihn 
1000 Gerichte aus Weizenmehl. Ob das geschehen, wird nicht 
berichtet^^. In einem andren Falle, ebenfalls in Caesarea, gab 
die Mutter den Sohn zu einem Zuckerbäcker (D''"ltrj^p"lC = TC>.a- 
zYjVTapioc = placentarius), erst auf vier Jahre, dann wieder auf 
vier Jahre, und da lernte er je 100 Eiergerichte (vgl. § 74)'^^. 
Lehrer und Lehrling konnten verschiedenen Konfessionen an- 
gehören; Juden lernten z. B. bei Samaritanern und Heiden^'. 
Aus dem Bestreben, den Lehrling je länger bei sich zu behalten, 
ersieht man, daß dem Meister die billige Arbeitskraft sehr er- 
wünscht war. Mancher Betrieb erforderte also gewiß ein größeres 
Personal. In der Teppichweberei z, B., in welcher das Weber- 
schiffchen stets von einer Hand in die an<lre geworfen wurde, 
mußte ein ständiges Ineinandergreifen der Mitarbeiter stattfinden, 
und wir vernehmen auch ausdrücklich, daß Lehrlinge oder Ge- 
sellen (p'Pll^') dabei mitarbeiteten; das gleiche ist der Fall im 
Schmiede- und Zimmermannshandvverk (n1:iJ" N"'"'':'!^')^'^. Wenn 
die Rabbinen von der Herstellung der heiligen Tempelvorhänge 
berichten, erwähnen sie immer die gleichzeitige Arbeit von meh- 
reren Frauen, deren Arbeit sich als Kunstwirkerei (vgl. Bd. 1, 
S. 164) bezeichnen läßt^'\ zugleich einer der wenigen Fälle, in 
denen sich Frauen gewerblich betätigten. Daß sie Bäckerinuen 
und Gastwirtinnen waren, liegt in der Natur der Sache ^^ Die 
Arbeit geht rhythmisch unter lauten Zurufen und Gesang ("1?2*) 
vor sich^^*. 

Die meisten Gewerke benötigen gewisse Behelfe oder 
Werkzeuge, die in unsren Quellen ..Geräte" {C^Z vgl. S. 169) 



Werkzeuge. 257 

heißen; so werdeu z. B. speziell die Töpferwerkzeuge (m~l"lp '»'^r) 
und die Zimmermannswerkzeuge (ni"1IlJ ''^l) erAvähnt^^ Zum 
sehr geringen Teile sind auch die gr. Bezeichnuugen ^s'''p:n^ = 
spyaXsTa und pjmx = opyavov, in gewissem Sinne sogar das 
figürliche okXol = Waffen (nCH/D ^^2) eingedrungen ^^ „Der 
Handwerker mit seinem Werkzeug" ("iniJDlN "''Pn plN*) ist eine 
stehende Redensart. Gewiß erschienen die Handwerker auf der 
Straße vielfach in ihrer vollen Ausrüstung, schon darum, weil 
zur Ausführung der bestellten Arbeit im Hause des Auftrag- 
gebers die Werkzeuge in einem Bündel (n'P''ZN) hingetragen werden 
mußten ^"^, allmählich jedoch muß sich die volle Ausrüstung zu 
denjenigen Abzeichen abgeschwächt haben, die wir bei einzelnen 
Gewerbetreibenden bereits kennen gelernt haben (Bd. I, S. Iö9j. 
Wir konnten auch schon die besondern Kleidungsstücke der ein- 
zelnen Arbeiter wahrnehmen (Holzschuhe der Kalkarbeiter das. 
S. 19, Lederschurz und Handschuhe des Flachsarbeiters das. S. 
140), und verzeichnet zu werden verdienen die Ärmelhalter 
(G''':?2"1L^' das. S. 183), durch welche das Behindern der Arbeit durch 
den Leibrock verhütet werden sollte. Die Kleider der Arbeiter 
wurden von der Arbeit naturgemäß schmutzig; als typisch 
schmutzig finden wir in der Bibel und bei den Rabbinen die 
Kleider des Kelterers (--;: n:- vgl. S. 221)^3» ^j^ Technik 
der Arbeit richtete sich natürlich nach der Art der Arbeit-, im 
allgemeinen hatte jeder Künstler seinen eignen künstlerischen 
„Weg" (ni:^\S l"l"l)^^, der sich von dem Verfahren des Laien 
(LOVin) merklich abhob ^^ 

Das Leben stellte Aufgaben genug, um zwischen den Ge- 
werbetreibenden eine Rivalität entstehen zu lassen; man hatte 
hierfür bezeichnenderweise den Ausdruck: „Einer ringt mit dem 
andern bis ans Leben" (Vn'P l^y im""), z. B. wenn einer hart 
an die des Nachbars eine Mühle baut. Ein erbitterter Brotneid 
herrschte z. B. unter den Buhldirnen ; in der Tierwelt kannte 
man dieselbe Erscheinung unter den Hunden und beim Huhn. 
Mit einem Heiden sollte man überhaupt nicht konkurrieren 
(^^3p^^), aus Furcht vor Gewalttätigkeit. Nur die Rivalität 
zwischen Schriftgelehrten (C''")?1D PNJp), aus edlen Motiv^en ent- 
sprungen, hielt man für löblich. Das Psalmwort (15,3): „Er 
tut seinem Nächsten nichts Böses an", deutete man auf den- 

Krauß, Talm. Arch. H. IT 



258 Innungen. 

jenigen, der sich nicht in seines Genossen Gewerbe begibt (ll^)^®. 
Wir erfahren jedoch in sehr entschiedener Weise, daß „jeder 
Gewerbetreibende haßt den Mitgewerbetreibenden"-, vgl. das 
lateinische Sprichwort: figulus figtdum odit^"'. Die einzelnen 
Oewerke hatten in den Städten ihre besondern Gassen und 
Märkte, wie wir das noch beim Handel (§ 219) sehen werden; 
ebendort wird auch von den Werkstätten und Verkaufsläden zu 
sprechen sein. In der großen Basilika in Alexandrien, von der 
es immer mehr klar wird, daß sie keine Synagoge, sondern eine 
Art Markthalle war (§ 220), waren für folgende Gewerbe be- 
sondere Plätze angewiesen: den Goldarbeitern, den Silber- 
arbeitern, den Grobschmieden, den gewöhnlichen Webern und 
den in Tarsiermanier arbeitenden Webern (C-u'^C)'^'^, so daß 
der fremde jüdische Arbeiter sich nur an seine Berufsgenossen 
zu wenden hatte, um Arbeit und somit Lebensunterhalt 
(riDJnS vgl. 0.) zu gewinnen^^. Einen ähnlichen Zusammen- 
schluß der Gewerbetreibenden finden wir auch in Jerusa- 
lem^^. Wahrscheinlich bestanden auch organisierte Innungen 
oder Zünfte, was daraus zu schließen ist, daß ein Meister (2~j) 
der vorhin genannten in Tarsiermanier arbeitendeu, vornehmlich 
in Alexandrien einheimischen oder florierenden Weber erwähnt 
wird^^*. In Alexandrien bestand auch eine Müller- und eine 
Schifferinnung ^^. 

Die im Talmud enthaltenen Notizen gewerbetechnischer 
Natur knüpfen vielfach an die Arbeiten der Stiftshütte an (vgl. 
S. 107), die also stets vor Augen zu halten sind. Wie die 
Bibel die Verfertiger der Stiftshütte und des salomonischen 
Tempels mit Namen nennt, so besitzen wir als Seitenstück dazu 
auch im Talmud die Namen einzelner Künstler, die sich bei den 
letzten Arbeiten des herodianischen Tempels hervorgetan haben '^ 
Wie ferner schon die Stiftshütte nach einer Vorlage gearbeitet 
wurde, so arbeitete auch in unserer Zeit z. B. der Maurer (Bd. I, 
S. 21), der Salbenmischer (das. S. 241) und der Arzt (das. 
S. 257) nach Vorlagen bezw. nach Vorschriften'-. Eben im 
herodianischen Tempel hat es auch z. B. für Backwerke ein 
Modell (D1D"1 das. S. 101) gegeben, und man bediente sich dessen 
auch im privaten Leben zu demselben Zwecke, doch auch zur 
Formung von Tonwaren '^. Die meisten Arbeiter haben einen 



Gerberei. 259 

Arbeitsstuhl, der 711272 „Bank" heißt — bei den in Tarsiermanier 
arbeitenden Webern war eine zerlegbare Bank im Gebrauche (vgl. 
Bd. I, S. 66) — und dem bei dem Zimmermann ein „Bock" (w. u.) 
entspricht. Schuhwaren (das. S. 177) und Mützen werden über 
eine Form oder einen Leisten (c=iX3Js* arab. ^wJLi') geschlagen'"^; 
der Walker tat das fertiggestellte Linnen in die Presse (das. 
S. 154) — lauter Zeichen einer entwickelten gewerblichen 
Tätigkeit. Eine Anzahl Gewerbe, so sämtliche zum Baufach, zur 
Nahrungsmittelbereitung, zur Kleiderverfertigung (Spinnen, 
Weben, Färben, Walken, Schneiderei, Schusterei usw.) und zur 
Kosmetik gehörigen Arbeiten haben wir in den zuständigen 
Abschnitten behandelt; hier folgen die Arbeiten in Leder, Holz, 
Ton und Metall. 



B. Leder- und Holzarbeiten. 



d:ie Bearbeitung des Fells zu Geräten. In talmudischer Zeit 
haben wir uns die Lederindustrie als sehr bedeutend vorzustellen. 
Sie lieferte Geräte (Schläuche, Säcke usw.), Kleider (Mäntel, 
Pelze, Schuhe usw.), Schreibstoffe (Pergament usw.). Es waren 
an ihr beteiligt der Gerber, der Schuster, der Riemer und andre 
Arbeiter. 

In jeder Bauernwirtschaft mußten durch Schlachten und 
Verenden von Haustieren oder durch Erjagen von Feldtieren 
recht viel Häute sich vorfinden (n"'2n 'PVü Pmv); sie waren auch 
ohne jede Bearbeitung zu Decken, Eßtischen und Lagern ge- 
eigoet'^^. Aber in der vorgeschrittenen jüdischen Gesellschaft 
blieb es nicht bei der häuslichen Verwendung, sondern die 
meisten Felle kamen in die Hand des Gerbers (pziy von 12V 
= arbeiten als Terminus der Lederbearbeitung, vgl. ö'SpaTUSüstv 
soviel wie ßapaa? epYa^saö-ai, [laXocTTsiv), der mit einem griechi- 
schen Ausdrucke '•Dil:: = ßupdsü? hieß'^ Gewöhnlich ließ der 
Landwirt bei ihm die Felle in eigner Kegie ausarbeiten, und 
nur weniges übernahm der Gerber selbst zum Wiederverkauf^^. 

Noch ehe das Fell zum Gerber kam, war es Gegenstand 
des Handels von Leuten (sie hießen ''J<l':5:i), die mitunter so 
zahlreich in einem Orte ansässig waren, daß man eine Gasse 

17* 



260 Lederarbeiter, 

nach ihnen benannte. Vielleicht haben wir die berufsmäßigen 
Abdecker (vgl. S. 253) oder Schinder in ihnen zu erkennen, die 
wegen des üblen Geruches, den ihre Ware verbreitete, nur unter 
sich und nur außerhalb der Stadt wohnen durften'^. Das Ab- 
decken (tO''k^Dn, etwa Bscjjstv depsere) wird übrigens, da es auch 
unter den Arbeiten der Stiftshütte figurierte (s. oben), zum Range 
einer selbständigen Arbeit (nr^X^D 2N) erhoben ^ö. Da auch die 
Gerberei ein verachtetes Gewerbe war (S. 253), so mußte die 
Gerberwerkstätte ("»pD^lZ = ßapcJizY]) 50 Ellen von der Stadt 
(vgl. S. 139) entfernt sein^^ Vielleicht liegt es daran, daß wir 
veruehmeu, das Haus des Gerbers Simon in Joppe sei am Meere 
gelegen gewesen, doch mag diese Lage auch darin ihren Grund 
haben, daß zum Betriebe einer Gerberei eben Wasser nötig ist, 
indem die Häute eine Wasserspülung (CCP, ^^Z') erfordern, und 
so kommt es, daß nächst Joppe wir wiederum aus einer Seestadt, 
aus Sidon, eine alte positive Nachricht von einer Gerberei haben. 
Die Bearbeitung im Wasser bewirkt es ferner, daß die Gerberei 
im Punkte der Unreinheit mit dem Walkersumpf und dem Bade 
zusammengestellt wird^l Diejenigen Lederarbeiter, die pVrV' 
heißen (von aram. N/K = "liy), waren vielleicht bei diesem frühen. 
Stadium der Lederbearbeitung, nämlich beim Spülen im Wasser, 
beschäftigt. Von ihnen ging ein Sprichwort: Sowohl das große 
Fell {y6)i) als das kleine Fell {VÖ'^)^) zahlt beim Gerber 4 zuz. 
Auch sie wohnten in einer besondern Gasse (^y'^i*" Npll^'). Eine 
Art Bett (Nt'^i"! ^*D1y), dessen hervorstechendes Merkmal ein in 
den Bettrahmen gespanntes einziges Stück Leder (statt Riemen 
oder Gurten s. Bd. I, S. 66) gewesen sein mag, war wohl ihre 
Arbeit oder ein ihnen eignes Möbelstück"^. 

Die rohe, feuchte Haut (M'71l^•2)"'^ wird im primitiven Vei-- 
fahren seitens des Landwirtes einem gründlichen Zertreten (D*)") 
dadurch ausgesetzt, daß er sie auf der Straße so ausbreitet, 
daß die Tritte der Menschen darüber gehen '*^. Diese, bei 
Griechen und Römern nicht nachweisbare, recht mangelhafte 
Methode mußte wohl alsbald dem Klopfen {yZr\) mit Stöcken 
weichen, wie wir es auch bei den klassischen Völkern finden ^*'. 
In der Hand des Gerbers entspricht dem das vorhin erwähnte 
Spülen im Wasser (^uLJ*), immer zu dem Zwecke, die Lösung 
der Lederhaut („Blöße") von der Oberhaut und das Entfernen 



Abpälen. 261 

der Haare vorzubereiten. Gründlicher geschieht die Weichung 
in Weichkasten oder Mulden (p^l^yn nzny)^^ Das „Abpälen" 
(d. i. Enthaaren li^'p:! = waL-A das in unsren Quellen nicht 
erwähnt wird, folgt dennoch aus dem Umstände, daß Schweine- 
und Hundekot als Dinge bezeichnet werden, in welche gegebenen- 
falls Häute gelegt werden, was nur den Sinn haben kann, daß 
sie Mittel des Abpälens sind-, die Griechen benutzten den Harn 
dazu. Mit dem Sammeln des erforderlichen Schweine- und 
Hundekotes und wohl auch mit der Ausführung der Schabarbeit 
beschäftigte sich der für überaus verächtlich gehaltene yüp'O ge- 
nannte Arbeiter (S. 253), aus dessen Namen wir auch die uns 
fehlende Benennung dieser Tätigkeit [y^p = iTXSp = abschaben, 
vgl. Y^^2 w. u.) abstrahieren können^^. Da die Alten außer der 
Mistbeize gerade so wie heute auch noch eine Vegetabilienbeize 
(Maulbeerblätter, Zaunrübe, vitts alba, heute Gerstenschrot oder 
Kleie) zum Abpälen benutzten, so ist ein gleiches auch bei den 
Juden anzunehmen, nur scheint bei ihnen etwa Gerstenschrot 
oder Kleie ausgeschlossen gewesen zu sein, denn das abgeschabte, 
aber noch nicht gegerbte Leder nannten sie, freilich figürlich, 
„ungesäuertes" Leder (ni»C "liy), unter ausdrücklicher Betonung, 
daß auch dasjenige Brot „ungesäuert" heiße, welches keinen 
Sauerteig bekommen, während die moderne Technik die Kleien- 
beize gerade mit Sauerteig anmacht. Schon der Erklärer Rasi 
macht darauf aufmerksam, daß durch die Hundekotbeize Kor- 
dovanleder (vgl. auch unser Saffian) entstehe, was uns einen 
Begriff von der Feinheit des Leders der Alten beibringt ^^. Wir 
hören auch, daß das Fell zu irgendeinem Zweck gekocht oder 
gedünstet wurde {phz')^^^. Die bereits enthaarte Haut {n^Z') 
fand übrigens im Haushalte die mannigfachste Verwendung^^'\ 
Das noch unberührte, nasse Fell eines Zickleins wurde über 
Kasten, Kisten, Schränke und andre Holzmöbel gebreitet (D"1D), 
weil es ein etwaiges Feuer von ihnen abhielt^^^ 

Nun erst beginnt das eigentliche Gerben ("IIV), das im 
w.esentlichen eine Loh- oder Rotgerberei ist, da der Gerbstoff 
zumeist eine Beize aus Galläpfelstaub oder aus Mehl ist; doch 
kennt man auch die Salzbeize, wohl mit Alaun vermengt, also 
die Weißgerberei, während von der Sämisch- oder Ölgerberei 
in dem ölreichen Palästina auffallenderweise nichts verlautet^^. 



262 Leder. 

Man nennt drei Häute: 1. die „ungesäuerte", d. i. ungegerbte 
Haut (niJC s. oben), die weder „gesalzen" (n''^72), noch „gemehlt" 
(n"'^p), d. i. weder in Salz, noch in Mehl gebeizt wurde; 2. die 
„gebeizte" Haut (HE)"), die die Salzbeize, nicht aber die Mehl- 
und Galläpfelbeize {y^^V nait Galläpfelstaub gebeizt) erfahren hat; 
3. die Diphthera (N"^nD"! = BicpQ^spa), nach den Rabbinen die- 
jenige zubereitete Tierhaut, die in Salz und Mehl, nicht aber 
in Galläpfelstaub gebeizt wurde ^^. Inwieweit diese Festsetzungen 
technisch richtig sind, steht dahin. Sicher ist es danach, daß^ 
man nach der Gerbart mehrere Leder uuterschied. Da man 
die genannten Galläpfel-, Mehl- und Salzbeizen sicherlich auch 
kombiniert verwendet haben wird, so ergibt sich daraus eine 
fernere Sorte Leder, etwa das Leder ("liy) schlechthin^-. Das 
Einbeizen geschieht in dem vorhin erwähnten Weichkasten 
(nD"'"1V')? der von der Gerbsäure der frühem Verwendungen so 
sehr imprägniert ist, daß das hineingegebene Mehl zu säuren 
beginnt, noch ehe die zu gerbende Haut hinzukommt; der 
Prozeß des Säurens setzt mit dem Einlegen der Häute (nt^liy) 
— es sind deren immer mehrere — um so stärker ein^^. Die 
durch die Beize und auch durch die natürliche Vertrocknung 
zusammengeschrumpfte Haut (j'Tir, C'Tm)^'^ wird entweder in 
einem Rahmen faltenlos ausgespannt (nn^) oder mit schweren 
Walzen geglättet, bestrichen (^^li', pnC) und getrocknet (2:1j)^'% 
worauf der Gerber mittels Schneidemessers (tJ^iX = (7[j.i>.y], auch 
Tto^axiTYip, scalprum^ vgl. Bd. I, S. 177) die Haut in richtige 
Form schneidet ("Hn), indem er Fetzen und Lappen (rt^'l':^^, 
pVIHp, noGy.u'kikOLTiccy XdcD'apYoi, tcstt'Jxi«) davon abnimmt (V>p, 'C\'J2) 
und auch etwaige Risse und Löcher (^VIZ), die beim Ausweiden 
des Tieres in der Haut entstanden sein mögen, entfernt^^. Das 
Ausschneiden wird in der Misna zu den Hauptarbeiten gezählt 
und schien auch den Griechen so wichtig, daß sie den Gerber 
eigentlich den Lederschneider (ßup(70T6(xoc, vgl. (tx'jtot6(j.o^) 
nannten^''. Ein bereits in der Bibel genanntes Schneidewerk- 
zeug (G'*^':':! "lyr) dürfte ebenfalls von dem Gerber gebraucht 
worden sein ^^, nur dürfte es speziell das zum Abpälen (viell. 2"*3, 
wovon nD''*13 Gerbergrube) ^^ gebrauchte Messer gewesen sein. 
Vgl. den Namen des Schlauches (2"i: w. u.). Das fertige Leder 
wurde mit Öl bestrichen ("jID, nr''D)^^^. 



Pergament. 263' 

Schon die Lohstoffe färben, u. z. schwarz, wie wohl das 
meiste Leder beschaffen war; aber es konnte im Stadium der 
Glättung die Haut direkt beliebig gefärbt werden (yiiJ vgl. Bd. 
I, S. 144), besonders mit Vitriol (Hin), das schwarz färbte (das. 
S. 147), mit andren Mitteln rot (bh. ClvS nh. 1221\^ = rot färben), 
grün oder weiß^^^ In der Schreibstoffbereitung (w. unten) war 
es etwas allgemeines, das Leder besonders purpurn zu färben ^^^. 

193. Pergament. Zur Herstellung von Schreibstoff war 
die Appretur der Haut verschieden und wurde zum Teil von dem 
Schreiber (w2'^ = libellarius) selbst besorgt. Abgesehen von 
der Diphthera (o.), die nach Angabe der Rabbinen mit Salz und 
Mehl gebeizt wurde, die aber zu Urkunden nicht gern ver- 
wendet wurde, weil sie, vermutlich auf dem Wege des Ab- 
schabens, gefälscht werden konnte ^^^, wurden die enthaarten 
Felle nur mit Kalk gebeizt, aber nicht in Loh Stoffen gegerbt, 
so daß sie steif blieben. Wenn sie durch Glätten auf beiden 
Seiten zum Schreiben eingerichtet waren, hießen sie bei den 
Juden gevil (>i: = t5^23)^^S auch [Schreibjleder pl^) schlechthin ^^^ 
weil es das gewöhnliche Material war, auf welches namentlich 
auch die umfangreichen Bibelrollen geschrieben Avurden. Die 
Diphthera war bedeutend roher und billiger, konnte wohl nur 
auf einer Seite beschrieben werden und war hauptsächlich im 
profanen Leben im Gebrauche. Dagegen wurden heilige Texte 
kleinern Umfangs, wie Phylakterien, Türkapseln und Amulette, 
auf ein viel teureres Pergament geschrieben, das sich von 
jenem wesentlich darin unterschied, daß es aus gespaltener 
Tierhaut (^ifj) bereitet war. Die äußere, stärkere Narben- oder 
Haarseite (iVCTi ClpD, "IIVm ""jD) ergab dasjenige Pergament, 
welches die Rabbinen lieläf (^b'p) nannten, Avährend die dünnere, 
innere Fleischseite ("ll^DH Clpc), auch Anhegeseite (im^'in: Clp?^) 
genannt, ein noch feineres Pergament lieferte, das sie DILTDIDZTi 
(= B{(7)^i(7T0? entzweigespalten) nannten: konventionelle Be- 
nennungen, denn im Grunde besagt das gr. Wort nichts andres 
als hebr. ^p. Wenn man es tun konnte, wurde die Bibel erst 
recht auf dieses bessere Pergament geschrieben, und es wurde 
für das heilige Buch, wie bereits bemerkt worden, die be- 
schriebene Seite auch gefärbt und darauf mit Gold- oder Silber- 
tinte geschrieben ^^^. 



264 Lederwaren. 

Zu Schreibmaterial nahm man Häute von rituell reinen 
Haustieren, in Babylonien besonders Kalbshaut, und von rituell 
reinen Feldtieren, z. B. von Hirsch und Reh, achtete aber nicht 
darauf, ob die Tiere geschlachtet oder verendet waren ^°". Das 
gewöhnliche Leder zu Schuhwaren wird von den Fellen der 
Haustiere genommen worden sein^^^. Zu andern Utensilien aber 
kommen eine Menge andrer Häute in Betracht: von Seetieren, 
von Amphibien, von Vögeln, von Schlangen, und es werden 
diese Häute kasuistisch auch als Schreibmaterial in Erwägung 
gezogen ^^^. 

194. Lederwaren. Für die Anwendung der Felle lassen 
sich aus den Quellen selbst drei Rubriken aufstellen; sie dienten 
a) zum Ausbreiten (n^lC^L^), b) zum Bund und zu Hüllen von 
Geräten (inr?2), c) zu Riemen (myi^n) und Sandalen (C^':5-:D), 
wozu noch d) die Erzeugung von Ledergefäßen kommt. Wir 
ersehen daraus eine starke Verwendung des Leders im Hausrat ^^^. 

a) Einzelne Waren: 1. n^'C^' Tischleder, doch auch Sitz- 
decke und Betteinlage ^'^; überhaupt jede Lederplatte, die man 
z. B. in der Ernte als Brustwehr trug vor der Sonne, oder als 
Knieleder und unter den Sohlen ^^^. Die Tiere hatten eine 
Decke daran (S. 126), deren besondere Ausführungen teils {<2i>"'y 
(S. 127), teils pCiOTiN = averta Felleisen hießen. Aus der Leder- 
platte entstand ein Schlauch und wiederum aus dem Schlauch, 
wenn er aufgetrennt wurde, eine Lederplatte. Man konnte 
nämlich durch entsprechende Veränderung (m|^') aus jedem 
plattgestreckten Zeuge ftC^li'E}) ein zur Aufnahme (/iZp) von 
trocknen oder flüssigen Dingen dienendes Gerät beschaffen^''*. 
2 — 11 N''t;:'npD = scortea Lederschurz, N'''?^Zup -= xaraßo^Y] Unter- 
lage, Polster, mcnn liy imd lünP, IIV die Lederdecke des Esels 
und seines Treibers, Lederschurz des Flachsarbeiters und des 
Krämplers, Leder, auf das die gekrämpelte Wolle und das 
Spinngarn der P^rauen fällt, Achselschurz des Lastträgers, Arbeits- 
schurz des Chirurgen. 12 — 15. Das Wiegenleder des Kindes, 
das Brustleder des Kindes, Kissen- und Polsterleder ("irn "!"iy 
nDDnniy^). 16. Ledermatte (n^ljnc)''^. 

b) Als Band-, Wickel- oder Packzeug (T":rn), Futteral (p\n 
= ö-YixY]), Hülle (2V, 2iy) oder Decke (^V3m) hat das Leder mannig- 
fache Verwendung. 17 — 22. Es kommen vor die Hüllen von 



Lederwaren. 265 

■Gewand (mOD 2V) und Purpur (p:i~1N 2V) und ebenso die Bunde 
von Gewand und Purpur (|C:"1N T"^-^)? bei denen man die Innen- 
seite (Tn), Öffnung und äußere Fläche (l^Vl^'?) unterschied. Der 
Purpur wird immer besonders aufgeführt, weil er als kostbarer 
Stoff nur um so mehr der Schutzhülle bedurfte, und vielleicht sind 
es Stoffe ähnlicher Art, zu denen speziell die weichen Hüllen 
{D^DI CZy) verwendet wurden ^^^ Unter mi»(n) ^2^V sind vielleicht 
tyrische Hüllen zu verstehen, woraus folgen würde, daß naturgemäf.^ 
der Handel und der Luxus sich auch dieser Artikel bemächtigte. 
Die vorhin genannte averta war selber eine ausländische Ware 
und somit auch die dazu gebrauchte Hülle *^^. 23 — 25. Schutz- 
behältnisse waren auch Kasten, Kisten und Truhen aus Leder ^^^ 
26 — 29. Andrer Art waren die' aus Leder verfertigten Decken 
("'isn) von Geräten, z. B. von Gewichten, die vor Abreibung 
geschützt werden sollten, ebenso hatten auch Flaschen- und 
Becherkasten (Bd. I, S. 74) ihre Schutzdecken, wahrscheinlich 
um sie auf die Reise mitnehmen zu können. Lederne Ränzel 
kommen schon in alter Zeit vor (a(7>t07U'/]pa Judith 10,6); auch 
die Rabbinen kennen den Ränzel (rmD = Tzr\p(x) als Träger von 
Marktwaren ^^^. 30. Ganz allgemein ist auch die lederne Waren- 
decke (nn«}t:^)^^l 31—34. Futterale (pT) hatten Bücherrollen, 
Musikgeräte, chirurgische Instrumente und überhaupt alle 
Schneidewerkzeuge (Schwert, Messer, Dolch, Pfeil) ^-^. 

c) Die wichtige Verwendung zu Schuhen und Sandalen 
haben Avir im Abschnitte „Kleidung" (Bd. I, S. 176 f.) behandelt. 
Sehr wichtig ist auch die Riemenfabrikation, die in der Hand 
des Riemers (jViiil lorarms) ein eigenes Gewerbe darstellte. 
35 — 42. Er verfertigte Riemen (my^lil loramenta) zu Schuhen 
und Sandalen, zu Phylakterien, zur ledernen Geißel, zu Fesseln 
und zu sonstigen Zuchtmitteln (S. 95), Stränge für die Tiere 
(S. 124) und zu Wagen (S. 123), Bänder und Schleifen für 
Frauen (S. 46), Lederschnüre (mi»*:i^') und Schleuder (S. 143)^21^ 
Einige dieser Arbeiten mögen sich in der Hand von besondern 
Gewerbetreibenden spezialisiert haben; so scheint z. B. ""p"!;? 
speziell der Riemenschneider (von Nnp~iy Bd. I, S. 180) zu sein^--. 
Auch die verschiedenen Handschuhe, Beinschienen, Aermel- 
pressen, Gürtel aus Leder (Bd. I, S. 175) mögen sein Werk sein. 
Ein wesentlicher Behelf seiner Arbeit (doch auch des Zimmer- 



266 Lederwaren. 

mannes § 195) war der Leim (G''jyü"l b\I/ p'^p = y.6Xk(x, gluten, 
glutinum), den er aus Häuten von Rindern, aus Lederabfällen, 
aus altem Leder auskochte und auch aus Fischen gewann 

d) Behältnisse: 43. Schläuche ("IXi, Piün, t?2:, 2^.:, NDpn, 
Npp"»T), mit deren Verfertigung und demzufolge auch mit deren 
Vertrieb sich besondre Arbeiter, die „Schläucher" (pppT) beschäf- 
tigten ^^4 44^ j)Iq Hirten- und Wandertasche (^'''Cmn) war ein 
wichtiger Gegenstand. Die Enden wurden eingesäumt (CCn) 
und miteinander vernäht (l^P), die überschüssigen Lederstreifen 
und Lappen abgezwickt (3Jp), Täschchen (mrT'p, manchmal CD) 
ihr angenäht und Henkel (CjTN) ihr aufgesetzt. Bänder (PI"'!»''!*) 
von derselben Materie hängen von ihr herunter, die beim Zu- 
binden in Schlingen oder Schleifen (my2L2) von derselben Materie 
eingeführt werden; in der Öffnung durchziehen sie Lederschnüre 
(miJJL^)^^^. Es gab deren von verschiedener Größe und Aus- 
führung; die der Armen hießen fl^lj^ Ränzel^^^. Aus dem 
Schlauch (n?2n) konnte man eine Hirtentasche machen (vgl. o. 
S. 264) ^^^ Der aus einer ganzen Tierhaut gemachte Schlauch 
hat eo ipso Seitentaschen an den Hoden (C^l»2) des Tieres ^-^. 
Die Art und Weise der Verfertigung auch der übrigen Leder- 
geräte ist dem mehr oder weniger ähnlich, so z. B. die der Kissen 
und Polster, und einige Bestandteile, z. B. die Henkel, kommen 
auch bei flachen Waren (z. B. bei N''':'''lL:p No. 3) vor ^-^. 
45. Beutel, speziell Geldbeutel (p^2) s. § 232. 46 — 52. Vorrat- 
säcke (ppL^), Packsäcke (pE)i:»n^ S. 125), Futtersäcke ('7:2D'^p 
S. 126), Reisetasche (n^Dnr), Rucksack ('PiiD"^), Bindsack (HTC) 
usw.; Ampullen oder deren Überzüge usw. '^^. 

195. Zimmermannsarbeiten. Der altbiblische Name für 
Zimmermann und Tischler ist rnn, ein Wort, das von Haus 
aus jede Art Handwerker bedeutete — vgl. ts/wTcov und fahcr 
— weil eben im grauen Altertum viele Arbeiten vereint in einer 
Hand lagen; nh. aber lebt •^'"in nur in wenigen Verbindungen^^^ 
Gebräuchlicher ist die Bezeichnung uacjgur ("i:iJ), dieselbe, die 
auch im Assyrischen, Syrischen und Arabischen vorkommt*^^. 

Das Fällen des Holzes besorgten zwar die Hauer (Ci'ip 
S. 203), aber der Zimmermann wird hier und da auch schon 
diese Arbeit verrichtet haben ^^"l Die Nutzhölzer haben wir beim 



Zimmermannsarbeiten. 267 

Hausbau (Bd. I, S. 16) kennen gelernt. Die gefällten Bäume 
lagen als Holzblöcke (flCir, Dil-, ^uXa (nrpoyyüXa) vor ihm, die 
er mit der Axt p^'^'D, llii?^, Dnip, N^-^n) und dem Beil (lipi) 
zunächst von der Rinde befreite (^l^H, cploi^stv. Xotuocv, decorticare) 
und grob behackte (CD*lp), um sie dann zu glätten (p^H, pvnri) 
und abzuhobeln {^W, DCC')^^'^. Dabei fallen Späne (pDl^) und 
Splitter (CD^p aram. ^ü"'p) ab^^^, während der Stamm sich zu 
einem viereckigen oder runden Balken (mip, ^ok6^, trabs) ge- 
staltet ^^^. Dieser Umstand tritt uns bezeichnend entgegen in der 
Redensart: „Nimm den Splitter aus deinen Augen . . . nimm 
den Balken aus deinen Augen" ^^'. Ein Span hinter dem Ohr 
war das Abzeichen des Zimmermannes ^^^. Die natürlichen, 
runden, bloß abgeschälten Stämme, wie sie sich namentlich 
von der Zeder ergaben, dienten im Baufach als hohe mächtige 
Säulen (niDJlt'r pl. von columnae -as), bei denen bloß die 
Spitzen zu bearbeiten waren, indem man sie abschnitt pl^J, y^ipu); 
dasselbe mußte geschehen, wenn niedrige Holzblöcke durch 
Höhlung (ppn) zu einer Sitzgelegenheit hergestellt wurden ^^^. 
Die Schneidestelle wurde mit Rötel und Krokus bezeichnet 
(p"ip, CD^D)^"^^. So machte es der Zimmermann gewiß auch, 
wenn er die Säge ansetzen wollte, und dasselbe gilt auch vom 
Tischler. Sie bedienten sich, ebenso wie die Baumeister, auch 
des Senkbleis und des Zirkels (§ 208). Sonst gehörten auch 
zwei Arten Bohrer (n^^piZ, n^jtCl^'ip), die Klamme (^:^^n"l) und 
die Zange {V"''Pin) zu ihren Werkzeugen ^'^^ 

Wollte der Zimmermann aus dem Holzblocke Latten (CIDJ) 
oder Bretter (Cli^lp) oder sonstiges geebnetes Holz gewinnen, 
legte er ihn auf einen Bock (wörtlich „Esel", Ci:'"^!! ^\L'* "licn, 
xiXXißa^, vara), zersägte ihn (IDj) mit einer großen Säge (iDD 
serra) oder schnitt ihn ein ("Ti:i) mit einer kleinen Säge (nn''i?:D), 
und zwar wurde die große Säge von zwei Männern bedient ^■^^. 
Die Flächen des Holzes wurden schließlich mit dem Hobel 
{'^:p)^ s. § 208) geglättet ^*^ Da all diese Arbeiten längst nicht 
mehr Sache des Privatmannes oder des Landwirts (n''2n ^^3) 
waren, er diese vielmehr bei Übergabe des Rohstoffes von dem 
berufsmäßigen Zimmermann ausführen ließ, so mußte genau 
festgesetzt werden, was von dem Abfall dem Eigentümer und was 
dem Arbeiter gehöre. Man bestimmte: Was der Zimmermann 



■268 Tischlerarbeiten. 

mit der Axt herausbringt (^''iJin) und was er durch die kleine 
Säge abreißt (pDE)), gehört dem Eigentümer; was aber unter dem 
Bohrer und unter dem Hobel hervorgeht — es führt den besondern 
Namen Zimmer mann sab fall (rtrnn h'\L' ni1D3) — und was durch 
die kleine Säge mitgeschleppt wird (IIHJ), gehört dem Arbeiter, 
aus leicht erklärhchen Gründen, denn jene sind von Wert, 
diese geringfügig^'*^. 

196. Tischlerarbeiten. Bohlen {^rh assis), Latten (C^-^CJ 
(javi?) und Tafeln (pmi% ^^2^, xtva^) müssen, nach ihrer häufigen 
Erwähnung zu urteilen, auch an und für sich vielfache Ver- 
wendung gefunden haben, z. R. als primitive Bank, als Deckel 
von Gefäßen, als eine Art Fußsteig im Hof, w^enn in ihm viel Kot 
liegt ^^^, aber ihre Wichtigkeit erhalten sie doch erst als Material 
der mannigfachen Holzmöbel, die in jedem Haushalte notwendig 
waren (Bd. I, S. 75). Ihr Verfertiger war noch immer der 
Zimmermann, es läßt sich jedoch annehmen, daß der dabei 
häufig genannte Künstler (p'l^<)^^^ bereits der Tischler w^ar, weil 
im Lauf der Zeiten sich die Arbeiten spezialisieren müssen, 
und der „Schreiner" (N"^:rz:^p = xi[3o)Tapio?) kommt wenigstens 
unter fremdem Namen voj-^"*'. Aus den ihm übergebenen Flach- 
stücken (rccV^'D vgl. 0.) oder Holzkloben verfertigt er zunächst 
die in Böttchermanier gehaltenen Werkstücke (pc'^'i:), die übrigens 
ebenso die Grundlage der Metallarbeiten bilden, schneidet behufs 
Zusammenfügung die Wei-kstücke ein (j'"!"), steckt sie ineinander 
(rpl^'n), verbindet (cntTl) sie mittels Düb(4n (iTD), macht ihnen 
Zapfen (rn~r,\) und Randleisten (rTZ*';), leimt sie (p''Z"iri) und 
schlägt {V-p) wohl auch Nägel CuC/r) hinein, damit die Bretter 
(C^CI) zusammenhalten^"*^. Wenn es sein muß, zieht er die 
Nägel mit der Zange (o.) wiedei- heraus. Hierbei muß er die 
Werkstücke nach Bedarf höhlen (ppn vgl. S. 267, LCtTn), schnitzen 
(22ir), schneiden ("m:i) und schaben ("^1:1) *"*'*. Als besondere 
Bestandteile hängt er ihnen an die Basis (]!) odei- den Fuß 
(pwS), den Rand (pr,, p\x) und den Henkel (l:^:tn vgl. S. 266) ''^^ 
Zuletzt folgen Vei-schönerungsarbeiten: stanzen (K-^'j? glätten 
(pSn, s^lt^O, bestreichen (rPL:n)^^S imd das Werk ist fertig. Der 
Gang der Arbeiten kann je nach dem Gerät verschieden sein, 
und es kommen manchmal auch weitere Zubehöre (so z. ß. ist 
ein Metzen, DND, erst fertig, wenn ihm die Fäden angebunden 



Korbflechter und Seiler. 269» 

waren) ^^^, aber in der Hauptsaclie bleibt die Arbeit immer die- 
selbe. Aus einem einzigen Dorf hat man einst anläßlich einer 
bestimmten Frage mehr als 60 Mulden (mz:iy) vor das rabbinische 
Kollegimn gebracht ^'^^^ und so waren es zweifelsohne nicht 
Gebrauchs-, sondern Marktstücke. 

Interessant ist, daß die Werkstücke gewisser Holzarten 
— wir wissen es von der Olive und dem Buchsbaum — gekocht 
wurden (pb\L% Tlp^^iy)^^^. Die Rabbinen kennen die Verwendung 
von solch kostbaren Holzen, wie es das Ebenholz (nj"''P2N = 
sßaivo?), das Sandelholz (ilDt'N vgl. Bd. I, S. 202), das Teakholz 
(teils unter dem gr. Namen Di:i'PDDN lies coLyaliwoi;, teils unter dem 
aram. Namen n:inK', arab. ^^, indisch sayim) und das säsant- 

Holz sind, deren überseeische Herkunft sie zum Teile aus- 
drücklich hervorheben ^^'^. In die Stelle, wo ein Brett von einem 
Wurm ausgefressen war, gab man geschmolzenes Blei ("IZN) und 
verstopfte (CHD) das Loch^^\ 

197. Korbflechter und Seiler. Aus dem Umstände, 
daß ein eigner Arbeitsstuhl (rriTD S. 259) der Flechter (p"lD) 
erwähnt wird^"*^, deren Tätigkeit, das Flechten (jID, IIDj, mit 
dem Binden oder Drehen von Gespinnsten keineswegs zusammen- 
fällt (Bd. I, S. 142), ergibt sich das Vorhandensein einer fernem 
Gruppe von Holzarbeiten. Im römischen Gutsbetrieb bildete 
das salicettim, d. i. das Land, wo die den Weinreben als Stützen 
dienenden Weidenruten gezogen wurden (vgl. S. 201), einen 
wichtigen Gegenstand der Fürsorge, und mit den Weidenruten 
wurde auch ein beträchtlicher Handel getrieben ^^'. In Palästina 
entsprechen dem die Palmenruten pp"l "•"!':»'), doch liegt deren Wich- 
tigkeit nicht in der Landwirtschaft, sondern in der Industrie, 
indem sie das Material der so notwendigen Korbgeräte bildeten, 
wie namentlich in nnH?J Hl^^Dr „Rutenkorb" (l^iJ -= ITj = "IHD, 
vgl. den Ausdruck C"'"!lsj "''')D) ersichtlich ^°^. Eine wesentliche 
Arbeit war die Verschnürung (CDD) des Randes und das Ab- 
zwicken (2Jp) der Spitzen der Ruten; nur beim Korbe aus 
Palmruten pflegte man die Rutenspitzen zu belassen (C""!":?), und 
es war auch nichts daran gelegen, wenn sie unabgeschnitten 
blieben in den Körben gröberer Ausführung, wie es diejenigen 
waren, die den Flaschen und Bechern als Behälter dienten. 



^270 Korbflecliter und Seiler. 

{p:'':i^n r\^2, nimm n''2). Die rh^hj genannte größere Korbart 
konnte solange nicht als fertig angesehen werden, als sie nicht 
einen Hänger ("''l'^n) erhielt ^^^*. Die großen pjp = xavoüv ge- 
nannten Körbe und die großen Blätterkörbe (piilD bezw. C^NID, 
auch nVjIlD) mußten ferner zwei Reife (G''T"l), die zum Stroh- 
tragen bestimmten großen Bottiche (nsip S. 189) zwei ge- 
flochtene Bänder (ni1"'E:K) an ihrem Leib (2n"l) haben, die sie 
zusammenhielten ^^^^. Ahnlich wurden auch Sieb und Reuter 
mit einem Rahmen umspannt (Bd. I, S. 98). Die auf den Markt 
gebrachteli Körbe pflegte man frisch zu überstreichen oder zu 
schnitzen Oci/^*), damit sie neu aussähen, und man erblickte 
Merin keinen Betrug ^^^^ Speziell der Korbflechter (n5<':'lp''"i, 
vielleicht auch ^^Hvp''''") wird seine Waren zugleich in den Handel 
•gebracht haben, wie der viminarius der Römer ^^^. Nächst ihm 
verarbeiten dieselben Ruten der Seiler, der Stricke aus ihnen, 
wie übrigens auch aus Stroh (S. 192), dreht (""T^*" "'^2r'\). 
Beiderlei Arbeiten sind auch in der Hand der heidnischen 
Babylonier vereint vorhanden an dem Korl) von Palmenruten 
■Ot'ipn-! ^rhn), die mit Rutenstrieken verflochten (LT^^n) sind^*^»^. 
Da man auch aus Palmenbast (2^D, C^2"'D, vgl. Bd. I, S. 142) 
Stricke drehte, noch allgemeiner aber aus Flachssträhnen, so 
ist es begreiflich, daß wir denselben Korb (^<^/^) auch in der 
Ausführung der Bast- und Flachsverstrickung flnden^^^ Der 
also genannte Korb wurde in der Wirtschaft als Weinseiher 
(vgl. S. 243) benützt; wenn er in Beziehung zu Bienen genannt 
wird, scheint er nicht so sehr der eigentliche Bienenkorb (S. 136), 
als vielmehr das Schutzdach darüber zu sein, denn nur dann 
ist es begreiflich, daß gegebenen Falls eine Frau beim Haar- 
kämmen darunter sitzt ^^l Der Hauptsitz der Palmenkorb- 
verfertigung in Palästina scheint Skythopolis gewesen zu sein, 
und die Waren wurden in Damaskus ffut abo^esetzt''^^ Die 
Korbflechter arbeiteten mit einer Spindel (piN h'\l/ t^'C), die von 
der der gewöhnlichen Weberei (Bd. I, S. 148) verschieden war, 
und da eine Spur vorliegt, wonach diese Spindel in der galilä- 
ischen Stadt Arbela gebraucht wurde, so fügt sich dieses gut an 
die betreffende Industrie in Skythopolis an^'*^. Schließlich ist zu 
vermerken, daß die Mattenflechterei zu demselben Kreise der 
Arbeiten gehört. 



Holzarbeiten. 271 

Jetzt erst können wir sämtliche Holzarbeiten überschauen, 
von denen wir wenigstens die hauptsächlichsten Produkte in 
großen Gruppen der bereits begonnenen Aufzählung (S. 264) 
der Geräte (C'TD) anreihen wollen. 53 — 59. Möbel, wie Tische, 
Stühle, Betten, wie auch Schränke und Truhen (§§ 39 — 42), zu 
denen auch die Särge (S. 58) gehören, ferner hölzerne Be- 
leuchtungsgeräte (§ 44). In Palästina konnte man all diese Ge- 
räte aus Coniferen machen; in Babylonien jedoch, so hören 
wir aasdrücklich, machte man Geräte, Tische und Leuchter aus 
Palmholz ^^^. 60 — 62. Böttcherwaren, wie Fässer, Bottiche, 
Mulden (vgl. nuiy o. S. 261)^^6. 63—69. Körbe, wie die in 
unsern Darstellungen häufigen "PD (S. 169), HDIp (S. 189), pp 
= xavouv (S. 270), nrhp = xdcT^aO^o?, NJl^ (vgl. bh. n:)^:)i und NJt^), 
ph^\L^ü (S. 169), rhzhD (S. 270), hD^SDD (vgl. S. 39), ni^'^DD (oben), 
'»'pip"! (oben, im Namen schon verratend, daß das Material Palmen- 
ruten, wie auch bei den verwandten Geräten) usw.^^^ 70 — 74. 
Papyrus- und Bastwaren (nn^<^''D^C, 2''D vgl. Bd. I, S. 141), 
u. z. Geflechte, Behältnisse, Körbe, Matten (rh)ir\ü, ^<SD'I^), 
Stricke^^^. 75 — 79. Blätter der Bäume, besonders der Palme, lieferten 
Körbe, Netze, Stricke, Besen (vgl. Bd. I, S. 77) und Kleideri^s. 
80 — 86. Landwirtschaftliche Geräte, als da sind: Pflug (S. 172), 
Sieb, Reuter (§ 56), Joch, Holzstiele von Eisengeräten (§ 208), 
Rahmen, Gestelle usv/. 87 — 95. Küchengeräte, wie Mörser 
(§ 54), Anrichtebretter, Rollhölzer (Bd. I, S. 101), Hackbrett 
(das. S. 94 'bv), Küchenmöbel (§ 46), Wassergefäße (Bd. I, S. 81) 
usw. ; Schüsseln (""in^n), Tafeln (N'PZtO s. beides S. 192), insoweit 
sie von Holz waren. 96 — 100. Gerüste aus Holz (§ 14), Leiter, 
Treppen (Bd. I, S. 35), Türen (das. S. 36), Riegel (das. S. 40) usw. 

C. Ton- und Steinarbeiten. 



198. Töpferei. Der Beduine muß heute noch die Leder- 
und Holzwaren dem gebrechlichen irdenen Geschirr vorziehen, 
denn die Töpferei setzt bereits Ansässigkeit voraus. In der 
Bibel sind Töpferei und Schreinerei die einzigen gewerbsmäßig 
betriebenen Industrien*, alles andre wurde mehr häuslich her- 
gestellt. Infolge richtiger Entwicklung gewinnt nun die Töpferei 
in talmudischer Zeit eine ungemeine Ausdehnung, und so haben 



272 Töpferei. 

wir es immer mit einem Töpfer (bh. und nh. ^)^Vj aram. ^^"in?^ 
/uTpsu?, x£pa[X£U?, ftgulus) zu tun, der gewerbsmäßig arbeitet, 
der also mit unsern Quellen als Künstler (p\N) zu bezeichnen 
ist, wenn es auch vorkommt, daß der Landwirt selbst seine 
Töpfe macht^^o. 

Die ersten Arbeiten des Töpfers verlaufen so wie die des 
Ziegelbrenners (Bd. I, S. 14 f.). Im Unterschiede von dem 
Ziegelbrennerton sucht sich unser Arbeiter den Töpferton 
(p'^HTTl ü"'20), wie ihn auch die Griechen unterschieden {izrikbc, 
Twv pTpscov, yri xepapxY], apYLXo?)^^\ den er wahrscheinlich leicht 
findet. Verbreitet war nur die schwarze „Erde" ("llnir ~^t:y, 
vgl. lat. humus, pulvis^ terra), die man z. B. in ausgiebiger 
Menge fand in Kephar-Chananja und Kephar-Sichin (letzterer 
Ort, pn''wi^ "1^2, mag sogar seinen Namen „Grubendorf" von der 
Erdausbeutung haben), zwei in Obergaliläa gelegenen Orten, 
deren Bewohner zugleich Geschirrhändler (c^~l"lp. unterschieden 
von D''"1HT'!) waren, und Töpfe nach Kephar-Chananja bringen, 
hieß ungefähr soviel wie Wasser in den Fluß tragen (vgl. 
S. 180). Heute noch wird in jenen Gegenden das hardah ge- 
nannte poröse Geschirr fabriziert, in welchem sich das Wasser 
in der heißen Jahreszeit sehr gut hält, wie denn auch der Talmud 
empfiehlt, Wasser und Wein durchaus nur in Irdengeschirr zu 
halten, als welches eben das landläufige Schwarzgeschirr an- 
zusehen sein wird^^^. Es gab jedoch auch eine weiße „Erde" 
(p'P "l^y), die wegen ihrer Seltenheit gesuchter und teurer war 
als jene^^^. Der Fundort dieser weißen Erde wird nicht an- 
gegeben, doch wissen wir im allgemeinen, daß die Landschaft 
Juda das Erzeugungsgebiet gewisser Gefäße war — andre 
rührten aus Tiberias, also aus Galiläa, aus Sidon, aus Alexandrien 
und auch aus Babylonien her (w. u.) — und da fügt es sich 
gut, daß man heute um Jaffa und Jerusalem herum Töpferwaren 
in der natürlichen, rötlichgelben Farbe hat, welcher Umstand 
zugleich Aufklärung gibt über den Begriff „weiße" Erde, die 
wir uns demnach durchaus nicht als wirklich weiß vorzustelh^n 
haben, sondern als rötlichgelb, wie es die Natur des Tones ist, 
und die von den Rabbinen in andrer Beziehung als rötlich be- 
zeichnet wird (S. Iß?)^^"^. Die Rabbinen unterschieden in dem 
Töpferton nur die zwei Grundfarben sch^varz und weiß, während 



Töpferton. 273 

die Römer vier Farben angeben, allerdings nicht so sehr den 
natürlicben Ton, als das fertige Gefäß vor Augen haltend ^'^. 
Daß in Palästina tatsächh'ch aus mehreren Erdarten gearbeitet 
wurde, erhellt daraus, daß nach einer Angabe Weinkrüge von 
Olkrügen infolge ihres verschiedenen Erdmaterials unterschieden 
werden können ^^^*. Die in Massen gefundenen ägyptischen 
Scherben sind durchwegs von braunroter Farbe; dieselbe Farbe 
wurde durch die gesuchten etruskischen und calenischen (aus 
Cales in Kampanien stammenden) Fabrikate im ganzen Altertum 
vorherrschend ^''^ Daraus erklärt sich bei den Juden die Bevor- 
zugung der „weißen" Erde. 

Der zum Ausbeuten bestimmte Tonboden (Dl^iiM n''^)^^'' 
wurde von dem Töpfer vom Grundbesitzer gemietet; war es 
schwarzer Boden, gewöhnlich auf zwölf Monate (da er immer 
Arbeit findet), war es aber weißer Boden, nur auf die Zeit 
der möglichen Ausbeutung, denn sobald der Ton alle ist, muß 
er weiterziehen oder, wie die Quelle sehr anschaulich sagt, 
seine „Tenne" zusammenpacken und verschwinden. Eine Menge 
Scherben bleibt zurück und bezeichnet weiter den Platz (vgl. 
die prähistorischen Funde !)^^^. An seiner rasch wechselnden 
Niederlassung baut er sich eine Hütte (p^K^n HZD vgl. Bd. I, 
S. 6), deren Innern Teil er als Wohnstätte, deren äußern wohl 
als Magazin für die fertige Ware benutzt ^^^. In Babylonien gab 
es Orte, in denen der Grundbesitzer selbst den Ton einführte (aram. 
t't'y) und an den Töpfer teuer verkaufte ^^^. Der Töpfer kauft 
sein Material auch in Form von Tonklumpen (w. u.), und er 
mußte auf den Ankauf so bedacht sein, daß er noch vor For- 
mung des Klumpens den Schluß machte (pDS)^^^ 

Bezüglich der vorzunehmenden Arbeiten ist zunächst die 
summarische Angabe des Talmud zu verzeichnen, daß die Ver- 
fertigung eines Fasses (fl""!", dolium, Arbeit des doliarius) 
7 Arbeiten erfordert, die von den Kommentaren richtig wie folgt 
angegeben werden: Tonschollen zermalmen und zerkleinern, 
grobe Kiesel daraus zu entfernen, reutern oder sieben, im Wasser 
anrühren, den Tonklumpen formen, den Brennofen heizen, das 
Gerät brennen — abgesehen wohl von der Formung des Gerätes, 
was ja manchmal durch bloßen Fingereindruck erfolgen kann^"*^; 
sollte ein Ofen gemacht werden, erfolgt eine Arbeit mehr. 

Krauß, Talm. Arch. U. 18 



274 Töpferscheibe. 

nämlich Ankleben des Überzuges (vgl. Bd. I, S. 87). Im ein- 
zelnen gestaltet sich die Arbeit wie folgt: Der Töpfer weicht 
(n"nt^') und rührt (':?2:i opya^siv) den Ton — in einer Mulde 
(HD^iy 7.sxavY;), in einer Erdvertiefung oder auf einem platten 
Felsen ^^^ — und macht Klumpen daraus, die wegen ihrer Form 
Töpfereier (G''~!iil''n r\)i^2) heißen; eine verwandte Materie, der 
Gips (w. u.), wurde ebenfalls in Klumpen gelegt ("l"»3n '2). Wir 
bemerkten schon, daß in dieser Form der Ton in Handel komme, 
und da erzählt wird, daß einmal der Töpferlehrling dem Meister 
den Klumpen gestohlen habe, so ersehen wir daraus, daß er 
einen Wert darstellte, und vielleicht ist auch der Schluß be- 
rechtigt, daß bis hierher die Arbeit von dem Lehrling ausgeführt 
wurde ^^^. Vor dem Meister liegen zwei Gestelle (C^^l^'TTI nsi;i?2); 
auf dem einen formt er roh, auf dem andern stellt er das Gerät 
fertigi^^, wobei er auf einem Holzblock (pD § 195) sitzt. Vom 
Hocken, vom Treiben der Töpferscheibe und vom Wühlen in 
der Erde wird der Töpfer frühzeitig ki'umm, und es springen 
ihm die Hände auf^^^. Den Klumpen formt er (aram. s^D'p) mit 
bloßer Hand oder dreht ihn auf der Töpferscheibe (bh. C^32N , 
Tpo^oc, aram. t<':'ri Nins"! NjHD, auch D1j~nC = TÖpvoi;)^^^ um 
ihm die Höhlung und die gewünschte Gerätform zu geben, 
trocknet ihn (p^^) auf der Luft und gibt ihn in den Brennofen, 
um ihn zu brennen (^"11^', ^T"^* w. u.V^^. Vorher stopft er die 
Höhlung mit Stroh u. dgl. aus, damit die Wände durch die 
plötzliche Hitze nicht einfallen; das Füllsel wird dann aus dem 
gebrannten Geräte herausgenommen (pno)^^^*. 

Der Brennofen der Töpfer (cniiT' 'TL^' p-Z), der von dem 
der Ziegel-, Kalk- und Glasarbeiter ein wenig verschieden 
war^^^ und mit dem Backofen der Alten absolut keine Ähnlich- 
keit hatte ^^°, hatte eine ovalrunde Form (vgl. die Funde, 
xapvo? und fornax) und war außerhalb der Stadt (vgl. S. 71 
und S. 260) erbaut, den Berichten nach infolge einer polizeilichen 
Maßregel, richtiger wohl darum, weil er an dem Erdbruch ge- 
legen war, der sich natürlich außerhalb der Stadt befand ^''^ 
Der Ofen mußte gut geheizt werden (vgl. Sirach 28,30 „und 
seine Sorge geht auf die Heizung des Ofens"), verbreitet großen 
Rauch und zündet wohl Saaten auf dem Felde an'^^, weshalb 
er denn nach getaner Arbeit sofort ausgelöscht wird^^^. Zu der 



Töpferei. 275 

Brennarbeit dürfte die Glut Cf^l) tauglicher gewesen sein als 
die lohende Flamme (IIN* vgl. Bd. I, S. 86) i^^. Die Geräte, die 
über der Feuerstelle in mehreren Reihen ("1"ID) auf dem Boden 
standen ^^^, werden gebrannt (p''Dn), oder wie auch der Ausdruck 
lautet, geläutert (P]nii)^^^. Das Gerät bräunt sich (wörtlich „rötet 
sich" cnNPi) und reift aus ("^CIl)-, mit dem Brennen hat die 
Fabrikation des Irdengeschirres ihr Ende erreicht (HDt^^^ "l?3:i)^^^ 
Doch kam auch ungebranntes Irdengeschirr auf den Markt ^^^. 

In der Töpferei von Gaza besteht heute der Gebrauch, 
daß die Geschirre anfänglich nur in der untern Hälfte vollendet 
werden, was man dieselben „öffnen" nennt; die obere Hälfte 
wird erst nach einigen Tagen in Angriff genommen. Funde be- 
stätigen gleichfalls, daß die Geschirre vorerst in halbfertigem 
Zustande einem bestimmten Hitzegrade ausgesetzt wurden, um 
dann weiter bearbeitet zu werden ^^^. Daraus erklärt sich, daß 
die Rabbinen sehr oft ein Gerät erwähnen, welches seinem Namen 
nach (iXlt^Di = yaGzpa = yoLGzpio^) ein regelrechtes Geschirr ist, 
das sie aber gleichwohl für ein unfertiges, in zwei Teile ge- 
teiltes Gerät erklären. Es kann nämlich jener Unterteil auch 
unversehens mit den fertigen Waren in den Brennofen gekommen 
sein (p'üDZ: Nli?23), weil er aber ungenügend lufttrocken war, so 
springt er (p"lD3) im heißen Ofen, und darum behaupten die 
Rabbinen, daß die meisten Scherben (pD"in) von solchen Teil- 
geschirren (ni^<*lLCD:i) herrühren; auch liegt es nahe, daß bei 
schlechter Zusammenfügung Unter- vom Oberteil sich löst, die 
nun der Töpfer in seinem Unmut zerbricht^^^. Sinnig ist es nun, 
daß solches Teilgeschirr mit Wasser gefüllt in Trauerhäusern 
steht: es versinnbildlicht die Auflösung von bestandenen Zu- 
sammenhängen ^^^ 

Es ist begreiflich, daß dem Töpfer auch sonst nicht jedes 
Stück gelingt; er muß darum beim Herausholen aus dem Ofen 
durch Klopfen (xpoüstv) jedes Stück untersuchen (p12), ob es nicht 
etwa gesprungen sei^^^. Er öffnet (nnc) die Türe des Brenn- 
ofens, holt die gebrannten Geschirre heraus und stellt sie auf 
den vor dem Ofen befindlichen Schwellen (nlDp)^^^ so auf, daß 
die wertvollen großen Geschirre, wie Wein- und Olfässer (vgl. 
0. n^Dn), einzeln wohlgezählt sein Auge erfreuen, während die 
kleinen, unscheinbaren Näpfe ineinandergeschnürt {'Hn) werden, 

18* 



276 Glasur. 

wie sie auch auf den Markt kommen (w. n.)-^^. Größere Töpfe 
(nmp) und Krüge (CjpJp) schichtet er ("l".p) zu einer Säule 
("IIDV) bezw. zu einer Wölbung (HDr) auf, und zwar so fest, daß 
er auf ihnen stehen kann^^^. Von dieser seiner erhöhten Stellung 
holt er (nt'l^) mittels eines Hakens auch diejenigen Geschirre 
heraus, die im Grunde des Ofens in einer Versenkung (yipl^') 
gebrannt wurden; es sind das die aus weißem Ton bereiteten 
besseren Geschirre, die wahrscheinlich einen längern Brenn- 
prozeß erfordern. Die längste Zeit sind wohl drei Tage 2*^^. Von 
einem abermaligen Brennen wurde in der Regel abgesehen — 
die prächtigen griechischen Vasen, denen Farben aufgetragen 
wurden, wurden zweimal gebrannt — , es kam aber immerhin vor, 
und die Wirkung war, daß die Geräte im Feuer glühten (jZ'^nn)^"'. 
Bemalte Geräte kennen auch die Juden, die sie im Gegensatze 
zu den häßlichen und darum verachteten Kochgeschirren die 
wertvollen und geschätzten, also etwa Prunkvasen nennen (vgl. 
Bd. I, S. 75)^^^^ Ein abermaliges Brennen Avandte man auch 
dann an, wenn aus bereits benützten Gefäßen eine eingesogene 
Flüssigkeit, z, B. Wein, herausgebracht werden sollte; dasselbe 
erreichte man, wenn man in dem Gefäß selbst Späne brennen 
ließ 208. 

Die Juden kannten die Glasur (n*?:) und wandten sie an 
(vgl. N''31p w. u.)209. allgemeiner war es aber, die Gefäße von 
innen — zuweilen auch von außen — zu verpichen (nf^i), was 
Sache der Pecharbeiter ()\78]) war'^^^ ^j^n verpichte alle Ge- 
räte — Trinkbecher, Flaschen, Schüsseln, Teller — die eine 
Flüssigkeit aufnehmen sollten, und dasselbe ündet sich auch in 
der übrigen antiken Welt^^^ Das Pech diente nebst andern 
verwandten Mitteln, Avie Lehm, Ton (np"ic), Ziegelstaub, Erde, 
Kalkmörtel, Gips, Kreide, Schwefel, Wachs, Hefe, Teig, Mist usw. 
(vgl. Bd. I, S. 90) auch zum Verschmieren von schadhaft ge- 
wordenem Geschirr. Vom siedenden (nPI"!) Gips (D1DB^3 = y^^oc) 
wird ausdrücklich gesprochen, wie auch vom siedenden Kalk 
(vgl. Bd. I, S. 18); daraus folgt, daß auch Gips im Ofen gebraunt 
und pulverisiert wurde, denn nur so war er als Binde- oder 
Schmiermittel tauglich. Daß Gefäße aus ihm gemacht wurden, 
wird nirgends gesagt, es scheint jedoch, daß die als Larve ge- 
brauchte „Forma" (n^OIID = forhia) aus Gips gemacht wurde -^-. 



Geschirrformen. 277 

Es ist interessant, daß geborstenes (riJ vgl. o. P"DJ) und zer- 
brochenes (121^0, aram. IZP^) Geschirr eigens gekauft wurde, 
um sie in die Hand der kleinen Kinder zu geben, die ja sonst 
ihren Mutwillen mit ganzem Geschirr getrieben hätten ^^^. 

199. Typische Geschirrformen. Die Tonwaren, diese 
in jedem Hause reichlich vorhandenen Geräte, können an Höhe 
und Weite, an Stellung und Aufbau je nach ihrem Zweck und 
je nach dem Geschmack des Zeitalters, des Landes, des Künstlers 
und des Besitzers, abgesehen von der Verschiedenheit des 
Materials, unendlich mannigfaltig gestaltet sein, doch kehren 
gewisse typische Formen bei allen wieder, und dies gilt auch 
von den den Tonwaren so nahe verwandten Glas- und Stein- 
waren und vielfach auch von den Holzwaren (S. 266) und von 
den Metall waren. 

a) Selbst die einfachsten und plumpsten Geräte (C'Pr), hier 
natürlich auf die Hohlgeräte der Haushaltung zu beschränken, 
erhalten 1. eine Standfläche (c'pi:^') oder ein Gestell (]3, vgl. 
Basis der Lampe Bd. I, S. 171 und Fuß der Schränke S. 268), 
auch Unterteil (Platte, DTinn) genannt, auf dem sie stehen; 

2. Wände (Seiten, Bauch, m^Dl), die ihr Volumen bilden; 

3. Mund oder Öffnung (ns), auch Lippe (Rand, Kelch, ns:t^) ge- 
nannt, beide Namen vom menschlichen Körper entlehnt^^^. 

4. Die Innenseite der Standfläche heißt Boden (n"lpnp), bei 
einem Schiffe, das als Gerät betrachtet wird, „Grund" (n''ypnp)^^^. 
beim Ofen und der Kohlenpfanne „Erz" (flt^nj), immer den 
Begriff der Festigkeit ausdrückend 2^^. Nun gab es Irdengefäße 
von kleinem Kaliber (Diu "»tT-'kT pplH), die gar nicht so „fest" 
standen, sondern nur hingelagert waren; dafür hatten sie das 
Gute, daß, wenn sie in Bruch gingen, Böden und Wände, auch 
ohne gestützt zu werden (ICD), „sitzen" (Dl^'"") d. i. stehen ("I^V 
kommt ebenfalls vor) konnten^^^ Es gab galiläische Krüge 
(jTD) und judäische Fäßchen (n'lj''Z1^), die nur Böden und keine 
Wände hatten, die also vermutlich walzenförmig waren. In der 
Tat hören wir von Geräten — als Beispiel wird genannt das 
„Viertel" {V2^'^) und Halbviertel — , die in der Mitte weitbauchig 
waren, an den beiden Enden jedoch so spitz ausliefen, daß ihr 
Inhalt nur durch berechnete Neigung des Gerätes entleert werden 
konnte 2 '8. Ja, der in biblischer und talmudischer Zeit allgemein 



278 Geschirrformen. 

verbreitete Wasserkrug ("ir, xdcBo? der Griechen), von dem es 
auch eine kleinere Gattung (aram. WID, vgl. vorhin ni3''21^) gab, 
und der schon darum an die „Kleinwaren" (pp") erinnert, hatte^ 
wie es scheint, rundes Gestell und konnte selbständig ebenso- 
wenig auf der Spitze stehen^ wie ein Ei, sondern mußte auf der 
Schulter der Wasserträgerin in irgend ein Tuch, auf dem Tische 
in irgendein Gerät, in der Vorratskammer etwa in Sand gesteckt 
werden ^^^. Gerade durch diese Eigentümlichkeit dürfte sich 
der Wasserkrug als altertümlich erweisen, denn im Tempelkultus 
zu Jerusalem, der so gern das Alte wahrte, waren Schalen 
(Pateren, jO^D) in Verwendung, von denen versichert wird, daß 
sie keine Stehränder hatten ^2^. 5 — 8. An den Wänden (No. 2) 
unterscheidet man naturgemäß zwischen der Außenseite (C'i'^iinN) 
oder dem Rücken {2^) und der Innenseite (TD), die den Hohl- 
raum ("T^in) des Gerätes umschließt. Der Hohlraum, auch Auf- 
nahmeraum CpI^P n''2, ^2pü) genannt, ist das Wichtigste im Ge- 
räte, das erst dadurch eigentlich zum Geräte wird. Der noch 
unausgearbeitete Tonklumpen (s. oben), der den Aufnahmeraum 
noch nicht empfangen hat, ist nichts als Werkstück (lOlI^'D vgl. 
S. 268), dem der Charakter eines Gerätes nicht zukommt^^^ 
9 — 10. Zu dem Munde (No. 3) ist zu bemerken, daß der Ausguß 
manchmal durch eine Schnauze oder einen Schnabel (n''2l21i) 
erfolgte, von dem wiederum verschieden die Flüssigkeit auch 
durch eine untere Gußröhre (n""*!*)!') austreten konnte ^'-^. Manche 
Flaschen (flTil'^H) hatten einen wulstigen, ausholenden Lippen- 
rand, in welchem die Öffnung so vertieft war (Vp*ii')> ^^^ ^^^' 
Inhalt sich nur schwer ergoß-, derart waren namentlich auch die 
im Privatgebrauch befindlichen, in moderner Zeit „unverschütt- 
bar" genannten Tintenfässer (pi/^'^'p = ywaXoffJLapiov), die ihres 
Inhalts nur dann entledigt werden konnten, wenn man sie an 
der Seite (11^) durchlöcherte ^^^ Sodann gab es Flaschen, deren 
Lippenrand nach unten herumgebogen war (VSl^*). Solchen 
krummgebogenen Rand nannte man „Ringwall" (piN*, pin), wie 
ihn auch jeder ordentliche Brunnen und in gewissem Sinne auch 
der ganze Tiberiassee hatte '-'^■*- nun konnten aber bei einer 
Flasche — die Lagena (p'p = lagcna) war gewöhnlich so — die 
Achseln (m^flD) des Gerätes derart erhöht (m23), der Lippenrand 
derart eingedrückt (IV^) sein, daß, in einen großen Wasser- 



Gescbirrformen. 279 

Schwall eingetaucht, das Wasser darüber hinwegfloß, es sei 
denD, man neigte sie zur Seite, um Wasser eindringen zu 
lassen ^^^. Von der Lagena kannte man ferner eine Art, deren 
Lippenrand statt nach auswärts nach innen gezogen war 
("ijin^ "lin)*, natürlich erschwerte auch dies das Austreten der 
Flüssigkeit22ö. 

b) Weitere Ausgestaltungen des Gerätes sind 11 — 12, die 
Anbringung jener vorhin genannten Achseln, die vermutlich die 
Kapazität des Gerätes vermehren sollten, und an die sich, nach 
Art des menschlichen Körpers, der Hals ("INliJ) anschließt^^^ 
13 — 15. Sehr wichtig ist die nachträglich an der „Gußstelle'' 
(p^)i:r\ Cipc) erfolgte Anbringung von „Ohren" (]nx, C^jIN), d. i. 
von Henkeln (vgl. ansa der Römer), ohne die namentlich ein 
größeres Gerät nicht recht angepackt und nicht vom Platze 
getragen werden könnte, weshalb man sie außerdem auch mit 
Ketten (m*!l^nti'), oder, wie wir es beim Hetzen gesehen haben 
(S. 268), mit Stricken (mrT'l^'C) ausstattete, die entweder um 
Hals oder Bauch des Gerätes liefen oder in seine Henkel ein- 
griffen. Passend heißen die Henkel auch Arme (mn^), gewöhnlich 
im Plural, weil sie von zwei Seiten angebracht waren, woneben 
jedoch auch der einzelne Henkel vorkommt. Mit Henkeln war 
auch das vorhin genannte Teilgeschirr (NltCDÜ S. 275) versehen, 
entweder in seiner Eigenschaft als selbständiges Gerät, oder als 
Unterteil des herzustellenden ganzen Gerätes, das also seine 
Henkel in der untern Hälfte bekommen hätte 2'^^. Merkwürdig 
ist die Angabe, daß der Henkel so manchen Gerätes so viel 
Buckeln (*Tl"in) aufwies, daß das Gerät davon aus dem Gleich- 
gewicht kam und nicht stehen konnte ^^^. Wir dürfen daraus 
schließen, daß der Henkel vorwiegend der Träger des Aufputzes 
war, der sich aber gewiß auch über den Bauch des Gerätes 
verteilte. An dem Henkel wird namentlich auch das Siegel 
(cmn vgl. Bd. I, S. 75) des Besitzers angebracht gewesen sein^^°. 
Wesentlich anderer Art war die Anfassungsstelle (riL:''2Kn r\^2) 
genannte Vorrichtung, die, aus der Bauch wand ausgespart, nur 
einen Handgriff gestattete, ohne Zwischenraum zu bilden; sie 
w^ar, wie richtig bemerkt wird, vornehmlich bei großen, hölzernen 
Trögen am Platze, doch fehlte sie manchmal auch den Trink- 
bechern nicht^^^ Wieder anders sind die Hänger ("'l'pn vgl. Bd. 1,, 



280 Geschirrformen. 

S. 74, n'^l/P), die dazu dieDten, namentlich Küchenmöbel und 
Kochgeschirre an die Wand zu hängen ^^^. 

c) Eine dritte Art von Gerätbestandteilen bilden die An- 
hängsel, die, mit dem Gerät nicht organisch verbunden, ihm 
von außen angehängt werden. 16. Dazu gehört vornehmlich 
der Deckel (^'D3) (bei Holzgeräten entspricht "'IDPI Bd. I, S. 61), der 
den meisten Kochgeschirren, dem Wasserwärmer, dem Koch- 
topf, dem Napf und auch den Tempelpateren (o. S. 278) auf- 
gesetzt erscheint ^^^. Vom Standpunkte des Stilgefühles ist 
bedeutsam die Äußerung, man mache zum Bauchfaß (nTIl) 
weder einen silbernen, noch einen goldenen, noch auch einen 
kupfernen Deckel, sondern einen irdenen, damit dieser mit dem 
Hauptgerät desselben Stoffes sei^^^ Bei dem irdenen Vorratsfaß 
entspricht der verklebte Deckel (mDIÜC), bei geflochtenen Körben 
der Hohldeckel (Zizr Bd. I, S. 102). Der Deckel der Koch- 
geschirre seinerseits konnte mit einem Handgriff ("^ P?2) oder 
einem Schwenkel (fi/triiC^) versehen sein, teils um ihn anpacken, 
teils um sich dem erhitzten Dinge nähern zu können ^^^ 17. Die 
Walker hatten ein mit einem netzartig durchlöcherten Hahn 
versehenes Gerät (""llip" N'PZIN), aus welchem sie beim Bleichen 
Wasser auf die Zeuge spritzten ■^"^^. 18. Geradezu als Wein- 
kanne mit zwei Hähnen, die auf einmal in den Mund genommen 
werden, kann man das Gefäß (ppli'^-p = xavKJxsXia) bezeichnen, 
das sich wohl nur in vornehmen Häusern befand — wir finden 
es im Hause des babylonischen Exilarchen — und aus dem zu 
trinken als Vergnügen ÖIjVP), aber keine Freude (nn^t:') be- 
zeichnet wird-^''. Die ledernen Wein- und Olschläuche (nm^ 
S. 266) waren auch allgemein so beschaffen, daß sie zwei Zapfen 
(aram. "»j^N* = "»illN = hebr. Cj'n) hatten — leicht zu bewerk- 
stelligen, da sie durch die Fußstellen der Tierhaut von Natur 
gegeben waren — von denen der eine Zapfen gleich unseren 
Gummischläuchen bloß gedrückt zu werden brauchte, um das 
Getränk beim andern austreten zu lassen '^^^. Auch ein Fleisch- 
kochtopf (riTlp) war so eingerichtet, daß er einen Hahn hatte, 
der in diesem Falle H2^:L' (d. i. Ast) hieß und der es ermöglichte, 
das Fleisch selbst dem verbunden bleibenden Topfe zu ent- 
nehmen ^^^. Die Anbringung solch äußerer Teile geschah wohl 
auf die nämliche Weise wie die Anbringung von Henkeln: man 



Scherben. 281 

setzte sie an der „Gußstelle" in das Gerät ein (c^:zn) und ver- 
klebte die Stelle mit Pech oder Wachs; daß sie nicht lange 
hielten, sondern alsbald abbrachen, geht aus den häufigen Er- 
wähnungen von Henkelbrüchen hervor ''^^^. 19. An der Wein- 
flasche (lllJlii) befand sich ein löcheriger Deckel, der infolge 
der Form des an ihm angebrachten Handgriffes „Kamm" (p"^D?2) 
genannt wurde. Der Deckel war wobl darum gelöchert, damit 
er ein Ausschütten des Gewürzweines ohne Offnen der Flasche 
ermögliche, wodurch ein Verrauchen des Duftes vermieden wurde. 
Die Zähne jenes Kammes werden eben so in den Deckel ein- 
gegriffen haben, daß sie einen Verschluß bilden konnten ^*^ 
20. An der Weinflasche war auch ein „Verdichter" (n2V^) und 
ein „Verdünner" (p'^'c) angebracht, deren Zweck dem der 
vorhin genannten Vorrichtung ähnlich gewesen sein wird. Alle 
drei Vorrichtungen gehörten übrigens auch zu Wasserflaschen, 
und da wird man an Gewürzwasser denken raüssen^*^^. Die 
Anhängsel des Leuchters s. Bd. I, S. 71. 

200. Besondere Tonfabrikate. Bei Tonwaren muß 
naturgemäß mit der Möglichkeit des Zerbrechens stark ge- 
rechnet werden. Von den Scherben wird viel gesprochen, was 
seinen Grund darin hat, daß selbst Scherben (ü^.n, aram. ^Cn), 
w^enn nur irgendwie verwendbar, zu den Hausgeräten zählten; 
ja, selbst zu gewissen Tempeldiensten erklärte man sie für 
geeignet''^'*^. Es muß nicht gerade ein ganzes Gerät (c'^li* "'^2) 
gewesen sein, dessen man sich im Hause bediente, sondern es 
tat es auch ein halbes Gerät ('''^r ""lin); Beweis hierfür das oben 
besprochene Teilgeschirr (n1L:d:), das nicht aufhörte Gerät zu 
sein und das außerdem unter dem Namen ]ü^n (vgl. oesterr. 
„Scherbel") als Nachttopf (vgl. Bd. I, S. 62) diente ^^^ So 
wurde auch ein schadhaft gewordenes Gerät (Viyi opp. N''"!!:) 
nicht gerade hinausgeworfen, sondern nach Möglichkeit instand 
gesetzt, wie z. B. ein zerbrochenes großes Wasserfaß (Z^n vgl. 
Bd. I, S. 81), das wieder „geheilt" (j<C"l) wurde, wahrscheinlich 
so, daß es um und um verbunden wurde (aram. TClC1»N, vgl. 
bh. T^:*)^^^ Die andern Heilungsmittel bestanden in den Schmier- 
stoffen (o. S. 276), mit denen der Schade ,.repariert" (nl^'V) wurde. 
Die Art der näheren Manipulation richtet sich teils nach dem 
Schmierstoffe (PDl verpichen, üBl vergipsen, pZ" verleimen von 



282 Scherben. 

p21 S. 268), teils Dach der Natur des zu behebenden Schadens 
(n"]^ mit Lehm, Teig usw. verschmieren, b^'^ vgl. H^CSO Bd. I, S. 87 
mit Lehm, Teig usw. überziehen, ppB vgl. CPp eine Öffnung, 
ein Loch, einen Riß verstopfen oder verkleben, namentlich auch 
Stroh- und Weidengeflechte mit verwandten Zeugen verstopfen, 
r|''jpn Metall-, Holz- und auch Tongeräte mit Zinn, Blei, Erz 
verlöten bzw. flicken, pHu Kürbisrinden und dgl. durch Flicken 
befestigen, p]1:^ mit Kreide und dgl. verkitten)-"*^, eine stattliche 
Reihe von Reparaturarbeiten, zu denen schließlich hinzukommt 
die Art und Weise, wie man das Fruchthonigfaß (""pHDITiD), das 
zur Herausnahme seines Inhalts oft zerbrochen werden mußte 
(Bd. I, S. 114), reparierte, nämlich mit Harz (^"ID', resina, wahr- 
scheinlich resina pini Fichtenharz), weil dieses der Ware keinen 
schlechten, vielmehr einen guten Geruch mitteilte ^'^''. Daneben 
bestand noch das Mittel, Geräte, deren Stoff es erlaubte, z. B. 
Stroh- und Weidenkörbe, zusammenzupressen (|'CN), um den 
Riß zu verdecken; bei Tonwaren war wenigstens ein Anpressen 
an andre Geräte oder an die Erde möglich ^"^^ und endlich ver- 
schmähte man auch nicht das probate Mittel, ein wackliges 
Gerät zu stützen oder Scherben durch einen Nagel einen Halt 
zu geben -'^^ Erst das völlige Zerbrechen (rrj''ZlJ') benahm dem 
Geräte den Charakter der Brauchbarkeit 2*''^. Bezüglich eines am 
Irdengeschirr entstandenen Loches (ip:) wurde die Beobachtung- 
ausgesprochen: „Jedes Irdengeschirr, das Wasser einläßt (CjZr), 
läßt es auch aus (X''i»in); es gibt aber welches, das ausläßt, aber 
nicht einläßt." Erprobt konnte die Sache werden, wenn man 
in eine mit Wasser gefüllte Mulde einen Topf stellt, oder den 
Topf mit der Mündung darin aufstellt und Wasser darüber gießt, 
oder so, daß man den Topf ans Feuer stellt, weil das Feuer 
die Natur hat, ein Loch zu verstellen ("'•^yn), so, daß ein kleines 
Loch allerdings ausläßt aber nicht einläßt; sicherer ist die 
Sache, wenn man den Topf auf Kohlen stellt; auch wenn der 
Topf einen Tropfen nach dem andern entsendet (^"1u), ist es 
ein Zeichen, daß Wasser nicht nur aus-, sondern auch zuströmen 
kann 250 a. 

1. Die unbrauchbaren Scherben wurden zerstoßen {prrZ') 
und pulverisiert, und man erhielt von ihnen, wie auch von zer- 
stoßenen Ziegeln, den Ziegelsand oder Scherbenstaub (r,"'D'lM). 



Besondere Tonfabrikate. 28S 

der als Bindemittel im Bauwesen (Bd. I, S. 18) und als Schmier- 
mittel (S. 276) vorzügliche Dienste leistete, hierdurch den Gegen- 
stand einer eignen Industrie bildend, mit der sich, wie es scheint, 
der D"in „Scherber" genannte Gewerbetreibende beschäftigte^^^ 
Die Erdart, die aus zerstaubten Scherbenresten entstand, kam 
für den Ackerbau in Betracht (S. 158). 

2. Man kannte und bezog Töpferwaren aus der Stadt 
Hadriani ('ABpiavoi, ^j''n"in DIR) in Mysien^^^ 

3. Die hirnea genannten römischen Küchengeschirre, die 
wahrscheinlich nach einem Fabriksort so genannt werden, nannten 
die Juden ebenso (mn^N^, nT':n"'n) ^-^l 

4. In unsren Quellen stehen häufig beisammen die drei 
Gerätarten a) C^^^: ''^2, b) C^JZN ""tT, c) riC"f< "»^D 2^'*. Von diesen 
verdient die zweite Art, die Steingeräte umfassend, eine be- 
sondere Behandlung (§ 202), während die dritte Art, wörtlich 
„Erdgeräte", leicht zu erkennen ist, indem offenbar mit „Erde" 
schlechthin, in deren hebr. Etymologie der Begriff „rot" (C1"{<) 
bereits enthalten ist, der Rötel oder der Rötelschiefer gemeint 
ist, ein intensiv rot gefärbter, sandiger Schieferton, aus dem 
also den Quellenberichten zufolge in ausgedehntem Maße Geräte 
verfertigt wurden, und der u. a. auch die Siegelerde abgab ^^^. 
Die Rötelgeräte waren wohl ungebrannt, denn die Misna spricht 
von der Möglichkeit, daß Pflanzenwurzeln in ihnen aufgehen 
können ^^^. Es ist auch möglich, daß der Name „Erdgerät" 
überhaupt nur auf die Herstellung aus ungebranntem Material 
hinweisen will, so daß der Name unterschiedslos allen ungebrannten 
Tonwaren zukäme. 

5. Schwer hält es, den richtigen Sinn von C'P'?:! ""/I heraus- 
zufinden. Viele Erklärer erblicken darin Marmorgeräte (die 
nicht einfach unter Steingeräten zu subsumieren wären), und 
man hat auch schon an Schildpatt (gr. ^sXwvy]) gedacht^^^, doch 
scheitert beides an dem unbestreitbaren Sinn des Wortes ^'TJ» 
welches bh. (z. B. Ezech. 4, 12) und nh. (vgl. S. 131) den 
Tierkot bedeutet. Wir kennen den Tierkot unter demselben 
Namen bereits als Schmiermittel (S. 276), das doch nur ein 
weicher Stoff sein konnte. So muß es also bei der bestver- 
bürgten traditionellen Erklärung^^^ bleiben, wonach aus Rinderkot 
verfertigte Geräte gemeint sind. Für sich allein erscheint der 



284 Besondere Tonfabrikate. 

Rinderkot zur Verfertigung von Geräten allerdings untauglich, es hat 
sich jedoch die Kunde erhalten, daß man einen Stoff namens HC'rn 
dazu mischte (^It^), der wohl ein dicker Ton oder Schlamm, 
vielleicht gar Zement war, ein Stoff, der dem Rinderkot jeden- 
falls Halt geben mußte ^^^. Daß die aus diesem GemengstofF 
verfertigten Geräte ungebrannt blieben, können wir ebenso wie 
in No. 4 erschließen und ist an sich durch die Natur des 
Rinderkotes gegeben. Dasselbe folgt auch aus der Zusammen- 
stellung mit Erd- und Steingeräten. Dafür aber scheint ein 
Kochen {"^^^2) im Ofen mit ihm vorgenommen worden zu sein, 
wenigstens erfahren wir dies von den Nn-''D genannten Exkre- 
menten des Kleinviehs 2^^. Noch sei bemerkt, daß heute in 
Gaza die Brennöfen mit Kamel- und Schafmist geheizt werden, 
wodurch der an sich rötlichgelbe Ton (o. S. 273) eine schwarze 
Farbe bekommt ^^^ 

6. In N"l"l?0 (syr. jj,:^, uh. viell. "17,^) besaß man ein ferneres 
Material zur Erzeugung von Geräten (N"nc"I n:c). Das Wort 
erlaubt sowohl an Dreck als auch an feuchte, fette Erde (beides 
auch lat. lutum) oder an eine Mischung beider zu denken. Die 
Mischung der beiden Stoffe erscheint mit den Erklärern das 
annehmbarste, und so dürfte für die Technik dasselbe gelten, 
was für No. 5. In ]n"i?r rr\L' (vgl. S. 159) d. i. feuchttonigem 
Ackerland hätten wir dann ebenso einen landwirtschaftlichen 
Gesichtspunkt zu beachten wie in No. 1-^^. 

7. Die pD''p&"i ''j^<D sind nach gaonäischer Erklärung mit 
Lack verklebte Geräte. Aber nach ebenso authentischer Er- 
klärung stellten sie das Produkt einer dritten Mischung gleicher 
Art mit der früheren dar. Danach wären sie aus Rinderkot 
{vgl. das beim Mästen gebrauchte Wort Dp? S. 132 yp^ = VpC 
mit bh. HNlii aus NK'') und Erde gemischt und wohl wie die 
verwandten Geräte ungebrannt. Sie springen (VP?) auseinander, 
wenn man sie mit Wasser gefüllt der Sonne aussetzt-^^. 

8. Mit N'':ip"i "'JN?^ betreten wir ein anderes Gebiet der 
Technik. Dem Worte nach (N''j'!p = xovta) sind es entweder 
Geräte mit Glasüberzug (mit Glasur) aus Kalkstaub, oder Geräte 
mit einem Überzüge aus Bleiglanz. Doch scheint die talmudische 
Erklärung einen Alaunüberzug Q]^^.)i vgl. Bd. I, S. 155) zu meinen. 
Die so verfertigten Teller und Schüsseln sind weiß, schwarz 



Glasarbeiten. 285" 

oder gelb (die gelben ziehen die Speisen stark an)^ sind glatt 
(">jj'»tj^), schwitzen leicht und bekommen Spalten ('':?1ü"lp)^^^. 

9. Die Geräte mit Pechüberzug (HDT ""tr) sind mit denen 
in No. 8 von gleicher Art, und da sie als besondere Kategorie hin- 
gestellt werden, so ist technisch kunstvoll ausgeführte Ver- 
pichung anzunehmen und nicht eine nachträgliche, ad hoe 
geschehene Verpichung (nöT S. 233) wie man sie irdenen Wein- 
geräten (vgl. S. 236) gerne angedeihen ließ und kupfernen Geräten, 
in denen man Wein halten wollte, angedeihen lassen mußte ^^^. 

10. Nitrumgeräte (inj """pr), d. i. mit Nitrum überzogene 
Tongeräte werden vom Talmud wiederum (s. No. 8) als Geräte 
mit Alaun Überzug erklärt, und in der Tat ist das zu Geräten 
verarbeitete Nitrum entweder Alaun oder Arsenik (1''j~1T). Wie 
hier und in No. 8 nach der ausdrücklichen talmudischen Er- 
klärung der Name von dem Überzug herrührt, so war auch in 
No. 9 „Pechgeräte" von dem Überzug und nicht von der Materie 
des Gerätes zu erklären^^^. Eben infolge des Überzuges ist 
der Talmud in der Lage, zu behaupten, daß Nitrumgeräte den 
Metallgeräten gleichgestellt sind, wie es auch mit Glasgeräten 
der Fall ist^^^ 

201. Glasarbeiten. Der Glaser (i^T) wird oft mit dem 
Topfhändler (l"lp S. 272) zusammengenannt, war also wie dieser 
weniger der Verfertiger als der Verschleißer seiner Ware, doch 
wird er auch mit dem Töpfer (lliT') zusammengestellt, so z. B.. 
in dem merkwürdigen Falle, daß einer drei Gewerbe verstand: 
er war Goldschmied, Töpfer und Glaser-^^ Des Glasarbeiters 
(n''D'CT nt^'li?) Materie ist nebst Wasser, Soda oder Nitrum der 
feine Sand ("Pin), der sich ja gerade in der Nähe von Palästina 
an den Ufern des Belus in vortrefflicher Qualität vorfindet und 
der bekanntlich auch die Phönizier, wie man lange Zeit glaubte, 
zu den ersten und größten Erzeugern des Glases im Altertum 
werden ließ^^^. Zum Schmelzen des Sandes (ID?^) hatte man 
einen eignen Ofen (p'22 vgl. S. 274), der die Masse dünnflüssig 
machte, die man nach dem Erkalten und Zerstückeln zur völligen 
Läuterung abermals brannte, um dann mit der Hand die Geschirre 
zu formen. Schon kannte man jedoch auch die lange Glas- 
macherpfeife (niDICt^' virga), aus der man die schönen runden 
Glasgefäße herausbläst (nDj), eine Tätigkeit, die von Aggadisten 



286 Glasarbeiten. 

nicht übel mit Gottes Einblasen des Odems in den menschlichen 
Leib verglichen wird und die in der Tat für die Glasherstellung 
so sehr charakteristisch ist, daß die ägyptischen Darstellungen 
immer diese Seite der Arbeit hervorkehren^^*^. Von der heißen 
Masse zwickt man das zu formende Stück mittels einer Zange 
(nZTT, n2K) ab und läßt es auf einer bereitstehenden Bank 
(n[2D) erstarren 2' ^ Die Ware heißt iTD^ri ^hj „Glasgerät" oder 
nur Nn"':ii:iT „Glas", beide Ausdrücke (vgl. auch o. :i:t) vom Vor- 
gange der Läuterung und Kristallisierung ausgehend ^'^. 

Besondere Erzeugnisse der stark entwickelten Glaskunst 
waren: 1. Das weiße Glas ("32':' ^\'^J^2', NP"^!" .xriT^T), das zu- 
sammengerollt werden konnte (t'^pnn) und dessen Rarheit aus 
der Klage hervorgeht, daß es seit der Zerstörung des ersten 
Tempels aus dem Besitze der Juden verschwunden sei^"^. Die 
Klage hört sich an, wie das Bekenntnis der Modernen, daß 
die alte Glaskunst der neueren w^eit voraus sei. Die alte Glas- 
kunst erzeugte Gefäße aus mehreren übereinandergelegten Lagen, 
welche dann wie Stein geschnitten und geschliffen wurden 
{toreumata vitriY"'^. Hieraus erklärt sich das rabbinische Wort 
vom Zusammenrollen. Mit „weißem" Glas meinen sie wohl das 
amorphe, farblose Glas, das zu erzeugen den Alten ungemein 
schwer fiel, weil sie den Flußsand von den natürlichen Zusätzen 
(Kupfer, Eisen, Manganoxyd) nicht säubern konnten, weshalb sie, 
wenn sie reines Glas haben wollten, zu pulverisiertem Quarzkiesel 
greifen mußten; so waren denn ihre meisten Gläser buntfarbig 
und undurchsichtig. Ein rötlichbraun durchschimmerndes Glas 
{gallieniim) hat man in den syrischen Gräberfeldern gefunden'-"''. 
Aus jenem opaken Glase waren die meisten Hausgeräte her- 
gestellt; „weißes" Glas war etwas Seltenes. 2. Die Technik 
des gefärbten Glases hatte nicht viel zu bedeuten (nVIZii P^nZT) '■'*'. 
B. Als ein besonderes Kunststück der Glasschneider galten die 
eiförmigen Becher, deren ganze Außenseite in durchbrochener 
Arbeit hergestellt war, die also gleichsam von einem Glasnetz 
umgeben waren (?nlC"'"1lOT'"1 = [t-a^a] diatreta). Dieselben konnten 
mit einem gewissen Recht auch Mosaikgläser (DC'CD C^r) genannt 
werden^^^. Dieses oder ein ähnliches Glas (arnm. NDZ -= bh. 
und nh. DO) mag es sein, das die Leute Prunkglas (NnplC" NDl) 
nannten und von welchem das Sprichwort ging: „Einen Tag 



Glasarbeiten. 287 

nur Prunkglas haben, morgen mag es zerbrechen," Eines, das 
zur Eindämmung der übermäßigen Hochzeitsfreude zerbrochen 
wurde (vgl. S. 41), hatte 400 zuz gekostet^^^. Zu bemerken 
ist, daß Trinkbecher und Trinkflaschen gewöhnlich aus Glas 
waren. Wenn von größeren Glasgefäßen, z. B. einem gläsernen 
Trichter, oder von größeren Alabastervasen, z. B. von der 
Foliatum-Flasche (S. 38), das Mundstück abgebrochen war, so 
lief man Gefahr, daß die schneidige Kante die Hand oder den 
Mund verletzte (PHD)^^^. Gläser (niDiD) springen vor Hitze und 
erstarren vor Kälte ^^^. Eine typische Becherform war unter 
dem fremden Namen 1">Sd (= xdcXu? =- cahjx) bekannt^^^ 4. Die 
Ägypter und Phönizier verstanden große Säulen aus Glaspasten 
herzustellen, die sie z. B. in ihren Tempeln aufstellten. Diese 
Glassäulen heißen bei den Rabbinen P'>n2t "ri^' Dl'PID = ßwXo«;, 
d. i. Klumpen von Glas ; auch erwähnen sie (vgl. Bd. I, S. 68) 
aus Glasklumpen gemachte Spiegel '^^^. 5. Hieraus erklärt sich 
das Vorkommen von Smaragdgefäßen (i:i"i;2n ""JN^), unter denen 
man eigentlich Gefäße aus großen, grünen Glaspasten zu verstehen 
hat, wie auch z. B. Theophrast und Plinius „Smaragd" sagen, 
aber Glas meinen^^-*. 6. Die Rabbinen kannten auch Perlen 
(N'^'^'in) aus Glas, aber offenbar als etwas Neues, denn sie lassen 
selbst den erfahrenen Geldwechsler darüber stutzig werden^^^. 
Da das Glas manchmal an Goldes- und Silbers Statt verkauft 
und bezahlt wurde, so ist ein Wägen (/pl^) des Glases be- 
greiflich, weshalb wir denn eine Wage der Glashändler erwähnt 
finden 2^^. 

Die übrigen, unendlich vielen Gebrauchsgegenstände aus 
Glas verdienen nur einen flüchtigen Blick: Bett, Stuhl, Bank, 
Kathedra (Bd. I, S. 62), Tisch, Schüssel (nt'::ipDN), große Schüssel 
("•iriDn, dieses Gerät wie manch andres auch aus ^''"it'pCDJ^ 
speculare Marienglas) 2*^^, Löffel ("Tnn), Krug (jin''p) ^^^ Trichter 
(vgl. o.)287, Laterne (d:D Bd. I, S. 72), Wage und Gewichte ^s^, 
Tintenfaß (S. 278) und Schreibstiftes^ Lineal 289. 

202. Steinarbeiten. Die bereits erwähnten Steingeräte 
(D''i2N ''t'D S. 283) ertragen gewiß die Auffassung, daß es wirk- 
liche steinerne Gefäße waren, doch neigt man auch zu der An- 
nahme, daß sie nur uneigentlich „steinern" waren, etwa wie 
unser Steingut, in Wirklichkeit aber etwa härtere Tonwaren ^^o. 



288 Steinarbeiten. 

Ausdrücklich heißt es einmal, daß die aus weichem Stein her- 
gestellten Geräte die Speisen an sich ziehen (2Kl^ vgl. S. 285) 
wie irdenes Geschirr^^^ und da müssen es wirkliche Steingeräte 
sein, und die Bemerkung bezeugt zugleich das Vorhandensein von 
Geräten aus hartem Stein. Im Tempelkultus, der soviel alter- 
tümliche Züge aufweist (vgl. S. 278), finden sich steinerne Aschen- 
urnen ('P'Pp, m'P'Pp) in Verwendung, doch gibt es auch tönerne 
Gefäße desselben Namens ^^^. Die Steingeräte wie auch die 
ungebrannten Erdgeräte hatten das Gute, daß sie levitisch nicht 
unrein wurden. Im privaten Leben hielt man gern Wasser in 
ihnen ^^^. 

Anhangsweise mögen Erwähnung finden die Arbeiten in 
Bein, Elfenbein, Hörn, Klauen ^^* und die in Perlen und Korallen 
(Bd. I, S. 200). Bestbekannt sind das Schallhorn (pp, n^iti' 
w. u.) und Trinkgeräte aus Tierhorn. Der Löffel "ITin (vgl. Bd. I, 
S. 266) wurde mitunter sogar aus Menschenknochen gemacht-'''. 
Schildpatt ist vertreten durch T:ip = y-öy/Y] Muschelschale'^^^. 
Die Kürbisschale (n''Tl''p) in Eimer- und Schlauchform diente 
zum Wasserschöpfen ^^'. 

203. Ton-, Glas- und Steinwaren. Die hierher ge- 
hörigen Gebrauchsgegenstände lassen sich etwa in fünf Gruppen 
unterbringen: 1. Gegenstände der Wohnungseinrichtung, wie 
Ziegel, Hohlziegel, Röhren, Back- und Bratofen, Möbel (Tisch, 
Stuhl, Bank, Vorlesepult) ^^^ usw.; 2. Vorratsgefäße, u. z., wie 
ausdrücklich angegeben wird, sowohl für Speisen als für Ge- 
tränke^^^*, sehr groß und Gegenstand eines lebhaften Handels, 
der sich in viele Zweige spezialisiert, denn wir hören von einem 
eignen Krughändler ("1?, vielleicht auch HNpin^Z von l«)-'^'-*; 
8. Koch- und Eßgeschirre, mittelgroß, überaus zahlreich; als 
hervorragende Stücke verdienen genannt zu werden der Wasser- 
wärmer, der Kessel, der Tiegel und die Pfanne, besonders aber 
der Kochtopf (nilp), der, unmittelbar am Feuer stehend, von 
Rauch und Ruß unvermeidlich an seiner ganzen Außenseite 
schwarz wird (l'Tit^n), was zu der Redensart Anlaß gab: Des 
und des Antlitz schwärzt sich (erhält einen traurigen Ausdruck) 
wie der Boden des Topfes ^^^. Der Geschirrhändler ("^"p) bat 
von diesem wichtigen Gegenstand den Namen. Erwähnenswert 
ist, daß eine Anzahl Koch- und Eßgeschirre griechischen Namen 



Tonwaren. 289 

hat (DE)^, D:^, D^üpü^pJ (^1:, 1H'h)ü), von den Juden also von 
außen angenommen wurde. Gegenüber den Schmucksachen werden 
die Kochgeschirre, die infolge ihrer Verwendung häßlich werden 
(DN^), samt und sonders als geringwertige Geräte (p1I2) be- 
zeichnet^^^; 4. Nippsachen (pplH S. 277), Vasen (bemalte Vasen 
s. S. 276)^ Phiolen {''^"'^^ = cpiaXT]), Schmink- und Salbgeräte 
(Bd. 1, S. 243); 5. die Erzeugung von Tonlarapen (~]j) kann 
sowohl dem alltäglichen Bedarf als dem Luxus dienen ^^'^. 

Wir führen nun eine Anzahl Ton-, Glas- und Stein waren 
namentlich auf und setzen damit die Aufzählung der Hausgeräte 
(S. 271) fort. 101 — 175. DE)^N s. CcS. Dazu gehört vielleicht 
nJDDt'{<, ein größerer Kübel, der Flaschen und dgl. aufnehmen 
kann^^l DD"^DN = -jzpoypoq Trichter. "»pODIZ (= 'ü S. 282). '»^t; ^2 
(vom Stamme ü:!"! tröpfeln, sickern), ein Gefäß, das das tröpfelnde 
Blut des geschlachteten Tieres aufnimmt (in dem Falle, wo 
n"':i"n das Gefäß ist für getrocknete Feigen, dürfte gr. ^oi'f\ ge- 
meint sein)^^^. Man kann übrigens den Namen des Gefäßes an 
C^:i ^2 „Fischbehälter" anlehnen (auf ^2 = r,''2 = Haus im 
Sinne von „Gefäß" ist zu achten; vgl. auch mi ^2 Kessel). 
niJ^D eiförmiges Gerät^°\ NDZi;! Röhre, z. B. die Schminkbüchse 
(Bd. I, S. 242), manchmal aus Kupfer. N?'?^:! aram. pl. ''D':'i:i 
(wahrsch. von ^li:^ aushöhlen, vgl. ppn und lllZTl S. 268) Krug 
(zur Kelter gebraucht S. 288), in großer Anzahl vorhanden, ein 
Teil in schwarzei-, ein andrer Teil in weißer Farbe gehalten^^^. 
DT^l Rundfaß, ein sehr gewöhnlicher Weinbehälter, und es gab 
welche auch aus Gold (vgl. S. 238). Zur Entnahme des Inhaltes 
wurde dieses Gerät wahrscheinlich umgestürzt oder gestülpt 
(nD2), daher die Redensart: über jemands Kopf das Rundfaß 
(eine Mulde, einen Topf usw.) stürzen ^^^ N"luCD3 s. S. 275. 
Nin Kessel (Bd. I, S. 156), zumeist aus Kupfer, doch auch aus 
Ton. ''"llpn kleine Krüge aus Harpanja in Babylonien^^^\ nUTTl 
und moini scheinen seltene Worte der Landwirtschaft zu sein, 
in welcher sie die Gefäße bedeuten, in denen die Dattelkuchen 
eingestampft bezw. eingetreten wurden, Gefäße, die im sonstigen 
Leben nicht erwähnt werden ^^^ "»Dm (= u^zm) S. 239. NjI 
S. 236. "l""* (arab. yj>\ = großer Krug) ist ein in Ägypten, Nord- 
afrika und Hadramaut verbreitetes Wort, wahrscheinlich dem 
ägyptischen sirus (= atoo?, (leipoc) entlehnt, das die Getreidegrube 

Krauß, Talm. Arch. II. l'J 



290 Tonwaren. 

bedeutet, mit der Zeit jedoch die zur Getreideauf bewahrung 
dienenden Fässer (mb-oi;, dolium), denen das arabische sir ähnlich 
ist, mitbezeichnet haben mag, und diese stets gleichgroßen Vor- 
ratsgefäße können dann zur Maßbestimmung dienen ^^^. Mehr 
oder weniger diente übrigens jedes Hohlgerät als Vorratsbehälter, 
für kleines Quantum Getreide z. B. auch der Trinkbecher^^^. 
Des ferneren ist zu beobachten (vgl. w. unten), daß eine große 
Anzahl von Gefäßen, die ursprünglich zum Hausrat gehörten, 
mit der Zeit zu ebensovielen Hohlmaßen geworden sind^^^ 
n^2n Faß S. 236 (n:V2n kleines Faß S. 277). DKH Wasserfaß 
S. 236. X^ZtO Tisch, Tafel aus Glas, und so auch andre Haus- 
möbel (S. 287), doch auch aus Ton, wie merkwürdigerweise auch 
das Vorlesepult (avaloyetov)^^^. D'inL2''t2 (= Btairopo«; durchbohrt) 
ein Seiher. "»Du, iTiDl^ Kanne ^^^. mV Kessel, ein sowohl in der 
Haushaltung (ßd.I, S. 122) als in dem Industriebetriebe (z. B. Bd. I, 
S. 147) stark verwendetes großes Gerät, das an der Mauer be- 
festigt oder in der Erde eingebettet (V^p) zu sein pflegte, doch 
auch beweglich (ipV) war, je nachdem, ob es groß oder klein 
war; die Araber gruben ihre Kessel in die Erde ein, verklebten 
sie mit Ton und hatten einen Ofen daran ^^'^. "ir (aram. N"ir), 
ein zur Aufbewahrung von Wein, Öl, Honig, Datteln, Getreide usw. 
dienendes großes Gerät, der Fruchtkrug, wie man ihn aus dem 
Altertum gut kennt (vgl. S. 197); kleiner war der Wasserkrug 
(S. 278). Bezüglich der Größe ist belehrend die Reihe: große 
Fässer (nV2n), kleine Fässer, mittelgroße Krüge (ni''"^ll), ein 
Typ, der aus Lydda stammte^^^. N20 (aram.) Krug, Kanne; 
es ist dasjenige Gerät (vgl. auch (pjp), mit dem man dem großen 
umgestülpten Fasse (vgl. o. M?r) nach und nach den Wein 
entnahm, zu welcher Arbeit naturgemäß zwei Männer gehörten: 
einer, der das Faß, ein andrer, der den Krug bediente. Von 
diesem Gerät heißt die Weinschenke „Krughaus" (NI^Z ^2)^^^. 
T12 war ein im Tempel zu Jerusalem gebrauchter Krug, von dem 
gesagt wird, daß er dem großen goldenen Humpen (j^H'^p = xwö^ojv) 
der Griechen ähnlich sah. Der Köthön, ursprünglich ein lako- 
nisches, irdenes Trinkgeschirr mit gew^undenem Halse, war eine 
vorzügliche Lagerflasche der Soldaten, die Zeugin vieler Trink- 
gelage, weshalb sie der Kneipe der Griechen ebenso den Namen 
gab, wie der „Krug" des vorangehenden Punktes der der Juden. 



Ton waren. 



291 



Wie jener Krug, war aucli der hüz ein Wein entzieher, nur war 
er dann von kleinerer Ausführung (er hieß NDjUD oder XDTID), 
war verpicht und hatte in der Öffnung ein Geflecht von Zweigen 
(Nn''''J''ii), das den durchfließenden Wein zugleich seihte. Von 
diesem Verhältnis des hüz zu dem Fasse erklärt sich der Ge- 
dankengang des Juden, wenn er den kleinen Mann hüZy den 
angesehenen Mann Faß (nID) nennt. Doch wurde der hüz auch 
als Wasserbehälter benützt und hing im Hause durch seinen 
Henkel am Nagel (1?:CD) oder an Pflöcken (N*n2^D). Er gab, 
nach der bereits beobachteten Erscheinung, bei Juden sowohl 
als bei Syrern zugleich ein Maß ab, von welchem in Huzal in 
Babylonien einst verordnet wurde, daß er genau ein Viertel Log 
enthalten solle. Das Vorkommen des Namens dieses Gerätes 
im hellenistischen Griechisch (pü^, ^ouC,di), im Syrischen (i"|Q-s), 
im Persischen (ss*.^ ^^^ i"^ Arabischen (s%i') — bei den 
Arabern heute ein aus schwarzer Erde verfertigtes und mit einer 
Schnauze versehenes Trinkkrüglein — berechtigt uns, in diesem 
Hausgerät ein uraltes Gut der semitischen Kultur zu erblicken. 
Das (bh. und nh.) so sehr gebrauchte DO = Becher (vgl. S. 286), 
auch in den verwandten Sprachen vorhanden (assyr. käsu, ^02 

\so^ (jjwl^), wird davon nicht zu trennen sein. Im Heiligtum 
hatte man goldene und steinerne Becher; im privaten Leben 
wird Ton und Glas herrschend gewesen sein; doch kommt auch 
hier silberner Becher vor. Auch die rituelle Verwendung am 
Paschaabend erhebt dieses Hausgerät zu eminenter Bedeutung. 
Man nennt davon mehrere Typen: Tiberiensische, sidonische, 
alexandrinische Pokale, jenen bereits genannten Prunkbecher 
(S. 286) und Becher aus „weißem" Glas. Ein Gefäß ähnlichen 
Namens (!SD''p) soll aus Holz gewesen sein^^'. — \2 Lineal aus 
Glas (o.). inD (ll"lp) = xp(o(7(j6? Krug (Wasserkrug, Krug des 
Aderlassers, Nachttopf) ^^s. r^; Kochlöffel (Bd. 1, S. 122). 
n"lN2J13 pl. von j^spvLßtov ein Becken, Wasser hineinzuschöpfen 
oder hineinzugießen. Dasselbe Wort ist auch von den Arabern 
angenommen worden (v^^x^^S^), bei denen es ein Wassergefäß 
aus Kürbis (vgl. T\'^T\p S. 288) bedeutet. Das Gefäß dient neben 
Bechern, Köthönen (w. u.) und Flaschen als Beispiel derjenigen 
Dinge, die nach der Schrift (Num. 31,23) nicht in Feuer, sondern 

19* 



292 Tonwaren. 

in kaltem Wasser gereinigt werden, weil auch ihre Benützung 
nur kaltes Element in sie führt, ist also ein typisches Irdengeschirr. 
Dagegen sind cucuma (w. u.), Wasserwärmer und Kesseln 
(nill"') die Beispiele für Dinge, die zu Warmem benützt werden 
und zur Reinigung gebrüht werden (^^yün) müssen^^^*. , Geräte, 
die in der rituellen MiJcwa (Bd. I, S. 219) eine Reinigung er- 
halten können, wie es übrigens die Tonwaren nicht sind, werden 
zu der gemeinsamen Kategorie f^LDt^* ""/w „Spülgeräte" (vgl. Bd. I, 
S. 76) zusammengefaßt ^^^''. Die Sache kommt zur Sprache, wenn 
von Heiden Gebrauchsgegenstände (t^''CL^n ''^2) gekauft werden, 
und die vorhin erwähnten sidonischen und alexandrinischen 
Tonwaren waren allem Anscheine nach heidnisches Fabrikat. 
Kauf selbst gewöhnlicher Tonwaren von Heiden war gewiß nicht 
zu vermeiden, aber daraus zu schließen, daß die Juden nicht 
selbst ihre Tonwaren hergestellt hätten, ist ebenso gewiß nicht 
gestattet^^^^ p:i^ = lagena (S. 278) in größeren und kleineren 
Ausführungen, von denen der mittlere Typ größer war als der 
Becher, aber kleiner als das Faß. Darauf beruht die Be- 
zeichnung der größeren Weintrinker als Faßmänner, der mittleren 
als Flaschenmänner {]^:b vVZ), der kleineren als Bechermänner. 
Wahrscheinlich holten sich die Trinker in dieser Flasche den 
Wein und trugen die Kaufmünze in der Flasche mit; darum 
das Sprichwort: „Der Stater in der Flasche macht klipp klapp." 
Die Lagena war nämlich in erster Reihe ein Weinbehälter und 
war in Hunderten von Exemplaren, wie auch der Becher, im 
Hause vorrätig; um nun mehrere von ihnen zusammenfassen zu 
können, hielt man sie in einem groben Korb (S. 270) ^'-^ 
DBh (DD^x) = XoTToc?, auch NID^ = "Xoxa^-aBo? Tiegel, Napf, 
Schüssel, ein sehr gewöhnliches Küchengerät, von dem man 
manche Exemplare von der hirnea-FahnksLÜon (S. 283) kannte 
und wiederum andre aus dem Fabi-ikort Kephar-Chananja 
(S. 272), die sich, wie es scheint, durch Größe auszeichneten, 
indem eines auch hundert Se^a Linsen fassen konnte. Die Be- 
merkung läßt erkennen, daß man in diesem großen Napf vor- 
nehmlich Linsen kochte, und was noch mehr, das Gekochte 
darin auch auftischte, kein Wunder, daß einmal ein herunter- 
gekommener Reicher, der an Besseres gewöhnt war, sich vor 
Ekel davon erbrach. Die hier angedeuteten Quantitäten konnte 



Tonwaren. 293 

man in einem gewöhnliclien Kochtopf gar nicht kochen. (Damit 
ist zu vergleichen, daß man z. B. Melonen nicht in dem ge- 
wöhnlichen Kochtopf, sondern im Kessel kochte). Nebst Linsen 
kochte man in ihm auch Gemüse und Fische, billige Speisen, 
die auch der Arme reichlich haben konnte; wer sich besser 
stand, kochte im gewöhnlichen Kochtopf (Hllp), und damit ist 
bereits gesagt, daß er besser kochte ^"^. D"'jü (ü^^) = [kccylc, 
Backtrog, Schüssel^^oa r\Dm2 Mörser und Stößel aus Ton 
(Bd. L S. 94). yr\ü Schöpfgefäß in der Weinkelter (S. 236). 
cn-iD Wasserwärmer (Bd. I, S. 210). ni^lTD Seiher (S. 243). 
lDli'72 (vgl. DDIDN) Trichter, aus Holz oder Ton, unten mit engem 
Mund, bestimmt in den Spund des Weinfasses eingeführt zu werden; 
seiner bediente sich auch der Weinhändler, wenn er vom Faß 
in die Flasche des Käufers ein abgemessenes Quantum übergoß. 
Ungebraucht hing der Trichter auf einem Nagel (vgl- S. 29 1)^^^ 
^nh'Z^^Ü (S. 37), N^r^t^D, NH^D^no prunkvolle Waschbecken322^ 
n: (S. 289). bzü (bh. und nh.) Trinkschale, Ölschale, Lampen- 
becken (Bd. I, S. 72), gewöhnlich Ton, doch auch Silber^^^ 
^-»^y (L22V) Weinkufe, zuweilen Nachttopf, gewöhnlich Ton, doch 
auch Kupfer ^2^. 7^W\]) Gefäß in Form einer Linse (zu der 
Nachahmung eines Naturgegenstandes, einem Zeichen des guten 
Geschmackes, vgl. „Ei" oben), wegen seiner Form besonders 
geeignet, mit Warmwasser gefüllt auf den Bauch eines Kranken 
gelegt zu werden, auch ist ein Gefäß dieser Form die geeignetste 
Wagschale, nur daß dann die gewölbte Seite nach unten gekehrt 
,ist325^ "^^iiV Kübel (S. 176). DltO^D Faß (S. 236). ID Krug (Bd. I, 
S. 230). n^D^D Var. zu r,:cs:\x (s. d.). L-ICS: (Bd. I, S. 70). N^PD ist 
gewiß nicht ein irdenes Geschirr im allgemeinen, wie man hat be- 
haupten wollen, sondern ein bestimmtes Gerät etwa in Plattenform 
(von ^PD, NPS weit sein, vgl. lat. patera patella von pateo, auch im 
Jüdischen vorhanden in dem Lehnwort ^LTD und ^^^^*C^ = 'K(xzsXko(,Y'^^. 
NO^IX NTIC „schwarze Platte" ist eine spöttische Bezeichnung 
von bösen Menschen. Schwarz ist die Platte gewiß vom Feuer 
(vgl. n"np), somit haben wir es mit einem Kochgerät zu tun. 
Demnach kann das Wort höchstens nur nebensächlich auch 
die Kürbisrinde bedeuten ^^^. Es scheint, daß man in den Zoll- 
ämtern Scherbenmarken ausgab, die ebenso „Platten" hießen 
("^ÜDü ^21 i^nVDE})'^^^. — n^ni^lJ (bh. auch nij^^, aram. NiTn^^li pl. 



294 Tonwaren. 

pTlI/ii, auch syrisch und christl. paläst. vorhanden), ein altes,, 
gemeinsemitisches Wort, welches (wie ND':'i:i) noch Zeugnis ablegt 
von der Technik der Herstellung: n^ii spalten, durchdringen, 
wodurch eben die Tonmasse ihre Höhlung erhält. Das Wort 
bezeichnet Flaschen von besserer Ausführung, Alabasterkanneu 
(Bd. I, S. 230), Schmink- und Balsamvasen (das. S. 243)329. 
Es bezeichnet jedoch auch die Wasserflasche ^3*^. Die Nachricht^ 
daß dieses Gerät mit Papyrus ("T'''J) verbunden wurde (mii), ist 
eine wertvolle Bereicherung unserer Kenntnisse und ist gewiß 
auch auf andre Geräte auszudehnen^^^ "HiiliJ Weinflasche (S. 281). 
pLJIDp, DTll^p, als Behälter von eingepökelten Fischen erwähnt 
und an xtßwiriov = Kiste anklingend, dürfte gleichwohl ein irdenes 
Gerät sein und von 22p (wovon bh. und nh. 2p) „höhlen" (vgL 
ND7i:i) abzuleiten sein^^^ ^Ipj ni^p der gewöhnliche Fleisch- 
kochtopf (S. 293). Oft ist die Rede von „am selben Tag (d. i. 
heute) gebrauchten Topfe" (^üV r\2 n"l''~p), welcher unzweifelhaft 
das nachher gekochte Gericht ein wenig anstecke (c:S) — um- 
somehr ein vor Tagen gebrauchter, nicht gereinigter Kochtopf — 
und es ging das Sprichwort: „Koche nicht in dem Topf, in 
welchem dein Genosse gekocht hat" (heirate nicht die geschiedene 
Frau eines andern) 33^. "lIp, in der Misna ausdrücklich als baby- 
lonischer Provenienz bezeichnet, ein größeres Kochgerät. Nfl'Plp 
Wasser- und Milchkrug (S. 134). CpOlp, DiCp?2ip = cucuma bezw. 
cucumis, bei den Römern noch heute als cucuma im Gebrauche: 
Gefäß zum Wasserkochen. Bei den Franzosen stammt davon 
coquemar Kürbisflasche, aus dem ersten Sinn von cucuma zu er- 
klären, doch s. mN2j1I^^\ pn''p = xwO^wv (s. oben), Trinkgeschirr 
aus Ton, Silber, Gold^^^. ^^^p = xocXtuy) Urne zum Losen, stand 
u. a. im Tempel zu Jerusalem in Verwendung^^^ "p^p Wein- und 
Olkrug, eines der gebrauchtesten Geräte. Der Umstand, daß 
man mit ihm geradeso, wie in früheren Fällen bemerkt worden, 
Wein aus dem großen Faß abzapfte, gab zu dem schönen Worte 
Anlaß: Gott schaff't Regen und zugleich Wolken als Spender 
des Regens, wie einer, der jemandem ein Faß Wein zum Ge- 
schenk schickt und zugleich den Krug mitsendet. Diese Krüge 
standen in großer Anzahl (vgl. p:i'p) im Keller bei den Wein- 
fässern bereit, und es Avird eine drollige Geschichte erzählt, wie 
Diebe in den Weinkeller eindrangen, mittels eines Kruges Wein 



Tonwaren. 295 

zapften und tranken und vom Eigentümer überrascht wurden, 
der ihnen zurief: Wohl bekomm's euch, es schmecke euch und 
sei süß, doch gebet den Krug an seinen Platz ^^^! Nt^Dp = ^sctty]^ 
ein Gefäß und zugleich ein Maß^^^. r\lVp Schüssel, ein stark 
gebrauchtes Hausgerät. Von der Form erhält man einigen 
Begriff durch die Sage, Alexander der Große sei so hoch in die 
Lüfte gestiegen, daß ihm die Erde wie ein Ball und das Meer 
wie eine Schüssel schien; es gebe auch ein Götzenbild, das 
einen Ball in der Hand halte, aber das Symbol der Schüssel 
komme ihm nicht zu mangels der Herrschaft über das Meer. 
Auch der Ausdruck: Die Schüssel über die Öffnung stürzen, 
heißt die Welt umkehren ^■*^. ?Cp (pers. kaviz) ein kleines Gerät 
und Hohlmaß^^^ yzn „Viertel" (des hab) und „Halb Viertel' 
(S. 178). ''mD^L^^ längliche Weinbecher, nach Rasi = fr. maderins^^^. 
t'TIlt' großer Wasserständer ^'^^. |mp"'li^, an einer Stelle neben 
„Boden der sidonischen Becher" genannt, dürfte nach vorliegen- 
den Spuren piDlp ^"PIL^* „Boden von kyprischen Bechern" zu 
lesen sein, so daß wir auch Kypros als Bezugsort der jüdischen 
Glaswaren ansehen müßten ^'^•^ n"1^lDI^' nicht bloß ein Rohr an 
der Mündung des Schlauches, sondern auch selbständige Röhre, 
die vielfache Verwendung fand (vgl. auch Bd. I, S. 219). In 
R. Gamliels Besitze befand sich ein Tubus, der ihm zu astro- 
nomischen Untersuchungen als Fernrohr diente ^'^^ "»in^n eine 
oft erwähnte große Schüssel, die mehrere Fächer (compotiere) 
enthielt, wie es auch mit dem ]v"ip''?{< = ferculum der Römer der 
Fall war (Bd. I, S. 74), in denen verschiedene Speisen aufge- 
tragen wurden (pjT^H 'P). Die Armenküche bediente sich kluger- 
weise dieses Gerätes, da es ein ganzes Menü enthalten konnte ^'^^. 
nun Ofen (S. 273). imn Löffel (S. 288) in größerer Aus- 
führung im Gebrauche der Ärzte (Bd. I, S. 266) und kleiner 
im Hausbrauche, der beim Anrichten immer auf den Tisch kam. 
Der Hauslöffel wird teils dahin bestimmt, daß er so groß sei 
wie der Handteller (vgl. ?]r), teils dahin, daß er eine handvoll 
fasse ^''^. 2p"in = Tptxaßo? Dreikab, ein Maß, das 3 liab enthält. 
204. Malerei, Bildhauerei. Sowohl Malerei als Plastik 
standen nach antiken Begriffen der Töpferei nahe, hat doch der 
Töpfer (7u>.a(7TYip = Tc^.dcdTY)?)^'^^ auch Figuren und Statuen zu 
bilden, wie er anderseits seine Gefäße auch mit Figuren bemalt. 



296 Malerei. 

Nach rabbinfscher Auffassung ist Gott der größte Bildner, in 
dessen schöpferischer Hand, z. B. bei der Schöpfung des 
Menschen, Töpferei, Plastik und Malerei zusammentreffen, da 
er den Menschen aus Erdenstaub bildet und ihm teils sein eignes 
(Grottes) Bild (p^llLDp'PD = y^apaxTYiptov = Pld), teils das seiner 
Väter aufdrückt ("nii = "lii'')^^^. Die Ausdrücke liiT' = Töpfer 
und *1"'''ii = Bildner, Maler fallen lautlich, begrifflich und in der 
Anwendung zusammen. In dem Falle von zwei Bildnern 
(pi^^ii), von denen jeder dem andern die Figur (piDl) bildet 
^«l-lj^^ 349^ ist es durchaus nicht entschieden, ob sie das plastisch 
oder in Farben tun, und derselbe Zweifel trifft auch die Einzel- 
heiten der hierher gehörigen Arbeiten. Immerhin aber wird bei der 
bekannten Bilderscheu der Juden, die vor plastischen Werken 
gewiß größer war als vor Malereien, der Plastik weniger Raum 
zukommen als der Malerei. Die Gebilde der Kunststickerei 
ferner, die ebenfalls ein „Bilden" heißt ("'iVii Bd. I, S. 164), wie 
z. B. die gewirkten Cherubim (NP"]!^*"! C^l"!!), scheiden aus 
diesem Zusammenhange ebenfalls aus und auch die Figuren 
(5<n"^ll^) der Münzen, die allerdings etwas Plastisches wären, aber 
nicht die Arbeit von Juden w^aren. Dagegen war das Malen 
bei den Juden ziemlich verbreitet, wofür außer den reichen 
Daten, die unten folgen, angeführt werden mag, daß die Zeugen 
von Urkunden statt ihres Namens oft gewisse Zeichen (C^j?2^C) 
setzten, nicht mangels Schreibfähigkeit, sondern zur Sicherheit 
ihrer Identität; welcher Art die Zeichen waren, lehrt das Bei- 
spiel von einigen Rabbinen, die bald einen Fisch, bald einen 
Palmzweig und bald eine Schiffsflagge malten (T""!»), und sie 
pflegten das in freundschaftlichem Briefwechsel solange zu tun, 
bis dieser ihr Namenszug allgemein bekannt wurde ^■^^. Es gab 
auch Fälle, in denen die Besitzergreifung von Liegenschaften 
durch Anbringung von Figuren markiert wurde ^^^ 

Der Maler arbeitet mit Farben (cyi':»), die er sich aus 
gewissen Farbstoffen (CD, C^3^^D) bereitet, denselben, deren sich 
auch der Färber bedient (Bd. I, S. 145), zu denen jedoch noch 
Bohnen- und Lupinenschalen kommen ^•^'-, immer nur so bereitet, 
daß die Stoffe geweicht (""^.li") und in ein richtiges Verhältnis 
zueinander (^"»^15:0? = ^Yicpwdic) gebracht werden ^^^. Die Farben 
.sind schw'arz, weiß, rot, grün (gelb) oder etwas Mittleres CjIJ^I) 



Bildhauerei. 297 

von allen; immer aber sind es viele Farbstoffe ^^'^. Man spricht 
-auch von den Farbstoffen des Bildhauers, was natürlich nur 
bildlich gemeint sein kann^"*^. Ein HlCD = Bett genannter Behelf 
dürfte bei dem Maler die Staffelei, bei dem Bildhauer die Arbeits- 
bank sein (vgl. S. 257)^^^. Er malt bezw. meißelt Glied für 
Glied, bis er die ganze Gestalt fertig hat; ein unausgeführtes 
Bild ist nichts wert^^^ Das Bild wird zu dem Bildner immer 
in Beziehung gebracht (rn)ivh m^lJ pc"^)^^^ 

Häufig findet sich in den Quellen folgende Betrachtung. 
Das Schriftwort „Es gibt keinen Hort wie unser Gott" 
{I. Sam. 2,2, wo nili aggadisch umgedeutet wird) besagt: Es 
gibt keinen Bildner ("l'"''!») wie unser Gott. Der Mensch formt 
nicht Bildnis inmitten eines andern Bildnisses, er formt nicht 
in Wasser und braucht viel Farbstoffe, während Gott den 
Menschen bloß aus einem Stoffe formt; gleichwohl ist die Pu- 
pille schwarz und ihre Umgebung weiß, die Zähne sind weiß 
und ihre Umgebung ist rot. Das vom Menschen herrührende 
Gebilde überlebt den Bildner; aber das Gebilde geht nicht vom 
Orte weg, sieht und hört nicht. Er kann es im Finsteru nicht 
formen, auch kann er ihm keinen Rücken geben und ebenso- 
wenig die Eingeweide (anders Gott). Der Mensch fängt an den 
Kopf, die Ohren oder sonst ein Glied zu machen, bis er alles 
fertig macht (lC3), Gott aber macht den Menschen (von diesem 
ist immer die Rede!) auf einmal. Der menschliche Künstler 
rühmt sein Gebilde (preist es an), um es verkaufen zu können, 
und so ernährt er sich von ihm (während der Mensch umgekehrt 
von Gott lebt)^^^. So heißt es auch von dem Silberarbeiter 
(=]D3 w. u.), der die Bildsäule gießt, daß die Schöpfung den 
Künstler überlebe ^^^. Die Malerei (hH'^Ij) wird nämlich mit der 
Zeit von selbst blaß {\L'l2\l*yi2ü) und verliert sich gänzlich ^^o*. 

Malereien hatte man an Gefäßen (S. 276), an den Wänden 
des Zimmers ^^^, an dem Geschäftsladen (weil die Leute Gefallen 
daran haben) ^^^ und in Form von Tafelbildern. Letzteres gibt 
Anlaß zu folgender Betrachtung: Nimmt einer ein Stück Holz 
(yV, auch ^^'P2tC) und will viele Figuren anbringen, wird er 
alsbald gewahr werden, daß ihm der Raum (Clpc) fehle; wählt 
er sich aber die Erde als Arbeitsfeld, so kann er ins Unendliche 
gestalten ^^^ Die Erde als Arbeitsfeld gehört natürlich Gott an, 



298 Bildhauerei. 

aber auch der Mensch (der Mikrokosmos) ist sein Gestaltuugs- 
gebiet, und für Gott gibt es keine Beschränkung des Raumes ^^*. 
Aus Holz, wie vorhin, Averden auch Standbilder (p^ip"»}«? = sixoviov) 
durch den gleichnamigen Künstler ("l''^ii) gemacht, die dann im 
Palaste aufgestellt werden ("Vryn); man wählt das beste Holz 
dazu, und in einem mitgeteilten Falle war das beste Holz merk- 
würdigerweise nur im Badehause zu finden. An dem Holze 
waren vorerst Herrichtungsarbeiten vorzunehmen ([pn), und das 
mag der Grund sein, weshalb wir als Hersteller des Standbildes 
(p^lpW*) auch den Zimmermann (^In) finden. Manchmal wurde 
kein ganzes Bild, sondern nur eine Büste ("»CltOIID = Tzpozo\kr\) 
aus dem Holze geformt. Obzwar nun Holz als Material — wir 
finden kein besseres Material — und die Beschränkung auf die 
Büste ganz armselig aussieht, so hören wir dennoch, daß das 
Bild im „Palaste" aufgestellt wurde, also einem reichen Mann, 
ja, nach dem Sprachgebrauche der Rabbinen geradezu dem 
„Könige" gehörte, worunter zumindest römische Große zu ver- 
stehen sind, und in der Tat finden wir die Standbilder immer 
in Beziehung zu den heidnischen Großen erwähnt^^'^*. Es mögen 
Ebenbilder (Portraits) gewesen sein, die sich allerdings auch 
aus Holz nur Reiche leisten konnten. In manchen Fällen be- 
deutet übrigens p31p''N = eixoviov nicht ein plastisches, sondern 
ein gemaltes Bild^^^. Erst die j^tmJ^^ = avBptdc? -avTO? = 
Andarten genannten Bildsäulen Avaren Werke von größerer Be- 
deutung — wir hatten oben eines aus des Silberarbeiters Hand 

— die die Juden am ehesten als Kaiserstatuen und Götzenbilder 
(Wü^)^) kannten, die in den hellenistischen Städten aufgestellt 
waren; im Hause der Juden waren sie begreiflicherweise nicht 
zu sehen (Bd. I, S. 75)^66^ 

Man bestellte sich sein eignes Bild oder das des Vaters 

— dieser Fall wird einigemal erwähnt, und da ist vielleicht an 
die Mitgabe als Totenbild zu denken — wobei es hauptsächlich 
auf das Gesicht (^11»nc = TupoacaTuov) ankam, und das Original 
befand sich entweder leibhaftig oder im Bilde vor dem Künstler^^''. 
In devoter Untertanentreue wurde auch das Bild des regierenden 
Kaisers oft bestellt. Einmal „sai^" (-*^"') der Künstler und 
arbeitete an dem Standbild (p^tp"*«) des „Königs", und während 
der Arbeit wurde ihm berichtet, es sei ein Regierungswechsel 



Bronze. 299 

eingetreten ; da kam er in Verlegenheit, ob er erst das Bild des 
frühern oder des gegenwärtigen „Königs" bilden ("lli'') solle ^^^ 
Von dem Lohne des Künstlers ist ausdrücklich die Rede^^^. 
Von der öffentlichen Statuenpflege vernehmen wir manch interes- 
santen Zug: die Kaiserstatuen wurden gerieben (p"l^) und ab- 
gespült (^J2l^'); gegen die Schädigungen des Wetters wurden sie 
mit Teppichen bedeckt (S. 148), und nicht nur sie, sondern 
auch die Säulen der Städte wurden bei feierlichen Anlässen 
mit Vorhängen (nVL}''p pl. von xolty)), Teppichen und Tüchern 
(PID) teils behangen (PltTl), teils umwickelt (lir), teils bedeckt 
(D"1S})^^^. Aber auch Zeichen der Mißachtung fehlten nicht: sie 
wurden mit Steinen beworfen, umgestürzt, zerstoßen, zermalmt 
und in alle Winde zerstreut. Die Juden zerbrachen (*121S^) viele 
Standbilder, wenn sie es ungestraft tun konnten. Nur mit den 
Hermen (Merkurstatuen), die mit ausgestreckter Hand als Weg- 
weiser auf den Landstraßen standen, scheinen sich die Juden 
befreundet zu haben (§ 210)3^0^ 

D. Metallarbeiten. 

205. Die Schmiede. Bereits die Bibel verehrt in Tubal- 
Kain den ersten Schmied (Gen. 4,22) — davon aram. 7^^:l'^p 
(I^IaX), \J^) — und hinterher kommen die Apokryphen und 
nennen auch die Urheber der verwandten Arbeiten (Henoch 
z. B. Erfinder der Waffenschmiedekunst) ^^^ Von Bergwerken 
und Minen unter den Juden ist so gut wie nichts bekannt, aber 
die Metalle selbst und die aus ihnen verfertigten Waren kannten 
die Juden sehr gut, denn es werden z. B. das vorzügliche 
indische Eisen und die indischen Schwerter erwähnt. Aus dem 
alten Indien jedoch kennt man nur Bronzen, d. i. Kupfer- 
zinklegierungen; die alten Ägypter stellten ihre Gefäße, Werk- 
zeuge und Waffen durchaus nur aus Bronze her, zu der sie 
das Kupfer aus den Bergwerken der Sinaihalbinsel nahmen, 
und dieselbe Technik blieb bis in die römische Kaiserzeit hinein 
die einzig geübte im ganzen Altertum, so daß wir das „Eisen" 
f^IlD, N7i"lD) der Juden nur auf die Bronze beziehen können. 
Sie kannten aber ein härteres Eisen (t<t'T1D), welches gewöhnliches 
Eisen schneidet. Außer den in der Bibel genannten Metallen 



300 Metalle. 

(Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Zinn, Blei, Antimonium oder Sti- 
bium, Elektron), die zum Teil einen andern Namen führen (statt 
DI^V Blei z. B. "12N, N'^IN*) und deren Kunde, wie zahlreiche 
Einzelheiten beweisen, sich erheblich verbreitet hat, finden wir 
in den rabbinischen Schriften noch die Erze Arsenik (S. 285), 
Asimon (a(7Y]p,ov), Bacaz (Y])2 eine Art Zinn), Chalkanthos (j^aXxavO^o? 
Eisensulfat), Chalköma ()^a>.xü)[ia Erz, darunter auch das be- 
rühmte korinthische Erz), Karkemisä (eine Art Blei), Martökä 
(NDn"!C Silberglätte), Millelä (iÖ':'0 Goldbarren, wie sie in den 
Minen gebrochen werden), Niska (nIDj Gold- oder Silberbarren), 
Obryzon (oßpu^ov reines Gold), Pallzä (nP':'^ eine Art Bronze), 
Stomöma ((7T6[JLco[j-a Stahl), deren Zusammenfassung in dem 
Worte nrn?2 (von IPD = IPJ schmelzen) erst in der rabbinischen 
Literatur auftritt, in welcher übrigens auch das Fremdwort ]}'ll2r2 
(= \kiz7.Xkov = metallum) existiert ^^'^. Während jedoch die Bibel 
über das Schmelzen des Erzes ziemlich reiche Daten enthält, 
schweigen die Rabbinen von dieser Seite der Arbeit, die in 
ihren Tagen von den Juden offenbar nicht betrieben wurde, und 
setzen gleich mit den Schmiedearbeiten ein. Dem Werte nach 
rangieren bei ihnen die Erze wie folgt: ri\L'V (w. u.), Gold, 
Silber, Bacaz (s. oben), Blei, Zinn^^^. 

Der Schmied (n^;), näher der „Eisenschmied" (x'pnS^D NnC3), 
hat seinen nh. Namen von der charakteristischen Seite seiner 
Arbeit, daß er das Erz in durch Blasen angefachtes Feuer 
(nriDJ ti^X) geben muß. Das Blasen (n?j) mit bloßem Munde 
wäre zu beschwerlich und ungenügend, und so bedient er sich 
dazu eines Blasebalges (bh. und nh.m?^, aram. NnlSDC, NPIi'NI J^n^TT, 
9Ü(7a (pu(7Y]TY)p, foUis fahrüis), der eine Röhre hat (n^^i^t:' vgl. 
bei Glasarbeiten S. 285), durch die er mit Fußtritten den 
Balg voller Luft (Np"*!) setzt ^''^. Die schwarze oder die Holz- 
kohle (CmD) bereitete sich bei den primitiven Verhältnissen des 
Altertums wohl der Schmied selbst, weshalb denn ^ünB sowohl 
der Köhler als der Schmied, CnD sowohl Köhlerhütte als 
Schmiede ist, und der arme Mann hatte gewiß eine schwere 
Arbeit; doch muß bemerkt werden, daß man beim Schmelz- 
verfahren des Goldes nicht sowohl Holzkohlen als Stroh ver- 
wendete, was die Arbeit wesentlich erleichterte. Auf diesem 
Unterschiede in der Feuerung beruht die Verschiedenheit des 



Schmiede, 



3Q1 



Zurufes: „Machet die Kohlen rot, ihr Schmiede-, zündet an die 
Streu, ihr Goldarbeiter" (auf daß ich mich wärme, vgl. Bd. I, 

s. siy. 

Der kleine Industrielle wird die Schmiedearbeit in seinem. 
Wohnzimmer gemacht haben, wie es von K. Josua b. Chananja, 
dem Nadelverfertiger, gesagt wird, dessen Behausung eben darum 
berußt und geschwärzt aussah (vgl. die von Ruß geschwärzten 
Kochgeschirre S. 293)^^^. Nebenbei folgt aus dieser Nachricht, 
daß die Schmiedekunst in mehrere Branchen zerfiel, denn außer 
den Nadelverfertigern bilden auch die Kesselschmiede ("•"in "»^l^T! 
w. u.) und die „Stähler" (''CDn w. u.) besondere Gruppen. 
In der Regel mußte jedoch der Schmied seine eigne Werkstätte 
(NmDJ ''2) haben, wo er seinen Glüh- oder Schmelzofen und 
seinen Tiegel (bh. und nh. 112, auch nun, yooL-^oc,, iri'^oL'^o^), seinen 
Blasebalg, seinen Ambos und all die schweren Werkzeuge, die 
er nötig hatte, aufstellen konnte. Oft flankierte die Schmiede 
die offene Straße und war eben darum für vorübergetragene, 
leicht entzündbare Waren durch die herausspringenden Funken 
(p, }^1K''j) eine stete Gefahr^". Auf der gegenüberliegenden 
Seite der Straße konnte sich ebenfalls eine Schmiede befinden^ 
die sogar von dem Sohne oder einem Lehrling des Meisters 
betrieben wurde, leicht erklärliche Angaben, da alle Gewerbe 
sich in gewissen Straßen konzentrierten (o. S. 258)^'^. Im 
Schmiedehandwerk war die Verlegung in ein bestimmtes Quartier 
auch darum nötig, weil die Ortsinwohner den ewigen Lärm des 
Hammers nicht leiden mochten ^'^. In der Werkstätte, zugleich 
dem Verkaufsladen (HUn), stand der mit Eisen überzogene, 
von dem Blockverfertiger (PiNlD) gelieferte mächtige Holzblock 
(]'1D), der ihm als Ambos (ax[j,(ov, incus) diente, daneben der 
Wasserkübel (^<^C^ ^21 N"*^, lacus), um das glühende Eisen 
löschen und auch Stahl (NCtCKN ^ az6\k(x}[kO(. s. oben) daraus 
machen zu können ^^*^. Mächtig saust in seiner Hand der Hammer 
(Di^"lip, ^"»102) auf den Ambos nieder, so daß der Ambos manch- 
mal birst (yp2j), und so ist der Hammer gewissermaßen ein 
Wahrzeichen der Arbeit, weshalb der Ausdruck „Hämmern" 
(•^^v^D2 rCü) die Arbeitsverrichtung überhaupt bedeutet^^^ Ebenso 
wichtig ist ihm die Zange (r\2}i), mit der er das geglühte Eisen 
hält, und ein anderes zangenartiges Gerät, etwa ein Haken 



302 Schmiede. 

(n2/D vgl. S. 286), mit dem er entweder das Feuer schürt, oder 
der von dem Lehrling und Gehilfen gehandhabt wird; außerdem 
benützt er eineu kleinen „eisernen" Hammer (J<ncnD), der, 
den Vorschlagehämmern gegenüber, etw^a als Setzhammer an- 
zusprechen ist, die Axt ("IHyo), mit schmalen, halbrunden Bahnen, 
um das Strecken des Eisens zu. ermöglichen, und den Bohrer 
(mpz:), mit dem er in die erweichte Masse Löcher macht^^^. 
Die aus seiner Hand hervorgehenden Erzgeschirre erhalten die 
gebogenen Ränder und überhaupt die letzte Ausgestaltung auf 
einem Bock (mcn), der vielleicht nichts andres ist als das Ambos- 
horn, und werden, da sie noch heiß sind, auf eine eiserne Bank 
("IIID, nt:c) gestellt, die zugleich in dem Laden das Warengestell 
bilden mag^^^. Für feinere Arbeiten war noch der Schmelz- 
tiegel (o.) nötig. 

Im einzelnen dürfte der Gang der Arbeiten folgender sein. 
Das Roheisen (vielleicht nrc, r!jN'P''D)^^'^ wurde im Schmelzofen 
von den Schlacken (sxj3olai; (j/wwpia, scoria), „Metallkohlen" 
(nrno h\L^ rhr^j) genannt, gereinigt (P]T:J)^'^^. Wie das zuweilen 
auf dem Lande noch heute geschieht, wurden die noch glühenden 
Schlacken anstandslos auf die Straße geworfen, und die Rabbinen 
bestimmten, daß sie zum Schutze der Passanten auch am Sabbat 
mit Wasser überschüttet oder in Erde erstickt, aber jedenfalls 
gelöscht (n32) werden dürften "^'^^. Die sabbatliche Schmiede- 
arbeit mußte natürlich von Nicht Juden herrühren. Das Reinigen 
von Schlacken ist gleichbedeutend mit dem Schmelzen ("jpj vgl. o.) 
des Erzes-, phönizisch kommt ':5P5 "DJ „Erzgießer" vor, der- 
selbe, der in der Misna PL^TIj ^IVP „Erzläuterer" heißt und 
wegen seines schweren Gewerbes von der Gattin zur Scheidung 
verhalten werden konnte, nur konnte man sich in späterer 
Zeit darüber nicht einigen, ob der so unschuldig Verschmähte 
einer sei, „der das Erz von der Wurzel an schneidet" (d. i. 
ausgräbt) oder Kessel schmiedet^^'. — Nun liegen die Metall- 
stücke in großen Barren (niJ'V*, mnC'V) da, die man in „Kuchen" 
(n"n*in panes aeriSj vgl. auch bh. ^2^) zu formen pflegt, den- 
selben, welche die Altertumswissenschaft „Eisenluppen" nennt 
und nach Form und Gewicht genau kennt, weil sie in großer 
Menge gefunden werden, zum sichern Beweis dafür, daß das 
Roheisen in dieser Form aus den Eisenhütten in den Handel 



Schmiede. 303 

und von da in die Schmiede kam^^^; doch wird, wie gesagt, 
der kleine jüdische Schmied auch die Schmelzarbeit selbst ver- 
richtet haben. Barren und Eisenluppen bilden die Werkstücke 
(D^^^IH) des Schmiedes wie die Holzkloben die des Zimmer- 
mannes (S. 268)^^^. Aber der Schmied muß nicht gerade neues 
Eisen verarbeiten, sondern nimmt oft „altes" Eisen her: einen 
Reif des Rades, Schüsselplatten, Beschläge, Gerätgestelle, 
Ränder und Henkel von Geräten, Abfälle (n^inti'), Abgebrochenes 
(mni"^:!). Abgeschnittenes (fllliiHp), Bruchstücke von Metallgeräten 
(C^D ^^,2^), Trödelware (C^C^na, nVL^n:i pl. von ypüT/]) und Nägel 
(rrn^D^), Dinge, gegenüber denen sich das Neueisen allerdings 
als hart {TWl/p p?^) auszeichnet, die aber gleichwohl tauglich 
sind und so wenig verachtet wurden, daß sich mit ihrem Verkauf 
ein eigner Händler (Ypuiro:u(6>.Y)?, ^ECP2) befaßte ^^°. Es haben, 
wie mehrfach hervorgehoben wird, Metallwaren (PiZDü ^^D) über- 
haupt das Gute, daß sie nicht völlig vernichtet werden können, 
sondern eine Reparatur ermöglichen (w. u.). Genau genommen 
kann es sich wieder nur um Bronzestücke handeln, denn Bruch- 
eisen kann nicht mehr verarbeitet werden ^^^ Nun beginnt die 
eigentliche Schmiedearbeit (^l^n); der Schmied stählt (CDP! auch 
^lli) zunächst die geglühte Masse, was er durch Eintauchen in 
Wasser (s. oben) erreicht (zuweilen löscht er das Eisen draußen 
im Regen), streckt oder schlägt das Eisen dünn (Tn, bh. und 
nh. auch Vpl), an andern Stellen schlägt er es dicht (=^i»n „staucht 
es"), höhlt oder vertieft es (ppn, :2l2n vgl. S. 289, ^^: = y^^?^^)' 
bricht, sprengt oder schneidet es ab ("1*1^, Vp2, Y^^p), bohrt es 
{r'np) an den erforderlichen Stellen ein und setzt, wenn es ein 
Gefäß werden soll, die Henkel ein^-^^. Basis und Rand muß 
er bereits durch Hämmern — die getriebene Arbeit (TWL'pü) der 
Bibel — verfertigt haben, für das Gerät die wichtigste Arbeit, 
in den Quellen „Schlagen" genannt (nD^^Cn, ^^lCm = PIDtO = l^'''pn) 
und für unentbehrlich gehalten ^^^. Es folgen die verzierenden 
Arbeiten: glätten (^11^*), schneiden (l":), schnitzen (2212), schaben 
("1"i:), wie bei Holzarbeiten (S. 268), und stanzen (pt^')^^^ 
Manchmal folgen noch: schleifen (Tnit') und glänzen (t^'tO/)^^^ 
Geräte, die Wein aufnehmen sollten, werden verpicht (nCi 
S. 276)^^^. Im Sinne von „Wie man sich bettet, so liegt man" 
sagte ein Sprichwort: „Mit dem Löffel, den der Meister (N"1:j 



304 Schmiede. 

Vgl. S. 254) geliöhlt hat (nj:" = tC^cn), wird er Senf schlürfen"^ 
d. h. wenn die Fläche rauh, verletzt er sich selber die Zunge ^^^^ 

Da die vorhin erwähnte getriebene Arbeit auch in dem 
erkalteten Material vor sich gehen kann, so ergeben sich für 
die Schmiedearbeiten im ganzen drei große Kategorien: a) Ver- 
arbeitung des Erzes in festem, kaltem Zustande^ b) in flüssigem 
Zustande, c) Löten. Herstellung von Gußeisen war den Alten 
unbekannt. Es kommt jedoch ein Mengen {'7^2) von Erzarten 
vor, w^as bereits durch den Gebrauch der Bronze bedingt ist^^^. 
Bei Blei erfolgte ein vollständiger Guß (THIl), der mit dem 
Kochprozeß verglichen wurde. Eben das Blei diente auch 
zum Verschweißen (ITH) der Ansatzteile, weshalb denn Henkel, 
Griffe, Füße, fest verbundene Deckel u. dgl. bei Metallwaren 
den besondern Namen ^ypi] „Angeschweißtes" führen. Mit 
Blei konnten auch Bruchstellen verschweißt (wieder TPH, doch 
auch speziell "jJND "^^N* „verzinnen" bh.) werden, doch wird das 
Verlöten ("n*] verwandt mit "jP^) als einigermaßen verschiedene 
Arbeit von dem Verschweißen unterschieden^^^. Zu diesen 
Arbeiten diente der Schmelztiegel ("IID o.), den ausdrücklich 
auch der Schmied besaß; doch wird das Verlöten mehr als 
Arbeit des Goldarbeiters (n*l^i> w. u.) hingestellt, vermutlich 
darum, weil die Reparatur sich nur bei feinerer Ware lohnte, 
während sonstige Metallgcfäße zum Gerumpel geworfen und 
als „altes" Eisen verkauft w^urden'^^". Der Schmelztiegel stand 
auf einem Untersatz (n^Tinn) oder auf einem dreifüßigen Feuer- 
bock (J^CCDN) und hatte zum Ausgießen des geschmolzenen Bleies 
eine Röhre (''3t2''N)'^^^; bezeichnend für das Haudwerkerleben ist 
die Angabe, daß er manchmal auf die Erde gestellt, mit Lehm 
vermacht und als Herd benutzt wurde, auf dem der Arbeiter 
sein frugales Essen kochte '^^^ 

Manche aus der Schmiede hervorgegangenen Werkzeuge 
(Beil, Hacke, Messer, Lampe) erhielten einen hölzernen Griff, 
Stiel oder Schaft (T, N*:''E:ip, NHp, NPDir), der in das am 
Rumpfe des Werkzeuges (N"1D) befindliche Loch (NEDIp, NJ^^^p) 
eingeführt wurde; manchmal stieß das Eisen in den Holz- 
griff und dann war das Holz ausgebohrt (m"ip)''°^ Es wird 
berichtet, daß König Monobazos alle am Versöhnungstage zur 
Verwendung kommenden Gefäße des Heiligtums mit goldenen 



305 




Fig. 50 (zu S. 275). 
Altpalästinische Krug« 




# 




Fig. 52. Frührömisches bronzenes 
Wärmebecken. 

Krauß, Talm. Arch. II. 




Fig. 53. 
Silber- und Bronzevasen 
aus einem Grabe in Gezer. 

20 



306 




Fig. 54. Blaseröhre mit kleinem Feuerherd aus Theben. 

b 




Fig. 56. Äxte aus Bronze, a) pers. b) syr. 




Fig. 57. Bronzener Stuhl der röm. Kaiserzeit aus Syrien. 



Metallschäden. 307 

Stielen versehen ließ^^'^. Bei Beilen, Äxten, Dolchen usw. waren 
Schneide oder Spitze oft aus Stahl gearbeitet und mit dem 
übrigen aus gewöhnlichem Schmiedeeisen bestehenden Stück 
zusammengeschweißt, doch nicht in unlöslicher Weise, wie die 
Fälle vom Fehlen der „Stählung" (clDfi ^Jt^:) beweisen ■'o^^. 
Das Metallgerät selbst erscheint oft aus mehreren Stücken 
zusammengesetzt (I}"'^"!!! vgl. Leuchter Bd. I, S. 71), so daß bei 
ihm mehr ein Auseinandergehen (p'i^nj) der Glieder (Cp^S, 
nvt'in) als ein Zerbrechen stattündef^^^ Dagegen ist oft die 
Rede vom Schartigwerden (c:iD3) der Schneidebahnen der Erz- 
werkzeuge ■^^^^. Ein Mittel dagegen ist teils das Schärfen ("l"in) 
eines am andern, indem eins auf das andre geführt wird (N'^t^Tl), 
teils das Reiben (^11^') mit irgend einem harten oder rauhen 
Gegenstand, teils aber richtiger das Schleifen (int^O an dem 
Schleifrad (PTmL^'T^, O'^/iYavov, öcxgvtj, cos), das entweder Stein oder 
Holz war und teils mit Ol, teils mit Wasser benetzt wurde ^^^'\ 
Auch ein Zuspitzen ("PPO) im Feuer kommt vor'*^^*'. Und 
auch ohne Reparieren, in zerbrochenem Zustande, sind die rest- 
lichen Metallgeräte eher zu Arbeiten verwendbar als Tonwaren; 
so ein Eimer, wenn schon nicht zu schöpfen, so doch wie aus 
einem Becher Wasser aus ihm zu trinken ; ein gelöcherter Topf 
(Dl^p^^lp S. 294) kann in dem unversehrten Teile noch heißes 
Wasser aufnehmen; der große Kochnapf (D?*? S. 292) kann (zum 
Abwaschen oder zum Aufbewahren) kleine Krüge (m"'jin''p S. 294) 
fassen; Krüge können wenigstens Kupfermünzen enthalten, Wein- 
und Olmeßgeräte ein kleineres Quantum von Wein und Ol, und 
so fort, den Namen „Gerät" dann verdienend, wenn von der 
Art der frühern Verwendung noch etwas verbleibt ^^^. 

Dagegen zeigt sich bei Metallwaren der Nachteil, daß sie 
im Laufe der Zeit (mni^' n^ hv) Rost ansetzen (nm^n r\hVn), 
oder, wie der Ausdruck auch lautet, verrosten (nrnii'n vgl. S. 
154), wie man es namentlich auch an den Alüuzen (§ 229) hat 
beobachten können, und das geht so weit, daß die verrosteten 
Münzen auch den Metalltopf, der sie umschließt (s. oben), an- 
greifen und zerstören ^^'. Das Reinigen s. Bd. I, S. 76. 

206. Der Goldschmied. Allem Anscheine nach dürften 
Gold- und Silberarbeiter (CZriT, C^Dr) zahlreich sich unter 
Juden befunden haben, zahlreicher als die Grobschmiede '^^^. 

20* 



308 Goldschmied. 

Die Gilde der Grold- und Silberarbeiter war, wie in Griechen- 
land, getrennt, doch schließt das nicht aus, daß derselbe 
Arbeiter in beiden Stoffen arbeitete *^^. Mit Verwischung des 
Unterschiedes heißt er ^*nK, „Läuterer", mit einem Namen, der 
von seiner hauptsächlichsten Tätigkeit, vom Schmelzen des 
Goldes und Silbers, hergenommen ist. Wir haben schon bemerkt, 
daß unter dem Tiegel der Goldschmiede Strohfeuer, besonders 
wohl das von Gerstenstroh, brennt"^^^, und des nähern erfahren 
wir, daß sie das zu schmelzende Gold in einer Tonschale in 
Kohlen imd Ziegelstaub stecken und eine mehrfach durch- 
löcherte Tonplatte darüber stürzen, aus deren Löchern nun 
das Feuer in schönen lebhaften Farben hinausschießt *^^ Das 
Silber hingegen wird direkt im Feuer geläutert und von Schlacken 
(bh. und nh. TD, C^ro) befreit. Doch werden Gold und Silber 
nicht lange im Feuer belassen, sondern herausgenommen und 
abermals — bis siebenmal — geläutert (ppl), bis sie ganz 
schlackenlos sind (^l*!':*). Eine andre Methode besteht darin, 
daß sie, vielleicht jedoch nur das Gold, auf schweren Hand- 
mühlen zermalmt und geschlämmt werden (d. h. man übergießt 
den Staub mit Wasser, so daß die Erdteile zusammenstehn), 
worauf man sie mehrereinal durchsiebt (jip Bia(7T,ö'£iv), bis das 
edle Metall rein wird pT^r)^'^. Reingold heißt mit einem 
fremden Namen p?"i::\N* ^ oßpü^ov = ohryza^^^. Daraus nun 
werden Schmucksachen gemacht, und da die Goldschmiede 
infolgedessen viel mit Frauen zu tun haben, so stehen sie in 
Verruf^i^. 

Goldwaren waren sehr teuer, dafür aber sehr haltbar, anders 
als das Glas. Das Wort „Schwer zu erwerben wie Goldwaren 
(DHi "''PZ) und leicht zu vernichten wie Glaswaren" ündet sich 
häufig im Munde der Rabbinen^^^. Besonders das Silber war 
typisch als mehrmals erneuerungsfähiges Material bekannt, 
natürlich indem man es von neuem goß (^"1':»*), doch hat es 
einmal auch damit ein Ende, dcmn schließlich schlägt es der 
Mensch absichtlich zusammen ("l"!?) und es wird kein Gerät 
mehr daraus '*^*^. Die Königin Salempso (vgl. S. 17) hatte einst 
ihre goldnen Tischgeräte absichtlich zerbrochen, damit deren 
levitische Unreinheit aufhöre; dann ließ sie sie vom Gold- 
schmied schnell reparieren. Wahrscheinlich hatte sie kein 



Goldblech. 3Qg 

andres Tafelgeschirr und mußte ehrenhalber mit der Herstellung 
eilen ■^^'. Sonst aber wird immer nur silbernes Tafelgeschirr 
erwähnt, u. z. einfach unter dem Namen „Silber" (ptTJ^^lN = 
argentum = argentarüwi)-^^^. 

207. Arten der Metallwaren. Die Metallwaren nehmen 
im altjüdischen Leben einen großen Raum ein. Sie können 
etwa in folgenden Rubriken untergebracht werden : 1. Als feste 
Teile am Hause, in den Quellen „zum Boden gehörig" (PiLS'y: 
Vp'^p^), zum Teil auch „der Befestigung wegen angebracht" 
{py\rh '•'iD'y) genannt: Schloß, Riegel, Schlüssel, Türe, Nägel, 
und auch gewölbter Ofen, insofern er eisern ^^^. 2. Schmuck- 
sachen aus edlerem Metall, aber auch aus Bronze (s. oben). 
3. Küchengeräte, Behälter, Möbel usw. 4. Landwirtschaftliche 
Geräte (Pflug, Haue, Hacke, Axt usw.). 5. Werkzeuge und 
Waffen (s. § 208). 6. Münzen, Wage, Siegel. 7. Musik- 
instrumente. 8. Eherne Standsäulen (§ 204). Verbindung mit 
Holzteilen s. oben. Teile der Hohlgefäße dieselben wie bei 
Tonwaren S. 277. Die Mitte zwischen fertigen Geräten und 
dem Zubehör zu denselben nimmt die Goldplatte (Du 7U£Ta}.ov, 
petalunij lamina^ lamella, auch Istui?, hractea) ein, das Goldblech, 
das mehr noch als sonstige Metallwaren auf dem Wege des 
Plattschlagens oder Streckens ("ni o.) zustande gekommen ist. 
Es ist die Technik, mit der die Goldbeläge der Geräte der 
Stiftshütte (p"l''"n ("'DL:) hergestellt wurden. Das Strecken des 
Metalls erfolgt durch das bloße Niedersausen des Hammers auf 
den Ambos, eine kunstlose Arbeit, aus welcher die Rabbinen 
die Existenz der bloßen Handfertigkeit ("i"" Hts jöN) ableiten. 
Sie ergibt gleichwohl etwas Fertiges a) in jenen Belägen (pyip"l), 
b) in dem goldnen Stirnblech des Hohepriesters (|^^1>*, geradezu 
petalimi genannt, vgl. auch das Fremdwort p/LT''^), das in den 
goldnen Stirnblechen (^Dl:), die die Frauen als Schmuck tragen 
(Bd. I, S. 198), tausendfältig Nachahmung findet, c) in dem 
„Bart" des Hausschlüssels. Wegen letzterer Verwendung ist 
anzumerken, daß außer Goldblech auch gewöhnliches Metall- 
'blech (nrn^ 'ri^' DiC) verfertigt wurde. Dieses ist eben das Zu- 
behör zu den verschiedensten Geräten. In der Verarbeitung 
zum Gerät schreitet man von dem Strecken (sXa'Jvsiv, ducere) 
zu einer erhabenen, getriebenen oder geschnitzten Arbeit vor 



310 Metallwaren. 

(Topsusiv, davon TopeuTY]?, uDIlT), die wenigstens in der Steinmetz-, 
Bildhauer- und Tischlerarbeit auch in unseren Quellen figuriert. 
Das Goldblech liefert ferner die Fäden zu den Goldstickereien 
(Bd. I, S. 142)420. 

208. Metallwaren. Die Zählung der Hausgeräte (von 
S. 289) aufnehmend, führen wir alphabetisch die wichtigsten 
Metallwaren auf, sofern sie zur Klasse der Werkzeuge und 
Waffen (§ 207) gehören. 176—250. "lS\S* ein Federmesser zum 
Schnitzen der metallenen Schreibfeder, wahrscheinlich nichts 
andres als piN (s. unten) ^^i^ '^^-.^ ^ ^^q^^ ^^^i g 262) ein 
Schuster- und sonstiges Messer, das entweder gebogene Spitzen 
(CJIp wörtlich Hörner) oder runde Schneidebahn hat. So hieß 
auch das zum Hobel gehörige Eisen (S. 267)^^2. n':'N eine Holz- 
keule, deren Spitze entweder mit einem Metallhut (^ISn) oder 
mit. eisernen Nägeln bewehrt ist (in der Tenne s. 8. 192)"^"^. 
^<L:^pD^< = scuium Schild-^24^ p-^^v^» (^^u(,l^ p^y^ y^i ^,,-^y g_ j[72) 

krummes Messer"^'-^. N"»!^"!!^ = ^rip'jzzoi = vernUim Spieß (den 
Bratspieß s. Bd. I, S. 120) mit einem hölzernen Heft (NDp s. 
S. 304)42ü^ ^ü1^2=parma Schild"*-', p^n (auch N^P.D" vsnr:) 
Axt, Beil, die zum Holzfällen und Holzhacken dienten, aber 
auch die Waffe zur Tötung eines Menschen abgaben ^-'^. jir: 
(nicht p:"»:!) und J^DD^i = yai(76? Wurfspieß ^^^ ^'Cül'^l ^-liMGTpu Stoß- 
stange ■*-y^ yh)n Zange (S. 267). DrC'l^n ^ xaTaiTU? [??] Schwerf*^^ 
C^n eiserne Haken oder Rechen zum Zerren schwerer Gegen- 
stände'*^^ ^'''rn (sing, ^h^hn, i6bn, N^t?r.) Hammer, Beil-*^-. 
5^'''?n (nur in mD'i'^'Mn Pi^Z Kammer dieses Werkzeuges im Heilig- 
tum) Schlachtmesser, in späterer Zeit allgemein ^^'^J""'^^. Nj^i'n 
Axt, Beil'*^-*. 2in s. ^'>^C. yr2M2 (wahrscheinlich verwandt mit 
bh. J\1^2 = Spieß), lange Stangen mit eisernem Haken am untern 
Ende, ein aus Askalon stammendes Werkzeug, mit dem man 
die in den Brunnen gefallenen Eimer heraufholte"*^". p"lT, wie 
soeben erwähnt, ein Speer, ein Spieß, ligui'iert als Spezimen 
von Waffen (nDri':?;^ '^''?D) überhaupt, zu denen noch der Mauer- 
brecher, Beinschienen, Wangenbänder, Helm, Panzer, Streit- 
hammer und der Zerhauer gehörten, doch sind aus dieser Liste 
noch mehrcM'e Geräte in dieselbe Kategorie zu stellen, die sich 
also als ziemlich umfangreich erAveist. obwohl diesen Dingen 
im Leben der Juden der damaligen Zeit wenig Bedeutung- zu- 



Metallwaren. 3j^;[ 

kommt. Doch verdient hervorgehoben zu werden, daß es in 
Sichin (vgl. S. 272) jüdische Waffenschmiede gab, und daß 
einige Waffen als zur ständigen Tracht gehörig hingestellt 
werden (Bd. I, S. 205)^^6. Eine an bh. niE}^^2 (Ps. 74,4) an- 
klingende starke Wortsippe (nh. sing. ^l'PT, 2^)2, 2':>^py \'2)^D, 
vielleicht auch DOtT) bedeutet, von dem gemeinsamen Begriff 
„Anfassen" aus (vgl. HD^D Zange S. 286 und D^2 nähen Bd. 1, 
S. 158) gewisse Zerstörungswerkzeuge, wie Hacken, Mauer- 
brecher, Holzfäller "^^^ b^:i/2, bh. neben vorigem stehend, be- 
deutet in rabbinischer Zeit teils die Axt des Zimmermanns, 
teils den militärischen Streithammer '*^^. "»DjI^ s. weiter unten. 
HiOID'P pl. miOID'? = ocXudiBcoTO? (sc. Q-copa^) [??] Kettenpanzer, Ketten, 
dasselbe, was hebr. m^ll^ltt' = Ketten und hebr. C""'!"! (vgl. 
Verb. ni"i strecken o.). Metallene Ketten (abgesehen von 
Schmuck Bd. I, S. 203) sind auch ^lVbz^p und "»tJ^ip pl. von 
copula, ferner n\N'yLi't5L^' (S. 96 und 124) "^^^ — niDlIN?:) s. rp:n. 
rn^^ü (bh. und nh. von nn: = "103, wovon "IID^ S. 267) die Säge . 
(Tüpiwv, 7T;pt(7TY](;, scrrü), das gew()linliche Werkzeug des Zimmer- 
manns. Sie hatte ein im Stiele befestigtes Sägeblatt (L:^D vgl. 
bei Sichel, Tocpcroi;, lamina), das voller Zähne (D"":;^' öBovts?) war; 
an der Reibfläche kamen Sägespäne (n"llDj S. 268, 7Upi(7[j.a, sarrago) 
hervor"*"*^. 'p:d (bh., nh., syr., arab.) ist die gewöhnliche Ernte- 
sichel (S. 187), als solche (Tlip h:^ü) von der Handsichel (^^ü 
T), die mit einem Hänger ('•'l'pn vgl. S. 270) versehen und im 
Hause in Gebrauch war, unterschieden. Das Sichelblatt (p^'ü'O = 
l:^:i/D) war an dem Stiel durch einen Nagel ("l^DD) befestigt, 
damit es nicht locker werde {l2ü\y)-^^K ]:ü (bh.) Schild ^*^ C^^^yü 
Beinschienen (Bd. I, S. 182). ^'^.^ü Hacke oder Karst (S. 169). 
Sehr oft in der Form nD"i:D (HD"»"^:!^), ein Werkzeug, das bald 
eine Schaufel, bald ein Feuerschürer (Bd. I, S. 86), bald auch 
eine schneidige Hacke ist. Das Schaufelblatt (lO''D vgl. bei Säge), 
das unten eine Schneide (HD) hat, steckt mittels einer Ose {^2) 
^n einem Stiel ("!''); wenn die Ose fehlt, hat die Schaufel das 
Aussehen eines Hammers '^■^l *i2nr2 Nadel (s. Bd. I, S. 157). 
kT'IDr^ (von '^'2: = Z'p: vgl. l^^pn S. 303 schlagen) ein Hammer der 
Maurer oder der Bildhauer und der Grabscheit der Bergbauer, 
doch auch der „Schlögel" der Schelle, was zu der Grund- 
bedeutung gut paßt-^^^. ]n''ID = [j.ayaipiov Messer'^'^^ DDjD „Zer- 



312 Metall waren. 

störer'*, eine Streitaxt ^"^^*. "1^D;2 (bh. und nh.) Nagel (aram. p2''D 
vgl. S. 172, auch Dl^PN = r]kQ^), eines der wichtigsten Erzeug- 
nisse der Schmiede, der die Nägelerzeugung ausdrücklich zu- 
geschrieben wird. Zur Verbindung von Holz und Erz ist der 
Nagel unbedingt notwendig (vgl. o. Sichel), so z. B. machen 
einen Galgen die Zimmerleute, aber die Schmiede beschlagen 
ihn mit Nägeln (der Nagel eines Gehängten diente zu 
abergläubischen Praktiken). Der Nagel findet sich ferner im 
Schuhwerk (Bd. I, S. 180), an der Spitze der Keule (oben) 
und des Stockes (w. u.), in der Haustüre (Bd. I, S. 39) und 
ist auch ein selbständiges Werkzeug z. B. des Barbierers, des 
Webers, des Geldwechslers und überall, wo die Hand selbst 
nicht hinlangt; er wird ferner an der Sonnenuhr angebracht"^^^. 
nniDDC, C"1?DD Scheere (s. Bd. I, S. 157). "Kyo (bh. u. nh.) 
Axt, Hacke (S. 267) ; eine besondere Art war die Streitaxt der Le- 
gionen '^'^^^ n"''PDDD Hacke, von kleinerer Art, denn sie ist bloß 
der Vorsatz, auf den der Hammer oder die Axt niederschlägt ^^^ 
r\2pü (bh. und nh.) Hacke •^'^'^ n^pl2 (Tp-JTuavov, Tsps-rpov, terehra) 
Bohrer (S. 267; vgl. Bd. I, S. 266). Tpc (von ip: wühlen) 
Bohrer, Reiniger •*'^^. — ^Jp^ (bh. und nh.) Stab, Stock, ein über- 
aus wichtiges Werkzeug in den verschiedensten Lagen des 
Lebens. Der Stock, wie wir ihn aus den rabbinischen Schriften 
kenncQ lernen, wurde nicht etwa vom ersten besten Strauch 
abgerissen, sondern aus gutem Holze (auch aus Zedern) durch 
Künstlers Hand gemacht ^■^^. Aus dem krummen Stab macht 
er einen geraden, indem er ihn entweder in Feuer herrichtet 
(ipn) oder in einer Walze (n'P'':y^) drechselt (pl3); doch kann 
er ihn auch mit der Axt (li»'y?2 o.) schnitzen oder gerade machen 
C^r^B) und sodann in Feuer härten •^^^. Der Stab ist nämlich 
durchaus kein Zierstück, sondern eine brauchbare Waffe, die 
außer im Gerichtsverfahren als Züchtigungsmittel (vgl. S. 95) ^'"^ 
auch zum Angriff dient, wenn der Gegner am Kopfe getroffen 
werden soll; wenn auch der Gegner mit einem Stock kämpft, 
kreuzen sich (rnn) die beiden Stöcke wie im Fechten"*^'-. Bei 
diesem Gebrauche haben wir an eine Stabkeule zu denken, 
und wenn in den Stiel noch ein eiserner Ptiock {"^.TZütl vgl. o.) 
gesteckt wurde, entstand eine Art Axt (N*j''üri vgl. o.), mit der 
man zum Schlage (TCTi) ausholen konnte; doch konnte der 



Stab. 313 

Nagel auch eingetrieben sein, um Griff und Stiel {l^''"iri CpD = 
Scharrstelle) aneinander zu festigen, und wenn die Nägel in 
1 — 3 Reihen eingetrieben waren, so dienten sie blos zum 
Schmuck ("»IJ). Der Pflock konnte auch in eine Rille (np2''C) 
eingelassen werden, und da entstand eine Art Stilett, oder es 
konnte mit ihm die untere Stabspitze beschlagen sein, und da 
diente er bloß dazu, das an die Erde anschlagende Holz vor 
Fäulnis zu schützen '^^^. Der Stab gehörte zur notwendigen 
AusrüstuDg des Hirten und des Wanderers, die an ihm eine 
Waffe hatten^^'^. In einer Höhlung, etwa oben am Griff, konnte 
Wasser mitgenommen werden, und dieselbe Höhlung war auch 
gut, um darin Amulette, Perlen (die man vor der Verzollung) 
und Geld (das man vor fremdea Augen verbergen wollte) zu 
verstecken ■^^'l Der Stock war auch die Stütze der Alten {^p'O 
CJpT) und der Verstümmelten'*^*'. Auf dünnen, feinen, geästelten 
Stäben, die zwei Männer über den Schultern hielten, wurden 
im Heiligtum die Opfertiere ausgeweidet (vgl. S. 106), und im. 
privaten Leben konnte dieselbe Vorrichtuug zur Lastenbeförderung 
dienen ^^^ Wir erfahren ausdrücklich, daß, wenn die Leute von 
einem dünnen Stab (p"I ^pr2) oder von einem dünnen Rohr 
(p"l DJp) sprachen, sie sowohl dünn und kurz als auch 
dünn und lang meinten '*^^. Der dünne Stab diente wohl zum 
Spazierstocke, und wir können ihm auch das Rohr anreihen. 
Da es noch außerdem viele Benennungen für den Stab gibt 
(aram. «It^in Stock, tOlt^' Rute, ü^DIl^' Gerte, '■■■ D''?p2 = bactdus), so 
läßt sich vermuten, daß mehrere Arten in Gebrauch gewesen sind^^^. 
Es gab auch einen direkt aus Metall oder doch mit Metall be- 
schlagenen"'^^, und einer, der ebenfalls aus Eisen war, hieß gerade- 
zu „der Hauer" (it^p = XflliTp von y^p) und war eine furchtbare 
Waffe'*^^ — j<-ic Spaten (S. 175). ?]nD (aram. NnS^TIN) Hammer 
(S. 301). 1}:, ^y^j Haue, Hacke (vgl. S. 266), mit zwei Schlag- 
seiten (wie wahrscheinlich auch die übrigen Hacken konstruiert 
waren), und es war möglich, auch mit der schmalen, abgerun- 
deten Seite (mit der Finne, NDip vgl. S. 304) zu schlagen ^^^^. 
J^p"»: = vUcov Mauerbrecher-^^^''. f]^''D = ?icpo? [?] Schwert (das Lehn- 
wort existiert auch in den verwandten Sprachen neben dem 
einheimischen 2')!!, ^*::"^^). Schwert, Messer, Dolch, Lanze 
bilden eine ständige Reihe. Sie alle haben eine Spitze (:^'N"l), 



314 Schwert. 

wohl das eigentliche Werkzeug, und einen Schaft ("''), der in 
jener steckt, sich aber davon loslösen kann (p'rru). Schwert 
(etwa gladius, daneben auch ''^CD^< = spatha), Messer (pZD etwa 
culter) und Dolch (jP^lE^ = piigio) stecken ferner in einer Scheide 
(pTi = ö^YJxY)), aus der sie zum Gebrauche herausgenommen und 
gezückt werden (G"'D''''D 'C^'0\L% vgl. bh. p^"iri). Die gezückten 
Schw^erter blinken oder erglänzen in der Sonne (mzin nliinii*); 
die Schwerter werden in Wasser, mit Kreide (vgl. Bd. I, S. 76) 
und anderen Mitteln auch eigens blank gemacht (MiinH)*^^ Die 
Juden kannten die indischen (S. 299) und syrischen Schwerter '^^^. 
P-^D s. "ICDD. m"1^D (aram. = ]V^.ü = pni^O Panzer 4^^. Ein 
anderes ri1''D (in der Natur ein Dorn an Hecken) bedeutet als 
Werkzeug (der Lederarbeiter, vgl. V^**!0 mit S. 265 und in der Heil- 
kunst) ein spitzes Eisen, ein Ohr"^^"*^. N"llp''C = (jtxoüpiov = secu- 
ris Beil^^'\ (TD Messer, ungemein häufig (vgl. auch o.) und 
der Typus derjenigen Werkzeuge, deren Reinigung im Feuer 
vor sich geht (vgl. S. 292) u. z. durch Glühen (pl'/)'*'^^. Vor- 
züglich bei diesem stark gebrauchten Hausgerät, mit der Geltung 
jedoch auch für alle Schneidewerkzeuge, finden sich die Be- 
griffe stumpf werden ("CV), schartig werden (o.), Schärfe ver- 
lieren (D15 W'^'iri), scharf sein (=]nnV^'. ^"»ID pl. ps^jD, nägel- 
artige Ansätze (z. B. an Balken) und Stützen (z. B. die gabel- 
artig zugespitzten Säulchen aus Gold, mit denen im Heiligtum 
die Schaubrote gestützt wurden) ^^**. "1"'DE:D --= caii^T^poc (aus 
pers. samser) Schwerf*^^. ^>^1]) Karst (S. 175). p"»:? pugio-onis 
Dolch (s. oben). \L^)B Streitaxt"^"'*. NVnSD (aram.) Beil (vgl. 
nvnD Schnittwunde Bd. I, S. 254)^'^ ^L'^'C^ Hammer (o. S. 301). 
Sdd (aram. N'^D^E^) Pflock (vgl. bh. HH^), oft aus Holz'^^l ]'p'^^^ = 
Tzzki-Aw^ BeiH^l HZl» (pl. pmZ':» Tij-jpaypa, forceps), Zange, Zangen 
(S. 301), wie die Scheere ein zweischenkliges Werkzeug (:itV'^. 
D"'5}^p, y'Z^p = X07UI? Hackmesser"^' ^. Dljllp = '''xsapvo; Hammer, 
Karst, das gewöhnliche Werkzeug der Holz- und Metallarbeiter 
(S. 301), doch hatten es die Goldarbeiter in einer eigenen Form"^'*". 
ri"itO^''p ^=-- xevTpov Senkblei, doch auch Spieß, wie in Verb I2lp = 
xsv-sw stechen *^'^. DTilp (bh. und nh.), Spaten, Hacke, zum 
Graben, zum Holzfällen, zum Holzhauen, zum Behacken und 
Jäten der Pflanzen, eines der meist gebrauchten Werkzeuge, 
weshalb wir ganze Bündel (niilirirr) davon finden, weil sie in 



Panzer. 3]^ 5 

Massen auf den Markt kamen. Die Schneidefläche (V^p2 H^z) 
mit der Stählung (ClDPl 0. S. 307) sind besonders wichtig; der 
Stiel steckte in einer Öse (^^pü vgl. S. 113)^^^. fl^Jt^t^'p Bohrer 
(S. 267). — ''JtO''n"! Klamme, mit welcher der Zimmermann die 
zu behauenden Balken fixiert, und so heißt auch die Kneip- 
zange zum Ausrupfen der Haare '^'^. n72M (bh. und nh.) Lanze, 
gr. "iD^)^ = loY/Y) Lanze, eigentlich bloß Lanzenspitze, die allein 
von Eisen war. Eine Unterart ist die persische Lanze *^*^. 
"•jpn = puxdcvY] HobeH^^ kSi^DH (aram.) eiserner Nagel**^^. "iini^^ ein 
Rasiermesser '^^^. pm^' (bh. und nh.) Panzerhemd, von dem in den 
Quellen bloß die Art der Auflösung verhandelt wird: es trennt 
sich (p'^'n^ vgl. 0.) der Länge oder der Breite nach, es zerfetzt 
sich (ri^Z) oder es wird absichtlich eine Masche herausgenommen 
[TiB^], um daraus zum Schmuck einen Reif (n'''P1m vgl. Bd. I, 
S. 203) zu machen •^^=^^ Dnn = b'upzoc, Schild ^^^ Dpnn = 
8'0)pa'J = thorax Brustharnisch, von Vornehmen in vergoldeter 
Ausführung getragen "^^^ 



VIII. Handel und Verkehr. 

Literatur: L. Herzfelu, Handelsgeschichte der Juden des Altertums, 
Braunschweig 1879. — Ign. Schipper, Anfänge des Kapitalismus bei den 
abendländischen Juden im früheren Mittelalter, Wien und Leipzig 1907. — 
Hamburger RE Welthandel. JE alienation, commerce^ duress, fremd and 
mistakes, ona'ah. — W. Heyd, Gesch. des Levantehandels im Mittelalter, I. U.. 
Stuttg. 1879. — F. C. MovERS, Die Phönizier I, Bonn 1841. namentlich 
in. Teil, Berlin 1856, Handel und Schiffahrt. — E. Speck, Handelsgesch. 
des Altertums I — V, namentlich T. Bd. Lpz. 1900, die orientalischen 
Völker. — Friedrich Delitzsch, Handel und Wandel in Altbabylonien, 
Stuttg. 1910. — S. Krauss, Der Jahrmarkt von Batnan, ZATW 29, 294-311. 

— M. Stark, Das biblisch -rabbinische Handelsgesetz (aus Prager Tagblatt 
(1900?) No. 128, 155, 176). — Hamburger, RE Zoll. — Winer, BRWb^ 2, 
739 Zoll. — L. GoLDSCHMiD, Les impöts et droits de douane en Judi'-e sous 
les Romains, REJ 34, 192 — 217. — S. Funk, Gesch. der Juden in Babylonien, 
2, 12. 21. — Erste Zusammenstellung der talmudischen Maße und Gewichte 
s. in Eleazar Kalirs Schlußgedicht für Sabbat Sekalim; auch Josef ibn 
'Aknin, Estori Parchi und andere. — J. C. Eisenscilmid, de Pondcribus et 
Mensuris veterum Bomanorum. Graecoriun, Hehracorum, nee non de valore 
Pecuniae veteris, disquisitio; Argentorati (Straßb.) 1737. — B. Zu( kkkmann. 
Das j. Maßsystem (in Jahresber. des j. theol. Seminars in Breslau 1867). 
Derselbe, Über talm. Münzen und Gewichte, 1862. — L. Herzfeld, Metro- 
logische Voruntersuchungen, II. Lieferung, Lpz. 1865; derselbe in seiner 
„Handelsgeschichte" (s. oben; „nicht streng wissenschaftlich" ZDPV 3, 63). 

— Ch. J. ScnEiTEL, ]''hü -[ly (Wörterbuch) der Maße der schriftlichen und 
mündlichen Lehre, der Münzen, Hohlmaße. Gewichte, Längenmaße und 
Zeitrechnungen, Berdytschew 1904 (hebräisch; s. ZfhB 1905, 9, 135). — Winek, 
BRWb^ 2, 40 Maße. JE 12, 48'^ ivei(jhts and mesures. Bezüglich Münzen 
s. Literatur bei E. SchCrek, Gesch. d. j. Volkes im Zeitalter J. Chr. 3. — 4. 
Aufl. laut Index unter Münzen und Münzwesen. Besonders: M. A. Lew. 
Gesch. d. j. Münzen, Lpz. 1862; Mapden, Coins of the Jews, London 1881 
(hier zugrunde gelegt). — Hultsch, Griech. u. römische Metrologie- Berlin 
1882 S. 456 ff., 602 ff. — Schiapakelli, Die Astronomie im A. T., übers, von 
W. Lüdke, Gießen 1904. — L. M. Lewysohn, Gesch. und System des j. 
Kalenderwesens, Lpz. 1853. — A. Schwarz, Über d. j. Kalenderwesen, 
Breslau 1872. — A. Epstein in cnirrn m»:iDipD 1—22. — B. Zr( kermann. 
Materialien zur Entwickelung der altj. Zeitrechnung im Talmud, Breslau 1882. 



317 

— JE 3, 498 f. Calendar, history of. — Ch. L. Ideler, Handb. d. mathem. 
u. technol. Chronologie, Berlin 1825—26, neuer Abdruck Breslau 1883. 

A. Reisemittel. 209. Reisen. 210. Straßen. 211. Brücken. 212. 
Sänfte. 213. Reiten. 214. Kamel- und Eseltreiber. 215. Wagen. 216. Schiff 
(Typen, Bau, Bemannung, Befrachtung, Reise). — B. Handel. 217. Anfänge 
des Handels. 218. Ausbreitang. 219. Märkte. 220. Geschäftsstellen. 221. 
Greschäftsgebahren. 222. Marktbehörde, Steuer, Zölle. 223. Waren und 
Preise. — C. Maße, Gewichte, Münzen. 224. Von Maßen und Gewichten 
überhaupt. 225. Längenmaße. 226. Flächenmaße. 227. Hohlmaße. 228. 
Gewichte. 229. Münzen. 230. Geldprägung. 231. Geldwechsel. 232. Geld- 
aufbewahrung. — D. Zeitrechnung. 233. Von der Zeitrechnung. 234. Zeit- 
einteilung. 



A. Reisemittel. 



209. Reisen. Der aktive und passive Handel der Juden 
der talmudischen Zeit ist viel bedeutender, als man im 
Hinblick auf den ackerbautreibenden Charakter des Volkes ge- 
meiniglich annimmt (vgl. § 189). Darauf Aveisen nicht nur die, 
unendlich vielen handelsgesetzlichen Bestimmungen der Quellen 
hin, sondern, was mehr bedeuten will, die zahlreichen positiven 
Nachrichten aus dem geschäftlichen Leben. Den Aufschwung 
des Handels begünstigte zunächst die über die ganze zivilisierte 
antike Welt sich erstreckende Diaspora der Juden, deren Teile 
untereinander und mit dem Mutterlande in regem geschäftlichem 
Verkehre standen, ferner die Nachbarschaft der Phönizier und 
Syrer, der hauptsächlichsten handeltreibenden Völker des Alter- 
tums, deren Namen {Phoenices und Syri negotiatores) der Öffent- 
lichkeit gegenüber auch die Juden deckten, ferner der Überfluß 
des Landes Palästina an Naturprodukten einerseits und dessen 
Armut an Erzeugnissen der Industrie und des Luxusbetriebes 
anderseits, so daß ein gesundes Verhältnis zwischen Angebot 
und Nachfrage entstehen mußte, endlich die günstige Lage des 
Landes für den Zwischenhandel, da sowohl der Landhandel aus 
.den reichen, gewerbtätigen Ländern des alten Orients, als der 
Seehandel über das völkerverbindende Mittelländische Meer 
Wege nehmen mußten, die durch Palästina gingen oder seine 
Küste berührten ^ Die Handelstätigkeit der Juden gibt sich 
kund in dem Bezüge der vielen ausländischen Waren, die wir 
so oft verzeichnen konnten, ferner in ihrer Bekanntschaft mit 



318 ßeisegefahren. 

den Sitten, Gebräuchen und Einrichtungen der entfernten und 
überseeischen Völker, dann auch in den weiten Reisen und der 
Schiffahrt, die besonders hervortritt, und endlich in den nicht 
wenigen Außeruugen über den Segen und den Nutzen, den der 
Handel bringe^. 

Der Handel, selbst der nachbarliche und binnenländische, 
setzt Reisen voraus. Man reiste gewiß weniger als heute, be- 
sonders zum Vergnügen nicht, obzwar es auch daran nicht fehlte^, 
aber berufsmäßige Reisende, Boten, Esel- und Kameltreiber, Ge- 
schäftsleute, Schiffer gab es genug, und selbst durch die zwischen 
Palästina und Babylonien hin- und herreisenden Rabbinen mußte 
sich der Verkehr heben. Bezüglich der überseeischen Reisen 
finden wir ein dreifaches Ziel angegeben: man reist entweder 
des Lebensunterhaltes (niJI'C) oder des Gewinnes (Nnni) oder 
des Herumstreifens (pW), d. i. „des Vergnügens wegen" "^, und 
dasselbe gilt wohl auch von den Landreisen, nur hat man den 
Begriff „Gewinn" immer mit den überseeischen Reisen verknüpfte 
Wir betrachten zunächst die Landreisen. 

Als typisch stellen wir folgende Reiseschilderung hin^ 
Ein „König" zieht (Tj-'n) des Weges (■ni) einher und führt (mjn) 
seinen Sohn vor sich hin; da kommen Räuber (CtCDt') ihn ge- 
fangen zu nehmen, und so zieht er den Sohn von vorn weg 
und bringt ihn rückwärts unter; kommt der Wolf von rückwärts, 
bringt er ihn vorn unter; kommen Räuber von vorn und Wölfe 
von rückwärts, nimmt er den Sohn auf die Arme; da leidet 
aber der Sohn unter der Sonne, und so breitet der Vater sein 
Kleid über ihn aus, stillt seinen Huuger und löscht seinen Durst. 
In der Tat sind die an den Wegkreuzungen (w. u.) lagern- 
den Räuber, die die Menschen anfallen (n^p), die erste Gefahr, 
mit der auf der Reise zu rechnen ist; gleicher Art mit ihnen 
sind dem Juden gegenüber die Heiden (C^i:i) und auch nur der 
einzelne Zwingherr (DJN, p''ii^), ferner der Wegelagerer (rm^', 2"11N), 
der Feind (2''1X), Streifscharen (C'':!, HID'»'':!), von denen ein ganzer 
Landstrich (nj''nc) in Unsicherheit versetzt (ti'?ti') werden kann'. 
Sodann hat man sich in unbewohnten Gegenden vor Scharen 
von wilden Tieren (HTi ">nn:i) zu fürchten; einmal ist es der 
Wolf, das andre Mal der Löwe, die Schlange, die den Menschen 
angreifen und manche Zielpunkte zu einem gefahrvollen Ort 



Reisegefahren. 31^ 

(njID Clp^) gestalten^. In der Wüste (n2"D), die nicht gerade 
die furchtbare, große, syrisch-arabische Wüste sein muß, sondern 
als Ödland sich im Lande selbst ausdehnen kann, ist es die 
Sonne {r\r2n) und die Sonnenglut (211^' vgl. S. 148), die dem 
Menschen gefährlich wird; man vergeht vor Hunger und ver- 
schmachtet vor Durst '^. Auch der plötzliche, in jenen Gegenden 
oft recht stürmische Regen überfällt den Menschen in gefähr- 
licher Weise, und nicht minder der starke Wind^^. Bekannt 
ist das Schulbeispiel, mit dem übrigens auch römische Juristen 
operiereu, wie zu verfahren sei, wenn zwei Männer in der Wüste 
reisen und nur einer von ihnen ein Krüglein Wasser besitzt, 
das wohl hinreicht, um den einen so lange bei Kräften zu erhalten, 
daß er ins bewohnte Gebiet (211^*"' vgl. S. 161) gelangen (V^H) könne, 
aufgeteilt jedoch so wenig genügt, daß beide in der Wüste 
verkommen müßten ^^ Kein Wunder, wenn man sich eine Reise 
wohl überlegte ("'p^m), und weon man vor ihrem Antritt um Ge- 
lingen, nach glücklichem Ende dankerfüllt zu Gott betete, vor dem 
Antritt wohl auch das Testament machte und der Frau für alle 
Fälle, um sie bei nicht rechtzeitiger Wiederkehr vor jahrelanger, 
quälender Ungewißheit zu behüten, den Scheidebrief gab ^^ Für 
Frauen mußte die Reise besonders gefahrvoll sein, und wir 
hören, daß selbst in der Nähe der großen Stadt Bostra der Sohn 
der Mutter wegen Reisegefahr (CDII 7)220) entgegenreist ^^. 

Das erste, was man zur Begegnung der Gefahr unter- 
nehmen zu müssen glaubte, war, in Begleitung von Genossen 
zu reisen; allein ("'TTl^) zu reisen, war ernstlich verboten ^'^. Zu 
größeren Reisen, z. B. von Palästina nach Antiochien, der Haupt- 
stadt Syriens, wohin man oft die Schritte lenken mußte, schloß 
sich ein ganzer Kreis (1/lp = corolla = Corona) von Menschen 
zusammen, zur Wüste zu, ganz wie heute, hielt man sich eine 
Begleitmannschaft (rT'l'p ^32), die sich in den meisten Fällen aus 
Arabern (^'»"'^10), den Söhnen der Wüste, zusammensetzte^^; große 
Herren ließen sich von einer Heeresabteilung [J\T\^1 = Bpoüyy^?) 
eskortieren^*^. Weite Geschäftsreisen zu Lande machte man 
in Karawanen, und eigentlich sah man bloß das Reisen in 
Karawanen und allenfalls auch das Einschiffen zur See als echte 
Reisen an^^ 

Die Karawane {m^^'Z' Nni''^e' = syr., arab. S;^^) besteht 



320 Karawane. 

zumindest aus drei Personen, deren Mitglieder sich an einem be- 
stimmten Orte als Ausgangspunkt einfinden. Sie treffen unter sich 
Vereinbarungen und halten zur eignen Sicherheit gewisse Satzungen 
(%N'l"'^l^ :niD) strikte ein^^; auch senden sie von Etappe zu Etappe 
einen bezahlten Kundschafter ("T^Tl) vor sich aus^^. Ihr Zug 
geht durch die Wüste. Wenn sie nun von einer Beduinenschar 
(D'''':i S. 318) überfallen werden, die sie auszurauben {^112) gedenkt, 
so daß ein Lösegeld nötig wird, so wird dieses im Verhältnis 
des Vermögens der Beteiligten ausgeworfen und nicht nach der 
SeelenzahP*^. Das Vermögen (p^^) ist wohl die Ware, die sie 
mitführen. Sie tragen sie auf Lasttieren (Kamel, Esel). Als 
Lagerstätte, besonders für die Nacht, wählen sie einen Hügel 
('pn), eine Niederung (ypl r\Vp^) und wohl auch einen Garten 
(njj). Diese Stätte ist dann einem militärischen Lager ähnlich, 
denn sie erhält ein Gehege ("in:i, ^''pT]) von den Geschirren und 
den Wagen der Tiere, von Stricken (C*:?!") und von Rohr (Cjp); 
innerhalb des eingefriedeten Raumes werden die Zelte aufge- 
schlagen^^. 

Zumeist reiste man erst nach Aufhören der Regenzeit 
(S. 150), da in der Regenzeit Straßen und Brücken unwegsam 
waren (w. u.), und da man auch vor Schneeverwehungen nicht 
sicher war^'^. Die Reisenden wünschten sich immer schönes 
Wetter, und gegen ihre Regenscheu richtete sich ein Satz im 
Gebete des Hohepriesters am A'ersöhnungstage: „Nicht gib 
Gehör dem Gebete der Reisenden'* 2^. Das offizielle Regengebet 
am Laubhüttenfeste (S. 150) sollte nach einer Ansicht 14 Tage 
verschoben werden, damit auch der letzte Pilger in Israel an 
den Euphrat, in seine babylonische Heimat, gelangen könne '^^. 
Wir erfahren daraus in erwünschter Weise, daß eine Reise von 
Jerusalem nach Babylonien, eine Reise von Männern ohne Troß 
und ohne geschäftliche Verrichtungen, 14 Tage dauerte. Aber in 
Syrien und Babylonien mehrere Orte zu berühren, mußte länger 
dauern, denn die in Nisan und Tisri von .Jerusalem ausgehenden 
Neumondsboten, die in jenen Ländern die Fixierung der Feier- 
tage (Pesach, Sukkoth) angeben sollten und zu diesem Zwecke 
über 14 Tage verfügten, durften auch den Sabbat dazunehmen, 
weil sonst die Zeit nicht ausgereicht hätte ^^. Die Strecke von 
Modiim nach Jerusalem, eine Entfernung von 15 röm. Meilen 



Tagesmarsch. 321 

(1 b''ü = 172 ^^)? ^i^ heute ein mittelmäßiger Fußgeher in 4: — 5 
Stunden zurücklegt, galt schon als „weiter Weg" (npin"^ 1"n)^^. 
Ein mittelmäßiger Mensch, so heißt es, gehe durchschnittlich 
10 Parasangen = 40 röm. Meilen = 60 hn den Tag, was auf 
die Stunde, den Tag der Frühlings- und Herbstgleiche auf 12 
Stunden angesetzt, 5 lern ausmacht; in wärmeren Tagen muß 
sich der Tagesmarsch verringert haben, denn man reiste nur in 
den Morgen- und Abendstunden je 5 röm. Meilen, zusammen 
also 15 Jon weit. Die Distanzen Averden gewöhnlich nach dem 
Tagesmarsche angegeben, wie das noch heute fast in allen 
Ländern geschieht ^^ Für die modernen Karawanenmärsche hat 
man in tropischen Gegenden 37, in Ägypten 22 — 52 lern den 
Tag berechnet ^^, wonach also jene 60 hn der Juden teils auf 
besseres Land, teils auf gepäcklose Reisen mit dem Esel zu be- 
schränken sein werden ^^; eine Änderung in der persönlichen 
Beweglichkeit ist nicht anzunehmen, da die Berechnungen er- 
geben haben, daß die Marschtüchtigkeit der Karawanen seit 
zwei Jahrtausenden dieselbe geblieben ist. Die geAvöhnliche 
Geschäftsreise der Karawanen dauerte, entsprechend der Dauer 
der regenlosen Jahreszeit, 6 Monate ^^. Es gab natürlich auch 
größere Reisen; eine solche nach Medien war schon etwas Be- 
sonderes, und für eine Reise von Palästina nach Apamaea nahe 
am persischen Meerbusen nahm man ein volles Jahr an^^ Als 
Gegensätze werden Beth-Phagi bei Jerusalem und ein Ort in 
Persien angenommen; jenes: leichte Reise; dieses: beschwerliche 
Reise^^ 

Für den glücklichen oder unglücklichen Ausgang der 
Reise hatte man, so wie heute, gewisse Omina. Begegnung 
mit Mädchen aus der fremden Stadt bedeutet Glück ^^, Entsinken 
des Stabes aus der Hand, oder ein Hirsch, der einem quer über die 
Straße läuft (bei Fuchs und Schlange muß die Querung gerade 
durch den Schwanz erfolgen), bedeutet Unglück^'*. Furcht vor 
der Reise, die ja je länger, desto gefahrvoller, machte glauben, 
daß den heil angekommenen Frommen der Vorzeit Verkürzung 
des Weges (iTin niJ^5:p) zuteil wurde, indem ein Engel ihnen 
den Weg abschnitt ("np)^^ Andrer Art ist die Abkürzung durch 
Einschlagen des allerkürzesten Weges (^<''"l"iJDp = [via] com- 
pendiaria), auf dem Felde durch Seitenwege, in der Stadt durch 

Krauß, Talm. Arch. H. 21 



322 Reiseausrüstung. 

übersetzen über Höfe und Bauten*''^. War einem der Wea: 



unbekannt, so schien er nur noch unheimlicher; oft passierte 
es, daß man nach dem Wege fragen mußte und daß man auch 
in der aufgesuchten Stadt keinen Menschen zum Bekannten 
hatte ^^ Da man sich vor den Nachtreisen besonders fürchtete, 
machte man sich gewöhnlich zeitlich morgens auf den Weg^^. 

Die Reiseausrüstung (^^T~lC^ii^{) bestand aus dem Stab 
(S. 312y\ aus dem Tornister p^Din vgl. S. 266)^0 ^^^ ^^^ ^^^^ 
Wegzehrung; als Geräte der Auswanderung (nt'"!:! ^^2) oder des 
Exils werden genannt Schlauch, Kissen, Schüssel"^^. Die Weg- 
zehrung (l"n'P n"li, "11'^, aram. Nnmii) bestand in Wasser, das 
man etwa in einem Krug (pn''p, N?'pi:i S. 289), in einem Schlauch 
{l^^, N-t&*72), in besonderen Reisetüten aus Hörn (Cj'^p) und auch 
in dem gehöhlten Stab mitnahm '^'^. Als feste Nahrung nahm 
man Brot und in einem Schlauch (1N3), den man über die 
Schulter warf, auch Mehl mif^^. Als Ersatz für Brot können 
gelten Sangen, Nüsse und sonstiges Obst, das ja für den an 
gewisse Speisegesetze gebundeneu Juden sehr in Betracht 
kommt (Bd. I, S. 113)'^*. Das Obst nahm man in Körben mit; 
Feigen war ratsamer halbreif mitzunehmen, denn die reifen 
hielten sich nicht '^•\ Trotz aller Ausrüstung war es geboten, 
mit dem Proviant sparsam umzugehen und etwa bei jeder 
zurückgelegten Parasange nuj- ein Stück Brot zu essen, ganz so, 
wie in den Jahren der Hungersnot '^^. Auch die nötigen Kleider 
müssen mitgenommen werden"*'. Wer all das nicht tut, setzt 
sich Entbehrungen aus (f^^HDri)"*^. Angesehenen Reisenden 
wurde aus den von ihnen berührten Orten frisches Obst ent- 
gegengetragen *^. Es ging ein Sprichwort: So du nur auch aufs 
Dach gehst, nimm dir dein Mahl mit; kosten hundert Kürbis 
auch nur 1 Gulden in der Stadt, hab' Sorge, daß du sie imter 
deinem Gewand mitführst^". 

R. Akiba reiste in der Nacht mit einem Huhn, einem 
Esel und einem Lichte ; eine Katze fraß ihm das Huhn, ein 
Löwe den Esel auf, und der Wind verlöschte das Licht: zum 
Glücke, denn eine Räuberbande hatte in derselben Nacht den 
Ort, in welchem er keine Herberge erhalten hatte, verheert, 
und auch er wäre ihnen ohne jene scheinbaren Unglücksfälle 
in die Hände gefallen ^^ 



Straßen. 323 

Man hielt es für vorteilhafter^ beschuhten Fußes zu 
wandern als barfuß ^^. Eine größere Reise, wie sie z. B. die 
Jerusalempilger machten, hüllte den Fuß in Staub ein 
(p2N)^^. Die Reise ist zwar keine Arbeit im Sinne einer Hand- 
Terrichtung, aber man quält sich durch sie unbedingt ab 
('^^non, I^LD^^m), bricht zusammen (t32':'nn), zerreibt sich 
(nn3) die Füße und macht sie schwielig (nnp)^^ Trotzdem 
ging man vergnügt einher und summte ein Liedchen ^^. Die er- 
matteten Füße wusch und badete man in der Herberge (Bd. I, 
S. 209). 

210. Straßen. Die Reisen und mit ihnen der Handel 
sind wesentlich bedingt von dem Zustand der Straßen. Im 
Bereiche wenigstens des jüdischen Verkehrs von Palästina 
finden wir ausnehmend schlechte Straßen, und in Babylonien 
steht es auch nicht besser. Bald hemmt (23^.) ein Fluß den 
Schritt, wo dann Menschen und Tiere bis an den Hals im 
Wasser waten — besonders schlimm sind die Frauen daran, 
da sie den Blicken der Männer ausgesetzt sind — bald ist es 
eine Grube, ein Sumpf, an die man gerät, und stieß der Fuß 
nicht an einen freiliegenden Stein an (bh. '^Ü*! ^:i3, nh. ^\l^'2:>), so 
verletzte man sich an einem Dorn (V*"ip), denn auf manchen 
Straßen wucherte unbehindert das Gestrüpp. Oft stand ein 
beträchtlicher Hügel (':'n) auf offener Straße, das Publikum trat 
ihn nieder (yp2), aber entfernt wurde er nicht^^. Doch kann 
man sich das alte Kulturland nicht ohne Kunststraßen denken, 
von denen bereits in der Bibel gesprochen wird, und die, weil 
sie uralt sind, der Fürsorge Josuas zugeschrieben werden ^^. 
Auch war es unvermeidlich, daß auch die folgenden Regie- 
rungen der Perser, Ptolemäer, Seleukiden und der einheimischen 
Regenten manches zum Bessern wendeten, aber abgesehen von 
der aus Babylonien nach Jerusalem führenden Pilgerstraße, für 
welche gut gesorgt war, gab es nur zu größeren Handels- 
emporien gute Straßen, und die fallen bereits in außerjüdisches 
Gebiet. Erst die Römer bauten auch in Palästina ein Netz von 
guten Straßen aus, und wäre das nicht gleichbedeutend gewesen 
mit der Erhebung von drückenden Zöllen, hätten auch die 
Rabbinen diese ihre Tätigkeit als Segen und Kulturarbeit 
empfunden^^. 

21* 



324 Straßen. 

Auf die Römerstraßen nun — denn auch der einheimische 
Name "jl"! weicht alsbald dem amtlichen D'^ÜD^? (pl. mN''t2"^L:DX) -— 
(TTpara = Straße — bezieht sich das wenige, was wir vom 
Baue der Straßen wissen. Zwar ließ auch die jüdische Behörde^ 
solange ihr eine solche Befugnis zustand, Straßen und Plätze in- 
stand setzen (([pn) und die Wege (CDTl) — wahrscheinlich die 
Fußwege — von Dornen säubern (j^.'ip vgl. S. 163), aber diese 
ihre Sorge bezog sich offenbar auf die Pilgerstraße und be- 
schränkte sich, wie aus der Einzelheit des Entdornens hervor- 
geht, nur auf Kleinigkeiten^^. Anders die Römer. Zunächst 
ist es der Brückenbau (§ 211), der immer nur ihnen zu- 
geschrieben wird, sodann tragen sie Erdbuckel ab, schütten die 
Bahn auf und stampfen sie fest (li*22)^°, verbrennen Dornen 
und Hecken und machen den Weg eben ("lirvc) und glatt ("»l^li')*^^^ 
reinigen ihn von Steinen C?|l?), um die Reisenden vor Schaden 
zu behüten ^^, endlich erweitern sie ihn (DTIIH), um den Verkehr 
bequem zu rnachen^^; dennoch aber gab es verdorbene Straßen 
(m'PpSip^ n\N^tO"^::DN) auch unter ihrem Regime. Die Straße 
sollte zumindest die Last eines mit Steinen beladenen Wagens 
ertragen können^^ Von einer Zufahrt verlangte man eine 
Weite, die den Wagen und Karossen das Einfahren ermög- 
licht^^ Bei dem regen Verkehr kam es vor, daß die mit 
großen Stücken beladenen Kamele und die vielen Wagen den 
Weg versperrten^^. Auf einem engen Wege passiert es zu- 
weilen, daß der Wagen umstürzt (ICHj), die Insassen heraus- 
fallen, sich Hand und Fuß brechen und das Auge ausschlagen *'^ 
Bezeichnend ist der Ausspruch: „Es gibt keinen Weg, der 
keine Krümmungen (n"i''?2^Cpy), keinen, der nicht Schlupfwinkel 
(nijDD) und keinen, der nicht Kreuzungen (mi^'^S) aufwiese" ^^. 
Vor dem bepackten Esel und vor dem von ihm gezogenen 
Wagen mußte man oft ausweichen (Tizyn)^^. In der Mitte lag 
der Fahrdamm (^nn), an den Seiten der Fußsteg oder das 
Trottoir (nonin C^p^y^j auch einfach als Mitte (V^r2i<) und 
Seiten (CTiK) unterschieden, die wahrscheinlich nach Römerart 
(vgl. agger und margines) durch Bordsteine voneinander getrennt 
waren ^^ Auf den Feldwegen beließ man einzelne erhöhte 
Trittstellen (CD"!"! miD''), um in der Regenzeit auf ihnen gehen 
zu können''^. Längs der römischen Straßen, die nach Analogie 



Straßen. 325 

von bh. „Königsstraße" (pon "jT!) zuweilen „Straßen des 
Königs" ("j'P?^ 'Pl^ ^*''L:*1L:DN*) heißen, standen die Hermen des 
Gottes Merkur mit ihrem eigentümlichen Dienste"^; als Wegweser 
dienten menschenähnliche Statuen (S 299) mit ausgestreckter 
Hand oder einfache Stelen (ni''':':^D{< = (jTvjXat) mit entsprechenden 
Aufschriften^^; die Strecken wurden durch Meilensteine (^^d), 
die Grenzen (G''?Oinn) durch Marksteine bezeichnet'^. Bäume 
spendeten Schatten längs des Weges'', und vor den Toren der 
Städte zogen sich an der Straße lange Gräberreihen (vgl. S. 
72) hin'^. Schon sorgte man auch für die Straßenreinigung, 
indem man die Straße fegte (m, I^'3D) und spritzte (n':'*)^^; in 
der Stadt selbst waren die Straßen auch gepflastert (vgl Bd. I, 
S. 14)^°. Neben den großen Reichsstraßen gab es gewiß auch 
Gemeindestraßen, deren Bau und Instandhaltung von den 
einzelnen autonomen Gemeinden besorgt wurde; Feld- und 
Landstege haben wir bereits gefunden, und auf diese letztern 
Kategorien sind Avahrscheinlich die Klagen von der schlechten 
StraßenbeschafFenheit zu beziehen^^ 

In den Städten selbst, wahrscheinlich infolge der gebirgigen 
Lage, gab es Steigungen (r,"l^>'^) und Senkungen (m'IIC), für 
Mensch und Vieh sehr nachteilig, so daß es hieß, sie würden 
vorzeitig aufgerieben^'^. Ein Greis, dem man zumutete, in 
einen bestimmten Ort (aram. p^ IflN) zu gehen, erkundigte 
sich zuvor ängstlich: Gibt es dort Steigungen (^ppD^), gibt es 
dort Senkungen (pnnr^)?^^ Die Begriffe „Steigung" (Nn''piDD) 
und „Senkung" (NnTlIn^^) kehren so häufig wieder, daß man 
berechtigt ist, daraus auf den Zustand der Straßen zu schließen. 
Außerdem ist in Ansehung einer Reise ins Küstengebiet natur- 
gemäß immer vom Absteigen die Rede, daher der Ausdruck: 
ND"» \ninj (bh. C^n n-n'») „Seefahrer" ^^, und ein gleiches findet 
statt, wenn man von Palästina nach Babylonien reist, 
weshalb manch nach Babylonien gewohnheitsmäßig fahrender 
Lehrer den Zunamen J<mnj „der Hinabfahrer" bekommt, im 
Gegensatze zu einem, der umgekehrt aus Babylonien nach 
Palästina „hinaufgeht" (p'PD)^^; vgl. den biblischen Sprach- 
gebrauch n'py und ""T" in der Relation Kanaan-Ägypten. Berg- 
auf, bergab führende Straßen, also Gebirgswege, deren es 
in Palästina viele gab, hielt man nicht für wirkliche Straßen 



326 Straßen. 

von öffentlichem Charakter (C^^IPI Hll^l), da sie den Durchzug 
von 600000 Mann, wie der Wüstenzug der Israeliten geartet 
war, nicht ermöglichten^^. Eben in Anbetracht der großen 
Publizität, die einer Öffentlichen Straße eigen ist, wird jeder 
andre Kaum, auch wenn er nicht gerade Privateigentum ist, 
„Privatbereich" [l^n^Tl mi^"l) genannt; zwischen beiden existiert 
ein Mittelding, das den bereits den talmudischen Autoritäten 
nicht durchsichtigen Namen n''^dr, etwa „Flur, Aue", führt 
und als ein Raum bezeichnet wird, welcher den allgemeinen 
Zutritt (nD'i'm) zum öffentlichen Verkehrsweg behindere (23y), 
was z. B. auf ein offenes Feld, auf das Meer, auf einen Säulen- 
gang (n''jnLCD^) zutrifft, ohne daß man es darum mit einem 
Privatbesitz zu tun hätte ^^. Berühmt als Gebirgsstraßen sind 
die „Tyrische Leiter" ("111»" NC'piD, K'ki\k(x% Tupiwv), die an der 
Küste eine wichtige Verbindung Syriens mit Palästina dar- 
stellte und deren Wesen darin bestand, daß sie Gebirgskämme 
umging (^"'pn)^^ ferner die „Abstiege" (^^Jn^i?2) in Gadara und 
die Gebirgspässe von Beth-Choron^'\ In Babylonien erwähnt 
man die „Euphratleiter"^^ und die Lage der Städte Vardina, 
Be-Bari und „Markt" Nares, die, weil am Bergabhange gelegen, 
von der einen Seite durch Abstieg (H"!'''!''), von der andern Seite 
durch Aufstieg (rri^PV) erreicht wurden ^^ 

In Ermangelung talmudischer Nachrichten, die außer jenem 
Wege an der phöuizischen Küste, ferner einem Wege von 
Akko nach Ekdippa, also an der philistäischen Küste, dann 
einem Wege durch das Gebiet der Samaritaner, an welchem 
mehrere Städte lagen, endlich dem „großen" Wege, der in die 
Wüste Chesbons führte ^^, nichts Nennenswertes bieten, seien 
aus anderweitigen Nachrichten die Hauptstraßen von Palästina 
wie folgt skizziert: 1. Zwischen Ägypten und Syrien an der 
Meeresküste über Gaza; bei Askalon trennte sich die Küsten- 
straße ab und lief (nnerseits nach Jerusalem, anderseits nach 
Lydda. 2. Südlich von Gaza über Elusa und Gerasa direkt 
bis Aila am gleichnamigen Meerbusen, also über die sinaitische 
Halbinsel. 3. Straße zwischen Jerusalem und Jaffa. 4. Römische 
Straße von Ptolemais nach Antiochien. 5. Straße von Abila 
bis Damaskus^^. In Babylonien, diesem kleinen Teile des 
großen persischen Reiches, gab es von alters her 1. die be- 



Herberge. 327 

rühmte „Königsstraße" von Susa nach Ephesus in einer Länge 
von 2600 km, eine der hervorragendsten Bauten des Alter- 
tums; 2. den bei Holwan die Königsstraße kreuzenden Handels- 
weg, der aus Syrien kam, den Euphrat bei Zeugma^* über- 
schritt, sich von dort nach Harrän wandte, dann südwärts nach 
Nikephorion, dem Euphrat bis jenseits des Einflusses des Nahr- 
Malka folgend, um dann quer durch die Ebene nach Seleukia 
zu führen ^^. Berühmt ist der persische Postdienst (n''"i:jN = 
ayyapeia), den die in den einzelnen Orten stationierten Reiter 
(ikSn ^2) besorgten ^^. Der Verkehr wurde außerdem durch 
Schnelläufer (p[;0"l) vermittelt^'', denen bei den Römern, die 
überhaupt den persischen Postdienst nachahmten, die curiosi 
("'DV'^lp) genannten Boten entsprechen^^. Boten (cm'^Lr'), die 
mit Aufträgen, Briefen, Waren und Geschenken von Ort zu 
Ort, von Land zu Land reisten, waren eine alltägliche Er- 
scheinung^^. 

Die Römerstraßen waren an den Landesgrenzen und beim 
Rande der Wüste durch militärische Wachposten geschützt, die in 
Burgen (p^ÜlID = burgi vgl. Bd. I, S. 7 und 55) stationiert waren, 
in befestigten Bauten, die den Reisenden, den ärarischen Boten, 
den hohen Beamten und den Kaisern selbst Unterkunft ge- 
währten ^^^. An geeigneten Punkten gab es auch überall Gast- 
häuser (n\Spn31D pl. von TuavBoxiov), die den heutigen Karawansereien, 
Konaks und Chans entsprechen; der Reisende erhielt in ihnen 
zu essen und zu trinken, fand mitsamt seinem Vieh zur Nachtzeit 
auch Unterkunft, so daß sich in den Gasthäusern außer der 
Auskocherei (vgl. ^^'p^5:p w. unten) auch noch sonstiger Handels- 
verkehr einstellte, den der Gastwirt ("'plJlS = •juavBoxot;) mit Hilfe 
seiner Frau, der Gastwirtin (n"'p"J1E:), abwickelte; letztere, die 
demnach zur Nachtzeit mit zahlreichem fremden Volke zu tun 
hatte, sank im Urteile der bürgerlichen Gesellschaft alsbald zur 
Buhlerin herunter, zumal es Frauen gab, die auch selbständig 
Gastwirtschaften führten ^^^ In Persien kannte man die Herberge 
und den Wirt unter den Namen ospiza (vXrDt^'lN, Gastwirt auch 
IDi'iD'kinx, Gastwirtin NPr''TDtJ^\S*) ^"^ j^i^ Gastwirte verfuhren recht 
betrügerisch und gewalttätig mit ihren Gästen; für die Juden 
war die Sache auch darum von Übel, weil die fernen Gastwirte 
gewöhnlich Heiden waren ^^^ Ständige Gäste hatte man lieber 



328 Herberge. 

als zufällige; man unterschied den verweilenden Gast (nilN) von 
dem „dahinfliegenden" (HID)^^^'^. Da mochte es dem reisenden 
Fremden (WOD^N = ^svo?) für vorteilhafter und geradezu als 
Glück erscheinen, wenn er bei einem Geschäftsfreund gastliche 
Aufnahme, Herberge und Ruhestätte (^''^D^N = ^svia) finden 
konnte, und da war das Verhältnis zwischen Gastgeber und Gast 
rein freundschaftlich, das sich unter anderm in den Höf- 
lichkeitsbezeugungen, die sie austauschten, und namentlich in 
der Aufmerksamkeit, die der Fremde der Frau des Hauses 
entgegenbrachte, kundgab ^^'^. In Städten gab es Einkehrwirt- 
schaften (rSuCN, r'PtOy = xaTaT^uai?), in denen sich infolge des 
zahlreichen Besuches ein regelrechter Markt entwickelte. In 
entlegenen Gegenden, wo es weder Gastfreunde, noch Gast- 
häuser gab, mußte ein selbstgewählter Ort als Nachtquartier 
dienen ("^Vü, r^,:i^h ClpD, N"!!"»"!) ^^^ Die kleinen Binnenhändler blieben 
nicht gerne über Nacht aus, sondern durchstreiften 4 — 5 Dörfer 
und kehrten in ihr Heim zurück; wenn das nicht anging, so 
wickelten sie ihre Geschäfte lieber bei der ersten Gelegenheit 
ab, um nur in einem nahen, befreundeten Hause übernachten 
(ptJ, m2, schlafen ]Z'\ .Xj^) zu können ^o^. R. Akiba, der auf 
einer Reise in einem Orte kein Nachtquartier bekam (S. 322), 
sah sich gezwungen, in der Wüste zu übernachten. Außer der 
Nachtruhe gab es alle paar Tage eine größere Rast, die man 
auf einem Rastplatz (nn''2i:' Cipc) zubrachte ^^^ 

Flüchtig erwähnen wir noch einige wichtige historische 
Reisen, die teils zu Lande, teils zur See vor sich gingen. Mehrere 
Reisen von Prinzen und von Lehrern gingen nach Antiochieu^*^^; 
ganze Deputationen von angesehenen Männern und Lehrern 
gingen nach Rom, wobei der Umstand, daß sie in der Haupstadt 
Freunde, Gönner und Beschützer haben, immer wieder hervor- 
tritt^^^; bedeutsam sind auch die Reisen R. Akibas in die Länder 
der Diaspora ^^^. 

2n. Brücken. Über die Flüsse (z. B. über den Jordan 
und den Arnon), über seichte Stellen der Binnenseen (z. B. des 
Toten Meeres, des Tiberiassees) und über die zahlreichen Kanäle 
Babyloniens führten zunächst Furten (bh. und nh. m"12Vrr) und 
Fäliren (N"12yD pl. wNni2yc, auch wS"12r2, christl. pal. j^cili^o, nh. 
n"l"i2y^), auf denen man, wie es scheint, um ein Denar befördert 



Brücken. 



329 



wurde ^'^ In Babylonien sind z. B. bekannt die Furt oder die 
Fähre über den Kanal Jofti^^"^ und die von Gizma (j^DH^^^^. 
Letzterer Ortsname scheint, wie das Zeugma (o. S. 327) der 
Griechen, nichts andres zu bedeuten als Furt, Überfahrt (vgl. 
Nn?2, NPHD, auch nri^r)^^*, weil an den Übergängen mit der 




Fig. 58. Römische Brücke bei Kiakhta über den Eufrat in Syrien. 

Zeit naturgemäß Orte und Städte entstehen mußten, die ihren 
Ursprung im Namen bewahrten. An den Übergängen ferner 
und mithin auch an den Brücken, die an ihnen errichtet wurden, 
saßen in eignen Amtshäusern Steuer- und Zolleinnehmer (T''"; 
NnD*:iC"l), die wegen ihrer Übergriffe und willkürlichen Ent- 
scheidungen von Streitfällen berüchtigt waren ^^^. 

Den Beginn der Brückenbauten und die immer wieder- 
kehrende und noch heute gebräuchliche primitive Art derselben 
können wir darin erblicken, daß ein Balken, ein Brett, ein Steg 
(Nm:i) über den Fluß oder den Graben gelegt werden ^^^. Es 
ist ein wackliges Gebilde, das nebst der Unsicherheit und dem 
Winde, der darauf herrscht, darum ungenügend ist, weil es kaum 
2 — 3 Menschen auf einmal betreten und die Passanten sich kaum 
ausweichen können; Frauen, denen man auf einer solchen Brücke 
begegnete, wurden unsanft zur Seite geschoben ^^'. So sah man 
sich gezwungen, feste Brücken (■^t^*^, Nlir:, ]i^, 7-^^^) ^^ ^^'~ 
bauen, wie solche über den Euphrat bei der Stadt Babylon, 



330 



Brücken. 



ferner in Sebistenä und aus Ronag sogar deren zwei erwähnt 
werden ^^^, und es gab deren natürlich auch in Palästina genug ^^^. 
Die Römer waren groß im Brückenbau und berühmten sich mit 
Recht: Wir haben viele Brücken geschlagen (Verb "l^j)^^^, 
jedoch mit der klugen Berechnung, an ihnen Zölle zu erheben^ 
so daß sie zur Brücke gleich ein Wohnhaus (HT*"! D'^2 vgl. S. 78) 
bauten, in welchem der Beamte saß^^^; auch scheinen sie einen 
ärarischen Brückner (l^'^) angestellt zu haben, der die Waren 
diesseits der Brücke übernahm und sie jenseits absetzte ^^^. Zum 
Brückenbau gehören die zwei Säulen (pIlDV) oder Pfeiler (pS''-) 
an beiden Ufern, die die Brücke tragen (beides finden wir am 
Euphrat und Tigris) 5 die Brücke selbst ist ein-, zwei- oder 
mehrschiffig; bei der Brücke von Machuza wird der zweite Bug 
(n*Z}"1^*) erwähnt ^^^ Die Brücke soll die genaue Fortsetzung der 
beiderseitigen Straßen bilden ; eine Brücke, die dieser Forderung 
entspricht, heißt „durchlaufende" Brücke ('{yh^t:r2 nt:':)^^-^. 

212. Sänfte. In der Stadt selbst ließen sich reiche, vor- 
nehme und alte Leute wie auch Frauen (vgl. Bd. I, S. 231) in 




Fig. 59, Ägyptische Sänfte. 
Sänften tragen. Man hatte deren, nach den verschiedenen Namen 
zu schließen, mehrere. Bei allen aber waren die Seiten von 



Sänfte. 331 

erhabenen Brettern (pS") gebildet, die mehr oder weniger verziert 
waren (w. u.); die Bretterfügung bildete einen Kasten, der auf 
Füßen stand und durch Stangen (j'Z'^u:^, asser, struppus) getragen 
werden konnte ^^^; die Brautsänfte (S. 38) und wohl auch andre 
Frauensänften konnten durch Vorhänge vollständig geschlossen 
sein^^^. Als Träger fungierten gewöhnlich die Sklaven, doch 
gab es auch eigne Sänftenträger (lecticarii), die in Rom eine 
besondere Zunft bildeten, und die unter dem fremden Namen 
ji-^nii-)2 (= cpopsiacpöpoi) wenigstens bei Leichenbegängnissen gegen 
Bezahlung auch von den Juden in Anspruch genommen wurden^^^; 
außerdem pflegten sich beim Braut- und Leichenzuge (S. 64) 
auch freie und sogar vornehme Leute zu dem Liebesdienst zu 
drängen. 

1. Eine Art Sänfte trägt den griechischen Namen pilD = 
(popsTov; sie ist es, die im Brautzuge verwendet wurde und dem- 
zufolge als prächtig gedacht werden muß^'-^. 2. Eine andere Art, 
die recht häufig genannt wird und gleichfalls den Frauen diente, 
trägt den lateinischen Namen np'^CCp'? (Np~:i^: = lectica) und 
figuriert vornehmlich im Leben der Römer ^■'^. 3. Schlichter und 
einfacher als beide dürfte der einheimische Tragstuhl (XDZ, 
etwa sella gestatoria) gewesen sein, den sowohl Männer als 
Frauen benutzten, Lehrer namentlich auch dann, wenn sie ins 
Lehrhaus getragen wurden, und als gewöhnliches Hausmöbel 
war er auch immer zur Hand, wenn kleine Ortsveränderungen 
erfolgen sollten (z. B. wenn eine schwächliche Person vom 
Schatten in die Sonne und umgekehrt getragen werden sollte), doch 
benutzte man ihn auch, wenn ein andrer nahe gelegener Wohnort 
aufgesucht werden sollte ^^'\ Zum Unterschiede von der wirklichen 
Sänfte wurde der Tragstuhl einfach auf die Schulter genommen 
(f]ri2)^^^; für darin sitzende Frauen war das keine angenehme 
Lage^^^ Die Vorrichtung (pers. "'pjit'N, y^\. arculus der Römer), 
die dabei erwähnt Avird, dürfte ein Polster oder ein Kragen sein, 
welche der Lastträger benützte, um den Druck auf die Schulter zu 
mildern ^^^. 4. Ebenso diente auch ein andres Hausmöbel, das 
Bett (rit^^) oder das Kinderbett (nony) zum Tragen von Mensch en^^*. 
5. Desgleichen der Lehnstuhl (.X"nnp Bd. I, S. 62). 6. 7. Wieder 
aus fremden Kreisen stammen die keltische Basterna (N:"ltODD = 
ßadTspva = hastemay^'" und die ^L:DD''pD (= (7)t£7ua(7TY]) genannte 



332 Eeiten. 

griechische Sänfte, die vornehmlich damit charakterisiert ist, daß 
sie auch oben mit einer Decke versehen war^^^. 8. Eine dem 
Namen nach aus Persien stammende Sänfte (Npim:i) muß be- 
sonders prachtvoll gewesen sein, da sie zumeist als „golden", d. i. 
mit Gold verziert, bezeichnet wird^^'^; demgegenüber ist zu be- 
merken, daß in Rom selbst den Senatoren nur silberne Sänften 
zustanden ^^*^. Außer dem Reichtum im Stoff der Gewandung 
konnten alle Sänften auch im Innern mit Tapeten, Matten, 
Unterlagen (P^DIIlTD = (jTpa)[JLaTa) und Polstern (pp-)"!^:) reichlich 
ausgestattet sein^^^. 

213. Reiten. In der Stadt pflegte man nicht zu reiten 
(2Dl)^*°, wohl aber auf der Reise, und namentlich wurden Frauen 
und Kinder oft auf Kamelen befördert, besonders auch zur 
Nachtzeit, und da der Absturz von dem hohen Rücken des Kamels 
gefährlich gCAvesen wäre, so w^urde das Tier auch von Frauen 
nach Männerart geritten, um für Hände und Füße einen Halt 
zu haben ^^^ Eine gesetzliche Bestimmung verfügt, daß ein Esel, 
der zum Ritt eines Mannes gemietet wurde, nicht von einer 
Frau geritten werden dürfe; Avurde er für den Ritt einer Frau 
gemietet, so kann er auch von einer Schwangeren und Säugen- 
den geritten werden ^"^^. Der Vermieter darf das Tier (ncPID) 
nicht vertauschen; hat er z. B. einen Esel vermietet, darf er den 
Mieter nicht auf ein Maultier, hat er ein Maultier vermietet, nicht 
auf ein Pferd, hat er ein Pferd vermietet, nicht auf einen Wagen 
setzen (2''t^in) ^'*^. Auf den gemieteten Esel darf der Mieter sein 
Kleid, seine Wegzehrung und seine Utensilien aufladen, was 
darüber hinausgeht, kann der Vermieter, der gewöhnlich der 
Eseltreiber ist, verhindern; umgekehrt darf der Eseltreiber Gerste 
und Stroh, d. i. das Futter des Tieres (S. 131), und seine eigne 
Wegzehrung (darunter auch ein Krüglein Wein) aufladen, bis 
man zur Nachtherberge (n^"'/ vgl. S. 328) kommt, was darüber 
hinausgeht, kann der Mieter verhindern (zry)^'*^. Als Reittiere 
gelten in diesen Bestimmungen Kamel, Esel, Maultier, Pferd; 
andre Tiere kommen höchstens als Kuriosum in Betracht ^^*. 
Die Füße des Reiters berührten gewöhnlich die Erde nicht; das 
wird freilich anders, wenn ein hochgewachsener Mann einen 
kleinen Esel ("ITTii:;) reitet ^'*^. Auf der Brücke übers Wasser zu 
gehen, macht den Tieren Angst^*^. Das Reisen mittels Reit- 



Kamel- und Eseltreiber. 333 

tieres ist bedeutend bequemer als zu Fuße^'^^ Am Sabbat durfte 
man nicht reiten; das wird damit begründet, daß man möglicher- 
weise vom Baume eine Reitgerte (ni^Di) abschneiden könnte, 
woraus der Gebrauch der Reitgerte gefolgert werden kann^^^. 
Einen Steigbügel (xnill^C) kannte man in talmudischer Zeit 
noch nicht recht ^'^^. 

Ein Mittelding zwischen der Sänfte und dem Reiten auf 
dem Tiere bildet das Getragenwerden auf der Schulter, was in 
unsren Quellen ebenfalls Reiten (1231) heißt, und das namentlich 
bei kleinen Kindern vorkommt (S. 11). Auch Lehrer (vgl. o.) 
wurden von Dienern oft auf die Schulter gehoben (^HD) und 
gleichsam über den Köpfen der auf sie harrenden versammelten 
Menge ins Lehrhaus getragen ^^^. 

214. Kamel- und Eseltreiber^^^ Auf dem Landwege 
wurden die Waren gewöhnlich auf Lasttieren, auf Kamelen, 
Eseln und Maultieren, befördert, denen mitunter recht schwere 
Lasten (12J i<Wr2 opp. ^Jp J<l^C, vgl. S. 120) aufgeladen (i^ü) 
werden und die erst in der Herberge oder am Bestimmungsorte ab- 
genommen werden (p"]D vgl. S. 106)^^^. Das Aufladen und Abladen 
war selbst eine schwere Arbeit, die ohne Handfertigkeit nicht 
möglich war (S. 125 f.) ^^^. Die Ware besteht gewöhnlich aus 
Naturalien, aus Getreide, Ol, Wein usw. ^^*. Nur bei Kauf leuten 
mag es vorgekommen sein, daß sie ihre Waren auf ihren eignen 
Tieren beförderten ^^^, aber der Verkäufer von Naturalien, d. i. 
der Bauer (ri^2r\ ^V2 vgl. S. 102), verfügte äußerst selten über 
Lasttiere, und so mietete er sie ("^-li*) gewöhnlich von dem Esel- 
treiber ("l^n) oder dem Kameltreiber (?t}^), die ein recht rentables 
Gewerbe hatten und sich zu einer Zunft zusammenschlössen, was 
sich unter an der m darin bekundete, daß derjenige, dem ein Esel 
verendete, von den andern einen Ersatz erhielt, es sei denn, 
das Tier wäre durch grobe Fahrlässigkeit (^""DID = ^aäs) ver- 
endet ^^^. Die Treiber drücken im Orient bis auf den heutigen 
Tag dem ganzen Landhandel ein eignes Gepräge auf, denn nicht 
nur der Bauer bedarf ihrer, sondern auch der die Naturprodukte 
aufkaufende Händler ^^^ Man mietete entweder ihre Tiere allein, 
oder, was gewiß die Regel war, auch sie selbst, damit sie mit 
den Waren mitzögen ^•'^^. Den Phönikern wurden die Waren- 
führer gewöhnlich von den nomadischen Stämmen ihrer Nach- 



334 Kamel- und Eseltreiber. 

barschaft, von Israeliten, Syrern und Arabern gestellt, und auch 
die jüdischen Händler unsrer Zeit bedienten sich vornehmlich 
der Araber (aram. i<^Vl^), doch gab es auch Juden genug, die 
dieses Gewerbe trieben, und sie trieben es unterschiedslos sowohl 
im Dienste von Grlaubensgenossen als auch von Heiden ^^^. Die 
Art und die Schwere der Last wurde genau vereinbart, da weder 
der Eseltreiber sein Tier unmäßig belasten, noch der Mieter an 
Zeit und Bequemlichkeit einbüßen wollte, wie aus den oben be- 
rührten gesetzlichen Bestimmungen hervorgeht. Der Preis richtet 
sich natürlich auch nach der Wegstrecke. Für 10 persische 
Meilen bezahlte man 1 suz, für 11 Parasangen jedoch schon 
2 ZU0, so daß man nach Etappen oder Zonen gezahlt zu haben 
scheint ^^^. Bemerkenswert ist folgende Anekdote. Zu Hillel 
dem Alten, der w^ahrscheinlich zu Fuße von Babylonien 
nach Jerusalem pilgerte, sprach spöttisch ein Eselti'eiber: ,Sieh 
nur, um was es uns besser geht als euch* ihr plaget euch auf 
diesem großen, langen Wege, ich aber verlasse mein Haus auf 
meinem Tiere und schon übernachte ich in den Toren von 
Jerusalem^ Eine Weile zögerte noch Hillel, dann aber sprach 
er: „Wie teuer vermietest du mir deinen Esel von hier nach 
Emmaus"? ,Um einen Denar.^ „Und bis Lydda?" ,Um zwei.^ 
„Und bis Caesarea?" ,Um drei.' „Also sehe ich, daß je weiter 
der Weg, desto größer dein Lohn?" ,Ja, entsprechend dem 
Wege der Lohn.' „Nun sollen meine Füße nicht Lohn ver- 
dienen, wie die Füße deines Tieres?" So kam Hillel zu dem 
Spruch: Gemäß der Plage der Lohn^^^ 

Die Warenführer hatten unter der Schlechtigkeit der Straßen 
und ihrer Unsicherheit (S. 318) viel zu leiden ^^'^, und so schien 
es ihnen vorteilhaft, geschlossene Esel- und Kamelzüge (rncn, 
D'IÜ^) zu bilden, wodurch sich ihre Sicherheit heben mußte ^^^, 
und für die Dichtigkeit dieser Züge ist bezeichnend die An- 
nahme, es könnten, wenn ein Eseltreiber strauchelt und fällt, 
hundert andre, die ihm nachfolgen, über ihn straucheln und 
fallen ^^'^. Ihr Reiseziel ist eine der größereu Städte, wo die 
Ware verkauft oder verfrachtet wird'^^. Als Herberge wählen 
sie sich natürlich lieber einen billigen als einen teuren Ort^^*^. 
Für ihre Nahrung und ihre Herberge sorgen sie selbst; wenn 
aber der Mieter mitreist, kann auch er für beides sorgen, indem 



Kamel- und Eseltreiber. 33^ 

er ihnen die Herberge anweist, für Speise und Trank eine ge- 
wisse Summe Geldes in die Hand steckt oder dieselben wohl 
auch in Natur verabreicht, wie denn die Bezahlung der Treiber 
seitens des Bauern überhaupt in Naturalien erfolgen konnte, 
nicht nur in Geld, wie wir es bisher gefunden haben ^^'. Das 
für die Lasttiere nötige Futter erhielten sie zuweilen ebenfalls 
vom Mieter; mußten sie es kaufen, durfte er sie nicht auf eine 
bestimmte Einkaufsquelle verweisen (vgl. S. 105)^^^. Daß die 
Herberge manchmal in einem Privathause genommen wurde, 
lehrt folgende Anekdote. Einst kamen Eseltreiber zu R. Simeon, 
um in dem Orte Getreide zu kaufen. Die Hausfrau buk Brot, 
und sobald sie eines ausschoß, verzehrte es ihr Sohn, der nach- 
malige R. Eleazar, auf der Stelle, bis der ganze Vorrat verzehrt 
war. Die Eseltreiber, die wohl selber auf das Brot gerechnet 
hatten, bemerkten laut, so daß es der Sohn hörte: Wehe, eine 
böse Schlange haust in dem Magen dieses Menschen; der bringt 
noch Hungersnot in die Welt! Aus Rache nun nahm Eleazar 
ihre Esel, während sie im Orte ihre Geschäfte abwickelten, und 
trug sie auf den Dachboden hinauf. Als sie kamen, suchten 
sie ihre Esel und fanden sie nicht Der Vater, dem sie die 
Sache klagten und der seinen Sohn kennen mußte, sprach zu 
ihnen: Vielleicht habet ihr ihn beleidigt? Sie sagten: Nein, 
Herr, aber das und das hat sich zugetragen. So? Also habet 
ihr ihn mit Mißgunst angesehen; hat er denn etwa Eures ge- 
gessen? oder habet ihr für sein Auskommen zu sorgen? Der 
ihn erschaffen, hat ihm wohl auch die Nahrung erschaffen! 
Dennoch aber, saget es ihm in meinem Namen, und er wird 
euch eure Tiere herunterbringen! Das letztere Wunder war 
größer als das erstere, denn hinauf hatte er die Tiere einzeln 
getragen, aber herunter trug er sie zu zweien (als er sich aber 
dem Thorastudium ergeben hatte, konnte er selbst seinen Mantel 
nicht ertragen) ^^^. Der Weg führte die Eseltreiber oft nach Tyros 
und Sidon, den großen phönikischen Emporien, ohne daß wir wüßten, 
ob zum Dienste des dortigen Marktes, oder zur Verladung auf 
die Schiffe. In einem Falle kaufen sie in Galiläa ein und ziehen 
über Ekdippa nach Tyros ^^^. Manche Provinzen waren geradezu 
auf die Getreidezufuhr der Eseltreiber angewiesen ^'^^ Die Esel- 
treiber besorgten den Dienst auf kürzeren, die Kameltreiber auf 



336 



Wacren. 



längeren Strecken, so daß diese länger von ihren Familien ab- 
wesend waren ^^^. Esel- und Kameltreiber, wie auch Kärrner und 
Schiffer, waren auffallenderweise als Räuber verschrieen und 
standen auch sonst in üblem Rufe^'^. 

215. Wagen. Die Wagen hielt man im Altertum teils zu 
wirtschaftlichem Gebrauche (vgl. S. 231), teils zur Anfuhr von 
Baumaterialien (Bd. I, S. 12), teils zu militärischen Zwecken, 
teils auch zum Reisen, nicht aber zum Personenverkehr in 
Städten^'*. Je nach dem Zweck gab es deren mehrere. 
1. Kinderwagen {ycp h'Z' Th^V), d. i. entweder ein Spielwagen 
oder eine Gehschule für Kinder ^'^^. 2. Lastwagen [rhy^, als 
Transportmittel gewöhnlich mit dem Schiff zusammengenannt); 
Hauptbeförderungsmittel der schweren Bausteine ^'^. Er war wohl 
sehr roh gezimmert und durchbrochen, so daß er selbst Granat- 
äpfel nicht hielt, demnach etwa ein Leiterwagen (vgl. clahulare 
der Römer, aber der gewöhnliche Lastwagen der Römer hieß 
plaustrum)^"'^ . 3. Eine Unterart davon war der Wirtschafts wagen 
(N'^a'ID = (japayapov = sarracumY"^. 4. Überaus häufig wird der 
haron genannt (pip = xappov = carrus), bei den Römern ein 
zwei- oder vierräderiger Packwagen zu militärischem Gebrauche, 




Fig. 60. Ägyptischer Wagen, 
bei den Juden jedoch vornehmlich ein landwirtschaftlicher Last- 
wagen zu Wein und Ol. mitunter auch ein Staatswagen, doch 
scheint dann eine Verwechslung mit No. 7 vorzuliegen ^^'*^. 5. Den 
haron kannten die Juden auch als Kriegswagen (ncD'TD ^jPp)'^^, 
aber in diesem Sinne sind mehr die reinhebräischen Namen 



Wagen. 337 

221, bllZ 221, 122172 gebräuchlich ^^^ Die Kriegswagen heißen 
aramäisch auch JO'Tl"!, ini Namen und Wesen uns nicht zur 
Genüge bekannt ^^'^. Die Kriegs wagen heißen ferner auch J^mm, 
pl. von psBtov = rheda, vierräderige, starl^e Fuhrwerke , deren 
sich die Gallier und nach ihnen die Römer auf Reisen zur Ge- 
päcksbeförderung bedienten und welche die Regierung als Post- 
wagen benutzte-, letzterer Umstand wohl bewirkte es, daß sie 
von den Juden für Kriegswagen gehalten wurden ^^^. 6. Um- 
gekehrt war das essediim ursprünglich ein gallischer Streitwagen, 
der aber im römischen Reiche Privatleuten, und auch bei den 
Juden (NIDX pl. esseda), als Reise- und Packwagen diente ^^*. 
7. Von den mannigfachen Staats- und Prunkwagen, die die 
Römer hatten, kannten die Juden bloß die carruca (y2Mp = 
''^xappoü/iov), einen vierräd erigen Wagen, der nach des Plinius' 
Zeugnis mit silbernen Reliefplatten beschlagen war, weshalb ihn 
die Juden geradezu golden und silbern und allenfalls den kost- 
baren (lpl''0) nennen^^^. In ihm fuhren hohe Militärs und Würden- 
träger aus, nicht selten an der Seite von leichtlebigen Frauen, 
in beiderlei Hinsicht den Juden ein verhaßter Anblick^^^. 8. Auch 
das Viergespann (jl/l^^Nnt^tO = *T£Tpa[;.ouXov quadriga) kommt nur 
vor, wenn von den Römern die Rede ist^*^'. 

Manche Wagen waren bloß zum Sitzen, manche auch zum 
Schlafen eingerichtet, was die Misna so ausdrückt, daß sie wie 
ein Lehnstuhl bezw. wie ein Bett gemacht waren ^^^. Doch 
spricht man gewöhnlich nur davon, daß man im Wagen sitzt 
(2\L^''}, bezw. davon, daß man in den Wagen gesetzt (^''t^'in) oder 
gesenkt {V^p\l/1) wird^'^^ Als ihr Verfertiger hat der Schreiner 
{§ 196) zu gelten, schon darum, weil die Hauptsache der höl- 
zerne Wagenkasten war, und auch Deichsel, Räder usw. von 
Holz waren. Doch kommen für die Polsterung auch Web- 
stofFe in Betracht ^^^ Der Kasten oder das Gestell (vgl. „Stell- 
macher") war ziemlich breit, so daß von ihm die Straße gesperrt 
erschien ^^\ und auch ziemlich hoch, zu erschließen nicht daraus, 
daß in einem Schulbeispiel ihm die Höhe von 10 Tefachim ge- 
geben wird, sondern aus dem gangbaren Ausdrucke „Wagenspitze" 
(ntJ^Vn :i'^<"l)i9l Der Kasten saß auf Rädern (|S\s, hyb:, NDTlO = 
Tpoyocjj die entweder breit oder schmal waren; im ersteren Falle 
drückten sie auf den Boden auf (t^ü^), im zw^eiten Falle ritzten sie 

Krauß, Taltn. Arch. H. 22 



338 Wagen. 

ihn ein (V")n)^^^. Sie liefen um eine Achse (bh. und nh. pD)^^* 
und waren mit einem ehernen Keifen (221D) beschLagen^^^. Die 
Deichsel (pi:^', aram. Np;^* eigentlich Schenkel) wird nur in Ver- 
bindung mit pCCn genannt, das entweder ein Wagen oder eine 
Sänfte war^^^. Im allgemeinen gehören noch mehrere Dinge 
(C'PD) zum Wagen ^^^, aber damit scheinen Geschirre und Ge- 
räte der Bepackung gemeint zu sein. Hingegen muß mit 
rh^V ll""!"! bei einem speziellen Wagen ein stehendes Zubehör 
gemeint sein, etwa der Wagenkorb {sirpea der Römer) ^^^. Be- 
deckte, richtiger gewölbte Wagen (jiLDn^p = xajiapcoTOv sc. apiJ-a)^ 
gleichbedeutend mit gebälkten Wagen (nmpc), werden für die 
Zeit der Wüstenwanderung angenommen und müssen auch den 
spätem Geschlechtern zu Gesicht gekommen sein^^'^. Man spricht 
von den Seiten (DniH) der Wagen und von dem Räume, der 
unter, hinter und zwischen ihnen ist^^°. Die hochaufgetürmten 
Waren mußten mit Gurten, eisernen Reifen (""yZcCN, ni"^:D^) und 
Stricken (flimzi?) festgebunden werden -^^ Auf dem primitiven 
Lastwagen befand sich für den Kärrner ("l^'p) ein nur im Be- 
darfsfalle angebundener (iL^-p) Sitz (n2''l!'"'), den wir uns als 
eine übergeschlagene Latte denken müssen, wahrscheinlich im 
Vorderteile des Wagens, doch gab es eine ähnliche Sitzvor- 
richtung auch in seinem Hinterteile, in beiden Fällen als quälen- 
der Sitz ("lyii n2''l^'^) bezeichnet ■^^■^. 

Bei den Römern wurde vornehmlich das carpentum^ ein 
zweirädriges, mit einem Zelt überspanntes Fuhrwerk, von zwei 
Maultieren gezogen, und so lassen auch die Juden namentlich 
den haron von Maultieren (vgl. iTpiT^N^uu) gezogen sein, einerlei,, 
ob er eine Kutsche oder ein Lastwagen ist. Doch finden wir 
in denselben Jcaron auch Kamele, Esel und Pferde eingespannt^^^, 
und auch ihr Lenker (2Tij^, y^^.ü vgl. S. 128) führt immer nur 
denselben Namen karar'^"^^. Lastwagen wurden auch vom Rind 
gezogen ^'^^. Nach Befahren der vom Regen aufgeweichten und 
schmutzigen Straßen wurden die Räder und das Geschirr des 
Zugtieres am Bache gerein igt '-'^^, eine Prozedur, die man auch 
den Tieren nicht vorenthielt (vgl. S. 191). 

216. Schiff (Typen, Bau, Bemannung, Befrachtung, Reise). 
Zum Esel- und Kameltreiber {§ 214) gesellt sich oft der Schiffer 
(JDD, aram. WDD pl. ""NJiDD), der aber einen bessern Ruf genießt 



Schifftypen. 339 

als jene, aus dem für ihn nicht sehr schmeichelhaften Grunde, 
daß er fromm sein müsse, weil ihn die Gefahren seines Berufes 
dazu zwängen ^^". Der Name sappan = Schiffer leitet sich von 
n^'^DD ab, demjenigen Worte, das am häufigsten zur Bezeichnung 
des Schiffes dient, das aber gleichwohl einen gewissen Typ von 
Schiffen bezeichnet. Es gibt nämlich mehrere Schiffsnamen, 
aus denen auf ebensoviele Schiffstypen zu schließen ist. 

a) Typen. 1. r\j'^ü ist das Schiff überhaupt, aber in erster 
Reihe das das Meer befahrende Kauffahrteischiff, dasselbe, das 
auch die Piraten (w. u.) zu ihrem dunklen Gewerbe benützen. 
Man kannte es in mehreren Ausführungen, wie die Bezeichnung 
„groß" und „klein" vermuten läßt^^^. Das Schiff dieses Typs 
kam auch beim Fischfange, als dessen Schauplatz der Tiberias- 
see zu denken ist, in Verwendung (S. 145). 2. Auch ^Zh^ (syr. 
^^^j) ist ein seebefahrendes Schiff", aber, wie es scheint, von 
minder solider Bauart ^^^. 3. ^<2nN*, etwa eiu Boot, dürfte be- 
deutend kleiner sein und als Frachtschiff' bloß auf Gewässern 
des Binnenlandes oder längs der Küste gebraucht worden sein; 
auf hoher See finden wir es niemals ^^^; ferner beschränkt sich 
sein Gebrauch bloß auf Babylonien^^^ 4. N"12C die Fähre o. 

5. 328. 5. TlID, kleines Fahrzeug zum Übersetzen von Flüssen, 
kaum mehr als ein bloßer Rutenkorb (vgl. C\X1D S. 270)2^^ 

6. Ebenso haben wir in H'^Iin (vgl. S. 289) einen gemeinschaft- 
lichen Namen für ein Hausgerät und für ein Fahrzeug, das 
etwa bloß ein hölzernes Faß war^^^. 7. In ßabylonien wurde 
derselbe Typus mit r\^'2 bezeichnet, das dem Worte nach ein 
Sumpfkahn ist; man befuhr mit ihm die seichten babylonischen 
Kanäle ^^'^. 8. Die mit der Stadt Askalon verknüpften und wenig- 
bekannten Nn"'"lJ, wörtlich „Schaukler", waren ganz kleine 
Kähne, die man beim Auf- und Abladen der Waren zur Hälfte 
ans Land zog, um sie dann in die See zu stoßen ^^^. 9. Die 
n2''"iy, wörtlich Mulde, wird wenigstens ursprünglich kaum mehr 
gewesen sein als der Einbaum, also das primitivste Fahrzeug, 
das aber auf dem Jordan dennoch zum Getreidetransport 
diente ^^^. Die letzteren zwei Typen können wir als speziell 
palästinische Fahrzeuge ansehen, denen gegenüber die folgenden 
Typen sich durch ihre Namen als ausländisch erweisen. 10. 
^HDDN = (j^sBia Floß {ratis), mißbräuchlich jedoch auch jedes 

22* 



340 Schiffbau. 

Fahrzeng^^^ 11. pll"! = Bpoi^wv „Läufer*', ein leichtes Schiff 
der byzantinischen Zeit^^^. 12. ^'?pCN «= cjxacpv] Schleppkahn ^^^^ 
13. "'j")!^':', auch "»:mD, ^XißupvY] = liburna^ oft mit der Bezeich- 
nung „große Liburna", woneben ausdrücklich auch „kleine 
Liburna", ist das bekannte Kriegsschiff der Römer, das eben 
darum den Juden großen Respekt einflößte; doch nannten die 
Juden auch andere Schiffe so^^^. Als großes Schiff galt das- 
jenige, welches durch Menschenkraft nicht umgekippt werden 
konnte 219^ 

b) Bau. Die aus unsren Quellen zu gewinnenden Daten 
über den Schiffbau dürften nur große Schiffe betreffen. An 
dem hauptsächlichsten Material des Schiffbaues, nämlich an 
Holz, war Palästina reich genug (vgl. S. 202). Der Kiel, dieses 
Rückgrat des ganzen Schiffsgerippes, tritt uns bei den Rabbinen 
nur so weit entgegen, als sie richtig angeben, das Schiff (DJ^SD) 
„tanze" (ip"!) förmlich auf dem Wasser, denn es laufe unten 
spitz zu (in), um sich allmählich zu erweitern ^"^°. Aus der 
Arche Noas folgerte man, daß ein Schiff richtig gebaut ist, wenn 
die Breite desselben = Y^ der Länge und die Höhe desselben 
= Yio der Länge ist. Die Rippen (Spanten) des Schiffes bestehen 
zunächst aus Bohlen (HTTip, mtJ'IC), unbekannt aus welchem 
Holze, die als Bekleidung eine Haut von Zedern erhalten ^^^ 
Doch muß angemerkt werden, daß einerseits die Rabbinen 
auch tönerne Schiffe kennen (vgl. S. 162), wie man sie nament- 
lich am Nil kennt 2^^, und anderseits große eherne Schiffe, 
worunter nur Schiffe mit Kupferbeschlag verstanden werden 
können ^'^^. In der Längsrichtung über dem Kiel liegt ein 
schwerer Balken (das „Kielschwein", "^py), um das Schiff zu 
verstärken („beschweren" Ti^^H). Quer über dem Kiel liegt 
die „Schwelle" (Bodenwrange, riDlpDN), auf die sich senkrecht 
die Rippen stützen, um die Seitenwände (pyU'') zu bilden; oben 
sind die Rippen an wagerechten Deckbalken (|''T'l^'"') befestigt ^^*. 
Die Deckbalken werden ebenfalls verkleidet und bilden das 
Verdeck (N35D, xaTacTTpcojjia, tabulakim) des Schiffes "^2^. Das 
Schiff führt auch lose Bretter (pmi':') mit^^^, mit denen man für 
die Schiffsladung Verschlage und Überdeckung bilden und im 
Notfalle auch Schäden des Schiffes reparieren kann'^'^ Auf 
dem Verdeck sind für Schiffsmannschaft und Reisende Kajüten 



Schiffmannschaft. 041 

(GTIZ) gebaut, gewöhnlich iu je einem Häuschen am Bug und 
Heck; wir hören jedoch auch von sechzig „Häusern" mit eben- 
sovielen Pfühlen oder Betten ("»pinDD)^^^; gleichwohl haust ein 
Teil der Reisenden (x''JDrN), die natürlich ein Fahrgeld zahlen 
müssen, unter freiem Himmel, gleichsam im „Hofe" (ll^n) des 
Schiffes ^^^. Zum Schutze vor Regen uod Sonne wurde auf 
SchifFp feilern (j<::iN"I ^B''D) zeltartig ein Dach ausgespannt und 
nach Belieben wieder abgebrochen ^'^^^. Wenn zwei oder mehrere 
Kastenkiele nahe am Ufer durch eiserne Haken (CJ^iin) und 
Reife (nini^y) fest aneinander gekoppelt (lli'p) werden, konnte 
selbst ein palastartiger Bau auf ihnen aufgeführt werden, Wunder 
(pj:ijD = [jLayyavov) der Bautechnik, in der sich namentlich 
phönizische und hellenistische Könige gefielen; doch bestand 
immer die Gefahr, daß sich die Koppelung löse^^". Zum Stehen 
gebrachte Schiffe wurden auch der Festigkeit wegen aneinander 
gebunden^^^ Eine Schiffsleiter (t^'23, n':5DDvX = scala) dient zum 
Ein- und Aussteigen ^^^, und ebenso führt ein großer Seefahrer 
entweder als Rettungsboote oder zur Erleichterung des Verkehrs 
mit dem Festlande auch eines der oben genannten kleinern 
Fahrzeuge (n^:n, n^^J2, iSDpDN) mit. In einem Beb älter (TD 
oder n''D) wird Trinkwasser mitgeführt^^^. 

c) Bemannung. Die Triebkraft des Schiffes gibt entweder 
das vom Wind gespannte Segel (V^p), das mittels der Rahe (^s''"!pD^* 
= idToxspaia) auf dem Mast (bh. und nh. pin) oder auf der 
Segelstange (bh. und nh. D3, aram. N*"1"!X) ausgespannt (D"1D) 
ist^^"^, oder das Rudern (tCll^*) der Schiffsmannschaft (C'tOiJ = 




Fig. 60. Altägyptisches Ruderschiff. 
vauTai = nautae), genauer der Sklaven (Cl^y), die in der ganzen 
antiken Welt zu dieser schweren Arbeit verdammt waren ^^^, 
oder auch beides zugleich. Einer der Mäste trägt eine Fahne 



342 Schiffproviant. 

(NPIDD)^^^. Die Takelung erfordert eine Menge starker Taue 
(D'^t^^n), und von den großen Seefahrern ging die Meinung, daß 
sie nach Zahl der Jahrestage 365 Taue benötigten ^^^ Die Taue 
der Segel laufen durch kunstvoll gemachte Knoten (]''JCDn ^^p) 
oder Tauösen (j<T'ninD5< = Tspö^pa), deren gefällige Verknotung 
die Pracht des Schiffes sehr hob und von den Rhedern in ge- 
schäftlichem Interesse angestrebt wurde ^^^^ Mast, Segel, Taue 
und Ruder werden unter dem Namen „Treiber" (CTruC) zu- 
sammengefaßt^^^, doch führen die Ruder (mi^lli^D) auch einen 
besondern Namen (X"»""!!?^, Pl'^X)^^^. An dem Steuer sitzt der 
Steuermann (CO^jl^p = xußspvViTY]?, rein hebr. ':52^m)^'^°. Vorn am 
Schnabel pflegten Ahnenbilder oder totemistische Tiergestalten 
(als Galionbild) angebracht zu sein, z. B. ein Widder (aram. x':'''^), 
der geeignet war, den Schutz gegen Seegang zu symbolisieren. 
Ein derartiges, losgelöstes und an die Küste geworfenes Schnabel- 
bild aus kostbarem Material hatte den R. Akiba reich gemacht^*^ 
Für die Bemannung und die Reisenden wurde natürlich Proviant 
mitgeführt bezw. bereitet (darum Erörterung des Falles, daß 
man auf dem Schiffsverdeck, n^DDH l^\X"l, ein Tier schlachtet)^'^^, 
wozu auch die Mitnahme von Trinkwasser gehört (o.). Die an 
rituelle Kost gebundenen Juden behalfen sich vornehmlich mit 
Obst (Bd. I, S. 113). Die Verköstigung war Sache des ein- 
zelnen, und jeder nahm sich Vorrat mit. Als einst R. Josua 
und R. Gamliel (wahrscheinlich nach Rom) zu Schiffe reisten, 
hatte letzterer nur Brot, ersterer Brot und Mehl mit. Dem R. 
Gamliel ging das Brot aus, und so mußte er sich mit dem 
Mehle R. Josuas aushelfen. Verwundert fragte er ihn: Wußtest 
du denn, daß die Verzögerung (nDCV) so viel sein wird? Aut- 
wort: Einmal in 70 Jahren werden die SchiflFer (Cj^D) von 
einem Stern irregeführt, und so dachte ich mir, vielleicht ge- 
schieht es auch diesmal (und es geschah wirklich). Diese 
erstaunliche seemännische Erfahrung bei einem sonst ganz 
schlichten Manne wird bei weitem überholt durch die Ver- 
sicherung, Gamliel habe zwei Schüler gehabt, die mathematisch 
die Zahl der Meerestropfen berechnen konnten und die gleich- 
wohl nichts zu essen und nichts anzuziehen hatten (zur Armut 
vgl. Bd.. I, S. 185)'^^^. Wir erfahren aus dieser Begebenheit, 
daß sich die Schiffer in ihren Fahrten vom gestirnten Himmel 



Schiffladung. 343 

leiten ließen und nur selten fehlgingen. Die Gebundenheit an 
die erprobten Seestraßen zeigt sich in der Bestimmung, daß die 
Schiffer, die, eine Art Zunft bildend, sich gegenseitig versicherten, 
ein gestrandetes Schiff dem Geschädigten zu ersetzen, mit der 
groben Fahrlässigkeit (N''D1D vgl. S. 333) und beim Befahren 
von ungewohnten Wegen eine Ausnahme machten ^'^^^. 

d) Befrachtung. Der Fassungsraum der Schiffe des Alter- 
tums war kein großer (ein normales Schiff faßte nur dreißig Kor 
Getreide) ^■*^; immerhin aber konnten bedeutende Warenmengen 
mitgenommen werden. Die Schiffsladung (^pTJN = IvQ^vixY)) oder 
einfach die Ware (NpDV) konnte über das ganze Schiff verteilt 
sein^''^; doch wissen wir bereits, daß eigene Warenräume (C^HZ) 
vorhanden waren, in denen die Güter in Packsäcken (CÖ^lino 
vgl. S. 266) oder mit großen Umschlaggurten (''^in "'D")D) ver- 
bunden lagerten ^■^^. Das Schiff wurde mit den Waren angefüllt 
(x'rc), bepackt Q^tO), um dann gelöscht (pIS) zu werden; über- 
lastet durfte es nicht werden ^^^*. Die Waren mußten sowohl 
vor Regen- als Seewasser durch Decken geschützt werden; 
etwa eingedrungenes Wasser wurde durch Purapmaschinen (^<''':'t3J^< 
S. 166) entfernt. Auch die Mäuseplage kannte man schon da- 

Zur Beförderung gelangten außer Menschen (auch toten 
Menschen) und Tieren (einmal ist ausdrücklich vom Befördern eines 
Esels die Rede)^"*^ die verschiedensten Gebrauchsgegenstände des 
Menschen, vornehmlich jedoch Lebensmittel, als dasind: Getreide 
(vgl. die Jordanschiflfe S. 339), Feigen, Wein, Öl, Fische, Fleisch, 
sodann auch allerlei Importwaren, wie Kleider, Schmuck, Glas, 
Gold, Silber, feines Holz, Korallen, Perlen -^^. 

e) Reise. Bevor das fertige Schiff in die See stach, wurde 
es in die See bugsiert (n7D)-'^^, um es wasserdicht zu machen 
(^"IIJ)^^^, und probeweise ließ man es kurze Strecken schwimmen 
(^^i^n)^^^ Fertige Schiffe w^aren natürlich auch Gegenstand des 
Handels und der Miete ^^'-; und zwar pflegten es die Schiffbauer, 
die infolge der letzten an dem Schiffe vorzunehmenden Arbeit, 
der Verpichung (P61), Pechleute (vSnsiD ""jZ) hießen, so zu 
machen, daß sie den Mietslohn (iS"i:x) gleich bei der Übernahme 
(nD''ir'^) durch den Mieter p^1L^•) einhoben, und es stand ihnen 
nachträglich auch eine Entschädigung (n"i:iD) zu, wenn das Schiff 



344 Schiffer. 

strandete ^^^. In vielen Fällen waren jedoch die Kaufleute 
selber die SchifFslierren, und wir müssen in den Händen der 
Juden zahlreiche Schiffe vermuten. Der reiche Eleasar b. Charsom 
soll gar tausend Schiffe besessen haben. Dem oben genannten 
K. Josua wurde von Kaiser Hadrian ein Schiff geschenkt. Die 
Misna spricht hyperbolisch von dem Falle, daß einem Myriaden 
von Schiffen als Erbteil zufallen 2^'^. 

Die Juden betätigten sich in hervorragender Weise in der 
Schiffahrt. Sie befuhren alle Wasserstraßen des Altertums (das 
Mittelmeer, das Salzmeer, den Nil, den Euphrat, den Jordan usw.) 
und hatten viel mit dem Schiffswesen zu tun. In Ägypten waren 
sie Fluß- und Küstenwächter (jmLTpN = axTcapoi) und pachteten 
den FlußzolP^^. Als Zollpächter brachte es der Alabarch, das 
Oberhaupt der jüdischen Gemeinde von Alexandrien, zu großem 
Ansehen^^^. Die Rabbinen kennen sehr gut die Schiffe von 
Alexandrien (w. u.). Im Ausgange des 4. Jahrhunderts wurde zu- 
gunsten der Juden und Samaritaner ein eigenes Navigationsgesetz 
gegeben^^^, und im 5. Jahrhundert fand sich ein Schiff nach 
Kyrene, dessen Eigentümer (y(x6yö:fipoq) ein Jude war^^^. Nicht 
zu verkennen ist das Bestreben der makkabäischeu Fürsten, bis 
zum Meere vorzudringen und an der Schiffahrt zu partizipieren; 
das Makkabäerdenkmal in Modiim Avies Schiffsbilder auf, und 
auf den jüdischen Münzen finden sich Anker und Dreizack ab- 
gebildet-'^^. In Tarichaea am Tiberiassee erwähnt Josephus nicht 
weniger als 230 vierruderige Schiffe "-^^. Der Asphalt des Toten 
Meeres war ein vorzügliches Mittel, die Fahrzeuge zu ver- 
pichen, und demselben Zwecke diente auch das Pech, wie 
bereits erwähnt^^^ In Babylonien waren gerade die Handels- 
städte wie Ktesiphon, Seleukia, Zeugma stark von Juden besetzt, 
und zahlreiche Äußerungen der Rabbineu bekunden ihren regen 
Schiffsverkehr auf den Flüssen und Kanälen des Landes, trotz- 
dem zur Zeit der Sassaniden die Klage auftaucht, daß die Juden 
zu Kanalwärtern (N^lHi "'l^"'"l) nicht ernannt wurden 2^-; der Handel 
hat sich wohl bis nach Indien erstreckt^^^. 

Der überseeische Handel Palästinas ging von den Hafen- 
städten Joppe, Caesarea, Askalon, Akko und Anthedon aus 2^**; 
das Reiseziel Avaren Rom (mit Brundusium und Puteoli als 
Zwischenstationen), Gallien, Ilispanien, Kililden (vornehmlich 
Tarsus und Zephyrion) und Kleinasien ^^^. 



Seefahrten. 3^^ 

Eine Seefahrt zu unterüehmen (r'P^n, CD I^^nDH, daher ''ir'^^SD 
DTl = Seefahrer) galt immer als ein großes Wagnis ■^^^. Die 
Bewohner der babylonischen Landschaft Mesene, die so günstig 
am Persischen Golf gelegen war, hatten den Entschluß gefaßt, 
nie auf die hohe See zu gehen, und was die Väter gelobt hatten, 
hielten noch die Nachkommen ^^^ In der Tat war eine Seereise 
mit den mannigfachsten Gefahren verbunden. Schon die Be- 
schaffung der Lebensmittel war, wie wir gesehen haben, schwierig. 
Ein Lehrer, so wird erzählt, gab einst den Schiffern Geld, da- 
mit sie ihm was (zu essen) kauften, und sie fanden nichts. So 
kauften sie ihm einen Affen (in jenen Gegenden gewiß ein 
exotisches Tier), der aber entlief und in eine Erdhöhle kroch. 
Als die Männer, um ihn einzufangen, die Erde aufdeckten, fanden 
sie zu ihrer Überraschung, daß er auf Perlen gelagert war!^^^ 
Ein Beispiel für viele, wie schon damals die Seefahrten reich 
waren oder für reich gehalten wurden an abenteuerlichen und 
wunderlichen Vorfällen ■-^'^. Die Seefahrer (i<ü'' TiT^: vgl. S. 325) 
waren besterfahrene Männer in allen Lagen des Lebens, und 
ihre Aussagen wurden für die Warenkunde von den Lehrern 
oft eingeh olt'^'^^. Die Matrosen, als stets in Gefahr schwebende 
Leute, hielt man für fromm (vgl. S. 339). — Selbst die Missetat, 
daß einer mit einem Bohrer das Schiff in den Grund bohren 
(rnp) könnte, so daß das Wasser über die Menschen eindringt 
(^■•iin), hielt mau für möglich ^'^ Auct sonst bekommt das Schiff 
manchmal ein Leck^'^. Andere Gefahren bestehen in der Irr- 
fahrt (vgl. oben), in dem Auffahren auf Sandbänke und auf wasser- 
lose Stellen, in dem Zusammenstoß zweier Schiffe, besonders 
aber in dem ungünstigen Wind und in dem Sturm (l^D, t'^liTU), 
der das Meer aufpeitscht, das Schiff hin- und hertreibt, bis es 
zerschellt (=]"ltO:i), verloren ist (12^) und sinkt (Vyc). Stürme 
kamen selbst auf dem Tiberiassee häufig vor. An der palästi- 
nischen Küste weht der Nordwind, der bei Joppe der „schwarze"^ 
Nordwind (p^slaixßopstov vgl. S. 155) genannt wurde. Es kann 
zwar die Ladung über Bord geworfen (Nli-C "^pn)^^^, aber auch 
so die Gefahr nicht immer beschworen werden. Wir haben 
Kunde davon, daß manches gestrandete Schiff in Jaffa ange- 
trieben und die Schätze gehoben wurden ^^"^^ vgl. auch die Er- 
zählung vom Reichtum e R. Akibas (0.). So wurden denn für die 



346 Flußfahrten. 

Seefahrer fromme Gebete verrichtet, und sie selbst sprachen ein 
Dankgebet, wenn die Reise glücklich abgelaufen war^^^. Unter 
den Privatfesten der Heiden erwähnt die Misna auch den Tag 
der Laudung; sie zielt damit auf die sxßaTYjpia genannten Opfer ^'^. 
Die Flußfahrten sind zwar sicherer, aber doch nicht ohne 
Gefahr. Am Nil z. B. hat man mit den Katarakten zu rechnen 2". 
In den Flüssen gibt es auch zahlreiche Krümmungen ("""nii^DI ^^^pV) 
und Stromschnellen (ND"""!!!), die man beachten muß^^'^. Flußregu- 
lierungen (rnz, rnp) kamen allerdings vor; wird doch sogar von 
der Regulierung der Tiber gesprochen! So z. B. wurde von 
den Persern der Euphrat oberhalb Be-Saburs und oberhalb von 
?Ihi Dakira reguliert (roti^)^^^, und im Kanalsystem Babyloniens 
entstanden immer neue Veränderungen (im 5. Jh. z. B. ergossen 
sich der Naar-Goza und der Naar-Gamda in den Euphrat, was 
früher nicht der Fall war), auch waren manche Kanäle so ge- 
baggert, daß in Ermangelung eines natürlichen Bodens gewisse 
Fischarten in ihnen nicht existieren konnten, und dasselbe war 
der Fall, wenn die Einströmung in den Hauptstrom allzuheftig 
(F]"»"!"]) war^'^, dafür mußten aber die zahlreichen Schleusen (^"l^D), 
die zu Bewässerungszwecken dienten (vgl. S. 166) und die von 
berufsmäßigen Arbeitern (P"]!?) bedient wurden, der Schiffahrt 
große Hindernisse bereiten, hatten doch die Dämme von Susiana 
und Mesopotamien, deren einer heute noch Sidr-el-Nimrod heißt, 
selbst die Flotte Alexanders des Großen an der Beschiffung der 
dortigen Flüsse gehindert. Die alten assyrischen Könige hatten 
sogar absichtlich Steinmauern in die Flüsse gelegt, um ihr Land 
vor dem Eindringen von Schiffen zu sichern. Die Ruinen jener 
Bauten, wie auch die Ruinen von verfallenen und die Pfeiler 
von bestehenden Brücken (n^^lTN) hemmten die Schiffahrt sehr 
empfindlich '^-'l Selbst der Hauptkanal, der alte Naar-Malka, wurde 
einmal von Dämmen verstellt ("imDN), was allerdings als Selten- 
heit bekannt war. Drei Rabbinen, die einst den von ihnen ge- 
kauften Sesam auf dem Wasserwege des Naar-Malka befördern 
lassen wollten, konnten das nicht, weil der Kanal plötzlich ver- 
stellt wurde; sie verlangten nun von den Ruderern (jTi':'?::), die 
vertragsmäßig für jedes Ungemach aufkommen mußten, daß sie 
nun die Beförderung auf gemieteten Eseln ausführen möchten, und 
da sie nicht einig werden konnten, entschied ein Lehrer zu- 



Schiffahrt. 347 

gunsten der Ruderer, denn an eine solch außerordentliclie vis 
major konnten diese nicht denken ^^^ Der Ortsname Sikhra (?<1«D) 
beweist, daß an den Schleusen ganze Ansiedlungen entstanden ^^^. 
Die Kanäle mußten ferner seicht werden und unschiffbar sein, 
wenn das Wasser, was wohl häufig geschah, anderswohin geleitet 
(^ni^) wurde^^^. Interessant ist die Nachricht, einer der jüdischen 
Könige habe den Siloa, da er keinen größeren Wasserstrahl 
hatte als ein römisches Ass, erweitern lassen (ZTinPl), in der 
Meinung, nun werde das Wasser reichlicher fließen, aber das 
Gegenteil traf ein: das Wasser verminderte sich^^^; begreiflich, 
da es sich nun träge im Bette ausbreitete. Erweiterungsarbeiten 
dürfen wir auch zu Schiffahrtszwecken annehmen 

Das Schiff wurde an Stricken durch tierischen Vorspann 
vom Ufer aus gezogen, soweit nötig durch Menschen, die man 
„Fortschlepper" (''"I^J) nannte. Wenn nun an beiden Ufern des 
Flusses, dort, wo die Schlepper gehen sollten, sich dichter Wald 
befand, so durfte das notw^endige Terrain gelichtet werden ^^'^. 
Bekanntlich hatte man auch zerlegbare Schiffe, wodurch z. B. 
in der Römerzeit auch die mächtigen Hindernisse der Nilkata- 
rakten überwunden wurden -^'^. 

Das Schiff schwimmt (LOIl^') auf dem Wasser; soll es halten 
(Tcyn), muß es angebunden (lli'p)^^^, beim Landen verankert 
werden (p:in, p^iy, p::in). Man stellt es als Gepflogenheit hin, 
daß Mastbaum und Anker je aus einem andern Ort gebracht 
werden ^^^. Der Mensch sitzt (Z^tr"») auf dem Schiffe wie in einem 
Wagen (o»). Das Schiff ruht eigentlich, und nur das Wasser 
bewegt sich. Dem Seefahrer liegt die Welt offen da, sein Hori- 
zont ist groß, so daß er z. B. den Aufgang des Neumondes besser 
sieht als auf dem Lande; auch sieht man vom Schifte aus man- 
ches vom Leben der See^^^*. Das Wasser darf nur den Miudest- 
tiefstand von 10 Tefachim (74 cm) haben; nur kleine Schiffe 
gehen auch im Schlamme (ppl)^^^. Das Schiff soll den Boden 
nicht berühren (li'L^':). Ein Staken oder Peilstock ('t^lt^:)) diente 
zur Bestimmung der Wassertiefe; diese Stangen (xovTOt) kannte 
man schon im alten Ägypten, weil sich im Nil infolge der 
wechselnden Lage der Sandbänke das Fahrwasser fortwährend 
verschiebt, und man kann ihrer auch heute noch nicht entraten. 
Die Tiefmesser (^LJ'lt^':) scheinen dem Schiffe in einer Barke 



348 Hafen. 

vorangefahren zu sein^^°. Ein kleines Fahrzeug darf sich auch 
im Schilf (^^^l^*''^) nicht verfangen^^^ 

Das Schiff strebt dem Hafen zu (gr. yn^"") = li^r\^ auch ^ü^y 
aram. pl. NfiniD), um seine Passagiere ans Land steigen zu 
lassen (T.\ rnj) und seine Ladung zu löschen (p"lD)2^^ Auch die 
ausfahrenden Schiffe liegen im Hafen und harren des günstigen 
Windes; das eine braucht Nord-, das andre Südwind^^^ Eben- 
daselbst befindet sich auch die Schiffswerfte (vscopia, navaliaY^^. 
Ein Gleichnis: Betrachten wir zwei seefahrende Schiffe; das eine 
verläßt den Hafen, das andre geht in den Hafen ein. Das aus- 
fahrende Schiff wird von der Menge mit Jubel begleitet, das 
einfahrende wird kaum beachtet. Ein Verständiger jedoch, der 
anwesend war, rief aus: Verkehrte Dinge sehe ich! Gerade 
dem auslaufenden Schiff sollte man nicht entgegenjubeln, denn 
man weiß ja nicht, welches Geschick (p"lC) ihm widerfährt, 
welche Wellen daran schlagen und welche Stürme es treiben 
werden; hingegen sollte man sich des einfahrenden Schiffes 
freuen, das unversehrt zurückgekommen ist^^^ (angewendet auf 
den Tag der Geburt und des Todes). Es wird lebhaft geschildert, 
wie der im Hafen angelangte und bald wieder weiterreisende 
Seefahrer schnell aussteigt, um sich in der Stadt des längst 
entbehrten Anblickes von Speise, Trank und Wohlleben zu 
erfreuen ^^^\ 

Der zu bezeichnende Hafen wird gewöhnlich mit dem 
Stadtnamen verbunden, z. B. Hafen von Joppe, Hafen von Cae- 
sarea, denn jeder Hafen trägt einen ausgeprägten Charakter, 
nicht nur der Lage nach, sondern auch der Ware wegen, die 
in ihm ein- und ausgeführt wird; so z. B. nennt man zwei 
römische und einen persischen Hafen; in jenen gelangen Korallen, 
in diesem Perlen zur Verladung (vgl. Bd. I, S. 200)^'^^ Die Art 
der Verladung des Sandelholzes — mit ausländischem Luxusholz 
wurde starker Handel getrieben — wird ausführlich beschrieben; 
danach wurde das Schiff von mehreren tausend Menschen erst 
mit Sand beschwert, bis es sank (pL^')? worauf ein Tauclier (N"1CN) 
schwere Hanfstricke, die mit einem Ende an das Schiff befestigt 
waren, um den Sandelbaum (oder um die Korallen) band; sodann 
warf man den Sand nach und nach heraus und das empor- 
schnellende Schiff entwurzelte und zog in dem Maße, daß es 



Haüdel. 34g 

frei wurde, die kostbaren Hölzer (oder Korallen) an sich^^^. 
Man wog sie angeblich mit doppelt sovielem Silber auP^^. So 
hat uns dieser Zug bis in den persischen Meerbusen, die Stätte 
der Perlenfischerei, geführt, denn die Schiffahrt ist es, die die 
weitesten Fernen überwindet. 



B. Handel. 

217. Anfänge des Handels. Die Zeit, deren Verhältnisse 
wir erörtern, ist dem Handel überaus günstig. Das jüdische 
Volk der taimudischen Epoche, auf eignem Land und Boden 
allerdings noch immer dem Ackerbau ergeben, war in seinen 
weithin über die Erde versprengten Teilen dem Handel zugeführt 
worden (vgl. § 190), und gerade seine Zerstreutheit machte es 
geeignet zu ausländischen Handelsverbindungen. Die Anleitung 
dazu erhielten die Juden von den benachbarten Phöniziern und 
Syrern, den beiden handelstüchtigsten Völkern des Altertums, 
von deoen namentlich die Syrer als Syri negotiatores in der ganzen 
römischen Welt herumkamen. Ihr Name deckte vor der römi- 
schen Öffentlichkeit gewiß auch die Juden^^^ Trotz des starken 
semitischen Einschlages jedoch bewegte sich in unsrer Zeit der 
Handel durchaus in griechischen Formen, wie schon die Her- 
übernahme des Wortes N''I0Cp"1D = xpayf^aTsia = Pragmatie = 
Handel und andrer Geschäftsausdrücke ()Vl:''D, 'PIDJD, "liO':'^, DpJD 
w. u.) beweist und noch mehr der Umstand, daß die meisten 
importierten Waren (w. u.) unter ihrem griechischen Namen in 
Umlauf kamen ^^^ 

Ein nennenswerter Handel bei den Juden in Palästina ist 
überhaupt erst in der hellenistischen Zeit bemerkbar. Ein Werk 
dieser Zeit, das Buch Sirach ist es, das zuerst den Großhändler 
und den Krämer (ImID) erwähnt, und es würde, wie auch später 
die Rabbinen, nicht so oft auf Ehrlichkeit im Handel dringen, 
wenn eben kein starker Handel betrieben worden wäre. Um 
200 V. Chr. erfahren wir von Josephus, daß Tierhäute, um 
180 von den Rabbinen, daß ausländische Glaswaren und etwas 
später selbst Weizen aus Alexandrien nach Jerusalem eingeführt 
wurden ^°^. Aristeas läßt große Mengen von Aromen, Edelstein 
und Gold nach Jerusalem verhandelt werden und rühmt den 



350 Handel. 

Handel des Landes ^^^. Zugleich treten mit Namen genannte^ 
unternehmende Großkaufleute, wie der Bankier Arion in der 
Hyrkanosgeschichte des Josephus, auf den Plan, und wir sehen, 
welche Macht dem Unternehmen und dem Gelde schon damals 
innewohnte ^^'^. Daß dieser Geist dem Judentum anfänglich ganz 
fehlte, beweist nichts so sehr als der Umstand, daß die konser- 
vativen Essener keinen Groß- und keinen Kleinhandel und 
kein Schiff kennen und von Kauf und Verkauf überhaupt nichts 
wissen woUten^*^^. Infolge der schrecklichen Katastrophen vom 
Jahre 70 und 135 muß in der gewerblichen und geschäftlichen 
Tätigkeit der Juden ein gewaltsamer Stillstand eingetreten sein, 
aber für die Dauer konnte es dabei nicht bleiben, ja, die stärker 
einsetzende Diaspora der Juden und die relativ friedlichen 
Zeiten mußten dem Handel zugute kommen ^°^. Die Wichtig- 
keit des Handels gelangt auch darin zum Ausdrucke, daß der 
Hohepriester im Versöhnungsgebet unter anderm auch um ein 
glückliches Geschäftsjahr betete, und darin, daß analog andern 
Kalamitäten (S. 151) es zu einer Bußveranstaltung führte, wenn 
der Handel (N''L2^p"lD) gehemmt war, näher dann, wenn in Palästina 
für Wein und Ol, in Babylonien für Liunenwaren kein Absatz 
war, denn was nützte dem Bauer sein Reichtum, wenn er nicht 
andre Bedürfnisse dafür einhandeln konnte ^^^*. 

Rabbinische Aussprüche und Bestimmungen, die dem freien 
Handel entgegenzuarbeiten scheinen, wie die Lehre: „Mache dir 
mit Handel (pDV) wenig zu schaffen", oder: „Mau darf in Palästina 
mit Dingen, an denen das Leben hängt (z, B. mit Wein und Öl) 
keinen gewinnsüchtigen Handel treiben ("l^ni^Ti)", oder, wie es 
auch heißt, diese Dinge nicht in das Ausland führen (iX''Ü'in), 
ferner die Beschränkungen im Verkehre mit Heiden (w. u.), 
namentlich auch das Verbot, ihnen noch am Boden haftende 
Frucht oder ihnen Häuser zu verkaufen, Häuser auch nur zu 
vermieten, vom Verkaufe von Feldern nicht zu reden und dgl. 
mehr — müssen auf ihren wahren Wert reduziert werden; teils 
blieben sie im Kreise der Rabbinen selbst nicht unwidersprochen; 
teils waren sie nur die Äußerungen einer momentanen Verstim- 
mung, teils aber waren sie geradezu undurchführbar ^^\ 

218. Ausbreitung. Anläßlich der Schiffahrt (S. 347) kam 
es bereits zum Ausdrucke, daß mau sehr richtig als fernem 



Händler. 35], 

Nutzen der Reisen die Erweiterung der mensclilichen Kenntnisse 
hinstellte, und dieselbe Anschauung hegte man vom Handel 
überhaupt, der den jungen Mann vom Hause hinausführe und 
ihm weitgehende Erfahrungen vermittle (S. 19). Auch der Handel 
sollte und mußte erlernt werden ^°^. Berechnungen, Verträge, 
Schuldverschreibungen, Buchführung, Warenkunde, Kenntnis der 
Münzen, Geldwechsel usw. waren schon damals in hohem Maße 
notwendig. Noch florierte allerdings der Tauschhandel (f^'^n), 
und es wird die Regel aufgestellt: „Alle mobilen Güter {J^biohl^ü) 
erwerben (HJp) eins das andre", d. h. die Übergabe der Tausch- 
ware macht das Geschäft perfekt, und wir hören z. B. daß Ge- 
treide um Getreide, Getreide bezeichnenderweise auch um eine 
Axt, Gold um Silber, Silber um Gold eingetauscht wurden, aber 
schon treten auch im Tauschhandel Schmuck und Perlen als 
Wertmesser hervor, um dem geprägten Gelde endgültig den 
Platz zu räumen ^^^. 

Zumeist ist es der Bauer, der Urproduzent, der seinen 
Überfluß gegen die ihm sonst notwendigen Waren in der Stadt 
eintauscht oder zu Geld macht. Sodann gibt es berufsmäßige 
Händler, die den Ankauf und Verschleiß von Waren betreiben. 
Der Kleinhändler ("imc S. 349) verrichtet seine Geschäfte durch- 
aus in eigner Person; mit seiner wenigen Ware zieht er von 
Ort zu Ort, vom Dorfe in die Stadt, von einem Landteil in den 
andern, z. B. von Galiläa nach Judäa und umgekehrt: das ist 
alles; er bleibt im Lande und befriedigt die lokalen Bedürfnisse. 
Wir hören, daß diese Art Krämer ein paar Dörfer und Weiler 
der Umgebung bereisen ("^pH, "inp, daher IHID = Krämer) und 
zur Nächtigung noch an demselben Tage in ihren Wohnort 
zurückkehren ^^'^. Der eigentliche Geschäftsmann (njn) dehnt 
seine Tätigkeit viel weiter aus; er macht Reisen, bedient sich 
zu seinen Unternehmungen andrer Geschäftsleute als zweiter 
und dritter Mittelpersonen, hält sich Boten {n^h\L^) und Makler 
(IID^ID) und beschäftigt mehrere Personen. Ein taggar wird 
überhaupt dahin definiert, daß er mit seiner Ware (\S^r) ein-, 
zwei- und dreimal auf dem Marktplatze erscheinen müsse, was 
der bäuerliche Produzent nicht tut; selbst wenn der taggar drei 
Fuhren (niNII^D) auf einmal auf den Markt setzt, ist es nicht 
dasselbe, als wenn er wiederholt mit den Waren kommt. Der 



352 Händler. 

Krämer ("'jlljn w. u.) ist dadurch von ihm unterschieden, daß er 
in offenem Laden als ortsansässig gedacht wird. Dagegen sind 
die ptrin, wie schon ihr Name zeigt, waudelude Krämer, die 
ihren verschiedenartigen Kram, in erster Reihe Frauenputzsachen, 
in ihrem Fächerkasten (uSlp) auf die Dörfer hinaustragen (vgL 
Bd. I, S. 242). Wiederum anders ist der Weizengroßhändler 
(p^tQ = (jiTwv/)^), der sich jedoch auch mit dem Verkaufe von 
Grünzeug und Obst abgibt ^^^ Es kam oft vor, daß man die 
Geschäfte eines andern besorgte, und namentlich wurde es für 
verdienstlich gehalten, für den still seinem Studium ergebenen 
Schriftgelehrten die Geschäfte auszuführen und ihm den Gewinn 
zuzuführen ^^^. Großkauf leute, die ihrerseits den taggar in Pflicht 
nehmen, werden durchaus mit griechischen Namen ()"'"1Ö1'!? = 
s[jL7UOpoi und p^^T'tCD:)"!^ = TCpayfj.airsuTaO benannt, ein Zeichen, 
daß sie entweder Fremde waren oder doch im Banne des 
griechischen Welthandels standen. Diese Großkaufleute werden 
geradezu als „Fürsten" bezeichnet; ein Zeichen ihres Reichtums 
und ihres Ansehens. Man muß an die reichen phönikischen 
Kaufleute und die kleinen arabischen Dynasten denken, an 
letztere in dem Sinne, daß sie mit dem von ihnen als Monopol 
betriebenen Weihrauchhandel zugleich politische Macht in Händen 
hatten^^'^. Näher kennt man ihre Wohnsitze nicht; es ist auch 
nicht notwendig, sie in Städten zu suchen, vielmehr spricht alles 
dafür, daß sie echte Nomaden waren. Hingegen werden die 
gewöhnlichen Kaufleute als durchaus in Städten ansässig ge- 
schildert; man kennt Kauf leute (C'^:in) von Jerusalem, von Lydda, 
von Harrän usw.^^^^ 

Schon die Seltenheit des Geldes in alter Zeit nötigte, wie 
noch heute im Orient, die kleinen Leute, ihr Geld zusammen- 
zuschießen und gemeinsam Handel zu treiben; zum Schlüsse 
wurde dann berechnet, ob sie einen Verlust erlitten (pns) 
oder Nutzen davontrugen ("T'nin)^^^. Man spricht gewöhnlich 
von drei Kompagnons, und demgemäß wurde auch der Vers 
Kohel. 4,9 f. wie folgt kommentiert: „Besser zwei als einer", 
d. i. wenn zwei sich im Geschäfte betätigen (]r3l NLJ'j, daher 
\r\ty\ Nti'C w. u.), nicht aber jeder für sich, weil doch, wenn der 
eine fällt und (auf der Reise) in Gefahr kommt, der Genosse 
ihn aufrichtet; „der dreifache Faden aber reißt nicht bald". 



Umsatz. Sb3 

d. i. wenn ihrer drei sind^^^. Im wirklichen Leben jedoch 
finden wir gewöhnlich zwei Gesellschafter. So z. B. handeln K. 
Chijja und R. Simeon in Seide nach Tyros; R. Jochanan bespricht 
ein Projekt mit dlfa; zwei Brüder, Simeon und '^Azarja sind 
verbunden, und obzwar Simeon der ältere, ist dennoch 'Azarja 
mehr angesehen, weil cAzarja das Geschäft betrieb [pDV) und 
„jenem in den Mund gab" ; in der Aggada ist Zebulun der be- 
kannte Typus des Erwerbenden, „der sich hinwegbegibt (li^HD 
vgl. S. 345) von seinem Wohnsitze (Zilli'''), Geschäfte betreibt und 
dem Isakhar in den Mund gibt" ^^^. 

Laut Anschauung unsres aggadischen Satzes wird der 
Händler in erster Reihe durch Reisen charakterisiert. Der 
richtige Handel, wie ihn die Schiffahrt und die Karawanenzüge 
voraussetzen, ist eben der überseeische oder doch ausländische 
HandeP^l Das Ziel ist in vielen Fällen Rom (vgl. S. 328). 
Sehr richtig ist die Erwägung, daß man durch stetes Abgeben 
(iDPinm IDm) auch im Kleinhandel (S^t'p N^[0^:"15) den Gewinn 
des Großhandels ('':iD N^L2^:j"lS) erlangen könne; da ferner die 
inländische Ware in kurzer Zeit umgesetzt werden kann, die- 
jenige nach Rom jedoch jedenfalls längere Zeit braucht, so 
fühlt sich der kleine Kapitalist auch aus diesem Grunde mit 
dem großen Kapitalisten ebenbürtige'^. Warum man gerade 
eine Stadt wie Rom und andre große Städte mit den besten 
Waren aufsuchte, ist leicht zu erraten: den Händler lockte die 
Hoffnung auf großen Umsatz. Auch in diesem Punkte war man 
eifersüchtig auf die Ehre Jerusalems. Es wird erzählt: Ein 
Mann aus Beth-Gubrin (Eleutheropolis) ging einst mit Wolle 
nach Jerusalem, mußte aber schlafen gehen, ohne sie verkauft 
zu haben (sie war, wie es auch heißt, D"':inDN = aTupayv]^ unver- 
käuflich). Voll Bitterkeit brach er aus: Ist das die Stadt, die 
ihr „Wonne der ganzen Erde" nennt? Aber kaum ward es 
Morgen, als er bereits die Waren verkauft hatte ^^^. Ebenso 
hob man mit Stolz hervor, daß es in Jerusalem auch eine Art 
Börse (HDD w. u.) gab. Der stete und rasche Austausch der 
Waren (jnoi N*^'0, ]n:i N^ti^: vgl. oben, nt^l b'>p\l^, syr. fl^Lo© i^mi^) 
vgl. „Geben und Nehmen", ^Jüü) npü „Kauf und Verkauf" 
macht das Wesen des Handels aus^^^ In dem mehr bäuer- 
lichen Palästina konnte kein schwunghafter Handel erhofft 

Krauß, Talm, Arch. H. 28 



354 Handelshindernisse. 

werden. Darum läßt sich ein Rabbi, der sein Auskommen 
(riD^IS) finden will, ins Ausland ein Empfehlungsschreiben 
(ijTNI N"irN*) geben ^^l Aber den Juden galt „das von den 
Seeprovinzen (CH niJ''"ID) kommende Geld" für fluchbeladen, 
für eines, woran kein Segen ist, mit der Begründung, man 
dürfe Gott nicht versuchen (d. h. jede überseeische Schiffahrt 
geschehe mit Einsetzung des Lebens). Und doch war aner- 
kanntermaßen nur der überseeische Handel ausnehmend lukrativ. 
Plinius schätzt den Gewinn der Seefahrt auf 100 Prozent. 
Hingegen sagt der weise Ben-Sira: „Den nahen Handel genießt 
der Herr, der ferne Handel genießt (verzehrt) den Herrn." Und 
die Rabbinen lehren, daß selbst, wenn man mit einer Karawane 
mitzieht, man nach Tunlichkeit rasch die Geschäfte abwickle, 
um das Herumwandern {b:^'7j) je eher los zu werden. So ver- 
pönten sie denn, trotz der ungestüm auftretenden Frage: „Was 
verdienen" (I^Pt^Ti)? viele nach ihi-em Urteil unehrbaren Ge- 
schäfte, z. B. desjenigen, der, die Notlage seiner Mitmenschen 
ausnützend, mit dem für Weinpfähle nötigen Rohr (S. 201) imd 
den in der Weinpresse so nötigen Krügen (S. 238) Handel 
treibt^^^; man verlangte offenbar, das derartige zum landwirt- 
schaftlichen Leben notwendige Dinge freundnachbarlich in Um- 
lauf kommen. 

Die Händler (CJ"!!!!:!, Cj^mD) galten für geldgierig und vor 
allem für ungelehrt. Manche hatten gar kein Geld und liehen 
es sich aus, nur der Eitelkeit wegen, um Großhändler genannt zu 
werden. Solche Leute gerieten leicht in die Hände von Wuche- 
rern, und da das Zinsennehmen (iT^")) bei den Juden verboten 
war, so mußte ihnen das ganze Gebaren verhaßt sein. Das 
strenge gehandhabte Zinsverbot mußte dem Handel der Juden 
überhaupt hinderlich sein. Die authentische Interpretierung des 
Gesetzes bestimmt z. B.: Wenn du deinem Genossen geliehen 
hast (ni'^n), bedränge ihn nicht; wenn er also ein Feld oder 
einen Weingarten hat, sage ihm nicht: Hier hast du eine Mina, 
mache damit Geschäfte, verschreibe mir jedoch eine Hypothek 
auf dein Feld und auf deinen Weingarten ^■-'^. Offenbar gingen 
durch Geldgeschäfte viele Kleingrundbesitzer zugrunde. Anders 
ist es, wenn man über ein liegendes Kapital verfügt, da wird 
der Rat gegeben, daß man ein Drittel des Kapitals im Handel 



Nutzen und Schaden. Sbb 

fruktifiziere. Man hatte dafür den Ausdruck: Den Denar reich 
machen ("IJn ']W]^Y^^. Es heißt: Besser, mit den einzigen 10 Du- 
katen, die man hat, Geschäfte zu machen und sich redlich er- 
nähren (Di"lDnn), als sich auf Zinsen Geld zu borgen; auch das 
Sprichwort sagt: Wer auf Zinsen sich Geld borgt, verliert so- 
wohl seines als das fremde ■^^^. Das eine stand jedoch fest, daß 
der Handel lukrativ sei; n"'nn = Nutzen haben ist soviel wie 
Geschäfte machen. Der Gewinn heißt mil Nutzen und ?<mp5:3 
Ergebnis. Doch kannte man neben dem guten Geschäfte (2LD pDV) 
auch ein schlechtes Geschäft (^'^2 pDV), und eine verlorene 
Sache heißt geradezu „verlorenes Geschäft" (llDNn N''lC^:i*^D), 
und ziemlich oft hören wir, das Geschäft habe nichts ein- 
getragen ('^''yin). Manche Waren gingen eben gut, manche 
nicht-, manches Geschäft gedieh und wuchs (nnil n"lD), manches 
nicht. So mußte also der Kaufmann auch mit dem möglichen 
Schaden (IDCh, X"1''DD) rechnen. Beides, Nutzen und Schaden, 
w^urde gebucht^^^ Im Geschäftsleben kommt vieles auf den 
Zufall an (jcnTPi), man hat also die gute Gelegenheit auszunützen. 
Auch empfiehlt man, ein wohlfeiles Geschäft sich ja nicht ent- 
gehen zu lassen ^^^. Für den gewöhnlichen Binnenhandel ist 
durchaus kein großes Kapital nötig; mit 50 ^tiz macht man 
schon Geschäfte ^^^. 

Bei den geschilderten Anschauungen der Juden muß man 
annehmen, daß die vielen ausländischen Waren, die zu ihren 
Lebensbedürfnissen gehörten, nicht auf dem Wege des aktiven, 
sondern auf dem Wege des passiven Handels zu ihnen gelangten, 
d. h. sie wurden den Juden durch fremde, besonders durch 
phönizische und griechische Händler vermittelt. Die reiche 
Liste der ausländischen Waren, die wir nun folgen lassen, gibt 
uns ein sicheres Maß für die Bewertung des in Palästina statt- 
gehabten Handels ^^^. Diese Waren gehören den drei Gebieten 
der Nahrungsmittel, der Kleidung und der Hausgeräte an. 
a),An Nahrungsmitteln kamen von auswärts der babylonische 
Brei (nmD), das medische Bier, edomitischer Essig, ägyptischer 
Zythos (S. 244), ebenso ägyptische Fische, ägyptischer Senf, 
Kürbis, ägyptische Bohnen und Linsen, ferner kilikische Bohnen- 
grütze, griechischer Kürbis, griechischer und römischer Ysop 
(Majoran), spanischer Kolias (ein Fisch); ausländische Namen 

23* 



356 Märkte. 

haben die Feigbohne, die persische Nuß (Pfirsich), die Fischlake 
(muries) usw. b) An Kleidern sind fremden Ursprungs: Pelu- 
sische und indische Leinen- oder Baumwollgewebe, kilikisches 
Filztuch, das sagum, die dalmaticay das paragaudion, die stoJa, 
das Schweißtuch (sudarium), der Filzhut (pilium), die Filzsocken, 
die Sandalen usw. c) An fremden Hausgeräten finden sich: Die 
ägyptische und die tyrische Leiter, sidonische und alexandrini- 
sche Schalen, die Bank, der Lehnstuhl, der Vorhang (velum), 
der Spiegel, die Eßplatte (tabula)^ der Teller (scutella), die Schale 
((pidXY]), das Faß (m&o^), der Kasten (y1(0(7(j6xo[j.ov), die Kiste, 
die capsa, der Packsack (marsupium) usw. 

219. Märkte. Der Begrifi" „Messe" (TT) haftet immer an 
einem Ort von städtischem Gemeinwesen (l"13), als welche 
auf palästinischem und zum Teil auch auf babylonischem Boden 
nur die phönizischen Küsten- und die hellenistischen Handels- 
städte gelten können, weshalb denn in unsern Quellen selten 
versäumt w^ird, von „heidnischer" Messe (Ci:! pZ' T'"T') zu 
sprechen. Diese Städte waren götzendienerisch, und wie das 
ganze öffentliche Leben, hing auch ihr Marktwesen aufs innigste 
mit dem im Orte heimischen Kult zusammen, so sehr, daß 
manche Messen geradezu einer Gottheit zu Ehren abgehalten 
wurden. Märkte (plt^, Cplli*), auf denen man Lebensmittel, 
Kleider und sonstige Erzeugnisse der Hausindustrie feilbot (als 
notwendige öffentliche Einrichtung auch ^''DV^''" [toc] BY][j,6(Tia = 
forum genannt), gab es wohl in jedem nur irgendwie volk- 
reichen Orte Palästinas — auch in Dörfern — vor allem in 
Jerusalem, in Samaria, in Sichem usw., aber „Messen" (C'T'"!^), mit 
Zulauf zahlreichen fremden Volkes, mit grol^em kultischen Fest- 
gepränge (:ravY]yupi? = N^^Ti = Markt, bei den Rabbinen per kako- 
phemismum "I"'N Schicksalstag genannt), mit Karawanen, die aus- 
ländische Waren, Spezereien, Salben, Sklaven, Luxusgegenstände, 
Werke der Kunstindustrie usw. auf den Markt brachten, gab es in 
Ansehung von Palästina nur in den bezeichneten nichtjüdischen 
Städten, deren Märkte nun infolge ihres götzendienerischen 
Charakters von den Juden nur unter starken Kautelen besucht 
werden durften^^^ Einen eigentlichen Markt gab es also nur 
in Städten wie Emmaus, Askalon, Gaza, Akko, Antipatris, Tyros, 
Skythopolis und Caesarea^^^. „Es gibt nur drei Messen (die 



Märkte. 357 

diesen Namen verdienen), die von Gaza, die von Akko und die 
von Batnan, und die ausgeprägteste von allen ist die von Bat- 
nan." Letztere Stadt, von den Römern Batne genannt, lag in 
Mesopotamien auf römischem Gebiet, unfern vom Euphrat, in 
der Mitte der großen Landstraße zwischen Mabug und Harrän 
{Carrhae = )"in vgl. S. 352), alle ebensogut bekannt von ihrem 
blühenden Handel und ihren Messen, wie von ihrem uralten 
heidnischen Kult, auf welch letzteren Umstand die Rabbinen 
besonders zu achten hatten und tatsächlich achteten. Nur die 
Sitze von stabilem örtlichen Kult wurden an Markttagen ge- 
mieden, nicht aber die unbeständigen Feste der Beduinen 
(vX''''ytD"1 Nfl^n), deren Produkte (Weizen und Ol) von den Juden 
unbedenklich gekauft wurden^^^. Von diesen armseligen Märkten 
mit ihren bäuerlichen Waren unterscheiden sich jene Messen 
auch in der Beschaffenheit der Waren, die zum Kaufe gelangten. 
Die Hauptkategorieu sind: Vieh, Sklaven, Sklavinnen, Häuser, 
Felder, Weinberge, deren Kaufschlüsse schriftlich in den Archiven 
der betreffenden Städte niedergelegt wurden ^^^. Die ganze Ver- 
anstaltung galt den Rabbinern als ausgesprochen heidnisch, eine 
der vielen Maßnahmen Roms, die scheinbar Segnungen der 
Gesittung darstellten, im letzten Grunde jedoch die Bevölkerung 
moralisch und finanziell ruinierten. Du (Esau-Rom) hast Messen 
(Gnn*), er (Jakob-Juden) hat Märkte (cpiiL^'), lautet ein Aus- 
Spruch ^^^. Die Messe wurde in jenen Städten entweder in der 
Stadt (immer 11D) selbst, oder in einem seiner Haine (D1D;X 
S. 203), oder in den Vororten (z. B. hinsichtlich von Gaza in 
dem Küstenorte Majuma = D'OV'O = [xaioufjia?) oder außerhalb 
der Stadt abgehalten; reiste man in einer Karawane, die natur- 
gemäß sich an die Handelsstraßen halten mußte, war es kaum 
möglich, diese an der Handelsstraße gelegenen Städte zu ver- 
meiden. Von religiösem Standpunkte hatte man nur Bedenken 
gegen die aus dem heidnischen Kultleben heraus gehaltenen 
Messen; völlig unbedenklich jedoch war der Besuch von Märkten, 
die von der Regierung, von der Provinz oder von einzelnen 
Großen eingesetzt wurden ^^^ 

Der Besuch der Märkte ist mit Reisegefahren (vgl. S. 319) 
verbunden, die ein Rabbi geradezu „Krieg" nennt, vermutlich, 
weil die Karawane um ihre Existenz mit den Angreifern völlig 



358 Marktleben. 

kämpfen muß^^^ Im „Königsgebirge" wurden die Juden oft 
von den Samaritanern befeindet ^^^. Selbst auf dem Marktplatze 
war ein Mord nicht un erhört •'^^^. In Palästina, und Babylonien 
hatten die von Juden bewohnten Städte feste Markttage (ND^^ 
^vp^t^"i), die in alter Zeit, wie eiue Quelle berichtet, wöchentlich 
am Freitag stattfanden, nicht so sehr des Sabbats wegen, sondern 
mehr infolge der geschichtlichen Entwicklung, denn die alten 
phönizischen Städte Tyros und Sidon, nach denen sich die 
Juden unzweifelhaft richten mußten, scheinen ihren wöchent- 
lichen Markttag am Freitag gehabt zu haben. Später, u. zw. 
schon zur Zeit der Misna, kamen jedoch bei den Juden Montag 
und Donnerstag als wöchentliche Markttage auf, au denen das 
Landvolk in die Stadt strömte, um seine Lebensmittel abzusetzen, 
bei der Gelegenheit jedoch auch im Gerichts- und im Lehrhause 
sich einfand, je nach Notwendigkeit und Neigung ^^^. Die Dörfler 
sahen es als ihr gutes Recht an, in der Stadt sowohl am Stand 
(V2p) als auch auf dem Wege des Hausierens (aram. miHiS) in 
den Häusern ihre Waren zu verkaufen, doch suchten die städti- 
schen Konkurrenten letzteres zu hintertreiben ^^^ Den Markt 
charakterisiert die große Volksmenge (Dl'^nN w. unten), die da 
schreit und feilscht, wie es im Orient noch heute besonders 
lärmend zugeht; dabei sind viele da, die zwecklos auf dem 
Markte bloß herumschlendern (^"^12). Gedrängt (JT^IKC) sitzen 
sie da, bis ein Ordner kommt und ihnen befiehlt: Zerstreut 
euch! In Rom gab man Hornsignale (vgl. S. 288) behufs An- 
kündigungen, und ein rabbinischer Ratschlag knüpft wie folgt 
daran an: Wenn in Rom das Hörn ertönt — Sohn des Feigen- 
verkäufers, eile davon und verkaufe deines Vaters Feigen 
anderswo l^"^^* Alle Welt ist mit dem Markt beschäftigt ("inc:) 
und achtet auf nichts andres. Inmitten der Juden erscheinen 
auch Fremde, und da wurde besonders empfohlen, auch ihnen 
freundlich zu begegnen. Es gab nämlich auch Streit, Schimpf 
und Schlägerei auf dem Markte. Der nach Palästina einge- 
wanderte Babylonier R. Zecira wurde auf einem Markte, als er 
es wagte, dem Verkäufer zu sagen: Gut wiegen, gut wiegen! 
mit den Worten beschimpft: Troll dich davon, Babylonier, 
dessen Väter uns das Heiligtum zerstört haben !^^^'' Zur Her- 
vorhebung der Bedeutung des Res Lakis heißt es, daß dem- 



Marktleben. 



359 



j eiligen, der von Res Lakis auf offenem Markte angesprochen 
wurde, Waren (ohne Geld und) ohne Zeugen verabreicht wurden. 
Wie allüberall, kannte man auch auf den palästinischen Märkten 
einzelne Typen teils an ihrem Gesichte, teils an der Kleidung, 
an der Sprache, an den Waren usw. Eine ständige Figur war 
der Araber (N''yt:D), kenntlich an seinem üblen Gerüche, denn er 
pflegte sich auf dem Markte mit Tierfellen und mit Harzpech 
(jlCOy S. 226) einzufinden, und der wenige Weihrauch, den er 
mitführte, war eben bestimmt, den unangenehmen Duft seiner 




Fig. 61. Moderne Obsthändler in Jerusalem. 
Waren zu vertreiben; allerdings handelten auch viele Araber 
direkt mit Weihrauch und Wohlgerüchen (vgl. S. 352). Die 
Araber sind es auch, denen das Tragen der schwersten Lasten 
zugemutet wird, unter anderm auch lebenden Kleinviehes, das 
sie an die jüdischen Fleischer verkauften. Nächstdem finden 
wir auf dem Markte die Aramäer (Syrer? Heiden? Römer?) und 
den Samaritaner (^niD "IHID), von dem es in einem Falle heißt, 
er überbiete stark seine Waren, sodann, wie im Falle R. Zeicras, 
die Babylonier, deren Anwesenheit in einer Handelsstadt wie 



360 Marktleben. 

Sepphoris auch durch ihre dortige Synagoge bezeugt ist, uud 
endlich all das bunte Volksgemisch, dessen Schauplatz damals 
Palästina war. Im allgemeinen sind mehr Männer als Frauen 
auf dem Markte, und es wird z. B. auch Fleisch und Gemüse 
durchaus nur von Männern gekauft^'i^^ Man darf sich nicht 
stellen, als ob man kaufen wollte, ohne ernstlich daran zu 




Fig. 62. Moderne Händler in Jerusalem, 
denken, denn das ist Täuschung (ny- ri2'::). Der Käufer darf 
nichts unternehmen, was den ^larkt verderben Aviirde ("ITlsn 
pit^'H PN), z. B. den Kredit des Verkäufers untergrübe, wenn er 
die von ihm gekaufte Frucht als verdächtig demonstrativ ver- 
zehnten würde ^-^^^ Hier schreit der Bauer laut: Wer kauft 
Windeier, wer kauft echte Eier? Dort schreit der Hausierer: 



Marktleben. 3ßj^ 

Wer kauft Nadeln, wer kauft Pfriemen? Andre bieten eben- 
so laut Salz, Pfeffer und andres Gewürze aus^^^®. Mit den 
Waren wird übrigens nicht bloß der Laden (w. u.), sondern der 
Platz selbst geschmückt ("ItOy)^^^^. Ein fürchterliches Durch- 
einander wird man demnach schwerlich geduldet haben. Die 
zum Verkaufe bestimmten Waren standen geordnet auf einer 
Bank, auf der wohl auch der Verkäufer saß. Das „Hocken" 
auf dem Markte war aber bei weitem üblicher, und so werden 
die Fruchthändler geschildert, „wie sie sitzen und verkaufen, 
mit den Körben vor sich und der Wage in der Hand"^"*^^. 
Die gefällige Art der Feilbietung der Marktwaren werden wir 
noch sehen (§ 223). Rab, der ein Agoranom war (§ 222), gab 
seinem Sohne folgende Ratschläge für den Markt: Solange du 
noch Staub auf den Beinen hast, verkauf deine Ware (d. i. 
suche raschen Absatz zu erzielen; vgl. S. 353), alles, was du 
verkauft hast, magst du bereuen (viell. wäre es später teurer 
geworden), außer den Wein, (denn er verdirbt leicht)-, mache 
auf deinen Säckel, öffne deinen Sack (erst stecke das Geld ein 
und dann gib die Frucht); besser ein Kah auf der Erde, als ein 
Kor auf dem Dache (besser in der Nähe ein kleiner Gewinn, 
als in der Ferne ein großer) ^^^'^. 

220. Geschäftsstellen. Der Schauplatz des Marktes in 
den Städten war der suh (plli'), d. i. „Platz" oder „Gasse", je 
nachdem, ob sich der Raum zu einem wahren Marktplatze er- 
weiterte, wie z. B. vor den Toren der Fall gewesen sein wird, 
oder infolge der engen Bauart der orientalischen Städte, wie sie 
noch heute beobachtet werden kann, der gewöhnliche schmale 
Verkehrsweg war, der nun einzeln oder mitsamt den Nebengassen 
von dem Marktvolke besetzt war. Wenn sich der Marktverkehr 
auf mehrere Gassen verteilte, war es von selbst gegeben, daß 
die Waren von gleicher Art denselben Stand erhielten, was sich 
dann im Namen der betreffenden Gasse ausdrückte; so z. B. 
gab es in Jerusalem eine Wollhändlergasse, eine Schmiedegasse, 
eine Salbenmischergasse usw.^'^^, und dasselbe ist der Fall in 
andern Städten. Einen suk (hier und da D'^pHL^'H r?2 = Markt- 
platz genannt) gab es z. B. auch in Sichem, in Sepphoris, in 
Antipatris, in Lydda, in Meron usw.^"^^ In größern Städten, 
z. B. in Jerusalem und in Sepphoris, finden sich in den einzelnen 



362 



Geschäftsstellen. 



Stadtteilen besondre Plätze, die man etwa in der Form von 
„oberm" und „unterm" Markt unterschied^'^'*. Manche Händler 
wurden in Seitengassen und zwischen Säulengänge gedrängt und 
hießen „Kleingassenhändler" (t<tC^''D "»"llin von semita = Fußweg, 
schmale Gasse). In hellenistischen Städten treffen wir die be- 
kannte Agora (n"1i:in = ayopa) als Marktplatz an^"*^. In Babylonien 
treffen wir mehrmals die disJcartha ({<nipD"l) als Marktplatz an, 

die wohl ein Vorort 
der betreffenden Stadt 
war^^^. Was von be- 
hördlicher Seite zur 

Instandhaltung der 
Marktplätze gesche- 
hen sein mag, wissen 
wir nicht, und so wird 
man nicht fehlgehen, 
es für sehr wenig zu 
halten ; immerhin aber 
mögen einige basar- 
artigen Gebäude (w. u. 
No. 4, 5, 6) von den 

Behörden errichtet 
worden sein. In Jeru- 
salem gab es auf dem 
Marktplatze den sog. 
Verluststein(C''ViL:M|ZN 
oder iVIlCm JIN), d. i. 
ein Postament, auf 
dem die gefundenen 
Gegenstände nieder- 
gelegt wurden, damit 
sie der rechtmäßige Eigentümer reklamieren könne, ferner den 
Auktionsstein {npüT^ pN* oder "IZcn 'N oder nptTl 'N). auf wel- 
chem die Sklaven (S. 87) ausgeboten wurden ^^^ An Einzellokalen 
gab es keinen Mangel. 

1. nun (bh., nh., syr., targ., palmyr., mand., arab. von run 
„sich niederlassen") ist der meistgenannte Verkaufsladen, in 
welchem der Ladeninhaber (''jlljn) steht, der, namentlich in der 




Fig. 63. Grundriß von GeschäftsUiden in Pompeji. 



Laden. 363 

Lebensmittelbranche, nach den Hauptwaren, die er führt, ver- 
schiedene Namen hat: CinriD oder l^innj = Bäcker oder Aus- 
kocher, lü'i'pn = Zuckerbäcker, \1212 = Fleischer, ^^t'''Cp = xa7üY)Xo? 
Marketender, Garkoch, ""N^l^' = Weinschenker, Kipper^*^. Der Ver- 
kaufsladen ist ein verschließbarer Raum, der auf dem Markte, auf 
dem freien Platze oder sonst in der Straße stand, zuweilen auch 
in den Markthallen (Basiliken w. u.), in einer Reihe mit den 
übrigen Buden, weshalb denn eine jede Bude, um kenntlich 
gemacht zu werden, den Namen des Besitzers (w. u.) erhalten 
muß^"*^. Der Verkaufsladen hat einen Fensterstein (D"'"in = D-upso?) 
von verschiedener Konstruktion, der bei Tage herabgelassen als 
Auslage dient, in der Nacht aber, wie der ganze Raum, ver- 
schlossen wird^^^. Im Hintergrunde, hinter einem Pult (HD^n), 
wo auch der Eigentümer (nunn ^^^V-) seinen Sitz (rcti*'' Cipo) 
hat, befinden sich die Waren, während der Vorderraum von 
Kauflustigen gefüllt wird^^^ Zuweilen wurde von den reichlich 
vorhandenen Waren etwas auch vor die Ladentür (DUnn riHD) 
gestellt, wahrscheinlich auf eine Mastaba (Bd. I, S. 38), da sie sonst 
von den Tritten der Passanten gelitten hätten ^^^. Die Innen- 
wände schmückt der kluge Kaufmann mit zierlichen Figuren 
(m^niJ), wohl wissend, daß die Leute daran Gefallen finden und 
daß der Umsatz sich dadurch vergrößert (vgl. beim Schiff S. 342)^^^. 
Auch sonst gibt man viel auf das gefällige Äußere, und so behängt 
man den Eingang mit grünem Laub und sogar mit Rosenkränzen, 
abgesehen davon, daß auch die Waren geschmackvoll zur Schau 
gestellt werden ^^'^. An der Tür hängt auch eine Matte (p'PlinD), 
die sowohl den Inhaber als die Waren vor der Sonnenglut 
schützt^^^. Die Dunkelheit wird durch Lampen und Leuchter 
erhellt^^^. Der Verkaufsladen befindet sich nicht immer auf dem 
Marktplatze, sondern im eignen Hause der Straße zugekehrt oder 
im Hofe, und wohltuend klingt es uns entgegen, daß der Herr 
über die kaufmännische Ehre seines Ladens wacht^^^. Manch- 
mal setzt er einen Kompagnon (=]nil&') oder einen die Hälfte des 
Nutzens beanspruchenden Genossen ("72(1) in das Geschäft ein, 
in welchem manchmal auch die Frau und die Töchter sitzen ^^^; 
das sind Zeichen eines gut gehenden Geschäftes, das aber von 
neidischen Rivalen gestört zu werden {h'($2) versucht wird^^^. 
Der Verkaufsladen birgt die mannigfachsten Waren-, bald ver- 



364 Laden. 

kauft man darin Weizen, allerdings in kleinen Quantitäten, da mit 
dem Weizenhandel sich andre Kaufleute befassen, bald Brot, 
Leckerbissen und Fleisch, bald Ol und Wein (die Araber be- 
zeichnen mit chanut geradezu die Weinschenke), Eier, NüssCy 
Pfirsiche, Granaten, Ethrog, Grünzeug, also alle möglichen 
Speisen, die im ganzen recht billig sein mußten, und da stellte 
sich auch die Notwendigkeit des Geldwechsels ein^^°. Von dem 
Umsätze erhalten wir einen Begriff, wenn wir hören, daß manche 
Leute ihren'ganzen Lebensmittelbedarf im Verkaufsladen deckten, 
und wir wissen bereits, daß auch der Arbeitgeber seine Arbeiter 
an den Krämer zu weisen pflegte (S. 105) ^^^ Unter demselben 
Namen kennen wir auch den offenen Laden der Gewerbe- 
treibenden, die also in diesem Raum teils ihre Werkstätte, teils 
ihre Verkaufsstelle von fertigen Waren hatten, und dieser Raum 
war mitunter so groß, daß völlige Versammlungen in ihnen ab- 
gehalten wurden. Kleine Leute allerdings konnten nur einen 
kleinen Laden (rijtTp ni-DH) eröffnen ^^2. Mit Namen finden wir 
erwähnt den Verkaufsladen der Bäcker, Färber, Schmiede, Weber, 
Glaser, Zimmerleute, Flachshändler, Gewürzkrämer usw.^^^ 
Vier Verkaufsläden befanden sich unter zwei Zedern auf dem 
Olberg, und sie scheinen dem Synedrion zum Sitz gedient zu 
haben ^^^; sie sind vielleicht identisch mit den Verkaufsläden 
(nvijn) der Kinder Hanaus ^^^ Diese waren gewiß vornehme 
Leute, wie wir denn im Verkaufsladen als Krämer, Fleischer 
usw. auch Priester ^^^ und Gelehrte (Pazzi, jOsajn, Eudemos, 
Zadok, Abba Saul) finden ^^^. Aus Magdala in Galiläa dringt 
zu uns die Kunde von 80 Weberläden, desgleichen aus Kefar- 
'Imra, und was Städte anlangt, so finden wir Verkaufsläden 
ferner in Skythopolis, in Tiberias, wie auch in Machuza aus der 
Reihe der babylonischen Städte ^^^. Interessant ist. daß versichert 
wird, daß, wenn auch hundert Läden in einem Orte sind, die 
Kunde ihren Bedarf (HDJ"!!}) doch nur bei einem Krämer zu 
decken pflege, daß mau ferner zu dem gewohnten Krämer gehe^®^, 
gewiß, weil man sich Vorteile davon versprach. Es fehlt jedoch 
an Anzeichen nicht, daß sich mancher Krämer keines besondern 
Vertrauens erfreute, und in dem Urteile der Zeit stand mancher 
Krämer als geldgierig da, der den in seine Hände geratenen 
Trunkenbold zugrunde richte und sein Haus leer mache. Von 



Laden. 365 

ihm und von dem taggar nahm man an, daß er bei Gelegenheit 
den bäuerlichen Käufer (n^::n ^VD) betrüge (n)?"l)^^°. Ein Käufer 
kostete gar in sieben Läden die Speisen, die er erstehen wollte. 
Nächst Erwachsenen uüd zwar vornehmlich Männern finden wir 
im Laden des Krämers häufig Kinder, die eine Kleinigkeit nach 
Hause holen^^^ Ein Sprichwort sagte: An der Türe der Ver- 
kaufsläden stellen sich viele Vettern und Kameraden ein^^^, eine 
gewiß zutreffende Wahrnehmung. Darum also können die In- 
sassen eines Hofes die Errichtung eines Ladens in ihrer Mitte 
verhindern, sprechend: Wir können vor dem Lärm der vielen 
Aus- und Eingehenden nicht schlafen ^^^. Darum auch zur 
Regenzeit viel Kot und viele Gruben vor den Läden auf der 
Straße ^^^. Es gab eben immer viele Müßiggänger (pjt'tOI!) auf 
der Straße, oder Eckensteher (niJ"1p "'2t^'"i''), wie man auch sagte ^^^ 
Die Kauflustigen werden manchmal geradezu „Pöbel" oder 
„Menge" (Dl'pnN = oylo^) genannt^^^. So ist es nun verständlich, 
daß an Fasttagen sich die Landestrauer (um ausgebliebenen 
Regen) auch darin kundgab, daß die Läden geschlossen wurden 
{bv^), wie denn überhaupt eine Verminderung des Handelsverkehrs 
von selbst eintritt, auch wenn ein formelles Verbot nicht bestehen 
würde ^^^ Vor Sabbateingang verkündeten sechs Posaunentöne 
das Einstellen ('^''LOZn) der Ladentätigkeit^'^. 

2. n^O^PD = 7twXY]T'^piov (zu unterscheiden von I^O^D = 7üü)7.y]tyip 
= Verkäufer), Verkaufsstelle von Brot, Kraut und wohl auch von 
andern Lebensmitteln; nähere Daten fehlen ^^^. 

3. VIDD = (jToa, die städtische Säulenhalle, die fast in allen 
hellenistischen Städten arkadenartig Plätze und Straßen um- 
schloß, bot auch den Händlern einen vorzüglichen Stand ^^°. 

4. Die Säulenhalle endete in der Regel in einem mächtigen 
Gewölbe (riD3), das auch an sich ein Warenhaus war^^^ Es 
wird eines genannt aus Jisub und Antipatris. In Jerusalem, so 
berühmte man sich, existiere auch eine Rechnungshalle (PDD 
niJ12l^'nn), in der die Geschäftsfreunde ihre Rechnungen mit- 
einander ordneten und die also den modernen Börsen ähnlich 
war^^^. Gewölbte Kaufhallen stellen auch die „Bogen" (DIDIp) 
dar^^^. 

5. Das oft genannte f^^)pü = ^kAv-eXkov = macellum, vornehm- 
lich eine Fleischhalle (aram. NDPID^), war nach gr. und römi- 



366 Basilika 

sehen Beriehten ein viel prächtigeres Gebäude, als es die 
rabbinischen Quellen ahnen lassen; vor allem ist es nicht ein 
einzelner Laden, sondern eine ganze Markthalle (wovon bei den 
Rabbinen die dunkle Spur, daß sie von makullin immer in der 
Mehrzahl sprechen) ^^^. 

6. Alle aber überragte an Pracht und Großartigkeit die 
''p':5"'DZ! = (badiXtxY) = Basilika, ein Gerichtsgebäude und eine Kauf- 
halle in einem. Es war, soweit wir den Worten der Rabbinen 
entnehmen können, ein dreischiffiger Säulenbau, mit großen 
Toren, die sich im Mittelschiff gegenüberlagen, so daß jeder 
Ein- und Austretende von einem Tor bis zum andern gesehen 
werden konnte, nicht so in den beiden Seitenschiffen, die dem- 
zufolge von den Rabbinen als Privatraum angesehen wurden. 
Es gab auch Basiliken, in denen die großen Tore sich nicht 
gegenüberlagen. Die Rabbinen kennen dreierlei Basiliken: die 
der Könige, der Bäder und der Warenhäuser (rTlUiN); letztere 
ist eben unser Marktgebäude. Die berühmteste Basilika war die 
von Alexandrien (S. 258). Doch Averden Basiliken (in der 
Mehrzahl) auch aus Askalon genannt; sie waren dem Weizen- 
verkauf gewidmet, was uns den Charakter der Basiliken 
zur Genüge verrät. Nach neuester Annahme soll auch die be- 
rühmte Basilika des Konstantin in Jerusalem nicht eine Kirche^ 
sondern eine großartige Markthalle gewesen sein. In der Tat 
dürfen Basiliken mehr oder weniger für alle Städte hellenistischer 
Bauart angenommen werden, ebenso wie die Stoa. Unglücklicher- 
weise ist bezüglich Askalons, wo eine Quelle deutlich Basiliken 
nennt, in den andern Quellen das Wort in "'p":^D und ^p"''D ver- 
schrieben worden, imd so auch in bezug auf Sepphoris und andre 
Städte, weshalb das Wesen dieser zum Leben des damaligen 
Palästina gehörigen Einrichtung nicht genügend erkannt werden 
kann. Als Königspalast erscheint die Basilika ganz selten, 
etwas häufiger als die das öffentliche Bad umgebende Säulen- 
halle ^ss. 

7. Aus der Pracht der römischen Gesittung führen uns 
die Umhänge (D''V':^p) genannten Zeltkaufstellen in das primitive, 
aber um nichts weniger rege Marktleben der Nomadenvölker^^^. 

8. ?^L:vN (yh\:;Vj vh^Cp) = xaTaXua^ ist der improvisierte 
Markt, der sich an den Karawanenstationen einzustellen pflegt 



Geschäftsgebaren. 3ß7 

(vgl. S. 328), an denen das umliegende Nomadenvolk von Fall 
zu Fall in hellen Scharen erscheint, um seine Waren auszu- 
tauschen. Solche Waren sind: Vieh, Wein, Apfelwein, Fleisch 
usw.^^^ Ebenso stellt sich, wie wir bereits wissen, ein Markt 
ein in der Herberge (plIlIC S. 327) der großen Heerstraßen. 
221. Geschäftsgebaren. Ein Kauf wird in der Regel 
durchs bloße Wort (auch ohne Barbezahlung) abgeschlossen, 
und ein Zurücktreten war moralisch verpönt; juristische Folgen 
jedoch erwuchsen erst durch die feste Übernahme seitens des 
Käufers, u. z. bei Liegenschaften durch faktische Besitzergreifung 
(npTn vgl. bei Sklaven S. 87), nach anderer Ansicht auch 
mittels Geld (m^lp fliyc), bei beweglichen Gütern mittels An- 
sichziehens (n:D''i^'^), beides auch gegen Kaufbrief (112^'), die von 
eignen Notaren (s. Absclm. X) aufgesetzt wurden; die Ui*- 
kunde wurde gewöhnlich bei einem Dritten oder in den amt- 
lichen Archiven (niNDiy = ap)(£iov pl.), wie sie in den hellenisti- 
schen Städten bestanden (S. 357), hinterlegt ^*^^. Der Kaufbrief 
hieß bezeichnenderweise auch „Wegnahme" (x^/p:i'^<), und 
wenigstens bei Dingen, die nicht sofort weggeschafft werden 
konnten, z. B. bei Feldern, wurde vom Verkäufer vorläufig eine 
schriftliche Deklaration (NV""0O) abgegeben ^^^. Doch gehören 
diese Dinge in das weit ausgesponnene rabbinische Zivilrecht. 
Zum festen Kauf war erforderlich die Nennung der zu bezah- 
lenden Geldsumme {D^ül plDD, flpO C12C). Dazu ist wieder 
erforderlich, daß die Ware vorher, je nachdem, gemessen, ge- 
wogen und gezählt worden sei (s. § 224). Doch wird manches 
auch in Bausch und Bogen (^s1D^^* = hGyzpM) und auch auf 
dem Wege der bloßen Abschätzung (nn?01{<, nn?Oiy) gekauft ^^°. 
Gegenüber dem Gelde als Kaufinstrument wird die Ware, 
welcher Art immer sie sei, Frucht (nD aram. N'^''S:) genannt, 
welche Erscheinung wir darauf zurückführen können, daß in 
alter Zeit das gewöhnliche Kaufobjekt tatsächlich „Frucht" 
(nämlich Weizen, Obst usw.) war. Hierbei tritt uns die inter- 
essante theoretische Erörterung entgegen, ob gegenüber Gold 
das Silber die Ware sei oder umgekehrt: Silber das Geld, Gold 
die Ware. Gold nämlich steht jedenfalls höher im Preise als 
Silber und kann darum eher als Kaufmittel angesehen werden, 
aber dagegen hat Silber den Vorzug, eine Kurrentmünze zu 



368 Geschäftsgebaren. 

sein, während die Goldmünze (vgl. § 229 No. 3) als ein Kleinod 
gehütet wurde. Ein anderer Gesichtspunkt ist, daß Silber sehr 
den Preisschwankungen ausgesetzt ist, und das setzt es in ge- 
wissem Sinne selbst gegenüber dem Kupfer herab ^^^ Mit In- 
teresse vernehmen wir auch, daß Probekäufe (]T'D"'Jt') gemacht 
wurden^^^. 

Die Verordnungen in merkantilen Angelegenheiten sind sehr 
zahlreich und laufen alle auf die Forderung vollkommener 
Ehrlichkeit im Handelsverkehr hinaus. Eine Übervorteilung 
(riNwlX dolus = Dit'n) wurde darin erblickt, daß die Ware um 
ein Sechstel (mnt^') zu teuer oder zu billig bezahlt wurde, einerlei, 
ob der Betrogene ein Laie oder ein Kaufmann, der Käufer (npl'p) 
oder der Verkäufer ("IDIO) war; die Übervorteilung zog die An- 
nullierung des Kaufgeschäftes nach sich; bei Dingen, die ge- 
messen, gewogen oder gezählt werden, konnte man bei welch 
kleinem Betrag immer zurücktreten ^^^. Es war nicht gestattet, 
die Preise künstlich in die Höhe zu treiben (V^p^n); namentlich 
gilt dies von den notwendigsten Lebensmitteln. Lebensmittel 
seien überhaupt nicht zum Gewinne da^^"^. Es war verboten, auf 
Getreide, dessen Preis {1V^') sich im öffentlichen Verkehr — 
eigentlich durch die Großkaufleute — noch nicht fixiert hatte 
(nU**), Lieferungen abzuschließen (pDE>); maßgebend hierbei war 
der Marktpreis der nächstgelegenen Kreisstadt, z. B. Tiberias für 
die ganze Umgebung ^^^. Es war auch verboten, verschiedene 
Arten desselben Getreides ineinanderzumischen (2"iy), selbst 
neues mit neuem nicht, um so weniger neues mit altem, und daß 
dabei Getreide genannt wird, hängt nur mit den bäuerlichen 
Verhältnissen des Landes zusammen, denn in Wirklichkeit war 
jede Fälschung verboten. Dagegen durfte man starken Wein 
mit schwachem versetzen, weil er dadurch nur verbessert 
wurde (PfZl^n S. 241); mit Wasser gemengter Wein durfte im 
Laden (Dljn S. 364) nicht verkauft werden, es sei denn, der 
Käufer wüßte davon; dem Wiederverkäufer (l^n S. 351) auch 
dann nicht, denn der würde damit andre betrügen (ni^*! S. 365). 
Die Skrupel gingen soweit, daß ein Lehrer nicht zugeben 
wollte, daß der Krämer (''jnjn S. 352) den Kindern geröstete 
Körner und Nüsse, also Leckereien, gebe, um sie an sich zu 
gewöhnen (^'':i~1m vgl. S. 364), weil das unlauterer Wettbewerb 



Betrügereien. 3ßg 

sei, doch drang er damit nicht durch. Als derselbe Lehrer 
meinte, auch der Preis dürfe nicht heruntergedrückt werden, 
meinten die andern: Um so besser! Bei größern Mengen soll 
die obere Schicht nicht entfernt werden dürfen, damit das Ge- 
fällige obenauf komme, denn das wäre eine Augentäuschung 
(ryn PN 23:i). Aus demselben Grunde dürfen Sklaven (vgl. 
S. 86), Tiere und Gerätschaften (S. 270) nicht aufgeputzt 
werden ^^^. Wir kennen auch manche der hier gemeinten be- 
trügerischen Praktiken (PINDI), wie sie uns die Rabbinen getreu- 
lich überliefern; war es doch von den Rabbinen geradezu ge- 
fordert, von den Praktiken genau unterrichtet zu sein, damit 
sie den Betrügern (]''^sd) an Schlauheit nicht nachstünden. 
Die Betrügereien wurden zum Teil mit den Gemäßen (w. u.), 
zum Teil mit den Waren geübt. Dem Viehe z. B. gab man 
Kleienwasser zu trinken, wodurch es aufgebläht wurde und fett 
aussah, oder striegelte man das Haar zur selben Täuschung. 
Der Krämer spritzte seinen Laden mit duftendem Ol und Wein 
auf, damit die Käufer meinten, der Wein, den sie kaufen, dufte 
so. Johannisbrotsamen diente zur Verfälschung von foenum 
graecum, mit Sand vermehrte man Bohnen, mit Essig Ol (doch 
heißt es andernteils auch, daß, wenn auch bei allen Dingen, so 
doch bei Ol eine Fälschung nicht möglich sei), mit Glaucium 
wiederum Ol, und so mischte man auch (IND ""O und desgleichen Mehl 
zu Honig, Eselsmilch zu Balsam, Gummiharz zu Myrrhe, Trauben- 
blätter zu Phyllon (Malabathrum), Rötel zur Fischlake, Linsen- 
wicken zu Pfeffer usw.^^^. Die Art des Auftreibens der Preise 
sei an folgender Erzählung illustriert. Im Orte des R. Jonathan 
standen Linsen, eine beliebte Nahrung (Bd. I, S. 115), teuer 
(^H5?K), wie man denn überhaupt die Teuerung (IpV) jedesmal 
als etwas Furchtbares empfand ^^^. Da ging er zu einem Ver- 
wandten in eine nahe Stadt, und der versprach ihm, so oft er 
käme, wolle er ihm um so und soviel Linsen verschaffen. 
Eines Tages kam er wieder zu ihm, und da bedeutete ihm die 
Frau, der Verwandte sei auf dem Felde. Der Verwandte ließ 
vergeblich auf sich warten. So wandte sich nun der Rabbi an 
andre Ortsbewohner, fragend, ob Linsen erhältlich seien? ,Nein; 
aber Weizen kannst du haben. ^ j^Ich will aber Linsen!" ,Dann 
bezahle dafür so und soviel.^ Er mußte viel mehr bezahlen, 

Krauß, Talm. Arch. IL 24 



370 Terminhandel. 

als der Verwandte aügegebeu hatte. Endlich kam der Ver- 
wandte vom Felde heim, und der Rabbi klagte ihm sein Leid. 
,Ja, gewiß hast du sofort Linsen zu kaufen gesucht und so 
sprachen sie dir von Weizen; du hättest erst Weizen suchen 
sollen, dann hätten sie dir schon Linsen in Menge angetragen, 
denn sie sind eben falsch !'^^^. Wir hören auch, daß die Be- 
wohner eines und desselben Ortes in Interessengemeinschaft 
miteinander lebten (HT PN Hl ?^^), so daß der eine den Käufer 
in einem Artikel an den Geschäftsfreund, dieser in einem andern 
Artikel den Käufer an den ersten wies'^^^. 

Die meisten Waren hatten wenigstens annähernd einen 
bestimmten Preis — wurde doch in Rom durch Kaiser Dio- 
kletian sogar ein sehr detaillierter Maximaltarif der Waren ein- 
geführt, von dem die palästinischen Juden am Ende des 4. Jhts. 
allerdings eximiert gewesen sein sollen ^^^ — so daß gar grober 
Betrug wenigstens in diesem Belang nicht verübt werden konnte. 
Häufig finden wir den Ausdruck, daß die Waren abgehen 
mittels Kaufs oder Kaufscheines ("»^IX = wvy)) um den ihnen zu- 
kommenden Wert (""D^LD = ti[J.yi), doch wußte man sehr gut, daß 
manche Dinge, z. B. ein Sklave oder eine Sklavin oder eine 
unschätzbare Perle, auch noch einen Affektions wert besitzen 
und bei ihnen von einem Betrüge durch Überhalten nicht ge- 
sprochen werden könne^^^. Doch hat das Geschäftsleben so- 
viele Seiten und die Händler sind zu allen Zeiten so egoistisch, 
daß auf die verschiedensten Kaufschlüsse geachtet werden 
nmßte. Eine Art Terminhandel hieß TuCN, d. i. Handel auf 
Vertrauen. Man verkaufte nämlich die Ware um den festen 
Preis, bevor sie noch existierte oder bevor sie noch der Ver- 
käufer besaß. Namentlich machte man Schluß auf noch nicht 
eingeführtes Getreide — nur der Preis mußte bereits fixiert 
worden sein — ohne zu befürchten, daß die Ware hernach 
teurer werde und das im vorhinein gegebene Geld gleichsam 
Zinsen trage, denn, „wenn der's nicht hat, hat's ein andrer", so 
daß für das Geld die Ware auch faktisch zur Stelle geschaflft 
werden kann. Es kam auch vor, daß der Käufer vorerst eine 
Angabe machte für die Zeit, da die Ware faktisch zu beheben sein 
werde*^^. Eine andre Kaufform hieß (pers.) Nl^'ltC „Verzug" (in 
Palästina C^IT 1I0"'^p). Man verkauft danach Ware auf Borg 



Verzugsgeschäft. STX 

um den spätem voraussichtlich teuren Preis, obzwar sie gegen- 
wärtig niedrig im Preise steht; der Verkäufer redet sich näm- 
lich dahin aus, daß er die unverderbliche Ware ganz gut hätte 
bei sich liegen lassen können, bis sich der Preis hebt, denn 
das Geld benötigt er nicht und hat es auch faktisch nicht be- 
kommen; so tut er eigentlich dem Käufer einen Gefallen damit, 
wenn er ihm die Ware früher abgibt. Ein andrer Verkäufer 
redet sich dahin aus, daß es dem Käufer etwas wert sein 
müsse, die Ware im gegenwärtigen Augenblick übernehmen zu 
können, weil sie jetzt zollfrei sei — die Handelsleute (''^V2 
nrnriD) erhielten temporäre Steuerfreiheit ("ll"!"!) — und auch 
den Markt behaupten könne ^°*. Es gab übrigens von dem Ver- 
zugsgeschäft mehrere Arten, die in unsren Quellen immer nur 
von dem Gesichtspunkte besprochen werden, ob mit ihnen 
Wucher verknüpft sei oder nicht. Die Eseltreiber pflegten 
Schulden zu kontrahieren an Orten, in denen das Getreide 
teuer war ("^plTl ClpD) und gingen die Verpflichtung ein, auf 
ihren Tieren Getreide herbeizuschaffen von einem billigen Orte 
{7ir\ ülp^), nur um des eingebildeten Vorteils willen, daß sie 
dadurch ihre Geschäftserfahrung in der Erkundung der Preise 
vermehren, oder daß sie hierdurch den Anschein von Groß- 
händlern gewännen und die Preise herunterdrücken könnten"^^^. 

Produzenten und Großhändler mußten oft auf Barzahlung 
verzichten und sich mit Raten oder späterer Deckung begnügen. 
Besonders mußte der Krämer O^TUn S. 352) auf Borg geben 
('•JTljnn riDpn, ^^pn) und sein Geld durch eigne Boten einkassieren 
(n2:i)*^^. Mittlerweile standen die Schulden im Geschäftsbuch 
(Dp3S S. 349) verzeichnet. Während aber sonst bei Geldstreitig- 
keiten derjenige zu schwören hatte, welcher zu zahlen verklagt 
war (iVt^j), war in gewissen Fällen der Krämer berechtigt, die 
Eintragung seines Geschäftsbuches zu beschwören '^°'. Nächstdem 
hat, wie schon mehrfach angedeutet (S. 363), der Händler unter 
dem Neide (HWp) seiner Konkurrenten zu leiden'^^^. 

Der Kaufmann mußte darauf sehen, billiger einzukaufen, 
als er losschlug. Aus Josephus wissen wir, daß Johannes von 
Gischala 4 Amphoren Ol für 4 syrische Drachmen kaufte, um 
für je eine halbe Amphore soviel einzunehmen^*^^. Die Einkaufs- 
quelle (d:DD) bilden entweder Juden oder Heiden '^^^. Hat man 

24* 



372 Krämer und Kunde. 

schlecht eingekauft, ängstigt man sich (p3nn) und oft „ist traurig 
('2)iV) der Verkäufer und ist fröhlich der Käufer" '^^^ Bezüglich 
des Verkehrs zwischen Krämer und Kunde verdient folgende 
Misna mitgeteilt zu werden. Einer spricht zum Krämer: „Gib 
mir Frucht um einen Denar!" Jener gibt sie ihm und spricht: 
,Nun gib mir den Denar!' „Aber ich habe ihn ja schon ge- 
geben, und du hast ihn in deinen Beutel getan." In diesem 
Falle schwört der Bauer (r\^2T^ ^V-, bezeichnend für den Kreis,, 
aus dem sich die Kunden des Krämers rekrutieren). Hat er 
aber erst den Denar gegeben und spricht: „Nun gib die Frucht." 
,Ich habe sie ja schon gegeben, und du hast sie nach Hause 
geführt!' In diesem Falle schwört der Krämer. Das ist (so 
wird hinzugefügt), wenn der Getreidebottich inmitten beider 
steht; w^enn er aber soeben aus der Hand des einen in die des 
andern übergeht, so ist die Sache noch in Streit (npl'PnC)^^^. 
Ein regelrechtes Feilschen (S. 358) hören wir aus folgender Misna 
heraus. Wenn jemand eine Sache (yZn) verkauft und spricht: 
, Fürwahr, ich lasse sie dir nicht unter einem selac (Dukaten)'; 
und der andre sagt: „Ich aber, fürwahr, gebe dir nichts über 
einen seJcel''^ so sind sie beide einverstanden mit drei Denaren *^^. 
Die Kaufleute bestimmen selbst den Preis ihrer Ware. Genau so 
auch in der Wüste: die eine Karawane verkauft billiger, die 
andre teurer^^"^. Das macht eben der Wettbewerb. 

An Geräten ({<nijn "»jN^) finden wir in der Hand des Krämers 
außer Maß und Gewicht (§ 224) und dem Geldpult (r.m S. 363) 
die hölzerne oder eherne Schöpfkelle (HJ^), wahrscheinlich zu 
Ol und Wein, den Heber (npjV2, "1:in) zu denselben Flüssig- 
keiten, ein Maß in Form eines Eis (uli^^), wohl zu trocknen 
Dingen, allerlei Geräte, Säcke, Ketten, Stricke, Faden, Lappen 
und Papier (zum Einpacken) usw.**^** 

222. Marktbehörde, Steuer, Zölle. Zur Aufrecht- 
erhaltung der Ordnung und zur Wahrung staatlicher Interessen 
mußten über das geräuschvolle Getriebe des Marktes staatliche 
Aufsichtsorgane gesetzt w^erden. In seinen Jugendjahren w^ar 
selbst der nachmalige König Agrippa I. Marktaufseher (Agoranom) 
von Tiberias gewesen '^*^, so daß wir das Amt als vornehm und 
einträglich ansehen müssen. In Babylonien wurde der große 
Lehrer Rab vom Exilarchen zum Agoranom eingesetzt ^^^ Es 



Marktaufseher. 373 

scheint, daß auch in Palästina die Einsetzung der Agoranomen 
ein wertvolles Recht der autonomen jüdischen Behörden, in 
letzter Reihe des Patriarchen war, und dies stimmt mit dem 
oben (S. 370) erwähnten Marktprivileg der Juden überein. 
Nach den Quellen wird die Besetzung dieses Amtes zu den 
wichtigsten Aufgaben der jüdischen Behörden zu rechnen sein'^^^. 
Der Marktaufseher (in Inschriften p'i'il/ D"l, nh. pIl^'H ':'y2, häufiger 
jedoch mit dem offiziellen Namen D1?2''J^"i:iN und D1D"I"i:i^< = 
aYopav6[xo?, dasselbe, was in den westlichen Teilen des römischen 
Reiches Aedil = '^MDbw)'^^'^ hatte im Auftrage des Gemeinderates 
die Kornzufuhr und den Verkauf von andern Lebensmitteln zu 
ordnen und zu überwachen, Maße und Gewichte zu kontrollieren, 
die Preise in normaler Höhe zu erhalten und nötigenfalls durch 
gelinden oder starken Druck den Produzenten zu billigerem 
Verkaufe zu veranlassen, die Qualität der feilgebotenen Gegen- 
stände festzustellen, namentlich die des Weines, den er 
mittels Binsenröhre oder Heber oder auch in einem eignen 
Becher (vgl. S. 237) direkt verkostete (cycc), minderwertige 
Waren zu vernichten, die sich Widersetzenden zu strafen und 
durch untergeordnete Beamte überhaupt die Marktpolizei aus- 
zuüben ^20 jj^ g^,^ treffen wir Marktbeamte (^NpIlT) an'^^i. Es 
gab auch offizielle Schätzmeister (Dlli' nh., aram., syr. = schätzen), 
die auf offenem Markte die Preise feststellten (pll^'2 IV.P), was 
nötig war bei undeklarierten Waren {yV^H^ l"*?^" P^), z- B. wenn 
das Getreide zu faulen anfing, der Wein kamig, die Münzen 
rostig wurden '^^^, und oft übten, allerdings in wichtigen Sachen 
und durchaus nur in ihren Amtslokalen, selbst angesehene Vor- 
steher {^D1)B = scpopot;) und Synedristen das Amt des Schätzens 
aus ^23^ 

Haben wir in den Agoranomen die Hüter des Volkswohles, 
die Erhalter der gesellschaftlichen Ordnung, die in zahlreichen In- 
schriften gefeiert und gepriesen werden, zu erkennen, so begegnen 
uns umgekehrt in den Steuereinnehmern und den Zöllnern die 
verhaßtesten Menschen der antiken Gesellschaft. Die Steuer, als 
politische Einrichtung, kann hier nur gestreift werden. Rom 
erhob 1. Wi:"1}< {^y\2i<, D:^J^< = annona-as) jährliche Abgaben an 
Naturalien; 2. N^D1?^n (= BY][j.6(Jia pl, daher n^Dl^n) fiskalische 
Steuer (bekannt ist der fiscus Judaieus)'^ 3. rbm Kopfsteuer; 



374 Steuer. 

4. NnJlJN* = ayyapeia Frolindienst (vgl. den Spanndienst S. 108; 
selbst Lieferung von Frauen kommt vor, Schriftgelehrte wurden 
nicht verschont, Mensch, Tier und Sache unterschiedlos dienst- 
bar gemacht); 5. ^?''C"'T (= ^Yjpa eigentlich Geldstrafe) irgend 
eine vexatorische Steuer; 6. D?"»^ (= XoiTua^ Steuerreste), rück- 
ständige Steuer, bei der großen Steuerlast eine begreifliche 
Erscheinung, und es wurde als große Wohltat empfunden, wenn 
der eine oder der andre Kaiser beim Regierungsantritte die 
Steuerreste erließ (Hj^) und die Steuerrolle (l^CIi', auch D^ü^lD = 
t6{JvO?) verbrannte. 7. Von dem Worte x^vcjo? = census bildete 
sich bei den Juden geradezu das Wort D2p, welches „mit Geld 
strafen, strafen" überhaupt bedeutet. 8. n'p v2 aurum coronarium^ 
G'cic^OLVoq, Krönungssteuer. In byzantinischer Zeit tritt noch das 
)")"l"':i"lD''"]D = )(pü(7apyupov, eine Gewerbesteuer, auf"*^"^- In Persien 
treffen wir zum Teil dieselben Steuern an (1. {<:i"l2 Kopfsteuer, 
2. Frohndienst, 3. Naturalienabgaben an das Heer), zum Teil 
eigenartige Steuern (4. Huldigungsgeschenke, 5. i<pül2 Grund- 
steuer, 6. Beitragsleistungen zur Ausbesserung der Stadtmauer^ 
Ankauf eines Reittieres für den Stadtwächter und von Waffen 
für die Besatzung) ^^2^. Die Steuern wurden wagenweise in 
die Haupt- oder Kreisstadt an den Fiskus ()V?2tC = TapTov) ab- 
geführt"^^^; ihre Eintreibung wurde von untergeordneten Organen 
(D''ND3. 1"'^J? exactores, portitoreSy vgl. r\\L'^2 Erhebungstruppe) 
in schroffer, die Bevölkerung tief kränkender Weise im Auf- 
trage der Steuerpächter (\sOD1^''n = BY][JL0(7iwvai = puhlicani) aus- 
geführt'*^^ Es finden sich mitunter sowohl im römischen als 
im persischen Reich auch jüdische Steuerpächter und Steuer- 
beamten, von denen selten etwas Gutes zu berichten isf*^^. 

Syrien bildete in der Kaiserzeit ein eignes Reichszollgebiet, 
und der Reichszoll ward nicht bloß an der Küste, sondern 
auch an der Euphratgrenze, insonderheit bei Zeugma (vgl. NPD^^ID 

5. 329), erhoben '*^^. Aber Palmyra, das im Jahre 137 den be- 
rühmten Zolltarif erließ, ein Dokument der Handelsgeschichte, 
das auch für die nahen Juden von Interesse und für uns eben- 
darum aufschlußreich wie keines sonst ist, erweist sich dadurch als 
selbständiges Zollgebiet, was auch für die Palästina so nahen 
Städte Bostra nnd Petra und andre Städte mehr anzunehmen 
sein wird. Die Juden hatten also mit dem Reichszoll und den 



Zoll. 375 

autonomen Stadtzöllen zu rechnen, und da sich ihr Handel nur 
nach den Städten bewegte (S. 356), so ist es begreiflich, daß 
sie mit den Zöllen viel geplagt wurden. Die Römer pflegten 
ihre Zölle (COrJO von DIC, xzkr^, vectigalia, portoria), d. h. die 
Abgaben von den ein- und ausgeführten Waren, provinzweise 
an Pächter (puhlicani vgl. o.) ritterlichen Standes zu verpachten, 
die nun ihrerseits den Zoll mit unerbittlicher Strenge durch 
Unterzollbeamten (G''DnD TsXwvat visitatores) eintreiben ließen. 
In Jericho z. B. war wegen der dortigen Balsamgärten ein Ober- 
zollbeamter (ap/iTs);c6vy]?) angestellt^^^. Diese das Volk aus- 
saugenden Beamten werden schon im Munde Jesu mit 
Sündern zusammengestellt. Die Rabbinen stellen sie auf 
eine Stufe mit Straßenräubern und sonst ehrlosen Menschen; 
insofern sie Juden waren, sprechen sie ihnen die Fähigkeit 
zu gerichtlichem Zeugnis ab^^^ Von ihrem Kasten soll man 
sich kein Geld wechseln lassen, weil geraubtes Gut darin sei; 
ihren Umgang soll man, wie den der Sünder, meiden, wie denn 
die Zöllner den Rabbinen weit verwerflicher erschienen als die 
Steuereinnehmer'*^^. Bezeichnend für das von ihnen getriebene 
Unwesen ist der Umstand, daß sie Diener (eigentlich „Nach- 
läufer" ^<D2D ^L2in"l) hielten, welche den Reisenden nachliefen, 
mit der falschen Behauptung, der Zoll sei noch nicht entrichtet"*^^. 
Mit ihrem Stab ()"'l^*/2 hpl2} wühlten sie die Waren auf, damit 
ihnen ja nichts Verzollbares entgehe"*^*. An den Brückenköpfen 
(S. 329) und den Straßenkreuzungen, wo sie ihr Amtslokal 
(DDID n''2, TsT^wviov) hatten, entging ihnen wohl niemand. Bei 
Flußübergängen und auch sonst quittierten sie den entrichteten 
Zoll mit einer beschriebenen oder gesiegelten Marke {^\l' 11^'p 
PODID), die der Reisende drüben vorzeigen konnte ^^^. Haupt- 
sächlich war es auf die Kaufleute abgesehen, während der 
bäuerliche Produzent (vgl. S. 371) hier und da von dem Zoll 
befreit war (iT'^n aram. p2U'). Über Empfehlung des hochan- 
gesehenen R. Abbahu wurde einst einem Rabbi der Zoll auf 
13 Jahre erlassen*^^. Das verhaßte Geschäft lag zuweilen durch 
Generationen in der Hand derselben Familie. Es erregt unsre 
Heiterkeit, wenn wir hören, daß es Leute gab, die sich eigenmächtig 
zu Zöllnern machten und Zoll erhoben. Dabei gab es Waren, 
die keine feste Zolltaxe (Pü^p) hatten, der Willkür also großen 



376 Zoll. 

Raum gewährten. Soviel steht sicher, daß man für Bohnen weniger 
zahlte, als für Pfeflfer, für Pfeffer weniger als für Gold^^'. Es werden 
Zölle namhaft gemacht von Getreide, Ol, Grünzeug — was 
uns eigentlich überrascht, da in Palmyra z. B. Lebensmittel 
(ßptoTcic) zollfrei waren — Sklaven, Vieh, Kleidern, Schiffen, 
Perlen usw/^^ Kein Wunder, wenn man den ungerechten 
Vexationen entgehen wollte und sich auf Schmuggel verlegte; 
so wurden z. B. die teuren und dennoch leicht verbergbaren 
Perlen im hohlen Wanderstab (S. 313) mitgenommen, der 
Kleiderhändler bekleidete sich selbst mit zehn Anzügen, einen 
Sklaven gab man für einen Sohn aus usw. Wehe dem, der dabei 
ertappt wurde! Einer bestahl (22^) bezw. beschmuggelte ("''■^zn 
l^HV) das Zollärar und wurde ergriffen ("Il»'n''N); gern hätte er 
schon seine ganze Habe, die er mit sich trug, hingegeben, aber 
man rief ihm höhnisch zu: Meinst du denn, wir halten dich fest 
bloß um das eine Mal? Du wirst uns zahlen für viele Fälle, 
denn du bist ein gewohnheitsmäßiger Hehler! Daher wohl 
stammt die Redensart: Wehe wenn ich's sage, wehe wenn ich's 
nicht sage! Ahnlich: Wehe dem Schiffe, das, ohne Zoll ent- 
richtet zu haben, fährt! Einmal reiste an einem Zollamt der 
Kaiser selbst vorbei und er befahl seinen Dienern, den Zoll zu 
entrichten. ,Wozu das, der ganze Zoll gehört ja dir!' „Aber 
an mir sollen sich alle Reisenden ein Beispiel nehmen und sich 
nicht durchschwindeln. "^^^. Von großem antiquarischen Wert 
aber nicht recht aufgeklärt ist die Angabe, daß an gewissen 
Tagen infolge einer besondern kultischen Feier der Zoll erlassen 
wurde; die Kultteilnehmer und ihre Tiere waren an einem von 
Weihrauch durchdufteten Kranz kenntlich '*^^. 

223. Waren und Preise. So weit es die Quellen er- 
möglichen, wollen wir bei einigen wichtigen Bedarfsartikeln die 
Art und Weise, wie sie auf den Markt gebracht wurden und 
zugleich ihre Normalpreise zu ergründen suchen. Wir wissen 
bereits, daß man auf die gefällige Darbietung der Ware mit 
Recht Wert legte, und so wurden namentlich die Lebensmittel 
rein, geputzt, in entsprechenden Behältern oder doch gebunden, 
gehäuft, appetitlich dargeboten (w. u.). Bezüglich der Preise 
wissen wir bereits (S. 368), daß sie erst bei fortgeschrittener 
Jahreszeit fixiert wurden, während es sonst heißt, der Preis 



Warenpreise. t^YY 

(IV^'i aram. Xiyp.) sei noch Dicht stehend ("C>), und die Preis- 
schwankungen können recht beträchtlich sein, so daß die not- 
wendigste Ware, nämlich die Brotfrucht, in einer gewissen 
Einheit von einem sela^ auf zwei steigen und ebenso von zwei 
selac auf einen sinken kann. Weil von der Fixierung der Preise 
abhängig, mußten für gewisse Waren Saisons eintreten, so z. B. 
die Paschazeit für Saatkorn (S. 176), für Flachs Purim. Das 
Unterlassen der Arbeit am Halbfeiertage des Laubhüttenfestes 
treibt die Preise doppelt so hoch in die Höhe'^*^ In der Be- 
messung des Kaufgeldes (c^^2"l) kommen bei Getreide in Betracht 
der Geschmack (CVtT), der Geruch (n'''^) und das Aussehen 
(nf<"!D), und ähnliche Merkmale hatte man wohl auch bei andern 
Waren^*^. Am Fasse Wein roch man; auch kostete man den 
Wein (vgl. S. 373). und wenn man es schlau machte, kam ein 
netter Trunk heraus. Ebenso verkostete man Datteln ^^^. 

Die Preisbestimmung gestaltete sich von selbst durch den 
Marktbetrieb pyi^' Preis zugleich = Tor, Markt; vgl. ayopacj-ixY] 
Ti[XY))^"^^; doch gab es Fälle, wo die Bewohner einer Stadt die 
Preise unter sich vereinbarten (njnn)*^^. Jeder irgendwie be- 
deutende Ort normierte seinen eigenen Preis (CpT^n "iyii')> ^^^ 
diesbezüglich gab es Orte, die als teuer ("Ip^Pi Z^pc), andere, 
die als billig plin ClpC vgl. S. 371) galten. Außerdem gab es 
.einen mittelmäßigen Preis (^ji:^2 lyj', vgl. H^IiPi lyii' „hoher" 
Preis). Infolge der Preisunterschiede gab es ein ewiges Hin- und 
Herfahren zwischen den einzelnen Orten, um womöglich mehr 
als den Wert ("'111^') herauszuschlagen ("irPLiTi). Die Marktpreise 
beurteilte man durchaus nicht von agrarischem Standpunkte, d. h. 
im Interesse des Produzenten, dem es lieb sein könnte, daß seine 
Waren hoch im Preise ständen, sondern von volkswirtschaftlichem 
Standpunkte, d. h. im Interesse des Konsumenten, dessen Leben 
ja davon abhing, daß ihm die Lebensmittel erschwinglich seien. 
Im Jahre der Not darf also der Produzent weder Wein, Ol 
und Mehl aufspeichern ("^''^'Nu), noch eine kleine Quantität Johannis- 
baumfrucht (die auch zm- Volksnahrung gehörte, Bd. I, S. 113), 
„weil man dadurch Fluch (m"1"'NC) in die Preise bringen würde", 
eine Ansicht, mit welcher man sich offenbar auf Seite des 
Konsumenten stellt^^^. Wenn man von bitterer Tem-ung ("IpV 
S. 369) spricht, meint man immer die Teurung der notwendigen 
Lebensmittel"^"^'. 



378 Gelreidepreise. 

Es gibt Naturprodukte, die ständigen Preisschwankungen 
unterliegen, während andre feste Tendenz (V^p) zeigen. Auch 
im gegenseitigen Verhältnis bleibt ihre Stellung immer dieselbe ; 
Geflügelfleisch ist teurer als Kindfleisch, Salz ist ungleich billiger 
als Pfeffer, Datteln in Babylonien und Kürbis waren selbst in 
den Städten typisch billig^*^. 

1. Getreide, das (wie auch Bohnen, Gewürz, Weihrauch usw.) 
zuweilen in Säcken, meistens jedoch in dem Fruchteimer (^^?D 
S. 270) verkauft wurde, wies große Preisschwankungen auf, wie 
bereits bemerkt worden. Der normale Preis von 4 se'a Weizen 
war 1 sela', 1 Eimer ging also um 1 Denar. Zwei Eimer um 
1 sela' mußte demnach für teuer erscheinen, und wenn gar für 

1 Eimer 1 sela' gefordert wurde, so war die Zeit der Not da"*^^. 
2. Von feinem Weizenmehl kostete normal 1 Eimer 3 — 4 Denare, 
das Mehl war also bedeutend teurer als der Weizen"*^^. 3 Von 
Gerste kostete nach II. Kön. 7, 1 ein Eimer y, Sekel*^^ 4. Ein 
Laib Brot ("122) von Weizen, von dem 1 Eimer, Avie angegeben 
(No. 1), 1 Denar kostet, wurde um 1 pondijon (d. i. dupondius) 
verkauft; eine andre Ansetzung dafür ist 10 Follare. Ein kleiner 
Wecken (ppDi'p: Bd. I, S. 105) kostete 1 Ass-'-^l 5. Vom Vieh 
kostete 1 Ochs ungefähr 1 Mina (100 Denare), doch beträgt 
nach einer andern Ansetzung der Preis 1 — 2 Mina, wobei man 
etwa an einen Mastochsen oder an ein Pflugrind denken muß. 
Ein Ochs im Werte von 2 Minen, der ungeschlachtet verendet, 
ist noch immer 50 Denare wert. Eine Kuh wird ebenfalls mit 
100 — 200 Denaren berechnet, doch kommt auch der Preis von 
30 Denaren vor. Ein Kalb kostete nicht nanz 20 Denare, da 
jedoch in einer Ansetzung 100 Kälber 100 Golddenare kosten, 
so kommt ein Stück auch auf 25 Silberdenare zu stehen ■*^^. Ein 
Widder kostete nicht ganz 2 sela^ oder 8 Denare, doch auch volle 

2 sela% und die Preisschwankimg kann sich sogar von 1 bis 2* ., sela^ 
bewegen. Zwischen 1 — 3 sela' schwankt auch der Preis eines 
jungen (noch nicht einjährigen) Schafes und einer jungen Ziege, 
die also wegen ihrer Wolle bezw. wegen ihrer Milch etwas teurer 
waren als der Widder. Ein Lamm von Schaf und Ziege kostete 
nur Yß Denar^^^ 6. Ein Pfund (J^itra) Fleisch, unbestimmt 
welcher Art, kostete 1 Denar (im Edikt Diokletians i/., Denar)^^^ 
7. Das Paar Tauben stieg einst, wegen der enormen Nachfrage 



Fleisch- und Obstpreise. 379 

als Opfer, zum Preise eines Golddenars auf; als aber bedeutet 
wurde, daß auch weniger Opfer genügten, sank der Preis auf 
einen Silberdenar herab. Aus Matth. 10, 29 und Luk. 12, 6 wissen 
wir^ daß 2 Sperlinge 1 Ass, 5 Sperlinge 2 Ass kosteten ''^^. Die 
Art des Auftriebs des Rindviehs auf den Markt siehe S. 124*^ 
das Geflügel wurde wahrscheinlich paarweise zusammengebunden, 
in Körbe (Nmpl NJH) gelegt, oder im Käfig (S. 144) gehalten. 
Fleisch, Fische usw. lagen in Tonnen (fil^lp); in zerhacktem Zu- 
stande wurden die Stücke (fllDTin) über Stangen (nitOIC) gehängt 
oder in Schläuche (p2i:i) verpackt. Man band sie auch in Bündel 
und versiegelte sie oder machte Stränge (piinn, milinc) daraus, 
was namentlich bei Fischen üblich war. Zum Geschenk schickte 
man Vieh und Geflügel sowohl lebend als tot, und so werden 
sie auch auf den Markt gebracht worden sein'*^^ 

8. Feigen gingen per Stück, und man kaufte 3 — 4, vielleicht 
auch 5 — 10 um 1 Ass. Ebenso kaufte man frische Trauben, 
Granatäpfel, Melonen und getrocknete Feigen stückweise um 
1 Ass, doch wird für 1 Granatapfel auch 1 Peruta (Kupfer- 
münze = Yg Ass) und für 1 Ethrog (Zitronat-Zitrone) 1 — 2 Peruta 
angegeben. Von Datteln hatte man welche, die direkt zum Ver- 
kauf bestimmt waren (NpC^^* "»"icn). Sämtliches Obst (auch 
Rosinen) hatte man auch in Körben (70, Tl^Z'^Z), und mau kaufte 
es mitsamt dem Korbe. Es hat sich auch die Einzelheit er- 
halten, daß Feigen und Trauben auf dem Markte von Fliegen 
umschwärmt wurden"*^^. 9. Die Weine waren natürlich sehr 
verschieden im Preise. Den ganz gewöhnlichen Ausschankwein 
erhielt man den Xestes (d. i. sextarius) um 4 Stück der kleinen 
Münze lumi (vou[X[jl{ov § 225), Avährend ebensoviel Fischlake {mii- 
ries Bd. I, S. 112) nur 1 lumi kostete. Diese Zusammenstellung 
hat folgenden Ursprung. Ein Schiff (^21^ S. 339) voll muries wurde 
in den Hafen von Akko gebracht, wo sie der Empfänger, ein 
Rabbi, bewachen ließ. Als man ihn fragte, wer sie denn bis 
jetzt bewacht habe (und wer gut dafür stehe, daß die Lake 
nicht von verbotenen Fischen herrühre), sagte er, daß nichts zu 
besorgen sei, denn daß man etwa (Libations)wein dazugemengt 
(und sie also gefälscht, vgl. S. 369) habe, sei nicht anzunehmen, 
denn von der Fischlake koste der sextarius nur 1 lumi^ vom 
Wein ebensoviel 4 lumi. Dagegen wurde noch immer eingewendet, 



380 Kleider- und Gerätspreise. 



die Lake mögliclierweise von der Küste von Tyros komme^ 
wo der Wein sehr billig sei; worauf die Antwort, daß diese Küste 
(wahrscheinlicli infolge der Klippen, mi^'DT ''b^pV S. 346) unbefahr- 
bar sei^^^. Nach einer andern Ansetzung kostet ein Xestes Wein 
10 Follare^ßo iq über den Preis des Olivenöls (vgl. S. 226) 
erfahren wir nur soviel, daß 100 Schläuche (p^i:) davon 
10 (Gold)denare kosteten "^^^ Es ist erwähnenswert, daß die Ge- 
treidefrucht auch in Form der ganzen Tenne (]"i:), also des ganzen 
Ertrags, und als Schober (l^"»":; S. 188), Trauben und Oliven, 
so wie sie für die Presse bereit lagen (als IC^ZV bzw. ]12V^ S. 220) 
angekauft wurden ^^^. 11. Grünzeug (vgl. S. 199) wurde in 
Bündeln, Flechten und Strängen (nm^N, niS^zn, Nn''mDX, M^^p, 
"|"1D) zu Markte gebracht und entweder einzeln per Bund oder 
mehrere Bündel zusammen verkauft; doch finden wir Grünzeug 
auch in Tonnen (msip), während Melonen und Gurken frei vor 
dem Kaufmann lagen, woraus man sieht, daß die Art der Feil- 
bietung nach den einzelnen Gattungen variierte '^^^. 12. Flachs 
wurde in Garben (jntrc ''i»''jN) verkauft'*'^^. 

13. Kleider brachten die Kleiderhändler (niDZ ''"^ZiC) ent- 
weder in Ballen auf der Schulter oder über Stangen gehängt oder 
über den Rücken geworfen (':5''l^cn S. 106) auf den Markt; klei- 
nere Stücke brachten und hielten sie wohl auch in Kisten **^^ 
Purpur hielt man in Streifen und Strängen (piilli'':?, nin''r:r)^^^. 
Von Seide machte man Stränge (aram. N':5i''r!?2)^*^^ Ein Hemd 
kostete 4 — 5 Silberdenarc, doch auch viel teurer, nämlich 
1/2 — 1 Golddenar'*^^. Andre Preise haben wir gelegentlich ge 
funden (S. 57 und Bd. I, S. 132). Ein ioJUfh (Bd. I, S. 167) 
kostete 12, 20 und sogar 50 Denare, ein Kopf band 4 — 5 De- 
nare '^^^. Auch der Sklave erhielt bereits ein Kleid, das 30 De- 
nare kostete, und es ist nicht befremdlich, wenn das eine oder 
das andre Kleid auf 100 — 200 Denare zu stehen kam-^'^. 

14. Geräte kommen für den Markt entweder an sich in 
Betracht, oder als Behälter von andern Waren, wie wir es z. B. 
bei den Obstkörben gefunden haben. Um so mehr mußten 
flüssige Dinge, wie AVein und Ol, in Fässern und Schläuchen 
zu Markte gebracht werden, und da erfahren wir, daß es Orte 
gab, in denen die Fässer verschlossen, vielleicht versiegelt, ver- 
kauft wurden, wobei anzunehmen, daß dem Verkäufer Vertrauen 



Warenpreise. 381 

entgegengebracht wurde; das Umgekehrte war wohl der Fall, 
wenn die Fässer in andern Orten geöffnet verkauft wurden. Wir 
bemerkten schon (bei Fleisch S. 379), daß auch andre Waren 
versiegelt zu werden pflegten'^^^ Von Nadeln und Pfriemen 
machte man „Stangen" (p2), d. i. Bündel, von Beilen machte 
man Stränge (mn"inD), und Töpferwaren wurden ineinander auf- 
geschichtet*"^'^. 

15 Korallen wurden mit dem doppelten Gewichte Silbers 
bezahlt"*^^. Mehrmals konnten wir schon die Liebhaberpreise für 
Perlen (vgl. S. 370) erwähnen, und auch der kostbare Schmuck 
erzielte hohe Preise (vgl. Bd. I, S 200). Manche Glas waren 
wurden sehr teuer bezahlt (S. 286), doch war Glas im all- 
gemeinen wohlfeiler als Kupfer '^^^. 

16. Die Preise der Sklaven haben wir an andrer Stelle 
(S. 85) behandelt und dabei auch gefunden, daß begreiflicher- 
weise der Preis nach Geschlecht, Alter, Schönheit und Fähigkeiten 
sehr stark variiert. Dasselbe gilt ungefähr von den Last- und 
Reittieren. Ein Esel kostete 100 — 200 Denare-*'"^. 

17. Der Preis von Liegenschaften wird nur selten angegeben 
namentlich fehlt es an Möglichkeit, den Preis eines Joches Feld 
zu bestimmen. Wir wissen jedoch, daß Weinland teurer war 
als Fruchtland '^^^. Ein Haus konnte man merkwürdigerweise 
schon für 10 Denare erhalten, aber selbst zugegeben, es sei ein 
ganz kleines Haus gewesen, und daß in Palästina im allgemeinen 
die Häuser unscheinbar waren, so ist der Preis doch so gering 
daß wir an Golddenare denken müssen*^^. Dies folgt schon 
daraus, daß schon die Miete ziemlich teuer war (Bd. 1, S. 58). 
Von der Miete eines Hofes, eines Bades, von Werkstätten und 
Kaufhallen haben wir gelegentlich gesprochen. 

18. Den durchschnitthchen Tage lohn siehe S. 105, den 
Lohn der Lastträger siehe S. 108. 19. Der Eseltreiber ließ sich 
nach Wegstrecken bezahlen (S. 334). 20. Der Arzt und die 
Hebamme (Bd. I, S. 266) ließen sich gut bezahlen, und ihre 
Dienste werden mit denen der Gewerbetreibenden zusammenge- 
stellt, wie es auch mit denen der Toraschreiber, Notare, Schul- 
lehrer usw. geschieht. Den Lohn der Gewerbetreibenden haben 
wir in den betreffenden Abschnitten kennen gelernt (vgl. Bd. I, 
S. 145). 



382 Maße und Gewichte. 

Im allgemeinen war das Leben in Palästina ziemlich teuer; 
wird doch selbst von der Möglichkeit gesprochen, daß man aus- 
wandert, weil im Ausland (d. i. in Babylonien) die Brotfrucht 
nur halb so viel koste, und selbst die nahen phönizischen Städte 
werden als ausnehmend volksernährend (CTiH Pli^^^N*) be- 
zeichnet'^''^ Zur Beurteilung bieten sich uns dar die im Edikte 
Diokletians für das ganze römische Reich festgesetzten und noch 
näher die aus Ägypten bekannt gewordenen Preise, und da stellt 
es sich heraus, daß das gesegnete Palästina mindestens so teuer 
lebte, als die übrigen Länder des römischen Reichs, jedenfalls 
aber teurer als die Juden in Babylonien. Dies stimmt mit der 
von uns oft berührten Verarmung und sogar Not des Landes 
überein. Aber ein völlig sicheres Urteil wäre nur zu erlangen, 
wenn die talmudischen Maße und Geldwerte identifiziert werden 
könnten, eine Aufgabe, die der Spezialforschung überlassen 
werden muß*^^. 



C. Maße, Gewichte, Münzen. 

224. Von Maßen und Gewichten überhaupt. Die 
im Talmud in großer Anzahl auftretenden Maße und Gewichte 
schließen sich durchaus an das biblische Altertum an, wie denn 
ihrerseits auch die althebräischen Maße und Gewichte wenig 
Eigenart zeigen, sondern sich in das im ganzen Altertum vor- 
herrschende ägyptisch -babylonische Maßsystem einfügen'*'^. 
Dieser Tatbestand lebte mehr oder weniger auch im Bewußtsein 
der Rabbinen, die nicht müde werden zu betonen, daß die von 
ihnen aufgestellten Maßbestimmungen ()''"^'iyi^) und ihre Lehren 
von den das rituelle Baden behindernden Trennungen (piJ^Hn) 
und von gewissen ähnlichen Verhältnissen (pi^'T!^) direkt auf 
Moses zurückgehen'^^^. Zu dieser richtigen antiquarischen Be- 
merkung kommt hinzu, daß gerade bei einem Hohlmaße, dem 
als ägyptisch und althebräisch bekannten hin im Munde des 
obersten Trägers der rabbinischen Tradition, im Munde Hillels 
des Alten, die Ansicht erscheint, daß der Schüler sich der Aus- 
drucksweise des Lehrers, die nachfolgende Generation also 
der Ausdrucksweise der Altvordern, bedienen müsse'*^^ und 
ebenso die Erkenntnis, daß im misnischen Zeitalter gegen früher 



Maße und Gewichte. 3^3 

die Maße (ni"lD) größer geworden seien C^n:!:!)^^^. Die Notiz 
reicht so weit ins Altertum zurück, daß wir sie mit dem von 
dem biblischen Chronisten berichteten Auftreten eines neuen 
Maßes (vgl. IL Chr. 3, 3 roiti'i^n PHD) in direkten Zusammen- 
hang bringen können ^^^. Aus dem Buche des Arztes Afrikanos 
„Von den Gewichten" erfahren wir überdies, daß in der antiken 
Welt nebst attischen, italischen und ptolemäisch- ägyptischen 
Maßen auch syrische Maße im Grebrauch waren, so daß die bei 
den Juden aufgekommenen Veränderungen am besten als Ad- 
optierung von syrischen, will sagen phönikischen, Maßverhält- 
nissen zu erklären sind, so daß die diesbezüglichen, reichlichen 
rabbinischen Nachrichten ein über das Judentum hinausgehendes, 
allgemein archäologisches Interesse beanspruchen können*^"^. 
Längenmaße, Hohlmaße und Gewichte führen vorwiegend rein 
hebräische und sogar biblische Namen und nur selten griechische 
und lateinische; da aber der Handel eine Abschließung nach 
Nationen und Sprachen nicht kennt, besteht bei den Rabbinen 
nicht minder als bei Josephus die Tendenz, das Biblische aui 
Griechisches und Römisches umzurechnen, ja die Rabbinen be-. 
kennen ausdrücklich, daß ihre Ansetzungen bei Hohlmaßen 
beider Kategorien, nämlich bei Trocken- und Flüssigkeitsmaßen, 
nach dem italischen Maßsystem ("'p'?L::\X) berechnet sind. Damit 
ist aber kaum mehr als eine Angleichung behauptet; denn die 
Namen bleiben vorwiegend die alten '^^^. Und gerade bei 
Hohlmaßen geben sie auch Kunde von zwei einheimischen 
Systemen, nämlich von dem jerusalemischen und dem 
sepphorensischen (vgl. S. 360), die nach der soeben gemachten 
Wahrnehmung von dem gangbaren italischen System nur wenig 
abweichen konnten. Auf Grund geschichtlicher Verhältnisse 
läßt sich ferner annehmen, daß Sepphoris, das übrigens der 
Vorort ganz Galiläas war, maßbestimmend erst aufkam, als 
Jerusalem, d. i. Judäa, für das Leben des Judentums jede Be- 
deutung verlor, und nur dem konservativen Charakter und der 
pietätvollen Erinnerung des jüdischen Volkes ist es zu danken, 
daß selbst in unsrer Epoche noch vom jerusalemischen Hohl- 
maß gesprochen wird. Ein Hort alter Erinnerungen und Be- 
wahrer früherer Zustände war auch der Tempelkult zu Jerusalem, 
in welchem es uns nicht wundernehmen kann, das jerusalemische 



384 Heiliges Maß. 

und das Wüstenmaß gleichzeitig in Verwendung zu finden^ 
da dem draußen pulsierenden Leben Eingang gewährt werden 
mußte; merkwürdig genug nur muß uns erscheinen, daß 
das Hohlmaß der Wüste (nnzlD mID) überhaupt noch bekannt 
und gebraucht war, und in einer Linie steht damit im Punkte 
der Längenmaße die sogenannte Moseselle, die mit der heiligen 
Elle (l^lp "^t^ n^N) möglicherweise zusammenfällt ^^^. Beides, 
das Mosesmaß und das heilige Maß, werden übrigens genau so 
auch in hellenistischen Schriften genannt, und auch aus Josephus 
folgt, daß die altisraelitischen Maße in Palästina bis in die letzten 
Zeiten des Staatswesens üblich waren^^^ Die Misna berichtet, 
daß in dem Süsän genannten Gebäude des Heiligtums zwei 
Musterellen aufbewahrt wurden — ein gleiches findet sich auf 
der Akropolis zu Athen und auf dem Kapitol zu Rom — von 
denen die im ostnördlichen Winkel befindliche die Moseselle 
um einen halben Finger, die im ostsüdlichen Winkel befindliche 
dieselbe Moseselle um einen ganzen Finger übertraf, infolge- 
dessen man im Heiligtum gewissermaßen mit zweierlei Maß maß ; 
es wurde nämlich den Werkleuten das Rohmaterial mit der 
kleineren Elle übergeben, aber nach der größeren Elle von ihnen 
abgefordert, um sie vor der Veruntreuung von heiligem Gut zu 
bewahren/*^^. Gemeint sind die letzten Bauten im Heiligtum, und 
die Werkleute sind sicherlich die Maurer^^'^. 

Im Handelsgetriebe war je nach der Ware eine der drei 
Festsetzungen: das Hohlmaß (m"!c), das Gewicht {"^pZ'C) und die 
Zahl (y^D) unbedingt erforderlich, weshalb man denn von ge- 
messenen, von gewogenen und von gezählten Waren sprach 
(vgl. S. 193). Doch gab es Waren, deren Quantum mit allen 
drei Behelfen festgesetzt werden konnte, und da hören wir, daß 
man vor dem Schätzen in dem landwirtschaftlichen Gerät, wie 
es gewöhnlich das Hohlmaß war (w. unten), den Vorzug gab 
dem Zählen, noch mehr dem Messen, ganz besonders aber dem 
Wägen, daß man also in der gesuchten Genauigkeit bereits die 
Anschauungen unsrer modernen Zeit teilte. Es gab leicht be- 
stimmbare Waren, z. B. Eier und Nüsse, von denen es nicht 
feststand, ob sie durchaus nur auf dem Wege des Zählens 
(mJC'P 1D"l"lti' HN) oder nebstbei auch auf anderem Wege verkauft 
zu werden pflegten, und das rührt daher, daß, während der 



Maßordnungen. 3g5 

bäuerliche Produzent diese Waren in gewohnter Einfachheit zu 
zählen pflegte, der Krämer (('»J'n^n S. 364) sie wog, eine Er- 
scheinung, die bis in unsre Tage hineinreicht^^^. Schon pflegte 
auch der Produzent, um so mehr der Händler, sein eigenes Maß 
und Gewicht zu haben, doch messen beide auch mit fremden 
Gemäßen, und in strittigen Fällen sieht man nur darauf, in 
wessen Maß gemessen wurde, um daran die Tatsache des Kaufes 
festzustellen ^^^ Eine Veränderung, speziell Vergrößerung der 
Maße ist seitens der Stadt nur um ^g erlaubt, und zwar nur in 
dem Falle, wenn andre, nächst stehende Maße, mit denen eine 
Verwechselung stattfinden könnte, entweder überhaupt nicht 
vorhanden sind oder gründlich beseitigt wurden. Ein Rabbi 
namens Papa b. Samuel, der bezüglich eines Hohlmaßes (aram. 
j^t'^iD = rnü) eine Neuerung einführte (|j^n), ließ es von seinem 
Wohnorte (wahrscheinlich Machuza in Babylonien) aus in Pumbe- 
ditha antragen, wo man es abschlug; dann sandte er es nach Pa- 
punja, wo man es annahm C^Sp) und „Papas Geheimnis" (n"1?) 
nannte^^^. Vom Konstruieren (pj?, TW^'V) von Maßen und Ge- 
wichten ist auch sonst die Rede"^^^, und wir sehen nun, 
daß die Einführung von der Stadtbehörde oder einer 
autoritativen Person ausging. Überwacht wurden sie von dem 
Agoranomen (S. 373). Die hierbei befolgte Peinlichkeit erhellt 
aus folgendem Satze: „Ein mangelhaftes Hohlmaß darf man 
nicht im Hause behalten, auch wenn es nur ein Nachttopf wäre." 
Doch gilt das nur von Orten, in denen keine „Siegelung" 
(cnn = Eichung) von Hohlmaßen stattfindet, denn wo geeicht 
wird, kauft man einfach aus ungeeichtem Maße nicht. Aber 
selbst ungeeichtes Hohlmaß hat nichts auf sich, wenn die 
Einrichtung einer zeitweiligen behördlichen Kontrolle besteht, 
die man in Persien „überrechnen" (D"ijn vgl. S. 166) d. i. „über- 
prüfen" nannte. Die Sache fällt für den Käufer nur dann 
schlimm aus, wenn Abenddämmerung herrscht, oder wenn das 
Geschäft in Hast und Eile abgewickelt wird; da ist geeichtes 
Geschirr allerdings die beste Gewähr für genaues Maß**^^. 

Die drastische Bemerkung, daß möglicherweise der Nacht- 
topf das Maßgeschirr abgibt, illustriert so recht, woher in ein- 
fach bürgerlichen Verhältnissen die Maße stammten. Der Mensch 
las sie entweder von seinem Körper ab oder benutzte eines 

Krauß, Talm. Arch. H. 25 



386 Naturmaße. 

seiner Hausgeräte dazu. Wo es auf exakte Genauigkeit nicht 
ankam, bediente man sich unbestimmter naheliegender 
Größen, wie z. B. myzi^N n'PC soviel die Finger fassen, yü^p i<hr2 
oder DDiy n'pd Handvoll, Griff, ^r2:^)h ^"^ü ein Backen oder Mund 
voll, ein Schluck, in bezug auf die Entfernung py ^^ü soweit 
das Auge reicht ^^^. Hierher gehört auch die Bemessung nach der 
Olive (S. 214), nach dem Granatapfel, der Linse, der Gerste 
(S. 215), der Bohne, nach dem Ei (Bd. I, S. 125) usw. Die 
Gliedmaßen des menschlichen Körpers und der Schritt ergeben 
die natürlichsten Längenmaße (§ 225). Bei Hohlmaßen hatte 
man es besonders leicht, indem das Hausgerät zugleich ein 
Maß war (mi2 h^' ^^D, ^h^''D''\ N*JD), wie bereits bemerkt wurde; 
so auch die allbekannten landwirtschaftlichen Geräte: der Frucht- 
eimer (n^5D S. 378), der Korb (^D), der Bottich (ncip), der Obst- 
korb {rhDhj S. 379), vgl. schon bh. 2p Jcah (von 22p gehöhlt 
sein, also eine hölzerne Mulde) und ^'^^^i/ „Drittel", Drittelmaß 
einer größeren Einheit, wie denn in rabbinischer Zeit all die 
genannten Geräte auch zur Hälfte, zum Drittel und zum Viertel 
geteilt vorkommen^^"\ Die Teilung konnte ferner an Kerben 
oder Einschnitten (pin^l^) abgelesen werden, wie sie sowohl 
die Tempelgeräte als die profanen Maße aufwiesen'^^''. Die 
hohlen Hausgeräte, einerlei ob von Ton, Holz oder Leder, 
pflegten gleich in normierter Größe verfertigt zu werden ''^^ 
An einigen Geräten hatte man auch Doppelmaße; so z. B. konnte 
ein Holzblock in der unteren Hälfte zu einem ganzen „Viertel" 
(y21"l vgl. S. 295), in der obern Hälfte zu einem lialben „Viertel'' 
ausgehöhlt sein {ppr\ vgl. S. 289); daraus folgt aber von selbst, 
daß wenigstens die Hohlmaße alle von derselben Form waren. 
An solchen Geräten konnte der eine oder der andre Teil ver- 
stopft und vernagelt sein, wenn man die Doppelgestaltigkeit 
aufheben wollte ^^^. Wenn, wie oben (S. 379) berichtet wurde, 
die Ware mitsamt dem Behälter verkauft wurde, z. B. Obst mit 
dem Korbe, was eigentlich dem Betrüge Tür und Tor offen 
läßt, half man sich auch schon in alter Zeit so, daß man den 
Korb erst voll, dann leer abwog und die Differenz feststellte"*^^. 
Bei Flächenmaßen und Gewichten gingen viele dieser Möglich- 
keiten ab. Die von den Dimensionen des menschlichen Körpers 
ausgehenden Längenmaße hatten auch das Übel, daß sie jeweils 



Meßkunst. 337 

nach dem betreffenden Menschen veränderlich waren ^^^. Die 
Verknüpfung zwischen Längen- und Hohlmaß war den Alten 
wohlbekannt, denn es werden z. ß. 40 sea'^ zu drei Kubikellen 
angegeben ^^^ 

Von einer Meßkunst als einer höheren Aufgabe können 
wir nur im Flächenmaß sprechen. Man bediente sich noch immer 
eines Strickes (t'2n) von 50 Ellen Einheit mit einer Untereinheit 
von 4 Ellen, letzteres wahrscheinlich zur Bestimmung der 
Quadratelle. Infolge dieser primitiven Art des Messens lehrten 
die Rabbinen, daß eine Bodenberaessung {Vp^p 7)1^112), die zwei 
Personen gilt, z. B. zwei sich in die Erbschaft teilenden Brüdern 
oder zwei Kompagnons, die ein Gut gemeinsam gekauft hatten, 
nicht so vorgenommen werden dürfe, daß dem einen im Sommer, 
dem andern im Winter sein Teil zugemessen wird, nach den 
Erklärern darum, weil im Sommer der Strick zusammenschrumpfe, 
oder auch, weil er im Sommer in die Risse des Bodens einsinke 
und größeren Raum beschreibe ^^^ In der Tat erforderten die 
Unebenheiten des Bodens eigne Kunstgriffe, die man technisch 
"[^p „durchstechen" nannte, freilich nur bildlich, indem z. B. 
der Feldmesser, au einen Berg angekommen, die hügligen Stellen 
als durchstochen ansieht und als Ebene berechnet (V'^ZPi), an 
ein abschüssiges Tal angelangt, sowohl die Hebung als die 
Senkung als durchstochen ansieht und demgemäß berechnet. 
Nicht deutlich ist, was in einem solchen Falle damit gemeint 
ist, daß „der Untere" (der in der Senkung stehende Mann) die 
Meßschnur an sein Herz, „der Obere" (der auf der Hebung 
stehende Manu) sie zu seinen Füßen hsilte^^'^^. Da der Strick 
auch nrr'l^O heißt und da er überhaupt beim Messen gezogen 
(n^'D) wurde, so hieß der geübte (HmCV.:) Feldmesser (aram.) 
n^^mti^D (hebr. pl. mm:i^?2) „Strickzieher". Er trat in Tätigkeit 
nicht nur beim Bemessen von größern Realitäten, sondern auch 
bei Aufteilung der Felder in die einzelnen Beete und bei den 
Wasserleitungsarbeiten zu Berieselungszwecken, also in der 
Landwirtschaft^^^. Dem vorhin erwähnten Übelstande kann er 
allerdings entgehen, wenn er den Strick fest anspannt (nfl^), zu 
welchem Behufe in gewissen Abständen Stäbe oder Pflöcke 
(mtJpD, rrnn'') eingerammt waren, und noch besser^ wenn er 
statt des hänfenen oder sonst rissigen Strickes sich eiserner 

25* 



388 Längenmaße. 

Ketten bedient. Auch bedient er sich eines Feldzirkels (]''L:C'1''"i pL 
von Bia[3Y]TY)?) und des gewöhnlichen Zirkels (t'nD Bd. I, S. 21)^^*. 
Der ^^3 genannte Feldmesser war ein staatliches Organ ^°^. 

225. Längenmaße. Durchaus vom menschlichen Körper 
ausgehend, erweisen sich die jüdischen Längenmaße als sehr 
alt und mit fremden Elementen unvermischt. 

1. y5V?>* = Fingerbreite, das kleinste Längenmaß. In der 
Bibel noch wenig gebraucht, erscheint dieses Maß in unsrer 
Zeit ziemlich häufig, jedoch ohne exakte Festsetzung, denn das 
Wort „Finger" kann im Tahnud sowohl den Daumen, als den. 
Mittel- uad auch den kleinen Finger bedeuten, was der Talmud 
selbst im Verhältnis zu Tefach (w. u.) wie folgt ausdrückt: „Der von 
den Rabbinen gemeinte Tefach ist gleich 4 Daumen, oder 6 
kleinen Fingern, oder 5 Mittelfingern", wobei immer an die Finger- 
breite gedacht ist. Der Natur der Sache nach eignet sich zum Maß 
am besten der Daumen, und somit ist ein ,, Finger" = '/^ Tefach, 
nach welchem sich die genauere Rechnung richten muß^^^. 

2. n?ü (bh. auch FI^'lC) = Handbreite, ein überaus häufig 
gebrauchtes Maß, daß unter anderm auch als Definition der 
„Elle" (w. u.) dient, x^n sich ergibt die Handbreite kein sicheres 
Maß, weil die Finger sowohl lose (p'jVki* H?^) als gepreßt 
(2)iV t^) gehalten werden können^^'. Aramäisch (schon in den 
Assuan-Papyri) und syrisch ist in demselben Sinne ItJ'D (Nlli'"!^) 
im Gebrauche ^^^ 

3. n^N* bh. und nh. = Elle ist die Grundlage des Längen- 
maßes. Sie ist das natürlich gegebene Maß vom Ellbogen bis 
zur Spitze des Mittelfingers. Das sind 6 natürliche Handbreiten. 
Hierin besteht jedoch der Unterschied, daß bei Bauten und 
andren gestreckten Messungen der steife Vorderarm (bh. y'IT, 
während rabbinisch yi")T der Oberarm) angelegt werden konnte; 
bei Zeugen jedoch, die beim Messen mit der Hand gefaßt 
werden mußten, ging etwas von dem Mittelfinger ab. und so 
entstand eine Elle von 5 Handbreiten^^'^. Beide Ellen (pZH nCN = 
Bauelle, C'Prn nc^< = Zeugelle) wurden unterschiedlos ge- 
braucht, und neben ihnen noch die „Grundelle" ("nD"* m^N) und 
die „Ringselle" (221D nCN)^^^^ Da die mit der Bau- und Zeug- 
elle zugleich genannte Moseselle, zu der auch jene Musterellen 
(S. 384) in Verhältnis gesetzt werden, uns sonst unter dem 



Elle. 389 

Namen „mittlere" Elle (n'':iJ"'2 HCX) begegnet, die sowohl nach 
der rezipierten Misna (Kelim 17^9) als nach einem Ausspruch 
K. Meirs mit Ausnahme von vier dort genannten Dingen die 
„Elle" schlechthin ist, der noch außerdem die natürliche Länge 
von 6 Handbreiten gegeben wird, so haben wir im wirklichen 
Leben nur mit dieser sechspalmigen Elle zu rechnen und die 
Bauelle allein zu berücksichtigen ^^^ Dies bedeutet eigentlich 
ein Zurückgehen auf archaistische Verhältnisse, was in diesem 
Falle bewußt geschehen zu sein scheint, denn noch Raba im. 
4. Jh. in Babylonien stellt den Kanon auf, daß nach ver- 
schiedenen Richtungen stets die sechspalmige Elle gemeint sei^^^ 
Derselbe Rabbi spricht zwar auch von einer reichlichen (HDN 
npmrr') und von einer kargen (nzi^y HCN) Elle (vgl. auch PJnDD, 
r\ü)iü'\)iü genau abgepaßt), aber damit ist keine Verschiedenheit 
des Maßes selbst bedingt, sondern nur die Möglichkeit ver- 
schiedener Ausführungen, wie sie noch bedeutender bei Hohlmaßen 
besteht (w. unten). Auch Josephus setzt die Elle seiner Zeit, 
die er von der mosaischen nie unterscheidet, zwei Spannen 
gleich, und dies sind 6 natürliche Handbreiten ^^^. Daß sich 
diese relative Gleichartigkeit festgesetzt hat, bedeutet gewiß eine 
Angleichung an das herrschende griechisch-römische Maßsystem, 
wie die Rabbineu in gewissen Fällen selbst betonen (S. 383), 
und somit können wir bei diesem grundlegenden Punkte die 
römischen Maße einfach herübernehmen. 
V2)i^ = BaxiruXo? digitus 18,5 mm 
n^iD = TzodociGzri palnius (4 x 18,5) = 74 mm 
nr:N = TUYJp; cuUHis (6 X 74) = 444 mm = 0-44 m 
Danach wurden schon bisher alle Ansetzungen umgerechnet. 
Zu bemerken ist, daß auch die Berechnungen andrer Autoren sich 
in diesem Rahmen bewegen: Herzfeld (nach Boeckh) 443,61 mm; 
Benzinger für die kleine Elle 450 mm; Lauterbach für die 
sechspalmige gemeine Elle 56 cm. Wegen des kleinen Unter- 
schiedes, der allenfalls gegenüber der römischen Elle bestanden 
haben mag, ist die Aufstellung eines selbständigen rabbinisch- 
jüdischen Maßsystems nicht notwendig, und man geht sicherer, 
wenn man den Berechnungen die allbekannten römischen Maße 
zugrunde legt^^-^. Häufig erscheint das Maß „vier Ellen" (vgl. 
o. S. 387 und bei der Statur des Menschen Bd. I, S. 248), von 



390 Kleine Elle. 

dem man leicht den Übergang zum „Klafter" hat^'^, wie man 
ihn namentlich in Ägypten kannte. Man erwähnt flüchtig auch 
die thebaeische Elle (]^p"'2n n?^^)^^^. Die Armhöhlenelle (n?ON 
^nt^'), d. i. die Länge von der Armhöhle bis zum Mittelfinger, 
wurde äußerst selten gebraucht^^^ Ganz selten figuriert auch 
die „königliche" Elle (l^O n?2N), wie man sie auch von den 
Ägyptern und Babyloniern und nachmals von den Persern 
kannte. Die Juden meinten damit wohl die persische Königs- 
elle (vgl. S. 325). Sie war siebenpalmig, was sich nach einem 
Rabbi daraus erklären würde, daß die Handbreite (nSLO) aus- 
schließlich zu 4 Daumen (nicht Fingern) berechnet wurde ^'^. 

4. "IDÜ bh. heißt in aramäischer Färbung und im Talmud 
NTD"!^ garmida. Entweder als Elle schlechthin, oder doch als 
der Ellbogen ohne Finger erklärt. Letzteres scheint richtig zu 
sein. Es ist also eine kleine Elle, die man n^n:i PiCN (Rasi) be- 
zeichnen könnte. Diese kleine Elle besagt ungefähr dasselbe 
wie die „karge" Elle (o.), und man kann sie für fünf- 
palmig halten. Sie entspricht etwa dem %ijj\vf] oder dem 
7UüY|Xü)v der Griechen; jenes = 18 Finger = 346,8 mm, dieses = 
20 Finger = 385,3 mm. Nehmen wir letzteres an, so wäre die gar- 
mida im ganzen (444 — 385,3) um 58,7 mm weniger als die sechs- 
palmige EUe^^^. Merkwürdigerweise figuriert die garmida fast 
ausschließlich als Quadrat- und Kubikmaß^^^. 

5. PT bh., {<n?T aramäisch, in Septuaginta (7mO'a|JLY] = Spanne 
ist ein nur in der Bibel gebrauchtes Maß, dessen nähere Be- 
stimmung erst die Rabbinen geben; danach betrug es die Hälfte 
einer sechspalmigen Elle, und dasselbe ergibt sich auch aus 
Berechnungen und aus Josephus^-^ Bei den Rabbinen ist sonst 
rn\ der Name des kleinen Fingers ^^^ 

6. t^''D nur nh. (von *C^]V = HCtf' entfernen) = Entfernung, 
u. z. nach den Auslegern entweder die Weite zwischen Daumen- 
und Zeigefinger oder, weniger gut, zwischen Zeige- und Mittel- 
finger, eine Differenz, die wahrscheinlich schon aus der Sprache 
der Amoräer folgt, die von einem gebogenen und einem ge- 
streckten Zeiger (^ICD ''"inD opp. ICIL^'D) sprechen. Die Ausdrucks- 
weise lautet immer sit-Weite (ü^DH N*:^) oder ^i^Breitenweite 
(tO^DPi 2m"l Nt^TO)^^^. Das sit läßt sich mit gr. Bi/dc^ vergleichen = 



Sabbatgrenze. Stadium. S9i 

2/3 Spanne, demnach einfaches 5^Y = i/g Spanne; die Spanne = 
1/2 Elle - 0.22 m-, Ve Spanne 8V22 cm^24 

7. Die Meßschnur ('^'^n S. 387) diente zum Ausmessen von 
Feldparzellen, Wasserleitungen, Stadttoren, Stadtplätzen und vor- 
nehmlich zur Bestimmung der Sabbatgrenze (P,2\L^ üinp)^^^. Die 
Meßschnur von 4 Ellen (4 x 0.44) = 1.76 m, die von 50 E. 
(50 X 0.44) = 22.00 m. 

8. Die Sabbatgrenze, d. i. die Distanz, die ein Jude am 
Sabbat von seinem Wohnort aus nach jeder Richtung gehen 
darf, wird von den Rabbinen einerseits oft mit 'P"'D mil = müle 
passuum = pXtov = Meile, anderseits mit 2000 Ellen gleichgesetzt, 
und das stimmt zu der Angabe, mil sei = 7yo Stadien (w. u.), 
also (0.44 X 2000) = 880 m ^^e. Nun bedeuten aber die tausend 
Schritte der römischen Meile bekanntlich ebenso viele Doppei- 
schritte (wo nämlich derselbe Fuß wieder auftritt), so daß die 
rabbinische Ansetzung doppelt zu nehmen ist: 2 x 880 = 1760 m, 
während die römischen „tausend Schritte" auf 1478,70 m be- 
rechnet werden. Dennoch besteht das Plus in der jüdischen 
Meile bloß in Ziffern, denn ihr liegt allem Anscheine nach der 
mittlere Schritt (n''Jlj''2 H^DD w. u.) zugrunde, der kürzer ist 
als der römische Passus, so daß im ganzen die jüdische Meile 
der römischen ziemlich gleichkommen mag'^-^ Des fernem ist 
zu beachten, daß mil bei den Rabbinen häufig als Zeitmaß dient 
(man berechnet sie gewöhnlich auf 18 Minuten) ^^^, daß ferner 
Vh^ü auch Meilenzeiger sind ^2^. 

9. nyOD = der Schritt bildet ein Längenmaß und wird 
auf eine Elle angesetzt^^^. 

10. Manchmal Averden die Entfernungen mit dem allem 
Anscheine nach persischen ris (D""*!) angegeben (wie auch HDIS 
die Parasange persisch ist)^^^, wovon 71/2 gleich einem mil sind 
(ungenau auch 7 = mil)^'^^-^ demnach 1 ris = ~/^r, mil oder 
(2/i5 x2000= 4000/^.) = 2662/3 Ellen. Manche haben sogar die 
Lesart Dil und erkennen in dessen Zahlenwert die Angabe 266. 
Das ris ist offenbar = Stadium, weshalb denn „das Königstal" 
(Gen. 14,17) in der aramäischen Paraphrase als „des Königs 
Stadium" und „das Roßtor" (Jerem. 31,39, Nehem. 3,28) in der- 
selben Paraphrase als „Stadium" (nD''"1 D^2) gedeutet wird, offen- 
bar in Ansehung des „königlichen" Spiels, dessen Schauplatz 



392 Flächenmaße. 

das Stadium, und in Ansehung der Pferderennen, die daselbst 
abgehalten wurden. Auch die Anlage eines rabbiniscben Lebr- 
hauses wird in einem Falle als Stadium bezeicbnet^^^. Die 
„Wegstrecke" (px n"12D Gen. 48,7) wird in der Septuaginta mit 
Hippodrom (l7u:üöBpO[xo?) wiedergegeben, wonach also solche Be- 
zeichnungen ein ungefähres Längenmaß bildeten ^^*. 

226. Flächenmaße. Die Meßschnur (S. 391) dürfte 
auch als Flächenmaß gedient haben^^^. Eigens als Flächenmaß 
konstruierte Behelfe gibt es weder in der Bibel noch im Talmud. 
Man gibt, durchaus nur im landwirtschaftlichen Leben, vielmehr 
an entweder 1. "DH das Joch, also die Pflugstrecke eines Rinder- 
paares^ 2. H^V^ gleichfalls Pflugstrecke (S. 175), oder die Menge 
der Aussaat, die in einem Felde erforderlich ist, u. z. 3. 71^^^ 
die Parzelle (S. 178), 4. HND n^2 Feld von einem sea>^ oder 
GTIND n''2 Feld von zwei sea'^ Aussaat (S. 178), häufig auch 
y^n n^2 Feld von V4 (Kab) Saatgut (2p Pi^Z ist das Vierfache 
davon, und von diesem ist wieder pzp mV2"1X n"'2 das Vierfache), 
ferner ID r\^2 Feld von einem Kor Saatgut (Kor = Chomer, 
folglich "jnt' iTZ, das die Hälfte des Chomer ist, zugleich auch 
die Hälfte des Kor)^^^. Das Feld von einem sea^ Aussaat wird auf 
784 qm berechnet; die Tagesarbeit des Pflügers betrug vier solche 
bei sea'^^''. 

227. Hohlmaße, Die rabbinische Tradition schreibt 
den im Heiligtum gebrauchten Flüssigkeitsmaßen größere Heilig- 
keit zu als den Trockenmaßen ^^^. Sowohl für trockene als 
flüssige Gegenstände bildet in der Bibel der Chomer ("l?2n) die 
Maßeinheit; nach Ezech. 45,11 ist =e/a (PIDN) eine obere Einheit 
für trockne, hatli (HD) eise solche für flüssige Dinge, sonst aber 
sind sie gleich. Die Rabbinen jedoch lassen die beiden Aggre- 
gatsformen nicht ohne weiteres ineinander übergehen, sondern 
stellen den Satz auf: 2O0O hath flüssig macht 3000 hath trocken, 
oder: 40 sca' flüssig macht 2 lior trocken. Das ist: die Kapazität 
von Gefäßen für Flüssiges zeigt zu der von Gefäßen für Trockues 
ein Verhältnis wie 4:6 (2:3), nach Rasi darum, weil trockne 
Dinge gehäuft (ti*"i:i, l^l":i't gemessen werden können und dies 
ein Dritteil des Inhalts ausmache. Auch die Griechen sprechen 
von gehäuften Maßen ([j.6Bio? yejjiwv, auch yo[jl6?, 6;:£pYO[xo?, lat. 
cumulatus). Der Gegensatz dazu ist „gestrichen sein" (pTIC); 



Trockenmaße. 393 

darunter versteht man, daß man mit irgendeinem Stab oder Lineal 
über das im Gefäße liegende Getreide fährt. Man hatte bei 
dem ausgebreiteten Getreidehandel eigene Abstreicher (pin?2), die 
man aus gutem Oliven-, Nußbaum-, Sykomoren- und Buchsbaum- 
holz verfertigte; ein Melonenstengel sollte es nicht sein, weil er 
zu leicht, ein Erzstab auch nicht, weil er zu schwer wäre und 
einfiele. Doch hatte man zu goldnen und silbernen Gemäßen 
entsprechende goldene und silberne Abstreicher. Der Ab- 
streicher sollte ferner gleich dünn oder gleich dick sein, nicht an 
einem Ende dünn, am andern dick. Zahlreiche andre Vor- 
schriften ähnlicher Art suchen den Handel und Wandel zu 
regulieren ^^^. Eine Umrechnung geben die Rabbinen ferner in 
Sachen des Verhältnisses des Wüstenmaßes zum jerusalemischen 
und sepphorensischen (vgl. S. 383). a) 6 sea^ der Wüste machen 
5 sea> jerusalemisch, oder jerusalemisch ist um Yg gi'ößer als 
das Wüstenmaß, oder auch: jerusalemisch ist I1/5 des Wüsten- 
maßes, b) Sepphorensisch ist IY5 jerusalemisch^*^. Wir er- 
halten nun folgende Umrechnungen: 
5 sed'^ j = 6 scS W oder 1 s, j = l'/^ s. SV 
. 7,2 Viertelkab W =6 Viertelkab j = .5 Viertelkab s. (oder) 

_6_1_5 _^_25 

A. Trockenmaße. 1. Hli^D = Ei dient oft als Maßbestimmung, 
u. z. hat man dabei, wie ausdrücklich mitgeteilt wird, weder 
ein großes noch ein kleines, sondern lediglich ein mittelgroßes 
Ei vor Augen (große Eier heißen auch „lachende", mpmii' G''H'*2 
vgl. S. 389), und es wird auch eine Anleitung zur Bestimmung 
des Eiumfanges gegeben: Man gibt Wasser in ein Gefäß, legt 
das Ei hinein, und soviel Wasser das Ei verdrängt, beträgt das 
mit „Ei" gemeinte Maß^'^^ Ferner wird das Ei mit ^j^^^ Kab 
gleichgesetzt, und dasselbe folgt auch aus der Berechnung, wo- 
nach sea^^ der Wüste = 144 Eier-, folglich, da 1 5ca> = 6 Kab 

144 
(w. u.), 1 Kab = —^ = 24. Da nun ferner 1 Kab = 4 Log, so 

ist ein Log = 6 Eier. Umrechnungen finden statt auf „Finger" 
(Längenmaß) und auf Gewichte (eigentlich Münzen) ^'^^. 

2. 2p Kab (S. 386) mit den Unterabteilen 2p ^i^H Halbkab, 
2pn yzn (oder kurz y^n vgl. § 226) Viertelkab, j;2n "»KH Halb- 
viertel, also Ys = pin (w. unten), dagegen das Vielfache 2p~!n = 



394 Trocken maße. 

TpLxaßoc Dreikab (und dessen Hälfte und Viertel) ■'^^^. Da 1 seai = 
24 Log, so ist 1 Kab = 4 Log^**. Das P.NJr.SD genannte Kab 
(worin irgendein Ortsname steckt, etwa Magdala) war = 5 
sepphor. Viertelkab, oder mit andren Worten: 1,8 mal so groß 
wie das gewöhnliche Kab^^°. Von den eben genannten orts- 
üblichen Kabs weicht ab das tiberiensische Kab ("»^nzü 2p), und 
auch die große Stadt Nahardea in Babylonien besaß ihr eigenes 
Kab ({^ynin^n ^2p), was wahrscheinlich auf ein eigenes Maß- 
system zu deuten ist^^^. Ein gewöhnliches palästinisches Kab 
entspricht übrigens nach Josephus 4 '^ia-uric, d. i. 4 Sextarien ^"^^ 
Jenes Achtel (jDin, NrijDin) erscheint auch als „tiberiensisches 
Achtel" (n^JI^^ n''J"'?^l^')? ^^^ 6^^ knüpfen sich daran folgende 
antiquarische Notizen: Der biblische Log entspricht dem „ alten "^ 
(vXnpTiV) Fischlakenachtel in Sepphoris; da will nun ein Rabbi 
wissen, daß im Hause des R. Jannai (in Sepphoris) Honig darin 
gemessen wurde, wogegen jedoch eingewendet wird, daß es das tibe- 
riensische „alte" (ruii^"") Achtel war-, auch soll die Bezeichnung 
„alt" nur auf eine Greneration zurückreichen, und man tradiert 
bei dieser Gelegenheit, daß es früher klein, dann groß und 
wieder klein war, doch nicht so klein, wie es ehedem war^^^. 
Es sei bemerkt, daß das Kab auch ein Flüssigkeitsmaß war, 
wie nicht minder das ihm verwandte „Ei"^^^ und das nun 
folgende Jcapiza^^^. 

3. N*''Dp hapiza (pers. hawiz = gr. xaTTLÖ-Yj) war ein in Ba- 
bylonien (vgl. S. 385) gangbares kleines Hohlmaß. Es war, wie 
aus vielen Daten hervorgeht, kleiner als das Kab^^^ Die Frauen 
in Babylonien pflegten zu jedem Backen ein Tiapizo Mehl zu 
nehmen, und da dies weniger als „Zehntel" (jT^l^'y), so war es 
nicht teighebepflichtig, also war es auch weniger als 43^5 Eier. 
In diesem Belange war es übrigens mehr ein Hausgerät als ein 
Maß^^'^. Die genaue Größe steht bei den Auslegern nicht fest; 
sie vermuten Gleichheit mit 74? Vs ^^^ Vi ¥^^^^- Offenbar fügt 
sich kapiza in das palästinische Maßsystem nicht ein^^^. 

4. riwND, bh. und nh. gleich stark gebraucht, gr. (joctov, ist 
der bisher von uns häufig erwähnte Fruchteimer °^'*. Die Misna 
nimmt mit dem sea'^ häufig Berechnungen vor. Danach ist 
Vis s = Vs K^^i d- h- 1 s = 6 Kab, oder auch 1 Kab = Ve s, wie 
auch 5 s = 30 Kab ^^^ Nach Josephus ist 1 s = 1 y., it. modius 



Trockenmaße. 395 

(X"'"nD der Rabbinen S. 193); der modius aber enthält 16 sextarii, 
und 24 sextarii machen Y^ lefä (HDi^). Die Septuaginta setzen für 
seai p.£Tpov, somit ganz richtig l "^efä = Tpia pixpa = 3 Maße^^*^. 

1 modius = 8,754 1 

IV2 „ 13,1311 

1 Kab = 13,131 :6 = 2,1885 1 

1 Log = 2,1885 : 4 = 0,547125 = 55 cl^". 
Es ündet sich auch Umrechnung des seai auf Handbreiten 
und Ellen, und es kommt sea'^ auch als Gewicht vor, ja, aram. 
NPND scheint „Maß" überhaupt zu bedeuten^'^^. Häufig findet 
sich namentlich der Wassergehalt des rituellen Bades auf 40 sea> 
angegeben (Bd. I, S. 219). Schon daraus folgt, daß sea> auch 
Flüssigkeitsmaß ist^^^. Es wird auch ein nach der galiläischen 
Stadt Arbela benanntes scai erwähnt (n'''P2nN m^<D)^^^ 

5. Der ^<n^?3 (= modius s. No. 4) wird an einer Stelle un- 
genau mit dem 5ea> gleichgesetzt. An andern Stellen ist „Maß" 
überhaupt gemeint ^^^ 

6. ^s'PD^y (n'7D15^ lulda, unbekannter Bedeutung)^^^ erscheint 
unter den Teilen des Kab, und zwar als 1/5 des Viertelkab 
(VD! = j;:J1"1 No. 2) = 1 Log, der luMa also =- 1/5 Log oder = 
V20 Kab; nach einer andern Ansetzung jedoch = i/g L^ö ^^^^ 
1/32 Kab'^61 

7. Ein >e/'ä (s. No. 4) ist nach bestimmter Überlieferung = 
3 56tt'^^*; nun ist aber nach Ezech. 45,11 ein ^e/a = Vio chömer^ 
und Ezech. 45,14 setzt chömer = kör, also 1 '^cfä = Vio ^^r, oder 
1 hör = 10 lefä = 30 sea^; nach obiger Berechnung 30 x 13,131 = 
39,3930 1, somit icfä das größte Maß für trockne Gegenstände ^^^. 

8. "in'p bh. und nh. ein Fruchtmaß (eigentlich Eselslast 
S. 106). Aus Gleichungen geht hervor, daß 1 lethelih = Yg ^ör. 
Es kommt auch der halbe lethekJi vor^^^. Er wird auch mit der 
Kapazität des Geräts "IPIDED (= ^uxiry]p) gleichgesetzt^^^. 

9. D"nN = apTrapY) war auch nach Epiphanius ein „hebräisches" 
Maß^'^l Rasi (zu bBm 80^) setzt letheJch für 2"!"!«, der Verfasser 
des 'Arukh jedoch {= 1^/2 sea>) V2 letheJch: ein Sinken um die 
Hälfte! Trotz dieser Schwierigkeit läßt sich die Artabe fest- 
stellen, denn chömer ist = 30 sea'^ und Septuaginta setzen Jes. 5,10 
chömer mit Artabe gleich (6 Artaben ist ein Fehler), demnach 
Artabe = 30 seai. Offenbar ist weder von der persischen noch 



396 Flüssigkeitsmaße. 

von der medischen Artabe die Rede, sondern von der ptole- 
mäisch-ägyptischen, die auf 4^2 '^^odü angesetzt wird^^^. 

1 modius = 8,754 1, 
4.5 „ =39,293 1. 
Das ist nur um weniges geriuger als für hör (No. 7) be- 
rechnet wurde, so daß es sich auch von hier aus bestätigt, daß 
chömer = Artabe. 

10. 2*i:i und V"i:i, zwei offenbar identische Maße, hergenommen 
von dem in bestimmter Große verfertigten Lederschlauch (2*1!1 
S. 266), bedeuten zuweilen das Maß überhaupt, mehr jedoch ein 
bestimmtes Hohhiiaß^"^". Wenn z. B. gesagt wird: 30 gareb Wein, 
so hat Rasi das Recht, es mit HO sea'^ auszulegen, des fernem 
auch mit chömer = 30 sea\ Ausdrücklich wird auch gesagt: Das 
bath (S. 392) enthält 3 sea'^, so daß 2000 hath der Bibel = 60C0 sea'^ 
= 6000 gareb. Also gareb völHg gleich mit sea'^^^K Wenn gareb 
als Feldmaß gebraucht w^ird, so geschieht es in dem Sinne, daß 
das Feld soundso viel gareb Aussaat erfordere ^^^, wie wir es be- 
reits aus § 226 kennen. 

B. Flüssigkeitsmaße (n^ h\L'' ni"0 opp. i:C h:i^'), nach den 
wichtigsten Dingen auch Wein- und Ölmaße genannt ^'^. 

11. :ii7 Log, ein aus der Bibel wohlbekanntes Flüssigkeits- 
maß, wird von der gr. Bibelübersetzung mit /wOtü^y], von der 
lateinischen mit sextarius wiedergegeben. Der Log enthielt 
6 Eier (No. 1)^'^*^. Unterabteile sind: Halblog, Viertellog (ih iTp^Z"), 
oft gekürzt nur n^y^2n, dasselbe, wie gr. pL^"luJC = TsxapTov), Achtel- 
log, Halbachtellog = Vi6, 7^4 Log (=21t21ip)"^ Das Tetarton 
war ein attisches Maß, das von den Metrologen auf 0,137 1 an- 
gesetzt wird und ^i ^^s ^edirr,^ war^'^. Der Log entspricht dem 
Gewicht von 2 Pfund {^^A^^h w. u.)^'^ 

12. Das biblische pn hin (vgl. S. 382) wird mehrfach mit 
12 Log gleichgesetzt. Im Heiligtum gab es davon gewisse Unter- 
abteile, und dasselbe ist zu vermuten auch für das private Leben, 
wie nicht minder größere Einheiten, und in beiden Fällen müssen 
gewisse Einheiten schlechterdings liin geheißen haben, denn nur 
so erklärt sich die folgende Kontroverse von alten Autoritäten. 
Hillel sagte: Ein hin voll zu 12 Log geschöpften Wassers macht 
das rituelle Bad untauglich; Sammai sagte: Ein hin voll zu 
36 Log usw. -, die Weisen sagten : 3 Log (ohne Erwähnung von 



Flüssigkeitsmaße. 397 

USW. Jene Lehrer kanaten also eine /^m-Einheit zu 12 Log, 
zu 36 Log (das Dreifache) und zu 3 Log (das Viertel) ^^^. 

13. n^tOip, von den Rabbinen für r\^.)\r;r2 (Lev. 19,35) ge- 
setzt, scheint = xoTü7.Y] zu sein (s. No. 11) = Log im Sinne von 
Maß überhaupt^^^. Tatsächlich wird H^llL^^O auch von andrer 
Seite mit [jisirpov = Maß gleichgesetzt, welches freilich auch ein 
bestimmtes Maß sein kann^^^. Mit der ersten Annahme steht 
im Widerspruch der Umstand, daß dasselbe n"lV^'?2 von den 
Rabbinen mit 1/3^ Log berechnet wird^^^ 

14. 21DTp = V64 Log (No. 11) hat oft den Sinn: Kleinigkeit^^". 

15. ^LOJN, auch t<^L:J, war ein verbreitetes Hausgerät (S. 295), 
das, ^/4 Log enthaltend, ein bestimmtes Maß geworden ist^^^. 

16. 17. p^:^, :2JiS (n*:^:) sind desselben Charakters wie 
das vorige und auch von derselben Größe ^^■*. 

18. iND''"'p hajsä, wahrscheinlich nur Hausgerät (vgl. ^s''Dp 
Bd. I, S. 60), das auch in diesem Fall, wie schon oft bemerkt 
wurde, zum Maß bestimmt wurde. Nach Rasi w^ar es ein Log, 
nach dem Verfasser des 'Arukh ein spezieller Löffel ("imn vgl. 
S. 295), der aus Holz verfertigt war^^^. Der Löffel (f]-), so be- 
nannt wie die Handhöhle (^r, vgl. TPl nD''D ^^Ü eine Handfläche 
voll, jDn ^bü Handgriff S. 386) konnte aber sicherlich nur ein 
unbestimmtes Maß sein^^^. 

19. Mit dem Löffel (min) nun wird identifiziert ein in 
Babylonien gebrauchtes, nur einmal erwähntes Maß, das sarges 
(]VTW pers.) hieß und nichts als ein Kochlöffel war^^^. 

20. Nrcn = Y]|jiva hemina, ein Maß, das ^/g sextarius ent- 
hielt. Ein Becher in der Größe von 4 — 5 Heminen hieß (pers.) 
pithkä (.xpn'»^)°^^ 

21. NPItOD = [X£TpY]TY)? (wörtlich „Messer"), ein Maß, das 
72 attische Xestes enthielt. Die Rabbinen erblicken in ihm 
nicht nur ein Flüssigkeits-, sondern auch ein Trockenmaß; die 
Ausleger ihrer Worte lassen es einen ledernen Sack sein, der 
dann von einer bestimmten Größe (vgl. No. 10) sein müßte ^^^. 

22. NJ^n2 (wahrscheinlich verwandt mit wXilD S. 237 Wein- 
faßspund), etwa ein Becher zum Weinkosten, war ein nur ein- 
mal in Babylonien erwähntes kleines Maß, das von den Auslegern 
auf 1/32 Log angesetzt wird^^^. 

23. NlID (S. 290), ein Becher, der ziemlich oft als Maß 



398 Gewichte. 

figuriert. Der attische yi^ouc, enthielt 6 Xestes; aber nach dem 
Talmud hat R. Asi in Huzal eins eingeführt, welches 1/4 Log, 
d. i. 1/4 Xestes enthielt^si. 

24. Der oft erwähnte Xestes kommt ebenfalls häufig vor 
{«J2D"'P = 5s(7TY]? sextarius, hebraisiert \^üp heset, auch )l2:^D''Dp 
= ^e(7Tiov) ^^^, der aber ursprünglich wieder nur ein Gerät war 
und diesen Charakter auch noch später bewahrte. Josephus be- 
rechnet das biblische hath auf 72 Xesten^^^. 

25. N2TJ ni^bä, ein einziges Mal zur Messung einer Lage 
von Weizen gebraucht, wahrscheinlich so gemeint, daß man den 
Daumen in die Frucht hineinsteckt. Es ist darum kein Längen- 
maß, sondern, in Anbetracht der übrigen mit der hohlen Hand aus- 
geführten Messungen, sonst wohl ein durch Aufdrücken des 
Fingers an die Handfläche erreichtes Hohlmaß ^^*. 

228. Gewichte. Ebenso wie bei den früheren Gemäßen 
kommt auch hier ein primitives Wägen in Betracht. Man wiegt 
Op^) z. B. mittels Balancierens in der Hand, oder ein Stück 
gegen das andre (besonders bei Fleisch), oder ein Stück Fleisch 
gegen ein Gerät, wobei die Fleischhacke (y"'^1p S. 814) am nächsten 
liegt, und auch so. daß man das Fleisch ins Wasser tut und 
das Steigen des Wassers von den Kerben des Gefäßes ab- 
liest, und endlich etwas komplizierter auch so, daß man das 
Wasser durch das fragliche Stück überlaufen läßt und das ab- 
gelaufene Wasser wiegt; wenn nämlich jemand „das Gewicht 
seiner Hand" dem Heiligtum zu geben gelobt, schafft man ein 
mit Wasser gefülltes Faß herbei, gibt die Hand bis zur Achsel 
hinein, wodurch natürlich Wasser verdrängt wird; in dessen 
Schwere gibt man nun von Fleisch, Knochen und Sehnen be- 
stehendes (mit der Hand gleichartiges) Fleisch vom Esel hinein, 
bis das Wasser das Faß wieder füllt ^^^. Aber dabei bleibt es 
natürlich nicht, sondern man bedient sich eines zum Wägen ge- 
eigneten Geräts (m?2t' ~D1V) und konstruiert schließlich eins, das 
direkt den Zwecken des Messens dient (rnr2'^ "Pivcr, ^hz^^^. 

Alte Gewichte hat man selbst in dem alten Niniveh ge- 
funden, und es gibt auch altisraelitische ^^^ Die Rabbinen sprechen 
oft von den Gewichten (bh. und nh. m^ptiV^), von der Wage 
(G^:KSD aram. wN:"11D, iNnHDTO S. 365, gr. jP::i»np = j^apiaTiwv eine 
große Wage) und von deren Konstruktion ^^^. An die „Königs- 



Gewichte. 399 

eile" (S. 390) gemahnt der „Königstein" [ihür] PN IL Sam. 14,26), 
den noch die Kabbinen kennen, denn das Gewicht y.&.t l^oyi]'^ 
ist eben der Stein (pN schlechthin), der selbst im Namen der 
Münze V^D (eigentlich Fels) nachklingt^^^. Die neuerdings in 
Palästina gefundenen Gewichtsteine sind aus gelblichem Stein 
mit bräunlichen Adern ^^°. Wenn laut Angabe auch aus andern 
Gründen, so geschieht es dennoch auch aus unbewußtem Kon- 
servatismus, daß die Rabbinen verlangen, daß die Gewichte nicht 
gemacht werden sollen weder aus Ba.az (S. 300), noch aus Blei, 
noch aus Zinn, und überhaupt nicht aus irgendeinem Metall, 
sondern nur aus Stein und höchstens aus Kiesel und Glas; der 
Grund ist, daß jene abwetzen, diese nicht. Die Legende will 
jedoch wissen, daß in des Königs Salomo Zeiten, wo man an 
Gold und Silber so großen Überfluß hatte, sämtliche Gewichte 
aus Gold gemacht waren, und man wäre nicht auf die Idee ge- 
kommen, wenn nicht auch das wirkliche Leben Goldgewichte 
aufgewiesen hätte ^^^ Die Gewichte, wie überhaupt alle Maße, 
vornehmlich die gebrechlichen Hohlmaße, konnten natürlich auch 
zerbrechen ("IDHl^J), und dem waren die Steingewichte mehr aus- 
gesetzt als die metallenen. Die Bruchstücke wurden nicht weg- 
geworfen, sondern zusammengefügt oder zu kleineren Gewichten 
verarbeitet^^^. Kleine Gewichte wurden in Leder eingewickelt 
("n"lii), damit sie nicht wetzten oder sich abbröckelten ("IDfl)^'^. Die 
Rabbinen, wie gesagt (S. 369), legten großen Wert darauf, 
allen Kniffen und jeglichem Schwindel des Geschäftslebens aus 
eigner Kenntnis begegnen zu können, und so unterließen sie es 
auch nicht, zu lehren, daß man die Gewichte (der BeschweruDg, 
richtiger der durch Salzfraß herbeigeführten Verminderung wegen) 
nicht in Salz legen dürfe; bei Hohlmaßen entspricht dem der 
Kniff, daß man das Gefäß zur Seite neigt und das Getränk 
(Wein, Ol) aufschäumen läßt^^"*. Ferner lehrten sie, daß man 
die Unterabteile ebenmäßig machen soll; von einem Pfund also 
halbes Pfund und Viertelpfund, weil das der Kunde kontrollieren 
kann, nicht aber ein Drittel- und ein Fünftelpfund, eine 
Lehre, die vielleicht auch so gemeint ist, daß man mit den 
Unterabteilen bis zu einem Viertel heruntergehe, weiter aber 
nicht, weil sich die Leute in den kleineren Maßen nicht aus- 
kannten ^^^. In ihrer Fürsorge für den Käufer rieten sie ferner, 



400 Wage. 

daß man sich 2/4 Pfund Fleisch nicht viertelweise zuwägen lassen 
solle (weil dann der Schwindel dreimal einsetzen könnte), sondern 
ein ganzes Pfund mit einem Viertelbeschwerer in der Fleisch- 
wagschale. Desgleichen, wenn der Käufer zehn Pfund Fleisch 
verlangt (l^]??), soll er nicht zugeben, daß es ihm pfundweise 
selbst mit Zugabe (nVirn, Verb yiDn w. u.) zugewogen werde, 
sondern verlangen, daß ihm die zehn Pfund mit entsprechender 
Zugabe auf einmal abgewogen werden. Es bestand nämlich in 
vielen Orten die Sitte, die Kunden mit einer kleinen Zugabe 
sicher zu stellen, während in andern Orten die Zugabe ausblieb 
und nur genau gewogen wurde (P/pl^'O jlJD auch |.1V)^^^. 

Je nach dem Zweck gab es außer der gewöhnlichen Wage 
des Bauern (n"'2n ""V-) mehrere Wagen. 1. 2. 3. 4. Die Setz- 
wage der Maurer, Kalkarbeiter, Maler und Zimmerleute (Bd. I, 
S. 21. 56; Bd. II, S. 267). 5. 6. 7. 8. Die Wage der Krämer, 
der Seiden- und Wollhändler und der Purpur Verkäufer. 9. 10. Die 
Wage der Glashändler und der Goldarbeiter. 11. Eine eigene 
Art dürfte sein ""j^OI^L: = TpuTocvY], vielleicht die Schnellwage {sta- 
tera) der Goldarbeiter und Geldwechsler, eine viel spätere Er- 
findung als die gewöhnliche Wage (CjTN^ lihra^ (jTa8^[j.6c, TaXavTO«;). 
12. Außerdem dürfte auch ]VL!l»"'p (oben) eine besondere Art 
darstellen ^^^ 

Aus der Konstruktion sind uns folgende Punkte bekannt: 
Die Schale {^2 hinx), deren es gewöhnlich zwei gab, hing von 
dem Balken (n:p jugum) an Ketten (aram. NjPC) herunter; in 
der Mitte des Balkens befand sich als Handhabe (ansa) ein 
(hänfener?) Faden (tCIn), der je nach Art der Wage 1 — 2 Tefach 
lang war; der Zeiger oder die Zunge, in einem Kloben (n2i*, 
agina) untergebracht, hieß bezeichnenderweise „die Seele"' der 
Wage (CJTN^^ 1:^5:3) ^^'^. Die gewöhnlichen Wagen standen wohl 
auf der Erde und differierten sehr stark in der Höhe; mehrere 
jedoch, und besonders die Schnellwage, hingen an einem Haken 
von der Zimmerdecke oder von der Zimmerwand herunter, was 
bei Fleischwagen schon darum nötig war, damit die Mäuse nicht 
herankonnten. Große Wagen, mit denen man Kupfer und Eisen 
wog, waren vornehmlich am Balken des Hauses befestigt, was 
eigentlich nicht recht verständlich ist^^''*. Die Schnellwage C-ITP-L:) 
der Rabbinen scheint keine Schalen {lances) gehabt zu haben, 



Wage. 



401 



sondern nur Haken (nT-^p^^N pl. von ocyyiu'kfi), um die zu wiegende 
Sache darauf zu hängen, und manchmal waren auch die Bauern- 
wagen so gemacht. Die Haken konnten sich so verdichten, daß 
sie einen kleinen Fassungsraum (bt^p n^2) bildeten, der zur Not 
wenigstens Geld aufnehmen konnte 0^°. Es scheint, daß jener 
bei den Hohlmaßen auftretende Abstreicher (piHD S. 393) auch 
bei der Wage gebraucht wurde und gleichfalls einen Geld- 
behälter enthielt^^^ 

Das Wägen (^pi^ aram. ^pn)^^^ 
ging natürlich so vor sich, daß 
man die Ware in die eine, das 
Gewicht in die andere Wagschale 
gab, die beiden Beschwerer gegen- 
einander abwog (iJIDw "^pt^), bis die 
Schalen stränge straff wurden {y^^') 
und die Warenwagenschale herab- 
sank (VnrrO^^^ Es genügte je- 
doch nicht, ein Gleichgew^icht her- 
zustellen, sondern man wog reich- 
lich (ySTli^u) oder gab nach er- 
folgtem Wägen einen Zuschuß 
()''?::i"l"':i) dazu; in einigen Orten be- 
stand die Sitte, noch im Verlauf 
des Wagens die Warenw^agenschale 
stärker sinken zu lassen, somit also 
eine Zuwage [V^Zn oben S. 400) 
zu ireben. 




wil 
durch 



Fig. 64. Römische Schnellwagen 

T-.. 1-1 r ' nach Mustern in Pompeji. 

Dieser scnembar irei- 

des Verkäufers wurde in denselben Orten 

feste Sitte geregelt; er sollte von trocknen Dingen 



ge Zuschuß 



V207 ^on flüssigen Dingen Vio ^^s Gesamtgewichts betragen; 
die Zuwage sollte sich nach jenem Faden (l^^m) der Wage 
richten und sollte bei der gewöhnlichen Wage und bei der 
Schnellwage gleichmäßig eine in Gewicht umgesetzte Handbreite 
(nStC S. 388) betragen, was schon an sich bei flüssigen Dingen 
2 Handbreiten wäre; doch will ein anderer Lehrer nach Maßgabe 
jenes Fadens bei den einzelnen Wagetypen immer andere Zu- 
wagen festsetzen ^^^. In Orten, wo man knapp wog, konnte der 
Verkäufer zum Gewähren einer Zugabe nicht genötigt werden; 

Krauß, Talm. Arch. H. 26 



402 Pfund. 

und so durfte er auch uicht den Preis erhöhen, falls er die 
Zugabe gewähren wollte; umgekehrt durfte er die Zugabe nicht 
entziehen, selbst wenn er den Preis herabsetzen wollte ^^^, denn 
offenbar sollte der Käufer die Basis seiner gewohnten Berech- 
nung nicht verlieren. In allen diesen Fällen handelte es sich, 
wie bemerkt, hauptsächlich um den Fleischverschleiß. Bei 
diesem notwendigen Lebensmittel hatte man mit den Fleischern 
manchen Verdruß auszustehen (vgl. Bd. I, S. 110), und da er- 
fahren wir die Einzelheit, daß, während sonst das dem Juden 
unerlaubte Fett zum Schaden des Verkäufers, die ausgeschnittene 
Spannader zum Schaden des Käufers abgerechnet wurde, ein 
Lehrer in Caesarea einführte, daß beides zum Schaden des Käufers 
geschehe, damit die Fleischer in dieser rituellen Angelegenheit 
mit voller Gewissenhaftigkeit vorgingen ^^^. Reichlich maß 
man (V''^]l/7^ s. S. 401) übrigens auch beim Hohlmaß, jedoch 
nur, wenn in großem Quantum (HC^ n"l?2 opp. npn) gemessen 
wurde, wie es z. B. die ausländischen Weizengroßhändler (nij1L2"'D 
S. 352) und sonstige Spezialisten des Fruchthandels taten-, als 
großes Quantum galten bei Frucht, also bei einer trocknen 
Ware, drei Kab (S. 393), bei flüssigen Dingen der Einkauf von 
einem Golddenar^^'. Feigen, Trauben und Gemüse wurden 
körbe- und bottenweise oft in Pauschale verkauft, und da fiel 
das ungefähre Maß durchaus nur reichlich aus^'^. 

Gewichte und Münzen standen in alter Zeit sehr nahe zu- 
einander, so daß die Geldstücke zugleich ein Gewicht waren. 
Wirkliche Gewichte hat man nur wenig, und auch die haben 
einen fremden (griechisch-römischen) Namen. 

1. Das gangbarste Gewicht ist die Iura (NnJC*? = XiTpa lat. 
lihray^^ oder das Pfund, das in Halb- und Viertelpfund (vgl. 
S. 399) zerfällt ^^^. In Sepphoris war ein etwas größeres Pfund 
im Gebrauche (vgl. bezüglich des Hohlmaßes S. 393)*'^^ Die 
Waren, die man auf Pfund kaufte, lassen sich aus gewissen 
fixen Redewendungen ermitteln. Es kommen vor ein Pfund 
Gold, ein Pfund getrockneter Feigen (S. 246), ein Pfund Ge- 
müse, ein Pfund Fisch, ein Pfund Fleisch ^22 j)^ß fleisch in 
erster Reihe nach Gewicht gewogen wurde, ist bereits bemerkt 
worden. Ein Pfund Fleisch kostete, nach stereotypen Beispielen 
zu urteilen, einen Denar (S. 378). Am Feiertag (außer Sabbat), 



Talent. 4Q3 

an dem natürlich die Versorgung mit Lebensmitteln gestattet war 
(vgl. S. 108), sagt man dem Fleischer {n2l2 S. 363) nicht, wie 
gewönlich: Wäge mir Fleisch ab um einen Denar, sondern der 
Fleischer teilt jedem das ihm nötige Stück zu. Bei dieser Ge~ 
legenheit erfahren wir die Sprechweise gewisser babylonischer 
Städte. In Sura sagte man: Gib ein Drittel und halbes Drittel 
(ohne ausdrücklich „Pfund" zu sagen); in Nares : einen Teil 
und halben Teil (= Hälfte und Viertel); in Pumbeditha: ein 
Sechstel (n"']1{< = z^otq; möglicherweise ^s''p^^* = Unze w. u.) und 
die Hälfte davon; in Nehar Peköd und in Matha Mechasja: 
Viertel und Halb viertel ^^^. Aus Pumbeditha wird sonst vom 
„Viertel des Viertels" berichtet^^^. Aus litra scheint auch ritla 
(pl. IvIO"""!, im Orient noch heute rutl) gebildet zu sein, ist jedoch 
mit jenem an Gewicht nicht gleich ^-^. Die litra wird im Talmud 
mit 100 ^U0 gleichgesetzt, ist also gleich mit mana (w. u.) = 
100 Denar. Josephus freilich läßt die [xva „bei uns" gleich 
21/2 ?«"^^« sein ^26^ 

2. "irD =- TciclavTOv = Talent scheint nur in biblischen 
Reminiszenzen zu leben. Es diente Gold, Silber und Kupfer 
damit zu wägen^^'. Nach Exod. 38,25 beträgt 1 hikkar = 
3000 seJcel. In einem Disput, den R. Jochanan b. Zakkai mit 
einem heidnischen Fürsten diesbezüglich hatte, behauptete der 
Rabbi, das heilige hikhar sei doppelt (/15l) zu nehmen. Es gab 
also 1. ein heiliges Jcikkar = 3000 sekel oder 120 mana zu 25 
sekely 2. ein profanes kikhar = 1500 sekel oder 60 mana gleich- 
falls zu 25 sekel. Anderseits wird der Disput auch so mitgeteilt, 
daß das Talent (hier ^?^L:Dip w. u. genannt) gleich 100 litra zu 
nehmen sei (das römische Talent hatte in der Tat 100 litra) 
d. i. = 2500 sekely an jener Bibelstelle also zusammen = 250000 
sehelj was zu 300000 ein Manko von einem Sechstel bedeutet^^^. 

3. NlIOJp, "l^tOJp = x£VTY]vapio^ = centenarius, Zentner 
(s. No. 2 und w. u.). 

4. N''p3lN* = ouyKia = uncia, Unze, mit den Unterabteilen 
Halbunze NpilN i/D d. i. Yi^.ioyKtov semuncia und Fünftelunze; 
wegen seiner Kleinheit mit dem Nebenbegriff „klein", „wenig" ^^^. 

Römische uncia = 27,288 gr 
lihra =12 uncia = 327,45 gr 

5. 1D''C0"1Ü = TpiTYi[x6piov = triens, d. i. (bei Römern) Yi 

26* 



404 Münzen. 

Ubra = 3 Unzen. Aber der Talmud läßt es = 1/2 ^Gina (d. i. = 
^2 Iura s. No. 1) sein, d. i. 6 Unzen, was aber bei einem bib- 
lischen Gebot der Fall ist, entprechend dem Kanon (s. No. 2), 
daß „heilige" Gewichte doppelt so groß seien als profane^^^. 

229. Münzen. Das altjüdische Münzwesen ist sehr gut 
erforscht ^^^, so daß wir uns hier auf die hauptsächlichsten rab- 
binischen Daten beschränken können. Allgemeine Benennungen 
sind 1. ]';2D (im N. T. p.ap.wva?) nicht so sebr Geld, als Ver- 
mögen, Geldeswert; 2. C^"i Kaufpreis, Geld; 3. hauptsächlich 
n^V^ Geld (von HpO "»yc wie bh. m: = Kern, Bohne, im Hin- 
blick auf die kleinen runden Umgangsmünzen), bh. nij wird 
mit richtigem Gefühl und aus sicherer Tradition aram. mit r>^. 
in Septuaginta gr. mit Obolos wiedergegeben; 4. wie schon in 
der Bibel ^DD eigentlich Silber, dann Silber als Kaufmittel ^ 
Geld; 5. V^^^ die geprägte Münze (w. u.)^^^. 

Mit einem gewissen Rechte konnte behauptet werden, daß 
in Jerusalem alle existierenden Münzen gangbar seien, denn 
von den jüdischen Festw^allfahrern flössen die verschiedensten 
Münzen dort zusammen ^'^'^ So gelangten denn zur Kenntnis 
der Rabbinen außer 1. dem palästinischen Gelde (]^"lvN myc 
'?X1t5^"'), das in beschränkterem Sinne auch „jerusalemisches"^ 
Geld genannt wurde und als landläufiges Geld (mj''"!^ mv^. 
etwa moneta nostras) namentlich der lyrischen Prägung (w. u.) 
gegenüberstand, 2. babylonisches, 3. elamitisches, 4. medisches, 
5. kappadokisches Geld^^^. 6. Eine Zeitlang sprach man auch 
von dem revolutionären ("Pr yZtCC) Bar-Kochbageld (niyo 
nVZiliD), die natürlich bald außer Kurs gerieten ^^^. 7. Viele 
Gelder werden nach dem jeweiligen Kaiser, dem obersten Präge- 
herrn, benannt, (neronisches, trajanisches, hadrianisches, severi- 
anisches, gordianisches Geld, mit genauer Angabe der Münz- 
sorte, die von dem einen oder dem anderen Kaiser in Umlauf 
war)^^^. Man bezeichnete die Kaisermünzeu mit dem Namen 
des Prägeherrn {U'^Z'^T^ CVuJ')^^?^ ß^j ^^^-^ raschen Wechsel dieser 
Art Münzen, wobei der neuantretende Herrscher die Prägungen 
seines Vorgängers für ungiltig zu erklären C^EC) pflegte, wie 
auch wegen des Materialschadens, den die Münzen erleiden 
konnten (w. u.), war sehr darauf zu achten, ob die i\Iünze auch 
gangbar sei (bh. ^,ZV ^C- H Kön. 12,5 vgl. Gen. 23,16, nh. Nu'' = 



Ty lisch er Münzfuß. 4Q5 

aram. '':iD, aram. ferner ^''"in, daher ''^''"in ''L:''"1D gangbare Kupfer- 
münzen) ^^^. 

In geschichtlicher Beziehung sind von großem Werte einige 
von den Rabbinen aufgestellte antiquarische Lehrsätze. „An- 
fänglich, als die Juden aus dem babylonischen Exil nach Hause 
gingen, trugen sie ihren Pflichtsekel in Drachmen (fll^dl w. u.) 
ab, dann begannen sie ihn in Silberlingen (Cy'PD), wieder später 
in Prägestücken (CV^tO d. i. in Halbsilberlingen), endlich in 
Denaren abzutragen." ,. Alles , Silber' (^Dr) in der Bibel ohne 
nähere Bezeichnung meint ,tyrisches Silber' (''*^1li H^-)' während 
„Silber" der Rabbinen das landläufige Silber ist". „Tyrisch" 
ist ferner identisch mit „Jerusalemisch". Insbesondre gibt es 
tyrische mana, tyrisches sela' und tyrischen Denar. Dies ist nun 
nicht dahin auszulegen, daß „das im Orient kursierende Silber 
größtenteils aus den tyrischen Bergwerken stammte" (Movers), 
sondern von der den Markt allein beherrschenden Art der tyri- 
schen Prägung, weshalb denn der seJcel = Jceseph = apyüpiov den 
Wert hatte, den ihm Tyros gab. Ein tannaitischer Text rechnet: 
6 mw-ah {nVd) Silbers macht 1 Denar-, nun gehen aber 4 Denare 
auf 1 sela^, wonach 24 ma^ah = 1 sela', und das ist eben der 
tyrische Münzfuß (ßoeckh). Die tyrische Silbermünze wiegt 
14,34 gr, VVi davon also = 0,5975 gr, und das ist das rabbi- 
nische ma'ah. Die Auszahlung des der Frau gebührenden Wit- 
wengeldes (S. 44) und der 5 Silberlinge der Erstgeburtsauslösung 
(S. 18) hatte durchaus nach dem alten tyrischen Münzfuß zu er- 
folgen^^^. Sehr häufig ist der Lehrsatz: Alles ^^seheV des Penta- 
teuchs meint Silbermünzen (CV'^D), der Propheten hingegen litras 
(Pfunde) und der Hagiographen Zentner (S. 403), was deutlich zeigt, 
wie sehr man sich dessen bewußt war, daß die Währung dem Wan- 
del der Zeiten unterworfen ist^^^. Der sehel enthielt (nach Exod. 
30,13) 20 gera^ 11,95 gr. Aber den rituell und geschichtlich so 
wichtigen Halbsekel Op^LTl D'^'l^n'C:) bestimmt man anderseits auf 
6 po^";:! (= Ypa[j.[j,apiov = scrupulum), das ist auf 724 der Unze = 
1,137 gr (die Unze 24 x 1,137 = 327,45 gr). Nach obigem 
ist aber ^2 sehel = 743 libra, 1 s also = V24 ^?^^'<^, wonach er 
13,65 gr wiegen sollte, und es ergibt sich ein Unterschied von 
1,70 gr. Als Erklärung mag dienen, daß auch das Didrachmon 
des Josephus erweislich gesunken ist, und selbst das Tetra- 



406 Mina. Decar. 

dracbmon sank auf phönizisches Didrachmon (auf die Hälfte!) 
herunter. Der gemeine seifet war tatsächlich auf die Hälfte des 
heiligen sehel gesunken und folgerichtig = ^J2 seM (s. bei ]cihkar)^^K 

1 . Die mana (PO*^ [j.va, [j.iva) figuriert oft als Einheits- 
gewicht von Feigen, Spezereien, Wolle, Fleisch und dgl. °'^^. 
Besonders ist darauf zu achten (wegen Dan. 5,25), daß ihm 
D"1D = Hälfte zur Seite steht^^l Eine Art wird „italische" Mina 
(''p':'CO''X n^Q) genannt^'*^. Die italische Mina enthält 100 Denare, 
während das römische Pfund deren bloß 96 enthält. Die jüdi- 
sche Mina ist also = 1^24 i*öm. Pfund. Anderseits 1 mana = 
25 sehel (s. oben), oder auch 1 sehel = 12 scrupula, 1 mana 
also (12x25) = 300 scrupula, wonach wieder j. mana = 17-24 
röm. Pfund, denn dieses hatte nur 288 scrupula. Daneben gab 
es eine mana, die 40 seliel oder selal enthielt, ferner eine von 
50 sehel (die heilige Mina war eben doppelt) ^^l Rein als Geld 
betrachtet ist mana = 200 zuz (w. u.). 

2. Der selal (s. Seite 399) entspricht dem Tetradrachmon 
oder dem Stater. Er enthielt, wie aus vielen Daten hervorgeht, 
4 Denare ^^^. Er galt in Judäa doppelt soviel als in Galiläa 
(vgl. die doppelte Währung des Heiligtums). Dies erklärt sich 
vielleicht daraus, daß sclal gewissermaßen „Geld" überhaupt 
war, und es pflegten die Leute, wie ausdrücklich gesagt wird, 
auch den halben ZU2 einen selai zu nennen, und somit waren 
10 zuz in Judaea = 5 selai in Galiläa ^^^ Es kommen vor: 
Syrische, landläufige, neronische, severianische und gefälschte 
(?ni''::inD C^V^D) Silbermünzen ^^^ 

3. Der Golddenar (ZDT "^3''"1 = BTjvapiov) ist der [denarius] 
aureus der Römer und enthält 25 Silberdenare. Er war, etwa 
wie unsre Dukaten, sehr geschätzt, weil er seinen Wert unver- 
mindert beibehielt, und war eben darum keine Kurrentmünze ^^^. 

4. Der Silberdenar (f]D- *lJ''"l), oft schlechthin nur Denar, 
ist identisch mit dem zuz (ilT) und steht in starker Verwendung^*^. 
Wie nicht anders zu erwarten, kommt auch der Denar des 
lyrischen Münzfußes vor^^\ und außerdem kennen wir noch 
den trajanischen, hadrianischen und den gordianischen Denar ^^'' 
und auch den typischen Kaiserdenar (n:n"1D''P "in), d. i. den 
Denar mit der Aufschrift Kaiaapo? „des Kaisers", der in Pa- 
lästina kursierte, bei Anlässen immer neu geprägt und herum- 



Kupfermünzen. 4Q7 

gezeigt wurde, berühmt geworden durch die Evangelienstelle: 
„Gebet dem Kaiser, was des Kaivsers ist"^^^. Aus dem Aus- 
lande kennt man den arabischen Denar (vermutlich eine Prä- 
gung der