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Full text of "Textgeschichte Liudprands von Cremona"

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Jüsis<S-¥-<T. 3>7 




©arbari College ILtbrarj) 



BOUGHT WITH INCOME 



FROM THE BEQUEST OF 



HENRY LILLIE PIERCE 



OF BOSTON 



Under a vote of the President and Fellows, 
October 24, 189S 



Quellen und Untersuchungen 



zur 



lateinischen Philologie des 
Mittelalters 



herausgegeben von 

Ludwig Traube 



Dritter Band, zweites Heft 

Textgeschichte Liudprands von Cremona 



von 



Dr. phil. Josef Becker 




MÜNCHEN 1908 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



TEXTGESCHICHTE 
LlUDPRANDS VON CREMONA 



VON 



DR. PHIL. JOSEF BECKER 



MIT ZWEI TAFELN 




MÜNCHEN 1908 

C. H. BECK'SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG 
OSKAR BECK 



-^V^ — 
v- — -m 



C. H. Beck'sche Buchdruckerei in Nördlingen 



Vorwort 



Die vorliegende Untersuchung, die auf Veranlassung meines 
unvergeßlichen Lehrers Ludwig Traube entstanden ist, hat die Über- 
lieferungsgeschichte Liudprands von Cremona zum Gegenstand. Sie 
will zur Erfüllung einer allgemein als notwendig anerkannten For- 
derung beitragen und für eine etwaige Neuausgabe des Autors eine 
neue kritische Grundlage schaffen. Zu diesem Zweck wird zum 
erstenmal das gesamte handschriftliche Material in umfassender Weise 
herangezogen und verwertet. Außer den Florentiner und Mailänder 
Kodizes und den Trierer Exzerpten, bei denen ich auf schriftliche 
Mitteilungen und Photographien angewiesen war, habe ich sämtliche 
Handschriften selbst einsehen und benutzen können dank dem Ent- 
gegenkommen der Bibliotheksverwaltungen von Berlin, Brüssel, Kloster- 
neuburg, London, Metz, München, Paris, Trier, Wien und Zwettl. 
Ihnen allen, besonders den Bibliotheksdirektionen von Berlin, Brüssel, 
Paris und Wien, die mir die Handschriften nach München und Straß- 
burg i. E. übersandten, sei auch an dieser Stelle herzlichst gedankt. 

Rogasen in Posen bezw. Lörzweiler in Hessen, im Mai 1908. 

Josef Becken 



Handschriftenverzeichnis. 



Berlin, lat. fol. 358 13, 44 

Brüssel 9904 (S) 1 1 f., 22 ff., 43 

— 9884—89 15 f., 26 

— 14923 (L) 13, 25 f., 41, 44 

Florenz, Laur. Asburnham 15 11, 21 f., 43 

Klosterneuburg 741 (C) 17 f., 28, 45 

London, Harl. 2688 (H) . . : 19, 28 

— Harl. 3685 12, 24 

— Harl. 3713 (G) 12, 25 f., 41, 44 

Mailand, Ambros. P 107 14, 26 

Metz 145 12, 24 ff., 41 

München, lat. 6388 (F) 1 ff., 5 ff., 21, 39 ff., 43 

Paris, bibl. nat. lat. 5922 14 f., 26, 44 

Trier, Stadtbibliothek 388 .... ." 16, 27, 44 

Wien, lat. 400 (früher hist. prof. 178) (J) . . . 18 f., 29, 45 

— lat. 427 (früher hist. prof. 338) (V) ... 16 f., 28, 45 
Zwettl 299 (Z) 18, 29, 45 



Inhaltsverzeichnis. 



Vorwort V 

Handschriftenverzeichnis VI 

Einleitung 1 

A. Die handschriftliche Oberlieferung 5 

B. Die Genealogie der Handschriften 20 

Anhang: Die indirekte Überlieferung 37 

C. Textgeschichte 39 

1. Paläographische Vorbemerkung 39 

a) Der Ursprung von München lat 6388 39 

b) Die Herkunft von Harl. 3713 und Brüssel 14923 41 

2. Textgeschichte 42 

Tafel 1: Metz 145 fol. 204. 
Tafel 2: 1. München lat. 6388 Teil von fol. 53v; 
2. München lat. 6388 Teil von fol. 7. 



Einleitung. 



Seit Fr. Köhlers 1 ) gründlicher kritischer Untersuchung über das 
angebliche Autograph Liudprands von Cremona ist die Dringlichkeit 
der Revision unserer Ausgaben von keiner Seite verkannt worden. 
Schon Dümmler 2 ) gab in einem unmittelbaren Nachwort zu Köhlers 
„Beiträgen" zu, daß Köhler durch scharfen Nachweis der Mängel der 
Überlieferung die Notwendigkeit einer gründlicheren Neugestaltung 
des Textes dargetan habe. Es hat dann Wattenbach in den Ge- 
schichtsquellen 8 ) und noch nachdrücklicher in der neuesten Auflage 
Traube 3 ) eine neue Ausgabe als ein dringendes Bedürfnis erklärt. 
Auch sie, desgleichen Sickel 4 ), bezeichnen Köhlers Nachweis, daß die von 
Pertz 5 ) begründete und allgemein angenommene Ansicht einer eigenen 
Mitwirkung Liudprands an der Handschrift München lat. 6388 unhaltbar 
sei, als vollkommen schlagend und überzeugend. In der Tat hieße 
es Eulen nach Athen tragen, wollte man Köhlers eingehender Be- 
gründung noch neue Stützen, deren sie nicht bedarf, verleihen. 
Dennoch sei, um auch das letzte Bedenken zu beseitigen, noch ein 
Moment hervorgehoben, das bei Köhler nicht scharf genug betont 
erscheint. 

Wie bekannt, findet sich in der Münchener, ehemaligen Freisinger 
Handschrift, die Pertz seiner Ausgabe zu Grunde legt, die Hand eines 
zweiten Schreibers, eines Korrektors, der die vielen Lücken der ersten 

x ) Fr. Köhler, Beiträge zur Textkritik Liudprands von Cremona. Neues Archiv 
VUI (1883), S. 47—88. 
8 ) a. a. O. S. 89. 
8 ) Geschichtsquellen 7 I, S. 480. 

4 ) Sickel, Das Privileg Otto I. für die römische Kirche S. 14 Anm. 
6 ) Archiv der Ges. f. ä. d. Gesch. VII (1839), S. 391—404. 
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 2. 1 



2 Josef Becker, 

Hand, besonders die griechischen Stellen, ergänzte, zahlreiche Korrek- 
turen und Glossen machte und endlich das ganze VI. Buch der 
Antapodosis selbst schrieb. 1 ) Dieser Korrektor, so folgerte Pertz, ist 
Liudprand selbst, der hier die endgültige Redaktion seiner Antapo- 
dosis und Historia Ottonis 2 ) vornahm. Dieser allgemein angenommenen 
Meinung entzog Köhler den Boden, indem er außer dem Hinweis 
auf eine bessere Überlieferung in den Metzer Exzerpten auf die 
zahlreichen Fehler und Unrichtigkeiten des Frisingensis aufmerksam 
machte, freilich ohne dabei genügend zu scheiden, ob sie von der 
ersten oder zweiten Hand herrührten. Nun wäre es aber — auf diese 
letzte Ausflucht könnte ein Verteidiger der Pertzschen Hypothese 
kommen — am Ende doch denkbar, daß Liudprand nur flüchtig und 
eilig einige Verbesserungen gemacht und die Lücken ergänzt, nur 
provisorisch diese erste Reinschrift seines Konzeptes durchgesehen 
habe, seine Werke harrten ja noch des Abschlusses durch ihn selbst, 
und dann konnte ja noch eine endgültige, gesamte Redaktion vorge- 
nommen werden. So könnte man, nicht ganz mit Unrecht, Pertzens 
Meinung zu retten suchen. Aber auch diese letzte Ausflucht wird 
sofort hinfällig, wenn wir uns einiges von dem vergegenwärtigen, was 
der Korrektor mit eigner Hand niedergeschrieben hat. Zwar hat 
dieses Moment bereits Köhler für die H. O. und Buch VI der A. 8 ) 
beachtet, die von Liudprand vollständig geschrieben sein sollten, indes 
die H. O. rührt von einer dritten Hand her, und gerade die für das 
VI. Buch gemachten kritischen Ausstellungen sind nicht schlagend 
genug. Es seien daher noch einige kurze Bemerkungen gestattet, 
welche die Pertzsche Hypothese definitiv beseitigen werden. 

Pertz notiert im Apparat zum Kapitelverzeichnis von lib. I, das 
nicht bloß teilweise, sondern, wie unten gezeigt werden wird, ganz 
von der Hand des Korrektors geschrieben ist, neun Schreibfehler. 
Die Schrift selbst ist sorgfältig, die Schreibfehler sind offenbar durch 
ungenaues Lesen der Vorlage entstanden. Ist es denkbar, daß der 
Verfasser selbst diese Versehen begangen hätte, darunter Basillii, 



x ) Auch die Historia Ottonis wies man seither mit Pertz diesem Korrektor 
zu. Es wird indessen gezeigt werden, daß sie von einer, auch zeitlich betrachtet, 
dritten Hand herrührt. Schon dadurch wird die Pertzsche Ansicht von der voll- 
endenden und abschließenden Arbeit des Autors am Frisingensis sehr zweifelhaft. 

*) Von der Relatio de legatione Constantinopolitana besitzen wir keine Hand- 
schrift, sondern stützen uns nur auf den ersten Druck, sie kann daher für unsere 
Untersuchung zunächst nicht in Betracht kommen. 

*) Mit diesen Siglen sei künftig Antapodosis und Historia Ottonis abgekürzt. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 3 

flagellantes flagellantes, iruit, Marko (für Marinco)? Dies die Probe 
für ein vom Korrektor geschriebenes größeres Stück. Und seine 
Korrekturen? A. II, 3 liest der Frisingensis Sanguine rieque statt 
Sanguinemque, welche Lesart der Harl. 2688 noch erhalten hat, 
während die dem Frisingensis näherstehende, aber von ihm unabhängige 
Handschriftengruppe, von Pertz als V. Klasse bezeichnet, ebenfalls auf 
die Lesart des Frisingensis hinweist, sie hat allerdings daraus Sanquinem 
neque gemacht. Sanguine rieque beruht offenbar auf einer Ditto- 
graphie in der den beiden Klassen gemeinsamen Vorlage. Jedenfalls ist 
die Lesart vollkommen sinnwidrig, und doch ist es der Korrektor, 
dem die Schreibung des m-Striches und von neque, somit dieser 
Unsinn verdankt wird. A. III, 41 liest der Frisingensis serrari; daß es 
serari heißen muß, hat Köhler 1 ) bereits bemerkt. Ein Blick in den 
Kodex lehrt uns, daß der Korrektor das zweite r zugefügt, somit die 
Verderbnis verschuldet hat. Die vom Frisingensis unabhängigen Hand- 
schriftengruppen haben die richtige Schreibung. Auf die Stelle A. 
III, 29 hat schon Köhler 2 ) aufmerksam gemacht, er hat sie aber nicht 
genügend ausgebeutet. Die Lesart des Frisingensis fere, woraus der 
Korrektor foere machte, paßt nicht recht zum Sinn, ganz und gar 
nicht in die Konstruktion des Satzes. Es ist statt dessen, wie Köhler 
mit Recht feststellt, ferunt zu lesen, und alles ist in Ordnung. In der 
Tat schreiben so denn auch die vom Frisingensis unabhängigen Hand- 
schriften. Nun das Merkwürdige! Der Korrektor hat auf dem letzten 
Drittel von fol. 50 r die von der ersten Hand gelassene Lücke ausge- 
füllt (III, 28 — III, 29 silogismos) und unten rechts in der Ecke ein 
einsames ferunt ohne jedes Zeichen dabei niedergeschrieben. In 
Wirklichkeit hätte es auf die Versoseite gehört eben an Stelle jenes 
fere, aus dem er beim Weiterlesen nach seiner Manier ein foere dann 
machte. Es ist wichtig, festzustellen, daß dieses verschlagene ferunt 
von der Hand des Korrektors herrührt, nicht wie Köhler anzunehmen 
scheint, von der des ersten Schreibers. Offenbar hat in der Vorlage, 
wie Köhler schon bemerkt, ein ferunt am Rande sich vorgefunden, 
dieses hat der Korrektor im Frisingensis kopiert, ohne zu wissen oder 
zu beachten, wohin es gehörte, was es bedeutete. 8 ) Diesen Korrektor 
— sein Korrigieren ist meist nur ein verständnisloses Nachtragen und 
Ergänzen — mit Liudprand selbst identifizieren zu wollen, wäre eine 

*) a. a. O. S. 63. 
a ) a. a. O. S. 62. 

8 ) Das vom ersten Schreiber herrührende fere mag durch Verlesen oder Miß- 
verstehen der Abkürzung fer entstanden sein. 

1* 



4 Josef Becker, Textgeschichte Lradprands von Cremona. 

Absurdität; die Autorität des Frisingensis ist in alle Wege nicht mehr zu 
erhalten. Somit ist die Grundlage des Pertzschen Textes erschüttert 
und eine neue Fundamentierung erforderlich. Den zerstörten Bau 
neu zu begründen, wird nunmehr Aufgabe der positiven Kritik. Dieses 
Ziel hat sich vorliegende Untersuchung gesteckt Ihr Verlauf ergibt 
sich von selbst Es wird sich darum bandeln: a) das handschriftliche 
Material möglichst vollständig zu sammeln und zu beschreiben; b) es 
dann zu ordnen, zu werten und zu klassifizieren; c) beide Teile 
innerlich zu verbinden und historisch auszulegen in einer Text- 
geschichte. 1 ) 



*) Uebrigens bedürfte anefa der kritische Apparat unserer Ausgabe, selbst 
wenn der Frisingensis Amograph wäre, dringend der Berichtigung in dem, was über 
andere Handschriften notiert ist Fast unglaubliche Verwirrung ist hier geschehen. 
Ganz nnmethexfisch ist die Art der Variantenangabe ans Klasse V. Z. B. wird 
A. V, 24 bemerkt, daß Kodex 1 äkrt hinzufügt, aber auch die 5. Haodschrifien- 
grnppe weist diese Interpolation auf. Sehr oft notiert der H er ausg eber <fie Lesarten, 
b e sond er s die Konjekturen von 5a. Dieser Kodex ist nach Hertz minder wertvoll 
ab 5> wahrscheinlich sogar ans diesem geflossen. Wenn daher eine Variante einfach 
afe 5a an geh ö r e nd be ze ic hn et wird, nmfi man ann e hm e n , dafi sie sich in der besseren 
Handschrift 5 nicht findet, und doch ist das fast stets der FalL Dafi dies t atsäc hl ich 
xa Miftwsta admssen geratet hat, davon spate ein BeispieL — A. DT, 45 mint der 
Kodex 5 eine Zeile vorher mit seuber ifon fort A. IV, 23 ist eine grütere Lacke 
beirähmri , <fee den Handschriften 2 und 3 gemeinsam seien, woraus Kölner irrige 
Sririww ffir me Srnflaag der beiden Handschriften zog, in Wirklichkeit aber findet 
sich cöe Lacke aar m 2» Zn Beginn der R O. bemerkt Pertz* <Se Ueberschrifi 
äktr stptmms äe Rekta Oaomis stände in 5 and 5a, tj t «jfah ii tii sieht sie 
5c — Ebenso ist es ixarichüg, dafi in Kodex 2 de R O. al Aaslassaag 
Stackes beginne, da* im Pat tsiaas die R (X erst mit Kapitel 15 
ie voOsaacig aberiiefcrt ist. Falsch ist eadach in R O. C 14 
C Die Mer j m gaa e iki e Lacke findet sich n 5a aberhimpr mete, ia 5a* 
zaai Ten, iadem der Scharf der bekannten Bftx^eöe durch ein «c a a sg emuckt 
Dies eme 7n n a—i ■'nlaa^ der gröbsten Imnmer. — Aach Podhast (Babbo- 
I, 7» ist eat Fehler aanatefea: die Handschriften Hart 2688 im britischen 
t za OrJcrfk. Wiea 33S aad Kteaeraenbarg 741 enthaaen akm die R a 




A. Die handschriftliche Überlieferung. 1 ) 

München, lat. 6388 = Frising. 188 = Cim. IL 2 d. (F). 

Die Inschrift Liber sancte Marie sanctiqae Corbih Frising. auf der 
ersten Seite gibt uns Auskunft über die Provenienz des Kodex. Er 
besteht in Wirklichkeit aus 2 wohl im 15. Jahrhundert zusammen- 
gebundenen Handschriften, der des Liudprand (fol. 1 — 85) und der 
des Regino (fol. 86 — 198). Der Einband besteht aus zwei Holzdeckeln 
mit Lederrücken. Auf fol. 121 der Reginohandschrift findet sich die 
Federprobe Abram episcopopus (sie!), sie gehört also wohl in die 
Zeit des Bischofs Abraham von Freising (957 — 993). Da die Regino- 
handschrift 2 ) für unsere Zwecke hier nicht in Betracht kommt, be- 
schränken wir uns auf die Beschreibung der ersten Hälfte, der Liudprand- 
handschrift. s ) Das Pergament ist, um den einfachen, wenn auch 
unrichtigen Ausdruck zu gebrauchen, sogenanntes italienisches, im 
Format von 18x25. Die Tinte des Hauptschreibers ist schwarzgrau, 
diejenige der zweiten und dritten Hand blaßrot. Die Seite hat ge- 
wöhnlich 27 Zeilen. Lagenordnung: fol. 1 — 7 bilden eine Lage in der 

Gestalt |LJ] |l l| , sie ist nachträglich dem Ganzen vorgeheftet. Der 

Text war auf 7 Blätter berechnet, jedoch erkannte der Schreiber gegen 
Ende immer mehr, daß der Raum zu knapp bemessen war. Obwohl 
er immer enger schrieb und die Zeilenzahl auf einer Seite vermehrte, 



*) Die Handschriften werden nur insoweit beschrieben, als die bisher gegebenen 
Beschreibungen einer Ergänzung oder Berichtigung bedürfen. Nur der Frisingensis, der 
immerhin noch die wichtigste Handschrift bleibt, verdient, vor allem auch der 
Schwierigkeiten wegen, die er bietet, nochmals eine detaillierte Behandlung. Die 
Reihenfolge der Kodizes richtet sich hier schon nach der unten zu begründenden 
Klassifikation. 

») Vgl. darüber zuletzt Kurze, N. A. XV, S. 296 f. 

8 ) Beschrieben von Pertz, Archiv VII, S. 391 ff. 



6 Josef Becker, 

kam er nicht aus, es blieben noch 10 1 /* Zeilen zu schreiben übrig. 
Dazu benutzte er die freigelassene Rektoseite des ersten Blattes des 
Kodex, so daß nun die ganze Schicht von 7 Blättern hier vorgeheftet 
werden mußte. Fol. 8 r ist zu 2/3 frei; fol. 8 V , 9 r und 6 Zeilen von 
9 V enthalten den Titel der A. und das Kapitelverzeichnis von Buch I, 
der Text beginnt mit fol. 10. Fol. 8 — 17 ist ein Quinio, in der 
Mitte des unteren Randes der letzten Seite durch Q./. bezeichnet. 
Es folgen nun regelrecht 8 Quaternionen von fol. 18 — 81. Der zweite 
trägt keine Signatur, alle anderen sind in der Mitte des unteren 
Randes durch römische Zahlen bezeichnet. Irrtümlich trägt Lage VII 
durch Korrektür die Signatur VIII und die Lage VIII die Signatur VII. 
Fol. 82—85 ist ein Binio. Fol. 82 v enthält den kurzen Kapitelindex 
von lib. VI, im übrigen ist diese Seite und fol. 83 r leer, auf fol. 83 v be- 
ginnt der Text von Buch VI. Die Hauptarbeit an unserer Handschrift 
fiel einem ungebildeten Schreiber zu, der seine Vorlage ohne Ver- 
ständnis kopierte, zahlreiche große und kleine Lücken, vor allem für 
sämtliche griechische Stellen freien Raum ließ. Seine Hand geht bis 
A. V, 32 (nach Pertz V, 33). Ziemlich gleichzeitig anscheinend setzte 
ein zweiter Schreiber da ein, wo der erste versagte, anfangs mit der 
gleichen, von fol. 13 ab mit rötlicher Tinte. Er hat zahlreiche 
Korrekturen und Glossen angebracht, die Lücken ausgefüllt, vor allem 
die griechischen Worte mit Umschrift und Übersetzung nachgeholt. 
An zusammenhängenderen Stücken hat dieser Korrektor geschrieben: 
A. I, 1 execrabilis paganorum — Scipionis Africani; A. I, 26 den 
Vers Cannabe etc.; A. II im Kapitelindex Kapitel 6; A. III im Kapitel- 
index die Zahlen 9 — 45 und 47 — 51 ; A. III, 28 — 29 silogismos; A. III, 
Zevs xal "Hqcl bis divinando dicere; A. V, Kapitelindex 7 — 33 und 
A. lib. VI. Pertz führt noch die Stelle A. II, 6 an, solcher kleinerer 
Ergänzungen wären aber noch viele zu nennen. Soweit stimmen wir 
mit Pertz überein, im übrigen wird hier eine Modifikation nötig sein. 
Sogleich der Anfang der A. verlangt eine andere Erklärung. Wie 
verteilen sich die beiden Hände in bezug auf den Titel und das 
Kapitelverzeichnis von Buch I. Nach Pertz und Köhler, der ihm 
folgt, hätte der erste Schreiber, von Pertz Kanzellist genannt, den 
Titel und vom Inhaltsverzeichnis des ersten Buches die ersten 7 Kapitel 
(die Zahl des 7. Kapitels nicht) und dann wieder Kapitel 41 — 43 
(im Kodex irrig als 51 — 53 gezählt) geschrieben und zwar in schwarzer 
Tinte, die fehlenden Kapitel der Korrektor in rötlicher Tinte. Die 
Ansicht gründet sich auf den Unterschied der Tinten, ohne zu be- 
achten, daß unmittelbar darauf der Korrektor sich derselben Tinte wie 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 



der Kanzellist bedient, also in der Tinte wechselt, was er auch hier 
getan haben kann. Daß das wirklich der Fall ist, beweist eine nähere 
Vergleichung der Schrift. Sofort der mit schwarzer Tinte geschriebene 
Titel der A. rührt von der Hand des Korrektors her. Man vergleiche 
nur die kapitale Form des L an zahlreichen Stellen, wo die Frage, 
ob es sich um Hand I oder II handelt, nie strittig war, und man wird 
finden, daß der Korrektor stets eine einfache aus zwei Strichen be- 
stehende Form gebraucht, der Kanzellist aber stets einen wagerechten 
Querbalken oben zufügt. Im Titel finden wir die einfache Form, er 
ist also vom Korrektor geschrieben. Damit ist eigentlich die ganze 
Frage erledigt. Denn es wäre höchst merkwürdig, wenn nun der 
Kanzellist einige Zeilen geschrieben hätte, dann wieder der Korrektor, 
endlich wieder der Kanzellist. Geht man in der Schriftvergleichung 
weiter, so zeigt sich, daß hier tatsächlich nur eine Hand vorliegt, daß 
der Kanzellist sonst sich ganz anderer Züge bedient. Die Formen 
der Zahlzeichen für 1 und 10 pflegen in beiden Händen verschieden 
zu sein, ebenso das zurückverweisende Zeichen, das beim Korrektor 
durchgehends eine rechtwinklige Hakenform hat, beim Kanzellisten 
viel einfacher aussieht. Man findet sogar oft, daß der Korrektor beim 
Korrigieren des Textes des Kanzellisten dessen Zeichen in das seinige 
verändert. Kurzum, wir haben im Titel und Inhaltsverzeichnis nur 
einen Schreiber und zwar den Korrektor. Der erste Schreiber begann 
unmittelbar mit dem Text. Davor stehen Titel und Inhaltsverzeichnis 
auf zwei Blättern, wobei die letzte Seite fast ganz frei blieb. Die 
erste Lage ist ein Quinio. Combiniert man dies, so drängt sich 
folgende Vermutung auf: Der erste Schreiber begann sofort mit dem 
Text, der die Arbeit überwachende Korrektor sah das Versäumnis; 
noch war es Zeit, das Versäumte nachzuholen und zugleich durch 
Änderung der Lage die Struktur des Ganzen zu erhalten. 1 ) Trefflich 
paßt zu dieser Erklärung Köhlers 2 ) Annahme, daß das Kapitelver- 



561234 



432165 



No. 1, 2, 3, 4 bezeichnen die ur- 
sprüngliche Lage. Hiervon wurde 
die innerste Schicht No. 4 weg- 
genommen und No. 5 und 6 
außen zugefügt, so daß ein Quinio 
entstand. 



2 ) a. a. O. S. 85 f. 



8 Josef Becker, 

zeichnis in der Vorlage ein loser Binio gewesen sei. Diesen hat 
der Schreiber, wenn das zutreffend ist, unbewußt (oder bewußt, indem 
er wie viele ungebildete Schreiber sich um Titel und dergl. nicht 
kümmerte) unbeachtet gelassen. 1 ) Im Zusammenhang damit ist auch 
eine andere Pertzsche 2 ) Meinung zu berichtigen, die zu der vermeint- 
lichen Mitwirkung des Autors paßte, und wonach man für die Kapitel- 
indices der Bücher I, V, VI, vielleicht auch der übrigen, Raum gelassen 
hätte, um parallel der Niederschrift der Kapiteltexte den Kapitelinhalt 
jedesmal einzutragen. Mit dem Nachweis, daß Liudprand mit der Her- 
stellung des Frisingensis nichts zu tun hat, fällt diese Hypothese von 
selbst. Im übrigen findet sich dafür keinerlei Grund. Für die An- 
ordnung des Index von Buch I bezw. den freigelassenen Raum hat 
sich oben eine andere Erklärung ergeben, für das Kapitelverzeichnis 
von lib. II, III, IV ist nur eine korrigierende Tätigkeit der zweiten 
Hand festzustellen. Bei Buch V hat der Korrektor die fehlenden 
Kapitel 7 — 33 nachgetragen, d. h. einfach eine größere Lücke, wie 
auch sonst ergänzt. Auffällig ist einzig die große Lücke zwischen 
Kapitelindex und Text von Buch VI; vielleicht ist sie aus der Be- 
schaffenheit der Vorlage zu erklären. Jedenfalls reicht dieser Umstand 
nicht aus zu der von Pertz gezogenen Folgerung, welche, wie schon 
bemerkt, überhaupt nur verständlich sein würde, wenn der Frisingensis 
wirklich Autograph wäre. 

Kehren wir nach dieser Abschweifung, die hier am besten sich 
erledigte, zurück zur Frage, wie weit der Korrektor an der Herstellung des 
Frisingensis beteiligt ist. Zunächst ist noch eine kleine Nachlese zu 
den Pertzschen Ergebnissen zu halten. Schon die Stelle A. 1, 4 nee iuvat 
bis I, 5 superest et feliciter regnat kommt der zweiten Hand zu. 
Es werden plötzlich die Abkürzungszeichen gebogener und eleganter, 
die Form von G und abgekürztem pro geschwungener, die Form der 
cauda ändert sich, das der zweiten Hand eigene Fragezeichen und 
Ligatur re treten auf. — Die Stelle IV, 21 Quamquam enim bis 
IV, 24 accensi hostes inter hat Pertz selbst später dem Korrektor zu- 
gewiesen. 3 ) Die dem Kanzellisten eigentümlichen dicken Oberschäfte 

l ) Nicht gänzlich undenkbar wäre es schließlich, daß der Korrektor die beiden 
ersten Blätter beschrieben und dann die weitere Arbeit einem anderen Schreiber 
übergeben habe. Freilich bliebe in diesem Falle sowohl das Vorhandensein des 
einzigen Quinio in der Handschrift unerklärt, als auch der Umstand, daß zwischen 
Kapitelverzeichnis und Text der größte Teil einer Seite frei ist, während der 
Kanzellist in diesen Fällen sonst den Raum ganz ausnutzt. 

») praef. der Ausgabe SS. III, 270. 

') Im Apparat der Ausgabe. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 9 

verschwinden und tauchen danach wieder auf. Dieselben Züge wie 
hier finden sich V,5 optimi marchionis uxorem bis V,7 quiret multi- 
tudo defendere. Daß beide Stellen nicht von der ersten Hand her- 
rühren, ist gewiß; ob sie aber der zweiten angehören, ist mir nicht 
ganz sicher. 1 ) Ebenso vermag ich keine Entscheidung zu treffen 
über die ganz abseits stehenden Züge auf fol. 66 v Zeile 12 bis 67 r 
Zeile 25 (= IV, 26 Magistri bis ne exiendas): Buchstaben mit langen, 
schlanken Oberlängen und schnörkeligen, an Urkundenschrift ge- 
mahnende Schreibweise (Ligatur st z. B.). Unzweifelhaft dagegen 
scheint mir A. V, 32 von der zweiten Hand zu stammen. Man be- 
trachte die sicher und elegant geschwungene Form von G, der 
Schleifen in den Abktirzungsformen von pro und quod, die dem 
Korrektor eigene Ligatur re. 

Mußten wir im Vorausgehenden den Umfang der Tätigkeit des 
Korrektors etwas erweitern, so wird ihm auf der anderen Seite ein 
bedeutender Teil abzusprechen sein. Es handelt sich um die H. O. 
Obwohl im Frisingensis an erster Stelle stehend, ist sie sicher nicht 
zuerst geschrieben, sondern lediglich durch das Bedürfnis nach einigen 
Zeilen freien Raumes vornhin geraten. 2 ) 

Docen 8 ) und Delling 4 ) ließen sie von einem dritten Schreiber 
geschrieben sein, Pertz dagegen ebenfalls vom Korrektor. Dümmler 5 ) 
setzte vorsichtigerweise ein „nisi fallor" dazu, und ich glaube mit 
Recht. Die Schrift der H. O. ist eine außerordentlich sorgfältige und 
zierliche, in den Details fein ausgebildet, während die Schrift des 
Korrektors das Aussehen von nicht unschönen, aber sicher und kurz 
hingeworfenen Zügen zeigt. Jene zierlichen und feinen Brechungs- 
formen in den Abkürzungen von et, orum, pro bei den Abkürzungs- 
strichen und der cauda sind beim Korrektor nicht zu finden, um- 
gekehrt fehlt in der H. O. die vom Korrektor beliebte Ligatur re und 
die offene Form des a. Auch orthographische Differenzen lassen sich 
feststellen. Der Schreiber der H. O. schreibt Sarraceni, der Korrektor 
Saraceniy jener konsequent in der Titulatur von Kaiser und Papst 
domnus etc., dieser dns etc., jener kürzt ecclis (für ecclesiis), dieser 
ecciiis. Sicherlich wiegen die vorausgehenden Beobachtungen mehr, 



*) Man vgl. z. B. das K in Wikbertus auf fol. 73 Z. 13 und Zeile 16. 
2 ) Sämtliche vom Frisingensis unabhängigen Handschriften haben sie denn 
auch nach der A. stehen. 

8 ) Aretins Beiträge VII, S. 230. 
4 ) Archiv III, S. 128. 
6 ) ed. alt. S. XIII. 



10 Josef Becker, 

als wenn Pertz zum Beweis der Gleichheit der Züge eine Vergleichung 
von restituti in der H. O. und stituta beim Korrektor empfiehlt. Er 
wählt hierbei Worte, in deren Buchstabenformen die Schreiber über- 
haupt wenig oder gar nicht zu variieren pflegen. Es dürfte somit 
geboten sein, für die H. O. einen dritten Schreiber anzunehmen. 

Den letzten, aber vielleicht den wichtigsten Teil der Be- 
schreibung der Handschrift macht die Betrachtung der orthographischen 
Eigentümlichkeiten aus. 

Pertz 1 ) hat einige hierhin gehörige Bemerkungen gemacht, die 
jedoch der tatsächlichen Unterlage entbehren. Er bemerkt, der Kor- 
rektor schreibe regelmäßig Sarraceni und pulcritado, der Kanzellist 
Saraceni und pulchritudo. Beides ist unrichtig. Um nur eines heraus- 
zuheben, man schlage fol. 58 v auf, und man wird dort vom Korrektor, 
an dessen Urheberschaft hier kein Zweifel ist, Saracenus finden, 
fol. 52 schrieb die erste Hand perpvdcre, die zweite fügte ein h 
hinzu. In Wirklichkeit ist hierin die Schreibweise nicht konsequent. 
Im Grunde sind das gleichgültige Feststellungen, wichtiger ist ein 
anderes, das merkwürdigerweise noch nicht hervorgehoben ist. Pertz 2 ) 
erwähnt zwar, daß Liudprand die Orthographie vernachlässigt, fehler- 
hafte Wortformen und eine nicht ganz richtige Syntax angewandt 
habe, nur zu einer Form bemerkt er, daß sich in ihr der Italiener 
Liudprand verrate. Vergegenwärtigen wir uns die hauptsächlichsten 
Eigentümlichkeiten : 
h fehlt: oc, ostibus; in zahlreichen Fällen hat der Korrektor ein 

Aspirationszeichen zugefügt. 
h steht überflüssig: exhimit, hoccidua, horta. 
Einfacher Konsonant für doppelten: sucensa, afinitatis, intelexit, 

debelatarum, incalide, sumos, quipe, ocurit, ingresus, posidet, 

sanctisimus. Hato> quatuor etc. 
Doppelter Konsonant für einfachen: Basillii, summere, apperuit, 

pisscis, Tussciae. 
c fehlt vor A, p f t und sonst: Mihahel, brahio, sique (für sicque), 

defuntus, execare, suseptas, exitati, silicet, siscitatus. 
c steht überflüssig: adgressci, exarscit, posscit 
c steht statt g: necabant 
s steht statt c: exersitio, ulcissi. 



*) Archiv VII, S. 293. 

2 ) Praef. der Ausgabe SS. III, 268. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. H 

n fehlt: coscenderet, costantia, costituit 

Wechsel von e und i: diligires, io, miritricis, timporibus. 

Wechsel von o und u: copio, Hogo, monisse, nuntios (für nuntius), 

commutus, cupularat, infurtania, inimicus (für inimicos). 
Wechsel von b und p, d und t: blebem, occubabat, adveniad, 
pordenderet, set 

Noch können erwähnt werden Formen wie ablati für ablatis, 
persecutore (für -/w), visione (für -/rc), orbem (für orbe)> occldere 
(für -£), percussera (für -f) u. a. Auch der Korrektor ist von diesen 
Formen nicht frei. Im VI. Buch findet sich octubris y depununtur (für 
depon.) y mito. Bei der dritten Hand, in der H. O., sei auf die Form 
da deam omnipotentem verwiesen. Es mag von dem Mitgeteilten 
manches nur der Nachlässigkeit des Schreibers zuzuschreiben sein, 
jedoch wird niemand den Einfluß des Romanischen, Vulgären ver- 
kennen können. 

Florenz, Laurent. Ashburnham 15, saec. X. ex. 1 ) (A). 

Über die Provenienz der Handschrift ist uns nichts bekannt. 
Bei einer Vergleichung mit anderen Librihandschriften des 10. Jahr- 
hunderts fand ich viel Ähnlichkeit mit Laurent. Ashburnh. Libri 23 ;*) 
möglicherweise also stammt die Handschrift aus Frankreich. 

Brüssel, bibliothfcque royale 9904, saec. XI. in.») (S). 

Pergamentkodex im Format von 18 x 25 mit modernem Ein- 
band. Eine Hand des XV. Jahrhunderts verrät uns durch den Ein- 
trag Codex sancti Martini in Spanheym einiges über die Provenienz 
der Handschrift. Trithemius hat sie benutzt, offenbar hat er sie auch 
für Sponheim erworben. 4 ) A.V,32 dedit ad midieres bis Ende des 
Buches und das Kapitelverzeichnis von Buch VI fehlen. Es hängt 
das wahrscheinlich mit dem quaternionenmäßig verteilten Abschreiben 
zusammen. Pertz meinte, das Ausgefallene habe auf einem vor der 
nächsten Lage stehenden Blatt gestanden, dem scheint aber die Ge- 
stalt dieser Lage zu widersprechen. Die Handschrift ist von mehreren 
Schreibern geschrieben, die genau abzugrenzen kaum möglich ist. 
An der Spitze von fol. 1 unmittelbar vor der H. O. hat der Spon- 



') Beschrieben von Holder-Egger, N. A. XI, S. 260, 264 und von Paoli, I codici 
Asburnhamiani, S. 28. 

2 ) Paoli -Vitelli, Collezione Florentina II, tav. 32. 

8 ) Beschr. von Pertz, Archiv VII, S. 396 ff. 

4 ) Vgl. Schneegans, W., Abt Joh. Trithemius und Kloster Spanheim (1882), 
S. 80 ff. 



12 Josef Becker, 

heimer Abt Nicolaus Cerbetius notiert, daß er das erste Blatt, dessen 
Schrift unleserlich geworden war, wieder hergestellt und auch sonst 
Korrekturen vorgenommen habe nach der Baseler Ausgabe von 1532. 
Die ursprüngliche Schrift des ersten Blattes hat er nachgefahren, aber 
sie ist noch überall sichtbar; es ist mir deshalb unverständlich, wie 
Pertz bemerken kann, der Kodex beginne erst gegen die Hälfte des 
ersten Kapitels der H. O. zu mit Waldpertus sanctae. 

British Museum, Harleianus 3685, saec. XVI. 

Vorliegende Peutingerhandschrift ist ein Papierkodex, dagegen 
ist im handschriftlichen Verzeichnis des Notars Schwarz in der 
Münchener Hof- und Staatsbibliothek unter Nr. 35 ein Peutingerischer 
Pergamentkodex Liudprands verzeichnet. Wenn hier kein Versehen 
vorliegt, hätte Peutinger zwei Liudprandhandschriften besessen. Ein 
Teil von Peutingers Handschriften kam in das Jesuitenkolleg nach 
Augsburg, im Verzeichnis derselben ist auch ein Luitprandus ohne 
weitere Angabe erwähnt. Dieser Kodex wird mit unserem Harleianus 
identisch sein, da ein Teil der Jesuitenbibliothek tatsächlich nach 
England kam. Über die Handschrift vgl. Pertz, Archiv VII, S. 400. 

Exzerpte in Metz 145, saec. X. (M). 

Vgl. Catalogue general des manuscrits des bibliothfcques publi- 
ques des departements V, 63; über die Exzerpte insbesondere Köhler 
a. a. O. S. 78 f. 

British Museum, Harleianus 3713, saec. XI. ex. (G). 

92 Pergamentblätter + je 3 papierene Vor- und Nachsatzblätter 
im Format von 17 x 24 in modernem Einband, der die Aufschrift 
saec. X trägt. Der Kodex besteht aus 12 meist regelmäßigen Quater- 
nionen, nur die Lagen fol. 41 — 46 und fol. 87 — 92 sind Trinionen. 
Am Ende von fol. 46 steht die Bezeichnung VI, die übrigen Signa- 
turen fehlen teils, teils sind die unteren Ränder weggeschnitten. Es 
ist daher auf Grund äußerer Indizien der Verlust einer Lage nicht zu 
beweisen, doch mögen die fehlenden Kapitel A. III, 25 — 45 scilicet 
aquam funderet etwa eine Lage eingenommen haben. Jede Seite 
zählt 28 Zeilen. An den Kapitelanfängen stehen einfache Initialen. 
Der Kodex ist wohl von einer Hand geschrieben, bei den Kapitel- 
indizes und teilweise auch bei den übergeschriebenen Varianten wurde 
eine feinere Feder benutzt. Bei der großen Mehrzahl der Varianten 
ist es nicht zweifelhaft, daß sie vom Schreiber der Handschrift her- 
rühren. Über Herkunft und Datierung dieser und der folgenden 
Handschrift wird eigens zu handeln sein. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 13 

Brüssel, bibl. royale 14923, saec. XII. in. (L). 

96 Pergamentblätter im Format von 15,5 x 25,5 in 12 regel- 
mäßigen Quaternionen ohne Signatur mit modernem Einband. Nur 
in der 11. Lage ist das 5. Blatt weggeschnitten, dafür aber ein 
anderes eingesetzt. Jede Seite zählt 30 Zeilen. Die Überschriften, 
Anfänge und Zahlen der Kapitel sind mit roter Tinte geschrieben, 
die Kapitelanfänge haben einfache rote Initialen. Die Kapitelverzeich- 
nisse außer im ersten Buch sind in kleinerer Schrift von dem 
Schreiber der Handschrift geschrieben. Nachträglich hat er einige 
Stellen mit anderer Tinte korrigiert. Das vaticiniam sibillae und die 
beiden Briefe sind am Ende des XII. Jahrhunderts eingetragen. Der- 
selbe Schreiber notierte auf fol. 95 v und 96 v die Worte: über sancti 
Petri Laabiensis ecclesiae, auf fol. 95 v mit dem Zusatz: Servanti 
benedictio, tollenti maledictio. fiat. fiat. Auf fol. 1 endlich hat 
nochmals eine neuere Hand die Worte Sancti Petri Lobiensis ein- 
getragen. Pertz hat den Kodex als Gemblacensis bezeichnet, offen- 
bar, weil er glaubte, Sigebert von Gembloux habe ihn benutzt. Selbst 
wenn diese Annahme richtig wäre, gäbe sie uns kein Recht, entgegen 
der beinahe gleichzeitigen Bezeichnung als Lobbiensis den Kodex 
Gembloux zuzuschreiben, er gehörte vielmehr dem Kloster Laubach 
(Lobbes) an. Inhalt: fol. l r vaticiniam Sibillae, fol. l v — 85 r Anta- 
podosis, fol. 85 v — 86 r epistula Dom. Bernardi abbatis ad Eugenium 
papam (Migne, Patrol. lat. Bd. 182, No. 238), fol. 86 v — 96 r Historia 
Ottonis, fol. 96 r — 96 v Brief Bernhards von Clairvaux an die Bischöfe 
von Ostia, Tusculum und Praeneste (Migne, Patrol. lat. Bd. 182, 
No. 231). Anfangs versucht der Schreiber die griechischen Buch- 
staben nachzumachen unter starker Latinisierung; später gibt er ein- 
fach nur die lateinische Umschrift und die Übersetzung. 

Berlin, ms. lat. fol. 358, saec. XII. ex. 

166 Pergamentblätter im Format von 23 x 33,5. Das erste 
Blatt vom ersten Quaternio ist weggeschnitten, sonst sind die Lagen 
regelmäßig. Der Kodex ist in Pappband mit Lederrücken in neuerer 
Zeit eingebunden worden. Die Bleistiftliniierung ist sehr fein und 
sorgfältig. Zu Anfang der Bücher finden sich hübsche, bunte, groß- 
zügige und langgestreckte Initialen, bei den Kapitelanfängen einfachere 
Initialen mit wechselnder Farbe. Die Buchstaben am Rand zeigen, 
daß sämtliche Initialen erst nach Vollendung des Kodex gemalt sind. 
Kapitelzahlen, Anfang und Schluß der Bücher sind in roter Schrift 
geschrieben. Am Satzbeginn stehen große Buchstaben mit einem 
Punkt in der Mitte. Der Text ist in zwei Kolumnen geschrieben. 



14 Josef Becker, 

Einige Korrekturen mit anderer Tinte, aber von derselben Hand, 
zeigen, daß der Schreiber das Ganze noch einmal durchgesehen hat. 
Dieser ganzen äußeren Sorgfalt und Feinheit entspricht die Güte der 
Abschrift und das Vorständnis für den Inhalt. Der Kodex enthält: 
fol. 1 — 68 Guiberti dei Gesta per Francos, fol. 69 — 119 Fulcherii 
Carnothensis Gesta Francorum Iherusalem peregrinantium, fol. 119 
bis 122 Quomodo Tyrus ab Alexandro rege capta sit excerptum ex 
decem libris hystoriae eiusdem (des Curtius Rufus), fol. 122 v Item 
ex eisdem libris hystoriae magni Alexandri quomodo Gaza ab eodem 
capta sit rege, fol. 124 — 166 A. und H. O. Dazu die interessanten 
Anweisungen für den Leser: Auf fol. 110 v : O prudens lector si te 
scire delectat quomodo Tyrus et Gaza ab Alexandro rege captae 
sint require inferius et invenies sub hoc Signum. Auf fol. 124: O 
prudens lector si vis cognoscere ex qua progenie iste papa Johannes 
descenderit et qualiter papa effectus fuerit lege inferius librum 
secundum hystoriae Liudprandi et repperies ad hoc Signum; auf 
fol. 142: O diligens lector si vis cognoscere qualis vitae iste papa 
Johannes fuerit require superius et invenies ad hoc Signum. Ein 
Faksimile aus der Handschrift gibt Arndt-Tangl 3 , Tafel 24. Der 
Kodex gehörte nach einer eingetragenen Notiz aus dem Jahr 1627 
der Abtei Hautmont in der Diözese Cambrai. 

Mailand, Ambros P 107, saec. XVI. 

Vgl. Pertz, Archiv V, S. 471. Ein Eintrag des ersten Präfekten 
der Ambrosiana Olgiati aus dem Jahr 1603 zeigt, daß die Hand- 
schriften zum ältesten Bestand der Ambrosiana gehört. Woher sie 
stammt, ist nicht festzustellen. 

Paris, bibl. nat. lat. 5922, saec. XII., Excerpte. (P). 

303 Pergamentblätter -f je drei leere Vor- und Nachsatzblätter im 
Format von 18,5 x 26,5 in 39 Lagen mit neuerem Einband. Fol. 1 — 72 
bilden neun regelmäßige Quaternionen. Es folgt ein Binio, mit IX 
bezeichnet; von der Ziffer ist unten ein Teil weggeschnitten. Blatt 4 
des Binio ist ganz, das dritte bis auf einen schmalen horizontalen 
Streifen weggeschnitten. Von fol. 76 — 123 folgen wieder regelmäßige 
Quaternionen; fol. 124—127 (Lage XVI) = ein Binio, fol. 128—247 
in regelmäßigen Quaternionen, fol. 248—253 = Trinio (= Lage XXXII), 
ebenso (Lage XXXIII) von fol. 254—259, die Lagen XXXIV, XXXV und 
XXXVI sind regelmäßig und nehmen fol. 260—283 ein, Lage XXXVII 
= fol. 284—289, Lage XXXVIII = fol. 290—297, Lage 39 = fol. 298 
bis 303, die zwei lezten Blätter der Lage sind weggeschnitten. Der 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 15 

Text war an mehrere Schreiber verteilt, denn es sind am Ende der 
ersten Hand l 7 /s Blatt weggeschnitten, und am Ende der zweiten 
Hand ist das lezte Blatt der Lage nur mit fünf Zeilen beschrieben. 
Der erste und, wenn ich nicht irre, der dritte Schreiber hat die Linien 
mit einem harten Blei, der zweite Schreiber mit einem Bleistift ge- 
zogen. Alle drei Schreiber haben stets 19 Zeilen auf der Seite, nur 
der dritte Schreiber hat von fol. 298—303 zwischen 19 und 22 Zeilen, 
um gegen Ende mit dem Raum auszukommen. Die erste Hand schrieb 
fol. 1 — 75, sie ist deutlich erkennbar durch die eigene Form des g, die 
zweite Hand geht von fol. 76—127, die dritte von fol. 128—303. Die 
Hände 1 und 3 haben große wuchtige Buchstaben, die zweite Hand 
ist zierlicher und feiner. Die drei Hände sind auch durch verschiedene 
Tinte abgegrenzt. Inhalt: fol. 1 — 204 Gregors von Tour Histor. Franc, 
lib. I — IV, 16 parturientis et non effugient Es folgt unmittel- 
bar mit Inciplt praefatio operis sequentis ohne Angabe von Titel und 
Autor fol. 204—282 Regino mit Tulliensi urbe endend (SS. I, 612), 
fol. 282 — 303 Auszüge aus Liudprand A. I, 5 — 11, VI, 5 bis arbores 
subvehuntur, VI, 8, 9 und die ganze H. O. bis kurz vor Schluß ob 
elemosinam endend, nicht wie Pertz merkwürdigerweise schreibt, erst 
von Kapitel 15 ab beginnend. Die wenigen fehlenden Worte mögen, 
wie Pertz meint, auf einem der nächsten weggeschnittenen Blätter ge- 
standen haben. Die Inschrift Über Sanctae Marie Virginis in Otter- 
bürg Maguntinae Diocesis gibt uns Nachricht über die Herkunft der 
Handschrift. 

Brüssel, bibl. royale 9884—89, saec. XVI. 

162 gezählte Blätter + je 4 Vor- und Nachsatzblätter, darunter 
je ein Pergamentblatt aus dem 14. Jahrhundert mit Fragmenten eines 
scholastischen Trinitätstraktates. Auf dem dritten Vorsatzblatt liest 
man, wie de Reiffenberg festgestellt hat, des Antonius Cautus Namen, 
eines vielgereisten französischen Humanisten des XVI. Jahrhunderts, 
nicht, wie Pertz las, Caucus und die Bezeichnung M S 9, auf der 
Versoseite von jüngerer Hand Liudprandi Ticinensis diaconi non 
Chronicon quod ei affingitur, sed gesta imperatorum et regum sui 
praecipue temporis quod vere est eins opus. Die Blätter sind ganz- 
seitig beschrieben, durch vier vertikale mit hartem Blei gezogene 
Linien eingeteilt und haben zwischen 29 und 32 Zeilen. Zu Beginn 
der Bücher ist für Initialen größerer Raum gelassen, sie sind aber 
dann nicht ausgeführt worden. Die lateinische Umschrift der griechischen 
Stellen fehlt gänzlich; der Schreiber schreibt eine geläufige griechische 
Minuskel, wenn auch mit lateinischen Formen vermengt. Wo die 



16 Josef Becker, 

Vorlage an den griechischen Stellen versagte, hat er mehr oder minder 
umfangreiche Konjekturen vorgenommen. Die Handschrift wird wohl 
von Antonius Cautus gegen Ende des XVI. Jahrhunderts selbst ge- 
schrieben sein. Beschrieben hat sie der Baron von Reiffenberg im 
Bulletin de TAcademie Royale des Sciences et Belles-Lettres de 
Bruxelles, tome X, part. I (1843), S. 375 ff. 

Inhalt: fol. 1 — 7 Kapitelverzeichnisse sämtlicher Bücher, zusammen 
dem Text vorangestellt. Fol. 8, 9, 10 sind leer. Fol. 11— 98 A. und 
H. O., fol. 99 — 103 Theolog. Disputation zwischen Germinius und 
Heraclianus, Firmianus und Heraclianus. Fol. 104 — 105 Urkunde 
Friedrichs I. (Stumpf, Reichskanzler No. 4529), fol. 106 r frei. Fol. 106 v 

Sequuntur S. Juliani Prognosticorum libri tres praemissis 

epistola ad Idatium episcopum Barcinonensem et oratione ad deum. 
Fol. 107 — 109 Epistola Juliani ad Idatium (Migne, Patrol. lat. X 
C VI, col. 453 — 457), fol. 110 — 155 r Oratio ad deum und Prognosticon 
(Migne a. a. O. col. 460—524), fol. 155 v frei, fol. 156—157 Brief 
des Idatius an Julianus (Migne a. a. O. col. 457 — 459), fol. 158 
bis 159 frei. 

Nun folgen von jüngerer Hand, nach de Reiffenberg der des 
Andreas Schott, auf fol. 161 — 162 Notizen aus dem Codex Batavus 
des Cornelius Nepos, dann eine Notiz über den Brief der Cornelia, 
Mutter der Gracchen, aus Cornelius Nepos. 

Trier, Stadtbibl. 388 Passionale, saec. XI. ex. (T). 

Diese Handschrift enthält Auszüge aus Liudprand, die im An- 
fang des XII. Jahrhunderts eingetragen wurden und zwar A. I, 25 tum 
a Romanis ingrediendi urbem bis A. I, 36 a Deo, wo der Schreiber 
et reliqua hinzufügt. Über den Kodex vgl. Keuffer, Katalog der 
Trierer Stadtbibliothek, Heft IV, Liturg. Hss. Trier 1897. 

Wien, lat. 427 (hist. prof. 338), saec. XII. (V). 

148 Pergamentblätter im Format von 22x29, darunter von 
fol. 46 — 71 eine spätere Papiereinlage, die Cuspinian einschob, als 
die Handschrift neu gebunden wurde. Der ganze Kodex außer der 
descriptio temporum (fol. 72 v — 74) und der Aufzählung der regna des 
Isidor (fol. 120 v — 124) ist in einer Kolumne geschrieben. Lagen- 
ordnung: fol. 1 — 6 = Trinio, fol. 7 — 15 = Quinio, dessen letztes Blatt 
fehlt, fol. 16 — 39 drei Quaternionen, fol. 40 — 45 ein Quaternio, dessen 
zwei letzten Blätter fehlen, fol. 46—71 eine Papierschicht, fol. 72—74 
ein Binio mit weggeschnittenem ersten Blatt. Fol. 74 r ist zu drei- 
viertel, fol. 74 v und 75 r ganz leer. Von den vorausgehenden Lagen 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 17 

trägt nur die zweite eine Signatur. Mit fol. 75 beginnt eine neue 
Lagenreihe mit eigener von vorn beginnender Zählung in acht 
Quaternionen. Von der neunten Lage fehlt das erste Blatt, dafür ist 
an das vorletzte Blatt ein neues angeklebt. Trotz der doppelten 
Lagenordnung bildet der Kodex eine Einheit. Der Text des Isidor 
beginnt noch innerhalb der ersten Lagenreihe mit fol. 72. Die Haupt- 
störung ist durch den Einschub Cuspinians hervorgerufen. Außer 
diesem haben die Handschrift drei Schreiber geschrieben. Fol. 42 in 
der Mitte beginnt eine zweite Hand bis fol. 45, fol. 46 — 71 sind von 
Cuspinian beschrieben, fol. 72 fährt die zweite Hand fort bis Einhard 
auf fol. 125, von fol. 125 — 148 beschließt ein dritter Schreiber das 
Ganze. Inhalt: fol. 1 De expeditione christianorum contra Saracenos 
et de captis Hierosolimis (= Kurzer Bericht des Erzbischofs Daimbert 
von Pisa über den ersten Kreuzzug), fol. 2 — 41 Rudberti historia 
expeditionis Hierosolymitane, fol. 43 — 71 Jahrestafel bis zum Jahr 
1160, vom Jahr 167 ab von Cuspinian geschrieben. Fol. 72 — 125 
Chronica Ysidori Yspaniensis, fol. 125 — 132 Einhards Gesta Caroli. 
Fol. 132 — 148 Liudprandi historia. Es fehlen die Kapitelverzeichnisse 
vom ersten und dritten Buch. Wie ein Eintrag besagt, ist die Hand- 
schrift im Jahr 1540 von dem Wiener Bischof Johannes Faber ange- 
kauft und dem Kolleg St. Nikolaus geschenkt worden zum Gebrauch 
der „darin wohnenden Studierenden". 

Klosterneuburg 741, saec. XII. (C). 

202 Pergamentblätter einschließlich eines Vorsatzblattes + ein Nach- 
satzblatt im Format von 21 x 29 in einem wohl aus dem XV. Jahr- 
hundert stammenden Einband, der aus einem Holzdeckel mit Leder- 
rücken, Metallbeschlägen und -schließen besteht. Es gehören zu- 
nächst 13 Lagen zusammen, die auf dem ersten Blatt signiert sind 
und bis fol. 106 reichen. Der untere Blattrand ist mit der Signatur 
meist weggeschnitten. Eine jüngere Hand hat dann sämtliche Lagen 
des Kodex auf dem letzten Blatt neu mit arabischen Ziffern bezeichnet. 
Da auf fol. 123 r und 179 r die Lagenbezeichnung III bezw. X steht 
und zwischen fol. 107 und 108 ein Blatt weggeschnitten und nach 
fol. 121 gleich 123 gezählt ist, beginnt mit fol. 107 eine zweite 
Quaternionenreihe von 12 Quaternionen, dis bis fol. 202 reichen. 
Jede Seite hat 30 Zeilen. Buch- und Kapitelanfänge sind mit teil- 
weise hübschen Initialen geschmückt. Der Kodex scheint von einem 
Schreiber geschrieben zu sein. Eine Hand des XV. Jahrhunderts hat 
mehrmals die Worte Über Sanctae Mariae virginis in Newnburga 
claustrali eingetragen. Inhalt: Auf fol. 1 stehen einige 1656 ein- 

Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 2. 2 



18 Josef Becker, 

getragene chronologisch-sachliche Inhaltsnotizen. Fol. 2 — 41 Eutrops 
Historia Romana fol. 42— 71 r Paulus Diaconus fol. 71 r — 82 v Einhards 
Gesta Caroli. Fol. 82 v — 107 Liudprands A. I— III, 37. Fol. 108 bis 
202 Reginos Chronik. Das früher einmal auf einen Deckel aufgeklebt 
gewesene Nachsatzblatt enthält nomina paparum a tempore Caroli 
regis usque huc bis Alexander III. (1159 — 81). 

Zwettl 299, saec. XII. (Z). 

283 Pergamentblätter im Format von 17,5 x 26 im Jahr 1783 
neu gebunden. Der Kodex besteht aus zwei ursprünglich getrennten 
Teilen, die zwischen 1620 und 1640 schon zusammen gebunden 
waren. (Vgl. Arthur Goldmann, Zur Geschichte der Bibliothek des 
Zisterzienserstiftes Zwettl in Mitteilungen des österreichischen Vereins 
für Bibliothekswesen VII, 15.) Es bilden zunächst fol. 2—72 (ein 
Blatt ist doppelt gezählt) 9 regelmäßige Quaternionen mit Signaturen 
auf dem letzten Blatt, dann fol. 73 — 83 einen Senio, dessen zweites 
Blatt weggeschnitten ist, fol. 84 — 123 wieder 5 regelmäßige Quater- 
nionen. Nun folgt von fol. 124 — 129 eine Lage, die ursprünglich 
ein Binio mit weggeschnittenem vierten Blatt war, dann wurde ein 
Doppelblatt eingefügt und das weggeschnittene Blatt wieder angeklebt. 
Mit fol. 130 beginnt die neue Lagenzählung der zweiten Hälfte des 
Kodex, an der mehrere Schreiber geschrieben haben. Fol. 130—231 
bilden 13 regelmäßige Lagen (zwei Blätter sind doppelt gezählt), 
fol. 232—234 einen binio ohne letztes Blatt, fol. 235—274 fünf regel- 
mäßige Quaternionen, fol. 275 — 277 ein Doppelblatt mit angeklebtem 
dritten Blatt, es schließt mit fol. 278—283 ein Trinio. Den Inhalt 
des Kodex sieh in Xenia Bernardina II. Teil, Band I, S. 401. Der 
in Zwettl 32 saec. XII. ex. überlieferte Handschriftenkatalog enthält 
die Nummern 1 — 11 der Xenia, No. 13 ist in dem zwischen 1200 
und 1246 geschriebenen Handschriftenverzeichnis, das in Zwettl 
24 steht, enthalten, No. 12 ist in keinem der beiden verzeichnet, dgl. 
nicht No. 14, 15, 16, 17, es sei denn, daß diese unter der Bezeichnung 
Affricani historia des Katalogs Zwettl 24 miteinbegriffen sind. 1 ) 

Wien, lat. 400 (hist. prof. 178, olim hist. lat. 47), saec. XIII. 

72 Pergamentblätter + 1 ungezähltes Vorsatzblatt im Format von 
22,2 x 31,2 in modernem Einband. Es sind neun regelmäßige Lagen, 
Quat. I ohne Signatur, Quat. II— VII auf dem unteren Rand des letzten 
Blattes bezeichnet, die Quat. VIII— IX tragen die Signatur auf dem 



l ) Ich verdanke diese eingehenden Angaben der gütigen Mitteilung des 
Herrn Stiftsbibliothekars P. Hammerl. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 19 

ersten Blatt der Lage. Dem Quat. I ist ein ungezähltes, aber zur 
Handschrift gehörendes Blatt vorgeheftet. Der ganze Kodex scheint 
von einer Hand geschrieben zu sein. Der Kapitelindex von liber I 
und III fehlt, bei dem von II fehlen die Zahlen. Der Text ist fort- 
laufend geschrieben ohne Kapitelscheidung. Auf dem ersten un- 
gezählten Blatt stehen auf der Rektoseite versus cuiusdam de nummo, 
auf der Versoseite von neuerer Hand das Inhaltsverzeichnis der Hand- 
schrift: fol. 1 — 8 S. Methodio adscripta prophetia, fol. 9 — 40 v B. 
Victoris Uticensis de persecutione Vandaloram libri tres, fol. 40 v bis 
51 Eginarti vita Caroli magni, fol. 51 — 72 Liudprandi Ticinencis 
historia. Auch diese Handschrift wurde von Johannes Faber gekauft 
und dem Nicolauskolleg geschenkt. 

British Museum, Harleianus 2688, saec. XIII (H). Vgl. 
Pertz, Archiv VII, 398 und Catalogue of the Harl. manuscr. II, 708. 

Damit ist das Handschriftenmaterial, soweit eS uns heute be- 
kannt ist, erschöpft. Es muß ein Irrtum vorliegen, wenn Pertz in 
der Vorrede zur Einhardausgabe 1 ) in den Vindobonenses hist. prof. 
1068 und Katalog Seh wandner 1080 die Antapodosis enthalten sein 
läßt. Der Wiener Handschriftenkatalog berichtet das von den Hand- 
schriften nicht, und eigene Einsicht in die beiden Kodizes bestätigt 
die Pertzsche Angabe gleichfalls nicht. Ebenso ist mir die Notiz bei 
Muratori 2 ) unerklärlich, in der er von drei Wiener Liudprandhand- 
schriften redet, darunter zwei sehr alten. Er druckt dann die Ver- 
gleichung der früheren Ausgaben mit hist. prof. 178 (jetzt No. 400), 
ab, welcher Kodex noch mit einem ungenannten (cum altero simili 
collatus) verglichen worden wäre, und die Vergleichung der Ausgaben 
mit hist. prof. 338 (jetzt No. 427). In Wien gibt es heute nur zwei 
Liudprandhandschriften. — Ob mit dem ungenannten alter similis 
irgend eine der anderen österreichischen Handschriften gemeint ist? 
Aus den knappen Varianten ist es nicht zu ersehen. 



l ) Mon. Germ. SS. II, pag. 439. 

*) Script, rer. Ital. tom. IL 2, pag. 1080. 



B. Die Genealogie der Handschriften. 

Seit Köhlers gründlichem Nachweis, daß der Münchener Kodex 
nicht das Autograph darstellt, bedarf die gesamte handschriftliche 
Überlieferung Liudprands von Cremona einer vollständigen Neu- 
ordnung. Zunächst ist es notwendig, die von Pertz gegebene Klassi- 
fikation durch eine den veränderten Verhältnissen entsprechende neue 
zu ersetzen. Schon ein flüchtiger Blick auf unsere Überlieferung 
zeigt uns evident drei Handschriftenfamilien. Die erste Familie, 
am besten vertreten durch die Münchener ehemals Freisinger Hand- 
schrift, gibt uns den vollständigsten und lückenlosesten Text, ihre 
gute Erhaltung entspricht dem Alter einzelner ihrer Glieder. Zu ihr 
gehören außer München lat. 6388 Ashburnham 15, Brüssel 9904, 
Harleianus 3685. 

Dieser Handschriftengruppe steht am nächsten eine zweite Familie, 
sie tiberliefert A. und H. O. und zwar die H. O. überall hinter der A. 
Ihre Verwandtschaft erhellt aus den allen gemeinsamen Lücken A. I, 10; 
I, 12; II, 4; IV, 30; V, 19; V, 31; V, 32; VI, 5; VI, 9; H. O. Kap. 14. 
Zu dieser Klasse gehören Harl. 3713, Brüssel 14923, Berlin ms. lat. 
fol. 358, Brüssel 9984—89, Ambros. P. 107, die Exzerpte in Paris 
lat. 5922 und Trier 388, deren Lesarten deutlich auf diese Klasse 
weisen. 

Jünger und in ihrer Erhaltung schwer geschädigt sind die Glieder 
einer dritten Familie, zu der Harl. 2688, Wien, lat. 427 und 400, 
Zwettl 299 und Klosterneuburg 741 gehören. Ihre Zusammenge- 
hörigkeit geht hervor aus den großen Verlusten, die ihnen gemeinsam 
sind. Der Harl. endet A. V, 18, die übrigen bereits in der zweiten 
Hälfte des III. Buches, die H. O. enthalten sie alle nicht, sie alle 
haben A. I, 42 einen ihnen allein eigenen Text, der eine zusammen- 



Josef Becker, Textgeschichte Liudprands von Cremona. 21 

ziehende schwerfällige Überarbeitung des ursprünglichen Textes darstellt, 
und einige Lücken gemeinsam wie A. I, 42; II, 6; II, 45, 66. Diese 
Gruppe endlich ist frei von den Glossen und der Umschrift der 
griechischen Buchstaben. 

Es seien hier die Metzer Auszüge angereiht, die zwar nicht zu 
dieser Klasse gehören, wegen ihres sehr geringen Umfanges, aber 
auch nicht als eine eigene Klasse zu bezeichnen sind. 

Die dreifache Scheidung unserer Handschriften ergibt sich auch 
bei der Betrachtung der einzelnen Lesarten. Jede Gruppe ist reich 
an Varianten, in jeder aber finden sich zahlreiche Fehler und Inter- 
polationen, die ihre Heilung in einer, meist in den beiden anderen 
Gruppen finden. 

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß unsere Handschriften 
in drei Klassen zerfallen. Diese Tatsache involviert sofort zwei weitere 
Fragen: 1. Wie gestaltet sich das genealogische Verhältnis innerhalb 
derselben Klasse; 2. Welche Stellung nehmen die einzelnen Klassen 
zueinander ein. 

Schreiten wir zur Lösung der ersten Frage, so erhalten wir für 
die Klasse I das wichtige Ergebnis, daß der Frisingensis ihr Archetyp 
ist, ihr bester und vollständigster Vertreter, der auch fürderhin die 
Grundlage jeder Textrezension bleiben wird. Als Köhler die Autorität 
des Frisingensis als eines Autographs erschüttert hatte, setzte man 
große Hoffnung auf den ebenfalls alten Ashburnhamkodex. 1 ) Indes 
die gehegte Erwartung erfüllt sich nicht. Man muß vielmehr Holder- 
Egger 2 ) beistimmen, der bereits Belege dafür erbrachte, daß der jetzige 
Laurentianus nur eine Abschrift des Frisingensis darstellt. Fast alle 
Versehen und Fehler des letzteren sind übernommen, außer einigen 
wenigen, die durch einfachste Konjektur zu beseitigen waren. Andere 
Versehen des Frisingensis sucht der Kopist gelegentlich auch zu heilen, 
z. B. hatte der Frisingensis im Kapitelverzeichnis von Buch I No. 1 1 
durch Dittographie quod imperator se non flagellantes flagellantes 
non flagellaverit, ein flagellantes also zu viel. Der Kopist schrieb 
zunächst beides ab, änderte aber dann se non flagellante flagellantes, 
indem er ein 5 nachträglich ausradierte. Im übrigen ist die Abschrift 
eine schlechte zu nennen, die zahlreichen Fehler des Frisingensis 
sind um viele vermehrt. Man hat den Eindruck, als habe der Schreiber 

*) Dümmler im Nachwort zu Köhlers Beiträgen N. A. VIII, S. 89 und zuletzt 
Traube in Wattenbachs Geschichtsquellen 7 , S. 480. 
2 ) N. A. XI, S. 264. 



22 Josef Becker, 

zusammenhanglos Silbe für Silbe abgeschrieben, die zahlreichen 
Dittographien und Silbenauslassungen scheinen darauf hinzuweisen; 
oft sind ganz frappant sämtliche Abkürzungen des Frisingensis über- 
nommen. Außerdem lehrt eine Nebeneinanderstellung beider Hand- 
schriften, wie aus den Zügen der einen die falschen Lesarten der 
anderen entstehen konnten. Gleich der Titel konnte verlesen werden. 
Der Laurent, schreibt ANTCOnOAOTeCDC, weil im Frisingensis 
die Formen von a und co sich sehr ähnlich sind. Die Form des N 
in Liudprando führte zur Lesung Liudpralido, die des rj in evrrj zur 
Schreibung Ivxv; man vgl. auch die Formen von ixjuaXoola in beiden 
Handschriften. Aus editus, dessen kapitales T im Frisingensis etwas 
verwischt ist und wegen des schmalen Querbalkens einem / gleicht 
wurde edias. A. I, 23 ist in ense das n übergeschrieben und zwar 
in einer einem a sehr ähnlichen Form. Der Kopist las denn auch 
ea se. Wollte man trotz dieser Erscheinungen den Asburnham immer 
noch für einen Gemellus des Frisingensis halten, dann müßte man 
annehmen, daß die Fehler des Frisingensis schon in seiner Vorlage 
gestanden hätten, daß der Frisingensis seine Vorlage abgezeichnet 
(vgl. Titel), daß er auch die verweisenden Zeichen (und a.) genau wie 
in der Vorlage übernommen, daß er seine Vorlage so gut kopiert 
habe, daß sein Gemellus uns wirklich keine besseren originalen Les- 
arten mehr bieten kann. Unter dieser Annahme wäre es möglich 
die These aufrecht zu halten, allein wer möchte dieser Annahme 
zustimmen? 

Von gleicher Herkunft ist ferner der ehemalige Spanheimensis. 
Pertz hatte dieses Abhängigkeitsverhältnis bereits erkannt, allein Köhler 1 ) 
machte starke Bedenken dagegen geltend: A. I, 26 fehlt im Span- 
heimensis der Vers Cannabe etc., im Frisingensis ist er von zweiter 
Hand am Rand nachgetragen. Köhler erklärt das daraus, daß der 
Vers im Archetyp beider nachgetragen gewesen sei, so daß der erste 
Schreiber des Frisingensis und der des Spanheimensis ihn übersahen. 
Ich glaube, daß auch die andere Erklärung eben so gut möglich ist; 
der Schreiber des Frisingensis hatte aus irgend einem Grunde den 
Vers ausgelassen, der Korrektor trug ihn am Rande nach, und diese 
Randbemerkung übersah der Schreiber des Spanheimensis. Ähnlich 
steht es mit anderen Bedenken Köhlers. Wichtiger erscheint die auf- 
fallende Übereinstimmung des Spanheimensis in derselben Lücke 
einmal mit der dritten (A. IV, 23) und einmal mit der fünften Klasse 



l ) a. a. O. S. 87 f. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 23 

(A. VI, 5). Dagegen ist zu bemerken, daß die erste Lücke sich nur 
in S findet, nicht auch wie Pertz falsch notiert, in H. Mit der zweiten 
Übereinstimmung in derselben Lücke hat es seine Richtigkeit, jedoch 
ist auch die Erklärung sehr einfach, indem in beiden Fällen die 
Schreiber, irre geleitet durch das gleichlautende baut, von castodiebant 
etwa um eine Zeile weiter zu emittebant abirrten. So können Köhlers 
Einwände anderweitig erklärt werden und vermögen die positiven 
Beweisgründe nicht zu erschüttern. Den Ausführungen von Pertz 1 ) 
sei noch einiges hinzugefügt. Zahlreiche Versehen von S lassen sich 
bei Einsicht in F leicht erklären. SS. III, 284, 29 hat S den /rc-Strich 
in Verona durch das in F übergeschriebene dirigunt und das dabei- 
stehende Einfügungszeichen übersehen. SS. III, 303, 20 hat in F die 
Trennung am Zeilenende die Dittographie immensisitatem hervor- 
gerufen, die von S kopiert wird. SS. III, 306, 8 schreibt F sed et 
zusammen und zwar et in einer es sehr ähnlich sehenden Abkürzungs- 
form, so daß S sedes liest. SS. III, 307, 45 schreibt F die Glosse 
wie gewöhnlich über das zu erläuternde Wort. Dabei ist id est durch 
ein undeutliches i über dem o von duo bezeichnet. S weiß damit 
nichts anzufangen und macht über duo einen Haken und schreibt 
duo propter iuxta assisterent SS. III, 310, 20 steht in F potentieet, 
S machte daraus potentie et SS. 111,311, 5 sind in F die Worte 
hec erat zusammengeschrieben, dann aber ist an c unten ein Trennungs- 
zeichen angebracht. S kopiert zunächst das Trennungszeichen an c, 
läßt aber dann einen Zwischenraum vor erat. SS. III, 311, 27 hat F 
ursprünglich cruarent geschrieben, dann ci über u eingefügt und als 
Einfügungszeichen einen Punkt unmittelbar auf den zweiten /z-Strich 
gesetzt, so daß dieser dadurch einem c ähnlich ist. Daher findet sich 
in S cricicarent SS. III, 344, 42 fehlen in S die Worte postquam 
vero bis occidere voluit Der Schreiber hat also statt hinter valuit 
hinter voluit weiter gelesen, was sich daraus erklärt, daß in F voluit 
in der nächsten Zeile unmittelbar unter valuit steht. 

Man vergleiche auch die griechischen Stellen, z. B. die umfang- 
reiche in A. III, 41, und man wird finden, wie S Strich für Strich F 
kopiert. Auch hier wäre es merkwürdig, wenn alle diese Zufällig- 
keiten der Übereinstimmung von F und S — es ließe sich die Zahl 
dieser Erscheinungen reichlich mehren — schon im gemeinsamen 
Archetyp gestanden und so die Irrtümer in beiden Abschriften hervor- 
gerufen hätten. Auch ganz äußerlich stimmen beide Handschriften 



>) Archiv VII, S. 396. 



24 



Josef Becker, 



vielfach überein. Beide haben das Format 18 x 25; auch in den 
Lagenverhältnissen sucht sich S nach F zu richten. Auf fol. 45 oben 
erzielt es ein Schreiber sogar, mit denselben Worten die Seite zu 
beginnen und zu enden wie der Frisingensis. Dies gelingt bis fol. 50 
des Frisingensis. Hier beginnen in beiden Handschriften aufs neue 
die Lagen mit denselben Worten. Aus dem quaternionenweisen Ab- 
schreiben ist auch die von S begangene Vertauschung der beiden 
Lagen VII und VIII des Frisingensis (fälschlich VIII und VII bezeichnet) 
zu erklären. Da S für die H. O. den ersten Quaternio verbraucht, 
während F dafür eine nicht gezählte, weil nachträglich vorgeheftete 
Lage verwendet, war F mit der Lagenzählung stets um eine Lage 
voraus. Als er daher seine VIII. Lage begann, mußte er die VII. Lage 
des Frisingensis suchen, aber die dort mit VII bezeichnete Lage war 
in Wirklichkeit Lage VIII. Folgendes Schema zeigt deutlich, wie die 
Unordnung in S aus der falschen Bezeichnung der Lagen in F ent- 
standen ist. 



Frisingensis 



Spanheimensis 



Inhalt 


Wirkliche 
(falsche) Signatur 


Korrespondierende 
Lagenordnung 


Inhalt 


III, 26— IV, ind. 

IV, ind.— IV, 24 
IV, 24— V, 9 

V, 9- 


VI 

VIII 

VII 

IX 


VI 
VII 
VIII 
IX 


VII 

VIII 

IX 

X 


III, 26— IV, ind. 
IV, 24— V, 9 

IV, ind.— IV, 24 

V, 9- 



So erklärt sich die Vertauschung in S ohne Schwierigkeit und 
ein Zurückgehen auf einen gemeinsamen Archetyp 1 ) ist nicht nötig. 
Dies alles zeigt aufs deutlichste, daß S eine Abschrift von F ist. Da 
auch der Peutingerianus Harl. 3685 eine Kopie von F darstellt, be- 
sitzen wir in der Tat in der Münchener Handschrift den Archetyp 
der ganzen ersten Klasse. 

Dem Frisingensis an Alter ebenbürtig sind die Metzer Auszüge. 
Auf die Güte der hier vorliegenden Überlieferung hat zuerst Köhler 2 ) 
hingewiesen, wenn auch sein Urteil sehr einzuschränken ist. Das 
von ihm als richtige Lesart behandelte aeque A. I, 11 weist keine 
andere Handschrift auf. Außerdem liest auch der Frisingensis 
A. I, 11 eig tö (nicht et t6), ox stehen in einer Ligatur, welche die 



*) Köhler a. a. O. S. 86. 
') a. a. O. S. 78 f. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 25 

Herausgeber tibersehen haben. Auf Köhlers falsche Auffassung der 
Punkte in A. I, 11 (articulos in condilum) hat schon Wattenbach 1 ) 
aufmerksam gemacht. Der Hauptwert der Exzerpte liegt — das hat 
vor allem Traube 8 ) betont — in der Tatsache, daß die griechischen 
Worte nicht wie gewöhnlich in lateinischen Handschriften in Unciale, 
sondern in Minuskel geschrieben sind. Dies zeigt, daß sie dem 
Original sehr nahe stehen. Daß in diesem Liudprand als Kenner des 
Griechischen sich der Minuskel bedient hat, wäre an sich schon 
wahrscheinlich, wenn es auch handschriftlich nicht bestätigt wäre; 
nicht nur in den Metzer Auszügen, sondern auch in F finden sich 
bei den Graeca noch einige Minuskelelemente, freilich selten im Ver- 
gleich zu den Auszügen, und in letzteren stehen sie oft da, wo F 
die übliche griechische Unciale verwendet. Damit kommen zu den 
von Traube 8 ) aufgezählten Fällen griechischer Minuskel in lateinischen 
Handschriften des IX. Jahrhunderts zwei aus dem X. Jahrhundert 
hinzu. Infolge des geringen Umfanges der Exzerpte ist ihre Stellung 
zu den verschiedenen Handschriftengruppen nicht festzustellen; jeden- 
falls sind die Exzerpte nicht dem Frisingensis entnommen. Der Um- 
stand, daß sie keine Umschrift der griechischen Worte haben, weist 
vielleicht darauf hin, daß sie mit der III. Handschriftengruppe näher 
zusammen gehören. Dahin deutet vielleicht auch das Folgende: 
A. I, 11 (SS. III, 278,1) lesen die Exzerpte wie der Frisingensis 

Mars trigonus te premit Am Rande folgen dann die Worte 

Axovoov mit darüber stehendem audio, die der Frisingensis und 
Gruppe II nicht überliefern, wohl aber lesen wir in den Handschriften 
der III. Gruppe Axovoov inquam Mars trigonus etc. Die übrigen 
Lesarten der Exzerpte lassen keinerlei Entscheidung über ihre Stellung 
zu den anderen Handschriften zu. 

In der zweiten Handschriftenklasse sind die erhaltenen ältesten 
Vertreter der Harl. 3713 und der Bruxellensis 14923, jener, wie unten 
dargelegt wird, aus Gembloux (G), dieser aus Laubach (L) stammend. 
Pertz ließ es dahingestellt, ob L von G oder von einer anderen Hand- 
schrift derselben Klasse abzuleiten sei. Ich glaube, daß beide zu 
coordinieren sind und Gemelli darstellen. Daß L von G unabhängig 
ist, zeigt z. B. A. V, 29. G liest hier dei tyrannicosus mens, während 

J ) In einer Note zu Köhler a. a. O. S. 53. Zu bemerken ist noch, daß das 
Exzerpt oben rechts am Rande axovoov audio lautet, nicht wie Köhler druckt äxovoiv 
audiens. 

2 ) Wattenbach, Geschichtsquellen 7 S. 476, Note 2. 

8 ) Poetae Carol. III, 822 f. 



26 Josef Becker, 

L mit dei tironicosus mente dem Original näher steht. G und L 
sind zur Rekonstruktion dieser Klasse in erster Linie heranzuziehen. 
Die übrigen Handschriften sind entweder Abschriften von ihnen oder 
nur Fragmente von geringem Umfange. Der Berolinensis ist sicher 
eine Kopie von L. Er hat dessen Konjekturen und Interpolationen 
getreu übernommen. Im XVI. Jahrhundert hat Ant. Cautus G kopiert. 
Aus der editio princeps vom Jahr 1514 ist der heutige Ambrosianus 
geflossen, er weist dieselbe Kapiteleinteilung und die gleichen Kon- 
jekturen wie jene auf. Nicht dagegen sind aus den uns erhaltenen 
Handschriften abgeleitet die Erstausgabe selbst und die in Hand- 
schriften überlieferten Bruchstücke. Pertz hat recht, wenn er den 
ersten Druck aus einer Handschrift der zweiten Klasse herleitet, nicht 
genau genug hat er dagegen zugesehen, wenn er ihn aus L oder vielleicht 
einer Kopie von L geflossen sein läßt. Die eine Tatsache, daß L Lücken 
aufweist, die sich im Drucke nicht finden und deren richtige Ergänzung 
nur aus einer anderen Handschrift stammen kann, widerlegt das. 

L. Editio princeps. 

A. III, 26 Zoyj, Zoi fehlen Zoizone 

A. V, 26 ambitionem et vanam ambitionem et kenodoxiam id 
gloriam cognoscens est vanam gloriam cognoscens 

A. VI, 5 pronus fehlt. pronus adorans. 

Außerdem steht von den eigenen Konjekturen, die L machte, 
in dem Drucke nichts. Der Drucker hatte eine andere Vorlage. Also 
etwa den Gemellus von L, G? Aus denselben Gründen nicht. So 
schreibt die Editio princeps an der kurz vorher angeführten Stelle 
tyroni vehemens; auf G geht diese Konjektur kaum zurück. Wenn 
wir überdies sehen, daß die Editio princeps Lesarten der einen wie 
der anderen Handschrift aufweist, daß sie aber nicht unter Benutzung 
beider entstanden sein kann, weil es sonst unerklärlich wäre, daß der 
Editor zum Teil den Lesarten von L gefolgt sei, dessen oft ganz 
sinngemäße Konjekturen aber nie beachtet habe, so kommen wir zu 
dem notwendigen Schluß, daß die Vorlage von G und L die Quelle 
für den Editor gewesen sein muß. Wo lag die Handschrift, aus der 
G und L geflossen sind? G ist Ende des XI. Jahrhunderts in Gem- 
bloux, L Anfang des XII. Jahrhunderts in Lobbes geschrieben. Nun enthält 
der Bibliothekskatalog von Lobbes aus dem Jahr 1049 x ) einen Luit- 
prandus. Ich glaube, wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß dieser alte 



*) Herausgegeben von H. Omont, Rev. des bibl. I (1891), S. 13. Facsimiles 
in Pal. Soc. I, 61 und Reusens, Elements de pal. S. 190. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 27 

Lobbiensis Quelle für G und L und später für den Editor geworden ist. 
Was ist aus diesem alten Lobbiensis geworden? Ist er aus der Druckerei 
nach Lobbes zurückgebracht worden und vielleicht dort dem großen 
Brand von 1546 zum Opfer gefallen, oder ist er, was wahrscheinlicher 
ist, wie so viele andere Handschriften in der Druckerei verschollen? 
Noch eine Stufe weiter führen uns die Trierer Exzerpte, die in 
einigen Punkten einen besseren Text bewahrt haben. Um ein Beispiel 
anzuführen, die übrige Überlieferung dieser Klasse schreibt A. I, 27 
vitam aviditate contempnunt, nur unsere Exzerpte überliefern das 
von Klasse I und III bezeugte vitam laudis aviditate contempnunt 
Ob die Handschrift, aus der die Exzerpte geflossen sind, auch die 
Quelle für den alten Lobbiensis gewesen ist oder nur ein Gemellus 
von ihm, vermag man nicht zu entscheiden, im einen oder anderen 
Falle wird das Handschriften-Stemma verschieden sich gestalten. 
Auf den älteren Lobbiensis oder was textgeschichtlich vielleicht wahr- 
scheinlicher ist, eben diesen Trierer Kodex, aus dem die Exzerpte 
geflossen sind, gehen wohl auch die Ottersberger Auszüge im Parisinus 
zurück. Daß sie auf einer älteren Vorlage beruhen, sieht man auch an 
den griechischen Stellen, wo der Schreiber nicht die Versuche von G oder 
L vor sich hatte, sondern eine originalere Gestalt, mit der er seiner- 
seits sich abmühte. Der Stammbaum der IL Klasse könnte also sein: 



x (Trier) 
Paris 5922 



Mrierer Exzerpte 



Harl. 3713' 



Brüssel 
14923 



y (Lobbes) 



^Ed. princeps 



Ambros. P. 107 
* Berlin 358 



Oder 



(Trier) t/ x y (Lobbes) 

etc. ... Im ersten Fall stellte der Trevirensis, der verloren ist, den 
Archetyp der III. Klasse dar. Im zweiten Fall müßte noch ein dritter 
zu Grunde gegangener Kodex als Archetyp angenommen werden. 



28 Josef Becker, 

Vermutlich gehören in die IL Klasse auch die nicht mehr erhaltenen, 
ehemals in Egmond (saec. XI) und Stablo (a. 1105) liegenden Hand- 
schriften. *) In der letzteren findet sich auch der den Handschriften 
dieser Klasse eigene Titel Gesta regum et principum partis Europae. 
Welche Stellung den beiden Handschriften innerhalb des obigen 
Stemmas zukommt, läßt sich nicht feststellen. 

Innerhalb der dritten Handschriftenfamilie ist das gegenseitige 
Verhältnis leicht festzustellen. Es stehen sich der Hart. 2688, der die 
A. bis V, 18 tiberliefert, und die heutigen österreichischen Hand- 
schriften gegenüber, die schon innerhalb des III. Buches enden. Daß 
sie dem Harl. zu koordinieren sind, zeigen einige Lücken desselben, 
die sich in ihnen nicht finden, z. B. A. II, 26 — 40. Beide Teile sind aber 
nicht unmittelbar aus demselben Archetyp geflossen, vielmehr sind 
die österreichischen Handschriften durch ein Mittelglied hindurch- 
gegangen. Das beweisen die großen, ihnen gemeinsamen Lücken, 
z. B. das Fehlen der Kapitelverzeichnisse im ersten und dritten Buch. 
Sie weisen viele gleiche Verderbnisse im einzelnen auf, z. B. im 
Kapitelverzeichnis von Buch II, No. 57 lesen sie alle Berto statt 
Lamberto etc. Unter ihnen sind Wien 427 und Klosterneuburg 741 
Gemelli. Ihre gegenseitige Unabhängigkeit zeigt eine Menge Lesarten, 
deren Richtigkeit aus der Übereinstimmung mit den übrigen Hand- 
schriften derselben und der anderen Klassen hervorgeht. Man vgl. 
die folgenden Beispiele, die sich reichlich vermehren ließen. 

I, 3 villule] V, ville C 

I, 13 nominari\ V, vocari C 

I, 17 tarn] V, in C 

I, 23 ante porte ianuam] V, ante portam C 

I, 32 ipsias] V, fehlt C 

II, 25 munera] V, munerent C 

II, 31 proper are\ V, propinquare C 

II, 31 adeo] V, fehlt C 

II, 34 bonis omnibus] V, modis omnibus C 
II, 39 tactas) V, ductus C 

I, 4 unus] C, unusquisque V 

I, 27 dicunf\ C, vocant V 

I, 32 etiam atque etiam] C, atque etiam fehlen V 

*) Ich wurde darauf aufmerksam durch die dankenswerte Zusammenstellung 
»Geschichtliches aus mittelalterlichen Bibliothekskatalogen' von M. Manitius im N. A. 
XXXII (1907), S. 689. Daselbst ist nunmehr die Bemerkung über Brüssel 9904 und 
den alten Lobbiensis zu berichtigen. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 29 

I, 35 exiit] C, exigit V 

II, 44 Gareliano] C, Gargliano V 

II, 73 conibentes] C, contubentes V 

III, 2 dilatatur] C, fehlt V 

III, 4 Reliquiae (qui C) ###£] C, Reliqui qui V 

III, 9 Flwuiorum rex] C, rex fehlt V. 

C seinerseits ist Vorlage von Z geworden. Die hier aus C 
notierten Varianten finden sich sämtlich auch in Z. Z weist alle 
Fehler und Interpolationen von C auf, ohne selbständige Lesarten 
zu bieten. Seine Abhängigkeit von C zeigt aufs klarste folgendes: 
A. I, 3 schreibt C incideritit, das zweite it ganz fein durchstrichen 
und etwas verwischt. Z macht daraus inciderit in mucronis. II, 34 
schreibt C statt adqaireret irrig occurreret, indem das Auge des 
Schreibers auf das etwa um zwei Zeilen höher stehende occurreret ab- 
irrte. Z kopiert den Irrtum, der von da aus tiberging in J. Z ist 
also, was schon Pertz erkannte, wiederum Quelle geworden für J. 
Demnach gestaltet sich der Stammbaum der III. Handschriftenklasse 
folgendermaßen: 



\. 



Harl. 2688 Y 



Klosterneuburg 741 ^ * Wien 427 



Zwettl 299 *c 

Wien 400 J. 

Während die seitherigen Betrachtungen zum Teil mehr eine 
Grundlage für die Textgeschichte als für eine wirkliche Edition 
schaffen konnten, ist die nun folgende Untersuchung des Verhältnisses 
der drei Klassen zueinander von entscheidender Bedeutung für die 
Textkonstitution. Wenn wir die verschiedenen Möglichkeiten, die 
hier obwalten können, erwägen, so ist zunächst zweifellos, daß die 
erste Klasse, vertreten im Frisingensis, den beiden anderen gegenüber 
eine selbständige Stellung einnimmt und in keinerlei Abhängigkeits- 
verhältnis zu ihnen steht. Dies bedarf keiner Begründung. Wohl 



30 Jo se * Becker, 

aber muß das umgekehrte Verhältnis, das ja bisher als richtig galt, 
untersucht werden. Es bedarf der Prüfung, ob Klasse II und III in 
einem Abhängigkeitsverhältnis zu Klasse I stehen. Das Abhängig- 
keitsverhältnis könnte entstanden sein dadurch, daß entweder die eine 
Klasse durch Vermittelung der anderen oder beide Klassen unabhängig 
voneinander aus der ersten Klasse geflossen sind. Besteht dagegen 
keine Abhängigkeit, dann führen alle drei Klassen selbständig auf 
den Archetyp zurück. Die drei Möglichkeiten stellen sich schematisch 
also dar: 
la) I. Kl. lb) I. Kl. 2) I. Kl. 3) 



/ \ / 

II. Kl. III. Kl. II. 'Kl. III. Kl. I. Kl. II. Kl. III. Kl. 



III. Kl. II. Kl. 

Gelingt es uns, die Unmöglichkeit von Fall 1 und 2 darzutun, 
dann besteht Fall 3 zu Recht, d. h. jede Klasse ist der anderen gegen- 
über unabhängig. Beginnen wir mit dem Fall 1 a und 1 b, so ist zu- 
nächst ersichtlich, daß die beiden Klassen II und III in der Gestalt, 
wie sie uns heute in ihren ältesten und besten Vertretern vorliegen, 
von einander unabhängig sein müssen. Große Lücken der zweiten 
Klasse finden ihre Ergänzung in der dritten und umgekehrt. Daran 
vermag auch nichts die Annahme zu ändern, daß einst der Archetyp 
einer Klasse von diesen Lücken frei gewesen sei, so daß die andere 
Klasse aus ihm abgeleitet sein könnte. Zunächst liegt zu dieser An- 
nahme kein Grund vor; aber selbst wenn dem so wäre, so beweisen 
die besseren Lesarten bald der einen, bald der anderen Klasse, die 
Übereinstimmung bald der einen, bald der anderen mit dem Frisingensis, 
daß Klasse II und III voneinander unabhängig sind, daß somit der 
erste Fall unmöglich ist. 

Wichtiger ist die Erörterung über die zweite Möglichkeit. Wohl 
ist die erste Klasse am vollständigsten und äußerlich am besten er- 
halten, dagegen, wie bekannt, im einzelnen sehr fehlerhaft. In den 
meisten Fällen sind in den beiden anderen Gruppen diese Fehler 
behoben, was vielfach durch einfache Korrektur geschehen sein könnte, 
in vielen anderen Fällen aber nur durch eine methodische Kritik zu 
erzielen gewesen wäre. Wenn man also an der Abhängigkeit der 
zweiten und dritten Klasse festhalten wollte, müßte man — für beide 
Klassen — einen Korrektor und Kritiker annehmen, der alles das 
bereits geleistet hätte, was neuere Kritiker für die Emendation getan 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 31 

haben. Aus der großen Fülle besserer Lesarten der zweiten und 
dritten Klasse vergleiche man die folgende Auswahl. Sie wird uns 
die Güte und Selbständigkeit der Überlieferung in den beiden anderen 
Klassen dartun und zeigen, wie notwendig ihre Verwertung für die 
Textkonstitution ist. 

A. II, 51 Landolfum quid super re huiuscemodi, 'quam 

Africani agunt, Johannes consulit papa. In dem indirekten Frage- 
satze fehlt das Verbum. Köhler 1 ) schlug vor sentiat oder in Analogie 
zu A. II, 6 faciendum esset Das letztere wird handschriftlich bestätigt 
durch Kl. II, der Kontrolle durch Kl. III müssen wir hier entbehren. 

A. III, 3 Extinguntur matres, pueri, innuptaeque puellae Sancta 
catervatim moritur catecumina ples tunc etc. F macht zu dem 
ersten Vers die Glosse ypermetrus versus, Kl. II und III lesen extin- 
gunt Liudprand hat sonst das Versmaß genau eingehalten, sicherlich 
auch hier, wo die überzählige Silbe leicht zu vermeiden war (z. B. 
stinguntur, caeduntur etc.). Zweifellos hat im Original eine Verbal- 
form von extingo gestanden, aus der dann extinguntur interpoliert 
wurde. Es ist das die Lesart der Kl. II und III extingunt, die alle 
Schwierigkeiten beseitigt, wenn wir also schreiben: 

Extingunt matres, (;) pueri innupteque puellae, 
Sancta catervatim moritur catechumena plebs tunc. 
Es wird getrennt zwischen den Müttern und den Katechumenen, 
den Knaben und Mädchen. Offenbar haben die Nominative im 
Verse das Passiv extinguntur nach sich gezogen. 

A. III, 29 Baianum autem adeofoere magicam didicisse. Außer dem 
historischen Infinitiv Praesentis verwendet Liudprand nie einen absoluten 
Infinitiv, suscepisse ist vielmehr von einem Verbum abhängig, das sich 
hinter dem an dieser Stelle ganz unpassenden foere verbirgt und 
ferunt (fertur) lautet, wie es der Frisingensis in einem am Rande 
verschlagenen ferunt und Kl. II und III an der richtigen Stelle über- 
liefern. Vorher geht aiebant und ut aiunt Ferunt scheint ganz sicher 
zu sein und konnte kaum durch Konjektur gefunden werden. 

A. III, 32 hunc praeter forma ceteros ist wie Köhler 2 ) aus dem 
Duplikat der Stelle A. I, 8 erkannte in Übereinstimmung mit der II. 
und III. Kl. in hunc forma praeter ceteros zu ändern. 

A. III, 34 in honorem summi et celestis militiae principis et 
archangeli Michaelis. Auf die Notwendigkeit der Streichung des et 

*) a. a. O. S. 55. 
8 ) a. a. O. S. 53 



32 Josef Becker, 

vor archangeli hat Köhler 1 ) verwiesen, Kl. II und III bestätigen seine 
Kritik. 

A. III, 38 die Vermutung von Pertz, es sei zu lesen Argos für 
agros und 

A. III, 49 Qisleberto für Gilleberto und 

A. III, 41 Köhlers Emendation serari und 

A. IV, 12 das von Pertz hergestellte institoribas für institu- 
toribus werden von Kl. II bestätigt. 

A. IV, 28 Quia facies mentis est speculum cordis, verecundiam 
vultus rubore nudavit Unter den verschiedenen Emendationsvor- 
schlägen hat Waitz 2 ) das Richtige getroffen, der das Komma vor cordis 
setzt. Während die III. KL, die an dieser Stelle durch H allein ver- 
treten ist, keinerlei Interpunktion aufweist, haben alle Handschriften 
der II. Kl. vor cordis interpungiert. 

A. V, 33 In omni enim utrius sexus homo tamqae ablactatus 
quam lactens pro se nummum dedit Die Stelle ist verstümmelt. 
Der Verfasser will sagen, daß die Menschen beiderlei Geschlechts zu 
zahlen hatten, außerdem sowohl der Säugling als der der Milch 
entwöhnte, d. h. die Menschen jeder Altersstufe. Demnach ist mit 
Kl. II richtig zu schreiben: In omni enim aetate utriusque sexus 
homo etc. _ 

A. VI, 3 das von Köhler 3 ) in utinam aufgelöste ut steht in Ein- 
klang mit dem utinam der II. Kl. 

A. VI, 6 Hispanorum nuntii et nominatus Liutefredus regis 

Ottonis nuntius magna ex eorum dominis parte munera detulerant 
Ego vero Berengarii ex parte nihil detuleram. Es werden entgegen- 
gesetzt die übrigen Gesandten demjenigen Berengars, jene mit großen 
Geschenken, dieser ohne jegliche Gabe. Magna gehört, wie Köhler 4 ) 
schon erkannt hat, zu munera. Statt dominis ist natürlich dominorum 
zu lesen, und mit Kl. II lautet die Stelle: magna ex eorum parte 
dominorum munera. 

H. O. 4 Cumque eodem nuntii pervenissent, huiusmodi non a 
quibuslibet sed ab omnibus aut paucis (sie F) Romanis civibus 
responsa suseipiunt Pertz schrieb . . . non a quibuslibet aut paucis 

sed ab omnibus ; die richtige Lösung gibt uns Kl. II: 

non a quibuslibet, sed ab omnibus haud paucis Romanis 



1 ) a. a. O. S. 55. 

2 ) a. a. O. S. 57 Anm. 
8 ) a. a. O. S. 65. 

4 ) a. a. O. S. 66 f. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 33 

Nehmen wir an, daß in der Vorlage von F haut stand, so erklärt 
sich durch die von ihm beliebte Unterlassung der Aspiration die 
ganze Korruptel auf einfache Weise. 

H. O. 6 Mandavit etiam dolose quaedam Leonem sus- 

cepisset et quia quod sanctas imperator Das quod ist, wie 

Köhler 1 ) richtig feststellt, an verkehrte Stelle geraten; solcher Ver- 
schlagungen finden sich in F ja manche, es sei nur an das oben 
Seite 31 behandelte ferunt erinnert. Es ist mit Kl. II zu schreiben: 
Mandavit etiam dolose quod quendam Leonem .... suscepisset et 

quia sanctus imperator. 

rf H. O. J& pectora et armis intrepidi. Watterichs Konjektur 

pectore ist sinngemäß und wird grammatisch erfordert. Sie findet ihre 
handschriftliche Bestätigung in Kl. IL 

So weit einige Proben besserer Lesarten der II. und III. Kl. 
Es sind nun handschriftlich Emendationen belegt, unter denen einige 
wenigstens nur aus eindringendstem Studium der Schriften Liudprands 
sich ergeben konnten; daß diese Arbeit von Kopisten beider Klassen 
selbst geleistet worden wäre, wird niemand behaupten wollen. Es 
ist eine notwendige Folgerung, daß sowohl Kl. II als Kl. III nicht 
aus Kl. I geflossen, sondern von ihr unabhängig sind. Nunmehr 
sind wir imstande, dem Autograph um ein beträchtliches näher 
zu kommen und zu versuchen, bis zu der Quelle vorzudringen, 
von der aus der ganze Strom der Überlieferung sich ergossen hat. 
Allerdings führen die drei Klassen nicht auf völlig getrennten Wegen 
zum Original hin, vielmehr weisen die I. und II. Gruppe eine engere 
Zusammengehörigkeit auf. Bevor wir dies positiv zu beweisen ver- 
suchen, sei zunächst negativ erledigt, was für die engere Verwandt- 
schaft der I. und III. Gruppe zu sprechen scheint. A. I, 1 schreibt 
die erste Hand des Frisingensis Liuprandus, verbessert es aber dann 
in Liudprandus, A. I, 3 schreibt sie oppido, das sie aber dann in 
mox ändert. Nun finden sich die beiden zuerst niedergeschriebenen 
Lesarten in der III. Kl. (Liuprandus übrigens nur in H). Es liegt 
nahe, zu vermuten, daß die ursprünglichen Lesarten in der Vorlage 
standen, aber korrigiert waren, daß zunächst beide Abschreiber die 
Korrekturen übersahen, der Schreiber im Frisingensis sein Versehen 
aber nachträglich berichtigte. Das war schon Pertz aufgefallen; er 
glaubte H sei aus F geflossen, bevor F in allen Teilen korrigiert 
gewesen sei. Von ähnlichen Erscheinungen ließe sich hier anführen 



*) a. a. O. S. 58. 
Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 2. 



34 Josef Becker, 

und aus der gemeinsamen Vorlage erklären das Fehlen von Laures- 
heim dictam (A. IV, 28) in H, der hier der einzige Vertreter der 
III. Kl. ist, während im Frisingensis diese Worte am Rande stehen. 
Ebenso findet sich A. II, 5 in beiden Klassen das von der II. Kl. 
überlieferte voti nicht. Wird es möglich sein, diese auffallenden Er- 
scheinungen zu erklären trotz der näheren Zusammengehörigkeit von 
Kl. I und II und des Handschriftenstemmas, das aus dem Nachweis 
dieser näheren Verwandtschaft folgt? Dieser unten zu gebende Nach- 
weis hat zur Konsequenz die folgende Gestaltung des Handschriften- 
stammbaums: 

x Autograph 

: x Archetyp 
Archetyp der III. Klz. -tf \j<y 




X 
*) Metzer Auszüge y/ ^ 

Archetyp der I. Kl. u Archetyp der II. Kl. 

= F 

Versuchen wir auf Grund dieses Stemmas die oben angeführten 
Erscheinungen zu erklären, so ist einmal anzunehmen, daß in X oppido 
(und Liuprandas) gestanden, daß Y dies abgeschrieben, dann aber 
mox daraus gemacht habe. Der Schreiber des Frisingensis übersah 
zunächst die Korrektur, trug sie aber dann nach; der Archetyp der 
Kl. II übernahm ebenfalls die veränderte Lesart. Ähnlich wird es 
sich vielleicht mit den Worten Lauresheim dictam verhalten, und das 
nur in Kl. II bezeugte voti ist wahrscheinlich nur eine der vielen 
Konjekturen dieser Klasse. Wenn demnach auch die Erklärung nicht 
ganz ohne Rest aufgeht — weshalb sollte nicht einmal eine zufällige 
Übereinstimmung möglich sein — so wird das doch die positiven 
Beweismomente für die nähere Zusammengehörigkeit der Kl. I und II 
nicht beeinträchtigen können. 

A. II, 3 hat Pertz die richtige Lesart Sartouinemque hergestellt, 
wie sie auch von dem besten Vertreter der III. KL, dem Hart., über- 
liefert wird, die übrigen Handschriften dieser Klasse haben qae aus- 
gelassen, Kl. I dagegen liest Sanguinem nemque und Kl. II mit einer 



*) Die Metzer Auszüge können nach der Art ihrer Überlieferung ebensogut 
aus X stammen, es ist das nicht zu entscheiden. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 35 

kleinen vorgenommenen Korrektur Sanguinem neque. Offenbar be- 
ruhen beide Irrtümer auf einer Dittographie der gemeinsamen Vorlage. 

A. II, 4. Die Worte alios vero .... exitarunt sind in der 
Münchener Handschrift ausgelassen und dann am unteren Rand nach- 
getragen. Kl. II hat sie an unrichtiger Stelle eingeschoben. Die 
Schreibung der Worte in der gemeinsamen Vorlage wird beide Ver- 
sehen verursacht haben. In Kl. III stehen die Worte an richtiger Stelle. 

A. III, 26 hat Pertz ebenfalls richtig hergestellt Zor\ Zoi während 
Kl. I und II irrig Zoi Zoe haben. Hätte Kl. III aus derselben Vorlage 
geschöpft, dann hätte sie, da sie stets nur die in der Zeile stehenden 
griechischen Worte abschrieb, Zoi schreiben müssen, sie tiberliefert 
aber richtig Zorj. 

A. V, 10 schreibt die III. Kl. (H) richtig tempore, die I. Klasse 
tmfe und die II. itinere. Anscheinend fanden diese beiden in ihrer 
Vorlage tmfe (Abkürzung für tempore), was F einfach kopierte, während 
Kl. II itinere daraus machte. 

Bei den seitherigen Beobachtungen waren wir in der glücklichen 
Lage, die Kontrolle für den Beweis der näheren Verwandtschaft der 
Kl. I und II in Kl. III zu haben. Für andere Fälle müssen wir ihrer 
entbehren infolge der vielen Verluste der III. KL, immerhin zeigen 
sie, wie Kl. I und Kl. II aus derselben Vorlage stammen. 

A. V, 31 : Der Schreiber des Frisingensis schrieb impadissimae, 
verbesserte aber dann daraus impurissimae. Die II. Kl. liest impu- 
dentissimae. Anscheinend stand in der Vorlage impudissimae, woraus 
dann jeder Kopist sich seine Lesart zurechtmachte. Ebenso weisen 
II, 61 viriliter statt inviriliter, II, 65 properas (der Frisingensis liest 
auch properas, das scheinbare n ist ein Pergamentflecken), V, 24 das 
überflüssige libuit und H. O. 20 die falsche Stellung contra eum, 
Erscheinungen, die in beiden Klassen sich finden, auf die gleiche 
Vorlage. Wichtig ist außerdem, daß es in Kl. III griechische Stellen 
gibt, die weder in Kl. I noch in Kl. II überliefert sind, z. B. A. IV, 
7, 8 und A. V, 14. Noch ist der auffallendste Punkt zu erwähnen. 
Kl. I und II haben das Griechische mit lateinischer Umschrift und 
Übersetzung, außerdem zahlreiche Glossen. Kl. III hat keinerlei 
lateinische Umschrift, keinerlei Glossen und in wenigen Fällen die 
lateinische Übersetzung des Griechischen. Alle diese Momente zu- 
sammengenommen dürften zur Genüge dartun, daß von den drei 
Handschriftengruppen die erste und zweite enger zusammengehören, 
und daß in der Tat das oben gegebene Stemma zu Recht besteht. 
Nur in einem Punkt bedarf es noch der Begründung, in der Ansetzung 

3* 



36 Josef Becker, 

eines Archetyps X. Wer die Lesarten der drei Handschriftengruppen 
vergleicht, findet, daß sie wohl gegenseitig zur Sanierung des Textes 
sehr viel beitragen, daß sie aber immerhin in einigen Fehlern und 
Versehen übereinstimmen. Solche der gemeinsamen Vorlage ange- 
hörige Irrtümer liegen auch dann vor, wenn Kl. II scheinbar das 
Richtige tiberliefert, denn aus dem Stemma folgen für die Rezension 
ohne weiteres die grundsätzlichen Formeln: 

Kl. III = Kl. I + Kl. II und Kl. III + Kl. I > Kl. II, und die 
scheinbar richtigen Lesarten der II. Kl. haben als Konjekturen zu 
gelten. Gemeinsame Fehler haben wir u. a.: 
A. II. 4 Vulcano] vulno I, III, om. II. 

A. II. 5 compotes sui effecti I, III. compotes voti sui effecti II coniec. 
A. II, 7 colonis] coniec. II, colonobus I, colonibus III. 
A. II, 31 proludium] coniec. II, ludium I, III. 
A. II, 34 quiret) nequiret I, III, posset II coniec. 
A. III, 1 Constantinopoh] II coniec; Constantinopolim I, III. 
A. III, 5 exuviae) excabiae I, II, III. 

Man sieht deutlich, daß in unserem Stemma Y und Z nicht un- 
mittelbar aus dem Autograph sich herleiten, sondern durch eine Phase 
hindurchgegangen sind, in der die gemeinsamen Fehler entstanden. 

Im Anschluß hieran ist es geboten, die Frage betreffend die 
Glossen und die griechischen Stellen nochmals zu erörtern. Köhler 1 ) 
hat zuerst den Gedanken ausgesprochen, daß die Glossen nicht von 
Liudprand selbst herrühren. Man kann ihm nur lebhaft zustimmen, 
wenn er die meisten von ihnen für so trivial hält, daß nicht abzusehen 
ist, was Liudprand bewogen haben könnte, sie beizufügen. Von 
einigen Glossen hat Köhler sogar gezeigt, daß sie unmöglich von 
dem Verfasser selbst herrühren können. In gleicherweise hat Köhler 2 ) 
die Urheberschaft Liudprands an der lateinischen Umschrift in Zweifel 
gezogen und auch hier einige Beispiele gegeben, die sicherlich nicht 
von Liudprand selbst stammen. Köhlers Ausführungen kommt nun 
ein neues bedeutsames, sozusagen diplomatisches Moment zu Hilfe: 
Die Glossen und die Transskription finden sich in den indirekt aus 
dem Original geflossenen Handschriftengruppen, der direkt abgeleitete 
Zweig (Kl. III und Metzer Exzerpte) weist keine Spur von beiden 
auf. Wir schließen: Wenn es unwahrscheinlich, ja zum Teil unmöglich 
ist, daß die Glossen und die Transscription von Liudprand selbst 

*) a. a. O. S. 81 ff. 
') a. a. O. S. 85 f. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 37 

herrühren, wenn ferner ein direkter Zweig der Überlieferung von 
ihnen nichts aufweist, dann dürfen wir annehmen, daß Glossen und 
Umschrift in der Tat nicht auf das Original selbst zurückgehen, 
sondern dem Strome der Überlieferung während seines Laufes (in 
unserem Stemma in y) zugeflossen sind. Man hatte gegen Köhler 
geltend gemacht, 1 ) daß die Berliner Handschrift ebenfalls die Um- 
schrift habe; nunmehr nach Einsicht der gesamten Überlieferung wird 
dieses Bedenken durch das völlig veränderte Handschriftenstemma 
aufgehoben. Köhlers treffliche Untersuchungen erhalten auch in 
diesem Punkt handschriftliche Bestätigung. 

Die indirekte Oberlieferung. 

Die indirekte Überlieferung ist für die Konstitution des Textes 
in unserem Fall ohne Bedeutung, da wir überall ihren Ursprung 
nachweisen können, sie uns nirgends weiterführt. Wohl aber ist sie 
interessant für die Textgeschichte, für die Benutzung Liudprands durch 
mittelalterliche Autoren. Ragewin wird den Frisingensis benutzt haben. 
An den beiden Stellen, wo Liudprand Quelle ist, gibt Ragewin den 
Inhalt mit geringer wörtlicher Anlehnung wieder, eine Vergleichung 
mit den einzelnen Handschriften bleibt daher ergebnislos. Eine Hand- 
schrift derselben Klasse, der Spanheimensis, bildete das Exemplar des 
Trithemius. Einen Kodex aus der dritten österreichischen Klasse hatte 
Magnus v. Reichersberg vor sich. Am meisten wurden die Hand- 
schriften der II. Kl. benutzt. Zuerst von dem Biographen Gerhards 
von Brogne, der nach Heinemann 2 ) kurz nach 1038 schrieb und somit 
keine der uns erhaltenen Handschriften ausgeschrieben haben kann. 
In der Tat finden sich denn auch einige bessere Lesarten z. B. A. IV, 
25 übereinstimmend mit dem Frisingensis und der auf dem alten 
Lobbiensis beruhenden Editio princeps ediceret, nicht einfach diceret. 
Der Biograph wird vielleicht den alten Lobbiensis vor sich gehabt 
haben. Sigebert schrieb G aus, der aus Gembloux stammt, nicht 
wie Pertz annahm, seinen Gemellus L, der erst im Anfang des 
XII. Jahrhunderts geschrieben worden ist. Denselben Kodex wohl 
benutzte Frutolf und der Chronist von Farfa. Dieser hat nicht, wie 
Pertz annimmt, eine Handschrift der III., sondern der IL Kl. benutzt, 
wie das Exzerpt aus A. I, 30 zeigt. 



J ) Wattenbach, Geschichtsquellen 7 I, S. 480. 
») N. A. XV, S. 596. 



38 



Josef Becker, Textgeschichte Liudprands von Cremona. 



Klasse I und III 



Klasse II 



Chron. Farf. 1 ) 



Forosum e sepulcro 
extrahere atque 
in sedem Romani 
pontificatus 
sacerdotalibus 
vestimentis indutum 
collocare praecepit 



Formosum e sepulcro Formosum e sepulcro 



extrahi et 

in sede Romani 

pontificatus 

sacerdotalibus 

vestibus indutum 

decollari praecepit 



extrahi atque 

in sedem Romani 

pontificatus 

sacerdotalibus 

vestimentis indutum 

decollari praecepit 
Alberich soll nach Scheffer — Boichorst 2 ) den Lobbiensis (L) 
zur Vorlage gehabt haben, weil er an der aus H. O. 3 entnommenen 
Stelle statt Papiam patriam liest, was Pertz im Apparat als Lesart 
des Lobbiensis verzeichnet. Scheffer mußte zu diesem Schluß 
kommen, da er die oben bemerkte unmethodische Art der Varianten- 
notierung nicht kannte. Es hat nämlich auch G die Lesart patriam, 
und er ist in Wirklichkeit die Vorlage gewesen; z. B. A. VI, 5 ent- 
nimmt Alberich pronus adorans, der Lobbiensis schreibt einfach 
adorans. Dietrich v. Niem hat Liudprand benutzt, aber sehr frei 
und mit geringem wörtlichem Anklang. Welche Handschrift ihm 
vorlag, vermochte ich nicht festzustellen. Zu streichen aus der Reihe 
der Benutzer aber ist Heinrich v. Herford. Er hat Pseudo-Liud- 
prand ausgeschrieben, d. i. die dem Liudprand fälschlich zugeschriebene 
Schrift De vitis Romanorum pontificum seu liber pontificalis. 8 ) Außer- 
dem wird Liudprand lobend erwähnt von Nicolaus v. Cues 4 ) in 
seiner Concordantia catholica III, 3. 



*) Muratori, Script, rer. Ital. II, 1, pag. 416. 

') SS. XXIII, S. 659. 

8 ) Vgl. die Ausgabe von Potthast (1859), S. XII. 

4 ) ed. Sim. Schard, De iurisdictione (Basel 1566), S. 614, A. 



C. Textgeschichte. 

1. Paläographische Vorbemerkung. 

a) Die ersten Erforscher der Münchener, ehemals Freisinger 
Handschrift glaubten, sie sei in Italien geschrieben, Docen und Delling, 
weil sie langobardische Elemente in der Schrift zu finden meinten, 
Pertz, weil er sie für das Autograph hielt. Köhler war es, der auch 
hier einer neuen Ansicht Ausdruck gab und die Handschrift mit Metz 
in Verbindung brachte. Ihm folgte zuletzt Traube 1 ) unter besonderer 
Berufung auf die innigen literarischen Beziehungen zwischen Metz 
und Freising am Ende des X. Jahrhunderts, ein Moment, das in der 
Tat Köhlers Ansicht nur unterstützen konnte. Und doch schon eine 
nähere Betrachtung der oben zusammengestellten orthographischen 
Eigentümlichkeiten der Handschrift läßt entschieden Zweifel an dem 
deutschen Ursprung entstehen, so konnte wohl nur ein Italiener ge- 
schrieben haben. Wie steht dazu die Schrift des Codex? In die 
Schrift der in Lothringen für Freising gefertigten Handschriften läßt 
sie sich nicht einreihen. Besonders fallen an ihr die zierlosen und 
plumpen, so sehr verdickten Oberschäfte der ersten Hand auf, die 
bei der zweiten Hand sich weniger und bei der dritten gar nicht 
finden. Dicke Oberschäfte kommen in Deutschland um die Wende 
des X. Jahrhunderts noch vielfach vor, 2 ) aber meist mit schrägen Ab- 
strichen. Es wird jedoch sehr unsicher sein, aus rein paläographischen 
Gründen einer nachkarolingischen Minuskel des X. Jahrhunderts 
italische Provenienz zuzusprechen, solange wir so wenig Proben 
dieser Schrift von sicherer italienischer Herkunft haben. Eine Fest- 



*) Wattenbach, Geschichtsquellen I, S. 480. 
*) Vgl. Chroust, Mon. pal., Lief. VIII, Taf. I. 



40 Josef Becker, 

Stellung nach dieser Richtung wird eine der Hauptaufgaben einer 
Untersuchung der Ottonischen Paläographie bilden, die noch zu 
schreiben ist. Man wird im allgemeinen nur sagen können, daß die 
Schrift unseres Kodex im ganzen die Merkmale aufweist, die Sickel 1 ) 
als charakteristisch für die nachkarolingische Minuskel des X. Jahr- 
hunderts festgestellt hat, über dessen Ausführungen wir bis jetzt noch 
nicht hinausgekommen sind. Es läßt sich zeigen, daß sie in die Reihe 
der wenigen uns bekannten italienischen Schriftproben eingereiht 
werden kann. Dazu gehören die Urkunde Ottos I. für die römische 
Kirche vom Jahr 962, wovon uns Sickel ein Faksimile gibt und die 
gleichfalls in Bücherschrift geschriebene Urkunde Ottos II. für Theo- 
phano von 972. *) Beide Urkunden sind, was zu berücksichtigen ist, 
paläographische Prachtstücke. Es kommen hinzu Monumenta pal. 
sacra, tav. XVIII, XXII und XXV. Es gehören zeitlich hierin auch die 
Proben der Tafeln XXIII und XXIV, die aber wegen des gekünstelten 
Charakters etwas abseits stehen. Am meisten Ähnlichkeit hat die 
Schrift unseres Kodex mit der Schriftprobe aus Novara vom Ende des 
X. Jahrhunderts auf Tafel XX, die in der Tat der Schrift des Frisingensis 
nahe steht. Daraus ergibt sich also, daß der Schriftcharakter des 
Frisingensis sehr wohl italienisch sein kann. Dazu paßte sehr gut die 
Meinung einiger Paläographen, wonach in dieser Zeit m mit Quer- 
strich am Ende als Abkürzung für mus spezifisch italienisch sei. In 
dieser Weise kürzt sowohl die erste als auch die zweite Hand die 
Endsilben mus und nus. Wenn obige Beobachtung zutreffend wäre, 
dann hätten wir hier ein sicheres italienisches Merkmal, aber sie be- 
darf noch durchaus der Prüfung. Im IX. Jahrhundert wenigstens finden 
sich nach Traubes Feststellungen diese Abkürzungen auch in Deutsch- 
land. Wie dem auch sei, es ist die Menge der italienischen ortho- 
graphischen Eigentümlichkeiten, was uns bestimmt, Italien für die 
Heimat des Kodex zu halten. Es würde dann die alte Meinung wohl 
recht behalten, nach der Bischof Abraham von Freising die Hand- 
schrift aus Italien mitbrachte. 

Traube allerdings war sehr im Zweifel, ob er die Orthographie 
für italienisch oder spanisch halten solle. Aber die von mir vorge- 
nommene Untersuchung des Kodex ergab nur eine Erscheinung, die 
man als „Spanisches Symptom" betrachten kann. A. II, 63 schreibt 



*) Das Privileg Otto I. für die röm. Kirche 1883, S. 10 ff., indes die hier 
gegebene Charakterisierung gilt nicht durchgängig, vielmehr gibt es auch im X. Jahrh. 
wenigstens in Deutschland Schreibstätten mit zierlicher feiner Schrift. 

2 ) Kaiserurkunden in Abbild. IX, 2. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 41 

der Frisingensis promisit statt permisit. Nun ist die spanische Ab- 
kürzung für per gleich der sonst üblichen Abkürzung für pro. Es 
konnte also in der spanischen Vorlage ein durch die spanische 
Abkürzungsform bezeichnetes per leicht als pro gelesen werden. 
Wenn der Frisingensis wirklich spanischen Ursprungs sein sollte, 
so wäre das mit der Tatsache in Zusammenhang zu bringen, daß 
Liudprand sein Werk dem spanischen Bischof Recemund von Elvira 
gewidmet hat. 

b) Pertz hat die Handschriften Harl. 3713 und Brüssel 14923 
kurzweg ins XI. Jahrhundert gesetzt. Diese chronologische Fixierung 
ist zu allgemein und bedarf näherer Umgrenzung. Was den Harl. 
angeht, so ist er aus allgemeinen paläographischen Gründen in die 
zweite Hälfte des XI. Jahrhunderts zu setzen. Zur Gewinnung eines 
terminus post quem vergleiche man die Faksimiles bei Arndt-Tangl, 
Taf. 55 und 19, Steffens, Schrifttafeln No. 59, Chroust, Mon. pal. III, 
8, und man wird finden, daß unser Kodex einen jüngeren Eindruck 
macht, vor allem wegen der spadelförmigen Gestaltung der Ober- 
schäfte. Näher kommen die Proben bei Chroust a. a. O. III, 9 oder 
Bresslau, N. A. XXI, No. 1 und 2. Eine genauere Datierung ist 
jedoch nur auf lokaler Grundlage möglich, da die örtliche Entwicklung 
im einzelnen sehr differiert. Wie Chroust 1 ) bemerkt, ist in dieser Periode 
Stiddeutschland, gerade was die Gabelung der Oberschäfte und die 
allmähliche Brechung betrifft, weit zurück, und Tangl 2 ) gibt zu, daß 
in den französischen Klöstern die Schriftentwicklung im XII. Jahr- 
hundert sehr vorgeschritten war. Wir haben oben festgestellt, daß 
Sigebert von Gembloux bei der Abfassung seiner Chronik (zwischen 
1090 und 1100) den jetzigen Harl. benutzt hat. Gehörte dieser Kodex 
vielleicht dem Kloster selbst? Keinerlei Notiz darin beweist es, aber 
das reiche literarische Treiben im damaligen Gembloux legt uns diese 
Vermutung nahe, und eine paläographische Vergleichung scheint sie 
mir zu bestätigen. Es sind mir aus der zweiten Hälfte des XL Jahr- 
hunderts nur zwei Proben von Handschriften bekannt, die in Gembloux 
geschrieben sind. Arndt-Tangl, Taf. 56 zeigt uns das Autograph von 
Sigeberts Annalen und Sigeberts Schriftzüge vor 1071; Reusens, 
Elements de pal. pl. XXIV gibt uns ein Faksimile von Sigeberts 
Chronik aus den Jahren 1101 und 1106. Vergleichen» wir mit beiden 
Proben unsere Handschrift, so finden wir, daß sie etwa die Mitte der 



») Mon. pal. VIII, 8. 
8 ) Schrifttaf. 56. 



42 Josef Becker, 

Entwicklung zwischen beiden einnimmt. Sie ist vorgeschrittener als 
diejenige von 1071, hat aber noch nicht die zweite Stufe erreicht. 
Eine Vergleichung des Harl. insonderheit mit der Probe bei Reusens 
zeigt, daß der Kodex allem Anschein nach aus der Schreibschule von 
Gembloux stammt. Wir dürfen annehmen, daß er etwa im letzten 
Viertel des XI. Jahrhunderts geschrieben ist. Und sein Gemellus aus 
Laubach? Die Schrift, die uns hier begegnet, ist jünger als die des 
' Gemblacensis und die in der Chronik Sigeberts. Die Gabelung der 
Oberschäfte und die Neigung zur einfachen Brechung sind weiter 
vorgeschritten. Wir setzen die Handschrift nicht zu spät an, wenn 
wir sie in den Anfang des XII. Jahrhunderts verlegen. Man vergleiche 
die Tafel 3 bei Bresslau im N. A. XXI, Steffens, Tafel 65, Mon. 
Germ. SS. VI, pag. 284, Chroust IV, 5 und VIII, 8. Es ist dabei 
Chrousts Bemerkung zu beachten, daß die Entwickelung in Süddeutsch- 
land zurück ist. Dieser Zeit angehörige faksimilierte Proben aus Lobbes 
oder dieser Schreibprovinz — um eine solche handelt es sich offenbar 
— sind mir nicht bekannt. Eine kombinierte paläographische und 
literarhistorische Betrachtung dieser Zeit und Gegend wird jedenfalls 
einmal versucht werden müssen. 1 ) 

2. Textgeschichte. 

Liudprand hat, das ist längst erkannt, nicht die letzte Hand an 
seine Werke gelegt, das zeigt auch schon ihre äußere Überlieferung. 
Sie sind offenbar noch im X. Jahrhundert in mehreren Exemplaren 
abgeschrieben worden. Bald hat man in Italien wohl (oder Spanien?) 
den griechischen Worten die lateinische Umschrift hinzugefügt und 
den Text an vielen Stellen glossiert. Irgendwie Bestimmtes wissen 
wir darüber nicht, wie denn überhaupt die Anfänge der Überlieferung 
im Dunkeln liegen. Nur das ist sicher und zunächst bemerkenswert, 
daß bald an Stelle des Südens der Norden die Erhaltung und Fort- 
pflanzung des Textes übernimmt. Soweit wir feststellen können, ist 
Liudprand in Italien im Mittelalter nur vom Chronisten von Farfa 
benutzt worden, dieser hatte indes nachweislich eine nicht-italienische 
Vorlage; erst im Ambrosianus des XVI. Jahrhunderts scheint wieder 
eine Liudprandhandschrift nach Italien gekommen zu sein. Die mittel- 
europäischen Länder werden also fürderhin die Träger der Überlieferung. 
Es kommt dazu ein zweites Moment: Die Fortpflanzung und Ver- 



*) Auch Wattenbach, Geschichtsquellen II, 141 hält eine (literarische) Dar- 
stellung der Lütticher Schulen für sehr ersprießlich. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 43 

breitung der Werke wird nicht bloß Zufällen und rein äußeren Um- 
ständen verdankt, sondern läßt sich ganz erkennbar mit literarischen 
Bildungszentren verknüpfen, mit deren Tätigkeit und Bestrebungen 
die Überlieferungsgeschichte eng zusammenhängt. 

Eine sehr alte Handschrift wird in Metz gelegen haben. Man 
hat dort aus ihr im X. Jahrhundert Exzerpte gemacht, die einen Rück- 
schluß auf die Vorlage gestatten. Es waren in ihr die griechischen 
Worte in Minuskel geschrieben, und die Transskription fehlte noch. 
Vielleicht gehört dieser Kodex näher zusammen mit dem Archetyp 
unserer dritten Handschriftengruppe. Jedenfalls stand er dem Original 
sehr nahe. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir den Namen Dietrichs 
von Metz mit ihm in Verbindung bringen. Er, ein Kenner des 
Griechischen, war in Italien und hat sich nachweislich dort Hand- 
schriften verschafft, unter denen ein alter Liudprandkodex sich befunden 
haben mag. 

Von Metz führte um die Wende des X. Jahrhunderts eine belebte 
literarische Verkehrsstraße nach Freising, wo damals die Bischöfe 
Abraham und Gottschalk sich um die Vermehrung der Dombibliothek 
bemühten. Was wäre wahrscheinlicher, als daß auch der Liudprand 
von Metz herüber gekommen sei. Es hat sich das aber nicht be- 
wahrheitet, vielmehr wird Abraham die Handschrift in Italien erworben 
haben. Der Schreiber des Kodex war jedenfalls ein Romane, wie die 
oben zusammengestellten orthographischen Eigentümlichkeiten zeigen. 
Daß Liudprand selbst so nicht geschrieben hat, wird man wohl an- 
nehmen können, um so mehr, da keine aller übrigen Handschriften 
irgendwie dergleichen Spuren aufweisen. Der ungebildete Schreiber 
des Frisingensis hatte eine gut erhaltene Vorlage, in der die Graeca 
noch manche Minuskelelemente aufwiesen. Wegen seiner Vollständigkeit 
und einer gewissen Ursprünglichkeit, dem Hauptschreiber wenigstens 
lagen Konjekturen ziemlich fern, ist der Text des Frisingensis sehr 
wertvoll, er bleibt die Grundlage auch für eine neue Ausgabe. 

Zu Beginn des XI. Jahrhunderts ist der Frisingensis vervielfältigt 
worden. Wenn der Asburnhamkodex wirklich in Lothringen ge- 
schrieben ist, so entspricht das den bekannten literarischen Beziehungen 
zwischen Freising einerseits und Metz und Toul anderseits. Der spätere 
Spanheimensis wird wohl auch einem bayerischen Kloster angehört 
haben. Außer Ragewin ist uns kein mittelalterlicher Benutzer des 
Frisingensis bekannt. 

Bedeutend jünger als dieser sind die uns erhaltenen Handschriften 
der II. Klasse. Um zu der durch sie gegebenen Stufe zu gelangen, 



44 Josef Becker, 

hat der Text manche Wandlung durchmachen müssen. Auch hier 
finden sich die lateinische Umschrift der Graeca und die Glossen, 
von denen viele freilich als tiberflüssig aufgegeben sind. Im all- 
gemeinen herrscht ein gewisses Streben nach Glättung des Textes; die 
Konjekturen und Interpolationen sind zahlreich und meist ganz will- 
kürliche Änderungen des Textes. Der Archetyp dieser Klasse mag 
vielleicht in Trier gelegen haben, wo man im XII. Jahrhundert Aus- 
züge aus Liudprand machte. Erwägen wir die relative Güte des in 
den Trierer Auszügen vorliegenden Textes und bedenken, daß in 
einem gleichfalls verlorenen Trierer Kodex die relatio de legatione 
Constantinopolitana stand, so führt uns das auf einen alten vortrefflichen 
Zweig der Überlieferung. Es kann hier darauf hingewiesen werden, 
daß sich in Trier am Ende des X. Jahrhunderts wieder eine rege 
selbstbewußte Tätigkeit entwickelte, daß besonders Egbert von Trier 
(977 — 993) sehr nachhaltig gewirkt hat. 1 ) Aus jenem Trierer Kodex 
ist vielleicht der Liudprand geflossen, den der Bibliothekskatalog von 
Lobbes aus dem Jahr 1049 unter den Bücherschätzen aufzählt, der 
seinerseits wieder der Stammvater der jüngeren Handschriftengruppe 
geworden ist. Was oben allgemein gesagt wurde, daß der Norden 
der Träger der Überlieferung geworden sei, daß die Fortpflanzung 
an literarische Zentren anknüpfe, das gilt besonders hier. Denn die 
belgischen Klöster sind es, denen wir die Handschriften unserer 
II. Klasse verdanken, sie sind das Zentrum, von dem aus Kenntnis 
und Studium Liudprands weiter vorgedrungen sind. Am Ende des 
XI. Jahrhunderts hat Sigebert sich für Gembloux eine Abschrift besorgt 
und für seine Chronik verwertet. Im Anfang des XII. Jahrhunderts 
hat man in Lobbes selbst noch ein Exemplar abschreiben lassen. 
In den gleichen Kreis gehört der ehemals in Stablo liegende Liudprand 
aus dem Jahr 1105 und wohl auch der Egmonder Kodex des XI. Jahr- 
hunderts. Es hat aus dem älteren Lobbiensis der Biograph Gerhards 
geschöpft, aus einer Quelle derselben Provenienz auch der Chronist 
von Farfa. Hier oder vielleicht auch in Trier mögen dem Otters- 
berger Mönch bei der Lektüre Liudprands die hübschen Anekdoten 
und Episoden vom griechischen Kaiserhof so gut gefallen haben, daß 
er sie sich notierte. Von historischem Bemühen und Verständnis für 
den Inhalt zeugt die Abschrift, die aus dem Lobbiensis (L) für die 
Abtei Hautmont in der Diözese Cambrai gefertigt wurde. So haben 
von diesem Zentrum aus Liudprands Werke ihren weitgehendsten 



l ) Wattenbach, Geschichtsquellen 7 I, 408. 



Textgeschichte Liudprands von Cremona. 45 

Einfluß ausgeübt. Es wird das begreiflich, wenn wir uns vergegen- 
wärtigen, daß nirgends sich das Klosterleben so reich entfaltet hatte 
wie in Belgien und ganz vorzüglich im Lütticher Sprengel. 1 ) Die 
Tatsache, daß die Lütticher Schule unter den Saliern ihren Höhepunkt 
erreichte, daß sie der Leben ausströmende Mittelpunkt war nicht für 
Lothringen allein, sondern für ganz Deutschland 2 ), der Umstand, daß 
in Gembloux der weltberühmte Chronist wirkte, lehren es verstehen, 
daß selbst der Bamberger Frutolf und der Chronist von Farfa hier 
historisches Material sammelten. Umgekehrt erhält das hier blühende 
literarische Treiben aus der Überlieferungsgeschichte Liudprands eine 
interessante Illustration, einige neue Einzelzüge: hier wird die Text- 
geschichte lebendige Literargeschichte. Gegen Ende des XII. Jahr- 
hunderts sinkt das literarische Treiben im Lütticher Sprengel, und 
damit erlischt auch Liudprands Einfluß von diesem Punkte aus. 

In weit größerem Maße als die II. hat die III. Handschriften- 
klasse äußere Verluste erlitten, aber weniger eine willkürliche Inter- 
polation erfahren. Sie ist vollständig frei von der lateinischen Um- 
schrift der Graeca und den Glossen. Auch die Übersetzung der 
Graeca gibt sie nur in ganz wenigen Fällen. Man möchte fast an- 
nehmen, daß auch die Übersetzung der Graeca nicht von Liudprand 
selbst herrührte, wenn sie nicht eben an einzelnen Stellen doch vor- 
handen wäre, während Glossen und lateinische Umschrift sich nicht 
ein einziges Mal finden. Die uns erhaltenen Handschriften dieser 
Klasse scheinen alle aus Österreich zu stammen, wo Liudprand erst 
im XII. Jahrhundert allgemeiner bekannt wurde. Es ist die Zeit, in 
der hier eine reiche und vielgestaltige annalistische Tätigkeit ein- 
setzte, u. a. auch in Zwettl und Klosterneuburg. Eine Benutzung 
Liudprands ist hier nur bei Magnus von Reichersberg nachgewiesen. 
Im XIII. Jahrhundert werden noch einmal zwei Kopien angefertigt, 
nun scheint auch hier wie tiberall Liudprands Name in Vergessenheit 
zu geraten. 

Noch einmal dient er im Anfang des XV. Jahrhunderts Dietrich 
von Niem als Quelle, und Nicolaus von Cues weiß ihn zu schätzen. 
Erst gegen Ende des Jahrhunderts macht ihn Trithemius unter dem 
Namen des Eutrandus wieder bekannt, und Humanisten des XVI. Jahr- 
hunderts lassen Abschriften fertigen. Schon aber waren die ersten 
Drucke erschienen: 1514 und 1532; im Jahr 1600 endlich entriß 



») Wattenbach a. a. O. II, 154. 
*) Wattenbach a. a. O. II, 141. 



46 Josef Becker, Textgeschichte Liudprands von Cremona. 

Canisius auch die Legatio der Verborgenheit. Schon setzten auch 
die Fabeleien und Phantasien -über Liudprands Leben ein, die dreisten 
Fälschungen und Erfindungen, die an Liudprands Namen sich knüpfen. 
Während hierüber schon im XVIII. Jahrhundert durch Nicolaus Antonius 
Klarheit geschaffen wurde, schenkten uns erst die Monumenta Germaniae 
durch Pertz die erste vollständige Ausgabe, die nun ihrerseits wieder 
der Revision bedarf. 




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J. Becker, Textgeschichte Liudprands von Cremona 



Tafel II 



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TnvwT iura, ft Li jn t^LiiiU cJti£ Trii*trifaJjnuct*r ithimrn^ 





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an* Arurrt«fcri> Wie»rtA csorttf^^vrtrp fitt r rit»pr>i irr'*n«>'i cceiJ.\rrT 
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Quellen u. Untersuch, z. lat. Philologie des MA. III, 2 




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