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Full text of "Über das landschaftliche relief bei den Griechen"

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Sitzungsberichte 

der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 

Stiftung Heinrich Lanz 
Philosophisch-historische Klasse 

. Jahrgang 1919. 1. Abhandlung ; : 


Über das landschaftliche Relief 
bei den Griechen 

von 

RUDOLF PAGENSTECHER 

in Rostock 

Mit 3 Tafeln und 3 Abbildungen im Text 
Eingegangen am 15. März 1919 


Vorgelegt von F. VON DUHN 



Heidelberg 1919 

Carl Winters Universitätsbuchhandlung 


Verlag»-Nr. 1473 



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THEODOR SCHREIBER 

zum Gedächtnis 
18 4 8 — 1918 . 


Inhaltsübersicht. 


Seile 

1. Das vorhellenisLisclip Relief und die I.andschafI 1 

H. Das Heliefbiki 20 

III. Das landschaflliche Relief in Unteritalien 26 

IV. Das landschaftliche Relief in Kleinasien 35 

V. Das landschaftliche Relief in Alexandrien 38 


I. Das vorhellenistische Relief und die Landschaft. 


Die griechische Skulptur erwächst aus dem Kultus. Das 
Bild des Gottes, das dem Gott geweihte Bild des Siegers, das 
Bild des Toten sind die Wurzeln, aus denen alle plastische Betäti- 
gung entspringt. Völker, die ihre Gottheit nicht unter dem Bild 
des Menschen verehren, besitzen keine Großplastik; Kreter und 
Israeliten, die ersten Christen und die Völker des Islam^. Und 
wie die Rundplastik ihren Ursprung im Dienst der Götter 
findet, so steht das Relief in unmittelharem Zusammenhang mit 
der religiösen Architektur. 

Das griechische Relief ist nicht von Anfang an architekto- 
nisch, aber es empfängt sehr bald seine bindenden Gesetze von 
der Architektur. 

In der kretisch-mykenischen Kunst wird das Relief nur durch 
diejenigen Grenzen beschränkt, welche auch der Malerei gezogen 
sind. Innerhalb dieser Grenzen gibt es nichts, dessen sich der 
Reliefkünstler nicht bemächtigen dürfte. 

Die archaische griechische Kunst steht fast ausschließlich 
im Dienst der Gottheit, das Relief im Dienst der der Gottheit 
geweihten Architektur. Der Naturalismus, der jeder archaischen 
Kunst eigen ist^, muß sich den Bedingungen der Architektur 
unterordnen. Die Beziehung zwischen dieser und der Plastik 
kann immer nur architektonischer Natur sein®. Der Inhalt des 
Reliefs ist erzählender Art, seine künstlerische Funktion jedoch 
besteht iii der Unterstützung der großen Linien des Bauwerks'*. 

' Vgl. vorläufig Geffcken, Archiv für Relw. XfX 1918 8. 292 ff., über 
dir antiken Gedanken z\ir inenschengestalUgen Darstellung der Götter. 

^ l.OEvvy, Die Natnrwiedergabe in der älteren griechischen Knnsl 8. 14; 
SciiEFFEEii, Der Geist der Gotik 8. .45. 

IliEOEHRAND, Das Problem der Form, 4. Anfl. 8. 107. 

' Der statische .\ufban der Menschengestalt ist der Horizontalen des 
l'Vieses völlig untergeordnet und wirkt innerhalb der Architektur lektonisch, 
nicht nur dekorativ; vgl. O. Wulff, Ztschrft. fi'ir yVsthetik u.sw. Xlf 1917 
8. 195f. gegen II. Wolffi.in, Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. 8chon deul- 
lich ausgebildet am Fries des 7’empels von Prinias; .Annuaiäo ilaliaTio di 
Atene 1 1914 Taf. V und \'I. 


ti 


Rudolf Pagenstecheu: 


Das landschaftliche Relief hat in dieser Umgebung nicht 
seinen Platz. Für seine höchste Vollendung sind zwei Vorbedin- 
gungen, die auseinander folgen, vorher zu erfüllen: eine gewisse 
Reherrschung der Perspektive und die Loslösung des Reliefs von 
der Architektur. Nur wenn wenigstens die allgemeinsten per- 
spektivischen Gesetze bekannt sind, kann ein geschlossenes Land- 
schaftshild entstehen. Perspektivische Vertiefung aber schließt 
die Verwendung eines solchen Reliefs innerhalb einer Architektur 
aus''. Denn die Einzelflächen des griechischen Tempels sind 
durchaus zweidimensional, trotz der starken Einstellung auf 
Tiefenwirkung, die ihm eigen ist®. Ein Hinübergreifen in die 
dritte Dimension nimmt den Reliefs des Frieses oder der Metope 
im Auge des Beschauers die Möglichkeit, ihre künstlerische Funk- 
tion zu crfidlen. Durch das Einfügen der Tiefen dimension ent- 
ständen iji der einheitlichen Eläche des architektonischen Reliefs 
Lücken, die optisch gleichsam den Einbruch des über ihm lagern- 
den Gebälks zur Folge haben würden. Die in der griechischen 
Kunst durch lange Zeit mit Konsequenz durchgeführte Isokephalie 
muß ihren Grund in der gleichen Erwägung haben. 

Aus dem Gesagten geht hervor, daß das landschaftliche 
Relief nur in denjenigen Perioden der griechischen Kunstent- 
wicklung seinen Platz haben kann, in welchen entweder das 
Relief noch nicht in den Bann der Architektur eingetreten war 
oder bereits von diesem Bann durch eine lange Entwicklung 
sich gelöst hatte, das heißt in der Periode der Vorbereitung und 
in der dei' Auflösung, in der Periode der archaischen und der 
hellenistischen Knnst . 

Zwischen den l)eiden hegt die Zeit des großen, des klassischen 
Stils. Um eine höhere Einheit zii erreichen, in der Einfachheit 
und Klarheit das einzig erstrebenswerte Ziel sind, wird auf alles 
verzichtet, was die archaische Kunst an Nebendingen brachte. 
Die Reliefkunst fies Quattrocento und des Cinquecento läßt uns 
die gleichen Gegensätze erkennen’', und was das letztere an innerer 
Bereicherung durch fliese Vereinfachung erhielt, suchte das Sei- 

" Auf die Aiisnahrneu tler Friese von XunLhos und Gjölbasclii (Del- 
brück, Beiträge zur Kenntnis der Liuienperspektive in der griecli. Kunst 
S. 39 f.) wird .später eingegangen werden. 

® \'gl. Eicken, Der Baustil, Grundlegung zur Erkenntnis der Baukunst 
S. 30 ff. 

' WöLFFLiN, Ihe kla.ssisclie Kunst S. 233ff. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


nento in äußerer Bereicherung sich zu verschaffen oder zu be- 
wahren : gewiß eine organische Weiterentwicklung, und doch eine 
Auflösung, wie sie in ähnlicher Form, wenn auch nicht entfernt 
in derselben Stärke und in stets eng bleibendem Zusammenhang 
mit den überwundenen älteren Kunststufen, uns die hellenistische 
Kunst bietet®. 

Das Material an griechischen Reliefs, welches uns vorliegt, 
läßt sich in folgende Hauptgattungen gliedern : Architektonische 
Iteliefs, Grabreliefs, Weihreliefs, Urkunden- und Sarkophagreliefs. 
Die Basisreliefs gehören ihrer ganzen Funktion nach zu den archi- 
tektonischen; eingespanht in ein festes tektonisches Gefüge, ord- 
nen sie sich ihrer Aufgabe in ähnlicher Weise unter, wie es die 
Reliefs eines Tempelfrieses oder einer Metopenplatte tun. Eigenes 
Leben ist ihnen nicht beschieden. An dem Werk, das sie schmücken, 
sind sie nichts als ein dem Ganzen untergeordnetes, das tektoni- 
sche Bild vervollständigendes und stützendes Glied. 

Ebensowenig wird man den griechischen Sarkophagreliefs 
in diesem Sinne eine eigene Bedeutung und eigene Ausbildungs- 
möglichkeiten zuschreiben wollen. Unterscheiden sie sich doch 
von dem Fries eines Tempels lediglich durch ihre engere seitliche 
Begrenzung. Bei der architektonischen Form der meisten Sarko- 
phage fällt auch ihr Schmuck unter den Begriff des architektoni- 
schen Reliefs. 

Da die Urkundenreliefs, gering an Zahl und meistens auch an 
künstlerischer Bedeutung, unberücksichtigt bleiben können, so 
haben wir es nur noch mit den drei oben an erster Stelle aufge- 
zählten Erscheinungsformen zu tun. 

Wie haben sich diese drei Formen des Reliefs zur Landschaft 
gestellt^ 

“ Das Sdilagwort vom griechischen Barock haben Lippold (Götl. 
geh Anz. 1914, G S. 351 ff.) und Rodenwaldt (Zlschrft. für .\stliolik usw. 
Al 191 ß S. 432 ff.) gebührend eingeschränkt. 

" WoERMANN, Die Landschaft in der Kunst der allen Völker, und 
IIeebic, Untersuchungen über die canipanische Wandmalerei, werden als 
bekannt vorausgesetzt und nicht weiter angeführt. Felix Rosex, Die Natur 
in der Kunst (Teiibner 1903) und Wilhelm Ganzenmüller, Das Natur- 
gefühl im Mittelalter (Teubner 1914) sind für die von uns behandelten Pro- 
bleme Indz gclegenl licher lleranziidumg der Antike unergiebig. Wace, 
The reliefs in the Palazzo Sjiada, Pajiers of tln British School at Rome 
1910 S. lG7ff. geht in seiner kurzen Besprechung der vorhollenistischen 
landschaftlichen Reliefs auf die von uns erörterten Fragen nicht ein. 


8 


riupoLF Pagenstecher: 


Die lange Reihe der Grabreliel's, wie sie uns auf den attischen 
Friedhöfen, auch in den Denkmälern Südrußlands, Ägyptens und 
auf den Grabkultvasen Unteritaliens entgegentritt, verzichtet auf 
die Landschaftu. ln engen architektonischen Rahmen gepreßt, 
dessen Beschränkung die mächtigen Gestalten der Dargestellten 
nur zu oft zu sprengen drohen, ist eine Gruppe von wenigen Per- 
sonen vereinigt, oder der Tote steht allein oder mit einem kleinen 
Diener vor uns. Selten ist das Notwendigste an äußerlichem Bei- 
werk, sind etwa die Geräte der Palästra hinzugefügt, nicht um 
den Schauplatz, sondern um das Wesen und die Tätigkeit des 
Verstorbenen näher zu charakterisieren. Der nur auf das Mensch- 
liche gericlitete Gedanke des Künstlers und des Auftraggebers 
vermied jedes Nehenwerk, welches von der Betrachtung der schö- 
nen und erhabenen Menschlichkeit und von der tiefen Empfindung, 
welche das Bild des Verstorbenen hervorzurufen bestimmt oder 
geeignet war, hätte ablenken können. Die Architektur bot in den 
meisten Fällen den Rahmen; in ihn etwas anderes als nur den 
•Menschen zu setzen, so A\de der Gott unter seinem Naiskos stand, 
wäre dem an alter Tradition gebildeten Stilempfinden des griechi- 
schen Künstlers als unmöglich erschienen. 

Späterer Zeit ist es Vorbehalten gehliehen, die Gestade der 
Unterwelt und den düsteren Fährmann, der sich den ihm be- 
stimmten Sterblichen näherU’, reliefplastisch zur Darstellung zu 
bringen und dem gelagerten oder dem ruhig stehenden Toten 
als schmückende Umgebung reicheres Beiwerk oder einige land- 
schaftliche Elemente, Baum und Säule oder Pfeiler hinzuzufügen^'^. 

Vielfach hat man in dieser Erweiterung der dem Relief zu 
überlassenden Crebiete der Darstellung den Einfluß der Malerei 
erkennen wollen. Ein solcher Versuch, bisher nicht nachweisbare 
Erscheinungen bei scheinbar plötzlichem Auftreten durch Über- 
nahme von Gesetzen zu erklären, die ursprünglich für ein anderes 
Gebiet der bildenden Kunst gefunden waren, ist nur dann ver- 
ständlich, wenn diese neuen Erscheinungen in Wahrheit mit der 
Technik, in welcher sie auftreten, auf keine Weise in Einklang 

Auüer CoNZE, Kieseuitzky-Watzinger xmd den ,, Unteritalischen 
Grabdenkmälern“ Pfuhl, Athen. Mitt. XXVI 1901 S. 258ff. und Expedition 
Ernst von Sieglin II 1 A S. 8ff. (im Druck). 

CoNZE, Die attischen Grabreliefs II 2 Taf. CCLI. Die Deutung jedoch 
umstritten; S. 2G0f. 

Pfuhl, Arch. .lahrb. XX, 1905, S. 47ff. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


9 


zu bringen sind und zwischen dem Material und den von ihm 
geforderten Formen ein unlösbarer Widerspruch besteht. Dieser 
Widerspruch ist zwischen Reliefplastik und landschaftlicher 
Darstellung nicht vorhanden. 

Die Erweiterung, von der die Rede war, geschieht aus zwei 
(Gründen. Einmal ist nicht zu fordern, daß Handwerker niedri- 
geren Grades — denn solchen verdanken \Gr etwa die Vorführung 
des Charonnachens auf einem Grabrelief — sich der Pflichten 
bewußt waren, welche der Grabreliefkunst zum wenigsten in 
Attika stets aufgelegt waren. Die engen Grenzen eines wohl 
hier und da ertötenden Stilgesetzes zu sprengen, diese Sehnsucht 
mochte unter der Menge der Handwerker am ehesten in denen 
erwachen, welche die Wohltat strenger Bindung am wenigsten emp- 
fanden, und denen es kein Schade dünkte, einmal aus dem be- 
grenzten Rahmen hinüberzugreifen in ein Gebiet, dem größere 
Freiheit von jeher zugebilligt wurde, in das Gebiet der Weihreliefs. 

Und darin liegt der zweite Grund für die Erweiterung der 
Aufgaben innerhalb der Grabreliefkunst: jene ostgriechischen 
Grabreliefs^® hellenistischer Zeit halten sich fern von dem Schema 
attischer Grabbilder. Sie leiten sich vielmehr aus dem Weihrelief 
her, was nur erklärt werden kann, wenn wir bedenken, daß der 
Hellenismus erst so recht die Heroisierung des Verstorbenen durch- 
führte; auf diesem Wege mußte sozusagen von selbst aus jedem 
Grabrelief ein Weihrelief werden Es liegt bei solch einschneidender 
Wandlung also keine Erweiterung der dem Grabrelief gezogenen 
Grenzen, sondern die Ersetzung des Grabreliefs durch ein Bild 
in den Formen des Weihrehefs vor. Und das Weihrelief hat nie 
mit landschaftlichen Zutaten, die bisweilen ein geschlossenes 
Ijandschaftsbild hervorbringen, gekargt. 

Wenn das Grabrelief im letzten Grunde auch nichts anderes 
als ein architektonisches, in jedem Fall, wenn am h nicht durch 
eine Architektur, so doch durch die selbstverständliche Einfügung 
in beschränkte Baumgrenzen und durch das notwendige Hervor- 
heben des rein Menschlichen in seiner Entwicklung gehemmtes 
Belief ist, so wird man dom architektonischen Relief selbst, wenig- 
stens in seiner besten Zeit, eine Hinneigung zur Auflösung streng- 
ster Form noch weniger zumuten können. 

Das arehitcktoniscJie Belief äußert sieh im Tempel S(dl)st in 
dreierlei Weise: als Fries, als .Metope und als GielH'lsehmuek. 

1’fuiil, siolie vorher. Anni. 


10 


Rudolf Pagenstecher : 


Auch wenn sich die Figuren im Giebelfeld von der Rückwand lösen 
und rundplastisch in den Raum hineintreten, wirken sie als Relief- 
figuren, denn für das Auge des tiefstehenden Beschauers sind ihre 
Konturen mit der Rückwand Amrbunden^^. 

Der Unterschied zwischen der Auffassung des archifektoni- 
schen Reliefs in archaischer \md klassischer Zeit fällt am Fries 
und im Giebel stärker in die Augen als in der so eng umrahmten 
Metope, innerhalb derer Abweichungen von der stets gleichhlei- 
henden Forderung nach möglichst vollständiger und ansprechender 
Ausfüllung des zur Verfügung stehenden Raumes zu keiner Zeit 
Vorkommen konnten. Am klarsten wird uns die Differenz bei der 
Betrachtung des Fortschrittes, oder besser der Umwandlung, die 
wir innerhalb weniger Jahre auf dem Ciebiete der Giebelskulptur 
sich vollziehen sehen: am Aeginetentempel lediglich das Be- 
streben, den gegebenen ungünstig umgrenzten Raum mit Figuren 
auszufüllen. Auf und ab wogt der Kampf der in wenige Gruppen 
geteilten Krieger. Ein Vor und Zurück, ein Hin und Her, ein 
Heben und Senken. Auf sich allein gestellt nehmen diese Gestal- 
ten nur Rücksicht auf den Rahmen, der sie umschließt; ihre hef- 
fige und komplizierte Bewegung steht in keiner Beziehung zu der 
größeren Einheit, der sich die Architekfur des Giebels selbst doch 
unterordnet, dem Tempel. 

Wie anders in Olympia, jenem Tempel, der in einer Zeit ent- 
stand, welche über alles andere das Bestreben stellt, aus der ge- 
bundenen Ungebundenheit archaischen Seins sich durchzuringen 
zu einer höheren ungebundenen Gebundenheit, welche die Frei- 
heit des Einzelnen wahrt, doch sie in Freiwilligkeit dem Staat als 
dem Eigentum und dem Ideal eines Jeden unterordnet. Unend- 
lich viel freier ist innerhalb der sie umgrenzenden Konturen jede 
einzelne der Figuren des Ostgiebels als die so viel reicher bewegten 
Kämpfer von Aegina. Doch eine höhere Ordnung beherrscht sie 
lind bannt sie beinahe in dieselben Fesseln, welche die Archi- 
tektur beschränken. Wie eine Fortsetzung der dorischen Säulen- 
halle des Baues stehen oben im Giebelfeld die mächtigen Gestalten 
des Oinomaos und des Pelops und der Frauen und Männer und 
Rosse. Niemals ist eine Architektur in so vollkommener äußerer 
Harmonie zwischen Bauglied und Bildschmuck aufgeführt wor- 

,, Reliefs mit faktischem Tiefenmaß“ nennt E. Tross die Giebel- 
kompusitionen (Studien zur Raumentwicklung' in Plastik und Malerei, Gießen 
1913, S. 11). 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


11 


den. Freilich, späteren Zeiten ging dieses Zusammenspiel zu weit, 
und der äußeren Harmonie schien die innere nicht zu entsprechen. 
Am Parthenon hat der größte Baumeister der Antike im Verein 
mit dem Meister der Giebelfiguren auf die äußere Einheit zugunsten 
einer tiefer innerlich begründeten verzichtet, und man hat die starren 
Linien des Giebelfeldes mit Gruppen gefüllt, welche in der Ab- 
gewogenheit ihrer Zusammenfügung niemals wieder erreicht wor- 
den sind^^. 

Am dorischen Tempel ist jedes Glied stärker als am ionischen 
den Grundgesetzen des Tragens und Lastens untergeordnet und 
drückt diese Gesetze schärfer als dort durch seine Gestalt aus. 
Karyatiden an Stelle der Säulen würden dem dorischen Stil- 
gefühl nicht adäquat sein; das durch sie hervorgerufene Zer- 
flattern der Linien steht in all zu krassem Gegensatz zur Ge- 
schlossenheit des dorischen Tempels^®. 

Der klassische Tempelfries, der des Parthenon, geht über 
die Friese der archaischen Kunst ebensoweit hinaus, wie der 
Olympiagiebel über seine unmittelbaren Vorgänger. Betrachten 
wir die Friese der delphischen Schatzhäuser; eng aneinander ge- 
drängt verknüpfen sich die Gruppen der Kämpfenden miteinander. 
Dagegen gemeinsam mit dem Parthenonfries die übrigen großen 
Friese wenigstens Athens; Theseion und Niketempel. Klar und 
scharf sind die Linien voneinander getrennt; nirgends herrscht 
Zweifel, nirgends Undeutlichkeit. Am stärksten wirkt der Pan- 
athenaeenzug; die stille Ordnung, die streng durchgeführte Iso- 
kephalie, die planmäßig gleichwertige Füllung des Raumes, dies 
alles unterstützt den Eindruck, daß im Athen des 5. Jahrhunderts 
dem Frie.se seine dekorative Eigenbedeutung genommen ist und daß 
er an seinem Platze eben eine tektonische Aufgabe zu erfüllen bat. 
Diesem großen einheitlicben Gedanken, der die einzelnen Glieder 
nur als dienende dem Ganzen untei'ordnet, ist die selbständige 
Ausgestaltung, die an sieb innerbalb der reliefplastischen Möglich- 

SciiEi- ri.Kn, a. a. (). S. 77 lial,, wenn er es ancli niclil wissenschafllicli 
fornuiliert, fein onifjfnnden, clal.i der Oslgiel)el des l’arlhenon nicht mehr 
nchincii wir für einen Augenblick seine Terminologie an — ,, griechisch“ 
in dem von ihm begrenzten Sinn ist. Die ,, Formen iler Unruhe und des 
liCideris“ überwiegen die ,,der Ruhe und des Glückes“ (vgl. S. .38). 

Es ist bezeichnend, dat! dieyXIlanlen des dorischen /eustempels von 
Agrigent mit der Wand unlösbar verknü|ifl, die ionischen Koren freistehende 
Stützen sind. 


12 


Pi II n o L r P A r, E N s ■)' E c ! I E R : 


keiten gelegen Jiätte, geopfert worden^'^. Wie gesagt — der ionische 
Tempel hat diesen Gedanken nicht immer mit der gleichen 
Schärfe erfaßt. So ist es wohl kein Zufall, daß cs ein ionischer 
Tempel ist, der vom llissos, an dem sich der Versuch, mehr zu 
geben, als einzig und allein den Menschen, zu gleicher Zeit hemerk- 
lich macht. Wenn auch die Untersuchung Studniczkas^® den 
äußeren Grund für die Hinzufügimg der Felsensitze durch die 
eingehende Erklärung der einzelnen Platten festgestellt hat, so 
läßt sich doch nicht leugnen, daß eine strenger sich beschränkende 
Kunst, wie die des Theseions, auch ohne solche Hilfsmittel, so 
unwahrscheinlich es bei dem Inhalt der Reliefs zunächst erscheint, 
auszukommen vermag. Der Meister der Ilissosplatten zieht die 
einzelnen Gestalten weiter auseinander, als wir es bisher gewohnt 
waren und gewinnt so die Möglichkeit, der Landschaft einen 
wenn auch sehr bescheidenen Platz zu sichern. 

Der korinthische Stil, zumal wenn nicht ein Tempel zu deko- 
rieren war, sondern etwa nur ein Denkmal wie das des Lysikrates, 
geht noch weiter^'*. Faßt der Künstler auch nicht den ganzen Fries zu 
einem einheitlichen landschaftlichen Bilde zusammen, wechselt er 
vielmehr mit dem Untergrund, der bald das feste Land, bald das 
Meer wiedergibt, beliebig ab, so ist doch das Bestreben, der Hand- 
lung eine an sich im Sinne der älteren Kunst durchaus nicht un- 
bedingt notwendige landschaftliche Staffage hinzuzufügen, deut- 
lich; zumal hätten die Bäume, von denen die Satyrn ihre Waffen 
brechen, sicherlich fehlen können. Ob die Landschaft auf diesem 
Friese das Primäre ist, oder die Auseinanderziehung der Figuren, 
die dann erst der Landschaft ihren Platz ermöglichte, wissen wir 
nicht; deutlich ist nur, daß durch diese Weiträumigkeit des Bil- 
des sofort eine Flut von Luft und Licht in die Darstellung hinein- 
bricht, daß die Vorstellung unendlicher Weite und unbegrenzter 
Räume hervorgerufen wird, daß diese Verbrecher und ihre Rächer 
und der Gott selber nur Mitspieler in einer Handlung sind, die 
zum Schauplatz die Außenwelt hat; trotz ihrer Primitivität er- 
scheint durch die Auseinanderziehung der menschlichen Figuren 
die Landschaft das Wichtigere, welche nur durch einen Zufall 
und für einen Augenblick zur Bühne einer schnell vorüberrauschen- 
den Handlung wird. 

” Vgl. H. Thiersch, Oest. .1. H. XI 1908 S. 51. 
vVrch. Jahrb. XXXI, 1916, S. 169 ff. 

19 Winter, Kunstgeschichte in Bildern, S. 316, 1. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


13 


Mit diesem Relief ist ein Kreislauf geschlossen, der gegen 
Ende des 6. Jahrhunderts beginnt, und für dessen Ausgangspunkt 
am wichtigsten mir stets die Heraklesvase nach der Art des Ando- 
kides erschienen ist“®. Auf der einen Seite der Held in der alten 
schwarzfigurigen Technik auf seinem Bette trinkend gelagert, auf 
der anderen Seite dasselbe Bild in roten Figuren; beides gleich 
und beides doch wie unendlich verschieden! Von anderem ab- 
gesehen: Entscheidend für unsere Frage ist das Verhältnis des 
schwarzfigurigen und des rotfigurigen Herakles zu der bescheidenen 
Andeutung einer Landschaft, die das rotfigurige Bild offenbar 
nur noch unter dem Druck der älteren Tradition mit übernommen 
hat, zur Weinlaube: Auf dem älteren Bild liegt der Ruhende tief, 
niedrig, auf seiner Kline, damit sich über ihm die Ranke in ihrer 
vollsten Ausdehnung erstrecken kann: der Mensch ist der Natur 
untergeordnet. Die andere Seite: Herakles stützt sich hoch auf, 
neben und hinter ihm verschwindet die Ranke, die nicht mehr die 
Vorstellung einer schattigen Laube, sondern eines dürftigen Über- 
restes älterer Zeit hervorruft. Der Mensch bleibt das allein Maß- 
gebende. Neben ihm verschwindet, was die archaische Kunst 
reizvoll und zierlich machte. Alles Neben werk wird dem Menschen 
untergeordnet, macht seiner Alleinherrschaft Platz. Es sind die 
gleichen Gegensätze, welche Antonio Rossellino und Michelangelo 
in ihren Tondi verkörpern^’^. 

Mit dem Monument des Lysikrates ist der architektonischen 
Reliefkunst die Freiheit der landschaftlichen Darstellung zurück- 
erohert. Aber sie macht — zu ihrem Vorteil — von dieser Freiheit 
wenig Gebrauch. Wir mögen bis in die römische Epoche hinunter- 
gehen: fast durchweg hat gesunder künstlerischer Sinn cs ab- 
gelchnt, rein architektonische Friese landschaftlich auszugestalten: 
wie kümmerlich sind auf den Gampanareliefs die selten vor- 
kommenden Grotten behandelt, wie spärlich die kahlen Bäum- 
chen, welche zwei aneinander stoßende Platten scheidend und an 
gleichartige Bäume etruskischer Wandgemälde erinnernd, zwischen 
(len einzelnen Figuren als äußere Trennung aul'ragcn^^l Die Land- 
schaft hat in die zu Architekturen gehörenden Friese auch spät 

l''uiiTvvA.NüLi;K-Riiicniioi.D, (Jricch. Va.sciiiiialerei, Tat', 'i. 

WöLFFLiN, Die klassische Kuiisl, S. Di und S. 40. 

-- V. RouDKN-\Vi.NNEFi:i.i),,\rclütcklüaische riiriiische Reliefs derlvaiser- 
/.cil, S. .31 Abb. 8; Taf. LX.XXVl, 2 ; CXXVII, 1,2. Als Beispiel für die 
efniskisclie .Malereien VVekgi;, Arch. .lalu-l). XXXI, DJIO, S. 120. 


14 


Rudolf Pagenstecher ; 


nie Eingang gefunden. Nur Stilauflösung und mißverstehende 
Klassizistik konnte zu dieser anscheinenden Bereicherung der Dar- 
stellung greifen^®. 

Mit dem Vorstehenden ist gesagt, daß die landschaftliche 
Staffage an sich durchaus im Wesen des Reliefs liegen würde 
und nur aus höheren Rücksichten sowohl im Grabrelief wie inner- 
halb der Architektur unterdrückt worden ist. Es ist in der Tat 
keineswegs notwendig, stets malerische Vorbilder in jenen Fällen 
anzunehmen, in denen der antike Künstler scheinbar über die 
Grenzen des Reliefs hinausgegriffen hat. Im Bereiche der Antike 
gilt dies vor allen Dingen für die Reliefs von GjölbascliE'^ und vom 
Nereidenmonument von Xanthos. Die Städte, welche zur Dar- 
stellung gelangen, sind an sich für die Wiedergabe einer Stadt- 
eroberung, wenn man antike Anschauungsweise zugrunde legt, 
durchaus nicht notwendig. Hatte aber einmal der Reliefkünstler 
mit der Einflächigkeit des Reliefs gebrochen, waren die Errungen- 
schaften perspektivischer Verkürzung auch zu ihm gedrungen, 
so lag es zweifellos im Bereich der Möglichkeit, diese neuen Be- 
obachtungen auszunutzen, die Vertiefung des Raumes nach den- 
selben Gesetzen zu erstreben wie die Malerei, wobei dem Relief- 
künstler die technische Möglichkeit des tatsächlichen Raumver- 
tiefens sogar seinem malenden Genossen gegenüber noch ein ge- 
wisses Übergewicht gab. Sobald sie über die primitivsten Anfänge 
hinaus war, hat in dekorativen Werken die moderne Reliefkunst 
weder auf die Landschaft noch auf die Raumvertiefung ver- 
zichtet^'^. 

Vom Silberbecher von Mykenae und dem Schild des Achilleus 
an rechnet die Stammtafel plastisch dargestellter Städte mit 
Mauern, Zinnen und Türmen. Was durch die strenge Stilisierung 
des festländischen Griechenland unterdrückt wurde, lebte im 
griechischen Osten, der dem Individuum in künstlerischer Be- 
ziehung größeres Recht zuerkannte^®, ungestört weiter und steht 

Die dekorativen Reliefs der Triumphbögen und die Streifen der 
Siegessäulen sind naturgemäß anderen Bedingungen unterworfen. 

Gegen die Rückführung der Gjölbasclü-Friese auf Polygnot; Koerte, 
Arch. .Tahrb. XXXI, 1916, S. 257ff. 

2® Die andersartigen Aufgaben der neuen Kunst lassen das architek- 
tonische Relief, welches den angeführten Beschränkungen unterworfen ist, 
immer mehr zurücktreten; Hildebrand a. a. o. S. 108. 

23 So auch Semper, Der Stil II, S. 464. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


15 


in den genannten Friesen vor uns, ohne daß wir der Malerei hier 
die Führung zuzuerkennen brauchten^'^. 

Das Wichtigste ist, daß beide Friese nicht als im eigentlichen 
Sinn architektonisch angesprochen werden können. Der von 
Gjölbaschi dient lediglich als Dekoration einer sehr unarchitek- 
tonischen Mauer, und der vom Nereidenmonument ist zwar der 
obere Abschluß des Unterbaues, aber ohne Zusammenhang mit 
der Architektur des Grabtempels auf dessen Höhe^®. Immerhin 
würde helladische Kunst auch an dieser Stelle sich kaum die 
gleichen Freiheiten herausgenommen haben. 

Daß dem griechischen Relief die Landschaft tat- 
sächlich nicht fremd ist, daß sie vielmehr nur durch 
die angedeuteten Erwägungen von den meisten Re- 
liefs ferngehalten wurde, beweisen uns die Weihreliefs. 

Das Weihrelief bemächtigt sich der Landschaft nicht aus 
künstlerischen Gründen, sondern um eine Lokalbezeichnung zu 
geben. Die Landschaft soll im wesentlichen topographisch wir- 
ken. Infolgedessen sind die Mittel, über welche der Künstler der 
Weihreliefs bei der Ausgestaltung seines Bildes verfügt, gering, 
vor allen Dingen einförmig. Mit der Bezeichnung der Haupt- 
gattungen der Weihreliefs; Votive an Pan und die Nymphen, an 
Asklepios und Hygieia (wozu auch die übrigen Heilungsvotive 
zu rechnen wären) und an heroisierte Verstorbene ist zugleich 
ihre Einteilung nach dem Gesichtspunkt der Landschaft gegeben. 
Pan und die Nymphen bewegen sich innerhalb ihres Grotten- 
heiligtums; Asklepios und Hygieia nehmen die Huldigung der 
Gläubigen in ihrem Temenos entgegen, welches durch den heiligen 
von der Schlange umwundenen Baum näher charakterisiert 
wird; der heroisierte Tote steht neben dem ebenfalls von der 
Schlange bewohnten Baum und etwa neben einem Pfeiler, welcher 

SciiKKiBER selbst hat sich in den ,,Bruniierirelicfs“ gegen zu enge Ver- 
knüjjfung der Reliefs mit der Malerei gewehrt. Die Rückführung von an- 
tiken plastischen Werken aut ,, Vorbilder der Malerei“ beruht zum großen 
Teil avif der verkehrten Identifikation des Begriffes ,, Malerisch“ mit der 
•Malerei. ,,M a 1 e ri s ch e“ Tendenzen können ein ganzes Zeitalter be- 
herrschen und in dessen Plastik zum Ausdruck kommen, ohne daß damit die 
Skulptur den Tendenzen der Malerei folgte. Die neuere Kunstwissen- 
schaft beginnt nach Wölfflins Vorgang dies immer mehr einzusehen; vgl. 
z. B. Paul Fravckl^ Die Kntwicklungsphasen der neueren Baukunst 
(1913) S. 139. 

Vgl. H. Tiiif.rsch, f)est. .1. II. XI. 1908 S. 18. 


16 


li UDOLF 1 ’agensteciifr; 


von einer schlanken Vase bekrönt wird. Nur außerhalb Attikas 
ist die Kunst weiter gegangen^^. 

Die Grotte der Nymphenreliers ist zweifellos die Nachbildung 
der verscbiedenen Nymphen- und Pansgrotten, deren berühmteste 
durch eine glückliche Entdeckung Kodenwaldts bestimmt wer- 
den konnte®®. In niedriger Wölbung ziehen sich die meistens nur 
(djerflächlich gegliederten Felsblöcke über der Gruppe des Hermes 
und der Nymphen über der Gestalt des Acheloos und Pans selbst 
hin. In der Regel ist die Natur einsam, nur die Grotte von den 
göttliclien Wesen erfüllt. In einigen Fällen jedoch ist die Felswand 
belebt durch liegende Tiere, zwischen denen etwa der Gott selbst 
musizierend mit gekreuzten Beinen sich niedergelassen hat. Im 
engsten Anschluß an die Gottheit entsteht ein Bild des von ihr 
behüteten und symbolisierten Tierlebens, ein bukolisches Relief, 
das sich nur dadurch von den späteren idyllischen Reliefs unter- 
s(dieidet, daß die Menschen noch nicht an die Stelle der Götter 
getreten sind. Noch versieht Pan das Amt des Hirten und die 
Besucher der Grotte sind nicht menschliche Liebende, sondern 
die Nymphen selbst, mit Hermes, ihrem Führer. 

In einem vom Parnes stammenden Relief®^ ist erheblich mehr 
gegeben. Zwar verzichtet der Künstler auf die Möglichkeit, eine 
Belebung der Landschaft durch Bäume zu versuchen, wie es etwa 
der Verfertiger jenes Reliefs getan hatte, das Pan selbst in ernster 
würdiger Haltung unter einem mächtigen Baum, von dem nur 
der Stamm und die Hauptäste ohne weitere Verzweigung und ohne 
Laub ausgearbeitet sind, darstellt®^. Aber über der Höhle, in 
welcher die drei Nymphen zu einem Brunnen schreiten, und neben 
der Acheloos als Flußgott mit dem Horn in der Hand zur Hälfte 
aus dem Felden hervorragend seinen Platz hat, baut sich in mäch- 
tigen Felsen das Massiv des Berges auf und gewährt den gött- 
lichen Wesen Platz, deren Darstellung den Künstler zur Höher- 
führung der Grottenwand angeleitet haben mag. Immerhin ist der 
Berg hier das Maßgebende. Er ist kaum noch der Untergrund 
für die auf ihm verteilten Gestalten, sondern er erscheint als das 
Gegebene, die Zahl der Götter als das Zufällige: eine Landschaft 


ÖvoRONOs, Das Athener Nationalniuseuin Taf. XXXIII ff. ; LXXIIIff. 
XCVIIff. usw. 

“ Athen. Mitt. XXXVII, 1912, S. 141ff. 

SvoRONOS, a. a. O. Taf. XCVIl, 1879. 

32 Ebenda Taf. XLIX, 1382. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


17 


mit auf ihr verteilter Figurenstaffage. Und zugleich ist es be- 
merkenswert, mit welcher Freiheit und Großzügigkeit die Gestalten 
über den zur Verfügung stehenden Plan verteilt sind. Trocken 
und akademisch wirkt neben solcher Fülle von Möglichkeiten die 
Arbeit des Archelaos, der den Olymp nicht anders wiederzugeben 
vermag, als indem er die Konturen des Berges außen um die Kon- 
turen der Figuren herumführt, und auf ihm in streng geordneten 
Reihen, welche noch an die horizontale Zweiteilung des Gjölbaschi- 
frieses erinnern, Apollon und die Musen und den übrigen Hof- 
staat, den er dem siegreichen Dichter schuf, anordnete. Will 
man die Tatsache ein wenig übertrieben ausdrücken, so darf man 
sagen, daß in diesem Relief vom Farnes die Wurzeln nicht nur für 
das idyllische Relief, sondern auch für die Darstellung der Grotten 
auf diesem, für die Verwendung landschaftlicher Reliefs als Brun- 
nenmündungen (denn der Löwenkopf des Brunnens ist ein wirk- 
licher Wasserdurchlaß), endlich für die Ausgestaltung des iso- 
kephalen Reliefs zu einem Hochbild liegen. 

Lehrt uns das Nymphenrelief den Gang der Entwicklung zu 
landschaftlich einheitlicher Darstellung verstehen, so können wir 
an den Heilungsvotiven verfolgen, wie man sich mit dem Baum 
als Andeutung der Landschaft abfand. Es ist kaum wahrschein- 
lich, daß der Baum hier im polygnotischen Sinne als Andeutung 
eines Haines steht, sondern wir müssen annehmen, daß er als der 
heilige Baum und Wohnsitz der Schlange, also als topographisches 
.Merkmittel in die Darstellung eingestellt ist. Freilich, seine Wieder- 
gabe ist dürftig. Die Laubkrone wird durch das Dach des Naiskos 
verschlungen und dem Beschauer bleibt nichts als der Stamm mit 
den Ansätzen abgesägter Äste. Der Baum wirkt innerhalb des 
.'\rchitekturrahmens durchaus architektonisch und kaum anders 
denn als eine Säule, an welche Hygieia ihre Hand lehnt. Di(> 
.Möglichkeit einer Darstellung des Laubwerkes zielit ja nicht ein- 
mal das Ale.xandermosaik in Betracht^''^. 

Den Grund hierfür müssen wir wiederum in den Rücksichten 
auf die umschließende Architektur - die Grottenreliefs sind 
wesentlich freier und in der Beschränkung der klassischen 
attiscluui und der \a)ti dieser beeinflußten Kunst auf den Menschen 
suchen. Denn sowohl die archaische wie die außeraltische Kunst 
sind nicht so streng geg(>n die zierlichen Verfeinerungen, welche 
das Rf'lief durch die Landschaft erfährt, vorgegangen. IG'innern 
V\'t\TKit, Da.s .\Ioxan(I(>i'mosail<, 8. 8. 


Silziin'.'sljpricliti. d. Hi'iilidl). Akad.. |jliilii«,-tiiiit. Kl. lalO. 1. Alih. 


18 


Rudolf Pagenstecher; 


wir uns an die Darstellung des heiligen Temenos mit dem über die 
Mauer vorragenden Baum aus einem Porosgiebel der Akropolis^^, 
denken wir an die erheblich späteren Reliefs von LokrP*', auf denen 
Bäume mit Astwerk und Blättern zu sehen sind, die belebt Averden 
von Vögeln und Heuschrecken, und unter denen die heiligen 
Dienerinnen der Gottheit einherwandeln, so daß ein Gesamtbild 
entsteht, wie es das Bologneser Fragment einer Marmorvase kaum 
anders schildert^®, das doch in Ägypten zutage gekommen ist und 
wohl erst für römisch gehalten werden kann, so wird es für uns 
sicher, daß eine freiwillige Selbstbeschränkung der klassischen 
Reliefkunst vorliegt, und daß der Hellenismus über diese hinüber 
in seiner Sehnsucht nach reicherer Gestaltung des Äußeren, wie 
in so vielem auch hierin, auf die archaische Periode zurückgegriffen 
hat®'^. 

Das eigenartige von Lippold publizierte Relief von der 
Ghalkidike^® versetzt uns aus dem geschlossenen Raum des Heil- 
gottes in die freie Natur. Keinerlei Begrenzung, auch nicht durch 
eine Architektur. Der Baum nimmt die Mitte der Szene ein. Er 
breitet seine Äste aus und der Bildhauer hat es nicht verschmäht, 
die Spaltung der einzelnen Äste in kleinere Zweige, ja sogar be- 
scheidenen Blattschmuck anzugeben. Um die Äste des Baumes 
ringelt sich die Schlange, welcher der Angriff der Begleiter und 
der flehende Arm des auf der Bahre herangetragenen Kranken 
gelten. Die Heilszene ist der veränderten Sachlage entsprechend 
aus dem Temenos ins Freie verlegt. Frei dehnt sich der Luftraum 
über den Häuptern der Männer. Stilistische Beurteilung gibt uns 
das Recht, das Relief in das 5. Jahrhundert zu setzen. Soviel 
Freiheit der Auffassung, ein solches Überschreiten der in Attika 
gültigen Grenzen außerhalb Athens, muß uns immer wieder dazu 
führen, der griechischen Kunst ein weit vielseitigeres Lehen zuzu- 
hilligen, als es noch heute vielfach geschieht®®. 

Wiegand, Die Porosarchiteklur Taf. XTV, 1. 

Quagliati, Ausonia; III 1908 S. 222 ff. Abb. 70—76 zur Deutung'; 
Eros und Psyche, Heid. Sitzber. S. 9 ff. (vgl. Unterilalische Grabdenk- 
mäler S. 129 und Arcb. Anz., 1916, S. 103ff.) und Forsteii, Pbilologus 
LXXY (N. F. XX IX) S. 116. 

SciiuEiBEii, Alexandriniscbe Toreutik S. 128 (158) Abb. 123. 

Pfuhl, Neue Jahrb. für das klass. Altertum XXIII, 1909, S. 615. 

•'** Brunn-Bruckhann, Taf. 680. 

Hierfür ist weiter das bulgarische Wagen-Relief Arch. Anz. 191S 
mit dem hohen Luftraum, S. 12 und 90, Abb. 13 und das griechisch-persische 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


19 


Die Votivreliefs an einen heroisierten Verstorbenen sind 
naturgemäß später als die Mehrzahl der im Vorstehenden bespro- 
chenen Weihbilder, denn die Heroisierung in weitgehender Form 
ist erst hellenistisch. Im allgemeinen braucht hier nur gesagt zu 
werden, daß die landschaftlichen Elemente auf ihnen (im Wesent- 
lichen handelt es sich auch hier um Bäume mit Schlangen) desto 
leichter verständlich werden, je näher man sie typologisch an die 
den Göttern aufgestellten Weihreliefs heranbringt. Jene Bäume, 
die über die Rückwand des Grabbezirkes kleinasiatischer Toten- 
mahle hervorragen, führen uns zu einer weiteren Stufe land- 
schaftlicher Darstellung^“. 

Die Abgrenzung eines unbedeckten Innenraumes von der 
Umwelt war gleichmäßig nötig bei entwickelteren Weihreliefs und 
Totenmahlen. Sie geschieht durch einen Vorhang oder durch eine 
feste Umzäunung, welche bei den letzteren den Grabbezirk, bei 
den ersteren das Temenos oder einen Teil desselben darstellUh 
Damit ist der Landschaft schon ein bedeutender Platz eingeräuml, 
denn, so wenig sie zunächst noch selbst in die Erscheinung tritt, 
so klar ist es, daß nur durch Rücksichtnahme auf eine voraus- 
gesetzte Umwelt die Trennung von dieser gefordert wird. Dcj- 
Abschluß des Vordergrundes durch eine Mauer oder durch einen 
Vorhang, über den höchstens die Spitzen der Bäume heraus- 
ragen, bedeutet, daß der Künstler bewußt die Natur ausschließt, 
weil er sich des Vorteils bewußt ist, nicht vor ihrem reich be- 
wegten Hintergrund die ruhigen Linien der im Vordergrund 
tätigen menschlichen Gestalten aufhauen zu müssen. Aus ähn- 
lichen Gründen schafft etwa Ghirlandajo jene hohen, nur von den 
höchsten Baumwipfeln überragten Abschlüsse seiner Bilder. 

Gewiß ist sowohl bei Totenmahlen wie bei Voliven die Nach- 
bildung des tatsächlich Vorhaiuhmen ein Anreiz zui- y\usgeslaUnng 
des Hintergrund('s g('wes(‘n. Das W('S('iil liebere aüer scheint mir 
der Zwang zu sein, den voiIhm’ neniralen llinlergrnnd des Bildes, 
der durch di(^ itnnu;r höh(>r wc'idemhi Luftschicht idn'r den 
Köplen der l)arg(!st(‘llten fortwähriMid an IGndiaickswerl g('wann, 

Relief :nis T.seliaoticlikeny Rull. Gorr. Hell. XX.W'ir I9i:i S. li.'iC) A)>h. 7 
mit seiner l,aM(ls(lian lie/.eieliueml. 

lüi iii., ,\rch. .lahil). XX, 190.7, S. i:)C>, .\hl). ‘i;. 

In .Mexaiidrieii licf^l die Sache etwas amlers; ,\lexat)drinische SIndien, 
Heid. S.-R. 1917, 1'2, S. G f. und 17; Kx[)cdif ioti IRixsr \nx Siiciix III \, 
S. 7 1 ninl 79 ( iiii Druck ). 


2 * 


20 


Rudole Pagenstec heu : 


in irgend einer Weise zu gliedern und einen zweiten beschränk- 
teren llititergrnnd von ihm abzuteilen, der nicht die ganze Höhe 
des Bildes einnimmt. Es ist bezeichnend, daß auf dem Mün- 
chener Weihrelief die erhobene rechte Hand des sitzenden Gottes 
genau mit dem Rand des Vorhanges abschneidet'*^. 

Dieses sogenannte Opferrclief unterscheidet sich in seiner 
ganzen Aufmachung durch nichts von den Weihreliefs an Askle- 
pios; der sitzende Gott, die neben ihm stehende göttliche Gefähr- 
tin, dei‘ Altar und die auf ihn zuschreitende Schar der Anbetenden. 
Neu ist die freiere Verteilung der Figuren im Raum, die seltsame 
yVbstufung der Figurengri)ße und endlich die Art der Ijandschafts- 
behandlung: ein mächtiger mit lieiliger Binde umschlungener 
Baum, in seinem Schatten auf hohem Pfeiler archaische Cuitter- 
bilder. 

Die einzelnen Elemente sind nicht unl)ekannt; die hohe 
J ad'tschicht, Vorhang nnd Baum. Neu ivSt aber die ins Einzelne 
gehende Behandlung des Lokals, die Zusammenfassung zu einem 
ei n hei tl ichen B il d e . 

Wahrscheinlich hätte dieses Relief in Athen nicht entstehen 
können. Es soll aus Korinth stammen. Soviel an Landschaft- 
lichem das 5. und 4. Jahrhundert geleistet haben, der andere 
Geist in diesem Relief läßt sich nicht verkennen. Die kleinasiati- 
schen Totenmahle scheinen den Weg zu weisen. Vorhang, Baum 
und hoher Pfeiler sind ilu'e stehenden Requisiten. Das Votiv- 
relief hat offenbar in Kleinasien sich sehr bald aus den ersten 
attischen Anfängen selbständig weiter entwickelt^®. Das hellenisti- 
sche Reliefl)ild kündigt sich an. 

II. Das Reliefbild. 

Entstehungszeit und Entstehungsort der Reliefbilder sind 
noch immer, auch nach Sievekings Untersuchung'*^, strittig. Für 
die erste Frage besteht der Zweifel hellenistiscli oder römisch, 
für die zweite: Orient (jder Rom, und Avonn Orient; Alexandrien 
oder Kleinasien ? 

Die Uneinheitlichkeit der Reliefbilder ist schon fndi bemerkt 
worden. Schreiber selbst hat sich ihr im Laufe seiner weiteren 

Buli.e, Der scliöne Mensch, Taf. 279. 

Pfuhl, a. a. O. (Anni. ^<0). 

Brunn-Bruckmann, Taf. (>21 — 6.30. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


21 


Forschung nicht verschließen können^^, und vor Sievering hat 
bereits M.\rgarete Bieber mit Energie auf diesen Gesichtspunkt 
liingewiesen^®. Sievering hat versucht, drei Gruppen zu trennen, 
hat diese drei Gruppen zeitlich aufeinander folgen lassen und 
ihre Entstehung an drei verschiedenen Orten, im griechischen 
Osten, in Campanien^’ und in Rom vermutet. Von der Campa- 
nischen Übergangsgruppe soll hier vorläufig nicht die Rede sein. 

Sievering hat dabei die Verschiedenheit der Technik zugrunde 
gelegt, und es ist nicht daran zu zweifeln, daß auf diese Weise zu- 

O. Waser, Das hellenistische Reliefbild, Neue Jahrb. f. d. klass. 
Altertum VIII, 1905, S. 11 3, ff. 

Das Dresdener Schauspielerrelief S. 79. 

Nach VViCKHOFF, Römische Kunst, S. 42. Was übrigens den ,,Ritt 
durch die Nacht“ betrifft (Brunn-Bruckmann, Taf. 629a), der ja ein 
Hauptstück der campanischen Gruppe sein soll, so kann man in seinem Ver- 
ständnis durch Heranziehung von Werken der Kleinkunst offenbar weiter- 
kommen. Im Vorarlbergischen Landesmuseum zu Bregenz befindet sich eine 
Lampe (BG850), die in Bregenz selbst gefunden wurde. Sie zeigt Reiterund 
Reiterin in gleicher Vereinigung, doch trägt das Mädchen statt der Fackel 
einen Thyrsos, das Reittier ist nicht das Roß, sondern der Panther, Führer 
und Baum fehlen. Die beiden letzteren sind vorhanden auf der Lampe Grab- 
lampen der Sammlung Backofen, Taf. XXIV, doch sitzt das Mädchen allein 
auf einem Eselchen. H. Wollmann in Lugano verdanke ich den Hinweis auf 
Muselius; Antiquatis Reliquiae Tab. CXXV (,,scavata in Raldon“ und auf 
die entsprechende Nr. 735 seiner eigenen römischen Sammlung. Das gleiche 
Motiv in derselben Richtung wie auf dem Neapler Relief auf einem zerbro- 
chenen Lampendiskus des Bregenzer Museums: der bärtige auf einen Stock 
gestützte Führer, Kopf und Vorderteil des Esels und ein Teil der Reiterin 
sind erhalten. Eine in Athen gefundene Gemme des dortigen National- 
inuseums bringt die gleiche Gruppe wie die eingangs erwähnte Bregenzer 
Lampe, doch auf einem Löwen anstatt auf einem Panther. Der Lenker fehll 
auch hier (11 338). Im Museum von Gapua notierte ich mir zwei Lampen 1268 
und 1269; ,, Dionysos? und Maenade? mit Satyr, ganz dem Ritt durcli die 
Nacht entsprechend“. Diese vor acht .lahren gemachte Bemerkung kann 
ich zurzeit nicht nachprüfen. Aus dem Vorstehenden dü'fte sich ergeben, 
daß die Komposition für die Darstellung eines Liebesabenteuers des Dionysos 
geschaffen oder aus einer Thiasosszenc entnommen wurde. Daß die bei- 
den capuaner Ijarnpen am meisten mit dem Marmorrelief übereinzustimmen 
scheineti, ist vielleicht der erste positive Beweis für die Existenz einer cam- 
panischen Gruppe — wenn die Lampen campanisch sind. — Das Fragment 
•■iner Marmorre{)lik des Neapler Reliefs sah ich 1913 im .Museum von Peru- 
gia. Erhalten ist der Leib des Pferdes vom Kopf bis etwas hinter der Mitte, 
der nackte Oberkörper <les .Mädchens ohne den Kopf, doch mit dem Schaft, 
der Fackel; vom .lüngling nur das rechte Bein und die linke Hand voi' 
dem Leib des .Mädchens; der Satyr bis zum linkiui Ellenbogen ; vom Baum 
nichts. Weißer .Marmor. Breite 36,5, HöIk; 24,5 cm. Der Satyr blickt nicht, 
zurück, sondern schräg nach vorne. Andere Differenzen sind ganz geringfügig. 


R U D 0 L F P A G E N ST E C H E R : 


22 

sammengeliüiigü Gruppen ausgesclüeden werden können, welche 
auch durch andere Moikniale untereinander verbunden werden. 
Jedenl'alls ist dieser Gesiclitspunkt brauchbarer, als der, nach 
welchem andei'e die l{eliefs zu gruppieren versucht liaben'*®. Die 
Bebandlung der Bäume, \a>r allen Dingen des Laubwerks, kann 
jnan schon deswegen nicht in den Vordergrund stellen, weil die 
meisten unserer Beliels soweit sie nicht römische Originale sind, 
als l•ömische Kopien angesprochen werden müssen und angenom- 
men werden darf, daß der Kopist sich in einer Nebensächlichkeit 
wie die Blättei' eines Baumes es sind, an sein Vorbild am wenig- 
sten genau g('halten haben wii'd. Ein eklatanter Beweis dafür 
steht uns in den von Schueibek so genannten Satyrspielreliefs 
vor Augen, von denen sechs Bepliken vorhanden sind, deren vier 
den Baum noch mit voller Deutlichkeit zeigen^^. Und ihre Ver- 
gleichung liefert das im Grunde kaum überraschende Resultat, 
da(] dersell)0 Baum vi('rmal grundverschieden wiedergegeben ist. 
Auf der Darstellung des neuen kapitolinischen Museums ist er 
knorrig, mit Astlöchern. Die Blätter sind auf unregelmäßig er- 
höhtem Grund einzeln ausgearbeitet und greifen auf den eigent- 
lichen Reliefhintergrund hinüber. Das Neapler Exemplar läßt das 
BJätterdach aus einem gewundenen Stamm mit weniger stark 
ausgearbeiteten Ästen hervorsprießen, und die Blätter sind nur 
in großen Zügen in den auch hier ungleichmäßig erhobenen Relief- 
grund eingezeichnet, der sie mit seinen sich deutlich vom neutralen 
Beliefhintergrund abhel)enden Konturen vollkommen zusammen- 
schließt, so daß ihnen eigene Bedeutung nicht zukommt. Wieder 
anders ist die Behandlung am zweiten römischen Stück. Aus dem 
flücJitiger gearbeiteten Stamm verbreitern sich die einzeln sorg- 
fältig ausgeführten und voneinander getrennten Zweige, an denen 
einzelne gi'oße in sich genau durchgearbeitete und vom Hinter 
giMiud gelöste Blätter sitzen. Das Bruclistück in der Universität 
zu Bologna ist in der Abbildung nicht scharf genug zu erkennen. 
Doch ist, wenn die Zeichnung richtig ist, soviel deutlich, daß die 
Behandlung des Laubwerks keiner der vorgehend geschilderten 
ents[)richt, sondern daß das Blätterdach als Ganzes ohne Tren- 
nung der einzelnen Blätter, mehr illusionistisch gestaltet wurde. 
Dieses Resultat ist eigentlicli keineswegs verwunderlich, denn wie 

‘*® Gutmann, Ihe helleiüsüsch-römischen Roliefbüder, 1, S. 1 ff. 

ScHiiEiBEii, Griechische Satyrspielreliefs (Abh. der sächs. Ges. d. 

vv. xxvri, XXII) s. 7 hl ff. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


‘2B 


sollte es bei Kopien verschiedener Hände und verschiedener Zeiten 
anders sein können! Derartige Untersuchungen dürften uns in 
einem so komplizierten Fall nicht viel helfen. 

Sieverings Versuch hat bessere Resultate gezeitigt. Die 
.Scheidung der Gruppen nach Marmor- und Gips- (bezw. Ton-) 
technik ist klar; es fragt sich nur, ob sie zu richtigen Resultaten 
in bezug auf Datierung und Herkunft geführt hat. 

Dem SciiREiBERschen Ansätze^®, der alle diese Reliefs der 
hellenistischen Kunst zuschrieb, stand am schärfsten der WtCK- 
HOFFsche gegenüber^^, der in ihnen charakteristische Äußerungen 
der römischen Epoche ,sah. Sievering vermittelt mit Recht; 
das Münchener Opferrelief und der Telephosfries sind ihm Zeugen 
dafür, daß der Hellenismus landschaftliches Relief sehr wohl 
hervorzubringen vermochte. An das Münchener Relief knüpft er 
die Dolonie“^'^ an. Die Gruppe der an sie sich anschließenden Werke 
ist hellenistisch und entstammt dem griechischen Osten. Die 
Grimanischen Reliefs dagegen und was zu ihnen gehört sind 
römisch nach Ort und Zeit. Allerdings haben Sieverings Stil- 
vergleichungen unumstößliche Sicherheit nicht geschaffen. Wie 
schwankend stilistisches Empfinden sein kann, zeigen die wech- 
selnden Ansichten eines gerade in römischer Kunst so ausgezeich- 
neten Forschers wie er es ist, am Deutlichsten^^. Es mag uns ver- 
gönnt sein, nach fester datierten Punkten für die Bestimmung 
des landschaftlichen Reliefs Ausschau zu halten. 

ln der Menge der von Theodor Schreiber gesam- 
melten Reliefs®'* der hellenistisch-römischen Epoche sind 
strenger, als es bisher geschah, zwei Gruppen zu schei- 
den: Landschaftliche Reliefs und Figurenreliefs mit 
landschaftlicher Staffage. 

Die Wäoner Bruirnenrcliels :uis Palazzo Giiniani. 

Röniische Kiinsl (Die W'iener Genesis) S. 44. 

Hriinn-Rrcck.\i\nn, Tal'. f)72b. 1‘äne lieplik iin Therineimuisouin 
Ansonia If 1907 8. 8() Abb. 1. 

Sir.vEKiNO saf(l in den Teri'akol len der SainnilnnK Doi'.n II Tal'. 11t); 
,,Diese(die lieliefs Griinani) habeieli im 'texl zu l{RUNN-]iRnc.KM\NN Tal'. 621 
/,u l'riili dalierl, si(; gebären niebl. vor die Ara Paris, sondern ersl, in elaudische 
/eit“. \'gl. Strono, Roman scnlpliire, S. 81 ff. Augu.steiseh nach W'ack. 
< 1 . a. O. (,\nin. 9). 

•''' Tii. SciiKi'.nii'.R, Di(; lii'llenisl i.srben R(;lielbildci'. Die lirliefs mil 
.irebitcktonischem Ilinlrrgniml bleiben bier vorli'uifig beiseite. 


24 


Rudolf Pagenstecher ; 


Zu der ersten Gruppe gehören alle diejenigen Darstellungen, 
aul denen die Landschaft die beherrschende Stellung einnimmt, 
und die Figuren sich in solcher Weise ein- und unterordnen, daß 
der Charakter der Landschaft als solcher stets gewahrt bleibt und 
die menschlichen Gestalten nur als deren Belebung und Ergänzung 
erscheinen. Diese Gruppe ist die SiEVEKiNGsche ,, Gipsgruppe“. 
Die zweite Gruppe stellt durchaus den Menschen in den Vorder- 
grund. Er wird umrahmt durch landschaftliche Elemente, 
welche lediglich bestimmt sind, die von ihm ausgeführte Aktion 
zu deuten, deren Schauplatz zu bezeichnen oder den sonst zu ein- 
förmigen Hintergrund zu beleben^“. Diese Reliefs sind nach 
SiEVEKiNG in reinem Marmorstil ausgeführt. 

Die Reliefs der zweiten Gattung zeigen im Wesentlichen 
mythologischen Inhalt, beschäftigen sich mit den Aben- 
teuern der Götter und ihrer Söhne, bringen Erzählungen aus der 
Heldensage, sind stets in eine höhere Sphäre gehoben, welche in 
irgend einer Weise an die längst vergangenen Zeiten erinnert, in 
welchen der Glaube an die Götter noch tief im Gefühl der Mensch- 
heit wurzelte und die Beschäftigung mit ihnen und ihren Taten 
die vornehmste Aufgabe der Kunst gewesen war, an Zeiten, in 
welchen man sich gewöhnt hatte, die großen Erfolge der eigenen 
Epoche unter dem Bilde der Heroenzeit sich selbst und der Nach- 
welt vor Augen zu führen. Stilistisch wurzeln sie ebenfalls fest in 
der vorhellenistischen Epoche. 

Die Reliefs der ersten Gattung dagegen knüpfen nicht an Ver- 
gangenes an. Sie stellen sich auf den Boden einer neuen Wirklichkeit. 
Die Götter sind verblaßt; kaum daß der größten Göttin dieser 
Zeit und ihrer Kunst, der Aphrodite, gedacht wird. Das Leben 
des Menschen in der freien Natur, das Leben der Landleute und 
der Hirten wird Gegenstand der Darstellung. Ja, es kann auf 
den Menschen selbst verzichtet werden. Zum erstenmal in der 
Geschichte der Kunst wird die Natur um ihrer eigenen Schönheit 
willen geschildert. Auf jenen Platten, welche die säugende Löwin 
und das Schaf uns vorstellen, umgibt nichts als die freie Natur 
das Familienleben der Tiere®®. Allerdings ist es ,, nicht die stolze 

Overbeck, Geschichte der griechischen Plastik II S. 358 kommt 
durch Scheidung der Reliefbilder nach Größe und Format zu denselben zwei 
Gruppen. Ebenso unterscheidet Schreiber Kabinett- und Prachtreliefs. 
Man wird ein auf drei verschiedenen Wegen erreichtes Resultat beachten 
müssen. 

Schreiber, Die Wiener Brunnenreliefs Tafel I — 111. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


25 


Wildheit der gänzlich freien Natur, sondern eine gewissermaßen 
rationale Natur, vom Menschen gebändigt, gesänftigt, gebildet. . . 
Wenn er einmal der zivilisierten Menschenwelt und ihrer Qual zu 
entfliehen wünscht, so versetzt er sich und eine ideale Menschheit 
doch höchstens in eine freiwillig milde Natur, welche des Men- 
schen nicht bedürfte, um von selbst zum Kunstwerk sich zu ge- 
stalten^’^.“ Wir können diese erste Gruppe somit als das 
idyllische oder das bukolische Relief bezeichnen, wäh- 
rend die zweite Gruppe unter dem Begriff des heroisch- 
mythologischen Reliefs mit landschaftlicher Staffage 
zusammengefaßt wqrden soll. Es ist selbstverständlich, 
daß sich die Grenzen nicht stets mit pedantischer Genauigkeit 
ziehen lassen. Als Vertreter der ersten Gruppe mag neben den 
beiden ßrunnenreliefs Grimani das Münchener Bauernrelieü®, als 
Vertreter der zweiten das Dolonrelief gelten. 

Sieverings Scheidung nach der Technik deckt sich mit der 
von uns befürworteten nach dem Wert, welcher der Landschaft zu- 
gemessen wird. Wenn er die Bilder um das Dolonrelief und die- 
jenigen, welche sich in die Nähe der Grimanischen Bilder stellen, 
in Gegensatz zueinander setzt, so ist damit zugleich der Gegen- 
satz zwischen dem heroisch-mythologischen und dem idyllischen 
oder bukolischen, dem ,, Pracht“- und dem ,, Kabinettrelief“ aus- 
gesprochen. 

In seiner ersten, älteren Gruppe, die unserer zweiten ent- 
spricht, faßt Sievering außer der Dolonie und einigen anderen 
der Reliefbilder das Münchener Opferrelief, die Satyrspielreliefs, 
das Werk des Archelaos^^, den Telephosfries und das landschaft- 
liche Relief von Tralles zusammen®®. Zu seiner zweiten, unserer 

Roude, Der griechisclie Roman 2. Aufl., S. 245. 

“ Brunn-Bruckmann, S. 628 Abb. 2; Schreiber, Reliefbilcler Taf. 80. 

Die Spätdatierung des Archelaosreliefs durcli Sieveking (Rom. 
.Mitt. XXXII 1917 S. 74ff.) halte ich für berechtigt, doch darf nicht übersehen 
werden, daß die Typik des Bildes sehr viel älteren Vorbildern folgt, jedenfalls 
nicht den Stand des Landschaftsreliefs des 1. vorchristlichen .Tahrlumderls 
repräsentiert. Der untere Streifen erinnert an die bekannten Weih- und 
Totenrnahlreliefs, der Aufbau der oberen Streifen am ehesten an ilic Schihl- 
kompositionen, die erst der augusteischen E[)oche angehören werden (s. ii. 
.Anm. 92). 

Die Datierung des Reliefs von Tralles scheint mir weder in derOriginal- 
veröffentlicliung ( Bull. Corr. Hell. XXVlll, 1904, S. 71 ff.) noch durch ge- 
legentliche Bemerkungen, wie beis[)ielsweise die Sievekings (Br.-Br. S. 031) 
hinlänglich gesichert. In das 3. Jahrhundeil , Edhem Bey selzl es sogar in 


2(1 


Hudolk Pagenstecheix ; 


ersten Gruppe, geJiüren außer den Bruunenreliet's, das Münchener 
ßauernrelief, das Polyphembild der Villa Albani, „alles idyllische 
Stiinrnungsbilder“, wie Sieveking bezeichnenderweise binziifügt®^. 
Die erste Gruppe wird auf den griecbiseben Osten, die zweite 
wegen der Verwandtschaft mit fler — ein Menschenalter späteren 
- Ara pacis®’^ auf Rc^m zurückgeführt. Alexandrien, für das seit 
SciiKEiBER und Waser®® nicht mehr viele eingetreten sind, schei- 
det für ihn völlig aus. Die erste Gruppe ist hellenistisch, die 
zweite römisch. Zwischen ihnen stellt eine vorläufig noch wesen- 
lose ,,campanische“ Gruppe (s. o. Anm. 47), nach ihnen folgen 
Reliefs der späteren Kaiserzeit®'*. 

III. Das landschaftliche Relief in Unteritalien. 

Es ist möglich, den Ursprung des rein landschaft- 
lichen, idyllisch-bukolischen Reliefs bis in die frühen 
Zeiten des Hellenismus mit Sicherheit zurückzuführen. 

dessen erste Hälfte, geliört es natürlich nicht. Dem Telephosfries steht es 
seiner ganzen Anlage nach sehr nahe, doch bleibt das ihnen gemeinsame 
Anordnungsprinzip auch noch auf sicher römischen Reliefs bestehen. 

Die Verwandtschaft mit den von Amelung zusammengefundenen 
römischen Giebelfignren aus Via labicana (Röm. Mitt. XXIII, 1908, S. Iff.) 
fällt auf. tibrigens könnte man in Verbindung mit dom nahen Tempel der 
Isis auf Vermutungen kommen, die durch die späteren Betrachtungen eine 
Stütze gewinnen würden; das idyllisch-bukolische Relief ist alexandrinisch. 
Doch gerät man hier auf zu unsichere Pfade. Daß das Relief von Tralles 
nicht idyllischen, sondern mythologischen Charakters ist, hebt Edhem Bey 
ausdrücklich hervor. Zweifellos gehört es in einen größeren Zusammenhang 
wie ihn der Teleixhosfrios darstellt. 

Sieveking. Br.-Br. S. (>3I. Sieveking ist inzwischen von seiner 
Oipstheorie zurückgekommen, die icli jedoch durchaus aufrecht erhalten 
muß, und setzt diese Oru]ipe in die claiidische Epoche (nach gütiger brief- 
licher Mitteilung), was den weiter unten gegebenen Ausführungen über 
hellenistische Originalreliefs aus (li])S natürlich nicht widerspricht. Daß 
die clauilische Kumst diesen eigentümlichen Stil besonders gepflegt hat, ist 
durchaus denkbar. Rodenwaldt weist mich bestätigend auf die Stuck- 
reliefs der Casa Farnesina hin (M. d. J. Suppl. Taf. 32ff.), in denen 
sich die oben geschiedenen Gruppen gleichfalls trennen. Von ihnen dachte 
sich schon R. die idyllischen in Stuckdekorationen entstanden und erst 
später in Marmor nachgebildet. 

Ebenda, Taf. (>21 , siehe jedoch Aura. 53 und 61. 

““ VVaser, a. a. O. Gouixbaud, Lo Bas-relief romain ä representations 
historiqiies, S. 268 ff. 

Vgl. auch van Buren, The ara Pacis Augustae. The Journal of 
Roman Studios III 1913 S. 134ff. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


27 


Die Keramik lehrt uns, daß bereits das dritte Jahrhundert 
das idyllische Relief — in den bescheidenen Grenzen, welche ihm 
die uns allein bekannte Kleinkunst auferlegte — gekannt hat. 

Ein vollkommenes landschaftliches Relief ist das kleine 
calenische Medaillon, welches den auf dem Felshoden knienden 
gefesselten Eros darstellt®^; hinter ihm erhebt sich ein kleiner länd- 
licher Altar, an dem er offenbar geopfert werden soll (Taf. 1,1). Der 
Hintergrund ist reich ausgestaltet. Rechts scheinen Felsen aufzu- 
ragen, neben dem ein zweig- und blattloser Baum seine starken 
kurz abgeschnittenen Äste hinüber über den Kopf des kleinen 
Gottes zu einer Grotte hinreckt, in welcher auf einem hankartigen 
llntersatz ein Bild, am ehesten eine Herme (oder eine Brun- 
nenmündung?), sichtbar wird ; ein ländliches Heiligtum als Schau- 
platz des scherzhaften Opfers®**. 

Einfacher, als dieses Opfer des Eros ist jenes Bildchen, welches 
ich Satyr und Priap genannt habe, obwohl der satyreske Charakter 
des Jünglings nur durch das fellartige Mäntelchen bekundet wird®’ 
(Abb. 1.) Im Hintergrund erblickt man eine Priaposherme, neben 
ihr einen jungen Baum mit dünnen Zweigen. Vor ihr gießt der 
Jüngling das Opfer aus einer Spitzamphora in ein großes auf 
dem Boden stehendes Gefäß. 

Hermen und kleines Beiwerk sind auch sonst auf calenischen 
.Schalen vorhanden, doch genügen sie nicht, um das Relief als ein 
landschaftliches zu bezeichnen®®. 

Unterschiede zwischen den zwei Medaillons in der Darstellung 
der Landschaft, der Belebung des Hintergrundes sind nicht zu 
verkennen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ,,das länd- 
liche Opfer“ primitiver in der Auffassung ist, als ,,das Opfer des 
Eros“. Man sieht hier noch, wie sich aus der ursprünglich allein 
als Beiwerk zugefügten Herme schüchtern reichere Landschaft 
entwickelt, wie ein Bäumchen den Hintergrund belebt; und ist 
<^s nicht bezeichnend, daß die Reliefkeramik das landschaftliche, 

Die caleni.sclie Rclicl'keranük (VIII. Erganzungsliefl des .lahrbuclis 
1909) Taf. 9 Nr. 70. 

Jäne Terrakotta aus Italien zeigt uns ein Mädchen auf einem Felsen, 
tu dem sich eine Grotte befindet, welche drei mit Kalathoi bekrönte Büsten 
birgt: Arch. Anz. VII, 1892, S. lO'i. 

t.'al. Ileliefkeraniik Taf. 7 Nr. 25b; Abb. 4 auf S. 87. 

Ebend. Taf. 9, Gl c; Taf. 10, G2b; 71b; S. 38, .\bb. 15; Arch. .lahr- 
buch XXVII, 1912 (Calona), S 151, Abb. 3; S. 16G, Abb. IG. Arch. .lahrbuch 
\XX1\^ 1919 ,,lilrurien und IJnteritalien “ (Calena II) im Druck. 


28 


Rudolf Pagenstecher; 



in diesem Falle genauer gesagt, das idyllische Bild, zuerst bringt, 
während die Vasenmalerei davon noch nichts weiß ? Erkennt 
man nicht aus diesen Beobachtungen, daß nicht die Malerei die 
Führerin der Reliefkunst war, sondern daß es der neue Geist 
einer neuen Zeit ist, der die selbstgeschmiedeten Fesseln der Relief- 
bildnerei sprengt und aus dem Weihrelief mit starkem Entschluß 
das nur um seiner selbst willen erdachte idyllische Relief schafft? 


Die Form der Schale, auf deren Boden sich das ländliche 
Opfer befindet, gehört zu den älteren Formen calenischer Keramik 
und wird bereits am Ausgang des IV. Jahrhunderts für die sogen. 
Arethusaschalen verwendet®'*. Man kann mit ziemlicher Sicherheit 
behaupten, daß das Gefäß dem 3. Jahrhundert angehört, welches 
zugleich die Blütezeit der calenisehen Keramik gewesen ist. Denn 
obwohl diese Fabriken auch noch später gearbeitet, ja sogar ver- 
einzelt Reliefschalen noch in römischer Zeit hergestellt haben, 
gehört doch die Hauptmasse der Keramik in das 3. und den An- 

Calenische Reliefkerarnik S. 127; die richtige Datierung gab Koerte 
Gott, geh Anz. 1913, 5, S. 259. 


Abb. 1. Caleuische Rdiefechalc. Capua, Museo Campano. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


29 


fang des 2. Jahrhunderts, und da wir unsere Schalenform zu den 
ältesten rechnen, ist die Verweisung in das 3, Jahrhundert kaum 
zweifelhaft. 

Die Tellerform des Opfers des Eros ist genauer nicht datier- 
bar. Doch kommt eine spätere Zeit als die erste Hälfte des 2. Jahr- 
hunderts auf keinen Fall für das Relief in Betracht. Wahrscheinlich 
ist es bedeutend älter, auf jeden Fall gut hellenistisch und der 
unbelaubte Baum spricht für frühe Zeit. 

Damit ist bewiesen, daß das nur um seiner selbst 
willen ohne einen religiösen Zweck geschaffene idyl- 
lische Relief hellenißtischen Ursprungs ist. Mag auch die 
Kleinkunst auf diesem für sie besonders geeigneten Gebiet vorauf- 
gegangen sein; einmal muß doch die Großplastik sich der neuen 
Errungenschaften angenommen haben und das wird sehr bald 
geschehen sein. Allerdings ist für diese ältesten Stücke sofort 
eine Einschränkung zu machen: Hirt und Hirtin sind noch nicht 
an die Stelle der Götter und Halbgötter getreten. Die Landschaft 
ist noch der Aufenthalt des Eros und der Satyrn, wenn nicht etwa 
der kniende Satyr der Capuaner und Heidelberger Schale (Abb. 1) 
doch ein Sterblicher ist, ein Hirt, der dem Gotte ein Opfer bringt, 
um sich Erfüllung sehnlichster Wünsche zu sichern. 

Woher kommt das idyllische Element in die calenische Kera- 
mik ? Bei der Besprechung des Erosopfers habe ich früher an- 
genommen, daß alexandrinischer Einfluß am Werk gewesen und 
daß, wie manches andere, auch das landschaftliche Element aus 
Alexandrien sehr früh nach Unteritalien und Sizilien gekommen 
sei''*’. An sich wäre dies durchaus denkbar, und ich sehe nichts, 
was entscheidend dagegen sprechen könnte. Und doch, wenn wir 
genauer hinschauen, ist mit der reichen Landschaft noch nicht 
das idyllische Element erklärt. Ein neuerer Fund, der zwar noch 
vereinzelt dasteht, aber doch charakteristisch genug ist, um für 
allgemeinere Überlegungen als Grundlage zu dienen, ändert die 
Sachlage. 

Ln Jahre 1912 habe ich ein kleines Tonfragment, welches ich 
in) Museum von Vasto d’Airnone (Provinz Ghieti) fand, veröffent- 
licht und es stilistisch in Verbindung mit tarentinischen Terra- 
kotten gebrachf^’ (Taf. 1, 2). Zwischen Pescara undTermoli gelegen 

Über alexaiulrinisclien Export nach Uiileritalicn ; Exi)C(liUoii Ernst 
VON SiF.ouN II, 3 (Oefäße in Stein und Ton), S. 22 und 120. 

” Arch. .lahrb. XXVII, 1912, S. 172 Abb. 26. 


30 


Rudoi.f Pagenstecher: 


ist das alte Histonium offenbar einer der wichtigeren Punkte an 
der adriatischen Küste gewesen, zu dem hin regelmäßiger unter- 
italischer Import gelangte; das nördlicher gelegene Ancona mag 
der eigentliche Aufnahmepunkt für den künstlerischen Zustrom 
aus den Gegenden des südöstlichen Italiens gewesen sein'“. Die 
Funde beginnen etwa mit dem Anfang des 3. Jahrhunderts. Man 
bemerkt campanischen Import, daneben viel Apulisches an Terra- 
kotten und Vasen, auch sicher tarcntinische Erzeugnisse. Zu den 
letzteren ist das in Rede stehende Relief am ehesten zu rechnen. 
Campanisch ist es nach Ton und Arbeit nicht, ebensowenig ent- 
hält es für das eigentliche Apulien charakteristische Züge, so daß 
Canosa, Ruvo und Dari ausscheiden. Ob neben Tarent ein anderer 
Ort des tarentinischen Golfes in Frage kommt, ist nicht zu ent- 
scheiden. Lokrisch ist der Ton nicht. Man könnte etwa noch an 
Metapont denken, dessen Kunsterzeugnissc jedoch von denen 
Tarents prinzipiell kaum zu scheiden sind^®. 

Das Relief gibt uns — leider ist nur wenig erhalten — , ein 
vollkommenes Idyll. Auf leicht angedeutetem Felsboden kniet 
das Mädchen, eifrig damit beschäftigt, aus dem Euter der Ziege 
die schäumende Milch in eine flache Schale strömen zu lassen. 
Ob Landschaft angedeutet war, wissen wir nicht. Sicher ist, daß 
hier — vielleicht zum erstenmal — eine rein bukolische Szene ge- 
schildert wird, in welcher an die Stelle der Götterwelt der Mensch 
getreten ist. Jener Wechsel hat sich vollzogen, der des Stesi- 
choros Daphiüs von dem Daphnis Theokrits scheidef^^. 

Man wird lange s\ichen können, ehe man dem Mädchenkopf 
stilistisch vergleichbare Werke findet, und man wird zu einem 
Resultat nicht kommen, wenn man sie auf lielladischem oder ost- 
griechischem Roden zu finden vermeint. Dagegen bieten taren- 
tinische Terrakotten verhältnismäßig ausreichendes Material. Vor 
allem möchte ich eine Tonform des Bareser Museums heranziehen, 
von der mir dank dem Entgegenkommen der Museumsdirektion 
schon seit acht Jahren ein Ausguß vorliegt, den ich an dieser Stelle 
publiziei'c (Tafel II, nach dem Exemplar der Rostocker Archaeolo- 
gischen Sammlung). Sie stammt aus Tarent und hat eine Höhe 
von 13,9 cm. Dem Stil nach ist der Kopf reif archaisch, was in 
Unteritalien nicht zu einer Ansetzung in die ersten Jahrzehnte des 

Ebend. S. 149. 

Unteritalische Grabdenkmäler S. 15 und 17. 

■’ Christ, Goschichle der griechischen Literatur, 4. Aufl., S. 546. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


31 


5, Jahrhunderts nötigt; vielmehr ist es durchaus möglich, ihn 
bis in die Mitte des Jahrhunderts hinabzusetzen’®. Die eigentüm- 
liche Bedeckung des Haares könnte an ein Löwenfell erinnern, 
so daß wir Herakles zu erkennen hätten. Die Profilaufnahme 
macht gewisse Eigenarten sofort deutlich; das vertikal geglie- 
derte Haar über der niedrigen Stirn, die übermäßig kräftige grobe 
Nase, der an sie nahe herangeschobene Mund, dessen Lippen stark 
vorspringen und besonders kräftig gebildet sind, die flächigen 
straffen Wangen. So weit es überhaupt möglich ist, Werke, die 
mehr als 150 Jahre auseinanderliegen, miteinander zu vergleichen, 
muß gesagt werden, daß in diesem Kopf und dem Relief von 
Vasto die gleiche Anschauungsweise vorliegt, ein Grundgesetz der 
Auffassung vom menschlichen Antlitz, das weder helladisch noch 
ostgriechisch, sondern, wie wir vermuten dürfen, unteritalisch ist. 
Furtwängler hat ähnliche Betrachtungen bei einem bekannten 
Marmorkopf des tarentinischen Museums angestellt’®. Erkennt man 
die Möglichkeit der Vererbung von künstlerischen Grundauffas- 
sungen innerhalb eng begrenzter Landesteile nicht an, so bleibt 
in unserem Falle noch immer die Tatsache bestehen, daß das Re- 
lief technisch den unteritalischen Terrakotten am nächsten steht, 
und in nichts ein Zeichen seiner Herkunft aus östlicheren Ländern 
an sich trägt. 

Das Relief von Vasto ist in Unteritalien entstanden und zwar 
können wir es nicht für ein typisch hellenistisches Werk erklären. 
Der Ernst und die Strenge, welche der herben Gestalt des Mäd- 
chens anhaften, sind die Anzeichen einer älteren Epoche, und 
scheut man sich, diese schöne Arbeit, die doch alle Kennzeichen 
einer von Attika unbeeinflußten bodenständigen individuellen 
Kunstübung an sich trägt, aus Rücksicht auf die Entwicklung 
helladischer Kunst noch in das vierte Jahrhundert hinaufzusetzen, 
so darf man mit ihr doch nicht tiefer als in den Anfang des dritten 
hinahgehen. 

Um diese Zeit ist also das rein idyllisch-hukolische Relief 
geschaffen worden, und die Hirtin von Vasto spricht dafür, daß 

Über den Koiiservalivisnujs der untoritalischeii Kunst zulel/.t Arch. 
Aiiz. 191(j, H. 118; wo läleraturangabeii. Buli.k, ArchaisicriMide gi'iocliisehc 
Ruridplastik, hat di(^S(! Abart des ,,Arcliaisierens“ niclit erörtert. 

FunrwÄNGLEu, Griechisclic Originalstatueii in Venedig, S. 21, Abb. 
vgl. Apiilia III, 1912, S. 13G (Corrcdo l'unebrc da Canosa), und ,,.\i)idien“ 
S. 189, Abb. 132. 


32 


Rudolf Pagenstechf.r; 


weder Kleinasien noch Alexandrien als die Urheimat 
des idyllischen Reliefs angesehen werden dürfen, daß 
dieses Recht vielmehr der Magna Qraecia znkommt. 

Das Opfer des Eros, das ländliche Opfer, jene 
idyllischen Reliefs auf calenischen Schalen, die Hirtin 
von Vasto sind die ältesten Frohen einer Gattung, die 
in den Brunnenreliefs Grimani ihre nner reichte Aus- 
])ildung gefunden hat. 

Allein auf sich gestellt, könnten uns diese drei Proben einer 
wie durch sie bewiesen wird ehemals verbreiteten Gattung idylli- 
scher fteliefs nicht den Weg zur Erkenntnis ihrer Heimat l)ahnen. 
7\ber zu ihnen tiitt ein mächtiger Zeuge hinzu, dessen Autorität 
imanfechthar ist; Theokrit. 

In Syrakus geboren, nimmt er die sonnige Küste des ionischen 
Golfes und die Abhänge des Ätna zum Schauplatz seiner Schil- 
deiaing. Zwischen Sybaris und Kroton kämpfen seine flirten um 
den Sieg im musischen Wettstreit. Freilich, Theokrit weilte aucli 
in Alexandrien nnd hat sein späteres Leben auf Kos verbrachf^', 
doch ,,er hat ein lebhaftes Heimatsgefühl und verleugnet seine 
Rasse nicht“’^®. Und wenn man ihn in Abhängigkeit von Kalli- 
maclios, dem größten Dichter Alexandriens hat bringen wollen, 
so besteht doch gerade zwischen beiden Dichtern in der Auffas- 
sung der Natur ein entscheidender Unterschied: für Theokrit ist 
sie das weite spärlich bewohnte Land, das sich unabsehbar außer- 
halb der Stadtmauern erstreckt, für Kallimachos ,,gibt es nur 
künstliche Parks, Dünen statt der Berge, Wasserleitungen statt dei’ 
Quellen“^®. Und ich meine, obwohl sich literarische Fragen auf 
solchem Wege nicht entscheiden lassen: ehe man auf den Gedanken 
kam, die Natur in ihrer Imitation durch die Kunst zu suchen, 
mußte die Sehnsucht nach der ungekünstelten Natur im Herzen 
des Menschen erAvacht sein. Für sie spricht Theokiit, Kallimaohos 
für ihre Befriedigung durch den Park dei' Großstadt. 

Fs scheint, daß die Magna Graecia und Sizilien seit alters 
eine tiefere Freude an der Landschaft hatten als andere Gegenden 
der griechischen Welt, denn die lokrischen Reliefs (s. o. Anm. 35) 
zeichnen mit liebevoller Sorgfalt den Baum, auf dem die Tier- 
welt ihr Wiesen treibt, und es scheint, daß sie sich die Süd- 

’’’’ Christ, a. a. O. S. 538ff. 

WiLAMowrrz, Die griechische Literatur des Altertums, S. 136. 

” Ebend. S. 138. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


33 


Italiker mit mythologisch-idyllischen Gegenständen schon früh 
beschäftigten®®. 

Wir sehen, die Magna Graecia tritt gleichberechtigt neben die 
Orte des Ostens, die bisher allein gültigen Anspruch auf die ,, Er- 
findung“ des landschaftlichen Reliefs zu machen schienen. Tarent, 
Sybaris, Kroton, Lokroi, Syrakus, Agrigent, diese Namen bezeich- 
nen ebensoviele Städte von alter hoher und eigentümlicher Kul- 
tur, und ihre Bedeutung in hellenistischer Zeit wird nur deswegen 
unterschätzt, weil man in der Regel völlig neu auftauchenden 
Erscheinungen, wie es Pergamon, Antiochia und Alexandrien 
gewesen sind, lebhaftere^ und intensivere Aufmerksamkeit zuzu- 
wenden pflegt. Rodenwaldt hat uns gelehrt, wie die römische 
Malerei eine reichere Staffage zu den von griechischen Originalen 
übernommenen Personen hinzufügt und das Bild dadurch lebhafter 
und eindringlicher gestaltet®^. An sich steht nichts im Wege, 
diesen Prozeß der Abänderung älterer oder ausländischer Origi- 
nale nach Süditalien zu verlegen. Es kann gar nicht genug immer 
und immer wieder davor gewarnt werden, die Eigenart der süd- 
italisch-sizilischen Kunst zu unterschätzen. Sie hat früher als 
die helladische manche künstlerisch-wichtigen Neuerungen durch- 
geführt. Ich verweise auf Delbrücks und Hülsens Untersuch- 
ungen®^, auf Winters Ausführungen und auf Herrmanns Zu- 
stimmung zum Grundgedanken der ,, Unteritalischen Grabdenk- 
mäler“®® sowie auf die Zusammenfassung der Figuren eines 
unteritalischen Vasenbildes zu einheitlicher Raum- und Tiefen- 
wirkung®^. 

S. Aiun. 74. — Zeuxis mit seiner Kentaurenfarnilie kann als Süd- 
italiker nicht mehr in Anspruch genommen werden, denn Watzinger (Öst. 
J. II. XVI S. 176) behalt Recht gegen Hauser bei Furtw.angeer-Reich- 
HOED, Meisterwerke der griechischen Vasenmalerei, Text zu Taf. 110, 4, 
S. 264 f. 

Die Komposition der pompejanischen Wandgemälde S. 50 u. o. 

Hellenistische Bauten in Latium II a. v. O. ; vgl. Alexandrinische 
Studien S. 20ff. ; Hülsen, der mich dankenswerterWei.se darauf hiawios, 
in Festschrift für Otto Hirsciifeld S. 423ff.: die ersten ,, Ehrenbögen“ 
auf dem Markt von Syrakus. 

Winter, Bonner Jahrbücher 123, 1 916, S. 66; Herrmann, .Monat.s- 
hefte für Kunstwi.ssenschaft, 1912, S. 438. 

.1 AConsTii AL, Göttinger Vasen, S. 68, Abb. 89; dazu ineiiui Ausführ- 
ungen Bert Phil. Woch. XXXIll, 1913, S. 629. Ferner; Alexandrinische 
Studien S. 20ff. und Schweitzer, Zlschrfl. für Ästhelik usw. XIII, 1918, 
S. 268. 


Sit/HingHberichte d. ffeidelb. Akad., pliilon.-hist. Kl. 1910. 1. Abl>. 


34 


Rudolf Pagenstecher: 


Wer Schreibers Untersuchungen über die Entstehung des 
Reliel'bildes sich zu eigen gemacht hat und der Ansicht huldigt, 
daß nur im Zusammenhang mit der Marmorinkrustation der Wand 
das Reliefbild zu rechter Wirkung komme und nur durch sie er- 
kläilich sei®^, wird fragen, wo denn diese bunten Marmorwände, 
die für Alexandrien charakteristisch gewesen sein sollen und es 
wohl auch, wenn gleich in späterer Zeit, als Schreiber annahm, 
und kaum mehr als für Rom, gewesen sind, in Unteritalien und 
Sizilien seien. Aber Studniczka hat schon die Notwendigkeit 
der ScHREiBERschen Voraussetzung verneint®®, und es mag an 
dieser Stelle darauf hingewiesen werden, daß sich das Reliefbild 
frei aufgestellt auf einer Stele als direkter Nachfolger des älte- 
ren Weihreliefs, oder eingelassen in eine nicht inkrustierte Wand, 
oder, wie die Grimanischen Reliefs als rein dekorativer Teil eines 
Baues ebensogut denken läßt. Bleibt man aber bei der Voraus- 
setzung der Inkrustation, so mag man überzeugt sein, daß die 
hellenistischen Städte Italiens hinter denen des Ostens nicht lange 
werden zurückgestanden haben, und mag die Buntfarhigkeit in 
ihnen vielleicht nicht in dem Maße wie in Alexandrien durch - 
gedrungen sein, so bildete die weiße Marmorwand mindestens 
denselben günstigen Hintergrund für das Relief wie die farbige®'. 

Nicht nur die Möglichkeit, sondern die Wahrscheinlichkeit 
besteht somit, daß unter dem Einfluß Tlieokrits oder unter der 
Einwirkung jener von uns im Einzelnen nicht mehr aufdeckbaren 
Kräfte, die in Theokrit wirksam wurden und gewiß aus einer 
Eigentümlichkeit der unteritalisch-sizilischen Rasse erklärbar 
sind, das idyllische Relief in Unteritalien und Sizilien gleich zu 
Beginn des dritten .lahrhunderts entstanden ist. Indem es sich 
die Möglichkeiten, welche das Weihrelief seit alten Zeiten bot, 
zunutze machte, wurde es zum landschaftlichen Relief mit idylli- 
schem Inhalt. Das landschaftslose idyllische Relief wird dureb 
die Hirtin von Vasto d’Aimone vertreten (falls nicht doch ein 
Baum oder irgend etwas anderes hinzugefügt war), den Übergang 
zum eigentlichen Landsebaftsrehef vermittelt das ländlicbe Opfei’, 

Die Wiener ßrunnenreliefs aus Palazzo Griniani, S. 20 ff. 

,,Zur Erinnerung an Theodor Schreiber“, Berichte über die Ver- 
handlungen der kgi. sächs. Ges. d. W. 64 Bd., 4, S. 104. 

Nach Holm, Geschichte Siziliens II S. 176 hat zwischen dem Sturz 
Agrigents und Athens Syrakus alle Städte der alten Welt an Bedeutung und 
Glanz überragt. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


35 


ein vollkommen landschaftliches Relief mit Baum und Grotte ist 
das Opfer des Eros. Die zwei ersten Reliefs gehören sicher in das 
dritte, das dritte möglicherweise erst in den Anfang des zweiten 
Jahrhunderts. Das landschaftliche frühhellenistische Relief in 
Unteritalien ist erwiesen, seine Entstehung dort mindestens ebenso 
wahrscheinlich wie die in Alexandrien oder, nach Sievering, in 
Kleinasien. Oh die noch nicht recht greifbare campanische Gruppe 
der Reliefbilder wirklich bestanden hat, ist unklar. Läßt sie sich 
einmal nachweisen (s. o. S. 21), so ist sie ein weiterer Beweis 
für die Richtigkeit der vorstehenden Überlegung. 

IV. Das landschaftliche Relief in Kleinasien. 

Theokrit hat auf Kos und in Alexandrien gelebt; so wäre es 
denkbar, daß durch ihn die Freude an der landschaftlichen Schil- 
derung in Poesie und bildender Kunst sowohl in Kleinasien wie 
in Alexandrien weitere Kreise der Künstler ergriffen hätte. Die 
Literaturgeschichte bevorzugt Alexandrien vor Kleinasien als 
zweite Heimat bukolischer Poesie, denn in Alexandrien kämpfte 
Kallimachos mit Theokrit um den Vorrang in der Pflege des 
Idylls, und es wird kaum einem Zweifel unterliegen, daß in der 
Poesie Alexandrien das Reich der Seleukiden und Attaliden weit 
hinter sich gelassen hat. 

Dagegen sprechen die erhaltenen Monumetite von starker 
landschaftlicher Strömung innerhalb der kleinasiafischen Kunst, 
während aus Alexandrien gleich wichtiges Material nicht bekannt 
ist. 

Der Telephosfries*^^ knüpft iinmittelhai- an jene Behandlung 
der Landschaft an, welche im .Münchener Weihrelief vorliegt. 
Das Verhältnis der Figuren zum Raum, die Vehencinanderreihung 
der Gestalten, die Behandlung des Baumes, der aufgespannte, den 
Hintergrund betonende Vorhang, dei- Pfeiler mit den heiligen 
Bildern — alle diese Elemente landschaftlicher Darstellung kehren 
auf dem pergamenischen Fries wieder. Gleichzeitig halien die 
Forschungen von Salis erwiesen, wie sehr der Künstler des Frieses 
im Banne attischer Kunst stehP^®, wie die attische Grahplastik 
ihn ganz entscheidend beeinflußt ; die künsLhu isch ühennächtigc? 
attische; Tradition zwingt ihn, erj)rohten Bahnen zu folgen, sodaß 

“** W'iNNKFicu) in (len .MlerUimprn von Pergamon. 111, 2, S. 1571'. 

VON Saus, Der .\llar von Pergamon. S. ä3ff. 


36 


Rudolf Pagenstecher; 


hier, wie l>ei den anscldießenden Heliefl)ildern niclit selten der 
l-]indruck entsteJd, als ob den Gestalten und Gruppen des 4. Jahr- 
liunderts lediglich eine landschaftliche Staffage hinzugefügt sei, 
und wo der Meister irn Stil besonders auffällig neuert, da stimmt 
(>r mit den Künstlern des Gigantenfrieses so stark überein, daß 
wir im kleinen Fiües keineswegs einen künstlerischen Fortschritt 
id)er den großen hinaus erl)lieken können®^'. 

Nur in zwei Dingen unterscheidet er sich von seinen Vorbil- 
dern: in der reichlicheren Verwendung der Landschaft und in der 
I l)ereinandorreilumg der Figuren. 

Das letztere ist zwar auch keine absolute Neuerung, aber erst am 
're]e])hosfries wird in Verbindung mit der Landschaft die Möglich- 
keit, Jiiehrere Fl)enon zu schaffen ganz ausgenutzt. Das topogra- 
phische Relief Toi lonia'-^^ l)rachte bereits ähnlich angeordnete Ge- 
stalten. Freilich sind dieFelssitze noch gajiz einfach und ohne jede 
Rficksicht auf die natürliche Gestaltung des Gesteins gebildet. Aber 
das Prinzip ist da, und die Nymphenreliefs ül)ei'setzen dasselbe 
Prinzip in eine weit i'ealistischere WirklicPtkeit. Es ist Avohl nicht 
andei's denkbai', als daß hier wirklich die Erfindung Polygnots, 
die Figuren auf freiem Terrain ül)ereinander zu verteilen, den An- 
stoß zur neuen Anordnung gegeben hat. Im Telephosfries selbst da- 
gegen direkte Al)hängigkeit von der gleichzeitigen Malerei zu finden, 
geht riach dein oben (fesagten nicht an. Er steht vielmehr ganz 
innerhall) jener leinplastischen Entwicklung, welche für uns mit 
dem Relief l'orlonia beginnt, und sich in einigen Nymphenreliefs 
ausspricht. Wo das Flrfordernis der Ilochkomposition vorlag, war 
die Reliefplastik dieser Aufgabe, die ja im wesentlichen eine land- 
schaftliche war, gewachsen®^. Nut' wurde sie so selten gestellt, 
denn innerhalb der Architektur liatte das Hochbild keinen Platz, 
l'lrst als sich das Relief von der Architektur loslöste und deko- 
rativ wui'de, fand sich diese Gelegenheit häufiger. 

Der Telephosfries ist, auch wenn wir das Archelaosrelief für 
älter als ihn halten wüi'den, wie es bis vor kurzem geschalF''^, nicht 

”” Winnefeld, a. a. O. S. 237 ff. 

Zuletzt abgehildet von Studniczka, vVrch. .lalirb. XXXI, 1916, 
d. 202, Abb. 1 7. 

Ob die bckaimlcn Schildkonipositiönen auf griechische Vorbilder 
zarückgehen, ist noch nicht entschieden. Die uns vorliegenden Exemplare 
sind jedenfalls ersl römisch; Sieveking-Buschör, Münchener Jahrbuch 
der bildenden Kunst, 1912 II, S. 139, Abb. 20. S. o. Anm. 59. 

Vgl. Anm. 59. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


37 


das früheste heroisch-mythologische Relief mit landschaftlicher 
Staffage. Wiederum ist es die Kleinkunst, die, unzweifelhaft in 
engster Anlehnung an Werke der Großkunst, in eine frühere 
Epoche, in das 3. Jahrhundert, hinanfführt. 

In der Calenischen Reliefkeramik habe ich eine Scherbe des 
Rerliner Museums veröffentlicht®^, welche im Relief auf der Innen- 
seite des Bodens einen Mann darstellt, der unter einem weitästigen 
Baum zu sitzen scheint, und über dessen Schulter ein nach links 
zurückhlickender Eros erhalten ist (Taf. I, 4). Ich datierte das 
Relief in die hellenistische Zeit, ohne genauere Angaben machen 
zu können. Kleinasiatisehe Herkunft war trotz des Fundortes auf 
dem athenischen Nymphenhügel von vornherein wegen des Fir- 
nisses so gut wie sicher. Zahn hat später die Datierung in das 
3. (oder 4.?) Jahrhundert ausgesprochen®'^. 

Im Jahre 1912 konnte ich ein zweites Fragment derselben 
Komposition, doch von einem anderen Exemplar, abhilden®® 
(Taf. I, 3). Danach stellt sich das Bild folgendermaßen dar: 

Dionysos steht hoch aufgericlitet neben einem niedrigen vier- 
eckigen Altar. Die rechte Hand faßt ein Szepter oder den Thyr- 
sos dicht unter dem oberen Ende, während er den linken Arm um 
den Nacken eines nach rechts schreitenden zu ihm aufhlickenden 
Satyrs legt. Neben diesem kniet auf einer Relieflinie im freien 
Raum ei]i kleiner fackeltragender Eros, dei‘ anzeigt, daß das Ge- 
schehnis bei Nacht vor sich geht, oder den bräutlichen Gharakter 
des Vorganges ankündigen soll. Ein zweiter Satyr ist voraus- 
geeilt und unter dem mächtigen Baum niedergekniet. Er senkt 
den Kopf und greift mit der rechten Hand nach einem nicht mehr 
sichtbaren Gegenstand. Zwischen seiner Hand und seinem Körper 
erblickt man eine Erhebung, die man zunächst für das nackte 
Knie des Satyrs halten könnte, die aber aus der ganzen .Szene sich 
sofort als der zurückgehogene Arm einer liegenden Frau eikennen 
läßt. Dionysos und Ariadne ist der Irdialt des Bildes. 

Dieses Bild erfüllt alle Forderungen, welche wir an das hei'oisch- 
mythologische Relief mit landschaftlicher Staffage stellen kön- 
nen. Die Landschaft ist eben so wie im TelephoslVies und in der 

Calenisclio Relicfkcraiiüb Taf. 2f. 

Bei Rostowzew, Röni. .Mitl. XX\'I, 1911, S. (b'r die Anm. 9t 
^elianiilo Puf)likatioii id)er.sab. 

Arcli. .lalirf). XX VI f, 1 91 2, S. H>7, Al)b. 1 7 iiacli Buon nsTi.n, Wyagos 
«laus la Grecc II, taf. LX, S. 31t. 


:!8 


Rudolf Pagenstecheiv: 


Dolonie lediglieli Zutal. In keiner Hinsiclit ist das Ariadnerelief 
primitiver als die späteren Werke der großen Kunst. Die Ver- 
meidung des Hoclihildes, die bei einem Rundmedaillon an und für 
sieh natürlich ist, teilt es mit den meisten Bildern dieser Gruppe. 

Man darf also ohne auf Widerstand zu stoßen sagen, daß das 
heroisch-mythologische Relief mit landschaftlicher Staffage im Be- 
ginn des Hellenismus bereits jene Ausgestaltung erfahren hat, 
welche einer großen Anzahl der Schreiber sehen Reliefbilder 
zugrunde hegt. 

Beide Reliefgruppen sind somit im frühen Hellenis- 
mus nachgewiesen. 

Füi‘ unser Medaillon ist Entstehung in Kleinasien, und dann 
wohl am ehesten in Pergamon, sicher. Der Tclephosfries und die 
kleine allerdings nicht datierbare Scherbe aus Pergamon®^ lehren 
uns den Fortgang der Entwicklung. Die Übereinstimmung der 
Dolonie und der von Sievering ihr angereiliten Reliefs mit dieser 
Gruppe beweisen ausgedehnte künstlerische Tätigkeit in dem an- 
gedeuteten Sinn. Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß 
die Heimat des heroisch-mythologischen landschaftlichen Reliefs 
Kleinasien gewesen ist, und daß die ,, Erfindung“ in engem An- 
schluß an das W'eihrelief der vorhellenistischen Epoche, dem be- 
ginnenden 3. .lahrhundert zugeschrielien werden muß’’®. 


V. Das landschaftliche Relief in Alexandrien. 

Sind die Reliefs der zweiten Gruppe Sieverings, also die 
Reliefs Grimani und ihr Anhang, später als die der ersten und am 

CoKZE, Kleinlunde aus Pergamon, S. y Abb. ; vgl. Rostowzew, 
a. a. O. zu Tal'. XI, 3. Die öockellandschaft des l'arnesischen Stieres ist jedoch 
erst römisch; Studviczka, Zeitschrift für bild. Kunst, N. F. XIV,1903, S. 175. 
I laß man allerdingsÄhriliches schon im späten Hellenismus in Kleinasien kannte, 
zeigt uns der P>ericht des Pliaius N. H. XXXVI, 14, nach dem Pompejus 
in der Beute des Mithridatischen Krieges im Triumph mitführte: ,,Montem 
aureum quadratum cum cervis et leonibus et pomis omnis generis cir- 
cumdata vite aurea“ — sicherlich einen Tafelaufsatz. Für den Hinweis bin 
ich B. Schweitzer sehr dankbar. 

9» Daß die Vorbedingung für die Entwicklung des landschaftlichen 
Reliefs die Notwendigkeit der Innendekoration, also die rein dekorative Ver- 
wendung des Reliefs ist, erweist der Gegensatz zwischen Telephos- und 
Gigantenfries. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


39 


gleichen Orte, oder später und in Rom entstanden, oder sind sie, 
was SiEVEKiNG gar nicht in Betracht gezogen hat, gleichzeitig 
und an einem anderen Orte gefertigt ? 

Wir wollen von stilistischen Untersuchungen absehen, die in 
unserem Falle bisher auf gar zu unsicheren Wegen dem Ziele zu- 
streben. Zumal der beginnende Hellenismus ist in den Einzelströ- 
mungen seiner Kunst all zu wenig zu fassen. Ist es doch bisher noch 
kaum gelungen, selbst die gröbsten stilistischen Unterschiede zwi- 
schen Kleinasien, Syrien, Ägypten, Griechenland festzulegen. 
Eines der einleuchtendsten Beispiele dafür, daß diese Bestrebungen 
kaum zum Ziel führen können, ist die Geschichte des Sfumato. 
-Man hielt es für kleinasiatisch, da tauchten identische ägyptische 
Kunde auf, man schob es nach Ägypten, da brachten die Inseln 
das Gleiche, brachte Delos den Kopf des sogenannten Ino- 
pos®®. Ganz gleich steht es, um nur einige besonders cha- 
lakteristische Beispiele anzuführen, mit den Terrakotten. Zwar 
die eigentlichen lokal-ägyptischen Tonfigürchen, die man ge- 
wöhnlich als Fayumterrakotten bezeichnet, sind in ihrer Mischung 
ägyptischen und griechischen Charakters unverkennbar. Bei den 
bekannten und teils für Älexandrien, teils für Kleinasien, insbeson- 
dere Smyrna, in Änspruch genommenen Karikaturen aber fängt 
der Zweifel an, und er ist nach keiner Seite hin zu lösen^^®. Es ist 
auch müßig zu fragen, wo die Änregung gegeben wurde, denn was 
die eine .Stadt erfand, wird die andere um so schneller und bereit- 
williger aufgenommen haben. Gewiß lassen sich nach Ton und 
Überzug ägyptische und kleinasiatische Fabriken scheiden, aber 
gerade diese Scheidungsmöglichkeit gibt uns zugleich die Mög- 
lichkeit, den unmittelbaren Zusammenhang zu erkennen, in dem 
beide Gruppen stilistisch stehen. .So vollkommen identisch ist 
der Grundcharakter. 

Ich glaube deshalb, daß sich die Frage nach der Herkunft 
der hellenistischen Reliefhilder nicht auf stilistischem Wege lösen 
läßt, ja, es scheint, wie aus dem Gesagten hervorgeht, überhaupt 
nicht sicher, oh sich der allerer.st<> Änfang, die Priorität, jemals 
wird entscheiden lassen. Wenn wir beispielsweise beobachten, wie 

““ Rull. Corr. Hell. XX.W 1911 Taf. X. 

100 Kür Kleinasien Irill zuletzt ein Sikvf.king, 'rerrakolten der .Sainin- 
lunf' Lop.n zu Taf. 86 ff. auf Grund reichen kleinasiatischen Materials. Doch 
ist Alexandrien nicht minder erf^iebig an meisterhaften Karikaturen, vgl. 
vorläufig Bert Phil. Woch. XXXVH, 1917, S. 1301 ff. 


40 


Rudolf Pagenstecher; 


ungeheuer schnell sich die neuen keramischen Errungenschaften 
von Alexandrien über die übrige Welt verbreiteten und selbst in 
Südrußland sofort nachgeahmt wurdeiA*^^, so erhalten wir einen 
Begriff von der Leichtigkeit des künstlerischen und kulturellen 
Verkehrs zwischen den Küstenländern des Mittelmeeres. Was 
Ägypten an neuen Gedanken verbreitete, kann noch in dem gleichen 
Jahre in Pergamon in neuem Sinne ausgestaltet worden sein. 

Neben Kleinasien kann im frühen Hellenismus gleichberech- 
tigt allein Alexandrien gestanden haben. Ist es unmöglich, 
und diese Unmöglichkeit haben Sievekixgs Untersuchungen klar- 
gelegt, beide Gruppen zu gleicher Zeit am gleichen 
Orte entstanden zu denken, und kann nach ge wiesen 
werden, daß der Gleichzeitigkeit nichts im Wege steht, 
so kann als zweites Zentrum des landschaftlichen Re- 
liefs nur Alexandrien in Frage kommen. 

Wir müssen also untersuchen, ob die Weiterbildung des 
idyllisch-bukolischen landschaftlichen Reliefs über die unter- 
italischen Anfänge hinaus in Alexandrien vor sich gegangen ist, 
da nach dem Gesagten Kleinasien für diese Richtung der Land- 
schaftsdarstellung ausscheidet. 

Prinzipiell spricht gegen Alexandrien nichts von dem, was bis- 
her gegen diese Stadt vorgebracht werden konnte. Denn nachdem 
wir erkannt haben, daß man bei der Menge der landschaftlichen 
Reliefs und ihrer deutlichen Scheidung in zwei Serien sehr wohl 
Pergamon zu seinem Rechte kommen lassen kann, ist es nicht 
mehr notwendig, die etwa von Alexandrien erhobenen Ansprüche 
aus diesem Grunde abzulehnen. 

Freilich: Nichts von dem, was typisch für alexandrinische 
Kunst ist, tritt uns auf den ScHREiBEuschen Reliefs entgegen. 

Fs fehlen jene kleinen Hinweise auf Ägypten, die bereits auf 
frühhellenistischen ägyptischen Münzen erscheinen, und die die 
alexandrinischen Bronzen des beginnenden 3. Jahrhunderts als 
ägyptisch kennzeichnen^**^; es fehlen alle ägyptischen Eigenarten in 
Stil und Inhalt, welche die hellenistisch-römische Plastik und 
y^rchitektur des Nillandes so seltsam gestalten^**^; es fehlen alle 

E. V. Stern, Ein Beitrag zur hellenistischen Keramik, Odessa, 1910 , 
S. 15 u. ö. 

SvoRONOs, Die Münzen der Ptolemäer Taf. 1,5 — 8; Alexandrinische 
Studien S. 47ff. 

Expedition Ernst von Sieglin I, Die Nekropole von Köm-esch- 
Schukäfa. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


41 


Karikaturen, es felilen die Klappertänzer, Fischer und Pygmäen, 
die als echt alexandrinisch gelten können^'’*; es fehlen die rümiscli- 
ägyptischen Motive, die wir von den Wänden dritten Stils her 
kennen und die zwar nicht ägyptisch sind, aber doch wenigstens 
eine Hinneigung zum Ägyptertum beweisen würden^**®; es fehlen 
jene Nillandschaften, welche auf Mosaiken, Malereien und auf den 
Campanareliefs so ungemein häufig sind und üher deren Herkunft 
Abschließendes noch nicht gesagt werden kann^®®. Ein einziges 
Mal, auf dem ,,Alexandreia“relieP®' findet sich ein Beispiel jener 
römischen Kunstrichtung, die sich mit ägyptischen Symbolen 
schmückt, aber diese hat mit Ägypten nichts zu tun und ist über- 
dies niclit hellenistisch^^*®. 

Es scheint, als bliebe keine Möglichkeit, Alexandrien be- 
stimmenden Einfluß auf das Landschaftsrelief einzuräumen. 

Und doch ist es offenbar in der Kleinkunst die alexandrim- 
sche gewesen, die das Landschaftsbild vor allem gepflegt hat. 
Läßt es sich auch noch nicht mit Sicherheit behaupten, daß die 
Schnabelgriffe und alles was mit ihnen zusammenhängt, früh- 
hellenistisch und daß sie alle alexandrinisch sind^****, so kann doch 
nicht bestritten werden, daß Alexandrien einen sehr bedeuten- 
den Anteil an dieser Produktion nahm und daß die Gefäße sicher 
in späthellenistischer Zeit in regem Gebrauch waren. Gehören 
auch die von Drexel zusammengesetellten Silhergefäße dei' 
Kaiserzeit an^^°, so ist doch auch ihr alexandrinischer Ursprung 
sicher und einheimische alexandrinische Tradition immerhin 
wahrscheinlich. Gewiß sind römische Lampen kein einwandfreies 
Zeugnis für Bevorzugung der Landschaft in Ägypten, aber es 
darf nicht verkannt werden, daß jene großen rechteckigen Lam- 


CuAMpFLEUHY, La carricalure ancienne; Zahn, AmlliclK' Rei'ichic 
ans «len kgl. Kuusl.sainmlungea XXXV, 1914, S. 293 ff. 

Alexandrinische Sludien S. 22. 

Zuletzt zusammenfassend CuLrni'.nA, Saggi suH’ arle cllonisl ica e 
greco-roinana, S. 231 ff. 

SciiiiEiHiut, llellenisliscbe Rcliefbilder, 'l’af. L.\XX\'ll; Waser, 
a. a. O. Taf. II, 1 . 

’'*® auch VON ßissiNt;, Der.tnteil dei' ägypl ischen Kiinsl am Kiinsl- 
lebcn der Völker, S. 70, 89 u. ö. 

’'*® SciiREiiiER, Die alexandrinische Toreulik. 

I )ie alexandrinischen Silbergefiil.lo der Kaiserzeil, Ihmner .1 ahibiiclic’r 
118, 1909, S. 170 ff. 


42 


Rudolf Pagensteciier ; 


pen, welche eine Landschaftsdarstellung erst ermöglichen, ägyp- 
tisch sind^^^, daß wahrscheinlich der Hafen von Alexandrien mit 
einigen typisch alexandrinischen Figurenbildern auf römischen 
f.ampen erscheinH^^, daß römische Lampengriffe aus Ägypten 
verhältnismäßig starke landschaftliche Elemente enthalten^^®, daß 
die Portlandvase und die ihr verwandten Gefäße nur in Ägypten 
verständlich sind^^^, daß endlich jenes Berliner Stuckmodell, von dem 
Schreiber in seinen Betrachtungen ausging, durch den Fundort 
und durch seine Darstellung auf Ägypten mit Sicherheit hin- 
weist^^^^. 

Aus den genannten Werken der Kleinkunst kann man ledig- 
lich Rückschlüsse ziehen, denn sie sind fast ausschließlich Er- 
zeugnisse der römischen Epoche. Infolgedessen spiegeln sie das 
Bild der frühhellenistischen Landschaftskunst nicht rein wieder 
und können für die ,, Erfindung“ eines Zweiges der landschaft- 
lichen Reliefs nicht ohne weiteres herangezogen werden. Sie 
lehren jedoch, daß in römischer Zeit Landschaftsdar- 
stellungen in Ägypten wohl noch häufiger gewesen 
sind als in Kleinasien. Das ist nur aus alter Tradi- 
tion verständlic h^^^. 

Etwas anderes ist es mit der Keramik. Zwar gehört das wich- 
tig.ste Exemplar, welches von Zahn mit Sicherheit auf Älexandrien 
zurückgeführt wurde, (Anm. 104), erst dem ersten Jahrhundert 
nach Christus an, aber es ist wieder Theokrit, der uns darüber 
lielehrt, daß die Vorfahren dieses Bechers mit Fischerdarstellungen 
hellenistisch sind. 

Diese Lampen sind zAisainmengestelll Expedition Ernst von Sieglin 
i 1 1 A, S. 28 ff. (im Druck). Vgl. Walters, Catalogue of the greek and roman 
lamps in Ihe British Museum, Taf. XV, No. 446. 

Rostowzew, a. a. O. Abb. 60 (Mann mit Esel auf der Brücke); Ex- 
jiedition Ernst von Sieglin, a. a. O. S. 28, Abb. 14 C (Fischer am Strand 
und im Kahn); Walters, a. a. 0. Taf. XVI, No. .527 (desgl. besseresExemplar). 

Walters, a. a. O. S.1.33 Abb. 170; Breccia, Bull. d’Alexandrie XI, 
DJ09, S. 319 Abb. 70. Einige dieser Lampengriffe sind allerdings recht 
s])ät, wie die englischen Ausgrabungen gelehrt haben: British School of 
Arch. in Egypl. 1911, XVI 1; Itoman portraits and Memphis IV by Flinders 
— Pelrie Taf. XVI, 10 (2. .lahrh. n. Chr.). 

Flirtwängler, Die antiken Gemmen III S. 156ff. und 334ff. 

SciiREiRER, Die alexandrinische Toreutik, Taf. V. 

Auch auf den Fayencen erscheinen geringe landschaftliche Elemente, 
Expedition Ernst von Sieglin II 3 (Gefäße in Stein und Ton). S. 118ff. 
wurde zusanirnenfassend über diese Gattung gehandelt, doch sind die zwei 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


4 


Perdrizet und Zahn haben nachgewiesen, daß Ägypten als 
das typische Land der Fischer berechtigten Anspruch auf die Er- 
findung und die Ausbeutung des im Altertum so ungemein belieb- 
ten Fischermotivs besitzÜ^®. Sehen wir den von Zahn publizierten 
glasierten Becher an, so ruft er uns unmittelbar die bekannte 
Beschreibung des Theokrit vor Augen^^^: 

Diesen zunächst ist ein tischender Greis und ein Felsen gebildet, 
Rauhgezackt, wo er ämsig die maschigen Garne zum Auswurt 
Schleppt, hochalt, dem mit Macht arbeitenden Manne vergleichbar. 
.Alle Kraft der Glieder,, so glaubst du, strengt er zum Fischfang; 

Also starren ihm rings die geschwollenen Sehnen des Halses, 

Zwar bei grauendem Haupt; doch die Kraft ist würdig der Jugend. 

( Voss.) 

Bedenkt man des Dichters Aufenthalt in Alexandrien und 
den alexandrinischen Ursprung des Motivs, so wird man zu dem 
Schlüsse gedrängt, daß entweder schon als Theokrit noch in Syra- 
kus weilte, alexandrinische Kunstwerke nach Sizilien gelangten 
und dort in Holz imitiert wurden^’^®, oder daß Theokrit jenes Idyll 
in Alexandrien schuf, obwohl er in Erinnerung an seine Heimat die 
Küsten des ionischen Meeres als Schauplatz wählte. Auf jeden 
Fall kann die frühhellenistische Entstehung von Ge- 
fäßen mit landschaftlichen Fischerszenen nicht geleug- 
net werden und ebensowenig nach dem Vorangehen- 
den ihr alexandrischer Ursprung. 

wichtigsten Stücke dort noch nicht erwähnt. Sie befinden sich im Berliner 
Antiquarium. Das eine von ihnen zeigt in leichtem weißen Relief auf zart 
blauem Grund einen Zinkenaltar, neben dem eine hohe brennende Fackel 
aufgestellt ist. Auf ihn schreiten von rechts zwei nebeneinander gehende 
Stiere zu, welche von einem nicht mehr sichtbaren Lenker am langen Zügel 
gelenkt werden. Aut der anderen Scherbe sieht man in gell)ein Relief aut dem- 
selben blauen Grund einen auf einer Kline gelagerten Mann, der sich wold 
nach dem Mundschenk umdreht. Die Reliefs sind in das .J. Jahrhundert zu 
datieren. A'erwandte Fragmente sind abgebihhd ; Brit. School of Arch. in 
]‘]gypf. Studies II, Historical Studios 1911 Taf. Xllf No. 169, 171, 183. 

Z.viiN, a. a. fX pF.itniuzF.T, Bronces grecs d’Kgypte d(> la Collection 
1''oi;quf:t S. 60 ff. 

1” I 27—56. 

S. o. .Vnm. 70. Daß der Beclier als äolisch bezeichnet wird und oincni 
Kalydonier abgfikauft ist, kann natürlich gegen alexandrinischen Ursprung 
des Kunstwerks nicht angeführt werdem. I)(U' Aufsatz von Gow, Tlu; cuj) in 
the first idyll of Theocritus, J. H. St. XXXIII 1913 S. 207ff. bringt keine 
Förderung in d<ui uns beschäftigenden Fragen. 


44 


Rudolf Pagenstecher: 


Ein positiveres Beispiel noch ist jene eigenartige Plakette 
ans Sigillata, welche in Ägypten zutage kam, die ich allerdings 
wegen der Technik für kleinasiatisch erklärt habe (Abb. Zahn 

hat sich darüber nicht geäußert, aber sie als Beispiel für helle- 


nistische alexandrinische Fischerszenen ohne weiteres verwendef^^®. 
Das Relief ist nicht so alt, daß nicht Pergamon damals schon seiner- 
seits die Fischerdarstellungen über- 
nommen haben könnte. Immerhin 
erhalten wir auch auf diesem Wege 
den Beweis für frühe landschaftliche 
Schilderungen aus dem Leben der 
Fischer, wie sie in Ägypten vor allen 
Dingen verständlich und nachge- 
wiesen sind. 

Der Becher Theokrits enthielt 
neben der Fischerszene ein Motiv 
aus dem Leben des Landmannes: 
einen mit spielerischer Arbeit be- 
schäftigten Knaben, dem Füchse den 
Weinberg berauben, als dessen Hüter 
er gesetzt ist. 

Man wird auch ohne diesen 
literarischen Beweis nicht glauben 
wollen, daß nur das Leben der 
Fischer in Ägypten von landschaftlichem Beiwerk umgeben 
worden ist, sondern annehmen müssen, daß sich die Dar- 
stellung der Landschaft auch auf andere Szenen erstreckt 
habe. Die alexandrinische Toreutik und Silberschmiedekunst 
hat sich neben dem Lehen des Fischers dasjenige des Land- 
mannes vor allen Dingen als Aufgabe gestellt, und daneben die 
wilde, vom Menschen ungestörte Natur, wie wir durch den Becher 
mit im Röhricht des Überschwemmungslandes jagenden Störchen 
wissen^“^. 

Trotzdem und trotz aller aufgewendeten Mühe ist es Schreiber 
nicht gelungen, eine beträchtliche Anzahl von Landschaftsdarstel- 
lungen alexandrinischer Herkunft zusammenzubringen. Was er da- 
mals gesammelt hatte, wurde von ihm dem Archäologenkongreß in 



Abb. 2,. 
Sigillatarelief aus 
Dresden, Skulpturensammlung 


Expedition Ernst von Sieglin, a. a. O. S. 107 Abb. 116. 

A. a. 0. S. 291. 

Behn, Römische Keramik (Mainzer Kataloge II) S. 147 Taf. III. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


45 


Kairo vorgelegÜ-^. Fast alles ist von uns im Verlauf unserer Be- 
trachtung bereits herangezogen worden. Was nicht genannt wurde, 
gehört nicht hierher. Nur ein kleines Relief aus dem Bazar in Kairo 
muß angefügt werden, welches sich ehemals in Furtwänglers 
Besitz befand, jedoch nach seinem Tode nicht nach Frankfurt ge- 
kommen ist (Abb. 3)^^^. Es ist der 
antike Abguß von dem Teil einer 
größeren Darstellung, wohl einer 
Becherwandung: rechts ist noch 
ein Kopf zu sehen und eine zu ihm 
erhobene Hand. Von re-chts ragt 
auch ein Thyrsos herein, der in 
horizontaler Lage als Stange für 
den den Hintergrund bildenden ge- 
rafften Vorbang dient. Auf dem 
Felsaltar vor einer Priapherme 
wird ein kleiner Eros an beiden 
Flügeln von einer langgewandeten 
bäurisch aussehenden Frau fest- 
gehalten, wohl um geopfert zu 
werden. Also auch ein Opfer an Eros, wie das calenische Medaillon. 
Das feine Stückchen gehört in den Kreis der schönen von Ruren- 
soiiN veröffentlichten hellenistischen Abgüsse und ist unter ihnen 
vielleicht das reizvollste^^^. Seine Zugehörigkeit zur alexandrini- 
schen Kunst wird dadurch allerdings nicht bewiesen, und läßt 
sich auch nur durch Hypothesen wahrscheinlich machen. Doch 
ist es in seinem Inhalt von den Abgüssen, die mit Sicherheit auf 
das nichtägyptische Ausland zurückgeführt werden konnten, so 
verschieden, daß Annahme alexandrinischen Ursprungs auch des 
Originals immerhin sehr naheliegt. 



Abb. 3. Gipsrelief aus dem Bazar von Kairo. 
Ehemals im Besitz Furtwänglers. 


Festgabe, den Mitgliedern des zweiten internationalen Kongrc.sses 
fijr vtrchäülogie gewidmet von Ernst Sieglin. 

Die Angaben machte mir SciiREinEn im .lalire 1 908 noch persönlich. 

Hellenistisches Silbergerät in antiken Gipsabgüssen. Seitdem ist 
einiges hinzugekommen. Rodenwaldt danke ich den Hinweis, daß die 
eigentümlich gerade Rückenlinie der sich vorbeugenden Frau noch auf einigen 
anderen Kunstwerken er.scheint, z. B. Röm. Mitt. 1911 S. 34; Arndt- 
Amelung l'h V. .560; auf dem Gefäß aus Avenches Arch. Zig. 1804, 
Taf. 190. 


46 


Rudolf Pagenstecher; 


Ein sicher ägyptisches landschaftliches idyllisches 
Relief, das sich leider nicht datieren läßt, ist bekannt^^^. 
Römischer Ursprung ist wahrscheinlicher, als hellenistischer. Der 
Ton scheint dem der sogen. Fayumterrakotten am meisten zu 
ähneln. Überzug dürfte nicht vorhanden sein (Tafel III). Über 
einer von Laub umrankten Grotte erhebt sich ein T nrm, der au.s 
unregelmäßigem Quaderwerk errichtet ist — man erinnert sich an 
den Turm von Abusir, der über einer Grabgrotte aufragt^“^®. 
In der Höhlung steht ein Knabe, von dem der bekränzte Kopf 
und das linke Ärmchen erhalten ist. Sein Typus ist der des Harpo- 
krates, doch fehlt jeder Hinweis auf den Gott selbst. Zur Rechten 
der Grotte ragt eine Palme steil auf. Unter der nicht erhaltenen 
Krone hängen die Fruchtbüschel herab und an dem Stamm klet- 
tert ein Affe empor, um von den Frücbten zu nascben. 

In der Bircher sehen Sammlung in Kairo befindet sich eine 
Terrakotta, welche eine Palme mit dem sie besteigenden Negf'r 
darstellti27. An dem gleichen Baum klettert auf einem Wand- 
gemälde im Columbarium der Villa Doria-Pamfili ein Gärtner 
hinauP^^^. Daß dieses Motiv aus Alexandrien kommt, scheint 
demnach klar, \md das ScuREiBERSche Tonrelief ist das einzigi' 
echt alexandrinische in Ägypten gefundene Landschaftsrelief, das 
bisher bekannt ist. 

Die ,,hellenistiscben Reliefbilder“ enthalten weder Fischer- 
szenen noch Darstellungen in der Ärt des eben besprochenen Ton- 
reliefs. Kann trotzdem ein Teil von ihnen, können die idylliscb- 
bukolischen Reliefs alexandrinisch sein ? Die vorstehenden Aus- 
führungen haben lediglicb den Beweis erbracht, daß Ale- 
xandrien b e r e i t s i n h e 1 1 e n i s t i s c h e r Z e i t am i a n d schaff- 


Ich veroffenlliche cs nacli dem Lichtdruck der Tafel im Terrakotteii- 
band (II 2 A) des Siegliuwerkes. Den Aufbewahrungsort des Reliefs kann 
ich zurzeit nicht erfahren. Die Beschreibung erfolgt nach der Abbildung. 
Der heroisierte Reiter neben seinem auf Hügel stellendem Grabmal auf einem 
frühhellenistischen Grabrelief der )Sammlung von Bissing wäre das früheste 
alexandrinische Relief mit landschaftlichem Beiwerk (Expedition E. von 
SiEGLiN II 1 A). Der Einfluß des Weihreliefs ist also auch hier deutlich. 

Ich meine das ,, Leuchtturmgrab“ von Taposiris Magna; Sieglin- 
ScHREiBER II 1 A S. 113f. ; Minutoli, Reise zum Tempel des .lupiter Am- 
mon, Taf. II. 

Mir nur aus kleiner Photographie bekannt. 

Röm. Mitt. V, 1890, S. 158f.; ebend. IX, 1894, S. 170. 


Ober das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


4 7 

liehen Relief lebhaft beteiligt war, nicht, daß Spuren 
alexandrinischer Kunst unter den erhaltenen Reliefbildern vor- 
handen sind. 

Wir haben bisher nicht darauf aufmerksam gemacht, daß 
die alexandrinische Kunst noch in anderen Formen als 
den oben genannten auftreten kann, nämlich so rein 
griechisch, daß die engere Heimat gar nicht mehr zu 
erkennen ist. Ich glaube, man darf nicht daran zweifeln, daß 
Kunstwerke dieser Art in der Frühzeit Alexandriens die maß- 
gebenden und auch später noch sehr zahlreich gewesen sind. Die 
Skulpturenfunde auf dem Terrain der Stadt, die Terrakotten und 
alle übrigen Äußerungen des Kunstlebens weisen mit Eindring- 
lichkeit darauf hin. Nehmen wir diese Voraussetzung an, so er- 
gibt sich sofort die Unmöglichkeit, auf dem Wege der Stilunter- 
suchung aus den Reliefbildern diejenigen herauszufinden, die 
alexandrinisch sind, doch rein griechischen Geistes: es bleiben nur 
zwei Wege: nach dem Inhalt und nach der Technik zu fragen. 

Auf den ägyptisierenden Landschaften der pompejanischen 
Wände erscheinen neben den Fischern in reichem Wechsel Typen 
von Landleuten, welche ihre Herde hüten, mit ihrer Ware zur 
Stadt wandern, ihr Grautier vor dem Rachen des rauhlustigen 
Krokodils zu retten suchen. Wie den Fischer und den Eseltreiber 
— der letztere ist ja literarisch bezeugt — , muß man auch den 
zur Stadt gehenden Bauern als typisch ägyptisch empfunden 
haben. Fischer und Hirtin sind in den bekannten realistischen 
Statuen des Conservatorcupalastes zusammengestellt, über 
deren stilistische Herkunft leider nichts Entscheidendes gesagt 
werden kann^^®. Die scharfe Trennungslinie, welche sich zwischen 
den heroisch-mythologischen Reliefs und den idyllisch-bukolischen 
nicht nur nach Inhalt, sondern auch nach Bildform und Technik 
ziehen ließ, berechtigt uns, das idyllische Relief als nicht klein- 
asiatisch, .sondern, da die alexandrinische Kleinkunst gerade 
diese Bahnen mit Vorliebe heschreitet, für alexandrinisch zu halten. 

*“'* Liier die l.andscliafi ca Kostowzf.w a. a. O. ; die Gescbieldo von 
Nealkes; Pliaiiis ;i.ä, 142; da/.u II ai'i.kii, Höni. Mill. XI.\ 1904 S. :il7ff. 
VVelcbo Rolle rler seine Ware z.nm Nerkanf in die Sladl briii'^ondi' Laiid- 
inaiin in der f'raeeo-ii^y[d iselien Koro[dasl ik siiiell, wird ans 
WEBEit, l)ie iigypl iseli-f'rieeliiselien Terrakol I en, nicid. ersieldlieh. Melir 
Material in JCxfiedilion J<>iinst von .Sie(;un II 2 (in Vorbereil iiiiff). 
Auf doTi von Rostowzew a. a. O. beliandelten Landseiianen dienen Fischer 
und Landleute f'eineinsarn als Fi)^urcnstaffage; desgl. auf den .Mosaiken. 


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lUlDOLF Pagensteciier; 


Daß beide Keliefgattungcn gleichzeitig entstanden 
sind, haben wir oben zeigen können. Nach allem Ge- 
sagten kann die Heimat des i d y 1 1 i s c h - b u k o 1 i s c h e n 
Reliefs neben Unteritalien nur Alexandrien sein. 

Vielleicht tritt eine Einzelheit des Gri manischen Reliefs mit 
<ler Wölfin bestätigend hinzu: die Grotte. Es ist gewiß kein Zu- 
lall, daß wir in den drei großen Schilderungen des Athenaeus von 
alexandrinischem Pomp: im Symposion, auf der Thalamegos und 
in der Pompe Grotten an hervorragenden Stellen erwähnt finden^“-^. 
Das calenische Medaillon zeigt die Grotte als integrierenden Be- 
standteil des Landscbaftsreliefs liereits im 3./2. .Jahrhundert. Von 
der römischen Kunst wird sie an gegebener Stelle auf den Cam- 
panarcliefs übernommen: die Wölfin mit den Zwillingen und 
Telephos und die Hirschkuh stehen in einer Grotte, daneben Hera- 
kles. Die jiergameniscbe Kunst bat das zweite Motiv anders ge- 
staltet^^®. Die Grotte kann aus ihr nicht entlehnt sein. Wahr- 
scheinlich hat Alexandrien hierin entscheidenden Einfluß aus- 
geiiht. 

Noch ein zweites Bild könnte, wenn auch nicht allein, so 
doch in diesem großen Zusammenhang für alexandrinisclien 
Ursprung des idyllischen Reliefs sprechen: das ländliche 

Opfer an eine Göttin im Louvre (Reliefhilder LXX). Hinter 
dem Vorhang, welcher für den kleinen Altar den Hinter- 
grund bildet, erhebt sich eine Säule, auf welcher ein Votivbild 
aufgestellt ist; dieses hat die Form eines Triptychons mit geöffne- 
ten Flügeln, in dessen Innern eine jetzt nicht mehr erhaltene 
Malerei vorhanden gewesen sein muß. ln einem demnächst im 
Archäol. Anz. 1919 erscheinenden Aufsatz über den Flügelaltar im 
Altertum habe ich — noch ohne Kenntnis des Schreiber sehen 
Reliefs — nachgewiesen, daß der Flügelaltar in Ägypten seit 
alters sporadisch erscheint und in der griechisch-römischen Zeit 
wieder stärker zur Geltung kommt. Frühchristliche ägyptische 
'hriptycha weisen den W'eg. Da ist das Louvrerelief ein hochwill- 
kommener Beweis für die Richtigkeit der These und zugleich ein 
Zeichen für alexandrinisclien Ursprung des Iteliefs oder seines 
( Iriginals. 

Studniczka, Das Symposion Ptoleinaios 1 1 S. 92ff.; Caspari, Arch. 
Jahrb. XXXI, 1916, S. 60. 

1»“ Matz, Athen. Mitt. XXXIX, 1914, S. 65ff. von Rohden-Winne- 
PF.i.D a. a. 0. Taf. CXXVII. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


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Denn es soll keineswegs behauptet werden, daß die 
uns erhaltenen Reliefs hellenistische alexandrinische 
Originale sind. Die Stilverschiedenheiten, welche die fhi- 
sicherheit des Urteils hervorrufen, sind nur zu erklären, wenn man 
die Herstellung der Bilder in eine reproduzierende Epoche setzt 
und einen großen Teil auch der Originale einer Zeit zuschreiht, 
in welcher die an einem bestimmten Ort zuerst aufgenommenen 
Reliefformen Gemeingut der ganzen Welt geworden waren, also 
in Alexandrien, Pergamon, Rom und an anderen Orten gleicher- 
weise fabriziert wurden. Originale können die idyllisch-bukolischen 
Reliefs, über welche das, Urteil bekanntlich am meisten schwankt, 
schon aus einem Grunde nicht sein, den wir zum Schluß erörtern 
wollen. 

Der Nachweis Sievekings, daß einer -- unserer 
idyllisch-bukolischen — Gruppe Gipsmodelle zugrunde 
liegen, kann als unbestreitbar und gesichert gelten. 
Ich glaube jedoch, die Folgerungen, welche Sievekixg aus 
seiner Beobachtung gezogen hat, gehen nicht weit genug. 

Gipsreliefs liegen nicht nur als Modelle den Mar- 
niorreliefs zugrunde, sondern die Originale selbst 
waren aus Gips. 

Die Richtigkeit dieser Hypothese wird niemand bestreiten 
können, der ein Bild von der unbegrenzten Verwendungsmöglich- 
keit des Stucks in Alexandrien hat. Von der Verkleidung des un- 
zulänglichen Mauerwerks und der Verzierung dieser Wand mit 
Stuckreliefs bis zur y\ufrichtung rundplastischer Statuen aus 
demselben Material gibt es nichts, was der ale.xandrinische Künst- 
ler nicht in Gips ausgeführt hätte^^’^. Alexandrien ist die Stadt des 
Stucks; nirgends ist auch nur annähernd eine gleich umfangreiche 
Verwendung dieses vergänglichen Materials zu konstatieren, wie 
liier, obwohl die mangelhafte Erhaltung der alten Stadt und die 
Zerstörbarkeit des Stoffes alles andere erwarten ließen, als eini' 
so große Anzahl erhaltener .Stuckproben. Wo von Stuck die Rede 

iJarülii'i' I']xi)e(liUon Eknst von Sikoun 11 1 A (iin liruck). Dorf 
ist iuicli ein ktciiie.s voil.sliiiuliges .Sluckrelief (badende Frau) abgebildet. 
Der |)raelilvolle .1 iiiigliiigskopf ly()sischen Stils aus Gips, welcher aus Aegyp- 
ten in die .trchaeologiseho Sammlung der Universität Itostuc.k kam, ist kein 
Abgul.’i und ebensowenig als \lod(dl, somh'rn nur als aiisgid'iilirtc^s Original 
erklärbar". .Xrcbaeologiscber Anzeiger 191S (Itoslocker lOrwerbungsberiebl ). 


Sitziin^bberiehlc d. Iltiidolb. Akad., phil.-hiMt. Kl. U>U). 1. Abli. 


4 


50 


R iinoLF I’acensteciikr ; 


ist, wird dei' Gedanke eines Jeden, der Alexandrien kennt, an dieser 
Stadt haften l)leihen^^^. 

Da die Reliefs der zweiten S i e vi; ic i n gsc hen Gruppe 
nur aus der Gipstechnik Iteraus zu verstehen sind, be- 
steht die Sicherheit, daß sie alexandrinischen Ur- 
sprungs und, wie die vor an sge lien de Untersuchung ge- 
lehrt haben wird, in ihrer Idee und in den Elementen 
der landschaftlichen Darstellung hellenistisch sind. 

Nur wenn wir nicht von Gipsmodellen, sondern von Gips- 
originalen sprechen, erklärt sich die eigentündiche dem Marmor 
so gar nicht sich anpassende Technik der Grimanischen Bilder und 
des die Kuh zur Stadt treibenden Bauern. Bei einem Gipsmodell 
hätte auf die Technik des Marmors noch Rücksicht genommen 
werden können; bestand das Ciriginal seihst aus Gips, erklärt sich 
sofort warum dies nicht geschah, und es erklärt sich auch etwas 
andres, nämlich der Mangel au hellenistischen Originalen. Die 
Originale gingen schon anf dem Platz an den Wänden selbst nach 
und nach zugrunde, um so mehr, wenn sie dort entfernt und etwa 
nach Rom übertragen werden sollten. Daß sich der reiche Römer 
eine K(jpie so leicht zerstörl)aren Originals in dauerhaftem Marmor 
bestellte, ist verständlich, und daß nur diese römischen Kopien 
auf die Nachwelt kamen, natürlich; möglich, daß später die 
claudische Epoche solch eigenartig aufgeregten Stil am meisten 
schätzte (Anm. 61) und ihn in großem Maßstahe auf die Marmor- 
schöpfungen ihrer Zeit übertrug. Der Mangel an Marmor muß 
in Alexandrien groß gewesen sein. Man weiß, wie sparsam man 
mit ihm umging, ihn immer wieder benutzte^^^, mit Stuck ergänz- 
tet®^. Der Gips nimmt vielfach völlig seine Stelle ein. Als 
Schmuck der Stuckwände Alexandriens ist das Stuckrelief 
entstanden. Bescheidene Proben solcher Dekoration förderten 
Ausgrabungen zutaget®"*. 

Als Ergebnis fassen wir kurz zusammen: das heroisch- 
mythologische Relief reinen Marmorstils — in der Regel 

132 Darüber ausfüliiiicli Expedilion Ernst von Sieglin II 1 B (in 
Vorbereitung). 

Amelung, Ausonia III 1908 S. 91 ff.; vgl. Arch. Anz. 1918 s. An- 
inerk. 131 (Marinormaske in P>,ostock). 

131 Siehe Anrn. 132. 


über das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


51 


gr ö ß er e n F 0 r Ul at s — ist in Kleinasien in Anlelinung an 
die Weihreliefs ini frühen Hellenismus entstanden. 
Die Landschaft ist den Figuren untergeordnet. 

Das idyllisch-bukolisclie dekorative „Kahinett“- 
Relief iniGipsstil ist— inhaltlich aus Unteritalien über- 
nommen — gleichzeitig mit dem heroisch-mythologischen 
Relief, jedoch in Alexandrien geschaffen worden. Der 
Mensch ist der Natur untergeordnet, ja, er kann in ihr 
vollkommen entbehrt werden. Beide Reliefserien gehen neben- 
einander her und werden von den Römern kopiert, wodurch eine 
Verwischung der Unterschiede entsteht, wie naturgemäß auch im 
Lauf der Zeit unter den Hauptzentren, Pergamon und Alexandrien 
selbst ein Austausch künstlerischer Art stattgefunden haben muß. 
Dadurch entsteht das wirre Bild, welches uns das Corpus dei* 
hellenistischen Reliefbilder bietet. Auf die einfachsten Formen 
zurückgeführt, lehren uns die Reliefs jedoch nicht nur ihren helle- 
nistischen Ursprung, sondern auch ihre Urheimat, Kleinasien und 
Alexandrien, mag auch im Lauf der .fahre noch so viel an ihnen 
geändert und modernisiert und mag vielleicht kein einziges der 
erhaltenen Stücke ein hellenistisches Original sein. Die römische 
Elegie bietet bekanntlich annähernd das gleiche Bild^®'^. 

Das landschaftliche Relief als solches konnte erst entstehen, 
nachdem sich das Relief von dem Zwang der Architektur los- 
gelöst hatte und zu rein dekorativer Bedeutung gekommen 
war. Doch lag die Darstellung der Landschaft jeder Zeit im Be- 
reich der Reliefplastik und ist von ihr nur unter dem Einfluß der 
■Architektur und durch das Streben nach der Einfachheit und 
Klarheit des großen Stils eine Zeit lang untei'drückt worden. 
Arcliaismus und Hellenismus reichen sich über die klassische Zeit 
hinweg die Hände in ihrer VorlielM' für die Schönheit und Voll- 
kommenheit der LandschaRt^''. 

Auf diese Parallele weist iiiich l)estäligend (). VVkinrkicii hin. 

Für die Kilaubnis, Abbildimgeii zu reproduzieren, bzw. Klischees 
abzudrucken, habe ich der Direktion des Deutschen Archäologischen Instituts 
und Ilerid Geheimi’at von Sikglin sowie den Wrlagen von G. Reimer und 
Giesecke und l)evrient verbindlichst zu danken. 



PAGENSTECHER, Das landschaftliche Relief bei den Griechen. 


TAFEL I. 




2. Vasto d’Aimone,^ Museo. 
S. 29. 


I. Paris, Louvre. 

S. 27. 


4. Berlin, Antiquarium. 

s. 37. 


2) und Athen (3, 4). 


3. Aufbewahningfiort unbekannt. 

Kifliofs von Tongefäüen aus Süditalien (i, 


Sitzungslx-richte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften 
Philosophisch-historische Klasse. 1919. i. Abh. 


Carl Winters Universitätsl)ticlihandhmg, Heidelberg. 



PAGENSTIXHER, Das landschaftliche Relief bei den Griechen. TAFEL II. 



Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse. 1919. i. Abh. 




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PAGENSTECHER, Das laudschaftliche Relief bei den'Griechen. 


TAFEL III. 



Tonrelicf aus Ägypten. 
Aufbewahrungsort unbekannt. S. 46. 


Sitzungsberichte der Ilcidi-lberger Akademie der Wissenschaf len 
Philosophiscli-liistorische Klasse. 1919. i. Abh. 


Carl Winters Univcrsitätsbuchhandhing. Heidelberg. 



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